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Hans Blüher

deutscher Schriftsteller

Hans Blüher (* 17. Februar 1888 in


Freiburg in Schlesien; † 4. Februar 1955
in Berlin) war ein deutscher Schriftsteller
und Philosoph.
Hans Blüher

Als frühes Mitglied und „erster Historiker“


der Wandervogelbewegung erlangte er in
jungen Jahren große Bekanntheit. Dabei
half ihm sein von Tabubrüchen
begleitetes Aufbegehren gegen die
Traditionseinrichtungen Schule und
Kirche. Teils interessiert aufgenommen,
teils als skandalös empfunden und
bekämpft wurden seine Ausführungen zu
homosexuellen Aspekten im
Wandervogelbetrieb, die Blüher bald
darauf zu einer Theorie der
männerbündischen Gesellschaft
ausbaute.
In der Übergangsphase vom Kaiserreich
zur Weimarer Demokratie atheistisch und
zeitweise sozialistisch orientiert,
entwickelte Blüher sich in den Jahren
nach dem Ersten Weltkrieg zum
Protestanten, Antisemiten,
Antifeministen und Monarchieanhänger,
der 1928 auch Gelegenheit erhielt, den
vormaligen Kaiser Wilhelm II. im
holländischen Exil zu treffen. Vom
Nationalsozialismus wandte Blüher sich
nach eigenen Angaben ab, nachdem
1934 der SA-Führer Ernst Röhm auf
Befehl Hitlers ermordet worden war
(„Röhm-Putsch“).
Seit 1924 lebte Blüher, der eine Ärztin
geheiratet und mit ihr zwei Kinder hatte,
als freier Schriftsteller und behandelnder
Psychologe in Berlin-Hermsdorf. Hier
arbeitete er nach seinem Rückzug aus
dem öffentlichen Leben in der NS-Zeit an
seinem 1949 erschienenen
philosophischen Hauptwerk Die Achse
der Natur.[1]

Schüler des humanistischen


Gymnasiums Steglitz
1896 verließen Blühers Vater, der
Apotheker Hermann Blüher, und seine
Frau Helene mit dem achtjährigen Hans
das schlesische Freiburg und verlegten
ihren Wohnsitz zunächst nach Halle und
1898 nach Steglitz, wo der nun
Zehnjährige auf das örtliche Gymnasium
geschickt wurde. In seiner 1912
vorgelegten ersten Abrechnung mit
dieser Schulzeit schrieb Blüher:

„Die geistigen Freuden


sind die reinsten und
vollendetsten, sie bleiben
das ganze Leben über
ungeschwächt erhalten
und lösen dauernd neue
Glücksgefühle aus. Man
sollte nun erwarten, daß
ein Institut wie die Schule,
das sich nur mit geistigen
Dingen abgibt, und in der
frischesten Zeit des Lebens,
geradezu einen
Freudentaumel des
Entdeckens und Begreifens
erzeugen müßte: – Und sie
erzeugt gerade das
Gegenteil! Sie arbeitet
nicht nur mit
gelegentlichen
Überanstrengungen und
Schwierigkeiten, die
natürlich auch bei der
freiesten geistigen Arbeit
nicht zu vermeiden sind,
sondern mit einem ganz
immensen
Unlustüberschuß. Und
dieser wird noch dazu
einem Lebensalter
zugemutet, das wegen
seiner Zartheit und
Freudebedürftigkeit hierzu
am allerwenigsten
geeignet ist. Auf diesen
jungen Schultern liegt in
der Tat eine Last, an die
der Mann nur noch mit
Grausen zurückdenkt und
die ihm noch unaufhörlich
in seinen Träumen
lebendig wird. […]
Die in der Schule gelehrte
‚Wissenschaft‘ und die
gesamte Kulturauffassung,
die dort vertreten wird, ist
ja keine freie, sondern eine
restlos angewandte. Sie
steht im Dienste aller
möglichen Ideale und
sonstiger Vorurteile; der
Patriotismus und die
Religion erfordern, um in
den Schülerherzen festen
Boden zu finden, eine ganz
beträchtliche Färbung und
Fälschung der
Wirklichkeit. […] Woher
soll da geistige Freude
kommen, wenn dem
Schüler das Instrument
verstimmt ist, auf dem er
sie hervorspielen
könnte …?“[2]

Später urteilte Blüher teilweise deutlich


milder und dankbarer. Schuldirektor
Robert Lück, den Blüher noch 1912 als
einen etwas engstirnigen christlichen
Pädagogen geschildert hatte,[3] erfuhr in
der Zweitfassung von Blühers
autobiographischer Darstellung „Werke
und Tage“ eine Aufwertung. Blüher
würdigte Lücks Lebenswerk und
bezeichnete die Auswahl des
Lehrerkollegiums als meisterhaft: „Wie er
das eigentlich fertiggebracht hat, ist
jedermann ein Rätsel geblieben. Er hatte
hier ein offenbares Charisma. Fast glich
das Kollegium einem Orden.“[4]

In seinem Lebensrückblick stellte Blüher


seine frühere Schule in die Reihe jener
Gymnasien, denen er eine herausragende
Rolle im deutschen Kulturleben
zuerkannte. Nirgends sonst in
Deutschland sei der Boden für den Streit
der humanistischen Bildungsmacht und
der romantischen Gegenbewegung so
fruchtbar gewesen; der Wandervogel und
die Jugendbewegung hätten nur hier
entstehen können.[5]

Wandervogel der
besonderen Art
In den Wandervogel aufgenommen
wurde Hans Blüher 1902 als 33. Mitglied.
Dabei handelte es sich um eine feierliche
Prozedur, die Karl Fischer für jeden der
neu einrückenden „Füchse“ abhielt. Nach
einer Belehrung über Ziele und Gedanken
der Wandervogelbewegung wurde der
Aspirant darauf eingeschworen, dem
Oberbachanten Fischer[6] sowie seinen
Bachanten und Burschen die Treue zu
halten und wo nötig zu gehorchen.
Versprach er dies in Gegenwart
mindestens zweier weiterer Zeugen, die
das Versprechen beglaubigten, so trug
Fischer den Namen in das
Scholarenbuch ein.[7]

Hans Blüher begriff diese Gemeinschaft


als eine Protestbewegung gegen die
„verwitterten Ideale“ der „alten
Generation“, denen man durch eigene
Anschauungen und Erfahrungen
energisch widerstehen müsse.[8]
Gegenüber allen pädagogisierenden und
auf einen bequemen Wanderbetrieb
gerichteten Tendenzen nahm Blüher eine
strikt ablehnende Haltung ein. Vorgaben,
wonach aus Rücksicht auf jüngere
Teilnehmer die Quartiersuche frühzeitig
stattzufinden habe, zeigten für ihn nur
„mangelndes Verständnis für das große
Erlebnis des Grauens, das der Wald und
die Nacht in den Gemütern auch der
Älteren erzeugt.“ Es liege eine weichliche
Vernachlässigung der jungen
Persönlichkeit darin, „die Kraft solcher
wertvollen Stunden zu brechen“. Auch
von Empfehlungen, bei anhaltendem
Regen die Wanderung vor Erreichen des
Ziels abzubrechen, um Kleidung und
Stimmung nicht nachhaltig zu
beeinträchtigen, hielt Blüher wenig: „Das
alles empfiehlt sich in der Tat für
schwache Gemüter, die sich von
vornherein sagen müssen, daß sie nicht
die Kraft haben, die Unbilden der
Witterung mit dem Überschwang ihrer
Jugendlichkeit zu übertönen, und wer die
alte Wandervogelbachantik kennt und
kein Degenerat ist, der kennt auch die
unvergeßliche Pracht solcher
verzweifelten Regenwettermärsche.“[9]

Zusammen mit Walter Benjamin, Ernst


Joëll, Fritz Klatt, den Brüdern Hans und
Walter Koch, Hans Kollwitz, Erich Krems,
Alfred Kurella und Alexander Rüstow
gehörte er dem so genannten Westender
Kreis an,[10] der den linken Flügel der
bürgerlichen Jugendbewegung
zusammenführte.[11] Klatt war
wahrscheinlich der geistige und
publizistische Motor dieses Bundes.[10]

Steglitzer mit speziellem


Elitebewusstsein

In hymnischen Worten blickte Blüher


noch in seinem sechsten
Lebensjahrzehnt auf jene märkischen
Landstriche zurück, in denen die
Steglitzer Wandervögel ihre
wochenendlichen Naturerlebnisse
suchten und fanden. Diese etwa im
Vergleich zu Süddeutschland
unscheinbare Landschaft wollte entdeckt
sein „mit der ganzen Glut und
Geschmeidigkeit unseres Herzens: diese
Landschaft mußte bezwungen werden,
ihr Götterwort mußte uns zukommen,
sonst wären wir Jugend zugrunde
gegangen am unreinen Atem der
Väterkultur. […] Das Nuthetal, auf dem die
ersten Feuer der Jugendbewegung
brannten, hatte uns getränkt mit der
geschichtlichen Kraft, die seit
Jahrhunderten in ihm stak, und uns zu
sich genommen. Wir stiegen von seinen
Hügeln ab und waren ein Stand.“[12]

In der Steglitzer Gesellschaft bildeten


diese ungewohnten Formationen von
Jugendlichen einen sehr eigentümlichen
Kontrast zur sonstigen Bürgerschaft,
wenn sie nach ausgiebiger Wanderung
heimkehrten:

„In Steglitz war nun alles


lebendig geworden. Die
sauberen Knaben der
wohlgenährten Bürger
gingen in neuen Anzügen
auf der Albrechtstraße
spazieren, kleinen
Mädchen folgend. Die
Fichteberg-Aristokratie
und der Halbadel hatten
eben die Kirche hinter sich
und man stolzierte mit
verglasten gottnahen
Augen nach Hause. Wenn
ihre Söhne die bunten
Schülermützen zogen, so
faßten sie den Schirm stets
nur mit zwei Fingern an,
denn die drei andern
mußten das schmucke
Handschuhpaar halten.
Man grüßte und ehrte viel.
– Und dazwischen nun
diese wildfrohen Gestalten,
dieses bunte Gemengsel
toller Pennäler! Sie traten
mit ihren klobigen Stiefeln
auf das zarte Pflaster; der
Eine von ihnen hielt sich
hinterwärts fest, denn
Wolf hatte ihn den
sandigen Abhang des
Havelberges
hinuntergeworfen, und da
waren ihm die Hosen
klaftertief geplatzt. […]
‚Der verrückte Fischer!‘
sagte man nur und ging
weiter.“[13]

Hans Blüher, dem sein markant-hageres


Äußeres den Fahrtennamen „Gestalt“
eintrug, entwickelte sich zu einem der
treuesten Anhänger Fischers, hatte
seinerseits an Fischer aber auch
entscheidenden Rückhalt in seinem
Wandervogel-Dasein. Von einer
Sommerfahrt an den Rhein 1903 wurde
Blüher vom Fahrtleiter Siegfried Copalle
wegen mangelnder Einordnung nach
Hause geschickt, was Fischers Billigung
nicht fand. Dieser stellte sich auch in der
Folge schützend vor ihn.[14]

Einen ebenfalls äußerst nachhaltigen


Eindruck auf Hans Blüher machte der
vermögende Rittergutsbesitzer Wilhelm
(Willie) Jansen, den Blüher, nun selbst
Fahrtleiter, bei einer Sommerreise 1905
von der Rhön bis an den Bodensee mit
seiner Gruppe kennengelernt und für die
Wandervogelbewegung gewonnen hatte.
Über Jansens Wirkung schrieb er:

„Jansen bezaubert die


Jugend durch sein Wesen,
im Nu hat er die
westdeutschen Schulen für
den Wandervogel
erschlossen, und die
jungen Menschen hängen
wie die Kletten an ihm. Es
war natürlich nichts
Anderes, als das damals
mit Fischer: Heroenliebe.
Aber hier zweifellos in
gesteigerter Form. […]
Man mag es glauben oder
nicht, aber ich habe es in
zahlreichen Briefen
gelesen und von
zahlreichen jungen Leuten
selbst gehört; es war
wirkliche Erotik, die hier
ausbrach.“[15]

Wie zuvor Karl Fischer wurde nun


Wilhelm Jansen der idealisierte
Jugendführer, der durch Charisma und
Begabung zu seiner Autorität kam und
nicht durch Paragraphen oder Macht –
wie es den Lehrern vorgeworfen wurde.
Durch das Element der Freiwilligkeit
erhielt das Modell des Jugendführers
eine ungeahnte Dynamik, die zumeist als
romantisch-schwärmerisch bis
faszinierend-unheimlich beschrieben
wurde. Die Selbsterziehung der Jugend
machte es überdies möglich, sich von
den als überkommen erlebten
Traditionen der Elterngeneration
loszusagen und eigene Wege des
Erwachsenwerdens zu erproben.[16]
Zumindest für Blüher wurde Jansen zur
stilbildenden Persönlichkeit der
Jugendbewegung:

„Jansen gehörte zu den


Ersten, die anstelle des
barbarischen und vielfach
geschmacklosen deutschen
Turnens die antike
Gymnastik einsetzen
wollten, denn diese
natürlichste Art der
Körperkultur war ja nur
durch die christliche
Kultur beseitigt worden
und das Turnen war ein
höchst unvollkommener
Ersatz dafür. Die erste
deutsche Palästra in
Charlottenburg bei Berlin
war von Jansen erbaut
worden, auf seinem Gute
stand eines der ersten
Licht- und Luftbäder, und
sein Kapital arbeitete
überall da mit, wo es galt,
die Prüderie und
Verheimlichung zu
überwinden und an ihrer
Stelle die edle Offenheit des
Nackten wieder aufleben
zu lassen. Die
Körperkultur-Bewegung,
die heute immer weiter
und deutlicher
fortschreitet, verdankt
Jansen mit ihre ersten
Erfolge.“[17]

Das Motiv des als ursprünglich und


wahrhaftig wahrgenommenen nackten
Körpers findet sich nicht nur in der
Jugendbewegung, sondern auch in
anderen Formen lebensreformerischer
Gruppierungen und Ideengebäude. Hier
wie da wurde vorwiegend der Bezug zu
der als edel und wahr idealisierten
Nacktheit antiker Kulturen hergestellt.

Geschichtsschreiber der
Bewegung

Sieben Jahre verbrachte Hans Blüher, der
1907 sein Abitur ablegte, in der
Wandervogelbewegung, bevor er 1909
ausschied.[14] Doch auch danach riss die
Verbindung nicht ab, zumal Blüher auch
während des Aufspaltungsprozesses der
Organisation zu seinen frühen
Freundschaften stand und
Deutungshoheit über die Entwicklung der
Bewegung reklamierte, nach eigenem
Bekunden dabei angespornt und
unterstützt von Willie Jansen, der ihn
auch gedrängt haben soll, einer
Darstellung der Wandervogel-
Entwicklung von anderer Seite durch ein
eigenes Werk zuvorzukommen.[18]
Im Titel bereits erhob der im
Erscheinungsjahr 1912
Vierundzwanzigjährige den Anspruch,
Aufstieg, Blüte und Niedergang der
Bewegung zu erfassen und verständlich
zu machen. Dabei kam es ihm darauf an,
schrieb er im Vorwort, das scheinbar
Unverknüpfte zusammenzubinden und
das Bewegende an den Bewegungen zu
finden. Im Gegensatz zum bloßen
Chronisten müsse jeder
Geschichtsschreiber sich dieser
subjektiven Seite seines Schaffens
stellen.

„Dabei können ihm große


bedeutende Irrtümer
unterlaufen, entscheidende
vielleicht, während der
Chronist sich im besten
Falle zu einem
Schreibfehler aufschwingt
[…]. Ich habe die
Geschichte der
Jugendbewegung zu
beschreiben, deren
innerstes Wesen, soweit
ich es verstanden habe,
eine solche Fülle
interessanter Tatsachen
birgt, daß es sich wohl
lohnt, über sie
nachzudenken; eine
Bewegung, die ganz uns
gar aus der Jugend selber
geboren wohl die
merkwürdigste ist, die je
über deutschen Boden
gegangen. Aber eben nur
das Innere ist merkwürdig,
das Nichtgesagte,
Verschwiegene. […] Es war
eine Jugend, die zu
Wochentagen an sauberen
Tischen aß und der man
nichts ansehen konnte, die
dann an nebligen Festen
durch braune Heiden und
sandige Landschaften
strich in wilder Kleidung,
bepackt und zerzaust,
nicht wiederzuerkennen,
die zu nächtigen Zeiten an
Feuern lag und zu
einander redete von
niegesagten Dingen voller
Zorn, Verdrossenheit,
Ueber- und
Schwermut.“[19]

Den institutionellen Beginn der


Wandervogelbewegung deutete Blüher
als „genialen Streich“ Karl Fischers gegen
Schulgesetze und staatliche Behörden,
die den Schülern eigene Vereinigungen
untersagten. Indem er eine Reihe
angesehener Steglitzer Bürger als
Vorstand des „Ausschusses für
Schülerfahrten“ gewann, konnte er seine
Gründung auf ein dauerhaftes
Fundament stellen und schuf zugleich
das Muster für weitere Initiativen: „Dieser
Ausschuß war der eigentliche Verein, er
wurde der Schule präsentiert, und die
Namen der Männer bürgten dafür, daß
alles mit rechten Dingen zuging. Ganz
getrennt davon bestand die eigentliche
Jugendbewegung mit ihren Führern; es
wurde dafür gesorgt, daß der Ausschuß
möglichst wenig damit zu tun hatte, nur
Geld und Namen hergab und, wie gesagt,
der Oeffentlichkeit gegenüber ‚bürgte‘.
Die Schüler selbst wurden in das
„Scholarenbuch“ eingetragen, waren aber
nicht Mitglieder des Vereins, sondern
standen nur in einer Liste, wo man ihre
Adressen finden konnte.“[20]

Zur Gründungssitzung erschien Fischer


mit einigen seiner Getreuen, darunter der
Mechanikerlehrling Wolf Meyen, dem bei
der allgemeinen Suche nach einem
Vereinstitel als Jüngstem die zündende
Idee kam, wie Blüher berichtet:

„‚Wenn das Kind nun


einmal einen Namen haben
muß, meinte Wolf Meyen,
warum soll man’s da nicht
‚Wandervogel‘ nennen!‘
Damit war’s geschehen:
d a s Wort war
indiskutabel!
Zehntausende junger
Menschen sollten sich an
ihm begeistern und darin
den Sinn ihrer Jugend
finden.“[21]

Meyen hatte auf dem Berlin-Dahlemer


Friedhof das Grab von Kaethe Branco
geb. Helmholtz (1850–1877) und dessen
Inschrift gesehen: „Wer hat euch
Wandervögeln die Wissenschaft
geschenkt […]“.[22]

Die Vereinsgründung fand Anfang


November 1901 statt; die nachfolgenden
Wintermonate nutzte Fischer zur
Rekrutierung weiterer geeigneter
Mitstreiter, die er in der nächsten
Wandersaison für Führungsaufgaben
einsetzen konnte.

„Als es dann aber Frühling


zu werden begann, da
setzte er sich mit einigen
Schuldirektoren in
Verbindung, die ihm ihre
Aula zur Verfügung
stellten, und hier trat er
dann offen vor die
versammelte Jugend und
redete zu ihr vom
Wandern und von der
Herrlichkeit des
Zigeunerlebens; aber er
sprach in vorsichtigen
Worten. Und es dauerte
denn auch nicht lange, da
kamen an die hundert
Berliner Schüler
zusammen aus allen
Vororten, gelockt durch
den romantischen Zauber,
den Fischer und noch mehr
seine Bachanten um sich
her verbreiteten.“[23]

Gegenüber Ideen, die dem Wandervogel


im Zuge einer „Pädagogisierung“
angetragen wurden, nahm Blüher
zunächst eine süffisant-ablehnende
Haltung ein. So polemisierte er gegen die
„landläufigen patriotischen und
gutbürgerlichen“ Ideale der Väter, „wie
man sie in der Zeitung zu lesen bekommt
und womit man sich als Kandidat eines
staatlichen Amtes nur recht reichlich zu
versehen hat, um einer guten Karriere
gewiß zu sein.“ Sie seien zur Reklame
unübertrefflich geeignet:
„Auf allen Flugschriften
und Zeitungen des
Wandervogels sah man sie
ausgehängt, auf ihren
Lockruf strömten
Ministerien und
Schulbehörden nebst einer
ganzen Hetze
protektorischer Mächte
herbei und jedes forderte
seinen Tribut von der
Jugendbewegung, die
immer ärmer wurde. Da
schrien sich junge
Studentlein auf nationalen
Versammlungen den Hals
wund und priesen in
überschwenglichen Tönen
die hohe patriotische und
sittliche Bedeutung des
Wandervogels, und wehe
dem, der hier etwa eine
naivere Auffassung zu
haben wagte: er war ein
ordinärer Kerl, der nichts
verstand von den großen
Gedanken der
Menschheit.“[24]

Schließlich dämmerte für Blüher in der


Geschichte des Wandervogels „eine Zeit
auf, die den Stempel der Moderne trug“:

„Die große
Abstinenzbewegung ist da
vor allen Dingen zu
nennen, dieser
entscheidende Plan der
zivilisierten Menschheit,
der mit jeder Alterskultur
zu brechen den Mut hat;
ferner als Gegensatz zu
der verlogenen
Geschlechtertrennung, wie
sie die Eltern übten, eine
größere Annäherung der
Geschlechter in der
Jugend: das
Mädchenwandern. Hinzu
kam die Pflege des
Volksliedes und vieles
andere. […] Diese Teile der
Bewegung standen geistig
höher und brachten es
auch zu einer lesbaren
Zeitungsliteratur, während
die Nur-Romantiker hierin
nie weit gekommen
sind.“[25]

Die Aufnahme von Mädchen in den


Wandervogel war allerdings unter Karl
Fischer strengstens verboten, da dadurch
eine Aufweichung der als polar
vorgestellten Geschlechterbilder
befürchtet wurde: eine Verweiblichung
der Jungen und eine ‚Verbubung’ der
Mädchen. Geist und Natur der Jungen
wurden exklusiv mit klassischen
männlichen Attributen wie Härte,
Abenteuerlust, Disziplin, Kühnheit,
Entschlossenheit und körperlicher Stärke
belegt. In der Bindung an einen
männlichen Führer galt es, die eigene
Männlichkeit zu entwickeln und das nicht
nur in Abhebung von Frauen und
Mädchen, sondern auch von den als
brauchbaren Vorbildern ausgefallenen
leiblichen Vätern. Damit bestätigte der
Wandervogel die damals
vorherrschenden sozialen
Geschlechterrollen und -praktiken, die ein
Zusammensein von Jungen und
Mädchen ohne die Aufsicht von
Erwachsenen ausschlossen.

Zeitkritiker und Tabubrecher:


Knabenliebe

Nicht selten schlug Blüher in seiner


Wandervogel-Geschichte einen
ironischen oder polemischen Ton an, wo
er die Bewegung ihrem Ursprung
entfremdet fand oder mit den
Wertvorstellungen „der alten Generation“
angereichert. Allergisch reagierte er z. B.
auf die Appelle älterer Offiziere, die dem
Wandervogel nationale Pflichten und
Aufgaben zuwiesen. Demgegenüber kam
es ihm darauf an, „das genügende
Gelächter aufzubringen, das das einzig
wirksame Gegengewicht für jenen
Kriegsvereinspatriotismus bilden kann.“
Als Zeichen innerer Reife verbuchte er
„die selbstverständliche Achtung vor der
Liebe anderer Völker zu ihren
Vaterländern“. Lachhaft erschien ihm
1912 die Personifizierung und
Vergötzung des Vaterlands etwa durch
Germania-Statuen, und für fatal hielt er
das Gelöbnis der „Treue bis in den Tod“,
verbunden „mit der planmäßigen
Hinschlachtung anderer Völker“:
„Zwei Mächte also sind es,
die dauernd zum
Völkermord anreizen:
gewisse rechtsstehende
politische Parteigruppen,
die sogenannten
‚Scharfmacher‘ und mit
ihnen Hand in Hand
gehend – die Schulmeister,
besonders jene gefährlich
Sorte der Historienlehrer
(auch Religionslehrer
mitunter). Das sind so
Leute, die so
zurückgeblieben sind, um
noch garnicht zu wissen,
daß der Krieg zwischen
Kulturvölkern heute längst
als ein unrentables
Geschäft erwiesen ist, bei
dem auch der Sieger nicht
viel mehr ernten kann, als
seinen
volkswirtschaftlichen Ruin
und eventuell eine
Invasion von
Halbkulturvölkern.“[26]

Weder die vaterländischen Impulse noch


ein bloßer Erholungszweck – weg vom
„Bücherstaub“ zur Wiederherstellung der
Lernbereitschaft – waren für Blüher
ausschlaggebende Motive der
Wandervogelbewegung, sondern ein
triebhafter Wunsch beim Großteil der
Bewegung, sich in der romantischen
Rückkehr zur Natur von der Kultur der
Väter abzuwenden: „Eine tiefe moralische
Korruption, eine schier unsagbare
Verlogenheit in fast jeder ernsteren
Beziehung muß überall da herrschen, wo
die Jugend zu einem Gedanken
hergerichtet wird, statt zu sich selbst und
zu den realen Verhältnissen.“[27]

Blühers nachhaltigster Verstoß gegen


Wertekodex und Tabugesetze der
Vätergeneration bestand in seinem
Bekenntnis zur männlichen Homoerotik
und zu ihrem Einfluss auf die
Wandervogelbewegung. Über das
Phänomen selbst war er im
altsprachlichen Schulunterricht
aufgeklärt worden. Da wurde Ion von
Chios mit einer Stelle behandelt, in der
Sophokles einen ihn beim Gastmahl
bedienenden Knaben küsst und sich in
ihn verliebt: „Diese Stelle nun mußten die
Schüler übersetzen und bekamen so eine
Seite des antiken Lebens zu erfahren, die
ihnen sonst geflissentlich verheimlicht
wurde. Sie schüttelten die Köpfe und
wußten nun gar manches mehr. Sie
fanden sich wohl auch in ihrem eigenen
Leben besser zurecht.“[28] In seinen
Lebenserinnerungen schildert Blüher das
Steglitzer Gymnasium seiner Schülerzeit
als einen Ort, wo homoerotische
Beziehungen unter den Jungen sehr
verbreitet waren:

„Es ist mir aber nicht ein


einziger Fall bekannt, wo
eine solche Knabenliebe zu
lüsternen Attacken geführt
hätte. Es gehörte bei uns
einfach zum guten Ton,
Knaben vor der Reife nicht
zu berühren. […] Unter
Gleichaltrigen dagegen
waren die erotischen
Beziehungen entschieden
lebhafter; hier packte uns
der vollentflammte Eros
und riß uns durch alle
Dunkelheiten mit sich
fort.“[29]

Blüher selbst soll nach Hergemöller in


diesen Jahren durch eine Reihe
homoerotischer Eskapaden aufgefallen
sein. Ein unglücklich in ihn verliebter
Schlossergeselle brachte sich, wie Blüher
bezeugt, auch seinetwegen um.[30]
Ulfried Geuter, der auch den privaten
Nachlass Blühers für seine Studie
ausgewertet hat, bestätigt hingegen
dessen heterosexuelle Orientierung und
zitiert aus einem Brief Blühers an seine
Eltern, „daß es nur eine Macht- und
Zufallsfrage war, die das Zünglein nach
dieser Seite ausschlagen ließ“, weil er
jahrelang „Pech in der invertierten
Richtung“[31] gehabt habe, was zu deren
Einschlafen geführt habe. Louise
dagegen, seine Geliebte, übe nun bereits
dreieinhalb Jahre lang eine zwar kaum
leidenschaftliche, aber doch
gleichmäßige und starke Wirkung auf ihn
aus.[32]

Allgemeine Bedeutung für die


Wandervogelbewegung nahm das
Thema Homosexualität an, als Willie
Jansen, unterdessen Bundesvorsitzender
des Wandervogels in Berlin, in einer
Vorstandssitzung zwar die gegen ihn
selbst gerichteten Vorwürfe
diesbezüglicher unerlaubter Handlungen
dementierte, seinen Vorstandskollegen
aber Naivität und Ahnungslosigkeit
hinsichtlich der homoerotischen Aspekte
des Wandervogellebens bescheinigte
und ergänzte, man würde in dieser Sache
wohl vorsichtiger vorgehen, wären sich
die Herren dessen bewusst, was sie
selbst an der Wandervogel-Jugend
interessierte. „Das war“, kommentiert
Blüher, „eine ungeheure Sprache, die
umso mehr wirken mußte, als in der Tat
keiner der alten und jungen Herren eine
wirkliche Kenntnis der erotischen Dinge
besaß.“[33] Geuter bescheinigt Blüher in
diesem Zusammenhang „durch und
durch eine Tendenzgeschichte, deren
zweiter Band offensichtlich dazu diente,
Jansen zu huldigen“.[34]

Als grundlegend für sein eigenes


geistiges Leben bewertete Blüher eine
Äußerung Jansens im persönlichen
Gespräch: „Wo käme denn die Kraft her,
die imstande ist, solche Bewegung unter
der männlichen Jugend hervorzurufen,
wenn nicht von Männern, die, statt das
Weib zu lieben und Familienvater zu
werden, den Jüngling liebten und die
Männerbünde gründeten?“[35] Durch
Jansen lernte Blüher auch den
Philosophen und Zoologen Benedict
Friedlaender kennen und wurde
eingeführt in die von ihnen und Adolf
Brand gegründete „Gemeinschaft der
Eigenen“, eine Vereinigung
homosexueller Literaten, Wissenschaftler
und Künstler. Brand gab 1896 bis 1932
die Zeitschrift Der Eigene heraus, in der
er sich für die Emanzipation der
Homosexuellen einsetzte sowie für
„Kunst und männliche Kultur“. Brunotte
weist Blüher 1912 als Mitglied sowohl
der Gemeinschaft der Eigenen als auch
des Wissenschaftlichen-humanitären
Komitees von Magnus Hirschfeld aus und
sieht Blühers Frühwerk an der
Schnittstelle bzw. in einer
Brückenfunktion zwischen den
unterschiedlichen Konzepten von
Homosexualität und Männlichkeit
einerseits sowie der Freudschen
Psychoanalyse andererseits.[36]

Den beiden ersten Bänden seiner


Wandervogel-Darstellung, die „Aufgang“,
„Blüte“ und „Niedergang“ behandelten,
fügte Blüher einen dritten unter dem Titel
„Die deutsche Wandervogelbewegung als
erotisches Phänomen“ hinzu.
Widerstände gegen die Verbreitung
seiner Schriften hatte er bereits im
Vorfeld des Erscheinens richtig
vorausgenommen – Schuldirektor Lück
kümmerte sich in Steglitzer Buchläden
persönlich darum, dass Blühers Bände
aus den Auslagen entfernt wurden (was
der Nachfrage aber nicht merklich
schadete)[37] – und hatte das Erscheinen
aller drei Bände vertraglich abgesichert.
Es kam ihm darauf an, „die öffentliche
Meinung plötzlich zu überfallen, auf
einmal, völlig unvorhergesehen da zu
sein, und so dazusein, daß man aus
dieser Position nicht mehr vertrieben
werden konnte.“[38]

„Als der Druck der


Aushängbögen sich nun
seinem Ende näherte, tat
ich folgendes: ich schnitt
mit der Schere die
harmlosesten Stellen
heraus,
Landschaftsschilderungen,
Fahrtenereignisse,
Zeichnungen von
Charakteren, was alles in
geschicktem fontaneschen
Stil verfaßt war, und
versandte sie an einige der
bedeutendsten
Wandervogelzeitschriften,
mit dem Begleitschreiben,
daß demnächst meine
Geschichte des
Wandervogels bei
Bernhard Weise erschiene
und ich sie bäte, den
beiliegenden Auszug
abzudrucken. Kaum waren
die Briefe abgeschickt, so
regnete es eilige Anfragen:
Was denn das sei …? Man
habe ja nicht das Geringste
davon erfahren, man bäte
sofort um genauere
Angaben, besonders aber
bäte man darum, doch
möglichst einmal das
ganze Werk in
Fahnenabzügen zu
übersenden, damit man
einen Überblick bekommen
könne; das freilich war es,
was ich unbedingt
verhindern mußte.“[39]

Blüher schrieb den Interessierten, er habe


alle Probeexemplare zerschnitten und
weiträumig an Redaktionen versendet,
könne daher das Ganze zur Ansicht nicht
liefern. Wer einen größeren Posten
ordere, erhielte aber innerhalb einer
angemessenen Sperrfrist das
Alleinvertriebsrecht. So gelang es ihm,
auf einen Schlag 1500 Exemplare des
ersten Bandes abzusetzen. Für das
Erscheinen des zweiten und dritten
Bandes ein halbes Jahr später schloss er
mit zahlreichen Zeitungen Vorverträge
für Anzeigen und Vertrieb ab, die dann
unabhängig vom gewagten Inhalt des
Werkes zu erfüllen waren:

„Entsetzliche Lage! Es
muß ein Gefühl gewesen
sein, wie es jemand hat,
der ein Gift geschluckt hat
und nun mit voller
Gewißheit weiß: in
wenigen Minuten wird der
furchtbare Krampf in den
Gedärmen beginnen, der
dich vernichtet. Das
gefürchtete Buch kam mit
unheimlicher Gewißheit
über sie; sie waren von
allen Seiten umstellt, und
es gab kein Entrinnen. Und
nun kam gar das von mir
bekräftigte Gerücht auf,
daß ein ‚dritter Band’
erscheinen würde. Was
mag wohl in diesem gar
drinstehen …? Ich bekam
Briefe über Briefe aus
Wandervogelkreisen, die
mich warnten, doch mit
dem ‚Lebensinteresse‘ der
Jugend nicht zu spielen
und es nicht gar zu weit zu
treiben. Ich würde doch
nicht etwas zerstören
wollen, was ich selbst mit
aufgebaut hätte. Aber ich
blieb unerschüttert in
meinem einmal gefaßten
Entschluß, und mein
Kriegsplan funktionierte,
nachdem er einmal
angelaufen war, wie eine
allgemeine Mobilmachung,
mit eigenmächtiger
Mechanität. […] Damit
war der große Schlag
getan. Die
Wandervogelbourgeoisie
war in eine unerhörte
Aufregung versetzt, die
Schulbehörden waren es
gleichfalls, die Eltern,
verwirrt und ratlos,
wußten nicht, was sie
sagen sollten, kurzum, es
gab einen großen
Tumult.“[40]

Der Journalist Christian Füller sieht in


Blüher einen Verteidiger der
Päderastie.[41]
Freudianer eigenen
Zuschnitts
In der Endphase seiner Arbeit an der
Wandervogel-Geschichte, so berichtet
Blüher in seinen Lebenserinnerungen, sei
ihm von dem daheim in Lichterfelde-Ost
einen Gesprächskreis zur Lehre Sigmund
Freuds unterhaltenden
Psychotherapeuten Heinrich Koerber die
Lösung eines theoretischen Problems
eröffnet worden, das Blühers
homoerotischen Deutungsansatz der
Wandervogelbewegung betraf. Bis dahin
ungeklärt war für ihn, „daß mindestens
die gleiche Anzahl von Jugendführern,
die genau so ihre ganze Zeit dem
Wandervogel widmeten, statt zum Weibe
zu gehen, keinerlei erotisch zu deutende
Handlungen begingen, ja sogar – und
das schien mir das Unverständliche zu
sein – diese Handlungen leidenschaftlich
bekämpften, und, wo andere sie
begingen, ebenso leidenschaftlich
verfolgten.“[42] Koerber verwies ihn auf
die Lektüre des seinerzeit nur in
Fachkreisen bereits bekannten Freud. Bei
den Ausführungen zum Ödipus-Komplex
fiel es Blüher „wie Schuppen von den
Augen“:[43]

„Ich lernte den


grundlegenden Begriff der
Verdrängung kennen.
Dieser hat im Bereiche der
empirischen Psychologie
durchaus die gleiche
Wirkung wie etwa der
Begriff der Gravitation in
der Mechanik. Kennt man
solche – nur vom Genie
entdeckbaren –
Grundbegriffe nicht, so
kann man die zugehörige
Wissenschaft überhaupt
nicht betreiben; es sei denn
man begnügt sich mit
bloßen
Wahrnehmungsurteilen.
Der Begriff der
Verdrängung hat das
Gesetz der
Unzerstörbarkeit der
psychischen Energie zur
Voraussetzung und
bestätigt es genau in
derselben Weise, wie durch
die Entdeckung des
mechanischen
Wärmeäquivalentes die
Erhaltung zunächst der
nichtpsychischen Energie
bestätigt wird. […] Freuds
Begriff der Verdrängung
besagt, daß ein sexueller
Trieb, wenn er dem
Bewußtsein nicht tragbar
erscheint, durch einen
unbewußten psychischen
Mechanismus – eben den
der Verdrängung – ins
Unbewußte gestoßen wird,
dort aber keineswegs der
Vernichtung unterliegt –
was wegen der a priori
gewissen Energieerhaltung
unmöglich ist –, sondern
mit einem ‚negativen
Vorzeichen‘ versehen, als
Angst, Ekel, Scham usw.
wiederkehrt, wenn er
durch ein erweckendes
Motiv ins Bewußtsein
zurückgeholt wird.
Nachdem ich diesen durch
seine Großartigkeit und
Einfachheit imponierenden
Gedanken erfaßt hatte,
wurde mir blitzartig die
ganze Situation zwischen
den Männerhelden und
ihren Verfolgern klar. Sie
waren beide aus
demselben Holz geschnitzt;
beide waren dem
jugendlichen männlichen
Menschen mit Haut und
Haar verfallen […] Der
Männerheld aber sagte zu
seiner eigenen Natur ja,
kannte sie und lebte nach
ihr; der Verfolger aber
verdrängte diese
Verfallenheit samt ihrer
äußersten wollüstigen
Ausdrucksform. So vollzog
sich die Umwandlung in
Angst. […] Der Verfolger
also kämpft – und zwar
vergeblich – gegen die
Einsicht, er könnte
Knabenliebhaber sein, an,
und um ganz sicher zu
gehen, verlegt er seinen
inneren Kriegsschauplatz
nach außen; er verfolgt die
vollendeten
selbstbejahenden
Männerhelden. Mit dieser
Theorie vom ‚nach außen
verlegten
Kriegsschauplatz’ war für
mich das Rätsel gelöst und
das Spiel gewonnen. Meine
Theorie war aus der
Sphäre der
Wahrnehmungsurteile
herausgetreten und zum
Erfahrungsurteil
geworden, also zur echten
Wissenschaft, und die
Veröffentlichung wurde
damit zulässig.“[44]

In dem Skandal machenden Band „Der


deutsche Wandervogel als erotisches
Phänomen“ strich Blüher sein und seiner
Weggefährten damaliges Desinteresse
am anderen Geschlecht breit heraus:
„Schon die ersten alten
Wandervögel, die sich in
jenem Berliner Vorort
zusammentaten, standen
in dem Rufe,
„Weiberfeinde“ zu sein.
Das heißt, man sah sie
niemals auf der
Hauptstraße gegen Abend
mit Mädchen in artige
Liebeskonflikte verwickelt.
Die Wandervögel
‚poussierten’ nicht. Sie
gingen auch nicht in die
Tanzstunde; tat es aber
Einer auf das Drängen der
Verwandten doch, so
konnte er der
ausgesuchtesten
Hänseleien sicher sein. Ein
Wandervogel mit einem
Mädchen zusammen, wäre
als Stilverfall empfunden
worden, der die ganze
Vagantenstimmung auf
einen Schlag verdorben
hätte. Es war, als ob für
diese Jugend das weibliche
Geschlecht nicht existierte;
man sprach nicht einmal
davon.“[45]

Um die öffentliche Aufnahme seiner


Wandervogel-Deutungen zu begünstigen,
hatte es Blüher nicht bei vertraglichen
Vorkehrungen belassen, sondern hatte
als unbekannter Jungautor fachliche
Rückendeckung für seine Anschauungen
gesucht: „Ich wandte mich daher
zweckmäßig an zwei besonders
ausgezeichnete Instanzen der
Sexualwissenschaft: an den größten
Materialkenner des vorliegenden
Spezialgebietes Dr. Magnus Hirschfeld –
Berlin und den größten Sexualtheoretiker
Prof. Dr. Sigmund Freud – Wien.“ Von
beiden und noch weiteren um Prüfung
Gebetenen wurde sein Ansatz „anerkannt
und für gut befunden“; Hirschfeld fand
sich sogar bereit zu einem Geleitwort für
Blühers dritten Wandervogel-Band.[46]
Damit wurde er zu einem wichtigen
Gewährsmann auch für Blühers
Forderung nach homosexueller
Freizügigkeit:

„Magnus Hirschfeld macht


in einem seiner Aufsätze
einmal die sehr feine
Bemerkung, daß die
Homosexuellen dadurch,
daß sie oft einfache
Lieblinge haben, mit ihrer
Liebe zu den nützlichsten
Förderern der
Ausgleichung der
Klassengegensätze
werden. […] Das wäre die
positive Seite, der
Gewinneintrag fürs
Volksleben. Die negative ist
nicht minder wichtig: die
Verlustergänzung. Da nach
den Forschungen Freuds
sich bei den Neurotikern
auf psychoanalytischem
Wege stets ein mehr oder
minder starker invertierter
Einschlag aufzeigen läßt,
der bei mißglückter
Verdrängung die
Krankheit mit hat
produzieren helfen, so
wird die Freigabe des
invertierten
Liebeskomplexes zu einer
psycho-sanitären
Forderung im Interesse des
Volktumes.“[47]

Blühers Bekenntnis zu den Lehren


Sigmund Freuds war für ihn grundlegend
und weitreichend. In ihnen sah er „den
unbezweifelbaren Höhepunkt der
bisherigen Psychiatrie […] und wir wollen
uns daran gewöhnen den Beifall
vorfreudischer Gelehrter, die mit uns
übereinstimmen, geringer zu
veranschlagen als die Gegnerschaft
orthodoxer Freudianer. Denn heute noch
in der Psychologie vorfreudisch zu
denken, ist ungefähr so komisch, als in
der Erkenntnistheorie vorkantisch zu
metaphysizieren.“[48] Anders als Freud
verstand Blüher die homosexuelle
Neigung jedoch nicht als durch
psychologische Prozesse bedingt,
sondern als angeboren, und setzte sich
damit seinerseits von ihm ab:
„Welches Geschlecht ich zu
lieben gezwungen bin, das
hat sich in einem Bereich
entschieden, der jenseits
des Psychologischen liegt.
[…] Wie ich mich aber dem
geliebten Geschlechte
gegenüber während
meines Lebens verhalte,
das unterliegt
psychologischen Gesetzen,
die nachweisbar sind. Es
war ein Fehler in Freuds
Denken, daß er den
mannmännlichen Eros als
ein Ergebnis psychischer
Vorgänge auffassen wollte,
also letzten Endes doch als
eine Abirrung von der
mannweiblichen Norm. Er
wollte trotz des
ausgiebigen Briefwechsels,
den ich damals mit ihm
führte, die autonome
Herkunft nicht
anerkennen. Hier schieden
sich also unsere Wege.“[49]

Der Unterschied zu Freud lag darin, dass


Blüher bei seinen „Männerhelden“
keinerlei neurotische Fehlentwicklung
aufgrund der ödipalen Problematik
vorliegen sah. Als pathologisch
betrachtete Blüher nur die latente und
weibliche Homosexualität, nicht jedoch
die sexuelle Inversion bei Männern.[50] Er
habe, so Geuter, mit seiner Kritik an der
Psychoanalyse, die den „gesunden
Vollinvertierten“ nicht erklären könne,
„durchaus einen richtigen Punkt
getroffen“.[51] So wie sich Blüher aber
späterhin mit Freud durch antisemitische
Äußerungen persönlich überwarf,
verkehrte sich auch das Verhältnis zu
seinem anderen Förderer Magnus
Hirschfeld, dem er die willkürliche
Kürzung eines eigenen Beitrags im
Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen
vorhielt und den er als Repräsentanten
einer „jüdisch-liberalen
Kulturanschauung“ bezeichnete.[50][52] In
diffamierender Absicht stellte er
Hirschfeld in ein Umfeld aus
„deformierten Männern“, „deren
Rassenentartung durch eine überstarke
Begabung an weiblicher Substanz
gekennzeichnet ist.“[53] In seinen
Lebenserinnerungen behauptete Blüher
zudem tatsachenwidrig, das besagte
Jahrbuch habe, um es schmackhaft zu
machen, Illustrationen enthalten.[54]

Querdenker zwischen Eros


und Staat
Dem zweibändigen Werk Die Rolle der
Erotik in der männlichen Gesellschaft,
erschienen 1917, gab Blüher den
Untertitel: „Eine Theorie der
menschlichen Staatsbildung nach Wesen
und Wert“. Darin sah er sich einer von
keinem neuzeitlichen Denker erfassten
Naturgesetzlichkeit auf der Spur.

Aus der universellen Gültigkeit des


Verdrängungsmechanismus folgerte
Blüher, dass gleichgeschlechtliche
Regungen die Gesellschaft in weit
höherem Maße prägen, als es einer
sexualitätsverneinenden und -
verdrängenden Wahrnehmung auch nur
möglich erscheine. In eine ganz falsche
Richtung führe dabei die Verwechslung
zwischen Androgynie und Bisexualität:
die sexuelle Orientierung folge nicht
daraus, wie weit jemand ein maskuliner
oder femininer Typ ist.[55] Aber sie sei
angeboren und damit Schicksal. Diese
Orientierung nannte er „Inversion“, um zu
betonen, dass sie eine Naturschöpfung
ersten Ranges sei, während der „von
Psychiatern erfundene oder vielmehr aus
der Luft gegriffene Begriff
Homosexualität“ bloß klassifiziere und
pathologisiere. So gesehen sei „der
sogenannte Homosexuelle kein
abgesprengtes Stück in der Menschheit,
vielmehr ist er der Sonderfall einer weit
größeren übergeordneten Gattung Mann,
den ich den Typus inversus genannt
habe“[56], oder auch, analog zu
Frauenheld, den „Männerhelden“.

Diese Neigung zum eigenen Geschlecht


sei – auch ohne Verdrängung, mit ihr erst
recht – keine symmetrische Spiegelung
der Neigung zum anderen Geschlecht,
und die aus dieser entspringende
Dynamik grundverschieden von jener:

„Während nun die Natur


die Liebe des Mannes zum
Weibe freigegeben hat und
sie, die gewöhnlichen
Hemmungen der Scham
abgerechnet, offen
ausströmen läßt, hat sie
die des Mannes zum
Manne gebunden […]; der
mann-männliche Eros
verbindet sich ständig mit
geistigen Gütern und hat
heroischen Lebensstil. Der
mannweibliche ist
idyllisch. Während die
soziologische Linie der
mannweiblichen Liebe die
Familie ist, heißt die
entsprechende bei der
mannmännlichen
‚männliche Gesellschaft’.
Diese wird von der Natur
über die Männerbünde
hinweg zur
Staatsgründung verwandt.
Es kann also keine Rede
davon sein, daß die Familie
die ‚Keimzelle des Staates’
ist.“[57]

Dass der Mensch ein staatenbildendes


Wesen sei, verdanke er somit nicht etwa
einer ökonomischen Vernunft, sondern
der Natur selber, die ihn, wie einige
andere Arten, dazu geschaffen habe.
„Der Natur ist es –
teleologisch gesprochen –
beim Menschen gelungen,
eine Gattung fest zu
sozialisieren, ohne
Zwangsverkümmerungen
an großen Teilen der
Gattungsindividuen
vorzunehmen. Sie kommt
beim Menschen ohne
sogenanntes drittes
Geschlecht aus. Die
einzigen bekannten drei
Tierarten, die außer dem
Menschen wirkliche
Staaten bilden, müssen
einen verkrüppelten Typus
unter sich ertragen, der
sogar die Herrschaft
ausübt, und kommen
daher nicht dazu, den
Staat als Mittel zum Geist
zu benutzen. Der Staat
bekommt absoluten Wert.
Nur dem Menschen gelingt
der große Sprung, denn
seine Sozialität wird nicht
durch Formungen
erzwungen, die die volle
Entfaltung der
persönlichen Wucht, der
ethischen Seele, brechen.
Die Natur schuf zwei
Männerarten – die eine, die
dem Weibe verfallen, die
andere, die dem Manne
verfallen ist, den Typus
inversus. Wie dieses
Verfallensein zum
Ausdruck kommt, ob mit
frei hervorbrechender
Sexualität oder mit
verdrängter und
transformierter, ist eine
zweite Frage, die nur
durch die analytische
Psychologie nach der
Methode des Professors
Sigmund Freud gelöst
werden kann. Während die
den Frauen verfallene
Männerart berufen ist, die
Familie, ist es Aufgabe des
Typus inversus, die
Männliche Gesellschaft zu
bilden. Zwischen Familie
und Männlicher
Gesellschaft schwingt ein
ununterbrochener
Rhythmus, der in der
ganzen Menschheit fühlbar
ist, und diese beiden Pole,
die von der Sexualität
geschaffen werden, sind
die letzte erkennbare
Struktur des menschlichen
Sozialisierungsprozesses.“[58]

In der „Rolle der Erotik...“ sowie in der


kurz vor seinem Tod verfassten „Rede
des Aristophanes“, in der Blüher bekennt,
dass er sich zwar anderen Themen
zugewandt, seine früheren
Überzeugungen jedoch keineswegs
gewechselt habe, dient ein breit
gefächertes Spektrum an Beispielen aus
Geschichte, Literatur und Zeitgeschichte
der Erläuterung seiner Thesen. An erster
Stelle steht die klassische Antike,
daneben Stammeskulturen mit ihren
Männerhäusern, Normannen,
Räuberbanden, Ritterorden, Templer,
Freimaurer, Studentenverbindungen,
außerdem SA und SS. Letztere als
extreme Bestätigungen der Relation:
Verdrängungsdruck nach innen =
Verfolgungsdruck nach außen. Es sind
Beispiele dafür, wie sich unter dem Druck
brutalster Verdrängung sowohl Eros als
auch Geist in ihr Gegenteil verkehren
können.
Der Begriff des Eros ist für Blüher zentral.
Eros ist die „lenkende Form“, die die
Sexualität beim Menschen annimmt.
Deren Wirkung ist die bedingungslose
„Bejahung eines Menschen abgesehen
von seinem Wert...nicht, weil man es
„will“, sondern weil man es wollen
muß.“[59] Dieser autonomen Macht, die
wie keine andere den Menschen als
Schicksal trifft, stellt Blüher polar, also
Spannung erzeugend, den Geist, der
überpersönliche Werte schafft,
gegenüber. Diese Spannung erhielte in
mannmännlichen Verbindungen eine
besondere, oft tragische Dynamik, was
tief mit der Natur des Mannes
zusammenhänge.[60] Denn Geist sei der
Gipfel der Männlichkeit so wie Eros der
der Weiblichkeit:

„Vom Weibe kommen keine


Kulturwerte letzter
Begründung, und Geist ist
– eben in letzter,
produktiver Auffassung,
nicht in reflektierter –
sekundäres männliches
Geschlechtsmerkmal. Das
Höchste, wohin die Frau
gelangen kann, ist die
Liebe, und es ist ein Akt
vollendetster Ritterlichkeit
gegen sie, wenn man sie
überall, wo sie liebt, als
sakrosankt ansieht und im
Zustande ihrer höchsten
und einzigen Würde.“[61]

Fundamentalkritik am
Bildungswesen
Blühers Stellung zum Bildungswesen war
ambivalent. Einerseits bekannte er sich
zur Idee des humanistischen
Gymnasiums ebenso wie zu derjenigen
der Universität, andererseits übte er
schärfste Kritik an den bestehenden
Bildungseinrichtungen, denen er Verrat
an ihrem ursprünglichen Ideal vorwarf.
Diese Kritik bezog sich nicht nur auf die
Praxis der Wissensvermittlung, die er als
Schüler und später als Student erlebt
hatte, sondern auf das Bildungskonzept
in seiner Gesamtheit. Ihren Kern bildete
der Vorwurf, im Mittelpunkt stehe nicht
die Beschäftigung mit geistigen Inhalten
um ihrer selbst willen, sondern der
Wissenserwerb diene vorrangig oder
ausschließlich der „Ausbildung für den
Lebenskampf“. Daher sei die Zielsetzung
der modernen Schule in jeder Hinsicht
dieselbe wie diejenige der antiken
Sophistik, die dem Schüler Methoden zur
Erzielung von Erfolgen in der Politik oder
vor Gericht unabhängig von den jeweils
vertretenen Inhalten vermittelte. Dadurch
werde die Jugend vorgeblich gebildet, in
Wahrheit aber entseelt.[62] Aus Blühers
Sicht ist die Erlangung technischer
Fertigkeiten aller Art sowie überhaupt
alles „gewöhnliche Tun, das immer im
unmittelbaren Dienste der
Zweckmäßigkeit und des Nützlichen
steht“, den wahrhaft geistigen
Bestrebungen absolut untergeordnet.[63]
Er meint, der fundamentale
Rangunterschied zwischen
„Banausentum“, also allen
Beschäftigungen, die primär der
Sicherung des Einkommens dienen oder
auf ein bequemeres Leben abzielen, und
der geistig schöpferischen Tätigkeit etwa
eines Philosophen oder Mathematikers
sei den antiken Griechen
selbstverständlich gewesen. Im
modernen Schul- und Hochschulwesen
hingegen werde diese Rangordnung
verwischt, etwa durch die Gleichstellung
des Abiturs der Realschulen mit dem des
humanistischen Gymnasiums, das „die
einzige echte Bildungsanstalt“ sei.[64]

Das vernichtende Urteil, das Blüher über


den Hochschulbetrieb fällte, stützte er
auf seine Erfahrung als Student. Sein
nach dem Abitur 1907 in Basel
begonnenes und in Berlin fortgesetztes
sechzehnsemestriges
Universitätsstudium in den Bereichen
klassische Philologie, Philosophie,
Germanistik, Biologie und Theologie[14]
betrachtete er im Rückblick wie ein
Geschäftsverhältnis zwischen einem
Kunden und einem Verkäufer. Die
modernen Hochschulen seien „nichts
weiter […] als reelle geistige
Warenhäuser, in denen man für gutes
Geld eine entsprechend gute Ware kauft“;
darüber hinaus komme ihnen keine
Autorität zu, und dazu sollten sie sich
ehrlich bekennen.[65] Den Abbruch seiner
Doktorarbeit zu Schopenhauer (über die
„Vierfache Wurzel des Satzes vom
zureichenden Grunde“) kommentierte er
so:

„Doch in der Sache selber


kann ich nur Betrübliches
vermelden. Kaum nämlich
hatte ich mit der
mühevollen Arbeit
begonnen, als mir auch
deren wahrhaft
erdrückende
Überflüssigkeit klar wurde.
Es stellte sich heraus, daß
ich zu jeder Arbeit unfähig
bin, die ebenso gut auch
ein anderer machen
konnte. Und um so klarer
wurde mir, daß ich
überhaupt nur Dinge
treiben dürfte, die nur ich
allein bewältigen konnte.
Und dabei ist es
geblieben.“[66]

Den Ausgangspunkt von Blühers


Überlegungen zum Bildungswesen bildet
die Frage nach dem Sinn und Ziel der
Beschäftigung mit der Antike, die einen
zentralen Teil des gymnasialen
Unterrichts bildete. Der einzige Sinn einer
Begegnung der modernen Jugend mit
dem antiken Griechentum besteht nach
seiner Überzeugung darin, dass die
Griechen das „Zeugungsmittel“ seien,
das dem auf sie Stoßenden dazu
verhelfe, die schöpferische Kraft seines
eigenen Gemüts freizusetzen. Nur als
solcher „Entzündungsstoff“ sei die antike
Literatur weiterhin wertvoll. Die
Pädagogen seien aber in der Regel
außerstande, den Schülern eine solche
Begegnung zu ermöglichen. Sie seien
nämlich als klassische Philologen auf
eine völlig andere Herangehensweise, die
Methode der Altertumswissenschaft,
festgelegt. Diese erschöpfe sich darin,
mittels historisch-philologischer
Forschung (insbesondere Textkritik)
objektive Tatsachen über Äußerlichkeiten
zum Leben und Werk der antiken Autoren
zu ermitteln. Mit diesem auf eigentlich
Belangloses gerichteten „Willen zur
Wahrheit“ könne man sich „die
aufregenden Mächte vom Leibe halten“,
mit denen man es zu tun bekäme, wenn
man sich tatsächlich auf den Inhalt der
Texte einließe, statt nur oberflächlich
deren Form zu untersuchen:

„Es kann kein Zweifel


bestehen, daß
Winckelmann, Schiller und
Goethe, die den Deutschen
vor Nietzsche als
Interpreten der Griechen
galten, sich über deren
empirische Realität ebenso
geirrt haben, wie dies
Nietzsche tat. Der
schöpferische Mann hat
die Wahrheit nicht nötig.
[…] Altertumswissenschaft
ist nichts anderes als
Rückgängigmachung der
Irrtümer großer Männer;
denn gäbe es keine großen
Männer, die sich an den
Griechen entzündeten, so
kümmerte sich kein
Mensch im Volk um sie.
[…] Klassische Philologen
[…] sollten als Erzieher
überhaupt ignoriert
werden. […] Es kommt auf
die geheiligten Irrtümer
der Großen an, nicht auf
die Wahrheiten der kleinen
Leute. […] Wissenschaft ist
ein Mittel gegen die
Wahrheit. Wer
Wissenschaft betreibt und
nicht von ihr los kann, von
dem kann man immer
sagen, daß er sich vor
einer anderen Erkenntnis
wehrt.“[67]

Den konkreten Anlass zu Blühers


Polemik gegen die klassische Philologie
bot der publizistische Angriff des
klassischen Philologen Ulrich von
Wilamowitz-Moellendorff auf Nietzsche,
der damals großes Aufsehen erregte.
Blüher betrachtete Wilamowitz als
Repräsentanten des „bürgerlichen Typus“
in der Rolle des Gelehrten. Die
Haupteigenschaft dieses Typus sah er
darin, „sich alle aufregenden Dinge
sowohl des Menschen, als der Natur
fernzuhalten und nicht an sich
herankommen zu lassen. […] Er hält sich
das wilde Tier in den zoologischen
Gärten und er hält sich den Philosophen
in den Universitäten.“[68] Nietzsche
hingegen habe „das große Schicksal
erlitten: er war auf die Griechen
gestoßen, und auf einmal wurde sein
Wesen aufgerührt.“ Dadurch sei „eine
neue Lebenshaltung entstanden; unter
fortwährender Todesgefahr für den, der
sie zum ersten Mal verkündete.“ Dieser
Art Herausforderung habe sich
Wilamowitz nicht stellen wollen, sondern
„die Anpassung des Griechentums an die
bürgerliche Wohnstube und das
protestantische Pfarrhaus“ vollzogen.[69]

Nach dem Erscheinen einer


Kampfschrift, die Blüher gegen
Wilamowitz richtete, wurde er – offiziell
wegen einer anderen Veröffentlichung –
vor das philosophische Dekanat geladen.
Trotz angedrohter polizeilicher
Vorführung verweigerte er – etwas
indigniert wegen seiner offenbar
unberücksichtigten Bekanntheit als
Schriftsteller – das Erscheinen. Danach
nahm er das in Abwesenheit ergangene
und von Wilamowitz unterzeichnete
„consilium abeundi“ an, beendete das
Studium also ohne formalen
Abschluss.[70]

Politisch-weltanschauliche
Bekenntnisse
Die zeitkritisch-polemische
Auseinandersetzung, die Blüher mit
Kirche, Staat und vorherrschendem
Wertehorizont der wilhelminischen
Gesellschaft aus seiner Wandervogel-
Perspektive bis zum Ersten Weltkrieg
geführt hatte, wurde zu Zeiten der
Weimarer Republik von entschieden
antidemokratischen Bekundungen
abgelöst und mündete in ein klares
Bekenntnis zur Monarchie, das
verbunden war mit dem Modell einer
spezifisch männerbündischen
Adelsaristokratie. Diese
Grundkoordinaten seines
weltanschaulichen Werdegangs hat
Blüher wie folgt bestimmt:

„Der Adel ist nicht durch


Satzung da, sondern von
Natur. Daß es auch Adel
von Satzung gibt, den
Nominaladel, diese
Tatsache ist nur die
Kreuzung einer
natürlichen und einer
gesellschaftlichen
Gegebenheit. Diese
Kreuzung ist nicht selten
von korruptivem
Charakter, aber sie ist, dies
möge man nicht aus den
Augen verlieren,
verhältnismäßig weniger
korrumpiert als die
bürgerlichen Stände. […]
Die Natur hat ein
merkwürdiges und
zweifellos ihr tiefstes und
ergreifendstes Spiel
getrieben, indem sie in der
Menschengattung
bestimmte Einzelne, durch
einen Überschwang und
Überschuß ihres Wesens
auszeichnete, und dies auf
Kosten ihrer
Familiensubstanz. Sie läßt
die Familien
gewissermaßen
anschwellen bis zu einem
oder mehreren
Gipfelpunkten: dann tritt
in der Folgegeneration
wieder die Annäherung an
die Gattungsnorm ein.
Diese überschwänglichen
Einzelnen sind der
Adel.“[71]

Dieser Adel, schreibt Blüher 1917, sei der


Schöpfer der menschlichen Geistigkeit
und Sprache. Dies mache ihn zum Führer
des Volkes und begründe einen
Herrschaftsanspruch. Aus Stefan
Georges „Stern des Bundes“ zitierend
(„Neuen Adel, den ihr suchet, / führt nicht
her von Schild und Krone!“),
unterscheidet er vom bisher über das
Volk nur herrschenden „Nominaladel“
einen „Geburtsadel“, der auch dienen
solle. Gleiches habe für die
„Herrenvölker“ zu gelten, die die von
ihnen unterjochten Völker immer nur
beherrscht hätten. „Herrschend aber soll
dasjenige Volk sein, das am meisten vom
Wesen des Adels durchdrungen ist. Dann
wird es den kleinen Völkern dienen.“[72]

Preußischer Monarchist und


Wilhelminist

Wegen Farbenblindheit und eines


Leberleidens lebenslang vom
Militärdienst befreit, nahm Blüher im
Ersten Weltkrieg anders als viele seiner
an der Front Kriegsdienst leistenden
Wandervogelkameraden karitative
Aufgaben wahr.[1] In der revolutionären
Umbruchphase 1918/19 bezog er in
München mit einem Vortrag über
„Deutsches Reich, Judentum und
Sozialismus“ Stellung gegen seinen
früheren Korrespondenzpartner Gustav
Landauer, der ebenso wie der von Blüher
verächtlich gemachte Erich Mühsam als
politisch engagierter jüdischer
Intellektueller die Münchner Räterepublik
unterstützte.[73] In seinen
Lebenserinnerungen bescheinigte Blüher
sich selbst:

„Ich hätte es in meinem


Leben als Autor leichter
gehabt, wenn ich mich
vom linken Volke, das von
Anfang an zu mir stand,
hätte engagieren lassen;
aber ich revanchierte mich
nicht, nahm ihre
Hilfeleistungen an, stellte
mich aber politisch
dorthin, wo zu stehen ich
durch die jahrhundertealte
Tradition meiner Familie
zu stehen gebunden war.
Ich habe mich daher stets
als Untertan des Königs
von Preußen gefühlt, und
nur dieses politische
Verhältnis hat für mich
Sinn und Würde, während
ich darauf, ein ‚freier’
Bürger zu sein, nicht den
geringsten Wert lege.“[74]

„Ich war von früh an in


monarchischer
Atmosphäre groß
geworden. Als ich den
ersten Atemzug tat, rang
Kaiser Wilhelm I. mit dem
Tode, hundert Tage nach
diesem aber sein Sohn
Friedrich III., und gleich
darauf drängte sein Enkel
hastig auf den Thron. Es
war das sogenannte
Dreikaiserjahr 1888. Daß
ich in ihm geboren bin, und
zwar noch zu Lebzeiten
dieser drei Kaiser, hat, da
ich es bewußt pflegte, seine
Wirkung getan.“[75]

Als Vierzigjähriger erhielt Blüher 1928


eine Einladung des im holländischen Exil
weilenden abgedankten Kaisers
Wilhelms II., ihn in Doorn zu besuchen.
Bis 1934 folgten dem weitere Besuche
und gelegentliche Briefwechsel. In
seinem Lebensrückblick schrieb Blüher:
„Wenn mich aber jemand fragen würde,
wer von den Sterblichen auf mich den
tiefsten Eindruck gemacht hat, so würde
ich ohne Zögern sagen: Wilhelm von
Hohenzollern.“[76]

Blühers Bindung an Wilhelm II. war


andererseits auch von kritischer
Wahrnehmung begleitet, wie die
Schilderung eines gemeinsamen
Ausflugs in eine Kiefernschonung zum
Holzfällen zeigt. Als der diesbezüglich
geübte und von keinem der Mittuenden
zu überbietende Kaiser sein
vorgesehenes Zeitquantum abgearbeitet
hatte, erscholl der Jubelruf:
„’Zweihundertfünfzig Bäume! Seine
Majestät haben zweihundertfünfzig
Bäume gefällt!’“ Die Zahl war nach
Blühers Eindruck „ungeheuerlich und
unter allen Umständen falsch.“ Dazu
bemerkte Wilhelms Leibarzt, der
ebenfalls an der Holzaktion beteiligt war:
„’Es wird ihm eingeblasen, daß er
zweihundertfünfzig Bäume gefällt hat –
und er glaubt das! Ist das nicht
entsetzlich? Aber so ist es immer
gewesen seit 88, und daran sind wir
zugrunde gegangen.“[77]

Eine bei ihrer ersten persönlichen


Begegnung rund zwei Jahrzehnte
zurückliegende und für beider
Lebenserfahrung einschneidende
Begebenheit wird von Nicolaus Sombart
als ein Blüher und Wilhelm II.
verbindendes Element verdeutlicht: die
Eulenburg-Affäre. Ausgelöst wurde sie
durch eine Zeitungskampagne des
Journalisten Maximilian Harden, der den
langjährigen engen Berater und Freund
Wilhelms II., Philipp zu Eulenburg,
bezichtigte, daheim einen homosexuellen
Bekanntenkreis zu pflegen, der dann als
„Liebenberger Tafelrunde“ in der Presse
kursierte. Die Eulenburg-Affäre nahm laut
Sombart die Qualität eines modernen
Medienspektakels an. „In Hunderten von
Presseberichten, Zeitungskommentaren,
Zeitschriftenartikeln und auch
Karikaturen war sie omnipräsent, gewann
Kontur und Momentum und entfaltete so
ihre außerordentliche Tiefen- und
Breitenwirkung.“[78]

Mit entsprechender Wucht und


Durchschlagskraft erreichte die Woge der
öffentlichen Erregung auch den
Wandervogel, traf sie Blüher und seine
Weggefährten. Auch hier wurden
ähnliche Verdächtigungen und Vorwürfe
laut verbreitet, wie sie der Staatsspitze
gegenüber erhoben wurden:
homosexuelle Verseuchtheit: „Der Kaiser,
heißt es, ist in den Händen von Schwulen
und seine Politik deswegen falsch und
für das Deutsche Reich verhängnisvoll,
weil es Schwulenpolitik ist.“[79] Blüher
setzte mit seiner Theorie, so Geuter, auch
diesem Freundeskreis des Kaisers ein
Denkmal.[80]

Berührungspunkte und Sympathien


zwischen Wilhelm II. und Blüher ergaben
sich wesentlich aus der Wertschätzung
Wilhelms II. für Schriften Blühers, die der
Kaiser gründlich kannte. Bereits in den
zweiten Band seiner Wandervogel-
Geschichte hatte Blüher ein recht
freundliches Bild der kaiserzeitlichen
Berliner Gesellschaft eingeflochten.

„Berlin ist eine Stadt, so


großzügig, wie es nur
selten noch eine gibt. In
Berlin herrscht am
allerwenigsten das plumpe
Ungetüm der Gesellschaft.
[…] In Berlin gibt es wohl
Berliner, aber sie
herrschen nicht; auch ihre
Sprache bleibt bei den
Kutschern. Die Menschheit
ist hier auf ein freieres
Niveau gestellt; man kann
jeder Neigung, jeder
Gesinnung, jedem
Fanatismus leben und
jedem aus dem Wege
gehen. […] Der geistig
dürftige Mittelstand
kleinerer Städte hat es sich
nicht versagen können,
sein Emporkommen durch
eine Übersiedlung nach der
deutschen Residenz zu
bekräftigen. […] Da
entstand der ‚Berliner’.“[81]

Besonders herausgestellt wurde von


Blüher im Rückblick auf die Begegnungen
mit Wilhelm II. dessen eingehende
Kenntnis der „Secessio Judaica“, einer
eigens für die Jugendbewegung
verfassten programmatischen Schrift, die
nach Blühers Darstellung hinsichtlich der
Form an Theodor Herzls Manifest zum
„Judenstaat“ angeglichen war. Von
einem Spaziergang mit Wilhelm II. in
Doorn berichtete Blüher, der Kaiser habe
in einem lebhaften Gespräch über
Freimaurerei, Judentum und Dritte
Internationale auf einmal etwas in Prosa
zitiert, das ihm bekannt vorkam. „Da ich
noch keine Erlaubnis erhalten hatte, den
Kaiser von mir aus anzureden und zu
fragen, was das sei, so drückte ich mein
Erstaunen über sein gehaltvolles
Gedächtnis in einer fragenden Miene
aus. Er aber lachte laut auf: ‚Da sieh mal
einer an, diese Herren Philosophen!
Kennen ihre eigenen Schriften nicht!‘ Ich
fragte: ‚Secessio judaica?‘ ‚Na, natürlich‘,
sagte der Kaiser, ‚Sie hören: ich kenne die
wichtigen Partien auswendig!‘“[82]

Antisemitismus …

Blüher gilt als Antisemit,[83] auch wenn er


diese Bezeichnung für sich selbst
ablehnte.[84] In seiner Schrift Der
bürgerliche und der geistige
Antifeminismus (1916) stellt Blüher,
ähnlich wie Otto Weininger in Geschlecht
und Charakter, eine Verbindung zwischen
Judentum und Weiblichkeit her. Das
Judentum sei minderwertig, weil es
angeblich „weibliche“ anstelle von
„männlichen“ Werten vertrete.[85] Juden
leiden laut Blüher an einer
„Männerbundschwäche“ und an einer
„Familienhypertrophie“. Sie seien zu
wenig auf den Nationalstaat und den
Männerbund konzentriert und zu sehr in
die Familie eingebunden.[86]

In seiner Schrift Secessio judaica.


Philosophische Grundlegung der
historischen Situation des Judentums und
der antisemitischen Bewegung von 1922
schrieb Blüher: „Der associative
Zusammenhang von männlicher Art mit
dem deutschen Wesen und von femininer
und serviler Art mit dem jüdischen ist
eine unmittelbare Intuition des deutschen
Volkes, die von Tag zu Tag sicherer
wird.“[87] Blüher geht davon aus, dass der
historische Sinn des Judentums als
auserwähltem Volk einzig die Geburt
Jesu Christi gewesen sei. Nach seiner
Verwerfung sei das gesamte jüdische
Volk und damit auch jeder einzelne Jude
„in seiner Substanz krank“. Durch die
dem Judentum angeblich eigene
„Mimikry des Blutes, des Namens und
der Gestalt“ sei dies bislang verborgen
geblieben, doch in seiner Gegenwart
glaubte Blüher im Zionismus Indizien für
ein Ende dieser jüdischen Verstellung zu
sehen. Nun werde das Wesen des
Judentums offenbar: „Jehuda patet“.[88]
Als Konsequenz prognostizierte er eine
weltweite Verfolgung aller Juden: „Das
drohende Weltpogrom hängt über ihren
Köpfen“.[89]

Diese Publikation beruhte auf


Grundvorstellungen, die Blüher bereits in
seiner Wandervogel-Geschichte angelegt
hatte, wo es hieß, ein deutsch-
patriotischer Jude oder Halbjude sei
allein für sich genommen eine Karikatur.
Von nicht wenigen würde versucht, „den
Mangel an echter Rasse durch das
aufdringliche Propagieren der
Rassenideale zu ersetzen, wobei sie in
ihrer Unproduktivität natürlich den Fehler
begehen, die abgedroschensten Phrasen,
die echte Geburtsdeutsche längst zum
alten Eisen geworfen haben, – also den
ganzen Kriegsverherrlichungsplunder
z. B. und die lakaienhafte Gesinnung dem
regierenden Hause gegenüber – immer
wieder aufs Tapet zu bringen.“[90]

Die Entstehung des Judentums leitete


Blüher aus der „Samengründung
Abrahams“ her und deutete sie als „einen
magisch-religiösen Gründungsvorgang
einer Sakralrasse, bei der – einziges
Beispiel der Geschichte! – Religion und
Rasse dasselbe sind.“ Nur wer das darin
begründete „Urphänomen der Fremdheit
gegenüber dem jüdischen
Menschentypus“ begriffen habe, könne in
dieser Frage überhaupt sinnvoll
mitreden.[91]
Einen starken persönlichen Widerwillen
betonte Blüher gegenüber dem „Typus
des jüdischen Litteraten“, dem er eine
„pathologische Störung metaphysischer
Art“ unterstellte.

„Sie haben keinen Staat


und konstruieren daher
ständig neue aus der puren
Ratio heraus; sie haben
kein Volk und reden von
seiner Beglückung; sie
predigen Menschenliebe,
da sie keine haben; sie sind
Pazifisten, weil sie feige
sind und ohne
Friedfertigkeit […] Sie
propagieren ‚Befreiung
aller Liebe’, weil sie kein
Liebesleben haben. Das
Abstrakte also, das Billige,
das sich jeder anschaffen
kann, ist ihre Welt, das
Konkrete fehlt ihnen, weil
sie mit nichts
zusammengewachsen
sind.“[92]

Diesem Typus rechnete Blüher


namentlich seine frühen Förderer
Magnus Hirschfeld und Kurt Hiller zu, der
sich „wiederholt als anständiger und
hilfreicher Mensch erwiesen hatte“,
sowie Kurt Tucholsky, Maximilian Harden
und Siegfried Jacobsohn.[93]

Verächter von Demokratie und


Nationalsozialismus

Nach allen politischen Umbrüchen, die


Blüher mit dem Ersten Weltkrieg, dem
Ende des Kaiserreichs, den turbulenten
Jahren der Weimarer Republik, der NS-
Zeit, dem Zweiten Weltkrieg und den
Verhältnissen im geteilten Deutschland
erlebt hatte, nahm er in seiner
autobiographischen Rückschau mit dem
Untertitel „Geschichte eines Denkers“
eine ablehnende Haltung sowohl
gegenüber demokratischen Systemen als
auch gegen das NS-Regime ein.
Bezeichnend für sein politisches Denken
war insbesondere die Einstellung zum
Wahlrecht. Blüher sah das preußische
Dreiklassenwahlrecht noch immer als
„Ausdruck der natürlichen
Staatsordnung“:

„Denn es ist doch klar, daß


jemand, der für Vermögen
verantwortlich ist, per
analogiam vom Staate
mehr versteht als der
Arbeiter, der Konsument
ist und für nichts
garantiert. Dabei versteht
es sich von selbst, daß das
alte, wesentlich agrarisch
bedingte
Dreiklassenwahlrecht in
hohem Grade
reformbedürftig war; aber
es war doch wenigstens
natürlich und positiv,
während das
demokratische die
permanente Auflösung des
Staates zur Folge haben
mußte. Und das ist denn ja
auch geschehen.“[94]
Verantwortlich für die vermeintliche
Fehlentwicklung machte Blüher das
säkularisierte Judentum, dem er
wiederholt einerseits grundlegende
Verdienste um das geistige Leben in
Deutschland zusprach, das aber
andererseits angeblich scharf gegen das
preußisch-deutsche Staatsgebilde
gerichtet war und dessen Untergang
herbeigeführt hat.[74]

Wenn in Wandervogel und


Jugendbewegung zuweilen
protofaschistische Tendenzen
ausgemacht wurden und werden,[95] so
liegt der Bezug zu den jeweiligen
Führungsstrukturen der damaligen
Jugendbünde nahe. Blüher hat dazu
1918 eine spezielle Betrachtung unter
dem Titel „Führer und Volk in der
Jugendbewegung“ veröffentlicht, in der
es gleich eingangs hieß:

„Führer und Volk sind in


dem Einen und Wichtigen
unterschieden: daß der
Führer des Volkes nicht
bedarf, um Führer zu sein,
daß aber das Volk nur
durch den Führer Volk
wird.
In jedem andern Fall ist es
eine zufällige Menge. Es ist
eine beliebige Vielheit von
Eigenköpfen, die nicht
selten eigensinnige Köpfe
sind, es hat so viele
Überzeugungen und
Interessen, wie es
Zugehörige zählt, und
nicht selten noch einige
mehr. In diesem Zustand
ist das Volk niemals der
Träger eines Wertes, und
kein noch so hoher Grad
gutgelernter Bildung
vermag ihm einen anderen
Charakter zu geben. Die
Menge wird erst Volk,
wenn sie folgt; von diesem
Augenblick an bekommt
sie Seele und gleicht dem
Adam Michelangelos, der
den halbschlaffen Arm
Gottvater entgegenstreckt,
um den göttlichen Funken
zu empfangen. Welche
Menge von Menschen also
immer den Drang fühlt,
Volk zu werden und den
Adel solcher Gemeinschaft
zu verspüren, bedarf
hierzu des führenden
Mannes.“[96]

Wie Blüher im Rückblick unter Verweis


auf den Schlussabschnitt der Schrift
versicherte, stand ihm dabei speziell
Gustav Wyneken vor Augen.[97] „Daß die
Schlagworte ‚Führer und Volk‘ mit
gänzlich anderem, ja entgegengesetztem
Inhalt später von unbefugten Mächten
beschlagnahmt und zur politischen
Floskel gemacht worden sind, das ist
nicht meine Schuld.“[98]

Politisch und persönlich suchte Blüher


zur Zeit der Weimarer Republik
Anschluss im Deutschen Herrenklub, in
dem für ihn mit bedeutenden
Persönlichkeiten des märkischen Adels
und der westdeutschen Industrie,
Mitgliedern des Hauses Hohenzollern
und hohen Repräsentanten beider
christlicher Konfessionen sowie mit Paul
von Hindenburg und Franz von Papen
„die eigentliche Blüte des damaligen
Deutschtums“ verkehrte. „Alle meine
Gesinnungen stimmten mit denen dieses
höchststehenden deutschen
Gesellschaftsgebildes, das einen
konservativen Standpunkt vertrat,
überein.“ Dennoch konnte Blüher sich
nach Auskunft des ihm persönlich
gewogenen Kluborganisators Heinrich
von Gleichen-Rußwurm wegen seiner
Publikation Die Rolle der Erotik in der
männlichen Gesellschaft keine Chancen
ausrechnen, in geheimer Abstimmung
zum Mitglied gewählt zu werden. Dass
einige seiner Freunde und Schüler als
Mitglieder aufgenommen wurden, er
selbst aber nicht, empfand er bitter.[99]

Als ausschlaggebendes Datum für seine


fernere Haltung zum Nationalsozialismus
gibt Blüher den 30. Juni 1934 an, an dem
der sogenannte Röhm-Putsch stattfand.
Bis dahin habe er Mitarbeit und eigene
korrigierende Einflussnahme erwogen:

„Ich deutete die


Hitlerbewegung noch als
eine konservative
Revolution, denn es waren
ja in der Tat anfangs viele
konservative Momente in
ihr enthalten. Meine im
übrigen revolutionäre
Natur hätte sich – immer
unter dieser
Voraussetzung – eingefügt.
Seit dem 30. Juni aber war
alles klar, und es gab
keinen Zweifel mehr.“[100]

Es war dies zugleich der Tag von Blühers


letzter Begegnung mit Wilhelm II. in
Doorn. Die von ihm bei dieser
Gelegenheit mitgeführte Kopie der
Marburger Rede Franz von Papens ließ er,
um in unsicherer politischer Lage
persönlich kein Risiko einzugehen, nach
eigenem Bekunden auf der Rückreise
noch auf holländischem Gebiet aus dem
fahrenden D-Zug flattern.[100]

Vom „Führer“ der NS-Bewegung, Adolf


Hitler, der in seiner Landsberger
Festungshaft Blühers „Secessio Judaica“
als Lektüre angefordert hatte,[101]
zeichnete Blüher nach dem Untergang
des NS-Regimes ein äußerst
verächtliches Bild. „Einen so völlig
undeutschen Menschen wie ihn hat es in
dem Raum, in dem wir leben, und in der
Zeit, die wir übersehen können, nicht
gegeben.“ Stirn und Augen Hitlers, meinte
Blüher, deuteten auf eine prähistorische
rassische Verankerung. „Ich glaube, daß
das unter Hitler zum Naturschutzpark
erhobene Gebiet des Neandertalers eben
die Heimat dieser Rasse ist.“[102]

Seine Theorie der männlichen


Gesellschaft sah Blüher auch auf die
Hitlerbewegung anwendbar: „Die beiden
typischen Vertreter nun waren auf der
einen Seite Hitler selbst, als Verdränger
und späterer Verfolger, auf der anderen
Seite der Stabschef Röhm als freier, sehr
freier Männerheld. Auch sie lebten erst in
Frieden miteinander. Hitler, der die ‚Rolle
der Erotik‘ gelesen hatte, erkannte auch
an, daß es so etwas geben müsse, und
drückte sogar für Ausschreitungen ein
Auge zu. Während nun das äußere
Reizereignis, das die Verfolgung im
Wandervogel auslöste, der
Eulenburgprozeß war, übernahm diese
Rolle im ‚Dritten Reich‘ der von Himmler
und Göring erfundene drohende ‚Abfall‘
Röhms von seinem Führer. […] Als Hitler
glaubte, in Röhm einen politischen
Rivalen entdeckt zu haben, da brach in
ihm ein ungeheurer und keine Grenzen
kennender Verfolgungswahn gegen die
‚Homosexuellen‘ aus.“[103]
Hitler selbst wird von Blüher als
„erotischer Krüppel“ in jeder Beziehung
bezeichnet, der sich in seiner Leibgarde
wohl mit schönen Jünglingen umgab,
aber nicht einen einzigen Freund hatte.
„Er verdrängte sofort und verwies die
jungen Leute in unerwünschte Ehen, um
Frauen unglücklich, aber zu Müttern zu
machen!“ Allerdings, so relativierte
Blüher den eigenen Befund, könne eine
Natur wie diejenige Hitlers auch durch
die Gesetze der Rolle der Erotik nicht
gänzlich erfasst werden. Was aber für
Hitler selbst fraglich erscheine, gelte
jedenfalls für seine nachgeordnete
Umgebung.[104] Dass die von Blüher als
Aufklärungslektüre vorgesehene „Rolle
der Erotik in der männlichen
Gesellschaft“ in der NS-Zeit unterdrückt
wurde, nahm er Hitler besonders übel:

„Hitler jedoch verbot die


‚Rolle der Erotik‘ und ließ
sie einstampfen. Die
wohltätige Wirkung, die
von diesem Buche fast
zwanzig Jahre
ausgegangen war, indem
es Ordnung schaffte in den
Gemütern der Bedrängten
und unzählige Erkrankte,
auch Verfolger, geheilt hat,
diese Wirkung durften
seine Opfer nicht erleben.
Auch das ist ein
Sabotageakt an der
Wahrheit, der am 30. Juni
1934 vollzogen wurde; an
jenem verhängnisvollen
Tage, an dem Hitler sich
gegen den deutschen Adel
und die Oberschicht und
für den Neandertaler und
seine Provokateure
entschied.“[105]

Blüher unterschlägt hier freilich, dass


seine Thesen für die Nationalsozialisten
und ihre Verfolgungspolitik gegenüber
Homosexuellen von entscheidender
Bedeutung waren. So setzte sich der
spätere Reichsführer SS und Gestapo-
Chef Heinrich Himmler schon in jungen
Jahren mit Blühers Theorien über die
Bedeutung der Homosexualität für
Männerbund und Staatenbildung
auseinander. 1922 las Himmler Blühers
Buch über die „Rolle der Erotik in der
männlichen Gesellschaft“, das ihn sehr
beschäftigte. So notiert er am 4. März
1922 in seinem Tagebuch: „In dem Buch
gelesen, es packt und rüttelt einen im
Tiefsten, man möchte zur Frage
kommen, was hat das Leben für einen
Zweck, es hat aber einen. – Tee. Studiert.
Abendessen. Wieder gelesen. […]
Übungen. ½ 11 Uhr Bett, unruhig
geschlafen.“ Blühers These über den
konstitutiven Charakter der
Homosexualität für Männerbund und
Staat beeindruckte Himmler zutiefst.
Doch Himmler zog daraus ganz andere
Schlüsse, als es Blüher recht sein konnte:
„Dass es eine männliche Gesellschaft
geben muss, ist klar. Ob man es als
Erotik bezeichnen kann, bezweifle ich.
Auf jeden Fall ist die reine Päderastie
eine Verirrung eines degenerierten
Individuums, da sie naturwidrig ist.“
Himmler entwickelte schließlich eine
eigene Theorie, die zur Grundlage der
Verfolgungspolitik gegenüber
Homosexuellen wurde. Ihm erschien die
Homosexualität als eine Bedrohung des
Staates, den er im Sinne Blühers als eine
Domäne des Mannes betrachtete.
Homosexuelle Männer strebten in seinen
Augen danach, staatliche Strukturen zu
unterwandern, was diese aber nicht, wie
Blüher meinte, stärke, sondern im
Gegenteil zur „Zerstörung des Staates“
führe.[106]

Antifeministisches Frauenbild …

Familie und Staat waren für Blüher die


beiden wesentlichen Pole menschlichen
Soziallebens. Frauen sah er einseitig
ausgerichtet auf die Familie, während er
Männern ein doppeltes Streben nach
Familie und nach der männlichen
Gesellschaft nachsagte und allein das
letztere als ursächlich für die
Staatsbildung ansah. Im Anschluss an
Heinrich Schurtz behauptete Blüher, dass
dem Mann „die dauernde Gesellschaft
der Frau unerträglich und herabmindernd
ist“ und dass er deshalb darüber hinaus
zu Männern strebe.[107] Blühers
Frauenbild weist radikal-
antiemanzipatorische Züge auf:

„Der mannmännliche Eros


nämlich beruht auf der
Gleichberechtigung, der
mannweibliche auf
Unterwerfung. […]
Hörigkeit ist die Form a
priori des weiblichen Eros.
‚Vergewaltigung‘ ist
demnach nur ein extremer
Ausdruck für Hörigkeit.
Diese tiefste Intimität des
Weibes – ich meine das
Verlangen, vergewaltigt zu
werden – wird natürlich
von der Ethik verdrängt,
aber dadurch wird der
Tatbestand nicht
aufgehoben. Er wirft
vielmehr ein Licht auf
Dinge wie
Frauenstimmrecht,
Frauenbewegung,
Mutterrecht,
Frauenstaaten, die so, wie
sie gewöhnlich gesehen
werden, unhaltbar
sind.“[100]

Auch im Hinblick auf die eheliche Treue


unterschied Blüher drastisch:

„Die keusche Gemahlin ist


eine ethische
Selbstverständlichkeit, der
keusche Mann fast eine
Kuriosität. Und wenn man
fragt, warum der Mann
von jeher das Weib verehrt
(verecundia), so ist es im
letzten Grunde immer dies.
Es gibt daher keinen
männlichen Ehebruch, weil
der Mann mit diesem
Mittel die Ehe gar nicht
brechen kann. Zwei
Ausnahmen gibt es hier:
wenn die Enthaltung
beider beim Eheschluß
versprochen wurde: dann
heißt es „pacta sunt
servanda“. Der zweite Fall
ist der sakramentale: wenn
eine Ehe geglaubterweise
vor dem Altar geschlossen
wurde; denn dann sind sie
immer zu Dritt. Diese Ehe
gibt es. In der Freiheit aber
bricht nur das Weib die
Ehe mit diesem Mittel.
Denn das Weib kehrt nicht
zurück.“[108]

Die Frage, wie Blüher mit seiner


Mischung von frauenverachtenden und
männertümelnden Äußerungen unter
Zeitgenossen eine so weitreichende
Resonanz erzeugen konnte, beantwortet
sich für Geuter mit einer angesichts der
beginnenden Frauenemanzipation in
übermäßiger Souveränität sich
maskierenden Angst der Männer, in
einem Ruf, „der Stärke zeigen soll und
doch Schwäche verrät“:

„Wehe dem Manne, der


einer Frau verfiel! Wehe
der Kultur, die sich den
Frauen auslieferte! – Es ist
eine gerechte und der
Natur angemessene Sache,
dass die Frau sich hingibt,
aber der Mann der sich
hingibt, ist verloren … Die
Frauen trachten ewig
danach, einen Mann ganz
zu besitzen. Jene Falltür
ins Nichts … verlangt nach
einem Opfer. So gehen die
meisten Männer an ihren
Frauen zugrunde … Aber
wer im Bunde ist, kann
nicht sinken, denn er hat
ein bestes Wesen dem
Manne verpfändet.“[109]

Mit Achtung hingegen begegnete Blüher


den Mädchenbünden und
Frauengemeinschaften der
Jugendbewegung, in denen „die
lesbische Liebesgöttin heimlich das
Szepter führte. Da ging es um
Atemkultur, um Gymnastik und Musik,
auch yogaähnliche Motive mischten sich
ein, dies alles kreisend um das Thema
der Erneuerung des Menschen. Und was
das besonders Weibliche daran war: es
ging immer um das Problem der „Insel“
der Frau, dieses für den Mann
unbetretbaren Eilandes...eine Zone im
weiblichen Wesen, die der Mann nicht
bekommt, und das nicht mit in die Ehe
eingebracht wird. So ist das bürgerliche
Mannesprivileg von den Tribaden der
Jugendbewegung und ihren
Geheimbünden in der Tat gebrochen
worden“[110]; nur habe „die Natur, um den
Menschen zum staatenbildenden Wesen
zu machen, eben nicht diese Beziehung
ausgenutzt, sondern die mannmännliche.
Und in diesem soziologischen Sinne nur
gilt der Satz: Es gibt keine weibliche
Gesellschaft.“[111]

Kirche und Christentum im


Auffassungswandel

In seinen jungen Jahren bis zum Ersten


Weltkrieg, die er später als „geistige
Flegeljahre“ bezeichnete,[112] zeichnete
Blüher ein höchst unvorteilhaftes Bild
von den Bemühungen der örtlichen
Kirchenvertreter, die Heranwachsenden
im Konfirmandenunterricht auf den
christlichen Glauben und die
Gemeinschaft der Gläubigen
einzustellen. Gegenläufige
Weltanschauungen wie Materialismus
und Spiritualismus wurden da nach
seinen Angaben jeweils binnen einer
halben Stunde ad absurdum geführt, da
sie ja weder die Materie des Geistes
noch die der Erinnerung erklären
könnten. Skepsis wurde auch gegenüber
der Vernunft gelehrt, mit der zwar
mathematische Lehrsätze bewiesen und
mancherlei Lebenspraktisches
bewerkstelligt werden könnte, „aber zu
Höherem sei sie nicht berufen, und sie
sei überhaupt ein niederes Organ des
Geistes.“ Einer der Kirchenmänner lehrte,
dass die Deutschen eine ganz besondere
Neigung zum Religiösen hätten und dass
am deutschen Wesen die Welt
schließlich genesen werde.

„Das war schon ein


deutlicher Übergang zum
Patriotismus, den dann die
Schule des Weiteren in die
Hände nahm, und dann
waren bald die Kanonen
an der Reihe, Kaisers
Geburtstag und das
begeisterte dreifache
Hurra.
Das ging so ein Jahr lang;
dann kam Palmarum und
mit ihm der entscheidende
Tag. Noch einmal wurde
ihnen vorgehalten, daß sie
alles aus völlig freier
Überzeugung tun müßten,
sonst hätte es nämlich gar
keinen Wert, und sie
sollten lieber zurücktreten
[…] die Orgel rauschte und
brauste immerzu, ein
halbes Dutzend
schwarzvermummter
Tanten, Vater, Mutter,
Schwester, Brüder stand
hinter jedem von ihnen,
und wieder merkwürdig:
sie gaben alle ihr
Ehrenwort aus vollster
Mannesüberzeugung. – Als
dann später einige zu
denken begannen, haben
sie’s gebrochen.“[113]

Nach dem Abitur 1907, als er in Basel


das Studium der klassischen Philologie
aufnahm und sich im Säbelfechten übte,
stand Blüher nach eigenem späterem
Bekunden stark unter dem Einfluss
seines engsten Freundes Rudi (Rudolf
Schwandt), der eine konsequent
atheistische Haltung angenommen
hatte.[114] In dem Bestreben, den Freund
auf diesem Wege noch zu überbieten –
Blüher: „ich kam mir ungeheuer gescheit
und überlegen vor, gab das auch im
äußeren Gestus zu erkennen, damit man
es nur ja merkte“ –, negierte er nicht nur
Gottes Dasein, sondern jede kosmische
Ordnung überhaupt: „So kam ich zu
einem konsequenten Nihilismus, der sich
nun aufmachte, die Welt neu zu ordnen –
mit einem ordnungslosen
Grundgedanken im Herzen. Ich nannte so
etwas dann ‚intellektuelle Sauberkeit‘ und
hielt alle Menschen, die an Gott oder an
eine höhere Ordnung der Dinge glaubten,
entweder für Dummköpfe oder für
Heuchler.“[115]

Den theoretischen Höhepunkt erreichte


diese Entwicklung, als Blüher 1912 in
seiner Abhandlung einer Preisfrage der
theologischen Fakultät der Berliner
Friedrich-Wilhelms-Universität zum
Thema: „Die Theorie der Religionen und
ihres Untergangs“ das Fazit zog:

„Unser Leben hat keinen


objektiven für alle
Ewigkeit begründeten
Sinn, sondern nur den,
welchen der Ton und die
Neigung unseres Gemütes
samt seiner geistigen
Leitung ihm abgewinnt.
Alle religiösen Ereignisse
sind demnach rein
psychologisch zu deuten,
und jede Verbindung mit
dem Dogmatischen ist
unerlaubt. Damit sind alle
Religionen gerichtet.“

Sehr lange, schrieb Blüher im Rückblick,


habe diese Phase der atheistischen
Orientierung angehalten und ihr Ende sei
nicht als dramatische Wende,
Erleuchtung oder Bekehrung gekommen,
„sondern es war irgendwie so, als ob
jemand – ich weiß nicht, wer – im
Menschengedränge die Hand auf meine
Schulter legte.“[116] Als Blüher dann 1921
unter dem Titel „Die Aristie des Jesus von
Nazareth. Philosophische Grundlegung
der Lehre und der Erscheinung Christi“
seine Position neu bestimmte, war der
Kontrast zu seinen früheren Äußerungen
markant:

„Von den Mächten aber,


die heute bestehen, ist es
einzig und allein das
deutsche Wesen, welches
berufen ist, die
Erscheinung Christi
aufzufangen und
fortzuzeugen anhand der
Erscheinungen, die ihm
gleichen.“[117]

Blüher unterschied in dieser Schrift


zwischen einem primären und einem
sekundären Rassetypus, die nicht zuletzt
erkenntnistheoretisch und religiös
unterscheidbar seien. „Unter den
Religionen spiegelt sich die primäre
Rassenphilosophie im Brahmanismus
und im Christentum wider, die sekundäre
im Judentum. […] Im Christentum, d. h. in
der Religion, in welcher die volle Wahrheit
eingehüllt ist, prägt sich die Lehre von der
natürlichen Auserwähltheit aus in der
Gnadenwahl, die unmittelbar auf Christus
zurückgeht. Das Judentum dagegen ist
ganz befangen im Fortschritts- und
Tüchtigkeitsgedanken. Es predigt die
Rechtfertigung durch die gute, vom
Gesetz vorgeschriebene Tat: es ist eine
typische Lehre von der Homogenität der
Menschheit.“[118]

„Eine üble und gemeine Gesinnung, die


durchweg von der sekundären Rasse
stammt“, heißt es an anderer Stelle, habe
aus der Lehre Christi eine soziale Lehre
gemacht „und aus Christus einen
Gekommenen für die Armen“. Dem hielt
Blüher das Jesus-Wort entgegen: „Ihr
habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr
wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich
aber habet ihr nicht allezeit.“[119]

Die Auseinandersetzung mit dem


Judentum wird von Blüher auch in der
„Aristie des Jesus von Nazareth“
wiederkehrend geführt. Gegen Ende des
Werkes äußert er Bewunderung für die
Fähigkeit zur Selbsterhaltung dieses „von
so schweren Schicksalsschlägen“
getroffenen Volkes. Es gehe immer noch
etwas vor in dem zertrümmerten
Volkskörper: „Und in der Tat sammelt
sich heute bereits das zerstörte
Judentum zum Rückzuge, das heißt zu
einer neuen Geburt des Volkes; diese
Tendenz drückt sich im Zionismus
aus.“[120] In einer Fußnote platzierte
Blüher die Behauptung:

„Der Antisemitismus ist


zum Teil ein beabsichtigtes
Produkt der jüdischen
Propaganda. Der Jude reizt
die Gastvölker zum
Pogrom, damit sie
Judenblut vergießen. Sie
wollen die Völker schuldig
machen. Wer aber
Judenblut vergießt, der
dient dem Juden. Wehe
dem Volk, das in diese
gefährlichste Schlinge
tritt!“[121]

Als „erste Rechtshandlung“ hatte Blüher


mit 21 Jahren den Kirchenaustritt
vollzogen und damit „sowieso alle
Brücken zu einem ordentlichen Beruf
abgebrochen“; den Wiedereintritt in die
Evangelische Kirche vollzog er nach
eigenem Bekunden erst in der NS-Zeit.[66]
Neben gelegentlicher Betätigung als
Psychotherapeut in seinem Hermsdorfer
Domizil widmete sich Blüher von da an
vornehmlich der Erarbeitung seines
philosophischen Hauptwerks.

Ambitionierter Philosoph
Blühers schriftstellerisches und
philosophisches Schaffen lässt
Parallelen erkennen zu der Art, wie er
seine Universitätsstudien beschrieb. Er
habe nie Bibliotheken benutzt, sondern
die Bücher, die er brauchte, gekauft oder
geliehen.

„Mir waren nur meine


Zwecke maßgebend, nicht
die der Gelehrsamkeit. Ich
mußte daher darauf
vertrauen, daß mir stets
das richtige Buch in die
Hände fiel, und das ist in
erstaunlichem Maße
eingetroffen. Nie ist mir
etwas nicht begegnet, was
ich unbedingt brauchte; die
heimlichen Wege, die hier
das Schicksal läuft,
grenzen fast ans Okkulte.
Ich könnte viele Fälle von
Bibliomagie anführen, bei
denen stets ein hilfreicher
Geist Dienste zu leisten
schien. Versagt sich einem
Menschen, der so gebaut
ist, das Glück, so sollte er
aufhören zu
schreiben.“[122]
In jahrelangen Studien der
Veröffentlichungen anderer zunächst
eine gründliche Bestandsaufnahme
durchzuführen, war Blühers Ansatz nicht,
auch nicht in philosophischer Hinsicht:
„denn Philosophie strömt nicht von Buch
zu Buch, sondern wird inkarniert.“[123] Er
griff die sich ihm mehr oder minder durch
Zufall aufdrängenden Themen auf und
versuchte sie – angeblich ohne große
Rücksicht auf andere – zu meistern:

„Daß dieser
naturunmittelbare Weg
der gefährlichere ist, liegt
auf der Hand; er ist
zugleich das Schlachtfeld
der zerbrochenen Genies.
Daß einer ihn zu gehen
hat, wird ihm bezeugt
durch jene okkulten
bibliomagischen
Ereignisse, von denen ich
oben schon sprach. Der
Weg der Gelehrsamkeit ist
dagegen gefahrlos, wenn
man nur fleißig ist. In
dieser Zweiheit der Wege
liegt der ganze Streit
zwischen Akademikertum
und Laienwissen, zwischen
Zunft und Außenseiter,
zwischen Klüngel und
Genie beschlossen.
Unüberbrückbar indes
erscheint der Gegensatz
nur in den Karikaturen der
extremen Fälle: der
vertrocknete Gelehrte und
das verkommene
Genie.“[122]

Motive und Zugang …

Ein brennendes Interesse an Philosophie


stellte sich bei Blüher seinen
Erinnerungen nach ein, als zu Beginn
seiner Studienzeit in Basel der engste
Freund eine ausgeprägt atheistische
Einstellung annahm und Blüher ein Mittel
suchte, ihn davon wieder abzubringen.
Den eigenen Durchbruch zu dauerhafter
intensiver Auseinandersetzung mit
philosophischen Fragen erlebte er im
Zusammenhang mit einer Aussage in
seinem Werk: Die Rolle der Erotik in der
männlichen Gesellschaft, die besagt, der
Eros sei Organ, „und zwar ein
transzendentales. Mit dieser Formel
beginnt der steile Aufstieg in die
Philosophie. Als ich sie niederschrieb,
habe ich sie selber noch nicht
verstanden. Fest aber steht, daß ich von
da an die psychologische und
soziologische Betrachtung des Eros
verließ und nur noch die philosophische
verfolgte.“[124]

Den Durchbruch zur Grundfigur des


eigenen Philosophierens erzielte Blüher,
wie er mehrfach betont hat, im Gespräch
mit Konrad Wilutzky, der dem Eros bzw.
der Liebe als subjektivem Organ die Güte
als Objekt zuordnete:

„Wenn die Liebe Organ ist,


wie das Auge, so genügt es
nicht zu sagen, daß sie die
Dinge nur ‚betaste‘, denn
das Auge betastet nicht,
sondern wird getroffen von
etwas, das an sich nicht
leuchtet (Lichtäther),
wodurch aber Licht wird;
nur das heißt mit Fug und
Recht Organsein. Getroffen
aber wird die Liebe von
der Güte; diese aber
kommt in der empirischen
Ordnung der Dinge nicht
vor; also liegt der Ort der
Güte in der Raumtiefe der
Natur perspektivisch
hinter den Dingen. Die
Güte wird also wirksam
durch die Tätigkeit der
Liebe als Organ, und zwar
in der Ethik […] Und dies
ist auch der Grund,
weshalb man die Ethik
sowenig aus der
empirischen Natur der
Dinge ableiten kann, wie
das Denken aus der
Materie, vielmehr sie
ständig mit der
Metaphysik verknüpft
findet.“[125]

Die Stellung des Menschen zur


„Achse der Natur“

Die polare Einheit von Auge und Licht
dient als Beispiel für Blühers Denkfigur
einer transzendentalen „Achse der
Natur“, deren Pole Subjekt und Objekt
seien. Ihre Entdeckung stehe im Dienst
„eines höheren Menschentums. Denn wie
die Lage der Länder zueinander
bestimmt ist durch die Erdachse, so ist
die Lage der großen Gemütsmächte des
Menschen bestimmt durch die Achse der
Natur.“[126] „Natur“ wird definiert als
„transzendentales Kontinuum“.[127]
Kriterium der Wirklichkeit sei „die
Stromrichtung vom Objekt zum
Subjekt“[128] Das Objekt werde nicht
gemacht, sondern gegeben.
Blüher kontrastiert seine Gedanken mit
zentralen Aussagen einiger der größten
Denker der Vergangenheit aus
Philosophie und Wissenschaft (kaum
Zeitgenossen!), mit deutlicher Vorliebe
für Sokrates, Platon, Kant, Schopenhauer
und Nietzsche. Daraus ergeben sich
lebendig beschriebene lange und
kurvenreiche Gedankenwanderungen.

Bei Sokrates und Platon fand Blüher die


klarste Unterscheidung zwischen Ideen
und Begriffen, die er auf seine Weise in
Beziehung setzte:

„Die Ideen sind Urbilder


der Dinge, die Begriffe sind
Taten des Intellektes zur
Erkenntnis der Dinge. So
also beschrieben und
definiert haben sie nichts
miteinander zu schaffen;
auf dem Papier sind sie
sich Fremdlinge. Das
ändert sich aber, wenn
man sie in Tätigkeit setzt
und ihre Lage in der Natur
betrachtet. Dann kommt
heraus, daß sie einander
genau gegenüber liegen.
Sie sind durch eine Achse
verbunden, gleich wie zwei
Räder eines Wagens, der
erst dann fahren kann,
wenn man ihre Naben fest
miteinander verbindet;
oder, wie Nordpol und
Südpol der Erde. Um die
Achse aber, die Idee und
Begriff miteinander
verbindet, dreht sich alles;
es ist die Achse der
Natur.“[129]

Die platonischen Ideen nannte Blüher


auch „Archetypen der Natur“, die sich im
„Welthintergrunde“ befänden.[130]
Bei Schopenhauer schätzt Blüher
besonders dessen Unterscheidung
zwischen Verstand und Vernunft, dieser
auch dem Tier zugänglich, jene
Alleinstellungsmerkmal des Menschen
und Beleg, dass die Abstammung des
Menschen vom Tier ausscheide. Denn
die Vernunft sei nachweislich keine
„Weiterentwicklung“ des Verstandes,
sondern eine vom Grunde her völlig
andere Qualität.[131]

„Daher ist es nicht etwa


Glaubenssache, wenn wir
zu dem Ergebnis kamen:
der biblische Bericht mit
der selbstständigen
Schöpfung des Menschen
befindet sich im Recht
gegenüber den
darwinistischen
Behauptungen, sondern
das kann man beweisen.
Dadurch wird man gewiß
nicht etwa religiöser, aber
man irrt sich doch
immerhin in einer
lebenswichtigen Frage
nicht.“[132]

Die Herleitung der Menschwerdung aus


der Werkzeugherstellung bzw.
darwinistischen Kategorien verurteilt
Blüher als „naiven Naturalismus“:

„...etwa seit der


französischen Revolution
(aber nicht durch
sie)...hebt es an, daß der
Inhalt des Menschentums
wesentlich in der
Erfindung neuer
Werkzeuge gesucht wird,
wobei man annimmt, daß
diese dann mit der
Verbesserung der
Lebenslage auch eine
solche des Menschentums
selber herbeiführen
werden. Mit diesem
Gedanken hat soeben diese
selbe Menschheit
ahnungslos ihren
Untergang besiegelt, und
man könnte sagen: ein
falsches Denken über die
Vernunft, vorausgesetzt,
daß es Massenwahn wird,
kann Völker und Erdteile
ins Verderben
stürzen.“[133]

Unter dem Aspekt der vergleichenden


Anatomie schließt Blüher eine
Abstammung des Menschen vom Affen
gleichfalls aus und hält allenfalls ein
umgekehrtes Abstammungsverhältnis
für möglich.[134] Das
Menschengeschlecht aber sieht er,
„abgesehen davon, in wie viel
ethnologische Rassen sie noch im
übrigen eingeteilt ist“, in zwei
Grundrassen vorliegen, „von denen die
eine das Ordinäre, die andere das Edle
darstellt“. Die nicht vorhandene
Zeugungsschranke zwischen diesen
beiden angeblichen Menschenrassen
bewirke den Verlust der adligen Substanz
„und hat mit transzendentaler
Notwendigkeit den Niedergang des
Menschentums zur Folge.“[135]
Natürliche Religiosität und
Urteilskraft des Glaubens

In den Religion und Christentum


gewidmeten beiden letzten Großkapiteln
seines mit dem Untertitel „System der
Philosophie als Lehre von den reinen
Ereignissen der Natur“ versehenen
Werkes bestimmt Blüher den natürlichen
Ursprung aller Religionen in ihrer
helfenden Funktion. Das Bedürfnis bzw.
der Wille zu beten und zu hoffen eine die
Menschen über alle Verschiedenheit der
Theologie sowie der Art und Anzahl der
Götter hinweg: „daß sie helfen können
und es tun, wenn man ihnen dient und sie
anbetet – dies haben sie alle gemein;
weil es der Punkt ist, darauf es
ankommt.“[136]

Die im Sinne Blühers verstandene


christliche Religion wirkt analog dem
Heilungsvorgang in einem
Organismus.[137] Dabei gehe es um einen
auf Äonen angelegten kosmologischen
Heilungsvorgang des Eros, des
verletzlichsten und am tiefsten verletzten
(Erkenntnis-)Organs des Menschen, das
ausschlaggebend sei für die
Einzigartigkeit und Unersetzlichkeit der
Person.[138] Der Eros sei erkrankt, und
zwar nicht vordergründig, sodass die
Ursachen psychologisch, soziologisch,
biologisch benannt werden könnten,
sondern metaphysisch. Die verletzte
Liebe sei zunächst jener objektiven
Macht schutzlos preisgegeben, durch die
sie selber zu einer Quelle des Bösen
werde: Tragik in antiker Begrifflichkeit,
Erbsünde in christlicher.[139] Auch die
konsequente Einhaltung religiöser
Gebote mache niemanden davon frei.
Darum hält Blüher eine Gesetzesreligion
wie das Judentum nicht für einen Weg,
der zur echten Heilung führen kann.[140]

Aber gibt es Liebe, weil man lieben soll?


Blüher meint, das Ernstnehmen dieses
ethischen Imperatives könne ob seiner
Unerfüllbarkeit nur Verzweiflung
bewirken oder auch den Abfall von der
Religion.[141] Diese Situation aber sei
durch die Erscheinung Christi eine andere
geworden, und zwar nicht wegen seiner
Lehre, sondern durch sein Opfer. Dieses
habe in der Achse der Natur eine solche
Erschütterung bewirkt, dass sich der
Eros, das bisherige Organ für die Person
außerdem für die überpersönliche Güte
geöffnet habe. Damit sei die endgültige
Heilung der Menschheit und sogar der
ganzen Natur von ihrer tiefsten Wunde
zumindest eingeleitet.[142]

Glauben versteht Blüher als „religiöse


Urteilskraft“; und damit sei der Streit
zwischen Glauben und Wissen beendet.
Alle religiösen Behauptungen seien nur
durch den Glauben wahr; den als
geminderte Erkenntnis anzusehen, ein
grobes Missverständnis sei.[143] Wie jede
Urteilskraft im Allgemeinen entspreche
der Glaube im Besonderen der Achse der
Natur: „Von der objektiven Seite her
strömt etwas herauf, das, aus dem
Grunde der Natur kommend, den
Menschen anruft, ihm zu vertrauen; das
ist die Glaubenskraft, die aus Freiheit
geschenkt wird. Der Intellekt aber fängt
sie auf und bildet, um auch für ruhige
Zeiten gesichert zu sein, das Dogma. Das
aber ist keineswegs ein willkürliches
Gebilde der Vernunft, sondern ein
notwendiges des Glaubens, und stellt
sich fast automatisch ein. […] Daher sind
alle Sätze des Dogmas nur im Glauben
wahr – wobei das ‚nur’ aber eine
Erhöhung bedeutet.“[144]

Gegenüber dem Christentum sieht Blüher


sich selbst in dringlich wichtiger
helfender Funktion:

„Die Philosophie hat in der


Tat an dieser Stelle zum
ersten Mal in ihrer
nachchristlichen
Geschichte die Mittel in
der Hand, um jeden, der
über das Christentum
spricht, sei es als dessen
Priester, sei es als Laie, zu
stellen und ihn zu zwingen,
Farbe zu bekennen.
Entweder – spricht die
Philosophie – ist der Kern
des Christentums, also die
Liebe, ein Abkömmling der
gebotenen Nächstenliebe
und hängt mit ihr, und nur
mit ihr, genuin zusammen:
dann tritt die
unentrinnbare und
zerstörende Konsequenz
ein, daß es auf etwas
beruht, das, nach eigener
Lehre, in seinem Vollzuge
der Sünde unterliegt; und
dann wird eines Tages
niemand mehr daran
glauben. Oder: sein Kern
ist die Liebe des
Hohenliedes Salomonis,
also die natürliche: dann
gibt es nichts, was es
jemals stürzen kann, und
alle anderen Religionen
verschwinden eines Tages
wie wesenlose Schatten.
Denn dann steht das
Christentum allein da als
einziger Träger der von
der Natur unaufhörlich
gestützten Religion. Der
Zeitpunkt ist da, an
welchem die Philosophie
zum ersten Mal in ihrer
Geschichte aus Freiheit
dem Christentum – das
unglaubwürdig geworden
ist – Hilfe leistet.“[145]

Liebe und Güte dienen Blüher auch in


diesem Zusammenhang als wichtige
Bausteine des Beweisgangs, wobei er
auf der Unteilbarkeit des Eros besteht:
„So wie man nicht wissen kann, an
welcher Stelle der Blitz einschlägt, so
kann man auch nicht wissen, wohin die
Güte trifft, ob in die feineren Bezirke oder
in die Wollust. Beide sind ja auch bloß
Vorlagerungen, und erst hinter ihnen,
tiefer im Subjekt, liegt der
transzendentale Ort, an dem die
Organtätigkeit lebendig wird. […] Es ist
ein schwerer Verlust, den das
Christentum gleich in den ersten
schrecklichen Jahrhunderten seines
Bestehens erlitten hat, daß es in die
Hände von Asketen fiel; es erfuhr
dadurch eine Ablenkung von seiner Bahn,
in der es sich heute noch befindet und
durch die es sich ungerechterweise in
den Ruf einer weltverneinenden Religion
nach Art der indischen gebracht hat.
Wenn es aber so ist – und es ist
unwiderleglich so –, daß das
Kernereignis des Christentums die
Organverlagerung der natürlichen Liebe
in Richtung auf die Güte ist, so schließt
dieser Vorgang die Askese im
mortifizierenden Sinne aus, verbannt sie
sogar als eine seelische
Ungezogenheit.“[146]

Als ein „großes Ärgernis“ im Leben Jesu


bezeichnet Blüher den Umstand, dass
das ankündigte Reich Gottes weder
kurzfristig noch überhaupt eingetreten ist
und auch nicht erkennbar in Aussicht
stehe.[147] Dennoch handle es sich bei
Jesus nicht um einen falschen
Propheten: „Die Natur als ein Ganzes in
ihrer Lückenlosigkeit reagiert nicht auf
falsche Propheten. Der Kern des Lebens
Jesu lag aber im Bereich ihrer Achse, und
sein Leben selbst ist die empirische
Kundgebung eines reinen Ereignisses der
Natur.“[148] Ausschlaggebende
Bedeutung hat für Blüher das mit Jesu
Tod am Kreuz verbundene sakrale Opfer:

„In der Tat weiß er noch


bei den ersten Nagelungen
nicht, was das alles für
einen Sinn haben soll; aber
er lehnt betäubende
Getränke ab. Völlig ratlos
sind natürlich die Jünger,
einfach weil sie das immer
waren. Aber mitten
zwischen den
verzweifelten Worten am
Kreuz: ‚Mein Gott! Mein
Gott! Warum hast du mich
verlassen?’ und dem
letzten: ‚Es ist vollbracht!‘
muß der Durchbruch in
voller Gedankenklarheit
erfolgt sein. Dies ist der
Augenblick, in dem die
Natur in die Welt einbricht
und sie in den Stand der
Heilsgeschichte
versetzt.“[149]

Für Blüher war das der Moment, in dem


die Güte ihr Organ in der Liebe fand.
Während es in der Ethik des Altertums
nur Handlungen aus Edelmut (bei den
Hellenen) oder ‚gute Handlungen‘ im
Gesetzessinn (bei den Juden) gegeben
habe, seien nun Handlungen aus Güte als
drittes Element hinzugekommen: „Diese
sind naturunmittelbar und unterscheiden
sich von denen aus dem Gesetz, aber sie
unterscheiden sich auch von denen aus
Edelmut. Handlungen aus Güte sind
daher christliches Privileg.“[150] Zur
Beschaffenheit von Liebe und Eros im
christlichen Sinne gibt Blüher
abschließend folgende Deutung:

„Aus alledem geht hervor,


daß die Liebe, von der im
Christentum die Rede ist,
unmöglich die
‚Nächstenliebe‘ sein kann,
sondern nur die wirkliche
des Hohen Liedes
Salomonis – das keinerlei
allegorische Deutung
zuläßt – und der
heidnische Eros. Denn
‚Nächstenliebe‘ gibt es
nicht; sie ist nirgends in
der Natur gegründet.
Sondern Nächstenliebe soll
es geben. Was aber nicht
ist, sondern nur sein soll,
das kann nicht Organ sein.
Hier gibt es gar kein
Entweichen: entweder so
ist es richtig, oder die
Religion steht im
Christentum auf Flugsand.
Wohl aber enthält der
christliche Charakter, den
es seit dem Kreuzestode
gibt, die caritas als seinen
wesentlichen Bestandteil.
Erst der Christ kann seinen
Nächsten lieben und das
Gesetz erfüllen, gerade
weil diese Erfüllung
‚getrennt vom Gesetz‘
stattfindet. Es gibt im
christlichen Menschen eine
letzte Hemmung der
Humanität, die es ihm
unter allen Umständen
verbietet, das Leben des
Mitmenschen bedenkenlos
zu zerstören. Diese
Hemmung kannte das
Altertum nicht. Die caritas
ist demnach ein Produkt
des christlichen
Weltprozesses.“[151]

Rezeption
Der Historiker Bernd-Ulrich Hergemöller,
der eine Blüher-Bibliographie erstellt hat,
sieht in Hans Blüher „einen der
produktivsten, meistgelesenen und
umstrittensten kultur- und
sexualwissenschaftlichen Autoren des
20. Jahrhunderts“. Die bisher weitgehend
ausgebliebene wissenschaftliche
Auseinandersetzung mit Blüher liege vor
allem an einem „unausgesprochenen
Tabuisierungsverdikt“ wegen Blühers
aggressivem Antisemitismus und seiner
Polemik gegen die
Frauenemanzipation.[152]

Walter Laqueur, Autor unter anderem


eines Standardwerks zur
Jugendbewegung, hält Blüher teils für
aufrichtig, teils für einen „Poseur und
Scharlatan“, der oft auf theatralische und
schockierende Effekte gesetzt habe.
„Einige seiner Theorien enthielten mehr
als nur ein Körnchen Wahrheit, andere
sind zu töricht, als daß man sie ernsthaft
diskutieren könnte.“ Die Klarheit seines
Stils sei leider nicht Ausdruck der
Klarheit seines Denkens.[153]
Hans-Joachim Schoeps, bis 1933
führendes Mitglied der jüdischen
Jugendbewegung und Blüher über
dessen Tod hinaus freundschaftlich
verbunden, betonte dagegen seine
Hochachtung gegenüber Blüher. Noch
1933 war in Buchform ein Disput
zwischen dem jungen jüdischen
Religionswissenschaftler Schoeps und
Blüher erschienen, „Streit um Israel“, der
von den neuen Machthabern aber bald
aus dem Verkehr gezogen wurde.
Schoeps sah Blühers eigentliche
Bedeutung darin, dass er das
Erosproblem „aus dem medizinischen
Niveau unter Anknüpfung an die alte
platonische Erosidee“ in die
philosophische Betrachtungsebene
erhoben habe.[154]

Wirkungsradius zu Lebzeiten …

„Berühmt oder berüchtigt?“ fragt Bernd


Nitzschke mit Blick darauf, dass das
Publikum den Autor Hans Blüher im
zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts
in einem heute kaum mehr
nachvollziehbaren Maß diskutiert
habe.[155] Schon die Aufnahme der
Wandervogel-Trilogie vor dem Ersten
Weltkrieg war zwiespältig. Während etwa
der Reformpädagoge Gustav Wyneken,
der beim Jugendtreffen auf dem Hohen
Meißner 1913 eine zentrale Rolle spielte,
von Blühers Wandervogel-Darstellung
nachhaltig beeindruckt war und ihr „ein
tiefes Verständnis für das Problem der
Jugendkultur“ attestierte,[156] sprach z. B.
der Kritiker Karl Wilke von einem kranken
Buch, das die Ehre der germanischen
Jugendbünde befleckt habe.[155]

Sigmund Freud, zu dem Blüher 1912


zwecks Expertise-Einholung zum dritten
Band seiner Wandervogel-Geschichte
Kontakt aufgenommen hatte,
bescheinigte ihm: „Kein Zweifel, Sie sind
eine starke Intelligenz, ein trefflicher
Beobachter und ein Kerl von Mut und
ohne viel Hemmungen. Was ich bei Ihnen
gelesen habe, ist viel gescheiter als das
Allermeiste der homosexuellen Literatur
und richtiger als das Meiste der
medizinischen.“ Die theoretische
Differenz zwischen ihnen beiden sei nicht
mehr groß; Blüher habe nur mehr auch
das Verhältnis „der Inversion zur
Impotenz gegen das Weib“ zu
berücksichtigen, die Freud als nicht ganz
normal ansah, sondern als
Entwicklungshemmung auffasste.[157]
Anders fiel Freuds Urteil allerdings aus,
nachdem Blüher sich politisch-
weltanschaulich zum bekennenden
Konservativen gewandelt hatte, der Freud
als jüdischem Gelehrten 1922 zwar noch
immer eine bedeutende Entdeckung
bescheinigte, aber zugleich einschränkte:
„Diese Gedanken werden erst fruchtbar,
wenn sie durch ein deutsches Gehirn
gehen, das imstande ist, ihrem
tückischen Untergrunde Widerstand zu
leisten.“ Fortan war Blüher für Freud
„einer der Propheten dieser aus den
Fugen geratenen Zeit“, der mit
analytischer Wissenschaft nichts zu tun
habe.[157]

Eine ganze Reihe bekannter und weniger


bekannter Dichter und Literaten reagierte
auf Blühers frühe Schriften. Aus den
Schützengräben des Ersten Weltkriegs
erhielt Blüher 1915 Feldpost von Franz
Werfel, der im Zustand nervlicher
Erschöpfung Trost in der Blüher-Lektüre
fand, wie er schrieb.[158] Rainer Maria
Rilke meldete sich 1919 in mehreren
Briefen bei Blüher und teilte unter
anderem mit, er habe die „Rolle der
Erotik“ stellenweise mit „überraschtester
und freudigster Bewunderung“ gelesen
und weitere Exemplare an andere
Interessierte geschickt.[159] Harry Graf
Kessler lernte ihn im Januar 1919 kennen
und bezeichnete ihn als „wohl den
originellsten Kopf unter den jüngeren
Denkern“.[160] Gottfried Benn widmete
Blüher die Schrift Das moderne Ich als
„Zeichen meiner schrankenlosen
Verehrung seines Werkes“.[161] Mit
gänzlich anderer Stoßrichtung erschien
1920 ein Buch von Johann Plenge unter
dem Titel: Antiblüher. Affenbund oder
Männerbund? Kurt Tucholsky äußerte
sich in seinem Essay Der Darmstädter
Armleuchter, der sich mit Hermann Graf
Keyserling befasst, abwertend.[162]

Auf die „besseren Vertreter der


Jugendbewegung“ berief sich 1922 der
zur Führung der Neupfadfinder gehörige
Karl Sonntag in seinem Urteil über
Blühers Schriften: „Wir geben gerne zu,
daß vieles richtig ist, was Blüher sagt.
Aber wir werden nie ein peinliches Gefühl
und ein unmutiges Empörtsein darüber
los, was er gesagt hat und wie er es
gesagt hat. […] Und es ist ungemein
traurig, daß dieser ‚Philosoph‘ einen
Hauptlesestoff der Jugend bildet und
den Weg zur wahren Literatur versperrt.
In heiligen und feierlichen Stunden zu
Blühers Büchern zu greifen ist
unmöglich. Man kann sie nur nach Tisch
lesen, wie Zeitungen …“[163]

Thomas Mann war im Februar 1919


Zuhörer eines Blüher-Vortrags zum
Thema Deutsches Reich, Judentum und
Sozialismus, für den er Blüher
anschließend persönlich dankte und zu
dem er in seinem Tagebuch festhielt: „Ein
ausgezeichneter Vortrag, mir fast Wort
für Wort aus der Seele geredet.“[164] Noch
1922 äußerte Thomas Mann sich in einer
Rede partiell zustimmend zu Blühers
männerbündischem Erosbegriff („Eros
als Staatsmann, als Staatsschöpfer
sogar ist eine seit alters her vertraute
Vorstellung, die noch in unseren Tagen
aufs geistreichste propagiert [wird]“),
lehnte aber dessen Gebrauch zu
Zwecken der monarchischen
Restauration als Unfug ab.[165] Blühers
1926 erschienenes Traktat über die
Heilkunde beeinflusste laut Hergemöller
„zahlreiche Alternativmediziner,
Homöopathen und
Psychotherapeuten“.[166]

Spärliche Beachtung und


Auseinandersetzung im Nachgang

Über bestimmte homophile, pädophile
und rechtsextreme Kreise hinaus, die
sich zu eigenen Zwecken einzelner
Bestandteile von Blühers
Veröffentlichungen bedienten, hat Blüher
nach seinem Tode in der Forschung
lange Zeit kaum Beachtung gefunden.
Hergemöller konstatiert eine strikte
Tabuisierung seines Namens.
Entgegengesetzte Impulse diesbezüglich
haben insbesondere Hans Joachim
Schoeps, Nicolaus Sombart, Ulfried
Geuter und zuletzt Claudia Bruns und
Ulrike Brunotte gesetzt, die vor allem auf
Blühers homoerotische und
männerbündische Theorien zielen.
Schoeps bemängelte an Die Rolle der
Erotik in der männlichen Gesellschaft in
wissenschaftlicher Hinsicht zwar unter
anderem eine uneinheitliche Methodik,
das Fehlen einer sicheren
psychologischen Grundlegung und eine
nicht hinreichend differenzierte
Trieblehre; mit solcher Kritik würde aber
der intuitive Charakter des Werkes
verkannt: „Die Fülle genialer Einfälle, die
man in ihm findet, ist gewiß
unkontrollierbar; aber Reiz und Wesen
dieses Buches hängen gerade daran.“
Blüher habe viel dazu beigetragen, „den
Typus des Sexualneurotikers zu
enthüllen, der seinen
Verdrängungszwängen unterliegt und in
der Rolle des Verfolgers so gefährlich
wird.“[167]

Sombart vertritt die Ansicht, im


Wilhelminischen Deutschland habe im
Unterschied zu anderen europäischen
Gesellschaften eine patriarchalische
Gesellschaftsordnung mit einem starken
männerbündlerischen Element
geherrscht. Gegenwärtige Theorien, die
das Phänomen der Homosexualität nicht
nur als anthropologisches, sondern als
soziales zu deuten versuchten, bewegten
sich zwischen einem apologetischen und
einem diskreditorischen Pol. Namentlich
bezieht sich Sombart dabei einerseits
auf die Theorie von Hans Blüher, „in der
die mann-männlichen Beziehungen der
Heterosexualität gegenüber als eine
superiore Form zwischenmenschlicher
Beziehungen angesehen werden,
Homosexualität mit Polis und Staat in
Beziehung gesetzt wird, die «reine
Männersache» sind“, aber auch auf die
geistige Betätigung schlechthin bezogen
wird, zu der allein Männer befähigt seien;
den anderen Pol stellt für Sombart die
Theorie Alfred Adlers dar, in der
Homosexualität als ein „spezifischer Fall
männlicher Lebensuntüchtigkeit“
erscheine und auf einen männlichen
Minderwertigkeitskomplex der Frau
gegenüber zurückzuführen sei.[168] Die
Eulenburg-Affäre gilt Sombart als „ein
typischer Fall also von Homosexuellen-
Haß des latent Homosexuellen. Harden
verfolgte das, was er in sich
unterdrückte. […] Die Negation der
eigenen homosexuellen Komponente
machte ihn zum Typ des homosexuellen
Verfolgers. Hans Blüher hat diesen
Verfolgertypus und die für ihn
charakteristische Verfolgungsneurose
genau beschrieben – und zwar im
Anschluß an die Kalamität der Eulenburg-
Prozesse -; als die Geschichte «des
Mannes, der den ungeheuerlichsten
Abscheu und Widerwillen vor der
Berührung mit dem eigenen Geschlecht
hat, aber ihm doch leidenschaftlich
verfallen ist».“[169]
Blühers Rolle bei den ersten heftigen
Auseinandersetzungen um homosexuelle
Tendenzen innerhalb der
Wandervogelbewegung gründlich
erforscht hat Geuter, der aus
Publikationen und Nachlässen eine
ausgedehnte Lagerbildung von Blüher-
Freunden und Blüher-Gegnern
rekonstruiert.[170] Diese stellt er in den
Zusammenhang mit einer Unsicherheit
und Desorientierung im Verhältnis
zwischen Jungen und Mädchen um die
Jahrhundertwende und mit den öffentlich
aufbereiteten Homosexualitätsaffären
am und im Umfeld des kaiserlichen
Hofes. Auch den zweiten Höhepunkt der
Diskussionen um die „mann-männliche
Liebe“ unmittelbar nach dem Ersten
Weltkrieg in der Jugendbewegung sieht
Geuter im Zusammenhang mit Blühers
Publikationen, insbesondere mit dem
Werk Die Rolle der Erotik in der
männlichen Gesellschaft.[171] Zu einer
„grundlegenden Konzeption der
Befreiung der Sexualität“ sei Blüher in
seinem Widerspruch gegen die
heterosexuelle Normierung nicht gelangt,
weil am Ende seiner Theorie nicht der
lustvolle Mann gestanden habe, sondern
„das Mitglied eines wohlgeordneten
Männerbundes, das, wie in der
ritterlichen Ordnung, in einem
Treueverhältnis zu einer Führungsperson
stand.“[172]
Brunotte, die in einem weiten
kulturhistorischen Bogen den
Zusammenhang von „kriegerischer
Politik und technologisch aufgerüsteter
Männlichkeit“ bis in die Gegenwart des
begonnenen 21. Jahrhunderts spannt,
sieht Blühers Theorie der männlichen
Gesellschaft notwendig auch in der
Perspektive zu den „männerbündisch
organisierten Kampfverbänden und
Banden der Freikorps, der SA und der
SS“, hält die alleinige Deutung des
Blüherschen Männerbundmodells als
Vorbereitung auf den
Nationalsozialismus jedoch für verfehlt.
„Es bedarf nur einer kleinen
Perspektivverschiebung, um im
Männerbundmodell – als eines durch
rauschhafte Gefühlserlebnisse um den
‘charismatischen Männerhelden’
bewirkten Zusammenschlusses von
brüderlichen Freunden – den
dämonischen Doppelgänger
republikanischer Brüderlichkeitsideale
seit 1789 zu erkennen.“ Ungeachtet der
Ambivalenz von Person und Schriften
Blühers, von denen ein Großteil in den
Giftschrank gehöre, bleibe sein Beitrag
„zur Analyse mann-männlicher
Soziabilität und zur sexual politics des
frühen 20. Jahrhunderts.“[173]

Nitzschke zielt in seinem Urteil


wesentlich auf Blühers politische
Orientierung und sieht in dessen Haltung,
„das Hohe und Höchste in die
Vergangenheit zu projizieren und es in
der Zukunft wiedergewinnen zu wollen“
eine „gefährliche Geringschätzung des
Gegenwärtigen, des Realen, des Nicht-
Idealen.“[155] Das philosophische
Hauptwerk, Die Achse der Natur, nennt
Hergemöller „eine antimodernistische
Geschichtsmetaphysik“, die nur von
einigen schweizerischen und
französischen Wissenschaftlern positiv
rezipiert worden sei. Die eigenen
bibliographischen Bemühungen um Hans
Blüher begründet Hergemöller mit der für
das Verständnis der Vergangenheit „mit
all ihren Exzessen und Katastrophen“
selbstverständlichen akribischen
wissenschaftlichen Forschung auch
bezüglich solcher Personen und
Gedanken, „die zur Destruktion des
Humanum beigetragen haben und die
keinerlei Identifikationspotential
besitzen“.[152]

Literatur

Werke …

(in Auswahl)

Die Rede des Aristophanes.


Prolegomena zu einer Soziologie des
Menschengeschlechtes. Hamburg
1966. Kompilation postumer Schriften.
Veröffentlicht aus dem Nachlass
Blühers
Die Achse der Natur. System der
Philosophie als Lehre von den reinen
Ergebnissen der Natur: Hamburg 1949
(EA), Stuttgart 1952
Die Erhebung Israels gegen die
christlichen Güter. Hanseatische
Verlagsanstalt 1931
Der Standort des Christentums in der
lebendigen Welt. Hamburg 1931
Streit um Israel. Hanseatische
Verlagsanstalt, Hamburg 1933. Ein
jüdisch-christliches Gespräch mit
Hans-Joachim Schoeps
Die humanistische Bildungsmacht.
Leipzig 1928
Postume Neufassung: Heidenheim
an der Brenz 1976
Philosophie auf Posten. Gesammelte
Schriften 1916–1921. Heidelberg 1928
Die Elemente der deutschen Position.
Offener Brief an den Grafen Keyserling
in deutscher und christlicher Sache.
Berlin 1927
Traktat über die Heilkunde insbesondere
die Neurosenlehre. Jena 1926, 1928
veränd. Fassung, Stuttgart 1950
Die deutsche Renaissance. Von einem
Deutschen. Kampmann & Schnabel,
Prien 1924 (Anonym erschienen)
Der Judas wider sich selbst. Aus den
nachgelassenen Papieren von Artur
Zelvenkamp. Berlin 1922. (Unter
Pseudonym erschienen)
Secessio Judaica. Philosophische
Grundlegung der historischen Situation
des Judentums und der antisemitischen
Bewegung. Der Weisse Ritter, Berlin
1922
Veränderte 3. Ausgabe,
Voggenreiter, Berlin 1933
Volltext Ausg. 1922
Die Aristie des Jesus von Nazareth.
Philosophische Grundlegung der Lehre
und der Erscheinung Christi. Prien, 1921
Deutsches Reich, Judentum und
Sozialismus. Prien 1920
Die Wiedergeburt der platonischen
Akademie. Diederichs, Jena 1920
Werke und Tage (Geschichte eines
Denkers). Autobiographie. Jena 1920
wesentlich erw. Aufl. München
1953
Mehrehe und Mutterschaft. Ein
Briefwechsel mit Milla von Brosch. Jena
1919.
Empedokles. Oder das Sakrament des
freien Todes. o. O. 1918. Als
Handschrift gedruckt, nicht im
Buchhandel erschienen.
Die Rolle der Erotik in der männlichen
Gesellschaft. (2 Bde.) Jena 1917/19.
Merkworte für den freideutschen Stand.
Hamburg 1919
In medias res. Grundbemerkungen zum
Menschen. Jena 1919
Führer und Volk in der
Jugendbewegung. Jena 1917
Einer der Homere und anderes in Prosa.
Leipzig 1914
Wandervogel. Geschichte einer
Jugendbewegung. (2 Bde.) I.: Heimat
und Aufgang, II.: Blüte und Niedergang.
1. Auflage. Berlin-Tempelhof 1912
Die Wandervogelbewegung als
erotisches Phänomen. Berlin-
Tempelhof 1912

Sekundärliteratur …

Ulrike Brunotte: Zwischen Eros und


Krieg. Männerbund und Ritual in der
Moderne (= Kleine
kulturwissenschaftliche Bibliothek,
Bd. 70). Wagenbach, Berlin 2004, ISBN
3-8031-5170-8.
Claudia Bruns: Zur Konstruktion des
Männerbunds bei Hans Blüher. In:
Susanne zur Nieden: Homosexualität
und Staatsräson. Männlichkeit,
Homophobie und Politik in Deutschland
1900–1945 (= Geschichte und
Geschlechter, Bd. 46). Campus-Verlag,
Frankfurt am Main u. a. 2005, ISBN 3-
593-37749-7, S. 100–117.
Claudia Bruns: Politik des Eros. Der
Männerbund in Wissenschaft, Politik
und Jugendkultur (1880–1934). Böhlau,
Köln u. a. 2008, ISBN 978-3-412-14806-
5 (Zugleich: Hamburg, Univ., Diss.,
2004).
Ulfried Geuter: Homosexualität in der
deutschen Jugendbewegung.
Jugendfreundschaft und Sexualität im
Diskurs von Jugendbewegung,
Psychoanalyse und Jugendpsychologie
am Beginn des 20. Jahrhunderts
(= Suhrkamp-Taschenbuch
Wissenschaft 1113). Suhrkamp,
Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-518-
28713-3.
Bernd-Ulrich Hergemöller: Hans Blüher
1888–1955. Annotierte und
kommentierte Biobibliographie (1905–
2004) (= Hergemöllers
historiographische Hilfsmittel 1). HHL-
Verlag, Hamburg 2004, ISBN 3-936152-
04-7 (Teil C zur Rezeption.
Inhaltsübersicht (Memento vom 11.
November 2009 im Internet Archive)).
Susanne zur Nieden, Claudia Bruns:
„Und unsere germanische Art beruht
bekanntlich zentnerschwer auf unserem
Triebleben …“. Der „arische Körper“ als
Schauplatz von Deutungskämpfen bei
Blüher, Heimsoth und Röhm. In: Paula
Diehl (Hrsg.): Körper im
Nationalsozialismus. Bilder und Praxen.
Fink u. a., München u. a. 2006, ISBN 3-
7705-4256-8, S. 111–128.
Jürgen Plashues: Ein Leben zwischen
Schwarz und Weiß. In: Jahrbuch des
Archivs der deutschen
Jugendbewegung. 19, 1999/2004,
ISSN 0587-5277 , S. 146–185.
Christopher Treiblmayr: Männerbünde
und Schwulenbewegung im 20.
Jahrhundert. In: Europäische
Geschichte Online. 2011, Zugriff am:
29. Dezember 2011.
Alexander Zinn: "Aus dem Volkskörper
entfernt"? Homosexuelle Männer im
Nationalsozialismus. Campus,
Frankfurt am Main 2018, ISBN
9783593508634.

Weblinks
Literatur von und über Hans Blüher im
Katalog der Deutschen
Nationalbibliothek
Nachlass Hans Blüher in der
Universitätsbibliothek Basel
Originaltexte von Hans Blüher im Netz
Die Theorie der Religionen und ihres
Untergangs (1912)
„Niels Lyhne“ und das Problem der
Bisexualität , "Imago", I 1912, S. 386–
400. (PDF; 43 kB)
Die drei Grundformen der sexuellen
Inversion. Eine sexuologische Studie ,
Leipzig: Max Spohr, 1913.
Einer der Homere und anderes in Prosa
(1914)
Der bürgerliche und der geistige
Antifeminismus (1915)
Ulrich von Wilamowitz und der deutsche
Geist 1871/1915 (1915)
Die Intellektuellen und die Geistigen
(1916)
Die Wiedergeburt der platonischen
Akademie (1920)
Die Aristie des Jesus von Nazareth
(1921)
Traktat über die Heilkunde (1926)
Die Achse der Natur (1949) (PDF;
2,05 MB)
Parerga zur Achse der Natur I (1952)
Parerga zur Achse der Natur II (1952)
Sekundäres
Bernd Nitzschke: Ein Privatgelehrter in
des Kaisers Kutsche – über Hans
Blühers Buch „Die Rolle der Erotik in der
männlichen Gesellschaft“ (1917/19)
Martin Lichtmesz: Autorenportrait Hans
Blüher (aus: Sezession 15/2006)

Anmerkungen
1. Hans Blüher (biographische
Hinweise). In: Werner Kindt (Hrsg.):
Dokumentation der
Jugendbewegung. Band I:
Grundschriften der deutschen
Jugendbewegung. Diederichs,
Düsseldorf 1963, S. 558 f.
2. Hans Blüher: Wandervogel.
Geschichte einer Jugendbewegung.
Zweiter Teil: Blüte und Niedergang.
Zweite Auflage, Berlin-Tempelhof
1912, S. 152 ff.
3. „Dabei gehörte er aber nicht zu den
üblichen Pastorennaturen, die nichts
anderes kennen. Seine Liebe war bei
den Griechen; das klassische
Altertum galt ihm als Vorstufe zur
christlichen Wahrheit, und insofern
liebte er es, insofern verzieh er ihm.“
(Hans Blüher: Wandervogel.
Geschichte einer Jugendbewegung.
Erster Teil: Heimat und Aufgang.
Dritte Auflage, Berlin-Tempelhof
1913, S. 27)
4. Hans Blüher: Werke und Tage
(Geschichte eines Denkers).
Autobiographie. München 1953, S. 25
5. Hans Blüher: Werke und Tage
(Geschichte eines Denkers).
Autobiographie. München 1953, S. 16
. Zu Fischers Wandervogel-
Nomenklatur siehe: „Oberbachant“
Karl Fischer
7. Hans Blüher: Wandervogel.
Geschichte einer Jugendbewegung.
Erster Teil: Heimat und Aufgang.
Dritte Auflage, Berlin-Tempelhof
1913, S. 133
. Hans Blüher: Wandervogel.
Geschichte einer Jugendbewegung.
Zweiter Teil: Blüte und Niedergang.
Zweite Auflage, Berlin-Tempelhof
1912, S. 189/191
9. Hans Blüher: Wandervogel.
Geschichte einer Jugendbewegung.
Zweiter Teil: Blüte und Niedergang.
Zweite Auflage, Berlin-Tempelhof
1912, S. 167 f.
10. Ulrike Koch: „Ich erfuhr es von Fritz
Klatt“ – Käthe Kollwitz und Fritz
Klatt. In: Käthe Kollwitz und ihre
Freunde: Katalog zur
Sonderausstellung anlässlich des
150. Geburtstages von Käthe
Kollwitz. Hrsg. vom Käthe-Kollwitz-
Museum Berlin, Lukas Verlag, Berlin
2017, ISBN 978-3-8673-2282-9, S. 65.
11. Anna M. Lazzarino Del Grosso:
Armut und Reichtum im Denken
Gerhohs von Reichersberg. C. H.
Beck, München 1973. S. 83.
12. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 206 f.
13. Hans Blüher: Wandervogel.
Geschichte einer Jugendbewegung.
Erster Teil: Heimat und Aufgang.
Dritte Auflage, Berlin-Tempelhof
1913, S. 54 f.
14. Hans Blüher (biographische
Hinweise); in: Werner Kindt (Hrsg.):
Dokumentation der
Jugendbewegung. Band I:
Grundschriften der deutschen
Jugendbewegung. Diederichs,
Düsseldorf 1963, S. 558
15. Hans Blüher: Wandervogel.
Geschichte einer Jugendbewegung.
Zweiter Teil: Blüte und Niedergang.
Zweite Auflage, Berlin-Tempelhof
1912, S. 57 f
1 . Vgl.: Bruns, Claudia: Politik des Eros,
S. 211
17. Hans Blüher: Wandervogel.
Geschichte einer Jugendbewegung.
Zweiter Teil: Blüte und Niedergang.
Zweite Auflage, Berlin-Tempelhof
1912, S. 49 f.
1 . Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 323
19. Hans Blüher: Wandervogel.
Geschichte einer Jugendbewegung.
Erster Teil: Heimat und Aufgang.
Dritte Auflage, Berlin-Tempelhof
1913, S. VI, ff.
20. Hans Blüher: Wandervogel.
Geschichte einer Jugendbewegung.
Erster Teil: Heimat und Aufgang.
Dritte Auflage, Berlin-Tempelhof
1913, S. 59
21. Hans Blüher: Wandervogel.
Geschichte einer Jugendbewegung.
Erster Teil: Heimat und Aufgang.
Dritte Auflage, Berlin-Tempelhof
1913, S. 127
22. „DIE ZEIT“, 31. Oktober 2001, S. 96
23. Hans Blüher: Wandervogel.
Geschichte einer Jugendbewegung.
Erster Teil: Heimat und Aufgang.
Dritte Auflage, Berlin-Tempelhof
1913, S. 131
24. Hans Blüher: Wandervogel.
Geschichte einer Jugendbewegung.
Erster Teil: Heimat und Aufgang.
Dritte Auflage, Berlin-Tempelhof
1913, S. 95 f.
25. Hans Blüher: Wandervogel.
Geschichte einer Jugendbewegung.
Erster Teil: Heimat und Aufgang.
Dritte Auflage, Berlin-Tempelhof
1913, S. 96 f.
2 . Hans Blüher: Wandervogel.
Geschichte einer Jugendbewegung.
Zweiter Teil: Blüte und Niedergang.
Zweite Auflage, Berlin-Tempelhof
1912, S. 185 f.
27. Hans Blüher: Wandervogel.
Geschichte einer Jugendbewegung.
Erster Teil: Heimat und Aufgang.
Dritte Auflage, Berlin-Tempelhof
1913, S. 80
2 . Hans Blüher: Wandervogel.
Geschichte einer Jugendbewegung.
Erster Teil: Heimat und Aufgang.
Dritte Auflage, Berlin-Tempelhof
1913, S. 46 f.
29. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 219
30. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 220f.
31. Den Begriff der Inversion bevorzugte
Blüher gegenüber dem der
Homosexualität mit der Begründung,
Inversion verdeutliche, dass nur die
Richtung der Trieborientierung
verändert und das Liebesobjekt ein
anderes sei, nicht aber das
Liebesverhalten. (Geuter 1994, S. 83)
32. Geuter 1994, S. 76
33. Hans Blüher: Wandervogel.
Geschichte einer Jugendbewegung.
Zweiter Teil: Blüte und Niedergang.
Zweite Auflage, Berlin-Tempelhof
1912, S. 120 f.
34. Geuter 1994, S. 69
35. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 231
3 . Brunotte 2004, S. 72 f.
37. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 33
3 . Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 337
39. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 338
40. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 339 f.
41. Christian Füller: Die Revolution
missbraucht ihre Kinder. Sexuelle
Gewalt in deutschen
Protestbewegungen Hanser,
München 2015.
42. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 251
43. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 252 f.
44. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 255 f.
45. Hans Blüher: Die deutsche
Wandervogelbewegung als
erotisches Phänomen. Zweite
Auflage, Berlin-Tempelhof 1912, S. 27
4 . Hans Blüher: Wandervogel.
Geschichte einer Jugendbewegung.
Zweiter Teil: Blüte und Niedergang.
Zweite Auflage, Berlin-Tempelhof
1912, S. 114 f.
47. Hans Blüher: Die deutsche
Wandervogelbewegung als
erotisches Phänomen. Zweite
Auflage, Berlin-Tempelhof 1912,
S. 110
4 . Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in
der männlichen Gesellschaft.
Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der
1917/19 in Jena erschienenen
zweibändigen Erstausgabe), S. 122
49. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in
der männlichen Gesellschaft.
Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der
1917/19 in Jena erschienenen
zweibändigen Erstausgabe), S. 20
50. Jay Geller: Freud, Blüher, and the
Secessio Inversa: Männerbünde,
homosexuality, and Freud's theory of
cultural formation. In: Daniel Boyarin,
Daniel Itzkovitz und Ann Pellegrini
(Hrsg.): Queer theory and the Jewish
question. Columbia University Press,
New York 2003, ISBN 978-0-231-
11374-8, S. 90–120.
51. Geuter 1994, S. 16, 308
52. Florian Mildenberger: Der Diskurs
über männliche Homosexualität in
der deutschen Medizin von 1880 bis
heute. In: Dominik Groß, Sabine
Müller und Jan Steinmetzer (Hrsg.):
Normal - anders - krank?: Akzeptanz,
Stigmatisierung und
Pathologisierung im Kontext der
Medizin. Medizinisch-
wissenschaftliche
Verlagsgesellschaft, Berlin 2008,
ISBN 978-3-939069-28-7, S. 90.
53. Ulrike Brunotte: Masculinities as
Battleground of German Identity
Politics. Colonial Transfers,
Homophobia and Anti-Semitism
around 1900. In: Waltraud Ernst
(Hrsg.): Grenzregime:
Geschlechterkonstellationen
zwischen Kulturen und Räumen der
Globalisierung. Lit-Verlag, Münster
2010, ISBN 978-3-643-10713-8, S.
178 .
54. Geuter 1994, S. 112 f. An Hirschfelds
Zwischenstufentheorie kritisierte
Blüher, dass Inversion darin als
weibliche Eigenschaft des Mannes
erscheine. Sie verkenne damit den
Männerhelden. (S. 113 f.)
55. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in
der männlichen Gesellschaft.
Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der
1917/19 in Jena erschienenen
zweibändigen Erstausgabe), S. 50 f.
5 . Hans Blüher: „Die Rede des
Aristophanes.“ Hamburg 1966, S. 165
57. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in
der männlichen Gesellschaft.
Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der
1917/19 in Jena erschienenen
zweibändigen Erstausgabe), S. 18
5 . Hans Blüher: „Die Rede des
Aristophanes.“ Hamburg 1966,
S. 165. Die „zwei Männerarten“ wären
nur als Idealtypen zu denken. An
vielen Stellen spricht Blüher von jener
„Kategorie von Bisexuellen, die ihre
Liebe dem Manne geben und beim
Weibe Wollust suchen und sie ihm
geben. Eine scheinbar
außergewöhnliche Aufspaltung des
Eros, der ich aber in hundert
Varianten immer und immer wieder
in meinen Sprechstunden begegnet
bin.“ S. 94 f.
59. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in
der männlichen Gesellschaft.
Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der
1917/19 in Jena erschienenen
zweibändigen Erstausgabe), S. 199
0. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in
der männlichen Gesellschaft.
Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der
1917/19 in Jena erschienenen
zweibändigen Erstausgabe), S. 201
1. Hans Blüher: „Die Rede des
Aristophanes.“ Hamburg 1966,
S. 165.
2. Hans Blüher: Die Untaten des
bürgerlichen Typus. In: Blüher:
Gesammelte Aufsätze. Jena 1919,
S. 41
3. Hans Blüher: Die Wiedergeburt der
platonischen Akademie. Jena 1920,
S. 10
4. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 39
5. Hans Blüher: Die Wiedergeburt der
platonischen Akademie. Jena 1920,
S. 22
. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 299
7. Hans Blüher: Ulrich von Wilamowitz
und der deutsche Geist 1871–1915.
In: Blüher: Philosophie auf Posten.
Gesammelte Schriften 1916–1921.
Heidelberg 1928, S. 48–51
. Hans Blüher: Die Wiedergeburt der
platonischen Akademie. Jena 1920,
S. 5
9. Hans Blüher: Ulrich von Wilamowitz
und der deutsche Geist 1871–1915.
In: Blüher: Philosophie auf Posten.
Gesammelte Schriften 1916–1921.
Heidelberg 1928, S. 46, 52
70. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 300
71. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in
der männlichen Gesellschaft.
Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der
1917/19 in Jena erschienenen
zweibändigen Erstausgabe), S. 322 f
72. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in
der männlichen Gesellschaft.
Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der
1917/19 in Jena erschienenen
zweibändigen Erstausgabe), S. 324
73. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 399 f.
74. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 176
75. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 148
7 . Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 170
77. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 144 f.
7 . Nicolaus Sombart: Wilhelm II.
Sündenbock und Herr der Mitte,
Berlin 1996, S. 178. Mit dieser
durchschlagenden zeitgenössischen
Breitenwirkung kontrastiert Sombart
deren geringe Beachtung in der
heutigen Historiographie: „Die
Angelegenheit wird bagatellisiert […]
Es gibt in Deutschland kein Buch,
keine Monographie über diesen
Vorfall.“ (Nicolaus Sombart:
Wilhelm II. Sündenbock und Herr der
Mitte, Berlin 1996, S. 159)
79. Nicolaus Sombart: Wilhelm II.
Sündenbock und Herr der Mitte.
Berlin 1996, S. 181
0. Geuter 1994, S. 305. „Es überrascht
daher nicht, daß der Kaiser nach dem
Ersten Weltkrieg in seinem
holländischen Exil Blühers Bücher las
und Blüher persönlich empfing.“
1. Hans Blüher: Wandervogel.
Geschichte einer Jugendbewegung.
Zweiter Teil: Blüte und Niedergang.
Zweite Auflage, Berlin-Tempelhof
1912, S. 96 f.
2. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 164
3. Benjamin Benno Adler: Esra. Die
Geschichte eines orthodox-jüdischen
Jugendbundes zur Zeit der Weimarer
Republik. Harrassowitz, Wiesbaden
2001, S. 159; Claudia Bruns: Politik
des Eros. Der Männerbund in
Wissenschaft, Politik und
Jugendkultur (1880–1934). Böhlau,
Köln u. a. 2008, S. 442 u.ö.; Uwe
Puschner: Völkische Bewegung und
Jugendbewegung Eine
Problemskizze. In: Gideon Botsch
und Josef Haverkamp (Hrsg.):
Jugendbewegung, Antisemitismus
und rechtsradikale Politik. Vom
„Freideutschen Jugendtag“ bis zur
Gegenwart. De Gruyter, Berlin und
New York 2014, ISBN 978-3-11-
030642-2, S. 21 (abgerufen über De
Gruyter Online).
4. Hans Blüher: Werke und Tage
(Geschichte eines Denkers).
Autobiographie. München 1953, S. 95
und 165.
5. Maria Irod: Antisemitism,
Antifeminism and the Crisis of
German Culture in Early 20th
Century. In: Studia Hebraica. 9–10,
2009–2010, S. 330–339.
. Claudia Bruns: The Politics of
Masculinity in the (Homo-)Sexual
Discourse (1880 to 1920) (PDF;
3,1 MB). In: German History. 23, Nr. 3,
S. 306–320.
doi:10.1093/0266355405gh342oa
(zurzeit nicht erreichbar).
7. Claudia Bruns: Politik des Eros: der
Männerbund in Wissenschaft, Politik
und Jugendkultur (1880–1934).
Böhlau, Köln 2008, ISBN 978-3-412-
14806-5, S. 443
. lat. für „Juda liegt offen zutage“.
9. Alexander Bein: „Der jüdische
Parasit“. In: Vierteljahrshefte für
Zeitgeschichte, 13 (1965), Heft 2, S.
151 (online , Zugriff am 30. Januar
2016)
90. Hans Blüher: Wandervogel.
Geschichte einer Jugendbewegung.
Zweiter Teil: Blüte und Niedergang.
Zweite Auflage, Berlin-Tempelhof
1912, S. 187
91. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 357
92. Hans Blüher: Werke und Tage
(Geschichte eines Denkers).
Autobiographie. München 1953, S. 94
93. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 95 f.
94. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 152
95. von Hergemöller beispielsweise
9 . Hans Blüher: „Führer und Volk in der
Jugendbewegung“. Jena 1918, S. 3
97. Hans Blüher: „Führer und Volk in der
Jugendbewegung“. Jena 1918, S. 32:
„Daß in jeder jungen Generation die
Menschheit durchbruchartig zu dem
vorstößt, was Wyneken ‚Geist‘ nennt,
und daß Jugendbewegung demnach
geistige Bewegung sein muß, das
war seine Erkenntnis und aus ihr
heraus kam all sein Handeln. […] Sein
Durchdringen hängt ab von einem
Akte der Wahl. Wyneken lebt unter
der Jugend weder einsam noch im
Besitze der Majorität; er lebt als Kraft
unter ihr. Langsam tritt eine
Abwanderung ein vom Lager der
Vielen und Trivialen zu den Wenigen
und Gelungenen. Das Volk wird
größer und reicher, und es wird
immer mehr zu spüren bekommen,
daß es unwürdig ist, dem
Freiheitsgeschrei der Volkstribunen
Beachtung zu schenken, wenn man
einen Führer in seiner Nähe weiß, der
zwar strenge zu sein und zu
herrschen gewohnt ist, der aber dafür
die Eigenschaft hat, die Dinge mit
den Augen der Götter zu sehen.“
9 . Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 245
99. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 328 f. Auch zum
Kreis um Stefan George soll sich
Blüher mehrfach vergeblich um
Zugang bemüht haben. Hier hätte er
seine schriftstellerische Vision von
der „Wiedergeburt der platonischen
Akademie“ (Hans Blüher: Die
Wiedergeburt der platonischen
Akademie. Jena 1920)
möglicherweise verwirklichen wollen
(Brunotte 2004, S. 75).
100. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 169
101. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 168
102. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in
der männlichen Gesellschaft.
Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der
1917/19 in Jena erschienenen
zweibändigen Erstausgabe), S. 25
103. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in
der männlichen Gesellschaft.
Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der
1917/19 in Jena erschienenen
zweibändigen Erstausgabe), S. 28
104. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in
der männlichen Gesellschaft.
Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der
1917/19 in Jena erschienenen
zweibändigen Erstausgabe), S. 26, 28
105. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in
der männlichen Gesellschaft.
Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der
1917/19 in Jena erschienenen
zweibändigen Erstausgabe), S. 30
10 . Alexander Zinn: "Aus dem
Volkskörper entfernt"? S. 243–250.
107. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in
der männlichen Gesellschaft.
Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der
1917/19 in Jena erschienenen
zweibändigen Erstausgabe), S. 238
10 . Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 444
109. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in
der männlichen Gesellschaft. Zit. n.
Geuter 1994, S. 171 f.
110. Hans Blüher: Werke und Tage
(Geschichte eines Denkers).
Autobiographie. München 1953.,
S. 424 f.
111. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in
der männlichen Gesellschaft.
Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der
1917/19 in Jena erschienenen
zweibändigen Erstausgabe), S. 265
112. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 300 f.
113. Hans Blüher: Wandervogel.
Geschichte einer Jugendbewegung.
Erster Teil: Heimat und Aufgang.
Dritte Auflage. Berlin-Tempelhof
1913, S. 34 f.
114. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 210
115. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 301
11 . Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 216
117. Hans Blüher: Die Aristie des Jesus
von Nazareth. Philosophische
Grundlegung der Lehre und der
Erscheinung Christi. Prien 1921, S. 36
11 . Hans Blüher: Die Aristie des Jesus
von Nazareth. Philosophische
Grundlegung der Lehre und der
Erscheinung Christi. Prien 1921,
S. 78. Dagegen hatte Blüher in der
Theorie der Religionen und ihres
Untergangs noch folgende
Anschauung vertreten: „Das
Christentum stellt eine Bastardierung
zwischen indischem und jüdischem
Religionswesen dar. Wir hatten
schon oben gesehen, daß es
wesentlich ein Nebenprodukt der
abendländischen Geschichte ist und
daß sein Ja und Nein dem Leben
gegenüber schwankt. Eine dem ganz
entsprechende Unsicherheit findet
sich bei der Bedeutung des
Handelns. Der Christ wird nicht
gerechtfertigt durch die eigene
Sittlichkeit wie der Jude, sondern im
Glauben an die Erlösungstat Jesu,
der die ‚Schuld‘ der Menschheit auf
sich genommen hat.“
119. Hans Blüher: Die Aristie des Jesus
von Nazareth. Philosophische
Grundlegung der Lehre und der
Erscheinung Christi. Prien 1921,
S. 185
120. Hans Blüher: Die Aristie des Jesus
von Nazareth. Philosophische
Grundlegung der Lehre und der
Erscheinung Christi. Prien 1921,
S. 311
121. Hans Blüher: Die Aristie des Jesus
von Nazareth. Philosophische
Grundlegung der Lehre und der
Erscheinung Christi. Prien 1921,
S. 313. Blüher setzte noch hinzu:
„Aber es darf nicht aus Gründen der
Humanität nicht vergossen werden,
sondern aus dem Wissen um den
verruchten Zauber des Rituals. Und
wer es nicht weiß, der soll der
Autorität glauben, die es sagt. Mehr
darf nicht gesagt werden. Diesem
Werke aber bleibe fern, wer nicht
hören will.“ (ebda.)
122. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 217
123. Hans Blüher: Die Achse der Natur.
Stuttgart 1952, S. 350
124. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in
der männlichen Gesellschaft.
Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der
1917/19 in Jena erschienenen
zweibändigen Erstausgabe), S. 31
125. Hans Blüher: Die Achse der Natur.
Stuttgart 1952, S. 119
12 . Hans Blüher: Die Achse der Natur.
Stuttgart 1952, S. 116
127. Hans Blüher: Die Achse der Natur.
Stuttgart 1952, S. 200
12 . Hans Blüher: Die Achse der Natur.
Stuttgart 1952, S. 16
129. Hans Blüher: Die Achse der Natur.
Stuttgart 1952, S. 50
130. Vgl.Hans Blüher: Die Achse der
Natur. S. 85 „Über das archetypische
Potential der Natur“
131. Hans Blüher: Die Achse der Natur.
Stuttgart 1952, S. 311 ff., 352 ff.
132. Hans Blüher: Die Achse der Natur.
Stuttgart 1952, S. 313
133. Hans Blüher: Die Achse der Natur.
Stuttgart 1952, S. 83f.
134. Hans Blüher: Die Achse der Natur.
Stuttgart 1952, S. 332
135. Hans Blüher: Die Achse der Natur.
Stuttgart 1952, S. 338. Diese teils an
Nietzsche angelehnten Vorstellungen
lassen Blüher in Bezug auf „das Volk
Israel“ zu dem Schluss kommen: „Die
Natur hat beim Volke Israel in der
sekundären Rasse besonders tief
hinunter und in der primären Rasse
besonders hoch hinauf gegriffen, und
diese eigentümliche Anlage sichert
ihm einen außerordentlichen Bestand
für den Lauf der Weltgeschichte.“
(Ebenda, S. 346)
13 . Hans Blüher: Die Achse der Natur.
Stuttgart 1952, S. 369
137. Vgl. das Kapitel über Paracelsus und
Samuel Hahnemann, die Blüher für
dieselbe Person hält: der eine, seiner
Zeit gemäß polternd verkündigend
wie Luther, der andere seiner Zeit
gemäß enzyklopädisch aufklärend,
beide aber besessen von demselben
Gesetz, dessen klare Erkenntnis
Medizin als Wissenschaft überhaupt
erst begründe, nämlich: die Natur ist
der Mensch nach außen gewendet –
die Krankheit ist die Arzeney nach
innen gewendet – das umbewenden
gibt der Arzt (Paracelsus). Dadurch
erst sei es möglich, die Krankheiten
bei ihren richtigen, vom Objekt her
stammenden Namen zu nennen, und
damit wäre die Erkenntnis genau so
ein reines Ereignis der Natur wie die
Heilung. Hans Blüher: Die Achse der
Natur. Stuttgart 1952, S. 276 ff., vgl.
auch Traktat über die Heilkunde,
insbesondere die Neurosenlehre.
Jena 1926
13 . Vgl. Hans Blüher: Die Achse der
Natur. S. 125ff „Der Eros als Organ
für die Person“
139. Vgl. Hans Blüher: Die Achse der
Natur. S. 132ff „Eros und Erbsünde“,
S. 135f „Medea und die Quelle des
Bösen“. Vgl. auch Hans Blüher:
„Parerga zur Achse der Natur“,
Stuttgart 1952, S. 95: „Exakte
Mythologie des Sündenfalles
erläutert am hebräischen Text“. Eine
Fuge über das hebräische
Schlüsselwort jada in Genesis 3, zu
dessen Bedeutungsumfang sowohl
Erkennen, Wissen als auch Begehren,
Lust gehören. Blüher kommt zu dem
Schluss, der „Apfelbiß“ sei nur
unvermeidlicher Auslöser des
Verhängnisses, der tiefere Grund
liege im Charakter der Schöpfung.
140. Vgl. Hans Blüher: Die Achse der
Natur. S. 387 „Das Gesetz und die
Antinomie des Gesetzes“
141. Vgl.Hans Blüher: Die Achse der
Natur. S. 422ff „Gesetz und
Evangelium“
142. Vgl. Hans Blüher: Die Achse der
Natur. S. 568 ff. „Der Durchbruch von
Golgatha und die Weltgeschichte“
143. Hans Blüher: Die Achse der Natur.
Stuttgart 1952, S. 383
144. Hans Blüher: Die Achse der Natur.
Stuttgart 1952, S. 384
145. Hans Blüher: Die Achse der Natur.
Stuttgart 1952, S. 418
14 . Hans Blüher: Die Achse der Natur.
Stuttgart 1952, S. 419 f.; an anderer
Stelle heißt es bekräftigend:
„Niemand aber hat Zugang zur
Religion, der nicht, ob glücklich oder
nicht, die irdische Liebe kennt.“
(Ebda., S. 572)
147. Hans Blüher: Die Achse der Natur.
Stuttgart 1952, S. 432
14 . Hans Blüher: Die Achse der Natur.
Stuttgart 1952, S. 436
149. Hans Blüher: Die Achse der Natur.
Stuttgart 1952, S. 569
150. Hans Blüher: Die Achse der Natur.
Stuttgart 1952, S. 571
151. Hans Blüher: Die Achse der Natur.
Stuttgart 1952, S. 572 f.
152. hergemoeller.de (Memento vom 11.
November 2009 im Internet Archive)
153. Walter Laqueur: Die deutsche
Jugendbewegung. Verlag
Wissenschaft und Politik, Köln 1978,
S. 63, 66
154. Hans-Joachim Schoeps
(Herausgeber) im Vorwort zur
Neuausgabe von Hans Blüher: Die
Rolle der Erotik in der männlichen
Gesellschaft. Stuttgart 1962, S. 6, 10
155. Bernd Nitzschke: Ein Privatgelehrter
in des Kaisers Kutsche – über Hans
Blühers Buch „Die Rolle der Erotik in
der männlichen Gesellschaft“
(1917/19)
15 . Gustav Wyneken: Wandervogel und
freie Schulgemeinde. Aus: Die freie
Schulgemeinde, Heft 2, vom Januar
1913. Zit. n. Werner Kindt (Hrsg.):
Dokumentation der
Jugendbewegung. Band I:
Grundschriften der deutschen
Jugendbewegung. Diederichs,
Düsseldorf 1963, S. 84
157. Zit. n. Bernd Nitzschke: Ein
Privatgelehrter in des Kaisers
Kutsche – über Hans Blühers Buch
„Die Rolle der Erotik in der
männlichen Gesellschaft“ (1917/19)
15 . Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 35
159. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 348
1 0. Harry Graf Kessler: Tagebuch, 3.
Januar 1919.
1 1. Hans Blüher: Werke und Tage.
München 1953, S. 353
1 2. Kurt Tucholsky: Der Darmstädter
Armleuchter: „Aber sage mir, wen du
zu Gegnern hast, und ich will dir
sagen, was du für ein Kerl bist.
Dieser zum Beispiel hat Blühern.“
„Das ist der Philosoph der Berliner
westlichen Vororte, in denen die
Kleinbürger wohnen, ein ewiger
Steglitzer. Er hat sich bis ins
Mannesalter etwas durchaus
Infantiles bewahrt – nicht etwa
Jungenhaftes, sondern eine
stehengebliebene
Pennälerphantasie: alles, was er
schreibt, trägt heute noch die Pickel
einer mühevollen Zeit. Der also hat
einen ‚offenen Brief‘ an Hermann
Keyserling gerichtet: ‚in deutscher
und christlicher Sache‘: ein
Buchhalter, der auf einen Maskenball
als Martin Luther geht. ‚Die Elemente
der deutschen Position‘ heißt das
Ding.“ „Was die beiden voneinander
wollen, weiß ich nicht. Keyserling hat
den andern für einen großen Magier
erklärt, und Blüher buckelt vor jenem
herum, ein ziemlich scheußlicher
Anblick. Seite 41: ‚Deutschland weist
von allen Ländern am markantesten
und unfehlbarsten zwei solcher
verpflichtenden Gestalten auf, die
durch ihr Alter schon in die
mythische Sphäre gerückt sind, und
denen deshalb, ja nur deshalb, eine
wahre historische Macht innewohnt.‘
Wer? – ‚Hindenburg und Stefan
George.‘ Dies ist das schönste ‚und‘,
das je in deutscher Sprache
geschrieben worden ist.“ „In Blüher
tobt durchaus und durchum der
Kampf der Tertia. ‚Von George noch
zu reden erübrigt sich; aber es ist
Ihnen vielleicht neu, zu erfahren, daß
Hindenburg der angesehenste Mann
der Welt ist.‘ Fragen Sie den
Vorsteher des Weltpostamts in
Steglitz, und er wird Ihnen das
bestätigen.“
1 3. Karl Sonntag: Hans Blüher. Zit. n.:
Werner Kindt (Hrsg.): Dokumentation
der Jugendbewegung. Band I:
Grundschriften der deutschen
Jugendbewegung. Diederichs,
Düsseldorf 1963, S. 322, 325
1 4. Brunotte 2004, S. 88
1 5. Thomas Mann: Von deutscher
Republik. Gerhart Hauptmann zum
sechzigsten Geburtstag. In: Ders.:
Essays, Bd. 2. Frankfurt a. M. 1993,
S. 153 f. Zitiert nach: Brunotte 2004,
S. 88. Auch rechtsradikale
Fememorde brachte Thomas Mann
mit dem Männerbund in
Zusammenhang: „Die politische
Einstellung seiner Gläubigen pflegt
nationalistisch und kriegerisch zu
sein und man sagt, daß Beziehungen
solcher Art den geheimen Kitt
monarchistischer Bünde bilden, ja,
daß ein erotisch-politisches Pathos
nach dem Muster gewisser antiker
Freund-Liebschaften einzelnen
terroristischen Taten dieser Tage
zugrunde gelegen habe.“ (Zitiert nach
Brunotte 2004, S. 102)
1 . http://www.hergemoeller.de/hans-
blueher.htm (Memento vom 11.
November 2009 im Internet Archive)
1 7. Hans-Joachim Schoeps
(Herausgeber) im Vorwort zur
Neuausgabe von Hans Blüher: Die
Rolle der Erotik in der männlichen
Gesellschaft. Stuttgart 1962, S. 6 f.
1 . Nicolaus Sombart: Wilhelm II.
Sündenbock und Herr der Mitte,
Berlin 1996, S. 72 f.
1 9. Nicolaus Sombart: Wilhelm II.
Sündenbock und Herr der Mitte.
Berlin 1996, S. 201
170. Geuter 1994, S. 98–103
171. Geuter 1994, S. 14 f. Mit Blick auf die
gesellschaftliche Gegenwart greift
Geuter die „zweite große Welle der
Frauenemanzipation“ in den 1970er
Jahren auf, „wie damals“ begleitet
„von einem Coming out der
Homosexuellen“, und reflektiert eine
Intensivierung des
Geschlechterkampfes sowie
irrationale männliche Reaktionen auf
das Auftauchen der befreiten Frau:
„Das erinnert an die
Jugendbewegung. Die Männer von
heute suchen zwar nicht den Ausweg
in Wandervogelgruppen, doch wie
damals finden sich auch heute
sensible Teile von ihnen in eigenen
Gruppen zusammen: in
Männergruppen, in denen die
Wanderfahrt nach innen geht und
dabei der zarte und verletzliche und
neuerdings auch wieder wilde Mann
entdeckt wird. Die Schwierigkeit, zu
einer erwachsenen geschlechtlichen
Identität zu kommen, hat sich
ausgeweitet. Statt einer gestreckten
Pubertät kennen wir mittlerweile die
Postadoleszenz, die beliebig dehnbar
ist. Wie jene damals, ist diese heute
vor allem ein Phänomen der
gebildeten Schichten. Lebenslanges
Unfertigsein als ewige Bereitschaft
zur Veränderung geriet dort zu einem
neuen Ideal.“ (ebda. S. 309 f.)
172. Geuter 1994, S. 169. „Vielleicht ist
das der Grund dafür, daß Blüher in
seinem Werk auch nicht für das
sexuelle Ausleben der
Homosexualität eintrat, sondern die
Staat- und Bund-bildende Macht der
homosexuellen Gefühle in der
Vordergrund stellte.“ (ebda.)
173. Brunotte 2004, S. 7 f., S. 14, S. 73.
Das Blühersche Frühwerk hat für
Brunotte die Qualität einer
„seismographischen Zeitdiagnose“,
die es als eine „bedeutende
mentalitätsgeschichtliche Zeit-
Quelle“ zu rekonstruieren gelte.
(Ebda. S. 72, 78)

Normdaten (Person): GND:
118664034 | LCCN: nr89014067 |
VIAF: 805975 |
Personendaten
NAME Blüher, Hans
deutscher
KURZBESCHREIBUNG Schriftsteller und
Philosoph
GEBURTSDATUM 17. Februar 1888
Freiburg in
GEBURTSORT
Schlesien
STERBEDATUM 4. Februar 1955
STERBEORT Berlin

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title=Hans_Blüher&oldid=202566186“

Zuletzt bearbeitet vor 4 Monaten von Wruedt


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