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Ich bin OK. Du bist OK.

Das Gehirn ist wie ein Tonbandgerät, das alle unsere Erinnerungen und Gefühle aufzeichnet.

Hast du schon einmal eine geliebte Person im Schlaf reden hören? Wir tun das nächtliche Gemurmel gerne als sinn-
oder zusammenhangslos ab, aber in Wirklichkeit ist es die phonetische Begleitung einer echten Erinnerung.
Träumende erleben dann nämlich erneut ein bestimmtes Ereignis aus ihrem Leben, als hätte jemand das Band ihrer
Erinnerung an jene Stelle zurückgespult und auf „Play“ gedrückt.

Diese verblüffende Erkenntnis stammt von dem kanadischen Neurochirurgen Wilder Penfield, der 1951 Patienten mit
einer besonderen Form von Epilepsie behandelte. Er nutzte die chirurgischen Eingriffe an ihrem Kopf für ein
besonderes Experiment: Dabei verwendete er eine galvanische Sonde, um bestimmte Areale der Großhirnrinde mit
schwachen Stromstößen zu reizen. Die Patienten waren aber nur lokal betäubt und daher in der Lage, ihre
Reaktionen auf die Stimuli zu beschreiben.

Und wenn Penfield einen bestimmten Punkt auf der Großhirnrinde reizte, gaben die Patienten jedes Mal vermeintlich
willkürliche Kommentare von sich: Sie beschrieben Gesprächsfetzen oder den Klang der Melodie einer bestimmten
Fernsehwerbung. So stellte sich heraus, dass die elektrische Reizung der Hirnareale detaillierte Erinnerungen aus
der Vergangenheit aktivierte.

Die Probanden konnten sowohl die Worte der Dialoge wiedergeben als auch die Melodien der Werbejingles
mitsummen – und zwar immer nur solange, wie der Strom durch die Sonde floss. Es schien, als wäre das Gehirn wie
ein Ton- und Videoband, das alle Erinnerungen des Lebens aufgezeichnet hatte und diese mit dem richtigen Gerät in
HD-Qualität reproduzieren konnte.

Noch beeindruckender war, dass die Patienten die Erinnerung nicht nur erneut vor sich sahen, sondern sie erneut
durchlebten – und dabei auch alle mit ihr verknüpften Gefühle wieder empfanden. Penfield unterschied daher
zwischen Wiedererleben und Wiedererinnern. Die Patienten erinnerten sich nicht: Sie erlebten die Erinnerung wieder.

Dann erkannte Penfield, dass sich das Video- und Tonband in unserem Gehirn offenbar auch durch alltägliche Reize
wie Geräusche oder Gerüche reaktivieren lässt. So beschrieb eine Patientin, dass sie auf der Straße zufällig hörte,
wie Musik aus einem Geschäft drang. Die paar Takte reichten, um sie völlig abrupt in tiefe Traurigkeit zu stürzen.
Gemeinsam mit Penfield fand sie schließlich heraus, dass es die Melodie eines Liedes war, die ihre Mutter früher auf
dem Klavier gespielt hatte. Diese wiederum war verstorben, als die Patientin gerade fünf Jahre alt war.

Was also schließen wir daraus? Unser Gehirn speichert alle unsere Erinnerungen und die mit ihnen verknüpften
Emotionen – und externe Reize können das Wiedererleben dieser Erinnerungen völlig willkürlich aktivieren. Aber es
gibt eine Möglichkeit, sich dieser Verknüpfung bewusst zu werden, um die teilweise überwältigenden Gefühle zu
verstehen.

Die Transaktionsanalyse hilft bei der Vermittlung der drei Teile einer jeden Persönlichkeit.

Bei dem Begriff „multiple Persönlichkeit“ denken wir heute intuitiv an eine psychologische Störung. Aber dem 1970
verstorbenen Psychiater Eric Berne zufolge trägt jeder Mensch mindestens drei verschiedene Persönlichkeitsanteile
in sich: das Kindheits-Ich, das Eltern-Ich und das Erwachsenen-Ich.

Berne begann bereits in den 1950er-Jahren, Parallelen zwischen den Verhaltensmustern seiner Patienten zu
erkennen. So behandelte er Männer, die tagsüber als erfolgreiche Anwälte auftraten, sich aber in den
Therapiesitzungen wie wütend weinende Kleinkinder gebärdeten.

Aber zu derart widersprüchlichem Verhalten neigen wir alle. Ein Kind kann innerhalb von Sekunden die Fassung
verlieren, wenn ihm ein Spielzeug kaputt oder ein Wunsch verwehrt wird. Und eine sonst stets gefasste Erwachsene
mutiert zu einem hysterischen Nervenbündel, wenn ihr Unternehmen bankrottgeht.

Berne führte diese plötzlichen Gefühls- und Sinneswandlungen auf den Widerstreit zwischen unseren zuvor
genannten Persönlichkeitsanteilen zurück. Und diese definierte er wie folgt:

Das Kindheits-Ich ist das Ergebnis all der ungefilterten Erfahrungen, die wir als kleine und hilflose Kinder gemacht
haben.
Das Eltern-Ich ist das Ergebnis all der Erinnerungen, die durch die Überzeugungen und Regeln von Eltern und
anderen Autoritätspersonen geprägt wurden.
Und das Erwachsenen-Ich ist unser heutiges, rationales Selbst, das grundsätzlich die Fähigkeit besitzt, durch
zielführende Lösungsvorschläge zwischen den beiden ersten Persönlichkeitsanteilen zu vermitteln.
Wie gesagt: grundsätzlich. Denn zum einen können wir relativ einfach beobachten, welcher Teil unserer
Persönlichkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt dominiert. Zum anderen gehen viele unserer alltäglichen Probleme
darauf zurück, dass wir nicht kontrollieren können, wann wir uns vom rationalen Erwachsenen in ein
gefühlsgesteuertes Kind verwandeln.

So entwickelte Eric Berne die Transaktionsanalyse, um die Interaktion zwischen unseren drei Persönlichkeitsanteilen
zu untersuchen. Die Transaktion war für Berne die „Grundeinheit aller sozialen Verbindungen“ – also letztlich das,
was bei sozialer Interaktion zwischen zwei Persönlichkeiten passiert. Und im Laufe dieser Blinks werden wir sehen,
wie die Psychologie versucht, mithilfe der Transaktionsanalyse zwischen Kindheits-Ich, Eltern-Ich und Erwachsenen-
Ich zu vermitteln.

Früheste Kindheitserinnerungen können Gefühle wie Unsicherheit und Unzulänglichkeit schüren.

Was sind deine frühesten Kindheitserinnerungen? Wie weit reichen sie in die Vergangenheit zurück? Die meisten von
uns können sich kaum oder gar nicht an ihre ersten zwei Lebensjahre erinnern. Das heißt aber nicht, dass sie unser
Leben nicht nachhaltig geprägt haben.

Denken wir noch einmal an den ersten Blink und Penfields wichtige Unterscheidung zwischen bewusster
Wiedererinnerung und unbewusstem Wiedererleben. Viele unserer psychologischen Konflikte entstehen, indem wir
uns im Alltag durch einen bestimmten Reiz unbewusst an eine bestimmte Erfahrung erinnern, die mit ihr verknüpften
Gefühle erneut fühlen und somit urplötzlich in andere Verhaltensmuster fallen.

Die Erfahrung aus der Transaktionsanalyse zeigt, dass es sich bei diesen unbewussten Wiedererlebnissen durchaus
um früheste Kindheitserfahrungen handeln kann, auch wenn – oder gerade weil – wir sie nicht bewusst erinnern. Und
oft sind diese frühen Kindheitserinnerungen mit zwei Emotionen verbunden: einem Gefühl der Unsicherheit sowie
dem Gefühl, dass alle anderen Menschen emotional gefestigter sind als wir selbst. Aber warum?

Die Traumdeutung liefert mögliche Antworten. Eine von Harris’ Patientinnen träumte immer wieder, sie sei als
winziges Staubkorn im Kosmos von gigantischen Objekten umgeben. Der Traum wurde jedes Mal von einem
erdrückenden Gefühl der Hilflosigkeit und Enge begleitet.

Mithilfe der Psychoanalyse erinnerte sich die Patientin daran, dass sich ihre Mutter exzessiv um die Ernährung ihrer
Kinder gesorgt hatte. Und der Traum war höchstwahrscheinlich das emotionale Echo der Erfahrung, als Säugling
trotz gestillten Hungers weiter an die Brust der Mutter gedrückt zu werden.

Solche Erfahrungen aus unserer Zeit als hilflose Kinder schreiben sich tief in unser unbewusstes Gedächtnis ein. Sie
erinnern uns an das Gefühl, den Erwartungen unserer Bezugspersonen nicht zu entsprechen, und nähren in uns bis
heute den Eindruck, nicht „o.k.“ zu sein.

Diese frühkindlichen Erfahrungen lassen sich allerdings nicht vermeiden, denn die Hilflosigkeit ist essenzieller Teil
des Geboren-Werdens. Schließlich werden wir völlig unerwartet aus der warmen Geborgenheit des Mutterleibs in die
kalte Ungewissheit der Welt gerissen. Auf dieses traumatische Erlebnis folgt aber die Erfahrung, in den schützenden
Armen unserer Eltern eine neue Form von Sicherheit zu finden.

Dadurch entwickeln wir jedoch die nachhaltige Überzeugung, unsere ureigene Unsicherheit nur mithilfe der Stärke
und Selbstständigkeit anderer Menschen überwinden zu können. Allerdings lassen sich diese Muster durchbrechen.
Und wie das funktioniert, erfährst du im nächsten Blink.

Alte und ungesunde Verhaltensmuster lassen sich überwinden.

Ein Satz wie „Du hörst dich an wie dein Vater!“ kann in einer Liebesbeziehung zu bösem Streit führen. Doch egal wie
sehr du dir als Kind das Gegenteil vornimmst: Früher oder später ertappst auch du dich höchstwahrscheinlich bei
Denk- oder Verhaltensmustern, die eindeutig von deinen Eltern stammen.

Warum aber ist das so? Wir alle werden in unserem Denken und Handeln von unserem Kindheits- und Eltern-Ich
bestimmt.

So trägt das Eltern-Ich in dir die mitunter strengen Benimmregeln mit sich, die in jeder Familie von Generation zu
Generation vermittelt werden. Dein Kindheits-Ich lebt somit in ständiger Angst vor den potenziellen Folgen seines
Verhaltens.

Nun stell dir vor, du lebtest als weißer Mann in den USA der 1960er-Jahre – also in der Zeit der ersten
antirassistischen Bürgerrechtsbewegungen, in der der Autor Thomas Harris behandelte und forschte. Wenn du in
einer vorwiegend weißen Gegend wohntest, hätte man dich damals wohl erstmals zur Unterzeichnung einer Petition
gegen das diskriminierende Wohnrecht der USA aufgefordert, das zur Entstehung urbaner Ghettos führte.

Als weißen Mann würde dich diese Entscheidung vor ein schweres Dilemma stellen. Denn dein Eltern-Ich trüge
möglicherweise die rassistischen Überzeugungen deiner Verwandten in sich, die du mit der Unterzeichnung der
Petition verraten würdest. Dann hätte das Kind in dir so große Angst vor möglichen sozialen Sanktionen, dass du die
Bürgerrechtler nicht unterstützt.

Du erkennst das Problem: Diese Entscheidung wäre nicht frei. Sie wäre nicht das Ergebnis sachlicher,
eigenständiger Reflexion. Und genau hier kommt dein innerer Erwachsener ins Spiel.

Das Erwachsenen-Ich hinterfragt nämlich deine instinktiven Reaktionen. Es ermutigt dich, jenseits vorgefertigter
Überzeugungen nach neuen Informationen zum Thema zu suchen. Im Falle der Petition könnte dich dein
Erwachsenen-Ich dazu bringen, dich aktiv mit der Situation deiner afroamerikanischen Mitbürger zu befassen und
dich schließlich informiert zu entscheiden.
Dein innerer Erwachsener ist also der Persönlichkeitsanteil in dir, der Veränderung, Wachstum und Fortschritt
ermöglicht. Aber dafür musst du zunächst dein Kindheits- und dein Eltern-Ich bändigen.

Wir können lernen, die typischen Muster unserer Persönlichkeitsanteile zu erkennen.

Kinder erschließen sich die Welt durch Beobachtung. Dazu gehört auch, dass wir von klein auf lernen, von der Mimik
und Gestik unserer Mitmenschen auf deren Gefühle zu schließen. Und genau diese Fähigkeit ist eine wichtige
Grundvoraussetzung für die Arbeit mit der Transaktionsanalyse.

Wie gesagt: Um zwischen deinen inneren Persönlichkeitsanteilen zu vermitteln, musst du erkennen, wann das
Kindheits-Ich, das Eltern-Ich oder das Erwachsenen-Ich in dir dominiert. Gewöhne dir also an, auf die
körpersprachlichen Signale zu achten, die mit ihren Verhaltensmustern korrespondieren.

Nehmen wir an, jemand spricht mit der Stimme seines Eltern-Ichs. Dann legt er höchstwahrscheinlich die Stirn in
Falten und runzelt die Brauen, er presst die Lippen zusammen und deutet mit erhobenem Zeigefinger auf jemanden
oder etwas. Das Eltern-Ich wird außerdem häufig seufzen, Laute des Erschreckens und der Empörung äußern, die
Zunge schnalzen oder die Arme verschränken.

Eine der extremsten und eindeutigsten Gesten des Eltern-Ichs ist allerdings das Kopf-Tätscheln. Diese
herablassende Geste reserviert es meist für Menschen, denen es sich überlegen fühlt. Häufig verweist die dadurch
ausgedrückte Überheblichkeit auch auf gewisse Vorurteile gegenüber dem Getätschelten.

Das innere Kind verrät sich indessen oft durch unkontrollierte Wutausbrüche, rollende Augen, einen Schmollmund
und eine weinerliche Stimmlage. Das Kindheits-Ich neckt andere, kaut an seinen Fingernägeln, neigt zur Ungeduld
und Überreaktion und steigert sich in Wein- oder Lachanfälle hinein.

Die Körpersprache des inneren Erwachsenen ist hingegen schwerer zu lesen. Sie lässt sich sogar am ehesten durch
die Abwesenheit der extremen Verhaltensmuster von Kindheits- und Eltern-Ich erkennen. Das heißt aber nicht, dass
sein Gesicht ausdruckslos ist. Mimik und Gestik sind moderat statt manisch. Außerdem lässt der innere Erwachsene
hin und wieder Raum für die natürliche Freude und Begeisterungsfähigkeit des inneren Kindes.

Du wirst möglicherweise nicht alle, aber viele dieser typischen Muster und Signale von dir selbst kennen. Und nun,
da du für deine Persönlichkeitsanteile sensibilisiert bist, kannst du dich mit ihrer Interaktion befassen.

Unsere drei Persönlichkeitsanteile können einander trüben und ausschließen.

Das Sprichwort „Drei sind einer zu viel“ lässt sich oft auch auf unsere Persönlichkeitsanteile anwenden. Denn das
Kind, das Elternteil und der Erwachsene in dir kommen nicht immer gut miteinander aus.

Probleme bereitet das vor allem dann, wenn das Kindheits- oder Eltern-Ich das besonnene, reflektierte Verhalten des
Erwachsenen-Ichs stören.

In der Transaktionsanalyse bezeichnet man diese Störung als Trübung, weil der betroffene Persönlichkeitsanteil
durch die Interferenz an Kontur verliert und nicht mehr voll funktionieren kann. Wir erinnern uns an das Beispiel aus
dem vorherigen Blink: Die tradierten Überzeugungen des Eltern-Ichs können die Unvoreingenommenheit des
Erwachsenen-Ichs trüben und so zu Vorurteilen gegenüber anderen Menschen führen.

Stell dir vor, deine Familie hätte dich zu dem Glauben erzogen, Armut sei das Ergebnis von Faulheit. Diese
Überzeugung könnte dein Weltbild bis heute trüben. Vielleicht hast du als Kind sogar Zweifel an dieser Denkweise
geäußert, wurdest dafür aber gerügt und immer wieder ermahnt, deine Zeit nicht mit Faulenzern und Taugenichtsen
zu verschwenden.

Bei so viel elterlicher Sturheit hättest du vermutlich irgendwann aufgegeben und die Vorurteile deiner Eltern
übernommen. Dann könnte man dir heute als Erwachsener noch so rational erklären, dass die Gründe für Armut
komplexer sind und manche Menschen in unserer Gesellschaft systematisch benachteiligt werden – die Argumente
würden nicht zu dir durchdringen. Dann bestünde der einzige Weg zur mentalen Läuterung darin, deinen inneren
Erwachsenen bewusst zur Emanzipation zu ermutigen. Dein Erwachsenen-Ich müsste lernen, dass es nun reif und
stark genug ist, die Glaubenssätze des Eltern-Ichs zu hinterfragen.

Weitere Konflikte entstehen, wenn sich die Persönlichkeitsanteile gegenseitig ausschließen. Kennst du auch
Workaholics, die sich selten Zeit für Muße und Familie nehmen? Solche Verhaltensmuster sind oft das Ergebnis
einer strengen und autoritären Erziehung, die auf Glaubenssätzen basiert wie „Kinder sollen sichtbar, aber nicht
hörbar sein“. Das kann dazu führen, dass das strenge Eltern-Ich die verspielten Seiten des Kindheits-Ichs chronisch
unterdrückt.

Im Idealfall befinden sich die Persönlichkeitsanteile in einem gesunden und harmonischen Gleichgewicht, in dem das
Kindheits-Ich Freiraum hat, doch auch seine Grenzen kennt. Was aber passiert, wenn das innere Kind zu viel Macht
hat? Der nächste Blink zeigt es dir.

Unser inneres Kind neigt zu Spielen, die ihm Gefühle der Überlegenheit und Bestätigung verschaffen.
Kinder lieben Spiele – egal, ob „Mensch-ärgere-dich-nicht“ oder Verstecken. Und dieser natürliche Spieltrieb ist
wichtig und bis ins Erwachsenenalter Voraussetzung für Arglosigkeit und Leichtgang. Doch manchmal neigt unser
inneres Kind zu einer ungesunden Art von Spielen: den berüchtigten Psycho-Spielen.

Bei solchen psychologischen Machtspielchen geht es dem Kindheits-Ich letztlich stets darum, sich gegenüber
anderen Menschen überlegen zu fühlen. Das kann schon bei Kleinkindern losgehen, die ständig darauf bestehen,
dass ihre Spielzeuge besser und cooler sind als die der anderen. Dieselbe Tendenz verleitet auch erwachsene
Menschen dazu, andere zu drangsalieren oder abzuwerten.

In Wirklichkeit verbirgt sich dahinter aber die Unsicherheit unseres inneren Kindes. Wir erinnern uns an die Gefühle
der Unterlegenheit und Abhängigkeit, die es seit seiner Geburt mit sich herumträgt. Und wenn ein Mensch nicht lernt,
mit diesen Urgefühlen umzugehen, neigt das Kindheits-Ich dazu, sich durch Psycho- und Machtspiele falsche
Selbstsicherheit und Genugtuung zu verschaffen – auch wenn diese Gefühle nicht nachhaltig sind.

Das erklärt auch, warum Gruppen in Konfliktsituationen häufig einen einzelnen Sündenbock suchen. Die
Schuldprojektion erlaubt es der restlichen Gruppe, sich überlegen zu fühlen und ihre Selbstzweifel zu verdrängen.

Genauso kann es passieren, dass sich das innere Kind in die Opferrolle flüchtet, um Zuneigung und Mitleid zu
erfahren. Das kann dann dazu führen, dass erwachsene Menschen um Hilfe bitten, insgeheim aber alle validen
Lösungsvorschläge sabotieren.

Stell dir vor, eine Freundin ist unzufrieden mit ihrem Job. Du rätst ihr zu einem offenen Gespräch mit ihrer
Vorgesetzten, aber sie blockt sofort ab. Ihr inneres Kind redet ihr nämlich ein: „Das bringt nichts, meine Chefin wird
mich wie immer ignorieren.“ Empfiehlst du ihr daher, nach einer neuen Stelle zu suchen, findet das Kindheits-Ich
deiner Bekannten erneut pauschale Ausflüchte. Sie habe keine Zeit für die Suche und der Arbeitsmarkt sei ohnehin
völlig überlaufen.

In Wirklichkeit möchte ihr Kindheits-Ich ihre bequeme Opferrolle nämlich gar nicht verlassen. Dann muss das Ziel
darin bestehen, die Freundin bei der Kommunikation mit ihrem inneren Kind zu unterstützen. Eine
Transaktionsanalyse würde ihr helfen, ihre kindlichen Gefühle der Unsicherheit und Unzulänglichkeit anzuerkennen.
Dadurch fühlt sich ihr inneres Kind von einem Eltern-Ich verstanden und umsorgt – entweder von dir als Freundin,
einem Therapeuten oder gar dem Eltern-Ich der Freundin selbst.

Letztlich geht es stets darum, dass wir lernen, uns „o.k.“ zu fühlen. Und wie das funktioniert, erfährst du im letzten
Blink.

Damit du dich „o.k.“ fühlen kannst, muss dein innerer Erwachsener die Verantwortung übernehmen.

Die meisten Menschen gelangen irgendwann in ihrem Leben an einen Punkt, an dem alles hoffnungslos erscheint.
Dann tendieren wir zu Resignation und Fatalismus und glauben, die Dinge würden niemals leichter werden.
Allerdings müssen wir oft nur einen Schritt zurücktreten und die Perspektive wechseln, um zu erkennen, dass es für
nahezu alles eine Lösung gibt.

Ähnliches gilt für das Ziel, sich mit sich selbst im Reinen zu fühlen und sagen zu können: „Ich bin o.k.!“ Hier müssen
wir als Erstes die Denkmuster unserer Persönlichkeitsanteile erkennen, um uns im nächsten Schritt von ihnen zu
lösen.

Nehmen wir an, du musst eine wichtige Karriereentscheidung treffen und verstehst nicht, was dich zurückhält. Der
Blick auf dein inneres Eltern-Ich könnte offenlegen, dass du mit dem latenten Druck erzogen wurdest, einen
„respektablen“ Beruf zu erlernen und Ärztin oder Anwalt zu werden.

Das kann zu einer Berufswahl führen, die dich weder erfüllt noch glücklich macht. Aber dein Kindheits-Ich hat zu
große Angst, dein Eltern-Ich zu enttäuschen. Was ist nun der erste Schritt, solche Muster zu überwinden? Du musst
sie anerkennen. Mach dir dann bewusst, dass du alt und stark genug bist, dich von der Stimme und Bestätigung
früherer Autoritätspersonen zu lösen.

Das hilft deinem Kindheits-Ich, die Angst vor möglichen Sanktionen des Eltern-Ichs zu überwinden und die
Verantwortung an dein Erwachsenen-Ich zu übergeben. Und dein Erwachsenen-Ich kann endlich Entscheidungen
treffen, die seinen wahren Wünschen entsprechen.

Wenn dir das gelingt, stellst du außerdem fest, dass dein innerer Erwachsener gut darin ist, Situationen zu bewerten
und durch bedachte Handlungen positive Ergebnisse herbeizuführen.

Wir alle wollen schließlich Entscheidungen treffen, die unsere eigene Persönlichkeit widerspiegeln – und nicht das,
was andere Menschen von uns denken. Und ein wichtiger Schritt in diese Richtung besteht darin, in uns zu gehen
und uns mit den Überzeugungen und Ängsten unserer Persönlichkeitsanteile zu befassen. Sobald wir damit
anfangen, können wir Stück für Stück die Kontrolle übernehmen.

Zwar ist es einfach, in der Opferrolle zu verharren und zu denken: „Ich bin nicht o.k.!“ Aber wenn du dich deinem
Kindheits- und Eltern-Ich stellst, wirst du spüren, dass auch du ein Leben in Liebe und Selbstbestimmung verdient
hast.
Zusammenfassung

Die Kernaussage dieser Blinks ist:

Wir alle kommen als hilflose Neugeborene mit Gefühlen der Unsicherheit und Abhängigkeit zur Welt. Wenn wir
dieses Trauma aber nicht überwinden, bleibt in uns der Gedanke, „nicht o.k.“ zu sein, während alle anderen
Menschen um uns herum „o.k.“ sind. Doch mit Techniken wie der Transaktionsanalyse können wir uns von den
Überzeugungen unseres Kindheits- und Eltern-Ichs verabschieden. Und so kann der Persönlichkeitsanteil des
Erwachsenen-Ichs die Kontrolle übernehmen, neue und unvoreingenommene Erfahrungen machen und schließlich
erkennen: „Ich bin o.k.“

Was du konkret umsetzen kannst:

Hinterfrage deine Gedanken.

Wenn du das nächste Mal negative Gedanken hast, frage dich, wie realistisch sie wirklich sind. Nutze dafür das
Konzept der drei Persönlichkeitsanteile. Sagt deine innere Stimme etwa: „Ich bin so faul und unproduktiv!“, dann
überprüfe, ob du diese Sichtweise nicht unbemerkt von einem Elternteil oder einer Autoritätsperson übernommen
hast. Oder ob deine Lethargie eine Strategie deines inneren Kindes ist, dich vor unbekannten Gefahren zu schützen.
Versuche somit, Stück für Stück deinem Erwachsenen-Ich mehr Raum zu lassen, damit es deine Handlungen und
Fähigkeiten rationaler und realistischer einschätzen kann.

Hast du Feedback?

Wir sind gespannt und freuen uns zu hören, wie dir unsere Blinks gefallen! Schreib einfach eine E-Mail an
remember@blinkist.com mit dem Titel Ich bin o.k. Du bist o.k. als Betreff und teile deine Gedanken mit uns.

Zum Weiterlesen: Frieden schließen mit dem Kind in uns von Michael Mary

Du willst mehr darüber erfahren, wie du mit den Sorgen und Ängsten deines inneren Kindes umgehst? Dann sind
diese Blinks die ideale Anschlusslektüre. Sie erklären ausführlich, wie du die ungesunden Überzeugungen deines
Kindheits-Ichs erkennst und lernst, sie durch liebevolle Zuwendung zu überwinden.