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Daniel Dettling · Christian Schüle (Hrsg.

Minima Moralia der nächsten Gesellschaft


Daniel Dettling · Christian Schüle (Hrsg.)

Minima Moralia
der nächsten
Gesellschaft
Standpunkte eines neuen
Generationenvertrags
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
<http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

1. Auflage 2009

Alle Rechte vorbehalten


© VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2009

Redaktion: Carolin Paulus, M.A., wissenschaftliche Mitarbeiterin bei berlinpolis


Lektorat: Frank Schindler / Mirjam Rupprecht

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Umschlaggestaltung: KünkelLopka Medienentwicklung, Heidelberg


Druck und buchbinderische Verarbeitung: Krips b.v., Meppel
Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier
Printed in the Netherlands

ISBN 978-3-531-16475-5
Inhalt

Memorandum von berlinpolis


Mehr Gemeinwohl wagen!
Skizzen zu einer Charta für die nächste Gesellschaft 9
Daniel Dettling/Christian Schüle
Einleitung 11
Christian Schüle
Minima Moralia der nächsten Gesellschaft
Vier Thesen zur Zukunft der Republik 16

These I: Öffentlicher Geist und res publica


Martin Dulig
Berliner Republik 2.0
Die Welt zu Gast bei Freunden 23
Nora Damme
„Vom Osten lernen heißt Siegen lernen“
Das Gesamtdeutschland von morgen und die neuen Länder 31
Inci Y.
Die Politik macht Deutschland unter sich aus
Über die Schwierigkeiten einer deutsch-türkischen Patriotin 37
Conny Mayer-Bonde
Superstar Deutschland – Oder: res publica und Marke D 43

These II: Die Neue Soziale Frage


Markus Vorbeck
Erste Reihe. Aus der Riege der heute Dreißigjährigen wird
die nächste Manager-Generation rekrutiert. Hoffnungsvolle
Anmerkungen zu einem Kandidatenpool mit guten Anlagen 51
Lars Hewel
Viel Ratlosigkeit und ein Quantum Trost 57
Caroline Waldeck
Weniger Moral wagen! 64
Louis Klein
Competitive Social Design - Die Soziale Frage der nächsten
Gesellschaft 74
Inga Wellmann
Sozialstatik und Schnittstellengestaltung. Was sich in Krisenzeiten
von den kreativen Ökonomien lernen lässt 81

These III: Das ethische Fundament


Franz Joseph Baur
Minimum Morale: Achtung vor dem Leben 91
Oliver Marc Hartwich
Im Zweifel für die Freiheit 98
Alexander Görlach
Gesellschaftlicher Zusammenhalt
Die Antwort auf die Frage nach dem humanum 103
Alexander Kissler
Geist, Geselligkeit und Genom. Von der Moralfähigkeit des
Menschen und der Neubegründung des Politischen 109
Michael Wedell
Ethik in prekären Zeiten
Versuch über eine politische Kultur des Versprechens 115

These IV: Der neue Begriff des Politischen


Christopher Gohl
Politik zwischen Provinz und Weltbürgergesellschaft 125
Vito Cecere
Macht Gestaltung
Für eine erneuertes Verständnis von Politik 132
Christian Lindner
Mut zur politischen Führung 139
Kristina Köhler
Zwischen Entpolitisierung und Projekt 145
Günther Dörflein
Für eine neue Kultur der Verantwortung und des Miteinanders 152
Thomas Schmid
Europa jetzt erst recht. Warum scheinbar altmodische Ideen gerade
für die Krise wichtig sind 159

Die Autorinnen und Autoren 167


Über berlinpolis 170
Memorandum von berlinpolis

Mehr Gemeinwohl wagen!


Skizzen zu einer Charta für die nächste Gesellschaft

1. Die Lage der Republik ist prekär. Sie erfordert eine kluge Moderation
von Interessenskonflikten und Ideen zur Stärkung des Gemeinwesens.
Gegen eine gefährliche Demokratiemüdigkeit großer Teile der Bevölke-
rung regen wir ein Konjunkturprogramm für die Demokratie an.
2. Die Bürger können Demokratie nur beleben, indem sie über sie reden.
Dafür sind neue Formen politischer Beteiligung und Kommunikation
zwischen Parteien, Staat und Bürgern nötig. Die künftige Aufgabe der
Politik besteht darin, milieuübergreifende Gemeinschaften zu organisie-
ren und einen aktiven Diskurs über jene sozialen und kulturellen Nor-
men zu etablieren, nach denen wir leben wollen. Eine Bürgerdemokra-
tie setzt auf den direkten Dialog der Politik mit den Bürgern. Bürgerbe-
teiligung muss deutlich an politischer Relevanz gewinnen. Neue soziale
Bewegungen schaffen Identitätsangebote und geben der Politik zugleich
Denkanstöße. Medium dieser Kommunikation könnten neue Plattformen
im Internet oder Elemente dialogischer Demokratie sein.
3. Für die kollektive Identität von Bürgern einer demokratischen Ordnung
bedarf es der symbolischen Repräsentation. Die geplanten Feierlichkei-
ten anlässlich des 60. Jahrestags der Bundesrepublik und des 20. Jahres-
tags des Mauerfalls sind der deutschen Demokratie nicht würdig. Wir
regen den jährlichen Deutschlandtag an – einen neuen Feiertag aller
Deutschen am 9.November. Dieser sollte im deutschen Jubiläumsjahr
2009 erstmalig begangen werden.
4. Weil sich bürgerschaftliches Engagement zu bürgerschaftlicher Verant-
wortung weiterentwickeln muss, regen wir ein Curriculum Verantwor-
tung an. Die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise könnte das so-
ziale Kapital der Republik zerstören und zu einer Gesellschaftskrise
werden. Gesellschaftliche und ökonomische Eliten erhalten nach ihrer
Ausbildung Unterricht in Ethik und unterrichten in einem weiteren
Schritt selbst wiederum an Schulen Ethik.
10 Memorandum von berlinpolis

5. Fehlende Gemeinwohlorientierung führt zur Bildung unkontrollierbarer


Parallelgemeinschaften. Das Auseinanderdriften der deutschen Gesell-
schaft nach unten und oben gefährdet den sozialen Zusammenhalt. Mehr
Demokratie erreichen wir vor allem, indem wir mehr Gemeinwohl wa-
gen. Um dem möglichen Zerfall zu begegnen, schlagen wir einen ver-
bindlichen Deutschlanddienst als Dienst eines Jeden am Gemeinwohl
vor, der den Wehr- und Zivildienst ersetzt. Jeder in Deutschland lebende
Mensch über 18 Jahre leistet bis zu zwei Jahre Dienst für das Gemein-
wohl, ob militärisch, sozial, ökologisch oder kulturell. Beispiele für so-
zialen Deutschlanddienst sind etwa Tafelrunden, Generationenhäuser,
Familienbetreuung, Hospizarbeit. Der Deutschlanddienst ist schicht-,
geschlechts- und generationenübergreifend und nicht an die Staatsbür-
gerschaft gebunden.
6. Die Soziale Marktwirtschaft steckt in einer Systemkrise. Um den sich
selbst überdehnenden, exzessiven Kapitalismus zu zähmen, regen wir
an, einen in seiner Höhe noch zu diskutierenden Teil der Renditen in er-
gänzende soziale Projekte zur Stärkung des bürgerschaftlichen Engage-
ments zu investieren. Sozialbanken, die von unabhängigen Personen
des öffentlichen Ansehens geleitet werden, organisieren die angemesse-
ne Verwendung der Gelder. Wer durch eigene Leistung viel Rendite er-
zielt, handelt so in Verantwortung für die Gesellschaft.
Daniel Dettling/Christian Schüle

Einleitung

Der Titel des vorliegenden Buches ist eine Anmaßung. Minima Moralia ist
bekanntlich jene kulturkritische Aphorismensammlung des Philosophen
Theodor W. Adorno aus dem Jahr 1951 überschrieben, die sich wiederum
auf die Magna Moralia des Philosophen Aristoteles bezieht.
Während Adorno seine Minima Moralia als Phänomenologie des Ver-
falls in einem beschädigten Leben verstanden hatte, geht es dem vorliegen-
den Band hingegen um konstruktive Grundpositionen für das gelingende
Leben im nächsten Deutschland.
Stehen wir nach 1949, 1969 und 1989 heute, im Jahr 2009, abermals vor
einem grundlegenden Einschnitt in das Gewebe der Republik? Wir haben es
ohne Zweifel mit einer neuen sozialen Frage der Rückbindung sich abspal-
tender Unter- und Oberschichten zu tun und können eine Krise des Ethischen
diagnostizieren. Eine verbindliche Übereinkunft dessen, wie der Geist des
Öffentlichen in Zukunft verfasst sein soll, ist ebenso schwer zu finden wie
eine Antwort auf das Verschwinden des Politischen. Das Vertrauen in die
Problemlösungsfähigkeit von Demokratie und Sozialer Marktwirtschaft
scheint zu schwinden, Studien diagnostizieren Demokratiemüdigkeit, und
wenn Partizipation am politischen Prozess überhaupt zu erkennen ist, bezieht
sie sich oft auf idealistische Projekte. Können die heute Dreißigjährigen,
geprägt durch eine postmoderne Sozialisation ab Mitte der 1980er Jahre, die
intellektuelle Basis der nächsten Gesellschaft schöpferisch prägen? Was
können sie praktisch bewegen – und mit welchen Mitteln?
Das vorliegende Buch dient als Forum zur Selbst-Klärung, Selbst-
Erklärung und Selbst-Verhandlung. Im Hinblick auf den 60. Jahrestag der
deutschen Verfassung im Mai 2009 nimmt es sich die Analyse und mögliche
Neubegründung der res publica, der Sache, die uns alle angeht, vor. Zur
Grundsatzdebatte stehen Organisationsfiguren einer neuen sozialen, kulturel-
len und gesellschaftspolitischen Ordnung. Ziel der gemeinsamen Fundamen-
12 Daniel Dettling/Christian Schüle

talreflexion sollte eine aktive und fruchtbringende Debatte sowie der inter-
disziplinäre und ungehinderte Diskurs auf der Höhe der Gegenwart sein –
ohne weltfremde Gespinste, ideologische Muster, akademische Sprachver-
wirrungen und parteipolitische Plattitüden.
Wir haben 20 Frauen und Männer zwischen 30 und 40 aus voneinander
unabhängigen Berufszweigen in allen Bundesländern und mit diversen Le-
bensläufen zur Feder gebeten, um eine ansatzweise repräsentative, in Teilen
vielleicht sogar verallgemeinerungsfähige Selbstbeschreibung der nächsten
Generation zu liefern. Alle Autoren sollten aus ihrer jeweils subjektiven
Lebens- und Arbeitswirklichkeit auf die vier Thesen zur Lage der res publica
antworten, die im nachfolgenden Kapitel abgedruckt sind. Sie konnten es
völlig frei im Widerspruch, in Zustimmung oder in Anregung für eigene
Standpunkte tun.
Martin Dulig warnt vor rechtsextremen Einstellungen, die bis weit in
die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen sind, und fordert mehr engagierte
Bürgerinnen und Bürger, die immer und überall für die demokratischen Wer-
te Toleranz und Vielfalt einstehen.
Nora Damme hält die Ostdeutschen für flexibler, gebildeter und in Fa-
milienfragen fortgeschrittener als die Westdeutschen und sieht die neuen
Bundesländer als Experimentallabor für neue Lösungen.
Inci Y. hat weder mit deutscher Fahne noch mit deutscher Hymne ein
Problem, kritisiert dagegen das Wahlverbot für Türken in Deutschland, das
einen Patriotismus von Nicht-Deutschen verhindert, und fordert, die Fähig-
keiten der Einwanderungskinder zu entdecken und in die deutsche Gesell-
schaft einzubringen, weil sonst die Ausländer in Deutschland immer apo-
litischer werden.
Conny Mayer-Bonde setzt zur Ausbildung einer gemeinsamen Identität
für alle verbindlich und notwendig die Kenntnis der deutschen Sprache vor-
aus, will den politischen Grundkonsens über das Wirtschaftssystem erlangen
und fordert für einen Relaunch der Sozialen Marktwirtschaft unter ökologi-
schen Prämissen.
Markus Vorbeck ruft einen Aktionsplan „Diversity“ aus, in dem das
authentische Interesse an gelingenden Lebensentwürfen, anderen Kulturen
und Ländern und die Förderung multikultureller Belegschaften in Unterneh-
men zentrale Positionen der Offenheit sind.
Einleitung 13

Lars Hewel prognostiziert bereits der gut ausgebildeten Mittelschicht


eine abwärts gerichtete Durchlässigkeit, sieht die vordringlichste Aufgabe
darin, prekäre Biografien zu vermeiden und begrüßt die Kräfte des freien
Marktes als Garanten für die gerechte Verteilung von Wohlstand auf globaler
Ebene.
Caroline Waldeck konstatiert, dass die Wertschätzung der Freiheit seit
der Wiedervereinigung kontinuierlich abgenommen hat, fordert statt ständig
wiederholter moralischer Appelle sachliche Begründungen durch das bessere
Argument im Diskurs und erwartet von Unternehmen aus Eigeninteresse
heraus eine Investition in die Diskursfähigkeit der Bürger.
Louis Klein strebt an, die Kulturformen der Demokratie neu zu verhan-
deln, das Soziale aus der Mitte der Gesellschaft zu definieren und schlägt ein
Sozialdesign vor, dessen Zentralbegriff Verantwortung ist.
Inga Wellmann sucht nach zukunftsfähigen Wegen für die Stimulation
von Wachstum und Innovation bei gleichzeitiger Garantie sozialer Teilhabe,
lobt die kollektive Kreativität von wissensbasierten Netzwerkgesellschaften
und findet in der Genossenschaft eine wegweisende Form der Vergemein-
schaftung.
Franz Joseph Baur glaubt nicht mehr an lineare Wachstumskurven und
unendliche Steigerung, fordert die unbedingte Achtung vor der Würde des
bedrohten Lebens und sieht als Ressource für die Gesellschaft den durch
Bildung geformten Menschen als ethische Persönlichkeit.
Oliver Marc Hartwich fordert größeres Privateigentum und mehr Pri-
vatautonomie als Garantin der Menschenwürde und attackiert die Ethik der
Nachhaltigkeit als freiheitsfeindlich und verfassungswidrig, da durch die
Forderungen für das Interesse künftiger Generationen die heutige Generation
entmündigt wird.
Alexander Görlach diagnostiziert den Verlust gesamtgesellschaftlicher
Deutungsangebote, ist überzeugt, dass eine Gesellschaft eine Antwort auf die
Frage nach dem humanum von morgen finden muss und sieht Vertrauen als
Grundwährung für ein gelingendes Zusammenleben.
Alexander Kissler rät Deutschland die dringende Rehabilitation des
Geistes gegen die Verherrlichung der Materie, zieht gegen die Naturalisie-
rung der Ethik zu Felde und bemüht in unserer moralisch weitgehend unemp-
14 Daniel Dettling/Christian Schüle

findlichen Ära Bildung als Herzensangelegenheit für eine gesamtgesell-


schaftliche Moral.
Michael Wedell regt eine politische Kultur des Versprechens an und
schlägt zur Lösung aktueller politischer Interessenkonflikte eine handwerk-
lich gute Moderation vor sowie neue Vorbilder als Leitbilder für das eigene
Leben.
Christopher Gohl wünscht sich eine aktive, dezentrale und dynamische
Weltbürgergemeinschaft, neue Stilformen der Politikverhandlung und defi-
niert künftige Politik als Bearbeitung kollektiv verbindender Probleme.
Vito Cecere sagt voraus, dass Politik stärker durch Gruppen, Vereine
und andere zivilgesellschaftliche Organisationen geprägt sein wird als bisher,
und fordert die Vitalisierung der Demokratie durch gute Kommunikation.
Christian Lindner fordert Mut zur politischen Führung ein, regt eine
neue Partizipationskultur an und schlägt zur Mobilisierung von politischem
Bewusstsein Elemente der direkten Demokratie vor.
Kristina Köhler glaubt, dass jeder in Deutschland die Perspektive hat,
ein gutes und würdevolles Leben zu leben, lobt die verbindende „Sowohl-
als-auch“-Einstellung der nächsten Generation und spricht den Volksparteien
eine nach wie vor wichtige Rolle zu.
Günther Dörflein sieht in der Integration im umfassenden Sinne den
Schlüsselbegriff für die Zukunft, will das Problem der sozialen Undurchläs-
sigkeit bekämpfen und fordert Optimismus und eine offene Gesellschaft.
Thomas Schmid erkennt in der Idee der Sozialen Marktwirtschaft nach
wie vor die Kraft, Menschen zu solidarischen Gemeinschaften auch in Kri-
senzeiten zusammenzufassen, will Exzellenz wie soziale Balance fördern
und sieht in Europa, einer starken EU und einer europäischen Bürgergesell-
schaft die Lösung aller Probleme.
Waren Adornos Minima Moralia eine Inventur des Niedergangs ethi-
scher Werte im Rückblick auf den Nationalsozialismus, so ist das vorliegen-
de Buch die Bestandsaufnahme substantieller Haltungen, die den öffentli-
chen Geist des nächsten Deutschlands mitformulieren könnten. Es sind darin
Positionen versammelt, die ein Minimum an moralischer Verbindlichkeit als
gemeinsame Haltung anbieten: das Skelett einer neuen sozialen Ethik, deren
wichtigste Aufgabe darin bestehen dürfte, den Terminus Gemeinwohl neu zu
definieren und über Wege und Mittel zur Beteiligung der Bürger an der De-
Einleitung 15

mokratie nachzudenken, um das zu wahren, was der Bundesrepublik als geis-


tiges Gerüst zugrunde liegt: Freiheit, Selbstbestimmung und sozialer Frieden.
Im vorangehenden Memorandum sind Stimmen der nächsten Generation
verdichtet und darüber hinausgehend Positionen und Grundzüge einer neuen
gesellschaftlichen Ordnung weiterentwickelt.
Die Arbeit an einer neuen, gelingenden Gesellschaft erfordert idealisti-
schen Einsatz und ein hohes Maß an Identifikation mit den Grundlagen des
eigenen Staates, einem Gemeinwesen, in das man zwangsläufig eingebettet
ist, um jeglichem Unbehagen gegenüber der Gegenwart und Zukunft aktiv
begegnen zu können. Jede Generation steht in der Pflicht, ein verbessertes,
ihr bewahrenswertes Gesellschaftsmodell anzubieten und allen Teilnehmern
der Republik zur Diskussion zu stellen. Gerade die Gesellschaften des ent-
grenzten 21. Jahrhunderts müssen sich einem permanenten Prozess der Neu-
findung unterziehen. Tradierte politische Kulturen müssen sich stets aufs
neue einer Revision unterziehen, um vital und - im ethischen Sinne - gut und
gelingend die Würde und den Wert jedes einzelnen Bürgers, unabhängig von
Geschlecht, Hautfarbe, religiöser oder sexueller Orientierung, zu wahren.
Die Idee dieses Projektes wurde nahezu überall mit Begeisterung aufge-
nommen. Das Buch setzt eines der Hauptanliegen der nächsten Generation
praktisch um: Es ist bereits Teil des von allen gewünschten Diskurses über
die Grundlagen der res publica.

Berlin, im Frühjahr 2009


Christian Schüle

Minima Moralia der nächsten Gesellschaft


Vier Thesen zur Zukunft der Republik

I. Öffentlicher Geist und res publica

Die kulturelle und soziale Verantwortung für die politische, moralische und
menschliche Katastrophe durch das Dritte Reich besteht für die nächste Ge-
neration darin, den liberalen Rechtsstaat zu unterstützen und all das zu ver-
hindern, was die Würde des Individuums verletzt oder einschränkt. Deutsch-
land soll sich nicht mehr maßgeblich rückblickend negativ, sondern vorge-
richtet positiv definieren: als Staats- und Gesellschaftsordnung, die sich ihrer
Herkunft bewusst ist, ihren Bezugspunkt aber als europäisches Mitglied einer
künftigen Weltbürgergesellschaft findet. Eine Leitkultur soll es deshalb inso-
fern geben, da der kultur-, ethnien- und religionenübergreifende Respekt vor
dem Anderen und die Achtung der prinzipiellen Freiheit zwei Werte darstel-
len, die nicht ausschließlich deutsch, aber wesentlich für das Verständnis
dessen sind, was deutsch sein soll. Hilfreich dafür ist die Verständigung in
deutscher Sprache; wird der Geist der Buchstaben gewahrt, lässt sich ein
derartiges Bekenntnis aber auch durchaus englisch, spanisch oder türkisch
ausdrücken. Wann der Geist gewahrt ist, entscheidet die Gesellschaft im
Prozess ihrer politischen Selbstverständigung über Diskussion und Öffent-
lichkeit dieser Diskussion.
Die Bundesrepublik Deutschland als aus Sicht der nächsten Generation
prinzipiell gelungenes Staatsgebilde erfordert die aktive Teilnahme ihrer
Bürger am politischen Prozess. Die grundsätzliche Bejahung des bundes-
deutschen Rechts- und Gesellschaftssystems kommt dem gleich, was man als
patriotische Gesinnung bezeichnen könnte. Mit nationalem Pathos hat das
wenig zu tun. Wer bei der deutschen Hymne ergriffen ist, ist kein Nationa-
list, und wer die deutsche Fahne auf seinem Balkon hisst, kein Relativist.
Das zu behaupten wäre defätistisch und unreif. Nur wer ein konstruktives
Minima Moralia der nächsten Gesellschaft 17

Verhältnis zur Ordnung hat, in deren Koordinatensystem er sich bewegt,


kann die res publica – die Sache, die uns alle angeht – sozialverträglich mit-
gestalten und zu ihrer Verbesserung beitragen. Das setzt voraus, dass die
Bürger einen starken Sinn für die Zugehörigkeit zu ihrem Gemeinwesen
haben. Solidarität bedeutet, dass sich die Mitglieder einer Gesellschaft am
gemeinsamen Unternehmen, die Bürgerrechte zu wahren, aktiv beteiligen.
Dieses Solidaritätsgefühl mit den gleichen Rechten für alle bildet den öffent-
lichen Geist der res publica: der Sache, die uns alle angeht.

II. Die Neue Soziale Frage

Die sozioökonomische Entwicklung der vergangenen zwanzig Jahre hat viele


Menschen aus der Solidargemeinschaft ausgeschlossen und zu einer Neuen
Sozialen Frage geführt. Sie lautet kurzum: Ist die deutsche Gesellschaft ge-
spalten in jene Bürger, die Perspektiven haben und sie umsetzen können, und
in jene, die keinerlei Perspektiven haben bzw. denen Perspektiven verwehrt
sind? Wie lassen sich bildende Schichten so einebnen, dass der Aufstieg für
jeden möglich ist?
Je tiefer die Spaltung des sozialen Körpers geht, desto stärker ist der so-
ziale Frieden – eine der größten und wichtigsten Errungenschaften der Bun-
desrepublik seit 1945 – gefährdet. Die nächste Generation beharrt darauf,
dass jeder Mensch unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft, sexueller
und religiöser Orientierung den gleichen Wert hat, dass jeder Mensch aber
auch für die Steuerung seines Lebens selbst verantwortlich ist. Wenn er diese
Verantwortung nicht zu übernehmen in der Lage ist, kann er sich auf das
Solidarprinzip der Gemeinschaft im Rahmen des Sozialstaats verlassen; über
die Akzeptanz der Maßstäbe einer Verhinderung muss sich die Gesellschaft
diskursiv verständigen.
Gleichheit soll bedeuten, dass alle die gleichen Chancen haben, an der
Gestaltung der gesellschaftlichen und politischen Ordnung teilzunehmen. Die
nächste Generation erachtet es als existenziell wichtig, jedem Mitglied der
Gesellschaft die Chance auf Freiheit und Selbstverwirklichung zu ermögli-
chen. Wo dies nicht geschieht, muss die Politik Korrekturen vornehmen oder
Rahmenbedingungen setzen. Individuelle Freiheit ist das höchste Gut, das
18 Christian Schüle

die Bundesrepublik zu gewähren hat; wir betrachten jeden Christen, jeden


Juden, jeden Muslim und jeden Andersgläubigen in seinem gleichen Wert als
potentiellen Träger dieser Freiheit. Seine oder ihre Freiheit endet dort, wo sie
die Freiheit des Anderen einschränkt.
Die Neue Soziale Frage zeigt sich vor allem im Verhältnis zwischen ra-
dikalem Individualismus und Gemeinwohl, das eine Variation der angedeute-
ten Spaltung ist. Die entscheidende Überlegung lautet deshalb: Wie lässt sich
jenseits materieller Verteilung ein Verantwortungsgefühl für das Ganze, wie
lässt sich ein Sozialsinn generieren und moderieren? Jene Schichten, die als
„Prekariat“, als Unterschicht, bezeichnet werden, müssen ebenso als legiti-
mer Teil des Ganzen verstanden werden wie die jede Art einer Elite, sonst
droht die unkontrollierbare Abspaltung, ihre Verselbständigung und ein viel-
leicht gewaltsamer Konflikt unter Bürgern. Ein wesentlicher Punkt für das
gewünschte Ziel der Bürgerdemokratie mit hoher Sensibilität für das Ge-
meinwohl stellt das ehrenamtliche Engagement dar: Nachbarschaftshilfe,
Integration im Alltag, Tafelrunden und die Verständigung auf unterster Ebe-
ne beispielsweise durch dauerhaft etablierte Diskussionen, Tage der offenen
Tür, Feste und multiethnische Sportveranstaltungen. Zur Lösung der Neuen
Sozialen Frage taugen alte Antworten nicht.

III. Das ethische Fundament

Moralische Ideale haben es immer schwerer, gegen einen allgegenwärtigen


Kosten-Nutzen-Pragmatismus anzukommen. Es gibt kaum noch ein morali-
sches Ideal aus der Vergangenheit, das heute allgemeingültig und verbindlich
wäre. Das ist gut und schlecht zugleich. Gut, weil jeder Einzelne das positi-
ve, das heißt staatlich verbürgte Recht haben soll, selbst zu begründen, was
ihm und der Ausübung seiner Freiheit am ehesten entspricht. Schlecht ist es,
weil dadurch keinerlei überindividuelle Verbindlichkeit mehr möglich ist.
Natürlich wird man achtzig Millionen Deutsche nicht auf eine allge-
meinverbindende moralische Grundordnung vereinen können, vielleicht
nicht einmal mehr zehn. An vorderster Stelle einer künftigen Ethik soll des-
halb erstens die Akzeptanz von Differenz und Pluralismus als historisches
Resultat einer kulturellen Evolution stehen, zweitens der unhintergehbare
Minima Moralia der nächsten Gesellschaft 19

Respekt vor der Autonomie und Würde der einzelnen Person – egal welchen
Geschlechts, Alters, welcher Hautfarbe, Religion und sozialen Herkunft.
Jeder Staatsbürger etwa soll das Recht haben, selbst zu bestimmen, wie er
leben und sterben will; jeder soll nach seiner Facon in den Tod gehen dürfen;
Patientenverfügungen sollen Bestandteil des persönlichen Dokument-
Portfolios eines jeden sein. Wesentlicher Teil des ethischen Fundaments der
Bundesrepublik ist die Gleichrangigkeit der Geschlechter wie die Gleichran-
gigkeit der Konfessionen und die Gleichrangigkeit der Generationen. Gleich-
rangigkeit heiß Gleichwertigkeit. Unhintergehbar ist nur der absolute Wert
der körperlichen Unversehrtheit: Hat meine Handlung negative Nebenfolgen
für einen Anderen, ist sie ethisch nicht haltbar. Was seelische Unversehrtheit
betrifft, muss gesondert nachgedacht werden.
Diese Form der individuellen Ethik bezieht die rein theoretische Überle-
gung mit ein, dass die Nebenfolgen unseres Lebens künftige Generationen in
ihrer Freiheit einschränken könnten. Eine ökologisch verstandene Ethik
schließt den Gedanken mit ein, dass auch die Natur als Lebewesen ein Träger
von Freiheitsrechten ist. Wer braucht und verbraucht, muss dafür sorgen,
dass Grundlagen wieder regeneriert werden können (der Begriff Nachhaltig-
keit beinhaltet also die rechtliche Verpflichtung, Grund, Boden und Klima so
zu nutzen, dass sich diese nach Einschätzung der Wissenschaftler wieder
regenerieren können).
Grundlage jeder ethischen Verfassung muss die Verhinderung von Ge-
walt und dem Kreislauf der Rache um des sozialen Friedens willen sein.

IV. Der neue Begriff des Politischen

Politik kann nur dann erfolgreich sein, wenn sie die individuelle Freiheit
respektiert und zugleich das Gemeinwohl fördert, indem sie Gemeinschaft
organisiert. Politik ist kein Gegensatz zu Markt und Freiheit. Politik ist ein
Ordnungs- und Regelsystem, an dem, theoretisch gesprochen, jeder Bürger
partizipieren kann und soll – in demokratischen Gesellschaften ist Politik
nach wie vor die Selbstregierung der Menschen (Politikverdrossenheit ent-
springt der Enttäuschung von Hoffnungen auf teilnehmende Veränderung).
20 Christian Schüle

Seit einiger Zeit wandelt sich der Begriff des Politischen. In Zukunft
werden Programminhalte ideologische Überschneidungen ersetzen. Daraus
folgt eine fortschreitende Ent-Ideologisierung. Die mit Lagerdenken operie-
rende traditionelle Volksparteiendemokratie geht ihrem Ende zu, weil es die
Fiktion „des Volks“ nicht mehr gibt und klare, in Programmen niedergelegte
Weltanschauungen pluralistisch verfassten Wirklichkeiten nicht mehr gerecht
werden. Das Politische wird künftig viel stärker in Gruppen und Vereinen
verhandelt, über Projekte und punktuelle Engagements. Orientierungsgrößen
sind nicht mehr die traditionellen Milieus, sondern milieuübergreifende
Themenkomplexe wie „Familie“, „Zeitpolitik“, „Globalisierungskritik“. Der
Wähler wählt nutzen-, nicht mehr bindungsorientiert. Das führt zu Zerfase-
rung einerseits, zu Kurzfristigkeit andererseits. Mehrheiten zu organisieren
wird vor diesem Hintergrund immer schwieriger und stellt Regierende vor
bislang ungekannte Aufgaben einer neuen Mehrheits-Arithmetik.
These I: Öffentlicher Geist und res publica
Martin Dulig

Berliner Republik 2.0


Die Welt zu Gast bei Freunden

Bei der WM im Jahr 2006 haben sich viele im Ausland verwundert die Au-
gen gerieben, um danach mit neuem Blick auf Deutschland zu schauen. Soll-
ten das die Deutschen sein, die als langweilig, aber gründlich gelten, die im
Urlaub vor dem Frühstück „ihre“ Liege mit einem Handtuch markieren und
sich mit ihrer Identität als Deutsche ansonsten schwer tun? Diese Menschen,
die sich nun überall im Land mit schwarz-rot-goldenen Perücken und Fuß-
balltrikots ausstaffieren und mit Fahnen an ihren Autos herumfahren. Das
sollten Deutsche sein?
Aber nicht nur im Ausland, sondern auch bei uns machte sich ungläubi-
ges Staunen breit. Waren das tatsächlich wir? Dieses Staunen verwandelte
sich dann schnell in eine der typischen Debatten über deutsches Selbstver-
ständnis.
Die Kritiker von links und rechts wandten sich gleich mit Grausen ab.
Diejenigen, die Patriotismus für ein Fossil aus dem Kaiserreich halten, hoben
mit dem Spruch „Der Schoß ist fruchtbar noch…“ wie immer warnend ihre
Stimme. Und für die Konservativen war da nur die hedonistische Spaßgueril-
la unterwegs, die einfach die Loveparade auf die Fanmeilen der Republik
verlagerte und dabei mehr zufällig schwarz-rot-gold spazieren trug.
Die Kritiker haben aber unrecht. Das war nicht der deutsche Chauvinis-
mus, der wieder sein Haupt erhob, und nicht nur Spaßpatriotismus ohne je-
den Nachhall.
Natürlich befanden wir uns in diesen vier Wochen in einem Ausnahme-
zustand, der vor allem von subtropischen Temperaturen und den Erfolgen der
deutschen Nationalmannschaft ausgelöst wurde. Bei Regen und einem Aus-
scheiden in der Vorrunde wäre nicht eine Diskussion über das Selbstver-
ständnis der Deutschen ausgebrochen, sondern darüber, wie Jürgen Klins-
mann überhaupt Bundestrainer werden konnte.
24 Martin Dulig

Aber das Land, das ich in diesen Wochen erlebt habe, hat mir sehr gefal-
len. Es war ein Land ohne eine Spur von Überheblichkeit und Chauvinismus.
Das alles war von einem lockeren Umgang mit der Gegenwart geprägt. Die
üblichen Zeitabläufe waren für einige Augenblicke außer Kraft gesetzt. Von
Unterschieden zwischen Ost und West oder Nord und Süd war nichts zu
spüren. Deswegen bleibt von diesem Sommer 2006 auch mehr als nur die
Erinnerung. Es war ein Moment der Einigkeit, bei dem die Welt zu Gast war.

Gemeinsam getrennt

Dieser Sommer ist Ausdruck einer positiven Veränderung. Er ist Annähe-


rung an ein gemeinsames Land, an die „Berliner Republik 2.0“.
Für diese Veränderung sind die zwischen 1969 und 1979 Geborenen
maßgeblich verantwortlich. Aber nicht als im Voraus definierte Generation.
Wer diese Definition versucht, vergibt Etiketten, die über den Tag oder das
Phänomen nicht hinausweisen, das sie beschreiben wollen. Da ist zu oft der
Versuch erkennbar, das eigene Lebensgefühl zum Trend zu erklären.
Erst in der Rückschau können Ereignisse und Erlebnisse, vor allem aber
ihre kollektive Rezeption, zu dem werden, was eine Generation definiert. Bis
dahin kann man das beschreiben, was eine Gruppe von Menschen trennt und
was sie vereint.
In welchem der zwei deutschen Staaten der Geburtsort liegt und wie der
Zusammenbruch der DDR das Leben verändert oder gerade nicht verändert
hat, ist zunächst eine entscheidende Trennlinie zwischen den heute Dreißig-
bis Vierzigjährigen.
Für die Hälfte westlich der Trennlinie kann ich nicht sprechen. Aber
wenn das Lebensgefühl an einem Gymnasium in Niedersachsen in den 80er
Jahren als exemplarisch durchgehen sollte, dann kann ich Christian Rickens
zitieren, der in seinem Buch „Links - Comeback eines Lebensgefühls“
schreibt: „Uncool waren: Helmut Kohl, Ronald Reagan, Markenklamotten,
zum Bund gehen, als erstes Auto einen Golf kaufen, Atomkraft und Atom-
waffen, Patriotismus, sich anpassen, nach dem Abi BWL studieren.“ Aus
dem Blickwinkel der DDR waren das Einstellungen von Menschen, die auf
einem anderen, unerreichbaren Planeten wohnten.
Berliner Republik 2.0 25

Als Sprecher für die östliche Hälfte tauge ich allerdings ebenso wenig.
Ich bin in der DDR geboren, habe aber sicher keine typische DDR-Jugend
erlebt. Meine Familie ist christlich geprägt und meine Eltern haben als An-
gestellte für die evangelische Kirche gearbeitet. Ihr Verhältnis zur DDR war
deshalb sehr distanziert und das hat sich auf ihre Kinder übertragen.
Meine drei Brüder und ich waren weder Mitglied bei der FDJ noch fan-
den bei uns Jugendweihen statt. Trotz guter Leistungen durften meine Brüder
deshalb weder Abitur machen noch studieren. Mir drohte das gleiche Schick-
sal, vor dem mich 1989 die friedliche Revolution gerettet hat. Im geschützten
Raum der Kirche fand ich bis dahin das Stück Freiheit, das mir und vielen
anderen im kleinbürgerlichen Mief des Arbeiter- und Bauernstaates Luft zum
Atmen ließ. In der DDR war ich deshalb Teil einer kleinen Minderheit.
Die Ereignisse von 1989 erweiterten dann meine Freiheit explosionsar-
tig. Mein Leben veränderte sich radikal, während in Westdeutschland für die
nach 1969 Geborenen kaum etwas anders wurde. Die DDR war definitiv tot
und erledigt, aber die Hülle der alten „Bonner Republik“ wollte man nicht
einfach so abstreifen und in neue Kleider schlüpfen. Alles blieb im Westen
scheinbar beim Alten. Nur der Soli machte sich auf dem Lohnzettel unange-
nehm bemerkbar.
Mit dem Regierungs-Umzug nach Berlin und dem Machtwechsel zu
Rot-Grün wurde aber evident, was für alle anders geworden war. Die Son-
derrollen von DDR und Bundesrepublik gab es nicht mehr. Deutschland
musste seiner gewachsenen Verantwortung auch außenpolitisch gerecht wer-
den. Auslandseinsätze der Bundeswehr waren eine unter Schmerzen durch-
gesetzte, aber richtige Folge dieser Entwicklung.
Auch die jungen Westdeutschen waren gezwungen, sich langsam von
liebgewonnenen Gewohnheiten der Bonner Republik zu verabschieden. Da-
für konnten sie ihren Blick stärker auf das richten, was eine neue Republik
ausmachen sollte. Das schuf viel mehr Raum für eine gesamtdeutsche Identi-
tät in einer „Berliner Republik 2.0“, die bei der WM 2006 ihr Gesicht präsen-
tieren konnte.
26 Martin Dulig

Die Zukunft der Vergangenheit

Bei der Suche nach einer neuen gesamtdeutschen Identität kommt man un-
weigerlich auf die Frage, welche Bedeutung die in der nationalsozialistischen
Diktatur begangenen Verbrechen für diese Identität haben; insbesondere für
die zwischen 1969 und 1979 geborenen Deutschen.
In den Thesen, die diesem Buch vorangestellt sind, wird darauf zwei
Mal Bezug genommen. Dort heißt es zunächst: „Die Verbrechen in der jün-
geren deutschen Geschichte zwischen 1933 und 1945 sind nicht der maßgeb-
liche Bezugspunkt einer Identität der nächsten Generation.“
Diese Feststellung ist äußerst voraussetzungsvoll. Denn sie impliziert,
dass es diese Verbrechen waren, die zum maßgeblichen Bezugspunkt für die
Identität der Generationen davor geworden sind und dass diese angenomme-
ne Maßgeblichkeit für die Identität der Dreißig- bis Vierzigjährigen nicht
mehr gilt.
Selbstverständlich sind die Verbrechen des nationalsozialistischen
Deutschlands ein wichtiger Bezugspunkt für unser gesamtes Gemeinwesen.
Dass wir das heute so sehen, spricht für die gute Aufarbeitung der Geschich-
te in unserem Land.
Das war aber nicht immer so. In den fünfziger und sechziger Jahren kam
die Aufarbeitung in der Bundesrepublik nur sehr langsam ins Rollen. Ich
sehe es deshalb als Verdienst der Achtundsechziger, die Generation ihrer
Väter mit der Frage nach deren Rolle im „Dritten Reich“ konfrontiert zu
haben.
In der DDR hat man es sich sehr einfach gemacht und sich selbst ein-
fach zum antifaschistischen Staat erklärt. Aufarbeitung war so nicht notwen-
dig. Dass in Konzentrationslagern nicht nur Kommunisten, sondern auch
Juden umgekommen waren, ging im Schulunterricht der DDR fast unter. Ich
kann nur davor warnen, der Geschichte des Nationalsozialismus weniger
Aufmerksamkeit zu schenken als bisher.
In den Thesen heißt es dann weiter: „Deutschland soll sich nicht mehr
rückblickend negativ, sondern vorgerichtet positiv definieren: als Staats- und
Gesellschaftsordnung, die sich ihrer moralischen Herkunft bewusst ist, ihren
Bezugspunkt aber als europäisches Mitglied der Weltgesellschaft findet.“
Berliner Republik 2.0 27

Die hier aufgemachte Frontstellung zwischen negativ definierter Ver-


gangenheit und positiv definierter Zukunft existiert nicht. Identität entsteht,
wenn man weiß, woher man kommt und wohin man will. Positiv und negativ
sind hier die falschen Kategorien. Die Bundesrepublik gründet auf dem
Wissen, welche Umstände zum Zusammenbruch der Weimarer Republik und
was zu den Verbrechen im „Dritten Reich“ geführt hat. Eine Republik ohne
Demokraten und mit übermächtigen Feinden sollte deshalb nie wieder mög-
lich sein. Deswegen ist unserer Demokratie das Attribut „wehrhaft“ beige-
fügt worden. Diese wehrhafte Demokratie fußt auf den Erfahrungen der
Weimarer Republik und bleibt Referenzrahmen auch für die Dreißig- bis
Vierzigjährigen.
Was dieses Attribut „wehrhaft“ bedeutet, zeigt sich, wenn eine Partei
wie die NPD in verschiedene Parlamente einziehen kann. Sie greift die De-
mokratie und damit die Wurzel unseres Staatswesens an. Wir wissen, dass
man Rechtsextremisten früh genug in den Arm fallen muss. Es geht aber
nicht nur um Abwehr, sondern darum, die Demokratie weiter aufzubauen
und für sie zu werben. Rechtsextreme Einstellungen sind bis weit in die Mit-
te der Gesellschaft vorgedrungen. Um sie zurückzudrängen, brauchen wir
mehr engagierte Bürgerinnen und Bürger, die immer und überall für demo-
kratische Werte wie Toleranz und Vielfalt einstehen.

Die Freiheit genutzt

Eine große Chance, der neuen gesamtdeutschen Identität von Anfang an


einen kräftigen Schub zu geben, ist aber verpasst worden. Kurz vor der Wie-
dervereinigung wurde über eine neue Verfassung diskutiert, die das Grund-
gesetz ersetzen sollte. Angestoßen vor allem von den ostdeutschen Bürger-
rechtlern wurde mit Recht auf die im Artikel 146 verankerte Vorläufigkeit
des Grundgesetzes hingewiesen.
Auch ich hätte mir eine neue Verfassung gewünscht, weil ich immer
noch der Überzeugung bin, dass eine neue, von allen Bürgern beschlossene
Verfassung viel dazu beigetragen hätte, eine stärkere gemeinsame Identität
zu schaffen. Diese neue Verfassung wäre einem gesamtdeutschen Grün-
dungsakt gleichgekommen. Dem Gefühl vieler Ostdeutscher, als Bewohner
28 Martin Dulig

eines „Beitrittsgebietes“ nur Bürger zweiter Klasse zu sein, hätte man damit
effektiver begegnen können. Und die Westdeutschen hätten sich schneller an
die neuen Verhältnisse gewöhnt.
Dass sich diese Idee nicht durchsetzen konnte, bedaure ich. Das macht
mich jedoch nicht zu einem weniger großen Anhänger des Grundgesetzes,
das seit Oktober 1990 für ganz Deutschland gilt. Denn seine Normen und
Regeln haben sich bewährt und sind heute so modern wie vor sechzig Jahren.
Das Grundgesetz garantiert Freiheit als die Grundvoraussetzung für ein
gutes Gemeinwesen. Der Staat greift nicht mehr in das ein, was ein Mensch
glaubt, kann nicht mehr bestimmen, welche Meinung der Einzelne zur Regie-
rung hat oder was er in seinen eigenen vier Wänden tut. Diese Freiheit jedes
Einzelnen endet erst dort, wo sie die Freiheit eines anderen einschränkt.
Durch diesen Freiheitsraum wird eine Vielfalt von Lebensentwürfen er-
möglicht. Eine weitgehend wertneutrale Staatsordnung und eine plurale Ge-
sellschaft können aber keine Orientierung, z.B. in Form einer Leitkultur,
mehr bieten. Anderseits ist nur durch die so entstandene Freiheit die Integra-
tion in diese Staatsordnung und diese Gesellschaft für alle überhaupt mög-
lich. Es ist aber kaum möglich, gültige und innerlich verbindliche Normen zu
etablieren, die für alle gleichermaßen gelten.
Staatsordnung und plurale Gesellschaft sind die Garanten der Freiheit.
Wie diese Freiheit von jedem Einzelnen genutzt werden kann, ist aber von
den sehr unterschiedlichen und individuellen Bedingungen abhängig, unter
denen jeder in sein Leben startet. Wenn schon die Startbedingungen unter-
schiedlich sind, muss wenigstens auf dem Weg ins Ziel für Chancengleich-
heit gesorgt werden. Damit der Einzelne das kann, darf ihn daran nicht die
Sorge um seine Existenz hindern. Soziale Gerechtigkeit, die über den solida-
risch finanzierten Sozialstaat garantiert wird, ist dafür die wichtigste Voraus-
setzung. Gleichzeitig wird Bildung immer mehr zum Schlüssel dafür, wer
zukünftig Lebenschancen nutzen kann und wer nicht. Es müssen deshalb
genug Leitern aufgestellt werden, damit Aufstieg durch Bildung in jeder
Lebensphase möglich ist.
Für unser Zusammenleben sind nicht von allen geteilte Werte, sondern
für alle verbindliche soziale Regeln entscheidend, über die sich die Gesell-
schaft immer wieder neu verständigen muss. Das geht nicht ohne Konflikte,
aber auch nicht ohne Kompromisse.
Berliner Republik 2.0 29

Dass es diese von allen geteilten Werte nicht gibt, wird von denen scharf
kritisiert, die unsere Gesellschaft deshalb als steuerungslos und ohne Orien-
tierung beschreiben. Sie wollen Verbindlichkeit durch eine nationale Leitkul-
tur erzeugen. In diese Richtung marschieren mit strammem Schritt und un-
verdrossen all die Kulturpessimisten, Neubürgerlichen und (Neo-)Kon-
servativen, die sich ein „Deutschland der Werte“ wünschen. Mehr traditio-
nelle Familie und weniger Eigensinn, mehr Kopfnoten und weniger Ku-
schelpädagogik, mehr Elite und weniger Mittelmaß. Und Schuld an der gan-
zen Misere sind in dieser Lesart nur die Achtundsechziger, die uns alle zu
Egoisten und Hedonisten erzogen haben.
Zur Beantwortung der Frage, wie Zusammenleben und Gemeinsinn in
einer modernen Demokratie organisiert werden müssen, kann diese Werte-
debatte aber überhaupt nichts beitragen. Sie sagt nichts zu Solidarität und
gemeinschaftlichem Handeln. Nichts zur notwendigen aktiven und freiwilli-
gen Teilhabe der Bürgerinnen und Bürger. Nichts zu den Freiräumen, die wir
brauchen, um selbstbestimmtes, selbst organisiertes und eigenverantwortli-
ches Handeln in allen Generationen zu lernen und zu stärken.

Ausblick in unruhiger Zeit

In diesem Jahr treffen die zwei demokratischen Geschichtslinien von 1949


und 1989 zusammen. Verbunden sind sie durch die Freiheit, die vor 60 Jah-
ren im Grundgesetz garantiert und vor 20 Jahren von den Menschen auf den
Straßen der DDR durchgesetzt wurde.
Die Linien treffen sich in der „Berliner Republik 2.0“ die sich ihre ge-
meinsame Identität immer noch erarbeitet. Aber die WM 2006 hat in meinen
Augen gezeigt, dass wir auf einem guten Weg sind. Diese Identität muss auf
dem beruhen, was wir aus Diktaturen und zusammengebrochener Demokra-
tie gelernt haben. Plurale Gesellschaft und Staatsordnung ermöglichen die
reiche Vielfalt und Toleranz, die unsere Demokratie auszeichnet. Wir müs-
sen aber dafür sorgen, dass jeder die Chancen der Freiheit nutzen kann.
Die Linien treffen zu einer Zeit zusammen, die gravierende Auswirkun-
gen auf unsere Ordnung haben kann. Die Krise der Banken ist evident und
springt gerade wie ein Lauffeuer auf die reale Wirtschaft über. Es ist noch
30 Martin Dulig

nicht absehbar, wie sich das auf die Beschäftigung und die soziale Situation
in Deutschland auswirkt.
Diese Krise des Turbokapitalismus ist aber das Ende für einen Politik-
modus, der mit dem „Thatcherismus“ und den „Reaganomics“ in England
und den USA Ende der siebziger Jahre seinen Anfang nahm. Vom Ruf nach
immer weniger Staat und immer mehr Markt ist nicht mehr viel übrig.
Es ist noch nicht erkennbar, was nach dem Ende des neoliberalen Para-
digmas kommen wird. Jetzt eröffnen sich aber Räume für eine neue Solida-
rität, stärkere internationale Regulierung der Finanzmärkte und bessere
Zusammenarbeit. Diese neuen Möglichkeiten müssen wir nutzen.
Nora Damme

„Vom Osten lernen heißt Siegen lernen“


Das Gesamtdeutschland von morgen und die neuen Länder

„Deutschland, einig Vaterland“, das ist bald 20 Jahre her. Und immer noch
ist diese Idee weit davon entfernt, Realität zu werden.
Die Deutungsmacht, wenn es um ostdeutsche Identitäten ging, rekla-
mierte die SED-Nachfolgepartei PDS/Die Linke lange Zeit erfolgreich für
sich. Gelegentlich drang auch der eine oder andere ehemalige Bürgerrechtler
mit einem Appell durch, den Osten doch bitte nicht zu vergessen. Die ost-
deutsche Jugend war als Stimme – oder gar als Generation – kaum zu ver-
nehmen. Wenn über sie gesprochen oder geschrieben wurde, dann im negati-
ven Kontext: als Neonazis, die ganze Landstriche unsicher machen, oder als
Abwanderer, die in den Westen flüchteten und noch mehr Ödnis hinterlassen.
Und auch die Jungen selbst legten offenbar kaum Wert darauf, ihre
Identität als „Ossis“ zu thematisieren. In „Aufgewacht. Mauer weg“ be-
schreibt die Journalistin Susanne Leinemann (2002) die zwiespältigen Ge-
fühle, welche die jungen Leute (in Ost und West) zur Zeit des Mauerfalls
beschlichen. „Der leere Platz ‚Deutschland’ wirkte zwar großartig, aber auch
zwiespältig. Durfte man da überhaupt mitfeiern?“ Den Geist der Revolution
hatte die Generation 1989 wohl mitbekommen, ihn sich aber nicht zu eigen
gemacht.
Deutlich selbstbewusster gingen kurz darauf die „Zonenkinder“ (Hensel,
2002) an den Start, diejenigen, welche die DDR nur noch als Kinder erlebt
hatten. Bevor ihnen ernsthafte Konflikte mit dem Staat rund um Berufsweg,
Studium, Armee drohten, standen ihnen nach dem Mauerfall alle Chancen
offen. Und die nutzen sie reichlich: Mit Auslandsschuljahr, Langzeitstudium
und Praktika in aller Welt gingen sie ihren Weg durchaus erfolgreich. Doch
obwohl die Autorin im geradezu zwanghaften „wir“ Erinnerungen an Frösi
und Knusperflocken beschwört - eine ostdeutsche junge Identität wollte sich
nicht so recht einstellen.
32 Nora Damme

Trotz aller Fußballfreuden und „Wir sind Papst“-Jubel bleibt die Kluft
zwischen Ost und West noch 20 Jahre nach dem Fall der Mauer spürbar.
Doch sollte das der letzte Satz im Kapitel „Ostdeutschland“ sein? Es spricht
einiges dafür, dass die Unterschiede tiefer liegen als in den Einstellungen zu
FKK und der Bezeichnung für einen „Broiler“. Und möglicherweise erwei-
sen sich einige der ostdeutschen Besonderheiten als großer Vorteil für die
künftige Entwicklung, wie uns gerade die jungen Ostdeutschen zeigen.

Faktor Bildung

Die regelmäßigen Bildungsvergleiche belegen es: Das allgemeine Bildungs-


niveau liegt in Ostdeutschland im Durchschnitt höher als im Westen und die
Voraussetzungen für gute Bildung sind ebenfalls besser. Drei der fünf ost-
deutschen Bundesländer liegen an der Spitze des Bildungsmonitors 2008,
einer jährlichen Ländervergleichsstudie der Initiative Neue Soziale Markt-
wirtschaft (INSM, 2008). Mehr Schülerinnen und Schüler erreichen einen
mittleren Schulabschluss. Aufgeholt hat der Osten auch bei den Abiturienten
– vor dem Fall der Mauer durch zentralistische Selektion gering gehalten –
erreichen heute 36 Prozent der Schülerinnen und 25 Prozent der Schüler
einen solchen Abschluss und liegen damit deutlich über den Werten in West-
deutschland (29/23 Prozent).
Studieren lässt es sich im Osten ebenfalls gut: Hochschulen bieten Lehre
auf hohem Niveau und punkten mit nagelneuen Hörsälen und Laboren. Ein
Studium ohne Gebühren, eine gute Studienbetreuung und die günstigen Le-
benshaltungskosten sprechen zudem für ein Studium im Osten. Im Ergebnis
schließen die Studentinnen und Studenten ihr Studium im Osten überdurch-
schnittlich schnell, mit guten Noten und geringen Abbrecherquoten ab.

Faktor Frau

Nicht nur bei der Bildung, auch in vielen anderen Bereichen sind die jungen
Frauen der Motor einer dynamischen Entwicklung. Sie sind besser ausgebil-
det als ihre westdeutschen Kolleginnen, oft flexibler und haben eine hohe
„Vom Osten lernen heißt Siegen lernen“ 33

Arbeitsmarktorientierung (Erler/Dähner, 2008). Sogar in Führungspositionen


sind sie häufiger zu finden.
Die Frage nach Kind oder Beruf stellt sich für die jungen Frauen in Ost-
deutschland einfach nicht. Sie wollen mehrheitlich beides verbinden und das
ist nicht etwa ein Ausdruck von Naivität sondern geht mit einer gehörigen
Portion Selbstbewusstsein einher (Allmendinger et al. 2008). Das Lebens-
modell der Vereinbarkeit ist für sie schlicht normal.
„Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sich der Westen nach
langem Zögern inzwischen offen an dem ostdeutschen Arbeitsmodell zu
orientieren scheint“, bemerken Daniel Erler und Susanne Dähner in ihrer
Studie zu Lebenssituation und Perspektiven junger Frauen in den neuen
Bundesländern. Denn auch im Westen steigen die Frauenerwerbsquoten in
den letzten Jahren an, das Zweiverdienermodell setzt sich durch.

Faktor Vereinbarkeit

Die guten Bedingungen für erwerbstätige Mütter im Osten erweisen sich als
Standortvorteil. „Die frühe außerhäusliche Betreuung von Kindern und die
Erwerbstätigkeit von Müttern sind in Ostdeutschland in allen Generationen
und auch gleichermaßen bei Frauen und Männern anerkannt. Das Rabenmut-
ter-Klischee ist hier fremd“, konstatieren Erler und Dähner (2008).
Mütter in den neuen Ländern steigen früher wieder in den Beruf ein und
arbeiten sehr viel häufiger in Vollzeit als ihre westdeutschen Schwestern.
Während im Westen kaum jedes zehnte Kind unter drei Jahren einen
Krippenplatz hat, war dies 2008 im Osten bei mehr als jedem dritten Kind
der Fall. Im Familienatlas 2007, den das Bundesministerium für Familie,
Senioren, Frauen und Jugend herausgegeben hat, werden alle 439 deutschen
Kreise und kreisfreien Städte auf ihre Familienfreundlichkeit und Potenziale
untersucht. Die Top-25-Kreise im Handlungsfeld „Vereinbarkeit von Familie
und Beruf“ befinden sich ausschließlich in den neuen Bundesländern
(BMFSFJ 2007). Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung
könnte sich dies als der entscheidende Vorsprung erweisen. Denn auch die
Kinderwünsche der ostdeutschen Frauen liegen höher als in den alten Bun-
desländern (Allmendinger et al. 2008).
34 Nora Damme

Faktor Heimat

Auch hier sind es wieder die jungen Frauen, welche die höchste Mobilität auf-
weisen. Vor allem die gut ausgebildeten, karriereorientierten Frauen fackeln
nicht lange herum, sondern gehen dahin, wo der Arbeitsmarkt die besten
Chancen verspricht. In einigen Regionen Ostdeutschlands ist daher inzwischen
ein enormer Frauenmangel entstanden. Von allen Menschen, die seit 1991 die
neuen Bundesländer verlassen haben, sind fast zwei Drittel Frauen (Kröhnert
/Klingholz 2007). Zurück bleiben die Männer – zumeist niedriger gebildet und
häufiger arbeitslos und damit auch keine attraktiven Partner für diese jungen
Frauen.
Diese Frauen fehlen nicht nur als Fachkräfte, sondern auch als poten-
zielle Mütter der nachfolgenden Generation. Doch verdeckt diese problem-
orientierte Sicht die andere Seite des Phänomens: „Durch ihre Flexibilität
machen sie deutlich, dass sie sich nicht ihrem Schicksal hingeben und auf
vermeintliche zukünftige Chancen warten, sondern dass sie ihr Leben in die
Hand nehmen und dort hingehen, wo sie für ihre persönliche Zukunft bessere
Möglichkeiten sehen.“ (Erler/Dähner 2008). Daran können auch kurzfristige
Kampagnen wie die „Rückkehrer-Pakete“, die 2006 die Stadt Magdeburg
verschickt hat, nichts ändern. Verloren sind diese Frauen für den Osten aber
keineswegs. Der Wunsch zurückzukehren wächst wieder. Gute Chancen auf
dem Arbeitsmarkt und eine bessere Lebensqualität könnten sie rasch wieder
zurück locken.

Faktor Flexibilität

Die Wahrnehmung des „Ossis“ in der Öffentlichkeit war lange Zeit vom Bild
des rückwärtsgewandten, ewiggestrigen Nörglers bestimmt. Und in der Tat
gab und gibt es eine Menge Menschen, die den alten Zeiten hinterher trauern,
die sich schwer tun mit den Herausforderungen des Umbruchs und die des-
halb nie so recht in der neuen Lebenswirklichkeit angekommen sind. Fast
schon rituell wird in regelmäßigen Abständen auf die vermeintlichen Errun-
genschaften des Ostens – Kinderkrippen, Polikliniken und Muttermilchsam-
melstellen – verwiesen. Doch ein schaler Nachgeschmack bleibt.
„Vom Osten lernen heißt Siegen lernen“ 35

Diese Sichtweise verstellt aber den Blick auf die enorme individuelle
Anpassungsleistung, die viele seit dem Zusammenbruch der DDR vollbracht
haben. Wer einmal erlebt hat, dass alle Gewissheiten von heute auf morgen
dahin sind, wessen Ausbildung plötzlich wertlos und wessen Betrieb nicht
mehr existent war, der hat am eigenen Leibe erfahren, was es heißt, flexibel
reagieren zu müssen. Und auch die junge Frau aus Mecklenburg-Vorpom-
mern, die mangels Ausbildungschancen in ihrer Region beispielsweise nach
Hamburg, Göttingen oder Berlin geht, hat damit Erfahrungen gesammelt, die
Personalchefs durchaus zu schätzen wissen: sich mutig auf neue Situationen
einzustellen, selbständig zu handeln und das Beste daraus zu machen. All das
kann in einer globalisierten Welt nicht schaden.

Experimentallabor Ostdeutschland

Also, alles paletti? Können wir vor diesem Hintergrund gar von den „Ost-
deutschen als Avantgarde“ sprechen, wie es der Soziologe Wolfgang Engler
schon 2002 – eher bemüht als überzeugt – versucht hat? In vielen Dingen
sind die neuen Länder heute eben einen Schritt voraus. Wenn es eine ost-
deutsche Identität gibt, dann besteht sie wohl am ehesten darin, pragmatisch
– und gelegentlich unkonventionell – auf die Herausforderungen zu reagie-
ren. Und von dieser Haltung kann mit Sicherheit auch der Westen profitie-
ren.
Denn die gravierenden gesellschaftlichen Veränderungen unserer Zeit
betreffen nicht allein den Osten. Fast alle – vom Zusammenbruch der alten
Industrien bis hin zum Demografischen Wandel – waren dort aber früher
spürbar und setzten heftiger ein als in den alten Bundesländern. Sicher gibt
es im Ruhrgebiet oder im Bayrischen Wald auch Regionen, denen der Struk-
turwandel schwer zu schaffen macht. Diese Veränderungen ließen sich aber
lange – zu lange? – durch ein einfaches Rezept auffangen: Mehr Subventio-
nen wurden in diese Gebiete gepumpt, der Staat sollte ausfüllen, was ande-
renfalls zusammengebrochen wäre. Dieses Prinzip stieß allerdings im Osten
rasch an seine Grenzen. Sicher gab und gibt es Regionen, die mit etwas In-
vestitionshilfe und High-Tech-Initiativen schnell vom Boom profitieren
36 Nora Damme

konnten: Die Region Halle-Leipzig, Dresden, Jena. Für den Großteil kam
allerdings jede Hilfe zu spät.
Für ein Szenario des demografischen Wandels muss man auch nicht
weit fahren. Kurz hinter Berlin, in den Weiten Brandenburgs bestimmen
teilweise menschenleere Dörfer das Straßenbild. In Städten wie Hoyerswer-
da, Schwedt und Cottbus hat man damit begonnen, ganze Straßenzüge abzu-
reißen, um damit den Wohnungsleerstand zu reduzieren. Zurück bleiben die
Alten. Egal welche Strategien wir entwickeln um damit umzugehen: Im Os-
ten werden wir zuerst sehen, wie sie wirken. „Altenheim Ostdeutschland“
oder ein Seniorenparadies wie Florida?
Die neuen Länder haben die Chance, sich auf ihre Stärken zu besinnen
und in ungewöhnlichen Zeiten auch ungewöhnliche Wege zu beschreiten –
quasi als Experimentallabor für neue Lösungen. Wohin die Entwicklung
geht, scheint noch längst nicht klar. Es hängt davon ab, was wir daraus ma-
chen.

Literatur:

Allmendinger, Jutta et al. (2008): Frauen auf dem Sprung. Die Brigitte-Studie 2008.
Hamburg.
BMFSFJ – Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2007): Fami-
lienatlas 2007. Standortbestimmung, Potenziale, Handlungsfelder. Berlin.
Erler, Daniel und Susanne Dähner (2008): Frauen machen neue Länder. Lebenssituation
und Perspektiven junger Frauen in den neuen Bundesländern. Berlin.
Hensel, Jana (2002): Zonenkinder. Reinbek.
INSM – Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (2008): Bildungsmonitor 2008. Köln.
Kröhnert, Steffen / Klingholz, Rainer (2007): Not am Mann Vom Helden der Arbeit zur
neuen Unterschicht? Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (Hrsg.). Ber-
lin.
Leinemann, Susanne (2002): Aufgewacht. Mauer weg. Stuttgart.
Inci Y.

Die Politik macht Deutschland unter sich aus


Über die Schwierigkeiten einer deutsch-türkischen Patriotin

Ich bin froh darüber, dass ich in Deutschland lebe, dass ich es geschafft habe,
wieder hier zu leben, nachdem ich als 16-Jährige in die Türkei zwangsverhei-
ratet wurde. Viele andere junge Türkinnen, denen es genauso ging wie mir,
haben das nicht geschafft. In der Zeit, als ich in der Türkei lebte, war immer
ein Teil von mir in Deutschland zurück geblieben. Ich fühle mich als ein Teil
von Deutschland und leide darunter, dass ich es ohne einen Schulabschluss
bis jetzt nicht geschafft habe, mich ins deutsche Berufsleben zu integrieren.
Daher empfinde ich mich als Belastung, und es tut mir leid, dass ich nicht
mehr für dieses großartige Land tun kann.
Menschen in Uniform machen mir Angst. Wenn ich sie sehe, entsteht in
mir das Gefühl „die muss man sich vom Leibe halten“. Das kommt sicher
noch aus der Zeit, als meine Aufenthaltserlaubnis von Vierteljahr zu Viertel-
jahr verlängert wurde. Immer, wenn ich damals Polizisten gesehen habe,
bekam ich eine panische Angst und befürchtete, dass die mich verhaften und
abschieben würden. Objektiv weiß ich heute, dass ich keine Angst zu haben
brauche, weil ich mich korrekt verhalte, aber im Unterbewusstsein ist diese
Angst immer noch in mir. Mit der deutschen Fahne und der deutschen Hym-
ne habe ich keine Probleme. Sie geben mir das Gefühl, ich bin hier, ich hab`s
geschafft, ich gehöre dazu.
Als deutsche Patriotin werde ich mich trotzdem niemals fühlen. Genau
genommen bin ich eine „in Deutschland lebende Person“. Wenn man mich
fragt, wo kommst du her, werde ich immer sagen aus der Türkei, aus Izmir,
ich bin Türkin. Ich werde von den Deutschen ja auch als Türkin behandelt.
Niemand würde es für möglich halten, wie sich beispielsweise das Verhalten
der Mitarbeiter nicht nur in Behörden ändert, wenn nicht ich, „die Türkin“
vor ihnen stehe, sondern wenn ich mit meinem deutschen Freund, der
„obendrein noch“ Journalist ist, komme. Hier ein Beispiel, wie selbstver-
38 Inci Y.

ständlich diese Ausgrenzung im deutschen Alltag vor sich geht: Wenn in den
Nachrichten oder in der Zeitung über ein Verbrechen berichtet wird, dann
heißt es immer „ein 36-jähriger Türke“ oder „türkischer Abstammung“. War
es ein Deutscher, heißt es nur „ein 36-Jähriger“. Der Hinweis auf die Natio-
nalität fehlt in den deutschen Medien in diesem Fall eigentlich immer. Für
mich ist das eine Diffamierung der Türken – und anderer Ausländer, die
nicht einmal von gutgesinnten Deutschen bemerkt wird. Weil sie nicht be-
troffen sind, denken sie nicht darüber nach.

Das Wahlverbot für Ausländer verhindert patriotische Gefühle

Was mich am meisten trifft: Wir leben in einem Land, in dem wir nicht wäh-
len dürfen. Wenn ich das nicht darf, wenn ich von der Teilhabe an der Politik
ausgegrenzt werde, wie soll ich mich da als Patriotin fühlen? Warum soll ich
im Fernsehen die Wahlberichterstattung ansehen, wenn ich selbst nicht mit
gewählt habe? Sicher, ich könnte mittlerweile die deutsche Staatsbürger-
schaft annehmen. Aber woher soll ich die 250 Euro nehmen, die Deutschland
als „Eintrittspreis“ verlangt? Ich würde diesen Schritt sicher gehen, denn ich
würde mich hier mit einem deutschen Pass sicherer fühlen – die Angst davor,
selbst heute noch ausgewiesen zu werden sitzt immer noch tief in mir. Das
„Urgefühl Türkin“ würde in mir aber auch mit deutscher Staatsbürgerschaft
lebendig bleiben – doch ich würde beispielsweise die Nachrichten mit viel
mehr Engagement sehen, denn ich hätte ja gewählt.
Natürlich ist das Beherrschen der deutschen Sprache eine Grundvoraus-
setzung für eine Einbürgerung. Und nicht nur in den Fällen, sondern auch,
wenn man dauerhaft hier wohnen will. Ich kann nicht Bürger eines Staates
sein oder in ihm wohnen, wenn ich dessen Sprache nicht spreche. Wenn in
den 60er Jahren, als meine Eltern hierher kamen, die deutsche Regierung
nicht nur Urinproben von den Gastarbeitern genommen hätte, wenn sie ver-
langt hätte, dass jeder sich genügend Deutschkenntnisse aneignen muss statt
zu kontrollieren, ob der Aspirant, die Aspirantin noch alle gesunden Zähne
im Mund hat, dann wären viele Probleme von heute gar nicht erst relevant
geworden. Wir wären damit in einer ganz anderen Situation. Damals durften
Leute nicht kommen, denen zwei, drei Zähne gefehlt haben. Wie kann man
Die Politik macht Deutschland unter sich aus 39

Menschen nach solchen Kriterien beurteilen? Man kann trefflich darüber


philosophieren, ob die Kosten für die eventuellen Zahnbehandlungen den
Preis für die Fehler in der Integrationspolitik, den wir heute bezahlen müs-
sen, aufgewogen hätten.
Wie sollen Eltern ihre Kinder auf die Schule vorbereiten, wenn sie keine
Ahnung von den gesellschaftlichen Vorgängen in dem Land haben, in dem
sie leben? Heute, in der zweiten, dritten Generation ändert sich das zum
Glück – leider aber nur allmählich. Ich war in meiner Schulzeit in Deutsch-
land quasi als Exot „vom Unterricht befreit“, erhielt keine Noten. Stattdessen
stand im Zeugnis in allen Fächern ein „nf“ für „nicht feststellbar“ – außer im
Sport. Ich weiß aus eigener bitterer Erfahrung, dass man ohne einen Schulab-
schluss in Deutschland keine Chance auf einen sozialen Aufstieg hat. Jahre-
lang habe ich mich mit Hilfe meines deutschen Freundes um einen Ausbil-
dungsplatz bemüht, der meinen Fähigkeiten und Neigungen entsprochen
hätte – vergeblich. Noch einmal in die Schule gehen, als Mutter zweier Kin-
der, die ihre ganze Kraft in Hilfsjobs verbraucht – vierzehn Stunden am Tag
und mehr?

Präventivmaßnahme (Herzens-)Bildung

Wovon sollen die Zehntausende später leben, die heute ohne Schulabschluss
ins Leben geworfen werden? Wie wollen sie Familien gründen, ihre Bedürf-
nisse befriedigen? In einer Gesellschaft, in der das „Haben von Geld“ den
Charakter eines Menschen ersetzt? Es ist unmöglich, von staatlicher Unter-
stützung alleine zu leben. Die Konsequenz? Nun, fast alle, die den Sprung
ins „normale“ Berufsleben nicht geschafft haben, werden in die Schwarzar-
beit getrieben. Und in „schwarze Ehen“, weil nämlich bei den regulär Ver-
heirateten die Unterstützung durch den Staat gekürzt wird. Für mich ist die
Spaltung der Gesellschaft jetzt schon vorgezeichnet, wenn nicht entschei-
dend gegen gesteuert wird – und zwar von allen, die an der Entwicklung und
Lenkung des Gemeinwesens beteiligt sind – und von denen, die bisher drau-
ßen gelassen wurden.
Man darf aber den Kindern nicht die Schuld an ihrem Scheitern in die
Schuhe schieben, man muss den Blick auf die Eltern werfen. Als Beispiel
40 Inci Y.

nehme ich meine beiden Kinder, die beide in Izmir geboren wurden. Als wir
nach Deutschland kamen, sprach keines von ihnen auch nur ein Wort
Deutsch. Meine Tochter ging damals in Izmir in die vierte Klasse, mein Sohn
in die Vorschule. Beide entwickelten ob der Sprachdefizite ein sehr gestörtes
Verhältnis gegenüber der Schule. Wenn ich mich nicht pausenlos gekümmert
hätte, wären sie schon in der Hauptschule gescheitert. Meine Tochter hat
mittlerweile verstanden, um was es geht. Gerade hat sie die Mittlere Reife
erlangt und arbeitet mit aller Energie daran, in drei Jahren das Abitur zu be-
stehen. Mit meinem Sohn habe ich heute noch große Probleme, muss ständig
zu Gesprächen in die Schule gehen. Er ist sehr aggressiv, aber durch mein
Engagement bessert sich sein Verhältnis zu seinen Lehrern und Mitschülern
Schritt für Schritt. Ich hoffe, dass er in zwei Jahren ebenfalls die Mittlere
Reife erlangt.
Wenn Kinder ohne Liebe und Zuwendung aufwachsen, sind ihre Chan-
cen im Berufsleben später gering. Das ist gar nicht einmal ausschließlich eine
Frage der sozialen Herkunft, selbst Kinder von Chefärzten oder Direktoren
gehören dazu. Für deren Kinder sind allerdings die Konsequenzen nicht so
hart – zumindest können sie meist einmal auf ein stattliches Erbe rechnen. Es
wäre dringend erforderlich, dass eine wirkungsvolle psychologische Betreu-
ung an den Schulen eingeführt wird – für Schüler UND Eltern. Wenn der
Staat da investierte, wäre die Zahl derer, die Gefahr laufen zu scheitern, ge-
ringer. Ich schätze, dass diese Gefahr etwa 50 Prozent betrifft, von denen
dann tatsächlich ein Drittel scheitert. Dass sich Investitionen hier gegenüber
den später entstehenden Kosten rechneten, kann man sich an fünf Fingern
abzählen.
Die Lösung aller Probleme, mit denen die kommenden Generationen
konfrontiert werden, muss zuallererst in den Familien gesucht werden. Na-
türlich haben staatliche Einrichtungen, Vereine, Diskussionsrunden, der
Sport und alle erdenklichen Maßnahmen und Gelegenheiten, die zur Begeg-
nung und Kommunikation führen, einen wesentlichen Anteil an der Entwick-
lung des sozialen Klimas. Das muss der Staat erkennen, hier muss er tätig
werden und investieren.
Die Politik macht Deutschland unter sich aus 41

Deutschland ist ein Einwanderungsland – das ist seine Chance

Es wird Zeit zu akzeptieren, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Es


gibt immer weniger junge Deutsche. Man muss die Chancen der Einwande-
rungskinder verbessern. Wir müssen ihre Fähigkeiten entdecken, fördern und
in die Gesellschaft einbringen. Wir können es uns nicht leisten, auf diese
Ressourcen zu verzichten, dafür sind sie viel zu wertvoll. Statt die Auslän-
derkinder „in die Ecke zu stellen“, müssen Wege gesucht werden, den Frem-
denhass und die Diskriminierung zu beenden. Für unsere Kinder bedeutet das
eine zusätzliche Belastung zu den Anforderungen, die in der Schule heute
gestellt werden. Auch das beginnt mit ganz kleinen Szenarien, die selbst
wohlmeinenden Deutschen gar nicht auffallen. Ein Beispiel: Wenn in der
Klasse meines Sohnes ein deutsches Kind einen Witz macht und mein Sohn
darüber lacht, war er, der Türke, derjenige, der gestört hat und einen Verweis
bekommt. Ein zweites: Unlängst hat sich ein Kind im Schwimmbad mit der
Bemerkung „was wollt ihr bei den Asozialen“ geweigert, mit seinen Freun-
den zu uns in die Familienumkleide zu gehen. Ich werfe diesem Kind nichts
vor, sondern frage mich, woher hat es das? Wer hat ihm das beigebracht? Da
und nicht bei Kindern sind die wahren Schuldigen zu suchen.
Ich bin schon mit vielen Versuchen gescheitert, mich aktiv in die Ge-
sellschaft einzubringen. Das lag nicht nur an deutschen Stellen, sondern auch
an der Haltung meiner Landsleute und natürlich zum Teil auch an mir und
meiner Situation. Jetzt sitze ich zu Hause und fühle mich mutlos, verliere
meine Hoffnung für die Zukunft. Man müsste mehr auf uns, auf die Gruppe
der Enttäuschten, zugehen. Wie können wir uns nützlich machen? Jeder hat
ein Talent, das er einbringen kann. Die Technik ist so weit entwickelt, dass
sich jeder alleine vorm Computer beschäftigen kann. Wie sollen diese Leute
Gemeinschaftsgefühle entwickeln? Wenn sich Kinder treffen, hat jedes sei-
nen Gameboy dabei und spielt für sich alleine. Ich sehe in der geistigen Ver-
armung eines Großteils unserer jungen Leute das größte Problem.
Eine echte Gefahr liegt im Gebrauch und Missbrauch unserer Daten.
Wir werden auf Nummern reduziert. Wenn die Entwicklung weiter so ver-
läuft wie gegenwärtig, wird bald jeder jederzeit auf uns und unsere intimsten
Daten zugreifen können.
42 Inci Y.

Die Integration der ständig in Deutschland lebenden Ausländer wird


immer schwieriger. Wir Ausländer reden nicht mehr über deutsche Politik,
mischen uns nicht ein, verhalten uns zunehmend apolitisch. Warum? Ich
würde gerne politisch aktiv werden. Aber wie und in welcher Partei, in wel-
cher Institution, wenn ich nicht gewählt werden kann und nicht wählen darf?
Über was soll ich mitbestimmen, wenn ich keine Stimme habe? Nein, die
Politik macht Deutschland unter sich aus, wir Ausländer bleiben außen vor.
Wir reden höchstens noch darüber, wie man Deutschland abzocken kann.
Warum sollten wir uns andere Gedanken machen?
Conny Mayer-Bonde

Superstar Deutschland – Oder: res publica und


Marke D

Erst vor wenigen Wochen titelte der Stern: „Superstar Deutschland“. Die
Überschrift bezog sich auf eine Umfrage der britischen Rundfunkanstalt
BBC. Das Ergebnis: Deutschland genießt höchstes Ansehen auf der Welt. Im
Durchschnitt haben 56 Prozent der Befragten in 34 Ländern ein positives
Bild von der Bundesrepublik. Nur 18 Prozent sehen Deutschland eher nega-
tiv. Mehr als 17000 Menschen waren zum Ansehen Deutschlands und weite-
rer Staaten befragt worden. Jetzt haben wir es also schwarz auf weiß: Wir
sind weltweit beliebt. Diese Ergebnisse decken sich mit meinen Erfahrungen
als Bundestagsabgeordnete. In internationalen Kontakten habe ich viel posi-
tive Resonanz erlebt. Als Mitglied im Entwicklungsausschuss waren das
überwiegend Kontakte in Schwellen- und Entwicklungsländern. Deutschland
wird gerühmt für seine Wirtschaftskraft und Technikfreundlichkeit. Siemens,
Audi, Mercedes, BASF, ThyssenKrupp, um nur einige zu nennen, haben
einen guten Ruf rund um den Globus. „Made in Germany“ gilt nach wie vor
als Gütesiegel. Auch deutsches Engagement in der weltweiten Entwick-
lungszusammenarbeit wird positiv anerkannt. Alles bestens also?

Ist die Marke D zukunftsfähig?

Vor einem abschließenden „Weiter so“ sei der Blick auf die Frage nach der
Zukunftsfähigkeit unseres Landes aus einer anderen, meiner neuen Perspek-
tive gestattet. Nach zehn Jahren Berufstätigkeit in Politik und politiknahen
Bereichen bin ich dem Ruf als Professorin an eine private Wirtschaftshoch-
schule gefolgt. Den Plenarsaal habe ich mit dem Hörsaal getauscht, mein
Thema heißt nicht mehr Politik, sondern Marketing. Deshalb stelle ich die
Frage nochmals aus einer anderen Perspektive: Ist nach 60 Jahren BRD die
44 Conny Mayer-Bonde

Zukunftsfähigkeit des Traditionsbestandes gesichert und „Öffentlicher Geist


und res publica“ auf dem richtigen Weg? Im Marketing-Jargon würde ich
fragen: Trägt die Marke D?
Gemeinhin gilt Marketing als Werbung. Marketing, verstanden als Füh-
rungskonzeption, ist freilich mehr. Es ist die marktorientierte Führung eines
Unternehmens. Marketing bildet die gedankliche Leitlinie, an der Entschei-
dungen ausgerichtet werden. Dabei geht es im Rahmen von Marketing auch
um Werbung oder besser Kommunikation, aber vor allem darum, Produkte
an den Bedürfnissen der Kunden auszurichten. Und natürlich, insofern müs-
sen die folgenden Ausführungen bereits an dieser Stelle eingeschränkt wer-
den, geht es nicht nur darum. Ein bloßes Ausrichten an der Mehrheitsmei-
nung, ohne kritische Reflexion, kann nicht der richtige Weg sein. Aber: Eine
Diskussion von „öffentlichem Geist und res publica“ von denen her zu den-
ken, die es leben – nämlich von den Kunden oder besser Bürgerinnen und
Bürgern – scheint lohnenswert. Im Unterschied zur betriebswirtschaftlich
geführten Unternehmung sind die Bürger im unserem Staatswesen jedoch
alles in Einem: Kunde, Aktionär, Bank und Mitarbeiter.
Starke Marken brauchen entschlossen umgesetzte Corporate-Identity-
Konzepte. Durch die Entwicklung und Umsetzung von Corporate Design,
Corporate Communication und Corporate Behaviour entsteht Unternehmens-
identität oder Corporate Identity. Was ist das und wie können diese Schlag-
worte auf unser Staats- und Gesellschaftssystem übertragen werden? Unter
Corporate Design versteht man das äußere Erscheinungs- oder Gestaltungs-
bild, das zum Beispiel im Logo ausgedrückt wird. Zur Erreichung von Un-
ternehmensidentität bedarf es eines einheitlichen Corporate Designs. Über-
tragen auf die Marke D könnte das sein: Schwarz-Rot-Gold. Der Slogan
dazu: „Made in Germany“. Des Weiteren setzt eine Unternehmensidentität
Corporate Communications voraus. Anders formuliert: Corporate Communi-
cations gilt im Rahmen des Corporate-Identity-Konzeptes als einheitlich
gelebte Kommunikation der Mitglieder einer Organisation nach innen und
außen. Kann das nur in deutscher Sprache sein? Als weiteres Element einer
gemeinsamen Identität wird im Marketing zudem das Corporate Behaviour
gesehen. Darunter versteht man ein einheitliches Verhalten nach festgelegten
Verhaltensgrundsätzen. Auch hier liegt nahe, was das auf die Marke D über-
Superstar Deutschland – Oder: res publica und Marke D 45

tragen bedeutet: Die Forderung nach Verhalten, das sich ausrichtet an den
Artikeln des Grundgesetzes.
Nimmt man die Häufigkeit, mit der Schwarz-Rot-Gold im Straßenbild
auftaucht, als Gradmesser dafür, wie es um das Corporate Design der Repub-
lik bestellt ist, dann hat die Welt- und Europameisterschaft im Fußball eini-
ges verändert. Schwarz-Rot-Gold war sexy, ob als Outfit, Haarfarbe oder
Wimpel am Auto: Die deutschen Farben waren aus den Innenstädten nicht
wegzudenken. Das hissen der Nationalflagge beginnt zur Normalität zu wer-
den. Und der Slogan? „Made in Germany“, bisher Herkunfts- und Qualitäts-
siegel, muss immer mehr zu „Created in Germany“ oder „Designed in Ger-
many“ werden. Gleichwohl, so mein Wunsch, sollen sich die Produkte oder
Dienstleistungen durch Innovation und Qualität auszeichnen. Aus „Vor-
sprung durch Technik“ muss ein Wettbewerbsvorteil durch Bildung, Know-
how und Wissen werden. Der Wandel von der Industrie- zur Wissensgesell-
schaft muss auch im Erscheinungsbild nach innen und außen erkennbar deut-
licher als bisher werden.

Gemeinsame Sprache ist die Grundlage

Wie steht es um die im Rahmen von Corporate-Identity-Prozessen geforderte


gelebte Kommunikation? Klar ist: Kommunikation funktioniert in weiten
Teilen über Sprache. Dies setzt voraus, dass es eine gemeinsame Basis gibt.
Auch wenn es, um es mit Watzlawick zu sagen, unmöglich ist, nicht zu
kommunizieren, ist meiner Meinung nach die deutsche Sprache als verbind-
liche Ebene für alle notwendig zur Ausbildung einer gemeinsamen Identität.
Dass dabei Anglizismen erlaubt sind und zum Sprachgebrauch gehören, wie
dieser Text zeigt, und auch Worte aus anderen Sprachen integriert sein kön-
nen, warum nicht? Dass es neben der deutschen Sprache Dialekte und andere
Sprachen zur Verständigung gibt, warum nicht? Jeder muss aber, so meine
ich, in der Lage sein, sich in deutscher Sprache zu verständigen. Dies erfor-
dert mehr als rudimentäre Sprachkenntnisse.
Wie steht es mit Corporate Behaviour? Zur Erreichung einer Unterneh-
mensidentität bedarf es aufeinander abgestimmten Verhaltens. Die Grundla-
ge hierfür ist das Grundgesetz, dort sind unsere wesentlichen staatlichen
46 Conny Mayer-Bonde

System- und Werteentscheidungen festgelegt. Damit bildet das Grundgesetz


und das daraus abgeleitete Verhalten die Basis des hier zu diskutierenden
„Öffentlichen Geistes und res publica“. Das Grundgesetz erlaubt eine große
Bandbreite. Es ist Richtschnur und nicht Zwangsjacke. Es regelt, was juris-
tisch zulässig ist und wo die Grenzen sind. Dazu kommt: In vielen Ländern
weltweit finden, wie oben skizziert, unsere Wirtschaftskraft, Innovationsfä-
higkeit, aber auch beispielsweise das duale Ausbildungssystem oder die be-
triebliche Mitbestimmung hohe Anerkennung.

Die Soziale Marktwirtschaft stiftet Identität

Wesentliches Fundament dieser Leistungen und Errungenschaften ist die


Soziale Marktwirtschaft. Ein Grundkonsens der unser Verhalten im wirt-
schaftlichen Handeln bestimmt und Leitlinie für Arbeitgeber und Arbeitneh-
mer, aber auch für Politik und Medien ist. Die Rolle des Staates ist begrenzt,
er schafft lediglich den rechtlichen Rahmen. Die identitätsstiftende Wirkung
der Sozialen Marktwirtschaft, mittlerweile berufen sich alle im Deutschen
Bundestag vertretenen Parteien auf die Wirksamkeit der Sozialen Marktwirt-
schaft, ist nicht zu unterschätzen. Gerade in Zeiten einer weltweiten Wirt-
schafts- und Finanzkrise ist ein politischer Grundkonsens über das Wirt-
schaftssystem zentrales Element im Corporate Behaviour. Das wird nicht
wesentlich eingeschränkt durch die unterschiedlichen Ausprägungen der
Sozialen Marktwirtschaft, mal ökosozial, mal mit neoliberaler oder mit
keynesianscher Ausprägung. Aber: Die Soziale Marktwirtschaft und unser
Wirtschaftssystem stehen, das erleben wir täglich, vor großen Herausforde-
rungen. Auswüchse bei Gehalts- und Bonizahlungen für Spitzenmanager auf
der einen Seite, zunehmende Kinderarmut und immer mehr Menschen, die
dauerhaft von staatlichen Transferleistungen abhängig sind, auf der anderen
Seite. Die Soziale Marktwirtschaft stößt an ihre Grenzen. Ludwig Erhard
braucht, und unsere Generation ist hier in der Pflicht, einen Relaunch. Hinzu
kommt: Klimawandel und Naturkatastrophen führen uns drastisch vor Au-
gen, dass wirtschaftlichen Handeln zwingend und konsequenter als bisher
immer auch unter ökologischen Prämissen betrachtet werden muss.
Superstar Deutschland – Oder: res publica und Marke D 47

Der Grundkonsens ist täglich neu zu vereinbaren

Ich komme zu meinem Einsteig zurück. Im Ausland sind wir „Superstar


Deutschland“. Ist die Marke Deutschland tatsächlich so stark wie sie im Aus-
land wahrgenommen wird? Wie ist es um die Zukunftsfähigkeit unserer Re-
publik bestellt? Auch durch die „Marketing-Brille“, das haben die vorange-
gangenen Zeilen gezeigt, lässt sich diese Frage beantworten. Mit einem
Schmunzeln aber auch mit ernst gemeinten Forderungen. Unternehmensiden-
tität, Corporate Identity muss täglich neu gelebt werden. Es reicht nicht, eine
Marke zu analysieren. Positionierungen müssen immer wieder neu justiert
werden. Dies gilt auch für unser Land. Wir brauchen ihn: den Diskurs über
das, was öffentlicher Geist und res publica genannt werden kann. Unser Ge-
meinwesen muss wieder und wieder neu begründet werden. Das heißt nicht,
dass Bewährtes über Bord geworfen werden muss oder unser Wertesystem
ständig neu zu erfinden ist. Jedoch: Jede Generation muss den Grundkonsens
über das, was unser Zusammenleben ausmacht, neu vereinbaren. Für diesen
Diskurs sollen nicht Politik und Politiker verantwortlich gemacht werden.
Wir alle sind täglich gefordert, zur Weiterentwicklung unseres Gemeinwe-
sens beizutragen. Auch Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft müssen hier
einen Beitrag leisten.
These II: Die Neue Soziale Frage
Markus Vorbeck

Erste Reihe
Aus der Riege der heute Dreißigjährigen wird die nächste Mana-
ger-Generation rekrutiert. Hoffnungsvolle Anmerkungen zu einem
Kandidatenpool mit guten Anlagen.

Als ich begann, meine Sicht der heute Dreißigjährigen in Worte zu fassen,
drängte sich mir sofort jener Slogan auf, mit dem eine prominente Online-
Jobbörse hierzulande wirbt: „Der Karrieredienst für Deutschlands beste Köp-
fe, permanent mehr als 50.000 Stellen ab 60.000 Euro“. Hier war es, das
perfekt geschnittene PR-Profil der Kohorte, mit der ich mich auszukennen
glaube, weil ich mit ihr mit gewachsen bin. Oder anders gesagt: Seit mehr als
zehn Jahren beschäftige ich mich von Berufs wegen in einer internationalen
Bank mit der Anwerbung, Auswahl und Weiterqualifizierung von „High
Potentials“: jungen Leistungsträgern um die 30 plus, ziemlich gut verdienend
(siehe oben) und dem entsprechend zum oberen Drittel der Steuerzahler zäh-
lend, die heute als (Nachwuchs-)Führungskräfte in vielen großen und mittels-
tändischen Unternehmen in der zweiten und dritten Reihe in der Verantwor-
tung stehen und das Reservoir an Talenten darstellen, aus dem sich in der
kommenden Dekade die nächste Generation an Managern speist.
Es ist genau diese zugespitzte Perspektive, aus der ich auf die heute
Dreißigjährigen schaue. Was charakterisiert jene – nennen wir sie der Ein-
fachheit halber, aber keinesfalls despektierlich – Karrieremacher, die schon
jetzt zur erweiterten Führungscrew gehören und in einer nicht fernen Zukunft
vor der Frage stehen, was es für ihren Lebensentwurf bedeuten könnte, in die
erste Reihe zu springen, ins Universum derer, die man im Unternehmens-
deutsch als „Top Executives“ bezeichnet? Und: Was ist von diesen Karrie-
remachern zu erwarten? Ich behaupte: Eine gesunde Brise Modernität. Aber
der Reihe nach. Hier zunächst der Zoom auf die Etiketten, die ich ihnen/mir
anhefte.
52 Markus Vorbeck

Globalisierungsgestählt.
Kosmopolit aus Prinzip.
Selbstzentriert.
Sprechblasenmüde.
Vielfaltsbejahend.

Globalisierungsgestählt.

Die heute Dreißigjährigen sind die Generation, die mit der Globalisierung
groß geworden ist und all ihre Seiten kennen gelernt hat, die angenehmen
wie die unschönen. Diese Generation weiß, welche Jobmöglichkeiten und
reizvollen Aufgaben eine international vernetzte Wirtschaft bietet. Diese
Generation hat kein Problem mit dem Leistungsprinzip. Sie ist in diesem
Sinne ungemein geerdet. Wer mithalten will, muss konstant gut sein und sich
fortwährend Gedanken über seinen Marktwert machen, sprich darüber, wie
man sein Kompetenzprofil entwickelt, schärft und differenziert. So ist das
nun mal in dieser Welt. Zugleich ist man sich völlig im klaren darüber, dass
es trotzdem keine Job- und Karrieregarantien gibt. Ich bemühe an dieser
Stelle bewusst die pauschale Einsicht, dass es jeden treffen kann, wenn es
hart auf hart geht. Ich glaube zum Beispiel, dass die Jobkrise und der Ab-
schwung in den Jahren 2002 und 2003 das kollektive Bewusstsein der Drei-
ßigjährigen in dieser Hinsicht nachhaltig geprägt haben. Als die aufgeblasene
Internetökonomie nach großem Tamtam damals unterging, haben viele von
uns aus eigener Anschauung erlebt, wie schnell sich der Wind drehen kann.
Gerade noch mit Aktienoptionen gelockt, musste so mancher umschalten und
plötzlich lernen, was mit „Sozialauswahl“ und „betriebsbedingter Kündi-
gung“ gemeint ist. Obwohl Teamleiter und als Leistungsträger geltend, konn-
ten drei gleichaltrige Kollegen aus meiner damaligen Abteilung und ich un-
sere Jobs im Jahr 2003 beispielsweise nur sichern, indem wir für ein Jahr in
Teilzeit gingen (inklusive entsprechendem Gehaltsabschlag). So etwas prägt,
ernüchtert, härtet ab.
Erste Reihe 53

Kosmopolit aus Prinzip.

Zwischen dem Job in München und der Beziehung in Hamburg pendeln.


Seine Studienfreunde in Brüssel für einen Wochenendtrip treffen. Beruflich
so oft im Flugzeug unterwegs sein, dass sich Fliegen wie Busfahren anfühlt.
Mal wieder für eine Woche Seele und Beine baumeln lassen (Wellness!).
Oder auch richtig in die Ferne reisen (mit Rucksack, nicht mit Schalenkof-
fer). – Wohl nie zuvor hat es sich für eine Generation so normal angefühlt,
unterwegs zu sein. Viele der heute Dreißigjährigen sind Pendler, Nomaden,
Traveller, haben kurzum einiges von dieser Welt gesehen und dieses Le-
bensgefühl zum Lifestyle-Prinzip erkoren. Sie können sich an Wein aus der
Toskana erfreuen, genauso wie sie es „cool“ finden, einmal im Jahr zum
Shoppen nach London zu fliegen oder sich „authentisch“ darauf einzulassen,
Vietnam und Kambodscha mit low budget zu erkunden. Was ich mit all die-
sen Beispielen veranschaulichen will: Diese Generation ist (insbesondere
durch Auslandsstudium und Job) auf Mobilität und Internationalität ausge-
richtet. Gutes Englisch ist für viele lingua franca. Man ist neugierig, will hier
und jetzt möglichst viel von dieser Welt mitnehmen.

Zwischenfazit

Diese Generation ist in hohem Maße selbstzentriert. Sie ist ziemlich mit sich
selbst beschäftigt und mit dem, was man vereinfacht gesprochen unter
Selbstverwirklichung summieren darf. Es ist eine Generation, die etwas von
Hedonismus versteht, und ihn, ausgestattet mit der richtigen Portion (Um-)
Weltbewusstsein und einem soliden Jahresgehalt, zumeist verantwortungs-
voll und „politically correct“ auslebt. Es ist eine erfolgreiche Generation,
deren Erfolge sie aber nicht vor der Suche schützen. Ich kann nicht umhin,
irgendwie assoziiere ich mit meiner Altersklasse immer die perfekte Ziel-
gruppe für ein Coachingseminar zum Thema „What to do with the rest of my
life?“. Viele antworten auf diese Frage irgendwann klassisch, nämlich mit
Familie und Eigenheim, weil sie „ankommen“ wollen. Mindestens ebenso
viele, so mein Eindruck, sind von dem Gedanken getrieben, dass es neben
der erfolgreichen Rackerei im Job noch etwas anderes Sinnstiftendes geben
54 Markus Vorbeck

mag; und zwar gerade aus dem Grund, dass man in diesem Alter mittlerweile
weiß, wie es sich anfühlt, einiges an Meriten vorweisen zu können. Der in
meinem Freundes- und Bekanntenkreis so oft seufzend vorgetragene Wunsch
nach einer Auszeit, einem Sabbatical, einer Periode zum Energietanken oder
sich Anderweitig-Ausleben ist für mich ein klarer Indikator dieser Suche. Für
den Einen ist es Trekking im Himalaya, der Nächste will Grundschulkinder
in Ecuador unterrichten, der Dritte ein Buch schreiben. Alles zeitlich befris-
tet, oft am liebsten mit dem Return-Ticket. Ich bin sicher: Die Unternehmen
würden sich eine neue Form der langfristigen Loyalität „erkaufen“, zeigten
sie ein bisschen mehr Flexibilität in der Freiraumgestaltung für ihre hart
schuftenden, ambitionierten Nachwuchs-Leistungsträger. Hier und da gibt es
zarte Versuchspflänzchen, aber als Konzept ist diese Form der Incentivierung
noch nicht durchdringend in der heutigen Entscheiderebene angekommen.

Sprechblasenmüde.

„Einen Wandel zu gestalten, wäre auch ohne Rezession eine außergewöhnli-


che Herausforderung.“ Ein Daimler-Chef Dieter Zetsche zugeschriebenes
Zitat und in seiner Form ein typisches Exempel für „Corporate Sprech“, ab-
strahierende Manager-Rhetorik, die diese Generation genauso abturnend
findet wie die schablonenhaften Politiker-Statements, die uns am Sonntag-
abend bei Anne Will beschert werden. Da man sich aber schon in den Unter-
nehmen regelmäßig mit gestanzten Leitbildern und Sprachcodes beschäftigen
(und daraus das Substanzielle herausfiltern) muss, reicht die Geduld nicht
mehr aus, um die von so vielen Politikern dargebotene Kommunikationsleis-
tung zu ertragen. Man könnte auch sagen: Alles, was wie Wortgeschwurbel
klingt, sich des Nebelkerzenwerfens verdächtig macht oder wie Aufplustern
daherkommt, wird nicht goutiert. Ich denke, dass es in der Generation der
Dreißigjährigen eine große Nachfrage nach dem „Sag es, wie es ist“ gibt, ein
Verlangen nach dem konkreten, dem genauen, dem ungeschönten Benennen
der Dinge, das untrennbar einhergeht mit einem von Posen befreiten Geba-
ren. Mir geht es zum Beispiel so, dass ich Barack Obama alleine deshalb
sympathisch finde, weil sich sein Auftreten wohltuend von der gockelhaften
Inszenierung der „old boys“ à la Berlusconi, Putin, Sarkozy abhebt.
Erste Reihe 55

Ich glaube auch, dass in der Forderung nach dem „Sag es, wie es ist“ ei-
ne tiefer gehende Haltung zum Ausdruck kommt. Für mich schimmert darin
das Empfinden dafür durch, dass die Fragen unserer Zeit nur vielfaltsbeja-
hend verhandelt werden können. Die Kulisse unserer Adoleszenz ist die Glo-
balisierung. In ihr sind wir erwachsen geworden. Diesem Umstand ist es
meiner Meinung nach zu verdanken, dass die heute Dreißigjährigen ein au-
thentisches Interesse an Zusammenarbeit und eine ehrlich gemeinte Aufge-
schlossenheit entwickelt haben. Eben weil wir die Vorzüge einer vernetzten
Welt seit Beginn an miterleben und dieses Privileg auch zu genießen verste-
hen. Vielleicht besteht unser Prägestempel daher darin, die eigene Weltan-
schauung im Lichte anderer Meinungen relativieren zu können, die Komple-
xität unseres Gesellschaftsentwurfs interdisziplinär begreifen zu wollen und
„good practices“ aus anderen Ländern und Kulturen lernwillig zu begegnen.
Aus dieser Haltung lässt sich meines Erachtens eine hoffnungsvoll ge-
stimmte Erwartung ableiten. Ich sehe die heute Dreißigjährigen in der Ver-
antwortung, in den leitenden Positionen, die sie in der nächsten Dekade ein-
nehmen werden, als Advokaten für das aufzutreten, was man im Fachjargon
als „Diversity“ bezeichnet. Als künftiges Führungspersonal dieser Republik
ist diese Generation gefordert, Vielfaltsbejahung in Unternehmenskultur
umzusetzen und die Personalpolitik dergestalt auszurichten, dass sie der „Di-
versity“ unserer Gesellschaft Rechnung trägt und das dieser Vielfalt inne-
wohnende Potenzial nutzt. Um die Dinge so klar wie möglich beim Namen
zu benennen: Ich halte die folgenden Punkte – ganz gleich, ob sie neu sind
oder bereits bekannt – für zentrale Stellhebel eines Diversity-Aktionsplans,
den die heute Dreißigjährigen in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft als
ehrliche Makler pushen können.

Erstens: Das mittels Zahlen fixierte Ziel („Bis zum Jahr … werden x Prozent
unserer Führungskräfte Frauen sein“), mehr Frauen in Managementpositio-
nen zu bringen.

Zweitens: Förderung eines Klimas, in dem es selbstverständlich ist, dass


auch Männer eine Auszeit von der Karriere nehmen, um sich der Kinder-
erziehung zu widmen.
56 Markus Vorbeck

Drittens: Ein klares Bekenntnis zu „Gays welcome“ als Teil einer Auffas-
sung von Diversity, die sich nicht nur auf das Thema Frauenquote reduziert.

Viertens: Verankerung von Sabbaticals als Element einer Unternehmenskul-


tur, die den Freiheitsdrang nicht belächelt, sondern als Chance zur persönli-
chen Weiterentwicklung begreift.

Fünftens: Eine am Leitbild der Offenheit orientierte Personalpolitik, die dar-


auf achtet, dass sich die „Diversity“ des Unternehmens auch in der multikul-
turellen Zusammensetzung seiner Belegschaft spiegelt.
Lars Hewel

Viel Ratlosigkeit und ein Quantum Trost

Die Soziale Frage? Im Grunde, müsste ich hierzu die Aussage verweigern,
weil ich nicht nur in eigener Sache aussagen, sondern mich auch selbst belas-
ten muss.
Die soziale Frage manifestiert sich zum einen in meiner täglichen Ar-
beit: Ich arbeite in der Personaldienstleistungsbranche. Obwohl Arbeitneh-
merüberlassung über die verschiedensten Qualifikationen praktiziert wird,
verdienen wir nach wie vor auch und gerade damit Geld, gering qualifizierte
Menschen in Lohn und Brot zu bringen. Das macht, nebenbei gesagt, einen
wesentlichen Teil meiner Arbeitszufriedenheit aus. Aber wahr ist auch: Kos-
tendruck aufgrund internationalen Wettbewerbs ist eine Realität, die nicht
wegzudiskutieren ist. Und auch ohne die gegenwärtige Krise wäre es zuneh-
mend schwerer geworden, unsere Kunden davon zu überzeugen, dass es
besser sei, auf einheimische Arbeitskräfte zurückzugreifen, statt die Produk-
tion ins Ausland zu verlagern. Das gilt vor allem auch für solche Tätigkeiten,
die durch gering qualifizierte Kräfte durchgeführt werden. Wenn es um La-
gerhelfer, Staplerfahrer und dergleichen Tätigkeiten mehr geht, kann ich
nicht ohne weiteres damit werben, dass deutsche Arbeitskraft qualitativ
hochwertiger und daher zu Recht teurer sei. Diese harte Tatsache bedeutet
letztlich: Ich kann diesen Menschen nicht so viel zahlen, wie meine Kollegen
und ich ihnen womöglich gönnen würden.
Zugleich muss ich für den Bereich der gewerblichen Hilfskräfte feststel-
len, wie groß in diesem Segment die Defizite sind: Rudimentäre Schul- und
Ausbildungskarrieren sind die eine Seite. Die andere Seite sind leider zum
Teil deutliche Mängel in Sekundärtugenden wie Verlässlichkeit und Motiva-
tion. Auch dies ist, angesichts der völlig unbefriedigenden Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft der Betreffenden, durchaus verständlich. Dennoch:
Auf ihre persönliche Perspektive und die ihrer Familien und Kinder entfaltet
dies eine zusätzliche negative Dynamik.
58 Lars Hewel

Wie aber sind solche Biographien zu vermeiden? Angesichts der stetig


sinkenden Chancen für gering Qualifizierte, in Deutschland dauerhafte und
gut bezahlte Arbeit zu finden, dürfte es wohl keine vordringlichere Aufgabe
geben, als diese Frage zu beantworten. Sind wir dabei erfolgreich? Wohl
eher nicht. Mein Eindruck ist, dass wir es hier mit einer sich verfestigenden
Tendenz zu tun haben: Dynastien von Hartz-IV-Empfängern und gering
Qualifizierten dürften in Deutschland auf breiter Basis Realität sein und auf
absehbare Zeit bleiben. Wen wir auch immer dafür verantwortlich machen:
Er oder sie schafft es nicht, für eine Durchlässigkeit der Gesellschaft zu sor-
gen, die es Kindern aus minderverdienenden und -ausgebildeten Haushalten
in großer Zahl erlauben würde, sich auf der sozialen Leiter nach oben zu
bewegen. Wenn zudem die Wahrnehmung zutrifft, dass das demographische
Gewicht dieser sozialen Schichten gegenüber dem der Mittelschicht zu-
nimmt, kann ich nicht behaupten, dass ich für die kommenden Jahrzehnte
darauf wetten würde, dass sich die soziale Frage entschärfen wird.

Die Durchlässigkeit der Gesellschaft: Eine prekäre Angelegenheit

Und wir Angehörige der Mittelschicht, die wir gut qualifiziert sind und somit
bestens gewappnet für die Herausforderungen der Globalisierung sein soll-
ten? Für viele von uns war die Durchlässigkeit der Gesellschaft wohl lange
kein unmittelbares Thema – zumindest nicht die zwischen Unter- und Mittel-
schicht. Schließlich bedeutet Durchlässigkeit von unten nach oben ja auch
potentielle Konkurrenz, und man hatte ja ohnehin mit sich selbst schon ge-
nug zu tun. Mittlerweile zeigt sich allerdings, dass die Gesellschaft auch für
die gut ausgebildete Mittelschicht alle Anlagen besitzt, eine Art abwärts
gerichtete Semipermeabilität zu entwickeln.
In Fragen Sicherheit und Perspektive von Arbeit steht es auch und gera-
de für gut Ausgebildete nicht mehr unbedingt zum Besten. Natürlich mag die
folgende Betrachtung idealtypisch und unwissenschaftlich sein – aber sie
spiegelt doch nicht nur meine Wahrnehmung und die einer Vielzahl meiner
Freunde und Kollegen wider, sondern wird auch von der Vätergeneration
bestätigt: Deren Jobs waren im Wesentlichen sicher, man blieb nicht selten
ein Berufsleben bei ein und derselben Firma, und wenn die dann dennoch
Viel Ratlosigkeit und ein Quantum Trost 59

einmal unter Kostendruck geriet, war man im Zweifel alt genug, um mit
Ende 50 in den Vorruhestand zu gehen. Meine berufliche Karriere begann
um die Jahrtausendwende, um die herum zuerst die Dot-Com-Blase und dann
die Träume nicht weniger, durchaus hochqualifizierter Kollegen von der
Beraterkarriere zunächst einmal platzten. Ehe Häme gegenüber meinem frü-
heren Berufstand aufkommt: Freunden in anderen Berufen erging es ähnlich.
Ich würde den Anteil meiner, durch die Bank gut qualifizierten Freunde, die
bereits einmal ihres Jobs verlustig gegangen sind oder von Jobverlust be-
droht waren, auf größer als fünfzig Prozent schätzen. Sicherlich – sie haben
bislang immer noch alle neue Jobs gefunden. Aber, gerade aufgrund der
markanten Unterschiede zur Elterngeneration, verfestigt sich der Eindruck,
dass auch gute Ausbildung nicht vor materiellem Verlust und Abrutschen aus
der Mitte der Gesellschaft schützt – vor allem, wenn man in die entsprechen-
den Überlegung mit einpreist, dass man auch älter, schwerer vermittelbar
wird und wie gering demgegenüber das bislang aufgebaute finanzielle Pols-
ter ist.
Bereits heute ist überdies festzustellen, dass auch unter gut Ausgebilde-
ten prekäre Beschäftigungsverhältnisse zugenommen haben. Die Zahl der
Juristen, die sich Anfang der neunziger Jahre für das vermeintlich sicherste
Studienfach entschieden haben und nun in subalternen Positionen arbeiten
oder als Selbstständige knapp oberhalb des Existenzminimums herumkreb-
sen, ist Legion. Die erste Generation Praktikum soll ja nun angeblich sämt-
lich in Festanstellung sein – doch die nächste dürfte sich bereits für die Jahre
2009f. warmlaufen. Der wissenschaftliche Mittelbau sitzt zu einem guten
Teil auf semesterweise verlängerten Verträgen und ist auf Gedeih und Ver-
derb der Gunst des jeweiligen Professors ausgeliefert. In manchen Teilen
Berlins scheint ohnehin jeder drei Jobs zu haben – in der Regel Taxifahrer,
Barkeeper und irgendwas mit Medien. Wenn man die Arbeitgeberperspekti-
ve ein wenig kennt zeigt sich: Die Sicherheit der Dienstleistungsgesellschaft
ist, auch im Bereich der früher als krisensicher geltenden Berufsgruppen,
trügerisch. Längst schon ist „Industrialisierung“ das heiße Thema in den
Dienstleistungsberufen auch hoher und höchster Qualifikation. „Distributed
Delivery“, also das Auslagern von Teilen der Leistungserbringung, ist etwa
in der IT-Industrie längst Realität und harte Notwendigkeit. Mir ist zumin-
dest ein IT-Unternehmen bekannt, das für die nächsten fünf bis zehn Jahre
60 Lars Hewel

nicht mehr vorhat, in Europa und Amerika netto auch nur einen Job zusätz-
lich zu schaffen. Das Wachstum soll komplett aus Ländern wie Indien und
China gestemmt werden. Warum? Weil auch im Dienstleistungssektor der
Kostendruck unablässig steigt, die ehemaligen Platzhirsche gegenüber den
indischen Billiganbietern wie Wipro und Infosys bereits massiv ins Hinter-
treffen geraten sind.
Die Soziale Frage, das sollte deutlich geworden sein, ist mittlerweile ei-
ne Frage, die sich auch den vermeintlich am besten Ausgebildeten unter uns
direkt stellt. Wie reagieren wir darauf? Da sich die oben beschriebene Ent-
wicklung nicht von heute auf morgen vollzogen hat, haben wir uns daran
gewöhnt, dass auch wir letztlich jederzeit ersetzbar sind. Von Larmoyanz
kann dabei nicht die Rede sein. Die würde ja zumindest einen gewissen Af-
fekt voraussetzen. Wir hingegen reagieren – jahrzehntelang an Harald
Schmidt geschult – mit Zynismus und Galgenhumor, weil es wohl vielen von
uns wichtiger ist, Haltung zu wahren, als sich für oder gegen etwas zu enga-
gieren. Das vermeidet bis zu einem gewissen Grad Schmerz und Furcht,
verhindert aber auch, dass wir überhaupt so etwas entwickeln wie eine län-
gerfristige, konsistente Perspektive auf das Leben. Vielmehr optimieren wir
uns von Wochenende zu Wochenende, von Urlaub zu Urlaub, garnieren das
Ganze mit einer ordentlichen Portion Konsum und trinken uns das, was uns
dann noch stört mit der ein- oder anderen Flasche Sancerre so halbwegs wie-
der zurecht. Von langfristigen Investitionen, insbesondere solchen, die Ver-
antwortung mit sich bringen, lassen wir in der Zwischenzeit lieber die Fin-
ger. Und so kommt es, dass wir immer älter werden, bevor wir uns entschei-
den, Kinder in die Welt zu setzen – so wir die Frage nach dem Nachwuchs
überhaupt positiv beantworten. Da haben wir dann also auf der einen Seite
eine Unterschicht, die kaum Chancen auf gesellschaftlichen Aufstieg hat und
auf der anderen Seite eine Mittelschicht, welche die Kostenseite ihrer persön-
lichen Gewinn- und Verlustrechnung durch Personaleinsparungen im Nach-
wuchsbereich optimiert, dadurch aber immer unproduktiver im Bezug auf
das große Ganze wird. Was also tun?
Zu jeder Frage gehört eine Antwort. Nur – wer soll die in diesem Falle
geben? „Die Politik“ wohl dann doch eher nicht, würden mittlerweile viele
auch derjenigen sagen, an deren Verhaftung in unserer freiheitlich-
demokratischen Ordnung prinzipiell kein Zweifel bestehen kann. Es bedurfte
Viel Ratlosigkeit und ein Quantum Trost 61

nicht erst der Finanzkrise, um zu erkennen, dass Politik in wesentlichen Be-


reichen von Gesellschaft und Wirtschaft keine entscheidenden Akzente mehr
zu setzen in der Lage ist und angesichts krisenhafter Situationen wie der
derzeitigen Finanz- und Wirtschaftkrise nurmehr ein eher hilfloses Bild ab-
geben kann. Es verfestigt sich die Wahrnehmung, dass das politische System
Aktivitäten zu einem guten Teil in erster Linie dazu entfaltet, um nicht den
Eindruck zu erwecken, es sei überflüssig. Zu stark ist überdies der Eindruck,
unser politisches System sei mit einer Elitenbildung erkauft, die durch das
Prinzip des Ersitzens, nicht der Eignung bestimmt wird. Zu fade ist der Bei-
geschmack, der uns geblieben ist, nachdem wir mitangesehen haben, wie
diejenigen, die als 68er-Generation für die idealistische und moralische Auf-
ladung von Politik standen, diese dann wie clevere Investoren für die eigene
Sache nutzten – das Ausscheiden aus der Politik als Börsengang, mit Gazp-
rom und Philipp Morris als Shareholder.

Der kollektive Reflex

Doch so sehr es auch dann und wann unterhaltsam sein kann, sich über die
Politik und ihre handelnden Personen herzumachen, so sehr schlägt dies
letztlich auf den Spötter zurück. Denn, und dafür sind wir immer noch eine
Demokratie, wir haben letztlich genau die Politik und Politiker erhalten,
gegen die wir uns nie gewehrt und die wir demzufolge verdient haben. Seit
unserer Jugend sind wir auf individuelle Optimierung gedrillt. Die Maßgabe
war immer: Wer sich um sich selbst und sein Fortkommen kümmert, wird
erfolgreich – und damit per se ein nützliches Mitglied der Gesellschaft. Poli-
tik war uns derweil schnuppe. Darum konnten sich die beiden Klassenstreber
kümmern, mit denen ansonsten ohnehin niemand gespielt hätte – so war
allen geholfen. Heute, da wir uns zunehmend bewusst werden, dass uns gute
Ausbildung nicht unverwundbar macht, stellen wir fest, dass wir den „kol-
lektiven Reflex“ verlernt haben. Unsere Elterngeneration hätte aus geringe-
rem Anlass eine K-Gruppe gegründet. Wir hingegen befinden uns sozusagen
in Duldungsstarre und noch das Beste, was uns einfällt, ist die Flucht ins
postmoderne Biedermeier, ins Cocooning.
62 Lars Hewel

Sollte uns das mit Besorgnis erfüllen? Um ehrlich zu sein: Noch nicht
einmal so sehr für den Fall, dass wir weiterhin in Duldungsstarre verharren.
Furchterregender wäre das Szenario von einer Mittelschicht, die – im Gefol-
ge einer langanhaltenden Wirtschaftskrise sozial deklassiert, andererseits
aber in gesellschaftlichem Engagement ungeübt – ihren „kollektiven Reflex“
wiederentdecken würde. Für die bereits heute sozial Abgehängten gilt ent-
sprechendes. Ich für meinen Teil glaube nicht an die immunisierende Wir-
kung des Sündenfalls „Drittes Reich“. Wo Menschen perspektivlos, deklas-
siert und in politisch-gesellschaftlichem Engagement ungeübt sind, existiert
auch weiterhin Potential für Rattenfänger und Destabilisierung des gesell-
schaftlichen Systems. Und diese Möglichkeit ist der eine Grund dafür, dass
die soziale Frage tatsächlich, dringend, einer Antwort bedarf.
Habe ich selbst dazu etwas beizutragen? Wohl eher nicht. Mich eint mit
meinen Altersgenossen die Fähigkeit, nahezu alles und jeden analysieren zu
können, aber keine Konsequenzen daraus zu ziehen. Insofern dürfte bei mir
in puncto gesellschaftlichen Engagements Hopfen und Malz verloren sein.
Noch das Beste, das ich anzubieten hätte, wäre es, möglichst schnell doch
noch Kinder in die Welt zu setzen und dann wieder den Kopf zurück in den
Sand zu stecken. Wenn meine Kinder dann ihren Vater und dessen individua-
lisierte Generation genauso albern finden wie unsereins die überengagierten
68er, könnte die Gesellschaft in etwa 18 Jahren mit 1,47 gesellschaftlich
hoch engagierten neuen Mitgliedern rechnen, die sich aktiv an der Lösung
der sozialen Frage beteiligen würden. Ich werde das also mal mit meiner
Freundin durchsprechen, Business Case und Projektplan erstellen, noch ein-
mal darüber schlafen und dann – aber wirklich – eine Entscheidung treffen.

Globaler Ausgleich sozialer Gerechtigkeit

Ein Quantum Trost hätte ich angesichts des etwas ratlosen Grundtenors mei-
nes Beitrages auch noch zu bieten. Nach meinem Dafürhalten ist die soziale
Frage eng verknüpft mit dem Konzept der Gerechtigkeit. Wenn sich die so-
ziale Frage hierzulande verschärft stellt, eben weil wir unter verschärftem
Konkurrenzdruck aus Billiglohnländern stehen, sollten wir nicht vergessen,
dass sie sich diesen Ländern seit Jahrzehnten in deutlich schärferer Form
Viel Ratlosigkeit und ein Quantum Trost 63

stellt. Unser Misserfolg im globalen Wettbewerb ist deren Erfolg – und eine
Möglichkeit, etwa die indische oder chinesische soziale Frage ein wenig
zufriedenstellender zu beantworten. Erinnern Sie sich an die indischen IT-
Ingenieure von etwas weiter oben? In der indischen IT-Wirtschaft lag die
Fluktuationsquote in den vergangenen Jahren nicht deshalb bei knapp 50
Prozent, weil die Jobs unsicher gewesen wären, sondern weil die Fachkräfte
mit immer höheren Gehaltsangeboten von Unternehmen zu Unternehmen
gelockt wurden. Was bei uns Jobs kostet, schafft dort welche und steigert die
Einkommen. So sehr übrigens, dass die ersten Firmen ihre Aktivitäten mitt-
lerweile von Indien nach Russland und Mexiko verlagern. Merken Sie was?
Wenn wir, die wir gerne zu jeder sich bietenden Gelegenheit von Weltgesell-
schaft reden, das Konzept sozialer Gerechtigkeit wirklich ernst nehmen,
kommen wir womöglich nicht umhin, eine bitter-süße Wahrheit anzuerken-
nen: dass nämlich die Kräfte des gerade einmal wieder gerne geschmähten
freien Marktes tatsächlich dafür sorgen könnten, dass Wohlstand auf globaler
Ebene gerechter verteilt wird; mit all den, für die Mittelschicht unangeneh-
men, für die Unterschicht bitteren, Konsequenzen, die das für uns in
Deutschland bedeuten wird. Uns an diesen Gedanken zu gewöhnen und nicht
zu glauben oder zu versprechen, wir könnten uns aus der globalen gesell-
schaftlichen und wirtschaftlichen Realität ausklammern, ist meine zentrale
Forderung an die Politik und jeden Einzelnen von uns – nicht zuletzt an mich
selbst.
Caroline Waldeck

Weniger Moral wagen!

Die Geschichte spielt in Sevilla zur Zeit der spanischen Inquisition. Jesus
kehrt auf die Erde zurück und sammelt jubelnde Gläubige um sich. Der grei-
se Großinquisitor beobachtet das Treiben argwöhnisch. Schließlich lässt er
Jesus gefangen nehmen und in ein dunkles Verließ bringen, um ihn zu verhö-
ren, bevor er anderntags auf dem Scheiterhaufen brennen soll. Er habe kein
Recht, die Ordnung zu stören, die die katholische Kirche in über tausend
Jahren errichtet habe, belehrt der alte Mann den schweigenden Sohn Gottes
in einem langen Monolog. Die katholische Kirche habe die Menschen von
der „Sklaverei der Freiheit“ befreit. Denn für den Menschen und die mensch-
liche Gesellschaft habe es „niemals und nirgends etwas Unerträglicheres
gegeben als die Freiheit. (…) Ich sage Dir, der Mensch kennt keine quälen-
dere Sorge als die, einen zu finden, dem er möglichst schnell jenes Geschenk
der Freiheit, mit dem er als unglückliches Geschöpf geboren wird, übergeben
kann.“
Fjodor M. Dostojewski hat die Legende vom Großinquisitor in seinem
Roman „Die Brüder Karamasow“ dem überzeugten Atheisten Iwan Karama-
sow in den Mund gelegt. In Iwans Augen hat die Lehre Christi in der Welt
keinen Bestand: Sie scheitert zwangsläufig an der Sehnsucht des Menschen,
seine Freiheit einer fremden Autorität zu Füßen zu legen und sich dadurch
Ruhe und Glück zu erkaufen – und führt damit unausweichlich in die autori-
täre Ordnung des mittelalterlichen Katholizismus.
Tempi passati, so scheint es. Moderne, säkulare Gesellschaften haben
nichts mehr gemein mit der Welt des Großinquisitors, in der die Autorität der
Kirche Sinn und Zusammenhalt stiftete. Es sind Institutionen und Regeln,
getragen von der Zustimmung freier Bürger, die heute die Gesellschaft zu-
sammen halten. In Deutschland sehen wir die parlamentarische Demokratie
60 Jahre nach der Staatsgründung nicht nur durch eine Erfolgsgeschichte des
Friedens und des Wohlstands gestärkt, sondern auch durch den Fall der
Weniger Moral wagen! 65

Mauer vor 20 Jahren – den Sieg der Freiheit über die kommunistische Dikta-
tur.
Und doch hat die Legende vom Großinquisitor nicht an gesellschaftspo-
litischer Relevanz verloren. Denn Demokratie und Marktwirtschaft setzen
voraus, dass Menschen ihre Freiheit und die damit verbundene Verantwor-
tung annehmen. Kann eine freiheitliche Ordnung Bestand haben, wenn die
Menschen sich davon überfordert fühlen?

Moralkeule verhindert Verständigung

Die Wertschätzung für die Freiheit jedenfalls hat kontinuierlich abgenom-


men, seit die Euphorie über die Wiedervereinigung sich gelegt hat. 45 Pro-
zent der Westdeutschen und 76 Prozent der Ostdeutschen halten den Sozia-
lismus für eine gute Idee, die nur schlecht ausgeführt wurde. Und von der
sozialen Marktwirtschaft hatten im Jahr 2008 erstmals mehr Menschen eine
„eher schlechte“ Meinung als eine „eher gute“. Offenbar steht also nur eine
Minderheit mit Herz und Verstand hinter unserem wirtschaftlichen und poli-
tischen System. Die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise tut ihr Übriges:
Die liberale Wirtschaftsordnung, auf der Wachstum und Wohlstand unseres
Landes gründen, findet selbst in der Politik kaum noch Fürsprecher.
Ein strahlendes Comeback erlebt dagegen die Moral – wenn auch nur in
Form von Appellen und Schuldzuweisungen: Der Klassiker ist die Behaup-
tung, es seien Gier, Skrupellosigkeit, Egoismus, also das moralische Versa-
gen einzelner oder bestimmter Gruppen, die den Zusammenhalt der Gesell-
schaft bedrohten und zu moralisch fragwürdigen Ergebnissen führten. Es
gehört zum guten Ton, in diesem Zusammenhang mehr Verantwortungsbe-
wusstsein, mehr Solidarität, mehr Gemeinwohlorientierung zu fordern. Dass
es dabei meist bleibt, offenbart die Hilflosigkeit und Selbstentmündigung
einer Gesellschaft, die zunehmend unfähig scheint, sich auf notwendige Ver-
änderungen in der politischen Rahmenordnung zu verständigen.
Das beherzte Schwingen der Moralkeule ersetzt als eingespieltes Ritual
des öffentlichen Diskurses leider auch zunehmend sachliche Begründungen.
„Wenn ich nicht mehr weiter weiß, gründ’ ich einen Arbeitskreis“, hieß es
einmal. Wer heute nicht mehr weiter weiß, rüstet moralisch auf. Seit Globali-
66 Caroline Waldeck

sierung, demographischer Wandel und eine bedrohlich wuchernde Staatsver-


schuldung den politischen Handlungsspielraum deutlich eingeschränkt ha-
ben, darf die Bezugnahme auf moralische Prinzipien weder im Zusammen-
hang mit Arbeitsplatzabbau und Aktienkursen von Unternehmen noch im
Kontext von Kinderarmut und Klimawandel fehlen. Moralische Selbstbe-
weihräucherung und die moralische Diffamierung des Gegners sind gefragter
als sachliche Informationen, obwohl in der Demokratie doch das bessere
Argument und nicht das edlere Motiv den Ausschlag geben sollte. Jede ge-
werkschaftliche Aktivität und Verbandsinitiative läuft unter moralischer
Flagge, obwohl es um nichts anderes geht als um die Interessen bestimmter
Gruppen – was absolut legitim ist und eigentlich nicht durch Vortäuschen
von Gemeinwohlorientierung verschleiert werden muss. Einzelschicksale
werden gegen Strukturreformen in Stellung gebracht. Der Dachdecker zum
Beispiel durfte in keiner Diskussion über die „Rente mit 67“ unerwähnt blei-
ben, als ließen sich damit mathematische Zusammenhänge und demographi-
sche Fakten außer Kraft setzen. Moral dient als Bildbearbeitungsprogramm
des öffentlichen Diskurses: Aus Grautönen wird schwarz-weiß; was stört,
lässt sich wegretuschieren; und wenn das alles nicht genug ist, bleibt immer
noch die Möglichkeit, die eigene Person oder Organisation in hellerem Licht
erstrahlen zu lassen.
Die inflationäre Zunahme moralischer (Schein-)Gefechte aber schadet
der politischen Kultur. Öffentliche Debatten, von denen eine Demokratie
lebt, beschränken sich auf den Austausch moralischer Schlagworte. Für In-
formation, Argumente und differenzierte Begründungen bleibt kein Raum
mehr. Zustimmung findet, was die öffentliche Empörung befriedigt. Die
Folge ist, dass bessere Regeln häufig als „politisch nicht vermittelbar“ gelten,
weil eine öffentliche Diskussion unter informierten Bürgern darüber faktisch
nicht möglich ist. Wie aber wollen wir den sozialen Frieden erhalten, wenn
es uns nicht gelingt, uns über wichtige Fragen im Hinblick auf die Zukunft
unserer Gesellschaft diskursiv zu verständigen?
Weniger Moral wagen! 67

Gesellschaftlicher Zusammenhalt durch Verständigung auf bessere


Regeln

Dass gesellschaftliche Verständigungsprozesse immer häufiger moralisch


blockiert sind, hat vor allem mit Entwicklungen und Machtverschiebungen
im Zuge der Globalisierung zu tun, die tief verwurzelte Gewissheiten und
Überzeugungen und damit unsere Kultur und unser gesellschaftliches Selbst-
verständnis grundlegend in Frage stellen. „Die unangenehme Wahrheit ist,
dass den meisten von uns zwei Herzen in der Brust wohnen“, schreibt der
amerikanische Ökonom Robert Reich in seinem Buch „Der Superkapitalis-
mus“ mit dem bezeichnenden Untertitel „Wie die Wirtschaft unsere Demo-
kratie untergräbt“. Die Folge der beiden Herzen in unserer Brust ist eine Art
gesellschaftliche Schizophrenie. „Als Verbraucher und Anleger sind wir
beständig auf der Suche nach den besten Schnäppchen. Und als Bürger miss-
fallen uns die gesellschaftlichen Folgen dieser Schnäppchenjagd.“ Der Kapi-
talismus sorgt weltweit für Wohlstand, Innovationen und günstige Produkte
von hoher Qualität, und doch herrscht ein tiefes Unbehagen angesichts der
Auswirkungen insbesondere auf soziale Sicherheit und den gesellschaftli-
chen Zusammenhalt.
Dieses Unbehagen führt zu einer besorgniserregenden Entfremdung
zwischen Wirtschaft und Gesellschaft und zum Vertrauensverlust von
Marktwirtschaft und Demokratie. Denn innerhalb unserer vertrauten Wahr-
nehmungskategorien ließe sich der vermeintliche Widerspruch zwischen
Markt und Moral nur durch Außerkraftsetzung des Wettbewerbs auflösen:
Gesellschaftliche Verantwortung statt Eigeninteresse! Doch diese Wahl ha-
ben wir nicht. Verantwortung zu übernehmen ist nur möglich, wo der Ein-
zelne das Ergebnis durch sein Handeln beeinflussen kann. Politische Ziele
wie „Klimaschutz“ oder „soziale Gerechtigkeit“ fallen nicht in diese Katego-
rie. Verhindert es die Erderwärmung, wenn Lieschen Müller das Auto stehen
lässt? Nützt es dem Klima, wenn BMW für höhere Umweltstandards Wett-
bewerbsnachteile in Kauf nimmt und damit letztlich Daimler stärkt?
Offenbar versagt die Moral sowohl als Maßstab als auch als Korrektiv
für Fehlentwicklungen. Sie versagt als Maßstab, denn unsere eingespielten
und mit Vehemenz verteidigten moralischen Wahrnehmungsmuster und
Begriffe, die im zwischenmenschlichen Bereich zuverlässig Orientierung
68 Caroline Waldeck

geben, sind nicht zugeschnitten auf die Erfordernisse einer globalisierten


Welt. Von einer „Diskrepanz zwischen Sozialstruktur und Semantik“ spre-
chen Philosophen in so einem Fall. Man kann es auch schlichter fassen: Der
Verantwortungsbegriff führt uns – wie zahlreiche andere moralische Begriffe
– im gesellschaftlichen Kontext in die Irre. Er erzeugt Wahrnehmungsmus-
ter, die an den faktischen Handlungsbedingungen vorbei gehen. Er nährt die
Illusion, mehr individuelles Verantwortungsbewusstsein sei die Antwort auf
moralische Defizite, mit denen wir uns jeden Tag konfrontiert sehen. Er
überfordert den einzelnen und treibt ihn in die moralische Resignation oder
in eine Blockadehaltung unter Verweis auf ökonomische Sachzwänge.
Aus moralischer Motivation heraus persönliche Opfer zu bringen, hat
keine Auswirkungen, solange nicht Gesetze dieses Verhalten zur allgemei-
nen Regel machen. Selbst Jürgen Habermas, der seine Diskursethik explizit
in der Tradition der rigiden Kantischen Pflichtethik verortet hat, hält im Zu-
sammenhang mit dem moralischen Handeln des Einzelnen eine „Zumutbar-
keitsbedingung“ für notwendig: „Autonomie ist nur zumutbar in gesell-
schaftlichen Kontexten, die selber schon vernünftig sind in dem Sinne, dass
sie dafür sorgen, dass eine Motivation durch gute Gründe nicht von vornhe-
rein in Gegensatz zu eigenen Interessen geraten muss. Die Gültigkeit morali-
scher Gebote ist an die Bedingung geknüpft, dass diese als Grundlage einer
allgemeinen Praxis generell befolgt werden.“ Moral versagt deshalb nicht nur
als Maßstab, sondern auch als Korrektiv für Fehlentwicklungen, denn uner-
wünschte Ergebnisse lassen sich nicht durch mehr Moral, sondern nur über
eine Veränderung der Regeln, die für alle gelten, korrigieren.
Gesellschaftlichen Problemen mit moralischen Appellen beikommen zu
wollen, heißt also, an der falschen Front zu kämpfen. Eine Prinzipienmoral,
die wie eine dea ex machina Fehlentwicklungen verhindern soll, ist in der
globalisierten Welt ein stumpfes Schwert. Das mag man bedauern, lässt sich
aber im Rahmen einer freiheitlichen Ordnung nicht ändern. Viel schwerer
jedoch wiegt, dass moralische Appelle und Schuldzuweisungen die Verstän-
digung auf bessere Regeln erschweren, weil Menschen sich als Opfer eines
um sich greifenden Werteverfalls wähnen, aber nicht als (Mit)Gestalter der
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ordnung.
In diesem Sinne kann man – aus moralischen Gründen! – vor der Moral
nur warnen: Die Prinzipienmoral treibt als Hemmnis öffentlicher Lern- und
Weniger Moral wagen! 69

Verständigungsprozesse Keile in die Gesellschaft, deren Zusammenhalt si-


chern zu wollen ihre Vertreter vorgeben. Moral markiert Sollbruchstellen der
Reflexion. Das Argument, etwas Grundsätzliches stehe auf dem Spiel – so-
ziale Gerechtigkeit, das christliche Menschenbild, die abendländische Kultur
– erstickt den gesellschaftlichen Diskurs jedes Mal an der Stelle, wo es inter-
essant und relevant wird. Mit dieser Kultur der moralischen Einzäunung
bringen wir uns um die Möglichkeit, uns ernsthaft mit den Bedingungen und
Möglichkeiten der Durchsetzbarkeit dessen, was wir politisch, gesellschaft-
lich und moralisch wollen, auseinander zu setzen. Moral ist wünschenswert
und im zwischenmenschlichen Bereich unverzichtbar. Dem Ziel, den Zu-
sammenhalt der Gesellschaft sicher zu stellen, ist aber mehr damit gedient,
wenn unsere Demokratie besser funktioniert.
„Weniger Moral wagen“, kann die Schlussfolgerung für den demokrati-
schen Diskurs deshalb nur lauten. Weniger Moral in dem Sinne, dass Moral-
prinzipien und weltanschaulich begründete Wahrheiten nicht als übergeord-
nete, unserer geistigen Verfügungsgewalt entzogene Autorität in Anspruch
genommen werden, sondern selbst Gegenstand gesellschaftlicher Verständi-
gung und damit demokratischer Willensbildung werden. Weniger Moral im
Sinne einer politischen Kultur, die – statt gemeinsame Werte zu postulieren –
nach Möglichkeiten der Verbesserung unserer Regeln und unserer demokra-
tischen Entscheidungsverfahren sucht. Wenn es gelingt, den vormodernen
Glauben an die integrative Kraft gemeinsamer Werte abzustreifen, dann
könnte der demokratische Diskurs zu einer Klammer werden, die unsere
Gesellschaft zusammen hält.
Die Frage, die wir uns stellen müssen, lautet also: Wie lösen wir morali-
sche Blockaden, die auf überholten Wahrnehmungskategorien und Argumen-
tationsmustern beruhen? Wie finden wir aus alten moralischen Reflexen
heraus zu einer Verständigung über notwendige Veränderungen auf institu-
tioneller Ebene, ohne die sich keine soziale Frage der nächsten Gesellschaft
wird lösen lassen?
70 Caroline Waldeck

Investieren in eine Kultur der Verständigung – Für eine neue Rolle von
Unternehmen

Im Hinblick auf moralische Abrüstung sollten wir uns von der Politik nicht
zuviel versprechen. Politiker unterliegen – bezogen auf Wählerstimmen – der-
selben Wettbewerbslogik wie ein Unternehmen, das seine Produkte an den
Kunden bringen und dazu kostengünstig produzieren muss. Kostengünstig und
kundenorientiert Politik zu machen heißt unter anderem, argumentativ den
Erwartungen potentieller Wähler zu entsprechen. Die Nachfrage bestimmt
auch hier das Angebot, und Joseph Schumpeters Bürger-Bashing, nachzulesen
in seiner 1950 erschienen Demokratietheorie, trifft mit der mangelnden politi-
schen Bildung nach wie vor die Achillesferse real existierender Demokratien:
„So fällt der typische Bürger auf eine tiefere Stufe der gedanklichen Leistung,
sobald er das politische Gebiet betritt. Er argumentiert und analysiert auf eine
Art und Weise, die er innerhalb der Sphäre seiner wirklichen Interessen be-
reitwillig als infantil anerkennen würde. Er wird wieder zum Primitiven. Sein
Denken wird assoziativ und affektmäßig.“ Die logische Konsequenz ist, dass
sich durch das Bedienen moralischer Klischees im Zweifel mehr und schneller
Wählerstimmen mobilisieren und gewinnen lassen als durch differenzierte
Argumentation. Ein Politiker, der die Verlagerung von Arbeitsplätzen aus
seinem Wahlkreis nach Osteuropa nicht anprangert, sondern um Verständnis
für die Gründe des Unternehmens wirbt, findet sich selbst am Pranger wieder –
dafür sorgt schon der politische Gegner. Dadurch führt der politische Wettbe-
werb häufig zu einem Überbietungswettbewerb in Sachen Moralismus, aber
nicht zu einem Wettbewerb um die besten Ideen und Konzepte – jedenfalls so
lange mangelnde politische und ökonomische Bildung Zweifel an der demo-
kratischen Mündigkeit der Bürger aufkommen lassen. Mit unmündigen Bür-
gern lässt sich kein Staat machen. Urteilsfähigkeit über gesellschaftliche Prob-
leme setzt heute mehr denn je ein Mindestmaß auch an ökonomischer Bildung
und ein Grundverständnis für die Funktionsweise von Märkten voraus. Dafür
kann man durch entsprechende Gestaltung der Lehrpläne und der Ausbildung
von Lehrern sorgen. Zumindest das ist eine nahe liegende und realistische
Forderung an die Politik.
Dass mit den Medien ausgerechnet diejenigen, die in modernen Demo-
kratien augenscheinlich den größten Einfluss auf die öffentliche Meinungs-
Weniger Moral wagen! 71

bildung haben, häufig als Hauptakteure in einem System der Desinformation


und Klischeepflege in Erscheinung treten, macht Aufklärung – die Voraus-
setzung gesellschaftlicher Verständigung – zur Sisyphosarbeit. Der Soziolo-
ge Pierre Bourdieu spricht in seinen Vorlesungen „Über das Fernsehen“ von
„Zensurmechanismen“ im demokratischen Diskurs, und seine Argumentation
lässt sich durchaus auf die Medien insgesamt verallgemeinern: Sie bestim-
men heute nicht nur den Charakter gesellschaftlicher Diskurse, sondern auch,
welche Diskurse überhaupt stattfinden und welche Informationen ihren Weg
in die Öffentlichkeit finden. Der Kampf um Einschaltquoten und Auflagen
diktiert die Bedingungen, unter denen etwas mitgeteilt werden kann. Die
Anpassung an die Wahrnehmungsmuster der Leser und Zuschauer lässt keine
neuen Perspektiven zu. Bourdieu kritisiert in diesem Zusammenhang den
„Moralingehalt des Fernsehens, seine ,Aktion-Sorgenkind’-Mentalität“ und
moralisierende Journalisten: „Mühelos schwingen sie sich zu Verkündern
einer typisch kleinbürgerlichen Moral auf, die bestimmen, ,was zu halten ist’
von dem, was sie ,die Probleme der Gesellschaft’ nennen“. Dass freie Me-
dien nicht zum verlängerten Arm einer Volkspädagogik mit politischem
Bildungsauftrag umfunktioniert werden können, versteht sich von selbst. Für
die Forderung nach einer neuen politischen Kultur der Verständigung sind
deshalb auch die Medien der falsche Adressat.
Bleiben als Akteure mit gesamtgesellschaftlicher Gestaltungskraft aus-
gerechnet diejenigen, die ihre Glaubwürdigkeit in den Augen der Öffentlich-
keit schon lange verspielt haben: die Unternehmen. Von ihnen zumindest
darf man im Rahmen ihres Eigeninteresses eine Investition in die Diskursfä-
higkeit und damit in die Weiterentwicklung unserer demokratischen Kultur
erwarten. Denn Unternehmen tragen einerseits in Form von Imageschäden
die Kosten überzogener moralische Ansprüche und müssen sich andererseits
in einem gesellschaftlichen Umfeld behaupten, das von Misstrauen gegenü-
ber Markt und Wettbewerb geprägt ist – auf Dauer sicherlich kein Wettbe-
werbsvorteil. Mit kulturellem und sozialem Engagement jenseits des Kernge-
schäfts, neudeutsch als „Corporate Social Responsibility“ bezeichnet, können
Unternehmen den ethischen Ansprüchen der Öffentlichkeit längst nicht mehr
genügen, im Gegenteil. Paradoxerweise bestätigt diese Art der Schaufens-
termoral noch den Eindruck, Unternehmen hätten in moralischer Hinsicht
etwas zu kompensieren, nämlich die Tatsache, dass sie Gewinne machen.
72 Caroline Waldeck

Kaum eine Denkschablone hält sich in der kollektiven Wahrnehmung so


hartnäckig wie der vermeintliche Gegensatz zwischen Moral und Profit.
Vermutlich könnten wir uns davon eher verabschieden, wenn der Heili-
ge Martin weiland, statt seinen Mantel zu teilen, eine Mantelfabrik gebaut
und den Bettler als Arbeitskraft angeheuert hätte. Der Bettler hätte sich sei-
nen Mantel selbst kaufen können, der Heilige Martin hätte Gewinn gemacht,
und unser Verständnis von Solidarität ließe sich heute mit den Bedingungen
des globalen Wettbewerbs in Einklang bringen. Zum Umdenken ist es aber
noch nicht zu spät, und die aktuelle Krise könnte der Motor sein. Müssten
Unternehmen nicht gerade angesichts ihrer Glaubwürdigkeitsprobleme ein
Interesse daran haben, in das Ansehen der sozialen Marktwirtschaft – und
damit in die gesellschaftliche Akzeptanz unternehmerischer Entscheidungen
– zu investieren und ihre Entscheidungen einer informierten und aufgeklärten
Gesellschaft zu vermitteln? Wäre es nicht klug, Kritikern öffentlich mit wirt-
schaftsethischen Sachargumenten entgegen zu treten statt sich aus dem öf-
fentlichen Diskurs vornehm heraus zu halten oder sich auf den Vortrag der
betriebswirtschaftlichen Fakten zu beschränken? Sind Unternehmen noch auf
der Höhe der Zeit, die einerseits Millionenbudgets für Werbung und Marke-
ting zur Verfügung stellen, andererseits aber nicht in der Lage sind, den of-
fensichtlich überzogenen, gesellschaftlichen Erwartungen, die sich infolge
überholter moralischer Wahrnehmungsmuster hartnäckig halten, durch In-
formation und Aufklärung zu begegnen?
In die Mündigkeit der Bürger und die Diskursfähigkeit der Gesellschaft
zu investieren, geht weit über das bisherige Selbstverständnis von Unter-
nehmen hinaus. Die Alternative ist, den Großinquisitoren des 21. Jahrhun-
derts die Bühne zu überlassen. Das sind diejenigen, die in unserer politischen
und wirtschaftlichen Ordnung nur die Freiheit der Starken erkennen können,
die Schwachen systematisch benachteiligt sehen und mit wirtschafts- und
unternehmensfeindlichen Argumentationsmustern die moralische Qualität
unserer freiheitlichen Ordnung grundsätzlich in Frage stellen. Marktwirt-
schaft und Demokratie droht dann dasselbe Schicksal wie der christlichen
Lehre in der Legende des Großinquisitors: Sie haben auf Dauer keinen Be-
stand, wenn Freiheit und Eigenverantwortung auf Ablehnung stoßen. Sie
können ihr Potential nicht entfalten, solange man einer Diktatur der Prinzi-
pienmoral huldigt statt das Wagnis der Freiheit anzunehmen und sich bei
Weniger Moral wagen! 73

Bedarf auf bessere Regeln zu verständigen. Für den Umgang mit den neuen
sozialen Fragen in unserer Gesellschaft jedenfalls sollten wir nicht auf Mo-
ral, sondern auf Verständigung setzen – ganz im Sinne des pragmatischen
Credos Richard Rortys: „Sofern es nur gelingt, Demokratie und gegenseitige
Toleranz am Leben zu erhalten, lässt sich alles übrige dadurch erledigen,
dass man sich zu einem vernünftigen Kompromiss durchwurstelt“.
Louis Klein

Competitive Social Design - Die Soziale Frage der


nächsten Gesellschaft

I. Die Unausweichlichkeit des sozialen Anderen

Wir haben uns daran gewöhnt, das Soziale nur dort zu thematisieren, wo es
sichtbar scheitert. Wir sprechen von sozialen Problemen und denken an Ar-
mut, Krankheit oder gewalttätigen Protest. Wir verorten das Soziale regel-
mäßig an den Rändern der Gesellschaft. Soziale Fragen sind dort, nicht hier.
Die Beantwortung kann delegiert werden, an den Staat oder an die Zivilge-
sellschaft. Wir haben es verlernt, das Soziale aus der Mitte der Gesellschaft
heraus zu denken. Wir erinnern zwar noch den Menschen als ein soziales
Wesen, aber wir wenden diesen Gedanken sogleich populationstheoretisch.
Wie sehen ein, dass der Mensch nicht allein lebt, sondern in Gemeinschaft.
Wir denken an Gemeinschaften und springen gedanklich sogleich in die gro-
ßen Staatsmodelle und Gesellschaftsutopien. Wir verstellen uns regelmäßig
den Blick darauf, dass der entscheidende Bereich dazwischen liegt, zwischen
dem Individuum auf der einen Seite und dem Staat auf der anderen Seite. Die
emergente Gestalt des Sozialen liegt inmitten der Lebenspraxis, im Mitei-
nander der Vielen.
Kognitionstheoretisch gewendet ist das Soziale eine der drei fundamen-
talen Unausweichlichkeiten des menschlichen Seins. Neben der Unausweich-
lichkeit des bewussten Selbst und der Unausweichlichkeit der lebendigen
Natur thematisiert das Soziale die Unausweichlichkeit des sozialen Anderen.
Für den Einzelnen ist der soziale Andere unausweichlich. Das wirft Fragen
auf: Wie gehe ich mit diesem Anderen um? Wie begegne ich ihm? Wie rea-
giere ich auf ihn? Was darf ich hoffen? Was muss ich befürchten? Die
Unausweichlichkeit des sozialen Anderen ist der Ausgangspunkt jeglichen
Gemeinwesens. Gemeinschaft fußt auf jenen Antworten und Lösungen, die
Sicherheit und Stabilität dort einführen, wo der Einzelne scheinbar auf sich
Competitive Social Design - Die Soziale Frage der nächsten Gesellschaft 75

allein gestellt ist. Das ist die Grundlage jeglicher sozialer Systeme. Wir ken-
nen die Freude daran, zusammen mehr und freudvoller arbeiten zu können
als allein. Wir kennen den Frust daran, mit all den anderen im Stau zu stehen
oder im überfüllten Zugwaggon keinen Sitzplatz zu finden. Gemeinschaften
geben sich Regeln und stabilisieren Erwartungen, sie reduzieren Komplexität
und sichern Erwartungserwartungen. Sie fördern die Freude an dem Gemein-
samen und schützen vor der Destruktion der Vielen. Sie eröffnen Möglich-
keitsräume weit jenseits dessen, was dem Einzelnen allein zugänglich wäre.
Wir sprechen gern von Kultur. Wir orientieren uns an gesellschaftlichen
Werten, etablierten Praktiken und stabilisierenden Institutionen. Die Unaus-
weichlichkeit des sozialen Anderen gewinnt das Gesicht der Unausweich-
lichkeit der Gemeinschaft, der Gesellschaft und des Staates. Soziale Systeme
differenzieren sich und realisieren, so möchte man mit Norbert Elias sagen,
in einem Prozess der Zivilisation Emergenzgewinne und eine Ausweitung
der Möglichkeiten bei gleichzeitiger Reduktion von Komplexität. Das alles
klingt jetzt sehr wissenschaftlich – und das ist es auch. Im Kern verweist das
Argument jedoch darauf zurück, dass das Soziale sinnvoll nur als allgegen-
wärtige Unausweichlichkeit gedacht werden kann.

II. Jenseits der Moderne

Historisch betrachtet markiert die Soziale Frage als Thema der gesellschaftli-
chen Diskurse den Übergang von einer Gesellschaftsform in die nächste. So
markiert die Soziale Frage im 19. Jahrhundert die Irreversibilität des Über-
gangs von der feudalen Agrargesellschaft zur modernen Industriegesell-
schaft. Die Soziale Frage thematisiert all jene Friktionen und Frustrationen,
die sich aus dem Verlust der alten Sicherheiten für das Kollektiv der Einzel-
nen ergeben, bevor sich zu den neuen Produktionsformen neue Kulturformen
gesellen, die in der Lage sind, den technischen Möglichkeitsgewinn und
seine Folgen für das soziale Miteinander in adäquaten Kulturformen aufzu-
fangen und auszubalancieren. Wir stehen wieder an solch einer Zeitenwende,
an einem Übergang in eine nächste Gesellschaft, die von sich selbst nur so
viel weiß, dass sie derzeit nicht in der Lage ist, sich positiv zu bestimmen.
Beschreibungen als Postmoderne oder Altermoderne greifen zu kurz. Sie
76 Louis Klein

bleiben Beschreibungen, die nach wie vor tief in der Moderne verwurzelt
sind und denen es noch nicht gelungen ist, sich von dieser zu lösen. Gleich-
wohl erkennen wir Möglichkeitsgewinne nicht nur technischer Natur, die an
alten Gewissheiten rütteln und es immer wieder auf die populäre Formel
bringen, nach der die Dinge so sind wie sie sind, aber auch ganz anders sein
könnten.
Dirk Baecker, sicherlich einer der schlauesten Köpfe in dieser Über-
gangszeit, wendet seine Überlegungen in Nachfolge Niklas Luhmanns sys-
temtheoretisch auf die Strukturformen von Kommunikation. Denn Kommu-
nikation ist das Medium, in dem das Soziale verhandelt wird. Sie ist die Brü-
cke zwischen dem bewussten Selbst und dem sozialen Anderen. Baecker
sieht nach der Entwicklung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks in
den Möglichkeiten des Computers eine technische Entwicklung, die die
Strukturform der Kommunikation revolutioniert und ihre Kulturform erst
noch finden muss. Der Buchdruck revolutionierte die Kommunikation und
führte in die gesellschaftliche Moderne. Mit dem Buchdruck multiplizierten
sich alternative Perspektiven auf die Welt. Die unterschiedlichsten Deutun-
gen, Argumentationen und Schlussfolgerungen fanden massenhafte Verbrei-
tung und sahen sich hineingeschleudert in ein konkurrierendes Nebeneinan-
der der Ideen und Weltanschauungen. Für eine mittelalterliche Welt mit ei-
nem stabilen, im Religiösen verankerten Weltbild war dies die ultimative
Überforderung. Eine Überforderung, die nach einer neuen Kulturform ver-
langte, um die kommunikativ induzierten Überschussmöglichkeiten und
Deutungsvielheiten schadlos bewältigen zu können. Mit der Form der Kritik
war die Moderne geboren. Kritik erlaubt das Nebeneinander unterschiedlich-
ster Perspektiven und induziert Aushandlungsprozesse, die prozedural Si-
cherheit erzeugen. Mit dem Computer oder besser mit dem Computing, ver-
standen als elektronische Datenverarbeitung, gewinnt die Strukturform der
Kommunikation eine neue Qualität. Solange der Computer genutzt wird als
eine andere technische Form des Buchdrucks, verharren wir in der Moderne.
Aber in dem Moment, in dem das Computing wie im Web 2.0 eine andere
Dimension der Transparenz der Wissens- und Willensbildungsprozesse so-
wie eine Ausweitung der Partizipation an den damit einhergehenden Aus-
handlungsprozessen erlaubt, stößt die Kulturform der Moderne an ihre Gren-
zen. Eine nächste Gesellschaft wird unausweichlich. Und dabei geht es um
Competitive Social Design - Die Soziale Frage der nächsten Gesellschaft 77

nicht weniger als darum, die Kulturformen der Gesellschaft grundsätzlich


neu zu verhandeln und selbst den Modus der Verhandlung disponibel zu
stellen. Das klingt jetzt erst einmal unvertraut und erschreckend – und das ist
es auch. Denn auch wenn Herausforderungen ihre Lösungen stets in sich
tragen, so bleibt doch jeder Übergang riskant. Nicht nur, aber auch die Mög-
lichkeiten des Computers haben uns eine Finanzkrise gigantischen Ausmaßes
beschert, die in ihrer Machart und ihren Bewältigungsanforderungen weit
über die Moderne hinaus verweist.

III. Sozialdesign

Wenn wir nun an einer solchen Zeitenwende stehen und das Verhandeln
neuer Kulturformen uns als Unausweichlichkeit entgegentritt, dann wird
auch die Unausweichlichkeit des sozialen Anderen, dann werden Gemein-
schaft und Gesellschaft neu zu verhandeln sein. Es geht um das Soziale, es
geht um Gestaltung, es geht um Design. Design, ganz im Sinne von Bruce
Mau, kann in einem weitreichenden Sinne als all jenes verstanden werden,
was von Menschen gemacht ist. Ein Design des Sozialen, oder besser Sozial-
design, verweist in diesem Sinne darauf, dass all das, was der Unausweich-
lichkeit des sozialen Anderen balancierend begegnen soll, anthropogen ist.
Ein Designdenken erinnert aber auch daran, dass wir gestaltende Entschei-
dungen treffen, die stets so, aber auch ganz anders sein könnten. Denkt man
über Sozialdesign in diesem Sinne nach, wachsen uns weitreichende Mög-
lichkeitsräume aber auch Verantwortungen zu. Sozialdesign eröffnet Mög-
lichkeitsräume deshalb, weil wir neue Freiheitsgrade gewinnen. Sozialdesign
verweist auf Verantwortung deshalb, weil in der Realisierung dieser Frei-
heitsgrade stets eine Entscheidung im Zentrum steht, die auch anders hätte
ausfallen können und im Weiteren dazu führt, dass sämtliche Konsequenzen
dieser Entscheidungen auf die Entscheidung, die Entscheidungsträger und
den Entscheidungsprozess zurückgerechnet werden können und müssen. Und
das gilt für alle Bereiche des Lebens. Das gilt für die Politik ebenso wie für
die Wirtschaft. Das gilt für die Krankenpflege ebenso wie für die Kinder-
erziehung. Das gilt für Konfliktfähigkeit ebenso wie für Höflichkeitsformen.
78 Louis Klein

Sozialdesign hat eine paradigmatische Dimension insofern, als es ver-


standen werden kann als ein Set von Modellen, Methoden und Instrumenten,
das als Antwort auf die Unausweichlichkeit des sozialen Anderen formuliert
ist. Und hier treffen wir auf eine Besonderheit des Sozialdesigns in Abgren-
zung zum Social Engineering. Sozialdesign ist sich der Besonderheit des
Sozialen bewusst. Engineering steht wie so vieles in der Moderne für eine
positivistische Orientierung an den naturwissenschaftlichen Kriterien von
wahr und falsch. Soziale Systeme sind aber keine technischen Systeme und
folgen auch nicht der Vorhersehbarkeit naturwissenschaftlicher Gesetze. Das
Soziale ist besonders. Es ist durch eine Dynamik gekennzeichnet, die sich am
besten als ein Set von selbsterfüllenden und selbstzerstörenden Prophezeiun-
gen beschreiben lässt. Soziale Systeme erzeugen oder zerstören regelmäßig
das, was sie vorauszusetzen glauben. Ein schönes Beispiel dafür sind
McGregors Managementtheorien X und Y. Je nachdem, welche Grundan-
nahme über das Wesen des Menschen ich meinem Führungsstil zugrunde
lege, ich also davon ausgehe, dass Menschen entweder selbstmotiviert, flei-
ßig und eigenverantwortlich oder unmotiviert, träge und verantwortungslos
sind, leiten sich daraus unterschiedliche Modelle, Methoden und Instrumente
der Führung ab. Die Pointe liegt nun darin, dass je nachdem, welches Men-
schenbild ich dem zugrunde lege, das davon abgeleitete Sozialdesign, in
diesem Fall der abgeleitete Führungsstil oder das entsprechende Manage-
mentsystem, dazu führt, dass ich eben jene Grundannahme über den Men-
schen reproduziere, die ich eigentlich zum Ausgangspunkt gewählt habe.
Behandle ich einen Menschen als selbstmotiviert und eigenverantwortlich,
wird er in aller Regel auch ein solches Verhalten zutage fördern. Behandle
ich den Menschen hingegen als unmotiviert und verantwortungslos, werde
ich genau eben jenes Verhalten induzieren, vor dem mich mein kontroll-
orientiertes Managementsystem eigentlich schützen sollte.

IV. Der Wettbewerb der Paradigmen

Die Konsequenz dieses Nachdenkens über Sozialdesign ist wesentlich weit-


reichender als wir im Moment vermuten. Denn es erlaubt ein Nachdenken
über die Leistungsfähigkeit unterschiedlicher Sozialdesigns hinsichtlich der
Competitive Social Design - Die Soziale Frage der nächsten Gesellschaft 79

Herausforderung, auf die das jeweilige Sozialdesign eine Antwort sein möch-
te. Bleiben wir für einen Moment im Bereich der Führungsstile und Mana-
gementmethoden. Es zeigt sich, dass ein unterschiedliches Set an Modellen,
Methoden und Instrumenten, auf denen die jeweiligen Methodologien fußen,
unterschiedlich leistungsfähig sein kann. Es ließe sich an dieser Stelle über
so etwas wie Sozialdesignfolgenabschätzung nachdenken. Es wäre dies eine
Evaluation, die systematisch die Folgelastigkeit von Regelungssystemen,
Grundannahmen, Verfahren und Instrumenten überprüfte. Es ließe sich so-
dann Sozialdesign als ein grundsätzlich in Entwicklung befindliches Ver-
handlungsergebnis verstehen; ein Verhandlungsergebnis, das ist, wie es ist,
stets anders sein könnte und im Weiteren bemüht sein wollte, besser, leis-
tungsfähiger, gerechter oder funktionaler zu werden. Was es bedeutet, ein
solches Denken zu wagen, wird erschreckend klar, wenn man sich mit der
Selbstwahrnehmung entwickelter demokratischer Staatssysteme befasst, die
in aller Regel die Perspektive auf die eigene Entwicklung und die kontinuier-
liche Verbesserung ihrer Leistungsfähigkeit als Sozialdesign verloren zu
haben scheinen. Wir thematisieren regelmäßig Staatsbildung, scheiternde
Staaten und gescheiterte Staaten. Wir pflegen aber keinen Diskurs darüber,
inwiefern die eigenen sozialsystemischen Designs entwickelter Demokratien
in ihrer Leistungsfähigkeit weiterzuentwickeln sind.
Haben wir aber erst einmal den Blick für die Leistungsfähigkeit eines
Sozialdesigns an sich gewonnen, ist es nur noch ein kleiner Schritt zum Ver-
gleich unterschiedlicher Sozialdesigns. Damit ist einem Wettbewerbsgedan-
ken Tür und Tor geöffnet, der weit über das hinausreicht, was wir aus der
Moderne kennen. Es geht aber nicht nur um Konkurrenz. Es geht um die
unterschiedlichsten Spielarten des Nebeneinanders und Miteinanders. Es geht
um die Modi der Koexistenz. Die nächste Gesellschaft wird geprägt sein von
einer Ökologie der Paradigmen. Welche paradigmatischen Sets an Modellen,
Methoden und Instrumenten haben welche funktionalen Folgen und sind, wie
Stafford Beer es formulieren würde, viabel in Abgrenzung zu anderen para-
digmatischen Sets? Es ist dies eine Fragestellung, die sich nicht auf der
Grundlage einer naturwissenschaftlichen Theoriedebatte entscheiden ließe.
Es ist nicht eine Frage von wahr oder falsch, sondern es geht um funktional
oder nicht funktional, leistungsfähig oder nicht leistungsfähig. Es geht um
Viabilität, um Gangbarkeit, um Lebens- und Überlebensfähigkeit. Ökologie
80 Louis Klein

soll in diesem Zusammenhang bedeuten, dass wir es mit einer Vielheit unter-
schiedlicher paradigmatischer Ausrichtungen und einer Vielheit unterschied-
licher Sozialdesigns zu tun bekommen werden, die in einem ökologischen
Sinne koexistieren und darin die unterschiedlichsten Formen des Nebenei-
nanders und Miteinanders realisieren werden. Es wird Sozialdesigns geben,
die in Konkurrenz zueinander stehen. Es wird Sozialdesigns geben, die sich
wechselseitig befördern und nahezu symbiotische Beziehungen eingehen
werden. Es wird nicht das eine wahre politische System geben, sondern ein
ökologisches Nebeneinander unterschiedlicher politischer Systeme, die die
Vorteilhaftigkeit ihrer jeweiligen Sozialdesigns regelmäßig unter Beweis
stellen müssen – nach innen wie nach außen. So lässt sich denn an dieser
Stelle eine neue soziale Utopie formulieren, die die Viabilität sozialer De-
signs fokussiert. Das klingt neu – wir sind aber schon da. Zur Illustration
ließen sich Staaten wie Singapur, Dubai, aber auch China heranziehen, die
sozusagen in einem Vorstadium dieser Idee die Plastizität ihrer eigenen Ent-
wicklung in das Zentrum ihrer Aufmerksamkeit stellen und Wettbewerbsfä-
higkeit als Maßstab einführen. Das, was wir heute dort sehen, ist relativ kru-
de, da sich diese Überlegungen im Regelfall auf ökonomische Wettbewerbs-
fähigkeit reduzieren. Es sind aber Aktivitäten, die in ihrer Dynamik nicht zu
unterschätzen sind und die grundsätzlich veranschaulichen, dass ein erster
Schritt in diese Richtung bereits getan ist. Zur Lösung der Sozialen Frage der
nächsten Gesellschaft werden wir uns an Vokabeln wie Demokratieentwick-
lung, Rechtsstaatsentwicklung oder Marktwirtschaftsentwicklung gewöhnen
müssen. Wir werden in diesem Kontext eine Emanzipation der Sozialwissen-
schaften von den Kriterien der Naturwissenschaften erleben, auf deren
Grundlage es möglich sein wird, so etwas wie Sozialdesign- oder Sozialtech-
nologieführerschaft zu denken und zu konzipieren. Denn das wird die De-
markationslinie sein, entlang derer Gesellschaften, Sozialsysteme und Staa-
ten ihre Zukunftsfähigkeit verhandeln. Die Soziale Frage der nächsten Ge-
sellschaft ist die Frage nach der Wettbewerbsfähigkeit ihrer Sozialdesigns.
Inga Wellmann

Sozialstatik und Schnittstellengestaltung


Was sich in Krisenzeiten von den kreativen Ökonomien lernen lässt

Angesichts dramatischer Umwälzungen im Wirtschaftsgefüge und eines


damit verbundenen Verlusts an Vertrauen und Sicherheit auf vielen Ebenen
der Gesellschaft stellt sich nicht nur die soziale Frage neu. Vielmehr müssen
auf breiter Linie Fragen nach einem sinnvollen Umgang mit den aktuellen
krisenbedingten Strukturveränderungen gestellt werden. Es gilt, zukunftsfä-
hige Wege für die Stimulation von Wachstum und Innovation zu finden, die
zugleich soziale Teilhabe garantieren und dem Einzelnen die Chance auf
Freiheit und Selbstverwirklichung ermöglichen. Dass dies mit einer anderen
Haltung und auf einer anderen Grundlage geschehen muss als auf der eines
profitorientierten globalen Turbokapitalismus, lässt sich heute kaum noch
bezweifeln. Bei dieser dringend benötigten Neujustierung des Denkens und
Handelns wird es hilfreich sein, die Krise als Chance zu begreifen, sie kreativ
zu nutzen und dafür einen Blick in sich herausbildende Wachstumsbranchen
zu wagen. Denn in diesen zeichnen sich – wie im Folgenden beschrieben
werden soll – mögliche Wege einer ausgewogenen Integration von Indivi-
dualismus und Gemeinwohl ab.

Krise schafft Gelegenheiten

Im Chinesischen bedeutet das Radikal für Krise („kiki“) gleichermaßen Ge-


fahr und Gelegenheit. Die Dimension der Chance, die der Umgang mit dem
Ungewissen und damit Gefährlichen bietet, ist hier bereits zu einer begriffli-
chen Einheit zusammengeführt. Eben diese Dualität ist auch den wissensba-
sierten kreativen Ökonomien eingeschrieben: Sie sind per se von Komplexi-
tät und Unschärfe, ständigem Wandel und unsicheren bis prekären Verhält-
nissen gekennzeichnet und entwickeln daraus eigene Organisations- und
82 Inga Wellmann

Steuerungspraktiken. Gerade vor dem Hintergrund gegenwärtiger massiver


Transformationen in vielen Bereichen der Gesellschaft und dem Infragestel-
len bisheriger (Un)Ordnungen wird den kreativen Ökonomien und ihren
Akteuren, die im Umgang mit Krise und Veränderung einen Erfahrungsvor-
sprung haben, eine besondere Vorreiterrolle zuteil.

Kreative Ökonomien haben Zukunft

Als kreative Ökonomien gelten hierbei in erster Linie all jene privatwirt-
schaftlich organisierten Betriebe und Einzelakteure, deren unternehmerisches
Ziel die Produktion, Vermittlung und Verwertung kultureller Leistungen ist.
Nach gängiger Definition gehören dazu der Kunstmarkt, die Designwirt-
schaft und Architekturbüros, der Buch- und Pressemarkt, die Film- und Mu-
sikwirtschaft, die darstellenden und unterhaltenden Künste sowie die Wer-
bung und Software/Game-Industrien. Ihre Bedeutung als Wachstumsbranche
wurde in Deutschland nicht zuletzt durch die „Initiative Kultur- und Krea-
tivwirtschaft der Bundesregierung“ auch politisch hervorgehoben. Weltweit
treiben die Potenziale einer Verbindung von Kreativität und Wirtschaftlich-
keit Stadtentwickler und Metropolenforscher ebenso um wie Regionalöko-
nomen, Kulturwissenschaftler, Soziologen, Politik und öffentliche Verwal-
tung.

Netzwerkgesellschaft fußt auf kollektiver Kreativität

Aber das Feld kreativen Denken und Handelns erschöpft sich nicht an den
Rändern einiger definierter kultureller Teilbranchen. Vielmehr prägt die
wirtschaftliche Anwendung der Ressource Kreativität entscheidend den
Übergang vom Industriekapitalismus hin zu einer wissensbasierten Netz-
werkgesellschaft. Charles Leadbeater postuliert in seinem 2008 erschienenen
und im Open Source-Verfahren geschriebenen Buch „WE THINK. Mass
innovation, not mass production“ den Beginn einer neuen Wirtschafts- und
Gesellschaftsordnung, die auf kollektiver und kollaborativer Kreativität be-
ruht. Der experimentelle Charakter und der situationsorientierte Umgang mit
Sozialstatik und Schnittstellengestaltung 83

(Nicht)Wissen kennzeichnet diese fragmentierte Gesellschaftsordnung. Nach


kompositorischen Prinzipien werden in den Transformations- und Teilhabe-
kulturen der heutigen Netzwerkgesellschaft Ideen und Wissen verbreitet, neu
zusammengestellt, weiterverwertet und wieder verbreitet. Es sind Techniken
des Samplings, der Bricolage und des Cultural Hacking (Liebl/Düllo 2005),
die sich die einzelnen Akteure aneignen, um der Komplexität heutiger Ar-
beitszusammenhänge Sinn und Mehrwert abzugewinnen.

Soziales Kapital ist krisenresistent

Es deutet sich an, dass die kleinteiligen, netzwerkorientierten und kapitalde-


ckenden Strukturen der kreativen Wissensökonomie deutlich robuster und
damit krisenresistenter sind, als es die monolithischen, starren, hierarchisch
organisierten Strukturen des Industriezeitalters oder die auf Spekulation und
Gewinnmehrung begründeten Systeme des globalen Turbokapitalismus zu
sein vermögen. Und auch soziales Kapital und kreative Ideen, welche die
maßgebliche Ressource der kreativen Ökonomien darstellen, werden nur
unwesentlich durch den Zusammenbruch der Finanzmärkte und globalisie-
rungsbedingter Auslagerungen von Massenproduktion in Billiglohnländer
beeinträchtigt, eher noch deuten sich hier sogar hohe Potenziale im Sinne
eines nachhaltigen, sozialen Wirtschaftens an.

Hybride Akteure basteln Patchworkökonomien

Die globalisierten kreativen Ökonomien sind gekennzeichnet von einer


Open-Source-inspirierten Selbststeuerung und haben damit wenig mit den
zentralistischen, hierarchischen Steuerungslogiken des Industriezeitalters
gemein. Eine hohe Schnittstellenkompetenz gehört zur Grundvoraussetzung,
um mitwirken zu können, und damit auch die Fähigkeit zur Improvisation,
Kooperation und ständiger Reorganisation. Die Akteure dieser meist kleintei-
ligen, Patchwork-ähnlichen Nischenökonomien entwickeln zunehmend hyb-
ride Tätigkeitsprofile, um sich in dynamischen, projektbasierten und netz-
werkorientierten Arbeitszusammenhängen flexibel zu verorten und zugleich
84 Inga Wellmann

Differenz herzustellen. Sie bewegen sich in einem ständigen Wechselspiel


aus Gefahr (Risiko der Prekarität) und Chance (Autonomiegewinn) und fin-
den individuelle, situationsorientierte Lösungen für den Umgang mit Unge-
wissheit und Wandel.

Kooperation löst Repräsentation ab

Neue Formen der Vergemeinschaftung entstehen, die auf die sozio-techno-


logischen Implikationen einer Netzwerkgesellschaft zu reagieren wissen –
einer Gesellschaft, die stärker von der Repräsentation auf Kooperation um-
stellen und von den Grundwerten der Wikinomics (Tapscott/Williams 2007)
zusammengehalten werden wird: Peering, eine neue Offenheit, eine Kultur
des Teilens sowie global verantwortliches Handeln. Auffällig in diesem Kon-
text ist das Wiedererstarken alter, teilweise vorindustrieller Organisations-
formen. Bereits die Idee der Creative Commons fußt auf der Idee der All-
mende als alter Rechtsform gemeinschaftlichen Eigentums. Wo früher inner-
halb einer im Besitztum der Dorfgemeinschaft stehenden Gemarkung die
Kühe weideten, werden heute – begleitet von einem stufenförmig aufgebau-
ten, vom Urheber selbst auf seine Werke applizierbaren Lizenzsystem – kul-
turelle bzw. intellektuelle Ressourcen der Allgemeinheit zur Verfügung ge-
stellt.

Alte Organisationsformen erscheinen in neuem Gewand

Auch alte Prinzipien der Gilde werden heutzutage neu interpretiert und an
die Logik multikultureller, transdisziplinärer Zusammenhänge angepasst. Der
Schutz und die Förderung gemeinsamer Interessen, der im Mittelalter zur
Gründung von Gilden geführt hat, stehen beispielsweise auch bei der Ams-
terdamer Mediagilde im Vordergrund. Hier lautet das gemeinsame Interesse,
eine maximale Realisierung des Innovationspotenzials zu erreichen, das in
den modernen Informations- und Kommunikationstechnologien sowie in den
medienorientierten kreativen Ökonomien liegt. Direktes Lernen von einem
Experten (Meister) und das Arbeiten in kleinen Gruppen in optimalem Um-
Sozialstatik und Schnittstellengestaltung 85

feld soll den praxisorientierten Austausch von Erfahrung und Wissen ermög-
lichen. Die Institution funktioniert in der Logik sozio-technologischer Netz-
werke und positioniert sich als Innovationsplattform und „kreatives Ökosys-
tem“ an den Schnittstellen zwischen Ausbildung und Markt, zwischen Wis-
senschaft und Wirtschaft, zwischen öffentlichem und privatem Sektor.

Soziale Innovation findet Gemeinschaft

Ein weiteres Gemeinschaftsmodell, das heute gerade im kreativen Bereich


wieder an Zuspruch gewinnt, ist die Genossenschaft. So bietet die Berliner
self eG (Social Entrepreneurship & Leadership Foundation) ihren Mitglie-
dern einerseits eine rechtliche Selbständigkeit, andrerseits auch die Vorteile
eines großen Unternehmens, wie etwa Kostenvorteile, Interessenvertretung
und eine erhöhte Sichtbarkeit nach außen. Das Ermöglichen sozialer Innova-
tion, das der Institution als wichtigste Zielsetzung eingeschrieben ist, unter-
streicht einmal mehr die Abkehr von rein finanziell gewinnorientierten Mo-
dellen des Wirtschaftens hin zu einer Ökonomie, die ihre Wertschöpfung aus
einer nachhaltigen Maximierung gesellschaftlichen Nutzens zieht. Gleichzei-
tig hat sich die Genossenschaft über die Einrichtung des Co-Working-Space
selfHUB, der das Beste von Gründerzentrum, Bibliothek, Café und Büro-
lounge vereinen soll, an ein weltweites Netz von HUBs als Zentren gesell-
schaftlicher Innovation in London, Brüssel, Rotterdam, Johannesburg, Mum-
bai und Sao Paulo angeschlossen.

Neue (Arbeits-)Räume bauen auf Sozialstatik

Gerade die Idee dieser Co-Working-Spaces markiert einen Wandel in der


Kultur des Arbeitens. Neue soziale, sich selbst organisierende Räume entste-
hen, die sich sowohl an realen Orten als auch virtuell manifestieren. Als Phä-
nomen entwickelt sich Co-working seit einigen Jahren vor allem in den
USA, wo erste Pioniere dieser Bewegung die Open-Source-Logik auch auf
andere Bereiche ausweiten wollten. Nicht nur Softwareprogramme und Ideen
sollten mit einer Community geteilt und dadurch öffentlich zugänglich wer-
86 Inga Wellmann

den, sondern auch Arbeitsorte. Inzwischen finden sich entsprechende Co-


working-Spaces, in denen Arbeitsinfrastrukturen je nach Bedarf spontan
genutzt werden können und über eine digitale Plattform koordiniert werden,
in unterschiedlichsten Ausprägungen über den gesamten Globus verteilt. Sie
sind einerseits eine kostengünstige Lösung für viele unabhängige Mikroun-
ternehmer sowie zunehmend auch Personen in Angestelltenverhältnissen, die
einen physischen Ort zum Arbeiten suchen. Vor allem aber bieten solche
Räume eine Anbindung an eine Gemeinschaft anderer unabhängiger Akteure
mit unterschiedlichsten Kompetenzen, die sodann informell sowohl das pri-
vate als auch das berufliche Netzwerk bereichern. Der Gemeinschaftsgedan-
ke steht im Vordergrund und bedarf einer komplexen Sozialstatik, die syner-
getische Begegnungen befördert. Auch im Hinblick auf die Zwischennutzung
leer stehender innerstädtischer Räumlichkeiten oder Industriebrachen bietet
dieses Modell flexibler Arbeitsorte die Gelegenheit, Folgen einer Krise inno-
vativ abzuwiegeln und neuen Ökonomien einen Entfaltungsspielraum zu
bieten.

Schwarmkulturen bieten Teilhabe und Autonomie

Die Kulturen dieser neuen Arbeits- und Lebensformen – ob nun im Gewand


vorindustrieller Organisationsstrukturen oder als informelle Netzwerke –
sind Kulturen sozialer Teilhabe. Sie lösen Unterschiede wie Herkunft, Klas-
senzugehörigkeit oder Beschäftigungsstatus auf und bemessen sich an der
Fähigkeit und Bereitschaft des Einzelnen, sich mit seinen kreativen und so-
zialen Ressourcen in eine Gemeinschaft einzubringen. Damit basiert die
kreative Netzwerkgesellschaft in weiten Teilen auf einer Ökonomie der
Kontribution und Reputation. Formen der Wertschöpfung, die aus der sozia-
len Sphäre resultieren, werden hervorgebracht und in komplexen, arbeitstei-
ligen Gemeinschaftsprozessen weiterentwickelt. Open Source als Organisati-
onsprinzip ermöglicht eine Schwarmintelligenz, in der Solidarität und Wett-
bewerb Hand in Hand gehen. Schwarm und Multitude sind in diesem Kon-
text Begriffe einer Beschreibung neuer Vergemeinschaftungsformen bei
gleichzeitigem Erhalt der individuellen Autonomie.
Sozialstatik und Schnittstellengestaltung 87

Situative Schnittstellengestaltung wird zur Schlüsselkompetenz

Diese vernetzten, kleinteiligen und hochdynamischen Formen kreativer Ar-


beit und sozialen Unternehmertums bedingen eine hohe Schnittstellenkompe-
tenz. Akteure der kreativen Ökonomien müssen sich auf wechselnde Kontex-
te einstellen und in der Lage sein, unterschiedlichste Handlungsanforderun-
gen, Disziplinen, Geschwindigkeiten und Kompetenzen in eine bewegliche
Balance zu bringen. Als Schnittstellenakteure und Sozialstatiker sind sie in
der Lage, sowohl explizites als auch implizites Wissen in Bezug setzen zu
können und einen von Unterschieden und Unwägbarkeiten geprägten Kon-
text als positive Herausforderung zu sehen. Schnittstellengestaltung wird so
zu einer Form von Emergency Design (Blechinger/Milev 2008), einer Me-
thode der situativen Raum- und Kulturproduktion, die auf dem Modell der
Krise als Umschlagpunkt und Neukonfiguration dynamischer Realität ba-
siert. Schnittstellenakteure besitzen gerade im Ausnahmezustand Handlungs-
fähigkeit und werden dadurch zu Gestaltern im komplexen Arbeitsfeld der
Krise.

Fazit

Es wird sich für viele Handlungsfelder lohnen, einige Phänomene in den


globalisierten kreativen Ökonomien genauer in den Blick zu nehmen. Denn
in den sich herausbildenden, auf Wissen, Kreativität und sozialem Kapital
basierenden Gemeinschaftsformen findet sich eine Vielzahl von Ansätzen für
den innovativen Umgang mit Krise und Komplexität. Hier lassen sich neue
Formen der (Selbst)Organisation und Steuerung identifizieren, die an der
Schwelle vom Industriekapitalismus zur Netzwerkgesellschaft auch für etab-
lierte und derzeit vor großen Herausforderungen stehende Wirtschaftsberei-
che von hoher Relevanz sein können. Diese Formen neuer Arbeit und Ver-
gemeinschaftung deuten darauf hin, dass weltweit immer mehr Menschen
ihrem Anspruch auf kreative Selbstverwirklichung, sinnstiftender Arbeit und
inhaltlicher wie zeiträumlicher Autonomie gerecht werden wollen, ohne
dabei gleichzeitig auf den Mehrwert und die Sicherheit eines sozialen wie
professionellen Umfeldes zu verzichten. Situationsorientierte Schnittstellen-
88 Inga Wellmann

gestaltung gerät zur Schlüsselkompetenz einer Generation, die den Menschen


und seine relationalen wie kreativen Fähigkeiten in den Mittelpunkt stellt.
Eine von allen Mitgliedern gleichermaßen verantwortete komplexe So-
zialstatik, in der Individualismus und Gemeinwohl Hand in Hand gehen, ist
Ausdruck des Sozialsinns der nächsten Gesellschaft.

Literatur:

Blechinger, Gerhard/Milev, Yana (Hrsg) (2008): Emergency Design. Designstrategien im


Arbeitsfeld der Krise, Wien: Springer
Bullen, Andrew/Szita, Jane (2007): Redefining the Guild. In: Brickwood, Cathy/Ferran,
Bronac/Garcia, David/Putnam, Tim (eds): (Un)Common Ground - Creative Encoun-
ters across Sectors and Disciplines, Amsterdam: Bis Publishers, S. 62-67
Friebe, Holm/Lobo, Sascha (2006): Wir nennen es Arbeit oder: Intelligentes Leben jen-
seits der Festanstellung, München: Heyne
Friebe, Holm/Ramge, Thomas (2008): Marke Eigenbau: der Aufstand der Massen gegen
die Massenproduktion, Frankfurt/Main {[u.a.]: Campus-Verlag
Leadbeater, Charles (2008): WE THINK. Mass innovation, not mass production, London:
Profile Books
Liebl, Franz/Düllo, Thomas (2005): Cultural Hacking: Die Kunst des Strategischen Han-
delns, Wien: Springer
Lotter, Wolf (2009): Die kreative Revolution. Was kommt nach dem Industriekapitalis-
mus? Hamburg: Murmann Verlag
Priddat, Birger P. (2009): Politische Ökonomie. Neue Schnittstellendynamik zwischen
Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, Wiesbaden: VS Verlag
Rossiter, Ned (2006): Organized Networks. Media Theory, Creative Labour, New Institu-
tions, Rotterdam: NAi Publishers
Tapscott, Don/Williams, Anthony D. (2007, orig. 2006): Wikinomics. Die Revolution im
Netz, München: Hanser (orig. 2006)
Virno, Paolo (2005): Grammatik der Multitude. Untersuchungen zu gegenwärtigen Le-
bensformen, Berlin: ID Verlag

Dieser Essay beruht in Teilen auf dem Beitrag „Schnittstellenkulturen - Hybride Akteure, Patchwor-
kökonomien, intermediäre Institutionen“ von Inga Wellmann, erschienen in: Bastian Lange, Ares
Kalandides, Birgit Stöber, Inga Wellmann (Hg.): Governance der Kreativwirtschaft. Diagnosen und
Handlungsoptionen, Transcript Verlag, April 2009, ISBN 978-3-89942-996-1 (Reihe Urban Studies)
These III: Das ethische Fundament
Franz Joseph Baur

Minimum Morale: Achtung vor dem Leben

Wir kannten ihn als den Papst der Weltjugendtage. Wir verstanden uns mit
ihm wie mit einem Großvater. Er vertraute uns, den Jugendlichen. Er vertrau-
te uns die Zukunft an mit dem Wort: „Seid Baumeister einer Zivilisation der
Liebe!“ Und als er starb, wussten wir: Er hat es richtig gemacht im Leben.
Und mit dem Sterben. Johannes Paul II. Auch ich war dann dabei, in Rom,
als es galt, ihm die letzte Ehre zu erweisen.
Warum diese Szene, das Sterben Johannes Pauls II. als Tympanon über
dem Tor, durch das die Generation der 30-Jährigen sich anschickt, die politi-
sche Arena zu betreten? Die Szene erschließt zwei Gesichtspunkte, mit de-
nen künftig zu rechnen ist. Erstens glauben wir Nachkommenden nicht mehr
an den Mythos von der unendlichen Steigerung der Verhältnisse, der Opti-
mierung des Fortschritts, der Machbarkeit des Wohlstands für alle. Unter
dem Primat einer solchen Mentalität hätte ein todkranker Mann abtreten und
seinen Platz frei machen müssen für einen, der die Steuerung des kirchlichen
Apparats zu leisten imstande wäre. Wie richtig, dass Johannes Paul II. das
nicht getan hat! Er hat sich als Individuum gegen die Zwänge von Funkti-
onsprozessen und Systemoptimierungsstrategien behauptet. Und zweitens
steht auf der Agenda des neuen Generationenvertrags ganz obenan die Ach-
tung vor dem Leben, gerade auch vor der Würde des bedrohten und sterben-
den Lebens, die Zivilisation der Liebe. Papst Johannes Paul II. ist in seinen
letzten Jahren und Tagen dafür zur Ikone geworden.
Der Mythos von der unendlichen Steigerung der Verhältnisse hat abge-
dankt. Was heißt das? Die Älteren konnten noch an die moderne Erfolgsge-
schichte glauben, dass sich durch den Fortschritt alles bessern und letztlich
zum Guten fügen wird. Sie haben die Euphorie der deutschen Einheit miter-
lebt. Das westliche System hat mit dem Versprechen, in Freiheit den Wohl-
stand für alle herbeizuführen, triumphiert. Diese historische Bestätigung hat
sich tief in ihre Mentalität eingegraben. Alles, was danach an Schwierigkei-
92 Franz Joseph Baur

ten kam, glaubten sie durch Reformen bewältigen zu können. Weiteres oder
neues Wachstum würde alles wieder ins Lot bringen. Die Vision, Wohlstand
in Freiheit für alle sei machbar, blieb gültig. Dazu kommt, dass die Älteren
auch persönlich inzwischen etabliert und arriviert sind. Die nachkommende
Generation glaubt jedoch nicht mehr an die lineare, allenfalls durch Krisen
zwischenzeitlich mit Wachstumsdellen versehene Steigerungskurve. Sie
kann die aktuellen Krisen nicht mehr als Komplikationen im unendlichen
Prozess des Fortschritts deuten, sondern sieht darin Anzeichen einer echten
Fragilität der Verhältnisse, einer Prekarität der Situation insgesamt. Denn
nicht nur das Prekariat droht den Anschluss zu verlieren. Fraglich ist, ob der
Zug überhaupt sein Ziel erreicht.

Richtiges Leben im Falschen

Die sozialen Systeme sind strukturell überfordert, die Grenzen werden


überall spürbar. Der Verkehr will mir die individuelle Mobilität ermöglichen.
Aber ich stehe im Stau, zahle City-Maut und eine Parkgebühr, falls ich sie
mir leisten kann. Die Justiz verspricht mir Gerechtigkeit. Aber der Paragra-
phendschungel und die Nachrichten, die von jenseits des Dschungels, vom
Ausgang der Verfahren, zu mir dringen, wecken nicht gerade Vertrauen. Das
Gesundheitswesen will mir medizinische Versorgung im Krankheitsfall zur
Verfügung stellen. Aber es hat mittlerweile Legionen von Pflegebedürftigen
hervorgebracht, die jetzt das Geld kosten, das ich später einmal für medizini-
sche Leistungen an mir bräuchte. Die Schule will aufs Leben vorbereiten.
Aber sie hat sich offenbar übernommen unter dem vielfachen Erwartungs-
druck, Chancengleichheit herzustellen, den Standards der Leistungs- und
Wettbewerbsgesellschaft Rechnung zu tragen und echter Lebensort zu sein.
Der Sport will die gesunde Vitalität der „anima sana in corpore sano“ kulti-
vieren. Aber der Hochleistungssport zieht eine Verwüstungsspur von kaput-
ten Körpern und nicht minder kaputter Mentalität nach sich. Die Medien
wollen mir die Partizipation am gesellschaftlichen Diskurs eröffnen. Aber es
gibt fast nichts mehr, was alle angeht. Jeder besorgt sich seine eigene Mi-
schung aus Information, Diskurs und Unterhaltung. Militär, Polizei und Ver-
sicherungswesen wollen mir Sicherheit garantieren. Aber inzwischen sind
Minimum Morale: Achtung vor dem Leben 93

ganz andere Lebensrisiken auf den Plan getreten, die mir Angst machen und
über den Kopf wachsen: Wie komme ich an? Wie halte ich den Anforderun-
gen stand?
Angesichts dieser Realität zeichnet sich eine mentale Wasserscheide ab.
Sie besteht darin, dass der Glaube an die unendliche Verbesserung und Stei-
gerung der Verhältnisse hüben ungebrochen bleibt, aber drüben verloren ist.
Für die Älteren ist es absehbar, dass sie persönlich einigermaßen gut durch
die Krisen hindurch kommen und sich behaupten. So ist die Beherrschbarkeit
der Krise für sie plausibel. Für die Jüngeren ist dieser Glaube nicht mehr
tragfähig. Die Verhältnisse sind grundsätzlich „beschädigt“. Als Adorno
seine „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ anstellte, hatte er die mate-
rielle und geistige Ruinenlandschaft des Zweiten Weltkriegs vor Augen.
Heute ist das anders. Wir sind umgeben von den Palästen der Wohlstandsge-
sellschaft. Und doch ist die Situation vergleichbar. Denn inzwischen ist die
grundsätzliche Beschädigung im Untergrund zu Tage getreten, eine hoff-
nungslos überlastete Infrastruktur. Vermutlich ist die Grundeinstellung der
Machbarkeit falsch und das politische Versprechen, es würde für alle immer
besser, unglaubwürdig. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, hatte
Adorno geschrieben. So konsequent würden wir heute nicht schließen. Wir
haben vorläufig zwei Optionen, die wir beide gleichzeitig angehen: Mangels
anderer Vorbilder spielen wir mit und lassen uns auf den Glauben der Älte-
ren ein, aber unter Vorbehalten und Einschränkungen, spielerisch, risikobe-
wusst, ausstiegsbereit. Gleichzeitig beginnt nebenher die eigenständige Su-
che nach dem Tragfähigen inmitten all des Brüchigen. Wir haben die Hoff-
nung, dass es doch ein „richtiges Leben“ inmitten all des Falschen gibt. Wir
haben wenigstens ein Beispiel dafür: Johannes Paul II., gerade als leidender,
sterbender, todgeweihter, gottbefohlener Mensch.
Die ehrliche und hoffnungsvolle Frage der jüngeren Generation nach
dem richtigen Leben hat drei Konnotationen, die sie charakterisieren. Sie ist
ethisch, insofern eine wirkliche Bereitschaft da ist, sich ein verbindliches
Maß für sein Handeln zu nehmen und sich an Werten zu orientieren. Sie
geschieht selbstverständlich im Kontext des Pluralismus. Und sie ist authen-
tisch religiös, insofern ein Bezug zur Transzendenz hier ausdrücklich zuge-
lassen ist.
94 Franz Joseph Baur

Transzendenzoffen – pluralismussensibel – ethikproduktiv

Im Neuen Testament lautet die Frage, an Jesus gerichtet, so: „Meister, was
muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ (Mt 19,16). Die
Frage hat einen Adressaten. Die Transzendenz geht einem nur an der konkre-
ten Begegnung mit einer religiösen Instanz ausdrücklich auf. Tatsächlich
wächst die Religiosität. Sie spielt zunehmend wieder eine gesellschaftliche
Rolle. Mit neuer Unbekümmertheit schätzen die 30-Jährigen das Vorhanden-
sein des Christentums. Sie nützen die Institutionen, z. B. um ihre Kinder
taufen zu lassen. Sie freuen sich am kulturellen Schatz der Kirche und wün-
schen sich kirchliches Leben vor Ort, auch ohne selbst dazu beizutragen.
Weit entfernt von den Reformforderungen der Älteren, die auch die Kirche
einbeziehen wollten in den unendlichen Prozess der Weiterentwicklung der
Verhältnisse, akzeptieren die Jüngeren ganz pragmatisch und unbefangen die
Besonderheiten der Tradition, ja goutieren sogar in manchen Punkten das
Widerständige und Zeitenthobene daran: „Wenn schon, dann beim Gottes-
mann,“ raunte mir eine Freundin zu, als sie mit mir einmal zum Sonntagsgot-
tesdienst ging und die Kommunion dann nicht bei der Kommunionausteilerin
(eine Frau, ein Laie in sakraler Funktion – eigentlich eine moderne Errun-
genschaft!), sondern beim Benediktinerpater empfangen wollte. Gewiss wird
Religion erst dann tragfähig, wenn sich der Glaube auch reflexiv und kultur-
prägend ins Leben einschreibt. Aber immerhin, der Boden ist bereitet, und
Saatgut ist reichlich da im alten Schuppen der Kirche.
Es sind viele alte und neue spirituelle Angebote da. Der Pluralismus der
institutionellen und freien Vermittlung von Religion ist selbstverständlich.
Aber der offene Bezug zur Transzendenz ist ehrlich. Ein explizierter Gottes-
bezug in der europäischen Verfassung wäre dafür der angemessene und sinn-
volle Ausdruck. Gerade der Bezug zum Unverfügbaren, Absoluten relativiert
alles Irdisch-Institutionelle und schafft die Plattform für ein unbefangenes,
ehrlich neugieriges Kennenlernen des anderen und seiner Weise, nach dem
rechten Leben zu fragen. Hier wird uns einiges an Begegnung, Veränderung,
Konflikt und neuer Gestaltung blühen. Dabei werden Toleranz und Respekt
nicht ausreichen. Es wird Austausch und Abgrenzung, Verstehen und Miss-
verständnisse, Übernahme und Ablehnung geben, jedenfalls einen lebhaften
Verkehr. Wohin das führt, ist noch nicht absehbar. Die Politik sollte diesen
Minimum Morale: Achtung vor dem Leben 95

Prozess positiv begleiten und nicht zurückzudrängen versuchen, etwa indem


sie Stück für Stück Boden erobert und als angeblich neutrales, staatshoheitli-
ches Terrain ausweist, z. B. staatliche Lebenskunde anstelle des Religionsun-
terrichts.
Die Frage nach dem „richtigen Leben“ zu stellen, macht den Fragenden
zu einem authentisch ethischen Menschen, frei und flexibel, selbstbestimmt,
aber vor allem bereit, sich in die Pflicht nehmen zu lassen. Der einzelne ethi-
sche Mensch ist die entscheidende Ressource für die Gesellschaft. Er ist
durch keine politische Kultur oder Struktur zu ersetzen. Er ist durch kein
Anreizsystem zu formen, sondern allein durch eine Bildungsbemühung, die
ihn auf jeder pädagogischen Stufe bereits voraussetzt.

Zivilisation der Liebe

„Was muss ich tun, um das Leben zu gewinnen?“ Nach den eher formalen
Konnotationen wage ich nun auch eine erste inhaltliche Antwort. Das „mi-
nimum morale“ der künftigen Gesellschaft wird die unbedingte Achtung vor
dem Leben sein bzw. umgekehrt das Tabu des Tötens. Die Richtungsent-
scheidung der kommenden Jahre steht zwischen einer „Zivilisation der Lie-
be“ und einer „Zivilisation des Todes“ (Johannes Paul II.) an. An oberster
Stelle der ethischen Agenda stehen deshalb die Fragen des Lebensschutzes.
Der Druck auf die Dämme ist gestiegen. Der Druck kommt aber von einem
außergewöhnlichen Hochwasser, von jener Illusion der unendlichen Steige-
rung der Verhältnisse. An den Rändern des Lebens, bei Geburt und Tod,
zeigt sich, dass eine weitere Steigerung des Fortschritts von Freiheit und
Wohlergehen aller nicht mehr möglich ist, allenfalls mit immensen Kosten.
Die schlagen auf den allgemeinen Fortschritt zurück, so dass eine echte Be-
grenztheit sichtbar wird. Um die Ideologie aufrecht zu erhalten, dass es für
alle immer besser wird, muss man die Grenzen, wer „alle“ sind, enger zie-
hen. Für die Ungeborenen und die in ihrer Lebensqualität eingeschränkten
Alten wird es dann schwer, ihren Platz unter den Lebenden zu behaupten.
Wir werden unser Bestes geben, damit die Dämme halten, bis das Hochwas-
ser wieder sinkt, bis also die Illusion davon, dass es für alle immer besser
wird, endgültig verflogen ist und an deren Stelle die Achtung vor dem Leben
96 Franz Joseph Baur

in seiner konkreten und unantastbaren Würde wieder gedeihen kann. Die


Würde des menschlichen Lebens von der Zeugung bis an sein natürliches
Ende ist das A und O der Frage nach dem richtigen Leben.
Die ethische Verantwortung gegenüber dem Nächsten ist nicht delegier-
bar an eine Allgemeinheit, die für humane Verhältnisse im Allgemeinen
sorgen soll. Und die Verletzung des Tötungstabus, der ethische Dammbruch,
ist nicht zu rechtfertigen durch die Steigerung der Verhältnisse im Allgemei-
nen, durch einen Fortschritt in der Medizin, durch eine künftig gesündere
Menschheit mit besseren Heilungschancen für die Einzelnen. Über den Ein-
zelnen, gegenüber dem ich Verantwortung habe, dessen Leben ich zu respek-
tieren habe, darf ich mich nicht hinwegsetzen, um keines noch so löblichen
Zieles willen. Damit steht oder fällt der ethische, der verantwortungsbereite
Mensch. So sind es denn auch in anderen Zusammenhängen immer die ein-
zelnen Persönlichkeiten, auf die es ankommt: auf Entscheidungsträger mit
Verantwortungsbewusstsein in ihrem Sektor und mit einer ehrlichen Bereit-
schaft zu verbindlichen Maßstäben und zur ethischen Norm. Es genügt nicht
der Experte, der die richtigen Steuerungsmaßnahmen entwickelt, um die
sozialen Systeme wieder funktionsfähig und zur weiteren Steigerung des
Wohlstands tauglich zu machen. Es bedarf der ethischen Persönlichkeit, die
sich ernsthaft und geduldig und im vielfältigen Kontakt mit den Ressourcen
der Bildungstradition und mit erfahrenen, abgeklärten, weisen Ratgebern
darum bemüht, das eigene Handeln zu überprüfen und auf das Gute hin zu
orientieren.
Auf Ethik, auf den guten Willen Einzelner angewiesen zu sein, empfin-
de ich nicht als problematisch. Die Menschen sind anständiger, als man es
ihnen zutraut. Man pflegt zu denken (und bisweilen sogar zu argumentieren),
dass der Nachbar, falls ich ihm nicht zuvorkomme, mich übervorteilen würde
und dass jeder andere, der in meiner Situation wäre, die Gelegenheit zur
ungerechten Vorteilsnahme nicht ausschlagen würde. Zwar sind solche Un-
terstellungen völlig aus der Luft gegriffen, aber sie haben leider ihre Verfüh-
rungskraft. Bei näherem Hinsehen oder bei freimütigem Nachfragen lösen sie
sich meistens in Luft auf. Das Zutrauen zum ethischen Potenzial teile ich mit
Papst Johannes Paul II., der die junge Generation wiederholt angesprochen
hat als „Baumeister einer Zivilisation der Liebe“. Und dieses Zutrauen stütze
ich auf eine ganze Menge von Bekanntschaften und Verbindungen um mich
Minimum Morale: Achtung vor dem Leben 97

herum, schlicht meine Vernetzung in der Generation der Leute um die vier-
zig. Aber noch ist der ethische Standpunkt nicht gewonnen. Es sind noch
Strukturen und Kräfte einer „Zivilisation des Todes“ am Werk. Es ist nicht
nur das Gute zu tun, sondern auch das Böse zu lassen! Es wird um jeden
Einzelnen gehen. Wer einen einzigen Menschen rettet, der rettet die Mensch-
heit. Und wer einen einzigen kleinen Tagedieb, Schnäppchenjäger, Steuer-
flüchtling, Verkehrssünder, Sprücheklopfer, oder auch nur den kleinen Streit-
hansl im Kindergarten im guten Sinn Mores lehrt (zum Beispiel sich selbst),
hat das ethische Fundament der künftigen Gesellschaft gelegt.
Oliver Marc Hartwich

Im Zweifel für die Freiheit

Für deutsche Juristen war der Fall immer schon eindeutig. Rechte haben
können nur Menschen, genauer gesprochen: bereits geborene, lebende Men-
schen. Das Bürgerliche Gesetzbuch stellt genau dies gleich in Paragraph 1
fest: „Die Rechtsfähigkeit des Menschen beginnt mit der Vollendung der
Geburt.” Auch der Endpunkt dieser Rechtsfähigkeit ist klar bestimmt, indem
nämlich Paragraph 1922 BGB den Übergang des Vermögens auf einen oder
mehrere Erben im Todesfall regelt.
Zwischen Paragraph 1 und Paragraph 1922 liegt das gesamte Leben, in
dem der Mensch Kaufverträge schließen, ein Arbeitsverhältnis eingehen oder
auch heiraten kann. Mit anderen Worten: Zwischen Geburt und Tod kann er
Rechte ausüben und Verpflichtungen eingehen. Eigentlich ist das keine be-
sonders bahnbrechende Erkenntnis, aber deutsche Juristen mögen es eben
gerne präzise. Man denke nur an die berühmte Vorschrift aus dem Bundes-
reisekostengesetz von 1973: „Stirbt ein Bediensteter während einer Dienst-
reise, so ist damit die Dienstreise beendet.”
Doch man muss kein Jurist sein, um den Sinn dieses klar umgrenzten
Begriffs der Rechtsfähigkeit, also der Fähigkeit, selbstständig Träger von
Rechten und Pflichten zu sein, zu verstehen. Wer noch nicht geboren ist oder
bereits verstorben ist, kann keinerlei Verpflichtungen eingehen. Er kann
keine Forderungen erheben; er kann keine Willenserklärungen abgeben; er
kann keine vertraglichen Bindungen eingehen. Wer hingegen lebt, der kann
und darf all dies tun.
Es ist diese Privatautonomie, in der sich die Würde des Menschen spie-
gelt, die durch das Grundgesetz besonders geschützt ist. Man könnte auch
sagen, dass Rechtsfähigkeit und Privatautonomie gerade aus dieser Men-
schenwürde erwachsen. Denn nichts wäre des Menschen unwürdiger, als
nicht selbstbestimmt seine Angelegenheiten wahrnehmen zu können. Rechts-
Im Zweifel für die Freiheit 99

fähigkeit und Privatautonomie sind gemeinsam der wichtigste Ausdruck der


Konzeption des freiheitlichen Rechtsstaates.
So weit, so unstrittig. Doch gibt es Gedankenspiele, den Kreis der
Rechtsfähigkeit weiter zu ziehen. Zukünftige Generationen oder – noch un-
genauer – „die Natur” könnten ebenfalls als Rechtsträger anerkannt werden.
Dies wird häufig unter Verweis auf das Konzept der so genannten Nachhal-
tigkeit gefordert. Zur Begründung wird dabei angeführt, dass künftige Gene-
rationen in ihren eigenen Freiheitsrechten durch heutige Handlungen einge-
schränkt würden. Folglich seien bei der Nutzung heutiger Ressourcen die
Interessen jener künftigen Generationen zu berücksichtigen, insbesondere
wenn dies Auswirkungen auf die Umwelt (Boden, Klima, etc.) hätte.
Was sich vielleicht zunächst nach einer naheliegenden Erweiterung der
Idee des freiheitlichen Rechtsstaats anhört, entpuppt sich jedoch bei genaue-
rer Betrachtung als Perversion desselben. Die Idee der Rechte zukünftiger
Generationen oder einer nicht näher bestimmten Natur ist nämlich in Wahr-
heit inkompatibel mit Freiheit und Privatautonomie. Damit lässt sie sich auch
nicht mit dem Gedanken der Menschenwürde verbinden. Ganz davon abge-
sehen spricht aus ihr ein tiefes Misstrauen gegenüber der Möglichkeit von
Fortschritt durch Veränderung.
Zu welch absurden Schlüssen die Idee angeblicher Rechte künftiger Ge-
nerationen führt, wird bei der Lektüre der Publikationen konsequenter Ver-
fechter dieser Forderung deutlich. Der britische „Optimum Population Trust”
(OPT) ist eine solche Organisation, die seit längerem die These vertritt, dass
Großbritannien übervölkert sei und im Interesse seiner künftigen Einwohner
und der Umwelt schrumpfen sollte. Im Juli 2008 veröffentlichte der OPT
eine Studie des amerikanischen Rechtsprofessors Carter Dillard, in der dieser
fordert, das Recht sich fortzupflanzen auf ein oder maximal zwei Kinder zu
beschränken. Darüber hinaus sei das Recht auf Kinder jeweils gegen das
„öffentliche Interesse” abzuwägen. Dazu zählten laut Dillard auch die Aus-
wirkungen auf die „Natur, zukünftige Generationen und nicht-menschliche
Arten”.
Zwar schreckte Dillard davor zurück, aggressive rechtliche Maßnahmen
gegen die Fortpflanzung zu empfehlen. Daran, dass der Gesetzgeber gegen
zu viele Kinder vorzugehen habe, bestand für ihn aber kein Zweifel: „Da das
Recht unser Verhalten leitet, ist eine Politik, die die Fortpflanzung als privat
100 Oliver Marc Hartwich

behandelt, regressiv, umweltschädigend und besonders asozial. Solange wir


keine Maßnahmen ergreifen, welche den öffentlichen Charakter des Kinder-
zeugens reflektieren, werden wir nur unverantwortliche Fortpflanzung und
den damit verbundenen Schaden ermutigen,” fasste er seine Studie zusam-
men.
Man sollte sich diese Wortwahl auf der Zunge zergehen lassen. Die Ent-
scheidung für Kinder gehört wohl zu den persönlichsten, privatesten Ent-
scheidungen, die man im Leben treffen kann. Doch für Dillard finden sie
quasi im öffentlichen Raum statt. Da er zudem künftigen Generationen und
der Natur eine Rechtsposition einräumt, werden in dieser Sicht neugeborene
Kinder zu einer Art Umweltverschmutzung, die es zu begrenzen gilt.
Zweierlei ist an dieser Sicht der Dinge problematisch. Zum einen, dass
eine ursprünglich allein der Privatautonomie unterliegende Entscheidung
(das Kinderkriegen) quasi verstaatlicht wird. Zum anderen, dass es natürlich
nicht die künftigen Generationen sind, die ihre Ansprüche anmelden (wie
sollten sie auch?), sondern an ihrer statt ein heute tätiger Wissenschaftler.
Es findet damit gleichzeitig eine Entmündigung und eine Anmaßung
statt. Entmündigt wird die heutige Generation, denn ihr wird eine eigene
Entscheidung, ihr Leben selbstverantwortlich zu führen, abgenommen. Zwei-
tens maßt sich derjenige, der im angeblichen Interesse künftiger Generatio-
nen Forderungen erhebt, an, für eben jene Generationen sprechen zu können.
Ein Blick in die Geschichte mag da zu etwas mehr Demut raten. Was
hätte wohl ein wohlmeinender Wissenschaftler wie Professor Dillard am
Ende des 19. Jahrhunderts für wichtig im 21. Jahrhundert gehalten? Dass
Kohle- und Kupfervorräte nicht erschöpft würden zum Beispiel, um auch uns
heute noch eine kohlebasierte Energieversorgung und Kabelverbindungen
zur Kommunikation zu ermöglichen. Doch war gerade die Nutzung von
Kohle und Kupfer notwendig, um uns in ein Zeitalter zu führen, in dem es
heute ganz andere Möglichkeiten der Energiegewinnung und Kommunikati-
on gibt. Selbst ein wohlmeinender Diktator wäre nicht in der Lage zu be-
stimmen, was für zukünftige Generationen notwendig ist.
Die Idee, die Fortpflanzung aus Rücksichtnahme für künftige Genera-
tionen und die Umwelt einzuschränken, mag ein extremes Beispiel für die
Gefahren der Gewährung von Rechtspositionen an diese in Wirklichkeit aus
guten Gründen nicht rechtsfähigen Figuren sein. Aber auch bei weniger ex-
Im Zweifel für die Freiheit 101

tremen Fällen bedeutet die Verankerung einer Rechtsposition für „die Zu-
kunft” oder „die Natur” eine zwingende Einschränkung der Autonomie heute
Lebender, die sich den ebenfalls heute lebenden vorgeblichen Vertretern der
Zukunft oder der Natur unterzuordnen hätten, seien dies Wissenschaftler,
Politiker oder Bürokraten. Man mag dies mit wohlklingenden Begriffen wie
Umweltverträglichkeit und Nachhaltigkeit zu verkleistern versuchen, aber es
bleibt doch eine gravierende Einschränkung der Freiheit und der Privatauto-
nomie. Im Sinne einer auf Menschenwürde basierenden Rechtsordnung wäre
dies somit nicht nur kein Fortschritt, sondern im Gegenteil ein Rückschritt.
Nachhaltigkeit, sofern sie über eine Forderung für Sonntagsreden hi-
nausgeht und Rechtskraft erlangt, ist somit ein zutiefst freiheitsfeindliches
Prinzip und kaum mit dem liberalen, die Menschenwürde schützenden Geist
des Grundgesetzes vereinbar. Statt die in unserer Verfassungwirklichkeit
bereits stark ausgehöhlten Prinzipien des Schutzes des Eigentums und der
Privatautonomie auf diese Art zu schwächen, wäre genau das Gegenteil ge-
boten. Was Deutschland in Zukunft braucht, ist nicht weniger, sondern mehr
Privatautonomie, kein geringeres, sondern ein stärkeres Gewicht des Privat-
eigentums.
Gerade dort, wo Eigentumsrechte klar definiert, geschützt und durch-
setzbar sind, sind im Übrigen für die Natur vorteilhafte Entwicklungen zu
erwarten. Man denke zum Beispiel an Fischbestände, die besonders dort
gefährdet sind, wo Fischgründe nicht genau eigentumsrechtlich definiert
sind. Wo hingegen Eigentumsrechte bestehen, verhindert eben dies die Über-
fischung. Ökonomen sind diese Zusammenhänge als Allmendeproblematik
seit langem bekannt.
Wo eine auf der Grundlage von Eigentumsrechten, Wettbewerb und
Vertragsfreiheit funktionierende Marktwirtschaft Wohlstand schafft, kann
auch die Grundlage für den Wohlstand zukünftiger Generationen gelegt wer-
den. In Anlehnung und Abwandlung des berühmten Diktums Adam Smiths
könnte man sagen, dass wir unseren heutigen Wohlstand nicht der wohlmei-
nenden Sorge früherer Generationen um uns verdanken, sondern ihrem Ein-
satz für ihren eigenen Fortschritt.
Das ethische Fundament der Bundesrepublik liegt in den Ideen von
Menschenwürde und Freiheit begründet. Statt uns daher der freiheitsfeindli-
chen Illusion einer staatlich administrierten Nachhaltigkeit hinzugeben, soll-
102 Oliver Marc Hartwich

ten wir besser in unserer Zeit die Idee einer Verfassung der Freiheit neu den-
ken.
Mag es auch wie ein Paradox erscheinen: Gerade die stete Sorge um das
zarte Pflänzchen der Freiheit ist die beste Voraussetzung dafür, dass zukünf-
tige Generationen in Freiheit und Wohlstand leben können. In diesem Sinne
ist das Prinzip der Freiheit der beste Garant für eine im Wortsinne nachhalti-
ge (aber nicht justiziable) Entwicklung.
Alexander Görlach

Gesellschaftlicher Zusammenhalt
Die Antwort auf die Frage nach dem humanum

Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, an das Heranwachsen in einem


rheinhessischen Dorf in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, dann
erinnere ich mich daran, dass die gesellschaftlichen Normen, die Regeln
unseres Zusammenlebens vor allem von den Vorstellungen des Christentums
geprägt waren. In unserem Dorf, das 1993 seinen 1200. Geburtstag feierte,
gab und gibt es nur eine Landmarke: den Turm der katholischen Pfarrkirche.
Wie man handelte, wurde implizit oder häufig auch explizit danach bewertet,
ob es christlich oder nicht-christlich sei. In dieser Welt war es selbstverständ-
lich, dass mehrere Generationen unter einem Dach lebten, die Alten und die
Jungen miteinander täglich Umgang hatten. Die Kranken wurden zu Hause
gepflegt oft auch mit Hilfe der Nachbarn. Es war selbstverständlich, dass
man sich auf der Straße grüßte und die Männer dabei den Hut lupften.
Eingebettet war dieses Leben in den Kreislauf der Natur (bei uns wurde
und wird Wein angebaut) und den Jahreslauf des christlichen Festkalenders.
Wenn das Leben im Frühling erwachte, stand Ostern vor der Tür, das Fest
der Auferstehung. Im November, wenn es bitterkalt und gefroren war, gingen
wir an Allerheiligen auf den Friedhof, um der Toten zu gedenken. Werden
und Vergehen erhielten einen Sinn und eine Bestimmung. Diese Ganzheit, in
der die einzelne Existenz mit hinein genommen war, hatte nichts damit zu
tun, wie oft man selbst am Gottesdienst teilnahm. Diese Lebensweise war
eine Selbstverständlichkeit geworden. Ihre Bildsprache konnten der Kirche
Abständige genauso wie die Frommen auf ihr Leben übertragen, weil alle in
derselben Weise sozialisiert waren. Etwas überhöht könnte man sagen, das
Leben wurde von einer christlichen Weltanschauung geprägt.
Heute lebe ich in Berlin. Hier gibt es acht Prozent Katholiken, nur 1,2
Millionen der 3,5 Millionen Einwohner sind überhaupt Christenmenschen.
Diese wenigen Christen werden marginalisiert, der Senat, in dem die SED-
104 Alexander Görlach

Nachfolgepartei mitregiert, drängt den Einfluss der Religionsgemeinschaften


zurück. Von hier aus, aus dem Herzen der neuen Berliner Republik, beobach-
te ich die Diskussionen über Werte und Ethik, die Fragen nach dem Anfang
und dem Ende menschlicher Existenz, die Fragen nach dem Leid und wie
eine Gesellschaft helfen kann, es erträglich zu gestalten. Die Plausibilität
einer christlichen Weltanschauung drängt sich für eine Mehrheit der Men-
schen, die hier leben, nicht (mehr) zwingend auf. Also stellt sich die Frage:
Wie und nach welchen Regeln wir dann leben wollen beziehungsweise was
ist der Minimalkonsens, der kleinste gemeinsame ethische Nenner unseres
Gemeinwesens?
Bei der Beantwortung dieser Frage fällt die Kirche als Diskutant weit-
gehend aus: In der Bonner Republik taugte die Diskussion um den Paragra-
phen 218 noch dazu, einen Kulturkampf anzuzetteln. Damals läutete es am
28. Dezember, dem Tag, an dem die katholische Kirche des Mords an den
unschuldigen Kindern in Bethlehem gedenkt, von allen Türmen, um auf den
Skandal der Abtreibungen und das Schicksal der abgetriebenen Kinder hin-
zuweisen. Ich erinnere mich an Fernsehbilder, wo hunderte Menschen vor
dem Kölner Dom während dieses Mahngeläuts protestieren. Auch bei uns im
Dorf läutete es, eine viertel Stunde lang. Protest gab es, erwartungsgemäß,
keinen. Im Heute der Berliner Republik sind sowohl die Politik der C-
Parteien als auch die Kirchen in sich uneins in den Fragen des Lebensschut-
zes, die Stichworte Patientenverfügung und Spätabtreibung genügen an die-
ser Stelle. In Sachen Stammzellenforschung kam es zum Zwist zwischen den
obersten Vertretern der beiden ehemaligen Volkskirchen, und auch innerhalb
der beiden Kirchen konnte man sich nur schwer auf eine einheitliche Linie
festlegen.

Gesellschaftliche Komplexität erschwert die Fragen zur Ethik – und


deren Antworten

Der Hauptgrund hierfür liegt in der komplexer werdenden Wirklichkeit: Ist


es wirklich verwerflich, Erbkrankheiten durch Selektion abzuwenden? Soll
der unheilbar Kranke nicht selbst bestimmen dürfen, wann sein Leben ein
Ende haben soll? Sollen wir das Forschen an embryonalen Stammzellen
Gesellschaftlicher Zusammenhalt 105

wirklich verbieten, obwohl am Horizont die Möglichkeit aufscheint, dadurch


eines Tages den Krebs oder die Parkinsonsche Krankheit besiegen zu kön-
nen? Die Antworten auf diese Fragen, das spürt jeder, sind nicht einfach.
Dennoch muss eine Gesellschaft darum ringen, Antworten zu finden.
Die Suche nach Antworten wird die kommenden Jahrzehnte prägen. Mit
der Diversifizierung der Gesellschaft, einer Ausdifferenzierung der Stand-
punkte, sind drei Dinge verbunden: Der Verlust gesamtgesellschaftlicher
Deutungsangebote und das Gefühl des Einzelnen, sich in komplizierten
Sachfragen kein Bild mehr machen zu können. Das dritte ist der Verlust
eines Horizontes, vor dem sich das Handeln des Menschen vollzieht. Gibt es
das Ziel einer Gesellschaft, etwas, wohin sich die Gemeinschaft entwickeln
möchte? Gibt es einen Sinn in der Existenz des Einzelnen? Lebt der Mensch,
um etwas Bestimmtes zu erreichen?
Die Fragen, die heute im Bereich der Ethik gestellt werden, haben viel
mit Machbarkeit zu tun: Wir können mittels Magensonden Menschen am
Leben erhalten, als vegetatives System, das jeder Personalität beraubt ist und
im Krankenstand dahinsiecht ohne Aussicht auf einen baldigen Tod. Wir
können befruchtete Eizellen so lange selektieren, bis das letzte Risiko auf
eine Erbkrankheit ausgeschlossen ist. Dabei wird von den Skeptikern stets
die Allmende im Mund geführt, dass der Mensch nicht alles tun darf, was er
tun kann. Wir wissen, und auch das ist eine Allmende, dass der Mensch im-
mer das tut, was ihm verboten ist. Die Geschichte vom Paradiesgarten, von
der einen Frucht, die ihm zu essen verboten ist und die er doch ist, ist die
erste Allegorie auf diesen Teil in der Natur des Menschen. Die Frage nach
der Machbarkeit greift aber zu kurz: In dem Moment, wo nahezu alles mach-
bar ist, scheidet es als Kriterium, gar als ethisches Unterscheidungskriterium
zwischen Gut und Böse aus.

Was macht den Menschen aus?

Die entscheidende ethische Frage unserer Zeit ist die Frage nach dem huma-
num, nach dem, was den Menschen ausmacht, nach dem, was der Mensch
und was wahrhaft menschlich ist. Daraus leitet sich ab, was der Einzelne an
sich selbst tun darf, was die Gemeinschaft von dem Einzelnen verlangen darf
106 Alexander Görlach

und wie und in welchem Maße der Einzelne und die Gemeinschaft aufeinan-
der verweisen. Letztendlich beschreiben wir, wenn wir den Wert der men-
schlichen Person definieren, einen Bereich der Unverfügbarkeit, des Voraus-
setzungslosen und, wenn man so will, des Heiligen.
Die Fragen nach der Präimplantationsdiagnostik (PID), der Abtreibung,
der Spätabtreibung, der Patientenverfügung, der Organspende und der Ster-
behilfe, sie beschreiben Momente des Lebens, in denen der Mensch sich
nicht aus sich selbst helfen kann, sondern in denen er hilflos den anderen
Menschen ausgeliefert ist. Nur der durch Erziehung zum Mitleid befähigte
Mensch, der in seinen Artgenossen sich selbst erkennen und annehmen kann,
ist in der Lage, der Versuchung zu widerstehen, den Schwächeren für seine
Zwecke zu nutzen. Denn wenn wir ganz ehrlich sind, besteht genau darin die
Achillessehne jeder Ethik vom Menschen: Die Heroik der unveräußerlichen
Würde des Menschen, wie sie in den canones der Menschenrechte verkündet
wird, durchzudeklinieren bis hin zu den Kleinen, Schwachen, Elenden, Ster-
benden und den noch nicht Geborenen. Dem aufrecht gehenden Menschen
neben mir sein Menschsein abzusprechen wird nicht gelingen: Er ist in der
Lage, seine Interessen mit Hilfe anderer oder aus eigener Stärke zu artikulie-
ren und durchzusetzen. Eine wahrhaft menschliche, humane, Gesellschaft der
Zukunft muss dadurch gekennzeichnet sein, dass sie den, der dieses Mensch-
sein noch nicht oder nicht mehr artikulieren kann, nicht seines Rechts auf
Unverfügbarkeit beraubt.
Das Unverfügbare, das Voraussetzungslose und das Heilige ist das
Menschsein selber, in all seinen Stadien und Entwicklungsstufen. Das
Menschsein unterliegt keiner Diskursivität und keinen Abwägungen. Das
Machbare geht einher mit Diskursivität und Abwägung. Das Machbare ist
ein technischer Begriff. Der Mensch entzieht sich aber dieser Machbarkeit,
weil er kein Gemachtes ist, sondern immer ein Werdendes, das seinen
Selbststand nicht von einem anderen her nimmt und definiert, sondern aus
der kreatürlichen Kraft, die in ihm wohnt.
Die Definition des Menschseins, seine unveräußerliche Würde, ist der
Kern der Metaphysik der demokratischen Gesellschaft. Der Mensch, das
Menschsein, die menschliche Würde ist das Allerheiligste, das unsere Ge-
sellschaft in der Monstranz mit sich führt. Was erwächst aus dem Postulat
der unverfügbaren, voraussetzungslosen und heiligen Menschenwürde?
Gesellschaftlicher Zusammenhalt 107

Auf dem garantierten, unverbrüchlichen Schutz der menschlichen Per-


son in all ihren Stadien beruht in Zukunft das gesamtgesellschaftliche Ver-
trauen aller Individuen zueinander. Es ist der Austritt aus dem Naturzustand,
in dem jeder noch des Anderen Feind werden konnte. Die Bestimmung des
humanum und das Eintreten für seine Akzeptanz in unserer Gesellschaft ist
deshalb keine intellektuelle Spielerei, sondern das Fluidum, das Zusammen-
leben erst möglich macht: Mein Nachbar darf und wird mir nicht nach mei-
nem Leben trachten: Weder darf er mein Leben verkürzen, um meine Organe
gewinnbringend zu verkaufen, noch darf er es künstlich gegen meinen Wil-
len verlängern. Vertrauen als Grundwährung ist der Ausgangspunkt für ein
gelingendes Zusammenleben. Vertrauen in sich gewinnt der Mensch im
Blick auf seine unvergleichliche Individualität, seine Einmaligkeit. Vertrauen
in den Mitmenschen gewinnt er aus dem Zugeständnis dem anderen gegenü-
ber, einmalig zu sein. Daraus erwächst ein neuer Gesellschaftsvertrag, der
festlegt, die Individualität jedes Einzelnen, seine personale Freiheit, zu acht-
en und der auf dieser Grundlage für alle gültige Rechte und Pflichten defi-
niert.

Christliche Weltanschauung als Fundament eines neuen


Gesellschaftsvertrags

Wie begründet man diese Würde, Freiheit und Unveräußerlichkeit des Men-
schen? Ohne metaphysisches Derivat wird das schwierig. Das Christentum
hat zwar Teile seiner Prägekraft eingebüßt, ist aber dennoch die Bewegung,
die unserer Gesellschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts ein positives Ge-
präge geben kann und einen Aufweis für die Unverfügbarkeit der menschli-
chen Person liefern kann. In der Schöpfung liegt die Würde des Einzelnen
begründet, in der direkten Ansprache jedes Menschen durch Gott. In der
Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazareth wird die Zuneigung Gottes zu
dem Menschen manifest. Aus dem Leben Jesu von Nazareth erwächst die
Option, die Handlungsanleitung für den Schwachen, Kranken, Alten und
Ungeborenen. Die christliche Weltanschauung kann ein ethisches Postulat
sein jenseits des theologischen Dogmas der christlichen Glaubensgemein-
schaft. Die Überzeugungen und Forderungen der Weltanschauung sind für
108 Alexander Görlach

die Vernunft einsehbar, sie sind vom Ende, vom gelingenden Leben des Ein-
zelnen her, und nicht als Ableitung aus einer göttlichen Setzung verstehbar.
Als solche ist die christliche Weltanschauung auch hinnehmbar und gestalt-
bar von Menschen, die nicht das christliche Glaubensbekenntnis mitspre-
chen.
Um dieses Versprechen, diese Verheißung dieses neuen Gesellschafts-
vertrags zu erfüllen, braucht es allerdings Menschen, die die Theorie der
Weltanschauung in gelebte Praxis übersetzen. Eine christliche Weltanschau-
ung kann es ohne gläubige Christen nicht geben. Die deutsche Gesellschaft
der Zukunft kann deshalb keine glaubensfreie oder areligiöse sein. Der Glau-
be an die Unveräußerlichkeit des Menschen wird dem humanum Bestand
sichern. Das humanum ist ein gefährdetes Gut! Es wird noch häufig von den
Kirchtürmen läuten.
Alexander Kissler

Geist, Geselligkeit und Genom


Von der Moralfähigkeit des Menschen und der Neubegründung des
Politischen

Moral gedeiht nicht in der Einsamkeit. Allein mit sich mag man im Reinen
sein, doch immer auch steht man kurz davor, zum tragischen Helden oder zur
komischen Figur zu werden. Selbstgespräche hüllen den, der sie führt, in
einen Kokon aus Rechthaberei und Weinerlichkeit. Darum muss heute, da
wir in moralisch weitgehend unempfindlichen Zeiten leben, zweierlei ge-
schehen, ehe wir wieder moralfähig werden: Die Gesellschaft muss zur Ge-
selligkeit sich entwickeln, und in dieser wiederum darf der Geist nicht de-
nunziert werden. Ein öffentlicher Geist kann dann nur sich einstellen, wenn
der Geist nicht geächtet, die Materie nicht verherrlicht wird.

Ein geistfeindlicher Naturalismus breitet sich aus

Derzeit erleben wir das Gegenteil. In den Debatten über das, was der Gesell-
schaft frommt, was ihr den Weg weisen soll in eine menschenwürdige Zu-
kunft, spricht vor allem ein geistferner, mitunter gar geistfeindlicher Natura-
lismus sich aus. Der Mensch, so hören wir, habe keinen freien Willen, er sei
ganz aus Proteinen und Genen gemacht, die ihn zu Handlungen allein nach
dem Prinzip Eigennutz veranlassen. Mithin sei alles Materie – Materie zwar,
die am Leben hängt und ihr Überleben zu sichern sucht, aber eben immer
und ausschließlich jener quantifizierbare Stoff, aus dem keine Träume sind.
Biologen und Neurologen werden befragt, wenn die Gesellschaft nach dem
sucht, was sie in ihrer Mitte oder nirgends finden kann, nach ihrem Selbst-
verständnis als einer Gemeinschaft voraussetzungslos anerkannter Indivi-
duen. Die Experten aus den Lebenswissenschaften sollen Auskunft geben,
was die Welt im Innersten zusammenhält. Sie sollen sagen, welche Ethik,
110 Alexander Kissler

welche Moral vor dem Tribunal der Gene und Ganglien bestehen kann. Sie
sind damit heillos überfordert.
Ein Philosophieprofessor aus Ulm schrieb unlängst in diesem reduktio-
nistischen Sinn: Abschied sei zu nehmen von der „Welt der Ideen“, eine
„Wende der Philosophie“ habe stattzufinden, die endlich der „wissenschaftli-
chen Weltauffassung“ zum Sieg verhelfe. Besagter Philosophieprofessor
kennt die Etappen auf dem Weg ins neue denkerische Zeitalter. Naturgesetze,
Naturwissenschaften, Tatsachenerklärungen seien die entscheidenden Krite-
rien. Eine Philosophie jedoch, die Wissenschaft auf die experimentierenden
Naturwissenschaften reduziert oder diesen zumindest superioren Rang zuer-
kennt, beschneidet die Regionen des Geistes, von denen sie selber zehrt. Und
eine Gesellschaft, die sich selbst rein naturwissenschaftlich begreifen will,
wird sich unverständlich.
Diese Gefahren hat Jürgen Habermas im Blick, wenn er die „Herausfor-
derungen eines szientistischen Naturalismus“ skizziert. Die „Tendenz zur
Ausbreitung naturalistischer Weltbilder“, der sogenannte „harte Naturalis-
mus“, ist für Habermas eine ebenso große soziale Gefahr wie der religiöse
Fundamentalismus. Sie beide wirkten sich schädlich aus auf den „Zusam-
menhalt des politischen Gemeinwesens“. Wenn „alles Verständliche und
Erlebte auf Beobachtbares reduziert“ wird, sei die Selbstinstrumentalisierung
des Menschen nicht mehr weit. Ausdrücklich würdigt Habermas vor diesem
Hintergrund den Beitrag religiöser Überlieferungen. Diese leisteten „bis
heute die Artikulation eines Bewusstseins von dem, was fehlt. Sie halten eine
Sensibilität für Versagtes wach. Sie bewahren die Dimensionen, in denen
noch die Fortschritte der kulturellen und gesellschaftlichen Rationalisierung
abgründige Zerstörungen angerichtet haben, vor dem Vergessen.“
Diese Ahnung kommt leicht abhanden: dass jeder Fortschritt einen Ab-
grund lose bedeckt, dass Zerstörungen den Humus bilden, in dem die Ratio
gedeiht. Kein Sprung ins Irrationale oder Unfreie kann da die Lösung sein,
wohl aber eine neue Besinnung auf das elastische Band des Geistes (und
damit immer auch der Geschichte), das uns Menschen wesentlich umfasst.
Eine Gemeinschaft, eine Nation, ein Volk ist schließlich die Gruppe derer,
die sich auf einen bestimmten Kanon von Geschichten geeinigt haben, den
weiter zu tragen sich lohnt – und die sich zugleich eine vorurteilslose Neu-
gier auf neue Erzählungen bewahrt haben, wo auch immer diese her stam-
Geist, Geselligkeit und Genom 111

men. Nur erzählt, also frank und frei öffentlich mitgeteilt, werden wollen
muss jede dieser sei es alten, sei es neuen Geschichten. Öffentlicher Geist ist
schließlich, so schrieb schon Rudolf Borchardt, das Gegenteil eines gehei-
men Geistes, öffentliche Meinung das Kontra zu „geheimen und getuschelten
Meinungen“.

Die Rettung des Geistes

Die freie Geschichts- und Geschichtenrepublik Deutschland ist zwingend auf


die Rehabilitation des Geistes angewiesen. „Ist es nicht der Geist allein“,
hieß es einmal vor 190 Jahren, „der das, was sich um uns her begibt in Raum
und Zeit, zu erfassen vermag? Ja, was hört, was sieht, was fühlt in uns? Viel-
leicht die toten Maschinen, die wir Auge, Ohr, Hand etc. nennen, und nicht
der Geist?“ Die rhetorische Frage, die E. T. A. Hoffmann dem Einsiedler
Serapion in den Mund legte, klingt heute betulich, naiv, gestrig. Sie ist nicht
weit ab von der Wahrheit. Zur Maschine würde der Mensch, der vom Geist
ganz absehen wollte, zum Maschinenstaat die Republik, die ihre Moral an
die prononciert „Geistlosen“ delegierte. Selbst der konsequenteste Naturalist
kann ohne das Wirken des Geistes zu seinen naturalistischen Schlüssen nicht
gelangen, Beweisführung ist immer Geisteswissenschaft.
Die Ehrenrettung des Geistes fand emphatisch in der Romantik statt. Die
Epoche der Schlegel und Tieck und Hoffmann war zugleich eine Ära der
Geselligkeit und damit der gemeinschaftlichen Bildung. Dieser Nexus ist
symptomatisch. Novalis schrieb einmal: „Zur Wissenschaft ist der Mensch
nicht allein bestimmt; der Mensch muss Mensch sein, zur Menschheit ist er
bestimmt – Universaltendenz ist dem eigentlichen Gelehrten unentbehrlich.“
Nur von solchen „eigentlichen Gelehrten“ könnte heute das rapide wachsen-
de Weltwissen in die Gesellschaft eingeführt werden. Von klugen Menschen,
deren Kenntnisse und Fertigkeiten sich nicht in ihren Spezialdisziplinen er-
schöpfen, die gerade nicht von der Welt abstrahieren, um zu ihrer Wissen-
schaft zu gelangen, sondern nach Welterfahrungen suchen, in denen auch
ihre Wissenschaft aufgehoben ist.
Novalis, Friedrich Schlegel und die meisten anderen „Romantiker des
Wissens“ (Botho Strauß) waren davon überzeugt, dass alle Wissenschaften
112 Alexander Kissler

zusammen hängen und dass die schöpferische Suche nach deren Einheit die
genuine Aufgabe der Philosophie sei. Diese wiederum solle mit der Poesie
zusammenfallen und die Grenzen von Kunst und Leben überwinden.
So weit ist es bis heute nicht gekommen, und die Romantiker wussten
sehr genau, dass sie Möglichkeiten organisieren, nicht Utopien politisch
operationabel machen wollten. Der Impuls jedoch, dem sich die romanti-
schen Wissenskonzepte verdanken, ist bedenkenswert geblieben: Das Stre-
ben nach der „Allheit des Wissens“, die „Begeisterung für ganzes, freies
Sein“ (Friedrich Schlegel), setzt enorme schöpferische Kräfte in Gang. Für
Bergbau und Mathematik, für Dichtkunst und Astronomie begeisterten sich
die Romantiker gleichermaßen. Sie konnten es, weil sie in jedem Rätsel kei-
ne Kränkung sahen für einen strikt anwendungsfixierten Geist, für den ihnen
so ausgesprochen suspekten Geist des Machens, sondern einen stets begrü-
ßenswerten Grund für ein neues Gedankenexperiment.
Nicht überall und gewiss nicht in den heutigen Simulationen von Öf-
fentlichkeit, die wir Talkshow nennen, pflanzt ein solches Wissen sich fort.
Das romantische Wissen wird geboren, wächst und blüht einzig im Klima
der Geselligkeit, und darum ist es von Anfang an ein Mittel zur Persönlich-
keitsbildung. Die romantischen Novellen, Märchen, Schauerstücke beziehen
ihren eigentümlichen Reiz zwar oft von Einsiedlern und Einzelgängern wie
dem Eremiten Serapion. Diese liefern jedoch nur den – in einem wortwörtli-
chen Sinne – reizvollen Kontrast zum Ideal, das Geselligkeit heißt und das
ganz praktisch Ereignis wurde in Jena, Heidelberg, Berlin. Ebensolche Tref-
fen waren die Probe aufs Exempel der „Theorie des geselligen Betragens“,
wie sie Schlegel ausformuliert hatte.

Bildung soll Herzensangelegenheit sein

Solche regelmäßigen Zusammenkünfte kluger Köpfe waren alles andere als


unverbindliche Plaudereien, bei denen man sich gegenseitig phantastisch zu
überbieten trachtete. Laut dem Literaturwissenschaftler Markus Schwering
wurden im kleinen, aber nie hermetisch verschlossenen Kreis „neue fort-
schrittliche Sozialisationsformen entwickelt, die eine bessere Organisation
der ganzen Sozietät vorwegnehmen sollten. Dabei ist festzuhalten, dass ‚Bil-
Geist, Geselligkeit und Genom 113

dung’ im ausgehenden 18. Jahrhundert noch nicht jene unverbindliche An-


häufung von Kulturgut meint, zu der sie dann im späten 19. Jahrhundert
degeneriert, sondern einen dynamischen Prozess im Sinne der Entfaltung der
je verschiedenen geistigen und seelischen Anlagen.“ In der Tat: Bildung
sollte eine Herzensangelegenheit sein. Dann erst ist sie das Fundament, auf
dem die Ausbildung einer Persönlichkeit möglich wird.
Eine gesamtgesellschaftliche Moral kann heute nur gedeihen, wenn die
Versuche einer „Naturalisierung der Ethik“ zurückgewiesen werden. Gut und
schlecht dürfen nicht, wie es schleichend geschieht, herabsinken zu Synony-
men für ein genomadäquates oder genomwiderstrebendes Verhalten. In einer
Einführung in die praktische Philosophie stand jüngst zu lesen: Sobald For-
derungen nach diesem oder jenem Verhalten „den Genen widersprechen,
können wir solchen Forderungen nicht folgen, selbst dann nicht, wenn die
Vernunft uns dies empfiehlt.“ Der Mensch kann demnach nicht prinzipiell
vernünftig handeln, es sei denn, die Gene lassen es zu. Wie bei der Bestrei-
tung der Willensfreiheit ergeben sich aus einer solchen Selbstentmächtigung
der Vernunft enorme Probleme für den Rechtsstaat und die Republik und die
Moral. Wie soll man auf brutale Unvernunft antworten, wenn diese nicht
dem unvernünftigen Täter zur Last gelegt werden kann? Wie können Gesetze
Allgemeingültigkeit beanspruchen, wenn jedes Menschen Genom ganz an-
ders disponiert und demgemäß für ein gesetzeskonformes Leben ansprechbar
ist oder nicht?
Damit der Mensch moralfähig wird, ist es demnach zu allererst nötig,
den Geist zu rehabilitieren. Exzellenz darf sich nicht länger in Anwendbar-
keit erschöpfen, Wissenschaft nicht in Naturwissenschaft. Ein Staat, der die
Geisteswissenschaften marginalisiert und modularisiert und belächelt, darf
sich nicht wundern, wenn mit dem Geist auch die Moral vertrieben wird.
Wer von Kindesbeinen an nur das Funktionieren und das Verdienen und das
Gebrauchen lernt, der wird kaum je Skrupel entwickeln, wenn es andere
Menschen zu gebrauchen gilt, um selbst mehr zu verdienen und besser noch
zu funktionieren.
Wie sähe die Moral in jener geselligen Geschichts- und Geschichtenre-
publik Deutschland wohl aus? Es könnte keine Moral sein, in der „Patienten-
verfügungen [...] Bestandteil des persönlichen Dokument-Portfolio eines
jeden“ wären. Solche Verfügungen sind im Angesicht der letzten Dinge die
114 Alexander Kissler

Kapitulation vor prinzipiell ungeselligen Zeiten, schieben sie doch ein ver-
meintlich sicheres, ein trügerisches Rechtskonstrukt zwischen zwei einander
anonyme Menschen, zwischen Arzt und Moribunden. Stattdessen wäre eine
Vorsorgevollmacht für Menschen, denen man (ver-)traut, das würdige Do-
kument der Wahl.
Eine Moral der freien Geselligkeit könnte auch nicht schlankweg be-
haupten, jeder solle „nach seiner Facon in den Tod gehen dürfen“. Mitzu-
denken ist nämlich stets die Bindekraft von Rechten, die Pflichte statuieren.
Eine ganz autarke Facon gibt es weder im Gottesdienst noch beim Schneider.
Immer sind andere betroffen, damit ich die mir zukommende religiöse oder
modische Gestalt wählen kann. Die Facon meines Todes wird dann zum
Problem, wenn er andere zur tötenden Mitwirkung verpflichtet. Aktive Ster-
behilfe ist darum nur jenseits der Moral zu haben.
In der freien Geschichts- und Geschichtenrepublik Deutschland müsste
gelten, was Habermas fordert: „Auch die Teilnehmer, die sich in einer religi-
ösen Sprache ausdrücken, haben Anspruch darauf, von ihren säkularen Mit-
gliedern ernst genommen zu werden.“ Dieser wechselseitige Respekt wird
zunehmend als Luxus gesehen, meinen doch die naturalistischen Diskurs-
verwalter oft, den Diskursrahmen bestimmen zu dürfen. Ohne Ansehen jeder
Person und jeder religiösen oder kulturellen Prägung ist aber rundherum
jedes Argument zu prüfen.
Gerade die Frage nach der Tragweite des Dekalogs und des Naturrechts
unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts wäre mehr als nur das eine ge-
samtgesellschaftliche Gespräch wert. Zu überlegen wäre auch, welche mora-
lischen Funken aus Friedrich Schlegels Einsicht zu schlagen sind, die Religi-
on, die christliche zumal, sei „die allbelebende Weltseele der Bildung“. Jede
Kraft, die im vormoralischen Raum den Geist stärkt und Bildung ermöglicht,
ist zu schonen, zu hegen und zu pflegen, ehe das Universum unter unseren
schlauen Schritten krachend zusammenbricht.
Michael Wedell

Ethik in prekären Zeiten


Versuch über eine politische Kultur des Versprechens

Die Situation ist prekär – seit Langem und leider immer mehr. Der ökonomi-
sche Druck wächst – auch ohne die Zuspitzung durch die Finanzkrise. Sozia-
ler Zusammenhalt wird immer schwieriger, die Folgen des demografischen
Wandels sind vielleicht vorhersehbar, aber kaum beherrschbar, und kaum
jemand wird bestreiten, dass die bisherigen sozialen Sicherungssysteme bis
an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit strapaziert sind. Die ökonomischen
Fliehkräfte vertiefen die gesellschaftlichen Widersprüche, den Antagonismus
von Anrechten und Angebot, von Diagnosen und Therapien, von politischen
und ökonomischen Notwendigkeiten. Oder konkreter und personalisierter
gewendet: die Konflikte zwischen jenen, die Arbeit haben, und jenen, die
keine haben; zwischen Qualifizierten und weniger Qualifizierten, zwischen
Menschen mit Migrationshintergrund und Einheimischen. Die Liste zuneh-
mender Spannungen ließe sich fortsetzen. Gleichzeitig nimmt das Lebens-
tempo rasant zu, erodieren ethische Selbstverständlichkeiten und Standards
und nehmen Orientierungsbedürfnisse zu. Einfache Zentralperspektiven, die
einen Überblick versprechen, werden immer unwahrscheinlicher und finden
aus guten Gründen immer weniger Zustimmung. Dies gilt – wie angedeutet –
auch für die Ethik, die allein nur noch „Minima Moralia“ zuzulassen scheint.
Diese Diagnosen sind heute ein Gemeinplatz und kein Expertenwissen.
Die hellsichtige Analyse gegenwärtiger Defizite ist jedermann möglich, wäh-
rend allseits das Bewusstsein von der schwindenden Kraft selbstverständlich
ist, sie überzeugend und nachhaltig auszugleichen. Unübersehbar ist in dieser
Situation eine neue Sehnsucht nach Bindungen, Solidarität und Gemeinschaft
stiftenden Elementen. Der liberale Soziologe Ralf Dahrendorf wollte diese
unter dem Titel „Ligaturen“ zusammengefasst sehen, wohl wissend, dass in
diesem Wort mindestens ein Teil der sprachlichen Wurzel enthalten ist, die
auch in dem Wort „Religion“ steckt. In dieselbe Richtung geht bekannterma-
116 Michael Wedell

ßen das zum geflügelten Wort gewordene sogenannte Böckenförde-Paradox,


nach dem der freiheitliche Staat von „Voraussetzungen lebt, die er selbst
nicht garantieren kann“. Die Erinnerung an die Religion scheint als verlore-
ne Ahnung einer Ressource, die die bröckelnden Fundamente einer rein sä-
kularen Ethik zu stabilisieren verspricht. Ob diese Ahnung trägt, ist nicht
ausgemacht.
Die Sehnsucht nach Bindungen und selbstverständlichen Solidaritäten
wird oft als Konsensnostalgie verunglimpft. Auch wenn sich Freiheit in einer
Demokratie vor allem im Konflikt, im Streit und in der argumentativen Aus-
einandersetzung artikuliert, setzt diese doch ein starkes Subjekt voraus, das
Anderes und Fremdes neben und gegen sich toleriert und respektiert. Ein
Subjekt, das den Mut zum Streit auch dort hat, wo es im Einzelnen einen
ungewissen Ausgang hat. Dies jedoch setzt funktionierende Bindungen und
starke Freiheiten voraus. Davon aber gibt es immer weniger.
Kurzum: Unsere Situation ist gegenwärtig prekär – was vom Wort-
stamm hergeleitet heißt, das wird häufig vergessen, „des Gebets bedürftig“.
Wieder stellt sich die Frage: Woher nimmt die Ethik in dieser prekären Situa-
tion ihre Kraft? Diese Frage wird auch derjenige stellen, der noch an die
Kraft des Gebets glaubt. Die Antwort ist schwierig und kann nur versuchs-
weise erfolgen: Die Kraft der Ethik in prekären Situationen liegt in der
Macht des Versprechens, und diese ist als politische Kunst die politische
Herausforderung der Gegenwart und ihrer „Minima Moralia“.

Versprechen – Hannah Arendt statt Theodor W. Adorno

Mit jeder ethisch verbindlichen und überzeugten Handlung verbinden sich –


bewusst oder unbewusst, latent oder manifest – Verheißungen und Verspre-
chen. Ein schlichter Zusammenhang, der in den gegenwärtigen Debatten
über die ethischen Grundlagen der politischen Kultur immer wieder verges-
sen und übersehen wird. Für philosophische Zeitanalytiker wie Theodor W.
Adorno und Hannah Arendt war die Aufmerksamkeit für diesen Zusammen-
hang konstitutiv und selbstverständlich. Nach den Erfahrungen des Zweiten
Weltkriegs und den Greueln Nazideutschlands war der für das 19. Jahrhun-
dert noch weithin selbstverständliche, unzerstörbare und feste Zusammen-
Ethik in prekären Zeiten 117

hang von Ethik und Sinn, von Moral und Versprechen zerbrochen und das
Verhältnis dieser Begrifflichkeiten zueinander eine philosophische und poli-
tische Frage. Wie die „Minima Moralia“ insgesamt hat auch Adornos Ant-
wort auf diesen Zusammenhang das Bewusstsein vieler Zeitgenossen beein-
druckt und nachhaltig geprägt:

„Philosophie, wie sie im Angesicht der Verzweiflung einzig noch zu verantwor-


ten ist, wäre der Versuch, alle Dinge so zu betrachten, wie sie vom Standpunkt
der Erlösung aus sich darstellten. Erkenntnis hat kein Licht, als das von der Er-
lösung her auf die Welt scheint: alles andere erschöpft sich in Nachkonstruktion
und bleibt ein Stück Technik. Perspektiven müssten hergestellt werden, in de-
nen die Welt ähnlich sich versetzt, verfremdet, ihre Risse und Schründen offen-
bart, wie sie einmal als bedürftig und entstellt im Messianischen Licht daliegen
wird.“(333)

Theodor W. Adornos „Minima Moralia“ enden mit einer Vision vom erlös-
ten Ende der Geschichte und der philosophischen Beschwörung eines mes-
sianischen Lichtes. Die Position der unheilvollen Gegenwart reicht für Ador-
no zur Erkenntnis des richtigen Lebens nicht aus. Erst von der erlösten Zu-
kunft her fällt der klare und erleuchtete Blick auf die Welt, und nur von ei-
nem derart letzten Standpunkt aus ist Erkenntnis möglich. Es liegt auf der
Hand, dass mit einer solchen Position keine Politik gemacht werden kann
und der Zusammenhang von Ethik und Verheißung, Moral und Versprechen
letztlich auseinanderbricht und so lediglich eine ethik- und politikferne Hoff-
nung auf ein alles einlösendes Ende der Geschichte bleibt.
So vertraut den post- oder spätmodernen Zeitgenossen der Gestus der
„Minima Moralia“ insgesamt sein mag, so merkwürdig unvertraut ist ihnen
dieses Schlussstück, mit dem der Zusammenhang von Ethik und Verspre-
chen an ein Ende kommt. In ethischen Fragen haben sich viele Zeitgenossen
den Blick auf das Ende abgewöhnt und halten sich mit guten Gründen an
eine Gegenwart. Ohne einen tragfähigen Lösungsversuch aber des Zusam-
menhangs von Ethik und Versprechen ist eine Bestimmung der „Minima
Moralia“ der Zukunft nicht möglich. Es ist sinnvoll, an diesem Punkt an
Hannah Arendt, die Zeitgenossin ähnlicher Fragen und Probleme, aber philo-
sophische Kritikerin Theodor W. Adornos, zu erinnern. Sie ist in dieser Fra-
118 Michael Wedell

ge einen überzeugenderen Weg gegangen, der bis heute unentdeckte Mög-


lichkeiten enthält.

„Ohne uns durch Versprechen für eine ungewisse Zukunft zu binden und auf sie
einzurichten, wären wir niemals imstande, die eigene Identität durchzuhalten;
wir wären hilflos der Dunkelheit des menschlichen Herzens, seinen Zweideu-
tigkeiten und Widersprüchen ausgeliefert, verirrt in einem Labyrinth einsamer
Stimmungen, aus dem wir nur erlöst werden können durch den Ruf der Mitwelt,
die dadurch, daß sie uns auf Versprechen festlegt, die wir gegeben haben und
nun halten sollen, in unserer Identität bestätigt, bzw. diese Identität überhaupt
erst konstituiert.“1

Aus dem „Labyrinth einsamer Stimmungen“ führt uns hier auf Erden kein
endzeitliches Erlösungslicht im Sinne Adornos heraus, sondern die Macht
und Verbindlichkeit des Versprechens, ohne die eine ethisch verbindliche
und überzeugende Politik in Zukunft nicht möglich ist.

Eine politische Kultur des Versprechens

Nichts scheint uns gegenwärtig schwieriger und komplizierter als die politi-
sche Kunst des Versprechens. In den „Minima Moralia“ der nächsten Gene-
ration wird der Umgang mit dem Versprechen zu einer politischen Kunst, die
von jenen neu geübt und bedacht sein will, die in prekären Zeiten nicht in
den Widersprüchen von resignativer Depression und Politikverdrossenheit
oder sozialem Utopismus und politischem Machbarkeitswahn und Allzustän-
digkeit untergehen wollen.
Zunächst setzt die politische Kunst des Versprechens handwerklich gute
Arbeit voraus, die klare Moderation von gegenwärtigen und aktuellen politi-
schen Interessenkonflikten und vor allem Verlässlichkeit, Beharrungsvermö-
gen und Geduld, mit der an notwendigen politischen Reformprojekten fest-
gehalten wird. Beharrungsvermögen ist die kleine Münze des Versprechens,
deren stabiler Kurswert vor allem in bewegten und turbulenten Zeiten nicht

1
Hannah Arendt, „Vita activa oder vom tätigen Leben“, (engl. EA 1958) München 2002 (Seitenzah-
len im Text).
Ethik in prekären Zeiten 119

unterschätzt werden darf. Die politische Kunst des Versprechens braucht


dabei Treue zu sich selbst und zu anderen und erzeugt so über den zeitlichen
Wandel hinaus verlässliche Verbindlichkeiten.
Darüber hinaus darf politische Führung ihre leitende Vision nicht be-
harrlich verschweigen, sondern muss immer wieder auch den Richtungssinn
ihrer Politik deutlich und erkennbar machen. Die Versuchungen eines politi-
schen Messianismus liegen auf der Hand und sind zu bestehen wie die Ge-
fahren einer Sinnstiftung durch Politik und Neigungen, den allzu hohen und
von ihr selbst immer wieder erzeugten und erneuterten Erwartungen an die
Politik immer und überall entsprechen zu wollen.
Einzelne politische Versprechen müssen konkret und nachvollziehbar
sein und ihre eigenen Grenzen und Reichweiten deutlich machen. Bedenken,
Risiken und Unabwägbarkeiten dürfen dabei nicht verschwiegen werden.
Eine politische Kunst des Versprechens lässt die „grundsätzliche Unabseh-
barkeit menschlicher Angelegenheiten“ und die „grundsätzliche Unzuverläs-
sigkeit der Menschen“ als solche bestehen und benutzt diese als „Medium“,
„in das die Versprechen gewisse, genau abgegrenzte Inseln des Vorausseh-
baren werfen, wie Wegweiser in ein noch unbekanntes und unbegangenes
Gebiet. Sobald Versprechen aufhören, solchen Inseln in einem Meer der
Ungewissheit zu gleichen, sobald sie dazu missbraucht werden, den Boden
der Zukunft abzustecken und einen Weg zu ebnen, der nach allen Seiten gesi-
chert ist, verlieren sie ihre bindende Kraft und heben sich selbst auf.“ (312f.)

Eine politische Kultur des Versprechens weiß um die Bedeutung von Vorbil-
dern, aber definiert ihre Bedeutung neu.

Bereits einige Zeit vor der Eskalation der Finanzkrise, am 16. Januar 2008,
erinnerte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück anlässlich des 10-jährigen
Jubiläums des Eugen-Gutmann-Hauses der Dresdner Bank am Pariser Platz
an die Verantwortung der Eliten in der Wirtschaft für den sozialen Zusam-
menhalt in der Gesellschaft:„Eliten haben eine Vorbildfunktion. Wenn sie
sich vorbildlich verhalten, werden sie viele Nachahmerinnen und Nachahmer
finden, die ihrem guten Beispiel folgen. Wenn Eliten aber ihre Vorbildfunkti-
on missachten, wenn sie die Regeln und jedes Empfinden von Anstand, Ge-
rechtigkeit und Moral verletzen, darf es niemanden wundern, wenn viele
120 Michael Wedell

Menschen den Eindruck gewinnen, dass man auch mit Egoismus erfolgreich
durchs Leben kommt.“
Auch Martin Blessing, CEO der Commerzbank und der Dresdner Bank,
führte in ähnlicher Art und Weise am 6. November 2008 in der Wochenzei-
tung „Die Zeit“ aus, dass Vertrauen in die Führungskräfte der Wirtschaft nur
durch „Offenheit, Transparenz und klare Regeln“ neu gewonnen werden
könne. Eine Marktwirtschaft müsse so organisiert sein, „dass Menschen,
indem sie ihre persönliche Situation verbessern, auch für das Ganze etwas
Gutes tun. Zu einer sozialen Marktwirtschaft gehört zudem auch, zu fragen,
ob Teile der Bevölkerung ausgegrenzt werden oder ob sich andere am obe-
ren Ende der Einkommenspyramide zu weit vom Rest der Gesellschaft ent-
fernen.“ Für die Schaffung und erst recht die längerfristige Sicherung mate-
rieller Werte ist die Beachtung ideeller Werte schon immer notwendig gewe-
sen, aber nun rückt dieses Thema wieder in das Bewusstsein. Entscheidungs-
träger in Wirtschaft und Politik, die wirtschaftlichen und politischen Eliten,
sollen selbstverständlich Vorbild sein für die Mehrheit einer Gesellschaft, die
sich an ihnen orientiert und in ihnen ihre Wünsche nach ethischer Verbind-
lichkeit und nach Anstand realisiert findet. Das aber reicht keineswegs aus.
In einer politischen Kultur des Versprechens ist ein Vorbild weit mehr als
nur eine realisierte ethische Leitvorstellung oder eine ethische Ressource in
der Zukunft. Im Vorbild sehen die Menschen immer auch das, was sie sich
von ihrem Leben im Ganzen wünschen, sich an Erfolg und Macht ersehnen
und versprechen.
Das Vorbild (vor allem wenn es zu den gesellschaftlichen Entschei-
dungsträgern gehört) ist schon aus sich heraus, vor jeder aktuellen Äußerung,
eine Verheißung und ein Versprechen, und die Menschen erwarten, dass
diese Vorbilder das Versprechen auch tatsächlich machen. Das Vorbild re-
präsentiert die Erwartungen in ihrer ganzen Fülle und nicht nur als ethisches
Projekt. Erfolg, Macht und ein gutes Leben sind keine verwerflichen Güter
und Größen, denn auch sie werden den Vorbildern gewünscht und von ihnen
erwartet.
Tendenziell wird so immer und überall zu viel versprochen und erwar-
tet. Ein fataler Kreislauf von Erwartung und Versprechen, der auch dadurch
verstärkt wird, dass die oft maßlosen Erwartungen an die Politik von einem
Übermaß an öffentlicher Kritik und Transparenzforderungen begleitet wer-
Ethik in prekären Zeiten 121

den, die jede Handlung von Politikern auf den Prüfstand stellen. Eine politi-
sche Kultur des Versprechens hat auf diesen Mechanismus zu achten und
muss einen neuen Mut zur Endlichkeit im Umgang mit Erwartungen auf-
bringen. Eine politische Kultur des Versprechens setzt mithin eine Kultur des
endlichen Maßes voraus.
Erfüllte Versprechen werden von vielen vergessen wie erfüllte Erwar-
tungen. Unerfüllte Erwartungen fordern immer weitere Versprechungen, an
deren Ende oft der Bruch eines Versprechens steht. Gebrochene Versprechen
werden indessen kaum vergessen. Stattdessen werden heilige Eide gefordert,
mit denen keine Politik zu machen ist und die die Macht des Versprechens
beschädigen.
Der oft recht statische Charakter des Vorbildhaften oder seine Redukti-
on auf ethisch-moralische Qualitäten reicht in Zeiten dynamisierten Wandels
nicht mehr aus: Wer als Vorbild überzeugen will, muss Vorläufer sein und
jenen Weg für sich schon innerlich und praktisch angetreten haben, für den
er gewinnen und auf den er mitnehmen will. Das meint sehr viel mehr als nur
ethische Tadellosigkeit und die Akzeptanz von Anstand, Moral oder Gerech-
tigkeit.
Vorbilder oder Vorläufer müssen sich in der medialen Öffentlichkeit
bewähren. Das ist mit eigenen Gefährdungen verbunden. Auch unter dieser
Rücksicht ist die Festlegung des Vorbilds auf das Ethische oder Moralische
in mehrfacher Hinsicht kontraproduktiv. Medien neigen wie die Bevölkerung
zu Hypermoralisierung und Skandalisierung und werden durch die Redukti-
on des Vorbilds auf seine ethische Bedeutung darin bestärkt. Das hohe Pa-
thos des Ethischen ist hier häufig nicht hilfreich, während eine Kultur des
Maßes (auch angesichts der ethischen Ansprüche an andere) befähigt, mit
den Widersprüchen und Konflikten dieser Welt zu leben, ohne sie zu über-
spielen oder in eine übergeordnete Harmonie aufzuheben.

„Minima Moralia“ der nächsten Generation

Woher nehmen die „Minima Moralia“ in prekären Zeiten ihre Kraft? Auf
diese Frage sollte hier mit der Erinnerung an die Macht des Versprechens
eine Antwort versucht werden. Eine neue und überzeugende politische Kul-
122 Michael Wedell

tur des Versprechens ist notwendig und geboten – das ist hoffentlich deutlich
geworden. Und doch ist dieser Versuch einer Antwort noch unvollständig.
Alle politische Kunst des Versprechens lebt von jenem unauslotbaren und
unverfügbaren Versprechen, das mit den Menschen gegeben ist. Die Mög-
lichkeiten, die in den Menschen gegeben sind, die im Alltag der Politik in
Begriffen wie „Fördern und Fordern“ thematisiert werden, werden nicht nur
appellativ, sondern auch regulativ vernachlässigt. Wenn Lust an der Freiheit
und mit ihr zu einem großen Teil die Lust an Politik und Engagement für den
Gemeinsinn verloren gehen, dann liegt der Grund vielleicht auch hierin: Im
Vergessen des Versprechens, das die Menschen in ihren Möglichkeiten sel-
ber sind und an das sie zu glauben verlernt haben. Ob Förderung von Erzie-
hung und Bildung, ob Teilhabe am Arbeitsleben oder die Verbesserung der
kulturellen Integration – keine dieser Zukunftsaufgaben wird sich ohne die
Macht des Versprechens lösen lassen.
These IV: Der neue Begriff des Politischen
Christopher Gohl

Politik zwischen Provinz und Weltbürgergesellschaft

I. Generation Globalisierung jenseits der Kindheitserinnerungen


eines Michelchens

Sind wir unpolitisch? Glaubt man Florian Illies, dann sitzt unsere Generation
in einem Puppenstübchen voller Playmobil. Aber seine "Generation Golf"
profilierte nicht die Kohorte der heute 30-jährigen, sondern nur den jungen
Feuilletonisten persönlich – als klugen, aber völlig unpolitischen Kopf. Das
dünne, vergnügliche Büchlein ist die westdeutsche Kindheitserinnerung eines
Michelchens an eine Kindheit in Schlitz im Vogelsbergkreis, Osthessen. Sie
hat weder mit den wesentlichen politischen Prägungen junger politischer
Gestalter noch mit der Zukunft einer globalisierten Gesellschaft in der Mitte
Europas zu tun.
Eine Generation definiert sich über bestimmte zeitgeschichtliche Erfah-
rungen und Herausforderungen. Der Sinn der öffentlichen Rede über "Gene-
ration" liegt darin, Geschichte begreifbar zu machen als die gesellschaftliche
Erfahrung der Zeit, in der wir leben, welche uns prägt als Menschen, die wir
sind. Die eindrückliche Erfahrung unserer Kohorte ist der dekadenlange
Übergang der provinziellen Bonner in die globalisierte, digitalisierte und
demographisch herausgeforderte Berliner Republik, markiert vom Fall der
Berliner Mauer auf der einen und dem Fall der Twin Towers auf der anderen
Seite. Diese dichte Erfahrung politischer Veränderungen hat uns politisiert.
Und sensibilisiert: Sie öffnet den Blick für Mögliches und Machbares –
Perspektiven einer anderen, besseren Politik.
Die spezifisch deutsche Erfahrung dramatischer gesellschaftspolitischer
Um- und Aufbrüche fällt zusammen mit der Erfahrung der Globalisierung.
Der Herbst der Freiheit 1989 in Mittel- und Osteuropa war zugleich ein Früh-
ling der Freiheit für die Welt – aber die Schranken öffneten sich auch für
neue Zivilisationsbrüche, die erschreckten. Den brennenden Häusern in Ros-
126 Christopher Gohl

tock, Mölln und Solingen und dem zum Teil barbarischen "Bürgerkrieg" im
damaligen Jugoslawien standen die Hoffnungen auf eine "neue Weltord-
nung" (George Bush sen.) im Informationszeitalter gegenüber. Auf der Suche
nach neuen Gesellschaftsverträgen verfolgten Bill Clinton und seine europä-
ischen Freunde einen neuen, dritten Weg, einigte sich Europa, hofften Israe-
lis und Palästinenser in Nahost, begann die Weltgesellschaft mit Agenda-21-
Prozessen an Millenium Goals für eine zukunftsfähige Entwicklung zu arbei-
ten.
Unsere Generation kennt noch den im Gleichgewicht der Mächte des
Kalten Krieges eingefroren provinziellen Stillstand. Mit dem Versprechen
der bundesdeutschen oder der sozialistischen Normbiographie wurden wir
eingeschult, aber als wir die Schule verließen, war die Welt schon in Bewe-
gung geraten. Wir sind die, die die Werte der alten Ordnungen noch kennen,
aber mit den Hoffnungen und Abgründen der neuen Zeit erwachsen wurden.
Für die 20-Jährigen ist der Wandel bereits so selbstverständlich, dass sie vor
lauter Fluss dessen Strömungen nicht mehr begreifen. Und die 40jährigen
sind noch bonnerisch oder ost-berlinerisch sozialisiert – deswegen vermisst
man in der Politik der Bartels und Westerwelles auch die kosmopolitische
Großzügigkeit. Es liegt an uns 30-Jährigen, neue Orientierungen mit Leiden-
schaft und Augenmaß zu verantworten.
Die Zeit dafür ist reif. Die Welt und unsere Republik – sie organisieren
sich neu. Für die Politik hat das enorme Konsequenzen: Ort, Formen und
Normen des Politischen verändern sich. Unsere Generation macht Politik
anders. Um die neue Ordnung des Politischen geht es in den folgenden Ab-
schnitten.

II. Neue Orte der Politik

Die zeitgeschichtlichen Erfahrungen zwischen 1989 und 2001 zeigen eine


Dezentrierung von Politik. Das alte Arrangement sah staatstragende Parteien
vor, die im Parlament die Politik der Nation entschieden. Die Zivilgesell-
schaft hieß in den 70er Jahren noch APO – außerparlamentarische Oppositi-
on, welche über die Parteienbildung der Grünen letztlich integrierbar und
staatlich zentrierbar war. Das Credo lautete: Politik ist, wo der Staat ent-
Politik zwischen Provinz und Weltbürgergesellschaft 127

scheidet – und was da noch war, nannte man Anfang der 90er Jahre aushilfs-
weise Subpolitik oder Politik der Lebensstile. Damit war keine richtige Poli-
tik gemeint, sondern individueller Selbstausdruck jenseits gesellschaftlicher
Relevanz.
Dann entfaltete sich die prägende Kraft von vier großen und langfristi-
gen Entwicklungen, die seit 1989 anhalten: erstens, die wirtschaftliche, kul-
turelle und politische Globalisierung; zweitens, die digitale Vernetzung der
Kommunikationskanäle; drittens, der demographische Wandel; und viertens,
der Übergang von industrialisierten Massengesellschaften und ihrer organi-
sierten Klassen zu neuen, vielfach differenzierten Milieus und Lebensstilen
der Informationsgesellschaft. Die "neue Unübersichtlichkeit" (Habermas)
wurde zunächst postmodern goutiert; sie war eine Chance für Identitätspoli-
tik – anything went. Aber im neuen globalen Zeitalter (Albrow) wurden auch
neue gesellschaftliche Risiken deutlich (Ulrich Beck). Mit dem Prinzip Ver-
antwortung (Jonas) war der Staat jedenfalls eindeutig überfordert: föderativ
blockiert, in seinen Sicherungssystemen langfristig schlecht aufgestellt, hilf-
los gegenüber transnationalen Unternehmen und hoch verschuldet. Nachhal-
tig und zukunftsfähig war das alles nicht – und so wurde die Zivilgesellschaft
als Reperaturwerkstätte entdeckt, der Bürger zum neuen local hero.
Die genannten vier Entwicklungen bieten Chancen und Bedrohungen
zugleich. Neue Optionen des Handelns, neue Interaktionen schaffen neue
Konsequenzen. Mit den digitalen und globalen Interaktionen quer über Klas-
sen, Grenzen und Generationen hinweg steigen die gegenseitigen Abhängig-
keiten: Die Komplexität nimmt zu. Und über die Zeit hinweg spielt sich die-
se Komplexität in neuen Dynamiken aus. Das gilt nicht nur für unsere sozia-
len Beziehungen untereinander, sondern auch für unsere Bezüge auf eine
sich schnell verändernde, verworrene Welt.
Parlamente und Verwaltungen sind damit überfordert, diese neuen dy-
namischen Interdependenzen angemessen zu verhandeln. Die zentrale Ein-
sicht nachhaltiger Entwicklung ist, dass diese Interdependenzen nur dann
angemessen gestaltet werden können, wenn alle sozialen, ökologischen und
wirtschaftlichen Aspekte in die politische Gestaltung gesamtheitlich integ-
riert werden. Das Wissen über diese Aspekte, die Perspektiven ihrer Ent-
wicklung und die Umsetzung und Kontrolle von Entscheidungen müssen
also in den politischen Prozess hineingenommen werden – gemeinsam mit
128 Christopher Gohl

den gesellschaftlichen Verantwortungsträgern. Das ist denn auch die Grund-


einsicht von "Governance", jener Formel, die besagt, dass "Government" als
zentral entscheidende "Regierung" nicht mehr ausreicht, um erfolgreich zu
"regieren".
Kein Wunder also, dass die Theorien gesellschaftlicher Steuerung die
zivilgesellschaftlichen Akteure analytisch (und im Leitbild nachhaltiger
Entwicklung auch normativ) entdeckt haben. Aber die Politik wandert nicht
einfach aus den Zentren der Parteien und Parlamente aus. Parteien- und Par-
lamentspolitik gibt es nach wie vor. Sie werden jedoch komplementiert von
der Projektpolitik der Zivilgesellschaft. Es gibt heute mehr Politik als früher.
Ihr Schwerpunkt verlagert sich von den staatlichen Institutionen weg hin zur
Zivilgesellschaft. In ihrem neuen Schwerpunkt nimmt sie neue Formen an –
und bedarf neuer Normen.

III. Neue Formen der Politik

Jenseits der Parteien- und Parlamentspolitik nimmt die dezentrierte Politik


neue Formen an. Die neuen Verfahren haben viele Überschriften: Agenda-
21-Prozesse, Aktionsnetzwerke, Aktivierung, Allianzen, Arbeitskreise, Bera-
tung durch Beteiligungsverfahren, Bürgerbeteiligung, Bürgerengagement,
Change Management, Community Organizing, Deliberation, dialogische
Kommunikation, Empowerment, Expertenbeteiligung, Foren, Gruppen-
Moderation, Initiativen, Koalitionen, Kommissionen, Konsultationen, latera-
le Führung, Mediationen, Nachhaltigkeitsräte, Netzwerk-Management, orga-
nisierter Dialog oder Diskurs, partizipative Entscheidungsfindung, partizipa-
tive Planung, Plattformen, Räte, Stakeholder-Prozesse, Technikfolgenab-
schätzung, Weltgipfel oder Zukunftskongresse.
Die Fachliteratur verzeichnet Hunderte solcher Verfahren. Sie sind kei-
ne Randerscheinung des Politischen. Vielmehr verfassen sie jene Interaktio-
nen zwischen staatlichen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und zivilge-
sellschaftlichen Akteuren, die der Governance-Forschung ihren Gegenstand
geben. Nicht umsonst blüht die Governance-Forschung seit den 90er Jahren,
und nicht zufällig bilden sich immer neue Governance-Schulen: Politik soll
vom Problem wieder zur Problemlösung werden. Local Governance, Good
Politik zwischen Provinz und Weltbürgergesellschaft 129

Governance, Governance for Sustainability – der Formenwandel des Politi-


schen ist allgegenwärtig und vielfältig.
Dabei verändert sich der Begriff des Politischen. Die alte Definition lau-
tet: Politik ist das Treffen kollektiv verbindlicher Entscheidungen. Die neue
Definition muss heißen: Politik ist die Bearbeitung kollektiv verbindender
Probleme. Noch gibt es keine Verfahrenslehre des Politischen. Sie würde in
etwa folgende Bestimmung vornehmen: Die formalisierten und repräsentati-
ven Verfahren des Rechtsstaates und der Parteiendemokratie sind von der
Komplexität und Dynamik der Probleme überfordert. Politik in diesen alten
Formen ist selbst ein Problem. Politik als Problemlösung findet in neuen
informellen und partizipativen Verfahren statt. Diese komplementieren die
rechtlich formalisierten, repräsentativen Verfahren. Sie beziehen sich auf ein
bestimmtes Problem und sind zeitlich begrenzt - als solche sind sie Ausdruck
von "Projektpolitik".
Zwei Arten von Verfahren sollten dabei unterschieden werden: delibera-
tive Verfahren einer aufgeklärten Öffentlichkeit, die der Beratung der institu-
tionalisierten Politik dienen; und kollaborative Verfahren, bei denen die Be-
teiligten aus Wirtschaft und Drittem Sektor jenseits staatlichen Handelns
gemeinsame Veränderungen verwirklichen. Zur ersten Form gehören all die
Verfahren, bei denen politische Institutionen das Wissen, die Perspektiven
und den common sense von Experten, Betroffenen oder Bürgern für eine
Policy-Empfehlung abschöpfen, um besser informiert entscheiden zu kön-
nen. Prominentes Beispiel ist das Mediationsverfahren zum Ausbau des
Frankfurter Flughafens 1998-2000, dessen Ergebnis – Ausbau für substan-
tiellen Lärmschutz – von der Politik übernommen und von Gerichten bestä-
tigt wurde. Zur zweiten Form gehören zum Beispiel die Initiative für Be-
schäftigung der deutschen Wirtschaft, die seit 10 Jahren für mehr Beschäfti-
gung sorgt, oder die aus Agenda-21-Prozessen hervorgegangenen Global
Action Networks.
Mit der Form ändert sich auch der Stil der Politik. Unsere Generation
produziert Diskussionsbeiträge statt Demonstrationen, social entrepreneurs
statt Sozialrevolutionäre. Wir gründen Stiftungen und Thinktanks statt Kom-
munen und Streikkomitees. Wir experimentieren weltweit mit neuen Formen
politischer und sozialer Organisation und Kommunikation und haben Goog-
le, Xing, MySpace und politik-digital erfunden. Am Problem orientiert, mit
130 Christopher Gohl

hoher deliberativer und kollaborativer Intelligenz, werden wir auch die näch-
sten dreißig Jahre Wandel führen und gestalten. Wenn sich der Staub der
Umbrüche in einigen Jahren etwas setzt, werden die Konturen der künftigen
politischen Ordnung sichtbar. Niemand kann die Zukunft vorhersagen. Aber
auf der Suche nach einem gemeinsamen Zukunftsbild liegt es nahe, die lau-
fenden Veränderungen in der Zielperspektive einer umfassenden Weltbür-
gergesellschaft zu bündeln.

IV. Neue Normen und Ordnungen der Politik

Der jahrtausendealte Fundus des Denkens über eine zivile Gesellschaft der
Bürger hielt die mentale Munition bereit, 1989 die sozialistischen Diktaturen
Mittelosteuropas zu beenden. Das politische Vokabular vom Bürger, seiner
Freiheitsrechte und solidarischen Pflichten, von der Zivilität und der Öffent-
lichkeit, von freiwilligen Vereinigungen, sozialem Kapital und den Visionen
einer guten, am Menschen ausgerichteten Gesellschaft gehört auch im 21.
Jahrhundert zum Kanon fundamentaler Selbstverständigung. Der Grund ist
einfach: Die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft bestehen wir
nur mit und dank der Ideen und Initiativen, Aktivitäten und Aktionen, Wis-
sen und Werten der Bürger, niemals ohne oder gegen sie.
Eine politische Ordnung, die vom Menschen als Bürger ausgeht, ist eine
Bürgergesellschaft im umfassenden Sinne. Im Gegensatz zur real existieren-
den Zivilgesellschaft, die eine Sphäre ziviler Assoziationen und Öffentlich-
keiten jenseits von Staat und Markt ist, durchdringt diese Bürgergesellschaft
die Wirtschaft und umfasst den Bürgerstaat. Im Ausgang der Politik steht
nicht der Staat oder die Gemeinschaft des Volkes oder der Gläubigen, son-
dern der Mensch als Bürger. Der Staat als Garant einer zivilen Grundordnung
bleibt eine unverzichtbare zivilisatorische und historische Errungenschaft,
aber die politikgestalterische Kompetenz für die Bearbeitung kollektiver
Probleme teilt er mit vielen anderen Akteuren.
Nach Marx ist die Gesellschaft die Gesamtheit der Verhältnisse zwi-
schen den Menschen, nach Bryant bezeichnet die Zivilgesellschaft die sozia-
len Beziehungen zwischen Bürgern. Die Weltbürgergesellschaft geht über
soziale Verhältnisse hinaus. Ihr Bürger ist, wer zu anderen Bürgern in Bezie-
Politik zwischen Provinz und Weltbürgergesellschaft 131

hungen steht und sich zur Welt in einen bewussten Handlungsbezug setzt.
Bürger interagieren nicht nur miteinander, sondern sie handeln gemeinsam in
Bezug auf ihre problematisch gewordene Welt – problembearbeitend oder
kreativ (sozialen, ökologischen, kulturellen) Mehrwert schöpfend. Sie tun es
vor Ort in Schlitz in Osthessen ebenso wie in Stadtregionen wie Berlin-
Brandenburg, aber auch in nationalen und transnationalen Bürgergesellschaf-
ten mit unterschiedlichen Traditionen und letztlich als Mitglieder der Welt-
bürgergesellschaft.
Bürgergesellschaften sind deshalb keine abschließenden institutionellen
Ordnungen, sondern dynamische, entwicklungsfähige, aber stabile Praxen
der Zivilisationsverantwortung (Kleger). Ihr Motor sind die sozialen und
demokratischen Bewegungen sowie der sich professionalisierende, stetig
wachsende Dritte Sektor („Bürgersektor“). Ihre systemische Stärke ist die
dezentrale Selbstorganisation. Ihre Normen wurzeln im antitotalitären Kon-
sens: Zentrale Werte sind die Würde des Menschen, die Freiheit der rechtlich
Gleichen, Solidarität und Pluralismus. Entscheidende Prinzipien sind die
soziale Teilhabe und die politische Teilnahme in Selbstbestimmung und
Selbstorganisation, gegenseitiger Respekt und Anerkennung, Toleranz, Vor-
und Fürsorge, fairer Wettbewerb und Kooperation. Und ihr Eros und Pathos
muss das einer Weltbürgergemeinschaft sein.
Am Ende ist die Weltbürgergesellschaft keine geschichtliche Erlösung
oder gar Notwendigkeit, sondern ein sinnvolles, integratives, empirisch und
normativ naheliegendes und nie abschließbares politisches Projekt, eine zu-
gleich unmögliche wie reale Utopie. Aber nur vom Unmöglichen her können
wir unsere Möglichkeiten verstehen – so hat man Adornos Minima Moralia
zusammengefasst. Aufgabe unserer Generation sollte sein, die vielen dezent-
ralen und unauffälligen Um- und Aufbrüche in die Praxen der Weltbürgerge-
sellschaft zu gestalten.
Vito Cecere

Macht Gestaltung
Für eine erneuertes Verständnis von Politik

Was ist Politik?

Max Weber beschrieb Politik als das Streben nach Machtanteil oder Beein-
flussung der Machtverteilung zwischen Staaten oder innerhalb eines Staates
zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Zugleich mahnte er je-
doch, dass Macht kein Selbstzweck sein dürfe: „Wie die Sache auszusehen
hat, in deren Dienst der Politiker Macht erstrebt und Macht verwendet, ist
Glaubenssache – immer muss irgendein Glaube da sein. Sonst lastet in der
Tat der Fluch kreatürlicher Nichtigkeit auch auf den äußerlich stärksten poli-
tischen Erfolgen.“
Der nützliche Gebrauch von Macht zum Zwecke der politischen Gestal-
tung ist ein konstitutives Merkmal der modernen Demokratie. Das entspricht
einem republikanischen Verständnis von Politik, das den Staat als Organisa-
tion freier Bürger begreift. Die Werte, Ziele und Forderungen dieser Ci-
toyens, ihr Streben nach Freiheit, Gleichheit und Teilhabe stehen im Zentrum
des politischen Wettbewerbs.
Nach diesem Politikverständnis zeichnet sich der demokratische Staat
durch die Vermittlung unterschiedlicher Interessen aus. Daran darf man ge-
legentlich erinnern, wenn nach dem Wesen des Politischen gefragt wird.
Denn erfolgreicher Politik wird gerne zugestanden, wertorientiert zu sein und
das Gemeinwohl zu fördern. Dass politische Willensbildungsprozesse in der
Demokratie jedoch darauf angelegt sind, Konflikte auszutragen und Interes-
sen auszugleichen, wird dabei allzu häufig verdrängt.
Diese Haltung hat historische Gründe. Denn die deutschen Erfahrungen
des 20. Jahrhunderts sind geprägt durch die Zerstörungskraft despotischer
und totalitärer „Glaubenssachen“. In der politischen Kultur der Bundesrepub-
lik entwickelte sich deshalb ein pragmatisches Alltagsverständnis von Poli-
Macht Gestaltung 133

tik, das bis heute Wirkung hat. Im Mittelpunkt steht dabei die Funktionsfä-
higkeit des politisch-administrativen Systems unter Kosten-Nutzen-Gesichts-
punkten. Der Fokus ist auf Regierungstätigkeit gerichtet. Das Bemühen um
eine normative Bestimmung des Politischen tritt deutlich dahinter zurück.
In Zeiten relativer gesellschaftlicher Stabilität mag das funktionieren.
Doch was kann ein solches Politikverständnis leisten, wenn gravierende
Veränderungsprozesse zu bewältigen sind? Wird ein Wettstreit politischer
Ideen nicht zunehmend wichtiger, um die Menschen auch von schwierigen
Reformen zu überzeugen? Das Argument der Alternativlosigkeit, mit dem
die politische Akteure – in Anlehnung an das skizzierte Alltagsverständnis
von Politik – sich dann und wann dem Zwang zur Legitimation ihrer Optio-
nen zu entziehen versuchen, greift jedenfalls zu kurz. Angesichts des wirt-
schaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Wandels kann Politik ohne
Überzeugungskraft kaum erfolgreich sein.

Grenzen der Volksparteiendemokratie

Mit der Zeitenwende von 1989/90 und dem Ende des ideologischen Ost-
West-Konflikts verlor die Politik an visionärer Kraft. Der Politikwissen-
schaftler Werner Weidenfeld spricht vom „leisen Verschwinden der Politik"
als „Profilierer der Interpretationsordnung". Politische Akteure und Öffent-
lichkeit nahmen dies billigend in Kauf; Demokratie und Marktwirtschaft
hatten sich schließlich in Deutschland durchgesetzt, eine normative Erneue-
rung des gesellschaftlichen Konsenses erschien weder sinnvoll noch notwen-
dig.
Man vertraute stattdessen auf die Stabilität und Kontinuität des politi-
schen Systems der alten Bundesrepublik und eine für Sicherheit und Wohl-
stand sorgende Soziale Marktwirtschaft. Es herrschte die Erwartung vor, dass
soziale Ungleichgewichte und Verteilungsfragen vor allem durch administra-
tive Interventionen gelöst werden könnten. Die Einstellungen der Bürger in
Ost und West gegenüber Staat und Politik waren von dieser Annahme we-
sentlich bestimmt.
In den 1990er Jahren wurden die Verteilungsspielräume für eine solche
Politik zunehmend schmaler. Damit stieß auch die traditionelle Volkspartei-
134 Vito Cecere

endemokratie an ihre Grenzen. CDU/CSU und SPD stabilisierten jahrzehnte-


lang die Demokratie in Westdeutschland, indem sie ihre Klientel und Milieus
in den Sozialstaat integrierten. Sie konnten dies tun, weil sie über starke
Bindungskräfte in die Gesellschaft hinein verfügten. Es sollte sich zeigen,
dass dieses Modell in der gesamtdeutschen Gesellschaft nicht mehr ohne
weiteres funktionierte.
Nun wurde die Kehrseite eines allzu pragmatischen, auf Kosten-Nutzen-
Kalküle reduzierten Politikverständnisses sichtbar. Die Erwartungen an und
die Wahrnehmungen von Politik drifteten zunehmend auseinander. Die Ein-
heitseuphorie kühlte ab, der Begriff der Politik- bzw. Politikerverdrossenheit
begann die Runde zu machen. Seither ist von einer Krise des politischen
Systems und der Volksparteien, wie wir sie bis dato kannten, die Rede.
Jenseits aller Dramatisierungen bleibt festzustellen, dass den politischen
Akteuren auch mit dem steten Hinweis auf den Anpassungsdruck, der durch
die Globalisierung auf nationalstaatlicher Politik lastet, nicht geholfen ist, um
verlorenes Vertrauen bei den Wählerinnen und Wählern zurück zu gewinnen.
Es fehlt an überzeugenden Orientierungspunkten, die im öffentlichen politi-
schen Raum zur Positionierung notwendig sind. Wenn Politik aber kaum
noch Inspiration weckt und die parlamentarische Demokratie träge wirkt,
befördert dies zusätzlich die Orientierungslosigkeit bei politisch Aktiven und
Wählern.
Um Skepsis und Zweifel an der Leistungsfähigkeit von Politik – und
damit letztlich an der Handlungsfähigkeit des demokratischen Staates – ab-
zubauen, wird es deshalb nicht ausreichen, auf eine Professionalisierung des
Politikmanagements, bessere Kommunikation oder Personalisierungsstrate-
gien zu setzen. Die eigentliche Herausforderung besteht in der Erneuerung
eines Politikverständnisses, das sich nicht im Machtpragmatismus erschöpft,
sondern dem Wandel der politischen Einstellungen Rechnung trägt.

Gesellschaft im Wandel

Verunsicherung prägt seit Längerem schon die politische Stimmunglage in


Deutschland. Das reicht bis weit in die gesellschaftliche Mitte hinein. Die
Akzeptanz der Sozialen Marktwirtschaft ist deutlich geschwunden. Leitbilder
Macht Gestaltung 135

wie Wohlstand für alle oder Aufstieg durch Bildung haben in den Augen
vieler Menschen an Werthaltigkeit verloren. Die Angst vor sozialem Abstieg
nimmt zu. Das Reformtempo ist vielen zu schnell, die Zumutungen zu hoch
und der Erfolg zu gering.
Insbesondere in jenen gesellschaftlichen Milieus, die einen besonders
starken Veränderungsdruck verspüren, wird die Verlässlichkeit staatlichen
Handelns hinsichtlich der Grundbedürfnisse nach Sicherheit und Gerechtig-
keit zunehmend in Zweifel gezogen. Viele Menschen fühlen sich von der
Politik nicht verstanden, geschweige denn mitgenommen. Der gesellschaftli-
che Konsens bröckelt, das Grundvertrauen in die Leistungsfähigkeit des poli-
tischen Systems schwindet. So gedeiht Politikentfremdung.
Die heute 30- bis 40-Jährigen sind keineswegs entpolitisiert. Das Inter-
esse an einer Politik, durch die der eigene Lebensstandard erhalten und nach
Möglichkeit gesteigert werden kann, ist gerade hier nach wie vor groß. Die
Erwartungen werden jedoch häufig enttäuscht. Dafür stehen Aussagen wie:
„Egal, welche Partei man wählt, ändern tut sich doch nichts." Am sichtbars-
ten wird der Vertrauensverlust der Politik an der negativen Mitgliederent-
wicklung bei den Volksparteien und abnehmender Wahlbeteiligung. Das
kann auf Dauer nicht gut sein für die Stabilität des politischen Systems.
Haben wir es mit einem Verfall der Demokratie zu tun? Befinden wir
uns bereits im Übergang zu einer Postdemokratie? Nachdenklichkeit ist zu-
mindest angebracht. Dabei geht es nicht nur um die latente Gefahr für die
Demokratie, die von Populisten und ihrer antidemokratischen, antiliberalen,
intoleranten und fremdenfeindlichen Propaganda ausgeht. Es geht vor allem
um die Sorge, dass im Lichte der globalen Herausforderungen des 21. Jahr-
hunderts das Demokratische aus „Effizienzgründen“ autoritärere, d.h. obrig-
keitsstaatliche und ökonomistische Züge annehmen könnte.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Demokratie als Staatsform ge-
nießt nach wie vor hohe Zustimmung in Deutschland. Jedoch mehren sich
die kritischen Stimmen hinsichtlich der Funktionsfähigkeit und der Problem-
lösungskompetenz demokratisch legitimierter Politik. Das führt in der Kon-
sequenz dazu, dass die rechtsstaatlichen Institutionen, das Regelwerk der
Demokratie, wie z.B. die Gerichte, ein deutlich höheres Vertrauen und Anse-
hen in der Bevölkerung genießen, als parteistaatliche Institutionen, wie Par-
lament und Regierung. Das begünstigt die Erosion der bislang recht stabilen
136 Vito Cecere

Machtinfrastruktur in Deutschland. Letztlich wird es somit schwieriger, re-


gierungsfähige Mehrheiten zu organisieren.

Anforderungen an ein zeitgemäßes Politikverständnis

Dass das Wahlverhalten flexibler und der Wählermarkt unübersichtlicher


geworden ist, hat nicht zuletzt die Bundestagswahl 2005 gezeigt. Rot-Grün
und Schwarz-Gelb haben es jeweils nicht geschafft, das nötige Vertrauen für
ihre Politik und damit eine Mehrheit bei den Wählerinnen und Wählern zu
gewinnen. Unterm Strich überwog in der politischen Öffentlichkeit die Vor-
stellung, dass CDU/CSU und SPD ihre Kräfte in der Regierung bündeln
sollten.
Die Große Koalition stand von Beginn an unter einem großen Erwar-
tungs- und Erfolgsdruck. Im Zeichen der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise
sind nun erst recht handlungsfähige politische Akteure gefordert. Die Situati-
on ist günstig; die Krise hat gewissermaßen zu einer Rückbesinnung auf das
Politische geführt. Und die Partei, der die Wählerinnen und Wähler die höchste
Kompetenz bei der Bekämpfung der Krise zusprechen, wird gute Chancen ha-
ben, bei kommenden Wahlen erfolgreich zu sein.
Aber was bedeutet es, wenn der Primat der Politik wieder stärker zur
Geltung kommt? Worin liegen die Chancen für die politischen Akteure? Um
dem beschriebenen Missverhältnis zwischen Erwartungen an und Wahrneh-
mungen von Politik dauerhaft entgegen zu wirken, braucht es jedenfalls mehr
als die Fähigkeit zur Krisenbewältigung. Macht zum Zwecke der Gestaltung
setzt Leitbilder und Zukunftsentwürfe voraus, an denen sich Regierungshan-
deln in kurz- und mittelfristiger Perspektive orientieren kann: Man muss
wissen, was man will, und danach handeln!
Die Volksparteien verfügen längst nicht mehr über ihre dereinst unange-
fochtene Stellung im politischen System. Sie werden zunehmend zu Parteien
ohne Volk – quantitativ und qualitativ, da es das politische Konstrukt des
„Volkes“ in einer nach sozialen, kulturellen und politischen Milieus stark
ausdifferenzierten Gesellschaft nicht mehr gibt.
Politik wird künftig stärker durch Gruppen, Vereine und andere zivilge-
sellschaftliche Organisationen geprägt sein. Die Parteien sind deshalb gut
Macht Gestaltung 137

beraten, die Reste an anachronistischen Selbstgewissheiten und Allmachts-


ansprüchen abzulegen und ihre Defizite bei der Wahrnehmung der gesell-
schaftlichen und politischen Wirklichkeit aufzuarbeiten. Dazu bedarf es einer
stärkeren Öffnung der Parteien, mehr Basis- und Bürgerbeteiligung und der
Bereitschaft zum Lernen, Zuhören, Erklären und Streiten über Positionen.
Politik muss wieder mehr zu einem Raum für demokratische Entscheidungs-
prozesse werden. Das wäre ganz im Sinne einer Profilbildung, die den Men-
schen zu- und nicht abgewandt ist.
Die Alternative wäre Abschottung, was bei der Suche nach Orientierung
leicht zu einer Re-Ideologisierung von Politik führen könnte. Das kann ange-
sichts der politischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nicht das Ziel
sein. Die Weltwirtschaftskrise zeigt uns ja gerade, zu welchen Verwerfungen
eine Ideologie wie der Neoliberalismus führen kann.
Auf der Tagesordnung steht vielmehr die Vitalisierung der Demokratie.
Voraussetzung dafür ist ein Politikverständnis, dass inhaltliche Orientierung
und politische Führung, Profilbildung und Regierungsverantwortung, Gesin-
nungs- und Verantwortungsethik nicht gegeneinander setzt, sondern Interes-
sen- und Machtfragen im politischen Willensbildungsprozess gleichermaßen
berücksichtigt. Da sich Politik in den westlichen Demokratien in vernetzten
sozialen, kulturellen und politischen Öffentlichkeiten abspielt, müssen die
Akteure verstärkt den Dialog mit den unterschiedlichen gesellschaftlichen
Gruppen und Milieus suchen und einen Austausch über die Chancen und
Risiken ihrer Optionen führen. Demgegenüber sollte endlich Schluss sein mit
der Rhetorik der Alternativlosigkeit in der Politik.
Gute Kommunikation trägt dazu bei, das Vertrauen in Politik zu stabili-
sieren. Sie zählt deshalb zu den Kernaufgaben politischer Akteure und Insti-
tutionen. Politische Semantik sollte den Mut zu eindeutigen und klaren Be-
kenntnissen aufweisen und eine verbindende Erzählung vortragen, die von
den Handelnden auch persönlich glaubhaft verkörpert wird. Sie sollte unrea-
listische Erwartungen dämpfen und vor allem Antworten auf das Warum?
sowie Klarheit über das Wohin? von Politik geben. Positiv formulierte Re-
formziele fördern die Akzeptanz bei den Bürgerinnen und Bürgern.
Letztlich aber kann und darf die Verpackung nicht die Inhalte ersetzen.
Und um diese Inhalte gilt es auch nach 60 Jahren Bundesrepublik und 20
Jahre nach dem Mauerfall mit Macht und Leidenschaft zu streiten. Mehr
138 Vito Cecere

Demokratie zu wagen, bleibt eine zentrale politische Aufgabe in Deutsch-


land.
Christian Lindner

Mut zur politischen Führung

Wie ich waren viele in das Foyer des nordrhein-westfälischen Landtags ge-
kommen, um gemeinsam seine Rede zu hören. Für den Anlass hatte man
eigens Videoleinwände aufgebaut. Über die politischen Grenzen hinweg
standen wir – Abgeordnete, Mitarbeiter, Journalisten und Gäste – am frühen
Abend dieses 20. Januar 2009 zusammen, um die Amtseinführung von Ba-
rack Obama zu erleben. So wie ich in Düsseldorf haben viele mit Faszination
und Bewegung dieses demokratische Hochamt und zuvor seine Kampagne
verfolgt: Allein 200000 Menschen waren einige Monate vorher zur Sieges-
säule gekommen, um die „Berliner Rede“ des Präsidentschaftskandidaten zu
erleben. Aus meinen Gesprächen mit Schülern und Studenten und insgesamt
mit jungen und bestens ausgebildeten Menschen habe ich mitgenommen, wie
stark die Anziehungskraft des neuen US-Präsidenten ist. Fraglos verdankt
sich seine Popularität dem drängenden Wunsch nach einem Neuanfang in der
amerikanischen Politik, die durch seinen Vorgänger ihre moralische Legiti-
mation beschädigt hat. Aber gerade an diesem Dienstag war für mich unmit-
telbar greifbar, dass Obama darüber hinaus eine ganz andere, gesellschaftli-
che Tiefenströmung in Deutschland angesprochen hat: Er war und ist die
Projektionsfläche für ein unbefriedigtes Bedürfnis – für die Sehnsucht nach
Politik.
Gerade die Generation der heute unter Vierzigjährigen gestaltet ihre
Biographien in einer Welt der Globalität, die reich an Veränderung und arm
an Gewissheiten geworden ist. Jeder verfügt über neue Optionen für den
eigenen Lebensentwurf – aber nur, wenn er willens und in der Lage ist, seine
Bildungschancen zu nutzen. Die Informationstechnologien synchronisieren
Märkte und in zunehmendem Maße auch die politischen Öffentlichkeiten.
Die Krise der Kapitalmärkte, der Klimawandel und die Bedrohung durch
internationalen Terrorismus lassen viele befürchten, dass die großen Systeme
und Konflikte kaum mehr kontrollierbar sind. In einer solchen Welt gibt es
140 Christian Lindner

ein natürliches Bedürfnis nach Orientierung, Erklärung und Berechenbarkeit


– nach Vertrauen. In der deutschen Politik war Reformtechnik aber zu lange
wichtiger, als den Menschen eine politische Deutung unserer gemeinsamen
Gegenwart anzubieten. Der Verzicht auf Pathos wurde geradezu zum Prog-
ramm erhoben. Rastloser Pragmatismus führt aber in die Orientierungslosig-
keit. In vielen Augen wächst deshalb die Kluft zwischen der Größe der He-
rausforderungen unserer Gesellschaft und dem Kleinmut unserer Politik.
Dieser Status quo in Deutschland führt einerseits zu Wahlenthaltung und
einer bestenfalls resignativen Unterstützung unseres politischen Systems.
Andererseits zementiert er zu Lasten zukünftiger Generationen eine politi-
sche Gegenwartsorientierung und eine Nullsummen-Mentalität, die Neid-
und Verteilungsdebatten schürt.

Führung heißt Kommunikation

Vor Jahren wurden in einer heute zu wenig beachteten Schrift drei Politiker-
typen unterschieden: „Der Staatsmann eröffnet seinen Mitbürgern innere
Freiheiten, der Demagoge führt sie in eine größere innere Unfreiheit, der
Amtsinhaber schließlich führt die Geschäfte innerhalb der Grenzen, die seine
und seiner Mitbürger innere Freiheit abstecken.“2 Eine solche „innere Frei-
heit“ drückt sich für mich in der Bereitschaft zu Veränderung und persönli-
chem Engagement, in Toleranz und Zuversicht, in der Anerkennung von
Leistung und der Solidarität mit Schwächeren aus. Wir haben in Deutschland
zu wenig davon. Möglicherweise, weil es in Deutschland zu viele „Amtsin-
haber“ in der Politik gibt? Es ist jedenfalls offensichtlich: Unserem Land
fehlt politische Führung. Wir entbehren dadurch einer geteilten, positiven
Identität und einer gemeinsamen Zukunftsperspektive. Beide sind Vorausset-
zungen dafür, dass eine Gesellschaft ihre Kräfte mobilisiert und Hindernisse
überwindet.
Politische Führung oder Leadership bedeutet, die Gegenwart zu erklä-
ren, sich klar zu Werten zu bekennen, Ziele zu formulieren – und dadurch

2
Guy Kirsch/Klaus Mackscheidt: Staatsmann, Demagoge, Amtsinhaber, Göttingen 1985,
S. 5.
Mut zur politischen Führung 141

Allen Ängste zu nehmen und begründete Hoffnung auf ein besseres Leben zu
machen. Politische Führung kann nicht mit plumpen Machtdemonstrationen
oder durch Hierarchien beansprucht werden. Sie basiert auf Überzeugung,
Kommunikation und Konsequenz. An allem hat es in den letzten Jahren der
Großen Koalition in Deutschland gefehlt: Gesichtswahrung war wichtiger als
Problemlösung. Politiker verschanzen sich hinter Gutachtern und delegieren
Verantwortung an Expertenrunden, um eine scheinbare Objektivität in Ans-
pruch nehmen zu können, die von Meinungsäußerungen entlastet.
Eine glaubwürdige politische Erzählung, die Identität vermittelt und
Übereinstimmung in sozialen Zielen herstellt, ergibt sich freilich nicht von
allein. Sie kann nicht in Fokusgruppen oder von Demoskopen ermittelt wer-
den. Weder wird eine Einzelpersönlichkeit sie formulieren können, noch
können Akteure der Zivilgesellschaft den Raum füllen, den die Politik ge-
genwärtig freilässt. Wer besorgte schließlich den Transfer beispielsweise von
Thinktanks wie „berlinpolis“, neuen Gruppierungen wie attac oder der „Ini-
tiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ in das politische System?
Es ist also an den Parteien, ihre Programme neu zu formulieren. Sie dür-
fen sich nicht länger mit dem Charakter von Legitimationsapparaten oder
Wahlkampfmaschinen bescheiden. Sie müssen wieder selbst um Antworten
auf eine veränderte Zeit ringen, statt diese Aufgabe an Meinungsforscher,
Ministerialbürokratie oder vermeintliche Experten zu delegieren. Nur das
ernsthafte Bemühen um neue Lösungen und um neue Metaphern schafft die
Glaubwürdigkeit, ohne die politische Führung nicht gelingen kann. Es er-
muntert ferner dazu, nötigenfalls auch aus Überzeugung eine Minderheitspo-
sition couragiert zu vertreten. Schließlich kann es, wie Walter Scheel sagte,
„nicht die Aufgabe eines Politikers sein, die öffentliche Meinung abzuklop-
fen und dann das Populäre zu tun. Aufgabe des Politikers ist es, das Richtige
zu tun und es populär zu machen.“

Direkte Demokratie?

Zur Mobilisierung des politischen Bewusstseins können Elemente der direk-


ten Demokratie sinnvoll sein. Sie ersetzen aber nicht die repräsentative Par-
teiendemokratie: Politische Entscheidungen in hochkomplexen Gesellschaf-
142 Christian Lindner

ten können nicht in schlichte Varianten oder Ja-Nein-Alternativen herunter-


gebrochen werden. Zudem sind Referenden störungsanfällig, wenn bei-
spielsweise die eigentlich zur Abstimmung stehende Frage von anderen
Themen überlagert wird und sich die öffentliche Meinung dann an falscher
Stelle Bahn bricht. Aus den Ratifizierungsverfahren von EU-Verträgen und
aus der Verfassungspraxis der Schweiz lassen sich ohne Mühe Belege fin-
den. Die Volksgesetzgebung ist also eine schöne Vorstellung – aber eine
basisdemokratische Utopie. Erst recht erwächst aus Einzelfragen, die den
Bürgerinnen und Bürgern vorgelegt werden, keine kohärente Vision. Bürger-
entscheide, Bürgerbegehren und Bürgerbefragungen sind allerdings wichtige
Ergänzungen der repräsentativen Demokratie. Durch diese Verfahren kann
sichergestellt werden, dass sich die Parteiendemokratie insgesamt nicht von
den Vorstellungen der Bürgerinnen und Bürger entfernt: Als ultima ratio
könnten Interessengruppen oder auch im Parlament unterlegene Parteien eine
bedeutende Frage der Wählerschaft schließlich direkt vorlegen.

Für eine neue Partizipationskultur

Die Parteien können einen gesellschaftlichen Diskurs freilich nur führen,


wenn sie selbst neue Impulse erhalten. Sie müssen repräsentativer werden,
um unterschiedliche Lebenseinstellungen, Standpunkte zu fachlichen Einzel-
fragen und Lebensperspektiven intern verarbeiten zu können. Tatsächlich
aber wenden sich noch zu viele von der Parteipolitik ab – trotz der erfreuli-
chen Mitgliederentwicklung einzelner Parteien. Sich zu einer politischen
Richtung zu bekennen, scheinen viele als intellektuell würdelos zu empfin-
den. Sie wollen nicht ein Programm vertreten, bei dem sie nicht mit jedem
Detail übereinstimmen. Zu wenige sind bereit, innerhalb einer Partei für ihre
Anschauungen zu werben: Sie scheuen den Zeitaufwand und die Auseinan-
dersetzung mit anderen Parteimitgliedern, die man nicht alle zu seinem per-
sönlichen Freundeskreis zählen möchte. Stattdessen verbleiben viele im Chor
der Skeptiker und Zyniker, wo sie die Abgehobenheit einer „politischen
Klasse“ beklagen. Das ist der leichtere Weg. Auf diesem Pfad bewegen sich
übrigens auch die Medien: Es überwiegen Negativdarstellungen in der politi-
schen Berichterstattung, wie Studien immer wieder belegen.
Mut zur politischen Führung 143

Es ist viel darüber diskutiert und geschrieben worden, welche Verände-


rungen ihrer Strukturen und Arbeitsweisen Parteien vornehmen müssten, um
attraktiver für Bürgerinnen und Bürger zu werden. Davon ist vieles richtig
und manches sogar schon umgesetzt. Projektorientierte oder fachbezogene
Arbeitsgruppen erlauben einen schrittweisen Einstieg. Mitgliederentscheide
sind möglich, werden aber zu selten genutzt. Die Potenziale von Online-
Angeboten, Mitglieder und Sympathisanten ad hoc zu informieren und sie
zum Teil von Kampagnen zu machen, werden hierzulande zwar noch nicht
ausgeschöpft, aber die Richtung stimmt. Die Hürde für das politische Enga-
gement ist also reduziert worden. Allerdings benötigen Parteien formale
Prozesse, um zu legitimen Ergebnissen zu gelangen. Entscheidungen werden
mit Mehrheit getroffen – und stabile Mehrheiten ergeben sich mitunter erst
nach langwieriger Beratung. Gremien und Parteitage werden Führungsver-
antwortung kaum systematisch an Seiteneinsteiger abgeben, deren Einstel-
lungen, deren Prinzipientreue und deren persönliche Motive unbekannt und
damit unkalkulierbar sind. Politik benötigt Engagement und Konstanz.
Eine neue politische Partizipationskultur, die eine zentrale Vorausset-
zung für die Revitalisierung des politischen Diskurses über die Grundfragen
unseres Zusammenlebens insgesamt ist, nimmt also beide Seiten in die
Pflicht: die Parteien, die neue Angebote schaffen müssen, und die Bürgerin-
nen und Bürger, die bestehende und neue Möglichkeiten nutzen sollten.
Schließlich geht es um unsere gemeinsame Zukunft.

Die faire Leistungsgesellschaft

Die von mir geforderte Diskussion über eine gesellschaftliche Vision wird
entlang einer neuen, quer zu den politischen Grundrichtungen verlaufenden
Konfliktlinie geführt werden müssen: Es ist die Haltung zum sozialen und
ökonomischen Wandel der Gesellschaft. Die Reformoptimisten sehen in
Veränderungen vor allem Chancen. Sie fordern Freiheit und sind zur Über-
nahme von Eigenverantwortung bereit. Die Reformpessimisten sehen durch
Veränderungen ihren Lebensentwurf gefährdet und verteidigen daher Besitz-
stände und überkommene Institutionen. Sie fordern Gleichheit und Ordnung.
Wer politische Führung für sich reklamieren will, muss diese Gegensätze
144 Christian Lindner

überwinden. Er muss die Frage nach der Rangfolge von Freiheit, Gleichheit
und Ordnung klar beantworten – denn nur dann ist sein Handeln berechen-
bar.
Es kann dabei für mich kein Zweifel bestehen, dass die Freiheit Priorität
beanspruchen muss. Keine Freiheit, die sich nur als Abwesenheit des Staates
versteht, sondern eine qualitative Freiheit, die sich aus der Summe von „Le-
benschancen“ (Ralf Dahrendorf) ergibt: Frei ist derjenige, der zwischen mög-
lichst vielen, wertvollen und realisierbaren Optionen für den eigenen Le-
bensweg wählen kann. Diese Freiheit bedarf für jeden Einzelnen einer mate-
riellen Grundlage, aber genauso auch ideeller Voraussetzungen wie Toleranz,
Bildung, Leistungsbereitschaft und Verantwortungsgefühl für sich wie andere.
Hingegen ist nicht frei, wer Angst vor Krankheit, Alter, Arbeitslosigkeit, Aus-
grenzung und Diskriminierung haben muss. Eine Gesellschaft ist dann fair,
wenn sie durch ihre Institutionen sicherstellen kann, dass möglichst alle diese
„Befähigungen“ (Amartya Sen) – die tatsächlichen Handlungsmöglichkeiten
– zur Verwirklichung von wertvollen Lebenschancen erhalten. Wir müssen
aber neu zu akzeptieren lernen, dass Ungleichheit ein legitimes und notwen-
diges Ergebnis eines Lebens in Freiheit ist. Chancen sind schließlich keine
Garantien.
Kristina Köhler

Zwischen Entpolitisierung und Projekt

Eine Vorbemerkung.

„Fortdauernder Prestigeverlust kennzeichnet den Beruf des Politikers. […] Ei-


nen Höhepunkt des allgemeinen Berufsansehens für Politiker gab es immerhin
Anfang der 70er Jahre. Damals bekundeten 27 Prozent der Westdeutschen ihren
besonderen Respekt vor dem Politikerberuf. Zur Zeit tun dies nur noch 6 Pro-
zent in Westdeutschland und 7 Prozent in Ostdeutschland.“
(Allensbacher Archiv, IfD-Umfragen, Januar 2008)

Das Ansehen der Berufsgruppe „Politiker“ überspringt derzeit nur knapp die
5-Prozent-Hürde. Wir bilden damit – zusammen mit den Buchhändlern (war-
um auch immer) – das Ende der allensbachschen Berufsprestige-Skala.
Tröstlich allein, dass es – so das Institut – dabei zumindest keine einfache
Korrelation zwischen dem wachsenden Prestigeverlust des Politikerberufs
und der sinkenden Wahlbeteiligung gibt. Soll heißen: Das Prestige des Poli-
tikerberufes sinkt noch um einiges schneller als die Wahlbeteiligung.
Unterschiedliche Grade des „Sinkens“ als neue Maßeinheiten des Politi-
schen? Keine sehr beruhigende Vorstellung. Aber sie drängt sich auf: Sin-
kende Wahlbeteiligungen, sinkende Wahlergebnisse für die großen Parteien,
sinkende Mitgliederzahlen in den Parteien, sinkende Zustimmung zur freien
Marktwirtschaft, zu unserem Gesellschaftssystem, gar zur Demokratie an
sich.
Lässt sich das „Schiff Deutschland“ so überhaupt noch über Wasser hal-
ten? Welche Rolle spielen dabei wir Politiker und die Parteien? Sind wir nur
die Band, die weiterspielt während das Schiff versinkt – oder können wir
doch etwas dazu beitragen, das Schiff wieder zu flott machen?
Ich bin dankbar, zum Buchprojekt „Minima Moralia der nächsten Ge-
sellschaft“ einen Teil aus der Sicht einer Anfang-Dreißig-jährigen Bundespo-
litikerin beitragen zu können. Welche Rolle dabei das Alter tatsächlich spielt,
146 Kristina Köhler

wie es sich in meinen Ansichten niederschlägt, das vermag ich nicht zu beur-
teilen. Alles, was ich an dieser Stelle offen zu legen vermag, ist meine grund-
sätzliche Einstellung zu unserer Gesellschaft und ihrer politischen und wirt-
schaftlichen Kultur gegenüber. Um viele der Schwächen wissend, die sich
aus der Differenz zwischen dem Anspruch und der Wirklichkeit unserer De-
mokratie ergeben, sage ich nichtsdestotrotz: Ich würde dieses Gesellschafts-
system und seine politische und wirtschaftliche Kultur ohne mit der Wimper
zu zucken allen anderen politischen und wirtschaftlichen Systemen vorzie-
hen. Denn ich glaube nach wie vor daran, dass jeder in diesem Land die
Perspektive hat, sich zu verwirklichen und ein gutes und würdevolles Leben
zu leben.
Ich weiß, dass dieser Glauben zurzeit nicht populär ist. Ich weiß, dass
die erste Regel heute lautet „erzähl’ den Leuten, wie schlecht es ihnen geht –
und schieb es auf die anderen.“ Aber ich bin davon eben nicht überzeugt.

Dinosauriersterben vs. Waldsterben . Die ewige Krise der


Volksparteien?

In den Analysen zur Lage des Politischen geben vor allem die Volksparteien
kein allzu gutes Bild ab. Wie langsame und unflexible Dinosaurier scheinen
sie ihrem Ende in einer immer schneller werdenden Welt entgegenzutraben.
Man darf aber feststellen: Sie traben schon ziemlich lange. Und genauso
lange begleitet sie schon die vielzitierte Krise. Vor wenigen Tagen fiel mir
bei einer Recherche zufällig ein Buch mit dem Titel „Brauchen wir ein neues
Parteiensystem?“ in die Hände. Das Buch ist von 1983 – also genau 26 Jahre
alt.

„Die Sorge geht um, das Parteiwesen der Bundesrepublik könne in einer Krise
stecken, die sich zu einer allgemeineren Krise des politischen Systems auswei-
ten könne“

schreibt darin Wilhelm Hennis. Peter Glotz und Rainer Wagner konstatieren
dem entsprechend:
Zwischen Entpolitisierung und Projekt 147

„Eine Art Staatsverdrossenheit, die hauptsächlich Parteien-Verdrossenheit ist,


vor allem in der jungen Generation macht sich breit, und zugleich steigt die
Neigung zu alternativen politischen Organisationsformen […]..“

Und Bernd Guggenberger sekundiert:

„Als ‚Transmissionsriemen’ zwischen der gesellschaftlichen und der staatlichen


Ebene funktionieren die Volksparteien nur höchst unzulänglich […]: Zum einen
werden die eher schwerfälligen, zu vielfältiger Rücksichtnahme gezwungenen
Volksparteien immer unfähiger, den im Volk vorhandenen Stimmungen, Mei-
nungen, Anliegen und Bedürfnissen Ausdruck zu verleihen […]. Zum anderen
jedoch gelingt es ihnen zunehmend weniger, den Bürger ‚sozial’ und ‚geistig’
anzusprechen, ihm ein kohärentes politisches Weltbild anzubieten, mit dem er
sich identifizieren kann.“

Wohlgemerkt: Dies sind politische Analysen aus dem Jahr 1983. Würden
diese Sätze in einer Publikation des Jahres 2009 stehen – niemand würde
sich darüber wundern. Ganz im Gegenteil. Damit sage ich nicht, dass die
Analysen falsch sind. Vieles davon ist richtig. Aber es ist eben schon ziem-
lich lange richtig. Tatsächlich scheint auf die so genannte Krise der Volks-
parteien deshalb weniger das Bild des Dinosauriersterbens als das des Wald-
sterbens zuzutreffen. Allen jahrzehntelangen Unkenrufen nämlich zum Trotz:
Der Wald lebt immer noch. Nicht bei bester Gesundheit, sondern durchaus
soweit angeschlagen, dass man sich ernsthafte Gedanken darüber machen
muss. Aber eben keinesfalls so schnell unterzubekommen, wie es manche in
ihren Horrorszenarien ausmalten. Eben genauso wie die Volksparteien.

Ernsthafte Gedanken

Aber, wie gesagt, vollkommen gesund sind sie auch nicht, unsere Volkspar-
teien. Alleine bei der Frage, was ihnen denn genau fehlt, gibt es (eine weitere
Parallele zu den Waldschäden) doch unterschiedliche Meinungen. Ich möch-
te aber die bekannten Debatten nicht wiederholen, sondern ein paar Diskus-
sionsanreize setzen, die immer ein wenig unterbelichtet bleiben.
148 Kristina Köhler

Zum Thema Mitgliederzahlen: Während alle vom dramatischen Rück-


gang der Mitgliederzahlen reden – der in der Tat über die letzten 15 Jahre
eigentlich bei allen Parteien zu verzeichnen ist – redet kaum einer davon,
dass der Typus des Parteimitgliedes ebenfalls im Begriff ist, sich zu ändern.
Eine CDU-Mitglieder-Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung etwa zeigt,
dass die Zahl derer, die bereit sind aktiv mitzuarbeiten, sogar gewachsen ist.
Es zeichnet sich hier ein Wandel ab, weg von der passiven Parteimitglied-
schaft, hin zur aktiven. Ob dies an sich eine schlechte Entwicklung ist? Dar-
über ließe sich trefflich diskutieren. Denn natürlich muss es grundsätzlich der
Ansporn der Parteien sein, mehr Mitglieder für sich zu gewinnen. In jedem
Fall geht es nicht nur darum, dass die Mitgliederzahlen sinken, sondern zu-
gleich auch darum, dass sich der Typus des Parteimitgliedes ändert. Das ist
die Geschichte eines Wandels, nicht eines reinen Untergangs.
Aber nicht nur der Typus des Parteimitgliedes wandelt sich – sondern es
gib zunehmend auch den Typus des parteipolitisch interessierten „Nicht-
Parteimitgliedes“: Menschen, die gerne einmal während des Wahlkampfes
aktiv mithelfen oder die bei einem bestimmten Projekt ihr Know-how zur
Verfügung stellen wollen. Hier müssen jenseits der Mitgliedschaft Beteili-
gungsmöglichkeiten geschaffen und ausgebaut werden.
Allerdings: Wer sich selbst für hässlich hält, den wird auch niemand an-
ders für schön halten. Der Wandel der Parteien wird nur dann erfolgreich
sein, wenn sie erstens zu diesem Wandel stehen – und wenn sie zweitens
aufhören, ständig ihr Licht unter den Scheffel zu stellen. Ich kann es ehrlich
gesagt nicht mehr hören, dass der Begriff „Parteipolitik“ eigentlich nur noch
dann eingesetzt wird, wenn man damit eine Sache diskreditieren möchte. Als
ob die Parteien irgendwelche Drückerkolonnen wären – und nicht die zentra-
len verfassungsmäßigen Vermittlerinstanzen zwischen Staat und Bürgern.
Ich jedenfalls bin stolz, Mitglied meiner Partei zu sein.

Das Verhältnis von Mitgliedern und Wählern

Natürlich entscheidet allein die Zahl der Mitglieder noch nicht darüber, ob
die Partei eine große Zahl an Wählern von ihrem Programm überzeugen
kann. Mit den Stimmen der Mitglieder allein gewinnt man keine Wahl. Bei
Zwischen Entpolitisierung und Projekt 149

der Bundestagswahl 2005 hatten CDU und CSU über 16,6 Millionen Stim-
men – bei etwas über 740000 Mitgliedern. Ein im Übrigen ziemlich interes-
santes Zahlenspiel, sich einmal das Verhältnis von Mitgliedern und Stim-
menzahlen der einzelnen Parteien am Beispiel der Bundestagswahl 2005
anzuschauen.
Bei CDU/CSU und SPD fällt auf, dass dieses Verhältnis mit rund 1:22
bzw. 1:27 um ein Vielfaches besser ist, als bei den kleineren Parteien. Dort
liegt es um die 1:70 bis 1:80. Das heißt, dass bei den größeren Parteien einer
von etwa 25 ihrer Wähler auch Mitglied der Partei ist, bei den kleineren Par-
teien nur einer von 70 oder 80. (Vorausgesetzt, die eigenen Parteimitglieder
wählen auch ihre Partei, aber das sei mal unterstellt). Bei aller Kritik und bei
aller Krisensemantik, die die großen Parteien trifft – offensichtlich sind sie
trotzdem noch immer bei weitem besser darin, ihre Wähler auch zur Mitar-
beit oder zumindest zur Mitgliedschaft (oder zum Verbleib) in ihrer Partei zu
bewegen. Oder andersherum: Unter den Wählern der großen Parteien sind
noch immer deutlich mehr mit starker Parteibindung als bei den kleineren
Parteien. Es ist richtig: Diese Bindung war dereinst auch schon spürbar hö-
her. Zu den Hochzeiten der SPD im Jahr 1976, als sie über eine Millionen
Mitglieder hatte, war dieses Verhältnis gar ungefähr 1:15; ähnlich zur Mit-
gliederhochzeit von CDU und CSU im Jahr 1983. Aber nichtsdestotrotz gibt
es hier noch immer klare Unterschiede. CDU/CSU und SPD sind eben nicht
nur „größer“ als die anderen Parteien, sondern noch immer strukturell ganz
anders in der Bevölkerung verwurzelt.

Der Wertewandel

Parteien treffen heute zunehmend auf Menschen, die längerfristigen Partei-


bindungen eher abgeneigt sind. Dies kann man als mangelnde Integrationsfä-
higkeit des Parteiensystems beschreiben. Man kann dies aber auch als völlig
logisches Ergebnis des „Wertewandels“ beschreiben. Dieser Wertewandel im
Sinne einer stärkeren Betonung der Individualisierung ist Fakt. Natürlich:
Man kann sich darüber streiten, ob er eine Weiterentwicklung darstellt oder
in Wahrheit ein Werteverfall ist. Im Ergebnis zeigen die Studien, dass sich
klassische Werte wie „Höflichkeit“ oder „Arbeitsethik“ und der neue Indivi-
150 Kristina Köhler

dualismus eben nicht ausschließen müssen. Sogar Elisabeth Noelle-


Neumann, die zu denjenigen gehörte, die ziemlich eindrucksvoll vor einem
Werteverfall gewarnt hatten, schrieb dazu:

„Das ist vielleicht der Grundton des kommenden Zeitgeistes: Die Verbissenheit
ist verschwunden, neue Werte bestehen neben alten, der Weltuntergang findet
nicht statt.“

Selbstentfaltung muss eben nicht Bindungslosigkeit bedeuten. Und die Um-


fragedaten deuten auch explizit nicht darauf hin, dass wir uns in Richtung
einer bindungslosen Ellenbogen-Gesellschaft bewegen. Aber sie zeigen uns
doch, dass wir eine Synthese von traditionellen Werten und individualisti-
schen, die Zukunftsfähigkeit unter den Bedingungen gesellschaftlicher Mo-
dernität sichernden Werten – wie „Unabhängigkeit“ – brauchen. Kein Ent-
weder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch. Und genau dieses „Sowohl-als-
auch“ prägt meines Erachtens ganz besonders unsere Generation.

Die Auflösung der Milieus

Auch bei der Bundestagswahl 2005 haben 60 Prozent der Arbeiter mit Ge-
werkschaftsbindung die SPD gewählt – und 75 Prozent der Katholiken mit
Kirchenbindung die CDU. Diese Repräsentation ist zwar schwächer als frü-
her aber noch immer auf einem hohen Niveau. Das Problem für die großen
Parteien ist also ein ganz anderes: Diese Kernmilieus stellen inzwischen
kaum mehr als 10 Prozent der Gesamtwählerschaft dar. Es gibt immer weni-
ger Arbeiter mit Gewerkschaftsbindung und immer weniger Katholiken mit
Kirchenbindung. So sind die Parteien aufgefordert, weitere Milieus zu integ-
rieren, ihre Politik auf breitere Füße zu stellen.
Das bedeutet nicht das Ende der Volkspartei, als einer Partei, die ver-
sucht breite Wählerschichten zu integrieren und anzusprechen und zwar
unabhängig von sozialen, regionalen oder konfessionellen Unterschieden. Im
Gegenteil: Genau diese Anforderung der Integration breiter Schichten stellt
sich doch gerade erst in dem Moment, in dem sozial oder konfessionell ab-
grenzbare Milieus nicht mehr ausreichen, um der Partei zu großen Stimmen-
anteilen zu verhelfen! Oder plakativ formuliert: Erst in einer Zeit pluralisti-
Zwischen Entpolitisierung und Projekt 151

scher Weltanschauungen und Lebensstile zeigt sich, welche Volkspartei auch


tatsächlich Volkspartei ist.
Natürlich gibt es dabei Grenzen in der Integrationsfähigkeit der einzel-
nen Partei. Das ist auch gut so, denn nur so ist demokratische Konkurrenz
möglich. Es gibt immer einen Punkt, an dem der Spagat äußerst schmerzhaft
wird, an dem die unterschiedlichen Flügel nicht mehr in eine einzelne Partei
integrierbar sind. Wer sein eines Bein weit links hat, wird schon Schmerzen
verspüren wenn er mit dem anderen versucht, die Mitte zu erreichen. Glei-
ches gilt natürlich auch andersherum. Und auch wer ständig hin und herham-
pelt, der wird nie einen festen Halt haben. Deshalb ist es unabdingbar, dass
die Parteien sich nicht nur ihrer Integrationsfähigkeit bewusst sind – sondern
auch der Grenzen ihrer Integrationsfähigkeit. Und da plädiere ich in der Tat
für eine gesunde Zurückhaltung beim Versuch, Anschauungen noch unter
den Hut der Partei zu bekommen, die die Axt an grundlegende Überzeugun-
gen der Partei legen. Und schauen wir genau hin: Den Koalitionsparteien
wird von ihren eigenen Wählern auch nicht mangelnde Flexibilität vorgewor-
fen – sondern zu große Flexibilität.
Natürlich gebe es noch viel mehr zu sagen – über die Medialisierung,
über die vermeintlich sozialen Bewegungen und so weiter. Aber ich möchte
den mir zugestandenen Rahmen nicht sprengen.
Die Volksparteien sind jedenfalls nicht am Ende, sondern im Wandel.
Unterschätze niemand die Erfolgsgeschichte der Dinosaurier – und die des
Waldes.
Günther Dörflein

Für eine neue Kultur der Verantwortung und des


Miteinanders

Wer kennt heute überhaupt noch eine richtige Dorfkneipe? Was ist das ei-
gentlich? Früher war sie der kommunikative Mittelpunkt eines jeden Ortes,
Schauplatz regelmäßig stattfindender, viele Generationen umfassender Fami-
lienfeiern, Umschlagplatz der Meinungen, der Ort, an dem Zugezogene zu-
nächst kritisch beäugt und später ihre Aufnahme in die Gemeinschaft vollzo-
gen wurden, sozialer Bezugspunkt der Ansässigen. Heute gibt es viele Ort-
schaften, in denen bestenfalls noch eine Trinkhalle existiert; das Bier – so-
wieso günstiger im Discounter besorgt – lässt sich ja schließlich auch an der
Busstation trinken. Oder zuhause, manchmal bei schon am frühen Abend
heruntergelassenen Rollläden. Nicht allein der trostlose Verfall manch dörf-
licher Struktur findet sich in dieser etwas überzeichneten Beobachtung, son-
dern sie gibt einen Hinweis auf – soziologisch gesprochen – Individualisie-
rungstendenzen, auf den Rückzug von Menschen aus dem öffentlichen
Raum, vielfach auf Einsamkeit. Letztlich stellt sie die Frage nach dem Funk-
tionieren unseres Gemeinwesens; eine Frage, die nicht nur die vom struktu-
rellen und demographischen Wandel gebeutelte Provinz betrifft, sondern
genauso Ballungsgebiete und Regionen, in denen es noch erkennbare Pers-
pektiven gibt.

Das fehlende Aufstiegsversprechen

Viel ist in den letzten Jahren geschrieben worden über Exklusionsphänomene


in unserer Gesellschaft: über die Ausgeschlossenen (Heinz Bude) und Arab-
boys (Güner Yasemin Balci), über den Aufstand der Unterschicht (Inge
Kloepfer) und das wahre Elend (Walter Wüllenweber). Jetzt erst wird eine
breite Öffentlichkeit der Folgen gewahr für Jahrzehnte der Bequemlichkeit,
Für eine neue Kultur der Verantwortung und des Miteinanders 153

der Versäumnisse und – wenn wir ehrlich sind – auch einer vermeintlichen
politischen Korrektheit. Die Neuköllner Rütli-Hauptschule ist eine Chiffre
für einen kaum zu bewältigenden Bildungsnotstand an sozialen Brennpunk-
ten geworden; Essen-Katernberg und vergleichbare Agglomerationen einst
sozialen Wohnungsbaus für die neuen Armen, deren Armut nicht zuvorderst
in einem Mangel an finanziellen Mitteln besteht, sondern in der Überforde-
rung, für sich und die Seinen Verantwortung zu übernehmen. Wo Sozial-
transfers in der dritten Generation gezahlt werden, fehlen die Vorbilder. Die
Perspektive „Ich werd eh’ Hartz IV“ ist mancherorts zu einem vom sozialen
Umfeld akzeptierten und vielen Altersgenossen geteilten Berufziel gewor-
den.
Verantwortlich ist hierfür vor allem eine fehlende soziale Durchlässig-
keit unserer Gesellschaft, die viele Ursachen hat. Das Aufstiegsversprechen
der einstigen nivellierten Mittelstandsgesellschaft bleibt inzwischen aus,
unser Bildungssystem zementiert den sozialen Stand qua Geburt und der
Wohlfahrtsstaat bürdet der selbst zunehmend verunsicherten Mitte unserer
Gesellschaft immer neue Belastungen auf. Hinzu kommt ein Arbeitsmarkt,
der mittlerweile selbst für gut Ausgebildete zu einer Zwei-Klassen-
Gesellschaft und Ort prekärer Beschäftigungsverhältnisse geworden ist. Die
Stichworte lauten: Leiharbeit, unterschiedliche Bezahlung derselben Tätig-
keit, befristete Beschäftigungsverhältnisse. Hier hat die Besitzstandswahrung
derer, die schon „drinnen“ sind, gesiegt. Oder sollte es sich vielleicht sogar
um einen Triumph unserer Sozialen Marktwirtschaft handeln, die sich die
nötigen Bypässe um den Kündigungsschutz herum gelegt hat?
Es ist möglich geworden, auch dann noch ein halbwegs kommodes Le-
ben zu führen, wenn man sich der Solidargemeinschaft – nach oben oder
nach unten – entzogen hat. Der Sozialstaat stößt hier längst an seine Grenzen
– und beileibe nicht allein an seine finanziellen. Konsens dürfte mittlerweile
darin bestehen, dass nicht die Verteilung von mehr Geld und zusätzliche
Sozialleistungen helfen, genauso wenig wie weitere – zu oft als Ruinen en-
dende – behördlich erdachte Bildungs- und Integrationsprojekte. Zugespitzt:
Mit der Zahlung von „Stillhalteprämien“ für Menschen in prekären Lebens-
lagen, als die von manchem Beobachter nicht auf mehr Selbstverantwortung
abzielende sozialpolitische Transfers interpretiert, lässt sich kein freiheitlich
154 Günther Dörflein

verfasstes Gemeinwesen gestalten. Ein erstarrter Versorgungsstaat ist nicht


geeignet, eine offene Gesellschaft zu befördern.

Der Staat sind wir

Integration in einem umfassenden Sinne ist der Schlüsselbegriff für die Zu-
kunft unserer Gesellschaft. Eine wichtige Aufgabe dabei ist, diejenigen zu-
rückzuholen, zu beteiligen und zu begeistern, die sich schon verabschiedet
haben. Integration, die sich im Übrigen selbst in bürgerlichen Oasen nie von
allein ergibt, sondern auch dort organisiert werden muss, wofür aber dort die
Hürden ungleich niedriger sind. Wir alle sind gefragt – ohne ein exponentiell
verstärktes Engagement der Gesellschaft wird diese Mammutaufgabe nicht
zu bewältigen sein. Wir haben uns dafür zu interessieren, was um uns herum
passiert, schon aus einem wohlverstandenen Eigeninteresse, denn es ist
schließlich auch unser Land. Dafür bedürfen wir der Verständigung über
grundlegende Begriffe, des Anerkenntnisses gemeinsamer Werte und die
Verpflichtung auf sie. Es bleibt zu hoffen, dass ein positives Ergebnis der
Wirtschaftskrise sein wird, dass Besitz und die Möglichkeit zu exzessivem,
nicht einmal in seinen mittelbaren Auswirkungen das Gemeinwohl beför-
derndem Konsum – mitsamt dem solchen Verhaltensweisen huldigenden und
traurigerweise immer einflussreicheren ‚People-Journalismus’ – wieder an
Bedeutung verlieren. Es besteht ein Unterschied zwischen selbstreferenziel-
ler Charity und echtem Engagement, das auf Gemeinsinn fußt – und trotzdem
auch eigenen Zwecken dienen kann. Der „Starnberger Republik“ – so der
Titel eines Dossiers in der Wochenzeitung ‚Die Zeit’ über das, ja, wie soll
man sagen, „Gemeinwesen“ in Deutschlands reichstem Landkreis – können
wir keine weitere Verbreitung mehr wünschen – und uns auch schlicht nicht
mehr leisten.
In dem erstmals vor mehr als 250 Jahren erschienenen Schlüsselwerk
der Aufklärung, ‚Vom Gesellschaftsvertrag’ schreibt Jean-Jacques Rousseau:
„Sobald einer über die Staatsangelegenheiten sagt: ‚Was geht es mich an?’
muss man damit rechnen, dass der Staat verloren ist.“ Dieser Satz ist heute
noch wahr und gewinnt leider an Aktualität. Nicht wenige Menschen in
Deutschland würden tatsächlich genau dieses „Was geht es mich an?“ ent-
Für eine neue Kultur der Verantwortung und des Miteinanders 155

gegnen. Sie empfinden den Staat als ein abstraktes Gebilde, das mit ihnen
selbst nichts zu tun hat; bestenfalls verstanden als eine politische Regelungs-
instanz, aber nie im Sinne eines „der Staat sind auch wir“. Das gilt übrigens
auch für sogenannte Leistungsträger, wenn deren Kreativität im Umgang mit
dem Staatswesen sich primär auf die Suche nach immer neuen Wegen der
Steuervermeidung beschränkt. Verloren ist der Staat noch nicht, aber es gibt
Anlass zur Sorge, denn offensichtlich fühlen sich nur wenige Bürger für
dieses Staatswesen verantwortlich oder vertrauen auch nur darein. Seit vielen
Jahren, schon lange vor der Wirtschaftskrise, sinken die Zustimmungswerte
zum Modell der Sozialen Marktwirtschaft und das Vertrauen in das politi-
sche System insgesamt. Geradezu widersprüchlich dazu ist die stetig steigen-
de Erwartungshaltung der Bevölkerung, was von Seiten der Politik geregelt
werden sollte – Erwartungen, die oft genug von den politischen Akteuren
geweckt wurden, aber nie und nimmer erfüllt werden konnten.

Verständigung tut Not

Unmittelbar damit hängt zusammen, wie wir uns über die ‚res publica’ ver-
ständigen, welche gesellschaftliche Debatten wir führen und wer daran teil-
nimmt. Eine grundlegende Herausforderung für politische Diskurse ist, dass
nach dem Zeitalter der Ideologien die heutig großen Sach- und Streitfragen
sehr komplex, kaum mehr durchschaubar geworden sind. Hinzu kommen die
enorme mediale Beschleunigung des Öffentlichen und der Umstand, dass
ökonomische Prozesse unterdessen sehr viel schneller spürbar werden, als
politische Programme überhaupt Wirkung entfalten können. In der Summe
ergibt dies weniger das Bild einer schleichenden Entpolitisierung, denn einer
zunehmenden Überforderung aller Akteure. Wer weiß schon, wie die Fi-
nanzkrise, die sich zu einer Weltwirtschaftskrise ausgewachsen hat, am
schnellsten und besten zu überwinden ist? Wie gestalten wir die Globalisie-
rung, wie überwinden das Nord-Süd-Gefälle und die Armut in vielen Teilen
der Welt, was tun wir gegen den Klimawandel? Auf einen Teil dieser Fragen
mag es Antworten geben, die auf der Hand liegen. Doch meist gilt: Je einfa-
cher die Lösung, umso schwieriger ist sie in die Praxis umzusetzen, da sie
elementare Fragen von Ressourcenverbrauch, von Wohlstand und Verzicht
156 Günther Dörflein

berühren. Gleiches gilt für die nationale Ebene, wo Herausforderungen wie


der demographische Wandel, die Frage, wie gute Bildung für alle geschaffen
werden kann oder die anhaltende Diskussion um die sozialen Sicherungssys-
teme schnell an die Grenzen der divergierenden Interessen stoßen.
Im Ergebnis führt die Komplexitätsreduktion, die den Akteuren von den
Medien, insbesondere dem Fernsehen, genauso wie vom Publikum – was wir
gelegentlich vergessen – abverlangt wird, zu Debatten, die über den Dingen
schweben und manchmal schlicht an der Realität vorbeigehen – Donnerstag
für Sonntag in den Abendstunden sogar auf öffentlich-rechtlichen Sendern zu
beobachten. Letztlich sind diese in der Regel selbstbezüglichen Diskussionen
in ihrer Inszenierung selbst ein Surrogat, nicht allein ihre entlarvend sinnent-
leerte Sprache: Da werden „Maßnahmen ergriffen“, da „besteht Handlungs-
bedarf“, da ist „man gut aufgestellt“ und zuletzt betrifft das alles die „Ge-
samtgesellschaft“ – was bitte ist eine Gesellschaft sonst? Die Entstehung
dieser platzhaltenden Floskeln und die politisch ritualisierte Besserwisserei
verdanken wir vor allem dem Umstand, dass es in unserer Debattenkultur ein
Kardinalfehler wäre zuzugeben, nicht immer sofort eine Antwort parat zu
haben. Eigentlich paradox, denn in unserer immer komplexer werdenden
Welt, wo Politik und ihre nötigen Kompromisse erkennbar auch zu Lasten
von Personen im eigenen Umfeld gehen, wäre es doch verwunderlich, gäbe
es Menschen, die auf alles unmittelbar eine Antwort wüssten. Umso größer
ist am Ende die Enttäuschung beim Publikum über das vermeintliche politi-
sche Versagen – zumal kaum ein Akteur zu sagen wagt: Stimmt, das war
nichts, aber es ging nicht anders, oder zumindest: es ging nicht besser – von
bemerkenswerten Ausnahmen abgesehen. Wünschenswert wäre hingegen,
wenn Nachdenklichkeit, nicht Sprachlosigkeit, wieder zu einer Kategorie des
politischen Erfolges werden könnte. Viel zu oft besteht Konsens nur in den
Dingen, die wir nicht wollen, aber Einigkeit darüber zu erzielen, was wir
wollen, heißt meist, sich am kleinsten gemeinsamen Nenner zu orientieren –
was im Übrigen für das Subsidiaritätsprinzip spricht, denn in den kleinen
Einheiten ist dieser Nenner in der Regel größer. All dies macht es nicht eben
leichter, beherzt politische Führung zu übernehmen.
Für eine neue Kultur der Verantwortung und des Miteinanders 157

Es ist unser Land

Wir stehen nach 60 Jahren bundesrepublikanischer Erfolgsgeschichte an


einer weiteren Zeitenwende – vordergründig primär ökonomisch bedingt. Sie
wird erhebliche Auswirkungen auf die Verfasstheit unseres Gemeinwesens
haben, da sie an die Grundfesten unserer bisherigen Lebensweise rührt. An-
gesichts dessen herrscht eine seltsame Ruhe und Gelassenheit. Das ist in
früheren Umbruchsituationen anders gewesen, aber möglicherweise waren
sie einfacher zu überblicken, einzusortieren, zu verstehen. Nicht die Argu-
mentationsfähigkeit dürfte vor 1989 höher gewesen sein, sondern der Unter-
schied bestand wohl mehr darin, dass zumindest jeder eine Meinung hatte –
und auch leichter haben konnte, da viele Streitfragen in ein klar zu verorten-
des Raster einzuordnen waren. Seit dem Zusammenbruch des Ostblocks,
dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung hat sich unser Land stetig
verändert. Deutschland ist heterogener und weltoffener geworden, vielleicht
auch sympathischer; wir haben einen Reifeprozess durchlaufen. Diese Ver-
änderungen, die sich nicht unter die eine Chiffre wie etwa ‚Achtundsechzig’
fassen lassen, sind vielfältig, eine klare Richtung fehlt. Die große Mehr-
heitsmeinung besteht vermutlich nur noch in einem diffusen Unbehagen,
international auch als „German Angst“ populär geworden, und der weit ver-
breiteten Überzeugung, dass es in unserem Land nicht sonderlich gerecht
zugeht.
Was also wollen wir? Der Leitsatz Karl Poppers, „Optimismus ist
Pflicht“, der ob der Größe der Herausforderungen, vor denen unser global
gewordenes Umfeld steht, manch einem naiv, gleich dem Pfeifen im dunklen
Wald, vorkommen wird, ist immer noch richtig. Die Zukunft ist nach wie vor
offen, sie ist nicht unabänderlich vorherbestimmt. Jeder von uns kann über
sie mitbestimmen, durch Tun oder Unterlassen, im Kleinen wie im Großen.
Die Verantwortung für unsere res publica tragen wir gemeinsam. Demokratie
lebt nun einmal vom Mitmachen, und: es ist unser Land! Exklusion wie Es-
kapismus sind auf Dauer für niemanden eine zufriedenstellende Lösung.
Leider mutet der eigentlich schöne, gut geeignete Begriff der ‚Solidarge-
meinschaft’ mittlerweile etwas antiquiert an und er ist bedauerlicherweise
parteipolitisch eindeutig verortet. Aber er beschreibt nach wie vor, wie unser
Gemeinwesen funktionieren kann: Es gilt, gemeinsam zu gestalten, ohne
158 Günther Dörflein

zuallererst und ausschließlich die eigenen Interessen befriedigen zu wollen,


frei von Klientelpolitik, mit dem Versprechen, in Notsituationen füreinander
einzustehen und denen Hilfe zu gewähren, die wirklich bedürftig sind. Mehr
Dorfkneipe also. In einem Örtchen in der Nähe von Freiburg haben einige
Einwohner begonnen, für eine solche Wirtschaft zu sammeln, da sie erkannt
haben, welch wichtige Funktion sie für die Gemeinschaft haben kann. Dieser
Idee ist viel Erfolg und eine weite Verbreitung zu wünschen – und möglichst
keine Anwohner, die wegen der Lärmbelästigung vor Gericht ziehen.
Thomas Schmid

Europa jetzt erst recht


Warum scheinbar altmodische Ideen gerade für die Krise wichtig
sind

Drei große Themen dominierten die vergangenen 15 Jahre: Soziale Markt-


wirtschaft, Erweiterung und die im letzten Jahr einsetzende globale Finanz-
und Wirtschaftskrise.
Die Verwirklichung des europäischen Lebensmodells durch die Soziale
Marktwirtschaft unter den Vorzeichen der Globalisierung sorgten für eine
noch nie da gewesene erfolgreiche Entwicklung der vergangenen 15 Jahre.
Die EU wurde zum Global Player vor allem durch die gelungene Erwei-
terung, die Einführung der gemeinsamen Währung EURO oder durch den
Fall der innereuropäischen Grenzen (Schengener Übereinkommen). Überla-
gert wurde dies durch die Globalisierung. Der Gedanke des „Global Village“
prägte Kritiker wie Befürworter – schreckte die einen als unentrinnbare Fal-
le, faszinierte die anderen als grenzenlose Chance, Millionen von Menschen
durch den freien Handel aus der Armut zu holen und gleichzeitig die Länder
aller Kontinente enger zu vernetzen. Das alles beflügelte die Wirtschaft: In
den 1990er und 2000er Jahren wuchs sie in einem noch nie da gewesenen
Ausmaß. Viele Industrieländer erreichten wieder Vollbeschäftigung – das
erste Mal seit den 1970er Jahren.

Ende der Globalisierung?

Mit der Finanz- und Wirtschaftskrise, deren Ausmaß wir zur Gänze noch
nicht abschätzen können, fand diese Erfolgsstory ein scheinbar abruptes En-
de. Die Gegner des Gedankens der „Öffnung und Vernetzung“ fanden in der
Krise einen Aufhänger, Erreichtes in Frage zu stellen. Viele Politiker und
Kommentatoren in aller Welt sehen zudem ein Ende der Globalisierung he-
160 Thomas Schmid

raufdämmern und ziehen aus beiden Entwicklungen den (Fehl-) Schluss, dass
die Stunde starker Nationalstaaten wieder geschlagen hätte. Ausgerechnet in
den kleinräumig-nationalen Strukturen und Institutionen sehen sie eine taug-
liche Antwort auf globale Krisen. Europa wird für sie zum Schreckgespenst
aufgeblähter, alles lähmender Bürokratie. Der Ruf nach dem Staat, ausge-
rechnet jenem überkommen geglaubten Versorgungsstaat, wird wieder laut.
Aber widerlegt die Krise wirklich die Tauglichkeit jener Ideen, die uns
an Politik interessierte 30-Jährige faszinierten und nachhaltig prägten? Kön-
nen sie nicht vielmehr das Rezept sein, diese Krise zu bewältigen?
Die Idee der Sozialen Marktwirtschaft ist nach wie vor faszinierend. Ih-
re Grundpfeiler – Wettbewerb, Markt- und Preisfreiheit, die Stärkung der
Familienbetriebe, die Vermeidung der Störung der Ordnung durch Interes-
seneinflüsse, die Regelung der hohen Staatsschulden sowie ein stabiler Geld-
wert – halten auch schweren Zeiten stand. Eine solchen Werten verpflichtete
soziale Politik kann die Menschen zu solchen solidarischen Gemeinschaften
zusammenfassen, die Krisenzeiten besser standhalten können. Eine zusätzli-
che Stärke entfaltet dieses Konzept durch die europäische Integration und die
immer engere Kooperation der europäischen Staaten. Diese Grundsätze ver-
körpern nachgerade den Gedanken von „Öffnung und Vernetzung“, für den
es keine Alternative gibt.

Renaissance der Schuldenpolitik

Überraschenderweise greifen viele europäische Regierungen zu Rezepten,


die sie selbst als Fallen für einen wirtschaftlichen Erfolg, als Hypothek für
kommende Generationen und als gefährliche Scheininstrumente bereits ein-
mal verworfen haben. Kaum brach die Krise über die Welt herein wurden die
Maastricht-Kriterien über Bord geworfen und versucht, durch hemmungslose
Neuverschuldung der öffentlichen Haushalte Krisenprävention zu betreiben,
wobei die oft übereilt getroffenen Maßnahmen noch nicht einmal auf ihre
Wirksamkeit hin analysiert wurden. Die Schuldenpolitik wird nicht nur eine
deutliche Entlastung der Steuerzahler in weite Ferne rücken, sondern könnte
auch zu einer weiteren schweren Krise führen. Wer soll das alles bezahlen?
Europa jetzt erst recht 161

Dabei ist die Steuerquote im europäischen Raum bereits beängstigend


hoch. Die Menschen erleben, dass sie knapp die Hälfte ihrer Einkommen
direkt an den Fiskus abliefern müssen.
Dauerhaft hohe und von den Bürgern als zu hoch empfundene Steuern
in Verbindung mit wachsenden kreditfinanzierten staatlichen „Wohltaten“
(z.B. nicht an Arbeit gebundene Grundeinkommen) lähmen die Eigeninitiati-
ve der Menschen und schränken den finanziellen Handlungsspielraum des
Staates dauerhaft ein. Daraus entsteht ein Klima der Entmündigung, das zu
einem starken Braindrain führt: Die initiativen, gut ausgebildeten und er-
folgsorientierten jungen Eliten wandern in jene Länder aus, die ein besseres
Umfeld bieten. Das ist eine Entwicklung mit schlimmen Folgen für die Zu-
kunft der betroffenen Herkunftsländer.

Der Wettbewerb um die besten Köpfe entscheidet!

Nur wer den Wettbewerb um die besten Köpfe gewinnt, hat Erfolg in einer
globalisierten Welt. Jedes Land muss sich fragen, was es für diese besten
Köpfe attraktiv macht. Hohe Lebensqualität und schöne Landschaft reichen
jedenfalls nicht aus. Es braucht ein leistungsfreundliches Klima, das Unter-
nehmergeist fördert und Spitzenleistungen und Eliten zur vollen Entfaltung
kommen lässt.
Das alles ist kein Plädoyer für eine Einschränkung der wichtigen sozia-
len Sicherungssysteme. Aber sie müssen immer wieder darauf überprüft
werden, ob sie effizient, leistbar und zeitgemäß sind – auch und besonders
angesichts der demographischen Entwicklung. Wer aus vordergründigem
Populismus notwendige nachhaltige Reformen scheut, erzeugt eine explodie-
rende Staatsverschuldung, die zwar das Sozialsystem auch nicht rettet, aber
dem Staat den notwenigen Handlungsspielraum nimmt. Und er nimmt künf-
tigen Generationen durch die Schuldenlast die Möglichkeit, ihr Leben, ihr
Gemeinwohl, ihr Land selbst zu gestalten.
Alte Rezepte taugen nicht für neue Krisen. Wenn wir angesichts einer
unsicheren Zukunft den Wohlstand Europas erhalten wollen, die Globalisie-
rung menschlich gestalten und unsere Lebensräume sichern wollen, kann es
nur eine Antwort geben: Europa. Es ist absurd, globale Krisen mit kleinräu-
162 Thomas Schmid

migen nationalstaatlichen Denkschemen begegnen zu wollen. Nur mit ge-


meinsamen supranationalen Anstrengungen, wie sie im Rahmen einer star-
ken EU möglich sind, können realistische Gegenstrategien entwickelt wer-
den.

Ein Freiwilligendienst für Alle

Der europäische Studentenaustausch ist ein positives Beispiel und verstärkt


das Gefühl einer europäischen Bürgergesellschaft. Es ist jedoch noch auf
eine kleine Anzahl von Menschen beschränkt. Auch der europäische Freiwil-
ligendienst mit seinen jährlich nur 10000 teilnehmenden Jugendlichen steht
noch ganz am Anfang. Wir sollten diesen Dienst ausbauen nach dem Motto
„Klotzen, nicht kleckern“. Wir wollen jedem europäischen Jugendlichen die
Gelegenheit geben, sich im humanitären Bereich oder für die soziale Sicher-
heit in einem anderen Land als dem eigenen zu verpflichten.
Europa ist ein beispielloses Erfolgsmodell. Dieser riesige „Thinktank“
mit seiner Erfahrung und Lösungskompetenz ermöglicht es den Mitgliedstaa-
ten, in Sachfragen pragmatisch auf neue Herausforderungen zu reagieren.
Die Europäische Union ist alternativlos (auch wenn es noch viel zu verbes-
sern gibt) und äußerst attraktiv für die Anrainerstaaten rund ums Mittelmeer
sowie im Osten des Kontinents. Mit der Perspektive, Teil dieses Erfolgsmo-
dells zu werden, unterzogen sich ganze Volkswirtschaften einem grundsätz-
lichen Wandel, auch wenn dieser manchmal schmerzte.

Noch stärker war der Wandel in den Ländern Mittel- und Osteuropas nach
dem Ende des Kommunismus 1989, besonders aber durch ihren EU-Beitritt
2004 und 2007. Diese Länder haben ihre Verwaltungen reformiert, ihre Ge-
sellschaft demokratisiert und sie unternehmen alle Anstrengungen, europä-
ischen Grundsätzen wie Menschenrechten, Demokratie, Marktwirtschaft und
sozialer Fairness gerecht zu werden.
Angesichts von 27 Mitgliedstaaten stellt sich häufig die Frage nach den
Grenzen Europas.
Es muss aber nicht immer eine Erweiterung sein: Mit einer Mittelmeer-
union setzte die EU einen Schritt zur „Heranführung“ der Mittelmeeranrai-
Europa jetzt erst recht 163

nerstaaten, mit Nachbarschaftsabkommen kam sie den Schwarzmeerländern


entgegen. Dabei geht es nicht um eine künftige Vollmitgliedschaft, sondern
um neue, kreative Formen enger Partnerschaft.

Ausweitung der „Eurosphäre“

Bei allen entscheidenden Themen des 21. Jahrhundert – bei der inneren Si-
cherheit, bei Umweltfragen und vor allem bei einer erfolgreichen Energie-
wende – muss Europa auf die Partnerschaft mit seinen Nachbarn setzen: Nur
gemeinsam sind die Flüchtlingsströme aus Afrika zu bewältigen; nur ge-
meinsam können Lösungen für das Energieproblem gefunden werden –
Nordafrika hat riesige Potenziale bei der Nutzung der Sonnenenergie als
Alternative zu Öl und Gas; und nur gemeinsam kann der Wirtschaftsraum
erweitert werden – die Schwarzmeeranrainerstaaten, die Länder Nordafrikas,
auch jene im nahen Osten sind Hoffnungsgebiete für Europa. Was für die EU
Mittel- und Zentraleuropa im 20. Jahrhundert waren, werden diese Regionen
im 21. Jahrhundert sein. Die EU exportiert bereits Know-how für die Öff-
nung der Märkte dieser Länder, die Entwicklung von Rechtsstaatlichkeit und
der Aufbau einer Leistungsgesellschaft werden unterstützt. Die Perspektive
einer solchen europäischen Partnerschaft kann den Wandel in diesen Ländern
sehr begünstigen. So besteht die realistische Chance, dass in den nächsten
20-30 Jahren eine Art „Eurosphäre“ entsteht - ein vereinigter Kontinent,
wirtschaftlich und kulturell eng vernetzt mit seinen unmittelbaren Nachbar-
regionen. Diese Anstrengungen sind alternativlos. Andere Weltregionen sind
einem zunehmenden religiösen, fundamentalistischen Druck ausgesetzt. Nur
wenn Europa das überzeugendere Modell bietet, ist eine friedliche Entwick-
lung in diesen Regionen möglich – und damit ein weiterer Krisenherd in
unserer Welt entschärft.

Chancen der Globalisierung nutzen

In den vergangenen Jahrzehnten sind wir Zeugen tektonischer Veränderun-


gen in unserer globalisierten Welt geworden. Die beiden bevölkerungsreich-
164 Thomas Schmid

sten Staaten der Welt, Indien und China, sind in die moderne Welt aufgebro-
chen. Durch das Nutzen der Möglichkeiten der Globalisierung konnten mehr
als 700 Millionen Menschen aus der Armut geholt werden. Wie rasant dieser
Aufschwung vor sich ging, beschreibt Kishore Mahbubani in seinem Buch
„Die Rückkehr Asiens“, dass es durch die industrielle Revolution des 19.
Jahrhunderts gelang, in Europa den Lebensstandard erstmals in der Ge-
schichte innerhalb einer Generation um 50 Prozent zu erhöhen. Bei den ge-
genwärtigen Wachstumsraten in Asien scheint es möglich, den Lebensstan-
dard innerhalb einer einzigen Generation deutlich zu erhöhen.
Die Chancen der Globalisierung liegen aber nicht nur in den materiellen
Verbesserungen. Breiter Wohlstand ist immer eine gute Voraussetzung für
friedliche Entwicklungen. Viele Menschen haben erstmals mehr Wahlmög-
lichkeiten und können ihr Leben stärker selbst bestimmen. Die Gesellschaf-
ten als Ganzes profitieren von der Verringerung der Armut. Die Zahl von
Gewaltverbrechen sinkt, Gesundheits- und soziale Sicherungssysteme wer-
den verbessert, die Lebenserwartung steigt. Bildung wird weiteren Kreisen
zugänglich und vergrößert so die Zahl der Menschen, die mit ihrer Kreativi-
tät und ihrem Erfindergeist die zukünftige Entwicklung der Welt und den
Fortschritt wesentlich mitbestimmen.
Die Globalisierung hat zwangsläufig zu einer überaus engen Verflech-
tung der Staaten geführt. Deshalb konnte auch die aktuelle Finanz- und Wirt-
schaftskrise so rasch auf alle Industrienationen überspringen. Daraus aber
den Schluss ableiten zu wollen, die enge Wirtschaftskooperation wiederum
zu entflechten, würde nur weitere wirtschaftliche Katastrophen auslösen.
Weltweite Krisen können nur durch weltweite Strategien beantwortet wer-
den. Protektionismus führt weiter in den Abgrund. Nicht die Globalisierung
an sich ist gefährlich, sondern unser Umgang mit ihr. Als erstes wird nun
deutlich, dass eine globalisierte Wirtschaft vor allem eine globalisierte Fi-
nanzwirtschaft mit effizienteren Kontrollmechanismen braucht. Wir müssen
uns auf das Erleben weiterer schmerzhafter, noch nicht entdeckter Defizite
gefasst machen.
Europa jetzt erst recht 165

Für ein krisen- und zukunftstaugliches Europa

Wie ein Großteil meiner Generation wurde ich im Klima der Öffnung und
friedlichen Zusammenarbeit in Europa geprägt. Der europäische Gedanke,
die Chance der Globalisierung und die Vorzüge der Sozialen Marktwirtschaft
sind zu Koordinaten unseres Weltbilds geworden. Die Wirtschafts- und Fi-
nanzkrise ist ein aktueller Härtetest für diese Konzepte. Denn im Krisendis-
kurs werden die Begriffe, die bisher zukunftsweisend waren, immer häufiger
als Schreckgespenster und Sündenböcke verwendet. Bei einer genaueren
Analyse wird jedoch deutlich: Sie sind nicht nur krisen-, sondern vor allem
zukunftstauglich.
Europas Völker hatten stets „Durst“ auf Neues – das trieb die Entdecker
(aber auch Eroberer) der Neuen Welt an, die Erfinder und Organisatoren des
industriellen Zeitalters und die Wegbereiter der Moderne. Europa setzte und
setzt Maßstäbe. Der faszinierende Tatendrang in Verbindung mit dem not-
wendigen Pragmatismus zeichnet Europa aus. Doch Europa war auch ein
blutig umkämpfter Kontinent. Erst die Leistung der Nachkriegsgenerationen,
engstirnige nationalstaatliche Denkmuster zu überwinden und dauerhaften
Frieden und Prosperität durch ein gemeinsames Europa zu schaffen, sicherte
unsere Zukunft.

Europa muss es jetzt gelingen, auf dem Erbe der vergangenen gemeinsamen
Jahrzehnte aufzubauen und die entscheidenden Herausforderungen der Ge-
genwart erfolgreich zu meistern. Unseren Platz in einer multipolaren Welt
können wir nur verteidigen, wenn wir weiterhin der innovativste und span-
nendste Kontinent bleiben. Ein Europa, das Exzellenz genauso wie soziale
Balance ermöglicht, bleibt ein Friedensprojekt – nach innen und nach außen.
Die Autorinnen und Autoren

Franz Joseph Baur, Dr., Msgr., geboren 1967 in München, studierte Philosophie und
katholische Theologie in München, Paris und Rom. 1993 in Rom zum Priester geweiht, ist
er seit 2000 Regens des erzbischöflichen Priesterseminars in München. Franz Joseph Baur
war geistlicher Assistent der Jugend 2000 im Erzbistum München und Freising. Seit 2005
ist er Vorsitzender der Deutschen Regentenkonferenz. 2006 wurde er zum Kaplan Seiner
Heiligkeit (Monsignore) ernannt.

Vito Cecere, Jahrgang1967, studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Germanistik in


Hannover und Bologna. Cecere war zunächst Referent für Öffentlichkeitsarbeit beim
Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien im Bundeskanzleramt, später
dann im SPD-Parteivorstand Referent im Planungsstab, Leiter der Planungsgruppe der
SPD- Fraktion im Bundestag und Leiter des Planungsreferats sowie der Bund-Länder-
Koordinierung im Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS). Heute arbeitet
Cecere als Referatsleiter im Koordinierungsstab des Auswärtigen Amts. Zusammen mit
Marco Althaus ist Vito Cecere Herausgeber des Standardwerks „Kampagne 2“.

Nora Damme, geboren 1978 in Luckenwalde, studierte Journalistik und Soziologie in


Leipzig und machte anschließend ein Zeitungsvolontariat. Seitdem ist sie als Referentin
und Redenschreiberin im politischen Bereich tätig. Nora Damme lebt mit (West-)Mann
und bald drei Kindern in Berlin-Kreuzberg.

Daniel Dettling, Jahrgang 1971, studierte Rechts- und Politikwissenschaften an den


Universitäten Freiburg und Fribourg (CH) und promovierte an der Universität Potsdam im
Fach Verwaltungswissenschaften. 2000 gründete er den Verein berlinpolis, dessen Vor-
stand er bis heute angehört. 2007 folgte die Gründung der berlinpolis GmbH. Dr. Daniel
Dettling hat zahlreiche Projekte in den Themengebieten Sozialstaat, Wirtschaft und Integ-
ration geleitet.

Günther Dörflein, Dr. phil., Jahrgang 1972, studierte Politikwissenschaften mit den
Nebenfächern Psychologie und Öffentliches Recht. Nach Stationen in Unternehmen, dem
Medienbereich und Stiftungswesen arbeitet er heute im Grundsatzreferat einer obersten
Bundesbehörde. Er ist Zustifter der Bürgerstiftung Neukölln. Sein Beitrag gibt alleinig
seine persönliche Meinung wieder.

Martin Dulig, geboren 1974 in Plauen. Nach dem Abitur arbeitete er bis 1998 als Ju-
gendbildungsreferent für die sächsische SPD und studierte dann Erziehungswissenschaf-
ten an der Technischen Universität Dresden. Sein Studium schloss er 2004 ab. Im selben
Autorinnen und Autoren 167

Jahr wurde er in den sächsischen Landtag und 2007 zum Vorsitzenden der SPD-Fraktion
gewählt. Martin Dulig lebt mit seiner Familie in Moritzburg bei Dresden.

Christopher Gohl, Jahrgang 1974, ist Senior Berater der Kommunikationsberatung


IFOK. Nach dem Studium der Politikwissenschaften in Tübingen, Washington DC und
Potsdam war der ausgebildete Mediator von 2005-2008 Projektleiter des Regionalen
Dialogforums Flughafen Frankfurt. Gohl ist Gründungsmitglied von berlinpolis und der
Stiftung Weltvertrag und engagiert sich für strategische liberale Programmatik, zuletzt in
der Grundsatzprogrammkommission der Jungen Liberalen. Er ist verheiratet und Vater
eines Sohnes.

Alexander Görlach, Jahrgang 1976, hat in Theologie und Germanistik promoviert. Er


leitet das Online-Ressort des Politikmagazins Cicero. Zuvor war er als Reporter für das
Zweite Deutsche Fernsehen tätig und hat als Autor für die FAZ, die Süddeutsche Zeitung
und Die Welt geschrieben. Alexander Görlach lebt in Berlin. Mehr unter: www.a-
goerlach.com

Oliver Marc Hartwich, Dr. Dipl.-Ök., geboren 1975 in Gelsenkirchen, studierte Wirt-
schaftswissenschaften in Bochum und ist promovierter Rechtswissenschaftler. Hartwich
war drei Jahre lang Chefökonom des Thinktanks „Policy Exchange“ in London, seit Ok-
tober 2008 arbeitet er als Research Fellow am „Centre for Independent Studies“ in Syd-
ney. Er veröffentlichte zahlreiche Essays in deutschen und internationalen Zeitschriften
sowie Sammelwerken und ist Mitglied des publizistischen Netzwerks „Die Achse des
Guten“ (www.achgut.com)

Lars Hewel, Dr., geboren 1972 in Köln, hat Politikwissenschaften, Geschichte und Philo-
sophie in Köln und London studiert. Er war zwischen 2000 und 2007 als Strategieberater
tätig und arbeitet seit 2007 im Management eines Personaldienstleisters, wo er zunächst
für Strategie und Mergers & Acquisitions zuständig war und seit 2008 das operative
Geschäft im Rhein-Main-Gebiet verantwortet. Er lebt in Königstein i.T. und Köln und hat
1,0 Patensöhne.

Inci Y. geboren 1970 in Deutschland. Mit eineinhalb Jahren schieben sie ihre Eltern zur
Oma nach Ankara ab, holen sie mit elf Jahren wieder nach Deutschland, wo sie die
Hauptschule ohne jede Teilnahme am Unterricht und ohne Abschluss verlässt. Mit 17
Jahren wird sie nach Anatolien zwangsverheiratet, bekommt eine Tochter und einen Sohn.
Sie erreicht nach neun Jahren die Scheidung, behält das Sorgerecht für ihre Kinder, kehrt
nach Deutschland zurück. Unter dem Pseudonym „Inci Y“ bricht sie ihr Schweigen und
erzählt einem deutschen Journalisten ihr Leben: als Mädchen eingesperrt, als Frau gede-
mütigt, geprügelt, vergewaltigt. 2005 erscheint der erste Teil ihrer Geschichte unter dem
Titel „Erstickt an Euren Lügen“ bei Piper. 2007 folgt im gleichen Verlag das Buch „Er-
zähl mir nix von Unterschicht“. Darin schildert sie ihre vergeblichen Versuche, sich als
Türkin ohne Schulabschluss ins deutsche Berufsleben einzugliedern. Inci Y. wählte –
entgegen ihrer ursprünglichen Absicht – schweren Herzens die Anonymität, weil sie sich
und ihre Familie schützen musste.
168 Autorinnen und Autoren

Alexander Kissler, Dr. phil., geboren 1969 in Speyer, ist Literaturwissenschaftler, Kul-
turjournalist und Sachbuchautor. Er schreibt unter anderen für die „Süddeutsche Zeitung“
und das Magazin „Cicero“. Zuletzt erschien von ihm: „Der aufgeklärte Gott. Wie die
Religion zur Vernunft kam“ (München 2008). Weitere Informationen unter
www.Alexander-Kissler.de.

Louis Klein, Jahrgang 1969, ist CEO der Systemic Excellence Group – Independent
Think Tank for Leading Practice. Der diplomierte Ökonom war Referent im Aufbau Ost,
Regionalleiter einer Verbraucherkreditbank und Bereichsleiter für Neue Medien, bevor er
als promovierter Soziologe sein besonderes Interesse an postmodernen Formen der Zu-
sammenarbeit entdeckte. Klein gilt heute als ausgewiesener Experte für Change Manage-
ment und Organisationsentwicklung, insbesondere in den globalen Kontexten des kross-
kulturellen komplexen Projektmanagements. Er lebt mit seiner Familie in Berlin-Mitte.

Kristina Köhler, geboren 1977 in Wiesbaden, studierte in Mainz Soziologie, Politikwis-


senschaft und Philosophie und Geschichte und schloss 2009 ihre Promotion ab. Seit 2002
ist sie Mitglied des Deutschen Bundestags. Dort ist sie Mitglied im Innenausschuss und
die Obfrau der CDU/CSU-Fraktion im BND-Untersuchungsausschuss. Kristina Köhler ist
im Bezirks- und Landesvorstand der CDU Westhessen und Hessen. Ihre Schwerpunkt-
themen sind unter anderem politischer Extremismus, religiöser Fundamentalismus und
Migration und Integration.

Christian Lindner, geboren 1979, ist seit 2000 Mitglied des Landtags von Nordrhein-
Westfalen und seit 2005 stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP-
Landtagsfraktion. Seit 2004 ist Lindner FDP-Generalsekretär in Nordrhein-Westfalen und
seit 2007 auch Mitglied des Bundesvorstandes der FDP. Im September 2009 kandidiert
er auf einem aussichtsreichen Listenplatz für den Deutschen Bundestag. Von 1997 bis
Ende 2004 war Christian Lindner mit einer mittelständischen Agentur für Unternehmens-
kommunikation selbstständig, 2000 war er einer von vier Gründern eines Internet-
Unternehmens der "New Economy". Er gab zwei Fachbücher heraus und in Kürze er-
scheint sein Band zur Programmentwicklung der FDP. Seit Abschluss seines Studiums
der Politikwissenschaft, der Philosophie und des Öffentlichen Rechts an der Universität
Bonn im Jahr 2006 (Magister Artium) ist Christian Lindner Doktorand. Lindner ist Reser-
veoffizier der Luftwaffe (Oberleutnant d. R.).

Conny Mayer-Bonde, Prof. Dr., Jahrgang 1972, ist Professorin für Marketing, Public
Relations und Tourismus an der Merkur Internationale Fachhochschule Karlsruhe, Uni-
versity of Applied Sciences. Von 2002 bis 2005 Mitglied war sie Mitglied des Deutschen
Bundestages und Freiburger Wahlkreisabgeordnete. Sie war Mitglied im Fraktionsvor-
stand der CDU/CSU-Fraktion und im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung. Conny Mayer-Bonde studierte an den Universitäten Saarbrücke und Mann-
heim Betriebswirtschaftslehre und Politikwissenschaften und promovierte zur Dr. rer soc.
Berufliche Stationen waren unter anderem der Tourismus-Verband und die Tourismus
Akademie Baden-Württemberg. Sie war zudem als Geschäftsführerin einer kommunalen
Marketing-Organisation und City-Managerin tätig. Als ehrenamtliche Entwicklungshelfe-
Autorinnen und Autoren 169

rin war sie in Cape Town/Südafrika. Conny Mayer-Bonde ist Bezirksvorsitzende der
Frauen Union Nordbaden und Mitglied im Vorstand von Plan international Deutschland
e.V. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Thomas Schmid, geboren 1975 in Kirchberg/Tirol, studierte in Wien und London


Rechts- und Politikwissenschaften. Er war Sprecher der ÖVP Fraktion sowie des ehema-
ligen Bundeskanzlers und Fraktionsvorsitzenden Dr. Wolfgang Schüssel und arbeitet
derzeit im Kabinett des Außenministers Dr. Michael Spindelegger.

Christian Schüle, Jahrgang 1970, hat in München und Wien Philosophie, Soziologie und
Politische Wissenschaft studiert. Er war Redakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT und lebt
jetzt als freier literarischer Autor, Essayist und Publizist in Hamburg. Im Piper Verlag
sind 2006 die Bücher „Deutschlandvermessung“ und „Türkeireise“ erschienen.

Caroline Waldeck, M.A., geboren 1977 in Bad Kötzting/Bayern, studierte Philosophie


und Volkswirtschaft in München und Padua. Von 2002 bis 2007 war sie Wissenschaftli-
che Mitarbeiterin einer Bundestagsabgeordneten; seit 2007 Redenschreiberin in der Abtei-
lung Presse und Kommunikation des Deutschen Bundestages. Darüber hinaus ist Caroline
Waldeck tätig als freiberufliche Redenschreiberin (www.worte-entscheiden.de). Ausge-
zeichnet mit dem Leonhard-und-Ida-Wolf-Gedächtnis-Preis für Literatur der Stadt Mün-
chen und mit dem berlinpolis Redner- und Dialogpreis in der Kategorie Nachwuchspreis.

Michael Wedell, Jahrgang 1968, ist Direktor der Dresdner Bank AG und leitet dort den
Bereich Corporate Affairs. Er hat katholische Theologie und Politologie studiert und ist
ausgebildeter Supervisor und Coach. Wedell ist Mitglied des Beirates der Katholischen
Akademie in Berlin und des Beirates der BerlinMediaProfessionalSchool an der Freien
Universität Berlin. Er ist verheiratet und Vater zweier Söhne.

Inga Wellmann, Jahrgang 1977, ist Dipl. Kulturmanagerin und BA Mixed Media Artist.
Sie ist Geschäftsführerin des Einstein Forums in Potsdam und Vorstandsmitglied von
berlinpolis e.V. Inga Wellmann arbeitet seit vielen Jahren an der Schnittstelle von Kunst,
Wirtschaft und Wissenschaft und untersucht in diesem Zuge unter anderem die Rolle
kreativer Intermediäre in Transformationskontexten. Sie konzipiert und organisiert Ver-
anstaltungen im Bereich der Kreativwirtschaft und berät zu diesem Thema Akteure der
Politik, Kultur und Wirtschaft.

Markus Vorbeck, Jahrgang 1970, ist Leiter Konzernpersonalmarketing UniCredit Group,


Turin, und dort verantwortlich für die Personalwerbungsstrategie des Konzerns. Seit 2006
in Italien lebend, war er zuvor mehrere Jahre als Teamleiter bei der HypoVereinsbank in
München für die Nachwuchsgewinnung (Auszubildende, Hochschulabsolventen, Young
Professionals) und den Bereich Talent Development verantwortlich. Regelmäßige Zei-
tungs- und Zeitschriftenveröffentlichungen zum Thema Karriereplanung von „High Po-
tentials“. Autor der Bücher „Die Jobstrategie“ (Econ, 2001) und „Ab heute bin ich Chef“
(Econ, 2004)