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32101 061817712

DR . JOSEPH EBERLE
GROSSMACHT PRESSE
ENTHÜLLUNGEN FÜR ZEITUNGSGLÄUBIGE
FORDERUNGEN FÜR MÄNNER

FRIEDRICH PUSTET
REGENSBURG KOLN ROM 4 WIEN
30125
317
Library of

Princeton University .
Presented by

Mrs . Ivy Lee

from the library of the late


Ivy

Lee
98
'
Dr. Joseph Eberle : Großmacht Presse
Großmacht Presse

für
Enthüllungen Zeitungsgläubige

für
Forderungen Männer

von

Dr Joseph Eberle
.

Fünftes bis zehntes Tausend


bis

Fünftes zehntes Tausend

1920

Verlag der Buchhandlung Verlag Friedrich Pustet


, ,

der Verlagsanstalt Herold Regensburg Köln Wien


,
, ,

Reichspost Wien New York Cincinnati


),
(
die

die

Nachfolgestaaten Oster
für

für Deutschland Schweiz


,

reich Ungarns sowie Polen und und das gesamte übrige Ausland
-

Rumänien
Alle Rechte , insbesondere das der Übersetzung , vorbehalten .

Copyright 1920 by Fr. Pustet , Regensburg , und Verlag Herold , Wien .


Vorwort und Inhaltsverzeichnis .
Im Weltkrieg wurde der unchristliche , der anti

christliche Mensch ad absurdum geführt . Selbstherr


licher Vernunftstolz , die Träumerei von der natürlichen
Güte der Menschennatur , der Wahn , mit nur dies
seitigen Erwägungen und Kräften zu Freiheit , Fort
schritt und Völkerverbrüderung zu kommen , erfuhr
durch die vierjährige Selbstzerfleischung der kultur
stolzesten Völker mit Lügenbüchern , Granaten , Gas--
angriffen , Hungerblockaden schauerliche Beleuchtung
und Widerlegung . Die versklavenden Friedens
diktate von Versailles und Saint -Germain , die Ver
brechen der Revolution in Ost - und Mitteleuropa
zeigen , wie tief und stark die Gifte noch im Mensch
heitsorganismus wühlen .
Und nun verstehen Urgezählte wieder das Dogma
von der Erbsünde und der Notwendigkeit eines über
menschlichen , göttlichen Erlösers. Ungezählte schauen
nach der Arche in der Sintflut : der Kirche . Aber der
gesunde Geist vermag sich in der Öffentlichkeit nicht
durchzusetzen . Die Öffentlichkeit steht im Zeichen der
herrschenden Presse ; und die herrschende Presse ist
nach wie vor in der Hand schlimmer Vertreter neuerer
Unkultur . Diese herrschende Presse hat nicht nur
tiefste Mitschuld an den Dingen , die zum Weltkrieg
tu führten ; sie verhindert heute auch die richtige Ge
wissenserforschung , die Bildung der richtigen Auf
Denny

fassung vom Woher und Wozu der Zeitgeschehnisse ;


sie steht der geistigen und sittlichen Wiedergeburt
mit breitestem Rücken , wie eine undurchdringliche
Wand im Wege. Von Betern und Propheten möchte
das Heil kommen ; die Sophisten , Komödianten , Händler ,
Täuscher der herrschenden Presse stehen ihnen im Wege .
Sophisten , Komödianten , Händler , Täuscher ? Ja !
Leider nicht durchschaut, nicht erkannt und der
31

953511
Kenntnis entsprechend behandelt . Leider ehrfürchtig
angestaunt wie eine antike Sibylle ; leider

für
unfehlbar
gehalten mehr wie der Papst leider aufgesucht und

;
umlagert wie der Rattenfänger von Hameln

.
ist
aller wahren Aufklärung
So
das erste Werk
Aufklärung über die Pseudoaufklärer das erste

;
-

die
Werk der Erlösung Erlösung der Menschheit
von den Pseudoheilanden

.
Diese Aufklärung über die Pseudoaufklärer und
Pseudoheilande der herrschenden Presse wird

in
diesem Buch versucht Mit der Ausführlichkeit und
.
Gründlichkeit die der Wichtigkeit der Sache ent
,

spricht Mit der rücksichtslosen letzten Offenheit und


.

Entschiedenheit die der Ernst großer Zeitenwende


,

nahelegt Unermüdlich ist die herrschende neuere


.

Presse mit ihren Enthüllungen die oft nur Ablen


,
kungen Verleumdungen sind Nun muß endlich mehr
,

.
sie

und mehr auch über enthüllt werden muß ihr

;
Räderwerk bloßgelegt ihr Interieur der breiten Menge
,

aufgedeckt werden Wenn hiebei eine Welt ekler


.

Korruption erschütternden Geschäftsmaterialismus

, zu
, ,

liegt das nicht etwa


am

Tage tritt falschen Blick


so

Es

der schwarzen Brille des Aufdeckers liegt


an

in
.

den Dingen selbst Der Verfasser dieses Buches


.

stimmt völlig Metternich der einmal gesagt Super


zu
,

lative seien das Gepräge von Dummköpfen stimmt


er
;

Lebrun schen Ausspruch Alles Übertriebene


er zu

dem
'

zu

ist bedeutungslos
So

wird sich hüten über


,
.

zu

treiben Aber hütet sich ebenso vertuschen oder


er
.

malen was sich ihm aus dem Studium ver


zu

schön
,

läßlicher Quellen und namentlich aus genauen Beob


achtungen Mittelpunkten moderner Zivilisation als
an

unumstößliche Tatsache aufdrängte


.

Aber die folgenden Ausführungen wollen nicht


nur Nichtchristen demaskieren sondern auch den
,

Christen zeigen wie viel sie versäumt haben wie


;
, ,

naiv unwissend provinzlerisch sie vielfach wichtigsten


,
VII
Erscheinungen und Einrichtungen des modernen Lebens
gegenüberstehen welch ungeheure Zeitaufgaben für

;
Hierarchen und Parteiführer gerade auch hinsichtlich
der Presse bestehen

.
Und die Ausführungen versuchen zugleich das
Ideal einer gesunden Presse Wohl sind

zu
zeichnen

.
irdischer Unvoll

im
Ideale reine Ideale Bereich
,

,
kommenheit nie restlos durchführbar aber ist

,
Christi Lehre und Leben wertlos weil die Nachfolge

,
der Menschen unvollkommen Ideale wollen die Ge

?
wissen wachrütteln die guten Anlagen kräftigen sind
,

,
edler Sehnsucht und Unternehmungslust lockendes
Ziel hinreißende Inspiration Philister denen das
,

,
.
große Gedankenleben und die Geschichte der Mensch
heit fremd meinen Ideale seien Utopien billig nutzlose
,

-
St
Träumereien Tiefere glauben mit Augustin Nisi

:
.

ideis intellectis nemo sapiens esse potest .


Wien Döbling 1920
,
-

Joseph Eberle
.

Seite

Presse einst und jetzt


1
.
I.

.
..
.
..
.

.
.
.
.
.
.
.

Geschichtlicher Überblick Die moderne


(1

7
.
-
)

Presse ihr selbstgewählter Aufgabenkreis ihre Ver


;

Die Bedeutung der


14

breitung ihre Technik


(7
;

).
-

Presse für das Kulturleben Einfluß und Macht der


.
14

20

Presse
).
(

21

Moderne Publizität und ewige


II

Ideen
.

.
..
..

Die geschichtlichen Voraussetzungen der freien Presse


Verfehlte Aufklärungsgrundsätze
21

24

der
).
-

-
(

in 25

31

Presse kultureller Hinsicht Verfehlte


in

).
(

Aufklärungsgrundsätze der Presse politischer Hinsicht


31

39

39

53

Verfehlte Personalia Aufklärerei


-

-
).

).
- (

Falsche Grundsätze der Verwaltung des An


in

zeigenteils
53

56
).
(
VIII

Seito

57
Presse und Kapitalismus

III
.

..
..
..
.
.
). ( ( ..
- 69 62 ..
- .
75 68 .
.
. .
Die Zeitung als bloßes Geschäftsunternehmen

). )
Zeitungsgründer und Gründungsgeschichten

- -

78
Methoden der Presseverbreitung

76
Die

-
(
Käuflichkeit und Bestechlichkeit der herrschenden
Presse Statistiken und Beispiele für Frankreich

,
.
Osterreich Ungarn Amerika England Italien Deutsch
,

,
Zeitungen
80

im
land 127 Solde von Staats

.
(

)
regierungen 127 132

im
Die Sünden der Presse

).
-
-
Weltkrieg (
132 140 Die Verderbnis der großen

( .
(

)
Telegraphenbureaux 140 145 Der Plebeismus

--
.
)
der herrschenden Presse 145 158 Die Korruption

).
-
(
Ergebnisse aus der
im

Inseratenteil 158 169

).
(

Prüfung des Journalistenstandes 169 177 Gute

.
-
(

)
Ausnahmen von der bösen Regel 177 185 Das

).
-
traurige Gesamtresultat Die Urteile neuerer Größen
.
185

200
(

).
IV

Presse und Judentum 201

..
.
..
.
..
.

..
..
..
..
Statistisches über den Anteil des Judentums

an
der
Presse den Hauptkulturländern 205 232 Die
in

)
.
-

-
Wirkungen des Judentums auf die Presse Der jüdische
.

Einfluß auf den Geschäftscharakter den Sensualismus


,

und Materialismus der herrschenden Presse 232 240

.
(

)
Der jüdische Einfluß auf den kritisch oppositionellen
-

Zug der herrschenden Presse Förderung des Libera


.

lismus und Sozialismus 240 250 Der jüdische Ein


).
-
(

fluß auf die besondere Feindseligkeit der herrschenden


Presse gegen Christentum und Kirche 250 264 Der
).
-

-
(

jüdische Einfluß auf die ausgesprochene positive


Förderung jüdischer Ideale und Interessen durch die
herrschende Presse 264 294 Grundsätzliches
).
--
(
294

zur Judenfrage 302


).
(

Der Kampf
um

eine neue Presse 303


V
.

..
..
..
..
.

Aufklärungs und Propagandaarbeit 304 314


1

-
.

).
(

Voraussetzungen und Wege der Pressereform 314


(

bis 323 Die Richtlinien der neuen Presse 324


--
).

bis 339
).

Literaturnachweise und Anzeigen 349


..
..
..
.
..
.
..
..
Kapitel I.

Presse einst und jetzt.


ge

sie
ist
Groß der Einfluß der Zeitungen

:
stalten die Meinunge der Menschen Sie welken

.
rasch aber sie düngen den Boden Sie gleichen den
,

.
immer wieder niederfallenden Wassertropfen die

,
schnell zerfließen letztlich aber doch das harte
,

Gestein aushöhlen Wuttke

.
.

Geschichtlicher Überblick
1
.

.
sie

Die Zeitung wie heute verstanden wird


so
,

,
als periodische dem Nachrichtendienst und den kul
,

turellen politischen und wirtschaftlichen Fragen des


,

Tages dienende jedermann zugängliche Druckschrift


,

,
ist Erzeugnis der neueren Zeit
ein
.

Zeitungsähnliche Einrichtungen gab schon früh


es

.
wurden den letzten Tagen der
Im

alten Rom
in

Republik wichtige Tagesvorgänge namentlich die Ver


,

handlungen und Beschlüsse der Volksversammlung


,

amtlich gesammelt auf einer mit Gips überzogenen


,

Tafel verzeichnet und öffentlicher Ausstellung der


in

Stadt Rom bekannt gemacht Sklaven oder Freigelassene


,
.

die von fernen Provinzbeamten oder Finanzpächtern


als Berichterstatter Rom gehalten wurden gaben
in

mittels Abschriften den Inhalt weiter Den acta po


.

puli werden seit Cäsars erstem Konsulat bis auf


Augustus die acta senatus kurzer Fassung bei
in
,

gefügt
.

ist bis

Später zur Verlegung der Residenz nach Kon


, ,

stantinopel aus solchen Anfängen eine Art Hof


journal geworden Die acta werden von einem
.

Eberle
Dr

Großmacht Presse
,
.

.
Kapitel I. Presse einst und jetzt .

höheren Beamten des Hofes redigiert , vervielfältigt,


wohl durch Privatunternehmer an Abonnenten ver
schickt und noch auf entfernten Truppenstationen

ist
regelmäßig gelesen . Der Umfang ziemlich reich

, :
kaiserliche Verordnungen Nachrichten über Audienzen

,
Staats und Justizakte Zirkusspiele Naturereignisse

,
-
und selbst Familiengeschichten bilden den Inhalt

.
Gelegentlich erfahren wir sogar ge

so
Intimes wie

:
wisse Bürger hätten einem Tempel eine kleine Spende
gewidmet oder Livia Drusilla die Gemahlin des
,
-

(
Augustus bzw Agrippina Neros Mutter hätten sich
.
)

)
huldvoll von den und den Senatoren grüßen lassen

.
zu
Ein gewisses Gegenstück diesem römischen
Staatsanzeiger bestand vom Jahrhundert und

ab
8
.
verfolgbar bis ins vorige Jahr China Dort erschien
in

,
.
gedruckt und geschrieben und täglich außer Fest

an
tagen der King Pao das einzige und herrschende
,

,
, -

Publikationsorgan mit Hofnachrichten und kaiser


lichen Erlässen mit den Berichten und Denkwürdig
,

keiten einzelner Staatsbeamter unter Hinzufügung der


kaiserlichen Antwort gelegentlich auch mit kri
--

tischen Darlegungen über Verwaltungszweige bzw

.
mit Ratschlägen für den Thron
.

ist

Diesen Publikationsinstituten hier wie dort der


staatlich offiziöse Charakter eigen Sie sind nicht
-

Träger freier öffentlicher Meinung Das Volk erfährt


,
. .

gut findet
für

was die Regierung


Die uns interessierende Weiterentwicklung hat ein
:

gesetzt nachdem die heutigen Kulturstaaten heraus


,

gewachsen aus dem Römerreich und dem Völkerchaos


zu

der alten Welt größeren Verbänden und Staats


,

gebilden sich zusammengefügt hatten nachdem auch


,

ein gewisser regelmäßiger Verkehrsdienst erst


,
-
um
es

handelt sich fürstliche und städtische Boten


organisiert war
um

kurse dann Reit und Fahrposten


,

Wir gehen zurück bis zum Ende des Jahrhun


15
.

Mittelpunkten mittel
an

derts Da bestehen den des


.
Kapitel I. Presse einst und jetzt. 3

alterlichen Kulturlebens und Verkehrs = Rom , Venedig ,


Nürnberg , Augsburg , Ulm , Frankfurt a . M ., Ant
werpen usw . private Bureaus , welche Nachrichten
über politische und soziale Ereignisse der Zeit hand
werksmäßig sammeln und gegen jeweils besonders
abgemachten Jahreslohn regelmäßig alle Wochen an
einen erlesenen Kundenkreis versenden : Fürsten und
Bischöfe , Staatsmänner und städtische Räte , besonders
auch Großkaufleute sind die Abonnenten dieser mit
der Hand geschriebenen Avisen .
Der Aufklärung der breiten Massen aber dienen um
diese Zeit gelegentliche Einzeldrucke in kleinem Quart
format , 1/2 - 2 Bogen stark , mit Kunde über Vorgänge
allgemeineren Charakters : Hofereignisse , Fürstenreisen ,
Schlachten , Himmelserscheinungen , Unglücksfälle u. dgl.
Die begleitende Reflexion geht über einfache moralische
Nutzanwendung nicht hinaus . Das Ganze ist häufig
in gebundener Rede durchgeführt, ist gewisserinaßen
das gedruckte Gegenstück zum stark gepflegten Volks
lied , das weiter als heute , damals auch kirchliche
und weltliche Parteiung , öffentliche Einrichtungen und
Personen , Helden und Heldentaten sich zum Thema
erkürte und in origineller Weise öffentliche Meinung
machte.
Zu diesen Einzeldrucken gesellen sich gelegentlich
Flugblätter, vielfach räsonierenden Charakters und mit
der Absicht nachdrücklicher Beeinflussung des Volks
urteils , oft auch nur referierender Natur. Durch sie
wurden zum Beispiel die 95 Thesen Luthers sofort
sie

über ganz Deutschland verbreitet . Durch klärte


etwa ein Ludwig XII seine Untertanen über die Händel
.

mit dem Papst auf Oder wurde mittels ihrer den


es
.

Völkern die ganze Größe der Türkengefahr klar gemacht


.

Ende des Jahrhunderts kommen den so


16

in
·

genannten Postreutern und Meßrelationen peri


odische Drucke auf die auf den großen Frühjahrs und
,

, ,

Herbstmessen abgesetzt zwei Jahrhunderte hindurch


Kapitel I. Presse einst und jetzt .

stehende Erscheinung bleiben . Es sind regelmäßige


Jahres - bzw . Halbjahresübersichten über politische Vor

Sie
kommnisse . gehen auf die obengenannten Wochen
schriften zurück schöpfen auch aus sonstigen münd

,
lichen und schriftlichen Mitteilungen behandeln trocken

,
eine Art von seltsamen

ein
und nüchtern Land oder
Fällen und merkwürdigen Begebenheiten sind freilich

,
nicht frei von bestimmten politischen Auffassungen
und eben deshalb später unter Aufsicht der kaiser

.
lichen Bücherkommission

.
Und nun von Anfang des Jahrhunderts

17

ab
und
,

.
von Deutschland ausgehend Straßburg 1609 Basel 1610

,
:
Frankfurt 1615 usw finden sich mit wesentlich dem

,
.

alten Interessengebiet gedruckte Wochenzeitungen


,

für Hoch und Nieder Sie stehen bald unter obrigkeit


.

licher Zensur und werden von der Regierung beeinflußt

.
Daraus erklärt sich zum Beispiel daß die Zeitungen über
,

Dinge ihrer Heimat zumal innere Politik viel weniger


,

als über Vorgänge Ausland Die Re ,


im

berichten
,

.
gierung ihrerseits erteilte das Verlagsprivileg und gab
zugleich der bevorrechteten Zeitung das ständige
Monopol für Versorgung von Stadt und Provinz mit
Nachrichten Auswärtige Zeitungen waren dement
.

sprechend ausgeschlossen und damit eine größere Ver


breitung der Zeitungen verhindert
.

Die Fortschritte dem nächsten Jahrhundert sind


in

lediglich technischer Art und liegen der Verkürzung


in

der Erscheinungsfristen Noch Jahrhundert er


17
im
.

scheinen einzelne Zeitungen mal der Woche


in

,
2

4
-

täglich erscheinen zuerst freilich lange Zeit ohne Nach


,

ahmung die Leipziger Zeitung 1660 der Daily


,

),
(
de

Courant 1722 und das Journal Paris


.
(

Dagegen kommt eine andere Neuerung auf Auf


. :

nahme von Anzeigen die Nachrichtenpresse Das


in

Inseratenwesen war erst seit kurzem Paris ent


in

standen Dort hatte bei bereits bestehenden Wünschen


,
.

nach einem Ort wo Angebote und Nachfragen wie


,

,
Kapitel I. Presse einst und jetzt.

ich
suche Perlen abzugeben dieser sucht Reise

,
begleitung nach Paris jener wünscht einen Diener

,
durch eigene Beamte für das öffentliche Interesse
registriert würden der Arzt Renaudot 1612 ein Bureau

,
de
et
Adresse Rencontre gegründet und hier Listen

,
d
'

für Eintragung von Mitteilungen genannter Art zum


allgemeinen Gebrauch aufgelegt

.
Bald gab vielerorts solche Adreß Kontors die
es

,
-
die
ihre Listen veröffentlichten und damit sogenannten
Intelligenzblätter begründeten Diese gelangten nament

.
lich Frankreich und Deutschland zur Blüte Preußen

In
in

.
werden sie Staatsmonopol und die gewonnenen Ein
nahmen fließen bis 1850 dem Militärwaisenhaus Pots

in
zu

übrigen Deutschland sind sie zwar privaten


Im

dam
.

Charakters doch stehen sie unter strenger staatlicher


,

Aufsicht
.

Außer diese Intelligenzblätter Nur Anzeige


in

, d,
h

-
.
.
blätter werden nunmehr wie gesagt auch indie Nach
,

richtenblätter Anzeigen aufgenommen Namentlich

in
.

England wo die Intelligencers nicht recht gediehen


,

, .
Doch bleibt dieser Inseratenteil lange Zeit beschränkt
auf wenige Fälle des praktischen Lebens eingeengt
und erst gegen Ende des Jahrhunderts nimmt
er
18
.

einigen Aufschwung 1760 findet sich die erste Anzeige


.

über Rohstoff Importe 1790 die erste Todesanzeige


;

;
-

1792 die erste Heiratsanzeige 1816 die erste Verlobungs


;

anzeige das klingt angesichts der heutigen Verhält


ein

nisse fast wie Märchen


.

Da die Nachrichtenblätter Hauptteile selbst ge


im

genüber früher eher Rückschritte als Fortschritte auf


wiesen einereigentlichen Redaktion noch häufig
,
, B
.
.
z

entstanden von der Mitte des Jahrhun


18

entbehrten
.

politische Monatsschriften welche zur ge


ab

derts
,

sichteten Nachricht unter Verwendung authentischer


Aktenstücke großzügige Beurteilung gesellten Schon
.

vorher waren wissenschaftliche literarische und belle


,

tristische Revuen aufgekommen die Fragen der Kunst


,

,
Kapitel 1. Presse einst und jetzt .

der Wissenschaft , des praktischen Lebens behandelnd ,


allüberall zur Bildung , zu Gemeinsinn , kurz zu edler
Menschlichkeit führen wollten.
Vom Geiste dieser Zeitschriften beeinflußt und
hauptsächlich angeregt vom Gang der großen Zeiter
eignisse : der Auseinandersetzung der demokratischen
Volksbewegungen mit dem abgelebten Absolutismus
der Regierungen werden jetzt auch die Zeitungen
andere . Sie begnügen sich nicht mehr mit dem bloßen
Nachrichtensammeln , sie eröffnen grundsätzlich auch
die kulturell - politische Diskussion . Mit der Mitteilung
wird die persönliche Besprechung und Beurteilung
verbunden . England hat den Anfang damit gemacht,
hat die neue Mode kraftvoll und programmatisch in
den Juniusbriefen im Public Advertiser ( 1769 72 )
durchgeführt, nachdem bereits Milton im Jahre 1644
für eine frei räsonierende Presse gesprochen und ge
schrieben hatte .
Das System wird von Frankreich übernommen ,
während der Revolution teilweise stark gehandhabt und
bald allenthalben nachgeahmt. Noch war freilich der
neue Geist sehr eingeengt : obrigkeitliche Zensur und
Staatsstempel, Kautionszwang und beschränkte Kon
zession , die leichte Möglichkeit der Beschlagnahme
und des Verkaufsverbotes waren Fesseln , mit denen
die erwachte Kritik und der Trotz der Volksmeinung
sich noch lange eindämmen ließen . Das Ende aber heißt :
freie Presse - in Deutschland und den übrigen Ländern
in verschiedentlichen Stufenfolgen von Mitte des ver
flossenen Jahrhunderts ab .
Diese Freiheit zusammen mit den politischen und
wirtschaftlichen Entwicklungen und Umwälzungen der
Zeit : Übergang vom Absolutismus zum Konstitutiona
lismus, Umwandlung der Gesellschaft aus einer ge
burtsständischen zu einer berufsklassigen , Übergang
von der gebundenen zur freien Wirtschaft , von der
familienhaften Bedarfs - und Kundenproduktion zur
Kapitel I. Presse einst und jetzt .

unternehmungsweisen Warenproduktion und diese


Entwicklung selbst teilweise bedingt durch die großen
Erfindungen auf dem Gebiete der Technik und des Ver
kehrswesens - schufen die spezifisch moderne Zeitung .

2 . Die moderne Presse ; ihr selbstgewählter Auf


gabenkreis ; ihre Verbreitung ; ihre Technik .
Diese verhält sich zur früheren wie der Baum
zur Wurzel , noch besser , wie der Senfbaum zum Senf
körnlein . Sie wächst seit 60 Jahren sprunghaft , teilweise
ums Fünf - bis Zehnfache nur seit vier Jahrzehnten .
Ihr Interessengebiet mehrt sich täglich , ihre Technik

ist
vervollkommnet sich von Jahr zu Jahr . Sie der große
Nachrichten und Redemittelpunkt der modernen
-

Menschheit geworden und dazu noch die Vermittlerin


des Weltverkehrs Was immer auf der Welt bis zur
.

ultima Thule sich ereignet wird


an

Bemerkenswertem

,
von ihr verzeichnet Predigten
an

was und Plänen

in
;

heißen Seelen was


an

Problemen faustischen Hirnen


in
, ,

geboren wird wird durch sie kundgemacht was das


;

Angeboten und Nachfra


an

moderne Wirtschaftsleben
gen erzeugt kommt ihr zur Anzeige
in
,

Ihr Interessenkreis umschließt das ganze Menschen


dasein Sie berichtet und urteilt über Politik des In
.

und Auslandes über Gesetze und Gerichtsverhand


,

lungen über Literatur und Theater über Religion und


, ,

Schule über Natur und Welt über Sport und Perso


,

nalia über Unglücksfälle und Verbrechen über Land


,

und Hauswirtschaft über Gewerbe und Handel kurz


,

über alles was die Begriffe Kultur und Natur um


,

Und Anzeigenteil suchen und bieten


im

schließen
.

Gegenstände des Marktes


im
an

sich die weitesten


Sinne vom Stück Vieh und dem Kartoffelsack bis
zum Rittergut vom Möbelmagazin bis zum Insekten
,

pulver von den Bankaktien bis


zu

den Theatersitzen
,

und billigen Mittagstischen vom Toilettenartikel bis


,

zum Zauberbuch Familienanzeigen jeder Art von Ver


,
.
Kapitel I. Presse einst und jetzt .

lobung oder Widerruf , von Ehe und Tod sprechend ,


suchen sich bald still , bald aufdringlich , unter den
Geschäftsinseraten einen Platz . Selbst das Stillste und
Heimlichste in der Menschenbrust : die Liebe haucht
dann und wann Freude und Schmerz den Zeitungs
zeilen ein . Tagtäglich können Sie z . B . in Österreichi
schen , italienischen , englischen Zeitungen Kundgebun
gen wie folgt lesen : Bouillon . Dank für liebe Zeilen .
Mußt Anzeige übersehen haben . Sehne mich furchtbar .
Bilder nur schwacher Ersatz . Habe dich sehr lieb . Bist
und bleibst das Süßeste . Hoffentlich bald Wiedersehen .
In engster Verbindung damit zeigt sich das offen
kundige Laster. Es wimmelt in der großen Presse nur
so von Anzeigen von Kupplern , Lebeherren und Lebe
damen , Anzeigen wie etwa folgende vom Wiener Platz :
Junger Mann , elegant und weit gereist , aus vornehmer
Familie , in Wien fremd , erwünscht infolge Fehlens
jeder Bekanntschaft und jedes Anschlusses , auf diesem
ganz gewöhnlichen Weg , der allerdings durch seine
Fremdheit entschuldigt sein mag , die Bekanntschaft
einer jungen , hübschen Dame, die aber die vielgerühm
ten Eigenschaften der Wienerin , wie Anmut, Grazie
(natürlich auch geistige ) Schönheit , Liebenswürdigkeit ,
Humor und Schelmerei in sich vereinigen soll , kurzum
eines lieben , lustigen Wiener Mädchens . Wer uneigen
alt

nützig ist, Mut hat und nicht über 22 Jahre ist


,

richtet seinen Brief der Antwort ermöglicht unter


,

Fraglicher Versuch 5118


an

die Administration
,

'

Zur Veranschaulichung der neueren Verhältnisse


etliche Zahlen
!

Zei
, Es

bestehen Deutschland 1910 etwa 4000


in

, (

tungen England 1905 3000 Frankreich 3000


in

in

,
(

Italien 1400 Österreich Ungarn


Ungarn 1100 den Ver
in

in

in
,

,
--
von

Teich
12

einigten Staaten von Nordamerika Asien500


in
,
.

aaten
ca

gegen 3000
3000 Afrika 200
in
,

gegen
Nach Dr Schacht betrug die Auflage der deut
H
.
.

Zeitungen 192 000 Die Zahl


12
im

schen Jahre 1897


,
.
.
:
Kapitel I. Presse einst und jetzt.

der im Laufe dieses Jahres in Deutschland aufgegebenen


Zeitungsnummern 3380 Millionen , wovon die Post
1232 Millionen bestellte . 1906 gingen durch die Post
1807 Millionen Nummern . Im Jahre 1912 sind nach Fest
stellungen der Deutschen Reichspost durch die Post
2300 Millionen Zeitungsnummern , verteilt auf 44 ,856 .090
Abonnements , bezogen worden . Im Krieg

ist
laut einer

,
reichspostamtlichen Feststellung aus dem Jahre 1917 mit
Rücksicht auf die besonderen Verhältnisse und Schwie
rigkeiten des Kriegszustandes die Zahl der Zeitungen

um
Deutschland allerdings

11
und Zeitschriften etwa

%
in

gegenüber dem letzten Vorkriegsjahr zurückgegangen

. .
Die Auflage der einzelnen Blätter ist verschieden
Die großen Zeitungen Österreich und Italien haben
in

300 000 Auflage


30

000 150 000 Frankreich und In


.

England gibt
Zeitungen mit viel größerer Auflage
es

.
Für 1917 wurden folgende Ziffern Pariser Blätter fest
gestellt Petit Parisien 500 000 Matin 900 000
;

;
,

; ,
2

1
:

.
Petit Journal 050 000 Journal 400 000 Echo
;
,

,
1

1
.

.
de

Paris 800 000 Auflage Für England 1917

; );
(
.

Daily News 000 000 Daily Mirror 900 000


,

;
1

; .

.
Daily Mail 800 000 Daily Sketch 693 000 Daily
;
; .

Express 400 000 Daily Chronicle 398 000 den


In
.

.
.

Vereinigten Staaten steigen die Ziffern bei den führen


den Organen bis Chicago Daily News
zu

450 000
"
.
.
(

425 000 The New York World 400 000 New York
;

;
.

Times 260 000 Die Chicago Tribune gibt Million


1
.) .

Auflage
an

Die größten deutschen Zeitungen sind Berliner


:

Morgenpost über 350 000 Abonnenten Berliner


),
.
(

Lokalanzeiger 250 000 Berliner Tageblatt 250 000


),

),
.

.
(

Berliner Allgemeine Zeitung


am

170 000 die Welt


,
(

)
.

Montag 150 000 Berliner Morgenzeitung über


),
.
(

. (

100 000 Breslauer Generalanzeiger 150 000


;

,
)

)
.

Münchener Neueste Nachrichten 127 000 Dresdener


. . ,
.
(

ca )

und Leipziger Neueste Nachrichten


je

125 000
),
). .
(

Generalanzeiger für Hamburg Altona 120 000


-

(
10 Kapitel I. Presse einst und jetzt.

Ein bezeichnendes Beispiel für die Entwicklung


moderner Zeitungen bietet das , Berliner Tageblatt .Das
selbe hatte 1898 64. 000 Abonnenten ; 1900 70 .000 ; 1902
76 . 000 ; 1904 94 . 000 ; 1906 112 .000 ; 1908 150 .000 ; 1911
205 .000 ; 1920 250 . 000 .
Die modernen Zeitungen , zumal die größeren , er
scheinen der Mehrheit nach täglich . Die Hauptländer
und Hauptstädte haben Blätter mit täglich mehreren ,
bis zu vier Ausgaben .
Der Umfang ist verschieden . Die großen englischen
und amerikanischen Zeitungen bieten je den Schriftsatz
eines mittleren Buches . Deutsche Zeitungen mit 10 bis
30 Seiten großen Formats sind nicht selten . Die Neue
Freie Presse in Wien erschien vor dem Krieg und vor
der Papiernot werktags mit Abendblatt 32 40 , sonn
tags 60 - 80 , an Weihnachten , Ostern und Pfingsten bis
150 , Seiten stark . Die Weihnachts - , Oster - und Pfingst
nummern der großen Wiener Blätter hatten bis zu 160
bezw . 240 Seiten Umfang .
Den Zahlen entspricht der technische Betrieb . Aus
den Nachrichtenstuben mit den Avisenschreibern von
ehedem sind , - zumal wo große Zeitungen in Frage
stehen , große Institute geworden mit zahlreichem Per
sonal , großzügigstem Nachrichtendienst , vollkommen
sten maschinellen Einrichtungen . Paläste sind die
Heimat des Betriebes , Millionen seine Grundlage .
Nach Escott bewegte sich schon im Jahre 1884 das
Ausgabenbudget eines der ersten Londoner Pennyblätter
zwischen 6 ,5 bis 6, 8 Millionen Frcs . Die Berliner Firma
Scherl soll bereits 1910 mit 16 Millionen Mk . gearbeitet
haben . Der Jahreshaushalt der Kölnischen Volkszeitung
betrug um diese Zeit über 11/4 Million Mk . Das Ge
sellschaftskapital der Times belief sich eben damals
auf über 15 Millionen Mk . Das in der Londoner Tages
presse allein investierte Kapital wurde 1910 auf etwa
150 Millionen Mk . geschätzt . Heute sind die Ziffern
entsprechend größer .
Kapitel 1. Presse einst und jetzt.

Bis und mehr Petit Parisien

30

75
zu
beim

,
beim Pariser Matin 150 Redakteure mit entsprechen

!
den Hilfskräften besorgen die Verarbeitung des für ein
großes Blatt aus aller Welt einlaufenden Stoffes Ein

.
großer Teil desselben wird Interesse raschesten Be

im
kanntwerdens telegraphisch entgegengenommen Des

.
halb haben heute große Zeitungen ganze Leįtungen
von der Staatspost gemietet Die Londoner Times

,,
atspost

.
haben sogar eigene Drähte nach Paris

.
Drähte

sind
Hauptquellen der Nachrichten
nnten sind die großen Tele

die
gar
graphenbureaus welche durch über die ganze Welt
,

verbreitete Schriftsteller Kräfte die Einzelnachrichten


-

sammeln und der Zeitung


als
Mieterin telegraphisch
weitergeben Die großen Zeitungen begnügen sich aber
. .

nicht damit Sie halten auf eigene Kosten Vertreter

an
allen Hauptstellen der Politik und Kultur und organi

ja
sieren Spezialkundschaften Während des russisch

-
.

panischen Krieges mietete die Times einen eigenen mit


drahtloser Telegraphie ausgestatteten Dampfer für ihre
sie
Burenkrieg nicht
Im

Berichterstatter verwendete
.

weniger denn Während


19

solche Sonderberichterstatter
.

der Revolution Argentinien ließen sich dieselben


in

Times Sondertelegrammevon dort 144 000 Frcs kosten


;
.

für eine Drahtnachricht aus Johannisburg bezahlten sie


gelegentlich 000 Mk Weltkrieg spielte die Be
17

Im
.

richterstattung für die Blätter durch Sonderberichter


statter mit Benützung des Telegraphen mit und ohne
Draht die größte Rolle Hätte nicht staatliche Zen
es
.

und Einschränkungen Gebrauch der Tele


im

suren
graphen und Telephone gegeben wäre wohl
es
,

--

unter Aufwendung vieler Millionen Geld Ungeheuer


Aufklärung
an

liches von den Zeitungen geleistet


worden
.

Schnelligkeit der Nachrichtenmitteilung


ist

der
modernen Zeitung höchstes Bedürfnis Daher die stärkste
.

Verwendung von Telegraph und Telephon auch für


räsonierende Abhandlungen Was einst Monate brauchte
.
12 Kapitel I. Presse einst und jetzt .

auf dem Weg zum großen Publikum , braucht jetzt nur


mehr Stunden . Das Erdbeben von Lissabon am 1. No
vember 1755 wurde in Berlin erst am 2 . Dezember in
der , Vossischen Zeitung bekannt . Die Kunde von der
Hinrichtung Ludwigs XVI. oder von der Flucht Na
poleons von Elba gelangte erst 11/ bezw . 1 Monat
später zu uns . Heute genügen etliche Stunden zu derlei
Wissen . Die Reden , die heute Abend im Berliner Par
lament gehalten werden , sind im 600 km entfernten
Köln bereits anderntags in der ersten Morgenausgabe
der dortigen führenden Tagesblätter zu lesen .
Wie blitzartig neuere Berichterstattung arbeiten
kann , dafür ein Beispiel aus England : 1903 spricht
Chamberlain in dem 170 km von London entfernten
Birmingham über Zollfragen . Die Daily Mail will ihre
Abonnenten möglichst bald von der Rede in Kenntnis
setzen . So stellt sie in der Nähe des Redners einen
großen Schalltrichter auf, der mittels eines Drahtes
die Worte des Redners direkt nach London in den

sie
Stenographenraum der Zeitung leitet. Hier wird von
Stenographen abwechselnd aufgenommen und nach
10

Umschrift für den Setzer gleich Druck gegeben Um


in

.
um

ist
20
seine Rede
10

05

10

endet Chamberlain
,
h

h
.

sie bereits gedruckt und wenige Minuten darauf wird


,

sie mit dem genauen Wortlaut den Straßen Londons


in

verkauft
.

Die Londoner Daily Mail erscheint gleichzeitig


in

Hauptblatt
als

fünf Ausgaben London als Provinz


in

,
:

blatt Manchester als Kontinentblatt Paris Dazu


in

in
,

kommen eine Wochenausgabe und eine Ausgabe


in

Blindenschrift Sämtliche Redaktionen sind durch Kabel


.

über Land und Meer der Weise verbunden daß


in

B
z
.
.

London Verlauf von Minuten Antwort aus


11
zu im
in

New York erhalten ist


.

Das Neueste und Rascheste auf dem Gebiete der


Nachrichtenvermittlung
ist

die Telephonzeitung die


in
,

New York bereits 1912 eingeführt worden ist Anstatt


.
Kapitel I. Presse einst und jetzt . 13

gedruckten Papiers erhalten die Abonnenten zu ge

die
wissen Tagesstunden Börsenkurse Parlaments

,
nachrichten die europäischen Kabeltelegramme auf

,
direktestem Weg telephonisch übermittelt

.
Der Blick den Druckereiraum einer führenden

in
Zeitung von heute ist wie der Blick eine Märchen

in
welt Da Gang die

im
sind Rotationsmaschinen der

in
,
.

Stunde 000 und noch mehr achtseitige Zeitungs


24
.

Ma
zu

nummern drucken vermögen Ich las von den

.
schinensälen der Londoner Lloyds Weekly News Nicht
,

.
weniger als Linotyps und Rotationspressen da
44

21

,
runter sieben achtröllige sind aufgestellt welche

in
,

,
ein

der Nacht Millionen Nummern aufgelegtes


11
in

/2

Zu
illustriertes Wochenblatt herstellen einer einzigen
'

Auflage der Lloyds sind 550 Rollen Papier erforderlich .

. .
Eine eigene Fabrik liefert hiervon täglich 400 Tonnen
Der Besitzer der Daily Mail hat zum Erhalt des
nötigen Papiers Waldgebiet von
ein

Neufundland
in

nicht weniger als 7500 Quadratkilometer erworben

.
1910 betrug der Wert der jährlichen Papiererzeugung
der Welt nur für den Gebrauch der Zeitungen eine
halbe Milliarde Mark nach dem damaligen Kurs
.

Wer einen Blick tun will das modernste Leben


in

,
ein

der tauche zur Nachtzeit hinab solches Nirwana


in

der schwarzen Kunst Da dröhnen die Kolben da stoßen


,
.

die Stangen
da

knattern ohne Unterlaß die blitzschnell


,

rotierenden Walzen Der Hunger der Maschine nach


.

Papier Stunden verschlingt


ist

sie
14

unersättlich
In
.

um

mehr als genügen würde einen Gürtel den ganzen


,

da

an

Erdball Der Mann


zu

legen unten dem eisernen


.

Ungetüm wenn zwei Minuten aussetzen würde


er
,

, ,

das endlos ausgeschleuderte Produkt wegzuraffen


würde derselben Zeit überschwemmt sein Und
in

in
.

der schweren Luft geistert ein bläuliches Licht als sei


,

der brodelnde Dampf der dieser Hexenküche ent


es

wichen Ein Fingerdruck des Menschen und alles


.ein

suht zweiter und derselben Sekunde brandet


in
,
;
14 Kapitel I. Presse einst und jetzt .

ein Leben tausendmal gewaltiger denn das seines


Schöpfers ." ')

3 . Die Bedeutung der Presse fürs Kulturleben .


Einfluß und Macht der Presse .
Beim Nachdenken und Urteilen fassen wir nur
das Gewordene ins Auge :
Muß , was wie eine plötzlich angeschwollene große
Flut über die Menschheit strömt, was in so ungeheuren
Formen und Massen sich auswirkt , und was die Fragen
in aller Menschen Brust behandelt , nicht das Angesicht
der Erde umändern ? In das Dasein der Heutigen etwas
bringen , was die geistigen Lebensbedingungen gegen
über früher völlig wandelt ? Was zu neuen Ansichten
und Aussichten , geänderten Interessen , einem neuen
Glauben führt ?
Man kann in der Tat nicht hoch genug von den
Wirkungen der neueren Presse denken . Max Nordau
schreibt einmal : Die Bedeutung der Presse in der
modernen Kultur ist eine ungeheure ; ihr Vorhanden
sein , der Platz, den sie im Leben des Einzelnen und
der Gesamtheit einnimmt, gibt unserer Zeit weit mehr
ihren Charakter,
als

alle die wunderbaren technischen


,

Erfindungen welche die materiellen und geistigen Be


,

dingungen unseres Daseins gründlich umgestaltet haben


.
Die hohe Entwicklung des Zeitungswesens fällt mit
diesen Erfindungen zusammen und ist eine ihrer
Wirkungen Es
ist

darum schwer sich unsere heutigen


,
.

zu

Zeitungen von diesen Erfindungen gesondert denken


.

Man mache aber den Versuch Man stelle sich unser


:

Jahrhundert einmal vor Besitze der Eisenbahn des


im

Telegraphen der Photographie und der Kruppschen


,

Kanonen aber ohne andere Zeitschriften als die


,

wöchentlichen Anzeige und Rezensionsblättchen des


-

vorigen Jahrhunderts und dann stelle man


es

sich vor
,

mit der alten Postkutsche der zehntägigen Entfernung


, ,

zwischen Paris und Berlin der Talgkerze mit der Licht


Kapitel I. Presse einst und jetzt . 15

schere , dem und der Radschloßflinte ,


Steinfeuerzeug
aber im Besitze der heutigen politischen Tagesblätter;
,
man wird dann finden daß unsere Zeit in jenem Falle
der früheren weit mehr gleichen würde als in diesem ,
daß der eine Zug , den das Vorhandensein
unserer Presse in die Physiognomie der
zeitgenössischen Kultur bringt , diese
Kultur kräftiger von allen früheren Kul
turen unterscheidet , als alle übrigen Züge ,
die das moderne Leben charakterisieren .
ist

Die Zeitung die große Schule der Erwachsenen


geworden und der Fleiß den Hörsälen und der
in
Glaube vor den Kirchenkanzeln ist nicht größer als
der Eifer und das Vertrauen des Publikums gegen
über dem was schwarz auf weiß der Presse liest
es

in
,

.
Die Zeitung ist für weite große Volksschichten
der einzige Bildungsquell wird ihnen zum Ersatz
von Professor und Pfarrer von Jurist und Techniker
,

schlechthinigen Regulator des politischen


so

und zum
Denkens und sozialen Empfindens des geistig religi
,

-
ösen Lebens und wirtschaftlichen Strebens
.

Die Zeitung Hauptlieferanten


zu

wird einem
geistiger Nahrung selbst für Auserlesene sonst an
,

erster Quelle Schöpfende Diese haben auf Grund


.

eingehender Fachstudien wohl eigenes Urteil über


ein

Borromäusenzyklika
sie

die wenn Theologen über


;
,

die Reichsfinanzreform wenn sie Nationalökonomen


;
,

Philosophen
sie

über Nietzsches Ecce homo wenn


,

sind aber überall wo die eigene Erfahrung versagt


;

begeben sie sich das Schlepptau der Presse


Ja
in

dieselbe ist oft die einzige Verbindungsschicht zwischen


den hundert und hundert Sonder fächern die unsere
in
,

heutige Wissenschaft auseinandergefallen ist


.

Von den Werdenden von den vielen Allzuvielen


,

gesagt gar nicht


zu

wie reden
,

. .

Unter deutschen
20

30

Studenten von lassen sich


ihre Lebensphilosophie von der Frankfurter Zeitung
16 Kapitel I. Presse einst und jetzt .

oder denMünchener Neuesten Nachrichten , wenn


nicht gar
vom Simplicissimus gestalten nur
selten von den Professoren . Die tragen genug hoch
vor , so daß

ihr
und weltfern Stoff allenfalls

im
Examengedächtnis mechanische Aufnahme findet aber

,
keine tiefe Verarbeitung persönlichsten Gedanken

im
leben erfährt Oft und oft hab ich erlebt nach der

's

:
.
Tageszeitung wird die päpstliche Bulle die letzte

,
Kanzlerrede der neue Sudermann beurteilt
,

.
1910 drunten einem Kurort Istrien Das ist

in

in

.
Österreichische Provinz aber die Augen und Herzen

,
vieler Einheimischer suchen Italien Der Feldgesang

.
frage vergebens
Ich
ist Evviva Italia mich warum

:
.

Die wirtschaftlichen sozialen militärischen Verhält


,

,
nisse liegen der Donaumonarchie besser als auf
in

ich
der Apenninenhalbinsel Von Unparteiischen werde
.

aufmerksam gemacht auf etliche brüchige Persönlich


keiten welche für den Sold der Irredenta gern feurige
,

Rhetorik liefern unter von Sachkenntnis Unberührten


,

leicht den italienischen von Hameln Rattenfänger


spielen Und ich werde vor allem auf die Presse hin
.

gewiesen Sehen Sie wir haben hier eigentlich nur


,
:

eine Zeitung von Bedeutung die aber den bekannten


,
an

Glauben alles Gedruckte findet Sie heißt


Il
.

Piccolo wird Triest gedruckt und von einem ge


in
,

borenen Italiener jüdischen redigiert


Glaubens
In
.

dieser Zeitung nehmen die Italiana den Hauptraum


Anspruch Die Verhandlungen Parlament auf
im
in

Monte Citorio finden gegenüber denen Öster


im

dem
reichischen Reichsrat dreifache Bewertung eine Cavour
;

feier Florenz wird höher geschätzt als eine Kaiser


in

jubiläumsfeier Wien und der König von Italien


in

erscheint als der erste Mann der Welt


.

Bürgersalon Wunderbar weiß der


In

einem
.
, zu

Marineoffizier erzählen von Meereszauber und


Meeresschrecken von den Qualen der Fahrt durchs
Rote Meer von den Seidenstickereien
er

die
in
,

,
Kapitel 1. Presse einst und jetzt .

Canton gekauft , von den Paraden , die er in Tokio


gesehen . Alles wird stimmen und ich verstehe , wie
er über manches, was er darüber gelesen , den Kopf
schüttelt . Aber wie der Kapitän nun plötzlich Theolog
und Philosoph wird , von der Prozession , die er gestern
sah , ausgehend , auf die Pfaffen zu sprechen kommt ,
in seltsamer Unlogik zu Zölibat , Peterspfennig und
Papstsünden weiterschreitet und schließlich zur Ver
werfung von Kirchenwesen und religiösem Kultus
kommt da fühle ich daß er hier , ohne eigene Studien
, ,
und Erfahrungen , nur Nachbeter der Zeitung ist.
ich

Und wenn nun weiter sehe wie eine Baronin

,
Hilfe kommt unterstützt von einem Dr jur
zu

ihm
,

.,
.
wie beide mit Haeckel Drews Ellen Key Arthur
, ,

,
argumentieren
da

Schnitzler merke ich wiederum


der Ausdrucksweise und Gedankenführung
an
-

ist

gleichzeitig man hier nicht bei Plato oder


;

Augustinus oder Leibniz die Schule gegangen


in

,
man hat auch kein ernstes Fachwerk Rate ge zu
ist

zogen man nur Mundstück glaubensvoller Schüler


,

der Tagespresse
.

Der Weltkrieg Die Aufregung das Aufeinander


,
.

stürzen der Haß der Durchhaltungswille die Revo


,

,
ist

lution Völker
der undenkbar ohne die Presse
zu .

Minister Grey und Botschafter Cambon haben


Beginn des Krieges betont das gegenseitige politische
,

Verhältnis der Völker sei noch mehr durch die Presse


als durch die Politik bestimmt worden Die Presse
.

Beginn des Krieges den einzelnen


zu

gab Völkern
Gerechtigkeit ihrer
an

den Glauben die besondere


Sache Von Inhalt und Charakter der Presse Aufklä
-
.

rung waren bestimmt die Kundgebungen der Aka


demien und Parlamente der Laien und Priester
,

schaften während des Krieges Der Eintritt Italiens


,
.

Rumäniens Amerikas den Krieg wurde durch die


in
,

Presse vermittelt Die Presse peitschte hier


zu

letzten
.

Kraftanstrengungen auf und schlug dort dem Soldaten


Eberle
Dr

Großmacht Presse
,
.

.
18 Kapitei I. Presse einst und jetzt .

das Gewehr aus der Hand . Der Krieg ist, wie


Kardinal Mercier auf seiner Rundreise in Amerika
sagte , von der Entente durch die Presse ge
wonnen worden .
Nach dem Krieg ist es möglich , ruhig einer Reihe
Fragen Tatsachen auf den Grund zu gehen . Die
und
Presse , ihr Berichten , Deuten , Verschweigen bleibt aber
bestimmender für alle Auffassungen von Volk und
Volksführern als alle amtlichen Urkunden , als alle
wissenschaftlichen Darlegungen . Die Farbbücher der
einzelnen Regierungen ; das österreichische Dossier ,
mit dem die einstige Regierung der Donaumonarchie
ihr scharfes Auftreten gegen Serbien rechtfertigt ; die
Darlegungen neutraler Völkerrechtslehrer über das
relative Recht des deutschen Durchbruchs durch Bel
gien -- wie wenigen Menschen sind sie bekannt und
interessant ! Und selbst wenn sie und alle möglichen
andern Urkunden : alle Bücher von Foch , French
Ludendorff , Bethmann , Czernin bekannt sind , werden
sie den breiten Massen anders mundgerecht als in
den verschiedenen Farben der je nach der Partei
stellung lobenden oder verfluchenden Presse ?
Allü berall, vor, in und seit dem Krieg
sind die Massen mehr oder weniger nur
Sprachrohr ihres Leibblattes . Und nicht nur
die Massen . Je nachdem die württembergischen Rechts
anwälte Leser des Stuttgarter Deutschen Volksblattes
oder der Stuttgarter Süddeutschen Zeitung sind ,
sind sie Freunde oder Todfeinde von Erzberger . Ein
Zeitungskenner Vernunft kann in Wien nach einer
von
halben Stunde Gespräch jedem Wiener sagen , ob er
Reichspost ., Tagblatt - , Tag - oder Neue Freie
ist

Presse -Leser Selbst höhere Prälaten Roms selbst


,
.

die slawischen Bischöfe selbst die Kardinäle Amette


,

und Mercier zeigen sich von der herrschenden Presse


ihrer Nationen mehr bestimmt als ihnen vielleicht
,

selbst bewußt ist


.
Kapitel I. Presse einst und jetzt . 19

Die Macht der Presse kann nicht hoch genug


angeschlagen werden . Napoleon I. sprach angesichts
Görres von der Großmacht Presse ; heute ist sie
schlechthin Weltmacht . Größer als der Einfluß der
Priester und Gelehrten ist der Einfluß der Journalisten .
Sie reißen Gedankenwelten nieder und bauen nepe
auf. Tausend Zeitungsaufsätze in hundert Blättern
können voller Verachtung begegnen ; monatelang ,
jahrelang kann eine Zeitung tauben Ohren
predigen ; auf die Dauer wird derkulturelle
Grundgeist der Presse sich durchsetzen ;
nur erlesenste Köpfe werden sich ihm ent
ziehen . Der Ministerpräsident Combes
ehemalige
erklärte gelegentlich , der katholischen Kirche in Frank
reich seien drei Viertel ihrer Anhänger durch die
Arbeit der Presse abwendig gemacht worden . Burke
sagte , im englischen Parlament seien drei Stände ;
wichtiger als diese aber sei der vierte Stand auf der
Reportergalerie ; wichtiger , weil mächtiger . Ein eng
lischer Geistlicher tat den Ausspruch : Wenn in Eng
land die Bibel etwas behauptete und die Times
sagten das Gegenteil , so würden von 510 Personen
500 der Times Glauben schenken .
Wollt Ihr noch etliche Worte bekannter Autoritäten
über die Bedeutung und Macht der heutigen Presse ?
Carlyle : Die wahre Kirche von England besteht
zur Zeit aus den Herausgebern der Zeitungen , die
wöchentlich und täglich dem Volke predigen . 3)
v . Schäffle : Die Rednerbühne , die Kanzel , der
ein

Katheder erreichen weder großes Publikum


so

,
ihr

faß
so so

so

so

noch kleineres regelmäßig vielseitig


,

lich packend einschmeichelnd wie die Tages


so
,

,
Sie

die mächtigste Kraft der


ist

presse unstreitig
.

täglichen geistigen Erregung und Beschwichtigung des


für

sozialen Körpers allen seinen Teilen alle Gegen


in

stände seiner Erkenntnis seiner Wertschätzung und


,

seines Strebens
1
)
.

*
2
20 Kapitel 1. Presse einst und jetzt .

Rosegger : Zeitungspresse , du bist der Kanzel


redner , der große Prediger unserer Zeit. Die Worte ,
die du jetzt so leidenschaftlich hervorstoßest, hallen
in wenigen Stunden durch das ganze Land . Du pre
digst in den Wirtshäusern , in den Kaffeehäusern , in den
Straßenwagen , auf den Eisenbahnen , in den Privat
häusern und mächtig auf allen Marktplätzen . Wo
ihrer mehrere beisammen sind , bist du mitten unter
ihnen und predigst . Und nicht wie auf der Kanzel
verhallt dein Wort , kaum es gesprochen ist . Was im
Gedächtnis des gierigen Lesers nicht haften bleibt,
das haftet auf dem Papier , und wer es nur anschaut,
dem predigt es fort und fort. So rufst du Tag für
Tag - ohne Rast und Ruh !" 5)
Kapitel II.

Moderne Publizität und ewige


Ideen .
Als 1781 Kaiser Joseph II. Preſfreiheit gab ,
um sie 1783 wieder aufzuheben , rechnete ein Wiener
Mathematiker die Originaldummheit der Wiener vor
1781 und nachher im Gewicht aus . Resultat : An
fänglich beträgt die Originaldummheit der Wiener
nicht mehr als 36 Zentner . Dazu aber kommt an
Mutterwitz durch Vermischung mit Männern und
Töchtern fremder Nationen 8 Zentner ; ferner durch
eigene Bemühung erstudierte Aufklärung 4 Zentner .
Diese beiden Summen von der obigen abgezogen
ergibt als Reserve in Dummheit 24 Zentner . Hin
gegen sind seit der Preßfreiheit an neuer Dummheit
hinzugekommen 247 Zentner . Demnach hatte sich
die Wiener Dummheit vermehrt um 235 Zentner . "
(Herold Trockendorfers verlorene Briefe an
einen Landsmann in Sachsen über die Auf
klärung in Wien 1785. )

1 . Die geschichtlichen Voraussetzungen der freien


Presse .
Das Hauptmerkmal der neueren Presse ist das
freie Wort und das Bestreben absoluter Aufklärung .
ist
sie

Nach solchen Wesenseigenschaften wie schon


,

angedeutet der Hauptsache nach eine Frucht der


,

demokratisch liberalistischen Volksbewegungen Mitte


-

um

bis Mitte des gröbste


18

Jahrhunderts
19

des
.

Umrisse anzugeben
.

Lange Jahrhunderte lebten Volk und Fürsten


in

Eintracht Nicht als Friede auf Erden gewesen


ob
.

wäre oft kam der blutige Krieg nimmer zum Still


,
22 Kapitel II. Moderne Publizität und ewige Ideen .

stand ; aber die Könige teilten das Los ihrer Unter


tanen und das Gedeihen ihrer Völker war ihnen Her
zenssache . Sie kannten Luxus, lebten in Schönheit ,
hielten sich nicht frei von Menschlichem , Allzumensch
lichem ; nur verzehrende Blutsauger und Ver
schwender, anbetungssüchtige Halbgötter , grausame
Despoten waren sie nicht .
Zu dem aber hatten manche sich entwickelt , seit
dem mit der Renaissance nicht nur Gedanken der
Humanität , sondern auch heidnischer Frevelsinn
wieder aufgelebt waren . Denkt an Ludwig XIV ., seine
Standesgenossen , seine Nachfolger , seine Nachahmer .
est

L ' état c ' moi lautet das Credo des Sonnenkönigs

;
tel

est notre plaisir ist sein oberster Regierungsgrund


satz Da verschenken Montespans Staatsgelder und
.

verdorbene Bettschätze Da richten die Pom


an

Amter
-

padours parc aux cerfs ein Da macht die russische


den
.

der Hauptsache nach

im
Elisabeth deren Leben
, ,

Schlafen Buhlen Vor dem Spiegel Stehen und Brannt


,

, , -

-
zu

weintrinken sich erschöpft Bauern Feldmarschällen zu


und Akademieprofessoren Kammerdiener Grafen
und Kammerherrn Da verkaufen Herren von Württem
.

berg Hessen und Gotha die eigenen Landeskinder


,

-
Regimenter Soldaten ums Geld wie eine Herde Vieh
,

zum Abschlachten
.

Auch die Kirche ist sich ihrer großen Kultur


mission stellenweise nicht mehr bewußt Wo ihre
.

Diener weltliche Herrscher sind zeigen sie sich vom


,

Zeitgeist angesteckt Da kommt geist


ein

vor daß
es

,
.

licher Fürst Weiberjagden einem Lande veranstaltet


in

Da stellt sich der Kardinal Rohan Halsbandprozeß


im

blutig bloß Da hat die Predigt des Kölner Kurfürsten


.

Klemens gelegentlich nur zwei Worte Zum April


;
:

und unter Jagdhörner und Trompetenschall steigt


er
-

von der Kanzel


.

Wo die Regierenden persönlich der Entartung fern


ist

bleiben doch der allgemein ausgeübte unbe


,
Kapitel II. Moderne Publizität und ewige Ideen . 23

schränkte Absolutismus der Regierungsformen die


Quelle zahlreicher Übel. Das Fehlen jeglicher öffent
licher Überwachung begünstigt Korruption im Ver

für
waltungsleben und in der Rechtsprechung. Der
den Schulunterricht gehandhabte Grundsatz Non tanta

:
instruzione non tanta instruzione insegnare meno

il
,

-
possibile nicht viel sondern möglichst wenig

zu

,
(

Unterricht scheint zwar die sklavenmäßige Untertänig


!)

keit der Massen sicherzustellen der Analphabetismus

;
unterbindet aber auch alle seelische Erhebung alles gei

,
stige Wachstum Das Willkürwesen einer allmächtigen
.

Polizei die auf Schritt und Tritt die persönliche Freiheit


,

und Sicherheit Recht und Eigentum bedroht und ver


,

-
.
gewaltigt legt unerträgliche Lasten auf das Leben der
,

Gesellschaft
.

Hiegegen mußte Volksgenius und Volksgewissen


sich auflehnen Rachezorn mußte den Besten ent
in
.

brennen und blutigen Aufständen mußte das belei


in

digte Volk sich Sühne verschaffen und Freiheit er


kämpfen Erst lagen die großen Massen Schlaf
in
.

und Gleichgültigkeit
sie
stumpfsinnig nahmen das
;

aufgepeitscht
sie

Sklavenlos Wie anders konnten


hin
,
.
ein

wie anders als Herz und eine Seele gegen böse


Zustände zur Gegenwehr gebracht werden als dadurch
,

daß die erlesenen Volkssöhne ihren Groll ihr Zwei


,

feln Fragen und Planen ihr Meinen von Kirche und


,

Staat großen Zügen die Volksseele warfen


in

in

?
sie

Als dadurch daß alle Welt ins grelle Licht der


,

Aufklärung stellten auf daß der Herrscher Sünden und


,

der Kirche Fehler noch ins Auge des letzten Köhlers


stächen
?

die

Als Hauptmittel hiezu aber wurde freie Presse


die
um

Grundvoraussetzung
sie

um

erkannt und wie


der ganzen Volksbewegung gestritten Aus solcher
.

geschichtlichen Lage heraus erhellen sich Worte


,

wie die des jüngeren Görres Die Zeitungen sollen


:

als Tribunen die große Mehrheit vertreten sollen der


,
24 Kapitel II. Moderne Publizität und ewige Ideen .

Mund des Volkes, das Ohr des Fürsten sein . Was


alle wünschen und verlangen , soll in ihnen ausge
sprochen werden ; was alle drückt und plagt , darf
nicht verhohlen bleiben . Einer muß sein , der da die
Wahrheit zu sprechen verbunden ist, unumwunden ,
ohne Vorbehalt und Hindernis . Denn nicht geduldet ,
nein , geboten muß die Freimütigkeit in guter Verfas
sung sein . Darum sollen die Zeitungen ihr Recht sich
nehmen und die Regierungen und jene , die zu Auf
sehern gesetzt sind , sollen es nicht verwehren . . .
Elende Minister widersetzen sich der Preßfreiheit aus
demselben Grund , aus welchem Freudenmädchen die
Straßenbeleuchtung hassen . 1)
Als Werk einer extremen Bewegung gegen extreme
Zustände ist die aufklärerische, frei räsonierende Presse
ihren Hauptzügen nach gestaltet worden . Die Not
de'r Zeit bestimmte ihre Grundsätze, die Ziele
des Augenblickes regelten ihre Aufgaben .
dermaßen Bedingtes
Aber läßt sich zeitgeschichtlich
verabsolutieren ? Haben die aiten Bestrebungen , der
alte Aufgabenkreis : freie Behandlung aller Fragen von
,
Wissenschaft Kirche und Staat , uneingeschränkte Per
sonalia - Aufklärung usw . auch unter völlig veränderten
Verhältnissen Geltung ? Rechtfertigen sich die solcher
maßen gewordenen Pressegrundsätze absolute im
Lichte der ewigen Ideen , des berufenen , vor allem
des christlichen Denkens ? Rechtfertigen sie sich
namentlich auch dann noch , wenn sie gleich
sam gesteigert , nach allen Richtungen weiter
entwickelt worden sind , und wenn eine ganze
Wunderwelt moderner Technik aufgeboten
wird , ihre Kraft und Tragweite zu verta u
sendfachen ?
die Voraussetzungen
Sind und geistigen Grund
lagen der größten Macht unserer Tage schlecht
bin gesunde ? Die Fragen muß jeder stellen , der
über die Tagespresse schreiben will . - - Deshalb sollen
Kapitel II . Moderne Publizität und ewige Ideen . 25

die
im folgenden wenigstens Hauptpunkte behandelt
werden

.
Verfehlte Aufklärungsgrundsätze der Presse

in
2
.

kultureller Hinsicht

.
Bestimmt von den mit den Jahren immer mehr
gepflegten und gefeierten Aufklärungsgedanken hat

,
die moderne Zeitung sich die Behandlung der

a
.
.
Wissenschafts und Weltanschauungsfragen zur Auf
. -

gabe gemacht Sie begnügt sich dabei nicht mit der


Mitteilung sicherer Ergebnisse fester Tatsachen sie

,
auch die Welt der Hypothesen

es
ob
erschließt sich

,
oder Heinebiographien
um

um
nun Pentateuch

,
Haeckels Welträtsel oder das ausgegrabene Pompeji
handelt Die ganze Wissenschaft mit ihrem Scharteken
.

gestöber und ihren Experimentierkolben und flaschen

-
wird gleichsam auf den Markt getragen als Gabe
für das Publikum
.

. ist

Aber die Wissenschaft doch nicht für alle denn


non omnes possumus omnia Das gilt sonst für selbst ;

ins
verständlich Nichtschwimmer wirft man nicht
.

Meer Kinder läßt man nicht über die Schubladen der


,

Apotheke Weiber und Greise werden vom Schlachtfeld


,

zurückgehalten der Schuster bleibt bei seinem Leisten


,

und hütet sich wohl dem Flaschner und Müller ins Hand
,

werk pfuschen
zu

Und nur gegenüber dem Allerschwierigsten sollten


alle Geländer und Abstände verschwinden Auch der
?

Feldwebel und das Stubenmädchen dürften dort


Hörer und Wisser sein wo das Genie oder das Talent
,

seine Eindrücke verarbeitet


?

Unmöglich Es ist schlechthin verfehlt die breiten


,
!
zu

Volksmassen den Mitwissern der höheren Forschung


Nicht weil ihnen die Wahrheit
zu

machen wollen
,
.

vorenthalten die Denkfreiheit geschmälert werden


,

sollte Aber gibt Gedanken die nur feine Ohren


es

in
,
.

ist

schlüpfen und wirkliche Denkfreiheit nur dort


,

,
26 Kapitel II. Moderne Publizität und ewige Ideen.

wo Bildung . Der Handwerker und Krämer und viele


höher Gestellte haben unmöglich jenes Auffassungs
vermögen ,
jene geistige Weite und Helle , jene logische
Kraft , die der Auserlesene in langer Vorbereitungs
,
arbeit in schweigsamer Entsagung und gesammelter
Seelenschulung sich aneignen muß und die notwendig
sind , um in Sachen der Deutung und Weiterbildung
philosophischer oder naturwissenschaftlicher Wahr
heiten einigermaßen mitreden bzw . mithören zu können .
Wieviel Sprachkenntnis und theologische Schulung,
wieviel Geschichtskunde und wieviel sittliche Er
ziehung sind nicht erforderlich , um einer Bibelfrage
verständnisvoll näherzutreten ? Die Geschichte kennt
eine Reihe Fragen : Inquisition , Jesuiten , Ablaß ,
Galiläi, Tilly, Friedrich II. usw ., zu deren Verständnis
selbst Hochgebildete nicht vordringen . Wird 's die
Menge mit ihrer Beschränktheit und ihrer Unduldsam
keit ? Und kann sie es in der ihr zur Verfügung ste
henden Zeit ? Die Zeitung schreibt aus dem Tag für
den Tag , oft nur für den halben oder etliche Stunden ,
denn schon in kürzester Zeit wird die alte von einer
sie

neuen Nummer abgelöst . Und wird erwiesener


gelesen Glas Bier
im
maßen beim Kaffee beim
,

Wirtshauslärm oder nach der Tagesarbeit vor der


Nachtruhe Ist damit nicht schon zum voraus der
.

Weg Geistesfragen verschlossen schickt


Ja
zu

,
?

Cham
zu

sich auch nur etwa das Christusproblem


pagnerflaschen Pentateuchfrage
Kaffee mit
zu

die
,

Schlagsahne
ein

Platons
zu

Problem Weißwürsten
,

mit Sauerkraut Ist nicht wie böser Hohn aufs


es
?

Geistesleben wenn seine Inhalte gerade gut genug


,

dünken als literarischer Nachtisch zum Diner oder


, ,

Souper als Abspannungs Zerstreuungs oder gar


-,

Einschläferungsmittel
zu

dienen
?

Nein wo immer die Zeit das besondere Talent


,

und die bestimmte große Summe vorbereitender Bildung


ein

fehlen zeigt sich erfahrungsgemäß immer gewisser


,
Kapitel II. Moderne Publizität und ewige Ideen . 27

plumper Radikalismus , ein täppisches Geradezu ,


eine bedenkliche Vergröberung feinster Fragestellungen
und Wahrheiten ,

ein
verwegenes Messen und Wägen
aus einem Gesichtskreis heraus dem statt tausend

in
,
nur zehn Tatsachen verarbeitet sind und der eben

,
volles Mißver

ein
So
deshalb irreführend ist dann

.
stehen statt des Fortschrittes bedenklicher Rückschritt
,

, .
Schließlich bei der Unfähigkeit der Massen
,

Hypothese und sicheres Ergebnis Modewissenschaft

,
zu
und ewige Weisheit entsprechend werten volle

,
Verwirrung des Urteils langsam kommen die festen
, :

Ideen und Grundsätze die eine bestimmte Kultur


vielleicht jahrhundertelanger Erziehungsarbeit
in

in
der Menschenbrust festgehämmert ins Wanken

.
An Stelle der Stete tritt der Wechsel

an
Stelle der

,
ewigen festen Wahrheit treten die flutenden Mei
nungen des Tages
.

Es sind die von unserer modernen Großpresse ge


fütterten Menschen Hinblick auf deren Geschmack
im
,

losigkeit Harnack einmal schrieb Wenn zwei oder


:

drei freie Kosacken über das Studium des Urchristen


tums geraten und ein paar Aufsätze schreiben kann
,

man sicher sein daß diese Mindestfordernden und


,

Mindestbietenden den ganzen Trott der deutschen


Es

Bildung hinter sich herziehen werden sind die


)
.

Zöglinge unserer Presse Hinblick auf deren geistige


im
,

Verbildung und Haltlosigkeit Paulsen einst erklärte


:
ist

Bald hier bald dort erschallt der Ruf Hier der


,

Heiland der Wunderdoktor der alle Übel der kranken


,

Zeit heilt Und alsdann rennen Tausende hinaus ihn


, .

und verkünden
zu

sehen allen Blättern Siehe


in

wir haben ihn gefunden Aber nach kurzer Zeit hat


!

sich der Haufe wieder verlaufen und niemand weiß


mehr davon
.
.)

Und wenn nur bei der Verwirrung und Ver


es

giftung des Volksurteils bliebe Aber gesellt sich


es
.

Bildungswahn bei der Menge und


zu

ihnen falscher
28 Kapitel .
II Moderne Publizität und ewige Ideen .

zuletzt Sinken der Achtung vor Wissenschaft und


höherem Geistesleben überhaupt. Es ist klar , daß
was auch Triefaugen und stumpfem Empfinden vor
gelegt wird , auf die Dauer sein Ansehen nicht wahrt.
Wenn heute über mangelnde Achtung vor der Wissen
schaft geklagt wird , wenn der Geistesmann , ehedem
eine Weltmacht , zur unbeachteten Figur geworden
ist ; wenn ein v . Amira klagen muß : Um noch je
manden Eindruck zu machen , müsse der Gelehrte
schon einen Titel führen , der womöglich etwas anderes
besage , als er wirklich sei , so liegt der Grund hievon
unter anderem auch darin , daß die heutige Großpresse
durch ihre Methode jedem Handelsreisenden und
Friseurgehilfen eingeredet hat , er sei befähigt , an den
Einzelgütern des höchsten Geisteslebens teilzunehmen .
die

Tatsächlich waren Großen aller Zeiten Be


kämpfer von Aufklärungsbestrebungen wie sie heute
,
stärker als vermöge und der Presse wieder lebendig
je

in

geworden
.

Der alte Pythagoras schied sein Publikum

in
Esoteriker bei denen eine gewisse intellektuell aszetische
,

Bildung vorausgesetzt war und die alle Lehren ein


in

geführt wurden und Exoteriker die mangels gleicher


in
,

Vorbedingungen nur gewisse allgemeine Lehren hören


zu

die

bekamen Bekannt ist Platons Kampf gegen


.

Popularisierer seiner Zeit Die Gefährlichkeit der


.

gelegentlich also Weis


er

Presse beschrieb Von der


:

heit bringst deinen Lehrlingen nur den Schein bei


du

nicht die Sache selbst Denn indem sie nun vieles


,
.

gehört haben ohne Unterricht werden sie auch


,
zu da

vielwissend dünken unwissend


zu

sein sie doch


,

größtenteils sind und schwer behandeln nachdem


,

sie dünkelweise geworden statt weise


,

.
-)

Auf ähnliche Grundsätze war und ist von Haus aus


.

die Aufklärungsarbeit der Kirche aufgebaut die Wissen


:

schaft den Berufenen der Menge nur die festen Er


,
Kapitel II. Moderne Publizität und ewige Ideen . 29

gebnisse . Der Menge nur die großen Leitgedanken für


Leben und Sterben und ein dem Bildungsgrad ent
sprechend abgemessenes Sonderwissen ! Man kann nicht
sagen , die Kirche habe die Menschenseele gering ge
achtet . Das ist ausgeschlossen bei einem Glaubens
bekenntnis mit dem Satz : , Was nützt es dem Menschen ,
wenn er die ganze Welt gewinnt , aber an seiner Seele
Schaden leidet, und bei einer Organisation mit hero
ischer Volks - und Heidenmission . Aber die Kirche
betont mit tiefer Menschenkenntnis den Unterschied der
Begabungen , hält am Gesetz der Arbeitsteilung fest .
Die Kirche verhilft dem Wissensfähigen zu allen
Mitteln der Ausbildung , dem Unberufenen freilich sagt
sie wie Hieronymus zu Vigilantius : Du hast von
Kindheit an etwas anderes gelernt , bist an eine andere
Lebensbestimmung gewöhnt worden . Derselbe Mensch ,
der die Goldstücke prüft , kann nicht zugleich die Heilige
Schrift prüfen , und wer sich mit dem Weinkosten ab
gibt, kann nicht die Propheten und Apostel verstehen . 5)
Die Kirche sagt : Die neuere Aufklärerei beruht
auf Verkennung des ursprünglichen Charakters der
Menschennatur;
sie

hält den Menschen für von


Haus aus gut und gescheit für vorurteilslos und nach
,

jedem Stück Wahrheit mit Sehnsucht verlangend Dem


.

gegenüber steht die Tatsache der Erbsünde und der


Erbsündefolgen Darnach
ist

des unerlösten Menschen


:

Vernunft verdunkelt ist sein Wille geschwächt geht


zu ,

sein Streben nur leicht aufs Böse und Niedere


,
zu

wird ihm auch das Wissen nur leicht zum Vorwand


der Verneinung zur Einbruchswaffe zur Diebslaterne
,

viel wichtiger die Erziehung denn bloße


ist

Daher
,

Aufklärung
Die Kirche sagt Die neuere Aufklärerei beruht
:

auf Verkennung der Aufgabe des Menschen


.

Nicht der Wisser vor allem ist das Ziel sondern der
,

Charakter der tüchtige Berufsmensch Wenig Ausge


,

.
für
ist

wähltes aber des letzteren Heranziehung viel


30 Kapitel ll. Moderne Publizität und ewige Ideen .

dienlicher als das ungesichtete Vielerlei. Die übliche


Aufklärung züchtet nur Hamlets , Blasierte , tatscheue
Sprüchemacher am Wirtshaustisch . Tiroler Bauern , die

nur ihre Landwirtschaft verstehen und sich im übrigen an


den Katechismus halten , werden immer nicht nur
weisere , sondern auch tüchtigere Menschen sein , als
jene Bauern die noch lieber als den Katechismus
Konversationslexika und Zeitungen haben .
Auch Denker außerhalb der Kirche sind Auf
klärungsfeinde . Von Kant, von Goethe , Schiller , La
garde ist es zu bekannt, als daß Belege notwendig
wären . Sie alle empfinden die sittlichen Vorausset
zungen und die geistigen Vorbedingungen wirklicher
Belehrung viel zu stark , um nicht die übliche Auf
klärung mit ihrer Voraussetzungslosigkeit , ihrem
Vielerlei , ihrer Massenschmeichelei als verkehrt zu emp
finden . Herder sagt : Aufklären heißt nicht bilden ; alle
verfehlen nicht allein ,

sie
Aufklärungsanstalten ver
nichten den letzten Zweck aller Bildung Menschheit

:
und Glückseligkeit Nietzsche aber meinte Wozu
.

:
diese auf die Breite gegründete Volksbildung und Volks
aufklärung Weil der echte deutsche Geist gehabt
?

wird weil man die großen Einzelnen dadurch zur Selbst


,

verbannung treiben will daß man bei vielen die Bil


,

dungsprätension pflanzt und nährt weil man der


,

strengen und harten Zucht der großen Führer damit


sie

entlaufen sucht daß man der Masse einredet


zu

werde schon selbst den Weg finden Ich habe


.
.

mich längst gewöhnt alle die vorsichtig anzusehen


,

welche eifrig für die sogenannte Volksbildung wie


,
sie

gemeinhin verstanden wird sprechen denn zumeist


,

:
sie

wollen bewußt oder unbewußt bei den allgemeinen


,

,
für

Saturnalien der Barbarei sich selbst die fessellose


,

Freiheit die ihnen die wahre Naturordnung nie ge


,

währen wird sie sind zum Dienen zum Gehorchen


;

geboren und jeder Augenblick dem ihre kriechenden


in
,

oder stelzfüßigen oder flügellahmen Gedanken Tä


in
Kapitel 11 . Moderne Publizität und ewige Ideen . 31

tigkeit sind , bestätigt , aus welchem

sie
Ton die Natur

sie
formte und welches Fabrikzeichen diesem Ton auf
gebrannt hat Also nicht Bildung der Masse kann unser

.
Ziel sein sondern Bildung der einzelnen ausgelesenen
,

,
für große und bleibende Werke ausgerüsteten Menschen

.
Wir wissen nun einmal daß eine gerechte Nachwelt

,
den gesamten Bildungsstand eines Volkes nur ganz
allein nach jenen großen schreitenden Helden
einsam

,
einer Zeit beurteilen und nach der Art wie diese

je

, ,
erkannt gefördert geehrt oder sekretiert mißhandelt
,

oder zerstört worden sind ihre Stimme abgeben

,
wird
6
)
.

Dieser selbe Nietzsche hat auch mit gutem Natur


empfinden geahnt welcher Richtung sich die wahre
in
,

Sorge für die Massenbildung betätigen hätte


zu
Dem

,,

,
:
was man Volksbildung nennt ist auf direktem Weg
,

nicht beizukommen die eigentlich tieferen Regionen

,
:

die

denen sich überhaupt große Masse mit der Bil


in

In
dung berührt dort wo das Volk seine religiösen
, , , ,

stinkte hegt wo mythischen Bildern


an
es

seinen
es

weiterdichtet wo seiner Sitte seinem Recht seinem


,

Heimatboden seiner Sprache Treue bewahrt alle diese


,

Regionen sind auf direktem Weg kaum und jedenfalls


nur durch zerstörende Gewaltsamkeiten erreichen
zu

und diesen ernsten Dingen die Volksbildung wahrhaft


in

fördern heißt eben nur soviel als diese zerstörenden


,

Gewaltsamkeiten abzuwehren und jenes heilsame Un


zu

bewußtsein jenes Sich Gesundschlafen des Volkes


, ,

unterhalten ohne welche Gegenwirkung ohne welches


,

Heilmittel keine Kultur bei der aufzehrenden Spannung


,

und Erregung ihrer Wirkungen bestehen kann


,

Verfehlte Aufklärungsgrundsätze der Presse


in
3
.

politischer Hinsicht
.
sie ist

Die freie Zeitung eine Frucht der politischen


Demokratie Insofern Trägerin und Stütze des
.

freien politischen Räsonnements ist ist sie


,
32 Kapitel II. Moderne Publizität und ewige Ideen .

zugleich stärkste Trägerin der Demokratie , tiefstes Aus


leben der Demokratie .
Aber ist die Demokratie das gegebene Ideal ?
Die Tiefsten aller Zeiten empfanden aristokratisch :
,,Die tausend im Volke wiegt

ein
einziger auf dem Zeus

,
ist
vor andern geneigt ist ein Bekenntnis Homers

.
Das Staatsideal Platons ist ein durch und durch aristo
kratisches Die Grundbedingung des tüchtigen Staats
.
wesens ist für ihn die Herrschaft der Philosophie bzw

. .
der Philosophen der vollkommen Sachverständigen
=
Uneingeschränkt führen sie die Herrschaft über die
Massen deren Verstand für Philosophie und deren Pflege
,

ist
nicht eingerichtet ist Es bedeutsam daß die beiden

,
.

größten Persönlichkeiten des Altertums Plato wie

,
Augustinus auch die waren welche dem Einzelindivi
,

,
duum die größte Bindung Wort und Tat
in auf
erlegten Nicht durch die freie Rede eines jeden über
.

jedes fanden sie das Heil des öffentlichen Lebens


gesichert sondern durch die unbedingte Herrschaft
,

des geklärten der übereinstimmenden Überzeugung


,

erlauchter Köpfe entsprungenen Gedankens Nur dem


.
Auserlesenen der mit Vergil durch das ganze Reich
,

des Wissens gewandert ist und sich


im

Glauben ins
Paradies schwang ist von Dante das Recht auf eigene
,

Meinung zugesichert Thomas von Aquin ist der stärkste


.

Betoner der moralischen Gleichheit aller Menschen


vor Gott betont aber ebenso stark die Ungleichheit
er
;

der menschlichen Begabungen und Kompetenzen die


,

Berufung der einen zum Führen der andern zum Ge


,

führt werden
.

Auch führende Denker der neueren Zeit bean


spruchen bald positiv bald negativ ausdrückend
es

die Leitung Staat für Geistes Aristokraten


im

für ,
-

für das weise Erkennen Comte sieht das Vorbild


.

Staatsverfassungen der hierarchischen Gliederung


in

der christlichen Kirche wo der Autorität der Erlesenen


,

und Begnadeten der demütige Gehorsam der Vielen


Kapitel II. Moderne Publizität und ewige Ideen . 33

entspricht , wo das Wirken ausgeht vom Gedanken


Christi : Nicht ihr habt Mich erwählt, sondern

Ich
habe euch erwählt wo Bedenklichen unter Um

;
ständen mit dem Heiland gesagt wird Wollt auch

:
ihr gehen

"
?
Goethe meinte Die Menge ist wohl Täglichen

im
:
ganz verständig sie sieht aber selten weiter als auf

,
Morgen der Révolution française von Thiers
In
)
--
.

stehen die Sätze que élite une nation qui


Il
y
n

d
a
:

'

l'

'
soit sensible gloire liberté aux idées nobles
la

la
,

,
à

à
généreuses qui consente leur faire des sacri
et

et
,

à
fices La masse veut repos du
demande faire les

et
,

à
.

moins de sacrifices possible Nur die Auslese eines

(
Volkes ist empfänglich für Ruhm Freiheit für hohe .

,
sie
und großmütige Gedanken nur ist geneigt dafür
;

,
Opfer bringen Die Menge will Ruhe haben und best
zu

möglich ohne Opfer auskommen Schopenhauer


.)
-
erklärte Die Masse hat Augen und Ohren aber blut
,
:

wenig Urteilskraft und selbst wenig Gedächtnis

)
.*
Für Männer wie De Maistre Balmes Donoso
,

,
, ist

Cortes Görres Hertling nicht die Demokratie das


,

auf allgemeines Wahlrecht Parlamentarismus Mehr ,


,

heitsprinzip aufgebaute Regierungssystem also das


,

Regieren lediglich von unten hinauf das Ideal son


,

dern das Regieren von oben herunter die durch


,

Rat und Kontrolle ausgewählter Männer bestimmte ge


mäßigte Monarchie Die Frage und ihre Lösung sind
.

tiefsten Grunde dieselbe wie vorhin Auch die Po


im

litik ist höhere Wissenschaft als solche etwas Herr


;

liches der Hand der Berufenen etwas Zerschun


im in

denes Umtrieb der Menge


.

Die politische Presse legt den Schwerpunkt


freie
die

Massen gibt ihnen die Autorität entnimmt


,
,
in

ihnen die Wertmaßstäbe Sie appelliert von den Regierern


.

ans Volk ruft dieses zum Überwachen und Beurteilen


,

zum Loben und Verdammen auf


.
Dr

Eberle Großmacht Presse


,
.

.
34 Kapitel II . Moderne Publizität und ewige Ideen .

Die Folge ist naturgemäß große Gefahr für Volk


und Regierung . Das Ergebnis

ist
ödes Räsonieren und
Richten über Staat und Kirche bei jenen die kaum

,
ihrer Familie Ordnung halten kaum mit ihrem

zu
in

,
Hausgesinde auszukommen verstehen Ist Er

so
.
schütterung der gesunden Ehrfurcht der gesunden Ach

,
tung vor der Autorität also Erschütterung der

,
Grundlagen gesunder Staatswesen Ein tiefer Denker

.
hat dieser Hinsicht einmal mit Recht gesagt
in

:
Es gibt einen doppelten Gehorsam den formellen

,
und den naiven Jener gehorcht aus Überzeugung und
.

wird stets das Vorrecht weniger Bevorzugter bleiben

;
dieser muß der Gehorsam der Massen bleiben wenn

,
die Ordnung erhalten werden soll Der dunkle Trieb

als ist
des Instinktes die unbewußt gehegte Sitte fast
,

immer gewaltiger spröder und ausschließender das


,

bewußte Begreifen Die Sitte dauert Jahrhunderte

,
.

Ich
die Überzeugungen wechseln schneller behaupte
.
ist

daher kühn ein Regiment gar nicht mehr möglich

,
:

wo kein Grundstock naiven Gehorsams mehr Volke

im
sitzt Augenblick wo das ganze Volk Zei
In

dem
,
.

tungen lesen wird hat die Stunde der roten Republik


,

und der anarchischen Straßenkämpfe geschlagen


9
.
Und wo die Zeitungen gar alles Maß und Ziel )
aus den Augen verlieren wo Journalisten
zu

Thronen
,

emporrufen wie einst Bertin der Inhaber des Journal


,

des Débats des Königs Karl Ich bin


zu

dem
,
X

's
.:

sich nur
es

der dieses Ministerium gemacht hat Daß


.

ich

gut gegen mich benehme sonst werde mich seiner


,

entledigen wie ich mit dem andern getan habe


,

,
's

wo Journalisten Staatsmännern zuschreien wie einst


,

Kuranda von der Wiener Presse dem Minister


Schmerling Was wäre denn Schmerling wenn wir
,
:

nicht wären Schmerling ist nichts wir müssen ihn


;

halten wo Zeitungen von Fürsten reden wie von


,
"
')

Examenskandidaten von Ministern wie von Schul


,

knaben von Gesetzen wie von Nebensächlichkeiten


,
Kapitel II. Moderne Publizität und ewige Ideen . 35

oder strafbaren Dingen da werden nicht nur


Staatsgrundlagen bedrohende Räsoneure , sondern die
Regierung lähmende und mit der Zeit vernichtende
Aufrührer gezeitigt .
Kein Staat ohne Autorität, keine Autorität ohne

die
größte Schranken für Kritik Wenn die alten Fürsten

.
Luxus und Pomp und feierliche Zeremonien gehüllt
in

war weniger wegen

es
so
auftraten ihrer Person als
,

,
Sinnenfällige
Autorität möglichst
um

die
durch das
gewichtig und erhaben erscheinen lassen Aus dem

zu

. .
selben Grund ihr Schutz durch die Zensur Die Für
sten und Staatsführer sind dem Untergang geweiht

,
die dem freien Wort der freien Presse schutzlos frei
gegeben werden
.

Zwei Dinge machen das freie politische Wort und


Urteil der Presse besonders bedenklich das Fehlen jed

:
weder Überwachung und die Verantwortungslosigkeit

.
Die Presse bleibt ohne jede Aufsicht Jeder Er
zieher bedarf Namen des Volkes abgestempelter .
im

Zulassungs Urkunden vom Universitätsgelehrten bis


-

zum Dorfschulunterlehrer Sogar die Nonne braucht

,
.

's
die den Kleinkindergarten beaufsichtigt und die Kleinen
Sachsen Braun
im

Stricken und Nähen unterrichtet


In

,
.

schweig Mecklenburg und anderen Ländern sind noch


,

Ministerberatungen und Parlamentsdebatten nötig


,

katholischer Priester Lande predigen


im

wenn ein
oder Messe lesen will Nur das größte Institut die
,
.

erste Kanzel der Öffentlichkeit ist frei Jeder Tölpel


.

und jeder Lump darf hier Prophetengewand seine


im

Meinung abgeben
.

Und die Presse ist verantwortungslos Minister


.

und Abgeordnete müssen für ihre Tätigkeit Rede und


Antwort stehen und werden unter Umständen abge
sägt Herrscherhäuser die einen Krieg verlieren werden
; ,

,
.

vom Thron verjagt Kronprinzen die eine Dynastie


,

oder ein Land blobstellen werden ihrer Ansprüche


,

entkleidet jeder Spielbürger wird vom Nachbar beim


;
36 Kapitel II . Moderne Publizität und ewige Ideen .

Wort genommen , nur der Journalist bleibt verantwor


tungslos : Leichtfertige oder gewissenlose Journalisten
haben schon Revolutionen und Kriege vorbereitet und
direkt herbeigeführt, über ihr eigenes Volk oder
gebracht. Wären

sie
fremde Nationen Verwüstung

um
Könige gewesen man hätte ihnen einen Prozeß

,
den Kopf gemacht als Journalisten völlig

sie
blieben

die
unbehelligt und waren einzigen die ohne Schaden

,
aus dem allgemeinen Ruin hervorgingen den sie ver

,
ursacht hatten Ist nicht erstaunlich daß man eine
es

,
.

solche Willkürherrschaft einen solchen Despotismus

,
ohne den leisesten Versuch einer Auflehnung duldet

,
während man alle anderen Tyranneien leidenschaftlich
bekriegt
.9
?

für das freie politische über


so

Die heute warm

,
haupt das subjektive Räsonnement der Zeitung als
für etwas Selbstverständliches eintreten

, ,
können nicht oft genug darauf hingewiesen werden
wie lange Zeit nicht nur Staatsmänner sondern auch
,

Private und Zeitungsunternehmer selbst sich gegen


dasselbe wehrten
.

1695 schreibt Kaspar von Stieler der Jour


in
,

noch mehr als bei der Geschichtsschreibung


es

nalistik sei
verwerflich subjektive Urteile über die vorgehenden
,
zu

Dinge fällen Man lese die Zeitungen doch nicht


,
.
um

zu

Gelehrsamkeit und praktisches Urteil daraus


um

schöpfen sondern Tatsachen erfahren Das


zu
,

je

unzeitliche Richten der Zeitungsschreiber beweise


weils nur daß sie nicht viel Neues wüßten und nun
,

,
zu

um das Blatt füllen einen Senf von subjektiven


,

Phrasen darum und darüber machten Solche Praktik


.
sie

sei lächerlich denn sei Verirren aus jener Sphäre


,

außerhalb derer Straucheln und Sinken naturnot


wendig Die Herausgeber des Daily Courant des
,
3
.'
)

Petersburger Zeitung
. St

Wiener Diariums der


,

Beginn
18

erklären des Jahrhunderts ihre Idee


zu

,
Kapitel II . Moderne Publizität und ewige Ideen .

der Zeitung beschränke sich auf Berichterstattung und


schließe ein subjektives Urteil aus . Ja, noch am 11 . April
1847 schreibt Cotta , der damalige Verleger der All
gemeinen Zeitung an Zedlitz u . a ., er kenne keinen
Menschen unter Gottes Sonne, dessen Ansicht er

als
allgemeingültige honorieren und mit seinem Namen
der Welt verbreiten möchte Die Linie der Zeitung
in

.
müsse jede ausgesprochene Farbe seitens der Redaktion
ausschließen die Presse sei nicht berufen selbst
,

,
zu

Geschichte machen .
Etwas früher zeichnet Etienne Cabet
1840

in
,

,
Voyage
en
seinem Buch Icarie einen Idealstaat

,
Dort sind die Redakteure von ihren Mitbürgern ge
wählte öffentliche Beamte den Blättern haben
In
,

.
sie

nur Tatsachen mitzuteilen

zu
aber nie räsonieren
,

weil der Journalist genau wie jeder andere Bürger seine


Anschauung der Volksversammlung darlegen könne
in

.
die
gibt nur eine einzige große Zeitung National
es

Dort
,
zeitung übrigen nur Provinzial und Kommunal
im
, ,

blätter die sämtlich offiziell nichts als Tatsachen Ver


,

,
ordnungen Statistik und dergleichen enthalten Eine
,

PreBfreiheit wird nur da für notwendig


befunden Wo eine schlechte Verfassung
,

unendliche Mißbräuche begünstigt nicht


,

aber Lande der Freiheit


im

14
)
.

Die Demokratie kann zeitweilig als Geißel


ausgearteter Monarchien oder Aristokratien daseins
berechtigt und nützlich sein als grundsätzliche Dauer
;

einrichtung führt sie zumal großen Staaten mit


in
-

verwickelten Regierungsfragen immer zum Unheil


, .
ist

Nicht die Demokratie der Geschichte die Regel


in

sondern die Monarchie und Oligarchie Die Demokratie


.

schreitet ihrer Entwicklung vom kurzen Besitz des


in

Guten immer rasch zum Lauten und Außerlichen


In
.

den Wahlkämpfen der erbsündebehafteten Menschheit


haben die Redner vor den Wissern die Versprecher
,
38 Kapitel II . Moderne Publizität und ewige Ideen .

vor den Mahnern den Vorsprung . Nicht derjenige siegt


jeweils zuletzt , der die Massen über sie selbst hinaus
heben will zu ernsten Grundsätzen , sondern der, der
zu den Leidenschaften und Einseitigkeiten der Menge
heruntersteigt und sich zum bloßen Sprachrohr unge
klärter Massenwünsche macht. Wer die Persönlich
keiten , die im einstigen englischen Unterhaus oder in
der Frankfurter Paulskirche als Parlament zusammen
traten , an die Seite moderner Volksführer stellt ,

ist
be
stürzt über das Fallen des Gesamtniveaus

.
Die Frucht der Demokratie ist der Sieg der Hände
über die Köpfe der Stimmbänderkraft über die Denk
,

kraft ist die Herrschaft der Schreier und Spektakel


,

macher Amerika Frankreich England ganzen

im
In

,
, .

sie

Westen wird seit langem erlebt zum großen


Kummer der Verständigen Da entstehen dann Klagen
.

wie die Henry Georges anständige Leute wie Franklin


:

oder Washington hätten Amerika heute keine Aus


in

sicht mehr ins Parlament gewählt Da


zu
werden
,

.
gibt Verdammungsurteile über den Parla
es

dann
mentarismus von Männern wie Carlyle Bourget
,

,
Barrès Labori Chamberlain Da entstehen dann Bücher
die ,

wie Faguets über den Kultus der Inkompetenz


mit bitteren Klagen darüber daß das Volk be ,
,
-

herrscht würde von Leuten die weder Wissenschaft


,

noch Kunst besäßen von Leuten die nur die Triebe


,

und Leidenschaften der Menge hätten und mit Geschick


die Rolle des homme orchestre des nichtswissenden
,
d
'

Alleskönners spielen verständen Da entstehen


zu

Entschlüsse wie die von Jules Lemaitre P isque


le
:

parlamentarisme tel que nous voyons pratiqué


le
, ,

est impuissance désordre quelquefois honte


la
et
le

,
l'

puisque nous avons rien attendre ni


de gouvernants
n

à
'

qui ne gouvernent pas politiciens qui songent


ni
de

ne
,
'àqu

nous voulons agir


et

leurs intérêts électoraux


,

nous gouverner nous mêmes


au

dessus
en

dehors
et
,
-

eux Nous ferons nous mêmes plus que nous


le
d
'
.

-
Kapitel II. Moderne Publizität und ewige Ideen . 39

pourrons de nos affaires , puisque ceux que nous en


croyions chargés , les font si peu ou si mal . 15) = Da
der Parlamentarismus , so wie wir ihn in Wirksamkeit
sehen , Ohnmacht , Unordnung und nicht selten Schande
ist ; da wir nichts zu erwarten haben von Lenkern
die nicht leiten und von Politikern , die nur an Wahl
interessen denken , wollen wir selbständig handeln ,
wollen wir uns regieren unter Umgehung jener Herr
schaften . Wir wollen unsere Angelegenheiten so viel
wie möglich selber betreiben , da diejenigen , die
unserer Meinung nach dazu berufen wären , sie so
wenig oder so schlecht betreiben . Diese West
länder sind aber gerade die Länder der
großen Zeitungsherrschaft .
schauen wir nach Deutschland , das nun
Und
auch immer demokratischer wird . Da meinten ernste
Deutsche schon seit länger , eine ernste Auseinander
setzung ernster Persönlichkeiten über ernste Fragen
sei in der Öffentlichkeit gar nicht mehr möglich , weil
alles sofort von den Vielen mittels der Presse ver
redet, verlärmt, zur lauten Sensation gemacht werde .
Gerade die , die sprechen könnten und müßten , hielten
sich zumeist in der Stille - aus Ekel davor , ihre
Wahrheiten von unberufenen Demagogen zerzaust zu
sehen . Ist diese Entwicklung nicht in raschem Vor
wärtsschreiten begriffen ? - Und ich frage , bedeutet
diese Ausschaltung der Besten vom , öffentlichen
Denken eine Frucht von Demokratie und
frei räsonierender Presse -- nicht ungeheuren
Schaden fürs Gesamtwohl ?

4. Verfehlte Personalia - Aufklärerei .


Auch auf Gebiete der Personen -Nachrichten
dem
hat sich diemoderne Presse vollkommenste und
freieste Publizität zur Aufgabe gemacht . Je mehr
Licht über Menschen und Menschendinge
ausgegossen wird , umso besser so denkt
40 Kapitel II. Moderne Publizität und ewige Ideen .

sie. Dabei wird mit dem Aufklären über alles das


Richten über alles verbunden .
Es ist geradezu unglaublich , was von den großen
modernen Zeitungen alles ins Licht gerückt und be
sprochen wird , nicht nur Könige und Minister , nicht
nur wichtige Vorgänge aus dem Leben des Volkes
oder der großen Einzelnen - nein , viel Privateres :
persönlichste Familienangelegenheiten , selbst Toiletten
geheimnisse und Fraubasenklatsch .
Stück dieser Aufklärungs

ein
Ich fasse einmal
arbeit ins Auge Die amerikanischen Blätter haben
.

für Leute der besseren Gesellschaft ganze Rubriken


übrig Schon das Baby kommt die Zeitung Von

in
.

.
den kleinen Morgans Vanderbilts Macleans und
,

,
Hopkins erfährt man alle Einzelheiten ihres Säuglings
lebens ihr und ihrer Eltern Bildnis erscheint wenn
;

',
sie

sie geimpft werden wenn den ersten Zahn oder


,

die Masern bekommen


.

Als die Verlobung der Miß Consuelo Vanderbilt


mit dem Herzog von Malbourough angekündigt wurde

,
konnten wir folgende einem Steckbrief ähnliche Be
,

schreibung der Braut lesen


:

Alter Höhe Fuß Zoll Gewicht


18

Jahre
;

;
5

/ 3
:

Fähigkeiten
51

1161 Pfund Handschuhnummer


;

;
/9

; :
Musik Malerei Sprachen Hauptfertigkeiten keine
,

; ;

Mitgift Millionen Dollars erwartendes Vermögen


zu
10

Millionen Dollars
16
5

.
)

England eine ähnliche Mode Nicht nur bei


In

besonderen Anlässen sondern regelmäßig und be


,

ständig wird englischen Blättern etwa über die


in

körperlichen und geistigen Eigenschaften von Gliedern


der guten Gesellschaft berichtet Man behandelt die
.

Fähigkeiten des jungen Lord Tennisspiel oder


im
A

Hindernisrennen und prüft seine Aussichten für den


politischen Aufstieg Man erzählt wie viele Bälle
,
.

Lady gedenkt
zu

während der Saison besuchen


B

Man erwägt die Heiratsaussichten des Sir und was


C
Kapitel II. Moderne Publizität und ewige Ideen . 41

er etwa bei Berücksichtigung aller Umstände an Mit


gift zu erwarten hätte . Die Zeitung
berichtet über
jede kleine Privatgesellschaft in
Honoratiorenkreisen
unter Namensnennung der Gäste und Beschreibung
der Kleider . Wird

ein
Schüler versetzt

so
kommt

er
die Zeitung ist gar

ein
belobter oder preis

es
in

;
gekrönter dann gesellt sich zur Berichterstattung
noch
,

das Bild
)
.:
-

es
Ähnlichsteht Frankreich
in

.
Selbst die Deutschen kamen längst von ihrer
früheren Zurückhaltung Fürsten , ab
Diplomaten

,
In
.
dustrie und Handelsherren Abgeordnete Schriftsteller
-

,
Theaterleute und viele andere werden übergroßer
Publizität gewürdigt
.

Ich schildere zur Veranschaulichung die


-

Methode die die Wiener Neue Freie Presse


,

in
,
der guten Friedenszeit vor der Papiernot der Kriegs
,

und Revolutionszeit übte Nicht weil dieses Blatt


,

typisch aber weil lange als mächtigstes


es

wäre
,

deutschen Sprachgebiet angeschwärmt und schon


im

von verschiedenen Seiten zum Vorbild genommen


wurde
.
.

Diese Presse heftete jede Tat jedes Wort jede


,

Reise jedes Befinden fast jede Spazierfahrt


,

des seinerzeitigen Österreichischen Kaisers fürs


Publikum fest Angenommen der Kaiser begab sich
,
, .
ein

Atelier eine Ausstellung dann wurde über


in

in

jede Bemerkung die einzelnen Künstlern getan


zu
er
,

über jeden kritischen freudigen lächelnden Blick


,

berichtet Oder der Kaiser erhielt den Besuch des


.

Deutschen Kronprinzen Dann bekamen wir nicht nur


.

eine minutiöse Einzelschilderung aller Auffahrten Hof


,

tafeln aller Besuche und Reden wir erfuhren auch


,

die Liste sämtlicher Festgäste und die Reihenfolge


ihrer Sitze bei der Tafel Selbst das Nebensäch
.

Kaiserleben wurde dieser Zeitung interessant


im

lichste
.

folgende Budapester
Am

sie

Februar 1911 enthielt


28
.
42 Kapitel II. Moderne Publizität und ewige Ideen .

Blättermeldung : Am 19 . d . erschien beim Friseur


Arpad Verdes aufdem Museumsring

ein
Hofbediensteter

,
der ihm mitteilte solle sich für Montag vormittag

er
,
11Uhr bereithalten da sich der Kaiser anläßlich des

,
Hofballes die Haare schneiden lassen wolle Montag

.
Uhr fuhr tatsächlich

ein
um 11 Hofwagen vor dem

ein
Friseurladen vor mit dem Hoflakai den Friseur

'
abholte Verdes wurde das Arbeitszimmer des

in
.

Monarchen geführt wo auf einem Tischchen die nötigen

,
Geräte zum Haarschneiden bereit waren Als Instru

.
ment zum Haarschneiden war eine Haarschneide
maschine vorhanden Nachdem der Friseur dem Mo
.
narchen angemeldet worden war trat der Kaiser

in
,
das Zimmer und nahm der Nähe des erwähnten
in
Tischchens Platz Ein Lakai wärmte die Haarschneide
.

maschine und Verdes wurden auch eigene weiße Hand


schuhe die gewärmt waren gereicht Die Lakaien
,

.
reichten dem Friseur während seiner Arbeit jedes
einzelne Gerät Bevor der Friseur die Haarschneide
.

Anwendung brachte probierte

sie
maschine

an er
erst
in

der Luft worauf der Monarch


lächelnd ihn
in

in
ungarischer Sprache
die Frage richtete Sind Sie
:

Majestät
sie

ist
mit der Maschine zufrieden
,
,

,
O
?

prächtig antwortete der Friseur wenigen Minuten


In
',

hatte der Friseur seine Arbeiten vollendet Während


.

der Arbeit fragte ihn der Kaiser Wie geht


es

den
:

Friseuren Budapest worauf der Friseur ant


in

',
?

wortete Sehr gut Als der Friseur seine Arbeit


!
:

beendigt hatte nickte ihm


zu

der Kaiser freundlich


,

Ich
Es

bin sehr zu
ist

sehr gut
zu

und sagte ihm


!
:

frieden Hierauf begab sich der Kaiser das an


in
!

stoßende Gemach
.

Ähnlich wandelten Minister Bürgermeister und


,

Ranges Licht
im

Leute dieses Bezeichnend waren


.

diesbezüglich die Berichte anläßlich des Besuches


B
z
.
.

des Lord Mayors und der Gemeindevertretung von


September 1911
im

London Wien
in

.
Kapitel II. Moderne Publizität und ewige Ideen . 43

langer warmer Be

ein
Es erschien zunächst
grüßungsaufsatz hernach eine Liste sämtlicher Gäste

,
mit ausführlicher Personalbeschreibung einer späte

In
.
ten Nummer wurde von einem Sonderberichterstatter
Fahrt von London nach Wien ge
die
ausführlich
Es
folgten sämtliche offizielle Reden

im
schildert
, .

Wortlaut die Wiedergabe einer Reihe Gespräche ein

,
gehende Darlegung der Audienz beim Kaiser und sämt
licher Veranstaltungen Ehren der Engländer Aber
zu

.
nicht nur das Wir wurden noch mit vielen sonstigen
.

Details geradezu überschüttet Auf zwei Spalten wurde


.
uns allein die Ankunft der Gäste vor Augen geführt

:
die Zurichtung des Bahnhofs Name und Kleidung
,
der Wartenden Wir erfuhren auch wo die Gäste ab
,
.

stiegen erfuhren selbst was ihnen von den Hoteliers


,

Sep

am
vorgesetzt wurde Wollt Ihr wissen was

10
es
,
.

.
Hotel Bristol oder Hotel Meill
im

zu im
tember 1911
und Schadn mittags für England speisen gab

?
Hier die Auswahlkarte des letztgenannten Hotels Hors
oeuvre variés Madrilène tasses Truite des Alpes
:
en
d
'

sauce mousseline Selle de veau rôtie Petits pois


.

de

anglaise Purée Parmentière Faisan Bohême


la
à

à
l'

flanquée
de

vin de cham
au

cailles Choucroute
.

pagne Compote griottes Chaoux de Bruxelles


de
.

polonaise Noques
au

Viennoises chaudeau
la
à

. .

Bombe Meißl Raisin Pêche


Schadn espalier
,
&

d
'
.

Bâtons fromage Café noir Tokayer 1827 Kah


au

lenberger 1905 Vöslauer Auslese Moet Chan


u
. .

don white star Moullon Cie grande champagne


et

Bénédictine
.

Natürlich gab
zu
es

Tafelmusik diesen Leckerbissen


.

Dementsprechend wird auch das Programm der Ka


pelle Drescher mitgeteilt Marsch Künstler von
:

:
.I

Schrammel Fantasie La Bohême von Puccini


2
.
.

Valse Wiener Blut von Strauß Selektion Die


3

4
.

.
.

geschiedene Frau von Fall Baccerole Hoffmanns


. .5
6 .

Erzählungen von Offenbach Valse Zigeunerliebe


.
44 Kapitel II. Moderne Publizität und ewige Ideen .

von Lehár . 7 .
: Unter dem Lindenbaum
Song von
Felix . God the King .
save
Nach derselben Art waren die Berichte z . B . über
Veranstaltungen der Wiener Gesellschaft gefertigt .
Fand also etwa in der Fastnacht der Ball einer besseren
Korporation , z . B . der Weiße -Kreuz -Ball = das Tanz
fest der Offiziere statt , dann war an einem der folgen
den Tage auf 1 - 3 Spalten zu erfahren das Sich - Ver
sammeln und Sich -Unterhalten der Gäste , die An
wesendenliste und - last not least der Toiletten
kranz der Damen . Letzterer in folgendem Stil :
Prinzessin . . . . (es folgt der Name ) trug eine
altrosa Satin - Liberty -Robe mit herrlichem Devant von
antikeni Reticellaspitzen , die sich in zwei breiten Bahnen
bis auf die Schleppe erstreckten . Fürstin . . . . hatte
eine weiße , goldene Brokat -Robe mit Überwurf aus
Goldspitze , der Corsage gekreuzt , auf der Jupe
an

vorne auseinanderfallend . Im Haare Perlendiadem und


an der Corsage Smaragdschmuck , Smaragdohrringe . -
Markgräfin . ...
hatte auf lichtblauem Fond , in den
Samtstreifen eingesetzt , einen Überwurf von Tüll mit
Goldstickerei . Im Haare Brillantdiadem , am Decolleté
Brillantmasche mit Smaragd in der Mitte . Viele Schnüre
Perlen . Gräfin . . . . erschien in weißer Brokatrobe
mit Silberperlenstickerei. - Mrs . . . . . kam in einem
schwarzen Gazekleid mit weißen Spitzen . Im Haare
gedrehte Perlenschnüre und schwarzes Reihergesteck .
- Gräfin . . . . trug eine Prinzeßrobe aus licht
grünem Satin Beatrice , deren Corsage mit Silber ge
stickt und mit Mousseline de Soie voiliert war . Sma
ragdbrosche und ein Brillantdiadem vervollständigten
die Toilette. usw . usw .
K rz leuchtete irgend etwas mit besonderem
Licht aus dem Gesellschaftsleben hervor die Zeitung
nagelte es fest für alle Ewigkeit . Daß es genügte ,
Adele Sandrock oder Grethe Forst zu heißen und einer
ein

Bagatelle halber Konfliktchen mit dem Theater


Kapitel II. Moderne Publizität und ewige Ideen . 45

direktor zu haben , um auf Hunderten von Zeilen ab


gehandelt zu werden , verstand sich von selbst bei
Blättern , die u . a . auch in einem Monat ca. 10 längere
Berichte über Aufnahme der neuen Mode
die Jupe
Culotte in den europäischen Hauptstädten brachten .
Die erzwungene Einschränkung des Umfangs der
Zeitungen in der Kriegszeit , die Papiernot der Revo
lutionszeit mit ihren Produktionskrisen infolge Kohlen
und Holznot hindert natürlich solche Ausführlichkeiten .
Aber der frühere Geist und Wille in dieser Hinsicht
ist nicht erstorben . Zwar ist neuestens weniger Ge
legenheit zur kinematographischen Schilderung von
Fürsten und Gräfinnen ; aber es braucht nur eine
Straub - Erstaufführung in der Wiener Staatsoper oder
ein Empfang bei einem großen Auslandsdiplomaten
stattzufinden so zittert der Wille zu alter Klein
malerei aus allen Poren der Zeitung und ihrer Kolle

ein
ginnen . Noch am 1 . November 1916 meldete
Wiener Blatt die Antrittsaudienz des Nuntius Valfrè
di

Bonzo bei Kaiser Franz Josef folgender Form


in

;
Uhr nachmittags hat der Kaiser den
um

Gestern
,,

neuernannten Apostolischen Nuntius Grafen Teodoro


Valfrè Bonzo Schönbrunn feierlicher Antritts
di

in

in

audienz empfangen Um die Mittagsstunde fand sich


.

der zur Begleitung des Nuntius bestimmte Kämmerer


Ministerialvizesekretär Paul Graf Hoyos der Ge
in

heimen Ratsstube der Hofburg ein und fuhr von der


Hofburg aus dem Hofautomobil
im

Schweizerhofe
zum Gebäude der Nuntiatur der Theresianum
in

gasse
31

Der Graf wurde vom Sekretär der Nuntiatur


.

Spalier
am

Fuße der Stiege empfangen und


an

dem
von Dienern vorbei den Empfangssaal begleitet
in

Der Nuntius Graf Valfrè kam ihm entgegen und nach


der gegenseitigen Begrüßung lud Graf Hoyos den
Der Nuntius
ein

Nuntius zur Audienz beim Kaiser


.

begab sich mit dem Kämmerer zum Hofautomobil


und nahm Platz ihm gegenüber setzte sich Graf
;
46 Kapitel II . Moderne Publizität und ewige Ideen .

Hoyos . Das Gefolge des Nuntius , Uditore Msgre .


Micara und Privatsekretär Msgre . Don Mario Böhm
fuhren in einem zweiten Automobil voraus. Auf dem
Wege leisteten sämtliche Wachen die Ehrenbezeigung .
In Schönbrunn fuhren die Autos an der Blauen Stiege
vor. Der Nuntius wurde beim Aussteigen von zwei
Hofoberkommissären empfangen . Auf dem ersten

ihn
Treppenabsatz erwarteten zwei andere Hofober
kommissäre und großen Rosazimmer Oberst

im
kämmerer Dr Karl Graf Lanckoronski Oberzere

,
.
monienmeister Graf Choloniewski und der dienst
tuende Flügeladjutant Oberstleutnant Freiherr von
Catinelli Graf Choloniewski schritt dem Nuntius ent
.

ihn
gegen und geleitete vom Laternzimmer das

in
große Rosazimmer wo Oberstkämmerer Graf Lanc
,

koronski den Nuntius empfing Der Oberstkämmerer


.
trat das Spiegelzimmer dem der Kaiser weilte
in

in
,

,
und sagte den Nuntius zur Audienz

an
Durch die

.
mit beiden Flügeln geöffnete Tür trat der Nuntius
allein das Spiegelzimmer Mit dreimaliger tiefer
in

Verbeugung näherte sich dem Monarchen der ihn


er

huldvollst empfing und sein Beglaubigungsschreiben ,


entgegennahm Graf Valfrè erbat und erhielt die Er
.

laubnis der Nuntiatur vorzustellen

er
die
Herren
,

;
pochte
an

Tür und Uditore Micara und Sekretär


die
sie
ein

Don Mario Böhm traten stellte der Nuntius


;

dem Monarchen vor Der Kaiser zog auch die beiden


; .

Herren ins Gespräch dann verließ der Nuntius mit


seiner Begleitung mit dreimaliger Verbeugung das
Spiegelzimmer Mit den gleichen Zeremonien verab
.

schiedete sich der Nuntius vom Oberstkämmerer und


dem Oberzeremonienmeister wie beim Kommen und
Hoyos
an

begab sich mit dem Grafen


zu

dem der
Blauen Stiege harrenden Hofautomobil mit dem
er
,

das Gebäude der Nuntiatur zurückkehrte voraus


in

;
die

fuhren beiden Herren der Nuntiatur Graf Hoyos


.

geleitete Graf Valfrè bis seine Gemächer und ver


in
Kapitel II. Moderne Publizität und ewige Ideen . 47

abschiedete sich dann vom neuen Nuntius , der ihm


für seine Mühewaltung dankte . Der Kämmerer fuhr
dann nach der Hofburg zurück . 18)
Was die Weltpresse im Verlauf des Krieges und
seit ihm rein Äußerlich -Persönliches über alle Personen
brachte und bringt, die in demselben irgend hervor
ragten , geht ins Phantastische . Aus Ludendorff - , Foch - ,
Wilson -, Kaiser - Wilhelm - Zeitungs - Aufsätzen ließen
sich ganze Bibliotheken zusammenstellen .

Und einen Fall gibt es , wo die tonangebende


moderne Presse ganz besonders auf absolute Publizität
hält , den : wenn die Menschen zu Verbrechern werden ,
wenn böse Prozesse tagen . Eingehende Zergliederung
der Verbrechen mit ärztlichen Gutachten , genaue Schil
derung der Gerichtsverhandlungen gehören längst zum
gewollten Aufgabengebiet der meisten großen Zeitun
gen . ? 9) Dem Verbrecher selbst wird fast die gleiche
Ehre erzeigt , wie hochverdienten Ehrenmännern . Seine
Lebensgeschichte wird gebracht, nicht nur wissen
schaftlich Nutzbares , auch Albernes , Unnützes . Vom
Mörder Pranzini wurden seinerzeit in der französischen
Presse die literarischen Lieblingsbeschäftigungen und
Kleider beschrieben ; sogar sein Schneider wurde ge
nannt. Ein Zeitungsschreiber , der mit der Französin
Gabriele Bompard (die in Gesellschaft des Geliebten
ihren Mann in eine Falle gelockt und getötet hatte )
von Paris nach Lyon gereist war , berichtete in seiner
Zeitung pathetisch ,
wie sehr er ergriffen wurde von
einem der kleinen launenhaften Mörderin .
Händedruck
Einem Ausfrager wurden seinerzeit Unterredungen mit
Einem
dem Königsmörder Luccheni gestattet . Die Gespräche
Königsmörder
für

waren gefundenes Brot für die Presse . Das Nächste


daß

dier, daß sich Verbrecher ,


sich

sind dann Mitteilungen darüber


wie z . B . Lacenaire , darnach erkundigt hätten , ob ihre
Photographie auf den Boulevards Abnahme finde , -
oder daß die Bompard ihren Rechtsanwalt gefragt
48 Kapitel II. Moderne Publizität und ewige Ideen .

habe , ihre Kleidung von der Presse günstig beur


ob
teilt würde . Mit dem , was über die Prozesse Stein
heil, Borowska , Tarnowska , von Schönebeck , Hau ,
Moltke -Harden , Hofrichter , Caillaux , Almereyda usw .
in führenden Journalen geschrieben wurde , hätte man
mehrere Bücher füllen können . Und auch dem
Droschkenkutscher oder der Toilettenfrau werden
Hunderte von Zeilen gewidmet, wenn

sie
mit dem
Gesetz schlimmen Widerspruch gekommen
in

.
ist

Was solcher Personalia Publizistik

zu
von

-
sie

halten nicht ein gut Stück Erziehung


Ist zum
?

Ist
Blick fürs Wertlose oder fürs bloß Äußerliche sie

?
gut Stück Erziehung zum blöden Gaffer
ein

nicht

,
zum öden Spaliersteher Erziehung zur Redeweise der
?

Waschweiber und Hausierer Héißt das nicht dem

,
?

Volke das bißchen Einsamkeit und Stille das ihm vom

,
ist
Maschinenzeitalter noch gelassen und das zur

es
Selbstbetrachtung und Seelenbildung gut brauchen ,
so
es

könnte gewaltsam
nehmen mit Nichtigkeiten vom
,

Einen Notwendigen ablenken


?

Da meinte der größte Denker des Altertums der

,
Mensch müsse sich loßreißen vom Sinnlichen und Zu
fälligen und dem Geistigen und Ewigen anhangen

.
Die ewigen Ideen das was als Gesetz Sinn und
,

,
=

Ziel hinter und über dem Umtrieb der Erscheinungs


welt stehe sei das richtige Seelenbrot der erster
in
,

Linie würdige Aufklärungsgegenstand


.

Das Christentum übernimmt und vertieft solche


Auffassungen Das Seelische und seine Gesetze stehen
:

um

obenan und handelt sich Betrachtung von


es
.
.
.

Welt und Mensch dann ist vor allem der geistige


,

Gehalt der Dinge


zu

suchen und werten nicht


zu

der wallende wandernde Schein Und Sinne des


im
,

Christentums und überhaupt


im

Sinne aller echten


Lebensweisheit liegt Zurückhaltung Es will Sammlung
.

.
die

Ich

Ruhe will Hauptsorge auf das eigene gerichtet


,
Kapitel II. Moderne Publizität und ewige Ideen . 49

wissen . Es verurteilt , die eitle Neu


die vana curiositas
gier . Der Christ soll die Linke nicht wissen lassen ,
was die Rechte tut. Wenn er betet, so tue er es im
stillen Kämmerlein . Der Heiland wollte nicht, daß die
Jünger seine Wunder ausriefen und er verbot ihnen ,
es sich ansehen zu lassen , wenn Hang

sie
fasteten

.
zur Stille und Einsamkeit trieb und treibt Christen
zur Flucht aus dem Alltagstrubel weltverlorene

in
Klostersiedelungen Demut und Gottesliebe veranlaßte
.
Erstklassige sogar ihren Namen der Vergessenheit an
,

heimzugeben Der Fall des Baumeisters vom Kölner


.

Dom der seinen Namen der Nachwelt vorenthielt auf


,

,
daß Gott allein die Ehre seines Werkes bliebe ist

,
für lange Zeit typisch
.

das Licht solcher Grundsätze stelle man die


In

Methode der Presse Das berührt sich wie Wasser und


.

Feuer Die Presse tut das gerade Gegenteil sie be

:
.

um

kümmert sich alles beschnüffelt alles reißt das


,

Verborgenste ins grelle Tageslicht lärmt das Intimste ,


,

auf dem Markte aus


.

Sie setzt sich hinweg über alle Forderungen der


Gibt nicht auch Dinge
es

einfachen klaren Vernunft


,

,
:

die Geheimnis bleiben müssen Wenn wir die Hyänen


?

verabscheuen welche die Leichen aus den Gräbern


,

scharren warum verabscheuen wir dann die hungrigen


,

Kolporteure nicht welche die Grüfte der Familien


,

geheimnisse durchwühlen
?
"

für

Warum zum Beispiel soviel Licht Fürsten


und Präsidenten Treitschke spricht einmal von der
?

hohen Gefahr der Regentenstellung für ihren Inhaber


:

Die Ausstattung eines Mannes mit einer ungeheuren


so

Macht sei geeignet sein Gefühl


zu

zu

kitzeln und
,

verwirren Vermehrt nicht das Wichtignehmen der


.

Zufälligkeiten des Regentenlebens durch die Groß


presse die genannte Gefahr
?

Hof epräsentationen politische Veranstaltungen


,

,
-R

Diplomatenfeste und dergleichen zumal wenn


es

sich
,
Dr

Eberle Großmacht Presse


,
.

.
50 Kapitel II . Moderne Publizität und ewige Ideen .

um alltägliche handelt , haben nicht viel sachlichen


Wert ; nicht so viel , um ausführlich dem Publikum
beschrieben zu werden . Friedrich Wilhelm der Erste
von Preußen , der einzig nüchterne unter den trunkenen
Standesgenossen seiner Zeit, empfing Fürstlichkeiten
in der Tabakstube bei einem Glas Bier . Und Friedrich
der Große sagte gelegentlich zu seinem Gesandten in
London , der so kurz gehalten war , daß er nicht ein
mal Pferde und Wagen halten konnte : Wenn ihn
jemand verspottet , daß er zu Fuß geht, so sage er
nur , mein König geht hinter mir mit 100 .000 Mann .
- Diese Leute haben die richtige Vorstellung von
Hofprunk und Zeremonienwesen gehabt, man soll
nicht durch kleinlich ausgemalte Berichte über Schau
stellungen und Vorgänge in den oberen Kreisen das
Publikum zur Anschauung verleiten , es stehe Welt

ein
bewegendes in Frage . Wie sagte doch berühmter
moderner Denker Erwägt man wie auch jetzt noch
,
:

alle großen politischen Vorgänge sich heimlich


und verhüllt auf das Theater schleichen wie sie
von unbedeutenden Ereignissen verdeckt werden und ,
sie

ihrer Nähe klein erscheinen wie erst lang nach


in

ihrem ihre tiefen Einwirkungen zeigen und


Geschehen
den Boden nachzittern lassen welche Bedeutung
,

kann man da der Presse zugestehen wie sie jetzt ist


,

mit ihrem täglichen Aufwand von Lunge


um

zu
,

schreien übertäuben erregen erschrecken


zu

zu

zu
,

ist sie mehr als der permanente blinde Lärm der


,
-

die Ohren und Sinne nach einer falschen Richtung


ablenkt
30
?

Das gilt auch für die Zeitungsberichterstattung


gefähr
ist

hinsichtlich der weiteren Gesellschaft Sie


.

lich für das Publikum wie für die Gesellschaft selbst


.

Letztere wird doch nur Eitelkeit Luxus und Protzen


zu

haftigkeit erzogen Man sagt die Mehrzahl der


in
,
.

Amerika veranstalteten Festlichkeiten Kongresse usw


,

habe nur den Zweck die Veranstalter die Zeitung


in
,
Kapitel II. Moderne Publizität und ewige Ideen . 51

Naturnotwendig geht

Ist
zu bringen . Wunder ein

'

?
s
die Intimität und Schamhaftigkeit des Gesellschafts
lebens unter Das stille Zusammensein das offene

,
.
Reden ist unmöglich wenn Gefahr besteht daß das

,
Geplauder und die Speisenfolge anderntags Journal

im

um
veröffentlicht wird Den Menschen wird mehr

es
.

tun
als

um
den Eindruck nach außen

zu
die Seele sein

.
Und dem Massenpublikum werden falsche Wert
urteile eingeimpft Es läßt sich vom blendenden Schein
.
fangen schätzt die Menschen nach Rangliste und
,

Gewand anstatt nach dem Charakter den Tieferen

In
,

.
aber entwickelt sich Neid und Klassenhaß Sie sehen

.
ein

nicht weshalb fortgesetzt Menschen auf hohen


,

Standort gestellt werden die vielfach der bloße Zufall


,

,
nicht das Verdienst Paläste brachte oder mit vollen
in

Geldschränken beschenkte Diese Zornesstimmung


.

muß wachsen bei der Einsicht daß die Erhobenen


, ,

noch eine besondere Freude haben wenn ihr Luxus und


ihr vergoldetes Dolce far niente fortgesetzt der licht
und namenlosen Menge ins Hirn gehämmert wird

.
die
ist

Ganz und gar verheerend aber Arbeit


der modernen Presse wo sie ausführliche Skandal
,
ist

chronik Darüber sind Denker Gelehrte und


,
.

Richter eins
.

Der bekannte Turiner Universitätsprofessor Scipio


Sighele schreibt gelegentlich Die Medizin die
,
:

weder von sozialen noch von politischen Anfechtungen


,

berührt wird und nur den wissenschaftlichen Gedanken


verfolgt daß man die Krankheiten isolieren suchen
zu
,
um

müsse ihrer Verbreitung vorzubeugen hat der


in
,

Hygiene der Antisepsis der peinlichsten Rein


in

in
,

haltung der Kranken und ihrer Umgebung das unfehl


bare Mittel gefunden der Krankheit Einhalt
zu

tun
,

daß sie auf andere übergehe Die


zu

und verhindern
,

Justiz dagegen die doch eine soziale Arznei sein sollte


,

scheint ein Vergnügen darin finden aller Welt ihre


zu

Schwer
zu

Gerichtssäle offen lassen denen man den


in
,
52 Kapitel II . Moderne Publizität und ewige Ideen .

kranken , den Verbrecher behandelt, . . . . . . damit


alle Mikroben des Verbrechens die Gesellschaft in
fizieren , und die Presse die Giftstoffe in alle Richtungen
zerstreue, wie es der Wind mit dem Blütenstaub tut.
Heißt das nicht , weitere Verbrechen in die Welt
schaffen ? Die Verbrecherschilderungen in der Zeitung

werden auch zu Verbrecherlehren . 2 )


Der Engländer Maudsley sagte : Die Schilderung
irgend eines Verbrechens reizt zur Nachahmung . Das
Beispiel ist ansteckend . Die Idee bemächtigt sich des
schwachen Gemütes und wird zu einer Art Verhängnis,

ist
gegen das zu kämpfen unmöglich

2
)
.
Die Aussagen die sich 100 fach vermehren ließen
,

,
beruhen auf der Erfahrung Paris

90
Die 1888

in
.
epidemisch gewordenen Revolver und Vitriolverbrechen
-
gehen erwiesenermaßen auf Zeitungsschilderungen zu
ein

Ähnlich die nach Art


23

rück und derselben


.
)

erfolgten Attentate auf eine Reihe europäischer Fürsten


den Jahren 1878 1881 Desgleichen die Plan und
in

in
.

Ausführung überraschend ähnlichen Briefträgermorde


die Lust
zu

Anfang der 80er Jahre Und wiederum


so
.

morde und Sittlichkeitsverbrechen anfangs der


90

er
Jahre des vergangenen Jahrhunderts Daß die Gift
24
)
.

mischerei Hofrichters sofort Nachahmung Graz fand


in

,
Moltke Harden Prozeß Dinge
im

daß die enthüllten


-

anderorts Schule machten und vieles andere aus neuester


Zeit ist bekannt als daß ausdrücklich angeführt
zu

es
,
zu

werden brauchte
.
'

wenn die Verbrechen nur kurz festgestellt und


Ja
,

ihre Täter als Nummern oder 113 der Vergessenheit


96

anheimgegeben würden Aber eben der Zeitungs


in
.

publizität liegt für viele der verführerische Zauber Von


.

hier aus werden die Herostratusanlagen gefährdeten


in

gefüttert
So

Seelen konnte man bei allen anarchisti


.

schen Greueltaten der neueren Zeit hören daß der Täter


, ,

es

den Drang empfand berühmt


zu

werden wie irgend


,
ein

Vorgänger durch haargenaue Darstellung seines


Kapitei II . Moderne Publizität und ewige Ideen . 53

Prozesses der Presse geworden war . Zeitungsberichte


in
sorgten seiner Zeit dafür , daß in den Gefängniszellen
ein Pranzo , Prado , Musolino glühende Liebesbriefe
bekamen , geschrieben von verrückten Weibern , die im
Verhältnis zu Mördern pikanten Genuß suchten . Ist
es nicht verlockend , Gegenstand solcher Sehnsüchte
zu werden ? Dem Pseudohauptmann Voigt verhalf die
Presse nachdem Köpenicker Streich zu solchem Ruhm ,
daß beinahe ein eigenes Postamt zur Austeilung der
an seine Adresse aus aller Welt eingelaufenen Glück
wunschschreiben nötig war , daß er zur teuer hono
rierten Varietéfigur wurde , die in der Folge hübsch
von ihren Renten leben konnte . Ist solches Schicksal
nicht beneidenswert ?
ein

Wir haben nur Stück und nur eine Seite mo


derner Personalia Aufklärung ins Auge gefaßt und
-

gewertet Nun nehme man das Ganze Nun nehme


.

man diese ungezählten Untersuchungen von Künstler


und Denkerseelen dieses schonungslose Beriechen
,

und Zerfasern geistiger Erlebnisse politischer Ge


,

schehnisse wieviel Aufdringlichkeit und Zudring


lichkeit wieviel freches Absprechen und unmensch
,

liches Verhimmeln wieviel unberufenes Richten und


,

verantwortungsscheues Behaupten stecken dahinter


!

Wieviele Lügen Verleumdungen Ehrabschneidungen


,

moralische Vernichtungen entpuppen sich


im

Tun der
Presse wenn gewogen wird auf der Wage der
es
,

ewigen Ideen einzig und allein gehalten wird


es

Wenn
!

Beispiel Nur einer ist der


an

zum den Gedanken


,
:

Herz und Nieren erforschet das Wort Richtet


an
,

nicht auf daß ihr nicht gerichtet werdet


,

Falsche Grundsätze der Verwaltung des


in
5
.

Anzeigenteils
.

selbst der Anzeigenteil bietet große Probleme


Ja

Die Zeitung gibt dem dort Angekündigten Öffentlich


54 Kapitel II . Moderne Publizität und ewige Ideen .

keit, Widerhall , in diesem und durch dieses Emp

die
fehlung . Denn Wirkungen des Inseratenteiles sind
die gleichen wie die des redaktionellen Das Stück

.
Plakat auf den letzten Zeitungsspalten wird letztens
vom Durchschnittspublikum nicht anders aufgenommen

als der Leitaufsatz auf der ersten Seite

.
Darf unter solchen Umständen die Zeitung zum
Sprachrohr alles dessen werden was aus dem moderneni

,
Versprechungen

an
Gesellschaftsleben Verhältnissen

,
und Anlockungen herauswächst was der heutige Wirt

;
schaftsbetrieb Menschenbedürfnisse befriedigend und
neue weckend auf den Markt wirft Darf die Zei

?
tung die für jede Darlegung Teil

im
redaktionellen
,

zum mindesten Ehrlichkeit und gutes Wollen voraus


gesetzt wissen will gar die offenkundige Lüge ins
,

Ungemessene begünstigen Wenn nämlich Lüge und


?

Sünde ihre Angebote machen und nun vertausend


sie
facht werden dadurch daß sie mittels der willig auf
,

nehmenden Presse tausend Häusern sich zeigen


in

und locken dürfen Unmöglich


?

!
an

Ich denke einmal die einfache Geschäftsreklame

,
von schlimmen Fällen ganz absehend Bietet nicht
.

schon sie große Schwierigkeiten Reklame will


,
?

sagt Werner Sombart einen Menschen einen Vor


,

gang eine Leistung eine Ware der breiten Öffentlich


,

keit bekanntmachen mit suggestiver und gleich


sie

zeitig eigennütziger Absicht dessen der macht


,

Dem Beschauer oder Hörer soll nicht eine Kenntnis


vermittelt werden Urteil soll beeinflußt werden
,

sein
;

die Lust sich eine Leistung anzusehen eine Ware


zu
,

kaufen soll rege gemacht werden durch Erweckung


,

,
-

der Neugier oder sonst eines Triebes der den Willen


,

der gewünschten Richtung beeinflußt Kann hier


,
in

5
)
.

nicht Unredlichkeit Orgien feiern


?

Und den sittlichen Gesichtspunkt einmal beiseite


gelassen Der eben genannte Volkswirtschaftslehrer
:

erklärt Gegensatz
26

die Reklame zur einfachen


im
,
)

-
Kapitel II. Moderne Publizität und ewige Ideen . 55

Anzeige sei nicht nur nicht notwendig , damit

ein
auf dem geordneten Austausch von Leistung und
Gegenleistung und auf einer weitgehenden beruflichen
und räumlichen Differenzierung der Einzelwirtschaften
beruhendes Wirtschaftssystem bestehen könne sie

,
-
sei direkt schädlich sie verteuere die Ware sie garan

,
:
tiere den Konsumenten keineswegs die beste Ware

,
denn keinesfalls gehe die Güte der Waren parallel mit
der Größe der Reklame sie verringere allgemeinen

im
,
geringe Urteilsfähigkeit
an

die sich schon des Käufers

.
Sombart erwähnt gleichzeitig die Klage eines Kauf
mannes über den gehäuften kostspieligen Reklame
betrieb unserer Zeit Mancher tüchtige Geschäfts ,
:

wollte gern Denkmal für den die


zu

mann einem
Reklame bekämpfenden Professor Sombart beisteuern

,
wenn nur infolge seiner Arbeit die ewige und
stets nur höher werdende Reklamesteuer von ihm
genommen würde Denn ohne Reklame ist heute
.

fast kein Erfolg Tüchtig


zu

erzielen und die bloße


die

keit hervorragendsten Leistungen bringen

in
,

unserer Zeit keinen Schritt vorwärts wenn nicht eine


,

mehr oder weniger umfangreiche Reklame ihre Schul


digkeit tut
.

Mübte eine gesunde Presse nicht solchen Entwick


lungen entgegentreten Müßte sie nicht der Aufnahme
?

von Inseraten ernste Maßstäbe scharfe Kritik zu


,

grunde legen
?

Die moderne Presse hemmt die Reklame nicht


;

Gegenteil
sie

sie
sie

fördert mit aller Macht weil


im

Gewinn davon hat Auch die unsittlichste Annonce


.

ist ihr willkommen größten Gegensatz


zu
Im

den
.

Forderungen der Vernunft Diese will daß der Gott


,
.

der Wahrheit der Teile der Zeitung be


im

ersten
,

schworen wird auch zweiten geachtet werde


im
,

.
ein

Untersuchen heutiger Zeitungsgrund


So

führt
sätze das sich richtet nach dem Denken der Be
,

rufensten und sich nicht beirren läßt von den Mächten


56 Kapitel II . Moderne Publizität und ewige Ideen .

des Tages , zu schweren Bedenken gegen die be


stehende Presse.
Die Bedenken werden zu tiefernsten , furchtbaren
Anklagen , wenn den mehr grundsätzlichen und theo
retischen Erwägungen über ewige Ideen und neuere
Journalgesetze eine Darlegung der ganzen konkret
praktischen Wirklichkeit der modernen Presse und
ihrer letzten Unterlagen folgt.
Kapitel

III
.
Presse und Kapitalismus

.
Eine einzige Bedingung ist gegenwärtig

er
um

zu
forderlich öffentliche Meinung machen und
,

;
diese ist das Geld Ob man monarchisch oder
.

ein
ist
republikanisch gesinnt Gottesleugner oder

,
ein frommer Christ ist ein Gelehrter oder ein Dumm
,
kopf darauf kommt wenig

an
wer reich ist dem
,

,
es

steht frei seine Bühne auf dem Forum

zu
erheben
,

;
nur der wird zum Stillschweigen verurteilt der nichts

,
für sich hat als Talent Tugend und Ehre
,

."
de
Vicomte Castelbaiac

.
Jahrhundert wo der Opiumhandel
In

dem
,

ein Geschäft werden konnte das nicht diffamiert


,

,
kann auch die moralische Vergiftung der Gesell
schaft patentiert werden Lucas
.
.
.
.

.
scheint das Eigentümliche großer geschicht
Es

licher Umbildungen sein daß sie sozusagen aus einem


zu

Extrem ins andere führen daß die leitenden Persön


,

lichkeiten brechen und völlig neu gestalten anstatt


organisch weiter bilden daß die Thesis und Anti
zu

thesis umspannende höhere Synthese erst mühsam nach


vielen Umwegen und schmerzlichen Kräfteverlusten
erreicht wird
.

ist

Die neuere Menschheitsentwicklung Übergang


von großer Bindung großer Freiheit Aber das
zu

Richtige liegt
Es

ein

der Mitte besteht Recht gegen


in

,
zu .

verzopften Absolutismus Felde ziehen und dem


zu

gedrückten Volksgewissen und seinen Forderungen


zu

Spielraum aber nun die Gesamtheit des


schaffen
;

Volkes unterschiedslos zur Regierung heranziehen


,
58 Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
mit einer Art Souveränität ausstatten und allen alle

,
geistigen Werte übermitteln ist Verkennung der
Menschennatur Freiheit kann immer nur heißen

.
Freiheit der Reifen der Besten der Geklärten nicht

,
Freiheit der Menge die verwickelteren Gedanken sind

;
nur für die feinen Köpfe

.
Das Hinwegschreiten über diese ewigen Gesetze
zeitigteeine Reihe unglückseliger Erscheinungen

im
Opti

für
sie
Bereich der neueren Menschheit daß

;
misten nur Übergangserscheinungen sind nimmt ihnen

,
nichts von ihrer Herbheit

.
Die einseitige Gegenbewegung gegen erstarrtes und
entartetes Kirchentum führte vielfach zur Loslösung
von entscheidenden Grundgedanken und Grundkräften
des Christentums überhaupt Aber diese Loslösung
.
rächte sich bitter Sie schuf Weltferne und Wider
.

spruch Brennpunkten des Geisteslebens förderte


an

den

,
ebenso sehr pessimistische und skeptizistische als na
turalistische und materialistische Gedankenrichtungen

.
Ban
ein

Letztens entwickelte sich ausgesprochener


krott des Geisteslebens So groß gewisse Denker

in
.

der Einzelforschung wurden wertvoll ihre Klein


so
,

arbeit auf den Gebieten der sogen Erfahrungs Wissen


-
.

schaften sich gestaltete der großen Synthese


in

in
,
:

Weltanschauungsfragen Einen Notwendigen ver


im
,

sagten sie mehr und mehr Aus der Art wie die einen
,
.

anfingen allem Wichtigeren mit einem schmerz


in
,

lichen Que sais Was kann ich wissen


zu
je

sich
-

?
(

von hundert Zufällig


ein

begnügen während andere


,

als

keiten bedingtes unzulängliches Meinen Dogmatik


ein

vortrugen erwuchs seit Jahrhunderten nicht erleb


,
ter

Tiefstand der Geisteskultur Was viele Geschlechter


.

christlicher Kultur Zeichen gemeinsamen Glaubens


im

hervorragender Köpfe und heiliger Herzen aufgebaut


,
sie

was wie unverrückbare Sterne über der Mensch


heit leuchten lieben ging verloren Die Jünger Christi
,

verschwanden mehr und mehr aus den Hörsälen der Uni


Kapitel Presse und Kapitalismus 59

III
.

.
zu um
versitäten aus dem Kreise der Schriftsteller bloßen

,
Menschheits und Diesseitsgläubigen Platz machen

.
Die Entwicklung den Hauptstätten und bei

an
den Führern des Geisteslebens blieb natürlich nicht
Sie
ohne Rückwirkung auf das gesamte Volksieben

.
verursachte Schwächung teilweise Läh

,
mung des Volk sidealismus der bis dahin

,
an den Dogmen und Kräften des Christen
tums die mächtigsten Stützen gehabt hatte

.
Die aus dem Kampf gegen den verknöcherten
Staatsabsolutismus geborenen demokratisch liberalen

-
Staats und Wirtschaftsverfassungen brachten zwar
-
für

Platz große Menschen mit echter Heimatliebe

,
aber auch Raum für die lauten Hohlköpfe ermög

;
lichten kräftige Initiative und segensvolles Unternehmer
Ackerbau Handel und Gewerbe ließen aber
in

tum
,

allen bösen Anlagen und Trieben freie Bahn ,

Im
auch

.
sic
Bunde mit Tatsachen der Zeit führen dahin das

,
Sinnes ins Ungemessene

zu
Erschlaffen idealistischen
einer Kultur des Materialis
zu
sie

verstärken führen
,

mus mit der auri sacra fames dem verfluchten Gold


,

hunger als Haupttriebfeder menschlicher Arbeit und


,

dem gleißenden Gold als Interessen und Machtmittel


-

punkt der menschlichen Gesellschaft


.

Bunde mit Tatsachen der Zeit sagte ich


Im

In
,

die neuere Zeit fallen eine Reihe wichtiger Entdeckun


gen und Erfindungen Es wird die Maschine geschaffen
.

und damit die menschliche Leistungsfähigkeit ver


tausendfacht Es werden Eisenbahn und Dampfschiff
.

gebaut und damit ungeahnte Verkehrs und Austausch


-

möglichkeiten bewirkt werden Telephon und Tele


es
;

graph erfunden und damit die Schranken von Zeit


niedergelegt werden
im

chemischen
es

und Raum
;

Laboratorium Kunstkräfte hergestellt und mit ihnen


hier die segensvolle Naturanlage verstärkt und dort
die

So

schädliche gemindert wird die Welt gleich


.

sam eine andere dem Menschen eröffnen sich unab


;
60 Kapitel Presse Kapitalismus

III
und

.
sehbare Arbeitsfelder und Wirkungsmöglichkeiten

;
naturgemäß wird das menschliche Denken und Handeln
stark auf das Wirtschaftlich Stoffliche hingewendet

.
Das Übermaß politisch wirtschaftlicher Freiheit

,
-
die Freiheit unbegrenztem Erwerb und schrankenloser

zu
Konkurrenz die weitgehende Ausschaltung der starken

,
Mächte der Geistigkeit und Innerlichkeit machen diese
Hinwendung ganz von selbst zur krankhaften Diesseits
arbeit zur unredlichen Gewinnsucht zum rücksichtslosen
,

,
Kampf aller gegen alle Denn nitimur vetitum semper

in

,
:
.
cupimusque negata Nach dem Verbotenen streben

=
wir immerfort was uns versagt verlangen wir
;

.
entwickelt sich die Kultur des modernen Kapi
So

talismus mit den technischen Triumphen und den

Es
sittlichen und sozialen Erbärmlichkeiten kommt

.
eine Gattung von Menschen zur Vorherrschaft für die

,
ist
ein

ein
Gott Traumgebilde bestenfalls gutmütiger
,

alter Mann über den Sternen dem die Welthändel nur


,

Spaß machen Die Kirche und Priestertum veralteten


in
.
sie

Plunder sehen höchstens als Trostmittel für alte


;

Weiber und Schreckmittel für Spitzbuben gelten lassen

die.
Denen Geschäft Geschäft zur Hauptsache wird für
,

die Wissenschaft nur den Sinn hat Beweisgründe ;


,

gegen erhabene geistig sittliche Gesetze und Über


-

neue Möglichkeiten des


zu

lieferungen liefern und


. ,

der Welt
zu

Erwerbs eröffnen Für die der Umtrieb


in

nur den Sinn hat höchste Dividenden abzuwerfen


;
,

Erfindungen und Entdeckungen nur den neben Gold


,

alle jene Süßigkeiten und Bequemlichkeiten hienieden


beschaffen die der angenehme Nachtisch der Arbeit
zu

sind Es kommt Menschengattung zur Herrschaft


eine
,
.

der Ruhm Ehre Sittlichkeit Nächstenliebe Geistigkeit


,

Nebensache Genuß und Macht aber die Hauptsache


,

werden Die Geistesfreiheit wird zur Freiheit


.

vom Geist und vom Geistigen Liberalismus


.

und Demokratie werden zu Kulissen für


die Plutokratie
.
Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
Wie die Entwicklung
der modernen Menschheit
gestaltete auch die Entwicklung der
sich naturgemäß
Presse Sie wird gleichermaßen literarischer Ausdruck
.
wie Trägerin der selbstherrlich stoffgläubigen Moderne

.
Sie wollte ursprünglich Vermittlerin echter Auf
klärung Förderin gesunder Selbständigkeit sie wollte
,

,
Organ des Volksgewissens und Kanzel für die Volks
ideale sein aber losgelöst von den großen Ideen und
;

Organisationen des Christentums losgelöst von der

,
kräftigen Hand gesunder Gesellschaftsordnungen ein

,
fachhin dem Spiel
der freien Kräfte überlassen

-
bald zum Sprachrohr und mißbrauchten
sie

wurde
Werkzeug unseliger Mächte Die sich selbst Über
.

lassene aller Bande Ledige wurde eben auch Sklavin


,

des Goldes Ihr Freiheitssinn wurde zur Tyrannenge


.

sinnung ihr Demokratismus zum unduldsam gemeinen


;

-
Plebeismus ihr natürlicher Aufklärungswille mo

. zu
;

discher Belehrung und willkürlicher Täuschung


Wohl bleiben die alten schönen Worte von Wahr
heit und Wissenschaft von Freiheit und Männerwürde
,

,
von Ehre und Ritterlichkeit von Vaterland und Heimat
,

aber sie sind nur Etiketten Aushängeschild für ,


,
-

Obrigkeiten Sand die Augen des Volkes


in
,

.
ist

Die Presse der führenden Art bald nur mehr eine


einzige große Tragikomödie nackter Materialismus
der Verkleidung des ideal gesinnten Aufklärers
in

Die einschlägige Literatur bezeugt den Charakter


der herrschenden Presse als lediglich geschäft
lichen von Geldinteressen bestimmten
,

: :
Dr

Theodor Barth Für die mo


So

schreibt
.

derne Presse tritt der Gedanke der geistigen Beein


flussung des Publikums zurück hinter der Frage Wie
:

kann aus dem Verkauf von gedrucktem Papier der


größtmögliche Gewinn herausgeschlagen werden
1
?

Russel stellt fest Das Preßgewerbe ist erster


an
:

Stelle heute ein Gewerbe ein kaufmännisches Unter


,

nehmen für den Unternehmer der Presse


2
.
)
Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
David
hat die Worte Das Zeitungswesen

:
J.
J.
unbedingt

ist
heute und für immer den Händen des

in
Großkapitals

3
)
.
Schäffle sagte

ei
Der Nationalökonom Die

:
gentlich einflußreiche großstädtische Tagespresse ist

,
größtenteils die Hände des Spekulations und des

in

-
Börsenkapitals gelangt und erster Linie Erwerbs

in
mittel geworden

:-)
.

ein
Begünstigt wurde solches Werden der Presse
durch die Entwicklung des technischen Zeitungsbe
triebes selbst Die neuere Zeitung die den geänderten

,
.

Verkehrsverhältnissen und den durch sie bedingten


neuen Bedürfnissen der Menschen entsprechend mit
Telephon und Telegraph mit neuesten Maschinen
, und
umfassendstem Informationsapparat arbeitet erheischt

,
bedeutende Kapitalien Diese übersteigen vielfach die
.

finanzielle Kraft eines einzelnen oder setzen sie doch


gewissen Risiko aus wird das Journal allzu
So

einem
.

leicht zum Werk und Werkzeug von Geldmännern

,
um

Ansprüche auf Gewinn

zu
deren höher
so

sein
pflegen größer das Risiko der Einlage war und
je
,

bleibt Damit tritt neben dem rein geistigen Interesse


.

der Schriftsteller übermächtig das bloß wirtschaftliche


der Verleger auf Das letztere gewinnt die Übermacht
,
.

da den Journalisten die Kräfte einheitlicher die Mensch


,

heit umspannender idealer Kultur nicht zur Seite stehen


.

Die Zeitung als bloßes Geschäftsunternehmen


1
.

Welches sind denn aber die Grundlagen für die


Zeitung Worin lie
als

bloß gewerbliches Unternehmen


-

gen die großen Gewinnaussichten für die Nur Geschäfts


-

Vor allem Anzeigenwesen


im

leute Dasselbe hat seit


?

einigen ungeahnten Aufschwung


50

60

Jahren einen
genommen Die verwickelter gewordenen sozialen Ver
.

hältnisse bewirkten eine gehäufte und inhaltlich be


reicherte Bekanntmachung privater und allgemeiner
63
Kapitel

III
Presse und Kapitalismus

.
Angelegenheitert Der Übergang von der Kunden zur

-
, .
Warenproduktion riesenhaft gewachsene Handel
der
und Verkehr schufen die Geschäftsanzeige größtem

in
ist
Umfang und Maßstab Die Anzeige zur Grundlage

.
der ganzen modernen Wirtschaftsorganisation geworden

, ,
lehrt Angebot und Nachfrage einander finden
sie

weckt latenten Bedarf regt verborgene Produktivkraft

,
ist zugleich der Haupthebel der Konkurrenz
an

Zur
,

.
Hauptträgerin der Anzeige aber hat sich mehr und
mehr unter Ausscheidung der reinen Intelligenzblätter
die Nachrichtenpresse gemacht Der Anzeigenteil

.
machte bald ein Drittel oft mehr des Gesamtumfangs
,

der Zeitung aus Und wuchs urid wächst beständig


er
.

.
Die Neue Freie Presse Wien hat normaler

in
(

zu )
Zeit ihren großen Ausgaben bis 100 Seiten An
in

zeigen Der Berliner Lokalanzeiger bis

zu
50
Seiten
.

.
Bei der größeren Generalanzeigerpresse

10

15
sind

-
Seiten Anzeigen das Gewöhnliche 1899 war die Zahl
.

der Anzeigen bei den Münchener Neuesten Nach


auf 300 000 gestiegen gegenüber
14

im
richten 000
.

.
Jahre 1848 Einzelne amerikanische Morgenblätter
.

bringen tagtäglich 000 und mehr Anzeigen


10

ihren
in
.

Spalten unter
.

Solcher Entwicklung entsprechen die Einnahmen


der Zeitung aus der ziemlich hoch berechneten Anzeigen
veröffentlichung Sie übersteigen schon früh den Abon
.

nementsertrag ums Doppelte Bald machen sie bedeu


.

tende Summen aus Bereits 1875 wurde zum Beispiel


.

der Anzeigenertrag der Times für eine Nummer auf


000 Mk geschätzt Die Propaganda Berlin machte
35

-
.

1898 eine diesbezügliche Statistik für deutsche Blätter


und legte ihr einen der Adventssonntage Grunde
zu

der Geschäftswelt silberner Sonntag genannt


in

Darnach erlangten eine Gesamteinnahme NB Tages


(

einnahme
!
:)
10

15

10

tausend Mark
30
;

;
7

5
-

Zeitungen
1

.
64 Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
An

an
Dezember

23
Vom 1900 erreichten

1
-
.

.
zeigeneinnahmen ngefähren Bruttoumsatz

)
:
(u
Der Berliner Lokalanzeiger 335 000 Mk

. . . . . . .

.
Die Dresdener Nachrichten 165 000
Das Berliner Tageblatt 131 000
Die Berliner Morgenpost 108 770
Das Hamburger Fremdenblatt 106 190

Der Frankf Generalanzeiger 100 000

10 20 30 40 50 60 70 80
Zeitungen

90
000
3 3

80
000

. .
. 70
000
60
6

000

-
»

. 50
000
14 6

20 30 40 .
000
000

. .
000
Die tägliche Durchschnittseinnahme des Berliner
Lokalanzeigers war 370 Mk
15
dieser Zeit
in

)
.

.
Um 1912 galten der europäischen Presse fol
in

gende Anzeigentarife
)
:

für die mehr


Fr

der Pariser Presse


10
In

im 6
. 3

.
-
:
. Fr

gespaltene Zeile Petit Journal


10

fach

In
).
(

Fr

kleineren Zeitungen
1

40
Berliner Presse
30

50
der
deutschen
In

:
60

70

Pfg für die mehrfach gespaltene Anzeigen -,


-

. - .

und Mk für die mehrfach gespaltene


0
5

3
-

.
:

Reklamezeile
20

Wiener
10

der österreichischen Presse


In

-
(

Heller für die mehrfach gespaltene Anzeigen


30

-,
. -

Kr

für die mehrfach gespaltene Re


0
5

klamezeile
.

der englischen Presse die mehrfach gespaltene


In

Pfg
42

81
18

24

Annoncenzeile
=

,
6

1
d
(

.)
/

Reklamen das Vier und Fünffache


-

Die großen Ausgaben der Neuen Freien Presse


um

vor Weihnachten Ostern und Pfingsten brachten


,
(

000 Kr Inseratenertrag
60

die gleiche Zeit bis Der


zu
je

.
65
Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
englischen Presse flossen allein aus Finanzinseraten
Millionen Mk

zu
50
damals normaler Valuta

35

. )
.

.
Das ergab damals bei einzelnen Blättern dem

B
.
z
Daily Telegraph für eine einzige Anzeigenseite 5000

,
bei der Morning Post oder Daily News 3000 4000
Mk Krieg und seit dem Krieg

ist
mancherorts
Im
.
)

mit Rücksicht auf die Einschränkungen des Geschäfts


lebens das Anzeigenwesen zurückgegangen D Doch
och suchen
ein

..
sich die Zeitungsunternehmer durch
durch
entsprechende Er
höhung der Anzeigenpreise schadlos

zu
halten
Senpreise

.
Die Entwicklung des Inseratenwesens blieb nicht
ohne stärkste Rückwirkung auf das gesamte Zeitungs
unternehmen Der Inseratenteil wurde nicht nur reicher
.

Gewinnquell für den Verleger sondern bald recht


,
eigentlich zum Rückgrat der ganzen Zeitung

Er

, er
.
möglichte erst die großzügige Nachrichtenorganisation
erst die Reichhaltigkeit und den billigen Verkaufs
er

Er

preis der Zeitung wurde mehr und mehr zum


.

Hauptbetriebskapital Seit ein zwei Jahrzehnten liegen


,
.

die Dinge
so

daß bei vielen Zeitungen die Erträgnisse


,

aus dem schon mit Rücksicht auf die Konkurrenz mög


lichst niedrig angesetzten Preis für das Abonnement
ein

nur mehr Drittel des Gesamtaufwandes für den


redaktionellen und technischen Betrieb der Zeitung
ergeben Zur Deckung der Unkosten wie zur Her
.

stellung des Gewinnes muß der Inseratenteil dienen


.

Aber diese Entwicklung hat auch unter den oben


beklagten kulturellen Gesamtverhältnissen schon früh
Er

den redaktionellen Teil vergiftet wurde zur Neben


.

da

sache herabgewürdigt bzw wurde das Blühen


er
,

,
.

der Annoncen von der Gunst der Inserenten und


letztlich auch der Abonnenten abhängt den letzteren
,
Er

dienstbar gemacht verzichtete darauf der Wahr


,
.

Er

heit und nur ihr allein wurde zum


zu

dienen
.

Förderer der Förderer des Zeitungsunternehmens und


zum charakterlosen Schmeichler gegenüber dem Publi
kum
.

Dr Eberle Großmacht Presse


,
.

.
Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
Grundsätze wie Große Inserenten nicht ärgern

-
ihnen MiBliebiges einfach vertuschen fleißigen Inse

,
renten gonnen auf Kosten von Nicht
freundliche Worte
inserenten immer wissen daß Reden Silber Schweigen

,
Gold sein kann beginnen steigendem Grad und

in
Umfang die Redaktion

zu
beeinflussen

."
)
Dem Publikum gegenüber aber wird die ernste
Bildungs und Aufklärungsabsicht aufgegeben und

an
-

ihre Stelle die bloße Unterhaltung gesetzt Die Zeitung

.
heutiges Geschäftstheater
es

macht früh wie ein Um

.
alles werden und möglichst vieler Gunst sich
zu

allen
erhalten schickt sie heute Hans Cade morgen
zu

,
die

Falstaff auf Bühne dann wieder hören wir Faust


;

reflektieren und Mephisto Witze machen Übermorgen

.
folgen wir Parsival auf dem Gang zum Montsalvat

;
hernach öffnet sich wieder der Venusberg und wir
schauen Tannhäuser den Armen der Liebesgöttin
in

.
Der Spielplan ist unendlich reichhaltig was erfahrungs ;
am

am

gemäß besten gefällt wird meisten aufgeführt


,

.
Wird jetztvon der Presse eine Cochonnerie mit frechem
Behagen breitgetreten dann die eingehendste Analyse
,

eines Verbrechens mit ärztlichen Gutachten gegeben

,
dann von einem Fritz Skowronneck die Frage
ob
eine
,
226

Tänzerin schwanger sei oder nicht auf Zeilen unter


,

sucht vor Feiertagen stellt sich sicher auch der


,

Oberpastor mit ernster BuBrede


ein

Und wie für die


.

Herde sich viel oberflächlicher Brei findet für die


so
,

Ernsten auch manches Goldkorn echten Wissens


.

der Weg
ist

Jetzt
zu

einer zweiten denkbaren


Gattung bloßer Geschäftspresse nicht mehr weit
zu
,

einer Gattung nämlich deren redaktioneller Inhalt


,

von Anfang an nichts anderes ist als ein ver


kappter zweiter Annoncen und Reklame
-

teil die für klingende Münze alle


zu

einer Gattung
;

beliebigen Interessen vertritt die sich den wandelnden


;

Bedürfnissen und Konjunkturen anpaßt die die Uber


;
Kapitel Kapitalismus 62

III
Presse und

.
zeugungen auf wissenschaftlichem politischem wirt

,
schaftlichem Gebiet lediglich nach dem Wunsch der
Geld oder Macht Höchstgebietenden richtet Das
in

.
Entstehen einer solchen Presse Gattung ergibt sich

-
eigentlich naturnotwendig mit den Eigenheiten der
freien politischen Demokratie und des freien Wirt
schaftslebens Man erwäge doch Die öffentliche Mei

:
.

nung macht die Wahlen die Wahlen machen die

;
Parlamente die Parlamente machen die Gesetze die
,

:
Betriebs die Ein und Ausfuhr die Zoll die Steuer
-,

-,

-,
-

gesetze die Handelsverträge Wieviel liegt Großunter


,

.
an

nehmern diesen Gesetzen und wieviel muß ihnen


der Hörig
am

infolgedessen liegen

an
Besitz oder doch
keit von Zeitungen deren Einfluß bis zur Gesetz
,

gebungsmaschine reicht Wie sehr hängen anderseits


!

Ministerwechsel parla
ab

Geschäfte von Nachrichten

,
!

mentarische Konflikte Todesfälle lassen Börsenpapiere


,

Mit dem frühen Besitz


sinken oder steigen
je

nachdem
.

von Nachrichten können Millionen gewonnen werden

.
Das Daß und Wie von Ernteberichten ist ausschlag
gebend für Händler der Produktenbörse Der Erfolg
.

von Erfindungen Patenten Modegegenständen auch


,

hängt Leit
an

von Theater Kunst Literatur Moden


-,

-
,

aufsätzen und Feuilletons der Presse Es wäre ein


.

Wunder wenn das Gewinnbedürfnis Zeitungswesen


im
,

nicht Geschäfte machte mit dem Gewinnbedürfnis der


Es

auf die Zeitung Angewiesenen


ein

wäre Wunder
,
.

wenn verschiedentliche private Geschäftsunternehmer


Zeichen der allgemeinen Freiheit schließ
im

lich nicht selbst Zeitungen kauften oder gründeten


,
sie
um

als bloße Reklamebureaus ihrer Geschäfte


-

unterder Maske uneigennütziger Nachrichtenvermittlung


zu

betreiben
.

Seit den Tagen der Befreiung der Presse besteht


auch diese zweite Presse Gattung stärkstemUmfang
in
-

Schon früh haben sich beide Arten miteinander ver


schmolzen Schon früh ist ihr Geist der nach Macht
in
.
68 Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
und Verbreitung führenden Presse schlechthin zur
Herrschaft gekommen Und heute wächst diese Herr

.
schaft noch weiter Alles Reden von reiner Aufklärung

.
und Erziehung von Freiheit und Fortschritt ist nur

,
Vorwand nur Phrase Munde der zur Führung ge

im
, Nicht
langten Zeitungsunternehmer der hungernden

.
Volksseele , sondern der Geldbörse gilt letztlich die
Sorge derselben Was vor verschiedenen Jahren Anatole
.
France von der Republik Frankreich gesagt Frank

:
reich ist keine Republik

ist
ein
es
Finanzstaat unser

;
,
Land regieren weder der Präsident noch die Minister
und die Kammern unser Land regieren die Kredit
,

institute alles geschieht durch sie läßt sich

)
mutatis mutandis auch von der neueren Presse sagen

.
Das Gold ist König und nicht der Geist das Interesse

,
Trumpf und nicht Wahrheit und Wahrheitsliebe Den

.
Mode gewordenen Verlegern soll das Journal einfach
ein Geldquell sein wie irgend eine Kohlengrube oder
,

Seidenspinnerei Die einen handeln mit Herren


.

kleidern Klavieren Schaumweinen Corned


,

,
beef Schnäpsen sie handeln mit bedruck
,

tem Papier sie vertreiben öffentliche Mei


,

nung Sie müßten eigentlich immer höhnisch lachen


,
.

wenn man ihnen von Kulturarbeit und Missionswerk


spräche und gewisse bekannte Gedankengänge von
Zolas Bordenave variieren Dem Varietédirektor wurde
.

von seinem Theater von göttlichen Stimmen von


,

,
. Er

großzügigen Darstellerinnen gesprochen wehrte


.
ab

Ach was weiberzirkus Krähen Klötze


,

.
.
.
.
.
:

daß sie singen und spielen können ist auch gar nicht
die Hauptsache sondern
ein

gewisses anderes welches


,

bewirkt daß der ganze Saal lechzend die Zunge heraus


. ,

streckt und das mir das Portemonnaie füllt


,
.
.
.
.
.

Bezeichnende Beispiele aus der Wirklichkeit und


-

Einzelgutachten von aufrichtig ernsten Kennern dienen


-

ebensosehr zum Beweis als zur Veranschaulichung


des groben Umrissen und Andeutungen Gesagten
in

.
69
Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
Zeitungsgründer und Gründungsgeschichten
.
2

.
Den rein geschäftlichen Charakter neu
erer Presse zeigt schon ein bloßer Blick auf
Gründer und Gründungsgeschichten

.
Wir meinen Zeitungsgründungen müßten aus

,
gehen von bedeutenden Köpfen welche dem Kampf

,
für edle Menschlichkeit und allgemeinen Fortschritt

zu
ihre Lebenskraft weihen gesonnen sind und die
nun zur Verwirklichung ihrer Gedanken Geldleute
anwerben Wir meinen Zeitungsgründungen,
müßten
.

ausgehen von Geistesmännern die dem Geistigen

,
leben von Menschen die selbst erzogen gebildet und
;

,
erfahren sind wie wenige von Menschen mit einer
;

,
solchen Achtung vor der Seele anderer mit einem

,
solchen Verantwortungsgefühl gegenüber der Seele
der Massen daß ihnen das Wort Christi nicht aus
,

Was nützt
es

Sinn kommt dem Menschen

,
dem
:

die ganze Welt gewinnt aber


er

an
wenn seiner Seele
,

Schaden leidet daß ihnen nicht aus dem Sinn kommt


;

der andere Satz Wehe dem der eines dieser Kleinen


,
:

ein

ärgert wäre besser daß ihm Mühlstein


an
es

den
;

Hals gehängt und die Tiefe des Meeres versenkt


er
in

würde Wir meinen Zeitungsgründungen müßten aus


,
.

gehen von geistig führenden uneigennützigen Gesell


,
ist

schaften deren Beruf geistig führen und


zu

zu
es
,

erziehen Wirklichkeit gingen die Zeitungen häufiger


In
.

und häufiger aus von gewinngierigen Geldleuten welche


,

willige Journalisten mieteten Oft sogar von ganz Un


.

zu

gebildeten und Verbrechern Man kennt Dutzenden


.

Beispiele ehemaliger Annoncensammler und Zeitungs


austräger Wucherer und Bankbrüchiger abgestrafter
,

Verbrecher und Glücksspieler Volksverhetzer und roher


,

Ignoranten die große Blätter gründeten glänzende


,

Federn für ihren Dienst anwerben konnten und ihr


Geiste ihrer eigenen Gemeinheit Un
im

Unternehmen
,

sittlichkeit und Gesinnungslosigkeit leiteten


1
)
.
70 Kapitel Presse Kapitalismus

III
und

.
Amerik hat sich Mr Frank Munsey ursprüng

ein In

,
a

.
lich Telegraphenbeamter mit dem Grundsatz dem

:
was haben möchte als Her

zu

es
Publikum geben

,
ausgeber von Munseys Weekly und anderer Blätter zum
erfolgreichsten Pressemann gemacht der

14
Jahren

in
,
rund Millionen Mk verdiente
36 Mr Hearst stellte

)
.

.
."
um 1900 herum der New Yorker World das Kon
kurrenzblatt Journal entgegen machte Sensation

er
,
und Schmutz in bisher ungekanntem Grade zum Grund
satz gewann Millionen und überschwemmte nun das
,

ganze Land mit Lappen ähnlichen Kalibers

So
ent

.
standen Chicago der American San Francisco
in

in
,

,
und Los Angeles der Examiner usw Die Erfolge

.
Hearsts ließen nun auch bei den übrigen Unternehmern
alle nichtgeschäftlichen Gedanken zurücktreten Füh

9
)
.'
rende Zeitungsunternehmer ähnlicher Art

im
neueren
und neuesten Amerika sind Ralph Pulitzer ursprüng

,
lich Pferdeknecht dann Reporter Sensationsjournalist
,

und endlich Besitzer der World Gordon Bennet


';

,
3
)

als Ausgestalter der Reportage vom Habenichts bezw

.
vom Unternehmer mit 500 Dollars zum Besitzer der
größten New Yorker Zeitung Herald und zum In
(

haber eines Riesenvermögens aufsteigend Losung


)
.'
*

seines exzentrischen wegen unsauberer Affairen zur


,

Selbstverbannung aus Amerika gezwungenen Sohnes


ist

die gleiche wie die des Vaters Der Zweck des


zu :
ist

Journalismus nicht die Leute belehren Wenn


,

überhaupt einen Zweck hat ist


es
so

der die Leute


er

aufzuregen oder
zu

15

sensationell amüsieren
.
)

Der Typus des bloßen Geschäftsblattes ist heute


Amerika der schlechthin herrschende
Die
in

amerikanische Zeitung will keine Gesellschaftsrettung


betreiben sie will das Publikum vor allem durch ihre
,

technische Vollendung gewinnen


sie

verschleiert ihr
.
.
.
sie

Geschäftsunternehmen nicht erzählt gelegentlich


,

recht offenherzig wie vorzüglich sie sich rentiert wie


,

herrlich der country seat ihres Besitzers ist Daß


.
.
.
Kapitel Presse und Kapitalismus 71

III
.

.
dort auch Newspaperbrockers gibt die Geschäfte
es

,
in Zeitungsaktien machen gleichwie Kohlenpapieren

in
,
oder Minenshares erregt Amerika weder Staunen
in

in
,
noch Entrüstung

16
.
)
England wurde die Geschäftszeitung zur
In

Herrschaft gebracht durch die Zeitungsunternehmer


Harmsworth der mit Händlergeschick vom Zeitungs
,
jungen zum Zeitungskönig sich emporarbeitete und dem
Blätter mit teilweise Riesenauflagen gehören
70

über
bzw unterstehen und Arthur Pearson ursprüng
,

,
.

, -
lich Seifenfabrikant Begründer des Daily Express
400 000 und zeitweiligen Besitzer des Standard
, ,
(

.) A.)
. .

100 000 Eigentümer einer Reihe von Provinzblättern


A

.
(

Die Genannten haben Stelle des Ernst Nüchternen


an

-
das Schaurig Sensationelle die Zeitung gebracht
in
-

und damit den letzten Zweck ihrer Kulturarbeit zur


Genüge verraten Andere bekannte und mächtige
7
)
.'

Zeitungsverleger England sind der berüchtigte


in

Finanzmann Gründungsschwindler Horacio Bottomley


(

Financial Timesder Eisenbahnbauer Murphy Irish


,
(

Independent der City Finanzmann Sinclair The (


),

(
Observer der Chemie Industrielle Mond The West
),

minster Gazette der Bankier Faber The Yorkhsire


,
)

Post die Versicherungsfirma


Lloyd The Daily
)
,

(
die

Chronicle Großunternehmer Cadbury und Rown


),

tree Besitzer verschiedener Londoner Tagesblätter


,
(

einer großen Zahl von Provinzblättern und vieler Wochen


Co

schriften Hulton und Inhaber eines Zeitungs


), ),

.
(

konzerns Longmans Green und Co London Bom


in
,

,
.

bay und Kalkutta The Edinburgh Review der Di


),
(

rektor der Marconigesellschaft Godfrey Isaacs The


(

National News der Finanzmann Sir George Paish


),

der Sportsmann West Fenton Wend


de

The Statist
),
(

World Sporting
18

Fenton Times usw


,

.
(

Für französische Verhältnisse sind vorbildlich


geworden Gestalten wie Emil Girardin und Dr Vernon
de

Ersterer begründete mit hohen Gewinnen die sensations


72 Kapitel Kapitalismus

Ill
Presse und

.
süchtige Boulevardpresse Letzterer ursprünglich Quack

,
.
salber und Erfinder eines Brustzuckers schuf Con

im
,
stitutionel und der Revue de Paris die Vorbilder

in
für die jedermann käufliche Öffentliche Meinung
und wurde auf diesem
zum Wege
reichen Mann

)
.:
Beispiele
Girardins gründete der

de
Nach dem

Bankier Millaud Le Petit Journal wurde später

es
;
ausgestaltet Ingenieur Marinoni dem Erfinder

,
vom
einer verbesserten Rotationsmaschine Unter den heu

.
tigen französischen Zeitungsgründern und Heraus

-
gebern stechen ins Auge der ursprüngliche Börsen

:
mann Arthur Meyer Gaulois der Zuckerspekulant

,
(

)
und Warenhausbesitzer Jalluzot La Patrie der aus

),
(
en

Argentinien stammende unsaubere Bauunternehmer


,

,
Bankrotteur sad
und politische Agent gründete 1903

er
-
für Rechnung der Vereinigten Staaten von Nordamerika
pollreinigte
die unabhängige Republik Panama
pana Bunau Varilla

-
Le

Matin der Zementlieferant laut auf dem Isthmus von

de
),
(

(
Panama Letellier Le Journal der Schneider Paquin
),
)

(
Le

Cris de Paris der Sportsmann Edmond Blanc


),
(

verschiedene mit der Hochfinanz


de

Echo Paris
),
(

zusammenhängende Aktiengesellschaften
20
usw

)
.
Unter den Gründern und Herren der großen ita
lienischen Presse finden sich vorwiegend Bankleute
und Großindustrielle Das Verleger und Schriftsteller
-
.
tum

solches tritt ihnen gegenüber vollständig zu


als

rück Die Mitbegründer des größten italienischen Blattes


,
.

des Mailänder Corriere della Sera sind der Web


de

warenfabrikant Angeli der Baumwollspinner Crespi


,

und der Gummiwarenfabrikant Pirelli Die llaupt


.

aktionäre des Giornale Italia sind der Groß


d
'

kaufmannssohn und Minister Sonnino sowie der Zucker


inagnat Maraini Haupteigentümer der Idea Nazio
.

L
ist

nale und des Resto del Carlino die Mailänder


Il

Großbank Società Bancaria Hinter Messaggero


,
l

"
.

steht glaubhaften Berichten zufolge das Pariser Bank


ist

haus Dreyfuß Besitzer des Popolo Ilalia


ll

'
.

d
Kapitel Presse und Kapitalismus 73

III
.

.
der Bankier Mazzotti ist franzosen

im
Sole Besitz

Il
.

"
freundlicher Bankiers Die Mitbesitzer von La Sera

.
sind verschiedene Banken und Inhaber von Spiel
häusern Hinter der Tribuna steht die Banca Commer

.
21
ciale usw
.
)

ist
Der Gründer der Wiener Presse August

Er
Zang 1848 war bis dahin Kipfelbäcker Paris

in

,
).
(

lernte hier das einträgliche Geschäft des Emil de


Girardin kennen und verpflanzte mit kleinem Vermögen
dessen Arbeitsweise nach Wien Sein Geschäftsgrund

.
satz war nichts Unbezahltes aufzunehmen Zang wurde
,

an
mehrfacher Millionär Seine Zeitung warf gleich
.

Er
fangs jährlich
20

ab
Prozent Dividende verkaufte

.
sie

als
um

Million Gulden die Macher seiner Zeitung


,

,
1

die Einträglichkeit eines Journals einsehend auf eigene

." ,
Faust die Neue Freie Presse gründeten

)
Bezeichnend sind die Gründungsgeschichten an
derer Wiener Blätter den 60er und 70er Jahren
in

des vergangenen Jahrhunderts Der Sonntags und

-
.

Feiertagskourier eine Gründung eines Oberbeamten


ist

der Staatsbahn die Montagsrevue eine solche des


;

Bankmannes Jakob Herzog Die Neue Freie Presse


.

ging aus dem Besitz von weiland Dr Friedländer


in
.

den Besitz der Anglo österreichischen und der Union


-

bank über Der Wiener Bankverein bzw die Boden


.

; .

kreditanstalt erwarben die alte Presse die Aktien


Gesellschaft Steyrermühl das Neue Wiener Tageblatt
"

und die Konstitutionelle Vorstadtzeitung die Ver


;

einsbank das Fremdenblatt und die Tagespresse


;

die Vorortebank das Extrablatt die Hypothekarrenten


;

bank die Morgenpost Die größten Wiener Zeitungen


23
.
)

sind heute teils Besitz der Erben reichgewordener


Zeitungsgründer teils Besitz von Papierindustrie
,

verbänden teils Besitz von Bank und Gewerbe


,

instituten Das größte Budapester Blatt Az Est


.
ist

Eigentum eines früheren Lederhändlers der Pesti


;

Napló ist Hatvany


im

Besitz des Zuckerindustriellen


74 Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
Deutsch Für die übrigen großen Budapester Blätter gilt

.
allgemeinen das gleiche was für die Wiener

im

.?
)
Deutschland zeigt seit Jahrzehnten dieselbe Ent
wicklung Für die neueren Verhältnisse dort ist

-
.
Kauf

ein
bezeichnend Buch von Gustav Schmidt

,
:
Gründung und Finanzierung von Zeitungen und Zeit
schriften Leipzig 1905 welchem mit schlechtweg

in
,

,
amerikanischer Unverfrorenheit das Zeitungswesen
lediglich aus dem kommerziellen Gesichts
punkt behandelt wird

.
Da findet sich folgende Ertragsberechnung Wer

:
sein Vermögen Ankauf oder zur Unterstützung
zum
ciner Zeitung verwenden will wird wissen wollen

,
welchen Wert das Unternehmen selbst hat Die Werte

.
einer Zeitung stecken zum großen Teil unbe

in
dem
rechenbaren Bedürfnis für die von der Zeitung ver
tretenen Meinungen Wenn nun einmal das Bedürfnis
.

für die von der Zeitung vertretene Tendenz nachläßt

,
dann sinkt auch der Wert des Blattes erheblich Die

.
Möglichkeit mit dem Blatte die Schwenkung der öffent
,

lichen Meinung mitmachen verspricht keine


zu

können
,

allzugroßen Vorteile denn gibt jetzt Deutschland


es

in
,

überall genügend andere Blätter die auf solche Wand


,

lungen und Schwankungen hinarbeiten und stets bereit


sind schon bei beginnender Veränderung der Situation
,

das Erbe anzutreten Hier wird also der Richtungs


3
)
.

nächstes und natürliches Mittel zur geschäft


als

wechsel
lichen Sicherstellung des Unternehmens Rechnung
in

gesetzt
!

Löbl schreibt mit Bezug


auf deutsche Verhält
nisse stehen wir offenbar
Heute auf dem Höhe
:

punkt der man kann sagen plutokratischen Entwicklung


an
Er

des Pressewesens denkt dabei wohl die


.2
)

Zeitungsfürsten Mosse Besitzer des Berliner Tage


(

blatt der Berliner Volkszeitung der Berliner


,

Morgenzeitung usw Scherl Besitzer des Berliner


;
.)

Lokalanzeiger des Montag des Tag der Berliner


,

,
75
Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
Abendzeitung des Täglichen Vergnügungsanzeiger

, ,
der Woche der Gartenlaube des Sport Wort

im
,

, ,

,
des Allgemeinen Wegweiser der Internationalen
Monatsschrift usw Ullstein Besitzer der Berliner

).
;

(
Morgenpost Mittag

am
der Berliner Zeit der
,

,
Berliner Abendpost der Vossischen Zeitung usw

;
.)
Girardet Besitzer von Blättern Düsseldorf Duis

in

, ,
(

burg Elberfeld Essen Hamburg Oberhausen Ster


, ,

,
krade Zürich usw , , ); Hucks Erben
Erben B esitzer von
A
.

(
Scks
,,
Leipzig Halle Stettin Stuttgart Hannover
Blättern
,
in

,
Halle
,

Heidelberg B regzig
Breslau Frankfurt usw
,

.
.)
verdelberg
Welcher Art hier die treibenden Überzeugungen sind

,
am

erhellt wohl besten aus folgendem Als Mosse dessen

,
:

die
Blätter freisinnig sind seinerzeit auch noch Berliner
, ,

Volkszeitung kaufte erklärte der demokratische


er
,
Charakter des Blattes werde beibehalten werden Des

.
halb konnte der Abgeordnete Helmuth von Gerlach 1899
mit Recht von Mosse sagen würde als eine Be es
er
:

leidigung empfinden wenn jemand behaupten wollte


,

,
bei ihm sei das Geschäft nicht die Hauptsache

)
.
Als die Berliner Morgenpost der Firma Ullstein
Scherls Lokalanzeiger zurückdrängte wurde Scherl
,

einfach Teilhaber des Verlags der Berliner Morgen


post Dieses Blatt hatte aber unter seinen Schrift
.

leitern sozialdemokratische Agitatoren und seine Agenten


suchten dem Vorwärts Bezieher abspenstig machen
zu

mit dem Hinweis auf die Sozialdemokraten der


in

Schriftleitung der Morgenpost Derselbe Scherl ver


.

legt den nach der Art der Woche gehaltenen Tag


"

mit der Devise Keiner Partei dienstbar freies Wort


;

jeder Partei und zugleich den seinen Gesell


in
,

schaftsberichten konservativgehaltenen Lokalanzeiger


.

Auch ist Begründer und Hauptperson der Verlags


er

anstalt Hamburger Börsenhalle welche neben ver


,

schiedenen Handelsblättern das führende Blatt der


dortigen Nationalliberalen den Hamburger Korre
,

spondenten aufkaufte
.
Kapitel

III
76 Presse und Kapitalismus

.
Methoden der Presse Verbreitung

,
3

-
.
Der Geschäfts charakter der herrschen
den modernen Presse entpuppt sich schonin
der Artihres Auftretensunterden Massen

in
,
ihrer spezifischen Vor und Zudringlich

-
keit der Art der von ihr für sich auf
in
,

gebotenen Reklame Sie entspricht der von

.
Warenhäusern und wandernden Zirkussen

,
nicht der von Propheten und Geistesmännern

.
Da gibt Blätter ihre Bezieher mit 1000 Mk
es

die

.
gegen Unfälle versichern
andere richten Aus

;
2
)
welche die Ratschläge von Rechts
ein

kunftsstellen
,

ersetzen geeignet scheinen


zu
anwälten und Ärzten

.
"s
)
Kalendergeschenke Vorteile für Benützung von Leih
,
die

Zu
bibliotheken sind Lockmittel anderer den

.
Anwerbemitteln gehören auch die Fliegerpreise die

,
Preise für Blumenwettbewerb oder wie

es
einmal
,

vorkam die Preisverteilung für weitesten hör ,


am

bare Stimmen öffentlicher Ausrufer Eine Londoner


.

Zeitung schickte gelegentlich des Aufsehens halber


einen Jungen der eine Pariser Reise seiner Alters
,

genossen wegen Krankheit nicht mitmachen konnte

,
nachträglich über den Kanal und brachte dann Artikel
über seinen Pariser Aufenthalt Der Begründer der
.

Daily Mail veröffentlichte als Hauptanziehungs


mittel für sein Blatt der ersten Nummer einen er
in

dichteten Brief Kaiser Wilhelms den Herausgeber


an
II
.

über den Weltfrieden besonderer Weise


50

Um
in
)
.

die Aufmerksamkeit auf sich lenken erbaute Pulitzer


zu

für seine World den ersten Wolkenkratzer New


in

York einen achtzehnstöckigen Zeitungspalast dessen


,

,
bis

goldene Kuppel Meter Höhe ragte


89

Bennet
in

.*
)

da

Vater vom Newyork sandte zur Zeit


es

Herald
,

noch keine transatlantischen Kabel gab jeweils den


,

langsam aus Europa anfahrenden Schiffen besonders


schnelle Dampfer ein paar hundert Meilen weit
in
77
Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

um
den Atlantischen Ozean hinaus entgegen dann

,
erster mit den neuesten Nachrichten Aufsehen

zu
als

zu
erregen
.Bennet Sohn veranstaltete Reklamezwecken
die erste Entsendung Henry Stanleys nach Afrika

M
.
zur Auffindung des verschollenen Livingstone ver

,
anstaltete gemeinschaftlich mit dem Londoner Daily
Telegraph die zweite Expedition Stanleys zur Durch
querung Afrikas veranstaltete endlich die sogenannte
,

Jeanette Expedition nach den Polargegenden der

In
-

.
Folge spendete Bennet

zu
um Aufsehen erregen
-

--
--
mit jährlich etlichen Tausend Dollars Sportpreise für
Automobilisten Luftschiffer Flieger Ahnliches tat
,

.
')
der Pariser Matin veranstaltete nach Auf
er
1910
;

de
kommen der Flugversuche den Circuit Est

,
l'
"
eine bis zur Ostgrenze Frankreichs reichende Flug
fahrt war dann freilich furchtbar aufgebracht als
;

,
ihn das Journal mit einem europäischen Rundflug
zu

übertrumpfen gedachte
33
)
.

der Nachkriegszeit suchen große Blätter ein


In

ander beim Publikum den Rang abzulaufen durch die


jeweils erste Veröffentlichung der Briefe Bücher Er
,

, ,
innerungen Enthüllungen von Persönlichkeiten die
,

Kriege Rolle spielten


So

vor und
im

eine werden
.

für die Times die Erinnerungen des Prinzen Ludwig


Windischgraetz aus der letzten Zeit des Habsburger
hofes oder die Kautskysche Zusammenstellung von
Amt
ein

Akten aus dem Berliner Auswärtigen


Attraktionsmittel die Vossische Zeitung
sucht den
;

vermehren mit dem Erstabdruck


zu

Abonnentenkreis
der Erinnerungen von Czernin und der Briefe Kaiser
an

Wilhelms den Zaren Französische Blätter suchen


.

Leser anzulocken mit dem Erstabdruck des Luden


ein

dorffbuches und schwedische Blätter versuchen


Gleiches mit dem Erstabdruck des dritten Bandes
von Bismarcks Gedanken und Erinnerungen
.
am

Am weitesten voran und unverfrorensten


in
für

der Reklame sich sind entschieden die amerika


78 Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
nischen Blätter Ein
bezeichnendes Beispiel aus

.
Chicago

Im
Stock eines vornehmen Hauses
ersten

:
Plätze Chicagos wird plötzlich
ein an
einem der ersten
Fenster mit solcher Heftigkeit geöffnet daß die

,
Scheiben klirrend auf die Straßen fliegen

Im
Rahmen

ein
erscheinen eine schöne junge Dame und junger
Herr mit allen Zeichen des Schreckens und bemühen

am
sich mit zitternden Händen eine Strickleiter

,
befestigen Nachdem dies geschehen schwingt
zu

Fenster

,
.
sich die Dame auf das Fensterbrett und läßt sich mit

zu
einem lauten Schrei mittels der Strickleiter Boden
gleiten Der junge Mann folgt ihr unmittelbar auf
.

ist
demselben Wege Kaum das Paar unten angelangt

,
.

am
ein

als eleganter Herr mit grauen Haaren Fenster

du
erscheint und wütend hinunterruft Elende hast

,
:
mich betrogen und sollst büben Dann feuert

ab er
es

!
seinen Revolver auf das schreckgelähmte Paar
und klettert seinerseits auf der Strickleiter herab Die

.
junge Dame sinkt angesichts der drohenden Kata
strophe ohnmächtig der Galan rüstet sich
zu

Boden
,

zur Verteidigung und die Menge auf der Straße harrt


,

langem Schweigen der Dinge die da kommen sollen


in

.
Plötzlich springt die junge Dame auf die drei Darsteller
,

des Ehebruchdramas reichen sich die Hände und plärren


unisono Verehrte Herrschaften Sie sahen soeben den
,

,
:

Anfang des neuen Romans mit dessen Veröffentlichung


,

das Chicagoer Journal morgen beginnt worauf sie


,

sich mit einer höflichen Verbeugung von den Zuschauern


verabschieden die sich lachend zerstreuen
,

"
.
)

Die Käuflichkeit und Bestechlichkeit der herr


4
.

schenden Presse
.

Die Hauptbeweise für den bösen Ge


schäftscharakter den schlimmen materia
,

listisch mammonistischen Verderb der


-

herrschenden modernen Presse erfließen


uns indes aus der näheren Betrachtung
Kapitel Presse und Kapitalismus 79

III
.

.
ihrer Redaktionsführung und Anzeigen ver
waltung Diese Betrachtung deckt so viel

.
bloßen kapitalistischen Geist so viel bloße

,
Gewinnsucht so viel Charakterlosigkeit

,
Unredlichkeit Bestechlichkeit auf daB

,
auch Blinde sehend Ungläubige glaubend

,
werden müssen Eigentum
Meistens von Nur
.
Geschäftsleuten oder Geschäftsleute Gruppen dient die

,
-
Mehrzahl der Zeitungen der allgemeinen Weltan
schauung den politischen und wirtschaftlichen Inte
,

ressen ihrer Besitzerden Interessen derer die von


;

,
den Besitzern die entsprechende Protektion erkaufen

;
endlich dem allgemeinen Geist der kapitalistisch
mammonistischen Weltauffassung und Weltausnützung

.
Den verschiedenen Redakteuren wird Unterkunft und
Brot dafür daß sie derselben Welt dienen Dabei
,

.
suchen sie nicht selten den ehrlich verdienten Lohn
durch Privatgeschäfte nach kapitalistischen Metho
den entsprechend Letzlich wird
die
zu

steigern
.

ganze Aufklärereider herrschenden Presse


zum bloßen Tanz ums goldene Kalb und
-

übrigen um mene Venus und jenen


im

Bacchus ohne die die Tänzer ums goldene


,

Kalb nicht auszukommen pflegen


.

Zeitalter des Kapitalismus zur höchsten Blüte


Im

die

kommend wird Zeitung vollen Spiegelbild


,

zum
dieses Zeitalters Alles was als bezeichnend für den
,
.

Kapitalismus gilt das Voranstehen des Erwerbs


:

zweckes das künstliche Schaffen von Bedürfnissen


,

statt Anerkennung des wirklichen Bedarfs die Über


,

ordnung des Gesichtspunktes der Menge und des


Umsatzes über den der Güte die volle Ausschaltung
,

sittlicher Erwägungen spiegelt sich wider der


in
,

herrschenden modernen Presse


.

Zur Veröffentlichung des ganzen Materials wären


fast Bibliotheken nötig folgenden können wollen
Im

,
.

nur Stichproben und Andeutungen gegeben werden


.
Kapitel und Kapitalismus

III
80 Presse

.
A
.
Die Betrachtung der französischen Presse wird
zur Betrachtung einer einzigen chronique scandaleuse

.
ihr
Es
zeigt sich daß schon ziemlich früh Aufsätze

,
und Berichte über Politik und Kunst über Wissen

,
schaft und Theater über Handel und Landwirt

,
schaft über Ausstellungen und Gesellschaftsveran
,

staltungen selbst der Nachrichtenteil was

er
dem

in
,

,
sagt und verschweigt

zu
Kaufartikeln werden

.
Rothschild Paris hatte den 60er Jahren des

in
in

vergangenen Jahrhunderts die Finanzierung der fran


zösischen Nordbahn übernommen Um seinen Aktien

.
Anziehungskraft
zu

verschaffen bestach die Presse

er
Es
form

ein
durch Beteiligung ihrer Leute wurde .
licher Tarif für die Journalisten festgesetzt Es wurden

.
geschenkt Aktien für eine Anzeige unter der Rubrik
5

Allerlei Aktien für eine Notiz der Mitte des


20

in
;

für einen empfehlenden Leitaufsatz Roth


50

Blattes
;

.
schild hatte einen glänzenden Erfolg die Aktien gingen
,
zu

infolge
ab

hohen Kursen fielen dann eines


,

Börsenzugs des Ausgebenden sehr stark und die


--

der Spitze gewann


an

Bank mit Rothschild rund


Milliarde Tausende von unvorsichtigen Fröschen
1
2

.
/

waren auf den Lärm der Presse hin den Sumpf


in

der Spekulation gesprungen nun wurden die kleinen


-

Spieler sämtlich zugrunde gerichtet


3

89 ?
)
, ( .

Bei der Panamaunternehmung 1887 die mit


),
-

einem furchtbaren Krach endigte wurden ähnliche


Züge gemacht Nach den Ausweisen sind der Presse
.

für Anpreisung und Empfehlung der Panama Aktien


-

zugeflossen
Fr

offiziell Millionen
20

Daneben aber
.

wurden aus der Panamakasse der Verauf Anweisung


walter noch viele Millionen außerordentlicherweise
an

Besitzer und Mitarbeiter Pariser Blätter verteilt


.

Der Besitzer des Temps Senator Hébrard erhielt


.,

,
B
.
z

Millionen von Eiffel als Anteil für seine Vermittlung


;
2

als

der Temps solcher erhielt weitere Summen Der


,

.
81
Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
dritte Band des 1893 der französischen Kammer vor
gelegten Berichtes über die Tätigkeit der Unter
suchungskommission der Panamaangelegenheit ent

in
hält folgende Liste der von der Panamagesellschaft
an

die Presse geleisteten Zahlungen Aktion

58
000

,
:

"

.
Le
Autorité 61 000 Capitaliste 273 000 Chari

,
L
'

"

"
.

.
52
vari 118 600 Cocarde 400 Constitutionel
,

,
.

du
Correspondance republicaine Cri
26

46
000 000
,

, de ,
.

.
"
Le
65

peuple

66
000 Droit 600 Echo Paris
,

,
.

.
59 Evène
80

40
000 Electeur 600 Estafette 000
,

,
.

.
La
ment 283 000 Figaro 580 000 525 000 France
,

,
.

.
Gaulois 369 000 Gil Blas 226 000 Globe
,

"
.

.
316 000 Agence Havas 000 Indépendance
. . 42 Belge
,

, , ,
.

.
Itransigeant 247 000
35

30

000 Information 000


,

, ,
L
'
.

. .
Journal des Debats 126 000 La Justice 273 000
. La

La
Lanterne 412 000 Liberté 143 000 Loi
,

,
.

.
Le
26

000 Matin 245 000 Universel 244 000


,

,
'
.

.
L

La Nation 100 000 Revue Nouvelle 126 000 La


,

,
.

.
"
79

Paix 000 Paris 160 000 Petit Journal 119 000


,

,
.

.
Petit Parisien 176 000 Radical 155 000 Rappel
. ,

,
"

"
.

.
Le

Rentier République Francaise


77

94

000 000
, ,

,
.

Le "
192 000 Revue des Deux Mondes 114 000
,
.

.
Le

Siècle 159 000 XIX Siècle 184 000 Soir


,

,
Le .

. .

.
"

49

214 000 Temps 248 000 Univers 000 Francs


,

!
'
.

.
L

Nach einer Darlegung vor Gericht hat die Panama


gesellschaft von den aufgebrachten 1400 Millionen
ganzen 63
65
Fr

Millionen für die


im

Presse
-
.

36

verwendet
)
.

Das französische Riesenaktieninstitut Crédit fon


cier hat die Bestechung der Pariser Presse förmlich
System gebracht gab wie eine Unter
es

ein
in

, ,

suchung 1890 den Tag brachte nach der Aussage


an

des Leiters selbst Christophle jährlich 200 000


,

,
1
1

1
-

.
die
de Fr

Monatsgeldern Presse Laut Charles


an

bloß
an
.

Lesseps hat innerhalb einiger Jahrzehnte für die


es

Presse nicht weniger als 115 Millionen aufge


31

wandt
)
.
Dr

eberlo Großmacht Prosse


,
.

.
Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
Die Verbindung zwischen Bank und Presse ist
überhaupt die denkbar innigste

Im
Frankreich
in

: .
September 1898 schreibt der Zukunft Pluto Die

in
französischen Banken geben dem wirtschaftlichen
Teil der Pariser Blätter monatliches Fixum men

ein

(
sualité daraufhin werden dann Pachtgesellschaften
)
;

Fr
Zins von und

80
gegründet die gegen den 000
,

.
.
mehr den Handelsteil leiten und ausbeuten Beispiels

.
halber wird auf die Banque Spéciale de Valeurs
Industrielles der Firma Bernard und Carpentier hin
gewiesen deren Unternehmungen vom Aktionären
,

publikum sehr begünstigt würden weil das einfluß

,
reichste Pariser Blatt das Petit Journal nur Gutes
,

darüber schreibe Man erzählt ganz offen zwischen

,
.

der Bank und der Zeitung wird der Gewinn einfach


geteilt Die eine Hälfte der Bank die andere dem
,
.

Blatt Der von Frau Caillaux erschossene Direktor


38
.
)

Figaro
ein
des Calmette hat obwohl gewöhnlicher
,

,
,

Journalist und ohne besondere Begabung innerhalb


,
11

weniger Jahre

Fr
ein

Vermögen von Millionen

.
angehäuft Hebrard der Leiter des Temps starb
;

kurz vor dem Kriege ebenfalls als Millionär Natür ,


39
)
.

lich erfloß beider Reichtum nur den Gefälligkeiten


gegenüber Geldleuten
.

Ein Mitglied des nordamerikanischen Ausschusses


für die Chicagoer Weltausstellung fragte seinerzeit bei
Syndikat Pariser Zeitungen wieviel eine Pro
an
,

dem
paganda für den Besuch dieser Ausstellung kosten
Es

würde wurde ihm die Antwort Millionen


5
:
.4 .

Francs
)

er

Bunau Varilla Besitzer des Pariser Matin


,

,
-

zwingt sich als Mitdirektor der notleidenden Kongo


Eisenbahnen gelegentlich deren Sanierung durch wei
land König Leopold von Belgien dadurch daß ihn
er
,

für den Fall der Nichtbezahlung mit Enthüllungen


bedrohte die ihn zur Abdankung oder zum Selbst
,

mord treiben müßten


')
.
."
Kapitel Presse und Kapitalismus 83

III
.

.
Um 1910 herum begann der französische Marine
minister Pelletan Kampf gegen die Mißstände
seinen
der französischen Marineverwaltung und seine
in

Propaganda für Förderung der kleinen Kriegsfahr


zeuge Torpedo und Unterseeboote anstatt bloßer

-
(

)
großer Schiffe Da das den grands Metallurgistes

,
.
die mit Schlachtschiffen von denen jedes einzelne

,
Millionen kostet

Fr
50

über selbstverständlich

,
.
bessere Geschäfte machen höchst unangenehm war

,
bestachen sie die französische Presse und ließen mit
Erfolg nicht nur die Pläne Pelletans verhöhnen son

,
dern auch ihn selbst durch persönliche Infamierung

,
um seinAnsehen bringen
)
.

Leméchanisme

de
Nach Avenel vie moderne

la

,
D
'

série 129 werden Paris Buchanzeigen einfach


IV

in
.p

als geschäftliche Reklamen behandelt Die Bekannt


.
machung und entsprechende Anpreisung eines

B
.
.
z
peuen Moderomanes den Blättern koste etwa
in
Fr

Ähnlich verhält
sich mit künstlerischen
es
80

000

,
.

wissenschaftlichen ärztlichen Mitteilungen


,

Ein Paris
lebender Engländer stellte der
in

in

National Review gelegentlich fest das Entgegen


,

achmen von Bestechungsgeldern sei Paris allge


.
in

meine und mancherorts sogar zugegebene Gewohnheit


ein

der Blätter Ereigne sich sensationeller Fall


,

B
.

.
.
z
ein

eine Verhaftung Prozeß richteten die Journale


so
,

,
an

sich ohne weiteres die Familien der Betroffenen und


machten das Versprechen nach Bezahlung den
je
, ,

Fall günstig darzustellen


zu

unter Umständen ihn


verschweigen
43
.
)

Das Reklamebureau der Bank Monte Carlo von


zahlt jährlich willige franzö
an

Millionen die
2

3
-

sische Presse Für Empfehlungen und für Vertuschun


.

an

gen Für Vertuschen dessen was vernichteten


,
.

Existenzen Selbstmorden und Liederlichkeiten aus


,

dem sündigen Boden des Rivieraplatzes heraus


wächst
44
.
)
84 Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
Der Klosterliquidator Duez der Millionen

ca
,

6
.
unterschlagen hat hat nach Geständnis vor Gericht

,
Telegraphen

an
, Fr
150 200 000 Zeitungen und

45 sie
um
bureaus bezahlt hindern einen Feldzug

zu

,
zu
gegen ihn eröffnen

.
)
Frühjahr 1914 erpreßten sich Matin Journal
Im

,
Petit Parisien Petit Journal von den Vertretern eines

,
großen deutschen Unternehmens Paris einen hohen

in
Betrag bei Nichtbezahlung wollten sie bei einem Pariser
;

die
Prozeß der deutschen Firma Öffentliche Meinung
46

aufreizen
)
.

Der Begründer der Petersburger Nowoje Wremja

,
Alexander Suworin war 1892 Paris zum Studium

in
,

Er
der dortigen Presseverhältnisse sprach später

in
.
seinem Blatt über die Pariser Presseverhältnisse wie
folgt Die Pariser Tagespresse
. ist
ein
Geschäft und
:

wird rein geschäftlich ausgebeutet Nur einige wenige


Journalisten ersten Ranges gelten unnahbar sonst als

,
läßt sich alles kaufen vom Chefredakteur bis zum
, ,

letzten Berichterstatter vor allem nach bestimmten


Sätzen die Zeitung selbst Will zum Beispiel eine
.

eitle Baronin einen Bericht über ihren letzten Ball


der Zeitung kostet das Geld Figaro
so

im

haben
20 40 in

;
,

,
. Fr
für

die Zeile auf der ersten Seite


,
Fr .

für die Zeile weiter hinten Dergleichen


.

publicité Handelt
de

nennt man
es

Paris Service
in

'.

sich um größere finanzielle Gründungen Transaktionen


,

wird von Fall Fall der Ein


so

Emissionen usw
zu
.,

tritt dann der ge


es

schaltungspreis bestimmt und


,
ein

riebene Vermittler mit einer sorgsam zusammen


gestellten Liste der zugänglichsten Zeitungen unter
Angabe des Bestechungsbetrages Handeln ist zulässig
,
.
ein

Pariser Zeitungsherausgeber
so

je

denn erklärte
,

mehr bezahlt bekomme desto


ich besser für unsere
,

Aktionäreund für das Ansehen unserer Zeitung


.
Fr

Wenn ich 5000 abgeschlagen habe wird


so
,
.

man mir 000 bringen und zugleich steigt auch das


20

,
.
Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
Ansehen unseres Blattes auf der Börse wo man so

,
fort erfährt daß ich unter dieser Summe nicht

zu
,
haben bin Arthur Meyer vom Gaulois kündigte

, ,

'
.

an
während des Panamaprozesses daß wegen

er
Verleumdung und Schädigung seines Kredits Klage
erheben werde weil sein Name auf einer Liste der

,
verteilten Panamagelder nur mit einer verhältnis
mäßig geringen Ziffer genannt worden war Ohne die

.
Unterstützung der Korruption kann Paris kein

in
würde niemals er

es
Unternehmen bestehen denn
wähnt ,
würde unmittelbar zugrunde
noch mehr es
ja
,

gerichtet werden durch boshafte Ränke des Presse


ringes
4
-)
.

Über den neueren Zustand der französischen


Presse sprechen sich Kenner also aus Plutus

:
Paris Pariser Presse ist die von Frank
die
In

reich sind die Pauschalien beinahe zu


preBrechtlichen Institutionen geworden

.
Die Journalisten lassen sich das Urteil von den
=
(

schreiben verpflichtet sind ab


sie
zu

Leuten über die


,

kaufen Richard Nordhausen Fast ,


die
S

:
.
)

gesamte Pariser Presse hat sich so


entwickelt daß heute Leitartikel Plau
,

derei Lokalnotiz alles gekauft werden


,

kann An derselben bevorzugten Stelle


,
.

wo heute die erste und ernsteste Feder


des Landes ihre kühnen Gedanken aus
breitete empfiehlt morgen der Börsen
,

mensch seine Goldshares ein Theater


,

direktor sein neues schlecht besuchtes


Stück
+
4
.
)

wird also letztlich Gold und Goldhunger be


So

stimmend für das Was und Wie französischer Öffent


licher Meinung Tatsächlich schrieb diesem Sinn
in
.

1910 Dr Schirmacher folgendes Frankreich


In
K
.
.

verändert man das Wort des Kaisers Septimius Se


verus Stopft dem Soldaten den Rachen und laßt
:
86 Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
das andere laufen heute dahin Stopft der Finanz

:
und Presse Rachen und laßt das andere gehen
den

.
Die etwa führenden Pariser Blätter und ihre Ak

20
tionäre sind tatsächlich die Herren Frankreichs Die

.
Volkssouveränität und das souveräne allgemeine
Wahlrecht sind diesen realen Mächten nicht ge
wechsen Die Freiheit verteidigt sich ihnen gegenüber
, .

schlecht denn sie ist schlecht unterrichtet und


schlecht organisiert Der Petit Parisien das Petit

,
Journal der Matin .
diese drei größten Blätter haben
,

die Leitung von etwa einem ,


Drittel der französischen
Volkssouveränität Die wird nun nach den
.

Gesichtspunkten der Finanz geleitet

,
sie erfährt aus ihrem Blatt das was

,
d

h
.
.

der Finanz augenblicklich ihre Pläne

in
paBt Die Finanz will Geschäfte machen

,
.
.
.

will gute Einnahmen Alle anderen Ge


.

sichtspunkte nationale soziale treten


,

,
den Hintergrund oder werden so lange
in

gedreht und gewendet bis damit sehr


,

seltsame Taschenspielereien möglich


sind
5
."
"
)

Aber hören wir die Urteile von Franzosen


selbst Jaurès
ist

Unsere Presse verfault bis


in
:
.

die Wurzeln Der Journalismus unserem Lande ist


in
.

schlimmer als die Prostitution denn umgibt sich


er
,

mit einem Mantel von Moral und Wohlanständigkeit


,

und wirkt draußen jenseits der Grenzen wie ein


er

Ausdruck der Meinung der Besten Frankreichs und


,
ist

doch nichts anderes als der Ausdruck


er

einer
perfiden und geldgierigen Spekulantenclique Romain
.

Rolland Die Journalisten sind Parasiten die


an
,
. :

uns fressen Léon Bazalgette Jede Dirne auf


:
ist

ein
als

dem Boulevard anständiger Journalist des


Matin Franz Jourdain Journalist und Er
:
.

presser sind Frankreich dasselbe Auguste


in

Rodin Die Presse ist verabscheuungswürdig


,
:
Kapitel

87
Presse und Kapitalismus

III
.

.
sie

ein sie
weil ohne ohne Wahrheitsliebe weil
Ideale

,
Paul Fort

ist
ist
käuflich Unsere Presse

:
.
Schweinestall Emile Verhaeren Die Presse

:
.
ist Kultur

51
ein Schandfleck der französischen

)
.
Das Gleiche muß von den Presseverhältnissen
Bereich des früheren Österreich Ungarn ge
im

-
sagt werden
.

Die Korruption der Wiener Journale

60
den

in

er
Jahren des vergangenen Jahrhunderts wird
70

und
er

durch folgendes erhellt Sommer 1870 hatten Im


:

zwei bedeutende Journalisten Frese und Trabert der


,

,
eine aus Preußen der andere aus Hessen eine kleinere
,

,
Zeitung Das Österreichische Journal herauszugeben
angefangen mußten aber ihr Unternehmen nach einem
,

Am

Jahr wieder aufgeben November 1871 ver


1
.

.
sie

abschiedeten sich also von ihren Lesern Als wir


unternahmen hier wirken machten :
wir uns zur
zu
es

Bedingung wir brauchen einen Quadratschuh reinen


,

Boden Dieses kleine Blatt sollte der Quadratschuh sein


.

und ist bis ans Ende gewesen Der Leser glaubt


es

nicht wie teuer der Quadratschuh reiner Boden hier


,

Wien ist Wir haben die Überzeugung gewonnen


in

:
.

eine ehrliche Zeitung


ist

die nicht raubt hier wenn


,

überhaupt nur möglich mit ungeheuren Mitteln


so

daß das Wagnis gar keinem Verhältnis steht


zu

dem
in

schließlichen Ertrag Wer solch enorme Mittel nicht


.

hat der kommt nicht durch oder verfällt der


er
,

Räuberei
52
.
.
.
)

Bei der Neugründung der Raten und Renten


-

Neugründung
bank Wien 1871 beteiligte
iligte diese die Presse mit
in
"

diese
mit
29

Aktien Personen vermutlich djekteure mit


Redakteure
)
,

)
45

Werten von 100 750 Gulden Besitzer Öster


,

reichischer und ungarischer Blätter mit Werten von


ganzen
33

285 Gulden
im

.5
-)
.
88 Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
Die Österreichische Finanzielle Revue erbot sich
be

ein
zum Erweise der Wahrheit vor Gericht daß

,
kanntes Bankinstitut zur Zeit der Türkenlosausgabe

an
Wiener Blätter Schweige oder Empfehlungsgelder
75

-
Tageblatt

32
zahlte und zwar dem 000 Gulden den
,

,
.
000 Gulden der Vorstadtzeitung

je
25
beiden Pressen

,
.
000 Gulden der Montagsrevue und dem Fremden
16

,
.

12

blatt 000 Gulden der Tagespresse 000 Gulden


je

10
,

,,
.

.
bis Deutschen Zeitung mit 800 Gulden
zu

der

.5
)
Die privatkapitalistische Orientierung der Wiener
Presse enthüllte recht der Wiener Krach 1873
so

.
Mit Hilfe der Zeitungen wurden zahlreiche bedenk
liche Aktien dem Publikum angepriesen vermöge der

,
Anpreisung unter dem Publikum abgesetzt Später

.
verloren viele ihr Geld dank der Führung der
Presse
55
)
.

politischer Hinsicht brachte die Kaminski


In

für politische
ein

den Tag daß Tageblatt


an

affäre
,

(
42

Arbeiten 000 Gulden vom Kaminskifonds erhielt

,
.
)

ganzen wurden von


28

Im

ein anderes 000 Gulden


.

an

den 630 000 Gulden nur 155 453 deutsche und


.

polnische Zeitungen verteilt


56
)
.

1873 hat Sacher Masoch früher Mitarbeiter der


,

Presse und später der Neuen Freie Presse über


,

den Wert damaliger Zeitungskritik folgende Erfahrungen


und Andeutungen veröffentlicht Nehmen wir
:

Beispiel ein Zeitungseigentümer steht


an

zum einem
in
,

wird
so

lukrativen Verhältnis einer Bank sich


er
zu

nicht begnügen derselben sein Blatt allen rein


in
,

zu

finanziellen Fragen zur Disposition wird


er

stellen
;

wenn der Bankdirektor was nicht selten vorkommen


,
ein

soll galanter Mann ist und irgend eine schöne aber


,

talentlose Schauspielerin protegiert dem Theater


,

referenten den Auftrag geben diese Dame jederzeit


,

loben und der Theaterreferent wird sie jedesmal


zu

par ordre du Mufti loben und sein kritisches Talent


irgend
an

und seinen Witz dafür einem alten


Kapitel Presse Kapitalismus 89

III
und

.
Schauspieler üben der weder von einem Bankdirektor

,
noch von sonst jemand protegiert wird

.
großer Verleger alle Ver

ein
Inseriert seinem

in
lage erscheinenden Werke wird der

so
einem Blatte

in

,
Eigentümer desselben dem Buchkritiker den Auftrag

zu
geben diese loben und jeder Schriftsteller kann
,

,
ein

sobald Buch von ihm unter der betreffenden Firma


erscheint gewiß sein dem betreffenden Blatt par

in
,

Mufti gelobt ,
zu
werden ebensogewiß wie das
du

ordre

,
Konkurrenzblatt ihn lange herunterreißen
so
wird bis

,
sein Verleger die Flagge streicht und auch diesem

in
inseriert
.

Ähnlich wird mit den eigenen Mitarbeitern und


denen des Konkurrenzblattes verfahren Die ersteren

.
werden den Himmel gehoben die letzteren den
in

in
,

Kot gezogen denn der oberste Grundsatz der jour


,

Industrie und der Dienst derselben


im

nalistischen
stehenden Kritik ist nichts gelten lassen aus dem
zu
,

,
man nicht irgend einer Weise Kapital schlagen
in

kann
5
-)
.

Die Dinge sind später nicht besser geworden


Der Abgeordnete Schönerer hat den Neunziger .
in

jahren Wiener Parlament bei Besprechung


im

des
Trinkgeldersystems oft die Korruption der herrschenden
Großpresse beleuchtet hat diese Presse mit einer feilen
,

Dirne verglichen die sich gegen Bezahlung


zu

den
,

schmutzigsten Geschäften hergebe


.

gleichen Sinn äußert sich Karl Kraus über


Im

die
neuere Österreichs Nr
33

herrschende Presse
In

/
.

Fackel heißt Von den Inseraten und


es

1900 der
:

Pauschalien der Aktiengesellschaften hat die große


Öffentlichkeit ziemlich richtige Vorstellungen Die
.

günstige Kritik welche die geschäftliche Tätigkeit


,

dieser Institute den Zeitungen erfährt wird durch


in

größere Inseratenaufträge erkauft Der Verkaufspreis


.

regelt sich nach Verbreitung und Unanständigkeit des


Blattes Neben den Inseratenpauschalien gibt
es
.
.
.
90 Kapitel Kapitalismus

III
Presse und

.
noch eine zweite regelmäßige Form der Entlohnung
der käuflichen Blätter Das sind die Beteiligungen die

,
:
volkswirtschaftlichen Redaktionen bei Emissionen ge
geben werden Man räumt den Herren das Bezugsrecht

.
pari oder mit geringem

al
auf eine Anzahl Aktien

'
Agio ein Wenn bald darauf das Papier mit hohem
.
Agio den Verkehr gebracht wird verkauft der In
in

,
haber des Bezugsrechtes seine Aktien und streicht den

ein
sicheren Gewinn

.
August 1905 brachte die Berliner finanzpoli
Im

tische Wochenschrift Plutus aus Wien folgende


Mitteilungen Alles steigt und alles wird gekauft beson

,
:

ders Alpine Montan werden von den Juden poussiert Die

.
Bestechungsgelder Form von Pauschalien seitens der
in

Banken Bahnen Versicherungsgesellschaften usw


,

.
wandern jetzt ausschließlich die Taschen der Her
in

ausgeber bezw der Eigentümer der Wien mit lob


in
.

lichen Ausnahmen pauschalierten Zeitungen Den ihnen

.
Gewinn bringen die Börsenbericht
so

entgehenden
durch Spiel auf eigene Faust
ein
erstatter Die einen .
wahren noch halbwegs das Dekorum und spielen nur
sie
verschämt auf Grund von Informationen die für
,

die nächste Nummer ihres Blattes erhalten oder zu


rückbehalten Die andern aber treiben das Spiel ganz
, .

unverschämt indem sie zuerst operieren und dann


erst sich informieren lassen Geht ihnen die Infor
.

sie
so

mation gegen Strichdenunterdrücken sie oder


,

das gerade Gegenteil um Wenn


sie

er ein

lügen sie
in

, .

solcher Journalist genügend eingekauft hat läßt


so

zunächst dem ihm Wien zur Verfügung stehenden


in

in

Blatt ein schüchternes Loblied auf das Papier ertönen


.

Tagsdarauf erschallt das etwas verstärkte Echo


in

einem Blatt der Provinz dessen Wiener Korrespondent


,
ist

es

derselbe feine Herr Wenn auf einen größeren


. ist

Fischzug abgesehen wird die Wirkung noch


so
,

durch eine lange gut aussehende Korrespondenz


in

einer Berliner Börsenzeitung oder einem Hamburger


in
Kapitel Presse und Kapitalismus 91

III
.

.
oder Frankfurter Journal verstärkt Berliner oder

.
Süddeutsche Käufe machen sich einem Wiener

in
Börsenbericht als Hausseargument sehr gut Der job

.
bernde Journalist hat seinen Zweck erreicht und bringt
unterdessen sein Schäfchen ins Trockene

.
April 1918 anläßlich der Generalversammlung
Im

,
der Alpinen Montangesellschaft erklärte deren Gene

,
raldirektor Kestranek auf gewisse kritische Stimmen

Es
einer erpresserischen Presse gebe nichts gebe

er

.
eine Presse die ihre Kritik von dem Lohne abhängig
,

mache sie erhalte


den Und erpreßt wird zu
,

.
allen Tagesstunden und an allen Wochen
tagen
."

wenig kriegführenden wenig

an
Ländern und
In

Orten erstieg das Kriegsgewinnertum verhältnismäßig


artete das Zentralenwesen aus ge

so
solche Höhen
,

,
nossen Kriegsgewinner und Zentralen viel Schutz
so
oder doch Schonung wie Wien Das alles dank der
in

von den Gewinnern selbst Gegenleistung überreich


in

führenden Presse Februar 1918


25

bedankten Am
.

behauptete denn auch der Abgeordnete Zenker


in
Wien die Wiener Presse stehe Dienste Geos
im

der
,

einer Einkaufszentrale
(

).

Daneben gibt
es

noch allerlei andere Douceurs


,

,
die

erzwungene und freiwillige die auf Redaktion ab


,

Auf die Theaterberichte wirken


ein
55

färben von
)
.

seiten der Direktoren Freikarten und die Zuweisung


der Erträgnisse aus Erstaufführungen von seiten der
,

Spieler Festgeschenke und Geldbeiträge für Journa


listenpensionskassen Gewisse hochpoetische Stim
.

mungsbilder
je

gehen Inhalt
im

Feuilleton nach dem


zurück auf Freikarten von Bahnverwaltungen auf
,

Gratisfütterungen von Kurortleitungen und Pensions


inhaber auf halb oder ganz unentgeltliche Probe
,

sendungen von der Lebensmittel der Möbel eventuell


-,

,
-
zu

sogar der Automobilbranche Und wenn lesen steht


,
.

die

die

daß der Trousseau der Gräfin und Son


X
Y
92 Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
der Aus

ein
derfeinheiten enthalte oder daß Fürst

in
,
stellung sich günstig über das Feingebäck der Firma
ausgesprochen habe oder Frau Mandelblüh und

,
Z

:
Herr Jeiteles seien glücklich Abbazia eingetroffen

in

,
dann wissen Eingeweihte daß hier ein Schneider

,
atelier eine Brotfirma oder eine eitle Person ihre Ge
,
schäfts bzw Personalreklame mit 500 1000 Kronen

_
-

-
honoriert haben
haben .
Ein deutscher
. .
Fabrikant wird gelegentlich auf
Fabrikan Meinung verwiesen

Er
Österreichische öffentliche

.
Meinu
meint Urteile österreichischer Zeitungen
Ich gebe auf
, :

ich
will
da

ein
Spottgeld
nichts ich für alles was

,
darin unterbringen kann Ein Österreicher wird
59

in
.
)
Zürich wegen des späten Anlangens des Heimatpasses
Er
beklagt sich beim Öster
10
Fr
zu

Buße verurteilt
.

reichischen Generalkonsul vergebens hierüber und

,
droht nun dessen Sekretär mit Tadel einer großen

in
Wiener Zeitung Der Sekretär lacht und ruft Glauben

:
.

Sie das bringt Ihnen eine Die haben doch alle

im
,

Sommer hier Schmollis getrunken mit den Hiesigen

,
wo man sie drei Tage ausgefüttert hat Ein Wiener
60
)
.
da

Varietédirektor entfäßt eine Dame sie nach


,

den Vorstellungen nie von Herren eingeladen worden


sei Die Dame beschwert sich vor Gericht und weist
.

auf die günstigen Zeitungsbesprechungen hin Diese


.

sind mein Werk


um

Rezensionen etwas aus


,

der Direktor
zu

den Artisten machen schleudert


Richter und Dame entgegen 1915 strengte der

)

Wiener Chefredakteur Klebinder beim Landgericht


München einen Prozeß gegen die Prinzessin Luise
von Belgien wegen eines Ehrengeschenkes von
an

Kronen für fünf Artikel die bei ver


er
10

000
,
.

schiedenen Blättern anzubringen hatte


.

Speziell mächtigsten Blatt der früheren


in

vom
ist

Donaumonarchie der Neuen Freien Presse


,

sei das korrupteste


sie

hundertmal gesagt worden


,

Blatt wird unangeklagt behauptet das meiste ihr


in
,

,
93
Kapitel Kapitalismus

III
Presse und

.
werde irgend einer Form bezahlt Alles was vor

in

,
.
und nach der berühmten Verlängerung des Nordbahn
privilegs Österreich gegen die Taschen der Be

in
völkerung unternommen wird geschieht unter dem

,
Protektorat der Neuen Freien Presse Es gibt keine

'.
wirtschaftliche Schändlichkeit die hier nicht ihre

ein
Sanktion gefunden hätte Nur Beispiel

.<

--
)

:
Be

ein
Während einer italienischen Krise schickte
richterstatter der Neuen Freien Presse seinem Blatte
wahrheitsgetreue Telegramme über Börsenangelegen
Zu

er
heiten aus Rom seinem größten Erstaunen
.

schienen die Berichte verfälscht ins gerade Gegen

,
ein
teil verkehrt und zwar nicht einziges Mal sondern
,

,
ist
eine ganze Reihe von Tagen Es anzunehmen

,
.
daß dies nur deswegen geschehen ist weil der Heraus

,
geber der Neuen Freien Presse ein Börsenengage
'
ment eingegangen war dem das Gegenteil der Wahr
,

heit besser paſte


)
.
(s

FürÖsterreichische Presseverhältnisse eine all


gemeine aufs Exempel
Probe Das Wien der Jahre -
:
ist

1896 1918 das Wien Luegers und seiner Partei

.
Durch die geniale Verwaltungsgabe des Schuldiener
sohnes wurde die Kaiserstadt zur allenthalben be
wunderten bestverwalteten Gemeinde der Welt Die
,

Verstadtlichung einer Reihe privater Unternehmungen


. :

Gas und Elektrizitätswerke Straßenbahnen usw


,
-

brachte die Gewinne der Gemeinde statt dem inter


nationalen Großkapital Durch Gründung einer städti
.

schen Sparkasse und eines Kreditvereins durch Er


,

richtung einer städtischen Weinkellerei Schlächterei


,

und eines Brauhauses durch Ankauf eines Kohlen


,

bergwerkes usw wurde dem eigensüchtigen Privat


.

unternehmertum eine gesunde Konkurrenz auf den


Nacken gesetzt und seine Allmacht zurückgedrängt
.

Auch auf dem Gebiete des Schulwesens der Für


,

sorge für Arbeiter und kleine Gewerbetreibende des


,

Armenwesens der Krankenpflege und nicht zuletzt


,
94 Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

die
der Verschönerung der Stadt erwarb sich Ge
meindeverwaltung höchste Verdienste Die Bürger

.
eigenster Erfahrung

es
schaft anerkannte aus und
gab ihre Stimmen bis zur Revolution mit Mehrheit
für Lueger bezw Und die tonange

ab
seine Partei

.
bende Österreichische Wiener Presse Antwort

?
(

:
Sie war von Anfang an eine ununter
brochene Anklägerin und Verdammerin
des größten Österreichers der letzten
Zeit Wieso Als bestochene Wortführerin
der durch Lueger zurückgedrängten Kapi
?
.

talisten syndikate Karl Kraus veröffentlichte


(
.
gelegentlich die ersten Verzeichnisse der für den
)

Pensionsfonds der bekannten Wiener Journalisten


vereinigung Concordia eingegangenen Spenden Als

.
Hauptgeber freiwilliger Geschenke erscheinen

-
Bankhäuser Die Anglo Österreichische Bank
!

-
. Kr

für Handel und Ge


10

000 die Creditanstalt


),
(
.

werbe 000 Kr die Union Bank 000 Kr


10

die 10
,

,
-

), .
(

.)

( (

)
Kr
Österreichische Bodenkreditanstalt 6000 der

.
Kr

Wiener Bankverein 4000 usw usw


(

.)

Von der ungarischen Presse hat vor Jahren


ein

ungarischer Graf Wiener


im

Vaterland erklärt ,
"

sie sei die verdorbenste der ganzen Welt Eine


.

typische ungarische Journalgeschichte Brotlos und


:

ohne unmittelbare Aussicht auf einen Posten gründete


Blatt Flüggetlen Magyarorszag
ein

Franz Kossuth
.
Er

ein

entlehnte etwas Geld mietete Haus kaufte


,

Rotationsmaschine und Letternmaterial alles auf


,

Pump und warb eine größere Anzahl Leute gegen


,

Kaution Eine Aktiengesellschaft mit


an

hohe
.
zu

600 Aktien 200 Kr war umso bälder fertig


,
.

als niemand auf die Aktien etwas einzahlte Kossuth


.

Direktor mit Kr
12

machte sich selbst zum 000


.

Jahresgehalt Abonnent ge
ein

alles noch bevor


wonnen war Dafür erreichte aber vom Minister
er
.
95
Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
ein
präsidenten Koloman Szell Pauschale von
Kr
12
000 welches die Staatsbahnen ausbezahlten

.,

,
.
ebenso Pauschalien von der Allgemeinen heimischen
Versicherungsgesellschaft des Direktors Ormodie
und von etlichen Banken Nichtsdestoweniger machte

.
infolge Milwirtschaft bald

So
das Blatt Bankrott

.
ließ sich der Sohn des großen Revolutionshelden
gegen Kr Jahresgehalt Ludwig Hollo
12

000 von
.

.
Magyarorszag
am

seinem bisherigen heftigsten


Feind anwerben gegen die Zusicherung als
,

,
)
-
(!

Präsident der Achtundvierziger der Regierung Tisza


Gleichzeitig

zu
Fejervary nicht irgendwie gefügig sein

.
zur Mitarbeit Budapest

an
ließ sich Kossuth der
engagieren Als Handelsminister wurde erwies
er

er
,
.

sich dankbar Hollo wurde Vizepräsident der Unab


:

hängigkeitspartei und erhielt reiche Pauschalien Der

.
durch Majestätsbeleidigungsprozesse bekannte Buda
pest Herausgeber wurde Hofrat Alles allem waren
in
-

die unter Kossuths Ministerium aus den Erträgnissen


der Staatsbahn bestrittenen Pressepauschalien drei
mal hoch wie unter Tisza Manche waren lediglich
so

Schweigegelder erhielt der wegen Betrugs und


So
.

Unterschlagung
zu

einem Jahr Kerker verurteilte Chef


des Corbacs von Kossuth Szterenyi jährlich
-

Kr gewisser
er

6000 damit von seiner Kenntnis


.,

Dinge keinen Gebrauch mache


.6
)

Ernte Wetterberichte ungarischer Blätter sind


-,

immer verdächtig 1908 hatten Ungarn die Getreide


in
.

spekulanten Frühjahr massenhaft Getreide


im

noch
.

Da eine gute Ernte Aussicht stand drohte starker


in

Preissturz verhindern ließen die Spekulanten


zu

Ihn
.

Erntejahr
ein

durch feile Zeitungen schlechtes


prophezeien die Folge war sprungartiges die
In
-

Hohe gehen der Preise und rascher günstiger Absatz


-

Herbst der
im

der noch vorhandenen Vorräte Als


.

ungarische Bauer hohen Preis für seine Frucht er


hoffte mußte überrascht hören gäbe Getreide
er

es
,

,
Kapitel Presse und Kapitalismus

III
96

.
und sein Erzeugnis vielfach

um
Hülle und Fülle

in

,
einen Spottpreis abgeben Vermittelst Pressemachen

.
schaften wurden die Bauern Ungarns drei Herbst

in
um

Kr
Millionen geschröpft Etliche

10

87
wochen

.
)
Jahre später wurden vermöge falscher Meldungen
über Frostschäden wieder solche Börsenzüge gemacht

,
daß die Angelegenheit Sache von Parlamentsanfragen
wurde
68
)
.

gab Budapest
Im

Oktober einen

es
1911

in
großen ungarischen Bankskandal Da kam anläßlich

.
Tag daß die

an
des Streites zweier Direktoren den

,
Ungarische Bank und Handelsaktiengesellschaft

in
-

Budapest welche die Generalvertretung staatlicher


,

Monopole besitzt und Aufsichtsrat aktive Staats


im

Milllionen Kr dis
21
sekretäre hatte

zu
sitzen
,

2
/

.
kreten Verwendungen
buchte daß also dem Be ,
stechungs und Schmiergelderunwesen eine amtliche
-

Weihe zuteil geworden war Dieser Fall wurde von


.

der gesamten herrschenden Presse Budapest und in

(
Wien natürlich nicht umsonst vertuscht und
)
-

-
!

erst von der christlichen Wiener Reichspost ins


Licht gesetzt
)
.*

Anfangs 1914 wollte eine ungarische Finanz


gesellschaft auf der Budapester Margaretheninsel
und Abbazia Spielbanken errichten Um die Presse
in

dafür gewinnen
zu

und durch sie das Publikum


,

wurde wie Ministerpräsident Graf Tisza Buda


im
am

pester Parlament Februar 1914 mitteilte


12
.

ungarischen Zeitungsorganen
93

Geld der Höhe


in

von 280 000 Kr gegeben


.

Nach einer Veröffentlichung des Blattes Varos


,
die
um

anfangs 1919 erhielten diese Zeit Budapester


Blätter vom ungarischen Bankkartell Subventionen
wie folgt Lloyd Pesti Hirlap
Az 48

Pester 000
,
Az :

"

"
.

Ujsag Magyar
35

35

35

000 000 Est 000


,

,
.

Orszag Pesti Naplo Nap


28
30

35

000 000 000


,

,
A
.

.
"

Budapesti Hirlap Journal


28

000 Neues Pester


,
.
97
Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
25 25
Politisches Volksblatt Deli Hirlap

, , 10
000 000

, ,

,
-
. .

.
Magyar Hirlap Uj Szo

12

18
000 000 000

,
. .

.
Republikanische Zeitung Magyar Estilap

12
000
5000 Neues Politisches Volksblatt 8000 Neues
,

,
"
Budapester Abendblatt das Acht Uhr

10
000

-
.
Abendblatt 000 Kr
24
.

.
Der Kapitalismus des Ungarn von 1850 1918
mit seinen vielfältigen Korruptionen mit seinem

,
Börsenspiel seinen übermäßigen Bankengewinnen
,

,
man denke
an

an
seinem Raubbau der Natur die

(
Holzverwüstungen Siebenbürgen und Bosnien
in

,
!)
mit dem Pomp und Prasserleben seiner ersten Ver
treter mit seiner Vergiftung von Wissenschaft Lite
,

,
ratur und Kunst mit seiner Verseuchung des Adels
,

,
war nur möglich dank der Förderung durch eine
je

Presse die mehr sie ihn förderte umsomehr von


,

,
ihm selbst wieder gefördert wurde
.

Wohl von der Presse seiner Heimat Ungarn aus


gehend und diese erster Linie brandmarkend schrieb
in

vor verschiedenen Jahren der bekannte


,
magyarische
Schriftsteller Karl Eötvös Immer mehr verbreitet sich
:

die Ansicht daß ein Prinzip eine Überzeugung und


,

eine bestimmte geistige Richtung nicht für die Zeitungs


all

schreiber tauge und dies nur eine unnütze schäd


ja
,

liche Last auf den Schultern des wirklichen Journalisten


sei Der Zeitungsschreiber müsse sagt man frei von
,

,
.

jedem Prinzipe von jeder Richtung von jeder Über


,

zeugung den täglich wechselnden Strömungen gemäß


arbeiten wie Laune des Publikums oder
es

die die
,

Weisung seines kapitalbesitzenden Herrn befehle Die


.

schöpferische Vorstellung des altgriechischen Volkes


die

kannte heutige Zeitungsliteratur und ihr Heer nicht


.

Wenn sie sie gekannt hätte würde sie sich


,

zu den Füßen des Parnassus einen Morast


gedacht haben welchem es von Schlan
in
,

gen Kröten verächtlichem Schleichgetier


,

und Gewürm wimmelt Dieser Morast


.

Eberie
Dr

Großmacht Presse
,
.

.
98 Kapitel Kapitalismus

III
Presse und

.
wäre das Lager der zeitgem Ben Zeitungs

ä
schreiber gewesen

"
)
Die Verderbnis der österreichisch ungarischen

-
zu
Presse der letzten Jahrzehnte erkennen braucht man

,
übrigens nur ihre Anzeigen bezw Einschaltungsbedin

.
gungen wie den größeren Zeitungskatalogen
sie

zu in
,

?
)
mitgeteilt sind ,
untersuchen Die diesbezüglichen

.
Bestimmungen und Angebote zeigen eine völlige
Verwischung von Redaktions und Inseratenteil Gegen

.
entsprechendes Honorar öffnet sich der Redaktions
teil ganz offen den verschiedensten Interessen Fast

.
alle Wiener Budapester Prager
großen
,

,
usw Blätter machen grundsätzlich Aner
.

bietungen wie etwa die folgenden Zei


tungen
:

Neue Freie Presse Wien : Redaktio


(

)
nelle Kr
Kr

pro
10

50
Notizen Zeile Minimum
,
.

Notizen unter Personalnachrichten 100 Kr pro Auf


.
nahme Aktiengesellschaften Bahnen Banken Ver
,

,
.

sicherungen Spezialtarif
.

Neues Wiener Tagblatt text


im

Notizen
:

lichen Teil Kr für die dreimal gespaltene Petit


10

zeile für Nichtinserenten für Inserenten Kr


;

Neues Pester Journal Budapest


(

)
:

Notizen Nach den Tagesneuigkeiten oder nach dem


:

volkswirtschaftlichen Teil Eine Petitzeile Kr


3
:

Bei redaktionellen Publikationen von Banken Asse


,

kuranzen Eisenbahnen und größeren Aktiengesell


, ,

schaften ferner bei Polemiken Erklärungen oder außer


,

Sprechsaal oder
als

ordentlichen Gelegenheitsinseraten
als redaktionelle Veröffentlichungen Fall
zu

sind von
.

Fall separate Vereinbarungen


zu

treffen
.

Pester Lloyd Budapest Tagesneuig


(

)
:

keiten pro
Petitzeile Kr Notizen nach dem Strich
6

Kr Abendblatt Kr Familiennach
im

bezw
3

15 8

4
.

.
(

.)

richten pro Petitzeile Kr


.
99
Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
Prager Zeitung Prag
Familiennach

:
(

)
richten Kr pro
NotizenZeileder Rubrik Vom

in

,
1

.
Tage Kr nach
der Rubrik Vom Tage Kr Asse

,
4

2
'

'

.
Kr
kuranz und Geschäftszeitung Vergnügungschronik

,
2
-

.
Kr pro Zeile Inserate
Kr

Musik Korrespondenzen
,
im 1

1
-
.

.
Ratgeber Aufnahme beschränkt Kr Inserate

im
.,
1
(

)
redaktionellen Teil Kr pro Zeile Industrieller

) .

.
Wegweiser nur ganzjährig pro Zeile und Jahr Kr

70
(

.
Emissionsinserate nach Übereinkunft

.
Seit Krieg und Revolution sind die Angebote ge
blieben nur die Preise bis ums Zehnfache erhöht
;

worden
.

Die Wirkungen von Saint Germain und Neuilly


-
ngarischen Presse viel

an
haben der alten österreichisch
-u

Einfluß und Bedeutung genommen die neue Zeit ver ;


mochte ihr aber nur Macht Der
zu
von der nehmen

.
Geist und die Geschäftsgrundsätze als
solche sind die alten geblieben .

Auch die Presse der anderen führenden Kultur


ist

länder völlig verdorben


.

Die amerikanischen Blätter sind vorwiegend


Mundstück finanzkräftiger Industrie und Börsenunter
-

nehmungen Der spezifische Charakter der amerika


.

nischen Intelligenz die mit dem Geschäftlichen lieb


,

äugelt und der Halbintelligenz


um

der nur das


es
,
zu

ist

Geschäft tun machten das Zeitungswesen


,

Amerikas zum bloßen Geschäft selbst wenn die Ver


,

leger Idealisten wären Kenner stellen fest Da


in
:
.

da

Amerika alles aufs Geld eingestellt sei eben Geld


,

stärksten Sinne Macht bedeute ließen


im

dort drüben
,

sich ungezählte Vertreter der Intelligenz von den


Plutokraten als Kondottieri den Dienst nehmen
in

und würden durch diesen Anschluß selbst reich


.

Amerikanischer Journalismus heißtPluto


kratendienst Journalisten die dabei nicht parieren
,
.

7
*
100 Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
wollen fliegen So wurde gelegentlich der Chef

B
z
.

.
.
redakteur von Talliers Weeklygelegentlich
welcher versucht

,
der
hatte das Gewissen der Weekly

sen

zu
Nation repräsentieren
,

die
und daher Korruption

im
öffentlichen Leben die

,
Schwindeleien Verbindung mit dem Verkauf der

in
Staatsländereien Verhalten ge
das gemeinschädliche

,
wisser Trusts entsprechendvon seinem
vornahm
Verleger einfach entlassen Der hatte gefunden daß

, ,
.
die Zeitung seit einiger Zeit weniger ertragreich hatte
deshalb einen neuen Geschäftsführer angestellt und
ihm

zugleich die völlige Aufsicht über den redaktio


nellen Teil gegeben auf daß Artikel die gewissen
, ,

,
Inserenten unbequem vermieden würden

.
Von englischen Presse schrieb Pierre Mille
der
1901 England geben die großen Morgenblätter
In
:

Hauptblätter keineswegs die Meinung aller sozialen


=
(

Schichten wieder sondern nur die der leitenden Klassen


,

.
Die leitenden Klassen sind England die Industrie
in

und die Hochfinanz sie sind die jeden Morgen


es
,
.
.
.

der englischen Presse ihre Meinung über Tages


in

politik verlautbaren lassen 1911 schreibt Gustav


7
.
)

Eberlein über dieselbe englische Presse Der Kapi


:

talismus hat Besitz ergriffen von der englischen Presse


.

Die Zentralisierung
ist

Sie ihm rettungslos verfallen


.

ist mit Siebenmeilenstiefeln vorangeschritten die Ver


,

trustung folgte ihr auf dem Fuße das Kapital


,

feiert Triumphe Zwei bis drei Menschen


.

Geldmänner haben Gewalt bekommen


(

über die Presse Londons und damit fast


ganz Großbritanniens Newnes Sir George
,
. :
Th

Pearson und vor allem Lord Harmsworth


C

(
.
.

Northcliffe Letzterer ist heute unumschränkter


).

Polyp streckt
ein

Herrscher Reiche der Presse Wie


im

seine Fangarme bald nach diesem bald nach jenem


er

Blatt und erstickt ohne Gnade Und traurig


es

es
so
,
.

klingen mag auch das dreimal versiegelte Heilig


in
,
Kapitel Kapitalismus 101

III
Presse und

.
ist
gelungen einzudringen

es

73
tum der Times ihm

, R. .
)
1917 schreibt der amerikanische Schriftsteller

L
es .
Orchelle Continental Times

im
Jännerheft der
sei der Fluch Großbritanniens heute unter

,
dem Einfluß von Journalisten und Dema
gogen zu stehen die nur von Gewinnsucht

,
beseelt seien
schwieriger .
Italien gewisse äußere Um
Je

in
stände der weitverbreitete Analphabetismus der
ein
Bevölkerung und wenig entwickeltes Anzeigen
wesen das Zeitungsverlegergeschäft von Haus aus
um

machen selbstverständlicher ist sozusagen


so
,

seine Auslieferung die kapitalistische Korruption


an

.
Die enge Verbindung von Banken Industriegesell

,
schaften Versicherungsanstalten mit den Zeitungsver
,

lagen bezw ihr eigenes Zeitungsgründen und erlegen


.

-v
spricht schon eine deutliche Sprache Kommt dazu
.

noch der natürliche Geschäftssinn südlicher Tages


schriftsteller ist der übliche materialistisch kapi
so
,

ein
Typus fertig
So

talistische stellt denn auch


.

Kenner fest Die Preßbestechung sei Italien etwas


in
:

daß man kaum noch ein Wort


so

Selbstverständliches
,

darüber verliere Die Presse Italiens verschachere ihre


.

Haltung ihre politische Überzeugung ihr ganz weißes


,

Papier
an

den Meistbietenden nach der Höhe der


Je
.

Subventionen leiste diese Presse ihre Dienste vom


,

einmaligen Leitaufsatz bis zur Gefolgschaft längerer


Dauer
74
,
)

Es würde weit führen und ermüden diese


zu

weitere ausländische Presse des langen und breiten


analysieren Gehen wir über zur Betrachtung des
zu

deutschen Zeitungswesens
. B
.

Die herrschende deutsche Presse zeigt die


selben Zeichen der Entartung die wir bereits bei der
,
102 Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
französischen Österreichisch ungarischen usw gesehen

.
haben Auch sie ist mehr und mehr zur Beute des

.
Geschäftsgeistes mit all seinen Untugenden geworden

:
Die Rücksicht auf die Inserenten Erpressergelüste

,
gegenüber Nichtinserenten zerstören die Sachlichkeit
der Nachrichtenmitteilung Daneben findet sich alle

.
Art Nachgiebigkeit gegenüber gut honorierenden
Auch der deutschen Presse

, in
Privatinteressen
sind die politischen . die Bank Industrie

-,

-,
Bücher Kunst Theaterberichte usw SO
-,

-,

.
häufig nicht Niederschlag unbeirrter
Überzeugungen sondern von Haus aus be
,

triebenes vielen Einzelfällen gegen


in
,

Sonderbezahlung verstärktes Schritt


machertu für den Geist des Materialis
m

mus und die Welt des Kapitalismus daß

,
sie keiner Weise als Ausdruck des
in

Volksgewissens angesehen werden kann

.
Dinge die den Wünschen großer In
,

serenten zu widerlaufen werden unter


,

schlagen
Es

wird bekannte weitgehende


die
.

Rücksicht genommen Selbst wichtige lokale Nach


.

sonst unbedingt Sperrdruck ver


im

richten die und


,

öffentlicht würden verschwinden wenn sie einem In


,

serenten von Bedeutung unbequem werden könnten


.

Richard Nordhausen schrieb Anfang und


so

191175
)

erwähnt gleich einige Fälle Ein schreckliches Fahr


.

stuhlunglück fleißig inserierenden Warenhause


in

einem

wurde auf Verlangen der Firma der ganzen Presse tot


in

geschwiegen Die Verbrechen eines Industriellen welche


, ,
.

die Öffentlichkeit stark interessieren mußten wurden


erst durch Gerichtsverhandlung offenbar bis dahin
;

wurden sie von der mit Anzeigen reichlichst bedachten


Presse einfach vertuscht Harden berichtet über einen
.

interessanten Berliner Fall aus dem Jahre 1902 Dort


36
.
47 )

Oktober besagten Jahres zwei lange


im

wurden bzw
(

.
Kapitel 1!1. Presse und Kapitalismus . 103

38 Jahre ) bewährte Angestellte der Firma Israel -


Julius und Berthold Besas wegen angeblicher Unter
schlagung noch vor der gerichtlichen Untersuchung ein
fach weggejagt. Die Gerichtsverhandlungen taten die
volle Unschuld der Verstoßenen dar und erwiesen , daß
nicht durch Unterschlagungsabsichten von Personen ,
sondern durch Mängel der Kassenorganisation jene
Unregelmäßigkeiten in der Kasse verursacht waren .
Trotz des Freispruches werden die Besas von der
Firma nicht wieder aufgenommen , sie erhalten nicht
einmal eine Ehrenerklärung . Warum ? Die Firma
darf nicht kompromittiert, die Unzulänglichkeit ihrer
Organisation nicht enthüllt werden . Eieber sollen
zwei alte Hausbeamte bis ans Lebensende verrufen
bleiben . (Harden . ) Jetzt versuchten es die früheren
Angestellten mit einem offenen Brief in der Presse .
Richtigstellung
sie

Doch vermochten keinerlei

,
keinerlei aufklärende Mitteilung derselben unter
in

zubringen Man wies uns mit der lakonischen Er


, .

klärung Angelegenheit
ab

daß dieser nichts ohne die


in

ausdrückliche Zustimmung der Firma Israel gebracht


werden könne Wir mußten die betrübende Erfahrung
.

machen daß über den kommandierenden Generalen der


,

Presse noch eine Großmacht steht der annoncierende


:

Warenhausbesitzer dessen Reklamen die Redaktions


,

kassen füllen Harden bemerkt dazu Merkwürdig ist


:
.

all den Zeitungen die ich


zu

aber daß lesen bekomme


im in
,

über den März versandten offenen Brief der immer


,
zu

hin als lokale Sensation verwerten war bis heute kein


,

Sterbenswörtchen gesagt worden ist Und allen waren


in
.

Ostern von der Firma Israel auf einer halben Seite


zu

billige Gartenmöbel annonciert Bruhnprozeß 1910


ein Im
, .

hat der Sachverständige Kluge nüchterner völlig


,

zuverlässiger Mann denn auch anerkannt daß An


,

griffe gegen große Inserenten selbst mißzudeutende


ja
,

erst dem Chefredakteur vorge


sie

Bemerkungen über
,

legt werden Natürlich werden sie von diesem gestrichen


.?
)

.
104 Kapitel Presse Kapitalismus

III
und

.
Besonders von der sogenannten parteilosen Presse

.
hat Dr Diez noch 1910 denkbar allgemeinster

in
.
Weise geschrieben Was mächtige Gönner

:
oder gar Inserenten verstimmen könnte

,
bleibt prinzipiell ausgeschlossen und

,
ist doch einmal eine solche Einseitigkeit
durchgeschlüpft muß sie ganz gewiß

so
,
der nächsten Nummer ausgeglichen
in

werden indem man die Frage nun von


,

einer anderen Seite beleuchtet oder den


Gegner von gestern selbst zum Wort
kommen läßt
78
)
.

Inserate aber nicht nur Anspruch auf Ver


geben
tuschungen sondern auch auf Empfehlungen Sie
,

- .
sichern günstiges Urteil Kunst Bank und
in

in
Industriesachen überhaupt auf allen Gebieten
-,
für die
,

,
der Zeitung Reklame gemacht werden kann
in

.
Wuttke klagt von früheren Zeiten daß großen

im
,
und ganzen Verleger bestimmen was bezüglich Literatur
,
Er

zur Anzeige kommen soll führt als Beispiel


9
.?
)

Der Verleger der Spenerschen Zeitung Heiberg


an

,
:

erließ Anfang März 1874 ein Rundschreiben die an

deutschen Verleger empfahl ihnen hier sein Literatur


,

blatt für Novitäten und erklärte zugleich daß der


,

Fachredakteur angewiesen sei diejenigen Novitäten


,

unbedingt
am

erster Linie und ausführlichsten


zu
in

besprechen die mit einem Inseratenauftrag übersandt


,

würden Wuttke fügt dem und anderem die allge


.

So werden wichtigste
an

meinen Sätze
:

Werke verschwiegen während für Spreu


,

Reklame gemacht wird Nicht mehr


, .

die Güte des Buches sondern die


dafür gemachte Reklame entscheidet
heute über den Erfolg
.

1898 erhielt der Verlag Schuster Löffler laut


&

eigener Mitteilung der Zukunft vom April 1898


in

2
.
Kapite : und Kapitalismus 105

III
Presse

.
der Gegenwart

ein
Verlag Buch zur

er
vom dem

,
Besprechung geschickt hatte folgenden Brief Da die

:
Gegenwart kein ausschließliches Literaturblatt ist

so
,
'
kann nur der kleinste Teil der eingehenden Rezensions

Es
exemplare kritische Würdigung finden werden vor

.
allem die durch inneren Wert oder zeitgemäß inter
essanten Inhalt hervorragenden Erscheinungen aus
gewählt und grundsätzlich jene Werke
besprochen welche Annoncenteil

im
,

angezeigt werden Die Inserate gewinnen also


durch die redaktionelle . Besprechung eine wesentlich

ein
erhöhte Wirksamkeit wie sie kaum anderes Blatt
,

bieten vermag Wenn dem Rezensionsexemplar ein


zu

Inserat beigefügt wird werden wir für sofortige Ver


,

öffentlichung der redaktionellen Besprechung Sorge

57
tragen Hochachtungsvoll Berlin Culmstr W

7
/8
.

.
Verlag der Gegenwart Schuster Löffler meinen &
.

ist das Recht jeder Redaktion das aus


Es

richtig

,
:

was ihr wichtig oder Guten oder Bösen


im

zuwählen
,

der Besprechung wert erscheint Wer aber zur Vor


.
ein

aussetzung der Besprechung bezahltes Inserat


macht der hat das Recht verwirkt ernst genommen
,

,
zu zu

zu

werden und über Literaturerzeugnisse Gericht


sitzen
.

im ein

schrieb
1908 laut Türmer Oktober 1910
,
(

Leipziger Verleger einem Autor Mit einem


:

ich

Jahrgang
78

stehenden Literaturblatt habe einen


.

Vertrag geschlossen durch den ich mit Besprechung


,

und Inserat diesem Blatt zugunsten meiner


in

T
P
.
.

Autoren wirken kann Ich kann also eventuell


.
.
.

eine Selbstkritik von Ihnen auch größeren Umfanges


,

,
(!
)

einschalten und zum Zweck der Reklame besonders


packende Stellen Ihres Werkes zum Abdruck bringen
,

was ich mir vertraglich sogar


im

Interesse des Absatzes


,

erbitten müßte
.

Diese Dinge haben sich unseren Tagen natür


in

lich nicht geändert Noch heute bedingen sich Ver


.
Kapitel Presse und Kapitalismus

III
106

.
am
lagsbuchhandlungen gern aus daß selben Tage

,
mit Inserat die redaktionelle
ihrem Kritik des der

in
Anzeige empfohlenen Buches abgedruckt werden
müsse Natürlich fällt die Kritik immer entsprechend

.
gut aus

.
Über die Beziehungen zwischen Inserat und
Musikkritik schrieb 1910 Prof Dr Altmann

, :
.

in .
.
Wie wenige Kritiker sind der Lage
unbeeinflußt vom Verleger oder auch
Chefredakteur ihr Amt auszuüben Es
gibt

!
Berlin zum Beispiel Zeitungen
in

in
,
denen über die unbedeutendsten Konzerte
berichtet wird wenn deren Veranstalter
,

der Zeitung eine Annonce gegeben haben

,
hingegen die größten musikalischen
Ereignisse totgeschwiegen werden weil

,
das Inserat fehit
80
.
)

Ein Beispiel
Am

November 1902 erhielt die


4
:

Schriftleitung der Norddeutschen Allgemeinen


Zeitung einen Brief Dr Arthur Pserhofer Direktor

,
:

des Intimen Theaters Alexanderplatz be


25

Berlin
in

,
C
am

ehrt sich Sie Mittwoch den November statt


zu

der
,

5
.

findenden Vorstellung ergebenst einzuladen Gleich


.

zeitig sind zwei Freibillette beigefügt Der Ressortleiter


.

schreibt auf den Umschlag Haben wir Inserate


:

"
?

Der Brief geht Absender zurück mit der Rand


an

den
bemerkung Ohne Inserate keine Besprechung Ex
:

', .

pedition der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung Ber


pedition
.
SW

Wilhelmstraße
lin

32

81
.,

."
)

Inserat und Börse läßt sich Plutus


ÜberWilhelorat
also aus unaBlätter Ausnahmen
Die meisten
:

kann man an den Fingern Blättn einer Hand ab


zählen sind ihrem Urteil
einer
über Handels
in
--

vorgänge gebunden weil sie von den Ban


,

ken mit Inseraten genährt werden Bei


.
.
.

großen Berliner Blättern herrscht sogar die Unsitte


,

daß unglaublich aber wahr die Handelsredakteure


,

,
Kapitel Presse und Kapitalismus 107

III

.
.
.

für
selbst die Inserate heranzuschaffen haben und diese

Zu
Agententätigkeit Provisionen beziehen solcher

.
Agentenarbeit geben gebildete und fähige Menschen
sich freilich selten her Doch was liegt dem Durch

.
schnittsverleger Bildung und Fähigkeit

an
Die ent

?
werten ihm durch fachmännisch offene Kritik Handels

in
-
sachen höchstens den Annoncenteil Kein Wunder

.
also daß die schlimmsten Mißstände der
,

Finanzwelt den meisten Gegenden des


in

deutschen Blätterwaldes einfach totge


schwiegen werden Kein Wunder aber auch

,
.
.
daß die .
Bankdirektoren ungemein empfindlich geworden
sind nichtnur gegen persönliche Beleidigungen sondern
,

,
gegen jede sachliche scharfe Kritik Sie bestrafen un

.
bequeme Preßorgane dadurch daß sie ihnen ganz oder
,

wenigstens zum Teil die Inserate entziehen Auch

.
große und verbreitete Blätter werden von dieser Strafe
ereilt meist geben solchen Fällen die Verleger
in
..
.

nach und der Redakteur kann zusehen wie sie ihr


,

Schweigegeld einstreichen
82
)
.

Derlei Beeinflussung des Redaktionellen vom An


zeigenteil aus macht sich schließlich auf allen Gebieten
der Publizistik geltend Ein welterfahrener Badearzt ,
.
ich

mit dem über die Sache sprach sagte mir einmal


,

Die meisten Beschreibungen von Bädern sind bezahlte


Reklame Lob und Tadel sind für die herrschende
.

Presse weniger bedingt durch die Qualität der Kurorte


,
als

durch die Größe der Anzeigenaufträge wenn


,

nicht von noch Schlimmerem Die Herren von der


.

Zeitung lassen uns natürlich durch die Blume


-

wissen bei Anzeigenaufträgen für 200 Mk etwa


:

100 Feuilletonzeilen zugunsten des Bades bei solchen


,

für 400 Mk
das Doppelte
.

etwa einem Jahrzehnt trat der Frankfurter


Vor
Professor Ehrlich mit seinem Mittel Salvarsan
an

die Öffentlichkeit Das Mittel fand vielerlei ärztlichen


.

die

Beifall aber von Seite solcher eingehend


es
,

,
108 Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
erprobten auch scharfe Kritik Doch vermochten letz

. ,

.
tere Dr Kanngießer der Presse selbst

in

in
,

,
B
.

.
z
vielen medizinischen Wochenschriften ihre Kritik nicht

,
unterzubringen Der Wiener Univ Prof Finger mußte

.-
.

.
feststellen die Berichte über die Schädigungen durch

,
Salvarsan seien den Tageszeitungen gefärbt worden

ihm in

;
man habe von und von anderen Forschern auf
dem Dermatologenkongreß Rom nur die günstigen

in

,
Mitteilungen erwähnt dagegen die ungünstigen unter

,
schlagen Woher das Nach fachlicher Berechnung

?
.

verdiente das Salvarsansyndikat kurzer Zeit bei

in
. 23
Million Herstellungskosten etwa Millionen Mk
1

.
Natürlich gab reichlichst Inserate Diese führten
es

auch bei medizinischen Fachschriften zur Ablehnung


Salvarsan unfreundlicher Darlegungen Wie Dr Kann
-

.
gießer von der Schriftleitung einer solchen erfuhr ein

:
Aufsatz wegen Salvarsan könne nicht mehr gebracht
,,

werden da das Blatt sonst geschäftlich geschädigt


,

würde Der ärztliche Mitarbeiter einer ersten Berliner


.

Zeitung meinte dazu Wer die Beziehungen


:

zwischen dem Annoncen und dem Text


-

teil kennt wundert sich nicht darüber

85
,

)
.
Der unbedingten weitestgehenden Rücksicht der
Presse auf die Inserenten entspricht auf der anderen
Seite die bis zur Erpressung fortschreitende Rücksichts
losigkeit gegenüber Leuten die auf die Öffentlichkeit
,
,

angewiesen entsprechender Weise


zu

annoncieren
in
,

sich weigern Der Generalkonsul Russel erklärte


in
.

dieser Hinsicht der Kommission für die Börsen


in

enquete speziell für den Bereich des Börsenwesens


,

Es ist oft gar nicht


zu

sagen welchen Bestürmungen


,

durch Annoncenagenten wir regelmäßig zur Zeit von


öffentlichen Emissionen irgend welcher Art ausgesetzt
werden und ich kann wiederum nur sagen
,

sehr vielen Fällen wenn man der


in

da
,

, ,
B

betreffenden Zeitung das Inserat nicht gibt


Kapitel Presse und Kapitalismus 109

III
.

.
dann am folgenden Tage ein ungünstiger
Artikel über die betreffende Emission

in
der Zeitung steht oder falls die Zeitung

,
nach der Richtung hin vorsichtig ist sonst

,
ein miBliebiger Artikel Das gilt nicht für alle

.
ist
Zeitungen aber naturgemäß
es daß hiernach durch
,

,
gewisser Druck auf die

ein
die Presse geradezu
Emissionsinstitute ausgeübt wird ihr die Inserate

in
,
Umfange

es
einem weiteren zuzuwenden als die

,
Emissionsinstitute sonst vielleicht tun würden

84
)
.
Solches ist gesprochen Jahre 1892 Auf der General
im

.
versammlung Mai 1904

31
der Berliner Bank vom

.
behauptete der Bankier Jarislowsky die Presse
A

:
.

habe die Berliner Bank mit Schmähartikeln verfolgt

,
zu

deren Zweck war Inserate erpressen und hat den

er
,

,
Direktoren zugerufen Schmeißen Sie diese Leute
:

heraus wenn sie Ihnen kommen und machen Sie


zu
,

sie unschädlich Alle Banken sollten gegen dieses


ein !

Erpresservolk Kartell schließen Jarislowsky wurde


!

nun der Presse nicht angegriffen wie erwartet


er
in

hatte sondern mit seiner Rede einfach totgeschwiegen


,

: .
Harden der die Sache ins Licht stellte erklärte dazu
,

Aufmeine Frage
ob

sie wirklich von Schreibern und


,

Zeitungen finanziell bedrängt würden haben die Berliner


,

Bankdirektoren mir geantwortet die Sache sei viel


,

sie

schlimmer als ich sie mir vorstelle doch dürften


,

leider nicht darüber reden


9
5
.
.
)

Das wurde später wieder bestätigt durch den


Prozeß Dr Mancke Oktober 1911 Hier bekundete
u
.

).

.
: a.
(

Direktor Simon von der Kommerz und Diskontobank


-

die unberechtigten und abfälligen Kritiken der von


(
Dr

Mancke herausgegebenen Bank und Handels


,

-
)
.

zeitung über die Bank seien nach Hingabe von Inse


raten unterblieben Der Angeklagte habe auch ohne
.

Auftrag Inserate gedruckt und nachher Bezahlung ver


langt Dies sei ihm zwar verboten worden aber nichts
,
.

destoweniger habe die Inserate weitergedruckt und


er
Kapitel

III
110 Presse und Kapitalismus

.
sie
seien dann wieder bezahlt worden Und nun wurde

.
ein Brief Dr Mancke verlesen mit der Bekundung
von

,
.
daß diese bewährte Geschäftspraxis

er

(
)!
schon seit Jahren unbeanstandet aus

25
geübt habe

86
)
.

12
Um die Wende 1911 erschienen der Rhei

in
/
nisch Westfälischen Zeitung Klagen über
Direktor den
-

Heyler von der Elsässischen Maschinenbaugesellschaft


Grafenstaden Es wurde genanntem Direktor der
in

.
Vorwurf deutschfeindlicher Gesinnung gemacht und
die darauf eingeleitete Untersuchung der Regierung
führte zum zeitweiligen Geschäftsboykott der Gesell
schaft durch den preußischen Eisenbahnminister Bei

.
der Behandlung der Angelegenheit elsässischen Land

im
tag wurde vom Abgeordneten Martz konstatiert daß

,
die fraglichen Klagen erst veröffentlicht
wurden nachdem die Rheinisch Westfä
,

-
lische Zeitung vier mal allerdings vergeb
,

lich Inseraten aufträge vom Grafenstadener


,

Werk verlangt hatte


87
)
.

Den Gipfel diesen Dingen stellt wohl jene


in

Abart von Revolverpresse dar von der Plutus 1901


,

berichtet Das stille Geständnis der Bankdirektoren


,
:

daß ihnen das Inserat nur ein Mittel ist sich die Presse
,

günstig stimmen hat zur Folge daß diese straflose


zu

Form der Bestechung von den Hyänen der Presse


eifrigst ausgenutzt wird Lauf der letzten Jahre
Im
.

sind immer mehr kleine Börsenblätter entstanden die


,

nur auf Bankanzeigen spekulieren wenig Text bringen


,

nicht einmal regelmäßig erscheinen sondern das Licht


,

der Welt nur erblicken wenn der Herausgeber eine


,

günstige Gelegenheit Fischzug wittert


zu

einem
.
.
.

Von solchen Blättern werden sehr oft nur gerade soviel


Nummern gedruckt wie für die Inserenten als Beleg
,

gebraucht werden Wehrt sich eine Bank gegen diese


.

neue Belastung erscheint der ehrenwerte Heraus


so
,

geber mit einer Aktie bewaffnet der Generalver


in
Kapitel Presse und Kapitalismus 111

III
.

.
sammlung spielt sich als Aktionär auf und kritisiert

,
die Verwaltung schroff Solcher Wink mit dem Zaun

.
pfahl pflegt genügen

zu

."
s
)
die

die
ist
Zuweisung der Inserate

an
Heute Presse
zum Teil durch große Annoncenagenturen
guten ver
mittelt Es ist für die inserierenden Unternehmer ein
, .

facher nicht mit allen möglichen Blättern einzeln ver


sondern ihre An
zu
handeln und verrechnen müssen

,
zeigenaufträge einfach nur großen Bureaus übergeben
können die berufsmäßig die Unterbringung den
zu

in
,

verschiedenen Blättern besorgen Umgekehrt hängt


selbstverständlich der Erfolg dieser Bureaus bei den
.
daß ihre Anzeigen
ab

Unternehmern davon den

in
,

damit bedachten Blättern wenn schon nicht redaktio


nelle Förderung doch wenigstens keine redaktio
so
,

So

nelle Schädigung erfahren vermehrt die Entwick


.

lung der Annoncenbureaus viel eher das Verderben das


vom Annoncenwesen aus die Presse strömt als daß sie ,
in

mindert insofern sie selbst solche Zeitungen der Kor


es

ruption ausliefert die ursprünglich auf ehrlichen Betrieb


,

bedacht sind dem Augenblick wo sie nicht mehr mit


es
In

,
.

zu

einzelnen Auftraggebern tun haben sondern mit großen


,

Geschäften welche zahlreiche Inserate gleichsam zum


,

Monopol machen und deren Zuweisung bestimmt von


,

ihren Auftraggebern von gewissen Bedingungen ab


,

hängig machen beginnen aus Furcht vor Boykott auch


,

viele ursprünglich redliche Blätter auf unabhängige Über


zeugung wie
zu

verzichten Annoncensammelinstitute
,
, .

die der Firmen Mosse Haasenstein und Vogler usw


.

An
es

haben der Hand einer Zeitung jährlich


in

zeigen Wert bis etlichen


10
im

von etlichen 000


.

Mk vermitteln oder vorzuenthalten


Je
zu

100 000
.

größer die Beträge und mehr einzelne Blätter darauf


je
um

angewiesen sind größer natürlich ihre Neigung


so
,

oder ihr Zwang redaktionell dem Geist der Mosse


,

-
-

oder Haasenstein Inserate Rechnung tragen


zu
-

.
: 112 Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
Zum Verderb der deutschen Presse vom Inseraten
wesen aus tritt ebenso wie bei der früher genannten
Presse die direkte Korruption die Beeinflussung mit

:
barem Geld Beteiligungen Naturalgeschenken Frei

. ,

,
Ein

ist
Teil der Presse abhän

S9
karten usw hinzu

)
.

ein
gig von den Annonceneinnahmen anderer läßt

,
sich direkt bestechen sagt der berühmte National
ökonom Gustav Schmoller Oft gehen die Anstöße

)
."
zur kapitalistisch mammonistischen Fälschung der
Öffentlichen Meinung -
von außen aus oft vom Innern

;
der Redaktionen von Verlegern und Redakteuren
;

,
welche gegen entsprechendes Entgelt bestimmt ge

zu
färbten Nachrichten und Berichten sich anbieten

.
Die Fälschungen treffen nicht nur die Gebiete des
Wirtschaftslebens auch die der Wissenschaft Litera
,

,
tur Kunst des gesamten kulturellen und politischen
,

Lebens usw
.

Am schlimmsten steht allerdings mit den Be


es

richten über Börsendinge Allzuhäufig sind sie bestimmt


.

durch Subventionen und Beteiligungen Einen Höhe


.

punkt diesbezüglich stellen wohl die sog Gründer


71 .

jahre nach dem siegreichen Krieg 1870 dar Da


/

.
hatte die Bestechlichkeit und Verdorbenheit der Presse
einen Grad erreicht der aller Beschreibung spottet
,

.
Außer den Anzeige Einschaltgebühren welche bald
,
-

auf das Dreifache des üblichen Betrages anschwollen


,

bezogen die Verleger und Redakteure bei besonders fau


Gründungen außergewöhnliche Gratifikationen
Im

len
.

redaktionellen Teil wurden die betreffenden Unterneh


mungen himmelhoch gepriesen Die kleinen Blätter
.

ließen sich diese Gelegenheit natürlich nicht entgehen


,

Prospekte unaufgefordert
ab

druckten und sandten


der Zeit als das Ge
ein

Belege mit Rechnungen


In

,
.

sie

schäft noch blühte honorierte man auch wirklich


91
,

)
.

Auch der Folge ist solcherlei vorgekommen


er Im in

Prozeß Moritz Meyer wurde konstatiert daß


,
ihm

war erst bei der Nationalzeitung dann bei


,
(
Kapitel Presse und Kapitalismus 113

III
.

.
der Vossischen Zeitung hernach beim Ratgeber

,
auf dem Kapitalmarkte Inhaber erster Bankhäuser

)
regelmäßig ansehnliche Beträge bezahlten

)
."
der Krisis der Pommernbank wurde

er
Anläßlich
wiesen daß von ihr nicht nur der Berliner Presse
,

Mk unverzinsliches
15

klub 000 bekam 1904 als

--
-
.

.
Darlehen die Redakteure großer Blätter ver
)

schwiegen dafür die Mißbräuche des Bodenkreditver


Kata
zu
kehrs die später einer volkswirtschaftlichen
,

strophe führten sondern auch noch einzelne Jour


nalisten Drei Fälle wurden festgestellt Herr Julius

:
, .

Salomon Chefredakteur des Berliner Börsenkuriers


erhielt 1000 Mk Herr Moritz Meyer 2000 Mk Herr
.;

.;
Max Wittenberg 000 Mk

12
einen Jahressold von

.
wissenschaftliche Arbeiten Auftrag von Bank
im

für
(

93

direktoren
).
)

1911 kam ein Erpresser den Besitz eines Zettels


in

aus dem Jahre 1886 auf dem der frühere Direktor


,

der Darmstädter Bank Stadtältester Kämpf in Ver


,

bindung mit einer portugiesischen seiner Emission


Bank die Namen mehrerer Berliner Handelsredakteure
mit verschiedenen Summen aufgezeichnet hatte Vor
.

Gericht bekundete Herr Kämpf das seien Namen von


:

Handelsredakteuren die für bestimmte schriftstelle


,

rische Arbeiten Honorare erhalten und ganz rechtmäßig


verdient hätten solchen Honoraren liegt aber ledig
In
.

lich Bestechung Zeitungsverlag


18

vor Der 1911


.

diesen Aussagen Kämpfs sie


zu

bemerkte denn auch


:

widersprächen Annahme daß seit Erlaß des


der
,

Börsengesetzes Hinsicht der Schweigegelder


an

der
in

Presse eine Änderung eingetreten sei daß man näm


,

lich von wenigen Ausnahmen abgesehen nur noch


,

durch Anzeigen beruhige Und wirklich läßt sich


.
.
.

die Kreuzzeitung aus Bankkreisen glaubwürdig ver


sichern daß das Scheinmanöver mit den gelieferten
,

literarischen Arbeiten bei weitem nicht die einzige


Trinkgelder
an

Form der Handelsredakteure sei heute


,

Eberle
Dr

Großmacht Presse
,
.

.
114 Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
wenig wie die gebräuchlichere
so
ehedem Form sei

;
die daß den empfänglichen Redakteuren bei Emissioner
,
mitgeteilt werde die Bank habe ihnen auf ihre meist

(
fingierte Zeichnung und soviele Stücke aufge

so
)
schrieben und bald darauf foige dann die Benach
richtigung die zugeteilten Stücke seien verkauft der
,

,
erzielte Kursgewinn sei auf ihrem Konto gutgeschrieben

,
gehe durch Postanweisung

94
ab
oder ähnlich

.
.
.
)
Die Schäden welche sich aus dem

,
Verhältnis des Gründerwesens und der
Borse zur Presse ergeben sind noch nicht

,
geheilt und werden absehbarer Zeit
in
nicht zu heilen sein Leider vermag hier .
das Gesetz unter 100 Schuldigen nur einen
zu treffen Munzinger
95
.
(

.)
)

Wir sahen schon daß hier zum Teil unendlich


,

gearbeitet
wird Auf Schleichwegen bis denen

zu
fein

,
.

die Wirksamkeit des Strafgesetzes nicht reicht wird

,
die Abhängigkeit der Presse von der Börse herbei

die
geführt gelegentlich wie
96

Harden beschrieb ,
.
)

Versuchung über den Börsenredakteur kommen kann

,
ihn

die zum willfährigen Dienstmann macht Dem


:

nicht
ein

Börsianer kommt auf Doppelkrönchen an


,
's
er

spielt gerne den bon prince und freut sich wenn er


,

etwas spendieren kann Da sieht nun den mächtigen


er
. .

000 Leser morgen das


20

Redakteur der für


10

000
,

,
.

Wetter macht neuen Emissionen den Weg bahnt oder


,

sperrt über die Bilanzen Gerichtstag hält den Markt


,

wert politischer Nachrichten abmißt und den Um


schwung der Tendenz prophezeit Allmächtig ist
er
.

nicht vermag aber viel Wenn schreibt die Börse


er
,

,
.

warte mit angehaltenem Atem auf die Meldung vom


Fall Port Arthurs dann reiben sich alle Baissiers die
,

Hände und hoffen der große Kurssturz auf den sie


,

seit drei Monaten rechnen nahe nun endlich Sagt


,

Ton kühler Gelassenheit die Kapitulation der


er
im

belagerten Festung sei von der Börse längst eskomptiert


,
Kapitel Presse und Kapitalismus 115

III
.

.
dann wähnt die Haussepartei sich vor jäher Über
raschung geschützt Selbst die Größten kann ärgern

er
.

.
Schon dadurch daß ihre Kursminderungen stets die

im er
,

,
Steigerungen niemals Stimmungsbericht des Abend
blattes verzeichnet Und der Mann von dessen gutem

,
..
.
Willen soviel abhängt trägt einen schlecht sitzenden

,
Rock und muß dreimal überlegen

ob

er
sich einen

,
Taxameter bis nach Wilmersdorf leisten darf Da ent

, , .
stehen dann leicht fatale Vertraulichkeiten Rauchen

.:
Sie ne gute Zigarre Herr Doktor Doktor wenn
,

,
?

's
'
Ihnen recht ist fahre ich Sie nach Haus Essen wir
,

!
harmlos fängt

So
heute zusammen Doktorchen

es
,

?
'
wohl Die leise dann die laute Beeinflussung folgt
an

,
.

.
Der Makler Prokurist Direktor ist wirklich

ein
netter
,

Kerl und mag sein daß die Verhältnisse klarer


er
es
;

sieht Zuerst läßt man sich füttern und tränken

,
.
.
.

nimmt nach sprödem Zögern auch kleine Geschenke


ganz kleine zur Konservierung der Freundschaft
an
,

.
zu
Den Cato braucht man auch nicht spielen Ins
ja

.
Wohlleben gewöhnt sich jeder leicht und stöhnt dann
über die Pfennigfuchserpflicht Warum soll unsereins
.

nicht ein anständiges solides Geschäftchen machen


unabhängig ?
ob

Als das Urteil nicht trotzdem bliebe !


Bald darauf wisperts aus allen Winkeln Der nimmt
:

also auch Nun ist versorgt und braucht nicht ein


er
!

mal mehr die Hand hinzuhalten Einer der die


in
,
.
.
.
.

Welt paßt lebt und leben läßt Nur daß nicht ab


er
,

.
ist

gefaßt wird sonst


97

aus
,

'

!
s

Ähnlich läßt sich der Geschäftssinn Geldhunger


,

oder die menschliche Schwachheit der Herausgeber


und Redakteure die Öffentliche Meinung auf anderen
Gebieten des Wirtschaftslebens abkaufen
.
.jur

August 1911 hielt Dr Hermann Popert


Am

4
.

auf der Tagung der Alkoholgegner Dresden einen


in

Vortrag Beweisurkunden ver


20

rund
er

dem
in
,

a
.
.

las zum Beweis dafür daß das Alkoholkapital syste


,

8
*
Kapitel Kapitalismus

III
116 Presse und

.
matisch daran arbeitet den redaktionellen Teil der

,
deutschen Zeitungen abhängig

zu
von sich machen

,
und daß dies nicht wenigen Fällen auch gelungen

in
ist Zum Teil indirekt durch den Druck der großen
.

Alkoholinserenten auf den redaktionellen Teil aber

,
einigen Fällen leider auch direkt indem redak

im
in

,
tionellen Teil hochangesehener Zeitungen Artikel für
den Alkohol und gegen die Abstinenz erschienen sind

,
die tatsächlich bezahlte Inserate von Alkoholkapi
talisten waren Ein paar Proben aus dem Inhalt dieses
.

Urkundenmaterials nach der Inhaltsangabe von Dr

zu .
Popert Auf dem internationalen Guttemplertage
:'
)

Hamburg Juni 1911 hielt der Münchener Hochschul


(

professor von Gruber einen Vortrag Unmittelbar dar

.
auf stand dieser Vortrag gefälscht ganz ungemein
vielen deutschen Zeitungen Die Fälschung behauptete in

,
.

Herr von Gruber habe den Alkohol und insbesondere


Nahrungsmittel empfohlen während
als

das Bier

er
,
Gegenteil
Am

das gerade getan hatte September 1907


2
.

brachte der Deutsche Reichsanzeiger eine Mitteilung

,
welche die Überlegenheit der Abstinenten der in

Lebensdauer gegenüber den Mäßigen zeigte Auf Be


.

treiben der Alkoholinserenten wurde sie der Weise


in

einer Menge deutscher Zeitungen untergebracht


in

daß die Zahlen für die Abstinenten mit denen für die
Nichtabstinenten einfach vertauscht wurden Dadurch
.

wurde dann das Ergebnis für die Abstinenten ungünstig


.

Aus einer weiteren Urkunde geht hervor daß


es

dem
,

Alkoholkapital Schlesien gelang bei einer ganzen


in

Anzahl angesehenster deutscher Zeitungen die Namen


(

werden genannt Aufsätze für den Alkohol den


in
)

redaktionellen Teil bringen Zwei andere Urkunden


zu

decken dann untergenauester Darlegung der Verhältnisse


und unter Nennung der Namen der betreffenden Zeitungen
ganz ähnliche Dinge auch für Berlin und Wien auf
.

Jacobi spricht einmal von Berichterstattern die


,

sich namentlich gelegentlich der Weihnachtsspazier


Kapitel Presse und Kapitalismus 117

III
.

.
für
die

sie
gänge ihre Zeitungen anfertigten ganze

,
Warenlager von Versuchsgegenständen ihrem Hause

in
um

zu
aufstapelten sachgemäß prüfen und urteilen

,
Er
können meint allerdings diese Berichterstatter

,
gattung .
sei ausgestorben Die Wirklichkeit beweist

.
das Gegenteil Gelegentlich Tag gekommene

an
den

.
Angebote und Rundschreiben sprechen Bände Man

.
sehe folgendes gedruckte Rundschreiben einer
B
z
.
.

Tapetenfabrik Sollte für Sie von Interesse sein

es

,
:

Ihrem Redaktionsbureau die vornehme Wirkung


in

um
unserer Tapeten erproben darüber eine ein
zu

,
gehende Besprechung bringen Die erforderlichen
zu

?
Tapeten würden wir eventuell zur Verfügung stellen

.
Die Absender des Rundschreibens wagten das Ange
bot doch wohl nur auf Grund besonderer Milieu
kenntnisse
99
)
.

Harden erbot sich der Zukunft vom August


an in

8
.
1903 zum Nachweis daß der Kgl Preußische
,

Kommerzienrat Johann Ludwig Leichner Journalisten .

,
ihm

die seinem Schminkegeschäft nützen oder scha


(

den konnten Wertgegenstände ins Haus geschickt


,

und Berichte versandt habe die von ihm stammten


,

,
aber die Namensunterschrift eines Presseausschusses
gar nicht vorgelegt worden waren
sie

trugen dem
,

Am Juli 1903 unterbreitete derselbe Harden


in
4
.

der Zukunft dem Publikum folgendes Schreiben


. :

Dr Kämpfs Institut für Reklame und Propaganda


W
.

., .

72

Juni 1903 Oranienstr Beant


13

Berlin
In
S

).
(

ich

wortung Ihres geehrten Schreibens teile


er

Ihnen
gebenst mit daß ich meinen Feuilleton Mitarbeiter
,

nach Dresden schicke Derselbe wird eine interessante


Beschreibung der Ausstellung lediglich unter
.

Berücksichtigung der Firmen bringen


,

die sich mit mir Verbindung setzen


in

Eine Besprechung Ihrer werten Firma einem Um


in

fange von bis dreispaltigen Zeilen würde 100 Mk


30

35

.,

jede Mehrzeile Mk kosten Wünschen Sie daß


in
,
3

.
Kapitel

III
118 Presse und Kapitalismus

.
dem ganzen Feuilleton nur Ihre Firma genannt und
besprochen werde würde ich bei einem Umfange

so
,

Ich
von etwa 120 Zeilen 300 Mk berechnen mache

, .
noch besonders darauf aufmerksam daß die
Vossische Zeitung andere Besprechun
gen über die Dresdener Ausstellung als
von mir nicht bringen wird Um baldgefl Ant

.
wort bittend zeichne hochachtungsvoll per Dr Kämpf
,

.
Chr Roth Als die Vossische Zeitung später
.

auf Vorhalt die Sache als Schwindel abtun


-

wollte erhob Dr Kämpf sofort Gegerklage


,

.
Als 1909 Reichstag
im

anläßlich der Auseinander


setzungen über die Reichsfinanzreform , die Konservativen

,
nach Vorbild Frankreichs die Kotierungssteuer
dem

=
Steuer für Zulassung von Wertpapieren zum Börsen
handel beantragten damit endlich einmal auch das
,

mobile Kapital entsprechenden Besitzsteuern heran


zu

durch die Börsen


ein

gezogen würde ging Sturm


and Bankenwelt der zur Gründung des Hansabundes
,

führte und die herrschende Presse machte sich


,
--

zum Echo und zur Weiterverbreiterin dieses Sturmes


daß auch die Regierung den Plan verwarf

Un
so
-

.
)
Zur Deckung der seinerzeitigen Kriegskosten
in
Deutsch Südwestafrika schlug April Reichs
im

im

1910
-

tag der Abg Erzberger vor einen Teil der benötigten


,
.

Gesamtsumme als einmalige


außerordentliche Ver
ihr

mögenssteuer auf die Kolonie die selbst


,

in
d

h
.
.

ansässigen Firmen mit über 300 000 Mk Reinver


.

.
zu

mögen legen zumal Südwestafrika weder


in
,

eine Vermögens noch eine Einkommensteuer bestehe


-

Erzberger konnte darauf hinweisen daß auch Eng


,

land Transvaal und der Orange River Kolonie eine hohe


-

Kriegsentschädigung auferlegte und die Grundtendenz


,

seines Antrags wurde von den Rednern fast aller Par


sehr erwägenswert hingestellt
als

teien Und die


.

große Presse Antwort Kaum war der ausge


:
?

arbeitete Vorschlag des Abg Erzberger


.
Kapitel Presse und Kapitalismus 119

III
.

.
die Hände der Vertreter der Berliner

in
Presse gekommen da erhob sich ein der

,
artiger Sturm als eine himmelschrei

ob
,
ende Ungerechtigkeit geschehen als ob

,
das Vaterland die höchste Gefahr ver

in
301
setzt sei Diese Abhängigkeit der herrschenden
.
)
Presse von den Steuerwünschen der Großunternehmer
ist doch wohl nicht Zufall

!
Jahre war Italien der Cholera heim
Im

1910 von
gesucht Viele deutsche Blätter meldeten
mit starken

es
.

Übertreibungen nach dem Urteil von Kennern mit


-

Rücksicht auf die Wünsche gewisser Hotelver

a
.
.
bände die den Fremdenstrom von der Apenninen
,

halbinsel zurückhalten wollten


die Jahreswende 1911 .

12
Um verführten sehr
viele Blätter besonders großen Lärm über Teuerung /

.
um
Teil
es

Kenner sagten handle sich zum guten


,

Stimmungsmache großkapitalistischer Händler sollte

es
:
ihnen der Boden für Raubzüge auf die Taschen des
Publikums zurechtgeackert werden Tatsächlich konnte
.

festgestellt werden daß Kartoffeln die Breslau in


,

,
B
z
.
.

Mk pro Zentner
50

für Fülle
zu

haben waren
in

,
3
.

Berlin zwei Monate lang um und Mk verkauft


in

wurden ungünstiger die Marktstimmung


Je

man
.
(

für den Käufer schildert umso teurer vermag der Ver


,

käufer seine Ware anzubringen Die andauernden


)
.
die

Anklagen gegen deutsche Reichsfinanzreform 1912


waren für die Spekulanten Wege sehr großen Ge
zu

winnen Es wurden durch die neuen Steuern belastet


.

45

insgesamt das Bier mit 100 der Tabak mit der


,

,
(

80

Branntwein mit der Kaffee mit die Streich


37
,

,
23

hölzer mit Millionen alles zusammen also mit


-

285 Millionen Mk Der Presselärm protegiert die


.

,
daß
eses

einzelnen Gewerbe ihnen möglich wird


so

daß
wich
,

anläßlich der neuen Steuern durch Preiserhöhung der


insgesamt 1247 Millionen
um

genannten Produkte
Mk Bier statt 100 Millionen 720Preiserhoillionen
Millionen Preis
.
(
120 Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
erhöhung 963 Millioner

45
Tabak statt 160 usw

. ).
Mk eigene Tasche stecken

zu
die

in
,

2
)
Über das Verhältnis Eisenmarkt und Presse ließ
sich 1911 eines der sachlichsten Blätter Deutschlands
also aus Gleich dem amerikanischen Steeltrust sorgter
:
auch deutsche Verbände dafür daß die Marktlage nur

,
sie
so

geschildert werde wie wollen

10
es
haben

-)
.
Die übermäßige Industrialisierung und Kommer
zialisierung des neueren Deutschland ohne Rück
sicht auf die Notwendigkeiten organischer autarker
Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft das fabel

;
hafte Gewinnen der Banken und Fabrikanten während
der Verkümmerung der Landwirtschaft der Ausbau

;
und das Beutemachen der Zentralen Krieg unter

im
Mibachtung der bestehenden Bauern und Handwerker

-
genossenschaften die Nichtausdehnung der allge
;

meinen Wehrpflicht auf das Kapital und zumal das


Großkapital das wirtschaftliche Hindenburgprogramm
;

mit der geldlichen Riesenfütterung der Kriegsbetriebe


und ihrer Angestellten unter Verelendung der Front
soldaten die Einschränkung der Kriegs und Kriegs
;

verlängerungs Schuld Untersuchungen auf Diplomaten

,
-

Militärs Junker unter Übergehung Schuldigster der


,

Krieg die Verschleppung von


im

Plutokraten vor und


;

Einzug Kriegsgewinne
ein

Vorlagen für der bis gut Teil


,

derselben sich verflüchtigt der Entrüstungssturm gegen


;

die Reichsgesetze betreffend ermögensabgabe das


-V

ist nur denkbar Presse die


im

alles Zeichen einer


,

mit der Förderung des Kapitalismus und Mammo


nismus ihre eigenen kapitalistischen Geschäfte macht
zu

und durch sie eigener wirtschaftlicher Blüte


emporsteigt
.

Die übrigen Sparten der herrschenden deutschen


Presse scheinen der gleichen Korruption verfallen
.

Über die Theaterberichterstattung schrieb


Lucas schon vor Jahrzehnten Es gibt eine kleine
:
Kapitel Presse und Kapitalismus 121

III
.

.
Klasse von Literaten die Kunstrichter welche ihren

,
Lebensunterhalt lediglich aus der Blutsaugerei von
armen Schauspielern und Primadonnen ziehen Will

ein
eine hübsche Dame nicht als Furie geschildert

,
Sänger nicht als Singknabe vor aller Augen hinge

sie
so
richtet werden zahlen Solche kritische
müssen

.
St Justs Kaffeehaus neben einer Tasse

im
können
.

Melange mit dem Bleistift auf einem kleinen Fenster


ein

tischlein Dutzend Dichter Schauspieler und

sie
Sängerinnen kaltblütig vernichten Außer zahlen

.
sie
dann aber werden auch unter die Musen und
-

Götter versetzt 104 Dem Grundgedanken von Lucas

,
)
.

daß das Urteil über Theaterdinge unendlich oft durch


freiwillige oder erzwungene Spenden der Theaterleute
getrübt ist hat die Wirklichkeit seit langem fortgesetzt
,

recht gegeben Die Davison die Lucca die Patti haben


,

,
.

den Bearbeitern der öffentlichen Meinung Tausende


von Talern oder Franken zufließen lassen sie wußten
warum Herr Sonnenthal hat gelegentlich dein Verein ;
.

Berliner Presse aus seinen Berliner Gastspielein

105
3000 Mk
ein

nahmen Geschenk von gemacht

--
.

.
Friedrich Haase hat bei Beginn seines letzten Gast )
spiels demselben Verein unter entsprechenden An
weisungen für die Kritik die höchste der erzielen
zu

den Einnahmen Aussicht gestellt 106 Gastspiele


in

)
.

bekannterer Schauspieler und Sänger zugunsten von


Journalistenkassen sind neuerdings eine selbstver
ständliche Sache geworden
.

Die Theaterdirektoren ihrerseits beeinflussen die


Kritik durch massenhafte Abgabe gern entgegenge
An

nommener Freikarten dem Benefiz des Frei


.

billetts pflegen nicht nur Rezensenten sondern das ge


, ,

samte Redaktionspersonal mit Familie womöglich auch


107

mit Freunden und Freundinnen teilzunehmen


)
.

..
.

Neben den Premierenbilletts von denen manche


,

Blätter sechs acht Stück und darüber erhalten wer


,

gewöhnlichen regel
an

den auch Abenden ziemlich


122 Kapitel Kapitalismus

III
Presse und

.
mäßig Freikartengesuche der Redaktionen den Theater
kassierern überreicht Und mit diesen Freiplätzen

.
werden Verwandte oder Bekannte beglückt mitunter

,
auch unbequeme Gläubiger vertröstet oder befrie

108
digt Natürlich erzeigen sich die Freikartenemp
.
)
fänger entsprechend erkenntlich Ein Beispiel Unter

:
.
dem 1902 verstorbenen Geschäftsführer der Kgl Hof

.
theater Berlin
in Geheimrat Pierson hatte eine große

,
MiBwirtschaft eingerissen Defizits Verwendung un

,
.
fähiger Kräfte schlechter Spielplan
, Unordnung auf

,
Proben Vernachlässigung der Korrespondenz mit
,

Bühnenautoren und verschiedenes Andere belasteten


sein Konto Doch die Presse schwieg andauernd hatte

,
.

für
sogar lobende Nachrufe den Toten Warum Die

sie
Journalisten erhielten viele Freikarten als
so
109

wollten
.

.
)

Der Berliner Presse ließ vor Gericht ganz


Verein
die

den Zeitungsschreibern

so
offen erklären reichlich
,

gespendeten Freikarten seien das Aquivalent für die

110
täglich besorgten Reklamenotizen .
)
Auf dem Magdeburger Redakteurtag 1904 erklärte
ein

Journalist und fand nur bei drei Anwesenden


er
: ,

Widerspruch Wir sind doch die für die Theater


es

Reklame schreiben die oft gegen unsere Uber


,

zeugung die Stücke die der Herr Direktor


,

bietet loben und herausstreichen müssen


,

.
Man dringe deshalb darauf daß auch für uns Wohl
,
(

tätigkeitsvorstellungen
veranstaltet werden Mit dem
.

Ertrag könnten die Direktoren manchem Kollegen


in

der Not Erleichterung verschaffen


!
.)

)
?

Für neuere Musikkritik sind bezeichnend


folgende Sätze aus einer mit feinster Ironie geschrie
benen Studie Dr Buschings über den Reklamebetrieb
.

Rich Strauß bezw seines Verlegers Dieser Ver


'
.

:
die

leger erfüllt Erde mit unzähligen Notizen über


das Werden Wachsen Gedeihen jedes neuen Werkes
,

,
Kapitel

III
Presse und Kapitalismus 123

.
unseres Komponisten Der Verleger läßt Feuilletons

.
hinausflattern über halb dementierte halb eingestan

,
dene Opern Der Verleger konstruiert einen kleinen

,
.
einen ganz intimen einen ganz außerordentlich streng

,
vertraulichen Freundeskreis dem Richard Strauß

,
die von ihm selbst dementierte neue Oper vorspielt

,
ohne dieser streng vertraulichen
zu

ahnen daß

in
,
Kompagnie
ein

tüchtiger Reporter sitzt der nicht ohne

,
gute historisch stilistische Information seitens des
-

völlig

am
den Wolken schwebenden Komponisten
in

,
nächsten Tag berichtet daß Richard Strauß der Welt
,

Umfang klein
ein

neues Werk geschenkt habe

an

an
,
:
Wert riesengroß Nach dieser Soirée dem friedlichen

in

,
.

zu
weltabgeschiedenen Landhaus Garmisch erscheinen
dann die berühmten tausend Reklamenotizen Wir

.
erleben durch die Zeitungen folgendes mit Annahme

:
des Werkes Ablehnung der Forderungen Millionen
,

,
angebote aus Amerika Selbstmord eines Intendanten
,

wegen Verweigerung der Uraufführung diskrete An


,

deutungen über Pikanterien jeden Kalibers Text


im

buch Dementierung aller vorher vom Verleger vom


,

Verleger ausgestreuten Notizen erneute Publikation


,
!)

der gleichen Notizen durch den gleichen Verleger


,

erneute Dementierung der erneuten gleichen Notizen


,

unerklärliche Artikel gänzlich unbeeinflußter Enthusi


asten über den noch nicht veröffentlichten Klavier
auszug Mitteilungen über die Stärke des Orchesters
,

mindestens 125 Musiker und vier Nashörner Mit


),
(

die

teilungen über unerhörte für Schwierigkeiten


Sänger über unerhört viele Proben über ernstliche
,

Hindernisse der Aufführung infolge von Erkrankung


sämtlicher Sängerinnen Mitteilungen über das Er
,

scheinen des Herrn Dr Richard Strauß den Proben


zu

,
.
zu

den Aufführungen über das Lob das einzelnen


er
,

Darstellern ausspricht ist ein klugerraffiniert


er
(O
,

,
.

kluger Beurteiler dieser weltfremde Komponist mit


,

die

den Träumeraugen Dann kommt endlich Auf


!)
Kapitel Presse und Kapitalismus

III
124

.
führung Natürlich erliegt das Publikum
der mit außer

--
.
ordentlichen Kräften erzeugten Massensuggestion und
gibt seiner Zustimmung den unverstanden

zu
selbst
sten weil geistreichsten Gedanken des Komponisten

,
Dann geht wütiges

ein
den lärmendsten Ausdruck

.
los
Telegraphieren über jede Premiere jedem

in
Theater von Rädvik bis Sarajewo Verleger und

(
Komponist ahnen nichts davon und das Publikum

,
, )
bleibt Zustande des Deliriums bis die erste bestellte
im

,
Indiskretion über ein neues Werk kommt die dann

,
wieder die Spannung der Menge erregt bis über die Auf
112
führung hinaus
.
)

1892 schrieb Harden über die Sachlichkeit neuerer


Schauhaus Kritik Apostata allgemein
im

In
:
es -

Berlin ist soweit gekommen daß man aus der Presse


,

ob

ein
nicht einmal mehr erkennen kann Theater

,
stück gefallen hat oder nicht und daß nur noch die
,

Anschauungen der Börsenleute und der ihnen dienstbar


ergebenen Bildungsträger eine den wirklichen Interessen

113
entsprechende journalistische Vertretung finden

.
)
Die Anführungen aus späterer Zeit beweisen daß die
Dinge auch der Folgezeit und anderwärts höchst ,
in

die

zweifelhafte geblieben sind Wie weit Verderbnis


.

besagten Punkten bereits gediehen erhellt vielleicht


in

aus nichts besser als aus der Tatsache daß heute


,

Anzeigen wie folgt möglich sind Für Künstler


:

-
!

sehr tüchtige gebildete Persönlichkeit


im

Stilistisch
,

gesamten Musik und Theaterwesen versiert über


,
-

nimmt Korrespondenz jeder Art Zusammenstellung


(

von Kritiken behufs Propaganda Abfassung von


,

Notizen usw Gefl Zuschriften unter 590


M

K
.

.
.
: .)

Geldmann gesucht zur Durch


an

oder
,
.
.
.

setzung baldiger Aufführung einer drei


aktigen Operette mit gutem lustigem Buch mit
, ,

hinreißender sprühender Musik künstlerisch gear


,

beitet gegen Gewinnbeteiligung Bedeutender Erfolg


,

sicher Gefl Zuschr


u

."
!!
.
.

.
.
.

)
Kapitel Presse und Kapitalismus 125

III
.

.
Buch und Kunstberichte sind heute weit

-
hin

nur bezahlte Reklamen Buchverleger Bilder

,
.
händler
,Antiquare geben vielfach den Feuilleton
redakteuren größerer Blätter Jahresfixa gegen die Ver
pflichtung entsprechender Anpreisung ihrer Verlags
werke kommt Säkularwerke totge

es
So

daß

,
.

schwiegen werden und Schundbücher Riesenauflagen


Die Jahresfixa sind umso größer ren

je
erleben

,
.

tabler dank der Presse gewisse Bilder und Buch

-
geschäfte Wenn größeren Zeitungen sich etwa
in
.

ein Streit für oder wider einen bestimmten Mode


autor entwickelt viel wahrscheinlicher daß
ist
es
so
,

,
der Polemik der Widerstreit der Festbesoldeten
in

konkurrierender Buchverlagsfirmen zutagetritt als das


Aufeinanderprallen zweier oder dreier ehrlicher Über
zeugungen Hinsichtlich der durch Geschäftsrück
.

sichten bedingten Stellungnahme der Presse speziell


zur Kunst schrieb Leo Berg ganz allgemein Die
:
zu

Presse hört schon beinahe auf Publizität bedeuten

;
,
ist
sie

längst keine Gewähr mehr daß selbst die


,

wichtigsten Dinge ins Publikum kommen In


.
.
.

Sachen der Kunst wird so ziemlich alles


unterschlagen Die Presse ist heute
.
.
.

engherziger als es die Kirche war


je

.
.
.

Statt eine Befreierin zu sein ist sie längst


,

eine Zwingburg des Geistes geworden


.

Die Demokratie und Plutokratie des modernen


.
.
.

Lebens haben Sachen der Kunst die Dummheit auf


in

115

den Thron erhoben


)
.

Unsere letzten Ausführungen beziehen sich vor


allem auf die große Presse Bei der mittleren und
.

die Sache nicht besser nur liegt


ist

kleinen Presse
;

hier die gewisse Korruption häufig weniger der


in

Zeitung selbst als bei ihrer Queile den verschiedent


,

lichen Korrespondenzbureaux Die kleinen Zeitungen


.
um

haben weder das Geld sich weiß Gott wo über


,
Kapitel Kapitalismus

III
126 Presse und

.
zu
all Berichterstatter halten noch schriftstellerische

,
um
Kräfte alle Nachrichten entsprechend ver

zu
,
schöpfen sie für alle Sparten aus Korre

So
arbeiten

die
spondenzbureaux und bearbeiten höchstens un
Inittelbaren Ortsangelegenheiten selbständig den

In
.
Korrespondenzbureaux werden berufsmäßig Nach
richten aller Art über Politik Volkswirtschaft Kunst

, ,

, ,
, :
Theater Wetter Gerichtsfälle Sportveranstaltungen
,

Gesellschaftsvorkommnisse usw gesammelt werden

,
.
auch gleich Aufsätze über aktuelle Themate fabriziert

;
und das alles wird nun mittleren und kleinen Zei
tungen gegen verhältnismäßig geringes Entgelt

so
zum
Weiterverschleiß übergeben wie etwa der Unter
nehmer oder Großhändler dem mittleren und kleinen
Kaufmann Waren liefert Diese Korrespondenzbureaux
.

haben meist rein geschäftlichen Charakter Grott

(
huß übermittelte dem Tärmerpublikum gelegentlich
folgenden Prospekt einer Berliner Korrespondenzen
Es

Verkehr und Ge
ist

fabrik den gedeihlichen


für
:

schäftsabschluß fördernd wenn mir bei Einsendung


,

des Auftrages das gewünschte Genre vorher bezeich


fromm religios katholisch evan
ob

net wird
,

,
B
.

, .
z

gelisch ethisch humoristisch historisch patriotisch


,

,
sozialfrei bzw freisinnig demokratisch nationa
,

,
.
110

sie

liberal und sind vielen Ausführungen


in
)
-
!

wirtschaftlichen literarischen künstlerischen Charak


,

ters lediglich verhüllte Reklameinstitute industrieller


Kreise oder literarischer Gruppen Ihre Bezahlung
.

durch gewisse Interessenverbände gegen Verbreitung


ist

gewisser Nachrichten und Auffassungen vielfach


die
sie

groß daß nicht selten gratis für kleine


so

Presse arbeiten können das heißt von dieser gar


,

kein Entgelt für Nachdrucke


So
zu

fordern brauchen
.

bringt dann die natürliche Vorliebe fürs Billigste


es

dazu daß kleine Redaktionen häufig ohne


zu
es
,

größter Korruptionen
zu

ahnen Schrittmachern werden


,

.
Kapitel Presse und Kapitalismus 127

III
.

.
gewinnt der Kapitalismus Macht über die
So
meisten Sparten der modernen Zeitung Die Presse

.
aufklärung bedingt und bestimmt sich überwiegend
nach den Wünschen von Geldleuten die unmittelbar

,
hinter dem Zeitungsbetriebe stehen Gewollt und

.
ungewollt bewußt und bisweilen vielleicht unbewußt
,

beugen sich die offiziellen Aufklärer der herben Tat


Chi paga commanda Wenn das Geld

im
sache
,
:

.
Kasten klingt die Seele aus dem Feuer springt
,

.
Während ernste Männer fürs schlimme Auswuchern des
kapitalistischen Betriebs Hemmung und Hilfe gerade
von der Überwachung der Öffentlichkeit vom Herein

,
sehen und Hereinurteilen des Volksgewissens die

in
Betriebsmethoden und Gewinnlisten erwarten ist die

,
verbreitetste Art Offentlicher Meinung längst zum
willigen Reklameherold zum Schönfärber und Putz
,

macher von geldlichen Interessen herabgewürdigt

.
Zeitungen Solde von Staatsregierungen
im
5
.

.
Und wenn einmal für klingende Münze zugunsten
bestimmter Interessen öffentliche Meinung gemacht
wird warum soll sich dann das Journal bei guter
,

Honorierung Ministern Staatsregierungen verschließen


, ,

Augenblick wo die Staatsregierungen


in

dem
Pressefreiheit geben sind sie gezwungen
,

Interesse ihrer Autorität und Stellung


im

, ,

auch in Verfolgung staatlicher Interessen


gleich wieder die Verbindung mit der
Presse suchen womöglich deren Be
zu

einflussung zu versuchen Und auf der andern


.

Seite der Kapitalismus der hinter der Presse steht


,

,
:
ist

seinen Geschäften nicht unabhängig vom Staat


in

als

sie

und seinen Gesetzen Was ist natürlicher daß


,
.

sich wenigstens für gewisse Fälle miteinander ver


binden zumal dort wo staatliche und private Inter
,

So

parallel
zu

essen gehen scheinen wird denn die


?
Kapitel Kapitalismus

lll
128 Presse und

.
Presse nicht nur Beute von Kapitalisten sondern auch

,
zu
der von Ministern Und Zeitungsverleger und

.
Journalisten nehmen Sold nicht nur von Bankiers und
Fabrikanten sondern auch von Staatsregierungen

.
Seit freie Journale gibt gibt
es auch die

es
,
sogenannten Dispositionsfonds der einzelnen
Regierungen Millionenposten die lediglich
;

,
zur Beeinflussung der öffentlichen Mei
nung verwendet werden und seit esamtliche

, ;
Dispositionsfonds gibt gibt es auch Ver
leger und Tagesschriftsteller die für

zu ,
klingende Münze sich gerne Anwälten
einzelner Regierungserlässe und großer
Staatshandlungen machen Namentlich bei

.
Staatskrisenund vollends vor und während Kriegen
nimmt die staatliche Pressebeeinflussung größte Aus
Die Korruption aber der Regie
an

maße
liegt nicht darin daß sie Pressebe
.

rungen
,

einflussung überhaupt anstreben diese ,


Beeinflussung istoft notwendig sondern
,
-

darin daß sie sie heimlich betreiben derart


,

,
daß das Volk glauben muß Volksstimme zu
,

hören wo in Wirklichkeit der Minister


,

redet Und die Korruption des Journalis


mus liegt nicht darin daß er überhaupt
.

dem Staate dient sondern daß er den Grad


,

seines Patriotismus von der Höhe der


Subventionen bhängig macht
a

Der Brauch sich mit Geld die Gefolgschaft von


,

Blättern auf bestimmten politischen Gebieten


zu
als

sichern Korrelat der allgemeinen Verleger und


,

Journalisten Prostitution war und Ausland


ist

im
,
-

und Inland unter den Regierungen stark verbreitet


.

Wie wird nun diesbezüglich Einzelfall ge


im

arbeitet Wie kann sich das Verhältnis Presse und


?

hohe Politik gestalten Zur Veranschaulichung eine


?

Reihe Beispiele
:
Kapitel Presse und Kapitalismus 129

III
.

.
Aus dem den Tuilerienbriefen wiedergegebenen

in
Mai 1868 Napoleon

III
Bericht von Curtis vom

21

an
.

.
geht hervor daß verschiedene deutsche Zeitungen sich

,
dem französischen Kaiser zur Verfügung stellten Als

.
Gegenleistung verlangten von ihm die Coblenzer
das Echo der Gegenwart

Fr
Zeitung jährlich 4000

.,
Aachen 5000 die Speyrer Zeitung 9000 die
in

,
8
-
Rheinische Zeitung

23

Fr
22
000

:
-

.
Am bezw August 1870 soll Frankreich einem

,
2

3
.

.
.
presse

Fr
de

Directeur Wien 200 000 überwiesen


la

in

.
öffentliche Meinung
um

haben Österreichs gegen


,

Deutschland mobil machen Zu gleicher Zeit aber


zu

.
sind auch glaubwürdigen Versicherungen zufolge

-
aus Norddeutschland bedeutende Summen nach Wien
und Budapest geflossen Friedländer von der Neuen
.

Freien Presse soll Million Gulden erhalten haben


1

.
. 71

denselben Jahren 1870 vermochte der bis dahin


In

vermögenslose Redakteur Dr Waldstein wohl von


Berlin unterstützt Budapest den Ungarischen
in
-

Lloyd das Pester Journal das Neue Pester


,

Journal und das Pester Tageblatt anzukaufen um

) in
,

ihnen die preußisch deutschen Interessen


zu

19
vertreten
.'
. -

Bismarck bezw schon vor ihm Manteuffel errich


teten ein eigenes Berliner Pressebureau und eine dem
Ministerium des Innern unterstellte Privatkorrespon
denz Aufgabe
war offiziöse Artikel auf
es

deren
,

geheime Weise der und ausländischen


in

in
-

Presse unterzubringen Die Gelder zur Erhaltung dieser


.

Bureaux und zur Bezahlung gefügiger Blätter und


williger Journalisten wurden bestritten aus dem all
gemeinen Dispositionsfonds aus Geheimfonds und aus
,

den Einkünften des von 1868 bis 1892 beschlag


nahmten Kronvermögens des Königs von Hannover
und des bis 1873 eingezogenen Vermögens des Kur
fürsten von Hessen
'9
)
.'

größere
50

Schon 1872 standen mindestens und


über kleinere Blätter Deutschland und Öster
in

150
Eberle Großmacht Presse
Dr

,
.

.
130 Kapitel Presse und Kapitalismus

Ill
.

.
Solde des Berliner Preßbureaus Parla

12
im
reich

In
")
.
mentsauseinandersetzungen wurde von Abgeordneter
mit Zorn darauf hingewiesen Windthorst zum Bei

.
spiel erklärte

Es
einmal ist Deutschland nahezu

in in
:
daran daß das Preßgewerbe der Hand der Re
,
gierung monopolisiert wird Ich behaupte daß nicht

,
.
allein Preußen und außerhalb Preußens Deutsch
in

in
land eine ganze Reihe von Zeitungen direkt von der
Regierung gehalten wird sondern daß auch

an
vielen

,
anderen Punkten Deutschlands Zeitungen existieren

,
die hier Berlin für die Regierungen geschrieben
131in

werden
.
)

Wuttke meint daß zum guten Teil mit Hilfe


,

solcher Pressebestechungen
und Pressebestechlichkeit
Preußen die Aneignung Schleswig Holsteins und seine

-
Vormachtstellung Deutschland durchgesetzt habe

24
in

."
Er

erwähnt auch einige bezeichnende Fälle von Presse


arbeit unter Bismarck
:

Unter den Soldaten Preußens die 1866 gegen


,

Österreich geführt wurden waren viele unwillig gegen


,
zu

Brüder ziehen müssen mit denen zusammen sie


,

eben noch gegen Schleswig Holstein gekämpft hatten


-

.
Wege durch die Breslauer
So

wurde ihnen auf dem


gefälschter
ein

Zeitung Armeebefehl Benedeks


zugestellt dessen höchsten Grade übermütiger und
im
,

herausfordernder Ton den Kriegern Preußens ins Ohr


gellen mußte 123
,
)

1870 machten zahlreiche Zeitungen beeinflußt


-

. .

von Bismarck großen Lärm wegen der angeblich


unverschämten Zudringlichkeit des französischen Bot
Benedetti gegen den König Wilhelm
am

schafters
Brunnen Ems Benedetti habe ihm zugemutet was
in

,
.

der Geschichte der Diplomatie wohl unerhört war


in

und nur auf die Demütigung Preußens hinzielte Die


. .

Zeitungen redeten von verdienter Abfertigung Der


König habe abgelehnt den Botschafter nochmals
es

empfangen Wirklichkeit bewegte sich der Ver


zu

In
.
Kapitel Presse und Kapitalismus 131

III
.

.
kehr beiderseits Formen der Artigkeit und

in
allen

124
guten Sitte

)
.
Die französischen Saarbrückener Angriffe nacla
Eröffnung des Siebziger Krieges wurden von der

Re
deutschen Zeitungswelt unter dem Druck der
gierung stark aufgebauscht damit die deutschen

,
-

Soldaten die richtige Stimmung gegen die Fran


in

zosen und ihren Vandalismus kämen 195

)
.
Bismarck selbst erwähnt seinen Gedanken

in
und Erinnerungen die Tatsachedaß Graf Harry von

,
Arnim als deutscher Botschafter Paris gelegentlich

in
7000 Taler erhielt zur Vertretung deutscher Politik
6

sie
der französischen Presse von Arnim habe
in

, ;

freilich dann dazu verwendet Bismarcks Politik und


Stellung durch die deutsche Presse vor allem die
(

126
Spenersche Zeitung angreifen
zu

lassen
.
)

)
Das Manteuffel Bismarck wurde von ihren
System
-

Nachfolgern übernommen und noch weiter ausgebaut

,
verkleinertem Maßstab auch
es

nachdem den
in

in
Bundesstaaten zur Einführung gekommen
.

Namentlich stand die amtlich poli


unter Bülow
) -
127

tische Presse Korruption besonderer Blüte Da


in

,
-

Gefügigen
zu

die Bezahlung der vielen allzuvielen


große Kosten verursacht hätte führte Bülow eine von
,

seinem Vertrauten Hamann mit Meisterschaft geführte


die sich namentlich einzelne Jour
ein

neue Methode
,

nalisten vorteilhaft werden lieben Erteilung umfang


:

reicher Informationen gegen wohlwollende Beurteilung


der Regierungshandlungen Da solche Informationen
.

von den Blättern gut bezahlt werden sicherten sich


,

Zeitungsberichterstatter obwohl gelegentlich Leute


,

ohne viel Bildung und Gedanken und mit nur mangel


haftem Stil sonst aber gefügig regierungsfreundlich
Stil,

haftem
oft ein hohes
hohes Jahreseinkommen mit der Möglich
--
-

Mit

Jahres
.

Luxusausgaben Mit Informationen kann man


zu

keit
.

in

sich zuweilen eine prächtige Intorn


Villa Halensee oder
in

in

der Grunewaldkolonie Halenser


es

bauen hieß dieser


in
.
.
132 Kapitel Kapitalismus

III
Presse und

.
Vor allem die Berliner Presse kam mehr als

je
Zeit

.
oft ohne Wissen der Verleger und Chefredakteure

So
in enge Abhängigkeit vom Auswärtigen Amt erklärt

.
sich auch daß Bülow trotz der Unzulänglichkeiten

,
seiner äußeren Politik doch immer eine gute Presse
hatte Allerdings blieb sein System gewissen Kennern
, - .

und Ausland nicht verborgen und war die


im

so
In

,
Folge daß Ausland die Regierung nicht nur für
im

die Auslassungen offiziöser Blätter sondern auch

,
scheinbar unabhängiger wie zum Beispiel der Vossi
schen Zeitung der Post der Berliner Neuesten
,

,
Nachrichten der Täglichen Rundschau verantwort
,

lich gemacht wurde Englische Blätter erklärten sogar


(
.

gelegentlich die Kölnische Volkszeitung und der


,

Vorwärts seien die einzigen Preßorgane Deutsch

in
land die Fragen der Auslandspolitik unabhängig
in
,

vom Auswärtigen Amt dastünden Über Bülows


.)
-
Methode und ihre Wirkung hat eine ernste Stimme
sich gelegentlich also ausgelassen Das System
:

:
Ein

Geheimrat gibt dem Vertreter eines führenden


Blattes eine Nachricht eine Information die Zeitung
,

gewährt den Gegendienst einer wohlwollenden Beur


teilung ist seit Jahren geübt worden und hat zu
,

einer völligen Fälschung der öffentlichen


Meinung geführt Bereits heute besteht
.

die Tätigkeit der meisten politischen


B
z
.
.

Beamten zur Hälfte Preßdienst Dieses


im

System hat wohl zum Ruhme der leitenden Männer


,

nicht aber zum Nutzen des Vaterlandes gedient Es


.

jeweils die Wahrheit


an

nicht darauf
zu

kam sagen
,

über die tatsächliche Lage des Reiches aufzuklären


zu ,
für

nur darauf den jeweiligen Kurs Stimmung


,
128

machen
.
)

der Presse Weltkrieg


im

Die Sünden
6
.

Ihren Gipfel erstieg die staatliche Pressekorruption


vor und während des Weltkrieges Da wurde die
.
Kapitel 133

III
Presse und Kapitalismus

.
Presse stärksten Waffe der den Sieg Suchenden

zu

;
und wenn der Weltkrieg tatsächlich zuletzt nach der
Meinung Maßgebender durch die Presse entschieden
Mil

ist
es
wurde auch begreiflich daß hunderte
so
, ,

,
Ca

an
silbernen Kugeln

an
lionen daß das Äußerste

,
di
valleria San Giorgio wie die Italiener sagen auf

,
geboten wurde zur Eroberung und Führung der Presse

.
Speziell die Entente Mächte überboten sich ebenso

in
-
erfolgreichen wie bedenkenlosen Leistungen Dabei

.
hatten sie umso freiere Hand und umso leichteren
Weg Kriegtage
sie

die Mittelmächte

an
als vom ersten
,

weitestgehend der übrigen Welt abzuschließen


von
ungehindert und unwidersprochen
so

vermochten und
die Stimmung der Auslandswelt ihrem Sinn beein
flussen konnten in
.

Natürlich wurde während des Krieges auch die


Presse der Mittelmächte entsprechend staatlich beein
flußt manche Lügen und Schönfärbereien zur Stütze
;

der Siegeshoffnung und des Durchhaltungswillens der


Heimatvölker wurden verbrochen Die Erfolge auf den
.
um

Schlachtfeldern wurden meist etliche Grade rosiger


sie

geschildert als waren gewisse Niederlagen wie


;

der Schlacht der Marne wurden ver


an

die
in

,
B
.
.
z

schwiegen die Kraft und die Aussicht der Feinde


;

wurde herabgesetzt über die Behandlung der Kriegs


;

gefangenen beim Gegner wurde überschwarz berichtet


,
um

den eigenen Soldaten den Appetit


zum Überlaufen
Um möglichste Stimmungsmache für die
zu

benehmen
.

Kriegsanleihe sichern wurden die Zeitungen über


zu

reich mit bezahlten Kriegsanleihe Inseraten gefüttert


-

Als der Krieg ein gewisses kritisches Stadium ein


in

trat die weitere Neutralität bezw Nichtneutralität


,

Rumäniens Italiens Amerikas Frage stand wurden


in
,

von der deutschen Regierung auch höherem Aus


in

maß Gelder für Kauf und Bestechung italienischer


,

rumänischer usw Zeitungen flüssig gemacht Indes


-
.

alles hier von den Mittelmächten Geleistete wird ganz


134 Kapitel Kapitalismus

III
Presse und

.
und gar den Schatten gestellt durch das von der

in
Entente Vollbrachte Sie arbeitete mit Dutzenden Mil

.
lionen wo jene mit einer ihr Feld war die Welt und

;
,
sie hat die Presse zur Trägerin und Verbreiterin solcher
Lügen und Verleumdungen werden lassen daß man

,
glauben konnte nicht Menschen mehr redigierten ein

, ,
zelne Journale sondern die Dantesche Hölle sei los
gelassen worden ihre Redaktionsstuben

in

.
Die Allianz der Entente Großmächte gegen Deutsch

-
land Österreich wurde auch publizistisch schon vor
-

Weltkrieg geschaffen Northcliffe verstand seit

es
dem

Jahren mehr und mehr die große Presse . Paris


15

in
,

,
Petersburg und zuletzt auch die New York unter

in
Einfluß bringen 1907 traf Northcliffe
zu

seinen Um
.

mit Suworin von der Nowoje Wremja Abkom

ein
nen das
letzteres Blatt verpflichtete einer Reihe

zu
,

Fragen ,
gleicher Weise Stellung

zu
internationaler
in

nehmen wie die Times und die übrigen Northcliffe


129

Hand
ein

Blätter Schließlich wurde Hand


in
)

-
-
.

Arbeiten englischer Journalistengruppen Petersburg


in

und russischer London erreicht Als Suworin 1912


in

starb brachte Northcliffe einen guten Teil der Aktien


,

Nowoje Wremja an
an

der sich 130 die Times


;
)

dererseits veranstaltete gegen


Subventionen der rus
sischen Regierung und russische Anzeigenaufträge
eigene russische Werbebeilagen nicht etwa nur
zugunsten der russischen Volkswirtschaft sondern auch
,
131

zugunsten der russischen Politik Auch Paris


in
)
.

setzte sich der Einfluß Northcliffes durch Seine dor


.

tige Daily Mail Redaktion wurde mehr und mehr


-

-
zu

der mit den französischen Blättern eng zusammen


arbeitenden Zentrale für die Nachrichten des Konti
nents für London überhaupt Die Northcliffe Korre
, -
.

spondenten Berlin Wien auf dem Balkan hatten


in

ihre Nachrichten nicht etwa über Brüssel nach London


über Paris wo sie zuvor ge
zu

schicken sondern
,

sichtet redigiert und kommentiert wurden sodas


,

,
Kapitel Presse und Kapitalismus 135

III
.

.
London alle Festlandsnachrichten nur Pariser Licht

im
Paris anderseits bemühte sich
zu

32
sehen bekam

.:

--
)
seit einer Reihe von Jahren wirtschaftlich und geistig
um die Gewinnung der italienischen Presse Vom

.
französischen Botschafter Barrère seit 1898 Rom

in
,
tätig wird von Kennern habe von festgestellt

er
,

,
Anfang seiner Tätigkeit dauernd und systematisch

an
die ganze maßgebende Presse Italiens bestochen

.
So

sei auch verstehen daß die italienischen


zu

,
B
z
.
.

Irredentisten zwar stets nach Triest und dem Trentino

,
nie abernach Savoyen Nizza und Korsika geblickt
,
hätten Die ganze Irredenta war nichts anderes als
!

eine mit französischem Gelde künstlich genährte Agi


tation die italienische Franzosenfreundlichkeit nur die
;

Folge einer ununterbrochenen Bestechung der öffent


Es

Nichen Meinung Italiens konnte Frankreich nicht


.

darauf ankommen alljährlich einige hunderttausend


,

um

franken aufzuwenden die Aufmerksamkeit der


,

sie
Italiener von jenen Gebieten abzulenken die mit
,

hundertmal mehr Berechtigung verlangen konnten als


,
133
die österreichischen Gebietsteile italienischer Zunge
.
Die Zusammenarbeit der russischen mit der fran )
-

zösischen Presse ergab sich aus der politischen Allianz


der Staaten Die französische Presse betrieb aus
.

einem gewissen Patriotismus die russischen Rüstungs


anleihen Frankreich Und die Russen bezahlten solche
in

Pressedienste wieder der Weise daß die großen


in

Pariser Zeitungen mit Millionen beteilt wurden Außer


.

gab noch Subventionen der


der Form des
in
es

in

dem
Massenbezuges von Exemplaren der französischen
Exemplarech
die

Blätter durch die russische Regierung


So

war die
je .

Regierung Jahre
10

russische auf
im

russischeurch 1914 0 00 Exem


.

plare des Figaro Petit Journal Matin und


,
,
134

Journal abonniert Nach Ausbruch des Welt


,

)
.

krieges arbeitete die Presse der Verbündeten nach


staatlicher Anweisung brüderlich zusammen Die Ent
.

wicklung der militärischen Prozesse veranlaßte die


Kapitel Presse und Kapitalismus

III
136

.
Entente Regierungen frühzeitig
sich nach Bundes

,
-
genossen umzusehen Ihr Hauptmittel hiezu war der

.
Kauf der Presse Rumänien Italien Amerika Ein

in

.
Schwede stellte fest Die Entente Mächte wissen

,
:

-
daß wenn man die Zeitungen kauft man auch das
,

,
Volk hat und dann muß die Regierung mitfolgen

,
mag sie wollen oder nicht Wir können überall

in
.
der Welt wahrnehmen daß die Kriegsvorbereitungen

,
der Entente diesem Punkte gründliche gewesen sind
in

,
aber daß Deutschland sich eines Versäumnisses schuldig
135

gemacht hat Für den Kauf der italienischen Presse


)
-
.

vollzogen durch die Sanierung gewisser Blätter

,
(

durch die geschäftliche Verbindung der Hintermänner


anderer mit französischen und englischen Finanzinsti
tuten durch die Fütterung Dritter mit ausländischen
,

Geschäftsinseraten durch Bezahlung einzelner Journa


,

listen und die Beistellung der Gelder Neugrün

zu
dungen wurden von der Entente durch Vermittlung
,
)

ihrer Botschafter Renell Rodd und Barrère nicht


weniger als 300 Millionen Lire ausgegeben davon
70 allein von Frankreich der Dichter Annunzio soll ,
D
;

'
136
Fr

500 000 erhalten haben Die Eroberung der


.

..
)

wichtigsten Blätter Nordamerikas erfolgte durch eine


ungeheure Propagandatätigkeit Northcliffes Ein
im

klang später über amtlichen Auftrag der englischen


,

Regierung Monaten des Jahres 1917


In

den ersten
,
.

welchem Jahre Amerika den Krieg eintrat be


in

in

suchte Lord Northcliffe die Vereinigten Staaten Nach


.

seiner Rückkehr schreibt Eduard Mc Sweeney


,

,
F
.

Vorsitzender des Komitees der Amerikanisierung


in

der Massachusetts Handelskammer der Boston


in
,

American vom Nov vorn Besuche den Ver


in

pa
.,
9
.

einigten Staaten hat Lord Northcliffe dem Parlament


dem
de
,

berichtet daß hier 150 000


000 0 00 Dollars
000 für Propa
. er

,
,

04,

..
.

ganda und 00 Agenten zurückgelassen habe


10
10

000
.

Die Subventionierung und Bestechung der ameri


kanischen Blätter erfolgte teilweise durch Vermitt
Kapitel Presse und Kapitalismus 137

III
.

.
lung des amerikanischen Bankhauses Morgan Co

.,
u
.
übrigen ameri

es
das nachdem sich gleich der
,

die
kanischen Hochfinanz wirtschaftlich stark für
mehr gleich der üb

um
Entente engagiert hatte

so
,
rigen amerikanischen Hochfinanz gewillt war die

,
Vereinigten Staaten durch entsprechende Presse Stim

-
mungsmache Eintritt den Krieg für die En

in
zum
Nach einer Aufstellung des Ab
zu

tente bewegen
.
geordneten Celevay von Texas hat Morgan allein

im
Dienste der englisch französischen Regierung nicht we
-

137
niger als Mit
25

amerikanische Blätter bestochen

)
.
welcher bestimmten Hoffnung auf Erfolg die englische
Propaganda den Vereinigten Staaten von Anfang
in

ging erhellt aus einem


an

ans Werk Hinweis des


,

Herausgebers der Süddeutschen Monatshefte Prof

.
1919 auf Mitteilungen
im

Coßmann Dezemberheft
,

des früheren französischen Ministers Hanotaux Als

:
vor der Marneschlacht viele maßgebende französische
Politiker den mit Deutschland
sofortigen
Frieden
wünschten erschienen bei der französischen Regierung
,

drei amerikanische Gesandte der damalige Botschafter


,

Paris sein Vorgänger und beschworen die Regie


in

sie

rung festzubleiben indem ihr das Versprechen


,

gaben daß Amerika den Krieg eingreifen werde


in
,

.
50

Wir sind Amerika vorerst nur 000 einflußreiche


in

.
die

Leute sagten sie den Eintritt Amerikas den


in
,

Krieg wollen aber einiger Zeit werden wir


in
,

100 Millionen
im

sein Eine mitten öffentlichen


.

Leben der Vereinigten Staaten stehende ameri


kanische Persönlichkeit erklärte denn auch Prof
, .

Coßmann die Summe die aufgewendet worden sei


,

ein Jahr lang Kriegsstimmung den Vereinigten


in

Staaten bis die entlegensten Orte vorzubereiten


in

übersteige selbst für amerikanische Verhältnisse alle


Begriffe Zum Kaufe der rumänischen Presse wurden
.

nach Angaben des Radical Paris Millionen


Fr
18
in

nach Bukarest gebracht und auf diesem Weg die


138 Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
Zeitungen Universul
Adverul Dimineaca

,
) La
Drephaten Epoca
Eclair des Balkans

. ,

,
' L
Roumainie den Dienst der Entente gestellt

in
u

a
.

."
Tatsächlich wurde während des Krieges den

in
Parlamenten der Entente immer wieder ganz offen
Iber Summen für Auslandsprogaganda gesprochen

.
Am

Juni 1916
24

forderte und erhielt die fran

B
.

.
.
z
zösische Regierung von der französischen Kammer
für geheime Ausgaben englischen
25

Millionen Fr

Im
.

.
am
Parlament wurde Februar 1918 die übliche

18
.
jährliche Summe für den Geheimdienst Millionen

(3
/4
200 000 Pfund erhöht Veröffentlichungen
um

Pfund
)

.
aus russischen Archiven besagen die Verbündeter

,
hätten sich bei Kriegsbeginn und später auf den Kauf

je
großer Zeitungen Ausland geeinigt Solches sei bis
im

.
1915 bereits der Schweiz Bulgarien Spanien
in

in
,

,
Rumänien Holland sogar Die China geschehen
in
,

.
Zaren Regierung hatte dieser Art De Telegraf B
-

.
.
z

kaufen Der Petersburger Korrespondent des Blattes


zu

,
, .

Bogatzki erhielt von der russischen Regierung eine


Subvention Der bulgarische Berichterstatter des
.

Temps Rivé erhielt eine halbe Million Bestechungs


,

geld Der amerikanische Journalist Walplay erhielt


.

für einen Vortrag März 1915 2500 Dollars ein


im

gewisser Landsfield für Errichtung eines Pressebureaus


für

3500 Dollars der Journalist Dobroff die Zeitung


,

Ruſkij Emigrant 000 Dollars von der russischen


22
.

Regierung
.'
')

Zur Beeinflussung der neutralen Presse unter


·

hielten eigene Bureaux


die Ententemächte die Nach
. ,
für

sie

richtenund Aufsätze besorgten Für deren


Aufnahme wurden kleinere und größere
je

nachdem
Summen Aussicht gestellt und auch bezahlt Die
in

Summen waren gew hnlich umso größer günstiger


je
,

gewisse Berichte für die Entente und schädlicher


je

sie für die Mittelmächte lauteten Schließlich bildeten


.

sich regelrechte Tarife heraus Mit Rücksicht auf die


.
Kapitel Presse und Kapitalismus 139

III
.

.
Patsache letzterer häufig verleumderischen
den Inhalt

,
gewisser Berichte und die Unverfrorenheit des Ver

die
triebs verhöhnte Independance Helvetique
,

in
"
Genf das Treiben speziell der französischen Bureaux
gelegentlich mit der Veröffentlichung des folgenden
Fonds

Es
fingierten Tarifs würden aus dem
:
für

Bezahlung von Artikeln der neutralen

in
Presse bezahlt Für einen Artikel über Hungersnot
30 1
:
.
Fr
Deutschland Für einen Soldatenbrief der

,
in

2
.
.
die gesunkene Moral der deutschen Truppen beweist

,
Für eine Beschreibung über die Beschießung
Fr
20

3
.
.

Für eine Erinne


Fr
der Kathedrale von Reims
30

4
.
.
rung

Fr
die Schlacht der Marne Für eine
an

an

.
. 5.
Erzählung über Aufruhr

Fr
50
Berlin Für eine
in

Erzählung über Aufruhr einer anderen deutschen


in

Für kleine Erzählungen über abge


Fr

Stadt
25

6
.
.

schnittene Hand oder Fuß für jedes abgeschnittene


,

Für Berichte über den Tod des Kron


Fr

Glied
5

7
.
.

prinzen oder des Österreichischen Kaisers Fr Neue


80

.
Erfindungen von Greueln und Unmenschlichkeiten
werden besonders hoch bezahlt Sobald das Blatt
.

der Meldung voransetzt von unserem Sonderbericht


,

140
um

50

erstatter erhöhen sich die Preise


%
(!
)

)
.

Über Form und Inhalt der von den Entente


Regierungen betriebenen Pressepropaganda eingehend
ist
zu

hier handeln ist unnötig Es alles noch


,

. .

Erinnerung
zu

frischer Die Mittelmächte


in

wurden der alleinigen Kriegsverursachung und eines


unerhörten Barbarismus nicht nur der Kriegführung
,

sondern des ganzen Volksgeistes und Volkslebens


beschuldigt Die gewissen Verrohungen die jeder
,
.

Krieg bei allen Völkern bewirkt wurden als bloßes


,

hieß die Deut


Es

Spezifikum der Deutschen erklärt


,
.

sie

schen zerstörten aus bloßer Lust gingen der


in
,

Mißhandlung der Bevölkerung Feindesland weit


so
in

daß sie Greisen die Augen ausstächen und Kindern


der Mißhandlung
sie

die Arme abhackten gingen


in
;
140 Kapitel Kapitalismus

III
Presse und

.
weit aus Soldaten

so
des eigenen Volkes daß sie

,
leichen Fett gewännen Der deutsche Kaiser wurde

.
als eine Art neuer Dschingiskhan hingestellt die deut

,
schen Generale als schlachtentolle Unmenschen das

,
deutsche Volk als auf die Eroberung und Unterwerfung
der übrigen Welt bedachte Barbarenhorde Alle diese

.
Behauptungen wurden häufig und bestimmt

so

so
erhoben bis schließlich mehr und mehr Neutrale sich
,

verpflichtet fühlten Kreuzzug der Entente gegen

am
,
Mitteleuropa teilzunehmen Lüge und Verleumdung

.
wurden nicht minder zum Kriegsmittel wie Boot

U
-
Mörser Das Massivste auf die Auffassung
cm
42

und

,
.

der stumpfen Masse Zugeschnittene war das Gewöhn


liche Mochte man sich noch oft Widersprüche

so

in
.

verwickeln mochten die Lügen handgreiflich sein


,

immer gab Gläubige und das genügte Der


es

--
.
vereinten Weltlüge sind die Mittelmächte denn auch
zuletzt unterlegen
!

Die Verderbnis der großen Telegraphenbureaux


7
.

.
Die staatlich politische Pressekorrup
-

tion lebt sich namentlich auch den füh


in

renden großen Telegraphenbureaux aus


mit .
Diese technisch ausschließlich Telephon und
Telegraph arbeitenden
Nachrichtensammelbetriebe
sind die Hauptquellen der Zeitungen
um

als solche
;

als sie oft Hunderte und Hunderte


so

bedeutsamer
,

von Zeitungen speisen Es sind vor allem


zu

nennen
.

Deutschland das England das


Bureau Wolff
in

in
,
die

Bureau Reuter Frankreich Havas Agence


in

in
,

Italien die Agenzia Stefani Österreich das Tele


in
,

graphen und Korrespondenzbureau usw Diese Nach


-

richtensammelbetriebe zeigen ihrer Arbeit dieselbe


in

Art wie die bereits erwähnten Korrespondenzbureaux


die

Sie

und wie eigentlichen Journale sind häufig


.

nur Sprachrohr kapitalistischer Interessen Das zeigt


.
Kapitel Presse und Kapitalismus 141

III
.

.
ihr Ursprung der nicht nur Neuigkeitsbe

im
schon

,
dürfnis der Zeitungen sondern vor allem auch den

in
,
Es kam darauf

an
Spekulationsgelüsten der Börse lag

,
:
sich die Kenntnis der Preise mit des Blitzes Schnellig
keit auf große Unkosten
zu

es
verschaffen konnte

;
nicht ankommen wo bedeutende Werte Frage

in
standen ,
Das zeigt bei allen wichtigeren wirt
-
.

schaftlichen Vorgängen ihr Sichausnützenlassen von

zu
gewissen Geldfirmen bedeutenden Transaktionen

: .
Fritsch schreibt bezüglich des Wolffschen Bureaus
Th
(

'
.

Die Durchstechereien mit allerhand Finanzmanövern


jüdische arg
so
diesem Bureau waren daß selbst
in

Blätter wie das Kleine Journal Leo Leipzigers ,


,

Febr 1900 nach Verstaatlichung des Telegraphen


),
(5
.

141

bureaus riefen
."
)

Nicht minder aber haben sich diese führenden


Telegraphenbureaux politischen Dingen ge
in

gen Vergünstigungen der staatlicher Benutzung


in

Verkehrsinstitute und Schutz gegenüber Konkurrenzen

,
freiwilligen Dienern der Regierungen gemacht
zu

so
,
daß deren Interesse für das Was und Wie speziell
politischer Veröffentlichungen maßgebend wird
.

Sinne sagt Professor Bücher Alle


42

diesem
In

)
:'

Depeschenbureaux sind abhängig einerseits von den


Regierungen andererseits von ihren Eigentümern
,

,
d
h
.
.

dem Großkapital der Börse Sie empfangen direkt von


,

, .

Regierungen und Behörden Erwerbsgesellschaften und


Instituten Mitteilungen die man einer bestimmten
in
,

Form verbreitet sehen will und unterliegen für ihren


,

sonstigen Nachrichtenstoff der Zensur oder doch einer


weitgehenden Beeinflussung der leitenden Kreise die
,

ihnen dafür wieder gewisse Erleichterungen bei der


Benützung der staatlichen Telegraphenanstalten zu
kommen lassen Speziell vom Wolffschen Bureau
.

143

schreibt Dr Brunhuber
Das hat sich sein
W

B
)
:
.

.
.

Vorrecht daß seine Depeschen ohne Geldentschädi


,

gung vor allen Privatdepeschen befördert werden


Kapitel

III
142 Presse und Kapitalismus

.
durch die Verpflichtung erkauft die ihm von der

,
Regierung zugesandten Depeschen veröffent

zu
sofort

ist
Alles offiziðs sowohl hin

es
lichen allem

in

,
.
.
.
sichtlich der Formulierung als auch des Inhalts der

,
Depeschen

für
Etliche Beispiele Art und Weise wie
die

,
unsere von der Masse für selbständig gehaltenen
Telegraphenanstalten den Regierungen dienen

:
1904 besuchte Kaiser Wilhelm anläßlich seiner
Italienreise Venedig auch die ehedem als schönste Frau
in

Europas gepriesene Gräfin Morosini und erzeigte ihr


hiebei außerordentliche Ehren war das Musik

a
.
.
.
programm zur Tafel auf der ge

so
Hohenzollern
wählt daß die Anfangsbuchstaben der Musikstücke
,

aneinandergereiht den Namen Morosini ergaben Die

.
Bevorzugung der Gräfin machte vielen Kreisen

in
Venedigs böses Blut führte schlimmen Anspie
zu
,

lungen zumal der sozialdemokratischen Presse


in

,
wobei das Militär
zu

führte gar Straßenskandalen


,

einschreiten mußte Die italienische Presse strotzte


.

schließlich von Beleidigungen gegen den Kaiser In

.
dessen meldete uns unser Hauptdepeschenbureau

:
Der Empfang Venedig bildete den glänzenden
in

Abschluß der schönen Reise Das italienische Volk


.

brachte hier wie auf der ganzen Fahrt dem Kaiser


seine lebhaften Sympathien liebenswürdigster Weise
in

dar Der Kaiser ist vom Verlauf der Reise durchaus


.

144

befriedigt 1911 läßt die deutsche Regierung


)
.

durch das Wolffsche Bureau der römischen Presse


eine Italiens Tripolis Vorgehen billigende offiziöse
, -

Kundgebung zugehen diese Kundgebung aber der


Presse anderer politischer Hauptstädte vorent
halten
14
.
)

Neuerdings
im

Zeichen der sozialdemokratischen


,

Führung der deutschen Regierung zeigt das Wolff


in

Bureau Auswahl und Farbe seiner Nachrichten


in

stark sozialdemokratischen Charakter Aus und


In
-
.
Kapitel Presse und Kapitalismus 143

III
.

.
Ausland werden vor allem die sozialismusfreundlichen
Tatsachen und Stimmen vermeldet die Welt der

;
Kirche und der konservativen Kreise wird unfreund

So
lich behandelt oder übergangen wird die

B
.

.
.
z
deutsche Leserschaft durch das Wolff Bureau aus

-
Osterreich Ungarn Tschechien fast nur über sozia
,

die
listische Auffassungen unterrichtet Vorgänge und

;
Auffassungen den christlichsozialen und konser
in

vativen Lagern bleiben Dunkel Reden roter Dutzend


im

.
politiker wich
im

und Ausland werden beachtet


In

;
-

tigste Kundgebungen des Papstes des Episkopates

,
werden unterschlagen
.

au
ist
Das Londoner Reuter bure das bedeutendste
Telegraphenbureau der Welt fast alle außereuro
;

päischen Kabel sind sein eigen versorgt nicht es


;

weniger als 1000 Zeitungen mit Nachrichten

es
hat

;
für ganze Länder und Reiche Asien geradezu
,

,
B
z
.
.

das Monopol des Nachrichtendienstes Dieses Bureau


.

dient wirtschaftlich den Großindustriellen Bankiers


,

,
Handelsherren Englands namentlich auch den Interessen
,

der Familie Reuter die sich durch Ausnützung des


,

der Londoner Börse


an

Erstbesitzes von Nachrichten


Kapital
ein

und sonstige Spekulationen von 200 Millio


nen Mark der Vorkriegsvaluta errang
46

sowie den
"
,
(

Interessen der Nachfolger der Familie Reuter Politisch


.

Dienste der englischen Regierung


im

arbeitet das Bureau


;

diese Bündnisse knüpfen oder Kriege


zu
zu je

nachdem
führen Fragen Irland oder Fragen den
in

in
,

lösen hat gegenüber Völkern Sympathien


zu

Kolonien
,

oder Widerwillen erregen hat redet


zu

zu

wecken
,

und schweigt hetzt und erwärmt Reuter seinem


in
,

politischen Dienst Wie das Reuterbureau letzterer


in
.

Hinsicht arbeitet mag man beispielsweise aus folgen


,
, 147

dem ersehen Während des französisch siamesischen


)
:

Konflikts 1893 wo England und Frankreich sich feind


höchst wich
ein

lich gegenüberstanden gab Reuter


,

tiges Telegramm der französischen Regierung


an

den
Kapitel

III
144 Presse und Kapitalismus

.
Admiral Humann statt nach Siam zuerst nach London

.
eigentliche Adresse als die eng

an
und erst dann die

,
lische Regierung entsprechende Gegenmaßregeln ge
troffen hatte 1894 wurde die Reutermeldung vom Tod

.
des Sultans Muley Hassan von Marokko

36
Stunden
London bis zur Erledigung der Maßnahmen des
in

englischen Kabinetts zurückgehalten Teheran

In
.
geht oder ging
an

und anderen exotischen Plätzen

(
bis vor kurzem der Vertreter des Reuterbureaus je
)
weils zum offiziellen Vertreter Englands behufs Prüfung
der Nachrichten vor Weitergabe

.
Sie ist poli

die
Ähnlich arbeitet Agence Havas

.
tisch Sprachrohr der französischen Regierung und als
solches nicht nur gegenüber der von ihr bedienten
Auslandspresse sondern auch gegenüber der franzö
,

mächtiger als
um

es
sischen Heimatpresse
so
Teilen

,
dieser zugleich als eine Art unterstützendes Kredit
148

institut dient
.
)

Die große Unbeliebtheit des Deutschland der


letzten Jahrzehnte bei den fremden Völkern ist zum guten
Teil auf die fortgesetzt irreführende politische Nach
richtenverbreitung fremder Depeschenbureaux vor allem ,

149
der Agenturen Reuter und Havas zurückzuführen
.
)
Reuter hat seinerzeit der japanischen Presse die
B
.
.
z

Entsendung des deutschen Kanonenbootes Panther


nach Agadir folgender Weise bekannt gemacht
in

:
Der Panther hat 500 Mann gelandet Die Mann
,

'

. .

schaft des Panther hat Agadir besetzt Durch die


'

Besetzung Agadirs hat Deutschland seine Absicht be


Agadir eine Flotten und Kohlenstation
zu

kundet
in
,

errichten Dem Einspruche aller Völker gegen diesen


.

völkerrechtswidrigen Schritt Deutschlands haben sich


auch die Vereinigten Staaten einer scharfen Note
in

Berlin angeschlossen Der Entsendung des Panther


in

,
.

folgt die von zwei Panzerkreuzern von 5000 und 7000


Tonnen Vor seinem Eingreifen hat Deutschland auch
.

die

Spanien
zu

verschiedenen Schritten veranlaßt die


,
Kapitel Presse und Kapitalismus 145

III

.
.

.
Algecirasakte übertreten Deutschland hat 400 000 Mann

.
160
mobilisiert

)
.
Über die allgemeine Arbeit Reuters gegenüber
Deutschland und dem deutschen Interesse schrieb

ist
Lookout 1912 folgendes Es ungemein lehrreich

:
festzustellen was aus Deutschland gemeldet wird
,

, .
Wenn wir das schnellste Kriegsschiff der Welt
Moltke Wasser gebracht haben oder der
zu

den
',

. Z. ,
schnellste Luftkreuzer der Welt der seine

,
II
.
L

ein
Probefahrt macht erfährt das kein Mensch Aber
,

ein
Droschkenkutscherstreik Stettin oder
in Hotelbrand
Frankfurt werden sämtliche Erdteile gekabelt
in

in

. ,
da

völliger Nachrichtenmangel doch auffallen würde


Die wüstesten Entstellungen finden Regierungsvorlagen
und Reichstagsbeschlüsse keinerlei Beachtung wird
;

wichtigen Erklärungen zuteil aber der kriegerische


,

Artikel eines Blättchens Swinemünde wird wort


in

getreu hinausdepeschiert Sowie irgend eine Gemeinde


.

die Lieferung irgend einer Fabrik zurückweisen muß

,
wird die ganze Welt über schlechte deutsche Arbeit
informiert und jeden abgefaßten Hochstapler macht
man unsterblich aber Großtaten auf dem Gebiete der
;

sozialen Fürsorge oder wissenschaftliche Entdeckungen


ersten Ranges werden unterschlagen So arbeitet
.

rücksichtslos und zielbewußt Interesse


im

der Niederkonkurrierung alles Deutschen


der englische Telegraph für die überseeische
Presse bis nach Vancouver und Brisbane
,

bis nach Valparaiso und Singapore hin


151
)
!

Während des Krieges waren die Telegraphenbureaux


Reuter Havas Stefani die Urquellen und Hauptmittel
,

der Kriegspressepropaganda gegen Mitteleuropa


.

Der Plebeismus der herrschenden Presse


,
8
.

Die zweite Hauptart bloßen Geschäftsmateria


Jismus liegt der vollen Bestechlichkeit der herr
in

10

Eberle Großmacht Presse


Dr

,
.

.
Kapitel un Kapitalismusus .
esse und

III
146 Presse

.
schenden neueren Presse gegenüber dem Massen
publikum der
charakterlosen Anpassung der

in
,
d
h
.
.
Zeitung

an
alle Bedürfnisse und bösen Triebe des
Publikums von dem Augenblicke wo die gewissen

ab
,
Schäfchen ins Trockene gebracht sind Das Bildungs

.
bestreben wird schlechthin aufgegeben und

an
seine
Stelle die bloße Unterhaltung gesetzt Nicht die Lebens

.
philosophie Erlöster und Erlauchter wird verkündet

,
sondern die der Bequemsten Anspruchslosesten
Der

.
Hunger nach Abonnenten Zahl erst dem Journal
deren

,
Gewicht verleiht setzt

an
und dessen Hintermännern

,
Stelle des ernsten Aufklärers und strengen Erziehers
den unwürdigen Schmeichler Das Publikum abonniert

.
die Zeitung darum soll das Publikum haben wonach
,

,
sein Sehnen geht Sind erst die Sachen der Inserenten
.

und sonstigen Gönner gewahrt dann sollen die Massen


,
den Inhalt der Zeitung bestimmen wird Aufklärung
So
.
zum Betrug zur eklen Komödie
,

Hinblick auf diese Seite der neueren Presse


Im

schrieb Raoul Frary einmal Lud

ob
Ich weiß nicht

,
:

wig XIV selbst den Tagen seines herrlichsten


in
.

Glanzes gedrechselte fort


so

ununterbrochen
so

fein
, ,
zu so

so

gesetzte elegant variierte berauschende Schmei


,

cheleien hören bekommen hat wie sie sich jeder


,

155
um

von uns heutzutage einenSous kaufen kann )


.
de

ein

Hektor Balzac aber meinte Gäbe Journal


es
:

der Buckligen würde morgens und abends die


es
,

Schönheit die Güte die innere Notwendigkeit der


,

Buckligen predigen
15
.
)

Der moderne Mensch will viel und vor allem mög


lichst rasche Neuigkeiten Daher bei der Presse aus
.

gedehnteste Berichterstatterverwendung und Tele


grammarbeit Die moderne Nachrichtenzeitung besteht
.

zum größten Teil aus eilig gesetzten Depeschen Wäre


.
um

gesunde Aufklärung
es

den Journalen
zu

tun
,

eine derartige Entwicklung


sie

dann müßten verab


III
Kapitel Presse und Kapitalismus 147

.
sie
scheuen dann müßten auch der Zeit des dienst

in
,
bar gemachten elektrischen Funkens und der durch
ihn verwöhnten Leserschaft den Massen klar machen

,
daß nicht das möglichst rasch empfangene sondern

,
nur das möglichst richtig mitgeteilte Neue Bildungs
stoff abgeben kann daß das Heil nicht von der ner

;
vösen Hast blitzartiger Reporterarbeit kommt die bloß

,
den gröb
an

an
des Geschehens
den Äußerlichkeiten

,
sten Sichtbarkeiten der Ereignisse haften bleibt son

,
dern vom gemächlich schauenden Ruhe überden

in
,
kenden Beobachter Aber der Zeitung ist vor allem

es
ja
.

Befriedigung der Massentriebe


um

daher ihre

zu
tun

,
hastige Telegrammarbeit
.

ein
Die Zahl der Depeschen und Berichte die

,
großes Blatt während eines Jahres über ein Land
bringt dürfte die Tausend gehen man könnte
in

;
,

Bücher damit ausfüllen Aber


es

sind äußerlichste
.

Berichte über streitende Politiker Abstimmungen


,

,
:

Börsenzüge Chanteusen über die tieferen kulturell


;
,

politisch wirtschaftlichen Zustände des Landes wird


-

tieferer zusammenhängender Aufschluß selten gegeben


,

.
Gibt irgendwo Attentat eine Revolution
es

so
ein
,

werden wir über letzte Äußerlichkeiten unterrichtet .


Aber wertvolle unter Aufbietung bestmöglicher Bildung
,

geschriebene Ruhe ausgereifte Aufsätze über die


in
,

sozialen Zustände und Verhältnisse aus denen Atten


,

tate Revolutionen herauswachsen bekommen wir selten


,

Welch verrückte widerspruchsvolle Art der Be


,

richterstattung erfließen kann aus dem System der


raschen Depeschen auf erste Eindrücke bezw erstes
,

.
ein

Hörensagen hin hat witziger Beobachter durch


,

eine fingierte Nachrichtenkette gelegentlich also ge


schildert Bei den Ausschachtungsarbeiten der Unter
:

Alexanderplatz
am

grundbahn Berlin wurden


in

Knochen ausgegraben Aufeinanderfolgend melden nun


.

um

Zeitungsberichte handle sich beim Platz


es

ein
1
:
.

Massengrab eine frühere Stätte des Hofgerichts


um
,

,
2
.

10
*
Kapitel

III
148 Presse und Kapitalismus

.
um
den ehemaligen Hühnerstall eines Bauern Die

3
.

.
Knochen erscheinen ersten Bericht als Menschen

im
im
knochen zweiten als Knochen von Pferden bezw

, ,

, .
als
Hornvieh Skelett eines Ichthyosaurus

im
dritten

154
als
Knochenreste von Hühnern
im
vierten

.
)
Sind einmal die vom Publikum ersehnten Neuig

da
keiten nicht oder sind sie nicht entsprechend

sie
interessant dann werden
, einfach erfunden Wenn

.
die Zeitung fälscht warum soll sie nicht glatt ins

,
Blaue hinein erfinden

?
Vor etlichen Jahrzehnten behauptete Lucas
zunächst ein Spezialgebiet ins Auge fassend Ungefähr

:
Prozent der sogenannten Originalkorrespondenzen
90

aus Moskau Madrid Peking usw werden Deutsch

in
,

.
land oft Redaktionsbureau gemacht
im

Breslau

In
,

.
befand sich neuerer Zeit eine wahre Schmiede für
in

Nachrichten aus Polen und Europa liest aus ihnen


,

155
die öffentliche Meinung Polens heraus

.
)
Harden weist gelegentlich mit bitterstem Hohn
auf den Nachrichtenschwindel der modernen Presse
hin Als aus dem Bereich des sizilischen Erdbebens
:

kein Sterbenswort über die Straße von Messina hallte

,
lasen wir dennoch lange Schilderungen die den Be
,

richten über das kalifornische Beben entnommen und


-

mutatis mutandis den von Meyer und Brockhaus fest


gestellten Verhältnissen der guten Stadt Messina ap
pretiert worden waren Bei der letzten Revolution
.

Portugal hieß wieder Schienenweg und Draht


es
in

leitung gesperrt nicht eine Silbe sickert durch Doch


;

von dem faustischen Qualgefühl daß wir nichts wissen


,

können läßt der Zeitungsmacher neuesten Stils sich


,

nicht schier das Herz verbrennen Wir können nicht


.

Wir müssen Den hat portugiesischer


ist ein

wissen
!
?

.
. ein

Diplomat empfangen anderer einem Revolutio


;

när ins Haus gefallen usw Hier Futter dort Futter


,

, ,
.

schon fünf Viertelseiten und vorn steht noch immer


,

daß die Hildalgos kein Wort über die Grenzen lassen


.
Kapitel Presse und Kapitalismus 149

III
.

.
Noch wir eine Woche nach dem Lissaboner
wissen

die
Aufruhr nichts über
, Kraftquellen der Royalisten
und über die Absicht ihres Vormundes Trotz den

.
Gesprächen mit den Ministern Chanteusen Rebellen

,
trotz Leuchttürmchen und Quarkgerinnseln nichts

.
Während der Nachtstunden denen die öffentliche

in
,
Meinung für den liberalen Weißhäuter des Erdenrundes
hergestellt wurde saßen auch die Herren Grey und
,

Dunkel Wußten nicht

ob
Nikolson noch
im

der

,
König den Kampf gewagt und zäh durchgefochten
.
ihm Anhang bleibe oder verschafft werden
ob

habe
,

könne Wir erfuhren alles Wann wird uns die


.

.
.
.

Zeitung die mutig ausspricht einmal wenigstens


,

,
156
sie

daß nichts wissen könne


?

Sommer 1911 war Papst Pius krank Die


Im

X
.

.
Erfindungen und Lügen der herrschenden Presse waren
endlos Sogar die Kölnische Zeitung August 1911
14
.

.
(

, )
sah sich speziell angesichts der italienischen Presse
,

einer Satire veranlaßt Wollte man allen Vermu


zu

tungen Gerüchten und Enthüllungen glauben mit


,

denen die Tagespresse aus zuverlässigsten Quellen


,

Laufe Woche aufzuwarten für gut


im

natürlich einer
,

hatte man die Wahl das Oberhaupt der


ob

fand
so
,

Kirche Fieber Gicht Hitzschlag


an

katholischen
,

Herzschwäche Arterienverkalkung Bronchitis Nieren


,

entzündung Altersabzehrung Verblödungs oder Ver


,

folgungswahn zugrunde gehen würde denn alle diese


;

Leiden wurden dem Papst mit ausführlicher Begrün


157

dung der Tagespresse zugeschrieben


in

Die Methode und Schrift


einzelner Redaktionen
steller Fällen unbedingt Nach
wo das Publikum
in
,

richten erwartet oder wo die Möglichkeit besteht


,

einen augenscheinlichen Sieg über die Konkurrenza


zu

davon tragen Nachrichten einfach erfinden ist


zu
,

bis zur Stunde lebendig


.

September
Im

1915 schrieben die Süddeutschen


-

Monatshefte ihrer Sonderausgabe über den Balkan


in
150 Kapitel Kapitalismus

III
Presse und

.
zur Presseberichterstattung über den Balkan Wenn

:
in einem Wiener Kaffeehaus der Gast nach Schreib
unterlage und Schreibzeug statt nach dem Zahlkellner
ruft weiß dieser daß eine Depesche aus Sofia ab
so
,

,
gefaßt wird Juni 1916 beklagte sich der ameri

Im
.
kanische Botschafter Gerard der Journalist Ernst Frie

,
degg von der Berliner Nationalzeitung habe ihm ge
wisse Erklärungen zugeschrieben obwohl sie als

er
,

,
ihm der Journalist den angeblichen Inhalt der Unter
redung zur Bestätigung vorlegte ausdrücklich

er
als

,
funden bezeichnet habe 155

)
.
Nachrichtenerfindung der Presse

im
Von der
Kriege über Kriegsdinge soll hier nicht weiter die
Rede sein Augenblick wo die Lüge Kriegs
In

dem
,
.

mittel wurde nahm diese Erfinderei mit Selbstver


,

ständlichkeit Riesendimensionen Daß dabei auch an


.
Riesendimensionen von Widersprüchen und Unsinnig
keiten herauskamen läßt sich leicht denken Wurden
,

.
die Dinge gar
zu

spassig dann machten die Freunde


,

der Erfindungen wohl selbst gelegentlich Witze dar


stellte der New York Herald gelegentlich
So

über
.

acht Monate nach Kriegsbeginn unter der Uber


,
ist

schrift Der Kronprinz tot Ungnade verwundet


in
,

,
geisteskrank führt gleichzeitig eine Armee Polen
in
,

und plündert die phan


ein

Schloß Frankreich
in

tastisch widerspruchsvollen Nachrichten der Entente


-

Presse über den deutschen Kronprinzen einem Auf


in

Kronprinz
es

satz zusammen dem heißt


in
,

:
.
.

Friedrich Wilhelm ist der Irrwisch des großen Krieges


geworden Er ist mehrere Male ermordet worden und
.

der Schlacht gefallen ist zwei verschiedenen


er
in

in
;

ist

Lazaretten gestorben ungefähr jede Woche ver


er
,

wundet worden sein Leichenbegängnis ist zweimal


,

durch die Straßen Berlins gezogen während Menschen


,

mengen barhäuptig Trauer dastanden wurde


er
ein ein in

verbannt wurde entlegenes königliches Schloß


in
,

eingesperrt wurde Opfer der Geisteskrankheit


,

;
Kapitel Presse und Kapitalismus 151

III
.

.
litt
Fieber wurde öffentlich vom Kaiser geohr

an
er

,
feigt ihm wurde das Oberkommando über die ver
,
bündeten deutschen Armeen Polen übertragen

er
in

,
wurde seines Ranges entkleidet und Ungnade aus

in
dem Dienste entfernt Noch viele andere Dinge sind

.
ihm seit dem August widerfahren Eine kleine chro
1
.

.
nologische Studie über seine Laufbahn den letzten

in
acht Monaten zusammengestellt nach den aus den
,

europäischen Nachrichten Zentralen herübergekom

-
menen Depeschen zeigt wie ernste Beunruhigung

er
,

,
den Zeitungen der Welt bereitet hat 159

)
.
ist

ein
Lucas böser Spaßmacher
also mehr als nur

,
wenn gelegentlich schreibt
Jeder Philister raucht
er

:
ge

ein
Zigarren zur Zeitungslektüre
übt dabei Er
.

wisses Recht der Wiedervergeltung Die Zeitung macht


.

und macht der Zeitung einen blauen Dunst vor


er

ihm

."
Hand Hand mit diesem Dienste im
in
-

oberflächlichen Publikums betriebenen unnatürlichen


Neuigkeitenkult geht die Pflege der Sensation Die
.
Presseleute wissen die Sensation bedeutet Feinkost
,

für die Massen doppelt einer Zeit allgemeiner Neu


in
,

rasthenie Psychologen sagen der Hunger nach Sen


,
.

als

sation sei nichts anderes das allen schlum


in

mernde Heimweh nach einer romantischen Heimat


.

Sensation bedeute eben wirklichen oder scheinbaren


Durchbruch nüchterner Weltgesetze Einbruch des
,

Wunderbaren Gesteigerten Abnormalen den All


in
,

tag Dem trägt die Zei ng mit eingehenden Zerglie


'
.

derungen und lüsternen Darstellungen mit Schauer


,

mären und Moritaten Rechnung Zumal das Verfehlte


.

und Sündige das grause Ungewöhnliche wird zum


,

Lieblingsgegenstand der Berichte Wird doch damit


.

nicht nur dem Heimweh nach dem romantischen Land


,

sondern auch allen bösen Trieben geschmeichelt


.

1906 erklärte der englische Ministerpräsident


Campbell Bannerman gebe England einige
es

in
,
-
152 Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
Zeitungen mit großer Verbreitung die man getrost

,
als Jingo Presse

als
gelbe Presse bezeichnen könne

,
-

, .
Diesen Organen sei nur um Sensation

zu
es
tun

zu

um
und kein Mittel sei ihnen schlecht die Auf

,
lenken und ihre Verbreitung

. zu
merksamkeit auf sich

160
englischen Zeitungs
im

Publikum fördern

zu
Vom

)
könig Northcliffe und seiner Presse schrieb 1915 der

in
englische Publizist Gardiner durch ihn bekämen

,
mitten des gewaltigsten Kampfes der Geschichte

in
die Fragen über Leben und Tod den Charakter des
Sports eines Sensations journalisten Northcliffe

.
habe mit der seichtesten Form des Journalismus ein
Vermögen gemacht Seine ganze Karriere sei Re

ein
.

kord gemeiner Sensation gewesen Northcliffe

um
sei bereit Brand
zu
sein Land stecken ein
in
,

,
Plakat
zu

beleuchten 161
.
)

Das kann neuerdings vom weitaus größeren Teil


der englischen Presse gesagt werden Er bewertet die
.

Neuigkeiten fast ausschließlich nach dem Sensations


wert läßt die Gedankenarbeit erfordernden Leitartikel
,

mehr und mehr zusammenschrumpfen zugunsten der


Gerichtssaalchronik der Sportnachrichten und interes
,

santen Personalien Henry de Noussanne konsta


.

tierte für die bedeutendsten Pariser Blätter daß Un


,

fälle Verbrechen Skandale einen weit größeren Raum


,

beanspruchen als Werke der Wissenschaft und Cari


tas 169 Von eben derselben französischen Presse
.
)

klagt der Botschafter Viktor Cambon die französischen


,

Zeitungsschreiber seien Augendiener eines argwoh


nischen und schmollenden Souveräns des Volkes
,

dessen Beschmeichelung sich als einträglicher erweise


als

dessen Belehrung geheiben


Im

habe
es

alten Rom
:
.

panem circenses Brot und Zirkusspiele der


et

in
=

;
es

französischen Presse von heute heiße Skandal und


:

Verleumdung Um des schnöden Mammons willen


.

unterhalte die Presse das Publikum mit vielen nich


tigen kurzweiligen Neuigkeiten das Ernste und Große
;
Kapitel

III
Presse und Kapitalismus 153

.
werde unterschlagen 163 Über die einschlägiger

--
.
)
Verhältnisse Amerika meldet der Schriftsteller Ar

In in
thur Preuß Amerika herrscht die sogenannte gelbe
:
Presse mit ihren sensationellen Schauermärchen ihren

,
Ehebruchs und Verführungsgeschichten ihrer frech

,
-

stirnigen Verachtung der Wahrheit der Gerechtigkeit

,
und des Anstandes und ihrem systematischen Be
streben alles auch das Edelste und Reinste den

in
,

,
Kot Die gelbe Presse wächst von Jahr
zu

ziehen
..
.
.
als

Jahr wäre das Lesepublikum


zu

besonders der
,

an
Großstädte vom Taumel erfaßt und könne sich
Greuelgeschichten und Unzuchtberichten nicht satt
lesen Der Geschmack ist schon verdorben daß

es
zum so

,
.

Beispiel noch nicht gelang für die Millionen Katho


12
,

164
zu
liken eine katholische Tageszeitung schaffen

)
Die Journalwelt macht übrigens gar kein Ge
heimnis aus ihren Geschäftsgrundsätzen Da werden .
zum Beispiel Stellenangebote wie folgt erlassen Poli
tischer Redakteur linksliberal tüchtiger Kommunal :
),
(

politiker humoristisch satirischer Plauderer der im


,

,
-

stande ist eine Zeitung selbständig sensationell


,

165
gestalten gesucht Gefl Angebote
zu

unter
,

.
.
.

. )
Tagtäglich erlebt Ihr die moderne Pressesensation
Hätte der Kunsthistoriker Bode seinerzeit einen echten
Lionardo fürs Berliner Museum erworben man hätte
-

nicht viel Aufhebens davon gemacht Der Nachweis


.

der Unechtheit wird zur Sensation welche bis zur


,

Herabsetzung deutscher Wissenschaft gepflegt wird


.
ist

Gaby Deslys
an

sich eine unbedeutende Varieté


figur Durch die Freundschaft mit Exkönig Manuel
.

von Portugal wird sie mit ihren Worten Kleidern


,

ihrem Prunkbett und dem Aufbewahrungsort ihrer


Perlen vieler Zeitungsspalten wert Sieht gar eine
.

Königin die der Niederlande einem freudigen


,

,
B
z
.
.

Ereignis entgegen dann


ist

des Berichtens kein Ende


,

Wir Uhr Bette lag oder


ob

im

lesen die Fürstin um


,

im 2

ging Arzt Schlosse sei oder


im

im
ob

Zimmer der
,
Kapitel

III
154 Presse und Kapitalismus

.
Weinhaus seinen Skat klopfen könne erfahren Name

,für
Heimat und Beschaffenheit der Amme und was

es
Staatsminister Krankenzimmer Urkunden

im

an
den
auszufertigen gebe und immer unendlich wichtig

:
-
Das Ereignis ist

zu
zwei Tagen erwarten dürfte

in

166
drei Stunden eintreten steht unmittelbar bevor
in

)
.
Die moderne Sensationspresse hat den einstigen
Typus von Berühmtheit abgeschafft und

an
dessen
Stelle einen neuen gesetzt bei dem nicht Charakter

,
und Geistesgröße sondern Negation und Abenteuerlich
,

keit ausschlaggebend sind Wollen Sie heute berühmt

,
.
wochenlang auf viel Spalten der Presse besprochen

in
werden dann müssen Sie etwa Karin Michaelis heißen
,
ein

und prikelndes Buch über das gefährliche Alter


der Frauen schreiben Oder Sie müssen irgendwo

in
.

der Provinz als römischer Kaplan wirken und den


Modernisteneid verweigern Oder noch besser Seien

:
.

Sie Oberleutnant namens Hofrichter und verschicken


Sie Pillen zur Vergiftung Ihrer Vordermänner seien

;
Sie Georg von Serbien attackieren Sie Kabarettmädels
,

und boxen Sie Kammerdiener nieder seien Sie Frau


;

Toselli gewesene von Sachsen und Montignoso und


,

,
geben Sie Memoiren heraus dann ist Ihnen die
-

Unsterblichkeit sicher Dann ist Ihr Name jedem


in
.

Mund und jeder Sperling pfeifft Ihre Taten vom Dach


;

denn des Zeitungsgeredes über Sie wird kein Ende


sein bevor nicht sogar noch Abhandlungen über Ihre
,

Fingernägel und die Marke Ihres pot chambre er


de

Toselli seinerzeit langsam


im

schienen sind Als Frau


.

Kapitel für kan


Kapitel ihrer Lebenser
, flir

Pariser Matin
innerungen zum besten
besten beeilten sich nicht etwa
gab
nur unsere GamGeneral und Lokalanzeiger sondern auch
-

unsere
Blätter vom Range der Frankfurter und Kölnischen
Blätt
Zeitung sich den übrigens von ihnen selbst höchst
,

ungünstig bewerteten Quark auszugsweise aus


-
zu

Paris telegraphieren Anpassung


an

lassen die
in

Bedürfnisse des sensationslüsternen Publikums


.
Kapitel Presse und Kapitalismus 155

III
.

.
Tagen des Kampfes der Völker

um
Selbst den

in
Sein und Nichtsein den Jahren der Not mit der

in
,
Mahnung zur Einkehr und geistig seelischen Umkehr

,
-
waren der Presse Schauspielerinnen freche Theater

,
stücke pikante Gerichtsfälle dergl fast wichtiger
,

u
.

.
als

Helden und Heldenleistungen War von Helden

.
um
die Rede doch nur die einen übermäßig
so

so
,

um

um
zu

zu
beklatschen und vergöttern andere

,
die unabsehbaren Scharen der Opferer der Uniform

in
der gewöhnlichen Soldaten der Tracht der Sani

in
täter und Lazarettschwestern mißachten ,Und seit

zu

.
dem Ende des Krieges sind zumal den Ländern

in
,
der Unterlegenen die Helden ganz vergessen wo nicht
,

,
verlästert Dafür bieten die Familienarchive entthronter
.

Fürstenhäuser willkommenes Futter für sensationelle


Enthüllungen Erzherzog Rudolf Mayerling Kaiserin
,

,
.

Elisabeth die Brüder Orth der deutsche und russische


,

Kaiserhof können nunmehr der Welt aufreizendem


in

Negligé vorgeführt werden


.

Auch auf dem engeren Gebiete der kulturellen


Auseinandersetzung Fragen der Politik und Welt
in
,

anschauung bekundet die moderne Presse unter


,

größter Verletzung des Grundsatzes voller unvorein


,

genommener Aufklärung tausend Dingen bedenken


in
-

loseste Anpassung den Massengeschmack


an

die gesamte Lebensphilosophie


ist

Letztlich
der modernen Zeitung auf Verhätschelung des Publi
kums eingestellt Zwar war der Materialismus dem
in
.

da

Augenblick die gegebene Erziehungsweisheit die


,

Presse zur bloßen Geschäftspresse wurde aber zur


,

hohen Pflege gelangte doch hauptsächlich


er

auch
der Herde mit der Augenlust
er

deshalb weil
,

,
am

Fleischeslust und Hoffart des Lebens besten


mundet Die Haeckel Bölsche Oswald Ellen Key
,

,
.

Forel sind der Presse unter anderem deshalb die will


anspruchs
sie

kommensten Philosophen weil die


,
156 Kapitel Presse und Kapitalismus

III
.

.
losesten Pädagogen sind Daher der Presse allzu

in
.
oft Werten und Wägen mit ihrem Maßstab Der

.
.
.
Masse zulieb wird das tiefste Denken mit seinen
Forderungen verleugnet verschwiegen unter Umstän

,
den einfach gefälscht Die nach Volksgunst lüsterne

die
Presse predigt den Glauben

an
die Sinne wahre

;
Weltweisheit den den Geist Die nach Volksgunst

an

.
lüsterne Presse predigt den Atheismus die tiefsten

;
Denker aller Zeiten waren Gottesgläubige Die nach Volks

.
gunst lüsterne Presse lehnt das Christentum

ab
für die

;
bedeutendsten Köpfe erwächst alle Größe der Seele aus
dem Kreuzesglauben Auch ein Goethe hat gestanden

, :
.

Die Menschheit mag noch viele Fortschritte machen


so

sie
über die Hoheit sittlicher Kultur wie den Evan

in
gelien leuchtet wird sie nie hinausschreiten ,
,

.
Der Weltkrieg war
ein

an
Ultimatum Gottes
ein

Europa war erschütternder Heimruf der


er
;

Menschheit zum Christentum Anfangs schienen


.

ernstere Kreise der Menschheit ihn als solchen

zu
erleben eine geistig religiöse Wiedergeburt schien
;

aus Blut und Not Der seicht materia


zu

erwachsen
-
.

listische Geist der herrschenden Weltpresse erstickte


bis heute die guten Ansätze oder hemmte doch
das Gute durch Propaganda für neue verrückte aufs
,

bloße Diesseits gerichtete Modephilosophien


.

Der Börsenmann und einstige Herausgeber des


Petit Journal Millaud wurde einst von Villemessant
,

dem Herrn des Figaro nach dem Geheimnis des


,

numerischen Erfolges seines Blattes hatte da


es
Er

mals 300 000 Abonnenten gefragt antwortete


.

:
167

faut avoir courage être bête Um der


le
Il

d
'

.
)

Menge gefallen und aus diesem


zu

Gefallen Nutzen
mitunter be
zu

ziehen wird die moderne Presse


,

Denkt bloß
an

denkenlos auch zum Tier ihre Sexual


.

philosophie
.

Gunstbuhlerei macht die allgemeine nicht bereits


anderweitig festgelegte Politik der Presse zur
-
Kapitel Presse und Kapitalismus

III
157

.
Darlegung und Vertretung unmöglichster Träumereien

.
Die Zeitung weiß

es
Die Masse hat lieber mit holden

:
Unmöglichkeiten als mit mühsamen Wirklichkeiten
tun und glaubt jedesmal aus ganzer Seele dem
zu

,
der nahe Ziele zeigt und zwar zeigt daß ihre Er

so
,

,
reichung leicht und bequem erscheint Die Zeitung

.
es

weiß und handelt darnach Fern aller tragischen

.
Lebensauffassung spricht

sie
zum Publikum wie

Ich
Mephisto Faust gebe Dir was noch kein
zu

,
Mensch gesehen :
Sie zaubert glühende Traumbilder
.

schöner Zukunftsstaaten vor gierigen Augen empor


es

und läßt nur von ein paar mißlichen Zufallser


scheinungen verschuldet sein daß noch nicht alle
,
Wege gerade sind daß noch nicht alle Tränen ge
,

trocknet werden und daß noch nicht jeglicher Hunger


seine Sättigung findet
.

Wenn die Massen einmal absolut führen wollen

,
dürfen sie führen Herr Massingham verlor wegen
W
.

seiner von der englischen verurteilten Leserschaft


Gegnerschaft gegen
südafrikanischen
den Krieg auf
Knall und Fall seinen Chefredakteurposten beim Daily
168

Chronicle Der Figaro nahm während des Pro


.
)

zesses Dreyfuß anfangs Stellung für ihn nun gab eine


Reihe von Lesern den Bezug auf
er

also änderte
die anfangs eingeschlagene Politik 169
)
.

Anpassung erfolgt bis


zu

Die ans Publikum


ein

bittersten Widersprüchen und derselben Redak


in

Es kommt
ein

tionsarbeit vor daß Zeitungen und


,
.

ein

desselben Verlags und derselben Schriftleitung


,

,
ein

und demselben Auf


ein

und desselben Satzes


in
,

satz gegensätzliche Einschiebsel aufweisen


je

nachdem
,

die eine Ausgabe ihre Leser der Stadt und die


in
sie

auf dem Lande hat


70

andere
.'
)

Der Berliner Lokalanzeiger enthüllte gelegentlich


den Schwindel der Ringerwettkämpfe Die Ausländer
,
:

mit denen man sich brüstet sind Inländer und der


,
158 Kapitel Presse Kapitalismus

III
und

.
Wettkampf nur Schein Das Ringen ist vom Regisseur

.
zum voraus allen Phasen festgelegt die Rolle des

in

,
Preisträgers wie die des schwächeren Gegners gleich

am
einer Theaterrolle verteilt Was farbigen

im
Abend

.
Zirkuslicht als heißer Kampf und wilder Ernst sich
abspielt wurde vormittags einmütig vereinbart und
einzeln ,
bis zum entscheidenden tour de bras durch
--
Solche Aufklärung

ist
geübt für die Ernsten der
.
.
.
.
Leser Damit aber auch die dumme Herde auf ihre
.

kommt findet sich derselben

in
Rechnung
Nummer ,
auf der Rückseite desselben
,

Blattes eine lange durchaus alles ernst


,

,
nehmende Besprechung der auf der
Vorderseite als Schwindel entlarvten
Ringkämpfe
171
)
.

Der Köpenicker Streich machte Herrn Voigt

-
durch die Presse zur populärsten Gestalt jenes
Jahres zur Sehnsucht der Varietébesitzer der Wirte
,

,
der heiratssüchtigen Weiber Angesichts dessen rief
.

der Berliner Lokalanzeiger nach einem Satiriker der

,
das verrückt gewordene Berlin wieder zur Vernunft
bringe
Er

rief Sinne ernster Leser aber die


im
so

;
.

selbe Nummer widmete der Masse zulieb dem Haupt


mann fast zwei Spalten enthaltend die Unter
--
-

redungen eines Lokalanzeigerberichterstatters mit Herrn


Voigt nachdem schon vorher dasselbe Blatt dem
,

stumpfen Haufen eben dadurch den Kopf verwirrt


es

hatte daß schon während der Zuchthauszeit des


,

als

Schusters mehr Ausführungen über ihn hatte über


,

Denken und Leben bedeutendster Männer Warum


.

sollte der Berliner Lokalanzeiger auch nicht han


173 so

deln Mundus vult decipi ergo decipiatur


,

!
)
?

Die Korruption Inseratententeil


im
9
.

Nicht zuletzt ist es die Redaktion des


Inseratenteiles welche den bloßen Ge
,
Kapitel Presse und Kapitalismus

III
159

.
schäftsgeist und schrankenlosen Materia
lismus der herrschenden neueren Presse
aufdeckt die unerbittlich den tiefsten Charakter

,
auch jener Blätter ins Licht rückt die redaktio

iin
, ,
nellen Teil einen gewissen Ernst einen gewissen

zu
Idealismus heucheln verstehen

.
Schon oben wurde gesagt Der Inseratenteil läßt

:
sich vom redaktionellen nicht trennen Die Grundsätze

,
.
die für den letzteren gelten müssen auch den Auf

,
nahmebedingungen für den ersteren zugrunde liegen

.
es

Zwar ist zunächst nicht Aufgabe der Presse zumal

-
die Kinder
an

der die Oberschicht sich wendenden


spielen und die Leute bis auf den Markt
zu

gärtnerin

. ,
ins Spielzimmer zum Boudoirtisch beaufsichtigen

zu
,

Es muß dem gesunden Sinn des Volkes

ein
gewisser
Spielraum gelassen werden Aber wo Schwindel
.

geschäfte Volksbetrug üben wo aus dem Aberglauben


,

Kapital geschlagen wird wo dem Verbrechen Schlupf


,

winkel und dem Laster Hilfe geboten werden wo

,
Tugend und Sitte schwerer Versuchung ausgesetzt
werden müßte warnende Aufklärung einsetzen Es
,

müßte schlechten Inseraten die Aufnahme verweigert .


werden Auf der Kanzel die für den Prediger der
,
.

die
ist

Wahrheit bestimmt dürfen sich unmöglich


,

Lügner und Schurken die Quacksalber und Wahrsager


,

breit machen Bei der modernen sowieso ver


.

sie

dorbenen Presse dürfen natürlich Die moderne


es

Presse bietet auch Inseratenteil und hier geradezu


im

,
zu

schamlos die Hand den gröbsten Angriffen auf


,

Volksgesundheit Volksvermögen Volkssitte und Volks


,

verstand
.

Was heute nur auf dem einen Gebiete der


B
.
.
z

Toilettenartikel der Heil und Schönheitsmittel der


,

,
in
-

Zeitung angezeigt und angepriesen werden darf ist


,

fast unglaublich
die ein
es

Oft nimmt ein Fünftel bis


.

ein

Achtel des gesamten Inseratenteiles Während


, .

nichtsnutzigem Schund reden wird


es

Ärzte von der


in
160 Kapitel ress und Kapitalismus

III
.

.
Zeitung nie durch eine redaktionelle Notiz verdächtigt
Viele Ge

ein
Spezialforscher konstatiert sogar

:
-
heimmittelfabrikanten und Zeitungseigentümer oder
Annoncengenerale haben untereinander einen Vertrag
geschlossen welcher die Zeitung verpflichtet alle ihre

,
Anzeigen und Prellereien ausnahmslos aufzunehmen

,
173
dagegen alle Angriffe zurückzuweisen

)
.
Angesichts der immer mehr ausgearteten Zeitungs
reklame für Kurpfuscherei und Heilmittelschwindel
veröffentlichte der Ortsgesundheitsrat der Stadt Karls
Mai 1878 unter besonderer Berücksichtigung
ab

ruhe -
der Ankündigungen der badischen Presse
in
immer
wieder Aufklärungen und Warnungen vor den ange
priesenen zweifelhaften therapeutischen Präparaten und
Methoden Die behördliche Bekanntmachung vom
.

Mai 1878 enthält folgende Sätze


24

Da

in
u

a
.

.
.

:
neuerer Zeit der Unfug angebliche Heilmittel und Heil
,

mittelst Anpreisung
im

kuren Inseratenteile öffentlicher


Blätter zum Verkauf oder zum Gebrauch auszubieten

,
um

Maße sich greift sehen wir


so
immer steigendem
in

,
uns veranlaßt das Publikum dringend davor
,

zu warnen solchen Marktschreiereien irgendwelchen


,

Glauben beizumessen
.

Alle Anpreisungen der erwähnten Art haben das


Gemeinsame daß ihnen schnöde Gewinnsucht zugrunde
,

liegt und daß der Preis der empfohlenen Mittel den


jeder Apotheke Ver
zu

wahren beobachtenden
um in

kaufswert das Vielfache übersteigt sowie daß die


,

Anfertiger der sogenannten Heilmittel der Heilkunde


in

meist ganz unwissende Personen sind Häufig bestehen


.

solche Mittel aus Substanzen welche der Gesundheit


,

überhaupt schädlich sind oder welche bei bestimmten


,

Krankheiten verderblich sein können den besten


in
;

Fällen haben dieselben überhaupt keine den Gesund


heitszustand beeinflussende Wirkung Die veröffent
.

lichten Zeugnisse durch welche die Heilkraft bewiesen


,

werden soll sind zum Teil ganz gefälscht zum Teil


,

,
Kapitel Presse und Kapitalismus 161

III
.

.
betrüglich gegen Bezahlung
und zum Teil ausgestellt
von solchen Personen herrührend deren Leiden aus

,
rein zufälligen Ursachen während des Gebrauchs des
Mittels sich gebessert hat und welche darum dem letz
teren gutem Glauben aber vollständig irrtümlich Heil

,
in

kräfte zuschreiben Häufig wird solchen Mitteln der Schein

.
obrigkeitlicher Attestierung gegeben diese Atteste sind

,
aber gleichfalls zum Teil gefälscht zum Teil von unbe

,
fugten Personen welche sich aus derartigen Attestierun
,
ein

gen Gewerbe machen gegen Bezahlung angefertigt


,

.
Angebliche Ärzte welche sich erbieten brieflich
,

, ,
also ohne Untersuchung des leidenden Körpers
d

h
.
.

Krankheiten heilen sind allen Fällen als gewissen


zu

in
,
zu

lose Schwindler betrachten Vielfach stehen öffent -


-
.

liche Anpreisungen von Heilmitteln sogenannten

im
Reklameteile der Zeitungen also demjenigen Teile
in
,

,
welcher unmittelbar auf den Redaktionsstrich folgt und
sich von dem Inseratenteile dadurch unterscheidet daß

,
der Art des Drucks der Zeilenbreite usw voll
er
in

.
ständig jener Abteilung der Zeitung gleicht für welche
,
als

sich der Redakteur verantwortlich erklärt Dem .


liegt nichts anderes zugrunde als der betrügerische
Zweck das Publikum glauben
zu

machen daß die


,

Zeitungsredaktion von der Richtigkeit der Anpreisung


überzeugt sei und für dieselbe miteinstehe
.

Unzweifelhaft wird alljährlich eine


große Anzahl von Mensche