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Erklärvideos Making-of: Escape the Map Lego-Hype ohne Ende


Komplexes simpel darstellen: Wie die Londoner Agentur unit9 im Webgame Ob Printwerbung, Animation oder
Grafik-Designer sind gefragt! Live-Action und Interaktivität in 3-D verband Banner – so bauen die Profis
Editorial PAGE 04.12 003

Sollbruchstellen
Wandel sowie Non-Konformität Hal-
tung annimmt, passt eine solche Er-
scheinung. Sie polarisiert und ist nicht
beliebig«, konstatierte Malte Metag
dann auch in seinem Blog.
Und dieser Diskurs war durchaus
als gutes Zeichen zu werten. Denn Ge-
staltung, die nicht provoziert, ist lang-
weilig und wirkungslos. Design braucht
Unfertiges, Unbequemes. Nur dann ist
es lebendig. Bei der Vernissage zu der
Ausstellung »Unplugged. Mirko Bor-
n Sowohl das Logo als auch die Tha- sche. Design Works« in der Münchner
Foto: Kirsten Nijhof

lia-Seite sehen richtig beschissen aus. Pinakothek der Moderne hob Florian
Besonders störend ist, dass es keine Hufnagl, Direktor der Neuen Samm-
Silbentrennung gibt, sondern Wörter lung, entsprechend Borsches »Lust am
einfach abgeschnitten werden und der Widerspruch, an der vorsätzlichen Kon-
Rest – und sei es auch nur ein Buchsta- fusion und am anarchischen Verwirr-
be! – dann in die nächste Zeile rutscht.« spiel« hervor.
Mit diesen Worten kommentierte auf Tom Ising vom Münchner Design-
designtagebuch.de ein Kritiker im Ok- büro Herburg Weiland kreiert durch un-
tober 2009 das neue Erscheinungsbild orthodoxen Schriftsatz ebenfalls sou-
des Thalia Theaters. veräne, überaus lexible Auftritte. Man
O ja, das radikale Redesign von Mir- denke nur an das Erscheinungsbild
ko Borsche, bei dem die Headlines oh- des Residenztheaters oder das des
ne eine erkennbare Regel umbrochen READ Festivals, die er beide mit seinem
wurden, spaltete die Gemüter. Der Auf- Team entwickelt hat. Darum haben
tritt wirkte weniger durchgestaltet als wir ihn gebeten, unser Titelthema »Ty-
zuvor, die Bildmarke war kantiger ge- popower« (Seite 22 ff.) auf dem Cover
worden, die Bildwelt schwarz-weiß umzusetzen – und das Konzept dann
und die Typograie von kalligraischer auch gleich auf unser Booklet »Job &
Anmutung. »Zu einem Ort wie einem Karriere« zu übertragen. Und siehe da,
Theater, an dem es im Idealfall zu Ge- auch in diesem Fall zeigt sich, dass ein
dankenanstößen und zu neuen Aus- Regelbruch einem konsistenten Auf-
drucksformen kommt und das durch tritt keinen Abbruch tut.

Gabriele Günder,
Chefredakteurin/Publisher
Cover PAGE und PAGE Extra: Tom Ising für Herburg Weiland, München

Extra Booklet
Ausbildung, Weiterbildung, Studium
in Design, Werbung, Medien

Dieser Ausgabe liegt das 40-seitige


PAGE Extra mit Selbstdarstellungen
von (Fach-)Hochschulen, Akademien
und Privatschulen sowie Schulungs-
und Seminaranbietern bei.
004 page 04.12

INHALT
SZENE
006 Was die Branche bewegt
Reclam-Redesign in der Kritik; Ansichtssache: die
neue Site der Bundesregierung; Giftplanzenbuch;
experimentelles iPad-Game; Klubhaus-Medienfassade

014 Branche & Karriere


Honorar-App; Brennpunkt: die fehlende Interface-
Kultur von Medienfestivals; Karrierelift; QR Masters

020 Ausbildung
Google-Infograiken; typograische Filmplakate

TITEL
022 n Typo-Power
068 Der Lego-Hype
Ob Museums-Erscheinungsbild, E-Book-Edition,
Website oder Packagingdesign – typograische
Gestaltungskonzepte haben Konjunktur und wirken
oft bestechend elegant und einzigartig

KREATION
032 n Erklärvideos
Komplexe Sachverhalte leicht nachvollziehbar
und visuell eindringlich auf den Punkt bringen –
wer könnte das besser als Graik-Designer?

038 Hochschulmagazine
Frei von ökonomischen Zwängen üben angehende
Editorial Designer sich hier in ihrem Handwerk

044 Das neue Mutterbild


So angesagt waren Frauen mit Kindern wohl
noch nie – vor allem noch nie derart umworben
von Marketing, Mode und Design

052 Social-Media-Fortbildungen
Seminare und Coaching-Angebote für Kreative

054 Zielgruppenmarketing
Ob Kampagnen für Menschen mit Migrationshinter-
grund oder mit Behinderung – um zu wissen, wann
man die Eigenheiten betonen muss und wann gerade
nicht, bedarf es Empathie und sehr viel Recherche

060 Papierwelt
Online-Dossier von Hahnemühle; Karton Sirio Nero

TYPO
062 Porträt: Fiodor Sumkin
Der gebürtige Weißrusse kreiert ebenso moderne wie
086 Bildwelt
historisch anspielungsreiche Typo-Illustrationen
page 04.12 005

≥ PAGE Online: Ob Stellenangebote, Inspiration,


News, Magazin-Volltextsuche, publishing-Tipps,
abo-angebote oder den page-Shop – das alles inden
Sie unter www.page-online.de

066 Typowelt
Corporate Font für die Bundesregierung – ein
Interview mit den Gestaltern; Mantika Sans

BILD
068 n Der Lego-Hype
Unglaublich, zu welchen Höchstleistungen die
bunten Steine Kreative in allen Medien inspirieren

076 katapult 2012


Die diesjährigen Sieger des Nachwuchswett-
bewerbs für Berufsfotografen und ihre Arbeiten

080 Lichtfeldfotograie
Gerade im Bereich 3-D und Bewegtbild bietet diese
alte Technik ein ungeheures Potenzial

086 Bildwelt
Vintage-Motive bei iStockphoto; was Pinterest und
andere Fotosharing-Plattformen Designern bringen

TECHNIK
088 n Making-of: »Escape the Map«
In dem interaktiven Webclip ließ unit9 aus London
Echtzeit-Action und 3-D nahtlos verschmelzen

094 Tools & Technik


App-Generatoren; Wacom Intuos5 mit Multitouch;
Canon PowerShot G1 X; Frontend-Baukasten
044 Das neue Mutterbild

SERVICES & STANDARDS


106 Kalender: Kongresse, Ausstellungen, Awards

108 Publikationen: Buchempfehlungen


für kreative Publisher
In den beiden Biograien über Otl Aicher
und Alexander Girard lassen sich überraschende
Berührungspunkte entdecken

003 Editorial
065 PAGE Shop 075 PAGE Mini-Abo 111 PAGE Abo
102 PAGE Stellenmarkt
113 Impressum/Vorschau
114 Fundstücke von Jürgen Siebert

PAGE SEMINARE
057 »Designmanagement« mit Christine Hesse
061 »Leitmedium Design« mit Jochen Rädeker
073 Transmediales Story-Training mit der Good School
022 Titel: Typo-Power
093 PAGE Seminar »Generatives Design«
006 PAGE 04.12

SZENE

Links- statt rechts-


bündig, ein weißes
Feld, ein längerer
Balken und eine
neue Schrift – diese
vier Merkmale
bestimmen die
Neugestaltung.
Auf Illustrationen
verzichtet Reclam
jetzt weitgehend.
Gibt es doch
mal eine, wird sie
in das weiße
Schild integriert

Linksrutsch
Reclams Universal-Bibliothek erscheint ab sofort in einem neuen, nicht unumstrittenen Gewand

n Wären die Büchlein jetzt plötzlich frosch­ ge ist, ob es Gründe für eine Neugestaltung die sich als PDF­Datei auf der Reclam­Web­
grün oder schweinchenrosa, könnte ich die gibt, die dem Kontinuitätswunsch überzu­ site herunterladen lässt.
Aufregung verstehen. Aber es handelt sich ordnen sind. Und das war nach der Meinung Auch typograisch hat sich etwas getan:
doch tatsächlich eher um eine »behutsame des Verlags, der Gestalter und glücklicher­ Die Garamond musste der DTL Documenta
Renovierung«, die der Gestalter und Typo­ weise auch von vielen, die sich nach dem ers­ Frank E. Bloklands weichen, die sowohl auf
graf Friedrich Forssman zusammen mit sei­ ten Online­Schrecken ein neues Reclam­Heft dem Cover als auch auf den Innenseiten ein­
ner Frau, der Textilgestalterin Cornelia Feyll, an besorgt haben, der Fall.« gesetzt wird. Sie ist ausgezeichnet lesbar,
den Reclam­Heften vorgenommen hat. Kein Größte Neuerung ist das weiße Feld, mit und weil die Textmenge pro Seite verringert
Wunder, spricht sich Forssmans Agentur ge­ dem die Designer das Cover buchähnlicher wurde, haben die Hefte insgesamt deutlich
gen Redesign (www.agentur-gegen-redesign. machen wollten. Seine Größe hängt von der an Lesbarkeit gewonnen.
de) doch für den Erhalt bewährter Gestal­ Textmenge ab; unten wird es von einem Bal­ Mir gefällt’s. Die elegante Documenta ist
tung aus. Trotzdem: In vielen Foren wird heiß ken begrenzt, unter dem nach wie vor der ein Stück erstklassigen niederländischen Ty­
über das Thema diskutiert. Verlagsname steht, allerdings nun links­ statt pohandwerks, und ob der weiße Kasten die
Forssman selbst icht die Kritik nicht an, rechtsbündig, wie auch der Text im Schild. Hefte nun buchig macht oder mehr an Schul­
im Gegenteil: »Die vielen Reaktionen freuen »Wir haben uns entschieden, Autornamen hefte erinnert, ist eigentlich ziemlich egal –
mich außerordentlich, und ich habe online und Titel in derselben Schriftgröße und im inhaltlich passt beides. Die größere Freilä­
ausführlich Rede und Antwort gestanden. Ein selben Zeilenabstand zu setzen: Verwechs­ che wird zudem viele Schüler und Studenten
Großteil der kritischen Stimmen bezieht sich lungen scheinen ausgeschlossen, und die da­ freuen: Gibt es doch in langweiligen Schul­
darauf, dass etwas Vertrautes aufgegeben raus resultierende Ruhe ist auf dem kleinen stunden und Vorlesungen nichts Schöneres,
wurde. Das ist zunächst ohne weitere Be­ Format sehr willkommen«, schreibt Forssman als die Reclam­Cover mit eigenen Kunstwer­
gründung ein berechtigter Einwand. Die Fra­ in der kleinen Broschüre »Die Welt in Gelb«, ken zu verzieren. ant
PAGE 04.12 007

Tom Ising, München, www.herburg-weiland.de: Die neue Covergestal-


tung der Reclam-Reihe ist meiner Meinung nach unnötig und nicht beson-
ders gelungen. Warum lässt man Klassiker nicht in Ruhe, wenn sie gut
funktionieren? Siehe auch als schlechtes Beispiel die Neugestaltung der
Suhrkamp-Taschenbücher. Das weiße Feld erinnert eher an eine Firmenbro-
schüre aus der Welt des austauschbaren Corporate Publishing. Der Litera-
turbezug geht verloren. Fons Hickmann, Berlin, www.fonshickmann.
com: Auf den ersten Blick wirkt es, als hätten sich Forssman/Feyll mit die-
ser Arbeit gezielt ins Knie geschossen, widerspricht sie doch dem Credo von
Forssmans Agentur gegen Redesign. Manifeste zerbrechen wie so oft zwi-
schen Möglichkeit und Wirklichkeit. Lässt man die Philosophie beiseite,
bleibt eine perfekte Umsetzung geplegter Langeweile. Die Verlagsland-
schaft scheint verunsichert zu sein, man will das Neue, traut sich aber nicht
so recht, die Abwesenheit von Mut führt zur Halbherzigkeit. Vielleicht wäre
es klüger gewesen, von einem Redesign abzuraten. Auf den zweiten Blick
sehen wir eine handwerklich gekonnte Leistung. Forssman/Feyll haben
gründlich analysiert und sind zu einem stringenten Ergebnis gekommen.
Andrea Tinnes, Berlin, www.typecuts.com: Der Versuch einer Optimie-
rung ist begrüßenswert, am Cover stört mich allerdings, dass Titel und Re-
clam nicht bündig sind und das »Reclam« zu dicht am schwarzen Balken
sitzt. Die Einbindung der im Großen und Ganzen zurückgenommenen Abbil-
dungen in die vergrößerte weiße Fläche macht diese wiederum zu wichtig
und reduziert die prägnante gelbe oder farbige Wirkung um einiges. Gut in-
de ich die Linksbündigkeit, die etwas kleineren Schriftgrade und die Anpas-
sung der äußeren und inneren typograischen Gestaltung. Jürgen Weltin,
Pullach, www.typematters.com: Ein gelungener Etikettenschwindel ver-
weist auf das gute alte Buch, und das weiße Fenster erinnert gleichzeitig an
die äußere Gestalt eines Smartphones: ein papiernes Display in die große
Welt der Literatur. Vermissen tue ich lediglich eine kleine typograische Un-
terscheidung zwischen Autor und Titel. Martin Mosch, Berlin, www.
hawemannundmosch.com: Die Aulösung der Rechtsbündigkeit und die
Nutzung des Papierweiß als dritter Farbe bringen das Facelifting absolut
nach vorne. Ein wenig gewöhnungsbedürftig hingegen ist der Umgang mit
der weißen Fläche, schafft sie doch ein Format im Format, was graisch
immer etwas schwierig ist.
008 PAGE 04.12 SZENE

Berliner Schickeria
n Ausstellung und Biografie. Es
gibt eine tolle deutsche Zeichnerin der
zwanziger Jahre wiederzuentdecken:
Dörte Clara Wolff, besser bekannt un­
ter ihrem Kose­ und Künstlernamen
Dodo. Dass ihre steile Karriere abge­
würgt wurde, bevor sie dreißig war,
hat die »üblichen« Gründe – als Jüdin
musste sie ins Exil nach London ge­
hen. Höhepunkt ihres Werkes war die
Arbeit für das Satiremagazin »Ulk«, das
als Beilage wichtiger Zeitungen Aufla­
gen von bis zu 300 000 Exemplaren er­
reichte. Niemand konnte den Ennui, die
hochnäsige Langeweile und Selbstver­
liebheit der Berliner Schickimickisze­
ne der zwanziger Jahre gleichzeitig so
stylish und so sarkastisch aufs Papier
bringen wie sie.
In der Kunstbibliothek am Berliner
Kulturforum läuft nun bis 28. Mai die
Ausstellung »Dodo – ein Leben in Bil­
dern«. Bei Hatje Cantz erscheint das
Buch »Dodo. Leben und Werk 1907–
1998« (216 Seiten, 39,80 Euro, isbn 978-
3-7757-3274-1), das von ihrem dandy­
haften Leben als junge Frau in Berlin
und einer dramatischen Dreiecksliebe
bis zum Exil erzählt – und damit Stoff
für einen Roman böte. cg

Ästhetischer Sarkasmus:
In der Zeitschrift »Ulk«
nahm Zeichnerin Dodo die
blasierte Dekadenz der
1920er Jahre aufs Korn

Liebe zum Quadrat


n Textildrucke. Die Erfindung und and Textile Museum sowie das gleich­ bare Buch »Scarves« herausbrachte.
heutzutage nahezu hundertprozenti­ namige Buch, erschienen bei Thames & Während man da in Luxus schwelgen
ge Verbreitung des Papiertaschentuchs Hudson (256 Seiten, 14,95 Pfund, isbn konnte, entzücken die »Vintage Hand­
brachte hygienischen Fortschritt, aber 978-0-500-516096). Kuratorin bezie­ kerchiefs« durch ihr ästhetisches Auf­
auch gestalterische Ödnis. Dass es mal hungsweise Autorin ist Nicki Albrecht­ trumpfen gegen die Banalität von Lauf­
bessere Zeiten gab, zeigt jetzt die Aus­ sen, die eine Schwäche für bedruckte nasen. Gleich bei eBay welche kaufen –
stellung »The Printed Square: Vintage Stoffrechtecke hat und bei dem sel­ gibt’s angeblich auch noch original­
Handkerchiefs« im Londoner Fashion ben Verlag 2011 bereits das wunder­ verpackt . . . cg

Stofftaschentücher kommen im Museum als Designobjekte zu Ehren


PAGE 04.12 009

Ansichtssache
MetaDesign hat der Bundesregierung zu
einem neuen Corporate Design und einer
neuen Homepage verholfen. Elisabeth Rank,
Senior Konzepterin bei TLGG in Berlin, hat
Bundesregierung.de in puncto Konzeption
und Kommunikationsstrategie überprüft

n »Das ist nicht mein Zuständigkeitsbereich« ist ein Satz, den man auf
Ämtern oder aus behördlichen Mündern gerne hört. Muss man dann so
hinnehmen, während man sich auf die Suche nach der zuständigen Stelle
macht. Meistens nimmt man noch zig andere Amtsstellen mit, die wiede­
rum auf jemand anderen verweisen, bis man entweder entnervt aufgibt,
Glück hat oder jemanden fragt, der diese Erfahrung schon einmal ge­
macht hat. Bundesregierung.de funktioniert so ähnlich. Und damit leider
auch nur so halb wie das Internet. Fünf Kernirrtümer im Kommunikations­
konzept dieser Seite:

Irrtum Nummer 1: Wir reden immer mit allen!


Der politikferne Mensch kommt der Bundesregierung mithilfe dieser Sei­
te nicht näher. Was er indet, ist eine Navigation, die den Ordnungskri­
terien einer immensen Inhaltslast folgt und alles unterbringen möchte,
dabei allerdings nur von sich selbst ausgeht und nicht von Menschen, die
dieses Angebot durchschauen und verstehen sollen: den Usern. Relevanz
geht anders.

Irrtum Nummer 2: Das interessiert die Menschen!


Der politikferne Mensch versteht die Bundesregierung durch das Ange­
bot nicht besser. Themen und Texte werden nicht in einen Kontext ge­
setzt, sondern stehen allein auf weiter Flur. Eine Kommunikationslogik,
die über das Senden vieler Informationen hinausgeht und beispielsweise
mit direkten Links im Text arbeitet, ist nicht zu erkennen. Kontextuali­
sierung geht anders.

Irrtum Nummer 3: Dafür haben wir noch eine andere Seite!


Verfügbare Inhalte werden nicht etwa in die Seite integriert (Ausnahme
des Twitter­Streams, der in die Seite integriert weniger nutzbar wird, da
der Reply­Button ausgeblendet ist), sondern gerne außerhalb gelagert.
So wird man fröhlich durch alle irgendwann einmal gestalteten Partner­
seiten und weg vom eigentlichen Portal verwiesen. Andere Meinungen in
eigenen Artikeln? Weiterführende Informationen? Fehlanzeige. Kuratie­
ren geht anders.

Irrtum Nummer 4: Digitale Inhalte sind sozial!


Dieser Online­Auftritt präsentiert ein Verständnis vom Internet, das auf
einem simplen Push­Prinzip beruht. Und ist damit lediglich ein Verlautba­
rungsorgan, hat aber leider nicht viel mit Interaktion und Transparenz am
Hut. Ministerien werden durch Gebäudeansichten repräsentiert, interes­
siere ich mich für spezielle Themen, werde ich auf alte Seiten geschickt.
Der User darf Texte zwar rezipieren, kann diese allerdings nicht teilen.
Sozial geht anders.

Irrtum Nummer 5: Das bisschen Dialog macht sich von allein!


Der User darf nach drei Klicks mit drei weiteren Klicks drei verschiedene
E­Mail­Abonnements abschließen. Er darf auch ein Kontaktformular aus­
füllen und Tweets innerhalb der Seite lesen. Kommentieren, Inhalte teilen
oder einen Ansprechpartner per E­Mail kontaktieren darf er nicht. Zumin­
dest nicht hier. Dialog geht anders.

Das ist ja immer eine Krux mit Dingen, die nett aussehen. Man zeigt sie
stolz herum und schaut sie an und denkt: Hach. Nach praktischer Anwen­
dung streichen Sie in diesem Fall jedoch bitte das H.
010 PAGE 04.12 SZENE

Ziellose Schwärmerei
n iPad-Game. Ein Schwarm Glüh­
würmchen bewegt sich zu atmosphä­
rischen Klängen durch die Nacht, tanzt
zwischen Bäumen und Blumen und
lässt die Stadt hinter sich – angeleitet
von der Berührung auf dem iPad­
Screen. Der schwedische Spieleent­
wickler Jonathan Hise Kaldma alias
Wolly Robot hat mit »Flight of the Fire­
flies« ein experimentelles iPad­Game
entwickelt, das mehr auf Erfahrung als
auf Herausforderung setzt. »Für mich
ist der Glühwürmchen­Schwarm ein Ve­
hikel zur Entdeckung emotionaler Bild­
welten«, erklärt er. In fünf Levels kann
der Spieler die Glühwürmchen durch
verschiedene Szenarien leiten. Je mehr
Tierchen dem Schwarm beitreten, des­
to komplexer wird die musikalische
Komposition. »Die User sollen von den
Bildern und Tönen so fasziniert sein,
dass sie weiterspielen, obwohl es kei­
ne Aufgaben gibt«, erklärt Kaldma. Die
Szenenbilder basieren auf Fotos, die
Kaldma in und um Stockholm aufge­
nommen und später in Photoshop er­
heblich bearbeitet hat. Die App selbst
hat er in Unity programmiert. nik

Über Stock und Stein und zwischen


Bäumen hindurch führt das
experimentelle iPad-Game »Flight
of the Firelies« von Wolly Robot

Achtung, Gift! n Buchdesign. »Die Welt ist ganz mit Blumen voll, die
blühen zwar und riechen toll, doch wenn du in den Mund
sie steckst, kann es passieren, dass du verreckst.« Die
ersten paar Zeilen sagen schon eine ganze Menge über
dieses Buch aus: 1. geht es um giftige Pflanzen, 2. reimen
sich die von Werbetexterin Claudia Oltmann geschrie­
benen Warnungen davor, 3. ist der Stil schnoddrig und
durchweg schwarzhumorig.
Was sich auch in der Gestaltung niederschlägt. So
versah die Hamburger Agentur gürtlerbachmann das an
Abonnenten der Zeitschrift »GartenFlora« verschenkte
Bilderbuch mit einem schwarzen Totenkopfschuber aus
dickem Tonpapier, der innen mit lackierten Warnstreifen
veredelt wurde. Die Illustrationen im Linolstil fertigte
Verena Kienike an, Kreativdirektor Reiner Fiedler ent­
warf die entsprechende Typo. Zum Handmade­Look pas­
sen darüber hinaus Quetschränder, ungestrichenes Pa­
pier und das gelb­schwarz gestreifte Leinencover mit
Siebdruck. Für die liebevolle Umsetzung sorgte das Pro­
duktionsbüro Romey von Malottky. Nur noch wenige
In dem Giftplanzenbuch von Exemplare sind vorhanden – wir verlosen drei unter de­
gürtlerbachmann können Kinder nen, die den Namen einer giftigen Planze an info@page­
und Erwachsene etwas lernen online.de schicken, Betreff: Böse Blumen. cg
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Auf der neuen


Wrangler-Website
von Will Cooper
Mitchell kann der
User die Models
effektvoll ins
Kippen bringen

Welt in Schräglage
n Interaktive Website. Wir durften no Salters mit einer Welt in Schräglage
schon Männer ausziehen und uns wie und Protagonisten, die durch Wände
die wilden Tiere aufführen. Zu solchen sausen. Los geht’s auf dem Dach: Ein­
Eskapaden lädt uns im Halbjahrestakt mal das Jeansmodel per Maus gen Bo­
die Jeansmarke Wrangler mit interakti­ den ziehen, loslassen, und schon stürzt
ven Webfilmen ein, die sie jeweils von der Typ durch die Decke in andere
einer anderen angesagten Digitalbude Räumlichkeiten. Nach diesem Prinzip
entwickeln lässt. Nach Kokokaka, Stink kann der Nutzer Männer und Frauen
Digital und Fred & Farid war jetzt Fo­ durch die Bildebenen rauschen las­
tograf Will Cooper Mitchell mit seiner sen. Lediglich kurze Filmsequenzen lei­
Agentur dran, die Site für die aktuelle ten zum nächsten Interaktionspunkt
Frühjahr/Sommer­Kollektion zu produ­ über. Ein effektvoller Spaß, der den
zieren (www.wrangler-europe.com). Machern des Fashionmovies den ei­
Das Kampagnenmotto »Get Your nen oder anderen Kreativaward ein­
Edge Back« interpretiert Regisseur Ar­ tragen dürfte. nk

Gummituch-Geschichten
n Kalender-Einband. Um die Druckwalze gespannt, überträgt das Gummi-
tuch im Offsetdruck die Farben von der Platte aufs Papier. Ein interessanter Job,
sah das Gummituch doch viele Texte und Bilder, und auch wenn es immer wieder
gereinigt wird, bleiben doch grafisch spannende Spuren zurück. Beate Mangrig,
Erfinderin der Roterfaden Taschenbegleiter (www.roterfaden.de), macht aus ihnen
jetzt Einbände für ihre Kalender. »Die gummierte Oberfläche ist eine angeneh-
me Schreibunterlage und nach unserer Reinigung sind die Farbrückstände im Mate-
rial unbedenklich,« versichert sie. Schön, dass es neben den Materialien Leder
und Tanzboden jetzt auch diese Recyclingvariante gibt. ant
012 PAGE 04.12 SZENE

Schöner Schinken
n Packagedesign. Stundenlang saß sis für das Packagedesign einer neuen
Illustrator Peter Herrman mit altge­ Produktreihe nahm. Middagsfrids Bäs­
dienten Angestellten von Middagsfrid ta heißt sie, verarbeitet nur beste Zuta­
zusammen. Das sympathische schwe­ ten, wird demnächst in schwedischen
dische Unternehmen hatte als erste Supermärkten zu finden sein und ga­
Firma weltweit die Idee, Tüten mit den rantiert noch den ein oder anderen
Bettgeschichten Zutaten für ein komplettes Abendes­ Designpreis gewinnen. ant
sen plus Rezept auf Bestellung nach
n Produkt-Innovation. Kalte Arme beim Lesen im Hause zu liefern. Die Mitarbeiter erzähl­
Bett? Für dieses Problem fand Cecilia Azcarate von ten Herrman Anekdoten aus der Ge­
Happiness Brussels die perfekte Lösung: Happiness in schichte des Unternehmens, von den
Bed, ein Bettbezug mit zwei Paar Ärmeln und Hand- Produkte und ihrer Produktion und ver­
schuhen dran, den sie von der Modedesignerin Andrea rieten ihm ihre Zukunftsvisionen. All
Ayala Closa umsetzen ließ. Weil es für so ein Produkt dies verarbeitete der Illustrator in ei­
eigentlich keinen Namen gibt, heißt es im Subtitel schlicht: nem wunderschönen Wimmelbild, das
»the keep my arms warm when I read in bed thing«. die Stockholmer Agentur Bold als Ba­
Obwohl es eher wie die Requisite eines Kunst-Happe-
nings wirkt, kann man dieses »Ding« tatsächlich kaufen. Ein Wimmelbild mit Elementen aus
Produziert wurde es in einer Auflage von 100 Stück der Unternehmensgeschichte dient als
aus Biobaumwolle und lässt sich für rund 250 Euro (plus Grundlage für die Verpackung der
Versand) unter www.happinessinbed.com bestellen. jn neuen Middagsfrids-Bästa-Produkte

Spielbude 2.0
Die Medienfas- n Medienfassade. Bis zum Jahr 2013 ping spezialisierten Agentur Urban­ screen­Gründer Thorsten Bauer. Die
sade des geplan- soll auf der Hamburger Reeperbahn screen aus Bremen gewann. Fassadenelemente sollen so beleuch­
ten Klubhauses das Klubhaus entstehen, das auf ins­ Der Entwurf sieht eine Medienfas­ tet werden, dass sie in optische Nähe
besteht aus gesamt 5000 Quadratmetern Platz für sade aus Pattern und topograischen zur Medienbespielung auf den LED­
topograischen Live­Clubs, Radiosender und ein klei­ Schichten vor, die bei Dunkelheit mit Panels treten. Die Videos sollen spezi­
Schichten, die nes Theater bieten wird. Für die Fas­ Inhalten bespielt werden kann. Der ell für das Klubhaus konzipiert wer­
Bespielung steht sade schrieben die Bauherren einen Clou: Sie wird dem Gebäude nicht vor­ den. Die Bauarbeiten am Spielbuden­
in direkter Wettbewerb aus, den das Hamburger gelagert, sondern in die Architektur platz beginnen in Kürze – zuerst muss
Beziehung zur Architekturbüro akyol kamps : bbp ge­ integriert. »Unser Ziel ist Architektur dem Neubau noch ein niedriges Fünf­
Architektur meinsam mit der auf Projection­Map­ und Medien zu verweben«, so Urban­ ziger­Jahre­Gebäude weichen. nik
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Bunte Erleuchtung
n Lichtinstallation. Ende Januar thedrale dauerte rund sechs Monate.
erstrahlte im Rahmen des Licht Festi­ Der Stromverbrauch hielt sich offen­
val Gent eine riesige Kathedrale aus bar in Grenzen: Angeblich brauchte die
Licht. Die Besucher fanden sich in ei­ Lichtkathedrale nur 20 Kilowatt pro
nem märchenhaften Tunnel wieder, Stunde. Zum Vergleich: Bei einem re­
umrahmt von Licht und Farben. Der gulären Fußballspiel in einem großen
Eingangsbereich war mit einer Höhe Stadion liegt der Verbrauch bei etwa
von rund 28 Metern kaum zu überse­ 10 000 Kilowatt – ohne Flutlicht. nik
hen, 55 000 LEDs sorgten für enorme
Strahlkraft. Die Installation stammt von Enorme Strahlkraft: Für die
Luminarie de Cagna, einem 1930 ge­ Lichtkathedrale auf dem Licht
gründeten italienischem Familienun­ Festival Gent setzte Luminarie
ternehmen. Die Entwicklung der Ka­ de Cagna stolze 55 000 LEDs ein

Foto: David Jans

So klein, so schön
n Designkamera. Das hätte man gern von einer Kamera: schnell ein Bild
schießen und direkt in den Rechner stecken. In die Hosentasche passen soll sie
natürlich auch. Clap Your Hands ist genau das: eine Mini-USB-Kamera in klas-
sischem Weiß und Schwarz, aber auch in stylishen Farben wie Pink, Feuerrot oder
Dezentblau. Mit ihrem 2-Megapixel-Sensor macht sie 1280 mal 1024 Pixel große
Fotos im JPEG-Format und AVI-Filme (720 mal 480 Pixel). Die Bilder lassen sich
auf einer separat erhältlichen MicroSD-Karte mit bis zu 16 Gigabyte Fassungs-
vermögen speichern. Strom bezieht die Minikamera über den integrierten
Lithiumionenakku. Für rund 40 Euro lässt sie sich beim japanischen Hersteller
Superheadz (www.superheadz.com/clap/main_en.html) bestellen. vd
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BRANCHE & KARRIERE


recht gut einschätzen, welcher Stun-
denaufwand für welches Projekt anfal-
len wird. Die iPhone-App umfasst rund
230 Beispielkalkulationen aus den Be-
reichen Grafik- und Webdesign, Foto-
grafie und Text/Konzept.
Der Unterschied zu Konkurrenzpro-
dukten wie iFee liegt zum einen in dem
Fokus auf kleine und mittelständische
Kunden, zum anderen in der Möglich-
keit zur Individualisierung. Man kann
die Projekte selbst benennen, Notizen
hinzufügen und so eine eigene Histo-
rie anlegen. Die gespeicherten Projek-
te lassen sich mit Evernote synchroni-
sieren, die Angebote drucken und so-
fort per E-Mail verschicken. Und wem
Gut kalkuliert der zugrunde gelegte Stundensatz von
70 Euro zu hoch oder zu niedrig vor-
DesignFee Calcu- n Honorar-App. Wie ein Ochs vorm kulieren soll? Hier hilft der DesignFee kommt, der kann unter »Einstellungen«
lator für iPhone Berg steht mancher Designer, wenn er Calculator von Marco Linke, Autor des auch seinen persönlichen Stundensatz
hilft bei der Ange- ein Angebot abgeben soll. Vielleicht hat erfolgreichen Buchs »Design kalkulie- berechnen. Ein Super-Tool – und mit
botserstellung er noch nie eine Plakatserie gestaltet, ren«. Nach fünfzehn Jahren Berufser- der Investition von 79 Cent verkalku-
woher soll er dann wissen, was er kal- fahrung kann der Potsdamer Kreative liert man sich garantiert nicht. ant

Business Basics
Christian Büning, Präsident des Berufsverbands der Deutschen
Kommunikationsdesigner (www.bdg-designer.de), beantwortet berufs-
bezogene Fragen von Gestaltern. Hier stellt er aktuelle Fälle vor

Sabine, 46: Wir sind eine kleinere Agentur, die seit vier Wenn Sie mit Ihrem Angebot dem Auf-
Jahren einen öffentlichen Auftraggeber betreut. Die traggeber so weit entgegenkommen,
Zusammenarbeit ist gut, und beide Seiten sind zufrieden. dass Sie nicht mehr kostendeckend ar- Foto: © Marcel D’Avis
Die öffentliche Hand verlangt, dass bei neuen Projek- beiten, beinden Sie sich mitten im Ver-
ten Angebote von mindestens drei Dienstleistern vorge- drängungswettbewerb. Sie wissen da-
legt werden und dass das günstigste den Zuschlag bei nicht, wer am Ende verdrängt wird,
erhält. Bei der Kalkulation eines neuen Auftrags lagen wir und gehen ein hohes Risiko ein.
recht knapp über dem Angebot einer anderen Agentur Zunächst sollten Sie Ihre Kalkula-
und wurden gefragt, ob wir uns dem preislich nicht etwas tion dem Kunden noch einmal öko- nen eine noch größere Preisspanne be-
annähern könnten. Man wolle gerne mit uns arbeiten. nomisch nachvollziehbar begründen. gründen.
Wir haben aber schon sehr knapp kalkuliert und würden Denn auch wenn die Regeln für die öf- Auch wenn Sie den Eindruck haben,
Verluste einfahren, wenn wir noch weiter runtergin- fentliche Auftragsvergabe strikt sind, dass Ihrem Auftraggeber der Begrün-
gen. Sollen wir dem Kunden trotzdem entgegenkommen? gibt es nicht selten Spielräume. Wenn dungsaufwand für Ihr Angebot zu hoch
Ihr Auftraggeber diese Spielräume für ist, empfehle ich, gelassen abzuwarten.
Liebe Sabine, Sie in Anspruch nimmt, hat er zwar Nicht selten kommen Unternehmen
Bund, Länder und Gemeinden geben mehr Begründungsaufwand, proitiert oder Institutionen zu bewährten Part-
das Geld der Steuerzahler aus und sind aber von einem zuverlässigen Partner nern zurück. Kommt es dann zu einer
daher nicht ohne Grund zur Sparsam- und bewährt guten Ergebnissen. Ver- Fortsetzung, haben Sie eine deutlich
keit angehalten. Leider treibt die von langt er von Ihnen, ruinös zu arbeiten, stabilere Basis für eine gute weitere Zu-
Ihnen beschriebene Form des Korrup- sollten Sie überlegen, ob die weitere sammenarbeit.
tions- und Kartellschutzes mitunter selt- Zusammenarbeit für Sie überhaupt
same Blüten und führt nicht immer richtig ist. Die Bewegung abwärts ist Haben Sie Fragen, die Sie hier beant-
zum besten Ergebnis. In der Summe meist eine Einbahnstraße, denn sonst wortet sehen möchten? Dann
scheint sich diese Praxis jedoch zu be- müsste Ihr Auftraggeber beim nächs- schreiben Sie uns (E-Mail: business
währen und hat nach wie vor Bestand. ten seriös kalkulierten Projekt mit Ih- basics@bdg-designer.de)
PAGE 04.12 015
jj

Brennpunkt
PAGE-Autorin Verena Dauerer wünscht sich, dass
Events wie die transmediale den Spagat zwischen
Nische und Bodenhaftung besser meistern

n Die transmediale ist im Februar in auf Uneingeweihte wirkt dies aber we- +++ Designpreis der Bundesrepublik Deutschland
Berlin zu Ende gegangen – aber haben niger einladend. 2012. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Tech-
das die Leute in der Stadt auch mitbe- Ähnlich alleingelassen fühlt sich der nologie verleiht in diesem Jahr nach einjähriger Pau-
kommen? Ich glaube nicht, denn das User bei der Webseite www.transme se wieder seinen Designpreis . Ausrichtung und Ver-
Festival für Kunst und digitale Kultur diale.de. Die präsentiert sich im Retro- leihung übernimmt erstmals DMY Berlin. Bisher or-
und andere Szene-Events haben sich look der 90er-Jahre und ist nun mal ganisierte der Rat für Formgebung den Wettbewerb.
in ihren Nischen eingerichtet, ohne den wirklich weit vorn, was zeitgenössische Zugelassen sind Arbeiten, die bereits national oder
Normalsterblichen einzuladen, diese Designtrends angeht. Lediglich beim international ausgezeichnet wurden. Bewerbungs-
Felder zu entdecken. Solchen Veran- Zurechtinden in den vielen variabel schluss ist der 30. April. ≥ www.dmy-berlin.com +++
staltungen fehlt es an einer Interface- verorteten Infokästen tut sich der User Jung von Matt/365. Hans Albers , bislang Chief
Kultur und der Fähigkeit, ihre Themen schwer. Ganz zu schweigen davon, dass Creative Oficer bei ischerAppelt, steigt als Kreativ-
weitlächig zu vermitteln. die wichtigste Seite mit dem Termin- geschäftsführer bei dem Multichannel-Ableger Jung
Wie wichtig die Kultur des Interfa- kalender während des Festivals in Sa- von Matt/365 ein. Er folgt auf Wolf Heumann, der sei-
ces heute ist, merkt man immer dann, fari zumindest ständig streikte und da- nen Vertrag im Dezember gekündigt hatte. Der Zeit-
wenn sie fehlt. Das Interface oder die her nicht nutzbar war. punkt für den Wechsel ist noch unbekannt. +++ AKQA
Nutzerschnittstelle deiniere ich dabei Ich inde, da fehlt eine Interface-Kul- in Paris. Die Digitalagentur hat ein Büro in Paris er-
weiter als nur die technische Bedien- tur, die allen Besuchern Dinge vermit- öffnet. Startkunde in Frankreich ist der Sportartikel-
oberläche einer Software. Interface be- telt, von deren Existenz sie unter Um- hersteller Nike, den AKQA bereits seit zwölf Jahren be-
deutet auch die Schnittstelle zwischen ständen bis dahin gar nicht wussten. treut. Zum Start leiten Kreativdirektor Peter Lund und
der Absicht der Kuratoren und ihrer Vorbildlich ist das beispielsweise bei die Associate Creative Directors Nicolai Smith und
Umsetzung in der Ausstellung, Konfe- der Ars Electronica gelöst, dem jähr- Julien Veillon das Pariser Büro. In den kommenden
renz und den weiteren Programmpunk- lich stattindenden Festival im öster- Monaten soll das Team um 40 Mitarbeiter wachsen,
ten eines Festivals und dem, was da- reichischen Graz, das versucht, Kunst, die in ganz Europa rekrutiert werden. +++ ADC Young
von beim Publikum ankommt. Am Bei- Technik und Gesellschaft zusammen- Masters Seminar »Digitale Medien«. Am 13. und
spiel der transmediale zeigt sich ein zubringen. Und die Ars Electronica hat 14. April machen fünf ADC-Kreative die Teilnehmer
Problem, das auch andere Events die- auch ganz klar den pädagogischen An- it für die Welt von Apps, Social Media, digitalem De-
ser Art haben: Sie holen die normalen spruch, neue Technologien, Interac- sign und Augmented Reality. Zu den Dozenten zäh-
Besucher nicht ab und bieten ihnen kei- tion und Medienkunst einer breiten len unter anderen Jeremy Abbett, Partner von Truth
nen Zugang zur Ausstellungssituation, Masse zugänglich zu machen. Da gilt Dare Double Dare, Martin Drust, Geschäftsführer Kre-
sofern diese nicht selbst aus dem Spe- die Maxime, lieber einmal einen Sach- ation von kempertrautmann change, und Thorsten
zialbereich des Festivals kommen und verhalt zu viel erklären als zu wenig. So Kraus, Professor für digitales Kommunikationsdesign
sich ohnehin dort auskennen. können Kinder dort in einem eigenen an der Hochschule Niederrhein. Das Seminar in-
Um es konkret zu machen: Die Vor- Lab die neusten Technologien wie bei- det in Hamburg statt und richtet sich an Junior- bis
halle zum transmediale-Ausstellungs- spielsweise 3-D-Drucker selbst auspro- Seniortexter und -Artdirektoren sowie Marketing-
raum wurde von einer raumfüllenden bieren und Objekte auf Wacom-Tab- und Werbeentscheider. Die Teilnahmegebühr be-
Installation von Stäben, die unter Strom lets gestalten. trägt 580 Euro. ≥ www.adc.de +++ Peter Schmidt
standen, eingenommen. Deshalb war Die transmediale wie auch andere Group. Die Designagentur aus dem BBDO-Netzwerk
das Ganze abgesperrt. Nur nach einer Szene-Eevents könnten sich ruhig ein richtet sich stärker auf digitale Themen aus und ver-
Unterschrift, dass der Besucher selbst wenig mehr öffnen, um weiterhin re- schmilzt die klassischen Corporate-Design-Teams mit
die Verantwortung trage, durfte er sich levant zu bleiben. Gut sind ihre Inhalte dem Interactive-Team. Sascha Zolnai , bisher Leiter
den Stäben nähern und sie berühren, doch sowieso, und nerdig werden sie der Interactive-Unit, übernimmt die Gesamtleitung
Stromschlag inklusive. So eine Instal- auch weiterhin sein – aber von ihrem des Frankfurter Standorts von Gregor Ade, der be-
lation ist imposant und setzt sofort Programm dürfen wirklich etwas mehr reits Anfang 2011 zum Managing Partner aufgestie-
ein Zeichen für die ganze Ausstellung, Leute mitbekommen. gen war. Auch beim Recruiting will die Agentur in
Zukunft stärker auf eine disziplinenübergreifende
Vorbildung achten. +++ ADC-Ehrentitel. Der Graik-
designer Stefan Sagmeister ist neues ADC-Ehren-
mitglied, der Titel »ADC Lebenswerk 2011« geht an
den Fotografen Dietmar Henneka sowie an Delle
Plakat »Promised Land« by Manuel Bürger,

Krause, Creative Chairman von Ogilvy & Mather Frank-


furt. Zum »ADC Kunden des Jahres 2011« wurde
Till Wiedeck and Timm Häneke

Ein schöner Frank Sahler, Leiter Marketing-Kommunikation bei


Goldton auf Hornbach, gewählt. Verliehen werden die Auszeich-
dem Plakat, nungen am 1. März bei der Night of Honour im Berli-
aber was ner Museum für Kommunikation. Zudem hat der Kre-
will uns die- ativclub die Jury für den diesjährigen ADC-Wettbe-
ses Festival werb bestimmt. Chairman ist Frog-Design-Gründer
vermitteln? Hartmut Esslinger. nik
016 PAGE 04.12 SZENE

Jetzt aber zackig


n Recruiting-Aktion. Einen Copytest ausdrucken
und so lange daran herumknobeln, bis man mit den
Lösungen zufrieden ist. Das hat mit dem Leben eines
Texters wenig zu tun. Etwas realistischer dagegen ist
der Karrierelift, den die Agentur Neues aus Hamburg als
interaktiven Film auf ihrer Facebook-Seite installiert
hat. Der User betritt einen Aufzug und erhält auf dem
Weg nach oben Gesellschaft von Personen, die ihm
je eine Aufgabe stellen. In Echtzeit muss man sich einen
Vier gewinnt Slogan für den Pizzaboten oder eine Aktion für einen
Fahrradkurier überlegen. Braucht man zu lange, drän-
n Corporate Design. Vier Hambur- Würfel so gedreht, dass die ursprüng- geln die Auftraggeber. Mit dem Karrierelift will Neues aus
ger Unternehmen trotzen der Krise liche Firmenfarbe in den Vordergrund Hamburg kreative Köpfe für ihr Team finden. Der Copy-
in der Druckbranche: Ahrweiler, Euro- tritt und somit ein eigenes Markenzei- test soll sukzessive ausgebaut werden. Auch ein Karriere-
druck, Peter Gutsche und Kompage, chen entsteht. Schöne Umsetzung ei- lift für Berater ist geplant: »Es wird höchste Zeit, dass
die insgesamt rund 50 Mitarbeiter be- ner guten Idee, die in schwierigen Zei- die einen unterhaltsamen Bewerbungstest bekommen«,
schäftigen, bündeln ihre Kompeten- ten Schule machen könnte. ant sagt Agenturmitbegründer Frank Bannöhr. nk
zen und firmieren seit Kurzem unter
einem gemeinsamen Markendach –
der Printarena. Da ist es ganz logisch, Weibliche Zielgruppe
dass eine neue Markenstrategie so-
wie ein neues Logo hermussten. Eine n White Paper. Marketingstudien über Konsumentin-
Aufgabe, die die Hamburger Agentur nen ließen bei Frauen lange Zeit die Alarmlämpchen blin-
Juno übernahm. ken. Da verbanden sich oft aufs Schönste lebensfernes
Die Kreativen entwickelten dazu Verkaufsblabla mit männlichen Klischeevorstellungen
einen Kubus, der die bisherigen Firmen- vom weiblichen Geschlecht. Heute sieht das schon viel
farben der vier Partner aufnimmt. Prä- besser aus, nicht zuletzt weil Frauen selbst solche Stu-
seniert sich einer von ihnen allein, wie dien schreiben. Etwa das »Pink Paper« von iStockphoto
etwa auf den Visitenkarten, wird der unter dem Titel »Wie man Frauen etwas verkauft, ohne
sie für dumm zu verkaufen«, downzuloaden unter http://
Vier Einzelkämpfer irmieren svy.mk/istockpinkpaper.
jetzt unter einem gemein- Die Bildagentur will zeigen, wie man Frauen »durch
samen Markendach, Juno entwi- den strategischen Einsatz sozial verheißungsvoller Bil-
ckelte den passenden Auftritt der und Botschaften etwas verkaufen kann, ohne Män-
ner unnötig zu verschrecken«. Tatsächlich fesselt Auto-
rin Christiane Frohmann über 30 Seiten hinweg mit The-
sen wie denen, dass Frauen realistischere Werbebilder
brauchen, sich im Web gerne von Videos etwas erzäh-
len lassen und auf Ironie stehen. Doch ohne Stereotype
kommt auch sie nicht aus. »Eine Frau würde ein Auto
First Scan Wins eher . . . kaufen, weil es dem Kindchenschema entspricht,
niedlich und irgendwie rührend aussieht, als dass es,
n QR-Code-Spiel. Gamification ist überall, wie die Citroën-C4-Werbung suggeriert, zusammen mit
zumindest in der digitalen Welt. Was pas- seinem Fahrer eine Transformer-Mensch-Maschinen-Ein-
siert, wenn man das gute alte Printmedium mit heit bildet.« Stimmt wohl schon. cg
ins Spiel bringt? Das zeigte Kolle Rebbe anläss-
lich unseres Kreativrankings mit den QR Masters
(siehe PAGE 03.12, Seite 54). Per QR-Code ver-
linkte die Agentur ihr Printmotiv mit einem vir-
tuellen Highscore. Bei jedem Scan rutschte
der Spieler auf der Liste weiter nach oben. Ganz
einfaches Game, einfach riesiger Suchtfaktor.
Das Plakat dazu gibt’s jetzt unter www.kolle-
rebbe.de/qrmasters.
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PAGE ONLINE
Portfolio des Monats
In jeder Ausgabe stellen wir ein Mitglied aus der PAGE Community und Highlights aus seinem Portfolio vor

Rocket & Wink


www.page-online.de/community/portfolios/rocket_and_wink

n Wer Dr. Gerald »Rocket« Rocketson und Petro- Ich bin Geschäftsführer Kreation,
nius Amund Wink sind, weiß man nicht genau, ihre Festangestellter
Arbeiten aber kennt man umso besser. Glaubt man Ich biete Print, Produkt, Motiondesign,
ihnen, und das ist bei ihrer ironischen Selbstinsze- 3-D, Illustration, Konzeption
nierung nicht immer leicht, haben sie dafür mehr E-Mail hello@rocketandwink.com
als 200 Awards kassiert. Bestechend klar sind ihre Web http://rocketandwink.com
Siebdruckposter, mitreißend ihre collagenartigen Standort Hamburg
Illustrationen – und ihr Humor.

E-Mag: KREation | tyPo | BiLD | tECHniK | SZEnE | gaLERiE

Tokyo Art Directors Club Schrift des Monats: Novo Typo Neue Award-Website
Kreation. Nach dem Erdbeben 2012 hat Typo. Er will die Welt ein bisschen schöner Bild. Absolut sehenswert ist die Website,
der ADC Tokyo gezögert, den ADC Award und weniger langweilig machen: Deswegen die SiteSeeing Interaktive Medien für den
durchzuführen. Er entschied sich schließ- startete Mark van Wageningen, der vor 17 Jah- Oskar Barnack Preis gestaltet hat. Nicht nur
lich dafür und prämierte auch Arbeiten, ren in Amsterdam sein Atelier gründete, jetzt das Design ist ausgesprochen ansprechend,
die das Unglück thematisieren. Im Muse- die Typefoundry Novo Typo. Wir stellen die sondern dort sind auch die vielseitigen Ein-
um für Angewandte Kunst Frankfurt sind dort erschienene Schriftfamilie Gagarin und sendungen zu dem nach dem Erinder der
jetzt die Gewinner zu sehen. die Blumenfonts Lily und Pure vor. Ur-Leica benannten Wettbewerb zu sehen.
≥ www.page-online.de/adc_tokyo ≥ www.page-online.de/novo_typo ≥ www.page-online.de/oskar_barnack
PAGE 04.12 019

≥ www.page-online.de PAGEmag

»Whatever Design Magazine«: Spielwiese, Ideensammlung und Portfolio von Rocket & Wink Deichkind-Artwork und -Kampagne
Fotografenaussendung, die nicht nur Versandverpackung, sondern auch Flitzertüte ist Siebdruckposter für fritz-kola und Iron & Wine

PagE nEWSLEttER

iF design award 2012 »Draw a Stickman« Immer up to date


Szene. Erstmals wurden in diesem Jahr die Technik. Das ist mal eine nette interak- n Bestellen Sie jetzt den kostenlosen
Sieger aller Kategorien des iF design award tive Anwendung: Bei dem Online-Game PAGE Newsletter und bleiben Sie auf
auf einen Schlag ausgezeichnet. 1218 Arbei- von Hitcents muss der User sich seinen dem Laufenden rund um kreatives Me-
ten wurden insgesamt prämiert, 100 erhiel- Weg erzeichnen. Es macht Spaß, sich die diendesign, Publishing und Trends. So
ten in der BMW-Halle in München eine Gold- Tools, um zum Beispiel gegen den Dra- erfahren Sie auch als Erste, wenn wir
medaille. Wir zeigen die Preisträger im Be- chen zu kämpfen, selbst zu malen – und ein neues PAGE Seminar veranstalten
reich Kommunikationsdesign. die schönsten werden gesammelt. oder eine Sonderedition herausgeben.
≥ www.page-online.de/iF_award2012 ≥ www.page-online.de/stickman ≥ www.page-online.de/newsletter
020 PAGE 04.12 SZENE

AUSBILDUNG
Freund Google
n Infografik. Deborah Taranto und
Anke Willsch haben eine provokante
These als Titel ihres Diplomprojekts an
der Folkwang Universität der Künste
gewählt: »Google is your friend«. Dass
nicht viele Menschen diese Ansicht tei-
len werden, sind sie sich bewusst, denn
schließlich ist das genau der Ansatz-
punkt der beiden Kommunikationsde-
signerinnen: »Das Bild der mächtigen
›Datenkrake Google‹ schreckt viele ab,
sich auf technische Neuheiten einzu-
lassen. Zu unheimlich ist der Gedanke,
dass ein Unternehmen die persönli-
chen Daten sammelt und Rückschlüs-
se auf den Nutzer ziehen kann«, sagt
Anke Willsch. »An dieser Stelle sehen
wir Handlungsbedarf, dass diese Men-
schen den Anschluss ans technische
Leben  nicht verlieren. Wir wollen sie
dazu motivieren, aktiv an Innovations-
prozessen mitzuwirken und vielleicht
auch Problemlösungen hinsichtlich Da-
tenschutz sowie Wahrung der Persön-
lichkeitssphäre anzuschieben«, so De-
borah Taranto weiter.
Herzstück ihrer Arbeit sind verschie-
dene Infograiken, die Fakten über den
Internetkonzern visualisieren, dessen
Services erläutern und die komplexen
Prozesse, die im Hintergrund ablau-
fen, aufzeigen. Diese Abbildungen ha-
ben Deborah Taranto und Anke Willsch
sowohl in einem 60-seitigen Buch auf-
bereitet als auch in einer Ausstellung
räumlich inszeniert. Während sie im
Buch auch andere Internetriesen wie
Facebook besprechen, konzentrieren
sie sich in der Ausstellung allein auf
Google. Infograiken und Texte über
Anke Willsch und Deborah Taranto wollen Technikskeptiker für die digitale Welt begeistern den Konzern ergänzen sie hier um in-
teraktive Elemente. So können die Be-
sucher zusätzliche Infos zu Doodles,
Easter Eggs, Street View und weitere
Google-Tools per QR-Code abrufen und
an drei Rechnern Fun Facts erfahren.
Sie hoffen, auf diese Weise auch
dem stärksten Technikphobiker Spaß
am digitalen Zeitalter vermitteln zu
können. Schließlich bilde das Internet
die Infrastruktur unserer Zeit und las-
se sich nicht einfach abschalten oder
ignorieren, formuliert Willsch ihre Bot-
schaft. Die Ausstellung ist ab 23. März
im Essener Unperfekthaus jeweils an
Infograiken zeigen, wie, wie viel und warum Google persönliche Daten sammelt den Wochenenden geöffnet. nk
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© Foto: DGTF; von links: Sabine Foraita, Jesko Fezer, Claudia Mareis, Matthias Held, Gesche Joost, Kora Kimpel, Axel Vogelsang
Type Only +++ DGTF-Vorstandswahl. Die Mitglieder der
Deutschen Gesellschaft für Designtheorie und -for-
n Grafikdesign-Workshop. »Ein ci- schung haben Gesche Joost, Professorin für Designfor-
neastisches Abenteuer zwischen Les- schung an der Universität der Künste Berlin erneut zur
barkeit und Abstraktion« erwartete die Vorstandsvorsitzenden gewählt. Ebenfalls im Amt be-
Studenten am 16. und 17. Dezember an stätigt sind Matthias Held, Prorektor der Hochschule
der Fakultät für Gestaltung der Hoch- für Gestaltung Schwäbisch Gmünd, Professorin Kora
schule Mannheim. Die Studenten hat- Kimpel, Professorin für Gestalten mit digitalen Medien
ten im Rahmen einer selbst initiierten an der Universität der Künste Berlin, sowie Claudia
Workshopreihe die Hamburger Grafik- Mareis, Designforscherin im Nationalen Forschungs-
Designer Falko Ohlmer und Ole Utikal schwerpunkt für Bildkritik eikones an der Universität
eingeladen. Deren an die Erst- bis Siebt- Basel. Neu im Team sind Sabine Foraita, Professorin
Es ist so lauschig! Lidia Gradwol fängt semester gestellte Aufgabe: ein Film- für Designwissenschaften an der HAWK Hildesheim,
die Grundstimmung des Animations- plakat im zeitgenössischen Stil gestal- Axel Vogelsang, Leiter des Forschungsschwerpunkts
ilms »Ich – Einfach unverbesserlich« ein ten – nur mit typografischen Mitteln. Competence Center Explanation & Services an der
»Es war uns wichtig, dass die Plaka- Hochschule Luzern, und Jesko Fezer, Professor für Ex-
te nicht nur schön sind, sondern auch perimentelles Design an der HFBK Hamburg. ≥www.
das Wesen des Films, seinen Inhalt, sei- dgtf.de +++ Hochschule für Kunst, Design und Popu-
ne Stimmung widerspiegeln und an- läre Musik. In Freiburg hat die hKDM ihre Arbeit auf-
gewandte Resultate erbringen«, er- genommen und die ersten 77 Studenten begrüßt. Die
klärt Falko Ohlmer. In dem zweitägi- private Hochschule geht aus einer Fusion der Freien
gen Workshop folgten die Teilnehmer Hochschule für Graik-Design & Bildende Kunst Frei-
insgesamt drei Arbeitsschritten: »Idee burg, dem berulichen Ausbildungsgang der Jazz &
entwickeln, Idee benennen und Idee Rock Schulen Freiburg und dem International Music
umsetzen«. Zuerst galt es, den Film zu College Freiburg hervor. Mit ihrer interdisziplinären
analysieren, Assoziationen festzuhal- Orientierung will die Hochschule für Kunst, Design und
ten und Moods zu sammeln. Anschlie- Populäre Musik der stärkeren Vernetzung der Medien
ßend sollten die Studenten den Film Rechnung tragen. ≥ www.hkdm.de +++ Designre-
in einem Satz zusammenfassen und port Greece. Nach einigen Kinovorführungen im ver-
daraus die Bildidee entwickeln, bevor gangenen Jahr ist der Dokumentarilm über die grie-
es schließlich an die Umsetzung ging. chische Designszene von Anastasios Koupantsis und
»Erst denken, dann basteln« – so lau- Alexandros Michalakopoulos online. Der Film ist ein
tete die Devise. Herausgekommen sind Projekt des labor visuell der Fachhochschule Düssel-
insgesamt zwölf völlig unterschiedli- dorf, das die Arbeit von zwanzig Gestaltern und Stu-
che Einzelplakate und zwei Serien. Al- dios vorstellt. ≥ www.vimeo.com/35624234 +++ Neue
Beeindruckende Handarbeit: Laura Setzer le im Workshop entstandenen Arbei- Professoren an der Dualen Hochschule Ravensburg.
gestaltete ein fedriges Plakat für ten zeigen wir unter www.page-online. Der Studiengang Mediendesign erhält Verstärkung:
den Hitchcock-Klassiker »Die Vögel« de/plakatworkshop. nik Professor Dr. Holger Lund und Professor Klaus Birk.
Lund, zu dessen Schwerpunkten die Visualisierung
von Musik gehört, war zuletzt an der Fakultät Ge-
Hübsch verpackt statt gut versteckt staltung der Hochschule Pforzheim tätig. Klaus Birk
kommt vom Intuity Media Lab in Stuttgart, wo er für
n Packungsdesign. Auf dem Kassenband werden sie schnell zwischen Pizzakarton Kunden wie etwa Daimler oder Bosch digitale Kom-
und Apfelsinennetz geschubst, im Badezimmerregal ins letzte Eck manövriert, oder munikationskonzepte entwickelte. +++ Fachkonfe-
ihr Inhalt wird in schmuckere Behältnisse sortiert – und das nur, weil Tampon-Herstel- renz Think Cross in Magdeburg. Vom 29. bis 31. März
ler bisher wenig Geschmack bei der Verpackungsgestaltung beweisen. Einen an- diskutieren Experten aus Journalismus, Interaction
sprechenderen Entwurf hat Hedda Hockschirr, Grafikdesignstudentin am Maryland Design und Management neue Erzähl- und Darstel-
Institute College of Art in Baltimore, lungsformen von medialen Inhalten, deren Vertriebs-
vorgelegt. Für eine Seminararbeit hat kanäle sowie Erlösmodelle. Veranstalter ist der Mas-
sie die Verpackungen überarbeitet. terstudiengang Cross Media der Hochschule Magde-
Von außen wirken die aufklappbaren burg-Stendal. Es gibt sowohl Vorträge als auch Work-
Boxen schlicht – mit weißer Schrift auf shops. ≥ www.ma-crossmedia.de/konferenz +++ Fort-
schwarzem Grund, innen eröffnet sich bildung Mediengestaltung. Ab dem 28. März bietet
ein schwarz-weißes Muster, inspiriert Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle eine aus
von marokkanischen Fliesen. Die grafi- einzeln buchbaren Modulen bestehende Fortbildung
sche Gestaltung ist dabei dekorativ im Bereich Mediengestaltung an: von Fotograie über
und funktional: je dunkler das Muster, Bildbearbeitung bis hin zur Druckdatenaufbereitung.
desto stärker die Tampons. nk ≥www.burg-halle.de/weiterbildung.html nk
022 PAGE 04.12

titEl
Foto: Marino Solokhov

Durch ein kleines bisschen


ungewöhnliche Typo wirkt das
altehrwürdige klassizistische
Gebäude des Haus der Kunst in
München auf einmal sehr modern
PAGE 04.12 023

Stretch your Logo


typograische Konzepte, bei denen der umgang mit der Schrift wichtiger zu sein scheint
als diese selbst, haben Konjunktur. Klug und überraschend eingesetzt, funktionieren
sie tatsächlich ganz hervorragend und kommen oft ohne Fotos und Illustrationen aus

n Es kann so bestechend einfach Abständen zwischen den Buchstaben.


sein: Man nimmt ein paar Buchstaben Die Gestaltung erinnert an ein Gummi-
einer x-beliebigen Schrift, schiebt sie band und steht für die dynamische
ein bisschen hin und her, staucht den Präsentation zeitgenössischer Kunst.
einen, zieht an dem anderen, lässt die »Die Fassade des Gebäudes ist ja alles
Wörter seltsam umbrechen und fügt andere als elastisch und die vermeint-
vielleicht noch einen Hintergrund ein – lich stabile Startposition des lebendi-
fertig ist das typolastige Plakat, Cor- gen Logos spiegelt diese Starrheit«, er-
porate Design oder Buchcover. Okay, läutert Sander Vermeulen, Design Di-
ganz so einfach ist es wohl doch nicht, rektor bei Base. »Sobald sich das Logo
denn wer grammatikalische (nicht kor- aber zu bewegen beginnt, löst sich die-
rekte Worttrennungen) oder typogra- se Starrheit auf und symbolisiert die
ische (Sperre niemals eine Schrift) lexible und abenteuerlustige Pro-
Regeln bricht, sollte das gekonnt tun. grammgestaltung des Haus der Kunst.«
Am besten so, dass das Ergebnis zwar Gut sieht man das auf der komplett
überraschend, aber nicht ungefällig neu gestalteten Website: Dort verän-
oder holprig aussieht. dert sich das Logo durch die Mausbe-
Eine elegante Lösung für das neue wegungen des Anwenders. Die äuße-
Erscheinungsbild des Münchner Haus ren Buchstaben bleiben stehen, sie bil-
der Kunst fand Base Design aus Brüs- den eine Art Container als Metapher
sel. Das Konzept basiert auf Elastizität. für das Gebäude. Die Buchstaben wei-
Zentrales Element ist die veränder- ter innen bewegen sich und stehen für
liche Wortmarke mit unregelmäßigen Elastizität, Aktivität und Offenheit,
024 PAGE 04.12 TITEL Typo-Power

die Aspekte des neuen Programms, szenieren. Das befanden die Stuttgar- fach, überrascht durch die Buchstaben-
das in diesem Container stattindet. ter Designer aber als zu kitschig und trennung und sorgt mit ihren Illustra-
Dass die belgischen Kreativen sich überzeugten ihren Kunden von einem tionen für Emotionen. 
mit der LL Brown des Schweizer Graik- typograischen Konzept. »Auch in der
Designers Aurèle Sack für eine sehr digitalen Bücherwelt gilt: ›Judge a book Aus drei typograischen Komponen-
neutrale Schrift entschieden, kommt by its cover‹«, sagt Kirsten Dietz, Strich- ten besteht das Erscheinungsbild, das
dem gestalterischen Konzept zugute. punkt-Geschäftsführerin. »Bei der My- Mind Design aus London für The Collec-
Eine Type mit eigenständigerem Cha- Skoob-Classics-Edition stehen nicht die tion entwickelt hat, ein Bar-Restaurant,
rakter hätte nur von der Beziehung zwi- Buchtitel, sondern der Name des je- das zugleich als Veranstaltungsort für
schen Form und Inhalt abgelenkt: der weiligen Helden groß auf dem Cover – Mode-, Kunst- und Literaturevents fun-
Eine der ersten unnachgiebigen Außenschale und der weil im Web sowieso jeder mit jedem giert. Die Agentur wollte, dem Namen
Ausstellungen großen Elastizität im Innern, die mit per Du ist. Außerdem sind die Vorna- Collection entsprechend, der Idee von
im Haus der Kunst dem Slogan »stretch your view« die Be- men in der Regel kürzer und plakativer limitierten Aulagen, signierten Druck-
in München, die sucher auffordert, Neues zu entdecken. als die Titel, was aufgrund des kleinen en und Sammlungen Ausdruck verlei-
im neuen Erschei- Formats ein Vorteil ist.« hen. Jedes Kommunikationsmittel soll-
nungsbild be- Fette Riesentypo war Strichpunkts Lö- Ergänzt wird die Riesentypo durch te ein Original sein. So entschieden sich
worben wird, ist sung für die Gestaltung der E-Books Illustrationen oder auch mal Fotogra- die Kreativen für ein gelochtes A5-For-
die des pol- des Münchner Start-ups MySkoob. Ur- ien, wobei die Lettern stets im Vorder- mat, das in allen Medien auftaucht. 
nischen Malers sprünglich wollte dieses Klassiker der grund stehen. Das Ergebnis ist eine E- »Das Logo sollte an die Signatur ei-
Wilhelm Sasnal Weltliteratur als eine Art Fotoroman in- Book-Serie, die Spaß macht: Sie ist ein- nes Künstlers erinnern. Um Geld zu
sparen, haben wir einen Stapel Blätter
mit jeweils zwei Punkten, die der Lo-
chung entsprechen, ausgedruckt und
den Kunden gebeten, »The Collection«
so mit der Hand zu schreiben, dass
beide Punkte miteinander verbunden
werden. Die schönste Unterschrift ha-
ben wir dann etwas begradigt und zum
Logo erklärt«, erzählt Mind-Design-
Gründer Holger Jacobs.
Um aus den Kommunikationsme-
dien Originale zu machen, setzten die
Designer Siebdruck ein. Während des
Druckvorgangs mischten sie verschie-
dene Farben direkt auf dem Sieb, so-
dass jeder Print anders aussieht. Damit
die Farben gut zur Geltung kommen,
brauchten sie eine fette Groteskschrift
und fanden sie in dem Freefont Jean
Luc vom  Atelier Carvalho in Bernau,
der nicht nur gut zum Design, sondern
auch zum kleinen Budget passte. »Als
Zweitschrift, die in allen Texten einge-
setzt wird, wählten wir die Monospa-
ced Typewriter Elite, die an Karteibe-
schriftungen oder Labels auf der Rück-
seite von Kunstwerken erinnern soll.«
Im Eingangsbereich malte ein Schil-
dermaler das Logo per Hand an die
Decke, außen an der Fassade wurde es
in Neon reproduziert. Zusammen mit
der fetten Jean Luc auf den gedruckten
A5-Karten, die an zwei Haken aufge-
hängt werden und sich beliebig neben-
und übereinander platzieren lassen,
entstand in nur drei Wochen ein lexi-
bles und kostengünstiges typograi-
sches Gesamtbild.

Dass Typografie beim Relaunch der


Site von Dedon, Hersteller luxuriöser
Foto: Marino Solokhov

Korbmöbel aus Lüneburg, eine Haupt-


rolle spielen sollte, stand für Michael
Seifert, Kreativdirektor bei Jung von
Matt/next von Beginn an fest. Mit sei-
nem Team schuf er Platz in der Ge-
PAGE 04.12 025

Fette rIeSeNtyPo
M y S ko o b - E d i t i o n
Linetos Gravur Condensed Black für das
MySkoob-Logo und die Futura Std Extra Bold
in großen dicken Versalien, ergänzt durch
Illustrationen und Fotos – das sind die charak-
teristischen Merkmale der E-Book-Edition
von MySkoob, bei der nicht der Buchtitel, son-
dern der Name des Helden auf dem Cover
steht. Die Innenseiten greifen dieses Gestal-
tungsprinzip im Wesentlichen auf, wenn
auch gemäßigter. Schließlich steht hier die
Lesetypo im Vordergrund. Für die sorgfäl-
tig gestalteten Fließtexte setzte Strichpunkt
auf die Futura Std Medium Oblique.
026 PAGE 04.12 TITEL Typo-Power

staltung, um mit großer Schrift ar-


beiten zu können. Dabei entschieden
sich die Hamburger für die Avant Gar-
de – im Umgang nicht die welteinfachs-
te Type. Gerade als Webfont waren vie-
le Browsertests und händisches Justie-
ren einzelner Buchstaben nötig, bis alle
zufrieden waren. »Das charakteristi-
sche Dedon-Gefühl konnten wir bis-
lang nur mit den Bildern ausdrücken.
Jetzt tun wir es ebenso mit der Typogra-
ie. Dedon ist auch eine Fashion- und
Lifestylemarke. Daher darf die Website
selbstbewusst und mutig sein und in
den von der Usability geprägten Ele-
menten wie der Suche oder dem über-
großen Footer Eigenständigkeit bewei-
sen«, meint Seifert.
Der Kunde begrüßte den außerge-
wöhnlichen Umgang mit Typograie,
etwa die seltsamen Zeilenumbrüche
oder das zusammengepresste Presse-
Portal, und legte den Kreativen keine
Steine in den Weg. Ganz wichtig war
diesen, dass die Buchstaben teilweise
ineinandergreifen: »Dedons Herkunft
sind Flechtmöbel. Verwobene Elemen-
te wollten wir unbedingt in der Gestal-
tung erhalten«, betont Annika Grothe,
die als Designerin an dem Projekt be-
teiligt war. An einer Stelle allerdings
kamen sie mit der Avant Garde nicht
weiter: Im Footer wollten sie einen Out-
lineschnitt einsetzen, leider hat die Ty-
pe keinen. Sie experimentierten mit
verschiedenen HTML- und CSS-Mög-
lichkeiten, aber irgendein Browser hat-
VerWoBeN d E d o n - W E b S i t E te immer Probleme mit der Darstellung.
So beauftragten sie schließlich den Ty-
Die Avant Garde in großen Größen verleiht der neuen Website des Luxus- pedesigner Lukas Bischoff einen eigen-
Korbmöbelherstellers Dedon Magazincharakter. Jung von Matt/next en Font zu entwerfen, der als konstru-
spielte außerdem mit den Buchstaben, ließ sie mal ineinanderlaufen oder ierte Grotesk zur Avant Garde passt.
presste sie zusammen. Auch die Worttrennungen entsprechen nicht wirk- Das Ergebnis ist eine gut funktionieren-
lich den Duden-Regeln. Den Kunden störten die seltsamen Zeilenumbrüche de, im besten Sinne modische Website.
nicht, im Gegenteil: Er bewertete sie als interessant und eigenständig.
Die Wahl der Schrift spielt bei vielen
typograischen Konzepten gar keine so
große Rolle. Das stellte auch Thomas
Lehner fest, der für den Schweizer
Fruchtbrände-Produzenten Felix Möhl
Etiketten und Verpackungen entwi-
ckelte. »Die Idee für die Rezept-Destil-
late bestand darin, die Reinheit des
Produkts mit einer Metapher aus ei-
ner in der Branche noch nicht besetz-
ten Themenwelt zum Ausdruck zu brin-
gen: der Welt von Pharmazeutik und
Chemie vom Anfang des letzten Jahr-
hunderts«, erklärt der in Berlin leben-
de Kommunikationsdesigner aus der
Schweiz. »Reduktion aufs Essenzielle«
war das Leitprinzip dabei, und die Na-
men der Fruchtbrände als chemische
Elemente – Ap, Ki, Kr, Qu, Zw – bringen
den puren Charakter dieses Produkts
auf den Punkt.
PAGE 04.12 027

ALLeS orIgINALe t h E Co l l ECt i o n


Die Platzierung des Logos des Londoner Bar-Restaurants
The Collection erinnert an Handschrift, indem es im Stil
von Grafiti öfter mal um die Ecke läuft. Als Trägermaterial
der von Mind Design entwickelten CI dient ein grober
Karton, der einen interessanten Kontrast zur eleganten
Folienprägung darstellt. Buchbinderschrauben halten
die Speise- und Getränkekarten zusammen, sodass sich
die Inhaltsseiten einfach austauschen lassen. Während
das Cover immer A5-Format hat, kann der Innenteil gerne
auch größer sein. Mit den Stempeln nimmt Mind Design
die Nummerierung limitierter Druckaulagen und damit die
Idee des Originals auf. Das Konzept ist zugleich kosten-
günstig und lexibel: Sollen die Schilder dicker sein, hängen
mehrere hintereinander. Ist ein großes Format nötig,
hängen sie in einem Raster neben- und übereinander.
028 PAGE 04.12 TITEL Typo-Power

»Diese Idee hätte mit jeder Grotesk


oder sogar Antiqua funktioniert«, ist
eSSeNZeN r E z E pt - d E St i l l at E
Thomas Lehner überzeugt. »Trotzdem »Reduktion aufs
habe ich natürlich versucht, bei der Essenzielle« – dieses
Schriftwahl dem thematischen Kontext Prinzip liegt nicht
gerecht zu werden, und setzte für die nur dem Produktions-
Namen und in Displaygrößen die Apo- prozess der Frucht-
theke, eine geometrische Grotesk von brände zugrunde, son-
Samuel Bänziger, ein und für alle an- dern auch ihrem
deren Texte die Replica von Norm.« Di- Branding. Designer
ese basiert auf einem stark reduzierten Thomas Lehner visu-
Konstruktionsraster, ist entsprechend alisierte die Reinheit
systematisch gestaltet und passt da- des Produkts durch
her prima zu dem gewählten Ansatz. die Welt der Chemie
Eine typograische Umsetzung bie- und Pharmazeutik.
tet eine Menge Vorteile: Anstatt sich Die Elemente-Namen
mit Models, Fotografen oder Illustra- der Fruchtbrände –
toren herumzuschlagen, kann der Kre- Ap, Ki, Kr, Qu, Zw –
ative das Ergebnis weitestgehend sel- beziehen sich ebenso
ber bestimmen und dem Kunden eine darauf wie die Bande-
in der Regel sehr budgetfreundliche Lö- role auf Dünndruck-
sung anbieten. Es muss auch nicht im- papier, die an Beipack-
mer Schrift pur sein, die hier gezeigten zettel erinnert, oder
Beispiele beweisen, dass Typo, Fotos die Systematik, die die
und Illustrationen wunderbar harmo- Sorten nach den Grö-
nieren können – auch wenn die Lettern ßen der verwendeten
bei der Kombination die Führungsrolle Früchte sortiert.
übernehmen. Es lohnt sich also, sich
ruhig einmal von der »spröden Gelieb-
ten Typograie«, wie Kurt Weidemann
sie nannte, verführen zu lassen. Manch-
mal sagen ein paar Buchstaben eben
mehr als tausend Bilder. ant

rINge IM WASSer d o ku M E n ta r f i l M
Bold Stockholm entwickelte die visu-
elle Identität für den Dokumentar-
ilm »While You Were Gone« von Frida
Kempff. Die typograische Illustration
steht für verstreichende Zeit und
sich fortsetzende Ringe im Wasser.
Diese wiederum symbolisieren Ver-
haltensweisen, die von Genera-
tion zu Generation weitergegeben
werden, bis irgendwann jemand
das Muster erkennt und durchbricht.
PAGE 04.12 029

Å wie ornament Å h l E n S - t ü t E n
Aus einem einzelnen Buchstaben –
dem schwedischen Å – machte Oskar
Lübeck von Bold für das schwedische
Kaufhaus Åhlens ein Muster, das
sich auf den strikt schwarzweiß gehal-
tenen Tüten und dem Geschenk-
papier des Unternehmens indet und
so das etwas angestaubte Image
des Kaufhauses mächtig aufpeppt.

ILLuStrAtIoN ADÉ l ä k E ro l - k a u g u M M i
Die urschwedische Firma Läkerol existiert
seit 1909. Genau hundert Jahre später
beschloss sie, in den heiß umkämpften Kau-
gummimarkt vorzustoßen. Da sich die
Packungen weltweit ziemlich ähneln, wollte
Oskar Lübeck, Kreativdirektor bei Bold
Stockholm, etwas Neues ausprobieren. Bis
auf die Farbkodierung verschwand alles
Illustrative. Was blieb, war interessant gesetz-
te Typo, die die Packungen zum Hingucker
macht. Das angepeilte Ziel, nach zwei
Jahren im schwedischen Kaugummimarkt
einen Anteil von 8 Prozent zu haben,
war bereits nach zwei Wochen erreicht.
030 PAGE 04.12 TITEL Typo-Power

gLoWINg teeth b da - lo g o
Das hellste Licht in der englischen Zahnmedizinszene ist die British Dental Association,
ihre jährliche Konferenz ein Top-Event. Form in London sollte ein sauberes, zeitgemäßes
Visual gestalten, das in allen Medien funktioniert. Die Kreativen um Paula Benson
entwickelten das bestehende Signet zu einem glühenden dreidimensionalen Logo in Blau,
Grün, Pink oder Lila, das ganz ohne Furcht einlößende Zahnarztbilder auskommt.

gut PLAtZIert
E u ro p C a r
Wer am Gate auf seinen Ablug wartet, memoriert
derweil meist die Sitznummer auf seiner Bordkarte:
13C, 21B, 8A. Diesen Moment nutzte die Agentur
Ogilvy in Frankfurt, um Reisende charmant daran
zu erinnern, dass bei Europcar deutlich angeneh-
mere Plätze auf sie warten. Dazu braucht es keine
Bilder, die meisten Reisenden werden bei den
3-D-Lettern aus Helvetica Neue das entsprechende
Automodell vor Augen haben: A4, Q7, X5 . . .

ruND uND BuNt


gEography@Work
Die fette, runde Schrift Kada von Lineto und die bunten
Illustrationen harmonieren in den Erdkundebüchern
aufs Feinste, die das Londoner Designbüro Form für den
Verlag Folens gestaltete. Da könnten sich deutsche Schul-
buchverlage doch einmal eine Scheibe von abschneiden.
PAGE 04.12 031

LeSBAre MuSter ly n da .Co M - a b S pa n n


Als die US-amerikanische Tutorial-Plattform
lynda.com eine Dokumentation über die
kanadische Musterkönigin Marian Bantjes
drehen wollte, fragte sie die Designerin,
ob sie selbst den Abspann gestalten wollte.
Bantjes sagte zu und versteckte die Namen
der Beteiligten in Mustern, sodass die Buch-
staben erst nach und nach lesbar werden.

SteIN AuF SteIN


h o r n b a Ch - k a M pag n E
Hier renoviert die Typo mit: Die Agentur Heimat
inszenierte das Kampagnenmotto in der Hornbach-
Hausschrift als dreidimensionale, dynamische
Wörter, die das Handwerkerherz höherschlagen
lassen.Wer sich über die Nuss wundert: Sie
steht symbolisch für den Anfang und spielt im
dazugehörigen TV-Spot eine wichtige Rolle.
032 PAGE 04.12

KREATION

Einfach draufhalten: Die Online-Video-


serie »From Sketch« auf Arte Creative
setzt auf ein einfaches Erklärvideo-
format. Hier skizziert Erik Spiekermann
vor der Kamera sein Büro der Zukunft

© Zentrale Intelligenz Agentur


PAGE 04.12 033

≥ PAGE Online
Alle genannten Videos können
Sie sich unter www.page-online.de/
wir-wollen-es-wissen ansehen.
Hier berichtet auch Jens Schmelzle
im Interview über die Produktion
der simpleshows

n Oft verstehen wir die Welt nicht


mehr. Zu komplex und eng verzahnt
scheinen die Probleme, vor denen un­
sere Gesellschaft steht – politisch, öko­
nomisch und ökologisch. Auf ein simp­
les Warum eine genauso simple und
verständliche Antwort zu inden, fällt
schwer, sie auf unterhaltsame Weise
vorzutragen, erst recht. Wie sich ver­
wickelte Sachverhalte einfach und mit
Humor vermitteln lassen, hat im ver­
gangenen Jahr Nomint aus Athen ge­
zeigt. Die Motiondesigner erklärten die
griechische Krise im Cartoon­Stil und
wurden für ihre Clip­Trilogie prompt
mit einigen Awards ausgezeichnet.
In dem kurzen Film »The greek cri­
sis explained« steht ein kleines Mäd­
chen mit Wackelzahn stellvertretend
für Griechenland, dessen Schwierig­
keiten zunächst in Form eines Schafes
handhabbar scheinen, aber nach eini­
ger Zeit monströse Ausmaße anneh­
men und das Mädchen schließlich im
wahrsten Sinne des Wortes auffres­
sen. Der kleinen Greece zu Hilfe sprin­
gen die EU als Superheld und der IWF
in Gestalt einer Fliege. Das klingt viel­
leicht etwas schräg und der kritischen

Wir wollen es wissen Sachlage nicht ganz angemessen, aber


Nomint trifft den richtigen Ton. Das
Animationsstudio lässt die heikle Situ­
ation von einem Off­Sprecher im Stil
Von einfachen Scribbels über Typo-Animationen bis hin zu einer Live­Reportage begleiten. Und
komplexen Infographics-Videos – die Konzepte für Erklärilme sind dadurch, dass es die bittere Realität in
harmlosen Cartoon­Bildern darstellt,
ebenso vielfältig wie ihre Einsatzgebiete lässt es auch die Hoffnung erkennen,
dass EU und IWF die brenzlige Situati­
on meistern – so wie wir es von Mar­
vels Superhelden gewohnt sind.

Die harten Fakten und beängstigen


Zusammenhänge der griechischen Kri­
se komprimiert Nomint in ihrer Clipfol­
ge zu konsumierbaren Wissens­Shots
in »Die Sendung mit der Maus«­Traditi­
on und führt damit vor Augen, warum
Erklärvideos einen solchen Boom erle­
ben: Im Daten­Nirwana der heutigen
Zeit bieten sie Orientierung, indem
034 PAGE 04.12 KREATION Erklärvideos

sie die wesentlichen Sachverhalte Die Kunst des Zeitverbummelns an­


darlegen. Der Zuschauer kann sich zu­ gesichts drohender Deadlines hat der
rücklehnen, um Informationen aufzu­ Brite Johnny Kelly in großartigen Bil­
nehmen, statt sich seinen Weg selbst dern festgehalten und damit sein Stu­
mühsam durch die Nachrichtenmas­ dium im Fach Animation am Royal
sen zu bahnen. College of Art abgeschlossen (www.
Die simple Struktur, die Eingängig­ mickeyandjohnny.com).
keit und das audiovisuelle Format ma­ Häuig sind es Motiondesigner, die
chen Infoclips derart beliebt, dass sie hinter solchen Projekten stehen und
mittlerweile immer dann eingesetzt alle Register ihrer Kunst ziehen. Dass es
werden, wenn etwas anschaulich und auch einfacher geht und selbst nicht
knackig erklärt werden soll. Unterneh­ in Animation geschulte Graik­Desig­
men nutzen sie sowohl im B­to­B­ als ner für Kunden Erklärvideos produzie­
auch im B­to­C­Bereich, um die Quali­ ren können, zeigt der Trend zu ein­
täten ihrer Produkte oder komplexe fachen Illustrationsclips: Eine Kamera
Technik zu veranschaulichen. Sie in­ ilmt ein weißes Blatt von oben. Paral­
den in den Wissensshows der TV­Sen­ lel zum gesprochenen Text werden
der, im Schulungsangebot von Firmen die Inhalte auf dem Papier visualisiert –
ebenso Verwendung wie als Bedie­ so zu sehen in der Online­Video­Serie
nungsanleitungen auf Websites oder »From Sketch« auf Arte Creative (sie­
in Form von Werbespots. he Aufmacher). Hier stellen Kreative
wie zum Beispiel Erik Spiekermann ih­
Es gibt kaum etwas, was nicht mit ei­ re Arbeit, ihr Geschäftsmodell oder
Entzückend komisch und traurig zu- nem Filmchen erklärt wird. Den Ge­ Bürokonzept vor und konkretisieren
gleich ist das Erklärvideo im Cartoon-Stil staltern sei Dank inden wir im Netz das Gesagte dem Prinzip des Visual
von Nomint zur griechischen Krise selbst für Themen wie Prokrastination Thinking gemäß in Zeichnungen (sie­
einen ausgezeichnet animierten Clip. he PAGE 05.11, Seite 46).

Mit dem von MARIA


entwickelten
simpleshow-Kon-
zept lassen sich
die Inhalte via
Legetricktechnik
vermitteln. Kleine
Illustrationsclips
werden einfach vor
laufender Kamera
auf ein weißes Blatt
Papier geschoben
PAGE 04.12 035

Mit der Produktion solcher Illustrati­ sehen. Eines ihrer Videos begleitete der auf der Messe BioFach zum Einsatz
onsclips hat für MARIA 2008 alles an­ Jonathan Mildenhall, Vice President kam. Im Mittelpunkt dieses Videos ste­
gefangen. Ein Kunde beauftragte Jens Global Advertising Strategy and Crea­ hen Herkunftsort und Fangmethoden
Schmelzle, Kai Blisch und Adrian Tho­ tive Excellence von Coca­Cola, bei sei­ von Follow Fish Tuna. Der Zuschauer
ma, die Gründer der Stuttgarter Agen­ nem Vortrag »Content 2020«. reist mit dem Unternehmen auf die
tur, mit der Entwicklung eines 3­Minu­ Malediven, wo die Fischer ihre Beute
ten­Films zu seinem Produkt. Charmant Graisch reduziert, in Schwarzweiß­ noch mit Bambusangeln aus dem Was­
und kostengünstig sollte er sein. Sie ästhetik versucht derzeit der amerika­ ser holen, jeden Fisch einzeln. »Ihre
entschieden sich deswegen für ein Vi­ nische World Wildlife Fund durchaus Fangweise ist so inefizient, dass sie
deo mit illustrierten Papierclips, die unbequeme Inhalte zu vermitteln. Wie nachhaltig ist«, bringt es Michael Götz,
passend zum gesprochenen Text von lassen sich die ökologischen Folgen Kreativdirektor bei Leagas Delaney, In seiner Schlicht-
zwei Händen auf ein Blatt gelegt und beim Kauf des morgendlichen Coffee auf den Punkt. heit effektiv: Das
bewegt werden. Keine Schnitte, keine to Go ansprechen, ohne die Holzham­ WWF-Erklärvideo
Animationen kamen dabei zum Ein­ mermethode einzusetzen? Wie ein Um­ Der Follow-Fish-Film lebt von einer »Change the way you
satz – nur Legetricktechnik. denken im Alltag bewirken? Teils in­ inhaltlichen Wende. Im ersten Drittel think about food«
»Dieser erste Film war die Geburts­ tern, teils zusammen mit der kaliforni­ thematisiert er die negativen Folgen kombiniert Typo und
stunde der simpleshow«, erklärt Jens schen auf Präsentationsvideos spezia­ des Fischfangs, schwenkt dann aber um Piktogramme, um
Schmelzle. »Wir beschlossen, daraus lisierten Agentur Duarte entwickelte und zeigt auf, wie Menschen diese Ent­ Menschen über
ein Produkt zu machen. Es brauchte der WWF die Erklärvideoserie »Change wicklung durch den Konsum von Bio­ die ökologischen
ein festes Look­and­Feel, einen dei­ the way you think . . .«. Die Filme kom­ marken wie Follow Fish aufhalten kön­ Auswirkungen
nierten Prozess. Also entwickelten wir binieren gekonnt Typo und Piktogram­ nen. Dabei wählen die Kreativen einen ihres täglichen Kon-
einen Styleguide und bauten ein Team me, mal um graische Elemente erwei­ ruhigen und unaufgeregten Ton. Der sums aufzuklären
aus Konzeptern und Zeichnern auf.« tert, mal mit einfachen Animationen in
Nach und nach optimierten sie die Bewegung gebracht. Was Nomint durch
simpleshow, legten die perfekte Länge den Cartoon­Stil erreichte, gelingt hier
und Legetechnik, den besten Rhyth­ mit purer Graik: Die Fakten werden
mus und die richtige Musik fest. Aus­ ohne Schnörkel oder emotionale Bil­
gangspunkt für die Produktion ist stets der präsentiert. Die Brisanz wird durch
der Sprechertext, der die Informatio­ die Informationen selbst klar und da­
nen auch ohne die Bildebene klar ver­ durch, dass diese unser Handeln in ei­
mitteln können soll. Die Visualisierung nen globalen Zusammenhang stellen.
greift das Gesprochene entsprechend Während der WWF die breite Öf­
auf. »Was ich höre, sehe ich auch«, so fentlichkeit adressiert, dienen die Info­
Schmelzle. »Einige ilmische Erzählfor­ ilme von Follow Fish primär der B­to­
men wie eine besondere Schnitttech­ B­Kommunikation. Für den Einstieg ins
nik sind bei der simpleshow fehl am Kundengespräch zeigt die Produktions­
Platz. Jedes Bild muss direkt erkannt irma Fish & More ein kurzes Erklärvi­
werden, damit die Inhalte für jeden deo über die Marke Follow Fish, das
nachvollziehbar sind.« deren Konzept in drei Minuten dar­
Nach diesem Prinzip produziert stellt und plausibel macht, warum die
MARIA heute weltweit simpleshows Produkte ökologisch vertretbar sind.
für Kunden wie Microsoft, Hornbach Produziert hat den Clip Leagas Delaney
und BASF. Oft werden sie von ihnen Hamburg, die auch schon an der Mar­
für Schulungen eingesetzt. Wieso die­ kenentwicklung beteiligt war. Mitte
se einfachen Illustrationsclips so gut Februar stellte die Agentur zudem ei­
ankommen? »Es strömen jeden Tag so nen Film über Dosenthunisch fertig,
viele Informationen auf uns ein, dass
wir uns nach etwas Ehrlichem, Authen­
tischem sehnen. Bei der simpleshow
sehe ich eine weiße Fläche und zwei
Hände. Das ist bodenständig und ein­
fach«, so Schmelze.
Ein der simpleshow ähnliches Kon­
zept bietet Cognitive Media in Folke­
stone an. Gründer Andrew Parks hat
das Prinzip von Live­Visualisierungen
ins Videoformat übertragen und lässt
die wichtigen Inhalte einfach vor lau­
fender Kamera skizzieren. Manchmal
werden sie durch kleinere Animatio­
nen ergänzt. Diese Erklärvideos wir­
© World Wildlife Fund

ken durch die Scribbletechnik etwas


hektischer als die simpleshows, ver­
werten dafür aber auch mehr Informa­
tionen. Die Arbeit der Briten war unter
anderem bei den Cannes Lions 2011 zu
036 PAGE 04.12 KREATION Erklärvideos

Das Infovideo
für Follow Fish von
Leagas Delaney
Hamburg setzt auf
animierte Illustra-
tionen in 2-D-Optik,
um Business-
kunden von der
Bio-Fischmarke
zu überzeugen

Film soll weder mit zu vielen Infor­ als in einem klassischen Werbespot
mationen vollgestopft noch in der Dra­ kam daher kein extrem durchgetexte­
matik eines Ökobattles gehalten sein, tes Skript infrage. Um die Informatio­
sondern nur die Problematik anreißen. nen einfach zu vermitteln, formulierte
Die Zahlen bewegen, so das Konzept. das Team einen schlichten Text und
Mit Blautönen und Packpapieroptik setzte stattdessen auditiv Akzente mit
orientiert sich der Film am Corporate einer markanten Stimme – nämlich der
Graisch extrem Design der Marke. Passend dazu ent­ von Till Hagen, bekannt als Synchrons­
reduziert hat schied sich das Team um Patrick Plog­ precher von Kevin Spacey. So ist ein
The Monkeys die stedt, Head of Production bei Leagas eingängiger Film entstanden, der das
erste Mondlan- Delaney, für eine 2­D­Anmutung. »Die Handgemachte und Sympathische der
dung visualisiert. Illustratorin Veronika Kieneke hat die Marke sowohl auf Bild­ als auch Text­
Das Erklärvideo Inhalte zunächst in Photoshop visuali­ ebene transportiert.
diente als Trailer siert. Das Bildmaterial haben wir dann
zur BBC Moon Week mit freien Motiondesignern animiert«, Meister animierter TV-Erklärvideos
erklärt er. »Es ist ein durchgehender sind ABC und BBC Australia. Beide Sen­
Film, ohne Schnitte. Wenn wir am An­ der setzen sowohl zur Promotion als
fang etwas änderten, mussten wir al­ auch im Programm Infoclips ein. Einen
les noch einmal durcharbeiten.« Promoklassiker hat The Monkeys aus
Auch auf der Textebene vermieden Sydney mit dem Trailer für die BBC
die Kreativen zu viel Opulenz. Anders Moon Week umgesetzt, der 2009 an­
lässlich des 40­jährigen Jubiläums der
Mondlandung lief. »Einmal zum Mond
und wieder zurück« – so einfach, wie
sich die Reise von Armstrong und Co
zusammenfassen lässt, so einfach sind
auch die Bilder, die das Motiondesig­
nertrio gewählt hat. Der kurze Clip ist
in Schwarzweiß gehalten; Rakete, As­
tronauten und Planet sind nur in gro­
ben weißen Outlines skizziert. Alles ist
etwas schummrig, was an die Live­
Aufnahmen von der Mondlandung er­
innert. Der Film von The Monkeys folgt
zwar der üblichen »Was ich höre, sehe
PAGE 04.12 037

ich auch«­Logik, den Kreativen gelingt tionen in einer kohärenten Geschichte Patrick Clairs Erklärvideos gehören
es jedoch, den so oft als »ein großer erzählt und die Zuschauer zum Nach­ sicher zu den komplexesten und aus­
Schritt für die Menschheit« beschrie­ denken anregt, anstatt lediglich visu­ gefeiltesten Infographics­Videos, die
benen Moment weniger bedeutungs­ ell zu beeindrucken.« es momentan gibt – sowohl visuell als
schwanger in einem entspannten Ton auch inhaltlich. Man spürt die Freude
und coolen Bildern zu inszenieren – Für »Hungry Beast« hat Patrick Clair und den Enthusiasmus, mit denen der
noch nie hüpften Neil Armstrong und unter anderem die Gefahren von Stux­ Designer die Filme produziert. Schließ­
Edwin »Buzz« Aldrin so lässig zu Hip­ net visualisiert. Sein Ansatz: Die Story lich lernen nicht nur die Zuschauer mit
Hop­Sound über den Mond. rund um den Computervirus bietet al­ dem Clip etwas dazu, sondern auch er
Komplexer animiert als der Moon­ les, was einen Militärthriller ausmacht. selbst. »Es fasziniert mich, die Verbin­
Week­Trailer sind die Erklärilme, die Sie hat etwas Mysteriöses, Unheimli­ dung zwischen den verschiedenen In­
ABC in der halbstündigen TV­Sendung ches – und sie verdeutlicht die Kon­ formationen zu inden. Egal, ob man
»Hungry Beast« einsetzt. Deren Pro­ liktpotenziale technologischer Inno­ einen Charakter oder ein Unterneh­
duzenten haben es sich zum Ziel ge­ vation, die sich in Zukunft abzeichnen men besser begreift, die gesellschaftli­
setzt, Themen aufzugreifen, die junge könnten. »Stuxnet war die erste kom­ chen Auswirkungen einer neuen Tech­
Menschen unter 30 interessieren, also plett aus Code konstruierte Waffe, die nologie realisiert oder sich die huma­
beispielsweise, zu erklären, wie der an einem Gerät produziert wurde, das nitären Folgen eines politischen Kon­
Computervirus Stuxnet sich verbreite­ sich bei beinahe jedem von uns im likts vor Augen führt – es ist einfach
te, oder Antworten auf Fragen wie Wohnzimmer indet, nämlich an einem aufregend, diese Daten visuell aufzube­
»Wie grün ist dein Internet?« zu geben. Computer«, so Patrick Clair. reiten und dazu beizutragen, dass wir
Um das Ganze auch visuell edgy zu Eine großartige Geschichte also, die Welt besser verstehen.« nk
halten, beauftragen die Macher Mo­ die sich aber auf der Ebene von Codes
tiondesigner mit der Entwicklung der und Weblinks abspielt, deren Fakten
Erklärvideos. Einer von ihnen ist Pa­ sich also entsprechend schwierig vi­
trick Clair, der ebenfalls in Sydney be­ sualisieren lassen. Um zu erklären, wie
heimatet ist. der unsichtbare Virus funktionierte
Die Produktion von Infographics­ und sich ausbreitete, arbeitete Clair
Videos ist für Patrick Clair weit mehr mit visuellen Metaphern: Das Video
als ein Job. Er sieht darin eine Chance beginnt beispielsweise mit dem Blick
für Kreative, sich gesellschaftlich zu durch ein Mikroskop, das auf einen
engagieren. »Für uns Designer ist es Chip gerichtet ist. Die Verbreitung des
an der Zeit, zu beweisen, dass wir Sub­ Virus wird mit Strukturen angedeutet,
stanz haben, nicht nur Stil, und auch wie sie Bakterienzellen erzeugen. Das
gesellschaftliche Verantwortung über­ Militärische spiegelt sich in der Ästhe­
nehmen«, sagt Clair. »Ich bin überzeugt, tik von Videogames wieder. »Die Clips
dass sowohl die Zuschauer als auch die für ›Hungry Beast‹ sind oft länger als
Kunden graisch protzender Erkläril­ andere Animationsilme, ihre Produk­
me überdrüssig sind. Sie erwarten tion muss trotzdem sehr schnell ge­
nicht mehr High­End­Ästhetik, sondern hen und darf weder zu viel Computer­
Design, das uns verstehen lässt, vor leistung noch Renderzeit beanspru­
welchen Problemen die Gesellschaft chen«, erläutert der Motiondesigner.
gerade steht und wie wir am besten »Darum habe ich mich für Wireframes
etwas zu ihrer Lösung beitragen kön­ entschieden. Die sehen cool aus und
nen. Ein Design also, das die Informa­ sind einfach zu erstellen.«

Wie sich der Stux-


net-Virus in die
Computersysteme
von Atommeilern
einnistete, visualisier-
te Motiondesigner
Patrick Clair für die
ABC-Sendung »Hungry
Beast« mit schönen
3-D-Animationen,
animierten Info-
graiken und Typo
038 PAGE 04.12 KREATION Hochschulmagazine

Spielwiesen
Hochschulmagazine sind für Studenten Experimen-
tierräume und Berufsvorbereitung zugleich

n Nirgends sind die gestalterischen und inhalt­ ≥ PAGE Online


lichen Freiheiten bei der Magazinproduktion so Informationen
groß wie an der Hochschule. Jenseits wirtschaft­ und Bilder zu den
licher Zwänge und redaktioneller Vorgaben kön­ vorgestellten
nen sich die Studenten austoben, experimentie­ sowie zu anderen
ren und gegen (fast) alle Regeln des Gewerbes spannenden
verstoßen. Gleichzeitig lernen sie das Medium Hochschulmaga-
und all seine Entwicklungsstufen kennen – von zinen gibt es
der Finanzierung über die Konzeption und Re­ unter www.page-
daktion hin zu Produktion und Vertrieb. online.de/hoch
Die Mitarbeit an einem Magazin gehört zur schulmagazine
wohl arbeitsintensivsten Zeit eines Kommunika­
tionsdesignstudiums, dennoch sind sich die meis­
ten Beteiligten am Ende einig, dass sich der Ein­
satz gelohnt hat. Neben den praktischen Fertig­
keiten lernt man die Zusammenarbeit in großen
Gruppen kennen: In den Redaktionsteams wird
oft basisdemokratisch über Themen, Inhalte und
Layout abgestimmt. Das ist nicht so ökonomisch,
garantiert aber Mitspracherecht und erhöht die
Identiikation mit dem Gemeinschaftsprodukt.
Das Maß an Anleitung durch Dozenten vari­
iert von Magazin zu Magazin, so ist dessen Ent­
PAGE 04.12 039

»Boxhorn« Fachbereich Gestaltung,


Fachhochschule Aachen
n »Boxhorn« ist das wohl älteste regelmäßig erscheinende Hoch­
schulmagazin Deutschlands: Die erste Ausgabe entstand 1998 als
Diplomarbeit zweier Studentinnen, seit 1999 erscheinen jedes Jahr
zwei Hefte. Darunter beinden sich immer wieder außergewöhnliche
Formate und Ideen. Bemerkenswert ist etwa die 22. Ausgabe mit
dem Titel »Über Zeitreisen«: 7288 Seiten stark und 9 mal 12 Zentime­
ter groß, versetzt sie den Leser in das Jahr 2257, in dem journalisti­
sche Texte im Internet zensiert werden und Drucksachen verboten
sind – daher das konspirative Miniformat. Das Büchlein ähnelt mehr
einer Sammlung von Kurzgeschichten als einem Magazin und funk­
tioniert gänzlich ohne Hochschul­ oder Designthemen. Die Macher er­
hielten dafür 2011 einen red dot: best of the best sowie einen silber­
nen Nagel beim Nachwuchswettbewerb des ADC.
»Es gibt kein übergreifendes Konzept. ›Boxhorn‹ ist lediglich eine
Klammer. Es muss nicht zwingend ein Magazin sein, sondern könnte
auch eine Ausstellung sein«, erklärt Fabian Nawrath, Student und
Redaktionsmitglied bei den Ausgaben 24 und 25. Die Präsentation
von Studentenarbeiten spielt dabei oft eine untergeordnete Rolle.
»Neue Macher, neue Handschrift! Das war auch ganz klar der Wunsch
von uns, als wir die ›Nullnummer‹ ent­
Zeitschrift oder Buch? Egal! wickelt haben«, wird Ditta Lokai in Aus­
Die 22. Ausgabe von gabe 24 zitiert. Sie konzipierte und pro­
»Boxhorn« überraschte duzierte 1998 mit Ute Berger die aller­
mit Miniformat und erste Ausgabe. Das frisch erschienene
Science-Fiction-Storys 25. Heft widmet sich dem Wahnsinn.

»Der Schöne Mann« Studiengang Integriertes


Design, Hochschule für Künste Bremen
n Noch ist »Der Schöne Mann« ein One Shot, aber eine Fortsetzung
ist denkbar, sagt Herausgeberin Dr. Annette Geiger, Professorin für
Theorie und Geschichte des Designs. Das Heft lotet das Verhältnis
zwischen Männern und Mode aus und stellt die Frage: Darf ein Mann
eigentlich schön sein? Studierende entwarfen fünfzehn Kollektionen,
führten Interviews mit internationalen Designern und Autoren und
luden Philosophen für Textbeiträge ein. Entsprechend war hier nicht
nur Graikdesign und redaktionelles Gespür gefordert, sondern zu­
dem Modedesign und Fotograie.
Für die Fotostrecken konnte Annette Geiger den renommierten
Fotografen Joachim Baldauf als Berater gewinnen, für die graische
Gestaltung übernahm die Züricher Designerin Tania Prill diesen Part.
Im Gegensatz zu »Vier«, das über alle
Antihelden, Brust- Themen der Hochschule für Künste Bre­
behaarung, Dandyism: men berichtet, konzentriert sich »Der
»Der Schöne Mann« schöne Mann« auf die Modeentwürfe
lotet das Verhältnis zwi- der Designstudenten. Als »Hybrid aus
schen Männern und Buch und Magazin« konzipiert ist die
Mode aus – und zeigt Publikation im Fachbuchhandel sowie
gewagte Kollektionen beim Textem Verlag direkt erhältlich.
040 PAGE 04.12 KREATION Hochschulmagazine

wicklung und Umsetzung für die Studenten in


der Regel ein Learning by Doing. »Dafür braucht
man etwas länger, oftmals sind mehrere An­
läufe nötig, und es fällt wohl auch vieles unter
den Tisch – aber zum Schluss hat man unendlich »komma« Fakultät für Gestaltung,
viel gelernt, was man auf anderem Wege nicht
gelernt hätte«, sagt Mirko Leyh, Student an der
Hochschule Mannheim
Fakultät Gestaltung der Hochschule Wismar und n Seit Frühjahr 2007 erscheint »komma« zweimal im Jahr und sieht
Redaktionsleiter der zweiten Ausgabe vom Ma­ immer wieder anders aus. Mal im Retro­Style mit Stilllebenfoto auf
gazin »Norte« (siehe Seite 42). dem Cover, mal grün und hochglänzend – aber immer mit Siegel. Die
Hefte beschäftigen sich mit Schwerpunktthemen wie der Bedeu­
Konzeptionell wie auch gestalterisch verfolgen tung von Heimat oder dem Einluss der Gesellschaft auf Design und
Hochschulmagazine sehr unterschiedliche An­ Gestalter. »komma« versteht sich als Öffentlichkeitsorgan der Fakul­
sätze. Während sich einige Hefte als Werkschau tät sowie als Showroom für Studen­
und Bühne für die Studenten eines Fachbereichs ten. Gleichzeitig verfolgt das Magazin
verstehen, wie zum Beispiel »DOC.« aus Mün­ hohe gestalterische Ziele.
chen (siehe www.page-online.de/hochschulmaga »Schon immer bestand eine große
zine), setzen andere auf Diskurs und Vertrieb Schwierigkeit darin, den Spagat zwi­
über die Hochschule hinaus. Dazu gehört etwa schen einer angemessenen Präsenta­
das an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule tion der vorgestellten Arbeiten und
Halle produzierte »Some Magazine«, das zwei­ unserer Lust am Gestalten und Experi­
mal jährlich die Beziehung zwischen Kunst und mentieren zu schaffen«, schreibt Anna
Design auslotet (siehe PAGE 05.11, Seite 18). Die Schlecker, 2009 Studentin und Chefre­
Meisten entscheiden sich für einen Mix: Studen­ dakteurin, in ihrem Vorwort zur vier­
tische Arbeiten werden in einem bestimmten ten Ausgabe. Die gezeigten Arbeiten
Ressort vorgestellt oder inden sich über das wählt die Redaktion aus den einge­
Heft verteilt, Interviews oder Essays von be­ reichten Projekten aller Institute aus.
kannten Gestaltern sowie journalistische Bei­ Statt im Rahmen eines Kurses entsteht
träge von Studenten runden das Ganze ab. »komma« komplett in studentischer
Die Mitarbeit an Hochschulmagazinen lohnt Eigenregie. Besonders erfolgreich war
sich nicht nur im Hinblick auf die praktische Er­ Ausgabe 7 (Oktober 2010) zum Thema
fahrung, sondern gibt den Portfolios der Studen­ Wahrnehmung: Sie erhielt 2011 eine
ten zudem einen besonderen Schliff und kann Auszeichnung beim red dot award:
beim Berufseinstieg helfen. Kreativclubs wie communication design und einen sil­
ADC, DDC und TDC sowie Designwettbewerbe bernen Nagel beim ADC Nachwuchs­
wie der red dot award: communication design wettbewerb.
zeichnen in regelmäßigen Abständen herausra­
Knallig und retro
gende Publikationen aus.
zugleich: Die
Was die Finanzierung angeht, übernehmen
siebte Ausgabe
meist die Hochschulen den Löwenanteil. Dazu
von »komma«
kommen in einigen Fällen Anzeigenerlöse sowie
holte diverse De-
Sponsorengelder, die oft die Studenten selbst
signpreise.
zusammentragen; Partnerschaften mit Papier­
Im Oktober 2011
herstellern und Druckereien senken die Pro­
erschien das
duktionskosten. Die Heftpreise sind meist rela­
neunte Heft (oben)
tiv niedrig angesetzt, um die Verbreitung zu ge­
währleisten. Sie decken häuig gerade mal die
Versandkosten. Manchmal kommt es allerdings
vor, dass die Finanzierungsgrundlage wegfällt. So
muss etwa das hoch angesehene und mehrfach
ausgezeichnete Magazin »Vier« (siehe Seite 43)
der Hochschule für Künste Bremen derzeit pau­
sieren. Das hat laut Initiatorin Andrea Rauschen­
busch, Professorin am Fachbereich Kunst und
Design, neben inanziellen vor allem auch or­
ganisatorische Gründe: »Die Umstrukturierung
des Studiums durch das Bachelor­ und Master­
system hat dazu geführt, dass Studenten kaum
noch zwei Semester Zeit haben, um sich mit ei­
nem Magazin zu beschäftigen.« Hoffen wir, dass
die Tradition der Hochschulmagazine trotz sol­
Fotos: Alexander Münch

cher Hindernisse bestehen bleibt – und dass


auch »Vier« wiederbelebt wird. Im Folgenden
stellen wir eine Reihe von Magazinen aus deut­
schen Hochschulen vor, die gestalterisch und/
oder inhaltlich herausstechen. nik
042 PAGE 04.12 KREATION Hochschulmagazine

»Nicht Jetzt!“«
Department Design, HAW Hamburg
n Ein echter Wälzer ist die im vergangenen November erschienene
dritte Ausgabe von „Nicht Jetzt!“: Auf 176 Seiten geht es unter ande­
rem um Geschmack als ästhetischen Urteilsbegriff bei Kant, um Ver­
unstaltungsverbote in Bauordnungen, den krankhaften Verlust des
Geschmackssinns und die Zubereitung von Plazenta­Gerichten. Das
in unregelmäßigen Abständen herausgegebene Magazin ist ein inter­
disziplinäres Projekt von Studierenden der Fachbereiche Illustration,
Fotograie und Graikdesign. Die aktuelle Ausgabe entstand im Rah­
men eines Editorial­Design­Kurses von Professor Stefan Stefanescu.
Die Experimentierfreude des Teams schlug sich abgesehen von der
thematischen Vielfalt auch in der Gestaltung nieder: Die Studenten
kombinierten Dünndruck, offenes und Hochglanzpapier, Irisdruck
und Schweizer Broschur. Fotograien und Illustrationen von Studen­
ten inden sich im ganzen Heft verteilt. »Wir wollten, dass das Heft
auch außerhalb der Hochschule Interessenten indet, und haben
aus diesem Grund auf einen eigenen Werkschauteil verzichtet«, er­
klärt Kommunikationsdesignstudentin Charlotte Bräuer. Inspirieren
ließ sich die Redaktion von Independent­Magazinen wie dem »Missy
Magazine«, anderen Hochschulpublikationen wie »Vier« sowie von
der 1950er­Jahre­Gestaltung.
Dünndruck,
offenes und Hoch-
glanzpapier, Iris-
druck und Schwei-
zer Broschur: Die
dritte Ausgabe von
»Nicht Jetzt!« ist
dick, bunt und sehr
abwechslungsreich

»Norte« Fakultät Gestaltung, Hochschule Wismar


n »Norte« ist ein recht junges Hochschulmagazin, bislang sind zwei
Ausgaben erschienen, die sich jeweils einem Themenpaar widmen
und mit einer außergewöhnlichen Gestaltung aufwarten. Ausgabe 2
greift das Stereothema »Werden und Sein« im Format auf: Sie ist ein
»endloses Leporello«, das man von beiden Seiten lesen kann. »Selbst
am Ende ist man wieder am Anfang«, heißt es im Editorial. Das Redak­
tionsteam arbeitete zwei Semester an der Ausgabe. Das Projekt wurde
von Professoren betreut, war aber wesentlich autonom organisiert.
Inhaltlich umfasst »Norte 2« ein breites Themenspektrum: Ein Phy­
sikprofessor kommt ebenso zu Wort wie Musiker, Neurowissenschaft­
ler und der Gestalter der Tilia, der Satzschrift des Magazins. Studenten­
arbeiten werden en passant im Heft gezeigt, eine Werkschau­Rubrik
gibt es nicht. »Die Herausforderung besteht darin, auch in einem un­
konventionellen Format eine gute Gestaltung und einen Mehrwert für
Endloses Leporello: »Norte 2« ist eine über 12 Meter lange Papierbahn, den Leser zu schaffen«, erklärt Redaktionsleiter Mirko Leyh. Derzeit
die man von beiden Seiten lesen kann arbeitet eine neue Redaktion an „Norte 3“, das 2013 erscheinen soll.
PAGE 04.12 043

»Zwiebelfisch« Freie Hochschule für Grafik


Design & Bildende Kunst Freiburg e. V.
n Mit Ausgabe 10 meldete sich »Zwiebelisch« 2011 aus einer zwei­
jährigen Pause zurück und bekam dafür gleich eine Auszeichnung
beim red dot award: communication design. Unter der Leitung des
Dozenten Jürgen X. Albrecht hinterfragten die Studenten dabei das
Format Zeitschrift an sich. Inhaltlicher Schwerpunkt ist »Design,
Ethik + Moral«, ausgehend von dem kritischen Designmanifest »First
Things First« von 1964 beziehungsweise seiner Erneuerung von 1999.
Der Ansatz, dass Graik­Designer über ihre kommerzielle Arbeit hi­
naus einen gesellschaftlichen und sozialen Mehrwert schaffen kön­
nen, werde immer wieder hervorgekramt – wie eine Akte. Daher ha­
ben sich die Macher für genau diese Erscheinungsform entschie­
den, erklärt Jürgen X. Albrecht. In der braunen Kartonmappe inden
sich ein Heft mit redaktionellen Beiträgen zu dem Designmanifest,
ein Karteikartenset mit Gestaltungstipps, ein kleineres Heft mit In­
terviews und Buchbesprechungen sowie eine Portfoliomappe, die
Studentenarbeiten enthält.
Die Redaktion setzte sich aus zwei Kursen zusammen: einem
Theorie­Kurs, der den Inhalt lieferte, und einem Editorial­Design­
Kurs, der für die graische Umsetzung zuständig war. »Ich möchte
meinen Studenten kontextsensitives Arbeiten beibringen: Der In­
halt bestimmt die Gestaltung«, führt
»Zwiebelisch #10 kommt Albrecht aus. Entsprechend soll jede
als lose Zettelsammlung Ausgabe anders aussehen: »Es gibt
im Aktenordner daher. Die nicht mal ein festes Logo.« Der nächs­
Studenten stellen damit te „Zwiebelisch“ ist bereits in Arbeit
das Format Zeitschrift an und wird voraussichtlich im April oder
sich infrage Mai 2012 erscheinen.

»Vier« Hochschule für Künste Bremen


n Das einlussreiche, derzeit pausierende Magazin setzt auf offen­
en Diskurs, was es auch für Leser außerhalb der Hochschule interes­
sant macht. Jede Ausgabe hat ein eigenes Oberthema, etwa Ȇber
Theorie« oder »Virtuell«, und eine eigene Gestaltung – ab und zu so
experimentell, dass es dafür auch Kritik hagelte. So ist zum Beispiel
Ausgabe 4 zum Thema »Norden« in manchen Passagen schwer lesbar.
In den fünf Jahren, die das Magazin bislang erschienen ist, wur­
den immer wieder bekannte Gestalter, darunter Eike König oder
Mike Meiré, zu Workshops eingeladen, um ihre Erfahrungen mit den
Studenten zu teilen und Tipps zu geben. Mario Lombardo betreute
im Rahmen eines Lehrauftrags 2008 und 2009 vier Ausgaben und
prägte die Gestaltung maßgeblich mit. »Vier« heimste bislang drei­
zehn Auszeichnungen in Designwettbewerben ein, darunter ist auch
ein Certiicate for Typographic Excellence des TDC.
Anlässlich des fünfjährigen Jubiläums – und der Publikations­
pause – hat Initiatorin Andrea Rauschenbusch ein Best­of der bishe­
rigen zehn Ausgaben des Hochschulmagazins auf die Beine gestellt,
das im Februar 2011 erschienen ist. Neben den interessantesten Tex­
ten der vergangenen Jahre inden
sich darin neue Bilder sowie State­
ments der führenden und jungen
Gestalter, die das Magazin bislang
begleitet haben.

Zum fünfjährigen Jubiläum


kombiniert »Vier« die
spannendsten Texte aus
zehn Ausgaben mit neuen
Bildern und Statements
beteiligter Gestalter
044 page 04.12 KREATION Neue Mütter

Mach’s gut, Mutti


Von der modisch-ästhetischen Randfigur zum Trendsetter: Das Bild der Mutter hat sich radikal verändert

≥ PAGE Online n Das Bild der Mutter in Multifunk- wurf zu den beschleunigten, vom Kon- Und ist das liebe Kleine schließlich
Weitere Beispiele tionskleidung, Gummistiefeln und mit sum regierten, ästhetischen Lifestyle- auf der Welt, wird es – gewollt oder
inden Sie unter praktischer Kurzhaarfrisur, die am Tag welten, sondern als dessen perfekte nicht – zum Fashionvorbild. Über Suri
www.page- auf dem Spielplatz Karottenbreirezep- Ergänzung und Erneuerung. Was der- Cruise, Sprössling von Tom Cruise und
online.de/muetter te austauscht und, wenn die Kleinen im zeit stattindet, ist der Aufstieg des Kati Holmes, gibt es einen eigenen Mo-
Bett sind, noch ein wenig in »Eltern« phänomenologischen Typus Mutter deblog (http://suricruisefashion.blog
blättert, hat Konkurrenz bekommen. von einer modisch-ästhetischen Rand- spot.com), dessen einziger Sinn darin
Und zwar von einer neuen Generation igur zum Trendsetter. Ähnlich wie der besteht, minutiös ihre Tagesoutits auf-
bloggender und Designerkinderwagen schlufige Öko zum Vorreiter des Green zulisten und zu den jeweiligen Labels
schiebender Frauen. Diese – und das Glamour und Loha-Hype oder der pick- zu verlinken. Denn was Suri heute trägt,
ist der zentrale Unterschied zu dem lige Nerd zum Pionier des Digital Age ist morgen ausverkauft. Nicht wenige
bisher dominierenden Mama-Typus – Geek Chic wurde, ist nun die nächste Celebrity-Moms haben den kommer-
verstehen den Umstand, Mutter ge- Verwandlung vom Außenseiter zum ziellen Mehrwert ihres Nachwuchses
worden zu sein, nicht als Gegenent- Insider zu beobachten: die vom umsor- erkannt und nutzen diesen ungeniert
genden Muttertier zur Lifestyle-Mom. als lukrative Einnahmequelle. Nachdem
Dass ein Kind in die Welt gesetzt zu Gwen Stefanie ihren Sohn Kingston erst
haben, heutzutage als Eintrittskarte als Mini-Me, als niedlich geschrumpfte
und nicht wie zuvor als Ausschluss von Version ihres Lifestyles samt Irokesen-
aktuell favorisierten Lifestyle-Welten schnitt und Lederjacke, über die Spiel-
funktioniert, spiegelt sich besonders plätze von Beverly Hills stapfen ließ, be-
gut in den Gossip-Blättchen wider. Hier gann sie den Entwurf der von Mangas
zeigen Promis, wie man Muttersein und inspirierten Kinderkollektion Harajuku
Kinderhaben für die Selbstinszenie- Mini für die US-Handelskette Target.
rung nutzt – manchmal schaffen sie es
damit sogar bis in die Abendnachrich- Nicht nur auf den Bildstrecken von
ten. Vor den amerikanischen machte im »Gala« und »Hello« ist Style das neue
letzten Oktober bespielsweise die Auf- Lieblingsfach der Mütter geworden. Ei-
regung darüber nicht Halt, ob Beyoncé ne kleine Auswahl der Klassenbesten,
beim Auftritt in einer TV-Talkshow eine die vormachen, wie man traditionelle
künstliche Verstärkung trug, um ihren Muttergefühle mit aktuellem Stilemp-
Babybauch größer wirken zu lassen. Ihr inden kombiniert, präsentieren die
Management dementierte dieses Ge- New Yorker Lifestyle-Redakteurinnen
rücht. Was aber blieb, waren Spekula- Violet Gaynor und Kelly Stuart in ihrem
tionen, dass die Sängerin ihre Schwan- Blog The Glow: Gekonnt beiläuig in-
gerschaft betonen wollte, um diese szenierte Fotos von Galeristinnen, De-
besser zu vermarkten. Der Babybauch signerinnen und Künstlerinnen, die mit
ist schließlich in – und von Ruhige-Ku- ihren Kindern daheim herumtollen, ge-
gel-Schieben dann keine Spur. »Ich hat- ben einen Einblick »in die Welt inspirie-
te noch nie so viel Interviewanfragen, render und modischer Mums«.
wie seit ich schwanger bin«, schwär- Für eine Versöhnung von Fashion
mte der R-’n’-B-Star. und Familie plädiert zudem der
Foto: Jean-Francois Carly c/o Shotview Photographers, www. shotview.com, Model: Helen McCusker, Elite London page 04.12 045

Frech statt fürsorglich:


Für »The Mama Issue:
Because I said so!« des
Berliner Magazins »I
love you« (Spring 2011)
setzte Jean-Francois
Carly eine Schwangere
provokant in Szene
046 page 04.12 KREATION Neue Mütter

Schweizer Blog Familianistas. Die


beiden Macherinnen, Nicole Gutschalk
und Andrea Bornhauser, verstehen ihn
als alternatives Onlineangebot zu den
chattenden Müttern, »die auf unattrak-
tiven und unübersichtlichen Familien-
portalen endlos über Zeckenimpfun-
gen und postpubertäre Wutanfälle dis-
kutieren«. Und vielleicht auch zu dem
bloggenden Universum von Pregnant
Hill (Prenzlauer Berg in Berlin), wo Müt-
ter sich ein um sich selbst drehendes
Chat-Imperium aufgebaut haben zu
dem unter anderem der Blog Slomo
von Okka Rohd gehört, die neben Lieb-
lingsdingen und Kuchenrezepten auch
immer wieder Fotos von ihrer Tochter
Fanny hochlädt.

Die Printpresse hat die neuen Mütter


und deren Selbstverständnis als markt-
Auf ihrem Blog
relevante Lesergruppe natürlich eben-
The Glow setzen
falls entdeckt: Wem »kid’s wear« bis-
sich Mütter aus
her zu modelastig und »Eltern« zu brav
der New Yorker
war, hat heute die Auswahl zwischen
Kreativszene
»GALAkids« (»Deutschlands erstes Kin-
ins perfekte Licht
dermagazin, das auch stylishen Mamis
Spaß macht!«),»Nido« (»Lifestylema-
gazin für junge, urbane, moderne El-
tern«), »Brigitte Mom« (»eine Frauen-
zeitschrift – und kein problemorientier-
ter Ratgeber«), und »kleinformat« (»das
Magazin für kreative Eltern«) bis hin zu
dem australischen »papier mache« (»ein
sehr süßes Kindermagazin«).
Wie erfrischend eigensinnig man
sich dem Thema annähern kann, zei-
gen die »Mütter«-Ausgaben von »Dum-
my« und »I love you«. Die »Dummy«-Ge-
schichten, gestaltet von Bureau Mario
Lombardo, handeln von Muttersöhn-
chen und Diktatorinnen, »I love you«
hingegen thematisiert in seinem »The
Mama Issue: Because I said so!« neben
Candice Breitz’ »Mother and Father«-
Abbildung: Target

Gwen Stefani
Videoinstallation den Bauch während
posiert für ihre
der Schwangerschaft auch in sexy pro-
Kindermodelinie
vokativen Modefotograien.
Harajuku Mini

Was Suri Cruise Das ästhetische Update der Mutter-


trägt, zeigt ein rolle hat auch die Produkt- und Kon-
eigener Blog, der sumwelt rund ums Kind auf den Kopf
auch direkt zu gestellt. Vor in Rosa und Hellblau ge-
den Labeln verlinkt tunkten Bärchen muss sich heute nie-
mand mehr fürchten – zumindest so-
lange der Nachwuchs nicht ein Wort
mitreden will. Vielmehr ist die Kinder-
mode drauf und dran, in Sachen An-
gebot, Markenvielfalt und Trends mit
der Fashionindustrie für Erwachsene
gleichzuziehen.
Shelly Rosenblum arbeitet gerade
an ihrer Masterarbeit an der Zürcher
Hochschule der Künste mit dem Titel
»Childhood Goes Stylehood« und stellt
dabei fest, dass »die Nachfrage und das
page 04.12 047

Angebot von Kinderprodukten vielfäl-


tiger, individueller und globaler gewor-
den ist«, dass »das Kindersegment drei
Mal so stark wie das vergleichbare Er-
wachsenen-Segment wächst« und »die
Labels sich zunehmend gezielter an be- »Dass jetzt erotik
stimmte Stiltypen richten«.
Ein typisches Beispiel für diesen Hö- und Kinder, ja gar
henlug ist die Kindermode-Shopping-
plattform Little Fashion Gallery, von der Stil, Ästhetik,
die Moderedakteurin des »Guardian«,
Jess Cartner-Morley, sagt, »sie ist wie
netaporter.com, nur niedlicher«. Mit
eleganz und Kinder –
Marken von Petit Bateau bis hin zu
Paul Smith Junior vermeidet sie be-
und sei es nur in
wusst das Klischee »von Mädchen in
Glitzer und Pink und Jungs in prakti-
der Traumindustrie –
scher Gebrauchskleidung«.
Auch etablierte Labels haben auf-
zusammengedacht
gerüstet. Gucci lässt Jennifer Lopez mit
ihren Zwillingen auf einer Doppelseite werden, ist nur gut«
für ihre aktuelle Kids-Kollektion, zu
Dr. Barbara Vinken, Professorin für Franzö-
der Polo-Shirt-Strampler und violette
sische und Allgemeine Literaturwissenschaft
Leder-Bomberjacken gehören, posie-
an der Ludwig-Maximilians-Universität
ren. Hipster-Brands wie Opening Ce-
München, Autorin des viel diskutierten
remony, Acne und American Apparel
Buches »Die deutsche Mutter«
oder Designer wie Marni, Lanvin und
Marc Jacobs launchen eigene Kinderli-
nien, die ihren erwachsenen Vorbil- Mütter auf High Heels, mit Designerkinder- schen Beruf und Muttersein zerrissen, in
dern in Aufwand und Aufmachung in wagen und Business-Kostüm – Industrie, Wer- einem ständigen Konlikt leben. So eine
nichts nachstehen. bung und Medien propagieren ein neues Bild Mutter muss doch von Schuldgefühlen und
der Mutter, die Beruf und Berufung stylish schlechtem Gewissen geplagt sein und sich
Immer schneller werden aktuelle Vor- unter einen Hut bringt. Was halten Sie davon? gleichzeitig im Beruf als nicht ganz vollwer-
lieben und Trends aus der »erwachsen- Barbara Vinken: Erst mal ist das einfach tig empinden, rundum Beschneidung ge-
en« Modewelt ins Kindersortiment hin- nur schön, weil es mit dem alten deutschen wissermaßen. Alles natürlich noch schlim-
ein übersetzt. Wer beispielsweise sonst Vorurteil aufräumt, dass Mütter nicht sexy mer, wenn man keine Kinder hat (nicht ganz
bei Interieur und Outit dem Retro- sind und Frauen ihre Weiblichkeit an der Frau) oder keinen Beruf ausübt (nur Frau).
trend folgt, muss bei Kinderprodukten Garderobe abgeben, wenn sie Mütter wer- Eine elende und überlüssige Zwickmühle.
keine Einschränkungen mehr hinneh- den. Ein Ad-acta-Legen unserer Phobie vor Dass dieser Leitbildkonlikt jetzt auch im öf-
men. Ob innische Designklassiker aus der erotischen Mutter, ein Hinter-sich-Las- fentlichen Diskurs offener ausgetragen und
den 1970ern, limitierte Unikatserien, sen der Vorstellung von der Mutter als bes- nicht totgeschwiegen wird, ist schon mal
der Child’s Barcelona Chair oder das serem Menschen, dem Gutmenschen in Bio. ein Fortschritt. Er macht andere Möglich-
Eames-Haus als Bauklötzchenspiel – Da muss ich an Jeanne Moreau denken, die keiten vorstellbar.
Anbieter spezialisieren sich immer stär- hoch auf dem Felsen mit zwei Kindern an Beschränkt sich diese Heterogenität auf die
ker darauf, das Stilbewusstsein der der Hand Jungs am Strand beim Ballspielen ästhetische Ebene? Bildlich gesprochen: Ist
Mütter bis ins Kinderzimmer zu trans- zuschaut und sich währenddessen beiläuig ein Street-Art-Strampler von Stella McCartney
portieren. Der italienische Händler Nu- ihren nächsten Liebhaber ausguckt. Dass ein Fortschritt?
mero 74 beispielsweise verschafft res- jetzt Erotik und Kinder, ja gar Stil, Ästhetik, Nein, ein Strampler von Stella McCartney ist
taurierten und trotzdem um Patina Eleganz und Kinder – und sei es nur in der an sich kein Fortschritt. Das Kind als Luxus-
bedachten Vintage-Kindermöbeln ein Traumindustrie – zusammengedacht wer- objekt, mit allen Fetischen des Konsums aus-
zweites Leben in den Retro-Kinderzim- den, ist nur gut.  gestattet, ist eine amerikanische Erindung
mern der modernen Eltern und wird Von der Latte-macchiato-Mutter bis zur und nicht weniger zeitaufwendig als bei uns
für dieses Angebot in deren Blogs und Domestic Domina sind in den letzten Jahren das Schnippeln von Biogemüse. 
Zeitschriften bejubelt. viele neue Etiketten entstanden . . . Ist die Heterogenität der Muttertypen dann
Sehr deutlich zeigt sich die Plurali- Ja, das Bild der Mutter ist heterogener ge- so etwas wie die ästhetische Lösung eines
sierung und Ästhetisierung des Kinder- worden. Das liegt hauptsächlich daran, dass sozialen Problems? 
segments beim Kinderwagen. Deshalb wir kein Leitbild, sondern einen Leitbild- Sie ist keine Lösung; aber sie macht den
wohl auch, weil dieser sich, als eine Art konlikt haben. Es fällt hierzulande noch im- Leitbildkonlikt sichtbar. Sie artikuliert ihn,
Schnittstelle zwischen privatem und öf- mer schwer, sich eine Mutter vorzustellen, und das ist gut. Auf diese Weise entstehen
fentlichem Leben, seit jeher besonders die mit Haut und Haaren Mutter und, sagen andere Bilder im Kopf, die lieb gewonnene
für das demonstrative Zuschaustellen wir, mit Haut und Haaren Anwältin ist. Das Klischees – die Rama-Familie, die Persil-
des eigenes Nachwuchses eignet. Gut erscheint uns anders als unseren europä- weiß-Mutter, die Mutter, die nonstop gutge-
zu erkennen ist hierbei wie Vermark- ischen Nachbarn nicht als die normalste Sa- launt für das Wohl der Ihren im Dienst ist –
tungsprinzipien, die man bereits aus che der Welt. Für die meisten Leute in Deut- verdrängen. Je mehr Frivolität, desto besser.
anderen Bereichen der Konsumgüter- schland sind Frauen Menschen, die, zwi- Ausgezeichnet also, würde ich sagen.
industrie kennt, adaptiert werden.
048 page 04.12 KREATION Neue Mütter

Über 200 Kindermar-


ken vertreibt Little

Foto: Patrick Swirc


Fashion Gallery in
ihrem Onlineshop,
den sie in Mode-
magazinen bewirbt

Sei es in Form von Kooperationen ren, die durch ausgefallene Designde-


mit Nachwuchsdesignern oder limitier- tails wie Knöpfe, Schnallen und Drapie-
ten Sondereditionen. rungen in den Stand von Fashion-Items
erhoben werden. Die Anzeigen sind
Vorne mit dabei sind die Must-have- kunterbunte Modeinszenierungen, die
Kinderwagen urbaner, moderner Müt- weder auf Praktikabilität noch Sicher-
ter der holländischen Marke Bugaboo, heit ausgerichtet sind, sondern beson-
die schon 2008 mit Marc Jacobs koope- ders auf Glamour. Mit diesem Selbst-
rierte, auch wenn es die auf 15 Stück li- bewusstsein trat Cybex gerade – als
mitierte Sonderedition nur an ausge- erste Kinderwagenmarke überhaupt –
wählten Orten wie etwa dem legendä- auf der angesagten Streetwear-Messe
ren Concept Store Colette in Paris zu Bread & Butter in Berlin auf und ließ in
bestaunen gab. Heute, vier Jahre und einer Performance Models die Kinder-
einige Kooperationen später, unter an- wagen an den Hightech-Ständen der
derem mit Paul Smith, und nach Edi- Labels adidas, Hiliger oder Eastpak
tionen wie Denim, ist nun das Ergebnis entlangschieben.
aus der aktuellen Zusammenarbeit mit Noch eleganter, wohl inszenierter
dem italienischen Fashionlabel Missoni und hintergründiger präsentiert Henrik
in jedem etwas größeren Kinderfach- Vibskov, junger dänischer Modepapst,
geschäft zu kaufen. Filmemacher und Musiker, seine Kollek-
Die Kinderwagenkollektion von Cy- tion für die niederländische Buggy-Mar-
Foto: Alexandrena Parker

bex hingegen, die in Kooperation mit ke Quinney: Als düster atmosphärisch-


dem hippen Modelabel Lala Berlin ent- es Märchen setzte die Agentur smel aus
stand, präsentiert sich als frisch von Amsterdam das Schwarz der Kinderwa-
den Laufstegen bei den Prêt-à-porter- gen in einem hochwertigen Lookbook,
Schauen in Paris, Mailand oder New Broschüren und auf einer Website um,
York herabgestiegen – mit Kinderkar- die, so Kreativdirektor Carlos Elias, den
Objekten »eine unverwechselbare und
Das australische
hochwertige Anmutung» gibt – und
Kindermagazin
erfolgreich in »Vogue«, »ID«, »Dazed &
»papier mache«
Confused« oder »ZOO Magazine« ge-
zeigt, was moder-
featured wurden.
ne Kinder tragen

Der neuen Präsenz der Mütter hat


sich auch Pamela Paul in ihrem Buch
»Parenting, Inc.« von 2008 gewidmet.
Für die »New York Times«-Journalistin
und Autorin haben sich Kinder zu Sta-
tussymbolen gewandelt, deren Wert
man mit Investitionen in das richtiges
Outit, die beste Erziehung oder die
coolste Einrichtung des Kinderzimmers
nach oben treibt. Pamela Paul glaubt,
dass hierbei der Zugang zu Informa-
tionen, durch Blogs oder Modemaga-
zine, eine besondere Rolle spielt, da
Retro-Designer- sich Eltern so direkt an Trends und Hy-
möbel für die lie- pes orientieren können. »Doch auch
ben Kleinen ver- die Tatsache, dass tendenziell weniger
treibt das italie- Kinder pro Familie geboren werden, je-
nische Handmade- doch von immer mehr zahlungskräf-
und Vintage-Label tigen und anspruchsvollen Eltern zwi-
Numero 74 schen 30 und 40 Jahren führt dazu,
050 page 04.12 KREATION Neue Mütter

dass Kinder vom Investitionsgut


zum Konsumgut werden und als Sta-
tussymbol funktionieren.«
Marketing, Markt- und Trendfor-
schung haben die neuen Mütter be-
reits längere Zeit im Visier und versu-
chen diese mit knackigen Wortschöp-
fungen in zielgruppentaugliche For-
mate zu überführen. Oder, um es mit
der Euphorie der »W&V« vom Herbst
2010 zu sagen: »Lohas-Mütter, Yum-
my-Mummies und Organic Moms als
Trendsetter, an denen kein Modelabel,
kein Autohersteller und kein Nahrungs-
mittelkonzern mehr vorbeikommt. Sie
sind die neuen Ikonen der Konsum-
und Werbewelt«.

Besondere Popularität erlangte dabei


die Latte-macchiato-Mutter, deren Le-
benswelt das Zukunftsinstitut in Kelk-
heim, das den Begriff kreiert hat, fol-
gendermaßen beschreibt: »Vorzugs-
weise am späten Vormittag ab elf Uhr
blockieren die neuen Hipster-Mütter
(dank Elterngeld, Teilzeit und New
Work) mit ihren schreienden Babys die
In-Locations der Szeneviertel (. . .)« Ähn-
liches erfuhr die Journalistin Anjas Mais
bei der Recherche für ihr Buch »Lassen
Sie mich durch, ich bin Mutter«. Eine
Vorveröffentlichung ihrer bissigen Sei-
tenhiebe in Bezug auf die spätgebä-
renden, aus der schwäbischen Provinz
entlohenen Latte-macchiato-Mütter
des Prenzlauer Bergs in der »taz« be-
legt mit beinahe 600 geposteten Kom-
mentaren auf den Onlineseiten der
Zeitung, wie sehr das Aufbrechen al-
ter und Entstehen neuer Muttertypen
die Leute bewegt.
Als eine Untergruppe der Latte-
macchiato-Mütter gelten die Loha-
Design by smel, commissioned by Press Only. Campaign images: Frederik Heyman

oder auch Organic-Mums, einfach weil


bei ihnen oder vielmehr ihren Kaufent-
scheidungen die Kategorien Bio und
Organic eine übergeordnete Rolle spie-
len. Von ihnen unterscheiden lassen
sich wiederum die Yummy Mummies,
deren Kategorisierung über die USA
und England mittlerweile bis zu uns
gewandert ist. Yummy Mummies, die
auch als Luxus-Mütter beschrieben
werden, sind Mütter, die so arbeiten
und so aussehen als seien sie gar kei-
ne Mütter. Also, verkürzt gesprochen:
sie sind erfolgreich, schlank, modisch
und ausgeschlafen. Eng mit ihnen ver-
wandt sind die sogenannten Boome-
rang Mums, die schnell genau dort
wieder die Karriereleiter hochsteigen
wollen, wo diese schwangerschaftsbe-
Als düstere Märchenwelt inszenierte dingt ausgestiegen sind. Jedoch spä-
die Amsterdamer Agentur smel die testens dort holt die Wirklichkeit die
Kinderkarren, die Modepapst Henrik wohl inszenierte Lifestylewelt wieder
Vibskov für Quinny entwarf ein. Sabine Danek/Judith Mair
page 04.12 051

Foto: Daniela Müller-Brunke

Oben: Cybex präsentierte auf der Bread & Butter eine zusam-
men mit dem Modelabel Lala Berlin kreierte Kinderwagen-
kollektion. Unten: Für eine limitierte Kollektion kooperierte das
Modelabel Missoni mit der Kinderwagenmarke Bugaboo
052 PAGE 04.12 KREATION Social-Media-Fortbildungen

Mach mit
Wie können Kreative ihre Web-2.0-Aktivitäten fürs Business
nutzen? Social-Media-Seminare und -Coaches helfen ihnen dabei

n Sie führt ein digitales Leben par Das Know-how von Social-Media-Ex-
excellence: schreibt drei Blogs, versen- perten ist bei Designern sehr gefragt.
det Tweets, ist in Xing zu inden und Wie Stephanie Wiermann holen sich
hat sich sofort bei Google+ angemel- immer mehr Gestalter entweder einen
det. Zu einer Community fand Stepha- Coach an ihre Seite oder besuchen Se- Drei Fragen an
nie Wiermann aber nicht so recht Zu- minare. Die Motivation ist dabei ganz
gang: Facebook. »Ich bin bei Twitter unterschiedlich. Die einen wollen ihre Tim Brysten, Social Media Coach
sehr aktiv. Statt E-Mails hin und her zu eigenen Auftritte fürs Business opti-
schicken, tausche ich mich per Tweets mieren, die anderen sehen darin ei-
aus Düsseldorf
mit Fachleuten und Kollegen aus«, sagt ne Zusatzqualiikation. Manche wollen
die Hamburger Webdesignerin. »Face- schlicht eine Strategie in ihre Social-Me- Sie kommen selbst aus dem Designbusiness.
book dagegen konnte ich nie so richtig dia-Aktivitäten bringen, manche end- Warum sollten sich Gestalter mit Social Media
greifen. Ich fand es schwierig, zu erken- lich wissen, wie es um das Copyright auseinandersetzen?
nen, wann, zu welchen Zeiten die User im Mitmach-Web bestellt ist und wie Social Media bilden eine Verbindung zwischen allen
aktiv sind und welche Sprache ich nut- sie ihre Arbeit schützen können. Wer anderen Kommunikationskanälen und lassen diese
zen sollte, um zum Beispiel auf Inhalte sich weiterbilden möchte, wird schnell im sozialen Raum konvergieren. Das bedeutet, dass
meiner Blogs zu verweisen.« Statt sich feststellen: So groß wie das Feld der sie eine unendliche Quelle der Inspiration sind gleich-
alles selbst zu erarbeiten, beschloss sie Social Media ist auch das Angebot an zeitig aber auch der Ort, an dem die Gesellschaft ihre
kurzerhand, sich von Agnieszka Krze- Weiterbildungen. Da das passende für Codes neu aushandelt. Designer aller Couleur sollten
minska coachen zu lassen. sich zu inden, dauert seine Zeit. hier knietief drinstecken und sich die Hände schmut-
Ins Coaching starteten die beiden Von Vorteil ist es, sich bereits im Vor- zig machen.
mit einem Workshop. Hier wollte Krze- feld klarzumachen, auf welchem So- Inwiefern sind Social Media auch für das Business
minska herausinden, wie Stephanie cial-Media-Level man sich bewegt, wie nützlich?
Wiermann in den einzelnen Netzwer- viel Zeit und Geld einem die Weiterbil- Soziale Netzwerke bieten Möglichkeiten zur Markt-
ken kommuniziert und wie sie diese dung wert ist und ob man besser in forschung, zum Dialog mit Kunden, zur Beschleuni-
als Schnittstellen nutzt: »Ich schaue der Gruppe lernt oder aber im Einzel- gung von Innovationsprozessen, die vor wenigen
mir jeden Coachee genau an und frage gespräch. Seminare sind oft günstiger Jahren noch Science-Fiction oder unbezahlbar wa-
auch, welcher Wettbewerber seines als ein Coaching. Hier handeln meist ren. Damit sind sie ein unverzichtbarer Bestandteil
Erachtens richtig gut postet. Diese Sei- unterschiedliche Experten eine große des Kreationsprozesses geworden. Auf der anderen
ten analysieren wir dann und überle- Bandbreite an Themen ab. Ein Coa- Seite gibt es unzählige gestalterische Aufgaben zu
gen, ob ein ähnliches Konzept auch zu ching bietet dagegen ein gut auf die lösen, auf die Designer sich stürzen sollten. Wie lange
seinem Auftritt passen würde.« Auf jeweilige Person zugeschnittenes Pro- bleibt eine Marke in den sozialen Netzwerken mit ih-
dieser Grundlage erarbeiteten beide gramm. Als dritte Möglichkeit stehen rer Botschaft verbunden? Wie funktionieren Meme?
gemeinsam schließlich ein Post-Kon- E-Learning-Seminare zur Auswahl, die Welche kommunikativen Mittel sollte man einsetzen,
zept und einen Redaktionsplan. Letz- unabhängig von Zeit und Ort eine Fort- wenn man stets mit Widerspruch und Diskurs rech-
terer sei wichtig, um eine gewisse Re- bildung ermöglichen. nen muss? Wie geht man mit einem Shitstorm um?
gelmäßigkeit der Nachrichten zu ge- Egal, für welche Form man sich ent- Sie arbeiten unter anderem als Social-Media-Dozent.
währleisten. Nach dem Ende des Work- scheidet – die Qualität des Angebots Was möchten Sie den Seminarteilnehmern mitgeben?
shops verfolgte Agnieszka Krzemins- hängt stark von den jeweiligen Exper- Dass Social Media nicht nur ein neuer Kanal sind, son-
ka noch einige Wochen lang Stephanie ten ab. Es lohnt also, sich die Sprecher dern die Bedingungen, unter denen Gesellschaft statt-
Wiermanns Posts und gab ihr immer genauer anzuschauen, ihre Blogs zu indet, verändern. Wir erleben das im Kleinen, wo sich
wieder Feedback dazu. besuchen, zu prüfen, in welchen Netz- im Alltag Kunden, Freunde, Follower, Mitarbeiter und
Bei Kunden, die noch nicht so So- werken sie angemeldet sind und auf Dienstleister nun gegenseitig sehen, Informationen
cial-Media-afin sind wie die Webde- welchen Kongressen sie sprechen. Sind austauschen und Netzwerklücken schließen können.
signerin, ist es Agnieszka Krzeminska sie etwa auf der re:publica vertreten, Und auch im Großen, wo Social Media am Umsturz
wichtig, zu zeigen, dass es im Web 2.0 auf der Social Media Week oder der von Regimen beteiligt sind. Designer und Unterneh-
nicht reicht, Facebook-Posts zu schrei- webinale? Welchen Ton schlagen sie men müssen ihre Rolle darin noch inden. Dazu ge-
ben. »Im Social Web gilt es, mitzuma- selbst an, welche Themen sind ihnen hört, funktionierende Strategien und verständliche
chen, die Vielfalt der Plattformen von wichtig. Um den Einstieg in die Semi- Guidelines zu entwickeln: Teil meiner Seminare ist
Etsy bis Vimeo zu nutzen, in Foren zu narsuche zu erleichtern, haben wir ei- es, aufzuzeigen, wie sich Geschäftsmodelle in einer
diskutieren und gemeinsam in Wikipe- ne kleine Übersicht interessanter An- so stark vernetzten Gesellschaft verändern müssen.
dia zu schreiben«, erklärt sie. gebote für Sie zusammengestellt. nk
PAGE 04.12 053

Auf einen Blick


Social-Media-Workshops und -Coaching-Angebote

SEMINARE Social Media machen: von der Betreuung der Nina Dierks
eigenen Social-Web-Proile bis hin zu Social- Die Hamburger Rechtsanwältin berät in Sa-
Media-Advertising. chen Social Media und betreibt den Blog So-
Art Directors Club für ≥ www.good-school.de cial Media Recht Blog, in dem sie Stellung zu
Deutschland aktuellen Rechtsproblemen im Web 2.0 nimmt.
Die Social-Media-Angebote des ADC setzen Hochschule für Wirtschaft Zürich Sie ist Mitglied im Social Media Club und bei
auf zwei Ebenen an: Eine Art Grundlagenkurs An der HWZ gibt es den Zertiikatslehrgang den Digital Media Women Hamburg.
für den Kreativnachwuchs ist der zweitägige Social Media Management, der Kommunika- ≥ www.socialmediarecht.de
Workshop »ADC Young Masters – Social Me- tionsprois in die Welt des Web 2.0 einführen
dia«. Die Teilnehmer sollen von Experten ler- soll. Das berufsbegleitende Seminar läuft ein Henning Krieg
nen, wie man in den sozialen Netzwerken ei- Semester und will die Teilnehmer in die Lage Der Berliner Rechtsanwalt Henning Krieg ist
nen offenen Dialog mit seiner Zielgruppe führt versetzen, Social-Media-Strategien für Unter- Blogger von kriegs-recht.de. Er hat sich auf
und Kreativkampagnen auf Facebook und Co nehmen zu entwickeln. Der nächste Lehrgang Onlinerecht spezialisiert und gibt Vorträge
lanciert. Das Seminar kostet etwa 580 Euro. An startet am 7. August. sowie Inhouse-Schulungen.
Verantwortliche in der Markenführung aus Un- ≥ www.fh-hwz.ch ≥ www.kriegs-recht.de
ternehmen, Agenturen und der Kommunika-
tionsbranche richtet sich das Social-Media-Se- Internationales Design
minar in der »Management Dialog«-Reihe. Zentrum Berlin
Die Teilnahmegebühr beträgt rund 980 Euro Das IDZ Berlin veranstaltet in regelmäßigen
für Frühbucher. Abständen Tagesworkshops zum Thema »PR COACHING-ANGEBOTE
≥ www.adc.de/fortbildung als Marketinginstrument für Designer/-innen:
Pressearbeit/Social Media«. Es werden ver-
Akademie des deutschen schiedene Strategien für Pressearbeit vorge- Tim Brysten
Buchhandels stellt, wobei ein thematischer Schwerpunkt Der Düsseldorfer Kommunikationsdesigner
Vom Grundlagenkurs über ein Seminar zur Facebook, Xing, Blogs und Co sind. ist Professor für Gamedesign an der Media-
Kampagnenführung bis hin zum Workshop in ≥ www.idz.de design Hochschule Düsseldorf und Gründer
Rechtsfragen – die Akademie des deutschen der Agentur richtwert. Er gibt Seminare zu
Buchhandels hat diverse Social-Media-Se- Social Media Akademie unterschiedlichen Social-Media-Themen: von
minare im Programm. Der Fokus liegt dabei Die Social Media Akademie bietet Webinare Guidelines bis hin zum Social Gaming. Tim
auf der Verlags- und Medienbranche. Zu den für Anfänger und Fortgeschrittene in Sachen Brysten arbeitet außerdem als Coach und ver-
regelmäßigen Referenten zählt Tim Brysten Web 2.0 an. Der Basislehrgang Social Media anstaltet Workshops.
(siehe Interview links). Veranstaltungsort ist vermittelt in acht interaktiven Onlinevorle- ≥ www.bruysten.com
München, die Seminar-Preise liegen bei rund sungen Grundlagen im Umgang mit Twitter,
890 Euro. Blogs et cetera. Es gibt aber auch Webinare Agnieszka Krzeminska
≥ www.buchakademie.de zu spezielleren Themen wie Corporate Social Die Hamburger Trendforscherin ist Inhabe-
Media oder Community-Management. Zu den rin der Agentur Goldene Zeiten, betreibt den
Bundesverband Digitale Dozenten gehört unter anderem Off-the-re- gleichnamigen Blog und arbeitet als Coach.
Wirtschaft cord-Blogger Olaf Kolbrück. Anfang 2010 gründete sie die Social-Media-
Der BVDW veranstaltet in der Reihe »Social ≥ www.socialmediaakademie.de Fahrschule, mit der sie vor allem Unterneh-
Media Dialog« regelmäßig Seminare, unter an- men in Strategien mit Social Media berät, aber
derem zu »Kundendialog 2.0 – CRM in Zeiten gelegentlich auch Einzelkunden annimmt.
von Facebook, Twitter & Co« oder zum The- ≥ www.socialmediafuehrerschein.de
ma Community-, Krisen- und Issue-Manage-
ment via Social Media. Die eintägigen Kurse RECHTSBERATUNG Nicole Simon
kosten circa 300 Euro und inden in unter- Die in in Berlin ansässige Beraterin Nicole Si-
schiedlichen Städten statt. mon ist bekannt als Twitter-Expertin und Co-
≥ www.bvdw.org/veranstaltungen Schwenke & Dramburg Autorin des Buches »Twitter. Mit 140 Zeichen
Die Berliner Rechtsanwälte Thomas Schwen- zum Web 2.0«. Sie hat auf diversen Veranstal-
Good School ke und Sebastian Dramburg haben sich auf tungen von re:publica über Next bis hin zu
Die Hamburger Good School hat ein auf Krea- Internetthemen wie Social Media, E-Commer- den Medientagen Vorträge zu Social-Media-
tive zugeschnittenes, praxisnahes Weiterbil- ce, Onlinewerbung, Markenrecht und Urhe- Themen gehalten. Nicole Simon bietet Schu-
dungsprogramm aufgestellt, darunter zwei berrecht spezialisiert. Thomas Schwenke ist lungen und Einzelcoachings an.
Social-Media-Workshops. »Social Media Moni- Autor des Ratgebers »Social Marketing und ≥ www.nicole-simon.eu
toring« vermittelt, wie man Fans und Konsu- Recht«. Beide Rechtsanwälte geben Seminare
menten im Internet zuhört und ihre Wünsche in Kooperation mit verschiedenen Anbietern ≥ PAGE Online
herausliest. Die Teilnahmegebühren begin- wie dem Medieninnovationszentrum Babels- Mehr zum Thema Weiterbildung im
nen bei 490 Euro. Der zweitägige Workshop berg oder dem Eurozentrum Düsseldorf. Bereich New Media inden Sie unter
»Social ABC« soll Kreative it im Umgang mit ≥ www.spreerecht.de www.page-online.de/karrierebooster
054 PAGE 04.12 KREATION Zielgruppenmarketing

Gratwanderungen
Ob alt, jung, homosexuell, Menschen mit Migrationshintergrund oder mit Behinderung:
Bei vielen Zielgruppen sind Feingefühl und Sorgfalt besonders gefragt

n Junge, moderne Deutsch-Türken rungsgruppe, mit der sich die Kom- Sprichwörter lassen sich nicht eins zu
beim Tanzen, Fußball, auf Reisen, oder munikationsbranche sorgfältig aus- eins übersetzen.« Bei der Entwicklung
beim Cruisen durch die nächtliche einandersetzen muss. Auch Ältere und der Ay-Yildiz-Kampagne setzte Grey
Stadt – im TV-Spot der Mobilfunkmar- Jugendliche, Homosexuelle und Men- auf deutsch-türkische Teams, um den
ke Ay Yildiz ist viel zu sehen, aber kein schen mit Behinderung stellen die Wer- Zugang zur Zielgruppe zu erleichtern
einziges Kopftuch. Gesprochen wird bebranche vor besondere Herausfor- und Sprachbarrieren zu überwinden.
deutsch und türkisch. Ganz verstehen derungen. Jede hat ihre Eigenheiten, Außerdem ließ sich die Agentur mehr
kann den Spot nur jemand, der beide auf welche es einzugehen gilt. Zeit und setzte auf einen engeren Aus-
Sprachen spricht – und das ist genau tausch mit dem Kunden als üblich.
die Zielgruppe, die erreicht werden soll. Ethnomarketing ist neben Jugend- Engin Ergün, Gründer von ethnoIQ
Die Kampagne der Agentur Grey marketing das wohl meist etablierte in Düsseldorf, rät ebenfalls zum direk-
trifft den richtigen Ton. Sie nimmt die Nischensegment im deutschen Werbe- ten Austausch mit der Zielgruppe: »Die
jungen Deutsch-Türken ernst, ohne in markt. Es richtet sich hauptsächlich an kulturellen Codes der Community sind
Klischees zu verfallen, und trägt gleich- deutsch-türkische Einwohner. Hier rei- für Außenstehende fast unmöglich zu
zeitig ihren Eigenheiten und Vorlieben chen reine Adaptionen oder Überset- entschlüsseln.« Seine Mitarbeiter sind
Rechnung. »Unser Temperament passt zungen deutschsprachiger Kampagnen daher wie er selbst in beiden Kulturen
nicht in 160 Zeichen«, heißt es etwa. oft nicht. Verlangt ist eine andere, emo- zu Hause. Ergün entwickelte einst bei
Daher bietet Ay Yildiz einen Prepaid- tionale Ansprache. »Werte wie Stolz, E-Plus die Marke Ay Yildiz mit. Heute
Tarif an, der unter anderem preisgüns- Heimat, Tradition und Familie spielen betreut seine Agentur Kunden wie Ha-
tige Anrufe in die Türkei beinhaltet. Die eine zentrale Rolle«, erklärt Christian ribo, Unitymedia oder Targobank. Sei-
Kampagne ist ein Beispiel für gelungen- Hupertz, CEO von Grey Worldwide. Die ne Kenntnisse untermauert Ergün mit
es Ethnomarketing, das sich respekt- Sprache ist dabei ein entscheidendes Marktforschung, ermöglicht durch eine
voll der Zielgruppe annähert. Kriterium: »Die deutsche Ausdrucks- strategische Kooperation mit der Ber-
Menschen mit Migrationshinter- weise ist für das türkische Sprachge- telsmann-Tochter AZ Direct. Die aktu-
grund werden immer wichtiger für fühl zu wenig bildhaft, zu nüchtern, zu elle Kampagne für Ay Yildiz sieht er mit
deutsche Unternehmen und Marken – kompliziert«, so Hupertz. »Auch spe- gemischten Gefühlen: »Deutsch-Türken
aber sie sind nicht die einzige Bevölke- zielle Redewendungen, Wortwitz und mögen es eigentlich nicht, wenn zwei

»Eine Nachricht
führt zur nächs-
ten«: Der türki-
sche Copytext ist
von einer Rede-
wendung abgelei-
tet, die ursprüng-
lich »Laf lafı açar«
lautet (»Das eine
Wort führt zum
nächsten«). Die
Kampagne von
Grey zeugt von
sprachlicher und
kultureller Kennt-
nis der Zielgruppe
PAGE 04.12 055

»Cheapmatz« für
alle: Für den
Prepaid-Anbieter
o.tel.o setzen
Vodafone und
Scholz & Friends
auf ein einheit-
liches Erschei-
nungsbild. Head-
und Sublines gibt
es auf Deutsch,
Türkisch, Russisch
und Polnisch

«Noch ----- Tage«:


Für Unitymedia
schuf ethnoIQ
eine Countdown-
Kampagne zur
türkischen Fuß-
ballsaison
2010/2011. Die
Symbole und
Maskottchen sind
in der türkischen
Community
bekannt und
haben einen
hohen Wiederer-
kennungswert

Sprachen vermischt werden. Das hat che ist dabei immer gleich. Know-how nen um eine gesellschaftliche Zielset-
den Anschein, als beherrsche man kei- holte sich das Team von Muttersprach- zung und bei dem anderen ums Ge-
ne der beiden richtig.« lern innerhalb des Agenturnetzwerks. schäft. Jedenfalls kommt die Entwick-
Ethnomarketing dient immer der lung eigener Kampagnen oder Pro-
Neben der Kreation ist auch die Aus- Identiikation – häuig in Abgrenzung dukte bei dieser Zielgruppe gut an –
steuerung von Werbemaßnahmen ein zur restlichen Gesellschaft. Kritiker se- manchmal ist sie sogar nötig, um diese
wichtiger Punkt beim Ethnomarketing. hen darin ein Integrationshindernis. So überhaupt zu erreichen.
»Studien belegen, dass die Zielgruppe wurde Schlecker der türkischsprachige
der Deutsch-Türken sehr audiovisuell Prospekt, den der Konzern probeweise Noch wichtiger ist das bei der An-
ist. Um Emotionen zu transportieren, in Duisburg verteilte, als anti-integra- sprache von Kindern und Jugendlichen.
sind TV-Spots eher geeignet als Print- tionistisch ausgelegt. Laut Unterneh- Hier zählt besonders der enge Kontakt
motive«, sagt Christian Hupertz. Spots men wurde die Aktion, zumindest von zur Zielgruppe. Im Grunde muss für je-
wie der für Ay Yildiz werden vor allem den Deutsch-Türken selbst, jedoch po- des Produkt und jede Marke eine eige-
in türkischen TV-Sendern wie Kanal D, sitiv aufgenommen. Ob der Ansatz wei- ne Marktforschung aufgesetzt werden,
ATV oder Kanal 7 geschaltet. Dagegen tergeführt wird, ist angesichts der pre- da alle Altersgruppen anders reagie-
setzt Scholz & Friends bei der Kampa- kären Lage des Konzerns fraglich. Er- ren und ihre Einstellungen zu Marken
gne für o.tel.o, einer Prepaid-Marke gün kann das Anti-Integrations-Argu- sehr versatil sind. Dabei hilft ein stetig
von Vodafone, auf Printwerbung und ment nicht nachvollziehen: »Die ge- geplegter Pool an aussagefreudigen
POS-Marketing. Der Einsatz in türki- zielte Ansprache erfordert Verständnis Jugendlichen, wie ihn etwa die Agentur
schen Tageszeitungen und Geschäften und Annäherung und ist ein Zeichen GarstenYoung in Frankfurt aufgebaut
ermögliche die direkte Ansprache der der Wertschätzung – was die Commu- hat. »Wir betreiben keine klassische
Zielgruppe, so Bös. Die »Cheapmatz«- nity zu schätzen weiß«, erklärt er. »Oh- Marktforschung, sondern setzen uns
Motive für o.tel.o erscheinen mit deut- nehin sollte man Integration und Mar- mit den Kindern und Jugendlichen zu-
schen, türkischen, russischen und pol- keting nicht miteinander vermischen.« sammen und unterhalten uns. Die Ge-
nischen Headlines, die visuelle Anspra- Schließlich handelt es sich bei dem ei- spräche werden geilmt und an-
056 PAGE 04.12 KREATION Zielgruppenmarketing

gen aufgrund höherer Lebenserwar-


tung und Fitness auch für ältere Kon-
sumenten ein Thema. Dabei ist es wich-
tig, nicht allein über das Alter zu kom-
munizieren. Es sollte vielmehr normal
sein, dass verschiedene Altersgruppen
ein Produkt oder eine Marke nutzen
und in der Werbung zu sehen sind.
Natürlich gibt es auch Produktkate-
Besonders die gorien, die altersspeziisch sind und de-
Tourismus- ren Kommunikation zwangsläuig da-
branche hat die rauf Bezug nimmt, etwa Medikamente
schwul-lesbische oder altersgerechte Elektronik. Dazu
Zielgruppe für zählen auch Kosmetikprodukte für »rei-
sich entdeckt. fe« Haut und Haare. Hier sind Empathie
Reiseanbieter und Respekt für die Zielgruppe gefragt.
gehören zu den So hat die Marke Dove mit ihrer »Pro
größten Kun- Age«-Kampagne, die ältere Frauen sehr
den der Agentur ästhetisch in Szene setzt, viele Sympa-
Communigayte, thien gewonnen – auch bei Jüngeren.
die auch das Ein aktuelleres Beispiel ist eine Mar-
Motiv für das ketingkampagne von Schwarzkopf für
LGBT-Festival in die Produktreihe Powerful Age. Der
Reykjavik Konzern zeigt sein Testimonial Renate
entwickelte Gerdes in mehreren YouTube-Videos
bei der Haarplege im Salon sowie in ei-
nem Imagespot, in dem die 72-Jährige
aus ihrem Leben erzählt. Sie ist eine
moderne, ältere Frau, die Wert auf ein
geplegtes Äußeres legt, mit ihren Kin-
dern über Skype kommuniziert und
mit ihrem Mann weite Reisen unter-
schließend unter pädagogischen, gisch wertvoll« sein, so Garsten. Viele nimmt. Entdeckt hat Schwarzkopf die
strategischen und kreativen Gesichts- Kampagnen sendeten falsche Signale Dame übrigens bei einem Facebook-
punkten analysiert«, erklärt Geschäfts- aus, wie zum Beispiel unangemessene Casting von L’Oréal. Die Konkurrenz-
führer Thorsten Garsten. Vor allem Em- Laszivität oder übermäßigen Konsum. marke hatte Renate Gerdes trotz des
pathie sei hier besonders wichtig: »Man Gleichzeitig muss das Ziel natürlich der ersten Platzes bei der Publikumswahl
muss sich in die Zielgruppe hineinfüh- Absatz von Produkten sein – ein schma- nicht für ihre Kampagne ausgewählt,
len und sie mögen.« ler Grat. Eine weitere Schwierigkeit be- sondern sich für ein jüngeres Testimo-
Bei der Kampagnenentwicklung ist steht darin, dass viele Kunden verlan- nial entschieden.
viel Liebe zum Detail gefragt, Allge- gen, neben den Jugendlichen auch El-
meinplätze funktionieren nicht. Laut tern oder Lehrer anzusprechen. »Ein Während Jugendliche und Best Ager
Garsten sind daher spezialisierte Agen- oft unmögliches Unterfangen«, so Bös. schon lange im Visier der Unternehmen
turen im Vorteil. Eine Faustregel be- »Sinnvoll ist in diesem Fall eine zwei- stehen, ist Werbung für und mit Homo-
züglich Kreation gebe es aber: »Je jün- strahlige Kampagne mit einer media- sexuellen noch ein Nischenthema –
ger, desto mehr kreative Elemente; je len Aussteuerung nach Zielgruppen.« sie indet meist in den Magazinen, On-
älter, desto authentischer«, so Garsten. line-Medien und TV-Sendern statt, die
Zudem sollte die Sprache reduziert Eine andere Zielgruppe, die zuneh- sich speziell an diese Zielgruppe wen-
und unaufgesetzt sein sowie frei von mend in den Fokus der Werbebranche den. Dabei hat die Akzeptanz und das
Ironie und Zweideutigkeit, da diese in gerät, sind Best Ager. Im Gegensatz zu Interesse an der Community innerhalb
der Zielgruppe oft nicht verstanden Jugendlichen ist hier oft keine speziel- der letzten Jahren extrem zugenom-
würden. »Die Herausforderung besteht le Ansprache nötig. Stattdessen ist es men, sagt Michael Drescher, Gründer
besonders darin, den Humor und die wichtiger, dass Kampagnen generation- der Gaymarketing-Agentur Communi-
Tonalität der Zielgruppe glaubwürdig enübergreifend funktionieren. »Die So- gayte in Dreieich bei Frankfurt. Schwule
und authentisch zu treffen«, bestätigt ziodemograie, also Alter und Beruf et und lesbische Konsumenten gelten
Roland Bös, Geschäftsführer Beratung cetera, spielt bei der kreativen Entwick- aufgrund ihres Lebensstils und ihrer Fi-
bei Scholz & Friends in Hamburg. Die lung eine immer geringere Rolle. Viel- nanzstärke als attraktive Zielgruppe.
Agentur setzt daher neben strategi- mehr interessieren wir uns dafür, wie Das hat besonders die Tourismusbran-
scher Marktforschung auf Teams, die Kunden ticken, wie sie sich verhalten, che für sich entdeckt, die etwa Wer-
aus jungen Menschen sowie Mitarbei- welche Werte für sie wichtig sind und bung für Reisen außerhalb der Ferien-
tern bestehen, die selbst Kinder haben in welcher Lebensphase sie sich bein- zeit speziell auf sie zuschneidet.
oder anderweitig im stetigen Kontakt den«, erklärt Roland Bös. Das gilt be- »Es braucht eine gewisse Sensibili-
mit Jugendlichen stehen. sonders für Luxus- und Konsumgüter, tät, um von der Zielgruppe ernst ge-
Werbung für Minderjährige bringt die man bisher eher Jüngeren zuge- nommen zu werden«, führt Michael
besondere Verantwortung mit sich. Sie schrieben hat, wie Urlaube, Autos oder Drescher aus. Überzeichnungen wür-
sollte »moralisch, ethisch und pädago- Möbel. Heute sind diese Anschaffun- den schnell zu unschmeichelhaften
058 PAGE 04.12 KREATION Zielgruppenmarketing

Extremsportler
Simon Wheat-
croft ist einer der
Protagonisten
der asics-Kampa-
gne »Made of
Sport« von 180
Amsterdam.
Dass er blind ist,
spielt nur bei-
läuig eine Rolle
und gibt seiner
Geschichte
eine weitere
Dimension

Karikaturen, die gängige Vorurteile speziell mit der Thematik auseinander- In einem Nebensatz erwähnt der Ex-
bedienen. Eigentliches Ziel müsste es setzen. Das Zurückschrecken von Un- tremsportler darin, dass er blind ist,
sein, Homosexuelle in regulären Kam- ternehmen und Agenturen hat einen und erklärt, wie ihm der Bogen des As-
pagnen etwa in General-Interest-Maga- Grund: Ruft die Darstellung von Be- phalts dabei hilft, sich auf einer Straße
zinen anzusprechen. Eine Spezialagen- hinderungen in der Werbung doch zu orientieren. Seine Geschichte ist ei-
tur wie Communigayte sollte nicht nur schnell Irritationen und Proteste her- ne der stärksten der gesamten Kam-
dafür genutzt werden, spitze Zielgrup- vor. Trotz der Rücksprache im Vorfeld pagne. Dass Wheatcroft blind ist, spielt
pen in Nischenmedien zu erreichen, mit Betroffenenverbänden ist eine sol- dabei eigentlich keine Rolle – es geht
sondern ihr Know-how in breiten Kam- che Kampagne nicht vor Kritik gefeit – einfach um einen Menschen, der Hür-
pagnen einzubringen. Vor diesem Vor- das gilt nicht nur für Schockwerbung à den überwinden muss, um das zu tun,
gehen schrecken die meisten Unter- la Benetton. was er am liebsten tut: laufen. Seine
nehmen aber noch zurück. So sorgte die österreichische Unter- Behinderung wird dabei eher beiläu-
Wie bei anderen Nischenzielgrup- wäschemarke Palmers im Herbst 2011 ig zum Thema, denn im Mittelpunkt
pen ist laut Drescher bei der Gay-Com- für Aufruhr. Sie zeigte in einem TV-Spot steht das Talent und die Hingabe des
munity wichtig, dass sie sich angespro- eine halbnackte Frau, die sich langsam Sportlers. »Uns war ein realistischer
chen und akzeptiert fühlt. Diese Wert- anzieht und dann mit ihrem Blinden- und inspirierender Zugang zum Thema
schätzung macht eine Marke sympa- stock das Haus verlässt. Das Motto: Die Sport wichtig«, erklärt Remco Rietvink,
thisch und ernsthaft. »Die Abbildung Unterwäsche sieht nicht nur gut aus, PR-Manager bei asics. »Deshalb zeigen
der realen Vielfalt der Gesellschaft, sie ist auch so komfortabel, dass Seh- wir Olympia-Teilnehmer und Freizeit-
Offenheit und Toleranz werden auch behinderte sich für sie entscheiden. sportler, Männer und Frauen, Sportler
bei der Kernzielgruppe gut aufgenom- Mit dieser recht plumpen Idee trat Pal- mit und ohne Behinderung.«
men«, ist Drescher überzeugt. Letzt- mers in die Fußstapfen von Jeansher- Auch in einem Visa-Spot von 2009
lich sei die Kleinfamilie aus Mutter, Va- steller Levi’s, der schon im Jahr 2005 wird ein Mensch mit besonderer Be-
ter, Kind und Hund das eigentliche Kli- eine Kampagne mit einer ähnlichen gabung gezeigt: Bill Shannon, genannt
schee, das noch immer durch die Wer- Aussage schaltete. Obwohl die beiden Crutch Master, ein Freestyle-Tänzer, der
bung kolportiert werde. Beispiele durchaus ein emanzipiertes sich wunderbar akrobatisch und lie-
Bild von Menschen mit Behinderung ßend auf seinen Krücken fortbewegt.
Um die Abbildung gesellschaftlicher zeigen, treffen sie nicht den richtigen Dass er tatsächlich gehbehindert ist,
Vielfalt geht es auch bei einer anderen Ton. Das Bedenkliche ist, dass sie Be- sieht man ihm beim Tanzen nicht an –
Zielgruppe: Menschen mit geistigen hinderte benutzen, um Produkte zu und es wird auch im Spot nicht thema-
oder körperlichen Behinderungen. In verkaufen – noch dazu mit einer plat- tisiert. Beide Kampagnen zeigen Indi-
der Soziologie wird die barrierefreie ten Idee. viduen, die aufgrund ihrer speziellen
Teilhabe behinderter Menschen an der Fähigkeiten bewundert werden – und
Gesellschaft Inklusion genannt. Ziel ist Anders funktioniert etwa die aktu- nicht aufgrund ihrer Behinderung be-
es dabei, Unterschiede zwar bewusst elle »Made of Sport«-Kampagne von mitleidet. Damit werden sie zu Bei-
wahrzunehmen, ihnen aber keine gro- asics: In einer Reihe von YouTube-Vi- spielen gelungener Inklusion.
ße Bedeutung beizumessen. Äußerst deos über Proi- und Amateursportler
selten ist das bislang in der Werbung stellt die Marke den Ultraläufer Simon Die Gesellschaft realistisch abzubil-
der Fall. Üblicher ist es in Sozialkam- Wheatcroft vor, der regelmäßig Stre- den oder gar sie zu verändern, ist na-
pagnen, etwa bei der Caritas, die sich cken länger als Marathondistanz läuft. türlich nicht der Anspruch von Wer-
bung. Insofern greift die Metapher von
Werbung als Spiegel der Gesellschaft
hier nur begrenzt. Zwar bildet diese
Trends und Entwicklungen ab, um mo-
dern und zeitgemäß zu wirken – den-
noch herrscht aber das Bild der heilen
Welt eindeutig vor. Schließlich hat Wer-
bung keinen sozialen Auftrag. Insofern
werden Nischengruppen wohl niemals
in einem realistischen Maße eine Rolle
in breit angelegten Kampagnen spie-
len. Wichtig ist trotzdem, dass sie in
glaubwürdigen und überzeugenden
Rollen auftreten, anstatt überzeichnet
und klischeehaft.
Die Zugehörigkeit zu der jeweili-
gen Gruppe ist bei der Kampagnen-
entwicklung immer von Vorteil – aber
kein Muss. Zwingend ist dagegen die
genaue Kenntnis ihrer Vorlieben, Ver-
haltensweisen, Ziele und Wünsche –
und Empathie. Fühlt man sich ernst-
haft in eine Zielgruppe hinein, wächst
die Chance, den richtigen Ton zu tref-
fen, und im Gegenzug dazu sinkt die
Gefahr, den Angesprochenen vor den
Kopf zu stoßen. Während man im Eth-
no- oder Jugendmarketing mit speziel-
len Angeboten und Ansprachen punk-
ten kann, scheint man bei den Grup-
pen der Best Ager, Homosexuellen und
Menschen mit Behinderung hingegen Eine für alle: Mit
eher mit Integration und einer beiläu- der Anzeige
igen Ansprache richtig zu liegen. Ein für die Knapp-
allgemeingültiges Erfolgsrezept gibt schaft will
es nicht – Gespür für Menschen, Neu- Scholz & Friends
gierde und Interesse an anderen Kultu- generationen-
ren oder Lebensweisen sind aber gute übergreifend
Voraussetzungen. nik überzeugen
060 PAGE 04.12 KREATION

PAPIERWELT

Abbildung: Courtesy Bernhard Knaus Fine Art, Frankfurt am Main


Die Papier-
arbeiten von
Harald Kröner
lassen Raum
für Unvorher-
gesehenes

wird der Franzose Mathieu Aubry vor-


Sirio Nero Papierkunst gestellt, der mit einer Digitalkamera
n Der italienische Feinpapierherstel- n Noch bis zum 24. März ist in der Ga- und einer gezeichneten Papierigur, die
ler Fedrigoni erweitert sein Indigo- lerie Bernhard Knaus Fine Art in Frank- er nachts zum Leben erwachen lässt,
Sortiment um den schwarzen Karton furt am Main die Ausstellung »Cut« mit ein knapp dreiminütiges Stop-Motion-
Sirio Nero, der speziell für das Indigo- neuen Papierarbeiten des Künstlers Video geschaffen hat. Schön wäre es,
Digitaldruckverfahren entwickelt wur- Harald Kröner zu sehen. Seine groß- wenn Hahnemühle das Dossier um vie-
de. Er ist in einer Stärke von 290 Gramm formatigen »Cuts« bestehen jeweils le Themen erweitert und diese etwas
erhältlich und eignet sich vor allem als aus einem festen und einem transpa- ausführlicher präsentiert als bisher.
Fotokarton, für Grußkarten oder Ver- renten Bildträger, wobei der transpa- ≥ http://hahnemuehle.wordpress.com
packungen. Als Druckfarbe lässt sich rente Bogen das Rohmaterial ist, das
dabei zum Beispiel die neue ElectroInk Kröner zerschneidet und später mit der
White nutzen, mit der sich farbige Pa- Rückseite nach oben auf dem festen
Auf einen Blick
piere deckend bedrucken lassen. Etwas Bogen ixiert. Bei seinen kleinforma- n Bei Deutsche Papier gibt es gegen
ausgefallener wird das Ergebnis, wenn tigen »Schnittzeichnungen« zerschnei- eine Schutzgebühr von rund 100 Euro
man auf das Weiß anschließend noch det er ebenfalls Blätter, auf denen er jetzt einen Ordner, der das ganze Digi-
einmal Farbe aufbringt. zuvor gezeichnet hat, und legt sie über- taldruckpapiersortiment zusammen-
≥ www.fedrigoni.de einander. Bei diesen feinen Arbeiten fasst. Die übersichtliche Struktur leitet
überrascht, wie sich die Linien beider den Benutzer optisch und haptisch
Zeichnungen ergänzen: Mal scheint es durch die Kollektion. Dabei erfährt er
Schwergewicht so, als sei die eine Linie der Schatten alles über die Umweltverträglichkeit
n Auf Kundenwunsch liefert die Pa- einer anderen, mal hat man den Ein- und die Eignung für die verschieden-
pierfabrik Scheufelen ihr hochweißes druck, als vibrierten sie im Raum. en Systeme – egal, ob HP Indigo, Océ,
Bilderdruckpapier bvs in den neuen ≥ www.bernhardknaus-art.de/ Kodak, Xeikon oder Xerox.
Gewichten 350 und 400 Gramm in der Kroener_D.html Sämtliche Papiermuster wurden auf
Oberläche silk aus. Damit können Kre- den Maschinen beziehungsweise mit
ative nun Druckobjekte aus einem Guss den Techniken gedruckt, die der rea-
herstellen. Also zum Beispiel bei Bro-
Themendossier len Anwendung entsprechen. Ein zwei-
schüren, Werbematerialien oder Notiz- n Um einen Einblick in die verschie- seitiges Datenblatt fasst für jede Sorte
büchern für die Innenseiten Papiere denen Verwendungsformen von Pa- die wichtigsten Eigenschaften, Anwen-
zwischen 90 und 300 Gramm wählen pier zu geben, hat Hahnemühle FineArt dungen und technischen Information-
und diese für die Umschlagsseiten mit auf ihrer Homepage das Dossier »Pa- en zusammen. Da sich die Neuerungen
den neuen Stärken kombinieren. Das pier hat viele schöne Seiten« zusam- im Digitaldruckbereich zurzeit gera-
Bilderdruckpapier lässt sich selbstver- mengestellt. Zurzeit inden sich dort dezu selbst überholen, bietet der Ord-
ständlich auch für Displays und Verpa- Beiträge zu »Kleidung aus Papier«, »Be- ner ganz bewusst noch Platz für Er-
ckungen aller Art verwenden. rührungsempindliches Papier« oder gänzungsprodukte. ant
≥ www.scheufelen.com auch »Videokunst mit Papier«. Hier ≥ www.deutsche-papier.de
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Kosmopolit
Ob Lateinisch oder Kyrillisch – Fiodor Sumkin
ist in beiden Buchstabenwelten zu Hause und
nutzt sie für großartige Typoillustrationen

n Zu Beginn seiner Karriere malte Fiodor Sumkin gerne


in Farbe, heute sind seine Arbeiten überwiegend schwarz­
weiß. Nicht weil ihn der graue Alltag im Griff hat: »Farben
und Farbeffekte können wunderbar dabei helfen, den ein
oder anderen Fehler zu vertuschen. Heute habe ich nichts
mehr zu verstecken.« Dieses Selbstbewusstsein kann er sich
leisten. Seit Jahren ist sein Auftragsbuch voll, zu seinen Kun­
den gehören Nike, Absolut Vodka und Amnesty International
ebenso wie Werbeagenturen und Magazine, darunter »Es­
quire«, »Rolling Stone«, »New York Times« oder »Playboy«.
Sie alle lieben seine Arbeiten, die sich durch Detailverses­
senheit, sorgfältige Ausführung, einen Mix aus historischen
und modernen Elementen, einen Hang zum Ornamentalen
und deinitiv russische Anklänge auszeichnen. Auch wenn in
ihnen mal kein einziger kyrillischer Buchstabe auftaucht, er­
wartet man fast, dass irgendwo eine Matrjoschka hervor­
springt. Vielleicht ist es seine Art, den Stift zu halten, und der
Hauch alte Welt, der viele seiner Illustrationen durchweht.

Wie eng ist Fiodor Sumkins Verbindung zu seiner Heimat?


Um die Wirkung seiner 4,5 mal »Ich habe meine eigene russische Fantasiewelt erschaffen,
1,5 Meter großen Illustration in der die Bolschewiken nie die Macht hatten, sondern In­
zu testen, kreierte Fiodor tellektuelle den Ton angeben«, erzählt der Illustrator. »Auch
Sumkin diese Bildmontage. sind in dieser Welt Dinge wie Fernsehen, Hubschrauber
Inzwischen hängt die Illustra- oder Joghurt von in Russland lebenden Russen erfunden
tion in einem Restaurant in worden, nicht von im Exil lebenden. Nichtsdestotrotz sind
Moskau. Oben rechts: Obwohl die russischen Elemente in meinen Arbeiten weniger Sowjet­
der gebürtige Weißrusse Nostalgie als eine Art Markenzeichen.«
Sumkin von sich sagt, kein Kyrillischen Buchstaben begegnet man bei ihm entspre­
besonders politischer chend häuig, für den 34­Jährigen sind sie ohnehin span­
Mensch zu sein, kann er sich nender. »Das lateinische Alphabet hat eine rund 2000­jäh­
den ein oder anderen Seiten- rige Geschichte. Was soll da noch Revolutionäres passieren?
www.opera78.com

hieb gelegentlich nicht ver- »Das Kyrillische dagegen besteht zur Hälfte aus latein­
kneifen. Wie hier beim Porträt ischen Buchstaben und zur anderen Hälfte aus 300 Jahre al­
von Alexander Lukaschenko ten postreformatorischen Missverständnissen und schlech­
ten Witzen – ein riesiges Betätigungsfeld für Typografen.«
064 PAGE 04.12 TYPO Fiodor Sumkin

Tür. Er konnte nicht ertragen, dass ich den ganzen Tag nichts
anderes tat als zeichnen. Eigentlich war ich ganz froh. Die
Vorstellung, auf dem Feld oder auf dem Hof zu arbeiten,
war schrecklich«, graust es ihn noch heute.
Seitdem mied Fiodor Sumkin das Landleben und zog
stattdessen nach Paris, von dort aus für drei Jahre nach
Amsterdam und 2009 wieder nach Paris, wo er sein Studio
Fiodor Sumkin liebt Gesagt, getan. Zurzeit liegt Sumkins erstes eigenes Opera78 betreibt. Eine Rückkehr nach Weißrussland kommt
es traditionell. Er Schriftprojekt in den letzten Zügen. Ganz aufgeregt wird für ihn nicht infrage. »Mein Heimat ist die Sowjetunion, die
zeichnet immer erst er, wenn er davon erzählt: »Seit fast sechs Jahren arbeite dank Gott und Mr. Gorbatschow glücklicherweise nicht mehr
auf Papier, bevor ich an dem, was nun hoffentlich bald fertig ist: meine erste existiert. Ich habe die ehemalige Sowjetrepublik Weißruss­
er sich an den Rech- in FontLab erstellte Schrift.« Sie wird sechs Schnitte umfas­ land mit 18 Jahren verlassen und bin nie zurückgekehrt.
ner setzt. So auch sen und sowohl in Lateinisch als auch Kyrillisch vorliegen. Auch weil ich ungern meine schönen Kindheitserinnerun­
in diesem Artwork für Zunächst soll sie als Displayversion auf den Markt kommen, gen zerstören möchte. Manchmal vermisse ich Moskau und
Nike. Unten: In später als Textschrift. meine Freunde dort. Aber in den letzten fünf Jahren sind
diesen Illustrationen viele von ihnen ohnehin in andere Länder gezogen, heute
für das »Prime Maga- Anders als seine Kunst ist die Person Fiodor Sumkin kein inde ich sie in England, Spanien, Deutschland, Portugal
zine« aus Moskau bisschen russisch, sondern kosmopolitisch. Das Studium an oder Griechenland.«
durfte er nach Her- der Kunsthochschule in seiner Heimatstadt, dem weißrus­ Reisen ist Fiodor Sumkins große Leidenschaft, aus der
zenslust in russisch sischen Gomel, gab er schnell wieder auf, wurde dort doch er viele Inspirationen für seine Arbeiten zieht. Trotzdem ist
geprägten Bild- ausschließlich mit PCs und Corel Draw gearbeitet. Es folg­ er des unsteten Lebens allmählich müde. Es kostet Kraft,
welten schwelgen ten Stationen in Moskau und Rom sowie ein Abstecher in sich immer wieder in einem neuen Land mit einer neuen
die Schweiz. »Im Sommer 2003 lebte ich mit meiner Freun­ Sprache einzugewöhnen. So könnte er sich vorstellen, dau­
din, einer Deutsch­Schweizerin, auf dem Hof ihrer Großel­ erhaft in Paris zu bleiben. Wenn da nur nicht die Verlockung
tern. Nach zwei Monaten setzte mich der Großvater vor die wäre, einmal nach New York zu gehen . . . ant
066 page 04.12 TYPO

TYPOWELT

Gesetzt in BundesSerif und BundesSans


»Im Entwurf ging es nicht primär um die Differenzierung
einer Marke, sondern um das Finden einer Form, die dem
Thema gerecht wird und ohne Effekthascherei auskommt.«
Zum neuen Erscheinungsbild der Bundesregierung gehört auch ein Corporate Font. Wir sprachen mit
jürgen huber und martin wenzel, die die neue Schrift im Auftrag von metadesign entwickelt haben.

den humanistischen Handschriften des 15. Jahrhunderts in-


det und die charakteristisch sind für das zeitgenössische, vor
allem von der holländischen Schule beeinlusste Typedesign.
Was sind die markanten Merkmale der Schriftfamilie? Kann
auch ein Laie sofort erkennen: Aha, das ist die Schrift der
Bundesregierung? 
Wenzel: Es gibt eine Reihe von Erkennungsmerkmalen wie
das leicht eingedrehte e oder das markante k. Doch ging es
in dem Entwurf nicht primär um die Differenzierung einer
Marke in einem konkurrierenden Umfeld, sondern um das
Finden einer Form, die dem Thema gerecht wird und ohne
Effekthascherei auskommt. Die Zielgruppe – alle Menschen
in Deutschland, egal ob jung oder alt, mit oder ohne Sehbe-
hinderung – möchte Information klar und deutlich darge-
stellt sehen und Inhalte verstehen.
Huber: Wir wollten eine Schrift schaffen, die einer Reihe von
technischen und ästhetischen Ansprüchen – allem voran
eine unmissverständliche typograische Formensprache, die
Buchstabenverwechslungen vermeidet – gerecht wird und
die Heterogenität der Leserschaft berücksichtigt. »Integrie-
ren statt differenzieren« könnte das Motto lauten.
Wo kommt die Serif und wo die Sans zum Einsatz? 
Huber: Die BundesSerif wird sowohl für Überschriften als
auch für Bodytexte verwendet. Im Gegensatz zur Sans zeigt
sie sich in großen Graden charaktervoller und ist in kleinen
Graden – besonders bei längeren Texten mit teilweise kom-
plexen Inhalten – die bessere Lesetype. Die BundesSans in-
det vor allem in Zwischenüberschriften Verwendung und
fungiert neben dem Fließtext als Type für Tabellen und Gra-
iken. Nur online wird sie als Schrift für den Bodytext genutzt.
Sind weitere Familienmitglieder geplant? 
Wenzel: Derzeit nicht. Die vorliegenden 12 Schnitte – Regu-
lar, Medium und Bold plus Italics, jeweils als Sans und Serif –
In dieser Sind BundesSerif und BundesSans eine Neuentwicklung decken den Bedarf. Sie verfügen über eine erweiterte latei-
Integrations­ oder die Anpassung einer bestehenden Schrift?  nische Sprachunterstützung und typograische Extras wie
kampagne Martin Wenzel: Wir haben sie ganz neu entworfen. Zum beispielsweise Kapitälchen, Tabellen- und Mediävalziffern.
der Bundes­ einen weil es keine Type gibt, die alle Anforderungen an die Da wir die Type mit dem Gedanken der plattformübergrei-
regierung Hausschrift der Bundesregierung erfüllt hätte und zum an- fenden Kommunikation konzipiert haben, steht sie nicht nur
kommt die deren weil die Lizenzrechte zu 100 Prozent bei der Regie- für den DTP-Bereich, sondern auch für Anwendungen im
neue Schrift rung liegen sollten.  Web und in der Ofice-Umgebung zur Verfügung. 
bereits Woran haben Sie sich in der Gestaltung orientiert? Huber: So sorgen BundesSerif und BundesSans für ein ko-
zum Einsatz Jürgen Huber: Einerseits an einer konstruierten Entwurfs- härentes typograisches Bild als Teil des erneuerten Corpo-
auffassung, wie sie etwa Futura oder DIN prägt, also einer ra- rate Design. Beim Logo in der Univers Condensed mussten
tionalen Herangehensweise, die manche vielleicht als »ty- wir leider haltmachen. Natürlich juckte es uns in den Fin-
pisch deutsch« bezeichnen würden. Andererseits haben wir gern, diese typograische Lücke mit einer schmalen Bundes-
diese Sachlichkeit durch Elemente gebrochen, wie man sie in Sans Condensed zu schließen.
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≥ Weitere interessante artikel rund um Typograie inden Sie unter www.page-online.de/


emag/typo und Links zu Typefoundries et cetera unter www.page-online.de/typo-links

Buchstaben auf Papier, die er dann di-


Mantika Sans gitalisierte. Weil aufeinander folgende
n Ausgangspunkt für diese Serifen- gleiche Buchstaben wie tt, gg oder ss
lose von Jürgen Weltin war ein älterer dank OpenType-Technik stets verschie-
Entwurf einer Antiquaschrift. Im Gegen- den aussehen, wirkt sein Scriptfont
satz zur Antiqua hat die Mantika Sans authentischer als viele andere.
jedoch wesentlich kürzere Ober- und Rollerscript gibt es in den Varianten
Unterlängen. Das gibt ihr eine kompak- Rough und Smooth, beide zusammen
te Erscheinung, die durch die schma- kosten rund 65 Euro. Einzeln sind sie
len Proportionen zusätzlich unterstützt für etwa 40 Euro erhältlich. Für all die
wird. Das vorrangige Ziel war die Les- vielen Menschen mit einer unleserli-
barkeit in kleinen Schriftgraden, da- chen Handschrift stellt Nick Cookes Rol-
raus resultieren die im Verhältnis zu lerscript eine schöne Alternative dar.
den Versalien sehr hohen Mittellängen. ≥ www.g-type.com
Deutliche Unterscheidungen der Buch-
staben wie bei I, i und l fördern die Les-
barkeit nicht nur in kleinen Größen. Die
EGALregal
Ziffern sind bewusst kleiner gehalten, n Muss ein Regal eigentlich irgendet-
damit sie im Fließtext nicht unange- was können? Daniel Dilgers EGALregal
nehm herausstechen. muss das nicht. Das EGALregal ist eine
Um einen Wechsel der Schriftart oh- Aneinanderreihung von Buchstaben,
ne Änderung des Umbruchs zu ermög- deren Anfang und Ende durch eine
lichen, galt es, die vier Schnitte der Man- dünne Linie deiniert wird. Die fast ge-
tika Sans dicktengleich zu halten. Ent- schlossene Kastenform aus Metall teilt
sprechend war eine Kursive mit sehr sich ein kleines e und g sowie das gro-
geringem Neigungswinkel nötig. Die ße A und L fast zu gleichen Teilen. Mini-
fast aufrechte, nur 4,5 Grad geneigte malistisch und schnörkellos kommt es
Italic erforderte extrem eigenständige daher und will nichts weiter sein als
Formen, um sich deutlich als Auszeich- ein EGALregal.
nungsschrift zu behaupten. So inden Passend dazu gestaltete Daniel Dil- Mantika Sans bietet vier Schnitte und außerdem viele
sich viele gegenläuige Details in den ger, der in Frankfurt am Main das stu- nützliche Sonderzeichen
Strichenden (gut zu sehen bei h, k, m, dio for design and architecture in use
n, r, v und w), die ein abwechslungs- betreibt, den EGALfont. Fürs Regal hat Die sympathische Rollerscript kommt einer echten
reiches Spiel zwischen runden und kan- er noch keinen Distributor gefunden, Handschrift ziemlich nahe
tigen Formen entstehen lassen. die Schrift lässt sich kostenlos auf sei-
Die Mantika Sans gibt es in Regular ner Website herunterladen. ant
und Bold mit Italics, ausgebaut ist sie ≥ www.danieldilger.de
für Lateinisch, Griechisch sowie Kyril-
lisch. Sie eignet sich für den Ofice-Be-
reich ebenso wie für die Gestaltung von Im EGALregal verstecken sich vier
Geschäftsberichten und aufgrund ih- Buchstaben. Schauen Sie mal auf
rer guten Lesbarkeit in kleinen Größen www.page-online.de. Den passen­
auch für die Displays mobiler Geräte. den Font gibt es kostenlos
Ein Schnitt der bei Linotype erhältli-
chen Type kostet knapp 80 Euro.
≥ www.typematters.de;
www.linotype.com

Rollerscript
n Ganze 13 Jahre brauchte Nick Cooke,
Designer bekannter Schriften, wie zum
Beispiel Chevin, Houschka und Olica-
na, für die Website seiner Typefoundry
G-Type. Nun ist es so weit. Den Launch
feiert der Brite mit einer neuen Schrift:
der Rollerscript. Mit einem Pentel Rol-
ler Pen schrieb er Variationen von allen
068 page 04.12

BILD

Der Stoff, aus dem


Leben Sie noch im dunklen Zeitalter oder sind Sie schon ein AFOL?

Lo-Fi-Musikvideo
Ein paar Lego-Steine reichten, um im Stereotypes-
Musikclip »Lego« für rafiniert simplen Spaß zu sorgen.
Regie führte Daniel DPD Park (siehe Seite 70)
page 04.12 069

die Träume sind


Sollten Sie diese Frage nicht verstehen, stimmt vermutlich Ersteres

n Zur Erklärung: Als »dark age« bezeichnen die AFOLs


jene triste Phase des Lebens, in der man das kindliche
Spiel mit Lego eingestellt und es als Erwachsener noch
nicht wieder aufgenommen hat – also noch kein Adult
Fan of Lego ist. Die gibt es zuhauf: Über eine Million Bil-
der spuckt Flickr zum Suchbegriff »Lego« aus, YouTube
mehr als 200 000 Filme und Animationen.
Schon lange sind die AFOLs die fantasievolleren Lego-
Schöpfer. Während Kinder heute meist nur nach Anleitun-
gen bauen, kennt die Kreativität der Erwachsenen keine
Grenzen: Szenen aus Filmklassikern von Psycho bis Pulp
Fiction werden ebenso umgesetzt wie Plattencover in
der Flickr-Gruppe »Lego Album Covers«. Seit Jahren arbei-
tet Brendan Powell Smith aka The Reverend an einer Vi-
sualisierung der Bibel, über 4500 zum Teil sehr drastische
Illustrationen sind unter www.thebricktestament.com zu
sehen, jüngst erschien »The Brick Bible« auch als Buch.
»The Guardian« brachte als Jahresrückblick Flickr-Bilder,
die Ereignisse aus 2011 nachstellen heraus – von der
Hochzeit Kates und Williams über Libyen bis zu Occupy.
070 page 04.12 BILD Lego-Hype

Selfpromotion
Mit einer Party
weihte Npire die
Lego-Wand ein –
auch selbst
gebaute Miniig-
Köpfe kamen
zum Einsatz

Illustration
Vier Leute
lesen hier die
»New York
Times«

≥ PAGE Online
Links zum Artikel und
weitere Bilder unter
www.page-online.de/
Lego-Kreationen

Wir kennen das aus der Werbung, etwa von 2009 aus der branden, der rund um die Welt bekannt ist und gleichzeitig
preisgekrönten Jung-von-Matt-Kampagne zu Legos 50. Ge- spielerisch daherkommt«, erklärt Jon Street von Stereo-
burtstag, die zeitgeschichtliche Ereignisse wie den Mauer- types. Zur Geburt seines Sohnes bekam er übrigens jüngst
fall oder die Konfrontationen auf dem Tiananmen-Platz in- von den Kollegen von Far East Movement einen Lego-An-
szenierte. Tatsächlich ist Lego für viele AFOLs längst mehr hänger wie den, der im Video vorkommt – kleiner, aber in
als ein Hobby. Einige haben das Bauen sogar zum Beruf ge- echtem Gold angefertigt von Hollywoods berühmtestem
macht: Rund ein Dutzend Lego Certiied Professionals gibt Celebrity-Juwelier Ben Baller, auch bekannt als King of Bling.
es weltweit. Dazu zählt der Brite Duncan Titimarsh, der mit
seiner Firma Bright Bricks Markenartikel baut wie eine 1,7 Me- Illustration. Einfach nur »T« heißt das Lifestylemagazin der
ter große elektrische Zahnbürste für Philips oder ein 1,5 Me- »New York Times«. Aber es ist ein komplexes Fraktur-T aus
ter langes Tigerjunges für Modedesignerin Stella McCart- dem 1851 entstandenen, 1967 von Ed Benguiat überarbei-
ney. Hierzulande ist René Hoffmeister zertiizierter Lego- teten Namensschriftzug der Zeitung. George Gene Gustiner,
Proi, der Ausstellungen im Auftrag kommerzieller Kunden Managing Editor des Magazins und als Kind Lego-Fan, hatte
realisiert. Ob Skulpturenschau, Printwerbung, Animation die Idee, das Logo als Aufmacher nachzubauen. Über Lego
oder Online-Kampagne – auch fürs Marketing ist Lego der kam der Kontakt zu Akinaga Sashiko zustande. Elf Tage
Stoff, aus dem die Träume sind . . . Wir stellen Projekte aus lang arbeitete die Japanerin bis zu 16 Stunden an der 2 mal
verschiedensten Bereichen vor. cg 2 Meter großen T-Party, mühte sich besonders mit den Run-
dungen des Buchstabens, wie sie erzählt.
Lo-Fi-Musikvideo. Statt »Let’s go« einfach »Lego« zu sagen Dass die Legomanie auch in Japan grassiert, der Heimat
ist derzeit in den USA angesagt, vor allem in der Hiphop- der Designer Toys, überrascht nicht. Akinaga Sashiko machte
Szene von Los Angeles. Von dort kommt das Producer-Trio gerade wieder einmal den ersten Platz in der TV-Show
Stereotypes, das schon für Far East Movement oder Mary J. »Championship for the King of Lego«. Da baute sie unter an-
Blige tätig war und jetzt unter dem Namen Jon Mcxro selbst derem ein Fantasiehaus für eine echte Katze, inklusive Aqua-
als Band auftritt. Ihr erstes Video »Lego« ist schlicht eine rium mit sich bewegenden Lego-Fischen.
Einladung, Spaß zu haben – und dafür sorgen nicht nur der
Ohrwurm-Song selbst, sondern auch extrem stylishe Lego- Selfpromotion. Nicht nur für andere, auch für sich selbst
Accessoires von High Heels bis zu Boxerhandschuhen. lässt es sich mit Lego wunderbar werben. Die Werbeagentur
Regie beim Video führte Daniel DPD Park, der unter an- Boys & Girls aus Dublin machte im Web durch einen Konfe-
derem Kreativdirektor von Far East Movement ist und mit renztisch mit eingelegtem Namensschriftzug von sich reden,
seiner Transparent Agency das Material mit diversen Lego- den sie sich vom Innenarchitekturbüro ABGC anfertigen
Schriftzügen sowie im Klötzchenlook gepixelten Bildüber- ließ. KMS Team aus München verschickte zu Weihnachten
gängen versah. »Wir wollten den Song mit einem Namen ein personalisiertes Lego-Set, mit dem man den Konfe-
page 04.12 071

Typedesign
Alles ist hand-
gemacht auf
dem Poster, das
den Kubba-
Font präsentiert
072 page 04.12 BILD Lego-Hype

Urban Art
Die über
2000 Jahre alte
chinesische Terra-
kotta-Armee
inspirierte Leon
Keer zu dieser
Illusionsmalerei

renzraum der Münchner nachbauen konnte – an der Weise mischen die alten Stickereien ihrer Heimat Typo und
Wand als »Projektion« das Logo des jeweiligen Empfängers. Symbole. Unter www.page-online.de/Lego-Kreationen lässt
Npire aus Hamburg, Studio für Design und Programmie- sich der Font kostenlos herunterladen. »Kubba« bedeutet
rung, ließ die User unter www.nthusiasmus.de daran teilha- auf Isländisch »mit Ziegelsteinen bauen« und reimt sich auf
ben, wie sie in ihrem neuen Büro eine Wand bestehend aus yourbubba.com, den Namen der Site von Tomasdottir.
über 80 Kilo Legosteinen hochzog – was beinahe ein Jahr
dauerte. Das Werk ist jetzt auch ein echtes Schmuckstück Urban Art. Schon 2009 fand in München die Lego Grafiti
für die Website, wo sich durch Mouse-over Details aufrufen Styles Convention statt, mit Artists wie Buntlack, Sketched,
lassen. SatOne, Orion Pax oder Jan Vormann, dem bekanntesten
deutschen Lego-Street-Artist, der bröckelnde Wände welt-
Typedesign. So haben wir Lego noch nie gesehen: Auf al- weit mit seinen Dispatchworks repariert. Orion Pax aus Bonn,
ten isländischen Stickvorlagen beruht der Kubba-Font, den mit dreidimensionalen Lego-Grafiti-Schriftzügen und Kre-
Gudbjörg Tomasdottir aus Reykjavík kreierte und auf Pola- ationen für diverse Sneakerness Conventions bekannt ge-
roid-Fotos so in Szene setzte, dass eine für die Klötzchen un- worden, steht inzwischen auf der Payroll von Lego und ent-
gewöhnliche Farbigkeit entstand. Die Kleinbuchstaben sind wickelt für die Dänen Concept-Modelle.
normale Lettern, die Versalien stellen Dinge dar, die auf Is- Street Art im wortwörtlichen Sinn ist die 3-D-Terrakotta-
ländisch mit demselben Buchstaben anfangen, zum Bei- Armee, die Leon Kerr und Planet Streetpainting jüngst für
spiel A = Afmæliskaka = Geburtstagskuchen. Auf ähnliche das von 200 000 Neugierigen besuchten Chalk Festival in

Outdoor
Nur an drei Stel-
len in Singapur
ausgehängt,
aber das Web
machte die
»Imagine«-Mosa-
iken von Ogilvy
weltweit bekannt
074 page 04.12 BILD Lego-Hype

Neue Spielidee Lego + App = doppelter Spielspaß?


Absolut, meinen sowohl kleine als auch große Tester
des neuen Lego-Sets »Life of George«

Florida malten. Wandmalereien für große Werbekunden ner-Klötzchen setzte Nicholas Foo – Asiens einziger zertii-
fertigt der Niederländer schon seit Jahren. Mit Planet Street- zierter Lego-Professional – pro Motiv zusammen. Die drei
painting entstehen nun zusätzlich Bodengraiken, die – von Mosaiken kamen an Bushaltestellen im Original zum Ein-
einem bestimmten Standpunkt aus betrachtet – durch ana- satz und gewannen jeweils einen silbernen Outdoor-
morphe Verzerrung verblüffend dreidimensional erscheinen. Löwen in Cannes.

Outdoor. Unter dem Plaster liegt der Strand . . . Wie Lego Neue Spielidee. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Lego ir-
Fantasie in den Alltag bringt, veranschaulicht diese Arbeit gendwie echte Klötzchen mit einer App verbinden würde.
von Ogilvy Malaysia aufs Schönste. Fast hunderttausend Ei- Der erste Versuch ist durchaus gelungen, heißt »Life of
George« und besteht aus einem Set von 144 Bausteinen und
einer kostenlosen App. Aufgabe ist es, jene Dinge, die Geor-
ge auf einer Weltreise begegnen, möglich schnell und akku-
rat nachzubauen. Man legt die Modelle auf eine mitgelieferte
Spielmatte, und mit der Bilderkennung der israelischen Fir-
ma EyeCue überprüft die App die Ergebnisse, errechnet den
Score und »klebt« die Bilder in Georges virtuelles Fotoalbum.
Das Game funktioniert auch im Zwei-Spieler- sowie im Krea-
tiv-Modus, bei dem man eigene Modelle entwirft und per Ka-
mera im Album »My Life« festhält. Fürs nette Design der App
sorgte die dänisch-amerikanische Agentur Hello Monday.

Online-Werbung. Lego lässt Awards regnen – das war 2011


vor allem bei Serviceplan der Fall. Zum einen mit der Print-
und TV-Kampagne »Builders of Tomorrow«, die in perfektem
Retrolook zeigte, wie Kinder ihre Eltern mit mysteriösen Zu-
kunftsvisionen wie Klapphandy, Energiesparlampe oder
Windrad befremdeten. Zum anderen mit der Kampagnen-
Website www.buildersofinfinity.com , wo die User eigene Le-
Online-Werbung Über 2000 Level hat der usergenerierte Jump’n’Run-Banner vels fürs längste Jump’n’Run-Spiel der Welt bauen können.
schon, der Highscore liegt bei viereinhalb Stunden Spielzeit Dieses lässt sich in einem Banner spielen, den man auf Face-
book teilen oder auf der eigenen Site einbauen kann. Die
Serviceplan-Kreativdirektoren Christoph Nann und Maik
Kaehler arbeiteten bei dem Projekt zusammen mit den Kol-
legen von Plan.Net, Flash-Programmierer waren Sven Busse
und Robert von Leoprechting.

Lektüretipp. Ob Größenrekorde oder bizarre Ideen, Ama-


teurfestivals oder Kunstprojekte: Wer sich von den mannig-
fachen Erscheinungsformen von Lego in der aktuellen Po-
pulär- beziehungsweise Popkultur inspirieren lassen will,
sollte zur Publikation »The Cult of LEGO« greifen, die bei no
starch press in San Francisco erschienen ist (39,95 Dollar,
isbn 978-1-59327-391-0). Autoren sind Joe Meno, Gründer
der Online-Lego-Fachzeitschrift »Brick Journal«, und John
Baichtal, der auch für das kultige Elektronik-Bastlermaga-
zin »make« sowie für den »Wired«-Blog GeekDad schreibt
(Letzterer ist ebenfalls eine Fundgrube für News rund um
LEGO). Die Lektüre schließt garantiert sämtliche Lücken be-
Lektüretipp Die ganze bunte Klötzchenwelt stellt das Buch »The Cult of LEGO« vor züglich der AFOL-Szene.
076 PAGE 04.12 BILD katapult 2012

Hybride Wesen
Katapult, der Nachwuchswettbewerb für Berufsfotografen, hat Ende Februar die
Gewinner gekürt. Wir stellen Ihnen hier die drei Preisträger vor
PAGE 04.12 077

≥ PAGE Online n In ihren Bildern scheint es fast so, als habe


Die Arbeiten Sylwana Zybura die Realität in Bruchteile zersägt
der Finalisten und diese Fragmente neu zusammengesetzt.
und Sylwana Hier verschmelzen Bürostuhlrümpfe mit Fens-
Zyburas Antwor- terrolloköpfen, kleiden sich Rabenmenschen in
ten vom letzten Anzüge. Diese grotesken, surrealen Figuren lässt
Jahr inden sie dann mal auf einer hölzernen Bühne, mal vor
Sie unter www. einem schlichten Hintergrund oder einer rauen
page-online.de/ Landschaft posieren. Für die Wirklichkeit habe
katapult03 sie sich noch nie interessiert, sagt die Jungfoto-
grain, die an der Fachhochschule Dortmund Fo-
todesign studiert hat. Und so macht die gebürti-
ge Polin auch keinen Hehl aus der Inszenierung
ihrer Bilder, versucht erst gar nicht, die Welt naht-
los erscheinen zu lassen. Im Gegenteil: Das Büh-
nenhafte, das In-Szene-Setzen ist stets präsent.
Angesichts dieser wunderbar eigenen Bild-
welten ist es kaum überraschend, dass Sylwana
Zybura schon 2011 zu den vielversprechendsten
Newcomern unter den katapult-Finalisten gehör-
te. Damals konnte sie sich jedoch nicht gegen ih-
re Konkurrenz durchsetzen. Immerhin wählte die
Jury sie auf Platz 3 (siehe PAGE 03.11, Seite 74).
Erst in diesem Jahr schien kein Weg mehr an ihr
vorbeizuführen, zu stark ist ihr Projekt »Sight of
Transgression«. Mit der Fotoserie überzeugte sie
Sylwana Zybura, die Jury endgültig und wurde im Rahmen des
32, hat Foto­ dreitägigen katapult-Events, das in Frankfurt un-
design an der ter dem Motto »Das Bild vom Fotografen« lief,
Fachhoch­ zur Siegerin gekürt.
schule Dort­ In »Sight of Transgression« untersucht Syl-
mund studiert wana Zybura die Rolle des Körpers in der heuti-
gen Zeit, hinterfragt seine Dematerialisation wie
Die Fotoserie Transformation im virtuellen Raum. Sie lässt ihre
»Sight of Trans­ Protagonisten sich verformen, mit Plastikhäu-
gression« dis­ ten, Tieren, Tischen verwachsen, papierne Glied-
kutiert die Rolle maßen ausbilden und dramatische Posen ein-
des Körpers in nehmen. »Ich habe eine Reihe von iktiven Cha-
digitalen Zeiten rakteren entwickelt, die in sich verschiedene
Interpretationen vereinen. Sie stellen hybridi-
sierte Körper in einem naturalistisch anmuten-
den, imaginären Raum dar«, erklärt die studier-
te Linguistin, deren sprachwissenschaftliche Be-
schäftigung mit dem Theater sich auch in ihren
Bildern niederschlägt. Der Betrachter solle sich
aus den vielen »produktiven Leerstellen« seine
eigene subjektive, nonlineare Geschichte kons-
truieren, so das Konzept der Fotograin. In der
Jury-Urteil Tat lassen sich die Bilder nicht auf eine Botschaft
n Wir waren begeistert von der reduzieren, sie überraschen, amüsieren, ängsti-
fantasievollen Umsetzung der gen und lassen sich nur schwer in Worte fassen.
Fotostrecke. Sylwana Zybura nutzt die In dieser Wirkung besteht auch der Reiz von
Kulisse, um dort sehr eigenwillig Mode Zyburas Arbeiten. Sie sind anders, laden zum Rät-
zu fotograieren. Diese Einfachheit im Set- seln über das Gesehene ein. Dabei durchzieht
ting, gepaart mit der Kreativität des Sty- ihr surrealer Stil die Bilder, ohne zur Masche zu
lings, und die technisch perfekte Umsetzung verkommen. Das Theater, das Bühnenhafte und
haben uns überzeugt. Zumal die Ideen die Inszenierung sind ihre großen Themen, das
alle dem Kopf der Fotograin ent- macht die Fotograin klar und signalisiert diese
springen – das macht es so einzigartig. Ausrichtung auch in ihrem Künstlernamen Ma-
Alexandra Lechner, Fotograin, dame Peripetie. Dieser aus der Dramentheorie
Frankfurt übernommene Begriff bezeichnet den Wende-
punkt einer Handlung. Mit »Sight of Transgressi-
on« hat Sylwana Zybura erfolgreich unter Beweis
gestellt, dass ihr Stil ein starkes Markenzeichen
ist, mit dem sie inhaltlich komplexe und immer
wieder andere Bildwelten produziert. nk
078 PAGE 04.12 BILD katapult 2012

Mysteriöse
Weiblich­
keit erleben
wir in der
der Serie
»New York«

Platz 2 und Sonderpreis b-sight Helen Sobrialski, Ruhrgebiet/Berlin


≥www.helensobrialski.com

Warum ich fotografiere Als Teenager stieß ich im Keller un- Gleichzeitig war ich sehr am Theater interessiert und ent-
seres Hauses auf das Schwarz-Weiß-Fotoarchiv meines Va- deckte meine Lust am Inszenieren. Während meines Fo-
ters und seine alte analoge Canon-Spiegelrelexkamera. Ich todesignstudiums bot sich mir die Möglichkeit, beides mit-
begann zu fotograieren und herumzuexperimentieren, ver- einander zu verbinden. Ich arbeite sehr konzeptionell. Die
brachte Ewigkeiten in der Dunkelkammer und kam von der Fotograie ist wichtig, aber trotzdem nur ein Teil meines Ar-
Fotograie und ihren Möglichkeiten seither nicht mehr los. beitsprozesses. Sie dient mir als Medium, um Wirklichkeit
zu manipulieren, Bilder zu konstruieren.
Was ich fotografiere Unwirklichkeiten. Inszenierte Porträts.
Technik Digital, hybrid. Die Technik spielt für mich eine un-
tergeordnete Rolle und dient mehr als Mittel zum Zweck. Sie
Jury-Urteil muss in erster Linie funktionieren und mir erlauben, meine
n Mich haben bei Helen Sobrialski Arbeiten in professioneller Qualität umzusetzen. Für mich
mehrere Aspekte überzeugt: zum einen die sind das Konzept und seine Realisierung viel wichtiger. Das
handwerkliche Qualität und der Umgang Motiv existiert in der Regel, bevor die Kamera aufgestellt
mit Licht. Zum anderen das Spielen mit Bekann- wird. Ich baue und bastele die meisten Sets, Requisiten,
tem, mit Bildzitaten, die man zu kennen glaubt, Helen Sobrialski, manchmal auch die Outits selbst. Das nimmt viel Zeit in
deren Inhalte subtil, aber wirkungsvoll gebrochen 30, hat ihr Foto­ Anspruch, und oft ist es traurig, alles wieder auseinander-
werden. Es sind Bilder, die auf den ersten graiestudium an zunehmen und im Keller einzumotten, sobald es »abfoto-
Blick zwar schön sind, sich aber erst auf den der Fachhoch­ graiert« wurde. Für mich hat der ganze Entstehungspro-
zweiten Blick hin öffnen – es sind keine schule Dortmund zess immer etwas Spielerisches, ich werkel einfach gern. In
Bilder zum Schnell-Überblättern. Die Surrea- im Februar ab­ der Postproduktion perfektioniere ich, wenn erforderlich,
lität der Bilder fand ich sehr spannend. abgeschlossen meine Bilder. Digitale Manipulation setze ich ein, wenn die
Sabine Pallaske, Geschäftsführerin Idee diese Verfremdung erfordert.
der digitalen Foto-Agentur Inspiration Mein Drumherum, Schlalosigkeit, endlose Au-
F1online, Frankfurt tofahrten, oft Erlebnisse/Mythen/Geschichten aus der Kind-
heit, Film, Kunst und natürlich Musik.
Wer mich bucht Während meines Studiums habe ich haupt-
sächlich freie Projekte realisiert, an meinem Portfolio gear-
beitet und mich mit allerlei Fotojobs über Wasser gehalten.
Jetzt habe ich gerade ganz frisch mein Diplom in der Tasche,
und einige neue Projekte stehen an – wo genau ich hinge-
weht werde, wird sich, denke ich, bald zeigen.
Wenn ich nicht Fotografin geworden wäre, dann . . .
. . . wäre ich heute wahrscheinlich sehr viel vermögender.

»Imaginarium«: Kraftvoll spielt


Helen Sobrialski mit der
Fantasie des Betrachters
PAGE 04.12 079

Platz 3 Sebastian Keitel, Köln


≥ www.sebastiankeitel.eu
Sebastian Keitel,
28, studiert an Warum ich fotografiere Weil man nur eine Sache im Leben
der Fachhoch­ wirklich gut machen kann. Das Leben ist einfach zu kurz.
schule Bielefeld Was ich fotografiere Alles, was mir sinnvoll erscheint.
Fotograie Technik Ist nur Mittel zum Zweck!
Inspiration Die Schneide zwischen den Gegensätzen in der
Welt. Der Punkt, an dem sich diese verdichten und die Welt
zu dem machen, was sie ist, unerklärlich.
Wer mich bucht Niemand.
Wenn ich nicht Fotograf geworden wäre, dann . . .
. . . wäre ich etwas anderes geworden, zum Beispiel Millionär.
Jury-Urteil
n Die Arbeit Sebastian Keitels
besticht durch seine Fähigkeit, sehen zu
können. Das sollte man eigentlich als
fotograische Grundvoraussetzung annehmen,
aber Keitel vermag zu sehen, was über formal-
ästhetische Bezüge hinausgeht. Hier versteht er es, Die Serie
von Menschen zu erzählen, die gar nicht abgebil- »Home«
det sind. Er lässt sie uns sehen. Und zwar nicht nur die zeigt die
im speziellen Fall, sondern vielmehr alle Menschen: einfachen
Wie sie versuchen, es sich in den Umstän- Schlafquar­
den einzurichten, ihrem Leben ein verbindli- tiere viet­
ches Zentrum zu geben. namesischer
Michael Leidenheimer, Geschäftsführer der Wander­
Agentur Wolkenkratzer, arbeiter in
Frankfurt Hanoi
080 PAGE 04.12 BILD Lichtfeldfotografie

Ein Bild ist viele


Erstmals gibt es eine erschwingliche Lichtfeldkamera. Markus Linden
zeigt das Potenzial dieser Technik auf, die unseren Umgang mit
bewegten und unbewegten Bildern fundamental verändern könnte

n Fotograieren bedeutet, einen Moment festzuhalten. Rechte Seite: Aus Licht-


Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn die Belichtung felddaten gerendertes
des Sensors für den Bruchteil einer Sekunde speichert 2-D-Foto von People-
nicht nur einen Ausschnitt aus der Zeit, sondern auch nur Fotograf Martin Häusler.
einen sehr begrenzten Bereich des vorhandenen Lichts. Dieses Motiv entstand im
Neben der Schrumpfung des Kontrastumfangs werden vie- Rahmen einer 3-D-Pro-
le andere Informationen verworfen, die das Licht enthält. duktion für die Zeitschrift
Die Lichtstrahlen haben nämlich nicht nur eine Intensität »Grazia« anlässlich der
und eine Wellenlänge (Farbe), sondern auch eine Richtung. Berlin Fashion Week 2011
Diese aber geht bei der Speicherung auf dem zweidimen- (Abbildung mit freund-
sionalen Sensor verloren. licher Genehmigung der
Ein Weg, die Richtung der Lichtstrahlen zu erfassen und Agentur PMA, www.
auszuwerten, stellen Arrays aus mehreren Aufnahmesys- pmamodels.com). Im
temen dar, die unterschiedliche Bildwinkel, Schärfeebenen Zeitschriftendruck ist die
oder auch Belichtungsinformationen gleichzeitig erfassen. Lichtfeldfotograie zur-
Diese Informationen müssen zu einem einzigen Bild verrech- zeit nur indirekt, das heißt
net werden, das unsere Augen erkennen und unser Gehirn mit heruntergerechne-
interpretieren kann. Die Möglichkeiten zur Berechnung der ten 3-D- und Schärfetiefe-
neuen Fotos waren 1908 sehr begrenzt, als Nobelpreisträ- daten sinnvoll und auch
ger Gabriel Lippmann erstmals ein derartiges Verfahren so- bloß als 2-D-Ergebnis dar-
wie eine Kamera vorstellte, die zwölf verschiedene Bilder stellbar. Die technische
gleichzeitig aufnahm – die Lichtfeldkamera war geboren. Qualität ist aber ausrei-
chend für nahezu alle
Nachdem die Lichtfeldtechnik etwa hundert Jahre lang denkbaren Einsatz-
eher theoretisch diskutiert und experimentell erkundet zwecke wie 3-D-Aufstel-
wurde, kommen entsprechende Kameras seit einigen Jah- ler, Display oder
ren auch praktisch zum Einsatz, vor allem in Industrie, Be- Autostereomonitore
hörden und im militärischen Bereich – denn die Lichtfeld-
technologie eignet sich hervorragend für die technische Rechts (von oben):
und soziale Überwachung. Bei Projekten in Werbung und In der Abfolge (die
Medienproduktion sind Fotografen hingegen noch auf Ei- Kamera wandert
genbauten oder Umbauten von Raytrix-Kameras (siehe virtuell von rechts
Seite 84) angewiesen. Doch nun hat das kalifornische Start- nach links) zeigt sich
up Lytro (siehe Seite 84) die nächste Runde eingeläutet: die die 3-D-Fähigkeit der
der massenhaften Produktion von Lichtfeldkameras und Lichtfeldtechnik.
der ebenso massenhaften Verbreitung von Lichtfeldfotos Martin Häusler hat
und -videos. Denn das Verfahren ist keineswegs auf die diese drei Bilder zur
Still-Fotograie beschränkt, sondern auf Bewegtbild über- Anschauung extra
tragbar und in der Filmproduktion vielleicht sogar noch für PAGE aus einem
nützlicher als in der Fotograie. Foto gerendert
PAGE 04.12
081
Foto: Martin Häusler (www.martinhausler.com)
082 PAGE 04.12 BILD Lichtfeldfotografie

Visualisierung der
Raw-Daten eines
Lichtfeldfotos
(Ausschnitt) von
Martin Häusler.
Die Mehrfacher-
kennung des
Motivs aus unter-
schiedlichen
Winkeln ist gut
zu erkennen

Die Refokus- 3-D und Refokussierung, also das nachträgliche Setzen dem, beispielsweise auf Autostereomonitoren, ohne 3-D-
sierung, also das des Schärfepunkts, sind die besonderen Einsatzbereiche Brille betrachten lassen.
nachträgliche einer Lichtfeldkamera. Das Multi-Image-Konzept sorgt dafür, Für seine Lichtfeldprojekte hat der Tüftler unter ande-
Setzen des Schärfe- dass man nicht nur einen Punkt fokussieren kann, sondern rem Standard-Spiegelrelexkameras zu einem Array zusam-
punkts, kann der verschiedene gleichzeitig. Ebenso wird, wie in der Stereo- mengeschaltet. Diese steuert er über eine selbst entwi-
Fotograf jeder- fotograie, aus mehreren Richtungen zugleich fotograiert – ckelte elektronische Mikrocontrollerschaltung und schießt
zeit nachträglich an mit dem Unterschied, dass nicht zwei, sondern mehrere so gleichzeitig Bilder eines Motivs aus verschiedenen Per-
seinem Com- Blickwinkel in die Berechnung eines 3-D-Bildes eingehen spektiven. Ergänzend verwendet er ein oder zwei Raytrix-
puter erledigen können. Sowohl Lytro als auch Raytrix setzen bei ihren Kameras, die mitausgelöst werden, deren Aufnahmen aber
Lichtfeldkameras auf Mikrolinsen, die auf den Sensor ge- nicht direkt ins Endbild einließen. Hier nutzt er nur die er-
klebt werden und das mehrfache Erfassen eines Motivs er- fassten 3-D-Informationen, um das spätere dreidimensio-
lauben (siehe Graik unten). nale Motiv exakter berechnen zu können.
»Das Ausrichten der Kameras, die Fokussierung und das
Einer der wenigen Fotografen, der sich seit Jahren inten- gleichzeitige Auslösen ist nicht ganz unkompliziert«, be-
siv mit der Lichtfeldtechnik beschäftigt und bereits einige richtet Martin Häusler. »Ich plane etwa zwei Stunden für
Produktionen für Werbe- und Verlagskunden wie »Grazia« die Kalibrierung des Gesamtsystems vor jedem Shooting
damit realisiert hat, ist Martin Häusler. Einen Namen ge- ein.« Zwei Assistenten unterstützen ihn beim technischen
macht hat er sich vor allem als Entertainmentfotograf, der Aufbau. »Wenn das System steht, bemerkt das Model kei-
die Größen aus Film, Mode und Musikbusiness besonders nen Unterschied gegenüber einem normalen Shooting. Au-
in den USA in Szene setzt, darunter Meat Loaf und Britney ßer natürlich, dass meine Kamera um ein Mehrfaches grö-
Spears. Für ihn ist die Refokussierung bei der Lichtfeldtech- ßer ist als eine übliche.« Dennoch ist die Bewegungsfreiheit
nik nicht das zentrale Thema. Als Proifotograf setzt er bei einem 3-D-Shooting beschränkt, da die Nulllinie dei-
beim Shooting die Schärfe ohnehin so, wie er sie braucht. niert werden muss, also der Abstand zur Kamera, von dem
Wichtiger sind für ihn die 3-D-Fähigkeiten eines Lichtfeld- aus Bestandteile des Motivs aus dem Bild heraustreten und
systems. Denn so kann er 3-D-Aufnahmen produzieren, die die anderen im Hintergrund bleiben.
sich für die extrem wirklichkeitsgetreue, räumliche Darstel- Die Daten der Kameras werden an den Computer über-
lung in unterschiedlichen Medien eignen – und sich außer- tragen und erste 3-D-Entwürfe fast in Echtzeit auf einem

Hauptobjektiv
Sensor

Mikrobilder

Strahlengang bei einer Lichtfeldkame-


ra mit Mikrolinsen vor dem Sensor.
Eine Aufteilung der Lichtstrahlen vor
dem Hauptobjektiv mittels einer
Vorsatzlinse ist ebenfalls möglich Mikrolinsen-Array
084 PAGE 04.12 BILD Lichtfeldfotografie

Lytro Unkomplizierter Einstieg


n Die Lichtfeldkameras des kaliforni- des Sensors geben, aber geht man von
schen Start-ups Lytro sollen bei Erschei- einem Standardsensor mit rund 12 bis
nen dieser Ausgabe in zwei Varianten 14 Megapixeln aus, dürfte die Aulösung
verfügbar sein, die sich lediglich durch eines gerenderten Lichtfeldfotos bei
ihre Speicherkapazität unterscheiden. 2 Megapixeln liegen. Die geringe Größe
Mit ihrer einfachen Bedienung – keine des Sensors führt auch dazu, dass eine
Schalter mit Ausnahme des Auslösers – 3-D-Verwendung der Fotos nur zum Teil
und ihrem zeitlosen Design orientieren möglich ist, da die Stereobasis bei die-
sich die Kameras eindeutig an Apples ser Konstruktionsweise trotz der Licht-
Produktkonzept. Der Sensor soll über felderfassung einfach sehr klein ist.
eine ähnliche Größe und Aulösung wie Letztlich eignen sich die Kameras –
der in normalen Kompaktkameras ver- auch wegen ihrer recht großen Licht-
baute verfügen. Was ihn von diesen un- stärke mit einer Maximalblendenöff-
terscheidet, ist die vorgeklebte Schicht nung von f/2 vor allem für Party- und
Martin Häusler im Studio mit seiner aus mehreren Spiegel- aus Mikrolinsen, die das Bild in viele Gruppenaufnahmen, bei denen die
relexkameras zusammengesetzten Lichtfeldkonstruktion Einzelteile zerlegt. Für die erste Verar- Schärfe auf alle Personen gelegt wer-
beitung sorgt ein Mikroprozessor, der den kann – ideal für Facebooks Ge-
Autostereomonitor ausgegeben, sodass der Kunde auch schon in der Kamera eine Refokussie- sichtserkennung. Denn auch automati-
ohne Brille direkt beim Shooting einen Eindruck von den rung der Fotos ermöglicht. siert lassen sich so alle Personen scharf-
Aufnahmen erhält. Die inalen Bilder bedürfen allerdings In Webanwendungen lassen sich mit stellen und über eine Datenbank zu-
einer rechen- und zeitintensiven Bearbeitung. Darstellbar der Lytro-Kamera erzeugte Aufnah- verlässig identiizieren. Für Kreative
sind die 3-D-Lichtbildfotos auf 3-D-Displays oder aber auf men als »Living Pictures« einsetzen, ergeben sich natürlich auch neue Mög-
Prints mit Lentikulartechnik. Lebensgroß, versteht sich. denn hier ist das Refokussieren zurzeit lichkeiten für interaktive Anwendun-
via Flash für jeden Betrachter möglich. gen, vor allem im Eventbereich – umso
In seine Experimente mit selbst gebauten Lichtfeldkame- Für Prints eignen sich die Bilder nur be- mehr, wenn Lytro, wie im Gespräch an-
ras hat Martin Häusler viel Zeit und Geld investiert: für dingt: Zwar wollte der Hersteller keine gekündigt, Videofunktionen integriert.
Hardware, elektronische Schaltungen und Softwareent- Auskunft über die exakte Aulösung ≥ www.lytro.com
wicklung. Aber er ist überzeugt, dass sich dies gelohnt hat:
»Es gibt weltweit kaum Fotografen, die Lichtfeldproduk-
tionen durchführen können. Da jetzt immer mehr Kunden
die Möglichkeiten dieser Technik erkennen, werde ich ver-
stärkt für Autostereo-Produktionen gebucht. Ich bin be-
reits in der Gewinnzone.« Zudem geht er davon aus, dass
das Thema Lichtfeld noch sehr populär werden wird.
Das kann allerdings ein paar Jahre dauern. Häusler be-
tont, dass es in der Lichtfeldfotograie noch viele Ein-
schränkungen gibt, die man bisher nicht oder nur mit hohem
technischen Aufwand umgehen kann. Dazu gehört nicht
nur die komplexe Auswertung der Daten, sondern auch ein Die Lytro-Kameras unterscheiden sich nur farblich und hinsichtlich der
grundsätzliches Problem der synchronen Fotograie: Sor- Größe des integrierten Bildspeichers voneinander
gen Mikrolinsen wie bei Lytro oder Raytrix für die Produktion
der Mehrfachbilder, verringert sich die erfassbare Aulö-
sung dramatisch. Setzt man Kamera-Arrays ein, so müssen
alle Kameras synchron ausgelöst werden und mit exakt
Raytrix Umfassende Möglichkeiten
derselben Brennweite arbeiten. »Das ist bereits bei Fest- n Die Lichtfeldkameras des Kieler Her- Raytrix ist die einzige Firma, die ei-
brennweiten ein Problem, da schon allein die Serienstreu- stellers besitzen ein Kleinbild-Vollfor- ne solche, vielfältig verwendbare Licht-
ung bei der Objektivfertigung zu Abweichungen führt«, so matsensor und lassen sich mit Klein- feldkamera anbietet, die 3-D-Daten mit
der Fotograf. »Zooms kann ich gar nicht einsetzen.« bildobjektiven bestücken. Wie bei den durchgängiger Schärfeinformation lie-
Auch die Präsentation der Lichtfeldaufaufnahmen ist Kameras von Lytro sitzt ein Array aus fert. Ende 2011 haben die Kieler ein Mo-
weit davon entfernt, perfekt zu sein. Lentikularfolien oder Mikrolinsen vor dem Sensor, groß ge- dell entwickelt, das ohne angeschlosse-
Autostereomonitore stellen nur den 3-D-Effekt dar. Die nug allerdings, um auch ein 3-D-Bild nen Computer auskommt, sodass Fo-
Möglichkeit der Refokussierung lässt sich ausschließlich di- errechnen zu können. Zudem kommt tografen sie wie eine normale Kamera
gital nutzen – Lytro setzt auf Flash, eine Umsetzung in ande- eine Linsenmatrix zum Einsatz, die un- im mobilen Einsatz nutzen können.
ren interaktiven Formaten wie HTML5 ist ebenfalls denk- terschiedliche Brennweiten abdeckt. ≥ www.raytrix.de
bar. Dennoch wird es wohl über kurz oder lang dazu kom-
men, dass die Kamerahersteller den Trend aufgreifen und
eigene Systeme produzieren. »In nicht allzu ferner Zukunft Raytrix-Kameras
werden wir eine Art neues Raw-Format bekommen, das die nutzen ein
Lichtfelddaten einschließt und mit entsprechender Soft- Standard-Kleinbild-
ware die Bearbeitung ermöglicht«, prognostiziert Häusler. objektiv, das auf
Was Lytro präsentiert, geht – wenn auch stark vereinfacht – dieselbe Blende
in diese Richtung. Wir dürfen gespannt sein, wie die Entwick- wie die Mikrolinsen
lung, fast genau 100 Jahre nach Lippmanns erstem Licht- auf dem Sensor
feldfoto, voranschreitet. eingestellt ist
086 page 04.12 BILD

BILDWELT
Ein Foto von Mario
Sorrenti von 1996
Hair Styles
für das Magazin n Man spricht nicht umsonst von Fri­
»Numéro« ist sierkunst. Einer der großen Meister die­
Covermotiv des ses Genres ist Bob Recine aus New
Recine-Bandes York. Mit zahllosen Supermodels und
Promis à la Lady Gaga oder Tilda Swin­
ton hat er ebenso schon gearbeitet wie
mit den Starfotografen Mario Testino,
Patrick Demarchelier, Terry Richardson
oder Mert Alas & Marcus Piggott. Au­
ßerdem sorgt er für aufsehenerregen­
de Haarkreationen bei den Schauen
großer Fashionlabels und trug zu Wer­
ken der Performancekünstlerin Vanes­
sa Beecroft bei, etwa bei der Installa­
tion »VB45« in der Wiener Kunsthalle.
Jetzt brachte er selbst beim italieni­
schen Verlag Damiani Editore ein haar­
künstlerisches Buch heraus.
»Alchemy of Beauty« (50 Euro, isbn
978-88-6208-212-9) zeigt das Zusam­
menspiel Recines eigener Zeichnun­
gen und Polaroid­Fotos mit Auftrags­
arbeiten, die meist mit Fotograf Mario
Sorrenti für Kunden wie »Vogue«, »i­D«
oder »Another Magazine« entstanden.
Kreativdirektor des Bildbands war der
berühmte Fabien Baron. Unter www.
page-online.de/bob_recines_haarkunst
gibt es weitere faszinierende Aufnah­
men zu sehen.
≥ www.damianieditore.it;
www.bobrecine.com

Vintage-Bilder bei
iStockphoto
n Teile der legendären CSA­Kollektion
sind seit Neuestem auf der Microstock­
und Royalty­free­Plattform iStockpho­
to zu inden. Als »digital museum of art
for commerce« bezeichnet Charles S.
Anderson selbst seine Sammlung. Al­
les ing an, als er in den 1970er Jahren
als High­School­Schüler den ehemali­
gen Werbezeichner Clyde Lewis traf,
der ihn nicht nur inspirierte, ebenfalls
Graik­Designer zu werden, sondern
ihm bei seinem Tod auch all seine Ori­
ginal­Artworks hinterließ.
Das war der Beginn von CSA Images.
Anderson hat die Kollektion seither
kontinuierlich ausgebaut, mit seinem

Haben nichts von ihrer Aktualität


verloren: die Retro-Illus von CSA, die
jetzt bei iStockphoto zu haben sind
page 04.12 087

≥ Mehr zum Thema Fotograie und Illustration


unter www.page-online.de/emag/bild

Studio Charles S. Anderson Design in


Minneapolis digitalisiert und dabei für
Dekoratives Lieblingsbilder-Sharing
den heutigen Gebrauch aufbereitet
bei akg-images Was die Pinterest & Co für Kreative bringen
und graisch reduziert. Über 5000 Bil­ n Von Plakaten und Werbemitteln
der lassen sich jetzt bei iStockphoto über Mode, Schmuck, Textilien bis hin n Ein Jahr gibt es Pinterest erst, doch seither ist viel
zu deren gewohnt günstigen Konditi­ zu Spielzeug, Glas, Keramik und Mö­ passiert. Das Start­up aus Palo Alto erlaubt es be­
onen erwerben. beln: Im Marsan­Flügel des Louvre be­ kanntlich, schicke Bilder im Web zusammenzuklauben,
≥ http://deutsch.istockphoto.com/ herbergt das Kunstgewerbemuseum in Kategorien auf einer eigenen Pinnwand zu posten
CSA_Images Les Arts Décoratifs eine der weltweit und daran die Menschheit über Facebook und Twitter
größten Sammlungen ihrer Art. Stän­ teilhaben zu lassen. Das simple Prinzip und das gelun­
dig laufen dort parallel interessante gene Design schlugen ein wie eine Bombe. Anfang
Französische Fotografie Ausstellungen, aktuell beispielsweise 2012 hatte die Site schon 17 Millionen Visits pro Monat.
n Die Hamburger Bildagentur plain­ über Werbepapst Jean­Paul Goude, die In Deutschland läuft der Pinterest­Hype erst an –
picture hat mal wieder eine Entde­ »Babar«­Kinderbücher oder das Wall­ ein guter Moment, um die Plattform mal aus Sicht
ckung gemacht und vertreibt hierzu­ paperLab von A3P. von Kreativprois zu beleuchten. Keine Frage, die
lande exklusiv 2500 Bilder aus der Kol­ Das Archiv für Kunst und Geschich­ Site ist eine wunderbare Inspirationsquelle und ein
lektion von donkeysoho. Auch wenn te (akg) mit Büros in Berlin, London praktisches Tool für alle, die kein Problem damit ha­
der Name nicht besonders französisch und Paris konnte die Franzosen als Ko­ ben, ihre Bildrecherchen öffentlich zu machen. Darü­
klingt, handelt es sich um eine kleine operationspartner gewinnen und ver­ ber hinaus eröffnet ihr virales Potenzial jede Menge
Bildagentur aus Paris, die ursprüng­ tritt in Zukunft dessen Bildbestände – (Self­)Marketing­Möglichkeiten, zweifelsohne auch für
lich als Fotografenkollektiv entstand. eine Fundgrube für wunderschöne Fotografen, Illustratoren, Repräsentanzen, Designer,
Geboten werden wirklich zeitgemäße Bilder dekorativer Objekte und Illus­ Magazine, Agenturen und so fort. Im Web erklären
People­Motive, interessante Interieurs trationen. Vor Kurzem erst hatte akg­ schon zahlreiche Artikel, auf welche Weise sich Pin­
und viele Fotos von (vor allem urba­ images vermeldet, dass es fortan den terest am schlauesten für Promotion­ und Business­
nen) Landschaften, häuig in Polaroid­ Gesamtbestand der Londoner Natio­ zwecke nutzen lässt.
oder Lomo­Ästhetik. nal Gallery anbietet. Und das Business steht im Vordergrund. Vieler­
≥ www.plainpicture.de/donkeysoho ≥ www.akg-images.de orts wird die Site, auf der die Themen Wohnen, Mode,
Food und Reisen dominieren, nicht als Bilder­, son­
dern als Social­Shopping­Plattform verstanden. Die
totale Kommerzialisierung droht. Zumal die Web­Öf­
fentlichkeit jüngst erfuhr, dass Pinterest jetzt schon
an Kommissionen durch Afiliates verdient, im Un­
terschied zu anderen Start­ups in aller Stille also
längst ein straightes Geschäftsmodell verfolgt.
Gleichzeitig indet Pinterest jede Menge Nachah­
mer. Die auf Kopien erfolgreicher US­Start­ups spe­
Exklusiver neuer Deutschland-Partner von donkeysoho aus Paris ist plainpicture zialisierten Samwer­Brüder starteten den unverhoh­
lenen Clone Pinspire.de, in Russland gibt es Pinme.ru,
in China Markpic.com. Allein wegen ihrer missrate­
nen Logos haben diese Plattformen bei Proikrea­
tiven wohl wenig Chancen ... Das sieht beim Berliner
LikedBy schon viel besser aus, aber dort vermisst
man schmerzlich die von Pinterest gewohnte Such­
funktion auf der Startseite. Pictuo, das Ein­Mann­
Projekt eines kalifornischen Produktdesigners, sieht
Pinterest ebenfalls extrem ähnlich, ist allerdings ein
Visual­Feed­Reader. Lady Gaga schließlich hat mit
LittleMonsters ihr Pinterest für Gaga­Fans lanciert.
Das Ende der Fahnenstange ist also längst nicht er­
reicht, vielleicht kommt ja noch eine Pinterest­Ab­
wandlung für Gestaltungsprois.
Bei aller Euphorie über die suchterzeugenden
neuen Online­Sammelalben sollte man allerdings eins
nicht vergessen: Noch hat das Internet das Urheber­
recht nicht außer Kraft gesetzt. Wie auch für Blogs
gilt, dass man fremde Bilder nur mit Einverständnis
der Rechteinhaber posten darf. Ansonsten rollt eine
Entwürfe der Manufaktur Dagoty et Honoré, Paris, um 1820 – jetzt bei akg-images neue Abmahnwelle. cg
088 page 04.12

TECHNIK
page 04.12 089

n Zur Einführung des Mercedes C 63


AMG Coupé in Großbritannien versetz­
te das Webgame »Escape The Map«
den User in eine (Film­)Wirklichkeit ge­
wordene Google­Street­View­Ansicht
von Hongkong. Dieser fotorealistischen
3­D­Welt muss er zusammen mit einer
jungen Frau namens Marie, dargestellt
von Schauspielerin Mariah Bonner, zu
entkommen versuchen. Denn auch ihr
Gesicht droht – wie das der anderen
Menschen – unkenntlich gemacht zu
werden, sich in einzelne Pixel aufzulö­
sen . . . Damit greift das Spiel das Prinzip
der Anonymisierung in Google Street
View auf, mit dem Autokennzeichen,
Häuser oder auch Passanten geschützt
werden sollen. In der Welt von »Escape
the Map« ist es jedoch eine feindliche
Macht, die den Menschen ihr Gesicht
und damit ihre Identität rauben will.
Der Spieler steigt zusammen mit
Marie in ihren Sportwagen – natürlich
das Mercedes­Coupé – und durchfährt
einen Parcours in der paranoid aufge­
ladenen Stadtlandschaft, mit Straßen­
zügen, die sich ständig verändern und
neu zusammensetzen. Das Paar muss
auf seiner Flucht physischen Google
Place Marks ausweichen, die plötzlich
auf den Asphalt niedersausen. Das
Game besteht dabei aus einer Vielzahl
an interaktiven Elementen. So muss
der User erst seine Maus schütteln, um
den Clip zu starten, später eine Adres­
se in das Google­Suchfenster eintip­
pen oder seine Mobilfunknummer auf
einer Telefontastatur eingeben. Wäh­
rend des Kampagnenlaufs im Novem­
ber 2011 wurde man nach Spielende
auf dieser Nummer (innerhalb Groß­
britanniens) angerufen. Die aufgezeich­
nete Stimme Maries informierte darü­

pixel-paranoia ber, dass man an der Verlosung um


das Mercedes­Coupé teilnahm. Das in­
teraktive Webgame war Bestandteil ei­
ner integrierten Kampagne, die sowohl
In der »Escape The Map«-Kampagne für Mercedes wird Google Online­, TV­ und Mobile­ als auch Out­
Street View beängstigend real. Wir zeigen, wie unit9 bei dem door­ und POS­Maßnahmen umfasste.

interaktiven Webclip Echtzeit-Action und 3-D verschmelzen ließ Die Idee zu »Escape The Map« stammt
von der Londoner Agentur AMV BBDO.
Carl Erik Rinsch, Regisseur bei Ridley
Scotts Filmproduktion RSA, drehte die
Filmsequenzen, die auch für die TV­
Kampagne verwendet wurden. Für sei­
nen Kurzilm »The Gift« als Teil der

In »Escape The Map« muss der Spieler


versuchen, der fotorealistischen
3-D-Welt von Google Street View zu ent-
kommen ( www.escapethemap.co.uk )
090 page 04.12 TECHNIK Making-of: »escape the Map«

Die Digital Creative production Company unit9


»Parallel Lines«­Kampagne von Phi­
lips (siehe PAGE 01.11, Seite 41) heims­
te Risch letztes Jahr den Grand Prix bei
den Cannes Lions ein. Eine darin ent­
Interaktionen planen
haltene Straßenszene von Moskau be­ Für die interaktiven Elemente überlegten wir uns zunächst
stand hauptsächlich aus computerge­
neriertem Material.
1 verschiedene Aktionen: Der User muss sich für einen
Weg entscheiden, eine Adresse eintippen, ein Puzzle mit der
Etwas Ähnliches wollte AMV BBDO Maustaste zusammensetzen. Das sind alles Spielmomente,
für »Escape The Map« versuchen und die sich nicht durch einfaches Klicken ergeben, da muss der
betraute die ebenfalls in London be­ User schon aktiv werden. Wir hätten es gerne noch schwie-
heimatete Postproduktion Digital Do­ riger gehabt, aber das war teils aus technischen Gründen, teils
main damit, die Ästhetik von Google aufgrund der Zielgruppe nicht möglich. Denn das Game
Street View in Bewegtbild zu transpor­ richtet sich nach Ansicht des Kunden letztlich an User, die nicht
tieren. Diese bildete die Straßen von besonders internetafin sind. Deshalb war Mercedes an-
Hongkong mittels CGI genau nach: Sie fangs wegen der interaktiven Elemente etwas beunruhigt.
erstellte Texturen aus zweidimensio­
nalen Fotograien der Stadt und legte
diese über 3­D­Modelle. Bei diesem Ver­
fahren, der sogenannten Photogram­ Storyboard für die Szenen mit
metry, wird im Grunde nichts mehr vor
Ort gedreht, die komplette 3­D­Umge­
interaktiven Elementen entwickeln
bung ist künstlich generiert. Das Storyboard von RSA nahmen wir als Ausgangspunkt
Als letzter Projektpartner stieß die
Londoner Digital Creative Production
2 und entwickelten ein eigenes mit Szenen, in die wir
interaktive Elemente einfügen konnten. Reine Entscheidungs-
Company unit9 dazu, um Film und fo­ situationen wollten wir dabei weitgehend vermeiden. Da
torealistische 3­D­Welt zu einem inter­ wir das Video aber nicht selbst drehten, hatten wir nur einen
aktiven Erlebnis zu verschmelzen. Rob begrenzten Handlungsspielraum. Unser Storyboard mit
Corradi, Interactive Director bei unit9, den erweiterten Drehperspektiven für die geplanten inter-
erinnert sich: »Wir wurden erst ziemlich aktiven 360-Grad-Panoramen und der Zeitangabe für
spät einbezogen. Man trat mit Story­ bestimmte Szenen ging dann an RSA und Digital Domain
boards und einer Idee an uns heran. zurück. Denn manche Einstellungen mussten länger
Dann mussten wir uns mit den beteilig­ sein, damit wir einen Zeitpuffer zum Vorladen der nächsten
ten Agenturen kurzschließen.« Interac­ Szenen hatten. Das Storyboard enthielt auch Informatio-
tive Producer Alessandro Pula ergänzt: nen zu den drei bis vier verschiedenen Contentebenen,
»Da wir am Ende der Produktionsket­ also generierte Straßenszenen, die 360-Grad-Perspektive
te standen, wirkte sich jede einzelne des Nutzers und seine Handlungen im Game, die wir am
Verzögerung auf unsere Arbeit aus. Das Ende dynamisch für die Interaktivität zusammenfügten.
war nicht einfach zu koordinieren.«
Konkret hieß das: Das Projekt be­
gann im August letzten Jahres, doch
Fotos: © unit9

unit9 kam im Prinzip erst einen Monat


vor dem Launch dazu. »Anfangs gab es
keine genauen Instruktionen, was an
den Interaction­Stellen passieren soll­
Von oben nach unten: Interactive
te. Das wurde erst in der letzten Woche
Producer Alessandro Pula,
bekannt gegeben. Klar war nur, dass
Technical Lead Silvio Paganini
die Anwendung so leicht wie möglich
und Interactive Director
zu bedienen sein sollte. Wir hatten al­
Rob Corradi von unit9 in London
so keinen Zeitpuffer, um mit einzelnen
Interactive­Elementen zu experimen­
tieren oder sie neu zu gestalten – was
uns sehr gereizt hätte«, sagt Rob Cor­
radi. Einen kleinen Trost gibt es für ihn,
denn nachträglich baute unit9 in einem
Update eine weitere interaktive Szene
ein, die seit Ende Februar online ist.
Der Produktionsprozess selbst lief
so ab, dass unit9 zunächst die Proto­
typen für das Webgame entwickelte.
Dann baute das Team auf der Basis
des angelieferten Video­ und 3­D­Ma­
Abbildungen: © unit9

terials die Clips in After Effects und re­


konstruierte diese für die 3­D­Welt in
Flash, wobei die Realtime­3­D­Engine
Away3D auf Basis von ActionScript 3.0
zum Einsatz kam. vd
page 04.12 091

über die Umsetzung des 3-D-Webgames »escape The Map« mit after effects, Flash, Flex und away3D

Filmszenen für die interaktive


Anwendung vorbereiten
Abbildungen: © unit9

Alles, bis auf die Innenaufnahmen im Fahrzeug,


3 ist vor Greenscreen geilmt und digital bearbei-
tet. Die Atmosphäre sollte bedrücken und ein Gefühl
von Paranoia verbreiten. Unsere Aufgabe war es
nun, das Team von RSA um Regisseur Carl Erik Rinsch
so zu instruieren, dass ihre Aufnahmen von uns in
die interaktive Webanwendung eingebunden werden
konnten. Das bedeutet, sie sollten aus bestimm-
ten Blickwinkeln ilmen und Szenen so aufnehmen,
dass wir sie später aneinanderfügen konnten.
So mussten sie zum Beispiel beim Dreh des in Pixel
aufgelösten Straßenfegers auf die Positionierung
Abbildungen: © RSA/Digital Domain

achten, damit die Anschlüsse zwischen Film und


Interaktion stimmten, oder auch darauf, dass wir
genügend Material für die 360-Grad-Sequenzen hat-
ten. Also überlegten wir vorher ganz genau, wie
sie bestimmte Szenen drehen sollten – was aller-
dings von ihnen nicht immer so umgesetzt werden
konnte. Deswegen mussten wir manche inter-
aktiven Elemente ändern, andere ganz aufgeben.

Mobilfunknummer des
Users einbinden
An einer Stelle des Games muss der Spieler seine
4 Mobilfunknummer eintippen. Dafür erscheint
ein Telefon samt Tastatur im Bild. So etwas muss sehr
genau im Storyboard stehen, weil es sonst nicht
eigens geilmt werden würde. Die Telekommunika-
tionsentwicklerirma Voxeo entwickelte für uns
ein Tool, das eine Programmierschnittstelle kreiert,
mit der wir die User direkt nach Beenden des
Spiels auf der angegebenen Mobiltelefonnummer
innerhalb Großbritanniens anrufen konnten:
Während der Kampagne im November wurde dann
eine aufgezeichnete Nachricht abgespielt. Die
von der Hauptdarstellerin gesprochene Botschaft
Abbildungen: © unit9

erlaubte auch hier eine Interaktion des Users:


Sobald er etwas am Telefon sagte, reagierte sie mit
einer Gegenfrage, um darauf dem Spieler mit-
zuteilen, dass er bei einem Gewinnspiel um ein
C 63 AMG Coupé registriert war.
092 page 04.12 TECHNIK Making-of: »escape the Map«

Unit9 über die Umsetzung des 3-D-Webgames »escape The Map« mit after effects, Flash, Flex und away3D

3-D-Umgebung aus 2-D-


Texturen in Flash generieren
Anhand der Storyboards entwickelten wir
5 die Prototypen für das Webgame. Die Videos
bauten wir in After Effects und rekonstruierten
sie für die 3-D-Welt mit ActionScript in Flash.
Das heißt, für die 3-D-Umgebungen verwendeten
wir die Texturen von Digital Domain und bau-
ten sie in Flash zusammen. Wir wollten eigentlich
noch mehr 360-GradPanoramen und Bewegungs-
parallaxen einsetzen. Wegen der erforderlichen
Performance und der Aulösung des vorhan-
denen Bildmaterials war das allerdings nicht
möglich. Aus diesem Grund simulierten wir für
die 360-Bewegungen eine Kamera im Raum.
Abbildungen: © unit9

3-D-Welt mit der Realtime-Engine Nahtlose Übergänge zwischen Filmmaterial


Away3D simulieren und 3-D-Interaktion erzeugen
Um die Kamera simulieren zu können, bauten wir zuerst eine Eine weitere Herausforderung war die Integration der interaktiven
6 Sphäre – eine Art 3-D-Gerüst – in Flash. Dies bewerkstellig-
ten wir mithilfe von Away3D, einer Echtzeit-3-D-Engine für Flash, in
7 Elemente in den Filmclip. Im Video taucht ein Straßenfeger namens
Jim auf, dessen digitale Einzelteile der User wie bei einem Puzzle mit der
der objektorientierten Programmiersprache ActionScript 3.0. Maus zusammenschieben muss. Die Figur fügt sich nahtlos in die ilmische
Diese Sphäre stellt sozusagen den Sehradius dar, den Blickwinkel, Umgebung ein, der Übergang zwischen Clip und Interaction-Element
aus dem der User in der Gameumgebung sehen kann. Auf dieses ist nicht zu erkennen. Erzielt haben wir das mit viel Herumprobieren
3-D-Gerüst legten wir Texturen, damit die Umgebung dreidimensio- zwischen Film und den Interaction-Teilen, die in Flash zusammenkamen.
nal wie eine eigene 3-D-Welt erscheint und Google Street View Dafür haben wir ein eigenes Framework mit dem Flex SDK gebaut,
atmosphärisch wiedergibt. Away3D ermöglicht den Einsatz einer bei dem wir festlegten, wo das jeweilige Bild und wo entsprechend der
künstlichen Kamera. Diese platzierten wir in der Mitte der Sphäre, User positioniert ist. Dadurch sollten die Übergänge, ob Crossfade
da sie so auch die Perspektive des Spielers darstellt. Diese Kamera oder Rough Cut, so stimmig wie möglich sein – und die Interaktion so
errechnet dann, welche Objekte und dergleichen der User bei jeder angenehm wie möglich. Fürs Coden haben wir außer Flex auch das
Bewegung sehen sollte. Zugleich wird dabei der Fokus eingestellt. Flexible Development Toolkit (FDT) genutzt. Für ein weiteres Problem
sorgten die Datenmengen: Für einen Spieldurchlauf mit neun Sequen-
zen entstehen 100 Megabyte. Damit alle Daten vorher geladen wer-
den, setzten wir ein eigenes Loading-Framework auf. So kann das Game
trotzdem lüssig ablaufen und der Film bricht nie ab.
094 PAGE 04.12 TECHNIK

TOOLS & TECHNIK

Conduit Mobile
erzeugt aus
Webinhalten
Apps für Mobil-
Plattformen.
Im Bild: http://
antjeverena.
mobapp.at von
PAGE-Autorin
Verena Dauerer

Web to App Conduit Mobile Gratis und vielseitig


n Das israelische Softwarehaus Con­ natürlich die Kontaktmöglichkeiten.
duit, das auch die Social­Media­Leiste Ein Widget stellt die Kontaktdaten zu­
Mit den neuen App-Generatoren lassen sich Wibiya entwickelt hat, stellt auf seiner sammen, ein anderes sorgt dafür, dass
die eigene Portfolio-Site, aber auch Kunden- Site den kostenlosen App­Generator man direkt über die App angerufen
Mobile zur Verfügung. Dabei handelt werden kann. Auch Textseiten lassen
auftritte einfach in eine Mobile App umsetzen es sich um ein äußerst leistungsfähi­ sich einfach anlegen.
ges Werkzeug, das Entwicklern auch Im nächsten Schritt passt der An­
n Das professionelle Umfeld über das eigene Schaf­ eine API anbietet, über die sich eigener wender das Aussehen seiner App an.
fen auf dem Laufenden zu halten, ist für Kreative eine Programmcode einbinden lässt. Da­ Icon, Splash Screen, Hintergrund oder
Notwendigkeit – egal, ob über Facebook, Twitter, ei­ mit braucht der Anwender aber nichts Farbschema lassen sich problemlos
nen eigenen Blog oder spezialisierte Portfolio­Platt­ zu tun haben, wenn er nicht will. Denn ändern oder durch eigene Materialien
formen. Der Zugriff auf diese Dienste erfolgt bislang ebenso kann man einfach über das ersetzen. Allerdings hat die Individua­
über einen Browser oder die App des jeweiligen An­ Web­Interface Graik und Inhalte nach lisierung auch ihre Grenzen. Bei tiefer
bieters. Seit einiger Zeit gibt es allerdings eine stetig seinen Wünschen anpassen. gehenden Anpassungen muss pro­
wachsende Zahl von Services, die dem Anwender Ausgangspunkt jeder App ist eine grammiert werden. Abschließend un­
ohne großen technischen Aufwand zu einer eigenen URL, die der Nutzer angibt. Mobile wer­ terstützt Mobile den User dabei, die
App für die verbreiteten mobilen Betriebssysteme tet die verlinkte Webseite auf Nach­ App für die einzelnen Stores vorzube­
oder einer Web­App verhelfen. richten­Feeds, Twitter­Streams und reiten. Dann ist allerdings die Eigenini­
Das Spektrum reicht von Frameworks, die vom YouTube­Kanäle aus und stellt dann tiative gefragt: Anmelden muss sich
Designer doch einige Programmierkenntnisse ver­ im Editor seine Funde zur weiteren der Anwender dort selbst, gegebenen­
langen, über Services, bei denen die Entwickler des Bearbeitung bereit. In der rechten Hälf­ falls Gebühren entrichten und anschlie­
Dienstleisters Hand anlegen, bis hin zu den eigent­ te beindet sich ein Emulator für alle ßend die Daten hochladen. Analyse­
lich automatisierten App­Generatoren im Web. Die­ unterstützten Plattformen: iPhone und Werkzeuge auf der »Mobile«­Website
se fragen per Formular die Wünsche des Interessen­ iPad, Android, Windows Phone, Black­ helfen dabei, die Verwendung der
ten ab und erstellen aus dem Proil dann die Lösung Berry und bada (Samsung). Hier lässt App nachzuverfolgen.
für die gewählten Plattformen. Unterschiede gibt es sich die Bedienung der App detailliert Es lohnt es sich in jedem Fall, Mobile
auch, was das Einstellen der fertigen Apps in die di­ simulieren – teilweise auch im Land­ auszuprobieren. Nicht nur weil dieser
versen Stores angeht. Einige Unternehmen begnü­ scape­Modus. Auf der linken Seite ist App­Generator kostenlos ist. Auch op­
gen sich mit Verweisen und präzisen Anleitungen für das zentrale Element eine Auswahl von tisch und funktional halten die Ergeb­
das Veröffentlichen, andere nehmen einem dies auf Widgets. Das Angebot ist breit und nisse einem kritischen Blick stand. Be­
Wunsch ganz ab. Entsprechend unterschiedlich sind reicht von Social­Media­, Foto­, Land­ achten muss man jedoch, dass Conduit
auch die Preise: Auf der einen Seite gibt es Gratis­ karten­ bis hin zu Musik­, Film­ und im Store und in der App immer als Ent­
tools, auf der anderen Seite können individualisierte vielen anderen Diensten. Besonders wickler genannt wird.
Lösungen drei­ oder vierstellige Beträge kosten. dsc wichtig für eine Visitenkarten­App sind ≥ http://mobile.conduit.com/
PAGE 04.12 095

AppsBuilder Baukasten in verschiedenen Preisklassen


n Bei diesem App­Generator handelt mierung. Ein großer Teil der Daten Was die Gestaltungsmöglichkeiten AppsBuilder ist
es sich um ein kostenplichtiges An­ werden nicht in der App gespeichert, angeht, bleibt AppsBuilder hinter der ähnlich aufgebaut
gebot aus Italien – mit Preisen ab sondern in der Cloud, sodass Aktuali­ Conduit­Lösung zurück: Das Interface wie die Conduit-
240 Dollar pro App und Jahr für die sierungen ohne aufwendige Genehmi­ ist sperriger und die Ergebnisse sehen Lösung und erlaubt
Basisversion. Die Pro­Versionen, die gungsprozesse des Appstore­Betrei­ weniger elegant aus. Gelungen ist da­ eine detaillierte
der Kreative auch unter seinem eige­ bers problemlos möglich sind. Eine gegen der Export, den es auch als Ser­ Gestaltung der Apps
nen Label an seine eigenen Kunden der besonderen Stärken von Apps­ vice gibt. Es lassen sich zudem Apps
verkaufen kann, kosten gar rund 600 Builder ist der Import von Inhalten aus für Facebook und Chrome exportieren;
oder 800 Dollar. Dafür übernimmt dann WordPress­Blogs für den es ein eige­ für BlackBerry und bada dagegen nicht.
allerdings der Hersteller die Program­ nes WordPress­Plug­in gibt. ≥ www.apps-builder.com/en/home

Appdo.de und YourApp-Framework Build It Yourself


iPhone App Generator n Neben den mächtigen Entwick­
Machen lassen lungsumgebungen gibt es für iPhone
und Co auch Baukästen, die auf ein­
n Eine Alternative zum Selbermachen fache und schnelle Produktion ausge­
bieten Dienstleister wie Appdo.de an. legt sind, wie zum Beispiel YourApp­
Die kleine Firma aus Hamburg erstellt Framework von mrys Software. Dieses
zu Festpreisen von knapp 100 Euro stellt Werkzeuge zur Gestaltung der
(nur iPhone) oder von etwa 200 Euro Benutzeroberläche und ein Grundge­
(auch für BlackBerry, Android und be­ rüst für die App­Struktur zur Verfü­
stimmte Tablets) Visitenkarten­Apps, gung. Die mitgelieferten Interface­Ele­
die einen Infotext, neun Fotos, drei mente sind allesamt elegant gestaltet.
News und Kontaktinformationen ent­ Wichtige Features wie beispielsweise
halten. Etwas anders funktioniert da­ ein Newsfeed oder eine Kontaktseite
gegen das Geschäftsmodell von Weiß­ lassen sich als zusätzliche Module in­
huhn & Weißhuhn aus Berlin: Man tegrieren. Unterstützt wird allerdings
kann sich entweder seine App über YourApp- nur iOS. Mrys übernimmt die Anmel­
den Generator auf der Website selbst Frame- dung im iTunes Store. Der Kunde kann
zusammenstellen oder die Agentur work bietet dann die Inhalte über XML­Dateien,
arbeiten lassen – in diesem Fall räumt elegante die er auf seinem eigenen Server hos­
man dieser das Recht ein, Werbung in Elemente für tet, aktualisieren. YourApp­Framework
der App zu platzieren. die Gestaltung steht zu einem Preis ab 900 Euro zur
≥ www.appdo.de; der Benutzer- Verfügung.
www.iphone-app-generator.com/ oberläche an ≥ www.mrys.de/
096 PAGE 04.12 TECHNIK Tools & Technik

Wacoms neues
Intuos5 lässt sich jetzt
auch per Multitouch bedienen
Hardware
+++ Logitech Wireless Headset H800. Ein vielsei- Intuos5-Grafiktabletts mit Multitouch
tiges, wenn auch etwas klobig geratenes Gerät hat
Logitech mit dem Wireless Headset H800 auf den n Wacom hat ihre Intuos-Produktrei- Trotz Multitouch-Bedienung – das
Markt gebracht. Sowohl über eine 2,4-Gigahertz-Wire- he auf Version 5 aktualisiert. Das De- Haupteingabegerät bleibt der Intuos5
less-Verbindung als auch über Bluetooth kann es Kon- sign ist ähnlich geblieben, die Graik- Grip Pen. Er erkennt 2048 Druckstufen
takt mit einem Computer oder Mobiltelefon aufneh- tabletts besitzen nun aber eine Soft- sowie einen Neigungswinkel von bis zu
men, wobei Bluetooth eine etwas schlechtere Sprach- touch-Beschichtung und beleuchtete 60 Grad und spricht bereits auf sanf-
qualität bietet. Die Akkus werden über USB geladen. Direktwahltasten, die Wacom als Ex- ten Druck hin an. Ein schönes neues
Der Preis liegt bei ungefähr 80 Euro. ≥ www.logitech. presskeys bezeichnet. Der Rahmen um Feature der Software ist, dass beim
com +++ Datenkommunikation über Licht. Casio hat die Zeichenläche ist schmaler gewor- leichten Antippen eines der Express-
den Prototypen eines Systems vorgestellt, bei dem den. Wichtigstes neues Feature ist die Keys deren Belegung auf dem Monitor
mobile Geräte allein über das Flackern ihrer LED-Bild- Unterstützung von Multitouch-Gesten erscheint und wieder verschwindet.
schirme miteinander kommunizieren. Bei dem Vi- bei drei der vier neuen Modelle. Ähn- Das Intuos5 steht in den Größen A6, A5
sible Light Communication genannten Verfahren er- lich wie bei den Bamboo-Pen-&-Touch- und A4 bereit. Das A5-Modell gibt es
fasst die Kamera des Smartphones den Screen des Geräten kann der Anwender nun per auch mit reiner Stifteingabe. Ein Zusatz-
anderen Handys und tauscht auf diese Weise bei- Finger zoomen und scrollen oder digi- modul erlaubt die drahtlose Verbin-
spielsweise Kurznachrichten, E-Mail-Adressen oder tale Inhalte verschieben und drehen. dung zum Rechner, Bluetooth wurde
Telefonnummern aus. ≥ www.casio.com +++ Neue Intuos5 erkennt dabei die Standard- dafür fallen gelassen. Die Preise für die
Android-Smartphones: ultradünn und ultraschnell. gesten von Windows und Mac OS X, es Graiktabletts liegen je nach Ausfüh-
Den Rekord für das dünnste Android-Smartphone lassen sich allerdings auch eigene Ges- rung zwischen 230 und 480 Euro. dsc
hält seit Februar das NEC Media ES N-05D. Es ist nur ten deinieren. ≥ www.wacom.eu
6,7 Millimeter dick und verfügt über ein 4,3-Zoll-Dis-
play sowie eine 8,1-Megapixel-Kamera. Neben NFC
bietet es eine Infrarotschnittstelle. Das Gerät läuft Kompakte High-End-Kamera
unter dem älteren Android 2.3.6. Das über Vodafone
erhältliche HTC Velocity 4G zeichnet sich durch die n Professionell, dabei aber immer ragend mobil einsetzbares Zweitgerät
Unterstützung des ultraschnellen LTE-Standards aus. noch handlich ist die neue Canon Po- für Fotografen.
Es ist das erste dafür geeignete Android-Mobiltelefon werShot G1 X. Obwohl sie kleiner ist Bei der Lichtempindlichkeit bietet
(Version 2.3.7). Außer LTE beherrscht es auch GPRS, als die bisherigen DSLR-Klötze, besitzt die Kamera mit bis zu ISO 12 800 eine
EDGE und HSPA sowie WLAN. Da in Deutschland das sie bei einer Aulösung von 14,3 Mega- gute Leistung. Der 4-fach-Zoom deckt
LTE-Netz erst aufgebaut wird, muss man noch weit pixeln einen sechs Mal größeren CMOS- eine Brennweitenbereich von 28 bis
reisen, um einen aktiven Hotspot zu inden. Die erste Sensor als das Vorgängermodell G1. 112 Millimetern ab. Filme zeichnet sie
Großstadt mit LTE-Versorgung ist Düsseldorf. ≥ www. Dessen Qualität kann es laut Hersteller im HD-Format (1080p) mit 24 Bildern
nec.com/en/de/; www.htc.com/au/smartphones/htc- locker mit Canons 18-Megapixel-APS- pro Sekunde auf. Einziges Manko der
velocity-4g/ +++ Samsung-Flatscreens. Auf der CES C-DSLR-Sensor aufnehmen. Damit eig- rund 750 Euro teuren PowerShot G1 X
in Las Vegas stellte der koreanische Hersteller sein net sich die PowerShot G1 X sowohl als ist die noch verbesserbare Aufnahme-
Multimedia-Entertainment-System ES8000 vor. Die Einstiegsmodell in die anspruchsvolle qualität im Makrobereich. vd
Flachbildschirme gibt es in Größen zwischen 46 und Digitalfotograie wie auch als hervor- ≥ www.canon.de
65 Zoll. Sie verfügen über einen Dualprozessor und
Smart TV inklusive Apps aus Samsungs App Store,
Kamera und Mikrofon für Videokonferenzen sowie
einer für Sprach- und Bewegungserkennung, die ei-
ne intuitivere Nutzerführung ermöglichen. LED Back-
lit und Ultra Dimming sorgen für ein reicheres Bild.
≥ www.samsung.com +++ Sony VPL-VW1000ES.
Filme und Präsentationen in digitaler Kinoqualität
mit einer Aulösung von 4k, 4096 mal 2160 Bildpunk-
ten, liefert Sonys neuer Projektor VPL-VW1000ES.
Nachdem Vormodelle auf einigen Messen zu sehen
waren, ist das rund 18 000 Dollar teure Gerät nun er-
hältlich. Seine Helligkeit liegt nach Angaben von Sony
bei etwa 2000 ANSI-Lumen, die Kontrastrate bei
1 000 000 : 1. Neben 2-D-Projektion ist ohne Wechsel
der Linse auch ein stereoskopischer 3-D-Modus ver-
fügbar. ≥ www.sony.de/biz/product/fpjhomecinema/
vpl-vw1000es/overview dsc/vd Canons neue PowerShot G1 X überzeugt mit einem hochwertigen Sensor
098 PAGE 04.12 TECHNIK Tools & Technik

Avid: Filmschnitt auf dem iPad


n Mit dem unglücklich kommunizier- ter anderem eine Bibliothek, in die die
ten Update auf Final Cut Pro X hat Apple App alle Filme auf dem iPad lädt, ein
letztes Jahr viel von seinem Standing in oder zwei Viewports sowie eine Time-
der Filmemacherszene eingebüßt. Nun line. Mit dabei sind zahlreiche Über-
greift Wettbewerber Avid die Kaliforni- gänge sowie Text-, Motion- und Sound-
Software er zusätzlich auf ihrem ureigensten Ter- effekte. Die App unterstützt neben der
rain an: dem iPad. Das neue Avid Studio Tonspur des laufenden Clips vier weite-
+++ Mac OS X 10.8. Überraschend stellte Apple für iPad macht aus dem Apple-Tablet re sowie mehrere Videospuren. Avid
den Entwicklern am 16. Februar eine erste Preview keinen vollwertigen Schnittplatz, stellt Studio verarbeitet in einem Projekt
von Mac OS X 10.8 Mountain Lion zur Verfügung. Das aber alle Werkzeuge zum Gestalten von klaglos auch Material in unterschiedli-
neue Release wird den Umgang mit dem Betriebs- Facebook- oder YouTube-Filmen bereit. chen Formaten. dsc
system noch näher an das Look-and-Feel des iPad Für 3,99 Euro (derselbe Preis wie ≥ www.avid.com/DE/products/
annähern. Auch das Zusammenspiel mit iOS-Gerä- Apple iMovie) erhält der Anwender un- Avid-Studio-app
ten sowie mit Apple TV wird noch einmal einfacher.
≥ www.apple.com/macosx/mountain-lion/ +++ KIM
Keywording 2. Kursiv Software aus der Schweiz hat
eine Neuaulage ihres Keywording-Tools für Fotogra-
fen vorgestellt. Dabei handelt es sich nicht um einen
Dateibrowser, sondern um eine hierarchische Da-
tenbank, die sich auf die Verschlagwortung der Bil-
der sowie auf die Metadatenverarbeitung konzent-
riert. Das Tool kann in bis zu zehn Sprachen Schlag-
worte verwalten und auf Fotos anwenden. Es liest
und schreibt IPTC-Daten aus JPEG-Bildern. KIM Key-
wording 2 gibt es ab rund 175 Euro. ≥ www.kursiv- Avid Studio ist auf
software.com +++ Firefox-Updates. Rasant geht es dem iPad ein
bei dem Browser der Mozilla Foundation voran, seit echter Konkurrent
jedes Release eine neue Nummer bekommt: Firefox 9 für iMovie
am 20. Dezember, Firefox 10 am 31. Januar und Fire-
fox 11 am 13. März. Dahinter stecken jeweils kleinere
Verbesserungen, die dem Browser aber unterm Strich Frontend-Baukasten von Twitter-Entwicklern
zu deutlich mehr Geschwindigkeit beim Seitenauf-
bau, zu einfacheren Updateprozeduren und besse- n Einen Riesenerfolg in der Develo- jekte dort gemausert. Mit Bootstrap
rer HTML-5-Unterstützung verholfen haben. Neu ist pergemeinde landete Twitter mit Boot- lässt sich sehr einfach ein HTML5-,
das Extended Support Release. Es trägt dem Wunsch strap, das seit Ende Januar in Version 2 CSS3- sowie jQuery-Code für die or-
von Unternehmen Rechnung, langfristige Planungs- vorliegt. Dabei handelt es sich um ei- dentliche Gestaltung von Webseiten
sicherheit und professionellen Support zu erhalten. nen im August 2011 vorgestellten Front- generieren. Die zweite Aulage beinhal-
Firefox 12 steht schon für den 24. April an. ≥ www. end-Baukasten, in den die Erfahrungen tet Verbesserungen in allen Bereichen.
mozilla.org/ +++ Vorschau auf Ofice 15. Microsofts der Twitter-Entwickler mit der Gestal- Highlights sind ein sich automatisch
Softwaresuite durchläuft derzeit einen geschlosse- tung von Benutzeroberlächen einge- anpassendes Gridsystem mit zwölf
nen Betatest. Im Sommer wird es einen großen Pub- lossen sind. Bootstrap ist auf der Ent- Spalten und zahlreiche überarbeitete
lic-Betatest geben. Das Upgrade auf Ofice 15 soll wickler-Community-Plattform GitHub Graikkomponenten. dsc
sämtliche Plattformen erfassen und auch neue Ver- verfügbar und hat sich inzwischen zu ≥ http://twitter.github.com/
sionen von Nebenprodukten wie Projects oder Visio einem der meist frequentierten Pro- bootstrap/
bringen. +++ Apple Final Cut Pro X 10.0.3. Ein Auf-
schrei ging durch die Gemeinde der Final-Cut-Pro-
Anwender bei Film und Broadcast als mit dem völlig
neu entwickelten FCPX plötzlich zahlreiche Proi-
Features verschwanden. Nun liefert das Update auf
FCPX 10.0.3 einige davon nach. Dazu gehören der Mul-
ticam-Support, die Unterstützung für Broadcastmo-
nitore und ein verbesserter Import externer Dateien.
Für FCPX-User ist das Update gratis. ≥ www.apple.
com/inalcutpro/software-update.html +++ Quark
Brand Manager. Als Software as a Service in der
Cloud bietet Quark ihr neues Brandmanagementtool
an. Quark Brand Manager erlaubt es Marketingabtei-
lungen von Unternehmen, auf der Basis hinterlegter
Templates unkompliziert Drucksachen zu erstellen
und inhouse oder bei einer verbundenen Druckerei
produzieren zu lassen. Ab vierzig Arbeitsplätzen kos-
tet die Quark-Brand-Manager-Lizenz um die 60 Dollar
pro Platz. ≥ www.quarkbrandmanager.com dsc Mit dem Bootstrap-Framework entstehen Websites mit aktuellen Technologien
106 page 04.12

KALENDER
Messen • Kongresse • Seminare Messen • Kongresse • Seminare
Hannover CeBIT 2012 Köln beyond tellerrand // play
6. bis 10. März Messe für die digitale Wirtschaft – mit der von Tobias 24. bis 27. April Konferenz und Workshops zu Webdesign und
Rehberger und Jürgen Mayer H. gestalteten Halle 16, -development Mediapark Köln
in der die Code_n12-Preisträger präsentiert werden ≥ http://play12.beyondtellerrand.com
Messe Hannover
≥ www.cebit.de Hamburg PAGE Seminar »Designmanagement«
27. April Workshop mit Christine Hesse (siehe Seite 57)
Berlin SEO Campixx Berlin Gastwerk Hotel Hamburg
9. bis Networking-Event und Konferenz rund um Such- ≥ www.page-online.de/seminar
11. März maschinenoptimierung Hotel am Müggelsee
≥ www.seo-campixx-12.de/ München Deutsche Publishing-Konferenz 2012
27. bis 28. April Praxisnahe Konferenz zu den wichtigsten technischen
Rüschlikon/ European Trend Day Entwicklungen im Publishing
Zürich Thema: »Der Kult des Sozialen – Warum Beziehungen Hotel Vitalis
14. März die neue Währung sind« Gottlieb Duttweiler Institut ≥ http://publishing-konferenz.de
≥ www.gdi.ch/de/trendtag2012
Wiesbaden see # 7
Leipzig Leipziger Buchmesse 28. April Konferenz zur Informationsvisualisierung
15. bis Frühjahrsmesse der Buch- und Medienbranche Lutherkirche Wiesbaden
18. März ≥ www.leipziger-buchmesse.de ≥ http://see-conference.com/

Düsseldorf 4. Media Mundo Hamburg Boom! Transmediales Story-Training


20. bis Kongress für nachhaltige Medienproduktion CCD Ost 27. bis 28. April Workshop von PAGE & Good School (siehe Seite 73)
21. März ≥ www.mediamundo.biz/kongress/kongress2012 Good School
≥ www.page-online.de/seminar
Hamburg Typo Day Hamburg
23. März Business Typography Talks mit Erik Spiekermann, Düsseldorf drupa
Tim Ahrens und anderen interessanten Sprechern 3. bis 16. Mai »one world – one drupa« lautet das Motto der
Ehemaliges Hauptzollamt Hafen Hamburg internationalen Print-Media-Messe
≥ www.typotalks.com
5. bis 6. Mai Creative Weekend im drupacube
Metz Salon du Design Mit Vorträgen zur Zukunft des Editorial Designs
23. bis Schwerpunkte der neuen Designmesse sind Eco- und des Digital Imaging sowie Eröffnung der
26. März und digitales Design Metz Expo Événements 58. TDC-Show 2012 Messe Düsseldorf
≥ www.salondudesign-metz.fr ≥ www.drupa.de/

Bilbao Selected. Graphic Design from Europe Mainz Typograie und Macht
23. bis Von Index Books organisierte Designkonferenz 4. bis 5. Mai Die fünfte Jahrestagung der Gesellschaft
24. März einschließlich Workshops Alhóndiga Bilbao für Designgeschichte fragt nach den
≥ http://indexbook.com/selectedeurope/ politischen Dimensionen von Typograie
Fachhochschule Mainz
München Internet World 2012 ≥ www.gfdg.org/
27. bis E-Commerce-Messe ICM München
28. März ≥ www.internetworld-messe.de Wien European Newspaper Congress 2012
6. bis 8. Mai Ein großes Thema wird »Visual Storytelling« sein
Mageburg/ Cross-Media-Konferenz Messe Wien
Stendal Das Motto lautet »Think Cross – Change Media« ≥ http://enc.newsroom.de/
29. Hochschule Magdeburg-Stendal
31. März ≥ www.ma-crossmedia.de/konferenz Stuttgart FMX 2012
8. bis 12. Mai Konferenz rund um Animation, Effekte, Games
San Francisco TYPO San Francisco »Connect« und Interactive Media Haus der Wirtschaft
5. bis 6. April International Design Talks ≥ www.fmx.de/
Yerba Buena Center for the Arts
≥ www.typotalks.com Frankfurt/Main ADC Festival 2012
9. bis 13. Mai Versprochen sind »fünf Tage Inspiration und
Berlin Pictoplasma Festival Berlin 2012 Innovation« Messe Frankfurt
11. bis 15. April Das Character-Design-Event umfasst Screenings, ein ≥ www.adc.de
Symposium und vieles mehr (siehe PAGE 03.11, Seite 8)
≥ http://berlin.pictoplasma.com/ Hamburg NEU! PAGE Seminar Generatives Design
29. Juni Hands-on-Training zu Processing (siehe Seite 93)
Mailand Salone Internazionale del Mobile Gastwerk Hotel Hamburg
17. bis 22. April Trendsetzende Interior-Design-Messe ≥ www.page-online.de/seminar
Fiera Milano, Rho
≥ www.cosmit.it Festivals • ausstellungen
Hamburg PAGE Seminar »Leitmedium Design« Karlsruhe art Karlsruhe
23. April Workshop mit Jochen Rädeker (siehe Seite 61) 8. bis 11. März Messe für Klassische Moderne und Gegenwartskunst
Gastwerk Hotel Hamburg Messe Karlsruhe
≥ www.page-online.de/seminar ≥ www.art-karlsruhe.de
page 04.12 107

≥ Weitere Termine unter www.page-online.de/events. Dort können Sie uns auch Ihre Veranstaltungstermine mitteilen

Festivals • ausstellungen Wettbewerbe


Berlin Paciic Standard Time. Die Kreativ-Awards 2012
(Videostill) Courtesy Pipilotti Rist, Hauser & Wirth and Luhring Augustine, New York; Bureau Mirko Borsche, Titel ZEITmagazin © Bureau Mirko Borsche; Helen Lundeberg: Blue Planet, 1965, Acryl auf Leinwand, The Marilynn and Carl Thoma Collection

Ab 15. März Kunst in Los Angeles 1950–1980 Die wichtigsten Design- und Kreativcontests mit Ein-
Von unten: E+U Hiestand, ABM-Plastiktragtasche, 1960er Jahre, Museum für Gestaltung Zürich, Designsammlung, Foto: Umberto Romito, © ZHdK; Barbara, aus der Serie Week-End, 2009 © Alex Prager, Courtesy of the Artist and Yancey Richardson
Gallery; Michel Majerus, xxx, 2001; John Smith, The Kiss, 1999 (in Zusammenarbeit mit Ian Bourn), Courtesy the artist and Tanya Leighton Gallery, Berlin, 5 Min, 16 mm auf Video, Farbe, Ton; Pipilotti Rist: Lungenlügel, 2009 Audio-Video-Installation

In der öffentlichen Wahrnehmung stand die West- sendeterminen und Anforderungen inden Sie unter
Coast-Kunstszene lange im Schatten New Yorks. In ≥ www.page-online.de/wettbewerbe2012
Berlin sind jetzt zentrale Teile einer Megaschau aus
L. A. zu sehen – neben Arbeiten von Künstlern wie Bis 7. März Best of Corporate Publishing 2012
Ed Ruscha oder Bruce Nauman auch die Architektur- Der größte europäische Corporate-Publishing-
fotos von Julius Shulman Martin Gropius Bau Wettbewerb hat noch einmal seine Einreichungs-
≥ www.gropiusbau.de frist verlängert. Teilnehmen können Designer
und Agenturen ebenso wie ihre Auftraggeber
München Unplugged. Mirko Borsche. Design Works! ≥ www.bcp-award.com/
Bis 18. März In seiner ersten Museumsausstellung bedient sich
der Graik-Designer eines ebenso gewagten wie Bis 9. März Cannes Lions 2012
erhellenden Kunstgriffs: Er bringt all seine Arbeiten – Der bedeutendste internationale Kreativcontest
egal, ob Magazincover oder CD-Hülle – auf dasselbe ruft zur Teilnahme auf
Format (70 mal 100 Zentimeter) und reduziert sie ≥ www.canneslions.com
auf schwarze Pinselstriche auf hellem Grund (siehe
PAGE 03.12, Seite 6 f.) Pinakathek der Moderne Bis 9. März D&AD Student Awards 2012
≥ www.pinakothek.de Der Juniorwettbewerb des D&AD richtet sich an
Studenten aus aller Welt. Der Brief »Make Your Mark«
Mannheim Pipilotti Rist: Augapfelmassage steht dem Kreativnachwuchs unter 26 offen
Ab 24. März In ihren farbintensiven, hochenergetischen Video- ≥ www.dandad.org
arbeiten erzählt die Schweizer Künstlerin »von der
unzivilisierten Schönheit, der Hingabe an das Leben« Bis 15. März Grimme Online Award 2012
(Pipilotti Rist). Eigens für die Ausstellung entstand Das Grimme Institut bittet um Vorschläge für »beson-
die Rauminstallation »Administrating Eternity« (2011), ders überzeugende« Internetangebote und Apps
die den Orientierungssinn des Betrachters außer ≥ www.grimme-institut.de
Kraft setzen soll Kunsthalle Mannheim
≥ www.kunsthalle-mannheim.eu Bis 16. März Berliner Type 2012
(Early Bird)/ Bei dem internationalen Contest lassen sich
Luzern Fumetto. Internationales Comix-Festival 20. April Druckschriften einreichen, die für die B-to-B- oder
24. März bis Eine der Ausstellungen ist diesmal Yves Chaland B-to-C-Kommunikation entstanden sind
1. April gewidmet, der als Meister der Ligne Claire gilt ≥ www.berliner-type.eu
≥ www.fumetto.ch/
Bis 31. März Die schönsten deutschen Bücher 2012
Bremen John Smith. Worst Case Scenario. Der Buchdesignwettbewerb der Stiftung
Bis 25. März Filme von 1975–2003 Buchkunst prämiert jetzt jeweils fünf Titel in fünf
Mit seinen formbewussten und zugleich verspielten Sachgruppen (siehe PAGE 12.11, Seite 18)
Arbeiten hinterfragt der britische Filmavantgardist ≥ www.stiftung-buchkunst.de
die Selbstverständlichkeiten unserer Wahrnehmung
Weserburg Museum für Moderne Kunst Bis 31. März Dummy Award 2012
≥ www.weserburg.de Fotografen sind aufgerufen, bisher noch nicht
veröffentlichte Fotobücher einzureichen
Stuttgart Michel Majerus ≥ http://2012.fotobookfestival.org/dummy_award/
Bis 9. April Mit Leihgaben aus Los Angeles, New York, London
und Paris gibt die Schau einen Überblick über das Bis 17. April ADC Young Guns
Werk der Künstlers, der stets mit verschiedensten (Early Bird)/ Der New Yorker Art Directors Club sucht die
Techniken experimentierte und Einlüsse aus Techno, 8. Mai besten Nachwuchskreativen der Welt
Comic, Werbung, Videospielen, Pop und Minimal Art ≥ www.adcyoungguns.org
sampelte Kunstmuseum Stuttgart
Bis 30. April Designpreis der Bundesrepublik Deutschland 2012
≥ www.kunstmuseum-stuttgart.de
Nach einem Jahr Pause indet der Designpreis
Düsseldorf State of the Art Photography wieder statt (siehe Seite 15)
© Feitelson Arts Foundation, courtesy of Louis Stern Fine Arts

Bis 6. Mai Die Digitalisierung und die damit verbundene Ent- ≥ www.dmy-berlin.de
stehung eines gobalen Datenraums haben die Foto-
Bis 30. April Bundespreis ecodesign 2012
graie enscheidend verändert. Die Schau präsentiert
Gesucht sind Produkte, Dienstleistungen und Sys-
41 Fotokünstler, deren Arbeiten in dieser Hinsicht
teme sowie Prototypen und Konzeptstudien,
trendsetzend sind (siehe PAGE 03.12, Seite 82)
die den nachhaltigen Konsum fördern. Außerdem
NRW-Forum Düsseldorf
gibt es eine separate Nachwuchskategorie
≥ www.nrw-forum.de
≥ www.bundespreis-ecodesign.de
Zürich 100 Jahre Schweizer Graik
Bis 18. Mai Joseph Binder Award 2012
Bis 3. Juni Selten hat man Gelegenheit, so viel herausragendes
In diesem Jahr indet der österreichische Design-
Kommunikationsdesign an einem Ort zu sehen. Da-
wettbewerb wieder mit dem Schwerpunkt Graik-
bei vertritt die Ausstellung die These, dass es nicht
design und Illustration statt. Gestalter und Studenten
ein bestimmter Stil ist, sondern die Haltung, die
aus aller Welt können ihre zwischen Anfang 2010 und
Schweizer Graik ausmacht (siehe PAGE 03.12, Seite 8)
Mai 2012 realisierten Arbeiten einreichen
Museum für Gestaltung
≥ www.designaustria.at
≥ www.museum-gestaltung.ch
108 PAGE 04.12 Publikationen

PUBLIKATIONEN
n »Alexander Girard«, »otl aicher, gestalter«, »Lufthansa +
Graphic Design«. Die beiden Designer, die auf diesen Seiten
die Hauptrolle spielen, könnten verschiedener nicht sein.
Alexander Girards Leben war ein einziger kreativer Rausch.
Von Graik über Möbel, Porzellan, Stoffe, Tapeten bis zu kom-
pletten Interieurs von Restaurants, Shops oder Privatvillen
für die Schönen und Reichen gestaltete er alles. Otl Aicher
dagegen war ein Minimalist, der streng auf Kleinschreibung
beharrte, weil ihm sogar Versalien zu viel waren, und der ein-
mal schrieb: »ein designer ist ein moralist. er lebt nicht leicht.«
Alles kein Wunder, blickt man auf die Lebensgeschichte
der beiden. Girard, ein lebenszugewandter Kosmopolit, wur-
de 1907 in einer New Yorker Künstlerfamilie geboren, wuchs
in Florenz auf, studierte in London und Rom, bevor er 1932
in New York sein erstes Büro aufmachte. Der 1922 als Sohn
Alexander Girard eines Installateurs geborene Aicher verbrachte einen Groß-
in seinem teil seines Lebens in Ulm, wuchs direkt in die Nazi-Diktatur
Studio in Santa Fe, hinein und erlebte, wie seine engen Freunde Sophie und
New Mexico, Hans Scholl 1943 hingerichtet wurden. Später heiratete er
in den siebziger deren Schwester Inge Scholl, mit der er die legendär pro-
Jahren gressive Ulmer Hochschule für Gestaltung gründete – was
ihn nicht daran hinderte, jeden Sonntag mit Frau und fünf
Kindern in die Kirche zu gehen.
Geradezu erschreckend iel einem Besucher 1960 am
Privathaus der Aichers in Ulm »die Abwesenheit alles Per-
sönlichen, die strenge Verneinung alles Überlüssigen und
Ornamentalen« auf. Genau das Gegenteil von Alexander
Girard, fanatischer Sammler der Folk Art, die um 1960 viele
Designer und Künstler beeinlusste. Seine über 100 000 Stü-
cke umfassende Kollektion belegt heute einen eigenen Flü-
gel des Museum of International Folk Art in Santa Fe. Auf
Reisen sammelte er zudem Textilien aus aller Herren Län-
der, die er kurz vor seinem Tod 1993 mit dem Nachlass sei-
nes Studios dem Vitra Design Museum vermachte.

Ebenso unterschiedlich wie diese beiden Menschen sind


zwei neue Publikationen, die sich mit ihnen befassen. Über
Girard erschien bei Ammo Books ein kaum zu bändigender,
fast 700 Seiten starker Bildband im Format von 40 mal 30
Zentimetern. Über Aicher eine textlastige Biograie, die sich
wie ein Geschichtsbuch liest. Angefangen bei dramatischen
Ereignissen der Nazi-Zeit über die demokratischen Neuan-
fänge nach 1945, bei denen Aicher eine aktivere Rolle spiel-
te als jeder andere deutsche Gestalter, bis hin zu den Olym-
pischen Spielen von 1972, deren legendäres Erscheinungs-
bild er gestaltete und die in einem terroristischen Blutbad
endeten. Eva Mosel hat über all das ein Buch geschrieben,
das sich stärker den persönlichen und zeitgeschichtlichen
Erlebnissen widmet als dem Design in engerem Sinn. Und
das auch ich von Seite zu Seite spannend fand, obwohl ich
eigentlich kein Fan Aicherscher Gestaltung bin, ja seine Ro-
tis mir aus unerindlichen Gründen mehr zuwider ist als je-
de andere Schrift . . .
Otl Aicher 1953 Bei genauerem Hinsehen entdeckt man aber auch Ge-
in seinem Atelier meinsamkeiten zwischen Aicher und Girard. Beide arbei-
in Ulm teten extrem systematisch und waren Pioniere des Corpo-
rate Designs, was sie auch im Auftrag einer Airline unter
Beweis stellten: Girard 1965 für Braniff International Air-
PAGE 04.12 109

Kunterbunt wie die Flugzeuge selbst


kam 1965 das graische Erschei-
nungsbild von Braniff International
daher – Girard gestaltete alles,
bis hin zu Interieurs und Stoffen

Alexander Girards »Wooden Dolls« von 1963 wurden jüngst von Vitra wieder aufgelegt

1974 entwickelte Otl Aicher das Erscheinungsbild für Leuchtenhersteller ERCO

Vorher, nachher: So sahen die Entwürfe aus, die die Ulmer Entwicklungsgruppe 1962 Lufthansa vorlegte
110 PAGE 04.12 Publikationen

Designs von Alexander Girard aus sei-


ner Zeit bei Herman Miller, in der
Kollektion Textiles of the 20th Century
von Maharam neu herausgegeben

fangreichen Auszüge aus der Original-


studie, die Aicher und die Entwicklungs-
Courtesy of Maharam

gruppe 5 der Ulmer Hochschule Luft-


hansa 1962 vorlegten und aus der die
Entwürfe von der vorangehenden Seite
stammen. In dieser Ulmer Studie wird
erst mal erklärt, was ein Erscheinungs-
bild ist, das zu dieser Zeit noch ein
ways, Otl Aicher ab 1962 für Lufthansa. Und mit dieser neuer Begriff war. Eine Argumentation, die ihre Schlüssig-
Feststellung sind wir beim dritten hier vorgestellten Buch, keit bis heute nicht verloren hat.
einem neuen Band in der von Jens Müller und Karen Wei- >Todd Oldham, Kiera Coffee: Alexander Girard. Pasadena,
land publizierten Reihe »A5«, die sich jeweils mit einem Ka- CA (AMMO) 2011, 672 Seiten. 200 Dollar. isbn 9781934429846
pitel oder einer herausragenden Persönlichkeit deutscher >Eva Moser: otl aicher, gestalter. Ostildern (Hatje Cantz)
Designgeschichte befasst. 2011, 456 Seiten, 35 Euro. isbn 978-3-7757-3201-7
Das neue A5-Büchlein über Lufthansa erzählt nicht nur (Gestaltung von Weidner Händle Atelier, Berthold Weidner)
von Otl Aicher, sondern die Geschichte des Lufthansa-De- >Jens Müller und Karen Weiland (Hrsg.): A5/05: Lufthansa
signs von den Anfängen bis heute, zeigt Werbung aus den und Graphic Design. Visuelle Geschichte einer Fluggesell-
1920er Jahren und endet mit einem Interview mit dem ak- schaft. Baden, Schweiz (Lars Müller Publishers) 2011,
tuellen Corporate-Design-Team. Interessant sind die um- 128 Seiten. 20 Euro. isbn 978-3-03778-267-5

Sieben Meter
breite Wandver-
kleidung von
Marilyn Minter
für Maharams
Digital Projects

n »Maharam Agenda«. Und noch ein mit Mustern daher. Hella Jongerius ent- jahrzehntelang für den Möbelherstel-
Buch, das mit den vorgestellten Publi- warf das Leinencover, auf das sämt- ler Herman Miller arbeitete, dessen Tex-
kationen auf den vorigen Seiten in- liche Typo- und Zierelemente in vier tilabteilung Girard bis 1972 leitete. Als
haltlich verzahnt ist: Hier geht es um Farbvarianten eingestickt sind. Re-Editionen gibt es heute bei Maha-
die hundertjährige New Yorker Firma In den Sixties machte Maharam un- ram sowohl wieder Entwürfe von Ea-
Maharam, die als Lieferant von The- ter anderem durch Stoffentwürfe von mes und Girard als auch von Designer-
aterstoffen für den Broadway bekannt Ray und Charles Eames Furore. Das be- legenden wie Gio Ponti, Verner Panton
wurde und sich dann zum innova- rühmte Designerpaar kannte natürlich oder Josef Hoffmann und Koloman Mo-
tivsten und bis heute führenden Her- Otl Aicher und stellte seine Arbeiten ser, Gründer der Wiener Werkstätten.
steller von Interior-Textilien entwickel- mehrfach an der HfG Ulm vor. Vor allem Gleichzeitig liefern angesagte aktu-
te. Der vom Inhouse-Graikstudio A4 aber war Charles Eames eng mit Alex- elle Gestalter Stoffmuster für Maha-
gestaltete Band kommt vollgepfropft ander Girard befreundet, mit dem er ram, darunter viele Graik-Designer wie
Bruce Mau, Marian Bantjes, cyan, Har-
men Liemburg, Post Typography, Ab-
Kostümdesigns bott Miller, Graphic Thought Facility
aus den 1940er oder Processing-Programmierer Casey
und 1950er Jahren Reas. Auf ein spannendes neues Ge-
biet begab sich die Firma mit Maharam
Digital Projects, für die Künstler sowie
Designer High-End-Wandbeläge anfer-
tigten. All deren wunderbare Entwür-
fe lassen sich unter www.maharam.
com/vl.html in dem »Musterbuch« ganz
Courtesy of Maharam

links betrachten. cg
> Michael Maharam (Hrsg.):
Maharam Agenda. Zürich (Lars Müller
Publishers) 2011, 256 Seiten. 55 Euro.
isbn 978-3-03778-187-6
112 PAGE 04.12 Publikationen

in PAGE 10.11 vorstellten. Atelierul de Graica: Iron Curtain Gra-


phics. Eastern European Design Created without Computers. Berlin
(Gestalten) 2012, 208 Seiten. 29,90 Euro. 978-3-89955-394-9. Stefania
Carla Duschka und Ciprian Isac aus Rumänien zeigen Graikdesign aus
den Zeiten, als Gestalter hinterm Eisernen Vorhang noch mit der
Hand werkelten. Robert Klanten, Hendrik Hellige (Eds.): Echoes
of the Future. Rational Graphic Design and Illustration. Berlin (Ge-
stalten) 2012, 176 Seiten. 35 Euro. 978-3-89955-413-7. Viele wunderschöne
aktuelle Arbeiten im Retro-Look – von Poster bis Logo. Rob Thompson:
The Manufacturing Guides. Graphics and Packaging Production.
London (Thames & Hudson) 2012, 208 Seiten. 16,95 Pfund. 978050028
9884. Der mit Fotos und technischen Illustrationen reich bebilderte
Band erklärt anschaulich, wie graische Produkte für den Massenmarkt
entstehen – ob mit klassischen oder neuartigen Herstellungstechno-
logien. Mehr unter www.studiorob.co.uk/books. Ron Faber, Sönke
Prestin: Social Media und Location-based Marketing. Mit Google,
Facebook, Foursquare, Groupon & Co. lokal erfolgreich werben.
München (Hanser) 2012, 239 Seiten. 24,90 Euro. 978-3-446-42911-6. Sönke
Prestin hat das aus dem Amerikanischen übersetzte Buch dem deut-
schen Kontext angepasst. Molly Donovan: Warhol: Headlines. Mün-
chen (Prestel) 2012, 224 Seiten. 39,95 Euro. 978-3-7913-5159-9. Katalog
zur Ausstellung, die noch bis 13. Mai im MMK in Frankfurt Warhols künst-
lerische Auseinandersetzung mit den Massenmedien zeigt. Todd
Moore: Tap, Move, Shake. Turning Your Game Ideas into iPhone &
iPad Apps. Sebastopol (O’Reilly) 2012, 270 Seiten. 24,50 Euro. 978-1-4493-
0345-7. Apps designen und reich werden – wollen wir das nicht alle?
Mehr über den Autor unter www.tmsoft.com, der Firma, die er selbst
als frisch gebackener App-Entwickler gründete. Theresa Neil: Mobile
Design Pattern Gallery. UI Patterns for Mobile Applications. Sebasto-
pol (O’Reilly) 2012, 298 Seiten. 29,99 Euro. 978-1-4493-1432-3. Brauchen
Sie noch Vorlagen fürs Interfacedesign?
Über 400 Screenshots zeigen hier, wie
Neuerscheinungen – kurz vorgestellt andere App-Gestalter Standardproble-
me lösten. Josef Mayerhofer: Apps er-
Sammy Harkham: Kramers Ergot 8. New York (PictureBox) 2012, folgreich verkaufen. Vermarktungs-
232 Seiten. 32,95 Dollar. 978-0984589272. Die wohl avantgardistischste strategien für Apps auf iPhone, iPad,
amerikanische Comic-Anthologie wurde diesmal von Robert Beatty Android und Co. München (Hanser)
gestaltet. Oben ein Beitrag von Takeshi Murata. Paul Jackson: Struc- 2012, 335 Seiten. 24,90 Euro. 978-3-446-
tural Packaging: Design your own Boxes and 3D Forms. London 43028-0. Wenn es dann ans Business
(Laurence King) 2012, 128 Seiten. 15,95 Pfund. 978-1-85669-753-8. Dass geht, hilft einem Joser Mayerhofer wei-
Jackson die Kunst des Faltens beherrscht, stellte er schon mit der Ver- ter. Unter http://appstoreeconomy.com
öffentlichung »Folding Techniques for Designers« unter Beweis, die wir erfährt man mehr über ihn.

ben gerade »Was Sie schon immer über 6 wissen wollten« veröf-
fentlicht, ein schönes Buch über die Psychologie von Zahlen.
Was lesen Sie? Auch für Gestalter interessant?
Erik Spiekermann sagte, es sei das Buch, das er immer habe schrei-
Thomas Weyres, Berlin ben wollen.
www.thomasweyres.de Was lesen Sie außer ZIA-Produkten?
Zu berulichen Fragen gern die Auskunftsplattform Quora.com aus
dem Silicon Valley, wo man auf Fragen etwa zu Interfacedesign un-
Sie haben ein eigenes Studio, sind aber auch Mitglied der Zentralen glaublich kompetente Antworten bekommt. Als Roman zuletzt
Intelligenz Agentur. Die wurde 2006 bekannt, als ZIA-Mitgründerin »Super Sad True Love Story« von Gary Shteyngart. Ein sehr intelli-
Kathrin Passig den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann. genter, klassischer New-York-Roman, mit der romantischen Liebes-
Thomas Weyres: Ich selber war 2006 noch nicht bei ZIA und habe geschichte eines New Yorkers und einer Koreanerin. Aber in der
es damals von außen so wahrgenommen, dass der Literaturbetrieb Zukunft angesiedelt: Amerika ist pleite und hängt komplett von
teils sehr pikiert, teils amüsiert war, als Kathrin Passig in der »taz« der chinesischen Zentralbank ab. Ein Autor aus dem ZIA-Umfeld
andeutete, sie habe nur zielgruppengerecht geschrieben. ist wiederum Wolfgang Herrndorf, dessen skurrilen Thriller »Sand«
Betätigt sich die Zentrale Intelligenz Agentur eigentlich noch ich gerade angefangen habe. Er spielt in den siebziger Jahren in der
schreiberisch? Sahara. Es gibt einen verwirrt wirkenden Kommissar, einen Atom-
Die Agentur, die für Kunden wie arte, Douglas oder Daimler arbei- wissenschaftler, der das Gedächtnis verloren hat.
tet, besteht im Kern aus zwei Graikern, Martin Baaske und mir, so- Also dominiert doch die Zentrale Intelligenz Agentur Ihre Lektüre?
wie zwei Konzeptern, Holm Friebe und Philipp Albers. Die beiden ha- Nein, eher die Pixi-Bücher, die ich abends meinen Töchtern vorlese.
page 04.12 113

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Markus Linden, Judith Mair,
Jutta Nachtwey (jn), Elisabeth Rank,
Jürgen Siebert
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114 PAGE 04.12 Fundstücke von Jürgen Siebert

Das wahre Desktop-Publishing


Kühne Kommentare von Jürgen Siebert zu Trends, Ereignissen und
dem ganz normalen Alltagswahnsinn eines Kreativen

n Diese Zeitschrift gibt es nur, weil dere kramten das übliche Monopolis- noch mindestens drei Partner brauch-
1985 das Desktop-Publishing erfunden ten-Argument hervor. Nur sehr wenige ten, um die Killer-App für das Hard-
wurde. Ich weiß das, weil ich bei der durchschauten das Understatement, ware-Doppel Mac/LaserWriter in die
Geburtsstunde von PAGE Hebamme mit der die erste Apple-Keynote nach Welt zu setzen, und selbst der iPod nur
war, in der ehemaligen Von-Eicken-Ta- Steve Jobs’ Tod ein umwälzendes In- gemeinsam mit der Musikindustrie er-
bakfabrik in Hamburg-Eimsbüttel (Ho- dustrieszenario andeutete. Manchem folgreich werden konnte, benötigt man
heluftchaussee 95). Unser Thema in Verleger mit Durchblick gefror viel- für die aktuelle Erindung keinen Part-
den ersten drei Jahren war das »pro- leicht auch das Blut in den Adern, an- ner mehr: Der komplette Prozess des
fessionelle Publizieren mit dem Perso- dere – mit Weitblick – möchten eher Büchermachens läuft in und auf den
Diese und weitere nal Computer«. Wir waren fasziniert von als heute mit Apple kooperieren. hauseigenen Kanälen. Dies ist gerade-
Fundstücke von dieser Technik und überzeugt, trotz Das Unternehmen startet einen zu gespenstisch.
Jürgen Siebert fin- der Kritik der alten Setzerhasen: DTP weiteren Frontalangriff auf einen In- Und so funktioniert es: Das Buch
den Sie unter wird sich durchsetzen. dustriezweig: die Buchverlage. Wie wird auf einem Mac mit dem kostenlo-
www.page-online. Inzwischen ist viel Druckfarbe durch der ausgehen wird, steht natürlich in sen iBooks Author zusammengebaut.
de/fundstuecke Heidelberg-Maschinen gelossen. Doch Das Programm ist überaus leicht zu
erst seit wenigen Wochen weiß ich, bedienen, weil es mit den vertrauten
dass wir jahrelang die falsche Vokabel Mechanismen der Präsentationssoft-
für die richtige Technik verwendeten. ware Keynote sowie den bekannten
Desktop-Publishing war nichts ande- Tools eines Texteditors arbeitet. Ist
res als Desktop-PrePress. Mit Publi- das Buch fertig, drückt sein Schöpfer –
zieren hatte die Erindung von Aldus wie beim Veröffentlichen einer App –
(PageMaker), Adobe (PostScript), Lino- den »Publish«-Knopf, und schon wan-
type (Satzbelichter) und Apple (Mac/ dert das Werk in den von Apple betrie-
LaserWriter) so wenig zu tun wie Fuß- benen Buchladen iBooks. Dabei ist es
ballgucken mit Fußballspielen. Tatsäch- egal, ob das Buch etwas kosten oder
lich blieb das Geschäft des Verlegens umsonst vertrieben werden soll. We-
weitgehend unberührt von der neuen nige Stunden später ist es bereits im
Technik. Allein der Komfort, eine zu- iTunes-Bücherstore verfügbar, fertig
künftige Drucksache bereits am Bild- Erstmals kann zum Download auf das von Apple mil-
schirm und im Laserdruck annähernd lionenfach produzierte Lesegerät iPad;
so zu sehen, wie sie später aus der
jedermann vom die Erweiterung der potenziellen Le-
Druckmaschine kommen sollte (What Schreibtisch aus ein serschaft um mehrere Hunderttau-
You See Is What You Get), hat uns der- send iPhone-Besitzer hat eher politi-
maßen berauscht, dass wir Magazin- Buch selbst gestal- sche als technische Gründe.
macher uns alle wie Verleger fühlten. Apple ist es damit gelungen, eine
»Jeder ein kleiner Gutenberg«, nann-
ten, produzieren, Publishing-Brücke mit drei Pfeilern zu
ten wir das damals.  ausliefern und ver- bauen: Erstellung, Veröffentlichung
Über ein Vierteljahrhundert später und Vertrieb. Aus der Sicht eines Au-
hat Apple tatsächlich das Desktop-Pu- kaufen tors macht die neue Buchpublishing-
blishing erfunden – und das gewaltig. Schiene nicht nur den Verlag überlüs-
Auf einer als »Education Event« getarn- den Sternen. Aber das Potenzial der sig, sondern den Buchhändler gleich
ten Präsentation in New York stellten iBooks-Umgebung ist hochbrisant. Ich mit . . . ganz zu schweigen von Drucke-
die Kalifornier ein Tool vor, das iBooks persönlich sehe in der neuesten Apple- reien und anderen Zulieferern. 
Author heißt und das Erstellen multi- Erindung ein größeres revolutionäres Und die ersten Bücher ohne Verlag
medialer E-Books für den Unterricht Potenzial als im Desktop-Publishing sind bereits erschienen. Der österrei-
an Gymnasien und Hochschulen er- der 1980er Jahre. Natürlich ist sie auch chische Designer Markus Hanzer bau-
leichtern soll. Vier eingeweihte Lehr- einseitig, gefährlich, diktatorisch – aber te aus seinem einstündigen, üppig il-
buchverlage zeigten erste Ergebnisse wen schert das, wenn es für jeden Men- lustrierten Vortrag auf der TYPO Ber-
dieser Technik, wissenschaftliche Bü- schen erstmals die Möglichkeit gibt, ein lin 2011 das 48-seitige Buch »Genesis.
cher mit 3-D-Graiken, Videos, Bilder- Buch selbst zu schreiben, zu gestalten, Schöpfungsgeschichten«, in welchem er
galerien und interaktiven Fragebogen. zu bebildern und zu vertreiben? den Wert und die Rolle von Gestaltung
So weit die ofizielle Apple-Kulisse. Seit den Anfängen des Desktop- in der heutigen Gesellschaft genauer
Wie bei solchen Keynotes üblich, Publishing hat sich eine Menge getan beleuchtet. Er vertreibt den Titel (drin-
stürzten sich Kritiker und Medien als im Hause Apple. Dies wird mit der Vor- gende Leseempfehlung!) kostenlos, oh-
Erstes auf die Schwächen und Unge- stellung der aktuellen iBooks-Infra- ne Verlag, ohne Lektor, ohne Verhand-
reimtheiten des Systems. Die einen zer- struktur besonders deutlich. Während lungen und ohne Druckerei – freier
plückten die Lizenzbedingungen, an- Steve Jobs und John Sculley damals geht es nicht.