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was in Deutschland – nebenbei gesagt – ziemlich genau


einer Jahresration entsprach. Erst an zweiter Stelle hortete
er Nudeln, Reis und Weizenmehl.
Derartige Einkäufe, die einzig und allein dem Horten
von Vorräten dienten, ließen sich auf der ganzen Wel beob-
achten – »Hamsterkäufe« nannten das die Leute, da Hams-
ter bekanntlich Nahrungsvorräte in ihren Backentaschen
sammeln und in den Bau tragen. Ein solches Phänomen ist
während einer Seuche üblich, dauert aber nur kurzzeitig an,
zumal für die meisten der bevorrateten Dinge i.d.R. kein
1.2 Hamsterkäufe
Versorgungsengpass besteht.
Die Deutschen sahen in der Coronakrise mehr ein Pro- Medien und Politik forcierten diese Umsatzexplosion, die
blem der Wirtschaft als der Medizin. Eine Kultur, die seit Discouter, Apotheken und Biomärkte* verzeichnen konnten,
jeher stolz auf ihre Produktionsleistung war und mit ver- kraft quasi-hypnotischer Anweisungen, bestimmte Dinge
dächtigem Engagement Produkte in die ganze Welt expor- nicht zu tun, was begreiflicherweise missglückte, da das Er-
tierte, verlor an Umsatz. Durch das – logisch nicht unein- leben freilich keine Verneinungen kennt – sie existieren nur
geschränkt nachvollziehbare – Horten unnötiger Mengen in der Sprache. Je öfter man also die Bevölkerung bat, keine
an Toilettenpapier verwies das Seelische allzu deutlich auf Hamsterkäufe zu tätigen, desto mehr wurde gehamstert, weil
diese ursprüngliche Geschäftigkeit, die sich im zweiten und eine Suggestion mit vorangestellter Verneinung unweiger-
dritten Lebensjahr vorwiegend darin zum Ausdruck bringt, lich eintreten wird.**
ganz große Haufen zu produzieren, sie der Mutter mit Stolz
zu präsentieren und zuweilen sogar – ekelbefreit – in ihnen
herumzumatschen. * Ende Februar traten in Deutschland erste COVID-19-Fälle auf,
Ein entspannter Toilettengang setzt voraus, stets über im März setzten Hamsterkäufe ein, infolgedessen wuchs der Ta-
genug Klopapier zu verfügen. So gesehen ergab der de- gesumsatz in Biomärkten um durchschnittlich 32,1 Prozent. Vgl.
monstrative Klopapier-Fetisch aufseiten des anal Fixierten Klaus Braun, »Coronakrise befeuert Bio-Käufe«, in: BioHan-
durchaus Sinn. Er setzte in jenem Maße ein, wie die Frustra- del, 06-2020, 18f.
tion über die persönliche Ohnmacht und die Befürchtung, ** Wenn jemand zu mir sagt, »Der Hund jagt die Katze nicht«,
der eigene Umsatz könne zum Erliegen kommen, anwuch- sehe ich, wie ein Hund eine Katze jagt, denn alles, was negiert
sen. Durchschnittlich 47 Rollen Toilettenpapier kaufte ein wird, muss ich mir erst einmal vorstellen (polare Reaktion). Vgl.
Deutscher während der Coronakrise – trotz bleibender Ver- John Grinder, Richard Bandler, Therapie in Trance. Neurolinguis-
sorgungssicherheit – bei nur einem einzigen Vorratseinkauf, tisches Programmieren (NLP) und die Struktur hypnotischer Kom-
munikation, Stuttgart 2004[1984], 94–97.
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Es verblüffte mich, zu sehen, mit welcher Deutlichkeit sich dabei um Antiseptika, die zwar gegen Pilze, Bakterien
eine Seuche das unbewusste psychische Profil sozialer Ge- und das ein oder andere Virus wirksam waren, nicht aber
bilde freizulegen vermag. So hortete in Portugal gar niemand gegen SARS-, Grippe- oder Erkältungsviren. Womöglich
Toilettenpapier, da es hier normal war, seinen Darmausgang ging es den Deutschen gar nicht so sehr darum, Krankheits-
mithilfe eines Sitzwaschbeckens zu reinigen, dem sog. Bidet. erreger fernzuhalten, als vielmehr das Gefühl der Ohnmacht
92 Prozent der portugiesischen Bevölkerung benutzten eine in Ansehung einer ausweglosen Lage. Hauptsache, man tat
derartige Vorrichtung, in Italien waren es sogar 97 Prozent, überhaupt etwas.
in Deutschland dagegen sechs und in Großbritannien drei Das sahen auch die Türken so. Im Land der aufgehenden
Prozent.* Im Iran war der Gebrauch von Toilettenpapier Sonne hortete man zuvörderst »Kolonya« – eine türkische
ebenfalls unüblich, hier war man es gewöhnt, seinen Anus Variante von »Kölnisch Wasser« –, ein bei Türken übliches,
händisch abzuwischen, um sich schließlich mit gewöhnli- zitroniges Duftwasser, bestehend aus einem Destillat aus Zi-
chen Handtüchern abzutrocknen. trusgewächsen (Bergamotte, Limette, Zeder, Orange) und
In Großbritannien und Australien hinegen horteten die 80 Prozent Ethanol. Während der Coronakrise bevorzug-
Leute, ähnlih wie in Deutschland, ebenfalls Toilettenpapier. ten es die Türken als Desinfektionsmittel. Nicht, dass dies
Gleiches traf auf Japan zu, wo später zudem allerlei Fertig- tatsächlich einen Effekt gehabt hätte, aber solange das neu-
gerichtet gehortet wurden. Die Supermarktregale leerten artige Coronavirus in der Türkei noch nicht so oft auftrat,
sich dort ebenso schnell wie in Deutschland. In der Schweiz behaupteten Fachleute vom türkischen Gesundheitsminis-
waren es neben Toilettenpapier hauptsächlich Nudeln und terium mit überlegener Sachlichkeit, dass ein Grund hierfür
Tiefkühlprodukte. im verbreiteten Gebrauch von Kolonya läge.
In Schweden und Norwegen spielte Toilettenpapier eine In Israel horteten die Leute ein bisschen von allem: To-
untergeordnete Rolle. Stattdessen kaufte die skandinavische ilettenpapier, Desinfektionsmittel, Hygieneprodukte und
Bevölkerung die Apotheken leer. In erster Linie hortete man Lebensmittel mit langer Haltbarkeit – Konserven, Getreide,
Schmerzmittel (Ibuprofen, Paracetamol). Nudeln, Reis, Mehl und Mineralwasser. In Tschechien dage-
In Dänemark und Italien betrachtete man den Toilet- gen spielte man das Lied vom Brot, während sich die Hams-
tenpapier-Irrsinn der Deutschen als Kuriosität. Stattdessen terkäufe in Bulgarien auf Zitrusfrüchte konzentrierten.
lagerten die Leute Desinfektionsmittel ein. In Deutschland Ein ganz anderes Verhalten ließ sich in Frankreich be-
wurden zwar ebenfalls Desinfektionsmittel gehamstert, al- obachten. Dort deckten sich die Leute mit Dosenravioli,
lerdings weitaus gedankenloser, denn meistens handelte es Zahnpasta und – am wichtigsten – Rotwein ein. Möglicher-
weise war das gesteigerte Verlangen nach Rausch, sowie die
Idee, sich Mut, Kraft und Stärke anzutrinken, der Rekom-
* Roberto Zapperi, »Zu viel Moralismus macht den Körper schmut- pens auf Emmanuel Macrons umstrittene Fernsehanspra-
zig. Warum das Bidet mancherorts verbreitet ist und anderswo che aus dem Élysée-Palast, mit der er sich am 16. März 2020
nicht«, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 95, 24.04.2010, 0Z3.
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an das französische Volk richtete. Frankreich befände sich mental und physisch eingrenzbares Hochwasser aufzutür-
im Krieg, beteuerte der Staatspräsident seinem Land ganze men, als einer diffusen, bislang unbekannten und in ihrem
sechsmal – in 21 Minuten. Ziel der Metapher war Zusam- Ursprung (zunächst) ungeklärten Gefahr handlungsunfä-
menhalt, Konzentration, die Reaktion darauf ein Hamstern hig gegenüberzustehen. Die Kopplung (Assoziation) des
nach dem passenden Zielwasser. Wortes »Virus« mit dem Wort »China« stellte das nötige
Jedenfalls war Monsieur Macron der einzige europäi- Feindbild bereit, mit dem sich die Sozialkognition ordnen
sche Feldherr, dem die Coronakrise kein Umfragehoch be- und allgemeine Bereitschaft erwirken ließ.*
scherte, zumal der Vorrat an Schutzmasken, der im meist- Demungeachtet ist es auch innerhalb epidemiologischer
besuchten Land der Welt Jahre zuvor in Vorbereitung auf Fachkreise Tradition, eine Seuche dem Ort nach zu benen-
eine mögliche SARS-Pandemie aufgebaut wurde, kurz vor nen, wo sie initial auftauchte, wie etwa bei der sich zwischen
Eintritt der Corona-Seuche vernichtet worden ist. 1889 und -95 ausbreitenden Russischen Grippe, der nach
In Spanien und Italien leerten sich die Weinregale eben- dem Ersten Weltkrieg einsetzenden Spanischen Grippe, der
falls, wobei sich Spanien von Italien darin unterschied, dass Hongkong-Grippe von 1968, oder der Afrikanischen Schwei-
in Spanien neben Pasta auch Toilettenpapier gehortet wur- nepest, die seit 2007 expandierte und im September 2020
de. In Einem war Frankreich jedoch einzigartig: es ergänzte erstmals auch Deutschland erreichte. Anders gesagt: Wäre
die orale Form der Problembewältigung um eine phallische. nicht schier alles, was zum Zeitpunkt der Rede aus Donald
Infolge der Coronakrise hamsterte man in Frankreich gro- Trumps Mund gekommen ist, von vornherein für – sagen
tesk viele Präservative (Kondome). wir – ›schwachköpfig‹ erklärt worden, hätte man eine der-
In den USA blieb es bei einer bloß symbolisch gemein- artige Komplexitätsreduktion, wie Trump sie wählte, mög-
ten Kriegsrhetorik nicht. Neben Wasser, Limonade und licherweise anders bewertet.
Fleisch wurden Waffen und Munition gehortet – wobei die In den Niederlanden bildeten sich lange Schlangen le-
Schlange von Menschen, die sich vor einem Waffengeschäft diglich vor den Verkaufsstellen sogenannter weicher Drogen,
bildete, nicht selten um den ganzen Block reichte. Erst an den sogenannten Coffeeshops, mit deren Hilfe sich die Be-
zweiter Stelle horteten US-Amerikaner Toilettenpapier, was völkerung – als Gegenstück zur amerikanischen Kompen-
durchaus einleuchtet, denn nach Einschätzung des amerika- sationsstrategie – in eine eher friedliche Gemütslage zu ver-
nischen Präsidenten ließ sich der Feind, der das Virus auf setzen vemochte.
die Menschheit losgelassen hat, eindeutig benennen: das
kommunistische China.
So gesehen war es gar nicht so abwegig, sich zu rüsten für
den Kampf gegen das »China-Virus«, mithin buchstäblich * Dieser Vorgang wird als semantisches Priming (von lat. primus für
zu den Waffen zu greifen, um Haus und Hof verteidigen zu ›Erster‹, ›Vorderster‹) bezeichnet. Vertiefend hierzu: Hans-Wer-
können. Es fühlt es sich eben besser an, Sandsäcke gegen ein ner Bierhoff, Dieter Frey, Sozialpsychologie – Individuum und so-
ziale Welt, Göttingen 2011, 191–95.