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Digitaler Minimalismus

Was drin ist für dich: Ein selbstbestimmtes Leben mit neuen Technologien.

Ein kleiner Klick für einen Menschen, aber ein folgenschwerer Schritt für die Menschheit. Kaum
ein technologischer Meilenstein hat unser Leben so sehr verändert wie die Einführung des
„Gefällt mir“-Buttons. Heute gehört die Schaltfläche zusammen mit Push-Nachrichten zu den
wichtigsten Instrumenten der sozialen Medien. Warum? Weil uns diese billige Aktivierung
unseres Belohnungszentrums süchtig macht. Weil die Konzerne unsere Internetsucht schamlos
ausnutzen, um unsere Aufmerksamkeit an zahlungskräftige Marketingabteilungen zu verhökern.

Kein Internet ist natürlich auch keine Lösung. Wie also können wir die digitalen Medien optimal
nutzen und gleichzeitig ihren Einfluss auf unser Leben begrenzen? Mit Strategien wie Cal
Newports digitalem Minimalismus.

Newports Methoden sind mehr als erprobt. Er lud 1600 Freiwillige zu einem gemeinsamen
Experiment ein: einem 30-tägigen digital detox, also einer einmonatigen virtuellen
Entgiftungskur. Die Studie lieferte wertvolle Ergebnisse und praktische Empfehlungen für einen
kritischen Umgang mit neuen Technologien. Diese Blinks zeigen, wie du das Beste aus deinen
smarten Geräten rausholst, ohne den Blick für das Wesentliche im Leben zu verlieren.

Erfahre außerdem,

warum die sozialen Medien die Nachfolger der Tabakindustrie sind,


was du von den technologieskeptischen Amish lernen kannst und
warum deine Aufmerksamkeit wertvoller ist als Rohöl.

Wir verwenden die digitalen Technologien heute nicht im Sinne ihrer Erfinder.

2016 veröffentlichte das New York Magazine einen denkwürdigen Artikel. Darin schilderte der
Journalist Andrew Sullivan, wie ihn das tägliche Bombardement aus digitalen Nachrichten,
Bildern und Meinungen „kaputtgemacht“ hatte. Der Artikel traf auf gewaltige positive Resonanz.

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass auch du die von Sullivan beschriebenen Sucht-Symptome
kennst: den zwanghaften Reiz, alle naselang das Smartphone zu zücken – in Erwartung neuer
Textnachrichten, Mails oder Updates aus den sozialen Medien; die damit einhergehende
Erschöpfung und Überforderung; und die wachsende Unfähigkeit, die analoge Leere zu
ertragen. Wie um alles in der Welt sind wir hier gelandet?

Unsere Bestandsaufnahme beginnt mit einer wichtigen Erkenntnis: Wir verwenden die moderne
Technologie nicht mehr im Sinne ihrer Erfinder. Steve Jobs beschrieb das erste iPhone bei
seiner Vorstellung 2007 als den „besten iPod aller Zeiten“. Das Gerät sollte eine elegante
Kreuzung aus MP3-Spieler und Telefon sein – nicht mehr und nicht weniger. Einem der
beteiligten Entwickler zufolge wollte Jobs sogar erst verhindern, dass das iPhone Apps von
Drittanbietern anbietet.

Ähnliches gilt für Facebook. Das Netzwerk galt bei seinem Launch 2004 als clevere Neuheit –
als praktische Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen – aber nicht als einflussreiche
Nachrichtenquelle oder virtuelles Mekka der ziellosen Zerstreuung.

Will heißen: Als sich die Menschen erstmals iPhones und Facebook ins Leben holten, hatten sie
nicht vor, damit irgendwann unzählige Stunden kostbarer Lebenszeit zu verschwenden. Diese
gefährliche, suchterzeugende Seite der Technologie entfaltete sich erst im Laufe der Jahre. Sie
ist das Produkt der ganz und gar vorsätzlichen Arbeit der Social-Media-Tycoone. Der
Fernsehmoderator Bill Maher bezeichnete Facebook und Co. sogar als die Erben der
Tabakkonzerne, die ihre Produkte bewusst so suchterregend gestalteten wie möglich.

Heute wissen wir, mit welchen Strategien die Technologiefirmen unsere Aufmerksamkeit
erhaschen und dabei das urmenschliche Bedürfnis nach sozialer Bestätigung monetarisieren.
Als Facebook 2009 den „Gefällt mir“-Button einführte, machte die Schaltfläche die
Veröffentlichung persönlicher Informationen zu einer interaktiven Erfahrung. Auf einmal konnte
und wollte man wissen, was andere vom geteilten Inhalt dachten.

Heute reagieren wir wie dressierte Tiere auf die Signaltöne unserer Geräte. Höchste Zeit, etwas
dagegen zu tun.

Digitaler Minimalismus basiert auf der Weisheit, dass weniger mehr ist.

Die klugen Köpfe im Silicon Valley sind also gewillt, aus unseren Schwächen Kapital zu
schlagen. Wenn wir uns dagegen wehren wollen, brauchen wir eine starke Abwehr. Darum
empfiehlt der Autor Cal Newport einen neuen und bewussten Lebensstil für das digitale
Zeitalter: den digitalen Minimalismus.

Es gibt bereits viele vermeintlich schnelle Lösungen gegen die neue Mediensucht. Einer der
häufigsten Tipps lautet, wir sollten einfach die Push-Benachrichtigungen unserer Smartphones
deaktivieren. Aber für Newport liegt das Problem tiefer. Ein Verfasser besagter Tipps berichtet,
er habe die Push-Funktionen von sage und schreibe 112 Anwendungen deaktiviert. Da stellt
sich doch die Frage, ob man überhaupt so viele Apps auf seinem Smartphone braucht.

Genau hier kommt der digitale Minimalismus ins Spiel. Der Name ist eine bewusste Anspielung
auf den minimalistischen Lebensstil, der von Ratgebern wie Marie Kondo propagiert wird. Die
japanische Bestsellerautorin hat unzähligen Menschen geholfen, ihre Lebensqualität durch die
radikale Reduzierung ihrer Besitztümer zu steigern. Newport überträgt diesen Ansatz auf den
Umgang mit digitalen Medien. Er empfiehlt dir, mit folgender Frage zu beginnen: Wird mein
Leben durch diese Website, App oder Dienstleistung wirklich besser?
Aber der digitale Minimalismus geht noch einen Schritt weiter. Er hält dich an, den Nutzen der
Technologie gegen ihre Kosten abzuwägen. Frage dich ehrlich, wie viel Zeit und Energie du in
einen Service investierst und was du im Gegenzug bekommst. Versuche dann, dieses
Kosten-Nutzen-Verhältnis zu optimieren.

Angenommen die Nutzung von Twitter kommt dir beruflich zugute, verleitet dich aber auch
immer wieder zu frustrierender Zeitverschwendung. Das kannst du ändern, indem du die
Verwendung an klare Regeln knüpfst. Lege ganz genau fest, wann du die Plattform zu welchem
Zweck für wie lange nutzt.

Oder du machst es gleich wie einer der 1600 Freiwilligen von Cal Newports Experiment zum
digitalen Minimalismus, Tyler. Er nutzte mehrere soziale Medien, weil er Freundschaften
pflegen, Kontakte knüpfen und sich unterhalten lassen wollte. Doch Newports Experiment
zeigte ihm, dass der Zeitaufwand für die sozialen Medien unverhältnismäßig größer war als der
Nutzen. Tyler beschloss, alle seine Social-Media-Accounts zu löschen.

Ein Jahr später war er noch immer begeistert über die positive Veränderung. Er trieb mehr
Sport, las mehr Bücher, engagierte sich ehrenamtlich und lernte ein Musikinstrument. Er hatte
mehr Zeit für Freunde und Familie und arbeitete konzentrierter. Er kannte noch immer viele
Menschen, die nicht auf soziale Medien verzichten wollten, aber er selbst war glücklicher ohne
die Zeitfresser.

Der digitalen Minimalismus basiert auf zwei wissenschaftlichen Erkenntnissen und der
Technologieskepsis der Amish.

Was genau verbirgt sich also hinter Newports Konzept des digitalen Minimalismus? Nun, er fußt
zunächst auf drei Kernprinzipien: Gerümpel ist kostspielig, Optimierung ist wichtig und
Absichtlichkeit ist befriedigend.

Das erste Prinzip bezieht sich auf den Begriff der Neuen Ökonomie, den der US-amerikanische
Philosoph Henry David Thoreau in seinem 1854 erschienenen Buch Walden prägte. Im
Gegensatz zur klassischen Wirtschaftstheorie bemisst Thoreaus Neue Ökonomie den Wert
einer Sache nicht an seinem wirtschaftlichen Ertrag, sondern an den erforderlichen
Lebenskosten.

Stell dir vor, du willst ein Auto kaufen, um nicht länger in die Stadt zu laufen. Dann würde dich
Thoreau daran erinnern, dass sich der Aufwand für das Auto nicht allein durch seinen Kaufpreis
ergibt, sondern auch durch die Zeit und Energie, die du brauchst, um das Geld zu verdienen
und das Auto instand zu halten. So stellst du womöglich fest, dass die Kosten des Autos ganz
und gar im Missverhältnis zum gesunden Nutzen des Fußwegs stehen.

Mit derselben Akribie solltest du auch deine Mediennutzung hinterfragen. Welche Vorteile bietet
dir die Technologie zu welchem Preis? Und könntest du diese Aufgaben nicht auch auf andere
Weise erfüllen?
Das zweite Prinzip – Optimierung ist wichtig – beruht auf dem sogenannten Gesetz des
abnehmenden Ertrags und erklärt, warum neue Anschaffungen irgendwann nicht mehr zu
besseren Ergebnissen führen. Angenommen du produzierst Autos. Dann helfen dir
Neueinstellungen anfangs, deine Produktivität zu steigern. Aber irgendwann ist die
Fertigungsstraße dicht. Dann produzierst du plötzlich wieder langsamer, weil sich die Monteure
gegenseitig auf die Füße treten.

Übertragen auf deine tägliche Informationsbeschaffung wäre der Schritt von null auf zwei neue
Nachrichtenquellen eine enorme Verbesserung. Wenn du aber täglich diverse
Social-Media-Feeds durchkämmst, verkommt die Angelegenheit zur Sisyphusarbeit. Statt
Neues hinzuzufügen, solltest du lieber deine vorhandenen Tools optimieren. Über die App
Instapaper zum Beispiel kannst du im Laufe der Woche interessante Inhalte sammeln und
werbefrei am Wochenende lesen.

Für das dritte Prinzip – Absichtlichkeit ist befriedigend – lohnt sich der Blick auf die
Glaubensgemeinschaft der Amish in den USA. Sie übernehmen nämlich nicht blind jede neue
Technologie, sondern prüfen sie vorher ganz genau. Der Auswahlprozess ist denkbar simpel:
Wenn eine neue Technologie nicht mit ihren Werten von Gemeinschaft und Familie vereinbar
ist, wird sie verboten. Heißt also: Wird eine neue Technologie übernommen, dann mit der
größtmöglichen Absichtlichkeit.

Die Entscheidungen der Amish sind wertegeleitet. Das kannst du dir durchaus abgucken. Frage
dich also bei jeder Neuanschaffung ehrlich, ob sie deine Werte und Ziele wirklich fördert – oder
ob du ohne sie womöglich besser dran bist.

Die digitale Entrümpelung hilft dir, nur noch absolut notwendige Anwendungen zu
nutzen.

Wenn dich der Grundgedanke des digitalen Minimalismus überzeugt, bist du bereit für den
nächsten Schritt: eine 30-tägige digitale Entrümpelung. Das ist keine bloße Detox-Kur, weil der
Begriff der Entgiftung impliziert, dass du hinterher zu deinen antrainierten Verhaltensmustern
zurückkehrst. Bei der Entrümpelung hingegen machst du tabula rasa und brichst mit
ungesunden Mustern.

Der erste Schritt des Programms ist einfach und radikal zugleich: Verbanne 30 Tage lang alle
nicht-essenziellen Technologien aus deinem Leben. Also alles, was du nicht unbedingt für die
Arbeit oder die Bewältigung deines Alltags brauchst.

Es kann sein, dass du dich anfangs darüber erschreckst, wie viele Suchtgewohnheiten du
bereits entwickelt hast. Aber keine Sorge: Die meisten Teilnehmer von Newports Experiment
dachten schon nach kurzer Zeit nicht mehr an all die Apps, die sie sonst reflexartig öffneten.
Mach dir bewusst, dass du herausfinden willst, welche Medien für dich wirklich lebenswichtig
sind. Da musst du zwischen Bequemlichkeit und Notwendigkeit unterscheiden! Vielleicht
machst du dir Sorgen, dass gewisse Freundschaften zu Bruch gehen, wenn du bei Facebook
austrittst. Doch die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass diese Beziehungen eine ganz neue
Qualität bekommen, wenn ihr wieder öfter telefoniert oder euch im echten Leben trefft.

Als nächstes solltest du tiefer in dich gehen, Newport nennt diesen Schritt Introspektion. Welche
Werte und Interessen sind dir wichtig? Was liegt dir außerhalb des Internets am Herzen? Diese
Reflexion hilft dir, die Stille und Leere zu füllen, die anfangs durch den Verzicht entsteht.

Im Anschluss an diese 30 Tage beginnt eine Phase der sorgsam durchdachten


Re-Medialisierung. Stell dir vor der Nutzung jedweder Art von Technologie die folgenden drei
Fragen. Hilft mir diese Technologie bei etwas, das mir wirklich wichtig ist? Falls ja, gehst du zur
zweiten Frage über:

Ist die Nutzung dieser Technologie der beste Weg, diese Werte oder Ziele zu verfolgen?
Instagram mag dir dabei helfen, mit entfernt lebenden Freunden oder Verwandten Kontakt zu
halten. Aber euer Austausch wird vermutlich viel gehaltvoller, wenn ihr euch einmal pro Woche
zu einem Skype-Anruf verabredet. Tatsächlich stellen die meisten digitalen Minimalisten fest,
dass die sozialen Medien keiner dieser beiden Fragen standhalten.

Falls eine Technologie doch besteht, ist es Zeit für die letzte Frage: Wie kann ich den Nutzen
dieses Tools maximieren und dabei gleichzeitig seinen Schaden begrenzen? Eine digitale
Minimalistin entscheidet nicht einfach, etwas ganz oder gar nicht zu tun. Wenn sie Twitter nutzt,
dann nicht auf ihrem Smartphone, sondern nur zu bestimmten Zeiten und ausschließlich zur
Vernetzung mit wichtigen Kontakten.

Wir müssen wieder lernen, allein zu sein.

Das Problem mit den meisten Lifehacks ist, dass sie keinen nachhaltigen Wandel
hervorbringen. Mit etwas Glück spornen sie dich an, dir ein neues und gesundes Hobby
zuzulegen. Aber wir alle wissen, wie schnell wir bei den ersten Hürden in alte Bequemlichkeiten
zurückfallen. Darum hilft dir der digitale Minimalismus mit konkreten Übungen, dein Leben
nachhaltig zu verändern.

Gemeint sind analoge Tätigkeiten, die uns jenes Gefühl von Erfüllung und Sinnhaftigkeit
bescheren, die wir bei den meisten digitalen Aktivitäten vermissen. Die erste Übung besteht in
der Rückeroberung eines der rarsten und wertvollsten Güter unserer Zeit: des Alleinseins.

Wenn du vor 1985 geboren wurdest, hast du vermutlich klare Erinnerungen an ein Leben ohne
Smartphone. Aber spätestens die Jahrgänge ab 1995 sind quasi mit diesem Gerät
aufgewachsen und verbringen heute durchschnittlich neun Stunden täglich vor einem
Bildschirm. Der renommierte Generationenforscher Jean Twenge bezeichnet diese Generation
daher als iGen und bescheinigt ihr einen alarmierenden Anstieg von diversen psychologischen
Problemen: Depressionen, Suizid, Heimweh, Essstörungen und vor allem Angststörungen.

All das hat vermutlich mit einem weiteren Phänomen zu tun: dem Verlust der Einsamkeit. Die
iGen verbringt schlichtweg zu wenig Zeit abseits des Bildschirms, hält es kaum noch ohne
Dauerberieselung aus. Dabei ist gerade dieses Alleinsein so wichtig für die Verarbeitung von
Emotionen, die Reflexion zwischenmenschlicher Beziehungen und das Gespür für die
wesentlichen Dinge des Lebens. Ganz zu schweigen davon, dass das Gehirn auch einfach mal
eine Pause braucht.

Die gute Nachricht ist, dass diese Einsamkeit einfach zu finden ist – sogar in einem vollen Café
oder Bahn-Waggon, solange du dich mit nichts und niemandem befasst als deinen Gedanken.

Probiere doch einfach mal Folgendes aus: Wenn du das nächste Mal aus dem Haus gehst, lass
dein Telefon zu Hause. Wer sich an die Zeit vor dem Smartphone erinnert, weiß, dass das
weder verrückt noch gefährlich ist. Und falls du wirklich Angst vor Notfällen hast, vergrabe das
Ding irgendwo tief und schwer erreichbar in deinem Rucksack oder Handschuhfach.

Lange Spaziergänge sind eine weitere Möglichkeit, das Alleinsein zu kultivieren. Die Vorzüge
des gemütlichen Flanierens oder beherzten Wanderns wurden von etlichen großen Denkern
beschworen. Wir hörten bereits von Henry Thoreau, aber auch Rimbaud, Rousseau und
Nietzsche fanden einige ihrer besten Ideen beim Spazieren. Da scheint also etwas dran zu sein
– solange du Ohrstöpsel und Bildschirm daheim lässt.

Feste Zeiten für Gespräche und Begegnungen wirken der wachsenden Einsamkeit
entgegen.

Das menschliche Gehirn hat sich über Jahrtausende hinweg zu einem hochkomplexen
neuronalen Denkapparat entwickelt. Es befähigt uns zu einer Vielzahl an emotionalen
Reaktionen, die weit über die Palette der Emojis und Hashtags hinausgeht. Da sollte es uns
nicht wundern, dass das American Journal of Preventive Medicine zu folgender Erkenntnis
kommt: Je mehr Zeit du in den sozialen Medien verbringst, desto wahrscheinlicher fühlst du
dich irgendwann einsam.

Daraus leitet sich dann auch der nächste Schritt in unserer digitalen Entrümpelung ab: Wenn du
das nächste Mal in sozialen Medien unterwegs bist, klicke nicht auf Gefällt mir.

Am besten verzichtest du komplett auf jede Art von Likes und oberflächliche Kommentare wie
„so cool“ oder „lieb ich“. Machen wir uns doch nichts vor: Solche Beiträge sind weder Ausdruck
gehaltvoller Interaktion noch annähernd adäquater Ersatz für echte verbale Konversationen.
Lass die Veröffentlichungen deiner Freunde unkommentiert und bewahre deine Gedanken für
jene Anlässe, für die unser Belohungszentrum wirklich gemacht ist: ein entspanntes
Telefongespräch oder eine Begegnung im echten Leben.
Du hast Angst, deine Freunde könnten deine Stille falsch interpretieren? Dann teile ihnen
einfach mit, dass du dich von dieser Art der Interaktion zurückziehst. Beruhige dich mit der
Gewissheit, dass ein gutes Gespräch, ein spontaner Besuch oder ein gemeinsames Essen
tausendmal wertvoller sind als hundert Likes. Denn genau so sieht es aus: Weniger soziale
Medien führen zu einem glücklicheren Sozialleben. Du hast einfach viel mehr Zeit und Antrieb,
dich wirklich mit anderen zu treffen und zu unterhalten.

Dasselbe gilt für Textnachrichten und E-Mails. Ein richtiger Telefonanruf befriedigt deine
sozialen Bedürfnisse mehr als jede noch so hohe Zahl an Emojis. Natürlich sind
Kurznachrichten praktisch, wenn du zu spät zu einem Meeting kommst oder eine schnelle Info
wie eine Adresse oder Telefonnummer benötigst. Aber wenn sie zu deinem standardmäßigen
Kommunikationsmittel werden, läufst du große Gefahr, zu vereinsamen.

Sinnvolle Strategien gegen diese Entwicklung stammen unter anderem aus dem Silicon Valley
selbst. Cal Newport zitiert einen Manager, der sich feste Zeiten für gehaltvolle Konversationen
gesetzt hat. Heute wissen seine Freunde, dass sie ihn täglich zuverlässig ab 17:30 Uhr
erreichen können. Das ist ein effektiver Weg zur Vermeidung zeitaufwendiger Schriftwechsel an
viel zu kleinen Tastaturen.

Und das lässt sich auch auf Begegnungen übertragen. Du kannst deinen Freunden sagen, dass
sie dich jeden Samstag ab 11 Uhr vormittags in deinem Lieblingscafé finden. Am Ende ist egal,
was du tust – solange dabei ein echtes Gespräch herauskommt. Du wirst froh sein, dass du dir
die Mühe gemacht hast.

Lebensqualität kommt durch hochwertige Muße und strenge Regeln für anspruchslose
Aktivitäten.

Das Nichtstun wird heute oft negativ konnotiert, dabei ist Muße so wichtig für ein gesundes und
erfülltes Leben. Schon Aristoteles hielt sie für eine der Grundvoraussetzungen guter
Lebensführung. Der Mensch brauche Zeit, um die Dinge zu betrachten – und zwar zu keinem
anderen Zweck als der Freude an der Betrachtung selbst.

Newport beschreibt solche Aktivitäten als hochwertige Muße und unterscheidet sie klar von der
minderwertigen Muße der exzessiven digitalen Zerstreuung. Das wesentliche Ziel des digitalen
Minimalismus besteht darin, mehr Raum für hochwertige Muße zu schaffen und die Zeit für
minderwertige Muße zu begrenzen.

Aber was genau charakterisiert nun diese hochwertigen Aktivitäten? Für Newport sind es
gerade die anspruchsvollen Hobbys, die uns die größte Erfüllung bescheren. Der einflussreiche
britische Schriftsteller Arnold Bennett brachte es im frühen 20. Jahrhundert auf folgende Formel:
Je mehr Energie du in eine Freizeitaktivität steckst, desto zufriedener und lebendiger wirst du
dich hinterher fühlen.
Nehmen wir beispielsweise die handwerkliche Arbeit. Der Tischler Gary Rogowski findet seine
Arbeit so beglückend, dass er gleich ein ganzes Buch mit dem Namen Handmade darüber
schrieb. Er stellt die These auf, dass wir ein natürliches Bedürfnis nach körperlicher
Ertüchtigung haben – und das dieses Bedürfnis durch stundeslanges Rumwischen auf dem
Handybildschirm mit Sicherheit nicht gestillt werden kann.

Darum fordert uns der digitale Minimalismus auf, die Dinge im wahrsten Sinne des Wortes in die
Hand zu nehmen. Und dabei kann uns die Technologie eine Hilfe sein. Die gigantische Anzahl
an YouTube-Tutorials macht es dir möglich, an einem einzigen Wochenende dein eigenes
Massivholz-Regal zu bauen oder zumindest die Grundlagen der Hobbytischlerei zu erlernen.

Eine weitere Übung besteht darin, dir Ziele für deine Freizeitaktivitäten zu setzen. Du kannst dir
beispielsweise vornehmen, in drei Wochen die Gitarrenakkorde für fünf Beatles-Songs zu
lernen. Solche Fristen sind ein bewährtes Mittel, um deinen hochwertigen Hobbys Schwung zu
verleihen.

Aber Achtung: Du solltest die minderwertige Muße nicht von heute auf morgen aus deinem
Alltag streichen. Denn ein solcher kalter Entzug erhöht das Risiko, in einer schwachen Phase in
alte und bequeme Verhaltensmuster zurückzufallen.

Plane stattdessen feste Zeiten ein, in denen du dir anspruchslose Zerstreuung gönnst – zum
Beispiel abends oder am Wochenende. Den Rest deiner Freizeit reservierst du für
anspruchsvolle Aktivitäten. Du wirst dich ausgeglichener und zufriedener fühlen und dich immer
weniger nach digitaler Ablenkung sehnen.

Wir müssen unsere Geräte downgraden und zu Einzweckgeräten umfunktionieren.

Die Zahl der Smartphone-Süchtigen und Social-Media-Nutzer steigt weltweit weiter. Da wirken
die Gedanken des digitalen Minimalismus vermutlich ungewöhnlich oder gar extrem. Doch in
Wirklichkeit ist der Gedanke der digitalen Entrümpelung Teil einer wachsenden globalen
Bewegung, die sich als Attention Resistance bezeichnet.

Ziel ist der Widerstand gegen die führenden Technologiekonzerne, die im ständigen Wettstreit
um unserer Aufmerksamkeit stehen. Firmen wie Facebook verdienen ihr Geld auf erschreckend
ähnliche Weise wie die Boulevardblätter des 19. Jahrhunderts: Sie binden die Aufmerksamkeit
eines breiten Publikums und verkaufen sie als Werbefläche an große Anzeigenkunden. Je mehr
Menschen sie anziehen und je länger sie deren Aufmerksamkeit binden, desto mehr Geld
erhalten die Tech-Firmen.

Die Aufmerksamkeit der Menschen ist ein knappes Gut und inzwischen sogar wertvoller als Öl.
Google war 2018 satte 800 Milliarden Dollar wert, Facebook 500 Milliarden. Der Marktwert des
US-Mineralölkonzerns ExxonMobile lag dagegen „nur“ bei 370 Milliarden Dollar.
Es geht also um unfassbar viel Geld. Da wundert es nicht, dass den Protagonisten der
Aufmerksamkeitsökonomie so gut wie jedes Mittel recht ist, um uns von dem abzulenken, was
wirklich zählt. Und genau das erklärt, warum sich weltweit immer mehr Menschen gegen diese
Manipulation zur Wehr setzen.

Eine der vielen wirksamen Methoden der Attention Resistance besteht darin, die eigenen
Geräte nicht smarter, sondern wieder dümmer zu machen. Wenn du heute jemanden mit einem
Klapphandy aus der Zeit um die Jahrtausendwende siehst, ist er also mit hoher
Wahrscheinlichkeit Teil des Widerstands.

Eine weitere Methode zielt darauf ab, unsere Computer wieder zu Einzweckgeräten zu machen,
ähnlich den ersten PCs und Macs. Dabei helfen beliebte Anwendungen wie die
Blocking-Software Freedom, der die britische Autorin Zadie Smith in der Widmung ihres 2012
veröffentlichten Bestsellers NW sogar namentlich dankte.

Sicher hält es so mancher Fortschrittsgläubige für ketzerisch, wenn wir unsere modernen
Geräte drosseln, als wollten wir sie leistungsschwächer machen. Dabei hat die Entscheidung,
jeweils nur ein Programm zu nutzen, rein gar nichts mit technischer Leistungsstärke zu tun. Im
Gegenteil: Du machst deinen Computer sogar wieder leistungsstärker, weil du produktiver
arbeitest, wenn du dich auf eine Aufgabe konzentrierst.

Wir halten fest: Die Chefstrategen im Silicon Valley haben viele Ressourcen, um dir deine
Aufmerksamkeit und Lebenszeit zu stehlen. Aber es regt sich Widerstand. Neue Philosophien
wie der digitale Minimalismus helfen dir, deine geistige Autonomie zu schützen und deinen
Fokus auf das zu lenken, was zählt.

Zusammenfassung

Die Kernaussage dieser Blinks ist:

Der digitale Minimalismus ist eine Lebensphilosophie, die auf zwei besorgniserregende
Entwicklungen reagiert: Zum einen versuchen die Technologie-Konzerne, ihre Produkte so
suchterregend wie möglich zu gestalten, um aus dem Ausverkauf unserer Aufmerksamkeit
Kapital zu schlagen. Zum anderen zeigen Statistiken, dass die ständige Nutzung digitaler
Medien sich zunehmend schädlich auf unsere Gesundheit auswirkt. Umso wichtiger ist es, dass
wir anfangen, unser Verhältnis zu diesen Produkten zu hinterfragen, und bewusst und kritisch
mit den Innovationen des Internetzeitalters umgehen.

Auf dem Weg zur digitalen Entrümpelung kannst du viele Dinge ausprobieren: Geh doch mal
wieder spazieren und lass dein Handy dabei zu Hause. Verabrede dich mit Freunden, anstatt
oberflächliche Smileys rumzuschicken. Und widme deine freie Zeit der hochwertigen Muße, die
dich wirklich fordert, anstatt deine Zeit mit sinnloser Zerstreuung zu verschwenden.

Was du konkret umsetzen kannst:


Lösche alle Social-Media-Apps auf deinem Smartphone.

Wir haben gesehen, dass die sozialen Medien nur selten den Kosten-Nutzen-Test bestehen.
Für die meisten digitalen Minimalisten stiften sie einfach mehr Schaden als Nutzen. Solltest du
aber trotzdem einen guten Grund für ein Profil in den sozialen Medien haben, dann lösche die
Apps wenigstens von deinem Smartphone. Gewöhne dir an, sie nur noch über den Browser auf
deinem PC oder Laptop zu nutzen. Der eingeschränkte Zugang führt schon nach kurzer Zeit zu
einer spürbaren Steigerung deiner Lebensqualität – und lässt dir Zeit für hochwertige Muße und
anspruchsvolle Hobbys.

Hat dir das geholfen?

Was sind deine Erfahrungen mit den Folgen der steigenden Internetnutzung? Kannst du etwas
mit diesen Blinks anfangen? Wir sind gespannt und freuen uns zu hören, wie dir unsere Blinks
gefallen! Schreib einfach eine E-Mail an remember@blinkist.com mit Digitaler Minimalismus als
Betreff und teile deine Gedanken mit uns.

Zum Weiterlesen: Konzentriert arbeiten von Cal Newport

Cal Newport beschäftigt sich seit Längerem mit den negativen Nebeneffekten moderner
Technologien. Sein vorheriges Buch Konzentriert arbeiten (2017) widmet sich dem Phänomen,
dass uns die Medien oft nicht effizienter, sondern sogar noch unproduktiver machen. Diese
Blinks sind die perfekte Anschluss-Lektüre: Sie zeigen dir, wie du deine Tools kontrollierst, statt
dich von ihnen bestimmen zu lassen, um dich in einer Welt voller Ablenkungen auf das
Wesentliche zu konzentrieren.