Sie sind auf Seite 1von 14

Höhere Mathematik für Ingenieure I

TU Bergakademie Freiberg

Dr. Gunter Semmler,

Institut für Angewandte Analysis

Wintersemester 2010/11

1
Inhaltsverzeichnis
Vorwort 3
1 Komplexe Zahlen 4
1.1 Geschichte der komplexen Zahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4

1.2 Komplexe Zahlen in arithmetischer Darstellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5

1.3 Komplexe Zahlen in trigonometrischer Darstellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7

1.4 Anwendungen in der Elektrotechnik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9

Quellenhinweise 11
Literatur 12
Stichwortverzeichnis 14

2
Vorwort
Das folgende Skript enthält eine kurze Zusammenfassung der Vorlesung Höhere Mathematik I, die ich für Studen-

ten der Fachrichtungen Wirtschaftsingenieurwesen, Networkcomputing, Angewandte Informatik, Geoinformatik

und Geophysik, Geotechnik und Bergbau sowie Markscheidewesen/Geodäsie im Wintersemester 2010/11 gehal-

ten habe.

Zunächst einige Hinweise, wie man die Vorlesungs- und Übungsangebote zur Höheren Mathematik optimal nutzt.

Für die meisten Studenten sind die Inhalte so schwer, daÿ sie sich ihnen erst nach mehrmaligem Durcharbeiten

erschlieÿen. Sie sollten daher zunächst der Vorlesung mit voller Konzentration folgen, können aber trotzdem

nicht erwarten, immer alles sofort zu verstehen. Deshalb sollten Sie Ihre Notizen und das Skript zu Hause noch

einmal in Ruhe durchlesen und durchdenken. Wenn die Darstellung darin für Sie zu knapp ist, suchen Sie in

der unten empfohlenen Literatur ein Werk, das Ihren persönlichen Bedürfnissen eher nahekommt. Wenn Sie zur

Übung kommen, sollten Sie unbedingt schon einen Überblick über die Theorie haben; eine Theorie, die man

nicht kennt, kann man auch nicht anwenden. Beteiligen Sie sich aktiv mit Lösungsideen und Fragen an der

Übungsveranstaltung. Bearbeiten Sie die gestellten Hausaufgaben zum vorgesehenen Termin. Es ist hilfreich,

mit Kommilitonen eine Arbeitsgruppe zu bilden, in der Sie über die Probleme diskutieren. Suchen Sie sich falls

erforderlich weiteres Übungsmaterial. Nur durch die aktive Bearbeitung von Aufgaben wird sich schrittweise ein

Verständnis der Vorlesungsinhalte einstellen. Mit auftretenden Fragen können und sollten Sie sich jederzeit an

den Vorlesenden oder die Übungsleiterin wenden. Wenn Sie diese Hinweise beachten und konsequent während des

gesamten Semesters umsetzen, steht einem optimalen Erfolg bei der Prüfungsklausur nichts mehr im Wege.

Bei den folgenden Literaturhinweisen sind besonders Werke berücksichtigt, die in nennenswerter Zahl in der

Bibliothek der TU Bergakademie Freiberg zur Verfügung stehen.

Lehrbücher. Es gibt eine Vielzahl von Büchern, in denen mehr oder weniger der kanonische Sto zur Höheren

Mathematik dargestellt wird. Sie dienen dem Nachlesen und Verstehen behandelter Stogebiete, dürfen aber

nicht in Klausuren verwendet werden. [28] ist kompakt, wenn auch nicht anspruchslos zu lesen, [3] enthält alles

notwendige und noch etwas mehr in einem Band, auch [7], [29], [11] und [19] sind möglich. Leicht vergilbend

im Regal, aber immer noch gut zu gebrauchen sind die Bücher der MINÖL-Reihe (Mathematik für Ingenieure,

Naturwissenschaftler, Ökonomen und Landwirte): [35], [32], [36], [34], [20], [23], [40]. Graphisch gut aufbereitet

ist die Enzyklopädie [16]. Gleiches gilt für das wunderschöne (und teure) Weihnachtsgeschenk [1], das noch über

den Rahmen unserer Vorlesung hinausgeht. Das Skript und weitere Materialien zur parallelen Vorlesung Höhere

Mathematik für Ingenieure I von PD Dr. S. Bernstein (siehe die entsprechende Internetseite) sollten ebenfalls

genutzt werden.

Nachschlagewerke. Sie enthalten viele Fakten in übersichtlicher Form, setzen aber beim Leser bereits ein Verständ-
nis der Zusammenhänge voraus. Nachschlagewerke sind zu Klausuren zugelassen. Seit Generationen bewährter

und mit immer neuen Autoren weiterentwickelter Klassiker ist [6], der sogar noch ein ganzes Stück über den Sto

der Vorlesungen zur Höheren Mathematik hinausgeht. Nicht ganz so umfangreich, aber immer noch ausreichend

sind [2] und [33]. Als eine Art Tafelwerk zur Höheren Mathematik kann man [18] (Freiberger Autoren!), [27] oder

[38] sicher gut verwenden.

Aufgabensammlungen. Es gibt eine Reihe von Büchern, die Aufgaben mit Lösungen enthalten, in denen die

zugrunde liegende Theorie nur kurz oder gar nicht skizziert wird. Zur Ergänzung der angebotenen Übungen und zur

Prüfungsvorbereitung sind solche Sammlungen bestens geeignet, allerdings nicht zu Klausuren zugelassen. Nicht

nur weil sie von Freiberger Autoren stammen seien [14] und [15] genannt. Die MINÖL-Reihe bietet [31], [41]. Viele

Beispiele enthalten auch [13], [26], [30] und [37]. Zur Partialbruchzerlegung sei speziell auf [10] hingewiesen.

Für das Aufspüren zahlreicher Schreibfehler bedanke ich mich herzlich bei Dr. Anja Kohl.

3
1 Komplexe Zahlen

1.1 Geschichte der komplexen Zahlen

Ihre Entwicklung ist eng mit der Entdeckung der Lösungsformel für Gleichungen dritten Grades verbunden. Die

berühmte Cardanische Formel


s s
p q 2  p 3 p q 2  p 3
r  r 
x= 3

2
+
2
+
3
+
3

2 2
+
3

für die reduzierte kubische Gleichung x 3 + px + q = 0 wurde unabhängig von Scipione dal Ferro (1465-1526)

und Niccolò Fontana Tartaglia (um 1500-1557) entdeckt. Gerolamo Cardano (1501-1576) veröentlichte sie

unberechtigterweise in seinem Werk  Ars magna sive de Regulis Algebraicis , was zum gerichtlichen Streit mit

Tartaglia führte. Ungeklärt blieb der als casus irreducibilis bekannte Fall, bei dem die Diskriminante D := (q=2)2 +
( p=3)3 negativ ist. Rafael Bombelli (1526-1576) konnte diesen an Beispielen behandeln, indem er mit Wurzeln

aus negativen Zahlen rechnete. Dies ndet man zwar auch schon bei Cardano, der aber erkannte die Bedeutung

dieser Methode nicht. So ist bei Bombelli

p p
3
;
p
52 + 2209 = 4 + 1

und er entwickelt eine Reihe von Regeln für das Rechnen mit Wurzeln aus negativen Zahlen. Erstaunlicherweise

heben sich im casus irreducibilis diese Wurzeln wieder auf und man erhält reelle Lösungen. Die allgemeine Be-

handlung dieses Falls gelang erst François Viète (1540-1603) auf trigonometrischem Wege. Man nannte diese

Wurzeln aus negativen Zahlen die imaginären Zahlen, weil die Grundlagen für ihre Berechtigung äuÿerst zweifelhaft
schienen, obwohl sie sehr nützlich waren.
p
Mit dem von Leonhard Euler (1707-1783) eingeführten Symbol i= 1, für das also i2 = 1 gilt, läÿt sich die

Summe aus einer reellen und einer imaginären Zahl darstellen als a + ib mit reellen Zahlen a und b. Dies nennt man
eine komplexe Zahl und Euler stellte weitere wichtige Formeln für das Rechnen mit komplexen Zahlen auf. Auf

Carl Friedrich Gauÿ (1777-1855), Caspar Wessel (1745-1818) und Jean Robert Argand (1768-1822) geht die
geometrische Interpretation der Zahl a + ib als Punkt in der Ebene (Gauÿsche Zahlenebene ) mit den Koordinaten

a und b zurück.

a + ib
b

Dies lieferte den Schlüssel zu einer exakten Denition der komplexen Zahlen, wie sie Sir William Rowan Hamil-
ton (1806-1865) lieferte. Wir erklären eine komplexe Zahl als ein Zahlenpaar reeller Zahlen ( a; b) und führen

anschlieÿend die Rechenoperationen mit Zahlenpaaren und die Schreibweise a + ib ein.


Komplexe Zahlen sind heute in der Mathematik, Physik und Elektrotechnik unverzichtbar. Sie ermöglichen vielfach

eine einheitliche und elegante Darstellung von Ergebnissen. Seit dem 19. Jahrhundert entwickelte sich zudem ein

eigener Zweig der Analysis von komplexen Zahlen, die Funktionentheorie, die auch ein neues Verständnis der

reellen Analysis ermöglicht.

4
1.2 Komplexe Zahlen in arithmetischer Darstellung

Denition 1.1. Unter einer komplexen Zahl z verstehen wir ein geordnetes Paar reeller Zahlen (a; b). Wir nennen
a den Realteil von z und b den Imaginärteil von z , geschrieben a = Re z; b = Im z .
Wir erklären Addition, Subtraktion und Multiplikation komplexer Zahlen z1 = (a1 ; b1 ) und z2 = (a2 ; b2 ) mittels
z1 + z2 := a a ; b1 + b2 )
( 1+ 2
z1 z2 := ( a1 a2 ; b1 b2 )
z1 z2 := (a1 a2 b1 b2 ; a1 b2 + b1 a2 )

Man kann sich leicht überzeugen, daÿ für die so denierten Operationen das Kommutativ-, das Assoziativ- und

das Distributivgesetz gelten. Auch die binomischen Formeln und der binomische Satz bleiben gültig. Addition und

Subtraktion lassen sich sehr einfach als Vektoraddition in der Gauÿschen Zahlenebene visualisieren.

Im
z1 + z2 Im

z1 z1
z2 z2

z1 z2
Re Re

Denition 1.2. Die komplexe Zahl i := (0; 1) heiÿt imaginäre Einheit . Wir identizieren jede komplexe Zahl der
Form (a; 0) mit der reellen Zahl a.

Es folgt ; ;
i2 = ii = (0 1)(0 1) = ( 1 0) ; und wegen der Identizierung

i2 = 1 :
Auÿerdem ist ( a; b) = (a; 0) + (0; b) = (a; 0) + (0; 1)(b; 0) und damit besitzt jede komplexe Zahl die arithmetische
Darstellung
( a; b) = a + ib:
Auÿerdem bezeichnen wir die Menge aller komplexen Zahlen mit C,
C = fa + ib j a; b 2 Rg:
Das Rechnen mit komplexen Zahlen vereinfacht sich damit: Es genügt, die Rechenregeln und i2 = 1 zu beach-

ten.

Beispiel: Sei z1 = 3 + 4i, z2 = 2 i . Wir nden


z1 + z2 = (3 + 4i) + (2 i) = (3 + 2) + (4i i) = 5 + 3i
z1 z2 = (3 + 4i) (2 i) = (3 2) + (4i ( i)) = 1 + 5i
z1 z2 = (3 + 4i)(2  
i) = 3 2 + 3( i) + 4 2i + 4i( i) = 6 3i + 8i + 4 = 10 + 5i

Der Abstand einer komplexen Zahl z = a + ib vom Koordinatenursprung der Gauÿschen Ebene wird ihr Betrag
genannt und mit jz j bezeichnet, laut Satz des Pythagoras gilt

jz j = a2 + b2 :
p

5
Dies verallgemeinert natürlich den Betrag einer reellen Zahl, denn es ist

p a; a  0;
jaj = a

a
p
2 + 02 = 2 =
a; a < 0:
Aus der Elementargeometrie ist bekannt, daÿ in jedem Dreieck die Summe zweier Seiten gröÿer als die dritte Seite

ist, die Dierenz aber kleiner als die dritte Seite. Aus obigen Bildern zur Addition und Subtraktion liest man daher

folgende Ungleichungen ab, die alle Dreiecksungleichungen genannt werden:


jz1 + z2 j  jz1 j + jz2 j jz1 z2 j  jz1 j + jz2 j
jjz1 j jz2 jj  jz1 + z2 j jjz1 j jz2 jj  jz1 z2 j
Dabei muÿ auch die Gleichheit zugelassen werden, da das Dreieck auch entartet sein kann ( z1 ; z2 und z1 + z2 bzw.
z1 z2 liegen auf einer Gerade.) Die komplexe Zahl z := a i b liegt spiegelsymmetrisch bezüglich der reellen

Achse zu z = a + ib und wird konjugiert komplexe Zahl genannt.

Im z

Re

Die dritte binomische Formel liefert zz = (a + ib)(a b


i )= 2 a b a
(i )2 = 2 + 2 b und damit

zz = jz j2 : (1.1)

Auÿerdem ist z reell genau dann, wenn z =z ist.

Von den elementaren Operationen bleibt die Division zu besprechen. Zunächst stellen wir fest, daÿ zu jedem

z 6= 0 ein eindeutig bestimmtes Element z 1 ( Inverses oder Reziprokes genannt) existert, so daÿ zz 1 = 1. Zur

Begründung reicht es,


a b
z 1
:=
jz j2 i
jz j2
zu setzen.
1 Dann rechnet man nach, daÿ

a b a2 b2 ab ba a2 + b 2
 
zz 1
a
=( +i ) b jz j2 i
jz j2 =
jz j2 jz j2
+
jz 2 j jz j2
i + i =
jz j2 =1 :
Der Quotient wird nun eingeführt durch

z1
z2 := 1 2 zz 1
z2 6= 0
und erfüllt die üblichen Rechengesetze der Bruchrechnung. Zu seiner praktischen Berechnung erweitere man mit

dem konjugierten komplexen des Nenners, um einen reellen Nenner zu erhalten:

z1 z1 z 2 z1 z 2
z2 =
z2 z 2 =
jz2 j2 :
Beispiel:
4 5i (4 5i)(3 i) 12 5 15i 4i 7 19i 7 19
3+i
=
(3 + )(3 i i) =
32 + 1 2
=
10
=
10 10
:
i

1 Wie kommt man darauf? Wenn wir schon dividieren könnten, so folgt aus (1.1) sofort 1 z a ib a b
= = = i
z jz j2 jz j2 jz j2 jz j2 . Die
Division wird aber erst im Anschluÿ erklärt.

6
1.3 Komplexe Zahlen in trigonometrischer Darstellung

Ein Punkt in der Ebene kann auch durch seinen Abstand r = jz j zum Ursprung und den Winkel ' zwischen reeller
Achse und Vektor zu diesem Punkt charakterisiert werden.

Im

z = a + ib
b
r

'
a Re

Aus der Denition der Winkelfunktionen am Einheitskreis folgt

a = r cos ';
b = r sin ':
Damit kommen wir zur trigonometrischen Darstellung der Zahl z = a + ib :
z = r (cos ' + i sin '):
Man beachte, daÿ ' nur eindeutig bis auf Addition von ganzzahligen Vielfachen von 2 ist, oft wird es deshalb in
; 
[0 2 ) angegeben. ' heiÿt Argument von z , geschrieben ' = arg(z ).

Beispiel: i
arg( ) =
2
Bei der Bestimmung von ' ist Vorsicht geboten. So folgt aus tan ' = b=a nicht immer ' = arctan(b=a), denn
 
arctan : R ! ; , weswegen das Argument so nur für Zahlen in der rechten Halbebene ermittelt werden

2 2
könnte. Liegt z in der linken Halbebene, so liegt z in der rechten und hat dasselbe Verhältnis von Imaginärteil
zu Realteil. Mit arg(z ) = arg( z ) +  erkennt man den richtigen Zusammenhang:

arctan(b=a); a>0

b=a) + ; a < 0;


arctan(
'=

; a = 0; b > 0;
2
; a = 0; b < 0:


2

Untersuchen wir nun das Produkt zweier Zahlen z1 = r1 (cos '1 + i sin '1 ) und z2 = r2 (cos '2 + i sin '2 ) in

trigonometrischer Darstellung. Es folgt

z1 z2 = r1 (cos '1 + i sin '1 )r2 (cos '2 + i sin '2 )


= r1 r2 ((cos '1 cos '2 sin '1 sin '2 ) + i(cos '1 sin '2 + sin '1 cos '2 ))
= r1 r2 (cos('1 + '2 ) + i sin('1 + '2 ))
mit Hilfe der Additionstheoreme. Fazit: Beim Multiplizieren werden die Beträge multipliziert und die Argumente

addiert. Dies gestattet, Formeln wie

z1 z2 = z 1 z 2
schnell einzusehen: Ob man erst die Winkel addiert und dann an der reellen Achse spiegelt oder umgekehrt, ist

egal! (Man kann das Gesetz natürlich auch mit Hilfe der arithmetischen Darstellung nachrechnen.)

7
Speziell folgt für z = r (cos ' + i sin ')
z 2 = r 2 (cos 2' + i sin 2')
z 3 = r 3 (cos 3' + i sin 3')
.
.
.

z n = r n (cos n' + i sin n'),


bekannt als Formel von Moivre .
p
Beispiel: Man berechne (1 + i 3)100 !
p
Hier ist es sinnvoll, 1+i 3 in die trigonometrische Form umzuwandeln. Es gilt

q
p 2 p p 
r= 12 + 3 = 4=2 ; ' = arctan 3=
3
:
Damit ist

p 
100  100 
  
4 
 
4 

(1 + i 3)
100
=2
100
cos
3
+ i sin
3
=2
100
cos 32 + 3
+ i sin 32 + 3
1 1p p
 
=2
100
2
i
2
3 = 2
99
2
99
3i :

Für die Division folgt, wenn wir wie gewohnt mit dem konjugiert komplexen Nenner erweitern und den trigono-

metrischen Pythagoras beachten:

z1 r1 (cos '1 + i sin '1 )


=
z2 r2 (cos '2 + i sin '2 )
r1 (cos '1 + i sin '1 )(cos '2 i sin '2 )
=
r2 cos2 '2 + sin '2
2
r1
=
r2 ((cos '1 cos '2 + sin '1 sin '2 ) + i(sin '1 cos '2 cos '1 sin '2 ))
r1
=
r2 (cos('1 '2 ) + i sin('1 '2 ))
Fazit: Beim Dividieren werden die Beträge dividiert, die Argumente subtrahiert. Mithin können wir folgern: Mul-

tiplikation und Division können als Drehstreckungen in der Ebene interpretiert werden. Speziell ist

 Multiplikation mit i eine Drehung um 90o um den Ursprung gegen den Uhrzeigersinn,

 Division durch i eine Drehung um 90o um den Ursprung im Uhrzeigersinn.

Schlieÿlich zeigen wir, wie man Additionstheoreme schnell aus komplexen Zahlen wiedergewinnen kann:

Aufgabe: Bestimme eine Formel für '


sin(2 ).

Lösung: Wir betrachten die komplexe Zahl z = cos ' + i sin '. Es folgt:
cos 2 ' + i sin 2' = z 2 = (cos ' + i sin ')2 = cos2 ' + 2i cos ' sin ' sin
2
'
Vergleich der Imaginärteile liefert:

sin 2 ' = 2 cos ' sin ':

8
1.4 Anwendungen in der Elektrotechnik

Das Rechnen mit komplexen Zahlen hat groÿe Anwendungen bei der Berechnung elektrischer Netzwerke mit

sinusförmigem Strom- und Spannungsverlauf. Die sogennante komplexe Wechselstromrechnung geht auf Arthur
Edwin Kennelly (1861-1939) zurück. Seien also

u (t ) = u0 cos(!t + ); j (t ) = j0 cos(!t + )
die mit der Zeit t veränderlichen Gröÿen Spannung und Strom2 , ! heiÿt Kreisfrequenz . Man arbeitet nun vorteilhaft
mit den komplexen Gröÿen

U (t ) = u0 (cos(!t + ) + i sin(!t + )); I (t ) = j0 (cos(!t + ) + i sin(!t + ));


deren Realteile die realen Gröÿen sind. Der Zusammenhang zwischen Strom und Spannung wird durch das Ohm-
sche Gesetz
U (t ) = ZI (t )
beschrieben, wobei Z der ebenfalls komplexe Widerstand (Impedanz ) ist. Re Z heiÿt Wirkwiderstand , Im Z Blind-
widerstand und jZ j Scheinwiderstand . Die Impedanz ergibt sich

 für Ohmsche Widerstände zu Z = R. Damit gilt


U (t ) = Rj0 (cos(!t + ) + i sin(!t + ));
d.h. Strom und Spannung sind phasengleich (sie erreichen Minima und Maxima zur gleichen Zeit).

 für Spulen mit Induktivität L zu Z = i!L. Damit gilt


U (t ) = !Lj0(cos(!t +
i ) + i sin(
!t + ))
 
= !Lj0 cos 2 + i sin 2 (cos(!t + ) + i sin(!t + ))
  
!Lj0 cos !t + + 2 + i sin !t + + 2 ;
  
=

d.h. Strom und Spannung sind um


 phasenverschoben (der Strom hinkt der Spannung hinterher).
2
 für Kondensatoren mit Kapazität C zu Z = i!C
1
= 1
!C i. Damit gilt

1
U (t ) =
!Cij0 (cos( !t + ) + i sin(!t + ))
j0    
(cos(!t + ) + i sin(!t + ))

= cos + i sin
!C   2 2
j0   
cos !t + + i sin !t + ;
 
=
!C 2 2

d.h. Strom und Spannung sind um


 phasenverschoben (der Strom eilt der Spannung voraus).
2
Für Netzwerke kann man einen komplexen Gesamtwiderstand berechnen. Dieser ergibt sich

 für eine Reihenschaltung von Z1 und Z2 zu Z = Z1 + Z2 ,

Z1 Z2
 für Parallelschaltungen von Z1 und Z2 aus
1 1 1
Z =
Z1 + Z2 :

2 In der Elektrotechnik wird meist der Strom mit i bezeichnet und die imaginäre Einheit mit j . Wir tun dies hier umgekehrt, um unsere
Notation beizubehalten.

9
Z1

Z2
Die Herleitung dieser Zusammenhänge wie auch des Ohmschen Gesetzes in komplexer Schreibweise überlassen

wir der Physik.

10
Quellenhinweise
Hier stelle ich einige Literaturhinweise zu den bei der Ausarbeitung benutzen Quellen zusammen, insbesondere für

Sachen, die man nicht überall ndet. Der Abschnitt richtet sich eher an kundige Leser.

Historisches zu den komplexen Zahlen ndet man in [9],[16] und [42]. Die Geschichte des Fundamentalsatzes ist in

[9] dagestellt, in [12] nden sich neben unserem 10 weitere Beweise. Zur Geschicht des Grenzwertbegris wurden

[21] und die Biographie [25] konsultiert. Eine kurze Darstellung der Nichtstandardanalysis ist auch in [9] enthalten.

Ausführungen zur Geschichte der Dierential- und Integralrechnung benden sich in [22], [24] und [39]. Unser

Beispiel einer Extremwertaufgabe ndet sich beispielsweise in [17]. Eine Einführung in die moderne Theorie der

symbolischen Integration gibt [5]. Das elegante Argument zur punktweisen Konvergenz der Fourierreihe stammt

aus [8] und wird auch in [4] mitgeteilt.

11
Literatur
Literaturangaben ohne das übliche Erscheinungsjahr wurden verwendet, falls ein Werk in mehreren gleichermaÿen

verwendbaren Auagen erschienen ist.

[1] Arens, T. ; Hettlich, F. ; Karpnger, Chr. ; Kockelkorn, U. ; Lichtenegger, K. ; Stachel, H.: Mathematik.
Spektrum Akademischer Verlag, 2008

[2] Bartsch, H.-J.: Taschenbuch mathematischer Formeln. Hanser Fachbuchverlag

[3] Bärwol : Höhere Mathematik für Naturwissenschaftler und Ingenieure. Spektrum Akademischer Verlag

[4] Bornemann, F.: Teacher's corner - kurze Beweise mit langer Wirkung. In: DMV-Mitteilungen 3 (2001),

S. 49

[5] Bronstein, M.: Symbolic integration I: Transcendental functions. Springer Verlag, 1997

[6] Bronstein, N. I. ; Semendjajew, K. A. ; Musiol, G. ; Mühlig, H.: Taschenbuch der Mathematik. Verlag Harri

Deutsch

[7] Burg, K. ; Haf, H. ; F, Wille.: Höhere Mathematik für Ingenieure. Teubner Verlagsgesellschaft.  5 Bände

[8] Cherno, P. R.: Pointwise convergence of Fourier series. In: Amer. Math. Monthly 87 (1980), S. 399400

[9] Ebbinghaus, H.-D. ; Hermes, H. ; Hirzebruch, F. ; Koecher, M. ; Mainzer, K. ; Neukirch, J. ; Prestel, A. ;

Remmert, R. ; Lamotke, K.: Zahlen. Springer Verlag, 1992

[10] Engelmann, H. G.: Partialbruchzerlegung. Akademische Verlagsgesellschaft Leipzig, 1974

[11] Fetzer, H. ; Fränkel, A.: Mathematik: Lehrbuch für ingenieurwissenschaftliche Studiengänge. Springer Verlag.
 2 Bände

[12] Fine, B. ; Rosenberger, G.: The Fundamental Theorem of Algebra. Springer Verlag, 1997

[13] Furlan, P.: Das gelbe Rechenbuch. Verlag Furlan.  3 Bände

[14] Gärtner, K.-H. ; Bellmann, M. ; Lyska, W. ; Schmieder, R.: Analysis in Fragen und Übungsaufgaben. Teubner
Verlagsgesellschaft, 1997

[15] Gärtner, K.-H. ; Schmieder, R.: Lineare Algebra und analytische Geometrie in Fragen und Übungsaufgaben.
Teubner Verlagsgesellschaft, 1998

[16] Geller, W. (Hrsg.): Kleine Enzyklopädie Mathematik. Bibliographisches Institut Leipzig

[17] Glaeser, G.: Der mathematische Werkzeugkasten. Spektrum Akademischer Verlag, 2006

[18] Göhler, W. ; Ralle, B.: Formelsammlung Höhere Mathematik. Verlag Harri Deutsch

[19] Hainzl, J.: Mathematik für Naturwissenschaftler. Teubner Verlagsgesellschaft, 1985

[20] Harbarth, K. ; Riedrich, T.: Dierentialrechnung für Funktionen mit mehreren Variablen. Teubner Verlags-

gesellschaft

[21] Heuser, H.: Lehrbuch der Analysis. Teil 2. Teubner Verlag, 2001

[22] Jahnke, H. N. (Hrsg.): Geschichte der Analysis. Spektrum Akademischer Verlag, 1999

[23] Körber, K.-H. ; Pforr, E. A.: Integralrechnung für Funktionen mit mehreren Variablen. Teubner Verlagsge-

sellschaft

[24] Körle, K.-H.: Die phantastische Geschichte der Analysis. Oldenbourg Verlag München, 2009

[25] Laugwitz, D.: Bernhard Riemann. Birkhäuser Verlag, 1996

[26] Merziger, G. ; Wirth, T.: Repetitorium der höheren Mathematik. Binomi Verlag

12
[27] Merziger, G. ; Wirth, T. ; Wille, D. ; Mühlbach, G.: Formeln und Hilfen zur Höheren Mathematik. Binomi

Verlag

[28] Meyberg, K. ; Vachenauer, P.: Höhere Mathematik. Springer Verlag.  2 Bände

[29] Papula, L.: Höhere Mathematik für Ingenieure und Naturwissenschaftler. Vieweg Verlag.  3 Bände

[30] Papula, L.: Übungen zur Mathematik für Ingenieure. Vieweg Verlag

[31] Pforr, E. A. ; Oehlschlaegel, L. ; Seltmann, G.: Übungsaufgaben zur linearen Algebra und linearen Optimie-
rung. Teubner Verlagsgesellschaft

[32] Pforr, E. A. ; Schirotzek, W.: Dierential- und Integralrechnung für Funktionen mit einer Variablen. Teubner
Verlagsgesellschaft

[33] Råde, L. ; Westergren, B. ; Vachenauer, P.: Springers Mathematische Formeln. Springer Verlag

[34] Schell, H.-J.: Unendliche Reihen. Teubner Verlagsgesellschaft

[35] Schirotzek, W. ; Scholz, S.: Starthilfe Mathematik für Studienanfänger der Ingenieur-, Natur- und Wirt-
schaftswissenschaften. Teubner Verlagsgesellschaft

[36] Sieber, N. ; Sebastian, H.-J. ; Zeidler, G.: Grundlagen der Mathematik, Abbildungen, Funktionen, Folgen.
Teubner Verlagsgesellschaft

[37] Turtur, C. W.: Prüfungstrainer Mathematik. Teubner Verlag

[38] Vetters, K.: Formeln und Fakten. Teubner Verlagsgesellschaft

[39] Volkert, K.: Geschichte der Analysis. BI Wissenschaftsverlag, 1987

[40] Wenzel, H.: Gewöhnliche Dierentialgleichungen. Bd. 1. Teubner Verlagsgesellschaft

[41] Wenzel, H. ; Heinrich, G.: Übungsaufgaben zur Analysis. Teubner Verlagsgesellschaft.  2 Bände

[42] Wieleitner, H.: Zur Frühgeschichte des Imaginären. In: Jahresbericht der Deutschen Mathematiker-
Vereinigung 36 (1927), S. 7488

13
Stichwortverzeichnis
Argand, Jean Robert, 4

Argument, 7

arithmetische Darstellung, 5

Betrag, 5

Blindwiderstand, 9

Bombelli

Rafael, 4

Cardano, Gerolano, 4

casus irreducibilis, 4

Darstellung

arithmetische, 5

trigonometrische, 7

Dreiecksungleichung, 6

Einheit, imaginäre, 5

Ferro, Scipione dal, 4

Formel

Cardanische, 4

Formel von Moivre, 8

Gauÿ, Carl Friedrich, 4

Gesetz

Ohmsches, 9

Impedanz, 9

Inverses, 6

Kenelly, Arthur Edwin, 9

Kreisfrequenz, 9

Reziprokes, 6

Scheinwiderstand, 9

Tartaglia, Niccolò Fontana, 4

trigonometrische Darstellung, 7

Viète, François, 4

Wessel, Caspar, 4

Wirkwiderstand, 9

Zahl

komplexe, 4

konjugiert komplexe, 6

Zahlenebene, Gauÿsche, 4

14