Sie sind auf Seite 1von 20

Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Neuphilologische Fakultät
Romanisches Seminar
Proseminar: „Sprachliches Prestige und soziale Ungleichheit“
Dozent: Dr. Till Stellino
Wintersemester 2018/19

Das Sizilianische im Wandel-

von Stigma zu Prestige?

Paula Rosenfeld
Berliner Str. 110, 69121 Heidelberg
Matrikelnummer: 3463335
p.rosenfeld@stud.uni-heidelberg.de
Zwei-Fach-Bachelor Romanistik: Spanisch (50%) und Geschichte (50%), drittes
Fachsemester
Abgabedatum: 15.04.2020
Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung 1

2 Die Situation des Sizilianischen: ein Generationswechsel 2

3 Bilingualismus unter Jugendlichen 4

3.1 Regionale und soziale Unterschiede 5

3.2 Diaphasische Untersuchung: Code-Switching 6

3.3 Funktionen des Sprachwechsels 8

4 Sizilianisch: Stigma, Neutralität oder Prestige? 10

5 Zusammenfassung 14

6 Literaturverzeichnis 16

7 Anhang I: Vorurteile gegenüber Nachbardialekten in Sizilien 17

8 Anhang II: Beispiele für Sprachwechsel 18


1 Einleitung
Diese Arbeit hat das Ziel, den sozialen Status des Sizilianischen unter Jugendlichen1 zu
erörtern. Dabei soll vor allem anhand der zweisprachigen Sprechergruppen analysiert werden,
welche Funktionen die sizilianische Varietät2 unter Jugendlichen erfüllt. Wie hat sich die
Haltung der SprecherInnen3 in den Generationen verändert? Wer spricht wann mit wem
Sizilianisch und was bewirkt es? Sagt die Verwendung der regionalen Varietät etwas über die
soziale Herkunft oder gesellschaftliche Position des Sprechers aus? Dies sind drei wesentliche
Fragen, die in dieser Arbeit erörtert werden sollen.

Die italienische Gesellschaft befindet sich seit mehreren Jahrzehnten in einem stetigen
Sprachwandel, hin zur Verbreitung der italienischen Standardsprache mit dem gleichzeitigen
Rückgang der regionalen Varietäten. Dieser Prozess der Italienisierung, der landesweit zu
beobachten ist, findet sich, wenn auch in verlangsamter Geschwindigkeit, auch in Sizilien
wieder.4 Obwohl eine der dialektstärksten Regionen Italiens5, sprechen immer mehr Sizilianer
Italienisch statt Sizilianisch als Muttersprache.6 Diese Entwicklung seit den 1950er Jahren wird
unter anderem auf die Verstädterung, die landesinterne Migrationsbewegung aus Sizilien in
den Norden, die Alphabetisierung durch den wachsenden Zugang zu Bildung in der gesamten
Bevölkerung und die Verbreitung italienischsprachiger Medien, vor allem des Fernsehens,
zurückgeführt.7 Einen entscheidenden Faktor der Entwicklung hin zum Italienischen stellt
zudem die Familie dar. Im ersten Kapitel soll deshalb die Einstellung der verschiedenen
Generationen zu Sprache und Dialekt im Wandel der Zeit analysiert und Veränderungen
aufgezeigt werden. Ein zweiter wichtiger Einfluss auf die jugendlichen Sprecher ist die
sogenannte Peergroup.8 Im anschließenden Kapitel wird dafür eine Untersuchung der
verschiedenen jugendlichen Sprechergruppen hinsichtlich der regionalen und sozialen
Unterschiede vorgenommen, sowie ein Überblick über die situative Nutzung des
Sprachwechsels zwischen dem Sizilianischen und Italienischen unter Jugendlichen gegeben.

1 Die Bezeichnung ‚Jugendliche‘ ist hier sehr weit gefasst und bezieht sich auf Personen im Alter zwischen
vierzehn und vierundzwanzig Jahren. Damit folge ich der Definition von Giovanna Alfonzetti in ihrer Umfrage, vgl.
Alfonzetti 2012, S. 25.
2 In dieser Arbeit wird zumeist der neutrale Begriff ‚Varietät‘ verwendet. Aus Gründen des Ausdrucks wird auch

der Terminus ‚Dialekt‘ genutzt, der als Sprechart ohne politische Wertung zu verstehen ist. Ich bin mir der
Problematik des Diskurses über Sprache und Dialekt im Zusammenhang mit dem Sizilianischen bewusst, möchte
sie aber nicht zum Gegenstand meiner Arbeit machen. Der Terminus ‚Varietät‘ stellt bereits eine Vereinfachung
dar (auf Sizilien wird zwischen verschiedenen regionalen Varietäten unterschieden). Weil die empirischen Studien
diese Unterscheidung aber nicht vornehmen, wird auch in dieser Arbeit von einer ‚Sizilianischen Varietät‘
gesprochen.
3 Im Folgenden werde ich für eine bessere Lesbarkeit des Textes auf die genderkorrekte Form „SprecherInnen“,

„SizilianerInnen“ sowie „StudentInnen“ verzichten und die maskuline Form verwenden. Diese soll sämtliche
Geschlechter miteinbeziehen.
4 Vgl. Mocciaro 2012, S. 535; De Renzo 2008, S. 47.
5 Vgl. ISTAT 2015, S. 6.
6 Vgl. Lo Piparo 1990, S. 36; Mocciaro 2012, S. 535.
7 Vgl. De Renzo 2008, S. 47.
8 Vgl. Alfonzetti 2012, S. 21: Die Gruppe Gleichaltriger etwa bei Spiel- oder Schulkameraden oder unter

Freunden, die in ihrer sozialen Interaktion eine wichtige Rolle bei der Identitätsbildung unter Jugendlichen
darstellt.
1
Daraus sollen die verschiedenen Funktionen der Codes innerhalb der Sprechergruppen
abgeleitet werden. Im letzten Kapitel folgt dann eine Diskussion des sozialen Status des
Sizilianischen unter Jugendlichen in Anlehnung an die Ergebnisse der vorigen Kapitel sowie
unter Anführung verschiedener Forschungsmeinungen zu dem Diskurs. Die umfangreichste
Studie zur Situation des Sizilianischen wurde im Osservatorio Linguistico Siciliano unter
Leitung von Franco Lo Piparo erstellt.9 Da die Erhebung aus dem Jahr 1988 stammt, ist sie
zur Bestimmung der aktuellen Einstellung unter Jugendlichen nur bedingt hilfreich. Jedoch
stellt sie die Basis der soziologischen Untersuchung des Sizilianischen dar10 und gibt Einblicke
in die historische Entwicklung der Varietät. Deshalb wird das Werk auch in dieser Arbeit
hinzugezogen, möglichst flankiert von neueren Quellenbelegen. Weitere wichtige empirische
Erhebungen finden sich im Atlante Linguistico della Sicilia11, aus dem vor allem die empirische
qualitative Studie von Giovanna Alfonzetti über die Sprachsituationen unter Jugendlichen aus
dem Jahre 201212 für diese Arbeit von Bedeutung ist. Außerdem wurden verschiedene
Aufsätze hinzugezogen, die sich auf die Studien des ALS berufen13 oder andere Quellen
verwenden.14 In den folgenden Kapiteln werden all diese Untersuchungen kombiniert, um sich
dem aktuellen Stand der Sprecher in Sizilien anzunähern. Aufgrund des Umfangs der Arbeit
kann nur begrenzt auf die Mikroebene der Sprachsituation eingegangen werden. Vielmehr ist
es das Ziel dieser Arbeit, einen Überblick über die momentane Situation des Sizilianischen in
der gesamten Region zu vermitteln. Dabei wird die Diskursfrage über das Verschwinden oder
Wiederaufleben der Varietät nur am Rande erwähnt.15

2 Die Situation des Sizilianischen: ein Generationswechsel

Welche Bedeutung hat die Sprachvermittlung innerhalb der Familie für die neuen
Generationen? Eltern sind ein entscheidender Faktor in der Sprachentwicklung innerhalb der
Gesellschaft, indem sie in der ersten Sozialisierung ihrer Kinder deren Muttersprache
beeinflussen und ihnen Werte und Haltungen zur Sprache übertragen. Der Prozess der
Italienisierung hat in der Zeitspanne nach dem zweiten Weltkrieg bis zur Jahrtausendwende
innerhalb von nur drei Generationen die gesamte Bevölkerung erreicht.16 Während von den

9 Lo Piparo 1990.
10 Sämtliche behandelte Autoren berufen sich auf das Werk, vgl. etwa Alfonzetti 2012, S. 23; Mocciaro 2012, S.
535; D’Agostino 2016, S. 71.
11 ALS 2005.
12 Alfonzetti 2012. Aus dem ALS auch entnommen: Pinello 2016.
13 Vgl. Mocciaro 2012.
14 De Renzo 2008, sowie D’Agostino 2016.
15 Zentrale These bei Lo Piparo 1990, S. 47, übernommen und diskutiert von De Renzo 2008, S. 55; vgl.

D’Agostino 2016, S. 63f; Alfonzetti 2012, S. 46.


16 Vgl. Mocciaro 2012, S. 537; Lo Piparo 1990, S. 103; De Renzo 2008, S. 44.

2
Eltern in der Generation der zwanziger Jahre in Sizilien noch 78% mit ihren Kindern Sizilianisch
sprachen, sind es in den Generationen der fünfziger und sechziger Jahre nur noch 40%.17 Die
Entscheidung vieler zweisprachiger Eltern, Italienisch statt Sizilianisch als erste Sprache an
die Kinder weiterzugeben, hat in diesen Generationen zu einem starken Anstieg der
Italienisierung geführt.18 In diesem Zeitraum fand ein Bruch in der Sprachvermittlung statt, von
Eltern mit sizilianischer Muttersprache und häufig geringer Schulbildung zu einer bilingualen
Kindergeneration, die über mehr schulische Bildung verfügt und sich zudem bereits vor der
Schule durch Medien wie das Fernsehen die italienische Sprache aneignete.19 Heute befinden
wir uns genau eine Generation weiter, die Generation der fünfziger und sechziger Jahre hat
inzwischen Kinder im jugendlichen Alter, die zumeist Italienisch als Muttersprache sprechen.20
Mari D’Agostino zeigt im Vergleich der Umfragen von Studenten in Palermo aus den achtziger
Jahren und solchen aus den 2000ern einen Anstieg von zehn Prozentpunkten, die Italienisch
mit ihren Eltern sprechen. Die Anzahl derjenigen, die mit ihren Eltern im Dialekt sprechen, sinkt
von 17 auf 0%.21 Bei der Frage nach der ersten gesprochenen Sprache stieg der Anteil der
Italienischsprecher unter Studenten auf dem Land von 24 auf 75%, während der Anteil an
Dialektsprechern von 70 auf 12% sank.22 Die Zahl der Dialektsprecher sinkt also in der
gesamten sizilianischen Bevölkerung mit dem gleichzeitigen Anstieg bilingualer23 und
italienischer Sprecher.24

Obwohl immer mehr Sprecher aus bilingualen Familien Italienisch als Muttersprache haben,
gehen Forscher in Sizilien aber von keinem Verschwinden des Sizilianischen in naher Zukunft
aus.25 Sie beobachten vielmehr eine gegenläufige Bewegung, die zur Konsolidierung des
Dialekts führt: Während Dialektsprecher über die Medien, die Schule und Gleichaltrige meist
schon frühzeitig Italienisch lernen, eignen sich Jugendliche mit Italienisch als Muttersprache
über ihre Peergroups häufig Sizilianisch als Zweitsprache an.26 Ein Großteil der jungen
sizilianischen Bevölkerung wächst somit zweisprachig auf.27 Eine weitere Komponente, die
einen Einfluss auf die Konstanz des Sizilianischen in der Familie haben könnte, ist der Umgang
zwischen Großeltern und Enkeln, der auf Sizilianisch stattfindet.28 Jedoch kann gleichzeitig

17 Vgl. D’Agostino 1990a, S. 79.


18 Vgl. Mocciaro 2012, S. 535; Alfonzetti 2012, S. 151.
19 Vgl. De Renzo 2008, S. 56.
20 Im ALS 2005, zitiert nach Mocciaro 2012, S. 536; vgl. Alfonzetti 2012, S. 151.
21 Vgl. D’Agostino 2016, S. 71. Auf dem Land sinkt der Anteil derselbigen von 63 auf 24%. Vgl. Ebd.
22 Vgl. D’Agostino 2016, S. 72.
23 ISTAT-Statistiken zufolge um zehn Prozentpunkte von 1995 bis 2000, zitiert nach De Renzo 2008, S. 56.
24 Vgl. Alfonzetti 2012, S. 40; Mocciaro 2012, S. 538.
25 Vgl. Lo Piparo 1990, S. 47; De Renzo 2008, S. 51f; D’Agostino 2016, S. 9.
26 Vgl. Lo Piparo 1990, S. 45; Alfonzetti 2012, S. 23, S. 151f.
27 Vgl. Lo Piparo 1990, S. 36; Mocciaro 2012, S. 538.
28 In der Umfrage des ALS 2005 bestätigen 48,30% der Großeltern den Umgang auf Sizilianisch. Vgl. Mocciaro

2012, S. 540.
3
beobachtet werden, dass generell mehr Italienisch verwendet wird, je jünger der
Gesprächspartner ist.29
Das Verhältnis zwischen Sizilianischem und Italienischem variiert je nach Region und
Gesellschaftsgruppe. Im folgenden Kapitel sollen daher die verschiedenen Sprechergruppen
hinsichtlich sozialer und regionaler Merkmale sowie der situative Kontext der Nutzung des
Sizilianischen analysiert werden.

3 Bilingualismus30 unter Jugendlichen

Die Verteilung der sizilianischen Sprechergruppen hängt vor allem von den Faktoren Alter,
Bildungsstand und der Herkunft aus städtischem oder ländlichem Raum ab.31 Die ‚nicht-
mobilen‘ Sprechergruppen, innerhalb derer keine Sprachbewegung stattfindet, sind in den
Extremen der Sprachkompetenzskala zu finden: Ausschließliche Dialekt- und ausschließliche
Italienischsprecher. Statistiken zur Bestimmung der Anzahl reiner Dialektsprecher sind nur
eingeschränkt verwendbar.32 Lo Piparo definiert 1988 reine Dialektsprecher als diejenigen, die
über keine Italienischkenntnisse, also ausschließlich über Sizilianisch verfügen und kommt
dabei auf einen Bevölkerungsanteil von rund 5%.33 Folgen wir dieser Definition, so können
reine Dialektsprecher für die Analyse der Jugendlichen vernachlässigt werden.34 Sie sind
bereits 1988 fast ausschließlich in den älteren Generationen zu finden.35 Reine
Italienischsprecher machen 1988 etwa 4% der sizilianischen Bevölkerung aus. Sie sind in den
jüngeren Generationen zu finden, verfügen über einen hohen Schulabschluss und leben vor
allem in den Großstädten.36 In den vergangenen Jahrzehnten ist der Anteil dieser
Sprechergruppe leicht gestiegen.37 Eine besondere Rolle für diese Sprechergruppe nimmt die
Stadt Palermo ein. Hier kann ein hoher Anteil des Italienischen in den meisten Bereichen des
Lebens auch in sozialen Gruppen mit weniger Bildung beobachtet werden.38 Alle sizilianischen

29 Vgl. Alfonzetti 2012, S. 151; Lo Piparo 1990, S. 60-62. Vgl. zudem Alfonzetti 2012, S. 33: In Catania sprechen
2004 69% der Großeltern unter sich Sizilianisch, während nur 19% mit ihren Enkeln in der Sprache
kommunizieren.
30 Dieser Fachbegriff nach Joshua Fishman bezeichnet die individuelle Fähigkeit zur Zweisprachigkeit, also

innerhalb eines Sprechers. Er unterscheidet sich von der Diglossie, die sich auf die soziokulturelle
Sprachsituation einer gesamten Gesellschaft bezieht, vgl. Fishman 1967, 34. Da die Analyse des Sizilianischen
zunächst von der Nutzung auf individueller Ebene ausgeht, wird dieser Begriff verwendet.
31 Vgl. Lo Piparo 1990, S. 43.
32 Je nach Definition der Sprechergruppe können die Zahlen stark variieren. Die nationale Erhebung spricht mit

der Definition „parlare solo o prevalentemente dialetto“ 1988 von 25,7% Dialektsprechern in Sizilien, Lo Piparo
von 5,63% reinen Dialektsprechern, s. Lo Piparo 1990, S. 37.
33 Vgl. Lo Piparo 1990, S. 37.
34 Vgl. Alfonzetti 2012, S. 151.
35 Vgl. Lo Piparo 1990, S. 37: nur 2,8% von ihnen geboren in den Jahrgängen 1962-73, die jüngste untersuchte

Generation. Sie repräsentieren wiederum nur 0,7% dieses Jahrgangs.


36 Vgl. Lo Piparo 1990, S. 37.
37 Vgl. Alfonzetti 2012, S. 85. Leider existieren keine neueren Daten nach Definition der OLS zur italophonen

Sprechergruppe.
38 Vgl. D’Agostino 1990b, S. 117.

4
Sprecher, die keiner dieser beiden Gruppen angehören, laut Lo Piparo 1988 rund 90% der
Bevölkerung, verfügen über unterschiedliche Grade der Mehrsprachigkeit.39. Es findet sich
unter den sizilianischen jungen Sprechern, je nach Bildungsstand, sozialer und regionaler
Herkunft, eine breite Skala an sprachlichen Kompetenzen in Sizilianisch und Italienisch.40 Hier
kann graduell unterschieden werden zwischen Muttersprachlern des Italienischen mit geringen
Kompetenzen im Sizilianischen, Muttersprachlern des Sizilianischen mit geringen
Kompetenzen im Italienischen und bilingualen Sprechern mit ausgewogenen Kompetenzen in
beiden Sprachen. In allen drei Gruppen ist im Sprachgebrauch ein Wechsel zwischen den
beiden Codes zu beobachten, der durch den Kompetenzgrad des jeweiligen Sprechers
determiniert ist und durch den situativen Kontext hervorgerufen wird. Welche Einflüsse diese
Sprachwechsel hervorrufen, auf welche Art sie sich äußern und welche Funktionen sie im
Gespräch erfüllen, wurde ab 2004 in einer qualitativen Studie der Sprachforscherin Giovanna
Alfonzetti im Südosten Siziliens um Catania bei Sprechern unterschiedlichen Bildungsstands
untersucht, die zwischen acht und fünfundzwanzig Jahren alt waren. Dabei nahm sie sowohl
eine Untersuchung der Selbsteinschätzungen der Teilnehmer als auch eine Analyse
authentischer Gesprächsaufnahmen aus verschiedenen Lebensbereichen vor.41

3.1 Regionale und soziale Unterschiede

Die Tendenz zur Italienisierung verläuft auch im bilingualen Sprecherkreis diastratisch:


Sprecher aus Familien mit einem höheren Bildungsstand sprechen mehr Italienisch als
Sprecher mit weniger Bildung.42 Auch der Anteil der bilingualen Sprecher mit sizilianischer
Muttersprache ist somit innerhalb einer sozialen Umgebung höher, je niedriger der
Bildungsstand ist.43 Generell ist zu beobachten, dass Sprecher eines ähnlichen sozialen
Hintergrundes in der Stadt stets eine höhere Italienisierung aufweisen als auf dem Land.44 In
der Stadt finden sich Muttersprachler des Sizilianischen nur in den weniger privilegierten
sozialen Gruppen mit geringem Bildungsstand.45 In Palermo wird am meisten Italienisch
gesprochen: Lo Piparo stellt 1988 fest, dass der Anteil der Dialektsprecher ohne

39 Vgl. Lo Piparo 1990, S. 36. Aus einer Umfrage des ALS ergibt sich ein Anteil von 93% der Befragten, s.
Mocciaro 2012, S. 538.
40 Vgl. Alfonzetti 2012, S. 57.
41 Vgl. ebd., S. 25.
42 Vgl. ebd., S. 22.
43 Vgl. ebd., S. 30: In der Kleinstadt Santa Maria di Licodia in der Nähe von Catania sprechen 70% der Befragten

mit geringer Bildung überwiegend Dialekt, 0% der Jugendlichen mit Universitätsabschluss. Ähnliche Ergebnisse
finden sich in den meisten befragten Orten im Beispiel der Sprache des Denkens, vgl. ebd., S. 40, oder der
häufiger benutzten Sprache, vgl. ebd., S. 30.
44 In Catania geben Jugendliche zu gleichen Teilen an, in Italienisch oder in beiden Sprachen zu denken,

während nur 6% in Dialekt denken, vgl. Alfonzetti 2012, S. 40. Im Vergleich dazu die provinzielle Stadt Ramacca:
62% der Jugendlichen denken in Dialektsprache. Vgl. ebd., S. 40.
45 Vgl. Alfonzetti 2012, S. 63.

5
Schulabschluss in Palermo etwa so groß ist wie der Anteil der Dialektsprecher in allen anderen
Regionen mit einem Elementarabschluss. Das Gleiche gilt für Dialektsprecher mit
elementarem Abschluss in der Stadt Palermo in Vergleich mit solchen mit einem mittleren
Abschluss auf dem Land oder in anderen Städten.46

3.2 Diaphasische Untersuchung: Code-Switching

Sowohl aus der Selbstbewertung als auch aus den Gesprächsanalysen geht hervor, dass das
Wechseln zwischen den beiden Sprachcodes ein verbreitetes Phänomen unter sizilianischen
Jugendlichen ist.47 Die häufigere Richtung ist dabei der Wechsel aus dem Italienischen in das
Sizilianische, da zumeist das Italienische die Standardkommunikationssprache darstellt.48 Der
Übergang des Sizilianischen ins Italienische findet aber ebenfalls statt. Er wird in der Stadt
nach Eigeneinschätzungen häufig auf fehlende Kompetenzen im Sizilianischen zurückgeführt,
vor allem von Jugendlichen mit mittlerem bis hohen Bildungsstand.49

Die häufigste Form des Sprachwechsels ist der interphrasale Wechsel. Hierbei handelt es sich
um ein Code-Switching,50 also den Übergang von einem kompletten Satz in der einen Sprache
zu einer Phrase in der anderen.51 Weiter findet sich der intraphrasale Wechsel (auch Code-
Mixing genannt), bei dem innerhalb einer Sprachstruktur ein Fragment des jeweils anderen
Codes eingeschoben wird,52 und die extraphrasale Form (Tag-Switching), bei der ein Ausdruck
in dem anderen Code ohne Verknüpfung mit der Phrase benutzt wird.53 Die Verwendung der
verschiedenen Formen des Sprachwechsels hängt eng mit den Sprachkompetenzen der
Sprecher zusammen. Das Code-Switching ist nur bei Sprechern mit einem ausgewogenen
Bilingualismus zu beobachten, da es die entsprechenden Sprachkompetenzen in beiden
Codes fordert.54 Dialektfragmente werden v.a. von italophonen Sprechern mit geringen
Dialektkompetenzen verwendet. Im städtischen Raum findet sich unter jugendlichen
Sprechern verschiedenen Alters mit hohem Bildungsstand eine Gruppe, die Alfonzetti als
„Semi-Speaker“55 bezeichnet. Sie verfügen über eine so geringe Dialektkompetenz, dass sich
ihre sizilianischen Äußerungen auf einzelne Wörter beschränken, die häufig in ihrer

46 Vgl. D’Agostino 1990b, S. 113.


47
Vgl. Alfonzetti 2012, S. 51.
48 In fast allen untersuchten Orten gaben über 90% der befragten Jugendlichen an, aus dem Italienischen ins

Sizilianische zu wechseln. Vgl. Alfonzetti 2012, S. 46.


49 Vgl. Alfonzetti 2012, S. 48: Bei Jugendlichen aus dem Zentrum Catanias in 80% der Selbsteinschätzungen,

während dies im ärmlichen Viertel Librino am Stadtrand nur bei 16% der Fall ist.
50 Der Begriff wird häufig allgemein für die zweisprachige Kommunikation genutzt. Über unscharfe Definitionen zu

diesem Begriff s. Alfonzetti 2012, S. 22. Beispiele für die verschiedenen Formen finden sich im Anhang.
51 Ein Beispiel: “No, non è giusto. Mi ficiru mali.” Vgl. Alfonzetti 2012, S. 51.
52
Beispiel: “Il sangue l’avemu tutti pari.” Vgl. ebd., S. 51.
53 Beispiel: “Carusi, ammirate ammirate”. Vgl. ebd., S. 51f.
54 Vgl. ebd., S. 22.
55 Vgl. ebd., S. 23.

6
grammatischen Form italienisiert werden (Hybridismen) und in den sonst monolingualen
Sprachgebrauch integriert werden.56 Am anderen Ende der bilingualen Skala befinden sich
sehr junge Sprecher aus marginalisierten Stadtvierteln, die sich aufgrund des kurzen
Schulbesuchs und ihrer sozialen Herkunft aus unteren Bildungsschichten in einer
erzwungenen Dialektophonie wiederfinden und damit über einen sehr beschränkten Zugang
zu Interaktionen in der Gesellschaft verfügen.57 Sie versuchen durch die Verwendung
einzelner italienischer Wörter in der sizilianische Varietät eine italienische Sprachidentität zu
erzeugen, die jedoch häufig an ihren beschränkten Sprachkompetenzen scheitert und sie so
aus italienischen Gesprächen ausschließt.58
Das Sizilianische findet sich bei den bilingualen Jugendlichen in allen Situationen des
informellen Bereichs, also etwa in der Familie oder unter Freunden.59 Aus dem formellen
Bereich wird es weitgehend ausgeschlossen.60 In Geschäften, bei Arztbesuchen, mit
Lehrenden und in Büros wird in ganz Sizilien beinahe ausschließlich Italienisch gesprochen.61
Unter Arbeitskollegen werden dagegen Unterschiede zwischen dem städtischen und
ländlichen Raum deutlich.62 Diese Beobachtungen weisen bereits auf die Bedeutung des
Gesprächspartners bei der Wahl des Sprachcodes hin. Bei bilingualen Sprechern mit
ausgewogenen Sprachkompetenzen wird eine klare Trennung der Sprachwahl je nach
Adressaten deutlich: Während das Sizilianische für intime Beziehungen unter Gleichaltrigen
oder in der Familie genutzt wird, ist das Italienische die Sprache für die Kommunikation mit
Erwachsenen und nicht eng vertrauten Gesprächspartnern gleichen oder jüngeren Alters.63 So
finden sich im schulischen Kontext viele Sprachwechsel, wenn Sprecher auf der einen Seite
mit ihren Klassenkameraden und auf der anderen mit ihren Lehrern kommunizieren.64 In
diesem Kontext kann der Gebrauch des Italienischen also auch eine Distanzierung zu dem
Gegenüber ausdrücken und damit die Funktion des ‚We-Codes‘ in Abgrenzung zum ‚They-
Code‘ bei gruppenexternen Gesprächspartnern erfüllen.65 Eine weitere Beobachtung ist die
Verbreitung des Sizilianischen bei männlichen Jugendlichen, während die Varietät für
Sizilianerinnen oder im Umgang mit ihnen als unangemessen angesehen wird.66

56
Vgl. Alfonzetti 2012, S. 63. Etwa die Bezeichnung „mpare“, eine Verkürzung des sizilianischen Ausdrucks
„cumpari“, die mit dem italienischen Suffix -e versehen wurde. Vgl. ebd., S. 66.
57 Vgl. Alfonzetti 2012, S. 63.
58 Vgl. ebd., S. 63. Zu Defiziten im Italienischen bei Sizilianischsprechern s. auch Mocciaro 2012, S. 543.
59 Vg. Alfonzetti 2012, S. 39-40.
60 Vgl. ebd., S. 39.
61 Vgl. ebd., S. 37-39. In Catania wird bei Arztbesuchen in 100% der Fälle Italienisch gesprochen, vgl. ebd., S. 39.
62
Vgl. ebd., S. 39.
63 Vgl. ebd., S. 117.
64 Vgl. ebd., S. 117.
65 Vgl. ebd., S. 122-127.
66 Vgl. ebd., S. 41f.

7
3.3 Funktionen des Sprachwechsels

Wie bereits erwähnt, ist ein häufiges Motiv für Sprachwechsel die mangelnde Kompetenz in
einem der beiden Codes, häufig im Sizilianischen. Die Unterschiede in der Nutzung der
Sprechart vieler Jugendlicher sind dadurch aber auch in den kommunikativen Funktionen
begründet, die der Einzelne dem Sprachcode zuschreibt.67 Jugendliche mit einem Kontext
hohen Bildungsstandards und geringen Dialektkenntnissen aus städtischen Regionen nutzen
das Sizilianische v.a. im stilistisch-expressiven Bereich, etwa mit scherzhafter oder ironischer
Intention. Es dient ihnen nicht als normales Kommunikationsinstrument im Alltag. Im
Gegensatz dazu erfüllt der Dialektgebrauch für Jugendliche aus ländlichen Regionen oder aus
städtischen Kontexten niedrigen Bildungsstandards eine großen Bandbreite an Funktionen,
die auch das semantisch-informative Feld der Alltagssprache einschließt.68 Diese Tendenz
bestätigt sich auch in der Selbsteinschätzung: ein Großteil der Sprecher mit Italienisch als
Muttersprache geben an, das Sizilianische aus Gründen der Ausdrucksfähigkeit zu
verwenden, während die ausgeglichen bilingual Sprechenden Natürlichkeit und Spontanität
benennen.69 Bei Sprechern mit ausgebauten Dialektkompetenzen findet sich die pragmatische
Funktion der Dialektnutzung, etwa zur Anregung eines Themenwechsels in einem
italienischen Gespräch,70 zur Beendigung einer Konversation71 oder zur Erzählung von
Anekdoten.72

Die Nutzung des Sizilianischen im Bereich des Humors ist unter allen Sprechern die am
häufigsten auftauchende Form. Oft begleitet von Lachen, Gestik, Mimik oder
Stimmenverstellung werden humoristische Einschübe im Dialekt verwendet, etwa für Witze,
scherzhafte Beleidigungen oder ironische Zitate.73 Neben der ironisch-scherzhaften Funktion
ist bei bilingualen Sprechern mit ausgeprägten dialektalen Sprachkompetenzen auch die
emotionale Verwendung des Dialekts zu beobachten. Hier werden Emotionen, positive oder
negative Haltungen gegenüber den Gesprächspartnern, Dritten oder dem Gesprächsthema
durch einen Sprachwechsel ins Sizilianische ausgedrückt, um die Äußerung zu intensivieren.74
Im positiven Sinne kann durch den Dialekt Nähe, Freude und Zuneigung vermittelt werden75,
während bei negativer Haltung Abschätzung, Desinteresse und Feindseligkeit betont
werden.76 In Grundschulen mit Schülern aus vor allem niedrigen, aber auch mittleren

67 Vgl. Alfonzetti 2012, S. 64f.


68 Vgl. ebd., S. 64.
69 Vgl. ebd., S. 46.
70 Vgl. ebd., S. 141.
71 Vgl. ebd., S. 143.
72 Vgl. ebd., S. 145.
73 Vgl. ebd., S. 86.
74 Vgl. ebd., S. 95.
75 Vgl. ebd., S. 95.
76 Vgl. ebd., S. 96-100.

8
soziokulturellen Kontexten sind besonders negative Äußerungen wie Drohungen oder
Beleidigungen untereinander auf Sizilianisch ein häufig auftretendes Phänomen.77 Ein Beispiel
aus einem Universitätskontext unter Freunden macht die intensivierende Funktion der
Dialektverwendung deutlich: „Lo stronzo che non è altro. Anzi, u strunzu che non è altro.[…]”78
Die Verwendung des Dialektfragments zur Beleidigung eines nicht anwesenden Dritten in
Kombination mit dem Partikel „Anzi“ unterstreicht, dass die direkte Übersetzung des
italienischen Wortes ins Sizilianische für die Sprecherin nicht gleichwertig ist, sondern eine
negative Steigerung darstellt.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Sizilianische unter Jugendlichen in der Stadt
genau definierte Funktionen einnimmt und damit dem Gegenüber durch das ‚Switching‘ auf
intensivierende Art Humor oder Emotionen übermittelt werden können.79 Alfonzetti sieht in
dieser Beobachtung
„una logica conseguenza del processo di specializzazione stilistica della lingua recessiva
[il siciliano], che perde sì gran parte del suo ruolo comunicativo, ma, mantenendo alcune
funzioni pragmatiche cruciali, conserva, o forse addirittura intensifica, la sua forza
comunicativa.”80
Jedoch gilt diese Spezialisierung weniger für bilinguale Sprecher mit Sizilianisch als
Muttersprache, also vor allem aus ländlichen Regionen und unteren Bildungsschichten der
Städte, bei denen die Dialektnutzung noch nicht so stark eingeschränkt ist und somit mehr
kommunikative Funktionen erfüllt.81 Doch auch in diesen Gruppen findet der Übergang aus
einem Code in den anderen nicht ohne Absicht statt. Er kann stets auf kommunikative
Funktionen zurückgeführt werden. Die Beobachtungen dieses Kapitels zur normierten
Nutzung des Dialekts in genau definierten Bereichen weisen also auf bewusste
Sprachwechsel unter Jugendlichen hin. Dies bestätigt sich auch in den Selbsteinschätzungen
der Befragten.82 Diese Feststellung ist von Relevanz für die Analyse des sozialen Status des
Sizilianischen, die im folgenden Kapitel vorgenommen wird.

77 Vgl. Alfonzettti 2012, S. 107.


78 Vgl. ebd., S. 108.
79 Vgl. ebd., S. 113.
80 Vgl. ebd., S. 113.
81 Vgl. ebd., S. 113.
82 Vgl. ebd., S. 48f.

9
4 Sizilianisch: Stigma, Neutralität oder Prestige?

Die Feststellung, dass die Varietät auf jüngere Generationen nicht übertragen wird, weist auf
eine negative Bewertung des Sizilianischen in den älteren Generationen hin.
Francesco de Renzo führt die individuelle Entscheidung der Eltern über die Weitergabe des
Italienischen auf soziale Gründe zurück. Die italienische Hauptkultur und die
Bildungseinrichtungen lehnten lange eine Förderung der Sprachenvielfalt ab. So sei die
Tendenz der Nichtweitergabe einer Minderheitensprache auf Ängste zurückzuführen, die
eigenen Kinder könnten durch eine andere Muttersprache schulische Lernschwierigkeiten
oder Nachteile im sozialen Umfeld erfahren.83
Die Tatsache, dass sich der Sprecherkreis des Sizilianischen stark verringert, kann
gesamtgesellschaftlich als sozialer Wertverlust der Varietät, als Ausdruck der Inferiorität
angesehen werden.84 Folgt daraus auch eine Stigmatisierung85 des Sizilianischen?
Die familiäre Werteübertragung ist ein zentraler Faktor in der Haltung, die die junge Generation
zu der Varietät einnimmt.86 Die Jugendsprache entsteht aber innerhalb der Peergroup und
somit ist eine unterschiedliche Haltung zwischen den Generationen denkbar. Es lohnt sich, die
jugendliche Sprechergruppe gesondert zu betrachten, die sich das Sizilianische als zweite
Sprache außerhalb der Familie angeeignet hat. Wie also ist der soziale Status des
Sizilianischen unter Jugendlichen einzuordnen?
Zunächst einmal zeigt die weite Verbreitung des Code-Switching, dass der Umgang mit dem
Sizilianischen für viele Jugendliche weiterhin vertraut ist. Die Beobachtung, dass sich viele
junge Sizilianer, die einzig Italienisch als Muttersprache besitzen, durch den Umgang mit
Gleichaltrigen in der Schule den Dialekt als Zweitsprache aneignen, könnte darauf hinweisen,
dass die Varietät für die regionale Identität eine Bedeutung besitzt und somit mit Prestige87
versehen ist.88 So sieht etwa De Renzo einen Wandel in der Wahrnehmung der Varietät heute.
Jugendliche besäßen ein neues Sprachbewusstsein und eine bilinguale Sprachidentität.89
Italienisch-Muttersprachler mit bilingualen Kenntnissen nutzen das Sizilianische, wie im
vorigen Kapitel deutlich wurde, vor allem als künstlerischen Ausdruck innerhalb des
italienischen Sprachgebrauchs. De Renzo verweist auf die Bedeutung sizilianischer Literatur,

83 Vgl. De Renzo 2008, S. 51f; D’Agostino 2016, S. 64: Laut Umfragen wird das Italienische in Familien niedrigen
Bildungsstands in Sizilien als sozialer Vorteil angesehen.
84 Vgl. De Renzo 2008, S. 51. In der Umfrage Alfonzettis in einem soziokulturell schwachen Viertel Catanias

stehen 45% der Befragten einem kompletten Verschwinden des Dialekts gleichgültig gegenüber, während 10%
es begrüßen würden, vgl. Alfonzetti 2012, S. 43.
85 Die Stigmatisierung bezeichnet den Prozess der Ausgrenzung aus einer Gruppe oder der Gesellschaft

aufgrund eines Merkmals, hier das Sprechen in Sizilianisch, durch das eine Person in der Gesellschaft negativ
bewertet oder sozial nicht akzeptiert wird. Definition nach Strasser 1987, S. 143.
86 Vgl. Mocciaro 2012, S. 547.
87 Unter Prestige ist das soziale Ansehen, die Geltung oder Wertschätzung zu verstehen, die eine Person durch

eine bestimmte positiv konnotierte Eigenschaft, hier die sizilianische Sprachkompetenz, verliehen wird. Dies
erfolgt immer in Fremdeinschätzung, also durch die Bewertung von außen. Definition nach Strasser 1987, S. 140.
88 Vgl. De Renzo 2008, S. 52.
89 Vgl. ebd., S. 52.

10
Kunst und Musik, die sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr unter Jugendlichen
verbreiten.90 Mocciaro vermutet die Bedeutung des Dialekts für die Identitätsbildung bilingualer
Jugendlicher vor allem in den Städten, die eine starke Reduktion der sozialen Räume des
Dialekts erleben und ihn in den ‚angemessenen‘ situativen Kontexten deshalb umso bewusster
verwenden.91
All diese Beobachtungen legen die Vermutung nahe, dass das Sizilianische sein Stigma der
vergangenen Generationen in bestimmten Sprechergruppen ablegen konnte. De Renzo nennt
als weiteres Zeichen der wachsenden Beliebtheit die Nutzung des Sizilianischen in der
Werbung, die zwischen 1950 und 1990 stark gestiegen ist.92 D’Agostino bezeichnet die neue
Tendenz als „nuova dialettalità“93, die sich in der medialen Kommunikation über Computer und
SMS, in der Werbung, in Graffitis oder der Jugendmusik wiederspiegelt.94 Sie wird aber
zugleich als ein Zeichen der definitiven Italienisierung gedeutet. Dadurch, dass er nun nicht
mehr als Alltagssprache verwendet würde, könnte sich der Dialekt neu positionieren und neue
Funktionen in der Gesellschaft einnehmen, abseits stigmatisierender Bewertungen.95 Kann
das Sizilianische durch diese Entwicklungen einen Status soziolinguistischer Neutralität96
erlangt haben, also mit keiner sozialen Wertung versehen sein?
Im vorigen Kapitel wurde herausgearbeitet, dass die Nutzung des Dialekts unter Jugendlichen
zumeist intentioniert in definierten Bereichen stattfindet, sofern die Sprecher über
ausreichende Fähigkeiten in beiden Codes verfügen. Dabei gewinnt die ‚coole‘ Verwendung
des Sizilianischen an Bedeutung.97 Die Varietät ist dann also mit einer Wertung versehen und
ihre Verwendung kann nicht als neutrale Strategie verstanden werden.98 Die Beobachtungen
einer neuen positiven Wertung des Dialekts betreffen vor allem Sprechergruppen der Semi-
Speaker aus Städten, die mittleren bis hohen Bildungsschichten angehören und über
begrenzte Kompetenzen im Dialekt verfügen.
Giovanni Ruffino zeigt dagegen in Aufsätzen von acht- bis zehnjährigen sizilianischen
Kindern99 die sich fortsetzende Stigmatisierung des Dialekts in anderen Gesellschaftssteilen
auf. Fast alle befragten Kinder mit der sizilianischen Muttersprache sahen diese als soziale

90 Vgl. De Renzo 2008, S. 52-59.


91 Vgl. Mocciaro 2012, S. 539f: Die ideologische Färbung zeigt sich etwa in geführten Interviews, wie in diesem
Beispiel: „Per il mio lavoro, sono costretto a parlare in italiano“. Derselbe Sprecher distanziert sich ausdrücklich
von Vorurteilen gegenüber dem Dialekt: “[S]enza timore inserisco parole e frasi in dialetto”, Mocciaro 2012, S.
540.
92 Vgl. De Renzo 2008, S. 59.
93 D’Agostino 2016, S. 64.
94 Vgl. außerdem Alfonzetti 2012, S. 152.
95 Vgl. D’Agostino 2016, S. 64.
96 Vgl. Alfonzetti 2012, S. 75: Dieser Begriff bezieht sich auf die Überlegung, dass die Nutzung einer Varietät

innerhalb einer Gesellschaft mit bilingualer Sprachidentität als neutrale Strategie angesehen werden kann, da die
Varietät innerhalb der Gruppe vollkommen akzeptiert ist.
97 Vgl. Mocciaro 2012, S. 538f.
98 Die Voraussetzung der linguistisch homogenen bilingualen Sprechergruppe ist nicht erfüllt und die Varietät wird

damit nicht von allen Sprechern gleichermaßen akzeptiert. Vgl. Alfonzetti 2012, S. 44, 159.
99 Ruffino 2006.

11
Verurteilung an, die den sozialen Aufstieg erschweren würde. Dagegen bedeute die reine
Italophonie sozialen Erfolg.100 In Alfonzettis Interviews zeigen sich junge männliche
Dialektsprecher aus marginalisierten Stadtvierteln mit geringerem Bildungsstand stolz,
Sizilianisch zu sprechen, halten es aber für unangemessen für Interaktionen mit dem anderen
Geschlecht und lehnen es als Muttersprache für ihre eigenen Kinder in Zukunft ab.101 In einem
Umfeld, in dem die Varietät in höheren Bildungsschichten lediglich in einem extrem limitierten
Kommunikationsbereich positiv konnotiert ist, befinden sich sizilianische Muttersprachler
durch ihre eigene Muttersprache im Nachteil, weil ihnen möglicherweise italienische
Sprachkompetenzen fehlen. Zudem kann aus den Gesprächsanalysen vermutet werden, dass
der Dialekt eine komische, nicht-seriöse Konnotation innehat, da er vor allem im scherzhaften
Bereich verwendet wird und Dialektsprecher in bestimmten Gesprächssituationen Gefahr
laufen, nicht ernst genommen zu werden.102
Eine Stigmatisierung unter Jugendlichen kann also erwartet werden bei der unbewussten
Verwendung des Sizilianischen, bei der Nutzung im nicht angemessenen Bereich oder bei
nicht angemessenen Adressaten (etwa in formellen Situationen, z.B. im Gespräch mit Lehrern
in der Schule) sowie bei der permanenten Nutzung, wie sie im rein dialektophonen
Sprecherkreis auftritt. In diesen Bereichen wird der weiterhin subalterne, inferiore Status der
Varietät gegenüber dem Italienischen deutlich.103 Die Situation zwischen dem Italienischen
und Sizilianischen kann unter Jugendlichen als Diglossiesituation bezeichnet werden.104 Die
beiden Sprachcodes erfüllen genaue Funktionen in bestimmten Bereichen der
Kommunikation. Hierbei wird das Italienische in formellen Kontexten genutzt, während das
Sizilianische für bilinguale Sprecher die Sprechart des Vertrauten und Informellen ist. Zugleich
besteht eine soziokulturelle Hierarchie zwischen ihnen, die sich bei den Sprechern äußert, die
über keinen ausgewogenen Bilingualismus verfügen. So stellt Alfonzetti fest: „Bisogna
aggiungere che può permettersi di esprimersi qualche volta in dialetto soltanto chi dimostra di
avere abitualmente un’ottima conoscenza dell’italiano.”105
Diese Bewertung findet sich etwa auch bei einem von Alfonzetti zitierten Gespräch mit einem
jungen Palermitaner einer höheren Bildungsschicht, der die dauerhafte Verwendung als
Zeichen der Angehörigkeit zu unteren Gesellschaftsschichten deutet.106
Die soziale Abwertung der Dialekte in Bezug auf Stadt und Land zeigt sich übrigens auch in
einer Studie von Vincenzo Pinello.107 In einer Befragung von Sizilianern der gesamten Region

100 Zitiert nach: D’Agostino 2016, S. 60.


101 Vgl. Alfonzetti 2012, S. 157.
102 Vgl. Alfonzetti 2012, S. 155.
103 Vgl. ebd., S. 156f.
104 Diglossie bezeichnet die Zweisprachigkeit innerhalb einer Gesellschaft, bei der die eine Sprache über mehr

Prestige verfügt als die andere, vgl. Fishman 1967, S. 32.


105 Alfonzetti 2016, S. 253.
106 Vgl. Alfonzetti 2012, S. 157.
107 Pinello 2016.

12
über die Einstellung zur eigenen lokalen Varietät im Vergleich zu der der Nachbarorte arbeitete
er heraus, dass die anderen Dialekte jeweils negativ bewertet wurden und dabei eine
soziolinguistische Hierarchie der Bewertungen von Bewohnern urbaner oder semiurbaner
Zonen gegenüber Varietäten ländlicher und abgelegener Regionen bestand.108 Besonders
viele Vorurteile fanden sich auch in den Aussagen italienischsprachiger Befragter aus Catania
und Palermo gegenüber Dialekten aus kleineren Orten.109
All diese Untersuchungen weisen darauf hin, dass die soziale und regionale Herkunft der
Sprecher zentral für ihre Haltung gegenüber der Dialektsprache ist. Die Verteilung der
Sprechergruppen ist äquivalent zur Stratifizierung der Gesellschaft. Somit kann der Grad der
Dialektophonie als Indikator für die soziale Position des Sprechers gesehen werden.110

108 Vgl. Pinello 2016, S. 53-54. Im Anhang findet sich ein Schaubild mit Erläuterungen zu der Studie.
109 Vgl. Pinello 2016, S. 62. Bestätigt in Umfragen von Alfonzetti, s. Alfonzetti 2012, S. 44.
110 Vgl. Alfonzetti 2012, S. 157f.

13
5 Zusammenfassung

Die sizilianische Varietät erlebt durch den Prozess der Italienisierung einen stetigen Rückgang
als Alltagssprache in der Gesellschaft. Eine besondere Bedeutung hat hierbei der Faktor
Familie: Die Wahl der Sprache für die Weitergabe an die eigenen Kinder bestimmt die
zukünftige Tendenz der Sprachentwicklung in der Region. Jedoch geht die Nutzung des
Sizilianischen in den jungen Generationen nicht linear zurück. Vielmehr ist eine gegenläufige
Entwicklung zu beobachten. Über den Kontakt zu Gleichaltrigen und über die Medien eignen
sich Dialektsprecher Italienisch und Italienischsprecher das Sizilianische als Zweitsprache an.
So ist in der Momentaufnahme der Bilingualismus unter Jugendlichen die am meisten
verbreitete Sprechergruppe. Bei der Analyse der Zusammensetzung dieser Gruppe wird ihre
Heterogenität deutlich. Die Sprachkompetenzen in beiden Codes sind in jeder Gewichtung
vertreten, wobei die Verbreitung nach den Faktoren Bildungshintergrund, Herkunft aus Stadt
oder Land sowie den dem Sprachkodex zugeschriebenen Funktionen variiert. An den Enden
der Skala finden sich auf der einen Seite die Semi-Speaker, häufig aus dem städtischen
Bereich mit einem hohen Bildungsstand, die mit Italienisch als Muttersprache aufgewachsen
sind und sich lediglich einige Ausdrücke in Sizilianisch über ihre Peergroup angeeignet haben.
Auf der anderen Seite steht die Gruppe der Dialektsprecher, die aus sehr jungen Bewohnern
entweder der ländlichen Regionen oder der marginalisierten Viertel der Städte bestehen und
über sehr begrenzte Sprachkompetenzen im Italienischen verfügen. Zwischen diesen beiden
Extremen finden sich die bilingualen Sprecher mit entweder Italienisch oder Sizilianisch als
Muttersprache, die über ausgewogene Sprachkompetenzen verfügen und zwischen den
beiden Codes hin- und her wechseln. In der Analyse der Verwendung des Sizilianischen zeigt
sich ein Gebrauch im Nähebereich, innerhalb der Familie, unter Klassenkameraden oder
engen Freunden, während es aus dem formellen Bereich und in Interaktion mit Erwachsenen
oder Unbekannten ausgeschlossen wird. Das häufig auftretende Code-Switching wird vor
allem im scherzhaften Kontext genutzt. Bei Sprechern mit ausgebauten Dialektkompetenzen
kann es auch emotionale Ausdrücke sowie positive oder negative Haltungen zum
Gesprächsobjekt oder Gegenüber unterstreichen. Nur Sprecher mit Sizilianisch als
Muttersprache nutzen es als alltägliches Kommunikationsinstrument. Somit erfüllt die Varietät
für Sprecher mit italienisch als Muttersprache, also einen Großteil der jungen Generation, nur
Funktionen im stilistisch-expressiven Bereich. Die Wertung des Sizilianischen ist damit völlig
abhängig von der Sprechergruppe und den Funktionen, die der Varietät zugesprochen
werden. Da die Verteilung der Sprechergruppen sich aber nach sozialen und regionalen
Faktoren richtet, ist sein Status innerhalb der jungen Generation keineswegs neutral. Es ist
vielmehr eine ambivalente Wertung unter jungen Sizilianern zu beobachten. Auf der einen
Seite entwickelt sich in dieser Generation ein neues Sprachbewusstsein, und die sizilianische
Varietät ist entscheidend zur Identitätsstiftung unter bilingualen Jugendlichen vor allem im
14
städtischen Raum. Deutlich wird dies an der Aneignung des Sizilianischen als Zweitsprache
und auch in der Verwendung im künstlerischen Bereich. Diese Beobachtungen zeigen, dass
das Sizilianische unter Jugendlichen ein gewisses Ansehen genießt. Im Zusammenhang mit
der Identitätsbildung junger, gebildeter Sizilianer könnte die bewusste Nutzung der Varietät
auch ein Ausdruck der Abgrenzung gegenüber anderen italienischen Varietäten darstellen.
Somit kann die Bewegung auch als politische Protestkultur verstanden werden, die sich gegen
die wachsende Abwanderung der jungen Bevölkerung der wirtschaftlich schwachen Region
Italiens stellt und ein neues Selbstbewusstsein entwickelt. Diese Hypothese ist jedoch zu
diesem Zeitpunkt ohne empirische Grundlage. Hierfür könnten weitere Untersuchungen der
Sprechereinstellungen interessant sein.

Das Einsetzen sizilianischer Ausdrücke, wie etwa in der Analyse des Code-Switching deutlich
wird, ist nur in streng limitierten Bereichen positiv konnotiert. In Kommunikationsbereichen, in
denen das Sizilianische als nicht angemessen gilt, wird die Nutzung stigmatisiert und als
Zeichen von Bildungsfernheit der Sprecher gedeutet. Das häufige Code-Switching unter
Jugendlichen führt also nicht automatisch zu einer positiven Wertung des Dialekts. Vielmehr
bleiben Vorurteile bestehen gegenüber denjenigen, die wirkliche Dialektsprecher sind. Damit
werden die kulturellen Unterschiede zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen auch
auf der linguistischen Ebene deutlich. Die momentane begrenzte Akzeptanz des Sizilianischen
in höheren Bildungsschichten bringt Alfonzetti in wenigen Sätzen auf den Punkt:

In fondo dire qualche battuta scherzosa in dialetto per i giovani italofoni di classe alta è come
indossare dei Jeans strappati, ogni segno di gran moda e non certo di povertà, ma solo se
griffati e accompagnati da altri capi di vestiario e accessori che possono fugare ogni dubbio
sulla condizione socioeconomica di chi li indossa. 111

111 Alfonzetti 2012, S. 158.


15
Literaturverzeichnis
Alfonzetti 2016 = Alfonzetti, Giovanna: Non vuoi parlare il tuo dialetto in società? Bravo!
Meriti lode. Il dialetto secondo il galateo, in: Il dialetto nel tempo e nella storia, hrsg. von
Giovanna Marcato, Padua 2016, S. 235-257.
Alfonzetti 2012 = Alfonzetti, Giovanna: I giovani e il code switching in Sicilia, Palermo 2012.
ALS 2005 = D’Agostino, Mari / Ruffino, Giovanni: I rilevamenti socio variazionali. Linee
progettuali, Centro di studi filologici e linguistici siciliani (Materiali e ricerche dell’ALS, 16),
Palermo 2005.
D’Agostino 1990a = D’Agostino, Mari: Come si parla in famiglia. Generazioni a confronto, in:
La Sicilia linguistica oggi, hrsg. von Franco Lo Piparo, Palermo 1990, S. 79-101.
D’Agostino 1990b = D’Agostino, Mari: Come si parla fuori della famiglia. Istruzione e dominio
pubblico, in: La Sicilia linguistica oggi, hrsg. von Franco Lo Piparo, Palermo 1990, S. 101-
125.
D’Agostino 2016 = D’Agostino, Mari: Le lingue, ponti o frontiere? Appunti sulla Sicilia
linguistica. In: Constructing languages. Norms, Myths and emotions (2016), S. 57-81.
De Renzo 2008 = De Renzo, Francesco: Per un’analisi della situazione sociolinguistica
dell’Italia contemporanea. Italiano, dialetti e altre lingue, in: Italica 85, 1 (2008), S. 44-62.
Fishman 1967 = Fishman, Joshua A.: Bilingualism with and without diglossia. Diglossia with
and without bilingualism, Journal of Social Issues 13,2 (1967), S. 29-38.
ISTAT 2015 = L’Uso della lingua italiana, dei dialetti e di altre lingue in Italia, Istituto
Nazionale di Statistica, online unter: https://www.istat.it/it/archivo/207961 [Stand:
09.04.2020].
Lo Piparo 1990 = Lo Piparo, Franco: La Sicilia linguistica oggi, Palermo 1990.
Mocciaro 2012 = Mocciaro, Egle (u.a.): Quale Italiano per quali parlanti? Processi di
trasmissione linguistica familiare nella Sicilia contemporanea fra usi predicati e usi praticati,
in: Coexistenze linguistiche nell’Italia pre- e postunitaria (2012), S. 579-591.
Pinello 2016 = Pinello, Vicenzo: Rappresentare le spazialità complesse. L’esperienza
dell’ALS (Atlante linguistico della Sicilia), in: Geolinguistique 16, 2016, S. 41-66.
Ruffino 2006 = Ruffino, Giovanni: L’indialetto ha la faccia scura. Giudizi e pregiudizi linguistici
dei bambini italiani, Palermo 2006.
Strasser 1987 = Strasser, H.: Prestige-Stigma, in: Soziolinguistics/Soziolinguistik 2 (1987), S.
140-143.

16
Anhang I: Vorurteile gegenüber Nachbardialekten in Sizilien

Abgebildet ist die regionale Verteilung der „oppositionellen Dichotomien“, die Pinello in den
Umfragen des ALS 2005 in den verschiedenen Regionen über das Ansehen der Dialekte
festgestellt hat. Mit dieser Bezeichnung bezieht er sich auf die Abwertung der Nachbarorte
und deren -dialekte, die in den Umfragen aufgetreten sind, verbunden mit der Aufwertung
des eigenen Ortes bzw. der eigenen Varietät der Sprecher. Die Verbindung zwischen zwei
Orten bezieht sich dabei auf die Unterscheidung der Sprecher zwischen Fortschrittlichkeit
und positiver Wertung des eigenen Ortes und Dialektes und Rückständigkeit und Abwertung
des Dialektes des anderen Ortes. Die Bewegung und Stigmatisierung erfolgen dabei von
dem Ort des größeren Kreises zu denen mit kleinerem Umfang. Je mehr Vorurteile in den
Umfragen gefunden wurden, desto breiter ist die Verbindungslinie zwischen den Orten. Die
Anordnung der Orte bezieht sich nicht auf die geografische Lage, sondern auf die Wertungs-
Bezüge, die in den Umfragen zwischen den Orten gemacht wurden. Die Ergebnisse der
Studie, die Pinello in diesem Schaubild darstellt, zeigen die Stigmatisierung von Varietäten in
Orten, die in Fremdperspektive als ‚rückständig‘ angesehen werden, und die Verbindung
dieser Stigmatisierungen mit der wirtschaftlichen Lage des Ortes. Die negativen Vorurteile
beziehen sich tendenziell von Bewohnern aus dem städtische Raum auf Orte, die eine
geringere Einwohnerzahl haben und sich im ländlichen Raum befinden. Hiermit kann
unterstrichen werden, dass die Dialektsprachen weiterhin negativ konnotiert sind und als
Zeichen von Rückständigkeit gedeutet werden.112

112
Pinello 2016, S. 61.

17
Anhang II: Beispiele für Sprachwechsel

1) der interphrasale Wechsel (Code Switching) nach Alfonzetti113:


– No, non è giusto. Mi ficiru mali
– Sì ttroppu ggentili! Non si deve esagerare
– T’ho detto e dieci, perciò tu dimmelo se e/Scusa un attimo. Cci a ffari sta cosa. Vieni qua.
Ddettammilla
– Io non è che ne sono sicuro. Iù cci resi ntê manu
- Ah! Peggio, certo! Iù sugnu cchiù peggiu di tutti! Io sono il terrore

2) der intraphrasale Wechsel (Code Mixing) nach Alfonzetti114:


– Il sangue l’avemu tutti pari

– Io ci ho detto di starisi zitto

– Io domani a pputtari tricentu li::

– Non fa mai nenti

– Non mi smontate u taulu!

3) der extraphrasale Wechsel (Tag Switching) nach Alfonzetti115:


– Carusi, ammirate ammirate
– È intervenuta, carusi
–Professoressa, ccà non ci nn’è mancu unu
– Signurinu, lei cosa prende?

113 vgl. Alfonzetti 2012, S. 51.


114 Vgl. ebd., S. 51f.
115 Vgl. ebd., S. 52.

18

Das könnte Ihnen auch gefallen