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Texte und ihre Interpretation zum Niedergang des Alten Reiches

Elisa Priglinger (Wien)

The reasons for the demise of the Old Kingdom have often been the focus of Egyptological investigations, and
have also been the subject of controversial debate. Due to the fragmentarily preserved material, it is difficult to
provide a clear picture of the events that led to this decline. In the following contribution, greater importance is
attached to climatic changes as a potential catalyst for a shift in social structures at the end of the Old Kingdom.

Die Erste Zwischenzeit wird in der ägyptologischen Geschichtsschreibung immer noch meist als
chaotische und vor allem krisengeschüttelte Periode der ägyptischen Geschichte beschrieben.
Das Land unterstand keiner einheitlichen Regierung, Versorgungsengpässe und Hungersnot
griffen um sich und kriegerische Auseinandersetzungen unter rivalisierenden Gruppierungen
waren Teil des Alltags geworden. Dieses Bild hat seinen Ursprung in einer Zeit, in der sich
die Ägyptologie vor allem mit den schriftlichen Hinterlassenschaften beschäftigte, um daraus
Geschichte zu rekonstruieren.1
In diesem Zusammenhang stehen zwei Texttypen zur Verfügung, die aus der Ersten
Zwischenzeit stammen oder zumindest vom jeweiligen Verfasser in diese Periode datiert wer-
den. Es handelt sich hierbei zum einen um die sogenannten autobiografischen Inschriften2 von
Gaufürsten und zum anderen um literarische Werke, die meist der pessimistischen Literatur bzw.
Auseinandersetzungsliteratur3 zugeordnet werden. Mit den autobiografischen Grabinschriften
sind uns zeitgenössische Texte überliefert, die sowohl über militärische Auseinandersetzungen
als auch wirtschaftliche Krisensituationen berichten. Als Beispiel dient gleich zu Beginn eine
Passage der bekannten Inschrift des Anchtifi aus Moaalla:
„Ich gab Brot dem Hungrigen, Kleidung dem Nackten. Ich salbte den Ungesalbten. Ich beschuhte
den Schuhlosen. Ich gab dem, der keine Frau hatte, eine Frau. […] Der Himmel ist wolkig, die
Erde in Trockenheit, [Jedermann stirbt] vor Hunger auf dieser Sandbank (/ diesem Wirbel) des
Apophis. Der Süden langte an mit seinen Menschen, der Norden brachte seine Kinder. Ich brachte
es: Diese Spitzenstellung in der Verteilung von schmaler Gerste, nachdem ich schmale Gerste
eilen ließ, sie fuhr nach Norden und erreichte Wawat, sie fuhr nach Süden und erreichte den 8.

1 Vgl. z. B. H. Goedicke, The Protocol of Neferyt (The Prophecy of Neferti), Baltimore 1977, 26ff.; J. Vandier,
La famine dans l’Egypte ancienne, Kairo 1936; H. Brunner, Grundzüge einer Geschichte der altägypti-
schen Literatur, Darmstadt 1986, 20–32.
2 Es soll hier der gemeinhin übliche Begriff Autobiografie bzw. autobiografisch verwendet werden, auch wenn
diese Bezeichnung im heutigen Sinne nicht auf die altägyptischen Texte zutrifft. Ludwig Morenz schlägt etwa
den Begriff Selbst-Präsentation vor: L. D. Morenz, Ein Wortspiel mit dem Namen Chetys, des Assertors der
Lehre für Meri-ka-re?, in: GM 159 (1997), 81 und Anm. 41; L. D. Morenz, Die Zeit der Regionen im Spiegel
der Gebelein-Region. Kulturgeschichtliche Re-Konstruktionen, Leiden / Boston 2010, 25.
3 Nach E. Otto, Der Vorwurf an Gott. Zur Entstehung der ägyptischen Auseinandersetzungsliteratur.
Vorträge der orientalischen Tagung in Marburg. Fachgruppe: Ägyptologie, Hildesheim 1951.
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oberägyptischen Gau. Der ganze Süden starb im Hunger, Jedermann aß seine Kinder.“ (Moaalla
IV, 1-17)4

Diese Textstelle ist ein sehr gutes Beispiel für die Selbstdarstellung eines Grabinhabers dieser
Epoche als einer, der das Unheil abwenden, sein Gebiet versorgen und damit die Ordnung wie-
der herstellen konnte. Im Folgenden wird nicht daran gezweifelt, dass solche Grabinschriften
auch realistische Züge tragen, doch darf die Intention hinter den Texten niemals außer Acht ge-
lassen werden. Regionale Machthaber wie Anchtifi herrschten während der Ersten Zwischenzeit
über ein bestimmtes Gebiet. Sie trugen die Verantwortung für die dort ansässige Bevölkerung
und befanden sich damit in einer besonderen sozialen Stellung. Die Texte dienten sicherlich
dazu, die eigene Leistung der Versorgung hervorzuheben5 und nicht um einen realitätsnahen
Tatsachenbericht zu überliefern. Grabinhaber wollten als gute Versorger in Erinnerung bleiben
und die Kontinuität ihres Totenkults gesichert wissen. Es verwundert auch nicht, dass in einer
Zeit, in der die Zentralregierung ihre Macht eingebüßt hat, regionale Machthaber ihre Position
betonen und gerade die Notwendigkeit ihrer Führung herausstreichen. Wir haben es hier also
mit zeitgenössischen Textzeugnissen zu tun, die nach einem gewissen Schema verfasst worden
sind, denen aber sicherlich Erfahrungen aus dem tatsächlichen Leben zugrunde liegen.
Die zweite Textgruppe, die uns zur Verfügung steht, ist die bereits erwähnte pessimistische
Literatur und die Lebenslehren. Lange Zeit wurden diese Texte als direkte Zeitzeugenberichte
der Ersten Zwischenzeit betrachtet und bewertet. Als Lebenslehren sind uns etwa Die Lehre für
König Merikare 6 oder Die Lehre des Amenemhet 7 überliefert. Die Entstehungszeit dieser beiden
Texte wird mittlerweile meist im Mittleren Reich angenommen, wobei die Erste Zwischenzeit
z. B. von Detlef Franke für Die Lehre für König Merikare noch in Erwägung gezogen wurde8.
Die Entstehung der pessimistischen Literatur, deren bedeutendste Vertreter Die Prophezeiung
des Neferti9 und Die Klagen des Ipuwer10 darstellen, wird für gewöhnlich nicht mehr in der
Ersten Zwischenzeit angesiedelt.11
Das überwiegend negative Bild innerhalb der ägyptologischen Geschichtsschreibung über
die Zeit nach dem Alten Reich geht zu einem guten Teil auf diese literarischen Werke zurück.
Die Interpretation etwa folgender Textstellen hat maßgeblich dazu beigetragen:

4 J. Vandier, Mo’alla. La tombe d’Ankhtifi et la tombe de Sébekhotep, BdE 18, Kairo 1950; W. Schenkel,
Memphis - Herakleopolis - Theben. Die epigraphischen Zeugnisse der 7.–11. Dynastie Ägyptens, Wiesbaden
1965, 53f.
5 L. D. Morenz, Zeit der Regionen, 557.
6 W. Helck, Die Lehre für König Merikare, KÄT 5, Wiesbaden 1988; J. F. Quack, Studien zur Lehre für
Merikare, GOF IV/23, Wiesbaden 1992.
7 W. Helck, Der Text der „Lehre Amenemhets I. für seinen Sohn“, KÄT 1, Wiesbaden 1986; A. Volten, Zwei
altägyptische politische Schriften. Die Lehre für König Merikarê (Pap. Carlsberg VI) und die Lehre des
Königs Amenemhet, AnAeg 4, Kopenhagen 1945.
8 D. Franke, Rez. R. B. Parkinson, Voices from Ancient Egypt. An Anthology of Middle Kingdom Writings,
in: BiOr 50 (1993), 351.
9 W. Helck, Prophezeiung des Nfr.tj, KÄT 2, Wiesbaden 1992; W. Golénischeff, Les papyrus hiératiques No
1115, 1116 A et 1116 B de l’Ermitage Impérial à St. Pétersbourg, St. Petersburg 1913.
10 R. Enmarch, The Dialogue of Ipuwer and the Lord of All, Oxford 2005; W. Helck, Die ,,Admonitions” Pap.
Leiden I 344 recto, KÄT 11, Wiesbaden 1995.
11 Zur Spätdatierung literarischer Werke, s. J. Assmann / E. Blumenthal (Hgg.), Literatur und Politik im
pharaonischen und ptolemäischen Ägypten, BdE 127, Kairo 1999.
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„Wahrlich, Getreide fehlt überall, man ist von Kleidern entblößt, und das Salböl ist verdorben,
jedermann sagt: »Es gibt nichts!« Die Magazine sind leergeräumt, seine Wächter zu Boden ge-
streckt, eine elende Sache für mein Herz! [...] Seht, die Armen des Landes werden zu Reichen und
der Besitzende ist ein Habenichts. Seht, die Knechte sind zu Dienstherren geworden, und wer ein
Bote war, schickt nun einen anderen.“ (Die Klagen des Ipuwer, 6.3–6.4, 8.2–8.3)12

„Ausgetrocknet ist der Strom Ägyptens, und man geht zu Fuß hinüber. Man wird [vergeblich]
Wasser für das Schiff suchen, damit es fährt, denn sein Weg ist zum Ufer geworden, und das Ufer
zur Flut; wo Wasser war, ist festes Land.“ (Die Prophezeiung des Neferti, 26–28)13

Derartige Passagen haben soweit geführt, die Erste Zwischenzeit als eine Zeit des völligen
Zerfalls, kulturellen Niedergangs, Chaos und der Not darzustellen. Doch auch hier müssen
zunächst die Texte in ihrem Kontext betrachtet werden. In den literarischen Texten wird das
Umfeld der Oberschicht dargestellt, das damit auch ihre Perspektive auf diese Zeit wieder-
gibt. Es werden zum einen ökonomische Schwierigkeiten angesprochen (leere Speicher, ausge-
trocknete Wasserquellen etc.) und zum anderen gesellschaftliche Veränderungen angeprangert
(wandelnde Besitzverhältnisse, soziale Durchmischung). Natürlich hat ein Teil der Oberschicht
seine erhabene Stellung durch den Wandel des Königtums verloren, was womöglich auf diese
Weise zum Ausdruck gebracht wird.
Die Interpretation historischer Ereignisse anhand schriftlicher Hinterlassenschaften – wie
im Falle der Ersten Zwischenzeit – ist überaus schwierig. Die Ägypter selbst kannten keine
Historiografie im klassischen Sinne. Falls sich die oben genannten literarischen Werke auf die
Erste Zwischenzeit beziehen, dann sind sie trotzdem nicht als historische Berichte zu verstehen.

1. Theorie – Klimawandel
Bezüglich der Überlegungen zum Niedergang des Alten Reiches sind vor allem die
Textpassagen über Hunger und Armut von Interesse, und es sind daher größtenteils immer
wieder die gleichen Textstellen, die innerhalb dieser Diskussion angeführt werden. Die Frage,
die sich daher stellt, ist, was sagen die genannten Texte tatsächlich über Dürrezeiten, niedrige
Nilüberschwemmungen, Versorgungsengpässe und Hunger aus. Hinsichtlich dieser Thematik
war und ist der Umgang mit dem schriftlichen Material sehr unterschiedlich. Während sich v.
a. in der frühen Ägyptologie die Darstellung dieser Epoche meist ausschließlich auf die schrift-
lichen Quellen stützte, wurde in den 1970er Jahren durch den Artikel von Barbara Bell14 ein
neuer Anstoß gegeben und die Diskussion innerhalb der Ägyptologie um naturwissenschaft-
liche Anregungen erweitert. Bell spricht sich explizit für einen drastischen Klimawandel am
Ende des Alten Reiches aus und postuliert das anhaltende Ausbleiben von Niederschlägen in
Zentral- und Ostafrika als Auslöser einer starken Hungersnot in Ägypten.15 Bell führt verschie-

12 W. Helck, Die ,,Admonitions” Pap. Leiden I 344 recto, 27 und 37.


13 W. Helck, Prophezeiung des Nfr.tj, 24–26, VI a–d.
14 B. Bell, The Dark Ages in Ancient History. I. The First Dark Age in Egypt, in: AJA 75/1 (1971), 1–26.
15 Der Weiße Nil entsteht aus den Quellflüssen des Viktoria-Zuflusses, des Kagera, und ist von den Regenfällen
über Zentralafrika abhängig. Der Wasserstand des Blauen Nils hingegen wird durch den Sommermonsun
über dem äthiopischen Hochland geregelt.
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dene Untersuchungsergebnisse von Klimaforschern an – allen voran die Karl Butzers16 –, um


ihre These mit naturwissenschaftlichen Studien zu untermauern.
Die Kritik, die an ihrer Arbeit geäußert wurde, war sowohl inhaltlicher als auch methodischer
Natur. Es wurde Bell vorgeworfen, dass sie zwar eine naturwissenschaftliche Hypothese auf-
stellt, sich ihre Beweisführung aber auf ägyptische Texte stützt. Außerdem unterscheidet sie
nicht zwischen den biografischen Inschriften und den literarischen Werken, obwohl sowohl die
Auftraggeber als auch der Entstehungszeitpunkt dieser schriftlichen Zeugnisse nicht identisch
sind. Renate Müller-Wollermann kritisiert auch ihre Argumentation, da es sich dabei um ei-
nen Zirkelschluss handele. Bell nennt Hunger als Auslöser für den Zusammenbruch des Alten
Reiches, was sie durch verschiedene Textstellen belegt; gleichzeitig erklärt sie aber fragwürdige
Passagen innerhalb dieser Texte mit ihrer eigenen Hypothese einer Hungersnot.17
Die Klimafrage ist seitdem immer wieder in die Diskussion eingebracht worden. Es können
hier grob zwei Richtungen unterschieden werden: Zum einen gibt es einige Ägyptologen, die
einen Klimawandel als einen Teil der Ursache des Niedergangs des Alten Reiches in Erwägung
ziehen und in ihrer Darstellung der damaligen Ereignisse erwähnen, ohne näher darauf ein-
zugehen. Auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die anhand der vorhandenen Ergebnisse
und Daten aus dem Bereich der Archäologie und der Paläoklimatologie keine ausreichenden
Hinweise auf einen Klimawandel und seine Auswirkungen auf Ägypten zu dieser Zeit sehen.18
Tatsache ist, dass es am Ende des dritten Jahrtausends eine starke Trockenphase im östlichen
Mittelmeerraum gegeben hat, was durch zahlreiche paläoklimatologische Studien belegt ist.19
Die Frage ist, inwiefern dieser Klimawandel mit dem Ende des Alten Reiches in Verbindung
gebracht werden kann und welche Konsequenzen das für die altägyptische Bevölkerung ge-
habt haben könnte. Neuere geologische Untersuchungen von Sedimentbohrungen aus dem
Nildelta zeigen, dass sich um 2200−2000 v. Chr. die (paläo-)klimatische Situation stark verän-
dert hat. Zum Ende des Alten Reiches dürfte das Klima immer trockener geworden sein. Ein
Ungleichgewicht in den Anteilen des Blauen und des Weißen Nils in den Sedimentablagerungen
lässt vermuten, dass es um 2200 v. Chr. geringere Niederschlagsmengen und einen Rückgang

16 K. W. Butzer, Quaternary Stratigraphy and Climate in the Near East, Bonner geographische Abhandlungen
24, Bonn 1958; K. W. Butzer, Die Naturlandschaft Ägyptens während der Vorgeschichte und der Dynastischen
Zeit. III., AAWMainz, Mathematisch-Naturwissenschaftliche Klasse: Abhandlungen der Mathematisch-
Naturwissenschaftlichen Klasse, Wiesbaden 1959; K. W. Butzer, Physical Conditions in Eastern Europe,
Western Asia, and Egypt, CAH I, Kap. 2 (Heft 33), Cambridge 1965.
17 R. Müller-Wollermann, Krisenfaktoren im ägyptischen Staat des ausgehenden Alten Reichs, Tübingen
1986, 106–109.
18 S. J. Seidlmayer, The First Intermediate Period (ca. 2160−2055 BC), in: I. Shaw (Hg.), The Oxford
Encyclopedia of Ancient Egypt, Oxford 2000, 119; L. D. Morenz, Versorgung mit Getreide: Historische
Entwicklungen und intertextuelle Bezüge zwischen ausgehendem Alten Reich und Erster Zwischenzeit aus
Achmim, in: SAK 26 (1998), 82; N. Moeller, The First Intermediate Period: A Time of Famine and Climate
Change?, in: Ägypten und Levante 15 (2005), 153–167.
19 S. F. Gasse / E. van Campo, Abrupt Post Glacial Climate Events in West Asia and North Africa Monsoon
Domains, in: Earth Planetary Science Letters 126 (1994), 435–456; M. Bar-Matthews / A. Ayalon / A.
Kaufman / G. J. Wasserburg, The Eastern Mediterranean Paleoclimate as a Reflection of Regional Events:
Soreq Cave, Israel, in: Earth and Planetary Science Letters 166 (1999), 85–95; H. Cullen / P. B. de Menocal /
S. Hemming / G. Hemming / F. H. Brown / T. Guilderson / F. Sirocko, Climate Change and the Collapse
of the Akkadian Empire: Evidence from the Deep Sea, in: Geology 28/4 (2000), 379; A. S. Issar / M. Zohar,
Climate Change. Environment and History of the Near East, Berlin / Heidelberg 2007, 135f., Abb. 3, 3a.
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des Pflanzenwachstums gegeben hat.20 Aber auch bereits ältere geologische Untersuchungen
zeigen, dass sich zumindest in bestimmten Regionen (Dachla Oase, Memphis, zwischen Biba
und Deir al-Muharraq, zwischen Dahschur und Ausim) der Wüstensand immer weiter ausge-
breitet hat und Teile von Siedlungen des Alten Reiches mit Flugsand bedeckt wurden.21
Auch in jüngerer Zeit haben Ausgrabungen in Abusir-Süd unter der Leitung des Tschechischen
Instituts Hinweise für eine Trockenzeit in dieser Region hervorgebracht. In Gräbern aus der
frühen 6. Dynastie konnten Käferfragmente geborgen werden, deren Untersuchung ergab, dass
diese speziellen Käferarten ausschließlich in salziger und sehr trockener Umgebung vorkom-
men.22 Die Insektenfragmente klebten u. a. an den Harzresten in der beigelegten Keramik, die
für die Mumifikation verwendet worden war. Die Ausgräber gehen daher davon aus, dass sich
bereits zu Beginn der 6. Dynastie westlich des Sees von Abusir eine Wüstenlandschaft befand.23
Die Bedeutung einer intensiven Trockenperiode für die folgende Entwicklung hin zur Ersten
Zwischenzeit darf nicht unterschätzt werden. Innerhalb der Ägyptologie wird klimatischen
Veränderungen als Auslöser für gesellschaftlichen Wandel nicht viel Aufmerksamkeit gewid-
met. Es gibt zwar mittlerweile einige, die dem Klimawandel am Ende des dritten Jahrtausends
eine gewisse Rolle zugestehen, aber meist bleibt es bei der Annahme, dass es als verstärkender
Faktor die bereits in Gang gesetzte Entwicklung begünstigte. Wenn wir aber davon ausgehen,
dass sich die klimatischen Bedingungen schon am Ende der 5. Dynastie deutlich geändert
haben, ist Klimawandel als Ursache für die Entwicklung während der 6. Dynastie durchaus
denkbar. Im Folgenden wird ein Erklärungsmodell vorgestellt, in dem eine Verbindung zwi-
schen den klimatischen und gesellschaftlichen Veränderungen hergestellt wird.

2. Soziale Veränderungen
Das Ende des Alten Reiches beschäftigt die Ägyptologie schon seit geraumer Zeit und so ver-
wundert es nicht, dass es bereits zahlreiche Versuche gegeben hat, die Entwicklung der damali-
gen Zeit zu erklären. Als Ursache werden in der aktuellen Diskussion hauptsächlich strukturelle
Gründe angeführt. Es ist von einer inneren Krise die Rede, die durch den Ausbau der Bürokratie,

20 J.-D. Stanley / M. D. Krom / R. A. Cliff / J. C. Woodward, Short Contribution: Nile Flow Failure at the
End of the Old Kingdom, Egypt: Strontium Isotopic and Petrologic Evidence, in: Geoarchaeology 18/3
(2003), 395–402.
21 Dachla Oase: H. S. Smith / L. Giddy, Nubia and Dakhla Oasis in the Late Third Millennium B.C.: The
Present Balance of Textual and Archaeological Evidence, in: F. Geus / F. Thill (Hgg.), Mélanges offert à
Jean Vercoutter, Paris 1985, 317–330; Memphis: L. Giddy / D. Jeffreys, Memphis, 1991, in: JEA 78 (1991),
2; Region zwischen Biba und Deir al-Muharraq: K. W. Butzer, Archäologische Fundstellen Ober- und
Mittelägyptens in ihrer geologischen Landschaft, in: MDAIK 17 (1961), 62–65; Region zwischen Dahschur
und Ausim: N. Alexanian / S. J. Seidlmayer, Die Residenznekropole von Dahschur: Erster Grabungsbericht,
in: MDAIK 58 (2002), 1–28; D. Jeffreys / A. Tavares, The Historic Landscape of Early Dynastic Memphis,
in: MDAIK 50 (1994), 143–173; D. Jeffreys, Fieldwork 1994–5, in: JEA 81 (1995), 1–4; M. Jones, A new
Old Kingdom Settlement near Ausim: Report of the Archaeological Discoveries made in the Barakat Drain
Improvements Project, in: MDAIK 51 (1995), 85–99; D. Jeffreys, Fieldwork 1997: Excavations and Survey
East of the Saqqara-Abusir Escarpment, in: JEA 83 (1997), 2–4.
22 M. Bárta / A. Bezděk, Beetles and the Decline of the Old Kingdom, in: M. Bárta / H. Vymazalová (Hgg.),
Chronology and Archaeology in Ancient Egypt (The Third Millenium B.C.), Prag 2008, 215–224.
23 M. Bárta / A. Bezděk, Beetles and the Decline of the Old Kingdom, 221.
186 Elisa Priglinger

Dezentralisierung, Misswirtschaft und die Machtergreifung einzelner Provinzverwalter ausge-


löst wurde.24
Das Problem, mit dem wir in der ägyptologischen Geschichtsschreibung konfrontiert
sind, ist die fragmentarische und einseitig geprägte Überlieferung historischer Ereignisse. Das
heißt, wir haben nur die Möglichkeit, mit dem, was mehr oder minder zufällig erhalten ist, ein
Geschichtsbild zu erstellen. Gerade diese Herangehensweise birgt aber einige Schwierigkeiten.
In Bezug auf die Interpretation des Niedergangs des Alten Reiches ist anhand der
Forschungsgeschichte klar zu erkennen, wie die Vorgänge, die im Verlauf des Alten Reiches
stattgefunden haben, oftmals im Hinblick auf das bevorstehende Ende interpretiert wer-
den. Es besteht hier die Gefahr, auf der Suche nach den Gründen für den Niedergang die-
ser Epoche, alle kulturhistorischen Fakten, die uns zur Verfügung stehen, als Anzeichen für
diese Entwicklung zu interpretieren. Beispielhaft kann an dieser Stelle etwa der Ausbau der
Bürokratie genannt werden, der oft als eine der Hauptursachen für das Ende des Alten Reiches
angeführt wird. Ohne Rücksicht auf das bevorstehende Ende könnte diese Entwicklung auch
als logische Konsequenz der Notwendigkeit einer komplexeren Verwaltung angesehen werden.
Das Material bietet durchaus mehrere, ganz unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten. Es
ist zum Beispiel aus heutiger Sicht nicht eindeutig, wie das ägyptische Distributionssystem im
Detail funktioniert hat. Somit ist es sehr schwierig einzuschätzen, inwiefern die Provinzen
Ägyptens tatsächlich von der Verteilung des Königshauses abhängig waren. Es ist davon aus-
zugehen, dass nicht der gesamte Ertrag an den Königshof abgeliefert und von dort aus neu
verteilt worden ist.25 Infolgedessen ist die Annahme, dass die stärkere Selbständigkeit in der
Provinzverwaltung zum Niedergang des Alten Reiches geführt habe, relativ unglaubwürdig.
In diesem Zusammenhang wurde bereits andernorts darauf hingewiesen, dass die sogenannten
Immunitätsdekrete, die einzelne Tempel im Süden von ihren Abgaben an den Königshof be-
freiten, vom König selbst verordnet wurden.26 Es ist doch unwahrscheinlich, dass diese Verluste
die Staatseinnahmen tiefgreifend belastet haben und die Abgabenbefreiung trotzdem weiterhin
praktiziert wurde.
Auch für die Hypothese, dass die immer größere Autonomie der südlichen Provinzverwalter
das Ende des Alten Reiches herbeigeführt haben soll, gibt es keine Belege. Nach heutigem
Forschungsstand dürfte es sich bei dieser Entwicklung vielmehr um eine Folge als eine Ursache
gehandelt haben. Zwischen der Oberschicht des Alten Reiches im Süden Ägyptens und der
einflussreichen Elite der Ersten Zwischenzeit ist jedenfalls keine Kontinuität zu erkennen.27
Studien der letzten 25 Jahre werfen ein anderes Licht auf die so dunkle Erste Zwischenzeit.
Besonders hervorgehoben seien hier die archäologischen Untersuchungen der Nekropolen
dieser Epoche von Stephan Seidlmayer.28 Der Befund der funerären Kultur zeigt, dass in
der Provinz die Produktivität während der Ersten Zwischenzeit nicht nachgelassen hat, da-

24 Vgl. E. Otto, Ägypten. Der Weg des Pharaonenreiches, Stuttgart 1958, 87; E. Martin-Pardey,
Untersuchungen zur ägyptischen Provinzverwaltung bis zum Ende des Mittleren Reiches, HÄB 1,
Hildesheim 1976, 150; E. Hornung, Grundzüge der ägyptischen Geschichte, Darmstadt 1978, 40; R.
Müller-Wollermann, Krisenfaktoren, 98.
25 S. M. Römer, Was ist eine Krise? oder: Wie ist das Alte Reich (nicht) untergegangen?, in: GM 230 (2011), 100f.
26 R. Müller-Wollermann, Krisenfaktoren, 104.
27 W. Schenkel, Zum Feudalismus der ersten Zwischenzeit Ägyptens, in: Orientalia 33 (1964), 263–266; E.
Martin-Pardey, Provinzverwaltung, 151f.
28 S. J. Seidlmayer, Gräberfelder aus dem Übergang vom Alten zum Mittleren Reich. Studien zur Archäologie
der Ersten Zwischenzeit, SAGA 1, Heidelberg 1990.
Texte und ihre Interpretation zum Untergang des Alten Reiches 187

rüber hinaus sogar sehr vielfältig und komplex war. Die Beigabenausstattung lässt während
der Ersten Zwischenzeit einen starken Wandel erkennen. Zum einen verschwinden gewisse
Beigabengruppen, die im Alten Reich üblich waren, zum anderen tritt die neue Gruppe der
Modellbeigaben aus stuckiertem und bemaltem Holz (Modellsandalen, -kopfstützen, -boote,
Dienerfiguren, Ka-Statuetten) in Erscheinung.29 Darüber hinaus wurden bemalte Masken aus
Gips und Leinen über die Köpfe der Verstorbenen gelegt.30 Es handelt sich bei den Beigaben
eindeutig nicht um Alltagsgegenstände.
Zwei Dinge sind in diesem Zusammenhang bemerkenswert: zunächst die Tatsache, dass es
in der Ersten Zwischenzeit möglich war, neue Formen innerhalb der Beigabenausstattung zu
entwickeln und eigens für den funerären Gebrauch gefertigte Beigabengruppen herstellen zu
lassen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Beobachtung, dass die genannten Erscheinungen
ihren Ursprung in den memphitischen Residenzfriedhöfen des Alten Reiches haben. In den
Provinzgräbern des Alten Reiches tauchen die oben genannten Beigaben aber nicht auf, sondern
nur in den Residenzgräbern. Das spricht für einen Wandel, der es ermöglichte, dass Ausstattung
und Beigaben der Residenzfriedhöfe des Alten Reiches in der Ersten Zwischenzeit für eine grö-
ßere Bevölkerungsgruppe, auch der Unterschicht, zugänglich wurden.
Ebenso interessant sind in diesem Zusammenhang die Untersuchungsergebnisse der Gräber-
felder von Qau-Matmar, die eine generelle Veränderung in den gesellschaftlichen Strukturen
erkennen lassen. Der Befund zeigt, dass sich im Verlauf der Ersten Zwischenzeit starke soziale
Abhängigkeiten gebildet haben, die sich auf Personen der Oberschicht fokussierten. Personal
und Diener von hochgestellten Personen wurden in den Oberschichtnekropolen bestattet, da
sie durch ihre Position in einer gewissen Abhängigkeit und Verpflichtung zu ihren Herren stan-
den und daher losgelöst von ihren eigenen Familien auch in der Nähe ihrer Herren beigesetzt
wurden.31
Es ist davon auszugehen, dass es ähnliche Abhängigkeiten zwischen Ober- und Unterschicht
bereits im Alten Reich gegeben hat, aber es ist doch auffällig, dass sich diese Strukturen gerade
während der Ersten Zwischenzeit in der Lage der Gräber so deutlich niederschlagen.
Ebenso lässt die Weiterentwicklung im Mittleren Reich auf eine differenziertere Gesellschaft
schließen. Dies haben jedenfalls die Untersuchungen der Nekropole des Mittleren Reiches
in Abydos ergeben (Entstehung einer Mittelschicht?). Das stellt eine Kontinuität zur Ersten
Zwischenzeit dar.32
Das archäologische Material lässt also nicht den Schluss zu, dass es sich bei der Ersten
Zwischenzeit um eine Epoche des völligen Niedergangs handelt. Was wir erkennen können,
ist eine soziale Verlagerung und wohl eine feinere Differenzierung sozialer Schichten innerhalb
der Gesellschaft. Die Frage, die sich nun stellt, ist, welche Mechanismen zu dieser Entwicklung
geführt haben können. Um sich dieser Frage zu nähern, sind wieder die Texte von großer
Bedeutung, da sie sozialstrukturelle Zusammenhänge erklären können.

29 S. J. Seidlmayer, Gräberfelder, 428f.


30 S. J. Seidlmayer, Gräberfelder, 426.
31 S. J. Seidlmayer, Wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung im Übergang vom Alten zum Mittleren
Reich. Ein Beitrag zur Archäologie der Gräberfelder der Region Qau-Matmar in der Ersten Zwischenzeit,
in: J. Assmann / G. Burkard / W. V. Davies (Hgg.), Problems and Priorities in Egyptian Archaeology,
London 1987, 206–214, Abb. 10, Tab. 11.
32 J. Richards, Ancient Egyptian Mortuary Practice and the Study of Socioeconomic Differentiation, in:
J. Lustig (Hg.), Anthropology and Egyptology. A Developing Dialogue. Monographs in Mediterranean
Archaeology 8, Sheffield 1997, 33–42.
188 Elisa Priglinger

In den eingangs erwähnten Klagen des Mittleren Reiches werden soziale Umwälzungen aus
Sicht der Oberschicht ganz besonders negativ formuliert. Es ist die Rede davon, dass die Armen
wohlhabend und die Vornehmen zu Dieben geworden sind. Gleichzeitig verlieren die Reichen
ihre Dienerschaft, während Sklavinnen nun edlen Schmuck um den Hals tragen.33 Diese u. ä.
Schilderungen sind vielleicht nicht als exakte historische Wirklichkeit zu interpretieren, da hier
retrospektiv das Weiterbestehen Ägyptens auf die Dichotomie zwischen kosmischer Ordnung
(unter Führung des Königs) oder Chaos reduziert wird. Es ist jedoch zu erkennen, dass die
Nachwelt die Ereignisse vor Beginn des Mittleren Reiches offenbar mit gewaltigen gesellschaft-
lichen Veränderungen in Verbindung gebracht hat.
Mit den Texten aus der Ersten Zwischenzeit und ihrer Bedeutung für die historische
Rekonstruktion hat sich Ludwig Morenz intensiv auseinandergesetzt.34 Er hat bestimmte
musterhafte Wendungen untersucht, die als Topoi zu verstehen sind und keinen Anspruch
auf eine Wiedergabe der historischen Realität haben. Morenz zeigt aber auf, dass der narrative
Charakter − und damit auch eine gewisse Historizität − der autobiografischen Inschriften zum
Ende des Alten Reiches und v. a. während der Ersten Zwischenzeit dominanter wird.35
Als anschauliches Beispiel für die veränderte soziale Differenzierung kann wiederum die
Inschrift des Anchtifi von Moaalla herangezogen werden:
„Was nun einen jeden angeht, über den ich meine Hand hielt, über den kam nie ein Missgeschick,
wegen der Festigkeit meines Herzens und wegen der Trefflichkeit meiner Planung. Was aber jeden
Ignoranten und jeden Elenden betrifft, der sich gegen mich aufwirft, der bekommt entsprechend
dem zurück, was er gegeben hat.“ (Moaalla I b, 3–4)36

Nach der 6. Dynastie kommen solche Phrasen immer häufiger vor und werden auch deutlich
ausführlicher.37 Es ist eine Entwicklung von Beziehungen zwischen sozialen Schichten zu er-
kennen, die über verwandtschaftliche und auch nachbarschaftliche Strukturen hinausgehen.
Nach Franke könnte zu dieser Entwicklung die Erfahrung geführt haben, dass Armut in einer
Gesellschaft zur Gefahr werden kann.38
In den Autobiografien ist oft vom bemerkenswerten gesellschaftlichen Aufstieg des
Auftraggebers dieser Texte die Rede. Man kann also annehmen, dass dieses Thema gerade in
der Ersten Zwischenzeit von großer Bedeutung war. Juan Carlos Moreno García bemerkte,
dass der Topos der Hungersnot ebenso wie die Phrasen der Fürsorge im Allgemeinen nach der
Regierungszeit von Sesostris I. sehr schnell aus den autobiografischen Inschriften der Beamten
verschwinden.39 In der zweiten Hälfte der 12. Dynastie werden die ausführlicher gestalteten

33 W. Helck, Die ,,Admonitions” Pap. Leiden I 344 recto, 27 und 37.


34 L. D. Morenz, in: SAK 26 (1998), 81–117; L. D. Morenz, Hungersnöte in der Ersten Zwischenzeit zwischen
Topos und Realität, in: DE 42 (1998), 84–97; L. D. Morenz, Geschichte als Literatur-Reflexe der Ersten
Zwischenzeit in den Mahnworten, in: J. Assmann / E. Blumenthal (Hgg.), Literatur und Politik im pha-
raonischen und ptolemäischen Ägypten, BdE 127, Kairo 1999, 111–138; zuletzt: L. D. Morenz, Zeit der
Regionen.
35 L. D. Morenz, in: SAK 26 (1998), 83.
36 W. Schenkel, MHT, 46f.
37 Detlef Franke untersuchte anhand der Textquellen zum Thema der Fürsorge Bezeichnungen, die er im
Sinne einer Kategorisierung von sozialen Schichten betrachtet. S. D. Franke, Fürsorge und Patronat in der
Ersten Zwischenzeit und im Mittleren Reich, in: SAK 34 (2006), bes. 165–176.
38 D. Franke, in: SAK 34 (2006), 159f.
39 J. C. Moreno García, Études sur l’administration, le pouvoir et l’idéologie en Égypte, de l’Ancien au Moyen
Empire, Ægyptiaca Leodiensia 4, Liège 1997, 84ff.
Texte und ihre Interpretation zum Untergang des Alten Reiches 189

Autobiografien durch formelhafte Epitheta-Reihen oder religiöse Formeln abgelöst, was die
Inschriften stark verkürzt.40
Ein interessanter Aspekt ist auch, dass in der Ersten Zwischenzeit die Bedeutung der Stadt do-
minanter ist und damit auch der Gedanke des Stadtbewohners. Die Autorität des Königs wird
nun vom Gott der Heimatstadt oder einem überlegenen Patron übernommen.41
Jan Assmann sprach sich dafür aus, dass die Idee des Loyalismus, der in den Texten
des Mittleren Reiches deutlich hervortritt, auf das Institut des Patronats der Ersten
Zwischenzeit zurückgeht.42 Die Patron-Klient-Beziehung (Herren – Diener) beruht auf dem
Gegenseitigkeitsprinzip der vertikalen Solidarität, d. h. Schutz gegen Gehorsam.43 Hier kann
also eine Verbindung zu den Gräbern der Qau-Matmar Region hergestellt werden, die diese
Beziehung archäologisch belegen.
Einen Umbruch in der Sozialstruktur konnte auch Morenz aufzeigen, indem er dem
Bedeutungswandel von Begriffen wie nDs und HqA nachgegangen ist. NDs (Kleiner) stand im
Alten Reich aA und wr (Großer) gegenüber. Diese Begriffe teilten die damalige Gesellschaft
in zwei Gruppen ein. Während der Ersten Zwischenzeit wandelt sich der Begriff nDs und ge-
winnt an Prestige. Er steht nun in Verbindung mit Stärke, Tapferkeit und wirtschaftlicher
Selbständigkeit.44 Die eigene Leistung wird in den Vordergrund gestellt und damit der soziale
Rang definiert. Bei WHA aus Naga ed-Deir heißt es etwa: „Ich bin ein trefflicher nDs, der von
seinem Besitz lebt.“45 Bereits Franke erkannte nDs als Kennzeichnung einer sozialen Schicht, die
nicht negativ besetzt war. Im Gegensatz dazu ist die Bezeichnung Hwr(w) ab der 9. Dynastie
sehr wohl negativ konnotiert und bezieht sich auf eine schlechtere soziale Rangstellung. Diese
sprachliche Entwicklung bringt Franke mit den kriegerischen Auseinandersetzungen während
der 9./10. Dynastie in Verbindung, die vermutlich größere Armut verursachten und damit eine
noch stärkere soziale Hierarchie förderten.46

3. Schlusswort
Ein Aspekt, der sowohl im archäologischen Befund als auch in den Texten dieser Zeit zum
Vorschein kommt, ist eine Veränderung der sozialen Strukturen. Wenn man nun versucht, die
Interpretation des uns erhaltenen Materials auf ein Minimum zu beschränken, dann bleiben
der Werteverlust des Königtums und die Entwicklung einer differenzierteren Patron-Klient-
Gesellschaft. Als möglichen Auslöser für diese ideologische Krise kann der Klimawandel am
Ende des dritten Jahrtausends angenommen werden. Wenn das Königshaus nicht mehr in der
Lage ist, das gesamte Land in altbekannter Art und Weise zu versorgen, dann ist ein Bruch
mit dem Königtum als Konsequenz vorstellbar. Es drängt sich die Frage auf, welche Faktoren
gravierend genug sind, dass sich die ägyptische Gesellschaft derartig wandelt, wie sie es in der
Ersten Zwischenzeit ganz offensichtlich getan hat.

40 D. Franke, in: SAK 34 (2006), 176f.


41 Vgl. E. Martin-Pardey, Provinzverwaltung, 212−218; J. C. Moreno García, Études sur l’administration,
50f., 62f.; D. Franke, in: SAK 34 (2006), 167–172.
42 J. Assmann, Herrschaft und Heil. Politische Theologie in Altägypten, Israel und Europa, München 2000, 117.
43 Vgl. J. Assmann, Ma‘at. Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im alten Ägypten, München 1995, bes. 245–252.
44 L. D. Morenz, Zeit der Regionen, 519f.
45 D. Dunham, Naga ed-Der Stelae of the First Intermediate Period, London 1937, Nr. 84, Taf. XXXII.
46 D. Franke, in: SAK 34 (2006), 172–174.
190 Elisa Priglinger

Im Gegensatz zu Bell glaube ich nicht, dass dieser Klimawandel direkt zum Zusammenbruch
des Alten Reiches geführt hat. Es ist wohl wahrscheinlicher, dass die schlechteren
Umweltbedingungen den Anstoß gegeben haben, die Macht bzw. die Möglichkeiten des Königs
anzuzweifeln, und es dadurch zu einer ideologischen Krise kam, die in weiterer Folge eine sozia-
le Verschiebung (Patron-Klient / Herren-Diener) in Gang setzte.
Möglicherweise war die Versorgung durch die provinziellen Machthaber in dieser Zeit
(9.–11. Dynastie) nicht in einer andauernden Nahrungsknappheit und Hungersnot begrün-
det, sondern ist auf die ideologische Krise am Ende des Alten Reiches zurückzuführen. Somit
verwundert auch nicht, dass die Gräberfelder der Ersten Zwischenzeit eine vielfältige und kom-
plexe Produktivität erkennen lassen; denn es handelt sich dabei nicht um eine Epoche einer
durchgehenden ökonomischen Krise, sondern um eine Epoche eines ideologischen Wandels.
Es ist doch vorstellbar, dass die Trockenphase, die sich bereits in der frühen 6. Dynastie be-
merkbar machte (Käferfunde in Abusir-Süd), zur Zeit von Pepi II. und in der 8. Dynastie
ihren Höhepunkt erreichte. Der dadurch ausgelöste Zweifel am Königtum und seiner unan-
gefochtenen Berechtigung (ideologische Krise) führten zu einem sozialen Umdenken und die
Konsequenz war die Verlagerung der Machtverhältnisse. Die Sicherung der Versorgung hatte
nach dem Schrecken dieser gravierenden Trockenzeit oberste Priorität. Die daraus resultierende
Patron-Klient-Beziehung konnte diese Sehnsucht stillen, auch als die direkte Bedrohung der
Nahrungsknappheit vorüber war.
Es ist eindeutig, dass es starke Veränderungen gegeben hat, die sich sowohl auf die staatli-
che Organisation als auch auf die gesellschaftlichen Strukturen ausgewirkt haben. Es ist aber
Vorsicht geboten, die Erste Zwischenzeit deswegen insgesamt allzu negativ zu bewerten. Es
ist verlockend, gerade die Wiedervereinigung Ägyptens und damit den Beginn des Mittleren
Reiches als rein positive Wendung und lang ersehnte Rückkehr auf die stabilen und glorrei-
chen Verhältnisse des Alten Reiches zu sehen. Vielleicht ist die Entstehung der so genannten
pessimistischen Literatur des Mittleren Reiches tatsächlich eher aus der Notwendigkeit heraus
entstanden, diesen Wandel hin zum Königtum in Tradition des Alten Reiches zu rechtfertigen.
Damit würden die Texte des Mittleren Reiches die Reorganisation des mono- und theokratisch
organisierten Staatswesens widerspiegeln.47
Was die autobiografischen Texte dieser Zeit betrifft, konnte gezeigt werden, dass die
Machthaber ihre Bedeutung im Hunger-Versorgungs-Topos aufzeigen, der somit zu einer typi-
schen Redefigur dieser Epoche wurde. Bei der Interpretation der Texte darf zwar die Bedeutung
der Topoi als feste Formel nicht außer Acht gelassen werden, aber sie können dennoch helfen
Schlussfolgerungen auf historische Prozesse zu ziehen. Sie bieten Wirkungsgeschichte und er-
scheinen als Reflex auf Geschehnisse der Ersten Zwischenzeit aus späterer Perspektive.48

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47 J. Assmann, Heil und Herrschaft, 192.


48 L. Morenz, Zeit der Regionen, 10, Kap. I.e.b und IV.b.
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