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Springer Lehrbuch

Ekbert Hering · Rolf Martin · Martin Stohrer

Physik
für Ingenieure
11., bearbeitete Auflage
Mit 810 Abbildungen, 116 Tabellen und 2 Falttafeln

123
Prof. Dr. rer. nat. Dr. rer. pol. Ekbert Hering
Hochschule Aalen

Prof. Dr. rer. nat. Dr. h. c. Rolf Martin


Hochschule Esslingen

Prof. Dr. rer. nat. Martin Stohrer †

unter Mitarbeit von


Prof. Dr. Hanno Käß, Hochschule Esslingen
Prof. Dr. Axel Löffler, Hochschule Aalen
Prof. Dr. G. Kurz, Hochschule Esslingen
Dr. rer. nat. Wolfgang Schulz, Zweckverband Landeswasserversorgung Stuttgart

ISSN 0937-7433
ISBN 978-3-642-22568-0 ISBN 978-3-642-22569-7 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-642-22569-7
Springer Heidelberg Dordrecht London New York

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Zum Geleit

Physikalische Grundlagen sind für den Ingenieur unerlässlich, weil sie sowohl prinzipielle Grenzen
aufzeigen als auch eine klare Orientierung im schneller werdenden technischen Wandel bieten.
Quantentheorie und Festkörperphysik sind derzeit die Schrittmacher des technischen Fortschritts;
deshalb wird ihnen in diesem Buch der gebührende Platz eingeräumt. Mein Wunsch ist, dass die
Erkenntnisse aus der physikalischen Grundlagenforschung einen erkennbaren praktischen Nutzen
zeigen. So wie der Quanten-Hall-Effekt nicht nur die physikalischen Grundlagen gefördert hat,
sondern auch in der Präzisionsmesstechnik als Widerstandsnormal von Bedeutung ist, sollte die
Verbindung zwischen physikalischen Grundlagen und ingenieurmäßiger Umsetzung enger und
effektiver werden.
Möge dieses Buch einen Beitrag dazu leisten.

Prof. Dr. Klaus von Klitzing


Nobelpreisträger der Physik 1985

Vorwort zur elften, aktualisierten Auflage


Mit der vergangenen 10. Auflage, der Jubiläumsausgabe des Werkes, wurden umfangreiche
Aktualisierungen und Verbesserungen vorgenommen. Diese wurden von unseren Lesern sehr
begrüßt. Sie haben uns auch ermuntert, die Struktur des Werkes beizubehalten, die Zusam-
menhänge in Übersichten zu verdichten, viele praktische Beispiele aus dem Ingenieuralltag
vorzustellen und die physikalischen Zusammenhänge kompakt und klar strukturiert darzu-
stellen. Vor allem aber die Übungsaufgaben und die ausführliche Darlegung der Lösungswege
fanden überall großes Lob. Ein Markenzeichen des Werkes ist auch, dass wir die aktuellen DIN-
Normen benennen und uns auch strikt daran halten. Damit geben wir unseren Lesern für den
praktischen Einsatz wichtige aktuelle und verlässliche Hinweise. Auch in der 11. Auflage haben
wir deshalb die neuesten Normen eingepflegt. Viele Bilder wurden durch aktuellere ersetzt sowie
die Formulierungen komplexer Zusammenhänge noch treffender vorgenommen.
Mit großer Erschütterung haben wir erleben müssen, dass unser Mitherausgeber und Koautor
Prof. Dr. Martin Stohrer durch einen tragischen Bergunfall tödlich verunglückt ist. Wir verlie-
ren mit ihm einen exzellenten Fachmann auf dem Gebiet der Akustik und der Wärme- und
Stoffübertragung, einen maßgebenden und engagierten Verfechter der erfolgreichen Struktur
dieses Werkes sowie einen langjährigen, liebenswerten Freund. Er hat die letzte Auflage noch
maßgeblich mitgestaltet und hat noch die Jubiläumsauflage erleben können. Möge dieses Werk
in seiner 11. Auflage ihm ein verdientes und ehrendes Andenken bewahren.
Um unser Werk auch in Zukunft erfolgreich weiterentwickeln zu können, haben wir zwei junge
engagierte Physiker mit praktischer Erfahrung in der Industrie und Lehrerfahrung an Hoch-
schulen gewinnen können. Dies sind Prof. Dr. Hanno Käß von der Hochschule Esslingen und
Prof. Dr. Axel Löffler von der Hochschule Aalen. Sie werden die fachliche Lücke füllen, die Herr
Prof. Dr. Martin Stohrer hinterlassen hat, aber auch ihre aktuelle Lehrerfahrung und ihr Wissen
in dieses Werk einbringen. Darauf freuen wir uns sehr.
VI Vorwort

Dank sagen möchten wir vor allem Herrn Dr. Hubertus von Riedesel und Frau Eva Hestermann-
Beyerle vom Springer Verlag. Sie gaben uns die Chance, das erfolgreiche Werk inhaltlich zu
aktualisieren. Mit ihrer professionellen und freundlichen Betreuung haben sie uns immer mo-
tiviert, mit großem Energieeinsatz an diesem Werk zu arbeiten. Die außerordentlich positive
Resonanz von Studierenden, Kollegen und Mitarbeiter aus der Industrie und die vielen ermun-
ternden Zuschriften und Verbesserungsvorschläge haben dieses Werk zusätzlich aktualisiert. In
alter Verbundenheit möchten wir die Kollegen aus der Universität München erwähnen: Prof. Dr.
J. de Boer, Prof. Dr. K. E. G. Löbner und Prof. Dr. K.-H. Speidel sowie die Kollegen Prof. Dr. J. Massig
und Prof. Dr. D. Weber von der Hochschule Aalen. Stellvertretend für die vielen Persönlichkeiten,
die uns beim Gelingen dieses aktuellen Werkes unterstützt haben, möchten wir nennen: Herrn
Dr. Norbert Südland von der Universität Ulm für die Durchrechnung vieler Übungsaufgaben und
die wertvollen Hinweise, Prof. Dr. U. Weiss von der Universität Stuttgart, Prof. Dr. G. Prillinger
und Frau Prof. Dr. R. Hiesgen von der Hochschule Esslingen, Herrn Dr. R. Behr von der Physika-
lisch Technischen Bundesanstalt sowie Herrn Dr. H. D. Rüter von der Universität Hamburg, der
uns bei der Darstellung der Quantenmechanik sehr geholfen hat. Ausgezeichnete Unterstützung
erhielten wir wieder von Fachleuten aus der Industrie, denen wir allen ganz herzlich danken
möchten.
Wir wünschen unseren Lesern beim Lesen des Werkes gute Erkenntnisse in der faszinierenden
Welt der Physik und viel Freude beim Lernen. Sehr gerne nehmen wir konstruktive Hinweise
aus dem sachkundigen Leserkreis auf und freuen uns auf Ihre Hinweise.
Aalen, Esslingen, Stuttgart Ekbert Hering
Sommer 2011 Rolf Martin

Vorwort zur ersten Auflage


Das vorliegende Lehrbuch gibt eine Einführung in die physikalischen Grundlagen der Ingenieur-
wissenschaften. Es ist das Anliegen des Buches, eine Brücke zu schlagen zwischen grundlegenden
physikalischen Effekten und den Anwendungsfeldern der Ingenieurpraxis. Es ist deshalb selbst-
verständlich, dass ausschließlich SI-Maßeinheiten verwendet werden und in den entsprechenden
Abschnitten auf DIN- bzw. ISO-Normen hingewiesen wird. Bei der Stoffauswahl sind besonders
die modernen Teilgebiete berücksichtigt, wie beispielsweise Festkörperphysik (einschließlich
Halbleiterphysik und Optoelektronik), technische Akustik, Lasertechnik, Holografie, Klimatech-
nik und Wärmeübertragung sowie in der Atom- und Kernphysik der quantisierte Hall-Effekt.
Ein Sonderabschnitt Strahlenschutz informiert über die Strahlenbelastung aus Kernkraftwerken,
über die physikalische und biologische Wirksamkeit radioaktiver Stoffe, die Strahlenmesstechnik
sowie über die neuen gesetzlichen Vorschriften zum Strahlenschutz.
Zum mathematischen Verständnis sind die Verfahren der Differential-, Integral- und Vektor-
rechnung notwendig; allerdings sind die entsprechenden Herleitungen so ausführlich, dass auch
der Leser mit geringen Vorkenntnissen zu folgen vermag. Das Buch ist so konzipiert, dass es sich
nicht nur an Studenten wendet, sondern auch praktizierenden Ingenieuren die physikalischen
Grundlagen zur Einarbeitung in neue Fachgebiete und zur Weiterbildung liefert. Somit ist es
auch eine Basis für eine flexible berufliche Entwicklung.
Vorwort VII

Im ersten Abschnitt sind die Methode physikalischen Erkennens und der Aufbau der Physik
erläutert. Die Physik soll in ihren Zusammenhängen begriffen und nicht als bloße Aneinan-
derreihung spezieller physikalischer Gesetze missdeutet werden. Der Stoff ist in die Abschnitte
Mechanik, Thermodynamik, Elektrizität und Magnetismus, Schwingungen und Wellen, Optik,
Akustik, Atom- und Kernphysik, Festkörperphysik sowie Relativitätstheorie eingeteilt. Jedem
Abschnitt ist ein Strukturbild vorangestellt, das die jeweiligen Teilbereiche und ihre gesetzmäßi-
gen Zusammenhänge aufzeigt. Damit soll das Denken in Zusammenhängen gefördert und den
Details ihr Platz im Gesamtgefüge zugewiesen werden. Übergreifende Darstellungen (z. B. beim
Feldbegriff in der Mechanik, Thermodynamik und Elektrizitätslehre) sollen dem Leser darüber
hinaus das universelle Denkkonzept der Physik vor Augen führen. Komplizierte Zusammen-
hänge sind in zweifarbigen Skizzen oder durch Rechnerausdrucke veranschaulicht; zahlreiche
Bilder aus der Technik vermitteln einen aktuellen Praxisbezug.
Um zu zeigen, wie sich die physikalische Erkenntnis durch die Genialität einzelner Physiker
sprunghaft entwickelt hat, sind in den entsprechenden Abschnitten die Meilensteine der Physik
und ihre Wegbereiter genannt und im Anhang die Physik-Nobelpreisträger aufgeführt.
Zur Vertiefung des Verständnisses enthalten viele Unterabschnitte aus der Ingenieurpraxis stam-
mende Berechnungsbeispiele. Aufgaben (mit Lösungen im Anhang) ermöglichen es dem Leser,
selbst den Stoff zu üben und sein physikalisches Wissen zu vertiefen. Um alternative Fragestel-
lungen zu untersuchen und physikalische Sachverhalte graphisch zu veranschaulichen, wurden
programmierbare Rechner verwendet. Den Firmen Casio und Sharp, insbesondere den Herren
Newerkla und Wachter, möchten wir für die Bereitstellung programmierbarer Taschenrechner
danken.
Wir danken unseren akademischen Lehrern und Vorbildern, die uns zur physikalischen Erkennt-
nis geführt haben, vor allem den Professoren U. Dehlinger, H. Haken, M. Pilkuhn, A. Seeger und
C. F. von Weizsäcker. Für konstruktive Kritik bedanken wir uns bei unseren Kollegen H. Bauer,
M. Käß, P. Kleinheins, G. Kneer, J. Linser und R. Schempp. Frau G. Folz und den Herren K. Schmid
und A. Plath danken wir für ihre tatkräftige Mithilfe. Der Unterstützung vieler Firmen ist es
zu verdanken, dass aktuelles Anschauungsmaterial bereitgestellt werden konnte. Hierbei sind
besonders folgende Firmenmitarbeiter zu erwähnen: B. Imb (BBC), P. Gradischnig (BMW), D.
Stöckel und P. Tautzenberger (Rau), M. Mayer (Osram), F. Schreiber (Siemens), H. Garrels (Varta)
und H. Schweikart (Voith). Ganz besonderer Dank gebührt dem VDI-Verlag, speziell Herrn
Dipl.-Ing. H. Kurt, der das Lektorieren übernahm und für die reibungslose Abwicklung in er-
freulicher Atmosphäre sorgte. Dabei wurde er in den Abschnitten 2, 3 und 6 von Professor F.
Hell in besonders sachkundiger Weise unterstützt. Zuletzt möchten wir unseren Familien für
ihre Geduld, ihre moralische Unterstützung und ihr großes Verständnis danken.
Wir hoffen, dass dieses Buch den Ingenieurstudenten eine gute Hilfe beim Erarbeiten physika-
lischer Zusammenhänge und den Ingenieuren in der Praxis ein brauchbares Nachschlagewerk
ist. Gern nehmen wir Kritik und Verbesserungsvorschläge entgegen.

Aalen, Esslingen und Stuttgart, Ekbert Hering


Januar 1988 Rolf Martin
Martin Stohrer
Inhaltsverzeichnis

Verwendete physikalische Symbole . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XVII

1 Einführung
1.1 Physikalischer Erkenntnisprozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
1.2 Bereiche der physikalischen Erkenntnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
1.3 Physikalische Größen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
1.3.1 Definition und Maßeinheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
1.3.2 Messgenauigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
1.3.3 Fehlerfortpflanzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
1.3.4 Kurvenanpassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
1.3.5 Ausgleichsgeradenkonstruktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
1.3.6 Korrelationsanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22

2 Mechanik
2.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
2.2 Kinematik des Punktes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
2.2.1 Eindimensionale Kinematik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
2.2.2 Dreidimensionale Kinematik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
2.2.3 Kreisbewegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
2.3 Grundgesetze der klassischen Mechanik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
2.3.1 Konzept der klassischen Dynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
2.3.2 Die Newton’schen Axiome. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
2.3.3 Masse. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44
2.3.4 Kraft. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45
2.4 Dynamik in bewegten Bezugssystemen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
2.4.1 Relativ zueinander geradlinig bewegte Bezugssysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
2.4.2 Gleichförmig rotierende Bezugssysteme. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
2.5 Impuls . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
2.5.1 Impuls eines materiellen Punktes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
2.5.2 Impuls eines Systems materieller Punkte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
2.5.3 Raketengleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
2.6 Arbeit und Energie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
2.6.1 Arbeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
2.6.2 Leistung, Wirkungsgrad . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
2.6.3 Energie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
2.6.4 Energieerhaltungssatz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
2.7 Stoßprozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
2.7.1 Übersicht und Grundbegriffe. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
2.7.2 Gerader, zentraler, elastischer Stoß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
2.7.3 Gerader, zentraler, unelastischer Stoß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
2.7.4 Schiefe, zentrale Stöße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
X Inhaltsverzeichnis

2.8 Drehbewegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
2.8.1 Drehmoment. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
2.8.2 Newton’sches Aktionsgesetz der Drehbewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
2.8.3 Arbeit, Leistung und Energie bei der Drehbewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
2.8.4 Drehbewegungen von Systemen materieller Punkte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
2.8.5 Analogie Translation und Rotation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79
2.9 Mechanik starrer Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
2.9.1 Freiheitsgrade und Kinematik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
2.9.2 Kräfte am starren Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82
2.9.3 Schwerpunkt und potentielle Energie eines starren Körpers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
2.9.4 Kinetische Energie eines starren Körpers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
2.9.5 Massenträgheitsmomente starrer Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88
2.9.6 Kreisel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
2.10 Gravitation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101
2.10.1 Beobachtungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101

3 Thermodynamik
3.1 Grundlagen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175
3.1.1 Einführung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175
3.1.2 Thermodynamische Grundbegriffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177
3.1.3 Temperatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179
3.1.4 Thermische Ausdehnung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181
3.1.5 Allgemeine Zustandsgleichung idealer Gase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185
3.2 Kinetische Gastheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188
3.2.1 Gasdruck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188
3.2.2 Thermische Energie und Temperatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190
3.2.3 Geschwindigkeitsverteilung der Gasmoleküle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192
3.3 Hauptsätze der Thermodynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194
3.3.1 Wärme. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194
3.3.2 Erster Hauptsatz der Thermodynamik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197
3.3.3 Berechnung der Wärmekapazitäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201
3.3.4 Spezielle Zustandsänderungen idealer Gase. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204
3.3.5 Kreisprozesse. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212
3.3.6 Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222
3.3.7 Thermodynamische Potentiale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229
3.3.8 Dritter Hauptsatz der Thermodynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231
3.4 Zustandsänderungen realer Gase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232
3.4.1 Van-der-Waals’sche Zustandsgleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233
3.4.2 Gasverflüssigung (Joule-Thomson-Effekt) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 236
3.4.3 Phasenumwandlungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237
3.4.4 Dämpfe und Luftfeuchtigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245
3.5 Wärmeübertragung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248
3.5.1 Wärmeleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248
Inhaltsverzeichnis XI

3.5.2 Konvektion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 254


3.5.3 Wärmestrahlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 258
3.5.4 Wärmedurchgang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264

4 Elektrizität und Magnetismus


4.1 Physikalische Gesetze und Definitionen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270
4.1.1 Ladung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271
4.1.2 Stromstärke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 273
4.1.3 Spannung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 273
4.1.4 Widerstand und Leitwert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275
4.1.5 Ohm’sches Gesetz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 278
4.1.6 Kirchhoff’sche Regeln im verzweigten Stromkreis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 278
4.1.7 Schaltung von Widerständen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281
4.1.8 Messbereichserweiterung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283
4.1.9 Ausgewählte Messanordnungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285
4.1.10 Klemmenspannung und innerer Widerstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 287
4.1.11 Schaltung von Spannungsquellen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 288
4.1.12 Elektrische Leistung und elektrische Arbeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 290
4.2 Ladungstransport in Flüssigkeiten und Gasen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 292
4.2.1 Ladungstransport in Flüssigkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 292
4.2.2 Ladungstransport im Vakuum und in Gasen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 308
4.2.3 Plasmaströme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 317
4.3 Elektrisches Feld. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 317
4.3.1 Allgemeiner Feldbegriff. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 317
4.3.2 Beschreibung des elektrischen Feldes. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 318
4.3.3 Elektrische Feldstärke und Kraft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319
4.3.4 Elektrische Feldstärke und elektrostatisches Potential . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321
4.3.5 Bewegung geladener Teilchen im elektrischen Feld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 326
4.3.6 Leiter im elektrischen Feld. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331
4.3.7 Nichtleiter im elektrischen Feld, elektrische Polarisation und Permittivitätszahl . . . . . 340
4.3.8 Energieinhalt des elektrischen Feldes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 350
4.4 Magnetisches Feld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 351
4.4.1 Beschreibung des magnetischen Feldes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 351
4.4.2 Magnetische Feldstärke und Durchflutungsgesetz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 352
4.4.3 Magnetische Flussdichte und Kraftwirkungen im Magnetfeld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 357
4.4.4 Materie im Magnetfeld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 368
4.5 Instationäre Felder. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 383
4.5.1 Elektromagnetische Induktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 383
4.5.2 Periodische Felder (Wechselstromkreis) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 390
4.5.3 Ein- und Ausschaltvorgänge in Stromkreisen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 404
4.5.4 Messgeräte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 408
4.5.5 Zusammenhang elektrischer und magnetischer Größen – Maxwell’sche Gleichungen 412
XII Inhaltsverzeichnis

5 Schwingungen und Wellen


5.1 Schwingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 419
5.1.1 Physikalische Grundlagen schwingungsfähiger Systeme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 419
5.1.2 Freie Schwingung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 423
5.1.3 Erzwungene Schwingung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 443
5.1.4 Überlagerung von Schwingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 450
5.1.5 Schwingungen mit mehreren Freiheitsgraden (gekoppeltes Schwingungssystem). . . 459
5.1.6 Nichtlineare Schwinger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 463
5.1.7 Parametrisch erregte Schwingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 463
5.2 Wellen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 464
5.2.1 Physikalische Grundlagen der Wellenausbreitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 464
5.2.2 Harmonische Wellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 468
5.2.3 Doppler-Effekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 474
5.2.4 Interferenz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 477

6 Optik
6.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 491
6.2 Geometrische Optik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 492
6.2.1 Lichtstrahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 492
6.2.2 Reflexion des Lichtes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 493
6.2.3 Brechung des Lichtes. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 499
6.2.4 Abbildung durch Linsen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 510
6.2.5 Blenden im Strahlengang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 522
6.2.6 Abbildungsfehler. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 523
6.2.7 Optische Instrumente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 523
6.3 Radio- und Fotometrie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 534
6.3.1 Einführung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 534
6.3.2 Strahlungsphysikalische Größen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 534
6.3.3 Lichttechnische Größen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 542
6.3.4 Farbmetrik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 545
6.4 Wellenoptik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 549
6.4.1 Interferenz und Beugung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 549
6.4.2 Polarisation des Lichtes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 578
6.5 Quantenoptik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 588
6.5.1 Lichtquanten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 588
6.5.2 Dualismus Teilchen–Welle. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 592
6.5.3 Wärmestrahlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 593
6.5.4 Laser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 596
6.5.5 Materiewellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 600
6.6 Abbildung mikroskopischer Objekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 603
6.6.1 Beugungsbegrenzte Abbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 603
6.6.2 Überwindung der Beugungsbegrenzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 606
Inhaltsverzeichnis XIII

7 Akustik
7.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 613
7.2 Schallwellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 614
7.2.1 Schallausbreitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 614
7.2.2 Schallwandler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 619
7.2.3 Schallwellen an Grenzflächen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 624
7.3 Schallempfindung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 630
7.3.1 Physiologische Akustik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 630
7.3.2 Musikalische Akustik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 634
7.4 Technische Akustik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 638
7.4.1 Raumakustik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 638
7.4.2 Luftschalldämmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 641
7.4.3 Körperschalldämmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 642
7.4.4 Strömungsgeräusche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 645
7.4.5 Ultraschall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 647
7.4.6 Schalleinsatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 649

8 Atom- und Kernphysik


8.1 Bohr’sches Atommodell. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 654
8.1.1 Optisches Spektrum des Wasserstoffatoms. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 654
8.1.2 Bohr’sche Postulate . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 657
8.1.3 Quantenbedingungen nach Bohr/Sommerfeld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 659
8.2 Quantentheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 659
8.2.1 Hamilton-Operator . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 662
8.2.2 Schrödinger-Gleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 664
8.2.3 Unschärferelation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 669
8.2.4 Quantenmechanik des Wasserstoffatoms . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 673
8.2.5 Quanten-Hall-Effekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 677
8.2.6 Tunneleffekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 684
8.3 Bahn- und Spinmagnetismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 686
8.3.1 Zeeman- und Stark-Effekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 690
8.3.2 Elektronen- und Kernspinresonanz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 690
8.4 Systematik des Atombaus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 692
8.4.1 Periodensystem der Elemente. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 692
8.4.2 Aufbau der Elektronenhülle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 693
8.5 Röntgenstrahlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 694
8.5.1 Bremsstrahlung und charakteristische Strahlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 694
8.5.2 Absorption von Röntgenstrahlung, Computertomographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 695
8.6 Molekülspektren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 698
8.6.1 Potentialkurve . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 698
8.6.2 Rotations-Schwingungs-Spektrum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 700
8.6.3 Raman-Effekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 703
8.7 Aufbau der Atomkerne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 703
XIV Inhaltsverzeichnis

8.7.1 Größe und Ladungsverteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 703


8.7.2 Kernmodelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 706
8.8 Kernumwandlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 714
8.8.1 Radioaktiver Zerfall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 715
8.8.2 Kernreaktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 730
8.8.3 Kernspaltung und Kernreaktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 733
8.8.4 Kernfusion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 741
8.9 Elementarteilchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 746
8.9.1 Einteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 748
8.9.2 Erhaltungssätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 752
8.9.3 Fundamentale Wechselwirkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 754
8.10 Strahlenschutz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 756
8.10.1 Wechselwirkung der Strahlung mit Materie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 757
8.10.2 Dosisgrößen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 765
8.10.3 Biologische Wirkung der Strahlung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 770
8.10.4 Dosismessung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 773
8.10.5 Strahlenschutzmaßnahmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 776

9 Festkörperphysik
9.1 Struktur fester Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 785
9.1.1 Kristallbindungsarten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 785
9.1.2 Kristalline Strukturen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 788
9.1.3 Gitterfehler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 792
9.1.4 Amorphe Werkstoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 794
9.1.5 Makromolekulare Festkörper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 796
9.1.6 Ausgewählte Werkstoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 800
9.1.7 Flüssigkristalle. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 806
9.2 Elektronen in Festkörpern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 809
9.2.1 Energiebänder-Modell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 809
9.2.2 Metalle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 812
9.2.3 Halbleiter. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 818
9.2.4 Supraleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 832
9.3 Thermodynamik fester Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 837
9.3.1 Gitterschwingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 837
9.3.2 Effekte im Zusammenhang mit Wärmefluss und elektrischem Strom . . . . . . . . . . . . . 845
9.3.3 Piezoelektrizität. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 847
9.4 Optoelektronische Halbleiter-Bauelemente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 850
9.4.1 Strahlungsquellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 850
9.4.2 Empfänger. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 854

10 Spezielle Relativitätstheorie
10.1 Relativität des Bezugssystems . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 867
10.2 Lorentz-Transformation. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 870
Inhaltsverzeichnis XV

10.3 Relativistische Effekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 872


10.3.1 Längenkontraktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 872
10.3.2 Zeitdilatation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 872
10.3.3 Relativistische Addition der Geschwindigkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 874
10.4 Relativistische Dynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 875
10.5 Spezielle Relativitätstheorie in der Elektrodynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 878
10.5.1 Elektrodynamische Kraft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 878
10.5.2 Doppler-Effekt des Lichtes. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 880

11 Anhang 885
11.1 Lösungen der Übungsaufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 885
11.2 Nobelpreisträger der Physik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 973

12 Namen- und Sachverzeichnis 985


Verwendete physikalische Symbole

(Symbole, die in nachfolgenden Abschnitten die gleiche Bedeutung haben, sind nur einmal
angegeben.)

2. Mechanik
A Fläche R Gaskonstante; Krümmungsradius
a Beschleunigung r Ortsvektor
c Lichtgeschwindigkeit; Re Reynoldszahl
Schallgeschwindigkeit s Ortskoordinate
cA Auftriebsbeiwert s Weg; Bogenlänge
cD Druckwiderstandsbeiwert T Kelvin-Temperatur; Periodendauer
cM Momentenbeiwert t Zeit
cW Widerstandsbeiwert V Volumen
d Abstand; Dickenänderung V̇ Volumenstrom
E Energie; Elastizitätsmodul  Geschwindigkeit
e Einheitsvektor W Arbeit
F Kraft  spezifische (massebezogene) Arbeit
Fr Froudezahl
G Schubmodul, Gravitationskonstante α Durchflusszahl; Kontraktionszahl;
g Gravitationsfeldstärke Winkelbeschleunigung
g Fallbeschleunigung β Winkel
H Fallhöhe; Förderhöhe Γ Zirkulation
h Höhe γ Schiebung; Scherwinkel;
I Flächenträgheitsmoment Raumausdehnungskoeffizient
J Massenträgheitsmoment Δ Differenz
j Transportflussdichte; ε Neigungswinkel; Dehnung;
Massenstromdichte Expansionszahl; Gleitzahl
K Kompressionsmodul η dynamische Viskosität; Wirkungsgrad
k Federsteifigkeit; Rauigkeit ϑ Celsius-Temperatur
kt Drehfedersteifigkeit { Kompressibilität
L Drehimpuls λ Rohrreibungszahl
l Länge μ Reibungszahl; Ausflusszahl;
M Drehmoment Poissonzahl
Ma Mach’sche Zahl ν kinematische Viskosität
m Masse ρ Dichte
ṁ Massenstrom σ Spannung; Normalspannung
n Drehzahl τ Schubspannung
P Leistung Φ Transportgröße
p Impuls ϕ Drehwinkel; Potentialfunktion;
p Druck; Anteil Geschwindigkeitsziffer; Fluidität
Q Förderstrom (Pumpen); ϕG Gravitationspotential
Volumenstrom (Turbinen) ω Winkelgeschwindigkeit
XVIII Verwendete physikalische Symbole

3. Thermodynamik

a Temperaturleitfähigkeit Q̇ Wärmestrom
C, Cm , c Wärmekapazität, molare bzw. Ri , Rm individuelle bzw. allgemeine (molare)
spezifische Wärmekapazität Gaskonstante
Cmp , cp isobare molare bzw. isobare S, Sm , s Entropie, molare bzw. spezifische
spezifische Wärmekapazität Entropie
CmV , cV isochore molare bzw. isochore T thermodynamische Temperatur
spezifische Wärmekapazität U, Um , u innere Energie, molare bzw. spezifische
C12 Strahlungsaustauschkoeffizient innere Energie
c Schallgeschwindigkeit V, Vm ,  Volumen, molares bzw. spezifisches
EA Aktivierungsenergie Volumen
Ekin mittlere kinetische Energie eines m , , w mittlere, durchschnittliche bzw.
Moleküls wahrscheinlichste Geschwindigkeit
F, Fm , f freie Energie, freie molare bzw. freie von Gasmolekülen
spezifische Energie W thermodynamische Wahrscheinlichkeit
f Anzahl der Freiheitsgrade; x Feuchtegrad
Wärmequellendichte Z Realgasfaktor
G, Gm , g freie Enthalpie, freie molare bzw.
freie spezifische Enthalpie
gi statistisches Gewicht des Zustandes i
H, Hm , h Enthalpie, molare bzw. spezifische α Längenausdehnungskoeffizient;
Enthalpie Absorptionsgrad
jq Wärmestromdichte α∗ Wärmeübergangskoeffizient
k Boltzmann-Konstante; γ Raumausdehnungskoeffizient
Wärmedurchgangskoeffizient ε Emissionsgrad; Kompressionsverhältnis
M Molmasse εK , εW Leistungszahl einer Kältemaschine bzw.
Me spezifische Ausstrahlung einer Wärmepumpe
mM Masse eines Moleküls ηth thermischer Wirkungsgrad
N Teilchenanzahl eines Systems { Isentropen-(Adiabaten-)Exponent
n Polytropenexponent, λ Wärmeleitfähigkeit
Teilchenzahldichte ν Stoffmenge (Teilchenmenge)
NA Avogadro-Konstante ρ Dichte; Reflexionsgrad
Pi Wahrscheinlichkeit der Besetzung τ Transmissionsgrad
des Zustands i Φe Strahlungsleistung
p Druck ϕ relative Luftfeuchte
Q, Qm , q Wärme, molare bzw. spezifische ϕa absolute Luftfeuchte
Wärme ϕ12 Einstrahlzahl

4. Elektrizität und Magnetismus

Ar relative Atommasse E elektrische Feldstärke


Ä elektrochemisches Äquivalent EH Hall-Feldstärke
AH Hall-Koeffizient e Elementarladung
B magnetische Induktion, Flussdichte FL Lorentz-Kraft
B Blindleitwert, Suszeptanz F Faraday-Konstante
BR Remanenzinduktion f Spulenformfaktor
BS Sättigungsinduktion G Leitwert, Konduktanz
C Kapazität H magnetische Feldstärke
D elektrische Verschiebungsdichte HC Koerzitivfeldstärke
Verwendete physikalische Symbole XIX

I, i elektrische Stromstärke Wmagn magnetische Arbeit und Feldenergie


î Amplitude der elektrischen magn magnetische Energiedichte
Stromstärke X Blindwiderstand, Reaktanz
I, ieff Effektivwert der Wechselstromstärke Z Scheinwiderstand, Impedanz
J magnetische Polarisation z Wertigkeit
j elektrische Stromdichte
L Induktivität
M Magnetisierung α Temperaturkoeffizient des elektrischen
m Ampere’sches magnetisches Moment Widerstandes
mC Coulomb’sches magnetisches Moment γ Spannungsfaktor
N Windungszahl ε Permittivität
P elektrische Polarisation ε0 elektrische Feldkonstante
P, p Leistung εr Permittivitätszahl
p elektrisches Dipolmoment { elektrische Leitfähigkeit, Konduktivität
Q elektrische Ladung; Blindleistung μ Permeabilität
R elektrischer Widerstand μ0 magnetische Feldkonstante
Rm magnetischer Widerstand μr Permeabilitätszahl
S Scheinleistung ρ spezifischer elektrischer Widerstand,
TC Curie-Temperatur Resistivität
TN Néel-Temperatur ρ Raumladungsdichte
U, u elektrische Spannung σ Streufaktor; elektrische
û Amplitude der elektrischen Spannung Flächenladungsdichte
U, ueff Effektivwert der elektrischen τ Zeitkonstante
Spannung ϕ elektrisches Potential; Verlustwinkel
UH Hall-Spannung χe elektrische Suszeptibilität
uind induzierte Spannung χm magnetische Suszeptibilität
WA Austrittsarbeit Θ elektrische Durchflutung
Wel elektrische Arbeit und Feldenergie Φ magnetischer Fluss
el elektrische Energiedichte ψ elektrischer Fluss

5. Schwingungen und Wellen

c Phasengeschwindigkeit y Auslenkung
cgr Gruppengeschwindigkeit ŷ Amplitude
d Dämpfungskoeffizient
f Frequenz β Auslenkungswinkel
f0 , fd Eigenfrequenz der freien ungedämpf- β̂ Amplitude des Auslenkungswinkels
ten bzw. gedämpften Schwingung γ Phasenverschiebung zwischen Erreger
fRes Resonanzfrequenz und Schwinger
fS Schwebungsfrequenz
√ Δ Gangunterschied
j −1 δ Abklingkoeffizient
k Federsteifigkeit; Wellenzahl η Kreisfrequenzverhältnis
kt Drehfedersteifigkeit ϑ Dämpfungsgrad
Q Güte Λ logarithmisches Dekrement
I, S Intensität λ Wellenlänge
T Periodendauer ϕ Phasenwinkel
T0 , Td Periodendauer der freien ungedämpf- ϕ0 Nullphasenwinkel
ten bzw. gedämpften Schwingung Δϕ Phasenverschiebung zwischen zwei
TS Periodendauer der Schwebung Schwingungen
 Energiedichte ω Kreisfrequenz
XX Verwendete physikalische Symbole

ω0 , ωd Kreisfrequenz der freien Ω Erregerkreisfrequenz


ungedämpften bzw. gedämpften ωRes Resonanzkreisfrequenz
Schwingung

6. Optik
AN numerische Apertur p Gitterstrichzahl
a, a Gegenstands- bzw. Bildweite Qe Strahlungsenergie
A, B Einstein-Koeffizienten Qv Lichtmenge
b Spaltbreite r Krümmungsradius
D Brechkraft s, s gegenstandsseitige bzw. bildseitige
DAP , DEP Durchmesser von Austritts- bzw. Schnittweite
Eintrittspupille u Durchmesser des Unschärfekreises
Ee Bestrahlungsstärke V Hellempfindlichkeitsgrad
Ev Beleuchtungsstärke y, y Gegenstands- bzw. Bildgröße
Eph Energie eines Photons Z Dämmerungszahl
e Abstand zweier Linsen z, z Abstand vom Gegenstand bzw. Bild
f,f gegenstandsseitige bzw. bildseitige zum jeweiligen Brennpunkt
Brennweite
g Gitterkonstante
He Bestrahlung α brechender Winkel eines Prismas
Hv Beleuchtung β Abbildungsmaßstab
h Planck’sche Konstante Γ Vergrößerung
I Intensität δ Ablenkungswinkel
Ie Strahlstärke ε Einfallswinkel
Iv Lichtstärke εr Reflexionswinkel
Km photometrisches Strahlungsäquivalent ε Brechungswinkel
k Blendenzahl εp Polarisationswinkel
l Kohärenzlänge Θ Glanzwinkel
Le Strahldichte σ Winkel zwischen Strahl und optischer
Lv Leuchtdichte Achse
Me spezifische Ausstrahlung τ Lebensdauer
Mv spezifische Lichtausstrahlung Φe Strahlungsleistung
m Ordnungszahl bei Interferenzen Φv Lichtstrom
Ni Besetzungszahl des Niveaus i ϕ Zentriwinkel
n Brechungsindex Ω Raumwinkel

7. Akustik
A äquivalente Schallabsorptionsfläche m flächenbezogene Masse
B Biegesteifigkeit P Schallleistung
d Absorberdicke p Schalldruck
fG Grenzfrequenz der Spuranpassung R Schalldämm-Maß
GpU Übertragungsmaß elektroakustischer r Reflexionsfaktor
Wandler S Lautheit; Fläche
I Schallintensität T Nachhallzeit
L Schallpegel  Schallschnelle
LS Lautstärke  Schallenergiedichte
Ln Norm-Trittschallpegel y Elongation
Verwendete physikalische Symbole XXI

Z Schallkennimpedanz αs Schallabsorptionsgrad
δ Einfallswinkel
Δ Bewertungsfaktor
α Schallausbreitungs- ρs Schallreflexionsgrad
Dämpfungskoeffizient τs Schalltransmissionsgrad

8. Atom- und Kernphysik


A Nukleonenzahl; Aktivität ms magnetische Quantenzahl des Spins
AS spezifische Aktivität mj magnetische Quantenzahl des
a0 Bohr’scher Radius des Gesamtdrehimpulses
Wasserstoffatoms im Grundzustand m0 Ruhemasse
B Baryonenzahl N Neutronenzahl
D, Ḋ Energiedosis, Energiedosisleistung n Hauptquantenzahl
Dq , Ḋq Äquivalentdosis, Q Kern-Quadrupolmoment
Äquivalentdosisleistung R Reichweite
d Flächenmasse RH Rydberg-Konstante
E Energie-Eigenwert S Gesamtspinmoment
EB Bindungsenergie s, s Elektronenspin, zugehörige
ES Schwellenenergie Quantenzahl (Spinquantenzahl)
F, F Gesamtdrehimpuls des Atoms t1/ 2 Halbwertszeit
einschließlich Kerndrehimpuls, u atomare Masseneinheit
zugehörige Quantenzahl x Schichtdicke
g Faktor nach Landé Z Kernladungszahl
H Hamilton-Funktion (Ordnungszahl, Protonenzahl)
Ĥ Hamilton-Operator
h Planck’sches Wirkungsquantum
(~ = h/ (2π))
I, I Kerndrehimpuls, zugehörige α Feinstrukturkonstante
Quantenzahl γ gyromagnetisches Verhältnis
J, J Gesamtdrehimpuls der Elektronen- λ Zerfallskonstante; Wellenlänge
hülle, zugehörige Quantenzahl μ, μ magnetisches Moment
j, j Gesamtdrehimpuls eines Elektrons, μ Absorptionskoeffizient
zugehörige Quantenzahl μK Kern-Magneton
L, L Gesamtbahndrehimpuls der μB Bohr’sches Magneton
Elektronenhülle, zugehörige ν Frequenz
Quantenzahl Π Paritätsquantenzahl
L Leptonenzahl Σ makroskopischer Wirkungsquerschnitt
l, l Bahndrehimpuls eines Elektrons, σ Wirkungsquerschnitt
zugehörige Quantenzahl Φ Flussdichte
m1 magnetische Quantenzahl des Ψ zeitabhängige Wellenfunktion
Drehimpulses ψ Wellenfunktion

9. Festkörperphysik
A Fläche; Transistor-Stromverstärkung cgr Gruppengeschwindigkeit
in Basisschaltung cph Phasengeschwindigkeit
a Gitterkonstante D(E) Zustandsdichte
B Transistor-Stromverstärkung in D∗ Detektivität
Emitterschaltung EB Bindungsenergie
Bc kritische magnetische Flussdichte Ee Bestrahlungsstärke
XXII Verwendete physikalische Symbole

EF Fermi-Energie S Empfindlichkeit
Eg Breite der verbotenen Zone Tc kritische Temperatur
f (E) Fermi-Dirac-Verteilungsfunktion TD Debye-Temperatur
IB , IC , IE Basis-, Kollektor- bzw. Emitterstrom TE Einstein-Temperatur
IF Flussstrom TF Fermi-Temperatur
Iph Photostrom T0 charakteristische Temperatur
IS Sperrsättigungsstrom Ud Diffusionsspannung
Ith Schwellstrom UF Flussspannung
jc kritische Stromdichte UK Kontaktspannung
k Wellenzahl UL Leerlaufspannung
kF Fermi-Vektor Uth Thermospannung
L Kristall-Länge; Lorenz’sche Zahl V(λ) Hellempfindlichkeitsgrad
l mittlere freie Weglänge d Driftgeschwindigkeit
M Molmasse; Multiplikationsfaktor F Fermi-Geschwindigkeit
NL , Nv effektive Zustandsdichte im
Leitungsband bzw. im Valenzband α Absorptionskoeffizient;
n Elektronenkonzentration Madelung-Konstante;
nA , nD Akzeptoren- bzw. Donatoren- thermischer Ausdehnungskoeffizient
konzentration ε mittlere Energie eines Atoms
ni Eigenleitungsdichte η Quantenausbeute
nph Phononendichte μ, μn , μp Beweglichkeit, Elektronen- bzw.
n Brechungsindex Löcherbeweglichkeit
p Löcherkonzentration Φ0 magnetisches Flussquantum

10. Spezielle Relativitätstheorie


l, l Länge im System S bzw. S u Geschwindigkeit
m, m0 bewegte Masse bzw.  Systemgeschwindigkeit
Ruhemasse
t, t Zeit im System S bzw. S γ relativistischer Faktor
Kapitel 1
Einführung 1

E. Hering et al., Physik für Ingenieure,


DOI 10.1007/978-3-642-22569-7_1, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2012
1 Einführung
1.1 Physikalischer Erkenntnisprozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
1.2 Bereiche der physikalischen Erkenntnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
1.3 Physikalische Größen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
1.3.1 Definition und Maßeinheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
1.3.2 Messgenauigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
1.3.3 Fehlerfortpflanzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
1.3.4 Kurvenanpassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
1 1.3.5
1.3.6
Ausgleichsgeradenkonstruktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Korrelationsanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
21
22
1 Einführung

1.1 Physikalischer Messungen zwei oder mehr physikalische Grö-


Erkenntnisprozess ßen miteinander verglichen und die dabei auf-
gestellten Zusammenhänge aufgeschrieben.
Die Physik ist ein Teilgebiet der Naturwissen- Auf geniale und faszinierende Weise ist es dem
schaften. Sie beschäftigt sich im Gegensatz zur menschlichen Geist gelungen, alle denkbaren
Medizin oder Biologie mit der leblosen Um- physikalischen Erscheinungen auf höchstens
welt. Dieser eingeengte Betrachtungsbereich sieben physikalische Grundgrößen (Basisgrö-
muss beachtet werden, wenn es um die Frage ßen) zurückzuführen (Zeit, Masse, Länge,
geht, ob die Methoden der physikalischen Er- Temperatur, Stromstärke, Lichtstärke und
kenntnis auch auf andere Wissenschaftsge- Stoffmenge, Abschn. 1.3.1). Diese Reduktion
biete direkt übertragbar sind. der Komplexität auf verhältnismäßig wenige
In der Physik versucht man, die Gesetzmä- relevante Faktoren ist ein Grund für den
ßigkeiten der unbelebten Umwelt zu erfassen. Erfolg bei der ingenieurmäßigen Umsetzung
Sind diese bekannt, so kann man die physi- physikalischer Erkenntnisse in der Technik.
kalischen Gesetze für technische Zwecke aus- In der Ingenieurpraxis können physikalische
nützen. Die Ingenieurwissenschaft ist ein Bei- Zusammenhänge jedoch auch so komplex
spiel hierfür, weil man in allen ihren Bereichen,
beispielsweise im Maschinenbau, in der Fein-
werktechnik und in der Elektrotechnik, erfolg-
reich physikalische Gesetze in der industriel-
len Praxis angewendet. Der Prozess der phy-
sikalischen Erkenntnis ist in Abb. 1.1 als ge-
schlossener Regelkreis dargestellt. Er umfasst
vier Stationen:

a) Experiment
Im ersten Schritt werden Merkmale der leb-
losen Umwelt, die physikalischen Größen, ge-
sucht. Zur präziseren Beschreibung müssen
auch Merkmale durch physikalische Definitio-
nen festgelegt werden (z. B. die Definition der
Kraft). In einem Experiment werden durch Abb. 1.1 Regelkreis der physikalischen Erkenntnis

M. Stohrer, E. Hering, R. Martin, Physik für Ingenieure.


DOI 10.1007/978-3-642-22569-7_1 © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2012
4 1. Einführung

sein, dass empirisch gefundene Beziehungen d) Deduktion


in Tabellen und Grafiken niedergelegt wer- Aus den physikalischen Theorien oder Geset-
den müssen, weil sie theoretisch nicht exakt zen können mit Hilfe der Logik spezielle, auf
genug vorhergesagt werden können (z. B. der ein konkretes Problem bezogene Aussagen
Einfluss der Reibung bei der Strömung realer hergeleitet werden. In der klassischen Mecha-
Flüssigkeiten und Gase). nik kann beispielsweise aus der Bahnkurve
für den schiefen Wurf zu jeder Zeit jeder Ort
b) Induktionsschluss
des sich bewegenden Körpers vorhergesagt
Werden physikalische Zusammenhänge im-
werden.
mer wieder experimentell bestätigt, dann kann
Der große Erfolg der physikalischen Erkennt-
gefolgert werden, dass sie zu jeder Zeit und an
nismethode beruht hauptsächlich auf der
jedem Ort gültig sind. Dieser Schluss, der eine
Genauigkeit und Zuverlässigkeit der Vorher-
Verallgemeinerung darstellt, wird in der Ma-
sage. Zum Beispiel wäre die Mondlandung
thematik Induktionsschluss (Schluss von n auf
nicht möglich gewesen, wenn auf der Erde
n + 1) genannt. Eine derartige Verallgemeine-
nicht alle Gesetzmäßigkeiten bekannt gewe-
rung ist nur zulässig, wenn sich die physikali-
sen wären, sodass alle möglichen Ereignisse
schen Konstanten nicht ändern. Diese wichtige
während des Fluges auf der Erde simu-
Forderung nach der Konstanz der Naturereig-
liert werden konnten. Es war möglich, die
nisse äußert sich in der Physik in der Existenz
Mondlandung gleichsam im Geist vorweg-
von Naturkonstanten (z. B. Lichtgeschwindig-
zunehmen, weil die physikalischen Theorien
keit c). Beim Übertragen des physikalischen
richtig und zuverlässig sind und eine gültige
Erkenntnisprozesses auf andere Disziplinen,
Aussage im konkreten Fall erlauben. Ein
z. B. auf die Psychologie, muss daher genau
wichtiger Bestandteil der ingenieurmäßigen
geprüft werden, ob die Konstanz der Aussage-
Denkweise besteht nämlich darin, zukünftiges
parameter gegeben und damit eine Verallge-
Verhalten beispielsweise von Maschinen oder
meinerung der Beziehungen zulässig ist.
elektronischen Schaltungen durch die gülti-
c) Physikalische Gesetze gen physikalischen Gesetze vorauszusehen.
Mit der Verallgemeinerung durch den In- Diese Methode wird vor allem auf dem Ge-
duktionsschluss ist ein physikalisches Gesetz biet der Schadensverhütung außerordentlich
formuliert (z. B. die Kraft ist proportional wirkungsvoll eingesetzt.
zur Masse und Beschleunigung). Das physi- a) Experiment
kalische Gesetz wird für die weitere Analyse Auch die sorgfältigste Vorhersage physika-
und die Anwendung mathematisch formuliert lischer Zustände kann fehlerhaft sein, weil
(z. B. F = ma). Bildet die Vielzahl an phy- bestimmte Einflussgrößen nicht berück-
sikalischen Gesetzen ein widerspruchsfreies sichtigt sind. Aus diesem Grund muss die
System wissenschaftlicher Aussagen über die Vorhersage eines physikalischen Gesetzes
gesetzmäßigen Zusammenhänge eines phy- durch ein Experiment auf ihre Richtigkeit
sikalischen Bereiches, so wird dieses System überprüft werden (Verifikation). Vorausset-
Theorie genannt. Die Theorie ermöglicht ei- zung dafür ist, dass mit dem physikalischen
nerseits eine Vorhersage durch die Deduktion Gesetz ein realer Messaufbau definiert ist, der
(d) und andererseits die Überprüfung ihres ei- die Verifizierung der Prognose erlaubt. Diese
genen Wahrheits- bzw. Gültigkeitsanspruches harte Forderung von Albert Einstein, dass
durch das Experiment (a). jedes physikalische Gesetz zugleich eine Mess-
1.2 Bereiche der physikalischen Erkenntnis 5

vorschrift für eine reproduzierbare Messung – Zerlegung


darstellen muss, hat die Physik davor bewahrt, Die Makrophysik beschäftigt sich mit Phä-
in geistreiche Phantastereien abzugleiten. Mit nomenen, die in kleinere Teile zerlegbar
der Prüfung der Prognose am Experiment ist sind und nach ihrer Zerlegung getrennt un-
der physikalische Erkenntnisprozess wie in tersucht werden können. In der Mikrophy-
einem Regelkreis geschlossen. Die Wirklich- sik handelt es sich grundsätzlich um unzer-
keit korrigiert damit im Verifikationstest den legbare Teilchen (Quanten). Aufgrund die-
physikalischen Erkenntnisprozess. Auf diese ser Tatsache müssen die praktizierten ana-
Weise ist ausgeschlossen, dass dieser auf das lytischen, auf Zerlegung basierenden Expe-
rein geistige Denkvermögen des Menschen rimente versagen. Dies hat zur Folge, dass
beschränkt bleibt. unser experimenteller Zugriff auf die un-
zerlegbaren Teile völlig anders geartet sein
muss.
1.2 Bereiche der physikalischen – Ablaufstruktur
Erkenntnis Während die Makrophysik kontinuierliche,
stetige Abläufe zum Inhalt hat, die es ge-
Wie Abb. 1.2 zeigt, lässt sich die Physik in statten, die zeitliche Entwicklung physikali-
zwei Hauptbereiche einteilen, in die Makro- scher Vorgänge genau zu verfolgen, spielen
physik und in die Mikrophysik. Entscheidend sich mikrophysikalische Vorgänge diskonti-
für die Zuordnung ist die Größe der Wirkung nuierlich und unstetig ab.
(Wirkung = Energie × Zeit). Sind die Wirkun-
gen sehr groß im Vergleich zum Planck’schen Die klassische Physik beschreibt die Phäno-
Wirkungsquantum h = 6,6260693 · 10−34 J s, mene der Makrophysik, die Quantenphysik die
dann handelt es sich um Vorgänge in der Effekte der Mikrophysik. Klassische Physik
Makrophysik. Sind die Wirkungen dagegen und Quantenphysik haben in ihrer Beschrei-
in der Größenordnung von h, so liegt die bungsmethodik in drei Punkten fundamentale
Mikrophysik vor. Anschaulich könnte diese Unterschiede:
Einteilung auch in dieser Weise vorgenom-
men werden: Die Mikrophysik beschäftigt sich – Anschaulichkeit
mit Phänomenen im atomaren und subatoma- Weil die Quantenphysik nicht unmittelbar
ren Bereich (Längen in der Größenordnung erfahrbare Effekte beschreibt, ist sie im Ge-
 10−10 m), während sich die Makrophysik mit gensatz zur klassischen Physik unanschau-
bis zu lichtmikroskopisch sichtbaren Phänome- lich und abstrakt.
nen auseinandersetzt (Längen in der Größen- – Determiniertheit
ordnung  10−6 m). Die wesentlichen Unter- In der Quantenphysik laufen keine streng
schiede zwischen Makro- und Mikrophysik ge- vorherbestimmten (deterministischen) Pro-
hen aus Abb. 1.2 hervor: zesse ab wie in der klassischen Physik. Die
Abläufe sind deshalb nicht chaotisch, son-
– Erfahrbarkeit dern sie gehorchen einer statistischen
Makrophysikalische Vorgänge sind unmit- Gesetzmäßigkeit.
telbar erfahrbar, mikrophysikalische dage- – Messgenauigkeit
gen nicht. Dies bedeutet, dass die Mikrophy- In der Quantenphysik können im Gegen-
sik im Prinzip nicht anschaulich sein kann, satz zur klassischen Physik bestimmte
weil sie sich der Anschauung entzieht. physikalische Zustände (z. B. Ort und Ge-
6 1. Einführung

Abb. 1.2 Bereiche der physikalischen Erkenntnis

schwindigkeit eines Teilchens) nicht exakt, theorie (rechts), die die Gebiete Molekül- und
sondern nur innerhalb bestimmter Un- Atomphysik sowie Kern- und Elementarteil-
schärfen experimentell bestimmt werden: chenphysik umfasst. Beide Theorien wurden
Durch die Messung eines Wertes u wird durch P.A.M. Dirac miteinander verknüpft.
ein anderer Messwert v so beeinflusst, dass Die klassische Physik hat vier Hauptbereiche:
dieser nicht mehr exakt messbar ist (Ab- – Mechanik
schn. 6.5.5.2). Der physikalische Zustand ist Sie beschreibt die Zustandsänderungen ei-
deshalb nicht mehr durch einen genauen nes massebehafteten Körpers in Raum und
Wert beschreibbar, sondern durch eine Zeit.
statistische Wahrscheinlichkeit, bestimmte – Thermodynamik
Werte vorzufinden. In der Thermodynamik beschreibt man
In Abb. 1.3 sind die Gebiete der Physik darge- physikalische Erscheinungen, bei denen
stellt. In der Mitte befindet sich das Gebiet der die Temperatur eine wichtige zusätzliche
klassischen Physik. Ihre Erscheinungen kön- Zustandsgröße ist.
nen völlig gleichwertig entweder durch das – Elektrizität und Magnetismus
Wellenbild oder durch das Partikelbild erklärt Die Elektrizität und für bewegte Ladungen
werden. Die klassische Physik wird durch zwei die Theorie des Magnetismus befassen sich
Erfahrungen erweitert: Zum einen führt die mit den Effekten eines physikalischen Sys-
Tatsache der endlichen Signalgeschwindigkeit tems, wenn zusätzlich zu den mechanischen
zur Relativitätstheorie (links) und zum andern Grundgrößen (Masse, Länge und Zeit) noch
führen die Unschärferelationen zur Quanten- die Eigenschaft der Ladung vorhanden ist.
1.2 Bereiche der physikalischen Erkenntnis 7

Abb. 1.3 Gebiete der Physik

– Wellenlehre sche Denkweise Newton’scher Prägung nach


In diesem Lehrgebiet werden periodi- dem Regelkreis physikalischen Erkennens
sche Zustandsänderungen beschrieben. (Abb. 1.1) auf andere Gebiete zu übertragen,
Wellen können sowohl materiegebunden ist aber bedenklich, wenn
(z. B. Akustik) als auch nicht an Materie
gebunden sein (z. B. Optik). – die für den Induktionsschluss geforderte
Konstanz der Systemvariablen nicht gege-
Bis zum ersten Viertel des zwanzigsten Jahr- ben ist, weil diese je nach Situation unter-
hunderts herrschte das streng kausale und schiedliche Werte einnehmen (z. B. hängt
deterministische Denkprinzip der klassischen die Antwort in einem Interview auch von
Physik Newton’scher Prägung vor. Da es der Art der Fragestellung ab) und wenn
sehr erfolgreich war, wurde es von anderen – die für einen Deduktionsschluss notwen-
Wissenschaften übernommen. Beispielsweise dige, vollständige Kenntnis der Anfangsbe-
erklärt der Darwinismus in klaren, kausalen dingungen eines Systems nicht gegeben ist.
Gedankenketten die Entwicklung der Arten
(Evolutionstheorie). Gemäß der Schulmedizin Die heute beklagte „Unmenschlichkeit“ der
wird die Krankheit von isolierbaren Einflüssen Technik und die Zukunftslosigkeit vieler Men-
verursacht (z. B. Bakterien, Viren oder Organ- schen hat ihren Grund auch darin, dass die rein
defekten); durch Beseitigung dieser einzelnen kausale, deterministische Denkweise von der
Krankheitsursachen wird der Mensch gesund. klassischen Physik ausgehend weite Bereiche
In der geschichtlichen Beurteilung durch der geistigen Welt erfasst hat. In letzter Kon-
den Marxismus (historischer Materialismus) sequenz führt dieses Denken zu dem Schluss,
wird eine kausale Argumentation verwendet das menschliche Leben sei ein sinnloses, vor-
und die Determiniertheit des geschichtlichen herbestimmtes Existieren. Der Begriff Freiheit
Ablaufes postuliert. Die kausaldeterministi- als Gegenteil von Determiniertheit wird dann
8 1. Einführung

ebenso sinnlos wie ein Moralbegriff, da vor- sucht, die Quantenphysik in ihrer ganzheitli-
herbestimmte Abläufe keinen Schuldigen ken- chen, auf Regelkreisen beruhenden Betrach-
nen. tungsweise als Denkmodell beispielsweise für
Mit der Begründung der Quantenphysik Mitte gesellschaftliche Strukturen und deren Verän-
der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts derungen oder zur ästhetischen Beurteilung
wurde deutlich, dass sich atomare und subato- von Kunstwerken heranzuziehen. Es bleibt ab-
mare Strukturen nicht mehr deterministisch zuwarten, inwieweit diese Übertragungsversu-
verhalten und die klassische Physik ein Spe- che quantenmechanischer Denkkonzepte auf
zialfall der Quantenphysik ist. Damit wurde andere Wissenschaften erfolgreich sind.
in der Physik erstmalig die deterministische
Denkweise in ihrer generellen Gültigkeit in
Frage gestellt. Dies bedeutet freilich nicht, 1.3 Physikalische Größen
dass der in Abb. 1.1 dargestellte Regelkreis der
1.3.1 Definition und Maßeinheit
physikalischen Erkenntnis in der Quanten-
physik falsch wird. Er ist nach wie vor gültig.
Eine physikalische Größe kennzeichnet Ei-
Es wird beim Induktionsschluss die Konstanz
genschaften und beschreibt Zustände sowie
der Variablen ersetzt durch die Konstanz der
Zustandsänderungen von Objekten der Um-
statistischen Zusammenhänge, weshalb die
welt. Sie muss nach der Forderung Einsteins
Deduktion keine determinierten, sondern le-
(Abb. 1.1) messbar sein, d. h. ein Messverfah-
diglich wahrscheinliche Vorhersagen erlaubt.
Weil in quantenmechanischen Systemen die
Elemente unteilbar sind, sind sie ganzheitlich Tabelle 1.1 Bezeichnung der dezimalen Vielfachen
und dürfen nicht analytisch betrachtet wer- und Teile von Einheiten
den. Zudem besteht zwischen den quanten-
mechanischen Systemkomponenten eine so Zehner- Vorsilbe Kurz- Beispiel
starke Wechselwirkung, dass bei einer Tren- potenz zeichen
nung der Komponenten für eine Einzelanalyse 1018 Exa E Em, EJ
diese erheblich verändert werden; somit ist ein 1015 Peta P Pm, PJ
Denken in wechselwirkenden Zusammenhän- 1012 Tera T Tm, TJ
gen (Regelkreisen) bei quantenmechanischen 109 Giga G Gm, GJ
Systemen notwendig. 106 Mega M Mm, MJ
Das für viele Probleme unserer Zeit (z. B. Um- 103 Kilo k km, kJ
weltzerstörung) notwendige vernetzte Denken 102 Hekto h hPa, hJ
in ganzheitlichen Kategorien als erforderliche 101 Deka da dam, daJ
Korrektur zur isolierten, analytischen Denk- [3pt] 10−1 Dezi d dm, dJ
weise war in der Physik bereits vor achtzig 10−2 Zenti c cm, cJ
Jahren notwendig, um quantenphysikalische 10−3 Milli m mm, mJ
Effekte erklären zu können. Sicherlich wird 10−6 Mikro μ μm, μJ
ein über die statistische Determiniertheit hin- 10−9 Nano n nm, nJ
ausgehendes Denkkonzept benötigt, um so- 10−12 Piko p pm, pJ
ziale und lebendige Systeme in ihrem Verhal- 10−15 Femto f fm, fJ
ten richtig beschreiben zu können. Aus die- 10−18 Atto a am, aJ
sem Grund wird von einigen Physikern ver-
1.3 Physikalische Größen 9

Tabelle 1.2 Basisgrößen, Basiseinheiten und Definitionen im SI-Maßsystem

Basisgröße Basiseinheit Symbol Definition relative


Unsicherheit

Zeit Sekunde s 1 Sekunde ist das 9 192 631 770-fache der 10−14
Periodendauer der dem Übergang zwischen
den beiden Hyperfeinstrukturniveaus des
Grundzustands von Atomen des Nuklids 133 Cs
entsprechenden Strahlung.
Länge Meter m 1 Meter ist die Länge der Strecke, die Licht im 10−14
Vakuum während der Dauer von 1/299 792 458
Sekunden durchläuft.
Masse Kilogramm kg 1 Kilogramm ist die Masse des 10−9
internationalen Kilogrammprototyps.
elektrische Ampere A 1 Ampere ist die Stärke eines zeitlich 10−6
Stromstärke unveränderlichen Stroms, der, durch zwei im
Vakuum parallel im Abstand von 1 Meter
voneinander angeordnete, geradlinige,
unendlich lange Leiter von vernachlässigbar
kleinem kreisförmigem Querschnitt fließend,
zwischen diesen Leitern je 1 Meter Leiterlänge
die Kraft 2 · 10−7 Newton hervorruft.
Temperatur Kelvin K 1 Kelvin ist der 273,16-te Teil der 10−6
thermodynamischen Temperatur des
Tripelpunktes des Wassers.
Lichtstärke Candela cd 1 Candela ist die Lichtstärke in einer 5 · 10−3
bestimmten Richtung einer Strahlungsquelle,
die monochromatische Strahlung der
Frequenz 540 THz aussendet und deren
Strahlstärke in dieser Richtung 1/683 W/sr
beträgt.
Stoffmenge Mol mol 1 Mol ist die Stoffmenge eines Systems, das 10−6
aus ebenso viel Einzelteilchen besteht, wie
Atome in 12/1 000 Kilogramm des
Kohlenstoffnuklids 12 C enthalten sind.

ren definieren. Die Vereinbarung, nach der durch den Zahlenwert) und einer qualitativen
die beobachtete physikalische Einheit quanti- Aussage [G] (ausgedrückt durch die Einheit):
fiziert wird, ist die Einheit der physikalischen
Größe. Beispielsweise wurde für die Tempera-
tur T als Einheit K (Kelvin) der 273,16-te Teil G = {G} · [G] . (1.1)
der Temperatur des Tripelpunktes von Wasser
festgelegt (Abschn. 3.1.3). Der Zahlenwert vor
der Einheit gibt an, wie oft der Vergleichsmaß- Durch das Gesetz über Einheiten im Messwe-
stab der Einheit angelegt werden kann. Somit sen vom 2. Juli 1969 (BGBl. I S. 709) wurden ab
besteht eine physikalische Größe G immer aus 1.1.1978 die Vereinbarungen der Internationa-
einer quantitativen Aussage {G} (ausgedrückt len Organisation für Standardisation (ISO), die
10

Tabelle 1.3 Zusammenstellung einiger physikalischer Größen mit ihren SI-Einheiten, die von den Basiseinheiten abgeleitet sind

Physikalische Größe Formelzeichen Berechnung Einheit


1. Einführung

Fläche A A = Länge × Breite m2

Bogen m
Winkel ϕ ϕ= = rad Radiant
Radius m

Fläche des Kugelabschnitts m2


Raumwinkel Ω Ω= = sr Steradiant
Quadrat des Kugelradius m2
1 1
Frequenz ν, f f = = Hz Hertz
Periodendauer s
Wegintervall m
Geschwindigkeit  =
Zeitintervall s
Geschwindigkeitsänderung m
Beschleunigung a a=
Zeitintervall s2
m
Kraft F F = Masse × Beschleunigung kg · =N Newton
s2

m2
Arbeit, Energie W, E W = Kraft × Weg kg · =J Joule
s2

Arbeit m2
Leistung P P= kg · =W Watt
Zeitintervall s3

m2
Wärme Q Q = Energie kg · = Ws = J Joule
s2
Tabelle 1.3 (Fortsetzung)

Physikalische Größe Formelzeichen Berechnung Einheit

Wärme kg · m2 J
Wärmekapazität C C= =
Temperaturintervall s2 · K K

elektrische Ladung Q Q = elektr. Stromstärke × Zeit A·s=C Coulomb

elektrische Kraft kg · m N V
elektrische Feldstärke E E= = =
elektrische Ladung s3 · A A·s m

elektrische Arbeit kg · m2 W
elektrische Spannung U U = = =V Volt
elektrische Ladung A · s3 A

elektrische Spannung kg · m2 V
elektrischer Widerstand R R= = =Ω Ohm
elektrische Stromstärke A2 · s3 A
elektr. Stromstärke × Windungszahl A
magnetische Feldstärke H H =
Spulenlänge m

kg · m2
magnetischer Fluss Φ Φ = magnetische Induktion × Fläche = V · s = Wb Weber
A · s2
1.3

kg Wb
magnetische Induktion B B = Permeabilität × magnetische Feldstärke = =T Tesla
A · s2 m2
Lichtstrom cd · sr
Beleuchtungsstärke E E= = lx Lux
Fläche m2
Physikalische Größen
11
12 1. Einführung

Tabelle 1.4 Wichtige Naturkonstanten (international empfohlene CODATA-Werte von 2010)

Bezeichnung Symbol Wert relative Unsicherheit


m
Vakuum-Lichtgeschwindigkeit c 2,99792458 · 108 0
s
N m2
Gravitationskonstante G 6,67384 · 10−11 1,2 · 10−4
kg2

Avogadro-Konstante NA 6,02214129 · 1023 mol−1 4,4 · 10−8

Elementarladung e 1,602176565 · 10−19 A s 2,2 · 10−8

Ruhemasse des Elektrons m0e 9,10938291 · 10−31 kg 4,4 · 10−8

Ruhemasse des Protons m0p 1,672621777 · 10−27 kg 4,4 · 10−8

Planck’sches Wirkungsquantum h 6,62606957 · 10−34 J s 4,4 · 10−8

Sommerfeld’sche Feinstrukturkonstante α 7,2973525698 · 10−3 3,2 · 10−10

As
elektrische Feldkonstante ε0 8,854187817 · 10−12 0
Vm
Vs
magnetische Feldkonstante μ0 4π · 10−7 0
Am
As
Faraday-Konstante F 9,64853365 · 104 2,2 · 10−8
mol
J
universelle Gaskonstante Rm 8,3144621 9,1 · 10−7
mol K
J
Boltzmann-Konstante k 1,3806488 · 10−23 9,1 · 10−7
K
W
Stefan-Boltzmann-Konstante σ 5,670373 · 10−8 3,6 · 10−6
m2 K4

sogenannten SI-Einheiten (Système Internatio- mengestellt. Doppelvorsätze wie z. B. μmm,


nal d’Unités), in der Bundesrepublik Deutsch- sind nicht zulässig.
land eingeführt. Im amtlichen und geschäft- Hohe Anforderungen an die Genauigkeit
lichen Verkehr dürfen seither für physikali- des Vergleichs mit der Einheit, d. h. an
sche Größen nur noch die SI-Einheiten benutzt die Messgenauigkeit, können nur mit sehr
werden. Durch Vorsätze oder Präfixe können aufwändigen Apparaturen erfüllt werden,
dezimale Vielfache oder Teile der Einheiten bei denen Störeinflüsse auf den Vergleichs-
gebildet und damit umständlich zu schrei- maßstab weitgehend ausgeschlossen und
bende Zehnerpotenzen der Maßzahlen ver- die Ablesung des Vergleichsmaßstabs hoch-
mieden werden. In Tabelle 1.1 sind die Vorsil- verfeinert ist. Weltweit kann ein solcher
ben und Kurzzeichen für die Vorsätze zusam- messtechnischer Aufwand nur in wenigen
1.3 Physikalische Größen 13

Mess- und Eichlaboratorien getrieben wer- Durch die ISO-Festlegung der Vakuum-
den. In der Bundesrepublik Deutschland ist Lichtgeschwindigkeit vom 20.10.1983 auf
dafür die Physikalisch-Technische Bundes- c = 299 792 458 m/s ist das Meter von der
anstalt (PTB) in Braunschweig zuständig. Sekunde metrologisch abhängig geworden.
Abbildung 1.4 zeigt das primäre Zeitnormal Durch die Beziehung c2 = 1/μ0 ε0 ist bei
der PTB Braunschweig, die Atomuhr. Schon Kenntnis der Lichtgeschwindigkeit c und
wegen dieses messtechnischen Aufwandes der magnetischen Feldkonstanten μ0 der
wurde in den SI-Vereinbarungen darauf Wert für die elektrische Feldkonstante ε0
geachtet, die Einheiten der physikalischen exakt festgelegt (Abschn. 4.5.5). Nach dem
Größen auf möglichst wenige, voneinander von K. von Klitzing 1980 entdeckten quan-
unabhängige Basiseinheiten zurückzuführen. tisierten Hall-Effekt lässt sich auch eine aus
Von deren absoluter Messgenauigkeit sind un- Naturkonstanten sehr exakt bestimmbare
sere physikalischen Beobachtungen bestimmt. Basisgröße für den elektrischen Widerstand
In Tabelle 1.2 sind die sieben Basisgrößen im R = h/ (i e2 ) bestimmen (i = 1, 2, 3…). Die SI-
SI-Einheitensystem wiedergegeben, ihre De- Einheiten der übrigen physikalischen Größen
finitionen und ihre relative Messunsicherheit werden aus den Basiseinheiten entspre-
angegeben. chend ihrer Definitionsgleichung abgeleitet.

Abb. 1.4 Die Cäsium-Atomuhren CS1, CS2 und CS3 der PTB Braunschweig, aufgestellt in der abgeschirmten und
klimatisierten Atomuhrenhalle
14 1. Einführung

Eine Auswahl abgeleiteter Einheiten zeigt DIN 55 350: Qualitätssicherung und Statis-
Tabelle 1.3. tik.
Bei der theoretischen Beschreibung der er-
mittelten Zusammenhänge zwischen den phy- Zur grafischen Analyse der Messwertschwan-
sikalischen Größen ergeben sich universelle kungen dient das Histogramm. Ein Beispiel
Proportionalitätskonstanten, die Naturkon- hierfür zeigt Abb. 1.5. In dieses wird balken-
stanten. Einige dieser Naturkonstanten sind förmig über dem Messwert x die relative Häu-
in Tabelle 1.4 aufgeführt. figkeit hj des Messwerts aufgetragen:

1.3.2 Messgenauigkeit Nj
hj = . (1.2)
N
Die Messung einer physikalischen Größe er-
folgt durch den Vergleich der Einheit dieser
Nj ist die Anzahl des Messwerts xj bei N Mes-
Größe nach der Messmethode der SI-Verein-
sungen der Messgröße x.
barung oder einem darauf geeichten Messver-
Bei zufälligen Messabweichungen ist die Häu-
fahren. Oft werden die Messwerte von Wie-
figkeitsverteilung symmetrisch zu einem häu-
derholungsmessungen Abweichungen unter-
figsten Wert, dem Erwartungswert μ. Bei ei-
einander haben, die kennzeichnend für die
ner Wiederholungsmessung wird dieser Er-
Messgenauigkeit sind. Wie Tabelle 1.5 zeigt,
wartungswert mit größter Wahrscheinlichkeit
ist dabei zwischen den systematischen, für
gemessen. Vom häufigsten Wert abweichende
das Messverfahren charakteristischen Abwei-
Messwerte xj werden umso seltener gemessen,
chungen und den zufälligen oder statistischen,
je größer ihre Abweichung dj = xj − μ vom
vom Experimentator abhängigen Abweichun-
Erwartungswert μ ist.
gen zu unterscheiden.
Wird die Anzahl der Wiederholungsmessun-
Um systematische Abweichungen aufzude-
gen stark erhöht, so geht die Häufigkeitsver-
cken, werden in der Prüfpraxis Ringversuche
teilung h(xj ) in eine glockenförmige Normal-
durchgeführt, bei denen dieselbe Probe von
verschiedenen Prüfstellen gemessen und die
Ergebnisse anschließend verglichen werden.
Aus den zufälligen Abweichungen wird durch
die Fehlerrechnung die Messgenauigkeit des
angewandten Messverfahrens bestimmt. Die
mathematischen Grundlagen für diese Ana-
lyse der Messgenauigkeit sind in Lehrbüchern
der Statistik und Wahrscheinlichkeitstheorie
beschrieben. Die praxisgerechten Verfahren
sind in Normen zusammengefasst:

DIN EN 1 319: Grundbegriffe der Messtech-


nik,
DIN 55 302: Statistische Auswerteverfah- Abb. 1.5 Histogramm der Häufigkeitsverteilung hj
ren, (T) bei einer Schwingungsdauermessung sowie die
DIN 55 303: Statistische Auswertung von Normalverteilungskurve nach (1.3) für μ = T und
Daten, σ2 = s2T mit T = 1, 2116 s und sT = 0, 0172 s
1.3 Physikalische Größen 15

Tabelle 1.5 Abgrenzung zwischen systematischen und statistischen Abweichungen

systematische Abweichungen statistische Abweichungen

Hinweise unsymmetrische Häufung der Messwerte symmetrische Häufung der Messwerte um


von Wiederholungsmessungen einen häufigsten Wert
Ursachen falsche Kalibrierung der Messgeräte (z. B. Schwankungen beim Anlegen von Maß-
falsch eingestellter Nullpunkt) stäben (z. B. mangelnde Geschicklichkeit,
Ablesefehler (z. B. Parallaxenfehler bei elektronische Triggerschwankungen)
Zeigerinstrumenten) Schätzung von Zwischenwerten auf Maß-
falsche Messgerätejustierung (z. B. nicht stäben
horizontale Aufstellung)
Messwertdriften (z. B. Messverfahren
verändert die Messgröße)
Abhilfen Konsistenzmessungen (z. B. Eichpunkte, keine (Messgenauigkeit des Messverfah-
Messbereichsumschaltung) rens entspricht Messfehler)
stabilisierende Maßnahmen (z. B.
Thermostatisierung, Vakuumschutz)
Einsatz unterschiedlicher Messverfahren
Charakterisierung Angabe von Namen, Institut (amtliche Angabe der Abweichung nach
Zulassung, Prüfstelle), Messdatum und mathematischer Analyse der Messwerte
verwendeten Messgeräten (Fehlerrechnung)

Verteilung der Messwerte über. Im Grenzfall


b21/ 2
liegen die Werte des Histogramms auf der von σ2 = = 0,18 b21/2 . (1.4)
C.F. Gauß aufgestellten Verteilungsfunktion 8 ln 2

1 (x−μ)2
h(x) = √
− Aus der Häufigkeitsverteilung h(xj ) einer end-
e 2σ2 . (1.3)
2πσ 2 lichen Anzahl N von Messungen der m diskre-
ten Messwerte x1 , …, xm lassen sich für den
h(x) dx ist die Wahrscheinlichkeit, dass bei ei- Erwartungswert μ und die Varianz σ 2 nach
ner Wiederholungsmessung der Messwert x der Theorie der Beobachtungsfehler von Gauß
zwischen x und x + dx liegt. Die Funktion h(x) Schätzwerte berechnen. Demnach ist die beste
ist symmetrisch zum √Erwartungswert μ und Näherung für μ der arithmetische Mittelwert x
durch den Faktor 1/ 2πσ 2 so normiert, dass aus den Messwerten. Die theoretischen Bezie-
die Wahrscheinlichkeit 1 ist, bei einer Wie- hungen zur Berechnung der Schätzwerte sind
derholungsmessung einen Wert x im Bereich in Tabelle 1.6 zusammengestellt.
−∞ < x < +∞ zu finden. Die Varianz σ 2 ist Charakteristisch für die Varianz σ 2 und da-
ein Maß für die Breite der Verteilungsfunktion mit die Breite der Häufigkeitsverteilung ist
h(x) : 68,3% der Messwerte liegen im Bereich die Summe der quadratischen Abweichungen
x = μ ± σ und 95,4% im Bereich x = μ ±2σ . Die (xi − x0 )2 von einem Festwert x0 , die Fehler-
Varianz σ 2 kann auch aus der Halbwertsbreite summe FS. Die Fehlersumme hat den mini-
b1/ 2 , d. h. der Breite der Glockenkurve in hal- malen Wert FSmin , wenn für den Festwert der
ber Höhe des Maximums der Gauß-Verteilung, arithmetische Mittelwert x eingesetzt wird. Mit
bestimmt werden; es ist Hilfe der minimalen Fehlersumme lässt sich
16 1. Einführung

Tabelle 1.6 Beziehungen zur Berechnung der Kennwerte der Fehlerrechnung

Kennwerte der Fehlerrechnung Beziehungen

1 N
x arithmetischer Mittelwert; Schätzwert für den Erwar- x= xi (1.5)
N i=1
tungswert

N
FSmin minimale Fehlersumme einer Anzahl von N Messwerten FSmin = (xi − x)2
i=1

N
= x2i − N x2 (1.6)
i=1

FSmin
s Standardabweichung des Messwerts bzw. s= (1.7)
N −1
Messverfahrens; Schätzwert für die Varianz
s
x Standardabweichung des arithmetischen Mittelwerts x = √ (1.8)
N
uz Zufallskomponente der Messunsicherheit mit tP -Faktor uz = x tP (1.9)
der Student-Verteilung

als Breitenmaß der Häufigkeitsverteilung die weichung des arithmetischen Mittelwerts Δx


Standardabweichung s berechnen; s ist die mi- in Tabelle 1.6 ist ein Maß für die Abweichung
nimale Fehlersumme FSmin , normiert auf die zwischen Schätzwert x und wahrem Wert μ.
Anzahl nw = N − 1 der Wiederholungsmes- Häufig liegt bei Messungen die Anzahl der
sungen. Die Standardabweichung s hat die- Wiederholungsmessungen, d. h. die Anzahl
selbe Maßeinheit wie die Messgröße x. Nach der Messungen N abzüglich der Anzahl der
der Theorie der Beobachtungsfehler ist s2 der gesuchten Erwartungswerte unter zehn. Bei
beste Schätzwert für die Varianz σ 2 . In Abb. 1.5 einer solchen kleinen Anzahl von Messungen
ist in das Histogramm die Verteilungsfunktion ähnelt in der Regel das Histogramm Abb. 1.5
h(x) nach (1.3) eingezeichnet, wenn an Stelle μ nur sehr entfernt einer Normalverteilungs-
und σ 2 die nach Tabelle 1.6 berechneten Werte kurve nach (1.3). Dementsprechend ungenau
x und s2 gesetzt werden. ist die Abschätzung des Erwartungswertes der
Die Genauigkeit eines Messverfahrens be- Messgröße durch das arithmetische Mittel der
stimmt die Breite der Häufigkeitsverteilung. Messwerte. Die Güte dieser Abschätzung wird
Die Standardabweichung s charakterisiert durch einen Vertrauensbereich um den arith-
somit die Messgenauigkeit des verwendeten metischen Mittelwert gekennzeichnet, in dem
Messverfahrens und kann deshalb durch der Erwartungswert der Messgröße mit einer
Wiederholungsmessungen nicht erhöht wer- vom Experimentator vorzugebenden Wahr-
den; dazu muss das Messverfahren geändert scheinlichkeit, der statistischen Sicherheit P,
werden. liegt.
Dagegen erhöhen Wiederholungsmessun- Nach der Theorie der Beobachtungsfehler (t-
gen die Genauigkeit, sodass der berechnete Verteilung nach Student, alias W.S. Gosset,
arithmetische Mittelwert x mit dem Erwar- 1876 bis 1937) sind bei normalverteilten Mess-
tungswert μ als wahrem häufigsten Wert der größen die Vertrauensgrenzen für den Erwar-
Messgöße übereinstimmt. Die Standardab- tungswert abhängig von der Anzahl N der
1.3 Physikalische Größen 17

Messungen und der Standardabweichung s des Tabelle 1.7 Zahlenwerte nach DIN EN 1319
Messverfahrens: und Anpassungspolynom des t-Faktors der
Vertrauensgrenzen für verschiedene statistische
obere Vertrauensgrenze: xo = x + uz , Sicherheiten
untere Vertrauensgrenze: xu = x − uz . Anzahl der statistische Sicherheit P
Wiederholungs-
Die Messunsicherheit uz , die den Vertrauens- messungen 68,3% 95,4%
bereich des statischen Messwerts abgrenzt, be- nw = N − k t0,68 t0,95
rechnet sich nach (1.17) in Tabelle 1.6 und
hängt von der Standardabweichung Δx des 1 1,84 12,71
arithmetischen Mittelwerts ab. 2 1,32 4,30
3 1,20 3,18
Der Faktor t folgt aus der Student-t-Verteilung 4 1,15 2,78
und ist abhängig von der Anzahl der Wieder- 5 1,11 2,57
holungsmessungen und der geforderten sta- 7 1,08 2,37
tistischen Sicherheit P. In Tabelle 1.7 sind für 10 1,06 2,25
verschiedene Werte der statistischen Sicher- 20 1,03 2,09
50 1,01 2,01
heit P Werte für den t-Faktor aufgeführt. In der
100 1,00 1,98
Physik und in der Vermessungstechnik rech- > 100 1,00 1,96
net man mit der statistischen Sicherheit P =
Anpassungs- t0,68 =1 t0,95 = 1,96
68,3%. In diesem Fall entspricht die Messun- polynom
sicherheit uz gerade der Standardabweichung 0,584 3,012
+ +
Δx des arithmetischen Mittelwerts. In der In- nw nw
dustrie dagegen bevorzugt man die höhere sta- 0,032 1,273
− 2 − 2
tistische Sicherheit von P = 95,4%. Deshalb nw nw
0,288 8,992
muss bei der Angabe der Messunsicherheit + 3 + 3
nw nw
bzw. des Vertrauensbereichs stets die gewählte
statistische Sicherheit P angegeben werden.
Liegt neben der statistischen Messunsicher-
heit uz auch noch eine systematische Mess-
unsicherheit us vor, so ist als Gesamt-Mess- cherheit wird allerdings in der Praxis oft weg-
unsicherheit die Summe, also der Wert ug = gelassen. Dies kann zu Verwirrungen führen.
uz + us , anzugeben. So kann beispielsweise die Temperaturmes-
Das Ergebnis von N Messungen der Mess- sung mit einem Thermometer mit 1/10 ◦ C Tei-
größe x mit einem Messverfahren, dessen lung bei einer Kalibrierung mit der statisti-
Messgenauigkeit durch die Standardabwei- schen Sicherheit von 68,3% eine Messgenauig-
chung s gekennzeichnet ist, wird in der Form keit von ug = 0,1 K aufweisen. Für den Einsatz
in der Industrie mit einer Anforderung an die
s statistische Sicherheit von 95,4% muss für die-
xP = x ± tP √ (1.10) ses Thermometer die doppelte Messungenau-
N
igkeit ug = 0,2 K angegeben werden.
Wie aus (1.10) hervorgeht, nimmt die Mess-
angegeben. Der Index P kennzeichnet bei sehr unsicherheit von x nur mit der Wurzel der
genauen Messungen die gewählte statistische Messungen ab. Deshalb steigern viele Wieder-
Sicherheit. Die Angabe der statistischen Si- holungsmessungen die Messgenauigkeit des
18 1. Einführung

Erwartungswertes der Messgröße nur noch 1.3.4 Kurvenanpassung


wenig.
Außer der direkten Bestimmung von Mess-
In Tabelle 1.6 sind die absoluten Standardab-
werten für einzelne physikalische Größen
weichungen zusammengestellt. Zum Vergleich
f, beispielsweise der Länge oder der Masse
der Genauigkeiten verschiedener Messverfah-
eines Körpers, wird in Physik und Technik
ren werden häufig die relativen Standardab-
die Messtechnik dazu eingesetzt, Theorien
weichungen des Messverfahrens s/ x bzw. des
von Naturvorgängen zu überprüfen und die
arithmetischen Mittelwerts Δx/ x herangezo-
Parameter dieser Theorien experimentell
gen. Die Relativwerte werden dabei jeweils
zu bestimmen. Dabei werden für unter-
auf den arithmetischen Mittelwert x bezo-
schiedliche Messvariablen x1 , x2 , x3 , … die
gen und in Prozentwerten (1% = 10−2 ), Pro-
Messwerte f1 , f2 , f3 , … der physikalischen
mille (1 ‰ = 10−3 ) oder parts per million
Größe f gemessen, mit den theoretischen
(1 ppm = 10−6 ) angegeben.
Werten f (x1 ; a0 , a1 , …), f (x2 ; a0 , a1 , …),
f (x3 ; a0 , a1 , …)… verglichen und die Pa-
1.3.3 Fehlerfortpflanzung rameter a0 , a1 , … der Theorie so gewählt, dass
Oft werden die physikalischen Größen f (x, y, die theoretischen Werte der physikalischen
z, …) nicht direkt gemessen, sondern indirekt Größe f im Rahmen der Messgenauigkeit
aus den Messungen der Teilgrößen x, y, z, … mit den Messwerten übereinstimmen. Lassen
bestimmt, beispielsweise die Dichte ρ eines zy- sich die Messwerte nicht durch die theore-
lindrischen Körpers aus den Messungen der tischen Kurven anpassen, so ist entweder
Masse, des Durchmessers und der Höhe. Als die zugrunde liegende Theorie falsch oder
Messergebnisse liegen also die arithmetischen die Messung mit systematischen Messfehlern
Mittelwerte und die Standardabweichungen behaftet. Eine für die theoretische Elementar-
der Teilgrößen vor. Nach dem Fehlerfortpflan- teilchenphysik bahnbrechende experimen-
zungsgesetz von Gauß lassen sich aus die- telle Untersuchung mit Fehleranalyse zeigt
sen Werten der Teilgrößen der wahrschein- Abb. 1.6.
liche Wert f der indirekt gemessenen Größe
f (x, y, z, …) und deren Standardabweichun-
gen nach den Beziehungen in Tabelle 1.8 er-
rechnen.
Häufig wird (1.20) in Tabelle 1.8 für die
Standardabweichung mit Hilfe des absolu-
ten Größtfehlers Δf nach (1.11) abgeschätzt.
Besonders einfach lässt sich der relative
Größtfehler Δf / f einer Größe f = xk ym zn
berechnen, die über Potenzprodukte von den
Teilgrößen abhängt:
Abb. 1.6 PETRA-Experimente am Deutschen
     
Δf  Δx   Δy   Δz  Elektronen-Synchrotron (DESY) bewiesen 1983 das
= |k|  + |m|  + |n|  .
    Versagen der reinen Quanten-Elektrodynamik (QED)
f x y z
bei der Erzeugung von Myonen und bestätigten
(1.11) im Rahmen der Messgenauigkeit die Theorie der
elektroschwachen Wechselwirkung (QED + WEAK)
1.3 Physikalische Größen 19

Tabelle 1.8 Beziehungen für die Kennwerte der Fehlerrechnung indirekt gemessener physikalischer Größen

Kennwerte der Fehlerfortpflanzung der Beziehungen


Fehlerrechnung

f wahrscheinlichster Wert der f = f (x, y, z, …) (1.12)


indirekt gemessenen
physikalischen Größe f  2  2  2
∂f ∂f ∂f
sf Standardabweichung der sf = s2x + s2y + s2z + … (1.13)
Größe f bzw. des indirekten
∂x ∂y ∂z
Messverfahrens für f      
 ∂f   ∂f   ∂f 
Δf absoluter Größtfehler der Δf =   Δx +   Δy +   Δz + … (1.14)
Größe f bzw. des Messverfah-
∂x ∂y ∂z
rens für f
x, y, z, … arithmetische Mittelwerte der Teilmessgrößen x, y, z, …
Δx, Δy, Δz, … Standardabweichungen der Mittelwerte x, y, z, …
∂f ∂f ∂f
, , , … partielle Ableitungen der Funktion f (x, y, z, …) nach den Teilgrößen x, y, z, … an der
∂x ∂y ∂z Stelle x, y, z, …

Sind die Messfehler der Messwerte f1 , f2 , …


zufällig und unterliegen sie dem Normalver- 
N
∂f
−2 gi [fi − f (xi ; a0 , a1 , …)] =0,
teilungsgesetz, so sind nach der Theorie der i=1
∂a0
Beobachtungsfehler von Gauß die Parameter (1.16a)
a0 , a1 , … der Theorie am wahrscheinlichsten,

N
∂f
für die die Fehlersumme, d. h. die Summe der −2 gi [fi − f (xi ; a0 , a1 , …)] =0
Quadrate der Abweichungen, ein Minimum ist: i=1
∂a1
(1.16b)

N
und so fort .
FS = gi [fi − f (xi ; a0 , a1 , …)]2
i=1

→ Minimum (1.15) Für Linearkombinationen der Parameter


a0 , a1 , … ist das Normalgleichungssystem
Mit den Gewichten gi können die Beiträge linear und geschlossen lösbar. Abbildung 1.7
einzelner Messwerte zur Fehlersumme unter- gibt einen Überblick über Funktionen f
schiedlich gewichtet werden. mit linearen Normalgleichungen. Die Stan-
Es wird bei diesem Ansatz vorausgesetzt, dass dardabweichungen sa0 , sa1 , … der Parameter
die Abweichungen fi − f (xi ; a0 , a1 , …) vonein- lassen sich aus dem Wert des Minimums der
ander unabhängig sind und die Standardab- Fehlersumme FSmin , der Anzahl der Wieder-
weichung der Messungen fi für alle Maßvaria- holungsmessungen nw und aus den Gewichten
blen xi , denselben Wert s hat. g1 , g2 , … der Messwerte ermitteln.
Die Forderung dieser Methode der kleinsten Oft lässt sich eine theoretische Beziehung y =
Quadrate führt auf ein System von Normalglei- f (x; a0 , a1 ) durch eine Transformation  = (y)
chungen für die Parameter a0 , a1 , …: in eine Geradendarstellung  = m x + a um-
20 1. Einführung

Abb. 1.7 Funktionen mit einem linearen Normalgleichungssystem für die Parameter der Kurvenanpassung

formen. Die Parameter Steigung m und Ach-


1
senabschnitt a dieser Geradendarstellung (x) gi = 2 . (1.18)
können dann entweder rechnerisch oder gra- ∂(yi )
s2y
fisch durch eine Regressionsgerade ermittelt ∂yi
werden. Durch die Umformung von y = f (x) in
 = (x) ändern sich jedoch die Gewichte gi der
einzelnen Messwerte; die Fehlersumme lautet In Abb. 1.8 sind für die Spezialfälle der linea-
dann ren, logarithmischen und exponentiellen Re-
gression die Lösungen für die Mittelwerte und
Standardabweichungen der Parameter zusam-

N
mengestellt.
FS = gi (i − m xi − a)2 . (1.17)
Die Vertrauensgrenzen uz , die die statistische
i=1
Messungenauigkeit begrenzen, ergeben sich je
nach geforderter statistischer Sicherheit aus
Ist die Standardabweichung sy für alle Werte yi dem Faktor t von Tabelle 1.7. Es ist zu be-
gleich und kann die Messungenauigkeit der achten, dass bei k Parametern und N Messun-
Werte xi vernachlässigt werden, so ergeben gen die Anzahl der Wiederholungsmessungen
sich die Gewichte gi aus nw = N − k beträgt. So ist bei der Regressions-
1.3 Physikalische Größen 21

Ausgleichsgerade auch grafisch durch die


Messwerte gelegt werden. Der Parameter a
ergibt sich aus dem Achsenabschnitt der
Ausgleichsgerade, m aus der Steigung.
Die Standardabweichungen Δm und Δa der Pa-
rameter lassen sich durch 2 Grenzgeraden I
und II an die Messwerte abschätzen, die durch
1 N
den Schwerpunkt der Messwerte ys = yi
N i=1
1 
N
und xs = xi zu legen sind. Eine der
N i=1
Grenzgeraden ist die steilste, die andere die
flachste mögliche Gerade durch die Messwerte,
wie Abb. 1.9 zeigt. Aus den der Zeichnung ent-
nommenen Parametern mI , aI sowie mII und
aII der Grenzgeraden werden die Anpassungs-
fehler in folgender Weise bestimmt:

 I 
 m − mII 

Δm = ±   , (1.20a)
2 
Abb. 1.8 Kurvenanpassung durch lineare,  I  
 a − aII 
logarithmische und exponentielle Regression Δa = ±   + |Δys | . (1.20b)
2 

geraden die Anzahl der Wiederholungsmes- Δys ist die geschätzte Standardabweichung der
sungen nw = N − 2. Das Ergebnis der Kurven- Ordinate ys des Schwerpunkts der Messwerte.
anpassung ist Die grafische Bestimmung der Ausgleichsgera-
den und die Analyse der Anpassungsgenauig-
sa keit über Randgeraden sind naturgemäß sehr
a = a ± t(nw ) √ . (1.19)
N

1.3.5 Ausgleichsgeradenkonstruktion

Eine zeichnerische Darstellung der Mess-


punkte und des Verlaufs der angepassten
theoretischen Kurve eignet sich besonders gut
für die schnelle Beurteilung, ob die Theorie
im Rahmen der Messgenauigkeit mit den
Messwerten übereinstimmt. Wird ein linea-
rer Zusammenhang y = mx + a zwischen
der Messvariablen x und der Messgröße y Abb. 1.9 Grafische Kurvenanpassung für das
erwartet, so kann im Messdiagramm die Thermoelement Cu–CuNi an die Eichkurve
22 1. Einführung

subjektiv. Doch bei einiger Messerfahrung ge-  


  
lingt es, die rechnerisch ermittelten wahr-  N 
 (xi − x)(yi − y) 
scheinlichsten Werte und den Vertrauensbe-  i=1 

r =   ,
reich für eine statistische Sicherheit von 68,3% 
 N 
N 
in guter Annäherung auch auf grafischem Weg  (xi − x)2 (yi − y) 
2

i=1 i=1
wiederzugeben.
(1.21a)
 

 
1.3.6 Korrelationsanalyse 
N
2 − Nx 

x 2

i=1 i 
In der Messwertanalyse wird die Methode der r = m


 
 (1.21b)
 y2 − Ny2 
N
Regressionsgeraden benutzt, um zu untersu-  i 
 i=1 
chen, ob zwischen den N Messwerten oder
Merkmalen yi und xi einer zweidimensiona-
len Häufigkeitsverteilung yi = y(xi ) ein Zu- mit
sammenhang besteht. Ist der Zusammenhang
1 
N
linear bzw. ist eine Proportionalität zwischen als dem Mittelwert der
x= xi
den Werten yi und xi vorhanden, dann liegen N i=1 Merkmale xi ,
diese Wertepaare auf einer Regressionsgera-
1 
N
als dem Mittelwert des
den. Sind die Werte yi und xi dagegen vonein- y= yi
N i=1 Merkmals yi
ander unabhängig, dann streuen die Punkte in
der yi (xi )-Darstellung regellos, sodass sich ein und
„Sternenhimmel“ gemäß Abb. 1.10a ergibt.
Ein Maß für die Wahrscheinlichkeit, dass ein 
N
xi yi − N x · y
i=1 als der Steigung der
linearer Zusammenhang zwischen yi und xi m=
besteht, ist der Betrag des Korrelationskoeffi- 
N Regressionsgeraden.
x2i − N x2
zienten r: i=1

Abb. 1.10 Korrelationsanalyse der mittleren täglichen Heizleistung eines Wohnhauses:


a) Zusammenhang zwischen Heizleistung und Außenlufttemperatur; Korrelation unwahrscheinlich (r < 0,5);
b) Zusammenhang zwischen Heizleistung und äquivalenter Außentemperatur (unter Berücksichtigung von
Sonnenzustrahlung und Windeinfluss); Korrelation wahrscheinlich (r > 0,9)
1.3 Physikalische Größen 23

Der Korrelationskoeffizient r ist also propor- Φ = (16 ± 0,1)W , b = (495 ± 1) mm,


tional zur Steigung m der Regressionsgeraden s = (80 ± 1) mm , T2 = (15 ± 0,1) ◦ C ,
durch die Messwerte xi , yi . Nach (1.21b) a = (500 ± 1) mm , T1 = (6 ± 0,1) ◦ C .
berechnet eine Reihe von Taschenrechner-
programmen den Korrelationskoeffizienten r. a) Wie groß ist der wahrscheinlichste Wert der Wär-
Liegt der Korrelationskoeffizient nahe bei meleitfähigkeit?
r = 1 (also 0,8 < r ≤ 1,0), etwa entspre- b) Wie groß ist die Standardabweichung sλ der Wär-
meleitfähigkeit?
chend Abb. 1.10b, dann besteht mit großer
c) Wie groß ist der relative Größtfehler der Wärme-
Wahrscheinlichkeit eine lineare Beziehung leitfähigkeitmessung?
zwischen den Messwerten bzw. Merkmalen
yi , und xi . Ein Zusammenhang zwischen den
beiden Merkmalen yi und xi ist unwahrschein- Ü 1.3-3 Für das Thermoelement-Material Cu–CuNi
lich, wenn der Korrelationskoeffizient wie in soll die thermoelektrische Beziehung für die Bezugs-
Abb. 1.10a im Bereich 0 ≤ r < 0,5 liegt. temperatur ϑ0 = 0 ◦ C

Zur Übung Uth = a1 ϑ + a2 ϑ2


Ü 1.3-1 Die Schwingungsdauer eines Fadenpendels
wird mit einer Stoppuhr 25-mal gemessen. Es ergeben an die Werte der folgenden Wertetabelle rechnerisch
sich folgende Messwerte: und grafisch angepasst werden. Zu bestimmen sind
die wahrscheinlichsten Werte der Thermomaterial-
T = 1,21 s; 1,20 s; 1,23 s; 1,19 s; 1,21 s; 1,22 s; 1,18 s; konstanten a1 und a2 und der Vertrauensbereich für
1,21 s; 1,24 s; 1,20 s; 1,21 s; 1,25 s; 1,19 s; 1,20 s; eine statistische Sicherheit P = 68, 3%.
1,22 s; 1,21 s; 1,19 s; 1,23 s; 1,21 s; 1,22 s; 1,20 s; Wertetabelle für Cu–CuNi:

1,24 s; 1,21 s; 1,22 s; 1,20 s.

a) Berechnet werden soll der wahrscheinlichste Wert Tag-Nr. mittlere mittlere äquivalente
der Schwingungsdauer. tägliche Außenluft- Außentem-
b) Wie groß ist die Standardabweichung und damit Heizleistung temperatur peratur
die Genauigkeit des Messverfahrens? kW ◦C ◦C

c) Wie groß ist die Standardabweichung des arith-


metischen Mittelwerts? 1 85 2,3 0,8
d) Welchen Wert hat die Grenze uz des Vertrauens- 2 81 1,5 0,4
bereichs, wenn eine statistische Sicherheit von 3 67 0,6 3,2
P = 95% verlangt wird? 4 93 0,6 −3,0
5 81 3,2 1,2
6 88 2,8 −0,7
Ü1.3-2 Die Wärmeleitfähigkeit λ eines Stoffes wird im 7 102 2,2 −2
Plattengerät nach DIN 52 612 unter stationären Tempe- 8 73 6,0 0,6
raturbedingungen aus der Messung der Probendicke s, 9 65 6,2 4,2
der Kantenlängen a und b der plattenförmigen Probe, 10 64 3,4 3,5
aus den Oberflächentemperaturen T1 und T2 auf der 11 78 1,0 0,2
Kalt- und Warmseite sowie aus dem Wärmestrom Φ 12 65 0,5 2,0
durch die Probe bestimmt. Es gilt 13 81 1,8 0,7
14 74 3,0 1,4
Φs
λ= . 15 65 4,0 2,6
a b (T2 − T1 ) 16 52 4,4 4,4
17 59 5,3 3,4
Die Messwerte bei einer Leichtbetonprobe sind
1. Einführung

ϑ/ ◦ C −40 −30 −20 −10 ßenflächen und die Wärmespeicherfähigkeit der Au-
Uth / mV −1,50 −1,14 −0,77 −0,39 enwandkonstruktion und wird aus den lokalen Kli-
ϑ/ ◦ C 0 +10 +20 +30 +40 madaten berechnet. Für einen 17-tägigen Messzyklus
Uth / mV 0 +0,40 +0,80 +1,21 +1,63 ergeben sich folgende Daten:

ϑ/ ◦ C +50 +60 +70 +80 a) Wie groß sind die Steigung und der Achsenab-
Uth / mV +2,05 +2,48 +2,91 +3,35 schnitt der Regressionsgeraden bei der Abhän-
gigkeit der mittleren Heizleistung von der Außen-
ϑ/ ◦ C +90 +100 +110 +120 lufttemperatur bzw. von der äquivalenten Außen-
Uth / mV +3,80 +4,25 +4,71 +5,18 temperatur (Abb. 1.10)?
b) Beurteilt werden soll anhand der Korrelationsko-
effizienten die Abhängigkeit der mittleren Heiz-
Ü 1.3-4 leistung von den beiden Parametern Außenluft-
Bei der energetischen Analyse eines Mehrfamilienhau- temperatur und äquivalenter Außentemperatur.
ses mit Zentralheizung wird die Abhängigkeit der mitt- c) Wie groß sind die Standardabweichungen der
leren Heizleistung je Tag von der mittleren Außenluft- Steigung und des Achsenabschnitts bei den bei-
temperatur untersucht. In einem weiteren Schritt wird den Regressionsgeraden?
zum Vergleich der Zusammenhang der Heizleistung d) Wie groß sind die Vertrauensbereiche für die
mit einer äquivalenten Außentemperatur analysiert. Steigung und den Achsenabschnitt der Regres-
Diese berücksichtigt die Einflüsse der Sonnenzustrah- sionsgeraden bei der statistischen Sicherheit P =
lung, der mittleren Windgeschwindigkeit an den Au 68,3%?
Kapitel 2
Mechanik 2

E. Hering et al., Physik für Ingenieure,


DOI 10.1007/978-3-642-22569-7_2, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2012
2 Mechanik
2.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
2.2 Kinematik des Punktes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
2.2.1 Eindimensionale Kinematik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
2.2.2 Dreidimensionale Kinematik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
2.2.3 Kreisbewegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
2.3 Grundgesetze der klassischen Mechanik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
2.3.1 Konzept der klassischen Dynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
2 2.3.2
2.3.3
Die Newton’schen Axiome. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Masse. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
41
42
2.3.4 Kraft. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
2.4 Dynamik in bewegten Bezugssystemen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
2.4.1 Relativ zueinander geradlinig bewegte Bezugssysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
2.4.2 Gleichförmig rotierende Bezugssysteme. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
2.5 Impuls . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54
2.5.1 Impuls eines materiellen Punktes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54
2.5.2 Impuls eines Systems materieller Punkte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
2.5.3 Raketengleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
2.6 Arbeit und Energie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
2.6.1 Arbeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
2.6.2 Leistung, Wirkungsgrad . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
2.6.3 Energie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
2.6.4 Energieerhaltungssatz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
2.7 Stoßprozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
2.7.1 Übersicht und Grundbegriffe. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
2.7.2 Gerader, zentraler, elastischer Stoß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
2.7.3 Gerader, zentraler, unelastischer Stoß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
2.7.4 Schiefe, zentrale Stöße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
2.8 Drehbewegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
2.8.1 Drehmoment. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
2.8.2 Newton’sches Aktionsgesetz der Drehbewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
2.8.3 Arbeit, Leistung und Energie bei der Drehbewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
2.8.4 Drehbewegungen von Systemen materieller Punkte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76
2.8.5 Analogie Translation und Rotation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
2.9 Mechanik starrer Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
2.9.1 Freiheitsgrade und Kinematik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
2.9.2 Kräfte am starren Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
2.9.3 Schwerpunkt und potentielle Energie eines starren Körpers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
2.9.4 Kinetische Energie eines starren Körpers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84
2.9.5 Massenträgheitsmomente starrer Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
2.9.6 Kreisel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
2.10 Gravitation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
2.10.1 Beobachtungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
2.10.2 Newton’sches Gravitationsgesetz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101
2.10.3 Hubarbeit und potentielle Energie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
2.10.4 Satellitenbahnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104
2.11 Mechanik deformierbarer fester Körper – Elastomechanik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
2.11.1 Elastische Verformung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
2.11.2 Plastische Verformung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
2.11.3 Härte fester Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik . . . . . . . . . . . . . 119
2.12.1 Ruhende Flüssigkeiten (Hydrostatik) und ruhende Gase (Aerostatik). . . . . . . . . . . . . . 121
2.12.2 Fluide – strömende Flüssigkeiten (Hydrodynamik) und Gase (Aerodynamik) . . . . . . . 133
2 Mechanik

2.1 Einführung und ihre mathematischen Methoden, wie z. B.


die Beschreibung von Bewegungsabläufen mit
Die Mechanik ist der Teil der Physik, der sich
Hilfe von Differential- und Integralgleichun-
mit der Zusammensetzung und dem Gleichge-
gen, sind für die ganze Physik von grundle-
wicht von Kräften, die auf einen ruhenden Kör-
gender Bedeutung. Die außerordentlichen Er-
per wirken (Statik), mit Bewegungsvorgängen
folge der Newton’schen Mechanik beispiels-
(Kinematik) und den Kräften als Ursache der
weise auch in den Gebieten Astronomie und
Bewegung (Dynamik) befasst. Die Dynamik
Wärmelehre nährten lange Zeit den Glauben,
wird auch als Kinetik bezeichnet oder dient als
dass sich alle Naturerscheinungen auf die Me-
Sammelbegriff für Statik und Kinetik.
chanik zurückführen ließen. Um die Wende
Eine Übersicht über die Bereiche der Mecha-
vom 19. ins 20. Jahrhundert wurde klar, dass
nik, die Zusammenhänge zwischen ihren Teil-
dies bei der Elektrodynamik nicht möglich ist.
gebieten und ihren wichtigsten Beziehungen
Ferner erkannte man, dass die Newton’sche
vermittelt Abb. 2.1.
Mechanik ganz klare Gültigkeitsgrenzen hat.
Die Mechanik nimmt unter den Teilgebieten
So liefert die klassische Mechanik falsche Vor-
der Physik eine besondere Stellung ein. Die
aussagen, wenn sich Objekte mit sehr großer
planmäßige Erforschung der Naturgesetze be-
Geschwindigkeit (insbesondere nahe Lichtge-
gann im 16. und 17. Jahrhundert in der Mecha-
schwindigkeit) bewegen. Dort wird sie abge-
nik. So wurde beispielsweise durch die Fallver-
löst von der durch Einstein (A. Einstein, 1879
suche von Galilei (G. Galilei, 1564 bis 1642)
bis 1955) begründeten relativistischen Mecha-
erstmals das gezielte Experiment als Hilfsmit-
nik. Im Bereich der atomaren Dimensionen
tel wissenschaftlicher Erkenntnis in der Physik
versagt die klassische Mechanik ebenfalls: Mi-
eingeführt (Abschn. 1.1, Abb. 1.1). Galileis Un-
kroobjekte gehorchen der Quantenmechanik
tersuchungen zur Dynamik wurden von Huy-
(Abschn. 1.2, Abb. 1.3).
gens (Chr. Huygens, 1629 bis 1695) fortge-
In diesem Abschnitt werden lediglich Ge-
führt und von Newton (I. Newton, 1643 bis
setze der klassischen Mechanik beschrieben
1727) zu einem gewissen Abschluss gebracht.
(Abb. 2.1).
Auf den Newton’schen Axiomen fußt das ganze
Gebäude der klassischen Mechanik, die ihm zu
Ehren auch als Newton’sche Mechanik bezeich-
2.2 Kinematik des Punktes
net wird.
Die allgemeinen Begriffe der Mechanik, wie Die Kinematik hat zur Aufgabe, die Bewegung
z. B. Masse, Kraft, Arbeit, Energie und Impuls, von Körpern zu beschreiben. Dies geschieht

M. Stohrer, E. Hering, R. Martin, Physik für Ingenieure.


DOI 10.1007/978-3-642-22569-7_2 © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2012
30 2 Mechanik

Abb. 2.1 Strukturbild der Mechanik

durch die Angabe von Ortskoordinaten und halb ausschließlich die Kinematik des einzel-
deren Zeitabhängigkeit. Bei komplizierten Ge- nen Punktes beschrieben. Die Kinematik der
bilden können einzelne Teile ganz verschie- starren Körper wird in Abschn. 2.9.1 erläutert.
dene Bewegungen ausführen. So ist etwa bei Die Kinematik befasst sich nicht mit der Frage
einem fahrenden Auto die Bewegung eines nach der Ursache einer bestimmten Bewe-
Punktes der Karosserie völlig verschieden von gung. Dies ist Aufgabe der Dynamik oder Ki-
jener eines Punktes auf einem Reifen. Für die netik. Die Kinematik ist eine reine Bewegungs-
vollständige Beschreibung des Bewegungszu- geometrie.
stands eines Systems sind demnach unter Um-
ständen viele Angaben erforderlich. Da aber 2.2.1 Eindimensionale Kinematik
jedes System aus einzelnen Punkten zusam-
mengesetzt ist, hat die Beschreibung der Be- 2.2.1.1 Geschwindigkeit
wegung eines einzelnen Punktes eine vorran- Eindimensional ist die Kinematik eines Punk-
gige Bedeutung. In diesem Abschnitt ist des- tes, wenn die Bewegung nur auf einer vorge-
2.2 Kinematik des Punktes 31

gebenen Bahn erfolgt, wie es beispielsweise


bei Schienenfahrzeugen und Werkzeugschlit-
ten der Fall ist. Eindimensional wird die Be-
wegung deshalb genannt, weil zur eindeutigen
Ortsbestimmung die Angabe einer Koordinate
ausreicht, ein solcher spurgeführter Punkt also
nur einen Freiheitsgrad hat. Die Lage eines
Punktes P ist eindeutig beschrieben, wenn ge- Abb. 2.3 Zur Definition der Geschwindigkeit, t Zeit
mäß Abb. 2.2 die längs der Bahn gemessene (sonstige Bezeichnungen wie in Abb. 2.1)
Entfernung s von einem Anfangspunkt A an-
gegeben ist.
Eine wichtige Grundgröße der Kinematik ist nach (2.1) ein Quotient aus der Weg- und
die Geschwindigkeit. Je größer die Geschwin- Zeitdifferenz bei verschwindend kurzem
digkeit eines Punktes ist, umso größer ist der Zeitintervall gebildet werden. Mathematisch
zurückgelegte Weg innerhalb einer bestimm- drückt man diesen Sachverhalt durch den
ten Zeitspanne. Befindet sich nach Abb. 2.3 Grenzübergang Δt → 0 aus:
ein Punkt zur Zeit t am Ort P1 , charakteri-
siert durch die Entfernung s(t) vom Ausgangs- Δs ds
punkt A, und zur Zeit t + Δt am Ort P2 mit  = lim = = ṡ . (2.2)
Δt→0 Δt dt
der Entfernung s(t + Δt), dann ist die mittlere
Geschwindigkeit
Der Differentialquotient nach der Zeit wird in
der Mechanik häufig mit einem aufgesetzten
s(t + Δt) − s(t) Δs
m = = . (2.1) Punkt symbolisiert. Der Differentialquotient
(t + Δt) − t Δt ds/ dt hat eine anschauliche Bedeutung:

Die abgeleitete SI-Maßeinheit der Geschwin- Die Geschwindigkeit ist die Steigung der
digkeit  ist 1 m/s. Andere Quotienten gesetz- Kurve in einem Weg-Zeit-Diagramm.
lich zugelassener Längen- und Zeiteinheiten,
wie z. B. km/h, sind ebenfalls möglich.
Beispiel
Wird die Zeitdifferenz Δt zu groß gewählt, 2.2-1 Abbildung 2.4 a zeigt ein Weg-Zeit-Diagramm
dann kann die tatsächliche Momentange- eines Fahrzeugs. Wie groß ist dessen minimale, maxi-
schwindigkeit  von der mittleren Geschwin- male und mittlere Geschwindigkeit?
digkeit m erheblich abweichen. Um die
Momentangeschwindigkeit zu erhalten, muss Lösung
Am Anfang und Ende des s, t-Diagramms hat
die Kurve eine waagrechte Tangente; hier liegt
also die minimale Geschwindigkeit  = 0 vor.
Der Punkt P auf der Kurve kennzeichnet den
Ort maximaler Steigung. Der Betrag der Stei-
gung lässt sich aus dem eingezeichneten Stei-
Abb. 2.2 Ortskoordinate eines Punktes P auf gungsdreieck ablesen, dessen Hypotenuse eine
vorgegebener Bahn s Weg vom Anfangspunkt A Tangente zur Kurve in P ist. Man erhält
32 2 Mechanik

30 km
max = = 2,36 km/min = 142 km/h . Ort zur Zeit t0 , dann ist der Ort s(t1 ) zur Zeit t1
12,7 min
gegeben durch das Integral
Die mittlere Geschwindigkeit für den Gesamt-
vorgang beträgt
t
30 km s(t) = s0 + (τ) dτ .
m = = 0,75 km/min = 45 km/h . (2.3)
40 min
t0
Bestimmt man nun im s, t-Diagramm von
Abb. 2.4 a an jedem Punkt die Steigung, so er-
hält man das kontinuierliche Geschwindigkeit- Weil dieses Integral die Bedeutung der Flä-
Zeit-Diagramm von Abb. 2.4 b. Liegt aber das che unter einer Kurve hat, kann der zurückge-
, t-Diagramm durch eine Messung bereits legte Weg durch Flächenbestimmung aus dem
vor, dann kann das zugehörige s, t-Diagramm , t-Diagramm gewonnen werden. Sehr häu-
durch Integration ermittelt werden. Ist s0 der fig liegen in der Praxis gemessene Kurven vor,
die nicht analytisch beschrieben werden kön-
nen. Bei solchen Kurven muss die Integration
bzw. Flächenbestimmung „numerisch“ durch-
geführt werden.
Als Beispiel einer solchen Integration ist in
Abb. 2.4 b die Fläche zwischen 0  t  15 min
rot eingezeichnet. Durch Auszählen von Ka-
ros auf Millimeterpapier ergibt sich die „Flä-
che“ 6,7 km. Zur Zeit t = 15 min ist also
s(15 min) = 6,7 km. Dieses Ergebnis stimmt
mit der Abb. 2.4 a gut überein.

2.2.1.2 Beschleunigung
Eine beschleunigte Bewegung liegt vor, wenn
sich die Geschwindigkeit im Lauf der Zeit än-
dert. Die Beschleunigung ist umso größer, je
stärker sich die Geschwindigkeit innerhalb ei-
ner Zeitspanne Δt ändert. Sind (t) die Ge-
schwindigkeit eines Punktes zur Zeit t und
(t + Δt) die Geschwindigkeit zur späteren Zeit
t + Δt, so ist die mittlere Beschleunigung

(t + Δt) − (t) Δ


am = = . (2.4)
(t + Δt) − t Δt

Die abgeleitete SI-Maßeinheit der Beschleuni-


Abb. 2.4 Bewegung mit ungleichförmiger gung a ist 1 m/s2 . Wie bei der Geschwindig-
Geschwindigkeit (Beispiel 2.2-1). a) Weg-Zeit- keit weicht im Allgemeinen die Momentanbe-
Diagramm, b) Geschwindigkeit-Zeit-Diagramm schleunigung a von der mittleren Beschleuni-
2.2 Kinematik des Punktes 33

gung am ab. Die Momentanbeschleunigung er-


hält man nach einem Grenzübergang für ver-
schwindend kurze Messzeiten aus

Δ d
a = lim = = ˙ . (2.5)
Δt→0 Δt dt

Die Beschleunigung kann anschaulich inter-


pretiert werden:

Die Beschleunigung ist die Steigung der


Kurve in einem Geschwindigkeit-Zeit-
Diagramm.

Beispiel
2.2-2 Bei einem mathematischen Pendel hängt an ei- Abb. 2.5 Beschleunigte Bewegung (Beispiel
nem Faden ein kleiner Körper mit vernachlässigba- 2.2-2). a) Geschwindigkeit-Zeit-Diagramm,
rer Ausdehnung. Die Geschwindigkeit dieses Massen- b) Beschleunigung-Zeit-Diagramm
punktes wird durch die Beziehung (t) = 0,25 m/s ·
sin(3,14 s−1 t) beschrieben und ist in Abb. 2.5 a darge-
stellt in der Zeitspanne 0 5 t 5 1 s. Wie lautet der Die rot eingezeichnete Fläche in Abb. 2.5 b
Ausdruck für die Beschleunigung des Punktes? Wie stellt beispielsweise die Geschwindigkeit zur
groß sind die Extremwerte?
Zeit t1 = 0,5 s dar. Weil die Beschleunigung
analytisch vorliegt, kann sofort integriert wer-
Lösung den. Man erhält
Für die Beschleunigung gilt
0,5 s
a = d/ dt = 0,79 m/s · cos (3,14 s t) .
2 −1
(0,5 s) = 0,79 m/s2 · cos(3,14 s−1 t) dt
0
Die Extremwerte sind amax = ±0,79 m/s2 bei = 0,25 m/s .
t = 0 bzw. t = 1 s. Den Verlauf zeigt Abb. 2.5 b.
Liegt die a, t-Kurve vor (z. B. mit einem Be-
schleunigungsaufnehmer gemessen), dann er- 2.2.1.3 Einfache Spezialfälle
gibt sich daraus die , t-Kurve durch Integra- Von Bedeutung sind die Spezialfälle der gleich-
tion: mäßigen Geschwindigkeit  = konstant und
der gleichmäßigen Beschleunigung a = kon-
t stant. Für diese Fälle liefern die allgemeinen
(t) = 0 + a(τ) dτ (2.6) Gleichungen verhältnismäßig einfache Aus-
t0
drücke, die in Abb. 2.6 zusammengefasst sind.
Sehr einfache Beschreibungen ergeben sich,
wenn die jeweiligen Integrationskonstanten 0
mit 0 als der Geschwindigkeit zur Zeit t0 . und s0 gleich null gesetzt werden.
34
2 Mechanik

Abb. 2.6 Translationsbewegung


2.2 Kinematik des Punktes 35

1
Ein allgemein bekanntes Beispiel für die Be- ymax = h + 20 / g = 11,27 m .
wegung mit konstanter Beschleunigung ist der 2
freie Fall an der Erdoberfläche. Alle Körper er-
fahren beim Fall im Vakuum die Fallbeschleu- Der Fall ist beendet, wenn y = 0 wird. Die
nigung g = 9,81 m/s2 . Beim Fall in der Luft zugehörige Zeit tf folgt aus der quadratischen
wirkt sich der Strömungswiderstand störend Gleichung (II):
aus, der aber in vielen Fällen vernachlässigt 1 2
werden kann. g t − 0 tf − h = 0 .
2 f
Beispiel
2.2-3 Von einem h = 10 m hohen Turm wird eine Für die Fallzeit des freien Falls ergibt sich all-
kleine Stahlkugel mit der Anfangsgeschwindigkeit v0 = gemein
5 m/s senkrecht nach oben geworfen. Für diesen Fall
sind die , t- und y, t-Diagramme zu zeichnen. Zu be-
rechnen sind die maximale Steighöhe, die Gesamtzeit,
die vergeht, bis die Kugel auf der Erde aufschlägt, und 0 + 20 + 2gh
die Endgeschwindigkeit, mit der die Kugel auf der Erde
tf = . (2.7)
g
ankommt.

In Beispiel 2.2-3 ist tf = 2,03 s (Abb. 2.7c). Die


Lösung
Abbildung 2.7a zeigt die gewählte Höhenkoor-
Geschwindigkeit f der Kugel am Ende des Falls
dinate. Die y-Achse weist senkrecht nach oben;
ergibt sich aus (I) mit der Zeit tf zu
y = 0 entspricht der Erdoberfläche. Die An-
fangsbedingungen zur Zeit t = 0 sind y(0) = h
und v(0) = + 0 . Die Beschleunigung ist a = −g
= konstant. Das Minuszeichen bringt zum Aus- f = − 20 + 2gh . (2.8)
druck, dass die Beschleunigung der positiven
y-Richtung entgegengesetzt ist.
Aus (2.6) bzw. Abb. 2.6 folgt für die Geschwin- In Beispiel 2.2-3 ist |f | = 14,9 m/s (Abb. 2.7 b).
digkeit Der freie Fall aus der Ruhe ist als Spezialfall
für 0 = 0 in den vorgenannten Herleitungen
(t) = 0 − gt . (I)
enthalten. So gelten z. B. für die Fallzeit aus der
Der Ort der Kugel ergibt sich aus (2.3) bzw. Höhe h
Abb. 2.6 zu
1 
y(t) = h + 0 t − gt2 . (II)
2 2h
tf = (2.9)
g
Die Gleichungen (I) und (II) sind in den ki-
nematischen Diagrammen Abb. 2.7b und 2.7c
dargestellt. Die maximale Steighöhe ist er-
reicht, wenn  = 0 geworden ist (Umkehr- und für die Endgeschwindigkeit
punkt). Aus (I) folgt für diesen Zeitpunkt
t(ymax ) = 0 / g = 0,51 s. 
Aus (II) erhält man die zugehörige Ortskoor- |f | = 2gh . (2.10)
dinate
36 2 Mechanik

2.2.2 Dreidimensionale Kinematik

2.2.2.1 Ortsvektor und Bahnkurve


Die Bewegung eines Punktes im dreidimensio-
nalen Raum hat drei Freiheitsgrade; zu seiner
eindeutigen Lagebestimmung ist die Kennt-
nis von drei Koordinaten erforderlich. Dazu
können beispielsweise die Komponenten eines
Ortsvektors r, der vom Ursprung eines Koor-
dinatensytems bis zum Ort des betreffenden
Punktes zeigt, benutzt werden. Wird gemäß
Abb. 2.8 ein kartesisches Koordinatensystem
verwendet, dann hat der Ortsvektor r(t), als
Spaltenmatrix geschrieben, die Komponenten
⎛ ⎞
x(t)
r(t) = ⎝ y(t) ⎠ .
z(t)

Werden die Ortsvektoren zu verschiedenen


Zeiten aufgezeichnet, wandert die Spitze der
Ortsvektoren auf der Bahnkurve des Punktes.
In diesem Abschnitt wird ausschließlich mit
kartesischen Koordinaten gearbeitet. Bei be-
stimmten Bewegungsabläufen ist jedoch die
Verwendung anderer Koordinatensysteme
(z. B. Kugelkoordinaten oder Zylinderkoordi-
naten) vorteilhaft.

2.2.2.2 Geschwindigkeitsvektor
Abbildung 2.9 zeigt die Bewegung eines Punk-
tes auf einer gekrümmten Bahnkurve. Es sind
zwei Ortsvektoren r zu den Zeiten t und t + Δt
eingezeichnet. In Analogie zur Definitionsglei-
chung (2.1) für die mittlere Geschwindigkeit
wird ein Vektor der mittleren Geschwindigkeit
definiert:

Abb. 2.7 Zu Beispiel 2.2-3: Senkrechter Wurf nach


oben. a) Höhenkoordinate, b) Geschwindigkeit-Zeit-
Diagramm, c) Weg-Zeit-Diagramm
2.2 Kinematik des Punktes 37

Der Vektor der Momentangeschwindigkeit 


ergibt sich wieder durch den Grenzübergang
Δt → 0:
⎛ ⎞
Δr dr ⎝ ẋ ⎠
 = lim = = ẏ . (2.12)
Δt→0 Δt dt

Der Betrag des Vektors  ist exakt gleich der


früher in (2.2) eingeführten Geschwindig-
keit, denn nach dem Grenzübergang besteht
zwischen Bogen und Sehne kein Unterschied
Abb. 2.8 Ortsvektor und Bahnkurve. mehr. Für die Richtung des Vektors gilt
x, y, z Raumkoordinaten, t Zeit
(Abb. 2.9):

Der Vektor  der Momentangeschwindig-


keit liegt stets tangential zur Bahnkurve.

Mit Hilfe des Tangenteneinheitsvektors etan


(Betrag eins, Richtung der Tangente an die
Bahnkurve) kann der Vektor der Geschwin-
digkeit auch so geschrieben werden:

 = etan . (2.13)

Abb.2.9 Zur Definition des Geschwindigkeitsvektors .


x, y, z Raumkoordinaten, t Zeit, s Weg, r Ortsvektor
2.2.2.3 Beschleunigungsvektor
Der Vektor der Beschleunigung wird als Ab-
leitung des Geschwindigkeitsvektors nach der
Zeit definiert:
r(t + Δt) − r(t) Δr
m = = . (2.11) ⎛⎞ ⎛ ⎞
(t + Δt) − t Δt ˙x ẍ
d ⎝ ⎠ ⎝ ⎠
a= = ˙y = ÿ . (2.14)
dt
˙z z̈
Dieser Vektor hat die Richtung des Differenz-
vektors Δr und gibt grob die Bewegungsrich-
tung an. Wenn die Zeitspanne Δt genügend Dieser Vektor steht, wie in Abb. 2.10 gezeigt,
klein ist, gilt |Δr| ≈ Δs. Damit ist der Betrag im Allgemeinen schief zur Bahnkurve. Seine
des Vektors m ungefähr gleich der mittleren Tangential- und Normalkomponenten atan und
Geschwindigkeit, wie sie in (2.1) definiert ist. anorm können berechnet werden, indem der
38 2 Mechanik

Abb. 2.10 Tangential- und Normalkomponenten des


Beschleunigungsvektors
Abb. 2.11 Zur Bestimmung der Differentialquotienten
detan / dt

Geschwindigkeitsvektor  = etan nach der


Zeit differenziert wird. Dies ergibt mit Hilfe Beträge gilt
der Produktregel der Differentialrechnung Δs |Δetan |
≈ = |Δetan | .
R |etan |
d detan
a = atan + anorm = etan +  .
dt dt Damit ist der Betrag des Differenzenquotien-
ten
Das erste Glied hat die Richtung der Tangente  
 Δetan  Δs m
 
 Δt  ≈ ΔtR = R .
und stellt die Tangentialkomponente der
Beschleunigung
Nach dem Grenzübergang Δt → 0 ergibt sich
d  
atan = etan (2.15)  detan  
 
dt  dt  = R .

Somit ist die Normalkomponente der Be-


dar. Der Betrag der Tangentialbeschleunigung
schleunigung
d/ dt ist identisch mit der Beschleunigung,
die bei der eindimensionalen Bewegung detan
durch (2.5) definiert wurde. anorm = oder
dt
Zur Bestimmung der Normalkomponente
anorm muss die Differentiation detan / dt durch-
geführt werden. Dazu wird zuerst der Dif- 2
ferenzenquotient Δetan /Δt bestimmt. Ab- anorm = enorm (2.16)
R
bildung 2.11 zeigt die Konstruktion des
Differenzvektors Δetan = etan (t + Δt) − etan (t).
mit enorm als dem Normaleinheitsvektor an der
Jede gekrümmte Bahn lässt sich auf einem
Bahnkurve.
mehr oder weniger langen Bogenstück Δs als
Kreis mit dem Krümmungsradius R annähern. Beispiel
Δetan steht senkrecht auf der Bahnkurve in 2.2-4 Eine kleine Kugel wird zur Zeit t = 0 mit der An-
Richtung Krümmungsmittelpunkt M. Für die fangsgeschwindigkeit 0 = 30 m/s unter dem Winkel
2.2 Kinematik des Punktes 39

β0 = 60◦ gegen die Horizontale abgeschossen. Unter


Vernachlässigung des Luftwiderstands soll die Bewe-
gung diskutiert werden.

a) Wie lauten die allgemeinen Ausdrücke für a(t), (t)


und r(t)?
Abbildung 2.12 zeigt das verwendete Koordinatensys-
tem. Beschleunigt wird die Kugel infolge der Schwer-
kraft nur senkrecht
  nach unten, also ist die Beschleu-
0
nigung a = . Für die Geschwindigkeit gilt
−g
Abb. 2.12 Zu Beispiel 2.2-4: Wurfparabel
 
0 cos β0
(t) = .
0 sin β0 − gt Am Scheitel ist y = 0 bzw. 0 sin β0 − g ts = 0; daraus
folgt
Der Ortsvektor hat die Form
0 sin β0
  ts = = 2,65 s .
0 t cos β0 g
r(t) = .
0 t sin β0 − 12 gt2 f) Wie groß ist der Krümmungsradius Rs der Wurfpa-
rabel im Scheitel?
Wird aus der x- und y-Komponente des Ortsvektors
die Zeit t eliminiert, so erhält man die Gleichung der Die Geschwindigkeit im Scheitel beträgt s =
Bahnkurve, die Wurfparabel: 0 cos β0 = 15 m/s. Nach (2.16) gilt |anorm | = 2 / R;
somit ist Rs = 2s / g = 22,94 m.

g
y = tan β x − x2 . (2.17)
220 cos2 β0 2.2.3 Kreisbewegungen

Bei einer Kreisbewegung ist die Normalkom-


b) An welchem Punkt P1 befindet sich die Kugel zur
Zeit t1 = 2 s? ponente der Beschleunigung stets zum Kreis-
 
30,00 m mittelpunkt gerichtet; man nennt sie deshalb
Der zugehörige Ortsvektor lautet r1 = .
32,34 m auch Zentripetalbeschleunigung. Ist r der Ra-
c) Wie groß sind Betrag und Richtung der Geschwin- dius des Kreises und  die Bahngeschwindig-
digkeit 1 zur Zeit t1 ?   keit, so gilt für die Zentripetalbeschleunigung
15,00 m/s
Der Geschwindigkeitsvektor lautet 1 = .
6,36 m/s
Der Betrag der Geschwindigkeit ist |1 | = 16,3 m/s. Der 2
|azp | = . (2.18)
Geschwindigkeitsvektor liegt tangential an der Parabel, r
sein Winkel gegen die x-Achse folgt aus tan β1 = 6,36
15 =
0,424 zu β1 = 23◦ .
d) Wie groß sind Normal- und Tangentialbeschleuni- Die Tangentialbeschleunigung |atan | = d/ dt
gung anorm (t1 ) und atan (t1 )? hängt davon ab, ob sich die Geschwindigkeit
Abbildung 2.12 zeigt die Komponentenzerlegung betragsmäßig ändert. Für Kreisbewegungen
von a. Es ergeben sich mit konstanter Geschwindigkeit ist atan = 0.
Bei der Kreisbewegung ist es häufig vorteilhaft,
|anorm (t1 )| = g cos β1 = 9,03 m/s2 und
anstatt der Größen r,  und a andere, speziell
|atan (t1 )| = g sin β1 = 3,83 m/s2 .
auf die Kreisbewegung angepasste Größen zur
e) Zu welchem Zeitpunkt ts erreicht die Kugel den Beschreibung des Bewegungsablaufs zu ver-
Scheitel S? wenden. Nach Abb. 2.13 lässt sich der Ort eines
40 2 Mechanik

Dieser steht senkrecht auf der Ebene der Kreis-


bahn. Die Richtung von ω ist nach Abb. 2.14
der Drehrichtung einer Rechtsschraube zuge-
ordnet. Liegt, wie in der oberen Hälfte von
Abb. 2.14 dargestellt ist, die Kreisbahn in der
Zeichenebene, wird die Richtung von ω durch
die Symbole für die Pfeilspitze oder das
Pfeilende ⊗ angezeigt. Die Winkelgeschwin-
digkeit hängt mit der Drehzahl oder Drehfre-
quenz n und der Periodendauer T zusammen:


ω = 2πn = . (2.21)
T

Abb. 2.13 Definition des Drehwinkels ϕ der


Kreisbewegung. r Radius, s Bogenlänge Mit der Winkelgeschwindigkeit ω schreibt
man die Zentripetalbeschleunigung azp nach
(2.18) in vektorieller Form:
Punktes P auf einem Kreis sowohl durch den
Drehwinkel ϕ als auch durch die Bogenlänge s
angeben. In der Kinematik empfiehlt es sich, azp = −ω2 r . (2.22)
den Winkel im Bogenmaß als Bogenlänge, be-
zogen auf den Radius, zu verwenden:
Bei beschleunigter Kreisbewegung gibt die
Winkelbeschleunigung α an, wie sich die Win-
s
ϕ= . (2.19) kelgeschwindigkeit mit der Zeit ändert:
r

dω d2 ϕ
Die SI-Maßeinheit für ϕ ist 1 m/m = 1 rad α= = . (2.23)
dt dt2
(Radiant). Der Winkel wird von der positiven
x-Achse aus im mathematisch positiven Sinn
(Gegenuhrzeigersinn) gemessen. Die SI-Maßeinheit für α ist 1 rad/s2 oder kurz
Ändert sich der Winkel mit der Zeit, dann gibt 1 s−2 . Auch die Winkelbeschleunigung ist ein
die Winkelgeschwindigkeit an, welcher Dreh- axialer Vektor. Bei positiver Beschleunigung
winkel in der Zeiteinheit überstrichen wird. ist α gleichsinnig parallel zu ω. Bei Brems-
Die Winkelgeschwindigkeit vorgängen sind α und ω entgegengesetzt
gerichtet.
Da die Größen ϕ, ω und α genauso mitein-
Δϕ dϕ
ω = lim = (2.20) ander verknüpft sind wie die Größen s,  und
Δt→0 Δt dt
a der eindimensionalen Kinematik, sind alle
Gleichungen in Abb. 2.6 direkt auf Kreisbe-
hat die Maßeinheit 1 rad/s oder kurz 1 s−1 . wegungen anwendbar, wenn jeweils einan-
Der Winkelgeschwindigkeit ω wird der Cha- der zugeordnete Größen nach dem Schema
rakter eines axialen Vektors zugeschrieben. s → ϕ,  → ω, a → α ausgetauscht werden.
2.2 Kinematik des Punktes 41

Abb. 2.14 Zur Definition der vektoriellen Winkelgeschwindigkeit ω bei verschiedenen Drehrichtungen.

Die Vektoren  und a der allgemeinen drei- a 2) Wie groß ist die Beschleunigung des Punktes und
dimensionalen Kinematik sind auf einfache welche Richtung hat sie?
Weise mit den entsprechenden Größen ω und Da es sich um eine gleichförmige Kreisbewegung han-
α verknüpft. Eine Zusammenstellung der Be- delt, besteht die Beschleunigung lediglich aus der
Zentripetalbeschleunigung, die zum Kreismittelpunkt
ziehungen enthält Tabelle 2.1. weist. Sie beträgt azp = ω2 r = 2 756 m/s2 oder das 281-
fache der Erdbeschleunigung.
Beispiel
2.2-5 Ein Autoreifen mit dem Radius r = 0,28 m a 3) Wie groß sind Drehzahl und Periodendauer?
rollt auf einer Ebene mit der Geschwindigkeit 0 = Nach (2.21) ergeben sich n = ω/ 2π = 15,8 s−1 =
100 km/h. Die Bewegung eines Punktes auf der Lauf- 947 min−1 und T = 63,3 ms.
fläche soll diskutiert werden, und zwar a) vom Stand- b 1) Wie lautet der Vektor der Geschwindigkeit (t)?
punkt eines mitfahrenden Beobachters, wo der Punkt Welchen Betrag und welche Richtung hat  in den
eine Kreisbahn beschreibt, und b) vom Standpunkt ei-
nes Beobachters auf der Straße, von dem aus der Punkt
auf der in Abb. 2.15 gezeigten Zykloide läuft. Die Pa-
rameterdarstellung der Zykloide ist x = r(ωt − sin ωt)
und y = r(1 − cos ωt).

a 1) Wie groß ist die Winkelgeschwindigkeit ω?


Beim Abrollen eines Rads ohne Schlupf ist die Ge-
schwindigkeit des Mittelpunktes identisch mit der
Umfangsgeschwindigkeit. Deshalb gilt ω = 0 / r = Abb. 2.15 Zykloide als Bahnkurve eines Punktes auf
99,2 rad/s. der Lauffläche eines Rads (Beispiel 2.2-5)
42 2 Mechanik

Tabelle 2.1 Kreisbewegungsgleichungen (r Radius, t Zeit, N Anzahl Umdrehungen)

Bewegungsgrößen gleichmäßige gleichmäßig beschleu- gleichmäßig beschleu-


Kreisbewegung nigte Kreisbewegung nigte Kreisbewegung
ϕ(t0 ) = ϕ0 ϕ(t0 ) = ϕ0 , ω(t0 ) = ω0 ϕ0 = 0, ω0 = 0, t0 = 0

Winkelbeschleunigung α=0 α = α0 α = α0 √
Winkelgeschwindigkeit ω = ω0 ω = ω0 + α0 (t − t0 ) ω = α0 t = 2α0 ϕ
ω2
Drehwinkel ϕ = ϕ0 + ω0 (t − t0 ) ϕ = ϕ0 + ω0 (t − t0 ) ϕ = 12 α0 t2 = = 2πN
2α0
+ 21 α0 (t − t0 )2
Umfangsgeschwindigkeit
=ω×r  = rω0  = r[ω0 + α0 (t − t0 )]  = rα0 t
Zentripetalbeschleunigung
azp = ω ×  = −ω2 r azp = rω20 azp = r[ω0 + α0 (t − t0 )]2 azp = rα20 t2
Tangentialbeschleunigung
atan = α × r atan = 0 atan = α0 r atan = α0 r

Umkehrpunkten U, in der gezeichneten Stellung Dieser Vektor läuft auf einem Kreis um und ist
zur Zeit t = T / 4 und in den Scheitelpunkten S? stets zum Radmittelpunkt gerichtet. Sein Betrag ist
Der Ortsvektor lautet |a| = rω2 = azp .
   
x(t) ωt − sin ωt b 3) Wie groß ist der Krümmungsradius der Zykloide
r(t) = =r .
y(t) 1 − cos ωt im Scheitelpunkt?

Daraus ergibt sich durch Ableiten nach der Zeit Nach (2.16) ist R = 2 / anorm = 4r = 1,12 m.
   
1 − cos ωt 1 − cos ωt Zur Übung
 = rω = 0 .
sin ωt sin ωt Ü 2.2-1 Ein Fahrzeug wird aus dem Stand wechselnd
beschleunigt und zwar
Umkehrpunkte liegen bei  t= 0, T, 2T, … In einem für 0 5 t 5 2 s mit a = 1 m/s2 ,
0 für 2 s < t < 4 s mit a = 0 und
Umkehrpunkt ist (0) = ; der Punkt ruht momen-
0 für 4 s 5 t 5 5 s mit a = −2 m/s2 .
tan auf der Fahrbahn. Nach einer  Viertelumdrehung

1 a) Zeichnen Sie die kinematischen Diagramme, d. h.
ist die Geschwindigkeit (T / 4) = 0 , verläuft also das a, t-Diagramm, das , t-Diagramm und das s, t-
1
√ Diagramm für 0 5 t 5 5 s. b) Wie groß ist die ma-
unter 45◦ und hat den Betrag 20 = 141 km/h.
ximale Geschwindigkeit? c) Welche Geschwindigkeit
Scheitelpunkte sind gegeben durch t = T / 2, 3/ 2T, … In
hat das Fahrzeug zur Zeit t = 5 s? d) Wie groß ist der
 Scheitelpunkt ist die Geschwindigkeit (T / 2) =
einem
insgesamt zurückgelegte Weg?
2
0 , also || = 200 km/h. Sie ist waagerecht gerich-
0
tet und doppelt so groß wie die Geschwindigkeit der Ü 2.2-2 Ein Bauteil wird ungleichmäßig aus der
Achse. Ruhe beschleunigt. In kurzen Zeitabständen wird die
b 2) Wie lautet der Vektor der Beschleunigung a(t)? Geschwindigkeit gemessen; es ergibt sich eine Werte-
tabelle:
 
d sin ωt t in s 0 1 2 3 4 5
a= = r ω2 .
dt cos ωt  in m/s 0 0,2 0,7 1,6 3,2 6,0
2.3 Grundgesetze der klassischen Mechanik 43

a) Zeichnen Sie maßstäblich das , t-Diagramm (Milli- ist die Ursache für die Bewegung?“ Die
meterpapier). b) Ermitteln Sie aus dem , t-Diagramm Dynamik untersucht die Ursachen für die
das a, t-Diagramm. Wie groß ist die Beschleunigung Bewegung eines Körpers. Jeder Körper be-
zur Zeit t1 = 4 s? c) Bestimmen Sie durch grafische
steht aus Materie; er hat eine Masse und eine
bzw. numerische Integration den zurückgelegten Weg
nach t2 = 5 s.
geometrische Ausdehnung, d. h. ein Volumen.
Einfache Verhältnisse liegen dann vor, wenn
Ü 2.2-3 Ein Ball rollt auf einem waagerechten Tisch
die geometrische Ausdehnung des Körpers
von der Höhe h = 0,75 m über die Kante und fällt zu
klein ist im Vergleich zu den Dimensionen
Boden. Der Auftreffpunkt ist in horizontaler Richtung
s = 0,40 m von der Kante entfernt. Wie groß war die (Abmessungen, Abstände), in denen sich der
Geschwindigkeit des Balls auf dem Tisch? Körper bewegt. In höchster Idealisierung ist
die Masse des Körpers in einem materiellen
Ü 2.2-4 Ein Elektromotor läuft mit der Drehzahl
n0 = 1 400 min−1 . Nach dem Abschalten wird er mit
Punkt vereinigt, der keine räumliche Aus-
konstanter Winkelverzögerung α abgebremst, bis er dehnung mehr hat. Mit der Modellvorstellung
nach N = 50 Umdrehungen stehen bleibt. a) Wie groß des materiellen Punktes werden einfachste
ist die Winkelverzögerung α? b) Wie lange dauert der Verhältnisse geschaffen, denn ein materieller
Bremsvorgang? Punkt kann nicht rotieren und sich nicht
Ü 2.2-5 Ein Eisenbahnzug fährt mit gleichmäßiger verformen.
Tangentialbeschleunigung auf einem Kreisbogen mit Wie ein Körper ist auch ein materieller Punkt
dem Radius r = 2 km. Dabei legt er die Strecke Einwirkungen von außen ausgesetzt; physika-
Δs = 1 200 m zurück. Zu Beginn der betrachteten Be- lisch bezeichnet man dies als die Einwirkung
wegung hat er die Geschwindigkeit 1 = 30 km/h, am
der Umgebung auf das System oder – noch
Ende 2 = 100 km/h. a) Wie lange dauert der Beschleu-
nigungsvorgang? b) Wie groß ist die Tangentialbe-
allgemeiner – als die Wechselwirkung zweier
schleunigung? c) Berechnen Sie die Winkelbeschleu- Systeme. Die Kraft ist die physikalische Größe,
nigung. d) Wie groß ist die Zentripetalbeschleunigung welche die Einwirkung beschreibt, die den Be-
zu Beginn und am Ende des Vorgangs? wegungszustand des Körpers ändert. Dabei
Ü 2.2-6 Die Erde benötigt für eine vollständige Um- werden Körper unterschiedlicher Masse durch
drehung die Zeit T = 86 163 s (einen Sternentag). die gleiche Kraft unterschiedlich beschleunigt.
a) Wie groß ist die Winkelgeschwindigkeit ωE der Erde? Begründet auf Erfahrung und durch kühne
b) Welche Richtung hat der Vektor ωE ? c) Wie groß Extrapolation erfasste Newton die Wechsel-
ist die Umfangsgeschwindigkeit an einem Ort mit dem wirkungen zwischen beschleunigendem und
Breitenwinkel ϕ? Berechnen Sie die Umfangsgeschwin-
beschleunigtem System und formulierte drei
digkeit am Äquator und in Stuttgart mit ϕ = 48◦ 41
Axiome zur Mechanik, welche die Begriffe
nördlicher Breite (Erdradius R = 6 370 km). d) Wie
groß ist die Zentripetalbeschleunigung am Äquator Kraft und Masse definieren, ihre Verknüpfung
und in Stuttgart? angeben und ein Maßsystem festlegen.

2.3 Grundgesetze der klassischen 2.3.2 Die Newton’schen Axiome


Mechanik
In Tabelle 2.2 sind die drei Axiome in mo-
2.3.1 Konzept der klassischen Dynamik derner Schreibweise zusammengefasst, wie sie
I. Newton (1643 bis 1727) im Jahr 1687 ver-
Die Kinematik (Abschn. 2.2) hat die Bewegung öffentlichte. Die Newton’schen Axiome be-
materieller Punkte geometrisch-analytisch schreiben die makroskopische Welt der klas-
beschrieben, ohne die Frage zu stellen: „Was sischen Physik exakt; sie versagen jedoch bei
44 2 Mechanik

der Beschreibung der mikroskopischen Welt


der Atome (Quantenphysik, Abschn. 8.2) und F =ma. (2.25)
bei Geschwindigkeiten, die nicht mehr klein
gegen die Lichtgeschwindigkeit c sind (Relati- Wenn die Summe der äußeren Kräfte gleich
vitätstheorie, Abschn. 10). null ist, dann ist auch die Beschleunigung null
Das erste Axiom definiert ein Bezugssystem, und damit die Geschwindigkeit konstant, ent-
in dem die drei Axiome gelten. Die physikali- sprechend der Forderung des ersten Axioms.
schen Gesetzmäßigkeiten der Mechanik neh- Das dritte Axiom, das Axiom über die Wech-
men ihre einfachste mathematische Form an, selwirkungen, sagt aus, dass es eine einzelne,
wenn sie für ein Bezugssystem aufgeschrieben isolierte Kraft nicht gibt. Es wirkt immer ein
werden, in dem die Geschwindigkeit eines Kör- Körper (oder ein System 1) auf einen zwei-
pers ohne äußere Einwirkungen konstant ist. ten Körper (oder System 2). Wird eine System-
Man nennt solche Systeme Inertialsysteme. grenze vorgegeben, dann kann zwischen äuße-
Es gibt beliebig viele Inertialsysteme; sie alle ren Kräften, die von einem Körper außerhalb
haben die Eigenschaft, sich gegen den Fix- des Systems herrühren, und inneren Kräften,
sternhimmel geradlinig und gleichförmig zu die nur innerhalb des Systems wirken, unter-
bewegen. Absolute Ruhe lässt sich nicht fest- schieden werden. Diese Systemgrenzen kön-
stellen, es gibt deshalb kein ausgezeichnetes nen nach Zweckmäßigkeit gewählt werden.
Inertialsystem. Das dritte Axiom setzt voraus, dass die Kräfte
Die Erde rotiert relativ zum Fixsternhimmel, gleichzeitig, d. h. ohne Zeitverzögerung, wahr-
das Bezugssystem Erde stellt deshalb kein In- genommen werden. Weil die Lichtgeschwin-
ertialsystem dar. Ist die Erdrotation im Ver- digkeit die Grenzgeschwindigkeit für die Aus-
gleich zum Zeitablauf eines Experiments ver- breitung eines Signals oder einer Information
nachlässigbar langsam, dann ist ein mit der ist, dauert es eine endliche Zeitspanne, bis
Erde verbundenes Bezugssystem in sehr guter ein Körper die Änderung einer Kraftwirkung
Näherung ein Inertialsystem. spürt, die von einem zweiten Körper ausgeübt
Das zweite Newton’sche Axiom heißt Aktions- wird. Für dieses Problem der Gleichzeitigkeit
prinzip, weil es den Zusammenhang zwischen hat Einstein die Lösung in den Grundgeset-
der Bewegungsänderung eines Körpers und zen der relativistischen Mechanik angegeben
der Einwirkung von Kräften herstellt. Newton (Abschn. 10).
verstand unter Bewegungsänderung nicht nur
die Beschleunigung; seine mathematische For-
2.3.3 Masse
mulierung umfasste bereits den Impuls p = m
(Abschn. 2.5). Somit lässt sich das Aktionsge-
Trägheit ist der Widerstand eines Körpers ge-
setz schreiben:
gen eine Bewegungsänderung. Das Maß für die
Trägheit ist die Masse. Die Masse ist unabhän-
dp d d dm gig vom Ort, an dem sich ein Körper befin-
F = = (m ) = m + .
dt dt dt dt det und in der klassischen Mechanik unab-
(2.24) hängig vom Bewegungszustand des Körpers.
Damit ist die Masse auch ein geeignetes Maß
Für den im täglichen Leben häufigen Fall ei- für die Menge, d. h. für die Anzahl der Teilchen
ner konstanten Masse ergibt sich daraus das (Atome, Moleküle) in einem Körper. Die Ad-
Newton’sche Grundgesetz dition von Massen entspricht der Addition von
2.3 Grundgesetze der klassischen Mechanik 45

Tabelle 2.2 Die Newton’schen Axiome

Newton’sche Axiome Formulierung Beziehung

1. Axiom Jeder Körper behält seine Geschwindigkeit nach Betrag


Trägheitsgesetz und Richtung so lange bei, wie er nicht durch äußere Kräfte
gezwungen wird, seinen Bewegungszustand zu ändern.
2. Axiom Die zeitliche Änderung der Bewegungsgröße, des Impulses allgemein:
Aktionsgesetz p = m, ist gleich der resultierenden Kraft F. Um einen
d
Grundgesetz der Körper konstanter Masse zu beschleunigen, ist eine Kraft F F = (m)
dt
Mechanik erforderlich, die gleich dem Produkt aus Masse m und
Beschleunigung a ist. speziell:
F = ma
3. Axiom Wirkt ein Körper 1 auf einen Körper 2 mit der Kraft F 12 , F 12 = −F21
Wechselwirkungsgesetz so wirkt der Körper 2 auf den Körper 1 mit der Kraft F 21 ;
actio = reactio beide Kräfte haben den gleichen Betrag, aber entgegen-
gesetzte Richtungen.

Mengen. Die Maßeinheit der Masse ist durch zeichen für die Kraft des Zentralgestirns auf
einen Eichkörper festgelegt (Abschn. 1.3). diesen Körper. Experimentell lässt sich kein
Eine Möglichkeit zum Vergleich von Massen Unterschied zwischen träger und schwerer
gibt das Newton’sche Aktionsgesetz. Man lasse Masse nachweisen. Die Identität von träger
auf zwei Körper mit den Massen m1 und m2 je- und schwerer Masse ist die Grundlage für die
weils die gleiche Kraft wirken und bestimme Einstein’sche Relativitätstheorie (Abschn. 10).
experimentell die Beschleunigungen a1 und
a2 , die den beiden Körpern erteilt werden.
2.3.4 Kraft
Dann gilt im eindimensionalen Fall nach (2.25)
Nach dem zweiten Newton’schen Axiom ist
m1 a2 die Kraft F für Körper mit konstanter Masse
= . (2.26)
proportional zur Momentanbeschleunigung a.
m2 a1
Die Kraft ist also eine vektorielle physikali-
sche Größe, deren Richtung parallel zur Be-
Damit ist das Verhältnis zweier Massen durch schleunigung a und deren Betrag F = ma
eine dynamische Messung bestimmbar. ist. Im SI-System ist die Einheit für die Kraft
Die physikalische Größe Masse hat außer der 1 kg m s−2 = 1 N (Newton).
Eigenschaft Trägheit auch die Eigenschaft Für die Addition von Kräften und die Zerle-
Schwere. Auf Körper im Wirkungsbereich gung einer Kraft in verschiedene Kraftrich-
der Riesenmassen kosmischer Körper (z. B. tungen gelten die Regeln der Vektorrechnung.
der Sonne oder der Erde) wirken Gravita- In Abb. 2.16 sind für die Addition von zwei
tionskräfte (Abschn. 2.10), die proportional Kräften und für die Zerlegung einer Kraft in
zu den Massen der beteiligten Körper sind. zwei Richtungen die grafischen Lösungswege
Die Schwere einer Masse ist also ein Kenn- im Kräfteparallelogramm und die trigonome-
46 2 Mechanik

trischen Lösungen angegeben. Die Addition


von mehr als zwei Kräften erfolgt zweckmä-
ßigerweise durch die Methode der Komponen-
tenzerlegung in einem kartesischen Koordina-
tensystem.
Ist die Beschleunigung eines Körpers a = 0, so
ist auch die resultierende Kraft auf den Körper
nach dem Newton’schen Aktionsprinzip null.
Dies ist die Bedingung des statischen Kräfte-
gleichgewichts:


N
Fj = F1 + F2 + … = 0 . (2.27)
j=1

Körper fallen auf der Erde mit einer konstan-


ten Fallbeschleunigung g = 9,81 m/s2 (Ab-
schn. 2.2.1.3). Die Ursache dieser gleichmäßig
beschleunigten Bewegung ist die Schwerkraft
oder Gewichtskraft auf die Masse m der Kör-
per. Nach dem zweiten Newton’schen Axiom
beträgt die Schwerkraft

FG = mg (2.28)

und wirkt in Richtung der Fallbeschleunigung


(näherungsweise zum Erdmittelpunkt). Die
Massenanziehung durch die Erdmasse ist die
Ursache der Schwerkraft (Abschn. 2.10). Die
Abb. 2.16 Kräfteaddition und Kraftzerlegung

Schwerkraft auf Körper an der Erdoberfläche


führt bei Körpern auf einer schiefen Ebene
mit dem Neigungswinkel ε gemäß Abb. 2.17
zu einer hangabwärts, parallel zur schiefen
Ebene gerichteten beschleunigenden Kraft,
der Hangabtriebskraft F H , mit dem Betrag

FH = mg sin ε (2.29)

und zu einer senkrecht auf die Ebene wirken-


den Kraft, der Normalkraft F N , mit dem Betrag
2.3 Grundgesetze der klassischen Mechanik 47

Alle Festkörper zeigen innerhalb maximaler


Deformationsgrenzen ein elastisches Verhal-
ten (Abschn. 2.11), das durch das Hooke’sche
Gesetz (Abb. 2.18b) beschrieben wird:

F el = −k s . (2.32)

Die Proportionalitätskonstante k wird als Fe-


derkonstante oder Richtgröße bezeichnet.
Große elastische Längenänderungen, hervor-
Abb. 2.17 Kräfte auf schiefer Ebene. ε Neigungswinkel gerufen schon durch kleine Kräfte, weisen Me-
tallfedern auf; Federwaagen werden deshalb
in der Praxis als Kraftmesser eingesetzt. Ab-
bildung 2.19 zeigt eine Übersicht über den
FN = mg cos ε . (2.30) Aufbau von Kraftmessern entsprechend DIN
EN ISO 376 51 301 und den VDI/VDE/GESA-
Richtlinien 2635 und VDI/VDE 2637.
Die beschleunigende Kraft, die einen Kör- Werden mehrere Federn gekoppelt, so ist die
per bei der gleichförmigen Kreisbewegung auf resultierende Richtgröße kres bei der Parallel-
einer Kreisbahn hält und die Zentripetalbe- schaltung (verschiedene Kräfte, gleicher Weg)
schleunigung azp nach (2.22) verursacht, ist
nach dem Newton’schen Grundgesetz die Zen-
tripetalkraft

F zp = −mω2 r . (2.31)

Sie ist zum Mittelpunkt der Kreisbahn gerich-


tet.
Kräfte verursachen nicht nur beschleunigte
Bewegungen (dynamische Kraftwirkung),
sondern ändern auch die geometrische Form
von Körpern. Umgekehrt üben deformierte
Körper Kräfte aus, die elastischen Kräfte oder
Federkräfte. Abbildung 2.18 gibt hierzu Er-
läuterungen. Nach dem dritten Newton’schen
Axiom ist die der Deformation entgegenwir-
kende, elastische Kraft F el entgegengesetzt
gleich der von außen wirkenden Kraft F a ; die
Längenänderung s ist also ein Maß für die Abb. 2.18 Elastische Deformation a) äußere Kraft F a
verursachende Kraft. und elastische Rückstellkraft F el , b) Federkonstante k
48 2 Mechanik

Abb. 2.19 Methoden der Kraftmessung

stets entgegengerichtet: F R  . Der Betrag


F1 / s + F2 / s + … = k1 + k2 + k3 … = kres, p von FR setzt sich je nach Situation in unter-
schiedlicher Weise aus den drei Grenzfällen in
und bei der Serienschaltung (verschiedene Abb. 2.20 zusammen.
Wege, gleiche Kraft) Die Festkörperreibung hängt von der Oberflä-
chenbeschaffenheit der reibenden Körper ab;
die Reibungszahlen für die Haft- und Glei-
s1 / F + s2 / F + … = 1/ k1 + 1/ k2
treibungskraft unterscheiden sich stark. In Ta-
+ … = 1/ kres, s . belle 2.3 sind die Werte einiger Stoffpaare zu-
sammengestellt. Der Laufwiderstand beim Ab-
Unter realen Bedingungen wird die Bewegung rollen eines Rades auf einer Unterlage hängt
von Körpern durch Reibung an der Unterlage, nicht nur von der Verformung des Bodens
der umgebenden Flüssigkeit oder dem umge- durch die Normalkraft und vom Raddurch-
benden Gas beeinflusst. Nach dem Newton’- messer ab, sondern auch noch von den Rei-
schen Aktionsprinzip ist die Ursache der Be- bungsverhältnissen in der Radnabe.
wegungsänderung durch Reibung eine Kraft, Bei niedrigen Geschwindigkeiten ist die Lauf-
die Reibungskraft F R . Die Richtung der Rei- widerstandskraft näherungsweise proportio-
bungskraft F R ist der Bewegungsrichtung, also nal zur Normalkraft. Die Proportionalitäts-
der Momentangeschwindigkeit  des Körpers konstante ist die Rollreibungszahl μR . Bei Ei-
2.3 Grundgesetze der klassischen Mechanik 49

Abb. 2.20 Reibungskräfte

Tabelle 2.3 Haft- und Gleitreibungszahlen(μH und μG ) ab (Abschn. 2.12.2.3). In laminaren Strömun-
gen ist der Strömungswiderstand F R propor-
Stoffpaar μH μG tional zur Geschwindigkeit: F R ∼ . Kommt es
durch die Reibungskraft an der Körperoberflä-
Stahl auf Stahl 0,15 0,12
Stahl auf Holz 0,5 bis 0,6 0,2 bis 0,5 che in der Strömung zu Rotationsbewegungen
Stahl auf Eis 0,027 0,014 (Wirbel), so nimmt der Strömungswiderstand
Holz auf Holz 0,65 0,2 bis 0,4 erheblich zu und die Reibungskraft ist F R ∼ 2 .
Holz auf Leder 0,47 0,27 Nur Bewegungen mit Festkörperreibung ver-
Gummi auf Asphalt 0,9 0,85 laufen gleichmäßig beschleunigt oder verzö-
Gummi auf Beton 0,65 0,5
Gummi auf Eis 0,2 0,15
gert; dominieren die anderen Reibungsarten,
dann sind die Bewegungsgesetze kompliziert.

Zur Übung
Ü 2.3-1 Zwei Körper (Masse m1 < m2 ) hängen an
senbahnrädern ist μR = 0,002; Straßenfahr-
einem dünnen, masselosen Faden, der über eine mas-
zeuge haben Werte von etwa μR = 0,02 bis selose Rolle läuft. Zwischen der Rolle und dem Faden
μR = 0,05. soll es keine Reibung geben. a) Wie groß ist die Be-
Die Reibungskraft bei der Bewegung von Kör- schleunigung a der beiden Körper? b) Wie groß ist die
pern in Flüssigkeiten und Gasen hängt von der Kraft FF im Faden?
Dichte und Viskosität der Medien, der Geo- Ü 2.3-2 Ein Radiergummi (m = 40 g) liegt auf einer
metrie (Stromlinienform, Spoiler) der Körper Metallscheibe (Radius r = 20 cm). Die Scheibe rotiert
und dem Strömungstyp (laminar, turbulent) mit konstanter Winkelgeschwindigkeit ω. Die Haft-
50 2 Mechanik

reibungszahl zwischen Scheibe und Radiergummi ist Höchstbelastung des Seils ist Fmax = 105 N. Welches ist
μH = 0,5. die größte erlaubte Beschleunigung beim Hochziehen
a) Welche Kräfte wirken auf den Radiergummi der Last?
(Skizze)? b) Welche Kraft oder welche Kräfte bringt
die Zentripetalkraft auf den Radiergummi auf?
c) Der Radiergummi wird r1 = 5 cm vom Drehzentrum 2.4 Dynamik in bewegten
positioniert. Wie groß muss die Drehzahl n1 mindes- Bezugssystemen
tens sein, damit der Radierer zu rutschen anfängt?
d) Die Scheibe rotiere mit der Drehzahl n2 = 70 min−1 .
2.4.1 Relativ zueinander geradlinig bewegte
In welchem Radius-Bereich bleibt der Radiergummi
liegen? Bezugssysteme

Ü 2.3-3 Aus einem Maschinengewehr treten in einer


Betrachtet sei die Bewegung zweier Bezugssys-
Sekunde sechs Geschosse (Masse jeweils m = 25 g) aus.
Die Geschwindigkeit der Kugeln ist  = 800 m s−1 . teme gegeneinander, wobei eines der beiden
a) Die Kugeln treffen auf einen fest im Boden veran- Systeme vereinfachend als ruhend (Inertial-
kerten großen Holzklotz und bleiben in ihm stecken. system) angenommen wird. Die Koordinaten
Welche mittlere Kraft Fm1 wird auf den Klotz ausge- des materiellen Punkts P im ruhenden Sys-
übt? b) Welche mittlere Kraft Fm2 ist aufzuwenden, tem S sind x, y, z, die im bewegten System S
um einen Rückstoß des Gewehres zu unterdrücken?
dagegen x , y , z . Zur Zeit t = 0 sollen die
c) Angenommen, die Kugeln bleiben nicht stecken; sie
sollen abprallen und mit einem Zehntel ihrer Anfangs-
beiden Systeme zusammenfallen. Für den
geschwindigkeit auf der alten Flugbahn zurückfliegen. Fall, dass die Relativbewegung der beiden
Welche mittlere Kraft Fm wird unter diesen Bedingun- Bezugssysteme gleichmäßig beschleunigt,
gen auf den Klotz ausgeübt? aS also konstant ist, sind die sich ergeben-
Ü 2.3-4 Auf einen Körper (Masse m = 2,0 kg) wir- den Transformationen der Koordinaten,
ken drei Kräfte (F 1 , F 2 und F 3 ). Unter ihrem Einfluss Geschwindigkeiten und Beschleunigungen in
bewegt er sich mit der konstanten Beschleunigung Abb. 2.21 angegeben.
a = 1 ms−2 nach Süden. Die Kraft F 1 weist nach Nor- In der klassischen Physik wird der Zeitmaß-
den, ihr Betrag ist F1 = 3,0 N. Die Kraft F 2 weist nach stab in beiden Bezugssystemen als gleich an-
Osten, ihr Betrag ist F 2 = 2,0 N. Wie groß ist F 3 nach
genommen, die Zeitkoordinaten also mit t = t
Betrag und Richtung?
transformiert und damit eine absolute Zeit
Ü 2.3-5 Eine Aufzugskabine hat die Masse mA = vorausgesetzt. Wie die Relativitätstheorie (Ab-
1 200 kg, die Masse des Gegengewichts ist mG =
schn. 2.10) zeigt, gilt diese Annahme nur in
1 100 kg. In der Kabine befindet sich eine Person
(Masse mM = 75 kg). der klassischen Näherung, dass die Relativ-
a) Mit welcher Beschleunigung a fiele die Kabine, geschwindigkeit S im Vergleich zur Lichtge-
wenn die Bremseinrichtungen versagten? (Vereinfa- schwindigkeit c klein ist.
chend seien z. B. die Trägheit der Seiltrommeln und die Ist die Geschwindigkeit des bewegten Systems
Reibung vernachlässigt.) b) Welches wäre unter diesen S = konstant, dann ist die Beschleunigung
Fallbedingungen das scheinbare Gewicht der Person?
aS = 0 und damit a = a ; die Beschleuni-
c) Nach einer Fallhöhe von h = 15 m wird die Kabine
gung eines Körpers ist also in beiden Sys-
durch Federn aufgefangen und nach einem Bremsweg
von s = 20 cm zum Stillstand gebracht. Welche mittlere temen gleich. In diesem Spezialfall Galilei-
Kraft Fm spürt die Person beim Bremsvorgang in den Transformation ist auch die Kraft, die eine
Beinen? Beschleunigung bewirkt, in beiden Systemen
Ü2.3-6 Eine schwere Last soll an einem Stahlseil hoch- gleich. Sämtliche Gleichungen der Mechanik
gezogen werden. In Ruhestellung zeigt ein Kraftmes- haben im bewegten Bezugssystem dieselbe
ser eine Gewichtskraft FG = 8 · 104 N an; die zulässige Struktur wie im ruhenden, die Gesetze sind
2.4 Dynamik in bewegten Bezugssystemen 51

Abb. 2.21 Galilei-Transformation in gleichmäßig gegeneinander beschleunigten Bezugssystemen

Galilei-invariant. Werden beispielsweise in ei- Für die Abstandsquadrate ergeben sich nach dem Satz
nem mit konstanter Geschwindigkeit fahren- des Pythagoras
den Zug Fallexperimente durchgeführt, dann
s2 = (x2 − x1 )2 + (y2 − y1 )2 und
sind die Messergebnisse, wie z. B. Fallzeit und  2  2
Endgeschwindigkeit, dieselben wie auf dem s2 = x2 − x1 + y2 − y1
Bahnsteig. = [(x2 − s t) − (x1 − s t)]2 + [y2 − y1 ]2
= (x2 − x1 )2 + (y2 − y1 )2 = s2 .
Beispiel
2.4-1 Es soll gezeigt werden, dass der Abstand zweier
Punkte P1 und P2 Galilei-invariant ist, d. h. nicht von
Ein Beobachter im bewegten Koordinatensys-
der Relativbewegung zweier Bezugssysteme gegenein-
ander abhängt. Vereinfachend sollen die beiden Punkte tem S misst also den gleichen Abstand wie ein
in der x, y-Ebene liegen und sich das System S längs Beobachter im ruhenden System S. Bewegt sich
der x-Richtung bewegen. das System S gegenüber S beschleunigt mit der
Lösung
Beschleunigung aS , dann gilt nach Abb. 2.21
Die Koordinaten der beiden Punkte sind für die Beschleunigung im bewegten System
a = a − aS . In jedem System wird ein Be-
obachter die Beschleunigung auf die Wirkung
im ruhenden System S : P1 (x1 , y1 , 0) und
einer Kraft zurückführen: im Bezugssystem S
P2 (x2 , y2 , 0) ,
  auf F = ma und in S auf F  = ma = ma − maS .
im bewegten System S : P1 x1 , y1 , 0

und
  Die Differenz der beiden Kräfte ist die Träg-
P2 x2 , y2 , 0 . heitskraft oder Scheinkraft
52 2 Mechanik

Lösung
Ft = −maS . (2.33) Es wird ein ruhendes, mit der Erde verbundenes Ko-
ordinatensystem gewählt, in dem der Vektor der Fall-
beschleunigung nach unten zeigt. In diesem ruhenden
Diese Trägheitskraft muss zusätzlich zu den System ist die Kraft auf die Person gleich der Gravita-
tionskraft F = m g.
realen physikalischen Kräften, wie beispiels-
Das beschleunigte Koordinatensystem ist fest mit der
weise der Gravitation oder elektrostatischen
Aufzugskabine verbunden. Dieses System beschleunigt
Kraft, die im ruhenden System S die Beschleu- mit as = g gegen das ruhende System. Deshalb wirkt
nigung a verursachen, im beschleunigten Sys- auf die Person im beschleunigten System zusätzlich zur
tem S in Rechnung gesetzt werden, damit auch Gravitationskraft noch die Trägheitskraft
in S das Newton’sche Grundgesetz F  = ma F t = −mas = −mg .
angewendet werden kann.
Für die Kraft im beschleunigten System der Aufzugs-
kabine gilt
Prinzip von d’Alembert
Kräfte auf einen Körper bewirken eine Be- F  = F + F t = mg − mg = 0 .
schleunigung. Schreibt man das Newton’sche
Der beschleunigte – also mitfallende – Beobachter
Aktionsgesetz (2.25) um, so lautet es
spürt keine resultierende Kraft, er fühlt sich kräfte-
frei! – Auf dieselbe Weise entsteht die Kräftefreiheit in
F + (−ma) = 0 .
Raumstationen.
(2.34)

J. d’Alembert (1717 bis 1783) interpretierte 2.4.2 Gleichförmig rotierende Bezugssysteme


den Ausdruck (−ma) als die von (2.33) be-
kannte Trägheitskraft F t = −maS . In rotierenden Bezugssystemen treten zusätz-
Mit der d’Alembert’schen Trägheitskraft lich zu den realen physikalischen Kräften wei-
können dynamische Probleme auf statische tere Trägheits- oder Scheinkräfte auf, die der
zurückgeführt werden. Hierbei wird zusätz- mitbewegte Beobachter benötigt, um die Be-
lich zu realen physikalischen Kräften, die schleunigung eines Körpers erklären zu kön-
auf einen Körper wirken und durch ihre nen: die Zentrifugalkraft und die Coriolis-Kraft
Resultierende F res beschrieben werden, eine (G. G. Coriolis, 1792 bis 1843).
Trägheitskraft F t eingeführt. Im beschleunig- Fallen die Nullpunkte 0 des ruhenden Systems
ten System S ist der Körper im statischen S und des mit der konstanten Winkelgeschwin-
Gleichgewicht, wenn gemäß (2.27) die Summe digkeit ω rotierenden Systems S zusammen,
aller Kräfte (einschließlich der Trägheitskraft) dann sind die Abstände r und r vom Nullpunkt
null ist: in beiden Koordinatensystemen gleich:

F res + F t =0. (2.35) r = r = x i + y j + z k


= x i + y j + z k . (2.36)

Beispiel
2.4-2 Welche Kräfte wirken auf eine Person, die sich Dabei sind i, j und k die Einheitsvektoren des
in einem an der Erdoberfläche frei fallenden Aufzug ruhenden Koordinatensystems und i , j und k
befindet? diejenigen des rotierenden.
2.4 Dynamik in bewegten Bezugssystemen 53

Abb. 2.22 Rotierendes Koordinatensystem

Abbildung 2.22 zeigt den grafisch leichter dar- dk


= ω × k .
stellbaren Fall einer Rotation, bei der die z- und dt
z -Achsen zusammenfallen und die z-Achse
Zwischen der im ruhenden Koordina-
Rotationsachse ist.
tensystem gemessenen Geschwindigkeit
Die Einheitsvektoren im rotierenden Koordi-
 = (dx/ dt)i + (dy/ dt)j und der Geschwin-
natensystem ändern ihre Richtung relativ zum
digkeit  des rotierenden Systems besteht der
ruhenden und sind zeitlich nicht konstant; es
Zusammenhang
ist daher
dr dx  dy  dz  di
= = i + j + k + x  =  + ω × r . (2.37)
dt dt dt dt dt
 
 dj  dk
+y +z .
dt dt
Eine nochmalige Differentiation der Ge-
Im rotierenden System wird die Geschwindig-
  dy  schwindigkeit  ergibt die Beschleunigung
keit  = dx
dt i + dt j gemessen. Für die zeitli- a = d/ dt.
chen Änderungen der Einheitsvektoren gelten Wird diese Differentiation nach dem Mus-
nach Abb. 2.22 ter der Differentiation von r zur Herleitung
di von (2.37) ausgeführt, dann gilt
= ω × i und
dt
dj
= ω × j . d d 
dt = +ω×. (2.38)
dt dt
Entsprechend ist im dreidimensionalen Fall
54 2 Mechanik

d/ dt ist die Ableitung im Inertialsystem, senkrecht zur Drehachse. Die Zentrifugalbe-
d / dt im rotierenden System. Der erste Teil schleunigung ist betragsmäßig gleich groß wie
in (2.38) beschreibt die Geschwindigkeitsän- die Zentripetalbeschleunigung azp nach (2.22),
derung im rotierenden System, der zweite Teil dieser aber entgegengesetzt gerichtet.
kommt durch die Drehbewegung des Koor-
Beispiel
dinatensystems S zustande. Gleichung (2.37)
2.4-3 Wegen der Eigenrotation der Erde addiert sich
in (2.38) eingesetzt, ergibt zur Fallbeschleunigung g die ortsabhängige Zentrifu-
galbeschleunigung azf . Deshalb ist die effektive Fallbe-
d 
a= ( + ω × r) + ω × ( + ω × r) schleunigung g eff nach Betrag und Richtung abhängig
dt von der geografischen Breite ε. Wie groß ist der Kor-
d  d r rekturterm Δg für den Betrag der Fallbeschleunigung?
= +ω× + ω ×  + ω × (ω × r) .
dt dt
Lösung
In einem rotierenden Koordinatensystem nach Mit den Bezeichnungen in Abb. 2.23 gilt R = rE cos ε
Abb. 2.22 ist die Beschleunigung und mit (2.42) und (2.21)
 2

azf = ω2 R = rE cos ε
TE
a = a − 2ω ×  − ω × (ω × r) . (2.39)
mit TE als der Periodendauer. Aus Abb. 2.23 folgt durch
Anwendung des Kosinussatzes für die effektive Erdbe-
Wird der Ortsvektor r in eine Komponente R schleunigung

senkrecht zur Winkelgeschwindigkeit ω geff = g 1 + (azf / g)2 − 2(azf / g) cos ε .
(ωR = 0) und eine Komponente A parallel
dazu (ω ×A = 0) zerlegt, so wird ω ×(ω ×r) = Der Korrekturterm für den Betrag der Erdbeschleuni-
ω × (ω × R) = (ω R)ω − (ωω)R = −ω2 R. gung ist Δg = g − geff . Mit rE = 6 370 km und TE =
23,93 h (Sternentag) errechnet sich der Korrekturterm
Somit ist die Beschleunigung
bei der mittleren geografischen Breite ε = 50◦ der Bun-
desrepublik Deutschland zu Δg (50◦ ) = 0,014 m s−2 .

a = a + 2 × ω + ω2 R . (2.40)

Im gleichförmig rotierenden Bezugssystem


treten also zwei zusätzliche Beschleunigungen
auf, nämlich die Coriolis-Beschleunigung

ac = −2 × ω = 2ω ×  (2.41)

senkrecht auf der Bewegungsrichtung  und


der Drehachse ω und die Zentrifugalbeschleu-
nigung

azf = (ω × r) × ω = ω2 R = −azp (2.42)


Abb. 2.23 Zu Beispiel 2.4-3
2.4 Dynamik in bewegten Bezugssystemen 55

Ein Lot zeigt also nicht zum Massenmittelpunkt der


Erde, sondern nach Abb. 2.23 in Richtung g eff .

Nach dem Newton’schen Grundgesetz führen


die Beschleunigungen nach (2.41) und (2.42)
im rotierenden Bezugssystem zu zwei Träg-
heitskräften, der Zentrifugalkraft

F zf = m(ω × r) × ω = m ω2 R (2.43)

und der Coriolis-Kraft

FC = 2m  × ω . (2.44) Abb. 2.24 Coriolis-Kraft F c auf der Nordhalbkugel der


Erde.
 Geschwindigkeit, ε nördliche Breite,
Die Coriolis-Kraft hängt nicht vom Ort r des
ωE Winkelgeschwindigkeit
materiellen Punktes ab und tritt immer auf,
wenn der ω-Vektor nicht parallel zum Ge-
Auch bei atmosphärischen Strömungen macht
schwindigkeitsvektor  verläuft. Die Coriolis-
sich die Coriolis-Kraft bemerkbar: Die Bahnen
Kraft ist null, wenn die Relativbewegung pa-
der Hoch- und Tiefdruckgebiete sind (spiral-
rallel zur Drehachse erfolgt.
förmig) gekrümmt. Bei Drehbewegungen von
Alle mit der Erde starr verbundenen Koordi-
Maschinenteilen mit großen Winkel- und Ar-
natensysteme sind wegen der Rotation um die
beitsgeschwindigkeiten kann sich die Coriolis-
Erdachse streng genommen keine Inertialsys-
Kraft deutlich auf die Beanspruchung von La-
teme. Relativbewegungen auf der Erdoberflä-
gern und Führungen auswirken.
che erfolgen in einer Tangentialebene an die
Im Vergleich zu den anderen, die Bewegung
Erdkugel, wie Abb. 2.24 zeigt. Auf der Nord-
beeinflussenden Kräften, wie z. B. die Gravi-
halbkugel bewirkt die Coriolis-Kraft für alle
tationskraft, die Antriebskraft oder der Fahr-
nicht geführten Bewegungen eine Abweichung
widerstand, ist die Coriolis-Kraft in der Regel
nach rechts.
vernachlässigbar.
Die Rotation der Erde lässt sich mit dem
Foucault’schen Pendel nachweisen. Wegen der Beispiel
Coriolis-Kraft dreht sich die Schwingungs- 2.4-4 Ein Fahrzeug mit der Masse m = 1 000 kg
ebene des Pendels im rotierenden System. Die fährt mit der Geschwindigkeit  = 72 km/h von Sü-
den nach Norden. Wie groß ist bei der geografischen
Winkelgeschwindigkeit, mit der sich die Erde
Breite ε = 50◦ Nord die Coriolis-Kraft und die Coriolis-
unter dem schwingenden Pendel wegdreht, ist Beschleunigung (TE ≈ 24 h)?
gleich der Azimutalkomponente ωa der Win-
kelgeschwindigkeit der Erddrehung am Ort Lösung
der geografischen Breite ε: Nach (2.44) ist die Coriolis-Kraft
2π Fc = 2 m  ωE sin( , ω)
ωa = sin ε . = 2 · 103 kg · 20 m/s · 7,2 · 10−5 s−1 · sin 50◦
TE
Bei ε = 50◦ beträgt die Winkelgeschwindigkeit = 2,2 N ;
ωa = 11,5 ◦ / h. sie wirkt nach Osten.
56 2 Mechanik

a) Wodurch ist die Richtung des Lots an einem Ort


mit ε = 50◦ nördlicher Breite bestimmt; b) In welche
Himmelsrichtung wird die fallende Kugel abgelenkt,
und wie weit entfernt ist der Auftreffpunkt der Kugel
vom Endpunkt des Lots?

Ü 2.4-4 Bei einem Kettenantrieb entsprechend


Abb. 2.25 werden die Kettengliederbolzen bei der
Kettenumlenkung durch die Zentrifugalkraft F zf
belastet. Wie groß ist die daraus bedingte Zugkraft F,
wenn das Kettenglied die Masse m = 4 g und den
Bolzenabstand d = 12,6 mm hat, der Kettenradius
R = 116 mm beträgt und sich das Kettenrad mit der
Drehzahl n = 3 500 min−1 dreht?

2.5 Impuls
2.5.1 Impuls eines materiellen Punktes

Nach dem zweiten Newton’schen Axiom


ändert sich der Bewegungszustand eines
Körpers unter dem Einfluss einer Kraft; seine
Abb. 2.25 Zu Ü 2.4-4 Momentangeschwindigkeit erhöht oder er-
niedrigt sich. Nach der Newton’schen Formu-
Aus (2.41) und (2.44) ergibt sich für die Coriolis- lierung (2.24) ist die Bewegungsgröße eines
Beschleunigung ac = Fc / m = 2,2 · 10−3 m/s2 . Körpers der Impuls:

Zur Übung p = m . (2.45)


Ü 2.4-1 An einem Ort der geografischen Breite ε = 50◦
fällt ein Körper mit der Masse m = 10 kg mit der Ge-
schwindigkeit  = 100 m/s auf die Erdoberfläche. Be-
Die abgeleitete Einheit des Impulses ist
rechnen Sie für den Aufprall nach Betrag und Richtung
jeweils die Zentrifugalkraft und die Coriolis-Kraft. 1 kgms−1 = 1 Ns.
Der Impuls p ändert sich unter dem Einfluss
Ü 2.4-2 Wie groß ist die Coriolis-Beschleunigung für einer Kraft F gemäß
ein Flugzeug, das horizontal über einen Ort der geo-
grafischen Breite ε = 50◦ in jeweils eine der vier Him-
dp
melsrichtungen fliegt? F = . (2.24)
dt
Ü 2.4-3 Um die Rotation der Erde zu demonstrieren,
führt man in einem Bergwerksschacht folgenden Ver- Die Kraft ist gleich der zeitlichen Ände-
such aus: Man hängt ein langes Lot (l = 50 m) auf und rung des Impulses.
markiert den Endpunkt des Lots auf einem horizonta-
len Messtisch. Danach lässt man vom Aufhängepunkt
des Lots aus eine kleine Kugel fallen und beobachtet Die Wirkung einer Kraft F auf einen Körper im
den Auftreffpunkt auf der Platte. Zeitintervall Δt wird als Kraftstoß bezeichnet.
2.5 Impuls 57

rend der Kontaktzeit konstant, dann verein-


facht sich (2.46) zu

Δp = F(t2 − t1 ) = FΔt . (2.47)

Beispiel
2.5-1 Beim Minigolfspiel wird ein ursprünglich ru-
hender Ball der Masse m = 0,1 kg weggeschlagen. Der
zeitliche Verlauf der vom Schläger auf den Ball aus-
geübten Kraft ist näherungsweise eine Dreiecksfunk-
tion entsprechend Abb. 2.27. Mit welcher Geschwin-
digkeit e bewegt sich der Ball fort?

Lösung
Nach (2.46) ist der ausgeübte Kraftstoß gleich der Im-
pulsänderung. Weil der Ball anfangs in Ruhe war, ist der
Anfangsimpuls null. Aus dem Endimpuls lässt sich bei
bekannter Masse sofort die Endgeschwindigkeit ange-
Abb. 2.26 Kraftstöße mit a) zeitabhängigem ben:
Kraftverlauf und b) zeitlich konstanter Kraft
8 m s

F(t) dt = me − 0 .
0
Dieser führt zu einer Änderung des Impul-
ses p eines materiellen Punktes mit der kon- Die Fläche unter der Dreiecksfunktion repräsentiert
stanten Masse m. Gleiche Kraftstöße führen das Integral; also errechnet man
zu gleichen Impulsänderungen; die Geschwin-
digkeitsänderungen sind jedoch unterschied-
lich und hängen von der Masse des Körpers ab.
Der Kraftstoß

t2 p2
F(t) dt = dp = p2 − p1 = Δp
t1 p1
(2.46)

ist gleich dem Zeitintegral der Kraft und gleich


der Impulsänderung des materiellen Punktes.
Im Allgemeinen hängt die wirkende Kraft F
von der Zeit ab, wie es in Abb. 2.26 zum
Ausdruck kommt. Ist die Kraft jedoch wäh- Abb. 2.27 Zu Beispiel 2.5-1
58 2 Mechanik

8 m s
1 den k-ten materiellen Punkt ist gleich seiner
F(t) dt = · 200 N · 8 · 10−3 s = 0,80 N s,
2 Impulsänderung dpk / dt.
0
0,80 kg m/s Die Bewegungsgleichungen für sämtliche n
e = = 8,0 m/s .
0,1 kg materiellen Punkte des Systems sind

F1 = F a1 + +F i21 + F i31 + F i41 + …


2.5.2 Impuls eines Systems materieller Punkte
dp1
+ F in1 ,=
Bisher wurde ein einzelner materieller Punkt dt
betrachtet. Kräfte, die auf ihn wirken, müs- F 2 = F a2 + F i12 + +F i32 + F i42 + …
sen notwendigerweise von außen kommen. dp2
+ F in2 =
Im Folgenden wird ein System betrachtet, das dt
aus mehreren materiellen Punkten aufgebaut und so fort;
ist. Zu den Kräften, die von außen, also über
die Systemgrenze, an den materiellen Punkten Fk = F ak + F i1k + F i2k + F i3k + F i4k + …
des Systems angreifen, kommen noch innere dpk
Kräfte, die zwischen den materiellen Punkten + F ink =
dt
innerhalb des Systems wirken. Das System ist
ein abgeschlossenes System, wenn nur innere und so fort. Zusammenfassend ergibt sich
Kräfte wirken.

n 
n 
n 
n
dpk
2.5.2.1 Impulssatz Fk = F ak + F ijk = .
dt
k=1 k=1 k=1
Es liege ein abgegrenztes System materieller j,k = 1
j = k
Punkte vor, das insgesamt n Teilchen ent-
halte, deren Koordinaten rk (t) von einem be- (2.48)
liebigen Koordinatennullpunkt 0 aus gemes-
sen werden, wie es Abb. 2.28 verdeutlicht. Auf
Bei der Summation sind die nicht existieren-
jeden Punkt k des Systems wirken eine äu- i
den Kräfte Fkk wegzulassen.
ßere Kraft F ak , die ihren Ursprung außerhalb
Nach dem dritten Newton’schen Axiom gibt
des Systems hat, und innere Kräfte F ijk , die
es für jede auftretende innere Kraft F ijk eine
von der Wechselwirkung des k-ten materiellen
entsprechende Gegenkraft F ikj . Diese beiden
Punktes mit allen übrigen materiellen Punk-
Kräfte kompensieren sich; deshalb vereinfacht
ten j(j = k) herrühren. Die Gesamtkraft F k auf
sich das Gleichungssystem (2.48) erheblich.
Die Gesamtsumme der inneren Kräfte ver-
schwindet:


n
F ik j =0. (2.49)
k,j = 1
k = j

Abb. 2.28 Kräfte auf Punkt k in einem System Werden die Summe der äußeren Kräfte zur
n
materieller Punkte resultierenden Kraft F a = a
k = 1 F k und die
2.5 Impuls 59

Summe der Einzelimpulse zum Gesamtimpuls


n
p = k = 1 pk zusammengefasst, dann ent- F = maS . (2.52)
spricht der Impulssatz für ein System materiel-
ler Punkte Der Schwerpunkt eines beliebigen Sys-
tems materieller Punkte bewegt sich
dp so, als sei im Schwerpunkt die Ge-
Fa = (2.50) samtmasse m des Körpers vereinigt
dt
und als griffen die äußeren Kräfte im
Schwerpunkt an.
völlig dem für einen einzelnen materiellen
Punkt.
Wirken auf ein System von Massenpunkten
2.5.2.2 Massenmittelpunkt und Schwerpunktsatz keine äußeren Kräfte, dann bleibt der Mas-
Der Impulssatz erhält eine besonders einfa- senmittelpunkt nach dem Newton’schen Träg-
che Form, wenn für ein System materieller heitsgesetz in Ruhe oder er bewegt sich gleich-
Punkte der Massenmittelpunkt oder Schwer- förmig geradlinig.
punkt S eingeführt wird. Für ein System mate-
rieller Punkte ist der Ortsvektor dieses spezi- 2.5.2.3 Impulserhaltungssatz
ellen Punktes S Wirkt auf ein System materieller Punkte keine

resultierende äußere Kraft, ist also nk = 1 Fka =

n 0, dann ist nach (2.50) dp/ dt = 0. Der Ge-
mk · rk (t)
k=1 samtimpuls des Systems p ist konstant. Für die
rs (t) = . (2.51)
m Summe der Einzelimpulse des Systems gilt der
Impulserhaltungssatz
n
Hierbei ist m = k = 1 mk die Gesamtmasse
des Systems und rk der Ortsvektor des ein- p1 + p2 + … + pn = konstant (2.53)
zelnen materiellen Punktes. Weisen Systeme
oder m1 1 + m2 2 + … + mn n
aus gleichen Massenpunkten eine Symmetrie-
achse auf, dann liegt der Massenmittelpunkt = m1 1 + m2 2 + … + mn n . (2.54)
auf dieser Achse.
Die Geschwindigkeit des Schwerpunktes er-
Wirken äußere Kräfte, wie beispielsweise beim
gibt sich durch die Differentiation von (2.51)
Stoß auf einer schiefen Ebene, so gilt der
zu
Impulserhaltungssatz – eingeschränkt auf die
 n
mk k (t) Zeitpunkte kurz vor und kurz nach dem Stoß –,
drS (t)
= S (t) = k = 1 wenn die Wirkung der äußeren Kräfte im Stoß-
dt m intervall vernachlässigbar ist.
n
pk (t)
p Beispiel
= k=1 = . 2.5-2 Ein Pkw mit der Masse m1 = 1,3 t fährt auf
m m
einer abschüssigen Straße mit dem Neigungswinkel
Bezogen auf die Schwerpunktsbewegung S
β = 5◦ auf einen stehenden Wagen mit der Masse
lässt sich der Impulssatz aus (2.50) umfor- m2 = 1 t auf. Nach dem Aufprall rutscht der gestoßene
men in den Schwerpunktsatz F a = dp/ dt = Wagen vollgebremst s2 = 8 m weit. Die Bremsspur
m dS / dt oder des auffahrenden Wagens ist s1 = 5 m lang. Bei den
60 2 Mechanik

Straßenverhältnissen beträgt die Gleitreibungszahl des Systems aus Rakete und Gas im Zeitinter-
μG = 0,8. Mit welcher Geschwindigkeit 1 fuhr der Pkw vall dt ist
auf, wenn ein gleichmäßig verzögerter Bremsvorgang
angenommen wird? dp = [(m + dm)( + d) + dmT T ] − m
Lösung oder mit dmT = − dm
Aus den Bremsspurlängen werden die Geschwindig-
keiten 1 und 2 kurz nach dem Aufprall berechnet: dp = m d − dm[T − ( + d)] .

Bremsverzögerung: aB = (FR − FH )/ m Mit der Strahlgeschwindigkeit


= g(μG cos β − sin β)
Bremsweg: sB = 2 / 2aB ,
rel = T − ( + d) ,
mit der sich das Treibgas relativ zur Rakete
Geschwindigkeiten nach dem Stoß:
entfernt, lautet der Impulssatz
√ √
1 = 2s1 aB = 8,3 m/s; 2 = 2s2 aB = 10,6 m/s .
dp d dm
Fa = =m − rel .
Mit dem Impulserhaltungssatz nach (2.54) berechnet dt dt dt
man die Auffahrgeschwindigkeit 1 : Die für den Raketenantrieb charakteristische
m1 1 + m2 2
Schubkraft ist
1 = = 16,4 m/s = 59 km/h .
m1
dm
F schub = rel . (2.55)
2.5.3 Raketengleichung dt

Die Beschleunigung einer Rakete ist der be- Die Bewegungsgleichung der Rakete hängt von
sondere Bewegungsfall, bei dem die Masse des der Schubkraft F schub und den äußeren Kräf-
Körpers, der eine Bewegungsänderung erfährt, ten F a , wie beispielsweise den Gravitations-
nicht konstant ist. Durch den Massenausstoß kräften, ab:
heißer Gase gemäß Abb. 2.29 wird die Schub-
kraft der Rakete erzeugt. In der Zeitspanne dt d
ändert sich die Raketenmasse m um dm, die m(t) = Fa + Fschub . (2.56)
dt
Geschwindigkeit  ändert sich um d.
Mit dem Impulssatz nach (2.50) lässt sich der
Verlauf der Raketengeschwindigkeit, die Ra- Mit folgenden Näherungen soll (2.56) inte-
ketengleichung, ableiten. Die Impulsänderung griert werden:

– Der Treibstoff wird im Zeitintervall 0  t


 tB bis zur Brennschlusszeit tB ausgesto-
ßen;
– die Relativgeschwindigkeit rel ist während
der Brennzeit konstant;
– der Massenstrom ṁ der ausgestoßenen
Treibgase ist konstant.

Abb. 2.29 Massen und Geschwindigkeiten von Rakete Ist m0 die Anfangsmasse, bestehend aus Ra-
und Treibstoff zur Zeit t und t + dt kete und Treibstoff, und mleer die Masse der
2.5 Impuls 61

Tabelle 2.4 Daten der Mondrakete Saturn V mit dem


d ṁ
Treibsatz der ersten Stufe a(t) = = rel − g0 . (2.58)
dt m0 − ṁt
Startmasse m0 2,9 · 106 kg
Leermasse mleer 0,82 · 106 kg
Brennschlusszeit tB 160 s Durch Integration ergibt sich für den Betrag
Relativgeschwindigkeit rel 2,6 · 103 m s−1 der Geschwindigkeit
Massenstrom ṁ 1,3 · 104 kg s−1
Schub Fschub 3,4 · 107 N  
m0
(t) = rel ln − g0 t + 0 .
m0 − ṁt
(2.59)
ausgebrannten Rakete, dann ist der Massen-
strom
Beim Start von der Erdoberfläche mit der An-
ṁ =
m0 − mleer fangsgeschwindigkeit 0 = 0 erhält man für die
tB Brennschlusszeit tB die Endgeschwindigkeit

und die Abnahme der Raketenmasse  


m0
(tB ) = rel ln − g0 tB . (2.60)
mleer
m(t) = m0 − ṁt . (2.57)

(Raketengleichung nach K. Ziolkowskij;


In Tabelle 2.4 sind einige charakteristische Da- 1857 bis 1935).
ten der Saturn-V-Rakete angegeben, mit der Durch eine weitere Integration folgt aus (2.59)
1969 das amerikanische Apollo-Raumschiff die Höhe h(t) der Rakete über der Erdober-
die erste bemannte Mondlandung durch- fläche:
führte.
Die erreichbare Endgeschwindigkeit hängt li- rel (m0 − ṁ t)
h(t) =
near von der Ausströmgeschwindigkeit rel  ṁ  
ab. Bei mehrstufigen Raketen wird die ausge- m0 m0
· − 1 − ln
brannte Stufe abgeworfen. Der Start der nächs- m0 − ṁ t m0 − ṁ t
ten Stufe erfolgt mit der Endgeschwindigkeit 1 2
− g0 t . (2.61)
der Vorstufe als Anfangsgeschwindigkeit 0 . 2
Erfolgt der Start der ersten Stufe der Rakete
im Schwerefeld der Erde, dann ist als äußere Bei Brennschluss tB ist die Höhe
Kraft die Gravitationskraft auf die Rakete zu
berücksichtigen. Die Gravitationskraft ist der   
rel mleer m0 m0
Schubkraft entgegengerichtet. Werden für die hB = − 1 − ln
ṁ mleer mleer
Startphase der Luftwiderstand und die Ände-
1 2
rung der Fallbeschleunigung mit der Steig- − g0 tB . (2.62)
höhe vernachlässigt, rechnet man also mit 2
g = g0 = konstant, dann ist die äußere Kraft
F a = m(t)g 0 . Für den Betrag der Beschleuni- Mit der Geschwindigkeit (tB ) aus (2.60) er-
gung gilt reicht die Rakete nach Brennschluss noch eine
62 2 Mechanik

Steighöhe hs = 2 (tB )/ 2g0 (2.10). Der Bahn- Stoß? b) Wie groß ist die Beschleunigung während der
scheitel des senkrechten einstufigen Raketen- Stoßzeit?
aufstiegs liegt nach dieser Näherungsrech-
nung in der Höhe htotal über Startniveau ge- Ü 2.5-2 Ein Auto hat die Masse m = 1 000 kg. Es
mäß fährt mit  = 50 km/h geradeaus. Welche Impulsän-
derung Δp – nach Betrag und Richtung – muss aufge-
bracht werden, um eine Richtungsänderung von 120◦
2 (tB )
htotal = hB + . (2.63)
zu bewerkstelligen, ohne den Betrag der Geschwindig-
2g0 keit  zu ändern?

Ü 2.5-3 Die Mondmasse mM beträgt etwa 0,0123 mE


In Abb. 2.30 ist jeweils der Verlauf der Ge- (mE = Erdmasse). Der Abstand zwischen Erdmittel-
schwindigkeit für den Fall, dass – wie im Welt- punkt und Mondmittelpunkt ist REM = 3,8 · 105 km,
raum – keine äußere Kraft wirkt (g0 = 0) und der Erdradius RE = 6 370 km. Wo liegt der Massenmit-
für den Fall, dass der Start gegen die Erdgravi- telpunkt S des Systems Erde und Mond?
tation erfolgt, wiedergegeben. Den angegebe-
nen Zahlenwerten liegen die Daten der Start- Ü 2.5-4 Beim spontanen radioaktiven Zerfall sendet
stufe der Saturn V-Rakete nach Tabelle 2.4 zu- ein U-238-Kern ein α-Teilchen gemäß folgender Reak-
tion aus:
grunde.
238
92 U → 234 4
90 Th + 2 He .
Zur Übung
Ü 2.5-1 Auf einer ebenen Unterlage liegt eine Kugel
Die Geschwindigkeit des α-Teilchens wird zu α =
(Masse m = 2,0 kg). Die Kugel wird parallel zur Unter-
1,4 · 107 m/s gemessen. Welches ist die Geschwindig-
lage mit einem Hammer angeschlagen. Die Kontaktzeit
keit Th des Rückstoßkerns Thorium?
ist t = 5 ms, die mittlere Kraft F = 100 N. a) Wie groß
sind Geschwindigkeit und Impuls der Kugel nach dem
Ü 2.5-5 Wie viel Treibstoff muss eine Einstufenrakete
aufnehmen, damit sie nach Verbrennen des gesamten
Treibstoffs die erste kosmische Geschwindigkeit von
 = 7,9 km/s erreicht? Die Leermasse der Rakete ist
mleer = 1 000 kg, die Ausströmgeschwindigkeit gegen
die Rakete ist rel = 3 000 m/s, die Brennschlusszeit ist
tB = 120 s. Unterscheiden Sie zwischen einem „Start“
im Weltraum außerhalb des Graviationsbereichs eines
Himmelskörpers und einem Start im Schwerefeld der
Erde.

2.6 Arbeit und Energie


2.6.1 Arbeit

Wirkt eine Kraft F auf einen materiellen Punkt


Abb. 2.30 Geschwindigkeit der Saturn-V-Rakete
oder Körper und verschiebt ihn dabei um ein
(1. Stufe) bei senkrechtem Start auf der Erde mit
näherungsweise konstantem Schwerefeld (I) und Wegelement Δs, so hat die Kraft den Zustand
Zündung im Weltraum ohne Einwirkung äußerer des Körpers verändert, sie hat Arbeit verrich-
Kräfte (II) tet. Die mechanische Arbeit ist definiert als
2.6 Arbeit und Energie 63

In Abb. 2.33 sind Fälle zusammengestellt, bei


denen die Kraft F Arbeit gegen ortsunabhän-
gige Kräfte verrichtet. Dazu zählen die im
erdnahen Gravitationsfeld näherungsweise
konstante Schwerkraft F G und die von ihr
verursachte Hangabtriebskraft sowie die auf
dem Verschiebungsweg konstante Festkörper-
Abb. 2.31 Zur Definition der Arbeit reibungskraft F R . Mit aufgenommen ist die
Beschleunigungsarbeit gegen die Trägheits-
kraft F t der beschleunigten Masse (2.33):

ΔW = |F| |Δs| cos(F, Δs) (2.64) s2


W12 = F · ds
s1
entsprechend Abb. 2.31 oder in differentieller s2   v
2 (s2 )
d
Schreibweise als Skalarprodukt = − −m · ( dt) = m( · d) .
dt
s1 v1 (s1 )
dW = F · ds . (2.65)
Die Integration zeigt, dass die Beschleuni-
Die insgesamt längs eines Weges von s1 nach s2 gungsarbeit nur von der Differenz der Qua-
von einer Kraft F(r, t) verrichtete Arbeit ergibt drate der Geschwindigkeiten abhängt:
sich durch Integration der Einzelbeiträge, wie
Abb. 2.32 verdeutlicht: 1  
W12 = m 22 − 21 . (2.67)
2
s2 s2
W12 = dW = F · ds . (2.66)
Die Beschleunigungsarbeit ist null, wenn, wie
s1 s1
bei der gleichförmigen Kreisbewegung, d
und  senkrecht aufeinander stehen: sich der
Nach der Definitionsgleichung (2.64) ist die Geschwindigkeitsbetrag also nicht ändert.
Maßeinheit der Arbeit 1 Nm = 1 J (Joule). Die Arbeit beim Dehnen und Stauchen einer
Feder und beim Anheben eines Körpers gegen
die Gravitationskraft über größere Strecken
wird nicht mehr gegen konstante Kräfte geleis-
tet. Abbildung 2.34 enthält für diese Fälle orts-
abhängiger Kräfte die Integration von (2.66).
Die Arbeit entspricht dabei der Fläche zwi-
schen der Kraftkurve und der Wegachse in-
nerhalb der Integrationsgrenzen.

Beispiel
Abb. 2.32 Arbeit einer ortsabhängigen Kraft F(x, y) 2.6-1 Wie groß ist der Arbeitsaufwand beim Dehnen
längs des Wegs von s1 (x1 , y1 ) nach s2 (x2 , y2 ) oder Stauchen einer idealen Feder?
64 2 Mechanik

Abb. 2.33 Arbeit gegen ortsunabhängige Kräfte

Lösung 2.6.2 Leistung, Wirkungsgrad


Nach (2.32) gilt als lineares Kraftgesetz für die Fe-
derauslenkung F rück = −kx. Beim Stauchen oder Deh- Das Maß dafür, in welcher Zeitspanne eine Ar-
nen hält die Kraft F der rücktreibenden Systemkraft zu
beit verrichtet wird, ist die Leistung
jedem Zeitpunkt das Gleichgewicht: F = −F rück . Die
aufzuwendende Arbeit W12 beim Dehnen von x1 auf
x2 ist ΔW
x2 x2 P= . (2.69)
W12 = F · dx = (−)(−kx) · dx .
Δt
x1 x1
x und dx sind parallel gerichtet, daher ergibt sich Die Maßeinheit der Leistung ist 1 N m s−1 =
1 J s−1 = 1 W (Watt). Die Leistung hängt vom
1   Zeitintervall Δt ab. Die Momentanleistung P
W12 = k x22 − x21 . (2.68) ergibt sich mit (2.65) zu
2
Die aufzuwendende Verformungsarbeit
nimmt quadratisch mit der Auslenkung dW
P= = F . (2.70)
zu. dt
2.6 Arbeit und Energie 65

Abb. 2.34 Arbeit gegen ortsabhängige Kräfte

Aus der über die Gesamtzeit tg verrichteten Der Wirkungsgrad ist dimensionslos, der Wer-
Gesamtarbeit Wg errechnet sich die mittlere tebereich liegt zwischen 0  η  1.
Leistung Stimmen die Zeitintervalle der Leistungszu-
fuhr und Leistungsabgabe nicht überein, bei-
spielsweise bei dem langsamen Anheben eines
Wg
Pm = . (2.71) Rammbärs mit anschließendem raschem Auf-
tg
prall, dann wird der Wirkungsgrad über das
Verhältnis von Nutzarbeit Wab zur zugeführ-
ten Arbeit Wzu definiert:
Leistungen von Antrieben misst man, indem
die in der Zeitspanne abgegebene Arbeit de-
finiert in messbare Reibungsarbeit oder Rei- t1
bungswärme umgewandelt wird. Die abgege- Peff dt
bene effektive Leistung Peff eines Antriebs oder Wab
mechanischen Wandlers ist wegen der Rei- η= = 0
. (2.73)
Wzu t2
bungsverluste PV kleiner als die zugeführte PN dt
Nennleistung PN . Das Kennzeichen für die Ef-
0
fektivität der Leistungswandler ist der Wir-
kungsgrad
Werden mehrere Antriebe und Wandler hin-
Peff P tereinandergeschaltet, dann ist der Gesamt-
η= =1− V . (2.72)
wirkungsgrad der Anlage das Produkt aus den
PN PN
Einzelwirkungsgraden:
66 2 Mechanik

W ab,n Wab,1
ηges = =
Wzu,1 Wzu,1
Wab,2 Wab,n
· ·…· oder
Wab,1 Wab,n−1

ηges = η1 η2 …ηn . (2.74)

Beispiel
2.6-2 Ein Förderkorb, dessen Masse einschließlich
maximaler Nutzlast m1 = 1 000 kg beträgt und dessen
Gegengewicht die Masse m2 = 450 kg hat, fährt mit der
Beschleunigung a1 = 1 m/s2 aufwärts, bis er die kon-
stante Fördergeschwindigkeit 2 = 5 m/s erreicht. Die
gesamte Reibungskraft ist FR = 500 N. Abbildung 2.35
verdeutlicht den Vorgang. Welche Spitzenleistung und
welche Dauerleistung benötigt der Antrieb, wenn der
Wirkungsgrad η = 0,9 beträgt?

Lösung
Die Kraft F1 an dem Umfang der Trommel während
des Anfahrens ergibt sich aus

F1 + m2 (g − a) = m1 (g + a) + FR

zu

F1 = m1 (g + a) − m2 (g − a) + FR = 7 450 N .

Im Bewegungsabschnitt mit konstanter Förderge-


schwindigkeit ist

F2 = (m1 − m2 )g + FR = 6 000 N .

Die maximale Nennleistung während des Anfahrens


beträgt

F1 2
PN,max = = 41,4 kW .
η
Abb. 2.35 Zu Beispiel 2.6-2
Die Dauer-Nennleistung bei der anschließenden
gleichförmigen Bewegung des Förderkorbes ist
2.6.3 Energie
F2 2
PN = = 33,3 kW .
η Führt man einem Körper mechanische Arbeit
Antriebsaggregate müssen so ausgelegt werden, dass zu, dann ändert sich der physikalische Zu-
sie über die Dauerleistung hinaus kurzfristig eine we- stand des Körpers: Eine gespannte Feder kann
sentlich höhere Spitzenleistung aufbringen können. einen an ihr befestigten Körper beschleuni-
2.6 Arbeit und Energie 67

gen, also Beschleunigungsarbeit verrichten; gehören die von der Verformungsarbeit WV


ein durch Arbeitsverrichtung beschleunigter herrührende elastische Energie
Wagen kann eine schiefe Ebene bergauf fah-
ren und damit Hubarbeit verrichten. Körper 1
unterscheiden sich also dadurch, in welchem Eelast = ks2 (2.78)
2
Maß ihnen Arbeit zugeführt wurde. Das Maß
dafür ist die Energie E.
und die durch die Hubarbeit WH erzeugte La-
geenergie
Durch Zufuhr oder Abgabe von Arbeit
wird die Energie eines Körpers oder die
Gesamtenergie eines Systems materieller ELage = mgh . (2.79)
Punkte erhöht oder erniedrigt.
Die Energieanteile hängen betragsmäßig da-
Die Energie wird in der gleichen Maßeinheit von ab, wo das Bezugsniveau h = 0 und der
1 J angegeben wie die Arbeit, durch die sie Ausgangszustand s = 0 liegen und auf welches
verändert wird. Es gilt also der Energiesatz der Koordinatensystem die Geschwindigkeit  be-
Mechanik: zogen ist.

2.6.4 Energieerhaltungssatz
ΔE = Enachher − Evorher = ΔW . (2.75)
Die als Energie gespeicherte Arbeit muss nicht
in der Arbeitsform abgegeben werden, in der
Die Energieanteile eines Körpers werden sie aufgenommen wurde. Diese Abgabe ist
durch die Arbeit, die sie erzeugt haben, be- auch in anderen Arbeitsformen möglich. Beim
schrieben und ergeben wie diese additiv die Bogenschießen wird beispielsweise die elas-
Gesamtenergie. Die mechanische Energie tische Energie in Beschleunigungsarbeit des
eines Körpers ist Pfeils und eventuell beim Schuss bergauf in
Hubarbeit umgewandelt. Alle Naturerschei-
nungen gehorchen einem fundamentalen Ge-
E = Ekin + Epot . (2.76)
setz, der Erhaltung der Energie:

Sie setzt sich zusammen aus der durch die In einem abgeschlossenen System bleibt
Beschleunigungsarbeit WB erzeugten kineti- der Energieinhalt konstant. Energie kann
schen Energie weder vernichtet werden noch aus nichts
entstehen; sie kann sich in verschiedene
Formen umwandeln oder zwischen ver-
1
Ekin = m2 (2.77) schiedenen Teilen des Systems ausge-
2 tauscht werden.

und der potentiellen Energie Epot , in der die Es gibt kein Perpetuum mobile erster Art; d. h.,
Energieanteile zusammengefasst sind, die nur es ist unmöglich, eine Maschine zu bauen, die
von einer Ortskoordinate abhängen. Hierzu dauernd Arbeit verrichtet, ohne dass ihr von
68 2 Mechanik

außen ein entsprechender Energiebetrag zu- tische Verformungen bewirken, dass der Ener-
geführt wird (Abschn. 3.3.2). giezustand vom gewählten Weg abhängt. In
Der Energieerhaltungssatz ist nicht beweis- dieser Weise vom Weg abhängige Kräfte sind
bar; er fasst die jahrhundertelangen Erfah- dissipative Kräfte.
rungen mit Energieumwandlungsexperimen-
ten zusammen. In seiner allgemeinen Form Zur Übung
Ü 2.6-1 Eine Stahlkugel (Masse m) fällt frei aus der
beinhaltet er außer den mechanischen Ener-
Höhe h auf eine Stahlplatte und springt danach auf
gieformen der kinetischen und der potenti- eine Höhe h1 = 0,9h zurück. a) Wie groß ist ihre Ge-
ellen Energie auch thermische Energien, che- schwindigkeit 0 unmittelbar vor dem Aufprall? b) Wie
mische Energien, elektrische und magnetische groß ist die Geschwindigkeit unmittelbar nach dem
Feldenergien. Aufprall? c) Wie groß ist die Impulsänderung Δp der
Bleiben in Systemen die nichtmechanischen Stahlkugel nach Betrag und Richtung? d) Welcher An-
teil der ursprünglichen kinetischen Energie wurde in
Energien der Körper konstant, ist also in ideali-
nicht-mechanische Energieformen umgesetzt?
sierten mechanischen Systemen die Reibungs-
arbeit vernachlässigbar, dann gilt für die kine-
tische Energie und die potentielle Energie des Ü 2.6-2 Eine Feder (Federkonstante k = 200 N/m)
wird um Δy = 15 cm zusammengedrückt. Dann wird
Systems materieller Punkte der Energieerhal-
eine Kugel (Masse m = 80 g) auf sie gelegt. Wie hoch
tungssatz der Mechanik springt die Kugel, wenn die Feder plötzlich entspannt
wird?
Ekin + Epot = konstant . (2.80)
Ü 2.6-3 Eine Schraubenfeder ist durch eine Kraft F1 =
50 N gespannt. Wirkt zusätzlich eine Kraft ΔF = 30 N
In diesem Fall hängen die mechanischen Ener- an der Feder, wird diese um Δl = 20 cm verlängert.
gien zu zwei Zeitpunkten t und t folgender- a) Wie groß ist die für diese Verlängerung erforder-
maßen zusammen: liche Arbeit? b) Wie groß ist die Gesamtenergie der
gespannten Feder?
1 2  1 2 
m1 1 − 2 2
1 + m2 2 − 2 + …
2 2 Ü 2.6-4 Bei großen Deformationen wird das Kraft-
1   1  2 2 
+ k1 s21 − s2
1 + k2 s2 − s2 + …
gesetz einer realen Feder nicht-linear. Für eine Puf-
2 2 ferfeder gilt k(x) = k1 + k2 x2 mit k1 = 103 N/m und
(2.81) k2 = 107 N/m3 . Wie weit wird diese Feder zusammen-
 
  
 gedrückt, wenn ein Körper, der die kinetische Energie
+ m1 g h1 − h1 + m2 g h2 − h2 + …
Ekin = 0,3 N m hat, in x-Richtung aufprallt?
=0.

Im mechanischen Energieerhaltungssatz ist 2.7 Stoßprozesse


die potentielle Energie des Systems durch die
Lagekoordinaten s oder h eindeutig bestimmt; 2.7.1 Übersicht und Grundbegriffe
sie hängt nicht vom Weg und den Wechselwir-
kungen auf diesem Weg ab. Die elastische Kraft Bei einem Stoßprozess berühren sich zwei
und die Gewichtskraft, die die potentielle Ener- (oder auch mehrere) Körper kurzzeitig un-
gie bestimmen, werden als konservative Kräfte ter Änderung ihres jeweiligen Bewegungszu-
bezeichnet. Im Gegensatz dazu gilt (2.81) nicht stands, wie Abb. 2.36 verdeutlicht. Kennzeich-
mehr, wenn Reibungsvorgänge und nichtelas- nend ist die Einmaligkeit und die im Vergleich
2.7 Stoßprozesse 69

Einwirkung äußerer Kräfte. Zwischen den


Geschwindigkeiten der Stoßpartner vor dem
Stoß 1 sowie 2 und nach dem Stoß 1 sowie
2 besteht nach dem Impulserhaltungssatz
gemäß (2.54) der Zusammenhang

m1 1 + m2 2 = m1 1 + m2 2 . (2.82)

Die Vektoren können algebraisch addiert wer-


den, weil der gerade zentrale Stoß eindimen-
sional ist, wie Abb. 2.39 verdeutlicht. Die zweite
Abb. 2.36 Zeitlicher Verlauf des Stoßes zweier
elastischer Körper

zur gesamten Beobachtungsdauer kurze Kon-


taktzeit der beteiligten Körper. In dieser Wech-
selwirkungszeit treten verhältnismäßig große
Kräfte auf. Die Bewegung wenigstens eines der
beteiligten Körper ändert sich abrupt.
Stoß-Beispiele sind Billard-, Tennis- oder
Fußballstöße und Auto-Unfallversuche. Abbil-
dung 2.37 zeigt ein Beispiel hierfür. Stoßpro-
zesse treten auch bei atomaren Vorgängen auf.
Bei Zusammenstößen zwischen Atomen und
Molekülen treten an die Stelle der elastischen
Kräfte der Mechanik elektrostatische Wechsel-
wirkungskräfte. Eine Klassifikation der Stöße
zwischen makroskopischen Körpern lässt sich
nach den geometrischen Verhältnissen und
den Änderungen der kinetischen Energie der
Stoßpartner treffen. Abbildung 2.38 zeigt eine
Übersicht.

2.7.2 Gerader, zentraler, elastischer Stoß


Für ein Zeitintervall kurz vor und kurz nach
dem Stoß sind die Änderungen der poten-
tiellen Energien der Stoßpartner und die Abb. 2.37 Crash-Test-Zeitverlauf. Auffahrgeschwin-
Reibungsverluste vernachlässigbar gegenüber digkeit 64 km/h, Zeitspanne seit dem Aufprall
den kinetischen Energien; für den Stoßzeit- a) 0 ms, b) 75 ms, c) 150 ms
raum ist das System abgeschlossen und ohne Werkfoto: Daimler Chrysler AG
70 2 Mechanik

Abb. 2.38 Klassifikation der Stoßprozesse. Betrachtet werden nur Stöße, bei denen die Stoßpartner vor dem Stoß
reine Translationsbewegungen ausführen

Bestimmungsgleichung ist der Energieerhal- Durch Umformung von (2.83) ergibt sich
tungssatz nach (2.81):      
m1 1 + 1 1 − 1 = m2 2 + 2 2 − 2
1 1 1 1
m1 21 + m2 22 = m1  21 + m2  22 . und mit (2.82)
2 2 2 2
(2.83)
 
1 − 2 = − 1 − 2 . (2.84)

Vom Körper 2 aus gesehen, bewegt sich der


Körper 1 nach dem Stoß mit derselben Rela-
tivgeschwindigkeit weg, mit der er vor dem
Stoß auf den Körper 2 zugelaufen ist.
Setzt man (2.84) in (2.82) ein, so führt dies
auf die Bestimmungsgleichungen für die Ge-
Abb. 2.39 Gerader, zentraler Stoß schwindigkeiten nach dem Stoß:
2.7 Stoßprozesse 71

(m1 − m2 )1 + 2m2 2


1 = , (2.85)
m1 + m2
2m1 1 + (m2 − m1 )2
2 = . (2.86)
m1 + m2

Sind die Massen der Stoßpartner gleich, so


tauschen die beiden Körper Geschwindigkeit,
Impuls und kinetische Energie aus; war vor
dem Stoß der gestoßene Körper in Ruhe, so
ist nach dem Stoß der stoßende Körper in
Ruhe. Stößt ein schwerer Körper einen leich-
ten, dann bewegen sich beide nach dem Stoß
in der gleichen Richtung weiter. Ist dagegen
die Masse des gestoßenen Körpers größer als
die des stoßenden, so wird der stoßende Kör-
per reflektiert und nach dem Stoß laufen die
Körper entgegengesetzt auseinander. Kollidie- Abb. 2.40 Gerader, zentraler Stoß: Anteil f
der Energieübertragung in Abhängigkeit vom
ren Körper extrem unterschiedlicher Massen –
Massenverhältnis der Stoßpartner
prallt beispielsweise ein Ball auf eine Wand –,
dann wird beim elastischen Stoß der stoßende
Der Anteil f der Energieübertragung bei einem gera-
Körper vollständig reflektiert. Er behält seine
den, zentralen, elastischen Stoß eines ruhenden Stoß-
kinetische Energie; der Impuls und die Ge-
partners ist in Abhängigkeit vom Massenverhältnis
schwindigkeit sind nach dem Stoß entgegen- m1 :m2 in Abb. 2.40 aufgetragen. Der Energieübertrag
gesetzt zur Einfallsrichtung gerichtet. ist umso höher, je geringer der Massenunterschied zwi-
schen den Stoßpartnern ist. Zum Abbremsen schnel-
Beispiel ler Neutronen in Kernreaktoren ist also Wasser (H2 O)
2.7-1 Ein Neutron mit der Masse m1 = mN stößt oder schweres Wasser (D2 O) sehr viel effektiver als
zentral auf einen ruhenden Atomkern mit der Masse etwa eine Bleiabschirmung.
m2 = NmN . Die Kollision ist näherungsweise elastisch.
Welcher Anteil f der kinetischen Energie des Neutrons 2.7.3 Gerader, zentraler, unelastischer Stoß
wird auf den Atomkern übertragen?
Geht beim Stoßvorgang kinetische Energie
Lösung beispielsweise durch Reibungs- oder inelasti-
Die Energie des stoßenden Neutrons ist
sche Verformungsarbeit verloren, dann muss
1
Ekin, Nvor = m1 21 . der allgemeine Energiesatz nach (2.75) zur Be-
2
rechnung der Geschwindigkeiten nach dem
Beim Stoß wird die Energie ΔE übertragen:
  Stoß herangezogen und der Energieverlust ΔW
1 
ΔE = m1 21 − 12 . berücksichtigt werden:
2
Der Anteil f der übertragenen kinetischen Energie ist
  1 1 1
ΔE

2 m1 − m2 2 m1 21 + m2 22 = m1 21 (2.87)
f = = 1 − 12 = 1 − 2 2 2
Ekin, N vor 1 m1 + m2 1
4m1 m2 4N 2 + ΔW .
+ m2 2
= = . 2
(m1 + m2 )2 (1 + N)2
72 2 Mechanik

Zusätzlich zum Impulserhaltungssatz nach auch als vollkommen plastischer Stoß bezeich-
(2.82) ist eine weitere Bestimmungsgleichung net wird
notwendig, um die Geschwindigkeiten 1 und
2 − 1 =0.
2 nach dem Stoß und den Energieverlust ΔW
berechnen zu können (Beispiel 2.5-2). Es liegt nahe, den teilplastischen Stoß zu de-
Besonders interessant ist der unelastische Stoß, finieren, bei dem folgender Zusammenhang
bei dem die beiden Körper miteinander ver- gilt:
koppelt werden und sich nach dem Stoß mit
der gemeinsamen Geschwindigkeit
2 − 1 = ε(1 − 2 ) . (2.89)
 
= 1 = 2
ε wird als Stoßzahl bezeichnet und kann fol-
gemäß Abb. 2.41 bewegen. Der Impulserhal-
gende Werte annehmen:
tungssatz dieses unelastischen Stoßes lautet
ε=1 elastischer Stoß
m1 1 + m2 2 = (m1 + m2 ) ; ε=0 vollkommen plastischer Stoß
daraus folgt 0<ε<1 teilweise plastischer Stoß
Die Stoßzahl kann experimentell bestimmt
m1 1 + m2 2 werden. Beispielsweise beträgt sie für Körper
 = . (2.88)
m1 + m2 aus gehärtetem Stahl ε = 0,95; für Blei gilt
ε = 0.
Der Verlust an kinetischer Energie ergibt sich
Die für den elastischen Stoß gefundene (2.84)
zu
für die Geschwindigkeitsdifferenzen vor und
nach dem Stoß m1 m2   
ΔW = 1 − ε2 21 − 22 .
2(m1 + m2 )
2 − 1 = 1 − 2
(2.90)
gilt für den unelastischen Stoß nicht mehr.
Vielmehr gilt für den Stoß mit Kopplung, der
Beispiel
2.7-2 Die Stoßzahl lässt sich aus Fallversuchen be-
stimmen. Dabei lässt man eine kleine Kugel aus der
Fallhöhe h auf einen schweren (m2 >> m1 ) ruhenden
Körper fallen (Abb. 2.42). Wie groß ist die Stoßzahl ε,
wenn die Fallhöhe h = 70 cm beträgt und die Zeit-
spanne zwischen dem ersten und dem zweiten Aufprall
Δt = 0,72 s?
Lösung
Nach dem freien Fall kommt es zum ersten Aufprall
nach der Zeit


2h
Abb. 2.41 Gerader, zentraler, unelastischer Stoß mit t1 = = 0,378 s .
Kopplung (vollplastischer Stoß) g
2.7 Stoßprozesse 73

Abb. 2.42 Zu Beispiel 2.7-2: Bestimmung der Stoßzahl

Die Aufprallgeschwindigkeit der kleinen Kugel ist



1 = 2gh = gt1

Nach (2.89) prallt die Kugel ab mit der Geschwindigkeit


Abb. 2.43 Schiefer, zentraler, elastischer Stoß
1 = −ε1 ,

dabei sind 2 und 2 jeweils null.


Der Impulserhaltungssatz nach (2.54) in Rich-
Die Zeitspanne bis zu einem erneuten Aufprall ist tung der Stoßgeraden ergibt eine weitere ska-
lare Bestimmungsgleichung:
2|1 | 2ε1
Δt = = = 2εt1 .
g g
m1 1y + m2 2y = m1 1y + m2 2y . (2.93)
Damit wird die Stoßzahl
Δt
ε= = 0,95 . Beim elastischen Stoß entsteht kein Energie-
2t1
verlust; der Energieerhaltungssatz nach (2.81)
lautet also

2.7.4 Schiefe, zentrale Stöße 1 2  1  


m1 1x + 21y + m2 22x + 22y (2.94)
2 2
2.7.4.1 Elastische Stöße 1  2  1  
Abbildung 2.43 skizziert die Lage der Stoß- = m1 1x + 1y + m2 22x + 22y .
2
2 2
partner für den Augenblick, in dem sie sich be-
rühren. Die Verbindungslinie der beiden Mas-
Gleichungen (2.91) bis (2.94) sind vier Bestim-
senmittelpunkte in diesem Augenblick ist die
mungsgleichungen für die unbekannten Kom-
Stoßgerade; in Abb. 2.43 ist es die y-Achse.
ponenten 1x , 1y , 2x und 2y der Stoßpartner
Ohne Reibung kann in die x-Richtung senk-
nach dem Stoß. Die Lösungen des Gleichungs-
recht zur Stoßgeraden keine Kraft übertragen
systems sind in Tabelle 2.5 dargestellt.
werden. Die Komponenten der Impulse in x-
Sind die Massen der beiden Stoßpartner gleich
Richtung sind vor und nach dem Stoß gleich:
und ist der gestoßene Körper in Ruhe, dann
folgt aus (2.94)
m1 1x = m1 1x , (2.91)
m2 2x = m2 2x . (2.92) 21 = 21 + 22 . (2.95)
74 2 Mechanik

Tabelle 2.5 Schiefer, zentraler, elastischer Stoß Diese können beobachtete Ablenkwinkel oder
gemessene Geschwindigkeitsbeträge sein. Hat
Geschwindigkeiten man die Geschwindigkeiten nach dem Stoß-
vor dem nach dem
vorgang bestimmt, so kann man durch Ver-
Stoß Stoß
Körper 1 1x 1x = 1x gleich der kinetischen Energien vor und nach
Masse m1 1y 1y = dem Stoß den Energieanteil ermitteln, der in
(m1 − m2 )1y + 2m2 2y nichtmechanische Energieformen umgesetzt
m1 + m2 wurde.
Körper 2 2x 2x = 2x
Ein grundlegendes Beispiel für einen inelas-
Masse m2 2y 2y =
2m1 1y + (m2 − m1 )2y tischen Stoß ist der Franck-Hertz-Versuch
m1 + m2 (Abschn. 8.2, Abb. 8.6). Gasatome nehmen
beim Stoß mit Elektronen nur diskrete Ener-
gien auf und geben sie kurze Zeit später als
Lichtquant ab.
Die Geschwindigkeitsrichtungen der Stoß- Zur Übung
partner stehen in diesem Fall nach dem Stoß Ü2.7-1 Im Weltraum, wo äußere Kräfte vernachlässigt
senkrecht aufeinander. Erfolgt andererseits werden dürfen, soll von einer Trägerrakete (Masse m,
der schiefe, zentrale, elastische Stoß gegen eine Geschwindigkeit ) eine Raumkapsel (Masse m/ 2) ab-
gesprengt werden. Das nicht mehr gebrauchte Bruch-
Wand (m2 >> m1 ), dann folgt aus Tabelle 2.5
stück (Masse m/ 2) soll dabei zur Ruhe kommen. Wel-
cher Energiebetrag ist dem System zuzuführen?

1y = −1y . (2.96) Ü 2.7-2 Ein Eisenbahnwaggon (Masse m1 = 24 000 kg)


rollt mit einer Geschwindigkeit 1 = 3 m/s auf geraden,
ebenen Schienen. Er stößt mit einem zweiten Waggon
Der Tangens der Winkel tan β1 = tan(1y / 1x ) (Masse m2 = 20 000 kg), der sich mit der Geschwin-
digkeit 2 = 1,8 m/s in derselben Richtung bewegt,
und tan β1 = tan(1y / 1x ) sind gleich groß. Dies
zusammen.
ist das Reflexionsgesetz für den schiefen elas-
a) Nehmen Sie an, die Waggons kuppeln beim Stoß
tischen Stoß eines Körpers an einer Wand:
zusammen. Welches ist die gemeinsame Endgeschwin-
digkeit  ? Welcher Betrag an Energie wurde in Wärme
umgesetzt? b) Nehmen Sie an, der Zusammenstoß sei
β1 = β1 . (2.97)
vollständig elastisch und die Waggons trennen sich
dann wieder. Welches sind dann die Endgeschwindig-
keiten 1 und 2 der beiden Waggons? c) Was ändert
Der Ausfallwinkel ist also gleich dem Einfall- sich an den Antworten zu den Teilfragen a) und b),
winkel. wenn sich die beiden Waggons anfangs aufeinander zu
bewegen?
2.7.4.2 Inelastische Stöße
Ü 2.7-3 Ein Geschoss (Masse m1 = 20 g) fliegt hori-
Wenn der Stoßvorgang nicht mehr elastisch
zontal mit der Geschwindigkeit 1 = 200 m/s. Es trifft
erfolgt, dann gilt der Energieerhaltungssatz auf einen als Pendel an einem langen Draht aufgehäng-
der Mechanik nicht mehr. Zwar liefert der Im- ten Holzklotz (Masse m = 1,0 kg) und durchschlägt
pulserhaltungssatz für die beiden kartesischen ihn. Nachdem die Kugel aus dem Klotz ausgetreten ist,
Koordinaten zwei skalare Gleichungen, aber es hat das Pendel eine Geschwindigkeit von p = 2,0 m/s.
sind zusätzlich noch zwei geometrische Be- a) Wie groß ist die Geschwindigkeit 1 des Geschosses
dingungen für den Stoßvorgang notwendig. nach Durchschlagen des Pendelklotzes? (Dabei darf
2.8 Drehbewegungen 75

die Bewegung des Pendels in der Wechselwirkungszeit definiert als Vektorprodukt aus dem Radius-
mit dem Geschoss vernachlässigt werden.) b) Ist der vektor r und der äußeren Kraft F:
Zusammenstoß vollständig unelastisch? Welcher An-
teil der kinetischen Energie wird in nichtmechanische
Energien umgesetzt? M =r×F . (2.98)

Ü 2.7-4 Ein Körper (Masse m1 = 50 g) hat eine Ge-


schwindigkeit 1 = 10 m/s. Er trifft auf ein ruhendes Ein Drehmoment hat seinen größten Wert,
Objekt (m2 = 100 g). Nach dem Zusammenstoß ist die wenn der Radiusvektor r und die Kraft F senk-
Geschwindigkeit des ersten Körpers auf 1 = 6 m/s ver- recht aufeinander stehen. Die Maßeinheit des
mindert; er fliegt in eine Richtung, die um 45◦ gegen Drehmoments ist 1 N m. Dies ist formal die
seine ursprüngliche Flugrichtung abweicht. gleiche Einheit, die auch Arbeit und Ener-
a) Wie groß ist die Geschwindigkeit 2 – nach Betrag gie haben; im Gegensatz zu diesen skalaren
und Richtung – des zweiten Körpers nach dem Stoß? Größen ist das Drehmoment jedoch eine Vek-
b) Wie viel Energie wird beim Stoß in nichtmechani- torgröße. Für die Berechnung von Gleichge-
sche Energieformen umgesetzt? wichten, besonders bei starren Körpern (Ab-
schn. 2.9), spielt das Drehmoment eine zen-
trale Rolle.
2.8 Drehbewegungen
2.8.2 Newton’sches Aktionsgesetz
2.8.1 Drehmoment
der Drehbewegung

Um einen materiellen Punkt oder einen Kör-


2.8.2.1 Drehimpuls eines materiellen Punktes
per in Rotation um eine vorgegebene Dreh-
Der momentane Ort eines materiellen Punktes
achse zu versetzen, muss ein Drehmoment aus-
der Masse m, der sich unter dem Einfluss ei-
geübt werden.
ner Kraft F auf einer Bahnkurve bewegt, wird
Das Drehmoment hängt gemäß Abb. 2.44 ab
durch den Radiusvektor r vom Ursprung ei-
von Betrag und Richtung der Kraft F und
nes Inertialsystems aus beschrieben, wie aus
dem Abstand r des Angriffspunkts der Kraft
Abb. 2.45 hervorgeht.
von der Drehachse. Die Richtung des Dreh-
Seine Momentangeschwindigkeit ist , der Im-
moments steht senkrecht auf der von r und
puls p = mv. Der materielle Punkt führt eine
F aufgespannten Ebene. Das Drehmoment ist

Abb. 2.44 Zur Definition des Drehmoments M Abb. 2.45 Zur Definition des Drehimpulses L
76 2 Mechanik

Drehbewegung aus, wenn sein Impuls p eine geometrieabhängige Massenträgheitsmoment


Komponente senkrecht zum Ortsvektor r des J und an die Stelle der Bahngeschwindigkeit 
materiellen Punkts hat, das Vektorprodukt die Winkelgeschwindigkeit ω.
r × p also nicht verschwindet. Diese für die
Drehbewegung charakteristische Größe wird 2.8.2.2 Dynamisches Grundgesetz der Rotation
als Drehimpuls L definiert: Aus (2.99) folgt für die zeitliche Änderung des
Drehimpulses
L=r×p. (2.99)
dL d dr dp
= (r × p) = ×p+r× .
dt dt dt dt
Die Maßeinheit des Drehimpulses ergibt sich
Die Bahngeschwindigkeit  = dr/ dt und der
zu 1 N m s.
Impuls p = m sind gleichgerichtet, ihr Vek-
Für einen materiellen Punkt, der mit der Win-
torprodukt verschwindet. Nach dem Newton’-
kelgeschwindigkeit ω auf einer Kreisbahn um-
schen Aktionsprinzip (2.24) ist die Impulsän-
läuft, ist die momentane Bahngeschwindigkeit
derung dp/ dt gleich der äußeren Kraft F auf
nach Tabelle 2.1 gegeben durch  = ω × r. Der
die Masse m und somit ist
Drehimpuls L der Drehbewegung des materi-
ellen Punktes ist somit
dL
L = r × p = m r × (ω × r) =r×F =M . (2.103)
dt
= m[(r · r)ω − (r· ω)r] .
Die zeitliche Änderung des Drehimpul-
Weil r senkrecht auf ω steht, ist (r · ω) = 0 und ses ist gleich dem Drehmoment der äu-
ßeren Kräfte auf den Körper.
L = (mr2 )ω . (2.100)
Wirken keine äußeren Momente, dann bleibt
Der Drehimpuls L ist proportional zur Win- der Drehimpuls L nach Betrag und Richtung
kelgeschwindigkeit ω der Drehbewegung. Die konstant, der Drehimpuls des materiellen
Proportionalitätskonstante ist das Massen- Punkts bleibt erhalten. Zentralkräfte, wie
trägheitsmoment J des materiellen Punktes im beispielsweise die Gravitationskraft (Ab-
Abstand r von der Drehachse: schn. 2.10), die dem Radiusvektor r des
materiellen Punktes entgegengesetzt gerichtet
sind, üben auf diesen kein Drehmoment aus;
J = mr2 . (2.101)
der Bahndrehimpuls der Körper ist konstant.
Wird das Massenträgheitsmoment durch eine
Der Drehimpuls L als die Bewegungsgröße der Verkürzung des Abstands der Masse zur Dreh-
Drehbewegung ergibt sich damit zu achse vermindert, so erhöht sich die Winkel-
geschwindigkeit des Körpers.
L = Jω . (2.102) Auf einer Kreisbahn ist das Massenträgheits-
moment J eines materiellen Punktes konstant.
Aus (2.102) folgt
Verglichen mit dem Impuls p der Translations-
bewegung tritt beim Drehimpuls L der Rota- dL d dω
= (J ω) = J ,
tionsbewegung an die Stelle der Masse m das dt dt dt
2.8 Drehbewegungen 77

und mit (2.103) und der Winkelbeschleuni- oder


gung α = dω/ dt ergibt sich das dynamische
Grundgesetz der Rotation: ϕ1
W = M(ϕ) · dϕ . (2.106)
M = Jα . (2.104) ϕ0

Wie bei der Newton’schen Grundglei- Ist das Drehmoment konstant, dann gilt
chung (2.25) gilt:
W = M(ϕ1 − ϕ0 ) .
Die Winkelbeschleunigung α der Dreh-
bewegung ist der Ursache, dem äußeren Das aufzuwendende Drehmoment M ist pro-
Drehmoment M, proportional. portional zum Drehwinkel ϕ bei der Torsion
von Körpern im elastischen Bereich oder bei
Torsionsfedern. Die Proportionalitätskon-
Die Integration von (2.103) ergibt den Dreh-
stante wird analog zum Hooke’schen Gesetz
momentenstoß:
der longitudinalen Dehnung als Drehfeder-
steifigkeit kt bezeichnet. Die Arbeit gegen das
t2 winkelabhängige Torsionsmoment ergibt sich
M dt = ΔL . (2.105) aus der Integration von (2.106):
t1

1  
Die Drehimpulsänderung ΔL ist gleich dem
W = kt ϕ12 − ϕ22 . (2.107)
2
Integral des von den äußeren Kräften ausge-
übten Drehmoments. Ist das äußere Drehmo-
Die Torsionsarbeit wird in der elastischen
ment M = M0 = konstant, dann ist die Dreh-
Verformung des deformierbaren Körpers
impulsänderung durch den Drehmomenten-
gespeichert. Die sehr kleinen Richtmomente
stoß ΔL = M0 Δt.
von Torsionsfäden ermöglichen es, aus der
Drehwinkeländerung sehr kleine Energien,
2.8.3 Arbeit, Leistung und Energie
wie beispielsweise bei der Bestimmung der
bei der Drehbewegung
Gravitationskraft mit der Torsionswaage (Ab-
schn. 2.10.2), zu messen. Aus (2.106) folgt für
Ein Drehmoment M, das einen Körper um eine
die momentane Leistung der Kraft, die das
Achse in eine Drehbewegung versetzt, verrich-
Drehmoment bewirkt,
tet Arbeit. Die Arbeit W bei der Rotationsbe-
wegung ist nach Abb. 2.32
dW
P= = Mω . (2.108)
s1 ϕ1 dt
W = F(s) · ds = F(ϕ) · ( dϕ × r)
s0 ϕ0
Durch die Arbeitszufuhr oder -abfuhr ändert
ϕ1 sich die kinetische Energie eines im Abstand r
= (r × F(ϕ)) · dϕ um eine Drehachse rotierenden materiellen
ϕ0 Punktes. Seine Rotationsenergie beträgt
78 2 Mechanik

⎛ ⎞
1 1 
Erot = m2 = mr2 ω2 oder dLk
N
kin
2 2 = rk × ⎝F ak + F ijk ⎠
dt
j = k


N

Erot
1
= J ω2 . (2.109)
= Mak + Mijk .
kin
2 j = k

Es ergeben sich N Gleichungen für die materi-


Nach dem Energiesatz (2.75) ändert die Arbeit ellen Punkte des Systems. Werden diese sum-
der äußeren Kraft eines Drehmoments die Ro- miert, dann verschwindet die Summe der Mo-
tationsenergie. Mit (2.104) und (2.106) ergibt mente der inneren Kräfte:
sich der Energiesatz für Drehbewegungen: 
N 
N
Mijk =0.
ϕ1 ϕ1 )
t(
dω k=1 j = k
W = J α dϕ = J ω dt
dt Nach (2.98) und dem dritten Newton’schen
ϕ0 t(ϕ0 )
Axiom F ijk = −F ikj ergibt sich
ω(ϕ 1 )=ω1
=J ω dω r 1 × F i21 + r2 × F i12 = (r2 − r1 ) × F i12 = 0 ,
ω(ϕ0 )=ω0
weil r 2 − r 1 parallel zu F i12 ist, wie man in
bzw. Abb. 2.46 erkennt. Werden die Drehimpulse
der einzelnen materiellen Punkte zu einem

1   Gesamtdrehimpuls L = Nk= 1 Lk und die äu-
W = J ω21 − ω20 . (2.110) ßeren Momente zu einem resultierenden Ge-
2 
samtdrehmoment M = Nk= 1 Mak zusammen-
gefasst, dann folgt der Drehimpulssatz für ein
Die Differenz der Rotationsenergie in der End- System von materiellen Punkten:
und Anfangslage ist gleich der Arbeit, die von
dem am Körper angreifenden, äußeren Dreh-
dL
moment bei der Drehung des Körpers um eine =M. (2.111)
feste Drehachse verrichtet wird. dt

2.8.4 Drehbewegungen von Systemen


materieller Punkte

2.8.4.1 Drehimpulssatz
In einem System von N materiellen Punk-
ten, deren Koordinaten von einem beliebigen
Koordinatennullpunkt aus gemessen werden,
wirken auf jeden materiellen Punkt k am Ort
rk (t) eine resultierende äußere Kraft F ak und
innere Kräfte F ijk , die von allen übrigen ma-
teriellen Punkten j = k des Systems ausge-
hen. Der Drehimpulssatz (2.103) lautet dann Abb. 2.46 Zum Drehimpulssatz: System aus drei
für den materiellen Punkt k materiellen Punkten
2.8 Drehbewegungen 79

Der Drehimpulssatz für ein System entspricht 2.8.4.3 Energieerhaltungssatz


formal völlig dem für einen einzelnen materi- Wenn einem Systen materieller Punkte keine
ellen Punkt (2.103). Arbeit zugeführt wird, bleibt die Energie der
Rotationsbewegung konstant. Für das System
2.8.4.2 Drehimpulserhaltungssatz gilt nach (2.110) der Energieerhaltungssatz für
Wirken auf ein System von N materi- die Rotationsenergie der Massenpunkte:
ellen Punkten mit dem Gesamtdrehim-

puls L = Nk=1 Lk keine äußeren Momente

N
1
(Ma = 0), dann ist nach dem Drehimpulssatz Jk ω2k = konstant . (2.114)
(2.111) die Drehimpulsänderung dL/ dt = 0. k=1
2
Die Summe der Einzeldrehimpulse des Mas-
sensystems ist konstant und der Gesamtdre-
Nur bei starren Körpern sind die Winkel-
himpuls L bleibt nach Betrag und Richtung
geschwindigkeiten der materiellen Punkte
erhalten:
gleich; dann gilt für die Rotationsenergie die
einfachere (2.130).
L = L1 + L2 + … + LN = konstant .
(2.112) 2.8.5 Analogie Translation und Rotation

Verschwindet das Gesamtdrehmoment Die mathematische Struktur der Bewegungs-


der äußeren Kräfte auf ein System ma- gleichungen und die Beziehungen für Arbeit
terieller Punkte, dann gilt der Drehim- und Energie der Rotationsbewegung entspre-
pulserhaltungssatz. chen völlig denjenigen der Translationsbe-
wegung. An die Stelle der Kraft F, der Ge-
J1 ω1 (t1 ) + J2 ω2 (t1 ) + … + JN ωN (t1 )
schwindigkeit , der Beschleunigung a und der
= J1 ω1 (t2 ) + J2 ω2 (t2 ) + … + JN ωN (t2 ) Masse m in den Beziehungen für die Transla-
(2.113) tion treten bei der Rotation die physikalischen
Größen Drehmoment M, Winkelgeschwindig-
keit ω, Winkelbeschleunigung α und Massen-
Beispiel trägheitsmoment J. In Tabelle 2.6 sind die ent-
2.8-1 Eine Eiskunstläuferin dreht sich mit ausge- sprechenden Beziehungen und Gleichungen
breiteten Armen mit der Drehfrequenz n0 = 2 s−1 . einander gegenübergestellt.
Zur Pirouette verkleinert sie ihr Massenträgheitsmo-
ment von J0 = 6 kg m2 auf J1 = 1,2 kg m2 in der Zeit Zur Übung
Δt = 1,0 s. Ü 2.8-1 Ein Körper der Masse m fällt aus der Ruhe im
Wie groß ist die neue Drehfrequenz n1 und die mittlere Gravitationsfeld der Erde. Er bewegt sich vom Punkt A
Leistung, die sie aufbringt? parallel zur y-Achse, wie Abb. 2.47 verdeutlicht.
a) Wie groß ist das Drehmoment M bezüglich des Ko-
Lösung ordinatenursprungs? b) Wie groß ist der Drehimpuls L
Bei Vernachlässigung der Reibung zwischen Schlitt- bezüglich des Koordinatenursprungs in Abhängigkeit
schuhen und Eis bleibt der Drehimpuls erhalten: von der Zeit? c) Zeigen Sie, dass der Drehimpulssatz
L0 = L1 oder n0 J0 = n1 J1 . Daraus folgt n1 = n0 J0 / J1 = gilt, dass also M = dL/ dt ist.
10 s−1 . Die mittlere Leistung ist

ΔW 1 J1 ω21 − J0 ω20 Ü 2.8-2 Vier gleiche Massen befinden sich an den


Pm = = = 1,9 kW .
Δt 2 Δt Ecken eines Quadrats der Seitenlänge b gemäß
80 2 Mechanik

2.9 Mechanik starrer Körper


Ein starrer Körper ist ein System aus N ein-
zelnen Massenpunkten, deren gegenseitige
Abstände vollkommen unveränderlich sind.
Auch unter dem Einfluss äußerer Kräfte soll
der starre Körper seine Form nicht ändern.
Obwohl ein solcher idealisierter Körper in
der Natur nicht existiert, ist das Konzept des
starren Körpers sehr hilfreich, um viele techni-
sche und physikalische Probleme auf einfache
Weise und mit genügender Genauigkeit zu
lösen.

2.9.1 Freiheitsgrade und Kinematik

Abb. 2.47 Zu Ü 2.8-1 Ein einzelner Massenpunkt benötigt zu seiner


Lokalisierung in einem Koordinatensystem
drei Angaben, d. h., ein Massenpunkt hat f = 3
Abb. 2.48. Wie groß sind die vier Massenträgheits-
momente Freiheitsgrade. Ein System von N voneinan-
der unabhängigen Massenpunkten (etwa ein
a) JA bezüglich einer Achse senkrecht zur Zeichen- Gas) hat demnach f = 3 N Freiheitsgrade. Da
ebene durch das Zentrum des Quadrats,
aber bei einem starren Körper die Abstände
b) JB bezüglich einer Achse senkrecht zur Zeichen-
ebene durch einen Eckpunkt,
zwischen den einzelnen Punkten fest sind,
c) JC bezüglich einer Achse in der Zeichenebene in vermindert sich die Anzahl der Freiheitsgrade
einer Diagonalen und erheblich, und zwar auf sechs. Ein starrer Kör-
d) JD bezüglich einer Achse in der Zeichenebene per hat also f = 6 Freiheitsgrade. Die Kenntnis
längs einer Quadratseite? von sechs Größen reicht demnach aus, um die
Lage und Orientierung eines starren Körpers
im Raum eindeutig zu beschreiben. So kann
in einem kartesischen Koordinatensystem
ein Punkt des Körpers, beispielsweise der
Massenmittelpunkt, mit Hilfe von drei Ko-
ordinaten festgelegt werden. Drehungen des
Körpers um diesen Punkt sind durch weitere
drei Winkel gegen die Koordinatenachsen
vollständig definiert.
Die sechs Freiheitsgrade des starren Körpers
lassen sich aufspalten in je drei Freiheitsgrade
der Translations- und der Rotationsbewegung.

Bei einer Translation werden alle Punkte


des starren Körpers um die gleiche Stre-
cke parallel verschoben.
Abb. 2.48 Zu Ü 2.8-2
2.9 Mechanik starrer Körper 81

Tabelle 2.6 Analogie Translation und Rotation

Translation Rotation
Größe, Formelzeichen Einheit Größe, Formelzeichen Einheit

Weg m Winkel rad = 1


s, ds ϕ, dϕ
Geschwindigkeit m/s Winkelgeschwindigkeit rad/s = 1/s
ds dϕ
= ω=
dt dt
Beschleunigung m/s2 Winkelbeschleunigung rad/s2 =1/s2
d 2
d s dω d ϕ
2
a= = α= = 2
dt dt2 dt dt
Masse kg Massenträgheitsmoment kg m2

m J = Δmi ri2
i
Kraft kgm/s2 = N Drehmoment M = r × F Nm
dp dL
F = ma = M = Jα =
dt dt
Impuls kg m/s = N s Drehimpuls kg m2 /s = N m s
p = m L = Jω
Federsteifigkeit N/m Drehfedersteifigkeit N m/rad = N m
   
F M
k =   kt =  
s ϕ
Arbeit N m = J = Ws Arbeit Nm = J = Ws
dW = F ds dW = M dϕ
Spannarbeit J Spannarbeit N m rad2 = J
W = 12 ks2 W = 12 kt ϕ2
kinetische Energie J kinetische Energie J
kin = 2 m kin = 2 J ω
1 1
Etrans 2 Erot 2

Leistung W = J/s Leistung W = J/s


dW dW
P= = F P= = Mω
dt dt

Abbildung 2.49a zeigt die Translation eines Abbildung 2.49b zeigt die Rotation um den
Körpers in der x, y-Ebene. Verschiebungen in feststehenden Punkt P. Die Drehachse steht
der z-Richtung sind selbstverständlich eben- senkrecht zur Zeichenebene. Der Vektor ω der
falls möglich. Der Punkt P läuft auf der gestri- Winkelgeschwindigkeit verläuft parallel zur z-
chelten Bahnkurve. Die Bahnkurven der ande- Achse (Abschn. 2.2.3). Aus Abb. 2.49c geht her-
ren Punkte des Körpers haben dieselbe Form, vor:
sie sind lediglich parallel verschoben.

Bei der Rotation eines starren Körpers Die allgemeine Bewegung eines starren
rotieren sämtliche Massenpunkte mit Körpers setzt sich aus Translation und
der gleichen Winkelgeschwindigkeit. Rotation zusammen.
82 2 Mechanik

Abb. 2.50 Zu Beispiel 2.9-1: Abrollendes Rad

Der Betrag der Umfangsgeschwindigkeit ist für alle


Punkte gleich, nämlich U = ωr. Die Größe folgt aus
der Forderung, dass die Geschwindigkeit des Punktes
A, der mit der ruhenden Fahrbahn in Kontakt ist,
null sein muss. Dies ist nur dann der Fall, wenn
M = U ist. Die Geschwindigkeit des Punktes B
ist unter 45◦ nach oben gerichtet. Ihr Betrag ist

B = 2M = 141 km/h. Die Geschwindigkeit des
Punktes C ist C = 2M = 200 km/h.

2.9.2 Kräfte am starren Körper

Kräfte, die am starren Körper angreifen, sind


linienflüchtig.
Abb. 2.49 Bewegung eines starren Körpers:
a) Translation, b) Rotation, c) zusammengesetzte Diese Eigenschaft sei anhand von Abb. 2.51
Bewegung erläutert. An einem starren Körper greift im
Punkt P1 die Kraft F 1 an. Im Punkt P2 , der auf
der Wirkungslinie der Kraft F1 liegt, werden
So entsteht z. B. die in Abb. 2.15 gezeigte Zy- nun die Kräfte F 2 und F 2 angebracht, die ent-
kloide durch Überlagerung einer geradlinigen gegengesetzt gleich groß sind (F 2 + F 2 = 0)
Translationsbewegung konstanter Geschwin- und deshalb auf den Bewegungszustand des
digkeit mit einer Rotationsbewegung konstan- Körpers keinen Einfluss haben. F 1 und F 2 sol-
ter Winkelgeschwindigkeit. len gleich groß sein: F 1 = F 2 . Nun fasst man
in Gedanken F 1 und F 2 zusammen. Die bei-
Beispiel den Kräfte haben zwar keine Resultierende,
2.9-1 Ein Rad rollt entsprechend Abb. 2.50 auf ei- würden aber einen elastischen Körper (z. B.
ner ebenen Unterlage. Sein Radius beträgt r = 0,28 m.
ein Gummiband) in die Länge ziehen. Da der
Die Geschwindigkeit des Mittelpunkts beträgt M =
100 km/h. Wie groß sind die Geschwindigkeiten der
Punkte A, B und C relativ zur Fahrbahn (s. auch Bei-
spiel 2.2-5)?

Lösung
Die Geschwindigkeit der Punkte erhält man durch
Überlagerung der gemeinsamen Translationsge-
schwindigkeit M nach rechts mit einer Umfangsgesch- Abb. 2.51 Linienflüchtigkeit der Kraft am starren
windigkeit, die jeweils tangential zum Kreis verläuft. Körper
2.9 Mechanik starrer Körper 83

starre Körper keine Deformation erleidet, he- Kräfte F 1 und F 2 an einem starren Körper an-
ben sich diese beiden Kräfte auf, ohne irgend- greifen, wobei die Wirkungslinien nicht auf ei-
eine Veränderung am Zustand des Körpers zu ner Geraden liegen. Ein solches Kräftesystem,
bewirken. Als einzige Kraft bleibt damit die das in Abb. 2.53 gezeigt ist, nennt man ein
Kraft F 2 am Punkt P2 übrig, welche die gleiche Kräftepaar.
Wirkung hat wie die ursprüngliche Kraft F 1 Die Resultierende eines solchen Kräftepaars
am Punkt P1 . Daraus folgt: ist null: F 1 + F 2 = 0. Aus dem Impulssatz für
Systeme gemäß (2.50) folgt:
Man darf bei einem starren Körper eine
Kraft beliebig längs ihrer Wirkungslinie Ein starrer Körper erfährt unter der Wir-
verschieben, ohne dass sich sein Bewe- kung eines Kräftepaars keine Translati-
gungszustand ändert. onsbeschleunigung.

Der Begriff des Angriffspunktes einer Kraft ist Mit anderen Worten: Wenn der Massenmittel-
demnach beim starren Körper ohne Bedeu- punkt des Körpers (Abschn. 2.5.2.2) in Ruhe
tung. Jeder Punkt des Körpers längs der Wir- ist, wird er diesen Zustand auch beibehalten,
kungslinie kann mit gleichem Recht als An- wenn ein Kräftepaar an ihm angreift.
griffspunkt betrachtet werden. Ein Kräftepaar versucht aber, den Körper in
Abbildung 2.52 zeigt, wie von zwei an ver- Rotation zu versetzen; es übt ein Drehmoment
schiedenen Punkten A und B an einem star- aus.
ren Körper angreifenden Kräften, die in ei- Die beiden Einzelkräfte F 1 und F 2 haben be-
ner Ebene liegen, die Resultierende ermit- züglich des willkürlich gewählten Nullpunkts 0
telt wird. Im Schnittpunkt C der beiden Wir- in Abb. 2.53 die Drehmomente
kungslinien wird die Resultierende F R z. B.
mit Hilfe des Kräfteparallelogramms ermit- M1 = r1 × F1 und M2 = r2 × F 2 .
telt. Der Angriffspunkt der Resultierenden am
starren Körper kann irgendwo längs ihrer Wir-
kungslinie angenommen werden.
Von besonderem Interesse ist der Fall, wenn
zwei gleich große entgegengesetzt gerichtete

Abb. 2.52 Resultierende Kraft am starren Körper Abb. 2.53 Drehmoment eines Kräftepaars
84 2 Mechanik

Mit F 2 = −F 1 folgt für das gesamte Drehmo- punkt; denn jener wird nach obigen Aussa-
ment M = M1 + M2 = r1 × F 1 − r2 × F 1 oder gen nicht beschleunigt, er ist also der einzige
Punkt, der in Ruhe bleibt.
Soll ein starrer Körper in Ruhe bleiben
M = (r1 − r2 ) × F 1 . (2.115) (Grundaufgabe der Statik), dann muss das
Drehmoment eines Kräftepaars durch ein an-
deres kompensiert werden, sodass insgesamt
Der Vektor M steht senkrecht auf der Ebene,
kein resultierendes Drehmoment übrig bleibt.
die von den Kräften aufgespannt wird. Er weist
Eine Translationsbeschleunigung des Körpers
in Abb. 2.53 in die Zeichenebene hinein. Für
unterbleibt, wenn keine resultierende Kraft auf
den Betrag des Drehmoments gilt
ihn wirkt. Diese Forderungen werden zusam-
mengefasst in den Gleichgewichtsbedingungen
M = sF ; (2.116) der Statik:


Fa =0, (2.117)
dabei ist s der Abstand der beiden Wirkungs- 
linien, F der Betrag der Kräfte: F = |F 1 | = Ma =0. (2.118)
|F 2 |. Das Drehmoment eines Kräftepaars ist
nach (2.116) unabhängig von der Lage des Be- Ein starrer Körper ist im statischen
zugspunkts 0. Es hängt nur von den Kräften Gleichgewicht, wenn die Summe aller an
selbst und deren gegenseitigem Abstand ab. ihm angreifenden äußeren Kräfte und
Dies bedeutet: Drehmomente null ist.

Das Kräftepaar darf auf dem starren Kör-


per beliebig verschoben werden, ohne Beispiel
2.9-2 Der in Abb. 2.54 gezeigte Träger ist im Punkt A
dass sich an der Wirkung des ausgeüb-
drehbar gelagert und wird im Punkt C von einer Kette
ten Drehmoments etwas ändert. gehalten. Im Punkt B greift unter 45◦ die Kraft F =
500 N an. Welche Lagerkräfte FA und FC werden durch
Die Ebene, in der die Kräfte liegen, darf F verursacht?
dabei nicht gekippt werden. Der Vek- Lösung
tor M des Drehmoments ist auch nicht an Wenn an einem Körper nur drei Kräfte angreifen, müs-
einen bestimmten Punkt gebunden, son- sen die Wirkungslinien aller Kräfte durch einen Punkt
dern beliebig parallel verschiebbar. Man gehen, denn nur dann lässt sich nach (2.118) die Be-
bezeichnet diesen Vektor deshalb als freien
Vektor (im Gegensatz etwa zum gebun-
denen Vektor der Kraft oder dem lini-
enflüchtigen Kraftvektor am starren Kör-
per).
Wirkt ein Kräftepaar auf einen zunächst ru-
henden, frei beweglichen starren Körper, dann
wird dieser in Drehung versetzt; d. h., er er-
fährt eine Winkelbeschleunigung. Dabei ro-
tiert der Körper um seinen Massenmittel- Abb. 2.54 Zu Beispiel 2.9-2: Belasteter Träger
2.9 Mechanik starrer Körper 85

  
dingung Ma = 0 erfüllen. Alle drei Kräfte dürfen 
N

bezüglich des gemeinsamen Schnittpunkts kein Dreh- mk r k − mrS × g =0.


moment besitzen. k=1
Da eine Kette nur Kräfte in Längsrichtung aufneh- Der Körper ist im statischen Gleichgewicht,
men kann, ist die Wirkungslinie der Kettenkraft FC wenn er am Ort
durch die Verlängerung der Kette gegeben. Durch ih-
ren Schnittpunkt P mit der Wirkungslinie von F muss
auch die Wirkungslinie der Lagerkraft FA gehen. Da 
N
mk r k
nun die Richtungen der Kräfte bekannt sind, können k=1
die Beträge z. B. durch grafische Konstruktion eines rS = (2.120)
m
Kraftecks ermittelt werden.
Aus dem Krafteck liest man mit einer entsprechenden
Ungenauigkeit ab FA = 390 N und FC = 190 N. Eine unterstützt wird. Der Schwerpunkt S eines
rechnerische Lösung des Problems durch systemati- starren Körpers ist also der bei der Bewe-
sche Anwendung von (2.117) und (2.118) ist ebenfalls
gung eines Systems materieller Punkte nach
möglich.
dem Schwerpunktsatz (2.51) ausgezeichnete
Ort. Im kartesischen Koordinatensystem sind
2.9.3 Schwerpunkt und potentielle Energie die Schwerpunktskoordinaten
eines starren Körpers

Der Schwerpunkt S eines starren Körpers ist 


N 
N
mk xk mk yk
der Ort, an dem eine entgegengesetzt zur Fall- k=1 k=1
xS = , yS = ,
beschleunigung g wirkende Kraft F S angrei- m m
fen muss, damit dieser unter der Wirkung der 
N
mk zk
Schwerkraft im statischen Gleichgewicht ist, k=1
wie Abb. 2.55 zeigt. Die Gleichgewichtsbedin- zS = . (2.121)
m
gungen der Statik nach (2.117) fordern das
Kräftegleichgewicht zwischen den Gewichts-
Bei starren Körpern mit kontinuierlicher Mas-
kräften F k = mk g der materiellen Punkte und
senverteilung und homogener Dichte lässt sich
der Stützkraft F S :
die Schwerpunktskoordinate über das Volu-

N
menintegrale berechnen.
mk g + F S =0;
1
k=1 rS = r(x, y, z) dx dy dz .
V


N
FS = −g mk = −mg . (2.119)
k=1

Nach (2.118) gilt für das Drehmomenten-


gleichgewicht bezüglich einer beliebigen
Drehachse

N
rk × mk g + rS × F S =0 oder
k=1 Abb. 2.55 Gleichgewicht eines starren Körpers
86 2 Mechanik

Bei homogenen symmetrischen Körpern liegt 2.9.4 Kinetische Energie eines starren Körpers
der Schwerpunkt auf den Symmetrieachsen.
Ein starrer Körper lässt sich nicht deformieren; Werden die Geschwindigkeiten k = dr k (t)/ dt
der elastische Anteil der potentiellen Energie der materiellen Punkte eines Systems zerlegt
ist also null. Ein starrer Körper hat als potenti- in eine Geschwindigkeit k = dr k (t)/ dt relativ
elle mechanische Energie nur die Lageenergie zum Schwerpunkt S und die Bahngeschwin-
des Schwerpunkts. Wird die z-Koordinate par- digkeit S = dr S (t)/ dt des Schwerpunktes,
allel zur Fallbeschleunigung g gelegt, dann gilt dann ist die kinetische Energie des Systems
nach (2.121)

N  2
1 drk (t)
Ekin = mk
2 dt
k=1

N
= = mgzS .  2
1 drS (t) dr k (t)
Epot mk gzk (2.122) N

k=1 = mk +
2 dt dt
k=1
 2 
N
1 drS (t)
Die Höhe des Schwerpunkts S über dem Be- Ekin = mk
2 dt
zugsniveau bestimmt die potentielle Energie k=1
 2
1 drk (t)
eines starren Körpers. N

Die räumliche Änderung der potentiellen + mk


2 dt
Energie bei der Auslenkung des Körpers k=1

dr S (t)  dr  (t)
N
aus der Gleichgewichtslage ist das Kennzei-
+ mk k .
chen für die drei Gleichgewichtslagen starrer dt dt
k=1
Körper. In Abb. 2.56 sind die Fälle des stabi-
len, labilen und indifferenten Gleichgewichts Der letzte Term ist der Gesamtimpuls
einander gegenübergestellt. der Massenpunkte im Schwerpunkt-Koor-

Abb. 2.56 Gleichgewichtslagen


2.9 Mechanik starrer Körper 87

dinatensystem S , der nach der Schwer-


punktsdefinition gemäß (2.120) null ist. Die
kinetische Energie eines Systems materieller
Punkte ist also die Summe aus der kinetischen
Energie der Schwerpunktsbewegung mit der
Schwerpunktsgeschwindigkeit S und der
N
Gesamtmasse m = k = 1 mk und aus der
kinetischen Energie der Bewegung relativ zum
Schwerpunkt:
Abb. 2.57 Zur Berechnung der Rotationsenergie eines
starren Körpers
1
N
1
Ekin = m2S + mk k .
2
(2.123)
2 2
k=1
 N 
1 
Erot
kin = mk rPk ω2 .
2
(2.126)
Bei starren Körpern sind wegen der Kon- 2
k=1
stanz der Abstände zwischen den Massen-
punkten keine radialen Bewegungen relativ
zum Schwerpunkt möglich, sondern nur Der Klammerausdruck wird analog zur Defi-
Drehbewegungen um den Schwerpunkt (Ab- nitionsgleichung (2.101) als Massenträgheits-
schn. 2.9.1). Die kinetische Energie eines moment JP des starren Körpers bezüglich der
starren Körpers setzt sich also zusammen aus Drehachse P bezeichnet:
dem Anteil Etrans
kin der Translation des Schwer-
punkts und dem Anteil Erotkin der Rotation der 
N
Massenpunkte um den Schwerpunkt: JP = 2
mk rPk . (2.127)
k=1

ges
Ekin = Etrans rot
kin + Ekin . (2.124)
Für einen Körper mit kontinuierlicher Mas-
senverteilung geht die Summe in das Integral
Nach (2.123) ist die Translationsenergie des
starren Körpers mit der Gesamtmasse m
JP = r2 dm = ρ(r) r2 dV (2.128)
1 V
Etrans
kin = m 2S . (2.125)
2
über. Das Massenträgheitsmoment eines star-
Die Rotationsenergie eines starren Körpers, ren Körpers mit homogener Dichte wird über
dessen Massenpunkte mk , wie in Abb. 2.57 das Volumenintegral
skizziert, um eine Achse durch den Punkt P mit
der gemeinsamen Winkelgeschwindigkeit ω
und der Umlaufgeschwindigkeit Pk = ω rPk JP =ρ r2 (x, y, z), dx dy dz
rotieren, wobei der Punkt P sich mit der V
Momentangeschwindigkeit P auf einer Bahn- (2.129)
kurve bewegt, ist nach (2.123)
88 2 Mechanik

berechnet. Die kinetische Energie der Rotation


eines starren Körpers um die Achse P mit dem
Massenträgheitsmoment JP ist also

1
Erot
kin = JP ω2 . (2.130)
2

Gleichung (2.130) für den starren Körper


stimmt mit (2.109) für die Rotationsenergie
eines materiellen Punktes auf einer Kreis-
bahn exakt überein. Auch (2.102) für den Abb. 2.58 Zu Beispiel 2.9-3
Drehimpuls L eines einzelnen materiellen
Punktes und das dynamische Grundgesetz
nach (2.104) für die Drehbewegung eines Die Verlustarbeit WV ist nach dem Energiesatz (2.110)
Massenpunktes gelten für den starren Körper, 1 1
wenn statt des Massenträgheitsmoments des WV = J1 ω21 − ( J1 + J2 )ω2
2 2
 
materiellen Punktes auf einer Kreisbahn das 1 J
= J1 (2 π n1 )2 1 − 1 = 11 kJ ;
Massenträgheitsmoment JP des starren Kör- 2 J1 + J 2
pers bezüglich der Drehachse P nach (2.127)
der Verlustanteil beläuft sich auf
eingesetzt wird.
WV J2
Ein kräftefreier starrer Körper rotiert immer = = 44% .
2 J1 ω1
1 2 J1 + J 2
um den Schwerpunkt. Für die Berechnung der
Rotationsenergie ist die Kenntnis des Mas- Die Enddrehzahl n und der Energieverlust WV sind
senträgheitsmoments JS um die durch den unabhängig von der Kupplungszeit. Während der
Schwerpunkt gehende Rotationsachse erfor- Kupplungsdauer wird der Drehimpuls der Kupp-
derlich. lungsscheibe verändert; das dabei am Kupplungsbelag
auftretende Drehmoment ist nach (2.105) von der
Beispiel Kupplungsdauer abhängig und bestimmt die maxi-
2.9-3 Bei einer Reibungskupplung gemäß Abb. 2.58 male Abriebkraft.
rotiert die Kupplungsscheibe ohne Antrieb mit der
Drehzahl n1 = 3 000 min−1 , ihr Massenträgheitsmo-
ment ist J1 = 0,5 kg m2 . Sie wird auf die anfangs still- 2.9.5 Massenträgheitsmomente starrer Körper
stehende Scheibe mit dem Massenträgheitsmoment
J2 = 0,4 kg m2 gedrückt. Die Lager- und Luftreibung
soll vernachlässigt werden. Wie groß ist die Drehzahl n
Das Massenträgheitsmoment hängt außer von
nach dem Kupplungsvorgang und welcher Anteil der der Masse selbst ganz wesentlich von der Form
ursprünglichen Rotationsenergie wurde in Wärme und des Körpers und der Verteilung der Masse be-
Abriebarbeit umgesetzt? züglich der Drehachse ab. An einigen Beispie-
Lösung len soll die Berechnung mit Hilfe von (2.129)
Ohne äußere Drehmomente gilt nach dem gezeigt werden.
Drehimpulserhaltungssatz nach (2.113) J1 ω1 =
J1 ω + J2 ω . Mit ω = 2 π n ergibt sich die Drehzahl 1. Dünnwandiger Hohlzylinder, Massenträg-
nach dem Kupplungsvorgang: heitsmoment bezüglich Rotationssymmetrie-
achse.
J1 Ein Hohlzylinder wird dünnwandig genannt,
n = n1 = 1 667 min−1 .
J1 + J 2 wenn die Wandstärke s gegenüber seinem Ra-
2.9 Mechanik starrer Körper 89

dius r vernachlässigbar ist: s << r. Alle Mas- mation (Integration) der Massenträgheitsmo-
seteilchen haben dann praktisch den gleichen mente aller dünnwandigen Hohlzylinder:
Abstand r von der Drehachse, sodass die Sum- ra 
r4 ra
mation nach (2.127) ergibt J = 2 πl ρ r dr = 2 πl ρ 
3
4 ri
ri
1  
J = m r2 . (2.131) = πlρ ra4 − ri4 .
2

Dieser Ausdruck kann mit Hilfe der Masse
des Körpers m = π ra2 − ri2 lρ umgeschrieben
2. Dickwandiger Hohlzylinder, Massenträg-
werden zu
heitsmoment bezüglich Rotationssymmetrie- 1  
achse (Abb. 2.59). J = m ra2 + ri2 .
2
Der dickwandige Hohlzylinder kann erzeugt
werden durch Ineinanderstellen von unend- 3. Vollzylinder, Massenträgheitsmoment be-
lich vielen dünnwandigen Hohlzylindern, von züglich Rotationssymmetrieachse.
denen in Abb. 2.59 einer rot eingezeichnet ist. Das Massenträgheitsmoment eines Vollzylin-
Die Masse dieses Hohlzylinders der Dichte ρ ders mit dem Radius r und der Masse m folgt
mit Radius r und Wandstärke dr ist dm = sofort aus obiger Gleichung für ri = 0 und
2 π r l ρ dr. Sein Massenträgheitsmoment ist ra = r:
nach (2.131) 1
J = mr2 .
2
dJ = dm r2 = 2 πlρr3 dr . Abbildung 2.60 zeigt eine Zusammenstellung
von Massenträgheitsmomenten einiger Kör-
Das Massenträgheitsmoment des dickwandi-
gen Hohlzylinders erhält man durch Sum- per.

Beispiel
2.9-4 Ein Vollzylinder mit der Masse m und dem Ra-
dius r rollt eine schiefe Ebene mit dem Neigungswin-
kel β hinab, wie in Abb. 2.61 verdeutlicht. Wie groß ist
seine Beschleunigung?

Lösung
Vernachlässigt man die Rollreibungsverluste, so läuft
der Vorgang unter Energieerhaltung ab. Wenn die
Walze längs der schiefen Ebene den Weg s zurücklegt,
nimmt ihre potentielle Energie um ΔEpot = mgh =
mg s sin β ab. Um den gleichen Betrag nimmt die Be-
wegungsenergie zu, die sich als Summe von Translati-
onsenergie und Rotationsenergie bezüglich der Sym-
metrieachse darstellen lässt:
1 1
ΔEkin = m 2 + JS ω2 .
2 2
Mit ω = / r ergibt sich
1 2 1 2
mgs sin β = m + JS 2 oder
2 2 r
Abb. 2.59 Zum Massenträgheitsmoment des 2m g s sin β 4
 =
2
= gs sin β .
dickwandigen Hohlzylinders m + JS / r 2 3
90 2 Mechanik

Abb. 2.60 Massenträgheitsmomente einiger Körper


2.9 Mechanik starrer Körper 91

Abb. 2.61 Zu Beispiel 2.9-4: Walze auf schiefer Ebene Abb. 2.62 Zum Steiner’schen Satz

Aus der für gleichmäßige Beschleunigung gültigen ki- Schwerpunkt zusammen:


nematischen Beziehung 2 = 2as folgt
1 1
a=
2
g sin β .
Ekin = m2S + JS ω2 .
3 2 2
Würde die Walze reibungsfrei abrutschen, ohne zu ro- Mit S = r ω erhält man
tieren, dann wäre die Beschleunigung a = g sin β.
1
Ekin = (mr2 + JS )ω2 .
2
Steiner’scher Satz
Beide Betrachtungsweisen müssen selbstver-
Die in Abb. 2.60 angegebenen Massenträg-
ständlich dieselbe Bewegungsenergie ergeben.
heitsmomente beziehen sich auf Achsen, die
Ein Vergleich mit (2.130) liefert daher
durch den Schwerpunkt gehen. Aus diesen
Massenträgheitsmomenten JS lassen sich die
Massenträgheitsmomente JP bezüglich ande- JP = JS + mr2 . (2.132)
rer Achsen schnell berechnen. Abbildung 2.62
zeigt einen starren Körper, der um eine Achse
durch den Punkt P rotiert, die im Abstand r Diese Gleichung ist als Steiner’scher Satz
parallel zu einer Achse durch den Schwer- (J. Steiner, 1796 bis 1863) bekannt. Aus dem
punkt S verläuft. Die Bewegungsenergie des Steiner’schen Satz folgt unmittelbar, dass für
kin = 2 JP ω .
1
Körpers ist nach (2.130) Erot 2
eine Schar paralleler Achsen das Trägheitsmo-
Bewegung des Körpers, nämlich die Rota- ment minimal wird bezüglich der Achse, die
tion um die Achse durch P, kann auch dar- durch den Schwerpunkt geht.
gestellt werden als Translationsbewegung des Die in Abb. 2.60 gezeigten Körper sind hoch-
Schwerpunkts und Rotation des Körpers um symmetrisch. Für kompliziert geformte Ge-
den Schwerpunkt. Interpretiert man die Be- bilde lässt sich das Trägheitsmoment i. Allg.
wegung auf diese Weise, dann setzt sich die nicht mehr berechnen, sondern es muss ex-
kinetische Energie aus der Translationsener- perimentell bestimmt werden. Dazu eignen
gie des Schwerpunktes (Masse m, Geschwin- sich beispielsweise Drehschwingungen, bei de-
digkeit S ) und der Rotationsenergie um den nen die Schwingungsdauer vom Massenträg-
92 2 Mechanik

heitsmoment um die Drehachse abhängt (Ab-


schn. 5.1).

Freie Achsen
Bestimmt man bezüglich aller Achsen durch
den Schwerpunkt eines starren Körpers das
Massenträgheitsmoment, dann stellt man fest,
dass die Achsen mit dem größten und dem
kleinsten Trägheitsmoment senkrecht aufein-
ander stehen. Diese beiden und die darauf
senkrecht stehende dritte Achse werden als
Hauptträgheitsachsen bezeichnet. Die Träg-
heitsmomente bezüglich dieser Achsen heißen
Hauptträgheitsmomente. Bei rotationssym-
metrischen Körpern (z. B. Zylinder, Scheibe
und Ring) sind zwei Hauptträgheitsmomente
gleich. Alle zur Symmetrieachse senkrechten
Achsen durch den Schwerpunkt haben das
gleiche Trägheitsmoment. Bei einigen Kör-
pern, deren Schwerpunkt Symmetriezentrum
ist (z. B. Kugel, Würfel und Tetraeder), nimmt
das Trägheitsmoment bezüglich jeder Achse
durch den Schwerpunkt denselben Wert an.
Das Besondere an den Hauptträgheitsachsen
ist, dass bei der Rotation eines Körpers um
eine Hauptträgheitsachse keine Lagerreaktio-
nen auftreten. Solche Drehachsen müssen also
nicht im Raum fixiert werden; deshalb bezeich-
net man sie als freie Achsen. Durch Hochwer-
fen eines quaderförmigen Kastens kann man
sich leicht davon überzeugen, dass die Rota-
tion um die Achsen mit dem kleinsten und
größten Trägheitsmoment stabil, um die Achse
mit dem mittleren dagegen labil ist. Abbil- Abb. 2.63 Körper, die um freie Achsen (Symme-
dung 2.63 zeigt einige Körper, die um freie trieachsen mit größtem Massenträgheitsmoment)
rotieren: a) Scheibe, b) Stab, c) Perlenkette
Achsen rotieren.
Das Auftreten der Lagerkräfte bei der Rotation
um eine Achse, die nicht Hauptträgheitsachse
ist, ist unmittelbar einleuchtend, wenn z. B. die außen zu ziehen (d’Alembert’sches Prinzip).
Rotation einer Hantel nach Abb. 2.64 betrach- Das Kräftepaar der beiden Zentrifugalkräfte
tet wird. Vernachlässigt man die Masse des übt auf die Hantel das Drehmoment Mzf aus,
Stabes, dann greift an jeder Kugel eine Zentri- das versucht, die ganze Anordnung im Ge-
fugalkraft F zf an, die versucht, die Kugel nach genuhrzeigersinn zu drehen. Von den Lagern
2.9 Mechanik starrer Körper 93

Abb. 2.64 Rotation einer Hantel

müssen daher die Lagerkräfte F L auf die Welle


ausgeübt werden, deren Drehmoment ML das
Kippmoment kompensiert. Für den Betrag des
Drehmoments Mzf ergibt sich (s. Ü 2.9-4) Abb. 2.65 Rotation eines starren Körpers um die
Mzf = 2mr sin ϑ cos ϑ ω
2 2 z-Achse. Das x,y,z-Koordinatensystem ist körperfest,
rotiert also mit
= mr2 ω2 sin 2 ϑ .
Das Drehmoment und damit die erforderli- Lk = rk × pk = mk rk × k
chen Führungskräfte verschwinden für ϑ = 0 = mk rk × (ω × rk ) .
und ϑ = 90◦ . In diesen Extremlagen rotiert
die Hantel um eine Hauptträgheitsachse bzw. Führt man die beiden Vektorprodukte aus, so
freie Achse. ergibt sich
Für den Maschinenbau ergibt sich hieraus die ⎛ ⎞
−xk zk
Konsequenz, dass alle schnell rotierenden Teile Lk = ω mk ⎝ −yk zk ⎠ .
ausgewuchtet sein müssen, um unnötige La- x2k + y2k
gerbeanspruchungen zu vermeiden.
Der Drehimpuls des kompletten starren Kör-
Trägheitstensor pers wird durch Summation über alle Massen-
Die Gleichung (2.102), L = J ω, für den Zusam- punkte berechnet:
menhang zwischen Drehimpuls L und Winkel- ⎛  ⎞
− mk xk zk
geschwindigkeit ω suggeriert, dass die Rich- 
L = ω ⎝ − mk yk zk ⎠ .
tung des Vektors L parallel ist zum Vektor ω.   
mk x2k + y2k
Dies ist jedoch nur der Fall, wenn der rotie-
rende Körper gewisse Symmetrieeigenschaf- L hat gewöhnlich drei von Null verschiedene
ten aufweist. Im Allgemeinen weisen L und ω Komponenten, liegt also nicht parallel zum
in verschiedene Richtungen. Vektor ω, der in z-Richtung schaut. Wenn der
Abbildung 2.65 zeigt einen unsymmetrischen Körper rotiert, läuft L auf einem Kegelmantel
starren Körper, der um die z-Achse rotieren um. Damit ist L nicht konstant und zur Füh-
soll. Der Vektor der Winkelgeschwindigkeit rung des Körpers ist ein äußeres Drehmoment
weist in z-Richtung. Der Drehimpuls Lk eines M = dL/ dt erforderlich.
beliebigen Massenpunktes mk am Ort rk be- Der Zusammenhang zwischen den beiden zu-
trägt einander verdrehten Vektoren L und ω lässt
94 2 Mechanik

⎛ ⎞ ⎛ ⎞ ⎛ ⎞
sich elegant beschreiben, wenn das Massen- Jxx Jxy Jxz 0 Jxz
trägheitsmoment J als Tensor definiert wird: L = ⎝Jyx Jyy Jyz ⎠ · ⎝ 0 ⎠ = ω ⎝ Jyz ⎠ .
⎛ ⎞ Jzx Jzy Jzz ω Jzz
Jxx Jxy Jxz
J = ⎝Jyx Jyy Jyz ⎠ ,
Jzx Jzy Jzz Die Deviationsmomente bewirken, dass der
Körper mit einem äußeren Drehmoment sta-
mit den Trägheitsmomenten bilisiert werden muss. Wenn sie verschwinden,
sind keine Lagermomente erforderlich und der
   Körper kann frei rotieren. Gewisse Symmetrie-
Jxx = mk y2k + zk2 bzw. eigenschaften führen zum Verschwinden von

 2  Deviationsmomenten. Ist beispielsweise die z-
y + z2 dm ,
Achse eine Rotatiossymmetrieachse, dann gilt
Vol Jxz = Jyz = 0 und der Drehimpulsvektor L ver-
  
Jyy = mk x2k + zk2 bzw. läuft parallel zu ω. Es tritt also kein Kippmo-

 2  ment auf.
x + z2 dm , Für jeden Körper gibt es ein Koordinaten-
Vol system, so dass alle Zentrifugalmomente ver-
  
Jzz = mk x2k + y2k bzw. schwinden. Der Trägheitstensor lautet dann
⎛ ⎞
 2  JI 0 0
x + y2 dm (2.133)
J = ⎝0 JII 0 ⎠ .
Vol
0 0 JIII
Die Trägheitsmomente JI , JII und JIII sind die
und den Deviations- oder Zentrifugalmo- Hauptträgheitsmomente. Rotiert ein Körper
menten um eine Hauptträgheitsachse, so ist L paral-
lel zu ω und M = dL/ dt = 0, es sind also keine
 Lagerreaktionen erforderlich.
Jxy = Jyx = − mk xk yk bzw. − xy dm ,
Vol Beispiel

2.9-5 Wie lautet der Trägheitstensor für die Hantel
Jxz = Jzx = − mk xk zk bzw. − xz dm , von Abb. 2.64 und welche Richtung hat der Vektor L
Vol des Drehimpulses? Die Zeichenebene sei die x,z-Ebene.

Jyz = Jzy = − mk yk zk bzw. − yz dm . Lösung
Vol Im gezeichneten Moment, in dem die Hantel in der
(2.134) Zeichenebene liegt, ist der Trägheitstensor
⎛ ⎞
cos2 ϑ 0 − sin ϑ cos ϑ
⎜ ⎟
J = 2m r2 ⎝0 1 0 ⎠ .
Der Drehimpuls berechnet sich nun gemäß − sin ϑ cos ϑ 0 sin2 ϑ

L = J ω, Der Drehimpulsvektor wird damit

⎛ ⎞
wobei J und ω nach den Regeln der Matrizen- − cos ϑ
⎜ ⎟
multiplikation multipliziert werden. Für das L = J ω = 2m r2 ω sin ϑ ⎝ 0 ⎠ .
Beispiel von Abb. 2.65 ergibt sich sin ϑ
2.9 Mechanik starrer Körper 95

L liegt in der Zeichenebene und steht senkrecht auf der Technisch kann dies z. B. durch eine karda-
Hantelachse. Bei der Rotation um die z-Achse läuft L nische Aufhängung entsprechend Abb. 2.66
auf einem Kegelmantel um. Das erforderliche Drehmo- realisiert werden. Da auf einen solchen Kreisel
ment müssen die Lagerreaktionen aufbringen (s. auch
von außen kein Drehmoment ausgeübt werden
Ü 2.9-4).
kann, muss nach dem Drehimpulserhaltungs-
satz der Vektor L des Drehimpulses in einem
Trägheitsellipsoid Inertialsystem seine Richtung beibehalten.
Bestimmt man die Massenträgheitsmomente Rotiert der Kreisel so, dass seine Figurenachse
eines Körpers bezüglich verschiedener Achsen und die Drehimpulsachse zusammenfallen,
durch den Schwerpunkt und trägt in Polarko- dann bleibt auch die Richtung der Figuren-
ordinaten jeweils in Achsenrichtung die Länge achse im Raum fest. Der freie Kreisel kann
√ an seinem äußeren Rahmen beliebig bewegt
R = const/ J ab, so liegen alle Endpunkte auf
einem Ellipsoid (Poinsot-Konstruktion). Die werden, ohne dass sich die einmal eingestellte
Hauptachsen des Ellipsoids werden durch die Richtung verändert. Dieser Effekt wird beim
Hauptträgheitsachsen gebildet. Aus dem Träg- Kurskreisel zur Navigation ausgenutzt. Bei
heitsellipsoid kann das Massenträgheitsmo- modernen Geräten weicht die Achse von der
ment bezüglich willkürlicher Schwerpunkts- eingestellten Richtung um weniger als 0,1 ◦ /h
achsen grafisch oder analytisch bestimmt wer- ab. Versetzt man einem kräftefreien Kreisel
einen kurzzeitigen Schlag, dann ändert sich
den. Bei rotationssymmetrischen Körpern ist 
das Trägheitsellipsoid ein Rotationsellipsoid. der Drehimpuls L um ΔL = M(t) dt, bleibt
Bei hochsymmetrischen Körpern wie Kugel,
Würfel, Tetraeder usw. bekommt es Kugel-
form. Diese Körper haben keine Deviations-
momente.

2.9.6 Kreisel

Jeder starre Körper, der eine Drehbewegung


ausübt, ist ein Kreisel. Symmetrische Kreisel
sind starre Körper, bei denen zwei Hauptträg-
heitsmomente gleich groß sind. Diese Bedin-
gung erfüllen alle auf einer Drehmaschine her-
gestellten Teile, aber auch andere, beispiels-
weise quadratische Scheiben. Beim abgeplat-
teten Kreisel (z. B. Scheibe) ist das Trägheits-
moment um die Figurenachse größer, beim
verlängerten Kreisel (z. B. Stab) kleiner als die
äquatorialen Trägheitsmomente.

Kräftefreier Kreisel, Nutation


Ein Kreisel, der in seinem Schwerpunkt un-
terstützt wird und in allen Raumrichtungen Abb. 2.66 Kräftefreier symmetrischer Kreisel in
drehbar ist, wird kräftefreier Kreisel genannt. kardanischer Aufhängung
96 2 Mechanik

dann aber wieder konstant nach Größe und den Kegel. Sie steht ebenfalls nicht fest im
Richtung. Die Folge des Schlages aber ist, dass Raum, sondern läuft auf der Oberfläche des
der Kreisel eine Taumelbewegung ausführt, Rastpolkegels um die Drehimpulsachse L. Ab-
die als Nutation bezeichnet wird. bildung 2.67 skizziert die Verhältnisse des ab-
Die Nutationsbewegung kann nach Abb. 2.67 geplatteten Kreisels. Beim verlängerten Kreisel
anschaulich so erklärt werden, dass zwei Ke- rollt der Gangpolkegel mit seiner Außenseite
gel aufeinander abrollen, wobei die Kegelspit- auf dem Rastpolkegel ab.
zen im festgehaltenen Schwerpunkt des Krei-
sels liegen. Der Rastpolkegel, dessen Achse die
Drehimpulsachse ist, steht fest im Raum. Der Präzession
Gangpolkegel ist mit dem Kreisel fest verbun-
Abbildung 2.68a zeigt einen rotierenden Krei-
den und wälzt sich auf dem Rastpolkegel ab.
sel, der an einer Leine unsymmetrisch aufge-
Die Figurenachse als Achse des Gangpolkegels
hängt ist. Während ein nicht rotierender star-
läuft damit auf dem rot gestrichelten Nuta-
rer Körper bei dieser Art der Aufhängung so-
tionskegel um. Die momentane Drehachse ω
fort herunterfallen würde, dreht sich der rotie-
des Kreisels ist die Berührungslinie der bei-
rende Kreisel um den Aufhängepunkt, wobei
die horizontale Lage der Kreiselachse erhal-
ten bleibt. Diese höchst erstaunliche Bewegung
wird als Präzession bezeichnet.
Die Ursache der Präzession ist das Drehmo-
ment, das infolge der unsymmetrischen Auf-
hängung auf den Kreisel ausgeübt wird. Abbil-
dung 2.68b zeigt, dass das Kräftepaar aus Ge-
wichtskraft und Stützkraft ein Drehmoment M
erzeugt, das in der Horizontalebene liegt und
auf dem Vektor L des Drehimpulses senkrecht
steht. Ein solches Drehmoment kann aber
den Betrag des Drehimpules nicht ändern,
sondern nur seine Richtung, wie Abb. 2.68c
zeigt. Innerhalb einer kurzen Zeitspanne Δt
ändert sich der Drehimpuls um ΔL = MΔt.
Der neue Drehimpuls L(t + Δt) steht wieder
senkrecht zum ebenfalls kreisenden Drehmo-
ment M(t + Δt). Unter der Wirkung des Dreh-
moments M läuft daher die Spitze des Dre-
himpulsvektors L mit konstanter Winkelge-
schwindigkeit auf einem Kreis. Dies ist völ-
lig analog zur Kreisbewegung eines Körpers
mit konstanter Geschwindigkeit, wobei die
Zentripetalkraft auch immer senkrecht auf
der Geschwindigkeit steht und sich nur de-
Abb. 2.67 Nutationsbewegung eines abgeplatteten ren Richtung, nicht aber deren Betrag än-
Kreisels dert.
2.9 Mechanik starrer Körper 97

Abb. 2.68 Präzession eines Kreisels: a) unsymmetrisch


aufgehängter, horizontal präzedierender Fahrradkrei-
sel, b) Kräfte und Drehmomente auf den Kreisel,
c) Drehimpulsänderung durch das Drehmoment

Die Winkelgeschwindigkeit der Präzession ωp


kann aus Abb. 2.68c abgelesen werden. Inner-
halb der Zeitspanne Δt dreht sich der Drehim-
pulsvektor um den Winkel

ΔL MΔt Ein Kreisel verhält sich unter dem


Δϕ = = .
L L Einfluss einer Störung (Drehmoment,
Zwangsdrehung) so, dass er versucht, die
Dann ist aber die Winkelgeschwindigkeit ωp = Richtung seines Drehimpulsvektors auf
Δϕ/Δt oder kürzestem Wege gleichsinnig parallel
zum Vektor der Störung einzustellen.
M M
ωp = = . (2.135)
L Jω

Kreiselmomente
Die Richtung, in der die Kreiselachse wandert, Erzwingt man bei einem rotierenden Kreisel
wird durch den Satz vom gleichsinnigen Paral- von außen her eine Richtungsänderung der
lelismus festgelegt: Drehachse, dann müssen die Lager bei die-
98 2 Mechanik

ser künstlichen Präzession Kräfte und Mo- Von den zahlreichen Anwendungen des Krei-
mente aufnehmen. Die Kenntnis des wirken- sels seien einige Beispiele aus der Navigation
den Drehmoments ist wichtig bei rotierenden kurz beschrieben.
Maschinenteilen, deren Drehachse einer Rich-
tungsänderung unterzogen wird. Kreiselhorizont
In Abb. 2.69 ist eine rotierende Scheibe ge-
Bei einem Flugzeug, das in oder über den Wol-
zeigt, die um die Hochachse gedreht wird.
ken fliegt, braucht der Pilot zur Orientierung
Nach dem Satz vom gleichsinnigen Paralle-
einen künstlichen Horizont. Ein einfaches Lot,
lismus versucht der Vektor L, sich parallel
das in der Kanzel aufgehängt ist, erfüllt diesen
zum Vektor ωp der erzwungenen Präzession
Zweck nicht, da es bei einem Kurvenflug nicht
einzustellen. Die Kreiselachse drückt also im
in Richtung der Vertikalen, sondern in Rich-
hinteren Lager nach unten und im vorderen
tung der Resultierenden aus Schwerkraft und
nach oben. Entsprechend reagieren die Lager
Zentrifugalkraft weist (Scheinlot).
auf den Kreisel mit den eingezeichneten La-
Der freie Kreisel, der in Richtung der Horizon-
gerkräften F L . Das Drehmoment M, das der
talen eingestellt wird, kann für eine bestimmte
Kreisel auf die Lager ausübt, ergibt sich sofort
Zeit den Horizont darstellen. Da er aber auf-
durch Umkehr von (2.135):
grund technischer Unzulänglichkeit mit der
Zeit auswandert, wurden Geräte entwickelt,
die selbsttätig Abweichungen von der Hori-
M = L × ωp . (2.136)
zontalrichtung ausgleichen. Bei einer Methode
bedient man sich des Kreiselpendels, bei dem
ein Kreisel etwas außerhalb des Schwerpunk-
tes unterstützt wird. Infolge des Schweremo-
ments führt der Kreisel langsame Präzessions-
bewegungen um die Vertikale aus. Im Gegen-
satz zu einem einfachen Lot, das alle Schwan-
kungen des Flugzeugs relativ rasch mitmacht,
hat ein Kreiselpendel eine sehr große Schwin-
gungsdauer (bis zu einer Stunde) und mittelt
daher aus allen Richtungen die Vertikalrich-

Abb. 2.69 Kreiselmoment bei einer erzwungenen


Präzession Abb. 2.70 Kreiselhorizont. Werkfoto: Bodenseewerk
2.9 Mechanik starrer Körper 99

tung heraus. Abbildung 2.70 zeigt eine techni- nem beliebigen Breitenkreis am Punkt P, dann
sche Ausführung des Kreiselhorizonts. kann sich sein Drehimpuls L nicht parallel zu
ωE einstellen; denn die Kreiselachse ist ja an
Kreiselkompass eine Tangentialebene zur Erde gefesselt. Im-
Der Kreiselkompass ist ein gefesselter Krei- merhin ist eine Optimierung der Lage dann
sel, dessen Achse sich nur in einer Horizon- erreicht, wenn die Kreiselachse tangential zu
talebene bewegen kann. Häufig wird dies da- einem Meridian eingestellt ist, d. h., wenn sie
durch erreicht, dass das Rotorgehäuse in ei- nach Norden weist. Befindet sich der Kreisel
ner Flüssigkeit schwimmt. Im Gegensatz zu am Nord- oder Südpol N bzw. S, dann steht
einem freien Kreisel, der seine Achsenrich- L immer senkrecht auf ωE . Jede Richtung der
tung in einem Inertialsystem konstant hält, Kreiselachse ist gleich ungünstig; der Kreisel
muss der gefesselte Kreisel die Erdrotation hat keine Vorzugsrichtung.
mitmachen. Die Kreiselachse erfährt also eine Der Kreiselkompass versagt also wie der ma-
Zwangsdrehung mit der Winkelgeschwindig- gnetische Kompass an den Polen. U-Boote, die
keit der Erdrotation ωE . Das auftretende Krei- sich unter dem Packeis des Nordpols befinden,
selmoment dreht die Kreiselachse nach dem bedienen sich aus diesem Grund der Trägheits-
Satz vom gleichsinnigen Parallelismus so, dass navigation, die hier nicht erläutert sei.
der Drehimpulsvektor L und die Richtung der Auf fahrenden Schiffen oder Flugzeugen zeigt
Zwangsdrehung ωE parallel werden. der Kreiselkompass nicht exakt nach Norden,
Wie Abb. 2.71 zeigt, gelingt dies vollkommen er weist einen Fahrtfehler (Missweisung) auf.
für einen Kreiselkompass, der am Äquator Ä Fährt ein Schiff auf einem Meridian nach Nor-
aufgestellt ist. Befindet sich der Kreisel auf ei- den, dann entspricht dieser Bewegung eine zu-
sätzliche Winkelgeschwindigkeit ωZ , die vek-
toriell zu ωE addiert wird. Der Kreiselkompass
versucht dann, seine Achse parallel zur resul-
tierenden Winkelgeschwindigkeit ωR einzu-
stellen, was zu einem Anzeigefehler in west-
licher Richtung führt. Bei einer Bewegung auf
einem Breitenkreis ist die zusätzliche Winkel-
geschwindigkeit ωZ parallel zu ωE , sodass kein
Fehler entsteht. Der Fahrtfehler muss rechne-
risch korrigiert werden.

Wendekreisel
Der Wendekreisel dient dazu, Drehungen und
Drehgeschwindigkeiten zu messen. Soll z. B.
die Drehung eines Schiffes um eine vertikale
Achse gemessen werden, dann wird ein Krei-
sel so eingebaut, dass seine Achse horizontal
liegt. Die horizontale Lage wird z. B. durch Fe-
dern erzwungen. Bei einer Drehung des Schiffs
Abb. 2.71 Einstellung des Kreiselkompasses in wird nach dem Satz vom gleichsinnigen Par-
Nordrichtung. allelismus der Kreisel versuchen, seine Achse
100 2 Mechanik

senkrecht zu stellen. Dies wird aber durch die a) Berechnen Sie die Beschleunigung a, mit der sich
Federn verhindert. Der Kreisel nimmt deshalb die angehängten Körper bewegen. b) Bestimmen Sie
eine Schräglage ein, bei der das von der Dre- die Kraft im Faden jeweils über den Körpern 1 und 2.
c) Wie groß ist das Massenträgheitsmoment des Rades
hung verursachte Kreiselmoment vom rück-
bezüglich seiner Drehachse?
treibenden Moment der Federn im Gleichge-
wicht gehalten wird. Der Ausschlag des Krei-
Ü 2.9-4 Für die rotierende Hantel in Abb. 2.64 soll das
sels ist damit porportional zur Drehgeschwin-
Drehmoment auf die Lager berechnet werden. Zeich-
digkeit des Schiffs. Geräte mittlerer Qualität nen Sie die Funktion M(ϑ) auf. Für welchen Winkel
sind in der Lage, Drehgeschwindigkeiten bis wird das Drehmoment maximal?
herab zu 0,01 ◦ /h nachzuweisen. Der Drehwin-
kel wird von integrierenden Wendekreiseln ge- Ü 2.9-5 Wie groß ist bei einem rollenden dünnwan-
digen Zylinder das Verhältnis Translations- zu Rotati-
messen.
onsenergie?
Optische Faserkreisel bzw. Laserkreisel ent-
halten keine rotierenden Teile, sind also im Ü 2.9-6 Ein langer dünner Stab mit der Masse m =
Grunde keine Kreisel. Mit Hilfe des Sagnac- 1,4 kg und der Länge l = 1,8 m ist an einem Ende dreh-
Effekts (G. M. M. Sagnac, 1869 bis 1928) wer- bar gelagert. Er wird aus waagrechter Lage losgelassen.
den Drehungen eines Systems gegenüber ei- a) Wie groß ist die Winkelbeschleunigung α und die
Beschleunigung aS des Schwerpunktes zu Beginn der
nem Inertialsystem nachgewiesen. Laserkrei-
Bewegung? b) Wie groß ist die Auflagerkraft zu Be-
sel erreichen die vorgenannte Genauigkeit bei ginn der Bewegung? c) Mit welcher Winkelgeschwin-
einer Winkelauflösung von 2 Winkelsekunden; digkeit ω geht der Stab durch die vertikale Lage?
sie werden bereits in der Luftfahrt eingesetzt.
Ü 2.9-7 Ein Rad mit dem Radius r = 20 cm und der
Zur Übung Masse m = 20 kg rollt nach Abb. 2.61 eine schiefe
Ü 2.9-1 Lösen Sie das Problem von Beispiel 2.9-2 rech- Ebene mit dem Neigungswinkel β = 15◦ hinab. Aus
nerisch. dem Stand legt es nach t = 2 s den Weg s = 2,9 m zu-
rück. a) Wie groß ist das Massenträgheitsmoment JS
Ü 2.9-2 Eine starre Hantel besteht aus zwei Kugeln mit bezüglich der Drehachse durch den Schwerpunkt?
jeweils der Masse m = 2 kg, die durch einen runden b) Wie groß muss der Haftreibungskoeffizient zwi-
Stab mit dem Durchmesser dS = 10 mm verbunden schen Rad und Unterlage mindestens sein, damit das
sind. Der Abstand der beiden Kugelmittelpunkte be- Rad nicht rutscht?
trägt l = 1 m. Kugeln und Stab bestehen aus Stahl
Ü 2.9-8 Ein rotierendes Rad (Masse m = 2 kg, Mas-
der Dichte ρ = 7,85 kg/dm3 . Wie groß ist das Mas-
senträgheitsmoment JS = 300 kg cm2 , Drehzahl n0 =
senträgheitsmoment JS bezüglich einer Achse, die auf
2 800 min−1 , Radius r = 15 cm) wird auf den hori-
der Stabachse senkrecht steht und durch den Schwer-
zontalen Fußboden aufgesetzt. Infolge Reibung zwi-
punkt geht, wenn die Stabmasse und die Ausdehnung
schen Rad und Unterlage wird das Rad beschleunigt.
der Kugeln a) vernachlässigt, b) nicht vernachlässigt
a) Wie groß ist die Endgeschwindigkeit, die sich ein-
werden?
stellt, nachdem der Rutschvorgang abgeschlossen ist?
b) Wie lange rutscht das Rad, wenn der Reibungsko-
Ü 2.9-3 Zur experimentellen Bestimmung des Mas- effizient zwischen Rad und Unterlage μ = 0,2 beträgt?
senträgheitsmoments eines Rades wird ein Faden über
dieses gelegt, an dem zwei Körper mit den Massen
m1 = 1 kg und m2 = 1,5 kg befestigt sind. Das Rad ist Ü 2.9-9 Ein schwerer Kreisel sei wie in Abb. 2.68 ein-
reibungsfrei gelagert, sein Radius beträgt r = 30 cm. seitig aufgehängt. Die Kreiselachse verlaufe nicht waa-
Man beobachtet, dass die Körper in der Zeit t = 2 s aus gerecht sondern schließe mit der Vertikalen den Win-
dem Stand den Höhenunterschied h = 1 m zurückle- kel ϑ ein. Zeigen Sie, dass die Winkelgeschwindigkeit
gen. der Präzession ωp nicht vom Winkel ϑ abhängt.
2.10 Gravitation 101

2.10 Gravitation derstellung der Erde hervorhob. Eine richtige,


wenn auch komplizierte Beschreibung der Pla-
2.10.1 Beobachtungen
netenbahnen war durch Epizykeln möglich.
Bewegungen der Gestirne oder Erscheinun- Dieses Weltbild galt als Glaubenssatz über 14
gen am Himmel haben die Menschen schon Jahrhunderte lang.
immer fasziniert und zu einer Erklärung her- Nikolaus Kopernikus (1473 bis 1543) konnte
ausgefordert. Die Geschichte des Verstehens mit dem heliozentrischen Weltsystem, das die
der Bewegungen am Firmament, der Himmels- Sonne in den Mittelpunkt stellte, die Bewegung
mechanik, ist verknüpft mit berühmten Na- der Planeten einfacher beschreiben.
men und Theorien. Tycho de Brahe (1546 bis 1601) lieferte als
Claudius Ptolemäus (um 100 bis 160 n. Chr.) letzter großer Astronom ohne Fernrohr exak-
begründete im 2. Jahrhundert das geozentri- tes Beobachtungsmaterial über die Bewegung
sche Weltsystem, das philosophisch die Son- der Gestirne.

Abb. 2.72 Die Kepler’schen Gesetze


102 2 Mechanik

Johannes Kepler (1571 bis 1630) leitete aus gestellt; Abb. 2.73 vermittelt einen Eindruck
der Analyse der Braheschen Messdaten des von dieser optomechanischen Spitzentech-
Mars drei empirische Gesetzmäßigkeiten über nik.
die Bewegung der Planeten her. Sie sind in
Abb. 2.72 aufgeführt und erläutert.
Isaac Newton (1643 bis 1727) stellte die
allgemeinen Bewegungsgesetze für mecha-
nische Systeme und das Gravitationsgesetz
(Abschn. 2.10.2) auf. Damit konnte er die
Kepler’schen Gesetze herleiten.
Albert Einstein (1879 bis 1955) entwickelte
1915 die allgemeine Relativitätstheorie, die
die Newton’sche Gravitationstheorie als Nä-
herung enthält. Damit konnten die mit der
Newton’schen Mechanik nicht erklärbare Pe-
riheldrehung der Merkurbahn und die Krüm-
mung von Lichtstrahlen unter dem Einfluss der
Gravitation erklärt werden.
Die aus diesen Beobachtungen und Theorien
bestimmten Bahndaten und Planetenkenn-
größen sind in Tabelle 2.7 zusammengestellt.
Simulationen der Bewegungen am Himmel
vor dem Hintergrund des Fixsternhimmels Abb. 2.73 Planetariumsprojektor Zeiss-Modell
werden in Planetarien mit aufwändigen Universarium VIII mit Faseroptiken. Foto:
dreidimensionalen Projektionstechniken dar- Planetarium Jena

Tabelle 2.7 Planetendaten des Sonnensystems

Planet große Umlauf- nume- Radius Masse mittlere Fallbe- Rota- Anzahl
Bahnhalb- zeit T rische Erdradius Erdmasse Dichte ρ schleu- tions- der
achse a in s Exzen- in nigung dauer Monde
in m trizität kg m−3 gÄquator in s
der El- Erdradius Erdmasse in m s−2
lipsen- rE = 6,371 mE = 5,972
bahn ε ·106 m ·1024 kg

Merkur 5,79 · 1010 7,60 · 106 0,206 0,383 0,055 5,4 · 103 3,7 5,07 · 106 0
Venus 1,08 · 1011 1,94 · 107 0,0067 0,950 0,815 5,2 · 103 8,9 2,10 · 107 0
Erde 1,50 · 1011 3,16 · 107 0,017 1,00 1,00 5,5 · 103 9,78 8,62 · 104 1
Mars 2,28 · 1011 5,94 · 107 0,093 0,532 0,107 3,9 · 103 3,7 8,86 · 104 2
Jupiter 7,78 · 1011 3,74 · 108 0,048 10,97 318 1,3 · 103 23 3,57 · 104 > 60
Saturn 1,43 · 1012 9,35 · 108 0,054 9,46 95,2 0,69 · 103 8,7 3,88 · 104 > 60
Uranus 2,87 · 1012 2,64 · 109 0,047 3,98 14,5 1,3 · 103 8,6 6,21 · 104 > 27
Neptun 4,50 · 1012 5,17 · 109 0,0086 3,87 17,1 1,6 · 103 11 5,80 · 104 13
2.10 Gravitation 103

2.10.2 Newton’sches Gravitationsgesetz

Aus der Modellvorstellung elliptischer Plane-


tenbahnen, als Kepler’sche Gesetze in Abb. 2.72
zusammengestellt, leitete Newton eine Bezie-
hung über die gegenseitige Anziehung zweier
Körper, die Gravitation, her und verallgemei-
nerte dies auf die Wechselwirkung zwischen
allen materiellen Körpern.
Zwischen zwei beliebigen materiellen Punk-
ten mit den Massen m1 und m2 wirkt eine
anziehende Kraft, die Gravitationskraft F G ,
die dem Abstandsvektor r 12 der materiellen
Punkte entgegengerichtet ist, wie Abb. 2.74
verdeutlicht. Der Betrag der Gravitationskraft
ist Abb. 2.75 Prinzip der Cavendish’schen Gravitations-
drehwaage

m1 m2
|F G | = G 2
. (2.137)
r12
A und B in die Lagen A und B wird die
Richtung der Gravitationskraft auf die klei-
Die Proportionalitätskonstante G, die Gravita- nen Probemassen m1 umgekehrt, wodurch
tionskonstante, hat den Wert diese ein Drehmoment auf den Torsionsfa-
m3 den ausüben. Die Probemassen m1 drehen
G = (6,67384 ± 0,0008) · 10−11 . sich dadurch um den Drehwinkel Δϕ, bis
kg s2
erneut das rücktreibende Torsionsmoment
Die Gravitationskonstante wird mit der Gra- des Torsionsfadens das Drehmoment der
vitationsdrehwaage nach Abb. 2.75 bestimmt. Gravitationskraft zwischen den Massen m1
Aus Symmetriegründen gilt (2.137) auch für und m2 kompensiert. Durch eine Lichtzeiger-
homogene Kugeln, wenn r der Abstand des anordnung wird der sehr kleine Drehwinkel
Mittelpunktes ist. Durch Verlagerung der Δϕ messbar.
Kugeln mit den Massen m2 von den Lagen Ein Vergleich der Gravitationskraft nach
(2.137) mit der Gewichtskraft nach (2.28)
ergibt, dass die Fallbeschleunigung g auf
der Erdoberfläche durch die Gravitation der
Erdmasse mE und den Erdradius rE bestimmt
wird:

mE
g =G . (2.138)
rE2

Aus (2.138) lässt sich mit Hilfe des Zahlenwerts


Abb. 2.74 Massenanziehung, Gravitation der Gravitationskonstante und dem bekannten
104 2 Mechanik

Erdradius rE = 6 370 km die Erdmasse zu mE = 4π2


|F zp | = mp rp ω2p = mp rp .
5,97 · 1024 kg berechnen. Tp2
Nach der Newton’schen Gravitationstheorie ist Die Gravitationskraft zwischen Sonne und Planet ist
die Zentralkraft, die die Planeten auf den ellip- nach (2.137)
tischen Bahnen um die Sonne hält, die Massen- mS mp
FG = G .
anziehung der Planetenmasse durch die Son- rp2
nenmasse. Daraus folgt direkt das dritte Kep-
Durch Gleichsetzen erhält man
ler’sche Gesetz (Beispiel 2.10-1).
Die Gravitationskraft der Sonne auf die Plane- 4π2 m m
mp rp = G S2 p .
ten wirkt parallel zum Radiusvektor und übt Tp2 rp
daher auf die Planetenbewegung kein Dreh-
moment aus, der Drehimpuls ist auf der Pla- Das dritte Kepler’sche Gesetz lautet (nach der
netenumlaufbahn konstant. In der Bahnebene Herleitung in Beispiel 2.10-1)
ist die Hälfte des Produkts r × dr gerade die
vom Radiusvektor überstrichene Fläche
rp3 G mS
1 = = konstant . (2.139)
dA = |r × dr| . Tp2 4 π2
2
Der Flächensatz (dA/ dt = konstant) des zwei-
ten Kepler’schen Gesetzes veranschaulicht Die Konstante ist unabhängig von der
geometrisch die Drehimpulserhaltung Masse mp des Planeten. In die Konstante
 
 dr  dA geht nur die Masse mS des Zentralgestirns,
|L| = |r × p| = mp r × = 2mp
dt  dt der Sonne, ein. Sie ist für alle Planeten eines
Sonnensystems gleich. (2.139) gilt auch für
auf der Planetenbahn. Das erste Kepler’sche den Umlauf von Monden oder Satelliten um
Gesetz folgt aus dem Energieerhaltungssatz Planeten; die Konstante wird dann durch
auf der Planetenbahn nach (2.80). Die Her- die Planetenmasse bestimmt und beträgt
leitung über die Kegelschnittgleichung ist ma- beispielsweise bei der Erde 1,01 · 1013 m3 /s2 .
thematisch recht umständlich. Gleichung (2.139) gilt auch für elliptische Bah-
Beispiel nen; als Radius ist die große Halbachse der El-
2.10-1 Ableitung des dritten Kepler’schen Gesetzes lipsenbahn einzusetzen. Abbildung 2.76 zeigt
für kreisförmige Planetenbahnen (Mitbewegung der in doppellogarithmischer Auftragung die Gül-
Sonne wird vernachlässigt). tigkeit des dritten Kepler’schen Gesetzes am
Beispiel der Planeten der Sonne. Aus den Ab-
Lösung
Wie die Werte der numerischen Exzentrizität in Ta- solutwerten der Gerade kann die Sonnenmasse
belle 2.7 ausweisen, haben die meisten Planetenbah- zu mS = 2 · 1030 kg ∼ 300 000mE ermittelt
nen unseres Sonnensystems Werte von ungefähr null werden.
und können daher in guter Näherung als Kreisbahnen
beschrieben werden. Für eine gleichförmige Kreisbe- 2.10.3 Hubarbeit und potentielle Energie
wegung eines Planeten mit der Masse mp muss die
Gravitationskraft die Zentripetalkraft aufbringen. Be-
Wird ein Körper der Masse m2 von einem Kör-
zeichnet man die Masse des Zentralgestirns, der Sonne,
mit mS , den Bahnradius der Planeten mit rp und die per der Masse m1 , beispielsweise der Erde,
Umlaufzeit mit Tp , dann gilt nach (2.31) für die Zen- wegtransportiert oder angehoben, so ist ge-
tripetalkraft gen die Gravitationskraft F G durch eine äußere
2.10 Gravitation 105

Abb. 2.76 Planeten des Sonnensystems: Zusammenhang zwischen der großen Halbachse der Planetenbahn und
der Umlaufzeit

Kraft F a Arbeit zu verrichten. Abbildung 2.77


erläutert dies. Die erforderliche Hubarbeit ist
nach (2.64)
 
WAB = F k · Δrk + F ak · Δsk .
k k
Alle Wegelemente Δsk auf Kugelschalen um
den Massenmittelpunkt von m1 verlaufen
senkrecht zur Richtung der Gravitationskraft;
die Arbeit auf diesen Teilwegen ist null. Die
aufzuwendende Hubarbeit ist, wenn man zu
infinitesimalen Wegstücken übergeht,
r2 r2
WAB = F a · dr = − F G · dr
r1 r1
2
r
dr
= G m1 m2 .
r2
r1
Daraus erhält man
 
Abb. 2.77 Hubweg gegen die Schwerkraft: Zerlegung 1 1
in radiale Wegelemente Δr und Kugelschalen-Wegele- WAB = G m1 m2 − . (2.140)
r1 r2
mente Δsk
106 2 Mechanik

Die Hubarbeit des Körpers mit der Masse m2


gegen die Gravitationskraft der Masse m1 
N
mk
ϕG = − G . (2.142)
hängt nur vom Abstand r1 und r2 der Orte rk
k=1
vom Massenmittelpunkt von m1 ab, nicht aber
vom Weg. Diese Hubarbeit wird nach dem
Energiesatz (2.75) als potentielle Energie des Flächen im Raum, auf denen das Gravitations-
Körpers mit der Masse m2 , bezogen auf die potential einer Massenverteilung konstant ist,
Masse m1 , gespeichert. Das Bezugsniveau für werden als Äquipotentialflächen bezeichnet;
die potentielle Energie einer Masse m2 unter die Äquipotentialfläche einer Zentralmasse
der Massenanziehung der Masse m1 wird mit ist eine Kugelschale um deren Massenmit-
r = ∞ so gewählt, dass die Masse m2 die telpunkt. Ist das Gravitationspotential ϕG
Gravitationskraft der Masse m1 nicht mehr an einem Ort r bekannt, so beträgt die po-
spürt. Wird von diesem Bezugsniveau aus m2 tentielle Energie einer Masse m0 an diesem
auf m1 zubewegt, dann wird Arbeit frei; die Ort
potentielle Energie, die zur Umwandlung in
andere Energiearten verwendet werden kann, Epot = m0 ϕG (r) . (2.143)
vermindert sich und ist

r Die Gravitationskraft auf m0 an diesem Ort


dr mm ergibt sich aus der Umkehrung von (2.65)
Epot = Gm1 m2 2 = −G 1 2 .
r r zu

(2.141)
dϕG (r)
FG (r) = −m0 = m0 g(r) . (2.144)
dr
Gleichungen (2.139) bis (2.141) gelten nicht
nur für Massenpunkte, sondern auch für Der Gradient des Gravitationspotentials am
ausgedehnte Körper mit Kugelform. Die Ort r wird als Gravitationsfeldstärke g de-
Radien sind dabei die Abstände der Massen- finiert. Der Vergleich mit der Beziehung
mittelpunkte. Im Innern von Systemen aus für die Schwerkraft nach (2.28) zeigt, dass
materiellen Punkten kommen innere Kräfte Betrag und Richtung der Fallbeschleuni-
dazu; die Gravitationskraft stimmt nicht mehr gung g an einem Ort die Gravitationsfeld-
mit (2.137) überein. stärke angeben. Ist der räumliche Verlauf
Die potentielle Energie einer Masse m0 , die der Fallbeschleunigung aus Experimenten
von mehreren Massen m1 bis mN angezogen oder Simulationsrechnungen bekannt, dann
wird, setzt sich additiv aus den Einzelanteilen kann über eine Integration von (2.144) der
nach (2.141) zusammen: Verlauf der potentiellen Energie berechnet
werden.
m0 m1 m0 m2 m0 mN
Epot = −G −G −…−G .
r1 r2 rN 2.10.4 Satellitenbahnen

Die Kenngröße, die sich am Ort r(x0 , y0 , z0 ) Die Bahnen künstlicher Satelliten, die um die
der Masse m0 summiert, ist das Gravitations- Erde laufen, werden durch dieselben Kepler’-
potential ϕG der Einzelmassen m1 bis mN : schen Gesetze beschrieben, wie sie von der Pla-
2.10 Gravitation 107

netenbewegung bekannt sind. Satellitenbah- der sich auf einer Kreisbahn direkt an der
nen sind also Ellipsen (Spezialfall: Kreise), wo- Erdoberfläche bewegen soll. Diese Bahn mit
bei die Erde in einem Brennpunkt der Ellipse Radius rE ist natürlich praktisch nicht reali-
steht. sierbar, sondern nur von theoretischem Inter-
Praktisch realisierbare Bahnen haben Höhen esse. Aus der Gleichgewichtsbedingung zwi-
von 200 km bis 106 km und Umlaufdauern von schen Gravitations- und Zentrifugalkraft
88 min bis etwa 4 Monate. Niedrigere Bahnen
mS mE mS 2k1
sind nicht möglich wegen Reibungsverlusten G = folgt
in der Atmosphäre. Höhere Bahnen werden zu rE2 rE
sehr gestört von der Sonne und anderen Pla-

neten. Die mehr als 24 Satelliten des Global Po- GmE √ km
sitioning System (GPS) laufen auf sechs Kreis- k1 = = g rE = 7,91 .
rE s
bahnen, die um 56◦ gegen die Äquatorebene
geneigt sind, in einer Höhe von 20 200 km. Die zweite kosmische Geschwindigkeit k2 ist
Von besonderer Bedeutung für die Datenüber- die Geschwindigkeit, mit der ein Körper abge-
tragung sind geostationäre Satelliten oder Syn- schossen werden muss, um den Anziehungs-
chronsatelliten. Sie sollen über einem definier- bereich der Erde zu verlassen. Sie kann mit-
ten Punkt der Erde still stehen. Man kann hilfe des Energieerhaltungssatzes berechnet
sich leicht klar machen, dass dies nur mög- werden: Ekin, E + Epot, E = Ekin, ∞ + Epot, ∞ .
lich ist für Kreisbahnen in der Äquatorebene. Mit der Definition der potentiellen Energie
In welcher Höhe ein Satellit platziert werden nach (2.141) ergibt sich
muss, damit er sich synchron mit der Erde
1 mS mE
dreht, folgt aus dem dritten Kepler’schen Ge- mS 2k2 − G =0 oder
2 rE
setz. Nach (2.139) gilt für den Abstand rS , den
der Satellit vom Erdmittelpunkt haben muss 
 GmE √ km
3 GmE TE
2 k2 = 2 = 2 k1 = 11,2 .
rS = . rE s
4π 2

Mit der Periodendauer der Erdrotation (sideri- Beispiel


sche Umlaufzeit, Sterntag) TE = 86 163 s ergibt 2.10-2 Wie groß ist die Fluchtgeschwindigkeit, um
den Mond zu verlassen? Die Mondmasse ist mM =
sich rS = 42 161 km. Subtrahiert man davon
7,35 · 1022 kg, der Mondradius ist rM = 1 738 km.
den mittleren Erdradius rE = 6 371 km, so er-
gibt sich eine Höhe von h = 35 790 km über Lösung
der Erdoberfläche. Die Fluchtgeschwindigkeit ist nach obiger Gleichung

G mM km
Kosmische Geschwindigkeiten k2 = 2 = 2,38 .
rM s
Die erforderliche Geschwindigkeit eines Kör-
pers, der von der Erdoberfläche abgeschossen
wird und eine bestimmte Bahn erreichen soll, Massereiche Sterne können am Ende ihrer Ent-
wird als kosmische Geschwindigkeit bezeich- wicklungsgeschichte kollabieren und zu einem
net. schwarzen Loch werden. Sie besitzen ein der-
Die erste kosmische Geschwindigkeit k1 ist die art starkes Gravitationsfeld, dass nicht ein-
Geschwindigkeit, die ein Körper haben muss, mal Licht (Photonen) aus Bereichen inner-
108 2 Mechanik

halb eines kritischen Radius, des so genann- 2.11 Mechanik deformierbarer


ten Schwarzschild-Radius (Karl Schwarz- fester Körper – Elastomechanik
schild, 1873 bis 1916) entweichen kann. Die
Größe dieses Ereignishorizonts findet man, in- Beim Einsatz von Werkstoffen in Maschinen
dem für die Fluchtgeschwindigkeit die Licht- sind die Reaktionen auf äußere Kraft- bzw.
geschwindigkeit c gesetzt wird: Momenteinwirkungen außerordentlich wich-
2Gm tig. Gehen die Form- oder Gestaltänderungen
rS = . fester Körper nach Beendigung der äußeren
c2
Kraft- bzw. Momentenwirkungen wieder voll-
Zur Übung ständig zurück, so finden reversible Verfor-
Ü 2.10-1 In welcher Höhe h über der Erdoberfläche mungsprozesse statt, die elastisch sind. Bleiben
hat die Fallbeschleunigung den Wert gh = 5 m s−2 ? dagegen Formänderungen zurück, dann ha-
(Der Erdradius ist rE = 6 371 km.) ben irreversible Verformungsprozesse stattge-
funden und es sind plastische Verformungen
Ü 2.10-2 Zwischen Erde und Mond gibt es einen geo- aufgetreten.
metrischen Ort, an dem sich die Gravitationskräfte
auf einen Körper der Masse m gerade aufheben. Wo
2.11.1 Elastische Verformung
liegt dieser „neutrale Punkt“? Radius der Mondbahn:
rE, M = 384 000 km, Mondmasse mM = 7,35 · 1022 kg.
Spannungen
Die Kenngröße für die Beanspruchung von
Ü 2.10-3 Ein künstlicher Satellit läuft in einer Flug-
höhe h = 1 000 km auf einer Kreisbahn um die Erde Festkörperteilchen ist die Spannung S. Sie ist
(Erdradius rE = 6 371 km). a) Wie groß ist die Bahn- der Quotient aus der Teilkraft dF und dem Flä-
geschwindigkeit  des Satelliten? b) Wie groß ist seine chenelement dA, wie Abb. 2.78 zeigt:
Umlaufzeit T? c) Welche spezifische Arbeit  (auf die
Masse m = 1 kg bezogen) ist aufzuwenden, um den Sa-
dF
telliten in diese Bahn zu bringen? d) Welcher Anteil f S= . (2.145)
dieser spezifischen Arbeit entspricht der kinetischen dA
Energie des Satelliten?

In der Praxis mechanischer Beanspruchun-


Ü 2.10-4 Ein Meteor kommt ohne Anfangsgeschwin-
gen wird die Spannung in der Maßeinheit
digkeit in den Anziehungsbereich der Sonne und fällt
auf diese zu. Wie groß ist die Geschwindigkeit des Me-
teors, wenn er

a) sich im Bahnabstand der Erde von der Sonne be-


findet?
b) an einem Ort mit halbem Erdbahnradius ist?
c) an der Sonnenoberfläche unverglüht ankäme?

(Sonnenmasse mS = 2 · 1030 kg; Sonnenradius rS =


696 000 km; Erdbahnradius rSE = 150 · 106 km.)

Ü 2.10-5 Der mittlere Abstand des Jupiter-Mondes


Jo vom Planeten Jupiter beträgt 4,216 · 105 km; seine
Umlaufzeit ist T = 1 d 18 h 27 min. Berechnen Sie aus
diesen Angaben die Masse mJ des Planeten Jupiter. Abb. 2.78 Zur Definition der Spannung
2.11 Mechanik deformierbarer fester Körper – Elastomechanik 109

N/mm2 gemessen; es ergeben sich dann hand- Spannungszustand durch die Angabe von drei
liche Maßzahlen. Wird nach Abb. 2.78 die Teil- Normalspannungen σx , σy , σz und drei Schub-
kraft dF in ihre Normalkomponente dFn und spannungen τxy , τxz , τyz vollständig beschrie-
ihre Tangentialkomponente dFt zerlegt, dann ben.
ergeben sich eine Normalspannung σ und eine
Schubspannung τ (Tangentialspannung):
Verformungen
Wirken auf einen Körper äußere Kräfte bzw.
dFn
σ= , (2.146) äußere Momente ein, so erfährt er Verformun-
dA gen. Grundsätzlich sind zwei Verformungs-
dFt
τ= . (2.147) möglichkeiten denkbar, die Dehnung ε und die
dA Schiebung γ . Für die Dehnung gilt allgemein

In einem würfelförmigen Körperelement lässt


l − l0 Δl
sich, wie Abb. 2.79 zeigt, der Spannungszu- ε= = . (2.148)
l0 l0
stand vollständig beschreiben durch

– drei Normalspannungen σx , σy , σz und


Dabei bleiben die rechten Winkel am Körper-
– sechs Schubspannungen τxy , τxz , τyx ,
element erhalten. Mit Schiebung oder Sche-
τyz , τzx , τzy .
rung wird eine Winkeländerung bezeichnet:
Dabei gibt der erste Index die Schnittebene
und der zweite die Wirkungsrichtung an; z. B.
liegt τxy in der x-Ebene und wirkt in der Schiebung γ = Winkeländerung γ .
y-Richtung. Da aus Symmetriegründen τxy = (2.149)
τyx , τxz = τzx und τyz = τzy ist, wird der
In diesem Fall bleiben die Kantenlängen l0
des Körperelementes gleich, und es ergibt sich
ein Abweichungswinkel γ vom rechten Winkel
(ausgedrückt im Bogenmaß).
In der Praxis werden üblicherweise vier Ver-
formungsarten unterschieden. Abbildung 2.80
zeigt die Unterschiede, Kenngrößen und Ge-
setzmäßigkeiten.

Dehnung
Im elastischen Bereich ist die Längenände-
rung Δl proportional zur Normalkraft Fn . Mit
der Definition der Dehnung ε als relative Län-
genänderung ε = Δl/ l (2.148) und (2.146) für
die Zug- bzw. Druckspannung σ = dFn / dA
Abb. 2.79 Dreiachsiger Spannungszustand. ergibt sich das Hooke’sche Gesetz (R. Hooke,
σ Normalspannung, τ Schubspannung 1635 bis 1703) für die elastische Verformung:
110 2 Mechanik

Abb. 2.80 Verformungsarten


2.11 Mechanik deformierbarer fester Körper – Elastomechanik 111

Die Querdehnung ist der Dehnung proportio-


σ = Eε . (2.150) nal, sodass gilt

Der Proportionalitätsfaktor ist der Elastizitäts- εq = −μ ε . (2.153)


modul E, der im allgemeinen Fall die Normal-
spannungsänderung dσ , bezogen auf die Deh-
nungsänderung dε, beschreibt und zeitabhän- Der Proportionalitätsfaktor μ wird als Quer-
gig sein kann: dehnungszahl oder Poissonzahl (S. D. Pois-
son, 1781 bis 1840) bezeichnet. Ihr Wert ist
dσ immer positiv, aber kleiner als 0,5. Das Minus-
E(σ , t) = . (2.151) zeichen in (2.153) kennzeichnet die Gegenläu-

figkeit von Längenänderung und Dickenände-
rung. Die bei der Querkontraktion auftretende
Der Elastizitätsmodul ist eine Werkstoffkenn-
Volumendifferenz ΔV errechnet sich für einen
größe, die für praktische Zwecke meist in der
achsensymmetrischen, prismatischen Stab aus
Maßeinheit N/mm2 oder GN/m2 geschrieben
der Differenz zwischen dem Volumen nach der
ist. Tabelle 2.8 enthält einige Festigkeitskenn-
Verformung V  und dem ursprünglichen Vo-
zahlen. – In (2.151) sind Zugspannungen posi-
lumen V0 zu
tiv und Druckspannungen negativ einzusetzen.
ΔV = V  − V0 = (d + Δd)2 (l + Δl) − d2 l .
Querdehnung
Die Summenglieder höherer Ordnung sind
Die angreifende Normalkraft Fn verursacht au-
gegenüber den Gliedern erster Ordnung ver-
ßer der Längenänderung Δl auch eine materi-
nachlässigbar. Somit ergibt sich
alspezifische Dickenänderung Δd. Die Quer-
dehnung εq ist die relative Dickenänderung: ΔV = d2 Δl + 2 d l Δd .
Für die relative Volumenänderung eines stab-
Δd
εq = . (2.152) förmigen Körpers unter eindimensionaler
d Zugbeanspruchung gilt

Tabelle 2.8 Kennzahlen für die Festigkeit einiger Werkstoffe

Werkstoff Elastizitäts- Querdeh- Kompressions- Schub- Bruch- Zug- bzw.


Modul E nungszahl Modul K Modul G dehnung Druckfestigkeit
in GN/m2 μ in GN/m2 in GN/m2 εB σB in GN/m2

Eis 9,9 0,33 10 3,7


Blei 17 0,44 44 5,5 bis 7,5 0,014
Al (rein) 72 0,34 75 27 0,5 0,013
Glas 76 0,17 38 33 0,09
Gold 81 0,42 180 28 0,5 0,14
Messing
(kaltverf.) 100 0,38 125 36 0,05 0,55
Kupfer
(kaltverf.) 126 0,35 140 47 0,02 0,45
V2A-Stahl 195 0,28 170 80 0,45 0,7
112 2 Mechanik

ΔV d2 Δl 2 d l Δd Δl Δd Die relative Volumenänderung ΔV / V eines


= + = +2 .
V d2 l d2 l l d Körpers bei einer isotropen Druckänderung
Δp ist die Kompressibilität
Man erhält also

ΔV
ΔV
= ε (1 − 2μ) . (2.154) κ
1
=− V = . (2.158)
V Δp K

Der Volumenunterschied ist für positive Span-


nungen definitionsgemäß positiv; nach (2.154) Beispiel
ist daher 1 − 2μ > 0 und 0 < μ  0,5. 2.11-1 Ein Draht aus Federstahl (E = 2 · 105 N/mm2 )
hat einen Durchmesser d = 1,5 mm und ist l = 3 m
lang. Er wird um 5 mm verlängert. Zu berechnen sind
Allseitige Kompression die Dehnung ε, die Zugspannung σz und die Zug-
Wenn ein Körper einer allseitigen isotropen kraft Fz .
Druckbeanspruchung σ = −Δp unterliegt, Lösung
dann ist die Volumenänderung nach (2.154) Für die Dehnung gilt ε Δl/ l = 1,67 · 10−3 = 0,17%. Die
Zugspannung ist σz = E ε = 333 N/mm2 , und die Zug-
kraft beträgt Fz = σz A = 333,33 · π4 d2 = 589 N.
ΔV
= 3 ε (1 − 2μ) . (2.155)
V
Scherung
Wirken Querkräfte Ft parallel zur Oberfläche
Mit ε = σ/ E und σ = −Δp erhält man auf einen Körper, dann erfährt dieser eine
ΔpV E Scherung um den Scherwinkel γ (Abb. 2.80).
− = =K. Diese Beanspruchungsart ruft also eine Ge-
ΔV 3(1 − 2μ)
staltsänderung des Körpers hervor. Zwischen
Analog zum Elastizitätsmodul E beschreibt der der Schubspannung τ = Ft / A und dem Scher-
Kompressionsmodul winkel γ gilt der dem Hooke’schen Gesetz ana-
loge Zusammenhang

ΔpV
K =− (2.156)
ΔV τ = Gγ . (2.159)

die erforderliche Druckänderung bezogen auf Der Proportionalitätsfaktor wird Schub-


die relative Volumenänderung; er ist immer modul G genannt. Er ist ein Maß für die
positiv. In der Praxis wird K meist in MN/m2 Gestaltelastizität fester Körper. (In (2.159) ist
angegeben. Zwischen den Kenngrößen der der Scherwinkel γ im Bogenmaß einzusetzen.)
elastischen Verformung besteht der Zusam- Analog zum Elastizitätsmodul E nach (2.151)
menhang ist der Schubmodul

E dτ
K = . (2.157) G(τ, t) = (2.160)
3(1 − 2μ) dγ
2.11 Mechanik deformierbarer fester Körper – Elastomechanik 113

das Verhältnis der Schubspannung zum Scher- Elementare Belastungsfälle


winkel. Abbildung 2.81 zeigt die vier elementaren
Zwischen Elastizitätsmodul E, Querdehnungs- Belastungsfälle Zug bzw. Druck, Scherung, Bie-
zahl μ und Schubmodul G besteht der Zusam- gung und Torsion, ihre zugehörigen Normal-
menhang und Schubspannungen, Dehnungen und
Schiebungen sowie einige Beispiele. Daraus
E ist ersichtlich, dass bei reinem Zug bzw. Druck
G= . (2.161)
2(1 + μ) sowie reiner Biegung keine Schubspannungen
und Schiebungen vorhanden sind, während
bei reiner Scherung bzw. Torsion keine Nor-
Durch Umformen ergibt sich E/ 2G = 1 + μ. Da malspannungen und Dehnungen auftreten.
μ zwischen 0 und 0,5 liegt, ergibt sich für den In der Praxis treten diese vier elementaren
Schubmodul ein Bereich von Belastungsfälle kombiniert auf. Dann können
sie unter Verwendung von Tabelle 2.9 und
E E Abb. 2.81 ermittelt werden.
<G< . (2.162)
3 2
Hauptspannungen
Diese Beziehungen gelten nur für isotrope Als Hauptspannungen werden die Normal-
Werkstoffe. Konstruktionswerkstoffe sind spannungen σ bezeichnet, für die keine
meist quasiisotrope Werkstoffe. Für ani- Schubspannungen auftreten. Die Hauptspan-
sotrope Einkristalle müssen dagegen die nungsrichtung nennt man Hauptachse. Ein
Richtungsabhängigkeiten der Kenngrößen Spannungszustand ist demnach vollständig
berücksichtigt werden. beschrieben, wenn alle drei Hauptspannun-
Die in diesem Abschnitt aufgezeigten Zusam- gen σ1 , σ2 , σ3 und deren Hauptachsen bekannt
menhänge zwischen Normalspannungen σ sind. Häufig treten Beanspruchungen an Bau-
und Dehnungen ε bzw. Schubspannungen τ teiloberflächen auf, in denen die Hauptachsen
und Schiebungen γ gestatten die allgemeine 1, 2 und 3 mit den Koordinatenachsen x, y und
Formulierung des Hooke’schen Gesetzes für z zusammenfallen. Für diese Fälle lassen sich
alle drei Raumrichtungen. Alle möglichen die gesuchten Hauptspannungen durch ein
Belastungsfälle können hieraus errechnet grafisches Verfahren nach Mohr (C. O. Mohr,
werden. Tabelle 2.9 vermittelt eine Übersicht. 1835 bis 1918) ermitteln. Es ergeben sich

Tabelle 2.9 Räumliche Spannungszustände

Normalspannung σ Dehnung ε Schub- Schiebung γ


spannung τ
 
E με 1 1
x-Komponente σx = εx + εx = (σx − μ(σy + σz )) τxy = Gγxy γxy = τxy
1+μ 1 − 2μ E G
 
E με 1 1
y-Komponente σy = εy + εy = (σy − μ(σz + σx )) τxz = Gγxz γxz = τxz
1+μ 1 − 2μ E G
 
E με 1 1
z-Komponente σz = εz + εz = (σz − μ(σx + σy )) τyz = Gγyz γyz = τyz
1+μ 1 − 2μ E G
114 2 Mechanik

Abb. 2.81 Vier elementare Belastungsfälle


2.11 Mechanik deformierbarer fester Körper – Elastomechanik 115

drei Kreise, die Mohr’schen Spannungskreise.


Wenn jedoch in allen Ebenen x, y und z
von null verschiedene Schubspannungen
auftreten, dann versagt diese Methode. Die
gesuchten Hauptspannungen müssen dann
durch aufwändigere mathematische Verfahren
errechnet werden.
Um die Gleichung für den Mohr’schen Span-
nungskreis aufzustellen, wird ein Bauteil mit
einer Zugkraft Fx beansprucht. Deshalb ist die
Normalspannung σx bereits Hauptspannung,
wie Abb. 2.82 zeigt. Wird eine Ebene A+ be-
trachtet, die um den Winkel ϕ verdreht ist,
dann kann die Zugkraft Fx in eine Kompo-
nente Fn senkrecht zur Ebene A+ und in eine
Komponente Ft tangential dazu zerlegt wer-
den. Es gelten Fn = Fx cos ϕ und Ft = Fx sin ϕ. Abb. 2.82 Zur Herleitung des Mohr’schen
Damit ergeben sich für die bezüglich der Ebene Spannungskreises
A+ = A/ cos ϕ wirkende Normalspannung σϕ
bzw. die Schubspannung τϕ
 σx 2  σ 2
σϕ − + τϕ2 = x
. (2.166)
Fn F 2 2
σϕ = = cos2 ϕ = σx cos2 ϕ oder
A+ A
(2.163)
σx Diese Gleichung beschreibt den Mohr’schen
σϕ = (1 + cos(2ϕ)) und (2.164) Spannungskreis in der σϕ -τϕ -Ebene mit dem
2
Ft F σx Radius r = (σx / 2) und dem Mittelpunkt
τϕ = = sin ϕ cos ϕ = − sin(2ϕ) . (σx / 2/ 0) (Abb. 2.82 b). Der Spannungskreis
A+ A 2
(2.165) zeigt die Normal- bzw. Schubspannungen, die
an einem um den Winkel ϕ verschobenen
Flächenelement wirken, wenn die Normal-
In dem skizzierten Fall gilt für die Hauptspan- spannung σx bereits Hauptspannung ist.
nungsrichtung τϕ = 0, weil ϕ = 0 ist.
Die maximale Schubspannung τmax tritt für
Beispiel
2.11-2 Gegeben sei folgender Spannungszustand
sin(2ϕ) = 1 auf. Aus dieser Bedingung folgt (dreiachsige Zugbeanspruchung):
2ϕ = 90◦ oder ϕ = 45◦ . Für diesen Winkel
wird nach (2.165) die maximale Schubspan- σx = 10 N/mm2 , τxy = −20 N/mm2 , τxz = 0 ,
nung τmax = −σx / 2. Die zugehörige Normal- σy = 30 N/mm2 , τyx = 20 N/mm2 , τyz = 0 ,
spannung beträgt ebenfalls σ = σx / 2. Wer-
σz = −15 N/mm2 , τzx = 0 , τzy = 0 .
den aus (2.164) und (2.165) unter Berücksich-
tigung von sin2 (2ϕ)+cos2 (2ϕ) = 1 die Winkel- Gesucht sind die Hauptspannungen σ1 , σ2 und σ3 so-
funktionen eliminiert, so ergibt sich folgender wie die Winkelabstände der Hauptachsen 1, 2 und 3
Zusammenhang zwischen σϕ und τϕ : von den Raumachsen x, y und z.
116 2 Mechanik

Abb. 2.83 Mohr’sche Spannungskreise für Beispiel 2.11-2

Lösung e) Zwischen der Hauptachse 1 und der y-Ebene liegt


Zur Lösung wird das grafische Verfahren nach Mohr der Winkel 2ϕ = 67◦ oder ϕ = 33,5◦ .
angewandt. Die Mohr’schen Spannungskreise werden
gemäß Abb. 2.83 konstruiert.
Elastische Energie
Bei der Längen- bzw. Volumenänderung von
a) Es werden alle Angaben der Normal- bzw. Schub-
spannungen in das σ -τ-Diagramm eingezeichnet
Körpern wird Arbeit verrichtet. Nach der De-

(schwarze Punkte in Abb. 2.83). finitionsgleichung für die Arbeit W = F dl
b) Die Punkte (σx /τxy ) und (σy /τyx ) müssen auf einem gilt wegen F = σ A und dl = lε
Kreis liegen. Ihre Verbindungsgerade ist der Durch-
messer dieses Kreises, der die σ -Achse im Mittel-
punkt M1 schneidet. Damit kann der Kreis 1 ge-
W = σAl dε = V σ dε ; (2.167)
zeichnet werden.
c) Der Mohr’sche Spannungskreis 1 liefert als Schnitt-
hierin ist V das Ausgangsvolumen. Ist die Ver-
punkte mit der σ -Achse (τ = 0) die Werte σ1 =
formung völlig elastisch, so wird die Verfor-
42,5 N/mm2 und σ2 = −2,5 N/mm2 für die Haupt-
spannungen (weiße Punkte in Abb. 2.83). mungsarbeit als potentielle Energie im Körper
d) Die beiden anderen Kreise 2 und 3 lassen sich ein- gespeichert und bei der Entlastung wieder frei-
deutig konstruieren. gesetzt.
2.11 Mechanik deformierbarer fester Körper – Elastomechanik 117


2.11.2 Plastische Verformung Die Verlustenergiedichte ∗ = W / V = σ dε
der plastischen Verformung entspricht der
Bei der plastischen Verformung wird nur Fläche der Hysteresekurve im Spannungs-
ein Teil der Verformungsenergie wiederge- Dehnungs-Diagramm.
wonnen und der Körper bleibt deformiert. In dem Spannungs-Dehnungs-Diagramm
Abbildung 2.84 zeigt die Hysteresekurve einer lassen sich unter Zugbeanspruchung meh-
elastisch-plastischen Verformung. Ihr Ver- rere Bereiche unterscheiden. In Abb. 2.85
lauf ist analog zur magnetischen Hysterese sind diese anhand des Spannungs-Dehnungs-
B = f (H) (Abschn. 4.4.4.2, Abb. 4.110). Wird Diagramms von Federstahl 55 Si7 erläutert:
der Körper erstmalig elastisch verformt, dann
durchläuft er die Kurve OP. Bei Verringerung – elastischer Bereich (0 bis El): Es gilt das Hoo-
der Spannung wird eine andere Kurve durch- ke’sche Gesetz, d. h., die Verformung geht bei
laufen. Ist der Körper völlig spannungsfrei, Entlastung wieder zurück;
so bleibt eine Restdehnung ε01 übrig, die nur – elastisch-plastischer Bereich (El bis Pl): Nach
durch einen entgegengesetzten Druck aufge- der Entlastung geht die Dehnung nicht mehr
hoben werden kann. Wird der Druck nach vollständig zurück, ein Teil der Verformung
dem Höchstwert Q wieder zurückgenommen, bleibt;
so bleibt der Körper um ε02 gestaucht, sodass
es eines Zugs bedarf, um ihn wieder in die
Ausgangslage zu bringen. Die Arbeit, die
während eines Spannungs-Dehnungs-Zyklus
im Körper bleibt, ist

⎛ Q ⎞
P 
W=V ⎝ ⎠
σ dε + σ dε = V σ dε .
P Q
(2.168)

Abb. 2.85 Spannungs-Dehnungs-Diagramm eines


Abb. 2.84 Mechanische Hysterese Zugversuchs für den Federstahl 55 Si7
118 2 Mechanik

– plastischer Bereich (Pl bis S): Nach der Ent- ist die 0,2%-Dehngrenze Rp0,2 . Eine Parallele
lastung bleibt die Dehnung näherungsweise zur Hooke’schen Geraden (gestrichelte Linie)
erhalten, der Körper ist verformt; schneidet die Spannungs-Dehnungs-Kurve im
– Bruchpunkt B: Bei dieser Spannung bricht Punkt mit der Ordinate Rp0,2 . In Abb. 2.85 ist
das Material. Rp0,2 = 1 080 N/mm2 .
Die Spannung, die zur Höchstzugkraft gehört,
Zur Messung des Spannungs-Dehnungs- ist die Zugfestigkeit Rm . In Abb. 2.85 ist Rm =
Verlaufs für metallische Werkstoffe wird der 1 275 N/mm2 . Die Zugfestigkeit reiner Metalle
Zugversuch nach DIN EN 10 002 durchge- beträgt Rm = 10 bis Rm = 20 N/mm2 (z. B.
führt. Abbildung 2.86 zeigt eine Universal- Blei), diejenige hochfester Stähle Rm = 2 500
Prüfmaschine. bis Rm = 4 500 N/mm2 . Die sehr häufig im
Beim Zugversuch sind zwei unterschiedliche Maschinenbau eingesetzten Bau- und Vergü-
Spannungs-Dehnungs-Verläufe zu unterschei- tungsstähle haben eine Zugfestigkeit zwischen
den, wie Abb. 2.87 zeigt. Entweder erfolgt der Rm = 400 N/mm2 und Rm = 1 200 N/mm2 .
Übergang vom elastischen in den plastischen Bleibt bei zunehmender Dehnung die Zugkraft
Bereich monoton oder nicht monoton. Erfolgt erstmalig gleich oder fällt sie ab, dann ist die
der Übergang stetig (Abb. 2.87a), dann wird Streckgrenze erreicht.
als Dehngrenze Rp diejenige Spannung heran- Beim nicht monotonen Übergang vom elas-
gezogen, die zu einer bestimmten plastischen tischen in den plastischen Bereich wird eine
(bleibenden) Dehnung εr geführt hat. Üblich obere Streckgrenze ReH und eine untere Streck-
grenze ReL unterschieden (Abb. 2.87b).
Aus der Spannungs-Dehnungs-Kurve lässt
sich auch der Elastizitätsmodul E nach (2.151)
ableiten. Er ist die Steigung der Spannungs-
Dehnungs-Kurve im Ursprung. In Abb. 2.85
ist E = 2 · 105 N/mm2 . Eine weitere Werkstoff-
kenngröße ist die Bruchdehnung εB , also die
Dehnung im Bruchpunkt B. In Abb. 2.85 ist
εB = 6%.
Die plastische Verformung hinterlässt keine
Volumenänderung (ΔV = 0). Dies bedeutet,
dass die Querdehnungszahl nach (2.155) μ =
0,5 beträgt. Für diese reinen Gestaltsänderun-
gen sind also nur Schubspannungen verant-
wortlich. Sie bringen ganze Kristallebenen ent-
lang bestimmter Gitterbaufehler (Versetzun-
gen, Abschn. 9.1.3.2) zum Abgleiten, ohne dass
sich das Kristallgitter geändert hat. Die aus
den Zugversuchen errechneten Materialkenn-
werte müssen unter gleichen Versuchsbedin-
gungen (DIN EN 10 002) stattfinden. Hierzu
Abb. 2.86 Prüfmaschine für den Zugversuch nach zählen die Versuchstemperatur (z. B. 18 ◦ C bis
DIN EN 10002. Werkfoto: Zwick/Röll 25◦ C) und die im Zugversuch gefahrene Zug-
2.11 Mechanik deformierbarer fester Körper – Elastomechanik 119

Abb. 2.87 Spannungs-Dehnungs-Verläufe bei Zugversuchen mit a) stetigem Übergang vom elastischen in den
plastischen Bereich und b) unstetigem Übergang

geschwindigkeit zwischen den Spannungswer- Brinell-Verfahren (HB) nach DIN EN 50 351


ten 10 N/mm2 und 30 N/mm2 . Hierbei wird eine Kugel aus gehärtetem
Stahl oder Hartmetall mit einer Prüfkraft F
2.11.3 Härte fester Körper in die Oberfläche des zu prüfenden Werk-
stoffs gedrückt und der Durchmesser d der
Die Härte eines Stoffs ist der Widerstand ge- Eindrückkalotte gemessen. Der Quotient
gen das Eindringen eines anderen Körpers. aus Prüfkraft F und eingedrückter Oberflä-
Am häufigsten werden in der Materialprüfung che A ist der Brinell-Härtewert HB. Er wird
zur Härtebestimmung metallischer Werkstoffe nach (2.169) in Abb. 2.88 errechnet. Der
statische Eindring-Härteprüfverfahren einge- Faktor 0,102 rechnet die SI-Krafteinheit N
setzt. Dabei drückt man einen Probekörper in kp um (1 N = 0,102 kp). Durch diesen
mit einer Prüfkraft F stoßfrei in einer be- Kunstgriff bleiben die alten Härtewerte unver-
stimmten Zeit in das zu prüfende Material und ändert. Letztendlich bedeutet dies jedoch, dass
misst den Eindruck oder bestimmt die Ein- unverständlicherweise die Einheit kp/mm2
dringtiefe. In Abb. 2.88 sind die drei wichtigs- künstlich beibehalten wird. In Abb. 2.88
ten Verfahren, das sind die Prüfbedingungen angegeben. Die-
ses Härteprüfverfahren wird nur für weiche
– Brinell-Verfahren, Werkstoffe angewandt.
– Vickers-Verfahren und
– Rockwell-Verfahren Vickers-Verfahren (HV) nach DIN EN ISO 8 495
Hierbei wird statt einer harten Kugel eine
vergleichend gegenübergestellt und das Mess- Diamantpyramide mit einer quadratischen
prinzip, die Auswertungsformeln und die An- Grundfläche mit einer Prüfkraft F (Klein-
wendungsgebiete aufgezeigt. Wichtig ist die lastbereich 1,96 N bis 49 N, Normallastbe-
Angabe der Prüfbedingungen beim Dokumen- reich 49 N bis 980 N) in den zu prüfen-
tieren der Härtegrade. den Werkstoff gedrückt und der Eindruck
120 2 Mechanik

Abb. 2.88 Härteprüfverfahren


2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 121

d = (d1 + d2 )/ 2 ermittelt. Die Auswer- Zur Übung


tung erfolgt nach (2.170). Der Faktor 0,102 Ü 2.11-1 Ein Stahlstab der Länge l = 1,5 m rotiert
rührt wie bei der Formel zur Errechnung um eine Achse, die senkrecht zur Stabachse durch ein
Stabende geht. Bei welcher Drehzahl reißt der Stab?
der Brinell-Härte (2.169) von der Umrech-
(Rm = 450 N/mm2 ).
nung von N in kp her. Diese Härteprüfme-
thode ist für weiche und harte Werkstoffe
Ü 2.11-2 Ein Rundstab mit dem Durchmesser d und
einsetzbar. Die Brinell-Härte kann nähe-
Länge l besitzt einen Elastizitätsmodul E. Wenn er in
rungsweise 1:1 in die Vickers-Härte umge- Längsrichtung gezogen wird, verlängert er sich wie
rechnet werden. Nach DIN EN ISO 18 265 eine Feder, es muss also das Hooke’sche Gesetz F = ks
kann man die Zugfestigkeit Rm für Stahl gelten nach (2.32). a) Von welchen physikalischen Grö-
aus der Vickers-Härte nach der Beziehung ßen hängt die Federkonstante k ab? b) Welchen Durch-
Rm ≈ 3,38 HV als ersten Anhaltspunkt ab- messer muss ein Stahlstab mit E = 200 GN/m2 und
Länge l = 1 m haben, wenn seine Federkonstante
schätzen.
k = 1 MN/m sein soll? c) Welche Arbeit ist erforderlich,
um einen Stab um 0,5% zu verlängern? d) Wie groß
Rockwell-Verfahren (HR) nach DIN EN 50 103 ist die relative Volumenänderung des Stabes, wenn die
Hierbei wird die Härte aus der Eindringtiefe Poissonzahl μ = 0,3 beträgt?
eines Probekörpers direkt ermittelt. Eine Prüf-
vorkraft F0 (98 N) stellt einen sicheren Kontakt
zum Prüfling her und erzeugt die Eindring-
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten
tiefe s0 , die die Bezugsskala darstellt. Durch und Gase-, Hydro- und
mindestens viermal so große Prüfkräfte wird Aeromechanik
die Eindringtiefe sh bestimmt, aus der an einer
Skala der Härtewert direkt abgelesen werden Die Hydro- und Aeromechanik beschreibt
kann. Zustände und Bewegungen von Flüssigkeiten
In der Praxis werden zwei Varianten einge- und Gasen. Flüssigkeiten sind kaum zusam-
setzt, das Rockwell-B-Verfahren (HRB) und das mendrückbar (inkompressibel), aber ihre
Rockwell-C-Verfahren (HRC). Beide Verfahren Moleküle lassen sich leicht gegeneinander
benutzen die Prüfvorkraft F0 = 98 N und le- bewegen (unbestimmte Gestalt). Gase haben
gen den Härtemaßstab auf 2 μm je Härteein- dagegen weder eine bestimmte Gestalt, noch
heit fest. Der große Vorteil bei der Härtemes- ein bestimmtes Volumen (kompressibel). Sind
sung nach Rockwell ist die Automatisierbar- die Flüssigkeiten oder Gase in Ruhe, so gelten
keit der Methode. Ein Nachteil ist die im Ver- die Gesetze der Hydro- und Aerostatik. Bewe-
gleich zum Brinell- und Vickers-Verfahren ge- gen sich Flüssigkeiten oder Gase, gelten die
ringere Messgenauigkeit. Gleichungen der Hydro- und Aerodynamik.
Obwohl die Härtewerte nach Brinell, Vickers In der Hydrostatik sind der Kolbendruck,
und Rockwell auf unterschiedliche Weise er- der Schweredruck und der Auftrieb von
mittelt werden, können die Härtegrade inner- Bedeutung, in der Aerostatik der Zusammen-
halb bestimmter Bereiche ineinander umge- hang zwischen Druck und Volumen (Boyle-
rechnet werden. Die Vickers-Härte ist der Be- Mariottesches Gesetz) sowie die Abhängigkeit
zugsmaßstab, weil diese Methode das ganze des Drucks von der Höhe (Barometrische
Härtespektrum von weich bis extrem hart Höhenformel).
überdeckt. Die Härtevergleichstabellen sind in In der Hydro- und Aerodynamik unterscheidet
DIN 50 150 genormt. man ideal-reibungsfreie, laminare und turbu-
122 2 Mechanik

Abb. 2.89 Übersicht über die Hydro- und Aerodynamik


2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 123

lente Strömungen. Ihnen liegen die Newton’-


schen Gesetze der Flüssigkeitsbewegung zu-
grunde, die in der Navier-Stokes-Gleichung zu-
sammengefasst sind, wie Abb. 2.89 ausführ-
lich zeigt. Bei den ideal-reibungsfreien Flüssig-
keiten und Gasen gilt die Bernoulli’sche Glei-
chung, bei den laminaren Strömungen sind die
Strömungsverhältnisse für Rohre, Kugeln und
Platten von Bedeutung. Bei den turbulenten
Strömungen treten Wirbel auf, die zum Strö-
mungswiderstand führen und eine Strömungs- Abb. 2.90 Zur Definition des Drucks
leistung erfordern. Der Übergang von lamina-
rer zu turbulenter Strömung wird durch die
Reynolds-Zahl bestimmt, die aus Ähnlichkeits-
(B. Pascal, 1623 bis 1662) benannt. Eine
gesetzen berechnet wird.
weitere spezielle SI-Einheit für den Druck ist
1 bar = 105 Pa. Der irdische Luftdruck liegt
2.12.1 Ruhende Flüssigkeiten (Hydrostatik) bei p ≈ 1 bar.
und ruhende Gase (Aerostatik) Abbildung 2.91 zeigt die zur Druckmessung
eingesetzten Messgeräte (Manometer), deren
2.12.1.1 Druck Anwendungsgebiete und einzelne Manome-
Aufgrund der leichten Verschiebbarkeit der terbauformen. Im Wesentlichen gibt es vier
Moleküle in Flüssigkeiten und Gasen wirken Arten: Flüssigkeits-, Kolben- und Federma-
sich Kräfte auf Flüssigkeits- und Gasvolumina nometer sowie elektrische Druckmesser. Die
im Grenzfall unendlich langsamer Verände- Flüssigkeitsmanometer eignen sich zur Mes-
rungen (statischer Grenzfall) sofort auf das sung geringer Druckdifferenzen, und die Kol-
Gesamtvolumen aus. Es kommt zu einem ein- benmanometer sind robuste Messgeräte. Weil
heitlichen Zustand in den Flüssigkeiten und sie einfach gebaut, robust und preiswert sind,
Gasen, der durch den Druck p beschrieben sind die federelastischen Manometer am wei-
wird. Dieser ist definiert als Quotient aus der testen verbreitet (z. B. das Aneroid-Barometer
Kraft dF, die senkrecht auf ein Flächenele- zur Messung des barometrischen Drucks). Bei
ment dA der Begrenzungsfläche wirkt: den elektrischen Druckmessern wird die me-
chanische Druckenergie durch verschiedene
Effekte direkt in elektrische Energie umge-
dF
p= . (2.171) wandelt. Sie werden zur Messung sehr kleiner
dA
oder sehr großer Drücke sowie zur Druckver-
folgung bei schnell wechselnden Druckvertei-
Durch die Vereinbarung, dass, wie in Abb. 2.90 lungen hoher Frequenzen eingesetzt. Sie ha-
gezeigt, dF die Kraftkomponente senkrecht ben den Vorteil, dass ihre elektrischen Aus-
zur Begrenzungsfläche dA ist, wird die gangssignale direkt zur Steuerung und Rege-
Kraftrichtung festgelegt. Der Druck ist also lung weiterverarbeitet werden können. Bei der
eine skalare physikalische Größe mit der Maß- Auswahl eines geeigneten Manometers sind
einheit 1 N/m2 = 1 Pa. Die Druckmaßeinheit vor allem folgende Punkte zu berücksichti-
ist nach dem französischen Physiker Pascal gen:
124 2 Mechanik

Abb. 2.91 Druckmesser (Werkfotos: Alexander Wigand GmbH)


2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 125

– Aggregatszustand des Messstoffs zeichen kennzeichnet die gegenläufigen Än-


– Druck, Temperatur und weitere Stoffeigen- derungen von Volumen und Druck. Wegen
schaften des Messstoffs sowie der Volumenänderung erfolgt auch eine Än-
– Beeinflussung des Zeitverhaltens der Mess- derung der Dichte ρ = m/ V der Flüssigkeiten
einrichtung durch die Messanordnung. und Gase. Es gilt
Empfehlungen für eine messtechnisch sinn- ΔV ΔV
Δρ = −m = −ρ
volle Druckbestimmung sind in der VDI/VDE- V2 V
Richtlinie 3512, Blatt 3 (Messanordnungen für
und damit
Druckmessungen) enthalten.
Δρ
2.12.1.2 Kompressibilität = κΔp . (2.173)
ρ
Druckerhöhungen bewirken bei Flüssigkei-
ten und Gasen eine Volumenabnahme. Nähe-
rungsweise ist die relative Volumenänderung Die Kompressibilität κ der Flüssigkeiten ist im
ΔV / V proportional zur Druckänderung Δp: Vergleich zu den Werten bei Gasen sehr klein.
Die Eigenschaft von Flüssigkeiten, leicht ver-
ΔV schiebbar und näherungsweise inkompressibel
= −κ Δp . (2.172) zu sein, wird in der Technik zur räumlichen
V
Kraftübertragung ausgenützt (Hydraulik). Ab-
bildung 2.92 zeigt als Anwendung dieses Ef-
Die Kompressibilität κ mit der Maßeinheit Pa−1 fekts die hydraulische Presse. Diese hat zwei be-
ist die Proportionalitätskonstante; das Minus- wegliche Kolben mit unterschiedlichen Quer-

Abb. 2.92 Hydraulische Presse, schematisch


126 2 Mechanik

schnittsflächen A1 und A2 . Die Rückschlagven- Gase sind sehr kompressibel. Für ideale Gase
tile ermöglichen wiederholte Pumpstöße auf kann die isotherme Kompressibilität κid. Gas aus
den Presskolben: Durch Öffnen des Absperr- der Zustandsgleichung (Abschn. 3.1.5, (3.20))
ventils kann der Presskolben wieder zurückge- berechnet werden:
fahren werden. Wird der Pumpenkolben durch
eine Kraft F1 reibungsfrei um die Wegstrecke s1 1
verschoben, so drückt das verschobene Volu-
κid. Gas = . (2.175)
p
men den Presskolben mit einer Kraft F2 um die
Wegstrecke s2 nach oben. Wegen der Gleichheit
des Volumens (Inkompressibilität der Flüssig- Sie hängt nur vom Gasdruck und nicht von der
keiten) gilt A1 s1 = A2 s2 . Gasart ab.
Ferner muss die am Pumpenkolben aufge- Die in komprimierten Gasen gespeicherte me-
wandte Arbeit W1 = F1 s1 gleich der am Press- chanische Arbeit lässt sich wegen der leich-
kolben frei werdenden Arbeit W2 = F2 s2 sein. ten Verschiebbarkeit der Gasmoleküle in ei-
Es gilt F1 s1 = F2 s2 . Durch Division erhält man nem Gasvolumen an jeder Stelle entnehmen.
Komprimierte Gase, vor allem Pressluft, wer-
F1 F2
= oder p1 = p2 = p . den in Maschinenanlagen als Energieträger für
A1 A2 Arbeitsprozesse und Steuerungen eingesetzt
Für die Kraft F2 am Presskolben folgt (Pneumatik). Die Expansionsvorgänge, beson-
A2 ders bei pneumatischen Regelungen, erfolgen
F2 = F1 .
dabei im Allgemeinen so schnell, dass die Ar-
A1
Dies bedeutet, dass die Kraft F2 im Presskol- beitsabgabe isentrop erfolgt (Abschn. 3.3.4.4).
ben um das Verhältnis A2 :A1 größer ist als die
Pumpkraft F1 . Für kreisförmige Kolben mit 2.12.1.3 Volumenausdehnungskoeffizient
den Durchmessern d1 und d2 ergibt sich Temperaturänderungen ΔT ändern ebenfalls
das Volumen von Flüssigkeiten und Gasen.
Die relative Volumenänderung ΔV / V0 ist nä-
F1 A1 d21
= = . (2.174) herungsweise proportional zur Temperaturän-
F2 A2 d22 derung:

ΔV
Weitere Hydraulikanwendungen sind Flüssig- = γΔϑ . (2.176)
keitsbremsen, hydraulische Hebebühnen oder V0
Druckwandler. Abbildung 2.93 zeigt das Prin-
zip. Wird die Kraft auf zwei Kolben unter- γ ist der Volumenausdehnungskoeffizient;
schiedlicher Fläche konstant gehalten, so tre- seine Maßeinheit ist K−1 . In der Technik
ten Druckunterschiede auf (p1 < p2 ). wird als Bezugsvolumen das Volumen V0 bei
ϑ0 = 0 ◦ C angesetzt. Beträgt bei ϑ0 = 0 ◦ C die
Dichte ρ0 = m/ V0 , so ändert sie sich infolge
der temperaturbedingten Volumenänderung.
Bezogen auf das Volumen
V = V0 + ΔV = V0 (1 + γΔϑ)
Abb. 2.93 Druckwandlung ist die Dichte
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 127

m ρ0
ρ= = . (2.177)
V 1 + γΔϑ

Der Volumenausdehnungskoeffizient der Flüs-


sigkeiten ist klein im Vergleich zu dem von Ga-
sen (Abschn. 3.1.4). Für alle idealen Gase ist er Abb. 2.94 Zum Schweredruck in einer Flüssigkeit
gleich und beträgt γ = 1/ T0 = 1/ 273,15 K−1 =
0,00366 K−1 .
aber von der Form des Gefäßes abhängt. Man
2.12.1.4 Schweredruck spricht hierbei vom hydrostatischen Parado-
Durch die Gewichtskraft der Moleküle xon.
wird in tieferen Schichten von Flüssigkei- Die Summe von äußerem Druck pa und
ten und Gasen die Kraft auf die Begren- Schweredruck py wird hydrostatischer Druck
zungsfläche des Flüssigkeits- oder Gasvo- phydr genannt. Die Abhängigkeit des hydro-
lumens erhöht. In größeren Tiefen ist der statischen Drucks von der Tiefe y (Abb. 2.94)
Druck in der Flüssigkeit oder im Gas um ergibt sich aus
den Schweredruck erhöht. Die Druckerhö-
hung dp bei einer kleinen Zunahme dy
der Tiefe der Flüssigkeits- oder Gassäule phydr = pa + ρ g y . (2.180)
beträgt

Wie (2.180) zeigt, kann zur Druckmessung


dp = ρg dy . (2.178) die Höhe einer Flüssigkeitssäule verwendet
werden (Flüssigkeitsmanometer). Der Schwe-
redruck von 10 m Wasser beträgt nach (2.179)
ρ ist die Dichte der Flüssigkeits- oder Gas- etwa 1 bar = 105 Pa.
schicht in der Tiefe y.
Der Schweredruck auf eine seitliche Fläche As
wird Seitendruck genannt. Da der Schwere-
Schweredruck in Flüssigkeiten druck proportional zur Tiefe y zunimmt, greift
Wegen der Schwerkraft wirkt auf eine Flä- die resultierende Kraft Fs nicht im Flächen-
che zusätzlich zu einem äußeren Druck pa schwerpunkt S, sondern in einem tiefer ge-
die Gewichtskraft FG der über dieser Flä- legenen Punkt, dem Druckmittelpunkt S an,
che liegenden Flüssigkeitssäule, wie Abb. 2.94 wie Abb. 2.95 verdeutlicht. Zur Berechnung
zeigt. Diese Gewichtskraft beträgt FG = mg = der seitlich wirkenden Kraft wird die Fläche
ρA y g. Für den Flüssigkeitsdruck am Ende der in Teilflächenstücke dA unterteilt. Die Seiten-
Säule ergibt sich durch Integration von (2.178) kraft dFs innerhalb einer Teilfläche dA beträgt
dFs = ρ g y dA. Für die gesamte Seitenkraft gilt
dann
py0 = ρ g y0 . (2.179)
y2 y2
Dies bedeutet, dass der Schweredruck von Fs = ρgy dA = ρ g y dA .
Flüssigkeiten lediglich von der Füllhöhe, nicht y1 y1
128 2 Mechanik

Damit ergibt sich für den Druckmittelpunktab-


stand

Is
a= . (2.183)
ys As

Die Seitendruckkräfte können besonders am


Fuß von Staudämmen erhebliche Werte errei-
chen und erfordern deshalb in diesem Bereich
große Staudammquerschnitte.

Beispiel
2.12-1 Ein b = 2 m breites und h = 3 m hohes seitli-
ches Loch in einer Schleusenwand wird von einer Platte
Abb. 2.95 Seitendruck in einer Flüssigkeit verschlossen, deren Schwerpunkt ys = 10 m unter dem
Wasserspiegel (ρ = 1 · 103 kg/m3 ) liegt. Berechnet wer-
y
Das Integral y12 y dA wird statisches Moment den sollen die Seitendruckkraft Fs und der Abstand a
Ms = ys As genannt. (ys ist die Tiefe vom Flüs- des Schwerpunkts vom Angriffspunkt der resultieren-
den Seitenkraft Fs .
sigkeitsspiegel bis zum Schwerpunkt S.) Somit
gilt für die Seitendruckkraft Lösung
Für die Seitendruckkraft Fs gilt nach (2.181)

Fs = ρgys As = 103 · 9,81 · 10 · 2 · 3 N = 5,89 · 105 N .


Fs = ρ g ys As . (2.181)
Dieser Wert zeigt, wie außerordentlich groß die Sei-
tendruckkräfte sind. Den Druckmittelpunktsabstand a
Weil das Moment der Seitendruckkraft Fs erhält man nach (2.183): a = Is / (ys As ) mit dem Flä-
bezüglich S übereinstimmen muss mit der chenträgheitsmoment Is = b h3 / 12. Somit errechnet
Summe (Integral) der Einzelmomente, gilt man
bh3 1
z = y1 −ys a= = 7,5 cm .
12 ys bh
Fs a = − zρg(ys − z) dA , oder
z = ys −y2
y 1 −ys y 1 −ys Schweredruck in Gasen
ys As a = −ys z dA + z2 dA . Der Schweredruck eines Gases errechnet sich
ys −y2 ys −y2 aus der über einer Bezugsebene stehenden
Gassäule. Da die Gase durch die Wirkung
Das erste Integral ist null, das zweite ist das der Erdanziehungskraft komprimiert werden,
Flächenträgheitsmoment Is der Fläche As be- nimmt die Dichte des Gases mit zunehmen-
züglich S: der Höhe ab. Aus diesem Grund kann (2.178)
nur für eine kleine Höhendifferenz dh gültig
sein, innerhalb derer die Dichte annähernd
Is = z2 dA . (2.182) konstant ist. Bei einer Höhenzunahme dh
As über Meereshöhe nimmt die Höhe der Gas-
säule und damit der hydrostatische Druck um
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 129

dp = −ρg dh ab. Unter der Voraussetzung einer aufgetragen. Werden die errechneten Werte in
konstanten Temperatur (Boyle-Mariotte’sches die barometrische Höhenformel eingesetzt, so
Gesetz, Abschn. 3.1.5, (3.15)) gilt für den Zu- gilt für Luft
sammenhang zwischen Druck und Dichte ρ =
(ρ0 p)/ p0 . Somit gilt
p = 1,01325 · 105 Pa · e−1,256 · 10
−4 m−1 h
.
p h
dp ρg (2.185)
=− 0 dh bzw.
p p0
p0 0
 
p ρ0 g Die Höhe, bei der der Ausgangspunkt nur noch
ln =− h oder halb so groß ist (p = p0 / 2, Halbwertshöhe),
p0 p0
beträgt h1/ 2 = 5,54 km. Dies bedeutet, dass
der Luftdruck nach h = 5,54 km auf die Hälfte
ρ g
− p0 h abnimmt (Abb. 2.96).
p = p0 e 0 und
ρ0 g Die internationale Höhenformel berücksich-
ρ = ρ0 e− p0 h . (2.184) tigt die Temperaturabnahme mit steigender
Höhe. Sie ist bis zur Tropopause (h = 11 km)
gültig und lautet
Dies ist die barometrische Höhenformel. Sie
zeigt, dass der Schweredruck eines Gases mit
 5,255
steigender Höhe h über dem Ausgangsniveau 6,5
p = 1,013 · 105 Pa 1 − h .
exponentiell abfällt, und gilt, wenn in jeder 288 km
Höhe dieselbe Temperatur ϑ herrscht. (2.186)
Für die Normatmosphäre nach DIN 5450
ist für eine Lufttemperatur ϑ = 0 ◦ C,
p0 = 1,01325 · 105 Pa und ρ0 = 1,293 kg/m3 . Mit der Temperaturkorrektur ergibt sich für
Somit beträgt der Exponent in der barometri- den Dichteverlauf in der Erdatmosphäre
schen Höhenformel ρ0 g / p0 = 1,256 · 10−4 m−1 .
Abbildung 2.96 zeigt die Druckabhängigkeit  4,255
kg 6,5
von der Höhe h für Luft. Zum besseren ρ = 1,2255 3 1− h .
m 288 km
Vergleich ist der Druck normiert als p/ p0
(2.187)

Der Luftdruck in Meereshöhe beträgt im Jah-


resdurchschnitt p = 101 325 Pa (Normdruck).
Der aktuelle Luftdruck ist zusätzlich noch von
der jeweiligen Temperatur und der Wetter-
lage abhängig. Otto von Guericke (1602 bis
1686) bewies 1654 die Wirkung des Luftdrucks
durch sein Experiment mit den Magdeburger
Halbkugeln. Er pumpte zwei Halbkugelschalen
(Halbmesser r = 21 cm) mit einer selbsterfun-
Abb. 2.96 Barometrische Höhenformel für Luft denen Luftpumpe nahezu luftleer. Der äußere
nach (2.185) Luftdruck presste deshalb die beiden Halbku-
130 2 Mechanik

geln mit einer Kraft F = p0 πr2 ≈ 1,4 · 104 N mit mverd bzw. FG, verd als der Masse bzw. der
zusammen. Diese Kraft war so groß, dass acht Gewichtskraft des verdrängten Flüssigkeits-
Pferde an jeder Seite die Kugel nicht auseinan- oder Gasvolumens. Die Auftriebskraft FA ist
derziehen konnten. demnach gleich der Gewichtskraft des ver-
drängten Flüssigkeits- bzw. Gasvolumens. Sie
2.12.1.5 Auftrieb hängt nur vom Volumen des eingetauchten
Körpers bzw. von der verdrängten Flüssig-
Wegen des Schweredrucks von Flüssigkeiten
keitsmenge, nicht aber von seinem Gewicht
und Gasen sind alle in Flüssigkeiten und Ga-
ab. Bei gleichem Eintauchvolumen erfährt also
sen eingetauchte Körper leichter als außerhalb
ein Stück Holz dieselbe Auftriebskraft wie ein
dieser Medien (Archimedisches Prinzip) (Ar-
Stück Blei.
chimedes, 287 bis 212 v. Chr.). Diese Erschei-
Je nach dem Gewicht FG des eingetauchten
nung wird Auftrieb genannt. Abbildung 2.97
Körpers sind drei Fälle zu unterscheiden:
zeigt einen in eine Flüssigkeit oder ein Gas
eingetauchten Körper. Da sich die Seitenkräfte
Fs1 und Fs2 gegenseitig aufheben, bleibt wegen FG < FA : Der Körper schwimmt.
der Höhendifferenz h2 − h1 eine Kraftdifferenz FG = FA : Der Körper schwebt.
F2 − F1 auf die Unterfläche bestehen, die gleich FG > FA : Der Körper sinkt.
der Auftriebskraft FA ist. Wenn die Dichte ρfl
der Flüssigkeit oder des Gases konstant ist, be-
Durch die Wirkung ihrer Auftriebskraft kön-
trägt die Auftriebskraft
nen die Dichten von festen Körpern und Flüs-
sigkeiten bestimmt werden. Dabei ist es er-
FA = F2 − F1 = A(p2 − p1 ) forderlich, dass die Gewichtskräfte des festen
= Aρfl g(h2 − h1 ) . Körpers in Luft (FG,L ) und nach dem Eintau-
chen in eine Flüssigkeit (FG,E ) gemessen wer-
Da A(h2 − h1 ) das Volumen des Körpers den, z. B. durch eine hydrostatische Waage. Der
bzw. das durch den eingetauchten Körper Gewichtsunterschied FG,L − FG,E ist gleich der
verdrängte Flüssigkeitsvolumen Vverd ist, gilt Auftriebskraft:

FA = ρfl gVverd = mverd g = FG, verd FG,L − FG,E = FA = ρfl Vg .


(2.188)
Wird für das Volumen des festen Körpers
V = m/ρK gesetzt und das Gewicht des festen
Körpers durch FG,L = mg ausgedrückt, ergibt
sich

m ρfl
FG,L − FG,E = ρfl g = F . (2.189)
ρK ρK G,L

Bei bekannter Dichte ρfl der Flüssigkeit lässt


sich die Dichte ρK des festen Körpers berech-
Abb. 2.97 Zur Entstehung der Auftriebskraft nen:
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 131

im Schwerpunkt des Körpers SK und die


FG,L ρfl
ρK = ρfl = FG,E
. (2.190) Auftriebskraft FA im Schwerpunkt SFl an. Im
FG,L − FG,E Gleichgewichtszustand fallen die Wirkungs-
1−
FG,L
linien der beiden Kräfte zusammen, sodass
kein Drehmoment M wirksam werden kann.
Ist dagegen die Dichte des festen Körpers be- Wird der Körper gedreht, so gibt es einen
kannt, so ergibt sich die Dichte der Flüssigkeit Schnittpunkt zwischen der Symmetrielinie
gemäß des Körpers und der Auftriebskraft FA . Er wird
Metazentrum M∗ genannt. Der Abstand zwi-
  schen den beiden Schwerpunkten SK und Sfl ist
FG,E der Ortsvektor r. Liegt das Metazentrum M∗
ρfl = ρK 1 − . (2.191)
FG,L über dem Körperschwerpunkt SK , dann wird
der Körper vom Drehmoment M = r × F A in
In Flüssigkeiten verschiedener Dichten taucht die Gleichgewichtslage zurückgedreht (stabile
ein schwimmender Körper unterschiedlich tief Lage, Abb. 2.98b). Befindet sich das Metazen-
ein. Aus der Bestimmung der Senktiefe wird trum M∗ unterhalb des Körperschwerpunk-
durch Benutzung von Senkwaagen oder Aräo- tes SK , so kippt der Körper wegen des Momen-
metern in der Praxis häufig die Dichte von Flüs- tes M = r × F A um (instabile Lage, Abb. 2.98c).
sigkeiten ermittelt.
Bei einem schwimmenden Körper kön- 2.12.1.6 Grenzflächeneffekte
nen sich Stabilitätsprobleme ergeben, wie Kräfte, die zwischen gleichartigen Atomen
Abb. 2.98 zeigt. Die Gewichtskraft FG greift oder Molekülen eines Stoffes wirken, werden

Abb. 2.98 Stabilität schwimmender Körper


132 2 Mechanik

Kohäsionskräfte (Zusammenhangskräfte) ge- haben auch Moleküle an der Oberfläche einer


nannt. Sie sind elektrischen Ursprungs und Flüssigkeit eine potentielle Energie, die Ober-
werden auch van der Waals’sche Kräfte genannt flächenenergie genannt wird.
(Abschn. 9.1.1.1). Kohäsionskräfte treten in Wird die Arbeit dW zur Oberflächenvergrö-
festen Körpern und Flüssigkeiten auf. Bei Ga- ßerung auf die Oberflächenänderung dA be-
sen ist ihre Wirkung erst kurz oberhalb der zogen, so ergibt sich die Oberflächenspannung
Siedepunkte feststellbar; die Kohäsionskräfte
verursachen die Abweichungen vom idealen dW
Gasverhalten und den Übergang zum realen σ= . (2.192)
dA
Gas (Abschn. 3.4). Die Kohäsionskräfte sind
allgemein wesentlich stärker als die Gravitati-
Die Einheit ist 1 J/m2 = 1 kg/s2 = 1 N/m .
onskräfte.
Da ein System immer den Zustand kleinst-
Wirken zwischen den Molekülen zweier ver-
möglicher potentieller Energie einnimmt, sind
schiedener Stoffe Anziehungskräfte, so wer-
Flüssigkeitsoberflächen stets Minimalflächen;
den sie Adhäsionskräfte (Anhangskräfte) ge-
z. B. besitzt die Kugel die kleinste Oberfläche
nannt. Sie können zwischen festen Körpern,
unter allen Körpern gleichen Volumens.
festen Körpern und Flüssigkeiten sowie zwi-
Die Oberflächenspannung wird häufig mit ei-
schen festen Körpern und Gasen (Adsorption)
nem beweglichen Bügel nach Abb. 2.100 ge-
wirken.
messen. Ein Drahtbügel der Länge l wird in
die Flüssigkeit getaucht und mit einer Kraft F
Oberflächenspannung herausgezogen. Dabei bildet sich zwischen den
Die zwischen den Molekülen einer Flüssigkeit Eckpunkten ABCD eine dünne Flüssigkeits-
wirkenden Kohäsionskräfte heben sich im In- haut. Werden die Kraft F, bei der die Flüs-
nern der Flüssigkeit auf, da jedes Molekül all- sigkeitshaut reißt, und der Weg Δs gemessen,
seitig von gleichartigen Molekülen umgeben so kann die Oberflächenspannung berechnet
ist, wie Abb. 2.99 zeigt. An der Oberfläche feh- werden. Es gilt nach (2.192)
len die nach außen gerichteten Kräfte. Deshalb
entsteht eine resultierende Kraft F res ins Innere ΔW FΔs F
der Flüssigkeit. Um Moleküle gegen diese Kraft σ= = = . (2.193)
ΔA 2lΔs 2l
an die Oberfläche zu bringen, muss die Ar-
beit W verrichtet werden. Aus diesem Grund

Abb. 2.99 Kohäsionskräfte in Flüssigkeiten Abb. 2.100 Zur Messung der Oberflächenspannung
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 133

Hierbei ist 2l die gesamte Randlänge der Flüs- Kapillarität


sigkeitshaut an der Vorder- und Rückseite des Bei der Berührung eines Flüssigkeitstropfens
Bügels. Aus (2.193) wird ersichtlich, dass die mit einer festen Unterlage können gemäß
Oberflächenspannung als eine auf eine Rand- Abb. 2.101 zwei Extremfälle auftreten:
linie bezogene Oberflächenkraft verstanden
– vollkommene Benetzung: Die Adhäsions-
werden kann.
kräfte sind größer als die Kohäsionskräfte.
Beispiel Deshalb wird sich die Flüssigkeit auf der
2.12-2 Es ist der Oberflächendruck p in einer Flüssig- Oberfläche des festen Körpers ausbreiten;
keitskugel (oder einer Gaskugel innerhalb einer Flüs- – unvollkommene Benetzung: Die Adhäsions-
sigkeit) bei bekannter Oberflächenspannung σ und kräfte sind wesentlich kleiner als die Kohäsi-
dem Kugelradius r zu bestimmen (σ = 30 · 10−3 N/m,
onskräfte. Deshalb wird sich die Flüssigkeit
r = 1,8 cm). Was wird geschehen, wenn zwei Seifenbla-
sen unterschiedlicher Radien miteinander verbunden tropfenförmig zusammenziehen.
werden?
Es wirken die Grenzflächenspannungen σ13
Lösung zwischen gasförmiger (1) und fester Phase (3),
Wird der Kugelradius r um dr vergrößert, so wird auch σ12 zwischen gasförmiger (1) und flüssiger (2)
die Oberfläche A um dA größer. Somit gilt für die und σ23 zwischen flüssiger (2) und fester
hierfür aufzuwendende Arbeit Phase (3). Der Winkel zwischen der festen
dWauf = F dr = pA dr = p4πr2 dr . Phase und der Flüssigkeitsoberfläche ist α.
Wie aus Abb. 2.101 hervorgeht, müssen die
Andererseits errechnet man nach (2.192) für die Ver-
waagrechten Spannungskomponenten gleich
größerung der Oberflächenenergie
groß sein, damit sich die Flüssigkeit nicht
dWob = σ dA = σ (4π(r + dr)2 − 4πr2 ) verschiebt:
= σ(4πr2 + 8πr dr + 4π dr2 − 4πr2 ) . σ13 = σ23 + σ12 cos α oder
Weil dr2 << 2r dr ist, kann der Ausdruck 4π dr2
ver-
nachlässigt werden und man erhält dWob = σ 8πr dr.
Da die aufzuwendende Arbeit dWauf zur Vergrößerung σ12 cos α = σ13 − σ23 . (2.195)
der Oberflächenenergie dWob verwendet wurde, müs-
sen beide gleich groß sein, sodass also dWauf = dWob
ist. Aus p4πr2 dr = σ 8πr dr folgt der Oberflächendruck Hinsichtlich der Benetzung gilt:

0  α  π/ 2: vollkommene Benetzung (z. B.


2σ Wasser/Glas α ≈ 0◦ ).
p= . (2.194)
r
π/ 2 < α  π: keine Benetzung (z. B. Queck-
silber/Glas α = 140◦ ).
In diesem Beispiel ist
Benetzungsvorgänge sind beispielsweise
2 · 30 · 10−3
p= N/m2 = 3,33 N/m2 . wichtig für die Wirksamkeit von Wasch-
1,8 · 10−2
mitteln, Herstellung von Emulsionen oder
Aus (2.194) ist ersichtlich, dass der Druck p mit ab-
bei der Schwimmaufbereitung von Erzen.
nehmendem Radius r größer wird. Deshalb wird der
Benetzungserscheinungen spielen auch eine
höhere Druck der kleineren Seifenblase die größere
Seifenblase aufblasen. Dadurch wird die größere Sei- Rolle, wenn enge Röhrchen (Kapillaren) in
fenblase größer und die kleinere kleiner werden; die Flüssigkeiten getaucht werden. Wie Abb. 2.101
größere Seifenblase „schluckt“ also die kleinere. zeigt, tritt der Fall ein, dass in der Kapillare
134 2 Mechanik

Abb. 2.101 Benetzung

die Flüssigkeit um die Höhe h höher (Ka- Bei nicht vollständiger Benetzung ist die Steig-
pillaraszension oder kapillare Hebung) oder höhe h vom Randwinkel α abhängig, sodass
tiefer steht (Kapillardepression oder kapillare σ = σ12 cos α gesetzt werden muss. Dann ist
Senkung). Diese Erscheinung wird allgemein
Kapillarität genannt. σ12 cos α2πr = πr2 hρg .
Im Folgenden ist die Kapillaraszension (kapil-
lare Hebung) von Interesse. Die von der Ober- Somit gilt für die kapillare Steighöhe
flächenspannung σ herrührende Kraft Fσ und
die Gewichtskraft der angehobenen Flüssig- 2σ12 cos α
keitssäule FG müssen gleich groß sein: Fσ = FG .
hsteig = . (2.196)
ρgr
Mit
Fσ = σl = σ2πr und Diese Formel liefert für nicht benetzende Flüs-
FG = mfl g = V ρg = πr2 hρg sigkeiten (π/ 2 < α  π) negative Steighöhen.
Sie zeigt ferner, dass die kapillare Hebung bzw.
ergibt sich
Senkung umso größer ist, je kleiner der Radius
σ2πr = πr2 hρg . der Kapillare ist.
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 135

Die Kapillarwirkung ist für das Aufsteigen von rodynamik die kompressiblen Strömungen un-
Flüssigkeiten in allen porösen Körpern ver- tersucht. Auch Gase sind näherungsweise in-
antwortlich, beispielsweise in Pflanzenfasern, kompressibel, wenn ihre Strömungsgeschwin-
Dochten oder Mauersteinen. digkeit höchstens ein Drittel der Schallge-
schwindigkeit beträgt. Die Strömungsmecha-
Zur Übung
nik kann je nach Berücksichtigung der mole-
Ü 2.12-1 In ein teilweise mit Wasser gefülltes U-Rohr
kularen Reibung in die Strömung idealer Flüs-
mit der Querschnittsfläche A = 1 cm2 werden in einen
Schenkel 4,8 g einer zweiten, wasserunlöslichen Flüs- sigkeiten und Gase und in die Strömung realer
sigkeit eingefüllt. Der Spiegel dieser Flüssigkeit liegt Flüssigkeiten und Gase eingeteilt werden.
um den Abstand a = 1,2 cm über dem Wasserspiegel
des anderen Schenkels. Wie groß ist die Dichte ρ der
2.12.2.1 Strömungsfeld
Flüssigkeit?
Die strömenden Masseteilchen weisen eine
räumliche Geschwindigkeitsverteilung auf; es
Ü2.12-2 Eine Schiffsladung wird im Hafen gelöscht. Es
passiert ein Unfall, bei dem die entladenen Güter ins liegt ein Strömungsfeld vor (zum Feldbegriff
Wasser fallen, das Schiff durch einen umstürzenden s. Abschn. 4.3.1). Das Strömungsfeld ist ein
Kran leck geschlagen wird und sinkt. Hebt oder senkt Vektorfeld: Es beschreibt die Geschwindig-
sich der Wasserspiegel, a) wenn die Güter in das Wasser keitsvektoren der transportierten Masseteil-
fallen, b) wenn das Schiff untergeht? chen an jedem Ort für jeden Augenblick. Es
kann ortsabhängig (inhomogen) oder ortsun-
Ü 2.12-3 Die Wassermenge eines Teiches kann durch abhängig (homogen) und zeitabhängig (insta-
einen Schieber abgelassen werden. Dieser hat eine tionär) oder zeitunabhängig (stationär) sein.
Masse m = 120 kg, er ist h = 1,5 m hoch und b = 2 m
Abbildung 2.102 zeigt die divergierenden Feld-
breit. Mit welcher Öffnungskraft muss der Schieber
zunächst betätigt werden, wenn das Wasser bis zum linien des Strömungsfeldes (Stromlinien) eines
oberen Schieberrand steht (Reibungszahl zwischen Diffusors. Die Tangenten an die Stromlinien
Führungsschiene und Schieber μ = 0,45)? Wie groß des Strömungsfeldes beschreiben in jedem
ist diese, nachdem der Schieber 60 cm hochgezogen Raumpunkt die Richtung der Strömungsge-
wurde? schwindigkeit. Von den Stromlinien zu unter-
scheiden sind die Bahnlinien einer Strömung,
Ü 2.12-4 Ein Wassertropfen mit dem Radius rW =
0,1 cm wird in Tröpfchen mit dem Radius rT = 10−5 cm
zerstäubt. Auf das Wievielfache erhöht sich die Ober-
flächenenergie?

2.12.2 Fluide – strömende Flüssigkeiten


(Hydrodynamik) und Gase (Aerodynamik)

Strömende Flüssigkeiten und Gase sind Ge-


genstand der Strömungsmechanik. Diese be-
schreibt den Transport von Massen (Flüssig-
keiten oder Gasen) aufgrund der Schwerkraft
oder von Druckdifferenzen unter Berücksich-
tigung der Molekülreibung. In der Hydrodyna-
mik werden die inkompressiblen und in der Ae- Abb. 2.102 Stromlinien in einer Stromröhre
136 2 Mechanik

welche die tatsächliche Bewegung der Mas- gleichung, nämlich div E = 0, welche die Mas-
seteilchen während der Strömung beschrei- senerhaltung, die Wärmeerhaltung oder die
ben. Die Bahnlinien können durch Farbstoffe, Ladungserhaltung beschreibt. Die Verknüp-
Rauch- oder Schwebeteilchen (z. B. Bärlapp- fung der Kontinuitätsgleichung mit der Feld-
samen) sichtbar gemacht werden. Im instatio- definitionsgleichung führt in allen Fällen von
nären Zustand ändert sich das Stromlinien- Abb. 2.103 zu einer gleichartigen Differenti-
bild von Augenblick zu Augenblick: Bis das algleichung für die Potentialfunktion ϕ, die
Masseteilchen auf seiner Bahn einen Ort er- den räumlichen Verlauf des Geschwindigkeits-
reicht, hat sich die Geschwindigkeit an diesem potentials, der Temperatur oder des elektri-
Ort gegenüber dem vorhergehenden Augen- schen Potentials beschreibt. Für das jeweilige
blick schon geändert. Nur in stationären Strö- Transportproblem ist also diese Differential-
mungsfeldern fallen Bahnlinien und Stromli- gleichung für die Potentialfunktion, die soge-
nien zusammen. nannte Laplace-Gleichung (P. Laplace, 1749
Abbildung 2.102 zeigt die Stromlinien in ei- bis 1827), unter den geometrischen Randbe-
nem geschlossenen Raumgebiet (Stromröhre). dingungen des Transportproblems zu lösen:
Je größer die Anzahl der Stromlinien ist, die
eine senkrechte Fläche durchströmen, desto ∂2 ϕ ∂2 ϕ ∂2 ϕ
höher ist die Stromdichte durch diese Fläche. Δϕ = + + =0. (2.197)
∂x2 ∂y2 ∂z2
In Abb. 2.102 ist die Stromdichte durch die
Fläche A1 höher als durch die Fläche A2 . Strö-
men aus einer Stromröhre mehr Teilchen her- Die Mathematik hat dafür in der Potentialtheo-
aus, als hineinfließen, dann befindet sich in rie eine Vielzahl an Lösungswegen und Lösun-
der Stromröhre eine Quelle, im umgekehrten gen entwickelt. Experimentell kann die räum-
Falle eine Senke. Fließen gleich viele Teilchen liche Potentialverteilung dreidimensional im
aus der Stromröhre heraus wie hineinfließen, elektrolytischen Trog gemäß Abb. (2.104) oder
so ist die Stromröhre quellen- und senkenfrei. zweidimensional auf Leitfähigkeitspapier be-
Die Darstellung der Ursache des Massentrans- stimmt werden. Dazu werden die Geometrien
ports durch eine Feldgröße, welche die Wech- der Transportwege als Elektroden in einem
selwirkung des Masseteilchens mit der Um- Elektrolyten (z. B. Wasser) bzw. auf Spezial-
gebung beschreibt, ist ein allgemeines Kon- papier aufgezeichnet, durch das Anlegen einer
zept der Physik. Wie aus Abb. 2.103 hervor- elektrischen Spannung an die Elektroden die
geht, unterscheidet sich die Beschreibung des Randbedingungen festgelegt und der Verlauf
Massentransports als Folge des Gefälles (Gra- der elektrischen Spannung und damit das Po-
dienten) des Strömungspotentials mathema- tentialfeld gemessen.
tisch nicht von derjenigen des Wärmetrans- Abbildung 2.105 zeigt die Stromlinien eines
ports bei einem Temperaturgradienten oder Strömungsfeldes bei einer plötzlichen Quer-
des Ladungstransports bei einem elektrischen schnittsveränderung, wie man sie mittels eines
Potentialgradienten. Ist die jeweilige Trans- automatischen Äquipotentiallinienschreibers
portgröße (Masse, Wärmemenge, Ladung) in (Abb. 4.54, Abschn. 4.3.4) aufzeichnen kann.
einem abgegrenzten Raumteil konstant, exis- Werden die Randbedingungen der Temperatur
tieren in diesem Feldbereich also keine Quel- bzw. des Drucks durch proportionale elektri-
len oder Senken der Transportgröße, so gilt sche Spannungen nachgebildet, so können im
für die jeweilige Feldstärke E die Kontinuitäts- elektrolytischen Trog auch Probleme des Mas-
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 137

Abb. 2.103 Vergleich der Felder in der Hydrodynamik mit den Feldern in der Wärmelehre und in der Elektrizitätslehre
138 2 Mechanik

keiten sind inkompressibel. Die Strömungen


idealer Gase und idealer Flüssigkeiten sind de-
finitionsgemäß reibungsfrei.

Kontinuitätsgleichung (Durchflussgleichung)
Für den Vektor der Massenstromdichte gilt
nach Abb. 2.103

j = ρ . (2.198)

Im allgemeinen Fall wird weder die Strö-


Abb. 2.104 Elektrolytischer Trog (schematisch) mungsgeschwindigkeit  konstant sein (keine
parallele Stromlinien), noch die Fläche A senk-
recht durchströmt werden, wie aus Abb. 2.106
hervorgeht. Der Anteil des Massenstroms dṁ,
der ein kleines Flächenelement dA durch-
strömt, beträgt (mit dem Winkel α zwischen
dem Strömungsgeschwindigkeitsvektor  und
dem Vektor dA des Flächenelements, der senk-
recht auf der Fläche dA steht)

dṁ = |j dA| cos α = j dA . (2.199)


Abb. 2.105 Stromlinien bei plötzlicher Querschnitts-
veränderung (Auftreten eines Eckenwirbels)
Dies bedeutet: Der Anteil des Massestroms dṁ
ist gleich dem Skalarprodukt aus der Masse-
sentransports (z. B. Stauzonen) oder des Wär- stromdichte j und dem Flächenelement dA.
metransports (z. B. Wärmebrücken) analysiert Durch Integration über die geschlossene Ober-
werden. fläche ergibt sich der gesamte, durch die Ober-
Ist die Potentialfunktion ϕ (x, y, z) ermittelt,
können durch Gradientenbidung die räum-
liche Feldstärkeverteilung bestimmt und da-
mit die zur Feldstärke proportionalen Trans-
portflussdichten, nämlich die Massenstrom-
dichte jH , die Wärmestromdichte jW und die
elektrische Stromdichte jel berechnet werden.

2.12.2.2 Grundgleichungen
idealer (reibungsfreier) Strömungen
Ideale Gase sind Gase, deren Kohäsion ver-
nachlässigbar klein ist, und ideale Flüssig- Abb. 2.106 Zur Kontinuitätsgleichung
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 139

fläche des eingeschlossenen Volumens ein-


und austretende Massenstrom (analog zum
elektrischen Fluss ψ, (4.131) in Abschn. 4.3.6.1:

 
dm
ṁ = = j dA = ρ dA . (2.200)
dt Abb. 2.107 Konstanz des Volumenstroms in einer
0 0 Stromröhre (stationäre Strömung)

Drei Fälle treten auf:


Quelle: Das Integral ist > 0; W1 = p1 ΔV1 = p1 A1 Δs1 aufgebracht werden.
Senke: Das Integral ist < 0 und Wegen der Inkompressibilität der Flüssigkeit
Quellenfreiheit: Das Integral ist = 0. tritt bei A2 dann ein gleich großes Volumen
Quellen- bzw. Senkenfreiheit bedeutet, dass ΔV2 = ΔV1 = ΔV aus und verrichtet die Arbeit
der Massenstrom durch ein Volumenelement W2 = p2 ΔV2 = p2 A2 Δs2 . Hat das Flüssigkeits-
konstant bleibt. Für eine solche stationäre volumen am Ort der Querschnittsfläche A1
Strömung existiert eine Kontinuitätsglei- die potentielle Energie ρΔV1 gh1 und die ki-
chung; sie ergibt sich aus (2.200) für dm/ dt = netische Energie 12 ρΔV21 sowie bei A2 die
konstant durch Integration zu potentielle Energie ρΔVgh2 und die kinetische
Energie 12 ρΔV22 , so gilt nach dem Energieer-
haltungssatz bei vernachlässigbarer Reibung
ṁ = ρ1 1 A1 = ρ2 2 A2 = ρA = konstant . gemäß Abb. 2.108a
(2.201)
 
1
ΔW = ρ ΔV1 + ρ ΔVgh1
2
2
Bei inkompressiblen Flüssigkeiten ist die 1 
Dichte ρ konstant. Für diese und Gasströmun- − ρ ΔV22 + ρ ΔVgh2 .
2
gen mit vernachlässigbaren Druckunterschie-
den geht (2.201) in Mit ΔW = p2 ΔV − p1 ΔV folgt daraus

ṁ 1 2 1
V̇ = = A = konstant (2.202) p1 + ρ + ρgh1 = p2 + ρ22 + ρgh2
ρ 2 1 2
(2.203)

über. Der Volumenstrom V̇, das Produkt aus


der Querschnittsfläche A und der Strömungs- oder allgemein
geschwindigkeit  = ds/ dt, ist entsprechend
Abb. 2.107 konstant.
1 2
p + ρ + ρgh
Bernoulli-Gleichung !"#$ !2"# $ !"#$
statischer dynamischer geodätischer
Um ein Flüssigkeitsvolumen ΔV1 = A1 Δs1 Druck Druck Druck
durch die Querschnittsfläche A1 in die Strö- (Staudruck)

mungsröhre einzubringen, muss bei dem = pges = konstant . (2.204)


dort herrschenden Druck p1 die Arbeit
140 2 Mechanik

Abb. 2.108 Zur Bernoulli-Gleichung: a) Stromröhre, b) Druck- und Energieverlauf

Diese Gleichung wird nach ihrem Entdecker sche Druck geringer ist als in Punkt  1 . Zudem
Bernoulli-Gleichung genannt (D. Bernoulli, ist die Lage des Punktes  2 tiefer, sodass auch
1700 bis 1782). Sie besagt, dass an jedem Ort der geodätische Druck abnimmt. Da aber die
für eine Stromlinie die Summe aus statischem, Summe aller Drücke konstant sein muss, hat
geodätischem und dynamischem Druck (Stau- dies zur Folge, dass der statische Druck p2
druck) konstant ist. stark zunehmen muss.
Analog zur Energieerhaltung ist in Abb. 2.108b Während der geodätische Druck ρgh und
an der Seite die Druckerhaltung nach der Betriebsdruck p bereits aus der Mecha-
der Bernoulli-Gleichung aufgezeigt. Aus nik der ruhenden Flüssigkeiten und Gase
Abb. 2.108a ist erkennbar, dass an Punkt  2 bekannt sind (hydrostatischer Druck, (2.180)
wegen der größeren Fläche A2 die Durch- in Abschn. 2.12.1.4), tritt der dynamische
strömgeschwindigkeit 2 kleiner und damit Druck (Staudruck) nur in strömenden Medien
auch die kinetische Energie bzw. der dynami- auf.
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 141

Anwendungen der Kontinuitäts- 


2 pdyn
und der Bernoulli-Gleichung = . (2.205)
ρ
Druck- und Volumenstrommessung
Abbildung 2.109 zeigt die Wirkungsweise von Mit dem Prandtl’schen Staurohr werden lokale
Druckmessern, deren Messgrößen sowie die Strömungsgeschwindigkeiten ermittelt. Soll
Berechnungsgleichungen. der Volumenstrom durch eine Querschnitts-
Die Drucksonde misst durch radiale Öffnun- fläche A nach (2.202) berechnet werden, dann
gen im Mantel der Sonde (parallel zu den muss durch Ausmessen des Strömungsge-
Stromlinien) den statischen Druck pstat . Bei schwindigkeitsprofils über die Querschnitts-
den Drucksonden wird meist ein piezoelektri- fläche die mittlere Strömungsgeschwindigkeit
scher Drucksensor eingesetzt. Den statischen abgeschätzt werden.
Druck pstat und den Staudruck pdyn misst das Besser geeignet zur Volumenstrommessung
Pitot-Rohr (H. Pitot, 1695 bis 1771), das eine sind die Drosselgeräte nach DIN EN ISO 5167,
axiale Bohrung hat. Das Prandtl’sche Staurohr mit denen man direkt die mittlere Strömungs-
(L. Prandtl, 1875 bis 1953) ist eine Kom- geschwindigkeit m misst. In Drosselgeräten
bination von Drucksonde und Pitot-Rohr. Es wird durch Düsen oder Blenden der Strö-
misst den Differenzdruck zwischen Gesamt- mungsquerschnitt vermindert – Abb. 2.110
druck und statischem Druck, d. h. den dyna- zeigt drei Ausführungen – und aus der Dif-
mischen Druck bzw. den Staudruck pdyn di- ferenz der statischen Drücke vor und im Be-
rekt. Sind Druck und Dichte konstant, dann reich der Drosselstelle die mittlere Strömungs-
eignet sich das Prandtl’sche Staurohr auch geschwindigkeit berechnet. Mit Berücksichti-
zur Bestimmung der Strömungsgeschwindig- gung der Reibungsarbeit WR und der Kom-
keit . Für reibungsfreie Strömungen ergibt pressionsverluste WK am Drosselgerät lautet
sich aus (2.204) die Beziehung für ein Volumenelement ΔV

Abb. 2.109 Messung des Drucks und des Volumenstroms


142 2 Mechanik

Abb. 2.110 Drosselgeräte nach DIN EN ISO 5167

1 2 1 WR WK luste vernachlässigt, dann ergibt sich der Stau-


p1 + ρ1  = p2 + ρ2 22 + + . druck
2 1 2 ΔV ΔV
(2.206)  
1 2 1 2
ρ2  = α ε p1 − p2 + ρ1 1
2 2
2 2 2
Die Kompressionsarbeit WK ist abhängig
und mit (2.201) die Strömungsgeschwindig-
vom Isentropenexponenten κ = cp / cv (Ab-
keit an der Drosselstelle:
schn. 3.3.3), bei inkompressiblen Medien aber
vernachlässigbar. Die Reibungsverluste WR

2 = αε

der Flüssigkeit oder des Gases an der Grenz- 2(p1 − p2 )



  . (2.209)
schicht des Drosselgeräts können auch zur ρ2 A22 2 2
ρ2 1 − αε
Entstehung von Wirbeln führen. Die Ver- ρ1 A21
lustanteile in (2.206) werden mit Hilfe der
Expansionszahl ε und der Durchflusszahl α
auf die kinetische Energie der Strömung im Somit beträgt der Volumenstrom
Drosselgerät bezogen:

V̇ = A2 2



WK

= αεA2


2(p1 − p2 )
ε=
ΔV ,



ρ2 A22 2 2
.
1 − 1 (2.207)
ρ2 2 ρ2 1− α ε
2 2 ρ1 A21


WR (2.210)

α=
ΔV .
1 − 1 (2.208)
ρ2 2 Das Korrekturfaktorprodukt αε ist abhängig
2 2
von der Drosselgerätebauweise und von der
Stärke des Volumenstroms. Es muss auf einer
Werden (2.207) und (2.208) in (2.206) einge- Eichstrecke bestimmt werden; für Normdros-
setzt und die quadratischen Glieder der Ver- selgeräte ist αε in DIN EN ISO 5167 tabelliert.
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 143

Das Venturi-Rohr wird häufig zur Bestimmung Nach (2.201) erhält man den Massenstrom aus
der Strömungsgeschwindigkeit in Flüssigkei- ṁ = ρA oder
ten eingesetzt. Bei ihm ist in weiten Volumen-
strombereichen αε = 1; allerdings ist beim 
Venturi-Rohr, besonders bei der Messung von ṁ = ρA 2gh . (2.212)
Gasströmen, der Wirkdruck p1 − p2 im Ver-
gleich zu den anderen Drosselgeräten klein.
In der Praxis sind weit geringere Werte für die
Blenden in Gasströmungen liefern einen ho-
Ausflussgeschwindigkeit 2 oder den Massen-
hen, leicht messbaren Wirkdruck. Bei Blenden
strom ṁ festzustellen. Dies ist auf zwei Ein-
ist αε < 1 und stark strömungsabhängig.
flüsse zurückzuführen:

Ausfließen von Flüssigkeiten aus Gefäßen – Flüssigkeitsreibung: Die Flüssigkeitsreibung


Ein mit Flüssigkeit gefülltes Gefäß entspre- wird durch die Geschwindigkeitsziffer ϕ be-
chend Abb. 2.111 habe in der Höhe h un- rücksichtigt (für Wasser beträgt ϕ ≈ 0,97);
terhalb des Flüssigkeitsspiegels ein Loch, das – Verengung des austretenden Strahls (Kon-
so klein ist, dass der Flüssigkeitsspiegel beim traktion): Am Ausflussloch tritt eine Ein-
Ausströmen kaum sinkt (1 << 2 ). Für das Ni- schnürung des austretenden Flüssigkeitss-
veau 1 und das Niveau 2 ist der statische Druck trahls ein, sodass sich der Ausflussquer-
gleich dem Luftdruck p0 . Nach der Bernoulli- schnitt verkleinert. Der Grad der Einschnü-
Gleichung (2.204) gilt rung wird durch die Kontraktionszahl α be-
rücksichtigt, die von der Ausflussform ab-
ρ21 ρ22 hängt (für scharfkantige Ausflussöffnungen
ρgh1 + + p0 = ρgh2 + + p0 .
2 2 α ≈ 0,61).
Daraus folgt Das Produkt aus beiden Einflussgrößen ist die
Ausflusszahl

2 = 2gh . (2.211)
μ = ϕα . (2.213)

Die Ausflussgeschwindigkeit 2 ist gleich der


Geschwindigkeit des freien Falls irgendeines Mit der Ausflusszahl μ müssen die Werte für
Körpers (auch der Flüssigkeitssäule) aus der die Ausflussgeschwindigkeit 2 (2.211) und den
Höhe h (Abb. 2.111b). Dies wurde bereits Massenstrom ṁ (2.212) multipliziert werden,
von E. Torricelli (1608 bis 1647) festgestellt. um realistische Ergebnisse zu erzielen (z. B.
für Wasser bei scharfkantiger Ausflussöffnung
μ = ϕ α = 0,59).

Saugeffekt von Strömungen


Wie Abb. 2.112 zeigt, nimmt (bei gleichblei-
bendem geodätischem Druck) mit zunehmen-
der Strömungsgeschwindigkeit  der Betriebs-
druck p nach der Bernoulli-Gleichung ab. Dies
Abb. 2.111 Zum Torricelli’schen Ausflussgesetz führt zu Saugeffekten bei Strömungen.
144 2 Mechanik

Abb. 2.112 Statischer und dynamischer Druck


in Abhängigkeit von der Geschwindigkeit
(Bernoulli-Gleichung).

– Zerstäuber: Durch ein waagrechtes Rohr


strömt Luft. Die Strömungsgeschwindigkeit
nimmt im Punkt A in Abb. 2.113 wegen der Abb. 2.114 Prinzip der Wasserstrahlpumpe
Einengung des Rohrs zu, sodass auch der
dynamische Druck an der Stelle A zunimmt man auf diese Weise leerpumpen. Die un-
und sich der Betriebsdruck im Steigrohr tere Grenze der Wirksamkeit der Wasser-
vermindert. Der Luftdruck p0 wirkt auf die strahlpumpe wird durch den Dampfdruck
Flüssigkeit im Steigrohr, die im Luftstrahl des Wassers gesetzt; bei Raumtemperatur
zerstäubt wird. liegt der Grenzwert bei p ≈ 2,7 · 103 Pa.
– Wasserstrahlpumpe: Durch eine Düse wird – Hydrodynamisches (aerodynamisches) Pa-
der Wasserstrahl eingeschnürt, sodass am radoxon: Ein Flüssigkeits- oder Gasstrahl,
Punkt A in Abb. 2.114 eine höhere Strö- der gemäß Abb. 2.115 gegen eine bewegli-
mungsgeschwindigkeit auftritt (höherer dy- che Platte gerichtet ist, drückt diese nicht
namischer Druck). Der dadurch vermin- weg, sondern zieht sie an. Der statische
derte statische Druck bewirkt, dass Luftteil-
chen in der Umgebung angesaugt werden.
Einen angeschlossenen Rezipienten kann

Abb. 2.113 Prinzip des Zerstäubers Abb. 2.115 Hydrodynamisches Paradoxon


2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 145

Druck pstat nimmt an der Plattenoberfläche Strömungsimpuls


ab, sodass der äußere Druck p0 die bewegli- Geschwindigkeitsänderungen strömender Me-
che Platte an den Strahl presst. Dieser Effekt dien bewirken Impulsänderungen, die nach
kann leicht nachvollzogen werden, wenn ein dem Impulssatz (Abschn. 2.5.2.1) Kräfte
spritzender Gartenschlauch in einen sich ergeben. Solche Kräfte treten in der Strö-
füllenden Eimer getaucht wird. Wird der mungslehre vor allem beim Verzögern oder
Schlauch in Richtung des Eimerbodens ge- Beschleunigen der Medien sowie beim Um-
führt, so wird er kurz vor dem Boden direkt lenken auf. Der Impulssatz wird im Folgenden
an den Eimerboden gepresst. Mit diesem Ef- auf reibungsfreie, inkompressible Medien und
fekt ist auch erklärbar, weshalb sich dicht stationäre Strömungen beschränkt. Der Vor-
nebeneinander fahrende Fahrzeuge anzie- teil bei der Anwendung des Impulssatzes ist,
hen können. dass nur die Strömungsverhältnisse beim Ein-
– Magnus-Effekt: Rotiert ein Zylinder in einer tritt in und Austritt aus dem Strömungsraum
strömenden Flüssigkeit oder in Gas entspre- bekannt sein müssen, um die Kraftwirkungen
chend Abb. 2.116, so nimmt die Strömungs- zu bestimmen, nicht aber die Strömungsvor-
geschwindigkeit an der Oberseite zu. Weil gänge im Inneren des Strömungsraumes. Der
dadurch der statische Druck an der Ober- Impulssatz lautet nach (2.50)
seite kleiner wird als an der Unterseite, er-  dp
fährt der Zylinder eine senkrecht zur Strö- Fa = .
dt
mung wirkende, Magnus-Effekt genannte
Darin ist der Impuls p = m. Mit der Dichte
Kraft F (H. G. Magnus, 1802 bis 1870).
Beispiel ρ = m/ V kann für den Impuls in strömenden
2.12-3 In einer Stahlflasche befindet sich Gas unter Medien geschrieben werden
dem Druck pGas . Der äußere Druck beträgt p0 . Wie
groß ist die Ausströmgeschwindigkeit aus beim Öffnen
des Ventils? p = ρ V . (2.215)
Lösung
Nach der Bernoulli-Gleichung (2.204) gilt im vorlie-
genden Fall pGas = ρ2aus / 2 + p0 . Daraus ergibt sich das In inkompressiblen, stationären Strömungen
Ausströmgesetz nach Bunsen: sind Dichte und Geschwindigkeit konstant.
Dann gilt für die Impulsänderung

2(pGas − p0 )
aus = . (2.214)
ρ dp dV
= ρ . (2.216)
dt dt

Der Impulssatz für einen beliebigen Strö-


mungsraum lautet damit

  dV
Fa = ρ . (2.217)
dt


Fa äußere Kräfte, die an den Gren-
Abb. 2.116 Magnus-Effekt zen des Strömungsraums von au-
146 2 Mechanik

ßen angreifen (z. B. Druck- oder


Schwerekräfte),
 dV
ρ Impulskräfte, die an den Grenzen
dt
des Strömungsraums nach außen
wirken.

Das Vorzeichen ist beim Eintritt in den Strö-


mungsraum positiv und beim Verlassen nega-
tiv. Bei der Anwendung des Impulssatzes ist
folgende Vorgehensweise zweckmäßig:

– Abgrenzen des Systems (Strömungsraums) Abb. 2.117 Zum Impulssatz in der Hydrodynamik:
und Festlegen des Ein- und Austritts des Wasserstrahl aus einer Düse a) auf eine feststehende
Strömungsraums; Platte, b) auf eine mit der Geschwindigkeit u bewegte
– Ermitteln der Querschnitte, der Strömungs- Platte
geschwindigkeiten und Drücke am Ein- und
Austritt; Beispiel
– Bestimmen der äußeren Kräfte und der Im- 2.12-4 Ein Rohrkrümmer von 90◦ hat einen Durch-
pulskräfte sowie messer (Nennweite) d = 10 cm. Bei einem äußeren
Druck p = 5 · 105 Pa fließen V̇ = 0,2 m3 /s Wasser hin-
– Ermitteln der resultierenden Kraft (grafisch
durch. Der Krümmer ist am Eintritt und am Austritt an
und analytisch). ein gerades Rohrstück angeflanscht. Berechnet werden
sollen die resultierende Kraft F res auf den Krümmer
Der Impulssatz spielt bei Wasserkraftmaschi-
und die Kraft F Schr auf die Flanschschrauben entspre-
nen wegen der Strahlablenkung eine wichtige chend Abb. 2.118.
Rolle. Ein Strahl, der aus einer Düse austritt,
wird an einer Wand so umgelenkt, dass er Lösung
parallel zur Wand abströmt. Wird der Strahl Die Geschwindigkeiten am Ein- und Austritt sind 1 =
2 = .
wie in Abb. 2.117 senkrecht auf eine Platte
Kräfte am Eintritt 
1 (in Strömungsrichtung):
gerichtet, so gilt für die Kraft in x-Richtung πd2
Fx = ρ dV / dt und wegen dV / dt = A Druckkraft Fp1 = p1 A = p1 ,
4
dV πd2
Impulskraft FI1 = ρ  = ρ A2 = ρ 2 .
dt 4
Fx = ρ 2 A . (2.218) Kräfte am Austritt 2 (gegen die Strömungsrichtung):
πd2
Druckkraft Fp2 = p2 A = p2 ,
4
Bewegt sich die Wand mit der Geschwindigkeit πd 2
Impulskraft FI2 = ρ 2 .
u in Strahlrichtung, dann nimmt die Kraft ab 4
Nach dem Kräftedreieck in Abb. 2.118b ist
(Abb. 2.117b):
α Fres 1
sin = .
2 2 πd2 πd2
ρ2 + p1
Fx = ρA( − u)2 . (2.219) 4 4
Daraus folgt

Je nach Form der Wand und Auftreffwinkel


πd2 α
des Strahls ergeben sich unterschiedliche F res = (p1 + ρ 2 ) sin . (2.220)
2 2
Kräfte bzw. Drehmomente.
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 147

Abb. 2.119 Zum Drehimpulssatz

Mit der Umfangsgeschwindigkeit u gilt für


den Betrag des Drehimpulses

dL = dm r u

Nach dem Drehimpulssatz (2.103) ist die zeit-


liche Änderung des Drehimpulses mit einem
auftretenden Moment verknüpft:

Abb. 2.118 Beispiel 2.12-4 Kräfte in einem M = ṁ r u . (2.221)


durchströmten Rohrkrümmer

Das in einer Turbine dem Laufrad vorgeschal-


Man erhält mit  = 4V̇ / d2 π = 25,46 m/s, ρ = 103 kg/m3 tete Leitrad in Abb. 2.120 steht fest. In ihm wird
und α = 90◦
Fres = 12,76 kN.
Die Kraft F Schr auf die Flanschschrauben ist gleich
der Summe aus der Druckkraft F p und der Impuls-
kraft F I :

πd2
F Schr = F p1 + F I1 = (p1 + ρ2 ) = 9,0 kN .
4

Strömungs-Drehimpuls
Ein Masseteilchen dm, das sich gemäß
Abb. 2.119 im Abstand r von einem Bezugs-
punkt D mit der Geschwindigkeit  bewegt,
besitzt bezüglich D den Drehimpuls

dL = dm r ×  Abb. 2.120 Turbinenleitrad, schematisch


148 2 Mechanik

die Strömung von der Geschwindigkeit 1 auf Komponente, die am Umfang angreift (cu ),
die Geschwindigkeit 2 beschleunigt. Das auf zerlegen. Daraus ergibt sich nach (2.222) das
die Leitschaufeln ausgeübte Drehmoment M Drehmoment für eine Turbine:
ist die Differenz aus Austrittsmoment M2 und
Eintrittsmoment M1 . Es ergibt sich aus der Än- dV
derung des Drehimpulses L. M =ρ (cu1 r1 − cu2 r2 ) . (2.223)
dt
Maßgebend sind die Komponenten der Ge-
schwindigkeiten in Umfangsrichtung u2
bzw. u1 . Nach (2.221) ist Bei Pumpen werden die Indizes im Klammer-
ausdruck vertauscht. Die Leistung des Laufra-
dV des kann aus P = Mω ermittelt oder aus der
M =ρ (u2 r2 − u1 r1 ) . (2.222) Fallhöhe HF der Turbine und dem Volumen-
dt
strom dV / dt errechnet werden:

Bei Pumpen ist das feststehende Leitrad dem


dV
Laufrad zur Druckerhöhung nachgeschaltet. P = Mω = ρgHF . (2.224)
dt
Deshalb sind die Komponenten der Umfangs-
geschwindigkeiten u2 kleiner als u1 , sodass
nach (2.222) ein verzögerndes Moment auf- Wird diese Gleichung nach der Fallhöhe HF
tritt. umgestellt und für M (2.223) eingesetzt (ω =
In Abb. 2.121 sind die Strömungsverhältnisse / r), dann ergibt sich die Euler’sche Gleichung
für radiale Laufräder in Turbinen und Pumpen für die Turbine:
vergleichend gegenübergestellt. Hierin sind
u Umfangsgeschwindigkeit am Laufrad
1
(u = ωr), HF = (cu1 u1 − cu2 u2 ) . (2.225)
g
 relative Strömungsgeschwindigkeit des
Mediums,
c absolute Strömungsgeschwindigkeit des (Für Pumpen werden die Indizes in dem
Fluidums, bezogen auf die ruhende Klammerausdruck vertauscht.) Als Folge von
Umgebung, Verlusten wird die wirkliche Fallhöhe HF, real
cm Mediankomponente von c, einer Turbine kleiner, die wirkliche Förder-
cu Umfangskomponente von c. höhe HF, real einer Pumpe größer sein, als sich
aus (2.225) ergibt.
Für die Berechnung des Drehmomentes M
Ist eine Strömung drehimpulsfrei, gilt für die
ist die absolute Strömungsgeschwindigkeit
Turbine cu2 = 0, für die Pumpe cu1 = 0. Für
am Umfang cu von Bedeutung. Aus dem
die Fallhöhe HFT einer Turbine bzw. die För-
Geschwindigkeitsdiagramm am Eintritt bzw.
derhöhe HFP einer Pumpe ergibt sich dann
am Austritt lässt sich durch Messen der Um-
laufgeschwindigkeit u des Laufrades und der
relativen Strömungsgeschwindigkeit  des 1
HFT = cu1 u1 bzw.
Mediums über Vektoraddition die absolute g
Strömungsgeschwindigkeit c = u+ ermitteln. 1
HFP = cu2 u2 . (2.226)
Diese lässt sich in eine Komponente, die in die g
Mitte weist (Mediankomponente cm ) und eine
Abb. 2.121 Strömungsverhältnisse in den Laufrädern von Turbinen und Pumpen
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 149
150 2 Mechanik

Beispiel und einen Druck p = 6 · 105 Pa. Berechnet werden


2.12-5 Eine Förderpumpe (Radialkreiselpumpe) hat sollen a) die Geschwindigkeit des Wassers im Druck-
einen Laufraddurchmesser d = 250 mm und läuft mit rohr, b) die Geschwindigkeit des austretenden Was-
einer Drehzahl n = 2 950 min−1 . Die absolute Aus- serstrahls, wenn der Druck an der Düsenöffnung noch
trittsgeschwindigkeit ist c2 = 35 m/s, und der Winkel p = 1,1 · 105 Pa beträgt und c) die Höhendifferenz zwi-
zwischen c2 und der Umfangsgeschwindigkeit u2 be- schen Turbine und Oberfläche des Sees, aus dem das
trägt 30◦ . Berechnet werden soll die Förderhöhe bei Wasser in die Turbine fließt.
drehimpulsfreier Strömung (unter Vernachlässigung
der Reibung). Ü 2.12-9 Ein Prandtl-Rohr ist mit Alkohol gefüllt (ρ =
0,9 kg/dm3 ) und wird in ein Flugzeug eingebaut. Es
Lösung zeigt eine Höhendifferenz Δh = 20 cm. Wie groß ist
Nach (2.226) gilt für die Förderhöhe bei drehimpuls- die Flugzeuggeschwindigkeit, wenn die Dichte der Luft
freier Anströmung 1,27 kg/m3 beträgt?

1 2.12.2.3 Strömungen realer Flüssigkeiten


HFP = cu2 u2 .
g und Gase
Es ist u2 = ωr2 = 2π · n · r2 und cu2 = c2 · cos(30◦ );
somit erhält man Laminare Strömung und innere Reibung
1 In diesem Abschnitt werden, wie im vorigen,
HFP = c2 · cos(30◦ )2π n r2 = 119,3 m .
g die inkompressiblen Flüssigkeiten und Gase
unter dem Begriff Fluide zusammengefasst.
Zur Übung
Zwischen den Molekülen eines Fluidums wir-
Ü 2.12-5 Zur Messung des Volumenstroms in einer
horizontalen Wasserzuführung (ρ = 1 kg/dm3 ) mit ei- ken Kohäsionskräfte (Abschn. 2.12.1.6). Aus
nem Rohrdurchmesser dR = 10 cm wird ein Venturi- diesem Grund treten bei der Strömung zwi-
Rohr eingebaut, das an einer Verengung einen Durch- schenmolekulare Reibungskräfte auf, deren
messer dV = 7,5 cm aufweist. Es wird ein Volumen- Wirkung innere Reibung genannt wird.
strom V̇ = 2 l/s gemessen. Welcher Druckunterschied Zwischen zwei Platten der Dicke d befinde sich
wird angezeigt (αε = 1)?
eine Flüssigkeit, wie Abb. 2.122a zeigt. Die un-
Ü 2.12-6 Durch ein Rohr mit einem Durchmesser d = tere Platte 1 ist in Ruhe ( = 0), während die
40 mm fließt bei einem Druck p1 = 3 · 105 Pa Wasser obere Platte 2 mit der konstanten Geschwin-
mit einer Geschwindigkeit  = 4 m/s. Welcher Druck digkeit  = 0 nach rechts bewegt wird. Da
entsteht, wenn der Rohrdurchmesser an einer Stelle somit die obere Flüssigkeitsschicht die Ge-
wegen Verkalkung nur noch 65% des ursprünglichen
schwindigkeit 0 hat und die untere keine Ge-
Durchmessers beträgt?
schwindigkeit aufweist, entsteht in der Flüssig-
Ü 2.12-7 Ein Behälter ist immer mit Wasser bis zur keitsschicht ein Geschwindigkeitsgefälle 0 
Höhe h = 4 m gefüllt. An der Seite ist h = 4 cm   0 . Da dieses nicht, wie in Abb. 2.122a ge-
vom Boden entfernt eine Ausströmöffnung mit ei-
zeichnet, linear zu sein braucht, wird ein diffe-
nem Durchmesser d = 2 cm angebracht. Welcher Was-
serstrom fließt aus der Öffnung, wenn a) keine Rei-
rentielles Geschwindigkeitsgefälle d/ dx defi-
bung berücksichtigt wird, b) die Geschwindigkeitszif- niert. Gleiten die einzelnen Flüssigkeitsschich-
fer ϕ = 0,97 und die Kontraktionszahl α = 0,82 ist ten (Laminate) mit verschiedenen Geschwin-
sowie c) zusätzlich zu a) ein Überdruck Δp = 2 · 105 Pa digkeiten übereinander hinweg, ohne sich zu
wirkt? vermischen (Abb. 2.122), wird diese Strömung
Ü 2.12-8 In einem Wasserkraftwerk steht eine Tur- als laminare Strömung bezeichnet.
bine, die einen Volumenstrom V̇ = 10 m3 /s verarbei- Das durch die Reibung verursachte Übereinan-
tet. Die Druckleitung hat einen Durchmesser d = 1,2 m dergleiten der Flüssigkeitsschichten kann auch
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 151

Abb. 2.122 Zum Newton’schen Reibungsgesetz: a) lineares Geschwindigkeitsgefälle, b) Abgleiten der


Flüssigkeitsschichten

bei einem durch eine Scherkraft verschobenen diums wird als kinematische Zähigkeit ν be-
Papierstoß beobachtet werden, wobei die ein- zeichnet:
zelnen Papierbögen die Flüssigkeitsschichten
sind. Die Reibungskraft FR , die notwendig ist, η
ν = ; (2.230)
um eine Platte der Fläche A mit der konstanten ρ
Geschwindigkeit  parallel zur ruhenden Wand
zu verschieben, ist proportional zur Fläche A
und zum Geschwindigkeitsgefälle d/ dx: ihre Einheit ist m2 /s . Die dynamische Viskosi-
tät η ist ein Materialwert, der stark temperatur-
und druckabhängig ist. Die Temperaturabhän-
d gigkeit kann näherungsweise mit
FR = ηA x. (2.227)
d

η = A eT
b
(2.231)
Mit FR / A als der Schubspannung τ gilt auch

beschrieben werden. Hierbei sind A und b em-


d
τ=η . (2.228) pirisch ermittelte Konstanten. Die dynamische
dx
Viskosität von Gasen ist sehr viel geringer als
die von Flüssigkeiten, unabhängig vom Gas-
Dieses Gesetz wird nach seinem Entdecker druck und nimmt mit steigender Tempera-
Newton’sches Reibungsgesetz genannt. Der tur proportional zur steigenden mittleren Ge-
Proportionalitätsfaktor η ist die dynamische schwindigkeit der Gasmoleküle zu.
Viskosität (Zähigkeit). Sie hat die Einheit Stoffe, für die das Newton’sche Reibungsge-
N s/m2 = Pa s (Pascalsekunde). setz (2.228) nicht gilt, wie beispielsweise für
Der Kehrwert der dynamischen Viskosität η Fette, werden nichtnewton’sche Substanzen ge-
ist die Fluidität: nannt. Sie sind Sonderfälle, für die alle folgen-
den Überlegungen nicht gelten.
1
ϕ= (2.229)
η Anwendung des Reibungsgesetzes

Laminare Rohrströmung
mit der Einheit m2 /(N s). Das Verhältnis der Bei einer laminaren Strömung durch ein Rohr
dynamischen Viskosität η zur Dichte ρ des Me- haftet die Flüssigkeit am Rand und bewegt
152 2 Mechanik

sich in der Mitte am schnellsten. Die Strö- Mit der Randbedingung, dass bei r = R die
mung kann zusammengesetzt gedacht werden Strömungsgeschwindigkeit  = 0 ist, erhält
aus dünnen Hohlzylindern, die reibungsbehaf- man die Integrationskonstante C = R2 und es
tet aneinander vorbeigleiten. Abbildung 2.123 gilt
zeigt die Geschwindigkeitsverteilung in einer
4ηl
Rohrströmung. Ein Flüssigkeitszylinder mit r2 =−  + R2 .
(p1 − p2 )
dem Radius r gleitet am angrenzenden Hohl-
zylinder (rot) ab. An der Grenzfläche ist die Wird diese Gleichung nach der Strömungsge-
Druckkraft Fp gleich der Reibungskraft FR : schwindigkeit  aufgelöst, so ergibt sich das
Fp = FR . Aus Hagen-Poiseuille’sche Gesetz (G. Hagen, 1797
bis 1884; J. L. M. Poiseuille, 1799 bis 1869):
d
(p1 − p2 )πr2 = −ηA bzw.
dr
p1 − p2 2
(p1 − p2 )πr2 = −η 2π r l
d (r) = (R − r2 ) . (2.232)
dr 4ηl

ergibt sich Gleichung (2.232) beschreibt einen para-


belförmigen Verlauf der Geschwindigkeit
2ηl
r dr = − d . in Abhängigkeit vom Radius. Der Massen-
(p1 − p2 ) strom dṁ errechnet sich nach (2.200) aus
Durch Integration wird daraus dṁ = ρ(r) dA = 2πρ(r)r dr. Wird (r)
nach dem Hagen-Poisseuille’schen Gesetz
4ηl
r2 =− +C . eingesetzt und integriert, dann resultiert
(p1 − p2 )
R
dm ρπ(p1 − p2 ) 2 2
ṁ = = (R − r )r dr
dt 2ηl
0

oder

ρπR4 (p1 − p2 )
ṁ = . (2.233)
8ηl

Mit ṁ = ρV̇ ergibt sich der Volumenstrom V̇


des Durchflusses durch das Rohr:

πR4 (p1 − p2 )
V̇ = . (2.234)
8ηl

Diese Gleichung zeigt, dass der Volumenstrom


bzw. der Massenstrom durch Vergrößerung
Abb. 2.123 Laminare Rohrströmung nach dem des Radius (V̇ ∼ R4 ) wesentlich mehr gestei-
Hagen-Poiseuille’schen Gesetz gert werden kann als durch die Erhöhung der
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 153

Druckdifferenz (V̇ ∼ (p1 −p2 )). Beispielsweise Laminare Umströmung


wird bei der Verdoppelung des Rohrradius R Durch eine ähnliche Rechnung wie für das
das Durchflussvolumen 16-mal größer. Ferner Hagen-Poiseuille’sche Gesetz ergibt sich für
folgt aus dieser Gleichung, dass bei konstan- die Reibungskraft bei der laminaren Umströ-
tem Querschnitt A der Druckabfall (p1 − p2 ) mung einer Kugel das Stokes’sche Reibungsge-
proportional zur Rohrlänge l ist: setz (C. G. Stokes, 1819 bis 1903):

(p1 − p2 ) ∼ l . (2.235) FR = 6πηr (2.237)

mit  als der Relativgeschwindigkeit zwischen


Aus der Bedingung, dass die Reibungskraft FR Kugel und Flüssigkeit und r als dem Radius der
gleich der an den Rohrenden wirkenden Kugel.
Druckkraft Fp ist, lässt sich die Reibungskraft Durch Bestimmung der Sinkgeschwindig-
keit  einer Kugel in einem Rohr konstanten
FR = Fp = (p1 − p2 )A = (p1 − p2 )πR2
Querschnitts kann die dynamische Viskosi-
bestimmen. Wird p1 −p2 aus (2.234) eingesetzt, tät η bestimmt werden. Abbildung 2.124 zeigt
so ergibt sich das in der Praxis weit verbreitete Höppler-
Kugelfallviskosimeter. Die Reibungskraft FR
V̇ errechnet sich aus der Differenz zwischen der
FR = 8ηl .
Gewichtskraft FG und der Auftriebskraft FA
R2
zu FR = FG − FA . Aus
Der Volumenstrom V̇ hängt über die Bezie-
hung V̇ = πR2 m mit der mittleren Strömungs- 6πηr = ρK VK g − ρFl VFl g
geschwindigkeit m zusammen, sodass für die
folgen mit dem Kugelvolumen VK = 43 πr3
Reibungskraft FR gilt

FR = 8π ηlm . (2.236)

Beispiel
2.12-6 In einem Warmwasserrohr verringert sich in-
folge von Kalkablagerungen der Rohrdurchmesser um
20%. Berechnet werden soll die prozentuale Änderung
des Massenstroms ṁ.

Lösung
Nach (2.233) verhält sich

ṁKalk R4 0,84
= Kalk
4
= 4 = 0,41 .
ṁ0 R0 1

Bei dieser Verringerung des Rohrdurchmessers durch


Verkalken bleiben also nur noch 41% des ursprüngli- Abb. 2.124 Höppler-Kugelfallviskosimeter.
chen Warmwasserstroms erhalten. Werkfoto: Haake
154 2 Mechanik

Der dimensionslose Proportionalitätsfaktor λ


2gr2 (ρK − ρFl )
= und (2.238) ist die Rohrreibungszahl. Sie ist stark abhän-

gig von der Oberflächenrauigkeit und der
2gr (ρK − ρFl )
2
η= . (2.239) Reynoldszahl.
9
Umströmen von Körpern
Während bei der laminaren Strömung die
Bernoulli-Gleichung bei Newton’scher Reibung Geschwindigkeitsvektoren der Flüssigkeits-
Die Reibungskraft verursacht in der Strom- teilchen parallel verlaufen, ändern sich in
röhre (Abb. 2.102) einen Druckverlust pV und der turbulenten Strömung die Geschwindig-
vermindert dadurch die Druckdifferenz p1 −p2 . keitsvektoren ständig nach Richtung und
Wird die Bernoulli-Gleichung (2.203) um den Größe. Streng genommen ist eine turbulente
Druckverlust erweitert, so ergibt sich Strömung deshalb immer instationär. Als
stationär wird sie angesehen, wenn die über
ρ21 den Querschnitt gemittelte Geschwindigkeit
ρgh1 + + p1 von der Zeit unabhängig ist.
2
ρ22 Eine Wirbelbildung tritt auf, wenn sich die
= ρgh2 + + p2 + pV . (2.240) Flüssigkeitsschichten ablösen. Die Entstehung
2
von Wirbeln kann modellmäßig erklärt wer-
den. Abbildung 2.125a zeigt den reibungs-
In der Praxis wird der Druckverlust oft als Ver- freien Idealfall. Während an den Punkten A
lusthöhe hV angegeben: und C die Strömungsgeschwindigkeit  = 0
und deshalb nach der Bernoulli-Gleichung der
statische Druck maximal ist, wird an den
pV = ρ g hV . (2.241)
Punkten B und D die Geschwindigkeit am
größten ( = max ) und deshalb der Druck
Die Verlusthöhe hV ist diejenige Höhe, um die am geringsten. Ohne Wirkung einer Reibungs-
der Zufluss angehoben werden muss, um am kraft werden die Flüssigkeitsteilchen von A
Ausfluss aus der Stromröhre denselben Druck nach B beschleunigt und durch die zuneh-
wie im reibungsfreien Fall zu erzeugen. mende Druckkraft von B nach C auf  = 0
Für die Verlusthöhe hV in geraden Rohrlei- wieder abgebremst; Entsprechendes gilt für
tungen mit konstantem Querschnitt gilt das den Weg ADC. Unter der Wirkung von Rei-
Rohrwiderstandsgesetz bungskräften werden die Flüssigkeitsteilchen
vor dem Punkt C zur Ruhe kommen. Die
Reibungskraft wird sie zwingen, ihre Rich-
l 2
hV =λ . (2.242) tung zu ändern. Dadurch treten Wirbel auf,
d 2g die nach dem Drehimpulserhaltungssatz (Ab-
schn. 2.8.4) paarweise auftreten (Abb. 2.125b).
Hierin sind Die Widerstandskraft FW setzt sich aus
zwei Anteilen zusammen. Dies verdeutlicht
l Länge der Rohrleitung,
Abb. 2.126.
d Durchmesser des Rohres,
 Strömungsgeschwindigkeit, – Reibungswiderstandskraft FR (z. B. längs ei-
g = 9,81 m/s2 Fallbeschleunigung. ner überströmten Platte, Abb. 2.126a). Dies
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 155

Abb. 2.125 Umströmung von zylindrischen Körpern

ist die bei der Strömung wirkende Reibungs- verminderten statischen Druck zur Folge.
kraft. Nach einer bestimmten „Lauflänge“ Dadurch entsteht eine Druckdifferenz vor
entlang der Platte wird die Grenzschicht der und hinter der Platte. Die dieser Druckdif-
Strömung turbulent. Der Umschlag in Tur- ferenz entsprechende Kraft ist die Druck-
bulenz hängt von der Form der Plattenvor- widerstandskraft. Sie tritt auch bei Um-
derkante, aber auch von der Rauigkeit der lenkungen und Querschnittsveränderungen
Oberfläche ab. auf. Sie ist proportional zum Staudruck und
– Druckwiderstandskraft FD (z. B. quer ange- zur angeströmten Stirnfläche A, d. h. dem in
strömte Platte, Abb. 2.126b). Beispielsweise Strömungsrichtung wirkenden Profil:
bilden sich auf der Rückseite einer quer an-
geströmten Platte Wirbel, in denen sich die ρ
Flüssigkeitsteilchen sehr schnell bewegen. FD = cD 2 A . (2.243)
2
Nach der Bernoulli-Gleichung hat dies einen

Abb. 2.126 Widerstände bei Strömungen


156 2 Mechanik

Abb. 2.127 PKW (Audi A6) mit dem Widerstandsbeiwert cW = 0,30 im Windkanal. Werkfoto: Audi

cD ist der Druckwiderstandsbeiwert. Für den fall entlang des Körpers so langsam stattfin-
gesamten Widerstand (Abb. 2.126c) ergibt sich det, dass keine Wirbel auftreten können. In der
die Widerstandskraft aus Praxis würden bei Fahrzeugen dadurch aller-
dings sehr lange Heckteile notwendig werden.
ρ Um sie zu verkürzen und trotzdem günstige
FW = FR + FD = cw A2 . (2.244) cW -Werte zu erreichen, wird das Strömungs-
2
profil nur schwach verjüngt und dann plötzlich
senkrecht mit einer Abrisskante begrenzt. Die
Sie nimmt quadratisch mit der Strömungsge- störende Reibungswirkung von Wirbeln kann
schwindigkeit zu. auch dadurch gemildert werden, dass die Wir-
Der Proportionalitätsfaktor cW in (2.244) ist di- bel durch Schlitze an der Oberfläche abgesaugt
mensionslos und wird Widerstandsbeiwert ge- werden. Die Leistung, die gegen eine turbu-
nannt. Man misst ihn experimentell im Wind- lente Strömung aufgebracht werden muss, er-
kanal, und er ist nur bei Vernachlässigung rechnet sich wegen P = F zu
der Reibungswiderstandskraft konstant, d. h.
bei hohen Anströmgeschwindigkeiten. Abbil- ρ
P = cW A3 . (2.245)
dung 2.127 zeigt einen Pkw im Strömungska- 2
nal. In Abb. 2.128 sind einige Widerstands-
beiwerte cW für unterschiedliche Anström- Die Strömungsleistung nimmt also mit der
geometrien zusammengestellt. Ein Körper in dritten Potenz der Anströmgeschwindigkeit
Stromlinienform mit cW = 0,055 zeigt den ge- zu. (Bei der Verdopplung der Anström-
ringsten Widerstandsbeiwert. Diese Geome- geschwindigkeit z. B. verachtfacht sich die
trie hat die Besonderheit, dass der Druckab- Strömungsleistung.)
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 157

lehre eingeführt. Die Grenzschichtdicke Dl


der laminaren Strömung nimmt mit zuneh-
mender
√ Länge des Profils proportional zu
l zu. Sie ist umso dünner, je kleiner die
Viskosität ist. Die Grenzschichtdicke Dl kann
folgendermaßen abgeschätzt werden:
Wird eine Platte der Fläche A und der Länge l
mit der konstanten Geschwindigkeit  durch
eine Flüssigkeitsschicht gezogen, dann muss
nach (2.227) die Reibungskraft


FR = 2ηA
Dl

aufgebracht werden. Die zu beiden Seiten der


Platte mitgenommene Flüssigkeit der Masse

m ≈ 2ADl ρ

bewegt sich im Mittel mit der halben Ge-


schwindigkeit der Platte und erfährt in der
Zeitspanne Δt = l/  einen Impulszuwachs von

 
Δp = m ≈ 2ADl ρ .
2 2
Abb. 2.128 Widerstandsbeiwerte unterschiedlicher Nach dem Newton’schen Grundgesetz (2.24)
Körper gilt

Δp  2ADl ρ/ 2
FR = = 2ηA ≈ .
Bei der Umströmung von Körpern bildet sich Δt Dl l/ 
eine Grenzschicht D aus, innerhalb der die
Für die Grenzschichtdicke Dl ergibt sich dar-
Strömungsgeschwindigkeit von  = 0 auf den
aus:
vollen Wert ansteigt. Wie Abb. 2.129 am Bei-
spiel eines umströmten Profils zeigt, bildet sich  
zunächst eine laminare Grenzschicht aus. In ηl νl
Dl ≈ 2 = 2 . (2.246)
diesem Bereich werden die Teilchen beschleu- ρ 
nigt. Bei der weiteren Strömung entlang der
Platte nimmt der Strömungsdruck zu, sodass
wegen der jetzt beginnenden Verzögerung der Für die turbulente Strömung sind die Vorgänge
strömenden Teilchen eine Wirbelbildung ein- wegen der Wirbelbildung komplizierter. Glei-
setzt. Es entsteht auf einer laminaren Grenz- chungen zur Berechnung der Dicke der Grenz-
schicht eine turbulente Strömung. schicht einer laminaren Strömung D1 und der
Der Begriff Grenzschicht wurde von einer turbulenten Strömung Dt sind für eine
L. Prandtl (1875 bis 1957) in die Strömungs- ebene Platte in Abb. 2.129 aufgeführt.
158 2 Mechanik

Abb. 2.129 Laminare und turbulente Grenzschichtbildung bei der Umströmung von Körpern

Ähnlichkeitsgesetze chanischen Eigenschaften proportional


Um Vorgänge der Strömungsmechanik im La- sein (Geschwindigkeit, Beschleunigung,
bormaßstab studieren und um strömungs- Kraft, Dichte, Viskosität und kinematische
mechanische Anlagen, z. B. Wasserkraftwerke, Zähigkeit).
entwerfen zu können, werden im verkleiner- Nach O. Reynolds (1842 bis 1912) ist die
ten Maßstab Modelle angefertigt. Damit man hydrodynamische Ähnlichkeit erreicht, wenn
richtige Aussagen erhält, muss das Modell eine dimensionslose Zahl, die nach ihm be-
dem Original ähnlich sein. Wie Abb. 2.130 nannte Reynoldszahl Re, von Original und Mo-
zeigt, muss für strömungsmechanische Mo- dell übereinstimmen.
delle Ähnlichkeit in zwei Bereichen vorliegen:

– Geometrische Ähnlichkeit: Modell und Ori- Reynoldszahl Re


ginal müssen in ihren geometrischen Ab- Die Reynoldszahl lässt sich anschaulich aus
messungen proportional sein (Länge, Flä- den Geschwindigkeitsverhältnissen zweier
che und Volumen). Ein besonderes Problem umströmter ähnlicher Körper nach Abb. 2.131
ist die Abbildung der Oberflächenrauigkeit; herleiten. Körper A hat die Dicke LA und eine
– hydromechanische Ähnlichkeit: Modell Grenzschichtdicke von DA . Wird der Körper
und Original müssen in ihren hydrome- A um einen konstanten geometrischen Faktor
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 159


ηA LA ρB B LA
= . (2.247)
ρA A ηB LB LB

Daraus ergibt sich folgende Gleichung:


A LA ρA B LB ρB
= .
ηA ηB
Der Ausdruck Lρ/η ist die dimensionslose
Reynoldszahl Re. Es gilt also:

Lρ L
Re = = (2.248)
η ν

Abb. 2.130 Geometrische und hydromechanische Hierbei ist  die Strömungsgeschwindigkeit


Ähnlichkeit. und L eine charakteristische Länge. Diese wird
durch den Versuchsaufbau bestimmt, mit dem
die Reynoldszahl gemessen wird (z. B. ein
Rohr- oder Kugeldurchmesser oder die Länge
einer Platte). η ist die dynamische, ν die kine-
matische Viskosität. Durch den Zusammen-
hang mit der Viskosität ist die Reynoldszahl
temperatur- und bei Gasen auch druckabhän-
gig.
Bei einer laminaren Strömung ist Re < Rekrit
mit Rekrit als der kritischen Reynoldszahl. Die
Strömung ist turbulent, wenn Re > Rekrit ist.
Der Umschlag der beiden Zustände (bei Rekrit )
ist nicht sprunghaft und hängt beispielsweise
Abb. 2.131 Strömungsverhältnisse um ähnliche auch von der Störfreiheit an der Einlaufstelle
Körper ab.
Tabelle 2.10 zeigt die kritischen Reynoldszah-
len und die Widerstandsbeiwerte für ein kreis-
verkleinert, dann entsteht eine entsprechende rundes Rohr, eine Kugel und eine Platte im La-
Geometrie für den Körper B. minarbereich. (Für ein kreisrundes Rohr wird
Wegen der Kontinuitätsgleichung (2.201) blei- statt cW üblicherweise die Rohrreibungszahl λ
ben die Geschwindigkeitsverhältnisse gleich, verwendet, s. (2.242).)
wenn gilt: A / A = B / B . Damit ändern sich Bei turbulenten Strömungen spielt die Ober-
auch die Verhältnisse der anderen Größen flächenrauigkeit k eine wichtige Rolle. Sie
entsprechend, sodass für die Grenzschichtdi- hängt sehr von der Bearbeitung der Werk-
cken D und die charakteristischen Längen L stückoberfläche ab. Die Rauigkeitswerte dieser
gilt: DA / DB = LA / LB . Mit (2.246) für die Grenz- Oberflächen werden ermittelt, indem man ihre
schichtdicke D erhält man: Strömungswiderstände vergleicht mit denen,
160 2 Mechanik

Tabelle 2.10 Kritische Reynoldszahl Rekrit sowie Diagramm dargestellt. Es ist doppeltlogarith-
Rohrreibungszahl λ bzw. Widerstandsbeiwert cW (bei misch ausgeführt und zeigt vier Bereiche:
Re << Rekrit ) für verschiedene Strömungsgeometrien
– Laminarer Bereich (schräg abwärts geneigte
Rekrit λ; cW Gerade für λ = 64/ Re; Re < 2 320);
– turbulenter Bereich (Re > 2 320) und zwar
64
kreisrundes Rohr 2 320 λ= für
Re
24 • hydraulisch glatte Rohre (k = 0; Kurve a;
Kugel 1,7 · 105 bis cW = λ = f(Re)) und für
Re
4 · 105 • hydraulisch raue Rohre (Bereich II;
1,328 λ = f (k/ D)) sowie das
Platte 3,2 · 105 bis 106 cW = √
Re • Übergangsgebiet (Bereich I;
(längs angeströmt)
λ = f (Re, k/ D)).
Der in der Praxis wichtige Bereich ist in
die künstlich erzeugte Sandrauigkeiten ver- Abb. 2.132 hervorgehoben. Tabelle 2.11 zeigt
ursachen. In Abb. 2.132 ist für Rohre das den Zusammenhang zwischen der Rohrrei-
Rohrreibungszahl-(λ), -Reynoldszahl-(Re)- bungszahl λ bzw. dem Widerstandsbeiwert cW

Abb. 2.132 Rohrreibungszahl-(λ)-Reynoldszahl-(Re)-Diagramm: k Rauigkeit, D Rohrdurchmesser, k/ D relative


Rauigkeit (aus: Wärmetechnische Arbeitsmappe, VDI-Verlag 1980)
Tabelle 2.11 Rohrreibungszahl λ und Widerstandsbeiwert cW für Rohre mit dem Durchmesser D und Platten mit der Länge l in Abhängigkeit von der Rauigkeit k
und der Reynoldszahl Re.

laminare turbulente Grenzschicht


Grenz-
schicht hydraulisch glatt hydraulisch rau Übergangsgebiet

Rohre Blasius Nikuradse   Colebrook  


64 0,3164 1 D 1 2,51 k
λ= (2.249) λ= √ 4
(2.250) √ = 2 lg + 1,14 (2.252) √ = −2 lg √ + 0,27 (2.253)
Re Re λ k λ Re λ D
(2 320 < Re < 105 )
Prandtl/Karman
 √ 
1 Re λ
√ = 2 lg (2.251)
λ 2,31

0,309
cW ≈
(lg(Re/ 7)2 )
Platten Voraussetzung: cW aus empirischen Tabellenwerken
1,328 0,0745 k
cW = √ (2.254) cW = √5
(2.255) Re  100
Re Re l
0,418
cW =   2,53 (2.256)
l
2 + lg
k
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 161
162 2 Mechanik

a1 a2
und der Reynoldszahl Re für Rohre und = oder
Platten in diesen vier Strömungsgebieten. g g

Beispiel
2.12-7 Das Modell eines Pkw wird im Maßstab 1:10 [1 ]2 [2 ]2 []2
im Windkanal erprobt. Berechnet werden soll die An-
= = . (2.257)
[L1 ][g] [L2 ][g] [L][g]
blasgeschwindigkeit 2 , wenn die Strömungsverhält-
nisse des Fahrzeugs bei einer Fahrtgeschwindigkeit
1 = 120 km/h untersucht werden sollen (gleiche ki- Die Froudezahl ist die Wurzel aus diesem Aus-
nematische Zähigkeit 1 = 2 ). druck:
Lösung 
Da die Reynoldszahlen vom Original (1) und Modell Fr = √ . (2.258)
(2) übereinstimmen müssen, gilt Re1 = Re2 . Aus
Lg

v1 L1  L
= 2 2 Bei Strömungsuntersuchungen für Schiffsmo-
1 ν2
delle im Schleppkanal müssten idealerweise
erhält man
der Widerstand durch die Oberflächenwel-
L1 10
2 = 1 = 120 · km/h = 333,3 m/s . len (Froudezahl Fr) und der Reibungswider-
L2 1
stand im Wasser (Reynoldszahl Re) gleich sein.
Dieser Wert liegt kurz unterhalb der Schallgeschwin- Wie (2.248) und (2.258) zeigen, liegen aller-
digkeit für Luft (c = 344 m/s bei ϑ = 20 ◦ C). Es ist
dings völlig unterschiedliche Abhängigkeiten
deshalb empfehlenswert, den Modellmaßstab zu ver-
größern (z. B. auf 1:8). von der umströmten
√ Länge vor; es ist Re ∼ L
und Fr ∼ 1/ L. In der Praxis wird bei Schif-
fen vor allem auf Gleichheit der Froudezahl ge-
Froudezahl Fr achtet, weil der Einfluss der Oberflächenwellen
Die Froudezahl Fr (Froude, 1810 bis 1879) ist größer ist als derjenige der Reibungskraft.
ebenfalls eine dimensionslose Kennzahl und
beschreibt ähnliche Strömungen, bei denen Beispiel
vor allem die Schwerkraft FG von Bedeutung 2.12-8 Das Modell eines Schiffes im Maßstab 1:15 wird
ist. Dies ist beispielsweise bei der hydrau- im Schleppkanal untersucht. Berechnet werden soll die
Geschwindigkeit im Schleppkanal 2 für eine Fahrtge-
lischen bzw. pneumatischen Förderung von
schwindigkeit des Schiffes von 1 = 20 km/h a) bei
Staub, Sand oder Körnern der Fall, spielt gleicher Reynoldszahl Re1 = Re2 und b) bei gleicher
aber auch bei der Widerstandsermittlung Froudezahl Fr1 = Fr2 .
von Oberflächenwellen für Schiffskörper
eine Rolle. Die hydrodynamische Ähnlichkeit Lösung
(Abb. 2.130) fordert hier die Proportionalität a) Gemäß Beispiel 2.12-7 errechnet man für gleiche
von Schwerkraft FG = m g und Trägheits- Reynoldszahlen
kraft Ft = −m a:
L1 15
m1 g m1 a1 2 = 1 = 20 · km/h = 83,3 m/s .
= . L2 1
m2 g m2 a2
b) Für gleiche Froudezahlen ist
Bei einer Dimensionsbetrachtung kann 
1 
für die Dimension der Beschleunigung [a] √ =√2 .
L1 g L2 g
= []2 / [L] gesetzt werden. Dann gilt nach
Kürzen der Massen Daraus folgt
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 163

 
L1 1 Die Analyse der Laplace-Gleichung (2.197) für
2 = 1 = 20 km/h = 1,4 m/s .
L2 15 den räumlichen Verlauf der Geschwindigkeits-
funktion der Strömung um das Hindernis er-
Die beiden Geschwindigkeiten unterscheiden sich also
gibt, dass in wirbelfreien Strömungsfeldern
um den Faktor 60.
keine Auftriebskräfte entstehen. Erst der An-
fahrwirbel, der sich wegen der Grenzschicht-
Spezielle Probleme der Strömungsmechanik reibung an der hinteren Tragflügelkante ablöst,
führt zu Druckkräften auf den angeströmten
Auftrieb an umströmten Körpern Körper. Dieser Anfahrwirbel verursacht um
Treten bei der Umströmung von Körpern an den Tragflügel eine Zirkulation
der Oberseite höhere Strömungsgeschwindig-
keiten als an der Unterseite auf, so hat dies 
nach der Bernoulli-Gleichung zur Folge, dass Γ=  ds = rot  dA (2.261)
an der Oberseite ein Unterdruckgebiet und an
der Unterseite ein Überdruckgebiet entsteht,
wie Abb. 2.133a zeigt. Aus diesem Grund wird gemäß Abb. 2.133b, deren Drehimpuls den
eine dynamische Auftriebskraft FA wirksam, Drehimpuls des Anfahrwirbels kompensiert.
die analog zur Druckkraft FD (2.243) Nach der Theorie von Kutta (1867 bis 1944)
und Joukowsky (1847 bis 1921) erzeugt die
ρ
FA = cA 2 A (2.259) Zirkulation auf einen Tragflügel der Spann-
2 weite s die Auftriebskraft

beträgt mit cA als dem Auftriebsbeiwert. Die


Fläche A ist die maximale Projektionsflä- FA = ρsΓ . (2.262)
che des Körpers (z. B. bei einem Tragflügel:
A = Spannweite s mal Spanntiefe l). Die
Auftriebskraft F A und die Widerstandskraft Die resultierende Kraft F0 greift am Druck-
F W = cW ρ/ 2 2 A ergeben vektoriell addiert punkt P an (Abb. 2.133a). Aus dem Drehmo-
die resultierende Kraft ment M um den vorderen Punkt O, das vom
Anstellwinkel α abhängt, kann der Abstand
r = OP des Druckpunkts bestimmt werden.
F0 = FA + FW . (2.260)
Mit (2.259) und (2.244) folgt

Abb. 2.133 Zum dynamischen Auftrieb an umströmten Körpern: a) Kräfte, b) „Zirkulation“


164 2 Mechanik

M = r(FA cos α + FW sin α) oder Für einen Tragflügel soll die Auftriebskraft FA
möglichst groß und die Widerstandskraft FW
ρ möglichst gering werden. Ein Maß dafür ist die
M = 2 Ar(cA cos α + cW sin α) . Gleitzahl
2
(2.263)
FW cW
ε= = . (2.265)
Mit cM l = r(cA cos α + cW sin α) resultiert FA cA

ρ
M = cM 2 A l . (2.264) Die Werte für den Widerstandsbeiwert cW
2 und den Auftriebsbeiwert cA sind vom An-
stellwinkel α (Abb. 2.133a) abhängig. Diese
cM wird Momentenbeiwert genannt. Durch die Zusammenhänge werden empirisch im Wind-
Messung des Drehmomentes M im Windkanal kanal ermittelt und in ein Polardiagramm ein-
kann der Momentenbeiwert cM und damit die gezeichnet. Abbildung 2.134 zeigt das Polar-
Lage des Druckpunktes eines Tragflügelprofils diagramm der Auftriebs- und Widerstands-
bestimmt werden. beiwerte eines Hubschrauberrotorblatts.

Abb. 2.134 Auftriebs- und Widerstandsbeiwerte für das Rotorblatt eines Hubschraubers. Werkbild: MBB
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 165

Bernoulli-Gleichung für kompressible Medien Bewirkt eine Querschnittsänderung dA eine


Gase zeigen bei hohen Strömungsgeschwin- Geschwindigkeitsänderung d, so spielt bei
digkeiten ( > 0,3c; c Schallgeschwindigkeit) kompressiblen Strömungen das Verhältnis
nicht vernachlässigbare Dichteänderungen. der Strömungsgeschwindigkeit  zur Schall-
Die Bernoulli-Gleichung (2.204) gilt dann nur geschwindigkeit c des Mediums eine wichtige
noch für sehr kleine Strömungsbereiche, in Rolle. Dieses dimensionslose Verhältnis wird
denen die Höhendifferenzen vernachlässigbar als Machzahl Ma bezeichnet (E. Mach, 1838
klein sind und die Dichte näherungsweise kon- bis 1916):
stant ist. Eine differentielle Druckänderung dp
bewirkt dann eine differentielle Änderung der 
Strömungsgeschwindigkeit  d: Ma = . (2.269)
c
dp
 d + =0 oder integriert
ρ Für eine stationäre Strömung gilt dm/ dt =
ρA = konstant oder in differentieller Form

2 dp
+ = konstant . (2.266) dρ dA d
2 ρ + + =0. (2.270)
ρ A 

Diese Gleichung ist die verallgemeinerte


Mit der differentiellen Schreibweise der ver-
Bernoulli-Gleichung für kompressible Me-
allgemeinerten Bernoulli-Gleichung (2.266)
dien.
 d + dp/ρ = 0 und c2 = dp/ dρ ergibt sich
Für die adiabatischen Strömungen idealer
aus (2.270)
Gase ergibt sich nach (3.66) (Abschn. 3.3.4.4)
p/ρ{ = konstant. Wird daraus die Dichte ρ − d dA d
in (2.266) eingesetzt und diese integriert, + + =0 oder
c2 A 
ergibt sich  
dA  1
= 2− d .
A c 
2 κ p
+ = konstant . (2.267)
2 κ−1ρ Damit gilt für die Querschnittsabhängigkeit
von Über- und Unterschallströmungen (/ c =
Ma)
Bei idealen Gasen ist der Isentropenexponent
κ = cp / (cp − Ri ) (Abschn. 3.3.3, (3.60)). Mit
dA d
Hilfe der Zustandsgleichung idealer Gase (Ab- = (Ma2 − 1) . (2.271)
schn. 3.1.5, (3.20)) erhält man für die adiabati- A 
schen Gasströmungen den folgenden Zusam-
menhang zwischen der Strömungsgeschwin- Tabelle 2.12 gibt das Geschwindigkeitsver-
digkeit  und der absoluten Gastemperatur T: halten bei Querschnittsänderungen für den
Unterschall- bzw. Überschallbereich an. Es ist
2 ersichtlich, dass sich Unterschallströmungen
+ cp T = konstant . (2.268) entgegengesetzt zu den Überschallströmun-
2
gen verhalten. Im Unterschallbereich erhöht
166 2 Mechanik

Tabelle 2.12 Unterschall- und Überschallströmung bei selpumpen und die Strahlpumpen von Bedeu-
Querschnittsänderung ( Strömungsgeschwindigkeit, tung. Die folgenden Beispiele beziehen sich auf
c Schallgeschwindigkeit) die in der Praxis häufig eingesetzte Kreisel-
pumpe und auf die Begriffe, Zeichen und Ein-
Quer- Quer- Quer-
schnitts- schnittser- schnitts-
heiten nach DIN EN 24 260, die im Pumpenbau
verengung weiterung mini- üblich sind.
mum Die Funktion HA = f (Q) wird Anlagekennli-
dA < 0 dA > 0 dA = 0 nie (Rohrleitungskennlinie) genannt. Sie hat
den schematischen Verlauf gemäß Abb. 2.136.
Unterschall entweder
Bei der Pumpenkennlinie H = f (Q) dage-
Ma < 1 d > 0 d < 0 d = 0
oder gen nimmt bei Strömungspumpen mit zuneh-
Überschall =c mendem Förderstrom Q die Förderhöhe H ab
Ma > 1 d < 0 d > 0 (Abb. 2.136).
Abbildung 2.137 zeigt das Schema einer Pump-
station. Die Bernoulli-Gleichung (2.204) für
diese Anlage lautet unter der Berücksichtigung
sich bei Querschnittsverengung die Geschwin-
der Reibungsverluste durch die Verlusthöhe hV
digkeit, während sie sich im Überschallbereich
für den Eintritt e bzw. den Austritt a
vermindert. In Höhen oberhalb h = 180 km
ist die Atmosphäre allerdings so dünn, dass
keine Schallausbreitung mehr stattfinden Pe 2
he + HA + + e
kann. Die Machzahl ist dann bedeutungslos. ρg 2g
– Wichtig ist ebenfalls das unterschiedliche Pa 2
= ha + h + + a .
Verhalten bei einer Querschnittserweiterung. ρg 2g
Bei einer Lavaldüse ist dies beispielsweise der
Fall. Deshalb ist am Einlauf  < c, sodass am Die Geschwindigkeiten e und a sind in den
engsten Querschnitt  = c wird. Bei einem Dif- Punkten e und a zu messen. Daraus errechnet
fusor hingegen wird  > c, wenn p genügend sich die Förderhöhe HA zu
abgesenkt wird.
pa − pe
2.12.2.4 Anwendungen HA = (ha − he ) +
ρg
! "# $
Pumpen statischer Anteil

Pumpen sind Arbeitsmaschinen zur Förde- 2 − 2e


+ a + hV (2.272)
rung von flüssigen Medien von einem nied- 2g
! "# $
rigen auf ein höheres Energieniveau. Die ver- dynamischer Anteil
schiedenen Eigenschaften der Fördermedien
(z. B. geringe oder große Viskosität, chemi-
sche Aggressivität), die Forderungen nach be- Gleichung (2.272) enthält einen statischen
stimmten Förderströmen und die Überwin- Anteil, der vom Förderstrom Q unabhängig
dung genau definierter Förderhöhen sind der ist, und einen dynamischen Anteil, der eine
Grund für die Vielzahl von Pumpentypen. In Funktion des Förderstromes Q ist. (Hierbei ist
Abb. 2.135 sind sie vergleichend gegenüber- die Verlusthöhe hV durch den Förderstrom Q
gestellt. In der Hydrodynamik sind die Krei- bedingt.) Wegen  = Q/ A resultiert
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 167

Abb. 2.135 Bauformen von Pumpen


168 2 Mechanik

Förderstrom Q = 0,06 m3 /s,


Verlusthöhe hV = 7 m,
Eintrittsquerschnitt Ae = 1,5 m2 ,
Austrittsquerschnitt Aa = 0,8 m2 ,
Wirkungsgrad η = 0,85.
Lösung
a) Nach (2.273) ergibt sich für die Förderhöhe
 
Q2 Q2

pa − pe A2a A2e
HA = (ha − he ) + + + hV
Abb. 2.136 Förderstrom Q in Abhängigkeit von der ρg 2g
Förderhöhe HA  
⎡ ⎤
0,062 0,062

⎢ (11 − 6) · 105 0,82 1,52 ⎥
=⎢
⎣5 + 907 · 9,81 + + 7⎥
⎦m
2 · 9,81

= 68,19 m .
ρgQH
b) Der Leistungsbedarf ist P = = 42,8 kW.
η

Wasserturbinen
Wasserturbinen sind Wasserkraftmaschinen,
in denen hydraulische Energie (Lageener-
gie und Strömungsenergie) in mechanische
Arbeit umgewandelt wird. Je nach Anteil
Abb. 2.137 Schema einer Pumpstation der Lageenergie (bestimmt durch die Fall-
höhe H) im Verhältnis zur Strömungsenergie
unterscheidet man drei Ausführungen, die
pa − pe
HA = (ha − he ) + nach ihren Konstrukteuren Pelton-Turbinen
ρg
 2  2 (L. A. Pelton, 1829 bis 1908), Francis-
Q Q Turbinen (J. B. Francis, 1815 bis 1892) und

A2a A2e Kaplan-Turbinen (V. Kaplan, 1876 bis 1934)
+ + hV . (2.273)
2g genannt werden; außerdem gibt es noch S-
Turbinen (S-förmiger Strömungskanal) und
Mit zunehmendem Förderstrom Q nimmt die Rohrturbinen (Abb. 2.139) Nach der Fallhöhe
erforderliche Förderhöhe HA der Pumpe zu. werden die Wasserturbinen eingeteilt in
– Hochdruck-Turbinen: Bei ihnen ist die Fall-
Beispiel
2.12-9 Die Förderhöhe HA und der Leistungsbedarf höhe H groß (H > 200 m) und der Volumen-
P einer Kesselspeisepumpe (Höhenunterschied ha − strom Q klein. Beispiele dafür sind Pelton-
he = 5 m; ρ = 907 kg/m3 ) sollen errechnet werden und Francis-Turbinen;
(analog DIN EN 24 260). Die Anlage weist folgende – Mitteldruck-Turbinen: Bei ihnen ist die
Betriebsdaten auf: Fallhöhe H mittelgroß und der Volumen-
Eintrittsdruck pe = 6 · 105 Pa, strom Q ebenfalls. Beispiele dafür sind
Austrittsdruck pa = 11 · 105 Pa, Francis- und Kaplan-Turbinen;
2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 169

– Niederdruck-Turbinen: Bei ihnen ist die Die Anwendungsbereiche von Wasserturbi-


Fallhöhe H klein (H < 50 m) und der Vo- nen in Abhängigkeit von Fallhöhe H und
lumenstrom Q groß. Beispiele hierfür sind spezifischer Drehzahl nq sind in Abb. 2.138
Kaplan-, S- und Rohr-Turbinen. dargestellt. Daraus ist ersichtlich, dass Pelton-
Turbinen für hohe Fallhöhen bei niedrigen
Um diese verschiedenen Turbinentypen sowie
spezifischen Drehzahlen und Kaplan- bzw. S-
unterschiedliche Baugrößen desselben Typs
oder Rohrturbinen bei niedrigen Fallhöhen
untereinander vergleichen zu können, dient
und hohen spezifischen Drehzahlen zum
die spezifische Drehzahl nq . Sie ergibt sich
Einsatz kommen. In den Überschneidungs-
aufgrund von Ähnlichkeitsgesetzen aus ana-
bereichen muss man die Vor- und Nachteile
logen Überlegungen wie die Reynolds- bzw.
der Turbinenart abwägen. Häufig sind die
die Froundezahl (Abschn. 2.12.2.3). Sie ist die
örtlichen Gegebenheiten ausschlaggebend. In
Drehzahl, die sich ergibt, wenn die Turbinen
Abb. 2.139 sind die Turbinentypen verglei-
bei einer Fallhöhe H = 1 m einen Volumen-
chend gegenübergestellt. Es sind außerdem
strom Q = 1 m3 /s verarbeiten. Der Zusam-
Einbaubeispiele und Laufräder der verschie-
menhang zwischen Fallhöhe und Volumen-
denen Turbinenarten sowie konstruktive
strom ergibt sich aus
Merkmale und Einsatzbereiche aufgeführt.
√ In Abschn. 2.12.2.2 ist darauf hingewiesen,
n Q
nq = (2.274) dass nach der Bernoulli-Gleichung (2.204) der
H 0,75
statische Druck pstat mit zunehmender Strö-
mit n als der Drehzahl der Anlage. mungsgeschwindigkeit  abnimmt. Sinkt der

Abb. 2.138 Anwendungsbereiche der verschiedenen Arten von Wasserturbinen. Werkbild: Voith
170 2 Mechanik

Abb. 2.139 Wasserturbinentypen. Werkfotos: Voith


2.12 Mechanik der Flüssigkeiten und Gase-, Hydro- und Aeromechanik 171

statische Druck unter den Dampfdruck pD


p0 − pD
der Flüssigkeit, dann bilden sich Dampfbla- σ= (2.276)
2 ρ0
1 2
sen oder vorhandene Blasen vergrößern sich.
Steigt der Druck wieder an, dann konden-
siert der Dampf in den Hohlräumen, und Dabei ist p0 der Referenzdruck und 0 die Re-
das Strömungsmedium schlägt mit hoher Ge- ferenzgeschwindigkeit. Bestimmt man experi-
schwindigkeit auf das Turbinenmaterial. Die- mentell die kritische Kavitationszahl σkr , bei
ser Vorgang wird Kavitation (Hohlraumbil- der Kavitation einsetzt, dann ist für σ > σkr
dung) genannt. Dabei können Druckspitzen die Strömung frei von Kavitation.
bis 1010 Pa bei Frequenzen um 2 kHz auftre-
ten. Diese ständigen Beanspruchungen füh- Zur Übung
ren zur Zerstörung der Materialoberfläche. Die Ü 2.12-10 Ein Öltankeinlauf liegt 6 m höher als die
Pumpe (Förderstrom V̇ = 0,8 l/s). Das Zuleitungsrohr
kritische Geschwindigkeit, oberhalb der Ka-
hat eine Länge von l = 7 m und einen Durchmesser d =
vitation eintritt, lässt sich aus der Bernoulli-
1,7 cm. Wie groß ist der erforderliche Pumpendruck
Gleichung (2.204) zu (ρÖl = 0,85 kg/l; ηÖl = 0,2 N s/m2 )?


2(pges − pD ) Ü 2.12-11 Zur Messung der dynamischen Viskosität η
krit = (2.275) eines Öls (ρÖl = 0,85 kg/l) wird ein Kugelfallviskosi-
ρ meter benutzt. Die Stahlkugel (ρK = 7,85 kg/dm3 ) hat
einen Durchmesser d = 2 mm und fällt in t = 2 s s =
10 cm weit. Wie groß ist η?
abschätzen. Sie ist für Wasser bei pges = 1 bar
und 20 ◦ C (pD = 2 340 Pa) krit = 14 m/s. Dies
Ü 2.12-12 Ein Segelflugzeug der Masse m = 200 kg
bedeutet, dass mit der Kavitation bei vielen
und der Projektionsfläche A = 18 m2 fliegt mit ei-
Wassermaschinen gerechnet werden muss. Bei ner Geschwindigkeit  = 60 km/h unter einem Gleit-
der Konstruktion von Wasserturbinen sollte winkel ε = 8◦ . Wie groß sind Auftriebs- und Wider-
daher darauf geachtet werden, dass standskraft? Zu bestimmen sind ferner der Wider-
standsbeiwert cW und der Auftriebsbeiwert cA (ρLuft =
– möglichst hohe äußere Drücke auftreten, 1,25 kg/m3 ).
– dünne Schaufelprofile verwendet werden
und Ü 2.12-13 Ein Wasserbehälter hat am Boden eine
– nur kleine Anstellwinkel möglich sind. waagerechte Ausflussröhre mit dem Durchmesser d =
1,2 mm, die l = 50 cm lang ist. Aus welcher Höhe h über
Zur Beurteilung der Gefahr auftretender der Ausflussröhre sinkt der Wasserspiegel ab, wenn
Kavitation kann die Kavitationszahl σ nach turbulente Strömung in laminare Strömung umschlägt
D. Thoma herangezogen werden: (ηW = 10−3 N s/m2 )?
Kapitel 3
Thermodynamik 3

E. Hering et al., Physik für Ingenieure,


DOI 10.1007/978-3-642-22569-7_3, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2012
3 Thermodynamik
3.1 Grundlagen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175
3.1.1 Einführung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175
3.1.2 Thermodynamische Grundbegriffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177
3.1.3 Temperatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179
3.1.4 Thermische Ausdehnung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181
3.1.5 Allgemeine Zustandsgleichung idealer Gase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185
3.2 Kinetische Gastheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188
3 3.2.1
3.2.2
Gasdruck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Thermische Energie und Temperatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
188
190
3.2.3 Geschwindigkeitsverteilung der Gasmoleküle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192
3.3 Hauptsätze der Thermodynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194
3.3.1 Wärme. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194
3.3.2 Erster Hauptsatz der Thermodynamik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197
3.3.3 Berechnung der Wärmekapazitäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201
3.3.4 Spezielle Zustandsänderungen idealer Gase. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204
3.3.5 Kreisprozesse. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212
3.3.6 Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222
3.3.7 Thermodynamische Potentiale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229
3.3.8 Dritter Hauptsatz der Thermodynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231
3.4 Zustandsänderungen realer Gase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232
3.4.1 Van-der-Waals’sche Zustandsgleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233
3.4.2 Gasverflüssigung (Joule-Thomson-Effekt) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 236
3.4.3 Phasenumwandlungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237
3.4.4 Dämpfe und Luftfeuchtigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245
3.5 Wärmeübertragung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248
3.5.1 Wärmeleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248
3.5.2 Konvektion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 254
3.5.3 Wärmestrahlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 258
3.5.4 Wärmedurchgang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264
3 Thermodynamik

3.1 Grundlagen ten (z. B. die spezifische Wärmekapazität) er-


geben. In Abb. 3.1 sind diese Betrachtungswei-
3.1.1 Einführung sen gegenübergestellt.
Ein thermodynamisches System kann mit sei-
Die Thermodynamik beschreibt die Zustände ner Umgebung in Wechselwirkung stehen. Fin-
und deren Änderung infolge der Wechselwir- det kein Austausch von Energie und Masse
kung mit der Umgebung von kompliziert zu- über die Systemgrenzen statt, so ist das Sys-
sammengesetzten makroskopischen Systemen tem abgeschlossen. Wird nur die Arbeit W
durch eine geringe Anzahl makroskopischer (z. B. mechanische, elektrische, magnetische
Variablen, wie z. B. Druck oder Temperatur, Arbeit) ausgetauscht, liegt ein adiabates Sys-
sowie durch thermodynamische Potentiale. tem vor. Bei geschlossenen Systemen findet ein
Das System kann makroskopisch betrachtet Austausch von Arbeit W und Wärme Q und
werden. Hierbei wird das gesamte System bei offenen Systemen noch zusätzlich ein Mas-
durch makroskopisch messbare Systemei- seaustausch statt.
genschaften und deren Zusammenhänge Die wichtigsten Erkenntnisse in der Thermo-
beschrieben. Dies wird als phänomenolo- dynamik sind in vier Hauptsätzen formuliert.
gische Thermodynamik bezeichnet, die der Der erste Hauptsatz ist der Energieerhaltungs-
älteste Zweig der Thermodynamik ist. satz. Er besagt, dass die Änderung der inne-
Das System kann auch mikroskopisch betrach- ren Energie ΔU durch Wärmezufuhr Q und
tet werden. Hierbei werden die makrosko- (oder) Arbeitsverrichtung W erfolgen kann.
pischen Systemeigenschaften auf die Wech- Der zweite Hauptsatz sagt mit Hilfe des Entro-
selwirkungen der Systembestandteile (Atome, piebegriffs etwas über die Richtung von Zu-
Moleküle) zurückgeführt. Die Beschreibung standsänderungen aus. Bei reversiblen Prozes-
erfolgt mit den statistischen Methoden der sen ist die Entropieänderung null; bei irre-
klassischen Mechanik bzw. der Quantenme- versiblen Prozessen ist sie positiv, d. h., die
chanik. Beispielsweise erklärt die kinetische Wärme ist nicht vollständig in andere Energie-
Gastheorie das Zustandekommen des Gas- formen umwandelbar. Von der Thermodyna-
drucks und ermöglicht ein tieferes Verständ- mik irreversibler Prozesse sind die Transport-
nis des Temperaturbegriffs. Oder es können und Ausgleichsvorgänge von besonderer prak-
mit Hilfe der Statistik thermodynamische Po- tischer Bedeutung. Die Entropie S lässt sich
tentiale hergeleitet werden, aus denen sich auch mikroskopisch als Wahrscheinlichkeits-
alle Zustandsgrößen und Materialeigenschaf- funktion deuten (Logarithmus der Zustands-

M. Stohrer, E. Hering, R. Martin, Physik für Ingenieure.


DOI 10.1007/978-3-642-22569-7_3 © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2012
176 3 Thermodynamik

Abb. 3.1 Strukturbild der Thermodynamik

wahrscheinlichkeit ln W multipliziert mit der auch, dass der absolute Nullpunkt (T = 0)


Boltzmann-Konstanten k). Zustandsänderun- nicht erreicht werden kann.
gen werden in Richtung maximaler Wahr- Ein thermodynamisches System – sei es gas-
scheinlichkeit (maximale Entropie) ablaufen. förmig (ideale oder reale Gase), flüssig oder
Der dritte Hauptsatz (Satz von Nernst) zeigt, fest – kann durch Zustandsgleichungen und
dass bei Annäherung der Temperatur an den Zustandsfunktionen, die nur vom Anfangs-
absoluten Nullpunkt (T → 0) die Entropie und Endzustand abhängen, beschrieben wer-
konstant wird. Diese Konstante wird gleich den. Zu den Zustandsfunktionen (thermody-
null gesetzt. Aus dem dritten Hauptsatz folgt namischen Potentialen) gehören die innere
3.1 Grundlagen 177

Energie U, die Enthalpie H, die freie Energie F, eingestellt, dann haben alle Zustandsgrößen
die freie Enthalpie G und die Entropie S. wieder wohldefinierte Werte angenommen.
Mit den Zustandsgleichungen und Zustands-
funktionen ist die Beschreibung von Gleich- Die Änderung ΔZ einer Zustandsgröße Z
gewichtszuständen und Gleichgewichtsbedin- hängt nicht von der Art der Prozessfüh-
gungen möglich. rung ab, sondern nur vom Anfangs- und
Endzustand. Es gilt
3.1.2 Thermodynamische Grundbegriffe
ΔZ = Z2 − Z1 . (3.1)
Systeme
Ein räumlich abgrenzbarer Bereich, der her-
ausgelöst von seiner Umgebung betrachtet Eine Zustandsgröße ist also eine eindeutige
werden soll, wird als System bezeichnet. Nach Funktion der unabhängigen Variablen. Bei-
Art der Systemgrenzen werden verschiedenar- spielsweise lässt sich die innere Energie U ei-
tige Systeme unterschieden, wie aus Tabelle 3.1 nes Systems (Abschn. 3.3.2) als Funktion der
hervorgeht. Variablen T und V schreiben: U = U(T, V).
Daher ist das Differenzial
   
Zustand, Zustandsgrößen, Prozessgrößen ∂U ∂U
dU = · dT + dV
In der Mechanik wird die Lage eines Punktes ∂T V ∂V T
im Raum durch drei Koordinaten festgelegt; in das totale Differenzial einer Funktion der Zu-
der Thermodynamik benutzt man Zustands- standsvariablen.
größen, um den Zustand eines Systems zu be- Im Gegensatz zu den wegunabhängigen Zu-
schreiben. Historisch bedingt wird zwischen standsgrößen sind Wärme und mechanische
den direkt messbaren thermischen Zustands- Arbeit wegabhängige Prozessgrößen. Die mit
größen dem System bei einer Zustandsänderung aus-
– Druck p, getauschten Energiebeträge sind von dem Ver-
– Volumen V, lauf des Prozesses abhängig.
– Temperatur T Infolgedessen ist eine differenziell kleine
Größe einer solchen Prozessgröße nicht das
und den davon abgeleiteten kalorischen Zu- totale Differenzial einer Funktion von Zu-
standsgrößen, wie z. B. standsvariablen. Derartige kleine Größen
werden im Folgenden nicht mit einem d
– innere Energie U,
versehen, sondern mit einem δ. So ist also
– Enthalpie H und
beispielsweise eine differenziell kleine Wärme
– Entropie S
δQ oder ein differenziell kleiner Arbeitsbetrag
unterschieden. δW.
Bleiben die Zustandsgrößen zeitlich konstant, Für jeden Gleichgewichtszustand sind die
dann befindet sich das System in einem Gleich- Zustandsgrößen durch eine Zustandsglei-
gewichtszustand. Der Zustand eines Systems chung miteinander verknüpft. So gilt z. B.
kann auf verschiedene Weise verändert wer- für ideale Gase ein einfacher Zusammenhang
den (z. B. durch Wärmezufuhr von außen). zwischen Druck, Volumen und Temperatur
Hat sich, ausgehend von dem Gleichgewichts- (Abschn. 3.1.5). Bei realen Gasen ist der
zustand 1, ein neuer Gleichgewichtszustand 2 Zusammenhang komplizierter und muss em-
178 3 Thermodynamik

Tabelle 3.1 Thermodynamische Systeme

Bezeichnung Kennzeichen der Systemgrenzen Beispiele


des Systems

offen durchlässig für Materie und Energie Wärmeübertrager, Gasturbine


geschlossen durchlässig für Energie, undurchlässig geschlossener Kühlschrank,
für Materie Warmwasserheizung, Heißluftmotor
abgeschlossen undurchlässig für Energie und Materie verschlossenes Thermosgefäß
adiabat undurchlässig für Materie und Wärme, rasche Kompression in einem Gasmotor
durchlässig für mechanische Arbeit

pirisch und mit Hilfe von Modellrechnungen Die Maßeinheit einer molaren Größe enthält
ermittelt werden (Abschn. 3.4). stets Xm = … mol−1 .
Jede spezifische Größe kann leicht in die ent-
Spezifische und molare Größen sprechende molare Größe umgerechnet wer-
Viele thermodynamische Größen sind exten- den. Aus (3.2) und (3.3) folgt sofort X = xm =
siv, d. h., sie hängen von der Substanzmenge Xm ν, oder
(Masse m, Stoffmenge ν) des Systems ab (z. B.
innere Energie U, Enthalpie H). Intensive Grö- m
ßen sind davon unabhängig (z. B. Druck p, Xm =x = xM . (3.4)
ν
Temperatur T). Wird eine extensive Größe
durch die Substanzmenge dividiert, ergibt sich
eine intensive Größe. Darin ist M die Molmasse der betreffenden
Eine spezifische Größe x ergibt sich nach Substanz (Einheit kg/mol).
DIN 1345 aus einer gemessenen extensiven Die Molmasse eines chemischen Elements be-
Größe X, indem durch die Masse m des stimmt man am einfachsten aus der im Pe-
Systems dividiert wird: riodensystem angegebenen relativen Atom-
masse Ar bzw. der relativen Molekülmasse Mr
bei einem Molekül. Ist mM die Masse eines Mo-
X
x= . (3.2) leküls, dann gilt
m
mM = Mr u .
In der Maßeinheit einer spezifischen Größe u = 1,6605 · 10−27 kg ist die atomare Massen-
steht immer x = … kg−1 . Spezifische Größen einheit, nämlich ein Zwölftel der Masse eines
12
werden nach DIN 1345 mit kleinen Formel- C-Atoms. Die Zahl der Teilchen der Stoff-
buchstaben geschrieben. menge ν = 1 mol ist gegeben durch die Avoga-
Der Quotient aus einer gemessenen Größe X dro’sche Konstante NA = 6,0221 · 1023 mol−1 .
und der Stoffmenge ν ist die molare Größe Xm , Damit wird die Molmasse
die durch den Index m gekennzeichnet wird: g
M = mM NA = Mr uNA = Mr .
mol
X Hat also beispielsweise Stickstoff (N2 ) die re-
Xm = . (3.3) lative Molekülmasse Mr = 28, dann ist seine
ν
Molmasse M = 28 g/mol.
3.1 Grundlagen 179

Beispiel
3.1-1 Um m = 2 kg Wasser zu verdampfen, ist die
Verdampfungswärme Q d = 4,512 MJ erforderlich. Wie
groß sind die spezifische und die molare Verdamp-
fungswärme von Wasser?

Lösung
Für die spezifische Verdampfungswärme er-
hält man q d = Q d / m = 2,256 MJ/kg. Die Mol-
masse von Wasser ist M = 18 g/mol. Somit
beträgt die molare Verdampfungswärme
Qmd = 2,256 MJ/kg · 18 g/mol = 40,6 kJ/mol .

3.1.3 Temperatur Abb. 3.2 Prinzip eines Gasthermometers mit


konstantem Gasvolumen. Durch Heben oder Senken
Die Temperatur ist der menschlichen Emp- des Ausgleichsgefäßes A wird der Quecksilberspiegel
im linken Schenkel des U-Rohrs auf der Nullmarke
findung direkt zugänglich und wird mit Be-
gehalten. p Druck T absolute Temperatur
griffen wie „warm“ und „kalt“ umschrieben.
Körper, die sich auf verschiedener Tempera-
tur befinden, können durch Befühlen unter-
Bereits im Jahr 1704 stellte G. Amontons (1663
schieden und entsprechend ihrer Temperatur
bis 1705) fest, dass der Druck eines Gases, des-
klassifiziert werden. Bringt man zwei Körper
sen Volumen konstant gehalten wird, von der
verschiedener Temperatur in Kontakt, so stellt
Temperatur abhängt. Er schlug vor, die Tem-
man fest, dass der warme Körper kälter und der
peratur proportional zum Druck des Gases zu
kalte wärmer wird. Es findet ein Temperatur-
setzen (T ∼ p) und damit die Temperaturmes-
ausgleich statt, der dann beendet ist, wenn das
sung auf eine Druckmessung zurückzuführen.
System einen Gleichgewichtszustand erreicht
Man erreicht dies mit Hilfe des in Abb. 3.2 dar-
hat. Dieser Sachverhalt wird durch den nullten
gestellten Gasthermometers. Es lässt sich zei-
Hauptsatz der Thermodynamik ausgedrückt:
gen, dass die Temperatur des Gasthermome-
ters für ideale Gase (Abschn. 3.1.4 und 3.1.5)
Im thermischen Gleichgewicht haben
identisch ist mit der oben erwähnten thermo-
alle Bestandteile eines Systems dieselbe
dynamischen Temperatur. Die Abweichungen,
Temperatur.
die reale Gase zeigen, kann man rechnerisch
berücksichtigen.
Der vorgenannte subjektive Temperaturbegriff Der im Gasthermometer bestimmte Gasdruck
muss natürlich durch eine Temperaturdefi- p kann erst dann in eine Temperatur T umge-
nition mit entsprechenden Messvorschriften rechnet werden, wenn die Proportionalitäts-
ersetzt werden. Die exakte Definition der sog. konstante zwischen Druck und Temperatur
thermodynamischen Temperatur geschieht festgelegt ist. Alle Experimente, besonders die
über den Wirkungsgrad einer idealen Wär- in Abschn. 3.1.4 geschilderten von Gay-Lussac,
mekraftmaschine und wird in Abschn. 3.3.5 zeigen, dass es einen absoluten Nullpunkt der
behandelt. Temperatur gibt. Um eine Temperaturskala
180 3 Thermodynamik

Tabelle3.2 Definierende Fixpunkte der ITS-90. Wenn nicht anders angegeben, beträgt der Druck pn = 101,325 kPa

Gleichgewichtszustand T90 in K ϑ90 in ◦ C

Siedepunkt von Helium bei verschiedenen 3 bis 5 −270,15 bis


Dampfdrücken −268,15
Tripelpunkt des Gleichgewichtswasserstoffs 13,8033 −259,3467
Siedepunkt von Wasserstoff beim Dampfdruck 32,9 kPa 17 −256,15
und 102,2 kPa 20,3 −252,85
Tripelpunkt des Neons 24,5561 −248,5939
Tripelpunkt des Sauerstoffs 54,3584 −218,7916
Tripelpunkt des Argons 83,8058 −189,3442
Tripelpunkt des Quecksilbers 234,3156 −38,8344
Tripelpunkt des Wassers 273,16 0,01
Schmelzpunkt der Galliums 302,9146 29,7646
Erstarrungspunkt des Indiums 429,7485 156,5985
Erstarrungspunkt des Zinns 505,078 231,928
Erstarrungspunkt des Zinks 692,677 419,527
Erstarrungspunkt des Aluminiums 933,473 660,323
Erstarrungspunkt des Silbers 1 234,93 961,78
Erstarrungspunkt des Goldes 1 337,33 1 064,18
Erstarrungspunkt des Kupfers 1 357,77 1 084,62

festzulegen, ist daher nur noch die Tempe- Die so definierte Kelvin-Skala hat dieselbe Ska-
ratur eines weiteren Punktes zu definieren. lenteilung wie die bereits 1742 von A. Celsius
Dazu wurde der Tripelpunkt des Wassers zu (1701 bis 1744) vorgeschlagene Skala, bei der
TTr = 273,16 K (Kelvin) festgelegt. Der Tripel- Schmelz- und Siedepunkte des Wassers unter
punkt ist der Zustand, bei dem in einem Gefäß Normdruck (0 ◦ C bzw. 100 ◦ C) als Fixpunkte
der feste, flüssige und gasförmige Aggregatzu- dienen. Der Zusammenhang zwischen der ab-
stand miteinander im Gleichgewicht sind. Der soluten Temperatur T in Kelvin und der Tem-
Tripelpunkt des Wassers ist leicht herzustellen peratur ϑ in Grad Celsius ergibt sich aus
und mit einer Toleranz von einigen Millikel-
vin reproduzierbar. Die 13. Generalkonferenz
ϑ T
für Maße und Gewichte (GKMG) legte 1967 als
◦ = − 273,15 . (3.5)
Einheit für die Temperatur fest: C K

1 Kelvin ist der 273,16te Teil der ther-


Durch diese Definition wird erreicht, dass
modynamischen Temperatur des Tripel-
Temperaturdifferenzen in beiden Einheiten
punktes von Wasser.
dieselbe Maßzahl haben.
Für den praktischen Gebrauch wurde die In-
Die Einheit Kelvin (K) für die absolute Tempe- ternationale Temperaturskala von 1990 (ITS-
ratur wurde zu Ehren von W. Thomson (1824 90) erarbeitet. Sie stützt sich auf 17 gut
bis 1907), dem späteren Lord Kelvin gewählt, reproduzierbare thermodynamische Gleich-
auf den die Temperaturskala zurückgeht. gewichtszustände als definierende Fixpunkte
3.1 Grundlagen 181

(Tabelle 3.2) und gilt als derzeit beste Darstel- nungskoeffizient. Sie ist ein Materialparame-
lung thermodynamischer Temperaturen. ter und kann näherungsweise konstant gesetzt
Zur Interpolation zwischen den Fixpunkten werden. In der Wirklichkeit steigt der Längen-
wird zwischen 0,65 K und 5 K die Temperatur ausdehnungskoeffizient α mit der Temperatur
aus dem Dampfdruck von 3 He bzw. 4 He leicht an; Tabelle 3.4 enthält einige mit 106 mul-
bestimmt; zwischen 3 K und 24,5561 K mit tiplizierte Mittelwerte für die Temperaturbe-
einem Gasthermometer. Oberhalb 13,8033 K reiche 0 ◦ C  ϑ  100 ◦ C und 0 ◦ C  ϑ 
bis 1 234,93 K werden Pt-Widerstandsthermo- 500 ◦ C.
meter und für noch höhere Temperaturen Mit der Längenausdehnung der Körper ist
Spektralpyrometer eingesetzt. zwangsläufig eine Volumenänderung ver-
knüpft. Für das Volumen V2 eines Würfels bei
Temperaturmessung der Temperatur ϑ2 gilt nach (3.7), wenn V1
Jede physikalische Größe, die sich mit der Tem- das Volumen bei ϑ1 ist
peratur ändert, kann zur Temperaturmessung
herangezogen werden. Für die verschiedens- V2 = l23 = l13 [1 + α(ϑ2 − ϑ1 )]3 =
ten Messaufgaben, Messobjekte und Tempe- = V1 [1 + 3α(ϑ2 − ϑ1 ) + 3α2 (ϑ2 − ϑ1 )2
raturbereiche wurden unterschiedliche Mess- + α3 (ϑ2 − ϑ1 )3 ] .
verfahren entwickelt. Eine Zusammenstellung
gängiger Methoden enthält Tabelle 3.3. Die Die beiden letzten Glieder der Klammer sind
VDE/VDI-Richtlinien 3511 geben eine aus- gegenüber dem linearen Glied vernachlässig-
führlichere Darstellung sowie eine Zusam- bar. Daher erhält man in guter Näherung
menstellung der relevanten DIN-Normen.
V2 = V1 [1 + γ (ϑ2 − ϑ1 )] (3.8)
3.1.4 Thermische Ausdehnung
Festkörper oder für die relative Volumenänderung
Die meisten Festkörper dehnen sich bei Erwär-
mung aus. Die relative Verlängerung Δl/ l eines ΔV
Stabes kann innerhalb bestimmter Grenzen = γ ΔT (3.9)
V
proportional zur Temperaturänderung ΔT ge-
setzt werden:
mit ΔT = T2 − T1 = ϑ2 − ϑ1 und dem Raum-
ausdehnungskoeffizienten
Δl
= αΔT . (3.6)
l
γ = 3α . (3.10)
Ist die Länge l1 bei der Temperatur ϑ1 bekannt,
so folgt für die Länge l2 bei der Temperatur ϑ2
Beispiel
3.1-2 Eine Messingkugel (α = 19 · 10−6 K−1 ) hat
l2 = l1 [1 + α(ϑ2 − ϑ1 )] (3.7) bei der Temperatur ϑ1 = 20 ◦ C den Durchmesser
d1 = 20,00 mm. Auf welche Temperatur ϑ2 muss sie
erwärmt werden, damit sie in einem Ring mit dem
mit ΔT = T2 − T1 = ϑ2 − ϑ1 . Die Propor- Innendurchmesser d2 = 20,03 mm stecken bleibt? Wie
tionalitätskonstante α ist der Längenausdeh- hat sich das Kugelvolumen verändert?
182 3 Thermodynamik

Tabelle 3.3 Temperaturmessverfahren

Thermometertyp Messbereich Fehlergrenzen physikalisches Messprinzip


in ◦ C

Flüssigkeits-
Glasthermometer
Füllung:
Pentangemisch −200 bis 30 Näherungsweise Thermische Ausdehnung einer Flüssig-
Alkohol −110 bis 210 in Größenord- keit wird zur Temperaturmessung ver-
Toluol −90 bis 100 nung der Ska- wendet. Die Temperatur wird aus dem
mechanische Berührungsthermometer

Hg–Tl −58 bis 30 lenteilung. Stand der Flüssigkeit in einer Glas-


Quecksilber −38 bis 800 Details in kapillare ermittelt.
Galliumlegierung bis 1 000 VDE/VDI 3511
Flüssigkeits- −35 bis 500 1 bis 2% des Thermische Ausdehnung einer Flüssig-
Federthermo- Anzeige- keit (z. B. Hg unter 100 bis 150 bar)
meter bereichs wird auf eine Rohr- oder Schnecken-
feder übertragen.
Dampfdruck- −50 bis 350 1 bis 2% des Dampfdruck einer Flüssigkeit (Ethyl-
Federthermo- Anzeigebereichs ether, Hexan, Toluol, Xylol) wird auf
meter eine Rohr- oder Schneckenfeder
übertragen.

Stabausdehnungs- 0 bis 1 000 1 bis 2% des An- Thermische Ausdehnung eines Metall-
thermometer zeigebereichs stabs bewegt ein Messwerk.
Bimetallthermo- −50 bis 400 1 bis 3% des An- Thermobimetall besteht aus zwei fest
meter zeigebereichs miteinander verbundenen Schichten aus
Werkstoffen mit unterschiedlichen ther-
mischen Ausdehnungskoeffizienten und
krümmt sich bei Temperaturänderung.
Thermoelemente
elektrische Berührungsthermometer

AuFe–NiCr −270 bis 0 0,75% des Tem- Zwischen zwei Verbindungsstellen ver-
Cu-Konstantan −200 bis 400 peratur-Soll- schiedener Metalle entsteht eine Ther-
Fe-Konstantan −200 bis 700 werts, mindes- mospannung, wenn die Verbindungs-
NiCr-Konstantan −200 bis 900 tens 3 K stellen auf verschiedenen Temperaturen
Pt–PtRh 0 bis 1 600 sind (Seebeck-Effekt).
W–WMo 0 bis 3 300
Widerstands-
thermometer
Platin −250 bis 1 000 0,3 bis 5 K Temperaturabhängigkeit des elektri-
Nickel −60 bis 180 0,2 bis 2,1 K schen Widerstandes von Metallen und
Heißleiter −273 bis 400 0,5 bis 1,5 K Halbleitern dient zur Temperaturbe-
Kaltleiter 40 bis 270 stimmung.
3.1 Grundlagen 183

Tabelle 3.3 (Fortsetzung)

Thermometertyp Messbereich Fehlergrenzen physikalisches Messprinzip


in ◦ C

Strahlungs-
pyrometer
berührungslose Thermometer

Spektralpyrom. 650 bis 5 000 1 bis 35 K Temperatur eines Körpers wird aus der
Bandstrahlungsp. 50 bis 2 000 1 bis 1,5% Energiestromdichte seiner elektro-
Gesamtstrah- –40 bis 3 000 des Bereichs magnetischen Strahlung bestimmt.
lungspyrometer Messung erfolgt entweder in engem
Spektralbereich, breitem Spektral-
band oder im gesamten Spektrum.
Verteilungs-
pyrometer
Farbangleichpyr. 1 150 bis 2 000 10 bis 25 K Rote und grüne Strahlungsanteile von
Verhältnis- 200 bis 2 200 1 bis 1,5% Messstelle und Referenzlampe werden
pyrometer des Bereichs verglichen. Vergleich erfolgt subjektiv
durch Farbvergleich oder objektiv
durch Fotoempfänger.

Fotothermo- 250 bis 1 000 ±1 K Die Oberfläche eines heißen Körpers


metrie wird mit infrarotempfindlichen Platten
fotografisch aufgenommen. Zur Un-
tersuchung von Temperaturfeldern ge-
eignet.
Temperatur- 40 bis 1 350 ±5 K Auf Messkörper wird Farbe aufge-
messfarben bracht, die bei Erreichen einer bestim-
besondere Messverfahren

mten Temperatur den Farbton ändert.


Temperaturkenn- 100 bis 1 600 ±7 K Zylindrische Körper aus Metalllegie-
körper rungen zeigen durch Schmelzen eine
bestimmte Temperatur an.
Segerkegel 600 bis 2 000 Mischung aus Ton und Feldspat wird
bei Erreichen einer bestimmten Tempe-
ratur weich, der Kegel neigt sich zur
Seite.
akustisches –271 bis –253 Temperaturabhängigkeit der Schall-
Thermometer geschwindigkeit in Gasen ist ein Maß
für die Temperatur.
magnetisches –273 bis –200 Magnetische Suszeptibilität paramagne-
Thermometer tischer Salze hängt reziprok von der
absoluten Temperatur ab.
Glasfaser- 50 bis 250 Auflösung Die Fähigkeit einer Glasfaser, Licht-
thermometer 0,1 K wellen zu führen, hängt vom tempera
turempfindlichen Brechungsindex ab.
184 3 Thermodynamik

Tabelle 3.4 Mittlerer linearer Längenausdehnungs- Es gelten (3.8), (3.9) und (3.11); allerdings ist
koeffizient α einiger Festkörper in verschiedenen der Raumausdehnungskoeffizient γ größer als
Temperaturbereichen bei Festkörpern. Einige Zahlenwerte enthält
Tabelle 3.5.
106 α 106 α
in K−1 in K−1
Bemerkenswert ist die Anomalie des Wassers.
Temperaturbereich 0 ◦C  ϑ 0 ◦C  ϑ Bei der Temperatur ϑ = 4 ◦ C hat die Dichte
 100 ◦ C  500 ◦ C ihr Maximum mit ρmax = 0,999973 kg/dm3 .
Wenn im Winter ein See zufriert, sammelt sich
Aluminium 23,8 27,4 das Wasser von ϑ = 4 ◦ C und größter Dichte
Kupfer 16,4 17,9
am Grund; darüber liegen die kälteren und
Stahl C 60 11,1 13,9
rostfreier Stahl 16,4 18,2 leichteren Schichten. Weil die kalten Schich-
Invarstahl 0,9 ten nicht absinken, erfolgt keine Wärmeüber-
Quarzglas 0,51 0,61 tragung durch Konvektion. Der Wärmetrans-
gewöhnliches Glas 9 10,2 port durch Wärmeleitung ist nicht sehr effektiv
(Abschn. 3.5), sodass tiefe Seen nicht bis zum
Grund durchgefrieren.
Lösung
Nach (3.6) ist die Temperaturänderung
Gase
Δd 0,03 mm Bei Gasen hängt das Volumen vom Druck
ΔT = = = 79 K .
dα 20 mm · 19 · 10−6 K−1 und der Temperatur ab. Messungen von
Also ist die erforderliche Temperatur ϑ2 = 99◦ C. J. A. C. Charles (1746 bis 1823), die von
Die relative Volumenvergrößerung beträgt nach (3.9) J. L. Gay-Lussac (1778 bis 1823) vertieft
und (3.10) wurden, ergaben, dass bei einem Gas unter
konstantem Druck das Volumen linear mit der
ΔV
= γ ΔT = 3αΔT = 4,5 · 10−3 . Temperatur gemäß (3.9) variiert:
V

V(ϑ) = V0 (1 + γ ϑ) ,
Die Dichte ρ eines Körpers ist umgekehrt pro-
portional zum Volumen. Für die Temperatur- wenn V0 das Volumen bei ϑ0 = 0 ◦ C ist.
abhängigkeit gilt Experimente liefern für den Raumausdeh-
nungskoeffizienten γ im Gay-Lussac’schen
m
ρ(ϑ) = . Gesetz für fast alle Gase den gleichen Wert.
V0 (1 + γϑ)
Die Unterschiede zwischen den einzelnen
Ist ρ0 = m/ V0 die Dichte bei ϑ0 = 0◦ C, dann
ist die Dichte bei der Temperatur ϑ
Tabelle 3.5 Raumausdehnungskoeffizient γ einiger
Flüssigkeiten bei der Temperatur ϑ = 20 ◦ C
ρ0
ρ(ϑ) = ≈ ρ0 (1 − γϑ) . (3.11)
103 γ in K−1
1 + γϑ Stoff

Wasser 0,208
Quecksilber 0,182
Flüssigkeiten Pentan 1,58
Ethylalkohol 1,10
Weil Flüssigkeiten keine Eigengestalt haben, Heizöl 0,9 bis 1,0
ist nur die Volumenänderung von Interesse.
3.1 Grundlagen 185

Wird das Volumen eines Gases konstant gehal-


ten und die Temperatur verändert, dann vari-
iert der Druck p gemäß

p(ϑ) = p0 (1 + γϑ) (3.13)

oder

T p
p(T) = p0 bzw. = konst. (3.14)
Abb. 3.3 Zusammenhang zwischen dem Volumen V T0 T
und der Temperatur T eines idealen Gases bei
konstantem Druck
Diese Gleichung ist die Grundlage der Tem-
peraturbestimmung nach Amontons mit Hilfe
des Gasthermometers.
Gasen werden umso geringer, je niedriger der
Druck p ist. Im Grenzfall p → 0 ergibt sich für
alle Gase 3.1.5 Allgemeine Zustandsgleichung idealer
Gase
1
γ = 0,003661 K−1 = .
Das Volumen V und der Druck p einer abge-
273,15 K
schlossenen Menge eines idealen Gases sind
Ein Gas in diesem Grenzzustand wird als idea- bei konstanter Temperatur durch das Gesetz
les Gas bezeichnet. von Boyle-Mariotte verknüpft:
Wie die grafische Darstellung des Gay-
Lussac’schen Gesetzes in Abb. 3.3 zeigt, wird
das Volumen bei ϑ = −273,15 ◦ C gleich null. pV = konst. (3.15)
Dies ist der absolute Nullpunkt der Tempera-
tur. Natürlich gilt das Gay-Lussac’sche Gesetz
Der Zusammenhang wurde 1662 von R. Boyle
bei sehr tiefen Temperaturen nicht mehr.
(1627 bis 1691) und unabhängig von ihm 1679
Reale Gase kondensieren beim Abkühlen;
von E. Mariotte (1620 bis 1684) experimen-
selbst am absoluten Nullpunkt muss noch
tell gefunden.
ein bestimmtes Restvolumen, nämlich das
Die Gesetze von Boyle-Mariotte, Gay-Lussac
Eigenvolumen der Atome, übrig bleiben. Die
und Charles, formuliert in (3.15), (3.12) so-
absolute Temperatur T erlaubt eine einfache
wie (3.14), lassen sich in einer Gleichung, der
Formulierung des Gay-Lussac’schen Gesetzes:
Zustandsgleichung idealer Gase kombinieren:

T V
V(T) = V0 bzw. = konst. pV
= konst. (3.16)
T0 T T
(3.12)

Reale Gase befolgen (3.16) umso besser, je ge-


Hierbei ist T0 = 273,15 K. ringer der Druck und je höher die Temperatur
186 3 Thermodynamik

ist. Die physikalischen Gründe hierfür sind in


Abschn. 3.2.1 erläutert. pV = mRi T . (3.19)
Die Zustandsgrößen Druck p, Volumen V und
Temperatur T einer konstanten Stoffmenge
eines idealen Gases gehorchen stets (3.16). Da die Gaskonstante Ri von der Dichte ρn des
Durch Auflösung nach dem Druck ergibt sich Gases abhängt, ergibt sich für jede Gasart eine
p = konst. T / V. eigene, individuelle Konstante.
Werden das Gefäßvolumen und die Tempera-
Beispiel
tur vorgegeben, dann hängt der Gasdruck und 3.1-3 Wie groß ist die individuelle Gaskonstante von
damit die Konstante von der Gasmenge ab, die trockener Luft?
sich im Gefäß befindet.
Zur Bestimmung der Konstante wird (3.16) in Lösung
Die Dichte beim Normzustand beträgt ρn =
die Form
1,2923 kg/m3 . Damit errechnet man für die Gas-
konstante
pV pn Vn
= (3.17) Ri =
101 325 N m−2
= 287,05
J
.
T Tn 273,15 K · 1,2923 kg m−3 kg K

gebracht. Die Größen mit dem Index n be- Der Nachteil, für jedes Gas eine besondere Gas-
ziehen sich auf den in DIN 1343 festgeleg- konstante in (3.19) einsetzen zu müssen, ent-
ten Normzustand mit der Normtemperatur fällt, wenn in (3.17) das Volumen Vn durch
Tn = 273,15 K (ϑn = 0 ◦ C) und dem Norm- die Stoffmenge ν ausgedrückt wird. Nach dem
druck pn = 101 325 Pa. Satz von A. Avogadro (1776 bis 1856) benö-
Das Volumen Vn des Gases hängt mit der tigt eine bestimmte Teilchenmenge eines idea-
Dichte ρn beim Normzustand und der Masse m len Gases bei bestimmten Werten des Drucks
gemäß und der Temperatur stets das gleiche Volu-
m men, und zwar unabhängig von der Gasart.
Vn = Für die Stoffmenge ν = 1 mol beträgt beim
ρn
Normzustand nach DIN 1443 das Molvolumen
zusammen. Somit wird aus (3.17) Vmn = 22,414 dm3 /mol. Somit ist das Volu-
men Vn der Teilchenmenge ν
pV pn
= m.
T Tn ρn Vn = ν Vmn ,
Die Werte für pn , Tn und ρn werden zusam- und (3.17) erhält die Form
mengefasst zu der individuellen (speziellen)
pV pn Vmn
Gaskonstanten = ν.
T Tn
pn Die Konstanten der rechten Seite fasst man
Ri = . (3.18)
Tn ρn zur universellen (molaren) Gaskonstante Rm
zusammen:

Die Zustandsgleichung idealer Gase erhält pn Vmn J


Rm = = 8,3145 .
demnach die Form Tn mol K
3.1 Grundlagen 187

Damit erhält man die Zustandsgleichung der Beispiel


idealen Gase: 3.1-4 Ein Gefäß mit V = 2 l Inhalt wird bei der Tem-
peratur ϑ = 22 ◦ C evakuiert und anschließend mit
Helium gefüllt, bis sich gegenüber dem äußeren Luft-
pV = νRm T . (3.20) druck pL = 1 016 hPa der Überdruck pü = 2,0 bar ein-
gestellt hat. Wie groß sind die Teilchenanzahl N, die
Teilchenmenge v und die Masse m des Gases?
Diese Form hat den Vorteil, dass für alle
Lösung
Gase dieselbe Gaskonstante verwendet werden Der Druck des Gases beträgt p = pL + pü =
kann. 3,016 · 105 Pa. Die absolute Temperatur ist
Die individuelle Gaskonstante Ri kann bei T = 295,15 K. Nach (3.22) folgt für die Teilchen-
Kenntnis der Molmasse M des Gases aus der anzahl
molaren Gaskonstante Rm berechnet werden. pV 3,016 · 105 N m−2 · 2 · 10−3 m3
N= =
Nach (3.4), die den allgemeinen Zusammen- kT 1,381 · 10−23 N m K−1 · 295,15 K
hang zwischen spezifischen und molaren Grö- = 1,48 · 1023 .
ßen beschreibt, gilt Die Teilchenmenge ist
pV N
ν= = = 0,246 mol .
Rm TRm NA
Ri = . (3.21)
M Helium hat die Molmasse M = 4,003 g/mol. Damit ist
die Masse des Gases m = νM = 0,985 g.

Die Anzahl der Teilchen in der Teilchenmenge


Der funktionale Zusammenhang der drei Zu-
ν = 1 mol wird durch die Avogadro’sche Kon-
standsgrößen Druck, Volumen und Tempe-
stante angegeben:
ratur in der Zustandsgleichung der idealen
NA = 6,0221 · 1023 mol−1 .
Mit der Avogadro-Konstante kann die rechte
Seite von (3.20) umgeformt werden:
Rm
pV = νNA T.
NA
Hierin ist N = νNA die Teilchenanzahl des Sys-
tems. Der Quotient
Rm J
k= = 1,38065 · 10−23
NA K
wird als Boltzmann-Konstante (L. Boltz-
mann, 1844 bis 1906) bezeichnet. Hiermit
ergibt sich eine weitere Form der Zustands-
gleichung idealer Gase:

Abb. 3.4 Zustandsfläche der Zustandsgleichung


pV = NkT . (3.22) idealer Gase. p Druck, Vm molares Volumen, T
absolute Temperatur
188 3 Thermodynamik

Gase kann in einem dreidimensionalen Raum 3.2 Kinetische Gastheorie


nach Abb. 3.4 anschaulich dargestellt werden.
Alle Gleichgewichtszustände liegen auf der ge- 3.2.1 Gasdruck
krümmten Fläche. Schnitte durch die Fläche
bei konstanter Temperatur liefern die Hyper- Die bisher phänomenologisch eingeführten
beln des Boyle-Mariotte’schen Gesetzes im p, V- Zustandsgrößen erhalten eine mechanische
Diagramm. Schnitte bei konstantem Druck er- Interpretation durch die kinetische Gastheo-
zeugen die Geraden des Gay-Lussac’schen Ge- rie. Hierbei legt man die atomare Struktur der
setzes im V, T-Diagramm, und schließlich er- Materie zugrunde und leitet die thermodyna-
geben Schnitte bei konstantem Volumen die mischen Eigenschaften der Gase aus der Bewe-
Geraden des Charles’schen Gesetzes im p, T- gung der Gasmoleküle unter Anwendung der
Diagramm. Gesetze der Mechanik ab.
Ein ideales Gas zeichnet sich dadurch aus, dass
Zur Übung es die Zustandsgleichung idealer Gase (3.15)
Ü 3.1-1 Ein Glasstab aus Pyrex-Glas und ein Maßstab
und folgende in Abschn. 3.1.5 befolgt. Ein rea-
aus Messing Ms 58 sind bei ϑ1 = 20 ◦ C genau l1 =
1 000 mm lang. Welche Länge liest man für den Glas- les Gas verhält sich dann ideal, wenn die Teil-
stab ab, wenn beide Körper auf ϑ2 = 100 ◦ C erwärmt chendichte gering und die Temperatur wesent-
werden? (αGlas = 3,2 · 10−6 K−1 ; αMs = 19 · 10−6 K−1 ) lich über der Siedetemperatur der Substanz
liegt. In diesem Zustand ist das Eigenvolumen
Ü 3.1-2 Eine kreisförmige Stahlplatte hat bei ϑ1 =
20 ◦ C den Durchmesser d1 = 1 200 mm. Um welchen
der Moleküle sehr viel kleiner als das Gefäßvo-
Betrag nimmt ihre Fläche zu, wenn sie auf ϑ2 = 96 ◦ C lumen; außerdem sind die zwischenmolekula-
erwärmt wird? ren Kräfte vernachlässigbar, da diese eine sehr
kurze Reichweite haben.
Ü 3.1-3 Wie groß ist die Zugspannung in Eisenbahn-
Die Modellsubstanz des idealen Gases hat fol-
schienen bei ϑ1 = −20 ◦ C, wenn sie bei ϑ2 = +20 ◦ C
spannungsfrei verschweißt wurden? Der Elastizitäts- gende Eigenschaften:
modul des Stahls beträgt E = 2 · 105 N/mm2 (Ab-
schn. 2.11).
– Das Gas besteht aus einer großen Anzahl
gleichartiger Teilchen, den Molekülen.
Ü 3.1-4 Bei ϑ1 = 20 ◦ C beträgt die Dichte von Queck- – Die räumliche Ausdehnung der Teilchen
silber ρ1 = 13,546 kg/dm3 . Bei welcher Temperatur ϑ2 ist so klein, dass ihr Eigenvolumen gegen-
ist die Dichte ρ2 = 13,5 kg/dm3 ?
über dem Gefäßvolumen vernachlässigbar
Ü 3.1-5 Wie groß ist die individuelle Gaskonstante von ist (Konzept des Massenpunktes).
Wasserdampf, wenn bei der Temperatur ϑ = 800 ◦ C – Zwischen den Teilchen existieren keine
und dem Druck p = 9,807 bar das spezifische Volumen Wechselwirkungskräfte, ausgenommen bei
 = 0,5 m3 /kg beträgt?
einem Zusammenstoß.
Ü 3.1-6 In ein Gefäß mit dem Volumen V = 20 l wird – Die Zusammenstöße der Teilchen unterein-
bei der Temperatur ϑ = 22 ◦ C Luft gepumpt, bis sich ander und mit den Gefäßwänden verlaufen
der Überdruck p = 100 bar einstellt. Welche Masse völlig elastisch innerhalb einer vernachläs-
hat das Gas, wenn der äußere Luftdruck pL = 1 bar sigbaren Zeitspanne.
beträgt?

Ü 3.1-7 In einem Gefäß mit V = 1 m3 Inhalt befindet


Der Druck, den ein Gas auf die Gefäßwand
sich bei der Temperatur T = 250 K und dem Druck ausübt, wurde bereits 1738 von Bernoulli so
p = 2,5 bar ein ideales Gas. Wie groß ist dessen Teil- erklärt, dass die Teilchen bei ihren Zusammen-
chenmenge? stößen mit der Wand an diese einen bestimm-
3.2 Kinetische Gastheorie 189

Abb. 3.6 Zur kinetischen Gastheorie: Kraftstöße


auf die Wand. Fi Kraft, t Zeit, a Kantenlänge, xi
Geschwindigkeit

Abb. 3.5 Zur kinetischen Gastheorie: Würfel mit


einem Molekül der Geschwindigkeit i . sie untereinander nicht zusammenstoßen, er-
x, y, z Koordinaten, a Kantenlänge
gibt sich der Druck auf die Wand durch Sum-
mation über alle N Einzelbeiträge:
ten Impuls übertragen und dadurch eine Kraft mM  2 
ausüben. Zur Bestimmung des Drucks sei zu- p= x1 + 2x2 + 2x3 + · · · + 2xN
V
nächst nach Abb. 3.5 ein Würfel der Kanten-
mM  2
N
länge a als Gefäß betrachtet, in dem sich ledig- =  .
V i = 1 xi
lich ein Molekül der Masse mM befinden soll.
Das Molekül bewege sich mit der Geschwindig-
Bei den üblichen Teilchenanzahlen verschwin-
keit i und treffe auf die rechte Wand des Wür-
det das in Abb. 3.6 angedeutete diskrete Auf-
fels. Gemäß den Stoßgesetzen von Abschn. 2.7
treten der Stöße vollkommen. Tatsächlich tref-
wird das Teilchen wie beim optischen Reflexi-
fen beispielsweise bei einem mit Luft gefüllten
onsgesetz reflektiert und gibt dabei den Impuls
Gefäß im Normzustand auf jeden Quadratzen-
Δpi = 2mM xi an die Wand ab. Nach einer be- timeter der Wand je Sekunde etwa 3 · 1023 Teil-
stimmten Laufzeit Δt wiederholt sich der Vor-
chen.
gang, sodass in regelmäßigen Abständen nach
Die Geschwindigkeiten der einzelnen Mole-
Abb. 3.6 ein Kraftstoß auf die rechte Wand aus-
küle messen zu wollen, ist ein hoffnungslo-
geübt wird. Die mittlere Kraft F i auf die rechte
ses Unterfangen. Sinnvoll sind nur statistische
Wand beträgt
Aussagen, z. B. eine Berechnung des Mittel-
Δpi 2mM xi mM 2xi werts. Der obige Ausdruck lässt sich mit dem
Fi = = = .
Δt 2a/ xi a mittleren Geschwindigkeitsquadrat
Damit ist der „Druck“, von einem Molekül her-
1  2
N
rührend, 2x = 
N i = 1 xi
Fi mM 2xi mM 2xi
pi = = = .
vereinfachen zu
A a3 V
Nun sollen sich N Teilchen mit verschiedenen mM 2
p= N x .
Geschwindigkeiten im Würfel befinden. Falls V
190 3 Thermodynamik

Nun gilt für jedes Teilchen Tabelle 3.6 Mittlere Geschwindigkeit m und
Schallgeschwindigkeit c einiger Gase beim
2 = 2x + 2y + 2z . Normzustand ϑn = 0 ◦ C und pn = 1,013 bar (ρ Dichte,
{ Isentropenexponent).
Da bei vielen Teilchen alle Raumrichtungen
gleichmäßig vorkommen, gilt für die Mittel- Gas ρ in { m in c in
werte der Geschwindigkeitsquadrate kg/m3 m/s m/s
1
2x = 2y = 2z = 2 . Helium 0,1785 1,67 1305 974
3 Argon 1,784 1,67 413 308
Demnach erhält man für den Druck Wasserstoff 0,0899 1,41 1840 1260
Sauerstoff 1,4289 1,40 461 315
1N Stickstoff 1,2505 1,40 493 337
p= mM 2 . (3.23) Luft 1,2928 1,40 485 331
3V

Diese Grundgleichung der kinetischen Gas-


Die mittlere Geschwindigkeit der Moleküle ist
theorie ist auch gültig, wenn Zusammenstöße
in der Größenordnung der Schallgeschwindig-
zwischen den Teilchen stattfinden, sowie bei
keit. Nach (5.186) gilt für die Schallgeschwin-
beliebiger Gefäßform.
digkeit
Gleichung (3.23) lässt sich mit Hilfe der Dichte

ρ = m/ V = N mM / V umschreiben: κp
c= .
ρ
1 2 κ ist der in Abschn. 3.3.4 definierte Isentro-
p= ρ . (3.24)
3 penexponent, der im Bereich 1 < κ  5/ 3
liegt. Tabelle 3.6 enthält Werte der mittleren
Diese Beziehung kann benutzt werden, um die Geschwindigkeit m und der Schallgeschwin-
mittleren Molekülgeschwindigkeiten in Gasen digkeit c für einige Gase.
zu berechnen. Als mittlere Geschwindigkeit m
wird die Wurzel aus dem mittleren Geschwin- 3.2.2 Thermische Energie und Temperatur
digkeitsquadrat 2 definiert:
Wird die Grundgleichung (3.23) der kineti-
 schen Gastheorie in der Form
 3p
m = 2 = . (3.25) 1
ρ pV = NmM 2
3
geschrieben, so ist eine Verwandtschaft mit der
allgemeinen Zustandsgleichung (3.22) idealer
Beispiel
3.2-1 Beim Normzustand beträgt die Dichte von Gase
Stickstoff ρn = 1,2505 kg/m3 . Wie groß ist die mitt-
lere Geschwindigkeit?
pV = NkT

Lösung
offensichtlich. Durch Gleichsetzen der rechten
Seiten entsteht die Beziehung

3 · 101 325 N m−2 1
m = = 493 m/s . mM 2 = kT ,
1,2505 kg m−3 3
3.2 Kinetische Gastheorie 191

die zeigt, dass das mittlere Geschwindigkeits- Durch die Verknüpfung von Temperatur und
quadrat proportional zur Temperatur ist. Dar- kinetischer Energie wird auch wieder auf
aus folgt sofort für die Temperaturabhängig- die Existenz eines absoluten Temperatur-
keit der mittleren Geschwindigkeit: Nullpunkts hingewiesen, bei dem jede Teil-
chenbewegung aufhört. (Die Quantentheorie
  lehrt, dass bei T = 0 K noch eine Nullpunkts-
3kT 3Rm T
m = = . (3.26) energie vorhanden ist.)
mM M

Gleichverteilungssatz
Beispiel Die Modellsubstanz – die Grundlage der vor-
3.2-2 Wie groß ist die mittlere Geschwindigkeit m genannten abgeleiteten Gleichungen – besteht
und die Schallgeschwindigkeit c von Luft bei ϑ = aus punktförmigen Teilchen mit jeweils f = 3
20 ◦ C? Freiheitsgraden. Da sich im zeitlichen Mit-
Lösung tel die Bewegung der Moleküle gleichmäßig
Aus (3.26) folgt auf alle drei Raumrichtungen verteilt, kann
 man die kinetische Energie eines Moleküls in
m20 293
= und m20 = 1,036m0 . drei gleiche Teile aufspalten. Auf jeden Frei-
m0 273
heitsgrad entfällt somit die mittlere thermische
Mit m0 = 485 m/s (Tabelle 3.6) ergibt sich m20 =
Energie pro Molekül
502 m/s. Im gleichen Verhältnis nimmt die Schallge-
schwindigkeit von c0 = 331 m/s auf c20 = 343 m/s zu.
1
Eine sehr plastische Deutung des Temperatur- Ef = kT . (3.29)
2
begriffs wird möglich durch Einführung der
mittleren kinetischen Energie Ekin eines Teil-
chens der Masse mM : Dieses Ergebnis kann verallgemeinert werden
auf Gase, deren Teilchen nicht punktförmig
1 sind (z. B. das hantelförmige N2 -Molekül) und
Ekin = mM 2 . (3.27) daher mehr als drei Freiheitsgrade haben:
2

Die thermische Energie eines Moleküls


Aus (3.26) und (3.27) folgt
verteilt sich gleichmäßig auf alle seine
Freiheitsgrade. Jeder Freiheitsgrad hat
3 die Energie Ef = 12 kT.
Ekin = kT . (3.28)
2

Dieser Ausdruck erlaubt eine anschauliche Dieser Gleichverteilungssatz (Äquipartions-


Interpretation der phänomenologisch einge- prinzip) liefert für die mittlere kinetische
führten Zustandsgröße „Temperatur“: Energie eines Moleküls mit f Freiheitsgraden

Die Temperatur ist ein Maß für die mitt- f


lere kinetische Energie der Moleküle.
Ekin = kT . (3.30)
2
192 3 Thermodynamik

Der Gleichverteilungssatz verliert seine Gül-


Der Boltzmann-Faktor gibt an, welcher
tigkeit bei tiefen Temperaturen, wo Quanten-
Bruchteil der Teilchen aufgrund ihrer
effekte wirksam werden (Abschn. 3.3.3).
thermischen Bewegung die Energie-
schwelle E2 − E1 überschritten hat.
3.2.3 Geschwindigkeitsverteilung
der Gasmoleküle
Er tritt auf in den Gleichungen der Leitfähig-
keit von Halbleitern, in der Diodenkennlinie,
Boltzmann-Faktor beim Verdampfen von Flüssigkeiten und beim
Die barometrische Höhenformel gemäß Elektronenaustritt aus Glühkathoden, um ei-
(2.184) beschreibt die Druckabnahme in der nige Beispiele zu nennen.
Atmosphäre mit zunehmender Höhe h: Haben mehrere Zustände dieselbe Energie
ρ0 T0 gh (entartete Zustände), dann kann dies durch
ph = p0 e− p0 T . ein statistisches Gewicht g berücksichtigt
Der Exponent lässt sich leicht umformen: werden. Aus (3.31) wird dann
mM gh
ph = p0 e− kT . N2 g2 − E2 −E1
= e kT . (3.32)
Da die Teilchenanzahldichte n = N / V propor- N1 g1
tional zum Druck ist, gilt für das Verhältnis
der Teilchenanzahldichten in der Höhe h und Wenn ein System verschiedene Zustände mit
am Erdboden bei h = 0: den Energien E1 , E2 , … einnimmt, so ist die
nh mM gh
= e− kT . Wahrscheinlichkeit dafür, dass der Zustand
n0 mit der Energie Ei besetzt ist, gegeben durch
Der Zähler im Exponenten entspricht der
Differenz der potentiellen Energie ΔEpot im Ei
Schwerefeld zwischen den beiden betrachteten Pi ∼ gi e− kT . (3.33)
Zuständen, sodass auch gilt
nh ΔEpot
= e− kT .
Maxwell’sche Verteilungsfunktion
n0
Bei einem Gas ändern sich infolge der Zusam-
Dieses Ergebnis lässt sich verallgemeinern auf
menstöße zwischen den Gasmolekülen ständig
zwei beliebige Energiezustände E1 und E2 .
deren Geschwindigkeiten. Trotzdem ist eine
Werden auf diese beiden Energieniveaus N
statistische Aussage darüber möglich, mit wel-
Teilchen verteilt, dann gilt für die Besetzungs-
cher Wahrscheinlichkeit eine bestimmte Ge-
zahlen bzw. Teilchenanzahldichten
schwindigkeit vorkommt. Nach (3.33) ist die
Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer Ge-
N2 n2 E2 −E1 ΔE
= = e− kT = e− kT . (3.31) schwindigkeit zwischen  und  + d gegeben
N1 n1
durch die Verteilungsfunktion
mM 2
f () d = Cg()e− 2kT d .
Diese Exponentialfunktion ist als Boltzmann-
Faktor bekannt und spielt in den Gleichungen Darin berücksichtigt g() d das statistische
der Gleichgewichtsstatistik eine große Rolle. Gewicht des Geschwindigkeitsintervalls.
3.2 Kinetische Gastheorie 193

 3/ 2
mM mM 2
f () d = 4π 2
· e− 2kT d .
2πkT
(3.34)

Sie wurde von J. C. Maxwell im Jahr 1859


gefunden und 1876 von L. Boltzmann theo-
retisch begründet.
Abbildung 3.8 zeigt die Verteilungsfunktion
für Stickstoff-Moleküle bei den Temperaturen
T = 300 K und T = 900 K.
Die wahrscheinlichste Geschwindigkeit w , also
diejenige, die am häufigsten auftritt, kann
Abb. 3.7 Zur Maxwell’schen Geschwindigkeits-
aus (3.34) durch Bestimmung des Maximums
verteilung: Geschwindigkeiten zwischen  und
 + d ermittelt werden:

 
Im dreidimensionalen Geschwindigkeitsraum 2kT 2
w = = m . (3.35)
nach Abb. 3.7 liegen die Spitzen aller Ge- mM 3
schwindigkeitsvektoren mit den Beträgen zwi-
schen  und  + d in einer Kugelschale mit
Die durchschnittliche Geschwindigkeit , also
dem Radius  und der Dicke d. Die Anzahl
der arithmetische Mittelwert der Geschwin-
der möglichen Geschwindigkeitsvektoren ist
digkeitsbeträge aller Teilchen, liegt zwischen
proportional zum Volumen dieser Kugelschale
w und m :
4π2 d. Setzt man
 
g() = 4π2 ,
8kT 8
= = m . (3.36)
dann ergibt sich die Normierungskonstante C πmM 3π
aus der Forderung

f () d = 1 .
0

Dies ist der mathematische Ausdruck dafür,


dass ein Teilchen mit Sicherheit irgendeine
Geschwindigkeit zwischen null und unendlich
haben muss. Durch Bestimmung des Integrals
folgt
 3/ 2
mM
C= .
2πk T
Die Maxwell’sche Geschwindigkeitsverteilung Abb. 3.8 Maxwell’sche Geschwindigkeitsverteilung
lautet demnach für Stickstoffmoleküle
194 3 Thermodynamik

An vielen Prozessen sind nur jene Teilchen be- 


teiligt, deren Energie eine bestimmte Schwelle 2 EA − EA
x= √ = e kT . (3.37)
überschreitet. Beispiele sind chemische Re- π kT
aktionen, Glühemission von Elektronen aus
Metallen, Stoßionisation in Gasen. Mit Hilfe
von (3.34) lässt sich berechnen, welcher Bruch- Zur Übung
teil der Teilchen die erforderliche Mindest- Ü 3.2-1 Ein Gefäß mit V = 1 l Inhalt ist mit Helium
energie bzw. Mindestgeschwindigkeit besitzt. gefüllt. Das Gas befindet sich im Normzustand. a) Wie
groß ist die mittlere Geschwindigkeit m der Atome?
Beispiel b) Wie groß ist die gesamte kinetische Energie aller
3.2-3 Eine chemische Reaktion wird eingeleitet, wenn He-Atome, die sich in dem Gefäß befinden?
die Gasatome eine Aktivierungsenergie von EA =
1 eV = 1,6 · 10−19 J aufbringen. Welcher Bruchteil der Ü 3.2-2 Eine Orgelpfeife einer Kirchenorgel schwingt
Moleküle ist dazu in der Lage, wenn die Masse der Mo- bei ϑ1 = 20 ◦ C mit der Frequenz f1 = 440 Hz. Die Fre-
leküle mM = 4,65 · 10−26 kg beträgt? Die Temperatur quenz einer Pfeife ist proportional zur Schallgeschwin-
sei T1 = 300 K bzw. T2 = 900 K. Wie groß ist jeweils digkeit in der Luft. Welche Frequenz gibt die Pfeife
die mittlere Geschwindigkeit m ? im Winter ab, wenn die Temperatur der angesaugten
Luft ϑ2 = 5 ◦ C beträgt? (Zur Temperaturabhängig-
Lösung keit der Schallgeschwindigkeit siehe Beispiel 3.2-2. Die
Die Aktivierungsenergie
entspricht einer Mindestge- Längenänderung der Pfeife ist ein vernachlässigbarer
schwindigkeit von 0 = 2E mM = 2 625 m/s. Im Ver-
A
Effekt.)
gleich hierzu sind die mittleren Geschwindigkeiten
klein: Ü3.2-3 Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit dafür, dass
 Stickstoff-Moleküle bei Raumtemperatur (T = 300 K)
m,1 =
3kT1
= 517 m/s und m,2 = 895 m/s . Geschwindigkeiten im Intervall 1 000 m/s 5  5
mM 1 100 m/s haben? Wie viele Moleküle erfüllen diese Be-
dingung, wenn das Gas beim Normdruck das Volumen
V = 1 l ausfüllt?
Der Bruchteil x der Moleküle mit  = 0 beträgt

∞ Ü 3.2-4 Bei der Glühemission von Wolfram müssen


f () d ∞ die Elektronen die Austrittsarbeit WA = 4,5 eV über-
0
x= = f () d . winden. Welcher Bruchteil der Elektronen ist dazu bei
∞
f () d 0 Raumtemperatur bzw. bei T = 1 500 K in der Lage?
0
(Das Elektronengas wird näherungsweise wie ein idea-
Eine numerische Integration mit einem programmier- les Gas angesehen.)
baren Rechner liefert

für T1 = 300 K : x1 = 1,14 · 10−16 und 3.3 Hauptsätze


für T2 = 900 K : x2 = 1,06 · 10 −5
. der Thermodynamik
Obwohl die Temperatur nur um den Faktor drei va-
riiert, verändert sich die Anzahl der reaktionsfähigen 3.3.1 Wärme
Teilchen um neun Größenordnungen.
Aus dem letzten Abschnitt geht hervor, dass die
Ist die Mindestgeschwindigkeit 0 sehr viel Temperatur ein Maß ist für die Energie, die in
größer als die mittlere Geschwindigkeit m , der ungeordneten thermischen Bewegung der
dann gilt in guter Näherung für den Bruch- Teilchen steckt. Bei Gasen und Flüssigkeiten ist
teil x der reaktionsfähigen Teilchen dies die kinetische Energie der Translation und
3.3 Hauptsätze der Thermodynamik 195

Rotation der Moleküle sowie die Schwingungs- wird, ergibt sich die spezifische Wärmekapazi-
energie der Molekülschwingungen. In Festkör- tät
pern schwingen die Atome um ihre Ruhelagen;
hierbei werden mit zunehmender Temperatur C
die Schwingungsamplituden immer größer. c= (3.39)
m
Bringt man zwei Körper, die sich auf verschie-
denen Temperaturen befinden, in Kontakt,
dann findet ein Temperaturausgleich statt: Die oder die molare Wärmekapazität
Temperatur des kälteren Körpers nimmt zu
und die des wärmeren nimmt ab. Dies be- C
deutet nach den vorgenannten Erläuterungen, Cm = . (3.40)
ν
dass vom warmen System an das kalte System
Energie übertragen wird. Diese Energieüber-
tragung belegt man mit dem Begriff Wärme: Nach (3.4) gilt der Zusammenhang Cm = cM.
Die SI-Maßeinheit der Wärme ist wie für
jede Energieform 1 J (Joule). Somit erhalten
Wärme ist Energie, die aufgrund eines die Wärmekapazitäten die Maßeinheiten C:
Temperaturunterschieds zwischen zwei 1 J/(K), c: 1 J/(kg K), Cm : 1 J/(mol K).
Systemen übertragen wird. Diese Ener- Im älteren Schrifttum und im praktischen Ge-
gieübertragung hat eine eindeutige Rich- brauch findet man häufig noch die früher üb-
tung. Die Wärme fließt stets in Richtung liche Maßeinheit für die Wärme, die Kilokalo-
der niedrigeren Temperatur. Der Wär- rie. Für die Internationale Tafelkalorie gilt der
meübergang ist also ein irreversibler Pro- Umrechnungsfaktor 1 kcalIT = 4,1868 kJ. (Mo-
zess. lare Wärmekapazitäten einiger Gase enthält
Tabelle 3.8 in Abschn. 3.3.3, spezifische Wär-
Wird einem Festkörper oder einer Flüssigkeit mekapazitäten von einigen Festkörpern und
Wärme zugeführt, dann ist dies immer mit ei- Flüssigkeiten Tabelle 3.12 in Abschn. 3.5.1.)
ner Temperaturerhöhung verknüpft, falls kein Die Wärmekapazität kann nur in bestimmten
Phasenübergang stattfindet (Abschn. 3.4.3). Grenzen als Konstante angesehen werden. Tat-
Um die Temperatur T eines Systems um dT sächlich hängt sie von der Temperatur ab. Bei
zu erhöhen, ist eine Wärmezufuhr δQ erfor- einer endlichen Temperaturänderung von T1
derlich, die proportional zu dT ist: auf T2 beträgt die übertragene Wärme