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DEUTSCHL AND: 9,80 € · SCHWEIZ: 19,20 CHF · ÖSTERREICH: 10,90 € · LUXEMBURG: 11,50 € · 108 42
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09.2012 Ideen und Know-how für Design, Werbung, Medien ≥ www.page-online.de


Shopping-Design

KAUF
MICH! Wie Gestalter und
Interaction Designer
inspirierende
Einkaufswelten
schaffen
DEUTSCHLAND 9,80 €

09
4 191084 209802

Designed by the Crowd Agentur-Strukturen Digilog & Anatal


Der kollaborative Entstehungsprozess Wie sich kleine Designbüros agil Verdrehte Medienwelt? Ja bitte!
des Harz-IV-Möbel-Buches aufstellen und vernetzen Der Crossover-Trend
Editorial PAGE 09.12 003

Super Markt
Welcher unserer Auftraggeber ver-
sucht schließlich nicht, eine Ware oder
Dienstleistung an den Mann zu brin-
gen, und fordert nicht ganzheitliche
Lösungen? Ein zeitgemäßer Auftritt
verknüpft die Vorzüge der einzelnen
Kanäle und bietet situationsabhän-
gig faszinierende Erlebnisse den
kompletten Kaufprozess hindurch –
in der Phase der Inspiration, der
Evaluation über den Kauf hinaus bis
zum After Sales.
n Window Shopping à la Südkorea Nicht von ungefähr entdecken Lu-
Foto: Kirsten Nijhof

bald auch hierzulande? Wer weiß. xusgüterhersteller das Netz, eröffnen


Nicht nur in Seoul kauft man Dinge Online-Discounter Shops im realen Le-
des täglichen Bedarfs per Handyfoto ben, verbinden Marken den Point of
beim Warten auf die U-Bahn. Auch in Sale mit Social Media. So arbeiten denn
Zürich laufen die ersten Feldversuche auch Fotografen verstärkt an Rund-
dieser Art. Die Schaufenster einer um-Produktpräsentationen und Be-
Coop-Filiale sind dort mit Bildern wegtbildangeboten, Motion Designer
von Müsli, Salat und Fruchtsäften an der emotionalen Inszenierung off-
zuplakatiert. Quasi im Vorübergehen line wie online, Corporate Designer
können Passanten mit einer App die an multisensorischen Markeninszenie-
jeweiligen EAN-Codes abfotograie- rungen, Interface Designer an virtu-
ren und sich ihre Essenseinkäufe ellen Anproben, Künstler an Einkaufs-
einfach und bequem nach Hause lie- taschen, Graiker an E-Magalogs, Kom-
fern lassen. Kein Schleppen, kein An- munikationsdesigner an Kampagnen
stehen – kein Interesse? für ressourcenschonendes Versandma-
Kulturfrage hin, reine Experimen- terial. Sie alle arbeiten an einer Shop-
tierfreudigkeit her, die Einkaufsre- pingwelt, die mit smarten Services
volution, die das Internet mit sich ge- den Konsum nachhaltig verändern
bracht hat, wird durch die mobilen und die Kreativität von uns allen for-
Endgeräte noch einmal forciert. Da- dern wird. Darum erledigen wir denn
vor können auch wir Gestalter nicht auch in dieser Ausgabe den Schaufens-
die Augen verschließen: E-, M- und F- terbummel für Sie und werfen einen
Commerce, das ist unser Geschäft. Blick auf Ihr Geschäft von morgen.

Gabriele Günder,
Chefredakteurin/Publisher
Design & AD: Joan Josep Bertran; Illustration: Iván Bravo; Kunde: La Vinya del Vuit
004 page 09.12

INHALT
SZENE
006 Was die Branche bewegt
Ogilvy-Lounge im »Mad Men«-Style; red dot award:
communication design; Ansichtssache: das aktuelle
»Bauhaus«-Magazin; Infograik-Site Fat & Fiction

014 Branche & Karriere


Pentagram-Plakate; Mark Curtis über das Berufs-
bild des Chief Design Oficer; Business Basics

018 Ausbildung
Geldschein-Collagen; Bindfaden-Installation; die
neue Akademie für Illustration und Design in Berlin

TITEL
020 n Shopping-Design
Der E- und M-Commerce in all seinen Spielarten
verändert auch die Konzepte für den stationären
Handel – damit ist für Interaction Designer und
Gestalter ein vielfältiges Aufgabenfeld entstanden 032 Digilog & Anatal

KREATION
032 n Digilog & Anatal
Mit viel Witz und medialem Know-how bringen
Kreative, Forscher und Marken die Grenzen
zwischen digitaler und analoger Welt in Bewegung

040 n Agenturstrukturen
Wie müssen sich kleine Designbüros aufstellen, um
sich neben den großen Alleskönnern zu behaupten?

046 Theaterkommunikation
Zwischen Publikum und Kunstanspruch zu vermit-
teln ist nicht immer eine ganz leichte Aufgabe

051 Papierwelt
Ausstellung von und in Iggesund; papier|liebe

052 n Designed by the Crowd


Schon bei seinem Hartz-IV-Möbel-Projekt erwies sich
Van Bo Le-Mentzel als genialer Social-Media-Stratege.
Beim gerade dazu erschienenen Buch erst recht

056 Lieblingsspielzeuge
Acht Kreative haben uns verraten, mit was sie sich
am liebsten auf andere Gedanken bringen

TYPO
064 KLUB7
Aus seiner Anfangszeit in der Urban-Art-Szene hat
020 Titel: Shopping-Design
sich das Kollektiv seinen spontanen Drive erhalten
page 09.12 005

≥ PAGE Online: Ob Stellenangebote, Inspiration,


News, Magazin-Volltextsuche, publishing-Tipps,
abo-angebote oder den page-Shop – das alles inden
Sie unter www.page-online.de

068 OpenType-Features für Webfonts


Ligaturen, Schwungbuchstaben, Kapitälchen – das
Internet holt typograisch in Riesenschritten auf

072 Typowelt
Henning Skibbe über die neue SZ-Schrift; Marianne

BILD
076 Buchillustration
Die E-Book-Konkurrenz führt dazu, dass es immer
mehr wunderbar illustrierte gedruckte Bücher gibt

082 Sportbildwelten
Wie lässt sich das Thema Sport zeitgemäß visualisie-
ren? Beispiele aus Werbung, Design und Fotograie

088 Bildwelt
Modefotograie-Ausstellung; Illustrations-Events

TECHNIK
090 Augmented Reality Storytelling
Dank intelligenter narrativer Konzepte kommen
AR-Anwendungen aus der Experimentierecke heraus

096 Druckweiterverarbeitung, Teil 3


Partielle UV-Lackierung

098 Tools & Technik


Kinect-Film über die openFrameworks-Szene; neue
Wacom-Graiktabletts; Android-Emulator für den Mac

SERVICES & STANDARDS


108 Kalender: Kongresse, Ausstellungen, Awards

110 Publikationen: Buchempfehlungen


für kreative Publisher
Ein Buch über Fotobücher, eines über interaktives
Printdesign und ein Buch von KesselsKramer

003 Editorial 113 Impressum/Vorschau


045 PAGE Abo 067 PAGE Studenten-Abo 107 PAGE Shop
104 PAGE Stellenmarkt
114 Fundstücke von Jürgen Siebert

PAGE SEMINARE
037 Visual Thinking Lessons mit der Good School
062 »Design Management« mit Christine Hesse
074 »Gutes Design entwickeln« mit Jochen Rädeker
075 »Gutes Design gut verkaufen« mit Jochen Rädeker
046 Theaterkommunikation
095 Transmediales Story-Training mit der Good School
006 PAGE 09.12
SZENE
Fotos: Bruno Bicalho Carvalhaes
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Goldene
Zeiten
Arbeiten wie Don Draper: Ogilvy
zaubert »Mad Men«-Flair in
ihre Pariser Meeting-Lounge

n Es dürfte schwer sein, einen Wer-


ber zu inden, der nicht »Mad Men«
verfallen ist, der Serie über die Gol-
dene Ära der Werbung. Ogilvy Paris
zollt der Popularität der HBO-Serie
Tribut und hat in den Agenturräumen
in der Avenue George V eine Lounge
eingerichtet, die ausschließlich mit Mö-
beln und Accessoires der 1950er und
1960er Jahre ausgestattet ist. Allein
der Fernseher hat einen modernen
Twist: Innerhalb des Philips-Rahmens
hat Ogilvy einen Flatscreen mit Com-
puteranschluss eingebaut.
Der Raum, in dem auch Kunden
empfangen werden, ist zudem einem
ganz bestimmten »Mad Man« gewid-
met: Agenturgründer David Ogilvy. Me-
morabilien wie Babuschka-Püppchen,
die dieser gern verschickte, oder eine
Jagdtrophäe, die an sein Hobby erin-
nert, geben der Lounge eine persönli-
che Note. Die museale Anmutung soll
noch mit Gegenständen aus Ogilvys Be-
sitz verstärkt werden, etwa einem ge-
malten Porträt des Agenturgründers,
einem Panamahut und Familienfotos
aus den 50er Jahren. Selbstverständ-
lich fehlen auch die wichtigsten »Mad Fifties-Feeling: Bei der Einrichtung
Men«-Accessoires nicht: Whiskey-Karaf- bekam Ogilvy Paris Unterstützung von
fe und Pfeife liegen für Gäste bereit. nik Stylistin Isabelle Baudry
008 PAGE 09.12 SZENE

Zum Urbis Design


Day in Auckland
baute das neuseelän-
dische Unterneh-
men Fisher & Paykel
die Social Kitchen
auf, um die steigende
Bedeutung der
Küche als sozialer
Ort zu zeigen.
Für das gelungene
Design sorgte Alt
Group aus Auckland

Verständnis für Monster


Das über die Initia- n red dot award: communication Buch »The ›Misunderstood‹ Monsters nern gehören eine ganze Reihe groß-
tive Mangel- design 2012. Letztes Jahr waren sie of Greek Mythology« ausgezeichnet, er Agenturen wie Scholz & Friends,
Wurzel realisierte agency of the year, jetzt gehen sie mit in dem sie die Antihelden der griechi- McCann Erickson, Euro RSCG oder Lea-
Buch »The ›Mis- einem red dot: best of the best nach schen Mythologie, die schon Schriftstel- gas Delaney, aber auch kleinere Büros
understood‹ Mon- Hause – Beetroot design group aus ler wie Homer, Platon, Shakespeare und – besonders erfreulich – sieben
sters of Greek Athen hat einen guten Lauf. Zu ver- oder Oscar Wilde und Maler wie Goya Hochschulprojekte. Noch bleibt ge-
Mythology« lässt danken haben die Kreativen den einer Rubens, Ingres und Picasso inspirier- heim, wer den red dot: grand prix be-
die Monster zu Handvoll Monster, die sie geschaffen ten, ihre Geschichten erzählen lassen. kommt, der jeweils die beste Arbeit ei-
Wort kommen und haben, um mit ihnen auf das derzeiti- Insgesamt verlieh die Jury 63 best- ner Kategorie kürt. Dies wird auf der
bescherte Beetroot ge Negativ-Image Griechenlands zu re- of-the-best- und 511 red-dot-Auszeich- Gala am 24. Oktober im Konzerthaus
einen red dot: agieren. War es 2011 die Ausstellung nungen – bei 6823 Einsendungen aus Berlin verkündet, ab dann werden alle
best of the best »Greek Monsters«, die ihnen den Er- 43 Ländern kann man darauf wahrlich prämierten Arbeiten auch unter www.
folg bescherte, wurden sie jetzt für das stolz sein. Zu den deutschen Gewin- red-dot.de/cd zu sehen sein. ant
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Schön und nützlich ist die von Martin et Karczinski für Occhio
entwickelte App, die die neue Leuchtenfamilie io 3d
präsentiert. Der User kann zwischen einer Informations-
und Konigurationsebene wählen und io 3d sowohl
frei als auch nach vorgegebenen Stilwelten konzipieren
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Ansichtssache
Klaus-Peter Staudinger ärgern eine Menge
Dinge in Sachen Typograie – aktuell das Magazin
der Stiftung Bauhaus Dessau

n Nach nur zwei Ausgaben im neuen Corpo- Den Betrachter durch Provokation zu for-
rate Design erscheint »Bauhaus«, die Zeit- dern, ist seit Dada-Zeiten nichts Neues mehr.
schrift der Stiftung Bauhaus Dessau, in ande- Hier grassiert jedoch eine die Erkenntnisse
rem Look. Vom Konzept des Berliner Design- der Lesetypograie ignorierende Manie: Dem
büros Hort ist lediglich das vertikale Logo ge- zweisprachigen Heft haben die beiden De-
blieben. Verantwortlich für das neue Layout signer einen großlächigen Satzspiegel mit
ist das junge Amsterdamer Graikdesignbüro schmalen Rändern verpasst und Zwischen-
Our Polite Society. Matthias Kreuzer und Jens kapitel in merkwürdige Sonderfarben ge-
Schildt haben sich Texten angenommen, die taucht – was das Lesen sabotiert und Fotos in
mit hohem Anspruch dem Wesen der Dinge die Unkenntlichkeit zerrt.
im Kontext der Bauhaus-Geschichte nachge- Das Hauptproblem aber ist die der Sabon
hen. Das Problem: Sie haben offenbar nicht be- zur Seite gestellte Auszeichnungsschrift. Die
dacht, dass das Magazin selbst ein Ding ist von dem Franzosen Karl Nawrot entworfene
und damit eine klare Aufgabe hat. Vielverspre- Breu ist für sich durchaus interessant: eine
chende Beiträge werden dem Leser jedoch Kreuzung technischer Schablonen mit lo-
verleidet, indem alle Register der Leseun- ralem Jugendstil. Die löchrigen Lettern emp-
freundlichkeit gezogen wurden. fand der Typedesigner dem »brutalistischen«
Geist Marcel Breuers nach. Doch frei schwin-
gend übers Layout drapiert, erdrücken sie als
mittelachsige oder treppenhaft latternde
Headlines Texte und Bilder. Rätselhafte Ein-
züge und Initialen sowie 5-Punkt-Bildlegen-
den strengen an. Insgesamt wirkt das Heft
zu voll, stilistisch uneinheitlich und gewollt.
Wohltuend sind allein die ganzseitigen Bilder
einiger Bauhaus-Klassiker, fotograiert von
Paulien Barbas, die das Designerduo unan-
getastet ließ.
Das Bemühen, jungen Gestaltern ein Fo-
rum zu geben, wie auch der Ansatz, neben
der Breu ein Kompendium von durch Bau-
hausmeister inspirierten Schriften zu ent-
wickeln, ist begrüßenswert. Schade aber,
wenn deren Einsatz die Arbeit der Autoren
konterkariert. Auf die Weiterentwicklung
der kommenden Ausgaben aus Dessau bin
ich dennoch gespannt.

Titel und beispielhafte Innenseiten der Ausgabe 3 des Magazins »Bauhaus« mit der regelrecht
unangenehm eingesetzten Sonderschrift Breu
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Gehaltvoll
n Datenvisualisierung. Wer hätte stellen sie als hochästhetische, inter-
gedacht, dass Nährwertangaben so aktive Infografiken dar, die den jewei-
schön aussehen und dabei so viel Spaß ligen Fett-, Zucker- und Eiweißgehalt
machen können? Die drei britischen aufzeigen. Die Idee entstand nicht aus
Designer Anna Brooks, Christina Wink- dem Zwang zum Kalorienzählen, son-
less, und David Rosser kreierten die in- dern aus der Lust an Leckereien, so
teraktive Webseite Fat or Fiction mit das Trio. Unbedingt selbst ausprobie-
sehr appetitlicher Info-Food-Fotogra- ren: www.fatorfiction.info . aw
fie. Snacks und Süßigkeiten – von Car-
rot Cake über Gin Tonic und Weingum- Appetitliche Foodfotograie nutzt Fat
Immer schönes Wetter mis bis hin zu diversen Käsesorten – or Fiction für interaktive Infograiken

n App-Design. Viel lässt sich mit WTHR nicht machen,


aber dafür ist die Wetter-App von David Elgena
äußerst hübsch. Das in elegantem Grau gehaltene
Interface bietet die Möglichkeit zum Aktualisieren
und zum Umschalten zwischen Fahrenheit und Celsius.
Die aktuelle Wetterlage wird mit einer Nadel wie
auf einem Kompass angezeigt, darunter gibt’s das Wetter
noch einmal in Worten und in einer Leiste die Vorher-
sage für die nächsten Tage. Die absolute Simplizität ist
durchdacht: David Elgena beruft sich auf Dieter Rams’
Designprinzipien. »Ich war die ganzen überfrachteten
Apps leid, die so viel unserer Zeit und unseres Lebens
beanspruchen«, so der Designer. Anfang September soll
WTHR noch einen Nacht-Modus bekommen. Die App
für iPhone und iPad gibt’s für 79 Cent. nik

Lovestory 2.0
n Microsite. Von den Entwicklern der herrlich ironi-
schen wie informativen Erklär-Website Don’t Fear
The Internet kann man schon einiges erwarten, wenn
sie eine Hochzeitseinladung verschicken. Typedesi-
gnerin Jessica Hische, charismatischer Star der diesjäh-
rigen TYPO Berlin, und Interaction Designer Russ
Maschmeyer, ihr Verlobter, übertreffen die Erwartungen
sogar noch: Die Microsite http://jessandruss.us
erzählt ihre Liebesgeschichte. Parallax Scrolling sorgt
dabei für überraschende visuelle Effekte, der Digital-
Look wird mit Comic- und Illustrationselementen aufge-
lockert. Am Ende bleibt einem nur tiefes Seufzen – und
der Wunsch, man hätte das Passwort für das RSVP. nik
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Stille Welten
n Paper Art. Als Inspiration dienten
Gemälde aus dem 16. Jahrhundert: Im
Auftrag des Stockholmer Restaurants
1900 kreierten die Papierkünstlerin
Fideli Sundqvist und die Fotografin
Olivia Jeczmyk faszinierende Stillleben
mit dreidimensionalen Papierobjek-
ten. Unter der stilistischen Leitung von
Joanna Lavén inszenierten sie Lebens-
mittel wie Fleisch, Gemüse und Nüsse,
aber auch Blumen. Zuvor hatten sie in
ähnlichem Stil bereits ein Buffet für
das Magazin »Plaza« kreiert. Ausge-
stellt sind ihre Stillleben, die ebenso
zeitlos und schön wie ihre Pendants
aus der klassischen Kunst wirken,
noch ein Jahr lang in besagtem Res-
Kunstvolle Stillleben aus Papier kreierten Fideli Sundqvist, Olivia Jeczmyk und Stylistin Joanna Lavén taurant in Stockholm. aw

Weglassen als Prinzip


n Packagedesign. Wer mit Unverträg- Feinkostlinie »Feine Welt«, aber ohne
lichkeiten gegen Milchzucker oder Glu- deren luxuriöse, narrative Anmutung.
ten zu kämpfen hat, kennt die Qual im Rüdiger Götz, Geschäftsführung Krea-
Supermarkt: Auf cremige Süßwaren tion bei KW43, erklärt: »Wir wollten
oder aromatische Saucen muss verzich- keine Betroffenheitsprodukte gestal-
tet werden, dafür gibt’s trockene Back- ten, sondern Genussprodukte – zwei
waren oder farb- und geschmackloses Welten, die sich nicht ohne weiteres
Naschwerk. Dass die Verpackungen gleichzeitig bedienen lassen.« Zudem
dabei so biologisch-dröge oder billig- musste so Unterschiedliches wie Süß-
bunt wie die Inhalte daherkommen, waren und Suppen nicht nur unter
macht das Ganze nicht besser. dem Thema »frei von«, sondern auch
Jetzt hat KW43 Branddesign Logo unter der Dachmarke REWE verankert
und Packaging für »REWE frei von« werden. Das Packaging vermittelt ein
entwickelt, das die rund 30 laktose- appetitliches, gefahrloses Esserlebnis,
und glutenfreien Lebensmittel unprä- ohne die Marke als großen Verführer
tentiös in Szene setzt. Mit freigestellten darzustellen – gut so, denn viele der Keine gestalterische Innovation, aber das »REWE
Produktfotos vor weißem Grund erin- Produkte kommen weiterhin ohne frei von«-Packaging dürfte bei Menschen mit Laktose-
nern sie an die erfolgreiche REWE- Geschmacksexplosion aus. wl und Glutenintoleranz funktionieren
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Großzügig verjüngt
n Corporate Design. Oft künden
neue Erscheinungsbilder für Kulturin-
stitutionen von einem Führungswech-
sel – und repräsentieren die Persön-
lichkeit und Haltung des neuen Inten-
danten. Im Falle des Corporate Designs,
das hauser lacour gerade für die Alte
Oper in Frankfurt entwickelt hat, ist
dies Dr. Stephan Pauly. Hauptziel war,
den Auftritt zu verjüngen, das Kinder-
und Jugendangebot »Pegasus« und
den Werkbankgedanken des kreativen
Programmzentrums hervorzuheben.
Das Design tritt klar und selbstbe-
wusst auf: Wie auf einer Bühne wird der
architektonisch wirkenden Schriftmar-
ke »Alte Oper«, in Versalien der Schrift
Utopia gesetzt, mittig am unteren Me-
dienrand überaus großzügig Platz ein-
geräumt. Dahinter sorgt eine lächige
Porträtfotograie, verwoben mit Text-
information in der Gotham, für eine le-
bendige Anmutung. Das prägnante Ar-
Die Alte Oper – ein Konzerthaus mit ausgeprägtem Klassikprogramm – tritt nun dynamischer auf, chitekturlogo wurde nicht modiiziert.
ohne ihre majestätische Anmutung aufzugeben. Hier: Die Broschüre zum Jugendprogramm Die Site geht im September online. wl

Leben am Fluss
n Corporate Design. Bereits seit
mehreren Jahren läuft im Großraum
Lyon das Projekt »Rives de Saône«, das
die Flussufer für alle Einwohner zu
einem lebenswerten und erholsamen
Ort machen soll. Dabei geht es um rund
50 Kilometer Uferstrecke, die durch
14 Kommunen und 5 Bezirke Lyons
führt. An dem ehrgeizigen Stadtent-
wicklungsprojekt sind auch jede Men-
ge Künstler beteiligt, die den Wegen
am Ufer eine kreative und kulturelle
Identität geben.
Base Brussels bekam jetzt den Auf-
trag, eine passende visuelle Identität
zu entwickeln. Inspirieren ließen sich
die Designer vom Prinzip des Myrio-
ramas, eines in Streifen zerschnittenen
Landschaftspanoramas, das sich im-
mer wieder neu arrangieren lässt. Die
einzelnen Elemente des Erscheinungs-
bilds basieren auf Fotos, die am Saône-
Ufer aufgenommen und zum Teil durch
schöne Schwarzweißillustrationen von
Céline Gautron ergänzt wurden.
Wesentlich für das Base-Konzept
ist seine Flexibilität. Dank der skalier-
baren Schrift lassen sich ganz einfach
neue Inhalte von neuen Künstlern in-
tegrieren. Das ebenso dynamische
wie vielseitige System ist ein Hingu-
cker und führt sicherlich dazu, dass
sich die Bürger noch mehr mit ihrer In Form eines Myrioramas gestaltete Base Brussels das Erscheinungsbild für
Region identiizieren. ant das Projekt »Rives de Saône«
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BRANCHE & KARRIERE


Geschichte in Plakaten
n Selfpromotion. Am 12. Juni 1972
gründeten Alan Fletcher, Colin Forbes,
Theo Crosby, Kenneth Grange und Mer-
vyn Kurlansky in London das Design-
büro Pentagram. Vierzig Jahre später
gibt es Niederlassungen in London,
New York, San Francisco, Austin und
Berlin – und mittlerweile 19 Partner.
Diese gestalteten jetzt eine Poster-
serie, die die vierzigjährige Geschichte
der Agentur nachzeichnet. Die Wahl
der Motive stand ihnen frei; einzige Be-
dingung war, dass sie nur die Farben
Schwarz, Weiß und Pentagram-Rot
verwenden durften. Die so entstande-
nen vierzig Plakate (siehe http://is.gd/
huRxJk ) sind auch ein Stück Zeitgeschi-
chte. Paula Scher etwa visualisierte den
Stromausfall in New York 1977, und Luke
Daniel Weil visualisierte den Fall der Mauer 1989, Marina Willer die Wahl des 44. und zugleich Haman nahm sich die Finanzkrise 2008
ersten schwarzen US-Präsidenten 2009 – die Pentagram-Poster sind auch ein Stück Zeitgeschichte vor. Ein visuell spannender Rückblick
in 19 unterschiedlichen Stilen. ant

Business Basics
Christian Büning, Präsident des Berufsverbands der Deutschen
Kommunikationsdesigner ( www.bdg-designer.de ), beantwortet berufs-

Foto: © André W. Sobott, www.aw-sobott.de


bezogene Fragen von Gestaltern. Hier stellt er aktuelle Fälle vor

Hinnerk, 38: Ich arbeite seit 14 Jahren selbstständig und Dafür ist es bei Ihnen leider zu
habe nun ein Problem mit einem Kunden, der sich von spät. Versuchen Sie zunächst, heraus-
mir getrennt hat und zu einer Agentur gehen will. Er ver- zuinden, worum es Ihrem Auftrag-
langt, dass ich alle Projekte, die ich für ihn realisiert habe, geber geht. Möchte er einen sauberen
von meiner Webseite werfe und nicht mehr für meine Schnitt und »weiße Wände« für die
Eigenwerbung nutze. Ich war viel für diesen Kunden tätig neue Agentur? Oder ist er unzufrieden
und inde die Arbeiten echt okay, würde sie also gerne mit Ihrer Arbeit und möchte nicht in
als Referenzen zeigen. Darf der Kunde mir das untersagen? Zusammenhang mit Ihnen genannt
werden? Wenn Sie den Eindruck ha- Meine Empfehlung: Wenden Sie sich
Lieber Hinnerk, ben, dass es eigentlich nicht um Ihr unbedingt an Ihren direkten Ansprech-
ein ärgerliches Problem, das während Portfolio geht, haben Sie eine Chan- partner. Finden Sie heraus, was den
einer guten Zusammenarbeit leider ce auf eine gütliche Einigung. Sollte Wechsel verursacht hat und ob Sie An-
selten bedacht wird. Rechtlich haben Ihr Auftraggeber den Kontakt verwei- teil daran haben. Erst wenn Sie hier er-
Sie leider wenig Handhabe, da Sie als gern oder weiter darauf beharren, folglos sind, sollten Sie sich mit der Bit-
Designer nicht automatisch das Recht dass Sie keine Arbeiten mehr zeigen, te um eine Stellungnahme an den Inha-
haben, Ihre Arbeiten in Ihrem Port- müssen Sie wohl oder übel in den sau- ber oder Geschäftsführer wenden. Viel
folio zu verwerten. Dieses Recht müs- ren Apfel beißen und diese entfernen. Hoffnung will ich Ihnen nicht machen,
sen Sie ausdrücklich vereinbaren (sie- Es bleibt Ihnen natürlich freigestellt, aber manchmal kann man eine ram-
he auch § 31 UrHG). Sie können das am sie zu zeigen, ohne das dem Auftrag- ponierte Geschäftsbeziehung wieder
einfachsten in Ihrer Rechnung fest- geber kenntlich werden zu lassen. glätten und neu beleben. Viel Erfolg.
halten, zum Beispiel mit der Formu- Manche Motive lassen das durchaus
lierung: »Der Designer behält das zu, bei vielen ist das allerdings nicht Haben Sie Fragen, die Sie hier beant-
uneingeschränkte Recht, die entstan- einfach zu bewerkstelligen, da der Ab- wortet sehen möchten? Dann
denen Arbeiten in seinem Portfolio sender zumeist ein wesentlicher Be- schreiben Sie uns (E-Mail: business
zeigen zu dürfen.« standteil der Aussage ist. basics@bdg-designer.de)
PAGE 09.12 015
jj

Brennpunkt
Mark Curtis, Chief Client Oficer bei der
Servicedesignagentur Fjord, über
das Berufsbild des Chief Design Oficer

n Nokia, Kia und Electrolux haben ei- Jeder Player im Bereich der Fast Moving +++ AKQA goes WPP. Die Digitalagentur AKQA wird
nen, Samsung machte seinen sogar Consumer Goods (FMCG) muss verste- Teil der Werbeholding WPP. Den Deal muss das Kar-
zum CEO: Die Rede ist vom Chief De- hen, wie sich das Shoppingverhalten tellamt noch absegnen. AKQA soll als eigenständi-
sign Oficer, kurz CDO. Mit PepsiCo zog verändert und wie man eine Marke in ge Einheit weitergeführt werden, CEO Ajaz Ahmed
vor Kurzem der erste Food-&-Beverage- neuen Kanälen am besten präsentiert. und Chairman Tom Bedecarré bleiben Geschäftsfüh-
Konzern nach und besetzte die neu ge- Wenn ich Mauro Porcini wäre, würde rer. +++ Agenturfusion. Scholz & Friends Düsseldorf
schaffene Position mit Mauro Porcini, ich mich fragen, wie man Pepsis Mar- und red cell fusionieren und irmieren künftig gemein-
bislang CDO bei 3M. Was ist dran am ken proitabel erweitern kann, etwa in sam als Scholz & Friends Düsseldorf. Die Führung tei-
neuen Berufsbild – und warum brau- puncto Service. Über die nächsten 10 len sich die Geschäftsführer beider Agenturen . Red
chen wir den CDO überhaupt? Wir frag- bis 15 Jahre werden FMCG-Produkte cell ist spezialisiert auf 360-Grad-Kommunikation,
ten Mark Curtis von Fjord. nik immer austauschbarer werden und an Corporate Communications und Interactive. +++ HR-
Wert verlieren und Services, die Kun- Agentur. Sebastian Vogt, ehemals Human Resources
Was hat sich verändert, dass wir heute denerlebnisse bieten, immer wertvol- Director bei der Interactive-Agentur G2 Germany, hat
Chief Design Oficers brauchen? ler. Ein gutes Beispiel dafür ist Nike+. sich mit Get and Keep selbstständig gemacht. Hier be-
Mark Curtis: Die Komplexität hat zu- Damit rückt das Unternehmen immer rät und unterstützt er Agenturen und Marketingunter-
genommen. Wenn man vor fünf, sechs näher an den Konsumenten heran und nehmen dabei, die richtigen Mitarbeiter zu inden und
Jahren ein digitales Produkt genutzt erschafft ein Erlebnis rund um die Mar- zu halten. ≥ www.getandkeep.net +++ Neuer Kopf
hat, saß man höchstwahrscheinlich an ke. Das geht viel weiter als Schuhe – bei Mutabor. Mark Möllenbruck wechselt von Meiré
einem PC und browste auf einer Web- bleibt aber nah am Unternehmensmot- und Meiré zur Hamburger Designagentur Mutabor.
site. Heute gibt es zusätzlich Smart- to »Just do it«. Darüber sollte sich ein Dort kümmert er sich in der Interface- und Motion-
phones, Tablets und Smart TV. Auch Konzern wie Pepsi Gedanken machen. design-Unit um integrierte Markenstrategien und De-
die Interaktionsparadigmen haben sich Wird der CDO wichtiger als der CMO? signlösungen. +++ guteplakate 2012. Artefakt Kul-
vervielfacht: Statt mit Hilfsmitteln wie Ist Design das neue Marketing? turkonzepte und Ströer suchen wieder nach dem bes-
Keyboard und Mouse interagiert der Es ist noch zu früh für ein derart gewag- ten Kulturplakat. Bewerbungsschluss ist der 31. Ok-
User heute viel unmittelbarer mit di- tes Statement. Ich kann mir aber durch- tober, die Teilnahme ist kostenlos. ≥ www.gute
gitalen Geräten – per Touch, Swipe, aus vorstellen, dass CMOs künftig an plakate.de +++ Salt sagt Tschüss. Die Berliner Salt
Sprach- oder Gestensteuerung. Die CDOs berichten. Marketing wird im- Filmproduktion verschwindet vom Markt. Der Grund
Komplexität erschwert das konsisten- mer mehr zum Teil des Markenerleb- sind unterschiedliche Auffassungen der Gesellschaf-
te Kundenerlebnis über alle Kanäle nisses. Nehmen wir zum Beispiel Face- ter über die geschäftliche Ausrichtung. +++ Innova-
hinweg. Bisher liegt die Verantwortung book oder Twitter: Wo hört das Marke- tionstagung. Vom 20. bis 22. September indet am
dafür verteilt auf mehreren Schultern, ting auf und fängt der Service an? Potsdamer Hasso-Plattner-Institut das d.confestival
wodurch Unternehmen an Zugkraft Wären Sie selbst gern CDO? statt. Die Veranstaltung ist ein Mix aus Konferenz
einbüßen. Ein CDO kann diese Auf- Ich bin sehr zufrieden und glücklich mit und Festival zum Thema Design Thinking. ≥ www.hpi.
gabe aus dem Herzen des Unterneh- dem, was ich gerade tue. Aber wenn dconfestival.net +++ Neue Köpfe bei Blumberry.
mens heraus bewältigen. ich es nicht wäre: Klar! Ich glaube, CDO Amil Hota und Jan Engel sind ab sofort Mitglieder der
Bislang haben hauptsächlich Elektronik- ist eine sehr faszinierende Rolle für je- Geschäftsführung bei der Berliner Full-Service-Agen-
und Automobilkonzerne CDOs den aus Design und Kreation. In dieser tur. Hota übernimmt die Geschäftsführung Beratung,
berufen – welche anderen Branchen Position kann man die Welt der Zu- Engel verantwortet den Bereich Event und Szeno-
würden davon proitieren? kunft mitgestalten. graie. Beide kommen von der Schwesteragentur
CDOs werden vor allem in Branchen Übernimmt Fjord nicht in gewisser Scholz & Friends. Blumberry will im Oktober einen wei-
Einsatz inden, die digitale Komponen- Weise die Rolle eines CDOs? teren Standort in München eröffnen +++ Infograik-
ten haben, damit aber keinen klaren Wir ergänzen leitende Designer mehr, Seminar. Am 22. und 23. Oktober veranstaltet Media
Mehrwert durch ein herausragendes als dass wir ihre Rolle einnehmen wür- Workshop in Berlin ein Intensivseminar zum Thema
Kundenerlebnis schaffen, zum Beispiel den. Nimmt ein Unternehmen das The- Infograik. Referent ist Raimar Heber, Artdirektor bei
Gesundheitswesen, Reise, Bildung und ma User Experience wirklich ernst, dpa-infograik. Teilnehmer sollten erste Erfahrun-
Finanzen. Einige der erfolgreichsten braucht es Menschen innerhalb der gen in der visuellen Wissensvermittlung mitbringen.
Start-ups der jüngsten Zeit wie Pin- Organisation, die sich darum kümmern. ≥ www.media-workshop.de +++ Fortbildung. Das
terest oder Instagram sind sehr design- Outsourcing kann hier nur eine kurz- UdK Berlin Career College startet im September die
getrieben und dabei extrem fokus- fristige Lösung sein. Immerhin ist das berufsbegleitende Fortbildung Kuratieren. Der Kurs
siert auf das Kundenerlebnis. Sie ha- auch ein politischer Job: Ein Teil der besteht aus fünf zweitägigen Modulen, die auch ein-
ben keine neue Technik erfunden, ihr Aufgabe besteht darin, den Firmen- zeln gebucht werden können. Anmeldeschluss ist der
Erfolg basiert auf besserer User Expe- auftritt zu vereinheitlichen – und das 7. September. ≥ www.udk-berlin.de +++ Werbeilm-
rience und besserem Design. Diese bedeutet, über verschiedene Interes- wettbewerb. Kinovermarkter WerbeWeischer hat den
Botschaft ist bei vielen großen Unter- sengruppen innerhalb des Unterneh- Contest Mehr Spielraum für Ideen ausgerufen. Auf-
nehmen angekommen. mens zu entscheiden. Eine Beratungs- gabe ist die Gestaltung einer Imagekampagne fürs Ki-
Was sind Ihrer Meinung nach Mauro agentur kann das nur begrenzt leis- no. Die Gewinneridee wird professionell umgesetzt
Porcinis größte Herausforderungen als ten. Letztlich braucht man intern je- und mit einem Mediavolumen von rund 2 Millionen Eu-
CDO bei Pepsi? manden für diese Aufgabe. ro geschaltet. ≥ www.mehrspielraumfuerideen.de nik
016 PAGE 09.12 SZENE

PAGE ONLINE ≥ www.page-online.de PAGEmag

Portfolio des Monats


In jeder Ausgabe stellen wir ein Mitglied aus der PAGE Community und Highlights aus seinem Portfolio vor

Silke Schmitz
www.page-online.de/community/portfolios/schmitz-silke

n Ihr Studium an der Fachhochschule Aa- Ich bin Designerin, Festangestellte


chen hat Silke Schmitz 2011 abgeschlossen. Ich biete Print, Konzeption
Schon früh hat sie sich dort auf Editorial De- E-Mail mail@schmitz-silke.de
sign spezialisiert – hat am »Boxhorn«-Maga- Web www.schmitz-silke.de
zin mitgearbeitet, in der Broschüre »Das Maß Standort Aachen
der Dinge« ihren morgendlichen Weg zur FH
festgehalten und zuletzt im »Aachen-zine«
graisch klar ihre Heimatstadt porträtiert.

Diplomarbeit »Stadtexkursion«:
Da jeder einen Ort auf eigene
Weise erkundet, lässt sich dieser
modulare Stadtbegleiter indivi-
duell zusammenstellen – abhängig
davon, ob man sich mehr für
Museen, Rundgänge, Sehenswürdig-
keiten oder Geschichte interessiert

E-MAG: KrEAtION | tYPO | BIlD | tECHNIK UND MEHr PAGE NEwSlEttEr

Neue adidas-Icons Schrift des Monats: FS Olivia Immer up to date


Kreation. Drei Streifen haben sie alle, Typo. FS Olivia ist feminin und eindeutig n Bestellen Sie jetzt den kostenlosen
aber die Bildmarken der adidas-Subbrands von Handschrift geprägt. Entworfen hat PAGE Newsletter und bleiben Sie auf
Sport Performance, Originals und Sport sie die griechische Typedesignerin Eleni dem Laufenden rund um kreatives Me-
Style sehen unterschiedlich aus. Die Agen- Beveratou, die sagt, dass diese Schrift ih- diendesign, Publishing und Trends. So
tur Eiga entwickelte ein Piktogrammsys- re eigene Persönlichkeit widerspiegle. Er- erfahren Sie auch als Erste, wenn wir
tem, das eine Brücke zwischen den ein- schienen ist FS Olivia bei der britischen ein neues PAGE Seminar veranstalten
zelnen Untermarken schlägt. Typefoundry Fontsmith. oder eine Sonderedition herausgeben.
≥ www.page-online.de/adidas-icons ≥ www.page-online.de/fs-olivia ≥ www.page-online.de/newsletter
018 page 09.12 SZENE ausbildung

AUSBILDUNG

Money, Money, Money


Die Collagen n Illustration. Wie asiatische Ge­ sie bestehen – obwohl sie Teile davon Die Abschlussarbeit im Nebendip­
von Nora Mohr mälde wirken die Collagen von Nora jeden Tag in den Händen halten«, er­ lomfach Graik Design/Illustration ent­
bestehen Mohr, Studentin der Visuellen Kom­ läutert Nora Mohr. Ursprünglich woll­ stand mit Bildern aus dem Internet,
vollständig aus munikation an der Hochschule für Ge­ te sie lediglich auf Banknoten darge­ die Nora Mohr in Photoshop freistellte
Elementen von staltung Offenbach am Main. Erst bei stellte Köpfe verwenden, stellte aber und neu zusammenfügte. Für Handar­
Geldscheinen genauerem Hinsehen – oder beim Le­ bei der Recherche fest, dass sich aus beit wäre das Projekt schlicht zu teuer
sen des Projekttitels – wird klar, was den Scheinen viel mehr machen lässt. gewesen – immerhin stecken in den
dahintersteckt: »Money«. Die Arbei­ »Länder drücken auch mit der Gestal­ Collagen »Industrie« und »Landschaft«
ten basieren vollständig auf alten und tung ihrer Währung ihre Identität aus. rund 855 respektive 715 Geldscheine.
neuen Geldscheinen aus aller Welt. In Afrika beispielsweise findet man Wie es sich für eine Arbeit aus Geld ge­
»Es ist interessant, dass die meisten viel mehr Landschaften auf den Geld­ hört, kann man sie kaufen. Bestellun­
Leute nicht sofort erkennen, woraus scheinen als bei uns.« gen unter www.noranoranora.de. nik

Lichte Linien
n Raumgestaltung. Tolle Studien­ Es entstand eine Raum­im­Raum­
arbeiten anzufertigen ist eine Sache, Konstruktion mit einem Rundgang um
sie entsprechend zu präsentieren ei­ die mittige Säule. An dessen innen lie­
ne andere. Wie das geht, zeigten jetzt genden Ecken montierten die Studen­
Studenten der Kompetenzfelder In­ ten Bogen, die wie eine Art Gewölbe
nenarchitektur und Lighting Design an fungierten und aus schwarzen, einge­
Beteiligte: Richard Dahlmann, Anja Fronius, Eva Häckel, Christina Knjasew, Sarah Lux,

der HAWK Hildesheim. Zur Verfügung kerbten Dachlattenstücken bestanden,


stand den acht Studenten ein ungefähr die sie anschließend mit einem weißen
8 mal 10 Meter großer Raum mit einer Wollfaden im Abstand von je einem
Säule in der Mitte. Die Wände weiß, Zentimeter waagerecht umspannten.
die Decke mit Blechlamellen verklei­ Von unten mittels Leuchtstoffröhren
det. »Wir wollten den Blick des Besu­ beleuchtet, nimmt man die Fäden als
chers lenken, ohne tatsächlich Wände Fläche wahr. Dann kleidete das Team
Ann­Christin Richter, Amelie Schweers, Imke Wendt

zu schaffen. Das wäre auch gar nicht den Raum schwarz aus, um keine Ab­
möglich gewesen, denn nicht nur die lenkung zuzulassen und die ganze Auf­
Zeit war sehr knapp, sondern auch das merksamkeit auf den neu geschaffe­
Geld«, erzählt Interior­Design­Studen­ nen Raum und die Exponate zu lenken.
tin Imke Wendt. So kamen die acht auf Diese setzten sie mit 75­Watt­Klemm­
das günstige Material Bindfaden. lampen in Szene. Die harten Schatten­
würfe sorgten für Plastizität. Dass die­
Mit einer Raum-in-Raum-Installation se Installation zum Publikumsmagne­
aus Bindfaden rückten Studenten ten der Fakultätspräsentation wurde,
der HAWK Hildesheim ihre Arbeiten verwundert keinen – die 4 Kilometer
ins rechte Licht Wollfaden waren bestens investiert. ant
page 09.12 019

≥ PAGE Online
Weitere Neuigkeiten und Projekte aus den Hochschulen inden
Sie unter www.page-online.de/aus-den-hochschulen

+++ ADC*E-Nachwuchspreis. Alexander Döpel und


Sandra Krebs von der Fakultät Gestaltung der Bau­
haus­Universität Weimar sind als Student of the Year
»Wir wollen Schulabsolventen ausgezeichnet worden. Sie überzeugten die Jury des
ADC of Europe mit ihrer Installation »Zeit zu han­
die nötige Reife und das deln!« . Die Arbeit entstand im Rahmen des Pro­
jekts »Schland« (siehe PAGE 09.11, Seite 20). Die bei­
Selbstvertrauen für das auf- den Sieger dürfen jetzt für zwei Semester an der Mi­
ami Ad School studieren. +++ Masterstudium Social

nahmeverfahren an den Design. Die Universität für angewandte Kunst Wien


und die Konservatorium Wien Privatuniversität star­
ten im Wintersemester 2012/13 das viersemestrige
Kunsthochschulen vermitteln« Masterstudium Social Design – Arts as Urban Innova­
tion. Die Studenten lernen, relevante Fragestellungen
urbaner Systeme zu identiizieren, zu analysieren und
gänge stehen. Bei uns können sie in zu bewerten sowie wirksame und sozial verantwortli­
Praxisworkshops je eine Woche lang che Konzepte zu erstellen und umzusetzen. ≥ www.
verschiedene Berufe wie Kommunika­ dieangewandte.at +++ Masterstudiengänge im Fach-
tions­, Produkt­ oder Modedesigner er­ bereich Medien. Der Campus Köln der Fachhochschu­
proben. Die Dozenten informieren zu le des Mittelstands bietet ab Oktober 2012 Vollzeit­
Berufsbild, Jobaussichten et cetera. Masterstudiengänge in Crossmedia & Communication
Damit kann man in vielen Fällen einen Management sowie Creative Communication & Social
Studienabbruch verhindern. Zweiter Media Management an. Bewerben können sich Studie­
wichtiger Bestandteil des Vorstudien­ rende mit einem Bachelorabschluss in den Bereichen
jahrs ist die Vorbereitung auf eine Be­ Kommunikationsdesign oder Journalismus. ≥ http://
werbung an der Hochschule. Wir geben fh-mittelstand.de +++ Plakatausstellung. Design Fac­
Coachings für Mappen, Aufnahmeprü­ tory International, das Hamburger College of Commu­
fungen und ­gespräche. Kunsthoch­ nication Arts and Interactive Media, zeigt vom 8. Au­
schulen werden von Bewerbern und gust bis 14. September die ganze Sammlung der Sport­
Mappen überschüttet und lehnen 9 von plakate der Olympiade 1972 von Otl Aicher . ≥ www.
n In Berlin gibt es eine neue Adresse 10 Interessenten ab. Ich bin seit 15 Jah­ design-factory.de +++ Stipendien. Die design akade­
für Designstudenten: die Akademie für ren im Lehrbetrieb und kenne die Aus­ mie berlin vergibt zum Wintersemester 2012/13 zwei
Illustration und Design (AID Berlin). wahlkriterien. Ein Mappenkurs an der Vollstipendien in den Bachelorstudiengängen Kommu­
Sie bietet neben dem Vollzeitstudium VHS hilft da kaum weiter. Deswegen nikationsdesign und Marketingkommunikation. Be­
Illustrationsdesign (siehe Seite 88) auch bereiten wir unsere Studenten umfas­ werbungsschluss ist am 8. August. ≥ www.design-aka
ein Vorstudienjahr Design an, das der send vor, beraten auch bei der künst­ demie-berlin.de/stipendium.html +++ Braun-Feldweg-
Orientierung und Vorbereitung für lerischen Ausrichtung und der Aus­ Förderpreis. Moritz Grund, Absolvent der Universi­
Kreativstudiengänge dienen soll. Bei­ wahl der Hochschule. Wir wollen ih­ tät der Künste Berlin, erhält den Preis für design­
de Studiengänge starten erstmals im nen auf diese Weise die nötige Reife kritische Texte 2012. In seinem Text »Einhundert. Der
Oktober 2012. Wir sprachen mit Mit­ und das Selbstvertrauen für das Auf­ Designer und die Dinge – ein Selbstversuch« be­
gründer Tilo Schneider. nik nahmeverfahren vermitteln. schäftigt er sich mit dem Thema Vereinfachung. Der
Laufen die Studienangebote getrennt Text wird im September 2012 im Verlag Niggli heraus­
Was unterscheidet die AID Berlin von oder gibt es Überschneidungen? kommen. +++ Nachwuchswettbewerb. Der Bundes­
anderen Akademien? Das erste Semester ist ein gemein­ verband Digitale Wirtschaft schreibt den Junioren­
Tilo Schneider: Zum einen sind wir die sames Orientierungssemester, in dem preis Challenge 2012 zur Zukunft der Werbung aus. Er
Einzigen in Berlin, die ein Vorstudien­ Illustrationsdesign­ und Vorstudien­ richtet sich an Studenten, Absolventen und Berufs­
jahr Design anbieten. Zum anderen jahrstudenten dieselben Kurse besu­ anfänger. Teilnehmer müssen ein Einkaufserlebnis
fassen wir den Begriff Illustration wei­ chen. Danach besteht die Möglichkeit aus dem Jahre 2025 entwerfen und können eine Rei­
ter als sonst üblich. Ob Werbung, Edito­ zu wechseln: Ist sich ein Vorstudent se zu den Cannes Lions 2013 gewinnen. Bewer­
rial, Motion­ oder Interfacedesign – es nach dem einen Semester klar darüber, bungsschluss ist der 10. August. ≥ www.challenge-
geht stets um die Kompetenz, Bilder zu dass er Illustration studieren will, kann award.de +++ Recreate Textiles. Création Baumann
gestalten und Inhalte zu visualisieren. er also ins Vollstudium wechseln. Um­ sucht nach den besten Ideen für unzählige Meter
Das bilden wir mit dem siebensemes­ gekehrt kann sich ein Illustrationsde­ Stoff. Der Wettbewerb richtet sich an Studierende
trigen Studium Illustrationsdesign ab. signstudent, der weitere Orientierung aus den Bereichen Design, Gestaltung, (Innen­)Ar­
Und was hat es mit dem Vorstudien- sucht, für das zweite Semester des Vor­ chitektur und Technik. Interessierte können sich bis
jahr Design auf sich? studienjahrs entscheiden. In beiden zum 31. Oktober anmelden und haben neun Monate
Vielen Schulabsolventen ist nicht klar, Fällen werden die Leistungsnachweise Zeit für ihre Projektentwicklung. ≥ www.creation-
wofür die einzelnen Kreativstudien­ aus dem ersten Semester anerkannt. baumann.com/award_de.html nik
020 PAGE 09.12

TITEL

Shop Till
You Drop
Ob ofline, online oder mobil –
die Shoppingwelt verändert sich rasant.
Kommunikationsdesigner sind
heute auf allen Kanälen gefordert

n Der Mensch von heute will im Netz, in der Stadt und auf sei­
nem Smartphone einkaufen – manchmal sogar alles gleichzeitig.
Die Anforderungen, die sich daraus für Händler und Designer er­
geben, haben viele Namen: Von Multi­, Cross­, Omni­Channel­ und
Agile Commerce ist die Rede. Im Grunde meinen aber all diese Be­
zeichnungen dasselbe: Dass der Konsument immer und überall,
wann und wo er möchte, möglichst komfortabel shoppen kann.
Das hat Konsequenzen sowohl für den stationären Handel
als auch für den E­Commerce. Beide müssen ihre Vorteile aus­
spielen – und dabei die des anderen integrieren. Cybershops
werden immer mehr zum visuellen Markenerlebnis, während
Ladengeschäfte ihrerseits die Erweiterung ins Internet suchen.
Tablets und Touchscreens am Point of Sale sind die naheliegen­
de Konsequenz – der Grad der Einbindung variiert allerdings
stark. Hier sind neben Gestaltern zunehmend Interaction Desi­
gner gefragt. Der im Oktober 2011 eröffnete Lebensmittelladen
Emmas Enkel in Düsseldorf ist derzeit das Paradebeispiel für die
konsequente Verbindung von Tradition und Innovation beim Ein­
kauf (siehe Seite 30). Doch auch einstige Online­Pure­Player wie
Zalando oder eBay drängen in die Einkaufspassagen, um sich das
Multichannel­Geschäft nicht entgehen zu lassen.
Gleichzeitig steigt die Afinität zum Mobile Shopping. Eine Um­
frage des Bundesverbands Digitale Wirtschaft ergab, dass 72 Pro­ Möbelhersteller
zent der befragten Experten M­Commerce als wesentlichen Teil Normann Copenhagen
von Multichannel­Strategien sehen. Somit sind auch Shopping­ feierte den Launch
Apps und ortsbezogenen Services Tür und Tor geöffnet. Wir ge­ seiner neuen Site mit
hen den Trends im Shoppingdesign nach und stellen innovative einer Ausstellung
Projekte und Konzepte im Retail Design, E­Commerce und der im Kopenhagener
Kombination der Kanäle vor. nik Flagship-Store
PAGE 09.12 021
022 PAGE 09.12 TITEL Shopping-Design

Click and Buy


Visuell inspirierende Webshops, Shopping-
Apps und Shoppable Videos – Interaction Designer
gestalten den modernen E-Commerce mit

n Vor zehn Jahren hätte noch niemand geglaubt, dass übers In­
ternet etwas anderes verkauft werden könnte als CDs und Bü­
cher. Besonders bei Kleidung war man skeptisch – die müsse man
schließlich anfassen und anprobieren. Doch gerade dieses Seg­
ment hat ein rasantes Wachstum hingelegt: 2012 stammten rund
40 Prozent aller online gekauften Produkte von Modeanbietern –
Tendenz steigend, so Lennard Minderhoud von der B2B­Plattform
FashionUnited. Selbst Luxusmarken, die sich dem neuen Medium
eher zögerlich annäherten, haben heute Onlineshops. Die meisten
technischen und logistischen Probleme sind gelöst, Bezahlvorgän­
ge gelernt, und die Zustellung funktioniert mehr oder weniger rei­
bungslos. Nur mit den Kleidergrößen hakt es noch, doch auch hier
gibt es Ansätze wie virtuelle Ankleiden und Vermessungssoftware.
Optisch allerdings sind viele Angebote alles andere als umwer­
fend. »Das E­Commerce­Design steckt noch in den Kinderschu­
hen. Die meisten Shops sehen aus wie vor zehn Jahren: langwei­
lige Regalsysteme zum Durchklicken«, sagt Oliver Cloppenburg,
Geschäftsführer Kreation bei der Digitalagentur superReal in
Hamburg. Der Webshop hat seine Form gefunden – jetzt gilt es,
mit wertigen, überraschenden Sites Marken emotional zu insze­
nieren und die Käufer zu inspirieren.
Wie das aussehen kann, zeigt der von superReal entwickelte
Onlineshop der Berliner Modedesignerin Dorothee Schumacher.
Der illustrierte Verkaufsraum lässt die Seite persönlich und indivi­
duell erscheinen, die Produkte fügen sich unaufdringlich ein.
Natürlich gibt es auch Regalsysteme und Packshots für die
Kaufentscheidung, aber Markenwelt und Inspiration stehen ≥ PAGE Online
klar im Vordergrund. »Eigentlich machen wir hier alles falsch«, Alle Links zu diesem
sagt Oliver Cloppenburg im Hinblick auf gängige E­Commerce­ Artikel sowie weitere
Regeln. Statt mit wenigen Klicks zum Kauf zu hechten, stöbert Projekte inden Sie
der Kunde auf der Website wie im realen Geschäft. Geschadet unter www.page-
habe das Design den Verkäufen nicht, so superReal. online.de/Shopping In dem von UncleGrey in
Kopenhagen für ONLY
Waren Corporate Site und Shop früher meist getrennte Bereiche konzipierten Shoppable Video
auf der Homepage, wachsen sie heute mehr und mehr zusam­ »The Liberation« kann man
men. Das vereinfacht es, Markenwelten konsistent zu inszenieren. die Kleidungsstücke der Darstel-
Die Startseite funktioniert häuig wie ein Schaufenster, das Inte­ lerinnen anklicken, liken,
ressenten anlockt. Die Kategorienseiten inszenieren die Produk­ pinnen, twittern und kaufen –
te dann szenisch, um zu inspirieren; und die Detailseiten bieten aber auch in die Hand-
Close­ups und Informationen für die inale Kaufentscheidung. lung des Films eingreifen
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Beim Shop von Modedesignerin Dorothee Schumacher steht


die emotionale Kundenansprache im Vordergrund. Der
illustrierte Verkaufsraum wirkt persönlich; einige der darge-
stellten Möbel beinden sich auch im realen Geschäft

Ein Weg, Marken online zu positionieren, Käufer anzuziehen anbieten – meist zu niedrigeren Preisen und in geringer Aulage.
und zu unterhalten, sind redaktionelle Inhalte. Ob Asos, Net­a­ In dieser Hinsicht ähneln die Ansätze Private Shopping Clubs wie
Porter oder Zalando – kaum ein Onlineshop hat heute keinen brands4friends oder BestSecret, die in kurzen Aktionen Marken­
Style­Blog. Diese kommen meist in Magazinoptik daher, manche mode zu günstigen Preisen verkaufen.
mit eigens produzierten Modestrecken. Zalando lässt sein E­Mag Manche Shops schneiden das Angebot individuell auf ihre
sogar drucken, legt es Paketen bei und in urbanen Szene­Loca­ Mitglieder zu. Beim Start­up Wanilla entscheidet der Nutzer im
tions aus. Während hier der Urheber eindeutig ist, treten sie bei Vorfeld, aus welchen Kategorien er Produkte angezeigt bekom­
Blogs wie Nowness (LVMH) oder The Avant/Garde Diaries (Mer­ men möchte, die von Prominenten wie dem Architektenbüro
cedes­Benz) fast vollständig zurück. Das stärkt die Unabhängig­ Graft vorgeschlagen werden. Modeshops wie MyStylist oder
keit und Glaubwürdigkeit der Redaktionen, allerdings geht ChicChickClub ermitteln die Vorlieben per Fragebogen. Einen
auch der unmittelbare Anschluss an Unternehmen und Produkt sehr individuellen Service bietet Modomoto. Gründerin Corinna
verloren. Das können sich nur starke Marken leisten. »Wichtig ist, Powalla hat sich auf männliche Shopping­Muffel spezialisiert.
solche Projekte über einen längeren Zeitraum durchzuhalten. Diese bekommen ihre eigene Stilberaterin, die telefonisch Inte­
Denn man muss sich seine Leserschaft erst verdienen«, so Robert ressen und Präferenzen abfragt und dann ein Paket mit ausge­
Andersen, Creative Director Konzept bei Jung von Matt/next. wählten Kleidungsstücken schickt. Das ist nicht ganz günstig,
Eine andere Möglichkeit, visuell herauszustechen, ist Bewegt­ aber der Kunde zahlt auch für die Zeitersparnis.
bild. Fashionilme bringen nicht nur die Modefotograie in Be­
wegung (siehe PAGE 08.11, Seite 66 ff.), sondern in Form von Alle, die gerne shoppen, suchen dagegen ein möglichst umfas­
Shoppable Videos auch den E­Commerce. So hat die Modemar­ sendes Erlebnis im Netz. Dazu gehört der Austausch mit Freun­
ke ONLY kürzlich die Microsite www.onlybecausewecan.com mit den oder Gleichgesinnten. Die meisten Shops kämpfen noch
dem interaktiven Kurzilm »The Liberation« gelauncht. Hier kön­ mit der Einbindung von Social Media – über die üblichen Face­
nen die User per Klick Kleidungsstücke kaufen, liken, pinnen oder book­ oder Twitter­Buttons geht es selten hinaus. Von Face­
twittern. »Diese Aktionen sind interessant, aber nur als Kampa­ book­Commerce im Sinne von Shops innerhalb des Netzwerks
gnen angelegt. Es fehlen Ansätze, die längerfristig funktionieren«, nehmen Marken und Händler heute weitestgehend Abstand.
kritisiert Oliver Cloppenburg. SuperReal experimentiert derzeit »Es hat keinen Sinn, einen Shop 1:1 in Facebook abzubilden –
mit 360­Grad­Video, etwa bei der Dorothee­Schumacher­Moden­ mit geringerer Pixelbreite, langsamerer Performance und un­
schau auf der Fashion Week Berlin. Der Zuschauer kann hier mit klaren Datenschutzregelungen«, erklärt Ruppert Bodmeier,
Maus oder Pfeiltasten die Kameraperspektive in alle Richtungen Head of Digital Marketing and Solutions bei der Stuttgarter
drehen und bekommt so das Gefühl, mitten im Geschehen zu sein. Brandretailagentur Liganova.
SuperReal verband den Live­Stream mit einer Preorder­Funktion, Mit Plattformen wie Pinterest setzen sich zudem stärker
mit der sich die Teile der Kollektion online bestellen ließen. interessengeleitete Empfehlungen durch. Während Pinterest
(noch) relativ losgelöst ist vom E­Commerce­Gedanken, haben
Neben der visuellen Darstellung sorgen neue Shopping­Kon­ Start­ups wie Svpply, Fancy, mulu oder The Cools sich auf Pro­
zepte für frischen Wind. »Die meisten Innovationen kommen heu­ dukte spezialisiert. Bei ihnen wandern von Mitgliedern gepos­
te nicht von Markenshops, sondern von Online­Start­ups«, sagt tete Klamotten, Accessoires oder Gadgets automatisch in den
Oliver Hering, CCO bei der Digitalagentur valtech_H2O. Dazu ge­ Shop, von wo der User auf die entsprechenden Produktseiten
hört etwa Curated Commerce, bei dem der Online­Händler – der Anbieter weitergleitet wird. Der Konsument verlässt sich
ähnlich wie bei einem Concept Store – eine spezielle Vorauswahl nicht auf das Urteil seiner Freunde, sondern auf Menschen, die
trifft. Besonders populär sind derzeit Designshops wie Fab oder seine Interessen und Vorlieben teilen – und idealerweise besser
Monoqi, die Wohnaccessoires, Fashion, Gadgets und Ähnliches informiert sind als er selbst.
024 PAGE 09.12 TITEL Shopping-Design

»Diese Netzwerke funktionieren hauptsächlich über Bilder –


im Gegensatz zu Shops, wo man Informationen zu den Produk­
ten erwartet«, sagt Ruppert Bodmeier. Schuhdesigner Jimmy
Choo hat sich diesen Trend zunutze gemacht und im Frühjahr
die interaktive Website Choo247.com gestartet. Hier können Mit­
glieder ihre Outits posten, die dann mit ähnlichen Produkten
des Designers im Onlineshop verlinkt werden. So nutzt die Mar­
ke die Modebegeisterung und die Bildersammellust für sich und
treibt den Absatz der eigenen Produkte voran.
Die Beitragenden haben bei Jimmy Choo so gut wie nichts
von ihrem Engagement – außer sich als Fashionistas zu posi­
tionieren. Anders ist das im Social Selling. Auf der Plattform
StyleOwner beispielsweise können Mitglieder ihre eigenen Mo­
deshops kuratieren und verdienen an jedem verkauften Pro­
dukt 10 Prozent mit. Die Onlinejuweliere Pippa & Jean und
Juvalia & You kombinieren diesen Ansatz mit Schmuckpartys –
nach dem Vorbild der guten alten Tupperpartys. Als Provision
gibt es bis zu 30 Prozent Umsatzbeteiligung und kostenlosen
oder reduzierten Schmuck.

Online zu sein heißt heute nicht mehr unbedingt, vorm Rechner


zu sitzen. »Dank Smartphone und Tablet sind wir überall online,
jederzeit vernetzt. Entsprechend kann überall und jederzeit E­
Commerce stattinden«, so Oliver Hering von valtech_H2O. Die Wie Pinterest für Produkte funktioniert die
Nutzung der mobilen Devices unterscheidet sich allerdings deut­ Community Svpply. Was gepostet wird,
lich voneinander, was Konsequenzen für das Shoppingverhalten wandert direkt in den Shop, von dem die
hat. »Das iPad ist die moderne Sonntagszeitung und wird im User auf die entsprechenden Produkt-
Laid­back­Modus gelesen. Konsumenten sind hier sehr empfäng­ seiten der Anbieter weitergeleitet werden
lich für ästhetische Produktpräsentationen. Das Smartphone ist
dagegen eher für den Kaufakt als die Inspiration interessant«,
erklärt Robert Andersen von Jung von Matt/next.
Zu reduziert darf die mobile Ansprache aber auch nicht sein.
»Man sollte zu jeder Zeit und auf jedem Device dieselbe Funk­
tionalität bieten«, sagt Richard Gabler, Creative Director bei
valtech_H2O. Die Google­Suche auf dem Smartphone muss ent­
sprechend immer auf eine funktionsfähige Website führen,
denn eine Shopping­App laden sich nur Fans und Stammkun­
den herunter. Zwar haben Designer bei Apps visuell mehr
Möglichkeiten, oft ist auch die Handhabung komfortabler, doch
sie sollten ein nachgelagertes Angebot sein. »Viele Unterneh­
men haben im Mobile­Hype in Apps investiert, ihre Websites
sind aber mobil nicht erreichbar. Das ist die falsche Reihen­
folge«, so Gabler. Vorbildlich sind in dieser Hinsicht Asos, Net­a­
Porter oder Topshop: Sie bieten sowohl eine gut bedienbare
Mobile­Site als auch Shopping­Apps.
Zara verbindet ihre Shopping­App Zara+Connect zudem mit
Video­Calling­ und Chat­Funktion. Nutzer können während des
Schmökerns im iPad­Katalog bis zu zwei Freunde hinzuholen,
sofern diese auch die App besitzen, und mit ihnen live disku­
tieren. Die nur in USA erhältliche Gratis­App ist die erste, die So­ Jimmy Choo kombiniert den Street-Style-
cial Commerce mit Videotelefonie kombiniert. Die größten Chan­ und den Pinterest-Trend: Die von
cen von Mobile Apps liegen aber in der Verbindung mit dem Usern hochgeladenen Fotos werden
Point of Sale, etwa über Location Based Services. Diesem The­ mit Produkten des Labels verlinkt
ma widmen wir uns ab Seite 28. nik
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Look and Feel


Von halbnacktem Verkaufspersonal über exklusive Pop-up- bis hin zu
schicken Lighthouse Stores – so locken Designer Kunden in die Läden

n Laute Musik, penetranter Parfumduft und ein Verkäufer mit immer mehr Markenshops. Sogar BMW hat kürzlich in der exklu­
freiem, gestähltem Oberkörper, der einem »Welcome to the Pier« siven Pariser Avenue George V einen Brand Store eröffnet, der,
entgegenruft: Der Besuch in einem Hollister Store ist nicht jeder­ in direkter Nachbarschaft mit Cartier, Hermès und Louis Vuitton,
manns (auch nicht jederfraus) Sache – aber allemal ein Erlebnis. eher die Anmutung einer Boutique hat als die eines Autohauses.
Damit erfüllt die Kette eine der wichtigsten Voraussetzungen für Flagship­Stores waren Esprit nicht genug – die Kette hat jetzt
einen attraktiven Point of Sale. Im Gegensatz zum Onlineshop­ in drei Städten sogenannte Lighthouse Stores eröffnet. Unter
ping können reale Geschäfte alle Sinne ansprechen, mit Farben, dem Motto »Back to the roots« setzt die Marke bei der Gestaltung
Licht, Musik und Düften spielen. »Der stationäre Handel wird auf Naturtöne, Holz und Planzen. »Alles soll so wirken, als würde
nicht aussterben«, ist sich Nicky Herbert sicher, Senior Innovation man seine beste Freundin zu Hause besuchen«, sagt Mike Ross,
Researcher bei dem Londoner Beratungsunternehmen GDR Projektleiter bei Esprit. Derzeit gibt es Lighthouse Stores in Düs­
Creative Intelligence ( www.gdruk.com ). »Das Geschäft gewähr­ seldorf, Köln und Antwerpen. Bis 2015 will das Modelabel alle
leistet die Präsenz einer Marke in der Einkaufsstraße, es dient der selbst geführten Shops umrüsten und dafür über 280 Millionen
direkten Kommunikation mit dem Kunden und gibt dem Händler Euro investieren. Mit dem natürlichen Look bedient Esprit den
die Möglichkeit, sich gegen seine Wettbewerber abzugrenzen.« Handmade­Trend, der sich auch im Retail Design zunehmend
Laut Thomas Paul Klein, Key Account Director bei Liganova, ist bemerkbar macht. »Handgefertigtes vermittelt ein Gefühl von
der Point of Sale noch immer der einzige Ort, an dem Kunden Mar­ Persönlichkeit und Individualität, von Kreativität und Spontani­
ken­ und Produktversprechen selbst erfahren und prüfen kön­ tät«, erklärt Jeff Kindleysides, Gründer von Checkland Kindley­
nen: »Sinkende Markenloyalität hat Austauschbarkeit zur Folge – sides in London. Die Brandingagentur entwickelte kürzlich das
somit ist auf der Fläche Überzeugung gefragt. Große Aufmerk­ Shopdesign für New Look, das unter anderem Zeichnungen von
samkeit liegt hier auf Identiikation mit der Marke und Service. Bei Mode und Accessoires einsetzt und dem Ganzen dadurch einen
den Jüngeren geht es mehr um Lifestyle und Community, bei den spielerisch­leichten Look verleiht.
Älteren sind Zeitersparnis und persönlicher Service ein Thema.«
Besonders gut funktioniert das in Flagship­Stores. Von den Eher rudimentär eingerichtet sind Pop­up­Stores. »Sie können
musealen Markentempeln früherer Zeiten haben sie sich zu ei­ der schnellen Taktung in der Modebranche gerecht werden und
nem handfesten Wirtschaftsfaktor im Vertrieb entwickelt, bieten lassen sich hervorragend als Kommunikationsmittel einsetzen«,
aber nach wie vor die Crème de la Crème im Retail Design. Hier sagt Constanze Frowein, zuständig für Public Relations bei D’Art
haben Marken Raum zur freien Entfaltung und können ihre Pro­ Design Gruppe in Neuss. »Aufgrund des temporären Charakters
dukte adäquat in Szene setzen – ohne störende Wettbewerber zeigen Unternehmen zudem oftmals viel Mut. Der Shop ist ja
gleich nebenan. So inden sich in den Einkaufsmeilen weltweit meist nur wenige Tage zu sehen und formt nicht Monate oder

Anfang 2011 gestaltete D’Art Design


Gruppe für adidas lässige Pop-up-
Stores in Deutschland, Österreich und
der Schweiz. Eingeladen waren
nur ausgewählte Facebook-Kontakte
026 PAGE 09.12 TITEL Shopping-Design

Checkland Kindleysides entwarf


Jahre lang das Gesicht der Marke.« Die provisorische Anmutung für Levi’s einen Pop-up-Store,
und reduzierte Ausstattung machen häuig den Reiz der Kurz­ der sich komplett in Flight Cases
zeitläden aus. So entwickelte Checkland Kindleysides für Levi’s verstauen lässt
einen Pop­up­Store, der sich komplett in Flight Cases verpacken
und mit wenigen Handgriffen auf­ und abbauen lässt.
Pop­up­Stores sind zudem eine gute Möglichkeit für Online­
Shops, punktuell Präsenz in den Städten zu zeigen. So machte der
Öko­Marktplatz Avocado Store drei Wochen lang Station im Ham­
burger Schanzenviertel, und der Designshop Monoqi sorgte in der
Berliner Torstraße für die nötige Aufmerksamkeit zum Online­
Launch. Auch Zalando stellte ihre erste eigene Kollektion in ei­
nem Berliner Pop­up­Store vor – und eröffnete kurze Zeit später
sogar ein eigenes Outlet in der Stadt.

Die Kunden zu unterhalten und sie so an eine Marke heranzufüh­


ren, wird für den stationären Handel immer wichtiger. Beispiel­
haft geschieht das laut Nicky Herbert von GDR in den Apple
Stores. Der Schwerpunkt liegt hier nicht unbedingt auf dem Ver­
kauf der Produkte, sondern darauf, sie auszuprobieren und mit
der Marke zu interagieren. Dazu veranstaltet Apple Events, etwa
in Kooperation mit den Young Guns des ADC New York. Ein ähn­
liches Konzept verfolgen die 4010 Telekom Shops in Berlin und
Köln. Mit knalliger Deko, Galeriewänden, Loungemöbeln und gro­
ßen Schreibtischen vermitteln sie eher die Atmosphäre von Co­
working Spaces. Die Deutsche Telekom will mit den Läden die
urbane Jugend ansprechen, Community und Shopping verbinden
und so Anlaufstelle zum Abhängen und Entdecken sein.
Auch bei allen neuen Ansätzen behalten die Grundsätze der
Shopgestaltung ihre Gültigkeit, so Jeff Kindleysides, der seit
1979 im Retail­ und Brandinggeschäft ist. »Kunden wollen Pro­
dukte in einem angenehmen Umfeld ausprobieren, umgeben
von Personal, das sich damit auskennt. Retail Designer müssen Für die Renovierungs- und Neuer-
Produkte auf eine inspirierende und unwiderstehliche Art prä­ öffnungsphase des Boss Store auf den
sentieren und sie leicht aufindbar machen. Diese Basics muss Champs-Élysées ließ die Brandretail-
man beherrschen – und sie dann besser und schneller umsetzen agentur Liganova eine Liebesgeschichte
als die anderen.« Zur Not auch mit halbnackten Verkäufern. nik von Angéline Mélin illustrieren
028 PAGE 09.12 TITEL Shopping-Design

Feel and Click


Ob Multitouch-Screens und iPads am Point of Sale,
QR-Wände oder Augmented Reality –
Online- und Ofline-Shopping wachsen zusammen

Konsistentes Shop-
pingerlebnis über
alle Kanäle hinweg:
Normann Copen-
hagen legt im
Onlineshop Wert
auf Atmosphäre,
umgekehrt brachte
der Laden die
Website mit einer
Ausstellung ins
stationäre Geschäft
PAGE 09.12 029

n »Online versus Ofline« – nichts Geringeres als die Konfron­


tation beider Welten hatte sich Möbelhersteller Normann Copen­
hagen auf die Fahnen geschrieben, als er im Kopenhagener Flag­
ship­Store den Launch seines neuen Webauftritts feierte. Die vier­
wöchige Ausstellung im Frühjahr ließ den Besucher die Site im
Geschäft erleben. Der Weg führte durch verschiedene Installatio­
nen, die für die Rubriken der Website standen – vom Social Media
Corner hin zur Vorstellung von Produkten und Designern. Um­
gekehrt hauchte Normann Copenhagen dem Onlineshop die
Atmosphäre des realen Geschäfts ein. Mit Unterstützung der
Digitalagentur valtech und des Content­Management­Spezia­
listen Sitecore, beide aus Kopenhagen, entstand ein Auftritt, der
Homepage und Webshop verbindet und den Besucher ließend
zwischen Shopping, Inspiration und Interaktion wechseln lässt.
Die Ausstellung geht offensiv und plakativ an die Begegnung
von Online und Ofline heran – und verdeutlicht damit eine der
größten Herausforderungen, die es heute zu meistern gilt: das
»Gestensteuerung und NFC
sinnvolle Zusammenspiel von Web­ und realem Shop mit einem
durchgängigen Markenimage.
Ganz selbstverständlich geht die Integration neuer Shopping­
werden massentauglich«
techniken bei dem Düsseldorfer Lebensmittelladen Emmas Enkel Tom Acland, Chief Technology Oficer bei Razorish, über die
vonstatten. Die Gründer Sebastian Diehl und Benjamin Brüser Verbindung von Ofline- und Online-Handel und Razorish 5D
kombinieren hier das Tante­Emma­Konzept samt persönlicher
Beratung mit einem umfänglichen Onlineshop, iPads und einer
Multitouch­Plattform vor Ort sowie einem QR­Schaufenster. Wie lassen sich stationärer Handel und Online-Shopping
Mitarbeiter stellen den Einkauf zusammen – entweder zur direk­ verbinden?
ten Mitnahme oder zur Lieferung, die bei Bestellungen vor 17 Uhr Tom Acland: Showrooming verbindet das Beste aus beiden
noch am selben Tag erfolgen kann. Welten: Stationär kann man mit allen Sinnen arbeiten und ein in­
Nagelneu ist der interaktive Verkaufsassistent OXID eShop tensiveres Markenerlebnis schaffen, online lässt sich das gesamte
PoS. Der Multitouch­Bildschirm ähnelt einem überdimensiona­ Sortiment anbieten. Es ermöglicht die Anknüpfung an digitale
len Tablet und stellt die Verbindung von Online­ und Ofline­Shop Services, die für den Kunden vor und nach dem Kauf relevant sind.
her. Der User kann das ganze Sortiment durchstöbern, bestellen Eine Lösung dafür bietet unsere Softwareplattform Razorish 5D:
und auf Wunsch mit der PayPal­QRShopping­App direkt am Auto­ Sie vernetzt stationäre Screens und Multitouchtische mit den
maten bezahlen. Der Einsatz bei Emmas Enkel ist das Pilotprojekt Smartphones der Kunden und den Tablets der Verkäufer und
von Shopsoftwareanbieter OXID eSales und der Digitalmarketing­ schafft so ein immersives und nahtloses digitales Einkaufserleb­
agentur people interactive. Einen Schritt weiter geht die Digital­ nis. Konsumenten können am Screen Kollektionen durchstöbern,
agentur Razorish mit ihrer Softwareplattform Razorish 5D. Die­ Kleidung via Augmented Reality anprobieren, Produkte von ei­
se verbindet stationäre Screens und Multitouchtische mit den nem Gerät auf ein anderes ziehen, auf Merklisten setzen oder
Smartphones der Kunden und Tablets der Verkäufer und ermög­ direkt kaufen. Hard­ und Software haben den notwendigen Rei­
licht einen nahtlosen Datenaustausch zwischen den Geräten. Die fegrad erreicht – die Herausforderung besteht nun im lächen­
Lösung basiert auf Microsoft­Technologie, ist aber auch mit Apple­ deckenden Rollout und dem alltäglichen Betrieb.
oder Android­Devices bedienbar (siehe Interview rechts). Sind die Konsumenten reif für so viel Technik?
Die Afinität nimmt stetig zu, oft werden technische Anwen­
Bei aller Technikbegeisterung müssen Händler und Designer dungen sogar erwartet. Was online möglich ist, soll auch ofline
allerdings darauf achten, die Konsumenten nicht damit zu über­ möglich sein – etwa Rezensionen und Zusatzinformationen abzu­
frachten. »Die meisten Kunden haben gegenüber technischen rufen oder Wunschlisten zu erstellen. Sicherlich spielt für die Ak­
Geräten am Point of Sale immer noch eine Hemmschwelle. Die zeptanz das richtige Interaktionsdesign eine wesentliche Rolle,
Oberläche muss so intuitiv zu bedienen sein, dass der Kunde so­ aber wir sind an einem Punkt angekommen, an dem man der
fort weiß, was zu tun ist«, meint Thomas Paul Klein, Key Account Mehrheit der Konsumenten nicht mehr erklären muss, wie die
Director bei Liganova. »Technik ist ein ergänzendes Modul, das Technik funktioniert. Sie haben sie sogar oft bereits in der Hosen­
Service und Information bietet und für Modernität sorgt. Aber tasche. Themen wie Gestensteuerung und NFC werden zuneh­
sie ist kein verkaufsförderndes Mittel.« Bei digitalen Services am mend massentauglich. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis NFC zur
Point of Sale spielt das angemessene Interaktionsdesign eine Standardausstattung von Smartphones gehört.
entscheidende Rolle. »Einfach die Technik hinzustellen, ohne Nut­ Was sind weitere Zukunftsthemen im Shopping?
zungskontext oder Zielgruppe verstanden und die relevanten Das Zusammenspiel von Produkten und Services und die damit
Schlussfolgerungen daraus gezogen zu haben, ist nicht empfeh­ einhergehende Dematerialisierung von Angeboten. Das reicht von
lenswert. Es geht schließlich nicht um die Technik an sich, son­ Trainings­Apps wie jene von Nike hin zu Mobility­Angeboten wie
dern vielmehr darum, was man damit ermöglicht und wie man Carsharing. Besonders im Automobilmarkt geht der Trend weg
es tut«, erklärt Tom Acland. Eine für den Konsumenten weniger von Besitz und Eigentum hin zu Zugang und Nutzwert.
aufwendige Lösung sind Tablets, die das Verkaufspersonal be­
030 PAGE 09.12 TITEL Shopping-Design

Emmas Enkel verbindet traditionelle und


innovative Shoppingkonzepte. Kunden
können ihren Einkaufskorb wie gewohnt
am Regal füllen – oder digital auf iPads
in der guten Stube, am Multitouchdisplay
und am QR-Schaufenster

dient. Mercedes­Benz nutzt in ihren Autohäusern iPads mit ei­ schmutzung ausweist. Dazu nennt sie passende Clinique­Pro­
ner Verkaufs­App von Nolte & Lauth. Diese bietet dank automa­ dukte, etwa einen leichten Feuchtigkeitsspender mit UV­Schutz
tisierter Updates stets aktuelle Produktinformationen, veran­ für sonnige Tage, und den nächstgelegenen Store.
schaulicht Features und macht das Fahrzeug interaktiv erlebbar.
Statt eigene Geräte zur Verfügung zu stellen, binden immer Immer mehr Verbreitung inden Augmented Reality und QR­
mehr Händler die Smartphones ihrer Kunden über Apps ein. Wal­ Codes, wobei Experten noch zur Vorsicht raten: »Bis AR­Apps und
mart beispielsweise hat dafür eigens die Mobile­Entwicklungs­ QR­Reader mainstreamtauglich sind, wird es noch eine Weile
abteilung @WalmartLabs gegründet. Das Unternehmen bietet dauern«, sagt Nicky Herbert von GDR Creative Intelligence. An­
unter anderem Shopping­Apps für iPad und iPhone an, mit de­ dererseits können sich Marken mit solchen Anwendungen beim
nen Kunden das Sortiment des nächstgelegenen Geschäfts abru­ jungen, technikafinen Publikum proilieren. Als erste Anwen­
fen, Einkaufslisten erstellen und Gutscheine sammeln können. dung ihrer Art sorgte die QR­Wall des Supermarkts Homeplus in
Im Laden selbst hilft die App bei der Produktsuche. Zum Start einer U­Bahn­Station in Seoul 2011 für Aufsehen (siehe PAGE
des Kinoilms »The Avengers« im Mai 2012 lockte Walmart außer­ 09.11, Seite 14). An Werbetafeln mit abgebildeten Warenregalen,
dem Gaming­afine Kunden mit einer Spezial­App ins Geschäft. auf denen jedes Produkt mit einem QR­Code versehen war, konn­
Mit der Super Hero Augmented Reality App schlüpften User in ten Passanten ihren Lebensmitteleinkauf auf dem Heimweg erle­
die Rolle der Superhelden aus dem Film und konnten im Ge­ digen. Die ursprünglich als Marketingkampagne geplante Akti­
schäft Superkräfte freischalten sowie Fotos von den virtuellen on war ein durchschlagender Erfolg und die QR­Regale sind mitt­
Figuren machen – und nebenbei natürlich Merchandising und lerweile fester Bestandteil an verschiedenen Haltestellen in
andere Walmart­Artikel einkaufen. Südkorea und inden international immer mehr Nachahmer. Ein
Smartphones sind ständige Shopping­Begleiter und Händler aktuelles Beispiel für den Einsatz von AR zur Verkaufsförderung
müssen Wege inden, ihre Kunden darüber anzusprechen. Eine ist die virtuelle Schuhanprobe von kempertrautmann für Görtz.
Möglichkeit bieten Location Based Services. Derzeit beschränken Mittels dreier Kinects werden hier auf einem Screen Schuhe
sie sich größtenteils noch auf Couponing­Aktionen, etwa mit Ra­ passgenau und in Echtzeit auf den Füßen der Passanten darge­
batten für das virtuelle Einloggen in einem Geschäft. Spannen­ stellt. Premiere feierte die Anwendung im Mai im Hamburger
der ist Geotargeting allerdings, wenn die App einen Zusatznutzen Hauptbahnhof. In Zukunft wollen kempertrautmann und Außen­
bietet und nur nebenbei Produkte anpreist. Ein Beispiel hierfür werber Ströer das Konzept gemeinsam vermarkten.
ist die Clinique Beauty Forecast App: Zuallererst handelt es sich Auch an der Facebook­Anbindung versucht sich der stationäre
dabei um eine Wetter­App, die neben Temperatur und Regen­ Handel. Die Kreativagentur DM9/DDB nutzte für eine C&A­Filiale
wahrscheinlichkeit auch Luftfeuchtigkeit, UV­Faktor und Luftver­ in São Paulo die Community im Frühjahr 2012 als Shoppingbera­
PAGE 09.12 031

ter: Ein kleiner Screen im Kleiderbügel zeigte die Zahl der Likes, nachtszeit 2011 mit einem Showroom den Schritt auf eine Lon­
die die Produkte auf der Facebook­Site von C&A gesammelt hat­ doner Einkaufsmeile. »Wir verwischen mit der Christmas Boutique
ten. Statt auf Empfehlungen setzte der dänische Schokoladen­ die Grenzen zwischen Online und Ofline«, so Mariam Lahage,
hersteller Anthon Berg bei einer Facebook­Aktion im März 2012 Global Head of Fashion Brand bei eBay. »Wir nehmen das Beste
auf Versprechen und sozialen Druck. Mit Unterstützung der beim Online­Shopping, wie riesige Auswahl und Komfort (keine
Werbeagentur Robert/Boisen & Like­Minded errichtete er den Warteschlangen, keine Kassen, kein Stress), und kombinieren es
temporären The Generous Store, in dem nicht mit Bargeld oder mit den Vorzügen von Ofline, wie dem Buzz der Einkaufsstraße
Karte gezahlt wurde, sondern mit einem Versprechen. Im Ange­ und der Weihnachtsdekoration.«
bot waren gute Taten wie »dem Partner Frühstück ans Bett brin­ Ebenfalls in London hat das Kaufhaus House of Fraser in meh­
gen« oder »einem Freund beim Hausputz helfen«. Als Kassen reren Filialen ein Buy­&­Collect­Konzept eingeführt. Hier gibt es
fungierten iPads, mit denen das Versprechen auf den Facebook­ keine Produkte, sondern nur Tablets und PCs für die Bestellung.
Proilen des Spenders und des Empfängers gepostet wurde. Auf Die Ware wird innerhalb von 24 Stunden in den Shop geliefert, wo
der Fanpage von Anthon Berg wurden anschließend Beweisfotos sie sich dann anschauen und anprobieren lässt. Die Vorteile ge­
eingehaltener Versprechen gesammelt. Die originelle und sym­ genüber klassischem Onlineshopping liegen auf der Hand: die At­
pathische Aktion zieht Facebook und das Nutzungsverhalten mosphäre der Shops, die Beratung durch das Personal, der kos­
der Mitglieder gekonnt in den Shoppingprozess mit ein. tenlose Versand und die Vermeidung von Fehlkäufen. Ganz neu
ist die Idee allerdings nicht – erinnert sie doch stark an die Quelle­
Integrierter und langfristiger sind Konzepte, bei denen Online­ Shops, in denen man einst bestellte Katalogware abholen konnte.
shopping fester Bestandteil des stationären Handels ist. Beim
Showrooming dienen Geschäfte nur noch der Präsentation von Gemeinsam ist allen vorgestellten Konzepten, dass sie den
Ansichtsexemplaren. Das Fashionlabel Desigual verfolgt diesen Nutzer und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen. Anbie­
Ansatz sehr konsequent in der Boutique La Vida es Chula in ter und Designer müssen ständig Kundensituationen vorausah­
Barcelona. Hier gibt es alle rund 1200 Kleidungsstücke in allen nen und den Einkauf intuitiv und serviceorientiert gestalten. Das
Größen nur ein einziges Mal. Beraten vom Verkaufspersonal kön­ bedeutet mitunter, nicht alle Technologien einzusetzen, die mög­
nen Kundinnen das gesamte Angebot der Marke ansehen und lich sind. Oder man macht mehrere Angebote gleichzeitig, wie
anprobieren, aber nichts mitnehmen. Stattdessen bestellen sie Emmas Enkel: Dort kaufen Kunden ab 45 Jahren hauptsächlich
via iPad die gewünschten Teile und erhalten die Lieferung in­ traditionell vor Ort ein und nehmen ihren Einkauf mit. Die Jünge­
nerhalb von zwei Tagen nach Hause. ren ab 25 Jahren machen dagegen mehr Gebrauch vom Online­
Ähnlich geht Edeloptics in Hamburg vor: Der Online­Optiker Shop und Lieferservice. Jeder, wie er will.
wäre außerstande, sein gesamtes Sortiment in einem Laden ab­ »Unternehmen müssen verstehen, dass ihre Kunden sowohl
zubilden und hat sich daher für eine Mischung aus Showroom online als auch ofline shoppen. Sie müssen herausinden, wie ih­
und normalem Shop entschieden. Statt der üblichen Waren­ re Kunden diese Kanäle nutzen und ihnen Tools an die Hand ge­
regale gibt es in dem kleinen Geschäft nur iPads. Auf ihnen wäh­ ben, die das Shoppingerlebnis einfach und bequem gestalten«,
len die Kunden bis zu fünf Modelle aus, die ein Mitarbeiter aus so Nicky Herbert. Auf keinen Fall können Händler heute noch die
dem Lager holt und auf einem Tablett präsentiert. Filterkriterien Augen vor dieser Entwicklung verschließen. Denn Konsumenten
wie Gesichtsgröße helfen, aus rund 30 000 Modellen das rich­ werden sich mehr und mehr an den Komfort von Multichannel­
tige für die eigene Nase zu inden. Auch eBay machte zur Weih­ Konzepten gewöhnen – und ihn überall erwarten. nik

Virtuelle Schuh-Anprobe von Görtz: Auf einem Screen werden Schuhe mittels dreier
Microsoft Kinects passgenau und in Echtzeit auf den Füßen der Passanten
dargestellt. Gefällt das Ergebnis, leiten QR-Codes direkt weiter zum Onlineshop
032 PAGE 09.12

KREATION

350 000 Post-its klebte die Agentur Casa Darwin an die Flagship-
Store-Fassaden des Plastic-Footwear-Herstellers Melissa
in São Paulo. Nach 5 Monaten Zettelchen-Hin-und-Herheften
entstand ein 30 Sekunden langer Stop-Motion-Film
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Analog & digital? Kreative, Marken und Forscher treiben


die gegenseitige Durchdringung von
realer und medialer Welt rasant voran.

Digilog & anatal! PAGE hat die Wechselspielkonzepte


genauer unter die Lupe genommen
034 PAGE 09.12 KREATION Cross-over-Strategien

n Medienadäquat – das war mal eine echte


Tugend. Man predigte, dass die Inhalte im Rah-
men einer Cross-over-Strategie passend für das
jeweilige Medium aufzubereiten seien, und zwar
mittels efizienter Tools und möglichst zeitspa-
rend. Weil dabei aber allzu oft nur artiger Kram
herauskommt, gibt es immer mehr Abweichler,
die auf frühere Tugenden pfeifen und stattdes-
sen die Wirkungen der entgegengesetzten Stra-
tegie erkunden. Das Spiel mit dem Medienun-
adäquaten treibt erstaunliche Blüten.
Beispiel: Die Installation der Agentur Casa
Darwin für den Flagship-Store des Plastic-Foot-
wear-Herstellers Melissa in São Paulo zum Launch
der Kollektion »Power of Love« Spring/Summer
2011 (http://is.gd/kwY4wV). Ganze 5 Monate lang
wurden hier 350 000 Post-its an 5 Fassaden des
riesigen Gebäudes von Hand hin- und herge-
klebt, um am Ende aus dem Bildmaterial einen
30-sekündigen Stop-Motion-Film zusammenzu-
basteln – im Siebzigerjahrestil schweben Blü-
ten, ein Luftballon oder ein Elefant über die
Wände. Am Computer hätte man das in Null-
kommanix hingekriegt. Vor dem Hintergrund ak-
tueller Efizienzgläubigkeit erscheint es zunächst
unangebracht, diesen endlosen Umweg durchs
Analoge zu nehmen, um am Ende ein ultrakur-
zes YouTube-Filmchen ins Netz stellen zu kön-
nen. Die Macher wissen aber, die Post-it-Anima-
tion hat aus Sicht des Betrachters einen ganz
anderen Wert. In Zeiten, in denen alle, getrie-
ben vom wachsenden Tempo der digitalen Welt,
durch ihren hektischen Alltag rasen, schaut man
fasziniert dem langwierigen Treiben der Post-it-
Pixel-Kleber zu.
Hat man diesen Irrsinn denn wirklich nur für
den Film inszeniert? Oder ist er eine Art Recht-
fertigung für den fünfmonatigen Ausnahmezu-
stand? Passanten sind immer wieder an dieser
Zettelhefterei vorbeigekommen, haben den Fort-
schritt neugierig verfolgt und aus Eigenantrieb
auf die Zettel mehr als 30 000 Liebesbekennt-
nisse gekritzelt – sie wurden also Teil der Installa-
tion. Auf diese Weise kam es zu einer wechsel-
seitigen Bereicherung: Die analoge Installation
erhielt eine digitale Dimension, der Film umge- Klebrige Tweets
kehrt eine Verwurzelung im Analogen. Das Bei-
spiel zeigt nicht nur, wie die Grenzen analoger Eine re:publica ohne Twitterwall ist »wie mit wechselnden Farblächen, die wie
und digitaler Kommunikation zunehmend ver- eine Kirche ohne Kreuz«, so das De- leicht gewellte Blätter an den Rän-
wischen, sondern auch, dass dies besonders gut signbüro precious. Für die Live-Visua- dern Schatten werfen.
durch medienunadäquate Strategien gelingt: Die lisierung der Berliner Konferenz rund Die insgesamt 38 378 Tweets ver-
gezielte Injektion analoger Phänomene in die um Blogs, soziale Medien und die digi- teilten sich am Ende auf 3456 farbige
Digitalwelt und digitaler Phänomene in die Ana- tale Gesellschaft setzten die Hambur- Papierbogen, die in 6 Schichten die 42
logwelt sorgt für erhöhte Aufmerksamkeit. ger allerdings nicht wie gewohnt auf Quadratmeter der Twitterwall bedeck-
Pixel, sondern auf Papier. Passend zum ten – jede Schicht erforderte ungefähr
Die Übertragung von Strategien aus dem Ana- diesjährigen Konferenzthema »Action!« 6 Stunden Kleisterei. Auf diese Weise
logen ins Digitale setzen auch Iris Gavric und Da- bauten sie zunächst eine 14 mal 3 Me- wurde die unglaubliche Datenmasse
niel Otterbein im iktiven Projekt »Absolut In- ter große Plakatwand und rührten per für die Besucher äußerst plakativ er-
spire« um, bei dem sie aus Eigeninitiative auf die Mixer jede Menge Tapetenkleister zu- fahrbar. Die analoge Twitterwall avan-
Marke Absolut Vodka Bezug nahmen (http:// sammen. Alle Tweets mit dem Hash- cierte zum meistfotograierten Motiv
is.gd/qFtT2S). Ihre Idee: eine App, die Google tag »#rp12« wurden dann innerhalb der re:publica. Viele knipsten die ge-
Street View und Street Art verbindet. Der User weniger Minuten auf farbiges DIN-A4- druckten Tweets, um sie dann auf
kann damit theoretisch nach Herzenslust Grafiti Papier gedruckt und an die Wand ge- Twitter zu posten – was dann wieder
aller Art auf Türen, Tore und Fassaden schmieren kleistert. Aus diesem Konzept hatte gedruckt auf der analogen Wand er-
oder gar Fratzen auf die Steine von Stonehenge. precious auch Corporate Design und schien . . . und dann wieder fotograiert
Die besten Motive, so sieht das Konzept vor, Beschilderung abgeleitet – es spielt wurde. Geniales Kontra-Konzept!
PAGE 09.12 035

Scrollen über Asphalt


Ein Cursor, den man durch die Stadt Der Urban Cursor
schieben kann, entwickelte der däni- von Sebastian
sche Designer Sebastian Campion. Die- Campion lud zum
Für die re:publica ser dreidimensionale Pfeil auf Rädern, kollektiven
entwickelte precious in in Pixelmanier gezackt, wurde im Rah- Scrollen im
diesem Jahr eine men des spanischen Kulturfestival In- Stadtraum ein
analoge Twitterwall gràvid in Figueres aufgestellt und von
Passanten durch die Gegend bewegt.
Dank GPS war er im Netz auf Google
Maps verfolgbar, sodass jeder den kol-
lektiv erzeugten Pfad erkennen oder
den Urban Cursor aufspüren konnte,
um seinen Kurs mitzubestimmen. Wäh-
rend des Festivals konnte man auch ei-
gene Fotos hochladen, die mit dem
Pfad verknüpft wurden. So wurde die
abstrakte Linie in Google Maps mit sub-
jektiven Geschichten angereichert.

chen sind beschriftet mit Namen wie Pudding zum Geräusche-


»mélodie«, »basses« oder »scratch«. machen: das Noisy Jelly
Nach zehn Minuten lassen sich die Kit von Marianne Cauvard
herrlichsten Puddings aus ihrem Ge- und Raphaël Pluvinage
häuse stürzen und mit dem im Kit ent-
Glibber-Interface haltenen Lautsprecher vernetzen.
Fährt man nun mit den Fingern über
Ein haptisch-akustischer Festschmaus die glibberige Oberläche der Gelees-
ist das Noisy Jelly Kit, das die Studen- kulpturen, entstehen je nach Heftigkeit
ten Marianne Cauvard und Raphaël mehr oder weniger laute quietschen-
Pluvinage als Spielprototyp entwickel- de, knatschende, pfeifende Sounds.
ten. Man rührt aus Agar-Agar, Wasser Eine völlig neue Interface-Erfahrung,
und Farbe eine quietschbunte Flüssig- und ein ungeahntes Klangerlebnis. Wer
keit zusammen und gießt sie in ver- hätte je gedacht, dass man Wackelpe-
schiedene Förmchen. Die Farbläsch- ter hören kann?!
036 PAGE 09.12 KREATION Cross-over-Strategien

kommen am Ende auf die echten Flaschen.


Unter dem Motto »Share your creativity with Handset statt Headset
anybody from anywhere« eröffnet das Projekt
eine digitale Street-Art-Spielwiese. Zwar ist ab- Das Detektiv-Rockford-Telefon für un-
surderweise mangels echter Besudelung das terwegs: Der britische Hersteller Hul-
Subversive von Grafiti dabei vollkommen elimi- ger stellt Telefonhörer im Retrolook
niert, aber durch die potenzielle Anerkennung her, die man ans Handy stöpseln kann.
seitens der Community scheint dieser Verlust Vollkommen absurd? Gerade weil es
zu verschmerzen zu sein – viele hielten die App das allerunpassendste Produkt inner-
für echt und fragten reihenweise nach, wo man halb der Hightech-Handy-Branche ist,
sie herunterladen kann. erfreuen sich diese Objekte einer sehr
Bei diesen analog-digitalen Wechselspielen großen Beliebtheit – dieses Exemplar
geht es oft auch um die intelligente Verschrän- ist bereits fast ausverkauft.
kung verschiedener Wirklichkeitsebenen. In Van-
couver wurde ein von der Stadt in Auftrag gege-
benes Mural von Milan Basic durch ein Grafiti Schön unhandlich:
verunstaltet. Statt es zu restaurieren, wurde es das Handyzubehör
an den bekritzelten Partien durch einen riesi- P*Phone von Hulger
gen QR-Code überdeckt. Neugierige erlebten
beim Scan per Handy aber eine echte Überra-
schung: Auf Ihrem Display sahen sie den ur-
sprünglichen Zustand des Murals – eine Zeitrei-
se zurück in die analoge Vergangenheit.

Im kommerziellen Bereich ist die Verknüpfung


des Analogen mit digitalem Content weiter auf
dem Vormarsch. Ausgerechnet das Puzzle, der
Inbegriff des haptischen Spielerlebnisses, be-
nötigt inzwischen auch schon eine digitale Me-
taebene. Ravensburger hat eine Produktserie Analog augmentiert
herausgebracht, bei der man erst puzzelt und
dem Resultat dann per AR-Puzzle-App auf dem Philips hat mit ihrem Grooming Kit, ei-
iPhone oder iPad Leben einhaucht. Ob Unter- nem Bartschneider- und Stoppelstut-
wasserwelt, Paris, Lofoten oder Tiere Afrikas: zer-Set, in Taiwan ziemlich schlechte
Videoanimationen und Soundeffekte sollen das Karten. Rund 75 Prozent der Männer
gute alte Pappspiel offenbar von seiner Starrheit dort ziehen ein glatt rasiertes Gesicht
und Stummheit befreien. Wenn in Zukunft im- vor. OgilvyAction Taiwan fand einen
mer mehr analoge Produkte eine parallele digi- genialen Weg, diese Bartbanausen für
tale Existenz benötigen, könnte diese Entwick- potenziellen Haarwuchs zu begeistern:
lung Mediendesignern ganz neue Perspektiven Augmented Reality, allerdings völlig
eröffnen. Anders gesagt: Produkt- und Medien- anders, als mal denkt.
design rücken dabei dichter zusammen. Die Bartwirkung wurde nicht per
Aber nicht nur analogen Dingen werden zu- Smartphone-App simuliert, sondern
nehmend digitale Existenzen verpasst, in umge- durch Teebecher, sogenannte Augmen-
kehrter Richtung forschen Experten, wie sich der ted Reality Mugs, die einfach mit un-
virtuellen Welt ein analoges Interface mit senso- terschiedlichen Bärten bedruckt wa-
rischen Qualitäten vorschalten lässt. Jay Silver ren (http://is.gd/V9aDVM). Sobald der
und Eric Rosenbaum vom MIT Media Lab entwi- Kunde auf dem Friseurstuhl das Glas
ckelten MaKey MaKey, ein »Invention Kit for the an die Lippen setzte, wuchs ihm quasi
21st Century«, mit dem man so ziemlich, alles von selbst ein fetter Schnäuzer oder
von Lebensmitteln, Spielzeug bis hin zu Klamot- ein feines Oberlippenbärtchen. Und
ten, zum Interface umfunktionieren kann. Der logisch, die Kunden schossen natür-
User vernetzt sich per Alligator-Clip mit dem lich per Smartphone ein Foto von sich –
MaKey-MaKey-Board, das seinerseits mit einem die Digitalisierung der analog augmen-
Computer und beispielsweise einem Apfel ver- tierten Realität.
netzt ist. Berührt er den Apfel, wird über das
Board ein Tastaturbefehl an den Computer ge-
sendet. Theoretisch lassen sich sämtliche Pro- Schnauzbart per Tasse:
gramme so bedienen. Auf Bananen Klavier spie- Die Augmented Reality
len? Kein Problem mehr. Die Weichen sind dafür Mugs von OgilvyAction
gestellt, dass die Welt um uns herum zum Inter- Taiwan für Philips
face upgedated wird.

Die Welt als Interface – an dieser Vision wird


derzeit auf vielen Ebenen gearbeitet. So stellt
der Münchner Softwarespezialist metaio mit
038 PAGE 09.12 KREATION Cross-over-Strategien

Mobile SDK 3.1 eine frei verfügbares AR-Ent-


wicklerkit für mobile Anwendungen zur Verfü-
gung, das unter anderem visuelles Tracking und
3-D-Objekterkennung unterstützt. Dies macht
es möglich, Gebäudefassaden, Straßenzüge und
beliebige reale Objekte mit virtuellen Informati-
onen anzureichern. Metaio erklärt dazu auf ih-
rer Homepage: »Für alle, die eine augmentierte
Zukunft erschaffen wollen.«
Das wollen längst auch Giganten wie Google.
Mit ihrem Project Glass geht der Konzern gleich
noch einige Schritte weiter (http://is.gd/LtFNCn).
Die Datenbrille ist quasi das Smartphone fürs
Auge (siehe PAGE 06.12, Seite 93). Der Träger er-
hält je nachdem, was er gerade in der Realität
betrachtet, die passenden digitalen Informatio-
nen auf einem Miniaturbildschirm präsentiert,
der dank Brillengestell leicht oberhalb des ei-
nen Auges schwebt – man braucht den Blick nur
leicht zu heben. Die Welt wird quasi zur Hinter-
grundfolie der Google-Daten und damit gleich-
zeitig zum Bestandteil des Interfaces. Reales Reality-TV
Laut »New York Times« könnte die Brille bereits Wir sind verwöhnt. Im Netz können wir
Ende 2012 auf den Markt kommen. Ist ja klar, dass permanent selbst entscheiden, wann
dieses Konzept höchst umstritten ist. Wir sollen wir einen YouTube-Clip abspielen wol-
das Handy nicht mehr einfach in die Tasche ste- len. In der analogen Welt haben wir
cken, sondern alle netten Google-Ratschläge, einfach keiner Kontrolle darüber, was
was man hier gleich um die Ecke noch kaufen wann passiert. Die belgische Agentur
könnte, immer schön im Blick behalten. In der Duval Guillaume Modem hat allerdings
YouTube-Parodie »ADmented Reality – Google den Abspielbutton direkt in ein fried-
Glasses remixed with Google Ads« (http://is.gd/ liches lämisches Städtchen verplanzt,
dYsYdY) verschwindet die Welt sozusagen hin- samt eines darüber hängenden Pfeils
ter einem Vorhang von Werbehinweisen. mit der Aufschrift »Push to add drama«.
Parodien gibt es bereits zuhauf. In »Goggle – Irgendwann musste die Neugier
Project Dangerous Glasses« (http://is.gd/Dpb siegen. Ein Passant drückte den roten
6h5) erhält der User vor allem überlüssige In- Knopf und dann erlebten er und alle
formationen. Angesichts eines bleiern-grauen anderen ihr blaues Wunder: Ein Kran-
Himmels vermeldet die schlaue Brille »It’s a bit kenwagen will einen Verletzten abho-
cloudy«, angesichts des verpassten Busses kom- len, ein Unbekannter verprügelt einen
mentiert sie »You missed the bus« und im Su- der Männer aus dem Rettungsteam,
permarkt bemerkt die Nervensäge besserwis- ein schwarzes Auto rast heran, ein wil-
serisch »Product is cheaper at Tesco Online«. Am der Schusswechsel beginnt, Polizei und
Ende ist der Protagonist so damit beschäftigt, die ein gepanzertes Fahrzeug kommen
richtigen Kommandos für die Spracheingabe zu herbei . . . Viele Leute ringsum hielten
erteilen, dass er im Straßenverkehr übergebügelt dieses Szenario anscheinend tatsäch-
wird. Google steht ihm natürlich auch jetzt unge- lich für echt, bis sich am Schluss an der
fragt bei – er bräuchte, wenn er noch könnte, Hausfassade ein Banner entrollte, auf
nur den »Nearest Hospital«- Link aktivieren. dem sich der Absender dieses Schar-
Googles Project Glass macht klar: Die Trenn- mützels zu erkennen gab: der TV-Sen-
linie von analog und digital löst sich rascher auf der TNT, der mit dem Claim »Your Daily
als erwartet. Der »New York Times«-Blog (http:// Dose of Drama« das Rätsel aulöste.
bits.blogs.nytimes.com) berichtet im Kontext der Der YouTube-Clip (http://is.gd/ORo
Brille gar, dass es auch schon Kontaktlinsen mit 0G1) entwickelte sich zu einem abso-
integrierter Elektronik gibt, die Pixel fürs Auge luten Renner – seit dem 11. April be-
sichtbar machen können. Ob man nun einen reits mehr als 35 Millionen Klicks. Fragt
Monitor auf der Netzhaut kleben haben möchte sich natürlich, ob die Leute bei dem
oder nicht, man begreift: Die analoge und die nächsten echten Schusswechsel ganz
digitale Welt überlappen sich immer mehr und entspannt zusehen, weil sie meinen:
bilden Schnittmengen. Sie verwachsen an un- »Ach, mal wieder so ein lustiger Wer- Abspielbare Realität: Duval
geahnten Stellen – sozusagen zu digilogen/ana- begag.« Dennoch zeigt das Konzept Guillaume Modem brachte
talen Welten. Ein gigantischer neuer Spielraum, das enorme Potenzial solcher Über- für den TV-Sender TNT einen
den Kreative und Marken künftig mit klugen kreuz-Strategien, bei der Mechanismen Start-Button in die echte Welt
Konzepten und intelligenten Innovationen für aus der Onlinewelt analog umgesetzt
sich erobern können. jn und im Internet wieder zugänglich ge-
macht werden.
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Digitale Graffiti
In der analogen Welt greift man zur
Spraydose und streicht auf Wahl- oder
Werbeplakaten einfach aus, was einem
nicht passt oder man verändert die Bot-
schaften. Solche Interventionen sind
im Netz nicht möglich. Oder doch? Lai-
monas Zakas aus Litauen erforscht, wie
man durch Unicode-Zeichen die Pro-
grammier-Bugs von Websites nutzt, um
die Standardformatierungen zu über-
schreiben. Das Ganze sieht aus, als
hätte man Google, Tumblr und Face-
book durch den Fleischwolf gedreht
und zu einer typograisch schmack-
haften Paste verarbeitet.
Zakas verwendet die nicht alphabe-
tischen Zeichen des Unicode-Standards,
um die Layout-Engines auf den Web-
servern in die Knie zu zwingen. Unter
www.facebook.com/glitchr oder http://
glitchr.tumblr.com kann man die Expe-
rimente erkunden. Zakas hat mittler-
weile sozusagen einen Bug im eigenen
Konzept entdeckt: Er vermutet, dass die
Firmen bereits den Spieß umdrehen
und mithilfe seines Glitchr-Konzepts
eigene Bugs aufspüren. Die subversi- Mit Glitchr spürt Laimonas Zakas auf
ve Unterwanderung des Subversiven. ästhetische Weise Programmier-Bugs auf

O1 statt ABC
Die »Neue Zürcher Zeitung« relaunch-
te kürzlich in Kooperation mit Meiré
und Meiré ihren Onlineauftritt. Hinter
der visuellen Erneuerung steckt auch
eine neue Strategie: Der digitale Kanal
soll zum Erstmedium avancieren. Um
die künftige Ausrichtung auch ofline
zu kommunizieren, entwickelte Jung
von Matt/Limmat ein überraschendes
Konzept für die Titelseite der Ausgabe
vom 8. Juni: Nur Nullen und Einsen wa-
ren dort zu lesen. Wer den Binärcode
in der Zeitung dechiffrierte, konnte an
einem Wettbewerb teilnehmen.

≥ PAGE Online
Alle Links zum Analog-
Digital-Cross-over
inden Sie unter www.
page-online.de/crossover

Die Titelseite der »Neuen Zürcher Zeitung« bestand am 8. Juni nur aus Nullen und Einsen
040 PAGE 09.12 KREATION Agenturenstrukturen

Effizienz und Eigensinn


Wie stellen sich kleine Agenturen in Zeiten ausdifferenzierter 360-Grad-Kampagnen
für die Zukunft auf? Wir haben uns nach Erfolgsrezepten umgeschaut

Modell 1 Haltung zeigen und


Nischen besetzen

n Auf den ersten Blick macht die ehemalige DDR-Kinder- fentlichen Raum zum Tragen, wie in der Kampagne für das
tagesstätte inmitten einer tristen Wohnsiedlung in Berlin- Schauspiel Hannover, bei dem die Designer zunächst das
Friedrichsfelde nicht den Anschein, als beherberge sie ein Potenzial des Hauses für die Region untersuchten. Ihre Er-
erfolgreiches Designbüro. Hier hat anschlaege.de ihre Hei- fahrungen mit Sommercamps, Kreativworkshops und freien
mat, gemeinsam mit anderen Gestaltern, Journalisten, Ar- Stadtplanungsprojekten wie fforst, einem außergewöhn-
chitekten und Filmemachern. Im Inneren des Heikonauten, lichen Studentenwohnheim im von Abwanderung bedroh-
so der Name des Coworking Space, herrscht eine lebhafte, ten Frankfurt an der Oder (siehe PAGE 12.09, Seite 34 ff.),
trubelige Atmosphäre. Mittendrin sitzen die anschlaege.de- helfen dabei – und sind für einige Kunden der Grund, sich
Gründer Steffen Schuhmann und Axel Watzke am Konfe- für anschlaege.de zu entscheiden.
renztisch und skizzieren ihr verblüffend durchorganisier- »Regelmäßiger Unsinn hat normative Kraft«, zitiert Axel
tes Agenturmodell. Durch die ständige Zusammenarbeit mit Watzke den Psychiater Eugen Bleuler. »Diese ein, zwei freien
Kulturbetrieben – vom experimentellen Kampnagel in Ham- Projekte pro Jahr zu gesellschaftlich relevanten Theman sind
burg über das hippieske Grips Theater Berlin bis zum wichtig für uns. Wir erhalten häuig Aufträge, weil wir selber
bürgerlichen Theater und Orchester Heidelberg (siehe Sei- Kultur machen.« Ihr leicht anarchistischer Ansatz, Ressourcen
te 48 ff.) – wissen sie, mit den speziischen Herausforderun- im öffentlichen Raum wie leer stehende Gebäude für kom-
gen dieser Kunden umzugehen, und konnten sich vom Gra- munikative Zwecke anders zu nutzen, ist inzwischen sogar
ikkollektiv für eigensinnige Corporate und Editorial De- von der Stadt Berlin gefragt: Im Zentrum einer von dieser in
signs zum strategischen Designbüro entwickeln. Auftrag gegebenen Kommunikationskampagne stehen zwei
Wie bei anderen Markenagenturen fragen die Auftrag- alte Berliner Geschäftsstraßen inklusive geschlossener Ein-
geber vermehrt nach der Entwicklung von Identitäten. »Wir kaufszentren in den Problembezirken Wedding und Moa-
wirken zuerst nach innen, machen mehr Kommunikation als bit. Durch den Einzug großer Geschäftsketten und Spiel-
Design«, erklärt Steffen Schuhmann. »Sobald wir mit Kun- höllen droht die Verödung, denn viele kleinere Geschäfte
den über konkrete Bilder sprechen, werden ihnen ihre Be- können sich die steigenden Mietpreise nicht mehr leisten.
dürfnisse, Probleme und Möglichkeiten klar, zum Beispiel Die Aufgabe von anschlaege.de bestand darin, die Iden-
die Diskrepanz zwischen ihrem gewünschten und dem tat- tiikation der Bürger mit ihrem Umfeld zu fördern und sie
sächlichen Image.« Dabei kommt neben dem zunehmend zum Engagement zu bewegen. Bei der Recherche im Kiez
strategischen, beraterischen Ansatz immer wieder ihre Ex- war den Designern die rege Kultur von Abreißzetteln aufge-
pertise für Stadtentwicklung und Kommunikation im öf- fallen, die an Straßenlaternen und -schildern zu Meditations-
PAGE 09.12 041

Die Zeichnungen visualisieren das


Konzept von anschlaege.de für
ein Stadtentwicklungsprojekt, das
helfen soll, Einkaufsstraßen in
Berliner Problembezirken aufzu-
werten. Die Kommunikations-
maßnahmen im öffentlichen Raum
haben das Ziel, die Anwohner
zu persönlichem Engagement zu
motivieren

kursen aufrufen und bei der Wohnungs- oder Haustiersu- Zuständigen gibt, der alles bündelt, sind sie letztlich meist
che helfen. So entstand die Idee zu einer Litfaßsäule als öf- dankbar für diesen Service.«
fentlicher Plattform für solche Kleinanzeigen. Ausgehend Seit 2004 arbeiten Christian Lagé, Steffen Schuhmann
von der Beobachtung, dass viel Mobiliar, vor allem ram- und Axel Watzke zusammen, inzwischen mit zwölf Mitar-
schige Monobloc-Stühle, auf den Straßen zu sehen ist, ent- beitern. »Wir machen wie im Sozialismus Fünfjahrespläne«,
wickelte anschlaege.de zudem ein Designkonzept für ein- schmunzelt Schuhmann. »Im Moment haben wir das Ge-
heitliche, kiezeigene Selbstbaumöbel. fühl, dass die aktuelle Teamgröße optimal ist, um efizient
und kreativ zu arbeiten.« Wichtig ist den dreien, sich min-
Die Zusammenarbeit mit öffentlichen Institutionen und destens einmal im Quartal zu treffen und lache Hierarchien
der große Einsatz für unbezahlte Herzblutprojekte verlangt beizubehalten: »Je stärker die Strukturen, desto schwieri-
eine straffe Organisation. »Unser Erfolgsrezept ist, die Struk- ger, zu optimalen Ergebnissen zu gelangen. Kreativwork-
turen für jedes Projekt leicht zu überplanen«, sagt Steffen shops funktionieren auch am besten unter Freunden. Wir er-
Schuhmann. Jeder Auftrag wird mit Kosten und Nutzen, gänzen uns gut, und der Ping-Pong-Effekt bringt uns beim
Mitarbeiteranzahl und Planungsstand dokumentiert, und Gestalten weiter.« Dazu trage auch die offene Architektur
auch der Kunde erhält eine Excel-Tabelle mit Terminen und des Heikonauten bei: »Du kannst ja nie richtig die Tür schlie-
Vorlagen, damit termingerecht produziert werden kann. ßen.« Transparenz und Diskurs werden prinzipiell großge-
»Bei den Kulturinstitutionen sind wir ›die mit den iesen schrieben: Alle Zahlen, von Gehältern bis zu Kundenhono-
Zeitplänen‹. Doch weil es bei deren Projekten selten einen raren, sind für das Team einsehbar. Quartalsweise wird

»Diese ein,zwei freien Projekte pro Jahr zu gesellschaftlich


relevanten Themen sind sehr wichtig für uns. Wir erhalten häuig
Aufträge, weil wir selber Kultur machen«
Axel Watzke und Steffen Schuhmann, Gründer von anschlaege.de, Berlin
042 PAGE 09.12 KREATION Agenturenstrukturen

»Uns ist wichtig, schon früh bei der Entstehung der


Markenstrategie Online- und 3-D-Prois ins Boot
zu holen, um medienspeziische Voraussetzungen und
Grenzen zu klären. Wesentlich für solche Koopera-
tionen ist gegenseitiger Respekt – man sollte nicht
glauben, alles selbst beurteilen zu können«
Stephanie Kurz, Geschäftsführerin Strategie von Stan Hema, Berlin

mit jedem ein Mitarbeitergespräch geführt. »Ich will Kol- schon früh bei der Entstehung der Markenstrategie Online-
legen, die etwas wollen«, sagt Steffen Schuhmann. und 3-D-Prois ins Boot zu holen, um medienspeziische Vo-
Bleibt die Herausforderung, im Alltagsgeschäft Zeit fürs raussetzungen und Grenzen zu klären. Wesentlich für sol-
Wesentliche zu inden – die Ideen. Gegenwärtig bilden sich che Kooperationen ist gegenseitiger Respekt – man sollte
die Gestalter im Bereich Social Media weiter. Mittelfristig ist nicht glauben, alles selbst beurteilen zu können.« So ent-
geplant, jeden Freitag gemeinsam als Inspirationszeit zu stand für Selux ein stimmiger, bis ins Detail glaubwürdiger
nutzen. »Da soll auch mal Zeit bleiben, drei Kirschbäume im Auftritt über alle Dimensionen hinweg.
Garten zu planzen. Das müssen wir montags bis donners- Bedingung für gelungene Kooperationen mit anderen
tags herausarbeiten – aber es gibt immer mehr Kunden, die Agenturen sind eine ähnlich analytische Herangehensweise
diese Experimentierphasen zu schätzen wissen.« Die Auf- und ein Abgleich der Methoden, verrät Stephanie Kurz: »An
träge aus dem Kulturbereich werden in der aktuellen wirt- ihren Angeboten lässt sich recht präzise ablesen, wie eine
schaftlichen Lage wohl kaum zunehmen. Zukunftspotenzial Agentur tickt, wie Strategien und Prozesse ablaufen.« Ist
sieht anschlaege.de in ökologischen und Stadtplanungs- das geklärt, lasse es sich mit den lachen Hierarchien, die
themen. Soeben hat das Designbüro im Auftrag der Se- solche gemeinsamen Projekte ausmachen, gut arbeiten.
natsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung Diese von viel Austausch geprägte Haltung indet sich auch in
eine weltweite Kampagne für den IT-Standort Berlin ge- den internen Strukturen wieder: Ein Viertel der Stan-Hema-
staltet. Damit tun sich Felder auf, in denen es seine spezi- Mitarbeiter sind Freelancer, die mit ihren Perspektiven fri-
ische Expertise, Marken für gesellschaftliche Themen und schen Wind in die Agentur bringen, während Festangestell-
Kommunikation für regionale Entwicklungen zu entwerfen, te für Vertrauen beim Kunden und reibungslose Abläufe
kombinieren und ausbauen kann. sorgen. In den Bereichen Text und Konzeption wird aus-
schließlich mit Freien gearbeitet, weil hier, je nach Thema,
speziische Fachkenntnisse und Tonalitäten gefordert sind.
Modell 2 Strategisch beraten Das Verständnis von kreativer Leistung scheint bei Stan Hema
und gestalten also bereits bei der vorausschauenden Organisation und
einer sensiblen Kommunikation zu beginnen.
Ein Händchen für interessante Bürostandorte hat auch
Stan Hema: Aus Platzmangel ist die Markenagentur in den
noch nicht aufgehübschten Süden der Berliner Friedrich- Im Rückblick Ausprobieren,
straße umgezogen – zentral gelegen, aber ohne an Berlin- analysieren, Profil schärfen
Charme eingebüßt zu haben. »Unsere Größe mit aktuell et-
wa 15 Mitarbeitern ist ideal«, meint Stephanie Kurz, Ge- Ihren Standortfokus hat wirDesign im vergangenen Jahr von
schäftsführerin Strategie. Trotz überschaubarer Manpower Braunschweig nach Berlin verlagert, wo die Markenagentur
sitzt Stan Hema mit Branchengrößen wie MetaDesign und mit insgesamt fünfzig Mitarbeitern in einer luftig sanierten
Interbrand in Pitches. Ihre fundierte strategische Expertise Fabrik residiert. Andreas Schuster, einer der Gründer und
bei zugleich hoher gestalterischer Qualität sorge bei Kun- heute kaufmännischer Geschäftsführer, erzählt, wie sich die
den immer wieder für Überraschung, berichtet sie. 1983 als Ateliergemeinschaft von acht Designstudenten ge-
Diese Besonderheit wird vielleicht gerade durch das kom- gründete Agentur über Dotcom-Blase und Bankenkrise hin-
pakte Agenturmodell ermöglicht: Stan Hema übernimmt in weg etablieren konnte. »Zu Beginn hatten wir gar keine
Markenkommunikationsprojekten die Markenberatung und Strategie. Als studentischer Gemischtwarenladen sagten wir
die Übersetzung der strategischen Werte ins Visuelle. Geht jeden Job zu, der uns in den Bereichen Design, Werbung
es darum, die unterschiedlichen Kanäle zu bespielen, emp- oder Event angeboten wurde.« Ohne wirtschaftlichen Druck
iehlt Stan Hema passende Partneragenturen, coacht diese habe die Gruppe so ihre Stärken und Schwächen erkunden
und moderiert den Ablauf. So können Strategie und Ge- können. Als der Agenturaufschwung Mitte der 1990er ins
staltung – anders als in großen Agenturen, in denen Desig- Stagnieren kam, zog man einen Unternehmensberater zu-
ner oft weniger Stimmrecht haben als Etatdirektoren und rate, der einen Positionierungsworkshop initiierte. »Wie viele
Kundenberater – eng ineinandergreifen. Designer hatten wir Angst, auch mal einen Job abzusagen.
Für den Leuchtenhersteller Selux zum Beispiel entwarf Doch der Berater empfahl, uns zu fokussieren. Tatsächlich
Stan Hema das Erscheinungsbild mit Printmaterialien, um sicherten wir uns erst nach der klaren Positionierung als CI-
anschließend mit der Digitalagentur Codeluxe die Website Agentur unseren Platz in den einschlägigen Rankings.«
und mit dem Architektenbüro Gonzalez Haase AAS den Mes- Damit war der erste Schritt gemacht. Heute nutzt wir-
sestand zur Light+Building zu entwickeln. »Uns ist wichtig, Design BrandExplorer, ein ursprünglich für Kunden kon-
PAGE 09.12 043

Moodboards helfen, die Bedürfnisse und Vorstellungen des Kunden sowie


die Möglichkeiten eines CI-Projekts zu klären. Dieses stellte Stan Hema
für Selux zusammen. Unten: Die Agentur ist auch für das klare Editorial Design
der Kataloge verantwortlich. In Kooperation mit Gonzalez Haase AAS ent-
stand der neue Markenauftritt des Leuchtenherstellers für die Light+Building
© www.stanhema.com, außer ganz unten: www.gonzalezhaase.com
044 PAGE 09.12 KREATION Agenturenstrukturen

»Weiterentwicklungen sollten zum einen aus Leistungen


bestehen, die ich kann und die mir Spaß machen,
und zum anderen aus Leistungen, die der Markt fordert«
Andreas Schuster, Mitgründer und heute kaufmännischer Geschäftsführer von wirDesign, Berlin und Braunschweig

zipiertes Positionierungs- und Strategietool, für eigene


Weiterentwicklungen. Damit wird der Istzustand im Kon-
text der internen Erfahrungswerte deiniert und mit dem
Sollzustand abgeglichen. »Der sollte zum einen aus Leis-
tungen bestehen, die ich kann und mir Spaß machen, und
zum anderen aus solchen, die der Markt fordert«, meint
Andreas Schuster. So wurde das Proil nach und nach ge-
schärft. Inzwischen konzentriert sich die Agentur auf Kom-
munikation für Unternehmensmarken, bei der es, anders
als bei Produktmarken, weniger auf Tempo und kurzfris-
tige Marktbedürfnisse als auf Vertrauensbildung und ei-
ne langfristige, kontinuierliche Identitätsentwicklung an-
kommt. Bis sich der Agenturschwerpunkt für eine junge De-
Anfangs ohne Plan und trotzdem erfolgreich: das wirDesign-
signagentur herauskristallisiert hat, hält Schuster es für Gründerteam in den 1980ern
sinnvoll, zunächst einmal die eigenen Stärken auszutesten.
»Dazu gehört eine Portion Selbstausbeutung, aber als Kre-
ative gehen wir wenig andere Risiken ein, zum Beispiel kei- Mentalität durch Netzwerken oder über die informative
ne Investitionen in Maschinen.« Schiene. Das macht wirDesign mit dem Versand von »Blue-
Print« vor, einem Corporate-Fachmagazin über Marken-
Der Weg zum Erfolg basiert für Andreas Schuster auf einer kommunikation. Bemerkenswert ist ein weiterer, psycholo-
ausgewogenen Mischung aus Flexibilität und Zielstrebigkeit. gischer Faktor – die materielle Veränderung. »Wenn wir in
Dabei empiehlt er pragmatisch einen regelmäßigen Blick auf Expansionsphasen in größere Räume umgezogen sind oder
die Zahlen: »Als Frühindikator eignet sich ein Analysetool, neue Hardware angeschafft haben, war die frische Energie
das aufzeigt, mit welchen Kunden und Projekten man Geld und die Motivation in der Agentur sofort spürbar und führ-
verdient hat. Unsere größten inanziellen Desaster waren te zu weiterem Wachstum.«
Auslüge in fremde Bereiche, etwa die Entwicklung eines
Werbemittelshops. Bei neuen Tätigkeitsfeldern zahlt jeder Ob sich ein Designbüro nun für oder gegen Vergrößerung,
Lehrgeld. Das lohnt sich aber nur, wenn es zu meinem Proil für Spezialisierung oder kreativen Allround-Service via
passt.« Aufgrund der schnellen medialen, technischen und Netzwerken entscheidet: Der Vorteil kleiner Agenturen be-
inhaltlichen Veränderungen im Design ist zudem die Fähig- steht in ihrer Beweglichkeit bei gleichzeitig konsequenter
keit, die eigenen Strukturen und Dienstleistungen stetig zu gestalterischer Haltung. Schlanke Personalgefüge ermögli-
hinterfragen, eine notwendige Voraussetzung: Workshops chen Flexibilität, um auf jede Form von Veränderung rea-
und Coachings inden bei wirDesign alle drei Jahre mit der gieren zu können. Sie proitieren davon, dass ihnen lache
ganzen Agentur und jährlich mit den Geschäftsführern statt. Hierarchien vertraut sind, denn seit Gestaltung immer we-
Zu den Bedingungen für Expansion – momentan wächst niger Autorendesign und immer mehr strategische Planung
wirDesign wieder – sagt Andreas Schuster: »Bricht die Kon- bedeutet, werden kommunikative Fähigkeiten – ein gleich-
junktur um 10 Prozent ein, macht sich das bei uns mit 30 bis berechtigter Austausch mit Kunden, Mitarbeitern und Part-
40 Prozent Umsatzrückgang bemerkbar. Um das abzufedern, neragenturen – relevanter.
haben wir zwei Standbeine: Corporate Design und Geschäfts- Ganz wesentlich sind darüber hinaus straffe organisa-
berichte. Ersteres ist zwar wichtig, aber aus Unterneh- torische und kaufmännische Strukturen, in denen das Re-
menssicht nicht unbedingt dringend und wird in Krisen- lektieren, freies kreatives Experimentieren und eine breit
zeiten gern vertagt. Geschäftsberichte hingegen erschei- gefächerte persönliche Bildung als zukunftsträchtiger Teil
nen zuverlässig jedes Jahr.« des Jobs ernst genommen werden – nur so können sich
Für Kundenzuwachs sorgt eine efiziente, individuelle Agenturproile wie lebendige Organismen mit eigenstän-
Akquise: Über ein gut aufbereitetes Online-Portfolio, je nach digem Charakter entwickeln. wl

»Wenn wir in Expansionsphasen in größere Räume umgezogen


sind oder neue Hardware angeschafft haben, war die
frische Energie und die Motivation in der Agentur sofort
spürbar und führte zu weiterem Wachstum«
Andreas Schuster, Mitgründer und heute kaufmännischer Geschäftsführer von wirDesign, Berlin und Braunschweig
046 PAGE 09.12 KREATION Theater-Erscheinungsbilder

Die Welt ist eine Bühne


n »Anfangen, wo es anfängt.« Das Entstehung von Kunst kollaborativer – häuser den Auftrag, gesellschaftlich
Licht im Zuschauerraum schwindet. Ei­ an einem großen Haus wirken etwa relevante Stoffe zu inszenieren, zum
ne Stimme spricht aus dem Off. Die Auf­ 300 Menschen mit, um eine Produktion anderen ist es Bürgerplicht, sich mit
führung beginnt. Seit etwa 4000 Jah­ zu ermöglichen – und zugleich kollek­ ihren Ideen auseinanderzusetzen und
ren wird Theater gemacht, und es gibt tiv erlebbar. Ein Glück, wenn man mit sich einzumischen. Theater ist Partizi­
2500 Jahre alte Stücke, die heute noch tausend anderen Publikum ist. pation und nicht Club Med.
gespielt werden, weil sie uns immer Die Theaterlandschaft in Deutsch­
noch etwas zu sagen haben. Auf der land ist weltweit einzigartig, weil wir Theater sind Orte, an denen gedacht
Bühne werden Texte in Bilder verwan­ uns als Gesellschaft das Theater als öf­ und gemacht wird. Thomas Oberender
delt, Geschichten erzählt über Liebe fentliche Einrichtung leisten – es gibt nennt sie »Relexionsmaschinen«. Er
und Tod, Leidenschaft und Träume. in Deutschland rund 150 Häuser in öf­ leitet seit Januar die Berliner Festspie­
Theater ist eine Kunstform, die nur in fentlicher Trägerschaft. Wir alle sind le. Mit ihm hat die Großorganisation,
der Gegenwart existiert und ihre Kraft also das Theater: Und das bedeutet ei­ die Theater, Musik, Tanz und Literatur
aus Gleichzeitigkeit und Unmittelbar­ ne Verantwortung in beide Richtun­ zusammenführt, ein neues Corporate
keit gewinnt. Nirgends sonst ist die gen. Zum einen haben die Schauspiel­ Design bekommen. Ihre Identität be­

Von der Edition der


Berliner Festspiele
sind bereits drei
Hefte erschienen:
Ausgabe »3« prä-
sentiert Zeichnun-
gen des Künstlers
Marcel van Eeden,
der schon 2009
die Auftaktsaison
von Ulrich Khuon
am Deutschen
Theater Berlin
begleitete – also
nicht unbedingt
eine Überraschung
PAGE 09.12 047

Die Berliner Fest-


spiele nutzen
einen roten Rahmen,
der sich in allen
Bereichen wieder-
indet. Christian Riis
Ruggaber aus
Zürich entwickelte
den reduzierten
Auftritt mit einer klar
schweizerisch-typo-
graischen Hand-
schrift (Hausschrift:
LL Brown von Lineto)

Hinaus in die große Welt zu spielen, was drinnen auf der kleinen Welt der Bühne erzählt wird – ob dies den
Schaupielhäusern in ihrer Kommunikation gelingt, untersucht Gudrun Pawelke an aktuellen Erscheinungsbildern

ginnt sich langsam zu zeigen. Das Berliner Festspiele bringen zum Bei­ steckt, würde man auch eher der
MaerzMusik­Festival und das Theater­ spiel eine eigene, zweimonatliche Kunst zurechnen.
treffen 2012 waren erste Bewährungs­ Edition heraus, die, in Graupappe ein­ Das dreifarbig gestufte Magazin
proben. Man meint den neuen Werbe­ geschlagen, zur Mitnahme bereitliegt. zum Theatertreffen müsste eigentlich
mitteln anzusehen, dass sie keine Wer­ Kaum ein Besucher griff während des animieren, es sich genauer anzusehen.
bung machen wollen. Es sind visuelle Theatertreffens zu den grauen Heft­ Auch hier wird zum Teil schwer Zu­
Leisetreter, die mit ihrer Herkunft eher chen. Als schließlich doch einer die gängliches hochästhetisch offeriert.
hinter dem Berg halten: Als hätten sie Ausgabe mit der Ziffer 3 zur Hand Es beginnt mit Text, also Anstrengung.
sich erst mal ausgenüchtert nach zehn nahm, entschuldigte er sich, er bräu­ Ungefragte Texte sind ein wenig wie
Jahren Intendanz Joachim Sartorius.  chte die lediglich als Schreibunter­ ungebetene Gäste. Es lässt sich treff­
Der Auftritt mit dem roten Rahmen lage. Auf der grauen Umschlaginnen­ lich streiten, wenn man sich auf sie
tost also nicht, er steht dem ausgewie­ seite könne man sich so wunderbar einlässt. Aber vielleicht hat man auch
senen Intellektuellen Oberender auch Notizen machen. So ist das, wenn De­ gerade nicht die Zeit, um die 28 Seiten
gut zu Gesicht. Doch was erzählt der sign sich nützlich macht. Was sich da Essays zu lesen, mit denen das Theater­
neue Look, wenn er schon lüstert? Die zwischen den grauen Deckeln ver­ treffen­Journal niveauvoll startet.
048 PAGE 09.12 KREATION Theater-Erscheinungsbilder

Das Erscheinungs-
bild der Ruhr-
triennale setzt auf
gerahmte Natur
und hat als Haus-
schrift die Avenir.
Logo-Idee: Thomas
Mayfried; Art-
direktion: Tobias
Friedberg und Paale
Lüdtke ( http://aoki
matsumoto.com ).
Unten: Das 124-
seitige Programm-
buch wird in ei-
ner Aulage von
100 000 Exem-
plaren verteilt

So sucht man wohl eher nach dem angestammte Publikum ist zu weiten
Inhaltsverzeichnis und indet gleich Teilen im fortgeschrittenen Alter. Man
zwei: eines für das Rahmenprogramm, hätte der einen oder anderen Insze­
das komplett mit einem rosafarbenen nierung beim Theatertreffen mehr
Font hinterlegt ist, der an die Farbe frisches Blut in den Zuschauerrängen
von Löschpapier erinnert, und eines gegönnt. Offenbar zielen die neuen
für den ofiziellen Teil mit Grußworten Drucksachen auf ein jüngeres, trend­
und Stückebeschreibungen, der seine und vielleicht sogar designbewusstes
Ernsthaftigkeit auf Weiß präsentiert. Publikum. Eine Zuschauerin meinte, sie
Anhand der Berliner Festspiele lässt sähen mehr nach Neukölln als nach
sich gut hinterfragen, ob sich Kultur­ Wilmersdorf aus. Viele von den hippen
kommunikation selbst als Kunst ver­ Neuköllnern waren allerdings noch
stehen darf, oder ob es nicht vielmehr nicht zu sehen auf den Rängen.
um Kunstvermittlung geht. Wie be­
kommt man das, was auf der Bühne Am 17. August startet die Ruhrtrienna­
passiert, am besten an den Zuschauer le mit einem Etat von rund 13 Millionen
und in die Öffentlichkeit. Wie präsen­ Euro pro Jahr. Der neue künstlerische
tiert man die Inhalte attraktiv und ein­ Leiter, Heiner Goebbels, will kein »Re­
ladend, damit das Theater nicht leer präsentationsfestival«; er will die Ruhr­
bleibt? Dafür hilft es, sein Publikum zu triennale öffnen für das Experimentel­
kennen – sein Stammpublikum und na­ le. Heiner Goebbels ist einer der gro­
türlich auch das neue, das zu erreichen ßen Kreativen des Musiktheaters, ein
man aufgebrochen ist. Neudenker, der Ungehörtes und Un­
Die Berliner Festspiele sind eine In­ gesehenes der Kunst ins Ruhrgebiet
stitution des »alten« West­Berlins, das bringen will. Zum ersten Mal gibt es ei­

Jung und feurig


kommt der Auftritt
des Heidelberger
Stückemarkts daher.
So macht sich das
Berliner Designbüro
anschlaege.de für
Gegenwartsdrama-
tik stark (Schrift:
FF Unit Slab). Ganz
rechts: Spielzeit-
heft 2012/2013 für
das Theater Biele-
feld, entwickelt von
nodesign
PAGE 09.12 049

»Design für Kultur


kann (und muss)
zum Träger eigener
Reflexion und
Haltung werden«

ne inhaltliche Ausweitung in Richtung n HD Schellnack, Inhaber des Essener Das ist ungewöhnlich – und gut. Michael
bildender Kunst: mit Video­ und inter­ Designstudios nodesign, über Pitches und Heicks denkt sein Theater um, es hat sich
aktiven Installationen sowie Ausstel­ die Arbeit für Kultureinrichtungen geöffnet, verändert. Ein neuer Auftritt hat
lungen, kuratieren Klaus Biesenbach Sinn. Ich weine dem alten Logo nicht hinter­
und Hans­Ulrich Obrist. Die Ruhrtrien­ Im Jahr 2005 habt ihr den Auftritt des her. Obwohl der Etat für den Pitch viel zu
nale ist traditionell im Ruhrgebiet ver­ Theaters Bielefeld entwickelt. Inwieweit hat klein war und sich im Verlauf zeigte, dass die
ankert. Bei der letzten kamen im Durch­ dies die Identität des Drei-Sparten-Hauses Einladung wohl eher eine Hölichkeitsgeste
schnitt etwa 60 Prozent der Besucher geprägt? war, haben wir teilgenommen. Wir wollten
aus der Region und nur ungefähr HD Schellnack: Es ist eher umgekehrt: uns im aufrechten Gang verabschieden und
10 Prozent nicht aus Nordrhein­West­ Das Haus hat den Auftritt geprägt. Der In­ außerdem mögen wir das Bielefelder Team
falen. Das will man ändern – und inter­ tendant Michael Heicks hat in einem Dia­ sehr. Das war uns Mühe und Geld wert – ein
nationaler werden. Die Kampagne zielt gramm, mit dem wir im Pitch 2004 unsere Pitch kostet intern ja gut 5000 Euro. Für uns
klar auf ein kosmopolitisches Publi­ Idee eines Vier­Sparten­Theaters visualisiert ist dieser kurze, brutale Kreativitätsschub
kum: Vor allem will man Grenzen über­ haben, sein persönliches Logo gefunden. immer eine schöne Inspirationsquelle. Fi­
schreiten und zum Beispiel die Bene­ Allerdings mit nur drei statt vier Sparten. nanziell ist es ein Lottospiel, bei dem man
luxstaaten gewinnen. Wir haben etwa zwanzig weitere Entwürfe sehen muss, ob der Einsatz stimmt. Für die
Eine »Triennale« im eigentlichen angebracht, aber Heicks blieb seinem ers­ Auftraggeber bringen Wettbewerbe eher
Wortsinn ist die Ruhrtriennale nicht, ten Impuls treu. Es ist also weniger unser Lo­ Verunsicherung und mutlose Ergebnisse –
und genau das bringt die Logo­Idee go als vielmehr seine Kreation, seine Idee das sage ich, obwohl wir hier Zweitplatzier­
von Thomas Mayfried visuell auf den von Theater als Summe einzelner Teile. Und te waren, und es gilt oft sogar für Wettbe­
Punkt: Die Ruhrtriennale indet drei das ist eigentlich eine gute Sache. Der Rest werbe, die wir gewinnen. Bessere Ergeb­
Jahre hintereinander statt und nicht al­ des Corporate Designs ist schlicht, klar, nisse entstehen ohne Pitch.
le drei Jahre. Diese Irreführung im Na­ streng. Wir haben selbst im ersten Jahr, in Warum arbeitet Ihr so gerne für Kultur-
men löst der Designer elegant durch ei­ dem wir es betreut haben, in Abendprogram­ institutionen? Sind das die Auftraggeber,
ne dreifach Nennung: »Triennale, men und anderen Medien gezeigt, wie of­ von denen alle träumen?
fen und spielerisch diese Strenge sein kann. Klienten aus nicht kulturellen Bereichen sind
Wie viel ist davon heute noch übrig? zum Teil inzwischen mutiger, die Bezahlung
Was davon intakt sein kann nach drei Gene­ ist realistischer, Timings und Worklow pro­
rationen wechselnder Hausgraiker ohne ex­ fessionell, das Interesse an evaluierbaren
terne Supervision. Entweder langweilen sie Ergebnissen groß. Aber mit Kulturpartnern
sich mit dem Corporate Design und wei­ kannst du subliminale Botschaften und Me­
chen zu sehr davon ab oder halten sich an tatext in dein Design einbauen. Es muss nicht
falsche Regeln und ersticken eventuell den so gefällig sein und direkt verkaufen, son­
Auftritt. Selbst die Besten sind am Ende An­ dern darf verwirren, verstören, auf­ und
gestellte und versuchen nur, den verschie­ anregen. Nicht nur visuell, auch inhaltlich.
denen internen Anforderungen gerecht zu Theater sind keine Marken, sondern lokal
werden. So gibt es heute einige Umsetzun­ hochwirksame Orte der Kreativität und Re­
gen, die zeigen, dass das Corporate Design lexion, deren Funktion weit über Abo­ und
zeitlos aufgeht und andere, die es völlig zer­ Ticketverkauf hinausgeht. Man kann dort
fasert haben, bis am Ende der Auftritt nicht andere Dinge tun. Nicht besser oder schlech­
mehr zu funktionieren scheint. ter, aber in anderer Kommunikationsab­
Kürzlich wurde der Vertrag des Intendanten sicht. Design für Kultur kann (und muss)
verlängert, und der will jetzt ein neues insofern auch zum Träger eigener Relexion
Erscheinungsbild. Das ist doch eher unge- und Haltung werden. Deshalb bin ich Theater
wöhnlich, oder? Noch dazu wurdet Ihr zum und Philharmonikern dankbar für zehn Jah­
Wettbewerb eingeladen. re voller spannender Balanceakte.
050 PAGE 09.12 KREATION Theater-Erscheinungsbilder

Der von Double


Standards gestal-
tete Auftritt fürs
Badische Staats-
theater verbannt
alle Farbe. Das Spiel-
zeitheft kommt
ganz ohne Bilder
aus, also auch ohne
ein einziges Schau-
spielerfoto – sehr
ungewöhnlich für
eine Intendanz-
eröffnungssaison

Musik­ oder Tanztheater werben, ist neu gestaltet (siehe PAGE 10.11, Sei­
für den unwissenden Betrachter erst te 38 f.). Im Mai gab es dort den Heidel­
mal nicht zu entschlüsseln. Das Offen­ berger Stückemarkt 2012 mit Ägypten
sichtliche wird in der Kampagne ver­ als Gastland. Die Plakate arbeiten auf­
mieden, sie verrätselt lieber. Glücklich, fällig mit einem Komplementärkon­
wer sich so viel Zurückhaltung leisten trast. Im ersten Moment wirkt die luo­
kann. Auch bei der Ruhrtriennalen­ reszierend eingefärbte Menge wie ein
Ästhetik erkennt man also eine Diskre­ Rockkonzertpublikum, auf den zwei­
tion, ähnlich jener der Berliner Fest­ ten Blick erkennt man die ägyptische
spiele. Ist das der neue Trend? »Das ist Revolution. Beim Stückemarkt werden
ja alles schön und gut«, möchte man ausschließlich Uraufführungen gezeigt.
manchmal rufen, »aber seid doch Man weiß also als Zuschauer vorher
auch mal indiskret!« nicht, worauf man sich einlässt. Da­
Triennale, Triennale«. Auch Musika­ rum sucht die Kampagne das aufge­
lität und Rhythmisierung inden sich Kunst stellt Fragen, Theater sind ide­ schlossenere Publikum und unter­
in der formalen Anordnung wieder – alerweise Räume für Untersuchung. scheidet sich vom Erscheinungsbild
vielleicht als Anklang an John Cage. Wenn dort Reibung entstehen soll, des Heidelberger Theaters.
Die künstlerische Leitung hat sich nach müssen sie sich allerdings trauen, aus Wer für Theater arbeiten möchte,
einem Pitch für Mayfrieds Wortmarke der Deckung zu kommen. »Kultur muss und die Runden der öffentlichen Aus­
entschieden. Die übrige Kommunika­ man mindestens so gut verkaufen wie schreibungen und Pitches überstan­
tion gestaltet Aoki & Matsumoto aus kommerzielle Marken. Kultur ist kein den hat, der braucht Einfühlung für
Frankfurt am Main. Das ist ungewöhn­ Luxus, sondern ein Grundbedürfnis. sein Publikum. Denn es gilt zu vermit­
lich, hat aber sicher mit der Verführung Es ist unser Beruf, zwischen Inhalten teln zwischen Kunst und Kunstinteres­
eines Pitches zu tun: Man kann sich aus und Menschen zu vermitteln«, sagt sierten. Designpreise sind in dem Me­
allen das vermeintlich Beste heraus­ Erik Spiekermann, der mit seiner Agen­ tier leider kein Maßstab für empfän­
picken. Ob die Kampagne das überre­ tur edenspiekermann Strategien und gerorientierte Kommunikation (siehe
gionale Publikum trifft, ohne das hei­ Konzepte für kulturelle Institutionen red dot für das Spielzeitheft des Schau­
mische zu verfehlen, wird sich zeigen. entwickelt. Für Thomas Mayfried ist spielhaus Graz). Theaterstücke und
So viel Poesie jedenfalls war lange im Fall von einer Kulturinstitution ihr Inszenierungen dürfen verstören und
nicht: Die Farbigkeit hält sich gedeckt Programm das eigentliche Statement: überfordern. Kommunikation für Thea­
zurück, Werbemittel und Programm­ »Diese Inhalte nach außen zu tragen, ter aber sollte vor allem die Tür aufhal­
bücher bescheiden sich mit kontrast­ verstehe ich unter Design«. Es geht al­ ten und einladen, das Publikum ernst
armen, ästhetisierenden Naturbildern. so um empfängerorientierte Kommu­ nehmen und es bereit machen, sich der
Dass die Plakate für zeitgenössisches nikation, die ihr Publikum ernst nimmt Auseinandersetzung zu stellen. Hier
und ihm zuhört. wünscht man den Theatern und ih­
Design kann aber auch überfordern, ren Machern, Mut zur Spielfreude und
wenn der Sprung vom Gewohnten zum Ernsthaftigkeit genau für die Zeitspan­
Die Designerin und Neuen allzu groß ist. Beim Staatsthea­ ne, wenn das Bühnenlicht ausgegan­
Autorin Gudrun ter Karlsruhe kam mit dem neuen In­ gen ist. Denn die ganze Welt ist eine
Pawelke arbeitet tendanten auch visuell frischer Wind in Bühne, lasst sie uns also bespielen.
seit vielen Jahren die Stadt. Der von Double Standards
im Bereich der aus Berlin entwickelte Auftritt und vor Für Kreative, die bei der Akquise auf
Kulturkommunika- allem das bilderlose Spielzeitheft ver­ Theater abzielen, hier eine Liste von
tion und -beratung. setzte die Abonnenten in Unruhe. Mitt­ Häusern im deutschsprachigen Raum,
Mehr zum Thema lerweile hat die Frischzellenkur ge­ bei denen ein Leitungswechsel ansteht:
Theaterkommu- wirkt und die Karlsruher haben sich 2013 Bayerische Staatsoper München,
nikation gibt es von ihr Theater neu angeeignet. Maxim Gorki Theater Berlin, Philhar-
ihr im Blog zum Von Karlsruhe nach Heidelberg sind monie Essen, Schauspiel Köln, Schau-
Theatertreffen zu es gerade mal 55 Kilometer. Dort hat spielhaus Hamburg, Staatstheater
lesen (www.theater anschlaege.de aus Berlin das Erschei­ Stuttgart und 2014 Bregenzer Fest-
treffen-blog.de) nungsbild von Theater und Orchester spiele, Wiener Festwochen
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PAPIERWELT
Arbeiten publiziert werden, erhalten
sechs Exemplare des Bildbands mit in­
dividuellem Umschlag.
≥ www.evers-frank.com

Der Kuss
n Zum 150. Geburtstag des Wiener
Jugendstilkünstlers Gustav Klimt hat
lakepaper in Zusammenarbeit mit Ige­
pa group die Kollektion The Kiss kre­
iert, in der sich die Farben von Klimts
berühmtestem Werk wiederinden. Die
Palette erstreckt sich vom eleganten
Weiß über Beige­ und Orangetöne, ver­
schiedene Rotnuancen, Lila und Grün
bis hin zu den klassischen Businessfar­
ben Grau, Blau und Schwarz.
Die Oberläche von The Kiss ist mit
einer Mikroprägung veredelt, die –
anders als bei den klassischen, streng
geometrischen Mikrorasterprägungen –
unregelmäßig, lebendig und natürlich
ist. Passend zum Papier gibt es bunte
Briefhüllen in DIN lang, quadratisch
oder im extra schlanken und langen
Sonderformat Special M, das sich für
55 Cent versenden lässt. Das Sortiment
ist in 100 und 300 Gramm erhältlich,
Weiß, Elfenbein und Schwarz stehen
zudem in 400 Gramm zur Verfügung.
Geduldig zeigt sich die Klimt­Kol­
hen. Außerdem entstanden im Rah­ lektion in der Weiterverarbeitung. Vom
Kreis-Bilder men des Projekts ein Dokumentarilm Offsetdruck über Blind­ und Heißfoli­
Zunächst krochen n Eine schöne Ausstellung zeigt Pa­ und ein Fotobuch, beide unter dem Ti­ enprägung, Laserstanzung oder Pa­
Nils Olof Heden- pierhersteller Iggesund noch bis zum tel »Creeping in Circles«. piergravur ist alles machbar. Für den
skog (links) und 12. August in seiner alten Eisenhütte ≥ www.creepingincircles.com; Laser­ und Inkjeteinsatz ist die Ober­
Joakim Brolin noch im schwedischen Örtchen Iggesund, www.iggesund.com läche optimiert, aber auch im Digital­
selbst im Kreis, 300 Kilometer nördlich von Stockholm. druck lässt sich die Sorte einsetzen.
dann ließen sie es »Creeping in Circles« heißt sie und prä­ Vertrieben wird The Kiss in Deutsch­
andere tun. Durch sentiert eine Bildserie, die aus der Zu­
Papier-Liebe land exklusiv durch Igepa group.
eine lange Belich- sammenarbeit des Fotografen Joakim n Die Evers­Frank Druck­ & Medien­ ≥ www.igepagroup.com
tungszeit entstan- Brolin mit dem Künstler Nils Olof He­ gruppe ruft zum Fotowettbewerb pa­
den futuristisch denskog hervorging. Die futuristisch pier|liebe auf. Noch bis zum 15. Septem­
anmutende Bilder anmutenden Motive realisierten die ber können Fotografen, Fotodesigner,
Preiserhöhung
beiden mit einer ganz simplen Tech­ Studenten oder Autodidakten bis zu n Abermals korrigieren einige Groß­
nik: Sie ließen Menschen unter einer sechs Fotos in den Kategorien »Repor­ händler aufgrund gestiegener Kosten
aufgehängten Analogkamera mit einer tage« oder »Inszenierte + künstlerische für Zellstoff, Energie, Transport und
Belichtungszeit von bis zu 20 Minuten Fotograie« einreichen. Mit dem Con­ Chemikalien ihre Preise nach oben. So
im Kreis kriechen. Einige der Fotos ent­ test will das Unternehmen zeigen, dass hebt Papier Union für ihre gestriche­
standen in Gebäuden, in denen der die Liebe zum Papier trotz Multichan­ nen Bilderdruckpapiere die Preise um
Papierhersteller einst aktiv war: einem nel­Kommunikation ungebrochen ist. 7 bis 8 Prozent an; Papyrus Deutsch­
alten Hochofen in Moviken, einem frü­ Zu gewinnen gibt es Preise im Ge­ land setzt sie für holzfreie Bilderdruck­
heren Sägewerk in Stocka und in der samtwert von 6500 Euro. Die besten papiere in Format und Rolle sowie für
alten Eisenhütte selbst. Fotoarbeiten erscheinen in einer Pub­ holzhaltig gestrichene Formatpapiere
Die Ausstellung war bereits in dem likation, die Evers­Frank mit Bilder­ um bis zu 8 Prozent hoch. ant
vor zwei Jahren eröffneten Stockhol­ druckpapier von Sappi klimaneutral ≥ www.papierunion.de;
mer Fotomuseum Fotograiska zu se­ produzieren wird. Diejenigen, deren www.papyrus.com/de
052 page 09.12 KREATION Hartz-IV-Möbel-Buch

n Man kann die Hartz-IV-Möbel leicht übersehen. Solide,


selbst zusammengezimmert, mit dem Geruch von Baumarkt­
holz und einem Touch IKEA, sehen sie aus wie pragmati­
sche Nachbauten von Designklassikern der Moderne: Marcel
Breuers Wassily Chair, Jean Prouvés Standard Chair, der Ul­
mer Hocker. Bemerkenswert werden die nach den Anlei­
tungen Van Bo Le­Mentzels monierten Möbel durch ihre
individuellen Entstehungsgeschichten. Unter dem Motto
»Konstruieren statt konsumieren« wollte der Architekt der
Überproduktion, wie sie sich etwa im alljährlichen Neuhei­
tenstrom auf der Mailänder Möbelmesse manifestiert, Pro­
dukte entgegensetzen, die ihre Nutzer wirklich brauchen.
Dabei lassen sich die Do­it­yourself­Möbel – wie der provo­
zierende Bezug zum gefürchteten Arbeitslosenhilfesystem
andeutet – für wenig Geld in kurzer Zeit auch von hand­
werklichen Laien produzieren. Die Baupläne stehen kos­
tenlos im Netz zur Verfügung – unter der Bedingung, dass
die Nutzer im Gegenzug von ihrer persönlichen Baumotiva­
tion berichten oder die Anleitungen weiterentwickeln.
»Karma Economy« nennt der aus Laos stammende Berli­
ner das Prinzip, durch soziales Handeln »sein Karma aufzula­
den«, dabei aber darauf zu achten, dass es durch ein ausge­
wogenes Verhältnis von Geben und Nehmen im Gleichge­
wicht bleibt. Bezugnehmend auf Danny Iny, Autor des So­
cial­Media­Kommunikations­Ratgebers »Engagement from
Scratch!«, zeigt er auf, wie man andere Menschen mit mög­
lichst geringem Aufwand spontan und großzügig unter­
stützen kann – mit Dingen, die nicht mehr gebraucht wer­
den, oder Fähigkeiten und Ideen, die Spaß machen und au­
ßerdem Anerkennung bringen. Die »Yin­und­Yang­Technik«
basiert darauf, dass der Helfer in einer Aktion Energie in­
vestieren und daraus zugleich Gewinn für sich selbst ziehen
kann – wie ein Aikido­Kämpfer, der die Kraft des Gegners
nutzt, um sie in den Angriff umzulenken. Mit seinen Gedan­
ken scheint Van Bo Le­Mentzel den Nerv der Zeit getroffen
zu haben; sein Facebook­Auftritt mit momentan ungefähr
5000 Fans dokumentiert, wie sich die Möbel durch eine be­
geisterte Crowd weltweit verbreiten.
Über das Hartz­IV­Möbel­Projekt und die begleitende
Netzkampagne ist nun eine handliche Publikation erschie­
nen, selbst hervorgegangen aus einem Crowdsourcing­ und
­funding­Prozess und eine Art Übertragung seiner Erkennt­
nisse auf die Buchentwicklung. So wie er durch die früh­
zeitige Einbindung des Nutzers die Stationen des Gestal­
tens, Produzierens und des Marketings umgeht, überspringt
er dabei, zumindest streckenweise, »den Umweg Geld«.
»Hartz IV Moebel.com – Build More Buy Less!« zeigt die
Baupläne der Möbelserie, ihre Quellen und Weiterentwick­
lungen, versammelt eine Auswahl von persönlichen Ge­
schichten und Bilder der Möbelbauer aus aller Welt und
informiert über die Hintergründe des Projekts und seine
außergewöhnlichen Entstehungsprinzipien. Wie also funk­
tioniert diese zeitgemäße Form des Tauschhandels, und
was hat es mit der esoterisch klingenden Haltung auf sich?

Der jungenhafte Mittdreißiger mit offenem, wachem Blick


begrüßt mich liebenswürdig in einem Kreuzberger Café.
Man hat nicht das Gefühl, dass Van Bo Le­Mentzel beson­
ders viel Lust auf unser Interview hat. Was sich aber nicht in
einem Mangel an Freundlichkeit oder Aufmerksamkeit be­
Etwas vom Frankfurter Stuhl und von Jean Prouvé, viel von Van Bo Le-Mentzel merkbar macht, sondern eher in einer leisen Eile. Seit er
und seiner Crowd: die Bauanleitung für den Kreuzberg 36 Chair seine ersten Hartz­IV­Möbel vor zwei Jahren beim DMY
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Utopie trifft pragmatismus


Mit seinem Crowdsourcing- und Crowdfunding-Projekt »Hartz IV Moebel.com« demonstriert der Berliner Architekt
Van Bo Le-Mentzel, wie sich kreative, gesellschaftsverändernde Ideen mittels Social Media realisieren lassen
054 page 09.12 KREATION Hartz-IV-Möbel-Buch

»Hartz IV Möbel.com«
trägt berührende Ent-
stehungsgeschichten
rund um die Selbstbau-
möbel zusammen

Festival Berlin vorgestellt hat, ist viel darüber gesagt Für die Gestaltung des Buchs schlug Van Bo Le­Mentzel
und geschrieben worden. Schnell spult er die Geschichte das Graikbüro anschlaege.de vor; die Crowd stimmte zu.
noch einmal ab. Vielleicht hat sein professionell­sachorien­ Die Designer, die von ihren kreativen Dienstleistungen le­
tiertes Auftreten aber auch mit seiner enormen Fähigkeit ben müssen, waren zwar begeistert von der Idee mitzuma­
zur Fokussierung und zu efizientem Handeln zu tun. chen, nicht aber davon, umsonst zu arbeiten. Obwohl Van
Die Idee, das Hartz­IV­Möbel­Projekt in einer Printpubli­ Bo Le­Mentzel bereit war, für ihre Leistungen sein Konto zu
kation zu dokumentieren, stammt aus Van Bo Le­Mentzels plündern, nahm anschlaege.de schließlich sein Angebot an,
Netzwerk. Einige fanden es wichtig, die Möbel auch weni­ ihnen im Gegenzug für 40 Stunden Konzeptentwicklung im
ger digital orientierten Nutzern zugänglich zu machen. Er nächsten Jahr einen kleinen Bungalow in dem Garten hin­
selbst war ursprünglich der Meinung, dass eine Buchpro­ ter ihrem Büro zu errichten.
duktion zu viel Energieeinsatz bedeute. »Ich brauche keine Das schlichte Layout des Buchs lebt vor allem vom vir­
gedruckten Baupläne. Die Crowd wollte das Buch, also soll­ tuosen Einsatz der Arial. Die Argumentation von anschlae­
te sie es auch produzieren.« Und so rief er seinen »Schwarm« ge.de für den Einsatz der wohl meistgehassten System­
auf, ihm mit ihren individuellen Kompetenzen bei der Um­ schrift überzeugte Van Bo Le­Mentzel: Die für jeden verfüg­
setzung behillich zu sein, beispielsweise durch das Verfas­ bare Helvetica­Kopie sei ein passendes Äquivalent zu seinen
sen und Lektorieren von Texten oder das Illustrieren von von Designklassikern inspirierten Möbeln für jedermann. Tat­
Möbelmodellen. Für all dienjenigen, die helfen, jedoch nur sächlich ist mit spartanischen Modiikationen von Schrift­
wenig Zeit investieren wollten, richtet er extra das »One­ größen, ­schnitten und Spationierungen ein abwechslungs­
Hour­Power­Team« ein. Diesem teilte er Aufgaben zu, die reiches Buchdesign mit Charakter gelungen.
sich in maximal 60 Minuten verrichten ließen.
Doch wie demokratisch können Kollaborationsprozesse
Die Crowd begann, wie eine Maschine zu rattern. Konzep­ überhaupt sein, wenn das Resultat mehr bieten soll als den
te wurden entwickelt und abgeglichen, Entscheidungen Durchschnittsgeschmack der Masse? »Ein solches Projekt
auf Facebook diskutiert. Dabei arbeitete Van Bo Le­Ment­ ist natürlich immer nur so gut wie deine Crowd«, sagt Van
zel mit unterschiedlichen Kollaborationstools wie Sync.in, Bo Le­Mentzel. In seinem Fall besteht diese eben auch aus
Google Docs, Google Blog, Twitter und Facebook. In einem vielen Medienmachern und Kreativen, also Menschen, die
Atemzug mit Social­Media­Diensten zählt er öffentliche seine Arbeit professionell unterstützen können. »In einer
Kommunikations­ und Produktionsmöglichkeiten wie Fahr­ Demokratie gibt es aber auch immer einen Vertreter, der
radwege, U­Bahn­Stationen, Heimwerkermärkte, Museen gewählt wird.« Den Menschen, die er wie selbstverständ­
oder VHS­Kurse auf, in denen er auch seinen ersten Hartz­IV­ lich »seine Crowd« nennt, tritt er fast väterlich entgegen,
Stuhl baute. Sein Ansatz erinnert an die Designhaltung sei­ bedankt sich liebenswürdig, lobt, freut sich über Feedback.
ner Vorbilder aus dem Bauhaus: Kollaboration begreift er Im Ergebnis zeichnet sich seine Federführung deutlich ab.
weniger als digitales Kommunikationsthema als vielmehr Das unterhaltsame Buch entstand in nur vier Wochen.
als gesellschaftliches Phänomen. Wie die Druckkosten aufgetrieben werden könnte, disku­
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tierte Van Bo Le­Mentzel frühzeitig im Netzwerk, das sich für nur über Facebook, sondern auch in der realen Welt. Er selbst Van Bo Le-
Crowdfunding aussprach. Auch die Auswahl der Plattform hat sich für den Prozess der Buchproduktion im Berliner Mentzel (Hrsg.):
Inkubato wurde per Pitch entschieden. In 5 Tagen kamen betahaus einquartiert. Und die Namen seiner Möbel, Berliner Hartz IV Moebel.
5000 Euro zusammen. Zum Beispiel auch vom Museum für Hocker oder Neukölln Desk, zeigen klar ihre Herkunft auf. com – Build
Kommunikation Frankfurt und von IKEA. Van Bo Le­Mentzel »Trace« ist der Ratschlag, die Spuren des eigenen Han­ More Buy Less!
ging hier einen bemerkenswerten »Karma­Deal« ein: Als delns mit sämtlichen Eigenheiten, Fehlern und Umwegen Konstruieren
Gegenleistung wurde ein Experteninterview über Interieur­ transparent zu machen. Van Bo Le­Mentzel legt unter an­ statt konsumie-
trends für ein IKEA­Marktforschungsprojekts vereinbart. »Für derem den Geldluss des Buchprojekts offen – von Holz­ ren. Ostildern
IKEA könnte es für künftig auch interessant sein, der Über­ kauf und Druck bis zur Entscheidung, Überschüsse für seine (Hatje Cantz)
produktion mit Do­it­yourself­Möbeln etwas entgegenzu­ Hochzeit zu verwenden. Die letzte Regel, »Days«, ist viel­ 2012, 144 Seiten.
setzen«, überlegt er. Auch könnte die Karma Economy dem leicht am stärksten dafür verantwortlich, dass Van Bo Le­ 12,99 Euro. isbn
demokratischen Anspruch der Firma entsprechen: Wer sein Mentzel seine Ideen in kurzer Zeit umsetzen konnte: Spare 978-3-7757-3395-3
Sofa nicht mit Geld bezahlen kann, bietet seine Hilfe zum nicht an inhaltlicher Unterstützung, aber setze unbedingt
Beispiel als Betreuer auf einem Kinderfest an oder berät zeitliche Limits für jede Aktivität, um Frust und Überschät­
die Konsumenten beim Kauf – denn wer die Möbel selbst zung zu vermeiden. Diskussionen begrenzt er beispiels­
nutzt, ist im Grunde der überzeugendste Fachmann. weise rigoros. Und in einer handfesten Merkformel ver­
packt, lässt sich der 24 Euro Chair nicht nur für 24 Euro, son­
Parallel dazu kam die Frage auf, ob das Ergebnis per Self­ dern auch in nur 24 Stunden herstellen.
publishing oder in einem Verlag erscheinen sollte. Mitar­
beiter von Hatje Cantz hatten die Netzkampagne beobach­ Im Grunde ist Karma Economy eine intelligente Form der
tet und boten an, nachdem durch die zielgerichtete Organi­ Markenkommunikation: Durch das persönliche Engage­
sation in kürzester Zeit 10 000 Euro zusammengekommen ment der Konsumenten kann eine enge Bindung zum Pro­
waren, das Buch zu publizieren. Der folgenden Netzkritik dukt entstehen. Für Van Bo Le­Mentzel hat dieses Prinzip
wich Van Bo Le­Mentzel nicht aus: Einige seiner politisch ein großes Potenzial für Dienstleister. Marie Voigt, die zu­
stark linksgerichteten Anhänger empfanden eine solche seiner Crowd gehört und bei der Deutschen Bahn für Em­
Zusammenarbeit als Verrat an der sozialen Ausrichtung des ployer Branding zuständig ist, skizzierte etwa folgenden
Projekts. Van Bo Le­Mentzel versuchte die Gegner im Dia­ Gedanken: Fällt in der Sommerhitze beispielsweise die
log zu überzeugen, dass Hatje Cantz nicht mit Branchenrie­ Klimaanlage in Zügen aus, nutzt der Bahn vor allem die Zu­
sen wie Bertelsmann vergleichbar sei. Auch die Verlags­ friedenheit der Kunden und ihre Loyalität – und die ließe
leitung stieg in die Debatte ein, und schließlich kam die sich durch deren Unterstützung, zum Beispiel beim Vertei­
Kooperation zustande. len von Wasserlaschen, erreichen.
Ein Verlag, der auf Facebook dafür wirbt, ein Buchkon­ Die Glaubwürdigkeit des Hartz­IV­Möbel­Erinders grün­
zept veröffentlichen zu dürfen – verkehrte Welt? Nach dem det sicher auch auf seiner Biograie: Als Kind loh Van Bo
Grund für den erstaunlichen Erfolg gefragt, antwortet Van Le­Mentzel mit seiner Familie aus Laos und war zeitweise
Bo Le­Mentzel lakonisch: »Weil ich handfeste Dinge produ­ selbst von Sozialleistungen abhängig. Natürlich sind seine
ziere – Möbel, Häuser, Bücher.« Dass sich seine fast uto­ Ideen, deren Funktionstüchtigkeit auch auf seiner Fairness,
pischen Ansätze, die der zunehmenden Suche nach alter­ Zuverlässigkeit und Offenheit beruht, nur bedingt auf an­
nativen Lebensformen und ­systemen entsprechen, an der dere Bereiche übertragbar. Der Architekt, der seinen Le­
Realität messen lassen, macht sie interessant. Darüber hi­ bensunterhalt als Konzeptioner bei der Markenagentur
naus fasziniert Van Bo Le­Mentzels charismatische Persön­ dan pearlman verdient, versteht Karma Economy nicht als
lichkeit und seine kommunikative Stärke: In der individu­ Ersatz, sondern als Erweiterung des Kapitalismus. Eine sei­
ellen Ansprache gibt er sich persönlich und liebenswürdig, ner Visionen ist, dass sein Buch wahlweise mit Geld oder
in öffentlichen Äußerungen pointiert bis provokant. Seine Karma bezahlt werden kann. Welche Gegenleistung es wert
Neigung zu kernigen Headlines lässt sich möglicherweise ist, soll seiner Meinung nach nicht die Geschäftsleitung,
auch durch seine Erfahrungen mit knackigem Sprechge­ sondern die Kassiererin entscheiden, die vielleicht Hilfe
sang als Rap­Musiker erklären. beim Bücherauspacken benötigt.
Möglicherweise lässt sich der Ansatz auch als Haltung
Ein zentraler Part des Buchs ist das Social Design Manifes­ einer jungen, akademisch gebildeten Gesellschaftsschicht
to »Karma­Sutra«. Es erklärt die Grundlagen für crowdba­ verstehen, die sozialer Ungerechtigkeit, prekären Lebens­
sierte Entstehungsprozesse in sieben Schritten, die es wert verhältnissen und Selbstausbeutung zu trotzen versucht.
sind, in jede Marketing­Bibel aufgenommen zu werden: Eines der nächsten Projekte Van Bo Le­Mentzels ist das
»Chase« zum Beispiel meint die persönliche, emotionale One Square Meter House, eine mobile Übernachtungsgele­
Geschichte hinter jedem Projekt: Van Bo Le­Mentzel zum genheit, das er der Couchsuring­Plattform airbnb zur Ver­
Beispiel berichtet über Liebe – darüber, wie er mit dem Mö­ fügung stellen will. Der Holz­Unterschlupf soll für einen Euro
belbau seine Verlobte beeindrucken wollte. Mit »Place« ruft pro Nacht und Quadratmeter die günstigste Übernach­
er dazu auf, die Netzgemeinde zu verorten, am besten nicht tungsmöglichkeit in Berlin werden. wl
056 PAGE 09.12 KREATION Lieblingsspielzeuge

Wildes Denken
Der Kicker im Agenturlur, eine Rutsche Richtung Kantine – Kreative
gelten gemeinhin als Spielkinder. Was ist dran an diesem Klischee?
Und was bedeutet Spielen für den gestalterischen Alltag tatsächlich?

n Spielen, das hat sich inzwischen in Nicht nur als Verkaufsschlager der
Wirtschaft, Wissenschaft und Werbung Kreativwirtschaft, sondern auch als in­
herumgesprochen, kann Informatio­ dividueller Ideenkatalysator bleibt das
nen sehr nachhaltig in den Köpfen von Spiel ein wichtiges Werkzeug für De­
Konsumenten, Schülern und Museums­ signer und Werber. Unsere Spielzeug­
besuchern verankern. »Gamiication« sammlung, entdeckt in Agenturen un­
nennt sich der Trend, Spielmechanis­ terschiedlichster Disziplinen, demons­
men, zum Beispiel Belohnungen, beim triert insgesamt drei Hauptmotive: Da
Umweltschutz, beim Onlineshopping gibt es formschöne und außergewöhn­
oder in der Ausbildung einzusetzen, liche Objekte, die uns mit ihren Ge­
um das Engagement der Teilnehmer schichten, ihrer Aura und Ästhetik, in­
auch bei ungeliebten Tätigkeiten zu spirieren. Wir umgeben uns mit ihnen,
erhöhen. Und mit dem Erfolg von Fir­ remixen ihre Elemente zu Neuem. Zum
men wie Google, die ihre Büros wie anderen bieten Spielzeuge Ablenkung
Spielplätze ausstatten, weiß man, dass und blasen den Kopf frei für neue Per­
dies gar zu Innovationen führen kann. spektiven. Und drittens werden Men­
Für Kreative ist dies ein alter Hut: Wir schen zusammengeführt, um in freund­
sind es gewohnt, durch spielerisches schaftlicher, entspannter Atmosphäre
Erforschen unsere Ideen zu belegen, gemeinsam Ideen entwickeln zu kön­
durch Experimentieren, Bauen und nen. Doch wo liegen eigentlich die
Konstruieren die Grenzen des Mach­ Grenzen des Spiels, wann beginnt die
baren auszuloten und in Rollenspie­ knallharte Gestaltungsarbeit? Dass sich
len ungewohnte Perspektiven einzu­ diese Frage nicht immer eindeutig klä­
nehmen. Als Design Thinking wird die­ ren lässt, sagt eine ganze Menge über
se Herangehensweise an Kunden aus die Bedeutung des Spielens in der kre­
der Wirtschaft verkauft. ativen Arbeit. wl

Forschung am Objekt
Christian Doering, Kreativdirektor bei Korefe, Hamburg

n Die Lupe in Form einer halben Bril­ brauchsgegenstände, mit denen ich
le war der Einladung zu einer Pariser mich täglich umgebe und die ich auch
Modeshow von Maison Martin Margie­ nutze: Bücher und Magazine, Kunst und
la vor ein paar Jahren beigelegt. Ich CDs. Gemeinsam ist ihnen, dass sie al­
mag das Nutzungskonzept des mono­ le mit Leidenschaft entworfen wur­
kelartigen Gimmicks, das sehr gut zum den, eigenständige Formen aufweisen
konzeptuellen Ansatz des belgischen und unterschiedlichsten Geschichten
Modelabels passt. Tatsächlich verwen­ mitbringen. Ich setze mich gern mit
de ich das Kunstobjekt in meinem Ar­ den Ideen dahinter auseinander, und
beitsalltag als Ersatz für den Fadenzäh­ besonders interessieren mich die Brü­
ler, eine spezielle Lupe aus der analo­ che darin. Als Designer ist es wichtig,
gen Fotograie zum Auswählen von ein Gespür für Kunst, Mode und Kultur
Diamotiven, mit der sich Bilddetails zu entwickeln, um Inspiration in die ei­
vergrößern lassen. gene Gestaltung einließen zu lassen,
Die Halbe­Brillen­Lupe ist Teil mei­ deswegen haben wir bei Korefe ein
ner Sammlung außergewöhnlicher Ge­ riesiges Literaturarchiv.
PAGE 09.12 057

Zudem übernimmt meine Objekt­


sammlung auch die Funktion von Woh­
nungsinterieur, in dem ich mich wohl­
fühle und das mich repräsentiert. In die­
sem Kontext entstand auch die Idee zu
»Table of Contents«, unserem neuen In­
terviewmagazin, das entfaltet gleichzei­
tig eine Baumwolltischdecke ist. Darin
werden Fragen rein visuell mit Objek­
ten beantwortet, die dem Befragten –
in der ersten Ausgabe der Fotograf
Christoph Himmel – mit seinen indi­
viduellen Storys am Herzen liegen. Ei­
gentlich mag ich den Begriff »Spielen«
gar nicht, es ist eher ein Erforschen von
Alltagsdingen, das mich fasziniert.
058 PAGE 09.12 KREATION Lieblingsspielzeuge

Der Gedankenbefreier
Markus Gerdemann, Account Manager
bei Sid Lee, Amsterdam

n Eigentlich habe ich eine


ganze Reihe von Spielzeu­
gen: mein Fixie, mein Snow­
board, mein iPad. Hier in
Amsterdam ist das Fahrrad,
ein individualisiertes Fixed­
Gear­Rad von 8bar, am wich­
tigsten. Vermutlich erkennt
man daran, wie ich mein
Raddesign koniguriert ha­
be, dass ich aus der Kreativ­
wirtschaft stamme: Passend
zur maximalen Reduktion, der modernen Einfachheit des
Singlespeed­Prinzips, ist es komplett schwarzweiß. Die Wir­
kung von Fixie und Snowboard ist übrigens ganz ähnlich,
lediglich die Umgebung unterscheidet sich. Ob in den Ber­
gen oder in der Stadt, ich fühle mich beim Fahren vollkom­
men frei, es gibt kaum Grenzen; wie und wo entlang ich
fahre, liegt allein an mir. Die Einfachheit der Geräte ermög­
licht mir, mich spontan und ohne groß nachzudenken für
einen Weg zu entscheiden.
Das ist ein extremer Gegensatz zu meinem Job, in dem
Kreativität meist zielgerichtet eingesetzt wird. Bei Sid Lee
nutzen wir unterschiedliche spielerische Kreativtools. Da
wir besonders im digitalen Marketing Wert auf innovative
Lösungen legen, nehmen Kreativworkshops einen großen
Raum ein, in denen wir unter anderem Prototypen für alle
denkbaren und unmöglichen Ansätze bauen. Kommt man
hier mit dem Spielen und Experimentieren nicht weiter,
hilft nur eine Pause, zum Beispiel auf dem Fixie. Tatsächlich
inspiriert mich das Radfahren bei meinem täglichen Job –
hier kommen mir die besten Ideen.

Teambildung und Rollenspiele


Julian Janßen, Junior Berater, und Lars Schlentzek, Produktionsleiter bei Butter, Düsseldorf

n Zur Fußballweltmeisterschaft 2006 men Mitarbeiter aus den unterschied­


haben wir erstmals unseren WM­Koni lichsten Abteilungen zusammen, die
eingerichtet, und zur diesjährigen EM sonst nur selten direkt miteinander
wurde wieder einer unserer drei Kon­ arbeiten, wie Kreation und Buchhal­
ferenzräume zum Fußballstudio um­ tung oder der Online­Bereich und die
funktioniert. Ausgestattet mit einem Reinzeichnung. Seit Neuestem haben
Fernseher und dekoriert mit Flaggen, wir ein weiteres schönes Agenturspiel­
Fußball, Tornetz und schwarz­rot­gol­ zeug: Sieben individualisierte Single­
denen Blumengirlanden, schauen wir speed­Bikes der Düsseldorfer Fahrrad­
uns abends die Spiele an, während marke myownbike im eigenen Butter­
der Raum tagsüber weiterhin für in­ Design, die wir gern in den Mittags­
terne Meetings genutzt wird. Eine pausen oder für Fahrten innerhalb
kleine Kreidetafel vor ihm informiert Düsseldorfs nutzen.
über den aktuellen Spielstand, dazu Darüber hinaus ist es interessant,
gibt es ein Catering mit Snacks, Tipp­ Meetings einmal als ein Rollenspiel zu
Kick und kleine Quizspiele. So kom­ betrachten: Während wir Berater Pro­
PAGE 09.12 059

Mit Baukastensystem zu neuen Ideen


Dirk Koy, Kommunikationsdesigner und Mitgründer von Equipo, Basel

n Das Formen­Tool stammt aus einer Interessant dabei ist, dass auch die Momentan fasziniert mich noch ein
Serie von Flash­Anwendungen, die Ro­ gespeicherten Figuren weiter bearbei­ anderes Spielzeug: die Gratis­Betaver­
man Schnyder, Christian Heusser und tet werden können, sodass mehrere sion des Autodesk­Tools 123D Catch,
ich eine Zeit lang jeden Monat ge­ Varianten einiger Motive entstanden mit dem sich Fotos in reale 3­D­Model­
launcht haben. Basierend auf visuel­ sind, die, nacheinander abgespielt, ei­ le umsetzen lassen. Eigentlich ist die
len Prinzipien, repräsentieren diese ne Art Animation ergeben. Dass das Arbeit mit jedem Programm erst mal
freien Arbeiten unseren Gestaltungs­ modulare Tool ein digitaler und kein ein Spiel. Spielen dient – zu Beginn
ansatz. Das Formen­Tool sticht aus der analoger Baukasten ist, spielt eigent­ eines kreativen Prozesses – der Vari­
Reihe hervor, weil seine Spielmöglich­ lich keine Rolle. Das Wesentliche ist die antenbildung und endet erst, wenn
keiten immer wieder inspirieren: Es be­ Beschränkung auf wenige, ungewöhn­ Methoden deiniert und Entscheidun­
steht aus einem Baukasten mit eigen­ liche Formen, die zu bemerkenswer­ gen getroffen werden. Interessant sind
willigen geometrischen Formen, die ten, ausdrucksstarke Neukreationen diese nicht zielgerichteten Experimen­
sich auf der roten Spieloberläche be­ führt; deren Einfachheit kann für wirk­ te dann, wenn man es einem gelingt,
liebig verschieben und zu neuen Figu­ lich witzige Momente sorgen. Tatsäch­ sich selbst zu überraschen. Das Un­
ren oder Buchstaben kombinieren las­ lich hat uns das Tool schon zu interes­ beschwerte daran ist es, das uns auf
sen. Diese Bilder kann man dann mit santen Bildsprachen in unseren Web­ neue Ideen stoßen lässt – aber dazu
einem Titel versehen und speichern. designs angeregt. braucht es Zeit.

bleme äußerst strategisch angehen,


spielt der Kreative den Freigeist, der
sich mit seinen Ideen am Rande des
Machbaren bewegt. Hin und wieder
muss man seine Rolle übertreiben, um
die eigene Position zu stärken. Doch
manchmal ist es auch sinnvoll, seine
individuelle Perspektive zu verlassen
und die des Gegenübers einzunehmen,
um das Projekt durch einen Kompro­
miss weiterzutreiben. Auf diese Art und
Weise können nicht umsetzbar klingen­
de Ideen einen ganz konkreten Nutz­
wert bekommen und nüchterne Stra­
tegien in wirklich neuartige Produkte
überführt werden.
060 PAGE 09.12 KREATION Lieblingsspielzeuge

Instrumente für den Brain-Reset


Yessica Yeti, Texter bei Plantage, Berlin

n In jeder Agentur sollten ein Drum Kit, eine Bassanlage


und zwei Gitarren stehen. Weil es mindestens einen Drum­
mer, einen Bassisten und meist fünfzig Gitarristen gibt. Un­
ter Kreativen inden sich jede Menge Quereinsteiger und
viele machen Musik – auch eine Form, sich gestalterisch aus­
zudrücken. Es ist jedenfalls auffällig, wie häuig bei Plan­
tage die Gitarren in die Hand genommen werden: oft ganz
nebenbei, während man sich gerade unterhält. Neulich hat
ein Kollege den Verstärker auf Heavy Metal gestellt und die
ganze Kreation mit Metallica­Riffs beschallt. Sehr nett. Ge­
nerell gilt beim Spielen im Job aber immer: Rücksicht neh­
men. Haben die Kollegen also zwischendurch Lust auf ein
Wettrennen mit ferngesteuerten Autos, bauen sie den
Rennparcours mit Mülleimern deshalb im Hauslur auf.
Kreativität braucht individuelle Arbeitsprozesse; sie lässt
sich nicht acht Stunden lang durchgehend wachhalten. Da
können Tools wie Rubik’s Cubes, Tennisbälle, Kunst aus
Post­its und Kartoffelpistolen eine wichtige Rolle spielen.
Ein Spielzeug am Arbeitsplatz ist wie ein Spickzettel bei ei­
ner Klausur: Man muss ihn zwar nicht ständig rausholen,
aber es ist gut zu wissen, dass man es könnte. Gehirne von
Kreativen wollen in Bewegung gehalten werden. Spielen
hilft, den Kopf freizubekommen, Abstand zu den gewohn­
ten Strukturen zu gewinnen, die Richtung im Denken zu
wechseln. Und ich bin der festen Überzeugung, dass auch
die Kunden am Ergebnis spüren, wenn der Arbeitsalltag in
einer Agentur lässig und fröhlich ist.

Manueller Denkbeschleuniger
Marcus Werner, Regisseur bei Superiest, Berlin

n Glitschi, Glibber­Rolle, Flutschin­ mer irgendjemand in der Hand hatte


ger – keine Ahnung, wie sich der wab­ und die ständig durch den Raum ge­
belige, transparente Kinderspielzeug­ worfen wurde. Als ich im letzten Jahr
schlauch aus Kunststoff, gefüllt mit gemeinsam mit Clemens Poloczek un­
blauem Gel und kleinen Plastik­Smi­ sere Bewegtbildagentur Superiest ge­
leys, nennt. Den Händen etwas zu tun gründet habe und in unser Kreuzber­
zu geben, hilft mir beim Nachdenken. ger Büro umgezogen bin, konnte ich
Wenn ich beim Konzeptemachen oder sie leider nicht mitnehmen. Als Ersatz
Telefonieren nicht gerade den Skizzen­ hat mir Clemens den Glibberschlauch
block auf meinem Schreibtisch voll­ geschenkt – jetzt liegt er immer an
kritzele, spiele ich mit dem Plastik­ meinem Arbeitsplatz. Das Spielen hat
schlauch herum. Das ist aber gar nicht etwas Beruhigendes, ich kann mich so
so einfach, weil der lexible Schlauch besser konzentrieren. Wenn mich das
ständig aus den Händen gleitet. nicht weiterbringt, wird die Compu­
In meiner ehemaligen Agentur gab termaus zu meinem Spielzeug und ich
es eine weiche Gummibrust, die im­ lenke mich mit Surfen im Internet ab.
PAGE 09.12 061

Im Fluss bleiben
Susanne Lüchtrath, Geschäftsführerin bei Feedmee, Köln

ren ist Basketballspielen gut gegen Kre­


ativblockaden: Einmal zwei Stunden
am Stück mit meinen Kumpels zocken –
und schon ist das Hirn wieder frei. Lei­
der musste der Korb vor unserem Bü­
ro wieder beseitigt werden, da sich die
anderen Anwohner über den Lärm be­
schwert haben. Aber egal, kreative Pro­
zesse trägt man ja gerne Tag und Nacht
mit sich herum.
Diese Objekte helfen mir bei mei­
ner Arbeit, weil es beim Entwerfen
wichtig ist, zwischendurch an etwas
anderes zu denken. Durch Zwang ent­
n Bei Feedmee haben wir eigentlich steht nur sehr schwerfällig eine Idee.
kein spezielles Agenturspielzeug. Um Auch bei der Designentwicklung für
uns inspirieren zu lassen, quatschen Kunden geht es bei uns immer sehr
wir viel, lesen Zeitschriften oder setzen spielerisch zu. Dabei ist unser wich­
uns in die Sonne, wenn sie denn mal in tigstes Werkzeug weniger ein strate­
Köln scheint. Aber natürlich gibt es Ge­ gisches als unser Humor. Wenn neue
genstände, die mich durch meinen Ar­ Freelancer im Brainstormprozess mit­
beitsalltag begleiten. Zum einen mein arbeiten, wundern die sich meist, dass
Superbequemstuhl: Er eignet sich bes­ wir so viel reden, bis wir dann endlich
tens zum Nachdenken, Füßehochlegen mal anfangen zu gestalten. Und wenn
und auch mal für ein Nickerchen – ganz wir nicht mehr weiterkommen, etwa
wichtig für kreative Prozesse . . . Immer nachmittags um fünf, hilft eigentlich
alles schön ließen lassen. Zum ande­ nur ein ordentliches Nutella­Brot.
064 PAGE 09.12
PAGE 09.12 065

Mauerstürmer
Wände, Straßen, Fenster, Holz oder Metall:
Seit mehr als zehn Jahren ist kein
Untergrund vor der sprudelnden Kreativität
des Künstlerkollektivs KLUB7 sicher

Für den n Aus der viel gehassten Comic Sans


Uhrenherstel- machen sie die fröhlich-freche Comic
ler G-Shock be- Suns; detaillierte Schwarzweißillustra-
malte KLUB7 tionen formen sie zu 26 Buchstaben;
Messevitrinen Straßen, Mauern und Schaufenstern
geben sie ein Gesicht. Dabei haben die
KLUB7-Mitglieder ihren Ursprung, die
Grafiti-Szene in Halle an der Saale,
schon lange verlassen und arbeiten
heute für Kunden aus aller Welt. Ihre
Wurzeln sind dennoch in vielen Art-
works deutlich zu erkennen.
»Unsere Existenz sichern überwie-
gend kommerzielle Marken. Sie wollen
unser Künstlerimage mit ihrem Label
in Verbindung bringen. Wir freuen uns,
wenn diese Kunden uns das Gefühl ge-
ben, dass sie unsere Arbeiten wirklich
respektieren – und auch anständig
bezahlen«, sagt Ingo Albrecht. Dabei ist
es nicht ganz einfach, die Arbeit gleich-
mäßig zu verteilen: »Meist machen wir KLUB7 entstand
Jobs, für die zwei, drei von uns nötig ursprünglich
sind. Eine gerechte Verteilung ist nicht als Zusammen-
zu 100 Prozent möglich, aber so lange schluss von
sich jeder von uns ungefähr gleich viel sieben Grafiti-
einbringt, passt das schon.« Etwa die Artists in Halle
Hälfte ihres Schaffens investieren sie (Saale). Heute
ohnehin in freie Arbeiten. Ein ausge- besteht das
wogenes Verhältnis zu den kommerzi- Design- und Künst-
ellen Jobs liegt ihnen am Herzen. lerkollektiv aus
Aber wie gelingt es, sechs unter- sechs Leuten (von
schiedliche Stile und Arbeitsweisen zu links): Ingo
verschmelzen? Grundlage des Erfolgs Albrecht, Maik
ist eine passende Idee, auf die sich die Wieloch, Christian
KLUB7-Künstler zu Beginn eines Pro- Heinicke,
jekts einigen: »Das ist der sensibelste Christopher Pop-
Punkt, den wir überwinden müssen, kowski, Daniela
denn meist haben ja viele von uns den Wegner und
Drang, ihre Kompositionsidee durch- Ludwig Stender.
zusetzen«, erzählt Albrecht. »Also ent- Ihre Künstler-
scheiden wir demokratisch oder nach namen stammen
dem Abwechslungsprinzip. Wir inden noch aus den
es praktisch, wenn sich verschiede- Anfangszeiten
066 PAGE 09.12 TYPO KLUB7

ne Talente ergänzen. Man kennt die


Stärke des anderen und kann sich auf
seine Interessen konzentrieren. Ein ge-
wisses Grundvokabular an abstrakten
Für das DJ-Team Mustern, Characktern oder Letterings
Monkey Safari hat jeder von uns verinnerlicht und darf
zeichnete KLUB7 sogar die Motive der anderen remixen.
gleich eine ganze Durch die Konfrontation unserer Stile
Reihe von Logos werden wir ständig herausgefordert,
spontan auf den anderen einzugehen,
was uns oft zu neuen Ideen inspiriert.«

Keinerlei Einschränkungen gelten,


was die zu bemalenden Untergründe
Die Fassade
angeht. So gab es Ausstellungen, bei
der Kupprion-
denen die sechs ausschließlich auf ver-
Immobilien-
wittertes Holz oder angerostetes Me-
Niederlassung
tall malten. Zurzeit pinseln sie Auftrags-
am Prenzlauer
arbeiten häuig auf Schaufenster – das
Berg kann durch
cleane, glatte Glas bietet einen schönen
die Bemalung
Kontrast zum Farbauftrag. Was KLUB7
nur gewinnen
allerdings schon immer machte und bis
ins hohe Alter fortsetzen will, ist das Be-
malen von Wänden. Das können ver-
lassene Fabriken sein, aber auch Shops,
Clubs oder temporäre Untergründe bei
Events und in Galerien. Sie inszenieren
Räume neu und verleihen ihnen mit ih-
ren Graiken ein bestimmtes Image.
Im öffentlichen Raum arbeiten sie
momentan überwiegend mit Kreide.
Was fasziniert sie an diesem vergäng-
lichen Material? »Zunächst die hohe To-
leranzschwelle seitens Polizei und Pas-
santen, die ein spontanes Arbeiten zu-
lässt. Außerdem der kindliche Charme,
die fast grenzenlose Verfügbarkeit des
Werkstoffs, die Schnelligkeit, mit der
sich Bewegungen festhalten lassen.
Dass wir tagsüber arbeiten und so di-
rekt mit Passanten und der Architektur
interagieren können; die Aneignung
des Bodens mit all seinen spannenden
urbanen Elementen.« Und wenn das
Bild von Autos, Fahrrädern, Fußgän-
gern oder Regen zerstört wird, akzep-
tiert KLUB7 das. Denn wichtig ist den Ar-
tists vor allem der Akt des Malens und
die Bewegung hinter dem einzelnen
Mit dieser Schaufensterbemalung macht Boxfresh ihr Schuhangebot in Berlin-Mitte Bild – sprich die Verbindung zu ihren an-
gleich noch um einiges attraktiver deren künstlerischen Aktivitäten. ant
068 PAGE 09.12 TYPO OT-Features im Web

Fantastische Möglichkeiten
Christoph Koeberlin arbeitet als Schriftgestalter bei FontShop International in
Berlin und betreibt die unabhängige Typograie-WebsiteTypefacts

Funktionalitäten verzichten, die den Font aufblä-


hen würden, ohne wirklichen Nutzen zu bringen.
Dennoch kann man schon jetzt loslegen; Our-
Type erlaubt den Einsatz ihrer Fonts samt allen
enthaltenen Features in Websites, Typotheques
Webfont-Service setzt auf eine eigene Lösung,
die den Einsatz einiger Features browserüber-
greifend ermöglicht, und Web FontFonts werden
schon jetzt mit Features für Ligaturen, Mediäval-
ziffern und Kerning ausgeliefert.
Werden die Schriften damit nicht zu groß?
Die Erfahrungen mit Desktop-Schriften zeigen lei-
der, dass OpenType-Features – nicht zuletzt we-
gen der schwer zugänglichen, uneinheitlichen Pro-
gramm-Interfaces – immer noch ein Nischenda-
sein fristen. Dort spielt die Dateigröße allerdings
keine Rolle, und es schadet nichts, etwas mehr an
Bord zu haben. Im Web kann dieser Ballast jedoch
durch die herunterzuladende Datenmenge rasch
bares Geld bedeuten – je mehr desto teurer die
Servermiete –, sodass es problematisch ist, jedem
Welche Browser unterstützen OpenType-Features Kunden alles einzupacken, was der Font bietet.
in Webfonts bereits? Die Problematik ist aber weder neu noch auf die

World Christoph Koeberlin: Grundsätzlich können per


CSS alle in OpenType-Fonts enthaltenen Features
angesprochen werden. Eine tiefe Verwurzelung
OpenType-Features beschränkt, auch ein weitrei-
chender Fremdsprachenausbau kann die Dateien
enorm vergrößern. Webfont-Services, die nur das
der Funktionalitäten in den CSS, mit denen dem liefern, was auf der jeweiligen Site benötigt wird,

Wide Text einheitlich und unabhängig vom Fontformat,


etwa OpenType oder Apples AAT, Eigenschaften
zugewiesen werden können, ist aber noch nicht
und Tools zum individuellen Anpassen der Fonts
wie FontFont Subsetter schaffen hier Abhilfe.
Machen OT-Features das Webdesign nicht
umgesetzt. Bisher bieten nur Firefox (seit Ver- unnötig kompliziert?

Type sion 4.0), Chrome unter Windows (seit 16.0) und


bald Internet Explorer 10 diese Möglichkeit – mit
leicht unterschiedlicher CSS-Syntax.
Sie werden das Webdesign genauso wenig ver-
komplizieren, wie sie es im DTP-Bereich getan
haben. Denjenigen, die sie zu nutzen verstehen,
Also noch keine lächendeckende Browser- werden sie eine Reihe fantastischer Möglichkei-
Die typograische Ent- unterstützung der OT-Features. ten bringen, an allen anderen werden sie ebenso
Leider nein. Kritisch wird es vor allem dort, wo sie unbemerkt vorbeiziehen wie die Features der
wicklung im Web die Textinformation beeinlussen: Wenn ein Brow- Desktop-Fonts.
geht weiter. OpenType- ser einen alternativen Buchstaben nicht anzei- Gibt es schon Websites, die OT-Features in
gen kann, ist das weniger tragisch, als wenn eine Webfonts nutzen?
Features wie Liga-
Auszeichnung mittels Kapitälchen-Feature mal Im Fließtext auf www.fontfont.com kommen die
turen, Kapitälchen oder in die Hose geht. Mediävalziffern per Feature zum Einsatz, aber da-
Schwungbuchstaben Was können wir bis Ende des Jahres erwarten? von abgesehen sind es bisher vor allem Demo-An-
Es ist davon auszugehen, dass die auf Webkit ba- wendungen, die zeigen, was möglich ist. Erik van
werden von immer sierenden Browser Chrome und Safari bis Ende Blokland hat 2010 mit Tickle me Kosmik! (http://
mehr Browsern unter- 2012 nachziehen und somit sämtliche führenden letterror.com/develop/css3/kosmik) als Erster ei-
Browser OpenType-Features unterstützen. Aller- ne Seite gestaltet, die mit den neuen Möglichkei-
stützt, sodass sie dings betrifft das dann vor allem die neusten ten spielt. Und zuletzt hat Microsoft zur Ankündi-
sich auch in Webfonts Versionen auf den neusten Betriebssystemen. gung des Internet Explorer 10 drei Schriftenhäu-
einsetzen lassen. Internet Explorer 10 wird etwa nicht auf älteren ser eingeladen, die neue Technologie zu erkun-
Windows-Versionen laufen. Von lächendecken- den: http://ie.microsoft.com/testdrive/Graphics/
Wir fragten Experten, dem Support kann man also nicht sprechen. opentype/Default.html. Es ist interessant, sich die
was schon geht und Welche Webfonts mit OpenType-Features Seiten einmal mit einem Browser anzuschauen,
gibt es überhaupt schon? der OT-Features unterstützt, und einmal mit ei-
wo wir uns noch etwas Im Moment ist das Spektrum verständlicherwei- nem anderen. Da sieht man doch, dass OT-Fea-
gedulden müssen se noch recht übersichtlich, da viele Anbieter auf tures ganz klar ein Gewinn sind. ant
PAGE 09.12 069

Nachgefragt Brauchen wir


OpenType-Features in Webfonts?

Alexander Polzin, Technikchef bei Fork Unstable Media, Hamburg

Firefox, Chrome (Windows) und Internet Explorer 10 unter-


stützen OpenType-Features. Die Frage, ob wir sie brauchen,
stellt sich nicht mehr wirklich. Wir haben sie bereits. Und die
wirklich wichtigen Features sind auch bereits implemen-
tiert. Verschiedene Ligaturen haben Browser schon immer
unterstützt, weil arabische Sprachen nur mit ihnen sinnvoll
darstellbar sind. Macht das die Sache komplizierter? Eigent-
lich nicht. Sie sind auf CSS3 gemappt und lassen sich ein-
fach pro Element dazuschalten. Wenn ein Browser das nicht
kann, stellt er die Schrift eben normal dar.

David Pomfret, Gründer des


Designstudios Simple as Milk,
Eastbourne, East Sussex

Es ist kinderleicht, mit Open-


Type-Features in Webfonts zu
arbeiten. Sie machen die Seite
attraktiver und bescheren dem
Besucher ein schöneres Lese-
erlebnis. Und ist es nicht unser
Job, einen Text so darzustellen,
dass er gern gelesen wird? Ei-
nige Designer scheinen diese
einfache, fundamentale Tatsa-
che allerdings vergessen zu haben . . . Die Zukunft des Webs
ist ein extrem inspirierendes Thema. Wenn wir nicht bereit
sind, uns auf neue Technologien einzulassen und die User
Schwungbuchstaben, Small Caps und Ligaturen in einem
Browser mit OT-Feature-Unterstützung und in einem ohne.
Experience zu verbessern, dann sind wir nicht besser als
Lesbar ist beides – schön nur die jeweils obere Variante ein Stück Schrott am Straßenrand.
070 PAGE 09.12 TYPO OT-Features im Web

Nachgefragt Brauchen wir


OpenType-Features in Webfonts?
Nadine Roßa, freie Designerin,
Illustratorin
und Bloggerin, Berlin

Ich begrüße es sehr, dass


sich OpenType-Features jetzt
auch in Webfonts nutzen las-
sen – sie sind lediglich ein
logischer nächster Schritt. Die
typograische Öde im Netz
haben bereits die Webfonts
durchbrochen, jetzt kann man endlich auch richtig typogra-
isch gestalten. Komplizierter machen sie das Webdesign
sicher nicht, man muss sie ja nicht einsetzen, wenn man
nicht will. Die für mich wesentlichen Features sind bereits
Bestandteil: Ich habe ein Faible für Ligaturen, deshalb sind
mir diese besonders wichtig. Mediävalziffern inde ich eben-
so relevant, genauso wie die Möglichkeit, endlich mit Small
Caps zu arbeiten. Alles in allem freue ich mich auf mehr
typograisch gut gestaltete Websites!

Timo Wirth, Director Frontend


bei Aperto, Berlin

Es wird nichts komplizierter,


sondern schlicht und ergrei-
fend besser. OpenType-Fea- Typograische
tures in Webfonts bringen
die typograische Qualität im-
mens voran und verbessern
Kontrolle
auch die Lesbarkeit auf Bild- Elliot Jay Stocks aus Bristol ist Gründer des
schirmen drastisch. Insbe- Magazins »8 Faces«. Der Typomaniac
sondere wenn man an Reti- beschäftigt sich seit Langem mit den typo-
na-Displays denkt. Das ist graischen Möglichkeiten im Web
ein wichtiger Schritt, um die
Lücke zwischen Print und Online zu verkleinern. Jeder Web- n Ich bin ganz sicher, dass mit dem neuen OS X Mountain
Lion auch Safari 6 OpenType-Features unterstützen wird.
designer mit typograischer Leidenschaft leidet schon fast Dann wären wir einen Schritt weiter. Bis wir eine lächen-
zwanzig Jahre darunter, dass es bislang keine Möglichkeit deckende Browserunterstützung haben, müssen wir uns
eben mit Subsets behelfen, also mit Ersatzglyphen, die ein-
gab, wichtige typograische Finessen wie zum Beispiel Li- springen, wenn der Browser die OT-Features nicht unter-
gaturen oder Mediävalziffern im Web einzusetzen. Deshalb stützt. Wer sich dafür interessiert kann in meinem Blog
nachlesen, wie man ein solches Subset generiert (http://
wirken Schriften online oftmals etwas plump und minder-
elliotjaystocks.com/blog/say-it-with-a-swash).
wertig. Ich persönlich freue mich besonders auf korrekte Was die bislang zur Verfügung stehenden Schriften an-
Kapitälchen. Dadurch werden sie im Internet bald ähnlich geht, muss man ein wenig genau hinschauen: Die Skolar
beispielsweise verfügt zwar über Ligaturen, aber in dem
populär wie im Zeitungsdesign der 1990er.
PAGE 09.12 071

Auf seiner Website setzt Elliot Jay Stocks Web-


fonts mit OT-Features ein (unten). Unterstützt der
Browser das nicht, kommt der entsprechende
Buchstabe aus einem Subset-Font zum Einsatz
(ganz unten). Visuell ist das Ergebnis das Gleiche

von Typekit ausgelieferten Fontile sind sie nicht enthal-


ten – in dem von Fontdeck allerdings schon. Beide bieten
keine ermessensabhängigen Ligaturen an, obwohl sie Teil
der Schrift sind. Hier hilft nur: Genau hinschauen und tes-
ten, testen, testen.
Natürlich bedeuten mehr Glyphen auch eine größere
Fontdatei. Auch hier muss man abwägen, was man benö-
tigt und was nicht. Darüber hinaus gibt es Möglichkeiten,
das Ladeverhalten der Schriften zu beeinlussen und auf
den unterschiedlichen Browsern anzugleichen. Das von
Google und Typekit entwickelte Tool WebFont Loader ist
hier eine große Hilfe.
Für mich ist es keine Frage, dass wir OpenType-Features
in Webfonts brauchen. Sie erlauben uns auch im Web ein
hohes Maß an typograischer Kontrolle – die Printdesigner
schon seit Jahren haben. Dank Webtypo-Pionieren wie
Trend Walton (http://trentwalton.com) oder Richard Rutter
(http://clagnut.com) wird es irgendwann so weit sein,
schließlich gibt es auch jetzt schon jede Menge Websites,
die OT-Features verwenden. Besonders gelungen inde ich
die Site zur Ampersand-Konferenz (http://2012.ampersand
conf.com). Sie zeigt Swashes in Aktion und ist ziemlich cle-
ver: Wenn der Browser dieses Feature nicht unterstützt, hilft
ein bisschen JavaScript-Füllstoff, der einen gerenderten
Buchstaben aus einem Subset-Font zur Verfügung stellt.
072 page 09.12 TYPO

TYPOWELT
mal Bodhuîn – der zunächst Mathe-
Bill kontra Tschichold matik studierte, bevor er sich dem
n Im Jahr 1946 hielt Jan Tschichold Graikdesign zuwandte – die drei Vari-
den Vortrag »Konstanten der Typogra- anten Inline, Solid und Outline anbie-
ie«, in dem er der Neuen Typograie tet. Und da alle Versionen ein alterna-
abschwor und sich für die Wiederauf- tives, nach rechts gekipptes A sowie
nahme traditioneller Gestaltungsfor- unterschiedliche Ligaturen umfassen,
men aussprach. Max Bill war enttäuscht darunter auch ungewöhnliche wie et-
über den Sinneswandel des einstigen wa www oder http, gibt es schier uner-
Vorreiters und sah in dessen Schritt schöpliche Gestaltungsmöglichkeiten.
zurück einen Angriff auf die Moderne. Für circa 80 Dollar kann man Marianne
Der daraus entstehende Disput schlug in den drei Ausführungen online er-
hohe Wellen und stößt bis heute auf werben, ein einzelner Schnitt ist für
großes Interesse. rund 40 Dollar erhältlich.
Der Buchgestalter und Autor Hans ≥ www.benbenworld.com
Rudolf Bosshard stellt in dem gerade
bei Niggli erschienenen Band »Der
Typograiestreit in der Moderne. Max
Fontsmith-Doppel
Bill kontra Jan Tschichold« (113 Seiten, n Die britische Typefoundry bringt
29,80 Euro, isbn 978-3-7212-0833-7) den gleich zwei neue Serifenlose auf den
heftigen Schlagabtausch der beiden Markt. FS Elliot ist ein robuste Schrift
detailliert vor. Darüber hinaus zeigt er für das 21. Jahrhundert, deren Wurzeln
an historischen Beispielen, wie wichti- in der Simplizität und Offenheit des
ge Typografen – von Bodoni und Ber- Typedesigns der 1960er Jahre liegen.
tuch bis zu Morris und Morison – zur Ihr Designer Nick Job gestaltete eine
Eignung von Schriften, zur Anwendung leicht quadratische Type in britischer
von Ornamenten oder zum optimalen Tradition, die von Jock Kinnear, Marga-
Satzspiegel standen. ret Calvert und der Design Research
≥ www.niggli.ch Unit inspiriert ist. Die zehn Schnitte »Wichtig war uns, dass die Schrift
umfassende Schrift ist äußerst zweck-
Geklebte Marianne mäßig – ein echtes workhorse für viel- nicht magazinig und zeitgeistig
fältige Anwendungen.
n Benoît Bodhuin gestaltet keine FS Truman haben Jason Smith und wirkt, sondern so, als ob sie schon
08/15-Schriften. Nach Pipo und Zigzag Fernando Mello ursprünglich für einen
kommt nun seine dritte Schöpfung auf englischen Fernsehkanal entwickelt. immer da gewesen wäre –
den Markt: Marianne, ein nur aus Versa- Jetzt überarbeiteten und erweiterten
lien bestehender Displayfont, der sich
aus Klebebandstücken zusammensetzt,
sie die Fontfamilie, deren sechs Schnit-
te von den einfachen, lesbaren und
klassisch, unaufgeregt, klar«
die an den Verbindungsstellen Einker- geometrischen Formen des Bauhauses
bungen aufweisen. Natürlich lässt sich beeinlusst sind. ant
mit so einer Type treflich spielen, zu- ≥ www.fontsmith.com Neue Schrift für »Süddeutsche«
n Das Bureau ErlerSkibbeTönsmann aus Hamburg gab
der »Süddeutschen Zeitung« ein neues Gesicht, zu dem
auch ein exklusiver Corporate Font gehört. Wir sprachen
mit Typedesigner Henning Skibbe über die Entwicklung
der vierzig Schnitte umfassenden Großfamilie, die den
bislang verwendeten Schriftenmix aus Helvetica, Excel-
sior und Times ablöst. ant

Seit 1965 setzt die »SZ« die Helvetica ein. Ist das
für die Leser nicht ein Kulturschock, wenn sie jetzt
abgeschafft wird?
Henning Skibbe: Die Leser werden mit Sicherheit be-
merken, dass es eine neue Type für die Headlines gibt,
aber geschockt wird niemand sein. Deutlich prägnanter
für die Gesamterscheinung der »SZ« ist die Kombination
Benoît Bodhuins Marianne bietet vielerlei Gestaltungsmöglichkeiten aus fetten mittelaxialen Sans-Serif-Headlines und den
page 09.12 073

≥ Weitere interessante artikel rund um Typograie inden Sie unter www.page-online.de/


emag/typo; Links zu Foundries et cetera unter www.page-online.de/typo-links

feinen Textschriften. Dieser Look bleibt auch mit den


neuen SZ-Fonts erhalten.
Wie unterscheidet sich die SZ Sans von der Helvetica?
Neben all ihren guten Eigenschaften hat die Helvetica
so eine Bollerigkeit, die nicht zum differenzierten, fein-
fühligen Ton der »SZ« passt. Wir haben jetzt eine serifen-
lose Linear-Antiqua gezeichnet, eine Schrift, die News
machen kann. Sie ist nicht so rund wie die Helvetica und
hat eine leicht vertikale Ausrichtung, ohne eckig zu wer-
den. Sie läuft ein wenig schmaler und wirkt auch da-
durch weniger bollerig. Wichtig war uns, dass die Schrift SZ Text
nicht magazinig und zeitgeistig wirkt, sondern so, als ob
sie schon immer da gewesen wäre – klassisch, unaufge-
regt, klar. Und dass sie eine genauso ruhige Zeile macht,
wie man es von der Helvetica gewohnt ist.
Am Anfang des Projekts stand die Gestaltung einer
neuen Textschrift – wie sind Sie da vorgegangen?
Unser Auftrag lautete, eine Schrift zu zeichnen, die nicht
zu weit von der Excelsior entfernt, aber besser lesbar
ist. Dazu haben wir ihren Kontrast und Schwarzwert
analysiert und beibehalten, denn der ist entscheidend
dafür, dass die neue Schrift die gleiche Wirkung hat. Zu-
dem haben wir geschaut, wo die Schwächen der Excel-
sior liegen, etwa in den ausladenden Versalien und Seri-
fen, den zum Teil antiquierten Buchstabenformen und
in der Sprunghaftigkeit der Zeichen. Die Excelsior hat
Chauncey H. Grifith 1931 für den Bleisatz geschnitten,
und in alten Drucksachen sieht man, dass sie im Bleisatz
SZ Serif
viel ruhiger steht als in der digitalen Version. Im Unter-
schied zur Excelsior gibt es in der SZ Text dort, wo die
Kurven an die Stämme ansetzen, keine ließenden Über-
gänge, sondern andockende, um die Innenräume zu öff-
nen. Dadurch konnte sie schmaler und efizienter wer-
den, ist aber noch genauso offen. Letztlich ist auf diese
Weise eine gänzlich neue Schrift entstanden.
Und welche Aufgabe übernimmt die SZ Serif?
SZ Serif ist die Displayversion der Textschrift, die vor
allem für Headlines in Feuilleton, Reiseteil und Beilagen
verwendet wird. Punktuell kommt sie auch in den ande-
ren Büchern der »Süddeutschen« zum Einsatz, zum Bei-
spiel in der Unterzeile des Zeitungskopfes. SZ Serif löst
die bislang gebrauchte Times ab.
Wird auch die Website auf die neuen Fonts umgestellt? SZ Sans
Die SZ-Familie soll künftig in der gesamten digitalen Welt
der »Süddeutschen« zum Einsatz kommen, also auf der
Website ebenso wie in Apps und PDF-Dokumenten. Da-
zu produzieren wir gerade gemeinsam mit FontShop
die nötigen Webfonts. Die Ergebnisse wird man aber erst
im Laufe des Jahres zu sehen bekommen, der Umbau-
prozess braucht etwas Zeit. Excelsior

Vierzig Schnitte stellt die neue SZ-Familie bereit – pas-


send für jede erdenkliche Situation im Zeitungsdesign. SZ Text
Rechts: Kleinere Versalien und etwas zurückgenom-
mene Serifen unterscheiden die SZ Text von der zuvor
verwendeten Excelsior. Obskure Formen wie deren
versales K hat Henning Skibbe deutlich verändert SZ Serif SZ Sans Condensed
076 PAGE 09.12

BILD

Geistesblitze
Wenn renommierte Artdirektoren wie Wendelin
Hess und Beat Müller mit einem Journalisten
einen Verlag gründen, kommt »Echtzeit« dabei
heraus. In dem Baseler Verlag erschien vor
Kurzem das ungewöhnlich bebilderte Sachbuch
»365 Erinder«. Markus Roost und Roland
Hausheer sind bekannte Schweizer Illustrato-
ren und unterrichten beide an der Hoch-
schule Luzern die Studienrichtung Illustration
Noniction ( www.illustration-nonfiction.ch ).
»Zuerst dachten wir an kleine Vignetten zu ein-
zelnen Produkten, zeichnerisch einfacher,
lexikonartig und ohne Hintergrund«, so Markus
Roost. »Aber wie sich zeigte, hätte das bei
einigen Erindungen die Entwicklung geeigne-
ter Bildmetaphern erschwert. Mit Hinter-
gründen sowie Licht und Schatten konnten wir
mehr Zwischentöne einfügen. Die Kombi-
nation einer etwas düsteren Vergangenheits-
ästhetik mit zum Teil absurden inhaltlichen
Brüchen schaffte es dann ins Buch.« Derartige
Illustrationen drücken aus, dass Erindun-
gen eben oft aus skurrilen Zufällen entstehen.
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Doppelsinnig
Das gedruckte Buch braucht immer bessere Gründe, um sich auf dem Markt
zu behaupten. Unser Vorschlag: mehr spannende Buchillustrationen

n Warum sollte ich heute noch einen Roman So inspirierend der Blick zurück ist, gilt es
in gedruckter Form kaufen? Regale voller Bü­ doch, das Thema radikal neu zu überdenken.
cher nehmen doch nur Platz weg und passen Und das ist nicht nur Sache der Verleger. US­
eh nicht mehr ins aktuelle Ideal halbleerer Räu­ Autor Reif Larsen, der jüngst im Gestalten
me. Außerdem müssen dafür Bäume sterben Space in Berlin einen Vortrag über »Opportu­
und ich kann doch so wunderbar abends im nities (and Dangers) of Visual Storytelling«
Bett mit iPad oder Kindle lesen . . . hielt, wundert sich darüber, wie wenig sich
Ganz klar, angesichts der Konkurrenz von seine Schriftstellerkollegen an der Diskussion
E­Books müssen gedruckte Bücher heutzuta­ über E­Books und die Herausforderungen der
ge mehr bieten als bloß nackten Text. Um­ Neuen Medien an Autoren beteiligen. Dabei
schlag und Einband, in die gestalterische und erfahre das Lesen an sich eine Neudeinition,
herstellerische Liebe ließen, Papier, das sich so Larsen. »Wie werden wir über Texteinhei­
gut anfassen lässt – das Buch muss sich wieder ten denken, wenn die Begrenztheit der (Pa­
auf Qualitäten besinnen, die im Taschenbuch­ pier­)Seite aufgehoben ist?«, fragt er etwa.
zeitalter streckenweise löten gingen. Dazu Sein zusammen mit Ben Gibson illustrierter
gehört auch die Rückbesinnung auf Illustra­ Roman »The Selected Works of T. S. Spivet«,
tionen, die es verführerisch und wertig ma­ auf Deutsch als »Die Karte meiner Träume«
chen, sprich Haben­Wollen­Impulse auslösen. beim Fischer Verlag erschienen, funktioniert
Es mangelt ja wirklich nicht an tollen Illustra­ wie ein Hypertext mit Bild­ und Textverweisen.
toren, die für eine zeitgemäße Aufwertung Auf Dauer könnte Larsen sich aber gänzlich
von Büchern sorgen könnten. Sei es mit klas­ neue Formen digitaler Illustration vorstellen,
sischen, ganzseitigen Bildern, sei es durch die bei denen die Berührung von Textelementen
moderne Interpretation von Buchschmuck Bilder und/oder Geräusche erfahrbar macht.
wie Vignetten, Zierleisten et cetera, wie er vor Doch das ist Zukunftsmusik. Wir bleiben erst
hundert Jahren eine Blütezeit erlebte (siehe mal in der Gegenwart und stellen aktuelle il­
www.page-online.de/buchkunst_1900). lustrierte Literatur vor. cg
078 PAGE 09.12 BILD Buchillustrationen

Fabelhaft reduziert
Als Verfasser der kürzesten Kurzgeschichte der Welt gilt Literatur-
historikern der guatemaltekische Schriftsteller Augusto Monterroso.
Auch die 1969 erstmals veröffentlichen Minigeschichten »Das
Schwarze Schaf und andere Fabeln«, jüngst im Insel Verlag erschie-
nen, leben von der Kunst des Weglassens. In dieser übte sich eben-
falls Henning Wagenbreth, der jede Fabel mit Minibildern zwischen
Illustration und Vignette versah, im Stil ähnlich trocken und spröde
wie die Texte, so der Illustrator. In seiner Klasse an der Universität der
Künste Berlin realisierte Wagenbreth mit dem Insel Verlag zudem
eine illustrierte Ausgabe von Stanislaw Lems Erzählung »Professor
A. Donda«. Über 22 Bücher entwarfen die Studenten, die Version
von Benjamin Courtalt erscheint im September in der berühmten, seit
1912 publizierten Reihe Insel-Bücherei. Studentenprojekte dieser
Art veranstaltet regelmäßig die Edition Büchergilde, in puncto Illustra-
tion einer der rührigsten deutschen Verlage. Dessen jüngste Publi-
18 Robinsonaden kation, eine 3-D-Version von Patricia Highsmiths Krimi »Der talentierte
Skurrile Fortbewegungen im Tierreich, vor allem über und unter Mr. Ripley«, haben wir schon in PAGE 08.12, Seite 82, vorgestellt.
Wasser, waren ein Schwerpunkt im Portfolio, mit dem Illustrator
Christian Schneider ins Berufsleben startete. Kein Wunder also,
dass der Absolvent der Hochschule für Angewandte Wissenschaften
Hamburg damit den auf Meeresthemen spezialisierten mareverlag
begeisterte, der sowohl im Magazin- als auch im Buchprogramm sehr
konzeptionell mit Illustrationen arbeitet. Das erste gemeinsame
Projekt »Die Inseln, auf denen ich strande« wurde gleich ein Volltref-
fer. Christian Schneider interpretierte meisterhaft Lucien Deprijcks
achtzehn Variationen zum Thema Stranden mit kolorierten Bleistift-
zeichnungen – wie der Autor zwischen Drama und Witz, Geheimnis
und Banalität, Traum und Wirklichkeit changierend. Herstellerin Sandy
Weps von mare trug ihren Teil dazu bei, ein wunderschönes Buch
entstehen zu lassen, das nebenbei gesagt auch sehr unterhaltsam ist.
PAGE 09.12 079

Kriegshorror
Einen der härtesten Antikriegsromane zu bebildern, ist nicht
einfach. »Johnny Got His Gun« von Dalton Trumbo aus dem Jahr
1939 erzählt von einem jungen Mann, der fürs Vaterland in den
Ersten Weltkrieg geht und als Torso ohne Arme, Beine und Sprache
im Krankenhaus wieder aufwacht. Hollywoodautor Trumbo,
in der McCarthy-Ära als Kommunist verfolgt, verilmte den Kult-
roman 1971 selbst. Jetzt erscheint »Und Johnny zog in den Krieg«
im Berliner Verlag Onkel & Onkel neu übersetzt und mit schwarz-
weißen Tuschebildern in Grisaille-Ästhetik von Felix Gephart –
so wurde früher für Zeitungen gemalt. Von realistischen Dar-
stellungen am Anfang tauchen die Bilder immer tiefer ins Innen-
leben des Protagonisten und seine Alpträume ein. Die Dyna-
mik von Gepharts Arbeiten spiegelt wohl auch seine Vergan-
genheit als Grafiti-Künstler wider. Außerdem recherchierte
der Illustrator minutiös die Bild-, Gedanken- und Gefühlswelt
des Ersten Weltkriegs – mehr dazu im Interview auf Seite 112.

Nicht abstrakt
Auch Essaybände werden illustriert – wie
»Abstrakt«, das Bookazine des Schweizer
Thinktanks W.I.R.E. Die siebte Ausgabe trägt
den Titel »Abwehr. Überlebensstrategien
im 21. Jahrhundert« und ist gemäß dem Konzept
der Herausgeber, Wissenschaftlichkeit und
Unterhaltung, Tiefschürfendes und Skurriles zu
vereinen, opulent illustriert. Im ersten Teil
mit Ölgemälden von Capucine Matti, die erst im
letzten Jahr in Luzern ihr Designstudium mit
Schwerpunkt Illustration Noniction abschloss.
Sie malte düster-surreal-futuristische Bilder,
die sich über www.thewire.ch kaufen lassen. Die
im zweiten Teil des Buchs auf lila Papier gedruck-
ten Illustrationen hat Artdirektorin Kristina
Milkovic zusammen mit dem Graiker Patrick
Kuhn gemacht. Alles zusammen zeigt, dass
sich mit Illustrationen eben auch schwerere
Kost appetitanregend herrichten lässt.
080 PAGE 09.12 BILD Buchillustrationen

»Illustrationen für Erwachsene dürfen


nicht nur doppeln, was man gerade liest.
Sie müssen eine zweite, überraschende
Ebene, ein Mehr an Inhalt bringen«
Die Berliner Illustratorin Kat Menschik ist unter
anderem für die plakativen Filmbilder bekannt, mit
denen sie seit Jahren das TV-Programm der
»Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« bereichert

Gestern und heute


Seit seiner Kindheit faszinieren Sebastian Lörscher die
Erzählungen seines Großvaters. Jetzt, wo dieser 92 ist,
hat er mit ihm zusammen beim Kunstanstifter Verlag ein
Buch herausgebracht. Der Großvater ist selbst be-
geisterter Zeichner und in »Ziegenmilch und Zeichen-
stift« vergleichen die beiden nun in Wort und Bild die
ersten 25 Jahre ihres Lebens. Ob Kinderstreiche, erste
Erfahrungen mit Mädchen oder Alkohol – manches
läuft ganz schön ähnlich, trotz des großen zeitlichen
Abstands. Doch während der Großvater 1935 als
Teenager aufs Treffen der Hitlerjugend reist, fährt der
Enkel zum Hip-Hop-Festival. Und in dem Alter, in dem
der eine ein Praktikum bei einer Werbeagentur beginnt,
muss der andere zum Arbeitsdienst . . . Ein ehrliches
Buch, das mit kleinen Geschichten und doppelseitigen
Illustrationen über deutsche Vergangenheit und
Gegenwart mehr sagt als manche gelehrte Abhandlung.
PAGE 09.12 081

Meist haben wir über anderes gespro­ Links: Illustration


chen, aber er hat gesagt, dass er Lust zu einer Erzäh-
hat weiterzumachen. lung von Haruki
Auch eine Graikedition ist entstan- Murakami.
den. Wie kam es dazu? Ganz links: Illus-
Früher habe ich viele Jahre gesieb­ trationen zu
druckt. Weil ich wieder Lust zum Ra­ Island-Sagas
keln hatte, habe ich mit dem Drucker
Steffen Trodler Plakate zu einem Band
isländischer Sagen gemacht, den ich
2011 illustriert habe. Der DuMont Ver­
lag wollte etwas Ähnliches für Mura­
kami. Indem man etwa Bilder bei Le­
sungen aufhängt, können sich zwei
Genres gegenseitig hochschaukeln.
»Der Mordbrand von Örnolfsdalur
und andere Isländer-Sagas« erschien
im Galiani Verlag zum Buchmessen-
schwerpunkt Island 2011.
Spannend ist, dass es in diesen Sagen
nicht um Elfen oder um Zauberei geht,
sondern um die ersten Siedler an Or­
ten, die man heute noch anschauen
Sind Buchillustrationen im Kommen? lem Nachtblau vor, das man auch für kann. Sämtliche Zeichnungen beruhen
Kat Menschik: Wenn man vor zehn Jah­ die Typo benutzen könnte, plus Silber auf Fotos, die ich von der tatsächlichen
ren einem Verlag vorschlug, illustrierte als Schmuckfarbe. Als die ersten drei Landschaft gemacht hatte. Und jetzt
Erwachsenenbücher zu machen, woll­ Zeichnungen fertig waren, erfuhr ich, war ich gerade in Finnland und Kare­
te sich das keiner leisten. Heute sieht dass Murakami weltweit jedes Cover lien, denn zum Finnland­Schwerpunkt
es etwas anders aus. abnimmt und auch von mir jedes fer­ der Buchmesse 2014 bringt der Galiani
Wie kam es zu den Murakami-Bänden? tige Bild sehen wollte. Verlag die »Kalevala« heraus, überlie­
Ich bekam einen Anruf von DuMont Er war wohl begeistert, Sie haben ihn ferte Gesänge und Mythen. Darüber
und den Vorschlag, eine Kurzgeschich­ später selbst getroffen. hinaus liegt ein Stapel Proofs vor mir:
te zu illustrieren, die man wie ein Ge­ Ich war sehr aufgeregt, aber in einer mein erstes eigenes Buch, ein immer­
schenkbuch verlegen wollte. Fast ha­ kleinen Runde im Restaurant entstand währender Kalender namens »Das va­
be ich einen Kniefall getan, weil ich schnell eine Art meditative, gemütli­ riable Kalendarium«, der im Oktober
Murakami so verehre. Ich schlug dann che Stimmung. Er ist so gelassen, wie bei DuMont erscheint.
seitenfüllende Illustrationen in dunk­ man sich Japaner vielleicht vorstellt. Wir werden dann berichten!
082 PAGE 09.12 BILD Sport

Anpfiff
Großereignisse wie die Fußball-EM
oder die Olympiade, aber auch die
ständig steigenden Teilnehmerzahlen
bei den Volksläufen im ganzen Land
beweisen: Sport ist jedermanns Sache.
Er begleitet uns von Kindesbeinen an
und oft genug bis ins hohe Alter. Auf den
folgenden Seiten sehen Sie inspirierende
Beispiele aus Werbung, Design, Fotograie
und Illustration, die garantiert auch ein-
geleischten Sportmuffeln Spaß machen
PAGE 09.12 083

Futuristisch
n Schon mehrfach haben der Sport­
fotograf Tim Tadder aus Kalifornien
und der Digital Artist Mike Campau aus
Michigan erfolgreich zusammengear­
beitet – jetzt wiederholten sie dies in
einem freien Projekt. Da die beiden in
ihrer Karriere bereits alle sportlichen
Facetten des Themas abgegrast ha­
ben, wollten sie Bilder schaffen, die
nichts mit Klischees zu tun haben. Tim
Tadder fotograierte die Sportler im
Studio, wobei er viel Wert auf die Be­
leuchtung legte, sodass das Charakte­
ristische der jeweiligen Disziplin in der
Bewegung der Athleten zum Ausdruck
kommt. Mike Campau generierte die
Landschaften und Requisiten mit dem
gleichen Licht und fügte alle Elemente
zu dynamischen, leicht futuristisch an­
mutenden Bildern zusammen.

Photography: Tim Tadder (www.timtadder.com);


CGI/Digital Artist: Mike Campau
(www.mikecampau.com)
084 PAGE 09.12 BILD Sport

Militärisch
n Beim GoSee Editorial Award wur­
den Ende Mai herausragende Strecken
aus den Bereichen Fashion und Por­
trät prämiert. In der Kategorie Mode­
porträt machte der polnische Foto­
graf Pawel Fabjanski mit seiner Strecke
»SPOORT« das Rennen. Er bezeichnet
seinen Stil als Mix aus Werbung, Mode
und künstlerischer Fotograie. Inspi­
riert von Film, Literatur und Urban
Style konzentriert er sich besonders
auf den Menschen und sein Umfeld.
Bei dieser Serie sind es die militärisch
anmutenden Kleidungsstücke, die zu­
sammen mit den Sportaccessoires da­
ran erinnern, dass Sport ganz im Sinne
der olympischen Tradition für Frieden
und Fairness steht.
Photographer: Pawel Fabjanski/Tank Management (www.fabjanski.com); Stylist: Anna Sikorska; Hair/Make­up: Ola Dackiewicz; Model: Tomek S./ AMQ models; Retouch: Pawel Modej; Photographer’s assistants: Szymon Fit, Damian Denis

PAGE 09.12
085
086 PAGE 09.12 BILD Sport

Ansprechend
n Es gibt viele Designer, aber die Berlin konzipierte und gestaltete Site 1949 gegründeten Unternehmen ein­
wirklich guten sind schwer zu inden. erzählt, wie die Produkte entstehen, zusteigen, er trägt vor allem der Tatsa­
Um neue High Potentials im Kreativ­ gibt einen Einblick in die Firmenge­ che Rechnung, dass Kreative besonde­
bereich zu entdecken, launchte adi­ schichte, lässt bei adidas arbeitende re Menschen sind, die eine besondere
das www.adidasdesignstudios.com – Designer zu Wort kommen, informiert Ansprache brauchen. Beim Favourite
als Plattform für diejenigen, die wissen über die interne Design Academy so­ Website Award wurde die Website be­
wollen, wie Design bei adidas funktio­ wie über offene Stellen. Der Auftritt reits prämiert, weitere Auszeichnun­
niert. Die von Thorsten Konrad aus macht nicht nur richtig Lust, bei dem gen werden sicher folgen.

Gefräßig
n Elf Modelle des wohl bekanntesten gilt das aber für die Arbeit des nieder­
adidas­Fußballschuhs Predator gab es ländischen Still­Life­Fotografen Marcel
bereits, die kürzlich gelaunchte zwölf­ Christ. Er inszenierte die Schuhe als
te Edition soll alles Bisherige in den gefährliche Raubtiere, die sich wahr­
Schatten stellen. Ob das auf den Schuh scheinlich durch Rasen und Gegner
zutrifft – keine Ahnung. Mit Sicherheit gleichermaßen beißen.
PAGE 09.12 087

Ergreifend
n Mit Ausnahme von Kasimir Male­
witschs »Painterly Realism of a Foot­
ball Player« sind Zoran Lucic noch kei­
ne wirklich gelungenen Fußball­Art­
works über den Weg gelaufen. Da der
Designer aus Bosnien­Herzegowina Ki­
cken aber als sehr inspirierend emp­
indet, machte er sich selbst ans Werk
und schuf unter dem Titel »Sucker for
Soccer« mehr als siebzig wunderbare
Illustrationen, die eine Hommage an
aktuelle Fußballstars und ­legenden
vergangener Zeiten darstellen. Den
Retrocharakter wählte Lucic – der sich
durchaus vorstellen kann, die Serie zu
erweitern –, um daran zu erinnern,
dass sich Fußball zwar technisch im­
mer weiterentwickelt, dabei aber ein
Stück seiner Seele verloren hat.

≥ PAGE Online
Noch mehr Sport-Artworks sowie acht
Bilder, die zeigen, wie Kinder das
Thema Sport interpretieren, inden Sie
auf www.page-online.de/sport

Heiter bis wolkig


n Eine typische Gewohnheit von Sur­
fern, bevor sie sich an den Strand be­
geben, ist das Checken des Surfwetter­
berichts. Für den Kunden Hydroponic
Surf Clothing gestaltete The Conquis­
tadors Collective mit Sitz in New York
und Sydney eine Printkampagne mit
Motiven, bei denen die Surfklamotten
wie eine Wetterkarte arrangiert sind.
400 Kleidungsstücke, die 15 Quadrat­
meter Fläche ergaben, mussten dafür
eigens herhalten.

Laufend
n »I am on my way« heißt die von Hei­
mat in Berlin ersonnene adidas­Run­
ning­Kampagne. Auf www.adidas.com/
myway kann jeder einen Clip von sei­
ner Laufstrecke zeigen und so eine
Geschichte erzählen. Die besten Bei­
träge bekommen ein eigenes Läufer­
porträt in Form eines Kurzilms. ant
088 page 09.12 BILD

BILDWELT
Reportage-, Porträt-, PR- und Unter- fotograie. Handbuch und Planungs- Avantgarde-Fotogra-
100 Jahre vorn nehmensfotograie. Über die gemein- hilfe« von Axel Hausberg und Anton ie aus »Vogue« von
n In den Bildarchiven von Condé Nast same Website erfährt man jetzt Ge- Simons, erschienen bei DOM Publi- dem zwischen Mün-
in New York, Paris, Mailand und Lon- naueres und Aktuelles. shers (288 Seiten, 68 Euro, isbn 978-3- chen und London
don lagern Schätze. Mit Magazinen wie ≥ www.elo-images.de 86922-192-2). Das Handbuch beginnt pendelden Daniel
»Vogue«, »Vanity Fair« oder »Glamour« mit einer kurzen Geschichte der Ar- Sannwald (2008)
hat kein anderer Verlag der Modefoto- Microstocker geht chitekturfotograie und ihrer Anwen- sowie von Franco
graie so wichtige Impulse gegeben. dungen, befasst sich dann mit Praxis Rubartelli (1967)
Das liegt am Gründer Condé Montrose
eigene Wege und Technik – von optischen Grund- und John Rawlings
Nast selbst, der stets die innovativsten n Unmengen technisch perfekter Bil- lagen über Ausrüstung und Bildge- (1943) – zu sehen
Fotografen und Artdirektoren an den der gut aussehender, gut gelaunter staltung bis zu Nachbearbeitung und in einer Ausstellung
Verlag band. Der erste Fotograf, den er Menschen: Mit diesem simplen Rezept CGI. Angesprochen werden Berufs- in Berlin und einem
1914 fest anstellte, war Baron Adolphe wurde Yuri Arcurs zum weltweit er- fotografen oder solche, die es wer- Fotoband von Prestel
de Meyer. Aber es kamen auch Talente folgreichsten Microstock-Fotografen. den wollen, aber auch ambitionierte
wie Edward Steichen, Man Ray, George Alle acht Sekunden, so heißt es auf Laien. Dazu gehören ja oft Kommuni-
Hoyningen-Huene, Horst P. Horst, Ce- seiner Website www.arcurs.com , wer- kationsdesigner, die für ihre Projekte
cil Beaton oder Erwin Blumenfeld zum de eines seiner Bilder auf den diver- selbst fotograieren wollen.
Einsatz. Wie wir wissen, war das nur sen Microstock-Plattformen lizenziert, ≥ www.dom-publishers.com
der Anfang, denn zumindest »Vogue« das macht vier Millionen Lizenzen im
ist nach wie vor Plattform für die wich- Jahr. Zu seinen Kunden gehören Sony,
tigsten Modefotografen der Welt. HP, MTV oder »Spiegel«. Angeblich
Illustratoren laden ein
»A Century of Photography at Condé sieht weltweit jeder Großstadtbe- n Die lange Nacht der Illustration, die
Nast« heißt ein großes Projekt, das wohner täglich vier seiner Bilder . . . am 31. August von 17 bis 24 Uhr in Ber-
diese Juwelen erstmals im Überblick Und die Leser des US-Fachblatts »PDN« lin stattindet, droht kurz zu werden.
zeigt. Am 18. August geht es los mit wählten ihn im Jahr 2010 zu einem der Mit über hundert beteiligten Illustra-
einer zweimonatigen Ausstellung bei dreißig einlussreichsten Fotografen toren, die sich in ihren Ateliers, in Buch-
C/O Berlin, die bis 2015 in Mailand, des Jahrzehnts. handlungen, Cafés und Galerien prä-
Edinburgh, Paris, Palm Beach und Jetzt tat der für Selbstbewusst- sentieren, stehen insgesamt 45 Lo-
Tokio Station macht. Zusätzlich er- sein, Arbeitswut und Perfektionismus cations für einen Besuch bereit. Ein
scheint ein spektakulärer Bildband, bekannte Arcurs den nächsten logi- Stadtplan auf der Website hilft bei der
von Prestel auf Deutsch unter dem schen Schritt und lancierte mit www. Planung. Die Nacht der offenen Tür in-
Titel »Zeitlos schön. 100 Jahre Mode- peopleimages.com eine eigene Platt- det anlässlich des zehnjährigen Beste-
fotograie von Man Ray bis Mario form. Studios in Aarhus und in Kap- hens der IO Illustratoren Organisation
Testino« publiziert (288 Seiten, 59 Euro, stadt besaß der gebürtige Däne be- statt, die das Jubiläum schon seit meh-
isbn 978-3-7913-4725-7). reits, inzwischen beschäftigt er rund reren Monaten deutschlandweit kei-
≥ www.co-berlin.com; www.prestel.de hundert feste Mitarbeiter. Frisst die neswegs zur Selbstbeweihräucherung
Microstock-Revolution ihre Kinder? In nutzt, sondern um ihr Handwerk mit
Interviews hatte Arcurs schon mehr- verschiedenen Veranstaltungen stär-
Fotohochburg Hannover fach auf die Übersättigung des Micro- ker ins Licht der Öffentlichkeit und na-
n Den Ort für die Präsentation ih- stock-Markts und sinkende Einnah- türlich vor allem in den Fokus poten-
res neuen Zusammenschlusses hätten men für Fotografen hingewiesen. Auch zieller Auftraggeber zu rücken.
Franz Bischof, Christian Bunkert, Helge in der mangelnden Exklusivität der Am Samstag, den 1. September,
Krückeberg, Michael Löwa und Daniel Bilder sieht er ein Problem – bei seiner geht es mit der Eröffnung einer Aus-
Pilar nicht passender wählen können. Agentur lassen sich nun auch zeitlich stellung weiter, die bis 21. September
Die fünf Fotografen lernten sich beim begrenzte Exklusivlizenzen erwerben. in der brandneuen Akademie für Illus-
Studium in Hannover kennen und er- Außerdem wird ein Retouching-Ser- tration und Design zu sehen ist. Ein
öffneten nun Jahre später unter dem vice angeboten: Alle Bilder aus der guter Anlass, um diese ambitionierte
Namen elo-Images in der Eleonoren- Datenbank lassen sich nach Kunden- private Berufsfachschule in Kreuzberg
straße ein gemeinsames Büro. Mit wunsch nachbearbeiten. kennenzulernen, die ab dem Herbst-
einem Stand auf dem von der Hoch- ≥ www.peopleimages.com semester in einem betont auf die
schule Hannover organisierten Lumix Berufspraxis orientierten, sieben Se-
Festival für jungen Fotojournalismus mester langen Studium Illustratoren
stellten sie ihr Kollektiv der scharen-
Architekturfoto-Handbuch ausbilden wird. Und die schon seit
weise angereisten interessierten Öf- n Einstürzende Neubauten ist eine Mai mit ihrer Ausstellungsreihe »Po-
fentlichkeit vor. Wobei ihre Namen – Kultband der achtziger Jahre – und ein sitionen der Neuen Illustration« auf
vier von ihnen werden von der Agen- Eindruck, der in der Fotograie durch sich aufmerksam macht. cg
tur laif vertreten – in der Szene längst stürzende Linien nicht entstehen soll- ≥ www.langenachtderillustration.de;
bekannt sind, durch viele Projekte in te . . . Da hilft der Band »Architektur- www.aidberlin.de
page 09.12 089

≥ Mehr zum Thema Fotograie und Illustration unter www.page-online.de/emag/bild


090 PAGE 09.12

TECHNIK
PAGE 09.12 091

n AR ist im Alltag angekommen. An­ Kunstpaket mit


wendungen, die den physischen Raum Augmented
mit virtuellen Objekten anreichern, in­ Reality: Auf der
den sich heute auf dem Smartphone Mercedes-Benz
und erweitern den mobilen Screen mit Fashion Week
allerlei Gimmicks oder Informationen, Tokyo war
die nützlich für unterwegs sind. Un­ »Gurugle Earth«
längst trumpfte Google mit dem inno­ als AR-Instal-
vativen Prototyp Project Glass auf (sie­ lation zu sehen.
he PAGE 06.12, Seite 93): Eine mit ei­ Das Satelliten-
nem speziellen Glas verstärkte Brille bild mit der Illus-
gibt aktuelle Informationen aus den so­ tration erkennt
zialen Netzwerken, Nachrichten oder die Anwendung
auch Staumeldungen aus, auf die der auch ohne Mar-
Träger direkt reagieren kann. So ist es ker und generiert
beispielsweise möglich, über Google+ individuelle
Videochats mit anderen Usern zu füh­ Animationen.
ren. Das Chatfenster wird auf dem Bril­ Rechte Seite: Das
lenglas eingespielt – und der Träger »Gurugle Earth«-
damit endgültig zum Cyborg erwei­ Package des
tert. Genauso malte sich das der Cy­ Tokioter Kreativ-
berpunk in den 1980er Jahren aus; büro A4A enthält
damals dachten die Autoren aller­ dreißig Foto-
dings noch an Datenhandschuhe und prints, die ange-
Head­Mounted Displays. reicherte Inhalte
Doch bei aller technischen Rafines­ darstellen ( http://
se: Was sollen wir heute mit einem wei­ a4a.jp/works/
teren standortbezogenen AR­Game gurugle-earth/)
auf dem iPhone, bei dem es virtuelle
Monster auf der Straße zu fangen gilt,
um digitale Abziehbildchen zu gewin­
nen? Der Mehrwert von AR­Anwen­
dungen kann, muss sich aber nicht
aus dem Spieltrieb des Users speisen.
Um etwas Nachhaltigeres zu schaffen,
sollten noch andere Wege beschritten
werden. Nicolas Henchoz hält die
wenigsten aktuellen AR­Anwendun­
gen für überzeugend: »Bis heute
geht es bei AR doch immer lediglich
um 3­D­Effekte.« Henchoz leitet das
EPFL+ECAL Lab ( www.epfl-ecal-lab.ch ),
eine Forschungsabteilung der Ecole
Polytechnique Fédérale de Lausanne
(EPFL) und der Ecole cantonale d’art
de Lausanne (ECAL).

Erweiterte Welt
Was nutzt die tollste AR-Technik, wenn sie keine relevanten Inhalte
transportiert? Augmented Reality Storytelling ändert das
092 PAGE 09.12 TECHNIK Augmented Reality Storytelling

Inhalt ablenken. »Dabei sollten sie


doch von der Geschichte eingenom­
men werden, die wir erzählen – oder
auch von den Werten eines Produkts,
Wie sich mit die wir vermitteln wollen.«
Augmented Rea-
lity Geschichten Genau hier sieht Nicolas Henchoz
erzählen lassen, großes Potenzial: Die AR­Technologie
erkundet die kann die Informationen zu einem Pro­
Wanderausstel- dukt erweitern oder sogar dessen im­
lung »Give Me materiellen Werte anreichern und auf
More« aus dem diese Weise sein Image nachhaltig ver­
EPFL+ECAL Lab ändern und transformieren. »Das Ob­
in Lausanne, jekt sollte zum User sprechen«, sagt er.
etwa mit der Deshalb erkundet das EPFL+ECAL Lab
Installation Wege, wie eine Geschichte mit Aug­
»Stitched pixel mented Reality beginnen kann: Wie
by pixel« von das Objekt selbst bewegt wird, wie die
Camille Scherrer 3­D­Animation startet und wie diese
( http://is.gd/ schließlich wieder aufhört. Es geht um
dv8MFK ). die Entwicklung einer visuellen Gram­
Darunter: Die matik für AR­Anwendungen. »Wir wis­
Installation sen, wie Storytelling auf Papier oder
»Aquilen« von bei Animationen funktioniert, bei AR
Cem Sever und gibt es noch Nachholbedarf.«
Gavrilo Bosovic, Ein gelungenes Beispiel dafür ist die
ebenfalls vom AR­Installation »Cashback«. Hier legt
EPFL+ECAL der Besucher eine Banknote auf einen
Lab, projiziert Leuchttisch, und sogleich beginnen
bestimmte sich die Darstellungen auf ihr zu bewe­
Schlüsselwörter gen. Es gesellt sich ein Tänzer hinzu,
aus Twitter- der die Ornamente auf dem Schein als
Nachrichten als Bühne nutzt. »Das folgt einer bestimm­
Silhouette vor ten narrativen Logik. Die subtilen AR­
den Besucher der Animationen am Anfang nehmen die
Ausstellung Besucher oft nicht wahr. Aber sie sind
es, die es ganz normal erscheinen las­
sen, dass sich später etwas in den Bank­
noten bewegt«, so Henchoz. Auf diese
Weise wird eine Verbindung zwischen
dem physischen Objekt und der An­
reicherung hergestellt.
Der nächste Schritt ist, den User mit
seinem ganzen Körper einzubinden
und ihn so zum Zentrum des Gesche­
hens zu machen. Im Moment arbeitet
Fotos (von unten) : Christophe Fillioux/EPFL+ECAL Lab; Michel Bonvin/EPFL+ECAL Lab

das EPFL+ECAL Lab mit dem Game­


kontroller Kinect von Microsoft. Später
soll das Tracking von Gesicht und Mi­
mik folgen. Erstes Resultat ist die Instal­
lation »Aquilen«. Diese sammelt Twitter­
Nachrichten, die aus dem Umkreis der
Ausstellung versendet wurden, und
extrahiert verschiedene Schlüsselwör­
ter. Diese werden dann als Silhouette
Um herauszuinden, wie das Ge­ die Ausstellung als Work in Progress vor den Besucher projiziert. Sobald er
schichtenerzählen mit Augmented Re­ entsprechend. Daraus leiten sie ver­ sich bewegt, wandert auch sein Um­
ality funktioniert, hat Nicolas Henchoz schiedene Userszenarien ab. Nicolas riss aus Twitter­Wörtern mit.
die aus interaktiven AR­Kunstinstalla­ Henchoz erklärt: »Wir versuchen die
tionen bestehende Wanderausstellung narrativen Regeln einer AR­Installation Während die Wissenschaftler an ei­
»Give Me More« konzipiert. Sie war in zu verstehen, die sich von anderen An­ ner visuellen Grammatik feilen, ist das
den letzten beiden Jahren in San Fran­ wendungen sehr unterscheidet.« So AR­Storytelling bereits in einer kom­
cisco, Berlin, Paris und London zu se­ achten die User bei AR stark auf die merziellen Anwendung angekommen:
hen. Henchoz und sein Team beobach­ technische Performance und lassen Die TV­Serie »Sesamstraße« erzählt ih­
ten dabei, wie die Besucher mit den sich durch das Einrichten der Webcam re Geschichten neuerdings auf mobi­
Exponaten interagieren und erweitern oder der AR­Marker vom eigentlichen len Geräten weiter, und zwar mithilfe
PAGE 09.12 093

von Vuforia. Diese 3­D­Plattform hat ment am Qualcomm Austria Research Anlässlich des Erscheinens des Al­
Qualcomm speziell für die Entwick­ Center, erklärt: »Die von uns für dieses bums »Blu­Day« von Etsuko Yakushi­
lung von AR­Elementen in interakti­ Projekt entwickelte Software trackt bis maru realisierte A4A ein interaktives
ven Anwendungen im Mobilbereich zu sechs 3­D­Objekte gleichzeitig. So Musikvideoprodukt. Dieses besteht
konzipiert. Vuforia unterstützt ganze können wir sekundengenau den Stand­ aus Fotoprints von Satellitenaufnah­
400 Smartphone­ und Tablet­Typen. ort jeder der Figuren feststellen und men der japanischen Luft­ und Raum­
Ihren AR­Prototyp haben die »Sesam­ auf jede beliebige Konstellation eine fahrtbehörde JAXA und einer eigens
straßen«­Macher bislang auf mehre­ Reaktion mit AR auslösen.« Die größte entwickelten Software auf einem USB­
ren Developerkonferenzen präsentiert. Herausforderung war, dass die Tra­ Stick. Jedes der Bilder hatte die Sänge­
Ausgangspunkt sind Ernie und Bert als ckingsoftware die Figuren von jeder rin mit eigenhändig gezeichneten Illus­
Plastikiguren auf einem Spielbrett. Auf Seite aus und in jeder Größe auf dem trationen versehen. Hält der User eine
diese müssen die Kinder mit der Kame­ Tabletscreen erkennen muss. Beides der Fotokarten vor die Webcam seines
ra des iPads oder Android­Tablets zei­ erfordert einiges an Rechenleistung. Computers, erkennt die Anwendung
gen und damit die Figurenmarker tra­ das markerlose Bild und spielt einen
cken, sodass die Charaktere im Screen Geschichten werden durch Augmen­ Song ab (siehe Seite 90 f.). Dazu gene­
lebendig werden und untereinander in ted Reality aber nicht nur zu Lernzwe­ riert die Software jedes Mal eine neue
Episoden interagieren (siehe Seite 94). cken für Kinder vermittelt. Auch Er­ Animation, die aus einer Kombination
Qualcomm und das »Sesamstra­ wachsene können dadurch in Spiel­ von Visuals entsteht, die wiederum von
ßen«­Team arbeiten derzeit an ver­ welten über unterschiedliche Medien dem jeweiligen Motiv ausgeht. Visual
schiedenen Szenarien und Reaktionen hinweg eintauchen und jeweils Teile Artist Takashi Yamaguchi von d.v.d. be­
mit dem Ziel, die Vorstellungskraft der einer Geschichte erfahren, wie es et­ richtet: »Wir suchten nach einer Mög­
Kinder anzuregen und sie zum Rollen­ wa beim Transmedia­Storytelling (sie­ lichkeit, dass der User einzelne Sequen­
spiel zu animieren. Indem die Kids Spiel­ he PAGE 07.12, Seite 50 ff.) plattform­ zen der Musik selbst arrangiert. Dann
sachen ins echte Set vor sich hinein­ übergreifend praktiziert wird. Das muss überlegten wir, wie er räumlich inter­
und herausziehen, entscheiden sie, nicht unbedingt ein Game sein, wie das agieren kann. So entstand die Idee mit
welche Situationen sie durchspielen AR­Projekt »Gurugle Earth« beweist. den wechselnden Karten der Erde, die
wollen. Dabei bietet die Anwendung Die nach der japanischen Lautschrift er vor die Kamera hält.«
eine Struktur, mit der die Kinder For­ für »Google Earth« benannte Anwen­ Umgesetzt hat das Team von d.v.d.
men der Erzählführung erlernen, etwa dung ist eine Kollaboration der J­Pop­ und A4A »Gurugle Earth« mit der VJ­
dass eine Geschichte einen Anfang, ei­ Sängerin Etsuko Yakushimaru, den Software Max/MSP und openFrame­
ne Mitte und ein Ende hat. Michael Soundtüftlern d.v.d. und dem Tokioter works. Takashi Yamaguchi erklärt: »Die
Gervautz, Director Business Develop­ Kreativbüro A4A ( http://a4a.jp ). unterschiedlichen Percussionelemen­
te des Tracks und die Lautstärke des
Gesangs lösen die Synchronisation von
Song und Animation aus. Max/MSP
leitet einen Befehl an openFrame­
Geschichten zum Anzie- works weiter. Das Toolkit analysiert
hen: Zappars AR- dann die Trommelsounds und gibt auf
Plattform ermöglicht dieser Basis die Parameter für die
die markerlose Erken- Objekte in der Animation aus.« Auch
nung für mobile – oder die Auswertung der Fotokarten läuft
stofliche – Inhalte über openFrameworks, das dann an
Max/MSP den Befehl zum Abspielen
eines bestimmten Tracks gibt und zu­
gleich die Animationseffekte den Kar­
ten zuordnet und diese mit generier­
tem Content anreichert.

Den wachsenden Markt mobiler End­


geräte wie Tablets und Smartphones
hat die britische Softwareschmiede
Zappar im Blick. Sie hat sich auf mobi­
le AR­Anwendungen im Bit­Bereich –
also mit besonders kleinen Daten­
mengen – spezialisiert. Dazu hat sie
eine proprietäre Plattform für Aug­
mented Reality entwickelt, die mar­
kerlos arbeitet und somit Bilder als
Ganzes erkennt. In letzter Zeit hat
Zappar etwa die mobilen Kampagnen
für Blockbuster wie »Harry Potter«,
»Sherlock Holmes« oder »Happy Feet 2«
umgesetzt, bei denen die Kinoplakate
auf dem Smartphone des Users leben­
dig werden und verschiedene Inhalte,
beispielsweise Trailer, abspielen.
094 PAGE 09.12 TECHNIK Augmented Reality Storytelling

Die »Sesamstra-
ßen«-Macher
entwickelten mit
Qualcomm einen
AR-Prototyp,
mit dem Kinder
über das Spie-
len mit Ernie und
Bert Elemente
einer Geschichte
kennenlernen
( http://is.gd/
7K4nnt )

Für die US­Supermarktkette Wal­ unterhaltsam. Bei jedem Projekt fra­ selbst eine Geschichte mithilfe von
mart wiederum fertigte Zappar eine gen wir uns vorher: Was hat der Augmented Reality erzählen und sie
Anwendung zum 4. Juli: Kaufte der Nutzer davon? Warum sollte es ihn erweitern lassen. Wallit! ( http://wallit
User ein bestimmtes T­Shirt mit Ame­ kümmern? Ist dieser Inhalt vielleicht app.com ) ist eine AR­Anwendung für
rikalagge und stellte sich damit vor besser online oder in einer Applika­ iPad und iPhone, die die digitale und
die iPhone­Kamera, wurden Feuer­ tion aufgehoben? Auch der bloße die physische Welt durch übergreifen­
werksanimationen zum Unabhängig­ Marketingeffekt ist nicht das Ziel ei­ de Geschichten verbindet. Hier loggt
keitstag abgespielt, und er konnte sich ner AR­Anwendung. Wenn der User sich der Nutzer über sein iPhone bei
darin fotograieren und das Bild als anfängt, sich über unsere Technologie foursquare ein. Dann kann er AR­In­
digitale Grußkarte teilen. Interessant Gedanken zu machen, machen wir et­ halte wie virtuelle Nachrichten zu­
ist auch die Umsetzung einer Kam­ was falsch.« Selbstverständlich sind sammen mit Bildern und Videos auf
pagne für die Eismarke Magnum im später bei der Umsetzung für eine mo­ tatsächlichen Oberlächen, beispiels­
Auftrag der Werbeagentur Dentsu­ bile AR­Anwendung auch die Be­ weise Plakatlächen, posten. Um eine
Indio in Kollaboration mit dem philip­ wegung, die Skalierung und der Aus­ Wand virtuell zu erweitern, muss
pinischen Lifestylemagazin »Rogue«. schnitt wichtig. »Schließlich sieht der der Nutzer allerdings direkt vor Ort
Hielten User die Kamera ihres Smart­ User die Anreicherung nur auf dem sein und mit der Anwendung eine
phones auf das Cover der April­Aus­ Display des mobilen Geräts und nicht Nachricht über ein soziales Netzwerk
gabe, erwachte das Model auf dem auf dem Fernseher oder im Kino«, so wie Facebook oder Twitter veröffent­
Titelbild zum Leben – mit einem Mag­ Caspar Thykier. Es sind eben doch zu­ lichen. Andere Nutzer können die
num, versteht sich. allererst die Inhalte und die Art, wie Nachricht an der Wand dann auf der
Zappar­Gründer Caspar Thykier er­ sie erzählt werden, auf die es an­ ganzen Welt auf ihren Smartphone­
klärt: »Was wir machen, ist zwar hoch­ kommt – und nicht die fortschreiten­ Bildschirmen sehen. Das ist vielleicht
technisch – letztlich geht es aber doch de Technik als Selbstzweck. noch keine große Erzählung – aber
nur um die User Experience. Eine An­ Mittlerweile gibt es auch bereits immerhin der Anfang des Geschich­
wendung sollte nicht abgehoben und mobile Anwendungen, die nicht mehr tenerzählens mit Augmented Reality
langweilig sein, sondern simpel und nur etwas vorgeben, sondern den User durch die User. vd

AR-Botschaften
auf physischen
Wänden: Mit der
iPhone-App Wallit!
entsteht eine
mit AR-Nachrichten
gemappte Welt,
die die User auf
dem Screen
ihres iPhones
sehen können
096 PAGE 09.12 TECHNIK Druckweiterverarbeitung

Printveredelungen auf einen Blick


Teil 3: Partieller UV-Lack

n UV-Lack ist ein verbreitetes Ver- sich sowohl im Bogen- und Rollenoff-
edelungsverfahren. Da er sehr schnell set- als auch im Siebdruck verwenden.
trocknet, wird er häuig volllächig ein-
gesetzt, um Drucksachen direkt wei- Einsetzbare Materialien
terzuverarbeiten, ohne dass man erst UV-Lack ist sehr lexibel verwendbar.
auf ein Austrocknen der Offsetfarben Allerdings müssen alle weiteren ein-
warten muss. UV-Lack lässt gerade gesetzten Druckfarben sprit- und nitro-
dunkle Farben intensiver wirken. Bei echt sein. Wegen des in vielen UV-La-
der partiellen UV-Lackierung erzielt cken enthaltenen, gesundheitsschäd- Mit UV-Lack bedruckte Bogen können sofort
die Druckerei haptische und visuelle lichen Benzophenons sind diese für weiterverarbeitet werden und müssen nicht erst
Effekte durch den Kontrast zwischen Lebensmittelverpackungen ungeeig- trocknen. Hier bei Wolf-Print in Ingelheim
lackierten und unlackierten Stellen des net. Allerdings gibt es inzwischen auch
Druckbogens. Der Umgang mit UV- benzophenonfreie UV-Lacke.
Lack ist allerdings recht anspruchsvoll
und erfordert eine spezielle Maschi- Tipps zur Planung
nenausstattung und eine gute Ausbil- Da der UV-Lack ähnlich wie jede an-
dung der Mitarbeiter, zumal mit seinem dere Schmuckfarbe behandelt wird,
Einsatz Gesundheitsrisiken verbunden ist es wichtig, dem Druckdienstleister
sind. Aus diesem Grund bietet längst mitzuteilen, dass man ihn einsetzen
nicht jede Druckerei das Verfahren an. möchte. Beim Einrichten der Druck-
datei in InDesign oder XPress legt
Bezeichnung man den partiellen UV-Lack zunächst
Der gebräuchlichste Begriff ist partiel- als eigene Volltonfarbe an – egal, was
ler UV-Lack. Sehr gängig ist aber auch für eine, gut sind aber ungewöhn-
die Bezeichnung UV-Spotlack. liche, grelle Farben, sie reduzieren die
Verwechslungsgefahr – und vergibt
Varianten für diese Farbe eine aussagekräftige
Neben UV-härtenden Lacken gibt es Bezeichnung. Wichtig ist zudem, dass
die klassischen Öldrucklacke. Zudem sie transparent angelegt ist und bei
lassen sich auch mit Dispersionslacken der Druckreihenfolge der Farben
ähnliche Effekte erzielen. Für Hoch- an letzter Stelle kommt. Nun kann
glanzeffekte kommt als Alternative man das Objekt, das man lackie-
auch die Folienprägung infrage (siehe ren möchte, auswählen, sofern es sich
PAGE 08.12, Seite 92 f.). Die Kombina- um eine Vektorgraik handelt, ver-
tion von UV-Lack und -Farben ermög- doppeln und das Duplikat mit der UV-
licht zusätzliche Effekte. Lackfarbe füllen.

Stärken Grenzwerte Die UV-Trockner-Einheit – hier in einer Maschine von


Unter allen Lacken eignen sich UV- Es sind keine besonderen Grenzwerte Heidelberg – lässt sich problemlos inline hinter den
Lacke am besten, um Hochglanzef- zu beachten. Druckwerken integrieren
fekte zu erzeugen. Ein zusätzlicher
Vorteil ist der gute Schutz gegen Ab- Dienstleister (Auswahl)
rieb und Verunreinigungen. Da das • M&E Druckhaus, Belm
UV-Licht kalt ist, lassen sich UV-Lackie- ≥ www.me-druckhaus.de
rungen auch im Zusammenspiel mit • G. Peschke Druckerei, München
hitzeempindlichen Bedruckstoffen ≥ www.peschkedruck.de
einsetzen. • Wolf-Print, Ingelheim
≥ www.wolf-ingelheim.de
Technik
UV-Lacke sind spezielle Druckfarben, Preis
in denen sogenannte Fotoinitiatoren Im Vergleich zu anderen Lackierungs-
eine Kettenreaktion in dem beige- verfahren ist UV-Lack relativ teuer.
mischten Bindemittel anstoßen, so- Das liegt an dem aufwendig her-
bald sie in der UV-Trocknereinheit der zustellenden Lack selbst, aber auch
Druckmaschine mit intensivem UV- an der nicht ganz ungefährlichen
Licht bestrahlt werden. Dies führt zum Technologie. Bei einer beliebig aus-
augenblicklichen Aushärten des UV- gewählten Online-Druckerei kosten UV-Licht hat den Vorteil, kaum Wärme abzugeben,
Lacks. Seine Verarbeitung erfordert ein zum Beispiel 1000 Visitenkarten im sodass sich auch temperaturempindliche
besonderes Druckwerk (meist das letz- Bilderdruck gut 30 Euro und mit UV- Bedruckstoffe problemlos verarbeiten lassen.
te der Druckmaschine). UV-Lack lässt Lack 43 Euro. Diese UV-Trockner-Einheit stammt von Hönle
PAGE 09.12 097

Luxus für den Luxus


Partielle UV-Lackierung kann den hochwertigen Look von Publikationen auf vielfältige Weise unterstützen

n Kompromisslose Qualität ist der Anspruch des Badezim- Die mit UV-Lack gedruckten Schattenrisse der Produkte auf dem
merausstatters Alape. Dies müssen auch die Kommunika- Alape-Hauptkatalog ließ Martin et Karczinski mit reinem Schwarz
tionsmedien widerspiegeln – insbesondere die Kataloge, die unterlegen, um sie vom Rest des Covers abzuheben. Rechts:
die Designobjekte der Goslarer Manufaktur präsentieren. Auch im Innern der Publikationen kam UV-Lack zum Einsatz
Seit 2010 ist die Münchner Agentur Martin et Karczinski für
den Alape-Auftritt verantwortlich. In den aktuellen Kata-
logen arbeiten die Designer viel mit Ton-in-Ton-Optiken wie
weiß und hellgrau oder dunkelgrau und schwarz. Dies sorgt
für eine edle Anmutung, birgt aber die Gefahr, dass die Kon-
traste untergehen. Johannes Kemnitzer, Designer bei Martin
et Karczinski, entschied sich daher für UV-Lack. »Der partielle
Einsatz von UV-Lack erlaubt uns nicht nur, bei Ton-in-Ton-
Farben zu differenzieren, sondern schafft auch eine beson-
dere Haptik und ermöglicht außerdem Kontraste zwischen
matt und glänzend.« Ein weiterer Vorteil ist, dass der Lack
das Schwarz noch dunkler und kräftiger wirken lässt. Das
Cover des schwarzen Hauptkatalogs zeigt das ganze Ange-
bot von Alape-Badelementen als Schattenrisse mit UV-Lack
gedruckt. Auf der Front der in Weiß gehaltenen Auszugska-
taloge sind nur die jeweils enthaltenen Produkte auf diese
Weise hervorgehoben.
Um eine bessere Wirkung zu erzielen, ließ Johannes Kem-
nitzer die lackierten Stellen zunächst im normalen Offset-
druck mit einem Standartraster drucken: die weißen Umschlä-
ge mit einem leichten Grau (rund 3 Prozent Schwarzanteil)
an den zu veredelnden Stellen; die schwarzen Umschläge mit
einem 4c-Schwarz zum Unterlegen des UV-Lacks und Rein-
schwarz in den anderen Bereichen. Anschließend wurde der
Bogen zellophaniert, um die Kanten des Umschlags vor ei-
nem Aufbrechen zu schützen und die Oberläche zu mattie-
ren. Den UV-Lack trug die Druckerei, M&E Druckhaus aus
Belm bei Osnabrück, im Siebdruck auf. Kemnitzer reiste zum
Andruck extra dorthin, um Bogen für Bogen abzunehmen,
und auf Passgenauigkeit und Lack-
auftrag zu prüfen. Zusätzlich war bei Im nächsten Teil
jedem Weiterverarbeitungsschritt auf unserer Serie
Wunsch von Alape hin ein Martin-et- geht es um
Karczinski-Mitarbeiter vor Ort. dsc Beflockung
098 PAGE 09.12 TECHNIK

TOOLS & TECHNIK


Jonathan Minard »Wir wollten einen Dokumentar-
und James Georges ilm machen, der diese engmaschige
nutzen den Game- Community von Künstlern einfängt, die
Controller Kinect, um die künftigen Technologien durch ihre
Open-Source-Coder Programmcodes deinieren und ihre
und Medienkünstler Werke als Open Source zur Verfügung
zu porträtieren. Hier stellen«, erklärt James George. Den be-
Régine Debatty sonderen Reiz des volumetrischen Vi-
deos, wie er sich durch den Einsatz der
Kinect erreichen lässt, beschreibt er so:
»Es besteht eine starke Resonanz zwi-
schen Form und Inhalt: Die visuelle
Bearbeitung durch die Kinect relek-
tiert das digitale Universum, das die
Interviewten beschreiben.«
Während des Drehs arbeiteten der
Dokumentarilmer Minard und der
Softwareentwickler George an einer
eigenen Visualisierungs- und Schnitt-
software, die sie RGBDToolkit ( http://
rgbdtoolkit.com ) tauften. Sie basiert
auf openFrameworks, ebenjener Platt-

Kinect-Kino form, die auch die Protagonisten ihres


Films hauptsächlich nutzen, und ver-
bindet das vom Tiefensensor der Ki-
Mit »Clouds« entsteht gerade ein Dokumentarilm über die Größen der nect erfasste Material mit den von ei-
ner DSLR-Kamera aufgenommenen Bil-
Processing- und openFrameworks-Szene – und das mit der Kinect dern – ermöglicht also gleichzeitiges
Filmen und 3-D-Scanning. Genauer: Die
n Die führenden Code-Artists und und produziert wird mit Microsofts Software kombiniert die 3-D-Daten
openFrameworks-Developer mit ihren Game-Controller Kinect und einem der Kinect mit den Farbdaten der Spie-
eigenen Medien porträtieren – das ist selbst entwickelten openFrameworks- gelrelexkamera und generiert daraus
die Idee des ungewöhnlichen Filmpro- Toolkit. Ausgangspunkt des Projekts ein texturiertes Gitternetz mit 24 Bil-
jekts »Clouds« von James George und war die Konferenz Art && Code 3D, die dern pro Sekunde. »Unsere Visuali-
Jonathan Minard, Stipendiaten des im letzten Jahr am Studio stattfand – sierungssoftware erlaubt es, die 3-D-
Frank-Ratchye Studio for Creative mit Gästen wie Code-Designer Karsten Daten aus jedem Blickwinkel mit einer
Inquiry der Carnegie Mellon University Schmidt, Medientheoretikerin Régine virtuellen Kamera erneut zu ›fotogra-
in Pittsburgh ( http://studioforcreative Debatty, Software Artist Joshua Nimoy ieren‹«, so George.
inquiry.org ). Und das heißt: Gedreht (»Tron«) oder Marcus Wendt von Field.io Der fertige Film ist nicht als lineare
Abfolge geplant, sondern soll – ganz
wie bei Processing – aus generativen
Fragmenten bestehen, durch welche
sich der User navigiert und die sich je-
des Mal neu zusammensetzen. Es gibt
bereits eine Betaversion von »Clouds«
( http://is.gd/9j8xVh ), die aber nur eine
von vielen Repräsentationsmöglichkei-
ten darstellt. Für die Fertigstellung wol-
len Minard und George ab Herbst eine
Crowdfunding-Kampagne auf Kickstar-
ter initiieren, dann wird auch die erste
Version des RGBDToolkit erscheinen. vd

Die zu RGBDToolkit gehörige Visuali-


sierungssoftware führt die Daten-
ströme von DSLR-Kamera und Tiefen-
sensor der Kinect auf einem schnitt-
softwareähnlichen Interface zusammen
PAGE 09.12 099

Kleinste 4k-Videokamera der Welt Hardware


n Nur 29 mal 29 mal 30 Millimeter äußerst vielseitig einsetzen. Über eine +++ Polaroid-Hybrid. Die Z2300 Instant Digital
misst die Flea3 des kanadischen Her- frei programmierbare GPIO-Schnittstel- Kamera von Polaroid verbindet die digitale Welt mit
stellers Point Grey. Es gibt die Miniatur- le lassen sich alle Kamerafunktionen der physischen. Dieses Hybrid erstellt Fotos mit 10 Me-
videokamera in sieben unterschiedli- steuern; Entwicklerkits stehen für Li- gapixel Aulösung, besitzt eine SD-Karte mit 32 Giga-
chen Ausführungen. Alle benötigen nux und Windows zur Verfügung. Der byte Speicherkapazität, ein LC-Display und einen
zusätzlich ein C-Mount-Objektiv. Das Anschluss an den Computer erfolgt Lithiumionenakku. Der Clou aber ist ein integrierter
Top-Modell mit der sperrigen Bezeich- über ein USB-3.0-Interface. Mit unge- Miniprinter mit einer Kartusche für jeweils 10 Aus-
nung FL3-U3-88S2C-C liefert Aufnah- fähr 945 Dollar ist die FL3-U3-88S2C-C drucke im Format 5 auf 7,5 Zentimeter (2 mal 3 Zoll).
men in 4k-Qualität, also mit 4096 mal allerdings nicht billig. dsc Dieser ist mit der tintenlosen ZINK Technology aus-
2160 Pixeln. Während aber die nied- ≥ www.ptgrey.com gestattet und soll wasserfeste Prints produzieren.
riger aulösenden Geschwister hohe Die Z2300 Instant Digital Kamera steht für rund
Bildraten erreichen, kommt das 160 US-Dollar zur Verfügung. ≥ http://is.gd/polaroid
4k-Modell nur auf 21 Bilder pro +++ Mac OS X 10.8 unterstützt nicht alle Macs.
Sekunde. Die Aufnahmen wir- Apples Betriebssystem-Upgrade Mountain Lion un-
ken entsprechend ruckelig. terstützt nur eine begrenzte Anzahl von Macs. Selbst
Dank ihrer geringen Größe relativ neue Modelle von Ende 2008 gehören damit
lässt sich die Kamera jedoch zum alten Eisen. Eine ofizielle Erklärung dafür gibt
es nicht, wahrscheinlich sind alte 32-Bit-Graiktreiber
Die Flea3 nimmt bis zur Aulösung schuld, die die Graikkarten der älteren Rechner be-
von 4096 mal 2160 Pixeln auf nötigen. Auf diesen lässt sich Mountain Lion gar nicht
erst im Mac App Store laden. Eine Übersicht der ge-
eigneten Modelle gibt es hier: ≥ www.apple.com/
osx/how-to-upgrade +++ Spielkonsole Ouya. Ouya
Google schlägt zurück nennt sich eine Spielkonsole, die alles anders machen
soll: Sie soll nur knapp 100 Dollar kosten, jeder soll
n Im Wettstreit mit Apple und Ama- Gegen Apple TV, die Streaming-Lösung ohne Lizenzgebühr für sie entwickeln dürfen, und alle
zon hat Google bei ihrer Entwickler- aus Cupertino, fährt Google Nexus Q Titel sollen entweder vollständig kostenlos sein oder
konferenz I/O Ende Juni in San Fran- auf, eine futuristische schwarze Kugel, wenigstens zu einem kleinen Teil kostenlos spielbar
cisco klargemacht, wie die künftige umgeben von einem bläulich leuch- sein. Technische Grundlage ist das Betriebssystem
Strategie aussehen wird – und dazu tenden Ring, die das Design des Kon- Android. Das Start-up Ouya aus Los Angeles, das den
gehört viel eigene Hardware. Die AR- kurrenten altbacken aussehen lässt. gleichen Namen trägt wie die Konsole, ist zurzeit mit
Brille Google Glasses natürlich, vor Hintergrund der Hardwareoffensive außerordentlichem Erfolg dabei, über Kickstarter die
allem aber das bereits erhältliche ist, dass man künftig mit dem Google Finanzierung sicherzustellen. Bei Redaktionsschluss
Nexus 7, ein kostengünstiges eigenes Play Store Umsatz machen möchte. Die hatte das Team bereits das Fünffache der geplanten
Tablet, das Amazons enorm erfolgrei- Nexus-Geräte sollen die Kunden auf Geldsumme von 950 000 Dollar eingesammelt. Erste
chem Lesegerät Kindle Fire Konkur- die Plattform lotsen. dsc Speziikationen für Ouya stehen schon fest. Herzstück
renz machen soll. ≥ www.google.com/nexus/# wird der Quad-Core-Prozessor Tegra 3 mit 1 Gigabyte
RAM und 8 Gigabyte Flash-Speicher sein. An Schnitt-
stellen sind HDMI und USB sowie WLAN und Blue-
Grafiktabletts im Großformat tooth vorgesehen. Eine Kickstarter-Beteiligung ist
noch bis zum 9. August möglich. ≥ http://is.gd/ouya
n Wacom erweitert ihre Cintiq-Familie interaktiver Stiftdisplays um zwei neue konsole/ +++ Minivideokamera. Auf den ersten Blick
Mitglieder: das Cintiq 24HD touch und das Cintiq 22HD. So wie das bereits sieht die Zoom Q2 HD aus wie ein Diktiergerät,
erhältliche Cintiq 24HD bieten sie leistungsfähige HD-Displays im Breitbildformat, doch trotz des kugelförmigen, omnidirektionalen
einen extrem großen Betrachtungswinkel und hochwertige Farbperformance. Mikrofons, das das knapp 13 Zentimeter hohe Gerät
Erstmals in der Cintiq-Serie kombiniert optisch dominiert, handelt es sich dabei um eine
Wacom den Präzisionsstift mit vollwertige Videokamera, die Bilder bis zum Full-
ihrer Multitouch-Technologie, das HD-Format (1920 mal 1080 Pixel) aufzeichnet oder
neue Top-Modell 24 HD touch streamt. Sie verfügt über ein Fixfokusobjektiv mit ei-
lässt sich also sowohl mit den Fingern ner Blende von f/3,2. Koniguriert wird die Kamera
als auch über den Stift steuern. über das 2 Zoll große Display auf der Rückseite. Ein
Das Cintiq 22HD ist bereits für rund besonderes Feature sind zwei seitlich angebrachte
1800 Euro im Handel; das etwa Kondensatormikrofone, die im Zusammenspiel mit
3500 Euro teure Cintiq 24HD touch dem omnidirektionalen Mikrofon Mitte-Seiten-Auf-
soll im August erscheinen. dsc nahmen in einem zwischen 30 und 150 Grad verstell-
≥ www.wacom.eu baren Winkel liefern. ≥ www.zoom.co.jp vd/dsc
100 PAGE 09.12 TECHNIK Tools & Technik

Android-Emulator für den Mac


n Es gibt viele Gründe dafür, eine An- gibt es bereits kostenlos zum Auspro-
droid-App auf einem Desktop- oder bieren. Darunter sind eine Reihe von
Laptop-Computer laufen zu lassen – Spielen, aber auch ein Facebook-Client.
sei es zum schnellen Testen von Code Wann es das inale Release geben wird,
oder um sie tatsächlich zu nutzen. ist im Augenblick noch offen. dsc
Software Unter Windows ist das dank eines ≥ http://bluestacks.com
Emulators bereits seit einiger Zeit
+++ MobileMe ist Geschichte. Am 30. Juni war möglich, wenn auch bislang nur in ei-
endgültig Schluss bei Apples altem Cloud-Dienst Mo- ner Betaversion.
bileMe. Immerhin können Vergessliche zurzeit noch Nun hat sich der kalifornische An-
letzte Daten vom Server sichern. Mit iCloud ist nach bieter BlueStacks an eine Mac-Version
iTools, Mac und MobileMe die vierte Generation von gemacht. Eine frühe Alphafassung mit
Apples Cloud-Diensten online. MobileMe hatte dabei 17 Apps (siehe Abbildung rechts) – die
eine eher unrühmliche Rolle. Es wurde 2008 überhas- auch alle funktionieren wie erwartet –
tet gestartet und entsprach, wie Steve Jobs in ei-
ner Gardinenpredigt an die Entwickler schrieb, nicht
Apples Qualitätsmaßstäben. Dennoch ist bei vielen Bento fürs iPad wird selbstständig
Anwendern etwas Trauer angesagt, denn wichtige
Funktionen wie iDisk, iWeb-Publishing, das Galerie- n Auf dem iPad war Bento bislang nur Zu den Highlights zählen vierzig De-
Feature und die Synchronisation von Systemdaten eine Ergänzung zur eigentlichen Daten- signs, die das Retina-Display des iPad 3
inden sich in iCloud nicht mehr. Immerhin ist der Ser- bank, die auf dem Mac lief – und nur auf unterstützen und eine gut abgestimm-
vice in der Grundversion kostenlos. ≥ www.me.com dem Mac, Windows-Anwender blieben te Anpassung von Hintergrund, Schrift-
+++ Google Play. Google will vom großen Kuchen außen vor. Mit Bento 4 für das iPad soll art und Schattierung erlauben. Wei-
der Online-Inhalte proitieren und hat ihren App-Store nun alles besser werden: Die Daten las- tere Funktionen sind das Hinzufügen
noch einmal gründlich erweitert – allerdings zunächst sen sich auch auf dem Tablet bequem von Berechnungen, verschlüsselten Fel-
nur in den USA. Hinzugekommen sind Filme und TV- erfassen und verwalten, wobei die Syn- dern und Standortinformationen. Ben-
Serien sowie Zeitschriften, die man einzeln oder im chronisation mit der Desktop-Daten- to 4 für das iPad kostet 7,99 Euro. dsc
Abonnement erwerben kann. Damit schließt Google bank weiterhin problemlos möglich ist. ≥ http://is.gd/bento4ipad
ein wenig zu Apple und Amazon auf. App-Entwickler
können sich über einige Veränderungen hinter den
Kulissen freuen. So überträgt Google Play jetzt beim Gesichtsbewegungen übertragen
Update einer App nur noch jene Komponenten, die
tatsächlich verändert wurden. Außerdem verschlüs- n Faceshift soll ein Dilemma der Com- analysiert diese und gibt sie als Mar-
selt der Shop kostenplichtige Apps vor der Übertra- putergraikbranche lösen. Bei allen kerpunkte aus, die sich in ein 3-D-Pro-
gung über das Internet mit einem gerätespeziischen Fortschritten in den vergangenen Jahr- grammm importieren und dort mit
Schlüssel, um Raubkopierer abzuhalten. ≥ http://play. zehnten reicht doch nichts an die ech- dem Rig eines 3-D-Gesichtsmodells ver-
google.com/ +++ Android Jelly Bean. Wenige Tage te Mimik des menschlichen Gesichts binden lassen. Die bevorzugte Anwen-
nach der Vorstellung auf der Entwicklerkonferenz I/O heran. Die entscheidende Technolo- dung ist derzeit Maya. Alternativ kön-
begann Google im Juli, das jüngste Betriebssystem- gie zum Übertragen der Mimik heißt nen die Daten aber auch in Echtzeit
Update 4.1 für Android auszuliefern. Für Samsungs Motion Capturing. Eine neue Software auf ein Gesichtsmodell angewendet
Galaxy Nexus ist das Update bereits verfügbar. Wich- von Schweizer Wissenschaftlern soll werden. Faceshift beindet sich im
tigste Neuheit ist der systemweite Assistent Google das Verfahren nun deutlich verein- Übergang von der Beta- zur inalen Ver-
Now, der entfernt an Siri erinnert und dem Nutzer fachen und die Kosten senken. sion und soll bei Erscheinen dieser
nach Auswerten von dessen Standort, Bewegungspro- Mithilfe der Kinect erfasst die Soft- Ausgabe verfügbar sein. dsc
il und weiterer persönlicher Daten zum Beispiel die ware die Mimik eines Schauspielers, ≥ www.faceshift.com
Abfahrtszeiten der Züge an der nächsten U-Bahn-Sta-
tion liefert. Dank einer deutlich verbesserten Sprach-
erkennung muss der Anwender dazu nicht mehr tip-
pen. Eine weitere Neuheit ist eine Nachrichtenleiste,
zum direkten Bearbeiten eingegangene Anrufe oder
E-Mails. Hinzu kommen kleine Verbesserungen wie ei-
ne größere Fehlertoleranz bei der Eingabe über die
Tastatur und eine bessere Autokorrektur. ≥ www.
android.com +++ Gebrauchte Software verkaufen.
Die Rechte von Verkäufern älterer Software hat der
Europäische Gerichtshof deutlich gestärkt. Am 3. Juli
urteilten die Richter, dass es rechtmäßigen Eigentü-
mern einer Softwarelizenz immer gestattet sein muss,
diese weiterzuverkaufen. Im Rechtsstreit zwischen
Oracle und dem Gebrauchtsoftwarehändler UsedSoft
ging es darum, ob der Käufer einer gebrauchten Li-
zenz die Software sowie Wartungsupdates vom Server
des Anbieters laden darf. ≥ http://is.gd/usedsoft dsc Faceshift soll das Motion Capturing von Gesichtern billiger und besser machen
108 page 09.12

KALENDER
Messen • Kongresse • Seminare Messen • Kongresse • Seminare
Köln Game Developers Conference Europe 2012 Berlin EcoPrint Europe

Von unten: Golan Levin und Shawn Sims: Free Universal Construction Kit; »Guest«, fotograiert von Walter Pfeiffer, aus »Monopol« (Nr. 11). Nominiert für einen LeadAward in der Kategorie Mood- und Modefotograie des
13. bis 15. August Konferenz für Game-Entwickler Koelnmesse 26. bis Forum für Umweltschutz und Nachhaltigkeit in der
≥ www.gdceurope.com 27. September Druckindustrie – mit so renommierten Sprechern
wie Cradle-to-Cradle-Vordenker Michael Braungart,
Köln Gamescom 2012 Klima-Experte Hans Joachim Schellnhuber oder
15. bis 19. August Messe für interaktive Spiele und Unterhaltung Patrick McGuirk, Recycling Director bei Coca-Cola
Koelnmesse Station Berlin
≥ www.gamescom.de ≥ www.ecoprintshow.com

Hamburg UX Camp Hamburg 2012 Hamburg Leitmedium Design 1: Gutes Design entwickeln
18. August Barcamp rund um User Experience 5. Oktober PAGE-Seminar mit Jochen Rädeker (siehe Seite 74)
SinnerSchrader Gastwerk Hotel Hamburg
≥ http://uxcamphh.de/ ≥ www.page-online.de/seminar

Berlin Campus Party Europe in Berlin Hamburg Leitmedium Design 2: Gutes Design gut verkaufen
21. bis 26. August Junges Technologiefestival mit Vorträgen, Diskus- 6. Oktober PAGE-Seminar mit Jochen Rädeker (siehe Seite 75)
sionen und Workshops Flughafen Tempelhof Gastwerk Hotel Hamburg
≥ www.campus-party.eu ≥ www.page-online.de/seminar

Hamburg Visual Thinking Lessons Frankfurt Frankfurter Buchmesse 2012


27. August Workshop von PAGE & Good School (siehe Seite 37) 10. bis Mit Gastland Neuseeland Messe Frankfurt
Good School 14. Oktober ≥ www.buchmesse.de/de
≥ www.page-online.de/seminar
Hongkong ATypI Hong Kong 2012
Berlin IFA 2012 10. bis Konferenz der Association Typographique Internatio-
31. August bis Im Rahmen der Consumer-Electronics-Messe indet 14. Oktober nale zum Thema »mò – between black and white«
5. September die medienwoche@IFA mit dem Internationalen School of Design, Hong Kong Polytechnic University
Medienkongress (3. bis 4. September) und weiteren ≥ www.atypi.org/hong-kong-2012
Veranstaltungen statt ICC Berlin
≥ http://b2c.ifa-berlin.de; www.medienwoche.de Hamburg Boom! Transmediales Story-Training
26. bis Workshop von PAGE & Good School (siehe Seite 95)
Brighton Reasons to be Creative 27. Oktober Good School
3. bis Die Konferenz für »Creative Designers & Creative ≥ www.page-online.de/seminar
5. September Coders« tritt die Nachfolge von Flash On The Beach an
Brighton Dome Festivals • ausstellungen
≥ www.reasonstobecreative.com
Köln Platine Festival 2012
Hamburg Design Management mit Christine Hesse 13. bis 16. August Das Festival für elektronische Kunst und alternative
10. September PAGE-Seminar zum Zusammenspiel von Design und Spielformen präsentiert die Arbeiten von mehr
Business (siehe Seite 62 f.) Gastwerk Hotel Hamburg als zwanzig internationalen Medienkünstlern, Ent-
≥ www.page-online.de/seminar wicklern und Gamedesignern
Arttheater und andere Orte in Köln-Ehrenfeld
Köln dmexco 2012 ≥ www.platine-cologne.de
12. bis Digital-Marketing-Konferenz und -Messe Koelnmesse
13. September ≥ www.dmexco.de Hamburg Visual Leader 2012
Bis Was hatte das Jahr 2011 an stilbildenden, trendsetzen-
Freiburg Smashing Conference 26. August den Entwicklungen in der visuellen Kommunikation
17. bis Workshops und Vorträge für Webdesigner und zu bieten? Die Ausstellung zeigt die bei den Lead-
Jahres (Ausschnitt); Jherin Miller: PixelPolaroids

19. September -developer Historisches Kaufhaus Awards nominierten und ausgezeichneten Arbeiten –
≥ http://smashingconf.com/ von Fotoserien über Magazinstrecken bis hin zu Web-
sites und Anzeigen Haus der Photographie
Köln photokina 2012 ≥ www.deichtorhallen.de
18. bis Digital-Imaging-Event Koelnmesse
23. September ≥ www.photokina.com Linz Ars Electronica 2012
30. August bis Unter dem Motto »The Big Picture« fragt das einluss-
Potsdam d.confestival – Design Thinking The Future 3. September reiche Festival für Kunst, Technologie und Gesell-
20. bis Internationales »Multi-Layer Forum« zu Fragen schaft nach unseren Weltbildern für die Zukunft.
22. September des Design Thinking (siehe Seite 15) Am 31. August indet die Preisverleihung statt
Hasso-Plattner-Institut Ars Electronica Center
≥ www.hpi.dconfestival.net ≥ www.aec.at
page 09.12 109

≥ Weitere Termine unter www.page-online.de/events. Dort können Sie uns auch Ihre Veranstaltungstermine mitteilen

Festivals • ausstellungen Wettbewerbe


Berlin Lange Nacht der Illustration in Berlin Bis Annual Multimedia 2013
Foto: Umberto Romito © ZHdK; Tobias Zielony: Dirt Field, 2008 (aus der Serie Trona – Armpit of America), C-Print, 56 x 84 cm, Sammlung Halke / Courtesy KOW, Berlin © Tobias Zielony; Junji watanabe, Tomofumi Yoshida,

31. August Ateliers, Cafés und (Buch-)Läden in Prenzlauer Berg 3. August Die Kategorien des Wettbewerbs reichen von Web-
Von unten: Ed Ruscha: Oh No, 2011, Handgestochenes Intaglio auf Buchschnitt, 28 x 22 x 8 cm, Foto: Paul Ruscha © Ed Ruscha; Plastikkanister, Fundstück aus dem Plastikschwemmgut, Museum für Gestaltung Zürich,

Ab 17 Uhr öffnen ihre Türen und zeigen aktuelle Arbeiten von site über Social Media bis hin zu Digital Signage
über hundert Illustratoren (siehe Seite 88) ≥ www.annual-multimedia.de
≥ www.io-home.org
Bis Visual Music Award 2012
Darmstadt A House Full of Music. Strategien 6. August Contest für Arbeiten zur Visualisierung von Musik
Bis 9. September in Musik und Kunst ≥ http://visualmusicaward.de
Diese äußerst interessante interdisziplinäre
Ausstellung macht zwölf Grundstrategien der Bis Young Illustrators Award 2012
modernen Musik und Kunst erfahrbar, die 1. September Eingereicht werden können Illustrationen, graisch
da sind: Speichern, Collagieren, Schweigen, Zer- geprägte Kunstprojekte, Animationen und Buchkunst
stören, Rechnen, Würfeln, Fühlen, Denken, ≥ www.illustrative.de
Glauben, Möblieren, Wiederholen und Spielen
Mathildenhöhe Darmstadt Bis MEKAward Nachwuchspreis 2012
≥ www.mathildenhoehe.info 7. September Studenten und Auszubildende in der Kreativbranche
bis 29 Jahre sind aufgerufen, das Thema »Kleines
groß, Großes klein« umzusetzen – egal, ob in Form
Hideyuki Ando: Save yourself!!! (2007), Foto: Hideyuki Ando; Anne-Julie Raccoursier: Noodling, 2006. Video Installation, 7’20’’, Videostill, Courtesy der Künstlerin

Kassel documenta (13)


Bis Weltkunstschau einer App, einer Kampagne, als Performance
16. September ≥ http://d13.documenta.de oder graisches Artwork. Außerdem gibt es einen
Sonderpreis für Arbeiten, die einen regionalen
Berlin Ars Electronica »Impuls und Bewegung« Bezug zu Karlsruhe haben
Bis Eine bisschen »Ars Electronica« nach Berlin bringt ≥ www.meka-online.de
16. September diese Ausstellung mit zwölf, meist interaktiven Expo-
naten und sechs Videoarbeiten von internationalen Bis DDC – Gute Gestaltung 13
Medienkünstlern. Sie alle beschäftigen sich mit dem 14. September/ Acht Kategorien – von Digital Media und Graphic Fine
Verhältnis von Fremd- und Selbstbestimmung 30. September Arts bis hin zu Marketingkommunikation – umfasst
Volkswagen Automobil Forum Unter den Linden der Designwettbewerb, bei dem sich Arbeiten aus
≥ http://is.gd/impuls_und_bewegung den Jahren 2011 und 2012 einreichen lassen. Der
frühere Einsendeschluss gilt für Geschäftsberichte
Hamburg Lost Places. Orte der Photographie ≥ www.ddc.de
Bis Einige der wichtigsten zeitgenössischen Fotokünst-
23. September ler – darunter Thomas Demand, Candida Höfer, Jeff Bis Stipendien für Medienkünstlerinnen aus NRW
Wall, Andreas Gursky und Tobias Zielony – präsen- 15. September Interessentinnen sind eingeladen, sich mit dem
tiert diese Ausstellung unter einem gemeinsamen Konzept für ein Medienkunstprojekt zu bewerben
thematischen Fokus: der Auseinandersetzung mit ≥ www.hmkv.de/
Orten und Lebensräumen Galerie der Gegenwart
≥ www.hamburger-kunsthalle.de/ Bis Viral Video Award 2012
16. September Gesucht sind virale Internetilme »mit Botschaft«
Zürich Endstation Meer? Das Plastikmüll-Projekt ≥ www.viralvideoaward.com
Bis Der gern übersehenen Kehrseite unserer Konsum-
23. September kultur widmet das Züricher Museum für Gestaltung Bis Content Award 2012
ein spannendes, auf aktive Auseinandersetzung 17. September Mit dem Wettbewerb will die Stadt Wien die lokale
und Mitwirkung angelegtes Ausstellungskonzept. Kreativszene sowie junge Medienschaffende
Es geht dabei nicht nur darum, auf die ungeheu- fördern. Es gibt die Kategorien Games, Apps, Shorts,
ren Mengen an Plastikmüll in unseren Weltmeeren Visuals und Open
aufmerksam zu machen, sondern auch kreative ≥ www.contentaward.at
und praktische Lösungsansätze aufzuzeigen
Museum für Gestaltung Bis iF communication design award 2013
≥ www.PlasticGarbageProject.org 19. September Bei dem Contest lassen sich Arbeiten aus den unter-
schiedlichsten Feldern des Kommunikationsdesigns
Bregenz Ed Ruscha. Reading Ed Ruscha einreichen – einschließlich Game Art, Corporate
Bis Die von dem amerikanischen Künstler und Graik- Architecture oder Research und Development
14. Oktober Designer selbst konzipierte Ausstellung widmet sich ≥ www.ifdesign.de
der Bedeutung des Buchs beziehungsweise dem
Akt des Lesens in seinem Werk. Dabei beschränkt Bis dpa-infografik award 2012
sie sich nicht auf Ed Ruschas Malerei, sondern 30. September Auszeichnung für Infograiken aus dem deutsch-
präsentiert auch Buchobjekte, Zeichnungen und sprachigen Raum – erstmals gibt es den Preis auch
Ölgravuren Kunsthaus Bregenz für animierte und/oder interaktive Infograiken
≥ www.kunsthaus-bregenz.at/ ≥ www.dpa-infograik.com
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PUBLIKATIONEN

n »Autopsie«. Manfred Heiting ist


nicht nur Mitgründer so wichtiger In­
stitutionen wie dem Fotograie Muse­
um Amsterdam (bekannt als Foam)
und dem Fotograie Forum Frankfurt.
Er sammelt auch seit Jahrzehnten Fo­
tos und seit den 1990ern Fotobücher.
Eine Leidenschaft, die ansteckend sein
kann – und der Übertragung dieses
Virus dienen Heitings Bücher. Erst ver­
gangenes Jahr erschien bei Steidl sein
»Deutschland im Fotobuch«, das sich
mit dem Deutschlandbild in­ und aus­
ländischer Fotografen befasste. In sei­
nem jüngsten Wälzer zeigt er deutsch­
sprachige Fotobücher aus dem Zeit­
raum von 1918 bis 1945, einem seiner
Hauptsammelgebiete.
Dass Heiting von Anfang an großen
Wert auf die bestmögliche Erhaltung
seiner Sammelobjekte legte, macht
sich nun auch in »Autopsie« bemerk­
bar: Die Qualität der Bilder ist brillant,
die gezeigten Bücher sehen fast durch­
weg wie neu aus. Ein visuelles Vergnü­
gen, das durch enorm kenntnisreiche
Texte von Fachleuten untermauert
wird. Zur Reise in längst vergangene
Zeiten laden etwa die Reihe »Orbis
Terrarum« mit Bildern aus fernen Län­
dern oder die »Heimatbücher der Men­
schen« ein, die um 1910 Bilder deut­
scher Landschaften mit literarischen
Texten verbanden. Anderes ist un­
glaublich modern. Etwa die von Jan
Tschichold gestaltete »Fototek«, die
1930 in Einzelbänden Avantgardefoto­
grafen vorstellte und die in einer heu­
tigen Buchhandlung bloß durch be­
sonders gutes Design auffallen wür­
den. Dann wieder gibt es Kurioses zu
entdecken, wie das Handbuch »Photo­
Tricks und Photo­Scherze« von 1931 –
Vorläufer heutiger Photoshop­Scherze.
Wir raten: Öfter mal in Antiquari­
ate gehen, denn Fotobücher sind ein
Kulturerbe, zu dessen Erhaltung jeder
Sammler beiträgt. Und Band 2 von
»Autopsie« kaufen, der für den Herbst
Mit »Schaubüchern«, die Dinge durch Bilder
2012 angekündigt ist.
erklären, wollte der Verlag Orell Füssli 1929 einen
> Manfred Heiting, Roland Jaeger:
Gegensatz zu Lesebüchern schaffen
Autopsie. Deutschsprachige Foto­
bücher 1918 bis 1945. Band 1. Göttingen
(Steidl) 2012, 516 Seiten. 95 Euro.
isbn 978-3-86930-412-0
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kleben muss – das Buch, das teilweise


doch komplexe Arbeiten präsentiert,
kommt ohne Erklärungen daher. Doch
die Abbildungen sind so gut gewählt,
dass man die Projekte meist auch so
versteht. Ansonsten sind hinten im
Buch nummerierte Sticker zu inden,
die man auf einen kleinen Kreis mit
derselben Nummer kleben soll oder
kann. Da jeder eine etwas andere Po­
sition wählen wird, entstehen viele in­
dividuelle Layouts. So wird das Buch
n »Hands On«. Dass der für aufwen­ selbst zum Beweis, wie stark hands­on
dige Ausstattung bekannte Verlag design den Betrachter involviert. Viele
viction:ary sich zum Thema interak­ Branding­, Packaging­ und Direct­Mail­
tives Printdesign etwas einfallen las­ Projekte in dem Überblicksband zeigen
sen würde, war klar. Recht harmlos ist weitere inspirierende Ideen.
noch das Wackelbildcover, das zeigt, > viction:ary: Hands On. Interactive
wie sich die darauf abgebildeten Pro­ Design in Print. Hongkong (viction:ary)
jekte durch Interaktion verändern. Ge­ 2012, 232 Seiten. 39,95 Dollar.
wagter ist, dass man die Texte erst ein­ isbn 978-988-19438-3-5

»Hands On« lädt auch


selbst zur Interaktion mit
den Händen ein

n »Advertising for People Who Der glänzend und witzig geschrie­ Kurz, ein Buch, das jeder lesen sollte,
Don’t Like Advertising«. Werbung bene Text von KesselsKramer wird er­ der mit Werbung zu tun hat – und das
nervt. Beim Fernsehen und beim Sur­ gänzt durch Interviews mit Leuten, die zugleich Werbung für eine sehr smarte
fen. Aber das ist nicht das Schlimmste: ebenfalls kein Blatt vor den Mund neh­ Agentur macht. Na also, geht doch. cg
Werbung feuert überlüssigen Kon­ men. Wie Stefan Sagmeister oder Alex > KesselsKramer: Advertising
sum an, der den Planeten kaputtmacht Bogusky, der sich 2010 aus der Werbung for People Who Don’t Like Advertising.
und die Menschheit in unterbezahl­ zurückzog und seither die Konsumkul­ London (Laurence King) 2012,
te Arbeitssklaven und gedankenlose tur von innen umzukrempeln versucht 240 Seiten. 19,95 Pfund.
Shopping Victims aufteilt. Wohl einer (siehe http://fearlessrevolution.com ). isbn 978-1-85669-825-2
der Gründ dafür, dass Werber im An­
Der britische sehen vieler Leute nur knapp über
Designer Waffenhändlern stehen, wie es in der
Anthony Burrill Einleitung zu diesem Buch heißt.
beantwortete Solche radikalen Überlegungen
Interviewfragen stellen nicht etwa linke Aktivisten an,
sehr eindeu- sondern die Werbeagentur Kessels­
tig mit Bildern Kramer. Die berühmte Kreativschmie­
de arbeitet in Amsterdam übrigens
nur mit einem Team von maximal
35 Leuten. Nicht um jeden Preis zu
wachsen ist Teil ihrer Philosophie –
wobei darunter nicht das übliche
Unsere­Philosophie­Blabla zu verste­
hen ist, sondern knallharte Fragen
nach der Ethik von Marketing und den
Herausforderungen, die sich der Wer­
bung heute stellen.
112 PAGE 09.12 Publikationen

Neuerscheinungen – kurz vorgestellt


Gavin Ambrose, Neil Leonard: Design Research. Lausanne (AVA Wobei der Höhne­Band wohl erst Mitte August erscheint. Monika
Publishing) 2012, 184 Seiten. 23,50 Pfund. 978­2­940411­74­0. Das in der Monzel: Kreatives Intermezzo. Das Workbook der Ideenindung.
Reihe »Basics Graphic Design« erschienene Buch zeigt anhand vieler Köln (AdCoach Publishing/Books4biz) 2012, 128 Seiten. 9,80 Euro.
Beispiele, wie Gestalter durch Recherche zu kreativen Ideen kommen – 978­3­943369­00­7. Praktisches Arbeitsbüchlein für Kreativitätstech­
wie Matthieu Delahaie bei der oben gezeigten Montage für die Band niken, aufbereitet im Workshop­Stil. Beda Achermann (Hrsg.): Big
Tëkel. Kai Diekmann (Hrsg.): Das BILD-Buch. Köln (Taschen) 2012, Time. The Legendary Style of Männer Vogue, 1984–1989. Göttingen
748 Seiten. 99,99 Euro. 978­3­8365­3863­3. Mal wieder ein ziemlicher (Steidl) 2012, 365 Seiten. 65 Euro. 978­3­86930­445­8. Rückblick auf das
Hammer aus dem Taschen Verlag: Je eine »Bild«­Titelseite jedes Mo­ von Beda Achermann gestaltete Kultmagazin, das mit Größen wie
nats von Juni 1952 bis heute, im Format 37,2 mal 53 Zentimeter. Die Zei­ Herb Ritts, Peter Lindbergh oder Helmut Newton arbeitete und junge
tung gönnt sich das Buch zum 60. Geburtstag selbst – mit Essays von Fotografen wie Mario Testino, Ellen von Unwerth und Max Vadukul
Stefan Aust, Sebastian Turner, Ferdinand von Schirach und Franz bekannt zu machen half. Chip Kidd: Batman: Death by Design.
Josef Wagner hält sich die Selbstkritik sehr in Grenzen. Da kann New York (DC Comics) 2012, 112 Seiten. 17,95 Euro. 978­1401234539.
man nur sagen: »Bild dir deine Meinung!« Robert Klanten, Hendrik Designstar Chip Kidd ist nicht nur als Buchcovergestalter bekannt,
Hellige (Eds.): Black Antoinette. The Work of Olaf Hajek. Berlin sondern auch als Comicfan. Mit Zeichner Dave Taylor veröffentlichte
(Gestalten) 2012, 144 Seiten. 39,90 Euro. 978­3­89955­452­6. Frank er nun eine Batman­Graphic­Novel, deren Titel »Death by Design«
Höhne: The Book of Bock. Berlin (Gestalten) 2012, 160 Seiten. 29,90 Eu­ wörtlich zu nehmen ist: Gotham City soll futuristisch umgebaut
ro. 978­3­89955­456­4. Der Gestalten Verlag widmet je ein Buch zwei werden, wird aber von Designfehlern aller Art bedroht – ob falsche
erfolgreichen deutschen Illustratoren, die unterschiedlicher nicht sein Bauberechnungen, brüchige Materialien oder Softwarepannen. De­
könnten: der eine opulent­malerisch, der andere witzig kritzelnd. sign­ und Architektursatire mit durchaus ernstem Hintergrund. cg

Erschreckend war bei Letzteren, ständig von »großer Tapferkeit«


Was lesen Sie? und »wahrem Heldenmut« zu lesen, der sich nur in Schmerz und
Tod Ausdruck zu schaffen vermag. Auch Lob ist da zu lesen über
Felix Gephart, Illustrator, Berlin Generäle wie Ludendorff, der sich später der NSDAP zuwandte,
www.felixgephart.de oder Hindenburg, der wie viele andere den totalen Militärstaat
forderte, inklusive Wehrdienst vom 16. bis zum 60. Lebensjahr,
übrigens auch für Frauen.
Eins der bahnbrechenden Bücher zum Ersten Weltkrieg ist ja »Three
Sie haben Dalton Trumbos Roman »Und Johnny zog in den Krieg« Soldiers« von John Dos Passos.
von 1939 neu illustriert, die Geschichte eines jungen Mannes, Erst wird der »Feind« in der Propaganda theoretisch entmensch­
den eine Granate zum bewegungs- und sprachlosen Fleischklum- licht, dann wird er dementsprechend behandelt. Im Krieg zu tö­
pen macht (siehe Seite 79). Wie hat die Lektüre auf Sie gewirkt? ten ist letztlich Mord. Darum geht es unter anderem in »Three
Felix Gephart: Erschütternd. Aber über einen ausschließlich Soldiers«, das ich als Hörbuch gehört habe – wie oft während
emotionalen Zugang kann man ein Buch nicht bebildern. Erst des Zeichnens. Dos Passos erzählt, wie schlechte Charakterei­
beim zweiten, analytischen Lesen habe ich über die praktische genschaften sich im Krieg erst wirklich entfalten und gute in ei­
Umsetzung nachgedacht. ner alles zertrampelnden Maschinerie zerstampft werden. Wie
Was haben Sie noch zum Thema gelesen? selbst ein überaus sensibler Musiker zu einem karrieregeilen
Unter anderem die »GEO Epoche«­Hefte zum Ersten Weltkrieg, die Soldaten wird. Ein anderer amerikanischer Soldat ermordet ei­
hervorragend bebildert sind. Brigitte Hamanns kritisches »Der nen rivalisierenden Kameraden aus der eigenen Einheit. Vom
Erste Weltkrieg« und die immer gestochen scharf illustrierten Töten des Gegners ist das im Zustand kriegerischer Abstumpfung
Geschichtsbücher aus dem englischen Verlag Dorling Kindersley. wohl nur einen Schritt entfernt.
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deutscher Designer (AGD), des Bundes
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114 PAGE 09.12 Fundstücke von Jürgen Siebert

Social TV
Kühne Kommentare von Jürgen Siebert zu Trends, Ereignissen und
dem ganz normalen Alltagswahnsinn eines Kreativen

n Ich glaube nicht an den seit Jahren relang eingesetzten Werkzeuge. Mein Twitter zählte während des EM-Fina-
angekündigten Einzug des Internets Schlüsselerlebnis war die Einführung les 16,5 Millionen Tweets. Im Durch-
ins Fernsehgerät. Bis ich an meinem des digitalen Schreibens Anfang der schnitt wurden pro Sekunde mehr als
Smart TV eine Website aufgerufen ha- 1980er Jahre. Stift oder Schreibmaschi- 15 000 Nachrichten versendet, steht
be, vergehen Minuten. Das liegt so- ne haben das Verfassen von Gedan- im Firmenblog. In manchen Ländern
wohl an der umständlichen (Fern-)Be- ken nie so adäquat unterstützt wie versuchte man den Trafic mit Sport-
dienung wie auch an der bescheidenen das Texten am Bildschirm. Promis zu befeuern. In Deutschland
Rechen-Power. Am Fernseher surfen Fernsehen pur hat mich auch nie setzten beispielsweise Franz Becken-
ist wie Netscape Navigator Ende der ausgelastet. Neben Essen und Trinken bauer und Oliver Kahn ihre ersten
Diese und weitere 1990er Jahre. Twitter geht gar nicht, habe ich vor dem Fernseher schon im- Tweets an die Fans ab; das ZDF be-
Fundstücke von auch Facebook macht keine Freude, mer sehr gerne Zeitung gelesen, ir- leuchtete die Premiere dauerhaft mit
Jürgen Siebert fin- wenn man es mit dem leichten Zu- gendetwas repariert oder Telefonge- Expertenkommentaren. 
den Sie unter gang auf einem Tablet vergleicht. Das spräche mit Freunden geführt. Ich ken- Soziologen nennen das Phänomen
www.page-online. größte Manko: Während der Online- ne Menschen, ja ganze Nationen, da Social TV, eine Art Public Viewing im
de/fundstuecke Session verpasse ich das Geschehen läuft der Fernseher ununterbrochen, Wohnzimmer: Obwohl man alleine ist,
auf dem gewählten TV-Kanal. so wie ein Radio: Keiner guckt hin. In- schaut man virtuell mit anderen Fern-
Im Moment geht der Trend zum tendanten, Werbetreibende oder Quo- sehen. Neben Fußball laden insbeson-
Zweitbildschirm, Fachleute sprechen tenwächter wollen von dieser Gleich- dere Casting- und Talkshows zum di-
von der Second-Screen-Nutzung. Re- gültigkeit nichts wissen, und so wird rekten Kommentieren ein. Auf diese
präsentative Untersuchungen bestä- gar nicht erst versucht, diese statis- Weise wird jeder Zuschauer zum Fern-
tigen das Phänomen. Die Darmstädter tisch zu erheben. Zu groß wäre die Er- sehkritiker, der schneller veröffentlicht
Unternehmensberatung Anywab hat nüchterung der Bündnispartner einer als jede Tageszeitung . . . sogar Spiegel
im Mai ungefähr 2000 Internetnutzer Wertschöpfungsspirale, aus der Millio- Online hinkt hinterher. 
zu ihrem Second-Screen-Verhalten be- nenumsätze generiert werden. Kein Wunder, dass es für die neue
fragt. Die Hälfte von ihnen nutzt be- Die Gerätehersteller haben ehrli- Freizeitbeschäftigung bereits die ers-
reits den Zweitbildschirm beim Fern- chere Zahlen. Laut einer Untersuchung ten Apps gibt. Beispielsweise Couch-
sehen, insbesondere die 14- bis 24-Jäh- des Zentralverbands Elektrotechnik- funk für das iPad, entwickelt von ei-
rigen. Zwei Drittel der Befragten su- und Elektronikindustrie und der Ge- nem Start-up aus Radebeul. Die bei-
chen dabei zusätzliche Informationen sellschaft für Unterhaltungs- und Kom- den Gründer Uz Kretzschmar und Frank
zur Sendung. 45 Prozent machen das munikationselektronik anlässlich der Barth bezeichnen ihre kostenlose An-
mehrmals im Monat, 27 Prozent mehr- bevorstehenden IFA hat das TV-Gerät wendung als persönlichen Social-TV-
mals in der Woche, 6 Prozent sogar seine Exklusivität bei der Wiedergabe Service, mit dem sich Zuschauer vom
täglich. Ganze 57 Prozent bestätigten, von Bewegtbildern endgültig verloren. Fernsehen auf völlig neue Art begeis-
dass sie beim Fernsehen soziale Netz- Immer mehr Menschen setzen mobile tern lassen sollen. Wer die App startet,
werke besuchen: 36 Prozent posten, Geräte oder ihren Computer ein, um bekommt eine Übersicht häuig disku-
was sie gerade sehen, und ein weite- Nachrichten, verpasste Serienfolgen tierter Programme präsentiert. Zu je-
res Drittel sieht nach, was sich die oder YouTube-Filmchen zu konsumie- dem gibt es eine Proilseite mit einer
Freunde ansehen. ren. Das Problem der TV-Hardware- knappen Beschreibung sowie einen
Für Anywab-Geschäftsführer Boris Hersteller: Der Absatz läuft zwar gut, chronologischen Stream von Zuschau-
von Heesen kommt das Second-Screen- aber die Gewinnmargen sind so ge- erkommentaren – sowohl solche, die
Phänomen einer schleichenden Revo- ring, dass es schwer wird, davon neue auf Grundlage redaktionell geplegter
lution gleich, die mittelfristig das Fern- Innovationen zu inanzieren, zum Bei- Hashtags aus Tweets importiert wer-
sehverhalten und auch das Angebot spiel eine standardisierte Sprachsteu- den, als auch direkt über die Couch-
der Sender in erheblicher Weise verän- erung. Es zeichnet sich ab, dass die funk-App veröffentlichte.
dern wird. Das glaube ich auch, aller- Computerindustrie das verlorene Ter- Was derzeit noch in solchen Apps
dings wehre ich mich dagegen, Ursache rain in den kommenden Jahren kom- fehlt, ist das Live-TV-Bild. Dann käme
und Wirkung zu vertauschen. Meine plett besetzen wird. endlich zusammen, was zusammen-
Dauerthese: Neue Techniken bedienen Die Fußball-EM 2012 bescherte dem gehört: nicht das Netz in den Fernse-
uralte menschliche Gewohnheiten und Doppelschirm-Fernsehen einen enor- her, sondern das Fernsehen ins Netz.
Bedürfnisse schlicht besser als die jah- men Schub. Der Kurznachrichtendienst Der Tag wird kommen.

Soziologen nennen das Phänomen Social TV, eine Art


Public Viewing im Wohnzimmer: Obwohl man
alleine ist, schaut man virtuell mit anderen Fernsehen.