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WIENER JAHRBUCH FÜR

KUNSTGESCHICHTE

Herausgegeben vom
Bundesdenkmalamt Wien
und vom Institut für Kunstgeschichte
der Universität Wien

BAND LXIII/LXIV

Open Access  © 2018 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR


DER ARKADENHOF DER
UNIVERSITÄT WIEN UND DIE
TRADITION DER GELEHRTEN-
MEMORIA IN EUROPA

Herausgegeben von Ingeborg Schemper-Sparholz, Martin Engel,


Andrea Mayr und Julia Rüdiger

2017
BÖHLAU VERLAG WIEN · KÖLN · WEIMAR
Das Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte setzt folgende Zeitschriften fort: Jahrbuch der kaiserl. Königl. Central-
Commission zur Erforschung und Erhaltung der Baudenkmale (Jg. I/1856–IV/1860); Jahrbuch der k. k. Zentral-
Kommission für Erforschung und Erhaltung der Kunst- und historischen Denkmale (NF I/1903–NF IV/1906);
Kunstgeschichtliches Jahrbuch der k. k. Zentral-Kommission für Erforschung und Erhaltung der Kunst- und hi-
storischen Denkmale bzw. Jahrbuch des Kunsthistorischen Institutes der k. k. Zentral-Kommission für Denkmal-
pflege bzw. Jahrbuch des Kunsthistorischen Institutes (Bd. I/1907–Bd. XIV/1920); Jahrbuch für Kunstgeschichte
(Bd. I[XV]/1921 f.). Es erscheint unter dem Titel Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte seit dem Band II (XVI)/1923.

Gedruckt mit Unterstützung durch : 

Veröffentlicht mit Unterstützung des


Austrian Science Fund ( FWF ): PUB 383-G24
Open Access: Wo nicht anders festgehalten, ist diese Publikation lizenziert unter der Creative-Commons-Lizenz
Namensnennung 4.0; siehe http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/

Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät der Universität Wien

Redaktion  :

Für das Bundesdenkmalamt   :


N.N.

Für das Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien   :


Michael Viktor Schwarz

Umschlagabbildung: Karl Köchlin/Alois Düll, Modell für einen Arkadenabschnitt der Universität Wien, 1890, Gips,
farbig gefasst, restauriert, 1988, Archiv der Univ. Wien, UAW Sign. 114.95; Foto: Institut für Kunstgeschichte der
Univ. Wien, Rene Steyer, 2013.
Vorsatz: Einblick in den nördlichen Arkadengang, Universität Wien, Öffentlichkeitsarbeit.
Nachsatz: Arkadenhof der Universität Wien mit Kastaliabrunnen (1910) und Kunstprojekt „Der Muse reicht‘s“ von
Iris Andraschek (2009), Universität Wien, Öffentlichkeitsarbeit.

ISSN 0083–9981

ISBN 978-3-205-20147-2

Druck : Holzhausen, Wolkersdorf

Printed in the EU

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DER KÖR PER A LS MONUMENT. BENTH A MS
AUTO-IKONE UND DIE ÄSTHETIK DES
HY PER R E A LISTISCHEN GELEHRTENPORTR ÄTS
Pietro Conte

J eremy Bentham muss ein sehr vorausschau-


ender und eher pessimistischer Mensch ge-
chen Körpers untersuchen, ohne den Leichnam
zu berühren. Goethes Erachtens nach erwies sich
wesen sein, wenn es wahr ist, dass er am 24. die Wachsfigur als ein würdiges Surrogat, das auf
August 1769, gerade volljährig geworden, ent- ideelle Weise die Wirklichkeit ersetzt.2 Die Grün-
schieden hat, sein Testament zu verfassen. Das, de für diese Anfrage sind identisch mit jenen, die
was ihn sorgte, war nicht die Verteilung seiner Bentham dazu trieben, sein Testament zu ma-
Reichtümer, sondern das Schicksal seiner sterb- chen, und sie werden deutlich, als Goethe am
lichen Überreste, die er einem Chirurgen für ei- Ende seines Briefes einige Nachrichten wieder-
ne öffentliche Sezierung anvertrauen wollte: ein gibt, die Friedrich Alexander Bran, Journalist
großartiger Beitrag zum wissenschaftlichen Fort- und Leiter der „Miszellen aus der neuesten aus-
schritt und ganz sicher demjenigen würdig, der ländischen Literatur“, veröffentlicht hatte. Der
später die moderne Theorie des Utilitarismus be- Titel klang stark beunruhigend: London Asphy-
gründen würde. xiators. Und auch der Inhalt war es nicht weni-
Hinter der persönlichen Sorge eines einzel- ger. Man liest von den Auferstehungsmännern,
nen Menschen steckt jedoch ein viel generelle- Leichenräubern, die, mangels frischer Körper,
res Problem, dasselbe welches Jahrzehnte später, die exhumiert und geheim an die Krankenhäu-
am 4. Februar 1832, in einem seltsamen Brief auf- ser für anatomische Studien hätten geliefert wer-
taucht, in dem Goethe den Preußischen Ministe- den können, entschieden hatten, die Wartezeit
rialbeamten Peter Beuth ermahnt, einen Anato- zu verkürzen und sich unmittelbar in Mörder zu
men, einen Plastiker und einen Gipsgießer nach verwandeln: Von ihren Eltern verlassene Kinder,
Florenz zu senden, wo sie die Geheimnisse der die von Betteln oder Spitzbübereyen lebten, kamen
Herstellung anatomischer Wachsmodelle erler- nicht wieder an die Orte, die sie gewöhnlich be-
nen und nach Berlin – der Stadt, wo Wissenschaf- suchten. Man zweifelt nicht daran, daß auch sie als
ten, Künste, Geschmack und Technik vollkommen Opfer der Habgier jener Ungeheuer gefallen sind,
einheimisch in lebendiger Thätigkeit sind1 – impor- die sich um jeden Preis zu Lieferanten der Section-
tieren sollten. Auf diese Weise könnten die Me- säle machen wollen.3 Das Vorgehen der Mörder
dizinstudenten die innere Gestalt des menschli- war immer gleich: Die Unglücklichen wurden

1 J. W. von Goethe, Plastische Anatomie, in: Goethe’s Werke. Vollständige Ausgabe letzter Hand, 60 Bde., Stuttgart/
Tübingen 1827–1842, Bd. 44, S. 61.
2 Ebenda, S. 60.
3 Ebenda, S. 64.
214 Pietro Conte

Abb. 1: Jeremy Bentham, Auto-Icon, 1832. University College London.

beschattet, narkotisiert und erstickt, damit kei- zieht verwilderte Kinder zum Guten, und schon
ne augenfällige Spur des gewaltsamen Aktes hin- findet man es höchst unmenschlich, Fehler und Irrt-
terlassen wurde. hümer auf das Grausamste nach dem Tode zu be-
Zusätzlich zu der Empörung gegenüber die- strafen. Landesverräther mögen geviertheilt werden,
sen Aktionen, die die Hauptstadt und andere aber gefallene Mädchen in tausend Stücke anato-
englische Städte geißelten, äußerte Goethe die misch zu zersetzen, will sich nicht mehr ziemen.4
begründete Befürchtung, dass die teuerste Rech- Es handelt sich dabei gewiss nicht – unnö-
nung nicht die Verbrecher, sondern die Wissen- tig, es zu sagen – um ein Plädoyer für die To-
schaftler bezahlen würden: Die Reaktion gegen desstrafe, sondern um die Sorge den wissen-
die Leichenräuber habe schrittweise zu einer ge- schaftlichen Fortschritt betreffend, der in den
ringeren Verfügbarkeit von legal aufgetriebenen Jahrhunderten viel Nutzen aus den anatomi-
Kadavern geführt sowie zur anschließenden Ein- schen Beobachtungen gezogen hat. Goethe spür-
schränkung der Sezierpraktiken. In diese Rich- te die Notwendigkeit, etwas zu tun, auch weil
tung habe sich auch die öffentliche Meinung das Sezieren von Leichen als Teil des Medizin-
entwickelt, die immer geneigter sei, die Todes- studiums in Deutschland wie auch in England
strafe abzuschaffen: Man denkt an die Verbesse- einen sehr schlechten Ruf genoss. Von religiösen
rung des Zustandes entlassener Verbrecher, man er- und im Volksglauben verankerten Vorbehalten

4 Ebenda, S. 61–62.

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abgesehen, mochte dies auch damit zusammen- phen für lange Zeit aufgewühlt haben, bis er sich
hängen, dass seit Heinrich VIII. eine bestimmte 1824 dazu entschloss, seinem Testament ein Ko-
Zahl hingerichteter Verbrecher für medizinische dizill hinzuzufügen. Nachdem er die Absicht be-
Zwecke zur Verfügung gestellt wurde. Dieses stätigt hatte, den eigenen Leichnam in the most
Verfahren fand seine Bestätigung im „Murder public manner5 sezieren und die Weichteile für
Act“, einem Gesetz von 1752, welches es erlaub- zukünftige Studien konservieren zu lassen, be-
te, den von einem Mord befleckten Leichnam eilte sich Bentham, neue Instruktionen zu ge-
der öffentlichen Autopsie zu unterziehen. In der ben: As to the head & rest of the skeleton, it is my
breiten Öffentlichkeit galt das Sezieren also als desire that the head may by preparation after the
eine über den Tod hinaus verlängerte Form des New Zealand manner be preserved, & the entire
Bestrafens. Goethes Brief und Benthams Testa- skeleton with the head above it & connected with
ment belegen ihren Willen, gegen diesen Irrglau- it, be placed in a sitting posture, & made up into
ben vorzugehen. the form of a living body, covered with the most de-
Goethe und Bentham starben beide in kur- cent suit of clothes. And whereas it has occurred to
zem Abstand voneinander 1832, bevor sie ihre An- me that some of my friends may be eventually dis-
strengungen prämiert sehen konnten: Genau in posed to meet at a club in commemoration of my
demselben Jahr segnete das House of Lords den birth & death, my desire is, that in that case order
„Anatomy Act“ ab, der die Sezierung aus dem may be taken by my executor, for such my skeleton
Kreis der zu bestrafenden Post-mortem-Praktiken seated in an appropriate chair, to be placed, on the
strich und es Medizinern und Forschern ermög- occasion of any such meeting, at one end of the tab-
lichte, sich den zur Verfügung stehenden Ver- le after the manner in which, at a public meeting,
storbenen anzunehmen und so das Problem des a chairman is commonly seated.6
Auftreibens der Kadaver zum größten Teil zu lö- Es ist der erste Anklang an das, was hier als
sen. Bentham hatte sich also höchstpersönlich Effigy7 definiert, später aber zur Auto-Ikone um-
zur Verfügung gestellt, damit den anatomischen getauft wird, ein Neologismus, der in der letzten
Studien ein unverzichtbarer Wert für den Fort- Version des Testaments erstmals auftaucht. Der
schritt der wissenschaftlichen Erkenntnisse aner- Autor dieser Seiten, die der Philosoph lediglich
kannt werden konnte: Er hatte dabei nicht nur gegenzeichnet, ist in der Tat ein Arzt, Thomas
seinen Namen, sondern auch seinen Körper her- Southwood Smith: Er wird es sein, der die Grab-
gegeben, weil er sich schon als Junge fragte, ob rede zur Erinnerung an Bentham hält und der
und wie er auch nach seinem Tod noch von ei- in den darauffolgenden Tagen mit der Behand-
nem Nutzen für die Gesellschaft sein könnte. lung seiner sterblichen Reste fortfährt. Fünfund-
Dies reichte ihm jedoch nicht. Sollte sein zwanzig Jahre später sollte Southwood Smith sei-
wissenschaftlicher Beitrag auf dem kalten Tisch nem Kollegen William Munk in einem Brief das
eines Operationssaals, unter den Augen von angewandte Verfahren erklären und dabei zeit-
Dutzenden von Menschen, enden? War es mög- gleich die problematischen Aspekte herausstel-
lich, dass es nichts anderes gab, um der wissen- len: I endeavoured to preserve the head untouched,
schaftlichen Sache zu dienen? Solche Fragen merely drawing away the fluids by placing it under
müssen die Gedanken des englischen Philoso- an air pump over sulphuric acid. By this means the

5 J. Bentham, Codicil to Bentham’s Will, 29 March and 9 October 1824, in: Bentham’s Auto-Icon and Related Wri-
tings (hrsg. von J. E. Crimmins), Bristol 2002, S. 5–7: 6.
6 Ebenda.
7 Ebenda.
216 Pietro Conte

head was rendered as hard as the skulls of the New te, sich direkt, ohne jegliche Vermittlung in sein
Zealanders; but all expression was of course gone.8 eigenes Bild zu verwandeln12 – enttäuscht gewe-
Das Gesicht war also nicht mehr präsentabel, sen: Die Grenzen des Hyperrealismus bis ins Ext-
aber eine Lösung war schnell gefunden: Wenn reme rückend, verliert sich in der Tat jede Distanz
der Kopf aus Fleisch und Blut mittlerweile un- zwischen Kopie und Modell. Das Abbild ersetzt
präsentabel war, blieb nichts anderes, als einen das Modell und nimmt stellvertretend seinen
anderen zu modellieren, ein Bild zu konstruie- Platz ein, so wie beispielsweise die Tatsache zeigt,
ren, das als Ersatz des Vorbildes gelten könnte. dass die Vitrine, in der die Auto-Ikone ausgestellt
Das Material? Eine obligatorische Wahl: Wachs wurde, für eine gewisse Zeit beide Köpfe beher-
– der Stoff der Ähnlichkeit par excellence, das an- bergte, sowohl den Kopf aus Fleisch und Blut,
thropomorphe Material schlechthin, das Medi- als auch sein wächsernes Abbild. Auf den Schul-
um der Metamorphose und des Zwischenstadi- tern des Philosophen thronte allerdings dieser
ums.9 Ohne weiter zu zögern, wandte man sich letzte, während der „andere“ (der sich plötzlich
an Jacques Talrich, einen Chirurgen, der sich für und paradoxerweise in das Doppelte des Doppel-
den Bau anatomischer Puppen begeisterte: einen ten verwandelt hatte) auf der Erde zwischen den
Arzt also, den Southwood Smith aber als distin- Füßen seines Eigentümers ruhte: Manna für die
guished French artist10 definierte, der sich von ei- Studenten des Colleges, die in verschiedenen Ge-
nigen Porträts Benthams derart inspirieren ließ, legenheiten sich dabei vergnügten, den Kopf zu
dass er ein fast lebendiges Bild erschaffen konnte. rauben und um Lösegeld zu bitten oder ihn in ei-
Nachdem sie ursprünglich von Southwood nem Schließfach im Bahnhof von Aberdeen wie-
Smith in seinem Studio aufbewahrt wurde, soll- der auftauchen zu lassen, bis die Verwaltung ihn
te die Auto-Ikone nach einigen Abenteuern am in einem sicheren Archivraum und ab dem Jahr
University College ihre aktuelle Bleibe finden. In 2005 in einem Safe des Archäologischen Instituts
einem Brief aus dem Jahr 1850 berichtete Lord des Colleges aufbewahrte.
Henry Brougham die akademischen Autoritä- Nichts, was Bentham nicht bereits schon vor-
ten über Southwood Smiths Anfrage, Benthams hergesehen hatte: Ridiculed it will be, of course,
Effigie im Inneren des Colleges aufzubewahren, schrieb er prophetisch in Auto-Icon, einem Pam-
und der Ton lässt dabei keine Zweifel: [It is] the phlet, das zu seinen Lebzeiten unveröffentlicht
most valuable wax figure I ever saw […]. The like- blieb, aber posthum in dreißig Kopien von seinem
ness is so perfect that it seems as if alive.11 Freund John Hill Burton gedruckt wurde. Der
Die Betonung liegt dabei noch einmal auf Untertitel, Further Uses of the Dead to the Living,
der außergewöhnlichen mimetischen Treue, die verdeutlichte Benthams Obsession, auch als Toter
durch den Einsatz des Wachses möglich geworden in gewisser Weise nützlich zu sein. Die Auto-Ikone
war, und von diesem Blickwinkel aus wäre nicht – dieses seltsame Denkmal, dieses in Lebensgröße,
einmal Bentham – der sich jedoch gewünscht hät- von den üblichen Gelehrtenbüsten so verschiede-

8 Th. S. Smith, Brief an W. Munk (14. 6. 1857), in: W. Munk, The Roll of the Royal College of Physicians of London,
3 Bde., London 1878, Bd. 3, S. 237 (Anm.).
9 S. darüber G. Didi-Huberman, Ähnlichkeit und Berührung. Archäologie, Anachronismus und Modernität des
Abdrucks, Köln 1999.
10 Smith, Brief an William Munk (zit. Anm. 8).
11 University College London, Minutes of the Proceedings of the Council, zit. nach C. F. A. Marmoy, The „Auto-
Icon“ of Jeremy Bentham at University College, London, S. 83.
12 S. darüber D. Bindman, The Skeleton in the Cupboard: Jeremy Bentham’s Auto-Icon, in: The Old Radical. Repre-
sentations of Jeremy Bentham (hrsg. von C. Fuller), London 1998, S. 9–21.

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Der Körper als Monument 217

ne Bildnis – ist durchaus nicht einfach der maka- nen anschließend verehrt würden und umgekehrt
bre Scherz eines Intellektuellen, sondern stattdes- – eine Tatsache, die sich als außerordentlich inte-
sen Ausdruck eines präzisen kulturellen Projekts. ressant aus Sicht der Ideen- und Kulturgeschich-
Nachdem er die Herkunft des Begriffes „Auto-Iko- te erweisen sollte. Man sollte auch nicht verges-
ne“ geklärt hatte – The word „auto“ has been ma- sen, dass Bentham diese Überlegungen genau zu
de familiar to English ears by its use in „autobiogra- der Zeit entwickelt, in der Marie Grosholtz (alias
phy“ (why should there not be „auto-tanatography“?), Madame Tussaud) auf dem Höhepunkt ihrer Kar-
„autograph“ ecc.13 –, stürzt sich der Gelehrte in ei- riere angekommen ist und in ganz England ihre
ne Lobrede auf seine Kreatur und definiert sie als Wanderausstellung herumführt, die nicht nur aus
a man who is his own image, „ein Mensch, der sein Helden und strahlenden Persönlichkeiten bestand,
eigenes Ebenbild ist“.14 Es handelt sich dabei um sondern vor allem aus Mördern, Halsabschnei-
das extremste Beispiel einer Monumentalisierung dern, Vergewaltigern und grands voleurs: Die von
des Körpers, die in einer Metamorphose endet, die dem Philosophen erdachten Tempel der Lobrede
diametral entgegengesetzt zu jener der Galatea (der und Schande sind also gar nicht so abwegig und es
Statue, in die sich Pygmalion verliebt hatte) ist: ist kein Zufall, dass in Auto-Icon explizit Bezug auf
Dort wurde eine unbeseelte künstliche Figur zum ein anderes berühmtes Wachsfigurenmuseum, das
Leben erweckt, hier wird im Gegenteil eine Person der Mrs. Salmon, genommen wird.
aus Fleisch und Blut in ihr eigenes Ebenbild um- Dies ist aber nicht alles. Von einem wissen-
gewandelt. Thus every man would be his own mo- schaftlichen Blickwinkel aus ist es in erster Linie
nument; and if copies were wanting, a cast in plaster die Phrenologie, die Vorteil aus den Auto-Iko-
would supersede the necessity of sculpture.15 nen hätte ziehen können: Explizit die Begrün-
Benthams Meinung nach hatte der Auto-Iko- der des Faches, Johann Gaspar Spurzheim und
nismus unzählige Vorteile. Aus ökonomischer Franz Joseph Gall zitierend, unterstreicht Ben-
Sicht ließe er Beerdigungen, Beisetzungen und tham, dass ihre Schüler so endlich auf Selbstpor-
Einäscherungen überflüssig werden, Zeremonien, träts zählen könnten, die vollkommen identisch
die von Bentham als gleichbedeutend mit verhass- mit den Originalen wären. Und Bentham hätte
ten und unnützen Formen der Versteuerung gese- es gewiss Freude bereitet, zu wissen, dass es im
hen wurden. Aus pädagogischen Gründen würde Laufe des 19. Jahrhunderts nicht an tief schürfen-
er es gestatten, Tempel der Ehre oder der Schande16 den Studien gefehlt hat, die versucht haben, zwi-
zu errichten, die die Respekt oder Schmach verdie- schen seinen außergewöhnlichen intellektuellen
nenden Auto-Ikonen aufnehmen und den Besu- Gaben und den anatomischen Charakteristiken
chern vorbildliche oder abzulehnende Modelle an- seines Schädels einen Bezug herzustellen. Die Er-
bieten könnten. Das Voranschreiten der Zeit (mit gebnisse sind allerdings nicht sonderlich ermuti-
den sozialen, politischen und moralischen Ver- gend gewesen: „Jeremy Bentham’s head is close-
änderungen, die damit stets einhergehen) könn- ly identical with that of the mediocre or average
te auch zu perspektivischen Umschwüngen führen Englishman. […] If judged by head-capacity,
und bewirken, dass zuvor verschmähte Auto-Iko- Bentham would have been simply mediocre“.17

13 J. Bentham, Auto-Icon. Or, Farther Uses of the Dead to the Living. A Fragment. From the MSS. of Jeremy Ben-
tham, in: Bentham’s Auto-Icon (zit. Anm. 5), S. 1–21: 2.
14 Ebenda.
15 Ebenda, S. 4.
16 Ebenda, S. 6.
17 M. A. Lewenz K. Pearson, On the Measurement of Internal Capacity from Cranial Circumferences, in: Biometri-
ka, III/4, 1904, S. 366–397, 394.
218 Pietro Conte

Ein weiterer, nicht weniger wichtiger Vorteil, in er die von ihm in seinem Leben verrichteten ed-
der durch die Auto-Ikonen möglich wurde, be- len Handlungen erwähnt. Und so geschieht es, daß
zieht sich auf das Gedenken, indem der Bau ei- das ganze Volk sich an das Geschehene lebhaft er-
ner Galerie von Porträts die teuren Stein- und innert, sich es wieder vor Augen stellt, und so innig
Marmordenkmäler überflüssig machen und Rei- davon gerührt wird, daß die Trauer mehr öffent-
che und Arme demokratisch auf dieselbe Stu- lich, als bloß dem Geschlechte des Verstorbenen ei-
fe stellen würde. Gibt es denn kein ausreichend gen zu sein scheint. Hierauf bestatten sie die Leiche
großes Gebäude, um die Auto-Ikonen als Ganz- des Verstorbenen; und hernach stellen sie sein Bild-
körperfigur auszustellen? Sicher könnte man sich nis an dem scheinbarsten Orte des Hauses auf, und
mit den auf wenigen Brettern eines mittleren schließen es in hölzerne Schreine ein. Dies Bildnis
Wandregals ausgelegten alleinigen Köpfen der aber ist das Antlitz des Verstorbenen mit ganz vor-
Auto-Ikonen bereits begnügen, die bestens das züglicher Ähnlichkeit gearbeitet, sowohl der Form,
exzellente pedigree des Hausherren auszeichnen. als der Unterschrift nach. Dergleichen Bilder aber
An diesem Punkt eilen die Gedanken Jahr- tragen sie auch bei öffentlichen Opferfeyerlichkeiten
hunderte zurück bis hin zu dem sogenannten umher, und schmücken sie aufs schönste. Wenn aber
ius imaginum, dem Recht, das die nobiles hat- irgend ein angesehenes Mitglied des Hauses stirbt,
ten, Wachsbilder der Ahnen, die zu kurulischen so tragen sie das Bild mit zum Leichenbegängniß,
Ämtern gelangten, im Atrium aufzustellen und und bekleiden es so, wie es seiner Größe und seinem
bei feierlichen Gelegenheiten, wie Leichenbe- Range gemäß ist. […] Schöner kann für einen ehr-
gängnissen, zur Schau zu stellen. Diese Praxis, liebenden und edelmüthigen Jüngling kein Anblick
die Julius von Schlosser – mit allen Risiken, aber sein. Denn die Bilder solcher Männer zu sehen, die
auch der Faszination des Anachronismus – in durch Tugend berühmt worden sind, und sie wie le-
seiner bahnbrechenden Geschichte der Porträt- bend und beseelt vor sich zu sehen, ist ohne Zweifel
bildnerei in Wachs mit unserem heutigen Brief- das edelste Schauspiel.19
adel18 verglich, ist seit der republikanischen Zeit Die Frage nach den imagines maiorum ist
nachgewiesen und im II. Jahrhundert n. C. von bekanntlich ein sehr verzwicktes Problem, wo-
Polybius in einer komplizierten und festgelegten bei die teils weit entfernten Interpretationen ge-
Form beschrieben worden: rade durch den Nachdruck auf den performa-
Denn so oft unter ihnen irgend ein berühm- tiven Wert dieser Porträts vereint werden, der
ter Mann diese Welt verlassen hat, wird er bei sei- durch die vom Einsatz des Wachses möglich
ner Leichenbestattung, außer andern Ehrenbezeu- gemachte Adhärenz an das Modell akzentuiert
gungen, auf den Rednerplatz, wie sie es nennen, wird: „Die Ahnen sind hier, sie sind in Form von
herausgetragen, zuweilen stehend, damit ihn Je- Masken, die ihr Aussehen am präzisesten wie-
dermann sehen könne, seltner liegend. Hier steht dergeben, angekommen. […] Der Verstorbe-
das ganze Volk versammelt umher, und sein Sohn, ne gelangt nicht nur metaphorisch ad maiores:
wenn er einen schon herangewachsenen Sohn nach- die Ahnen sind tatsächlich dort, um ihn zu be-
gelassen hat, und dieser zugegen ist, oder einer von gleiten. Man stirbt in Anwesenheit seiner Ver-
seinen Blutsverwandten, besteigt die Rednerbühne, gangenheit“.20 Hier sind wir also erneut bei der
und hält eine Lobrede auf den Verstorbenen, wor- Frage der Anwesenheit, der Präsenz, der eigentli-

18 J. von Schlosser, Geschichte der Porträtbildnerei in Wachs. Ein Versuch, in: Jahrbuch der Kunsthistorischen
Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses, XXIX, 1910–1911, S. 171–258, hier 178.
19 Polybios, Historiae VI, 52, 11–54; zit. nach J. von Schlosser, Geschichte (zit. Anm. 17), S. 179.
20 M. Bettini, Antropologia e cultura romana. Parentela, tempo, immagini dell’anima (1986), Roma 1999, S. 186
(Übersetzung des Autors).

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Der Körper als Monument 219

chen kulturellen Konstante, welche die verschie- zu vergegenwärtigen. Dabei ist die Ähnlichkeit
denen Bereiche und Gebräuche der Keroplastik zwischen dem Porträtierten und seinem Bildnis,
durchdringt: Die imagines sind von einer eigen- sowohl in äußeren physiognomischen Merkma-
tümlichen agency gekennzeichnet, sie sind kon- len als auch in der Erfassung der Persönlichkeit,
kret benutzbar, um die Abwesenden zu verge- entscheidend. Diesbezüglich kommen weite-
genwärtigen, so als ob diese „lebend und beseelt“ re sitzende Ganzkörperporträts in den Sinn, de-
wären. Wenn man den Begriff „Bild“ als fiktive ren unglaubliche Ähnlichkeit von vielen kurio-
Reproduktion auffasst, sollte man gewiss präzi- sen Anekdoten unterstrichen wird: Als er die auf
sieren, – so paradox es auch klingen mag – dass einem Thron sitzende Effigie von Ferdinand III.
das imago kein Bild ist, da es sich nicht um die von Habsburg (1608–1657) beschreibt, stellt Jo-
einfache Darstellung eines Gesichts, sondern um achim von Sandrart fest, dass sie dem Herrscher
das Gesicht selbst handelt: Ergebnis e­ ines Ab- in Fleisch und Blut so ähnlich ist, daß einest der
drucks und als solcher auf eine materielle Spur Ungarische Canzler und Bischof von Neutra, als er
zurückführbar, steht es mit dem Original in me- in der Käyserlichen Schatzkammer herum gefüh-
tonymischer, nicht metaphorischer Beziehung ret worden und in das Zimmer kommen, wo diese
und bringt daher also „die reelle Präsenz des Käyserliche posirte Bildnis geseßen / die sich bey sei-
Dinges“21 mit sich. ner Ankunft aufgerichtet / das Haupt und die Au-
In diesem Kontext scheint die Auto-Ikone gen hin und her gewendet / sich über solche unver-
nicht mehr nur eine bizarre Idee oder ein maka- hofte Käyserliche Gegenwart entsetzet / auf die Knie
brer Spaß zu sein, sondern das Ergebnis von tau- nidergefallen und um Verzeihung gebetten/ daß er
sendjährigen Versuchen der Vergegenwärtigung sich erkühnet ohne Befehl dahin zu kommen / auch
– um Jean-Pierre Vernants Begriff der présentifi- so lang kniend verblieben/ biß der Schatzmeister
cation zu zitieren – von abwesenden Personen (z. ihne aufgehoben / gelachet / und den Betrug of-
B. der Toten) oder Wesen (z. B. der Gottheiten). fen und kundbar gemacht.23 Das Wachs ist in der
In all diesen Versuchen hat das Wachs stets ei- Lage, dem dargestellten Subjekt einen erstaun­
ne Protagonistenrolle eingenommen: Dank sei- lichen Grad der „Gegenwart“ – so wie es be-
ner Geschmeidigkeit (welche es ihm ermöglicht, zeichnenderweise der deutsche Text wiedergibt
jedwede Form anzunehmen) und Farbe (jener – zuzuerkennen, eine Präsenz, die auch zu weit-
der Haut sehr ähnlich) ist Wachs seit jeher der aus dramatischeren Resultaten führen kann als
Stoff, der die größte Nähe zum Modell ermög- dem der tragikomischen Anekdote von Sandrart:
licht; aus diesem Grund ist es so oft verwendet In seinem Altes und neues Berlin behauptet Georg
worden, um Bildnisse von Gelehrten oder pro- Küster, dass ein gewisser General, der sich vor
minenten Persönlichkeiten (Herrschern usw.22) der Effigie Friedrichs I. von Preußen (1657–1713)
herzustellen. befand, diesem Bilde, da es in des Königs Zimmer
Bevor Bildnisse an eine Person erinnern, ha- auf einen Stuhl gesetzt worden, seine Reverenz ge-
ben sie die Funktion, sie zu repräsentieren, sie macht [habe], weil er geglaubt, es sey der König. Da

21 F. Dupont, L’autre corps de l’empereur-dieu, in: Ch. Malamoud/J.-P. Vernant (Hg.), Corps des dieux, Paris 1986,
S. 231–252, hier 331 (Übersetzung des Autors).
22 Siehe u.a. M. Kretzschmar, Herrscherbilder aus Wachs. Lebensgroße Porträts politischer Machthaber in der Frü-
hen Neuzeit, Berlin 2014.
23 J. von Sandrart, Academie der Bau-, Bild- und Mahlerey-Künste (1675), hrsg. von A. R. Peltzer, München 1925,
S. 235, später zitiert von W. Brückner, Bildnis und Brauch. Studien zur Bildfunktion der Effigies, Berlin 1966,
S. 158 und von D. Freedberg, The Power of Images. Studies in the History and Theory of Response, Chicago/Lon-
don 1989, S. 222–224.
220 Pietro Conte

ihm nun nicht geantwortet worden, hat er es für ei- begegnen? Vieles konnte nicht vor ihm ausgespro-
ne Ungnade gehalten, ist darüber erschrocken und chen werden; denn alles an der Wachsperson war
nach einigen Tagen gestorben.24 ähnlich, sie war das Ebenbild.27 Wiederum fällt
So unwahrscheinlich diese Geschichten er- die Betonung auf die unheimliche Präsenz der
scheinen mögen, sollten sie allerdings doch auf- Wachsfigur, die nicht wie ein Porträt, nicht wie
grund ihres typischen Erzählcharakters ernst ge- ein Denkmal, sondern wie eine Person wahrge-
nommen werden: Schon Ernst Kris und Otto nommen wird. Es handelt sich dabei tatsächlich
Kurz, beides Schüler Schlossers, unterstrichen, um ein Wahrnehmungsproblem, zumal die Ef-
dass das Problem der Wahrhaftigkeit einzelner figie von Peter dem Großen – die nach wie vor
Behauptungen bzw. Anekdoten vollkommen ir- in der Hermitage aufbewahrt wird – in dem Ro-
relevant ist. Das, was zählt, ist nur ihre Wieder- man von Tynjanow mit verborgene[n] Federn28
kehr.25 Und wiederkehrend sind diese Anekdo- ausgestattet ist, die ihr erlauben, sich zu erhe-
ten ganz gewiss. 1931 veröffentlicht der russische ben, wenn jemand bewusst oder unbewusst auf
Erzähler Jurij Nikolaevič Tynjanow einen seiner den Mechanismus an einem bestimmten Punkt
bedeutendsten Texte, Die Wachsfigur, einen his- auf dem Boden tritt.
torischen Roman, der in Sankt Petersburg zur Mit der Auto-Ikone bekommt aber die Ähn-
Zeit des Untergangs der langen Reformzeitpe- lichkeit ganz und gar Identität. Das Bild reprä-
riode von Peter dem Großen spielte. Mit dem sentiert nicht, sondern präsentiert. Es ist bei-
Tod des Herrschers, 1725, erlegt sich der Künst- spielsweise eine verbreitete Überzeugung, dass
ler Francesco Bartolomeo Rastrelli die Aufga- die Auto-Ikone an allen Ratssitzungen des Uni-
be auf, eine Effigie in Wachs und Eichenholz versity Colleges teilgenommen habe und Ben-
zu realisieren. Nachdem er ein Loblied auf die tham als present but not voting deklariert wurde.
Wachsplastik gesungen hatte (Es gibt eine Kunst, Hierbei handelt es sich normalerweise um ur-
die schön und wahr ist, in der das Kunstwerk nicht bane Legenden, die einfach als solche erkenn-
vom Modell zu unterscheiden ist 26), macht sich bar sind, auch wenn mitunter Zweifel zurück-
der Bildhauer an die Arbeit und realisiert eine bleiben: Manche Gelehrte behaupten, dass die
dem Original außergewöhnlich treue Skulptur, Auto-Ikone tatsächlich bei einem offiziellen Tref-
die anschließend in Begleitung von drei Hun- fen des Bentham Club im Jahr 1953, bei der Ein-
den und einem Papagei auf einem eleganten Ses- weihung der International Bentham Society und
sel unter einem Baldachin in einem Zimmer der bei der Feier für den 250. Jahrestag der Geburt
lokalen Kunstkammer positioniert wird. Das Er- des Gelehrten anwesend gewesen sein soll. Ob
gebnis ist erstaunlich: Wie sollte man dem Abbild es sich dabei um wirklich vorgekommene Er-

24 G. G. Küster, Altes und neues Berlin, 4 Bde., Berlin 1737–1769, Bd. 3, S. 541. Schon D. Fassman, Leben und Tha-
ten des Allerdurchlauchtigsten und Großmächtigsten Königs von Preußen Friederici Wilhelmi, 2 Bde., Hamburg/
Breßlau 1735–1741, Bd. 1, S. 850) hatte die beeindruckende Lebensähnlichkeit des Porträts hervorgehoben, das der-
massen natürlich gemachet und getroffen [ist], daß man gleichsam mit einem kleinen Schrecken befallen, und mit Respect
gegen das Bild erfüllet wird, so offt man dasselbe ins Gesichte bekommet. Siehe darüber F. Otten, Neue Quellen zur
Datierung einer Wachsfigur Friedrichs. I, in: Zeitschrift des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft, XLII, 1988,
S. 77–81; H. Bredekamp, Vom Wachskörper zur Goldkrone. Die Versprechung der Effigies, in: Preußen 1701. Eine
europäische Geschichte, 2 Bde., Berlin 2001, Bd. 2, S. 353–357.
25 Siehe E. Kris/O. Kurz, Die Legende vom Künstler. Ein geschichtlicher Versuch, Wien 1934.
26 J. Tynjanow, Die Wachsperson (1930), deutsche Übersetzung in: Aufzeichnungen auf Manschetten. Sonderbare
Geschichten von Bulgakow bis Schukschin, Leipzig 1987, S. 257–352.
27 Ebenda, S. 325.
28 Ebenda, S. 325.

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Der Körper als Monument 221

eignisse oder um schlichte Fiktionen handelt, digen Erblühen neuer Studien und dem konti-
hat im Grunde wenig Bedeutung, weil es aus ei- nuierlichen Pilgern zahlreicher Neugieriger aus
nem kulturgeschichtlichen Gesichtspunkt ent- der ganzen Welt. Es gibt sogar eine digitale hoch-
scheidend ist, dass das Ereignis auch nur gedacht auflösende Version namens virtual auto-icon, die
wurde: Wie Johann Jakob Bachofen einmal fest- dank elektronischer Datenverarbeitung gedreht
stellte, auch wenn ein überliefertes Ereignis in und vergrößert werden kann; ein Vorgehen, wel-
Wirklichkeit gar nicht oder nicht so geschehen ches immer häufiger im Rahmen der Kunst und
ist, bewahrt die Idee, dass dieses Ereignis gesche- Kunstwerke benutzt wird. Es ist genau wie ein
hen oder in einer bestimmten Form geschehen sublimes Kunstwerk, wie Bentham seine Auto-
ist, seine Gültigkeit wegen des typischen Cha- Ikone verstanden wissen wollte: In the Fine Arts,
rakters der Beschreibung.29 Die Mitglieder des identity is the source and standard of similitude.
Collegerates müssen allerdings anderer Ansicht What resemblance, what painting, what statue of
gewesen sein, weil sie entschieden haben, jeden a human being can be so like him, as, in the cha-
Zweifel zu zerstreuen und den Mythos in Re- racter of an Auto-Icon, he or she will be to himself
alität zu verwandeln: Anlässlich der Pensionie- or herself. Is not identity preferable to similitude?30
rung des Rektors konnte die Auto-Ikone am 9. Ganz sicher eine provozierende Frage, die aller-
Juli 2013 endlich an der vorgesehenen Versamm- dings die zweihundert Jahre spätere Epoche des
lung teilnehmen, von der, um Missverständnis- Readymade und das radikal zur Diskussion ge-
se zu vermeiden, eine umfangreiche fotografische stellte Problem der nur scheinbar unbestrittenen
Dokumentation festgehalten wurde. Grenzen zwischen Mimese, Nachahmung, Ab-
Bentham wäre glücklich darüber gewesen. druck und Kunst vorwegnimmt.
Die Effigie mit dem Gesicht aus Wachs, ketze-
rische Erbin der tausendjährigen Versuche, das Abbildungsnachweis: Abb. 1: University College Lon-
Abwesende zu vergegenwärtigen, verbringt ihre don.
paradoxe posthume Existenz zwischen dem stän-

29 Siehe J. J. Bachofen, Die Sage von Tanaquil. Eine Untersuchung über den Orientalismus in Rom und Italien
(1870), Basel 1951, bes. S. 49–51.
30 Bentham, Auto-Icon (zit. Anm. 12), S. 3. S. darüber F. Druffner, Identität statt Ähnlichkeit. Jeremy Benthams
„Auto-Icon“, in: Zeitschrift für Ideengeschichte I/3, 2007, S. 84–96.