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Alphabetisierung und

Zweitschrifterwerb
P R Ä S E N TATO RIN : M A R L I ES Z U R H O RST ( M . A . , D I P L . ),
DA F - / DA Z- FO RT B I LD ER IN , B E R L I N
FAC H TAG U N G S C H W E R IN , 2 3 . 0 2 . 20 17

MARLIES ZURHORST - DAF/DAZ-FORTBILDUNGEN – FEBRUAR 2017


Alphabetisierung und Zweitschrifterwerb
in Willkommensklassen

Präsentatorin: Marlies Zurhorst


(M.A., Dipl.),
DaF-/DaZ- Fortbilderin, Berlin

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Wen unterrichten Sie?

o Wie viele von Ihnen unterrichten geflüchtete, ausländische


Kinder oder Jugendliche in „Willkommensklassen“ oder in der
Regelklasse?

o Wie viele Ihrer ausländischen SuS haben einen Alpha-


betisierungsbedarf (in der lateinischen Schrift oder überhaupt? )

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Zuwandererzahlen 2016/17
o ca. 850 000 Asylsuchende in 2015
o ca. 280.000 Asylsuchende in 2016
o Januar 2017: 14.476 (angekommen – genaue Zahl erstmals bekannt)
o Voraussichtliche Zuwanderung von mindestens 50.000 Kindern und
Jugendlichen im schulpflichtigen Alter (Schulpflicht ist unabhängig vom
Aufenthaltsstatus!) pro Jahr
o Berlin aktuell: 1.100 Willkommensklassen (ca. 12.000 Schüler und
Schülerinnen) – ca. 1400 Lehrer und Lehrerinnen; davon Alpha-Klassen?

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3- Stufenmodell der schulischen
Integration
Stufe 1: Willkommensklasse (Deutschunterricht, inkl. Vorbereitung auf den
Fachunterricht in Regelklassen / 6 – 24 Monate)
Stufe 2: Teilintegration der SuS aus der WK in den Regelunterricht in einigen
Fächern mit sprachlich niedrigen Ansprüchen (Sport, Kunst, Musik …) –
DaZ-Unterricht weiter in der WK (60 – 70 % der UE)
Stufe 3: Sukzessive Vollintegration in den Regelunterricht - additiver DaZ-
Unterricht (15 – 20 % der UE)

(Modell der Dannewerkschule in Schleswig, Quelle: Sonderheft Fremdsprache Deutsch,


Hrsg. Goethe Institut, 2016)

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4 - Stufenmodell der schulischen
Integration

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„Früh übt sich ....“
Der Kampf gegen den
Analphabetismus kann
nicht früh genug
beginnen!

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Was heißt das: lesen können?
Wie schnell lesen wir?
Lesegewohnte Menschen mit
gutem Bildungshintergrund: ca. 250 – 300 Wörter pro Minute)
Wie viele Buchstaben lesen wir pro Minute?
Unsinnige Frage, denn wir lesen nicht die einzelnen Buchstaben,
sondern i. d. R. ganze Wörter, ja sogar ganze Wortgruppen.
Sichtwortschatz!

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Was heißt das: lesen können?
Dazu eine kleine Übung: Lesen Sie bitte den folgenden Text:
„Gmäeß eneir Sutide eneir elgnihcesn Uvinisterät ist es nchit witihcg,
in wlecehr Rneflogheie die Bstachuebn in eneim Wort snid, das Ezniige,
was wcthiig ist, ist, dass der estre und der lzette Bstabchue an der
ritihcegn Pstoiion snid. Der Rset knan ein ttoaelr Bsinöldn sein,
tedztorm knan man ihn onhe Pemoblre lseen. Das ist so, weil wir nchit
jeedn Bstachuebn enzelin leesn, snderon das Wort als gseatems.“

(aus: Feldmeier, Alexis: Von A – Z – Praxishandbuch Alphabetisierung, Klett 2010, S. 9)

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Was heißt das: lesen können?
Sichtwortschatz und holistisches Lesen
…. ist die Voraussetzung für eine hohe Lesegeschwindigkeit !
Diese wiederum ist Voraussetzung für sinnerfassendes Lesen =
neurologische Verarbeitung der Textinhalte, Verknüpfung des Sinngehalts
der einzelnen Wörter zu einem Gesamtsinn, Verknüpfung mit
vorhandenem Vorwissen.
40 % aller Wörter eines Textes lesen wir gar nicht! Welche?
z.B. Artikel, Präpositionen, Funktionsverben… , weil unsere
automatisierte Grammatik und Lexik (z.B. Kenntnis der typischen
Kollokationen) sie schneller ergänzen als wir lesen!

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Was heißt das: lesen können?
In der S-Bahn:
Mein „Gegenüber“ liest die BILD-Zeitung. Mich interessieren die
reißerischen Schlagzeilen der Boulevard-Zeitung eigentlich nicht. Aber
ich habe einen Moment hingeschaut und ……
….. schon habe ich sie gelesen!

Für einen geübten Leser ist es das Lesen unvermeidlich. Das


Lesen ist für Lesegeübte ein hochgradig automatisierter
Prozess. Schrift (einer bekannten Sprache) sehen und lesen
sind untrennbar!

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Analphabet sein - wie fühlt sich das an?
Ein Selbstversuch mit der arabischen Sprache und Schrift:
Versuchen Sie, die folgenden 4 Wörter auf Arabisch zu schreiben:

• Film (film)
• Bank (bank)
• Zucker (sukkar)
• Buch (kitab)
Tipps: Arabisch schreibt man von rechts nach links; oft werden die Vokale nicht geschrieben!

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Analphabet sein - wie fühlt sich das an?
• Film (film)
• Bank (bank)
• Zucker (sukkar)
• Buch (kitab)

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Welche Strategien haben Sie angewandt,
um die arabischen Wörter zu schreiben?
Wörter in ihre Einzellaute zerlegen (analytischer Weg) und sie durch
Schriftzeichen wieder zusammensetzen (synthetischer Weg) – Vorkenntnis des
Zweitschriftlerners!
Erste Voraussetzung: das Wort muss Ihnen auf lautlich-akustischer Ebene gut
bekannt sein und richtig ausgesprochen werden können („Sprache führt, Schrift
folgt!“)
Zweite Voraussetzung: Phonologische Bewusstheit, d.h. die Einzelklaute in
einem Wort bewusst wahrnehmen können und z.B. wissen, dass das „l“ ein Laut
ist und dem ein Buchstabe entspricht. Kenntnis der Laut-Buchstaben-Beziehung
(auch Phonem-Graphem-Beziehung genannt).

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Typen von Analphabetismus
Primärer Analphabet
Funktionaler Analphabet
Zweitschriftlerner

(Bild: Alphabetisierungsquoten in allen Ländern der Erde)

Mit welchen Voraussetzungen kommen Ihre SuS in die WK?

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Alphabetisierung:
Erkennen und Einstufen
Merkmale ….
primärer Analphabeten:
Unbeholfene Stifthaltung (stiftunerfahren!)
Keine Kenntnis der anderen üblichen Materialien, die beim schulischen Lernen
verwendet werden ( verschiedene Stifte, Radiergummi, Anspitzer, Papier,
Lineaturen, Bücher, Karten, Bilder, Farbstifte usw….)
Keine Vertrautheit mit schulischen Lernformen, typischen Übungsformen,
Lerntechniken und Lernstrategien
Keine oder kaum Kenntnisse im Rechnen, kein „Schulfachwissen“ (Geschichte,
Geographie, Naturwissenschaften …), kaum Weltwissen

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Alphabetisierung:
Erkennen und Einstufen
Merkmale ….
funktionaler Analphabeten
können in ihrer Muttersprache nicht richtig lesen und schreiben
beherrschen die Technik der Laut-Buchstaben-Zuordnung (das Prinzip
alphabetischer Schriften) auch in ihrer muttersprachlichen Schrift nur
unzureichend
sind beim Erlernen des Lesens und Schreibens in ihrer Muttersprache über die
Buchstaben- oder Wortebene nicht hinaus gekommen (α-Level 1 – 2)

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Alphabetisierung:
Erkennen und Einstufen
Merkmale ….
von arabischen Zweitschriftlernern:
sind mit dem Prinzip einer alphabetischen Schrift vertraut (Laut-Buchstaben-
Zuordnung und Zusammenziehen mehrerer Buchstaben zu Silben und Wörtern).
haben Sprachwissen: wissen, was Buchstabe / Wort / Satz / Text ist
wissen, dass mehrere Wörter einen Satz bilden und evtl. dass dies nach bestimmten
Regeln erfolgt
kennen sich mit Lernmaterialien und Übungsformen aus
beherrschen bestimmte Lerntechniken und Lernstrategien
haben Schulwissen in anderen Fächern (Mathe, Geografie, Englisch .....)

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In Arabisch ist vieles anders....
Typische Probleme arab. Zweitschriftlerner
Andere Lese- und Schreibrichtung (vor allem Buchstaben werden rechts begonnen
und links beendet, was eine sinnvolle Schreibökonomie verhindert und damit
gebundene Schrift behindert, bei Komposita werden die Wörter evtl. fasch herum
gelesen und memoriert)
Die Vokale e / i und o / u werden nicht unterschieden (so wie im Arabischen) und die
SuS hören auch den Unterschied nicht!! Die Plosivlaute b und p werden nicht
unterschieden.
Beim Schreiben von Wörtern werden die (unbetonten) Vokale weggelassen
(Skelettschrift) – das Arabische ist schreibt man nur die betonten langen Vokale.
Probleme mit Konsonantenhäufungen („Brille“) und Buchstabenclustern („Strumpf“)
in der Aussprache und im Schreiben.

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Probleme für Zweitschriftlerner
Laut-Buchstabenordnung: neue Laute lernen, neue Buchstaben lernen und
erkennen
Buchstabencluster, die einen Laut darstellen (z.B. „sch“), werden mit nur
einem Buchstaben geschrieben (da es im Arabischen so ist)
Größenverhältnisse / Höhen und Tiefen der Buchstaben (3 Ebenen!)
Groß- und Kleinbuchstaben unterscheiden, die Logik der Groß- und
Kleinschreibung verstehen)
Den Satz mit einem Großbuchstaben beginnen und mit einem Punkt
beenden….

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Typische Fehler arabischer
Zweitschriftlerner/innen in der lat. Schrift
Buchstaben sehen „falsch“ aus (falsche Schreibrichtung und Stiftführung)
Falsche Abstände / zu viel Abstand zwischen den Buchstaben innerhalb eines
Wortes, zu kleiner Abstand zwischen den Wörtern, so dass die Wortgrenzen
nicht erkennbar sind
Vokale fehlen (Skelettschrift)

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Typische Fehler arabischer
Zweitschriftlerner/innen in der lat. Schrift
Proportionen zwischen groß und klein stimmen nicht
Buchstaben stehen auf der falschen Ebene (z.B. „g“)
Groß- und Kleinschreibung als schreibtechnisches und grammatisches Problem – „große“
Buchstaben mitten im Wort
Satzzeichen fehlen
Wortgrenzen werden nicht erkannt (z.B. bei Komposita)
Umkehrung bei Komposita (z.B. „Türhaus“ statt Haustür)

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Alphabetisierungsstufen!

• Laut-/Buchstabenebene
• Silbenebene
• Wortebene
• Satzebene
• Textebene

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Alphabetisierungsstufen
• Buchstabenebene
• Silbenebene (Synthese mehrerer Buchstaben zu einer Silbe)
• Wortebene (Synthese von Buchstaben und ggf. Aneinanderreihung
mehrerer Silben zu einem Wort)
• Satzebene (Synthese von Buchstaben zu Wörtern, Erkennung der
Wortgrenzen und der Beziehungen zwischen den Wörtern im Satz, der
syntaktische Strukturen)
• Textebene (Buchstaben Wörter syntaktische Struktur / Satz
Erkennung der Beziehungen unter den Sätzen Textverständnis)
Lesen ist bei gut Alphabetisierten ein hoch automatisierter Prozess
(Sichtwortschatz!), der schnell abläuft! sinnerfassendes Lesen!

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Alphabetisierung:
Erkennen und Einstufen
Instrumente zur Erkennung des Alphabetisierungsgrades:
Gespräch zur Erfassung der bisherigen Schulbiographie
Alpha- Einstufungstest (bei bereits guter Alphabetisierung in der lat. Schrift und etwas
Vorkenntnis in Deutsch: Einstufungstest (z.B. Angebote der Lehrwerksverlage, Goethe
Institut, telc ....)
Beobachtung während des Lernens in der Klasse und mit anderen
In die Hefte schauen!
Was ist der Unterschied zwischen einem Einstufungstest und einer Prüfung?
- Ein Einstufungstest soll zeigen, was jemand kann und vor allem auch was er nicht kann! Das Ziel ist
also nicht, - wie bei einer Prüfung – ein möglichst gutes Ergebnis zu erreichen!

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Alphabetisierungmethoden
Grundlage: Phonologische Bewusstheit
Identifizierung von Lauten innerhalb eines
Wortes, von Lautgrenzen und Wortgrenzen
Bewusstsein, dass Laute durch
Buchstaben (oder Buchstabengruppen)
dargestellt werden
Bewusstsein, dass Wörter aus einzelnen
Lauten bestehen, die sich graphisch durch
bestimmte Buchstaben darstellen lassen

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Alphabetisierungmethoden
Lautieren geht über Studieren!
Die Buchstaben werden grundsätzlich mit ihrem Lautwert
eingeführt, nicht mit ihrem „Namen“ (be, ce, de, eff, ge…).
Die Buchstaben werden nach den Kriterien Häufigkeit, optische
Einprägsamkeit und Unterscheidungsklarkeit, akustische
Unterscheidungsklarheit eingeführt, nicht in der Reihenfolge des
Alphabets!
immer einen Vokal und einen Konsonanten zugleich einführen
und damit erste kleine Silben bilden (z.B. „n“ + „a“ = „na“)
Reihenfolge der Buchstabeneinführung: Vorschlag aus
„Alphamar“ (Klett Verlag):
a, n, o, e, s, t, m, l, f, b, k, d, u, i, p, w, g, sch, r, er

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Alphabetisierungmethoden
Anlauttabelle
In einer Anlauttabelle werden die einzelnen Laute (Buchstaben
oder Buchstabencluster) jeweils mit dem Bild eines einfachen
Alltagsgegenstandes oder eines allgemein bekannten Tieres,,
dargestellt. Das abgebildete Ding, Tier o.a. hat den zu lernenden
Buchstaben im Anlaut.
In der Tabelle stehen sowohl die Groß- als auch die
Kleinbuchstaben
Ziel ist es, dass sich die Lerner über ein Bild, das ein Merkwort
abbildet, den Buchstaben in seinen zwei Formen und in seinem
Lautwert einprägen.
Problem: Wenn mit deutschen „Merkwörtern“ gearbeitet wird,
müssen diese erst mündlich eingeführt und automatisiert werden,
bevor sie auch tatsächlich als solche genutzt werden können.
Alternative: muttersprachliche oder internationale Anlauttabellen

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Alphabetisierungmethoden
Synthetische und analytische Methode
Synthese: von der kleinsten Einheit ausgehend zu größeren Einheiten
kommen.
Beispiel: vom Laut/Buchstaben zur Silbe zum Wort zum Satz
Durch schnelles Lautieren werden die Einzellaute zu einer Silbe
zusammengezogen (= synthetisiert).
Analyse: der umgekehrte Weg von der größeren Einheit zur kleineren.
Beispiel: vom Wort zur Silbe zum Laut/Buchstaben
Zu Beginn des Alphabetisierungsunterricht wird mehr mit der synthetischen
Methode gearbeitet.
Wenn ganze Wörter bekannt sind (Sichtwortschatz = ein ganzes Wort wird
erkannt und verstanden) , werden diese immer wieder – vor allem beim Lesen
– in ihre Einzellaute zerlegt.

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Alphabetisierungmethoden
Silbenmethode
Das Zusammenziehen einzelner Laute/Buchstaben zu einer
Silbe ist für manche Lerner sehr schwierig, stellt aber einen
entscheidenden Schritt in ihrer Alphabetisierung dar.
Die Silbenmethode erleichtert diesen Schritt, weil sie schon zu
Beginn mit ganzen Silben arbeitet.
Anfangs arbeitet man nur mit kurzen Wörtern, die aus zwei
einfachen Silben („Ho – se“) bestehen. Bevor diese Wörter
geschrieben werden, werden sie zunächst mündlich in ihrer
Bedeutung und Aussprache eingeführt. (Sprache führt, Schrift
folgt!)
Die zwei Silben werden zunächst unabhängig voneinander
erlesen bzw. vorgegeben, dann zusammengefügt.
Dann erkennt der Lerner das Wort. Erfolg! Lesen heißt
„Wiedererkennen“ von etwas Bekanntem!

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Alphabetisierungmethoden
Silbenmethode - Übungen
Man kann den Lernern verschiedene Silben zur Verfügung stellen,
woraus sie einige (ihnen schon mündlich bekannte) Wörter bilden
sollen (Silbenpuzzle).
Die Wörter werden rhythmisch in Silben gesprochen, der ganze
Körper kann durch rhythmisches Klatschen oder Schreiten
einbezogen werden, wodurch die Silbenstruktur verinnerlicht wird.
mit entsprechender Gestik seitens der Lehrperson hat den gleichen
Rhythmisches Silbensprechen im Chor Effekt.
Silbenbögen, die unter die Silben gemalt werden, geben eine ganz
wichtige optische Stütze bei der Silbenerkennung.

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Alphabetisierungmethoden - Vergleich
Phasen des kindlichen Schriftspracherwerbs
Symbolisch-präliterale Phase (Kinder erfahren die
Bedeutung des Lesens und Schreibens im familiären
Umfeld und imitieren es. Kinder kommen über das
Vorlesen der Eltern in Kontakt mit Schriftsprache.)
Logographische Phase (Erkennen von ganzen
Wörtern als Bild, z.B. ALDI – aber ohne
Buchstabenkenntnis und phonologische
Segmentierung)

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Alphabetisierungmethoden - Vergleich
Phasen des kindlichen Schriftspracherwerbs
Schule: Alphabetische Phase ( Schriftlerner/innen kennen die Laut-
Buchstabenzuordnungen und können mehrere Buchstaben zu Silben und
Wörtern zusammenziehen. Die Wörter werden in dieser Phase lautgetreu
geschrieben: z.B. „fil“, „schpiln“…). Am besten man arbeitet in dieser Phase nur
mit Wörtern, die auch lautgetreu geschrieben werden.
Schule: Orthographische Phase (Nachdem die Syntheseprozesse automatisiert
sind, können orthographische Besonderheiten (von denen es viele gibt!)
vermittelt werden. Beispiele: „Stadt“, „Bild“, „Mutter“, „Boot“, „fahren“ …
Schule: Postliterale Phase (Schriftlerner/innen lernen Texte zu lesen, mit
Texten umzugehen, Texten Informationen zu entnehmen, Textsorten zu
unterscheiden, selbst Texte zu schreiben)

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Alphabetisierungmethoden
Tipps für den Alpha-Unterricht:
Erst Druckschrift, später evtl. gebundene Schreibschrift
Jeweils gleichzeitige Einführung des Groß- und
Kleinbuchstabens
Zu Beginn in Lineatur 1 oder 2 – Heften schreiben lassen
und auf genaue Einhaltung der Höhenebenen achten!
Dem Aussprachetraining geht immer ein Hörtraining voraus.
Voraussetzung für richtiges Aussprechen (und damit auch
richtiges Schreiben) ist das richtige Hören der Laute. Viel
Training zur Unterscheidung ähnlich klingender Laute nötig!
Sehr Klare und deutliche Tafelschrift (Druckschrift!)
Vorsicht mit tabellarischen Darstellungsformen!

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Die „natürliche Selektion“ im
Frontalunterricht (nach A. Feldmeier) Binnen-
• Im Frontalunterricht findet eine „natürliche Selektion“ statt. differenzie-
• Die „gefragten“ Kompetenzen werden ausgehend von einem statistisch gemittelten rung!
Lerner hergeleitet.
• Die Unterrichtsmethode und die Unterrichtsmaterialien werden auf diese statistisch
gemittelten Kompetenzen abgestimmt.
• Wer nicht über die gefragten Kompetenzen verfügt, fällt immer weiter „zurück“
(„only the fittest will survive!“)
• Nach kurzer Zeit wird schon deutlich, wer „runtergestuft“ wird oder den Kurs
abbrechen muss.
• Gegen Ende des Schuljahres ist dann eine kleine relativ homogene „Kerngruppe“
übrig geblieben („einfach“ zu unterrichten)

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Unterrichtsmaterial und Lehrwerke
Alpha Plus (Cornelsen Verlag)
Alphamar (Klett Verlag)
Von A bis Z (Klett Verlag)
Schritte Plus Alpha (Hueber Verlag)
Schreiblehrgang (Persen Verlag)
Willkommen in Deutschland (Mildenberger)
Spezielle Alphabetisierungslehrwerke für Willkommensklassen
der Sekundarstufen I und II gibt es noch nicht. Einstweilen muss
mit den Erwachsenenlehrwerken oder freiem Material gearbeitet
werden.

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Unterrichtsmaterial und Lehrwerke
Bildkarten (z.B. Cornelsen Alpha Plus,
Einstiegskurs Klett)
Lernposter (Cornelsen Alpha Plus)
Kikus Bildkarten (Hueber Verlag)
Silbenschieber
Bewegliches Alphabet /Buchstaben-
Magnetbox
Silbenmosaik
MiniLük Buchstabenspiele

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Literatur und Lehrwerke
o Brömel, Stefan: Herausforderung und Differenzierung im DaZ-Unterricht, in : Fremdsprache
Deutsch, Sonderheft 2016: Deutschunterricht für Lernende mit Migrationshintergrund, Erich
Schmidt Verlag und Goethe Institut, 34 – 39
o Deutsch lehren lernen 15: Alphabetisierung für Erwachsene, Klett-Langenscheidt 2013
o Wemmer, Katrin : Trainingsprogramm Laute, Silben und Reime, Persen Verlag
o Alphamar , Klett Verlag - Lehrerhandreichungen
o Alpha Plus, Cornelsen - Lehrerhandreichungen
o Von A bis Z (Alexis Feldmeier), Klett Verlag - Lehrerhandbuch
o Schritte Plus Alpha kompakt, Hueber Verlag

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