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2.5 Die Maskierung der Angst


Es gab Viren, bei denen sich bereits eine Handvoll eingeat-
Die meisten Leute − ich schließe mich nicht aus − machen meter Aerosole lebensgefährlich auswirkte – und man ver-
für einen nicht unerheblichen Teil ihrer Zeit, in der sie sich mochte sich zu infizieren, wenn ein einzelnes Tröpfchen ins
durch den öffentlichen Raum bewegen, ein – was nicht ab- Auge geriet –, bei SARS-CoV-2 jedoch waren für eine Infek-
wertend gemeint ist − hässliches Gesicht. Während der tion mehr als tausend Aerosole vonnöten. Daher erfolgten
Coronakrise bestand der aus meiner Sicht deutlichste Vor- SARS-CoV-2-Infektionen meistenteils erst nach längerem
teil daher darin, all die hässlichen Gesichter nicht sehen zu Aufenthalt in kontaminierten Umgebungen.
müssen. Wenn ich geraucht, getrunken oder unzureichend Vor allem in geschlossenen Räumen schienen die Ge-
geschlafen habe – oder wenn ich zweimal zu oft nicht beim sichtsschutzmasken einen messbaren Unterschied zu ma-
Friseur war –, konnte ich mich – auf sozial anschlussfähige chen, denn während größere Tröpfchen ballistisch zu Bo-
Weise – hinter einer Maske verstecken und dennoch diskret den fielen, blieben kleinere Tröpfchen – Aerosole genannt
kontaktfähig bleiben, ohne mich für ein möglicherweise we- – schwimmfähig.* Man stelle sich wolkenähnliche, im Raum
nig erquickliches Antlitz zu schämen. So trug ich zuweilen schwebende Cluster vor, die selbst nach Stunden nicht ver-
lieber eine Maske als keine. schwinden. Durch diese Wolken bewegten wir uns, wenn
Davon abgesehen, machte es aber auch epidemiologisch wir einen suboptimal belüfteten Raum betraten, in welchem
Sinn, eine Maske zu tragen. Wer sich von der Maskenpflicht Menschen verkehrten – Schulen, Supermärkte, Arztpraxen,
mit dem Scheinargument befreite, er bekäme unter jenem Apotheken, Krankenhäuser, Kneipen, Bars, Flugzeuge, Ho-
schützenden Requisit kaum Luft, handelte wenig umsichtig, tels, Restaurants, Cafés, Kinos, Theater, Opernhäuser, Kon-
denn auch wenn es möglich war, sich mithilfe eines ärzt- zertsäle, Ämter, Einkaufspassagen, Privatwohnungen.
lichen Attestes von der Maskenpflicht zu befreien, war die Während Aerosole für Wissenschaftler eine definier-
dafür vorgeschobene Begründung realiter nicht existent: te, konkrete Größen darstellten, waren sie für Menschen
denn es gab und gibt Masken mit Atemventil, durch die man außerhalb des Wissenschaftsbetriebs eher diffus, weil fürs
– wir kommen darauf zurück – zuweilen sogar besser Luft be- bloße Auge unsichtbar, psychologisch – ähnlich wie das Vi-
kommt als ohne Maske. Da das von – sagen wir – ›Masken- rus selbst – letztlich Elementargeistern ähnlich. Um das Ver-
muffel‹ angeführte Problem de facto also nicht existierte, er- halten viraler Aerosole in Räumen beobachtbar zu machen,
wies sich der verantwortungslose Bescheinigungsklamauk waren Strömungsanalysen mithilfe einer sogenannten Par-
als rundum fadenscheinig. Die – gerade unter Corona-Leug- ticle Image Velocimetry (PIV) vonnöten, einer Messtechnik,
nern beliebte – Attest-Verblödung entpuppte sich als Strate- bei der Doppelpunkt-Laser die Tröpfchen beleuchteten und
gie, das Recht des anderen auf körperliche Unversehrtheit Linsen die Ausgangsstrahlen zu Lichtschnitten auffächerten.
infrage zu stellen. Nun war SARS-CoV-2 in vielem heimtü-
ckischer als andere Viren, mittelmäßig hingegen schnitt es
bei der für eine Infektion nötigen Menge an Aerosolen ab. * Die Tröpfchen verdampfen während der Aerosol-Bildung und
es verbleiben Biopolymere und Viruspartikel.
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Visualisiert wurden die Partikel dann unter Verwendung Vor diesem Hintergrund verbreitete sich 2020 die durch-
hochsensitiver Kameras, mit denen sich das Streulicht der aus grotesk anmutende Narretei, sogenannte Face Shields
Partikel erfassen ließ. Auf diese Weise ließen sich Aeroso- bzw. Gesichtsvisiere als Ersatz für Masken auf Stoffbasis zu
le und deren Bewegung im Raum präzise visualisieren. So gebrauchen, transparente Scheiben aus Hartkunststoff bzw.
wurde immer wieder dargelegt, wie Menschen – z.B. in Res- Plexiglas, die weder an den Seiten abschlossen, noch dicht
taurants – über sechs Meter Entfernung – d.h. ohne direk- am Gesicht anlagen. Zwischen Mund und Nase befand sich
ten Kontakt zum Infizierten –, bei einer Expositionsdauer ein Spalt von mehreren Zentimetern, sodass kontaminierte
von nur fünf Minuten, durch über die Luft übertragene, mit Umgebungsluft ungehindert an den Seiten vorbeiströmen
infektiösen Coronaviren beladene Aerosole angesteckt wur- und vollständig ungefiltert in die Atemwege gelangen konn-
den. Geschlossene Fenster und fehlende Luftfilteranlagen te. Winzige Speicheltropfen und Partikel wurden fröhlich
verstärkten diesen Effekt signifikant.* am Visier vorbei ein- und ausgeatmetet und so im Raum
Zudem wurde mit dieser Methode visuell nachgewie- verteilt, indes sich der – wahlweise von Blöd- oder Leicht-
sen, dass bei einfachen Mund-Nasen-Schutzmasken, wie sie sinn getriebene – Träger der mitleiderregenden Idee ver-
die Mehrheit der Bevölkerung trugen, sowie bei den beim schrieb, ausreichend geschützt zu sein.
Krankenhauspersonal üblichen chirurgischen bzw. Hygie- Ich fand es auf verstörende Weise interessant, wie Tei-
nemasken, nahezu alle Aerosole das Filtermaterial ungehin- le der Bevölkerung ernsthaft in Erwägung zogen, sich vor
dert passieren – herkömmliche Gesichtsmasken praktisch einem viralen Æther mithilfe einer Apparatur zu wappnen,
also nutzlos waren –, vor allem, weil herkömmliche Schutz- welche eigentlich zum Schutz vor Sägemehl, Astteilen, Holz-
masken – insbesondere Do-It-Yourself-Masken (DIY-Mas- splittern (in der Forstwirtschaft), Blut- und Sekretspritzern
ken) – nicht dicht genug am Gesicht anliegen, sodass beim (in der Medizin) vorgesehen war – fast so, als wolle man sich
Einatmen ungehindert Tröpfchen am Maskenrand vorbei vor einem tropischen Wirbelsturm mithilfe eines Cloudbus-
in die Atemwege gelangen. Zur Erinnerung: Der Luftstrom ters oder Orgonit-Obelisken schützen.
nimmt stets den Weg des geringsten Widerstands.** Es bedurfte keines Hochschulabschlusses in Strömungs-
mechanik, Aero- oder Fluiddynamik, um zu erkennen, dass
halboffene Plastikvisiere nicht vor aerosolgroßen Tröpfchen
* Keun-Sang Kwon, Jung-Im Park, Young Joon Park, et al., »Evi- schützen – dafür reichte bereits ein IQ knapp überm Toast-
dence of Long-Distance Droplet Transmission of SARS-CoV-2 brot aus. Das vorgeschobene Scheinargument, das Atmen
by Direct Air Flow in a Restaurant in Korea«, in: Journal of Ko- und damit dauerhafte Tragen fiele unter einem Visier kom-
rean Medical Science, 23.11.2020, Vol. 35, Issue 46. fortabler aus als unter einer Stoffmaske, war dasselbe, mit
** Christian Joachim Kähler, Rainer Hain, Strömungsanalysen zur dessen Hilfe sich jemand einen ärztlichen Attest erschwin-
SARS-CoV-2-Schutzmaskendebatte. Über Abstandsregeln, Mund- delte, um sich damit von der Maskenpflicht freizusprechen.
Nasen-Schutz, partikelfiltrierenden Atemschutz, Filtermaterialien Gerade für diejenigen, die in Restaurants oder Geschäften
und Maskenfertigung, Neubiberg, 11.04.2020, 15f.
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arbeiteten und den Arbeitsalltag über zur Maske gezwun- diglich für den Fremdschutz eigneten, nicht für den Selbst-
gen waren, schufen Visiere Erleichterung. Forscher der Flo- schutz. Trotz miserabler Effektivität trugen sie so – anders
rida Atlantic University visualisierten die nicht vorhandene als Visiere – immerhin etwas zur Verringerung des Infek-
Schutzwirkung von Visieren bzw. Face Shields qualitativ tionsgeschehens bei. Wirksamen Selbstschutz hingegen bo-
in einer fluiddynamischen Studie. Hierzu setzten sie einer ten allererst N95-Masken, d.h. Masken der Filterklasse FFP2
Modellpuppe – einem sogenannten Mannequin – in einer oder FFP3. Diese reduzierten die eingeatmeten Aerosole auf
Laborumgebung ein derartiges Gesichtsvisier auf und si- weniger als 0,1 Prozent*, sahen jedoch – sozialpsychologisch
mulierten dann Hust- und Niesvorgänge mithilfe eines aus nicht minder relevant – vergleichsweise scheußlich aus.
destilliertem Wasser und Glycerin synthetisierten Nebels. Neben zwar wirksamen, jedoch sperrigen FFP-Masken,
Unter Verwendung einer Laserschutzfolie ließen sich die standen daher auch Masken aus antimikrobiellem Filter-
Tröpfchenpfade abbilden und die mangelhafte Leistung von material zur Verfügung, welche zum einen hübsch anzu-
Face Shields demonstrieren. Die aerosolisierten Tröpfchen sehen waren, zum anderen Keime (Viren, Bakterien, Pilze)
breiteten sich – seitlich (lateral) und längs gerichtet (lon- bei Kontakt abzutöten vermochten. Erreicht wurde dieser
gitudinal) – ungehindert um das Visier herum über einen Effekt aufgrund einer chemischen, textilveredelnden Re-
großen Bereich aus.* zeptur, welche auf die Zellmembran von z.B. Coronaviren
Genau genommen taugten Face Schields als Schutz vor physikalisch reagierte. Dazu wurden positiv geladene (poly-
viral kontaminierten Umgebungen ungefähr so viel wie Git- kationische) Partikel – Mikroben sind negativ geladen – in
ter-Helme, wie man sie etwa beim Eishockey trägt. Man darf die Mikrofasern der Maske eingearbeitet. Viren, Bakterien
davon ausgehen, dass der Trend, probate Stoffmasken durch und Pilze hefteten sich an das Gewebe, gaben nach und
Gesichtsschilde zu ersetzen, das erhöhte Infektionsgesche- platzten. 24 Milliarden Ladungen pro Quadratzentimeter
hen gegen Jahresende vorangetrieben hat. Obwohl das Ber- waren es bei z.B. mit Livinguard-Technologie behandelten
liner Robert-Koch-Institut den Standpunkt der Forschung Stoffen. Sie wirkten auf Keime ähnlich wie ein Magnet. Statt
teilte, wurden Visiere als Maskenersatz in Deutschland nicht sich festzusetzen, ließ sich die Proteinkapsel des Erregers
verboten. Vor allem in der Gastronomie und Pflege avancier- mithilfe antiviraler Fasern zu annähernd einhundert Pro-
ten sie zum liederlichen Requisit von Superspreadern und zent aufbrechen. Die Viren hatten keine Ladung mehr und
– nun ja – ›Verrückten‹: sie vermittelten eine Scheinsicher- fielen ab, während die positiv geladenen Partikel mit dem
heit, in praxi waren sie Seuchentreiber. Zu dumm, dass sich Leistungsgewebe verbunden blieben, um weiterhin mit der-
auch jene, von der Mehrheit getragenen Alltagsmasken le-

* Emma P. Fischer, Martin C. Fischer, David Grass, et al., »Low-


* Siddharta Verma, Manhar Dhanak, John Frankenfield, »Visuali- cost measurement of face mask efficacy for filtering expelled
zing droplet dispersal for face shields and masks with exhalation droplets during speech«, in. Science Advances, vol. 6, no. 36,
valves featured«, in: Physics of Fluids, Vol. 32, Issue 9, 01.09.2020. 02.09.2020.
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selben Breite zu töten. Sie neutralisierten – aufgrund der auf der Haut – das durch die Leichtbauweise bewirkt wurde
antibakteriellen Wirkung – sogar Gerüche. Zudem war die – sowie das komfortable Atemventil. Da die Maske nicht nur
SARS-CoV-2-Suspension inaktivierende Wirkung dieser re- Keime, sondern auch Feinstaub filterte – und sich in einer
lativ neuen Textiltechnologie ausgesprochen langlebig – sie Stadt wie Berlin durchaus beachtliche Mengen davon durch
reduzierte sich erst nach dreißig Waschgängen. Durch die den Raum bewegten –, fiel mir durch das Ventil einer Livin-
selbstdesinfizierende Rezeptur war eine Reinigung jedoch guard-PRO-Maske zu atmen sogar leichter. So trug ich diese
alllenfalls einmal pro Woche nötig – sie ersetzte somit mehr Maske sogar in Situationen, in denen keinerlei Infektions-
als 200 Einwegmasken.* gefahr bestand. Fest steht, dass deutlich mehr Menschen
Schnitt und Passgenauigkeit folgten offiziellen Empfeh- auf eine ärztlich attestierte Befreiung von der Maskenpflicht
lungen des Seuchenschutzes. Die Justierbarkeit auf beiden bzw. das Tragen jener gemeingefährlichen Visiere hätten
Ohrseiten, sowie ein Draht an der Nasenwurzel erlaubte es, verzichten können, wenn antivirale Masken mehr Verbrei-
die Maske ausreichend eng anzulegen. Ferner erzielten die- tung gefunden hätten. Möglicherweise hätten mehr Men-
se – i.d.R. dreilagigen – ›Virenkiller-Masken‹ ein weiches schen Weihnachten 2020 noch erlebt.
und dauerhaft angenehmes Gefühl auf der Haut – zumal die In einer Stadt wie Berlin ist – epidemiologisch gesehen
(durch die Feinheit der Fasern gewonnene) atmungsaktive – grundsätzlich anzuraten, auch unabhängig von epidemi-
wie thermoregulierende Oberfläche die Feuchtigkeit von der schen Ausnahmesituationen eine Maske zu tragen, da allein
Haut wegleitete und zudem schnell trocknete. So ließen sich die Feinstaubkonzetration die Entwicklung klassischer Zi-
derartige Masken – anders als Alltagsmasken – auch über vilisationserkrankungen um ein Vielfaches voranschiebt. In
längere Zeiträume tragen, ohne als störend empfunden zu Japan ist das Tragen von Masken in Großstädten eine Selbst-
werden. Indes verhinderte der flexible Nasenbügel das Be- verständlichkeit und Ökonomie wie Gesundheitssystem
schlagen von Brillengläsern. Nach längerem Tragen üblicher profitieren von dieser Praxis. In Europa ist sie mentalitätsge-
Masken, mochte ich an meiner Livinguard-PRO-Maske vor schichtlich nicht angelegt, deswegen aber nicht gleich schon
allem das kühle, trockene und überaus angenehme ›Wetter‹ falsch. (Man könnte es ja mal ausprobieren.)

* Derartige Masken waren u.a. die ARGAMANTECH BioBlocX


Masks vom israelischen Unternehmen Argaman Technologies,
die vom Textilunternehmen zwissTEX entwickelte zwissCLE-
AN MASK COMFORT, die ViralOff FilterMask Tube 2.0 vom
Bündnis für nachhaltige Textilien (P.A.C.), sowie die vom Kölner
Medizintechnikunternehmen WingGuard vertriebene – durch
zahlreiche Institute und Universitäten speziell auf SARS-CoV-2
getestete – Livinguard PRO Maske, die in der Schweiz konzipiert
und entwickelt wurde.