Sie sind auf Seite 1von 4

Schlafforscher warnt: „Viele sind sich der Bedeutung von

gutem Schlaf nicht bewusst“


wiwo.de/technologie/forschung/schlafmediziner-ingo-fietze-schon-einmal-weniger-als-sechs-stunden-
schlafen-kann-folgen-haben/25013252.html

Schlafmediziner Ingo Fietze „Schon einmal weniger als sechs


Stunden Schlafen kann Folgen haben“
Interview von Matthias Rutkowski
18. September 2019
Guter Schlaf ist wichtig für die Konzentrationsfähigkeit und deshalb sollten
Führungskräfte als Vorbilder für guten Schlaf agieren.

Ingo Fietze gibt Seminare für Manager, damit sie gut schlafen. Im Interview erklärt
der Mediziner, was gerade Führungskräfte beachten und vermeiden sollten – und
warum Wenigschläfer nicht nachahmenswert sind.

Ingo Fietze ist Oberarzt für Innere Medizin und als Schlafforscher Leiter des
Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums an der Berliner Charité. Im Dezember
2019 erscheint sein Buch „Deutschland schläft schlecht. Wie Schlafmangel uns alle krank
macht und was Sie dagegen tun können“.

Herr Fietze, flexible Arbeitszeiten, Überstunden und Stress im Berufsalltag


nehmen zu. Gibt es einen Trend zur „Übernächtigung“ bei Führungskräften
und Arbeitnehmern?
Einen allgemeinen Trend zur Übernächtigung beobachte ich zwar nicht, sondern
eher, dass viele sich der Bedeutung von gutem Schlaf nicht bewusst sind. Häufig
geben Manager vor, taffe Menschen zu sein, wenig Schlaf zu benötigen und
trotzdem überlegte Entscheidungen treffen zu können. Aber schon nach der ersten
Nacht mit weniger als sechs Stunden Schlaf schneidet man bei Konzentrationstests
schlechter ab. Ein Vorgesetzter, der nach ein oder zwei schlechten Nächten ein
kritisches Mitarbeitergespräch führen muss, kann da schnell unkonzentriert oder
reizbarer sein. Berufe, die mehr mentale Arbeit als körperliche brauchen den
erholsamen Schlaf dabei noch dringender.

Oft beklagen Arbeitnehmer, sie würden schlecht schlafen und dadurch


weniger leistungsfähig sein. Was ist da dran?
Wenn Sie mal ein oder zwei Monate schlecht schlafen, macht das nichts. Schläft
man aber fünf Jahre oder länger dauerhaft schlecht, so steigt das Risiko an Herz-
Kreislauf-Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes oder sogar auch
Krebserkrankungen zu erkranken.

1/4
Wie viel Schlaf ist denn zu wenig?
Der Normalschläfer braucht zwischen sieben und acht Stunden Schlaf. Das ist der
sogenannte Wohlfühlschlaf, der am gesündesten ist. Daneben gibt es Menschen,
die weniger als sechs Stunden schlafen und als Kurzschläfer gelten. Ein
Kurzschläfer schläft zwischen fünf und sechs Stunden, egal ob unter der Woche
oder am Wochenende. Er ist tagsüber nicht müde und hält auch mittags kein
Nickerchen. Allerdings ist das eher ein Ausnahmetyp.
Dann gibt es noch Langschläfer, die brauchen zwischen neun und neuneinhalb
Stunden Schlaf.

Die Arbeitswelt verlangt der Gesundheit von Führungskräften viel ab. Ein
Vorstandskoch, ein Personaltrainer und ein Schlafforscher erzählen, wie sie
Workaholics die Currywurst abgewöhnen – und ihnen mehr Ruhe geben.

Ist Schlaf eine individuelle Angelegenheit oder auch eine Aufgabe der
Führungskraft?
Auf jeden Fall eine Führungsaufgabe. Nehmen wir als Beispiel einen Schichtbetrieb.
Die Arbeitnehmer arbeiten im Schichtdienst und die Führungskraft nicht. Ein guter
Vorgesetzter sollte darauf achten, dass jeder seine Pausen einhält oder die
Schichten gleichmäßig verteilt werden. Führungskräfte müssen Vorbilder für guten
Schlaf sein.

Und wie können sie das sein?


In dem sie über die Bedeutung des Schlafs Bescheid wissen und entsprechende
Maßnahmen in ihrem Unternehmen ergreifen. Wir beraten Unternehmen zum
Beispiel darüber, wie sie Pausen organisieren und gestalten sollten, um auf jeden
Schlaftyp Rücksicht nehmen zu können. Stressbewältigung, Grundstruktur des
Schlafs, innere Uhren und Schlaf-Wach-Regulation bringen wir dort den
Teilnehmern bei.
Sollten Führungskräfte also einfach auch mal früher ins Bett gehen?
Sie sollten als Vorbilder bewusst vorleben, wie wichtig Schlaf ist. Von sich zu
behaupten, der Job sei der eigene Lebensinhalt und es würde einem reichen,
nachts um zwölf oder ein Uhr ins Bett zu gehen, um gegen halb sechs schon wieder
aufzustehen, das ist aus schlafmedizinischer Sicht völliger Nonsens. Führungskräfte
müssen selbst darauf achten, wenn sie Veranstaltungen ansetzen oder besuchen,
dass diese um zehn Uhr zu Ende sind oder wenn es mal länger dauert, auch den
Mut haben sich früher zu verabschieden.

Vier von fünf Deutschen klagen über Einschlafstörungen und unruhige Nächte.
Smarte Sensormatten, Schlafroboter und Gehirnstimulation versprechen bessere
Nachtruhe. Schummelei oder Wissenschaft?

2/4
Während einer Geschäftsreise haben Arbeitnehmer und Führungskräfte die
Gelegenheit, ein Nickerchen im Zug oder Flugzeug zu halten. Was bringen
solche „Power Naps“?
Alle 90 bis 100 Minuten und zusätzlich alle 4 Stunden gibt es Zeitfenster von knapp
einer halben Stunde, in dem man mühelos einschlafen kann. Wer das früh erkennt
und diese Gelegenheit für ein Nickerchen nutzt, der wacht frisch und mit neuer
Energie auf. Ein kurzes Schläfchen reicht, um für die nächsten drei bis vier Stunden
Konzentrations- und Leistungsfähigkeit zu tanken.

Sogenannte Schlaf-Coaches bieten Seminare für besseres Einschlafen an. Was


halten Sie von solchen Angeboten?
Ich bin da sehr skeptisch. Es reicht nicht zu wissen, wann man abends ins Bett
gehen sollte, nichts mehr essen sollte oder welche Entspannungsmethoden es zum
Einschlafen gibt. Das sind banale, fast schon gängige Alltagstipps, für die man
keinen Schlaf-Coach benötigt. Aus der schlafmedizinischen Forschung wissen wir
etwa, dass es auch bei Führungskräften ein Drittel sensible Schläfer gibt, die bei
jedem kleinsten Geräusch wach werden, ein Drittel schlechte Schläfer, die einen
unregelmäßigen Schlafrhythmus haben und nur ein Drittel begnadete Schläfer, die
durch nichts zu stören sind. Entsprechend individuell muss man Beratungen
ansetzen.

Es gibt Apps und Gadgets wie Smartwatches, die angeblich messen können,
wie gut man schläft. Wie nützlich sind solche Hilfsmittel?
Ich halte nicht viel von diesen Geräten. Zum einen, weil eine Smartwatch die
Aktivität aufzeichnet und daraus Rückschlüsse auf die Schlafqualität zieht, was aber
medizinisch betrachtet nicht möglich ist. Zum anderen, wenn wir die Anbieter
solcher Apps oder Geräte fragen, was ihre Algorithmen berechnen oder woraus sie
einzelne Schlafphasen ableiten, dann bekommen wir als Mediziner keine
Antworten. Es bleibt also unklar, was da wirklich passiert. Lediglich die reine
Schlafdauer geben diese Hilfsmittel verlässlich an.

Wessen Gedanken nach Feierabend andauernd um die Arbeit kreisen, hat ein
Problem. Ein Hirnforscher erklärt, wieso Stress eigentlich etwas Gutes ist und
warum wir am Bauchumfang ablesen können, wie viel Stress jemand hat.

Wann ist Schlaf überhaupt erholsam?


Wenn Sie morgens erfrischt aufwachen, nicht das Gefühl haben, schwer in die
Gänge zu kommen und ohne Müdigkeitserscheinungen ihren Alltag bewältigen.

Trotz aller medizinischen Skepsis gegenüber allzu simplen Weisheiten: Haben


Sie konkrete Tipps für erholsamen Schlaf?
Erstens, gelassen bleiben. Also nicht nach zwei oder drei schlechten Nächten
3/4
panisch werden. Man kann auch mal eine Woche oder eine bestimmte Periode
lang schlecht schlafen. Jungeltern und neu bestellte Führungskräfte kennen das
sehr gut. Zweitens sollte sich jeder ein persönliches Einschlafritual aneignen. Das
können Atemübungen oder Entspannungstechniken sein. Zuletzt sollte man im
familiären und beruflichen Umfeld kommunizieren, wie wichtig einem ein
geregelter Schlafrhythmus ist.
Mehr zum Thema: Die moderne Arbeitswelt verlangt der Gesundheit von
Führungskräften viel ab. Ein Vorstandskoch, ein Personaltrainer und ein Schlafforscher
erzählen, wie sie Workaholics die Currywurst abgewöhnen – und ihnen mehr Ruhe
geben.

Matthias Rutkowski

4/4