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Remix-Strategien Zu Besuch bei Nobrow Making-of: 3-D-Kampagne


Diese Trends mischen die Wie zwei Londoner Animation-Artists Lukas Lindemann Rosinski setzt
visuelle Kommunikation auf kultige Illustrationsbücher machen echte Gefühle in 3-D-Bildwelten um
Editorial PAGE 10.12 003

Für Dummys
erst Visualisierungen sorgen für den
gewünschten Aha­Effekt.
Scribbles und Mockups können bin­
nen kurzer Zeit ohne großen Kosten­
aufwand Gedanken sichtbar und erleb­
bar machen und so helfen, Konzepte
dem Kunden näherzubringen oder im
Team zu kommunizieren. Zudem sind
sie ein prima Instrument, um das, was
uns vorschwebt, zu überprüfen. Die
Qualität der Ausarbeitung spielt zu
Beginn denn auch keine Rolle. Im Ge­
n Ich beschreibe Ihnen jetzt mal ein genteil: Je detaillierter eine Idee kon­
* http://is.gd/3Z1XcW; Foto: Kirsten Nijhof

Anzeigenmotiv, das beim ADC Wettbe­ kretisiert ist, desto eher ist sie ge­
werb ausgezeichnet wurde: Da ist von schmäcklerischen Diskussionen ausge­
oben ein belebter Strand zu sehen, setzt – und das ist im frühen Stadium
unten angeschnitten eine kreisrunde weder förderlich noch gewünscht.
Freiläche, darin ein einzelner Beach­ Ja, im Idealfall ist die Idee gerade
boy. »Big Bubbles«. Hubba Bubba.* – mal auf die legendäre Serviette ge­
Na, zündet’s? Nein? Schlechte Idee? kritzelt, schon ist sie gekauft. Doch die
Schlecht erzählt? Entwicklung eines Erscheinungsbilds
Na, dann probieren Sie’s doch selbst oder einer Website ist ein dynamischer
einmal: Bringen Sie die Ideen von Top­ Prozess. Weder der Kunde noch wir
Artworks in jeweils einem Satz auf selbst wollen uns da auf eine einzige,
den Punkt und beschreiben Sie sie simple Skizze verlassen. Wie also ver­
einem Bekannten. Auch Sie werden anschaulichen wir komplexe Design­
die Erfahrung machen, dass selbst die vorhaben, wie simulieren wir inter­
beste Goldidee, verbal rübergebracht, aktive Interfaces? Techniken und Tools
ihre Wirkung verfehlen kann. Und ge­ für Dummys – von der ersten Hand­
nauso ergeht es unseren Ideen. Bei zeichnung bis zum Experience Proto­
Präsentationen, bei Brieings, beim typ – inden Sie ab Seite 22. Einfach
Lunch. Worte sind meist zu wenig, und bildreich erklärt.
Gabriele Günder,
Chefredakteurin/Publisher
Cover: precious design studio ( http://precious­forever.com)

Den Titel gestaltete


precious design studio.
Zur Veranschaulichung,
Prüfung und Abstimmung
ihrer Ansätze schickte
precious Schnappschüsse.
Auf diese Weise gelang-
ten wir iterativ zur
Lösung: ein Cover als
Dummy seiner selbst
004 page 10.12

INHALT
SZENE
006 Was die Branche bewegt
Hypnotisierendes On-Air- und Off-Air-Design für
4seven; Plakatausstellung; Museums-CI von Penta-
gram; Brooks-Microsite; neues »BMW Magazin«

016 Branche & Karriere


Agentur im Dorf; Kreative als Urban Gardener;
Business Basics; Coworking Space in Düsseldorf

020 Ausbildung
Intermediales Buchprojekt; »Luks Magazin«

TITEL
022 n Kreative Konzepte visualisieren
Vom Scribble über haptische und 3-D-Modelle bis
hin zum Screen-Mockup – das Veranschaulichen
einer Idee ist der erste Schritt zu ihrer Umsetzung,
aber auch die Grundlage für die erfolgreiche
Kommunikation mit dem Kunden und im Team

KREATION
038 n Remix-Strategien
Remix ist nicht gleich Remix. Wir stellen intelligent-
verspielte Herangehensweisen vor, die die visuelle
Kommunikation noch aufmischen werden

046 Case Study: Arini-Erscheinungsbild


TwoPoints.Net hat für die jordanische Organisation
ein lexibles Corporate Design gestaltet

048 Lieblingspapiere
Alt und leckig, pudrig-grau oder hochglänzend –
das sind die liebsten Papiere der Kreativen

056 n Zu Besuch bei Nobrow


Zwei Animation-Artists starten in London ein Studio
mit Druckwerkstatt und Miniverlag für Illustrations-
bücher – und sind damit ungeheuer erfolgreich

062 Papierwelt
Rafinierte Papierobjekte; Munken-Broschüre

TYPO
064 Buchcover-Typograie
Mit einer gewissen Hartnäckigkeit lassen sich Ver-
leger auch für ungewöhnliche Lösungen gewinnen

070 Typowelt
Gestalten-Band »Letman«; neues Olympukes-Set von
038 Remix-Strategien
Jonathan Barnbrook; Daphne von Georg Salden
page 10.12 005

≥ PAGE Online: Ob Stellenangebote, Inspiration,


News, Magazin-Volltextsuche, publishing-Tipps,
abo-angebote oder den page-Shop – das alles inden
Sie unter www.page-online.de

BILD
072 n Making-of: 3-D-Kampagne
Lukas Lindemann Rosinski setzte für Mercedes-
Benz emotionale Erlebnisse in 3-D-Visuals um

078 Wildlife-Fotograf als Reiseanbieter


Michael Poliza lässt seine Hochglanzbilder für
Luxustouristen zur Wirklichkeit werden

080 Bildwelt
Kinderbuchillustrationen; UPdate in Berlin

TECHNIK
082 Kameras für Kreative
Zwischen Smartphone und Spiegelrelex gibt es
weitere Kamerakonzepte, die für Bildmenschen
interessant sind – und auch einige Neuheiten

088 3-D-Printing: Technologien und Services


Mit den ersten bezahlbaren 3-D-Printern erlebt das
Do-it-yourself-Design einen neuen Höhepunkt

094 Druckweiterverarbeitung, Teil 4


Belockung und ihre Einsatzmöglichkeiten

096 Proi-Tipps für Web und Print


Von App Studio für XPress 9.1 bis Photoshop & Co

100 Tools & Technik


Graiktablett von Genius, Cinema 4D Release 14

SERVICES & STANDARDS


Foto: Zander Olsen (aus: High Touch. Tactile Design and Visual Explorations, Gestalten 2012)

106 Neu! Einblicke


Dinge, die Kreative an ihrem Arbeitsplatz inspirieren

108 Kalender: Kongresse, Ausstellungen, Awards

110 Publikationen: Buchempfehlungen


für kreative Publisher
Bücher zur Visualisierung von Nachhaltigkeit, zu
Architektur im Comic und zur Folkwang-Schule

003 Editorial 018 PAGE Online 113 Impressum/Vorschau


027 PAGE Abo 059 PAGE Studenten-Abo 063 PAGE Shop
104 PAGE Stellenmarkt
114 Fundstücke von Jürgen Siebert

PAGE SEMINARE
029 Transmediales Story-Training mit der Good School
054 »Gutes Design entwickeln« mit Jochen Rädeker
055 »Gutes Design gut verkaufen« mit Jochen Rädeker
006 page 10.12

SZENE

Um die Ecke gedacht: Idents und Logo für den


britischen TV-Sender 4seven bezaubern durch einen
irritierenden Bildeffekt mit Sogwirkung
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Cutting edge
n Ist die Welt vielleicht doch ein Wür­

Off-Air-Design für den Channel4-Ableger 4seven gestaltet


ManvsMachine aus London hat ein hypnotisierendes On- und
fel? Ausnehmend gewitzt und konse­
quent jongliert das Erscheinungsbild
für den britischen TV­Sender 4seven
mit Perspektiven und Dimensionen.
Im Zentrum der von ManvsMachine
entwickelten visuellen Identität steht
das markante Element der Ecke, das
den Blick des Betrachters von links
nach rechts führt. Die verschiedenen
Motive der Idents zeigen unmögliche
Raumsituationen, indem ruhige, alltäg­
liche Filmszenen – zum Beispiel Men­
schen bei der Gartenarbeit oder wäh­
rend des Schwimmsports – um eine
scharfe Ecke herum geführt werden.
Ähnlich wie bei den irritierenden Wer­
ken M. C. Eschers fordert dieser faszi­
nierende Bildeffekt die Wahrnehmung
des Betrachters heraus.
Das aus Ziffern bestehende Logo
windet sich ebenfalls um die Ecke und
wird zusätzlich aus zwei­ und dreidi­
mensional anmutenden Ziffern kom­
biniert – sowohl on air als auch off air
sorgt auch hier das Spiel mit perspek­
tivisch verzerrten Linien für Aufmerk­
samkeit. Als Hausschrift wird der ei­
gens für den Kanal entwickelte Open­
Type­Font 4seven verwendet. Darüber
hinaus dunkelt der Grauton im Erschei­
nungsbild des Senders im Tagesverlauf
immer stärker nach. Die Channel4­In­
house­Agentur 4Creative hatte die Lon­
doner Motiondesigner beauftragt, das
On­ und Off­Air­Package, aufbauend
auf dem Logodesign von Studio Mag­
pie, zu entwickeln. Der Ableger wie­
derholt ein Best­of des Channel4­Pro­
gramms der vergangenen sieben Tage,
das mithilfe der Social­Media­Commu­
nity ausgewählt wird. wl
Alle Motive: Plakatsammlung des Museums für Gestaltung Zürich, © jeweils beim Autor. Unten: Ausstellungsplakat, 2012 © ZHdK 008 page 10.12 SZENE

Sachliche Romanzen
n Plakatausstellung. »Magie der schichte, Philosophie und Literatur
Dinge. Das Produktplakat« lautet der setzen die Produktplakate in einen so­
Titel der Ausstellung, die bis zum 6. Ja­ ziokulturellen Kontext. Anlässlich der
nuar 2013 im Museum für Gestaltung Ausstellung ist bei Lars Müller Publis­
Zürich zu sehen ist. Von den innovati­ hers eine Publikation erschienen (sie­
ven Entwürfen des Autodidakten Lu­ he Seite 112). Wir haben uns mit Bettina
cian Bernhard zu Beginn des 20. Jahr­ Richter, Kuratorin im Museum für Ge­
hunderts, der als Begründer des Sach­ staltung, über die »Magie der Dinge«
plakats Schuhe und Streichhölzer aus unterhalten. wl
ihrem Nutzungskontext gelöst darstell­
te, über konsumkritische Pop­Art­Wer­ Was sagte die nüchterne Sachlichkeit
ke bis hin zu den narrativ­künstleri­ damals, was die narrative
schen Inszenierungen in der aktuellen Darstellung von Dingen heute über
Werbung – das Produktplakat sagt ei­ unsere Gesellschaft aus?
ne ganze Menge über unser Verhältnis Bettina Richter: Interessanterweise
zur Konsumkultur aus. steht die narrative Darstellung von
Präsentiert werden Beispiele von Produkten am Beginn der Geschichte
1905 bis heute; im Fokus steht das des Bildplakats Ende des 19. Jahrhun­
Schweizer Sachplakat der 1940er Jah­ derts. Damals richtete es sich vorwie­
re. Produktfotograie der 1930er bis gend an ein bürgerliches Publikum –
1950er Jahre, Werbeilme aus der Zeit die Genreszenen, beispielsweise bei
von 1912 bis 1970, eine Diashow mit Toulouse­Lautrec, Mucha oder Stein­
Stillleben vom 17. Jahrhundert bis zur len, spiegeln ihre Lebenswelten wider.
Gegenwart sowie Texte aus Werbege­ Für die große Masse waren es Traum­
bilder einer anderen Welt. Die sachli­
che Produktwerbung setzte sich nicht
»Die sachliche produktwerbung setzte sich von ungefähr in der ersten Hälfte des
20. Jahrhunderts durch, in der Marken­
durch, als Markenartikel die Läden eroberten artikel die Läden eroberten und die
anonyme Stapelware verdrängten, als
die Kaufkraft der Bevölkerung lang­
und der Konsum sich demokratisierte« sam anstieg – vor allem in der kriegs­
verschonten Schweiz – und der Kon­
sum sich demokratisierte. Der Markt
war noch nicht überschwemmt von
gleichen Produkten unterschiedlicher
Marken. Die sich breit durchsetzen­
den Markennamen vermittelten in un­
page 10.12 009

Universum in Klammern
n Museums-CI. Naturwissenschaftli­ tagram New York nun eine coole visu­
che Darstellungen von Gehirnen, Mo­ elle Identität für das momentan noch
lekülen oder Bienenpopulationen er­ im Bau befindliche Perot Museum of
innern an zerfledderte Bio­ und Che­ Nature and Science in Dallas bestückt.
miebücher – das Designerherz lassen Darin wird der Buchstabe O im Muse­
sie nicht unbedingt höherschlagen. umsnamen durch eine markante ecki­
Mit genau solchen Bildwelten hat Pen­ ge Klammer in lautstarkem Signalrot
ersetzt. Innerhalb dessen gibt es – als
eine Art kompakte, flexible Plattform –
Platz für wissenschaftliche Illustratio­
Die Aura des Objekts nen oder historische Fotos.
feiert die Züricher Inspiration für das quadratische Zei­
Schau »Magie der chen lieferte zum einen die kubische
Dinge«. Von links: Museumsarchitektur, geplant vom US­
Fritz Bühler für Union amerikanischen Architekturbüro Me­
(1943), Peter Birk- tamorphosis. Zum anderen erinnert
häuser für PKZ (1934), es an die ergänzenden Erklärungen in
Niklaus Stoecklin für den Marginalspalten wissenschaftli­
Sonnenschutz Bi-Oro cher Abhandlungen, die durch eckige
(1941). Unten: das von Klammern markiert werden. Das neue
Iza Hren gestaltete lexible Erscheinungsbild schafft es so,
Plakat zur Ausstellung die mufig­didaktische Anmutung wis­
senschaftlicher Darstellungen durch
das aufmerksamkeitsstarke, fröhlich­
technoide Klammersymbol souverän
sicheren Zeiten Sicherheit und Ver­ in die Gegenwart einer spannungsrei­
trauen. Die heutigen Lifestyle­Insze­ chen, ganzheitlichen Wissensvermitt­
nierungen sprechen von einer Wohl­ lung zu führen. wl
standsgesellschaft, in der es weniger
darum geht, das alltägliche Leben zu
verschönern und zu erleichtern, aber
auch nicht mehr um eine soziale Di­
stinktion über Produkte – sondern um
Selbststilisierungen, Selbstindungen
und Modetrends.
Mit welchen Mitteln schafften und
schaffen Gestalter eine »magische«
Darstellung von Produkten?
Das gelingt ihnen durch: 1. Detailrea­
lismus, der Materialität und Oberlä­
chenstruktur sinnlich erfahrbar macht – Beinah schon
bis hin zu olfaktorischen Erfahrungen; jetzt ikonisch:
2. Blow­up und ungewöhnliche per­ die knallroten,
spektivische Darstellungen von Alltags­ technoid anmu-
dingen, oftmals vor dunklem, neutra­ tenden Klam-
lem Hintergrund; 3. gekonnte Licht­ und mern im Erschei-
Schatten­ sowie Glanzeffekte; 4. die nungsbild des
»magische Hand«: Sprudelndes Mine­ Perot Museum of
ralwasser leert sich in einem Glas an­ Nature and
scheinend ohne menschliches Zutun, Science in Dallas
Waschpulver wird ausgeschüttet, Din­
ge schweben, ohne der Schwerkraft
zu unterliegen . . .
Bitte eine Trendprognose: Was
kommt Ihres Erachtens nach der
lifestyligen Produktinszenierung?
Ich bin keine Werbefachfrau, aber ich
gehe davon aus, dass sich unsere heu­
tige Konsumgesellschaft, zumal in der
Schweiz, nicht mehr groß verändert
und Lifestyle­Inszenierungen und hu­
moristische Produktwerbungen uns
noch lange begleiten werden.
010 page 10.12 SZENE

Auch das »Smartbook« bietet


eine Nachrichten- und eine
Uhr-App – allerdings analog

Digital-Analog-Wandlung
n Buchgestaltung. E­Mails, Nach­ das »Smartbook« aus der SZ Edition. auf der Rückseite. Wer eine Uhr benö­
richten, Kalender, Schnappschüsse – In ihm vereinen die Designerin Agnes tigt, dem bietet das »Smartbook« eine
lässt sich das noch ohne Smartphone Lison und der Spieleentwickler Marcel­ Sonnenuhr zum Ausschneiden und
bewältigen? Für viele von uns nicht André Casasola Merkle die beliebtes­ Zusammenbauen. Die Bedienungsan­
mehr, und für diese Smartphone­Ab­ ten Smartphone­Features auf ganz leitung für die Kamera lautet: »Klick!«
hängigen – aber genauso für Nostalgi­ analoge Weise. Wer zum Beispiel eine rufen und den Schnappschuss in gu­
ker, die gerne an analoge Zeiten zu­ Nachricht verschicken will, kann aus ter Erinnerung behalten. Ab 8. Sep­
rückdenken – eignet sich ein neues einer Seite des Buches ein Papierflug­ tember wird der Spaß erhältlich sein
Buch perfekt als Pause vom Digitalen: zeug basteln – inklusive Chat­Funktion (192 Seiten, 15 Euro). aw

Mein fitteres Ich


n Interaktive Installation. Ein hüb­ Schmuckstück sämtliche Bewegungen ren Shoppingmall im angesagten Lon­
sches Accessoire für Sportmuffel ist des Trägers und wertet dabei Kalori­ doner Stadtviertel Shoreditch, wurde
das Nike+ FuelBand: Am Arm getragen, enverbrauch, Schritte und Zeit aus. Im das neue Produkt im Frühjahr mit ei­
misst das schick technoide wirkende Nike Store im Boxpark, einer temporä­ ner interaktiven Installation eingeführt,
die onformative aus Berlin im Auftrag
von AKQA London entwickelt hat.
Der Nutzen des
Dabei werden auf einer etwa 3 Me­
Nike+ FuelBand
ter hohen Wand die Körperdaten des
wird durch die
Betrachters in einen digitalen Avatar
interaktive
übersetzt. Die vor der Installation ste­
Wand im Nike
hende Person erhält einen Code, an­
Store von
schließend werden per Kinect ihre 3­D­
onformative
Daten transformiert und ihre Live­Cho­
sehr ästhetisch
reograien als Spiegelbild aus farbi­
visualisiert
gen, auseinanderspritzenden Pixeln auf
der Wand sichtbar. Werden die Bewe­
gungen davor intensiver, wandeln sich
die roten nach und nach in grüne Pixel
um. Ein schönes Beispiel, das zeigt,
wie Datenvisualisierungen sinnvoll mit
dem realen Leben verknüpft werden
können. So lässt sich das individuelle
Sporttraining optimieren – vorausge­
setzt, man hat kein Problem damit,
seinen Körper im wahrsten Sinne des
Wortes auf Schritt und Tritt kontrollie­
ren zu lassen. wl
012 page 10.12 SZENE

Parfüm für
Bibliophile –
kreiert von
Geza Schön
und verpackt
von Karl
Lagerfeld

Bücherduft
n Parfümentwicklung. Seit Jahren
arbeitet Verleger Gerhard Steidl mit
Karl Lagerfeld zusammen. Dieser sen­
sibilisierte ihn so für Düfte, dass Steidl
seither beim Drucken seiner Bücher
größten Wert auf wohlriechende, aus­
schließlich auf planzlichen Ölen ba­
sierende Druckfarben legt. Sinneser­
lebnisse, die im Zeitalter von E­Books
immer kostbarer werden. Das ist die
Idee von Paper Passion, nach ausgie­
biger olfaktorischer Recherche in der
unterm selben Dach wie der Verlag
beheimateten Steidlschen Druckerei
vom Berliner Avantgarde­Parfümeur
Geza Schön kreiert. Lagerfeld entwarf
die Verpackung in – wie könnte es an­
Josekdesign ders sein – einem echten Buch (88 Eu­
entwickelte ro, isbn 978-3-86930-501-1). Der Flakon
für Brooks liegt in einer Aussparung, nach Texten
eine Microsite, von Lagerfeld, Geza Schön sowie Pa­
die hand- pier­ und Buchliebhabern wie Steidl­
gezeichnete Autor Günter Grass oder »Wallpaper«­
Illustration Chefredakteur Tony Chambers. cg
mit Produkt-
fotos und
Parallax Grafisches Verstehen
Scrolling
kombiniert n Designwettbewerb. Bezugnehmend
auf den bildpädagogischen Ansatz des
Keep Scrolling Wissenschaftstheoretikers Otto Neurath,
lobt die Stiftung Bauhaus Dessau gemein-
n Webdesign. Um einen Sportschuh Schuhs scrollen – vom Forschungslabor sam mit dem Architekturmagazin »ARCH+«
im Netz in Szene zu setzen, drängt sich über die Fabrik bis zur Straßenparade. den Wettbewerb »Out of Balance – Kritik
nicht unbedingt sofort Illustration auf. »Es war uns wichtig, möglichst cha­ der Gegenwart. Information Design nach
Dass das aber sehr gut funktionieren rakteristische Elemente für diese Wel­ Otto Neurath« aus. Gesucht sind Datenvisu-
kann, zeigt die Kölner Designagentur ten zu inden, die oftmals überspitzt, alisierungen, die komplexe gesellschaftliche
Josekdesign für ihren Kunden Brooks. anachronistisch und auch eine Spur Herausforderungen und Zusammenhänge
Zum Launch der zehnten Modellserie absurd sind«, erklärt Thomas Josek. unter der Oberläche verständlich machen:
des Glycerin­Laufschuhs entwickelte Um eine locker­leichte Stimmung zu etwa soziale Ungleichheit, die Verstädterung
sie die Microsite www.brooksrunning. erzeugen, entschieden sich die Ge­ der Welt oder die globalen Ströme von Finanz-
eu/glycerin10, die Handzeichnungen stalter für einen nicht allzu akkuraten kapital, Waren und Rohstoffen. Der Wettbe-
mit Produktfotografie verbindet und Zeichenstil, den sie mit Illustraor und werb richtet sich an gestalterische Diszipli-
durch Parallax Scrolling perspektivische Photoshop umsetzten. Eigentlich scha­ nen, aber auch an Ökonomen, Sozial-, Kultur- ,
Tiefe und eine filmische Anmutung be­ de, dass die Brooks­Homepage nicht Geo- und Umweltwissenschaftler. Bis zum
kommt. Der Nutzer kann sich auf der auch so einzigartig und handmade da­ 12. November können sich Interessierte auf
HTML­Site durch die Entwicklung des herkommt. nik den Websites der Initiatoren registrieren. wl
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Mehr Storytelling und Lifestyle, weniger Autos: BMW hat ihr Kundenmagazin relauncht

und weitere Zielgruppen anzuspre­ rial­Design­Büros ringzwei in Hamburg,


chen, hat Autobauer BMW sein Kun­ auf Elemente von Lifestylemagazinen:
denmagazin relauncht. Unter dem Ti­ »Die Anmutung wird weniger tech­
tel »BMW Magazin – Driven« gibt es nisch und die Bildsprache narrativer.«
sich mit den Rubriken »Emotionen«, So kommen nicht mehr ausschließlich
»IQ« und »Helden« lifestyliger und setzt BMW­Fonts zum Einsatz, sondern auch
vermehrt auf Geschichten über Men­ Serifenschriften. Auffällig ist das neue
schen, die nicht direkt mit BMW zu tun Titeldesign, das in vier Motiven die In­
haben. In der ersten neuen Ausgabe halte des Hefts aufgreift. Im Heft wird
ist das etwa Richard Branson, der in an Abbildungen ebenfalls nicht ge­
seiner Rolle als Hobby­Astronaut ge­ spart, die häuig in Collagen­Manier
featured wird. Für die Inhalte zeichnet angeordnet sind. Illustrationen sorgen
Weniger Auto, mehr Mensch Adriano Sack verantwortlich, Mithe­ für optische Abwechslung. Das »BMW
rausgeber von »i LIKe my StYLe« und Magazin – Driven« erscheint bei Hoff­
n Corporate Publishing. Zukunfts­ stellvertretender Chefredakteur des mann und Campe Corporate Publishing
weisende Mobilitätskonzepte, Nachhal­ Magazins »Interview«. und ist ab September für 8 Euro an
tigkeit, BMW Guggenheim Lab – um Auch gestalterisch setzt Kreativdi­ ausgewählten Kiosken, Bahnhöfen und
aktuellen Themen gerecht zu werden rektor Dirk Linke, Gründer des Edito­ Flughäfen erhältlich. nik

Apocalypse now?
n Illustrierte Zeitung. Für den Fall,
dass der Weltuntergang bald eintritt,
hat Benedikt Rugar bereits eine Zei­
tung angefertigt – danach geht das ja
nicht mehr . . . »Centuria« heißt das wohl
letzte aktuelle Blatt der Weltgeschich­
te, und erscheint anlässlich der galakti­
schen Synchronisation vom 21. 12. 2012.
Der Illustrator setzt darin Prophezeiun­
gen aus den »Centurien« des Nostrada­
mus um. Drucken ließ er beim interes­
santen britischen Online­Service News­
paper Club, wo man nach eigenen Vor­
lagen Zeitungen in geringer Stückzahl
herstellen lassen kann. »Centuria« ist
Rugars Abschlussarbeit an der Kunst­
hochschule Weißensee, wobei er längst
über eine beeindruckende Kundenliste
verfügt. Wer ein Exemplar des skur­
rilen Meisterwerks haben will, wende
Extrablatt! Noch rechtzeitig vorm Weltuntergang wird der Illustrator Benedikt Rugar seine sich an den Illustrator selbst – eine
»Centuria«-Zeitung auf dem Comicfestival Hamburg präsentieren und verkaufen Kleinaulage ist in Planung. cg
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Fallgeschichten
Virtuelle Ausstellung. »Der verwundete Tisch«
von Frida Kahlo, »Der Sensenmann« von Joan Miro,
Marcel Duchamps »Fountain« und viele weitere Kunst-
werke sind heute verschollen, zerstört, versehent-
lich entsorgt oder gestohlen. Die »Gallery of Lost Art«
der Tate zeigt die verschwundenen Kunstwerke
jetzt in einer virtuellen Galerie. Auf der Webseite
geht der Nutzer auf Spurensuche und kann ihre
Geschichte in Fotos, Videos und Texten nachvoll-
ziehen. Visuell erinnert die von der Londoner
Digitalagentur ISO gestaltete Site an die »CSI«-Se-
rien: Beweisakten auf Schreibtischen, unscharf
abfotograiert in einem dunklen Raum. Der Nutzer
kann aufs Geratewohl stöbern oder nach
bestimmten Künstlern oder Themen suchen. Jede
Woche kommt ein neues Kunstwerk hinzu. »Un-
ter Kunstgeschichte versteht man gemeinhin die
Geschichte jener Werke, die überlebt haben«,
so die Kuratorin Jessica Mundy. »Doch auch der Ver-
lust hat unser Verständnis von Kunstgeschichte
entscheidend geprägt«. Ganz dem Thema entspre-
chend wird es die Website nur ein Jahr lang
geben – bevor auch sie wieder verschwindet. nik
016 PAGE 10.12 SZENE

BRANCHE & KARRIERE

für die schwarze Farbe hatte Mone


Maurer. Auf charmante Weise beken-
nen The Borsellinos so, dass sie eben
keine echten Wallhäuser sind – wäh-
rend sie keine Mühen scheuten, im In-
Architekt Philipp Mainzer nenraum trotz vieler Schwierigkeiten
baute eine alte Scheune den Dachstuhl aus Eiche zu bewahren.
für die Agentur Dass man in der Provinz heutzu-
The Borsellinos um tage keineswegs provinziell werden
muss, zeigen The Borsellinos mit einer
neuen Ausgabe des Porträt- und Reise-
Dorf-Avantgarde magazins »Aortica«. Nach einem Heft
übers kreative Frankfurt geht es nun um
n Agentursitz. Bloß 1600 Einwoh- dem alten Winzerhaus, das die beiden Auckland in Neuseeland (dieses Jahr
ner hat Wallhausen bei Bad Kreuznach, bewohnen (siehe PAGE 11.10, Seite 41), Buchmessen-Gastland). Zwei Monate
zwei davon sind jetzt die Illustratorin ließen sie eine hundertjährige Scheune lang traf das Paar dort Kreative und
Mone Maurer und der Designer Piero vom e15-Mitgründer und Architekten Künstler und präsentiert Ende Septem-
Borsellino. Den Dorfbewohnern dürf- Philipp Mainzer sowie Fabian Mainzer ber ein auch haptisch rafiniertes Print-
te dies nicht entgangen sein: Neben zum Agenturraum umbauen. Die Idee magazin – siehe www.aortica.com. cg

Business Basics
Christian Büning, Präsident des Berufsverbands der Deutschen
Kommunikationsdesigner ( www.bdg-designer.de ), beantwortet berufs-

Foto: © André W. Sobott, www.aw-sobott.de


bezogene Fragen von Gestaltern. Hier stellt er aktuelle Fälle vor

Redima, 27: Ich studiere Kommunikationsdesign im sechsten für viele Projekte ansprechbar, gehen
Semester und will mich nach dem Bachelor selbstständig aber rasch zwischen den vielen ande-
machen. Im Studium haben mir Film und Animation gut ren Generalisten unter. Vielleicht hilft
gefallen, aber auch Screen- und Corporate Design. Ich weiß es Ihnen, dass Auftraggeber die einzel-
nun nicht, ob ich mich eher als Spezialistin oder als »Frau nen Designdisziplinen längst nicht so
für alles« präsentieren soll. Wo habe ich die besten Chancen? genau differenzieren wie Sie und da-
her mit allen möglichen Gestaltungs-
wünschen zu Ihnen kommen werden –
Liebe Redima, vom Piktogramm bis zum E-Mag. Für Die meisten Aufträge kommen nach un-
erst mal herzlichen Glückwunsch zur einen einzelnen Freiberuler ist es da- seren Umfragen nicht über Ihre Selbst-
beginnenden Selbstständigkeit! Jeder her schwieriger, von Anfang an als rei- darstellung, sondern über Empfehlun-
freiberuliche Designer kann bestäti- ner Spezialist aufzutreten. gen, Empfehlungen, Empfehlungen. Sie
gen, dass die strategische Positionie- Mein Tipp: Über kurz oder lang be- können Ihre Selbstdarstellung daher
rung nicht ohne ist. Leider habe ich kommen Sie die Kunden, die zu Ihnen ruhigen Gewissens ungerichtet begin-
kein Patentrezept zur Hand, sondern passen. Wenn Sie in Animation richtig nen und später präzisieren. Durch die-
ein offenes »Es kommt darauf an«. Spe- gut sind, werden Sie viele Empfehlun- ses permanente Nachjustieren stellt
zialisten haben den Vorteil, dass sie ih- gen für Animationsprojekte bekom- sich mit der Zeit die richtige Form der
re Leistungen sehr genau beschreiben men. Das Gleiche gilt für Screen- oder Spezialisierung ein. Einen guten Start!
können (etwa transparente Explosions- Corporate Design. Wenn Sie in mehre-
zeichnungen). Durch die Spezialisie- ren Bereichen gut sind, kann eine neue Haben Sie Fragen, die Sie hier beant-
rung müssen sie aber mehr Selbstmar- Nische entstehen, an die Sie noch gar wortet sehen möchten? Dann
keting betreiben und kommen schwe- nicht gedacht haben, zum Beispiel Cor- schreiben Sie uns (E-Mail: business
rer an Empfehlungen. Generalisten sind porate-Design-konforme Animationen. basics@bdg-designer.de)
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Geballtes Wissen +++ Kempertrautmann wird thjnk. Mit dem Ein-


stieg von Karen Heumann und Armin Jochum ändert
n Coworking Space. Dass es immer Schreibtische mieten lassen, auf den die Hamburger Werbeagentur ihren Namen zu thjnk.
mehr Freiberufler in Deutschland gibt, UpperLevels können sich Unterneh- Heumann und Jochum ziehen neben Michael Traut-
ist nichts Neues. Die Beratungsagen- men auf 70 bis über 3000 Quadratme- mann in den Vorstand der künftigen Aktiengesell-
tur Thomsen Group hat dazu im Auf- ter großen Büros einquartieren, um schaft ein, André Kemper wechselt in den Aufsichts-
trag der Immobilienbank Real I.S. eine gemeinsam mit Freelancern an Projek- rat. Die Niederlassungen irmieren ab sofort unter
Studie durchgeführt und daraus Kon- ten zu arbeiten. Das Ganze geschieht thjnk west (Düsseldorf) und thjnk berlin. +++ Phleps
sequenzen gezogen: Wenn es immer in schickem Ambiente mit Büromö- verlässt MetaDesign. Tobias Phleps, seit 2007 Chief
mehr Freelancer gibt, muss es auch beln von Vitra. Neben Meetingräumen Client Oficer und Vorstandsmitglied bei MetaDesign,
Orte geben, wo sie arbeiten und Kun- gibt es eine Lounge fürs inofizielle verlässt die Markenagentur. Insgesamt war er dort
den treffen können. So entstand K-LAN, Kontakteknüpfen sowie Kaffeenischen elf Jahre tätig. Grund für sein Ausscheiden seien un-
das Knowledge Netzwerk, in Düssel- auf jeder Etage. So wird Networking zur terschiedliche Ansichten über die künftige strategi-
dorf. Auf rund 16 000 Quadratmetern Ganztags-Beschäftigung. Coworking- sche Ausrichtung des Unternehmens. Seine Position
bringen die Initiatoren hier Freiberufler Bereich und Gastronomie sind bereits wird zunächst nicht neu besetzt. +++ »Focus«-Art-
und Unternehmen aus der IT- und Tele- seit mehreren Wochen eingeweiht. Im direktion verstärkt. Robert Weissenbacher leitet
kommunikationsbranche zusammen. UpperLevel zieht demnächst ein App- von nun an mit Bardo Fiederling die Artdirektion des
Auf dem GroundLevel beindet sich entwickler mit großen Freelancerbe- Nachrichtenmagazins aus dem Burda-Verlag. Er wird
eine Coworking-Fläche, in der sich darf ein. nik sich verstärkt der Titelgestaltung widmen. Zuletzt
hatte Fiederling die Gestaltung des Magazins allein
verantwortet. +++ Denkwerk löst Kreation auf. Die
Der erste eigene Salat Kölner Digitalagentur stellt sich neu auf und schafft
die Abteilung Kreation ab. Stattdessen gibt es ab so-
n Urban Gardening. Wenn den Mit- für unter 100 Euro auf die Beine ge- fort die Einheiten Design und Kommunikation. Die
arbeitern bei Serviceplan Hamburg stellt hat. Beim Bewirtschaften der Bee- interne Umstrukturierung wird vom Relaunch der
mal der kreative Kopf raucht, können te ist Teamarbeit gefragt, und auch die Agentur-Website begleitet. ≥ www.denkwerk.com
sie ihn seit Kurzem bei einer Partie Un- Ernte kommt der Gemeinschaft zugu- +++ Newcomer-Agentur 2012 gesucht. Das Jahr-
krautjäten wieder freipusten. Dafür te: Jede Tomate und jedes Radieschen buch der Werbung hat seinen alljährlichen Newcomer-
müssen sie nur ein paar Treppen stei- werden der Kantine gespendet. Der Wettbewerb gestartet. Interessierte können sich noch
gen: Auf den agentureigenen Dachter- erste Salat aus dem eigenen Anbau bis 31. Oktober kostenlos bewerben. ≥ www.jdw.de
rassen an der Außenalster bauen die wurde bereits verspeist. Und sollte es +++ Schluss mit Fidius. Fidius – Faire Designwettbe-
Serviceplaner nämlich in mobilen Bee- mal Schwierigkeiten oder Fragen ge- werbe e. V. hat seine Tätigkeit eingestellt. Neben i-
ten Gemüse und Kräuter an. ben, holen sich die Kreativpausen- nanzieller Unterstützung fehlte dem Verein offenbar
Die Idee, bei der Urban-Gardening- Gärtner Unterstützung bei Garten- auch die Bereitschaft Betroffener, sich gegen unfaire
Bewegung mitzumachen, stammt von deck, einem mittlerweile professio- Wettbewerbe zur Wehr zu setzen. +++ 99designs kauft
Anna Maierski, Digital Strategist bei nell betriebenen Gemeinschaftsgar- 12designer. Der US-amerikanische Crowdsourcing-
Serviceplan, die den Rooftop-Garden ten in St. Pauli. nik Marktplatz hat sein deutsches Pendant übernom-
men. Von Berlin aus will 99designs europaweit ex-
pandieren. Eva Missling, Geschäftsführerin von 12de-
signer, bleibt an Bord und wird die Europageschäfte
des Unternehmens betreuen. +++ Kreativwirtschaft-
Buchreihe. »Kreative Leistungen schützen. Geistiges
Eigentum in der Kreativwirtschaft« heißt der erste
Band einer Handbuchreihe der Hamburg Kreativ Ge-
sellschaft. Die beiden Autoren, die Rechtsanwälte
Christoph Endell und Paula Deus, geben einen Über-
blick über die gesetzlichen Grundlagen zum Schutz
des geistigen Eigentums (168 Seiten, 14,90 Euro, isbn
978-9814833-0-7). ≥ http://kreativgesellschaft.org/
handbuecher +++ Neues von McCann Deutschland.
Andreas Trautmann, CEO von McCann Worldgroup
Deutschland, und Bill Biancoli, CCO von McCann
Deutschland, führen ab sofort den Berliner Standort
der Agentur selbst. Frank Riedel, der das Hauptstadt-
büro seit Ende 2011 leitete, wird sich internationalen
Aufgaben innerhalb der McCann-Gruppe widmen.
Urban Gardening an der Außenalster: Auf den agentureigenen Dachterrassen Sein Kreativpartner Erich Reuter kehrt aus privaten
bauen Serviceplan-Mitarbeiter Gemüse und Kräuter an Gründen nach München zurück. nik
018 PAGE 10.12 SZENE

PAGE ONLINE
Portfolio des Monats
In jeder Ausgabe stellen wir ein Mitglied der PAGE Community und Highlights aus seinem Portfolio vor

Florian Sänger
www.page-online.de/community/portfolios/littlebunch

n Florian Sänger selbst nennt sich einen verhin- Ich bin Illustrator, Freelancer
derten Stadtplaner/Architekten/Maschinenbauer/ Ich biete Print, Online, Produkt,
Erinder/Autodesigner, der als Illustrator diese Din- Illustration, Flash
ge als Formen auf Papier bringt. In seinen Arbei- E-Mail lo@loriansaenger.com
ten, bei denen der Computer gerne auch mal aus- Web www.littlebunch.net
geschaltet bleiben kann, erschafft er kleine Wel- Standort Berlin
ten, die humorvoll und besonders sind – und in
denen sich der Betrachter verlieren kann.

E-Mag: KrEation | tyPo | BiLD | tECHniK | SZEnE | gaLEriE

Hasenkopf-Magazin Typo-CI für herzberger Anne Vagt für »emotion«


Kreation. Martin et Karczinski hat für Typo. In der Corporate Identity, die Carrois Bild. Verlieben, Sex, Eifersucht, Verlassen:
Hasenkopf ein Kundenmagazin entwi- Type Design für die Biobäckerei herzberger Anne Vagt hat das Thema Liebe für ein Son-
ckelt, das sich mit hochwertiger Foto- entwickelt hat, geht es bergauf. Genau um derheft der sonst eher biederen Zeitschrift
graie ganz auf Partner und Projekte der 13 Grad – dies symbolisiert den »berg« im »emotion« in witzigen Typoillustrationen um-
Industrie-Manufaktur konzentriert. Da- Namen, während das »herz« im g der Wort- gesetzt. Ihre nur scheinbar ungelenke Krit-
runter das CERN-Zentrum, das in einer marke steckt. Wir zeigen Einkaufs- und Bröt- zeloptik indet sich auf dem Cover, in Vignet-
großen Reportage vorgestellt wird. chentüten sowie die Geschäftsausstattung. ten sowie als Intro zu den Kapiteln.
≥ www.page-online.de/hasenkopf ≥ www.page-online.de/ci-herzberger ≥ www.page-online.de/vagt-emotion
PAGE 10.12 019

≥ www.page-online.de PAGEmag

Für das Album


»M & F« der ärzte
kreierte Florian
Sänger ein Musik-
video, das er
komplett von Hand
zeichnete
Immer wieder
beschäftigt der
Illustrator sich mit
Mobilität. In die-
ser freien Arbeit
erzählt er die
Geschichte des
Elektroautos
In »Nightdrive«
repräsentieren
Tiere die verschie-
dene Sicherheits-
systeme im Auto
Urbane Mobilität
als Metapher
für gesellschaft-
liche Themen:
Hier ermöglicht
sie Gläubigen
die umstiegsfreie
Fahrt zu ihren
Gotteshäusern

PagE nEWSLEttEr

Ausschreibung buchlabor Embassy-Website Immer up to date


Szene. Für eine große Ausstellung zum The- Technik. Information bei Tag, Browser- n Bestellen Sie jetzt den kostenlosen
ma Buch können noch bis zum 2. Oktober im Game bei Nacht: Die Werbeilmproduk- PAGE Newsletter und bleiben Sie auf
buchlabor der Fachhochschule Dortmund tion Embassy aus München hat eine neue dem Laufenden rund um kreatives Me-
eigene Arbeiten eingereicht werden. Die ent- Website, und zwar eine, die sich nachts diendesign, Publishing und Trends. So
scheidende Neuerung: Nicht nur Studenten in eine illustrierte Traumwelt verwandelt. erfahren Sie auch als Erste, wenn wir
können teilnehmen, sondern auch Künstler, Wir sprachen mit Designer und Program- ein neues PAGE Seminar veranstalten
Wissenschaftler und Gestalter. mierer Daniel Adolph. oder eine Sonderedition herausgeben.
≥ www.page-online.de/buchlabor ≥ www.page-online.de/embassy-site ≥ www.page-online.de/newsletter
020 PAGE 10.12 SZENE Ausbildung

AUSBILDUNG
Das Buch der Zukunft
n Intermediales Projekt. Wie sieht das Buch der Zu­
kunft aus? Diese Frage stellte der Börsenverein des Deut­
schen Buchhandels in seinem Wettbewerb Prinzip Buch.
Den ersten Platz gewann Max Kostopoulos mit seiner
Masterarbeit »eins und eins macht eins – drei intermedi­
ale Buchexperimente«, mit der er sein Studium an der FH
Mainz im Studiengang Gutenberg Intermedia abschloss.
In drei Bänden verbindet er das Medium Buch mit wei­
teren Medien und setzt dies zugleich gestalterisch um.
Für »Buch und Facebook« stellte Max Kostopoulos
sieben Buchdeinitionen auf einer Facebook­Page zur
Diskussion und visualisierte anschließend zwei der Pinn­
wandeinträge und die zugehörigen Kommentare in ei­
nem hybriden Buchlayout. In »Buch und Film« verlinkt er
die Printpublikation mittels verschiedener Code­Arten
mit Stop­Motion­Filmen im Internet. Diese wiederum be­
schäftigen sich mit der Frage, wie das Buch im Film äs­
thetisch in Erscheinung tritt. »Buch und Wii« macht das
Buch selbst zum Game­Controller, der eine App steuert.
Durch Dreh­ und Kippbewegungen sowie das Umknicken
von Seiten kann der Leser ein Panoramabild auf dem
Bildschirm bewegen sowie hinein­ und hinauszoomen.
Kostopoulos’ Formel für seine intermediale Buchreihe
lautet: »Buch (eins) und Zweitmedium (eins) macht Hy­
bridmedium (eins).« Die Videos zum Projekt gibt es
unter www.maxkostopoulos.de.

»Wii love books«: Für seine Master­


arbeit baute Max Kostopoulos
ein Buch zum Game­Controller um

Geheimnis Handarbeit
Mit viel Liebe und Hand­ n Buchgestaltung. Pottwalwolken, Dreispitzpiraten dem man sich als Leser auch mit den eigenen Vorstel­
arbeit gestaltete und Wegversperrkröten – das sind einige der fanta­ lungen bewegen kann«, erklärt sie.
Christine Lange das sievollen Figuren in »Der Geheimnisfischer von Pinula«. Die Graik­Designerin setzte bei der Gestaltung auf
von ihrer Mutter Illustriert und gestaltet hat das Buch Christine Lange im Handarbeit: Ihre Illustrationen entstanden größtenteils
verfasste Kinderbuch Rahmen ihrer Diplomarbeit im Fach Visuelle Kommuni­ analog, der Einband ist mit Gewebe umspannt und im
»Der Geheimnis­ kation an der Bauhaus­Universität Weimar. Es richtet sich Siebdruckverfahren handbedruckt, der Schriftzug mit Fe­
ischer von Pinula« zwar an Kinder zwischen acht und elf, doch Lange ver­ der geschrieben und das Buch handgebunden. Flatter­
zichtet konsequent auf eine kindlich­naive Darstellung. satz, Utopia und Goldener Schnitt sorgen für optimale
»Für mich hat Illustration ihre größte Berechtigung, wenn Lesbarkeit. Zu kaufen gibt es das Buch noch nicht, derzeit
sie die Fantasie fördert und einen Rahmen bietet, in ist Christine Lange auf der Suche nach einem Verlag.
PAGE 10.12 021

+++ Tipps fürs Designstudium und danach. Sonja


Wegner bietet in »PlanBA« Orientierungshilfe für De­
signstudenten. Die an der FH Bielefeld entstandene
Masterarbeit erscheint jetzt als E­Book bei avedition
(14,99 Euro, isbn 978-3-89986-179-2). Darin inden
sich nicht nur Informationen zu Studiensystemen, ver­
schiedenen Abschlüssen und den einschlägigen Hoch­
schulen, sondern auch zur Gehaltssituation und zu
Aufgabenfeldern und Arbeitszeiten von Designern.
Für die einfallsreiche Gestaltung und Bebilderung
wurde »PlanBA« bereits mit diversen Designpreisen
bedacht. +++ Hochschul-Website. Die Burg Gie­
bichenstein Kunsthochschule Halle hat ihre Website
relauncht. Im Zentrum steht eine Bildersammlung, die
Material aus allen Fachbereichen zeigt. Das Konzept
ist demokratisch: Alle Studiengänge sind – einem Al­
gorithmus folgend – gleich häuig vertreten, sortiert
nach Aktualität. Die Inhalte kommen von Studenten
ebenso wie von Professoren und werden ungeiltert
veröffentlicht. Das Konzept für die Website entwi­
ckelte eine Arbeitsgruppe unter Leitung von Anette
Scholz, Professorin für Design digitaler Produkte.
Umgesetzt hat sie die Berliner Agentur Codeluxe mit
technischer Unterstützung von AOE media. ≥ www.
burg-halle.de +++ Masterstudium Web Science. Die
Universität Koblenz­Landau startet zum Winterse­
mester 2011/12 einen neuen Masterstudiengang für
Webwissenschaft. Der Ansatz ist interdisziplinär und
betrachtet das Internet unter technischen, ökonomi­
schen, rechtlichen und soziologischen Gesichtspunk­
ten. Zielgruppe sind Bachelorabsolventen in (Wirt­
schafts­)Informatik und verwandten Fächern; Unter­
richtssprache ist Englisch. ≥ west.uni-koblenz.de/mws
+++ Biennale des Bewegten Bildes. Das Frankfurter
Sprachrohr eDIT Filmmaker’s Festival wird zur B3, der Biennale
des Bewegten Bildes. Das Konzept hat die Hochschu­
n Hochschulmagazin. »Unglaublich le für Gestaltung Offenbach, Gründungsmitglied der
laut!« – was als Titel für eine Abschluss­ Hessischen Film­ und Medienakademie, federführend
party herhalten könnte, ist das Motto erarbeitet. Das Bewegtbildfestival mit angeschlosse­
des ersten »Luks Magazins«, einer Pu­ nem Ausstellungsparcours und Campus soll ab 2013
blikation von Illustrationsstudenten an alle zwei Jahre stattinden – im Wechsel mit einer
der HAW Hamburg, die auf 107 Seiten Summerschool und einem Thinktank. Für Dezember
ihre Arbeiten zeigt. Zwar liegt ihnen al­ ist ein Kick­off geplant, bei dem das Biennalekonzept
len das Thema »Unglaublich laut!« zu­ vorgestellt und diskutiert wird. +++ Selfpublishing-
grunde, doch gleicht keine Doppelseite Verlag. Sechzehn Designstudenten der Hochschule
der anderen. Ob Comic, Zeichnung, Ma­ München haben den Selfpublishing­Verlag Lieschen
lerei, Infografik, ob kreischend bunt Montag gegründet. Die Idee entstand im Rahmen ei­
oder schwarzweiß – zu sehen ist die nes Kurses von Manuel Kostrzynski und Jonas Natte­
ganze künstlerische Bandbreite des rer, beides Graiker bei »Neon«. Die erste Edition be­
HAW­Studiengangs. Damit dient das steht aus 16 Magazinen zum Thema Hobbys , die
Magazin als Plattform für die Illustra­ Oben: Clara de Villiers‘ und Elsa Klevers zweite ist bereits in der Planung. ≥ www.lieschen-
toren und als Guckfenster in die Hoch­ Interpretationen des »Luks«­Mottos montag.de +++ Neue Schulleiter. Andreas Leonhard
schule. »Gerade für Illustratoren, die in leitet ab sofort gemeinsam mit Ralph Scheurer­Lee
der Regel nach dem Studium als Frei­ dass dieses Magazin zum ersten Mal er­ die Social Media Academy in Mannheim. Der bishe­
berufler arbeiten, ist es von existen­ scheint. Zu kaufen ist es für 12 Euro Nor­ rige Geschäftsführer, Torsten Panzer, verlässt den Aka­
zieller Bedeutung, frühzeitig mit ihren malpreis, 10 Euro für Studenten un­ demiebetreiber webculture aufgrund unterschied­
Werken in die Öffentlichkeit zu treten«, ter www.luksmagazin.de und in ausge­ licher strategischer Auffassungen über die zukünf­
so die Initiatoren. Umso erstaunlicher, wählten Buchläden und Galerien. nik tige Unternehmensentwicklung. nik
022 PAGE 10.12

TITEL

Für Ricordi entwarf


Atelier Brückner eine
Ausstellung mit zwei
Erzählsträngen: der
Historie des Musikverlags
und der Entstehung einer
Oper in fünf Schritten.
Teil der Vorabvisua-
lisierung war dieses
plastische 3-D-Modell
PAGE 10.12 023

SCHAU MAL!
Ob für Fotoshooting, Filmdreh, interaktive Anwendung oder Messebau – Designer und Konzeptioner müssen
ihre Ideen visualisieren, um Kunden zu überzeugen, das Team zu briefen und die Usability zu prüfen
024 PAGE 10.12 TITEL Kreative Konzepte visualisieren

n Die beste Idee ist nichts wert, wenn wendig als Skizzen und Renderings, et­
sie nicht angemessen kommuniziert wa Moodboards und Prävisualisierun­
wird. Können Kollegen, Auftraggeber gen sowie diverse Formen von Proto­
oder Dienstleister sie nicht nachvollzie­ typen. Gerade wenn es um Interaktion
hen, wird sie entweder gar nicht oder geht, sollten Konzepte möglichst früh
falsch umgesetzt. Dementsprechend ausprobiert werden, etwa mit Screen­
wichtig sind Visualisierungen und Pro­ Mockups, Wireframes oder haptischen
totypen im Arbeitsalltag von Kommu­ Prototypen (siehe Seite 34 ff.). Solche
nikationsdesignern. Sie sind essenziell, interaktiven Modelle dienen nicht nur
um Missverständnisse in der Brieing­ der Kommunikation einer Idee, son­
phase und daraus folgende Fehlent­ dern auch ihrer Untersuchung und Be­
wicklungen zu vermeiden. Vor einer wertung. Sie verdeutlichen den Funk­
aufwendigen – und teuren – Umset­ tionsumfang einer Anwendung, die
zung einer Idee sollten die Beteiligten Abfolge von Aktionen, den Nutzungs­
wissen, wie das Ergebnis aussehen soll. kontext sowie Design und Haptik. Das
Sonst sind am Ende Gestalter und/oder hilft im kollaborativen Entstehungspro­
Auftraggeber unzufrieden – schlimms­ zess, dient als Handlungsanweisung für
tenfalls war alle Arbeit umsonst. den Interface­Designer ebenso wie für
Den Anfang macht in den meisten den Softwareentwickler. Nicht zuletzt
Fällen nach wie vor die schnelle Skizze sind Prototypen notwendig, um Usabi­
auf Papier. Zeichnen ist die Grundlage lity­Tests mit Usern durchzuführen.
aller gestalterischen Arbeit – egal, in Entwurfsmethodik wird zwar haupt­
welchem Medium die Kreation letzt­ sächlich innerhalb des Informatik­, Ar­
lich umgesetzt wird. Es ist der schnells­ chitektur­ oder Städtebaustudiums ver­
te und günstigste Weg, erste Einfälle mittelt, indet sich allerdings auch auf
und Konzepte festzuhalten und zu ver­ dem Lehrplan einiger Gestaltungshoch­
mitteln. »Gestalter sollten in der Lage schulen, etwa im Studiengang Illustra­
sein, jede Idee spontan skizzenhaft dar­ tionsdesign an der AID Berlin oder im
zustellen«, sagt Uwe Brückner, Gründer Medienlabor der Hochschule für Ge­
des Szenograiestudios Atelier Brück­ staltung Schwäbisch Gmünd. Hier ler­
ner aus Stuttgart (siehe rechts). Diese nen Studenten Visualisierungstechni­
ersten Visualisierungen helfen auch ken und Prototyping­Methoden, die
dem Designer selbst: Dank ihnen kann ihnen im späteren Berufsleben in Pit­
er die Funktionalität und Machbarkeit ches und bei der Umsetzung von Auf­
seiner Entwürfe abschätzen, mögliche trägen helfen. Sven Voelker, Profes­
Probleme frühzeitig erkennen – und sor für Kommunikationsdesign an der
schließlich mit dem meistversprechen­ Kunsthochschule Burg Giebichenstein
den Konzept weiterarbeiten. in Halle, hält allerdings nichts von Prä­
Ästhetik und Detailtreue spielen visualisierungen und redet es seinen
bei frühen Scribbles keine Rolle, sie Studenten eher aus: »Auf die virtuelle
sind auf das Wesentliche konzentriert. Realität von Visualisierungen kann man
Visuelle Anmutung und Design wer­ im Graikdesign gut verzichten. Heut­
den in den meisten Fällen erst in spä­ zutage kann ich einen Entwurf gleich
teren Phasen der Projektentwicklung in einer Qualität herstellen, die dem
berücksichtigt – sonst entstehen ver­ endgültigen Produkt entspricht.« Im
früht geschmäcklerische Diskussionen Berufsalltag sieht das jedoch in den
über Oberlächen oder Farbwelten, ob­ meisten Fällen anders aus als an der
wohl es noch um Funktionalität und Hochschule, räumt Sven Voelker ein –
Umsetzbarkeit geht. Die weitere Visu­ denn der Auftraggeber will mehrere
alisierung hängt von der jeweiligen Entwürfe sehen, deren Produktion in
Gestaltungsdisziplin ab. In der Ausstel­ inaler Qualität zu teuer käme.
lungs­ und Messestandgestaltung ent­ »Skizzen, Scribbles, textliche Be­
stehen plastische 3­D­Modelle, im Gra­ schreibungen, Moodfotos und ­ilme
ikdesign kommen vornehmlich Rende­ sind die Werkzeuge, mit denen wir un­
rings zum Einsatz, bei der Visualisierung sere Ideen anreißen und präsentieren.
von Anzeigenmotiven mitunter foto­ Die Geschichte und das Bild in unseren
realistische Illustrationen. Köpfen müssen für den Auftraggeber
nachvollziehbar sein. Erst dann kann
Besonders wichtig sind Visualisierun­ man mit rechnergestützten Visualisie­
gen bei Ideen, die komplex und schwer rungen oder aufwendigen Fotoproduk­
greifbar sind, etwa bei der Filmpro­ tionen beginnen«, meint Uwe Melichar,
duktion oder im Interaction Design. Im Managing Partner bei Factor Design.
Gegensatz zum Graikdesign können Wie und welche Visualisierungsmetho­
Ideen hier meist nicht in dem Medium den Kreative unterschiedlicher Diszip­
dargestellt werden, das es zu gestalten linen einsetzen, zeigen wir auf den
gilt. Hier sind andere Methoden not­ nächsten Seiten. nik
PAGE 10.12 025

Uwe Brückner zeich-


nete für jede Station
diverse Skizzen in un-
terschiedlicher Detail-
treue. Zum Abschluss
des Projekts publizierte
das Atelier ein Buch
mit seinen Skizzen

Von der Partitur zur Ausstellung


Atelier Brückner: Ricordi (Bertelsmann)

n Die 200­jährige Geschichte des Mu­ zum Einsatz, um Ideen und Konzepte
sikverlags Ricordi mit rund 200 Expo­ der Designer verständlich zu machen.
naten sowie die Entstehung einer Oper Begonnen wird jedes Projekt mit
vom Libretto bis zur Aufführung – die­ einem Workshop zusammen mit den
se beiden Erzählstränge galt es im No­ Auftraggebern, um eine gemeinsame
vember 2008 in der Ausstellung »That’s Sprache und Linie zu inden – von Uwe
Opera« unterzubringen. Dieses Projekt Brückner »Debabelizing« genannt. Di­
zeigt exemplarisch die Arbeitsabläufe rekt im Anschluss beginnt die thema­
bei Atelier Brückner, wo Visualisierun­ tische und visuelle Recherche, deren
gen zu jedem Zeitpunkt eine große Ergebnisse auf einer rund 1500 Quad­
Rolle spielen. Da Kunden es in der Re­ ratmeter großen Pinnläche in den
gel nicht gewohnt sind, Pläne zu lesen, Stuttgarter Atelierräumen festgehal­
kommen 2­D­ und 3­D­Visualisierungen ten werden. Um Plot, Parcours und die
einzelnen Stationen zu veranschauli­
chen, setzt Uwe Brückner im ersten
Schritt auf Skizzen und Storyboards.
»Skizzen sind verständlicher als Wor­
te«, so der Architekt und Bühnenbild­
ner. »Die Ausarbeitung oder ästheti­
sche Präzision erfolgen in den nächs­
ten Phasen: Zuerst geht es darum,
Verständnis zu erzeugen und eine Bot­
schaft zu transportieren – nicht um
die perfekte Darstellung. Skizzen sind
assoziativ, sie lassen Raum zur Inter­
Jede Station der pretation.« Brückner legt generell gro­
Ausstellung wird ßen Wert auf die handgezeichnete Vi­
in Miniatur sualisierung und treibt sie sowohl in
vorgebaut und seiner Lehrtätigkeit an der Hochschu­
fotograiert le für Kunst und Gestaltung Basel als
auch in internen Skizzierkursen für die
Atelier­Mitarbeiter voran. Mittlerwei­
le lässt das Szenograiestudio für je­
des Projekt Bücher mit Brückners Skiz­
zen in einer Aulage von fünfzig Exem­
plaren drucken.
Die groben Entwürfe in den Skiz­
zen konkretisiert Atelier Brückner dann
in Renderings. Ohne diese am Rechner
ausformulierten Raumeindrücke geht
es heute auch in der Szenograie nicht
mehr. Sie liefern einen vollständige­
ren Eindruck des geplanten Projekts.
Noch präziser sind die plastischen 3­D­
026 PAGE 10.12 TITEL Kreative Konzepte visualisieren

Modelle, die Atelier Brückner oft di­ Ein weiteres wichtiges – und ein­
rekt nach dem Brieing und in mehre­ zigartiges – Instrument der Visualisie­
ren Varianten anfertigt. »Wenn man rung bei Atelier Brückner ist die soge­
Übung darin hat, sind sie nicht allzu nannte Partitur. Wie in der Oper stellt
aufwendig, aber verlässlicher und we­ sie das ganze »Orchester« dar: Worum
niger manipulativ als Renderings oder geht es? Wer sind die Protagonisten?
Animationen«, erklärt Uwe Brückner. Wer und was kommt wann zum Ein­
Die Vorteile liegen auf der Hand: Die satz? In der Partitur ließen alle Fäden
Modelle, die zunächst meist im Ver­ in Form einer Matrix zur Blaupause des
hältnis 1 : 50 gebaut werden, bieten ei­ Projekts zusammen. Sie setzt räumliche
nen räumlichen Eindruck, den weder und inhaltliche Aspekte in Beziehung,
Skizzen noch Renderings liefern kön­ dokumentiert Aufbau und Ablauf der
In 3ds Max erzeugte Renderings stellen die Ausstellungs- nen. Sie dienen der plastischen Ver­ Ausstellung samt aller Einzelbereiche
stationen detailgenau und realistisch dar mittlung von Ideen, machen sie im und dient somit als Handlungsanwei­
wahrsten Sinne des Wortes begreilich. sung für alle Beteiligten – vom Baulei­
So stärken sie auch das Vertrauen in die ter über den Dramaturgen und den
Machbarkeit eines Projekts. Anders for­ Komponisten bis hin zum Filmemacher
muliert: Mit ihnen kann man schlecht und Softwareentwickler. Die Partitur
tricksen. Im Zuge der Projektentwick­ hängt analog an der Agenturpinnwand
lung werden immer neue Modelle an­ und ist zudem für alle in einer digita­
gefertigt, bis hin zu Mock­ups und Pro­ len Version einsehbar. Für die Ricordi­
beaufbauten im Maßstab von 1 : 1. Ausstellung etwa umfasst sie neben
dem Raum­, Inhalts­ und Designkon­
zept auch mehrfache Visualisierungen
der einzelnen Teile. Für jede Station
wurde die räumliche Atmosphäre in
Skizzen festgehalten, die Szenograie
in Modellfotos und Renderings. Ein Mix
aus Skizze und Rendering beschreibt
die Inhalte die Multimediastationen.
Mit dieser Kombination aus Skizzen,
Renderings, Modellen und Matrizen
macht das Stuttgarter Studio Ideen und
Konzepte für Kunden, Teamkollegen
und Dienstleister begreifbar und bietet
konkrete Handlungsanweisungen – so­
dass keine Missverständnisse oder teu­
re Fehlentwicklungen entstehen. Das
Verfahren – von Atelier Brückner »Crea­
tive Structure« genannt – ist für jedes
Projekt gleich. »Die Größe ist egal – ob
120 oder 70 000 Quadratmeter, wir ar­
beiten immer nach den gleichen Krite­
rien und Parametern«, so Brückner.
028 PAGE 10.12 TITEL Kreative Konzepte visualisieren

Mit einem Zeitrafferilm visua-


lisierte Factor Design für den
Möbelhersteller Casala das Kon-
zept des Zusammensitzens

Vom Film zur Broschüre


Factor Design: Casala

n Bewegtbild ist ein eindrucksvolles zeichnungen. Für Produktdarstellun­


Mittel, um Ideen zu visualisieren – so­ gen skizzierten sie Aufstellungen und
gar wenn es sich um graische Aufträ­ Perspektiven der Möbel und kolorier­
ge wie zum Beispiel die Gestaltung ei­ ten sie grob. Nach ersten Abstimmun­
ner Broschüre handelt. Um die zentra­ gen mit Casala fertigte Factor Design
le Idee des Zusammensitzens für das detailreichere Zeichnungen an sowie
Rebranding des niederländischen Ob­ erste Grobrenderings ohne Licht und
jektmöbelherstellers Casala zu vermit­ Texturen. Im nächsten Schritt ent­
teln, drehte Factor Design aus Ham­ stand ein weiteres Rendering, das Ein­
burg einen kurzen Zeitrafferilm. Die­ zelheiten, Oberlächen und Schatten
ser zeigt, wie ein leerer Saal für eine visualisiert und als verbindliche Vorla­
Veranstaltung bestuhlt wird, sich mit ge für die inale Ausarbeitung diente.
Menschen füllt und nach dem Event Darüber hinaus fertigte Factor Design
wieder ausgeräumt wird. »An dem Film selbst Locationbilder und deutete auf
sind alle wichtigen Parameter für spä­ ihnen mit leichtem Strich Personen
tere Bildwelten abzulesen«, erläutert an. Nach der erneuten Absprache mit
Daniel Sorge, Head of Design bei Fac­ dem Kunden erstellten die Gestalter
tor Design in Hamburg: etwa die Funk­ daraus ein Brieing für den Fotogra­
tionalität der Möbel, der einfache und fen, das Raumsituation, Perspektive
schnelle Auf­ und Abbau und eben und Möblierung umfasste. »Das end­
das Zusammensitzen. gültige Foto entsteht allerdings im­
Am Moodboard in der Agentur wurden die Um die Motive für die Kommunika­ mer erst in der Situation zwischen An­
Visualisierungen gesammelt tionsmaßnahmen einzugrenzen, arbei­ lass und Mensch«, betont Daniel Sor­
teten die Designer mit Moodboards, ge. Bei der Casala­Broschüre sind die
die die Atmosphäre der späteren Fo­ Unterschiede zwischen dem Fotogra­
tograien zeigen. Das konkrete Bild fen­Brieing und inalem Motiv jedoch
entwickelten sie über einfache Strich­ nur äußerst gering.

Unterschiedlich
ausgearbeitete
Renderings dienten
als Vorstufe und
Brieing für das
Shooting. Visuali-
sierung (oben)
und inale Um-
setzung zweier
Motive aus der
Casala-Broschüre
030 PAGE 10.12 TITEL Kreative Konzepte visualisieren

Vom Scribble zur Anzeige


Serviceplan: BMW Motorrad

n Flucht aus dem Alltag und der wu­


seligen Stadt – das war die Grundidee
der Kampagne, die Serviceplan Mün­
chen im März für BMW Motorrad um­
gesetzt hat. Die visuelle Idee für die
Anzeigenmotive sah folgendermaßen
aus: eine hochgeklappte Stadt am Ho­
rizont, ein Fluchtpunkt und ein Motor­
rad beziehungsweise Roller auf freier
Strecke. Alles klar? Wohl eher nicht.
»Ein künstliches Motiv wie das für die
BMW­Kampagne ist schwer mit Wor­
ten zu beschreiben«, sagt Sandra Loibl,
Dieses grobe Scribble mit Anmerkungen diente als Brieing für die Illustratorin
Senior Art Director bei Serviceplan. »Für
die Präsentation haben wir in Zusam­
menarbeit mit der Illustratorin Lassal
ein gut ausgearbeitetes Scribble er­
stellt, damit sich der Kunde die Idee
vor Augen führen konnte.«
Für das Brieing der Illustratorin fer­
tigte Serviceplan ein grobes Scribble an,
versehen mit Anweisungen zur Farb­
welt (»freundlich«), Perspektive (»ge­
spiegelt«), Anmutung (»Stadt soll kein
Drecksloch sein«) et cetera. Das nach
diesen Angaben erstellte fotorealisti­
sche Scribble nutzte Serviceplan dann
auch als Brieing für den Fotografen.
Marc Trautmann schoss Gesamtan­
sichten von großen Städten vom Heli­
kopter aus, Straßen für den Vorder­
grund, Fahraufnahmen sowie Über­
gänge in Form von Tunneln und Brü­
cken. Aus diesen Einzelteilen schuf das
Lassal (www.lassalmedia.com) fertigte daraufhin ein fotorealistisches
Team um Sandra Loibl anschließend
Scribble für die Präsentation beim Kunden an
in Photoshop das Composing­Layout
für die inale Kundenpräsentation und
für das Brieing der Postproduktion
Zerone in Hamburg.
Ein fotorealistisches Scribble ist laut
Loibl nicht immer erforderlich: »Manch­
mal genügt auch ein einziger Satz, um
eine Kampagnenidee auf den Punkt
zu bringen.« Weniger ausgearbeitete
Scribbles lassen darüber hinaus mehr
Spielraum für die inale Umsetzung
des Motivs und die Kreativität des Fo­
tografen. »In den meisten Fällen ist es
aber von Vorteil, einen genauen Fahr­
plan für das Shooting zu haben.« Im
Falle der BMW­Kampagne sehen sich
Scribble und inale Anzeige denn auch
sehr ähnlich. Geht es bei einer Kam­
pagne jedoch um authentische Darstel­
lung, wie beispielsweise bei Porträts
von Menschen, lässt sich das Ergebnis
nicht so genau vorab visualisieren.
Aus verschiedenen Bestandteilen setzte Serviceplan in Photoshop das Motiv für die »Hier muss man Raum für Zufälle las­
inale Präsentation beim Kunden und das Brieing der Postproduktion zusammen sen«, erklärt Loibl.
PAGE 10.12 031

Für das Mälzer-


Restaurant
Hausmann’s am
Frankfurter Flug-
hafen entwickelte
weissraum gleich
mehrere Logovarian-
ten. Das inale
Zeichen beinhaltet
das bereits bekannte
Mälzer-Logo aus
Besteck, die ange-
gliederte Hausbar
nimmt mit einem
Globus Bezug
auf den Standort

Von der Vektorgraik zum Corporate Design


weissraum: Hausmann’s

n Im Oktober eröffnet Tim Mälzer mit Für Packaging und Restaurant­Be­


Patrick Rüther und Tim Plasse sein schilderung von Hausmann’s fertigte
zweites Restaurant: das Hausmann’s weissraum zunächst eine Mischung aus
im Frankfurter Flughafen. Das Corpo­ Skizzen und Moods an, um das gene­
rate Design stammt – wie schon das der relle Look­and­Feel zu vermitteln. Zu­
Bullerei – vom Hamburger Graikdesign­ dem arbeiteten die Gestalter mit Stock­
studio weissraum (siehe PAGE 01.12, Fotos sowie selbst geschossenen Bil­
Seite 37). Dessen Gründer Lucas Buch­ dern von Bechern und Tüten, auf die sie
holz und Bernd Brink waren von Be­ ihre Entwürfe als Vektorgraiken über­
ginn an involviert. Um ihre Ideen für das trugen. »Wir tun so als ob«, beschreibt
Erscheinungsbild zu vermitteln, setzten Buchholz das Vorgehen. Die so entstan­
die Gestalter vornehmlich auf Vektor­ denen Visualisierungen sind keine auf­
graiken. »Scribbles nutzen wir vor al­ wendigen Renderings, aber dennoch
lem intern«, so Buchholz. »Für den Kun­ aussagekräftiger als rudimentäre Skiz­
den fertigen wir Vektorgraiken an, die zen. »Sie sind ästhetisch nicht perfekt,
ein gutes Bild der inalen Umsetzung liefern aber annäherungsweise Darstel­
geben.« In der Phase der Logoentwick­ lungen des fertigen Produkts, die dem
lung zeigte weissraum den Gastrono­ Kunden unsere Ideen verständlich ma­
men sechs ausgearbeitete Entwürfe. chen«, so Buchholz.

Um ein Look-and-Feel vom Packaging


zu geben, stellten die Designer
Scribbles und Moods zusammen.
Fotos von Bechern und Tüten kombi-
nierten sie mit Vektorgraiken, um
die inale Umsetzung zu simulieren
032 PAGE 10.12 TITEL Kreative Konzepte visualisieren

Vom Moodboard zum Film


Markenilm

n Mit dem Arts & Creative Depart­


ment hat Markenilm eine Abteilung
geschaffen, die speziell für Visualisie­
rungen von Filmideen zuständig ist.
Diese Treatments sind das Kondensat
der Vorrecherche und legen die Grund­
steine eines Films fest: Seine Atmo­
sphäre, Dynamik und Bildwelt, aber
auch Plot und ilmische Mittel werden
hier in Form eines Booklets deiniert.
Mit ihnen treten die Hamburger in Pit­
ches um Werbeilmaufträge an – ent­
sprechend wichtig ist es daher, dass
die Treatments die Ideen des Regis­
seurs verständlich und eindrucksvoll
kommunizieren. »Um Filmkonzepte ein­
drucksvoll und glaubwürdigzu visuali­
sieren, muss man mit dem Blick eines
Regisseurs arbeiten«, erklärt Manfred
Zozin, Head of Arts & Creative bei Mar­
kenilm. Doch das Arts & Creative Team
braucht nicht nur fundiertes Filmwis­
sen, sondern muss sich auch mit Gra­
ik­ und Editorial Design auskennen,
um Filmideen lebhaft und nachvollzieh­
bar zu Papier zu bringen. »Bei Marken­
ilm sind Treatments ein wichtiges kre­
atives Werkzeug und werden immer
ausgefeilter«, so Zozin.
Der erste Schritt besteht bei jedem
Projekt in der Absprache zwischen Pro­
duktionsirma, Auftraggeber – meis­
tens Werbeagenturen – und Regisseur.
Nachdem die Agentur das Storyboard
für den Spot vorgelegt hat, diskutieren
alle Beteiligten in einer Telefonkonfe­
renz die visuelle Grundidee. Im An­
schluss entstehen erste Notizen, Mind­
maps und Skizzen. Daraufhin beginnt
der wichtigste und aufwendigste Teil
der Visualisierungsarbeit: die Bildre­
cherche. Dafür durchsucht das Marken­
Ganz oben: In Telefonkonferenzen zwischen Agentur, dem Arts & Creative ilm­Team gezielt Bücher und Zeitschrif­
Department von Markenilm und dem Regisseur entstehen erste Notizen, Mind- ten, sichtet Filme, recherchiert im Netz
maps und Skizzen. Darunter: das Markenilm-Team bei der Recherche-Arbeit und im hauseigenen Bildarchiv. »Man
muss wissen und entdecken wollen, wo
man das passende Material indet«,
erklärt Zozin. Um die Bildwelt eines
Films in all ihren Aspekte zu beschrei­
ben, ist eine Vielzahl an Referenzen nö­
tig: Porträts und Schauspiel, Locations,
Landschaften, Licht und Atmosphäre,
Kameraarbeit, Special Effects und vie­
les mehr. Die Bilder werden in Share­
Foldern abgelegt, auf die das Team und
der Regisseur zugreifen können. Im i­
nalen Treatment indet sich letztlich nur
ein Bruchteil des gesammelten Mate­
rials wieder – eben jene Bilder, die die
Filmidee am besten ausdrücken.
Im hauseigenen Bildarchiv in Adobe Bridge stellt das Arts & Creative Die Anforderungen an die Visuali­
Department Moodboards zu allen Aspekten eines Werbeilms zusammen sierung variieren von Projekt zu Pro­
PAGE 10.12 033

jekt. Mal existiert bereits eine recht


weit entwickelte Idee, die das Team
um Manfred Zozin visualisieren soll,
mal erarbeitet es diese erst im Laufe
der Recherche und bietet sie Agen­
tur und Regisseur an. Schon während
dieser Phase arbeitet Markenilm aufs
Engste mit dem Regisseur zusammen.
»Moodscouting ist ein kollaborativer
Prozess«, erläutert Zozin. Immerhin
geht es bei den Treatments darum, Vi­
sion und Arbeitsweise des Regisseurs
zu vermitteln – deswegen heißen sie
auch »Director’s Interpretation«. Da­
bei spricht sich das Arts & Creative De­
partment immer auch inhouse mit
dem Produktionsteam ab, das Aus­
kunft über die Kosten und Realisier­
barkeit von Ideen gibt.
Wenn die Bildauswahl getroffen ist,
geht es an die Gestaltung des Treat­
ments, das in einer Kombination von
Bild und Text ein Gefühl für den Film
vermittelt – und Agentur und Kunden
begeistern soll. Nach der Präsentation
beim Kunden und eventuellen Anpas­
sungen an seine Wünsche dient das
Treatment dem Drehteam als Hand­ Das Treatment
lungsanleitung für die Umsetzung. kombiniert
»Man muss wissen, wie man in Bildern Bild und Text,
kommuniziert – zuerst, um einer Idee um die Filmidee
die Kraft zu geben, die sie braucht, überzeugend
und danach, um das Team anzulei­ und spannend
ten«, so Manfred Zozin. zu visualisieren
034 PAGE 10.12 TITEL Kreative Konzepte visualisieren

PROBIER MAL!
Von Low bis High Fidelity: Für die Entwicklung interaktiver Anwendungen und Produkte sind Prototypen unverzichtbar

Sketch
Eine Skizze ist der erste Schritt in der Produktentwicklung.
Beginnend mit User Research und Initial Idea Sketching
werden zu jedem Zeitpunkt der Ideenindung alle Informatio-
nen und Gedankenschritte auf Papier gebannt. Letzteres
sollte in dieser Phase tonnenweise greifbar sein, sodass die
Ideen sprudeln können. Die vollgezeichneten Blätter ver-
teilt man lose vor sich, um sie dann zu kategorisieren – wie hier
die Studenten am Kopenhagener Institut für Interaction
Design. Jeder Sketch verdient einen catchy name, damit man im
Gespräch auf ihn Bezug nehmen kann. So bilden die Skizzen
zu Beginn des Projekts eine erste Diskussionsgrundlage und
schaffen Klarheit für folgende Prototypentwicklungen.

Storyboard
Mehrere Skizzen, chronologisch aneinan-
dergereiht, ergeben ein Storyboard.
Dieses kann unterschiedliche Funktionen
erfüllen. So gibt ein Experience Story-
board die allgemeine Stimmung um das
Produkt wieder und beschreibt auf
diese Weise, welches Erlebnis die Inter-
aktion auslösen soll. Ein Scenario Story-
board wie das am Kopenhagener Institut
für Interaction Design entwickelte (links)
fasst das Interfacekonzept näher ins Auge,
indem es den Anwendungsfall visuali-
siert. Und bei der Entwicklung von Websites
und Applikationen bildet meistens ein
Screen Flow Storyboard alle Abläufe ab.

Paper Prototype
Papier und Pappe sind ausgezeichnete und dazu preiswerte
Materialien, um einfache Prototypen zu gestalten. Für einen
Testlauf durch erste Interfacekonzepte reichen ein Stift und
ein paar Blatt Papier. In Verbindung mit einer Hardwarekon-
struktion bietet sich hierfür Wellpappe an, denn sie ist leicht
verformbar und überall erhältlich. Und so kommt sie auch
am Kopenhagener Institut für Interaction Design zum Ein-
satz, um Hardware-Paper-Prototypen zu bauen (rechts).
Diese Art des Prototyping ist nach dem Storyboard die güns-
tigste Methode und liefert erste funktionierende Mo-
delle, mit denen sich bereits Usertests durchführen lassen.
PAGE 10.12 035

Digitaler Sketch
In fast jeder Projektphase gelangt man früher oder später an den Punkt, an dem
die weiteren Schritte am Computer erfolgen müssen. Dabei bilden erste Lay-
outs in den gängigen Graikprogrammen eine detaillierte Basis für einzelne Screen-
designs, die im Vergleich zu von Hand gezeichneten Skizzen schon um einiges
komplexer und ausgearbeiteter sind (hier als Beispiel der Entwurf für den Com-
munity Almanac von The Open Planning Project). Mit digitalen Sketchingtools
lassen sich rohe Screenlayouts und interaktive Prototypen für Interfacedesign-
konzepte erstellen. An der University of Washington verfolgt man inzwischen
den Ansatz, das gesamte Webdesign vom Papier auf den Computer zu verlagern:
So lässt sich mit dem Tool Denim (http://dub.washington.edu:2007/denim)
jeder Schritt von der ersten Skizze bis zur detaillierten Seitenaufteilung in einem
Dokument verwalten. Dabei schafft die auf Stift- oder Toucheingabe ausge-
legte Benutzeroberläche lediglich einen digitalen Rahmen für das gute, alte
Sketching auf Papier. Die Baukastensysteme Balsamiq und pidoco° erset-
zen dieses durch das Herumschieben vorgefertigter Elemente – ein enormer
Vorteil, wenn komplexe Layouts immer wieder angepasst werden sollen.

Prototyp-Video
Interfaces kommen heute kaum noch ohne Animationen
aus. Einzelne Screens lassen sich daher nicht mehr isoliert
betrachten, denn es sind gerade die Übergänge zwischen
den Zuständen, die zum Verständnis der Struktur beitragen.
So ist es konsequent, bei der Entwicklung eines Prototyps
Einzelbilder in bewegte Bilder umzuwandeln . In einem von
Mareike Graf geleiteten Seminar an der Hochschule für
Gestaltung Schwäbisch Gmünd entstand der Kurzilm »ami –
folding the future«. In ihm zeigen Marc Osswald und Jakob
Konrad die Interaktionsmöglichkeiten faltbarer Displays,
wobei sie den Fokus weniger auf die Bedienung des
Geräts als vielmehr auf das geschaffene Szenario legten. Mit
Prototyp-Videos lassen sich Abläufe schon früh detailliert
ausgestalten und so eine Idee auch ohne den Aufwand einer
interaktiven Gestaltung verständlich präsentieren.

Simulation
Für einen schnellen Überblick über die Vorzüge einer Anwen-
dung muss eine Simulation nicht erst zeitaufwendig pro-
grammiert werden. Ausgewählte Abläufe veranschaulichen
dabei die verschiedenen Funktionen. Doch sollte man die
Vorführung gut einstudieren, damit die Illusion entsteht, es
handle sich um eine lauffähige Applikation. Für eine solche
Präsentation gibt es mehrere Möglichkeiten: Entweder lässt
man einfach ein Video vom Interface ablaufen und der
Darsteller führt die dazu einstudierten Bewegungen aus. Für
mehr Flexibilität kann ein Assistent das Video an passenden
Stellen pausieren lassen oder der Darsteller steuert es selbst.
Für das Photoshop-MT-Konzept, das in Zusammenarbeit
mit Jens Franke und Wera Reinhardt an der Hochschule für
Gestaltung Schwäbisch Gmünd entstand, wurde eine
Simulation in Flash aufgebaut, die der Präsentator selbst über
zwei kleine Fußpads für »vor« und »zurück« steuern konnte.
036 PAGE 10.12 TITEL Kreative Konzepte visualisieren

Experience Prototype
Während man im Interfacedesign auf klassische Usability-
kriterien wie Effektivität, Efizienz, Einprägsamkeit,
Erlernbarkeit oder Fehlerrate achtet, reichen diese bei
interaktiven Installationen nicht aus, um die Qualität
zu beurteilen. Hier ist vor allem das Nutzervergnügen ein
entscheidender Faktor – von Computerkünstler Zach
Lieberman auch als »Open Mouth Phenomenon« bezeich-
net. Bei dem Spielkonzept »Magic Carpet« von envis
precisely und Isabella Thaller sollte mit möglichst geringem
technischem Aufwand der Spaßfaktor getestet werden.
Dazu klebte das Team eine teppichgroße Fläche ab und
nutzte zwei Taschenlampen, um Kreise auf den Boden
zu projizieren. Der eine Kreis folgt dem User, der den an-
deren Kreis fangen muss. Die Versuche wurden geilmt,
um die Reaktionen der Spieler auswerten zu können. Lautes
Schreien und Kichern galten innerhalb einer »Spaß-
skala« als positiv – ein ausgesprochen heiteres Testverfahren.

Behavioural Prototype Haptischer Prototyp


In Systemen, bei denen die Bewegung und das Verhalten Bei Hardwareprototypen ist es sehr wichtig, dass der Aufbau
der einzelnen Elemente eine zentrale Rolle spielen, nicht nur zu sehen, sondern auch zu fühlen ist. Die Bedeutung
möchte man diese oft gesondert beurteilen. Essenziell ist des Tastsinns für die Beurteilung von Interaktionen wird immer
dieses Behavioural Prototpying für generative Installatio- wieder unterschätzt. Benedikt Burgmaier und Julia Stäbler
nen wie etwa »Bugworld«. Bei der 2007 im User-Interface- entwickelten zusammen mit dem Forschungsteam haptICS,
Design-Kurs der Fachhochschule Joanneum in Graz ent- bestehend aus Götz Wintergerst und Ron Jagodzinski,
wickelten Arbeit sollte das Verhalten eines oder mehrerer eine spezielle Testreihe für Drehregler, da diese oft eine gute
Käfer zunächst mit simplen Rechtecken getestet werden. Alternative zur herkömmlichen Bedienung technischer
Dies gab Aufschluss über wichtige Parameter, ohne sich zu Geräte darstellen. Ziel war es, den optimalen Regler zu bauen
sehr in graischen Details zu verlieren. So animierten die und ein – im Hinblick auf haptisches und akustisches Feed-
Studenten in erster Instanz Kästchen, um zu verfolgen, wie back – passendes Interface zu entwerfen. Das Projekt gliederte
sich die einzelnen Objekte im System verhalten. Das sich in mehrere Teilbereiche: Zuerst suchte das Team verschie-
Design war zunächst nicht wichtig, da der Fokus auf den denste Geräte, die Drehregler verwenden, und testete sie auf
parameterbasierten Charakteristiken lag. In dieser Phase mögliche Parameter wie Drehwiderstand, Geräusch, Haptik,
bildet man typischerweise auch viele Hilfsmittel ab. Im Fal- Geschwindigkeit oder Mapping. Im nächsten Schritt konstruier-
le von »Bugworld« gab es Indikatoren für Sichtradius, ten die Entwickler Widerstände aus unterschiedlichsten
Richtung und Zielposition, visualisiert durch weiße Hilfs- Materialien wie Aquariumschlauch, Plastikstreifen, Milchglas,
linien, damit sich nachvollziehen ließ, wie sich Ände- Lochblech, Dreiecksplastik und Neusilber, um harmonische
rungen am Code auf das Verhalten der Käfer und Planzen Reglerreihen mit sechs Abstufungen von weich bis hart zu garan-
auswirkten. Solche Details schaffen es nicht selten bis tieren. Zum Schluss erstellten sie ein simples Interface, das
in die Endversion, da sie sich als sehr nützlich erweisen. eine verständliche Menünavigation mittels Drehreglern abbildet.
PAGE 10.12 037

Interaktions-Prototyp
Auf der Suche nach Alternativen zu Maus
und Tastatur gilt es, moderne Benutzer-
schnittstellen zu gestalten, deren Inter-
aktionsmöglichkeiten den Anforderungen
der Anwendung Rechnung tragen. Wie
kann beispielsweise eine Eingabe für ein
Interface aussehen, das Wissen anschau-
lich vermitteln soll? Bei der interaktiven
Installation »Tiefsee« von Andreas
Burghart, Christian van Elten und Felix
Hohl können Besucher mit einem
alten Drehrad ein U-Boot virtuell ins Meer
abtauchen lassen. Hier griffen die
Studenten auf Baumarktprodukte wie
Metallrohre und -gitter zurück. Stößt
der Besucher auf einen Fisch, spürt er,
wie die Plattform vibriert. Ein lauter
werdender Rauschton verdeutlicht den
enormen Druck in bis zu 10 000 Meter
Tiefe. Für das haptische Feedback kam ein
Bodyshaker zum Einsatz – ein Körper-
schallgenerator, der einen fühlbaren Bass
erzeugt, den man im Idealfall nicht hört.
Den Rauschton generierte ein Subwoofer,
dessen Lautstärke über Y-Mauskoordina-
ten reguliert wird. Auf diese Weise bauten
die drei mit geringem Materialaufwand
einen eigenständigen Prototyp, der auf
klassische Eingaben verzichtet und
somit ein neues Bediengefühl vermittelt.

Demo-Prototyp
»Erkläre es mir, und ich werde es verges-
sen. Zeige es mir, und ich werde mich
erinnern. Lass es mich selber tun, und ich
werde es verstehen.« Wie schon Kon-
fuzius sagte, verläuft der Königsweg des
Begreifens über das eigene Tun. Aus
diesem Grund besteht der überzeugends-
te Prototyp aus der funktionsfähigen
Demonstration entscheidender Teile des
inalen Produkts. Dabei kann die User
Experience im Vordergrund stehen oder
das Ziel eher sein, die Art des Feed-
backs zu begutachten. Bei dem von
Christian Perstl und envis precisely
entwickelten Multitouch-Software-Proto
typ für das Designportfolio molecule
mt wird deutlich, wie leicht sich die Inter-
aktion mit der Anwendung am Gerät
selbst erleben lässt. Dieses Demo regt
dazu an, das Interface spielerisch zu
erforschen, etwa beim Betrachten von
Designprojekten. Visualisiert werden
diese durch vieleckige Formen – die Mole-
Die Beiträge auf den Seiten 34 bis 37 stammen aus WEAVE, küle –, die sich aus einzelnen Elemen-
dem Interactive-Design-Magazin von PAGE (www.weave.de). ten zusammensetzen. Diese stehen für
Die Autoren sind Thomas Gläser, Markus Jaritz und verschiedene Designkategorien und
Philipp Sackl von envis precisely (www.envis-precisely.com) zeigen so die Ausrichtung der Projekte.
038 PAGE 10.12

KREATION

Martin Nicolaussons
Plakatserie für die
Londoner Agentur
18 Feet & Rising
schüttelt die Stil-
geschichte des 20. Jahr-
hunderts einmal
kräftig durch – und
schafft es damit
noch immer (oder
wieder), den Betrach-
ter zu irritieren
PAGE 10.12 039

Clash of
Cultures
Stile, Techniken, Zeiten, Dimensionen – wir
zeigen reizvolle Remix-Strategien, die die visuelle
Kommunikation künftig aufmischen werden

n Don Draper, Kreativdirektor bei der Agentur Sterling


Cooper, verliert zu Anfang jeder »Mad Men«-Folge den Bo-
den unter den Füßen. In dem Saul-Bass-artig gestalteten
Vorspann fällt sein Büro wie im Traum in Papierschnipsel zu-
sammen – und er selbst zwischen Hochhausschluchten und
Werbebotschaften herab. Neben der Retro-Ästhetik faszi-
niert die zeitgemäße Story: Dass die Protagonisten trotz
Kuba-Krise und sexueller Revolution mit den gleichen He-
rausforderungen zu kämpfen haben wie wir heute. Eben
aufgrund dieses Spannungsfelds zwischen historischer Ku-
lisse und aktuellen Gesellschaftsthemen, durch unser Wis-
sen um die soziokulturellen Veränderungen der 60 Jahre,
fühlen wir uns so außerordentlich gut unterhalten.
»Die Kombination von alten und aktuellen Stoffen und
Stilelementen war immer ein gängiges Werkzeug der Kultur-
produktion«, sagt Sven Voelker, Professor für Kommunika-
tionsdesign an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein.
Dass uns dies derzeit so auffällt, liegt an der zunehmenden
Medien- und Bildkompetenz. Kreative, die heute verstärkt
auch als Redakteure und Kuratoren arbeiten, jonglieren im-
mer selbstverständlicher und zugleich virtuoser mit Bildern,
Stilen und Medien, kombinieren Vergangenes mit Zukünf-
tigem, Digitales mit Physischem.
Wie sich durch Sampling Neues generieren lässt, veran-
schaulicht Sven Voelker anhand eines Beitrags der letzten
Some-Konferenz: »Girl Talk mischt alte Songs zu neuen Stü-
cken, ohne eigene Kompositionen hinzuzufügen. Die Band
nutzt etwa John Lennons ›Imagine‹ und bedient sich dabei
der Emotionen, die das Original hervorruft, erweitert das
Hörerlebnis aber durch einen neuen Sound.« Es geht also
darum, Dinge aus ihrem etablierten Kontext zu lösen und
neue Botschaften oder Stimmungen zu schaffen: »Das be-
deutet, weniger in Designbuchhandlungen als auf dem Floh-
markt zu recherchieren. Risiken einzugehen, Fehler und ih-
re Dissonanzen zuzulassen und damit zu experimentieren.«
In zeitgemäßen Remixes nehmen Information und Narra-
tion einen immer größeren Raum ein. Der zeitliche Aspekt
wird wichtiger: Altes und Neues, gegensätzliche Stile wer-
den visuell verdichtet oder entzerrt. Dadurch erhalten auch
wenig prägnante Bildfragmente Intensität und Aussage-
kraft. Die Geschichten im Zwischenraum der Pole liefern Rei-
bung, verlangen vom Betrachter Wissen und Auseinander-
setzung, involvieren ihn intellektuell und sinnlich, führen
seine Wahrnehmung mit optischen Täuschungen an der
Nase herum und machen ihn so zum mündigen Rezipienten,
der aus dem Erlebten eigene Schlüsse ziehen kann. wl
040 PAGE 10.12 KREATION Remix-Strategien

1
Oben links: Dyna-
Konzentrierte Stilgeschichte misch verdichtet –
Jo Ratcliffe
Schrillbunt wabern postmoderne Figuren durch komprimiert post-
moderne Bild-
Martin Nicolaussons Plakatserie, die der schwe-
welten zu einer
dische Illustrator als Promotion für die Londoner witzigen,
Agentur 18 Feet & Rising entworfen hat. Oder etwas hysterisch
erinnern die Bilder doch eher an die surrealen anmutenden
Animation für Kenzo.
Traumwelten René Magrittes – oder an die
Daneben: Zwischen
schrägen Monty-Python-Filme? Jorge Marìn von Bauhaus und
Metric72 aus Barcelona wiederum scheint in Techno – die Plakate
seiner Posterserie typische Bauhaus-Elemente von Jorge Marín
stammen aus dem
wie Farben und Formen in Fragmenten neu Gestalten-Buch
zusammenzusetzen – zeitgemäß aufgepeppt »Echoes of the
durch ihre abgehackt schnelle, rhythmische Future. Rational
Konstruktion. Die Tatsache, dass derartige Re- Graphic Design
and Illustration«
mixes oft eher als charmante, kompakt (176 Seiten, 35 Euro,
verquirlte Stilhistorien-Shakes und nicht als isbn 978-3-89955-
plumpe Zitate daherkommen, hält die 413-7)
Aufmerksamkeit des Betrachters wach. Der
Kenzo-Spot, illustriert von Jo Ratcliffe und
produziert von Passion Pictures aus London,
ist dagegen ein Feuerwerk eklektischer For-
men und Farben, Symbole und Muster der Post-
moderne, das mit seiner Komik überzeugt.
Diese entsteht durch das Tempo und die über-
triebenen, staksigen Bewegungen des
Catwalk-Models und scheint den Style-Hype der
Modewelt auf die Schippe zu nehmen. Gerade
die durch Bewegtbild beschleunigte Verdichtung
kann slapstickhaft für Leichtfüßigkeit sorgen.
042 PAGE 10.12 KREATION Remix-Strategien

Layering
»Es darf gelayered werden«, animieren die

2
Modegazetten: Dicke Materialien werden
über dünne getragen, Kurzes über Langem,
feine mit groben Strukturen kombiniert,
Neon- mit Naturfarben. Die Gegensätze sollen
sich gar nicht zu einem schlüssigen Ganzen
verbinden – gefragt sind Dissonanzen. Ähnlich
verhält es sich im Grafikdesign: Texte legen
sich über transparente Farbflächen, die wiede-
rum Bilder überlappen. Graffitiartig werden
Fotos mit Illustrationen umdekoriert, über die
Comicblasen getaped sind. Das Berliner
Designerduo Jung + Wenig legt mehrere Bild-
ebenen mit Brüchen wie transparenten
Ebenen, groben Schnitten und gerissenen
Kanten offen und zelebriert sie, anstatt
harmonisch-einheitliche Motive zu generieren.
Der niederländische Illustrator Letman
überlagert unterschiedliche Kalligrafiestile und
Pinselstriche in transparenter Aquarelloptik
und lässt so ein dynamisches Buchstabengewim-
mel entstehen (siehe Seite 70). Plakat- und
Editorial Designer schaffen Reibung zwischen
Pop-Art-Typo, Reportagefotografie und
psychedelischen Seventies-Grafiken – und verbin-
den sie meist weniger zu deutlichen, kon-
zeptionellen Aussagen als vielmehr zu unruhig-
bewegten Stimmungsbildern. Layering als
zeitgemäße Form der Collage scheint eine Methode
zu sein, dem hektischen Hintergrundrauschen
der Bilder- und Informationsflut, das uns täglich um-
gibt, einen kompakten visuellen Ausdruck
zu verpassen. Und ganz bildlich kommt dieserTrend
unserem Wunsch nach Transparenz entgegen.

Job Wouters alias Letman


überlagert auf seinem
Plakat verschiedene kalligra-
fische Stile im angesagten
Aquarell-Look. Darunter:
Jung + Wenig versteht sich
auf Grafik- und Editorial
Design, das Information auf
Text- und Bildebene intel-
ligent verwebt. Hier: Plakat
für das Berner Grafik-Event
Soirée graphique, das sich
auch käuflich erwerben lässt
PAGE 10.12 043

Lucas Simões setzt Porträts zu


ornamentalen Collagen
zusammen. Darunter: Vorder-
grund oder Hintergrund?
Der Fotograf Zander Olsen hat
für seine Fotoserie »Tree Line«
Bäume mit Papier umwickelt,
um damit die Linien von Hori-
zont oder Bergmassiv weiter-
zuführen. Die Abbildungen
stammen aus der wunder-
baren Gestalten-Publikation
»High Touch. Tactile Design
and Visual Explorations«,
herausgegeben von Robert
Klanten und Matthias
Hübner (208 Seiten, 44 Euro,
isbn 978-3-89955-444-1)

Spagat zwischen vier


Dimensionen
3-D-Infografiken oder 2-D-Pappinstallationen
im realen Stadtraum: Das Durchmischen
von Dimensionen, längst eine feste Größe
unter den Remix-Methoden, treibt stän-
dig neue, feinsinnige und überraschende
Blüten. Zander Olson hat für seine Foto-
serie »Tree Line« Papierfahnen um Bäume
gewickelt, um so grafische Flächen zu
generieren, die den Wald im Vordergrund
des Bildes mit den Linien des Horizonts
verbinden. Meist geht es darum, die Grenzen
zwischen den Dimensionen aufzuheben,
um durch Irritation die Auseinandersetzung
des Betrachters mit diesen Grenzen zu
forcieren. Interessant wird es, wenn der

3
Faktor Zeit hinzukommt: Der brasilianische
Grafikkünstler Lucas Simões hat für die
Bilderserie »desmemórias« Freunde während
eines Gesprächs mehrfach abgelichtet und
zehn dieser aufeinanderfolgenden Fotos
übereinandergeschichtet. Durch geometrisch-
ornamentale Aussparungen in allen Bild-
ebenen ergeben sich komprimierte Porträts
mit seltsam deformierten Gesichtszügen.
Diese in Schichten eingefrorene Bewegung
verweist vielleicht auch auf die Unsicherheiten,
die die Allgegenwart digitaler Medien
mit sich bringt: Wo lassen sich die Grenzen
zwischen realem und virtuellem Raum,
zwischen realer und virtueller Zeit ziehen?
044 PAGE 10.12 KREATION Remix-Strategien

4 Pop-Art-Patchwork – das Duo


Craig & Karl mischt für seine
Porträtserie fröhliche Muster-
strukturen zu pointierten
Charakterstudien populärer
Persönlichkeiten. Links:
Orientalischer Ornamentteppich,
niederländisches Stillleben
oder technoide Computerkunst?
Die Blumenornamente der
britischen Künstlerin Lucie Bell
sind jedenfalls Hingucker

Ornament im Quadrat
Wir lieben die dekorative Leichtigkeit des Ornaments. Im Remix-Hype der letzten
Jahre wurden aus Alltagsobjekten immer wieder formschöne Muster kreiert,
die Plakate und Buchcover, Werbung und Websites zieren. Die Formen des Ornament-
Remixes werden immer raffinierter: Die britische Künstlerin Lucie Bell zaubert aus
naturgetreuen, fast greifbaren Blumendarstellungen neue, abstrakte Blumenmuster –
irgendwo angesiedelt zwischen Vanitas-Stillleben und Computergrafik. Umgekehrt
werden profane, abstrakte Muster – wie in der Mode – dazu genutzt, aussagekräftige
Bilder zu schaffen. Die Grafikkünstler Craig & Karl etwa generieren durch das
patchworkartige, scheinbar naive Zusammensetzen simpler geometrischer Muster
ausdrucksstarke Porträts, zum Beispiel eine Serie mit Charakterstudien verschie-
dener Persönlichkeiten aus Kultur und Mode (siehe PAGE 02.12, Seite 26 f.). Indem der
Betrachter spielerisch aufgefordert ist, zwischen den verschiedenen Bildebenen
des Banalen und semantisch Aufgeladenen hin und her zu wechseln, eröffnen sich
Spannungsfelder für eigene Gedanken und Perspektiven.
PAGE 10.12 045

Grafische Physik
Die visuelle Kommunikation, ebenso wie die Kunst, kon-
frontiert den Rezipienten immer weniger mit pointiert
dargestellten Botschaften. Stattdessen wird er in atmos-
phärische Inszenierungen involviert, bestehend aus
physikalischen Experimenten und sinnlichen Wahrneh-
mungsspielereien im Raum. Eine bemerkenswerte
Arbeit zwischen Grafik und Installation stellte Sven Voelker
im Rahmen des norwegischen Kunstfestivals Go with the
Flø aus: »Haven’t Seen Myself in Ages« besteht aus
414 mehrfarbigen Plakaten mit geometrischen Mustern,
aufgehängt an einer 20 mal 6 Meter großen Wand
und von 10 vielfarbigen LED-Scheinwerfern beleuchtet.
Unter den ständig wechselnden Lichtfarben verän-
dern sich vor den Augen des Betrachters die Farben und
die räumliche Tiefe der Grafikornamente. Dabei schei-
Farbillusionen oben: Die Installation »Haven’t nen sich die Muster zu bewegen und dreidimensionale
Seen Myself in Ages« von Sven Voelker Tiefe zu erreichen – die Wand löst sich auf . . . Die Pop-
erweitert die Farbmuster durch Licht um die
räumliche Dimension und involviert den Art-igen Muster erhalten durch die Verbindung mit buntem
Licht im wahrsten Sinne des Wortes eine neue Dimen-

5
Betrachter in starke Wahrnehmungserlebnisse.
Rechts: Wer braucht da Drogen? Die App sion. Psychedelische Retrografiken führt die japanische
von Yayoi Kusama für Louis Vuitton hilft, den
Künstlerin Yayoi Kusama mit ihren Rauminstallationen in
Alltag etwas bunter wahrzunehmen
die dritte Dimension. Nun überträgt sie ihre fantasievollen
Tupfenmuster in einer Kooperation mit Louis Vuitton
auf eine Modekollektion, begleitet von einer App, mit
der sich beliebige Gegenstände verformen und mit
Punkten dekorieren lassen. Nicht von ungefähr kommt
zudem auch die limitierte »Alice im Wunderland«-
Buchausgabe, die mit Kusamas getupften Illustrationen
versehen und in ausgewählten Louis-Vuitton-Stores
erhältlich ist. Ihre Punktmuster lassen Erinnerungen an
Kindheit oder Hippiezeiten aufleben – und sorgen
nebenbei für interessante Wahrnehmungserfahrungen.
046 PAGE 10.12 KREATION Arini-Erscheinungsbild

Ornamente in Bewegung
Für die jordanische Non-Proit-Organisation Arini gestaltete TwoPoints.Net aus
Barcelona und Berlin ein stimmiges Corporate Design

Beladen mit Obst n Modernes Grafikdesign steckt in Jor­


und Gemüse danien noch in den Kinderschuhen. Gera­
fahren die schön de das macht es interessant für ausländi­
verzierten Last­ sche Designer, dort Workshops zu geben,
wagen durch Vorträge zu halten und so ein Stück Ent­
Amman. Sie bilden wicklungshilfe zu leisten. Lupi Asensio, die
die Grundlage mit Martin Lorenz in Barcelona das Design­
der Arini­Identität büro TwoPoints.Net betreibt, reiste An­
fang des Jahres zu diesem Zweck nach
Amman. Dort knüpfte sie auch Kontakt
mit der gemeinnützigen Organisation
Arini, die dabei ist, eine Plattform für lo­
kale und internationale Designer, Archi­
tekten und Künstler zu schaffen, heimi­
sche Talente zu fördern und die unter
den politischen Krisen der Region leiden­
de lokale Wirtschaft anzukurbeln.
Der Bürgerkrieg in Syrien macht sich
auch in Jordanien deutlich bemerkbar:
»Alle Hotels in Amman, auch unseres, wa­
ren mit Flüchtlingen überfüllt«, berichtet
Lupi Asensio. »Viele von ihnen suchten
ärztliche Hilfe, da die Krankenhäuser in
Syrien mit der Versorgung nicht mehr
nachkommen. Während meines Aufent­
halts spürte ich am eigenen Leib, dass die
Region von unzähligen Konlikten durch­
zogen ist.« Nichtsdestotrotz will sie im
Herbst – diesmal gemeinsam mit Martin
Lorenz – wieder nach Jordanien, um mit
Arini ein Projekt in einem palästinensi­
schen Flüchtlingsviertel zu realisieren –
nicht ganz ungefährlich, aber wichtig.
Zunächst aber stand ein gefahrloser
Job an: Arini brauchte eine visuelle Identi­
tät, die TwoPoints.Net entwickeln sollte.
»In einem Land zu kommunizieren, das
man erst seit Kurzem kennt, ist außeror­
dentlich schwierig«, erzählt Lupi Asensio.
»Uns war klar, dass wir einen Bezugs­
punkt zur Alltagskultur brauchten.« Die­
sen fanden sie in wunderschönen Orna­
menten auf Lastwagen. »Die Lkw gehö­
ren zum Stadtbild von Amman, werden
aber auch in anderen Ländern im Nahen
Fotos: Mohd Musa

Osten genutzt, um Obst und Gemüse zu


transportieren. Sie überqueren Grenzen,
sind Teil des Alltags und haben eine Funk­
tion in der Gesellschaft.«
PAGE 10.12 047

Die Designer entwarfen aufbauend auf Die Visitenkarten


diesen Ornamenten ein lexibles visuelles nehmen die
System, das die Grundlage für die Visiten­ Muster ebenso auf
karten, Poster, Flyer und die entstehende wie die Poster
Website bildet. Ihnen war es wichtig, stets
Jordanier in ihre Arbeit einzubeziehen.
Den Typedesigner Ali Almasri etwa, der an
einer arabischen Version ihrer TpKurier
Calligraphic arbeitet. Die 2010 entworfene Die TpKurier Calligra­
Schrift passt mit ihrer handschriftlichen phic, 2010 von Two­
Anmutung sehr gut zur Arini­Identität. Na­ Points.Net gestaltet,
türlich gaben auch die Arini­Gründer Mo­ passt wunderbar zum
hammad Aljabi, Heba Alnajada und Liyan Arini­Erscheinungsbild.
Aljabi Feedback zu der CI­Entwicklung. Im Der Typedesigner Ali
Herbst soll das Projekt abgeschlossen sein. Almasri arbeitet gerade
Aber schon heute beweist es, dass sich an der arabischen
mit offenen Augen und offenem Geist ge­ Version, die VetteLetters
lungene, stimmige Erscheinungsbilder auch dann als Print­ und
für fremde Kulturen gestalten lassen. ant Webfont anbieten wird
048 PAGE 10.12 KREATION Lieblingspapiere

Von Herzen
Manchmal ist es eine ungewöhnliche Sorte, die monatelang in Peter Clark, East Molesey, Surrey
der Schublade schlummert, bis sich endlich ein passender Ich mag altes, leckiges Papier. Manchmal inden
sich Flecken auf der Rückseite von bedruckten
Einsatz ergibt. Manchmal auch ein ganz gewöhnliches Papier, Papieren, manchmal laufen sie auch über das Ge-
das wegen seiner Vielseitigkeit geliebt wird. Und manchmal druckte. Sie können durch Verunreinigungen
entstanden sein oder durch Abnutzung und Alter.
sind es einfach nur Reste, die das Designerherz höherschlagen Kombiniert man sie mit intakteren Papierstücken,
lassen. Wir zeigen Lieblingspapiere von Gestaltern und was die mit Mustern oder sonst wie verziert sind, etwa
sie damit angestellt haben Stadtplänen, entstehen spannende Artworks.
PAGE 10.12 049

Ilka Helmig, Köln Denise Ender, Davilla, Bregenz


Ich mag das ungestrichene Offsetpapier PlanoArt Bright White von Unser Lieblingspapier heißt Colorplan, die Bandbreite
Papyrus wegen seiner unaufdringlichen Ästhetik, angenehmen an Grammaturen, Farben und Oberlächen macht
Haptik und der exzellenten Druckeigenschaften. Vor allem die gute die Sorte einfach unwiderstehlich. Feinpapier hört
Bildwiedergabequalität macht es für den Einsatz in Kunstkatalogen normalerweise bei 400 Gramm auf – Colorplan
interessant. Trotz der offenen Oberläche eignet es sich prima gibt es auch noch in 540 und 700 Gramm, dazu in
für Abbildungen, nimmt die Farbe gleichmäßig auf, trocknet schnell, 50 Farben und 20 Oberlächenprägungen. Für
und auch die dunklen Farbbereiche laufen nicht zu. Zudem ist das Corporate Design von biemie nutzten wir Color-
es im Vergleich ziemlich günstig, wird in vielen Stärken von 90 bis plan White Frost in 700 Gramm mit einer trans-
300 Gramm angeboten und ist FSC-zertiiziert. Zuletzt realisierte parenten Folienprägung. Das Ergebnis ist hochwertig
ich auf PlanoArt Bright White zusammen mit Johannes Bergerhausen in der Aufmachung und extravagant in der Gestal-
die Kunstkataloge »Out of Focus« und »Residential Oberservation«. tung: Pure White – Pure Elegance – Pure Sensuality.
050 PAGE 10.12 KREATION Lieblingspapiere

Bärbel Muhlack, zinnobergrün, Düsseldorf Helder Suffenplan, 20First, Berlin


Am liebsten arbeiten wir mit Chromolux. Das Besondere sind die Schon immer wollte ich etwas mit der hellgrauen Variante von Zanders Zeta
zwei unterschiedlichen Oberlächen: eine hochglänzende machen. Das Grau ist sehr pudrig, und es gibt verschiedene Oberlächen.
Vorder- und eine matte Rückseite. Bewusst eingesetzt, ergibt das Ich habe schon mindestens drei Kunden versucht davon zu überzeugen,
sehr schöne Effekte. Die glänzende, glatte Oberläche eignet das Papier für ihre Geschäftsausstattung zu nutzen. Sie sind beim Wort
sich perfekt für die Wiedergabe von Bildern, die matte, raue Seite – »Grau« aber jedes Mal zusammengezuckt. Sie verbanden es mit Tristesse
ähnlich einem Naturpapier – ist ideal für Texte und Zeichnungen. und Langeweile. Dass ein Grau auch zart, poetisch oder sogar frisch
Sehr schön sind auch die farbigen Kartonsorten oder die metal- sein kann, haben sie nicht gesehen. Jetzt ergab sich endlich eine Gelegen-
lischen Oberlächen von Chromolux. Oft genügt eine Blind- heit: Im Ausstellungskatalog für Upon Paper baute ich einen Papier-
prägung oder ein einfarbiger Druck, um tolle Effekte zu erzielen. wechsel ein und verwendete Zeta light grey für den Textteil, und zwar
Aktuell haben wir mit Chromolux eine Produktinformation in in Feinleinenstruktur. Natürlich ist es ungewöhnlich, Fließtexte auf
Plakatform für die Marke miniki produziert. Die hochglänzende einer strukturierten Oberläche zu drucken. Es hat vom Schriftbild her
Seite zeigt das Foto der Miniküche, die ungestrichene verwen- aber wunderbar funktioniert. Für den Bildteil nutzt der Katalog Zanders
deten wir für alle technischen Informationen. Den Boden falteten medley pure. Es ist ungestrichen, und die haptische Oberläche passt
wir so, dass beide Oberlächen auf der Vorderseite des Plakats zu wunderbar zur pudrigen Farbigkeit von Zeta. Der Einband ist aus Zanders’
sehen sind. Auf diese Weise entsteht ein spannungsvoller Kontrast. Einbandmaterial Efalin, mit derselben Oberläche wie Zeta light grey.

André Marose,
Gallery Print, Berlin
Mein derzeitiges Lieblingspapier ist
das seidig-samtige Olin Smooth von
Antalis. Manchmal bedarf es nicht viel,
um aufzufallen, sondern nur einer
feinen Haptik. Zum Einsatz kam es
kürzlich bei einer Visitenkarte für
Birds & Bells. Bei dem zurückhalten-
den Layout von Michael Brauchli –
basierend auf einem einzigen Schrift-
schnitt in Ultralight und neonrotem
Farbschnitt – konnte es seine
schwebende Eleganz voll ausspielen.
PAGE 10.12 051

Timo Völker, Schikago, Mannheim Henning Otto, Eiga Design, Hamburg


Ein Lieblingspapier ist für uns immer die Sorte, die optimal zu einem Projekt Das Aufkeimen einer Papierliebschaft erkenne ich an einem
passt – das kann sowohl ein edles feingestrichenes Bilderdruckpapier subjektiven Faible für eine besondere Haptik, Anmutung,
als auch, ganz unprätentiös, ein einfaches Packpapier sein. Neben den Farbgebung oder Struktur. Aber auch rational am Vertrauen
gestalterischen Aspekten spielen bei unseren Lieblingspapieren aber in die Funktionalität des Materials. Derzeit stehen wir
auch simple Fakten eine Rolle: Sind die gewünschten Grammaturen verfüg- auf Bee! und sein glänzendes Schwesterchen Bee! Brilliant
bar? Liegt das Papier im Budget des Kunden? Ist es für alle geplanten der Büttenpapierfabrik Gmund. Mit diesem couple haben
Einsatzgebiete geeignet? Für garten dialoge, die Geschäftsausstattung wir in den vergangenen Monaten sehr schöne Erfolge erzielt.
der Landschaftsgärtnerin Patricia Geyer, suchten wir nach einer Sorte, Als Covermaterial besticht Bee! mit edler Anmutung,
die mit einem gelblichen Weißton und einer ungestrichenen Oberläche signiikanter Haptik und vielfältigen Veredelungsmöglich-
dem Erscheinungsbild einen exklusiven, aber dennoch natürlichen keiten. Ganz rational überzeugt es mit gut ausgebauten
Charakter verleiht. Hier fanden wir unseren Favoriten in Munken Pure, Grammaturen und einer eigenen Hüllenserie, die es auch
das diese Anforderungen voll erfüllt und sich auch für die Bestem- als Corporate Paper spannend machen. Unser mit Bee!
pelung, die bei dem Projekt eine tragende Rolle spielt, sehr gut eignet.  gestaltetes Trend-Diary »Eat!« und ein Event-Mailing für
Römerturm wurden vielfach ausgezeichnet. Sicher-
lich auch eine Bestätigung für eine rechte Materialwahl. 

Stefan Guzy, Zwölf, Berlin


Am liebsten mag ich Gmund Colors.
Die Sorte hat eine unaufdringliche ilzmatte
Oberläche, viele schöne Farben und
wird in der vermutlich idyllischsten Papier-
fabrik Deutschlands hergestellt. Einge-
setzt habe ich es zum ersten Mal vor acht
Jahren im Auftrag von Sinnbus Records,
Berlin, für einen Flyer zum Monotekktoni
Record Release – eigentlich verrückt,
immerhin ist das Papier nicht wirklich
günstig. Aber weil das Material für
ein CD-Cover verwendet wurde, blieb auf
dem Druckbogen noch etwas Platz . . .
052 PAGE 10.12 KREATION Lieblingspapiere

Fideli Sundqvist, Stockholm Jim Sutherland,


Ich arbeite am liebsten mit farbigen A4-Bogen in Stärken um die 130 Gramm. Hat-trick Design, London
Die sind so schön einfach zu handeln. Ich fände es langweilig, größere Bogen Challenger Offset von McNaughton ist ein einfaches Papier,
erst klein schneiden zu müssen, bevor ich mit meinen Projekten anfangen kann. das wir gerne einsetzen. Denn es ist sehr weiß, lässt sich
Die Sorte ist mir eigentlich egal, Lichtbeständigkeit und der Preis spielen prima bedrucken, hält die Farbe und ist umweltfreundlich –
aber schon eine Rolle. Und natürlich bevorzuge ich umweltfreundliches Material. heutzutage eine unerlässliche Eigenschaft. Zuletzt ver-
Für »Pappersblommor« nahm ich Galtex in 120 Gramm. Die Qualität ist wendet haben wir es für die Printmedien einer Spenden-
gut und es ist in vielen verschiedenen Farben erhältlich. Die Arbeit entstand aktion: Die Breathing Planet Campaign will 100 Millionen
für eine Ausstellung bei Papp Limited – ein toller Laden in Stockholm, Pfund einnehmen, um Kew Gardens zu erhalten und weitere
in dem man wunderschöne Papiere und Papierprodukte kaufen kann. Umweltprojekte zu unterstützen.

Olaf Jäger, jäger & jäger, Überlingen


Eigentlich haben wir kein absolutes Lieblingspapier, da wir für
jedes Projekt das Entsprechende suchen: Das Papier muss zu
der Gestaltung passen und deren Aussage unterstützen. Natürlich
haben wir auch Präferenzen, und die liegen eindeutig bei den
ungestrichenen Papieren – für Projekte mit bibliophilem Charakter
verwenden wir oft Werkdruckpapiere. Wenn es zum Konzept
passt, auch extrem dünne Sorten oder Zeitungspapier. Für die
Messekommunikation von Nils Holger Moormann zum Beispiel
nutzten wir das gelblich-weiße Munken Print Cream, um
den bibliophilen Charakter der A6-Broschüre zu unterstützen.
PAGE 10.12 053

Vanessa Eckstein, Blok Design, Toronto Sophie Heins, Oh Wunder, Hamburg


Gerade für Corporate Designs nutzen wir sehr gerne Classic Crest von Mein Favorit ist das 100-prozentige Recyclingpapier der
Neenah Papers. Es hat diese verschiedenen subtilen Weiß- und Gmund-Serie Act Green. Darauf habe ich meine
Cremetöne, die wir brauchen, ist von hervorragender Qualität und Geschäftsausstattung drucken lassen. An der Sorte gefällt
lässt sich ausgezeichnet prägen. Für die Geschäftsausstattung mir vor allem die Haptik. Außerdem mag ich es, dass
von Atelier af – einer kürzlich gegründeten Art Consultancy in Mexico man dem Papier durch den leichten Grauton und die Einschlüsse
City – nutzten wir es für die im Offset zu bedruckenden Elemente ansieht, dass es sich um Recyclingpapier handelt – aber
in Kombination mit Strathmores Museum Board für die Visitenkarten, eben erst auf den zweiten Blick. Das kleine Heftchen, das
die per Letterpress bedruckt wurden. Dieser starke Karton eignete hinten auf der Visitenkarte klebt, ist auf dem FSC-zerti-
sich prima, um die Kanten der Karten in leuchtendem Blau zu färben. izierten Laserdruckerpapier Mondi Colour Copy gedruckt.
056 PAGE 10.12 KREATION Nobrow

Feel Good
Books
Print ist tot? Mitnichten. Bei Nobrow in London
werden wunderschöne illustrierte Bücher
in Eigenregie geplant, entworfen, gedruckt,
verkauft und ausgestellt. In wirtschaftlich
turbulenten Zeiten ist der aufstrebende Klein-
verlag ein wahres Ausnahmeprojekt

n Beim Aufschlagen des siebten »No­


brow«­Magazins steigt einem sofort
der typische Geruch von Druckfarbe in
die Nase, der auch die Werkstatt des
Verlags erfüllt. Dieser Raum im Unter­
geschoss des kleinen Studios in der
Great Eastern Street im Londoner Os­
ten ist Druckerei, Lager, Konferenz­
raum und Galerie zugleich. Jede Men­
ge Farbtuben und Papiere, Rahmen
und Paletten – »Keine Fotos, bitte! Das
Chaos ist uns peinlich.« – zeugen noch
von der Produktion des neuesten Ti­
tels. Auf 128 schweren Seiten zeigen
45 Illustratoren und Comic­Autoren von
Joost Swarte bis Tom Gauld ihre Ver­
sionen von Aldous Huxleys »Brave New
World«. Wunderbar vielfältig und doch
kohärent gestaltet, dabei detailverliebt
in der Narration und nicht immer nah
an der literarischen Vorlage. Das Heft
besticht durch seine exquisite Verar­
beitung, die satten Schmuckfarben und
eine retroesk anmutende Ästhetik, die
sich durch sämtliche Geschichten zieht.
Es ist schwer, sich so etwas auf dem
iPad vorzustellen.
Fotos: Franziska Beyer (3), India Walker (2), Nobrow (5)

Man glaubt den Nobrow­Gründern


Sam Arthur und Alex Spiro gern, dass
sie busy sind. Die nächste Publikation
steht bereits in den Startlöchern, eine
weitere muss für die Übersetzung vor­
bereitet werden. Darüber hinaus kom­
men seit der letzten Ausstellung im­
mer wieder Anfragen rein. Viel zu tun
also. Doch – ganz englisch – rekapitulie­
ren sie lächelnd, wenn auch zügig die
Erfolgsgeschichte ihres Unternehmens.
Nobrow ist ein Kind der Liebe in für
PAGE 10.12 057

Ihre Produkte vertrei-


ben Sam Arthur und
Alex Spiro online über
www.nobrow.net
und in ihrem Shop in
der Great Eastern
Street. Einzige wieder-
kehrende Publikation:
das »Nobrow«-Magazin
(oben rechts die
neueste Ausgabe)
058 PAGE 10.12 KREATION Nobrow

Nobrow druckt Offset in


3000er bis 5000er Auf-
lagen und Siebdruck in
50er bis 100er Aulagen.
Vorerst wird es keine
Online- oder Tablet-
Editionen geben. Jesse
Moynihans »Forming«
war eine Zeit lang frei im
Web zugänglich. Die Print-
ausgabe unterscheidet
sich durch ihr hochwer-
tiges Look-and-Feel von
der Gratisversion im Netz

Das Motto »Ökonomie durch Design«


setzt Nobrow durch sehr hohe Quali­
tätsstandards durch. Weil die meisten
Arbeitsschritte im eigenen Unterneh­
men angesiedelt sind, haben Sam
Arthur und Alex Spiro volle Kontrolle
über ihre Projekte und können die Fix­
kosten niedrig halten. Auf diese Weise
können sie ihre Printpreziosen für die
Käufer erschwinglich halten und zu­
gleich den Gewinn für die Illustratoren
maximieren. Alle Produkte sind hand­
gemacht, in der Regel inhouse unter
dem Label Nobrow Press im Offsetver­
fahren oder in Kleinstaulagen von 50
bis 100 Exemplaren per Siebdruck her­
Fotos: India Walker

gestellt. Lässt Nobrow einmal auswärts


fertigen, dann bei lokalen Druckereien,
um die Produktion im Auge zu behal­
ten und den Standort zu stärken.
Weil Nobrow mitten in der Finanz­
krise 2008 auf dem Markt auftauchte,
in einer zunehmend digitalen Medien­
landschaft, sollten die Bücher irgend­
wie anders sein: weniger Informations­
träger und ­vermittler, sondern mehr
Printmedien und Start­ups harten fentlichungsplattform bieten. Um so hochwertiges Sammlerobjekt. »Wir ver­
Zeiten. Als die beiden den Verlag 2008 ein Projekt umzusetzen, braucht es ei­ suchen nur beste Materialien zu nut­
gründeten, hatten sie noch keinerlei nen ziemlich langen Atem. Fast zwei zen und möglichst viel mit Format,
Erfahrung im Publishing. »Alex war Il­ Jahre dauerte es, bis die Idee klar aus­ Farbe, Größe und Design zu experimen­
lustrator und ich habe als Regisseur formuliert war, und dann noch einmal tieren«, sagt Sam Arthur. Und fügt fast
Werbeilme und Musikvideos gedreht«, ein Jahr bis zum ersten Magazin. Seit­ naiv hinzu: »Ich glaube, wir sind erfolg­
erklärt Sam Arthur, der wie Spiro am dem lernen Sam Arthur und Alex Spiro reich, weil wir schöne Bücher machen.
Central Saint Martins College of Art ständig dazu. »Wir waren uns nicht Die Leute scheinen das zu mögen.«
and Design studiert hat. Kennengelernt ganz sicher, wohin es eigentlich gehen Alex Spiro fügt hinzu: »Die Gestaltung
hatten sie sich schon 2003 und gemein­ soll. Doch nachdem wir einmal ange­ ist dabei ja nur die halbe Miete. Wir
sam an verschiedenen Animationspro­ fangen hatten, ist das Ganze gewach­ achten auch sehr auf die Herstellung,
jekten gearbeitet. »Dabei entdeckten sen und gewachsen.« Heute umfasst sind an umweltfreundlichen Produkti­
wir, dass wir ähnlich mit visuellen Er­ Nobrow neben dem charmanten, von onsfaktoren interessiert und nutzen
zählstrategien umgehen«, so Arthur. japanischen Actioniguren bevölkerten ›gute‹ Papiere. Qualität und Nachhal­
Beide hatten zudem eine Leidenschaft Studio zwei Druckpressen, die ihnen tigkeit sind hoffentlich Trends, die sich
für Drucksachen und beide wollten ih­ ein annähernd autarkes Arbeiten er­ in Zukunft fortsetzen.«
re Energie in ein Projekt stecken, das möglichen, sowie eine Galerie, in der Mit zwei, drei Sonderfarben und
ihre Liebe zur Illustration in einem regelmäßig Nobrow­Künstler ausstel­ Aulagen, die auch im Offset nie die
Produkt zusammenbringt, ohne sich len, und einen Laden, in dem neben 6000er Marke überschreiten, sowie
dabei Vorgaben von außen unterwer­ den eigenen Produkten auch Kunst­ exzellenter Qualität wird jedes Buch
fen zu müssen. drucke, Geschenkpapier und den Bü­ zu einem Liebhaberstück. Ein massen­
Ihr Kleinstverlag soll Nachwuchsge­ chern nachempfundene Püppchen zum produziertes Objekt ist ersetzbar und
staltern und ­illustratoren eine Veröf­ Verkauf angeboten werden. dadurch entbehrlich, während ein
060 PAGE 10.12 KREATION Nobrow

Nobrow­Buch stets etwas Beson­


deres bleibt. Bedenkt man, dass No­
brow bisher keinerlei Werbung in ei­
gener Sache gemacht hat, kann man
über den einschlagenden Erfolg nur
staunen. »In den vergangenen vier Jah­
ren haben sich für uns viele spannen­
de Gelegenheiten allein dadurch erge­
ben, dass Leute entweder versehent­
lich oder durch Mundpropaganda in
unseren Laden kamen«, berichtet Alex
Spiro. »Wir mögen die Idee, dass je­
mand zufällig hereinstolpert. Irgend­
wie wildromantisch, oder?«
Tatsächlich hat man schnell sein
Herz an die liebevoll produzierten Hef­
te in zum Teil aberwitzigen Formaten
verloren, mit denen die Regale des
Shops gefüllt sind. Hier stehen neben
Graphic Novels von Koryphäen wie
Blexbolex (»No Man’s Land«) Kunst­
editionen von Illustratoren wie dem
Belgier Jan Van Der Veken oder dem
deutschen Kollektiv Golden Cosmos,
deren neuester Titel »High Times« die
Geschichte der Aeronautik als farben­
frohes Leporello entfaltet. Daneben
Neuentdeckungen wie Luke Pearson
(»Everything We Miss«) und Ben New­
man, dessen »Bento Bestiary« liebe­
voll Gute­Nacht­Geschichten um ja­
panische Fabelmonster spinnt. Eines
der beliebtesten Bücher ist »A Graphic
Cosmogony«, eine Anthologie, für die
Fotos: Nobrow

24 Künstler auf je 7 Seiten den bib­


lischen Schöpfungsmythos illustrier­
ten. Viele der Publikationen kommen
gänzlich ohne Text aus und können so
problemlos auf dem internationalen
Markt platziert werden.

Die markanten Farben und Themen


der Nobrow­Bibliothek erklären sich
zum einen durch deren Vorbilder: alte
Illustrationen und Comicbücher, Fan­ Druckfarbe, Papier, unsere Ausrüstung suchen, Kreative zu inden, die damit
tagraphics und Drawn & Quarterly, die und unsere Hände.« Angesichts der klarkommen. Besonders bei unserem
beiden wichtigsten englischen Comic­ sehr schnell anwachsenden Nobrow­ Magazin, für das wir viele Künstler aus
verlage, aber auch die Berliner Krea­ Titel und ­Projekte ist der Siebdruck in­ der ganzen Welt zu einem vorgege­
tivschmiede Bongoût (seit Mai 2012 zwischen ein wenig in den Hintergrund benen Motto anfragen, ist das span­
Re:Surgo!, siehe PAGE 05.12, Seite 36) getreten; er kommt noch für Proto­ nend. Da alle unter den gleichen Be­
oder Le Dernier Cri aus Marseille. Zum typen oder Kunsteditionen zum Ein­ dingungen an das Thema herange­
anderen sind die satten Farben bedingt satz, aber auch, um mit ausgefallenen hen, lässt sich beobachten, wie jeder
durch den unkonventionellen Druck­ Formaten, Bindungen, Faltungen et ce­ Einzelne damit umgeht und wie unter­
prozess. »Im Gegensatz zum gängigen tera zu experimentieren. schiedlich die Ergebnisse ausfallen.«
CMYK­Druckverfahren mischen wir so­ Diese Art der ästhetischen Selbst­ Der Prozess von der Idee bis zur Publi­
gar bei größeren Aulagen an unserer beschränkung hat auch den markan­ kation variiert von Mal zu Mal: Einige
Offsetpresse die Farben zuvor an. Dann ten Stil von Nobrow hervorgebracht, wenige Gestalter kommen mit einer
überdrucken wir die einzelnen Schich­ ein Alleinstellungsmerkmal, das we­ fertigen Buchidee zu ihnen, andere
ten wie beim Siebdruck«, erklärt Sam sentlich zu ihrem Erfolg beigetragen brauchen mehr Anleitung, sodass Sam
Arthur. »Anfangs konnten wir es uns hat. Er bringt spezielle Anforderun­ Arthur und Alex Spiro dann als Lek­
nicht leisten, im Offset zu drucken. gen an die Gestalter mit sich. »Der for­ toren und Artdirektoren agieren. »Je­
Deswegen fertigten wir sämtliche Pub­ male Rahmen, sprich Format, Farben der arbeitet ein bisschen anders und
likationen von Hand an der Siebdruck­ und Thema, liegt nicht jedem Illustra­ wir versuchen, für jedes Projekt den
presse, um unsere Bibliothek mit mini­ tor. Viele sind es nicht gewohnt, zwei­ richtigen Ansatz zu inden«, erklären
malem Aufwand schnell zu erweitern. farbig oder in Farbseparation zu ar­ sie. »Es ist uns wichtig, einen offenen
Alles, was wir dafür brauchten, waren beiten«, berichtet Alex Spiro. »Wir ver­ Blick für frische Ideen zu behalten.
PAGE 10.12 061

don einzuliegen, um uns Nachschub


zu bringen.« Durch diese Geschichte
wurde auch der Graphic­Novel­Vertrieb
Belles Lettres Diffusion Distribution auf
sie aufmerksam, der Nobrow seit die­
sem Frühjahr in Frankreich vertritt.
Über den Sprung auf den interna­
tionalen Markt sagt Sam Arthur: »Mit
Mitarbeitern aus der Schweiz, Griechen­
land, England und Frankreich fühlen
wir uns ohnehin als eine europäische, Nobrow öffnet
multilinguale Firma. Deswegen möch­ ihre Räume
ten wir unsere Titel nicht nur in heimi­ regelmäßig für
schen Geilden zeigen, sondern so weit Ausstellungen wie
uns unsere Möglichkeiten tragen.« Zwar Ben Newmans
sind durch den Onlineshop die meis­ »Masks« im Januar
ten Editionen weltweit verfügbar, doch 2012. Für das
der Versand dauert natürlich einige erste, von Nobrow
Tage. Aus diesem Grund arbeitet No­ organisierte
brow an einem internationalen Distri­ London Comics &
butionsnetzwerk. Neben Frankreich Arts Festival im
gibt es bereits Vertretungen in Kana­ Club Village Under-
da, Australien, Thailand, den USA und ground gestalte-
vielen Ländern Europas. In Deutsch­ te der französische
land kann man die Nobrow­Produkte Künstler mcbess
in verschiedenen Berliner Shops er­ ein Wandbild
werben: im Mundo Azul zum Beispiel (links oben)
oder bei Re:Surgo!, Motto, Neurotitan
und Modern Graphics. »Wir würden
uns liebend gern nach Deutschland
erweitern. »Das Feedback ist großar­
tig, aber es fehlt uns bislang noch ein
solides Netzwerk.«
Hier tritt der Unterschied zwischen
Nobrow und großen Verlagen deut­
lich hervor: »Wir sind ein kleines Team,
das alles immer selbst macht«, erklärt
Alex Spiro. »Unsere Bücher kann man
nicht einfach als E­Books herunterla­
den. Wir handeln mit echten, physi­
schen Objekten. Gerade im internatio­
nalen Versand gibt es dabei viel zu be­
achten – Einfuhrbestimmungen, Zoll,
Verpackungen, Preise.« Ein schwaches
Deshalb repräsentieren wir auch kei­ liebtesten Titel. Die ersten Veröffentli­ Netzwerk ließe sich mit digitalen Pub­
ne Künstler oder Gestalter, obwohl chungen, »Hilda et le Géant de la Nuit« likationen überbrücken, die dann über
wir mit vielen mehr als einmal zusam­ und John McNaughts »Dimanche«, ka­ iTunes, Google Play oder Zineo ver­
mengearbeitet haben.« men bei Medien und Publikum gut an, trieben werden können. Doch davon
weitere sind in Arbeit. Die Initialzün­ wollen Arthur und Spiro (vorerst)
Nicht nur in Bücher investiert Nobrow, dung dafür gab ein Missverständnis nichts wissen: »Unsere Motivation war
Arthur und Spiro veranstalten auch Si­ beim Angoulême Festival International es, mit Nobrow etwas Erlebbares und
gnierstunden und Ausstellungen oder de la Bande Dessinée 2011. Aufgrund Haptisches zu produzieren, das uns
Events wie This Is Not A Pop­Up, einen ihrer verspäteten Anmeldung steckte weg vom Computer hin zum Handge­
temporären Pop­up­Store in der Lon­ der Veranstalter Nobrow mit ihren machten führt«, sagt Sam Arthur. Und
doner Hayward Gallery. Darüber hinaus graisch­künstlerischen Publikationen Spiro fügt hinzu: »Das Internet bietet
sind sie regelmäßig auf Messen und kurzerhand in ein Zelt, in dem ansons­ so viele Möglichkeiten, Informationen
Festivals von Angoulême, Toronto und ten ganz anders gelagerte Verlage un­ auszutauschen und verfügbar zu ma­
Helsinki bis Madrid oder New York ver­ tergebracht waren. Dies wurde zu ei­ chen. Damit gibt es für ein schlecht
treten. Zum ersten, von ihnen initiier­ ner Art Treppenwitz, den sich begeis­ produziertes Buch keinen guten Grund
ten East London Comic and Arts Festi­ terte Käufer auf der Messe erzählten – mehr, gedruckt zu werden. Da kann
val, das im Juni 2012 in Shoreditch und sorgte für viel Aufmerksamkeit. ich mir die Inhalte besser gleich am
stattfand, kamen statt 1000 erwarte­ »Es war unglaublich«, erzählt Alex Spiro Bildschirm ansehen. Wir möchten ein
ten Besuchern über 3000. Das jüngste lachend, »wir haben tatsächlich alle Ti­ Objekt herstellen, das sich gut an­
Projekt der beiden ist Nobrow France. tel am ersten Tag verkauft und muss­ fühlt, gut riecht und natürlich schön
Unter diesem Label vertreiben sie die ten jemanden bitten, über Nacht mit aussieht. Etwas, das man sammeln
französischen Übersetzungen ihrer be­ Koffern und Taschen bepackt von Lon­ möchte.« Franziska Beyer
062 PAGE 10.12 KREATION

PAPIERWELT

Dass dies eine aus einem A4-Blatt


hergestellte Tasche ist, sieht
man nicht auf den ersten Blick

sierten Menschen aus Agenturen, Ver-


Papier goes 3-D lagen und Druckereien werden. Die in
Pioneer für Print
n Mithilfe eines Lasers verwandelt limitierter Aulage erschienene Publi- n Ein regelrechter Bestseller im Ofice-
der Düsseldorfer Werbeartikelherstel- kation lässt sich bei Arctic Paper und Segment ist die Sorte Pioneer, die An-
ler Usables handelsübliches Papier in bei Papyrus anfordern. talis in Deutschland exklusiv vertreibt.
3-D-Objekte. Die erste Anwendung ist ≥ www.arcticpaper.com; Mit Pioneer Preprint erweitert das Un-
die Tragetasche Roompaper. Hunderts- www.papyrus.com ternehmen sein Angebot um ein Papier,
tel Millimeter feine Schnitte machen das das über eine glatte, homogene Ober-
Papier stellenweise dehnbar. Die Ge- läche, gute Opazität und Volumen so-
staltung und Tragfähigkeit wird durch
Mehr Chromolux wie eine hohe Weiße verfügt und für
die verwendete Sorte sowie die An- n Der Klassiker der Metsä Board Zan- gute Kontraste und Farbwiedergabe im
zahl und Anordnung der Schnitte be- ders GmbH wurde in den sechs Farben Druck sorgt. Die 80 Gramm starke Sor-
stimmt. Durch 302 präzise Trennungen Black, White, Chrome, Silver, Gold und te steht in unterschiedlichen Formaten
verwandelt sich zum Beispiel ein DIN- Red um das Flächengewicht 350 Gramm zur Verfügung und lässt sich im Off-
A4-Blatt in eine Tasche. Roompaper erweitert. Damit bietet das Kartonsor- set-, Laser-, Fotokopier-, Fax- und Ink-
sieht verblüffend aus und zieht beim timent neue Möglichkeiten vor allem jetdruck ebenso verarbeiten wie mit
Tragen durch seine wellenartigen Be- bei Luxusverpackungen. allen digitalen Trockentonertechnolo-
wegungen zusätzlich Blicke auf sich. Um die Auswahl der vielen Chro- gien. Zudem ist Pioneer Preprint FSC-
Die Papiertasche ist im Geschenk- und molux-Papiere und -Kartons möglichst zertiiziert und trägt das EU-Ecolabel.
Werbeartikelhandel oder direkt bei einfach und übersichtlich zu gestalten, ≥ www.antalis.de
Usables erhältlich. gibt es eine handliche Minikollektion
≥ www.usables.de sowie neue Kollektionsbücher. Diese
enthalten alle wichtigen Angaben wie
EcoPrint Europe 2012
Produkteigenschaften, Anwendungs- n Die Druckindustrie ist eine der dre-
»Munken Artworkshop« bereiche und Hinweise zu Druck und ckigsten Industrien der Welt. Mit der
n Vor zehn Jahren gab Arctic Paper Verarbeitung. Für einen ersten opti- EcoPrint, die vom 26. bis 27. September
die Broschüre »Munken Guide to un- schen und haptischen Eindruck des je- in Berlin stattindet, gibt es nun immer-
coated paper« heraus. Jetzt gibt es ei- weiligen Papiers bieten sie außerdem hin ein Forum für Umweltschutz und
nen Nachfolger für den Umgang mit Na- Muster in allen Grammaturen. Die Mi- Nachhaltigkeit im Printbereich. Ins Le-
turpapieren. »Munken Artworkshop« nikollektion wiederum zeigt das ge- ben gerufen wurde die Messe in Reak-
liefert in vier Kapiteln alles Wissens- samte Sortiment in Form eines Fä- tion auf die wachsende Nachfrage nach
werte zu den Themen Papier, Repro, chers. Ebenfalls überarbeitet wurde umweltgerecht produzierten Drucker-
Druck und Weiterverarbeitung. Reich die Website, die sich nun aufgeräum- zeugnissen. Zu den Gründungsmitglie-
bebildert und anschaulich erläutert, ter präsentiert und alle technischen dern zählen Arjo Wiggins, Heidelberg,
könnte die 115 Seiten starke Broschüre Informationen bereithält. HP, Sappi und Avery Dennison. ant
zum Must-have für alle papierinteres- ≥ www.chromolux.de ≥ www.ecoprintshow.com
064 PAGE 10.12

TYPO
PAGE 10.12 065

Teamgeist Reihengestaltung
Eine Perle unter den Buchreihen ist »Great Ideas« 1 aus dem bri-
tischen Penguin-Verlag. Mittlerweile sind fünf Serien erschienen,
die die Texte großer Denker, Pioniere und Visionäre in je zwanzig
Das Cover stellt den ersten Kontakt eines Buches Büchern versammeln. Die Gestaltung lag dabei stets in den Hän-
mit seinem künftigen Leser her. Statt sich zu den von David Pearson, der, wie die Cover unschwer erkennen las-
sen, ein Typomaniac ist und sehr viel Zeit mit der Suche nach pas-
den immer gleichen Kompromissen drängen zu senden Schriften verbringt. Jedes der hundert Cover ist einzigartig
lassen, sollten Gestalter hier ruhig Mut und und durch die Farbgebung doch sofort als zur jeweiligen Reihe
gehörig zu erkennen. Wer alle hundert Bücher im Regal stehen hat,
Hartnäckigkeit beweisen – zumal ungewöhn- verfügt zugleich über ein recht großes Schriftmusterbuch.
liche typograische Lösungen nicht nur gut Achtzehn Bände mit Erzählungen und Theaterstücken von Sa-
aussehen, sondern auch gut verkaufen können muel Beckett 2 gestaltete das Londoner Designstudio A2/SW/HK
im Auftrag von Faber & Faber. Scott Williams und Henrik Kubel
zeichneten eine maßgeschneiderte Schriftfamilie von Light Con-
densed bis Bold Wide, die als Beckett-Fonts in ihrer Typefoundry
A2-Type zu kaufen sind. Damit stellten sie sicher, dass jedes Buch
individuell gestaltet, aber trotzdem eindeutig Teil der Reihe ist. Die
vertikale Typograie erlaubt große Schriftgrößen, die kräftigen Far-
ben leuchten auf dem neutralen grauen Hintergrund besonders
1 schön. Dieser ist auch eine Anspielung auf Becketts Direktive, seine
Grabsteine dürften jede Farbe haben – solange es Grau sei.
Mit Text und Bild arbeiten die Bücher 3 , die Herburg Weiland
für den Tropen Verlag gestaltet. Dabei steht die Schrift stets in ei-
nem Label, und die Bilder scheinen nach unten hin abzufallen. Diese
wenigen Vorgaben genügen, um die Bücher trotz verschiedener
Genres, Fotos, Fonts und Umfänge als Reihe zu identiizieren – die
gestalterische Handschrift macht’s. Mittlerweile sind rund dreißig
Titel erschienen, weitere sollen folgen, denn die Tropen-Bände se-
hen nicht nur gut aus, sondern sind auch inanziell ein Erfolg.

Schrift pur
Reine Typocover sehen Marketingmenschen und Buchvertreter
nicht so gern – aus Sorge, sie würden nicht so gut verkaufen, da
sie zu wenig über den Inhalt sagen. Wir sind da natürlich anderer
Ansicht. So sieht man dem von Herburg Weiland gestalteten »Pulp-
head« 4 schon an der Farbigkeit an, dass es um Amerika geht.
Dafür nahm die edition suhrkamp in Kauf, dass es mit den klas-
sischen Fleckhaus-Regenbogen-Titeln nichts mehr zu tun hat.
Der Freefont Nite Club, den die Münchner etwas verzerrten,
schmückt das Cover des Romans »Vorn« 5 (Aufbau Verlag), in
066 PAGE 10.12 TYPO Buchcover-Schriften

2
3
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Interview
Tom Ising, Mitbegründer von Herburg
Weiland in München, über Mut und
Spießigkeit seitens der Buchverlage

Beim Gang durch deutsche Buchhandlungen Buchreihen sind eine Herausforderung. Jeder
entdeckt man auf den Titeln vor allem Titel soll für sich gut aussehen, aber
typograische Langeweile. Woran liegt das? auch als zur Reihe gehörig erkennbar sein.
Tom Ising: An der Angst, die wir Deutschen Wie schafft man das?

Foto: Julian Baumann


haben. Zum Teil ist sie berechtigt, die Ver- Die Tropen-Bücher haben immer andere Bil-
käufe im Buchgeschäft laufen partiell nicht der und Typo. Identisch sind das abfallende
mehr so gut. Aber Angst führt dazu, dass Bü- Bild und die Schrift in einer Art Label. Mehr
cher schlecht aussehen, und wenn sie schlecht Gemeinsamkeiten gibt es nicht. Trotzdem
aussehen, verkaufen sie sich auch schlecht. spürt man, dass es eine Reihe ist, ohne ganz
Das ist eine Spirale nach unten. Gehen Sie genau sagen zu können, woran es liegt. Es ist
mal in die Ecke mit englischen und amerika- sicher auch die gestalterische Handschrift, die
nischen Neuerscheinungen. Dort indet man »Wenn jemand die Bücher zu einer Reihe schmiedet. Käme
wirklich gute Gestaltung. jedes Buch aus einer anderen Hand, hätte
Sie meinen aus Angst, dass eine ungewöhn- partout Ein- man natürlich nicht so einen starken Zusam-
liche Typo vielleicht nicht lesbar ist, greift man menhalt. Es sind völlig unterschiedliche Au-
lieber auf Bewährtes zurück? schusslöcher und toren, aber es gibt einen verlegerischen Spi-
Lesbarkeit ist natürlich sehr wichtig. Man will rit, der sich in die Gestaltung transzendiert.
ja wissen, wie das Buch heißt und wer es ge- bluttropfende Die Typo auf den Tropen-Büchern ist ja nicht
schrieben hat. Trotzdem muss kein Einheits-
geschmack herrschen. Schlimm ist, wenn die Typo auf dem 08/15. Nach welchen Kriterien suchen Sie die
Schriften aus?
Covergestaltung sich nur aus Weisheiten der
Buchvertreter zusammensetzt. Dann sieht
Cover will, Da kommt auch persönlicher Geschmack ins
Spiel. Welche Schrift wir gerade gerne sehen,
man vor allem sepiagetönte Vogelschwärme
über einem Strand mit lose schwebender
steigen wir aus« aber natürlich auch, welche das Thema gut
rüberbringt. Manchmal passt auch das, was
Serifenschrift darüber. Ungewöhnliche Typo man gar nicht vermutet hätte. Es gibt keine
schreckt Verleger und Vertreter oft ab. Aber genauen Regeln, die Schriftwahl ist meist Ge-
die meisten Schlachten kämpft man als Ge- Eigentlich ja, weil auch das Gefühl, das ein fühlssache. Geregelt ist nur, dass verschiede-
stalter um die Bilder. Die Fotograie im Buch- Buch vermittelt, eine große Rolle spielt. Ich ha- ne Bücher eines Autors dieselbe Type und
bereich ist in Deutschland das größte Problem, be alle Bücher, die wir gemacht haben, gele- eine ähnliche Bildsprache haben – eine Art
die Mehrzahl der visuellen Umsetzungen sind sen. Viele vorher, einige erst im Nachhinein. Reihe in der Reihe.
unglaublich banal und langweilig. Typogra- Ist es Ihnen da schon mal passiert, dass Sie Liegen Buchreihen im Trend?
isch indet man hier und da immer wieder nach dem Lesen dachten: Ups, das Cover Im Gegenteil. Trend ist eher, jedes Buch sepa-
schöne Lösungen, fotograische Überraschun- hätten wir besser anders gemacht. rat zu behandeln. Wir haben zum Beispiel
gen dagegen eher selten. Das passiert vor allem bei Covern, bei deren gerade »Pulphead« für die edition suhrkamp
Wer redet denn eigentlich bei der Covergestal- Gestaltung wir wirklich große Kompromisse gestaltet (siehe Seite 68), die ja ursprünglich
tung alles mit? eingehen mussten. Wo wir nach Entwurf fünf durch die klassischen Fleckhaus-Cover ge-
Die Vertreter reden viel mit. Es gibt aber keine sagten: Jetzt ist es mir auch egal, macht doch prägt ist. Auch hier geht die Tendenz zur
Regeln, nach denen sich Bücher gut verkaufen was ihr wollt, es ist ja euer Verlag. Einzelcovergestaltung.
oder eben nicht. Das ist eine Mär. Und es ist irr- Sie gestalten die Cover für den Tropen Verlag Das »Pulphead«-Cover ist rein typograisch,
sinnig langweilig, wenn versucht wird, Regeln (siehe Seite 66). Sind diese Bücher ein Beispiel eine Verlegenheitslösung, weil Sie sich
aufzustellen, die eigentlich gar nicht existieren. für verlegerischen Mut? nicht auf eine Bildsprache einigen konnten?
Das spricht für die Unsicherheit seitens der Die Tropen-Bücher – es sind mittlerweile um Nein. Reine Typo-Cover gibt es häuiger, das
Verlage. Am angenehmsten inde ich die Mei- die dreißig – verkaufen sich gut. Das macht ist immer eine Option, außer bei den Tropen-
nung der Verleger oder gar der Autoren, weil die Verleger und uns natürlich glücklich, auch Büchern, die anders angelegt sind. Typo ist
sie ein Gefühl dafür haben, um was es geht. weil sie in den Medien viel besprochen wer- immer möglich. Marketingmenschen mögen
Ein Cover soll im Idealfall überraschen, den In- den. Ob das auch etwas mit dem Aussehen das allerdings gar nicht, die wollen blutige
halt unterstützen, transportieren und kom- der Cover zu tun hat, weiß man natürlich nie. Messer, Einschusslöcher oder Stacheldraht.
mentieren. Mit foto- und typograischen Allge- Aber die Gestaltung ist schon sehr konse- Sobald sich ein Titel gut verkauft hat, wollen
meinplätzen ist so etwas nur schwer möglich. quent, auch wenn wir nicht immer alles sie, dass alle ähnlichen Titel auch so aussehen.
Je größer der Verlag, desto langweiliger die durchkriegen, was wir wollen. Ich bin stolz Wie soll denn so Entwicklung möglich sein?
Cover – stimmt das? auf die Reihe – und halte große Stücke auf Wie gehen Sie damit um?
Das kann man so nicht sagen. Auch kleine die Verleger Tom Kraushaar und Michael Zöll- Wir haben schon Projekte abgesagt. Die Ho-
Verlage überraschen manchmal mit Spießig- ner. Doch selbst mit den beiden ist es ein norare, die in der Buchgestaltung bezahlt wer-
keit. Denkt man andererseits an den Riesen- Kampf. Die Reihe würde so gut aussehen, den, vergüten nicht annähernd die Zeit, die
verlag Penguin, sieht man, dass Größe nicht wenn all unsere Ideen gehört werden wür- man für eine gute Gestaltung benötigt. Das
ausschlaggebend ist. Penguin-Cover waren den. . . Die Fotograie wäre noch viel be- macht aber nichts, weil wir Bücher lieben. Al-
schon immer von sehr hoher Qualität. sonderer und ungesehener. So sind auch lerdings spielen wir dann nur bis zu einem
Muss man das Buch lesen, bevor man das die Tropen-Cover ein Kompromiss, allerdings gewissen Grad mit. Wenn jemand kommt und
Cover gestaltet? auf hohem Niveau. Einschusslöcher will, steigen wir aus.
068 PAGE 10.12 TYPO Buchcover-Schriften

4 dem der Hauptperson Tobias Lehnert der Sprung in eine bekannte


Magazinredaktion gelingt. Die Titeltypograie erinnert entspre-
5 chend an ein Zeitschriftenlogo. Funktioniert hat auch das Cover
von »Die Brautleute« 7 (Büchergilde). Der von Ralf de Jong ge-
staltete Titel war schnell ausverkauft, was bei einem Text aus dem
6 17. Jahrhundert erstaunlich ist. Aber weil jeder sofort das Thema
erkennt, ist das schöne Buch ein ideales Hochzeitsgeschenk.
7 Viel diskutiert wird das Cover von J. K. Rowlings neuem Buch
»The Casual Vacancy« 6 (Little, Brown). Der New Yorker Illustrator
Joel Holland entschied sich für eine typograische Lösung. Man
weiß gar nicht, worum es geht, so die Kritiker. Mir gefällt’s, deutet
das Kreuz doch darauf hin, dass eine Wahl im Zentrum steht. Au-
ßerdem macht die Gestaltung – die in der deutschen Übersetzung
übrigens genauso aussieht – klar, dass in diesem Buch für Erwach-
sene keinerlei Elfen, Trolle und Dementoren herumgeistern.

Maßgeschneidert
Jessica Hische aus San Francisco gestaltet großartige Bücher mit
maßgeschneiderten typograischen Lösungen. Für »Tom Sawyer« 8
zeichnete sie die Buchstaben in Illustrator und kombinierte sie mit
PAGE 10.12 069

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der Satzschrift Ivory für das Initial auf der Rückseite und mit der de Cumptich nach einer richtig fetten Schrift, die mit wenigen
Quorum für den Text. Sehr schön ist hier auch die Bildebene – den Buchstaben den kompletten Titel füllt. Er entschied sich für Acta
weiß zu streichenden Zaun kennt wirklich jeder. »Tom Sawyer« Poster von Dino dos Santos, auch weil er sich in das Versal-U ver-
gehört zu einer Serie klassischer, in Leder gebundener Ausgaben, liebt hatte. Leider fand der Verlag, Penguin USA, dass der Titel
die Hische im Auftrag von Sterling Publishing entwarf. nicht sofort zu erfassen sei. Gedruckt wurde schließlich diese Va-
Ganz und gar Custom Lettering ist der Titel von »Lolita« 9 , riante 12 . Die Bookmania von Mark Simonson verfügt über zahl-
den Hische mit Kuli und Bleistift zeichnete und dann in Photoshop lose Swashes, die Roberto de Vicq de Cumptich halfen, den Raum
invertierte. Die Spitzen-Lettern lassen sich – je nach Kontext – als zu füllen. Auch wirkt diese Schrift deutlich femininer und passt
sexy oder unschuldig interpretieren. Ebenfalls ohne Satzschriften damit gut zur weiblichen Zielgruppe. Nichtsdestotrotz gefällt mir
kam sie bei einer Reihe von Krimis 10 (Hodder & Stoughton Publish- die erste Version deutlich besser.
ers) aus: Alle Buchstaben entstanden in Illustrator. Die Designerin Richtig gut gelang Herburg Weiland die Verbindung von Inhalt,
mag Aufträge, bei denen es nicht nur um das Cover, sondern um Bild- und Schriftebene beim Cover des Romans »Bekenntnisse ei-
den ganzen Umschlag geht. Die Krimis sind ein tolles Beispiel für nes friedfertigen Terroristen« 13 (Suhrkamp). Es geht um einen
eine umlaufende Gestaltung, die Rückseite präsentiert stets die philippinischen Modedesigner, der sein Glück in New York ver-
Hand mit der Mordwaffe. sucht und fälschlicherweise als Terrorist verdächtigt und gefan-
gen genommen wird. Das Monogramm und der Name des Autors
Von der Stange in Schreibschrift weisen auf Mode und Design hin, der versal
gesetzte Titel in der von Peter Bil’ak entwickelten Schriftfamilie
Mit Satzschriften lassen sich ebenfalls schöne Cover gestalten, History hat etwas von Grabinschriften und das Foto ist genial,
das beweist zum Beispiel »Me Before You« 11 . Für die Liebesge- weil es zum einen stark modisch ist, zum anderen durch die Kapu-
schichte suchte der in New York lebende Designer Roberto de Vicq ze aber auch an Gefangenenlager erinnert. ant

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070 page 10.12 TYPO

TYPOWELT

Lettering und Illustration


n Sein Werkzeug ist die Hand. Und da­
mit schafft der in Amsterdam lebende
Illustrator Job Wouters tolle Artworks,
eine Mischung aus Graikdesign, Typo­
graie, Siebdruck, Grafiti, Illustration
und Malerei. International bekannt ge­
worden ist Wouters unter dem Pseu­
donym Letman. Im Verlag Die Gestal­
ten erschien kürzlich eine Monograie
von ihm (29,90 Euro, isbn 978-3-89955-
453-3), die auf 158 Seiten nicht nur sei­
ne Auftragsarbeiten für Marken wie
Das Gestalten-Buch Audi, Heineken, Tommy Hiliger, East­
»Letman« zeigt jede pak, Dries Van Noten oder Universal
Menge Arbeiten und und Printmedien wie »New York Times
das große Spektrum von Magazine«, »Playboy«, »It’s Nice That«
Lettering-Artist und oder »Creative Review« zeigt, sondern
Illustrator Job Wouters auch eine große Auswahl freier Arbei­
ten und Skizzen.
Keine Frage, »Letman« liefert ein
Feuerwerk an Inspiration, allerdings
page 10.12 071

≥ Weitere interessante artikel rund um Typograie inden Sie unter www.page-online.de/emag/typo


und Links zu Typefoundries et cetera unter www.page-online.de/typo-links

hätte ich mir etwas mehr Information Schon für die Spiele 2004 in Athen
gewünscht. Außer einer kurzen Einlei­ entwickelte Barnbrook ein Set Olym­
tung des Künstlers Gijs Frieling gibt es pukes – der Name setzt sich aus olym-
keinerlei Text. Dabei wären ein paar pics und to puke zusammen. Ging es
Seiten über das Leben, die Arbeits­ vor acht Jahren mehr um Gier und Ma­
weise und Inspirationsquellen von Job nipulationen im Allgemeinen, themati­
Wouters sicher spannend gewesen. siert die jetzige Version vor allem kon­
≥ www.gestalten.com krete Beschwerden, Kontroversen und
Vorwürfe rund um die Londoner Spiele.
Wer auf der VirusFonts­Website einen
Schrift für Olympia 2016 Account anlegt, der kann sich die Pik­
n Gerade erst sind die Spiele in Lon­ togramme für den nicht kommerziel­
don vorbei, da wird schon die Schrift len Gebrauch kostenlos im OpenType­
für Rio de Janeiro 2016 vorgestellt. Sie Format herunterladen. Virus sei nicht
basiert auf der Bildmarke und dem mit dem Internationalen Olympischen
Schriftzug des Logos und wurde von Komitee oder irgendwelchen anderen
Dalton Maag Brasil entwickelt. Man­ olympischen Organisationen verbun­ staben passen, ergeben sich unzähli­ Kalligraisch
che Buchstaben sind von den Bewe­ den und habe auch keinerlei Sponso­ ge Kombinationsmöglichkeiten. Alter­ geprägt ist Georg
gungen der Athleten inspiriert, andere ring erhalten – das, lieber Jonathan, nativ­ und komplette Schwungbuch­ Saldens Daphne
von der Landschaft und der urbanen haben wir allerdings auch nicht eine staben bieten zusätzliche Optionen.
Umgebung. Die ließenden Formen der Sekunde angenommen. In der Basic­Version ist Daphne ab
Lettern sollen etwas vom Lebensge­ ≥ http://virusfonts.com/fonts/ 70 Euro zu haben, in der Expert­Vari­
fühl der Menschen und von der Atmo­ olympukes-2012 ante mit den kalligraischen Schwün­
sphäre der brasilianischen Millionen­ gen ab 95 Euro.
stadt wiedergeben (siehe Seite 114). ≥ www.typemanufactur.com
≥ http://rio2016.com/en/
Kalligrafische Daphne
the-games/rio2016font n Der Berline Graik­ und Typedesig­
ner Ludwig Übele arbeitet eng mit
Echt oder falsch?
Schriftlegende Georg Salden zusam­ n Die Leipziger Typotage sind nur ein
Kotzende Olympioniken men, um dessen Schriften zu digitalisie­ einziger Tag, Samstag, der 13. Oktober.
n Der britische Designer Jonathan ren. Jüngstes Projekt ist die Daphne, Dann gibt es im Museum für Druckkunst
Barnbrook ist ein Meister der Provoka­ die Salden in den 1960er Jahren für die Leipzig Vorträge und Diskussionen rund
tion und ironischen Kritik. Logisch, dass Eröffnungsanzeige eines Hutsalons in ums Thema Falschgeld – einerseits ein
da auch die Olympischen Spiele in Lon­ Düsseldorf gestaltete. kriminelles Produkt, andererseits aber
don nicht verschont blieben. Mit Olym­ Die Schrift entstand nach einer mit auch fast schon ein künstlerisches. Der
pukes schuf er ein Set von Piktogram­ der Breitfeder geschriebenen Vorlage. Typotag betrachtet Banknoten in ih­
men, das die weniger ruhmreichen Sei­ Für die kräftigen und scharfkantigen rer Herstellung und Gestaltung sowie
ten des Großspektakels zeigt: von den Figuren steht bei Daphne Expert eine den Umgang mit Fälschungen. Parallel
extrem hohen Kosten in Zeiten erheb­ erhebliche Anzahl von kalligraischen zeigt das Museum für Druckkunst Leip­
licher Sparzwänge über die Kommer­ Schwüngen zur Verfügung, die sich zig bis zum 7. Dezember »Echt oder
zialisierung, die den Sport gelegent­ über das entsprechende OpenType­ falsch? Eine Ausstellung um Geld und
lich in den Schatten stellt, bis zu den Feature anfügen lassen. Weil viele seine Fälschungen«. ant
exzessiven Sicherheitsmaßnahmen. Schwünge an unterschiedliche Buch­ ≥ www.typotage.de

Gewohnt ironisch geht Jonathan Barnbrook mit den Olympischen Spielen 2012 ins Gericht
072 page 10.12

BILD

Sichtbare Erlebnisse: In
diesen vier Motiven
visualisierte LLR Ergebnisse
aus Bluttests, Soundauf-
nahmen, einem Belastungs-
EKG und Schlafproilen
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erfahrungswerte
Für Mercedes-Benz Vans übersetzte Lukas Lindemann Rosinski emotionale Erlebnisse beim
Autofahren in vom generativen Design inspirierte 3-D-Visuals
074 page 10.12 BILD Making-of: 3-D-Kampagne

Die entwicklung der Viano-Visualisierungen in Maya, Modo, photoshop und Co

n Ein Van kurvt durch Wasserfontänen, auf dem


Rücksitz lachen und quietschen zwei kleine Mäd-
chen – sie haben eindeutig Spaß an der rasanten
Achterbahnfahrt. Das Video, das diese Fahrt zeigt,
ist kein TV-Spot für den Mercedes-Benz Viano
Trend – sondern die Dokumentation eines Experi-
ments, aus dem eine Printanzeige hervorging. Der-
art um die Ecke gedacht hat die Agentur Lukas Lin-
demann Rosinski. LLR sorgte bereits Ende letzten
Jahres mit der mehrfach ausgezeichneten inter-
aktiven Outdoor-Kampagne »Key to Viano« für Auf-
merksamkeit. Diesmal sollten die Hamburger Krea-
tiven den Großraum-Van in einer Printkampagne
als faszinierendes Privatfahrzeug inszenieren. Die
Grundidee bestand darin, die in besonderen Fahr-
momenten freigesetzten Empindungen in 3-D-Da-
3-D-Modelle der Fahrzeuge erstellen
tenvisualisierungen sichtbar zu machen: »Emotion
creates design« statt »Design creates emotion«.
Im ersten Schritt überlegte das Team um Krea-
1 Zunächst arbeitete das Stuttgarter CGI-Studio Recom die CGI-Fahrzeug-
daten in der Virtual-Prototyping-Software VRED Professional von
PI-VR auf – gemäß der perspektivischen Vorgabe, wie die Viano-Modelle im
tivchef Arno Lindemann, welche Viano-Modelle inalen Motiv platziert sein sollten.
welche Emotionen auslösen könnten und wie sich
diese anhand körperlicher Reaktionen messen
ließen. So entwickelte LLR vier Versuchsanord-
nungen: Der Viano Trend wurde auf einen Fami-
lienauslug auf eine Teststrecke geschickt und da-
bei das Lachen der Kinder aufgezeichnet. Die Aus-
wirkungen der Beschleunigungskraft des Viano
Avantgarde maßen die Kreativen am Adrenalin-
spiegel zweier Testfahrer. Den Komfort des Viano
Ambiente sollte ein Belastungs-EKG des Fahrers
nach einer 500 Kilometer langen Fahrt von Berlin
an die Nordsee belegen. Und im Reise-Van Marco
Polo übernachtete ein Pärchen, dessen Schlaf-
proile aufgezeichnet wurden.
Die aus diesen Experimenten gewonnenen Da-
ten visualisierte die Agentur mit Unterstützung
des Hamburger CGI-Studios The Scope. »In welcher
Form die Daten vorliegen würden, war im Vorhin-
ein klar – Sounddateien, Blutbilder, Hypnogram-
me et cetera. Die Herausforderung bestand darin,
sie nicht als 2-D-Graik, sondern im dreidimensio-
nalen Raum darzustellen«, sagt Dennis Mensching,
Art Director bei LLR. Dennoch blieb ein gewisses
Maß an Ungewissheit: »Die Kampagne war ein Ex-
periment für alle Beteiligten. Niemand konnte im
Voraus sagen, wie die Ergebnisse genau ausfallen
würden.« Die Daten wurden nicht in jedem Fall 1:1
übersetzt, die Kreativen behielten sich ein ge-
wisses Maß an Freiheit bei der Gestaltung vor und
nutzten die Daten eher als Inspiration. »Weder die
Datenerhebung noch ihre Darstellung haben ei-
nen empirischen Anspruch«, betont Art Director
Damian Kuczmierczyk.
Die Experimente selbst sowie die Entstehung
der Printanzeigen ließ LLR von Markenilm Cros-
sing in Hamburg dokumentieren; die vier entstan-
denen Videos sind auf YouTube und auf www.
Look der Anzeigenmotive entwickeln
behind-fascination.com zu sehen. Auf der von
Syzygy in Frankfurt entwickelten Microsite kön-
nen User auch selbst Experimente am Bildschirm
2 Für den Viano Trend ging die Agentur auf die Suche nach Darstellungsmöglich-
keiten von Sounddaten und entschied sich für zylindrische Objekte. Daraus
entstanden Moodboards zu Farbgebung, Form- und Bildsprache für die Kundenprä-
ausführen. Schwerpunkt der Kampagne sind je- sentation und das Brieing des Fotografen. Gemeinsam mit The Scope, den freien
doch die 3-D-Visuals, die international eingesetzt 3-D-Artists Tino Schaedler und Florian von Behr sowie dem Fotografen Thomas
werden. Wie diese entstanden, zeigen wir hier am Strogalski erarbeitete LLR vorab den Stil der Datenvisualisierung anhand von Skizzen
Beispiel des Viano-Trend-Motivs. nik und ersten Settings. Diese Konzeptionsphase nahm rund vier Wochen in Anspruch.
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Daten der Fahrerlebnisse erheben


Gemeinsam mit dem wissenschaftlichen Berater,
3 dem Mediziner Dr. Günter Gerhardt, und Markenilm
Crossing führte LLR die Experimente für jedes der vier
Viano-Modelle durch. Um das Lachen der Kinder bei der
kurvenreichen Fahrt aufzuzeichnen, nutzte das Team
den digitalen Audiorecorder 788T von Sound Devices.
Die erfassten Sounddaten lagen im WAV-Format vor.
076 page 10.12 BILD Making-of: 3-D-Kampagne

Die entwicklung der Viano-Visualisierungen in Maya, Modo, photoshop und Co

Sounddaten visualisieren und rendern


Die visuelle Übersetzung der in den Experimenten gewonnenen
4 Daten übernahm The Scope. Im Fall des Viano Trend ließen sich
die WAV-Daten 1 : 1 übernehmen. Aus ihnen suchte The Scope interes-
sante Bereiche mit hohen Ausschlägen heraus . Diese 2-D-Darstel-
lung transformierten die CGI-Spezialisten durch die dreidimensionale
Aufstellung der verschiedenen Ebenen zu einer gebirgsartigen 3-D-
Formation , die sie um das Fahrzeug herum arrangieren . Anschlie-
ßend übersetzten sie die Formation in zylindrische Objekte . Das
Studio erstellte verschiedene Shader- und Lichtvarianten und fügte
schließlich die Fahrzeugdarstellung von Recom mit dem Setting in
den 3-D-Programmen Maya und Modo zusammen . Gerendert wurde
das Motiv in Modo und der Renderingsoftware Maxwell.

Compositing und Postproduktion


Das Datenset ging nun an wieder an Recom,
wo das Compositing und die Postpro- 5
duktion der Motive mithilfe von Photoshop
stattfanden. Das Team renderte die Fahr-
zeuge, fügte den Lichtverhältnissen entspre-
chende Schatten hinzu und kombinierte
zuletzt sämtliche Ebenen des Renderings.
page 10.12 077
078 PAGE 10.12 BILD Reisewelten

n Der Hamburger Fotograf Michael


Poliza, international bekannt für viel
gerühmte Coffee-table Books über Af-
rika und die Antarktis, dreht seinen
Beruf sozusagen um. Statt spektaku-
läre Landschafts- und Wildlife-Szenen
abzulichten, setzt er die Hochglanz-
bilder, die wir von unberührter Natur
im Kopf haben, für zahlungskräftige
Kunden in die Realität um. Angeboten
wird diese innovative Art von High-
End-Tourismus unter dem Label Mi-
chael Poliza Experiences als Premium-
marke von TUI.

Erlebnis-Styling Ein sorgfältig inszenierter Reisetag


kann etwa so aussehen: Morgens ein
Hubschrauberlug über scheinbar un-
endliche Weiten, mittags eine Fluss-
Naturfotograf Michael Poliza wird Reiseveranstalter und lässt fahrt inklusive Krokodilen, abends ein
Luxustouristen seine spektakulären Bildwelten quasi »echt« erleben exklusives Dinner an einem spektaku-
lären Sonnenuntergangssetting. Me-
dium seines »Experience Design«, so
erläutert Poliza, sei die Zeit: »Wir ent-
werfen ganzheitliche Reiseerlebnis-
se, die mehr sind als die Summe von
Orten, Unterkünften und Aktivitäten.
Zehn, zwölf oder mehr Tage, für die
wir nicht nur die Story entwerfen, son-
dern auch Regie und Choreograie vor
Ort übernehmen.« Das große Ziel sei
es, Momente zu schaffen, »die in Ihrer
Erinnerung für immer weiter weiter-
leuchten«. So, wie es ja auch gute Fo-
tograien machen . . .
Die Digitalagentur Fork – seit 2011
Teil von ischerAppelt Föderation der
Ideen – entwickelte die Plattform www.
mp-experiences.de, die nicht nur po-
tenzielle Interessenten informiert. Sie
gibt dem Kunden darüber hinaus Zu-
griff auf einen individuell für ihn er-
stellten interaktiven Reiseplan, der ihn
etwa als iPad-Anwendung auch unter-
wegs begleiten und Hintergrundinfos
liefern kann. Gleichzeitig erhält er die
Vorlage für ein persönliches Reisetage-
buch, das sich mit Freunden und Ver-
wandten teilen lässt, auch über Face-
book und Co. Vom Veranstalter durch-
gestylte Experiences, persönliche App
statt Reiseführer und professionell vor-
Sehnsuchtsbilder gestaltetes Online-Tagebuch – sieht
unberührter Natur so möglicherweise der Premiumtou-
locken auf der Site rismus der Zukunft aus? cg
der Edel-Reisemarke
080 page 10.12 BILD

BILDWELT
Verleger animiert, visuell spannendere
Bilderbuch-Bilderbuch Kinderbücher zu machen – an Zeich­
Illustratoren-Wettbewerb
n Haben wir unseren Kindern wirk­ nern, die dazu Lust haben, besteht n Eine ganze Weile dauert es noch,
lich so wenig zeitgemäß gestaltete jedenfalls kein Mangel. bis im April 2013 in Berlin wieder die Il­
Lektüre zu bieten? Jedenfalls sind in ≥ www.gestalten.com lustrative stattindet, wohl der wich­
»Little Big Books«, dem neuen Buch tigste internationale Event zum The­
über Kinderbuchillustrationen aus dem ma Illustration. Beiträge für den Young
Gestalten Verlag unter rund hundert
Frische Bildquelle Illustrators Award müssen aber schon
vorgestellten Zeichnern nur zehn aus n Eigentlich repräsentiert Art+Com­ bis 31. Oktober vorliegen. Wie immer
dem deutschsprachigen Raum zu in­ merce über ihre Büros in New York, wird der Begriff »young« großzügig aus­
den. Die rührige Judith Drews, die am London und Paris nur Starfotografen gelegt und die Beiträge können das
laufenden Band lustige Kinderbücher wie Steven Meisel, Nick Knight oder gesamte Spektrum des Genres abde­
produziert, beindet sich ebenso darun­ Sølve Sundsbø. Umso überraschender, cken – bis hin zu Animationen, Instal­
ter wie Altmeister Wolf Erlbruch, Einar dass die Agentur jetzt auf Crowdsour­ lationen oder Objekten. Aus den Ein­
Turkowski mit seinen feinziselierten cing setzt – allerdings eines der nob­ sendern werden hundert Illustratoren
Graitzeichnungen oder der Schweizer len Sorte. Dazu hat man sich mit ei­ ausgewählt, um ihre Arbeiten auf dem
Chrigel Farner. Letzterer legte jüngst nem langjährigen Kunden zusammen­ Festival zu präsentieren. Die ersten
in »Nemorino und das Bündel des Nar­ getan, der italienischen »Vogue«. drei sind außerdem erstmals zu einer
ren« surreal­altmodische Zeichnungen Diese betreibt seit 2011 eine kuratier­ dreimonatigen Residenz im Direkto­
vor, die auch für Erwachsene faszinie­ te Online­Plattform für Nachwuchs­ renhaus eingeladen, dem Hauptquar­
rend sein dürften. fotografen. Art+Commerce wiederum tier der Illustrative. Dort können sie sich
Mit seinen vielen Kurzvorstellungen sucht aus diesem Fundus nun Bilder in Einzelausstellungen präsentieren.
interessanter Illustratoren ist der Band aus und stellt sie auf einer im Pinterest­ ≥ www.illustrative.de
selbst über weite Strecken nur ein Bil­ Stil gestalteten Site zur Lizensierung
derbuch, bloß fünf eingestreute Inter­ bereit, ähnlich wie es Getty schon län­
views gehen in die Tiefe. Vor allem wäre ger in einer Kooperation mit Flickr tut.
Spurensuche
schön gewesen, nicht nur die Original­ Wobei in der PhotoVogue Collection n 25 Millionen Exemplare der »Lux­Le­
sprache der gezeigten Publikationen zu keine Amateurbilder, sondern Motive sebogen« wurden zwischen 1946 und
Kinderbuch- erfahren, sondern auch, welche Über­ junger Proifotografen zu inden sind. 1964 verkauft – und doch ist die der
illustration der setzungen es gibt. Bleibt zu hoffen, Eine Art der Nachwuchsförderung, die Allgemeinbildung gewidmete, zwei­
Kanadierin dass der Band (240 Seiten, 39,90 Euro, sämtlichen Beteiligten zugute kommt. wöchentlich erscheinende Reihe quasi
Julie Morstad isbn 978-3-89955-446-5) besonders die ≥ http://photovogue. vergessen. Michael Schekalla entdeck­
artandcommerce.com te auf einem Wuppertaler Bücherloh­
markt sechs der Heftchen. Ein folgen­
reicher Fund: Er besitzt mittlerweile
Branchentreff nicht nur alle 410 Ausgaben, sondern
n Das Berliner Ritz Carlton direkt am betrieb im Rahmen seiner Diplomar­
Potsdamer Platz ist diesjähriger Schau­ beit auch ein gehöriges Stück Design­
platz der UPdate. Auf der von GoSee forschung. In deren Mittelpunkt steht
veranstalteten Messe präsentieren sich der Illustrator Karlheinz Dobsky (1909–
am 26. Oktober internationale Foto­ 1975), der nahezu alle Cover gestaltete.
grafenagenturen, (Post­)Produktions­ Resultat ist ein Buch, das bisher bloß
irmen und andere Fotodienstleister als Prototyp vorliegt und in dem er sich
einem interessierten Fachpublikum aus nicht nur mit Dobskys Bildgestaltung
Kreativen und Art­Buyern. beschäftigt, sondern auch eine bunte
Die Verleihung des SCREENings­ Vielfalt von Schriften aus den Covern
Awards um das beste Fotografenport­ herausgelöst und vektorisiert hat. Noch
folio steht ebenfalls wieder an. Den sucht er einen Verleger, auch eine Pub­
Vorsitz der hochkarätigen Jury hat likation im Eigenverlag ist angedacht.
Michael M. Maschke, Head of Creative Interessenten können sich vormerken
Services bei Saatchi & Saatchi, Einsen­ lassen und erhalten auf der Website
deschluss ist der 20. September. Wir Einblicke ins Buch, aber auch in ein digi­
werden über die Ergebnisse berichten. tales Archiv mit allen Umschlägen. Wir
Der Eintritt zur UPdate ist kostenlos, inden den Ansatz vorbildlich und ru­
die dazugehörigen abendlichen Gesel­ fen unseren Lesern zu: Helft, gut gestal­
ligkeiten by invitation only. tete historische Printprodukte zu be­
≥ www.up-date.ws; wahren, sei es auch in digitaler Form! cg
www.screenings.de ≥ www.luxlesebogen.schekalla.de
page 10.12 081

≥ Mehr zum Thema Fotograie und Illustration unter www.page-online.de/emag/bild

Wiederent-
deckt: Die
»Lux-Lese-
bogen« von
Illustrator
Karlheinz
Dobsky

Mitmach-Platt-
form: »Vogue
Italia« und
Art+Commerce
bieten Bilder
von Nachwuchs-
fotografen an
082 PAGE 10.12

TECHNIK
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Nea Machina
Ob für freie Projekte oder für den Job – Kreative stellen eigene Anforderungen an ihre Kamera.
Markus Linden stellt die verschiedenen Konzepte und aktuelle Modelle vor

n Ohne Kamera geht nichts mehr. Selbst die Tiefe gehen kann, in Einzelfällen bis 40 Me­ Die spiegellosen Systemkameras erzielen ei­
wenn man als Kreativer den Proifotografen ter. Entsprechende Hüllen für Smartphones ne deutlich bessere Bildqualität als die Kom­
die Arbeit überlässt oder für seine Artworks sind eher Spritzwasser­ und Sandschutz – ge­ paktklasse und können mit vielen Spiegelre­
gar keine Fotos braucht – zur Dokumentation, dacht für den Strand, weniger fürs Wasser. lexmodellen in puncto Qualität mithalten.
zum Austausch mit Kunden und für die schnel­ Adde Adesokan nutzt Equipment von Olym­
le Abstimmung mit den Co­Workern werden Gar nicht mehr mit nimmt Jens Schmidt, Krea­ pus – kein Wunder, das japanische Unterneh­
immer wieder Bilder benötigt. Welche Kamera tivdirektor bei Moccu in Berlin, seine Kom­ men zählt, neben Kunden aus der Kosmetik­,
dabei zum Einsatz kommt, hängt viel von den paktkamera. »Das iPhone reicht in Regel aus, Finanz­ und Energietechnik, zu den Auftrag­
persönlichen Bedürfnissen, den Anforderun­ um meine Arbeit zu dokumentieren«, erzählt gebern der Hamburger Kommunikationsde­
gen an die Qualität der Aufnahmen und von er. Letztes Jahr hat er die Jurysitzung bei den signagentur. Aber auch andere Hersteller set­
den Kommunikationsstrukturen ab. Im ein­ Cannes Lions fotograisch mit dem Smart­ zen eine vergleichbare Technik ein. Beachten
fachsten Fall braucht man gar keine Kamera – phone dokumentiert, in diesem Jahr eine Rei­ sollte man, dass Objektive zwischen Olympus
denn jedes vernünftige Mobiltelefon hat eine. se durch China. »Ich mag auch den charman­ und Panasonic austauschbar sind, da sich bei­
Und Smartphones zudem die Infrastruktur, um ten Look, den man in wenigen Sekunden mit de Firmen dem Micro­FourThirds­Standard
die Bilder zu bearbeiten und via Direktversand Hipstamatic oder Instagram in die Bilder zau­ verplichtet fühlen. Entsprechende Systeme
oder Social­Media­Plattform zu verbreiten. bert.« Für höherwertige Aufnahmen gibt es bei von Sony, Nikon, Fuji und Pentax sind nicht
Beim Kamerakauf stellt sich entsprechend Moccu eine Spiegelrelexkamera von Canon, zueinander kompatibel – mit dem Kauf einer
die Frage, ob eine Kompaktkamera überhaupt die sich die Mitarbeiter teilen. Damit können Kamera legt man sich also auf eines fest.
noch zeitgemäß ist. In den meisten Fällen dürf­ auch mal Fotos für eine Website geschossen Allen spiegellosen Systemkameras ist ge­
ten die Antwort für Designer Nein lauten. Zwar oder andere kleinere Projekte umgesetzt wer­ mein, dass sie über keinen optischen, son­
bieten die Kompakten zu Preisen oberhalb von den – für die wirklich wichtigen Bilder aber dern einen elektronischen Sucher oder nur
150 Euro nach wie vor eine bessere Bildquali­ bucht Moccu professionelle Fotografen. über ein Display zur Bildgestaltung verfügen.
tät als etwa ein aktuelles iPhone, aber dafür Das Teilen der Kamera ist natürlich auch ein Elektronische Sucher zeigen das vom Sensor
kaum kreative Bearbeitungsmöglichkeiten. Aspekt, der in Agenturen oder Bürogemein­ abgenommene Live­Bild an. Auch wenn eini­
Schlimmer noch: Es entgehen einem all die schaften berücksichtigt werden sollte. Ein ge mittlerweile sehr gut sind, ist das Gefühl
Zufallsfunde, etwa in der Mittagspause oder Smartphone wird man als sehr persönliches bei der Bildgestaltung ein anderes: Der op­
auf dem Heimweg – also immer dann, wenn Device kaum aus der Hand geben wollen, eine tische Sucher ist unmittelbarer am Gesche­
man die Kamera nicht dabeihat. Kamera ist dagegen ein Werkzeug, das jeder hen; der elektronische gibt es leicht zeitver­
Dazu kommt, dass es kaum Kompaktkame­ nutzen kann. Eine sehr interessante Klasse für zögert wieder, dafür ist seine digitale Darstel­
ras mit größeren Sensoren gibt, sodass sich ih­ Kreative sind dabei die spiegellosen System­ lung näher am fertigen Bild. Letztlich ist es ei­
re Bildästhetik kaum von der von Smartphones kameras, wie sie mittlerweile alle großen Her­ ne Frage der persönlichen Vorliebe, ob man
unterscheidet. Doch kann in Einzelfällen ein steller anbieten. Der Clou daran: Man kann wie mit dem elektronischen Sucher klarkommt
Kompaktmodell dennoch sinnvoll sein: Wer ei­ bei Spiegelrelexkameras die Objektive wech­ oder einen optischen vorzieht. In diesem Fall
nen größeren Zoombereich und vor allem Tele­ seln und hochwertiges Zubehör wie System­ muss man zur deutlich größeren Spiegelre­
einstellungen benötigt, ist damit besser be­ blitze und Filter einsetzen oder auch eine Blitz­ lexkamera greifen oder zur mit einem Hybrid­
dient. Und ein großer, wenn auch selten ge­ anlage im Studio ansteuern. Da der Spiegel­ sucher ausgestatteten Fujiilm X­Pro1 (siehe
nutzter Einsatzbereich ist den Smartphones kasten entfällt, wird das Aulagenmaß kleiner Seite 85): Hier kann man tatsächlich zwischen
ganz verschlossen: die Unterwasserfotograie. und damit die ganze Kamerakonstruktion. So Elektronik und Optik wechseln.
Hier erhält man wasserfeste Kompaktkameras bringt sie es auf nur etwa ein Viertel der Größe
ab 200 Euro, mit denen man auch mal 5 Meter in und des Gewichts einer klassischen Spiegelre­ Ein nicht zu unterschätzender Faktor bei den
lex. »Das ist für mich eines der wichtigsten Ar­ spiegellosen Systemkameras ist die Größe des
Adde Adesokan schuf mit der Olympus PEN gumente«, sagt Adde Adesokan, Geschäftsfüh­ Sensors (siehe Seite 84): Während die Sony­
Porträts von urbanen Zufallsbegegnungen. rer Kreation von polargold in Hamburg (www. Modelle sowie die Fujiilm X­Pro1 und die
Das Triptychon links ist Teil einer Serie, die der polargold.de). »Denn ich will die Kamera mit­ Pentax K­01 (siehe Seite 85) auf einen APS­C­
Kreative überwiegend auf seinen Reisen nehmen können, ohne gleich den Rucksack mit Sensor setzen, wie ihn auch Consumer­SLRs
fotograiert hat (www.adde-adesokan.de) der Spiegelrelex aufschnallen zu müssen.« verwenden, sind die von Panasonic und
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Olympus nur halb so groß, die der Nikon 1


und der Pentax Q nochmals deutlich kleiner.
Bei DSLR­Kameras sind die Sensorforma­
te überschaubarer: Es gibt ausschließlich von
Olympus einige Geräte mit FourThirds­Sensor,
der nur halb so groß ist wie der im Gros der
Konkurrenzmodelle eingesetzte APS­Sensor. Die Olympus OM-D ist eine hochwertig
Wiederum doppelt so groß ist der Vollformat­ verarbeitete spiegellose System-
sensor – hier entspricht die Größe der Auf­ kamera mit elektronischem Sucher und
nahmeläche dem früher verbreiteten Klein­ 16 Megapixel Aulösung
bildformat von 36 mal 24 Millimetern.
Der Preis für die Produktion größerer Sen­
soren steigt logarithmisch an, sodass Vollfor­
matkameras mindestens 1800 Euro kosten.
Entsprechend sind sie mit vielen Proi­Fea­
tures ausgerüstet. Zu den Kosten kommt das
Gewicht: Je größer der Sensor, desto größer
und schwerer muss das Objektiv konstruiert
werden. Da Kameras mit kleinerem Sensor
aber inzwischen ebenfalls eine ausgezeichne­ Die EOS M ist ab September zum Preis
te Qualität erreichen, sollte man sich die Inves­ von circa 850 Euro inklusive Objektiv
tition in ein Vollformatmodell gut überlegen. erhältlich. Sie ist Canons erste spiegel-
lose Systemkamera und löst 18 Mega-
pixel auf. Mit einem Adapter las-
Mit Spiegelrelexkameras lässt sich meist pro­
sen sich Canons EF- und EF-S-Objek-
fessionell produzieren, auch wenn die von ei­ tive (Spiegelrelex) verwenden
nigen Proifotografen genutzten Mittelformat­
kameras viel mehr aulösen und mehr Quali­
tätsreserve bieten. Auch ist die Abgrenzung
nach unten zu spiegellosen Systemkameras
nicht mehr so deutlich, zumindest nicht in
puncto Bildqualität. Letztere holen mehr und
mehr auf. Doch wichtiger ist vielleicht die mit
großen Sensoren erzielbare Bildästhetik sowie
das riesige Zubehörprogramm der SLR­Model­
le. Da die Bajonette bei einigen Herstellern seit
Technik kompakt
Jahrzehnten gleich geblieben sind, gibt es bei Sensorgröße und Bildqualität. Die tiefe, an. Bei Smartphones und Kompakt­
großen Anbietern Hunderte von Objektiven. Größe des Sensors ist ein wesentliches kameras mit ihren winzigen Sensoren ist
Dazu kommen Blitze, Filter et cetera, die sich Auswahlkriterium beim Kauf einer Kame­ das Bild meist von vorne bis hinten scharf –
seit Langem bewährt haben. Da Drittherstel­ ra. Leider bewerben die Hersteller die was aber nicht unbedingt erwünscht ist.
ler auch für dieses Segment produzieren, steht Sensorgröße nicht, sondern geben sie le­ Das kreative Spiel mit Schärfe und Unschär­
günstiges Equipment von Firmen wie Sigma, diglich in den technischen Daten an. Hier fe verlangt mindestens einen FourThirds­,
Metz, Tokina oder Tamron bereit. Damit ist die muss man also selbst ein wenig recherchie­ besser einen APS­Sensor. Beim Vollformat
Spiegelrelex immer noch die erste Wahl, wenn ren. Wichtig ist die Sensorgröße deshalb, ist dieser Effekt noch einmal größer.
man publizierfähige Fotos anfertigen will. weil sie Einluss auf die erzielbare Bild­
qualität hat: Je kleiner der Sensor ist, desto Aulösung. Die Aulösung ist längst kein
enger müssen die Pixel bei gleicher Aulö­ Argument mehr für den Kauf einer be­
sung stehen. Dabei stören sie sich gegen­ stimmten Kamera, auch wenn die Herstel­
seitig, besonders, wenn die Grundspan­ ler diese am lautesten bewerben. Aktuel­
nung angehoben wird, um die Empindlich­ le Modelle, gleich welcher Preisklasse, ha­
keit bei schlechten Lichtverhältnissen zu ben mindestens 10, meist mehr Megapixel
erhöhen. Im Foto machen sich die Störun­ Aulösung. Das reicht für die Gestaltung
gen als Rauschen bemerkbar. Die Herstel­ einer Doppelseite aus. Wer anspruchsvol­
ler entwickeln zwar ständig bessere Verfah­ lere Projekte durchführt, braucht eine wirk­
ren, um es wieder zu eliminieren. Dies geht lich professionelle Kamera – und in der
aber zulasten von Aulösung und Schärfe. Regel gleich den Fotografen dazu. Außer­
Außerdem treten bei kleinen Sensoren und dem werden bei höheren Sensoraulösun­
zu eng stehenden Pixeln Beugungseffek­ gen die Abbildungsfehler des Objektivs
te beim Schließen der Blende auf. deutlich, sodass sich zwar die Masse an Pi­
Wichtiger aber noch ist die Auswirkung xeln erhöht, aber nicht die Abbildungsqua­
des Sensors auf die Bildästhetik: Da bei lität. Bei allen Systemkameras ist also meist
Bei spiegellosen Systemkameras wird das
Licht schon vor dem Auslösen ohne Umweg auf gleichem Bildausschnitt und gleich bleiben­ das Objektiv der begrenzende Faktor, so­
den Sensor geleitet. Dieser muss dann das der Entfernung bei kleineren Sensoren ei­ dass man gut beraten ist, bei einem be­
Live-Bild an den elektronischen Sucher oder das ne kürzere Brennweite zum Einsatz kom­ grenzten Budget tendenziell mehr für das
Display übermitteln. Vorteil: Die Kameras kön- men muss, steigt die Ausdehnung der Objektiv oder die Objektive zu reservie­
nen kompakt und leicht gehalten werden und Schärfe im Bild, die sogenannte Schärfen­ ren als für die Kamera selbst.
lösen fast geräuschlos ohne Spiegelschlag aus
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Die neue X-Pro1 von Fujiilm ist eine spiegellose


Systemkamera, die sich durch einen Sensor in
APS-Größe und einen Hybridsucher auszeichnet: Der
Fotograf kann das elektronische Bild in einen opti-
schen Sucher einblenden. Leider gibt es bisher nur
drei Objektive für das proprietäre System. Preis:
circa 1600 Euro, Objektive rund 600 Euro pro Stück

Außergewöhnlich ist die spiegellose


Pentax K-01, da sie – anders als die
Konkurrenz – dasselbe Bajonett wie
die Pentax-SLRs aufweist. Man kann
also die vielen existierenden Pentax-
Objektive einsetzen. Allerdings
büßt sie den Gewichtsvorteil dadurch
fast wieder ein. Preis inklusive
Pancake 40mm f/2.8: etwa 780 Euro

Die Sony-Spiegelrelexkameras aus der


SLT-Reihe sind keine echten SLRs mehr:
Sie haben einen feststehenden, teildurch-
lässigen Spiegel, was die Geräusche
beim Auslösen dämmt, eine kleinere Kon-
struktion erlaubt und sie schneller macht
086 PAGE 10.12 TECHNIK Kameras

Ein weiterer Aspekt, der für sie spricht, sind


die Eingriffsmöglichkeiten in die Bildgestal­
tung – obwohl hier die Spiegellosen ebenfalls
aufholen. Jens Brosemann, freier Artdirektor
aus Hamburg, will seine Nikon­Spiegelrelex Die Nikon D800 ist eine Vollformat-SLR-
nicht missen. »Mit der kann ich am besten ver­ Kamera mit einer zurzeit rekordverdäch-
wackeln«, lacht er. Seine virtuellen Unterwas­ tigen Aulösung von 36 Megapixeln.
serbilder sind aus kleinen Fotosegmenten Nur wenige und teure Objektive sind in
kombiniert, die er nachts im Hamburger Hafen der Lage, eine entsprechende optische
gesammelt hat. Dazu fotograiert er die Lich­ Aulösung bis zum Sensor durchzurei-
ter des Industrieareals und schwenkt die Ka­ chen. Die D800 ist ideal für hochwertige
mera während der Belichtung oder bewegt Fotos, für Action-Fotografen allerdings
das Zoom, um Lichtspuren einzufangen. Die­ zu langsam. Preis: ungefähr 2900 Euro
se setzte er dann in Photoshop zusammen.
»Die Aulösung der Kamera ist mir egal, da ich
Composings erstelle, die meist größer werden,
als mir und meinem Rechner lieb ist. Wichtig
ist für mich aber die Kontrolle über die Kame­ Eine relativ günstige Spiegelrelex-
ra«, sagt Brosemann, der neben seinen Tief­ kamera mit APS-Sensor ist die neue
seebildern auch Panoramen anfertigt, bei de­ Canon EOS 650D, die 18 Megapixel
aulöst und rund 800 Euro kostet.
nen es dann doch auf die Präzision bei der
Aufnahme ankommt, also auf die Möglichkeit,
Schärfe und Ausschnitt exakt zu bestimmen.
Keine der Kameraklassen ist also für alle
Fälle gerüstet oder, positiv gewendet, jede hat
ihre besonderen Stärken: Die Mobilität eines
Smartphones ist ebenso unschlagbar wie die
Qualität und Flexibilität eines Spiegelrelexsys­
tems. Für viele Projekte sind die spiegellosen
Systemkameras aber ein guter Kompromiss
zwischen Qualität, Flexibilität und Gewicht.

Jens Brosemann (www.brosemann.de) fotograiert nachts im Hamburger Hafen die Industriebeleuchtung und schafft so eine ebenso
faszinierende wie künstliche Unterwasserwelt. Die Belichtungszeit wählt er bewusst lang und verwackelt die Aufnahme oder verstellt
das Zoom beim Belichten. Aus den Lichtspuren setzt der Photoshop-Künstler dann seine Unterwasserlebewesen zusammen
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Spezialkameras und -funktionen


Für einige Einsatzzwecke sind spezielle Kameras erforderlich – hier muss
man im Einzelfall entscheiden, ob sich die Investition lohnt

Unterwasser. Wer Unterwasseraufnahmen Mischung aus Foto­ und Videokamera: die von 37,5 Megapixeln zum Preis von knapp
machen möchte, kann dies entweder mit rund 700 Euro teure GC­PX10EU , die HD­ 22 000 Euro – allein für das Gehäuse. Aber
einer speziellen Kompaktkamera oder mit Videos mit 50p aufzeichnet (in der Aulösung auch bei der Konkurrenz kommt man nicht
einer Systemkamera im Unterwassergehäu­ von 640 mal 360 Pixel auch mit 250 fps) günstiger weg, insbesondere, wenn die An­
se tun. Selbstverständlich liefern Letztere sprüche noch größer sind: Die Hasselblad
eine bessere Bildqualität, allerdings kosten Reportage. Eine Klasse für sich sind die H4D­60 zum Beispiel hat einen 40 mal
die Gehäuse ohne Kamera mehr Geld als Reportagekameras, die sich an traditions­ 53,7 Millimeter großen Sensor und liefert
eine für Unterwasseraufnahmen geeigne­ bewusste Fotografen richten und das Erbe damit eine Aulösung von 60 Megapixeln.
te Kompaktkamera, die bereits ab 150 Euro der Leica M antreten. Von Leica selbst gibt Die Preisliste beginnt bei 30 000 Euro.
erhältlich ist. Doch sollte man eher etwas es jetzt neu die X2 , die mit einem APS­
mehr ausgeben, damit man ohne Elektro­ großen Sensor in einem klassisch gestalte­ Filmaufnahmen. Fast jede aktuelle Foto­
nikschaden bis zu 10 Meter Tiefe herab­ ten Gehäuse daherkommt. Sie hat – wie kamera kann Videos aufzeichnen, die meis­
kommt, wie mit der Nikon AW 100 , die die Vergleichsgeräte anderer Hersteller – ten in Full HD. Selbst mit dem iPhone oder
zudem ein GPS integriert hat und stoß­ und ein fest eingebautes Objektiv mit nur einer anderen Smartphones sind Bewegtbild­
kälteresistent ist. Tiefer geht es mit den Un­ Brennweite. Dieses entspricht der klassi­ aufnahmen in beeindruckender Qualität,
terwassergehäusen, an die sich auch Unter­ schen Reportagebrennweite von 35 Millime­ ebenfalls in Full HD, möglich. Für professio­
wasserblitze anschließen lassen. tern. Die Leica X2 ist hochwertig verarbeitet nellere Anwendungen hapert es dann aber
und kostet rund 1700 Euro. Mit rund 900 Eu­ meist an der Führung der Kamera und an
Highspeed. Wer Highspeed­Videos für Ex­ ro ist die X­100 von Fujiilm deutlich günsti­ der Tonaufzeichnung. Zwar gibt es sogar
tremzeitlupe drehen will, setzt entweder auf ger und verfolgt von den technischen Daten entsprechende Rigs und Stereoton­Adap­
Qualität und mietet ein Weisscam inklusive her fast dasselbe Konzept. Diese Kameras ter fürs iPhone, aber letztlich gelten die
Operator oder er schraubt seine Ansprü­ zwingen zu einer konzeptionellen Heran­ gleichen Kriterien wie in der Fotograie: Ein
che herunter. Einige Spiegelrelexkameras gehensweise und sind etwas für Puristen. gutes Rauschverhalten und eine hochwer­
können HD­Videos mit 60 Bildern pro Se­ tige Bildästhetik lassen sich nur mit großen
kunde aufnehmen, für eine echte Zeitlupe Über- und Mittelformat. Die beste Bild­ Sensoren erreichen, sodass man bei einer
muss man sie dann aber noch mit einem qualität lässt sich zurzeit mit Kameras er­ Spiegellosen oder einer Spiegelrelex lan­
Tool wie Twixtor interpolieren. Aber schon zielen, die noch größere Sensoren als die den wird. Gerade für die Kameras von Ni­
für einige hundert Euro gibt es Kompaktka­ Spiegelrelexmodelle aufweisen. Interessant kon und Canon ist professionelles Zubehör
meras, etwa von Casio, die bis zu 1000 Bil­ für viele Proifotografen ist die Leica S2, ei­ in großer Auswahl erhältlich. Für Prois ideal
der pro Sekunde erreichen – allerdings nur ne Spiegelrelexkamera mit Überformat­ sind Rig­Systeme wie das Sympla von Man­
in reduzierter Aulösung von 224 mal 64 Pi­ sensor. Sie lässt sich wie jede andere Spie­ frotto , die aus der Spiegelrelexkamera
xeln. Das ist auch für die meisten Weban­ gelrelex handhaben und liefert eine her­ ein komplettes Videosystem für hochwer­
wendungen zu wenig. Von JVC gibt es eine vorragende Bildqualität mit einer Aulösung tige Filmaufnahmen machen.
088 PAGE 10.12 TECHNIK 3-D-Printing

Auf der Website von


My Robot Nation
kann sich der User
seinen Roboter
im Browser beliebig
konigurieren –
und bekommt das
3-D-gedruckte
Spielzeug dann nach
Hause geliefert

n An jeder zweiten Ecke waren auf dem Crowdfunding-Portal Kickstarter angeboten


diesjährigen DMY International Design Festi- wurde, kam mehr als das 30-Fache der benö-
val Berlin Prototypen von Designobjekten zu tigten Summe zusammen. Das Printrbot Kit ist
sehen. Sie bestanden allesamt aus geschmol- nun für knapp 500 Dollar erhältlich. Diese neue
zenem Granulat, von 3-D-Printern schicht- Generation von 3-D-Druckern spiegelt den
weise in unterschiedlichste Formen gebracht. Trend zur Demokratisierung des Designs wi-
Beim BMW Guggenheim Lab zeigten MIT-Stu- der: Nicht nur Gestalter haben einen unglaub-
denten gleich die nächste Stufe, nämlich den lichen Hunger, ihre Entwürfe umgehend zu
von ihnen selbst entwickelten tragbaren 3-D- materialisieren. Maßgeschneiderte Designob-
Drucker PopFab, mit dem sich unterwegs mal jekte für den Massengebrauch rücken in greif-
eben eine Schraube oder Verbindung produ- bare Nähe, und die Konsumenten können sich
zieren lässt. Strom aus der Dose benötigt aller- bei der Gestaltung – und vor allem der Opti-
dings auch PopFab (vorerst) noch. mierung – eines neuen Produkts einbringen.
Kein Wunder, dass sich die Do-it-yourself-
Gemeinde auf das neue, endlich bezahlbare Maßgeschneiderte Roboter dank WebGL
Spielzeug stürzt. So bedient etwa MakerBot Wie weit die Beteiligung der User bereits geht,
aus New York Interessierte mit 3-D-Drucker- beweist der 3-D-Printing-Service My Robot Na-
Bastelkits inklusive Bauanleitungen für um die tion. Auf der Website kann sich jeder seinen
700 Dollar. Auf www.thingiverse.com stellt die Roboter in beliebiger Form und Farbe zusam-
Community selbst entworfene 3-D-gedruckte menstellen. Das Ergebnis wird 3-D-gedruckt
Objekte vor. Die Nachfrage nach preisgünsti- nach Hause geliefert. Möglich macht dies eine
gen 3-D-Printern ist enorm: Als ein solcher zum browserbasierte WebGL-Applikation, die oh-
Selber-Zusammenbauen als Projekt auf dem ne zusätzliche Plug-ins auskommt. Der Nutzer

Sachen machen
3-D-Drucker werden bezahlbar – damit nimmt das maßgeschnei-
derte, demokratische Design konkrete Formen an. Wir stellen innovative
Umsetzungen und die dahinterstehenden Technologien vor
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In einer Webappli-
kation stellt sich
der Anwender seine
Makie-Puppe
bis ins kleinste Klei-
dungsdetail
maßgeschneidert
zusammen. In
den Kopf passt ein
winziger Arduino-
Mikrocontroller – und
will gehackt werden.
So lassen sich zum
Beispiel Drähte
durch den Hals füh-
ren, um die LED-
Augen zum Blinken
zu bringen

kann mit dem selbst konigurierten Roboter Jahrzehnt wird es die Spielregeln in der Tech- ≥ PAGE Online
interagieren, ihn drehen und wenden. Das nologiebranche nachhaltig verändern. Wir Die Links zu
lädt natürlich zu Experimenten ein. »Bei der glauben, dass wir am Anfang einer wahren Re- diesem Artikel
Entwicklung der Anwendung kam es uns be- volution stehen, die nicht nur die Erwartungs- inden Sie
sonders auf das intuitive Interface und die haltung der Konsumenten verändert, sondern unter www-page-
Integration von sozialen Funktionen an, also auch die globale Wirtschaft! Damit demokrati- online.de/
dass die User die Bilder von ihren Robotern in sieren wir die Kreativität und legen sie in jeder- 3d-printing
den sozialen Netzwerken teilen können«, er- manns Hände.« Gerade hat My Robot Nation
klärt Cathy Lewis, Vice President of Global Mar- in Kooperation mit dem Hersteller 3D Systems
keting bei My Robot Nation. einen 3-D-Printer für den persönlichen Ge-
Als Cathy Lewis das Angebot zusammen brauch entwickelt: den Cube ( www.cubify.
mit dem Interactive-Spezialisten Mark Danks com ). Er ist bereits bestellbar, im Moment
startete, konnte sie auf 15 Jahre Erfahrung in noch zu einem Preis von über 1200 Dollar.
der Spielebranche zurückgreifen. Bei der tech-
nischen Umsetzung half ihnen die 3-D-Ent- Arduino-Puppen zum Hacken
wicklerirma Ofload Studios. »Unsere Idee Bei Makie.me können User ähnlich wie bei My
war, dass die User ihre Kreativität selbstbe- Robot Nation ihre Toys direkt im Browser kon-
stimmt ausleben, indem sie etwas am Com- igurieren. Doch statt eines Roboters ist Makie
puter erschaffen und das echte Objekt da- eine intelligente Spielzeugpuppe, bei der sich
nach in den Händen halten«, so Lewis. Im 3-D- die Gesichtszüge, der Körperbau, die Haare –
Printing liegt die Zukunft, sagt sie. »In diesem einfach alles – bis ins letzte Detail verän-
090 PAGE 10.12 TECHNIK 3-D-Printing

beiden Welten schienen sehr weit ausei-


nanderzuliegen. Außerdem hatte ich gerade
das Buch ›Makers‹ ( http://craphound.com/
makers/download ) meines Mannes Cory Doc-
torow gelesen sowie ›The Real Toy Story‹ von
Eric Clark und überlegte, wie Technologien das
Digitale und das Physische zusammenbringen
können.« Dazu kam die Popularität von maß-
geschneiderten Avataren bei Online-Games,
die dem User möglichst ähnlich sehen sollen.
»Puppen sind sehr ausdrucksfähig und wer-
den oft bei sozialen Events eingesetzt oder
auch um eine Spieleridentität zu schaffen.
Bis auf Frisierpuppen oder Soldateniguren
gibt es aber nur sehr wenige Figuren, in de-
nen sich der User verwirklichen und die er et-
wa seinem eigenen Äußeren nachempinden
kann«, so Alice Taylor.
Das Konzept von Makie ist darauf ange-
legt, die Hacker- und DIY-Gemeinde einzubin-
den. Deren kreative Eingriffe sind wesentlich
für die Weiterentwicklung der Puppe. Und so
haben auch die ersten User bereits Perücken
und andere Accessoires gebastelt, berichtet
Alice Taylor. Für die Zukunft des 3-D-Printing
wünscht sie sich zuallererst eine Verbesse-
rung der SLS(Selective Laser Sintering)-Tech-
nik dahingehend, dass sich auch farbiges Gra-
nulat einsetzen lässt – um Makie eine getön-
te Gesichtsfarbe zu verleihen. Gleichzeitig
sollte sich der Herstellungspreis im 3-D-Druck
verringern, der die Massenproduktion noch
um ein Vielfaches übersteigt, so Alice Taylor.
Denn die Frage der Rentabilität sei leider im-
mer noch ein Hindernis bei der weiteren Ver-
breitung des 3-D-Printing.

Open-Source-Spielzeugwelten dank
Das Universal Construction Kit von dern lassen. Und statt mit WebGL arbeitet Adaptersteinen
F.A.T. Lab besteht aus achtzig die Online-Plattform mit Unity ( http://unity3d. An der konzeptuellen Weiterentwicklung 3-D-
Adapterelementen, mit denen sich com ). Diese 3-D-Game-Engine stellt dreidi- gedruckten Spielzeugs arbeitet auch die für
die Spielzeugsteine etwa von mensionale Objekte ebenfalls im Browser dar. ihre ironischen Guerilla-Aktionen bekannte
Lego oder ischertechnik frei verbin- Zudem bietet sie die Möglichkeit, native Ap- internationale Künstler- und Hackergruppe
den lassen. Unten: Bei The Vibe plikationen für die Mobilbetriebssysteme iOS F.A.T. Lab. Zusammen mit dem Medienkünst-
von Shapeways kann man einen und Android zu generieren. ler Golan Levin hat sie das geniale Universal
SoundCloud-Track visualisieren Für die Intelligenz der von MakieLab aus Construction Kit geschaffen. Dieses umfasst
und als iPhone-Case drucken lassen London entwickelten Puppe sorgt der Mikro- fast achtzig 3-D-gedruckte Adapterklötze, mit
controller LilyPad Arduino, den Technikbast- denen sich völlig unterschiedliche Spielzeug-
ler hacken und erweitern können. Im Rücken bausteine von Lego, Duplo oder ischertechnik
von Makie beindet sich nämlich ein Hohlraum, zusammenstecken lassen. Es ermöglicht also
etwa für Batterien, und durch den Hals kann endlich die Interoperabilität zwischen ver-
ein Draht laufen. Die nächste Generation wird schiedenen, vorher in sich geschlossenen
zudem ein Arduino-Kit samt Programmier- Systemen – und die Konstruktion ganz neu-
code erhalten, mit dem sich etwa der Herz- er Objekte. Wäre das doch auch so bei den
schlag hacken lassen oder die LED-Augen, so- Betriebssystemen! Denn das Universal Con-
dass diese blinken. Auch Optionen für Blue- struction Kit ist auch als Kommentar zu un-
tooth- und RFID-Module sind angedacht. Was seren geschlossenen Systemwelten gedacht.
die Customization angeht, werden die User Die Idee kam Golan Levin, als er seine Kinder
die Stoffmuster für diverse Outits selbst ent- frustriert mit unterschiedlichen Spielzeugen
werfen sowie in 3-D-gedruckte Umgebungen hantieren sah, die sie gern zu neuen Kombi-
für die Puppe, zum Beispiel eine Wohnung mit nationen verbunden hätten . . .
Möbeln, erstellen können. Das Universal Construction Kit steht nun
Über die Anfänge berichtet MakiLab-Grün- zum freien Download in Form von STL-Daten
derin Alice Taylor: »Auf der Toy Fair 2010 sah zur Verfügung, die sich in CAD-Programmen
ich viele Puppen und im Keller bei der Engage! bearbeiten lassen. F.A.T. Lab und Golan Levin
Expo viele digitale Kinderspielzeuge – diese wünschen sich ausdrücklich, dass andere
092 PAGE 10.12 TECHNIK 3-D-Printing

User ihre Sammlung um Adapter für Bau- sualisierung des Sounds wird dann extrahiert
steine weiterer Spielzeugmarken ergänzen. und als maßgeschneidertes iPhone-Case aus-
Dabei ist ihnen sehr wohl klar, dass sie mit gedruckt und nach Hause geliefert (siehe Sei-
dem Konzept-Kit das Thema Urheberrecht an- te 90). Brad Dickason, Director of Product bei
gehen. Aber das ist erst der Anfang: »In Zu- Shapeways, erklärt: »Wenn es um Produktde-
kunft entwickeln wir Tools, mit denen User sign geht, sehen sich die meisten Menschen
radikal personalisierte physische Medien ge- nicht selbst als Schöpfer. Dabei generieren
nerieren können. Das nächste Problem ent- sie permanent etwas aus Fotos, Worten, Mu-
steht, wenn diese Objekte den kommerziellen sik oder Videos. Wir wollten es jedem ermög-
Produkten in die Quere kommen. Da wird es lichen, seine Kreationen in etwas Physisches
deinitiv Grabenkämpfe wegen Patentrechts- zu verwandeln, indem wir das Design und die
verletzungen geben«, so Golan Levin. Produktion extrem einfach gestalteten.«
Zunächst experimentierte Brad Dickason
Zu iPhone-Cases erstarrte Tonwellen mit der Visualisierung an sich, dann mit der
3-D-Printing bringt aber nicht nur mehr Au- Umsetzung in Schmuck und gelangte schließ-
tonomie und Vielfalt, sondern macht auch lich zu dem Case mit dem Track auf der Rück-
Soundplotter nennt eher Ungreifbares greifbar. So wollte der New seite. »Anhand der Wellenspektren erstellten
das Berliner Designer- Yorker 3-D-Printing-Service Shapeways ge- wir Krümmungen. Die oberste Kurve sampelt
duo Shapes in Play meinsam mit der Sound-Sharing-Plattform das Wellenspektrum auf einer höheren Fre-
seine Anwendung, die SoundCloud Musiktracks visualisieren. Das quenz als die unterste. Auf diese Weise gene-
eine gesprochene Ergebnis ist The Vibe ( www.shapeways.com/ rierten wir Muster, die einen Mehrband-Equa-
Nachricht mittels Pro- creator/thevibe ), eine Webapplikation, mit lizer nachahmen«, berichtet Mary Huang,
cessing visualisiert der der User entweder ein eigenes Stück hoch- Designerin bei Shapeways. Die iPhone-Hülle
und höchst haptisch laden oder einen Track aus der SoundCloud- wird mit der SLS-Technologie ausgedruckt. Als
als Vase ausgibt Bibliothek auswählen kann. Die graische Vi- Granulat verwendet Shapeways ihr eigenes
Strong and Flexible Material, bestehend aus
Plastik auf einer Nylongrundlage. Es ist weich
und biegbar, aber auch robust – für den Fall,
dass das Smartphone herunterfällt.
Ähnlich widerstandsfähig wie das Material
für das iPhone-Case, aber wesentlich elasti-
scher ist das neue Elasto Plastic von Shape-
ways. Aus einem thermoplastischen, bieg- und
dehnbaren Werkstoff werden höchst lexible
Objekte 3-D-gedruckt. Je nach Stärke soll das
Elasto Plastic lexibel wie ein Gummiband
sein – oder sogar wie ein Autoreifen. Das er-
öffnet ganz neuen Gestaltungsmöglichkeiten.
Deshalb hat Shapeways auch einen Ideen-
wettbewerb veranstaltet, und Designer ent-
warfen daraufhin Prototypen für Schuhe,
Schmuck und Spielzeug bis hin zu Fingerpup-
pen. Wieder ein Beispiel für die Weiterent-
wicklung von 3-D-gedruckten Objekten mit
und durch die Community.

Soundvisualisierungen mit Processing


Eine andere Art der Datenvisualisierung mit
3-D-Printing unternimmt das Berliner Desi-
gnerduo Shapes in Play mit seinem interak-
tiven Soundplotter-Konzept. Johanna Spath
und Johannes Tsopanide lassen ebenfalls
Sounds erstarren – aber künstlerischer: Aus-
gangspunkt für ihre Soundplotter-Vasen ist
eine gesprochene Nachricht, deren Klang als
Wellenspektrum visualisiert und danach ge-
druckt wird – um eine Vasenform herum, die
so ein individuelles, haptisch erfahrbares Mus-
ter erhält. Je lauter die Botschaft gesprochen
wird, desto größer die Ausschläge und damit
die Erhebungen auf der Vase.
»Soundplotter besteht aus lauter kleinen
Boxen, deren Länge sich je nach Lautstärke
ändert. Die Box ist so ziemlich das einfachste
3-D-Objekt, mit dem man in Processing arbei-
ten kann, und es prägt die Ästhetik der Va-
PAGE 12.10 093

sen«, erklären die Designer. Für ihre 3-D-ge-


druckten Objekte nutzen sie fast ausschließ-
lich die generative Programmiersprache Pro-
cessing. Und diese Verbindung von Code und
physischen Designartefakten hat Erfolg: Die
Vasen stehen mittlerweile im Disseny Hub Mu-
seum in Barcelona.
Der nächste Schritt ist eine Anwendung,
bei der der User selbst seine 3-D-Objekte be-
sprechen kann. »Interaktion und Customiza-
tion über Sound sind uns an dem Konzept
sehr wichtig. Jetzt möchten wir es gerne
einem größeren Anwenderkreis vorstellen,
damit jeder von seinem Rechner aus eine
Botschaft oder auch einen MP3-Track auf
einer eigenen Vase festhalten kann. Aller-
dings fehlt es uns bisher noch an Zeit und
Geld, um uns um eine eigene Plattform und
einen Shop zu kümmern«, so Johanna Spath
und Johannes Tsopanide.
Mindestens ebenso schön wie die Sound-
plotter-Vasen sind die infObjekte von Shapes
in Play, deren Oberläche eine Art physische
Infograik darstellt: Die visualisierten Inhalte
werden mithilfe von Processing direkt und
haptisch in 3-D, zum Beispiel in eine Schale,
eingebettet. »Die infObjekte sollten die Gren-
zen des Produktdesigns sprengen und neue Die infObjekte,
Richtungen aufzeigen. Die Funktion wird vom ebenfalls von
Gebrauchswert hin zur Informationsvermitt- Shapes in Play,
lung verändert. Ein physisches Produkt als sind mit Pro-
Datenträger ist in dieser Anwendung eher cessing generierte
als ein Platzhalter zu verstehen, bis es mög- 3-D-Produkte,
lich ist, 3-D-Inhalte auf andere Arten anzu- deren vorgesehe-
zeigen«, erklären Johanna Spath und Johan- ner Inhalt,
nes Tsopanide. Wenn so die Zukunft des 3-D- etwa Vanillepud-
Printings aussieht, ist dies ein sehr schöner ding, auch das
Ausblick – und ein höchst maßgeschneide- Oberlächenmus-
ter noch dazu. vd ter bestimmt
094 PAGE 10.12 TECHNIK Druckweiterverarbeitung

Printveredelungen auf einen Blick


Teil 4: Beflockung

n Die Belockung ist über die Gestal­ entstehen. Bei langen, dünnen Fasern
tung von Drucksachen hinaus auch in ist diese weich und samtig, bei kur­
vielen anderen Industriezweigen weit zen, dicken fühlt sie sich bürstenartig
verbreitet, besonders bei Textilien, an. Belockte Oberlächen lassen sich
aber ebenso im Fahrzeugbau, wo grundsätzlich gut weiterverarbeiten,
Handschuhfächer im Auto und andere sei es durch Bedrucken oder verschie­
Oberlächen belockt werden. Manch­ dene Prägungen.
mal dient dies zur Schalldämmung,
meist steht jedoch der optische und Einsetzbare Materialien
vor allem der haptische Effekt im In Verbindung mit einem geeigneten,
Vordergrund. Bei der Veredelung von auf den Bedruckstoff abgestimmten
Büchern und Magazinen kommt die Klebstoff lässt sich fast jedes Material
Belockung fast ausschließlich beim belocken.
Umschlag zum Einsatz. Packagedesi­
gner nutzen sie oft, um dem Inneren Tipps zur Planung
von Verpackungen eine samtartige Mit der vorhandenen Palette an Flock,
Anmutung zu verleihen. Belockungs­ Bedruck­ und Klebstoffen lässt sich ei­
maschinen gibt es in allen Formen und ne große Bandbreite an Effekten er­
Größen. Das Verfahren ist auch nicht zeugen. Alternativ stehen fertig be­
besonders anspruchsvoll. Dennoch ge­ lockte Materialien zur Verfügung. Da
ben Druckereien diese Aufgabe oft an sich das Vorgehen technisch grundle­
spezialisierte Betriebe ab. gend unterscheidet ist es wichtig, den
Druckdienstleister bereits im Vorfeld
Bezeichnung zurate zu ziehen. Das gilt insbesondere
Der verbreitetste Begriff ist Belo­ dann, wenn die belockte Oberläche
ckung, daneben hört man auch oft im Anschluss mit einer oder mehreren
die Bezeichnung Flockdruck. Farben bedruckt oder geprägt werden
soll. Eine partielle Belockung ist für
Varianten die Druckerei aufwendiger zu realisie­
Ein Flockeffekt lässt sich erzeugen, in­ ren als eine volllächige. Das Anlegen Mit sehr kurzen Flockfasern lässt sich eine harte,
dem der Produktionsbetrieb bereits jedoch ist simpel. Es reicht, in der Vor­ bürstenartige Oberläche erzeugen
belocktes Papier oder entsprechen­ stufe die Belockung als eine oder
den Karton einsetzt. Die Fasern kön­ mehrere Sonderfarben anzulegen.
nen aber auch erst in der Produktion
partiell oder volllächig aufgetragen Grenzwerte
werden. Beim partiellen Flockdruck Es gibt keine ixen Grenzwerte, doch ist
ist es zudem möglich, Flock in unter­ zu beachten, dass längere Flockfasern
schiedlichen Farben und Qualitäten feine Strukturen verdecken. Mit sehr
aufzubringen. kurzen Fasern lassen sich Strichbreiten
von 0,5 Millimetern realisieren.
Stärken
Belockung erzeugt ein besonders star­ Druckereien und Verbände
kes haptisches Erlebnis. Ein breites • Flock Association of Europe
Angebot an Flockfasern ermöglicht ≥ www.flock.de
vielfältige Effekte von samtweich bis • druckpartner, Essen
bürstenhart. ≥ http://druck-partner.de
• Kessler Druck + Medien, Bobingen
Technik ≥ www.kesslerdruck.de Je kürzer die Flockfasern, desto feinere und präzisere
Flockfasern sind kurze Fäden, bei de­ Strukturen lassen sich gestalten
nen die Moleküle parallel ausgerichtet Preis
wurden. Diese Monoilamente beste­ Die Preise für belockte Druckproduk­
hen aus Polyester, Polyamid oder Vis­ te sind höchst unterschiedlich, da sie
kose. Bei der wichtigsten Form, der von der Qualität der drei Komponen­
elektrostatischen Belockung, wird in ten Flock, Bedruck­ und Klebstoff ab­
einem elektromagnetischen Feld eine hängen. Der Einsatz bereits belockter
große Menge solcher Fasern in ein mit Materialien ist oft die günstigere Lö­
Klebstoff beschichtetes Substrat ein­ sung, obwohl das Material nicht billig
geschossen. Die Feldlinien richten die ist. 1000 Bogen (70 mal 100 Zentime­
Faser senkrecht aus und lassen so eine ter) Gekko Highlock kosten zum Bei­ Lange, weichere Fasern können den Eindruck einer
gleichmäßige, textilartige Oberläche spiel über 10 500 Euro. Rasenoberläche hervorrufen
PAGE 10.12 095

Gedanken an
unberührten Neu-
schnee wollte
Monoki mit ihrer
Weihnachtskarte
wecken. Die
Belockung sorgt
optisch und
haptisch für den
gewünschten
Effekt. Prägungen
sind bei belock-
ten Druckpro-
dukten keinerlei
Problem und
schaffen interes-
sante Kontraste

Weich wie Schnee


Die Aussendung von Monoki zeigt, wie sich mit Beflockung ein besonderer Effekt erreichen lässt

n Dies war die teuerste Neujahrsgrußkarte, die die Ham­ Im nächsten


burger Agentur Monoki je produziert hatte: 6 Euro pro Kar­ Teil der
te, was auch an der relativ geringen Aulage von 300 Stück Serie geht es
lag. Doch Carol und Joana Hoffmeister wollten zum Jahres­ um Lentikular-
wechsel 2011/2012 etwas Besonderes für ihre Kunden und druck
Partner. Ihnen schwebte blütenweißer, unberührter Schnee
vor – so wie man ihn sich für diese Jahreszeit eben wünscht.
Die Faltkarte im Format 21 mal 8 Zentimeter ist auf der einen
Seite mit weißen Fasern belockt, auf der anderen Seite ste­
hen mit silberner Kaltfolie geprägt das Monoki­Logo und ein
Gruß zum Jahreswechsel. Auf die Frontseite sind die Zahlen
des vergangenen und des neuen Jahrs geprägt, das eine in
Spiegelschrift, sodass die Ziffern 2 am Anfang einander zuge­
wandt sind und ein Herz bilden. Die schneeweiße Belockung
und die Glätte an den geprägten Stellen der Karte stehen für
Kälte, das Zweier­Herz für Wärme. Die Tiefprägung auf der
Vorderseite erinnert an einen Fußabdruck im Neuschnee.
Nach einer ausgiebigen Materialrecherche entschied sich
das Kreativteam von Monoki für den bereits belockten
Karton Gekko Highlock der Papier Union. Der hochpreisige
Image­Karton eignet sich besonders gut für die Blind­ und
Heißfolienprägung, die durch die samtige Papieroberläche
besonders gut zur Geltung kommt. Von früheren Projekten
wusste Produktionerin Carol Hoffmeister, dass belockter
Karton bei zu starkem Prägedruck bricht. Mit einem Gewicht
von 400 Gramm und viel Fingerspitzengefühl hält Highlock
dem Druck aber stand. Seine Rückseite ist ungestrichen
und wie die Vorderseite hochweiß. Hier druckte die Drucke­
rei zunächst mit einer silbernen Sonderfarbe das Monoki­
Logo und den Text ein.
Anschließend kam die Tiefprägung der Vorderseite an
die Reihe. Dabei wurden die Fasern glatt gedrückt, sodass
sich ein spannender haptischer Kontrast zwischen den la­
chen und erhabenen Stellen ergab. Ein Effekt, der schon
beim Entnehmen der Karte aus dem Kuvert fühlbar wird,
noch bevor das Auge auf sie fällt. Zum Abschluss unter­
schrieb das Monoki­Team alle Karten von Hand. Etwas Kunst­
schnee beim Einlegen der unterschriebenen Karten in die
Kuverts rundete die Aussendung ab. dsc
096 PAGE 10.12 TECHNIK

TIPPS & TRICKS


App Studio für XPress ab 9.1 – Bilder für das iPad-Retina-Display aufbereiten
Das Retina-Display des neuen Versionen von XPress und App Studio also mindestens 144 ppi oder auch
iPads stellt viele Publisher vor Factory einsetzen, sollte es also keine mehr, falls das Ergebnis noch nicht gut
Probleme. Schließlich müs- Probleme mit dem Retina-Display ge- genug ausfällt.
M W sen sämtliche Seiteninhalte ben. Mit zwei Tricks können Sie die • Arbeiten Sie mit Diashows, die auf
ihrer für das Apple-Tablet vorgesehe- Qualität noch steigern: XPress-Layouts basieren, empiehlt es
nen Anwendungen in hoher Bildaulö- • Wählen Sie unter »Bearbeiten« den sich, die Werte für die Abmessungen
sung wiedergegeben werden, um nicht Eintrag »Ausgabestile«, dort »Default einfach zu verdoppeln. Soll die Diashow
durch hässliche Artefakte aufzufallen. PDF For AVE«, und klicken Sie auf »Be- also 300 mal 250 Pixel groß erscheinen,
In der Palette Dies gilt insbesondere für Texte, die arbeiten«. Im Reiter »Bilder« können legen Sie das Layout entsprechend mit
»PDF-Stil bear- schnell pixelig wirken und schwer les- Sie bei Farb- und Graustufenbildern die 600 mal 500 Pixeln an. Hintergrund ist,
beiten« legen bar sein können. Aulösung erhöhen. Quark empiehlt dass XPress die Bilder von Diashows im
Sie die korrekte Quark hat mit App Studio vorge- hier einen Wert von 144 ppi, rechne- PNG-Format ausgibt. Durch die Ver-
Aulösung für sorgt und arbeitet intern mit PDF-Da- risch hat das Retina-Display eine noch wendung der doppelten Pixelmaße er-
das Retina-Display teien, die aus echten Texten und Vek- höhere Aulösung sodass auch Werte reichen Sie die für das Retina-Display
des iPads fest toren bestehen. Sofern Sie die neusten bei 250 ppi denkbar sind. Wählen Sie notwendige Qualität. Georg Obermayr

Bei Diashows müssen


Sie einfach die Aulösung
der Bilder verdoppeln

Die Zahl der Zeichen


und Wörter, die nicht
InDesign ab CS1 – Was tun bei zu viel Text?
mehr in den (letzten) Nahezu bei jedem Textlayout Möchten Sie hingegen den nicht
Rahmen passen, wer- steht am Ende ein kleines sichtbaren Teil des Textes einfach aus-
den hinter dem Plus rotes Plus, das Zeichen für schneiden und in einen anderen Rah-
angezeigt. Den Text- M W Übersatz. Wenn Sie dem Au- men einfügen, ohne ihn zu verketten,
modus rufen Sie tor mitteilen wollen, wie viel er kürzen nutzen Sie folgende Möglichkeit: Plat-
über »Bearbeiten/ muss, klicken Sie mit dem Textcursor in zieren Sie den Textcursor an der Stel-
Im Textmodus den Rahmen, ohne Text zu markieren. le, ab der Sie den Text auswählen
bearbeiten« auf Dann können Sie im »Informationen«- möchten. Drücken Sie danach die Be-
Bedienfeld, das Sie im »Fenster«-Menü fehls-, Shift- und Ende-Taste für den
inden, nachsehen, wie viele Zeichen Befehl »bis zum Ende markieren« und
respektive Wörter zu viel sind. Markie- schneiden den Text aus (Befehl-X).
ren Sie ein Stück Text beziehen sich Erstellen Sie einen neuen Textrah-
die Angaben nur auf diesen Bereich. men oder nutzen Sie einen vorhande-
Dürfen Sie selbst den Text kürzen, nen und fügen den Text per Befehl-V
rufen Sie am besten mittels Befehl-Y wieder ein. Dieses Vorgehen ist ele-
den übersichtlichen Textmodus auf. ganter, als den Textrahmen groß auf-
Hier sehen Sie den gesamten Text, der zuziehen. Ohne das Kürzel »bis zum
Übersatz wird hervorgehoben. Neh- Ende markieren« wird nur der sicht-
men Sie Kürzungen vor, werden diese bare Teil des Textes ausgewählt, der
parallel im Textrahmen respektive im nicht sichtbare Text rutscht demzufol-
verketteten Artikel durchgeführt. ge stets nach. Rosita Fraguela
PAGE 10.12 097

Windows 7 und Adobe Creative Suite 4 – Voreinstellungen sichern


Für Einsteiger und Prois glei- Das Ganze hat nur einen Haken: Der bis ».jpg« erscheinen. Bestätigen Sie Ih-
chermaßen empfehlenswert: Ordner »AppData« ist unter Windows 7 re Änderungen mit »OK«. Nun haben
Passen Sie die Anwendun- standardmäßig ausgeblendet. Um ihn Sie stets Zugang zu Ihren persönlichen
gen der Creative Suite Ihren wieder einzublenden, gehen Sie folgen- Dokumentproilen. Rosita Fraguela
Bedürfnissen an. Erstellen Sie dermaßen vor:
Nach Bedarf
zum Beispiel eigene Arbeits- Mit dem Tastaturkürzel Windows-E
M W bereiche und persönliche Do- können Sie sich
rufen Sie ein neues Explorer-Fenster
ausgeblendete
kumentproile. Das spart auf Dauer ei- auf. Im Drop-down-Menü »Organisie-
System- und
ne Menge Zeit. In der Regel verrät Ih- ren« wählen Sie »Ordner und Suchop-
Voreinstellungs-
nen Adobe über die Hilfe-Menüs, wo tionen«. Aktivieren Sie den Reiter »An-
dateien anzeigen
Sie diese benutzerdeinierten Vorein- sicht«, und schalten Sie die Checkbox
lassen oder
stellungen ablegen sollten. Diese las- »Geschützte Systemdateien ausblen-
per Klick auf den
sen sich dann für den Fall einer Neuin- den« aus, dann scrollen Sie nach unten
Button »Stan-
stallation oder zur Weitergabe an einen und selektieren »Ausgeblendete Datei-
dardwerte« auch
anderen Rechner sichern. Die Doku- en, Ordner und Laufwerke anzeigen«.
wieder ausblenden
mentproile für Illustrator CS5 bein- Bei der Gelegenheit können Sie im Dia-
den sich beispielsweise im Verzeichnis log »Ordneroptionen« die Checkbox
»C:\Users\{Username}\AppData\Roa- »Erweiterungen bei bekannten Datei-
ming\Adobe\Adobe Illustrator CS5 Set- typen ausblenden« deaktivieren, damit
tings\de_De\New Dokument Proiles«. die Endungen aller Dateien von ».pdf«

Photoshop ab CS5 – Zoom optimal einrichten


Wer viel mit Photoshop ar-
beitet, aktiviert den Zoom
gern per Shortcut. Vor Pho-
M W toshop CS5 drückte man ein-
fach die Befehls- und Leertaste und
zog mit der gedrückten linken Mausta-
ste einen Rahmen auf. Das so erzeugte
Rechteck war dann der sichtbare In-
halt des Fensters. So konnte man sich
gezielt an einen Bereich heranzoomen,
ganz egal, ob er sich in den Ecken oder
in der Mitte des Fensters befand.
Seit CS5 hat sich die Einstellung
des Werkzeugs verändert: Mit dem ge-
nannten Kürzel ruft man zwar nach
wie vor die Lupe auf, sobald man aller- Links: Mit den richtigen Einstellungen können Sie den Bereich mit dem Zoom genau auswählen,
dings mit der gedrückten Maustaste den Sie vergrößern möchten. Rechts: Der vergrößerte Ausschnitt lässt sich mit der Befehls-,
anfängt zu ziehen, vergrößert sich die Alt- und Leertaste schrittweise verkleinern
Ansicht aus der Mitte heraus. Es ist
nicht länger möglich, eine rechteckige Dann nähern Sie sich gleitend der ge-
Auswahl zu treffen. Wenn Sie den wünschten Stelle. Mit zusätzlich ge- Lesertipps in PAGE:
Zoom über die Werkzeug-Leiste aufru- drückter Alttaste verkleinern Sie das
fen, erscheinen oben jedoch wie ge- Bild. Sie können dieses Verhalten ganz
Mitmachen lohnt sich!
wohnt die Optionen. Hier ist die neue einfach unterbinden, indem Sie in den n Haben Sie gerade einen praktischen Kniff ent-
Checkbox »Dynamischer Zoom« akti- Voreinstellungen unter »Allgemein« die deckt? Möchten Sie einen kleinen Gestaltungstipp
viert, Schalten Sie diese aus, erhalten Checkbox »Animierter Zoom« deakti- in einem Ihrer Arbeitsprogramme an andere Le-
Sie das alte, viel praktischere Verhal- vieren. Sollte diese Zoommethode bei ser weitergeben? Kennen Sie ein Workaround für
ten des Zooms zurück. Ihnen nicht funktionieren, obwohl sie ein aktuelles Softwareproblem? Dann schicken Sie
Seit CS4 können Sie alternativ so ausgewählt ist, unterstützt Ihre Gra- Ihren Lesertipp – mit Angabe der Softwarever-
vorgehen, dass Sie das Kürzel zum ikkarte diese Art der Darstellungs- sion und einem oder mehreren Screenshots – an
Aufrufen des Zooms nutzen, die linke neuberechnung nicht, da die notwen- info@page-online.de . Bei Veröffentlichung erhal-
Maustaste drücken und gedrückt hal- digen OpenGL-Funktionen nicht vor- ten Sie ein Moleskine-Notizbuch.
ten, ohne einen Rahmen aufzuziehen. handen sind. Rosita Fraguela
098 PAGE 10.12 TECHNIK Tipps und Tricks

InDesign ab CS5 – Neue Ebenen-Palette entdecken


InDesign CS5 ermöglicht ei- vor aulösen zu müssen. Und das funk- Ein kleiner Textabschnitt (links), in
ne besonders komfortable
Handhabung von Gruppen
tioniert sogar auch dann, wenn die
Gruppen in verankerte Rahmen ein-
1 dem zwei verankerte Rahmen ein-
gefügt sind, die als Marginalien fun-
M W und verschachtelten Rah- gebettet sind. Bisher war das mit viel gieren (rechts), bildet den Ausgangs-
men. So können Sie zum Beispiel Ele- Handarbeit verbunden – mit der er- punkt. In die Elementgruppe der obe-
mente ganz einfach in eine bestehen- weiterten Ebenen-Palette wird dies ren Marginalie sollen dann die beiden
de Gruppe integrieren, ohne diese zu- nun aber ein Kinderspiel. Punkte 1 und 2 integriert werden, oh-
ne die Gruppe aufzulösen.
Die Ebenen-Palette zeigt nicht nur
2 manuell angelegte Ebenen, son-
dern alle Objekte in ihrer Stapelreihen-
folge an. Durch Anklicken der Dreiecke
lassen sich die Inhalte aufklappen, so-
dann werden die Gruppen in der Ebe-
nen-Palette sichtbar. Übrigens: Die
blauen Quadrate ganz rechts in der
Palette zeigen die Auswahl an.
Um die auf der Zeichenläche rich-
3 tig positionierten Punkte als Un-
terelemente in die Gruppe zu integrie-
ren, ziehen Sie in der Ebenen-Palet-
te die entsprechenden Einträge (<1>
und <2>) in die Gruppe hinein. Die Her-
vorhebung (fette Linie) zeigt an, ob die
beiden Punkte danach über oder un-
ter anderen Bestandteilen der Gruppe
liegen werden.
Um den Erfolg zu kontrollieren,
4 geben Sie einfach im linken Text-
rahmen einige Absätze ein, damit der
Text neu umbricht. Verankerte Rahmen
schwimmen mit dem Text. Die Punkte
bewegen sich nun mit dem veranker-
ten Rahmen. Monika Gause

4
100 PAGE 10.12 TECHNIK

TOOLS & TECHNIK


Hard- & Software
+++ Mac OS X 10.8.1. Für das am 25. Juli freigege-
bene Mac OS X 10.8. alias Mountain Lion (Puma) gibt
es bereits das erste Update. Mit Mac OS X 10.8.1 be-
hebt Apple eine Reihe kleinerer Fehler. So litten einige
Mac-Pro-Besitzer darunter, dass ihr System plötzlich
herunterfuhr, und MacBook-Nutzer monierten schnell
schwindende Batterieladungen. Wichtigster Trend
des diesjährigen Betriebssystem-Updates ist die ver-
besserte Konvergenz mit dem Bedienkonzept der iOS-
Geräte. ≥ www.apple.com/de/osx +++ Praktisches
Tablet-Accessoire. Kensington hat eine nützliche
Ergänzung für Tablet-Computer herausgebracht. Das
KeyFolio Expert ist eine Kombination aus Case, kom-
fortabler Tastatur mit Klickpunkt zum Schreiben und Cinema 4D Release 14
Ständer, um das Gerät zum Schreiben oder Ansehen
von Filmen aufzurichten. Die Tastatur wird über Blue- n Maxon hat Release 14 ihrer 3-D-Soft- Das neue Release der 3-D-Software
tooth mit dem Tablet verbunden, sodass sich dieses ware angekündigt. Das Highlight sind verspricht intuitiveres Sculpting
problemlos senkrecht oder waagerecht aufstellen die Sculpting-Funktionen, die das For-
lässt. Zugeklappt wird das Tablet durch weichen Mi- men eines Characters organischer und 3-D-Objekte perspektivisch korrekt in
crofaserstoff geschützt, Magneten verschließen die intuitiver machen sollen. Ähnlich wie ein Foto integrieren. Auch die grundle-
Schutzhülle. Das KeyFolio Expert gibt es in Ausfüh- beim Modellieren mit Ton kann der User gende Arbeit für digitale Matte-Pain-
rungen für das neue iPad, das iPad 2 sowie für And- mit den neuen Werkzeugen die Oberlä- tings lässt sich nun mit dem Tool erle-
roid- und Windows-Tablets. Der Preis liegt jeweils bei chen von 3-D-Objekten kratzen, spach- digen. Cinema 4D Release 14 soll noch
rund 70 Euro. ≥ www.kensington.com +++ Höchste teln, drücken, herausziehen, aufblasen, im September erscheinen. Wie in der
Bildaulösung. Einem Forscherteam aus Singapur zusammenkneifen und vieles mehr. Vorversion gibt es vier Pakete, die auf
ist es gelungen, ein Bild mit 100 000 dpi zu drucken. Neu ist auch ein Kamera-Matching- die unterschiedlichen Zielgruppen zu-
Dabei arbeiteten die Wissenschaftler mit Technolo- System. Das Kalibrierungs-Tag errech- geschnitten sind, zum Beispiel Archi-
gien aus der Halbleiterfertigung: Mit einem Elektro- net den Standort und die Einstellun- tekten, Broadcast-Designer oder 3-D-
nenstrahl frästen sie die Pixelstruktur in eine Glas- gen der Original-Kamera, die in den Einsteiger. Cinema 4D Release 14 ist
platte. Danach versahen sie sie mit einer Silberschicht. 3-D-Raum übertragen werden sollen. ab 830 Euro erhältlich. dsc
Die einzelnen Pixel hatten dabei einen Abstand von So können Architekten und Designer ≥ www.maxon.net
lediglich 250 Nanometern. Der Nutzen dieses Experi-
ments soll besonders im Sicherheitsdruck liegen.
≥ http://is.gd/lenna +++ Galaxy Note 10.1. Ange- Preiswertes Zeichentablett
kündigt war das Galaxy Note 10.1 schon seit Ende Fe-
bruar, nun ist es endlich auf den Markt gekommen. n Mit einem Modell im A4+-Format Wert. Auch die Punktdichte ist mit
Es misst 26,2 mal 18 mal 0,9 Zentimeter und wiegt meldet sich Genius auf dem Markt 5120 Linien pro Zoll hoch. Der Anwen-
rund 600 Gramm. Es ist damit unwesentlich höher, professionell einsetzbarer Graiktab- der kann unter die 228 Millimeter mal
schmaler und leichter als das iPad. Beim Betriebssys- letts zurück. Das in schwarz gehaltene 305 Millimeter große, durchsichtige
tem setzt Samsung auf Android 4.0, eine etwas ver- PenSketch M912A ist mit einem batte- Arbeitsläche eine Vorlage zum Ab-
altete Version, gibt es doch inzwischen schon 4.1. Eine riefreien, kabellosen Eingabestift so- zeichnen schieben. Für wichtige Funk-
Besonderheit ist, dass sich das Galaxy Note 10.1 so- wie einer Maus ausgestattet. Der Stift tionen gibt es acht Hot Keys, die vor-
wohl per Stift als auch per Finger bedienen lässt. Mit soll bis zu 2048 Drucksensibilitätsstu- belegt sind, sich aber auch noch än-
WLAN und 16-Gigabyte-Speicher kostet das Modell fen unterscheiden können, bei einem dern lassen. dsc
rund 600 Euro, mit einem zusätzlichen UMTS-Modul Preis von rund 240 Euro ein sehr guter ≥ http://is.gd/geniustablett
werden rund 690 Euro fällig. Damit sind die Geräte
deutlich teurer als ähnlich ausgestattete neue iPads. Das PenSketch M912A
≥ www.samsung.de +++ Spezielles Cloud-Feature. bietet hohe Aulösung
Illustrator ist die erste Anwendung der Creative Sui- und Drucksensibilität
te 6, der Adobe ein spezielles Feature spendiert, das für wenig Geld
nur Kunden des Abo-Modells Creative Cloud erhalten.
Die Funktion, die bei Redaktionsschluss noch nicht
freigeschaltet war, erlaubt es, Assets ähnlich wie bei
InDesign in einem komprimierten Ordner zusammen-
zufassen samt eines Protokolls der Inhalte. ≥ www.
adobe.com/de/product/creativecloud.html dsc
106 PAGE 10.12

EINBLICKE
Zum Thema »Mein Stillleben« – Dinge, die Kreative an ihrem Arbeitsplatz inspirieren

historische Momente einzufangen und le Kommunikation zu studieren. Die


sie in ihrer Tragweite zu erfassen, war Mauer, die Straßen und Gebäude zer­
bereits damals spürbar. Etwa 1993 schnitt, prägte das Bild und das Leben
kaufte ich das Foto vom Mauerfall, das in unvergleichlicher Weise. Das Foto
für mich auch heute noch ein Schlüs­ zeigt die Überwindung dieses »Schutz­
selbild darstellt. Es entstand kurze walls« der Angst. Es strahlt die posi­
Zeit nachdem die Mitteilung, dass die tive Stimmung der Wendezeit in Berlin
Grenze geöffnet ist, wie ein Lauffeuer aus. Für mich verkörpert es in ganz be­
um die Welt ging. Das Foto zeigt Men­ sonderer Weise die Vision, dass Men­
schen aus dem Westteil der Stadt, die schen die Welt verändern können,
in ihrer Euphorie auf die Mauer ge­ ohne Gewalt und ohne Panzer. Eine
klettert waren. Bei aller Freude war schöne Metapher für das, worauf es
im Moment der Aufnahme ebenso die im Kern in all unseren Projekten und
Frage gegenwärtig, ob die Grenzsol­ Prozessen ankommt: eine Vorstellung
Das Dokumentarfoto daten auf der anderen Seite schie­ von der Zukunft zu entwickeln, die den
ßen würden, wenn jemand es wagte, Menschen Orientierung bietet und
n Anfang 1990 lernte ich den Fotogra­ herunterzuspringen. positive Impulse ermöglicht.
fen Frank Thiel kennen, einen jungen, Berlin hat mich schon immer faszi­
sehr wachen und engagierten Men­ niert. Ich bin 1980 in die Stadt gekom­ Uli Mayer-Johanssen, Chairwoman of
schen. Sein ungewöhnliches Talent, men, um an der heutigen UdK visuel­ the Executive Board bei MetaDesign
PAGE 10.12 107

Der Trend-Setzkasten
n Die Trendwand ist ein Regal im Loungebe­
reich des Zukunftsinstituts, das wie eine Art
Minimuseum mit wechselnden Gegenständen
bestückt wird. Diese Dinge sind Fundstücke,
die uns Mitarbeitern im Alltag begegnen und
an denen sich gesellschaftliche Trends festma­
chen lassen. Dieser Setzkasten ist das Resultat
unserer Überlegungen, wie sich abstrakte Me­
gatrends wie Gesundheitsbewusstsein oder
Neo­Ökologie visualisieren lassen – die Kun­
den sind dankbar für die bildlichen Beispiele.
Aktuell enthält die Sammlung unter ande­
rem eine Kuchenbackform mit vorgefertigten,
verschieden großen Stücken, die den Indivi­
dualisierungstrend illustriert. Es gibt Magnete
in Form von App­Icons, die – Smartphones
sind ja zum Schweizer Taschenmesser der Di­
gital Natives geworden – die Digitalisierung
des Alltags anzeigen. Auch eine Schokoladen­
marke gehört dazu, die sich damit brüstet, die
»ehrlichste Schokolade der Welt« zu sein, weil
sie mit einer Art Schokoladen­Infograik den
Kalorienverbrauch beim Verzehr anzeigt. Dies
Das Falzbein vermittelt den Wunsch des mündigen Konsu­
menten nach transparenter Information.
Kleines, scheues Falzbein, Mich persönlich fasziniert eine Knete sehr,
hast ein frommes Wesen, mit der sich alle möglichen Dinge lexibel ixie­
falzest still – tagaus, tagein –, ren, umspannen, festkleben lassen. Sie spie­
was gefaltet möchte sein, gelt den Mikrotrend Urban Hacking wider, bei
so im Guten wie im Bösen. dem in kleinen, improvisierten kreativen Ak­
tionen der Wunsch zum Ausdruck kommt, un­
Axel Sanjosé arbeitet bei KMS Team im Bereich Text. sere Umwelt mitzugestalten. Ich inde es be­
Von ihm ist bereits der Gedichtband »Gelegentlich Krähen« achtlich, wie sich Menschen Städte mit gerin­
sowie Lebensmittellyrik in der »Titanic« erschienen. gen Mitteln individuell aneignen, wie etwa
»Das Falzbein« ist eine Erstveröffentlichung aus einem beim Guerilla Gardening – nach dem Prinzip
unvollendeten Zyklus mit Büroartikelgedichten. »Die »Was nicht passt, wird passend gemacht«.
Tradition des Dinggedichts kam im 19. Jahrhundert auf«,
erklärt Sanjosé. »Eines der schönsten Beispiele ist Adeline Seidel ist Redakteurin beim
Eduard Mörikes ›Auf eine Lampe‹. Ich mag Mörike.« Zukunftsinstitut
108 page 10.12

KALENDER
Messen • Kongresse • Seminare Messen • Kongresse • Seminare
Köln dmexco 2012 London TYPO London 2012 »Social«
12. bis Digital-Marketing-Konferenz und -Messe Koelnmesse 19. bis Um Gestaltung als »social act« im umfassenden Sinne
13. September ≥ www.dmexco.de 20. Oktober geht es bei der internationalen Designkonferenz
Logan Hall, University of London
Köln photokina 2012 ≥ http://typotalks.com/london
18. bis Digital-Imaging-Event Koelnmesse
23. September ≥ www.photokina.com Hamburg Boom! Transmediales Story-Training
26. bis Workshop von PAGE & Good School (siehe Seite 29)
Potsdam d.confestival – Design Thinking The Future 27. Oktober Good School
20. bis Internationales »Multi-Layer Forum« zu Fragen ≥ www.page-online.de/seminar
22. September des Design Thinking (siehe PAGE 09.12, Seite 15)
Hasso-Plattner-Institut New York Style Frames New York »The Art of Pitch«
≥ www.hpi.dconfestival.net 5. bis Designkonferenz zum Thema Pitch
6. November Fashion Institute of Technology
Berlin EcoPrint Europe ≥ www.styleframes.tv/newyork
26. bis Forum für Umweltschutz und Nachhaltigkeit in der
27. September Druckindustrie (siehe Seite 62) Station Berlin München push conference
≥ www.ecoprintshow.com 23. bis Die von envis precisely veranstaltete Konferenz will
24. November die Lücke zwischen UX Design und Interactive Arts
Gelsenkirchen bild.sprachen 2012 schließen BMW Welt und Alte Kongresshalle
28. bis Messe für Fotograie, visuelle Kommunikation und ≥ http://push-conference.com/2012
29. September Marketing Wissenschaftspark Gelsenkirchen
≥ www.bildsprachen.de Festivals • ausstellungen
Bregenz VLOW!12 Baden, Schweiz Fantoche
4. bis Themenschwerpunkt des Kommunikationsdesign- 4. bis 10. Internationales Festival für Animationsilm mit
6. Oktober kongresses ist »Das Design der Kundenbeziehung« – 9. September dem diesjährigen »Fokus Tschechien«
mit Stargast Daniel Libeskind Festspielhaus Bregenz ≥ www.fantoche.ch/2012/
≥ http://vlow.net
Berlin Frank Höhne: Bockumenta 1
Hamburg Leitmedium Design 1: Gutes Design entwickeln Bis 9. September Charmant unprätentiös ist der Berliner Zeichner
5. Oktober PAGE-Seminar mit Jochen Rädeker (siehe Seite 54) mit dem mal krakeligen, mal iligranen Strich: Er liebt
Gastwerk Hotel Hamburg »charakterstarke Hässlichkeiten« und »Motive, die
≥ www.page-online.de/seminar einfach passieren. Wie etwa Wolken: Einfach ziehen
lassen und erkennen: ›Das ist ja ein perfekter Schim-
Hamburg Leitmedium Design 2: Gutes Design gut verkaufen panse. Oh, mit Trompete, oder?‹« (Höhne über Höhne

Abbildung: © Frank Höhne: Vater, mixed media on canvas, 2011. Image Courtesy of Gestalten
6. Oktober PAGE-Seminar mit Jochen Rädeker (siehe Seite 55) auf PAGE Online). Anlässlich des Erscheinens seiner
Gastwerk Hotel Hamburg Monograie »Book of Bock« gibt Gestalten einen
≥ www.page-online.de/seminar Überblick über sein Werk Gestalten Space
≥ www.gestalten.com; http://is.gd/frankhoehne
Berlin NEXT Service Design Conference
8. Oktober Bei diesem NEXT-Berlin-Ableger wird es unter London London Design Festival
anderem um Design Thinking, User-zentriertes Design 14. bis Ausstellungen, Diskussionen, Workshops, unter
und Interaction Design gehen Alte Münze 23. September anderem auch Global Design Forum (18. September)
≥ http://nextberlin.eu ≥ www.londondesignfestival.com
Frankfurt/Main Frankfurter Buchmesse 2012 Berlin Mastering Type 12
10. bis Das Gastland ist diesmal Neuseeland. Neben den Bis Zu sehen sind die Schriftentwürfe der diesjährigen
14. Oktober Verlagspräsentationen gibt es ein Konferenz- 15. September Absolventen der renommierten Typedesignstudien-
programm der Frankfurt Academy Messe Frankfurt gänge in Den Haag und Reading Mota Italic Gallery
≥ www.buchmesse.de/de ≥ www.motaitalic.com/gallery
Berlin ADC Management Dialog – Social Media 2012 Kassel documenta (13)
11. bis Zu den Referenten zählen Christoph Bornschein Bis Weltkunstschau
12. Oktober und Alina Hückelkamp Scholz & Friends 16. September ≥ http://d13.documenta.de
≥ www.adc.de
Breda, Graphic Design Festival Breda
Berlin DMMA OnlineStar 2012 Niederlande Versprochen sind »Five days of visual storytelling«
18. Oktober Awardverleihung mit Gala-Dinner Hotel de Rome 19. bis mit 125 internationalen Designern
≥ www.dmma-onlinestar.de 23. September ≥ www.graphicdesignfestival.nl
page 10.12 109

≥ Weitere Termine unter www.page-online.de/events. Dort können Sie uns auch Ihre Veranstaltungstermine mitteilen

Festivals • ausstellungen Wettbewerbe


Basel Artyou. Urbane Kunst Basel Bis DDC – Gute Gestaltung 13
20. bis Von Tattoos (Tin-Tin) über Collagen (Bruno Santinho) 14. September/ Acht Kategorien – von Digital Media und Graphic Fine
Von unten: Pierre Mendell, Don Carlo, 1999; Ed Ruscha: Oh No, 2011, Handgestochenes Intaglio auf Buchschnitt, 28 x 22 x 8 cm, Foto: Paul Ruscha © Ed Ruscha; Plastikkanister, Fundstück aus dem Plastikschwemmgut,

23. September und Triptychen (Doppeldenk) bis hin zu Plastiken 30. September Arts bis hin zu Marketingkommunikation – umfasst
(Cicolupo) reichen die Ausdrucksformen der präsen- der Designwettbewerb, bei dem sich Arbeiten aus
tierten Künstler. Dazu kommen Live-Painting den Jahren 2011 und 2012 einreichen lassen. Der
(bereits vom 17. bis 20. September), Siebdruckbus, frühere Einsendeschluss gilt für Geschäftsberichte
Musikevent und mehr Ackermannshof ≥ www.ddc.de
≥ www.artyou.ch
Bis Jahrbuch der Werbung 2013
Berlin Not by Default – Post Internet Art 14. September/ Gesucht sind besten Kampagnen und Einzel-
Bis Zu sehen sind Arbeiten von fünf jungen Berliner Künst- 19. Oktober maßnahmen des Jahres 2012
22. September lern, für die das Internet selbstverständlicher Bezugs- ≥ www.jdw.de
punkt und Kontext ihres Schaffens ist [DAM] Berlin
≥ www.dam.org Bis Stipendien für Medienkünstlerinnen aus NRW
15. September Interessentinnen sind eingeladen, sich mit dem
Zürich Endstation Meer? Das Plastikmüll-Projekt Konzept für ein Medienkunstprojekt zu bewerben
Bis Der gern übersehenen Kehrseite unserer Konsum- ≥ www.hmkv.de
23. September kultur widmet das Züricher Museum für Gestaltung
ein spannendes, auf aktive Auseinandersetzung Bis Viral Video Award 2012
und Mitwirkung angelegtes Ausstellungskonzept. 16. September Gesucht sind virale Internetilme »mit Botschaft«
Es geht dabei nicht nur darum, auf die ungeheu- ≥ www.viralvideoaward.com
ren Mengen an Plastikmüll in unseren Weltmeeren
aufmerksam zu machen, sondern auch kreative Bis Content Award 2012
und praktische Lösungsansätze aufzuzeigen 17. September Mit dem Wettbewerb will die Stadt Wien die lokale
Museum für Gestaltung Kreativszene sowie junge Medienschaffende fördern
≥ www.PlasticGarbageProject.org ≥ www.contentaward.at

Hamburg Comicfestival Hamburg Bis iF communication design award 2013


27. bis Ausstellungen, Verlagsmesse, Small-Press-Börse 19. September Bei dem Contest lassen sich Arbeiten aus den unter-
30. September ≥ www.comicfestivalhamburg.de schiedlichsten Feldern des Kommunikationsdesigns
einreichen – einschließlich Game Art, Corporate
Hamburg The Joy of Graphic Design Architecture oder Research und Development
28. bis Schon zum Auftakt ist es den Festivalveranstaltern ≥ www.ifdesign.de
30. September gelungen, ein hochkarätiges Programm aus Sympo-
sium mit Gästen wie Mario Lombardo, Robert Klanten Bis SCREENings
und Vier5, Independent Publishing Fair vielen mehr 20. September Gesucht sind die besten Fotografenportfolios
auf die Beine zu stellen. Glückwunsch! Oberhafen ≥ www.screenings.de
≥ www.thejoyofgraphicdesign.com
Bis DME Award 2012_
Museum für Gestaltung Zürich, Foto: Umberto Romito © ZHdK; Tattoos: © Tin-Tin

Bregenz Ed Ruscha. Reading Ed Ruscha 28. September Die Jury bewertet Qualität und Erfolg von Design-
Bis Die von dem Künstler und Graik-Designer selbst kon- managmentprozessen in Unternehmen. Dazu gilt es
14. Oktober zipierte Ausstellung widmet sich der Bedeutung des eine Reihe von Fragen zu beantworten und ein
Buchs beziehungsweise dem Akt des Lesens in seinem Poster zu gestalten, das diese Praktiken visualisiert
Werk. Dabei beschränkt sie sich nicht auf Ed Ruschas ≥ www.designmanagementeurope.com
Malerei, sondern präsentiert auch Buchobjekte,
Zeichnungen und Ölgravuren Kunsthaus Bregenz Bis papier|liebe
≥ www.kunsthaus-bregenz.at 30. September Fotowettbewerb zu Thema »Print – und was alles
Papier kann« (siehe PAGE 09.12, Seite 51)
Nürnberg Pierre Mendell. Plakate ≥ www.evers–frank.com
Bis 14. Oktober Seine klaren, prägnanten graischen Kompositionen
bestimmten seit den 1980er Jahren die öffentliche Bis dpa-infografik award 2012
Wahrnehmung von Kulturinstitutionen wie Die Neue 30. September Auszeichnung für Infograiken aus dem deutsch-
Sammlung oder die Bayerische Staatsoper. Daneben sprachigen Raum – erstmals gibt es den Preis auch
hat der in Essen geborene Designer (1929 bis 2008), für animierte und/oder interaktive Infograiken
der 1934 mit seinen Eltern vor dem Naziregime liehen ≥ www.dpa-infograik.com
musste, immer wieder Plakate für humanitäre Anlie-
Bis 2. Oktober buchlabor: Call for Entries
gen gestaltet. Die Ausstellung zeigt erstmals auch
Gesucht sind Buchprojekte zum Thema »Visuelle
vorbereitende Skizzen und Collagen Pierre Mendells
Forschung« (siehe Seite 19)
Neues Museum für Kunst und Design Nürnberg
≥ www.buchlabor.net/visuelle-forschung
≥ www.nmn.de
110 PAGE 10.12 Publikationen

PUBLIKATIONEN
n »Cause and Effect«. Design ist
schrecklich wichtig für die Umwelt –
hilft es doch, Nachhaltigkeitsbotschaf­
ten so zu verpacken, dass ein grüneres
Leben nicht nur dringendst notwen­
dig, sondern auch schick und begeh­
renswert erscheint. Werbekampagnen,
Ausstellungskonzepte, Guerilla­Aktio­
nen, Shopdesigns, Animationen, inter­
aktive Installationen, Websites, Apps
und jede Menge Infograiken: Dieser
Band trägt ästhetisch gelungene Kre­
ationen zusammen, die für die gute
Sache werben.
Viel Smartes, Schönes und Witziges
ist dabei, doch es werden auch Proble­
me sichtbar. Werbliche Kommunikation
lebt ja oft von der Vereinfachung, doch
wie gefährlich die sein kann, haben
wir bei den inzwischen höchst um­
strittenen, quecksilberhaltigen Ener­
giesparlampen oder beim Anbau für
Mit Auftritten in Biosprit erlebt, für den massenweise
TV-Shows, im Regenwald gerodet wird. Für Konsu­
Web und auf den menten wie für Gestalter gilt: Genau
Straßen von hinschauen und sich nicht mit Schlag­
Ljubljana machte worten zufriedengeben.
das Bagfoot- > Robert Klanten, Sven Ehmann,
Monster des Desi- Stephan Bohle: Cause and Effect.
gnerduos Luka- Visualizing Sustainability. Berlin
tarina in Slowenien (Gestalten) 2012, 240 Seiten.
von sich reden 39,90 Euro. isbn 978-3-89955-443-4

n »Bricks & Balloons«. Was haben Nouvel, Rem Koolhaas oder Bjarke In­ > Mélanie van der Hoorn: Bricks &
Architektur und Comic miteinander zu gels. »Bricks & Balloons« untersucht all Balloons. Architecture in
tun? Viel mehr, als man auf Anhieb den­ diese Facetten – und zeigt, auf welch Sequential Art. Rotterdam (010
ken mag. Es gibt nicht nur erstaunlich vielfältige Art die Sprechblasenbilder Publishers) 2012, 224 Seiten.
viele Architekten, die nebenher Comics komplexe Inhalte vermitteln können. 39,50 Euro. isbn 978-90-6450-796-0
zeichnen. Mindestens seit Gotham
City sind Comic­Zeichner auch Städte­
bauer, entwerfen fantastische Metro­
polen oder stylische Wohnlandschaf­
ten. Als Medium der Architekturkritik
sind die Bildergeschichten ebenfalls
nicht neu: Mit »Metaperlach: Comic­
strip vom Ende der Plandikatur« gei­
Die jungen ßelte Richard Dietrich schon 1969 die
portugiesischen megalomanische Planung der Münch­
Architektur- ner Satellitenstadt Neuperlach.
büros MOOV und Ebenso lange schon versuchen Ar­
DASS machen chitekten und Städteplaner ihre Visio­
sich im Comic nen durch Comics dem breiten Publi­
»Swars: Architec- kum nahezubringen. Angesichts im­
ture Strikes mer vielschichtigerer städtebaulicher
Back« über Starar- Herausforderungen ist das heute be­
chitekten lustig liebter denn je, auch bei Stars wie Jean
PAGE 10.12 111

Planzenzeichnen mit Otto


Näscher 1965. Unten: Der Maler
Albert Mankopf war von
1933 bis 1945 Folkwang-Leiter

n »Lehrer und Lehre an der Folk­ Der Idealismus der von der Reform­ Otto Steinert. Das Buch hört 1972 auf,
wangschule für Gestaltung in Essen«. bewegung getragenen Anfangsjahre, doch dem Fachbereich Design steht
Wer oder was war eigentlich Folkwang? die wegweisende Fachklasse für Wer­ auf dem Gelände der Zeche Zollverein,
Der nach dem Palast der nordischen begraik und Fotograie von Max Bur­ wo neben dem spektakulären Gebäu­
Göttin Freya benannte, vom Kunst­ chartz sind ebenso Thema wie die de des japanischen Architektenduos
mäzen Karl Ernst Osthaus entwickelte Nazi­Verirrungen, als Studierende und SANAA derzeit ein Neubau entsteht,
Folkwang­Gedanke wollte Kunst und Lehrer sich einem Essener SA­Sturm hoffentlich eine große Zukunft bevor.
Leben vereinen – und wurde 1927 anschlossen und Versammlungssäle > Gerda Breuer, Sabine Bartelsheim,
auch zum Namen einer der wichtigs­ oder HJ­Heime schmückten. Was man Christopher Oestereich (Hrsg.):
ten deutschen Gestaltungsschulen. nachlesen sollte, denn es ist kompli­ Lehrer und Lehre an der Folkwang-
Deren bewegte Geschichte, die be­ zierter, als man es sich vorstellt. Nach schule für Gestaltung in Essen.
reits 1911 begann, erzählen hier Es­ 1945 wurde die Schule schnell wieder Von den Anfängen bis 1972. Tübingen
says, Berichte ehemaliger Schüler und kreativer Brennpunkt, beispielsweise (Wasmuth) 2012, 484 Seiten.
Originaldokumente. mit dem legendären Fotoprofessor 42 Euro. isbn 978-3-8030-3213-3

n »WASD«. Warum haben Trash­Fil­ Game­Proi Christoph Zurschmitten dessen Erscheinen für Dezember ge­
me Kultstatus, aber Trash­Games nicht, dagegen ruft zum Paragaming auf, plant ist und das dem politischen Ge­
obwohl es auch davon reichlich gibt? der Suche nach Wahrheit in den tiefs­ halt von Games auf den Grund gehen
Dieser tiefgründigen Frage geht die ten Abgründen und Niederungen des will. Mehr Informationen unter www.
erste Ausgabe von »WASD« nach, ein Gamedesigns. Tatsächlich halten Com­ wasd-magazin.de. cg
Bookazine, das endgültig beweist, dass puterspiele bei genauer Betrachtung > WASD – Texte über Games.
Computerspiele nicht unbedingt zur und gesunder ironischer Distanz viele #1 Tasty Trash. München (Sea of
Verblödung führen müssen. Hinter dem Wahrheiten bereit. Wir freuen uns auf Sundries) 2012, 202 Seiten.
Projekt stecken Christian Schiffer vom weitere Erkenntnisse in »WASD #2«, 14,50 Euro. isbn 978-3-9815213-0-6
BR­Hörfunk­Szenemagazin »Zündfunk«
und der Münchner Ex­Strichpunkt­
Designer und U5­Typodozent Markus
Weißenhorn. Ihr Ziel war, wie es im
Vorwort heißt, ein Magazin das »her­
vorragend riecht, gut in der Hand
liegt, dessen Gewicht und die ange­
nehme Kühle des Umschlags für ein
wohliges Gefühl sorgen«.
Eine gute Verpackung für viele intel­
Hier wird »Land- ligente, witzige und inspirierende Tex­
wirtschafts- te sowohl von Proischreiberlingen als
simulator 2011« auch von Bloggern wie etwa Spieler­
von Astragon Zwei von polyneux. Aber auch Nicht­
als Reise in eine spieler kommen zu Wort – so unter­
utopisch-dysto- sucht Zoologin Rike Campen in »Trine 2«
pische Parallel- streng naturwissenschaftlich invasive
welt beschrieben Spezies im Ökosystem Märchenwald.
112 PAGE 10.12 Publikationen

Neuerscheinungen – kurz vorgestellt


Jesse Schell: Die Kunst des Game Robert Klanten, Matthias Hübner
Designs. Bessere Games konzipie­ (Eds.): High Touch. Tactile Design
ren und entwickeln. Frechen (mitp) and Visual Explorations. Berlin (Ge-
2012, 528 Seiten. 44,95 Euro. 978-3-8266- stalten) 2012, 208 Seiten. 39,90 Euro.
9188-1. Statt ums technische How­to 978-3-89955-444-1. Ob Installation, Il­
geht es hier um fesselnde Spielerleb­ lustration, Street Art oder Werbung –
nisse – nicht nur »Sims«­Erinder Will der Band zeigt viele Beispiele fürs der­
Wright ist Fan der viel gelobten US­ zeit angesagte dreidimensional greif­
Originalversion. Tony Olsson: Arduino bare Design. Marko Turunen: Der Tod
Wearables. New York (Apress) 2012, klebt an den Fersen. Quilow (Mami-
336 Seiten. 39,99 Euro. 978-1-4302-4359-5. Verlag) 2012, 324 Seiten. 17 Euro. Sein
Ob Beat­Box­Hoodie oder elektrolu­ höchst sehenswerter Zeichenstil trug
mineszentes Kleid: Auch Einsteiger ins dem Finnen schon diverse Preise ein.
Basteln mit der Physical­Computing­ Jetzt ist Turunens eigenwillige Comic­
Plattform können den zehn hier be­ Liebesgeschichte auf Deutsch erschie­
schriebenen Projekten folgen. David nen – erhältlich bei Strips & Stories in
Guerineau: Learn GameSalad for iOS. Hamburg oder bei Modern Graphics in
Game Development for iPhone, iPad, Berlin. Zum Comicfestival Hamburg
and HTML5. New York (Apress) 2012, Ende September inden Release­Party,
420 Seiten. 39,99 Dollar. 978-1-4302- Ausstellung und Signierstunden statt.
4356-4. Einführung ins immer belieb­ Goethe Institut Mexiko (Hrsg.): De
tere Entwicklertool für Nichtprogram­ mi barrio a tu barrio. Hamburg (Gud-
mierer. Museum für Gestaltung berg) 2012, 240 Seiten. 19,90 Euro. 978-
(Hrsg.): Magie der Dinge. Zürich (Lars 3-943061-14-7. Das englisch­ und spa­
Müller) 2012, 96 Seiten. 28 Euro. 978-3- nischsprachige Buch dokumentiert die
03778-258-3. Das Buch zeigt Werbepla­ vom Goethe Institut Mexiko organi­
kate aus einer Zeit, als banale Produkte sierte Reise von Jim Avignon durch
noch durch hyperrealistische Illustra­ Zentralamerika und die Karibik, bei
tionen geradezu mystisch überhöht der dieser mit mehr als siebzig lokalen
wurden. Es erscheint anlässlich einer Street­Art­Künstlern zusammenarbei­
Ausstellung, die bis Anfang 2013 läuft tete. John Edson: Design Like Apple:
(siehe Seite 8 f.). André Vladimir Heiz: Seven Principles For Creating Insa­
Grundlagen der Gestaltung. Zürich nely Great Products, Services, and
(Niggli) 2012, 1434 Seiten. 133 Euro. Experiences. Hoboken, New Jersey
978-3-7212-0805-4. Vier Bände im Schu­ (John Wiley) 2012, 208 Seiten. 24 Euro.
ber: Die auf einem Forschungsprojekt 978-1-1182-9031-6. Alle wollen erfahren,
beruhende Mammutpublikation von wie man so erfolgreich wie Apple wird.
André Vladimir Heiz, Dozent an der Ob John Edson es weiß? Immerhin ist er
ECAL in Lausanne, behandelt das The­ Geschäftsführer der großen US­Design­
ma theoretisch und spricht dadurch De­ irma Lunar, die eng mit Apple arbeite­
signer und Kreative aller Art an. Mehr te (und auch ein Münchner Büro hat).
unter http://andrevladimirheiz.ch. Siehe www.designlikeapple.com. cg

gen kennen. Wobei britische oder US­Frauenmagazine immer bes­


Was lesen Sie? ser layoutet und in der Themengestaltung intelligenter sind.
Welches Magazin ist Ihnen zuletzt besonders aufgefallen?
Boris Frommen, »The Weekender« aus Köln. Mich interessieren Reisen persönlich
Geschäftsführer Donkey, Hamburg und berulich, weil wir Modeshootings in ganz Europa machen, für
www.donkey.de die Marke Camel Active zweimal im Jahr auch an Locations wie Bo­
livien, Nepal, Japan oder Neufundland. In »The Weekender« erfährt
man Hintergrundgeschichten von Menschen an Orten, die man
Wie sieht Ihre Lektüre aus? sonst in Reiseberichten nicht indet. Sehr persönlich, charmant
Boris Frommen: Ich lese rauf und runter alles, was es im Zeit­ und modern aufgemacht.
schriftenhandel gibt. »Süddeutsche Zeitung« sowieso jeden Tag, Lesen Sie auch mal ein Buch?
aber auch »Spiegel«, »Stern«, Frauenzeitschriften und so weiter. Gerne Biograien. Gerade habe ich »Unverkäulich« ausgelesen, die
An Ihnen liegt es also nicht, wenn es bei den Printmedien kriselt? Geschichte von Dedon­Gründer Bobby Dekeyser. Er war mal zwei­
Keinesfalls. Ich würde auch nie Zeitschriften­Apps kaufen. Auf dem ter Torwart bei FC Bayern, hat sich dann ausgedacht, wie man mit
iPad zu lesen, inde ich grässlich, ich liebe das Haptische. Und Wer­ Kunststoff Outdoormöbel lechten kann. Zuerst ist er mit einem
bung und Design kann man nur richtig machen, wenn man das Pick­up in der Lüneburger Heide herumgefahren, um seine Möbel
Zeitgeschehen im Blick hat. Zudem haben wir viele Mode­ und Kos­ anzubieten, heute ist er Weltmarktführer für Luxusgartenmöbel.
metikkunden, müssen die Haltung von Frauen zu bestimmten Din­ Spannend, wie er das gemacht hat.
page 10.12 113

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Das PAGE-Jahresabo kostet 95,30 Euro
Redaktion (CH: 181,80 Franken, A: 108,50 Euro). Verdienen Artdirektoren mehr als Postproduktioner? Lässt sich
Das PAGE-Plus-Abo, also 12 Ausgaben und
Nina Kirst (nik); Anna Weilberg (aw,
die PAGE-Jahrgangs-CD, kostet 106,40 Euro
Design in Spanien günstiger einkaufen als hier? Welche
Redaktion Online)
Freie Mitarbeit: Antje Dohmann (ant), (CH: 201 Franken, A: 119,60 Euro). Das Abo deutsche Stadt ist vielleicht nicht so sexy wie Berlin, bietet
Dr. Claudia Gerdes (cg), Wiebke Lang (wl), kann immer 6 Wochen vor Ablauf des aber mehr Jobs? Kann man mit Design reich werden? PAGE
Daniel Schilling (dsc); Rebecca von Hoff Bezugsjahres schriftlich gekündigt werden.
Schüler und Studenten erhalten gegen Vor-
sondiert die Verdienstmöglichkeiten in der Kreativwirtschaft
(Graik), Christine Krawinkel (Artdirektion);
Maiken Richter, Jan Roidner lage eines gültigen Ausweises oder einer
(Text-/Schlussredaktion); gültigen Immatrikulationsbescheinigung
Sabine Danek (sd, Redaktion Online) 20 Prozent Rabatt. Mitglieder der Allianz
deutscher Designer (AGD), des Bundes
Autoren dieser Ausgabe Deutscher Graik-Designer (BDG) und des
Franziska Beyer, Christian Büning, Verena designerinnen forum e. V. erhalten ebenso
Dauerer (vd), Rosita Fraguela, Monika 20 Prozent Rabatt.
Gause, Thomas Gläser, Markus Jaritz,
Markus Linden, Georg Obermayr, Philipp

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Illustration: Frank Höhne (aus: The Book of Bock, Gestalten 2012)


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scheuen sich nicht, ihre Bilder boomt. Inwiefern ver-
Mitglied der Informationsgemeinschaft zur Feststellung mit eigenständig konzipier- ändern sich dadurch foto-
der Verbreitung von Werbeträgern e. V. (IVW) ten Textfragmenten zu verse- graische Bildsprachen?
hen – und beweisen damit, Und wie lässt sich das für
dass ihre Werke mehr sind als die Kommunikation
≥ www.page-online.de ≥ www.twitter.com/pagemag reine Dekoration in Wer- nutzen? PAGE geht dem
≥ www.facebook.com/pagemag ≥ iTunes app Store bung oder Editorial Design Trend auf den Grund
114 PAGE 10.12 Fundstücke von Jürgen Siebert

Die Spiele und ihre Logos


Kühne Kommentare von Jürgen Siebert zu Trends, Ereignissen und
dem ganz normalen Alltagswahnsinn eines Kreativen

n Am Ende entschieden die Bilder ger Kritik ausgesetzt. Ich habe das Logo es habe in der Geschichte der Olympi­
über den Erfolg der größten Sportver­ im Fontblog seit seiner Vorstellung vor schen Spiele sowieso nur vier akzep­
anstaltung der Welt. Sie hatten die Stär­ fünf Jahren verteidigt: »Das London­ table Graiklösungen gegeben. Diese
ke, die Menschen zu begeistern. Alle 2012­Logo ist ein Spiel, durchdacht in­ teilen sich in zwei Gruppen: die aus­
fühlten sich als Sieger: das Internationa­ szeniert, mit eingebautem Skandalpo­ geklügelten, über Jahre entwickelten
le Olympische Komitee, London und die tenzial.« Tatsächlich sah das Konzept Systeme (Tokio 1964, München 1972)
englischen Gastgeber. Es begann schon des Designbüros Wolff Olins ursprüng­ und die spontan­modischen Entwür­
während der Spiele von London 2012. lich vor, dass sich »die Jugend der Welt« fe, die bei Beginn der Spiele meistens
Selbst unerbittliche Kritiker zeigten sich des London­Logos bemächtigt, es neu schon wieder out of date sind (Mexi­
Diese und weitere auf einmal versöhnlich. Das vorausge­ interpretiert, mit ihm spielt, damit die co 1968, Los Angeles 1984).
Fundstücke von sagte große Verkehrschaos blieb aus, Bindung zu den Spielen stärker wer­ Die britische Design Week lobte am
Jürgen Siebert fin- die Wettkämpfe waren fairer, spannen­ de. Leider wurde dieser Mitmach­Ast Ende der Spiele die London­CI, weil sie
den Sie unter der und sauberer als erwartet, sogar in den Monaten darauf von den Ver­ herausfordernd und nützlich war: »Es
www.page-online. das Wetter spielte mit. Dazu waren die anstaltern abgesägt. klangen sowohl Dinge an, auf die wir
de/fundstuecke Feierlichkeiten im Olympiastadion nicht Ein Olympia­Logo zu entwerfen ist Londoner stolz sind (Jugend, Energie,
peinlich. Das musste selbst der große der Traumjob für ein Designbüro – und innovativer Spirit), aber auch Momen­
Designer und Stilkritiker Jonathan Barn­ gleichzeitig die Hölle. Als Gestalter kann te, die uns weniger stolz machen, wie
brook über Twitter zugeben: »Opening man bezüglich seiner Reputation nur Unordnung, Ruppigkeit und die Tatsa­
ceremony was superb. I really enjoyed verlieren. Die einen wollen Pinselstri­ che, dass manches schlicht nicht funk­
it. Just the right balance between spec­ che, die anderen etwas Geometrisches, tioniert in dieser Stadt.« Auch der De­
tacle, irony, entertainment & inclusive­ mal mehr Farbe, mal weniger, Sport­ signer des Rio­2016­Logos, Fred Gelli
ness.« Und wie hat sich die visuelle elemente ja oder nein, keine Heraldik, von der brasilianischen Agentur Tátil,
Identität von London 2012 bewährt? nichts Theatralisches . . . Es muss auf zollt der Londoner Identität Respekt.
Vor den Spielen waren das Logo und T­Shirts gut aussehen und Plüschtier­ Das kantige Logo und die Schrift dazu
die Typograie der Veranstaltung hefti­ kompatibel sein. Experten behaupten, repräsentierten ein neues London, mit
einer frischen und frechen Energie. Das
sei gut rübergekommen. Für Rio habe
es ein völlig anderes Brieing gegeben.
»Da 2012 eine führende, wegweisende
Industriemetropole der Austragungs­
ort war, stand das Rationale und Er­
klärende im Vordergrund. In unserem
Fall repräsentiert das Logo eine offe­
ne, warme Kulturhauptstadt.«
Dem zerschmetterten Scherbenlo­
go von London setzen die Brasilianer
ein ließendes Konzept entgegen. Zum
ersten Mal in der Geschichte der Olym­
pischen Spiele wirbt ein 3­D­Logo für
das Event, eine Logo­Skulptur. Die In­
spiration lieferte ein Gebirgszug vor
Rio de Janeiro, aus dem Tátil ein bun­
Abbildungen: www.london2012.com und www.rio2016.com

tes Endlosband aus drei verschmolze­


nen Tänzern formte. Mit viel Fantasie
lässt sich auch das Wort Rio herausle­
sen. Weil das plastische Zeichen schwe­
rer zu reproduzieren ist, soll es die Halt­
barkeit über die kommenden vier Jah­
re garantieren. Im Sommer 2016 wird
es dann, so die Vorstellung, auf dem
Höhepunkt seiner Kraft angekommen
sein und vor allem in den audiovisu­
ellen Medien – Fernsehen, Computer,
Smartphone – Bestleistungen erzielen.
Ein spannendes Konzept.