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Textkritik

Ausgangslage:
– meist keine Niederschriften (autographa) griech. Und lateinischer
Klassiker erhalten
– Texte antiker Autoren meist durch verschiedene Textzeugnisse
repräsentiert
– Wichtigste Überlieferungsträger: mittelalterliche Handschriften
– Entstehung der „Fehler“ (Veränderungen des ursprünglichen Textes):
– unabsichtlich durch Flüchtigkeit, Irrtum, Versehen der Kopisten
– bewusste Entscheidung des Kopisten den vorliegenden Text
vermeintlich zu korrigieren
– mechanische Beschädigungen
– Je öfter ein Text abgeschrieben wird desto mehr Fehler treten auf
Zielsetzung und Bedeutung:
– Ziel, überlieferungsbedingte Veränderungen eines Textes zu erkennen
und möglichst vollständig rückgängig zu machen
→ Herstellung eines Textes der dem Autograph möglichst nahekommt
(consitutio textus)
– Ausmerzen bzw. drastisches Vermindern überlieferungsbedingter Fehler
als Grundlage für weitere Auseinandersetzung mit antikem Text
– Untersuchung verschiedener Konstituenten (sprachliche Einheit, die Teil
einer größeren Komplexeren Sprachlichen Konstruktion ist) eines Textes
– grundlegendes und unentbehrliches Teilgebiet der klassischen Philologie
aber nicht der Inbegriff und Endzweck
Methode der Textkritik:
– 3 Arbeitsschritte im Verfahren der Textherstellung (constitutio textus)
1. Recensio
– Sammlung vorhandener Textzeugnisse und vergleichende Lektüre
– Unterscheidung zwischen Haupt und Nebenüberlieferung
– Hauptüberlieferung: alle Überlieferungsträger, die den Text
vollständig oder teilweise direkt darbieten
– Nebenüberlieferung: alle Quellen, die sich in irgendeiner Form
auf den Text beziehen, ihn zitieren oder in modifizierter Form
wiedergeben
– Ergebnis 1
– Ausscheidung der Hss., die für Textherstellung nicht in Frage kommen,
d.h. Keine selbstständigen Überlieferungsträger
– z.B. Hss. die von einer einzigen Vorlage abgeschrieben wurden
– Ergebnis (ideal)
– vollkommene Klärung des Abhängigkeitsverhältnisses aller
vorhandenen Hss.
– Graphische Darstellung nach Art eines Stammbaums stemma codicum
→ Texterzeugnisse werden gewichtet und in Abhängigkeitsgeflecht
gesetzt
– Kriterien zur Feststellung der gegenseitigen Abhängigkeit
– äußere Faktoren: z.B jünger Datierte Hss können nicht älter sein als
älter Datierte
– Leitfehler / errores significati: offensichtliche und auffällige
Textschäden die unmöglich von mittelalterlichen Schreibern
korrigiert werden konnten
– zuverlässigste Leitfehler: Auslassung oder Umstellung von
einzelnen Wörtern, Zeilen, Abschnitten, Büchern
– Erstellen von stemma
Es sei ein Text durch 6 Handschriften überliefert, die durch die
Buchstaben A,B,C,D,E,F abgekürzt wurden.
Feststellung Schlussfolgerung
1 Alle Hss enthalten gemeinsame a.) Alle Hss. Hängen von einer nicht
Fehler, diese Verbinden die Hss erhaltenen Vorlage ab, einem
zu einer Gruppe. (= Bindefehler) sogenannten Archetypus.
b.) Eine der Hss. ist die Vorlage der
anderen.
2 Jede Hss. enthält für sich Schlussfolgerung b.) entfällt.
spezifische Fehler, die von
Kopisten nicht hätten beseitigt
werden können.
Diese Fehler trennen die Hss.
voneinander (Trennfehler)
3 B,C, D, E,F enthalten B,C,D,E,F müssen von einer
gemeinsame Fehler von denen A gemeinsamen Zwischenstufe, einen
frei ist. Hyparchetypus, abhängen, von der A
nicht abhängt.
4 Alle Fehler von B sind auch in F F muss eine Abschrift von B sein.
enthalten. Dazu enthält F noch
einige eigene Fehler.
5 D und E haben gemeinsame D und E müssen von einem weiteren
Fehler, von denen B und C frei Hyparchetypen abhängen.
sind.

– Gewinnung des Wortlautes im ältesten erschließbaren Textzeugnis


1. F wird eliminiert, da die Vorlage vorhanden ist. F wird nur zum
Vergleich herangezogen, Falls B beschädigt ist. (eleminatio codicum
desriptorum)
2. [c] ergibt sich aus der Übereinstimmung von D und E. Falls diese Hss.
Nicht übereinstimmen entscheidet die Übereinstimmung von B und C.
3. Aus B, C und [c] wird der Wortlaut von [b] rekonstruiert. Bei keiner
Übereinstimmung von B, C und [c] entscheidet die Übereinstimmung mit
A über die Rekonstruktion von [b].
4. Aus A und [b] wird [a] konstruiert. Wenn keine Übereinstimmung
herrscht, müssen beide Versionen als Überliefert gelten.

– Vor. Für dieses Verfahren: Nutzung von einer Vorlage bei jedem
Abschreibevorgang
– ABER:
– in Antike häufige Kollation (Sammlung mehrerer Abschriften und
Übernahme des vermeintlich besten.)
– ebenfalls im Mittelalter genutzt, dennoch oft räumliche Trennung von
Schreibstuben → nur eine Vorlage
– Leitfehler nicht mehr aussagekräftig bei Kontamination
→ Erstellung von Stemma unmöglich, offene Recensio

examinatio (Überprüfung) und emendatio (Fehlerbeseitigung)


– Ziel: Wiederherstellung des Ursprünglichen Wortlautes
2. Examinatio
– Überlieferungsbefund aus recensio wird Prüfung unterzogen
– Entspricht das Überlieferte dem vom Autor intendierten Sinn?
– Entspricht, Sprache, Stil und andere Merkmale den für den Autor
typischen Ausdrucksgewohnheiten?

→ nur eine Version ist überliefert


a.) Übernahme des Wortlautes als akzeptabel
b.) Verwurf des Wortlautes als Inakzeptabel
→ mehrere Versionen sind überliefert
a.) alle außer 1 Version Fehlerhaft, nicht Fehlerhafte Version wird als
akzeptabel übernommen
b.) mehrere Versionen erfüllen Anforderung der examinatio
– utrum in alterum arbiturum erat?
→ Von welcher Version ist eher zu erwarten und einleuchtender
zu erklären, dass sie zur anderen verändert wurde?
– Prinzip der lectio difficilior
→ Änderung des vermeintlich schwierigeren Version zur
Leichteren
– Mehrheit von Textzeugnissen ist nicht maßgeblich
– recutiores non deteriores
→ jüngere Hss. Müssen qualitativ nicht schlechter sein
Ergebnis der examinatio: Überlieferung kann nicht richtig sein

3. Emendatio
– Korrekturversuch
– Anforderungen:
– muss Anforderungen der examinatio genügen
– muss mit Überlieferungslage harmonieren
→ nachvollziehbare Erklärung der Entstehung falscher Versionen
und des vermutlich richtigen Wortlautes
– Konjunktur ( Durch Vermutung [divinatio] hergestellter Text)
– durch Annahme der gängigen Abschreibefehler
– z.B. Haplographie (gebenenfalls statt gegebenenfalls); Eindringen
einer interlinear oder am Rand geschriebenen Erklärung (Glosse);
Dittographie (gegebenenenfalls)
– Korrupte Konjunktur
– keine Überzeugende Erklärung der Genese des Fehlers
– werden zwischen cruces gesetzt
– keine überzeugende Konjunktur
Die „Kritische Ausgabe“
– stellt Überlieferungslage umfassend wie möglich und detailliert wie nötig
dar
– Gewährleistung der Mündigkeit des Lesers
– Wortlaut des erscheinenden Text nach Ermessen des Herausgebers der
„Beste“ (dem originalen Text so nahe kommen, wie nach
Überlieferungslage möglich)
– Interpunktion meist nach dem Vorbild der jeweiligen Landessprache
– Aufbau aus praefatio (Vorrede) und kritischen Apparat
– Praefatio: informiert über alle im Rahmen der recensio wesentlichen
Fakten
– Nennung der wichtigsten Textzeugen
– Weise der Durchmusterung der Überlieferungsträger
– Entwurf eines möglichst umfassendes Bildes der
Überlieferungsgeschichte (e.g. durch Stemma)
– Angabe einer Bibliographie (ältere Editionen, Sekundärliteratur),
Abkürzungsverzeichnis (Besondere Siglen der Textzeugen),
verwendete Textkritische Zeichen (manchmal)
– kritischer Apparat
– begleitet meist Text durchgängig
– Vorkommen in unterschiedlicher Form und Ausführlichkeit
– obligatorisch: textkritischer Apparat am unteren Rand jeder Seite
– Informationen über:
– Herkunft des in den Text gesetzten Wortlautes
– Wortlaut und Herkunft überlieferter Varianten in Haupt und
Nebenüberlieferung
– Konjekturen
– für Wortlaut relevante Parallelstellen, Besonderheiten der
Textzeugen (Unleserlichkeit, Beschädigungen, Radierungen,
Korrekturen)
– Unterscheidung zwischen:
– negativer Apparat:
– möglichst knappe Form
– Keine Angabe der Herkunft der im Text stehenden
Version
– positiver Apparat:
– Anführung der Lesart mit Herkunftsangabe
– im Folgenden: andere Lesarten
– letztendlich: Konjunkturen
– kein einheitliches System für lat. Abkürzungen
– Möglichkeit durch Bereicherung mit anderen Apparaten
– e.g. Testimonien Apparat: Textbegleitende Information über
feststellbare Quellen und Vorbilder
– aber eher in wissenschaftlichen Kommentaren als in
textkritischen Editionen zu finden
Praktischer Teil: Benutzung einer kritischen Ausgabe
– Catull (ca.87 – 52 oder 47 v.Chr)
– erstmals 1985 erschienen Edition von R.A.B Mynors
– Catullüberlieferung gilt als klassisches Beispiel für geschlossene
Rezension
– wesentliche Textzeugen: 3 Kodizes gegen Ende des 14 Jh
geschrieben
– 1. in Oxforder bilbliotheka Bodleiana (O)
– 2. in Bibliothèque Nationale (Paris) ursprünglich aus
Klosterbibliothek Saint-Germain (G)
– 3. Bibliotheca Vaticana (R )
– Archetypus verloren gegangen, ABER für 9 Jh. in Catulls
Heimatstadt Verona bezeugt
– G und V von gemeinsamen Archetypus abhängigen Vorlage
abgeschrieben (X)
– übrige Catull Hss. Aus 15 und 16 Jh.
– allenfalls Codices descripti
– Quellen für von Schreibern gemachte Konjekturen und Hilfe bei
schwer oder nicht lesbaren Textstellen

[a]
O [x]

G R

Codices Descriptorum

iam licet venias, marite;


uxor in thalamo tibi est, 185
ore floridulo nitens,
alba parthenice velut
luteumve papauer.

At, marite, ita me iuuent


caelites, nihilo minus 190
pulcer es neque te Venus
neglegit. Sed abit dies:
perge, ne remorare

185 tibi est Bentley: est tibi V 187 velut ß: vult O, vulut X (al. Vult g)
189-93 post u. 198 V: huc reuocauit Scaliger 189 ad maritum
tamen iuuenem: corr. Scaliger 191 pulcer es <alii> apud Robortellum:
pulcre res V neque θ: nec V 192 abiit V 193 rememorare X

184- 188
„Jetzt darfst du kommen, Bräutigam: Die Gattin ist im Hochzeitszimmer für dich
da, strahlend mit ihrem blühenden Mund wie weißes Jungfernkraut und
dunkelroter Mohn“
185: Die Wortfolge tibi est beruht auf einer Konjunktur des englischen
Textkritikers Bentley, überliefert ist eigentlich est tibi. Das Metrum erfordert die
Umstellung als leichteste und sichere Heilung des Textes.
187: velut findet sich nur in einer (oder mehreren: das geht aus den angaben
des Herausgebers nicht hervor) jüngeren Hs., während O vult überliefert, die
von X abhängigen vultu bzw. ebenfalls vult (so auch ein oder mehrerer
Korrektoren). Die Überlieferung ist sinnlos, der Fehler muss schon im
Archetypus V gestanden haben. Velut ist Konjektur eines noch unbekannten
Schreibers.

189-193
„Doch Bräutigam, so wahr die Himmlischen mir beistehen, um nichts weniger
schön bist du, und Venus vernachlässigt dich nicht. Doch der Tag schwindet:
Auf denn versäume nicht die Zeit.
Sämtliche Textzeugen haben diese Strophe erst nach der in unserem Text
folgende Strophe, also nach unserer Zählung die Verse 189-193 nach 194-198.
Scaliger hat die Umstellung vorgenommen. Zu Recht denn in 189-193 wird der
Bräutigam: „Nicht lange hast du gesäumt: Jetzt kommst du schon. Gütig mag
Venus dir beiste aufgefordert zu kommen in Zeile 194-198 ist er dieser
Aufforderung gefolgt. Da alle Textzeugen diese falsche Strophenfolge haben,
geht sie sicher auf den Archetypus zurück.
194-198: „Nicht lange hast du gesäumt: Jetzt kommst du schon. Gütig mag
Venus dir beisteaufgefordert zu kommen in Zeile 194-198 ist er dieser
Aufforderung gefolgt. Da alle Textzeugen diese falsche Strophenfolge haben,
geht sie sicher auf den Archetypus zurück.
hen, we hen, weil du ja ganz offen begehrst, was du begehrst, und deine
ehrliche Liebe nicht verbirgst.“
189: Das einheitlich überlieferte ad maritum tamen iuumentum ist sinnlos und
unmetrisch. Scaligers Emendation geht davon aus, dass auch hier wie in der
vorausgehenden Strophe, der Bräutigam angesprochen wird: marite; at und ad
werden häufig verwechselt; hinter tamen iuumenem verbirgt sich die geläufige
Beschwörungsformel ita me iuuent, wodurch das folgende calites in die
Konstruktion eingefügt werden kann.
191: pulcher es ist eine alte Konjunktur unbekannter Herkunft. (in der Edition
von Robortello findet sich nur die Angabe alii); die sinnlose Überlieferung
erklärt sich durch mehrere Verschreibungen. Pulcher mit h schrieb man
normalerweise zu Catulls Zeit, Catull selbst bevorzuge anscheinend ohne h,
deswegen setzte der Herausgeber pulcer in den Text.
necque ist eine konjekturale Verbesserung des unmetrisch überlieferten nec,
vorgenommen von einem unbekannten Schreiber des 15 Jh.s.
192: abiit passt nicht ins Metrum, die Herkunft der Konjunktur abit gibt Mynors
nicht an. Die falsche Strophenfolge, ad maritum tamen iuumenem, pulcre res
und abiit sind Bindefehler, die beweisen, dass die Hss. O,G,R auf eine
Gemeinsame Vorlage (V) zurückgehen.
193: Mit der Angabe „rememorare X“ sagt der Autor explizit, dass sich diese
Lesart in den Hss. G und R findet, implizit bedeutet dies, dass die im Text
stehende Lesart remorare aus dem Kodex O stammt. Für G und R liegt ein
Bindefehler vor, im Verhältnis zu O ein Trennfehler: X hatte das falsche
rememorare, V das richtige remorare.