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Technikdeterminismus: Analyse und Kritik einer aufgegebenen These am Beispiel der

Techniksoziologie Jacques Elluls

Hausarbeit zur Erlangung des


akademischen Grades
Bachelor of Arts in Soziologie

vorgelegt dem Fachbereich 02 – Sozialwissenschaft, Medien und Sport


der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
von
Yannick Busse
aus Mainz
2019
Erstgutachterin/Erstgutachter: (Jun.-Prof. Dr. Sascha Dickel)
Zweitgutachterin/Zweitgutachter: (Marcel Woznica M.A.)
Inhalt
1. Einleitung .................................................................................................................................... 4
2. Elluls Position ............................................................................................................................. 6
3. Kritik am Technikdeterminismus respektive Ellul ............................................................... 15
4. Diskussion ................................................................................................................................. 24
5. Fazit ........................................................................................................................................... 37
6. Literatur.................................................................................................................................... 41
1. Einleitung
Ist der technische Fortschritt, die Technik steuerbar? Unterliegt Technik der bewussten
menschlichen Kontrolle, ist sie das Produkt sorgsam reflektierter Zwecke und freier
Entscheidungen? Oder ist Technik etwas, das dem Menschen passiert? – Die Evolution der
Technik, eine Realität, in der – analog zur biologischen Evolution – derjenige die besten
Überlebenschancen besitzt, der sich in diesem dynamischen Prozess als flexibel und
anpassungsfähig erweist. Es sind diese Fragen, welche Philosophie und Sozialwissenschaften
spätestens ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts umtreiben (vgl. Passoth 2008: 14) Während
Technik noch im 19. Jahrhundert grundsätzlich positiv konnotiert und mit einem fast
manischen Zukunftsoptimismus verbunden war – so unterschiedliche Denker wie Marx,
Ricardo, Mill und Spencer waren sich einig darüber, was das utopische Potential der Technik
zur Befreiung des Menschen angeht (vgl. Mumford 1977: 514) –, geriet sie im 20.
Jahrhundert, insbesondere nach den beiden Weltkriegen und in der angespannten Phase des
kalten Kriegs in der Nachkriegszeit, zunehmend in den Fokus der Kritik. Es ist diese Zeit –
genauer, das Frankreich der 1950er Jahre –, in welche das vielleicht rigeroseste,
technikkritische soziologische Werk fällt: The Technological Society von Jacques Ellul, das
im Jahre 1954 erstmals unter dem Titel La technique ou l'enjeu du siècle in Frankreich
veröffentlicht wurde. Abgesehen von einigen Ausnahmen, u.a. dem damals populären
britischen Schriftsteller Aldous Huxley und dem amerikanischen Soziologen Robert K.
Merton, welcher auch ein Vorwort für die amerikanische Ausgabe des genannten Werks
verfasste, stieß Elluls The Technological Society von Anfang an auf breite Ablehnung. Zu
verhängnisvoll erschien vielen der Ton dieses Werks; man empfand es als hoffnungslos und
fatalistisch – eine Kritik, die selbst vom ebenfalls technikkritisch eingestellten Lewis
Mumford gegenüber Ellul geäußert wurde (vgl. Mumford 1977: 668) –, und von Anfang an
wurde Ellul der Vorwurf gemacht, er verträte einen starren Determinismus in Bezug auf die
technische Entwicklung, der zwangsläufig aus einer intrinsischen Eigenlogik der Technik
folge (vgl. Matlack 2014: 46). Durch das Extrapolieren seinerzeit aktueller Trends in die
Zukunft, das konsequente Zu-Ende-Denken, wohin das fortgesetzte an objektiven Maßstäben
ausgerichtete Streben nach Verbesserung der Mittel führt – welches seine Definition
moderner Technik darstellt –, gelangt Ellul zu Ergebnissen, die seinen Zeitgenossen wie pure
science fiction erschienen haben mochten. So befasst sich Ellul bereits Mitte der 1950er Jahre
mit den ethischen Implikationen, die aus einer Ökonomisierung und Datafizierung der

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Gesellschaft erwachsen (vgl. Ellul 1964: 170). Heute, über 60 Jahre später, in Zeiten von
BigData ist das, was damals noch den Charakter theoretischer Spekulation hatte, Realität und
Gegenstand der allgemeinen soziologischen Debatte (vgl. Apprich 2017: 55). Dabei nimmt
Ellul nicht nur wesentliche Erkenntnisse vorweg, sondern ist in zahlreichen Aspekten auch
heute noch relevant, fruchtbar und damit anschlussfähig an die aktuelle technikethische und
techniksoziologische Debatte.
Die Interpretation Elluls als einen idealtypischen Vertreter eines Technikdeterminismus,
worunter man Vertreter solcher Theorien versteht, die von Technik und Sozialem als
getrennten ontologischen Kategorien ausgehen, die der Technik – als eigenständiger
ontologischer Kategorie – bestimmte intrinsische Gesetzmäßigkeiten, das heißt eine
Eigenlogik zuschreiben, welche als aktiver Motor gesellschaftlichen Wandels fungiert,
bestimmt bis heute die soziologische Rezeption seines Werks (vgl. Passoth 2008: 126). Diese
Vorwürfe veranlassten Ellul bereits 1964, im Vorwort zur überarbeiteten Ausgabe der
amerikanischen Edition, zu einer Stellungnahme, in der er explizit auf die gegen ihn geäußerte
Kritik eingeht und Missverständnisse klarstellt (vgl. Ellul 1964: xxvii-xxxvi). Die Tatsache,
dass Ellul den Einwand, er verträte einen Technikdeterminismus, vehement zurückweist, hat
jedoch seine Kritiker seit jeher nicht davon abgehalten, ihn als idealtypischen Vertreter eines
solchen zu behandeln. Die Kritik, welche gegen ihn angeführt wurde und wird, ist daher in
den meisten Fällen eine solche, die sich gegen das widmet, was man als
Technikdeterminismus definiert hat. In der Form wie der Technikdeterminismus definiert wird,
als Erklärungsmuster, welchem axiomatisch die Unterscheidung zwischen Technik und
Sozialem als eigenständigen ontologischen Kategorien sowie das Postulat einer intrinsischen
Eigenlogik der Technik als Motor gesellschaftlichen Wandels zugrunde liegt (vgl. Passoth
2008: 50f.), gilt als widerlegt. Neuere, empirisch ausgerichtete, sozialkonstruktivistische
Ansätze untersuchen den sozialen Konstruktionsprozess, in dessen kontingenten Verlauf sich
ein bestimmter Interpretationskonsens herausdestilliert, wobei unterschiedlichste Faktoren
neben rein technischen Kriterien eine Rolle spielen. Allerdings – und dies ist die These dieser
Arbeit – ist die Einordnung Elluls als Vertreter eines Technikdeterminismus nicht haltbar. –
Dafür spricht nicht nur die Tatasche, dass Ellul selber, wie bereits erwähnt,
technikdeterministische Vorwürfe zurückweist.
Forschungsfrage dieser Arbeit ist daher: Ist die Einordnung der Soziologie Elluls, wie sie von
ihm in seinem Werk The Technological Society ausgearbeitet wurde, in die Kategorie des
Technikdeterminismus haltbar? Sollte sich herausstellen, dass diese Frage negativ beantwortet
werden muss, so eröffnet dies die Möglichkeit einer Reinterpretation Elluls und einer erneuten,

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fruchtbaren Auseinandersetzung mit ihm.

Der Hauptteil dieser Arbeit ist in drei Abschnitte untergliedert. Im ersten Abschnitt wird die
Position Elluls in ihren wichtigsten Grundzügen skizziert. Dabei liegt der Fokus insbesondere
auf seinem Technikbegriff und seiner Unterscheidung zwischen traditioneller und moderner
Technik, welche für ihn relevant ist. Darüber hinaus werden die zentralen, idiosynkratischen
Aspekte und Charakteristiken dieser modernen Technik herausgearbeitet. Der zweite
Abschnitt widmet sich im Anschluss der Kritik am Technikdeterminismus, unter dem Elluls
Soziologie subsumiert wird, wobei die wichtigsten Einwände gegen diesen ebenfalls kurz
skizziert werden. Der dritte Abschnitt stellt eine Diskussion dar, in der die unterschiedlichen
Einwände und Argumente, die im zweiten Abschnitt vorgestellt wurden, auf ihre Relevanz
und Haltbarkeit in Bezug auf Elluls Position geprüft werden. Dabei wird analysiert, von
welchen Prämissen die jeweilige Kritik ausgeht. Die Arbeit schließt mit einem Fazit und der
Beantwortung der Forschungsfrage und gibt darüber hinaus einen Ausblick über die
zukünftige techniksoziolgische Forschung.

2. Elluls Position
Technik, wie Ellul sie versteht, ist nicht einfach gleichzusetzen mit materieller Technologie,
wie etwa Maschinen, sondern: Technik, das ist im Wesentlichen die Applikation
standardisierter Mittel zur Erfüllung eines gegebenen Zwecks (vgl. Ellul 1964: 19). Dabei
unterscheidet Ellul ausdrücklich zwischen Technik und Maschine: Die Maschine selbst ist,
nach Ellul, ein Produkt von Technik – eine materielle Objektivation – und als solche
repräsentiert sie „the ideal toward which technique strives“ (Ellul 1964: 4). Die Maschine
selbst kann sich keine Zwecke setzen, ebenso wenig appliziert sie selbständig – das heißt
unabhängig vom Menschen – Mittel zur Erfüllung eines äußeren Zwecks, oder strebt gar
danach, diese Mittel zu verbessern. Elluls Konzeption von Technik muss daher grundsätzlich
eher in einem immateriellen Sinne als prozedurale Denkfigur verstanden werden: „we can
even say that technique is characteristic of precisely that realm in which the machine itself can
play no role“ (Ellul 1964: 7). Während dies die allgemeine Definition von Technik in Elluls
Konzeption darstellt, unterscheidet er scharf zwischen traditioneller und moderner Technik.
Denn trotz oberflächlich betrachteter Ähnlichkeit zwischen traditioneller und moderner
Technik, haben beide Phänomene für Ellul nichts gemeinsam (vgl. Ellul 1964: 78).
Technik, in ihrer traditionellen Form, ist subjektivistisch, das heißt kulturell und lokal

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eingebettet. Das macht die große Variabilität ihrer Erscheinungsformen und ist der Grund für
ihre langsame Entwicklung (vgl. Ellul 1964: 69). Objektive Effizienz ist noch nicht der
dominierende soziokulturelle Faktor, vielmehr unterliegt Technik selbst sozialen, ästhetischen
und religiösen Vorstellungen und Tabus. Ellul führt als Beleg dafür an, dass, bezogen auf die
Technik, traditionell ästhetische Erwägungen, in der Konstruktion von Waffen beispielsweise,
eine weit größere Rolle spielten – selbst, wenn dies auf Kosten von Effizienz geschah (vgl.
Ellul 1964: 72). Zusammengefasst: Traditionelle Technik ist subjektivistisch im Hinblick auf
die Beurteilung ihrer Zwecke und Mittel. Das heißt: Effizienz als objektiv verbindlicher
Maßstab existiert nicht; Effizienz ist vielmehr das, was subjektiv als gut, schön und
angemessen empfunden wird. (vgl. Ellul 1964: 70 ff.)
Im 18. Jahrhundert, so konstatiert es Ellul, ereignet sich ein historischer Bruch, der die
Technik – das heißt die soziokulturelle Rolle von Technik – transformiert (vgl. Ellul 1964: 44).
Diese neue, transformierte Technik weist spezifische Merkmale auf, die sie eindeutig von
traditioneller Technik unterscheidet: Technik wird zum agens movens des Sozialen und
produziert als solches das idiosynkratische soziologische Phänomen, welches Ellul als „the
technical phenomenon“ bezeichnet (Ellul 1964: 20). Da es diese neue Technik ist, der Ellul
seine soziologische Analyse widmet, wird, wenn im Folgenden nicht weiter spezifiziert von
„Technik“ die Rede ist, auf diese neue Technik, die Technik der technological society
rekurriert. Die moderne Technik unterscheidet sich von traditioneller Technik darin – und
hierin besteht für Ellul der entscheidende historische Bruch –, dass sie die Technik
operationalisiert. Diese Operationalisierung vollzieht sich durch die Intervention zweier
Faktoren in das Feld der Technik: „consciousness and judgment“ (Ellul 1964: 20). Das heißt:
1) Technik wird erstmals Objekt metakognitiv-rationaler Reflexion – sie wird objektiv (vgl.
Ellul 1964: 20); 2) Ein Positivismus der Nutzenmaximierung wird zur obersten Maxime – die
Präferenzordnung des homo oeconomicus, oder wie Lewis Mumford es ausdrückt, „die
Auffassung, daß es keine wünschenswerten Grenzen für die Vermehrung von Wissen,
materiellen Gütern und Beherrschung der Umwelt gebe, daß quantitative Produktivität ein
Selbstzweck und jedes Mittel zur Förderung der Expansion recht sei“ (Mumford 1977: 480)
wird normativ verbindlich (vgl. Ellul 1964: 20 f., 110, 175). Somit war Technik als technische
Methode formalisiert und bildet seitdem als Prototyp die Blaupause für alle technischen
Operationen.

Wie Whitehead es treffend formulierte: Die größte Erfindung der Neuzeit ist die
Erfindung der Erfindung. Dieses Verfahren, das die moderne Technik von aller

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vorherigen unterscheidet, besteht darin, systematisch die natürlichen Möglichkeiten in
kleinste Bestandteile zu zergliedern und nach Effizienzkriterien zusammenzufügen.
Diese Technik, und nicht die konkreten Werkzeuge und Maschinen früherer Zeiten, ist
es, die, einmal etabliert, dann dem gesellschaftlichen Leben, seinen historisch
gewachsenen Formen und Strukturen entgegensteht. (Passoth 2008: 42-143)

Die technische Methode, so beschreibt es Ellul, ist das Planen, das heißt die bestmögliche, an
objektiven Maßstäben orientierte und mit mathematischer Präzision ausgeführte, rationalste
Koordination der Mittel zur Erreichung eines gegebenen Ziels – „the one best means“ (Ellul
1964: 21): „The problem is to organize, co-ordinate, and normalize these elements in such a
way that each instrument produces its maximum yield“ (Ellul 1964: 175).
Technik ist bei Ellul jedoch mehr als nur eine Methode, derer man sich bedient: Was in die
technische Methode eingeschrieben ist, ist das summum bonum einer Kultur mit eigenen
Mythen, Institutionen, Weltbildern, Moral. Technik, verstanden als „whole civilization in
itself” (Ellul 1964: 126). Das Hauptmerkmal einer solchen Zivilisation besteht laut Ellul darin,
dass alle soziokulturellen Bereiche und Institutionen, von Politik über Ökonomie bis Bildung,
einem technischen Zweck dienen: „all must submit to technical efficiency and systematization,
the end point of assembly line“ (Ellul 1964: 128). Die intersubjektive Geistesverfassung der
technischen Kultur bezeichnet Ellul als „technical consciousness“ (Ellul 1964: 58). Es meint
die nüchterne, objektive Optik des Technikers, der die Welt primär als unzulänglich, als von
lauter technischen Problemen bevölkert wahrnimmt, die nach einer (technischen) Lösung
verlangen. Auch als moralische Institution respektive Autorität „technical morality“ (Ellul
1964: 97) tritt Technik in Erscheinung und fungiert als solche als normativer,
handlungsanleitender Maßstab für politische, ökonomische und soziale Entscheidungen –
häufig losgelöst von anderen moralischen Maximen (vgl. Ellul 1964: 97). Ein idealtypisches
Beispiel hierfür ist die Debatte um die Impfpflicht: Befürworter einer Impfpflicht berufen sich
in ihrer Argumentation hauptsächlich darauf, dass der „fahrlässige“,
„unvernünftige“ Widerwille einzelner, sich nicht impfen zu lassen, dazu führt, dass
lebensgefährliche Virusinfektionen, Masern zum Beispiel, nicht „ausgerottet“ werden und
nach wie vor ausbrechen können, was vermeidbare Tode zur Folge hat (vgl. aerzteblatt.de
2013). Die Gegner einer Impflicht hingegen berufen sich auf die Freiheit des Einzelnen, zu
entscheiden, was mit seinem Körper geschieht. Sie berufen sich auf moralische Vorstellungen,
die den Impfpflicht-Befürwortern irrational, exzentrisch oder antiquiert erscheinen. Eine
ähnliche Diskussion lässt sich um eine mögliche Organspende-Pflicht verfolgen. Existiert erst
eine Technik, die eine Behebung oder auch nur die Verbesserung irgendeines Missstandes

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potenziell verspricht, ob medizinisch, wirtschaftlich oder sozial, so erscheint es plötzlich
unmoralisch, sie nicht auch anzuwenden (vgl. Ellul 1964: 170). Im Einzelfall hat der Einsatz
von Technik regelmäßig das gute Gewissen auf seiner Seite; und fast jeder, der in einer von
Technik dominierten Gesellschaft lebt, verdankt der Technik früher oder später einmal
sprichwörtlich oder buchstäblich sein Leben, oder hat wenigstens einen nahen Angehörigen,
auf den dies zutrifft. Dies ist mitunter ein Faktor, der, laut Ellul, für das hohe gesellschaftliche
Ansehen von Technik verantwortlich ist. Wer Technik kritisiert oder ihr im Weg steht, macht
sich verdächtig oder erregt zumindest Misstrauen (vgl. Ellul 1964: 80f.).
In der technological society bilden technical consciousness – verstanden als Weltbild – und
technical morality – als normative Ethik – den konstituierenden Rahmen für den
gesellschaftlichen Diskurs; In diesem Sinne ist Technik vergleichbar mit dem, was Michel
Foucault als episteme oder Thomas Kuhn als Paradigma bezeichnet. Ellul fasst dies wie folgt
zusammen:

Technique is a means of apprehending reality, of acting on the world, which allows us


to neglect all individual differences, all subjectivity. Technique alone is rigorously
objective. It bolts out all personal opinions. It effaces all individual, and even all
collective, modes of expression. Today man lives by virtue of his participation in a
truth become objective. Technique is no more than a neutral bridge between reality
and the abstract man. (Ellul 1964: 131)

Technik bezieht ihre Legitimität vor allem daraus, dass sie im anthropologischen
Menschenbild, etwa dem homo faber, dem Menschen als Mängelwesen, und in soziologischen
Akteurmodellen wie dem homo oeconomicus naturalisiert wird. Wenn der Mensch
anthropologisch als technicus und Nutzenmaximierer konzipiert wird, dann ist die technische
Kultur, die technische Ökonomie, der technische – das ist: utilitaristische – Ethos die dem
Menschen einzig angemessene natürliche Kulturform. Die Weltanschauung, die sich in Elluls
Begriff der Technik ausspricht, weist Parallelen mit Max Horkheimers Konzept der
Instrumentellen Vernunft auf. Beide Begriffe bezeichnen im Grunde das gleiche: die
spätestens seit der Moderne allgemein vorherrschende technisch-rationale Vernunft (bei Ellul:
technical consciousness). Eine Vernunft, die vorwiegend die Mittel, nicht aber die Zwecke
reflektiert: „Our civilization is first and foremost a civilization of means; in the reality of
modern life, the means, it would seem, are more important than the ends“ (Ellul 1964: 19).
Konkret heißt das, jede Frage, sei sie politisch, ökonomisch, sozial, wird primär als Sachfrage
und damit: objektiv behandelt. Und als Sachfrage obliegt sie selbstverständlich dem
Zuständigkeitsbereich der Technik (vgl. Ellul 1964: 20).

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Zusammengefasst: Elluls Begriff der Technik ist in seiner Bedeutung kontextabhängig. Er
umfasst einerseits die technische Methode, andererseits – in seiner erweiterten Bedeutung –
bezeichnet der Begriff der Technik das Proprium einer ganzen Kultur, welche die Kultur der
titelgebenden „Technological Society“ ist. Zu Beginn wurde Technik allgemein als „die
Applikation standardisierter Mittel zur Erfüllung eines gegebenen Zwecks“ definiert. Die
Idiosynkrasie von moderner, von formalisierter, von Technik als Methode ist, dass die Suche
nach „the one best means in every field“ (Ellul 1964: 21) – „in the absolute sense“ (Ellul 1964:
21) –, selbst der Zweck ist. Vom Standpunkt des Subjekts aus ist Technik objektiv – objektiv
verstanden, als an objektiven Effizienzmaßstäben orientiert –, vom Standpunkt der Technik
aus ist jede Subjektivität das Außerhalb, das Nicht-Zugehörige, also diejenigen Bereiche, die
nicht bzw. noch nicht Technik sind. Ellul lässt hier keinen Zweifel: jede Aktivität, jeder
Einsatz von Mitteln, der sich an subjektiven Zwecken orientiert, fällt nicht unter den Begriff
der Technik. Nur solche Aktivitäten, die allein eine an objektiven Parametern orientierte
Verbesserung der Mittel zum Zweck haben – eine Verbesserung der Mittel, die sich an
besagten Parametern quantitativ messen lässt –, sind technische Aktivitäten.

Akzeptiert man die Analyse Ellus in ihren Prämissen, dann kann Technik als ein System
positiver Rückkopplung beschrieben werden, also als ein System, welches funktional
verstärkend auf sich zurückwirkt. Alle (scheinbar) getrennten technischen Milieus sind
interdependent, das heißt, die technische Verbesserung der Mittel in einem Bereich erlaubt
bzw. erzwingt die technische Verbesserung der Mittel in einem anderen Bereich. Ein
idealtypisches Beispiel wäre etwa der Fall, dass bessere hygienische und medizinische
Techniken zu einer steigenden durchschnittlichen Lebenserwartung in der Bevölkerung führen,
was wiederum mit einer steigenden Gesamtbevölkerung einhergeht. Die wachsenden Städte
sind gezwungen, neue Techniken in Verwaltung, Organisation, Sicherheit, Abfallentsorgung
und Transport zu entwickeln, um den Herausforderungen der stetig wachsenden Bevölkerung
zu begegnen. Der daraus resultierende verbesserte Lebensstandard trägt wiederum seinerseits
zur steigenden Lebenserwartung bei usw. (vgl. Ellul 1964: 92)
Wann immer technische Aktivitäten mit nicht-technischen Aktivitäten in Berührung kommen,
neigen letztere dazu zugunsten ersterer eliminiert oder in technische Aktivitäten transformiert
zu werden. Technische Aktivitäten sind solche, die bereits die technische Methode als
objektive Organisationsform anwenden. Die Operationalisierung empirischer Phänomene und
Konzepte, die Errichtung objektiver statistischer Veränderungs- und Effizienzindices und
schließlich der systematische, koordinierte Einsatz standardisierter Mittel – und nichts anderes

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ist die technische Methode – kulminiert in quantitativ messbaren Ertragszuwächsen, mit
denen keine nicht-technische Aktivität, objektiv verglichen, konkurrieren kann (vgl. Ellul
1964: 83). Sobald Technik in irgendeinem Bereich messbare Verbesserungen verspricht,
scheint es kontraintuitiv diese nicht auch zu nutzen und weiterzuentwickeln; aber nicht nur
das, der Imperativ der technischen Moral verpflichtet sozial dazu. Als Beispiel kann hier die
enorm wachsende Gesundheitsindustrie herangezogen werden: Die Forschungsfortschritte auf
dem Gebiet der Ätiologie ermöglichen eine immer präzisere Identifizierung konstitutiver
Risikofaktoren bei der Genese bestimmter Krankheiten, etwa schädliche Angewohnheiten,
wie Rauchen bei der Entwicklung von Lungenkrebs, zu wenig Bewegung und zu viel Zucker
bei Diabetes und Übergewicht, Vitamin- u. Mineralstoffmangel bei allen möglichen
körperlichen und psychischen Leiden usw. Was sich vormals der Kontrolle des Einzelnen
entzog, tritt als objektives Wissen darum, welche Lebensgewohnheiten schädlich für die
Gesundheit sind, als soziale Verbindlichkeit an ihn heran (vgl. Reichert 2015: 74-76).
Die Technisierung eines sozialen Phänomens oder Milieus, die Transformation einer nicht-
technischen Aktivität in eine technische, läuft immer gleich ab: Voraus geht meist eine
explorativ-theoretische Erschließung eines empirischen Phänomens; darauf folgt die
Operationalisierung – die objektive Messbarmachung – theoretischer Konstrukte durch
Errichtung objektiv-statistischer Messmaßstäbe (etwa Veränderungs- und Effizienzindices);
Formalisierung von Modellen anhand statistischer Korrelationen; schließlich der
systematische, koordinierte Einsatz standardisierter Mittel zur positiven Beeinflussung der
Indexvariablen (vgl. Ellul 1964: 79). Als genuin technische Aktivität wäre dieser Prozess der
Technisierung, hypothetisch gesprochen, erst dann am Ende, wenn das Maximum an Effizienz,
das technische Ideal – „the one best way“ (Ellul 1964: 79) – erreicht ist (vgl. Ellul 1964: 85).
Insofern strebt Technik – die die Verbesserung der Mittel anhand objektiver Maßstäbe ist – im
Letzten die vollständige Automatisierung sämtlicher Lebensbereiche an: „To the degree that
this completeness is not yet attained, technique is advancing, eliminating every lesser
force“ (Ellul 1964: 85) Ob es ein Ende der technischen Entwicklung gibt – geben kann – , und
wie – oder womit – ein solches erreicht wäre, weiß Ellul nur vage anzudeuten, aber er stellt
die Überlegung an, dass ein Ende der Technik möglicherweise mit einer Immanentwerdung
des Systems – im Sinne einer hermetischen Abriegelung – erreicht wäre, welche aus einer
vollständigen Automatisierung resultieren würde, in der ein Außen – ein außerhalb der
Automatisierung – nicht mehr zugänglich wäre: „Doubtless, technique has its limits. But
when it has reached these limits, will anything exists outside them? (...) But is it not
succeeding in undermining everything which is outside it?“ (Ellul 1964: 85). Sobald in einem

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Bereich menschlicher Aktivität standardisierte Kriterien als objektiver Maßstab für Effizienz
geschaffen sind und quantitativ-statistische Instrumente eine präzise Mess- und
Vergleichbarkeit unterschiedlicher Mittel möglich macht, ist die Transformation dieses
Bereichs in einen Bereich technischer Aktivität abgeschlossen (vgl. Ellul 1964: 83). Von dort
an vollziehen sich alle Entscheidungen automatisch zugunsten der Mittel, welche die höchste
Effizienz versprechen:

There is no personal choice, in respect to magnitude, between, say 3 and 4; 4 is greater


than 3; this is a fact which has no personal reference. No one can change it or assert
the contrary or personally escape it. Similary, there is no choice between two technical
methods. One of them asserts itself inescapably: its results are calculated, obvious, and
indisputable. (Ellul 1964: 80)

Autonomie der Technik – der Mensch kann weder seine Zwecke noch seine Mittel wählen:
die technische Evolution macht es unmöglich andere Mittel als die effizientesten zu wählen.
(vgl. Ellul 1964: 140)
Der ganze Prozess der Technisierung (des technischen Fortschritts), der in der Transformation
nicht-technischer Aktivitäten in technische besteht, kann als ein Prozess der Objektivierung
durch Operationalisierung verstanden werden, bei dem sukzessive subjektive Qualitäten in
objektive Quantitäten transmutieren. Das Phänomen der Technisierung (bei Ellul „self
augmentation“ (Ellul 1964: 85-94.)) ist nichts, was erst aus der Anwendung von Technik folgt:
Technik, die technische Methode, ist dieses Phänomen selbst. Ein Beispiel in praxi hierfür ist
der Intelligenzquotient: Der Intelligenzquotient ist ein respektive der objektive Maßstab für
intellektuelle Leistungsfähigkeit. Aber Intelligenz selber ist ein theoretisches Konstrukt; und
als solches bedarf es der Operationalisierung, um gemessen werden zu können. Jede
Operationalisierung eines theoretischen Konstrukts schließt bereits implizit die Annahme mit
ein, dass das, was gemessen werden soll, auch wirklich objektiv existiert, andernfalls ergäbe
es keinen Sinn, Schritte zur Messung einzuleiten. Aspirationen, das theoretische Konstrukt
Intelligenz objektiv messbar zu machen, setzen 1) axiomatisch voraus, dass das, was im Zuge
der Operationalisierung abstrakt als Intelligenz definiert wird, mit einer objektiven
empirischen Realität in der Außenwelt korrespondiert; und 2), dass es objektive Indikatoren
gibt, die das, was als Intelligenz definiert wurde, zumindest approximativ abbilden. Auf
deskriptiver, theoretischer Ebene wird die Objektivierung eines theoretischen Konstrukts,
etwa Intelligenz, als eine Art nützliche Fiktion betrachtet; – insbesondere
Sozialwissenschaftler betonen immer wieder die Kontingenz jeder Definition – dagegen

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erstarrt das, was auf theoretischer Ebene flexibel gehandhabt wird, in praxi zur präskriptiven
Voraussetzung von Technik. Die Reifikation theoretischer Konstrukte, die in jeder
Operationalisierung latent angelegt ist – das Behandeln subjektiver Vorstellungen als
empirisch objektive Größen –, ist die eigentliche conditio sine qua non von Technik. Die
normativen Setzungen, welche Technik zur Voraussetzung hat, führen dazu, dass Technik die
soziale Realität (re-)produziert, die sie beschreibt. Im Fall des Intelligenzquotienten hat dies
zur Folge, dass man allmählich beginnt, das, was im Intelligenztest gemessen wird, mit
Intelligenz als solcher gleichzusetzen. Techniken, welche den Intelligenzquotient normativ zur
Voraussetzung haben, werden dort ansetzen und Mittel und Wege suchen, den
Intelligenzquotient zu erhöhen, seien dies nun Lerntechniken, leistungssteigernde
Medikamente oder biogenetische Eingriffe (vgl. Kline 2015: 111). Aber nicht nur das. Das
ganze Nachdenken über den Menschen – die Anthropologie – wird davon berührt: Versteht
man unter Intelligenz vor allem mathematisch abstrakte Fähigkeiten, wie sie der
Intelligenztest misst, so drängt sich zwangsläufig die Frage auf, inwiefern künstliche
Intelligenz schon bald intelligenter sein wird als der Mensch selber – nicht zu reden von der
Frage, ob künstliche Intelligenz in der Lage sein wird, ein eigenes Bewusstsein zu entwickeln.
Ellul widerspricht scharf der geläufigen Ansicht, dass Technik an sich neutral sei und es
vielmehr ihr unmoralische Einsatz ist, der zu verurteilen ist. Für Ellul ist Technik ihre
Anwendung, und diese beginnt bereits in dem Moment, wo die technische Methode
angewandt wird, also mit der Operationalisierung (vgl. Ellul 1964: 95-96.).

In einer technologischen Gesellschaft, wie sie Ellul beschreibt, ist das Streben nach Effizienz
– und damit Technik – eine soziale Erhaltungsbedingung. Das heißt im Klartext: Der soziale
Status von Individuen, Organisationen und Staaten ist gleichermaßen abhängig von ihrer
objektiven Effizienz. Auf technische – das heißt auf objektive – Effizienz ausgerichtete
Handlungen werden mit einer hohen Wahrscheinlichkeit sozial selektiert, während ineffiziente
Handlungen eher sanktioniert und verworfen werden – erstere haben gegenüber letzteren
einen sozialen Überlebensvorteil. Der entscheidende Moment in der Technik liegt, wie
mehrfach betont, in ihrer Objektivität. Wenn eine Gesellschaft, wie es der ungarisch-
österreichische Soziologe und Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi in seinem bekannten
wirtschaftssoziologischen Werk „The Great Transformation“ ausdrückt, „eine selbsttätige
Maschine zur Aufrechterhaltung jener Normen ist, auf der sie beruht“ (Polanyi 2015: 142), so
ist jede Sozialstruktur zugleich Henne als auch Ei ihrer eigenen, charakteristischen sozialen
Evolution. Soziale Evolution meint an dieser Stelle nichts anderes als das emergente

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Phänomen, welches sich aus einer sozialen Aufrechterhaltung von Normen ergibt. Dieses
Phänomen der sozialen Evolution ist nicht auf die technologische Gesellschaft beschränkt,
sondern gilt für jede Form gemeinschaftlichen Zusammenlebens: In einer Gesellschaft, wie
etwa der des christlichen Mittelalters, in welcher der oberste Wert Gottesfürchtigkeit – das
heißt, das Heil der Seele – ist, in der die ganze normative Ordnung auf der Autorität der
katholischen Kirche und ihrer Exegese der Bibel fußt, in der die Exkommunikation eine
ernste Gefahr und Dantes Inferno eine Realität darstellen, werden sich ganz andere
Handlungen sozial durchsetzen, als zeitgleich im China der Song-Dynastie. Der
entscheidende Unterschied zwischen traditionellen Gesellschaften und der technologischen
Gesellschaft besteht darin, dass die normativen Ordnungen – und damit die soziale Evolution
– traditioneller Gesellschaften intrakulturell begrenzt war, während die normative Ordnung
der technologischen Gesellschaft eine soziale Evolution erzeugt, die interkulturell – objektiv –
gilt. Ellul bezeichnet dies als „technical Universalism“ (Ellul 1964: 116): die Tatsache, dass
der technischen Evolution interkulturell die Bedeutung zukommt, die der sozialen Evolution
intrakulturell zukommt. Die tiefgreifende Einsicht, dass technische Superiorität einhergeht
mit politischer, ökonomischer und sozialer Hegemonie, ist die eigentliche Erkenntnis, die das
technische Effizienzstreben determiniert. Damit aber wird Technik zur wirklichen
Erhaltungsbedingung für Kollektive ebenso wie für Individuen; es geht um alles oder nichts.

As graphically illustrated in the history of international arms sales, once a country falls
behind in the race for technological superiority, its share of the market diminishes in
proportion to the time lag of its research and development compared with that of the
market leaders. Moreover, the further behind a county’s armaments industry lags, the
harder it will be to catch up and the sooner that country’s own defence needs will have
to be met by rival armaments industries. This fact is common to all competitive
industrial development where state-of-the-art technology is a company or state secret.
(Carlisle, Manning 1999: 90).

Die Kolonialisierung der Welt durch die Europäer, die Versklavung afrikanischer Stämme, die
schwarzen Schiffe vor Japans Küste, die von Großbritannien oktroyierte Zwangsöffnung von
Chinas Märkten für den Opiumhandel, etc.: die nähere Vergangenheit ist reich an
traumatischer Demütigungen für die jeweils technisch unterlegenen Fraktionen. Die offene
Weigerung von Technik, das Sakrale zu akzeptieren, verbunden mit der Tatsache, dass kein
Gott etwas gegen die technische Macht der Ursupatoren auszurichten vermochte, musste eine
erschütternde Ernüchterung – einen regelrechten Kulturschock – bei den unterlegenen
Kulturen bewirkt haben. Die überlegene Macht der Technik zerstört jede traditionelle

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Wertehierarchie: „technique desacralizes because it demonstrates (by evidence and not by
reason, through use and not through books) that mystery does not exist“ (Ellul 1964: 142).
Was nach der Entzauberung der Welt übrig bleibt, ist die Gewissheit, dass technische
Kompetitivität allein die Souveränität gewährleisten kann.

When in the past the state created its techniques, it was satisfied with them as they
were and made no attempt at further progress, although this is no longer the case today.
However, private activity has never wearied of the struggle, particularly since it has
become necessary to exploit all possibilities in order to survive. (Ellul 1964: 242)

3. Kritik am Technikdeterminismus respektive Ellul


Wie bereits im Eingangsteil dieser Arbeit erwähnt wurde, wird der techniksoziologische
Ansatz Jacques Elluls üblicherweise unter dem kategorialen Begriff des
„Technikdeterminismus“ subsumiert – Ellul selbst gebraucht diesen Begriff in seiner „The
Technological Society“ nicht. Der Soziologe Jan-Hendrick Passoth unterscheidet zwei – für
ihn wesentliche – theoretische Zugriffe auf Technik respektive Erklärungsmuster,
kulturalistische und technizistische, die er, wie folgt, definiert: „Technizistische Theorien
begreifen die Technik als treibendes Moment der Entwicklung der modernen Gesellschaft. […]
Kulturalistische Theorien hingegen begreifen die Technik selbst als Konsequenz der
Entwicklungen der modernen Gesellschaft“ (Passoth 2008: 18). Zentrale Streitfrage beider
Ansätze ist, nach Passoth, ob es das Soziale ist, welches den technischen Fortschritt bestimmt;
oder, andersherum, der technische Fortschritt der eigentlich determinierende Faktor ist,
welcher das Soziale bestimmt (vgl. Passoth 2008: 14).
Das, was Passoth als technizistische Theorien bezeichnet, umfasst alle Erklärungsmuster,
welche einerseits die Separierung in eine Sphäre der Technik und eine Sphäre des Sozialen als
zweier getrennter Wirkungsbereiche annehmen, andrerseits das Postulat eines einseitigen
Wirkungszusammenhangs enthalten, die Annahme, dass Technik das Soziale durch eine der
Technik innewohnende Eigengesetzlichkeit determiniert (vgl. Passoth 2006: 3065f.). Als
idealtypische Vertreter des technizistischen Ansatzes identifiziert Passoth u.a. Thorstein
Veblen, Marshall McLuhan, Friedrich Georg Jünger und – den Autor, um den es vor allem
hier geht – Jacques Ellul, den er als dezidiert „pessimistisch-deterministische
Variante“ (Passoth 2008: 125) des technizistischen Erklärungsmusters kritisch würdigt (vgl.
Passoth 2008: 125). Passoth isoliert drei Grundthesen, welche allen technizistischen Theorien
axiomatisch zugrunde liegen:

15
Die erste ist eine ontologische These: Der Bereich der Technik wird als eigenständiger
Objektbereich angenommen, dem ein ebenso eigenständiger Bereich des – je nach
Ausformulierung – Menschlichen, des Sozialen, des Gesellschaftlichen konträr
gegenübergestellt wird. Dieser Bereich des Gesellschaftlichen ist zweitens von den
Entwicklungen im Bereich des Technischen determiniert. Das wirft drittens die Frage
nach den Einflüssen auf die Entwicklung im Bereich des Technischen auf. Auf die
vielfältigen Transformationen, die Technik und Gesellschaft in der Vergangenheit,
besonders seit der Ausbildung der modernen Gesellschaft, beständig vollzogen haben,
reagieren diese Ansätze aufgrund ihrer Struktur auf eine bestimmte Weise: Sie nehmen
an, dass diese Transformationen in erster Linie solche sind, die die Technik
durchmacht. Eine idealtypische Variante des Technizismus wie die Elluls denkt hierbei
an die der Technik selbst innewohnende Eigenlogik eines One Best Way. (Passoth 2008:
50f.)

Geht man d'accord mit diesen von Passoth vorgeschlagenen Definitionen und Prämissen, so
ergeben sich gleich drei Ebenen, auf denen Kritik an technizistischen Theorien geübt werden
kann. So kann man überhaupt die ontologische Trennung zwischen einer sozialen Sphäre und
einer technischen, als „eigenständigen Objektbereich“, kritisieren. Als Variante des
technizistischen Erklärungsmusters – so konstatiert es jedenfalls Passoth, der hier als Vertreter
der konsensualen Interpretation Elluls auftritt – unterscheidet auch Ellul streng zwischen
Technik und Gesellschaft (vgl. Passoth 2008: 128).
Passoths Kritik an Elluls Begriff der Technik kann in etwa so zusammengefasst werden: Ellul
gehe von einem Wesen der Technik – einer latent-inhärenten Eigenlogik – aus, welche in ihr
selbst angelegt, das heißt, nicht sozial konstruiert sei und sich daher prinzipiell der Kontrolle
und Steuerung des Menschen entziehe. Ellul, so Passoth, nehme, philosophisch gesprochen,
eine (unveränderliche) Substanz der Technik an, welche in ihren traditionellen
Erscheinungsformen von ihren Akzidentien überlagert würde. Die industrielle Revolution
entfessle somit lediglich diese latent-inhärente Eigenlogik, indem sie die Substanz aus dem
Block ihrer Akzidentien ausmeißelt, in welchem sie bis dato verborgen gewesen sei: „Einmal
entfesselt aber sind es die schon vorher vorhandenen Eigenschaften der Technik selbst, die
dafür sorgen, dass die Wirkung der Technik auf die Gesellschaft absolut und determinierend
wird“ (Passoth 2008: 126f.). Wenn die Technik bei Ellul, wie es Passoth attestiert, einer
eigenen ontologische Kategorie angehört und nicht sozial beeinflusst werden kann, so ergibt
sich daraus als Konsequenz ein strenger Determinismus, der eigenen, unveränderlichen
Gesetzmäßigkeiten folgt, die sich aus der Eigenlogik der Technik ableiten lassen (vgl. Passoth
2008: 129). Die Kritik, die Passoth gegen Ellul erhebt, ist damit fundamentaler Natur; Passoth
erkennt Elluls Position den Status einer soziologischen Theorie als solcher ab, da das Soziale,

16
so der Vorwurf, bei diesem überhaupt keine Rolle spiele und nur passiv-reaktionär
beschrieben werde (vgl. Passoth 2008: 130). Aber Passoth geht sogar noch einen Schritt
weiter und wirft Ellul vor, dass dieser mit seiner Annahme einer Eigenlogik der Technik
womöglich absichtlich Blendgranaten und Irrlichter zünde, um von den eigentlichen
Herrschafts- und Machtverhältnissen abzulenken, die in Wahrheit sozialer und ökonomischer
Natur seien. Zuletzt wird Passoth regelrecht ausfallend, wenn er ad hominem argumentiert
und hinter Elluls Konzeption der Technik niederträchtige Motive vermutet: „Das Reden von
einer technischen Eigenlogik ist nur zu verstehen als etwas, auf das verwiesen wird, um die
bestehenden Herrschafts- und Machtverhältnisse zu verschleiern und zu stützen – als eine
Annahme, die das Hinterfragen der Richtigkeit und Vernünftigkeit der Entwicklungen, die sie
begründen soll, wirksam verhindert“ (Passoth 2008: 130). Bis auf die gegen Ende, zugegeben,
etwas irritierenden Entgleisungen Passoths kann seine Interpretation und Kritik Elluls
exemplarisch als stellvertretend für die aktuelle soziologische Rezeption Elluls gelten, die
dessen Position als widerlegt betrachtet – von Ausnahmen freilich abgesehen (vgl. Krohn
2006: 33).
Neben einer theoretischen Fundamentalkritik, welche sich explizit gegen Definitionen und
Prämissen richtet, wird Kritik vor allem auf empirischer Ebene geübt (vgl. Passoth 2006:
3065f.). Gesetzt den Fall, dass der technische Fortschritt deterministisch nach einer – der
Technik inhärenten – strengen Eigengesetzlichkeit abrollt, so müssten diese
Gesetzmäßigkeiten empirisch nachweisbar sein und präzise Prognosen erlauben (vgl. Krohn
2006: 33). Das bis dato Ausbleiben eines empirisch fundierten Nachweises solcher
Gesetzmäßigkeiten wird von Kritikern des Technikdeterminismus – zu dessen vehementen
Vertretern Ellul gewöhnlich gezählt wird – als Beweis für dessen theoretische Obsoleszenz
gewertet. Ähnlich verhält es sich mit einzelnen Postulaten, wie etwa dem, dass technischer
Fortschritt zwangsläufig mit einem unwiederbringlichen Wegfall von Arbeitsplätzen durch
Rationalisierung einhergeht; oder der These Elluls, dass sich mit fortschreitender
Technisierung Entscheidungen immer häufiger automatisch zugunsten der effizientesten
Option vollziehen, was notwendig zur Folge hat, dass der individuelle Optionsraum immer
stärker begrenzt wird. Gerade in Bezug auf letzteres konstatiert der Soziologe Wolfgang
Krohn einen diametral entgegengesetzten gesellschaftlichen Trend:

Die erstaunliche Tatsache ist also, dass der Optionsraum und die Wahlfreiheit
zwischen Alternativen ständig ansteigen. Man erlebt einen unbeeinflussbaren Prozess,
der einem immer Alternativen der Fortsetzung eröffnet und zu immer mehr
Entscheidungen zwingt. Dies kann man nun kaum anders deuten, als dass die

17
Entscheidungen der technischen Akteure immer weniger determiniert werden. Oder
positiv ausgedrückt, das Überangebot an Alternativen zwingt dazu, den eigenen
technischen Lebensraum zu gestalten. (Krohn 2006: 31-32)

Krohn hält an dieser Stelle eine Perspektive als Möglichkeit fest, die von mir bereits im
Rahmen einer qualitativen Forschungsarbeit diskutiert wurde (vgl. Busse 2019): Dass ein
ständig wachsender Optionsraum, verstanden als zunehmende „Wahlfreiheit“ bis hin zum
„Überangebot an Alternativen“, emanzipativ auf die Akteure wirkt. Dies geschieht, indem
dieses Überangebot an Alternativen die Akteure gewissermaßen dazu nötigt, ein kritisch-
reflexives Bewusstsein auszubilden, um aus der Überfülle an Informationen und Optionen zu
selektieren. Smartphones als Nahkörpertechnologie (und im weiteren Sinne soziale Medien)
fungieren – so die These der genannten Arbeit – als Selbst-Technologien, derer sich das
Subjekt bedient. Innerhalb der Mediensoziologie geht man von einem Subjektbegriff aus, der
das Subjekt als das Produkt eines „iterativen Prozesses der Selbstadressierung, -
kommunikation und -vergewisserung“ begreift, „der sich durch Medienpraktiken
vollzieht“ und als Subjektivierung bezeichnet wird (vgl. Kaerlein 2018: 71). Das Subjekt ist
konstitutiv auf ein mediales Korrelat zur Selbstreflexion angewiesen und eben dieses mediale
Korrelat bezeichnet man als Selbst-Technologie (vgl. Kaerlein 2018: 71). Der Exkurs in die
Mediensoziologie ist vor allem deswegen interessant, als er einen Subjektbegriff zeigt, der das
Subjekt selbst als Ergebnis einer Kulturtechnik der Subjektivierung begreift (Bublitz 2013:
245-251).
Auch die Annahme eines technischen Universalismus wird von Krohn kritisiert. Krohn
argumentiert, dass Gesellschaften, die mit „demselben Bestand an zugrundeliegenden
Techniken“ (Krohn 2006: 34) ausgestattet sind, sich in völlig unterschiedlicher Weise
entwickeln, weswegen von einem Determinismus der Technik nicht die Rede sein könne
(Krohn 2006: 34). Krohn betont, dass aus den von ihm vorgebrachten Einwänden gegen den
Technikdeterminismus nicht folge, dass eine globale oder auch nur lokale Kontrolle
technischer Entwicklung möglich sei. Vielmehr ginge es ihm darum aufzuzeigen, dass es im
Rahmen des technischen Fortschritts weiterhin Wahlfreiheit und Gestaltungsräume gibt. Aber
nicht nur das, seine Ausführungen legen nahe, dass der Optionsraum für Entscheidungen und
damit die Gestaltungsräume tendenziell sogar zunehmen (vgl. Krohn 2006: 34-35). Zuletzt
mahnt Krohn, dass Techniksoziologie sich von kulturpessimistischen Denkmustern zu lösen
habe, und rät dazu,

zu versuchen, den relevanten Spielraum für die Optionen technischer Innovationen zu

18
bestimmen. Denn von hier aus ergeben sich die pragmatischen Möglichkeiten dafür,
den öffentlichen Diskurs über neue Technologien zu führen, Institutionen für die
Technikbewertung und Technikfolgenabschätzung einzurichten und die Agenda der
technologiepolitischen Prioritäten zu diskutieren. (Krohn 2006: 35)

Dazu wäre ein theoretischer Ansatz nötig, der Mikro- und Makroebene verbindet, das heißt
den Zusammenhang von akteursbezogenen Handlungsoptionen und strukturdeterminierter
Technikdynamik erklärt (vgl. Krohn 2006: 35).

Eine weitere wichtige Argumentationslinie in der Kritik am Technikdeterminismus stellen die


social construction of technology-Ansätze (SCOT) dar. Bei SCOT handelt es sich um eine
relativistisch sozialkonstruktivistische Antwort auf technizistische Theorien, denen, wie
bereits gezeigt wurde, eine ontologische Trennung zwischen Gesellschaft und Technik, sowie
die Annahme einer Eigenlogik der Technik vorgeworfen wird (vgl. Bijker 2015: 136). SCOT-
Ansätzen liegt die Annahme zugrunde, dass Technik und Technologien ausschließlich als das
Produkt gesellschaftlicher Konstruktionsprozesse aufzufassen sind (vgl. Passoth 2008: 193).
Vertreter von SCOT verneinen eine Entwicklung von Technik, die sich alleine an Kriterien
von Effizienz orientieren würde. Dagegen seien es Myriaden von konstitutiven sozialen
Faktoren, ein Netz aus Möglichkeiten und sozialen Bedingtheiten, welches im Einzelfall zur
Entwicklung bestimmter Technologien führen:

Durch rein technische Kriterien, etwa das bessere oder schlechtere Funktionieren, so
die Annahme, lassen sich die konkreten Ausprägungen moderner Technik nicht
erklären. Es sind zu viele Möglichkeiten vorhanden, um aus einer bestehenden
Technik eine andere zu entwickeln. Die Neu- und Weiterentwicklung ist also in hohem
Maße kontingent. Deshalb müssen es die gesellschaftlichen Bedingungen sein, die die
konkrete Form und Funktion eines technischen Artefaktes ausmachen. (Passoth 2008:
193).

Wiebe E Bijker, der zu den wichtigsten Vertretern des SCOT-Ansatzes zählt, bezeichnet
SCOT als ein heuristisches Verfahren für soziologische Forschung, welches sich in eine
Progression durch drei Schritte gliedern lässt (vgl. Bijker 2015: 136). Entscheidend für den
ersten Schritt sind die Konzepte relevant social group und interpretive flexibility. Als
relevante soziale Gruppe versteht man den intersubjektiven Interpretationskonsens bezüglich
der Bedeutung eines Artefakts innerhalb einer sozialen Gemeinschaft, welches dessen
Entwicklung formt. Interpretative Flexibilität hingegen beschreibt die Vielfalt von
Interpretationsmöglichkeiten unterschiedlicher sozialer Gruppen hinsichtlich des gleichen

19
Artfakts. Als Beispiel liefert Bijker die historische Entwicklung des Fahrrads: „Because the
description of an artifact through the eyes of different relevant social groups produces
different descriptions – and, in a sense, different artifacts – the researcher is able to
demonstrate the ‘interpretive flexibility’ of the artifact“ (Bijker 2015: 137).
Im zweiten Schritt beobachtet der Forscher des SCOT-Ansatzes das allmähliche Schwinden
der interpretativen Flexibilität. Wichtige Begriffe sind hier stabilisation und closure; während
stabilisation eben jenen Vorgang der schwindenden interpretativen Flexibilität bezeichnet –
das langsame Sich-Durchsetzen einer bestimmten Interpretation unter Verdrängung
alternativer Interpretationen –, so bezeichnet closure die interpretative Schließung, die
abgeschlossene Stabilisation eines spezifischen Interpretationskonsens: „‚Closure‘ […]
highlights the irreversible end point of a discordant process in which several artifacts (e.g.,
bicycle designs) coexisted for awhile, before being succeeded by a single model“ (Bijker
2015: 137).
Im letzten Schritt wird der stabilisation process, wie er in Schritt zwei beschrieben wurde,
nochmals analysiert und erklärt, indem man ihn unter Zuhilfenahme eines breiteren
theoretischen Rahmens interpretiert. Es gilt zu erklären, warum sich in einem bestimmten
sozialen Konstruktionsprozess, beispielsweise im Fall des Fahrrads, gerade der gegebene
Interpretationskonsens durchgesetzt hat und nicht ein anderer. Das zentrale Konzept dieses
dritten Schritts ist technological frame. In bewusster Anlehnung an Kuhns Konzept des
paradigma, allerdings, in einem erweiterten Sinne verstanden, alle sozialen Gruppen
umfassend – nicht nur die soziale Gruppe der scientific community –, definiert Bijker das
Konzept des technological frame, wie folgt:

A technological frame structures the interactions among the members of a relevant


social group, and shapes their thinking and acting. […] A technological frame is built
up when interaction ‘around’ an artifact begins. In this way, existing practice guides
future practice, although without logical determination. The cyclical movement thus
becomes artifact, technological frame, relevant social group, new artifact, new
technological frame, new relevant social group, etc. (Bijker 2015: 137)

Wie sich dieser Definition des technological frame von Bijker entnehmen lässt, wird der
Begriff des Artefakts im SCOT-Ansatz immateriell gedacht; Artefakt bezeichnet einfach den
Gegenstand eines Interpretationskonsenses einer sozialen Gruppe. Ein solches Artefakt könnte
z.B. auch ein Konzept wie Feminismus sein (vgl. Bijker 2015: 137). Der Begriff des
technological frame bezeichnet so den Interpretationskonsens hinsichtlich eines spezifischen
Gegenstands – ob materiell oder immateriell – dessen Interpreten – ob wissentlich oder

20
unwissentlich – eine soziale Gruppe, eine Interpretationsgemeinschaft bilden. Da es so viele
Interpretationsgemeinschaften gibt, wie es Artefakte gibt, sind diese sozialen Gruppen nicht
disjunkt zu verstehen, sondern jeder soziale Akteur gehört einer Vielzahl dieser Gruppen an
(vgl. Bijker 2015: 137). Die Verbindung von Artefakt und dessen Interpretation durch soziale
Gruppen fasst Bijker in seinen Begriff der Soziotechnik zusammen:

The relations that play a role in the development of the fluorescent lamp are thus
neither purely social nor purely technical; they are sociotechnical. The principle of
general symmetry casts this into a methodological principle: human and nonhuman
actors should be treated similarly, and the construction of society and the construction
of technology should be explained in symmetrical terms (Callon, 1986). In other
words, technical reductionism and social reductionism are both out of play as
explanatory strategies. (Bijker 2015, S.138)

Das methodologische Prinzip der Symmetrie zwischen menschlichen und technischen


Akteuren stellt den Versuch dar, den Technik-Reduktionismus ebenso wie den Sozial-
Reduktionismus zu überwinden und damit auch den Technik-Gesellschaft-Dualismus. SCOT
könnte somit vielleicht zu Recht als Synthese zwischen technizistischen und kulturalistischen
Erklärungsmustern angesehen werden.

Eine andere wichtige techniksoziologische Theorie, die SCOT nicht unähnlich ist, sollte an
dieser Stelle noch erwähnt werden. Die Rede ist von der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT), zu
deren zurzeit vielleicht bekanntesten Vertretern der französische Soziologe Bruno Latour
gehört. Da es nicht möglich ist, der ganzen Komplexität der Akteur-Netzwerk-Theorie in
wenigen Zeilen gerecht zu werden, werde ich mich im Folgenden auf den für die
Forschungsfrage relevanten Teil beschränken. Die Akteur-Netzwerk-Theorie, als dezidiert
sozialkonstruktivistischer Ansatz, stellt den Versuch dar, endgültig alle kategorialen
Unterscheidungen zwischen Technischem und Sozialem zu überwinden: „There exisists no
relation between ‚the material‘ and ‚the social world‘ because it is this very devision which is
a complete artifact“ (Latour 2005: 90). Das konzeptionelle Mittel zur Überwindung dieser
Unterscheidung ist die Vorstellung von Hybridakteuren (Passoth 2008: 221). Als Agenten
werden diejenigen Entitäten (menschlich und nicht-menschlich) bezeichnet, welche einen
Beitrag zu einer bestimmten Handlung leisten; das Zusammenspiel dieser Agenten figuriert
den Akteur. Das klassische Beispiel Latours für einen solchen Hybrid-Akteur ist die
Konstellation von Person und Schusswaffe „Bürger-Waffe“ bzw. „Waffe-Bürger“ (vgl. Latour
1994: 487). Dieser Hybridakteur, insofern er anders handelt als beide Agenten – Waffe und

21
Person – für sich genommen, bildet eine eigene Entität, die mehr ist als die einzelnen Agenten:
„Man ist eine andere Person mit einer Waffe in der Hand. Sein ist Existenz und Existenz ist
Handeln“ (Latour 1994: 487). In diesem Konzept der Hybridakteure können ganze
Organisationen, Institutionen, bis hin zu Staaten als Hybridakteure verstanden werden, sofern
sie als Entitäten agieren. So könnte etwa der Irakkrieg als Krieg zwischen dem Hybridakteur
der USA und dem Hybridakteur des Irak verstanden werden: Hybridakteure sind somit das
emergente Produkt eines Prozesses permanenter sozialer Konstruktion. Im Gegensatz zum
SCOT-Ansatz, welcher eine allmähliche interpretative Schließung (closure) annimmt, sei
noch erwähnt, dass die prozessorientierte ANT stärker die ständige Arbeit betont, die geleistet
werden muss, um eine Technologie zu stabilisieren (vgl. Sörensen 2012: 140).

Aber auch eine letzte Kritik, die ich für relevant halte, möchte ich an dieser Stelle nicht
unerwähnt lassen, weil auch sie direkt oder indirekt gegen Ellul – in der Form, wie dieser
gegenwärtig interpretiert und rezipiert wird – vorgebracht werden kann. Anders als alle Kritik,
die bisher dargestellt wurde, setzt diese Kritik auf einer ganz anderen, einer psychologischen
Ebene an. Sie fragt: „Wie wird Technik widernatürlich? Anders gefragt: Wie kommt es, dass
Technik und Natur gegeneinander ausgespielt werden angesichts der Tatsache, dass Technik
und Moderne unauflöslich miteinander verzahnt sind?“ (Dickel 2015: 45). Eine Technikkritik,
welche sich vorwiegend auf Natürlichkeitsargumente stützt, die Technik als solche kritisiert,
anstatt konkrete Risiken und Folgen, die mit dem Einsatz bestimmter Technologien verbunden
sind, bezeichnet Dickel als biokonservativ. Charakteristisch für biokonservative Technikkritik
ist laut Dickel, dass sie sich auf einen normativen, moralisch aufgeladenen Naturbegriff
bezieht, der Natur, im Gegensatz zum naturalistischen Naturbegriff der Naturwissenschaften,
in welchem Natur und Realität gleichgesetzt sind (Natur ist das, was ist), als „das
Ungezähmte, das Authentische, das Gewachsene, das Unbeeinflusste, das Gegebene, das
Organische, das Unverfügbare, das Spontane, das Romantische, das Geborene, das
Wesenhafte oder das von Menschenhand Unberührte“ (Dickel 2015: 51) begreift. Der
Biokonservatismus zeichne sich dadurch aus, dass er, in Kontroversen um Technik, Natur als
moralische Kategorie anruft, was nicht ausschließt, dass er in concreto in rationaler
Ummantlung, etwa als nüchterne Risikoerwägung, auftritt (vgl. Dickel 2015: 52). Da sich der
Biokonservatismus in seiner Kritik eher auf vage volkstümliche Vorstellungen von Natur,
religiöse Gefühle und ästhetische Vorbehalte beziehe als auf logisch-rationale Beweisführung,
so Dickel, seien seine Argumente philosophisch wenig belastbar. Dickel weist, unter
Rückgriff auf Wolfgang Krohn, mit einigem Recht darauf hin, dass der Gebrauch von Technik

22
den Menschen als Gattungswesen a priori auszeichnet; sodass man sagen könnte, dass
Technik zur conditio humana zu zählen ist (vgl. Dickel 2015: 58). Da die gesamte Lebenswelt
des Menschen offensichtlich durch und durch technisch geprägt ist – mehr noch, Technik die
conditio sine qua non jeder Form von Kultur ist –, von sozialen Techniken angefangen, über
organisatorische, ökonomische und religiöse, bis hin zu den konkreten Herstellungs- und
Ingenieurtechniken und ihren materiellen Erzeugnissen, stellt sich die Frage, unter welchen
Bedingungen Technik als äußerliche, widernatürliche Bedrohung erscheint, wo sie doch
vielmehr einfach das Medium ist, „in dem sich menschliche Praxis vollzieht“ (Dickel 2015:
59). Die Inkohärenz in der Argumentation und die philosophisch mangelnde Fundiertheit
biokonservativer Technikkritik veranlasst Dickel, anknüpfend an Peter Wehling, dazu,
biokonservative Kritik einmal anders, als „Ausdruck einer Irritation des lebensweltlichen
Erfahrungsraums, die als Verletzung desselben interpretiert wird“ (Dickel 2015: 54), in den
Blick zu nehmen. Als Grund dafür nennt Dickel die Beobachtung, dass in Diskursen der
Begriff der „Natur“ allmählich mit dem der Tradition verschmilzt und ein Gefühl der
Vertrautheit der Lebenswelt bezeichnet (vgl. Dickel 2015: 54f.).

Der Biokonservatismus, so können wir nun sagen, ist der Ausdruck der Verteidigung
des Vertrauten gegen das technisch Unvertraute, unter Rückgriff auf die Natur als
Symbol des Vertrauten. Seine Leitunterscheidung ist die von Natur und Technik,
wobei Natur als Präferenzwert fungiert. (Dickel 2015: 58)

Demzufolge erschiene Technik vor allem dann als monströs, wenn sie das Vertraute der
Lebenswelt unterminiert, indem es als kontingent sichtbar werden lässt, was bisher als sicher
und selbstverständlich vorausgesetzt wurde. Je umfassender dabei das Potenzial neuer
Technik – eben solche lebensweltlichen Sicherheiten in Kontingenzen aufzulösen –
eingeschätzt wird, desto eher, so Dickel, werde sie als bedrohlich empfunden und desto eher
provoziere sie auch Kritik von biokonservativer Seite (vgl. Dickel 2015: 60). Typischerweise
ist es daher vor allem neue Technik, die problematisiert und Zielscheibe biokonservativer
Kritik wird, während der jeweils aktuelle technische State of the Art häufig nicht einmal
explizit als Technik wahrgenommen wird. Das Lesen eines Buches in gedruckter Form
beispielsweise, mag heute manchem intuitiv natürlicher und ursprünglicher erscheinen als das
Lesen des digitalen Textes mittels eines Kindle eReaders, wobei vergessen wird, dass auch
das gedruckte, in Auflage produzierte Buch das Produkt einer technischen Revolution, der
Erfindung des Buchdrucks ist – und als solches historisch eine vergleichbare gesellschaftliche
Kontroverse hinter sich hat. Dialektisch gesprochen: Neue Technik tritt einer sozialstrukturell

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gefestigten Lebenswelt, die als vertraut erfahren wird, antithetisch entgegen, was in einen
sozialen Transformationsprozess mündet, in dessen Verlauf sich Sicherheiten in Kontingenzen
verwandeln, an dessen Ende wiederum, als Synthese, neue Sicherheiten stehen: „Was gestern
noch als unnatürlich galt (oder gar nicht existent war), wird heute bereits als natürlich
empfunden“ (Dickel 2015: 63).
Zum Schluss fragt Dickel – der in Kontroversen um Technik weder grundsätzlich Partei für
das Vertraute, wie der Biokonservatismus, noch für das Unvertraute nimmt (wie Luhmann,
den er diesbezüglich zitiert (vgl. Luhmann 2000: 279f.)) –, ob biokonservative Technikkritik
überhaupt zukunftsfähig ist – das heißt langfristig überzeugen kann – in einer Zeit, die sich
sozial transformativ zunehmend beschleunigt (vgl. Dickel 2015: 64):

Die moderne Gesellschaft ist aus beschleunigungstheoretischer Sicht nicht nur von
Kontingenz geprägt, sie unterhöhlt zugleich soziale Beobachtungspositionen, die sich
auf sicheren, vermeintlich kontingenzfreien Fundamenten wähnen – und zwar einfach
dadurch, dass sie vorführt, dass diese scheinbar sicheren Fundamente in wachsendem
Maße schmelzen. (Dickel 2015: 64)

4. Diskussion
Für die nun folgende Diskussion, ob die dargestellte Kritik Elluls Position gerecht wird,
möchte ich noch einmal die Kernannahmen und -einwände, die gemacht wurden, prägnant
formulieren, um diese anschließend unter Rückgriff auf den Primärtext (Elluls The
Technological Society) in detail auf ihre argumentative Haltbarkeit zu prüfen. Soziologische
Theorien, welche die Technik bzw. den technischen Fortschritt als die treibende Kraft – das
agens movens – (moderner) gesellschaftlicher Entwicklung konzipieren, wurden, in
Anlehnung an Passoth, als technizistische Theorien oder technikdeterministische Theorien
bezeichnet; man könnte sagen, dass der Begriff des Technikdeterminismus – samt dem
zugehörigen Prädikat technikdeterministisch – diskursiv von Kritikern, halb-polemisch, halb-
ironisch, als superlativischer Signifikant für die als technizistisch eingestuften, gegnerischen
Positionen verwendet wird – in dieser Arbeit werden beide Begriffe austauschbar verwendet.
Um zu beurteilen, ob die Kritik, die gegen Ellul vorgebracht wurde, gerechtfertigt ist – und
wenn ja, welche –, scheint es unerlässlich, die jeweilige Lesart zu rekonstruieren, welche
einer Kritik als Prämisse zugrunde liegt. So ist es ein soziologischer Gemeinplatz – zumindest
für die Kritik, die im vorangehenden Abschnitt dargestellt wurde – Ellul dahingehend zu
interpretieren, dass seine Theorie axiomatisch die kategoriale ontologische Unterscheidung
zwischen Gesellschaft und Technik enthält: „Auch für ihn stellen Technik und Gesellschaft

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zwei völlig getrennte Bereiche dar“ (Passoth 2008: 128). Daraus folgt die Interpretation, dass
es sich bei den Charakteristiken der neuen Technik – Automatism, Self-augmentation,
Monism, Interdependence, Universalism, Autonomy –, die Ellul beschreibt, um intrinsische
Gesetzmäßigkeiten dieser separaten ontologischen Kategorie handelt: eine Eigenlogik der
Technik. Unter dieser Optik erscheint Elluls Technik als eine metaphysische Macht, etwas,
das, durch intrinsische Gesetzmäßigkeiten determiniert, wie eine Naturgewalt abrollt, alles
niederwalzend, was sich ihr in den Weg stellt. Im nun Folgenden möchte ich diskutieren
inwiefern: erstens, diese Interpretation Elluls, wie sie gemeinhin vorherrscht, haltbar ist;
zweitens, Ellul vom Vorwurf, er vertrete einen starren Technikdeterminismus, freizusprechen
ist; drittens, Elluls Position vereinbar mit aktuell vorherrschenden sozialkonstruktivistischen
Erklärungsmustern ist.
Ellul steht in kontinentalphilosophischer Tradition. Interpretationsschwierigkeiten und
Widersprüche ergeben sich daher vor allem dann, wenn versucht wird, Elluls Soziologie in
eine feste Formel zu zwingen. Elluls Begriff der technique beispielsweise, ist in seiner
Bedeutung kontextabhängig und nicht eindeutig fixiert – wer Ellul als einen analytischen
Philosophen liest, sieht sich schnell vor gravierende paradoxe Widersprüche gestellt. Elluls
changiert zwischen verschiedenen begrifflichen Bedeutungsebenen, zwischen Diagnose und
Prognose, teilweise so abrupt, dass es kaum auffällt – was durchaus kritisiert werden kann.
Die Extrapolation, das ad absurdum führen eines Phänomens durch konsequentes Weiter- und
Zu-ende-denken, wie es etwa in seiner Formel der Technik the one best way zum Ausdruck
kommt, gehört ebenso zu Elluls Stilmitteln wie das bewusste Hyperbolisieren. Der typische
Vorwurf, Ellul verwende einen Technikbegriff, welcher Technik als eine starre,
deterministisch abrollende Macht konzipiert, steht im Widerspruch zu dem elastischen, sehr
nuancierten Technikbegriff Elluls, der eher für seine Ambivalenz zu kritisieren wäre als für
seine Steifheit. Eine wortwörtliche Interpretation, die einzelne Aussagen Elluls aus dem
Zusammenhang nimmt und verallgemeinert, sieht sich schnell vor unvereinbar scheinende
Widersprüche und Paradoxien gestellt.
Passoth etwa widerspricht sich bei seiner Darstellung der Position Elluls gleich mehrfach.
Zuerst zitiert er eine Stelle aus Elluls Buch The Technological Society, in der dieser Technik
als dem Menschen von Anfang an zugehörig beschreibt „Technical activity is the most
primitive of man“ (Ellul 1964: 23), um wenige Zeilen später, ebenfalls mit Verweis auf Ellul,
zu konstatieren, Ellul nehme an, dass die Gesellschaft vor der Neuzeit frei von Technik
gewesen sei (vgl. Passoth 2008: 126). Diese teilweise groben interpretativen Fehler, die
Passoth bei der Darstellung von Elluls Theorie unterlaufen, resultieren aus einer

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wortwörtlichen Lesart, welche einzelne Aussagen dekontextualisiert und verallgemeinert,
ohne die subtilen Differenzierungen Elluls – die Nuancen – zu berücksichtigen. Nimmt man
Passoth an dieser Stelle wortwörtlich, so stehen sich zwei Aussagen Elluls kontradiktorisch
gegenüber; die Aussage „Technical activity is the most primitive of man“ (Ellul 1964: 23) und
die Aussage „Society was free of technique“ (Ellul 1964: 65), auf die Passoth verweist,
können nicht beide gleichzeitig wahr sein. Der Widerspruch löst sich auf, wenn man Elluls
Unterscheidung zwischen traditioneller und moderner Technik berücksichtigt, welche er im
Kontext des letzteren Zitats erläutert. Die Aussage Elluls „Society was free of
technique“ bedeutet nicht, dass Gesellschaft traditionell frei war von Technik, es bedeutet,
dass sie frei war von Technik im modernen Sinne (modern im Sinne Elluls): frei vom
zwanghaften Streben in Permanenz nach Verbesserung der Mittel um jeden Preis: „there was
almost no attempt to perfect the means which did exist“ (Ellul 1964: 67).
Unersichtlich bleibt auch, aus welchen Gründen Passoth annimmt, Elluls spekulative
Mutmaßungen darüber, was im 19. Jahrhundert eine Transformation des Technikverständnises
bewirkte, lägen den logischen Schluss nahe, Ellul nähme eine Eigenlogik der Technik an –
einen Textverweis für diese Behauptung gibt Passoth jedenfalls nicht an (vgl. Passoth 2008:
126). Vielmehr betont Ellul gerade den paradigmatischen kulturellen Bewusstseinswandel, der
damals stattfand, als ausschlaggebend, der darin bestand, dass sich allmählich ein „consensus
omnium“ (Ellul 1964: 55) darüber durchsetzte, dass technischer Fortschritt und menschliches
Glück in einem proportionalen Verhältnis zueinanderstehen: „The revolution resultes not from
the exploitation of coal but rather from a change of attitude on the part of the whole
civilization“ (Ellul 1964: 44). Und weiter heißt es:

This state of mind created, in the second half of the eighteenth century, a kind of good
conscience on the part of scientists who devoted their research to practical objectives.
They believed that happiness and justice would result from their investigations; and it
is here that the myth of progress had its beginning. (Ellul 1964: 47)

In scharfem Kontrast zu Elluls differenzierter multifaktorieller Untersuchung, welche sozialen,


politischen, ökonomischen und psychologischen Faktoren im 19. Jahrhundert zum modernen
Technikverständnis geführt haben, deutet Passoth Ellul einmal mehr so, dass Ellul aus
Gründen, die er selbst nicht erklären könne (vgl. Passoth 2008: 126), annähme, dass im 19.
Jahrhundert eine Eigenlogik der Technik, entfesselt worden sei: „Einmal entfesselt aber sind
es die schon vorher vorhandenen Eigenschaften der Technik selbst, die dafür sorgen, dass die
Wirkung der Technik auf die Gesellschaft absolut und determinierend wird“ (Passoth 2008:

26
126f.) – auch dieses mal verzichtet Passoth auf jeglichen Textbeleg, der seine Interpretation
stützen könnte.
Immer wieder wurde Ellul von Seiten seiner Kritiker – und allgemein von solchen des
Technikdeterminismus – der Vorwurf gemacht, er nähme eine Eigenlogik der Technik an, die
in ihrer Entfaltung determinierend auf die Gesellschaft wirkt, ohne selbst durch diese
beeinflussbar zu sein. Was hat es mit diesem Vorwurf auf sich und ist er haltbar? Der Vorwurf,
Ellul konzipiere eine Eigenlogik der Technik, ist untrennbar verbunden mit einer Lesart, die
Ellul so versteht, dass er Technik und Soziales als getrennte ontologische Kategorien
unterscheidet (vgl. Passoth 2008: 128). Wenn Ellul von technique spricht, so spricht er fast
immer in aktiver Form von ihr; immer wirkt Technik aktiv auf einen bestimmten Bereich, sei
er politischer, ökonomischer, sozialer etc. Art. Dabei betont Ellul tatsächlich, dass Technik
alles modifiziert, mit dem sie in Berührung kommt, ohne selbst dabei modifiziert zu werden
(vgl. Ellul 1964: 94). Diese Tatsache deuten Kritiker einer Lesart, die eine ontologische
Unterscheidung zwischen Technik und Sozialem bei Ellul voraussetzen, dahingehend, dass in
der Technik ursächlich eine intrinsische Eigenlogik wirken müsse, welche ihre Entfaltung und
damit ihre Wirkung auf die Gesellschaft determiniert – diese Lesart ist es, die aus Elluls
Soziologie einen Technikdeterminismus herausliest. Der Fehler dieser Interpretation liegt
darin, dass wo eine Eigenlogik der Technik als ursächlich interpretiert wird, Ellul vielmehr in
Wahrheit die Folgen und Auswirkung einer spezifischen sozialen Praxis auf alle anderen
sozialen Praxen beschreibt. Die Ausbreitung der Technik, die Technisierung, ist ebenso wenig
durch eine Eigenlogik determiniert wie die Christianisierung des Abendlandes in der
Spätantike und im Frühmittelalter durch eine Eigenlogik determiniert war – wie könnte sie es
sein? Beide Phänomene umfassen die Transformation sämtlicher Lebensbereiche durch
Unterordnung unter andere Normen und implizite Regeln, was mit einem veränderten
Weltbild und Bewusstsein einhergeht. Niemand – ausgenommen vielleicht mancher
christlicher Fundamentalisten – würde behaupten, die Bibel und die Gebote, die sie enthält,
gehörten einer anderen ontologischen Kategorie als das Soziale an; oder gar, dass diese
Gebote eine Eigenlogik entfalten, die determinierend auf das Soziale wirken – obwohl
Achtung und Missachtung dieser Gebote zu bestimmten Zeiten sehr reale Folgen haben
konnte.
Im Vorwort zur überarbeiteten amerikanischen Edition seines Buches The Technological
Society äußert sich Ellul zum Vorwurf des Determinismus. Darin versichert er dem Leser, dass
er mit seinem Buch nicht beabsichtige nachzuweisen, dass der Mensch determiniert und
Technik grundsätzlich schlecht sei: „The reader deserves and has my assurance that I have not

27
set out to prove anything. I do not seek to show, say, that man is determined, or that technique
is bad, or anything else of this kind“ (Ellul 1964: xxviii). Zumindest sei der Mensch nicht
determinierter als zu irgendeinem Zeitpunkt in der Vergangenheit, denn er fügt hinzu: „I do
not maintain that the individual is more determined today than he has been in the past; rather,
that he is differently determined“ (Ellul 1964: xxix). Ellul lässt hier keinen Zweifel, das
Individuum ist immer in einen kollektiven soziologischen Rahmen eingebettet, der es
konturiert und konstituiert. Ellul geht von einer prädisponierten soziologischen Realität aus,
die immer schon a priori vor dem Individuum – und unabhängig von ihm – da ist und diesem
die Spielregeln – in Form normativer Imperative und Verbindlichkeiten – aufoktroyiert, an die
sich das Individuum halten muss, will es in der vorgegebenen Sozialstruktur so gut als
möglich bestehen. Diese soziologische Realität, die – vom Standpunkt der einzelnen Subjekte
aus betrachtet – a priori immer schon präexistent ist, und als solche individuelles Handeln
ausrichtet und kontextualisiert, ist, so Ellul, mehr als die Summe ihrer Teile, das heißt mehr
als alle einzelnen sozialen Aktionen addiert und kombiniert (vgl. Ellul 1964: xxviii). Man
könnte Ellul aus seiner Unterscheidung zwischen einer soziologischen Realität, die
unabhängig vom Individuum existiert und, seiner Definition nach, mehr ist als die Summe
aller sozialen Einzelhandlungen, einerseits und Individuum andererseits einen Strick drehen
und einmal mehr den Vorwurf gegen ihn erheben, er konzipiere zwei voneinander getrennte
ontologische Kategorien. Aber auch in diesem Fall denke ich, läge der Fehler darin, jeden
Satz, jedes Wort Elluls wortwörtlich zu nehmen – seine Aussagen ontologisch zu
interpretieren. Die alltägliche Erfahrung der Allermeisten, die Erfahrung, dass die
soziologische Realität (die Gesellschaft) bereits vor und unabhängig vom Selbst existiert und
nur in sehr begrenztem Ausmaß veränderbar ist, ist für die meisten eine Tatsache. Da die
einzelnen Subjekte immer schon eingebettet sind in diese intersubjektive soziologische
Realität, welche durch ihre Sozialstruktur die potentiellen Entscheidungen, die überhaupt zur
Wahl stehen, maßgeblich mitbestimmt, sind sie immer schon konditioniert.
Dieses Immer-schon-geprägt-Sein durch eine soziologische Realität trifft auf die materielle
Außenwelt ebenso zu wie auf das einzelne Subjekt; nehmen wir klischeehaft den
Zivilisationsmenschen, der auf einer einsamen, unbewohnten Insel strandet. Dieser würde im
Rahmen seiner Möglichkeiten agieren und versuchen zu überleben. Er würde die Welt der
Insel dem Raster seiner soziokulturellen Konditionierung nach wahrnehmen, und dabei ist er
in seinen Handlungen durch diese entscheidend geprägt. Nehmen wir den anderen Fall, dass
eine Zivilisation untergeht und ihre kulturellen Zeugnisse über lange Zeit in Vergessenheit
geraten; ihre Architektur ist verschüttet, ihre Sprache ausgestorben: Das einstmalige Netz

28
ihrer sozialen Interaktionen hat aufgehört zu existieren. Zwei Jahrtausende später gelingt es
einer anderen Zivilisation ihre Schrift zu entziffern, ihre Städte auszugraben, ihre Architektur,
Kunst und Kultur zu rekonstruieren, wodurch die einstmals untergegangene Kultur wieder
Teil der soziologischen Realität wird. Insofern kann man tatsächlich sagen, dass die
soziologische Realität in gewisser Weise mehr ist als die Summe aller sozialen Interaktionen,
ohne eine ontologische Trennung zu postulieren. Die soziologische Realität setzt sich so aus
der Summe der einzelnen sozialen Interaktionen und ihrem Substrat, den materiellen und
psychologischen Infrastrukturen zusammen, welche selbst dann erhalten bleiben, wenn die
sozialen Interaktionen selbst abreißen.
Nehmen wir ein fiktives Beispiel, um dies zu verdeutlichen: Stellen wir uns eine kleine
isolierte Stadt vor mit einer eigenen lokalen Kultur und einer überschaubaren Einwohnerzahl;
nehmen wir an, dass diese Stadt durch ein Erdbeben erschüttert wird und die einzelnen
Menschen für eine Weile in alle Richtungen fliehen. Für wenige Wochen schlagen sich einige
von ihnen auf eigene Faust durch, ehe sie zur Stadt zurückkehren und sich wieder versammeln.
Obwohl die soziale Interaktion vorübergehend ganz abgerissen ist, so greift doch im Moment,
wo sich die Menschen wieder versammeln, das materielle und psychologische Substrat und
ermöglicht so den Wiederaufbau und damit die kulturelle Kontinuität.
Technik – wie bereits im Abschnitt zu Elluls Position erläutert – ist eine bestimmte
Konfiguration einer soziologischen Realität, die dem Individuum (wie jede soziologische
Realität) immer schon vorausgeht und es konditioniert: „I have simply endeavored to describe
technique as a sociological reality“ (Ellul 1964: xxviii). Als eine solche soziologische Realität
besteht Technik sowohl aus der Summe aller sozialen Interaktionen als auch aus ihrem
materiellen Substrat (objektivierte Produkte, wie Technologien, Maschinen, Infrastruktur) und
ihrem psychologischen Substrat – das, was Ellul als technical consciousness bezeichnet –, ein
implizites Wissen, eine bestimmte Art und Weise Welt wahrzunehmen und sinnhaft zu
interpretieren. Diese psychologische Konditionierung des Individuums – das Weltbild – ist
gewissermaßen das Auge, welches die Welt sieht und, wie jedes Auge, sich gerade selbst nicht
sehen kann. Auf diese Weise ist das Individuum tatsächlich determiniert durch die
soziologische Realität, in welche es immer schon eingebettet ist – egal wie diese in concreto
beschaffen ist. Determiniert ist hier jedoch – wie bei allem Organischen und Lebendigen –
nicht streng kausal, das heißt mechanistisch zu verstehen, sondern probabilistisch – im Sinne,
dass es um einiges wahrscheinlicher ist, dass die sozialen Handlungen, die im Einzelfall
immer einen Freiheitsspielraum aufweisen, in großer Zahl, auf Makroebene, doch eine
gewisse Reliabilität aufweisen, das heißt regulativen Mustern und Trends folgen (vgl. Ellul

29
1964: xxx).
Ellul betont mehrfach, dass es ihm in seiner Soziologie der Technik darum geht, eine
verallgemeinerte, makrosoziologische Analyse und Sichtweise anzubieten; der kontingente
Einzelfall existiert selbstverständlich, aber wird bewusst stilistisch zwecks eines Bilds des
größeren Ganzen ausgeklammert (vgl. Ellul 1964: xxix-xxx). Seinen methodischen Fokus auf
Technik als soziologischen Faktor erklärt Ellul einerseits damit, dass er den Faktor Technik als
unterrepräsentiert in der soziologischen Forschung wahrnimmt, andrerseits, weil er in der
(modernen) Technik das eigentliche agens movens gesellschaftlicher Entwicklung in der
Technological Society erkennt (vgl. Ellul 1964: 147):

And if in my analysis of this development I seem to have isolated the technical factor,
this is not because I choose to neglect or fail to recognize the others. But, as I have
already demonstrated, the technical factor is at present the decisive one. In addition,
most of the other developmental factors are well known and almost universally studied,
whereas the technical factor remains, in general, obscure. (Ellul 1964: 173)

An dieser Stelle scheint es geboten – die Textbelege lassen hier keinen Zweifel – Ellul vom
Vorwurf des Technikdeterminismus freizusprechen, denn Elluls techniksoziologischer Ansatz
erfüllt beim näheren Hinsehen keine der definitorischen Kriterien; weder nimmt Ellul eine
ontologische Unterscheidung zwischen Technik und Sozialem an – Technik ist bei Ellul per
definitionem eine Modalität des Sozialen: eine Methode (technical method) und als solche
eine bestimmte soziale Praxis –, noch vertritt er einen starren technischen Determinismus, der
aus irgendeiner ominösen Eigenlogik der Technik folgt und dessen Wirkungen auf die
Gesellschaft – wie Passoth meint – „absolut und determinierend“ sind (Passoth 2008: 127).
Wenn Ellul von Technik spricht, die aktiv auf einen Bereich des sozialen wirkt, dann ist die
Lesart derer, die Ellul einen Technikdeterminismus vorwerfen, die, dass Technik als eine
Macht jenseits des Sozialen in irgendeiner Weise auf das Soziale wirkt und es determiniert.
Versteht man aber wie Ellul Technik definiert, nämlich als Methode, die in der
operationalisierten Verbesserung der Mittel anhand objektiver Maßstäbe besteht, so versteht
man, dass Technik eine soziale Praxis ist und als solche keine eigenständige ontologische
Kategorie bildet.

From this point of view, it might be said that technique is the translation into of man's
concern to master things by means of reason, to account for what is subconscious,
make quantitative what is qualitative, make clear and precise the outlines of nature,
take hold of chaos and put order in it. (Ellul 1964: 43)

30
Ellul setzt bei seiner Behandlung von Technik voraus, dass der Leser mitdenkt, was als
Technik definiert wurde. Der Vorwurf einer ontologischen Trennung zwischen Technik und
Sozialem sowie der, Ellul nehme eine Eigenlogik der Technik an, resultieren aus einem
falschen Verständnis seines Technikbegriffs. Dies hat zur Folge, dass alle Argumente, die
gegen Ellul – in der Überzeugung dieser sei ein idealtypischer Vertreter eines strengen
Technikdeterminismus – gebracht wurden, nicht ihn, sondern einen Strohmann treffen. Da
Ellul mit seiner Konzeption der Technik kein mechanisch-deterministisches Naturgesetz
beschreibt, sondern, bestenfalls, soziale Dynamiken mit probabilistischen Charakter – wie
andere ökonomische, soziologische, politische und psychologische Ansätze auch –, erübrigt
sich auch die von Kritikern wie Wolfgang Krohn vorgebrachte Forderung nach
mathematischer Formalisierung dieser Gesetze.
Ein anderer Einwand Krohns, der im vorherigen Abschnitt dargestellt wurde, ist der, dass mit
dem technischen Fortschritt der individuelle Optionsraum für Entscheidungen zunähme, was
Ellul widerspräche, der die These vertritt, dass sich alle Entscheidungen, die technisch
motiviert sind, automatisch zugunsten der effizientesten Mittel vollzögen. Dieser Einwand
bedarf einer näheren Betrachtung. Der Fehler besteht auch hier in einem falschen Verständnis
des Ellul'schen Technikbegriffs: Technik, bei Ellul, ist per definitionem das an objektiven
Maßstäben orientierte Streben nach den effizientesten Mitteln – die Jagd nach dem one best
way. Ellul ist hier überdeutlich: Jede Aktivität, jede Handlung, jede Entscheidung, die nicht
durch dieses Streben nach objektiver Effizienz, nach Standardisierung der Mittel motiviert ist,
ist keine Technik:

The use of the automobile as a murder weapon does not represent the technical use,
that is, the one best way of doing something. Technique is a means with a set of rules
for the game. It is a “method of beeing used” which is unique and not open to arbitrary
choice […]. There is but one method of its use, one possibility. Lacking this, it is not a
technique. Technique is in itself a method of action, which is exactly what a use means.
To say of such a technical means that a bad use has been made of it is to say that no
technical use has been made of it […]. (Ellul 1964: 97)

Insofern tangiert die Feststellung Krohns, dass der individuelle Optionsraum für
Entscheidungen mit dem technischen Fortschritt wächst, Elluls These von der self-
augmentation von Technik – der Ausweitung des technischen Prinzips in immer neue
Lebensbereiche – nur peripher, da es keinen direkten logischen Widerspruch zu diesem
darstellt. So ist die progressive Technisierung der Lebenswelt, das heißt die Subordination
lebensweltlicher Bereiche unter wirtschaftliche Effizienz-Imperative, empirisch gut erforscht.

31
Die ganze Datafizierung der Lebenswelt (BigData), das automatische Sammeln objektiv
verwertbarer, standardisierter Daten mit der Hilfe von Algorithmen ist exakt das, was Ellul als
self-augmentation von Technik beschreibt (vgl. Reigeluth 2015). Da die falsche Vorstellung,
Ellul beschreibe deterministische Naturgesetze, wenn er etwa von rules, aspects oder laws von
Technik spricht, verbreitet ist, muss an dieser Stelle nochmals nachdrücklich betont werden,
dass die Ausweitung technischer Prinzipien, self-augmentation, aus der sozialen Praxis, aus
der Ausdehnung der technischen Methode auf immer weitere Bereiche folgt, folglich sozial
konstruiert: kontingent ist. Die Unabhängigkeit der Technik von Subjektivität, welche von
Ellul in unterschiedlichem Kontext dezidiert betont wird, resultiert nicht daraus, dass Technik
einer separaten ontologischen Kategorie angehören würde. Sie ist das Ergebnis einer
ausgeklügelten sozialen Praxis, die methodisch darin besteht, alle Phänomene durch
Abstrahieren aller subjektiven Beziehungen auf ihre formal-logische, das heißt, objektive
Struktur zu reduzieren (vgl. Ellul 1964: 74).

Technique is a means of apprehending reality, of acting on the world, which allows us


to neglect all individual differences, all subjectivity. Technique alone is rigorously
objective. It bolts out all personal opinions. It effaces all individual, and even all
collective, modes of expression. Today man lives by virtue of his participation in a
truth become objective. Technique is no more than a neutral bridge between reality
and the abstract man. (Ellul 1964: 131).

Technisierung der Lebenswelt, im Sinne Elluls, bedeutet somit nichts anderes, als dass
Entscheidungen, Aktivitäten, Handlungen sich zunehmend an objektiven statt an subjektiven
Maßstäben und Kriterien orientieren. Die Beobachtung, dass individuelle Optionsräume
expandieren, sagt nichts darüber aus, an welchen Kriterien sich Entscheidungen de facto
orientieren. Hinzu kommt, dass eigentliche Zwänge bzw. Quasi-Zwänge (Quasi-Zwänge, weil
eher subtil mit signifikanten ökonomischen und sozialen Sanktionen und nicht mit expliziter
physischer Gewalt oder Gewaltandrohung verbunden) häufig als freie Entscheidungen
konnotiert sind. Es gehört selbst zur Logik, könnte man vorsichtig behaupten, dass neue
Anforderungen an das Subjekt als individuelle Freiheiten beworben werden. So führt der
österreichische Medientheoretiker Ramón Reichert den Fall der italienischen
Versicherungsgruppe Generali an, die in Europa das Tele-Monitoring – eine Form des
Gesundheits- und Fitness-Monitoring – via App in die Lebens- und Krankenversicherung
eingeführt hat. Die App Vitality zählt Schritte, wertet sportliche Aktivitäten aus und dient so
als elektronischer Nachweis gesundheitlicher Bemühungen und wird von Generali mit
günstigeren Versicherungstarifen belohnt (vgl. Reichert 2015: 75f.). Dieses Beispiel Reicherts

32
ist idealtypisch für das, was Ellul meint, wenn er sagt, dass sobald technische Aktivitäten in
einen sozialen Bereich expandieren, der bisher nicht-technisch – das heißt nicht vom an
objektiven Maßstäben orientierten Streben nach Verbesserung der Mittel – bestimmt war,
dieser in einen technischen transformiert wird. Mit der Einführung eines objektiven Maßstabs
für Gesundheit, der als statistischer Indikator operationalisiert, standardisiert und durch die
App Vitality quantitativ messbar ist, ist die Transformation des Bereichs Gesundheit –
zumindest für die Kunden von Generali – in einen technischen Bereich abgeschlossen und
unterliegt als solcher der technischen Logik; das heißt in concreto, dass die Belohnung – in
Form von finanzieller Vergünstigungen – proportional zur Verbesserung der Mittel steigt –
wobei als objektiver Maßstab fortan das gilt, was den statistischen Indikator Gesundheit, der
von Generali verwendet wird, positiv beeinflusst – und vice versa.
Extrapoliert man das Beispiel in die Zukunft, so ist folgendes Szenario denkbar: Die sich
langsam – durch Gewöhnung der Kunden – etablierende Praxis der Versicherungsgruppe
Generali, bestimmte Handlungen der Versicherten finanziell zu belohnen und andere zu
sanktionieren, führt allmählich dazu, dass die Versicherten ihr Handeln am vorgegebenen,
objektiven Maßstab Gesundheit ausrichten. Zum Beispiel durch Absolvieren der täglich
empfohlenen durchschnittlichen Schrittanzahl, durch Optimierung ihrer
Ernährungsgewohnheiten, durch Erledigen von optionalen Zusatzaufgaben – wie zum
Beispiel durch Absolvieren einer sportlichen Einheit mehr als der ermittelte
Durchschnittswert der eigenen Peergroup – usw. Die Versicherten gewöhnen sich mit der Zeit
an eine bestimmte gesundheitliche Routine, die sich an diesem objektiven Maßstab für
Gesundheit orientiert, aus der sich automatisch statistisch ein monatlicher Beitrag errechnet.
Und so kommt es, dass sich eine interdependente soziale Struktur konstituiert, die nicht ohne
weiteres verändert werden kann, ohne eine Kettenreaktion auszulösen. Spinnen wir das
Beispiel noch etwas weiter und nehmen an, dass neben Generali bald weitere Lebens- und
Krankenversicherungen dieses Modell aufgreifen, aber unterschiedliche statistische
Gesundheitsindikatoren als jeweils objektive Maßstäbe zur finanziellen Belohnung und
Sanktionierung ihrer Kunden verwenden. Dies geht damit einher, dass die Kundengruppen der
unterschiedlichen Versicherungen auch unterschiedliche gesundheitliche Routinen
praktizieren, die sich jeweils an dem ihnen vorgegebenen objektiven Maßstab für Gesundheit
orientieren. Angenommen es stellt sich nun nach einiger Zeit durch Metaanalyse der Daten
heraus, dass der Gesundheitsindikator einer bestimmten Krankenversicherung – als objektiver
Maßstab für Gesundheit – signifikant besser geeignet ist als der der Konkurrenz – was sich
zum Beispiel daran zeigen könnte, dass die Versicherten signifikant seltener erkranken und

33
einer Behandlung bedürfen. Das signifikant seltenere Erkranken der Versicherten bedeutet –
in ökonomische Begriffe übersetzt – signifikant niedrigere Behandlungskosten für die
jeweilige Krankenkasse. Was bliebe in einem solchen Falle den konkurrierenden
Krankenkassen übrig? Um konkurrenzfähig zu bleiben, müssten sie ihren
Gesundheitsindikator soweit anpassen, dass er andere gesundheitlichen Routinen ihrer
Versicherten belohnt als vorher, was hieße, dass sich diese, zu ihrer Verärgerung, plötzlich mit
anderen Versicherungsbeiträgen konfrontiert sähen als bisher von ihnen eingeplant; und nicht
nur das, um auf ihren vorherigen Versicherungsbeitrag zu kommen, sehen sie sich gezwungen
ihre gesundheitliche Routine anzupassen. Die einzige andere Option, die den konkurrierenden
Krankenkassen bliebe, wäre die, andere Anreize zu schaffen, etwa durch allgemeine Senkung
der Versicherungsbeiträge. Der Anreiz einer allgemeinen Senkung der Versicherungsbeiträge
würde aber nur dann – und nur solange – funktionieren, als die Krankenkasse mit dem
statistisch erwiesenen, effizientesten Gesundheitsindikator diese Senkung der Beiträge nicht
ihrerseits erwidert – denn, ökonomisch gesehen, kann diese sich, dank der Einsparung durch
niedrigere Behandlungskosten, eine Senkung der Beiträge langfristig eher leisten als die
Konkurrenz.

Nachdem gezeigt wurde, dass die üblicherweise gegen den Technikdeterminismus


vorgebrachten Standardargumente die Position Elluls nicht tangieren – noch weniger
widerlegen –, bleibt zuletzt noch die Frage offen, inwieweit aktuelle techniksoziologische
Ansätze, wie die im vorherigen Abschnitt vorgestellte SCOT-Theorie, mit der
Techniksoziologie Elluls vereinbar sind. Die Tatsache, dass SCOT ursprünglich als Kritik und
Alternative zu technikdeterministischen Theorien entwickelt wurde, verführt leicht zu dem
Schluss, Elluls Ansatz und SCOT seien nicht miteinander kompatibel – ja würden sich sogar
gegenseitig ausschließen –, daher mag es zunächst kontraintuitiv erscheinen, wenn im
Folgenden die These gewagt wird, dass beide Ansätze nicht nur vollständig miteinander
kompatibel sind, sondern sich sogar perfekt ergänzen. So beweist SCOT tatsächlich, dass
unterschiedlichste soziale Faktoren bei der Stabilisation eines bestimmten
Interpretationskonsenses mitwirken. Eben damit beschreibt SCOT aber den Prozess, wie sich
objektive Maßstäbe überhaupt konstituieren, zum Beispiel der Interpretationskonsens darüber,
was ein Fahrrad, ein Smartphone oder eben – wie im Falle der Versicherung Generali – was
Gesundheit ist. In diesem Prozess selbst legt sich erst fest, was Effizienz im objektiven Sinne
ist; Objektivität ist nichts anderes als eben ein Interpretationskonsens bzgl. eines Gegenstands
(materiell oder immateriell) – je stabiler und allgemeingültiger der Konsens darüber ist, was

34
ein Gegenstand ist, was er bedeutet, desto objektiver ist er. Elluls Technik, die das an
objektiven Maßstäben orientierte Streben nach Verbesserung der Mittel ist, beginnt dort, wo
SCOT bereits aufhört: mit der Stabilisation eines Interpretationskonsenses. Man könnte sogar
sagen, dass Technik, im Sinne Elluls, zu closure – zur endgültigen Stabilisation eines
Interpretationskonsenses – beiträgt, wie es am Beispiel der Versicherungsgruppe Generali und
dem Gegenstand Gesundheit durchgespielt wurde.
Paul N. Edwards beschreibt in seinem Text Infrastructure and Modernity diesen Prozess als
die Herausbildung und Aufrechterhaltung von Infrastrukturen. Edwards kritisiert
sozialkonstruktivistische techniksoziologische Ansätze dafür, dass sie davon ausgehen, dass
alle sozialen Phänomene der Makroebene auf soziale Interaktionen auf der Mikroebene
reduzierbar seien: „[…] without attention to meso- and macro-scale analysis, constructivism
creates a myopic view of relations among technology, society, and nature“ (Edwards 2003:
28). Wie Ellul geht er davon aus, dass die soziologische Realität der Makroebene mehr ist als
die Summe einzelner Interaktionen – wie weiter oben in diesem Abschnitt ausführlich
dargestellt wurde. Mit dem Begriff der Infrastrukturen bezeichnet Edwards diejenigen sozio-
technischen Gebilde, welche die Lebenswelt innerhalb einer Gesellschaft strukturieren,
stabilisieren, und konturieren. Infrastrukturen sind die sozio-technischen Gebilde – sozio-
technisch, weil Infrastrukturen sowohl das subjektive und intersubjektive Bewusstsein
(episteme), sowie die materielle Welt strukturieren –, die nicht mehr bewusst als solche
wahrgenommen werden und daher leise, aber allgegenwärtig im Hintergrund arbeiten (vgl.
Edwards 2003: 3); Es sind die Strukturen, die bereits das Closure-Stadium – den
abgeschlossenen Stabilisationsprozess, den Interpretationskonsens im Sinne SCOTS –
erreicht haben:

As I noted above, infrastructures are largely responsible for the sense of stability of
life in the developed world, the feeling that things work, and will go on working,
without the need for thought or action on the part of users beyond paying the monthly
bills. This stability has many dimensions, most of them directly related to the specific
nature of modernity. (Edwards 2003: 4)

Wie jedes Individuum über internalisierte Routinen verfügt, die es unbewusst und automatisch
ausführt – das heißt ohne diese Routinen jedes Mal aufs Neue metakognitiv zu reflektieren –,
wie etwa das Zähneputzen am Morgen, die Koordination der Bewegungen beim Gehen, der
Umgang mit technischen Artefakten usw., so gewährleisten internalisierte Routinen –
Infrastrukturen – auch auf Makroebene das – mehr oder weniger reibungslose – Funktionieren

35
von Systemen. So funktioniert etwa die Institution des deutschen Bildungs- und Schulsystems,
einschließlich ihres Noten- und Bewertungssystem, ohne dass ständig Zwecke, Mittel und
Maßstäbe – etwa was eine wünschenswerte schulische Leistung ist – von allen Beteiligten
reflektiert würde. Als Infrastruktur erzeugt die Institution des deutschen Bildungssystems,
samt ihrer genannten Substrukturen, die Realität, welche bereits in diese (ihre Infrastrukturen)
eingeschrieben ist.
Für mein Dafürhalten, und eben dies ist die These dieser Arbeit, liegt gerade hierin der
Missing Link zu Elluls Techniksoziologie. Elluls Technik setzt gerade an diesen
Infrastrukturen an, wie sie Edwards beschreibt – Elluls Technik setzt voraus, dass ein
allgemeiner Interpretationskonsens über Zwecke besteht. Der Philosoph Christoph Hubig
spricht von notwendigen Selbstverständlichkeiten, die den objektiven Wissenschaften
zugrunde liegen und die Basis für die Entwicklung von Technologien darstellen (vgl. Hubig
2011: 5) Zum Beispiel der Interpretationskonsens darüber, dass Gesundheit die Abwesenheit
von Krankheit ist und ein hohes Lebensalter ein zu erstrebendes Gut ist. Technik, die
technische Methode besteht nun nach Ellul darin, diesen bereits vorhandenen
Interpretationskonsens zu operationalisieren; das heißt, das, was bisher ein subjektives,
qualitatives Konstrukt war – wie eben die Vorstellung von Gesundheit als langes Leben unter
Abwesenheit von Krankheiten – quantitativ messbar zu machen, indem man objektive
statistische Indikatoren definiert – (vgl. Saab, Riss 2011). Ab dem Zeitpunkt, da die
objektiven Indikatoren richtig justiert sind – durch sie das gewünschte Konstrukt zuverlässig
messbar ist –, besteht die Aufgabe von Technik darin, die Mittel zu finden und zu verbessern,
die diese Indikatoren möglichst positiv beeinflussen. Damit aber wird Technik selbst Teil der
Infrastruktur, da sie die Realität, die sie beschreibt, nun auch (re-)produziert, indem sie
Sachzwänge erzeugt. Sachzwänge sind Probleme, die aus der exponentiellen
Effizienzsteigerung durch Applikation von Technik in einem Bereich resultieren, und von
solcher Dringlichkeit und Größenordnung sind, dass sie selbst wieder nur durch Technik –
durch immer effizientere Mittel – gelöst werden können (vgl. Ellul 1964: 92). Um ein
einfaches Beispiel zu geben: Eine durch Technik ständig erhöhte Lebenserwartung und
geringere Sterblichkeit erfordert immer komplexere Techniken der Bevölkerungskontrolle,
der politischen, ökonomischen und sozialen Organisation und Verwaltung, effizientere
Landwirtschaft mit höheren Erträgen, Schutz der Umwelt durch Müll und Abfallentsorgung
usw. Mit der Zeit wird es immer schwieriger, die einzelnen Infrastrukturen maßgeblich zu
beeinflussen, da diese ein verschränktes, interdependentes Netzwerk bilden – die
Infrastrukturen ontologisieren sich. (vgl. Edwards 2003: 6).

36
5. Fazit
Forschungsfrage dieser Arbeit ist, ob der techniksoziologische Ansatz Jacques Elluls, der in
der zeitgenössischen Rezeption als technikdeterministisch kritisiert und verworfen wird,
rehabilitiert werden muss. Im ersten Teil des Hauptteils wurde die Position Elluls kurz
skizziert, während im zweiten Teil die Kritik an ihm – und im weiteren Sinne an dem, was
man gemeinhin als Technikdeterminismus bezeichnet, zu dessen idealtypischen Vertretern
Ellul gewöhnlich gezählt wird – dargestellt wurde. Der abschließende Teil besteht in der
Diskussion darum, ob die Einwände, die gegen Elluls Soziologie angeführt wurden und
werden, haltbar sind – und ob sie diese überhaupt tangieren. Dabei wurde inquiriert, aus
welcher Lesart, aus welcher spezifischen Interpretation heraus der Vorwurf des
Technikdeterminismus gegen Ellul erwächst. Es wurde argumentiert, und mit zahlreichen
Verweisen auf den Primärtext belegt, dass dieser Vorwurf des Technikdeterminismus aus
einem falschen Verständnis des Ellul'schen Technikbegriffs seitens seiner Kritiker resultiert,
die Ellul eine ontologische Trennung von Technik und Sozialem attestieren – Ellul selber wies
bereits zu Lebzeiten den Vorwurf, er verträte einen Technikdeterminismus, vehement zurück
(vgl. Ellul 1964: xxvii-xxxiii). Wenn Elluls Technikbegriff, wie gezeigt wurde, nicht die
definitorischen Kriterien dessen erfüllt, was Kritiker kategorial als Technikdeterminismus
definieren – zum Beispiel die ontologische Trennung zwischen Technik und Sozialem, die
Annahme einer intrinsischen Eigenlogik der Technik, welche nicht sozial konstruiert ist usw.
–, so folgt daraus, dass sämtliche gegen Ellul vorgebrachten Einwände einem Strohmann
gelten – die Kritik gilt nicht ihm, sondern einer bestimmten, überzeichneten Deutung: einer,
Karikatur seines Ansatzes. Rehabilitiert vom Vorwurf des Technikdeterminismus – und damit
auch von manch absurd anmutenden Anschuldigungen, wie der Passoths, Elluls Konzeption
der Technik sei nur zu verstehen als Versuch „die bestehenden Herrschafts- und
Machtverhältnisse zu verschleiern und zu stützen“ (Passoth 2008: 130), wobei er diesem die
Annahme einer Eigenlogik der Technik unterstellt – erweist sich eine differenziertere Lesart
und eine nuanciertere Erarbeitung von Elluls Theorie als überraschend fruchtbar für den
aktuellen techniksoziolgischen Diskurs, etwa in der Verbindung mit sozialkonstruktivistischen
Ansätzen, wie SCOT oder ANT, zu denen sie eine sinnvolle, makrosoziologische Ergänzung
darstellt, wie sie u.a. von Paul N. Edwards gefordert wird (vgl. Edwards 2003: 28).
Neben deskriptivem Potential bietet Elluls Ansatz aber vor allem essentielle Beiträge zur
technikethischen Debatte. Ellul, der ein Meister des extrapolativen Zu-Ende-Denkens ist,

37
stellt wie wenige andere die Frage, wohin das persistente Streben nach Objektivität und
Verbesserung der Mittel führt und ob dieses überhaupt aus freien Stücken und sauberer
Reflexion über die Zwecke erfolgt oder sich vielmehr bereits unbewusst und zwanghaft
vollzieht, weil die ständige Selbst-, Fremd- und Sachoptimierung zur primären
Existenzbedingung in einer globalisierten, durch spieltheoretische Mechanismen gesteuerten
Welt avanciert ist (vgl. Ellul 1964: 242). Das Individuum, die Organisation, der Staat muss
wenigstens gerade so effizient agieren, um sich selbst zu erhalten, um wettbewerbsfähig –
souverän – zu bleiben (vgl. Ellul 1964: 273). Natürlich kann sich der Einzelne dagegen
entscheiden, aber das heißt: „Opting out of industrial society and the urban lifestyle simply
means no food in one’s belly and no roof over one’s head“ (Carlisle, Manning 1999: 92). Das
alles hat nichts mit einem strengen technischen Determinismus zu tun – oder gar einer
intrinsischen Eigenlogik der Technik, die einer anderen ontologischen Kategorie wie das
Soziale angehört –, es sind die Mechanismen der Spieltheorie, die hinter der technischen
Evolution wirksam sind. An dieser Stelle muss ein weiteres Mal betont werden, um
Missverständnissen vorzubeugen, dass auch diese Mechanismen der Spieltheorie nicht in
einem ursächlichen Sinne wirksam sind, was erneut den Schluss auf eine eigenständige
ontologische Dimension zuließe, sondern als eine Heuristik zu verstehen sind, die technische
Evolution auf Makroebene zu deskribieren – es verhält sich auf Makroebene so als ob die
technische Evolution durch spieltheoretische Gesetzmäßigkeiten determiniert wäre, weil der
Fokus auf denjenigen Akteuren und Systemen ruht, die sich evolutionär durchsetzen, das heißt
gemäß den Prognosen der Spieltheorie handeln. Niemand kann leugnen, dass – insbesondere
in einer Kultur, in der Objektivität und Effizienz Leitmaximen sind – Akteure und Systeme,
die in bestimmten Bereichen objektiv effizienter sind als andere, gegenüber diesen einen
validen sozial-evolutionären Selektionsvorteil haben. Und sobald eine Partei die technische
Methode anwendet, bleibt den anderen – vorausgesetzt sie wollen konkurrenzfähig bleiben –
nichts anderes übrig als gleichzuziehen (Ellul 1964: 270 f.) Das Alleinstellungsmerkmal
Elluls in diesem Kontext ist, dass er, im Gegensatz zur üblich geführten technikethischen
Debatte darüber, was ein verantwortungsvoller, ethischer Umgang mit Technik ist, und was
nicht, die technische Methode selbst auf die Anklagebank bringt. Für Ellul ist die
Unterscheidung zwischen Entwicklung von Technik und ihrer konkreten Anwendung eine
künstliche; für ihn ist Technik per definitionem ihre Anwendung, die Applikation der
technischen Methode (vgl. Ellul 1964: 95).
Ebenfalls von großem Interesse dürfte Ellul für die aktuelle Debatte um BigData sein. Ellul
nimmt bereits wichtige Erkenntnisse vorweg, was die Gefahren einer Datafizierung der

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Gesellschaft anbelangt, nach welchen Mechanismen und Dynamiken sich diese vollzieht und
welche ethischen Dilemmata mit ihr einhergehen. Auch in diesem Falle vertritt Ellul die
Position, dass bereits das Sammeln von Daten keinesfalls getrennt werden kann von der
Nutzung dieser Daten:

Suppose that we have accumulated enormous quantities of facts, have encompassed


the whole reality, and possess the means to follow the mechanism of economic
phenomena and even to a certain degree predict them. Shall this accumulated force,
then, serve no purpose? (Ellul 1964: 170)

Elluls Weitblick ist hier in der Tat verblüffend, wenn man bedenkt, dass er diese Bedenken
bereits vor über 50 Jahren geäußert hat; was seinerzeit noch nach science fiction klang, stellt
heute ein ernstzunehmendes Problem dar, dessen künftiger Einfluss auf die Gesellschaft nicht
leicht vorherzusehen ist. Angenommen gigantische Datensätze berechnen Korrelationen, die
zum Beispiel ökonomisch nur schwer ignoriert werden können – in Bezug auf den
wirtschaftlichen Schaden, die ein solches Ignorieren dieser Korrelationen potentiell
verursachen könnte. Was wäre etwa, wenn jene Akteure, die solche Korrelationen ernst
nehmen und danach handeln ohne Rücksicht auf die ethischen Implikationen, die diese
enthalten, gegenüber anderen Akteuren einen evolutionären Selektionsvorteil besitzen? Wird
es zu rechtfertigen sein, wenn trotz eindeutiger statistischer Warnzeichen nicht interveniert
wurde: „Once the trends of the economy have been recognized and reduced to numerical form,
will it be tolerated that no intervention be undertaken when the catastrophic consequences of
some decision or other have been clearly perceived?“ (Ellul 1964: 170). Aber auch in der
Kriminalitätsstatistik birgt BigData das Potential für wahre ethische Dilemmata; Es sind
ethische Fragen wie diese, welche das unhinterfragte Effizienzstreben ad absurdum führen:

Who can know what future algorithm will find a pattern in your data history, currently
invisible, that will one day subject you to untold hardships? Computers suddenly
figure out that a preference for Pepsi and biracial porn, when cross-indexed by Zip
code and birth weight, makes certain people uninsurable, an enemy of the state, a
potential “psychotic” necessitating psychiatric intervention. (Sconce 2019: 68)

Zuletzt bleibt immer die Möglichkeit offen, diese Bedenken aus einer rein deskriptiven
Position der Objektivität heraus mit dem Stempel des Kulturpessimismus zu versehen und
abzutun; oder sie zu pathologisieren als eine Angst vor dem Unbekannten und der
Veränderung. Man kann sich auf die Kontingenz jeder historischen Situation – einschließlich
jedes Welt- und Menschenbilds – berufen, und darauf, dass mit Phänomenen wie BigData, der

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Ausweitung der Verwertungszone durch informatorische Überwachung (vgl. Heilmann 2015),
zwar bereits ein radikaler Wandel stattfindet, aber dieser objektiv nicht besser oder schlechter
zu bewerten sei als alle anderen – potentiellen und realen – Formen gesellschaftlichen
Zusammenlebens, die es gab, gibt oder geben könnte. – Doch auch die Vorstellung, es gibt
keine Natur des Menschen, ist ein Menschenbild und nicht die Abwesenheit eines
Menschenbilds. Mit Ellul könnte man dagegen einwenden, dass Objektivität – als Ideal und
normativer Imperativ der Technik und der modernen Wissenschaften – nicht die nüchterne
neutrale Beobachterposition – das Nicht-Ergreifen von Partei – ist, sondern selbst das
diskursbestimmende Epistem: das Weltbild der technologischen Gesellschaft, welches alles
Subjektive – welches im Anspruch auftritt, mehr zu sein als bloße Privatmeinung – unter
Generalverdacht stellt. – Tatsächliche Objektivität, könnte man hinzufügen, ist gar nicht
möglich; was als Objektivität bezeichnet und worauf sich berufen wird ist der
Interpretationskonsens bzgl. einer Methode, eines Gegenstands oder Phänomens. Die
Vorstellung, es könnte eine soziologische Theorie geben, welche die Gesellschaft und die
Technik objektiv-adäquat, in extenso abbildet, erscheint fragwürdig; denn hinter jeder Theorie,
jedem Begriff stecken axiomatische Setzungen, Wertungen und die individuelle Intuition
dafür, was einem selbst und der eigenen Peergruppe plausibel erscheint. Aus diesem
Vexierspiel der Perspektiven kann nicht ausgestiegen werden, auch nicht unter der Optik einer
scheinbaren Objektivität oder Kontingenz, was recht einfach dadurch zu beweisen ist, dass
diese Optik der Objektivität und der Kontingenz selbst wiederum als Gegenstände von außen
betrachtet werden können – und die Position, von der aus dies geschieht ebenfalls usw. ad
infinitum.
Fazit dieser Arbeit ist die positive Beantwortung der Forschungsfrage; Ellul – rehabilitiert
vom Vorwurf, er verträte einen starren Technikdeterminismus – erweist sich für mein
Dafürhalten als überaus fruchtbar für aktuelle technikethische Debatten, und darüber hinaus
theoretisch als überraschend kompatibel mit zeitgenössischen techniksoziologischen Ansätzen
wie SCOT oder ANT. Es lohnt sich diesen Denker unter einer anderen Lesart neu zu
entdecken und zu diskutieren – selbst dann, wenn man seine kulturpessimistische Einstellung
nicht zu teilen bereit ist.

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