Sie sind auf Seite 1von 3

Richter /Religion Karl Rahner: Über die Erfahrung der Gnade Gottesbild und Gotteserfahrung

Haben wir eigentlich schon einmal die Erfahrung der 70 das Gefühl belohnt werden, "selbstlos", anständig usw.
Gnade gemacht? Wir meinen damit nicht irgendein gewesen zu sein?
frommes Gefühl, eine feiertägliche, religiöse Erhebung, Suchen wir selbst in solcher Erfahrung unseres Lebens,
5 eine sanfte Tröstung, sondern eben die Erfahrung der suchen wir die eigenen Erfahrungen, in denen gerade uns
Gnade; jener Heimsuchung des Heiligen Geistes des so etwas passiert ist. Wenn wir solche finden, haben wir
dreifaltigen Gottes, die in Christus, durch seine 75 die Erfahrung des Geistes gemacht, die wir meinen. Die
Menschwerdung und durch sein Opfer am Kreuz Erfahrung der Ewigkeit, die Erfahrung, daß der Geist mehr
Wirklichkeit geworden ist. Kann man die Gnade in diesem ist als ein Stück dieser zeitlichen Welt, die Erfahrung, daß
10 Leben überhaupt erfahren? Hieße dies bejahen nicht, den der Sinn des Menschen nicht im Sinn und Glück dieser
Glauben zerstören, jene hell-dunkle Wolke, die uns Welt aufgeht, die Erfahrung des Wagnisses und des
einhüllt, solange wir hier auf Erden pilgern? Nun sagen 80 abspringenden Vertrauens, das eigentlich keine
uns zwar die Mystiker - und sie würden die Wahrheit ausweisbare, dem Erfolg dieser Welt entnommene
ihrer Aussage mit der Hingabe ihres Lebens bezeugen - Begründung mehr hat.
15 ,daß sie Gott und also die Gnade schon erfahren haben. Und nun: wenn wir diese Erfahrung des Geistes machen,
Aber mit dem erfahrungsmäßigen Wissen Gottes in der dann haben wir (wir als Christen mindestens, die im
Mystik ist es eine dunkle und geheimnisvolle Sache, über 85 Glauben leben) auch schon faktisch die Erfahrung des
die man nicht reden kann, wenn man sie nicht hat, und Übernatürlichen gemacht. Sehr anonym und
nicht reden wird, wenn man sie hat. Unsere Frage läßt sich unausdrücklich vielleicht. Wahrscheinlich sogar so, daß
20 also nicht einfach a priori beantworten. wir uns dabei nicht umwenden können, nicht umwenden
Vielleicht gibt es Stufen in der Erfahrung der Gnade, dürfen, um das Übernatürliche selber direkt anzublicken.
deren unterste auch uns zugänglich sind? Fragen wir uns 90 Aber wir wissen, wenn wir in dieser Erfahrung des Geistes
zunächst: Haben wir schon einmal die Erfahrung des uns loslassen, wenn das Greifbare und Angebbare, das
Geistigen im Menschen gemacht? Genießbare versinkt, wenn alles nach tödlichem
25 Wir werden vielleicht antworten: Selbstverständlich habe Schweigen tönt, wenn alles den Geschmack des Todes und
ich diese Erfahrung schon gemacht und mache sie täglich des Unterganges erhält oder wenn alles wie in einer
und immer. Ich denke, ich studiere, ich entscheide mich, 95 unnennbaren, gleichsam weißen, farblosen und
ich handle,[...] .Ich weiß also, was Geist ist. Aber so ungreifbaren Seligkeit verschwindet, dann ist in uns
einfach ist das doch nicht. [...] Der Geist in seiner faktisch nicht nur der Geist, sondern der Heilige Geist am
30 eigentlichen Transzendenz braucht in all dem noch nicht Werk. Dann ist die Stunde seiner Gnade. Dann ist die
erfahren zu sein. [...] Aber wo ist die eigentliche scheinbar unheimliche Bodenlosigkeit unserer Existenz,
Erfahrung? Eben da möchten wir nun zum erstenmal 100 die wir erfahren, die Bodenlosigkeit Gottes, der sich uns
sagen: suchen wir selbst, ihn in unserer Erfahrung zu mitteilt, das Anheben des Kommens seiner Unendlichkeit,
entdecken. Man kann da nur schüchtern und vorsichtig die keine Straßen mehr hat, die wie ein Nichts gekostet
35 vielleicht auf manches hinweisen. wird, weil sie die Unendlichkeit ist. Wenn wir losgelassen
Haben wir schon einmal geschwiegen, obwohl wir uns haben und uns nicht mehr selbst gehören, wenn wir uns
verteidigen wollten, obwohl wir ungerecht behandelt 105 selbst verleugnet haben und nicht mehr über uns verfügen,
wurden? Haben wir schon einmal verziehen, obwohl wir wenn alles und wir selbst wie in eine unendliche Ferne von
keinen Lohn dafür erhielten und man das schweigende uns weggerückt ist, dann fangen wir an, in der Welt Gottes
40 Verzeihen als selbstverständlich annahm? Haben wir selbst, des Gottes der Gnade und des ewigen Lebens, zu
schon einmal gehorcht, nicht weil wir mußten und sonst leben.
Unannehmlichkeiten gehabt hätten, sondern bloß wegen 110
jenes Geheimnisvollen, Schweigenden, Unfaßbaren, das 1. Die verschiedenen im Unterricht besprochenen
wir Gott und seinen Willen nennen? Haben wir schon Bibelstellen (Gen 6-8, Gen 22, Ri, Mt 20, Hiob)
45 einmal geopfert, ohne Dank, Anerkennung, selbst ohne stellen z.t. verschiedene Gottesbilder vor. Stellen Sie
das Gefühl einer inneren Befriedigung? Waren wir schon dies dar. Worin besteht die gemeinsame Frage all
einmal restlos einsam? Haben wir uns schon einmal zu 115 dieser Bibelstellen im Bezug auf Gott?
etwas entschieden, rein aus dem innersten Spruch unseres
Gewissens heraus, dort, wo man es niemand mehr sagen,
50 niemand mehr klarmachen kann, wo man ganz einsam ist 2) Fassen Sie die Kernaussage Rahners in wenigen
und weiß, daß man eine Entscheidung fällt, die niemand Sätzen (max. 70 Worte) zusammen.
einem abnimmt, die man für immer und ewig zu
verantworten hat? Haben wir schon einmal versucht, Gott 120 3) Begründen Sie an einzelnen Beispielen Rahners,
zu lieben, dort, wo keine Welle einer gefühlvollen wieso er die dort genannten Erfahrungen
55 Begeisterung einen mehr trägt, wo man sich und seinen Erfahrungen des Übernatürlichen nennt.
Lebensdrang nicht mehr mit Gott verwechseln kann, dort,
wo man meint zu sterben an solcher Liebe, wo sie 4) In welchen der besprochenen Bibelstellen spiegeln
erscheint wie der Tod und die absolute Verneinung, dort, 125 sich ähnliche Erfahrungen des Übernatürlichen, wie
wo man scheinbar ins Leere und gänzlich Unerhörte zu Rahner sie beschreibt. Begründen Sie Ihre Wahl.
60 rufen scheint, dort, wo es wie ein entsetzlicher Sprung ins
Bodenlose aussieht, dort, wo alles ungreifbar und
scheinbar sinnlos zu werden scheint? Haben wir einmal
eine Pflicht getan, wo man sie scheinbar nur tun kann mit
dem verbrennenden Gefühl, sich wirklich selbst zu
65 verleugnen und auszustreichen, wo man sie scheinbar nur
tun kann, indem man eine entsetzliche Dummheit tut, die
einem niemand dankt? Waren wir einmal gut zu einem
Menschen, von dem kein Echo der Dankbarkeit und des
Verständnisses zurückkommt, und wir auch nicht durch
Erwartungshorizont

Zu 1: Genesis 6-8: Ein gerechter, freilich auch harter Gott, der die Bösen nicht nur bestraft sondern
5 dabei gleich ausmerzt und dabei fast seine eigene Schöpfung zurücknimmt.
Gleichzeitig wird ein antropomorphes Gottesbild gezeichnet: Gott reut seine eigene Schöpfung,
Schließlich taucht hier zum ersten Mal in der Bibel der Begriff des Bundes auf. Gott, der mit Noah einen
Bund schließt, erweist sich hier und später immer wieder als Gott des Bundes.

10 Gen 22: Der Text kann als Dokument einer Veränderung des Gottesbildes gelesen werden. Zunächst
erscheint ein Gott, der von seinem Diener etwas Unmenschliches verlangt. Tatsächlich gab es in uralter
Zeit in Kanaan die Sitte, in Notzeiten Menschen zu opfern. Später konnte man das versprochene
Menschenopfer durch ein Tieropfer auslösen. Die Sage erinnert möglicherweise an eine solche
Auslösung. Indem der Engel Gottes dem Abraham in den Arm fällt, als dieser seinen Sohn opfern will,
15 wird klar, dass Gott keine Menschenopfer will. Dennoch bleibt das Bild eines harten Gottes, der
Abraham mit seiner Vertrauensprobe in tiefste innere Konflikte stürzt, obwohl er doch hätte wissen
können, dass Abraham diese Probe bestehen würde. Es scheint, dass dieser Gott noch nicht allwissend
ist. Auch hier hat das Gottesbild noch antropomorphe Züge.

20 Ri: Das Richterbuch stellt mit seinem immer wiederkehrenden Geschichtsschema von Abfall der
Israeliten, Strafe Gottes, Umkehr und Rettung einen Gott dar, der die Menschen erzieht und es dabei
jedem so ergehen lässt, wie es seine Taten verdienen. (Tun-Ergehen-Zusammenhang)

Hiob: Genau dieser Tun-Ergehen-Zusammenhang wird im Buch Hiob ausdrücklich geleugnet. Während
25 die Freunde des leidenden Hiob bei diesem die Schuld suchen, um Gottes Gerechtigkeit zu verteidigen,
betont Hiob seine Unschuld. Gott hingegen zeigt, dass er weit über den Kategorien menschlichen
Gerechtigkeitsempfindens steht. Er benötigt auch niemanden, der versucht, seine Gerechtigkeit zu
verteidigen. Die Freunde Hiobs werden daher gerügt, Hiob ins Recht gesetzt.

30 Mt 20: Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg vergleicht das Handeln des Weinbergbesitzers mit
Gottes Handeln. Auch hier wird menschlieches Gerechtigkeitsempfinden in Frage gestellt, freilich nicht
so, dass den Arbeitern, die den ganzen Tag gearbeitet haben, tatsächliches Unrecht geschieht - auch
wenn ihre Erwartung nach höherem Lohn nicht erfüllt wird - , sondern so dass der Herr hier an den
Bedürftigen seine Güte und Barmherzigkeit zeigt. Sie bekommen mehr, als zu erwarten gewesen wäre,
35 weil sie das, was sie benötigen, nicht mehr erarbeiten können.

Zu 2:
Die Erfahrung des Geistes, eine freilich eher anonyme Erfahrung des Übernatürlichen können wir dann
machen, wenn wir gut handeln (z.B. eine Pflicht erfüllen) obwohl wir uns weder Lob noch Dankbarkeit
40 und noch nicht einmal ein gutes Gefühl versprechen können, sondern wo wir nur einem Anspruch folgen,
der aus dem Innersten unseres Gewissens kommt.

Zu 3:
Beispiel: “Haben wir einmal eine Pflicht getan, wo man sie scheinbar nur tun kann mit dem
45 verbrennenden Gefühl, sich wirklich selbst zu verleugnen und auszustreichen, wo man sie scheinbar nur
tun kann, indem man eine entsetzliche Dummheit tut, die einem niemand dankt?”

Rahner nennt solche Erfahrungen Erfahrungen des Übernatürlichen, weil sie uns zunächst einmal zeigen,
“ daß der Sinn des Menschen nicht im Sinn und Glück dieser Welt aufgeht” sondern demnach vielmehr
50 ausserhalb der erfahrbaren Welt zu suchen ist.
Rahner sagt, dass wir uns in solchen Momenten “nicht mehr selbst gehören” , “nicht mehr über uns
verfügen” und meint damit, dass wir dann jemandem anderen (nämlich Gott) gehören der dann über uns
verfügt. Daher sagt er, dass wir dann anfangen “in der Welt Gottes selbst” zu leben. Solche Erfahrungen
sind Erfahrungen des (heiligen) Geistes, weil die getroffenen Entscheidungen einerseits aus dem
55 innersten des eigenen Gewissens kommen, andererseits mit den innerweltlichen Interessen des
betroffenen Menschen nicht mehr zu erklären sind.
Zu 4:
Zu nennen sind hier vor allem Gen 22 und Hiob

In Gen 22 erhält Abraham den Auftrag, etwas völlig Irrationales zu tun, nämlich seinen eigenen Sohn zu
5 töten und damit seine eigene Zukuft zu zerstören. Wie anders als denn als innere Stimme kann er den
Auftrag Gottes gehört haben. Eine Stimme, der er folgen muss obwohl die Erfüllung des Auftrags seinen
eigenen innerweltlichen Interessen völlig zuwider läuft, ja die Gottes Plan selbst zuwider zu laufen
scheint, war doch Jahwe selbst es, der ihm in Gen 12, .13,16 u.a. angekündigt hatte, ihn zu einem großen
Volk zu machen. Wie sollte diese Verheißung noch erfüllt werden, wenn Abraham nun den ihm von Gott
10 verheißenen Sohn, Isaak, wieder umbringen würde? Was Abrahams Frau und sein Stamm zu dem
grausigen Vorhaben gesagt haben mögen, wird in der Bibel nicht berichtet. Wir können nur vermuten,
dass sie ihn in Stücke gerissen hätte. Seinem eigenen Sohn gibt Abraham eine ausweichende Antwort,
so klar merkt eher, dass er jetzt dort ist “dort, wo man es niemand mehr sagen, niemand mehr klarmachen
kann, wo man ganz einsam ist und weiß, daß man eine Entscheidung fällt, die niemand einem abnimmt,
15 die man für immer und ewig zu verantworten hat” und dass das, was er tun wird, niemandem mehr
vermittelbar ist, sondern wie Rahner es sagt, wie ein “entsetzlicher Sprung ins Bodenlose aussieht, dort,
wo alles ungreifbar und scheinbar sinnlos zu werden scheint”.

Das Buch Hiob stellt uns einen Mann vor, der trotz unsäglichen Leides nicht dem Rat seiner Frau folgt
20 (“Sage Gott ab und stirb” Hiob 2,9) sondern an Gott festhält. Hier treffen etwa die Worte Rahner zu:
“Haben wir schon einmal versucht, Gott zu lieben, dort, wo keine Welle einer gefühlvollen Begeisterung einen
mehr trägt, wo man sich und seinen Lebensdrang nicht mehr mit Gott verwechseln kann, dort, wo man meint zu
sterben an solcher Liebe, wo sie erscheint wie der Tod und die absolute Verneinung, dort, wo man scheinbar ins
Leere und gänzlich Unerhörte zu rufen scheint, dort, wo es wie ein entsetzlicher Sprung ins Bodenlose aussieht,
25 dort, wo alles ungreifbar und scheinbar sinnlos zu werden scheint?” Nein, eine Welle gefühlvoller
Begeisterung trägt Hiob nicht, denn er setzt sich ja mit Gottes Willkür auseinander, ja streitet mit Gott
um gerade so an ihm festzuhalten. Dessen Verhalten ihm gegenüber muss Hiob als sinnlos erscheinen,
da es die bisher bekannten Denkweisen von Tun und Ergehen ad Absurdum führt.

30 In beiden Stellen bestünde die Erfahrung der Gnade nun nicht in der später erfolgenen Rettung bzw.
Wiedergutmachung sondern gerade in der Erfahrung der einsamen Entscheidung und der Nacht des
Leidens.