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>> Die Politische Meinung

Zum Verlust Die deutsche Sprache stärken


der Muttersprache in
Schule und Wissenschaft Josef Kraus/Ralph Mocikat

In Deutschland sind permanent Bil- Deutschunterrichts in der Grundschule


dungsoffensiven angesagt. Bei so viel zugunsten von Früh-Englisch; der Ver-
hyperaktivem Diskurs stellt sich freilich zicht auf eine verbindliche Prüfung im
die Frage: Wo bleibt die Stärkung und Fach Deutsch in der Abiturprüfung; der
Förderung der Muttersprache? Das Be- Verzicht auf das Auswendiglernen von
herrschen von Sprache ist unter allen Gedichten und Dramen-Monologen; die
Schlüsselqualifikationen die zentrale, Rechtschreibreform mit ihrem in mehre-
denn nahezu alle Schlüsselqualifikatio- ren Orthografiebereichen üblichen Belie-
nen haben mit Sprachbeherrschung zu bigkeitsprinzip; die Abschaffung eines
tun. Ein Bildungssystem dagegen, das Lektürekanons und die damit verbundene
die sprachliche (und literarische!) Bil- Preisgabe kultureller und geistiger Tradi-
dung vernachlässigt, verschlechtert für tion. PISA mit dem unseligen „Literacy-
junge Menschen die Entwicklungschan- Konzept“ hat es zudem mit sich gebracht,
cen. dass das Lesen simpel als Informations-
In den Schulen käme somit dem entnahme definiert wurde und dass selbst
Deutschunterricht eine exponierte Stel- innerschulische Leistungstests auf das
lung zu. Zugleich bleibt das Fach Deutsch Ankreuzen von Multiple-Choice-Tests
maßgebliche Grundlage für einen erfolg- und das Zustöpseln von Lückentexten re-
reichen Fremdsprachenunterricht und für duziert wurden.
das Verstehen in allen anderen Fächern.
Tatsache ist aber: Schule in Deutschland Literarischer Kahlschlag
schafft es nicht, den Nachwuchs solide in Helmut Fuhrmann kommt in seinem 1993
der Muttersprache zu schulen. Hier gab es erschienenen Buch mit dem Titel Die Furie
zahlreiche Fehlentwicklungen: die ge- des Verschwindens – Literaturunterricht und
ringe Stundenausstattung des Faches Literaturtradition deshalb zu dem Ergeb-
Deutsch als Schulfach zwischen der ersten nis: „Alles spricht vom Waldsterben und
und zehnten Klasse mit nur sechzehn Pro- vom Ozonloch; es wird Zeit, dass man
zent der Wochenstunden (dagegen in Po- auch vom Klassikersterben und vom Tra-
len zweiundzwanzig, Schweden vier- ditionsloch zu sprechen beginnt.“ In der
undzwanzig, Frankreich sechsundzwan- Folge begnügt man sich an vielen Schulen
zig und China sechsundzwanzig Prozent); – anstatt von den Schülern das Durchbei-
die selbst in gymnasialen Klassenstufen ßen durch einen Roman zu verlangen –
oft nur üblichen drei Deutschstunden pro mit der haarkleinen Analyse von Fluten
Woche; das Herunterfahren des curricu- kopierter Textauszüge. Der ausgebür-
lar ausgewiesenen Grundwortschatzes gerte russische Germanist Kopelew kon-
auf nur noch siebenhundert Wörter ak- statierte dementsprechend 1989 – entsetzt
tiven Wortschatzes am Ende der vier- über den literarischen Kahlschlag an
ten Grundschulklasse; die Kürzung des deutschen Schulen und Universitäten –

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Josef Kraus/Ralph Mocikat

eine „Kulturrevolution ähnlich wie in keinen Schulabschluss mehr ohne eine


China – nur ohne Mao“. Prüfung im Fach Deutsch geben.
Sodann brauchen wir eine Offensive
Notwendige Maßnahmen für Schulbibliotheken. An den meisten
Vor diesen Hintergründen braucht der Schulen in Deutschland gibt es keine sol-
Deutschunterricht endlich eine Lobby. che, die diesen Namen verdient. Aber
Denn statt sprachlicher Kultur aber hat wenn die Schulen keine attraktiven Bü-
sich in Gesellschaft und Bildungswesen cherangebote vorhalten, versagt die Le-
Geschwätzigkeit angesagt. Schule muss seerziehung in den Schulen. Es reicht ein-
dem entgegensteuern. Sie muss der fach nicht, wenn eine Schule in Deutsch-
sprachlichen und literarischen Schulung land die übliche Schulbücherei mit einem
wieder mehr Aufmerksamkeit widmen. Bestand von wenigen Tausend oder gar
Dafür gibt es stolze Gründe. nur ein paar Hundert Bänden auf einer
Sprachliche Bildung ist erstens Persön- Fläche von fünfzig Quadratmetern hat.
lichkeitsbildung: Denn Sprache ist Me- Eine Schulbibliothek muss mit einem
dium für die Entfaltung von Innerlichkeit breiten Sortiment und mit Autorenlesun-
und damit Ausdruck der Gesamtper- gen Mädchen und Jungen gleichermaßen
sönlichkeit. Sprachliche Bildung fördert locken können; außerdem muss eine sol-
zweitens das Erleben und das Verantwor- che Einrichtung räumlich so attraktiv
ten von Freiheit. Erst mit Sprache ist die sein, dass sich junge Leute gerne darin
Teilhabe an der politischen Öffentlichkeit aufhalten: vor und nach dem Unterricht,
möglich. Sprache ist zudem das einzige in der Pause und am Nachmittag. Eine at-
humane Instrument der Konfliktlösung. traktive Schulbibliothek ist nicht zum
Sprachliche Bildung ist drittens Voraus- Nulltarif zu haben. Würde für Schulbi-
setzung des zwischenmenschlichen Ver- bliotheken der gleiche Betrag aufgewen-
stehens und Handelns. Erst die Alphabe- det, wie er zuletzt mit vier Milliarden
tisierung erlaubt – viertens – eine Teilhabe Euro für die Förderung schulischer Ganz-
an zivilisatorischen Errungenschaften tagsbetreuung aufgebracht wurde, dann
(etwa an Wissenschaft und Technik). wäre der Effekt bald spürbar.
Deutschunterricht ist – fünftens – die Eine der besonderen Unsitten pro-
Chance, ein Gespür für künstlerische gressiver Bildungspolitik ist ihr Hang
Leistung zu entwickeln. Seine Möglich- zur Protzsprache, zum Denglischen. Die
keiten reichen hier vom Rezitieren, von Sprache der „Bildung“ gibt sich besonders
Sprachspielen und Stegreifspielen über trendy. „Kultus“-Ministerien übertreffen
das kreative Schreiben bis hin zum Thea- sich gegenseitig mit: Educ@tion, Learntec,
terbesuch und zum großen Schulspiel. knowledge-machines, Soft Skills, Download-
Eine Offensive zugunsten des Wissen, Just-in-time-Knowledge und so wei-
Deutschunterrichts ist überfällig – auch ter. Das ist affig im Sinne des Nachäffens.
deshalb, weil Sprache und Literatur Iden- Sprachanalytisch ist der Gebrauch dieser
tität fördern. Teilhabe an Kultur lässt sich Prunk- und Imponiersprüche banal und
nur verwirklichen, wenn die Grundlagen nichts anderes als eine Produktion von
für das Reden miteinander gemeinsame Plattitüden – von Wortfladen also. Nar-
sind; der sich fortschreitend individuali- zisstisch daran ist der Dünkel zu meinen,
sierenden Kommunikation muss die mit dem Gebrauch dieser Sprache signali-
Schule daher das Allgemeinverbindliche siere man Zugehörigkeit zur Klasse der
entgegensetzen. Das können nur die Global Player und des Jetsets.
Hochsprache und die Literatur. Nicht zu- Auch über die Schule hinaus ist Spra-
letzt dürfte es in Deutschland zukünftig che konstitutiv für wissenschaftliches Ar-

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Die deutsche Sprache stärken

beiten. Denn Wissenschaft wird über- Deutschen nicht mächtig wäre. Viele
haupt erst möglich durch die Sprache: Forschungsförderungsanträge, zum Bei-
Subjektive Überzeugungen und Erwar- spiel beim Bundesforschungsministeri-
tungen werden objektiviert, werden zu um, dürfen von deutschen Wissenschaft-
Objekten einer bewusst kritischen Unter- lern nur noch auf Englisch eingereicht
suchung. Sprache ist nicht nur ein Me- werden. Begutachtungen der DFG müs-
dium zur Mitteilung etablierten Wissens, sen mitunter in englischer Sprache ablau-
sondern auch und vor allem ein Werk- fen, obwohl alle Antragsteller und das ge-
zeug zur Erkenntnisfindung. samte Gutachtergremium deutschspra-
Wenn man über die Rolle der Sprache chig sind. Immer mehr Lehrveranstaltun-
bei der Weitergabe von Erkenntnissen in gen für deutsche Studenten von deut-
einer weltweiten Wissenschaftlergemein- schen Dozenten werden auf Englisch ab-
schaft spricht, so muss man zur Kenntnis gehalten. Hier nehmen die naturwissen-
nehmen, dass hier das Deutsche – zumin- schaftlichen Fächer durchaus keine
dest in den Naturwissenschaften – kei- Sonderstellung ein, wenngleich hier die
nerlei Rolle mehr spielt. Die Kommunika- Entwicklung besonders weit fortgeschrit-
tionssprache auf internationaler Ebene ist ten ist. Denn auch in den Geistes- und
das Englische. Natürlich ist ein solches Kulturwissenschaften wird die Lehre im-
Verständigungsmedium zwingend erfor- mer häufiger auf Englisch angeboten,
derlich, und die Rolle des Englischen soll selbst dann, wenn es um Lehrinhalte geht,
hier nicht infrage gestellt werden. Wäh- die eng mit der deutschen Sprache in Ver-
rend vor nicht allzu langer Zeit die Publi- bindung stehen. Nur ein Viertel der soge-
kationen in den Naturwissenschaften je- nannten internationalen Studiengänge
doch in mehreren Sprachen möglich wa- sieht für ausländische Studenten ver-
ren, haben nun auch die deutschen Zeit- pflichtende Deutschkurse vor.
schriften in vielen Bereichen ausnahms-
los auf die Publikationssprache Englisch Folgen der Verdrängung
umgestellt; anderssprachige Artikel wer- Die Verdrängung der deutschen Wis-
den überhaupt nicht mehr akzeptiert. Die senschaftssprache führt dazu, dass ei-
Entwicklung hin zur englischen Einspra- ne Weiterentwicklung fächerspezifischer
chigkeit ist in Deutschland besonders Terminologien im Deutschen nicht mehr
weit vorangeschritten, denn in anderen stattfindet und auch immer mehr eta-
Ländern, wie zum Beispiel in Frankreich blierte deutsche Fachausdrücke in Ver-
oder in Russland, legt man durchaus noch gessenheit geraten. Langfristig wird sich
Wert darauf, auch in landessprachlichen das Deutsche also aus ganzen Wissensge-
Zeitschriften zu veröffentlichen, unbe- bieten zurückziehen. Ein weiteres Ein-
schadet natürlich der Verpflichtung, auch fallstor ist zum Beispiel die Wissen-
in englischsprachigen Journalen zu publi- schaftsverwaltung. So wurde bereits allen
zieren. Ernstes gefordert, dass Arbeitsverträge in
Daneben beobachtet man in Deutsch- unseren Forschungseinrichtungen in
land seit einiger Zeit eine zunehmende englischer Sprache ausgefertigt werden,
Verdrängung der Landessprache selbst was aus juristischer Sicht ein hochbrisan-
im internen Wissenschaftsbetrieb. Auf tes Thema ist. Dass dieser konsequente
Tagungen ohne jede internationale Betei- Rückbau der deutschen Sprache in immer
ligung, in internen Seminaren und sogar mehr Bereichen unabsehbare Folgen für
in alltäglichen Laborbesprechungen wird den Kontakt zwischen Wissenschaft und
oft nur noch Englisch gesprochen, auch Gesellschaft hat, für die öffentliche Ak-
wenn niemand anwesend ist, der des zeptanz von Forschung oder etwa für den

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Josef Kraus/Ralph Mocikat

Diskurs ethischer oder ökonomischer As- kann die Vielzahl der Betrachtungswei-
pekte wissenschaftlichen Handelns, sei sen erhalten bleiben, welche für die Be-
hier nur angedeutet. Wenn unsere Spra- schreibung einer hochkomplexen Wirk-
che nicht mehr alle Bereiche der Wirklich- lichkeit sowie für wissenschaftliche Ab-
keit, insbesondere nicht mehr die innova- straktion unabdingbar ist. Die Einengung
tiven und zukunftsweisenden Bereiche, auf ein Einheitsidiom bedeutet reduzierte
abzubilden vermag, wird sie einen erheb- Wirklichkeitswahrnehmung.
lichen Statusverlust im Inland wie im Das heute benutzte Wissenschaftseng-
Ausland erleiden. Eine Sprache, die sich lisch zeigt Parallelen zu der lateinischen
auf diesen Gebieten nicht weiterentwi- Wissenschaftssprache zur Zeit der Scho-
ckelt, ist eine im Kern bedrohte Sprache. lastik. Dieses hat nämlich wenig gemein
Denn die Fachterminologien von heute mit jenem hoch differenzierten Englisch,
werden Bestandteil der Alltagssprache wie es nur Muttersprachler beherrschen
von morgen sein. können, es hat sich vielmehr eingeengt
auf eine schmale Funktionssprache mit
Einengung der Wahrnehmung reduziertem Vokabular und formelhaften
Wenn neu Gefundenes erstmalig be- Wendungen. Echtes kreatives Denken
schrieben werden soll, benötigt man mithilfe eines solchen erstarrten Idioms
Metaphern. Diese werden immer aus der ist schlechterdings nicht möglich.
Alltagssprache übernommen. Fachspra- Dies kann man in unserem Wissen-
chen entstehen aus der gewöhnlichen schafts-, Forschungs- und Lehrbetrieb
Sprache und stehen im ständigen Aus- täglich beobachten. Wenn Wissenschaft-
tausch mit dieser. Und es ist immer die je- ler glauben, dass sie das Englische so per-
weilige Muttersprache, welche die tref- fekt wie eine Muttersprache beherrschen,
fendsten und schlüssigsten Bezeichnun- ist das oft ein grandioser, verhängnis-
gen und die überzeugendsten Metaphern voller Irrtum. Auch wenn sie über ex-
zur Benennung und zum diskursiven zellente Fremdsprachenkenntnisse verfü-
Durchsetzen neuer, unanschaulicher gen, wird ihnen das Bewusstsein für die
Theorien bereitstellt. Somit hat die Preis- historisch-kulturelle Prägung der frem-
gabe der Muttersprache auch erhebliche den Sprache und ihres Wortschatzes feh-
Auswirkungen auf den fächerübergrei- len. Die Folge sind Missverständnisse, die
fenden Dialog. Oft verkennt man, dass Verflachung des inhaltlichen Niveaus,
Sprache ein individuelles Instrument zur die Unterdrückung kontroverser Diskus-
Gewinnung von neuer Erkenntnis dar- sionen, wenn neueste Ergebnisse auf Eng-
stellt. Lexik, Grammatik und Konnotatio- lisch besprochen werden. Hierzu hat ei-
nen jeder Sprache erfassen, strukturieren ner der Verfasser eine kleine empirische
und spiegeln die Wirklichkeit auf je ei- Untersuchung angestellt. Es wurden ins-
gene Weise. Dies ist nicht nur in den Geis- gesamt vierzehn Seminare mit aus-
tes- und Kulturwissenschaften der Fall, schließlich deutschsprachigen Teilneh-
sondern auch in den Naturwissenschaf- mern verfolgt und die Zahl der Diskus-
ten. Wer Texte übersetzt, der weiß, dass es sionsbeiträge durch die Teilnehmerzahl
Sachverhalte gibt, die sich in verschiede- dividiert. Die Diskussion war hoch signi-
nen Sprachen nicht gleich gut ausdrücken fikant eingeschränkt (um den Faktor 6,3),
lassen. Die Argumentationsduktus im wenn man gezwungen war, die Fremd-
diskursiven Erarbeiten neuer Erkennt- sprache zu benutzen. Dabei waren die
nisse sind völlig unterschiedlich, je nach- Teilnehmer der untersuchten Seminare
dem, welche Sprache benutzt wird. Nur überwiegend etablierte Wissenschaftler,
durch Bewahrung der Plurilingualität die glaubten, das Englische hervorragend

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Die deutsche Sprache stärken

zu beherrschen. In Schweden wurde hier in einen der neuen englischsprachi-


nachgewiesen, dass in naturwissen- gen Studiengänge einzuschreiben. Nach
schaftlichen Vorlesungen das Verständ- Umfragen unter Stipendiaten der Hum-
nis seitens der Studenten erheblich zu- boldt-Stiftung bedauern die meisten, dass
rückbleibt, wenn die Vorlesungen auf sie während ihres Aufenthaltes so wenig
Englisch gehalten wurden. Warum also an die deutsche Sprache herangeführt
eine immer weiter zunehmende Komple- wurden. Langfristige Bindungen, die
xität wissenschaftlicher Inhalte mit einer auch nach der Rückkehr der Gastakade-
Flucht aus derjenigen Sprache, in der man miker in ihre Heimatländer Bestand ha-
sich am differenziertesten auszudrücken ben und die in unserem eigenen Interesse
versteht, nämlich der eigenen Mutter- liegen sollten, werden auf diese Weise mit
sprache, beantwortet werden soll, bleibt Sicherheit nicht hergestellt werden kön-
ein Rätsel. nen.
Nun, welche Bedeutung kommt dem
Negative Außenwirkung schulischen Sprachunterricht im Hinblick
Wie wird die Flucht in die englische Ein- auf die deutsche Wissenschaftssprache
sprachigkeit von Ausländern wahrge- zu? Eine große! Denn die Grundlage für
nommen? Die Anglomanie unseres Wis- korrektes und differenziertes Schreiben
senschaftsbetriebes wird ja oft gerechtfer- muss in der Schule gelegt werden, es ist
tigt mit der Rücksichtnahme auf unsere später konstitutiv für den Erfolg in der
ausländischen Gastwissenschaftler. Nun Wissenschaft. Es geht dabei nicht nur um
ist der Austausch von Gastwissenschaft- das Abfassen von Diplom- und Doktorar-
lern und Gaststudenten keineswegs et- beiten, es geht insbesondere um die Ori-
was Neues. Aber bis vor zehn bis fünf- ginalpublikationen, an denen jeder Wis-
zehn Jahren mussten die Austauschaka- senschaftler gemessen wird. Das Verfas-
demiker Deutsch lernen, ehe sie ihre Tä- sen der Doktorarbeit ist für fast alle
tigkeit aufnahmen. Heute erlebt man es naturwissenschaftlichen Absolventen in-
immer wieder, dass sie von ihren deut- zwischen eine Qual. Es entstehen Texte,
schen Arbeitsgruppenleitern geradezu die so kryptisch sind, dass sie auch bei
davon abgehalten werden, Deutsch zu größtem Einfühlungsvermögen seitens
lernen, dass ihnen konsequent die engli- des Lesers schier unverständlich blei-
sche Sprache aufgenötigt wird, selbst ben. Über die meist in die Hunderte
wenn sie sich schon drei, sechs oder zehn gehenden Rechtschreib-, Interpunktions-
Jahre bei uns aufhalten. Eine Integration und Grammatikfehler sieht man als Be-
der Gastwissenschaftler in das soziale Le- treuer einer Dissertation ja schon großzü-
ben ihres Gastlandes gibt es also praktisch gig hinweg. Immer wieder kommt es vor,
nicht mehr. Viele Ausländer verstehen dass Kandidaten, auch wenn sie eine gute
das nicht. Denn viele interessieren sich experimentelle Arbeit im Labor geleistet
für deutsche Sprache und Kultur und für haben, das Institut ohne Abschlussarbeit
unsere Wissenschaftstraditionen und verlassen, weil sie es nicht schaffen, auch
sind darüber befremdet, dass wir unsere nur ein Wort zu Papier zu bringen. In
Wissenschaftssprache so konsequent ver- Schreiben, mit denen sich Nachwuchs-
leugnen. Japan ist ein Land, das sich in wissenschaftler zum Beispiel um Stellen
der medizinischen Ausbildung traditio- als Arbeitsgruppenleiter bewerben und
nell an Deutschland orientiert hat. Wie in denen das von dem Kandidaten ge-
man von japanischen Kollegen erfährt, plante Forschungsvorhaben auf drei bis
lehnen es Studenten dort inzwischen ab, fünf Seiten skizziert wird, finden sich pro
nach Deutschland zu kommen, um sich Seite dreißig bis vierzig Rechtschreibfeh-

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Josef Kraus/Ralph Mocikat

ler, und was der Inhalt des Projektes sein lung besorgt. Dabei geht es nicht darum,
soll, das kann der Leser oft nur vage erah- das Englische als internationales Verstän-
nen. digungs- und Publikationsmedium in-
Im Bereich von Forschung und Wis- frage zu stellen. Natürlich brauchen wir
senschaft treten also nun die Versäum- gute Englischkenntnisse, doch brauchen
nisse des Schulunterrichts zutage. Immer wir in der Wissenschaft auch die zumin-
mehr Schulen unterrichten selbst Sachfä- dest rezeptive Kenntnis weiterer Fremd-
cher auf Englisch – bemerkenswerter- sprachen sowie das Bewusstsein für die
weise sogar schon die Heimatkunde an Bedeutung der Muttersprache. Wenn wir
manchen Grundschulen. Das wird zur Mehrsprachigkeit ernsthaft wollen, müs-
Folge haben, dass die deutschen Fachter- sen wir zunächst einmal das eigene Haus
minologien aussterben und dass die in Ordnung bringen. Im Inland muss
Schulabgänger demnächst nicht mehr in daher Deutsch als Wissenschaftssprache
der Lage sein werden, über wichtige The- wieder gepflegt und weiterentwickelt
men wie Chemie, Biologie, Physik oder werden. Es ist etwa erforderlich, dass
auch Geschichte, Wirtschaft und Politik man im Laboralltag, in internen Semina-
auf Deutsch zu sprechen. Wie will man ren und auf Tagungen ohne internatio-
angesichts dieser Schulpolitik etwa an nale Beteiligung selbstverständlich sich
Immigranten die berechtigte Forderung der Landessprache bedient. Dazu gehört
herantragen, unsere Landessprache zu weiterhin, dass deutsche Muttersprachler
erlernen, wenn ihnen immer wieder klar- ihre Korrespondenz mit deutschen Dritt-
gemacht wird, dass man über die wichti- mittelgebern in deutscher Sprache verfas-
gen Dinge auf Englisch zu kommunizie- sen und dass unsere Gastwissenschaftler
ren hat? bei längerem Aufenthalt wieder darin
unterstützt werden, Deutsch zu lernen. Es
Verlust der Tradition sollte nämlich in unserem Interesse lie-
Mit der Verdrängung der Muttersprache gen, sie auch sozial und kulturell zu inte-
geht es einher, dass der jüngeren Gene- grieren, damit sie langfristige Bindungen
ration das Bewusstsein der eigenen Tra- zu ihrem Gastland aufbauen. Schließlich
dition vollständig abhandenzukommen sind angesichts der geradezu katastro-
droht. Alles, was modern, innovativ, zu- phalen sprachlichen Defizite bei unseren
kunftsweisend und wichtig ist, könne Studenten die Schulen aufgefordert, die
schlechthin nur aus dem angloamerikani- Kompetenz auch in der Muttersprache
schen Bereich kommen: Einstein war wieder zu stärken und auch im naturwis-
doch selbstverständlich ein amerikani- senschaftlichen Unterricht wieder Wert
scher Physiker!, so ein Student kürzlich auf gutes Deutsch zu legen.
gegenüber dem Verfasser. Wenn man so Summa summarum: In Sachen deut-
konsequent alles Eigene infrage stellt, ist sche Sprache sind endlich weniger Selbst-
es da ein Wunder, wenn man auch inter- verleugnung und Selbstvergessenheit an-
national immer weniger wahrgenommen gesagt – im Interesse unserer jungen
wird? Leute, im Interesse des Bildungs- und
Eine wachsende Zahl von Wissen- Forschungsstandorts Deutschland sowie
schaftlern ist über die aktuelle Entwick- im Interesse unserer Sprache.

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