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Heinrich von Kleist – Briefe

66. An Wilhelmine von Zenge

An Fräulein Wilhelmine von Zenge, Hochwohlgeboren zu Frankfurt an der Oder.

Auf der Aarinsel bei Thun, den 20. Mai 1802

Liebe Wilhelmine, um die Zeit des Jahreswechsels erhielt ich den letzten Brief von Dir, in
welchem Du noch einmal mit vieler Herzlichkeit auf mich einstürmst, zurückzukehren ins
Vaterland, mich dann mit vieler Zartheit an Dein Vaterhaus und die Schwächlichkeit Deines
Körpers erinnerst, als Gründe, die es Dir unmöglich machen, mir in die Schweiz zu folgen, dann
mit diesen Worten schließest: wenn Du dies alles gelesen hast, so tue was Du willst. Nun hatte
ich es wirklich in der Absicht mich in diesem Lande anzukaufen, in einer Menge von
vorhergehenden Briefen an Bitten und Erklärungen von meiner Seite nicht fehlen lassen, so daß
von einem neuen Briefe kein bessrer Erfolg zu erwarten war; und da mir eben aus jenen Worten
einzuleuchten schien, Du selbst erwartetest keine weiteren Bestürmungen, so ersparte ich mir
und Dir das Widrige einer schriftlichen Erklärung, die mir nun aber Dein jüngst empfangner
Brief doch notwendig macht.

Ich werde wahrscheinlicher Weise niemals in mein Vaterland zurückkehren. Ihr Weiber versteht
in der Regel ein Wort in der deutschen Sprache nicht, es heißt Ehrgeiz. Es ist nur ein einziger Fall
in welchem ich zurückkehre, wenn ich der Erwartung der Menschen, die ich törichter Weise
durch eine Menge von prahlerischen Schritten gereizt habe, entsprechen kann. Der Fall ist
möglich, aber nicht wahrscheinlich. Kurz, kann ich nicht mit Ruhm im Vaterlande erscheinen,
geschieht es nie. Das ist entschieden, wie die Natur meiner Seele.

Ich war im Begriff mir ein kleines Gut in der Schweiz zu kaufen, und Pannwitz hatte mir schon
den Rest meines ganzen Vermögens dazu überschickt, als ein abscheulicher Volksaufstand mich
plötzlich, acht Tage ehe ich das Geld empfing davon abschreckte. Ich fing es nun an für ein
Glück anzusehn, daß Du mir nicht hattest in die Schweiz folgen wollen, zog in ein ganz einsames
Häuschen auf einer Insel in der Aare, wo ich mich nun mit Lust oder Unlust, gleichviel, an die
Schriftstellerei machen muß.

Indessen geht, bis mir dieses glückt, wenn es mir überhaupt glückt, mein kleines Vermögen
gänzlich drauf, und ich bin wahrscheinlicher Weise in einem Jahre ganz arm. – Und in dieser
Lage, da ich noch außer dem Kummer, den ich mit Dir teile, ganz andre Sorgen habe, die Du gar
nicht kennst, kommt Dein Brief, und weckt wieder die Erinnerung an Dich, die glücklicher,
glücklicher Weise ein wenig ins Dunkel getreten war –

– Liebes Mädchen, schreibe mir nicht mehr. Ich habe keinen andern Wunsch als bald zu sterben.