Sie sind auf Seite 1von 1

KONTINUITÄT UND WANDEL IM WERK

KRZYSZTOF PENDERECKIS

Leopold Brauneiss

Krzysztof Penderecki feiert am 23. November seinen 60. Geburtstag. 1933 in Debica/Polen ge-
boren, studierte er bei Arthur Malawski am Krakauer Konservatorium und gewann 1959 mit drei
«wegweisenden Kompositionen („Strophen, „Emanationen" und „Psalmen Davids") jeweils den
ersten Preis bei einem anonym ausgetragenen Wettbewerb In Polen. Im gleichen Jahr machte er
beim „Warschauer Herbst" auf sich aufmerksam. Seine Kompositionen wie „Anaklasis", „Thre-
nos für die Opfer von Hiroshima", „Dies irae" (im Gedenken an die Opfer von Auschwitz) und
seine Lukas-Passion bestimmten nachhaltig das kompositorische Schaffen polnischer wie deut-
scher Komponisten in den sechziger Jahren. Seine Opern wie „Die Teufel von Loudun", „Para-
dise Lost", „Die schwarze Maske" und schließlich „Ubu Rex" sind Spiegelbilder des europäi-
schen musikdramatischen Schaffens im postseriellen Zeitalter. Pendereckis kompositorischer
und künstlerischer Weg ist von Brüchen geprägt, die oftmals als „Schritt zurück in romantische
Attitüden, in Strukturen aus Pathos und schlichter Empfindung" gedeutet werden. Von jeher
operierte Penderecki mit Gegensätzen innerhalb künstlerischer Entwicklungslinien, die seiner
Idee vom „befreiten Klang" ebenso Rechnung trugen wie seinem strukturellen Aufgreifen und
Adaptieren tradierter formaler Schemata und Genres.

Krzysztof Penderecki ist ein gleichermaßen erfolgreicher wie umstrittener Komponist. Der
bereits nach dem Erfolg der 1966 uraufgeführten Lukaspassion einsetzende Vorwurf eines
ästhetischen Populismus, der Zweifel, ob Penderecki „nur weiterhin das schreibt, was der
Markt von ihm verlang"', erhielt neue Nahrung mit der sich im Violinkonzert (1976/77) und
der Sacra Rappresentazione „Paradise Lost" (1976/78) erstmals abzeichnenden Wende
zu einem sogenannten „neuen Stil". Auf diese kurzerhand zu einem Bruch mit früheren
Impulsen^ erklärte kompositorische Entwicklung wurde wiederholt in Zusammenhang mit
postmodernen Phänomenen im Bereich der Musikgeschichte verwiesen^ Ihre ein-
gehendere Untersuchung verspricht daher Aufschlüsse nicht nur über personalstilisti-
sche Konstanten und Variablen, sondern auch über die konkrete Ausprägung eines
musikästhetischen Wandels, den Hermann Danuser in Zusammenhang mit Penderecki
als „Erschöpfung des Avantgardekonzepts"" beschrieb. Der folgende Artikel versteht
sich in diesem Sinne sowohl als Beitrag zur musikalischen Postmoderne-Diskussion wie
als Versuch einer kritischen Bewertung des Pendereckischen CEuvres.

Einbeziehung von Dreiklängen


Das „Lacrimosa" entstand 1980 als Auftragswerk der Gewerkschaft Solidarnosc zur Ent-
hüllung eines Ehrenmals zum Gedenken an die Opfer des Danziger Arbeiteraufstands
1970. Die extreme Einfachheit und Plakativität der Textur wird hinlänglich durch diese in
exemplarischer Weise nationales Denken und katholische Tradition verschränkenden Um-
stände der Uraufführung erklärt. Die Tatsache, daß Penderecki das kurze Stück ebenso
wie das etwas jüngere „Agnus Del" (1981) in das in den übrigen Teilen wesentlich kom-
plexer organisierte „Polnische Requiem" eingefügt hat sowie Parallelen zu einem weite-
ren Hauptwerk dieser Periode, dem „Te Deum" (1979/80), verbieten es aber, das „Lacri-
mosa" als ein nicht signifikantes Gelegenheitswerk abzutun.
Das Stück beginnt wie das Violinkonzert mit dem repetierten und im „Lacrimosa" auch
rhythmisierten Einzelton F, der In T. 3 in einen Halteton der Blechbläser übergeht. Die in
die Quint zurückfallende kleine Sext von T. 3 wird durch die unmittelbare Wiederholung
im folgenden Takt zu einem prägnanten Motiv, das beim Aufgreifen durch den Sopran
(auf das Wort „Lacrimosa") zudem mit einer plagalen Kadenz in f-moll ausharmonisiert
wird (Notenbeispiel 1).

530