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12 EDITORIAL DESIGN: PRINT-MAGAZINE REVIEWED // E-MAGS REVISITED
GERMANY
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02.2012 Ideen und Know-how für Design, Werbung, Medien ≥ www.page-online.de


Trends 2012

TRENDS
2012
VISUELL, TECHNISCH,
KOLLABORATIV —
DA GEHT’S LANG!

Briefing okay – Auftrag okay Dynamische Logos Wanted! 3-D-Artists


Praxis: Wie man ein diffuses Briefing in eine Flexible Erscheinungsbilder für Neue Tätigkeitsfelder für Gestalter;
inspirierende Zielformulierung verwandelt die konvergente Medienwelt Making-of: 3-D-Infografik interaktiv
Editorial PAGE 02.12 003

Chapeau!
Hypes kommen und gehen, kaum
sind sie da, sind sie auch schon wieder
weg. Die nachhaltigen Strömungen
aber, die weit mehr sind als kurzlebige
Modeerscheinungen, sind nur schwer
zu identifizieren. Sie bleiben uns lange
verborgen, bevor sie plötzlich wie aus
dem Nichts auftauchen und sich uns in
ihrer Gänze offenbaren. Na, und wer
könnte dieses Phänomen wohl besser
verkörpern als das weiße Kaninchen
im Hut? – Simsalabim: selbiges mal
n Kaum da, schon wieder weg – als eben unkenntlich gemacht!
Titelillustration: Felix Scheinberger (felixscheinberger.de);
Coverfont: MVB Fantabular (www.myfonts.com); Foto: Kirsten Nijhof

habe man es aus dem Zylinder gezau- Letztlich haben wir uns dann aber
bert und wieder hinein. Freilich, der doch für einen Wasserfarbklecks von
Zaubertrick mit dem Kaninchen ist ein Felix Scheinberger entschieden, weil
alter Hut, doch genau darin liegt der er den Trendbildungsprozess mit all
Reiz der Bildidee von Lisa Hänsch, die seinen Unschärfen und Ausuferungen
sie im Kurs »Editorial Illustration« bei thematisiert und dabei ob seiner Rück-
Felix Scheinberger und Rüdiger Quass kehr zum Analogen wiederum selbst
von Deynen an der Fachhochschule einen Trend beschreibt – wenn auch
Münster entwickelte. Die Aufgaben- ganz gewiss nicht den Retrotrend, dem
stellung war nicht einfach, sollten die wir in unserer Titelgeschichte ab Sei-
Studenten doch unser Titelthema »De- te 20 nachspüren. Denn das wirklich
signtrends 2012« zu einem Zeitpunkt Revolutionäre und Neue am omniprä-
visualisieren, als wir noch gar nicht mit senten Hang zum Revival, Recycling und
der Recherche begonnen hatten. So- Sampling von bereits Vorhandenem
mit galt es, ein konkretes Bild für ein liegt nun mal in der Digitalisierung an
noch abstraktes Thema zu finden, für sich. Erst sie verwandelt selbst alte Hü-
das schon so oft Kristallkugel und Kaf- te in jene gestaltbare Masse, der das
feesatz herhalten mussten. Was also Design und die Technologien von mor-
zeichnet einen Trend aus? gen entspringen.

Gabriele Günder,
Chefredakteurin/Publisher

Das finale Cover von


Felix Scheinberger
sowie Entwürfe von
Designstudenten
der Fachhochschule
Münster: rechts
von Lisa Hänsch, unten
von Mihwa Kim (links)
und Timo Becker
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02.2012 ideen und Know-how für Design, werbung, medien ≥ www.page-online.de 02.2012 ideen und Know-how für Design, werbung, medien ≥ www.page-online.de

DESIGN TRENDS
DESIGNTRENDS 20122012
2012
Gestaltung. Technik. Business.
DESIGN // TECHNIK // BUSINESS
TRENDS
2012

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Or aspis dem fugiae quis eaque nemporio Orest vel eturibus excestrum fuga. Et et explati orescium quos Or aspis dem fugiae quis eaque nemporio Orest vel eturibus excestrum fuga. Et et explati orescium quos
beribus, sit, se porehenis explabor atem et vit rehendi dio quostotae niatem que acessit aborpor senes beribus, sit, se porehenis explabor atem et vit rehendi dio quostotae niatem que acessit aborpor senes
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INHALT
SZENE
006 Was die Branche bewegt
Montblanc-Site mit generativen Artworks; Schau
mit Architektenmöbeln; Zum-goldenen-Hirschen-
Manifest; MfG Award 2011; Twitter-Schneemann;
Packagedesignstudie; Zeitungsrelaunch

014 Branche & Karriere


Business Basics; Brennpunkt: Adobes Produkt-
und Preispolitik und ihre Folgen für Kreative

018 Ausbildung
Corporate Design für alma terra; AR-Ausstellung;
Persönlichkeitsproil als Infograik

TITEL
020 n Trends 2012
Was bringt uns dieses Jahr? Was werden die bestim-
menden Themen und Herausforderungen
sein? Wir geben einen Ausblick auf die wichtigsten
Entwicklungen in Design, Business und Technik

KREATION 056 E-Mags & E-Books Revisited

038 n Dynamische Logos


Wandelbarkeit ist das Gebot der Zeit. Doch wie
werden Erscheinungsbilder diesem Anspruch in
analogen und digitalen Medien gerecht?

044 Vending Machines


Verkaufsautomaten inspirieren Kreative welt-
weit zu ebenso überraschenden wie
charmanten Kommunikationskonzepten

050 n Editorial Design Reviewed


Ein Schwung ganz neuer oder frisch relaunch-
ter Printzeitschriften zeigt, wohin die Reise in der
Magazingestaltung geht

056 n E-Mags & E-Books Revisited


Was bleibt? Was kommt? Nach zwei Jahren Tablet-
Publishing zieht Simon Ruschmeyer Bilanz

060 Papierwelt
»Ideenkonserve« als App; farbiger Fotokarton;
Naturpapier für Lebensmittelverpackungen

TYPO
062 n Global Fonts
Der Bedarf an weltweit einsetzbaren Schriften
wächst. Wir berichten, wie Typedesigner und
038 Dynamische Logos
Unternehmen diese anspruchsvolle Aufgabe lösen
page 02.12 005

≥ PAGE Online: Ob Stellenangebote, Inspiration,


News, Magazin-Volltextsuche, publishing-Tipps,
abo-angebote oder den page-Shop – das alles inden
Sie unter www.page-online.de

068 Typowelt
EuropaType; Headlinefont Gingar; JAF Domus Titling

BILD
070 n 3-D-Artists
Plötzlich werden die Visualisierungsspezialisten
in allen Kreativdisziplinen gebraucht: Welche Skills
müssen Gestalter dafür mitbringen?

078 Bildwelt
Organische Konstruktionen von Kapitza; Musik bei
Getty Images; Lamsweerde/Matadin-Retrospektive

TECHNIK
080 n Brieing okay – Auftrag okay
Workshops bieten eine gute Möglichkeit, gemeinsam
mit dem Kunden zu einer klaren Zielformulierung zu
kommen. Wie gehen Kreative dabei am besten vor?

086 n Making-of: 3-D-Infograik


PAGE zeigt, wie 3deluxe das interaktiv erkundbare
3-D-Gehirn fürs Web umgesetzt hat

092 Datenvisualisierungstool iYou


Das iTunes-Plug-in setzt die auf dem iPhone
gespeicherten Nutzerdaten in Infograiken um

096 Tools & Technik


Adobes Touch-Apps im Praxistest; Bluetooth-
Handscanner; iOS-Publishing-Tool Lealed

SERVICES & STANDARDS


108 Kalender: Kongresse, Ausstellungen, Awards

110 Publikationen: Buchempfehlungen


für kreative Publisher
Überlegungen des Designers Koert van Menswoort
zur »Next Nature«, Einführung in den Gestalterberuf

003 Editorial
047 PAGE Mini-Abo 095 PAGE Abo 099 PAGE Shop
104 PAGE Stellenmarkt
113 Impressum/Vorschau
114 Fundstücke von Jürgen Siebert

PAGE SEMINARE
061 »Leitmedium Design« mit Jochen Rädeker
077 Transmediales Story-Training mit der Good School
085 »Designmanagement« mit Christine Hesse
020 Trends 2012
091 »Urheber-, Design- und Vertragsrecht«
006 PAGE 02.12

SZENE
PAGE 02.12 007

Das Wesen
der Dinge
Auf der Montblanc-Website setzen
Generative Artists die Produktserien der
Luxusmarke in Szene

n Die Marken-DNA in die Website einzuweben, das Hand­


werk hinter den Produkten und deren besondere Materia­
lität zu visualisieren, das klingt nach einem ambitionierten
Projekt. Eine dezente und visuell reizvolle Umsetzung ist
der Wiesbadener Interactive­Agentur Scholz & Volkmer in
Zusammenarbeit mit fünf generativen Gestaltern gelun­
gen. Etwas versteckt sind deren Arbeiten in der Online­
Boutique von Montblanc zu inden. Betrachtet der User
hier eine der Uhren oder einen der Füllfederhalter, startet
das generative Kunstwerk im Hintergrund als Animation.
Deren Ausprägungen sind auf das jeweilige Objekt abge­
stimmt. Die in Processing erstellten Anwendungen wer­
ten dafür verschiedene Eigenschaften der Montblanc­Ac­
cessoires aus, wie Farbe, Form oder Material.
Der schwedische Künstler Marius Watz lässt iligrane Li­
nienstrukturen um die Brillengestelle schlängeln, während
der französische Designer David Dessens voluminös und
doch luftig leichte Bänder generiert, die Ringe und Arm­
bänder umfassen. Das Wesen des Parfumstaubs inszeniert
Anthony Mattox: Ätherisch umschmeicheln die von ihm
geschaffenen Punktgeschöpfe die dargestellten Flakons.
Onformative wiederum hat sich mit Zeit und Uhrmecha­
nismen auseinandergesetzt. Die Gestaltung des Berliner
Studios basiert auf linearen Strukturen, die unter anderem
den Minutentakt und die Zahnradbewegung aufgreifen.
Diese kombinieren sie mit amorphen Körpern, die Aspekte
wie die Art des Materials darstellen.
Gleich zwei Kategorien durfte der Berliner Multimedia­
designer Vincent Rebers gestalten, Leather und Writing In­
struments. Seine Animationen für Portemonnaies und Ta­
schen orientieren sich an einfachen orientalischen Mustern,
um die Beständigkeit und Qualität der Montblanc­Leder­
produkte zu visualisieren. Füllfederhalter und Kugelschrei­
ber präsentiert er mit bewegten Formen, die er aus Expe­
rimenten mit Tinte und Papier entwickelte. Wer das wun­
derbare Formenspiel anschauen möchte, wählt auf www.
montblanc.com die Rubrik »Show Collection« an. nk

Kunstvolles Shopping-Vergnügen: Im
Montblanc-Onlineshop kommen die Kunden
der Luxusmarke in den Genuss generativer
Kunst. Rund 700 solcher Animationen
hat onformative allein für die Uhrenkollektion
mittels Processing generiert, jede ist auf
die jeweilige Uhr individuell zugeschnitten
008 PAGE 02.12 SZENE

Von oben nach unten: Zaha Hadid, Acrylic Bowl, Sawaya & Moroni © Sawaya & Moroni; Marc Held, Armlehnstuhl
mit Hocker, Knoll © RBA Köln; Hadi Teherani, Bürostuhlserie Silver 262s © Interstuhl
Ohne Berührungsängste
n Möbelausstellung. Architekten tiven Detail, beispielsweise bei Marcel
verstehen sich seit eh und je gern als Breuer und Hadi Teherani, zum ande­
die großen Brüder der Designer – nun ren die Betrachtung eines Möbels als
bekommen sie auch noch eine eigene skulpturales Objekt im Raum wie bei
Designschau. Sie heißt »Von Aalto bis Frank Gehry oder Zaha Hadid. Die Köl­
Zumthor: Architektenmöbel« und ist ner Ausstellung demonstriert einmal
vom 16. Januar bis zum 22. April, paral­ mehr, dass das kreative Wildern in art­
lel zur Kölner Möbelmesse, im Museum verwandten Sparten eigentlich schon
für Angewandte Kunst Köln zu sehen. immer die Evolution der Gestaltungs­
In vielen Fällen entwickeln Baumeister disziplinen befördert hat. Inzwischen
Möbel, weil sie für ihre Gebäudeent­ haben zum Glück auch die Museen ein
würfe kein geeignetes Interieur finden, Einsehen und schauen zunehmend
das in Form, Proportion und Materiali­ über ihren branchen­ oder genrespe­
tät auf die Räumlichkeiten abgestimmt ziischen Tellerrand. wl
ist. Populär sind heute noch Möbel wie
Ludwig Mies van der Rohes Barcelona
Chair für den Deutschen Pavillon zur Ausdrucksstark:
Weltausstellung 1929 oder Alvar Aaltos Schale von Zaha Hadid
Armlehnstuhl aus Bugholz (1930–1933). (2007) neben Marc
Und was unterscheidet ein Möbel Helds Sessel (1965–1967).
aus der Hand eines Produktdesigners Darunter: Hadi Tehe-
von dem eines Architekten? Auffällig ranis 2003 entstandene
ist zum einen die Liebe zum konstruk­ Bürostuhlserie

Filigran veredelt
n MfG Award 2011. Die Kleineren un­ Gegensatz zum Vorjahr, die Qualität in zenten große Wirkung erzielen. Filigra­ Klein und Neumann
ter den Designwettbewerben sind al­ der Kategorie Eigenwerbung der Dru­ ne Laserschnitte erleben derzeit eine Kommunikations-
lein deshalb schon eine Meldung wert, ckereien aus«, erklärt MFG­Jurypräsi­ Renaissance, Prägungen sind dagegen Design gewann gleich
weil sie den kreativen Alltag auch klei­ dent Thilo von Debschitz, Geschäfts­ etwas auf dem Rückzug. Und viele Ge­ zweimal: mit der
ner Unternehmen abbilden. Gewon­ führer der Wiesbadener Agentur Q. schäftsausstattungen wurden manu­ Geschäftspapieraus-
nen haben beim MfG Award 2011 des »Was die Kategorie Formulare angeht, ell, teilweise mit hohem Aufwand be­ stattung und der
Bundesverbands Druck und Medien waren wir eher enttäuscht.« arbeitet, zum Beispiel durch das Auf­ Imagebroschüre für
unter anderem die Agentur Fliegende Von Debschitz beobachtete diver­ bringen von Stickern.« Auch schön: Zum Müllerdruck (links).
Teilchen mit der Geschäftsausstattung se Tendenzen: »Im Bereich Briefpapie­ 20. Geburtstag des Awards gibt es ei­ Ebenfalls prämiert
für den 720 Grad Verlag, Eiga Design re stach die Verwendung sachlicher nen neuen, übersichtlichen Webauf­ wurden die Geschäfts-
mit der Imagebroschüre »Play« und Schriften und hochwertiger Papiere ins tritt (www.mfg-award.de). Mehr Auf­ papiere für die Bild-
der Gestalter Marek Slipek mit den An­ Auge. Außerdem entdecken immer merksamkeit wäre der nicht kommer­ agentur Tiedtke Menzel,
meldeformularen für die Carl­Bosch­ mehr Designer die Rückseite des Brief­ ziellen Leistungsschau auf jeden Fall entworfen von
Schule in Heidelberg. »Positiv fiel, im bogens. Hier lässt sich mit kleinen Ak­ zu wünschen. wl Von Sacher und Illing
PAGE 02.12 009

Nichts als die Wahrheit


n Agentur-Manifest. »Wir werden sich zu Manifesten berufen fühlt. Er-
alle dümmer«, »Ideen gibt’s umsonst« – gebnis der hochtrabenden Schriften
so lauten zwei der zehn Thesen über sind meist künstlich herbeigeführte
das postdigitale Zeitalter, die die Wer- Diskussionen über Themen, die keiner
beagentur Zum goldenen Hirschen in Diskussion bedürfen. Nach dem Lesen
ihrer Streitschrift »Die Wahrheit« auf- ist man meist nur eins: gelangweilt.
stellt. Der Text ist eine Mischung aus Werber-Binsenweisheiten wie »Sei in-
Gemeinplätzen und mäßig provokan- teressant« oder »Sei authentisch« sind
ten Aussagen. Darüber soll die Branche wahrlich keine Erkenntnisse, mit de-
auf www.hirschen.de/wahrheit disku- nen sich Disputfreudige hinterm Ofen
tieren – die Beteiligung hält sich mit hervorlocken lassen.
durchschnittlich zwölf Kommentaren Bleibt die Frage: Was bringt’s? Im
pro Wahrheit in Grenzen. Grunde handelt es sich bei diesen Ma-
An sich ist es natürlich löblich, wenn nifesten, Streitschriften oder wie man
sich Agenturen grundsätzlich mit dem sie nennen will, schlicht um Eigenwer- tet. Wir machen Kampagnen, über die Die Hirschen-
Thema Kommunikation beschäftigen – bung. So ist der Höhepunkt des Hir- man spricht.« Und so endet auch dieses Kreativchefs mit
immerhin ist das ihr Job. Die Frage ist schen-Manifests, These Nummer zehn, Manifest wie so viele andere in Selbst- der gedruckten
allerdings, warum sie es mit großen denn auch so eine Art Leitspruch der beweihräucherung einer Agentur, die »Wahrheit«:
Worten in die Welt hinausposaunen Agentur. Unter dem Punkt »Campaig- damit prahlt, die moderne Welt mit Marcel Loko, Bernd
müssen. Zum goldenen Hirschen ist ja ning next generation« heißt es: »Es fortschrittlichem Denken durchschaut Heusinger und
beileibe nicht die einzige Agentur, die gibt Kampagnen, die werden geschal- zu haben. nik CEO Martin Blach

Ansichtssache
Don’t like: PAGE-Redakteurin Wiebke Lang
über den eindimensionalen Dialog in aktuellen
Anti-Aids-Kampagnen

n Anlässlich des Welt-Aids-Tages An- Glasbecken zeigt. Verknüpft mit dem


fang Dezember gab es eine Kampagne Vereinsauftritt in kitschiger Devotio-
der Bundeszentrale für gesundheitli- nalien-Optik, vergießt die Statue mit
che Aufklärung, die »ganz normale« jedem neuen Facebook-Fan live Trän-
Menschen mit HIV vorstellte. Eine sen- chen – und ertränkt sich so selbst.
sible, differenzierte Auseinanderset- Das pädagogische Konzept, morali-
zung mit dem Thema – bis auf den Slo- schen Druck gegen moralischen Druck
gan: »HIV geht uns alle an. Sag uns dei- einzusetzen, ist nicht wirklich neu. Was
ne Meinung! Unter: www.welt-aids-tag. ist aber mit all jenen, die sich per Vi-
de«. Meine Meinung zu Aids? Ganz klar: deo-Livestream zur Aktion am langsa-
Gefällt mir nicht! User Felix kommen- men Tod der armen Gottesmutter de-
tiert auf der Website einen Erfahrungs- lektieren oder gar per Mausklick da-
bericht: »Ich inde, dass HIV-Inizierte zu beitragen – hilft denen Beichten?
genauso respektiert werden sollen wie »Ziel ist es, die Öffentlichkeit für das
andere Menschen. Der Virus kann ja Thema zu sensibilisieren und den Dia-
nicht einfach so übertragen werden. log mit der katholischen Kirche zu su-
Und man muss bedenken, was sollen chen«, heißt es in der Pressemeldung
die dann machen, wenn sie keinen von deepblue networks. »Die User wer- ökologische Probleme (siehe Green- Blaues Wunder:
Job, keine Freunde, kein Garnichts ha- den durch ihren Klick selber Teil des peace-Aktion, PAGE 01.12, Seite 10) auf- Facebook-
ben.« Müssen User eigentlich immer Protests«, erläutert Geschäftsführer merksam machen und die Verantwort- Fans lassen
mitreden? Oliver Drost, »und wir schlagen eine lichen so auch mal zum Handeln zwin- die Gottes-
Deepblue networks startete zum direkte Brücke zwischen der realen gen. Nur: Wen kann man mit derart mutter in
selben Anlass die Kampagne »Gott sei und der digitalen Welt«. eindimensionaler, moralinsaurer An- ihren Tränen
Dank – Kondome schützen« für den Protestieren ist in Zeiten von Social sprache, getunt mit etwas Ironie, noch ertrinken –
Verein Jugend gegen Aids, um auf die Media ja so bequem geworden – und aus der Reserve locken? Spannend ausgedacht
fragwürdige Haltung der katholischen die reale Welt so simpel? Der spieleri- wäre doch, wenn wir Kreativen, statt hat sich das
Kirche zur Kondomnutzung aufmerk- sche Kunstkontext ebenso wie der luft- nur einer narzisstischen Aufmerksam- deepblue
sam zu machen. Dazu gehörte eine leere virtuelle Raum machen es leicht, keitshascherei zu dienen, zu einer er- network für
Installation im Rahmen einer Ausstel- ganz lässig zwischen Gut und Böse zu wachseneren, tatsächlich dialogorien- den Verein
lung der Circle Culture Gallery in Ham- unterscheiden. Es ist ja schön, dass So- tierten Social-Media-Kommunikation Jugend
burg, die eine Marienstatue in einem cial-Media-Kampagnen auf soziale und beitragen würden. gegen Aids
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Valentino für alle


n 3-D-Museum. Es war ein wahrhaft
süßer Auftritt, den Giancarlo Giametti
und Valentino auf der online übertra­
genen Pressekonferenz in New York
hatten (www.youtube.com/valentino-
museum). Dort stellten die beiden, die
seit 1960 privat und beruflich ein Paar
sind, das Valentino Garavani Virtual
Museum vor. Das erste immersive Mo­
demuseum der Welt kann man unter
www.valentino-garavani-archives.org
als Desktop­App downloaden, die Kin­
month­Monfreda London und Nova­
com Associés Paris realisierten.
Die hochtrabenden Worte, die den
Launch begleiteten, sind berechtigt:
Auf zehntausend virtuellen Quadrat­
metern macht Valentino sein einzigarti­
ges Archiv kostenlos zugänglich: Bilder
von Starfotografen, Modezeichnungen,
Videos (allein 95 Filme von Fashion­
shows) und vor allem Figurinen, für die
300 von Valentinos schönsten Kleidern
neu fotograiert wurden. Eigentlich
wirkt die Idee eines Cybermuseums
fast ein wenig altmodisch. Aber es gibt
wohl keinen eleganteren Weg, um in
die luxuriöse Traumwelt von Valentino
einzutauchen. cg

Neu für Mode- und Fotofans:


das Valentino Garavani
Virtual Museum. Das Sixties-
Model oben ist Veruschka

Fotos aus den neunziger Jahren von Steven Meisel, Satoshi Saikusa, zweimal Walter Chin und Mario Testino

Digitale Selbstkritik
n Medienkunst. Lässt sich der Teufel Kreationen im Londoner Science Mu­
mit dem Beelzebub austreiben? Auf seum, darunter ein Recyclingmülleimer
witzige und für Medienjunkies höchst für News vom Onlineticker, ein über­
attraktive Weise hinterfragen Alexei dimensionales iPhone 3G in der spiral­
Shulgin und Aristarkh Chernyshev un­ förmigen Gestalt von Wladimir Jew­
sere Abhängigkeit von digitalen Dro­ grafowitsch Tatlins berühmtem, nie­
gen sowie das Verhältnis von Konsum, mals realisierten Monument der Drit­
Kapitalismus und Medienmacht. Das ten Internationale oder das wowPod.
Duo, das unter dem Namen Electro­ Dort können Besucher ihre eigenen
boutique seit 2004 in Moskau arbeitet, iPods einstöpseln und deren Inhalt auf
Die News in diesem Live-Ticker laufen in die Tonne präsentiert bis zum 14. Februar seine ganz neue Weise erleben. cg
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Elegante Kristalle
Mit ganzseitigen n Corporate Publishing. Seit 1904 verkauft Merck
Illustrationen Flüssigkristalle, auf dem boomenden LC­Display­Markt
auf schimmerndem sind die Darmstädter heute weltweit führend. Um weg­
Pigmentpapier weisend zu bleiben, startete Merck die interdisziplinä­
präsentiert sich re Initiative »displaying futures«. Mit einem Symposium
Merck höchst in Japan und einer in drei Sprachen erschienenen Pub­
ästhetisch likation schuf sie eine Plattform für den Austausch
von Künstlern, Architekten und Designern zum Thema
Wahrnehmung. Gestaltet hat den Aufsatzband Antonia
Henschel von der Frankfurter Agentur Sign Kommunikation, in deren Verlag Trade­
mark Publishing er auch erschien (24 Euro, isbn 978-3-9814131-4-4). Geboten wer­
den spannende Texte etwa über Olafur Eliassons Wahrnehmungsexperimente,
Hiroshi Ishiis Tabletop­Systeme oder Tetsuya Mizuguchis Kinect­Spiel »Child of Eden«.
Henschels abstrakte Illustrationen spielen auf kristalline Strukturen an. cg

Vorfeld selbstkritisch über die eigene


Zukunft und die Chancen eines Re­
designs debattiert, doch als »ak« den
Hamburger Designer Andreas Homann
anheuerte, waren die Vorstellungen
bereits sehr klar.
Im neuen Layout ist die Zeitung in
vier sogenannte Bücher aufgeteilt: Po­
litik, Bewegung, Thema, Gesellschaft.
Ihre Titel sind farbig, die Innenseiten
schwarzweiß. Kontraste zieht sich wie
ein roter Faden durch die gesamte Ge­
Kontrastprogramm staltung. Eine Leerspalte auf jeder Seite
bietet dem Auge Weißraum und dem
n Zeitungs-Redesign. Wagt eine lin­ Autor Platz für Zusatzinformationen.
ke Zeitung ein Redesign, dann denken Hier schweben oft auch Zitate als Sei­
manche vermutlich, die diskutieren tenansprachen, die durch riesige An­
doch eh alles kaputt. Ganz anders lief führungszeichen den Blick anziehen.
es bei »ak« (analyse & kritik), die, 1971 Insgesamt ist es Andreas Homann ge­
als »Arbeiterkampf« gegründet, heu­ lungen, den Seiten durch feinsinnige
te den Zusatz »Zeitung für linke Debat­ Akzentuierungen eine erstaunliche Le­
Made by Twitter te und Praxis« führt. Zwar wurde im bendigkeit einzuhauchen. jn

n Datenvisualisierung. Ein winterliches Geschenk


für Twitter-Enthusiasten: Unter www.frstee.com wird
anhand des Namens eines Twitter-Users ein Schneemann
in 3-D generiert und mittels Rapid Prototyping ausgedruckt.
Je nach Anzahl der Follower und der Jahre, die der User
bereits den Service nutzt, verändert sich das Aussehen,
sodass eine individuelle Figur entsteht. Frstee heißen
diese Twitter-Schneemannkugeln, und ausgedacht hat
sie sich Really Interesting Group in London. Das Design-
kollektiv arbeitet vor allem an Projekten, die das Internet
mit der physischen Welt zusammenbringen. vd
Foto: Ben Barker

Andreas Homann setzte beim Redesign der Zeitung »ak« auf


typograische Kontraste. Für den Fließtext kommt The Antiqua B,
für die Auszeichnungen die Stag zum Einsatz
Gute Signale
n Verpackungsdesign. Auch in er­
folgreichen Marken wie Milka steckt
Verbesserungspotenzial: Die von den
Mit dem neuen, von Verpackungen ausgesandten Signale
der Agentur für sind nämlich nicht konsistent, wie aus
Markengestaltung der Studie »Package Design – State of
Jack Smith ent- the Art & State of Science« zu erfah­
wickelten, aber noch ren ist, die das Marktforschungsinsti­
nicht umgesetzten tut tgmr Target Group zusammen mit
Packaging (rechts) der Wiesbaden Business School und
könnte Theramed der Agentur für Markengestaltung Jack
ungleich höhere Kauf- Smith erstellte. Sie zeigt auf, wann und
anreize schaffen warum sich Gestaltungselemente, so­
genannte Farb­ und Form­Cues, nicht
positiv ergänzen – was im Extremfall Kaufentscheidun­
gen sogar verhindern kann. Darüber hinaus gibt die Stu­
die Empfehlungen zur methodischen Messung von Verpa­
ckungs­ oder Designoptionen, die teilweise im Gegensatz
zu bislang häufig eingesetzten qualitativen oder quantita­
tiven Verfahren stehen.
Doch kommen wir zurück zur Schokolade: »Die Welle
fungiert bei Milka als Sortenkennung«, erläutert Andreas
Hofmann, Geschäftsführer der tgmr Target Group. »Bei Nuss
ist sie zum Beispiel grün, ein anderes Mal pink. Alle anderen
Cues kommunizieren deutlich zarter und weniger dyna­
misch, sind also entsprechend konsistent zur Milka­Posi­
tionierung ›Zarteste Versuchung‹/›Trau dich zart zu sein‹.
Das Einzelelement Welle hingegen mutet moderner bis ex­
travagant an.« Die dynamische Welle verhindert demnach
eine konsistene Verpackungsgestaltung.
Weich scheint im Trend zu sein. So ist die neue Philadel­
phia­Verpackung deutlich runder und softer als die alte.
Ich persönlich würde aber immer lieber zu der alten, ecki­
gen greifen, weil sie mir vertrauter ist. Stimmt mit mir et­
was nicht? »Keine Sorge«, beruhigt mich Andreas Hofmann:
»Vertrautheit hilft bei Entscheidungen. Die Situation ist
aber im Markt nicht die, dass man zwischen der alten und
neuen Packung wählen kann. Mit der neuen Verpackung
setzt Kraft eindeutig mehr weiche Signale, was zur cremi­
gen Konsistenz des Produkts gut passt und sehr schnell die
gewünschte genussige Cremigkeit kommuniziert.«
Lassen sich auch Packagedesigntrends aus der Studie
ableiten? »Es geht vor allem hin zu mehr sogenannten Ma­
luma Cues – ein Begriff aus der Wahrnehmungspsychologie,
der für weiche, runde Formen steht – sowie zu Premium
Cues, die ein Upgrading der Marke oder der Produkte reali­
sieren sollen«, sagt Hofmann, der die Studie auf Wunsch bei
interessierten Firmen und Agenturen präsentiert. ant
014 PAGE 02.12 SZENE

BRANCHE & KARRIERE


Nachdrücklich nachhaltig
n Geschäftsausstattung. Auf Ab-
fall setzt das Designbüro Dona Baro-
nesa aus São Paulo bei der Gestaltung
seiner Visitenkarten, Briefbogen und
CD-Verpackungen. Mit handgefertig-
ten Stempeln bedrucken die Kreati-
ven bereits benutzte Papiere und Kar-
tons und sparen auf diese Weise nicht
nur jede Menge Papier, sondern kön-
nen auch wesentlich umweltfreund-
lichere Druckfarben einsetzen. Die so
entstandene Geschäftsausstattung ist
nicht nur hübsch und farbenfroh, son-
dern kommuniziert gleichzeitig das
Konzept des Studios, für jeden Kun-
den maßgeschneiderte Lösungen zu
entwickeln. Einziger Wermutstropfen:
Die Stempel bestehen aus herkömm-
lichem Gummi – da wird den findigen
Brasilianern doch wohl noch etwas
Die Visual Identity von Dona Baronesa besteht aus mit Stempeln bedruckten Papierabfällen Nachhaltigeres einfallen. ant

Business Basics
Christian Büning, Präsident des Berufsverbands der Deutschen Kommunikations-
designer (www.bdg-designer.de), beantwortet berufsbezogene Fragen von Gestaltern.
Hier stellt er aktuelle Fälle vor

Dominik, 44: Seit fast zwanzig Jahren nis und wird daher von den Arbeits-
arbeite ich für einen größeren Kunden. agenturen nicht selten auf eine Schein-
Als Student habe ich dort als Free- selbstständigkeit abgeklopft.
lancer begonnen und nach und nach Sie hatten durch diese Konstella- Foto: © Marcel D’Avis
immer größere Projekte übernommen. tion den Vorteil des geringen unter-
Jetzt ist der Geschäftsführer in den nehmerischen Risikos und erzielten
Ruhestand gegangen. Den neuen ein relativ festes Einkommen. Ihr Auf-
kannte ich nicht persönlich, aber er traggeber hatte den Vorteil eines zu-
hat mir unmissverständlich zu ver- verlässigen Partners, der die internen
stehen gegeben, dass ich zu teuer bin Strukturen gut kennt und keine So- nen. Mein Tipp: Bringen Sie ruhig auch
und sie weitere Angebote einholen zialversicherungen kostet. Jetzt wird eigene Projektideen mit.
werden. Mit diesem Kunden mache ich die Ungleichheit dieser Vorteile in Ih- Auf lange Sicht sollten Sie unbe-
mehr als 80 Prozent meiner Einnah- rer Abhängigkeit deutlich sichtbar – dingt die Anzahl Ihrer Auftraggeber
men. Wie soll ich mich verhalten? das Unternehmen kann einfacher auf erhöhen, um solche Abhängigkeiten
Sie verzichten als Sie auf das Unter- zu vermeiden. Lassen Sie sich nicht in
Lieber Dominik, nehmen verzichten können. einen Preiskampf ziehen, sondern prä-
Personalentscheidungen sind ein äu- Akut sollten Sie dem neuen Ge- sentieren Sie dem neuen Kopf an der
ßerst beliebtes Mittel für neue Ge- schäftsführer deutliche und brauch- Spitze deutlich Ihre Stärken. Ein Ren-
Haben Sie Fra- schäftsführer, um sich bemerkbar zu bare Perspektiven für die weitere Zu- nen um das günstigste Angebot kön-
gen, die Sie hier machen. Ihre bisher geleistete gute sammenarbeit erkennen lassen. Ihre nen Sie nicht gewinnen. Ein Rennen,
beantwortet Arbeit steht auf einmal im Licht alter Kenntnisse der internen Abläufe und bei dem es um Qualität und Erfahrung
sehen möchten? Loyalitäten und scheint nur noch we- Zuständigkeiten sind wertvoll und spa- geht, schon viel eher. Lassen Sie sich
Dann schreiben nig wert zu sein. Sie haben recht kom- ren Zeit, können allerdings ebenso als nicht ins Bockshorn jagen: Auch der
Sie uns (E-Mail: fortabel als »fester Freier« gearbeitet. Hinderungsgrund für Innovationen ge- neue Geschäftsführer ist – allem Neu-
businessbasics@ Manchmal ähnelt so ein Vertrauens- sehen werden. Machen Sie deutlich, anfang zum Trotz – an einem reibungs-
bdg-designer.de) verhältnis einem Angestelltenverhält- dass Sie frischen Wind mitbringen kön- losen Ablauf interessiert.
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jj

Brennpunkt
PAGE-Redakteur Thomas Kaltschmidt über
den Publishing-Monopolisten Adobe,
der gerade seinen guten Ruf aufs Spiel setzt

n Adobe tut im Moment alles dafür, alisierungs-Pfade ihrer Creative Suite +++ Personalkarussell. Bei der Network-Agentur
um als unsympathisch wahrgenom- deutlich beschnitten. Ein vergünstig- McCann Erickson tut sich personell derzeit einiges.
men zu werden. Erst der sehr schlecht tes Update ist nur noch für die zwei Bill Biancoli folgte zum 1. Januar als Chief Creative
kommunizierte Rückzug aus der Flash- letzten Versionen möglich – danach Oficer auf Britta Poetzsch, die den standortübergrei-
Entwicklung für mobile Devices, um zahlt man den vollen Preis. Wer auf fenden Posten seit 2010 innehatte und die Agentur
sich verstärkt auf HTML5-Tools zu kon- CS6 updaten möchte, muss also CS5 auf eigenen Wunsch verlässt. Auch Petra Stachowiak,
zentrieren. Danach die Ankündigung, oder CS5.5 besitzen. bislang Geschäftsführerin des Berliner Büros, kehrt
den Einsatz für die Weiterentwicklung Offenbar möchte Adobe ihre Kun- McCann Erickson den Rücken. Den Standort leiten
des Flex SDK reduzieren zu wollen den so schnell wie möglich in das Abo- seit 1. Januar Frank Riedel und Erich Reuter – neben
und die Verantwortung in Zukunft an Modell der Creative Cloud treiben, die ihrer Verantwortung als Geschäftsführer des Münch-
die Apache Software Foundation wei- 2012 kommen wird. Dabei zahlen Fir- ner Büros. Al Bryant, Head of Strategic Planning für
terzureichen – eine Entscheidung der menkunden monatlich eine Pauschale Frankfurt und München, arbeitet ebenfalls zusätzlich
ASF dazu steht noch aus. Viele Deve- von ungefähr 70 US-Dollar je Arbeits- für McCann Berlin. Auch für Düsseldorf gibt es eine
loper fühlen sich hier von Adobe im platz, sofern sie einen Jahresvertrag neue Führung: Richard Dolphin, bisher Managing Di-
Stich gelassen. abschließen. Dieser umfasst dann alle rector bei Grey in Düsseldorf, wechselt als Geschäfts-
Und schließlich kurz vor Weihnach- Applikationen der Creative Suite Mas- führer zu McCann. +++ ADC Wettbewerb 2012. Das
ten die Entlassung von gut 700 Mitar- ter Collection plus die neuen Touch- Rennen um die Nägel ist eröffnet. Ab sofort können
beitern – und das trotz hervorragen- Apps und den Datenaustausch via deutsche Kreative ihre Arbeiten für den ADC Wett-
der Geschäftszahlen und ebensolcher Cloud. Alle Updates und Upgrades in- bewerb 2012 einreichen. Das Einreichungsprozedere
Aussichten. Einer immerhin proitiert: begriffen. Der Cloud-Datenaustausch wurde in diesem Jahr überarbeitet, unter anderem
Adobe-CEO Shantanu Narayen konn- kann bereits im Testbetrieb kostenfrei hat der Verein die Teilnahmeplattform technisch und
te sein erfolgsorientiertes Einkommen genutzt werden, 20 Gigabyte Daten- organisatorisch vereinfacht. Einsendeschluss für Ar-
von 5 Millionen (2009) auf 12,2 Million volumen inklusive. Das Einloggen mit beiten aus dem Jahr 2011 ist der 17. Januar, für im Ja-
(2010) US-Dollar mehr als verdoppeln. der Adobe-ID unter https://creative. nuar 2012 veröffentlichte Arbeiten gilt der 7. Februar.
Bei einem börsennotierten Unterneh- adobe.com genügt. Neben dem Kom- ≥ www.adc.de +++ Umbennung. Ab sofort heißt
men speist sich Erfolg offensichtlich plettangebot mit allen Applikationen Neue Digitale/Razorish nur noch Razorish. Nach zwei
nicht aus so altmodischen Werten wie wird es sicherlich auch abgespeckte Jahren mit dem Doppelnamen irmiert die 1996 von
Kundenbindung und -zufriedenheit. Varianten rund um den Datenaus- Andreas Gahlert gegründete Agentur nun unter dem
Früher oder später zahlt man als Kun- tausch geben. Schließlich werden noch internationalen Namen des Razorish-Networks, zu
de den Preis für eine zu starke Mono- genügend Anwender die traditonellen dem sie seit 2006 gehört. Ein Grund dafür sei, dass
polstellung, und dieser Zeitpunkt ist Updatezyklen bevorzugen. Details und die Büros in Berlin und Frankfurt wesentlich inter-
anscheinend gekommen. europäische Preise sind noch nicht be- nationaler arbeiteten als früher. +++ Abschied. Nico
So richtig überraschend ist dies al- kannt. Normalerweise liegen diese bei Lumma, seit 2009 Director Social Media bei Scholz &
les nicht. Adobe hat schon länger an- Adobe deutlich über den US-Preisen, Friends, verlässt die Agentur zum Jahresende. Sein
gekündigt, sich mehr auf die Belange was schon viele Kunden verärgert hat. Auftrag, Social Media als Kern von Digital in der
der Enterprise-Kunden im lukrative- Das Angebot der Creative Cloud Agenturgruppe zu verankern, sei erfüllt. Entspre-
ren und vor allem wachstumsstärke- hört sich zunächst gar nicht so übel an chend wird die Stelle nicht neu besetzt. Lumma will
ren Business- und Online-Marketing- und einen echten Vorteil wird es durch- ab Januar »irgendwas mit diesem Internet machen«,
Umfeld konzentrieren zu wollen. Dazu aus haben: Denn es spielt dabei keine schreibt er in seinem Blog. +++ Ableger. In München
passen die Übernahmen der jüngeren Rolle, ob die Software auf einem Mac ist im Dezember das Designstudio Perfect Accident
Zeit – Omniture für Webanalyse und oder auf einem Windows-PC läuft. Fi- an den Start gegangen, ein Spin-off von Velvet Medi-
-statistik, Day Software für Web-Con- nanziell lohnen kann es sich aber nur endesign. Leiten wird es Martin Kett, seit fünf Jahren
tent-Management, Demdex für On- für Neukunden. Wer regelmäßig up- Kreativdirektor bei Velvet. Perfect Accident bietet
line-Zielgruppenoptimierung. Und vor dated, zahlt über die Jahre deutlich Broadcastdesign mit dem Schwerpunkt Nachrichten
kurzem Auditude, eine Firma, die sich drauf. Und richtig teuer wird es für und Informationsgraik sowie Markenstrategie für
auf den Verkauf und die Auslieferung diejenigen, die wie bisher einige Up- Neue Medien. +++ 100 beste Plakate 2011. Noch bis
von Werbung innerhalb von Online- dates überspringen. Nicht jeder benö- 30. Januar können Gestalter aus Deutschland, Öster-
videos spezialisiert hat. tigt zudem die Master Collection. reich und der Schweiz ihre Plakate für den renom-
Die Umsätze bei der Kreativ-Klien- Adobe macht das alles natürlich nur mierten Wettbewerb 100 beste Plakate einreichen.
tel zu steigern, ist da schon schwie- im Interesse der Kunden, klar. Als Be- ≥ www.100-beste-plakate.de +++ Wanda Germany.
riger. Große Übernahmen sind kaum gründung führt es an, auf diese Weise Die französische Produktionsirma Wanda Produc-
mehr möglich, Adobe hat ja bereits al- die Innovationsfähigkeit zu bewahren. tions hat eine Zweigstelle in Hamburg eröffnet. An
le Konkurrenten geschluckt. In einem Das Ergebnis ist eher das Gegenteil: Es der Spitze der Wanda Germany GmbH steht Mandy
eher dümpelnden Umfeld ist eine Um- wird der Qualität und der Zahl innova- Kothe, zuletzt Executive Director bei Tony Petersen
satzsteigerung nur mit dem Anziehen tiver und grundlegender Neuerungen Film. Wanda eröffnete 2009 bereits ein Büro in Berlin,
der Daumenschrauben möglich. Das abträglich sein, wenn sich der Trend das jetzt eingegliedert wird. Zeitgleich hat die Pro-
bedeutet: Update-Unwillige werden in zu Abo-Pauschalen mit verkürzten Re- duktionsirma eine Dependance in London eröffnet.
Zukunft bestraft, Adobe hat die Aktu- leasezyklen weiter durchsetzt. Damit will sie sich europaweit stärker aufstellen. nik
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PAGE ONLINE
Portfolio des Monats
In jeder Ausgabe stellen wir ein Mitglied aus der PAGE Community und Highlights aus seinem Portfolio vor

Bryndís Thórey Sigurjónsdóttir


www.page-online.de/community/portfolios/brynd_s_th_rey

n Bryndís Thórey Sigurjónsdóttir hat ein besonde- Ich bin Printdesignerin, Festangestellte
res Talent für Editorial Design. Mal zart und zurück- Ich biete Printgestaltung
haltend, mal virtuos und plakativ setzt sie Schriften E-Mail info@bryndisthorey.de
und Buchstaben ein und schafft so typograische Web www.bryndisthorey.blogspot.com
Lichtmomente. Neben Büchern entstehen auch Standort Berlin
Magazine und Corporate Designs, die allesamt die
Experimentierfreude der Isländerin und ihr Gespür
für Schriften und Farben zeigen.

E-Mag: KrEaTION | TYPO | BILD | TECHNIK | SZENE | gaLErIE

Keren & Golan, Tel Aviv Ih libe Dih vi ferrückt! Illustrator Matthias Seifarth
Kreation. Kunterbunte Ausstellungskata- Typo. In ihrem Wörterbuch »DOYÇ« (Deutsch) Bild. Ein Haiisch im Smoking, eine Giraffe im
loge, Helden, die schon mal Sternchen wirft Esra Özen einen wunderbar ironischen Rollkragenpullover und eine Eule im Hosen-
sehen, und das großartige Kulturmagazin Blick auf 50 Jahre türkische Gastarbeit. Das anzug, mit Perlenkette und Angela-Merkel-
»A5«: Seit vier Jahren macht die israe- Nachschlagewerk beruht auf »Türk Isçileri Frisur: Auf den Bildern von Matthias Seifarth
lische Agentur Keren & Golan durch pa- için Almanca« von 1973, das den Gastarbei- sehen surreale Wesen ganz lebensecht aus.
ckendes Design auf sich aufmerksam . . . tern helfen sollte, mit den Deutschen zu Ab sofort vertritt die Agentur kombinatrot-
Zu sehen in unserer Bildergalerie. kommunizieren. weiss* den jungen Zeichenkünstler.
≥ www.page-online.de/kerengolan ≥ www.page-online.de/esra_oezen ≥ www.page-online.de/seifarth
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≥ www.page-online.de PAGEmag

Geschäftsausstattung zum Thema »Ich-Verlag« Konzeption der Buchreihe »Kurzgeschichten der letzten drei Jahrzehnte« Umschlag-
gestaltung für Oscar Wildes »Das Bildnis des Dorian Gray« Rauminstallation zum Thema »Akt des Lesens«, Masterthesis 2010

PagE NEWSLETTEr

Blick ins Studio Android-App Gravilux Immer up to date


Szene. In unserer neuen Serie geben wir Technik. Berühmt wurde Medienkünstler n Bestellen Sie jetzt den kostenlosen
Einblicke in die Arbeitsräume, Lieblingsplätze Scott Snibbe durch seine Mitarbeit an PAGE Newsletter und bleiben Sie auf
und Energiespender von Fotografen, Illus- Björks iPad-Album »Biophilia«. Nun bringt dem Laufenden rund um kreatives Me-
tratoren und Gestaltern. Los geht’s mit Silke er etwas für Android-Anwender heraus: diendesign, Publishing und Trends. So
Werzinger, die uns ihre Fabriketage in Berlin- eine App, mit der sich gestresste Kreative erfahren Sie auch als Erste, wenn wir
Kreuzberg zeigt, die sie sich mit fünf ande- in einem verblüffend lexiblen Sternen- ein neues PAGE Seminar veranstalten
ren Kreativen teilt. meer entspannen können. oder eine Sonderedition herausgeben.
≥ www.page-online.de/silke_werzinger ≥ www.page-online.de/gravilux ≥ www.page-online.de/newsletter
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AUSBILDUNG
Einfach verspielt
n Corporate Design. Alma terra ist
ein sehr kleiner Verein, der sich für
Kinder in Konliktregionen einsetzt und
Spielplätze in Afghanistan und Tansa­
nia baut. So reichten bisher auch ein
einfaches Logo und eine schlichte Web­
site aus, um ihn zu repräsentieren. Mit
zunehmender Bekanntheit überlegt
die Hamburger Organisation nun aller­
dings, ihr Erscheinungsbild zu überar­
beiten, um Werte und Engagement bes­
Von Corporate ser zu visualisieren.
Type über Ein interessantes Konzept dafür hat
Website bis zur Julia Walter (www.julia-walter.de) in ih­
Spielplatz-App: rer Abschlussarbeit im Fach Kommuni­
Julia Walter kationsdesign an der Hochschule für
hat für den Ver- Angewandte Wissenschaften Hamburg
ein alma terra entwickelt. »Alma terra versteht sich als
ein neues eine junge, offene Institution, die von
Erscheinungs- demokratischen Entscheidungsprozes­
bild entworfen sen geprägt ist«, erklärt sie. »Das Cor­
porate Design soll also Werte wie jung,
unabhängig, sympathisch und seriös
vermitteln.« Gleichzeitig dürften Ele­
mente des Spielens und des Spielplat­
zes in dem Auftritt nicht fehlen.
Im ersten Schritt entwarf Julia Wal­
ter eine Corporate Type, die etwa im
Logo zum Einsatz kommt. Der Display­
font basiert auf einfachen Formen wie
etwa Kreis, Halbkreis und Quadrat, die,
unterschiedlich zusammengesetzt, die
einzelnen Buchstaben ergeben. »Ich
wollte der Schrift einen Handmade­
Charakter geben. Deshalb entwickelte
ich die Lettern per Stempeldruck, so­
dass sie unsaubere Kanten und ausge­
franste Farblächen erhielten«, erzählt
Julia Walter. Das Handgemachte sei ein
wichtiger Aspekt bei alma terra. Der
Verein lege Wert darauf, die Spielplät­
ze zusammen mit einheimischen Hel­
fern selbst zu errichten.
Das Farbkonzept des Auftritts mit
seinem satten Grün, leuchtenden Blau
und tiefen Olivbraun leitete die Ge­
stalterin aus Fotos ab, die beim Bau
Charmante Idee: der ersten Spielplätze entstanden wa­
Für die Kon- ren. Zuletzt entwickelte sie einfache
zept-Website Icons, die ebenfalls Spielplatzmotive
animierte die aufgreifen und damit die Aktivität des
Designerin erste Vereins klar visualisieren. Ausgehend
Malversuche von diesen Grundelementen entwarf
ihrer damals Walter einen kompletten Markenauf­
sechsjährigen tritt: vom Logodesign über Geschäfts­
Schwester ausstattung bis zum App­Konzept.
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+++ Designforschung und -lehre. Professor Dr. Ger­


hard Buurman übernimmt die Leitung des Instituts
für Designforschung an der Zürcher Hochschule der
Künste. Mit dem Antritt des 49­Jährigen richtet sich
das Institut zugleich neu aus. So sollen Research und
Lehre stärker verknüpft werden, und die Forschungs­
felder gliedern sich nun in die Bereiche »Products and
Spaces«, »Infrastructures and Services« sowie »Design
Cultures, Methodology and History«. Buurman hat un­
ter anderem die Studienschwerpunkte Interaction De­
sign und Game Design an der ZHdK eingeführt und
geleitet. Zudem ist er Präsident des Swiss Design Insti­
tute for Finance and Banking. +++ Corporate Design
für Non-Proit-Organisationen. Die Hochschule für
Gestaltung Schwäbisch Gmünd hat die Initiative »co­
Dosenwissen operate design« ins Leben gerufen. Ihre Idee ist, dass
Studierende Erscheinungsbilder für Non­Proit­Orga­
n AR-Ausstellung. Wenn Lars Kaltenbach seine Ausstellung über Nano- nisationen entwerfen. Für die Teilnahme an dem Pro­
technologie zeigen will, muss er lediglich eine Dose aus der Tasche ziehen. In jekt können sich Studenten baden­württembergischer
ihr beinden sich fünf Objekte, die der Kommunikationsdesignabsolvent der Hochschulen wie NGOs bis zum 15. Januar bewerben.
Ruhrakademie in Schwerte im Raum arrangiert. In einer Ecke angebracht, wirkt ≥ www.facebook.com/cooperatedesign +++ Contest
die Präsentation zunächst eher klein und übersichtlich. Denn wie ein Wissen- für DSLR-Clips. Der Fotowettbewerb katapult° und
schaftler die Nanowelt nur unter einem Mikroskop beobachten kann, eröffnet die Canon Academy haben den Nachwuchspreis ka­
sich die Dimension der Ausstellung erst mit dem Blick durch eine Smartphone- tapult° clip ausgelobt. Junge Berufsfotografen so­
Kamera. Hier zeigt sich der Augmented-Reality-Layer, in dem sich die Plaketten wie Studierende und Auszubildende im Bereich Fo­
in kleine 3-D-Planeten verwandeln und vertiefende Texte und Video anbieten. tograie aus Deutschland sind aufgefordert, ihre Clips
einzureichen. Folgende Bedingungen müssen erfüllt
sein: Der Film wird mit einer digitalen Spiegelrelex­
Das reduzierte Ich kamera gedreht und ist nicht länger als 10 Minuten.
Genre und Thema sind frei. Der Sieger erhält eine Ca­
n Infografik. Eine interessante, je­ Die wesentlichen Testresultate vi­ non EOS 5D und 1000 Euro Preisgeld, der Zweite und
doch nicht unumstrittige Idee hat Jan sualisiert das Programm anschließend Dritte je 500 Euro. Einsendeschluss ist der 16. Februar.
Eumann mit seiner Diplomarbeit an in dem Kreissymbol, das in der Mitte ≥ www.katapult.co/clip/ +++ DDA-Absolventen. Die
der Fachhochschule Düsseldorf vorge­ der Infograik zu sehen ist. So zeigt der Deutsche Dialog Akademie hat 107 Absolventen ver­
legt: Der Kommunikationsdesigner ent­ äußere Ring zum Beispiel an, wie alt abschiedet. Jahrgangsbeste wurde Kira Schröder, Ac­
wickelte das elektronische System Des­ jemand ist, die Ausrichtung der Drei­ count Managerin bei BBDO Proximity am Studienort
cryptor, das Persönlichkeitsmerkmale ecke wiederum die Offenheit der Per­ Hamburg. Ihre Diplomarbeit beschäftigt sich mit der
analysiert und auf Plakaten visualisiert. son. Im oberen und unteren Bereich »Darstellung und Analyse des Einlusses von Mund­
Dazu bietet der Gestalter unter www. werden Fakten wie Herkunft oder Dia­ propaganda auf den Kaufentscheidungsprozess«. Für
descyptor.de einen Fragebogen an, der lekt teils symbolisiert, teils aufgelistet. ihre erbrachte Leistung wurde sie vom Deutschen Dia­
auf dem so genannten NEO­Fünf­Fak­ Jan Eumanns Versuch, das Wesen eines logmarketing mit dem Alfred­Gerardi­Gedächtnis­
toren­Inventar basiert. Dieser wertet Menschen zu visualisieren, ist durch­ preis ausgezeichnet. +++ DAAD-Wettbewerb. Zwei
die Antworten nach fünf Schlüsselfak­ aus spannend. Die Reduzierung und Absolventen der Weimarer Bauhaus­Universität ha­
toren wie emotionale Stabilität und Kategorisierung des Ichs dürfte aller­ ben den ersten Preis im internationalen Kreativwett­
soziale Verträglichkeit aus. dings nicht jedem gefallen. nk bewerb »Deutsch schafft Wissen« erhalten. Der Deut­
sche Akademische Austauschdienst und das Goethe­
Institut hatten im Sommer dazu aufgerufen, sich für
die Wissenschaftssprache Deutsch mit Werbesprü­
chen, Graiken oder Fotos zu engagieren. Durchset­
zen konnten sich die 27­jährige Texterin Jennifer Bohn
und der 30­jährige Designer Johannes Hein. Ihre Pla­
katserie kombiniert vermeintliche Babyfotos deut­
scher Erinder mit ihren wahrscheinlich ersten Wor­
ten. +++ Aktuelle Projekte aus Hochschulen und
Akademien inden Sie unter www.page-online.de/aus-
den-hochschulen: Unter anderem berichten wir dort
über die dritte Ausgabe des HAW­Hamburg­Magazins
»Nicht Jetzt« . nk
020 page 02.12

TITEL

»Adam war höchst-


wahrscheinlich
der vorläuig letzte
Mensch, der nichts
plagiiert hat«, meinte
George Bernard
Shaw – hier ein sehr
trendiger Remix
aus Bildern, Farbstilen,
Techniken, Materi-
alien, 2-D und 3-D. Die
Illustration für AOL
stammt vom Kanadier
Guillaume Vallée
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2012 – DA GEHT’S LANG


Fotomotion, Responsive Design, Social Commerce, Vectorism . . . Im Neuen steckt immer auch das Bekannte –
und doch ist es so, in dieser Konstellation, noch nie dagewesen. Welche Entwicklungen uns in
diesem Jahr in Kreation, Technik und Business beschäftigen werden, lesen Sie auf den folgenden Seiten
022 page 02.12 TITEL Trends 2012

Kreation REMIX
Das Cross-over von Stilen, Materialien,
analogen und digitalen Werkzeugen führt zu
schillernden, vielschichtigen Bildsprachen

n Populär wurde das Remixen im Design in den 1980ern


mit den ironisch-eklektischen Stilzitaten der Postmoderne,
in den Neunzigern nannte sich der Bezug zu vergangenen
Jahrzehnten »Retro«. Nach 2000 erlebte die Collage eine
Renaissance, und Bildsprachen wurden immer kleinteiliger
kombiniert. Relativ neu ist das Mischen nicht nur von Stilen,
sondern auch von digitalen und analogen Techniken, von
hochglänzenden und weniger wertigen Materialien, von
zwei- und dreidimensionalem Raum. Das gilt für die Illus-
tration ebenso wie für das Web- beziehungsweise Editorial
Design (siehe auch Seite xx).
Digitale Werkzeuge sind selbstverständlich geworden
und damit eine Methode unter vielen, die es möglich macht,
selbst visuell Gegensätzliches leichtfüßig zu verlechten.
Zudem schärft die tägliche Bilderlut im Internet unsere vi-
suelle Intelligenz; die Vielfalt der Informationen lässt uns
auch Ungewohntes souverän zusammenbringen, wobei
die Reminiszenzen verschwimmen. »Interessant wird ein
Bild, wenn der Betrachter zunächst eine leise Ahnung hat,
an was es ihn erinnert – und ihn dann weitere Assoziati-
onen in andere Richtungen ziehen, weil das Motiv so viel-
schichtig ist«, erklärt der Designer Thomas Poschauko, der
mit seinem Bruder Martin den Kreativitätswälzer »Nea Ma-
china« (siehe PAGE 02.11, Seite 44 ff.) verfasst hat.
Doch wie lässt sich mit einem Remix im aktuellen Design
noch Neues schaffen? »Es ist wichtig, nicht nur die Oberlä-
che von Stilen, Materialien und Techniken zu kopieren, son-
dern ihr abstraktes Prinzip zu verstehen, zum Beispiel den
Rhythmus einer Arbeit oder eine besonders wirksame Farb-
komposition. Einzelaspekte unterschiedlicher Inspirations-
quellen lassen sich dann neu verbinden, etwa die Farbstim-
mung eines Van-Gogh-Bilds mit der graischen Komposition
eines Bauplans«, meint Thomas Poschauko. Bei dem Ge-
stalterduo heißt das: viel skizzieren, auch auf großlächigen
Papieren, und experimentieren.
Und was kommt nun? »Indem sich Designer derzeit in-
tensiv mit alten und neuen Gestaltungsprinzipien und Tech-
niken auseinandersetzen, entsteht ein Bewusstsein dafür,
welche von ihnen sich im Laufe der Zeit bewährt haben.
Vielleicht lassen sich die Grenzen zwischen rationaler Gra-
ik und künstlerischer Illustration damit wieder aufheben«,
so Thomas Poschauko. »Und vielleicht werden sich Kreative
so sicherer, was eine gute Form ausmacht.« Nach den deko-
rativen Jahren könnten Form und Inhalt also wieder eine
stärkere Einheit bilden. wl

»The Wabbits« – ein Mix von Comic, Jugenstil und


Street Art – entwarf Tom Burden von therewillbeuni-
corns für die Illustrationsausstellung »Freakshow«.
Darunter: Techniken, Stile und Dimensionen kombi-
niert Hort für die »Neon«-Illu zum Thema Zufall
page 02.12 023

KoLLaBoration GEMEINSAM SCHLAUER


angesichts gegenwärtiger Herausforderungen werden
interdisziplinarität und kollaboratives arbeiten
immer wichtiger und umfassen immer mehr Branchen

n Wie befruchtend die interdisziplinäre Zusammenarbeit


sein kann, zeigt der Design-Thinking-Ansatz schon seit den
1990er Jahren. Um ganzheitliche Lösungen zu inden, be-
darf es unterschiedlicher Perspektiven, so die Idee. Das gilt
besonders für Projekte mit größerer Tragweite, etwa im so-
ziopolitischen oder ökologischen Kontext. Um Unterneh-
men bei ihren Zukunftsstrategien zu beraten, haben etwa
Innovationsagenturen wie PCH Innovations in Berlin und
Los Angeles oder Nerd Communications in Berlin, interdis-
ziplinäre Kollaboration institutionalisiert. Sie arbeiten mit
festen Teams aus Experten unterschiedlichster Sparten, da- Sven Voelker ver-
runter Wissenschaftler, Graik- und Produktdesigner, Pro- anstaltet mit
grammierer, Regisseure und Künstler. PCH Innovations nutzt seinen Studenten
dabei Konzepte wie Design Fiction, Open Innovation und regelmäßig inter-
Collaborative Thinking. Der berühmte Blick über den Teller- disziplinäre Work-
rand ist bei diesen Ideenlabors fester Bestandteil. shops – hier mit
»Interdisziplinäre Zusammenarbeit muss gut organisiert der Band Apparatjik.
und strategisch aufgestellt sein«, erklärt Stefan Teledgy, Mit- Das Treffen
begründer von Nerd Communications. »Auf diese Weise wurde im »Some
zeigen wir dem Kunden, dass wir kein Spaßverein sind, son- Magazine, Electric«
dern seriös arbeiten.« Die Amsterdamer Werbeagentur dokumentiert
024 page 02.12 TITEL Trends 2012

Indie arbeitet dagegen mit weniger festen Strukturen Ziel vor Augen birgt für ihn die größte Innovationskraft. An-
und zieht regelmäßig externe Spezialisten verschiedenster ders als für die Studenten ist dies für Agenturen mit Kun-
Disziplinen heran, die anschließend in sogenannten Crea- denauftrag aber riskant bis unmöglich. »Sie müssen immer
tive Hubs gemeinsam mit den Kreativen Kampagnenideen überlegen, welche Leistungen sie nachher beim Kunden ab-
entwickeln. Um eine neue Bio-Eissorte von Ben & Jerry’s in rechnen können«, so Sven Voelker. »Interdisziplinäre Teams
den Niederlanden zu bewerben, holte Indie zum Beispiel werden deshalb so zusammengestellt, wie es für ein be-
einen Spiritualisten und eine Ökokünstlerin hinzu. Dabei stimmtes Projekt sinnvoll erscheint. Am Ende sitzen dann
entstand eine ganze Bewegung, die »Givolution«, und unter Expertenteams zusammen.« Um wirklich frei arbeiten zu
diesem Kampagnendach zum Beispiel die Auktionsplatt- können, bräuchte eine Agentur sehr mutige Kunden.
form Chain of Giving, auf der alles akzeptiert wird außer Geld.
Eine weitere Brutstätte für Kollaboration sind Coworking
Sich für Einlüsse von außen zu öffnen, anstatt, wie in den Spaces. Vor einigen Jahren noch als Treffpunkt der digi-
meisten Agenturen üblich, interne Kreativteams an die talen Bohème belächelt, haben sich die lexiblen Büroräu-
Projekte zu setzen – diese Haltung liegt der Arbeit bei Indie me für Freelancer mittlerweile etabliert. Den meisten Be-
zugrunde. »Kollaboration ist für uns, wenn eine Gruppe von treibern geht es dabei um mehr als die bloße Vermietung
Leuten zusammenkommt und hoffentlich die richtigen Tö- von Arbeitsplätzen inklusive WLAN und Drucker. »Cowor-
ne trifft«, erklärt Gabriel McIntyre, Head of Innovation bei king Spaces sind ein Ökosystem, in dem sich Netzwerke in-
Indie. Die Experten – vom Komiker bis zum Blogger oder den und bilden, die dann gemeinsam Projekte umsetzen –
Gamedesigner – sucht die Agentur je nach Auftrag zusam- idealerweise interdisziplinär«, erklärt die freie Projektma-
men. Während sich McIntyre durchaus Kooperation auf ei- nagerin Anni Roolf. Sie selbst hat die Gründung der Utopia-
ner breiteren Ebene vorstellen könnte, unterstreicht er stadt in Wuppertal mitinitiiert und treibt die Vernetzung
auch die Bedeutung der Agentur, die mit ihrer Erfahrung der globalen Coworking-Szene voran.
und ihren Methoden die Durchführbarkeit von Ideen sowie Mittlerweile gibt es laut Anni Roolf circa 1200 solcher
die Abwicklung der Kampagnen garantiert. Orte weltweit, rund 80 davon in Deutschland. Die Betrei-
Die Werbeagentur Zum goldenen Hirschen hat sich an ber vernetzen sich auf gemeinsamen Events wie der Co-
ihrem Berliner Standort frischen Wind in Form von vier Mit- working Conference, die im November 2011 in Berlin statt-
bewohnern ins Büro geholt. Ein Motiondesigner, eine So- fand. Zudem hat Roolf mit der Jelly Week ein Zeitfenster für
cial-Media-Redakteurin, ein Visual Artist und ein Illustrator temporäre Coworking-Events weltweit ins Leben gerufen.
dürfen ein Jahr lang mietfrei einen komplett ausgestatteten Die internationale Kooperation der Betreiber ermöglicht
Arbeitsplatz nutzen. Eine Zusammenarbeit mit der Agen- den Mietern hohe Flexibilität. Sind sie berulich in einer an-
tur ist denkbar, aber kein Muss. »Wir wollen mit der Aktion deren Stadt, können sie über Plattformen wie Deskwanted
unseren Horizont erweitern und gleichzeitig freien Krea- oder coworking.de einen Arbeitsplatz inden, haben also
tiven etwas Gutes tun«, erklärt Kreativdirektor Reinhard eine Anlaufstelle und inden schnell Anschluss.
Buschmann. Die Agenturmitarbeiter bekommen so Einbli-
cke in Spezialbereiche und sehen, wo dort Probleme und Nicht nur gegen die Isolation im Home-Ofice helfen Co-
Chancen liegen. Umgekehrt lernen die Freelancer die Ab- working Spaces, sie ermöglichen auch wechselseitige Inspi-
läufe einer Agentur kennen. »Der Austausch erfolgt haupt- ration und neue Formen der Zusammenarbeit. Neben
Coworking ist sächlich in der Kaffeeküche«, so Buschmann, »aber wir pla- Großraumbüros mit festen und temporären Arbeitsplät-
zu einer welt- nen auch gemeinsame Brainstormings.« Kollaboration sei in zen bieten die meisten von ihnen Gemeinschaftsräume
weiten Bewe- der Kreativbranche unerlässlich, da kaum noch eine Agen- und Events wie zum Beispiel Workshops, Networking-Treffs
gung geworden. tur sämtliche Fachgebiete und Kanäle abdecken könne. oder Partys. So wird der Zusammenhalt gestärkt und Ver-
Im Hamburger »Die Agentur der Zukunft besteht aus Konzeptdenkern und trauen aufgebaut – ein Nährboden für gemeinsame Pro-
betahaus kann Strategen, die sich je nach Projekt kreative Spezialisten da- jekte, innovative Ideen und Neugründungen. Im Hambur-
jeder einen zuholen«, glaubt er. ger betahaus haben Coworker beispielsweise schon zwei
Arbeitsplatz Sven Voelker, Professor für Kommunikationsdesign an Start-ups gegründet.
mieten und sich der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, verfolgt Das Coworking-Konzept beschränkt sich aber längst
mit anderen einen radikaleren Ansatz: Für ihn ist wahre Kollaboration nicht mehr auf Selbstständige aus der Kreativbranche,
Kreativen experimentell und funktioniert nur ohne jegliche Zielvorga- auch Unternehmen suchen die Nähe der inspirierenden
austauschen be. Freies Ausprobieren und Rumspinnen ohne konkretes Arbeitsumgebungen. »Coworking ist in der breiten Masse
angekommen«, sagt Lena Clausen, Betreiberin des beta-
haus in Hamburg. Sie kooperiert bereits seit einiger Zeit
mit der Otto Group. Der Konzern entsendet regelmäßig
Projektteams dorthin, eventuell wird er einen festen Platz
für seine Mitarbeiter reservieren. Darüber hinaus gibt es ge-
meinsame Projekte und Veranstaltungen. TUI hat mit Bera-
tung des betahaus sogar einen eigenen Coworking Space
in Hannover eröffnet.
Auch mit den Auswirkungen, die Coworking auf die Ar-
beitswelt hat, beschäftigt sich Lena Clausen. So organisier-
te sie gemeinsam mit der ZEIT-Stiftung ein Barcamp zur Zu-
kunft der Arbeit, an dem unter anderem Frank Kohl-Boas
teilnahm, der Personalchef von Google Deutschland. Fakt
ist, dass Kollaboration Konjunktur hat. Der interdisziplinäre
Austausch – und sei es nur in der Kaffeeküche – eröffnet
neue Perspektiven und schafft Ideen, auf die man allein im
stillen Kämmerlein nie gekommen wäre. nik
026 page 02.12 TITEL Trends 2012

n Ganz aus der Mode waren sie natürlich nie, denn wer
GraFiKDeSiGn VECTORISM kommt im Graikdesign schon ohne Vektoren aus. Doch
Vektorillustrationen gelten derzeit vielen bestenfalls als
richtig angesagt ist doch heute nur von funktional, wenn nicht als visueller Schrott, der auf Platt-
formen wie vector4free.com verschenkt wird. Gestalter,
Hand Gekritzeltes, Gemaltes oder
die auf sich halten, versuchen ihren Arbeiten seit Jahren ei-
Gebasteltes. Und warum gibt es dann plötz- nen möglichst handgemachten Look zu geben – was als
lich so viele Vektorillustrationen? Gegenbewegung zum betont digitalen Look aus der Epo-
che des mit einem großen Crash zu Ende gegangenen New-
Media-Booms begann.
Keine Frage, niemand will mehr die Schnörkel-Vektoren-
landschaften mit Regenbogen und putzigen Characters se-
hen, die Designer rund um die Welt zeitweilig tonnenweise
produzierten. Dass das Potenzial der Vektorillustration da-
mit natürlich längst nicht erschöpft ist, macht der Band
»Vectorism« aus dem für seine stets extrem hippen Bücher
bekannten Verlag viction:ary aus Hongkong deutlich. Darin
zeigen Arbeiten aus den letzten zwei, drei Jahren, wohin
sich die Vektorillustrationen entwickelt haben, während al-
le (noch?) auf dem Handarbeitstrip sind.
Nicht als Eyecandy, sondern durchdacht kommen sie
daher, als intelligentes Spiel mit reduzierten Formen und
Linien und deren kommunikativen Möglichkeiten. Ästhe-
tisch lassen sich nicht selten Referenzen ans modernisti-
sche Design von Paul Rand und Konsorten erkennen. Der
stark konzeptuelle Ansatz wird auch oft in Bildserien vari-
iert, wie es die zwischen Moskau und Berlin pendelnde Maria
Zaikina in ihrer großartigen, immer noch nicht abgeschlos-
senen Serie »Landschaft mit Haus« tut. Unter www.lickr.
com/photos/suzy_yes lassen sich alle bisherigen Bilder be-
trachten und ein Essay der russischen Gestalterin über ihr
visuelles »Roadmovie« lesen.

Im Gegensatz zum 2000er-Vektorhype bevorzugen die neu-


en Vektoristen ruhigere und wärmere Farben. Und wäh-
rend es vor einigen Jahren toll schien, das Digitale zu beto-
nen, sehen aktuelle Vektorillus oft aus wie Druckgraiken.
Tatsächlich verkaufen diverse Designer minimalistische Ar-
beiten als Plakate oder gerahmte Drucke, meist als hoch-
wertige Giclée-Prints wie etwa Unherd aus London (www.
unherdprints.com). Mit den Gegensatzpaar-Postern »Paris
vs. New York«, die er übers Netz verkaufte, machte auch
der französische Designer Vahram Muratyan Furore (http://
parisvsnyc.blogspot.com) – inzwischen gibt es dazu ein Buch.
Im Vorwort zu »Vectorism« beschreiben Craig Redman
und Karl Maier, die als Craig&Karl selbst bevorzugt mit Vek-
toren arbeiten, den Trend als »irgendwo zwischen Graik-
design und Illustration« angesiedelt. Mit reduzierten, präzi-
sen Abstraktionen der Realität und cleveren Interpretati-
onen des Vertrauten enthülle dieser Stil oft unerwartete
Bedeutungen. »Dabei geben Witz und Humor dem, was for-
mal mechanisch wirken könnte, Leichtigkeit und Tiefe. Was
dem Betrachter nicht nur ein Lächeln aufs Gesicht zaubert,
sondern auch emotionale Reaktionen hervorruft.«
Was die Technik betrifft, so sehen Craig&Karl Vektoren
quasi als die »natürliche« Ausdrucksform des Computers.
»Auch wenn derart reduzierte Bilder geradezu analog wir-
ken können, versuchen sie nicht andere Arbeitsmethoden
nachzumachen und strahlen so ein gewisses Vertrauen
und Authentizität aus. Sie treten mit Stolz als Vektor-
graiken auf und gehören auf diese Weise ganz ihrer Zeit.
Viva le vector!« cg
Viction:ary. Vectorism. Vector graphics today.
Hongkong (Viction:ary) 2011, 296 Seiten. 40 Dollar.
isbn 978-988-19438-0-4
page 02.12 027

Linke Seite: Rotkehlchen, Amsel, Falke:


Die Vogelstudien des Londoner
Designers Sam Harris gibt es unter
www.roundbirds.co.uk als Prints.
Rechte Seite: In ihrer Serie »Landschaft
mit Haus« schafft Maria Zaikina mit
minimalen gestalterischen Variationen
immer wieder neue Stimmungen.
Designerduo Craig&Karl porträtiert
Prominente mit gemusterten Flächen –
hier Lady Gaga und Mark Zuckerberg
028 page 02.12 TITEL Trends 2012

WeBentWiCKLUnG RESPONSIVE DESIGN


Der von ethan Marcotte entwickelte ansatz revolutioniert das Webdesign, erfor-
dert von Gestaltern und Developern jedoch auch ein grundlegendes Umdenken

n Die mobile Internetnutzung ist dabei, den stationären Das von Ethan Marcotte unter dem Begriff des »Respon-
Zugriff zu überlügeln. Gleichzeitig wird die Vielfalt von sive Web Design« eingeführte Web-Development-Konzept
Smartphones und Tablets mit immer neuen Screengrößen, stellt eine Möglichkeit dar, auf Grundlage von HTML5 und
Proportionen und Aulösungen stark zunehmen – die aktu- CSS3 sämtliche Zielgeräte und deren sehr unterschiedliche
elle Situation ist da nur ein kleiner Vorgeschmack. »Das Fähigkeiten aus einer einzigen Quelle zu bestücken (siehe
Nutzerverhalten wird sich weiter lexibilisieren. Anwender PAGE 09.11, Seite 111). Technisches Rüstzeug sind vor allem
wechseln wie selbstverständlich die Screens, vom iPad zum lexible Fonts und Gestaltungsraster (luid grids) sowie Bil-
Smartphone-Screen und von dort zum Laptop. Entweder der (luid images) und – ganz wichtig – Media Queries, die
man gestaltet mit entsprechendem Aufwand maßgeschnei- die Eigenschaften der verwendeten Browser und Geräte
derte Lösungen für alle möglichen Formate oder man ver- abfragen. »Flexibel« meint zum einen die automatische An-
sucht, möglichst intelligent und lexibel mit Layouts und In- passung der Größe von Schriften, Spalten und Bildern, aber
halten umzugehen. Es ist also auch eine ökonomische Fra- auch das Umpositionieren und Ausblenden von Inhalten,
ge und nicht nur ein gestalterische«, meint Christian Daul, wenn es an Platz mangelt.
Geschäftsführer von Scholz & Volkmer in Wiesbaden. In CSS2 ließen sich Stilvorlagen nur mithilfe der Abfrage
einfacher Medientypen wie »screen« und »print« selektie-
ren und optimieren. Das führte zu der verbreiteten Praxis,
stattdessen die Browserversion, also den User Agent, als
Erkennungsmerkmal zu nutzen und den Output auf ihre
Fähigkeiten hin zu optimieren. Das reicht heute längst
nicht mehr. Gilt es doch zum Beispiel zu berücksichtigen,
ob der User ein mobiles Device gerade hoch oder quer hält.
Die Media Queries in CSS3 hingegen gestatten Zugriff auf
zahlreiche Features wie »orientation«, »aspect ratio«, »de-
vice-height« und »device-width«.

Die wahre Herausforderung sind aber nicht diese tech-


nischen Neurungen: »Das Schwierigste ist das Konzept, der
gestalterische Prozess«, erklärt Senior Interactive Develo-
per Jens Franke. Denn es ist nicht mehr möglich, für eine
ixe Bildschirmgröße zu gestalten, wie dies viele Kreative
verinnerlicht haben. Gerade die pixelperfekten Designer,
die ihre Layouts in Photoshop aufbauen, werden es schwer
haben. Heute gilt es die visuelle Wirkung für eine Vielzahl
von Darstellungsvarianten von Anfang an im Blick zu haben.
Und selbst dann kann man nicht das endgültige Design beim
Anwender vorhersehen, etwa wenn die Größe des Browser-
fensters eine Rolle spielt. Der Gestalter müsse sich also
mehr auf eine Baukasten-Denkweise einlassen.
Mit Responsive Design ist für Jens Franke vor allem ein
aktueller Trend untrennbar verbunden: »Mobile irst«. Erst
nachdem man eine reduzierte Site für mobile Geräte kre-
iert und optimiert hat, wird diese für Desktop-Browser er-
weitert, falls dies angebracht ist. Als Beispiel nennt er die
für Tablets optimierte Site Bagcheck von Luke Wroblewski
(http://bagcheck.com).
Christian Kuhn, Inhaber der Digitalagentur Nuisol in Ha-
nau, sieht die Tablets als treibende Kraft des »Mobile irst«-
Trends. Entsprechend gelte es bei der Gestaltung zu be-
achten, dass iPad und Co mehr für den Konsum von Inhal-
ten als für die Eingabe gemacht sind. Seit Anfang 2010 er-
stellt Nuisol nur noch Responsive Websites, optimiert vor
allem für Tablets. Ob eine weiter reduzierte Version für
Smartphones sinnvoll sei, müsse man genau hinterfragen.
Tobias Kreutzer, Partner heimoto AG, sieht die Herausfor-
derungen nicht nur in der Device-optimierten Darstellung
sondern auch in der Aufbereitung der Inhalte, um eine op-
page 02.12 029

timale Performance zu garantieren. Man darf schließlich Jens Franke nutzt


nicht vergessen, dass mobile Devices hinsichtlich Speicher, ein auf Basis von
Rechenpower und Internetanbindung deutlich schwach- Responsive Design
brüstiger sind. Das ist sicher auch der Hauptgrund dafür, optimiertes Word-
dass Flash auf mobilen Geräten nie eine Chance hatte – Press-Template, um
und von Adobe eingestellt wurde – mal von Air abgesehen, von seiner 100-tägigen
das es weiterhin geben wird. Wanderung quer
durch Deutschland
Die mangelnde Performance kann tatsächlich den Aus- zu berichten
schlag dafür geben, sich für eine speziell auf ein Gerät opti- ≥ http://100tage.
mierte Variante zu entscheiden. Bei der vor kurzer Zeit ge- jensfranke.com
launchten Beetle-Website beispielsweise greifen iPhone
und iPad auf eine reduzierte Version der Site zu, bei der As- Die von Interone in
sets, Layouts und die JavaScript-Komponenten auf die An- München realisierte
forderungen der eingeschränkte Power zugeschnitten sind. Scrolling BMW-Site
(siehe PAGE 12.11, Seite 84 ff.). funktioniert auf
Auch wenn Beetle.de ausgesprochen Performance-hun- dem Desktop und,
grige Technologien nutzt, sind Bilder tatsächlich ein Knack- automatisch abge-
punkt im Responsive Design. So sorgt der CSS-Befehl »max- speckt, auf Tablets
width: 100%« zwar dafür, dass ein Bild immer innerhalb sei- und Smartphones
ner Containergrenzen bleibt und automatisch skaliert wird, ≥ http://is.gd/
wenn nötig. Doch lädt auch die Mobile-Variante erst einmal EWQdSK
das Bild in Desktop-Dateigröße, selbst wenn sie gar nicht
auf dem iPhone angezeigt werden. Das kann nicht sinnvoll
sein. Natürlich lässt sich per JavaScript eine Weiche ein-
bauen, die zu einem gering aufgelösten Bild führt, die
grundlegende Darstellung einer Site sollte aber auch ohne
JavaScript funktionieren.
Für diese Anforderungen stehen erste Webservices be-
reit, etwa des HTML5-Spezialisten Sencha. Seine Lösung
sieht vor, in der Image-URL ein Sencha-Proxy dazwischen-
zuschalten, der die Skalierung übernimmt. Auch hier muss
sich ein Standard erst noch herauskristallisieren.
Jens Franke erinnert die aktuelle Situation an alte Zei-
ten: »Vor sieben, acht Jahren haben wir ganz ähnliche Über-
legungen auch bei Flash-Projekten anstellen müssen.« Viel-
leicht wäre die Geschichte anders gelaufen, wenn Flash
von Adobe beziehungsweise von Macromedia damals schon
als offener Standard eingebracht worden wäre. tk

Diese von Scholz &


Volkmer entwickelte
Responsive Site
zeigt immer nur so
viele Bilder an, wie
es für das Endgerät
sinnvoll ist. Auf
Touch-Devices wird
für den Mouse-over-
Effekt ein Doppelt-
Touch eingesetzt
≥ www.theavant
gardediaries.com
030 page 02.12 TITEL Trends 2012

BranD ManaGeMent VERÄNDERUNG GESTALTEN


nicht nur Kommunikationsprodukte, auch die Strukturen für
dynamische Designprozesse müssen agenturen heute schaffen

n Marken werden immer lexibler an differenzierte User- ständnis wandelt sich weiterhin – weg von statischen Cor-
und Zielgruppen, an regionale Märkte und unterschiedli- porate Designs, hin zu individualisierten Ausdrucksformen,
che Kanäle angepasst. Dass dies nicht nur lüchtiger Ober- die Kopf und Herz eines Unternehmens widerspiegeln. Und
lächenanstrich bleibt, dafür sorgen Brand Manager mit mit zunehmendem inanziellen Druck ist das Brand Ma-
Konsequenz und Feingefühl für Prozesse, Veränderungen nagement gezwungen, seine Strategien auch dem Control-
und die Menschen hinter der Marke. Denn das Markenver- ling in Unternehmen darzulegen. wl

ment kennt. Für uns bedeutet das, dass wir künftig immer
weniger für ein generelles Verständnis vorarbeiten müs-
sen, sondern direkt an den Maßnahmen zur internen Kom-
munikation arbeiten können.
Ein Beispiel aus Ihrer Praxis?
Das neue Corporate Design für Nürnberg. Die Stadt war
bisher kaum als Marke sichtbar; einzelne Abteilungen hat-
ten Modiikationen am bestehenden Design, sogar am Logo
vorgenommen – es war dann quasi »ihr Baby«. Ohne die
gezielte Einbeziehung der städtischen Mitarbeiter wären
wir bei der Implementierung eines neuen, konsistenten
Corporate Designs mit Sicherheit auf emotionale Blockaden
und Motivationsprobleme gestoßen. Durch einen einzigen
Workshop mit siebzig Teilnehmern ist es uns gelungen, aus
Betroffenen Beteiligte zu machen – noch bevor wir den ers-
ten Strich für das neue Design gezogen haben. Bei den Vor-
gaben haben wir bewusst Freiräume gelassen und hatten
am Ende über siebzig hoch motivierte Anwender.
Bitte ein Praxistipp für das Brand Management der Zukunft?
Markenprojekte sollten so aufgesetzt werden, dass sie nach-
haltig wirken, das heißt: keine Einzelaktionen, die schnell
verblassen. Intelligente Implementierungsmaßnahmen ver-
bunden mit interner strategischer Kommunikation sind ein
wertvoller Beitrag, um Mitarbeiter langfristig an das Unter-
nehmen zu binden – auch im Sinne eines Employer Branding.
Deshalb erkennen auch mittelständische Firmen zuneh-
»Marken werden dynamischer. mend der Sinn eigener Markenbeauftragter, die sich konti-
nuierlich um die Weiterentwicklung der Marke und damit
agenturen sollten sich um die Stärkung des Unternehmens von innen kümmern.
daher Know-how im Change Was sind denn dann die Aufgaben der Designagenturen, die
diese Tätigkeiten bisher meist übernommen haben?
Management zulegen« Sie verschieben sich in Richtung Prozessgestaltung, krea-
tiv-strategische Beratung von Unternehmen auf Augenhö-
Michael Rösch, Geschäftsführer bei wirDesign in Berlin he. Agenturen sollten sich unbedingt Know-how im Change
und Braunschweig, über die Notwendigkeit, Mitarbeiter in Management aneignen. Designentwürfe stellen nur noch
Markenprozesse zu involvieren einen Teil der Arbeit dar. Aber auch hier verändert sich viel:
Corporate Design wird zunehmend dynamischer, die An-
Wohin geht’s im Bereich der Markenführung? wendung automatisierter.
Michael Rösch: Man kann die Veränderungen der Bran- Wie wirkt sich die Dynamisierung der Markenführung
che ganz gut an den Krisen der letzten Jahre festmachen: aufs Corporate Design aus?
Die Dotcom-Blase hat noch 2000/2001 zu großen Einbrü- Ein Corporate Design, das für automatisierte Anwendun-
chen bei den CI-/CD-Agenturen geführt; die Finanzkrise 2008 gen über Brand-Management-Systeme geplant wird, sollte
eher weniger, denn in Unternehmen wird inzwischen die zunächst einmal einfach gestaltet sein. Kleinteilige Erschei-
Bedeutung guter, lexibler Markenführung erkannt. Relativ nungsbilder machen die Nutzung von Web-to-Print
neu ist die Erkenntnis, dass Mitarbeiter aktiv und emotional schwerfällig und damit teuer. Dennoch muss Corporate
involviert werden sollten. Das Bewusstsein dafür kommt Design nicht langweilig werden, interessante Ansätze bie-
auch daher, dass eine neue Generation in den Führungseta- tet hier generatives Design, wie es beispielsweise Inter-
gen heranwächst, die die Bedeutung von Change Manage- brand für Actelion eingesetzt hat.
page 02.12 031

»agenturen müssen sich darauf


einstellen, Maßnahmen
nachvollziehbar zu machen«
Nina Oswald, Managing Director bei Interbrand Köln,
über präzise Prozessgestaltung

Vor welchen Herausforderungen steht das Brand Management?


Nina Oswald: Wir sehen, dass für Unternehmen eine wert­
orientierte Führung ihrer Marken im Fokus steht. Wenn wir
davon ausgehen, dass diese als living business assets zum
Unternehmenserfolg beitragen, ist es Aufgabe des Brand
Management, Strategien und Maßnahmen der Markenfüh­
rung nachvollziehbar und messbar zu machen beziehungs­
weise dies als Service anzubieten. Zudem werden Brand­
Management­Prozesse internationaler Marken oder Unter­
nehmen mit umfangreichen Markenportfolios immer kom­
plexer – Prozesssicherheit und ­gestaltung sind hier gefragt.
Wie verändert sich das Brand Management durch Technik?
Brand­Management­Systeme bieten die Flexibilität von Ak­
tualisierungen sowie die Möglichkeit, Tools wie Guidelines,
Approval­Prozesse und CI­Nets einer großen Zielgruppe zur
Verfügung zu stellen. Sie sind heute etablierter Bestandteil
eines jeden Brand­Management­Programms. Potenzial liegt
im Ausbau der Systeme hin zu interaktiven Plattformen für
Best Practises, E­Learnings, Libraries und Austausch.
Installiert Interbrand nicht sogar Mitarbeiter bei den
Kunden? Wo liegen die Möglichkeiten in dieser Position?
Ich würde nicht sagen, dass wir Mitarbeiter installieren – viel­
mehr bieten wir unseren Auftraggebern an, sie im Tagesge­
schäft so direkt wie möglich zu unterstützen. Bisher gibt es
hierfür zwei Anlässe: knappe Ressourcen beim Auftragge­
ber, sodass Aufgaben durch externe Unterstützung abge­
deckt werden, oder die Übernahme von konkreten Pro­
jekten, bei denen ein speziisches Know­how verlangt ist.
Globale Brands werden lexibler. Was bedeutet das fürs
Brand Management?
»Think global, act local« – gilt für die meisten internationalen
Marken. Auch wenn der globale Mainstream an Bedeutung
gewinnt und immer mehr Brands weltweit erlebbar sind, so
gilt doch, sich gemäß lokaler Marktbedürfnisse aufzustellen.
Das kann heißen, dass markt­ und zielgruppenspeziische
Adaptionen vorgenommen werden müssen, etwa mit Slo­
gans, Bildsprache, Messaging. Wichtig ist, dass sie nicht ihre
DNA verlieren, sondern eine marktrelevante Umsetzung
inden – im Brand Management müssen lokale Adaptionen
dann klar dokumentiert und gesteuert werden.
032 page 02.12 TITEL Trends 2012

tYPoGraFie MEHR STRENGE MEHR FREIHEIT


Während editorial und Corporate Designer sich auf
klassische tugenden besinnen (sollten), entdecken Screen-
und Webdesigner die Welt typograischer Feinheiten

HALTUNG STATT REGELWERK


Tom Ising, Mitbegründer von Herburg Weiland in München,
über Typograie in Editorial und Corporate Design

n Die vielen ähnlichen Serifenlosen, mehr sehen wird. Gerade im Zusammenspiel mit klassi-
die man momentan sieht, sind allmäh- schen Schriften könnte ich mir das spannend vorstellen.
lich ausgereizt. Ich könnte mir vorstel- Typograisch ist der aktuelle Geschmack ja eher so, dass
len, wieder mehr klassische Serifen- alles ein bisschen egal ist. Es gibt verschiedene Größen,
schriften einzusetzen. Die haben wir und alles liegt so herum, steht mal hier, steht mal da. Viel-
in den vergangenen Jahren selten ver- leicht kommt hier eine gewisse Strenge und klassische Ord-
wendet, und immer wenn etwas län- nung zurück. Gerade im sich stark verändernden Geschäft
ger nicht da war, hat man das Bedürf- des Editorial Designs muss man in Zukunft wieder mehr
nis, sich wieder neu damit zu beschäfti- aufpassen, wie gut konsumierbar die Inhalte sind. Auch
gen. Das Gleiche gilt für den Einsatz durch die Konkurrenz aus dem digitalen Bereich bekommt
von Farbe, der im modernen Editorial Leserführung in Magazinen eine noch größere Bedeutung.
Foto: Julian Baumann

Design nur äußerst zaghaft zu beob- Beim Corporate Design dagegen ist es ja schon länger
achten ist. Schriften, insbesondere im Trend, von dem Baukastenansatz mit festgelegten Farben,
Headlinebereich, sind meist schwarz. Abständen und Schriftgrößen Abstand zu nehmen. Das
Farbe gibt es oft nur als Fond. Wir ha- wird noch stärker werden: Man wird ein Corporate Design
ben bei zahlreichen Relaunches mit eher mit einer Haltung als mit einem Regelwerk beschrei-
Farbe experimentiert, sind dann allerdings im Verlauf der ten. Styleguides, die ja zum Teil sklavisch befolgt werden
Arbeit immer wieder davon abgekommen. sollen, sind nicht mehr zeitgemäß. Es ist zu schwierig, bei
Zwar heißt es stets, es gebe heute alles und alles gleich- den unterschiedlichen Arten von Kommunikation, die man
zeitig, aber schaut man sich einmal in einem bestimmten heute hat, alles über einen Kamm zu scheren. Wenn man
Bereich genauer um, sieht doch vieles sehr ähnlich aus. Ich ein Erscheinungsbild in die eine Richtung öffnet, muss man
nehme uns da gar nicht aus. Man hat sich auf einen Ge- es in die andere Richtung beschränken. Geschlossenheit
schmack verständigt, und der wird weiter verfolgt. Ich würde bekommt man etwa dadurch, dass man nur eine Schrift oder
mir wünschen, dass mehr Leute sich mit Farbe in der Typo- sogar nur einen Schnitt nimmt. Die Anordnung, Schrift-
graie beschäftigen und hoffe, dass man da nächstes Jahr größen und Abstände sind dann nicht mehr so wichtig. 

Die Magazine
»the gentle-
woman« und
»Fantastic Man«
setzen auf eine
gewisse Strenge
und Ordnung,
gepaart mit
klassischen
Schriften. Gute
Leserführung
scheint wieder
wichtiger
zu werden
page 02.12 033

DIE TECHNOLOGIE IST REIF RESPONSIVE TYPOGRAFIE


Tim Ahrens, Betreiber von Just Another Foundry in Berlin Oliver Reichenstein, Gründer von Information Architects
und freier Typekit-Mitarbeiter, über Webfonts in Zürich, Tokio und Berlin, über Bildschirmschriften

n Nach dem Webfont-Urknall n Thema des Jahres 2012 sind die un-
2010 hat sich 2011 gezeigt, dass terschiedlichen Ausgabegeräte – nicht
die Technologie praxistauglich ist nur iPhone, iPad und Desktop-Rech-
und sich im alltäglichen Einsatz ner, auch die einzelnen iPhone-Versio-
keine Probleme ergeben. In die- nen, ob iPhone 3, 4 oder 5, und Mac-
sem Jahr werden sich Webfonts Book-Modelle, weil die alle eine ande-
wohl zu einer Selbstverständlich- re Aulösung haben. Die technische
keit entwickeln, zumindest bei Herausforderung wird sein, Fonts zu
Redesigns oder neu gestalteten gestalten, die in den geforderten Grö-
Seiten. Dank der optimierten Ren- ßen 20 bis 30 Pixel funktionieren. Die
deringtechnologie und der zuneh- alten Bildschirmschriften werden jetzt
menden Kompetenz der Designer zu klein, eine Georgia in 16 Pixel ist auf
sowie der Services in puncto Bild- meinem MacBook Air nicht gut lesbar.
schirmoptimierung wird sich dies Mache ich die aber einfach größer, sieht
nicht nur auf Headlines beschrän- das ganz schräg aus.
ken. Durch die neu gewonnenen Mir ist aufgefallen, dass alte Klassi-
typograischen Freiheiten werden Websites etwas weniger ker oft ganz gut gehen. Eine Sabon in 24 Pixel auf dem iPad
nach Websites – wie wir sie bisher im Kopf hatten – aussehen. ist in meinen Augen wunderschön. Trotzdem müssten sich
Wer sich nur auf die Standardfonts des Web beschränkt, wird Damit die junge, fähige Leute, wie ein Kris Sowersby, die ein ganz fei-
künftig ein wenig das Gefühl von »Web-Steinzeit« vermitteln Schriften auf nes Auge haben, das mal anschauen. Denn auch diese Klassi-
(einen Retro-Chic können wir dann ab 2030 erwarten . . .). den verschiede- ker sind ja in 24 Punkt nicht für Lesetext gemacht. Statt also
Die Strategie »Mobile irst« oder »Web irst« wird nicht nen Ausgabe- unendlich viel Zeit in ein immer besseres Hinting zu ste-
nur immer wichtiger werden, sondern auch praktikabler, geräten so gut cken – was mit der besser werden Aulösung ohnehin bald
was die graische Identität einer Organisation angeht. Die lesbar sind wie obsolet ist –, sollten sich Typedesigner damit befassen, Fonts
Website wird nicht mehr nur eine nachträglich entwickelte hier in der »ZEIT«- für große Größen und hohe Aulösungen zu entwickeln.
Minimalversion der Corporate Identity darstellen, sondern App, müssen
kann von Anfang an typograisch glänzen. Eine interessan- sich die Schrift-
te Frage wird sein, ob demnächst die Webfont-Services oder gestalter etwas
das Selbst-Hosten von Fonts dominieren werden. Die Tech- einfallen lassen
nologie ist inzwischen reif für beides: Jetzt geht es darum,
was die Nutzer bevorzugen, auch wenn es dann letztlich
die Schriftanbieter sind, die die Entscheidung treffen.

Für ihren Blog


Quipsologies
beziehen Bryony
Gomez-Palacio
und Armin Vit,
Gründer der
Designagentur
Under Conside-
ration in Austin,
Texas, über
Typekit die
Webfonts P22
Underground,
Skolar Web
und Coquette
034 page 02.12 TITEL Trends 2012

retaiL SOCIAL COMMERCE


Um das beste Konzept wird noch gerungen, aber klar ist: auch beim online-
Shopping werden Freunde zunehmend als Berater mit dabei sein

n 2011 vermieden wieder etliche Menschen den Weih- Von der Möglichkeit, andere Menschen digital an Kauf-
nachtsstress in den Innenstädten und kauften ihre Geschen- absichten oder getätigten Käufen teilhaben zu lassen, ver-
ke stattdessen lieber online. Besonders zu dieser Jahres- sprechen sich Internethändler eine kostenlose Vermarktung,
Blau oder Beere? zeit ist E-Commerce inzwischen nicht mehr wegzudenken, mehr Verkäufe und weniger Retouren. Deswegen müssen
Mit dem Best- den Shopping-Trip mit Freunden kann er allerdings nicht er- sich auch Agenturen und Designer mit dem Thema ausein-
Choice-Widget setzen. Steht mir der Pulli? Welche Farbe soll ich nehmen? andersetzen. An Facebook kommen sie dabei nicht vorbei.
lassen sich schnell Solche Fragen kann man online nicht unmittelbar unter So glaubt BBDO, dass sich das Einkaufen auf Facebook
Umfragen unter Freunden klären. Das wird sich in Zukunft ändern: Social selbst – in sogenannten F-Stores – durchsetzen wird, die
Facebook-Freun- Shopping soll E-Commerce und soziale Netzwerke mitein- dann parallel zum Onlineshop des jeweiligen Händlers exis-
den erstellen ander verbinden. tieren werden. JWT legt das Hauptaugenmerk dagegen nicht
auf Shops innerhalb von Facebook, sondern auf die Einbin-
dung von Facebook-Plug-ins, um so auf Informationen über
beliebte Marken und Produkte, Wunschlisten und Freunde
zu gelangen – den sogenannten Social Graph der Nutzer.
Letzteres wendet etwa der Levi’s Friendstore bereits
seit April 2010 an. Dort können sich Kunden per Facebook
Connect einloggen und daraufhin bei jedem Produkt se-
hen, ob und wie vielen ihrer Facebook-Freunde es gefällt.
Betätigt man selbst den Like-Button, erscheint das im per-
sönlichen News-Stream und erreicht damit wiederum an-
dere Freunde. Das Prinzip ist also denkbar einfach – und
dank der Facebook-Add-ons relativ problemlos zu realisie-
ren. Allerdings stellt sich die Frage, wie langfristig die Ef-
fekte sind. Wenn die Jeans einmal gekauft ist, ist die Inter-
aktion vorbei – selbst wenn man noch ein paar andere Käu-
fer auf die Seite gelockt hat.

Die Shopping-Plattform Smatch.com, die Produkte ver-


schiedener Marken anbietet, hat diesen Ansatz weiterent-
wickelt. Durch die Verbindung mit Facebook Connect wird
den Usern hier ein individualisiertes Schaufenster präsen-
tiert mit Produkten, die sie oder ihre Freunde mögen
könnten – abgeleitet von ihren Angaben auf Facebook. Ei-
ne Übersicht über anstehende Geburtstage von Freunden
sowie deren Vorlieben soll zusätzlich zum Kauf animieren.
»Diesem Mechanismus liegt ein aufwendig programmier-
ter Algorithmus zugrunde«, erläutert Björn Schäfers, Ge-
schäftsführer von Smatch.com.
Will man nicht selbst einen Algorithmus programmieren
oder sich dem Smatch.com-Marktplatz anschließen, kann
man auf die Dienste spezialisierter Agenturen zurückgrei-
fen. Voycer aus München, ein Anbieter zur Erstellung von
Online-Umfragen, stellte kürzlich die App BestChoice vor.
Das Widget kann in Onlineshops integriert werden und er-
möglicht es Nutzern, Abstimmungen zu bestimmten Pro-
dukten durchzuführen. Per Drag-and-Drop werden Pro-
dukte in die Auswahl aufgenommen, anschließend können
ausgewählte Facebook-Freunde ihre Meinung dazu äu-
ßern. Das Besondere an dieser Anwendung im Vergleich zu
ähnlichen Umfragetools auf Fashion-Sites ist, dass man
hier keine anonyme Interessengemeinschaft befragt, son-
dern seinen Freundeskreis.
So nützlich solche Services auch klingen – man sollte
sich gerade im Bereich Social Media nicht immer auf Lö-
sungen von der Stange verlassen. Hier greifen zum Beispiel
Konzepte wie »Fan irst« oder »Fan only«, wie sie die Digital-
page 02.12 035

agentur Syzygy in einer F-Commerce-Studie empiehlt. Da-


bei kommen Facebook-Fans in den Genuss limitierter Pro-
dukte oder dürfen sie zu allererst testen. Erfolgreiche Bei-
spiele dafür gibt es aus den USA: Procter & Gamble ver-
kaufte eine neue Pampers-Windel exklusiv über Facebook
und wurde so in weniger als einer Stunde 1000 Pakete los.
Inzwischen verkauft der Konzern Produkte von 29 seiner
Top-Marken auf Facebook, Abwicklung und Logistik laufen
über Amazon. Coca-Cola vertreibt via Facebook exklusive
Merchandise-Artikel, und Joop eröffnete dort einen Pop-
up-Store, in dem für kurze Zeit nur drei Produkte angebo-
ten wurden. Solch reduzierte Sortimente sind eine Möglich-
keit, dem F-Store einen Hauch von Exklusivität zu geben.

Beim Verkauf über oder mithilfe von Facebook steht ein


Händler vor der Entscheidung zwischen einem voll integ-
rierten Facebook-Shop, in dem auch die Kaufabwicklung
innerhalb der Community stattindet, oder einer Store-
front, die auf den eigenen Webshop umleitet. Einen rich-
tigen F-Store mit vollem Sortiment bietet beispielsweise
der britische Fashionshop Asos an. Damit ist er auf Face-
book allerdings noch eine Ausnahme, besonders deutsche
Unternehmen halten sich bislang zurück. Gestalter haben
hierbei die Wahl zwischen Standardtools von Facebook, die
enge Anbindungen an das Netzwerk bieten, dafür aber we-
nig graischen Spielraum lassen. Sogenannte Canvas-Sites
kann man dagegen individuell anpassen und freier gestal-
ten – sie sind aber ausgelagert und haben daher weniger
Facebook-speziische Funktionen.
Der Bezahlvorgang innerhalb von Facebook ist nicht nur
wegen der Datensicherheit umstritten, mit der das Netz-
werk in vielen Fällen eher lax umgeht. Man muss sich auch
fragen, ob ein zusätzlicher Shop für einen Händler über- angepasst sein. Eine erfolgsversprechende Möglichkeit ist Ganz oben: Der
haupt nötig ist. »Es ist kein Muss, aber für viele Firmen eine die Imitation von Handlungsweisen in der analogen Welt. Levi's Friends
große Chance«, sagt Sebastian Keil, Etat Direktor Digital bei So hat zum Beispiel das niederländische Frauenmagazin Store war einer
Scholz & Friends. »Ich sehe F-Store und Webshop als eigen- »Flair« eine App entwickelt, mit der man Fotos anderer der ersten
ständige Entitäten, die sich gegenseitig ergänzen.« Der Face- markieren kann, um sich nach einem Kleidungsstück zu er- Online-Shops mit
book-Store wird damit zum zusätzlichen Vertriebskanal. kundigen. Diese Anwendung bildet ein typisches Verhal- Facebook-Anbin-
tensmuster ab: Frauen begutachten die Kleidung anderer dung. Darunter:
Gar nicht anfreunden mit dieser Strategie mag sich dagegen Frauen und wollen wissen, wo diese sie herhaben. Auf Smatch.com
Christoph Bornschein, Geschäftsführer bei TLGG: »F-Stores Facebook-User suchen das Netzwerk in der Regel nicht können User sich
und Storefronts auf Facebook sind meist redundante Re- mit einer konkreten Kaufabsicht auf, sondern um sich mit- via Facebook
plikationen bereits vorhandener Webshops.« Er versteht zuteilen und auszutauschen. Gleichzeitig sind sie in diesem Connect einloggen
unter Social Commerce nicht die Einbindung von Shops in Umfeld offen für Neues – seien es Artikel, Videos oder eben und bekommen
Social Networks oder Like-Buttons in Online-Shops, son- Produkte. Entsprechend überwiegen im F-Commerce Im- ein personalisier-
dern dass »das soziale Umfeld Kaufanlässe liefert. Die pulskäufe, wie BBDO in einer Studie ermittelte. Für Entde- tes Schaufenster
Sichtbarkeit von Freunden und ihren Kaufgewohnheiten ckungen ist der Newsfeed wesentlich geeigneter als eine gemäß ihren
bilden das größte Potenzial von Social Commerce.« Ein ge- Unterseite auf einem Facebook-Proil. Erste Unternehmen Vorlieben
lungenes Beispiel ist für ihn die Facebook-Seite der Flugge- experimentieren deswegen bereits mit einem Verkauf di- präsentiert
sellschaft Estonian Air. In deren Buchungssystem sehen rekt im Nachrichten-Stream, darunter 1-800-Flowers und
Nutzer, wann ihre Freunde dieselbe Strecke gewählt haben. 7 For All Mankind, beide aus den USA. Erfahrungswerte aus
Daraufhin sei die Umbuchungsrate um einen zweistelligen Deutschland sind noch selten. »Der Erfolg von Social Com-
Prozentwert gestiegen. Der Kauf oder in diesem Fall die merce ist keinesfalls ein Selbstgänger,« sagt Björn Schäfers
Umbuchung dient dem Zusammensein in der Ofline-Welt. von Smatch.com, »wir lernen alle noch und genauso der
Wie auch immer man Social Commerce für sich deiniert, Konsument.« Noch lässt sich viel ausprobieren – vorausge-
die Anwendung sollte an den Kunden und seine Zielgruppe setzt, der Kunde spielt mit. nik
036 page 02.12 TITEL Trends 2012

BiLD FOTOMOTION
Bisher wagten sich nur einzelne Fotografen ans Bewegtbild.
in diesem Jahr wird dieser trend die Branche umkrempeln

n Fotomodels müssen in Zukunft öfter mal sprechen und


sogar komplizierte Zungenbrecher aufsagen. Versuchen
Sie es doch mal mit »Der Kaplan klebt Pappplakate, Papp-
plakate klebt der Kaplan« . . . Aysche Tiefenbrunner kann
das lässig und schnell. Sie ist eines von fünfzig Models, die
in »Lips of Babel« in ihren Muttersprachen – von Deutsch
bis zum sudanesischen Dinka – zungenverzwirbelnde Sät-
ze vortragen. Realisiert hat das Projekt die New Yorker Fo-
tograin Elle Muliarchyk für Motilo.
Die neue Social-Shopping-Plattform, auf der die Kun-
d(inn)en sich per Videoconferencing austauschen können,
experimentiert gern mit bewegten Bildern. Im Magazinbe-
reich gibt es Features wie »Lips of Babel«, das viel Aufmerk-
samkeit für die Plattform brachte, aber auch Modestrecken
wie »House of Worth«. Auf Fotodoppelseiten, wie man sie
aus Printmagazinen kennt, inden hier in Loops kleine Be-
wegungen statt – simpel als animierte Foto-GIF-Dateien
umgesetzt. Die derzeit schwer angesagt sind und neumo-
disch als »Cinemagraph« bezeichnet werden. Motilo ist nur
einer von vielen Vorboten.

In Bewegung kommt außerdem die Reportagefotograie.


Jüngstes Experiment: die iPad-App Condition ONE, die zum
Eintauchen ins Geschehen einlädt. Die Idee kam Fotojour-
nalist Danfung Dennis bei der Arbeit im Irak und Afgha-
nistan. Das konventionelle zweidimensionale Bild schien
ihm die Kraft zu verlieren, um die Emotionen und komple-
xen Realitäten vor Ort zu vermitteln. So gründete er die Fir-
ma Condition ONE, die mit einer immersiven Bildsprache
die Betrachter »aus ihrer Abgestumpftheit gegenüber klas-
sischen Medien aufrütteln« will. Eine App, die Material des
preisgekrönten Fotojournalisten Patrick Chauvel präsen-
tiert, gibt es schon. Mit einem speziellen Kamerasystem
aufgenommene, bewegte 180-Grad-Ansichten wurden da-
für auf einen virtuellen Dom projiziert und mit dem Gyro-
sensor des iPad 2 verbunden. Durch Bewegen des Tablets
kann man sich im »lebenden« Bild umschauen, fast wie in
einem Egoshooter.

Mode-Schickimicki einerseits, Dokumentation von Krieg


und Not andererseits – die Vorreiter der Fotomotion kom-
men aus Bereichen, wie sie unterschiedlicher nicht sein
könnten. Anstoß sind natürlich die Filmfunktion von Spie-
gelrelexkameras, die Fotografen ans Bewegtbild führten,
und das Internet, das nach bewegten Bildern schreit. Die
von Modefotografen realisierten Fashion-Movies, die sich
auf unzähligen Modewebsites im Internet epidemisch ver-
breiten, sind schon ein etabliertes Genre (siehe PAGE 08.11,
Seite 66 ff.). Auch Reportagefotografen berichten immer
öfter per photo ilm, sei es auf Websites von Zeitungen und
Zeitschriften, aber auch von Hilfsorganisationen, die im
Web für sich werben. Aktuelles Beispiel: das Projekt www.
urbansurvivors.org der renommierten Fotografenagentur
»Lips of Babel« von Fotograin Elle Muliarchyk für Motilo.com wirkt wie eine Noor für Ärzte ohne Grenzen, das aus Megacities wie Dha-
Sammlung bewegter Sedcards – auf Klick gibt’s Zungenbrecher ka in Bangladesh, Nairobi oder Port-au-Prince berichtet.
page 02.12 037

Spannend sind natürlich vor allem Kreationen, die Foto


und Bewegtbild so eng verschmelzen, dass neue visuelle
Formen entstehen. Dies ist oft bei iPad-Magazinen der Fall,
und zwar besonders bei Kundenmagazinen. Hier ist das
meiste Geld für innovative Formate vorhanden. Wegwei-
send zeigt die von Hoffmann & Campe mit ringzwei reali-
sierte iPad-Variante des »BMW Magazins«, wie Editorial De-
signer Fotos in Bewegung versetzen. Da werden klassische
Printgenres wie Aufmacherbild oder Interviewporträt in
moving stills verwandelt, Videos bleiben im Hintergrund als
bewegte Rahmen für Fotostrecken stehen, sind Teil von Fo-
tocollagen et cetera.
Solche Print- und Digital-Zweigleisigkeit bringt für die
Fotografen zunehmend ein crossmediales Arbeiten mit
sich. Bei Thorsten Rother ist das schon Alltag – für Kunden
wie »GQ«, »Audi-Magazin«, aber auch Siemens Industrie re-
alisiert er parallel zu Fotoproduktionen Clips für Apps und
Web. Vertreten wird Rother vom bekannten Fotografen-
agenten Kelly Kellerhoff, der nun sogar mit kellyilm.tv eine
neue Firma gründete. Sie bietet Bewegtbildformate »auf
höchstem künstlerischen Niveau«, wie Kellerhoff erklärt,
aber deutlich preiswerter als klassische Filmproduktionen.

Weil die Kunden immer öfter parallel Foto und Bewegtbild


verlangen, stehe eine radikale Neuorientierung der Bran-
che an, war häuig auf der Messe Connections in Berlin zu
hören, wo sich jüngst führende internationale Fotoagen-
ten präsentierten. Mittendrin in diesem Prozess ist schon
die Stockholmer Repräsentanz Adamsky, die sich als »Hy-
brid Creative Agency« bezeichnet. Neben Web und Mobile
Communication sehe man auch im Digital Signage großes
Potenzial, so Anders Fransson von Adamsky. »Ein neues
Genre sind da die sogenannten Walking-Past-Ads, Miniclips
von 6 Sekunden, die sich zwischen Foto und Film bewegen.«
Auch Fotoagent Julian Meijer aus Paris sieht für die Re-
präsentanzen große Chancen im Bewegtbild – aber auch
ungewohnte Herausforderungen, vor allem bei Vertonung
und Postproduktion. Mit Starfotograf Guy Aroch konnte Ju-
lian Meijer Agency diese aber schon mehrfach meistern. So
realisierte er auf Kuba nicht nur Fotos, sondern auch einen
Film für Havana Club. »Eigentlich sollte ein Werbeilmregis-
seur das machen. Aber Guys Bewegtbilder waren so schön,
dass der Kunde froh war, nicht zweimal Geld ausgeben zu
müssen«, so Julian Meijer. cg

Für »GQ« inszenierten Thorsten Rother und kellyilm.tv


das Golf Cabriolet parallel für Print und in einem
Stop-Motion-Film aus 1176 Raw-Einzelbildern für die App.
Die Doppelseiten darunter sehen wie ein Printkatalog
aus und hören sich beim Umblättern auch so an. Doch bei
Mouse-over auf http://ucon-acrobatics.com rühren sich
die Models. Solche lebenden Bilder im Printlook werden
wir in digitalen Medien bald öfter sehen – wie rechts
in einer als GIF animierten Fotostrecke auf Motilo.com
038 PAGE 02.12

KREATION
PAGE 02.12 039

Logomorphosen
Mehr Flexibilität, mehr Dynamik, mehr Lebendigkeit – wie wird das Logodesign
diesen wachsenden Ansprüchen gerecht?

n So viel Mut wie SALT aus Istanbul Hand. Die Kommunikation zwischen suellen Auftritt einbezogen sein. An­ Imaginary Forces
hat nicht jedes Unternehmen. Die Kul­ Kunde und Unternehmen indet zu­ dererseits wirken manche Konzepte, hat für Science
turinstitution verzichtet ganz und gar nehmend via Bildschirm statt. Warum in denen Logoelemente in scheinbar Channel ein Konzept
auf ein Logo im herkömmlichen Sinn. sollte das Zeichen dann noch passiv unendlichen Spielarten vor sich hin­ entwickelt, bei
Stattdessen spielt ein Font die zentra­ sein, wenn es sich aktiv verhalten und plätschern, manchmal auch diffus und dem sich verschie-
le Rolle, in dem die Buchstaben S, A, L auf diese Weise mehr über den Ab­ wenig identitätsstiftend. Zwanghaftes denste Objekte
und T alle vier Monate von wechseln­ sender vermitteln kann? Gezappel ist sicher auch nicht der aus der Bildwelt des
den Designern gestaltet werden. Die­ Hinzu kommt, dass die digitalen richtige Weg – bei manchen Logos TV-Senders per
se vier Typen springen einem aus allen Werkzeuge Lösungen ermöglichen, die wünscht man sich einen mitgeliefer­ Morphing in dessen
publizierten Texten von SALT, ob Print früher außer Reichweite lagen. So lie­ ten Button für eine digitale Dosis Logo verwandeln.
oder Online, als Störfaktor ins Auge ßen heute Morphing oder generative Tranquilizer. Das Verhalten des Logos Die Agentur bezeich-
(siehe PAGE 10.11, Seite 12). Variabel ist Gestaltung immer selbstverständlicher muss verwurzelt in den unternehme­ net dies als »future
dieses von Project Projects konzipier­ in die Logoentwicklungen ein. Auch rischen Werten jenseits von »Dyna­ of logo design«
te Erscheinungsbild also im doppelten der Wertewandel spielt eine wichtige mik« sein – ein sinnentleerter Begriff,
Sinn: zum einen durch den Input der Rolle. Galt es einst als unternehme­ den sich inzwischen jede noch so trä­
wechselnden Designer, zum anderen, rische Tugend, wie ein Fels in der ge Firma auf die Fahnen schreibt.
weil die vier Buchstaben des Namens Brandung dazustehen, ist nun totale Auf jeden Fall nehmen Social­Net­
in den Texten in ewig sich erneuern­ Flexibilität gefragt. Selbst in konser­ work­Erscheinungsbilder Einluss auf
den Konstellationen auftreten. vativen Branchen droht Kontinuität die visuelle Identität von Unterneh­
Für eine Kulturinstitution mag ein inzwischen schnell als Sturheit und men. Diese werden sich von den neu­
so konzeptioneller Ansatz ja passend Stillstand gedeutet zu werden. Und en Formensprachen inspirieren lassen,
sein, bei anderen Organisationen oder schließlich ist das veränderte Verhält­ um Offenheit zu kommunizieren und
Unternehmen würde er wahrschein­ nis von Marke und Kunde von zen­ sich als interaktive Marke zu positio­
lich mehr Verwirrung als Identität stif­ traler Bedeutung. Der Kunde fordert nieren. Sinn macht dies aber natürlich
ten. Das heißt allerdings keinesfalls, Beteiligung ein, sodass insbesondere nur, wenn die Offenheit im Erschei­
dass diese auch in Zukunft gemütlich bei sozialen Netzwerken häuig ein nungsbild auch tatsächlich die unter­
auf den ausgetretenen Pfaden des völlig anderer Logoentwicklungspro­ nehmerische Haltung widerspiegelt.
Logodesigns herumstapfen könnten. zess erforderlich ist. Prägnanz und Veränderlichkeit in die
Die Anforderungen an Firmenzeichen richtige Balance zu bringen, ist eine
verändern sich rapide: Dynamik, Wan­ Das monolithische Logo, ob für Net­ schwierige Gratwanderung. Dabei gilt
delbarkeit, Flexibilität und Lebendig­ works oder Firmen, hat ausgedient. es, Lösungen zu inden, die trotz Über­
keit gewinnen weiterhin an Bedeu­ Das zentrale Zeichen muss nun stär­ gewicht der Bildschirmmedien auch
tung. Die Gründe dafür liegen auf der ker und abwechslungsreicher in den vi­ noch in Print gut funktionieren. jn
040 PAGE 02.12 KREATION Dynamische Logos

Mitmach-Logo
n Simpel und clever: Bruce Mau De­
sign entwickelte für die OCAD Univer­
sity in Toronto ein Zeichen, das sich so­
fort einprägt, obwohl es sich perma­
nent verändert. Die Gestalter nahmen
Bezug auf die Architektur von Alsop
Architects, deren schwebender Qua­
der mit schwarzen quadratischen Flä­
chen bedeckt ist, als sei das Gebäude
durchlöchert. In die schwarzen Rah­
men des Logos ließen wechselnde,
von Studenten gestaltete Motive ein.
Jeder Absolventenjahrgang wird ein­
geladen, Varianten beizusteuern – so
entsteht pro Jahr ein Set neuer Zei­
chen. Das Logo wird quasi zur Ausstel­
lungsvitrine der Universität und bietet
Im Logo der OCAD University Toronto bilden quadratische den Studierenden ein hohes Identii­
Fenster den Rahmen für Motive der Studenten kations­ und Motivationspotenzial.

Demokratisches Design
n Bei OpenIDEO, der Innovationsplatt­
form der Designberatungsirma IDEO,
können sich User an der Entwicklung
von Ideen beteiligen. Entsprechend
sollte sich User­Input auch im Logo
widerspiegeln. Im ersten Schritt frag­
te IDEO ihre Community welche Logos,
Schriften, Graiken oder Skizzen sie in­
spirieren, und bat sie, Beispiele hoch­
zuladen und diese zu kommentieren.
Die Ergebnisse, insgesamt 164 Beiträ­
ge, analysierte IDEO und arbeitete da­
bei sechs thematische Schwerpunkte
heraus. Darauf aufbauend entwickel­
ten die User 108 Logokonzepte, die sie
untereinander bewerteten. In Phase
drei wurden die aus Community­Sicht
zehn besten Beiträge sowie die zehn
Favoriten des OpenIDEO­Komitees prä­
sentiert und anschließend mit Unter­
stützung der User feingeschliffen. Da­
raus wählte schließlich die Community
den Sieger – den Entwurf von Martin
Kay, bei dem der Namensbestandteil
»open« aus variierenden Handschrif­
ten gebildet wird. Klickt man sich nun
durch die verschiedenen Bereiche von
OpenIDEO, bekommt man jeweils an­
Variierende Handschriften im Logo von OpenIDEO sollen den vielfältigen User-Input vermitteln dere Logovarianten zu sehen.
PAGE 02.12 041

Im Fluss
n Beim Southeastern Center for Con­
temporary Art (Secca) in Winston­Sa­
lem, North Carolina, ist der ewige Wan­
del die einzige Konstante: Es hat keine
eigene Sammlung, sondern präsentiert
wechselnde Ausstellungen. Da also bei
Secca alles immer im Fluss ist, stand
auch das von Pentagram entwickelte
Erscheinungsbild unter dem Motto
»Flux«. Die Logobuchstaben aus der
Monotype Grotesque ließen auf einer
Horizontalachse stetig hin und her, be­
rühren sich und überlappen einander,
bevor sie wieder auseinandergleiten.
Im Printbereich entsteht die Beweg­
lichkeit der Typen dadurch, dass das
Logo in Variationen auftaucht – sozu­
sagen als Momentaufnahme der Ani­
mation. Die Grüntöne des Zeichens
griffen die Architekten bei der Beleuch­ Die Logobuchstaben des Southeastern Center for Contemporary Art
tung der Museumsfassade auf – so ent­ ließen in Bildschirmmedien beständig hin und her (ganz oben).
faltet sich die graische Identität auch Im Printbereich kommen verschiedene Varianten zum Einsatz, um
abseits der Buchstaben räumlich. die Beweglichkeit der Lettern zu visualisieren

Stetiger Wechsel
n Einen eigenen Dingbatsfont ver­
wendet Visual Editions in ihrem Er­
scheinungsbild. Das Konzept stammt
von Sara De Bondt studio, der Font
entstand in Zusammenarbeit mit Jo
De Baerdemaeker. Auf der Homepage
des in London ansässigen Verlags wer­
den die Buchstaben des Logos der
Reihe nach jeweils für einen Augen­
blick durch das entsprechende Zeichen
aus dem Dingbatsset ersetzt. Dies sorgt
für erhöhte Aufmerksamkeit, weil die
Bewegung den Blick anzieht, die Ding­
bats aber den Leseluss immer wieder
stören. Auf der Website sind sie auch
in die Headlines eingestreut und die­
nen darüber hinaus dazu, gemusterte
Hintergründe zu schaffen.

Buchstaben und
Dingbats im Austausch:
Auf der Website
von Visual Editions
verändert sich
das Logo permanent
042 PAGE 02.12 KREATION Dynamische Logos

zueinander beinden. Letztere stehen


für die neun Wikimedia­Seiten. Die in­
dividuelle W­Form jedes Eintrags zeigt
zugleich an, auf welcher der anderen
Seiten Content zum jeweiligen Such­
begriff vorhanden ist und wo dieser
noch fehlt. Das variable Logo hat also
auch infograische Funktion und soll
User dazu animieren, sich auf anderen
Seiten weiterzuinformieren oder sich
dort einzubringen.
Anklänge an klassische Dachmar­
kenelemente verbinden sich mit ei­
nem Ansatz, den die Branding­Agen­
tur mit Sitz in London, Zürich, Tokio
und San Francisco selbst als »new,
global semiotic language« bezeichnet.
Das Zeichen nehme, so erklären sie,
auf die gemeinschaftlich entwickelten
und häuig aktualisierten Informatio­
nen Bezug, die Wikipedia ausmach­
W wie wandelbar ten. So visualisiert das wandelbare W
auf simple und komplexe Weise zu­
Moving Brands ent- n Nur iktiv, aber wegweisend: Eine für jeden Suchbegriff eine individuelle gleich, dass Wikipedia ein sich ständig
wickelte für Wikipedia Art lebendes Logo mit über 3,2 Millio­ Bewegung der Linien und entspre­ entwickelnder Organismus ist. Das Ex­
ein iktives Logo, nen Variationen dachte sich Moving chend eine eigene Logoform gene­ periment rückt ins Bewusstsein, dass
das für jeden Such- Brands für Wikipedia aus. Statt des riert wird. Das Zeichen besteht aus Erscheinungsbilder für soziale Netz­
begriff eine indivi- 3­D­Puzzle­Globus kommt ein simples fünf Linien, auf denen sich neun Kno­ werke andere visuelle Sprachen ver­
duelle Variante bietet W zum Einsatz, bei dem per JavaScript tenpunkte mit identischem Abstand langen als die bisher üblichen.

Formenvielfalt
n Ein sehr markantes Logo gestaltete
Project Projects für Work Architecture
Company in New York. Es ging darum,
den multidisziplinären Ansatz des Bü­
ros zu vermitteln, dessen Schwerpunk­
te Planung, Architektur, Text, Interior
Design und, wie es selbst sagt, »spe­
kulative Projekte« sind. Zwischen die­
sen Bereichen entfaltet sich ein Span­
nungsfeld, das Project Projects perfekt
visualisierte. Am Anfang entwickelten
die Designer ein Raster mit deinierten
Knotenpunkten, deren Verbindungsli­
nien die Kontur für eine schwarze Flä­
che bilden. Je nachdem, wie die Punk­
te verbunden werden, ergeben sich
immer neue Formen. Für den Printbe­
reich wählte das Studio zwölf Formen
aus, die im Wechsel zum Einsatz kom­
men. Für Bildschirmanwendungen ent­
stand eine Flash­Animation, die stän­
dig neue Algorithmen generiert, die
dafür sorgen, dass die schwarze Flä­
che fortwährend ihre Form verändert.

Ihren lexiblen, multidisziplinären


Ansatz stellt Work Architecture
Company durch eine sich wandelnde
schwarze Fläche dar. Oben das
animierte Logo, darunter Varianten
der Printanwendungen
PAGE 02.12 043

Das Logo der


Klimakonferenz
COP15 entwickelt
sich in Echtzeit

Echtzeit-Wachstum
n Studio okdeluxe aus London schuf ten die Designer nun zusammen mit renz visualisiert werden. Die Muster
eine generative Identität für die UN­ shiftcontrol studios ein Logo, das auf werden durch Regeln generiert, die in
Klimakonferenz COP15, die 2009 in Realtime­Bewegungen basiert. Sich Kräftefeldern oder bei der Schwarm­
Kopenhagen stattfand. Im ursprüng­ verdichtend und verästelnd wachsen bildung erkennbar sind. Die Software
lichen, von nr2154 gestalteten Logo die Strukturen um die rotierende Welt­ legte okdeluxe so an, dass sich viele
bildete eine feine Netzstruktur die kugel. So sollten die komplexen Diskus­ Stile und Anmutungen für Print­ oder
Weltkugel. Davon ausgehend realisier­ sionen und Entscheidungen der Konfe­ Screenanwendungen erzielen lassen.

Simulierte Vibration
n Nein, dieser Schriftzug entstand
nicht für Bildschirmmedien. Kognito
gestaltete ihn für das argentinische
Weingut Antigua Bodega, das die Fami­
lie Luis Chirino seit drei Generationen
führt. Für die Sorte Luis Antigua Bode­
ga Reserva 2008 entwickelte das Berli­
ner Designbüro das Naming und ge­
staltete Etikett und Verpackung. »Luis«
steht dabei sowohl für die Familie als
auch für eine neue Generation argen­
tinischen Weins. Der zugrundeliegen­
de Schriftzug wurde von David Skopec
von Hand gezeichnet und dann in eine
Vektorkurve umgewandelt. Auf diese
legte er einander überlagernde Kreis­
elemente, die sich gemäß program­
mierter Regeln verhalten – entspre­
chend den Neigungswinkeln der Kur­
ve variieren die Kreise in ihrer Größe Der Schriftzug des
und liegen dabei mal dichter zusam­ Weins entstand
men, mal weiter auseinander. mittels generativer
Durch die endlos vielen Überlage­ Gestaltung. Damit
rungen entstehen in den Schnittmen­ er auf der konischen
gen Farbverdichtungen, die zu einer Flasche gerade
räumlichen Wirkung führen. Die Kreis­ wirkt, hat kognito
elemente wurden im Duplexverfahren den Wölbungs-
mit Schwarz und Rot gedruckt, was winkel in die Gestal-
die dreidimensionale Wirkung noch tung einbezogen
verstärkt. Der Schriftzug sollte den
Genuss des Weins als sinnliches Erleb­
nis visualisieren. Seine Wirkung ist in
der Tat verblüffend: Obwohl sich nichts
bewegt, scheint er sanft zu vibrieren
oder leicht zu schweben – auch ohne
drei Gläser Wein intus.
044 PAGE 02.12 KREATION Vending Machines

Sesam öffne dich


PAGE 02.12 045

Die Automatenkultur treibt weltweit neue Blüten und inspiriert Kreative zu


überraschenden Kommunikationskonzepten

n Münzen rein, Produkte raus – das terminal und erhält dafür eine RFID-
Automaten-Prinzip reduziert das Ein- Karte. Mit dieser kann er die gewünsch-
kaufen auf seine Urbestandteile. Der te Klappe öffnen, wobei gleichzeitig
Supermarktstress bleibt einem erspart: das erworbene Objekt seinem Proil
Einkaufswagen beschaffen, Stecknadel zugeordnet wird. Die Grundidee war,
im Heuhaufen suchen, in der Schlange eine Community aufzubauen, deren
stehen, die üblichen Floskeln an der Mitglieder erzählen können, welche
Kasse runterbeten. Am Automaten da- Erinnerungen sie an die erworbenen
gegen trennt einen nur eine Glasschei- Sachen knüpfen. Sie haben auch die
be vom greifbar nahen Objekt der Be- Möglichkeit, selbst typisch niederlän-
gierde, 24 Stunden am Tag verfügbar, dische Objekte für den Verkauf via Au-
ohne lästige Sozialkontakte. Geld ge- tomat vorzuschlagen. Die Ausstellung
gen Ware und fertig – der Inbegriff des »Nationale Automatiek« hat in der Zwi-
Instant-Shoppings. schenzeit an drei weiteren Orten in Hol-
Zugegeben, man muss es mögen. land Station gemacht und wird in die-
Unübertroffen sind darin bekanntlich sem Jahr weiterwandern.
die Japaner. Über 5 Millionen Automa-
ten stehen in ihrem Land herum und Auch für Marken wie 7Up, Coca-Cola,
halten so ziemlich alles bereit, ob Ge- Doritos oder Pepsi dienen Vending Ma-
tränke, Kosmetik, Handys, Dessous, Ei- chines als Inspirationsquelle für Kom-
er, Reis, Blumen oder Batterien. Auch munikationskonzepte. Coca-Cola be-
die Niederländer haben ein Faible für wies schon häuiger ihre Automaten-
die münzbetriebenen Sesam-öffne- begeisterung. 2006 entstand ein Spot,
dichs, besonders wenn’s um Fastfood der offenbarte, was wirklich in der ge-
geht. Obwohl Ketten wie McDonald’s heimnisvollen Kiste geschieht – eine
manche Angebote vertrieben haben, rasante Fahrt durch’s zuckersüße Cola-
kann man Frikandel, Satékroket und Fabrik-Paradies, deren emsige Bewoh-
Co weiterhin in großen wie in kleinen ner am Ende die gewünschte Flasche
Städten aus Automaten ziehen. durch die Klappe nach draußen schmei-
ßen. In Tokio schickte Coca-Cola 2007
Ihr kulturelles Potenzial ergründete sogar Automatenroboter herum, die
das Amsterdamer Nationaal Historisch die Passanten rätseln ließ, wie ein ech-
Museum zusammen mit Mediamatic im ter Mensch dort hineinpassen kann.
Projekt »Nationale Automatiek«. An Im Jahr 2010 stellte das Unterneh-
den Maschinen mit gläsernen Klappen men in einem US-amerikanischen Col-
lassen sich für ein bis zwei Euro Alltags- lege einen Automaten auf, der es dann
gegenstände wie beispielsweise Glüh- wahrhaft in sich hatte (www.youtube.
birne, Knopf oder Porzellannippes kau- com/watch?v=lqT_dPApj9U). Die soge-
»Nationale Automatiek« fen, die über ein Stück niederländische nannte Coca-Cola Happiness Machine
heißt das Projekt, das das Geschichte erzählen. Ein Label mit In- gab erst einmal reichlich Cola umsonst
Amsterdamer Nationaal formationen zu dem Objekt liegt je- aus, aber dann auch Pizza, einen Rie-
Historisch Museum zusam­ weils bei. Zudem kann man auf einem sen-Croque, eine Luftballonigur sowie
men mit Mediamatic initi­ Monitor Videos zu den Dingen ansehen frische Blumen. In einer zweiten Vari-
ierte. Für den Preis von ein oder auf http://automatiek.innl.nl Texte ante (www.youtube.com/watch?v=M0
Fotos: Fred Ernst

bis zwei Euro kann man dazu lesen. D3jKLz6sA&feature=relmfu ), in London


Objekte kaufen, die etwas Für den musealen Einsatz wurden platziert, kamen aus dem Ausgabefach
über die niederländische Automaten umgerüstet. Der User be- obendrein noch Hände mit einer Pola-
Geschichte erzählen zahlt per Münze an einem Registrier- roid-Kamera hervor – der Geträn-
046 PAGE 02.12 KREATION Vending Machines

Fotos: Katherine Lu
Analoge Infografik
Das Shopdesign von Streetology in Sydney weckt Assoziationen an das Automatenprinzip. Olivia Shih und Yoshihito Kashiwagi, die
das Architekturbüro Facet Studio in Sydney betreiben, entwickelten ein Konzept, bei dem T­Shirts in 2250 transparenten Röhren
präsentiert werden. Sie sind nach Farben sortiert und senkrecht in 170 Spendern gestapelt. Kauft ein Kunde ein Shirt in Hellgrün
rutschen alle hellgrünen Shirts eins tiefer. So entsteht eine Art analoge Infograik: Der Balken der am meisten gekauften Farbe
schrumpft am schnellsten. Das Shopdesign, das in Kooperation mit Simpson Design Associates und der Agentur Babekühl entstand,
zelebriert demokratischen Geist und zeigt an, was auf der Straße angesagt ist – deswegen auch der Name Streetology.

keautomat als Passbildautomat . . .


wenn auch dabei eher die Schienbeine
als der Kopf abgelichtet worden sein
dürften.
Dabei hätte die Firma Coca-Cola im
Grunde genommen schon längst die
Nase voll von der Automatenidee ha-
ben müssen. Denn Pepsi hatte das
Konkurrenzprodukt schon 2005 mit ei-
nem charmanten Spot ziemlich nieder-
gemacht (www.youtube.com/watch?NR
=1&v=a3uXkB9oAeU). Ein kleiner Junge
nähert sich einem Automaten, zieht
zwei Dosen Cola, aber nicht, um diese
zu trinken. Stattdessen stellt er sie auf
den Boden vor den Automaten, steigt
mit beiden Füßen darauf – und kommt
nun endlich an die Pepsi-Taste heran.
Auto-Automat Dann zieht er mit der Pepsi-Dose da-
Zum Launch in China präsentierte die Marke smart ihre Modelle in einer Vending Machine mit Münzein­ von und lässt die beiden Coke-Dosen,
wurf. Auf den ersten Blick wirkte es so, als würde sich dann das Fenster öffnen und der Wagen aus der ohne sie auch nur noch eines Blickes
Kabine rollen. Für einen Renminbi (rund 10 Cent) erhielt man allerdings kein Auto, sondern Promotion­ zu würdigen, im Staub stehen. Viel-
material. Aus der Ausgabenklappe purzelte ein Pappwürfel, der unter anderem Infos zu einer Testfahrt­ leicht muss sich Coca-Cola seitdem im-
registrierung enthielt, die man am Automaten direkt durchführen konnte. Wer mochte, konnte mer von Neuem beweisen, dass man
anschließend auf einer nahe gelegenen Teststrecke Probe fahren. Die smart Vending Machine tourte dort lustigere Automatenspots als bei
durch elf chinesische Städte und wurde dort in den beliebtesten Shopping Malls aufgestellt. Pepsi drehen kann.
048 PAGE 02.12 KREATION Vending Machines

Live-Legebatterie
»Eggmachine« nannte die Tierschutzorga­
nisation Noah den Automaten, den sie
vor Ostern in Frankfurt aufstellte (www.
youtube.comwatch?v=g8NmjSh19wU).
In diesem saßen 16 Hennen von einem Bio­
bauernhof und demonstrierten einige
Stunden lang gegen Käighaltung. Eier gab
es nicht zu kaufen, aber in der Ausgaben­
klappe lagen Chips für Einkaufswagen mit
dem Aufdruck »Check the egg«, die beim
nächsten Einkauf daran erinnern sollten,
welche Haltung artgerecht ist. Publicis
Frankfurt entwickelte nicht nur das Kon­
zept, sie kutschierten auch die Hühner
herbei – zwei legten unterwegs Eier.

Was lustig ist, hängt aber offenbar scheint noch zu überlegen, welche der den Vereinfachungs- und Automati-
auch in Sachen Automaten vom kultu- vier gephotoshopten Schönheiten er sierungsaspekt der Vending Machine.
rellen Kontext ab. Das indische Fashion- wählen soll. »Lemon Squash«, »Blue Kein umständliches Anbaggern, Flirten,
label Red Tape hat Anzeigen entwi- Crush«, »Orange Smoothie« oder »Gra- Werben, Überzeugen. Geld reinstecken,
ckelt, bei denen Frauen in einer Vend- pe Punch«. Angesichts seines unwider- abschleppen, fertig.
ing Machine stehen. Über dieser ist die stehlichen Red-Tape-Outits können die Wem das zu unromantisch ist, der
Lichtwerbung »Served Chilled« zu le- vier es kaum erwarten, endlich gekauft kann ja einen Zwischenstopp am Auto-
sen, und der junge Mann daneben zu werden. Die Anzeigen zelebrieren Wed einlegen, ein Konzept von Concept

Schneller Bummel
Mit diesen edlen Kosmetikautomaten
weiß die US­amerikanische Marke
Utique das schnelle Shopping­Erlebnis
glamourös zu inszenieren. Die Produkte
scheinen zu schweben und wirken wie
gerahmte Exponate einer Ausstel­
lung. Die Marke wirbt mit dem Claim:
»Time is Luxury«. Dieses Vitrinen­
konzept ermöglicht eine Art kompri­
mierten Schaufensterbummel.
PAGE 02.12 049

Shed aus Großbritannien. Der pinke


Automat im Retro-Look lockt Passan-
ten mit Glöckchenläuten an, um zur In-
stant-Heirat für ein Pfund zu animieren.
Per Knopfdruck wählt man zwischen
den Varianten »straight«, »gay«, »lesbi-
an« oder »best friends forever« und ent-
nimmt dann Plastikringe und Beleg.

Okay, AutoWed ist nur ein Prototyp.


Aber die rasante Entwicklung der Auto-
matenkultur in Japan macht klar, dass
die Maschinen sowohl Konsumenten
als auch Marken neue Perspektiven er-
öffnen. Sie können immer mehr. Ein
Konsortium um Forking, den führen-
den japanischen Automatenbetreiber,
und Panasonic Electric rüstet zum Bei-
spiel bestehende Geräte zu Ladestati-
onen für Elektroautos um. Andere ma-
Schlafomat
chen die Passanten durch Nachrichten Das japanische Hotel 9h bietet Schlafkabinen, die wie Automatenfächer wirken. Auf der Website
oder Sportergebnisse auf sich aufmerk- http://9hours.jp (siehe oben) kann man sich schon einmal mit dem Raumwunder vertraut
sam. Bereits 2007 platzierte MediCafe machen, in dem man neun Stunden verbringen darf. Ein Sleep Ambient Control System ermöglicht
Automaten, bei denen man kein Geld zum Beispiel, das Licht entsprechend dem eigenen Schlafrhythmus einzustellen.
einwerfen brauchte, sondern Werbung
auf dem Videobildschirm betrachten
musste, um ein Getränk zu erhalten. Geschlecht schlagen sie dem Passanten Vorschein. Man braucht sich nur noch
Auf Okinawa kamen Cola-Automa- vor, was er kaufen könnte – und brin- neben all die anderen Automaten zu
ten zum Einsatz, um Daten über vom gen damit laut Unternehmen mehr stellen, und schon ist man unsichtbar.
Aussterben bedrohte Vögel zu sam- Umsatz als herkömmliche Automaten. Nur in einem Land, wo sich Frauen
meln. Dafür wurden sie mit Mikrofonen als Automaten tarnen, kann man auch
ausgestattet, die den Gesang aufnah- Auch Kreative in Japan haben das The- so schlafen wie im Hotel 9h. Zwar gibt
men. Für die Wissenschaftler senkte ma Mensch-Maschine-Interaktion für es neben der Klappe zur Schlafzelle ≥ PAGE Online
dies die Forschungskosten, und Coca- sich entdeckt. Modedesignerin Aya keinen Geldschlitz – man zahlt noch Die Links zu den
Cola konnte sich in ihrem Sustainabi- Tsukioka entwickelte ein Kleid zum Auf- an der Rezeption –, aber es sieht ganz erwähnten
lity Report damit zu Recht brüsten. JR klappen, das auf der Wickeltechnik ei- so aus, als würde man in einen Schla- YouTube-Clips
East Water Business betreibt, wie wir nes Kimonos basiert. Zunächst wirkt es fomat hineinklettern und es sich in ei- inden Sie unter
bereits berichteten (siehe PAGE 11.10, wie ein einfarbiger Rock. Wenn man nem der engen, beleuchteten Fächer www.page-online.
Seite 11), Maschinen, die erkennen, wen den Stoff aber entfaltet, kommt eine hinter der Glasscheibe bequem ma- de/linkliste/
sie vor sich haben. Je nach Alter und aufgedruckte Vending Machine zum chen. Na denn, gute Nacht! jn PAGE_02_2012

Schöne Schadenfreude
Würden Sie vor Wut manchmal am liebsten
einen Teller an die Wand schmeißen?
Sparen Sie sich das Scherbenaufsammeln!
Die Anger Release Machine des Künstler­
Courtesy of the artists und Galerie Bertrand & Gruner

duos Yarisal & Kublitz erlaubt es, Schaden­


freude ganz ohne lästiges Splitterfegen
auszukosten. In den Automatenspiralen,
die sonst Schokoriegel oder Chipstüten
vorwärts schieben und zum Absturz brin­
gen, steht ziemlich Zerbrechliches. Man
wirft eine Münze ein und schaut dann
zwecks Aggressionsabbau genüsslich zu,
wie Teller mit Goldrand, Dessertschale,
Likörglas oder Porzellanengel ihrem schep­
pernden Schicksal entgegengleiten.
Allein der Gedanke daran tut gut, oder?
050 PAGE 02.12 KREATION Editorial Design

Rhythmuswechsel
Viel Storytelling und eine Prise Bauhaus bietet der Schwung ganz neuer oder frisch
relaunchter Special-Interest- und Service-Magazine, die wir uns angesehen haben

≥ PAGE Online n Gleich zwei Titel, die Philosophie in den Alltag bringen Passend zur Zielgruppe setzt man gekonnt auf eine ruhige,
Weitere Maga- wollen, haben es kürzlich auf den deutschen Zeitschriften- dokumentarische Fotosprache, kombiniert mit einer iden-
zine zeigen markt geschafft. Das »philosophie Magazin«, ein solides titätsstiftenden, ausgabeweise wechselnden Sonderfarbe,
wir unter www. Gesellschaftsheft zum Zeitgeschehen, lässt an eine Mi- graischen Konstruktionslinien zur Orientierung und viel
page-online. schung aus »Focus« und »Cicero« denken. »Hohe Luft« geht Typo. Charakterbildend ist die Schrift Century Gothic, die
de/editorial_ als »emotion«-Ableger in Richtung Lebenshilfe und wirkt nur als Bold-Schnitt, dafür aber in verschiedenen Größen
design. Und unter wie ein Hybrid aus »brand eins« und »Neon«. Auch wenn und Konstellationen zum Einsatz kommt.
www.page-online. man den beiden etwas Zeit lassen sollte, sich inhaltlich zu Abwechslung bietet das Heft durch den lebendigen Auf-
de/reportagen_ beweisen – was auffällt, ist: zweimal ziemlich wenig Über- bau mit sehr unterschiedlichen Textformaten. »Es gilt, den
magazin lesen Sie raschung. Sperrige Themen in Editorial Designs aus lifestyli- Spagat zwischen Lesbarkeit und Spannung zu schaffen«,
ein Interview mit geren Magazinsparten zu verpacken, ist eben nicht alles. sagt Tom Ising, Geschäftsführer von Herburg Weiland in
den »Reportagen«- Trotz aller Klagen über Langeweile im deutschen Maga- München. »Dabei ist es wichtig, sich nicht nur um die Lay-
Machern zindesign lassen sich aber doch einige hübsche Moden ent- outs einzelner Artikel, sondern immer intensiver auch um
decken, zumindest in spezialisierten Blättern: Nach einer die Dramaturgie des gesamten Heftes, den Rhythmus der
langen Phase mit umfangreichen, klassisch anmutenden Artikel zu kümmern.« Dass das nicht nur für gestaltungsaf-
Textblöcken sieht man wieder einen freieren, beschwing- ine Zielgruppen, sondern auch im Mainstream funktioniert,
ten Umgang mit Schrift, ihren Größen, Schnitten und der hat er mit dem Elternheft »Nido« bewiesen.
Spationierung. Und auf Serifenfonts folgen härtere, serifen- Editorial Design relektiert Lese- und Sehgewohnheiten,
lose Typen, die oft an die 1920er und 1930er Jahre erinnern. die sich bei der täglichen Nutzung verschiedener Medien-
Ein gutes Beispiel bietet der umfassende »Baumeister«- kanäle einschleifen und weiterentwickeln. So war der Run
Relaunch, den Herburg Weiland für das bislang sehr puris- auf ruhige, klassische Layouts nach dem Launch von »brand
tisch auftretende Architekturfachmagazin entwickelt hat. eins« sicher auch eine Gegenreaktion auf die sehr schnel-
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Das von Herburg Weiland


gründlich überarbeitete
Architektenblatt »Baumeister«
wirkt trotz der architek-
tonisch konstruierten Graik,
einem statischen Font in
Bold und der puren Bildsprache
alles andere als langweilig

len, kurzen Häppchen der Netzlektüre. Inzwischen sind wir


gewohnt, mehrere Medien und Erzählformate parallel zu
rezipieren: Im Web springt man vom Blogeintrag zum You-
Tube-Film oder von der interaktiven Spielerei zum ausführ-
lichen Artikel. In Printheften gibt es traditionelle Textwüsten
neben illustrativ oder fotograisch gelösten Inhaltsebenen.
Immer selbstverständlicher werden digitale mit analogen
Formaten verknüpft – wie »Blanket« oder »Temp Magazine«,
die jüngst als klassische Printpublikationen erschienen.

Einen poetischen Umgang mit Schrift- und Bildkomposi-


tionen plegt das Bureau AEIOU. Zugleich anwenderorien-
tiert, zeitgeistig und dynamisch überarbeiteten die Berliner
vor Kurzem »Groove«, das in den 1990ern gegründete Ma-
gazin für elektronische Musik und Clubkultur. »Das ›Groove‹-
Design war von Beginn an geprägt durch die Technoästhe-
tik – und die Visualität des Techno durchs Graikdesign.
Zwischen Kultur und Magazingestaltung inden immer wie-
der Wechselwirkungen statt, ein Oszillieren von Sprache
und Ästhetik«, meinen Johannes Büttner und Alexander
Seeberg-Elverfeldt von AEIOU. »Deshalb war es uns beim
Relaunch wichtig, auf die Anfänge von ›Groove‹ zu ver-
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weisen, ohne in die Retrofalle zu tappen. Also nicht Was macht ihre anhaltende Innovationskraft eigentlich aus?
Neunziger-Jahre-Design zu imitieren, sondern Einlüsse Mirko Borsches Studio hat soeben zwei erwähnenswerte
und Inspirationen aus der Zeit aufzugreifen, die wir von Titel gestaltet. »Horst«, ein knalliges Schwulenpornoheft in
unserem heutigen Standpunkt aus weiterentwickeln.« Hochglanzoptik, das die Kunst- und Modeecke schrammt,
Eine solche Weiterführung funktioniert, so die Gestalter, gibt Armin Morbach heraus, der auch das Lifestyleheft
durch das Überhöhen und Zuspitzen von Fragen und Ant- »Tush« verantwortet. Er beauftragte Borsche, bestens be-
worten, die sich aus den Inhalten ergeben. Passend wirkt kannt für Bildungsbürgerblätter wie das »ZEIT Magazin«,
die Farbgebung – knallbunte Graik mit gedeckten Farben eben weil sein Büro nicht in der Schwulen- und Modeszene
in der Fotograie – ebenso wie der eigens für ›Groove‹ ent- verankert ist und für Vielfalt steht.
wickelte, elektrisch-zackige Headlinefont Copy Shop. Die Borsches Team entwickelte für »Horst« die schlichte, pas-
Texte werden mit verschiedenen Zeilenabständen rhyth- send lebendige und männlich anmutende Schrift Dorothy
misch in Form gebracht. Auch schön: das Überlagern von mit einem Bold- und einem Light-Schnitt, die stilgebend
Bildern, das für neue Kompositionen aus Linien und Ober- durchs ansonsten üppige Heft führt. Neben sehr eindeu-
lächen sorgt, Details versteckt oder hervorhebt. Wie unter tigen Fotos mit viel nackter Haut gibt es Illustrationen, Col-
Jungdesignern nicht unüblich, spielt Musik eine große Rolle lagen in Pop-Art-Ästhetik, postmoderne Farbkombinatio-
im Leben und Arbeiten von AEIOU: »Die momentane Rück- nen – und doch wirkt das Ganze dank des zurückgenom-
besinnung auf die Ursprünge des Techno in der Musik mit menen Layouts und der harten Typo nicht überladen. »Das
gradlinigem Sound, ohne auf Teufel komm raus old school Layout ist sehr rhythmisch, wild sind nur die Aufmachersei-
zu wirken, inspiriert uns, etwa die Platten von ItaloJohnsen.« ten und die Bilder selbst«, sagt Gian Gisiger, der die Heft-
entwicklung bei Bureau Mirko Borsche mitverantwortete.
Um die Fantastic Four der Magazindesignszene Deutsch- Gefragt, wie sich Spannung aufbauen lässt, antwortet der
lands – Mirko Borsche, Eike König, Mario Lombardo und Designer: »Durch den Einsatz verschiedener Bildsprachen,
Mike Meiré – kommen wir hier nun doch nicht ganz herum. etwa die Überlagerungen von Text und Bild.«

»Earnest & Algernon«


ist ein abwechs-
lungsreiches Corpo-
rate-Magazin der
Unternehmensbera-
tung J&P. Die Wirt-
schaft kann einen
Earnest, den iktiven
Querdenker aus
Oscar Wildes »The
Importance of Being
Earnest«, sicher
ganz gut brauchen
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»Die voyeuristischen Erwartungen werden intellektuell ironisch gebro-


chen und deinieren die popkulturell geprägten Sehgewohnheiten
neu« ist auf der »Horst«-Website über das Schwulenpornomagazin zu
lesen. Trotzdem: Zarte Seelen könnten ganz unironisch irritiert sein –
die Layouts mit offensiveren Fotos ersparen wir unseren Lesern. Übri-
gens stammt auch das geile Logo aus dem Bureau Mirko Borsche
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Bei der Konzeption von Magazinen wird im Bureau Mir- diesen und die Bildebene eng zu verschränken, ohne den
ko Borsche zunächst über tradierte Elemente nachgedacht, Raum für die Artikel zu beschneiden. Damit ist er sicher der
etwa über die Regeln für Layout, Heftaufbau und Typogra- visuell zeitloseste und konzeptionell abwechslungsreichste
ie, um sie dann zu brechen oder neu zu interpretieren. Das Altmeister des aktuellen Magazindesigns.
gelingt laut Mirko Borsche vor allem über den Inhalt, denn
die Texte liefern immer wieder neue Perspektiven zu alten Einen verspielten Erzählkniff wendet Bureau Mirko Bor-
Themen. Auch Randinformationen wie Bildunterschriften sche in dem Wirtschaftsmagazin »Earnest & Algernon« an,
lassen sich mit Liebe zum Detail gestalten. Der Münchner das im Kultur- und Philosophiebereich wildert. Als Mode-
Designer beherrscht es virtuos, den Leser durch überra- ratoren treten zwei illustrierte Männlein, eben Earnest und
schende Aufmacherstrecken in den Text zu ziehen, dabei Algernon, auf und kommentieren mit ihren gegensätz-

»The Plant Journal«


aus Barcelona richtet
sich an urbane
Planzenliebhaber.
Auch das Design von
Isabel Merino und
Carol Montpart wirkt
mit seinem matten
Papier, großen Texten
und trashig-kunsti-
gen Bildern ein wenig
wild und archaisch
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lichen Weltsichten ökonomische Themen. Sie sorgen, der Elektrisch: Das


eine als ernsthafter Denker, der andere als Querulant, für Musikmagazin
unterhaltsame Perspektivwechsel. Auch der spezielle Ver- »Groove« wirkt
triebsweg des Heftes belegt die Faszination guten Story- nach seinem
tellings: Eigentlich ein Kundenmagazin der Unternehmens- Relaunch durch
beratung J&P, wird es nicht beliebig verteilt, sondern lässt die musikafinen
sich über ausgewählte Websites und Läden erwerben. Mirko Gestalter von
Borsche beobachtet bei seinen Kunden ein zunehmendes AEIOU in Berlin
Interesse, gemeinsam neue Vertriebswege zu entwickeln: frisch, bunt – und
»Es existiert ein Bedürfnis nach exklusiven, zeitlich begrenz- sehr rhythmisch
ten Leseereignissen, die eine Geschichte haben.«
Neues oder neues Altes gibt es auch aus dem Hause »Reportagen« nennt
Meiré, wo die Gestaltung von Andy Warhols legendärem sich ein neues Magazin,
»Interview Magazine« für den deutschen Markt adaptiert eine Hommage an
wurde. Zu Redaktionsschluss gab man sich bei »Interview« diese journalistische
noch sehr geheimnisvoll. Fraglich ist, ob das hundertste Textform, und kommt
Mode- und Gesellschaftsmagazin, das schon in den USA entsprechend text-
kein großer Erfolg ist, hier einen Coup landen kann. Was die lastig daher. Schön
Gestaltung angeht, dürfte auf Mike Meiré zwar Verlass sein – schweizerisch-schlicht
überraschender wäre es indes gewesen, jemanden aus der ist das Layout von
zweiten Reihe mit dem Editorial Design zu beauftragen. wl Moiré aus Zürich
056 PAGE 02.12 KREATION E-Books und E-Mags

Die E-Book-App »Papercut« verbindet Kurzgeschichten mit Graikanimationen und Audioelementen, ohne von der eigentlichen Story abzulenken

Tempo, Variation, Timing


Selbst nach zwei Jahren Digital Publishing sind starke Konzepte für E-Mags und E-Books rar
gesät. Simon Ruschmeyer zieht Bilanz

n Was ist ein Buch? Nun ja, es gab of Mr. Morris Lessmore« ist eine Liebes­ und an sind kleine Spiele eingestreut.
mal eine Zeit, als Worte und Bilder auf erklärung an das Geschichtenerzählen Der Kern des Buches bleibt aber die
ein Material gedruckt wurden, das Pa­ und interaktive Erlebnisreise zugleich. Geschichte. Ob ilmische Sequenz oder
pier hieß. Diese fast vergessene Kunst­ Der Leser begleitet den Protago­ interaktives Puzzle – diese Elemente
form wird von den Geschichten, die nisten Morris Lessmore auf seinem werden dosiert eingesetzt, um den Le­
wir erschaffen, immer beschützt wer­ abenteuerlichen Weg zu den fantas­ ser an den Stellen tiefer in die fantasti­
den.« Mit diesem Anspruch arbeitet tischen Büchern und ihren wunder­ sche Welt zu führen, an denen es auch
Moonbot Studios aus Shreveport in schönen Geschichten. Jede Seite des wirklich Sinn macht.
Louisiana an der Fusion der klassischen E­Books ist detailreich illustriert, es gibt
Tugenden Storytelling und Illustration immer etwas zu entdecken. Mit einem Es gibt sie also, die überzeugenden
mit den Möglichkeiten des digitalen Fingertipp auf den Bildschirm kann Formate fürs iPad – leider stellt »Mr.
Zeitalters, und ihr erstes E­Book mit man eine Reaktion von Lessmore oder Lessmore« auch knapp zwei Jahre nach
dem Titel »The Fantastatic Flying Books anderen Charakteren hervorrufen, ab dem Start der Tablets immer noch die
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Ausnahme dar. Viele digitale Publika­ das Gezwitschere als literarische Form
tionen sind schlechte Umsetzungen würdigt. Der Leser kann sich die Tweets
ihrer Printvorbilder. E­Books sind oft des erfolgreichen Twitteres Jan­Uwe
einfache, nicht weiter an die digitalen Fitz alias @vergraemers in verschie­
Lesegeräte angepasste OCR­Scans, und denen Sortierungen anzeigen lassen.
die neuen interaktiven Möglichkeiten Ein sinnvoller Service für den Leser,
zu nutzen, heißt bei einem Großteil den ein gedrucktes Buch nicht leisten
der Verlage, den Leser möglichst oft kann. Dazu kommen Texte, die einfach
zum Tippen und Wischen zu zwingen. zu kurz oder zu lang für die gängigen
Wie man ein ausgewogenes Verhältnis Buchformate sind, wie Ruth Klügers
zwischen Leseerfahrung und interakti­ Plädoyer »Anders lesen. Bekenntnisse
vem Mehrwert indet, darüber scheint einer süchtigen E­Buch­Leserin«, in der
kaum jemand nachzudenken. die 80­jährige Autorin auf 20 Seiten
Dass Design für elektronische Pub­ erläutert, weswegen sie ihren Reader
likationen noch am Anfang steht, be­ nicht mehr aus der Hand legt.
stätigt auch Johannes Ippen, Gründer Christiane Frohmann ist für die Pro­
des iPad­Magazins »aside«: »Am häu­ grammauswahl bei eriginals verant­
igsten wird das Format unterschätzt: wortlich, sie sah die Zeit für einen E­
Das iPad ist bei halber Aulösung nur Book­only­Verlag gekommen: »Wir stel­
halb so groß wie ein übliches Magazin. len eine Balance zwischen klassischer
Texte müssen daher größer sein als in Verlagsarbeit und neuen Anforderun­
Print. Neben Fotos können auch Vi­ gen des Online­Handels her, die uns
deos in Artikel platziert werden. Der beweglicher macht als Printverlage, es
Leser kann mit Infograiken interagie­ uns aber auch erlaubt, qualitativ hoch­
ren. Und vor allem können die Inhalte wertiger zu agieren als Self­Publishing­
ständig aktuell gehalten werden – all Platttformen.« Mit Preisen zwischen
das sind Herausforderungen an den 0,99 und 4,99 Euro geht der Verlag zu­
Designer.« Und was die inanziellen dem auf die Preissensibilität der iPad­
Hoffnungen gerade der Verlage an­ Nutzer ein. Das Designkonzept bei eri­
geht, stellt Mills, Gründer des briti­ ginals sei »so elaboriert wie möglich, so
schen Designstudios ustwo, klar: »Wer einfach wie nötig«, erklärt Frohmann.
zu diesem Zeitpunkt der Entwicklung Für die Cover nutzt der Verlag isolierte
Geld verdienen will, braucht über In­ Schlagbilder vor einfarbigen Hinter­
novation gar nicht nachdenken.« gründen, die auch als Thumbnails im
Mit dieser Einstellung hat ustwo in Store funktionieren.
den letzten Monaten »Papercut« ent­
wickelt, eine E­Book­Serie von Kurzge­ Gemeinsam ist den meisten E­Books
schichten für das iPad. Diese App er­ und ­Magazinen, dass sie beweisen, wie
weitert die Leseerfahrung, indem sie gut ihre gedruckten Zwillinge weiter­
an bestimmten Momenten des Textes hin funktionieren. Jeremy Lesly, Grün­
Audio­ und Bildinhalte zuspielt. Was der des Editorial­Design­Blogs Mag­
sich zunächst wie eine Ablenkung an­ Culture, bemängelt, dass Apps den
hört, bereichert bei subtilem Einsatz Leser oft verwirrten, während ein ge­
tatsächlich die Story: In Richard Beards drucktes Magazin sich einfach gut na­
Kurzgeschichte »Jamey Joyce EFL Tea­ vigieren ließe. Er sieht derzeit zwei Va­
cher«, in der ein Sprachlehrer von sei­ riablen als die wichtigsten Baustellen
nen Erfahrungen im exotischen Japan im E­Mag­Design: Branding und Funk­
erzählt, werden die Sprach­ und Men­ tionalität. »Es ist dein Job als Designer,
talitätsbarrieren, auf die er dort trifft, eine Identität zu kreieren, die über den
durch Audiokulissen der Handlungs­ Content hinausgeht – und den User
orte deutlich spürbar. In kurzen Sprach­ unmissverständlich durch diesen Con­
memos kommt der Protagonist selbst tent zu navigieren.« Der Magazinexper­
zu Wort, Tonfall und Färbung seiner te spricht damit eines der wichtigsten
Stimme vermitteln eine lebhafte Vor­ Bedürfnisse des Users an: eine einheit­
stellung des einsamen Mannes. liche Navigationslogik bei digitalen Ma­
gazinen. »Im Moment gibt es viele Apps
Der zur Frankfurter Buchmesse neu mit interessanten Ansätzen, aber keine
gegründete Berliner Verlag eriginals schafft eine ganzheitliche Erfahrung,
trägt das innovative Konzept schon im in der sich der User zurechtindet. Die
Namen: »eriginals« sind elektronische meisten Publikationen verfehlen die
Originalausgaben, also Bücher, die ex­ Verbindung zwischen Content und In­
klusiv oder zumindest zuerst als E­ teraktivität – derzeit sieht man viel
Book erscheinen. Das können Texte Oberlächendesign«, so Lesley.
sein, die sich auf den ersten Blick nicht Welche Instanz könnte aber einen
zur Veröffentlichung als Buch eignen, solchen Navigationsstandard durchset­ »Aside« ist das erste iPad-Magazin, das
wie der Titel »Vergraemungen«, der zen? Machte Apple Vorgaben, wür­ komplett in HTML5 erstellt ist
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»Astronaut« grenzt den sich die Verlage zu Recht be­ vor, deren Fan er ist. Mit einem Dop­ es dann, wenn man sich von den klas­
sich mit vielen vormundet fühlen. Von der techni­ pel­Tap auf den Screen verschwinden sischen Publikationsformen löst oder
Videobeiträgen schen Seite her versucht Adobe, über alle Navigationselemente, sodass der diese kombiniert. Björks ›Biophilia‹ et­
von klassischen ihre Digital Publishing Suite eine Navi­ User die eingängigen Fotos in ihrer vol­ wa ist eine experimentielle iPad­App,
Printmagazinen ab. gation zu etablieren, bei der man zwi­ len Pracht anschauen kann, während bei der der Nutzer mit der Musik inter­
Auch das Editorial schen Artikeln horizontal wechselt und er der Musik der vorgestellten Band agieren kann. Hier verschwimmen die
Design ist durch- innerhalb von Artikeln vertikal wischt. lauscht. »Letter to Jane« beweist, dass Grenzen zwischen Spiel, Album und
dacht, im Portrait- »Astronaut«­Gründer Anne Prinz und eine der grundlegenden Designtugen­ Software. Ähnliches könnte auch im
und Landscape- Mickael Brock fühlen sich von dieser den auch fürs iPad gilt: Reduziertes Publishingbereich sehr gut funktionie­
Modus werden Art der Navigation zu sehr an das Web Design verschafft den Geschichten ren, wenn Designer und Verleger mu­
jeweils andere erinnert. Bei dem Independent­Video­ Raum zum Atmen. Besonders die Ma­ tig genug sind, sich auf ein Mashup­
Fotos verwendet, magazin gibt es daher nur eine Wisch­ gazine, die neben gut recherchierten Experiment einzulassen.«
um dem jewei- richtung (von links nach rechts), so­ Artikeln auch die Audio­ und Videoin­ Jeremy Lesly ist der Meinung, dass
ligen Format dass der User nicht durch zu viele Na­ halte stark machen, ohne die Anwen­ die Designer sich besser erst einmal
gerecht zu werden vigationsoptionen verunsichert wird. der durch zu viel multimediales Kau­ auf ihre Tugenden besinnen sollten:
Neben der einfachen Navigation setzt derwelsch abzulenken, unterstreichen »Tempo, Variation, Timing – unver­
»Astronaut« auf hochwertige Videoin­ die Stärken des Tablets. Das Fotosto­ ständlicherweise werfen viele Desig­
halte – ein Mehrwert, den Printmaga­ rymagazin »Once« beispielsweise kon­ ner und Redakteure diese Basics über
zine nur umständlich über eine bei­ zentriert sich auf hochwertige Fotore­ Bord, sobald sie für den Screen ar­
gelegte DVD bieten können. portagen, ergänzt durch kurze Essays beiten.« Den besonderen Blickwinkel
Derzeit sind es in erster Linie Inde­ und wenige Audiointerviews. der Verlage hebt Christiane Frohmann
pendent­Magazine, die dem iPad ange­ deutlich hervor: »Avantgarde als E­
messene Designkonzepte vorstellen. So sinnvoll diese reduzierten Design­ Book kann man sich als Verlegerin
So zeigt das Ein­Mann­Projekt »Letter ansätze sind – wie ist es um mutige eher leisten, weil die Produktionskos­
to Jane«, dass man die Navigation auf Experimente im digitalen Publishing ten niedriger sind und kein Lagerraum
ein Minimum reduzieren kann. Tim bestellt? Johannes Ippen fordert, dass benötigt wird. Solange die Standard­
Moore stellt in seinem Magazin Musi­ Designer und Verleger über den Tel­ frage allerdings nicht geklärt ist, kon­
ker, Fotografen und andere Künstler lerrand schauen müssen: »Mutig wird zentriere ich mich bei der Programm­
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planung auf inhaltliche Experimente: Die Performancenachteile sind demge- com/grid). (In einer der nächsten Aus-
kurze Formen, tagesaktuelle Themen, genüber leicht zu verschmerzen. gaben werden wir das Grid in einem
unbekannte Autoren.« Bezüglich der Navigationsstandards Workshop näher vorstellen.)
meint Ippen: »Gewisse Standards in der Resümiert man zwei Jahre E-Publi-
Auch in technischer Hinsicht kommt Bedienung von Magazinen kristallisie- shing auf dem iPad, fehlen sowohl so-
Innovatives vor allem aus dem Inde- ren sich bereits heraus, wie das hori- lide Standards als auch mutige Experi-
pendent-Bereich, Johannes Ippen und zontale Swipen, um zu blättern. Andere mente – viel Luft nach oben und ein
Nico Engelhardt aus Berlin haben ge- Fragen sind hingegen noch offen, et- Arbeitsfeld für Designer, in dem Inno-
rade »aside« veröffentlicht, das als ers- wa ob man Einzelseiten in Artikeln ver- vationen benötigt werden. Ob E-Book
tes Magazin komplett auf HTML5 setzt. tikal oder horizontal anordnet oder oder E-Mag, die Beispiele zeigen, dass
Daraus ergeben sich zwei Vorteile: Da lange scrollbare Artikel wie in ›aside‹ weniger oft mehr ist. Apples Design-
»aside« eine Web-App ist, kann Apple gestaltet.« Ippen und Engelhardt wol- philosophie, die wesentlichen Funkti-
die Inhalte nicht zensieren; darüber len zu diesem Prozess etwas beitragen onen eines Geräts ins Zentrum zu stel-
hinaus belastet die Anwendung nicht und haben ihr Magazin-Grid – eine Vor- len und alles Überlüssige wegzulassen,
den Speicher des Tablets, denn die In- lage zum Erstellen von HTML5-Maga- sollten sich die Verlage beim digitalen
halte werden aus dem Netz geladen. zinen veröffentlicht (www.asidemag. Publizieren zu Herzen nehmen.

Foto nie in einer Ansicht leiden und der User kann immer
etwas Neues entdecken. Schönes schwedisches Papier und
Heißfolienprägung kann ein digitales Magazin noch nicht
ersetzen, doch die Leuchtfarben und das superscharfe Dis-
play trösten ein wenig darüber hinweg.
Lässt sich mit einem Independent-Magazin wie »Astronaut«
Geld verdienen oder ist das reine Liebhaberei?
Wir habe viel Herzblut in die Entwicklung gesteckt und sind
für den Mut belohnt worden: App of the Week in 15 Län-
dern! Mit dem Erfolg ist natürlich über die App-Verkäufe
wieder Geld auf unser Konto gelossen. Man muss den Pro-
duktionsprozess schlank halten. Zudem werden iPad-Ma-
gazine auch für Anzeigenkunden immer interessanter, da
sich hier ganz neue, spielerische Möglichkeiten bieten, eine
Marke zu präsentieren. Ein weiterer Vorteil ist die weltwei-
te Präsenz in allen App Stores. Das wäre mit einem her-
kömmlichen Vertrieb nicht zu schaffen gewesen.
Ganz allgemein: Wie hat das iPad das elektronische Pub-
»Das ist der große Reiz: sich immer mehr lizieren verändert, und wo seht ihr im Moment neue Trends?
Zurzeit bewegt sich in den meisten E-Mags jedes Element –
vom Printprodukt zu entfernen und trotz- es ist schon fast zu viel. Es ähnelt dem Aufkommen von
Flash. Mit der Zeit wird man sich auch auf dem iPad wieder
stärker den Inhalten widmen, spätestens wenn der Wow-
dem immer noch ein Magazin und keine Effekt nicht mehr so einfach hervorzurufen ist und man als
User schon viel gesehen hat. Digital braucht Strom, und die
spielähnliche Umgebung zu schaffen« Geräte sind im Park oder am Strand nicht immer die besten
Anne Prinz und Mickael Brock, Gründer des Begleiter. Vermutlich werden die Tablets für Magazine das
iPad-Magazins »Astronaut«, Berlin bewirken, was sie auch schon für die Spielebranche ge-
schafft haben: die Etablierung einer neuen Plattform mit
niedrigen Eintrittshürden. Ein gutes Beispiel sind die Indie-
Inwiefern unterscheidet sich das E-Mag- von klassischem Game-Entwickler, die unabhängig Spiele produzieren und
Editorial Design? auf einmal davon leben können.
Anne Prinz und Mickael Brock: Der Gestaltungsprozess Was habt ihr für die zweite »Astronaut«-Ausgabe geplant?
steht bei einem digitalen Magazin im Moment noch an Wir haben einige großartige Geschichten gefunden, die wir
zweiter Stelle. Da das Tablet ziemlich neu für alle ist, haben vorstellen werden. Wir haben Nalden, den Macher der Life-
wir uns zunächst einmal mit vielen anderen Dingen be- style-App für Digitale Natives, in Amsterdam besucht, mit
schäftigt, wie zum Beispiel Lesegewohnheiten, Navigation dem Komponisten Nils Frahm werden wir einen Tag im Stu-
und Interaktion, und erst dann mit der technischen Umset- dio verbringen. Es gibt viele interessante Menschen und
zung unserer Ideen. Für uns stand ziemlich bald fest, dass Geschichten da draußen. Wir werden bei einem schlichten
wir ein Portrait- und ein Landscape-Layout wollten, da die- Layout bleiben, und auch bei einer natürlichen Interaktion
se Drehung die typische Interaktion mit dem iPad darstellt. und Navigation. Es wird wieder ein paar neue Rafinessen
Man muss also plötzlich in beide Richtungen denken und geben, die die Möglichkeiten des iPad ausloten. Das ist der
layouten. So gibt es in »Astronaut« in der Horizontalen große Reiz: Sich immer mehr vom Printprodukt zu entfernen
stets etwas andere Bilder als in der Vertikalen. Diese sind und trotzdem immer noch ein Magazin und keine spielähn-
jedoch miteinander verwandt. Auf diese Weise muss ein liche Umgebung zu schaffen.
060 PAGE 02.12 KREATION

PAPIERWELT
Fedrigoni kompakt
n Die Kollektion Imaginative Colours
umfasst, nach Farben sortiert, das ge-
samte Feinpapiersortiment des italie-
nischen Anbieters. Vier Fächer des
Musterbuchs, geordnet nach warmen,
kalten und neutralen Farbtönen, zei-
gen 63 Gelb-Rot-, 66 Beige-Braun-,
71 Grün-Blau- und 62 Grau-Schwarz-Ab-
stufungen. Darunter sind Natur- und
gestrichene Papiere ebenso wie ge-
prägte und ilzmarkierte oder transpa-
rente, gussgestrichene und irisierende
Sorten. Anwender inden somit schnell
den richtigen Farbton und die am bes-
ten geeignete Oberläche für ihr Pro-
App von M-real Zanders Farbiger Fotokarton jekt. Alle Papiere aus der Imaginative-
Die »Chromo- n Die »Chromolux Ideenkonserve« n In 19 Farben von Bananengelb über Colours-Kollektion sind FSC-zertiiziert.
lux Ideen- von M-real Zanders ist ein schön ge- Himmelblau bis Tannengrün liegt der ≥ www.fedrigoni.de
konserve« gibt staltetes Notizbuch mit Ringheftung, 270 Gramm starke Fotokarton aus dem
es jetzt auch das Platz für das Festhalten von 72 kre- Hause Römerturm vor, mit dem sich das
als iPhone-App ativen Geistesblitzen oder Gestaltungs- Unternehmen vor allem an die kreati-
Bilderdruck mit Volumen
ideen bietet (siehe PAGE 11.11, Seite 50). ven Entscheider in Werbeagenturen n In einem neuen bluebasic-Muster-
Allen, die kein Exemplar der limitierten und Druckereien wendet. Im Schmal- buch stellt Papier Union jetzt ihr Bilder-
Edition ergattern konnten, ist vielleicht bandformat von der Rolle eignet sich druckpapier Condat matt Périgord vor.
mit der soeben erschienenen gleich- das Material sogar für den industriellen Der dreifache Strich und die natürlich
namigen iPhone-App geholfen. Das Offsetdruck. Es lassen sich aber auch matte Oberläche bieten nicht nur an-
kostenlose Tool ist genauso aufgebaut mit Verfahren wie Buch-, Flexo- oder genehme Haptik und gutes Laufver-
wie die Printvariante, wobei sich die Siebdruck gute Ergebnisse erzielen. halten, sondern sorgen durch das
Ideen praktischerweise per E-Mail ver- Zu etwas Besonderem wird der Kar- 1,1-fache Volumen auch für Einsparun-
schicken lassen. ton durch Veredelungstechniken wie gen beim Porto. Condat-matt-Périgord-
Unter www.ideenkonserve.de kann Blind- und Heißfolienprägung, Relief- Muster lassen sich beim Papier Union
man sich registrieren. Dann werden die oder Stahlstichprägedruck. Ob als klas- MusterService anfordern.
Notizen automatisch mit dem privaten sisches Schulheft, Grußkarte, edler ≥ www.papierunion.de
Account synchronisiert und in Form ei- Buchdeckel oder hochwertige Unter-
ner Ideen-Cloud gespeichert. Die dort nehmensbroschüre – Einsatzmöglich- Naturpapier für Lebens-
festgehaltenen Gedanken kann der keiten gibt es reichlich. Der Fotokar-
User jederzeit bearbeiten und veröf- ton besteht aus 100 Prozent Altpapier
mittelverpackungen
fentlichen, sodass andere sie lesen und und wurde bereits mit dem Blauen n Gmund for Food heißt ein für den
kommentieren können. Eine Version Engel und dem LGA-tested-Label des direkten Kontakt mit trockenen, feuch-
fürs iPad soll demnächst folgen. TÜV ausgezeichnet. ten und fettenden Lebensmitteln zer-
≥ www.ideenkonserve.de ≥ www.roemerturm.com tiiziertes Naturpapier in den appetit-
lichen Farben Sugar, Salt, Pepermint,
Ein neues
Caramel, Green Apple, Dark Chocolate
Naturpapier
und Taste of Gold. Aber auch wenn die
von Gmund
neue Sorte der Büttenpapierfabrik
ist für den
Gmund nach strengen Richtlinien für
Einsatz als Ver-
Lebensmittel hergestellt wurde, kann
packung von
man sie natürlich ebenso für die Ver-
Lebensmitteln
packung von Kosmetika oder für Bro-
zertiiziert
schüren und Karten verwenden. Für
noch mehr Vielfalt lassen sich die ver-
schiedenen Farben in Stärken zwischen
100 und 300 Gramm mit diversen Ober-
lächenprägungen und Effekten kom-
binieren. ant
≥ www.gmund.com
062 PAGE 02.12

TYPO

n China boomt, Schwellenländer wie


Indien stehen in den Startlöchern. Im-
mer mehr Unternehmen tummeln sich
weltweit und müssen ihre Kommuni-
kation auch in andere Schriftsysteme
als das Lateinische transferieren. Ein

Generation 50 000+ großes Betätigungsfeld für Designer,


das dank Unicode und OpenType nicht
mehr ganz so schwer zu beackern ist
wie noch vor einigen Jahren. Trotzdem
Wer global agieren will, braucht entsprechende Fonts und professionelle
schrecken viele vor Alphabeten zurück,
Unterstützung – um nicht nur lesbar, sondern auch respektvoll zu gestalten die über Griechisch und Kyrillisch hi-
nausgehen, vor allem beim komplexen
chinesischen Schriftsystem streicht
PAGE 02.12 063

Fonts, die mehrere indische


Sprachen und das lateinische
Schriftsystem abdecken,
gibt es kaum. Daher setzte die
indische Agentur Lemon
Design in ihrer Arbeit für die
Reserve Bank of India – so-
wohl für die englischen als auch
für die indischen Texte – auf
Peter Bilaks Fedra-Familie, eine
der ganz wenigen zeitgemä-
ßen Schriften, die die Vielfältig-
keit der verschiedenen indi-
schen Sprachen widerspiegelt
064 PAGE 02.12 TYPO Global Fonts

mancher die Segel. Wer den Schritt perfekt beherrscht, um die Kommuni- zwischen 35 000 und 45 000 Zeichen,
dennoch wagen will oder muss, für den kation eines hiesigen Unternehmens zu neben dem lateinischen, griechischen
ist das neue Buch »Fachchinesisch Ty- adaptieren. Die Syntax hat wenig mit und kyrillischen gehören dazu der ge-
pograie« ein wahrer Segen. den Zeichen zu tun. Aber wenn man samte CJK-Zeichenvorrat sowie Vietna-
Fünf Jahre lebte die Autorin Susan- gar nichts über die andere Sprache mesisch. Die Schnitte der Nimbus Sans
ne Zippel mit ihrer Familie im chinesi- und Kultur weiß, kann man auch keine Global umfassen außerdem die Skripte
schen Suzhou. In dieser Zeit gelang es Liebe entwickeln. Die Gestaltung wird für Thai, Arabisch, Farsi, Hebräisch und
ihr nicht nur, die Regeln chinesischer, dann immer abstrakt, sehr formal und Georgisch. Auch Devanagari ist inzwi-
japanischer und koreanischer Typogra- wenig überzeugend bleiben.« schen integriert, andere indische Skrip-
ie zu durchschauen, sie hat sie auch in te wie beispielsweise Bengali, Tamil,
einem fast 300 Seiten starken, groß- Da der Aufwand, eine eigene chine- Gurmukhi, Gujarati, Oriya, Telugu oder
formatigen Buch aufbereitet. Das Er- sische Variante der Hausschrift zeich- Kannada sollen folgen.
gebnis ist eine Richtlinie für den Um- nen zu lassen, sehr groß ist, setzen vie- Als echten Global Font mag Susan-
gang mit chinesischen, japanischen le Unternehmen auf einen Font von ne Zippel Nimbus trotzdem nicht be-
und koreanischen Schriften. Sie stellt der Stange. Ein bisschen passen soll- zeichnen. »Es ist der umfangreichste
diese dem Lateinischen gegenüber ten dieser allerdings schon. »Auch der CJK-Font auf dem Markt und genügt
und erklärt die Regeln für rein chine- asiatische Raum hat Schriftklassiika- hohen ästhetischen Ansprüchen. Fürs
sischen, aber auch für multilingualen tionen. Es gibt eher handschriftlich Chinesische und Koreanische funktio-
Satz. Mit Praxistipps, Checklisten und geprägte Typen, serifenlose und wel- niert er auch wunderbar, nicht aber
einem Typowörterbuch gibt sie Krea- che mit Füßchen«, erläutert Susanne fürs Japanische«, lautet die Einschät-
tiven ein hervorragendes Werkzeug an Zippel. »Insofern kann man schon eine zung der 44-jährigen, die auch schon
die Hand, die umworbenen Zielgrup- Schrift inden, die dem Duktus der la- fünf Jahre in Japan gelebt hat. »Es gibt
pen in Fernost richtig anzusprechen. teinischen entspricht.« für uns gleich aussehende Zeichen, die
»Ich habe das Buch geschrieben, Oder man entscheidet sich für ei- allerdings im Chinesischen und Japani-
das mir gefehlt hat«, sagt die Designe- nen Global Font wie die Nimbus von schen unterschiedlich gezeichnet wer-
rin, die nun wieder in Berlin lebt und URW++. Es gibt sie in den drei Varian- den und sich nicht durch einen Font
im Moment ausschließlich an bilingua- ten Sans (ähnlich der Arial), Serif (ähn- wiedergeben lassen.« So hat sie in ih-
len CJK-Projekten arbeitet. »Es ist nicht lich einer Times) und Mono (ähnlich der rem Buch durchgängig die Nimbus Sans
nötig, dass man etwa das Chinesische Courier). Alle drei enthalten zurzeit verwendet – mit Ausnahme der japa-

Handschriftliche Elemente eignen sich


prima, um in einem fremden Schriftsystem
die grundlegende Struktur der Lettern
von den dekorativen Elementen zu trennen
PAGE 02.12 065

Linde verheira-
tete ihre Haus-
schrift Linde Dax
mit der Nimbus
Sans. Neuer Fami-
lienname ist nun
Linde Dax Global

nischen Zeichen. »Hätte ich es ganz in


der Nimbus gesetzt, würde es auch
funktionieren. Aber dem Respekt ist
es geschuldet, es anders zu machen.
Ich habe zu vielen Japaner Kontakt, Noch muss
die es schätzen, dass ich eine japani- Bosch in ihren
sche Schrift hinzugenommen habe.« Broschüren
für fremde
Die Verheiratung ihrer Hausschrift Schriftsysteme
Linde Dax – eine modiizierte Variante auf Ersatz-
von Hans Reichels FF Dax – mit der schriften zurück-
Nimbus Sans war für die Linde AG das greifen. Aber
Mittel der Wahl. Vor fünf Jahren über- nicht mehr lange,
nahm Linde die britische Firma BOC denn Edenspie-
und stieg damit zu einem weltweit füh- kermann baut die
renden Gas- und Engineering-Unter- Bosch Sans zum
nehmen auf, das mit rund 50 000 Mit- Global Font aus
arbeitern in über 100 Ländern und fast
allen Sprach- und Schrifträumen tätig endlich vielen verschiedenen Schrift- ist. Das Gleiche gilt für die Web-to-Print-
ist. Mit der für Lateinisch, Griechisch herstellern und Lizenzbedingungen zu Templates. »Im Layout nutzt man meist
und Kyrillisch ausgebauten Linde Dax tun gehabt«, erzählt Sandy Brückner, optisches Kerning, weil es ästhetisch
stieß man da schnell an die Grenzen. Director Consulting bei Brand Imple- ansprechender ist. Mit der neuen Linde
»Wir arbeiten mit einem Brandmanage- mentation Group in München. Auch Dax Global müssen nun aber alle Tem-
mentportal, in dem die Abteilungen in die Entwicklung einer eigenen globa- plates einem metrischen Kerning fol-
den verschiedenen Ländern globale len Hausschrift wurde im Detail be- gen. In der Konsequenz wurde für alle
und regionale Kommunikationsmittel sprochen, aber ebenfalls verworfen, existierenden Paare das optische Ker-
für ihren Sprachraum adaptieren kön- da sie kurzfristig nicht zu realisieren ning vor- und in die Schrift hineinge-
nen,« berichtet Sabrina Krumbacher, gewesen wäre. So entschied sich Lin- rechnet, damit – obwohl die Einstellun-
Manager Corporate Branding bei Lin- de für die Kombination von Linde Dax gen auf metrisches Kerning gesetzt wa-
de. »Denjenigen, die nicht mit der Lin- und Nimbus Sans. ren – die Darstellung in der lateinischen
de Dax arbeiten konnten, blieb es bis- Schrift einem optischen Kerning ent-
lang selbst überlassen, eine Schrift zu Eine Herausforderung war die tech- spricht.« Das Kerningproblem war nur
suchen. Da Typo aber integraler Be- nische Zusammenführung der beiden eines von vielen. So waren mehrere
standteil einer starken CI ist, war dies Schriften: »Die Unicode-Belegung birgt Workshops mit FontShop und URW++
keine elegante Lösung.« viele kritische Themen, die wir im Inte- nötig – in denen quasi der ganze Uni-
Auf der Suche nach einer solchen grations- und Implementierungspro- code noch mal auseinandergenommen
wurde Brand Implementation Group zess berücksichtigen mussten«, so San- wurde, um mögliche Probleme zu ent-
und Peter Schmidt Group beauftragt, dy Brückner. »Damit zum Beispiel die decken –, bis Linde Dax und Nimbus
in Zusammenarbeit mit FontShop ei- vietnamesischen Zeichen optimal lau- Sans vereint werden konnten.
ne Erweiterung der Linde Dax zu in- fen und richtig lesbar sind, müssen al- Einen anderen Weg geht die Robert
den, die weltweit einsetzbar ist. »Zu- le Kommunikationsmittel einem me- Bosch GmbH. 2004 ließ sich der Kon-
nächst hatten wir die Idee, für jedes trischen Kerning folgen.« Das führte in zern die Bosch Sans und Serif für alle la-
Land eine passende Type zu suchen InDesign-Dokumenten zu einem Prob- teinischen Alphabete sowie Griechisch
und mit der Linde Dax zu verschmel- lem, da das Kerning in dem Programm und Kyrillisch zeichnen; in Ländern mit
zen. Dann hätten wir es aber mit un- standardmäßig auf optisch eingestellt anderen Schriftsystemen setzte man
066 PAGE 02.12 TYPO Global Fonts

CJK-Fonts genau festgelegte Fremdalphabe-


gehören zu den te ein. Doch nun ist Edenspiekermann
Monospaced- dabei, die Bosch Sans zum Global Font
Schriften, ihre auszubauen. »Das ist natürlich eine In-
Dickten sind vestition. Dafür aber nur einmalig. Da-
demnach iden- nach kann Bosch die Schriften all ih-
tisch, auch wenn ren Agenturen bereitstellen, ohne Li-
die sichtbaren zenzen dafür erwerben zu müssen«,
Glyphenbreiten sagt Fabian Rottke, Kreativdirektor bei
variieren. Heute Edenspiekermann in Berlin, »und es
inden sich in ist ein weltweit einheitliches typogra-
China aber kaum isches Erscheinungsbild garantiert.«
noch Publikatio- In diesem Jahr kommt der Ausbau für
nen ohne fremd- Chinesisch, Japanisch und Koreanisch,
sprachige Zei- 2013 dann der Rest der Welt. Auch
chen. Deren un- wenn die Designagentur mit Erik Spie-
terschiedliche kermann selbst und Fabian Rottke
Dickten lösen das über große typograische Fachkompe-
stabile Block- tenz verfügt, brauchte sie für ein sol-
system auf ches Projekt aber Unterstützung von
Global-Font-Prois. So wird auch Eden-
spiekermann bei der Realisierung der
Bosch Sans Global in Regular und Bold
eng mit URW++ zusammenarbeiten.

Während sich CJK-Fonts rasant ver-


mehren, ist der indische Sprachraum
noch nicht besonders gut abgedeckt.
Selbst die Nimbus Sans gibt es erst seit
Kurzem für das indische Devanagari.
Allerdings ist dieses nur eines von vie-
len indischen Skripten. Unternehmen
sollten gut überlegen, wie relevant die
zahlreichen Dialekte für sie sind und
Oberes Beispiel: ob die Investition wirklich lohnt. Ab
Wer sicher gehen und zu ist da die Kommunikation in
will, verwendet Englisch die einfachere Lösung. Mit
eine Type für Über- dem indischen Schriftsystem ausein-
schrift, Initial und andergesetzt hat sich Peter Bilak, der
Fließtext. Die mit seiner Foundry Typotheque schon
Arial-ähnlichen lange in fremden Alphabeten zu Hause
lateinischen ist. »Indische Fonts sind kompliziert,
Lettern integrie- aber aufgrund unserer Zusammenar-
ren sich gut. beit mit Satya Rajpurohit und seiner
Unteres Beispiel: Indian Type Foundry haben wir profes-
Mutiger ist die- sionelle Unterstützung. Gerade arbei-
ser Schriftmix: ten wir an 15 neuen Fonts gleichzei-
Die Runde Hei für tig«, berichtet der gebürtige Slowake,
Displaygrößen, der seit vielen Jahren in Den Haag lebt.
kombiniert mit Die Sprache beherrschen, für die
der eleganten man Schriften gestalte, müsse man
Abbildungen: URW++ (ganz unten); aus: »Fachchinesisch Typograie«

Song im Fließ- nicht, so Peter Bilak, wohl aber Kennt-


text sowie einer nisse darüber haben, wie sie funktio-
Grotesk und niert. Am Anfang eines Projekts steht
einer Antiqua für bei Typotheque daher stets umfang-
die lateini- reiche Recherche: über die Geschichte
schen Wörter gedruckter und handschriftlicher Ver-
sionen sowie die Grammatik. Schwie-
rig ist es jedoch, an gute, unverfälschte
Für uns gleich aussehende Zeichen mit Informationen zu kommen. »Oft in-
derselben Unicode-Belegung werden det man nur einseitige, unvollständi-
im Chinesischen (links) und Japanischen ge Quellen. Es gibt so viele schlechte
leicht unterschiedlich gezeichnet. Will Beispiele. Wer lediglich eine oberläch-
man also nicht nur lesbar, sondern liche Google-Suche startet, indet al-
auch respektvoll gestalten, braucht es lerdings genau diese und wiederholt
verschiedene Fonts dann die gleichen Fehler. Es ist daher
PAGE 02.12 067

unumgänglich, sich mit der Schriftge- Wie gelingt es, eine lateinische und Schriften nicht richtig funktionieren«,
schichte zu beschäftigen. Auch um indische Schrift zusammenzubringen? erklärt Peter Bilak.
nicht einem kurzlebigen Trend aufzu- Und wie ähnlich müssen sich die bei- Wer jetzt Blut geleckt hat und in
sitzen«, warnt er. den sein? Zum Vergleich zieht Peter das Thema fremde Schriftsysteme hi-
Um in einem fremden Schriftsys- Bilak eine Literaturübersetzung heran. neinschnuppern möchte, der kann das
tem die grundlegende Struktur der »Hier wie dort hat der Übersetzer eine mit der Typographischen Gesellschaft
Lettern vom Dekorativen zu trennen, Menge Freiheiten. Wichtig ist, die Be- München tun: Vom 25. Oktober bis zum
nutzt Peter Bilak gerne handschriftli- deutung und den Ton des Originals zu 6. November 2012 veranstaltet diese
che Texte: »Schnell mit der Hand ge- erhalten. Entsprechend schauen wir eine Studienreise nach Thailand – und
schriebene Sätze sind gewöhnlich frei nicht auf Ähnlichkeiten in den Formen, organisiert dort eine Konferenz zu
von Zierelementen, sie zeigen vor allem sondern auf das Textbild als Ganzes.« Non Latin Typefaces. Gemeinsam mit
die Striche, die nötig sind, um einen Bei der Fedra Hindi bedeutete das Referenten wie Alberto Manguel oder
Buchstaben zu identiizieren. Es ist fas- zunächst, dass die Typedesigner für die Ahn Sang-Soo soll dort Schrift als »Kul-
zinierend und äußerst hilfreich, einen indischen Lettern, die ja keine Versali- turspeicher und Kulturtechnik« unter-
Text zu betrachten, der von verschie- en und Gemeinen kennen, eine Größe sucht und diskutiert werden. Ein guter
denen Leuten mit der Hand geschrie- inden mussten, die sowohl zu den Grund, sich diesen Termin schon jetzt
ben wurde und dort nach möglichen Groß- als auch zu den Kleinbuchstaben im Kalender vorzumerken. ant
Alternativbuchstaben und kulturellen der Fedra passen. Dann ging es um den
Vorlieben zu schauen.« Entsprechend Grauwert: Da Devanagari sehr kom- Susanne Zippel:
sammelten er und Satya Rajpurohit pakt wirkt, legten sie die Buchstaben Fachchinesisch Typo-
handschriftliche Dokumente in Hindi, leichter an als ihre lateinischen Pen- graie. Chinesische
Gujarati und Bengali, die den Aus- dants, damit gerade in längeren, bilin- Schrift verstehen und
gangspunkt für die Fedra Hindi bilde- gualen Texten der Grauwert stimmt. anwenden. Grund-
ten. »Mit diesem Material konnten wir Und schließlich waren die technischen lagen multilingualen
Buchstabenformen wählen, die unse- Anforderungen zu lösen. »In lateini- Erfolges in den Märk-
rem Zweck dienten, ohne einmal mehr schen Schriften sind die OpenType- ten von morgen.
zu reproduzieren, was schon andere Features Extras, in indischen Schriften Mainz (Verlag Hermann
gemacht haben. Sorgfältige Recherche sind sie nötig, um die Fonts grammati- Schmidt) 2011, 296 Sei-
gibt einem die Freiheit, eine intelli- kalisch richtig zu rendern. Ohne kom- ten. 98 Euro. isbn
gente Wahl zu treffen« plexe OpenType-Skripte würden die 978-3-87-439-818-3
068 page 02.12 TYPO

TYPOWELT

Auf Basis eines


alten Sets von
Holzbuchstaben
schuf Florian
Zietz die Viktor

Europa – eine moderne Serifenlose – verbindet geometrische Reduktion mit humanistischen Einlüssen
page 02.12 069

≥ Weitere interessante artikel rund um Typograie inden Sie unter www.page-online.de/


emag/typo; Links zu Foundries et cetera unter www.page-online.de/typo-links

Diese kam besonders häuig auf Pla-


Moderne Europa katen zum Einsatz.
n Nach zwei Jahren Arbeit launchte Florian Zietz druckte im Handab-
Fabian Leuenberger jetzt die Foundry zug die einzelnen Buchstaben und
EuropaType. Benannt ist diese nach scannte sie. Die fehlenden Lettern und
der Europa, einer modernen Serifen- Zeichen ergänzte er, sodass die fertige
losen, die geometrische Reduktion mit Versalschrift mit dem Namen Viktor
humanistischen Einlüssen kombiniert. nun den Standardzeichensatz mit eu-
So verließ sich der Züricher Graik-De- ropäischen Akzenten enthält. Ergän-
signer und Typograf bei ihrer Gestal- zend zum regulären Schnitt gibt es drei
tung nicht auf eine rein metrische Kon- Varianten – Stripes, Shadow und Out-
struktion, sondern zeichnete die Buch- line. Zu beziehen ist die Viktor für
staben nach optischen Aspekten, um knapp 30 Dollar bei MyFonts.
die Schrift auch in kleinen Größen les- ≥ www.librito.de; www.myfonts.com
bar zu machen. Daher lässt sie sich so-
wohl in Fließtexten als auch in Display-
größen einsetzen. Ihr Name bezieht
Headlinefont Gingar
sich auf zwei populäre europäische n Das Wort »Gingar« kommt aus dem
Schriften, die den Designer beeinlus- Portugiesischen und bedeutet so viel
sten: die geometrische Frutiger und wie »den Körper wiegen«. Ein Gefühl
die humanistische Gill Sans. Die etwa für Rhythmus wollte die Berliner Desig-
320 Euro teure Europa-Familie umfasst nerin Melle Diete auch in ihrer Schrift
die Schnitte Regular, Light und Bold. zum Ausdruck bringen. Zugleich hatte
≥ www.europatype.com; sie sich vorgenommen, die größtmög-
www.fabianleuenberger.ch liche Spannweite zwischen Ultralight
und Extrablack abzudecken. Und so
umfasst die Gingar 30 Schnitte – 15 ge-
Perfekt für Poster radestehende und 15 kursive. Eine
n Irgendwo zwischen Brush Script wahrhaft gute Ausstattung für diesen
und Sans Serif lässt sich die Calcine von freundlich wirkenden Headlinefont mit
Mark Frömberg ansiedeln. Der Berli- Slab-Serif-Touch, zumal er auch Ligatu-
ner Designer und Illustrator hatte die ren und Swash-Lettern enthält. Ein Ein-
Schrift ursprünglich für Flyer und eine zelschnitt ist zu einem Preis von rund
Plakatserie gestaltet. Da diese oft we- 40 Dollar bei Volcano Type und My-
nig Raum bieten, zeichnete er sie nicht Fonts erhältlich, die komplette Familie
Warm, freundlich und sehr gut ausgebaut: der Headlinefont nur in normaler Breite, sondern auch für etwa 600 Dollar.
Gingar von Melle Diete in einer Condensed-Variante. Die Type ≥ www.volcano-type.de;
gibt es in Light, Regular und Bold ein- www.myfonts.com
schließlich eines Versal-ß. Über den
Gestalten Verlag lässt sich die Calcine
für etwa 50 Euro pro Schnitt beziehen;
Domus Titling
alle sechs Fonts kosten rund 240 Euro. n Gerundete Schriften werden rasch
≥ http://Fonts.gestalten.com; in die Kinder-Schublade gesteckt. Zu
www.mirque.de Unrecht, inden Tim Ahrens und Sho-
ko Mugikura, die in Berlin gemeinsam
Just Another Foundry betreiben. Mit
Schmale Viktor ihrer Domus Titling, einer gerundeten
n Bei einem Spaziergang durch das serifenlosen Schrift mit klassischen
Hamburger Karoviertel entdeckte Type- Proportionen, treten sie deshalb den
designer Florian Zietz bei einem Tröd- Gegenbeweis an. Das Besondere an
ler ein Set mit Holzbuchstaben. Die der Type ist, dass sie nur aus Versalien
schmal laufende Grotesk faszinierte besteht, dies aber in sieben Schnitten
ihn, und er erstand den vollständigen, von Extralight bis Extrabold. Dazu gibt
allerdings nur aus Großbuchstaben es Small Caps sowie Akzent- und Al-
bestehenden Satz. Später fand er he- ternativbuchstaben. Die JAF Domus Tit-
raus, dass die Lettern die Holzschnitt- ling kostet knapp 80 Euro, ein Einzel-
Rund, aber keineswegs kindlich: die JAF Domus Titling von version der 1914 von Johannes Wagner schnitt circa 20 Euro. ant
Tim Ahrens und Shoko Mugikura entworfenen Edel Grotesk darstellten. ≥ http://justanotherfoundry.com
070 PAGE 02.12

BILD

In 3ds Max baute Till


Nowak einfache Karus-
sells zu monströsen
Vergnügungsmaschinen
um. Sein Videokunst-
projekt »The Experience
of Fliehkraft« ist am
3. Februar auf der Berliner
transmediale zu sehen
PAGE 02.12 071

Schwerelos
Von Printanzeigen über Architekturvisualisierungen bis hin zu Hollywood-Streifen – mit ihrer
Imaginationskraft sind 3-D-Artists in sämtlichen kreativen Disziplinen unverzichtbar geworden

n Mit wackliger Hand geführt, nä- ein unheimliches und fesselndes Spek- kämpfen – er selbst benötigt jedoch le- ≥ PAGE Online
hert sich die Kamera den liegenden takel, das der Hamburger CGI-Künstler diglich die 3-D-Modelling- und Anima- Filme und Inter-
Bauten. Alles scheint dem Zuschauer und Regisseur Till Nowak in seinem tionssoftware 3ds Max sowie Aufnah- views mit den
vertraut, alles sieht aus wie Kirmes, Kurzilmprojekt »The Centrifuge Brain men vom Hamburger Dom, um die vorgestellten
fühlt sich danach an. Doch der Schein Project« entfaltet. Für die iktive Doku- Wirklichkeit zu manipulieren. Aus die- 3-D-Artists gibt
des Gewöhnlichen trügt. Es ist kein mentation hat er sieben solcher mons- sen Live-Bildern extrahierte er die 3-D- es unter www.
simples Kettenkarussell, in dem Men- tröser Apparate entwickelt, mit deren Struktur von Achterbahn und Rie- page-online.de/
schen gemächlich im Kreis schwingen. Hilfe Wissenschaftler die Schwerkraft senrad und verformte sie zu seinen 3D-Art
Stattdessen schleudert dieses kuriose zu überwinden versuchen. bizarren Maschinen, um sie anschlie-
Fahrgestell seine Mitfahrer an Aber- Zwar lässt Till Nowak seine Forscher ßend wieder in das Filmmaterial zu
tausend Armen durch die Luft. Es ist noch mit Karussells gegen die Physik montieren und per Match-Moving-
072 PAGE 02.12 BILD 3-D-Artists

ren, Innovationsirmen – sie alle buh-


len heute um 3-D-Artists, also um die-
jenigen, die sich darauf verstehen, In-
formationen und Geschichten, Prozes-
se und Produkte in 3-D-Programmen
zu visualisieren. Die Arbeiten der CGI-
Experten lassen sich besonders inten-
siv auf Medien wie Multitouch-Tischen,
mobilen Endgeräten und Websites er-
leben. Für diese erstellen sie komplexe
Welten, in die der User interaktiv ein-
tauchen kann, um beispielsweise das
menschliche Gehirn in 3-D zu erkun-
den (siehe Seite 86 ff.).

Stark gestiegen ist der Bedarf an 3-D-


Artists vor allem in Industriebereichen,
in denen früher Prototypen physisch
hergestellt wurden – allen voran Au-
toindustrie und Immobilienbranche.
Letztere suchte ab 2005 händeringend
nach neuen Marketingtools. So erhiel-
ten Bauträger in den USA erst grünes
Licht, wenn 70 Prozent der Immobilie
verkauft waren. Zugleich ließen sich
Hauskäufer kaum noch von Grundriss-
plänen überzeugen. Man suchte emo-
tionalere Vermarktungsstrategien und
fand sie in Form von Architekturvisua-
lisierungen. Einer der ersten Anbieter
war Marc Gruber-Laux: »Die Menschen
wollen im Detail wissen, wie ein Haus
aussehen wird. Diese Bilder geben wir
ihnen«, sagt der studierte Architekt.
Im Jahr 2005 stand Gruber-Laux
vor der Alternative, für wenig Geld in
großen Architektenbüros zu ackern
oder sich etwas zu suchen, bei dem er
das verfolgen konnte, was ihn an Ar-
chitektur seit jeher am meisten reizte,
der kreative Part: das freie Entwerfen
und Konzipieren, ohne die Umsetzung
berücksichtigen zu müssen. Er ent-
schied sich gegen den Architektenall-
tag und gründete mit seinem ameri-
kanischen Partner Alpha Vision die
Firma pure rendering, ein Studio für
3-D-Visualisierungen mit Hauptsitz in
Physik außer Kraft Verfahren zu animieren. »Natürlich 3-D-Art, früher noch Nische für Game- Berlin. Anfangs erhielten sie vor allem
gesetzt: Die Band muss man eine gewisse Durststrecke designer und Animationsspezialisten, Aufträge von Bauträgern und Architek-
Ben*Jammin muss überwinden, bis man mit der Software ist eines der rasant wachsendsten Ar- ten, gerade während des Baubooms
dank 3-D-Artist wie mit einem verlängerten Arm um- beitsfelder für Designer geworden. Ih- in Dubai und den USA. Mittlerweile
Till Nowak nur ein- geht. Aber wer sich da durchkämpft, ren Erfolg verdankt die Disziplin ins- gehören auch Agenturen und Desig-
mal springen, um der kann sie wie einen digitalen Zau- besondere der technischen Entwick- ner zu ihren Kunden. Für sie erstellt
Container und Las- berkasten verwenden, mit ihrer Hilfe lung, die der »digitale Zauberkasten« das 40-köpige Team Produktbilder,
ter liegen zu lassen die Wirklichkeit in ihre kleinsten Ele- in den letzten drei Jahrzehnten durch- Kataloge und Werbeilme, in denen es
  mente zerlegen, Naturgesetze außer laufen hat. Seit CGI-Bilder fotorealis- die Objekte von ThyssenKrupp oder
Kraft setzen und jede noch so abstrak- tisch wiedergegeben werden können Philipp Starck in iktiven Showrooms
te Idee umsetzen«, erzählt der 31-Jäh- und Methoden wie etwa das Match in Szene setzt. »Wir erschaffen einen
rige, der sich wie viele 3-D-Artists be- Moving es erlauben, Live-Aufnahmen Lebensraum, in dem die Produkte ihre
reits im Teenageralter in die Software digital zu manipulieren und computer- Wirkung entfalten könnten. Wirklich-
eingearbeitet hat und heute, nach ei- generierte Objekte zu integrieren, sind keit werden diese Räume nur selten.
nigen Jahren in der Werbe- und De- völlig neue Visualisierungs- und An- Wir gestalten einfach perfekt arran-
signbranche, für große Filmprodukti- wendungsmöglichkeiten entstanden. gierte Bilder«, erklärt Gruber-Laux.
onen wie Aardman Animations tätig Verlage, TV-Produktionen, Design- Die Brieings für pure beschränken
ist (siehe PAGE 12.11, Seite 40 ff.). und Architekturbüros, Werbeagentu- sich dabei oft auf vage Skizzen der At-
PAGE 02.12 073

mosphäre. Deshalb produzieren die haus mit Hund und Reiterhut lebendig
Visualisierungsspezialisten viele unter- wirken zu lassen. Diese Raumimpres-
schiedliche Szenerien, die jeweils auf sionen setzt pure mittlerweile eben-
unterschiedliche Kundentypen zuge- falls für Filmproduktionen um und er-
schnitten sind. Mal implementieren sie stellt Previsuals für Filmsets. Denn hier
einen Thyssen Home Elevator in ein ebenso wie in anderen Bereichen gilt:
britisches Landhaus, mal in eine mo- Für viele Menschen ist es einfacher,
derne Großstadtwohnung. Architektur über ein Produkt oder einen Auftrag
und Inventar entwickelt das Team aus zu entscheiden, wenn sie ein Bild da- Der Home Elevator von ThyssenKrupp fügt
Architekten, Designern und 3-D-Artists von in ihren Händen halten. sich in den Bildern von pure nahtlos in
teils komplett von der Skizze an, teils das Interior Design und die Architektur des
erhalten sie 2-D-Material und erste Auf Emotionen setzt auch die Auto- jeweiligen Gebäudes ein. Die iktiven
Vorentwürfe. Diese kombinieren sie branche, besonders wenn es um neue 3-D-Szenarien der Visualisierungsspezialis-
oft mit Stockmaterial, um das Land- Modelle geht. Um diese so lang wie ten kommen für Kataloge zum Einsatz
074 PAGE 02.12 BILD 3-D-Artists

Das Videogame
»Journey« lebt von
seiner ruhigen,
fast meditativen
Atmosphäre,
die der Designer
Matt Nava aus
Kalifornien in Cine-
ma 4D erzeugt

möglich geheim zu halten und den- einem der größten internationalen An- Informationen gefüttert und setzt sie
noch zu fotograieren, haben die Her- bieter für Visualisierungen. »Dafür er- dann per 3-D-Software um. Aber wie
steller früher viel Aufwand betrieben. hält er die Vorvisualisierungen. Aber Word nicht dafür sorgt, dass man ei-
Riesige Gelände absperren und einen je nach Einstellung muss er neue Fak- nen tollen Roman schreibt, sorgt auch
Truck mit dem Prototyp an einen ab- toren bedenken und viele Details im 3ds Max nicht dafür, dass die Graik
gelegenen Ort schicken, das ist aller- Blick haben, die Relexionen der Land- den Kunden überzeugt«, erklärt Olaf
dings passé. Heute reist lediglich ein schaft im Kotlügel zum Beispiel. Wir Dittmers, der mit seiner kleinen Berli-
Fotograf mit seinem Team an die vor- brauchen sehr viel Material von der ner Firma Polygonpusher für verschie-
gesehene Location. Der Prototyp liegt Umgebung, damit unser Bilder so rea- dene Agenturen arbeitet. Eine gute
dabei als digitales Modell vor, das ein litätsnah wie möglich sind.« Visualisierung hänge vom kreativen
3-D-Artist während des Shootings in Zum Teil verzichten Agenturen so- Feingefühl des Gestalters ab, so Ditt-
das gerade abgelichtete Landschafts- gar ganz auf ein Shooting und beauf- mers. Man müsse die Fähigkeit haben,
motiv einsetzt. Das spart zwar viele tragen direkt ein Team aus 3-D- und die abstrakten Informationen in Atmo-
Kosten und Logistikaufwand, für den 2-D-Artist, das Produkt zu generieren sphäre und Emotion zu übersetzen.
Fotografen erschwert es jedoch die und in Szene zu setzen. Wesentliche
Arbeit. »Er muss das komplette Shoo- Eigenschaften und Verhalten des Ob- Den Betrachter visuell packen, das
ting ohne Produkt abwickeln und dabei jekts kann das Duo schnell im 3-D-Pro- will auch Gamedesigner Matt Nava mit
versuchen, die beste Inszenierung zu gramm ändern, Feinheiten wiederum seinen 3-D-Graiken. Darin sieht er die
inden, die beste Stimmung und die in Photoshop zurechtrücken. »Als Ex- wesentliche Leistung seiner Disziplin.
beste Perspektive«, so Tim Rau, Leiter perte für Visualisierungen ist man in »Mithilfe von 3-D-Animationen kann
der 3-D-Abteilung bei RTT in München, erster Linie Dienstleister. Man wird mit man eine einnehmende und intensive
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Atmosphäre erzeugen. Unsere Video- GameCompany einbrachten – um ge- che immersive Welten bauen und sie
games leben davon. Sie schaffen eine nau zu sein: seine Wüstenszenen. Diese mit Charakteren füllen. Als ich eines
Welt, die den Spieler gefangen nimmt«, entdeckte seine heutige Chein, Art- Tages eine Kopie von Cinema 4D in die
erklärt er. Matt Nava arbeitet für That- direktorin Jenova Chen, auf der Werk- Hände bekam, habe ich die Chance
GameCompany in Los Angeles. Das schau von Navas Jahrgang am Otis Col- genutzt und es mir per Trial and Error
kleine Studio ist bekannt für seinen lege of Art und Design in Los Angeles. selbstständig beigebracht. Jetzt zahlt
künstlerischen Anspruch sowie seine Nur wenige Monate später holte sie sich die Mühe aus und ich kann meine
Suche nach einem ästhetischen Spiel- den 3-D-Artist zu sich ins Team und Ideen im Gamedesign ausleben«, er-
vergnügen. Im Gegensatz zu populä- übertrug ihm die Verantwortung für zählt der 25-Jährige.
ren Egoshootern sind ihre Games von das Visual Design des Games »Journey«,
einer schlichten Spielführung geprägt, also die Ausgestaltung der Szenerie Beim Environmental Design konnte
die den User durch aufwendig insze- und der Figuren, aber auch des Logo- sich Matt Nava an seinen Wüstenbil-
nierte Landschaften trägt. designs. »Das allererste 3-D-Game, mit dern orientieren, die Ausgestaltung
Und so waren es letztlich auch sei- dem ich jemals in Berührung kam, war der »Journey«-Figuren nahm dagegen
ne Landschaftsbilder, die Matt Nava ›Mario 64‹. Das hat mich damals ein- sehr viel mehr Zeit in Anspruch. Für
seinen Job als Lead Artist bei That- fach umgehauen. Ich wollte auch sol- das Charakterdesign fertigte er zu-
nächst Hunderte von Skizzen per Blei-
stift an, setzte diese in groben Anima-
tics um, nur um herauszuinden, wel-
che Form am besten passt. Denn ein
wichtiger, für das Visual Design nicht
einfacher Aspekt bei dem Spiel ist,
dass der Protagonist nicht in der Lage
ist zu klettern. Um diese Information
visuell zu vermitteln, entschied sich
das Team, auf die Arme zu verzichten,
was aber nicht grausam oder gruselig
wirken durfte. Außerdem sollte die
Figur in den Wüstenlandschaften pro-
blemlos zu erkennen sein: »Ich habe
mich schließlich insgesamt für simple,
eher klobige Charaktere entschieden.
Das Design basiert auf wenigen Drei-
ecken. Die einfachste Lösung ist meist
die beste, allerdings auch die, die am
schwersten zu inden ist.«
Viel zeichnen, ein 3-D-Programm
beherrschen und ein Meister in Photo-
shop sein – wer diese Skills mitbringt,
erfüllt die Voraussetzungen für den
Einstieg ins Gamegeschäft, meint Matt
Nava. Er selbst experimentiert momen-
tan mit Processing, baut an einem Zei-
chenprogramm namens Nava-Shop so-
wie an »Galaxitor«, einem einfachen
Shooter. Dabei verfolgt er weder das
Ziel, Photoshop neu zu erinden noch
das Shooter-Genre zu revolutionieren,
sondern die dahinterliegenden tech-
nischen Prozesse besser zu verstehen.
Schließlich muss er sich sowohl mit
076 PAGE 02.12 BILD 3-D-Artists

Zeit mitgenommen habe: Wenn du ei-


ne Idee hast, denke nicht an die tech-
nischen Hindernisse. Lass erst einmal
der Fantasie freien Lauf. Wenn das
Konzept steht, wähle deine Tools –
2-D, 3-D, Live-Action oder noch besser
ein Mix aus allem.«
Sehr viel Hingabe stecke bei 3-D-
Animationen vor allem in den letzten
kleinen Details, die die Qualität der
Animation wesentlich beeinlussten,
ist Rütten überzeugt. Auch wenn es
absurd klinge, manchmal müsse man
in 3-D-Filmen einfügen, was man bei
Live-Aufnahmen vermeiden würde:
Lenslares, Dreck und Kratzer. Denn
diese nehmen einer 3-D-Animation
das Künstliche, machen sie greifbarer.
Um einen klinischen Look zu vermei-
den, sollte jeder Film nach dem Ren-
dern am besten noch einmal opti-
miert werden. Ohne diesen letzten
Schritt während des Compositings ist
3-D-Art nur halb so gut, erklärt Rütten
Aber so wichtig solche technischen
Feinheiten auch sind, letztlich lebt ei-
ne gute Animation vor allem von der
Leidenschaft, die ein Designer hinein-
steckt. Und diese wiederum wird in
der Regel getragen von der Idee.

Mit dieser Ansicht ist Roman Rütten


nicht allein. »Wenn es lediglich darum
geht, die Disziplin zu lernen, wird es
schnell schmerzhaft«, sagt Till Nowak.
»3-D-Art lernt man am besten, wenn
man es unbedingt will und wenn ein
Projekt hinter dem Lernen steckt –
nicht bloß das Produzieren von ein
paar netten Effekten. Die Technik ver-
altet dafür zu schnell.« Wenn jedes
einzelne Bild mindestens fünf Minu-
ten rendern muss, zehn Rechner eine
Nacht oder länger brauchen, um et-
was fertigzustellen, und das wiede-
rum noch einmal korrigiert zum Ren-
dern geschickt werden muss – das
macht meist nur jemand mit, der ein
In dem Spot für den Programmierern als auch den Artists führt – das ist für den 26-Jähri- bestimmtes Ziel, eine Idee verfolgt.
das HTC Sensation Konzeptionern von »Journey« eng ab- gen die Erfüllung eines großen Traums. Es kommt also nicht von ungefähr,
lässt Motion- stimmen. Neugier für die Technologie »Ich weiß noch genau, wann ich das dass Geduld, Hartnäckigkeit und Be-
designer Roman und Spiellogik seien für ihr Teamwork erste Mal bewusst 3-D-Art und Mo- geisterungsfähigkeit Tugenden sind,
Rütten eindrucks- sehr hilfreich, so der Designer. tiondesign wahrgenommen habe. Im die 3-D-Artists auszeichnen. Viele von
voll die Ober- Sommer 2007, kurz bevor ich an die ihnen saßen bereits als Teenager vor
läche eines Laut- Es zieht, es zerrt. Zäh windet sich die Design Factory ging, entdeckte ich das ihren Rechnern und haben jeden Ent-
sprechers pulsieren Masse, bis schließlich ein Mobiltelefon Showreel von Motiondesigner Chris wicklungsschritt der 3-D-Technologie
aus ihr herausbricht. Das HTC Sensa- Hewitt aka Dstrukt. Damals dachte ich, selbst miterlebt, nur um ihre Kopf-
tion wird geboren – direkt aus einem das werde ich wohl nie können.« welten in atemberaubende Bilder zu
Lautsprecher. Genau 50 Sekunden pu- Versuchen wollte es Roman Rütten übersetzen. Nach Jahren, in denen
res Motiondesign hat Roman Rütten aber und schrieb sich für den Kurs von 3-D-Art als kühles, glattes Computer-
hier kreiert und damit endlich das er- Niko Tziopanos ein, Dozent für Motion- produkt abgetan wurde, hat sich die
reicht, worauf er lange hingearbeitet design an der Design Factory und Disziplin auch dank der Leidenschaft
hat. Er ist Motiondesigner und für ei- Gründer des Studios WeAreFlink in ihrer noch jungen Szene von solchen
nes der angesagtesten Studios welt- Hamburg. Vom ersten bis zum letzten Vorurteilen emanzipiert und produ-
weit tätig: 1stAveMachine. Dass er Semester belegte er dessen Semina- ziert nun wunderbar schwerelose Bild-
heute in New York ein Team von 3-D- re: »Das Wichtigste, das ich aus dieser welten, die uns staunen lassen. nk
078 page 02.12 BILD

BILDWELT

Oben: Die Kapitza-


Schwestern haben
wieder mit ihren
Pattern-Fonts
gezaubert

Körperkonstruk-
tionen sind das
Spezialgebiet von
van Lamsweerde/
Matadin – hier ein
Bild von Lady Gaga
für das Magazin
»V« von 2011
page 02.12 079

≥Mehr zum Thema Fotograie und Illustration unter www.page-online.de/emag/bild

Organisches von moto, Balenciaga, Louis Vuitton, Calvin von vornherein zwischen den 7-Euro-
Klein oder Björk. Höchste Zeit also für Bildern in Webaulösung und dem Rest
Kapitza einen Rückblick. des Materials.
n Es ist gar nicht so einfach zu sagen, Lange kündigte der Steidl Verlag ≥ www.bestprice-images.com;
worum es in »Organic« geht. Sicher die – natürlich von M/M gestaltete – Re- www.masterile.com
nicht um Typograie, auch wenn die in trospektive »Pretty Much Everything«
London lebenden Schwestern Nicole an. Da hat wohl was nicht geklappt, Mode zeichnen
und Petra Kapitza alle in dem Band ge- denn jetzt erschien das dreibändige
zeigten Arbeiten mit ihren Pattern- Werk beim Taschen Verlag (isbn 978- n Ein ungewöhnliches Handbuch ist
Fonts kreierten. Doch auch der Begriff 3-8365-2787-3). Die »preiswerte«, von beim Münchner Stiebner Verlag er-
Muster greift zu kurz. Anders als in ih- den Künstlern signierte Ausgabe mit schienen. Hier geht es nicht um freie
rem ersten, bei Hermann Schmidt ver- Siebdruckposter kostet 500 Euro, die Modeillustrationen, die nur schick aus-
öffentlichten Band »geometric« (sie- Art Edition mit signierten und numme- sehen sollen. »Modezeichnen mit Ado-
he PAGE 01.09, Seite 113) gehen die De- rierten Fotoprints 2000 Euro. be Illustrator. Einführung und fortge-
signerinnen hier noch freier mit den ≥ www.taschen.com; http://inezand schrittene Techniken« führt vielmehr
von den Fonts vorgegebenen Elemen- vinoodh.com; www.mmparis.com Schritt für Schritt ins anwendungsbe-
ten vor, sodass man teilweise eher von zogene Modezeichnen ein (224 Seiten,
abstrakten Illustrationen reden muss. 29,90 Euro, isbn 978-3-8307-0878-0).
Ein Augenschmaus und eine großar-
Musik bei Getty Images Volker Feyerabend, Dozent an der
tige Inspiration für den konstruktiven n Bilder ohne Musik gibt’s im Multi- HAW Hamburg, spricht Einsteiger eben-
Umgang mit Designbausteinen. Bis die- mediazeitalter immer seltener. Getty so an wie erfahrene Illustrator-User.
ses Heft erscheint, soll übrigens auch Images hat sich längst darauf einge- Viel branchenspeziisches Fachwissen
die App geometric™ vorliegen, die stellt und verkauft schon jetzt Lizen- wird vermittelt, vor allem aber Tipps
das simple Erzeugen von Mustern per zen für rund 200 000 Tracks pro Jahr. und Tricks, wie sich dieses in Illustra-
Wischen auf iPad und iPhone erlaubt. Nun geht die Bildagentur neue Part- tor umsetzen lässt – bis hin zu Fein-
≥ www.kapitza.com nerschaften ein – zum einen mit Ah2 heiten wie der Deinition von Muster-
Music aus Los Angeles, die etwa die pinseln für Zopfmuster bei Strickwaren
allseits bekannte Musik zu »Wer wird oder der Darstellung von Fell-, Satin- Musterpinsel
360-Grad-App Millionär?« lieferte; zum anderen mit und Pailletten-Optiken. cg für Reißver-
n High-End-Rundum-Produktfotos für Atom Factory Music Licensing, deren ≥ www.stiebner.com schluss-Varianten
Onlineshops sind die Spezialität von Mitbegründer Troy Carter Manager von
360ties aus Essen. Inzwischen hat die Lady Gaga ist. Crowdsourcing-Input
Firma ihre 360-Grad-Ansichten auch soll der dritte neue Partner Indaba
für die Gyroskop-Funktion des iPad 2 Music einbringen. Getty wird auf der
optimiert, auf dem sie sich durch ein- Plattform regelmäßig auch Wettbewer-
faches Bewegen des Tablets betrach- be ausschreiben.
ten lassen. Die kostenlose App 360ties, ≥ www.gettyimages.de/musik
die in Zusammenarbeit mit schwarz-
design aus Köln entstand, zeigt über-
zeugende Anwendungsbeispiele.
Sinkende Preise
≥ www.360ties.de n Alles wird immer teurer, nur Bilder
nicht. Vor zwei Jahren als Midstock-
Lamsweerde/Matadin- Ableger der Traditionsagentur mauri-
tius images aus Mittenwald gestartet,
Retrospektive will bestprice-images.com ihrem Na-
n Sie studierte Kunst, er hatte gera- men Ehre machen und hat die Preise
de sein Modedesignstudium absolviert: jetzt deutlich gesenkt. Bilder in Mobil-
Seit 1986 sind Inez van Lamsweerde funkaulösung beipielsweise sind ab
und Vinoodh Matadin aus Amsterdam 2,50 Euro zu haben, A3-Fotos kosten
ein Paar. Mitte der neunziger Jahre maximal 40 Euro.
wurden sie mit Bildern digitaler Körper- Die Agentur Masterile wiederum,
verfremdungen zunächst in der Kunst- die sich gerade in schwierigen Verkaufs-
szene bekannt, bald darauf gehörten verhandlungen mit Arius3D beindet,
sie zu den bekanntesten Avantgardis- bietet eine 7-Euro-Kollektion an. Dabei
ten der Modefotograie. Und seit 1997 handelt es sich um 1,5 Millionen Bilder
arbeiten sie eng mit dem Graikde- und Illustrationen der Microstock-Platt-
signduo M/M aus Paris zusammen, für form Crestock, die Masterile 2010 auf-
Kunden wie zum Beispiel Yohji Yama- gekauft hatte. Die Suchmaske trennt
080 PAGE 02.12

TECHNIK

Welches Motiv passt


warum zu einem
Unternehmen? Mit der
Bilderbox fühlt Strich-
punkt Workshopteilneh-
mern auf den Zahn
PAGE 02.12 081

Was ihr wollt


Noch zu oft sind Brieings unklar formuliert und austauschbar. Wir zeigen, wie Kreative gemeinsam
mit ihren Kunden diffuse Vorgaben in eine inspirierende Aufgabenstellung verwandeln

n Manchmal sprechen Kunden und ist dagegen offen genug formuliert, Absichten, unterschwellige Ziele oder
Kreative nicht dieselbe Sprache. Be­ um zu inspirieren, und speziisch ge­ auch Farbpräferenzen des Vorstands­
sonders oft ist das zu Beginn der Be­ nug, um praktikabel zu sein. »Wir ha­ vorsitzenden – bei einem Treffen er­
ziehung der Fall: beim Brieing. Wenn ben den Versuch aufgegeben, unsere fährt man wesentlich mehr als in ei­
schriftliche Auftragsbeschreibungen Kunden zu erziehen. Es gibt kein Brie­ nem schnöden Schriftsatz. Außerdem
gefüllt sind mit Floskeln, Allgemein­ ing, das von vornherein klipp und klar empiehlt es sich, bereits im Voraus zu
plätzen oder Fachtermini der jeweili­ ist«, sagt Ralph Poser, Geschäftsführer klären, wer beim Kunden letztlich die
gen Branche. Wenn sie zu lang sind und Strategie bei Kolle Rebbe in Hamburg. Entscheidungen fällt: Der sollte näm­
doch nicht die wirklich wichtigen Infor­ Da hilft nur Nachhaken, am besten lich das Brieing unterschreiben, da­
mationen enthalten. Ein gutes Brieing im persönlichen Gespräch. Persönliche mit es nachher nicht zu Kompetenz­
082 PAGE 02.12 TECHNIK Briefing & Kundenworkshops

Was macht mein


Unternehmen aus?
Was will ich dem
Kunden vermitteln?
Workshopteil-
nehmer halten ihre
Gedanken auf
Flipcharts fest

gerangel kommt. Bevor man mit die Anforderungen in der Regel auf ei­ ein Frontalbrieing, bei dem die Stra­
der Arbeit beginnt, sorgt ein Rebrie­ ne Seite heruntergedampft. »So haben tegieabteilung dem Kreativteam den
ing für Sicherheit: Herrscht Klarheit die Kreativen den Kopf frei. Gleichzei­ Auftrag übermittelt.
über die Anweisung? Wenn ja, am bes­ tig kennt der Projektmanager immer
ten schriftlich absegnen lassen. das gesamte Brieing und kann eingrei­ Bei so komplexen Aufgaben wie der
fen, falls das Team in eine falsche Rich­ Entwicklung einer Corporate Identity
Es gibt einige Fragen, die jedes Brie­ tung steuert«, erläutert Jochen Räde­ empiehlt sich ein Kundenworkshop.
ing beantworten sollte. Ralph Poser ker, Mitbegründer und Geschäftsführer Bei diesen – idealerweise mindestens
bricht sie herunter auf drei Kernpunk­ des in Stuttgart ansässigen Designbü­ eintägigen – Terminen erarbeitet die
te: »Worum geht es? Mit wem reden ros Strichpunkt, die Hintergründe. Agentur mit dem Kunden gemeinsam
wir? Was wollen wir sagen?«. Die erste Bei Kolle Rebbe liefert die Strate­ Markenarchitektur, Zielgruppe sowie
Frage widmet sich dem Anlass der gieabteilung beim internen Brieing Unternehmenswerte. Zwar sind letz­
Kommunikationsmaßnahme, also dem gleich kreative Sprungbretter mit, die tere in jedem Firmenleitbild und Cor­
Kunden und seinem Problem. Bei der aufzeigen, wie eine Botschaft umge­ porate­Design­Brieing festgehalten,
zweiten geht es um die Zielgruppe. setzt werden könnte. In dem Meeting­ doch handelt es sich dabei meist um
Hier sollte man nicht nur soziodemo­ format »Ideenschmiede«, entwickelt Substanzwerte, die so oder so ähnlich
graische Fakten klären, sondern auch von Ralph Poser, setzen sich die ver­ für alle Unternehmen gelten. Angerei­
Informationen über die Wahrnehmung antwortlichen Planner und Kreativdi­ chert mit branchenrelevanten Infor­
der Marke, Kommunikationsverhalten rektoren zusammen und entwickeln mationen, ergeben sich daraus die
und eventuelle Barrieren zwischen anhand des überarbeiteten Brieings Kernwerte einer Marke. Über die wirk­
Konsument und Produkt. Nachdem erste Ideen und Konzepte. Dieser aus­ lich identitätsstiftenden Merkmale –
diese Punkte erörtert sind, kann man tauschorientierte Ansatz soll den kre­ von Strichpunkt »Differentiatoren« ge­
sich der Frage widmen, was die Bot­ ativen Prozess efizienter gestalten als nannt – sind sich dagegen viele Unter­
schaft einer Kampagne sein soll.
Der Fragenkatalog variiert je nach
Art des Auftrags. So muss bei einem
Corporate Design zudem die Identität
eines Unternehmens sowie die Markt­
situation analysiert werden. Dazu kom­
men Formalien wie Zeitrahmen, Bud­
get und Messkriterien für den Erfolg.
Von den administrativen Themen soll­
te man sich bei der kreativen Arbeit al­
lerdings zunächst lösen. »Das hat für
die inhaltliche Lösung eines Problems
keine Relevanz. Die Suche nach einer
Idee ist immer formatunabhängig«, er­
läutert Ralph Poser.

Gegenüber Einzelkämpfern genießen


Designstudios und Werbeagenturen
den Luxus einer Strategieabteilung be­
ziehungsweise eines Projektmanage­
ments, die die Kundenbrieings für ihre
Kreativen übersetzen. Dabei werden
PAGE 02.12 083

»Die meisten Corporate-Design-Brieings


enthalten die Adjektive: ertragsorientiert,
kundenorientiert, mitarbeiterorientiert,
nachhaltig, innovativ sowie technologisch
führend. Würden wir uns darauf verlassen,
sähen erstens alle Logos gleich aus und
zweitens wären alle Kunden unzufrieden.
Sie fänden das, was sie wirklich ausmacht,
nicht in ihrem Corporate Design wieder«
Jochen Rädeker, Mitbegründer und Geschäftsführer von Strichpunkt in Stuttgart

nehmen gar nicht bewusst. Häuig han­ cken«, erklärt Zimmer. Er fordert etwa brieing: »Es ist eine gute Basis für die
delt es sich um Eigenschaften, die die Geschäftsführer auf, sich für einen Kundenbeziehung. Dabei nimmt der
Mitarbeiter selbst nicht für bedeut­ Fantasieberuf zu bewerben. »Bei sol­ Designer eine Beraterrolle ein, statt
sam erachten – und dennoch sind sie chen iktiven Fragen kristallisieren sich nur Dienstleister zu sein.« Davon hat
es, die sie von ihren Wettbewerbern die wahren Stärken und Schwächen ei­ auch der Kunde einen Zusatznutzen:
unterscheiden. So wurde beim Strich­ ner Person oder eines Unternehmens »Er weiß danach, wo seine Stärken lie­
punkt­Kunden Eberl Print aus der Not, heraus«, so Zimmer. Auch Strichpunkt gen und welche Strategien Erfolg ver­
abseits der Großstädte im Allgäu zu greift in Workshops auf Projektions­ sprechen. Mit diesem Wissen kann er
sitzen, eine Tugend: Im Wertekanon übungen zurück (siehe unten). Dabei auch seine Agentur viel besser brie­
der Druckerei stehen heute die Eigen­ entsteht schließlich eine Sammlung fen«, so Michael Zimmer.
schaften bayrisch, urig und naturver­ von Adjektiven, die das Wesen einer
bunden ganz oben. Marke sehr konkret beschreiben kön­ Die Workshopteilnehmer sollten im­
Die Beschreibung von Unterneh­ nen. »Mit Adjektiven wie wuchtig kann mer gut gemischt sein, Geschäftsfüh­
menswerten fällt Menschen oft nicht ich als Designer wesentlich mehr an­ rer und Vertriebsmitarbeiter gemein­
leicht. »Hier ist es hilfreich, das eigent­ fangen als mit abstrakten Begriffen sam am Tisch sitzen. »Hierarchien müs­
liche Thema zu verlassen und Übertra­ wie unternehmerische Initiative«, er­ sen dabei draußen bleiben. Nur so
gungstechniken anzuwenden«, meint klärt Rädeker. Wichtig ist hier, dass die können alle offen reden«, rät Jochen
Michael Zimmer, Kommunikationsde­ Übungen der Aufgabenstellung und Rädeker. Eine gute Diskussionsgrund­
signer, Coach sowie Gründer von zim­ dem Unternehmen angepasst sind – lage, um über ein Unternehmen und
mer. büro für ehrliche werbung in Standardtools sollte man vermeiden. seine Ziele prinzipiell nachzudenken,
Saarbrücken. »Mit spielerischen Ele­ Den Vorteil von Kundenworkshops bieten zudem anonyme Kunden­ oder
menten lassen sich Blickwinkel verän­ sieht Jochen Rädeker aber nicht nur Mitarbeiterbefragungen. Dabei kann
dern und neue Erkenntnisse hervorlo­ in dem daraus resultierenden Detail­ die Wahrnehmung der Vorstands­

»Meine Marke fährt Porsche« Übertragungstechniken


n »Es gibt unterschiedliche Metho­ mer ihre Marke als Person beschrei­ • Eine weitere Methode aus dem Spiel­
den, Menschen Sätze zu entlocken, ben. In solchen Darstellungen werden zeugkasten von Strichpunkt ist die Bil­
die sie sonst nicht sagen würden«, so Werte unbewusst ausgedrückt. Mitar­ derbox. Darin hat die Agentur rund
Jochen Rädeker über die Übertra­ beiter könnten ihr Unternehmen zum 200 Fotos verschiedener Gegenstän­
gungstechniken, die Strichpunkt in ih­ Beispiel als älteren Herrn beschreiben, de, Szenarien, Menschen und Land­
ren Kundenworkshops anwendet. der einen Doktortitel trägt und in sei­ schaften gesammelt, die bei einem
• Ein Klassiker ist die Marken­Perso­ ner Freizeit Oldtimer fährt. Keine Fir­ Workshop ausgebreitet werden. Jeder
nen­Projektion. Dabei sollen Teilneh­ ma der Welt würde sich dagegen in Teilnehmer muss sich drei Bilder aus­
einem Brieing als intellektuell und an­ suchen und erklären, weshalb ausge­
tiquiert beschreiben. Dennoch ist es rechnet diese zu seinem Unterneh­
Bei einem Workshop entlockt Strich- für das Selbstverständnis essenziell men passen. So kann eine historische
punkt den Teilnehmern neben und sollte entsprechend im Corporate Brücke im mittelalterlichen Stadtbild
den Substanz- und Kernwerten die Design wiederzuinden sein. Ganz ähn­ Beispielsweise als verbindendes Ele­
Differentiatoren – das sind lich funktioniert eine Übung, in der ment beschrieben werden – aber ge­
die wirklich identitätsstiftenden Mitarbeiter ihren typischen Kunden nau so für historischen oder ästheti­
Merkmale eines Unternehmens beschreiben sollen. schen Anspruch stehen.
084 PAGE 02.12 TECHNIK Briefing & Kundenworkshops

»Die Qualität eines Brieings bemisst


sich daran, was für eine Idee daraus ent-
standen ist. Je besser die Idee, desto
besser wird das Brieing gewesen sein«
Ralph Poser, Geschäftsführer Strategie bei Kolle Rebbe in Hamburg

Auf diese Weise könne sich der Mode­ muss sich der Verantwortung bewusst
rator ganz den Übungen und den Teil­ sein, die man bei einem Workshop
nehmern widmen, während die an­ übernimmt und sich dementsprechend
dere Person Material vorbereitet und vorbereiten«, sagt Rädeker. Als Mode­
protokolliert. Am Ende des Workshops rator sollte man selbstbewusst auftre­
sollte eine ausführliche Dokumentati­ ten, auch mal unangenehme Fragen
on stehen. Denn für den weiteren Pro­ stellen oder die Teilnehmer auf eine
jektverlauf ist es von Vorteil, Zitate aus Antwort festnageln. »In einem Work­
dem Workshop vorbringen zu können, shop spielt man nicht mit Designs he­
in dem die strategischen Grundlagen rum, sondern befasst sich mit der Un­
ebene mitunter stark von der der des Auftritts deiniert worden sind. »So ternehmensstrategie. Das muss man
Mitarbeiter abweichen. Eigene Umfra­ kommt die Bewertung eines Designs sich zutrauen und sich darauf einlas­
gen lassen sich etwa auf der Website aus dem Geschmäcklerischen heraus. sen. Sonst sollte man die Finger davon
SurveyMonkey zusammenstellen und Das Schlimmste ist, wenn ein überzeu­ lassen«, warnt Rädeker. Raubt man
durchführen. Ein weiterer Punkt, der gendes, strategisch richtiges Corporate seinem Gegenüber mit einem ergeb­
in Workshops geklärt werden muss, ist Design abgelehnt wird, weil es dem nislosen Workshop die Zeit, läuft man
die Zielgruppendeinition. Hierzu eig­ Vorsitzenden ›nicht gefällt‹«, so Räde­ Gefahr, die Kundenbeziehung zu ver­
nen sich Sinus­Milieus, in die sich die ker. Kann man seinen Entwurf mit den giften. Führt man ihn hingegen ge­
Wunschkundschaft anhand soziode­ Worten eben jenes Vorsitzenden aus konnt durch, können sich vollkommen
mograischer und verhaltensbezoge­ dem Workshop verteidigen, kann er neue Erkenntnisse über den Kunden
ner Eigenschaften einteilen lässt. dagegen nicht mehr viel einwenden. ergeben, die nicht nur die gestalte­
Während Zimmer seine Kunden­ Ein Freelancer sollte sich bei der rische Arbeit voranbringen, sondern
workshops allein durchführt, rät Rä­ Durchführung eines Workshops daher aus dem Kreativen auch einen Partner
deker zu einem Zwei­Personen­Team. Verstärkung holen – und üben. »Man auf Augenhöhe machen. nik
Mithilfe von
Sinus-Milieus lassen
sich Zielgruppen
anhand ihrer sozio-
demograischen
und verhaltensbe-
zogenen Eigen-
schaften deinieren
086 page 02.12 TECHNIK Making-of: 3-D-gehirn

n Tobias Hofer weiß jetzt ganz genau, wie sein Zerebrum


aussieht – und Tausende andere wissen es auch. Das Ge-
hirn eines der 3-D-Artists aus dem 3deluxe-Team bildete
die Ausgangsbasis für das 3-D-Modell auf dasGehirn.info.

Kosmos Kopf Die im September 2011 gelaunchte Informationsseite ist


ein Projekt der Hertie-Stiftung und der Neurowissenschaft-
lichen Gesellschaft e. V. in Zusammenarbeit mit dem Zen-
trum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe. Konzi-
Das menschliche Gehirn ist ein hochfunktionaler, komplexer piert und umgesetzt hat sie 3deluxe mit Unterstützung der
Onlinekommunikationsagentur screenbow.
Apparat. PAGE zeigt, wie 3deluxe das Organ als inter- Die Herausforderung für die Kreativen bestand darin, ein
aktives 3-D-Modell für die Website dasGehirn.info umsetzte interaktives Informationsportal für eine breite Zielgruppe –
page 02.12 087

Das interaktive
3-D-Gehirn von
3deluxe auf der
Website dasGehirn.
info lässt sich um
360 Grad drehen.
Rund 200 Elemente
kann der Nutzer
heranzoomen

scrollt. Es ist kontextsensitiv und zoomt automatisch jene


Areale heran, die zum Inhalt passen, den der User sich an-
gesehen hat, bevor er darauf klickte. Sämtliche Teile des
Modells kann er in einer 360-Grad-Ansicht betrachten, nicht
angewählte Bereiche bleiben in einer dunkleren Schattie-
rung sichtbar, um die Verortung innerhalb des Gehirns zu
ermöglichen. Insgesamt lassen sich rund 200 Elemente an-
steuern, zum Teil bis auf die zelluläre Ebene. Die Anbindung
an die anderen Seiteninhalte erfolgt über ein Informations-
feld, das den Glossar-Eintrag des jeweiligen Areals sowie
Artikel und multimediale Inhalte zum Thema anzeigt.

An dem Projekt arbeitete das Team rund zwei Jahre. Neu war
für die Designer der große Anteil an nötigem wissenschaft-
lichen Know-how. Sie mussten tief ins Thema einsteigen, um
die Zusammenhänge visualisieren zu können. »Ich habe un-
heimlichen Respekt für dieses hochkomplexe Organ gewon-
nen, das wir als selbstverständlich erachten und nutzen«,
sagt Sascha Koeth, Mitgründer und Kreativdirektor von 3de-
luxe motion in Hamburg. Nach der gemeinsamen Entwick-
lung des inhaltlichen Konzepts und der Informationsarchi-
tektur konzentrierten sich die jeweiligen Kreativeinheiten
der Units auf ihre Spezialgebiete. So gestaltete die 3deluxe
graphics in Wiesbaden unter Leitung von Andreas Lauhoff
das Design der textorientierten Bereiche der Website. Das
Team von 3deluxe motion um Sascha Koeth realisierte das
interaktive 3-D-Modell sowie die multimedialen Beiträge.
Schon in einem frühen Stadium waren Interaction De-
signer und Frontendentwickler mit dabei und entwickelten
vom Studenten über den Wissenschaftler bis hin zum inte- die wichtigsten Funktionalitäten parallel zum Design der
ressierten Laien – zu schaffen, das das Thema visuell an- ersten Prototypen. So konnten technische und strukturelle
sprechend und wissenschaftlich korrekt präsentiert. Als Probleme früh erkannt und auch gleich ein Proof-of-Con-
Leitidee diente 3deluxe die enorme Vernetzungsdichte des cept, ein Machbarkeitsnachweis, vorgenommen werden. So
Gehirns. Sie liegt dem iligranen, detaillierten 3-D-Modell so- stellte sich zum Beispiel schnell heraus, dass der gewünsch-
wie der Verknüpfung der redaktionellen Inhalte unterein- te Detailreichtum und Illustrationsstil weder mit einer zur
ander zugrunde. Neben Texten gibt es interaktive Graiken Laufzeit rendernden Flash-3-D- noch mit einer WebGL-En-
und audiovisuelle Beiträge. Die Website selbst ist in gine zu erreichen war. Daher entschied sich 3deluxe, die
Schwarz gehalten, die Multimedia-Inhalte setzen sich weiß einzelnen Ansichten des 3-D-Gehirns als 360-Grad-Rota-
ab, die Grundfarbe des 3-D-Gehirns ist Blau. tionsilme oder entsprechende 2-D-Illustrationen vorzuren-
Das 3-D-Gehirn ist als zentraler Bestandteil der Website dern und diese in Flash mit Interaktivität und Übergangs-
immer als Portlet präsent, das am rechten Seitenrand mit- animationen zu versehen. nik
088 page 02.12 TECHNIK Making-of: 3-D-gehirn

Sascha Koeth über die entwicklung des interaktiven 3-D-gehirnmodells

Didaktische Konzeption
Unser Ausgangspunkt war die Frage nach
1 der sinnvollen Darstellung und didak-
tischen Gliederung. Um die Komplexität des
menschlichen Gehirns einzufangen, muss-
ten wir eine Auswahl darzustellender Areale
treffen. In der jetzigen Ausbaustufe besteht
das 3-D-Gehirn aus circa 200 ansteuerbaren
Einheiten. Die einzelnen Elemente und ihre
Lage in der Informationshierarchie hielten wir
in einer Matrix fest, die alle Komponenten
erfasst – auch jene, die in der Startphase der
Website noch nicht freigeschaltet sind. Pa-
rallel begann die Recherche nach aktuellen
Referenzmaterialien in Fachpublikationen.
Objektmatrix und Look stimmten wir mit der
Neurowissenschaftlichen Gesellschaft ab.

Funktionales Design
entwickeln
Darstellungskonzept und Look entwar-
2 fen wir mithilfe von Dummys. Um eine
möglichst hochwertige Optik, einen hohen
Grad an Funktionalität und ein niedriges
Ladevolumen zu erreichen, entschieden wir
Sascha Koeth uns für eine Kombination aus vorgeren-
gründete 3deluxe derten Sequenzen und interaktiven Live-
motion 2005 als Elementen. Jede Ansicht kann der User
eigenständige um 360 Grad drehen, und sämtliche indizier-
Unit des Design- ten Elemente lassen sich in allen Ansichts-
kollektivs. Der winkeln hervorheben. Um die Verortung der
Kreativdirektor verschachtelten Elemente zu optimieren,
war der Projekt- entwickelten wir ein spezielles Compositing-
verantwortliche verfahren. Die Maskierung der 3-D-Objekte
bei der Ent- und die Layer Blend Modes in Flash sorgen
wicklung und für eine übersichtliche Darstellung der
Umsetzung des Beziehung aller Komponenten zueinander
interaktiven und eine klare Lokalisierbarkeit jeder
3-D-Gehirns einzelnen Komponente.

Zoomvorgänge festlegen
Dezent animierte Rechtecke zeigen
3 dem User die Bereiche an, in
die er tiefer eintauchen kann. Über die
Zoomfunktion fährt er näher an ein
Modul heran, teilweise bis auf die zellu-
läre Ebene. Dafür entwickelten wir
eine Ladehierarchie, die schnell zur Haupt-
ansicht der jeweiligen Zoomstufe führt,
während die Details nachgeladen werden.
In diesen Übergängen ändert sich die
Darstellung in ein Punktraster, sodass sich
der räumliche Bezug und der Zoom-
faktor besser nachvollziehen lassen.
page 02.12 089

3-D-Scannen
Nun ging es ans Modellieren der
4 einzelnen Elemente. Zwar hat-
te Producer Cornelius Pfannkuch in
Zusammenarbeit mit dem wissen-
schaftlichen Berater Dr. Cyrus Fanai-
Münstermann reichlich Referenz-
materialien als Vorlagen gesammelt,
doch vermitteln die üblichen 2-D-
Illustrationen nur bedingt einen kör-
perhaften Charakter. Vor allem
erwiesen sie sich für das Abgrenzen
der einzelnen Gehirnareale im
3-D-Raum als ungeeignet. So machten
wir eine Reihe von Scans des
Gehirns von 3-D-Artist Tobias Hofer
mit einem 3-Tesla-MRT-Gerät.

3-D-Modell manuell
nachkorrigieren
Die so gewonnenen Daten
5 dienten als Basis für die
räumliche Abgrenzung der einzel-
nen Elemente. Am Ende lagen
uns eine Reihe Pixelbildern vor, die
wir in ein 3-D-Gittermodell über-
setzten. In 3ds Max nahmen wir ma-
nuelle Korrekturen und Glättungen
vor. So entfernten wir vor allem klei-
ne Fehler in Form von Brücken
zwischen den einzelnen Windungen.
Zudem mussten wir hier noch Be-
reiche, die im Scan verrauscht waren,
wieder deutlich herausmodellieren.

Texturing, Shading, Lighting


und Compositing
In der Texturing-, Shading- und
6 Lighting-Phase übertrugen wir den
Look aus dem Layout auf die anatomisch
korrekten Modelle. Dabei nutzten wir
einen Fresnel-Shader für die äußeren Ele-
mente und arbeiteten mit einer geringen
Strahltiefe für die Simulation von Transpa-
renz, um eine zu komplexe Vielschichtigkeit
der Überlagerung zu vermeiden. Für die in-
nenliegenden Objekte verwendeten wir
ein reduziertes Farbset aus Blautönen, um
die Teilobjekte zu trennen und einen ästhe-
tisch reduzierten Stil zu erhalten. Dann
renderten wir die Module, wie im Compo-
siting-Konzept geplant, und bereiteten
die einzelnen Layer mit After Effects für
das inale Compositing in Flash auf.
090 page 02.12 TECHNIK Making-of: 3-D-gehirn

Sascha Koeth über die entwicklung des interaktiven 3-D-gehirnmodells

Datenstruktur und Punkt-


wolke programmieren
Für das Rendering der Punktwolken
7 entwickelten wir eine 3-D-Engine,
die auf allen unnötigen Ballast verzichtet
und die Punkte als farbige Einzelpixel in
ein BitmapData schreibt, das wir dann als
Ganzes negativ multipliziert mit den
übrigen Graikelementen verrechneten.
Auf diese Art ist es möglich, ohne Hard-
warebeschleunigung an die 10 000 Punkte
gleichzeitig zu bewegen, ohne Perfor-
mance-Einbrüche zu erleiden. Eine intel-
ligente Verwaltung der Graikelemente
sorgt zudem dafür, dass nur die tatsächlich
sichtbaren in der Anzeigeliste hängen
und den Flash-Renderer belasten. Um die
3-D-Projektion der in Flash gerenderten
Graikelemente mit der Perspektive der vor-
gerenderten Elemente abzugleichen,
entwickelten wir eine AIR-Anwendung auf
Basis von Flex, die die aus Cinema 4D
exportierten Positions- und Projektions-
daten im XML-Format für das Flash-
Frontend aufbereitet und anschließend
in eine XML-Datenstruktur einplegt.

Flash-Modul und Inhalte


implementieren
Die so geschaffenen XML-Schnittstellen
8 ermöglichten es uns, die Illustratio-
nen und Videos sowie deren Verknüpfung
weitestgehend selbstständig einzuple-
gen, während parallel die Entwicklung des
Frontend unter Leitung von Martin Kraft
vorangetrieben wurde. Auch die Anbindun-
gen an das durch die Redaktion geplegte,
von Ralf Dzicher und seinem Team entwickelte
Backend und die übrige Seite erfolgte auf
Basis der beschriebenen XML-Struktur. Gleich-
zeitig konnten das Backend- und Frontend-
Programmierungsteam, das Graikteam und
der Kunde auf eine möglichst aktuelle
gemeinsame Testversion zugreifen. Neben
der Anzeige diverser textlicher Informa-
tionen entwickelten wir einen Medienplayer
für die Audio- und Videoinhalte, den
wir in die graische Benutzeroberläche des
3-D-Gehirns integrierten. Zusätzlich zu
den Video- und Audioinhalten unterstützt der
auf dem Open Source Media Framework
(OSMF) basierende Player interaktive Flash-
Inhalte, für die er eine eventbasierte Schnitt-
stelle bereitstellt. Später adaptierten wir ihn
für den Einsatz im HTML-Teil der Website.
092 page 02.12 TECHNIK iYou

One is a fact, two is a story


Das Datenvisualisierungstool iYou gibt mit einfachsten Mitteln Aufschluss
über unsere Kommunikationsgewohnheiten

n Was verrät unser iPhone über lich als interaktive Informationsgraik iYou noch in der Entwicklungsphase
uns? Welche Geschichten stecken in wiedergibt. Die Macher möchten auf beindet, verarbeitet es ein breiteres
den gespeicherten Nutzerdaten, und diese Weise das Bewusstsein dafür Spektrum an Daten – nämlich alle In­
welche Erkenntnisse über unsere all­ schärfen, wie einfach sich auf Basis formationen, die wir durch Anrufe
täglichen Interaktionen lassen sich da­ der auf unseren digitalen Allzweckbe­ und SMS, das Setzen von Bookmarks
raus gewinnen? Der Amsterdamer De­ gleitern gespeicherten Daten präzise und den Gebrauch von Social­Media­
signer Niels Schrader hat zusammen Nutzerproile erstellen lassen. Tools oder Nachrichten­Apps auf dem
mit dem Regisseur und Drehbuchautor Ihr Tool, dessen Betaversion in Kür­ Smartphone erzeugen. Dies stellt iYou
Bert Kommerij 2010 ein Forschungs­ ze gelauncht wird, ist vergleichbar mit als Globus dar, um dessen Äquator he­
projekt gestartet, das Antworten auf dem Mac­Programm iPhone Tracker, rum sich die Kommunikationsereignis­
diese Fragen sucht. Ein Ergebnis ist das die Aufenthaltsorte des Users in­ se chronologisch ansiedeln. Hier lässt
iYou, ein iTunes­Plug­in, das die Kom­ klusive Zeitangabe auf einer Open­ sich etwa überprüfen, über welchen
munikation mit dem iPhone anschau­ StreetMap­Karte darstellt. Obwohl sich Kanal der Kontakt mit Freunden am

»Das journalistische arbei-


ten wird im Designprozess
wichtiger: Dazu gehört
das Sammeln, Filtern, Inter-
pretieren, Hinterfragen
und narrative aufbereiten
von Informationen«
Niels Schrader, Kommunikationsdesigner
aus Amsterdam (links), über iYou und Trends
in der Datenvisualisierung

setzen lässt. Uns beiden war schnell


Foto: Edwin Deen

Die Idee zu iYou hattet ihr, lange bevor Was waren eure Ziele?
der fragwürdige Umgang mit User- klar, dass wir uns ausschließlich mit Wir wollen die digitale Mediennut­
daten von Facebook publik wurde. Wie bereits bestehenden Datensätzen be­ zung keinesfalls verteufeln. Doch in
kam es dazu? schäftigen wollten. Es lag also nahe, den letzten Jahren haben wir uns zu
Niels Schrader: Die Idee hatten Bert die Datenspeicherung in der mobilen einer Gesellschaft entwickelt, die den
Kommerij und ich bei einem Work­ Kommunikation genauer unter die Lu­ täglichen Umgang mit den digitalen
shop, den das Sandberg Instituut in pe zu nehmen. Dabei herausgekom­ Medien verinnerlicht hat – allerdings
Zusammenarbeit mit dem Mediafonds men ist aber kein Self­Tracking­Tool, ohne die Konsequenzen zu hinterfra­
Amsterdam durchgeführt hat. Es ging denn wir tragen die Storys ja schon gen. Es geht uns in erster Linie um ei­
darum, Datenbanken als neue Erzähl­ mit uns herum, indem wir sie im täg­ nen kritischen, relektierten Umgang
form zu ergründen und Vorschläge zu lichen Gebrauch auf unseren Smart­ mit den Neuen Medien sowie um ein
entwickeln, wie sich statische Informa­ phones hinterlassen – sie mussten nur Basiswissen rund um die technischen
tion in dynamisches Storytelling um­ noch visualisiert werden. Abläufe. Wenn ich mich ins Auto setze
page 02.12 093

häuigsten stattindet oder mit wem


am meisten interagiert wird. Die Ana­
lyse der Emoticons wiederum doku­
mentiert die Stimmung des Users quasi
in Echtzeit: Sie verweist, sortiert nach
Menge und Monat, auf schlechte oder
gute Laune. Spannend wird es, wenn
diese intimen Einblicke mit Personen,
Orten, Zeiten oder Musikvorlieben ver­
knüpft werden. Genau daran arbeiten Diese Skizze zeigt mögliche
Schrader und Kommerij gegenwärtig Verknüpfungen von
zusammen mit der Amsterdamer Me­ Medien und Informationen –
dialab Waag Society. wl Niels Schraders und Bert
Kommerijs Initialidee zu iYou

und keine Ahnung mehr von dem ha­ nen Server unvermeidlich. Aber na­ Aber die Schlüsse aus seinen Daten
be, was dort unter der Motorhaube ei­ türlich lassen sich mit jeder Neuheit muss der User selbst ziehen, oder?
gentlich alles passiert, ist das im Grun­ auch Dummheiten anstellen. Ja. Das wird aber in Zukunft zuneh­
de genommen das Gleiche. Wie indet die Interpretation der mend zu den Aufgaben von Gestal­
Wie funktioniert iYou technisch? Daten statt? tern gehören: Sinnzusammenhänge
Die aktuelle Fassung greift auf die Si­ Momentan liest iYou nur die Informa­ zu analysieren und anschließend bild­
cherungskopie jener Daten zu, die tionen ausgewählter Apps wie Messa­ lich zu vermitteln. Mit iYou versuchen
iTunes während des Synchronisierens ges und Phone aus und sucht inner­ wir schon, uns weg von Datenstruk­
auf den Rechner schreibt. Es werden halb dieser Datensätze nach mög­ turen und hin zur semantischen Inter­
Daten ausgelesen, die ein iPhone­Nut­ lichen Verbindungen zwischen den pretation zu bewegen. Das Interesse
zer speichert, oftmals ohne sich des­ unterschiedlichen Kommunikationser­ an opulenten Datenvisualisierungen,
sen überhaupt bewusst zu sein. Unser eignissen – basierend auf Metadaten die, wie in der generativen Gestal­
Plug­in installiert man, indem man es wie Time Stamps (Uhrzeit), Flags (Ge­ tung, vor allem die technischen Mög­
in das Verzeichnis »˜/Library/iTunes/ sprächstyp), Caller­ID (Kontakt) und lichkeiten der Datenaufbereitung ab­
iTunes Plug­ins« kopiert und in iTunes Keywords (Schlüsselwörtern). bilden, nimmt ab zugunsten eindeuti­
über die Option »Visualizer« aktiviert. Hat dir iYou Erkenntnisse über ger visueller Analysen. Das bedeutet
So wird iTunes zum Gateway zu den dein eigenes Kommunikationsver- aber auch, dass nicht nur die gestalte­
Benutzerdaten. Es ist nur wenigen be­ halten gebracht? rischen Kompetenzen, sondern auch
kannt, dass iTunes Visualizer HTML, Um uns das Data­Mining zu erleich­ das journalistische Arbeiten im De­
JavaScript und CSS unterstützt und tern, haben wir konkrete Fragen for­ signprozess wichtiger werden: Da­
daher wie ein Browser funktioniert. muliert. Eine davon lautete: »Welche
Das haben wir uns zunutze gemacht. Smileys nutze ich in welchem Kon­
Dass wir ein iTunes­Plug­in und keine text?« Ziel dieser Analyse war es, über
App entwickelt haben, hat vor allem die Verwendung von Emoticons in
mit Apples umstrittenen Zulassungs­ Textnachrichten Stimmungen und Ge­
bedingungen für den App Store zu fühle des Nutzers aufzufangen. Auch
tun – mit seinem Content würde iYou wenn die Genauigkeit der Auswer­
ganz sicher nicht akzeptiert. tungen noch schwankt, waren die Er­
Komme ich damit auch den Fehltritten gebnisse überaus interessant. So ließ
untreuer Partner auf die Schliche? sich aus meinem eigenen Datensatz
Genau deshalb haben wir keine Web­ genau ableiten, zu welchem Zeitpunkt
site entwickelt, sondern ein Plug­in, ich meinen Lebenspartner kennenge­
mit dem die Datenauswertungen den lernt habe. Als ich diesen Zusammen­
privaten Rechner nicht verlassen – hang entdeckte, war mir klar: Hier
beim Auslesen durch einen Browser wird es interessant, in diesem Bereich Der Name ist Programm: IYou zeigt den engen Dialog
wäre das Hochladen der Daten auf ei­ müssen wir weiterforschen! des Nutzers mit seinem iPhone auf
094 page 02.12 TECHNIK iYou

zu gehört das Sammeln, Filtern, In­ are visuelle Storys aufzubereiten, son­ »Composition No. 1« von Marc Saporta
terpretieren, Hinterfragen und narra­ dern Strukturen zu schaffen, in denen und »Cent Mille Milliards de Poèmes«
tive Aufbereiten von Informationen. sich der User eigenständig bewegt, ei­ von Raymond Queneau ein. Beide er­
Es geht darum, die richtigen Fragen zu gene Erzählstränge legt und so gleich­ lauben es dem Nutzer, beim Lesen un­
stellen und aus den Antworten die zeitig Leser und Erzähler seiner eige­ terschiedliche Textkombinationen aus­
richtigen Schlüsse zu ziehen. nen Geschichte ist. Dabei können sich zuprobieren. Allerdings bräuchte laut
Damit liefert der Designer auch eine die Geschichten vor allem durch die Wikipedia ein durchschnittlicher Leser
subjektive Sichtweise der Fakten . . . Kombination unterschiedlicher Daten­ für alle möglichen Varianten der »Hun­
Natürlich. Zahlen lügen bekanntlich sätze entfalten: »One is a fact, two is a derttausend Milliarden Gedichte« un­
nicht, Manipulation fängt eben erst story«. Der Schriftsteller Jay O’Callahan gefähr 95 Millionen Jahre. Eine gängige
bei der Auswahl und Interpretation hat einmal gesagt, dass die wesent­ Meinung ist, dass Geschichten linear
der Daten an. Darin liegt auch die Ver­ lichen Bestandteile einer guten Ge­ erzählt werden müssen, weil Geschich­
antwortung des Gestalters. schichte »people, place, and trouble« te linear abläuft. Aber nehmen wir
Wie kann Storytelling in Datenvisua- sind – diese Feststellung lässt sich Historie überhaupt noch linear wahr?
lisierungen aussehen? hervorragend auf den Inhalt unserer Ich denke, dass sich neben der line­
Zunächst einmal erzählen Datenban­ Smartphones übertragen. aren Erzählweise auch eine nicht line­
ken natürlich keine Geschichten – Da­ Ein paar aktuelle Beispiele, bitte? are etablieren wird, bei der die Rezi­
tenbankeinträge sind ja eindeutige Die wahren Pioniere in Sachen Infor­ pienten selber entscheiden müssen,
und unabhängige Objekte, die erst mationsdesign sind ohne Zweifel Ben wie eine Handlung fortgeführt wird.
durch überschneidende Attribute mit­ Fry und Aaron Koblin. Sie schlagen die Ähnlich wie bei den Kinderkrimis aus
einander in Beziehung treten. Es geht Brücke zwischen Coding und Design. den achtziger Jahren, bei denen die
also für Gestalter weniger darum, line­ Zudem fallen mir spontan die Bücher Leser am Kapitelende zwischen ver­
schiedenen Handlungsoptionen wäh­
len konnten . . .
Welche Fragen werden die Informa-
tionsdesigner künftig bewegen?
Sie werden immer seltener gefragt,
fertige Produkte zu entwerfen – das
können wir im Zeitalter von Word­
Templates und individualisierten De­
signs wie den »Social Memories«­Sta­
tistikbüchern auch dem Verbraucher
überlassen. Die Aufgabe der neuen
Gestaltergeneration wird es sein, Lö­
sungen für Probleme wie die digitale
Informationsvermüllung zu erarbeiten.
Gegenwärtig entwickle ich zusammen
mit meinen Partner Michał Ejdys zum
Beispiel die Software TextCompass,
die die inhärenten thematischen Ver­
knüpfungen von Texten entlarvt. Da­
mit lassen sich Texte nicht nur quanti­
tativ, sondern auch auf ihre Sinnzu­
sammenhänge hin analysieren. Dazu
in Kürze mehr . . .
Wann plant ihr die inale Version von
iYou herauszubringen?
Wir haben unser Tool als langfristiges
Projekt angelegt, das sich im Idealfall
zu einer Open­Source­Plattform wei­
terentwickelt. Davon sind wir zurzeit
allerdings noch weit entfernt – uns
fehlen noch interessierte Sponsoren.
Wer eine erste Testfassung des Plug­
ins herunterladen möchte, kann das
über die Webseite www.iyou.nu tun.

Oben: Der interaktive iYou-Informa-


tionsglobus visualisiert hier die
persönlichen Kommunikationsevents
nach Tagen, Dauer und Personen.
Darunter: Die Einzelanalyse der SMS-
Emoticons zeigt, dass der User im
April gut drauf war – er versandte jeden-
falls besonders viele positive Smileys
096 PAGE 02.12 TECHNIK

TOOLS & TECHNIK


n Speziell für die Ideenindung, Prä-
sentation und Abstimmung von krea-
tiven Projekten hat Adobe ihre sechs
auf der MAX im Oktober vorgestellten
Touch-Apps entwickelt (siehe PAGE
12.11, Seite 76 f.). Richtig sinnvoll sind
sie natürlich nur in Kombination mit
den Programmen der Creative Suite,
vor allem Photoshop, Illustrator und In-
Design. Logisch. Der Datenaustausch
erfolgt über Adobes Creative Cloud
(siehe Seite 15). Alternative Datentran-
sferdienste wie Dropbox unterstütz-
ten die Touch-Apps leider noch nicht.
Im ersten Halbjahr 2012 soll die
Creative Cloud ofiziell starten, die vol-
le Mitgliedschaft für monatlich um die
70 Dollar bei einjähriger Vertragsbin-
dung beinhaltet die Nutzung aller Ap-
plikationen der Creative Suite Master
Collection, der sechs Touch-Apps so-
Creative Touch wie der Creative Cloud. Es wird sicher-
lich auch abgespeckte Angebote rund
Adobes Tablet-Apps sind jetzt für Android verfügbar. Wir haben um den Datenaustausch geben; De-
sie auf einem Samsung Galaxy Tab 10.1 ausprobiert tails und europäische Preise sind aber
noch nicht bekannt.
Man fragt sich, warum die Touch-
Apps zuerst für Android-Tablets er-
Oben: In Kuler scheinen und nicht für das iPad, das
kreiert man eine viel höhere Verbreitung hat. Soll
stimmige Farb- das eine Breitseite gegen das Flash-
kombinationen, Bashing von Apple sein? Möglich wäre
auch extrahiert es, es kann aber auch daran liegen, dass
aus vorhandenem das iPad die höhere Aulösung noch
Bildmaterial nicht bietet, die die Touch-Apps vo-
raussetzen. Im Laufe des Jahres sollen
aber iPad-Versionen folgen.
PS Touch ist das
Highlight unter den Ideas ist für das iPad schon seit ge-
Adobe-Apps. Mit raumer Zeit verfügbar. Interessanter-
exakten Auswahlen, weise ist der Funktionsumfang der An-
Text- und Ebenen- droid-Version deutlich abgespeckt. Es
unterstützung et fehlen insbesondere zusätzliche Ebe-
cetera sind viele nen, lediglich zwei sind fest eingebaut.
wichtige Photoshop- Ideas ist aber auch in der iPad-Version
Features enthalten ein sehr reduziertes, um nicht zu sagen
mageres Zeichenprogramm. Der User
kann ein Bild in den Hintergrund legen
und in verschiedenen Farben, Opazi-
tätsstufen und Stiftdicken mit den Fin-
gern malen. Das war’s eigentlich schon.
Die Pinselstriche wandelt Ideas in
Mit einfachen Vektoren um, die Weiterverarbeitung
Fingergesten erfolgt in Illustrator. Damit dieses das
erstellt der Desig- Ideas-Format erkennt, müssen speziel-
ner Objekte le Creative-Cloud-Desktop-Plug-ins in-
im Wireframe- stalliert sein. Der Austausch erfolgt bis-
tool Proto lang ausschließlich über das Webpor-
PAGE 02.12 097

tal. Das ist etwas umständlich, denn ein, ein Dreieck ein Videoelement. Ein Hardware
die CS-Programme erlauben noch kei- funktionales Wireframe kann der Kun-
nen Direktzugriff. Stattdessen muss de direkt in der App testen, alternativ +++ Besonders heller DLP-Projektor. Der MX764
man die Daten zunächst mithilfe des lässt es sich über die Creative Cloud von BenQ zeichnet sich durch eine besonders hohe
Browsers herunterladen. versenden. Auch ein Testen in einem Lichtstärke von 4200 ANSI-Lumen aus. Seine Aulö-
Kuler ist eine praktische App, um beliebigen Browser ist möglich, es han- sung beträgt 1024 mal 768 Pixel, das Kontrastverhält-
Farbkombinationen zu erstellen, auto- delt sich schließlich um normale CSS- nis 5300 : 1. Bereits aus einem Abstand von 2,7 Me-
matisch aus Fotos zu extrahieren und und HTML-Dateien. tern lässt sich ein Bildgröße von 80 Zoll erreichen. In-
das Ergebnis mit anderen auszutau- Das absolute Highlight ist sicherlich teressant ist die USB-Videofunktion, mit der sich auf
schen. Auch der Zugriff aus anderen PS Touch – es macht einfach Spaß mit einem PC beindliche Videos direkt via USB-Verkabe-
Adobe-Apps ist möglich. Natürlich soll- dem kleinen Tablet-Photoshop zu ar- lung auf den Projektor übertragen und abspielen las-
te man nicht erwarten, dass die Far- beiten. Viele wichtige Features des gro- sen – und das ohne spezielle Treiber oder Netzwerk-
ben kalibriert sind. ßen Bruders sind enthalten. Es gibt eine konigurationen. Der BenQ MX764 kostet ungefähr
Mit Debut präsentiert der Kreative umfassende Ebenenverwaltung inklu- 2080 Euro. ≥ www.benq.com +++ Drobo-Datenspei-
seine Werke beim Kunden. Die Daten sive der bekannten Überblendungs- cher mit Cloud-Erweiterung. Drobos Storage-Syste-
können aus CS-Programmen oder an- modi und Transparenzeinstellungen. me erlauben eine deutlich einfachere Handhabung
deren Touch-Apps stammen, sofern Ebenen lassen sich mit den wichtigs- als traditionelle Raid-Systeme. Bei einem Festplatten-
sie in der Cloud abgelegt sind. Prak- ten Stilen wie Schlagschatten, Weich- tausch kann man nämlich Platten verschiedener Ka-
tisch: Kleine farbige Pinselstriche auf zeichnung und zahlreichen künstleri- pazität verwenden. Die neue Zusammenarbeit mit
den Seiten erlauben das Anbringen schen Filtern versehen. Auswahl- und Pogoplug-Cloud sorgt zum einen dafür, dass man auf
von Korrekturanmerkungen. Im Test Maskierungshilfen erleichtern das Frei- den Drobo-Speicher aus dem Internet zugreifen kann.
wird deutlich, dass sämtliche Inhalte, stellen. Weitere Werkzeuge ist der alt- Zum anderen ist eine Synchronisierung eines Teiles
auch aus InDesign oder Illustrator, für bekannte Kopierstempel. Darüber hi- des Datenspeichers mit der Pogoplug-Cloud vorge-
die Ansicht in ein Bild umgewandelt naus stehen Textelemente und Warp- sehen, dessen Daten dadurch auch dann erreichbar
werden. Beim Zoomen wird es ent- Effekte zur Verfügung. sind, wenn er ausgeschaltet ist. Kostenlos sind 5 Giga-
sprechend pixelig. Außerdem zeigt das Weder Ebenen noch Filter oder Text- byte Volumen, die Preise für 50 und 100 Gigabyte sind
Tool beispielsweise in einem Indesign- elemente sind in PS Touch allerdings noch nicht bekannt. ≥ www.drobo.de +++ 27-Zoll-
Dokument verwendete Zapf Dingbats »smart«, es wird immer alles fest in ein Monitor. Der LED-Monitor EA273WM von NEC verfügt
nicht korrekt an. Bild berechnet und lässt sich nicht im über eine Helligkeit von 300 Candela und eine Full-
Collage eignet sich für Ideensamm- Nachhinein bearbeiten. PS-Touch-Da- HD-Aulösung von 1920 mal 1080 Bildpunkten. Alle
lungen in Form eines Moodboard. Gra- teien haben die Endung ».psdx«. In wichtigen Anschlüsse sind integriert, darunter Dis-
ikelemente aus verschiedensten Quel- Photoshop CS5 und CS5.1 kann man playPort, DVI-D und HDMI. Zudem lässt sich der ergo-
len wie der Cloud, Flickr oder YouTube sie mit einem Plug-in öffnen. Öffnet nomische Monitor drehen, schwenken und in der Hö-
lassen sich hier anordnen, verschieben man eine PSD-Datei via Cloud auf dem he verstellen. Insbesondere unter Umweltaspekten
und intuitiv mit Fingergesten skalieren Tablet, ist alles auf eine Hintergrund- ist er bemerkenswert, denn er besteht zum Teil aus
und drehen. Ebenso fügt der Nutzer ebene reduziert. Recyclingplastik und wird ohne Arsen und Quecksil-
Textelemente und Pinselstriche hinzu. ber produziert. Ein Sensor schaltet die Leistung au-
Seltsame Einschränkung: Die Zeichen- Fazit: Die Adobe Touch-Apps sind ei- tomatisch herunter, wenn sich der Nutzer vom Moni-
läche lässt sich vergrößern, allerdings ne feine Sache. Sie unterstützen Krea- tor entfernt. Kostenpunkt: etwa 480 Euro. ≥ www.
nicht wieder verkleinern. tive dabei, ihre Projekte mit Kunden nec-display-solutions.com +++ Android-Tablet von
und Kollegen mobil abzustimmen. Der Medion. Aldi Süd hat mit dem Medion Lifetab erst-
Deutlich komplexer und umfangrei- Austausch über die Creative Cloud mals ein 10-Zoll-Android-Tablet im Angebot. Die Aus-
cher sind die beiden Apps Proto und funktioniert bereits im Betatest recht stattung ist recht ordentlich, für rund 400 Euro gibt
PS Touch. Mit Proto baut der Kreative gut, es fehlt aber noch die direkte An- es eine Dual-Core-CPU, 32 Gigabyte Speichervolumen,
auf einfache Weise Wireframes für bindung in die Creative Suite. Die wird WLAN, 3G-Modul für Mobilfunkverbindung, Blue-
Webseiten. Ausgangspunkt ist ein auf sicherlich mit CS6 kommen, mit der tooth 2.1 und GPS. Der Speicher lässt sich mit MicroSD-
einem Grid basierendes Layout, das schon im zweiten Quartal zu rechnen und MicroSDHC-Karten erweitern. Der Multitouch-
der User bei der Einrichtung des Do- ist. Am besten gefallen uns PS Touch Monitor hat eine Aulösung von 1280 mal 800 Pixeln.
kuments deiniert. Für die Gestaltung und Proto. Trotz ihrer Komplexität sind ≥ www.aldi.de +++ Sicherer USB-Datenstick. Die
stehen eine Vielzahl von Komponen- die Apps leicht zu bedienen, so wie Daten des rafinierten Speichersticks Crypteks USB
ten zur Wahl, darunter Text-, Graik-, man es auf einem Tablet erwartet. Die sind nicht nur durch eine hardwareseitige 256-Bit-
Video- und Formularelemente sowie Performance könnte bei allen Tools AES-Verschlüsselung gesichert. Um die Alu-Umman-
Widgets, beispielsweise eine Navigati- besser sein, es ruckelt doch recht stark telung zu öffnen und an den Stick heranzukommen,
onsleiste oder ein Akkordeon-Menü. auf dem Android-Tablet. Wir sind auf muss der Anwender auch die korrekte Zahlen- und
Für die Auswahl der Standardele- die iOS-Versionen gespannt. Die Touch- Buchstabenkombination eingeben. Die Produktion
mente steht eine Werkzeugleiste zur Apps sind für je 7,99 Euro erhältlich. ist über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter ge-
Verfügung. Schneller geht es aber mit ≥ www.adobe.com/de/products/ sichert. Der Crypteks-USB-Stick soll für circa 130 Dol-
Fingergesten: Ein Kreuz fügt ein Bild touchapps.html lar auf den Markt kommen. ≥ http://is.gd/JeN8z0
098 PAGE 02.12 TECHNIK Tools & Technik

Festplatten-Inhalte überfliegen
Mit der Mac-App n Mal ehrlich: Wie oft hangelt man Je näher man zoomt, umso mehr De- nagement-System einsetzen. Die App
Raskin 1.7 kann sich im Mac-Finder umständlich durch tails werden sichtbar, und das gesuch- bringt auch Übersicht in weniger gut
man den Inhalt hierarchische Ordnerstrukturen, um ei- te Bild ist relativ schnell gefunden. Ei- strukturierte Datensammlungen. Die
seiner Festplatte ne Graik- oder Bilddatei zu inden, de- ne praktische Sache, vor allem in Kom- wichtigsten Finder-Funktionen wie Da-
überliegen – ren Namen man nicht mehr weiß. Ras- bination mit einer Magic Mouse oder teien und Ordner umbenennen, Eti-
eine praktische kin kann helfen, denn die Mac-App er- einem Trackpad, die Touch-Gesten für kettenfarbe wählen oder Inhalte ver-
Ergänzung gänzt die Fähigkeiten des Finders auf Scroll- und Zoomvorgänge unterstüt- schieben und kopieren sind auch di-
zum Finder visuelle Weise. Mit ihr sieht der An- zen. Das Trackpad erkennt die Zoom- rekt in Raskin möglich. Alternativ kann
wender neben Datei- und Ordnerna- and-Pinch-Gesten, bei der Magic Mouse man mit einem Direktlink zum Finder
men auch den Inhalt der Dokumente hält man beim Wischen einfach die Alt- wechseln. Eine Demoversion steht auf
aus der Vogelperspektive. In diese An- taste gedrückt. der Website von Raskin Software be-
sicht kann er schnell hinein- oder her- Raskin 1.7 ist ein idealer Begleiter reit; das rund 20 Euro teure Tool ist zu-
auszoomen sowie vertikal und hori- für alle, die viel mit graischen Content dem im Mac App Store erhältlich.
zontal scrollen. Das macht richtig Spaß. arbeiten, bislang aber kein Asset-Ma- ≥ www.raskinformac.com

Bluetooth-Handscanner Faltbare Tastatur für iPad & Co


n Mobil zu scannen ist mit dem EasyScan von Easypix kein Problem mehr. n Kleine Texte auf iPad oder iPhone zu schreiben ist zwar
Das nur 24 Millimeter schmale und 264 Millimeter lange Gadget erfasst machbar, aber komfortabler geht es mit externer Tastatur.
bis zu 216 Millimeter breite Vorlagen in der Standardaulösung von 300 dpi, Allein schon, weil der Bildschirm dann frei ist für den eigent-
maximal sind 600 dpi möglich. Der EasyScan speichert die Daten auf lichen Content. Zubehörspezialist Elecom offeriert eine
der internen MicroSD-Karte (maximal 16 Gigabyte), die Übertragung zum praktische, zusammenklappbare Bluetooth-Tastatur, die
Rechner erfolgt über USB oder Bluetooth. Ein farbiger A4-Scan in 300 dpi auf iPad, iPhone und iPod touch ausgelegt ist. Zwei AA-
soll etwa 5 Sekunden benötigen. Eine absolut präzise Handführung ist da- Batterien versorgen sie mit Strom. Mit dabei ist eine Auf-
bei nicht erforderlich, das integrierte Laufrädchen gleicht Schwankun- stellvorrichtung, um die mobilen Touch-Devices in einen
gen aus. Als Stromquelle dient ein auladbarer Lithiumionenakku. Der besseren Winkel zu bringen. Der Preis war bei Redaktions-
Handscanner kostet um die 130 Euro. ≥ www.easypix.eu schluss noch nicht bekannt. ≥ www.elecom.co.jp/global/
100 PAGE 02.12 TECHNIK Tools & Technik

Bildverwaltung IDimager 5 Pro


n Tools wie zum Beispiel Lightroom Ein Fotograf kann mit IDimager un-
oder Aperture kommen inzwischen lo- terwegs Bilder auf seinem Laptop vor-
cker mit Tausenden Fotos zurecht, ihr sortieren und mit der Bilddatenbank im
Schwerpunkt ist aber die Raw-Bild- Büro synchronisieren. Die Vorteile der
entwicklung. Die beherrscht IDimager Pro-Variante sind unter anderem eine
Software 5 Pro zwar auch, sein Kernnutzen ist bessere Metadatenunterstützung, Aus-
aber das Organisieren, Sortieren und wertung der Geolocation und automa-
+++ Enfocus Instant PDF 10. Fehlerhafte PDF-Da- Strukturieren von großen Fotosamm- tische Katalogisierung via Gesichtser-
teien sind immer noch ein großes Problem in der Me- lungen, wie sie bei Fotografen üblich kennung. Der digitale Leuchttisch hilft
dienproduktion. Instant PDF von Enfocus setzt im sind. Mit knapp 150 Euro ist die Soft- bei der Sortierungkann. Eine Demover-
Unterschied zu PitStop an der Quelle an und zeigt ware recht günstig, allerdings gibt es sion steht zum Ausprobieren bereit. tk
vor allem für Kreative oder deren Kunden die Fehler- sie nur für Windows ab XP. ≥ www.idimager-software.de
quellen wie defekte Schriften, zu dünne Linien und
falsche Farbdeinitionen auf. Das Tool weist nicht
nur auf die Probleme hin, sondern kann diese auch
automatisiert beheben. Die neue Version hebt op-
tisch deutlich hervor, wo sich eine Fehlerquelle auf
der PDF-Seite verbirgt. Instant PDF 10 für Mac OS oder
Windows kostet rund 300 Euro. ≥ www.enfocus.de
+++ VMware Fusion mit Client-Virtualisierung. Durch
einen Fehler des Herstellers VMware war das Update
4.1 der Virtualisierungssoftware Fusion für den Mac
in der Lage, auch die Client-OS Leopard und Snow
Leopard zu installieren, was Apple in den Lizenzbe-
dingungen eigentlich verbietet. Das Update 4.11
nimmt dieses Feature wieder weg – vielleicht wartet
man also besser mit der Aktualisierung. Das neueste
Mac OS X Lion darf dagegen mit dem Segen von Apple
auch in der Client-Variante in einer virtuellen Umge- IDimager 5 Pro wertet die GPS-Daten in den Bildern aus und zeigt den Ort
bung ausgeführt werden. Snow Leopard ist für viele
Anwender wichtig, das es noch PowerPC-Software
ausführen kann. ≥ www.vmware.com +++ Power- iPad-Publishing mit Neo Leafled
RIP 10 für Lion. Die Firma iProof System veröffent-
licht Version 10 ihres PostScript-3-Software-RIPs für n Eine neue iOS-Publishing-Lösung of- beren Darstellung auf der Basis von
den Mac, die nun mit Lion kompatibel ist. PowerRIP feriert Neo aus Coesfeld. Ausgangs- PDF. Die Performance beim schnellen
klinkt sich als virtueller Drucker ein, sodass der Nut- punkt ist ähnlich wie bei 3D-Zeitschrift Blättern durch die E-Mags vermag zu
zer von jeder Anwendung Proofs ausgeben kann. Es eine aus beliebigen Quellen stammen- überzeugen. Neben Audio und Video
steuert einen Großteil der Farbtintenstrahldrucker de PDF-Datei, die der Designer in einem beherrscht Lealed die Einbindung von
von Epson, HP und Canon an, darunter auch einige Webeditor mit Interaktivität anreichert. internen oder externen HTML-Elemen-
sehr günstige Modelle. Die Version für Large-Format- Neben dem Webservice umfasst die ten, Hyperlinks, Pop-ups sowie Bilder-
Drucker kostet rund 850 Euro, die Standardversion et- Lösung die iOS-Reader-App, die sich galerien. Eine Besonderheit ist die Be-
wa 400 Euro. ≥ www.iproofsystems.com +++ Chrome für die eigene Marke branden lässt. nutzer- und Gruppenverwaltung, die
überholt Firefox. Erst vor zwei Jahren eingeführt und Lealed ist im Unterschied zu Ado- das selektive Ausliefern erheblich er-
durchaus von kritischen Stimmen begleitet, erreicht bes Digital Publishing Suite in der La- leichtert. Die monatlichen Kosten von
der Google-Browser inzwischen weltweit einen Markt- ge, die Seiten im Reader ohne Quali- Lealed in der Kiosk-Version liegen zwi-
anteil von über 25 Prozent und liegt damit knapp tätsverlust zu zoomen und dabei in- schen 300 und 700 Euro, die Anzahl
oberhalb der Verbreitung von Firefox. Verwunderlich teraktive Elemente wie eingebettete der Ausgaben und Aulage ist dabei
ist es aber nicht, denn gerade aufwendige Rich-Me- Videos korrekt zu skalieren. Vor allem unbegrenzt. tk
dia-Sites, die von modernen Technologien wie HTML5, Textpassagen proitieren von der sau- ≥ www.lealed.de
CSS3 und WebGL reichlich Gebrauch machen, laufen
unter Chrome meist am besten. Aber auch die ande-
ren Browser werden inzwischen deutlich schneller
weiterentwickelt, Konkurrenz belebt das Geschäft.
≥ www.google.com +++ Finder-Erweiterung Total-
Finder Lion-kompatibel. TotalFinder ergänzt den
Mac-Finder um einige interessante Funktionen, da-
runter die Tab-Sortierung, die die meist zahlreichen In der iPad-Publi-
Finder-Fenster reduzieren hilft. Das Tool beherrscht shing-Lösung
auch die Einsortierung von Verzeichnissen an den Lealed fügt der
Anfang der Aulistung und die Ansicht von normaler- Publisher die
weise unsichtbaren Systemdateien. Das Update ist interaktiven Teile
kostenfrei, die Vollversion für circa 18 Dollar zu ha- des E-Mags via
ben. ≥ http://totalinder.binaryage.com Webeditor hinzu
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KALENDER
Messen • Kongresse • Seminare Messen • Kongresse • Seminare
Berlin Helsinki – World Design Capital 2012 Metz Salon du Design
12. Januar Vortragsabend und Diskussion mit dem innischen 23. bis Schwerpunkte der neuen Designmesse sollen Eco-
19 Uhr Architekten und Designer Ilkka Suppanen und 26. März und digitales Design sein Metz Expo Événements
Anni Puolakka und Jenna Sutela von dem » socially- ≥ www.salondudesign-metz.fr
minded design think tank« OK Do Designtransfer
≥ www.designtransfer.udk-berlin.de Hamburg PAGE Seminar »Leitmedium Design«

Von unten: © Matthieu Gafsou, Rhône Glacier, from the series Alpes, 2009-2011, Courtesy Musée de l’Elysée, Lausanne; Tinna Gunnarsdóttir: Garderobenhaken Starkadur, 1996, Foto: Vigfús Birgisson; Manuel-Dreesmann: Ecomovo;
23. April Workshop mit Jochen Rädeker (siehe Seite 61)
Köln imm cologne Gastwerk Hotel Hamburg
16. bis Internationale Einrichtungsmesse mit einem Schwer- ≥ www.page-online.de/seminar
22. Januar punkt auf jungen Designtalenten koelnmesse
≥ www.imm-cologne.de Hamburg PAGE Seminar »Designmanagement«
27. April Workshop mit Christine Hesse (siehe Seite 85)
Berlin Berlin Fashion Week Gastwerk Hotel Hamburg
17. bis 22. Januar Ob Bread & Butter, The Gallery Berlin, Greenshowroom ≥ www.page-online.de/seminar
oder Ethical Fashion Show – die Fashion Week bietet
eine Fülle spannender Events zu Mode und Design Hamburg Boom! Transmediales Story-Training
≥ www.fashion-week-berlin.com 27. bis 28. April Workshop von PAGE & Good School (siehe Seite 77)
Good School
Bonn The History and Future of Art und Design Museums ≥ www.page-online.de/seminar
19. bis 21. Januar Internationale Tagung im Rahmen der V&A-Schau
(siehe rechte Seite) Bundeskunsthalle Düsseldorf drupa
≥ http://bundeskunsthalle.de/ 3. bis 16. Mai »one world – one drupa« lautet das Motto der inter-
nationalen Print-Media-Messe Messe Düsseldorf
Winterthur Plat(t)form 2012 ≥ www.drupa.de/.com
27. bis Junge Fotografen und Künstler haben Gelegenheit,
29. Januar ihre Portfolios zu präsentieren Hamburg PAGE Seminar »Urheber-, Design- & Vertragsrecht«
Fotomuseum Winterthur 18. Mai Seminar in Kooperation mit der AGD (siehe Seite 91)
≥ www.fotomuseum.ch Gastwerk Hotel Hamburg
≥ www.page-online.de/seminar
Frankfurt/Main Paperworld 2012
28. bis 31. Januar Fachmesse rund um Papier messe frankfurt Festivals • ausstellungen
≥ http://paperworld.messefrankfurt.com
Wien 2 x 100 Beste Plakate im MAK
Dublin interaction12 Bis 15. Januar So unprätentiös der Titel, so spannend und vielfältig
1. bis Interactive-Design-Konferenz die Inhalte. Zu sehen gibt es zum einen die beim
4. Februar Convention Centre Dublin Wettbewerb 100 beste Plakate prämierten Arbeiten
≥ http://interaction12.ixda.org in einem Ausstellungsdesign von L2M3 Kommu-
nikationsdesign, zum anderen einen historischen
München decoded@mcbw Rückblick aus der Plakatsammlung des MAK
8. bis Bei der dreitägigen Konferenz stellen Experten für MAK-Ausstellungshalle
10. Februar Marketing, Design, User Experience und Techno- ≥ www.mak.at
logie Projekte und Arbeitsweisen vor und geben
Ausblicke auf die interaktive Zukunft BMW Welt Bremen Was geht. Best of HfK Design 2011
≥ http://mcbw.decoded-conference.com/ Bis 15. Januar Die Ausstellung präsentiert Projekte aus den Studien-
gängen Integriertes Design und Digitale Medien BLVDR: Silvia Francia: Mary Stuart für Comédie de Genève, Siebdruck © MAK / Silvia Francia
Berlin Berlinale der Bremer Hochschule der Künste – gegliedert
9. bis 62. Internationale Filmfestspiele nach Themen wie »Wer bist du?«, »Wo willst du hin?«
19. Februar ≥ www.berlinale.de oder »Wie willst du leben?«
Wilhelm Wagenfeld Haus – Design im Zentrum
München TOCA ME 12 ≥ www.wwh-bremen.de/
11. Februar Die Münchner Agentur veranstaltet wieder eine
ihrer kleinen, aber stets hochkarätig besetzten Frankfurt/Main Randscharf. Design aus Island
Designkonferenzen – diesmal unter anderem mit Bis 19. Januar Rund 100 Exponate aus allen Bereichen der Gestal-
Golan Levin, Ethan Roth und Mate Steinforth tung zeigen, wie zeitgemäß und eigenständig das
≥ www.toca-me.com Design vom nördlichen Rand Europas ist. Ein Schwer-
punkt sind Modekreationen, etwa von Barbara í
Amsterdam FITC Amsterdam 2012 Gongini, aber auch Kommunikations- und Produkt-
27. bis Wie jedes Jahr lautet das Motto der Konferenz design Museum für Angewandte Kunst Frankfurt
28. Februar »Design.Technology.Cool Shit.« Felix Meritis ≥ www.angewandtekunst-frankfurt.de
≥ http://itc.ca
Lausanne [Contre]Culture/CH
Rüschlikon/ European Trend Day Bis 29. Januar Die Schweiz auf der Suche nach sich selbst . . . nach
Zürich Thema: »Der Kult des Sozialen – Warum Beziehungen ihren Rändern, dem Typischen und dem Untypischen,
14. März die neue Währung sind« Gottlieb Duttweiler Institut dem Gegenläuigen. Und das nicht nur im Medium
≥ www.gdi.ch/de/trendtag2012 Fotobuch (siehe PAGE 01.12, Seite 82), sondern auch
in dieser Ausstellung mit Arbeiten von Fotografen,
Leipzig Leipziger Buchmesse Künstlern und Videoilmern
15. bis Frühjahrsmesse der Buch- und Medienbranche Elysée Lausanne
18. März ≥ www.leipziger-buchmesse.de ≥ www.elysee.ch/
page 02.12 109

≥ Weitere Termine unter www.page-online.de/events. Dort können Sie uns auch Ihre Veranstaltungstermine mitteilen

Festivals • ausstellungen Wettbewerbe


Berlin transmediale12 Die Kreativ-Awards 2012
Süßwasserperlen, Höhe: 43 cm, Durchmesser: 100 cm, Galerie Urs Meile, Beijing-Lucerne, © Galerie Urs Meile, Beijing-Lucerne; J. Mayer H.: Würfelpattern Cube 1, © J Mayer H.; Ai Weiwei: Lower East Side Restaurant, 1988, und Washington Square Park
Von unten: ON-TYPE, Modell Ausstellungsarchitektur, Typograie Anamorphose © Marcel Häusler; Aba (Männergewand), Kaschan, Iran, 1874, Seide © Victoria and Albert Museum, London; Ai Weiwei, Bowl of Pearls , 2006, Zwei Porzellanschalen und

Protest, 1988, beide 8 x 10 cm, Inkjet on Fantac Innova Ultra Smooth Gloss © Ai Weiwei, Courtesy of Three Shadows Photography Art Center; Francisco Sierra, Fleisch. Serie von 11 Bildern, 2004/2005, Farbstift auf Papier, jeweils 50cm x 70cm, Fotos:

31. Januar bis »in/compatible« lautet das Motto des Festivals für Auf PAGE Online haben wir für Sie nationale
5. Februar Kunst und digitale Kultur Haus der Kulturen der Welt und internationale Wettbewerbe mit
≥ www.transmediale.de/ Einreichungsterminen und Anforderungen
zusammengestellt
München Bauen mit Holz – Wege in die Zukunft ≥ www.page-online.de/wettbewerbe2012
Bis 5. Februar Unter dem Druck des Klimawandels, aber auch dank
neuer Fertigungsmethoden erlebt einer der ältesten Bis Fumetto Comic-Wettbewerb
Baustoffe ein Comeback. Die Schau beleuchtet die 9. Januar Das Thema lautet »In Bewegung«. Unter den einge-
Grundlagen und zeigt internationale Bauprojekte reichten Arbeiten wählt die Jury vierzig bis fünfzig
Architekturmuseum der TU München aus, die während des Festivals ausgestellt werden
≥ www.architekturmuseum.de ≥ www.fumetto.ch

Ludwigshafen I love ALDI Bis iF concept design award 2012


Bis 4. März Die von Reinhard Spieler, dem Direktor des Wilhelm- 10. Januar Studierende und Absolventen aller Design-, Archi-
Hack-Museums, kuratierte Ausstellung mit Arbeiten tektur-, Marketing- und Engineering-Studiengänge
zeitgenössischer Künstler trifft ins Herz unserer können sich mit ihren Konzepten beteiligen
Konsumkultur Wilhelm-Hack-Museum ≥ www.ifdesign.de
≥ www.wilhelmhack.museum
Bis 13. Januar Die Klappe Nachwuchswettbewerb
Berlin Ai Weiwei in New York – Fotograien 1983–1993 BiFi, Deutsche Bahn und Nivea For Men sind die
Bis 18. März Die New Yorker Jahre waren für den chinesischen drei Marken, nach deren Brieings Nachwuchs-
Künstler entscheidend. Hier entschloss er sich, talente Filmideen entwickeln können
die Malerei aufzugeben, »weil er«, wie Hans Ulrich ≥ www.dieklappe.de
Obrist in seinem Interviewband schreibt, »erkannte,
dass sich ein Künstler jedes Objekts und jedes Bis 16. Januar katapult clip
Mediums bedienen konnte«. Seine Fotos zeigen Nachwuchspreis für DSLR-Clips (siehe Seite 19)
das New York der exilierten Chinesen, das New York ≥ www.katapult.co/clip
der Künstler und das New York politischer Proteste.
Die Ausstellung hat Ai Weiwei selbst kuratiert Bis 16. Januar New Media Award 2012
Martin Gropius Bau Gesucht sind die besten digitalen Kampagnen aus
≥ www.berlinerfestspiele.de Deutschland, Österreich und der Schweiz
≥ www.newmediaaward.de
Dominique Uldry © Francisco Sierra; Kengo Kuma & Associates, Yusuhara Town Hall, Yusuhara, Japan, 2006 © Mitsumasa Fujitsuka

Berlin J. Mayer H. Rapport. Experimentelle


Bis 9. April Raumstrukturen Ab 17. Januar ADC Wettbewerb 2012
Eigens für diese Ausstellung hat der Architekt, der Der wichtigste deutsche Kreativwettbewerb ruft zur
sich oft im Grenzbereich zu Kunst, Produkt- und Teilnahme auf (siehe Seite 15)
Kommunikationsdesign bewegt, eine begehbare ≥ www.adc.de
Rauminstallation geschaffen (siehe PAGE 11.11, Seite 9)
Berlinische Galerie Bis 100 beste Plakate 11 Deutschland Österreich
≥ www.berlinischegalerie.de 30. Januar Schweiz
Gesucht sind die 100 bestgestalteten Plakate aus
Wolfsburg Die Kunst der Entschleunigung. Bewegung dem deutschsprachigen Raum
Bis 9. April und Ruhe in der Kunst von Caspar David Friedrich ≥ www.100-beste-plakate.de
bis Ai Weiwei
Wie die polaren Phänomene der Beschleunigung Bis 31. Januar/ SEGD Global Design Awards 2012
und der Entschleunigung unsere Kultur seit Beginn 14. Februar Internationaler Wettbewerb für Arbeiten aus dem
des 19. Jahrhunderts prägen, zeigt die Ausstellung Bereich Outdoor Graphics
im Spiegel der Kunst auf ≥ www.segd.org
Kunstmuseum Wolfsburg
Bis 1. Februar Die Klappe 2012
≥ www.kunstmuseum-wolfsburg.de/
Der Bewegtbildpreis zeichnet Filme aus Deutsch-
Berlin Art and Design for All. The Victoria and Albert land, Österreich und der Schweiz aus
Bis 15. April Museum ≥ www.dieklappe.de
Die Schau zeichnet die Entstehungsgeschichte dieses
Bis D&AD Awards 2012
bedeutendsten Designmuseums und seinen Einluss
1. Februar Internationaler Contest des britischen Kreativenclubs
auf vergleichbare Kunst- und Designsammlungen
≥ www.dandad.org
nach (siehe PAGE 01.12, Seite 8) Bundeskunsthalle
≥ http://bundeskunsthalle.de
Bis 15. Februar :output award 2012
Wettbewerb für Design- und Architekturstudenten
Mainz ON-TYPE. Texte zur Typograie
≥ www.open-output.org/award
Bis 6. Mai Das Gutenberg-Museum präsentiert aus eigenen
Beständen Klassiker der Typograiegeschichte des
Bis 1. März UdK-Preis für interdisziplinäre Kunst und
20. Jahrhunderts. Begleitet wird die Ausstellung
Wissenschaft
von zahlreichen Vorträgen, Lesungen, Workshops,
Eingereicht werden können Arbeiten, die sich im
Filmen und einer Publikation zum Thema
Spannungsfeld zwischen den Künsten oder
Gutenberg-Museum
zwischen Künsten und Wissenschaften bewegen
≥ www.gutenberg-museum.de/
≥ www.udk-berlin.de
110 page 02.12 publikationen

PUBLIKATIONEN
n »Next Nature«. Was ist Ihrer Mei­
nung nach Natur: ein Wald oder das Fi­
nanzsystem? Eine Frage, die Koert van
Menswoort keineswegs so eindeutig
beantworten würde wie wohl die meis­
ten von uns. Denn Wälder werden heu­
te oft von Menschen kultiviert, sind re­
gelrecht Plantagen, also Kultur. Das
Finanzsystem hingegen entfaltet eine
wilde Eigendynamik, der wir so ausge­
liefert sind wie einst die Steinzeitmen­
schen den Elementen. Unseren Natur­
begriff hinterfragt der niederländische
Designphilosoph schon seit geraumer
Zeit radikal auf seinem hochgelobten
Blog NextNature.net. Jetzt hat er sei­
ne Beobachtungen systematisiert und
in einem der spannendsten Bücher zu­
sammengefasst, das mir seit Langem
untergekommen ist.
In einem Zeitalter, in dem das Ge­
borene, also »Natürliche«, und das
Menschengemachte, also Gestaltete,

Design und Marketing spielen eine ganz neue Rolle im veränderten Naturverständnis von heute – was immer enger verschmelzen, funktionie­
bisher viel zu wenig relektiert wurde, wie Koert van Mensvoort meint re die alte Deinition von Natur nicht
mehr, so van Menswoort. Das Bild der
»grünen«, angeblich ach so harmoni­
schen Natur verkomme zum medialen
Klischee, das Reiseunternehmen und
Hersteller von Bioprodukten für sich
nutzen. Unsere tatsächliche natürliche
Umgebung sei vielmehr längst tech­
nisch­industriell­virtueller Art. Was das
für unser Selbstverständnis, aber auch
für Design und Marketing bedeutet,
untersucht van Menkoort anhand vie­
ler Beispiele. Hendrik­Jan Grievink hat
das Buch im Look eines Kompendiums
von sieben Magazinen gestaltet, de­
ren Cover nicht zufällig an »National
Geographic« erinnern und die zu einer
visuell und konzeptuell höchst inspi­
rierenden Entdeckungsreise einladen.
> Koert van Mensvoort, Hendrik-
Jan Grievink: Next Nature. Nature
changes along with us. Barcelona
(Actar) 2011, 512 Seiten. 35 Euro.
isbn 978-84-92861-53-8
page 02.12 111

≥ Weitere Buchrezensionen inden Sie unter www.page-online.de/buecher

n »Weltenzyklopädie«. Wer ein Buch mich von einem weiteren Teil der Her­ als Buch publiziert hat. Das scheinbar
dieses Titels verfasst, muss, so sollte de – so lange, bis ich völlig isoliert bin.« manische Geschreibsel bekommt sei­
man meinen, jede Menge Antworten Es sind Gedankensplitter dieser ne Struktur durch ornamentale, häu­
parat haben. Dabei hat der Leipziger Art, aber auch längere Texte zu den ig kunstvoll um Bilder drapierte Text­
Künstler Paule Hammer, der an der unterschiedlichsten Themen von An­ felder. Die so ausgebreiteten Gedan­
Hochschule für Graik und Buchkunst archie bis Ökonomie, von Ödipus bis ken­ und Bildwelten knüpfen wohl
studierte, ein im Wortsinn eher ge­ Obama, von Selbstbefriedigung bis ganz gezielt an das romantische Ideal
spaltenes Verhältnis zu Fragen. »Fra­ Selbsterkenntnis, die sich in Paule Ham­ vom Künstler als Besessenen an.
gen sind Werkzeuge der Spaltung«, mers komplett per Hand geschriebe­ > Paule Hammer: Weltenzyklopädie.
schreibt er jedenfalls gleich zu Beginn ner »Weltenzyklopädie« inden. Eigent­ Band 1 2007–2011. Leipzig
auf einer Seite, in deren Mittelpunkt lich handelt es sich um Skizzenbücher, (Lubok Verlag) 2011, 216 Seiten.
er ein riesiges Fragezeichen gemalt deren Inhalte er auch schon als raum­ 29 Euro. isbn 978-3-941601-53-6
hat. »Beantworte ich die Frage, ob ich füllende Installationen im Laden für
aus A komme, mit Ja, so bin ich abge­ Nichts in Leipzig oder im Frankfurter
spalten von allen, die aus B bis Z kom­ Kunstverein inszenierte. Und die der »Wie sehr ist mein Körper ich?«
men. Jede gegebene Antwort trennt avantgardistische Lubok Verlag jetzt Eine Frage, die unter die Haut geht

n »Know Your Onions«. Warum tap­ was auf Englisch heißt, dass man sein es ein paar leere Seiten, um eigene Er­
pen wir immer wieder in Anfängerfeh­ Fachgebiet in­ und auswendig kennt. gänzungen zu notieren. Nur schade,
ler, anstatt aus den Erfahrungen Älte­ Selten indet man eine so pragma­ dass der textlastige Band bloß auf
rer zu lernen? Zumal das ja gar nicht tische und hilfreiche Einführung in Englisch vorliegt. Wobei der locker und
sein muss, denn wenn Sie dieses Buch den Alltag des Gestalters: von der ent­ humorvoll geschriebene Text auch so
lesen, können Sie locker 25 Jahre eige­ krampften und lotten Ideenindung hervorragend lesbar ist. cg
ne Fehler sparen, wie Drew De Soto über die psychologisch geschickte Prä­ > Drew De Soto: Know Your Onions.
ebenso vollmundig wie witzig behaup­ sentation beim Kunden, vom schlich­ How to think like a creative, act
tet. Der britische Designer stellt hier ten, klar strukturierten Projektmanage­ like a businessman and design like
großzügig alle Erkenntnisse bereit, die ment über den Umgang mit Schrift, a God. Amsterdam (BIS Publishers)
er in 25 Jahren Berufspraxis gesammelt Farbe und Papier bis zum stressfreien 2011, 160 Seiten. 17 Euro.
hat. Und er kennt seine Zwiebeln – Drucken. Am Ende jedes Kapitels gibt isbn 978-90-6369-258-2
112 page 02.12 publikationen

der Band vor, darunter die links gezeigte Inszenierung, mit der sich die
Schweizer Licht + Raum AG auf dem Designer’s Saturday in Langenthal
präsentierte. Michael-A. Konitzer (Hrsg.): Annual Multimedia 2012.
Jahrbuch für digitales Marketing. Berlin (Walhalla Metropolitan) 2011,
392 Seiten. 79 Euro. 978-3-8029-0412-7. Die Gewinner des Wettbewerbs
sind seit Oktober bekannt, jetzt erlaubt das Jahrbuch genauere Ein­
sichten in die deutsche Multimediaszene. Marc Oliver Thoma, Kai Rüb-
samen: Elektronisch publizieren mit InDesign – Video-Training. ePub,
Folio, interaktives PDF und Flash. München (Addison-Wesley) 2011,
DVD und 16-seitiges Booklet. 49,80 Euro. 978-3-8273-6380-0. Das Video­
Tutorial erklärt, welches Format für welche Anwendung passt und
wie Sie es realisieren. Pamela Glintenkamp: Industrial Light & Magic.
The Art of Innovation. New York (Abrams) 2011, 360 Seiten. 50 Dollar.
9780810998025. Rückblick auf die letzten sechzehn Jahre der Firma, die
bei »Star Wars« ebenso wie bei »Pirates of the Caribbean« für Effekte
sorgte. Paul Gravett: 1001 Comics You Must Read Before You Die.
London (Cassell Illustrated) 2011, 960 Seiten. 20 Pfund. 978-1844036981.
Was man nicht alles tun muss, bevor man in die Grube fährt! Zum Bei­
spiel diesen Rückblick auf die Highlights von hundert Jahren Comic­
geschichte lesen. Jim Woodring: The Frank Book. Seattle (Fantagra-
phics) 2011, 352 Seiten. 34,99 Dollar. 978-1-60699-500-6. (Hardcover
45 Dollar, 978-1-60699-513-6). Die nahezu wortlosen Geschichten um
den surrealen Character Frank entfalten einen ganz eigenen visuellen
Charme. Jetzt gibt es einen lang erwarteten Reprint der Fantagraphics­
Kompilation. Katrien van der Schueren: The Art of Instruction. Vin-
tage Educational Charts from the 19th and 20th Centuries. San Fran-
cisco (Chronicle Books) 2011, 156 Sei-
ten. 35 Dollar. 9781452101118. Einblicke
in eine schöne Sammlung von Lehr­
Neuerscheinungen – kurz vorgestellt plakaten, wie sie lange vorm Multi­
mediazeitalter in Klassenzimmern hin­
Freunde von Freunden – Berlin. Berlin (Distanz Verlag) 2011, 336 Seiten. gen. James Jean: Rebus. San Francis-
39,90 Euro. 978-3-942405-40-9. Die Website www.freundevonfreunden. co (Chronicle Books) 2011, 256 Seiten.
com, die in die Behausungen von Kreativen und Künstlern Einblick 45 Dollar. 9780811871259. Der Illustra­
gibt, ist als Buch erschienen – mit Berlin­Highlights aus den letzten tor aus Los Angeles hat seine opulen­
Jahren. Karin Schulte und Tobias Glaser (Hrsg.): Messedesign Jahr- ten Malereien schon für Kunden wie
buch 2011/2012. Ludwigsburg (avedition) 2012, 228 Seiten. 69,90 Euro. DC Comics, Prada oder »The New York
978-3-89986-157-0. Über fünfzig wegweisende Messeauftritte stellt Times« angefertigt. cg

Was lesen Sie privat?


Als Realitätslucht gerne Science­Fiction, aktuell den – hoffentlich –
Was lesen Sie? Erstkontakt­Roman »Echo« von Jack McDevitt, wo es um das Auf­
Foto: Paul Ripke

einandertreffen von Kulturen geht. Wobei wie in der Gestaltung


Tobias Honert, zentrale, Berlin bei diesem Thema die Klassiker ganz weit vorne sind, nämlich
www.zentraleberlin.com Stanislaw Lem, die Strugatzki­Brüder und natürlich nicht zu ver­
gessen Isaac Asimov.
Gibt es denn außerirdische Kulturen?
Welches Buch hat Ihnen zuletzt gefallen? Irgendwer hat gesagt, es wäre doch verdammte Platzverschwen­
Tobias Honert: »Data Flow«, ein Band über Informationsgraik aus dung, wenn wir allein im Universum wären. Und die Kommunika­
dem Gestalten Verlag. Die Bibel für Informationsdesigner bleibt tion mit Außerirdischen müsste nicht so kriegerisch verlaufen, wie
aber »Graphis Diagrams« von 1979, als Infograiken noch liebevoll Hollywood es verkauft. Vielleicht begegnen wir einer Zivilisation,
genau handgemacht waren. die so weit entwickelt ist, dass der höchste Wert Information ist
Wo sehen Sie Unterschiede zu heute? und nicht mehr die Ausbeutung von Ressourcen.
Früher lehnte man sich an Klassiker wie Armin Hofmann oder Josef Die Außerirdischen setzen sich zu Bildungszwecken also ins
Müller­Brockmann an, legte mehr Wert auf eindeutige Visualisie­ Raumschiff. Was tun Sie, um sich zu bilden?
rung als auf angenehmes Aussehen. Heute ist der Spielraum größer. Ich lese kulturhistorische Bücher. Zum Beispiel von Zecharia Sitchin
Wie inden Sie diese Entwicklung? über die Sumerer, der übrigens aus der Übersetzung von Keil­
Manchmal muss man ja Informationen nicht auf den Punkt brin­ schrifttafeln auch Kontakte mit höheren Wesen herausliest. Mythen,
gen, eine Tendenz reicht. Aber wir sind große Freunde der Klar­ die es in allen Kulturen gibt.
heit. Wir entdecken auch immer Neues, wenn wir in Brockmanns Das Extraterrestrische fasziniert Sie offenbar.
Buch über Rastersysteme schauen. Ebenso in David Carters »Cor­ Ja, nur schade, dass uns als Gestalter auf einer Raumstation nie­
porate Identity Manuals« von 1976. Bände, die noch nicht poppig mand braucht. Aber das Corporate Design einer Raumlotte zu ge­
verseucht sind, sondern sich nur um Gestaltung drehen. stalten, wäre noch eine Möglichkeit.
PAGE 02.12 113

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Schüler und Studenten erhalten gegen Vor-
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lage eines gültigen Ausweises oder einer
Überzeugungskraft der Präsentation ab. Wir stellen Techniken
nik), Nina Kirst (nik), Nantjen Küsel (nk);
Freie Mitarbeit: Antje Dohmann (ant), gültigen Immatrikulationsbescheinigung und Strategien vor, mit denen sich der Kunde für eine Kreation – ob
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Rebecca von Hoff (Grafik), deutscher Designer (AGD), des Bundes
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114 PAGE 02.12 Fundstücke von Jürgen Siebert

Die 5 Trends im Kommunikationsdesign


Kühne Kommentare von Jürgen Siebert zu Trends, Ereignissen und
dem ganz normalen Alltagswahnsinn eines Kreativen

n Wahrscheinlich ist im Moment kein Projekte statt Kampagnen. In­ Dance­Festival nach Miami einzurich­
Berufsfeld derart im Umbruch wie De­
sign und Kommunikation. Wer mal fünf
Minuten nicht aufpasst, wird links und
1  novative Marken praktizieren
nach fast einem Jahrzehnt der
digitalen Zweiweg­Kommunikation ei­
ten. Bedingung: Er selbst solle dafür
sorgen, dass die 351 Plätze verkauft
werden. Es gelang ihm, und er bekam
rechts schon von neuen Geschäftsmo­ nen neuen Weg: Unternehmen, Agen­ als Belohnung einen Freilug. Andere
dellen überholt. Gestern war es das tur und Verbraucher arbeiten zusam­ Beispiele: »Tweetwalk« (Burberry) und
Crowdsourcing, das einem die Jobs men, um ein greifbares Ergebnis zu er­ »Mac & Cheese« (Kraft).
wegschnappte, heute treffen sich jun­ zielen. Das kann ein neues Produkt
ge Designer zu zweitägigen Kreativ­ sein oder eine soziales Projekt, das die Content on Demand. Das Fern­
Diese und weitere
Fundstücke von
Jürgen Siebert in-
sessions, bei denen sie neue Ideen für
Produkte und Dienstleistungen entwi­
ckeln und anschließend kostenlos zur
Welt ein klein wenig besser macht.
Ein Beispiel: Der Farbenhersteller
Dulux hat gemeinsam mit UNICEF die
4  sehen leidet seit vielen Jahren
unter Zuschauerschwund. Die
Menschen wünschen Inhalte auf Ab­
den Sie unter freien Nutzung ins Internet stellen. Kampagne »Own A Colour« ins Leben ruf. Die jüngste (5.) Staffel der TV­Serie
www.page-online. Bei meiner Tätigkeit als Blogger und gerufen. Jede Farbe kostet mindestens »Stromberg« haben die meisten nicht
de/fundstuecke Gastgeber der Creative Mornings Berlin 1 Pfund Spendengeld. Der Käufer darf vorm Fernseher gesehen, sondern am
bin ich auf fünf neue Trends in Kom­ seiner Farbe einen eigenen Namen ge­ Computer (MySpass.de), auf dem iPad
munikation und Design gestoßen, die ben und kurz begründen, was sie ihm (App­Store­Staffel­Abo) oder sie kauf­
uns 2012 entweder umhauen oder be­ bedeutet. Das Ziel: Alle 16,7 Millionen ten gleich die DVD, die nach Ausstrah­
lügeln werden – je nach Einstellung.  Farben zu verkaufen und den damit ver­ lung von Folge 1 erschien. Beim Berli­
bundenen Spendenbetrag zu erwirt­ ner­Start­up Tape.tv können die Zu­
1 Projekte statt Kampagnen schaften. Ähnliche Kampagnen: »The schauer rund um die Uhr Musikvideos
2 Service Design Sound of Football« (Pepsi) und »Back 4 anschauen und das Programm selbst
3 Social (immer online) The Future« (Nike). gestalten; ein Blog und Social­Media­
4 Content on Demand Kanäle baggern die Zuschauer heran.
5 Digitale Bücher (besser als gedruckt) Service Design. Mobile Apps, Andere Beispiele: »Biophilia« (Björk)

2  Facebook­Spiele oder Micro­


sites sind in aller Munde, auch
im Marketing. Doch viele gehen am
und »WatchWith« (MTV).

Digitale Bücher. Der große


Verbraucher vorbei. Eine aktuelle Stu­
die belegt: 80 Prozent aller Marken­
Apps werden weniger als 1000 Mal ge­
5 Weihnachtsverkaufshit im App
Store war ein Buch, das auf
einem TV­Special aus dem Jahr 1965
laden. Heute erwarten die Konsumen­ basiert: »A Charlie Brown Christmas«.
ten mehr als eine digitale Visitenkarte Das Designbüro Loud Crow Interactive
oder ein Spiel ohne Nährwert. Ein Fall aus Vancouver hat den Klassiker fürs
für Service Design. iPad als animiertes Buch zu neuem Le­
Nike hat auf dem iPod vorgemacht, ben erweckt. Die Fans des Comic­Fa­
wie man die Fans mittels Service beim milie aus der Feder von Charles M.
Training unterstützt, sie an die Marke Schulz können die Texte selbst lesen
bindet und untereinander verbindet. oder sich von den Originalstimmen vor­
Andere Beispiele: die Glastonbury 2011 tragen lassen, sie können Weihnachts­
App (Orange) und www.sneakerpedia. baumschmuck sammeln oder an einem
com (Foot Locker). Adventskalenderspiel teilnehmen, um
einen Preis zu gewinnen. Ein wunder­
Social. Ende des Jahres 2011 barer, interaktiver Spaß zum Preis für

3  haben 96 der Top 100 der wer­


betreibenden Unternehmen in
den USA viel Geld in soziale Netze ge­
nur 5,49 Euro, abwechslungsreicher als
ein Buch und sich ständig aktualisie­
rend. Andere Beispiele: »The Human
steckt. Dabei hat sich Facebook prak­ Body« (Dorling Kindersley) und »Me
tisch zum schwarzen Loch des Online­ Books« (Ladybird).
Marketings gemausert, das pausenlos
Budgets für Werbung, E­Commerce, Vor diesen Trends sollte kein Desig­
Kundenbindung und Telemarketing ner die Augen verschließen. Zumal sie
verschluckt. Auch Twitter ist ein be­ alle mit den bewährten Tools der visu­
liebtes Kommunikationsschwungrad. ellen Kommunikation arbeiten, die le­
Im vergangenen Januar griff die diglich in neuen Schläuchen werkeln.
niederländische Fluggesellschaft KLM Die Fragen der Stunde lauten also: »Wo
Mehr Spaß mit den Peanuts: interaktive iPad-App auf diesem Kanal den Wunsch eines sehe ich mich?« und »Was kann ich für
versus E-Book Ravers auf, einen Direktlug zu einem euch tun?«.