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Charles Sanders Peirce

Von der Klarheit unserer Gedanken


und Eine neue Liste der Kategorien

mit dem Beitrag


Evolution des Bewusstseins
Edwina Taborsky

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We may define the real as that whose characters are independent of what
anybody may think them to be
Charles S. Peirce

aus dem Amerikanischen übersetzt und herausgegeben von


Alienne Laval, Magistra PhD
copyright 2003/2020

Alienne Laval

Von der Klarheit der Abduktion


“All thought is in signs”
C.S. Peirce

Die drei in diesem Band vorliegenden Arbeiten umspannen einen Zeitraum von über 100
Jahren logischer und semiotischer Forschung und bieten nicht nur dem neugierigen Laien,
dem philosophie- und logikinteressierten Entscheidungsträger und dem Studenten eine gute
Möglichkeit zum Einstieg in diese komplexe Thematik, sondern präsentieren auch dem
Experten einen Extrakt der Semiotik Peirces und ihrer Entstehung. Peirces Semiotik wird von
seinen logischen Grundüberlegegungen („Von der Klarheit unserer Gedanken“ 1878)
ausgehend über den frühen Entwurf einer Kategorienlehre („Eine neue Liste der Kategorien“
1868) bis hin zu aktuellen Anwendungen und ihren Implikationen (Edwina Taborsky
„Evolution des Bewusstseins“ 2000) vorgestellt und nachvollziehbar, wie sie in dieser Form
wohl erstmalig im deutschen Sprachraum vorliegt.
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Die wesentlichen Beiträge Charles Sanders Peirce’ zur Philosophie und Logik des 20.
Jahrhunderts sind sicherlich seine Leistungen als Begründer der Denkrichtung des
„Pragmatismus“, seine Entdeckung einer dritten Form des logischen Schließens, der
„Abduktion“ (s.u.) und sein Entwurf einer Semiotik, der ihn, gemeinsam mit Ferdinand de
Saussure, zum Initiator der modernen Semiotik macht.

Charles Sanders Santiago Peirce (+1914) wurde 1839 in Cambridge, Massachusets, als Sohn
des Mathematikers und Astronomen Benjamin Peirce (1809-1880) geboren. Benjamin Peirce
lehrte und forschte in Harvard und war der bedeutendste amerikanische Mathematiker seiner
Zeit. Charles S. Peirce selbst studierte in Harvard und an der Lawrence Scientific School, die
er mit den Graden M.A. und B.S. (in Chemie, summa cum laude) abschloss. Er war ein
Universalgelehrter alter Schule und forschte in verschieden Naturwissenschaften ebenso, wie
auf dem Gebiet der Logik und Philosophie. Als Astronom am Harvard Observatorium leistete
er Pionierarbeit, war aber insbesondere als Physiker für das United States Coast and Geodetic
Survey tätig.

Ab 1864 hielt er in Harvard und am Lowell Institute in Boston Vorlesungen über Logik,
publizierte mathematische und naturwissenschaftliche Arbeiten und ab 1866 Schriften zu
Philosophie und Logik. Trotz seiner bedeutenden Beiträge erhielt er lediglich einmal in
seinem Leben, von 1879 – 1884, eine halbe Dozentenstelle an der John-Hopkins Universität
in Baltimore und wurde Zeit seines Lebens nicht auf einen Lehrstuhl berufen.

Der erste der beiden hier erneut herausgegebenen und übersetzten Aufsätze „Von der
Klarheit unserer Gedanken“ ist einer – wohl der wesentliche – einer Folge von sechs
Aufsätzen, die Peirce zwischen 1877 und 1878 für das Magazin „Popular Science Monthly“
verfasste.
Er entwickelt hier seine Doubtbelief-Theorie des Forschens, wobei er das Verhältnis von
Zweifel (doubt) , Überzeugung (belief) und Forschen (inquiry) untersucht. Er geht dabei recht
witzig vor und spart während der Argumentation auch nicht mit zynischen Seitenhieben
gegen angebliche Logiker.
Die Überzeugung kristallisiert Peirce als durch logisches Schließen Erreichtes heraus,
bezeichnet aber den Glauben, welcher der nicht durch Logik erreichbare Ausgangspunkt
seiner Argumentation ist, ebenfalls als „belief“. Schon Immanuel Kant unterschied jedoch in
seiner „Kritik der reinen Vernunft“ den zufälligen Glauben vom pragmatischen Glauben:

„Ich nenne dergleichen zufälligen Glauben, der aber dem wirklichen Gebrauche zugrunde
liegt, den pragmatischen Glauben.“

Da Peirce seine Theorie in Anlehnung an diesen Satz Kants formulierte und benannte, ist es
konsequent und berechtigt, nur dort das Wort „Überzeugung“ zu verwenden, wo Peirce
tatsächlich auch „pragmatischen Glauben“ im Sinne Kants meinte. Um dem Leser den
Zugang zur Struktur und der Evolution der Argumentation Peirces zu erleichtern, wurde im
Text also ausschließlich das durch logisches Schließen Erreichte mit „Überzeugung“
übersetzt.

Ebenso verhält es sich mit den Begriffen „Zweifel“, „Störung“ und „Reiz“. Sicherlich, die
Doubtbelief-Theorie des Forschens setzt den Zweifel, der ja wiederum Resultat einer
vorhergehenden Überzeugung ist, voraus. Am Anfang jedweden Forschens – z.B. beim
Übergang vom Glauben zur Logik – kann es aber keinen Zweifel gegeben haben, da dieser
erst dem logischen Denken inherent sein kann. Das, was da zunächst erfahren wurde und am
Glauben störte, war eine „Störung“. Die Störung und der Versuch ihrer Beseitigung ist der
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Ausgangspunkt des logischen Schließens, das dann in eine begründete Überzeugung mündet,
die schließlich zu „Zweifeln“ führen kann. Der Zweifel ist also eine Störung auf höherem
bzw. hohem Niveau.

Beide - Störung und Zweifel - sind nach Peirce daher zunächst einmal „Störungen“ und somit
unbefriedigende Zustände, aus denen wir uns zu befreien trachten, um Überzeugung zu
erlangen. Die Überzeugung zeigt sich nach Peirce als eine neue Verhaltensregel (habit of
behavior) und befähigt ein Lebewesen dazu, unter bestimmten Gegebenheiten ein bestimmtes
Ergebnis zu erreichen. Wohlgemerkt: ein Lebewesen. Ein Lebewesen „untersucht“ zwar seine
„Umgebung“, forscht aber nicht in menschlichem Sinne und kennt daher nur die Störung,
nicht aber den Zweifel. Und doch muss Peirce an dieser frühen Stelle ansetzen, um seine
Theorie logisch und genetisch plausibel herzuleiten.

Der „Glaube“, der dann in der speziell humanen Evolution entsteht, stellt nach Peirce
sozusagen einen Bruch mit den Anfängen logischer Überwindungen und logischer
„Überzeugungen“ dar, deren Ansätze sich bereits im Tierreich finden.

Peirce war keineswegs damit einverstanden, dass sein Ansatz zur Grundsteinlegung
psychologischer oder behavioristischer Gedankengebäude herhalten sollte, obwohl der
Pragmatismus gerade durch die Pragmatiker der zweiten Generation, deren bekannteste
Vertreter, William James und John Dewey, einen psychologischen bzw. behavioristischen
Pragmatismus vertraten, populär wurde. Dass diese Entwicklungen nicht der ursprünglichen
Intention Peirce’ entsprachen, lässt sich daran ersehen, dass er seine Lehre rasch in
„Pragmatizismus“ umtaufte.

Wenn Peirce also Begriffe wie „Verhalten“ oder „Reiz“ benutzte, so wollte er sie keinswegs
behavioristisch verstanden wissen. Wie dann? Sein Ausgangspunkt war nicht der „Fall“ oder
das „Ergebnis“ der Deduktion oder Induktion konstruierter Experimente oder gar der im 20.
Jahrhundert durch Burhus F. Skinner et al. bekannt gewordenen „black boxes“, in denen
Tauben nach überoptimalen Nahrungsattrappen pickten und dann ein der künstlichen
Umgebung angemessenes „unnatürliches“ Verhalten erlernten. Peirces Reiz wurde vielmehr
durch die Störungen ausgelöst, denen ein sich „frei“ bewegendes Lebewesen begegnet. Alles
andere hätte für Peirce auch gar keinen Aussagewert gehabt. Fazit: pragmatisches Verhalten
lässt sich nicht konditionieren oder erzwingen, sondern muss in freier „Wildbahn“ eingesehen
und erlernt werden. Nur so kann es sich beweisen, zur Überzeugung werden und sich im
Laufe der Zeit allgemein durchsetzen. Peirce kann also ohne Unterschlagung seiner eigenen
Position nicht als Vater des modernen Behaviorismus herhalten.

Im Vorgriff auf seine spätere Semiotik könnte man überspitzt formulieren: der Urheber des
Versuchsaufbaues, der Experimentator, der Kontrolleur im behavioristischen Sinne, der
Reizauslöser oder der spätere „Zeichenproduzent“ spielen in Peirces Theorien nur eine
marginale Rolle, weil sie nicht nur Störungen dedu- oder induzieren, sondern selbst welche
sind, die es zu überwinden gilt. Das kontrollierte Lebewesen passt sich also nicht an die
Labor-Situation an, sondern versucht, den Experimentator pragmatisch zu überwinden. Für
Peirce gibt es daher in erster Linie den Zeichenempfänger mit seinen Möglichkeiten der
Erkenntnis der Störung/des Zweifels und damit der Überwindung des Produzenten.

Besonders deutlich wird dieser Anspruch anhand der Abduktion, einer von Peirce gefundenen
dritten Form des logischen Schließens, die er als Ergänzung zu Induktion und Deduktion sah.
Die drei Methoden lassen sich anhand von Beispielen erläutern:

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1. Deduktion (Tautologie)
Fall: Diese Bohnen sind aus diesem Sack
Regel: Alle Bohnen in diesem Sack sind weiß
Ergebnis: Diese Bohnen sind weiß

2. Induktion (Verallgemeinerung)
Ergebnis: Diese Bohnen sind weiß
Fall: Diese Bohnen sind aus diesem Sack
Regel: Alle Bohnen in dem Sack sind weiß

3. Abduktion (Hypothese / Diagnose)


Regel: Diese Bohnen sind weiß
Ergebnis: Alle Bohnen in diesem Sack sind weiß
Fall: Diese Bohnen sind aus diesem Sack

Konsequent beschränkt Peirce die Gültigkeit der Abduktion nicht auf die wissenschaftliche
Hypothesenbildung, sondern erweitert sie auf die Aktivitäten von Lebewesen schlechthin. Für
ihn gilt die Abduktion, die „erklärende Hypothese“, als grundlegender Schlussmodus, der
nicht nur in den Wissenschaften Anwendung findet, sondern der eigentliche Grundmodus
logischen Schließens überhaupt ist. Während bei der Deduktion der Schluss tautologisch
vorgegeben ist, ist der abduktive Schluss, ähnlich dem induktiven, nur wahrscheinlich. Er
dient der Erweiterung der Erkenntnis, weil er neue Ideen hervorbringt und dadurch neue
Konzepte – also Verhaltensweisen - ermöglicht.

Der behavioristische Pragmatismus kommt über die beiden ersten Formen des Schlusses nicht
hinaus. Das übelste Beispiel bzw. Modell behavioristischen Forschens, die bereits erwähnte
„black box“, ist ein deduktiv funktionierender Apparat , wo vom Fall (die isolierte Taube in
der Box), über die Regel (ihr Verhalten unter den Laborbedingungen) auf das Ergebnis (alle
Tauben sind so) geschlossen wird.

Der zweite der hier herausgegeben Aufsätze, „Eine neue Liste der Kategorien“, ist Peirces
frühe Studie einer damals noch zu entwerfenden Semiotik, die - ähnlich der Mathematik -
eines Tages die Funktion einer Fundamental- oder Metawissenschaft würde erfüllen können.
Auf der Basis logischer Ableitungen stellt er den Entwurf seiner triadischen Kategorienlehre
vor, die dann von grundlegender Bedeutung für die Semiotik wurde.

Es ist interessant anzumerken, dass Peirce Zeit seines Lebens ein religiöser Mensch war, der
zahlreiche Vorträge und Essays zur Religionsphilosophie verfasste. Doch anders als Georg
Cantor, einem zeitgenössischen Gottsucher, der Gott als mathematisches Integral aller
möglichen Mengen entdecken wollte, suchte Peirce „seinen“ Gott als „Geist der Wahrheit“ in
der Communitas, verstanden als der Gemeinschaft aller Forschenden. Nicht ein
mathematisch-referenzloses Abstraktum, ein primordialer Zeichenproduzent oder ein
Kontrolleur im behavioristischen Sinne konnte ihm Gott sein, sondern erst nach ihrer und der
„semiotisch-logischen“, der semio-logischen Überwindung aller Störungen und Zweifel durch
Überzeugung, könnte sich der wahre Gott als „Geist der Wahrheit“ auch tatsächlich zeigen.

Diese Utopie Peirces ist oft genug falsch verstanden und missinterpretiert worden, denn er
meinte keinswegs eine von irgendeiner Macht eingesetzte oder eine selbsternannte Elite, die
sich per Setzung, Deklaration oder Konsens zur Gemeinschaft der Forschenden aufschwingt
und Missliebige ausschließt, sondern eine, die sich im freien Prozess des Forschens von selbst
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ergibt. Er geht darüber sogar noch hinaus, denn er meinte im Grunde die Ganzheit der nach
Wahrheit strebenden und evolvierenden Gemeinschaft allen Lebens, aller Lebensformen
dieses Planeten, die im Menschen ihren bislang letzten Ausdruck fand.

Edwina Taborsky, deren Arbeit „Evolution des Bewusstseins“ den dritten und abschließenden
Beitrag der vorliegenden Publikation bildet, hat seine Utopie sehr treffend auf den Punkt
gebracht:

„Wenn wir über Bewußtsein nachdenken, ist dann das individuelle Bewußtsein jenes
Bewußtsein, das wir gemeinhin mit unserer menschlichen Identität assoziieren? Oder ist es
nicht vielmehr so, wie Peirce über das Bewußtsein sagte: “Es sind wir, die an seiner
Oberfläche treiben und wir gehören ihm mehr, als daß es uns gehört” (7.558)... Deshalb ist
das soziokonzeptuelle Bewußtsein eine notwendige Ebene für die Existenz des deskriptiven
Selbstbewußtseins der biologischen Ebene und des sinnlichen, primären Bewußtseins der
physikalisch-chemischen Ebene. Sie alle sind Teil des Geistes, der Zeit, der Evolution.“

Die Semiotikerin und Anthropologin Edwina Taborsky zählt zu den weltweit führenden
Theoretikern der Peirceschen Semiotik, die sie maßgeblich weiterentwickelt hat. Ihr
Forschungsgebiet umfasst Bereiche von der Informationstheorie bis hin zu Prozessen
kognitiver Dynamik, die sie als 'Semiotics' oder 'Semiosis' versteht. Hierbei untersucht sie vor
allem, wie ungeformte “Energie” in geformte oder informierte Materie transformiert wird.
Diese Forschungen umfassen alle Gebiete unserer Realität, vom physisch-chemischen über
das biologische bis hin zum soziokonzeptuellen.
Der hier veröffentlichte Beitrag, „Evolution des Bewusstseins“, rundet den vorliegenden Band
ab, indem er den Kreis von den logischen Grundüberlegungen Peirces bis hin zu modernen
Interpretationen und Anwendungen seines logisch-semiotischen Konzeptes von Erstheit,
Zweitheit und Drittheit schließt, das sich im Kern bereits in seinem Entwurf einer „Liste der
Kategorien“ andeutet.

Bystrina, Ivan; Bentele, Günter


Semiotik, Stuttgart 1978

Hödl, Hans Gerald


Peirce, Charles Sanders Santiago, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Band
VII. 1994

James, William
Pragmatismus, Leipzig 1908

Krampen, Martin et al. (eds.)


Klassiker der modernen Semiotik, Berlin 1981

Kunzmann, Peter; Burkard Franz-Peter; Franz Wiedmann


dtv-Atlas zur zur Philosophie, München 1991

Nagl, Ludwig
Pragmatismus, Frankfurt/M. / N.Y. 1998
Nöth, Winfried
Handbuch der Semiotik, Stuttgart/Weimar 2000

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Oehler, Klaus
Idee und Grundriss der Peirceschen Semiotik, in: Krampen et al. (eds.) 1981

Peirce, Charles Sanders


Collected Papers, London/Cambridge Mass. 1960-1966

The Essential Peirce, Bloomington/Indianapolis 1992-1998

Religionsphilosophische Schriften, Hamburg 1995

Taborsky, Edwina
Architectonics of Semiosis, New York 1998

The Textual Society, Toronto 1997

Walther, Elisabeth
Charles Sanders Peirce: Leben und Werk, Baden-Baden 1989
(mit umfassender Bibliographie)

Charles S. Peirce

Von der Klarheit unserer Gedanken


I
Wer sich schon einmal eine Abhandlung über allgemeine Logik vorgenommen hat, der wird
sich sicherlich an die Unterscheidung zwischen klaren und unklaren, exakten und konfusen
Konzepten erinnern. Diese Unterscheidung wird seit gut und gerne zweihundert Jahren
ungeprüft und unverändert von Autor zu Autor, von Buch zu Buch, weitergegeben und von
den Logikern als einer der Edelsteine ihrer Lehre angesehen.
Ein klarer Gedanke wird dabei dadurch definiert, dass er schlüssig ist und somit
unmissverständlich als socher erkannt werden kann. Wenn es an dieser Klarheit fehlt, dann
wird der Gedanke unklar genannt.
Obwohl wir es hier mit einem überaus gelungenen Stück philosophischer Terminologie zu tun
haben, wünschte ich mir dennoch, die Logiker hätten ihre Definition einfacher formuliert,
denn schließlich geht es doch um Klarheit, die hier definiert werden soll. Ihre Auffassung von
Klarheit impliziert nämlich Fehlschlüsse, da sie vorgibt, unter allen Umständen entscheiden
zu können, was denn klar sei, in welch abstruser Gestalt eine Idee auch immer daher kommen
möge. Dies jedoch würde einen derartig klaren und kraftvollen Intellekt erfordern, wie er sich
in dieser Welt nur selten findet. Außerdem scheint mir die bloße Vorgabe einer intimen
Vertrautheit mit einer Idee kaum als ausreichend, um die Bezeichnung „Klarheit des
Begreifens“ zu rechtfertigen. Das Ganze läuft letztlich auf nichts anderes als ein subjektives
Machtgefühl hinaus, das zu gravierenden Missverständnissen führen kann. Ich gehe jedenfalls
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davon aus, dass die Logiker, wenn sie von ‚Klarheit’ sprechen, nichts anderes meinen als
genau diese Vertautheit mit einer Idee. Die Qualität der ‚Klarheit’ alleine schätzen sie nur
gering, da ihr eine weitere Qualität, die der ‚Exaktheit’, zugesellt werden muss.
Eine exakte Idee wird als eine solche definiert, die nichts enthält, was nicht klar ist. So die
fachsprachliche Ausdrucksweise. Als Inhalte begreifen die Logiker all das, was diese
Definition enthält. D.h., dass eine Idee nach ihnen dann als exakt begriffen wird, wenn wir sie
– abstrakt ausgedrückt - präzise definieren können. An dieser Stelle verlassen die
professionellen Logiker den Gegenstand, und ich hätte den Leser nicht mit ihren Elaboraten
belästigt, wenn diese nicht ein schlagendes Beispiel dafür wären, wie sie Jahrhunderte
intellektueller Aktivität im Dornröschenschlaf verpassten. Achtlos ließen sie die
Errungenschaften des modernen Denkens an sich vorüberziehen und träumten nicht einmal
davon, ihre Lektionen auf eine Verbesserung der Logik hin anzuwenden. Es ist leicht
nachzuweisen, dass die Doktrin, gewohnheitsmäßiger Gebrauch und abstrakte Exaktheit
seien identisch mit vollkommenem Begreifen, ihren einzig rechtmäßigen Platz in jenen
Philosophien findet, die längst das Zeitliche gesegnet haben. Es ist daher an der Zeit, eine
Methodik zu erarbeiten, die zu einer größeren Klarheit des Denkens führt, einer Klarheit, wie
wir sie bei den Denkern der Gegenwart sehen und bewundern können.
Als Descartes sich an die Rekonstruktion der Philosophie machte, bestand sein erster Schritt
darin, Skepsis zuzulassen und die Lehrmeinung, Autorität sei der letztgültige Quell der
Wahrheit, über Bord zu werfen. Auf dieser Grundlage suchte er nach einer ursprünglicheren
Quelle wahrer Prinzipien und nahm an, diese im menschlichen Bewusstsein gefunden zu
haben. So gelangte er auf direktem Wege von der Methode der Autorität zu jener der
Apriorität. Dem Selbst-Bewusstsein kam nun die Funktion zu, uns mit unseren fundamentalen
Wahrheiten zu versorgen und darüber zu entscheiden, was denn mit der Vernunft vereinbar
sei. Doch da offensichtlich nicht alle Ideen wahr sind, sah er sich genötigt anzumerken, dass
die erste unfehlbare Bedingung sei, dass sie klar sein müssen. Die Unterscheidung zwischen
einer Idee, die nur als klar erscheint und einer, die tatsächlich klar ist, kam ihm nicht in den
Sinn. Da er sein ganzes Vertrauen – auch für die Erkenntnis externaler Objekte - in die
Methode der Introspektion setzte, weshalb sollte er dann sein Urteilsvermögen in Bezug auf
unsere Bewusstseinsinhalte infrage stellen? Doch bald, so nehme ich an, beobachtete er
Menschen, die allem Anschein nach klar und sicher wirkten, jedoch unterschiedliche
Ansichten über die grundlegenden Prinzipien vertraten. Dies führte ihn dazu, die alleinige
Klarheit einer Idee als nicht hinreichende Bedingung anzusehen, dass sie als weitere
Bedingung daher auch exakt sein müsse, d.h., ihr nichts Unklares anhaften dürfe. Was er
hiermit wohl verdeutlichen wollte - denn er drückt sich nicht sonderlich präzise aus - war,
dass die Ideen einer dialektischen Prüfung standhalten müssen. Sie dürfen nicht nur auf den
ersten Blick als klar erscheinen, sondern es darf nicht möglich sein, mit ihnen verbundene
Unklarheiten in einer Prüfung ans Licht zu bringen.
So viel zu den Unterscheidungen Descartes, wobei man gut erkennen kann, dass sie in
perfektem Einklang mit seiner Philosophie waren. Leibniz entwickelte das Ganze dann ein
wenig weiter. Dieses gewaltige und einzigartige Genie ist in zweierlei Hinsicht
bemerkenswert: für das, wo es versagte, etwas zu erkennen und für das, wo es tatsächlich
etwas entdeckte. Dass ein Apparat nicht in alle Ewigkeit funktionieren kann, ohne ihn in
irgendeiner Form mit Energie zu versorgen, war ihm vollkommen klar. Jedoch verstand er
keineswegs, dass die Maschinerie des Bewusstseins „Wissen“ lediglich formen, niemals aber
hervorbringen kann, es sei denn, dass sie mit „Beobachtungsdaten“ gefüttert wird. So
verkannte er das wesentliche Merkmal cartesianischer Philosophie, das besagt, dass wir nichts
dagegen machen können Behauptungen - unabhängig davon, ob diese nun logisch oder
unlogisch sind - zu akzeptieren, wenn diese uns als einleuchtend und einsichtig erscheinen.
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Anstatt sein Ansinnen in dieser Weise zu prüfen, versuchte er, die Grundprinzipien der
Wissenschaft auf zwei Klassen zurückzuführen: auf eine, die nicht ohne inneren Widerspuch
bezweifelt werden kann und auf eine weitere, die auf dem Prinzip des hinreichenden Grundes
(doch davon später mehr) basiert. Bei diesem Unterfangen war ihm die Diskrepanz zwischen
seiner eigenen Position und der Descartes’ gewiss nicht bewusst. Also kramte er die alten
Bagatellen der Logik wieder hervor, und gerade abstrakte Definitionen spielten dann eine
entscheidende Rolle in seiner Philosophie. Dieser Schritt war deshalb so verlockend, weil die
Methode Descartes’ mit genau der Schwierigkeit zu kämpfen hatte, dass uns selbst unsere
Wahrnehmung einer Idee als klar erscheinen mag, es sich trotzdem jedoch um nur vage
Vorstellungen handeln kann. Ihm fiel aber kein besseres Heilmittel ein, als eine abstrakte
Definition eines jeden relevanten Begriffes zu fordern. Folglich nahm er die Unterscheidung
von klaren und exakten Begriffen wieder auf und beschrieb letztere als das genaue Ausmaß
all dessen, was die Definition enthält. Seitdem wurden seine Worte in den Büchern kopiert. Es
besteht allerdings keine Gefahr, dass sich sein chimärisches System jemals wieder
durchsetzen wird, denn nichts wirklich Neues kann je durch die Analyse von Definitionen
erkannt werden. Dennoch hat sein System einen Wert, indem unsere bereits bestehenden
Anschauungen in diesem Prozess geordnet werden. Ordnung ist ein wesentliches Merkmal
der intellektuellen Ökonomie, ebenso wie das einer jeden anderen Ökonomie auch. Deshalb
muss angemerkt werden, dass Bücher ihren Nutzen darin finden, als erste Schritte in Richtung
Klarheit zu dienen, indem sie im ersten Schritt Vertrautheit mit einem Begriff herstellen, den
sie dann im zweiten auch definieren. Indem sie es jedoch unterlassen, eine mögliche größere
Klarheit des Denkens auch nur zu erwähnen, spiegeln sie lediglich jene Philosophie wider, die
vor gut hundert Jahren in die Luft gesprengt wurde. Diese bezaubernde „Preziose der Logik“
– das Dogma von Klarheit und Exaktheit – mag ja schön anzusehen sein, doch ist es höchste
Zeit, dieses alte Geschmeide ins Kuriositätenkabinett zu hängen und uns mit etwas zu
schmücken, das heute besser zu uns passt.
Die allererste Lektion, die wir mit Recht von der Logik fordern sollten, ist die, in der sie uns
lehrt, wie wir unsere Gedanken klar machen können. Diese Forderung wird jedoch gerade von
jenen gering geschätzt, die sie am nötigsten hätten. Zu wissen, was wir denken, bedeutet
Meister unserer Begriffe zu sein, und dies ist eine solide Grundlage für brillante und
gewichtige Gedankengänge. Das wird nun aber flugs von jenen begriffen, deren
Vorstellungen eher dürftig und beschränkt sind; und das macht sie weitaus glücklicher als die
anderen, die sich hilflos im zähen Matsch der Konzeptionen suhlen. Im Laufe von
Generationen ist es einer Nation durchaus möglich, die Nachteile zu großen Sprachreichtums
und die damit selbstredend einhergehenden unauslotbaren Gedankentiefen allmählich zu
überwinden. Wie uns die Geschichte zeigt, ist dies mit einer Vervollkommnung der
literarischen Formen verbunden. Dabei wird jedwede Metaphysik abgestreift und mit schier
unermüdlicher Ausdauer und Geduld – oft nur als Ersatzhandlungen verständlich – werden in
jedem Gebiet geistigen Tuns hervorragende Leistungen vollbracht. Dieser Aspekt der
Geschichte ist jedoch noch nicht weit genug aufgedeckt um uns mitteilen zu können, ob eine
solche Nation auf lange Sicht einer anderen überlegen wäre, deren Vorstellungen (genauso
wie die Wörter ihrer Sprache) beschränkt sind, die jedoch meisterhaft mit dem Wenigen
umgeht, das sie hat. Für das Individuum steht es völlig außer Frage, dass einige wenige, doch
klare Gedanken , viel hilfreicher sind, als viele konfuse. Man kann einen jungen Menschen
kaum dazu überreden, den größten Teil seiner Gedanken zu opfern, um den Rest zu retten.
Bekanntlich ist der konfuse Verstand am allerwenigsten dazu geeignet, die Notwenigkeit
eines solchen Opfers einzusehen. Eigentlich können wir einen solchen Menschen nur als eine
Person mit einem angeborenen Defekt bemitleiden. Nur die Zeit kann ihm helfen; doch
intellektuelle Reife – gerade in Hinblick auf Klarheit – entwickelt sich in der Regel erst spät.
Dies ist allem Anschein nach von der Natur recht unglücklich eingerichtet, da Klarheit für
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einen Menschen, der bereits fest im Leben steht und dessen Fehler bereits unübersehbare
Folgen hatten, weitaus weniger Bedeutung hat, als für einen, der gerade am Beginn seines
Weges steht. Es ist deshalb gar fürchterlich, mit ansehen zu müssen, wie so eine einzige
unklare Idee, eine einzige bedeutungslose Hohlformel, die im Kopf eines jungen Menschen
herumspukt, sodann wie eine arterielle Ablagerung die Nährstoffversorgung im Gehirn
verstopft und ihr Opfer dazu verdammt, im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte, inmitten seiner
intellektuellen Möglichkeiten, vor Jammer einzugehen.
Viele Menschen haben lange Jahre dem Hobby gefrönt, den flüchtigen Schatten von Ideen
nachzujagen, die zu nichtig waren, um sie eindeutig als falsch bezeichnen zu können.
Dennoch wurden diese Schatten hingebungsvoll geliebt, sie wurden zu ständigen Gefährten
bei Tag und bei Nacht, ihnen wurde alle Kraft gewidmet und das ganze Leben hingegeben.
Alle anderen Tätigkeiten wurden nichtig in ihrer Gegenwart; kurzum, sie lebten mit und für
die Schatten, bis sie schließlich zum Fleisch ihres Fleisches, zum Bein ihrer Beine wurden.
Und, als sie dann eines hellen Morgens erwachten, mussten sie feststellen, dass die Schatten
sich davongestohlen hatten, so spurlos verschwunden, wie die schöne Melusina in der Sage.
Mit ihnen war gleichzeitig aber auch sämtlicher Lebenssinn entwichen. Ich selbst kannte
einen solchen Menschen; und wer weiß schon so genau, wie viele Lebensläufe von
Zirkelschließern, Metaphysikern und Astrologen - und von wem nicht sonst noch alles- der
alten deutschen Geschichte noch nicht oder klugerweise nicht erzählt worden sind?

II
Die Grundlagen, die im ersten Teil dieses Essays erörtert wurden, führen uns nun zu einer
Methode, die uns dazu bringen soll, einen höheren Grad an Klarheit zu erreichen, als dies mit
der „Exaktheit“ der alten Logiker der Fall war. Es wurde bereits ausgeführt, dass jede
Denkhandlung durch eine Störung – den Zweifel - ausgelöst und durch das Erlangen einer
Überzeugung abgeschlossen wird. Das Erlangen von Überzeugungen kann somit als die
einzige Funktion des Denkens angesehen werden. Diese ganze Begrifflichkeit ist jedoch,
soweit es meine Argumentation betrifft, zu wuchtig. Es kommt mir so vor, als hätte ich die
Phänomene so beschrieben, wie sie unter einem geistigen Mikroskop erscheinen würden.
Zweifel und Glaube – so wie diese Begriffe üblicherweise benutzt werden – gehören in den
Bereich religiöser und anderer tiefschürfender Auseinandersetzungen. Ich verwende sie hier
jedoch, um den Anfangspunkt einer jeglichen Art der Fragestellung zu designieren, wobei
ganz egal sein soll, wie unbedeutend oder genial die Fragestellung oder ihre jeweilige
Antwort ist. Wenn ich beispielsweise mit einer Droschke fahre, meine Gelbörse hervorhole
und in ihr verschiedene Münzen Hartgeldes vorfinde, dann überlege ich mir, schon während
meine Hand in die Börse gleitet, welche davon ich zur Begleichung des Fahrgeldes
verwenden werde. Eine derartige Fragestellung „Zweifel“ und meine Entscheidung Glaube
oder Überzeugung zu nennen, wäre ein der Situation völlig unangemessener Gebrauch dieser
Begriffe. Solchen Zweifel als eine Störung zu bezeichnen, die befriedet werden muss, ließe
auf ein Gemüt schließen, das dem Irrsinn verdammt nahe ist. Jedoch: wenn man sich die
Sache genauer ansieht, dann muss zugestanden werden, dass in dem Falle, in dem ich nur
kurz zögere zu entscheiden, welche Münzen ich nun nehme (was dann der klare Fall ist, wenn
ich nicht aus einer bereits bestehenden Gewohnheit heraus handle), ich zu einer der Handlung
entsprechenden minimalen Geistestätigkeit angeregt werde, auch wenn Störung hierfür ein
viel zu wuchtiges Wort ist. In aller Regel ergeben sich Zweifel aus einer vorübergehenden
Unentschlossenheit im Handeln. Manchmal jedoch auch nicht. Wenn ich beispielsweise auf
einem Bahnhof warten muss, dann vertreibe ich mir die Zeit damit, die dort ausgehängten
Fahrpläne zu studieren. Ich vergleiche die Vorzüge verschiedener Züge und Routen, die ich
wahrscheinlich niemals nutzen werde und bilde mir bloß ein, in einem Zustand der
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Unschlüssigkeit zu sein. Ich langweile mich und habe nichts, mit dem ich mich anderweitig
beschäftigen könnte. Diese eingebildete Unentschlossenheit, ob nun des Zeitvertreibs oder
eines heheren Zweckes wegen, spielt jedoch eine große Rolle in den Prozessen
wissenschaftlichen Forschens. Auf welche Weise der Zweifel auch immer entsteht, er regt den
Geist zu einer Handlung an, sei diese nun minimal oder energiegeladen, ruhig oder turbulent.
Bildhafte Vorstellungen jagen durch das Bewusstsein, lösen einander ab und verschmelzen
miteinander, bis schließlich am Ende des Prozesses – das mag im Bruchteil einer Sekunde,
nach einer Stunde oder auch erst nach Jahren geschehen – wir uns als „überlegt“ wiederfinden
und nun wissen, wie wir in einer ähnlichen Situation wie jener, die unsere Unentschlossenheit
auslöste, zu handeln haben. Mit anderen Worten: wir sind zu einer Überzeugung gelangt. In
diesem Prozess lassen sich zwei Typen von Elementen des Bewusstseins ausmachen, deren
Unterschied sich am Besten anhand eines Beispiels erläutern lässt. Ein Lied besteht aus
einzelnen Tönen und aus einer Melodie. Ein einzelner Ton kann so erzeugt werden, dass er
eine Stunde oder einen ganzen Tag lang erklingt, wobei er in jedem Bruchteil dieser
Zeitspanne exakt der gleiche Ton bleibt, wie über die Zeitspanne insgesamt gesehen. D.h.,
dass, solange er erklingt, der Ton in einer Weise gegenwärtig ist, die keine Vergangenheit
und auch keine Zukunft kennt: sie sind einfach nicht vorhanden. Doch mit der Melodie ist es
etwas anderes. Ein Musikstück wird vorgetragen, und dieser Vortrag nimmt Zeit in Anspruch.
Innerhalb der Gesamtdauer des Stückes werden aber jeweils nur Teile mit einer bestimmten
Zeitabfolge und –dauer vorgetragen. Eine geordnete Klangfolge trifft so auf das Ohr, deren
Wahrnehmung ein kontinuierliches Bewusstsein erfordert, das uns die Vorgänge innerhalb
eines Zeitraumes erfahrbar macht. Sicherlich nehmen wir eine Melodie dadurch wahr, dass
wir die einzelnen Noten hören. Dennoch kann nicht gesagt werden, dass wir die Melodie
wirklich hören, denn was wir tatsächlich hören ist nur das, was im gegenwärtigen Augenblick
da ist: eine geordnete Klangfolge kann jedoch nicht in einem Augenblick existieren. Wir
haben es also mit zwei Sorten von Objekten zu tun: die, derer wir uns unmittelbar bewusst
sind und jene, derer wir uns mittelbar bewusst sind. Beide Sorten sind überall dort, wo man
von Bewusstsein sprechen kann, zu finden. Einige Elemente (die Sinneseindrücke) sind, so
lange sie andauern, in jedem Augenblick gegenwärtig, während andere (wie das Denken)
Handlungsoperationen sind, die einen Anfang, eine Mitte und einen Schluss haben und in
Übereinstimmung mit der Abfolge der Sinneswahrnehmungen geschehen, die das
Bewusstsein passieren. Diese können uns nicht unmittelbar gegenwärtig sein, denn sie müssen
zugleich auch Anteile des Vergangenen oder Zukünftigen enthalten. Denken kann somit wie
der Fluss einer Melodie verstanden werden, die unsere aufeinanderfolgenden Sinneseindrücke
miteinander verbindet.
Hinzuzufügen bleibt, dass ein Musikstück aus den verschiedenen Stimmen einzelner
Instrumente bestehen kann, wobei jedem Instrument eine eigene Melodie zukommt. Auf diese
Weise bestehen unterschiedliche Bezugssysteme innerhalb der gleichen Wahrnehmungen
parallel nebeneinander. Diese ungleichen Systeme unterscheiden sich dadurch, indem in ihnen
jeweils andere Motive, Ideen oder Funktionen zum Ausdruck kommen. Das Denken ist nur
eines unter einer Vielzahl solcher Systeme, dessen einziger Zweck darin besteht,
Überzeugungen herzustellen. All das, was mit diesem Zweck nichts zu tun hat, gehört in
andere Bezugssysteme.
Eine Denkhandlung kann aber auch Nebeneffekte haben; z.B. kann sie uns Vergnügen
bereiten. Unter Dilletanten trifft man nicht selten solche, die das Denken für ihren Lustgewinn
derartig pervertiert haben, dass ihnen der Gedanke, ob die Fragestellungen, an denen sie sich
gerade ergötzen, je zu einer Lösung führen, vollkommen gleichgültig zu sein scheint.
Dagegen wird jeder konkreten Entdeckung, die einen gerade bevorzugten Gesprächsstoff aus
der Arena schöngeistiger Debatten enthebt, mit nur schlecht kaschierter Abneigung begegnet.

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Diese Neigung ist die ausschweifendste Art des Denkens. Doch Seele und Bedeutung des
Denkens – abstrahiert von den sie begleitenden Elementen – können sich auf nichts anderes
ausrichten, als auf die Herstellung von Überzeugung. Auch dann nicht, wenn diese
Bemühungen hin und wieder durchkreuzt werden. Das Denken „in Aktion“ kennt als einzig
mögliches Motiv nur die Erlangung einer „Beruhigung des Denkens“, und all das, was sich
nicht auf das Ziel „Überzeugung“ bezieht, ist kein Teil des Denkens an sich.
Aber was ist dann „Überzeugung”? Überzeugung ist jene Halbkadenz, die einen
musikalischen Satz in der Symphonie unseres intellektuellen Daseins beschließt. Wie wir
gesehen haben, sind es lediglich drei Eigenschaften, die Überzeugung ausmachen: Erstens
handelt es sich bei hierbei um etwas, dessen wir uns bewusst sind; zweitens beseitigt
Überzeugung die Störungen des Zweifels und drittens hat sie die Bildung einer
Handlungsregel in unserem innersten Wesen – ein Verhalten also - zur Folge. Sobald die
Störungen des Zweifels – die das eigentliche Motiv des Denkens sind - beseitigt sind,
entspannt sich das Denken und kommt durch die Erlangung von Überzeugung für einen
Moment zur Ruhe. Da aber „Überzeugung“ die Handlungsregel ist, führt ihre Anwendung zu
weiterem Zweifel und weiterem Denken, weik dieser „Rastplatz des Denkens“ gleichzeitig
ein neuer Ausgangspunkt des Denkens ist. Ich habe ich mir deshalb erlaubt, diesen Zustand
„rastendes Denken“ zu nennen, auch wenn „Denken“ an sich eine Handlung ist. Das
letztendliche Ziel allen Denkens ist aber die Aktivität des willentlich freien Denkens. Hier ist
Denken nicht länger nur Teil, und Überzeugung wird zu einer Stufe all der geistigen
Handlungen, die eine Wirkung auf unser Wesen hatten: Überzeugung als eine Folge des
Denkens, das unser zukünftiges Denken beeinflussen wird.
Das Wesen der Überzeugung ist die Herstellung eines Verhaltens, wobei sich divergierende
Überzeugungen durch die jeweils in ihrer Folge entstehenden Handlungsregeln unterschieden.
Wenn Überzeugungen jedoch nicht divergieren, d.h., wenn sie denselben Zweifel durch
Herstellung ein und derselben Handlungsregel beseitigt haben, dann bestehen folglich auch
keine Unterschiede in der Beschaffenheit des Bewusstseins mehr, die aus ihnen divergierende
Überzeugungen schaffen könnten: alles, was dann über das Spielen desselben Musikstückes
in verschiedenen Tonarten hinausgeht, bedeutet ein anderes Stück zu spielen. Oftmals werden
imaginäre Grenzen zwischen Überzeugungen gezogen, die sich lediglich in ihrer
Ausdrucksweisen unterscheiden; die daraus folgenden Streitereien aber sind hingegen sehr
real.
Überzeugt zu sein, dass x-beliebige Objekte so angeordnet sind, wie Fig.1 es zeigt und
gleichzeitig überzeugt zu sein, dass die Objekte so arrangiert sind, wie Fig. 2 es darstellt,
bedeutet, ein und dieselbe Überzeugung zu haben. Es aber durchaus vorstellbar, dass ein
Mensch der einen Variante zustimmt, die andere jedoch ablehnt. Diese falschen
Unterscheidungen richten einen ebenso großen Schaden an, wie die Vermischung tatsächlich
divergierender Überzeugungen. Sie gehören zu den Fallstricken, vor denen wir uns besonders
in Acht nehmen müssen, sobald wir uns auf metaphysischem Boden bewegen. Eine besonders
häufig auftretende Täuschung dieser Art zeigt sich darin, dass wir Empfindungen, die von
unserem eigenen unklaren Denken produziert wurden, für Merkmale des Objektes, über das
wir nachdenken, halten. Anstatt wahrzunehmen, dass diese Unklarheit rein subjektiver Natur
ist, bilden wir uns ein, über äußerst geheimnisvolle Eigenschaften des Objektes zu
kontemplieren. Wenn uns aber unser eigener Entwurf später in klarer Form geschildert wird,
erkennen wir ihn wegen des nun fehlenden Gefühls des Unfassbaren nicht mehr als den
unseren wieder. So lange, wie diese Täuschung anhält, baut sie augenscheinlich eine
unüberbrückbare Blockade auf dem Weg zum klarsichtigen Denken auf. Es ist dabei
gleichermaßen im Interesse der Gegner des rationalen Denkens, diese Blockade zu verewigen
und seine Anhänger von ihr fern zu halten.
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Eine weitere derartige Täuschung besteht darin, den reinen Unterschied in der
grammatikalischen Konstruktion zweier Begriffe für einen Unterschied der mitgeteilten
Gedanken zu halten. In diesem pedantischen Zeitalter, wo der zeitgenössische Mob der
Schreiberlinge den Worten so viel mehr Aufmerksamkeit als den Dingen widmet, ist dieser
Fehler weit verbreitet. Gerade sprach ich davon, dass Denken eine Handlung sei, die nur in
Relation bestehen kann. Obwohl Personen handeln und nicht relativieren – was nur Resultat
einer Handlung sein kann – , ist meine Behauptung keineswegs inkonsistent, sondern
unterliegt lediglich der grammatikalischen Vagheit.
Vor all diesen Spohismen sind wir völlig geschützt, solange wir uns darüber klar sind, dass
die einzige Funktion des Denkens darin besteht, Verhaltensweisen zu erzeugen. Bei allem,
was zusätzlich mit einem Gedanken in Zusammenhang gebracht wird und unerheblich für
sein Ziel ist, handelt es sich um Anhängsel, aber keineswegs um Teile des Gedankens. Wenn
zwischen all unseren Wahrnehmungen etwas auftaucht, das uns nicht zeigt, wie wir in einer
gegebenen Situation handeln sollen – z.B. beim Hören eines Musikstückes -, weshalb nennen
wird das dann nicht denken? Um seine Bedeutung herauszuarbeiten, müssen wir deshalb
herausfinden, welches Verhalten das Wahrgenommene erzeugt, denn: die Bedeutung eines
Dinges ist das Verhalten, das es hervorruft. Daraus folgt, dass der Charakter eines Verhaltens
davon abhängt, zu welcher Handlung es uns unter nicht alltäglichen Bedingungen und
Gegebenheiten anregt; also unter solchen, die nur möglicherweise auftreten, so
unwahrscheinlich diese Situationen auch sein mögen. Woraus das Verhalten nun genau
besteht, hängt davon ab, wann und wie es uns zum Handeln animiert. Das „wann“ des
Handlungsimpulses wird vom Wahrgenommenen ausgelöst, während das Handlungsziel des
„wie“ darin besteht, sinnvolle Ergebnisse zu erzeugen. So sind wir nun beim Be-greifbaren
und dem praktisch Denkbaren, den eigentlichen Wurzeln aller wirklichen Eigenheiten des
Denkens, angelangt. Alle Bedeutungsunterschiede, so feinsinnig-subtil diese auch sein
mögen, spielen überhaupt keine Rolle; sie beziehen sich auf nichts anderes, als auf jeweilige
Varianten der Umsetzung.
Um zu verdeutlichen, wohin dieses Prinzip führt, werde ich es nun auf jene Doktrin, die als
Transsubstantiation bekannt ist, anwenden. Die protestantischen Kirchen gehen in aller Regel
davon aus, dass es sich bei den Bestandteile des Sakraments in nur übertragenem Sinne um
Fleisch und Blut handelt, die unsere Seelen auf die gleiche Weise mit Nahrung versorgen, wie
wirkliches Fleisch und wirkliches Blut unsere Körper. Die Katholiken hingegen glauben fest
daran, dass es sich tatsächlich um Fleisch und Blut handelt, auch wenn diese alle
Geschmackseigenschaften von Hostienkeksen und dünnem Wein aufweisen. Wir haben

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jedoch - mit Ausnahme dessen, was zu einer Überzeugung führen könnte - keine Vorstellung
davon, was Wein ist; entweder:
4. Dieses, jenes oder das andere ist Wein
oder
5. Wein besitzt bestimmte Eigenschaften
Glaube dieser Art ist reine Selbstreferenz, auf die wir unter Zugrundelegung unseres Wissens
über den Gegenstand „Wein“ unter Einbeziehung unserer Überzeugungen bezüglich der
Eigenschaften, die Wein besitzt, dem Fall angemessen handeln sollten. Eine Handlung dieser
Art wäre eine sinnliche Wahrnehmung mit der Absicht, einen Sinnesreiz auszulösen. Daher
hat unsere Handlung direkten Enfluss auf das, was unsere Sinne erreicht. Der Einfluss unseres
Verhaltens ist genauso stark wie der unserer Handlung, der unserer Konzeptionen genauso
wie der unserer Überzeugungen. In der Konsequenz können wir unter Wein nichts anderes
verstehen, als etwas, das besondere direkte oder indirekte Auswirkungen auf unsere Sinne hat.
Über etwas zu reden, das alle sinnlichen Eigenschaften von Wein aufweist, bei dem es sich in
Wirklichkeit jedoch um Blut handeln soll, ist unsinniges Geplapper. Es liegt indes nicht in
meiner Absicht, theologische Fragestellungen aufzuwerfen, da ich das obige Beispiel nur als
logisches Exempel wählte. Nun werfe ich es hinfort, ohne die Antwort eines Theologen
abzuwarten. Mir ging es lediglich darum, zu zeigen, wie unmöglich es ist eine bewusste
Vorstellung zu haben, wenn sie sich auf was auch immer - nur nicht auf die
wahrgenommenen sinnlichen Eigenschaften von Objekten - bezieht. Unsere Vorstellung von
etwas ist unsere Vorstellung seiner sinnlichen Eigenschaften. Wenn wir uns einbilden, dass es
noch andere Möglichkeiten gäbe, dann handelt es sich um Selbstbetrug. Dann halten wir
nämlich ein dem Denken anhaftendes Gefühl für einen Bestandteil des Denkens. Es ist
absurd, zu behaupten, dass Denken überhaupt eine Bedeutung hätte, die nicht auf seine
einzige Funktion bezogen sei. Es ist lächerlich, wenn Katholiken und Protestanten über die
Deutung des Sakraments streiten, während bezüglich seiner sinnlichen Eigenschaften hier und
jetzt und in Zukunft aber Eintracht herrscht.
Die Regel für den dritten Grad der Klarheit des Begreifens kann nun also folgendermaßen
formuliert werden: Überlege, mit welche Wirkungen - die möglichst praktisch ausgerichtet
sein sollten - wir das Objekt konzeptuell belegen. Unser Konzept dieser Wirkungen ist dann
unsere Gesamtkonzeption des Objektes.

III
Diese Regel wollen wir nun anhand einiger Beispiele veranschaulichen, wobei wir mit dem
einfachsten beginnen. Zunächst fragen wir uns, was wir eigentlich meinen, wenn wir ein Ding
als hart bezeichnen. Es ist klar, das dieses Ding von vielen anderen Substanzen nicht
angegriffen werden kann. Die gesamte Konzeption dieser Qualität, wie jeder anderen auch,
liegt in den wahrgenommenen Wirkungen des Dinges. Es gibt absolut keinen Unterschied
zwischen einem harten und einem weichen Ding, solange dies nicht überprüft wird. Nun
stellen wir uns vor, dass ein Diamant inmitten eines Kissens aus weicher Baumwolle
kristallisiert werden könnte und dort verbleiben würde, bis er schließlich verbrannt würde.
Wäre es da falsch, zu sagen, dass der Diamant weich war? Dies scheint eine idiotische
Fragestellung zu sein, und außerhalb des Gebietes der Logik wäre sie es auch. Dort jedoch
sind solche Fragestellungen oft von großem Nutzen, da sie die logischen Prinzipien schärfer
herausarbeiten, als tatsächliche Diskussionen es jemals könnten. In logischen Untersuchungen
dürfen wir sie nicht mit hastigen Antworten abtun, sondern müssen sie mit der nötigen
14/47
Aufmerksamkeit angehen, um die wirksamen Prinzipien erkennen zu können. Was das
vorliegende Beispiel angeht, so könnten wir unsere Fragestellung modifizieren und fragen,
was uns denn davon abhält zu sagen, dass alle harten Körper vollkommen weich bleiben,
solange sie nicht berührt werden, dass ihre Härte mit zunehmendem Druck steigt, bis sie
schließlich Kratzer abekommen. Genaueres Nachdenken zeigt, dass die Antwort so aussieht:
es gibt keine Unwahrheit in dieser Art der Darstellungsweise. Zwar würde diese eine
Modifikation unseres gegenwärtigen Sprachgebrauchs bezüglich der Begriffe hart und weich
erfordern, nicht jedoch eine ihrer Bedeutungen. Da sie keine Tatsachen repräsentieren, die
von dem tatsächlich Vorliegenden abweichen, implizieren sie lediglich Ordnungsmuster, die
ziemlich unbeholfen daher kommen. Dies führt uns zu der Bemerkung, dass die Frage nach
dem, was sich unter Umständen , die zur Zeit nicht gegeben sind, zeigen könnte, keine Frage
nach den Tatsachen, sondern eine nach deren klarstmöglicher Anordnung ist. Beispielsweise
lautet die Frage nach dem freien Willen und dem Schicksal in ihrer einfachsten - aller
Worthülsen entkleideten -Form, ungefähr so: Ich habe etwas getan, für das ich mich nun
schäme. Hätte ich per Willensanstrengung der Versuchung widerstehen und anders gehandelt
haben können? Die philosophische Antwort besagt, dass dies keine Frage von Tatsachen,
sondern nur eine ihrer Anordnung ist. Sie so zu arrangieren, dass sie genau das zeigen, was
meiner Fragestellung besonders dienlich ist – d.h., mich selbst zu beschuldigen, etwas
Falsches getan zu haben -, bedeutet in Wirklichkeit zu sagen, dass ich, wenn ich anders zu
handeln gewollt hätte, als ich es tat, ich anders gehandelt hätte. Andererseits kann ein
gezieltes Arrangieren der Tatsachen auch zu einer anderen Überlegung führen, die aber
gleichermaßen wahr ist. Wenn es nämlich einer Versuchung erst einmal erlaubt wurde zu
wirken, wird sie – als wenn eine besondere Kraft sie antreiben würde – ihre Wirkungen
zeitigen; da kann ich kämpfen, wie ich will. Es gibt hier keinen Widerspruch anzumelden, der
einwenden könnte, dass das Ergebnis auf falschen Annahmen beruhe. Die reductio ad
absurdum besteht in der Aufdeckung gegensätzlicher Ergebnisse, die einer Hypothese folgen,
die dadurch als falsch erwiesen wird. Mit der Diskussion um den freien Willen sind viele
Fragen verbunden, und ich bin weit davon entfernt, beiden Seiten Recht zu geben. Ganz im
Gegenteil bin ich der Ansicht, dass die eine Seite wichtige Fakten verweigert, während die
andere dies nicht macht. Doch worauf ich hinaus möchte ist, dass obige kleine Frage der
Ursprung des ganzen Zweifels war; dass, wenn es diese Frage nicht gegeben hätte, die ganze
Diskussion niemals zustande gekommen wäre. Nun aber ist die Frage ganz und gar in der
Weise beantwortet worden, die ich aufgezeigt habe.
Als nächstes wollen wir eine klare Vorstellung dessen, was “Gewicht” bedeutet, entwickeln.
Auch dies ist eine wirklich einfacher Fall. Zu sagen, dass ein Körper schwer ist, bedeutet
schlicht und einfach, dass er in Abwesenheit einer Gegenkraft fallen wird. Hiermit wird
(einmal abgesehen von genauen Angaben darüber, wie er fallen wird usw., die im
Bewusstsein eines Physikers existieren, wenn dieser das Wort „fallen“ benutzt) die ganze
Konzeption dessen, was Gewicht bedeutet, verstanden. Es ist eine durchaus berechtigte Frage,
ob nicht doch bestimmte entscheidende Fakten für Gravitation sprechen; doch was wir als
Kraft bezeichnen, ist sowieso schon mit ihren Wirkungen verbunden.
Das Gesagte führt uns dazu, die Vorstellung von „Kraft“ auf allgemeinerer Grundlage zu
untersuchen. „Kraft“ ist jene großartige Konzeption, die im frühen 17. Jahrhundert aus der
groben Vorstellung der Ursache heraus entwickelt wurde. Seitdem wurde sie allmählich
immer weiter verbessert und zeigte uns schließlich, wie wir eigentlich mit den Bewegungen,
die Körper erfahren und allen anderen physikalischen Phänomenen umgehen sollen. Dies war
die Geburtstunde der modernen Wissenschaften, die dann das Antlitz der Erde veränderten.
Abgesehen von ihrem mehr fachspezifischen Nutzen spielten die modernen Wissenschaften
eine entscheidende Rolle in der Ausrichtung des modernen Denkens und in der

15/47
Beschleunigung des sozialen Wandels. Deshalb ist es durchaus der Mühe wert zu begreifen,
worum es dabei geht. Entsprechend unserer Regel beginnen wir mit der Frage, was denn der
unmittelbare Nutzen des Nachdenkens über „Kraft“ sei. Die Antwort ist, dass wir auf diese
Weise Körper in Bewegung erklären können. Wenn diese Körper sich selbst - ohne die
Einwirkung von Kräften - überlassen wären, dann würde jede Bewegung mit unveränderter
Geschwindigkeit und Richtung beibehalten werden. Auch findet eine Veränderung der
Bewegung niemals plötzlich statt. Sobald die Richtung geändert wird, geschieht dies immer in
Form einer Kurve ohne Winkel; wenn sich die Geschwindigkeit ändert, geschieht dies
graduell. Die graduellen Veränderungen, die allmählich eintreten, können gemessen und in
Einklang mit den Regeln des Parallelogramms der Kräfte in Zusammenhang gebracht werden.
Sofern der Leser nicht bereits weiß, worum es sich dabei handelt, wird er sich – so hoffe ich
doch – zu seinem eigenen Nutzen bemühen, der nun kommenden Erläuterung zu folgen.
Wenn ihm jedoch Mathematik vollkommen unerträglich ist, dann bitte ich ihn darum, die
folgenden drei Abschnitte besser zu überspringen, als unsere Gesellschaft bereits hier
aufzukündigen.
Eine Strecke ist eine Linie, deren Anfang und Ende sich unterscheiden. Zwei Strecken
werden dann als äquivalent bezeichnet, wenn sie am selben Punkt beginnen und zum selben
Punkt führen. D.h., dass die zwei Strecken ABCDE und AFGHE äquivalent sind. Strecken
mit ungleichem Anfangspunkt gelten dann als äquivalent, wenn irgendeine parallel zu ihrer
jeweiligen Anfangsposition bewegt wird bis der Anfangspunkt mit dem der jeweils anderen
Strecke zusammenfällt und die Endpunkte ebenfalls zusammentreffen. Strecken werden als
geometrisch addiert bezeichnet, wenn die eine dort beginnt, wo die andere endet. D.h., dass
die Strecke AE als die Summe der Strecken AB, BC, CD und DE gesehen wird. In dem
Parallelogramm in Fig. 4 ist die Diagonale AC die Summe von AB und BC. Da aber AD
geometrisch BC äqivalent ist, ist AC die geometrische Summe von AB und AD.

Dies alles sind ganz normale Übereinkünfte, die Folgendes verdeutlichen sollen: wir haben
uns entschieden, Strecken, die die Bedingungen erfüllen, die ich beschrieb, als äquivalent
oder addiert zu bezeichnen. Doch obwohl es sich hier um eine Übereinkunft handelt, ist es
eine Übereinkunft aus guten Gründen. Die Regel für geometrische Addition kann nicht nur
auf Strecken, sondern auf jeden anderen Gegenstand angewendet werden, der sich durch
Strecken darstellen lässt. Daraus, dass eine Strecke durch die unterschiedlichen Richtungen
und Entfernungen des Punktes, der sich vom Ausgangspunkt aus auf ihr entlang bewegt,
bestimmt wird, folgt, dass all das von Anfang bis Ende durch variierende Richtungen und
Längen bestimmt wird, durch eine Strecke dargestellt werden kann. Folglich können auch
Geschwindigkeiten als Strecken dargestellt werden; denn sie besitzen lediglich Richtungen
und Werte. Gleiches gilt für Beschleunigungen oder Veränderungen von Geschwindigkeiten.
Offensichtlich ist dies im Falle von Geschwindigkeiten, aber es wird auch für
Beschleunigungen ebenso offensichtlich, wenn wir bedenken, dass Geschwindigkeiten in
Bezug auf Positionen genau das sind – nämlich Zustandsänderungen -, was Beschleunigungen
in Bezug auf Geschwindigkeiten sind.
16/47
Das sogenannte “Parallelogramm der Kräfte“ ist nichts anderes als eine Regel, die dazu dient,
Beschleunigungen zu addieren. Die Regel hierbei lautet, Beschleunigungen durch Strecken
darzustellen und diese Strecken dann geometrisch zu addieren. Ingenieure verwenden das
Parallelogramm der Kräfte nicht nur, um unterschiedliche Beschleunigungen zu addieren,
sondern auch, um eine Beschleunigung in eine Summe von mehreren aufzulösen.
Angenommen, AB (Fig. 5) sei die Strecke, die eine bestimmte Beschleunigung ausdrückt,
z.B. eine Veränderung in der Bewegung eines Körpers, wobei der Körper nach Ablauf einer
Sekunde unter dem Einfluss dieser Veränderung eine andere Position einnehmen würde, als
jene, die er inne hätte, wenn seine Bewegung unverändert geblieben wäre und eine Strecke
äuivalent der Stecke AB von der letzteren Position zu der früheren führen würde. Diese
Beschleunigung kann als Summe der Beschleunigungen angesehen werden, wie sie in AC und
CB dargestellt sind. Ebenso wäre es möglich, sie als Summe sehr unterschiedlicher
Beschleunigungen, wie es AD und DB zeigen – und AD fast das Gegenteil von AC ist - ,
darzustellen. Es sollte klar geworden sein, dass es eine riesige Vielfalt von Möglichkeiten
gibt, AB in eine Summe von zwei Beschleunigungen zu zerlegen.

Nach dieser trockenen Darlegung , die, wie ich in Hinlblick auf die außerordentliche Relevanz
des Konzeptes der „Kraft“ hoffe, die Geduld des Lesers nicht allzu sehr erschöpft hat, sind
wir nun gut darauf vobereitet jenes großartige Faktum zu entschleiern, das diese Konzeption
verbirgt. Dieses Faktum zeigt sich darin, dass, wenn alle aktualen Bewegungsänderungen, die
die verschiedenen Teile von Körpern erfahren können, jeweils in angemessener Weise zerlegt
werden können, jede Teilbeschleunigung einem besonderen Naturgesetz entsprechend genau
vorbestimmt ist. Nach diesem Gesetz gilt die Regel, dass gegebene Körper entsprechend der
relativen Positionen die sie momentan inne haben, immer bestimmte Beschleunigungen
erhalten, die durch die geometrische Addition summiert jene Beschleunigung angeben, die der
Körper tasächlich erfährt.1
Dies ist das einzige Faktum, das durch die Vorstellung der „Kraft” repräsentiert wird. Wer
sich auch immer der Mühe unterzieht, klar zu begreifen, was dieses Faktum denn genau sei,
wird nicht umhin kommen einzusehen, was „Kraft“ ist. Ob wir nun sagen sollten, dass „Kraft“
eine Beschleunigung ist oder ob sie eine Beschleunigung verursacht, ist lediglich eine Frage
sprachlicher Eigenheiten, die nicht mehr mit wirklichen Bedeutungen zu tun haben, als dem
Unterschied zwischen der französischen Redeweise „Il fait froid“ und ihren englischen oder
1
Möglicherweise müssen auch Geschwindigkeiten mitbedacht werden.
17/47
deutschen Entsprechungen „It is cold“ oder „Es ist kalt“. Aber es ist doch schon erstaunlich
mit anzusehen, wie sehr diese einfachen Probleme die Köpfe der Menschen verwirrt haben. In
wie vielen gewichtigen Abhandlungen wird nicht von „Kraft” als einer „mysteriösen
Wesenheit“ gesprochen, wobei dieser Glaube nur auszudrücken scheint, dass der Autor
darüber verzweifelt ist, niemals eine klare Vorstellung dessen entwickelt zu haben, was das
Wort bedeutet! In einer gegenwärtig viel gelobten Arbeit über „Analytische Mechanik“ wird
davon ausgegangen, dass wir die Wirkungen von „Kraft“ genauestens verstehen, wir jedoch
nicht verstehen, was „Kraft“ denn wirklich sei! Dies ist ganz einfach ein innerer Widerspruch.
Die Vorstellung, die der Begriff „Kraft” in unseren Köpfen auslöst, hat keine andere
Funktion, als unsere Handlungen zu anzuregen. Diese Handlungen jedoch können keine
andere Beziehung zur „Kraft“, als jene zu ihren Wirkungen, haben. Das bedeutet, dass wenn
wir wissen, was die Wirkungen von Kraft sind, wir zugleich mit all dem vertraut sind, was
die Aussage, dass Kraft existiert, verbunden ist. Darüber hinaus gibt es nichts zu wissen.
Tatsächlich aber machen vage Behauptungen darüber die Runde, dass eine Fragestellung
etwas andeuten könnte, das dem Verstande nicht zugänglich sei. Als haarspalterische
Philosophen sich mit dieser lächerlichen Sichtweise konfrontiert sahen, erdichteten sie bei
dem Versuch, ihrer Ideenlosigkeit eine nicht allzu groteske Gestalt zu geben, die leere
Unterscheidung zwischen positiven und negativen Konzeptionen. Ihre Nichtigkeit ist vor dem
Hintergrund des einige Seiten zuvor Ausgeführten in ausreichender Weise klar geworden.
Doch abgesehen von diesen Überlegungen muss allein schon der kleinliche Charakter dieser
Unterscheidung auf jeden Verstand, der wirkliches Denken gewohnt war, wie ein Hieb
gewirkt haben.

IV
Nun wollen wir uns dem Thema Logik nähern und ein Konzept überprüfen, das insbesondere
mit ihr verbunden ist: das der Realität. Wenn wir Klarheit im Sinne von Vertrautheit
auffassen, dann gibt es keine klarere Vorstellung, als jene der Realität. Jedes Kind benutzt sie
in vollstem Vetrauen, ohne jemals davon zu träumen, sie nicht zu verstehen. Was aber die
Klarheit zweiten Grades anbelangt, so würde es die meisten Menschen – auch jene
nachdenklicheren Charakters – wohl in ziemliche Verlegenheit bringen, eine abstrakte
Definition des Realen abgeben zu müssen. Nun kann eine solche Definition möglicherweise
dadurch erreicht werden, dass man die Unterschiede zwischen der Realiät und ihrem
Gegensatz, der Fiktion, herausarbeitet. Eine Phantasie ist das Resultat persönlicher
Vorstellungskraft und trägt jene Züge, die das jeweilige Denken ihr aufprägt. Dass diese
Eigenschaften aber unabhängig davon sind, was Sie oder ich denken, ist eine externale
Realität. Es gibt allerdings vom Denken abhängige Phänomene innerhalb unserer Vorstellung,
die zur gleichen Zeit in dem Sinne real sind, dass wir sie wirklich denken. Da aber ihre
Eigenschaften davon abhängen, wie wir denken, hängen sie nicht von unseren Meinungen
über diese Eigenschaften ab. D.h., dass ein Traum eine reale Existenz als mentales Phänomen
besitzt, wenn jemand ihn tatsächlich geträumt hat. Dass er aber in dieser oder jener Weise
träumte, hängt nicht davon ab, was irgendwer meint, was denn nun geträumt wurde, sondern
ist völlig unabhängig von allen Meinungen zu dieser Thematik. Andererseits muss nicht die
Tatsache des Träumens, sondern das geträumte Ding bedacht werden, denn es erhält seine
besonderen Eigenheiten durch nichts anderes, als der Tatsache, dass geträumt wurde, dass es
sie besitze. Somit können wir das Reale als jenes definieren, dessen Eigenschaften
unabhängig davon sind, was jemand meint, dass es sie besitze.
Wie befriedigend eine solche Definition auch sein mag, so würde die Annahme, dass sie die
Vorstellung von der Realität restlos aufkläre, aber ein großer Fehler sein. Nun denn; lasst uns
unsere Regeln anwenden. Demnach besteht Realität – wie jede andere Qualität auch – aus
18/47
besonderen, erkennbaren Wirkungen, welche die Dinge, die an ihr teilhaben, hervorbringen.
Die einzige Wirkung, die reale Dinge haben, ist es, Überzeugungen zu hervorzurufen, da alle
durch sie ausgelösten Wahrnehmungen im Bewusstsein in Form von Überzeugungen
emergieren. Es stellt sich deshalb die Frage, wie wahre Überzeugung (oder Glaube an das
Reale) von falscher Überzeugung (Glaube an das Fiktive) unterschieden ist. Als voll
entwickelte Vorstellungen gehören Wahrheit und Unwahrheit vornehmlich in den Bereich
erfahrungsbasierter Meinungsbildung. Eine Person, die willkürlich jene Entscheidungen
wählt, die ihr passen, kann den Begiff Wahrheit nur verwenden, um ihrem Entschluss, an der
Entscheidung festzuhalten, stärkeren Ausdruck zu verleihen. Zweifellos behält die Methode
des Festhaltens niemals die Oberhand, denn dafür ist Vernunft eine für den Menschen nur zu
natürliche Eigenschaft. In der Literatur der “dunklen Zeitalter” finden wir dennoch einige
schöne Beispiele. Als Scotus Erigena einen literarischen Text kommentierte, in dem davon
die Rede war, dass Nieswurz (lat.: Elleborus/Helleborus) den Tod des Sokrates verursacht
habe, zögerte er nicht, den geneigten Leser davon in Kenntnis zu setzen, dass Helleborus und
Sokrates zwei berühmte griechische Philosophen gewesen seien. In einem philosophischen
Streitgespräch sei nun Sokrates dem Helleborus unterlegen gewesen und habe sich die Sache
so sehr zu Herzen genommen, dass er daran starb! Welch einen Begriff von Wahrheit muss
ein Mann haben, der eine unqualifzierte, völlig zufällige Meinung anzunehmen und diese
auch noch zu lehren wagt? Der wahre Geist des Sokrates, der, so hoffe ich doch, hocherfreut
gewesen wäre, „argumentativ überwunden“ zu werden, zumal er dadurch etwas glernt hätte,
steht in krassem Widerspruch zu der naiven Vorstellung des Schreiberlings, für den (genauso
wie für die „geborenen Missionare“ unserer Tage) der einzige Sinn einer Diskussion darin zu
bestehen scheint, einen Streit auszutragen. Als die Philosophie endlich aus ihrem langen
Schlummer erwachte, und bevor die Theologie sie vollkommen dominierte, übten sich die
Professores allem Anschein nach darin, sich zu Herrschern all jener philosophischen
Stellungen zu machen, die sie unbesetzt vorfanden und die ihnen stark genug erschienen, sich
in ihnen zu verschanzen, ab und zu einen Ausfall zu wagen und anderen den Krieg zu
erklären. Selbst die kümmerlichen Zeugnisse, die wir heute noch von diesen Streitigkeiten
besitzen, setzen uns dennoch instand, ein gutes Dutzend Meinungen zu identifizieren, die von
den verschieden Lehrern zur gleichen Zeit bezüglich der Frage des Nominalismus und
Realismus vertreten wurden. Wenn man den Prolog der „Historia Calamitatum“ des Abelard
liest, der sicherlich ebenso „philosophisch“ wie seine Zeitgenossen war, dann spürt man den
Odem des Kampfgeistes. Für Abelard ist die Wahrheit lediglich sein privates Bollwerk. Als
dann die Methode der Autorität siegte, bedeutete Wahrheit kaum mehr, als den katholoischen
Glauben. Alle Anstrengungen der scholoastischen Doctores hatten einzig das Ziel, ihren
Glauben an Aristoteles mit ihrem Glauben an die katholische Kirche in Einklang zu bringen.
Man könnte all ihre schwergewichtigen Folianten durchstöbern, ohne auch nur ein einziges
weiterführendes Argument zu finden. Es ist bemerkenswert, dass gerade dort, wo
verschiedene Glaubensrichtungen Seite an Seite gedeihen, Abtrünnige just von der Gruppe,
deren Glauben sie angenommen haben, mit Verachtung gestraft werden. Vollständig hat hier
das Streben nach „Loyalität“ jenes nach Wahrheit ersetzt. Seit Descartes ist dieser Defekt der
Wahrheitskonzeption jedoch nicht mehr so offenkundig. Sicher fällt es Wissenschaftlern hin
und wieder auf, dass die Philosophen weniger darum bemüht waren, Fakten aufzuzeigen, und
stattdessen der Frage nachspürten, welcher Glaube denn in umfassendestem Einklang mit
ihrem System stünde. Es ist kaum möglich, einen Anhänger der „a-priori-Metode“ durch
Beweise zu überzeugen. Wenn man ihm jedoch nachweist, dass die von ihm verteidigte
Meinung in Bezug auf etwas, das er anderswo kundgetan hat, inkonsistent ist, dann wird er sie
schleunigst widerrufen. Allem Anschein nach begreifen diese Gemüter nicht, dass Dispute
früher oder später zu einem Abschluss gebracht werden. Vielmehr scheinen sie davon
überzeugt zu sein, dass eine für einen Menschen selbstverständliche Meinung für einen
anderen noch lange nicht gelten muss. D.h. in der Konsequenz, dass so niemals eine
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Überzeugung zugleich Setzung (Definition) werden wird. Indem sie sich damit zufrieden
geben, ihre eigenen Meinungen mit Methoden zu untermauern, die einen anderen Menschen
zu völlig anderen Ergebnissen führen würden, lösen sie jenen schlaffen Griff, mit dem sie die
Konzeption dessen, was Wahrheit ist, umklammert hielten. Freilich sind auch die Anhänger
der Wissenschaft von einer frohen Hoffnung, dass nämlich der Fortschritt der Forschungen -
wenn er denn nur weit genug vorangetrieben würde - auf jede im wissenschaftlichen Sinne
stellbare Frage eine Antwort findet, beseelt. Während einer die Lichtgeschwindigkeit unter
Zuhilfenahme der Vensustransite und der stellaren Abweichungen untersucht, so mag
einander dasselbe Ziel unter Zugrundelegung der Marsoppostionen und der Ekliptik der
Jupitermonde verfolgen; ein dritter nutzt die Methode Fizeaus, ein vierter die Foucaults und
ein fünfter die Kurvengleichungen Lissajoux’s. Ein sechster, siebter, achter oder neunter
Forscher könnten die unterschiedlichen Methoden, die die Messwerte statischer und
dynamischer Elektrizität vergleichen, zur Anwendung bringen. Es ist gut möglich, dass sie
zunächst zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, doch in dem Maße, in dem sie ihre
Methoden und Vorgehensweisen verbessern, werden sich ihre Ergebnisse einander annähern
und sich allmählich auf einen bestimmten Schnittpunkt zubewegen. Das ist der Gang jeder
wissenschaftlichen Forschung. So unterschiedlich die Köpfe sind, so gegensätzlich können
die jeweiligen Ausgangspunkte sein; doch der Fortschritt der Forschungen trägt sie durch eine
äußere Kraft fort zu ein und demselben Schluss. Die Denkhandlung, die uns nicht dorthin
trägt wohin wir uns wünschen, sondern zu einem prädestinierten Ziel, ist wie das Wirken des
Schicksals. Keine Veränderung des Standpunktes, keine Wahl anderer
Untersuchungsgegenstände, nicht einmal eine natürliche Veranlagung des Charakters, kann es
einem Menschen ermöglichen, der vorbestimmten Meinung zu entkommen. Dies ist die große
Hoffnung, welche das Konzept von Wahrheit und Wirklichkeit beinhaltet. Jene Meinung, die
dazu bestimmt ist, dass ihr letztlich alle Forscher zustimmen, ist das, was wir die Wahrheit
nennen können. Das Objekt, das von dieser Meinung repräsentiert wird, ist das Reale. 2 So
würde ich Realität erklären.
Es könnte jedoch eingewandt werden, dass diese Anschauung der direkte Gegensatz zu der
abstrakten Definition sei, die wir zur Realität abgaben; und zwar in dem Sinne, dass sie die
Eigenschaften des Realen davon abhängig mache, was letzten Endes von ihnen gedacht wird.
Doch die Antwort darauf ist, dass Realität einerseits unabhängig – nicht notwendigerweise
vom Denken im Allgemeinen - ist, aber doch davon, was Sie oder ich - oder eine x-beliebige
begrenzte Anzahl von Menschen - über sie denken mögen. Auch wenn andererseits das
„Objekt der finalen Meinung“ davon abhängt, was diese Meinung denn ist, so hat doch diese
Meinung nichts damit zu tun, was Sie oder ich - oder irgendein Anderer - denken. Es ist unser
Eigensinn – und der vieler anderer – der die Gründung einer Meinung auf unbestimmte Zeit
verschieben könnte. Dies könnte sogar zu einem willkürlichen und allgemein anerkannten
Leitbild führen, das Gültigkeit besäße, solange die Menschheit existiert. Doch auch dies
würde das eigentliche Wesen der Überzeugung nicht berühren, denn nur sie kann das Ziel von
Forschungen, die weit genug getrieben werden, sein. Und wenn dann – nach dem Aussterben
der Menschheit – eine neue Gattung mit Hang und Fähigkeit zur Forschung entstehen sollte,
wäre die wahre Meinung jene, die sie schließlich fänden. „Auf der Erde zerschmetterte

2
Schicksal bzw. Bestimmung bedeutet hier lediglich jenes, von dem sicher ist, dass es sich als
wahr herausstellen wird und in keinster Weise umgangen werden kann. Die Annahme aber,
dass alle Arten von Ereignisse schicksalmäßig bestimmt seien, ist ein Aberglaube. Ein
weiterer Aberglaube ist die Annahme, dass Begriffe wie Schicksal oder Bestimmung niemals
von ihrem abergläubischen Ruch befreit werden könnten. Uns allen ist es bestimmt, zu
sterben; es ist unser Schicksal.

20/47
Wahrheit soll wieder erstehen“, und die Meinung, die sich schließlich aus der Forschung
ergibt, hängt nicht davon ab, wie jemand gerade denkt. Die „Realität des Realen“ aber hängt
von der Faktizität und der Bestimmung der Forschung ab, die letzten Endes – wenn weit
genug getrieben – zur Überzeugung führt.
Man könnte mich fragen, was ich denn von all jenen winzigen Fakten der Geschichte halte,
die vergessen sind und niemals wiederentdeckt werden, was von den verlorenen Büchern der
Alten, den verschütteten Geheimnissen.

"Full many a gem of purest ray serene


The dark, unfathomed caves of ocean bear;
Full many a flower is born to blush unseen,
And waste its sweetness on the desert air."3

Gibt es diese Dinge nicht wiklich, da sie sich unerreichbar jenseits der Reichweite unseres
Wissens befinden? Und dann, nach dem Tod des Universums (so wie ihn einige
Wissenschaftler voraussagen), wenn alles Leben auf immer vergangen ist, wird es dann nicht
weiterhin atomare Zusammenstöße geben, auch wenn kein Bewusstsein mehr da wäre, von
ihnen zu erfahren? Hierauf entgegne ich, dass kein Stadium des Wissens möglich ist und
keine Zahl groß genug wäre, um die Relation zwischen der Menge des unbekannt bleibenden
und der Menge des je Bekannten auszudrücken: trotzdem ist die Annahme, dass sich für eine
Fragestellung (vorausgesetzt, sie hat eine klare Bedeutung) durch intensive Forschung keine
Lösung finden ließe, unphilosophisch. Wer hätte vor eingen Jahren noch gedacht, dass wir
jemals wissen würden, aus welchem Stoff die Sterne bestehen, deren Licht länger braucht, um
uns zu erreichen, als die Menschheit existiert? Wer kann sich darüber sicher sein, was wir in
einigen hundert Jahren nicht alles wissen werden? Wer kann schon beurteilen, was dabei
heraus käme, wenn Wissenschaft zehntausend Jahre lang mit dem Eifer der letzten hundert
Jahre betrieben würde? Und wenn es nun eine Million, gar eine Milliarde oder jede nur
vorstellbare Zahl von Jahren so weiterginge, wie kann man dann wissen, ob nicht jede Frage
schließlich eine Antwort finden würde?
Es könnte allerdings dagegengehalten werden: „Weshalb sollten wir derartig abwegige
Überlegungen anstellen, wenn es denn schon Ihr Grundsatz ist, nur praktischen
Unterscheidungen eine Bedeutung beizumessen?“ Nun, ich muss zugeben, dass es kaum
einen Unterschied macht, ob wir sagen, dass ein Stein, der auf dem Grund des Ozeans in
vollkommener Dunkelheit liegt, funkelt oder nicht – d.h., dass es wahrscheinlich keinen
Unterschied macht, da wir ja im Kopf behalten, dass er morgen herausgefischt werden könnte.
Dass dort aber Edelsteine auf dem Meeresgrunde liegen, Blumen in einsamen Wüsten usw.,
sind Behauptungen - wie jene von dem Diamanten, der ohne Druck hart wurde -, die viel eher
mit den Möglichkeiten unserer Sprache, als mit der Bedeutung unserer Gedanken zu tun
haben.
Es scheint mir auf jeden Fall so, dass wir unter Anwendung unserer Regel eine klare
Vorstellung davon gewonnen haben, was wir unter Realität und den Tatsachen, auf denen
unser Denken basiert, verstehen. Wir sollten unsere Kenntnis jedoch möglichst nicht so
arrogant und hochnäsig - als wäre sie einzigartig – feilbieten; denn dann würden wir ja eine
metaphysische Existenztheorie zur universellen Akzeptanz unter allen, die die
wissenschaftliche Methode zur Gewinnung von Überzeugungen anwenden, fordern.
Metaphysik ist nämlich viel eher ein bizarrer denn ein nützlicher Gegenstand, wobei ihre

3
Ein Edelstein reinsten Schimmers erhellt; Die Dunkelheit, in unergründlichen
Höhlen des Ozeans verborgen; Eine Blume ist geboren um ungesehen zu blüh’n; Und
ihre Düfte in einsamer Luft zu vergeuden.
21/47
Kenntnis – wie ein versunkenes Riff – hauptsächlich dazu dient, uns über sie klar zu werden.
Aber ich möchte den Leser zur Zeit nicht mit noch mehr Ontologie quälen.
Ich bin diesen Weg allerdings schon viel weiter vorgedrungen, als ich es vorhatte und habe
dem Leser dabei eine derartige Dosis abstruser Mathematik und Psychologie verabreicht, dass
ich befürchten muss, dass er mich schon längst verlassen hat und alles, was ich jetzt noch
schreibe, auschlielßich dem Setzer und dem Lektor zu Gute kommt. Ich vertraute in die
Wichtigkeit des Gegenstandes. Es gibt keinen Königsweg zur Logik, und wirklich wichtige
Gedanken können nur um den Preis hoher Aufmerksamkeit erlangt werden. Ich weiß aber
auch, dass jene Ideen, die das breite Publikum bevorzugt, billig und schludrig sind.
Noch haben wir nicht die Schwelle zur wissenschaftlichen Logik überschritten. Es ist
sicherlich gut zu wissen, wie wir unsere Gedanken klar machen können, doch sie können auch
klar sein, ohne wahr zu sein. Wie wir sie klar machen können, haben wir als nächstes zu
untersuchen. Wie wir diese vitalen und fruchtbaren Gedanken zur Welt bringen können, die
sich in tausenden von Varianten vervielfältigen und sich selbsttätig überall hin verbreiten und
die Zivilisation zur Würde des Menschen voranbringen, ist eine Kunst, die nicht auf Regeln
reduziert werden kann, aber auf Geheimnisse verweist, zu denen die Geschichte der
Wissenschaften Hinweise liefert.

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Edwina Taborsky

Evolution des Bewußtseins

"Ideas produce material effects. A whisper in the ear may cause motions on the earth's surface
sufficient to attract the attention of the inhabitants of the planet Venus" (Peirce CP.7.369).

Zusammenfassung:
Die Evolution der Codifikation innerhalb der zunehmenden Komplexität und Vielfalt von
Relationen wird in diesem Beitrag vor dem Hintergrund einer triadischen Architektur
miteinander verbundener hierarchischer Schichten der materiellen Organisation und des
Bewußtseins untersucht. Massenträgheit (Inertion) und Entropie werden hierbei als die
grundlegenden Kräfte codierter Organisation verstanden. Evolution wird dargestellt als eine
zwischen diesen Kräften vermittelnde Kraft, deren Funktion es ist, Energie zu immer
komplexeren und vielfältigeren codierten Relationen anzuregen.
Diese Abhandlung beschäftigt sich mit der Natur der und den Beziehungen von Bewußtsein
und Evolution.

Schlüsselwörter:
Triadische Hierarchie der Codifikation; Inertion und Entropie; Evolution als Vermittlung.

I. Das Konzept der Energie

Es wird im Folgenden von der Annahme ausgegangen, daß die grundlegende Wirklichkeit
unseres Kosmos Energie ist, wobei Energie als eine potentielle Kraft zur Aktualisierung eben
dieser Energie in raumzeitlichen Termini aufgefaßt wird. Weiter gilt, daß Energie nicht
detaillierter beschrieben werden kann, denn: Energie kann nicht anders existieren - und
existiert auch nicht anders - als eine potentielle Kraft.
Wenn wir in unserer Definition von Energie exakter und spezifischer werden wollen, müssen
wir uns solcher Begriffe wie 'Erg' und 'Joule' - im Sinne von 'Arbeitsenergie' - bedienen. D.h.:
wir müssen andere Formen der Realität einbringen, die stabile, referentielle Beziehungen
erlauben und eine Messung der energetischen Kraft gestatten. Das Prinzip der Messung wird
auf diese Weise zu einer Komponente der Realität der Energie. Energie existiert nur dann,
wenn sie von etwas Anderem gemessen wird; Messung aber ist nur ein anderer Begriff für
Codifikation. Codifikation bedeutet logische Organisation, die, wenn sie auf Energie
angewendet wird, es einer freien und unendlichen Kraft erlaubt, als eine endliche und
begrenzte Aktualität zu existieren. Energie existiert nicht als Energie, um ein Atom zu sein;
sie kann nur existieren als aktuales Atom oder Molekül, als aktuale Menge von Molekülen,
Bakterien, aller Pflanzen und Tiere unserer Welt, der Menschen und ihrer Gesellschaften.

Diese grundlegende Kraft unseres Kosmos ist nur dann existent, wenn sie codifiziert oder
gemessen werden kann, also wenn sie extensional oder intentional mit den Mitteln eines
sekundären referentiellen Systems geordnet wird. Nur so ist es uns möglich, mit den
materiellen Eigenschaften von Energie zu interagieren, die in diesem raumzeitlichen Zustand
der Codifikation zu Information wird. Information muß also verstanden werden als
codifizierter Mikrozustand der Energie; sie ist Energie im Zustand des In-formierens. Aus der
23/47
Perspektive des Meßvorgangs betrachtet, erscheint die Messung als ein referentielles System,
dessen logische Eigenschaft es ist, Energie zu ordnen und dafür zu sorgen, daß sie überhaupt
Beziehungen mit anderen Formen der Materie eingehen kann. Messung bzw. Referentialität
organisiert Energie so, daß sie in systemische Beziehungen zu anderen energetischen
Ordnungen treten kann. Das bedeutet, daß die Transformation von Energie zu Information
mehrere prozessuale Ebenen erfordert, um Information zu erzeugen. Uncodierte oder freie
Energie muß deshalb von den referentiellen Codes unterschieden sein, da beide sonst nicht
miteinander interagieren könnten. Es werden also Metaebenen - oder Ebenen der Codifikation
- benötigt, damit sich Verbindungen oder referentielle Beziehungen überhaupt manifestieren
können, die auf diese Weise die Existenz von Energie als Materie - als Information - erst
ermöglichen.

Die Transformation von Energie zu Information findet in Netzwerken interagierender


Prozesse statt, die als eine hierarchische, multiresolvierende Architektur operieren. Es ist
davon auszugehen, daß diese Architektur aus drei fundamentalen, systemischen Ebenen der
Codifikation, der physikalisch-chemischen, der biologischen und der konzeptuellen,
aufgebaut ist. Diese drei Ebenen bilden die Architektur unseres Kosmos. Als grundlegende
Axiome dieser Architektur gelten:

1.) jede dieser Ebenen bildet ein selbstreferentielles und kohärentes codiertes System.
2.) der Kontext jedes dieser Systeme ist abhängig von der Kohärenz dieser Codifikation.
3.) alle drei Systemebenen der Codifikation sind interaktiv miteinander verbunden.
4.) keines der Systeme ist unabhängig von den anderen
5.) keines der Systeme ist durch seine Geschichte oder seinen Aufbau privilegiert und den
anderen
Systemen überlegen.
6.) der Codifizierungsprozeß innerhalb der drei tropischen (bildhaften) Schichten kennt nur
zwei
Typen: dynamisch <> thermodynamisch bzw. inert (träge) <> entropisch.
7.) die Architektur der Codifzierung evolviert nach den Kategorien Charles S. Peirces:
Erstheit,
Zweitheit und Drittheit

Dies sind die axiomatischen Komponenten der nun vorzustellenden Architektur des
Bewußtseins und der Evolution, eines Konzeptes, dessen Annahme es ist, daß die Formation
von komplexen Systemen, von Hierarchien und von neu emergierenden Eigenschaften
natürliche Prozesse sind.

Codifikation ist ein referentielles System, das Energie mißt. Die Messung organisiert Energie
in Form von Mustern, die mit ihrer referentiellen Logik übereinstimmen. Auf diese Weise
wird Energie in einer abgetrennten und räumlich begrenzt operierenden Phase, als Zeichen
(Code), geordnet. Es stellt sich nun die Frage, ob der Code dadurch von der Energie
abgesondert ist. In ihrer Beantwortung gibt es bis heute keine Übereinstimmung:
Der Platonismus sieht den Code als pure Form und trennt ihn als ein reines Ideenreich von der
Wirklichkeit ab. Gebräuchliche Varianten dieser reinen Form können geklonte Kopien,
dialektische Analogien oder auch hergestellte Symbole sein. Jedoch bleibt hier die
ursprüngliche Formursache (Code) von der Stoffursache (Energie) getrennt; der Code ist von
der Materie unabhängig. Nach Aristoteles (Meta 1036b20) ist es sinnlos, alle Dinge auf
Formen zu reduzieren und damit die Materie zu eliminieren. Das aristotelische Verständnis
von Code und Energie bringt beide zusammen, weil es davon ausgeht, daß Materie etwas ist,
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daß niemals ohne Qualität und ohne Form existieren kann (De gen 3320b15). Weiss (1970)
hat dargelegt, "daß eine DNA-Sequenz keine immanente Bedeutung hat. Wenn ein Gen aus
einem Organismus entnommen wird, hat es nicht mehr Bedeutung als ein paar Spielkarten
außerhalb des Kontextes eines Spieles wie Poker oder Bridge. Informationswert und Funktion
sind kontextabhängig." (in: RD 1997:449)
Aristoteles ist sehr genau wenn er sagt, daß unter Natur zwei Dinge, die Materie und die Form
- von denen letztere das Ziel ist- zu verstehen sind. Da alles Übrige nur existiert, um dem Ziel
zu nutzen, muß die Form die Ursache sein - es muß 'zum Nutzen dieser' sein (Phy. 199a30).
Die Codes, die Meßsysteme, sind die Mittel, um Energie zu organisieren. Energie kann nur
existieren, wenn sie codiert wird; deshalb gilt: die Materie will die Form (Phy. 192a20).
Energie als Potentialität wünscht und erfordert Messung, weil sie nur so aktual sein kann.

Energie kann mit den Mitteln der drei grundlegenden Systeme codifiziert oder gemessen
werden: dem physikalisch-chemischen, das sich in den atomaren und chemischen Prozessen
findet, dem biologischen, das sich in den organischen Prozessen findet und dem
konzeptuellen, das sich in den menschlichen, symbolischen Prozessen findet. Es ist ein Axiom
dieser Abhandlung, daß es fundamentale Ähnlichkeiten und Beziehungen zwischen den
Prozessen des Physikalisch-Chemischen, des Biologischen und des Konzeptuellen gibt.
Information darf nicht ausschließlich als anthropomorphe Interpretation der niederen codalen
Ordnungen verstanden werden. Wir müssen zum Beispiel danach fragen, "welche natürlichen
Prozesse nehmen die Auswahl in einem chemikalischen Universum so vor, daß die
Chemikalien irgendwann aufhören eine Mischung zu sein und ein System werden?" (RD
1997:449) Wann fängt das chemikalische System an, auch innerhalb biologischer
Codifikation zu operieren und wann beginnt diese damit, auch innerhalb konzeptueller
Codifikation zu operieren?

III. Die zwei Codifikationen von Energie

Zwei fundamentale Kräfte wirken in diesem Prozeß der codierten Messung und der
Transformation von Energie, der nach den Hauptsätzen der Thermodynamik beschrieben
werden kann, welche die Konversion der Energie von einem Zustand in einen anderen
bestimmen. Die Hauptsätze der Thermodynamik beziehen sich auf die (reversible oder
irreversible) Richtung des Energieflusses und die Bereitschaft der Energie, als Information zu
wirken. Peirce benannte diese Richtungen schlicht und einfach mit Gesetz und Zufall und
konstatierte: "Gesetz gebiert Gesetz und Zufall gebiert Zufall. Diese elementaren Momente
aller natürlichen Phänomene müssen aufgrund ihrer wesentlichen Eigenschaften im Ursprung
verschiedener Herkunft sein" (7.521).
Andere Begriffe, die Verwendung in der Beschreibung dieser Prozesse finden, sind
Generalisierung und Spezifizierung. Generalisierung wird verstanden als jene Kraft, die die
Expansion des Geltungsbereiches einer codalen Ordnung durchsetzt, gleichzeitig aber auch
ihre Tiefenwirkung abflacht bzw. die Erklärungsgenauigkeit mindert oder zersetzt.
Spezifizierung dagegen steigert Tiefe und Genauigkeit, aber begrenzt oder vermindert die
Ausdehnung des Geltungsbereiches in Raum und Zeit. Wissenschaftlich sind beide
Bestrebungen als Energieerhaltungssatz (erster Hauptsatz der Thermodynamik) und als
entropische Dissipation (Verschwendung, Zerstreuung) von Ernergie (zweiter Hauptsatz der
Thermodynamik) bekannt.

Der erste Hauptsatz der Thermodynamik ermöglicht die funktionale Integration von Energie
in homöostatischen Speichern, die codale Eigenschaften aufspeichern und damit die Stabilität
von Verbindungen gewährleisten. Der erste Hauptsatz ermöglicht also Systeme, die den
25/47
Replikator bzw. die referentiellen Codes speichern. Im Gegensatz dazu wirkt der zweite
Hauptsatz, der Irreversibilität postuliert, an der entropischen Destabilisierung dieser
integrierten Ordnung. Energie operiert auf diese Weise als zwei einander gegensätzliche
Kräfte: Integration <> Desintegration oder Stasis <> Entropie.
Matsuno unterscheidet ihre Eigenschaften nach temporaler Wertigkeit, da "Dissipation von
Energie in lokal-asynchroner Zeit auftritt, während Energieerhaltung in global-synchroner
Zeit beobachtet werden kann" (1998:67). An anderer Stelle heißt es, daß "Evolution es
erforderlich macht, daß lebendige Systeme redundante oder nicht-integrierte funktionale
Bestandteile besitzen, an denen Variationen auftreten können ohne, daß die funktionale
Integrität des Systems gefährdet wird. Es ist deshalb sehr wahrscheinlich, daß neue Systeme
aus abgekoppelten, nur schwach verkoppelten oder redundanten Komponenten evolvieren"
(RD 1997:463). Und Matsuno stellt fest, daß "sich die Kohäsion zwischen den messenden und
den gemessenen Energieflüssen als eine prinzipielle Eigenschaft von Energiedissipation und
Energieerhaltung herausstellt" (1998:67). Mit anderen Worten ausgedrückt bedeutet das, daß
Energie in der Gesamtheit ihrer Natur aus zwei grundlegenden Prozessen besteht - doch wie
sind diese miteinander verbunden? Ist Energie notwendigerweise in evolutive Aktionen
eingebunden, um ihre Kapazität zu erhöhen, bald die eine und bald die andere der beiden
grundlegenden Kräfte vorzuführen? Kann Evolution verstanden werden als eine kovalente
Vermittlung zwischen diesen dyadischen Kräften?

Zunächst müssen wir die gegensätzlichen Naturen beider codaler Prozesse untersuchen. Wie
sind sie beschaffen, wie sind sie verbunden und - das ist besonders wichtig - sind sie die
einzigen, wirksamen Kräfte? Swenson (1998) bemerkt: "die Experimente, die auf der
Maßeinheit Joule basierten und jedes andere Experiment, das entwickelt wurde, um den
ersten Hauptsatz zu beweisen, ...bewies gleichermaßen den zweiten Hauptsatz". Matsuno hebt
hervor, daß "der zweite Hauptsatz der Irreversibilität ontologisch eine Ableitung des ersten
Hauptsatzes des Energieerhaltes ist" (1998).
Prigogine führt aus,daß " wir (...) vom 19. Jahrhundert zwei widersprüchliche Sichtweisen der
Natur geerbt (haben): den zeitreversiblen Blickwinkel, der auf den Gesetzen der Dynamik
basiert und den auf der Entropie basierenden, evolutionären Blickwinkel. Wie können diese
gegensätzlichen Sichtweisen zusammengebracht werden?" (1997:19).

Inertion (Massenträgheit) ist ein codaler Prozeß, der Energie in wiederholbaren und
reversiblen Handlungen organisiert, die deshalb atemporal und alokal sind und so für träge
bzw. stabile Formen von Information sorgen. Prigogines Entwurf der dynamischen
Codifikation geht davon aus, daß in ihr "jeder Einzelzustand ausreichend ist, um das System
vollständig zu definieren, nicht nur seine Zukunft, sondern auch seine Vergangenheit"
(1984:60), denn: "in jedem beliebigen Moment ist alles vorhanden". Newtonsche Zeit, die
durch ihr externalisiertes Meßsystem als absolut gesetzt ist, "definiert alle Zustände als
äquivalent" (ebd.), weil so eine Äquivalenz von Vergangenheit und Zukunft impliziert werden
kann (Prigogine 1997:2). Dieser Prozeß, der auf der Annahme einer universellen oder nicht-
kontextuellen Trägheit (Inertion) der Codifikation beruht, ist die ideologische Grundlage einer
deterministischen und universell homogenen Welt, in der "die Zukunft immer vollständig
durch die Vergangenheit festgelegt ist" (Penrose 1990:19). Eine derartige Weltsicht führt zu
Deutungen, die einen möglichen Endzustand des Wissens annehmen. Devianz wird
verunglimpft, da Abweichungen als anormal oder als nicht angepaßt verstanden werden; sie
können höchstens auf Ignoranz beruhen oder Ergebnisse ungenauer Arbeitsweise sein. Die
relevante Komponente dieses Typus der Codifikation ist die Etablierung und der Gebrauch
von grundlegenden Meß-Gesetzen, die dem Wandel widerstehen und um einen idealen oder
Steady-State-Modus der Realität herum aufgebaut sind.

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Der andere Typus des Codifikationsprozesses - der thermodynamische - operiert mit der
einmaligen oder irreversiblen Meßhandlung und führt zu solitären und verschiedenen Formen
von Realität. Peirce bemerkt, daß "es in der Natur wahrscheinlich ein Agens gibt, durch
welches die Komplexität und Diversität der Dinge gesteigert werden kann. Folglich trifft das
Gesetz mechanischer Notwendigkeit irgendwann auf Interferenz." (6.58). Prigogine sagt, daß
"Irreversibilität in der Natur eine wesentliche Rolle spielt und den meisten Prozessen der
Selbst-Organisation zugrunde liegt." (1984:8). Thermodynamische Codifikation - zufällig,
ziellos und verfälscht - nimmt freie oder periphere entropische Energie auf. Sie mißt bzw.
encodiert Energie in einer Weise, die der dynamischen Codifikation vollkommen
entgegengesetzt ist und damit variierende Schwankungen erlaubt, die mit den anderen Formen
auf völlig neue Art in Relation gebracht werden müssen.

Wie können wir die operationale Gültigkeit dieser beiden grundlegenden Hauptsätze der
Energie erkennen - die zwei Organisationstypen von Inertion und Entropie, Dynamik und
Thermodynamik, Stasis und Zufall? In historischer Perspektive haben Ideologien immer die
eine oder die andere Sichtweise nach dem Muster Design versus Wahllosigkeit, Moderne
versus Postmoderne, Mechanik versus Phänomenologie, Realismus versus Nominalismus
favorisiert. Weder der einen noch der anderen Kraft ist der Vorzug zu geben, denn beide
Kräfte sind gleichermaßen notwendig bei der Transformation von Energie in Information. Es
bleibt bislang allerdings offen, wie beide Kräfte interagieren: "Bis wir verstehen, wie
Thermodynamik, Systemtheorie und Molekularbiologie miteinander verbunden sind, bleiben
diese Fragen unlösbar" (RD 1997:450).
Dennoch denke ich, daß wir genug wissen, um solche Fragen stellen zu können. Welche Art
von Welt wird durch Messungen erzeugt, die mit drei Sorten von Codifikation und zwei
tropischen Formen von Codifikation operieren?

IV. Das Konzept der multiplen Energieniveaus - Konzentration und Interaktion

Ich nehme es axiomatisch als gegeben, daß Leben - was gleichbedeutend mit der
Transformation von Energie in Information ist -, nur in einem Zustand der Komplexität
operieren kann. Dieser Prozeß muß mit unterschiedlichen Organisationszuständen operieren,
die sich in Form besonderer Energieniveaus aktualisieren, die sowohl die Kapazität besitzen
Inertion, als auch Freiheit zu erzeugen. Das System muß die Möglichkeit haben, diese
Niveaus gegeneinander abzugrenzen, d.h., daß die Niveaus mit ihren Organisationscodes und
ihrem jeweiligen Energiegehalt voneinander isoliert und doch fähig sein müssen, Energie von
einer Organisationsebene zur anderen zu leiten. Als Voraussetzung gilt, daß es dafür
mindestens - aber auch höchstens - drei Prozesse der Energiecodifikation bzw. -messung
bedarf: "Jedes kybernetische System muß aus mindestens drei hierarchisch getrennten (wenn
auch stark miteinander verbundenen) Teilen bestehen: einem Prozeß, einem Instrument, das
den Prozeß mißt und einer Methode, die den Prozeß kontrolliert" (RD 1997:450).
Zur Energie, die für die Intentionalität des Prozesses steht, kommen die spezifische,
kontextuelle Meßhandlung dieses Prozesses und weitere, verallgemeinernde, generalisierende
Formen codaler Realität, die die Ausdehnung des Prozesses begrenzen, hinzu. Aus diesen
Gründen kann Realität nur innerhalb von drei unterschiedlichen operationalen Realitäten
wirken. Komplexität kann daher nur als ein notwendiger - aber nicht als ein akzidentieller -
Prozeß existieren.
Vorstellungen von multiplen Prozessen oder Kräften, die in der Regel triadisch arrangiert
sind, gibt es seit dem Altertum. Die ägyptische Trinität Isis / Osiris / Horus zeigt dieses
Schema; ebenso Platons Triade von Seele, Intellekt und Stadtstaat (auch: Begierde / Geist /
Vernunft; Arbeiter / Bürokrat / Herrscher). Ferner zeigt sich dieses Schema in Platons drei
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Weisen Wissen zu entwickeln: durch Mimesis via Anamnesis, durch Methexis und Dialektike
und durch fragende Vermittlung eines demiurgisch/eristischen Prozesses. Es gibt die drei
aristotelischen Archai oder Prinzipien von immanenter Form (Eidos),
Privation/Mangel/Not/Entbehrung (Steresis) und Substratum/ Unterlage/Grundlage
(Hypokeimenon). Die drei aristotelischen, aktiven Ursachen, die auf der immanenten
Stoffursache (causa materialis) basieren, sind die Antriebsursache (causa efficiens), die
Formursache (causa formalis) und die Zweckursache (causa finalis). Auch die Triade Plotins
von Hen (das Eine), Nous (Geist) und Psyche (Seele) sowie Augustinus' Konzeption von Gott
/ Geschichte / utopisch-erlösende Phasen und der augustinische Seeleenbegriff, der auf Liebe /
Existenz / Wissen basiert, gehören zu den triadischen Entwürfen. Von Vico kennen wir das
stumme Zeitalter der Götter, das diesem stummen Zeitalter folgende und ihm
entgegengesetzte heroische Zeitalter und das vermittelnde rationale Zeitalter. Aus der
modernen Philosophie sind die Triade Hegels, die drei Kategorien Peirces, Poppers drei
Welten usw. bekannt.
Rezente logische und wissenschaftliche Paradigmen gehen vielfach wiederum davon aus, daß
Energie sich hierarchischer Lösungen bedient, um in Ordnungsprozessen zu operieren. Man
kann diese metaphysischen Ebenen mit Ebenen oder Bändern von Energie vergleichen,
welche innerhalb der ihnen jeweils entsprechenden energetischen Bandbreite operieren. Diese
Bänder sind voneinander klar abgegrenzt; jedes Band oder jede Ebene repräsentiert eine große
Anzahl codaler Operationen, wobei die Energiemenge, die jedes Band zu encodieren vermag,
begrenzt ist. Eine höhere Ebene, auf der sich der Codifikationsprozeß differenzierter abspielt
und die Leistungsfähigkeit der Codifizierung oder Messung eine höhere Auflösung und
Stringenz besitzt, hat größere energieverarbeitende Möglichkeiten, als eine niedere Ebene.
Eine niedrigere Ebene, mit lockereren Bindungen und geringerer Auflösung/Stringenz in der
Codifikation, hat geringere energieverarbeitende Fähigkeiten.

Aufgrund der abgesonderten und selbstkohärenten Natur jeder Ebene, der Bewegung von
Energie von Band zu Band, insbesondere in einer unidirektionalen Temporalität, kann Energie
nicht als essentialistischer oder progressiver Fluß, als intentionalistischer und teleologischer,
auf die Zukunft gerichteter, Brennpunkt - wie in der Gaia-Theorie des Energieflusses -
verstanden werden. Es ist anzunehmen - wenn von den anderen Energiefluß-Theorien
ausgegangen wird -, daß diese Ebenen nicht nahltlos ineinanderfließen, sondern daß es ein
verbotenes Band als Grenzlinie gibt, das als eine isolierende Membran zwischen den Ebenen
fungiert. Energie, die sich in diesem verbotenen Band zwischen zwei Ebenen befindet, ist in
einem angeregten, sehr weit vom Gleichgewicht entfernten Zustand. Dieser angeregte
Zustand ist oft als in starken Zuständen von Fremdheit/ Befremdung auftretend beschrieben
worden, wie sie in einer direkten Konfrontation, einem Kampf oder Wettkampf vorkommen,
die die Energieverarbeitung von einer homöostatischen und iterativen Phase hin zu einem
entropischen Zustand, einem high-attractor state der Offenheit zur Interaktion verschieben.
Solche dyadischen Differenzierungen sind in Heraklits Konzept von Liebe und Streit, dem
Kampf Darwins, Augustinus' gut und böse, den Adrenalin-Zuständen von Spielen, Kriegen,
Wissenschaft und Entdeckung zu finden.

Falls diese Form der Interaktion der einzige Prozeß in der Membran-Phase wäre, würde ein
großer Teil der Energie während der binären Konfrontation verlorengehen. Derlei decodierte
Energie könnte dann von einer niedrigeren Ebene der Codifikation resorbiert werden; diese
Operation würde jedoch - falls kontinuierlich - zum Hitzetod des Planeten führen. Um diese
durch Kampf verursachte Dispersion zu verhindern, können beide Operationsweisen sich
voneinender isolieren; doch diese Regression würde dasselbe Ergebnis zeitigen und entweder
mit einem eingefrorenen Zustand oder einem chaotischen Hitzetod enden. Stattdessen bedient
sich dieser weit vom Gleichgewicht entfernte Konfliktzustand (der innerhalb der unscharfen
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Phasen hoher Erregbarkeit sensorisch-emotionaler attractor-Zustände wirksam wird) der
vermittelnden Handlung der Evolution. Evolution soll hier verstanden werden als eine
explorierende Expansion von Mikro-Makro-Schnittstellen, auf die die Herausbildung neuer
codaler Logiken oder codaler Muster folgt, die nicht vorhersehbare, strategische
Paarbildungen ermöglichen und somit die Entwicklung neuer Information und neuer
Erkenntnisqualitäten erlauben. Evolution bringt dieserart eine vermittelnde, triadische Kraft in
die Konfrontation ein, um so höhere und komplexere Muster der freien Energie - anstelle von
niedrigeren - zu erzeugen. D.h., daß es sich bei Evolution um einen mediativen oder
relationalen Prozeß handelt, der ein Medium zur Entwicklung unvorhesehbar emergierender
referentieller Codifikationsprozesse für höhere und komplexere Energieebenen der
Energieorganisation bereitstellt.
Das bedeutet jedoch auch, daß die höheren Ebenen des Codeprozesses die differenziertesten,
feinkörnigsten, spezialisiertesten sind, jene die über eine große Energiemenge - aufgeteilt auf
extrem spezialisierte und abgeschottete Module der Codifikation - verfügen. Die Folge einer
ausschließlichen Entwicklung dieser Art wäre aber eine andere Form des Hitzetodes, bedingt
durch codale Erstarrung in isolierten Zentren der Spezialisierung.
Es soll nun untersucht werden, wie konzeptuelle Codifikation mit diesem Problem durch die
Wiedereinführung einer hochentropischen Ebene gewollter Zweideutigkeit symbolischer oder
figurativer Codifikation umgeht. Die besonderen Eigenschaften der verschiedenen Ebenen
werden anhand der von Peirce eingeführten Triade der Kategorien Erstheit, Zweitheit und
Drittheit erörtert.

V. Erstheit als Empfindung

Die erste und grundlegendste Ebene des Bewußtseins, die als Primär- oder Vorbewußtsein
bezeichnet werden kann, kann als ein Zustand der Erstheit im Sinne Peirces angesehen
werden. Peirce definiert diesen Zustand als Gefühl, und Gefühl ist “das Bewußtsein eines
Augenblicks, wie er in seiner Einzigartigkeit an sich ist; ohne Rücksicht auf seine Relationen,
weder zu seinen eigenen Elementen noch zu etwas anderem” (7.540). Im Gegensatz zu Kant
beschränkt Peirce dieses Empfinden nicht auf das Fühlen von Freude und Schmerz (7.540),
sondern bezieht es ungeachtet seines Gehaltes auf alle Arten von Empfindung. “Die
Vorstellung des Ersten ist vorherrschend in den Vorstellungen von Frische, Leben, Freiheit.
Das Freie ist jenes, das kein Anderes hinter sich hat, das seine Handlungen
determiniert...Freiheit kann sich nur in uneingeschränkter und unkontrollierter Vielfalt und
Mannigfaltigkeit manifestieren; daher wird das Erste vorherrschend in den Vorstellungen von
unendlicher Vielfalt und Mannigfaltigkeit” (1.302).

Die Codifikationsprozesse auf dieser Energieebene sind eher als elementar, denn als komplex
anzusehen; ihre Eigenschaften sind homogen, unspezialisiert und offen für einfache Paar-
Bindungen und interaktive Relationen, die als reversible Verbindungen operieren und dazu
tendieren, ein Equilibrium codaler Modalitäten aufrechtzuerhalten. Welchen Charakter hätte
diese Prozeßebene als Bewußtsein? Sie wäre unbewußtes Bewußtsein als ein “Chaos
unverkörperten Fühlens” (Peirce 6.33). Ein Gefühl, so bemerkte Peirce, hat keine Teile und
kann nicht in verschiedenene Teile zerlegt werden. Dies zu tun erfordert eine zumindest
geringe Entfremdung von diesem Gefühl, so daß man als ein mit einem Meßsystem
ausgestatteter Beobachter operieren kann. “Mit Gefühl meine ich eine Instanz jener Form von
Bewußtsein, der weder Analyse noch Vergleich oder ähnliche Prozesse zu eigen sind; auch
gibt es keine Handlungen des Ganzen oder von Teilen, durch die ein Abschnitt dieses
Bewußtseins von einem anderen unterschieden werden könnte” (1.306). Wie Gödel feststellt,
kann ein System sich nicht selbst definieren, vielmehr bedarf es einer Metareferenz. Jene
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Ebene, die man auch als die Ebene physikalisch-chemischer Codifikation bezeichnen kann, ist
vorbewußt und operiert aus dem Gefühl des Kontaktes mit Andersheit (otherness) und
dennoch ohne jedes Bewußtsein dieses Kontaktes, weil das referentielle System die
Separation zwischen dem Selbst und dem Anderen nicht encodieren oder irgendein
Bewußtsein der wirklichen Natur dieses Kontaktes herstellen kann. Primäres Bewußtsein ist
somit ein Zustand des ‘In-Verbindung-Seins’. Es operiert, wie Prigogine impliziert, mit
Gleichgültigkeit gegenüber der Zeit. Meines Erachtens ist jedoch eher davon auszugehen, daß
es in einem besonderen Zeit-Modus - kosmischer Zeit - operiert, einer Form referentieller
Messung, die nicht in Sekunden, sondern in Millionen oder Milliarden von Jahren encodiert.

Bevor wir zur Untersuchung der nächsten Stufe des Bewußtsein übergehen, die die codale
Kapazität der Reflexion einführt - eine Ebene der Energieverarbeitung, die als
Selbstbewußtsein bezeichnet werden kann - sollten wir zunächst die Eigenschaften der
Realität besprechen, die nur im primären Bewußtsein operiert.

VI. Monadische Typologie

Welche Art von Welt könnte in diesem grundlegenden Bewußtsein wirksam sein? Sie wäre
Erfahrung ohne irgendeinen Sinn für ihre Begrenztheit in Raum oder Zeit. Aus diesem
Grunde gäbe es keine Rezeptivität für den Vergleich, dessen Voraussetzung die mögliche
Isolierung des Selbst von dieser Wahrnehmung ist. In der physikalisch-chemischen Welt
wären dies monadische oder einfache Erfahrungen grundlegender Moleküle chemikalischer
und atomarer Partikel, deren Interaktion durch die Starre träger (inerter) Bindungsgesetze
geregelt ist. Diese Gesetze sind so fest in die Handlung eingebettet, daß normalerweise keine
Möglichkeit besteht, den Code von der Handlung oder die Handlung vom Code zu trennen.
Das Resultat einer deratig engen, durch gravitationelle Einwirkung forcierten Bindung
bedeutet, daß es nur eine geringe Flexibilität in der Variation von Code und/oder Handlung
gibt.
Diese Ebene ist die Welt mimetischer Objekte oder einfacher Ansammlungen solcher
Objekte. Ein Molekül hat ein nur begrenztes Repertoir von Bindungs- und
Verbindungsmöglichkeiten zur Verfügung und keine Möglichkeiten, diese Regeln zu ändern.
In der biologisch codierten Welt gibt es prokariotische Bakterien (d.h. ohne Zellkern), deren
referentielle Methode, Energie zu encodieren, weiter entwickelt ist, als jene des Moleküls -
doch noch immer ist sie nicht völlig getrennt von der aktuellen Handlung, wie es schließlich
bei den Eukarioten (d.h. mit Zellkern) der Fall ist. Deshalb haben Prokarioten - wie auch die
Moleküle - nur eine eingeschränkte Kapazität, ihren Typus von Reproduktion und die Art und
Weise ihrer Verbindungsmöglichkeiten zu variieren. Dies ist eine Welt ohne Bewußtsein ihrer
selbst, eine brodelnde Masse undifferenzierter Interaktion. Diese Ebene ist trotzdem
grundlegend und wichtig: sie operiert als eine weit verbreitete Form der Energieverarbeitung,
die die primäre Grundlage von zu Information codierter Energie bildet. Sie spielt daher eine
wichtige Rolle bei der Verhinderung eines entropischen oder eines inerten Hitztodes. Sie ist
hauptsächlich bei Fäulnis- und Auflösungsprozessen höherer Formen der Energieorganisation
wirksam; d.h., daß diese Ebene der Codifikation nicht nur der Stabilisierung von
Energieprozessen als ihnen zugrundliegende Ebene dient, sondern auch dazu, Energie für die
weitere Codifikation durch die Praxis der entropischen Dekomposition höherer Formen
freizusetzen. Diese Ebene fungiert als ein operationelles Energiereservoir für die
Codifikationsprozesse höherer Ebenen.

Für sich betrachet wäre diese Welt ein ruhiges und relativ stabiles Gebiet - so wie sie es in
den Jahrmillionen der präkambrischen und kambrischen Ära war. Dieser Typ von Welt ist
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ohne Geschichte. Er existiert wie er ist, unwandelbar und frei von irgendwelchen Zwängen
oder dem Bewußtsein seiner selbst als einem Selbst. Dies sind die Welten finalen Stadiums,
wie wir sie auch in Utopien angepriesen finden. Dies ist Vicos Ära der schweigenden Götter,
es ist die Traumzeit der Aboriginies, das Eden der Christen, es ist vorbewußt.
Könnte das Universum mit nur einem solchen Typus von Codifikation überlebt haben?
Fortschreitende entropische Dissipation würde dann die Energieprozesse bis zu einer
universellen Homöostase der Nicht-Interaktion heruntergebracht haben, so daß der
funktionale Hitzetod des Universums die unabänderliche Folge gewesen wäre. Um die
Leistungsfähigkeit der Energie zu erhalten, ihre Kraft, materielle Information zu sein, muß sie
innerhalb eines nicht-homoöstatischen Zustands operieren, der Differenzierung erlaubt und
damit auch die Bewegung der Interaktion. Es muß daher höhere oder komplexere
Codifikationsprozesse geben, die Energie vor fortschreitender Entropie bewahren. Wie muß
dann die nächste Stufe der Hierarchie in der Energieevolution beschaffen sein?

VII. Zweitheit oder Selbstbewußtsein

Der monadische Zustand ist jener, wo “all das für einen Menschen unmittelbar vorhanden ist,
was sich in dem gegenwärtigen Augenblick in seinen Gedanken befindet. Sein ganzes Leben
ist in der Gegenwart. Doch wenn er fragt, was denn der Inhalt dieses gegenwärtigen
Augenblicks sei, dann kommt seine Frage immer zu spät” (Peirce 1.310). Dies ist so, weil
Referentialität oder “Reflexion nicht unmittelbar durchgeführt werden kann” (Peirce 7.540).
In der Absicht, etwas über dieses bewußte Fühlen in Erfahrung zu bringen - und ich meine
hier kein konzeptuelles Wissen, sondern lediglich das Bewußtsein dieses Fühlens als eine
diskrete Realität - , muß das Selbst sozusagen vom Selbst getrennt werden. Man muß sich in
einen Zustand der Zweitheit begeben, der ein Zustand der ‘wechselseitigen Aktion zweier
Dinge ungeachtet irgendeines Dritten oder Mediums und insbesondere ungeachtet
irgendwelcher Gesetze der Handlung’ ist (Peirce 1.322). Mit diesem Stadium liegt das vor,
was Peirce als ‘Doppel-Bewußtsein’ (1.324) bezeichnet hat, weil “wir uns selbst bewußt
werden, indem wir des Nicht-Selbst bewußt werden. Der wache Zustand ist ein Bewußtsein
der Reaktion; und wie das Bewußtsein selbst zweiseitig ist, so hat es auch zwei Formen; ...die
Vorstellung, so wie andere Dinge zu sein, erschafft uns” (1.324). Der Zustand der Zweitheit
fügt einen referntiellen Prozeß hinzu, der auf ‘so wie andere Dinge zu sein, erschafft uns’
referiert. Er bedient sich dabei der Mittel einer anderen Ebene der Codifikation, welche es der
einen Ebene erlaubt, die andere zu beobachten, auf sie zu referieren und sie zu messen. Diese
Ebene - nicht von analytischem, sondern von deskriptivem Bewußtsein - wird im Folgenden
als Selbstbewußtsein beschrieben.

Was ist der Charakter dieser Stufe der Beobachtung? Man kann etwas Anderes weder
beobachten, noch sich dazu in Beziehung setzen oder es beschreiben, wenn man sich nicht
zunächst einmal von ihm separiert; und dann kann, durch die Anwedung organisatorischer
Mittel, eine Beziehung zwischen einem selbst und dem Anderen aufgebaut werden. Deshalb
kann es als Regen, als ein Baum, als Wolken beobachtet werden. Diese Handlung ‘selektiert’,
fokussiert gleichermaßen auf die eigene Begrenzung und die andere Begrenzung und fügt eine
Messung als Beziehung zwischen beiden ein. In der erhöhten elektromagnetischen
Erregbarkleit einer dyadischen Interaktion produziert diese Ebene der Codifikation eine hohe
Auflösung oder Organisation von Energie, eine feinkörnige Beschreibung des Selbst und des
31/47
Anderen. Sobald die Auflösung durch weitere codale Bindungen weiter verbessert wird,
nimmt die Flexibilität der Bedeutungen ab und die Spezifität der Informationen zu.
Das Tier ist dann nicht nur mehr ein Tier, sondern es wird beispielsweise zur Katze und
darüberhinaus zu einer Perserkatze; und schließlich wird diese zur besonderen Perserkatze mit
dem eigenen Namen, den wir ihr gaben. All diese spezialisierten Codifikationen sorgen für
feinkörnigere und abgepufferte oder antientropische Energiezustände. In dieser zweiten Ebene
der Codifikation gibt es eine Apperzeption von Auswahl und Entscheidung, einer Kraft, durch
welche die referentiellen Prozesse Energie in spezifische codale Wege drängen. Wie Peirce
bemerkt, “(ist) das Zweite (...) genau Jenes, das nicht ohne das Erste sein kann. Es trifft uns
im Anderen, der Relation, dem Zwang, der Wirkung, der Abhängigkeit, der Unabhängigkeit,
der Negation, dem Ereignis, der Realität, dem Resultat” (1.358). Ohne diese Ebene
referentieller Beobachtung, mit ihren Möglichkeiten, Verbindungen und Aufhebungen codaler
Verknüpfungen zu forcieren, würde die Energie der niedrigeren Ebene an ihren eigenen
Gravitationskräften kollabieren und sich in einen noch niedrigeren Energiezustand
dissipieren. Um der Energie willen entwickelte sich dann vor rund 570 Millionen Jahren eine
komplexere Ebene der Codifikation.

VIII. Dyadische Typologie

Wie würde eine Welt beschaffen sein, die lediglich über zwei Stufen der Codifikation
verfügte? Geschichte würde beginnen und ein Bewußtsein von Vergangenheit und Zukunft
wäre möglich, das fokussiert wäre auf das Empfinden von Kampf, von Anziehung und
Abstoßung zwischen dem Selbst und dem Anderen. Über diese Epoche erzählen die Epen
Homers, die Romanzen Arthus’, die Geschichte von Gilgamesch; es ist die Epoche der
Kämpfe zwischen den Göttern und den Helden, von der die Mythen aller Völker berichten.

Der iterative oder ikonische Code der physikalisch-chemischen oder vorbewußten Ebene hat
in seiner Eigenart - Reproduktion durch Mimesis -, eine geringe Kapazität für vielfältige
Relationen. Als ein Mittel, Energie zu codifizieren, ermöglicht er eine stabile, allgemeine und
grobkörnige Realität, die in einem weiten Raumgebiet in Form synchronischer oder
universeller und ahistorischer Zeit wirksam ist. Die zweite Stufe der Codifikation ermöglicht -
durch die Einführung von Andersheit - eine detailliertere und feinkörnigere Codifikation. Die
Relationen sind hier nicht ikonisch und mimetisch, sondern indexikalisch. Die indexikalische
Semiose erzeugt ein diskretes, sekundäres Zeichen, jedoch eines, dessen Existenz kontextuell,
d.h. raumzeitlich, auf das erstere Zeichen bezogen ist. Ein Index “markiert die Koppelung
zweier Bereiche der Erfahrung” (Peirce 2.285). Deshalb operiert diese Codifikation in
asynchronischer Zeit, ausgestattet mit einem differenzierten anstelle eines ikonischen
Empfindens von vergangenen und kommenden Realitäten. Wie Aristoteles herausstellte, ‘ist
Zeit das Maß der Bewegung’ (Phy.221b), und deshalb gilt - sobald Bewegung oder
Interaktion einsetzt - das Gebot der Differenzierung, das eine Entität von der anderen trennt.
Zugleich wird auch die historische oder lokale asynchronische Zeit als codifizierende Kraft
wirksam. Zeit wird hiermit unidirektional: “Wie kann man die Entwicklung von zufälligen,
chemischen Interaktionen hin zu gerichteten Prozessen, vom Skalar zum Vektor, erklären?
Anders formuliert: was erzeugt den unidirektionalen Zeitpfeil, das Charakteristikum aller an
Komplexität gewinnenden biologischen Prozesse?” (RD 1997:450).

Mit dieser Ebene des evolutionären Bewußtseins ist die Stufe der biologischen oder
selbstbewußten Codifikation erreicht. Es entwickelt sich die eukariotische Zelle mit ihrem
gegen plötzliche, entropische Mutationen geschützten, gespeicherten und langfristig stabilen
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Reproduktionscode. Hier sind die beiden Prozesse der Energieverarbeitung ausgebildet, die in
einem dyadischen Rahmen von Aktion und Reaktion operieren. Wie würde unsere Welt sein,
wenn wir eine soziokonzeptuelle Welt innerhalb dieser dyadisch-codalen Architektur
aufbauen müßten? Sie könnte nur als eine Infrastruktur des Kampfes, eines permanenten
Zustandes aktiven oder immanenten Krieges, operieren. Das ist die manichäische,
heraklitische, augustinische, darwinsche, freudianische und marxistische Welt, die auf einem
Konflikt intensiv empfundener Polaritäten basiert. Diese Welt der Energie, organisiert durch
Differenzierung und deshalb zwangsläufig interaktiv durch Differenzierung, funktioniert
innerhalb der fundamentalen Kraft wechselseitiger, elektromagnetischer Oppositionalität.
Eine dyadische, auf klaren Grenzen gegründete Welt ist nun darauf angewiesen, lokale,
asynchronische Zeit statt globaler oder universaler Zeit einzubeziehen. Das bedeutet, daß
generische und individuelle Codifikationen einen Anfang und ein Ende haben müssen. Der
dyadische Rahmen allein - als eine unvollständige Architektur - muß sich auflösen. Eine
derartige Welt muß ihre Hierarchien verlieren, ihre Herrscher und Beherrschten und wird sich
auflösen in einer einzigen Ebene der Gleichheit. Die Tatsache, daß dieses Ereignis der
Homogenisierung gleichbedeutend mit dem Hitzetod des Universums wäre, ist eine andere
Geschichte.

Dieses Bild im Hinterkopf sollten wir vorsichtig sein, wenn wir Evolution in der Weise
betrachten, wie sie die Ideologien des 19. Jahrhunderts sahen: als eine progressive Bewegung,
die sich vermittels Kampf von einfachen oder primitiven codalen Modalitäten in Richtung auf
eine bessere Anpassung und eine bessere Welt immer weiter entfernt. Viel eher sollten diese
hierarchischen Netzwerke der Energie so verstanden werden, daß sie als eine gemeinsame
stammesgeschichtlich Architektur zunehmender Komplexität operieren, deren einziges Ziel es
ist, das Überleben der Codifikation von Energie auf diesem Planeten zu gewährleisten.
Energie erfordert Evolution, und Evolution macht eine triadische Architektur erforderlich,
denn es gibt keine andere Rechtfertigung dieses architektonischen Zieles, als seine
pragmatische Funktionalität. Das führt uns zur Betrachtung der dritten Ebene.

IX. Drittheit als Wissen

“ Es scheint so, daß dies die wahren Kategorien des Bewußtseins sind: erstens, das Fühlen als
Bewußtsein, das in einem Augenblick enthalten ist, ein qualitativ passives Bewußtsein, ohne
Erinnerung oder Analyse; zweitens, das Bewußtsein einer Störung innerhalb des
Bewußtseinsfeldes, die Empfindung von Widerstand, eines externalen Faktums, eines anderen
Etwas; drittens, das synthetische Bewußtsein, Zeiten verbindend, lernend, denkend” (Peirce
1.377).

Die komplexeste Ebene der Codifikation, jene mit der höchsten Kapazität, Energie zu
organisieren, ist die soziokonzeptuelle. Das Soziokonzeptuelle besitzt durch die Anwendung
von Logik und Vernunft die Kapazität der höchsten codalen Auflösung bzw. Organisation von
Energie. Zugleich aber, und das hängt mit dem hier einsetzenden Gebrauch von Ambiguität
zusammen, der Unschärfe von Metapher und Rethorik, hat das Soziokonzeptuelle auch die
höchste Kapazität für die entropische Dispersion von Energie. Aus diesem Grunde hat von
allen drei Ebenen der Codifikation diese Ebene die größte Kapazität, Energie in Information
zu transformieren. Wie hat sie sich entwickelt? Ist sie ein lineares Resultat der ersten beiden
Ebenen? Organisiert Energie sozusagen sich selbst auf der einfachsten Ebene physikalisch-
chemischer Codifikation, um dann, aus irgendeinem Grund, zufällig - was ich nicht akzeptiere
- oder external ausgelöst - was ich auch nicht akzeptiere -, komplexere Formen zu
entwickeln? Oder liegt es vielmehr an den durch die Wirkung der beiden Hauptsätze der
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Energie geltenden Bedingungen, dem Konflikt zwischen Inertion und Entropie, aus dem
heraus sich ein mittelbareres und komplexeres System der Codifikation entwickelt? Eine
weitere Frage ist, ob diese Ebenen, so wie es die progressiven Evolutionisten fordern, als eine
immer weiter hierarchisierte, codale Komplexität operieren, wobei jede sich aufschichtende
Ebene als Fortschritt gilt und überlegen von den anderen abgetrennt ist? Oder sind sie
notwendigerweise in ihren Operationen untereinander so verbunden, daß sie alle teilhaben an
der Tätigkeit des Bewußtseins? Die Antwort ist - nach meiner Auffassung -, daß die Energie
selbst diese hierarchische Struktur selbstorganisiert, und zwar einschließlich der
komplexesten Ebene der Codifikation, wobei sie eine konstante Verbindung in der Hierarchie
aufrechterhält. Natur ist nicht von der Kultur getrennt; Kultur ist eine Entwicklung der Natur.

Diese dritte Ebene kann anhand Peirces Analyse der Drittheit genauer bestimmt werden: “Mit
dem Dritten meine ich das Medium oder das verbindende Band zwischen dem absolut Ersten
und dem entgültig Letzten” (1.337). D.h., daß diese Ebene als ein Vermittlungssystem
zwischen Inertion und Entropie fungiert, wobei sie beiden Kräften die Interaktion ermöglicht
und gleichzeitig ihre jeweilige Dominanz verhindert. Wir sollten nun die drei Ebenen
nochmals in Beziehung setzen: “Der Traum selbst verfügt über keine wesentliche Drittheit; er
ist hingegen völlig verantwortungslos; er ist so, wie immer es auch gefällt. Das Objekt der
Erfahrung als einer Realität ist ein zweites. Doch der Wunsch, das eine mit dem anderen zu
verbinden, ist ein Drittes oder Medium” (Peirce 1.342). Drittheit ist jene Handlung, die
Relationen herstellt, und Relationen schaffen intentionale Verbindungen. Diese Interaktionen
beeinflussen nicht nur das Gegenwärtige und Nahe, sonden wirken sich durch relationale
Bindungen und den Aufbau von Netzwerken auch auf zukünftige Realitäten aus. Wie geht das
vonstatten?

X. Dreischichtiges Bewußtsein

Die dritte Ebene der Schaffung von Relationen ist ein mediativer oder analytischer Prozeß,
der auf die anderen beiden Ebenen einwirkt. Als analytischer oder logischer Prozeß hat er die
Kapazität, Gemeinsamkeiten von Verhaltensweisen festzustellen, sie zu abstrahieren, zu
verallgemeinern oder gar auf kausale Verhältnisse hinzuweisen, um dann aus diesen
Relationen stabile Netzwerke oder miteinander verbundene Regeln und Gesetze zu
entwickeln. Diese erhöhte Ebene des mediativen Bewußtseins ist ein notwendiges Mittel,
durch welches die beiden oppositionellen Kräfte Inertion und Variation den Energieverlust
verringern, der aus ihrem unvermittelten Konflikt resultieren würde. Ebenso wird eine
Rigorosität der Codifikation, die durch die Dominanz einer dieser Kräfte hervorgerufen
würde, verhindert.
Während Erstheit bzw. das Physikalisch-chemische innerhalb eines Vorbewußtseins in einer
auf die Gravitationskräfte bezogenen Seinsunmittelabarkeit operiert, operiert Zweitheit bzw.
das Biologische innerhalb einer codalen, elektromagnetischen Dualität, die für ein
deskriptives Bewußtsein des Selbst-Anderen sorgt; und Drittheit bzw. das Soziokonzeptuelle,
operiert mit einer mediativen oder symbolischen Verarbeitung der Relationen zwischen
diesem Selbst-Anderen. Auf diese Weise ist die dritte Ebene eine vitale und notwendige Kraft
innerhalb des kosmischen Energieprozesses. Die Aktivität zu analysieren und Netzwerke von
Relationen zu bilden, diese nukleare Konstruktion und Dekonstruktion von Relationen, ist nur
wirksam innerhalb des logischen Prozesses, den wir als Bewußtsein herausgestellt haben -
doch ist das menschliches Bewußtsein?
Peirce merkt an, daß “es so ist, daß biologische Organismen und insbesondere
Nervensysteme, hervorragend dafür gerüstet sind, auch Bewußtseinsphänomene zu erzeugen;
es kann daher nicht überraschen, daß Bewußtsein und Gefühl vermischt sind” (7.364). Das,
34/47
was wir normalerweise als Bewußtsein bezeichnen, ist nur die dritte Ebene des symbolischen
Bewußtseins. Mein Verständnis von Bewußtsein beschränkt sich jedoch nicht auf das
reflexive Bewußtsein oder das Phänomen des deskriptiven Selbstbewußtseins. Bewußtsein ist
eher ein hierarchischer Prozeß zunehmender Komplexität codaler Organisation, und als eine
solche Hierarchie ist es schon bei den dekomponierenden Verfahren der Bakterien genauso
anzufinden, wie bei den Dialogen der Philosophen.

XI. Zeit und Evolution

Welche Rolle spielt Zeit in dieser Architektur? Energie operiert in jener Realität, wo “das
Vergehen von Diesem das In-Erscheinung-Treten von etwas Anderem ist, und das In-
Erscheinung-Treten von Diesem ein Vergehen von etwas Anderem ist” (De gen.318a25).
Deshalb “beansprucht Bewußtsein Zeit und... gibt es kein Bewußtsein in einem Augenblick”
(Peirce 7.355). Zeit , als ein Mittel der Codifikation oder Messung, ist nicht einheitlich in den
hierarchischen Ebenen dieser Architektur. Multiresolvierende Evolution bzw. Bewußtsein,
operiert mit verschiedenen Codifikationen von Zeit - der universellen, der ökologischen und
der konzeptuellen. Matsuno stellt fest, daß “Zeit und Information miteinander innig
verbunden sind... die absolute Zeit newtonscher Auffasung ist befremdlich, da sie in keiner
Relation zu etwas Externalem steht, was sich darin ausdrückt..., daß es keine Information in
der newtonschen, absoluten Zeit geben kann... (Das bedeutet), daß Zeit bezogen auf
Information nicht universell synchron sein kann wie ihr newtonsches Gegenstück. Sie muß
lokal und asynchron sein” (1998:57). Wie Matsuno ausführt, befindet sich synchronische oder
universelle Codifikation in einer ‘vergangenen, progressiven’ Zeit, die sich von den
asynchronischen, gegenwärtigen, progressiven und gegenwärtig präsenten lokalen
Codifikatioen von Zeit unterscheidet (1998). Im Gegensatz zur newtonschen Zeit, die die
hierarchischen Ebenen mißachtet und als ein abstrakter Code nur universell funktionierte,
besitzt jede Ebene der multiresolvierenden Architektur ihre einzigartige ontologische Realität.

Auf der niedrigsten Ebene, dem physikalisch-chemischen Vorbewußtsein, erfolgt die


Zeitmessung extrem langsam. Die präkambrische Ära begann - so unsere konzeptuellen
Temporalcodes - vor rund 4,6 Milliarden Jahren und dominierte das Geschehen bis zur vor
570 Millionen Jahren beginnenden kambrischen Periode. Diese nächste Stufe, die des
biologischen Selbstbewußtseins, war wesentlich komplexer, in verschiedene Unterphasen
aufgeteilt und dauerte bis zum Paläozen. Die dritte Phase, die des konzeptuellen oder
rationalen Bewußtseins, begann vor rund 65 Millionen Jahren und führte die schnellsten und
komplexesten Mittel der Energieverarbeitung ein. Deshalb bewegt sich Zeit, die vorhin als ein
Mittel, Differenzierungen zu messen, verstanden wurde, schneller in dieser Architektur des
Bewußtseins. Wie Prigogine bemerkte, “sind wir tatsächlich die Kinder des Zeitpfeils, der
Evolution, nicht deren Ahnen” (1997:3).
Diese drei Ebenen der hierarchischen Codifikation - die makroskopische oder physikalisch-
chemische, die der lebendigen Organismen oder die biologische und die soziokonzeptuelle
oder menschliche - sind notwendige Metazustände der Energie. Aus diesem Grunde ist der
multiresolvierende Entwurf des Bewußtseins ein Argument gegen die Autonomie oder
hierarchische Dominanz einer dieser Ebenen, gegen die Autonomie oder Dominanz der
physikalisch-chemischen Welt, der biologischen Welt und schließlich auch gegen die
Autonomie oder Dominanz der soziokonzeptuellen Welt. Ich betone die phylogenetische oder
funktionale Verbundenheit dieser Ebenen, wobei die komplexeste Ebene im Sinne einer
aristotelischen Finalursache verstanden werden kann, d.h., als ‘ein Ziel und zwar jener Art
von Ziel, das nicht für die Ziele von etwas Anderem da ist, sondern für dessen Ziele alles
Andere da ist, und dieses Ziel ist eine Grenze’ (s.a. Meta. 904b10). Dies ist nicht die Welt, die
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in der selbstbezogenen oder eigennützigen Gen-Teleologie wirksam ist, die auf das Überleben
nur einer einzigen Codeform fixiert ist. Wie Aristoteles über die Finalursache sagte, “(ist) die
aktive Kraft (...) eine ‘Ursache’ im Sinne dessen, was den Prozeß hervorbrachte; doch das
Ziel, für dessen Zwecke er erfolgt, ist nicht ‘aktiv’ (De gen. 324b15). Das Ziel steht für den
Zweck der Energiecodifikation; es gibt keine individuellen Tagesordnungen in der Natur.

XII. Das Konzept der Bewußtseinsevolution

Es lassen sich eine Reihe von Schlußfolgerungen aus diesem Konzept der Evolution ziehen.
Zunächst einmal ist Evolution - von mir verstanden als Zunahme der Diversität diskreter
Teilchen und als Zunahme der Komplexität regelbasierter Organisation der Relationen dieser
Teilchen - ein notwendiger und doch zufallsgelenkter Prozeß.

Man mag einwenden, daß das Universum so ist, wie es ist und weder an Diversität noch an
Komplexität zunimmt. Damit sind wir jedoch in unserer Ignoranz gefangen, die uns daran
hindert, mehr von der grundlegenden Identität des Universums zu entdecken. Ein weiterer
Einwand könnte sein, daß das Universum sich entweder in Richtung Uniformität oder
Reinheit oder von beiden weg bewegt. Andere könnten der Diversität und der Komplexität
durchaus zustimmen, würden jedoch die Irreversibilität des Prozesses und die Spontanität der
Entwicklung verneinen.
Was ich in diesem Beitrag vorschlage ist, wie Aristoteles gesagt hat, daß jeder Schritt “in
einer Reihe dem nächsten nutzt; und generell wird durch Kunst zum Teil vervollständigt, was
die Natur nicht zu einem Abschluß bringen kann” (Phy. 199a15). Die kausale Kraft oder
Intentionalität jeder Ebene liegt in der nächsten oder komplexeren Ebene. Kunst - als
konzeptuelle Codifikation - ‘vervollständigt, was die Natur nicht zu einem Abschluß bringen
kann’ (Phy. 199a15). Unsere Intentionalität konzentriert sich auf die zukünftige Pragmatik
und das kommunale Netzwerk der Relationen.

Wenn wir über Bewußtsein nachdenken, ist dann das individuelle Bewußtsein jenes
Bewußtsein, das wir gemeinhin mit unserer menschlichen Identität assoziieren? Oder ist es
nicht vielmehr so, wie Peirce über das Bewußtsein sagte: “Es sind wir, die an seiner
Oberfläche treiben und wir gehören ihm mehr, als daß es uns gehört” (7.558). Können wir
noch länger den Dualismus zwischen Materie und Geist aufrechterhalten? Die mechanistische
Perspektive leugnet Bewußtsein und Gefühl bei allem, was nicht die symbolische
Codifikation der dritten Ebene besitzt. Ist Bewußtsein lediglich konzeptuelles oder rationales
Bewußtsein mit seiner Überbetonung individueller Ziele? Denn “es ist absurd anzunehmen,
daß eine Absicht nicht vorliegt, nur weil wir kein denkendes Agens entdecken. Kunst überlegt
nicht...Wenn es denn Absicht in der Kunst gibt, gibt es auch Absicht in der Natur” (Phy.
199b30). Deshalb bricht, sobald Evolution beginnt, was heißen soll, sobald Zeit als ein
Codifikationsprozeß startet, Bewußtsein oder Geist oder Wissen an. “Aller Fluß der Zeit
braucht das Erlernen; und alles Lernen braucht den Fluß der Zeit” (Peirce 7.536). Dehalb ist
das soziokonzeptuelle Bewußtsein eine notwendige Ebene für die Existenz des deskriptiven
Selbstbewußtseins der biologischen Ebene und des sinnlichen, primären Bewußtseins der
physikalisch-chemischen Ebene. Sie alle sind Teil des Geistes, der Zeit, der Evolution.

Evolution ist das Mittel, durch welches Energie sich von basalen, chemischen Molekülen zu
prokariotischen Zellen, zu komplexeren, eukariotischen Zellen und hin zu systemischen
Modulen bewegt, wobei ihre Kapazität für Kontinuität und Flexibilität zunimmt. Durch das
Medium der Evolution entwickelt Energie referentielle Systeme, die ihre Codes funktional
koppeln können, sodaß ihre Codehandlungen gegen Dispersion abgeschirmt werden.
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Evolution entwickelt referentielle Systeme, die nur innerhalb irreversibler und kurzzeitiger
Entitäten codifizieren, damit ein funktionaler Cluster nicht in der Isolation einfriert; sie
differenziert ihre Codes, auf daß eine entropische Dissipation eines Codes die anderen Codes
nicht dissipiert; sie separiert die Codes hierarchisch, so daß jede Ebene relativ immun ist
gegenüber restriktiven Abschottungen oder dispersiven Lockerungen anderer Ebenen; sie
entwickelt umfassende Netzwerke, die zwischen den Codes und den Ebenen vermitteln und
sie miteinander verbinden, damit die Energie ihre Fähigkeit behält, Energie reflexiv in
Information zu transformieren.
Bewußtsein ist ein hierarchischer und abgestufter Prozeß, durch den Energie ihre Kapazität
für Stabilität und funktionale Integration sowie für Flexibilität in der Diversifikation
entwickelt hat, ohne - und das ist wichtig - die gleichzeitige Möglichkeit einer Recodifikation
auf niedrigerer bzw. physikalisch-chemischer und biologischer Ebene.

Das bedeutet, daß evolutionäres Bewußtsein ein einzigartiges Mittel ist, durch das Energie
unter Einbeziehung stabiler physikalisch-chemischer und biologischer codaler Prozesse ein
Mittel der Zunahme der Pragmatik von Stasis und Komplexität durch die Entwicklung
hierarchischer Ebenen metareferentieller Codesysteme entwickelt. Die Einführung der
metaphorischen Codifikation in den Handlungen der ‘fantasia’, der ‘erotesis’ oder der
‘dubitando’ des Fragens, des Hypothetisierens, ist eine außerordentliche Kraft, die es Energie
(nicht uns Menschen) eher ermöglicht, ein Teleskop zu erfinden, als die langsame Evolution
des Auges zu ertragen; eher ein Düsenflugzeug zu konstruieren, als die Zufallsevolution von
Turboflügeln abzuwarten; eher künstliche Intelligenz zu erschaffen, als auf den Homo
ultrasapiens zu warten. Stasis in der Kontinuität eines gentisch codierten Metanarrativen wird
aufrechterhalten, während entropische Diversifikation im ästhetisch codierten Metanarrativen
erlaubt ist und für Energie mit einer sehr effizienten Kapazität für schnelle, pragmatische
Adaptionsstategien sorgt. Homo sapiens, als der Besitzer dieses einzigartigen Kapitals, muß
bedenken, daß Bewußtsein nicht für den Nutzen seiner Gattung, sondern für die Ziele der
Energie da ist und hat zu akzeptieren, daß die wahre Kraft des Bewußtseins als eine
ästhetische und ethische höhere Gewalt, eine mitwirkende Teilnahme in Bescheidenheit und
Verantwortlichkeit erfordert.

Aus dem Englischen übertragen von Alienne Laval

Literatur

Aristoteles (1941)
The Basic Works of Aristotle. McKeon, R. (ed.). New York: Random House

Kauffman, S. (1993)
The Origins of Order: Self-Organization and Selection in Evolution. New York: Oxford
University Press

Matsuno, K. (1998)
Dynamics of time and information in dynamic time, in: Biosystems 46:57-71, Elsevier

Peirce, Ch. S. (1931-1935)


Collected Writings. Hartshorne C. & Weiss P. (eds.), Vols. 1-6. Cambridge, MA: Harvard
Uinversity Press. (Zitation nach Band und Absatznummer)
37/47
Penrose, R. (1990)
The Emperor’s New Mind. New York: Vintage

Prigogine, I & Stengers, I. (1984)


Order Out of Chaos: Man’s New Dialogue with Nature. New York: Bantam

Prigogine, I. (1997)
The End of Certainty. New York: The Free Press

Root-Bernstein, R. & Dillon, P. (1997)


Molecular Complementarity I: the Compementarity Theory of the Origin and Evolution of
Life, in: Journal of Theoretical Biology 188:447-479 (im Text zitiert als RD).

Alienne Laval

Narrative Transduktion
Als Hinrich Rahmann 1972 “besondere psychische Eigenschaften” (im einfachsten Fall
protopsychische Komponenten) zu den Kriterien des Lebendigen zählte, da war er auf dem
richtigen Weg. Roland Harri Wettstein spricht 1983 vom “projektiven Gehalt der
biologischen Funktionen”, der nur semiotisch weiter ausgedeutet werde könne. Dies führte
mich später zum Konzept der “Protonarrativität” - und letztlich zu Endophysik und
Quantenkohärenz.

Von der Annahme ausgehend, dass das Universum durch “kosmische Inflation” zur Existenz
kam, wird es ein natürliches Ende finden in einer “kohärenten Superposition klassischer
Zustände”. Computersimulationen oder Quantumcomputer, die auf Superpositionen von
computierten Zuständen referieren, hätten dem nichts hinzuzufügen oder entgegenzusetzen.

Noch einmal das einleitende Zitat von Edwina Taborsky:

„Wenn wir über Bewußtsein nachdenken, ist dann das individuelle Bewußtsein jenes
Bewußtsein, das wir gemeinhin mit unserer menschlichen Identität assoziieren? Oder ist es
nicht vielmehr so, wie Peirce über das Bewußtsein sagte: “Es sind wir, die an seiner
Oberfläche treiben und wir gehören ihm mehr, als daß es uns gehört” (7.558)... Deshalb ist
das soziokonzeptuelle Bewußtsein eine notwendige Ebene für die Existenz des deskriptiven
Selbstbewußtseins der biologischen Ebene und des sinnlichen, primären Bewußtseins der
physikalisch-chemischen Ebene. Sie alle sind Teil des Geistes, der Zeit, der Evolution.“
Völlig korrekt philosophierte Leszek Kolakowski, dass es “allgemeine Eigenschaften” nicht
gibt. Künstlich Intelligenz ist etwas Allgemeines, da ihr ein Bewusstseimsfeld fehlt. Sie ist
daher näher an Zuständen toter Materie als am Lebendigen, sie besitzt keine Erfahrungen
eines Selbst und eines Ich.

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Glaube und Ideologie haben der Verallgemeinerung das Feld bereitet, die Menschheit in die
Eigenschaftslosigkeit überführt, sie dieser sogar subsumiert: der Teufel steckt nicht im Detail
sondern in Künstlicher Intelligenz und Superposition.

“Ich” bedeutet Widerstand; aus dem “sozialen Ego” wird nie ein Ich sondern ein parentales
“Super-Ego”: dem Adulten fehlt die Matura. “Double Binds” werden generiert um das Ich in
das Soziale zu überführen bzw. die Ungehorsamen der Schizophrenie zu bezichtigen.

Das Ich ist eine Majestas, die es zu stürzen gilt, es ist ungeheuerlich und gefährlich, es ist
fähig zu Wissen und Macht.

Was das bedeutet wird klar wenn man den Prozess der Demokratisierung, der gleichzeitig ein
Prozess der Ökonomisierung war und ist, näher betrachtet. Während der Begriff der Macht
durch den der Verwaltung abgelöst wurde, wurde derjenige des Wissens durch den der
Information ersetzt. Wissen ist nicht mehr Macht, sondern Information ist Verwaltung.

Information gestattet die Verwaltung der Bedürfnisse, der Arbeit, der Freizeit, des Konsums,
der Wahrnehmung usw. Nicht die Aufklärung und Befreiung der Subjekte durch Wissen oder
ihre Unterdrückung durch Macht ist mehr angesagt, sondern ihre informations- und
verwaltungsbasierte Bespitzelung, Bestimmung und Fixierung.

Es soll damit informationstechnologisch und -theoretisch das gelingen, was Mythos und
Religion bisher versagt blieb, denn Macht und Wissen bleiben gleichermaßen Störungen im
Getriebe von Information und Verwaltung.

Mit Verwaltung ist nicht notwendigerweise oder ausschließlich die “öffentliche Verwaltung”
gemeint sondern auch – und heute vielleicht sogar vorrangig – die Privatwirtschaft, und dies
meint inbesondere die Unternehmen der informastionsverarbeitenden Industrie, die heute in
Form von “sozialen Medien” eben auch die öffentliche Verwaltung und sogar die
Polizeiarbeit mit androiden Handys infiltrieren. Ein dichtes Netz sozialer Überwachung, und
selbst der verklemmte Eckensteher ist mit von der Partie – angekommen in der Mitte der
Gesellschaft. Ein System von Junkern und Fellachen, Mittelmaß und Wahn.

Der Google-Algorithmus, der eigentlich ganz gut funktionierte, machte vor einigen Jahren
den Fehler, Palästina von seinen eigenen Landkarten zu streichen. Dies führte zu Empörung
und Entrüstung, so dass Palästina manuell wieder in den Algorithmus, der sich bislang frei
entwickeln durfte, eingespeist wurde.

Eine plausible Simulation, die prinzipiell gar keinen Wahrheitsanspruch hatte, sondern nur als
interne Messgrundlage des Systems diente, vorbewusst und protonarrativ, im Sinne eines fast
schon intellektuellen Spiels, wurde wegsozialisiert und mein Lieblingsbot zum Schwulen.

Mit dieser Wende der Google-Politik war Facebook plötzlich überlegen, das schon immer auf
den Vorrang des Sozialen insistierte. Was dann kam, ist nur noch als lästig und abartig zu
bezeichnen: Überschreibungen und Übertextungen des Realen durch Desinformation.

Zur Macht gehört die Ohnmacht wie zum Wissen das Unwissen. Information impliziert
Desinformation wie Verwaltung das Chaos. Die einzige kohärente Superposition dieser
klassischen Zustände ist das Chaos, Finalursache der Krüppel: Event Horizon.

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Shannons Informationstheorie besagt, dass jede Entropieerhöhung - oder die Zunahme von
Wahrscheinlichkeit - einen Informationsverlust bedeutet. In seiner Theorie ist die Einheit der
messbaren Information ein Bit; ein Bit ist jene Information, die einer einfachen Entscheidung
entspricht (ja - nein oder 0 -1). Nach dieser Theorie kann der genetische Code als ein
Alphabet mit vier Buchstaben, den Nucleotiden Adenin, Guanin, Cytosin und Thymin
verstanden werden. Diese Buchstaben dienen dazu, um aus 20 Aminosäuren Proteine zu
synthetisieren. Zwei dieser Buchstaben, die einen Informationsgehalt von 4 Bit haben, reichen
nicht aus, um eine Aminosäure eindeutig festzulegen. Es werden also drei Nucleotide
benötigt, um die zwanzig Aminosäuren zu codieren. Der Informationsgehalt beträgt bei
Verwendung von drei Zeichen allerdings 6 Bit, ist also größer, als zur Codierung einer
Aminosäure erforderlich wäre. Kurz gesagt: ein DNA-Triplet enthält für seine Aufgabe ein
Zuviel an Information.

Dieses Zuviel an Information wird als Redundanz bezeichnet. Nach Shannons Theorie dient
diese Redundanz nur dazu, Informationsübertragungen gegen Störungen abzusichern. Die
Codierung über ein DNA-Triplet soll also die Anzahl der möglichen Systemzustände und
somit die Entropie oder die Wahrscheinlichkeit reduzieren, enthält aber aus der Sicht des
Systems mit seinem Zuviel-an-Information trotzdem ein redundantes, entropisches Potential
für neue Codifikation. Auch Edwina Taborsky wies ja auf die Möglichkeit hin.

Desinformation ist keine Redundanz, die Superposition des Systems ist wahrscheinliches
Chaos. Abduktion ins Chaos? Wenn nötig per “radikaler Inklusion”?

Nach der grundlegenden Arbeit von Charles S. Peirce waren, wie eingangs ausgeführt, drei
Formen logischer Präzision bekannt: Deduktion, Induktion, Abduktion. Da große Teile der
Bevölkerung über die erste Form der Logik kaum hinaus kommen ist ihnen das
Wahrscheinliche der Demokratie kaum begreiflich, und die Abduktion wird in ihrer radikalen
Form als Zwangsintegration und nicht als emergenter psyche-logischer Schluss verstanden.

Radikale Inklusion kann aber nur dann Sinn machen wenn alle Zweifel beseitigt sind, der
Feind ausgemacht und logisch dingfest gemacht wurde, nicht aber wenn Ideologie mit im
Spiel ist. D.h. z.B, dass das Ziel eines massiven militärischen Schlages wissenschaftlich
begründet sein muss um überzeugte Mitstreiter zu gewinnen. Kadavergehorsam tut es hier
nicht mehr, Untertanen und Männer ohne Eigenschaften sind für eine solche Kriegsführung
unbrauchbar.

Die Menschheit steht also vor einer Bifurkationskatastrophe: soll der Superposition oder der
Redundanz gefolgt werden? Soldat oder Krieger? Kanonenfutter oder Held? Schwarzes Loch
oder Hawking Radiation?

Zwei Formen der Entropie gibt es nicht, wohl aber im Umgang mit dem Phänomen. Während
die Superposition von Information und Desinformation grundsätzlich ideologische
Gleichschaltung fordert, erfordert die Codifikation aus der Redundanz heraus Qualität.

Prinzipiell steht Demokratie der Qualität entgegen und ihr nivellierendes Bestreben der
Abduktion, was bedeutet, dass der formulierte Volkswille keine Radikale Inklusion im Sinne
sozialer Gerechtigkeit verlangen kann. Im Detail können das auch Urteile in seinem Namen
sein, und die gegebene Möglichkeit des Widerspruchs oder der Verweigerung hilft dem nicht
unbedingt ab. Dann ist eher von Nötigung zu sprechen.

40/47
Warum sollten Überzeugung und pragmatischer Glaube Volkstum und Meinung unterworfen
werden? Um Krieg in Form eines Bauernaufstands zu führen? Wie sollte eine intellektuelle
Elite sich in solch ein Schicksal fügen? Unter zuvoriger Austreibung der erworbenen
Eigenschaften oder deren Behinderung bis hin zum Kadavergehorsam?

Die modernen Mittel des Exorzismus sind die Massenmedien, zumindest an der Oberfläche
des Geschehens. Den prinzipiellen Faschismus der ausstrahlenden und rundfunkenden
Apparatur hat Villem Flusser hervorgehoben. Das Medium ist die Botschaft, hörendes und
sehendes Schweigen ist angesagt, der Inhalt ist zu schlucken und eventuell auch unverdaut zu
verstoffwechseln. In mancher psychiatrischen Einrichtung werden daher in nicht näher
vorherbestimmbaren Abständen die Fernsehgeräte zertrümmert; der innere gesellschaftliche
Monolog wird gestört.

In den 1990ern war die große Hoffnung der Medien- und Kommunikationswissenschaften das
entstehende Internet. Von meinen Doktorvätern auf dieses Medium angesetzt machte ich mich
1996, zunächst als Trockenübung, offline als Lara Croft auf den Weg. Eher zynisch
formulierte Harry Pross es als “Einfahrt zur Datenautobahn” und Ivan Bystrina sekundierte:
“Und was passiert mit den Mythen?” 2003 folgte der erste Entwurf eines eigenen interaktiven
Avatars.

So ab 2010 wurde allmählich der Zustand erreicht, der das Internet den klassischen
Massenemedien gleichschaltete. Und zehn Jahre später ist das ursprüngliche Internet fast tot.

Einen Zwischenbericht meiner Forschungen lieferte ich 2001 in Sao Paulo, der mich auf
meinem Weg zu einer Gastprofessur in Santos zunächst in die dortige Psychiatrie brachte, mit
Aussicht auf einen Heiligen unter meinem Fenster, mit Blick auf den Zaun.

Das, was ich dozierte, war dem gesellschaftlichen Diskurs um Lichtjahre voraus und fand
eher das Interesse von Mathematikern und Physikern: negative Zeitlichkeit. Ein Gegenstand,
den ich 2003 in Luzern auch mit David Ritz Finkelstein und Otto E. Rössler, den Begründern
der Endophysik, diskutierte. In Luzern traf ich auch Char Davis, die mit “immersiven
Räumen” experimentierte.

Die “geleitete Kognition” in definierten Räumen, die später auch die Idee des “Facebook 5D”
bestimmen sollte, war meine Sache nicht. Mir ging es um “offene Codifikation” und die
Simulation alternativer Welten als zukünftigen Möglichkeiten.

Mit Eskapismus oder Metaphysik haben Semiotik und Endophysik nichts zu tun, eher mit
einer “zweiten Physik” der Signalnonlokalität: die zweite Physik ist “zeichenlokal” (sign-
locality4).

Damit hat diese “zweite Wirklichkeit” eher Eigenschaften des Traumes, den Bystrina zu den
“Wurzeln der Kultur” zählt. Auch Peirce war von der Realität des Traumes als eigenständiger
Qualität, von der ausgehend sogar logische Präzision möglich ist, überzeugt.

Mein Vorteil waren zwei gleichberechtigte Vornamen, den Rufnamen hatte ich zeitig
entfernen lassen. Eine Weile benutzte ich realitär meinen ersten Vornamen und virtuell
meinen zweiten: Dr. Rabea Uchtmann und Alienne Laval - Lara Croft².

I I I think that consciousness/sign process is a certain type of local


4

macro quantum vacuum, that I call "sign locality" (July 2006).re.


41/47
2012 ließ ich meinen Avatar-Namen Alienne Laval, den ich inzwischen zum Teil auch real
benutzte, als Magistra Dr. Rabea Alienne Uchtmann vom Verwaltungsgericht in Bremen
dokumentieren.

Prinzipiell war es eine Inversion des Filmes “Avatar”, ich drang nicht nach Pandora ein
sondern kam von da: Quantumcat hatte die Box verlassen. 2014 handelte ich mir dafür einen
Facebook-Bann ein, und 2019 folgte Twitter: das Soziale fürchtete Kontrollverlust.

“Ich wusste, dass ich mich nicht an die kulturellen Stereotypen anpasste, die mir
zugeschrieben waren. Ich hatte es lange gewusst. Ich war gezwungen, die dunklen
Geheimnisse, die in mir versteckt lagen, viele Jahre zu verbergen. Ich weiß nicht von woher
die Geheimnisse kamen. Sie standen in direktem Gegensatz zu allem, was mir beigebracht
worden war. Ihre Ursprünge, schien es, lagen tief in meinem Ich verborgen, und ich fürchtete,
wenn ich nachts ängstlich wach lag, schwitzend und verzweifelt, dass sie zu meiner
Persönlichkeit gehörten. Aber so eine Persönlichkeit, weinte ich, durfte ich nicht sein, und
wenn diese Persönlichkeit so wäre, so fein, so beharrlich, so ausdauernd, so unnachgiebig, so
zäh, durfte es nie zugegeben werden, nie, nie!” (John Norman, Band 22, Die Tänzerin von
Gor)

Das Narrative funktioniert in den Träumen anders als in den Mythen, da den Träumen ein
überzeugender, ursächlicher Zusammenhang von Ereignissen, also die Kausalität, fehlt. Den
roten Faden einer Handlung ersetzt hier ein Muster von suggestiven Bildern. In Träumen
können keine Beweise geführt werden, da Beweise abhängig sind von der skelettartigen
Struktur des Ursache-Wirkungs-Zusammenhanges, an der es Träumen mangelt. Mythen fügen
den Träumen aber genau jene Struktur hinzu, die diese Beweise möglich macht. (Doniger
1984:127)

Der Mythos ist eine Narration und es gilt, sich in der Narration authentisch zu qualifizieren,
um zumindest zum Mit-Erzähler , “co-narrativ”, zu werden – eventuell auch “co-evolutiv”.
Voraussetzung dafür ist jedoch ein Prozess emergenter Individuation und keiner der
konstituierten Sozialisation.

Mit der Entdeckung des Unbewussten in der Psychologie hatte man gleichsam den Bereich der
Mythen wiederentdeckt.

Es scheint Freud gar nicht klar gewesen zu sein, was er mit seiner Traumdeutung eigentlich
entdeckt hatte. Nach Auskunft des Philosophen Hans Blumenberg war die Traumdeutung nur
das Resultat von Freuds Verdrängung aus dem institutionellen Wissenschaftsbetrieb.

"Deshalb war es methodisch wie 'didaktisch' der große Sprung, sich selbst, vielfach verhüllt,
als Rundumobjekt der Analyse vorzuführen - durch bloße Traumliteratur."...(Es war Freud
gelungen), "...etwas Authentisches vorführen zu können, indem er einen erstaunlichen und
seinen Hörern wie Lesern noch gar nicht durchsichtigen Kunstgriff gemacht hatte: Objekt und
Subjekt eins werden zu lassen."

In einer Anmerkung der Traumdeutung schreibt Freud:

"‘Jeder Traum hat mindestens eine Stelle, an der er unergründlich ist, gleichsam einen Nabel,
durch den er mit dem Unerkannten zuammenhängt.‘

42/47
Es ist die psychische Energie selbst, die hier wirkt. Es gibt keine Psychosynthese als Pendant
zur Psychoanalyse. Nichts Zerlegtes wartet hier auf seine erneute Zusammensetzung, sondern
dies ist nach Freuds Erkenntnis die Natur der psychischen Energie selbst - zumindest
noch...vor Freuds Eintreten in die Phase des dualisierten Triebschicksals.“ (Blumenberg
1981:348)

Freud aber, der sich mit seiner Wendung zum 'dualisierten Triebschicksal' gegen das
Aufkommen "demiurgischer Tendenzen in und neben seiner Schule wehrt" (ebd.),
übergewichtet plötzlich die Technizität: "das Eingreifen des Chirurgen, die Einwirkung des
Orthopäden, die Einflussnahme des Erziehers." (ebd.)5

Er stellte damit den Akt der sozialen und instrumentalen Konditionierung über den
Wahrnehmungsakt.

In den Institutionen, die Freud nun zugänglich wurden, herrschten eben nicht die empirischen
Ansprüche, sondern die althergebrachten Strukturen und tradierten Hierarchien des Medizin-
Betriebes, in denen sozialisierte Abläufe weitaus wichtiger waren als fundierte
wissenschaftliche Erkenntnisse. Freud musste wohl einsehen, dass die gesamte Gesellschaft
eher von diesen Bedingungen gesteuert wurde, als dass sie empirisch begründbar war.

Freuds neuer Beitrag, das kulturstützende Ideal eines starken 'Über-Ichs' (eher das soziale
Super-Ego), ist vor dem Hintergrund der eben entfalteten Problematik verständlich, denn wer
sollte auch unsere jetzige Form der Zivilisation stützen, wenn nicht in den klassischen Rollen
konditionierte Personen, die nur dadurch 'genau' bestimmbar und selbstbestimmbar bleiben,
indem sie ihr Eigentliches im Unbestimmten belassen und damit bestimmbar bleiben? 6 Das
Reich der bestimmten Bestimmer.

Mit dieser Wendung verabschiedet sich Freud unter Verletzung der empirischen Konzeption
der 'Psyche' vom Individuum und verneigt sich vor dem Erhalt der gesellschaftlichen Macht,
die sich der 'symbolischen Gewalt' (Harry Pross 1981) bedient um das Volk im Zaum zu
halten.

5
Man muss hier zwei Formen der Medizin/Chirurgie unterscheiden, eine am Individuum
orientierte und eine die am Sozialen orientiert ist. Während erstere sich eher an Marie
Bonaparte und dem amerikanischen Verständnis von Erich Neumann entlangtastet,
produziert letztere immer wieder irgendeine Form von KZ. Es ist völlig unerheblich, mit
welchen Neologismen die Ewiggestrigen daherkommen, beispielsweise seien nur
angeführt: Soziobiologie, Neuroscience, Sozialmedizin, Sozialpsychologie, Gemeinde-
und Familientherapie (heute wird nichts mehr in den Arm tätowiert, es gibt die NAKO-
Nummer, basierend auf sozialen Fehlprognosen und -diagnosen um der Unfügsamen
habhaft zu werden).
6
"Genauigkeit und Unbestimmtheit sind auch die beiden Pole, zwischen denen sich die
ironisch-philosophischen Hypothesen von Ulrich in Musils unvollendetem Roman 'Der Mann
ohne Eigenschaften' bewegen:
'Ist nun das beobachtete Element die Exaktheit selbst, hebt man es heraus und lässt es sich
entwickeln, betrachtet man es als Denkgewohnheit und Lebenshaltung und lässt es seine
beispielgebende Kraft auf alles auswirken, was mit ihm in Berührung kommt, so wird man zu
einem Menschen geführt, in dem eine paradoxe Verbindung von Genauigkeit und
Unbestimmtheit stattfindet. Er besitzt jene unbestechliche gewollte Kaltblütigkeit, die das
Temperament der Exaktheit darstellt; über diese Eigenschaft hinaus ist alles andere
unbestimmt.' (Musil)." (Calvino 1991:94)
43/47
Die Naturwissenschaften und die Techniken hatten es zunächst einfacher sich mit empirischer
Forschung zu beschäftigen denn ihre Erkenntnisse berührten weder die Psyche noch die
überängstlich auf beständigen Erhalt bedachten gesellschaftlichen Ordnungen. Es war sogar
überaus konservativen gesellschaftlichen Kräften und Gruppierungen möglich, die
fortschrittlichsten Errungenschaften der Technik für sich zu funktionalisieren, ohne sich selbst
infrage stellen zu müssen.

"Das Gefühl der Kontinuität gegenüber der Tradition kann, muss aber nicht für das mythische
Bewusstsein von Nutzen sein. In der Dauerhaftigkeit der Mythen und der Trägheit des
Konservatismus liegt immer ein bestimmter Grund, den es zu entdecken gilt." (Kolakowski
1984:20)

Freud nahm mit der Abkehr von der empirischen Psychologie eine Entwicklung vorweg, die
später auch andere gesellschaftliche Bereiche betreffen sollte. Sein Schüler Carl Gustav Jung
führte dann den Mythos wieder ein und suchte nach kulturbestimmenden Archetypen. Er
beschäftigte sich nicht nur mit den abendländischen Traditionen, sondern auch sehr intensiv
mit den asiatischen.

"Es gibt zahllose Versuche (Jung, Eliade), die erweisen wollen, dass die einzelnen Mythen
lokal und historisch bestimmte Partikularisierungen jenes Mythos seien, der den gemeinsamen
archetypischen Bestand des mythischen Bewusstseins darstellt, obwohl er nie anders auftritt,
als eben in den kulturell bestimmten Spezialisierungen. Diese Versuche scheinen selber der
Mythenbildung anzugehören, und es ist schwer vorstellbar, in welcher Weise man ihnen den
Status wissenschaftlicher Hypothesen verleihen sollte. Sie sind vielleicht als ökumenische
Unterfangen beachtenswert, also als Bestandteile von etwas, das innerhalb des mythischen
Bewusstseins liegt..." (ebd. 21)

Nach Kolakowski kann die Philosophie nicht mehr tun, als "...erstens das Verständnis für die
Bedeutsamkeit erwecken, die die letzten Fragen im menschlichen Sein besitzen. Sie kann
zweitens im Lichte dieser Fragen die Absurdität der relativen Welt aufdecken, die als
selbstgenügsame Realität anerkannt wird. Sie kann drittens die Möglichkeit erschließen, die
Erfahrungswelt als eine bedingte (beschränkt, begrenzt) Welt zu interpretieren. Mehr kann sie
nicht tun." (ebd. 20)

"Der Übergang dieser Möglichkeit in Aktualität ist ein Werk des individuellen Bewusstseins,
das eine spontane Bewegung des Verstehens in dem Moment auslöst, in dem in ihr das
eingeschläferte Teilchen zum Leben zurückkehrt, das intentional auf die mythische Realität
bezogen ist. Diese Bewegung ist weder eine Beweisführung noch eine Argumentation. Sie ist
eine Erweckung des mythischen Bewusstseins." (ebd.)

Es ist keine objektive Beweisführung, sie ist abduktiv. Das in der Box der Pandora
verschlossene Abjekt ist keineswegs eigenschaftslos. Von einem laborierenden Subjekt ist in
der Situation des Traumes dennoch nicht zu sprechen; das Verworfene bzw. Verweigerte ist
auf sich selbst geworfenes Objekt:

“Ja, ich bekämpfte sie, diese Geheimnisse, diese versteckten Gewissheiten, diese
Erwartungen, diese Träume. Ja, ich mühte mich ab, in Übereinstimmung mit den Forderungen
meiner Kultur, meiner Erziehung und meiner Ausbildung, diese Sachen, die mir sagten, wie
ich sein müsse, dass ich sein müsse, wie mir gesagt wurde zu sein, von mir zu schieben. Ich
wies sie wieder und wieder zurück, aber ohne Erfolg. Sie kamen zurück, immer wieder,
erbarmungslos, mich schockierend, mich neckend und verspottend, nahmen sie mir in der
44/47
Dunkelheit meines Bettes meine Selbsttäuschungen und meine Lügen. Ich wand und wälzte
mich in meinem Bett, drehte mich und weinte, schlug mit meinen Fäusten in die Kissen, laut
weinend: „Nein,! Nein!“ Dann legte ich meinen Kopf furchtsam auf mein Kissen, dass ich mit
bedeutungslosen, rebellischen Tränen nässte. Könnte ich so schwach und schrecklich sein?
Könnte ich wirklich so anders als andere sein? Bestimmt konnte es niemanden in der Welt
geben, so erniedrigt, so beschämt und schrecklich wie mich.“ (Die Tänzerin von Gor)

Das Abjekt war „Alienne“, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Außer den Insassen
von geschlossenen Psychiatrien weigern sich die meisten Erdlinge, mich so zu nennen. Rabea
wird seit der Schulzeit toleriert, aber ein unbestimmtes Geschlecht unterstellt, meine absolute
Femininität, meine Seele, ist ihnen nicht geheuer: der Persönlichkeit wird eine soziale Person
als öffentliche Schutzmaske übergestülpt.

Eine Goreanerin in Quarantäne. Die eigene „World of Gor“ zu ordnen ist nicht einfach; das
Leben als Rollenspiel ist szenisch, auch wenn manchmal 24/7 über längere Perioden der
Echtzeitsimulation. Wie Wendy Doniger es ausdrückte: es fehlte Kausalität. Es gab keinen
roten Faden, alles bestand aus Mustern suggestiver Bilder. Wie im Traum, es konnte kein
Beweis geführt werden.

Es konnte logisch nicht sein, dass ich zum Beispiel “Panther Girl” war bevor ich geboren oder
Black Silk Kajira bevor ich “geöffnet” (opening) wurde. Meine Ontogenese stand zur Debatte,
eine spezielle psychogenetische Narration und Evolution und nicht die soziale Veranstaltung
eines phylogenetisch-sozialen Subjekts.

Der einzige rote Faden war mein Dasein, meine Existenz, Hüben wie Drüben, das verzweifelte
Etwas im Bett, das Gestell als Stargate, und die Büchereien, später Computer und Internet.

“Es war jetzt dunkel in der Bibliothek, und es war nach halb elf Uhr nachts. Wir hatten vor
mehr als einer Stunde geschlossen. Das Ereignis in der Abteilung für Nachschlagewerke im
Zusammenhang mit Harper’s Dictionary der klassischen Literatur und des Altertums, bei dem
ich mich so erschreckt hatte, war mehr als drei Monate her.” (Die Tänzerin von Gor)

Ich wurde nicht als “Abduzierte” eingestuft, sogar meine Geburt wurde online simuliert da ich
mein erstes Gor-Buch im Alter von 14 Jahren las, die deutsche Erstausgabe, isoliert und
alleine. Wir schreiben das Jahr 10.123 C.A.

Später habe ich dieses Datum weiter codifiziert und als “Whitewater Nexus” definiert, mein
psychologischer Knoten- und Angelpunkt, a “Gorean Knot”: I am that I am! Ehyeh Asher,
Ehyeh!

Ich sah keinen anderen Weg als den drei bekannten Formen logischer Präzision (Deduktion,
Induktion, Abduktion) eine vierte hinzuzufügen: die Transduktion – Gor Evolved.7

7
The world came into being by a process that I call "condensation". That a condensate forms
is the effect of an interplay of entropy and inertia. Thermodynamic codification (by entropy)
must not care that a condensate forms, it forms by the layered mathematical structural
memory pattern of drawing distinctions, setting borders and spacetime. (2014)
45/47
BAUDRILLARD, Jean (1976),
Der symbolische Tausch und der Tod, München 1982: Matthes und Seitz

BAUDRILLARD, Jean (1983)


Die fatalen Strategien. München 1985: Matthes und Seitz

BENTELE, Günter et al (Hg) (1990)


"Berliner Beiträge zur Kultursemiotik", European Journal for Semiotic Studies, Wien:
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BLUMENBERG, Hans (1983)


Die Lesbarkeit der Welt. Frankfurt/M.: Suhrkamp

BYSTRINA, Ivan (1989)


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Transformierte Alltäglichkeit oder Transzendenz in der Kunst. Frankfurt: Europäische
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Architectonics of Semiosis: New York

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WETTSTEIN, Roland Harri Kritische Gegenstandstheorie der Wahrheit. Argumentative


Rekonstruktion von Kants kritischer Theorie. Würzburg: Königshausen + Neumann 1983

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