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Geschichte der Musik

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Die Geschichte der Musik umfasst viele Bereiche: Unter anderem die Entwicklung des Gesangs und der
Melodie, des Rhythmus, der Musikinstrumente, des Zusammenklangs und der Mehrstimmigkeit, der Harmonik
und die Entwicklung der Schriftlichkeit und Vervielfältigung (Musik als Zeichensystem und Notation).
Außerdem entwickelte die Musik eine Vielfalt von Darstellungsarten, Stilen und Ästhetik.

Inhaltsverzeichnis
1 Frühe Entwicklungen
2 Ursprungsmythen
3 Kulturelle Entwicklung
3.1 Altorientalische Kulturen
3.2 China
3.3 Indien
3.4 Altes Ägypten
3.5 Palästina und Syrien
3.6 Antike
4 Neuzeit
5 Literatur
6 Einzelnachweise
7 Weblinks

Frühe Entwicklungen
Die anatomischen Voraussetzungen für einen differenzierten Gesang haben sich vermutlich vor rund zwei
Millionen Jahren entwickelt, als sich mit Homo ergaster der aufrechte Gang durchsetzte. Infolgedessen sank
der Kehlkopf. Gleichzeitig bildete sich durch die Umstellung der Nahrung hin zu mehr fleischlicher Kost der
Kauapparat zurück, die Mundhöhle wurde größer und konnte ein größeres Spektrum an Lauten produzieren.
Manche Wissenschaftler sehen die Ursprünge der Musik daher als eine kommunikative Anpassung an das
Leben in größeren sozialen Gruppen. Andere wie Geoffrey F. Miller dagegen vermuten, dass es sich bei der
Musikalität des Menschen um ein Merkmal handelt, das sich hauptsächlich durch sexuelle Selektion entwickelt
hat. Neue Ansätze gehen davon aus, dass beide Faktoren eine Rolle gespielt haben.[1][2]

Die Jungsteinzeit brachte die ersten tönernen Instrumente, unter denen sich Gestaltrasseln in Menschen- und
Tierform befanden. In der Bronzezeit, als sich bereits Hochkulturen im vorderasiatischen Raum entwickelten,
entstanden die ersten metallurgischen Arbeiten. Überreste von Metallschmuck an vergangenen Tierhörnern
gehören dazu, ebenfalls bronzene Hörner in Tierhornform, die im nordischen Kreis gefundenen Luren. Jene
waren stets paarig und in gleicher, manchmal sogar fester Stimmung, was sowohl der Klangverstärkung gedient
haben kann als auch dem Akkordspiel. Andere Metallarbeiten waren Klapperbleche und Klangplatten.

Analog zur Bildung von Tonleitern unterschied der Musikhistoriker John Frederick Rowbotham in seiner
History of music (1885–87) die Entwicklungsstufen der archaischen Musik nach dem verwendeten Ambitus. So
ist vor Terpandros, dem Schöpfer der griechischen Lyrik im 7. Jahrhundert, nur der Tonumfang eines
Tetrachords, d. h. einer Quarte zu finden, was Plutarch in seinem Dialog über Musik als Anzeichen älterer
Kulturepochen bestätigte. Diese Einordnung ist jedoch nicht als allgemeingültig zu betrachten, da in der Musik
anderer Ethnien, z. B. bei den indigenen Völkern Nordamerikas, in Australien und Ozeanien auch
Akkordzerlegungen über einen großen Tonraum hinweg vorkommen.[3]
von den Salomon-Inseln. Die Struktur besteht aus Wiederholungen desselben kurzen
Motivs mit geringen Variationen.

Ursprungsmythen
Die meisten Völker der Welt verstehen die Entstehung der Musik als
das Werk von Göttern und Geistern, übernatürlichen oder historisch
nicht greifbaren Personen. Es existiert eine Vielzahl von
Ursprungsmythen.

Nach hinduistischem Glauben ist Brahma, der Gott der Sprache, auch
der Schöpfer der Musik. Sein Sohn Narada herrscht über sie. Shiva wird
die Erfindung des Musikbogens zugeschrieben, Sarasvati die Erfindung
der Tonleiter. Die Vielzahl der Ragas erklären die Hindus durch eine
Legende, nach der viele Hirtinnen den Flöte spielenden Krishna
zugleich mit ihren eigenen Melodien zu bezaubern versuchten.

Nach chinesischer Mythologie


war die Tonleiter das Geschenk
eines Wundervogels. Im alten
Ägypten war Thot, der Gott der
Schreibkunst, Schöpfer der
Musik aus dem Wortklang.
Der tanzende Krishna hält eine Flöte Hathor war die Göttin von Tanz,
in seiner Hand. Gouache von ca. 1825 Gesang und Kunst. Den
Griechen galt der Musensohn
Orpheus als Schöpfer der Musik und des Tanzes. Der Sänger soll Götter
und Menschen, Tiere und Pflanzen mit seiner Musik berührt und sogar
Steine zum Weinen gebracht haben.

In der arabischen Welt besagt eine Legende, der Kameltreiber Maudar


ibn Nizar sei von seinem Reittier gestürzt und habe sich die Hand
gebrochen. In seinem Schmerz habe er den Kamelen zugerufen und sie Orpheus besänftigt die wilden Tiere
wieder zum Laufen gebracht, woraus der Gesang entstanden sei. Die mit der Kithara. Über die Epochen
westafrikanischen Völker am Niger glauben, dass die Menschen die hinweg gilt der Sänger als Inbegriff
Musik von Waldgeistern gelernt hätten. Eine Riesin trage alle Musik der einer rational nicht fassbaren
Welt in ihrem Bauch, die Dämonen offenbarten sie ihnen in einzelnen Kunstwirkung. Sarkophag aus dem
Liedern. 3. Jahrhundert v. Chr.
Archäologisches Museum
Die mythische Verbindung von Musik und Schmiedekunst ist eine Thessaloniki, Inventar-Nr. 1246
Vorstellung, die in vielen Ethnien erscheint. Nach biblischer
Überlieferung ist Jubal der Stammvater der Musiker (Gen 4,19–22 ). Sein Halbbruder Tubal-Kain ist der
Ahnherr der Schmiede. Auch im Mittelalter werden beide Bereiche gemeinsam genannt. In Anlehnung an einen
Traktat des antiken Mathematikers Nikomachos von Gerasa erklärte Guido von Arezzo, Pythagoras habe die
Musik erfunden, als er in einer Schmiede den Klang der Hämmer gehört habe.

In den aztekischen Mythen holte ein Mensch die Musik auf Befehl eines Gottes von der Sonne. Völker mit
animistischen Vorstellungen wie die Eskimos glauben, die Melodien seien den Menschen zu Beginn der Zeit
durch Geisterbeschwörung vermittelt worden. Andere indigene Völker wie die Seneca verbinden die
Entstehung der Musik mit dem Besuch eines Gottes in Menschengestalt oder mit dem Geschenk eines ersten
Instruments, das als heilig verehrt wird.[4]

Kulturelle Entwicklung
Mit der Differenzierung der sozialen Gruppen entstanden die Rollen von Schamane oder Medizinmann, später
bildete sich ein Priesterkönigstand heraus. Mit der zunehmenden Vielfalt und dem technisch verbesserten Bau
von Instrumenten löste sich die Musik nun allmählich aus der kultischen Bindung. Ihre Strukturen wurden
geordneter und Skalen begannen sich zu formen, Zentraltöne und Intervalle als erste Anzeichen von
harmonischen Beziehungen kristallisierten sich heraus, Konsonanz- und Dissonanzprinzipien mit Quinte und
Quarte als Leitintervallen regelten den Zusammenklang.[5]

Die Auswahl und Ordnung aus dem Tonvorrat führte zu Tri-, Hepta-
und Pentatonik. Die beiden letzteren sind bis heute dominierende
Skalenmodellen: siebenstufig im Vorderen Orient und in Europa, und
fünfstufig in Ostasien. Das Satzbild war überwiegend heterophon oder
zeigte erste Ansätze zu Parallelführung, Kanon- und Imitationsformen,
vor allem aber zu durchklingenden Borduntönen, die eine feste
Stimmung und ein harmonisches Grundgerüst erzeugten und
gleichzeitig erforderten. Die rhythmische Gliederung folgte fast
ausschließlich dem Urprinzip von Hebung und Senkung, das sich aus
der Körperbewegung des Schreitens herleiten lässt. Taktschläge, -zahl
und -gruppierung folgten wiederum der Zweiteiligkeit, die zu vier, acht,
sechzehn usw. Elementen ausgeweitet wurde, wie es bis heute im
Periodenbau der Fall ist. Als Urelemente der Gestaltung bestimmten
Wiederholung, Kontrast, Variation und Kontinuität den melodisch-
rhythmischen Aufbau.[6]

Altorientalische Kultur en Samischer Schamane mit seiner


Schamanentrommel. Kupferstich von
Die Sumerer pflegten die kultische Musik der staatlichen O. H. von Lode (1767).
Priestermusiker und -musikerinnen, die gesungen, teilweise mit
Instrumentalbegleitung, aber nie rein instrumental war. Dabei bildeten
sich entsprechend den Funktionen – Klagelieder, Götterhymnen – Genres, für die einzelne Musikergruppen
zuständig waren. Zu den in Ritualen verwendeten Trommeln gehörten mannshohe Rahmentrommeln und
Kesseltrommeln wie die ab dem Anfang des 2. Jahrtausends gespielte große Bronzetrommel Lilissu.

Die Babylonier und Assyrer, die gegen 1800 v. Chr. das Erbe der Sumerer antraten, verkleinerten die
Standharfe zur Tragharfe und führten das Plektron ein, das ein rhythmisch genaueres Spiel erlaubte. Die
Weiterentwicklung waren Langhalslauten.[7] Neue Blasinstrumente waren der Doppelaulos, Flöten und
Trompeten mit gebogener Röhre. Aus den Grifflöchern schließt man auf fünf- bis siebenstufige Tonleitern.
Zugleich vergrößerten die Assyrer die Ensembles – ein Relief im Palast Assurbanipals zeigte schließlich eine
Prozession aus elf Instrumentalisten und 15 Sängern – und begannen, eine weltliche Kunstmusik
auszubilden.[8]

China
→ Hauptartikel: Chinesische
Musik

China, das bereits im


3. Jahrtausend v. Chr. eine
Hochkultur aufbaute, verfügte
bereits im Altertum über eine
voll entwickelte Musik. Die
wichtigsten Anregungen
bekamen die Chinesen aus dem
Westen, vor allem aus
Mesopotamien. Eigene
Erfindungen waren ein auf
Sumerische Standleier. Der Zahlenverhältnissen beruhendes
Resonanzkörper des mannshohen Skalensystem, pentatonische
Instrumentes ist stierförmig. Später Gebrauchstonleitern und eine
wurde das Symbol eines feste Tonhöhenstimmung.
Fruchtbarkeitsgottes verkleinert als Bereits in der Xia-Dynastie (ca.
Schmuck an den Instrumenten 2200–1800 v. Chr.) erschienen
verwendet. Abbildung nach einem Vorläufer der Qin, einer
Rollsiegel fünfsaitigen Wölbbrettzither. Die
Assyrische Knickbogenharfe. Die
Kompositionen waren Instrumente hatten vier bis sieben
einstimmig und homophon, was
Saiten und einen kleinen Schallkörper.
sich im Laufe der Geschichte nur
Darstellung nach einem assyrischen
unwesentlich ändern sollte.
Relief
In der Shang-Dynastie kamen
Trommeln, Gefäß- und Rohrflöten sowie bronzene Glocken hinzu. Der
Konfuzianismus ordnete sowohl das quintenzirkelähnliche
Tonartensystem mit der Yin-Yang-Unterscheidung „weiblicher“ und
„männlicher“ Skalen als auch die kosmologisch orientierte
Musiktheorie. Stile, Genres und Instrumentenverwendung waren genau
festgelegt. Während der Zhou-Dynastie rückte die Musik in ihrer
ethisch-erzieherischen Wirkung auf den Menschen in den Mittelpunkt
der Staats- und Gesellschaftsphilosophie. Die Musik wurde staatlich
geregelt, die offizielle ästhetische Anschauung folgte den Ansichten des
jeweiligen Kaisers. Um 300 v. Chr. werden siebenstufige Skalen
entwickelt. Wichtige musiktheoretische Quellen des Konfuzianismus
sind das Buch der Lieder und das Buch der Riten. Das Ritenbuch
Die Pipa gehört zu den überliefert die Systematisierung der Musikinstrumente nach
traditionsreichsten Instrumenten der Materialkategorien (bāyīn): Metall, Stein, Fell, Kürbis, Bambus, Holz,
chinesischen Musik. Darstellung aus Seide und Erde. Zu den wichtigsten Neuerungen gehörten die
der Tang-Dynastie Lithophone, Querflöten und die Mundorgeln mit bis zu 17 Pfeifen.

Die restaurative Han-Dynastie um die Zeitenwende öffnete die


chinesische Musik weiter für westliche Einflüsse. Der Aulos gelangte nach China, ebenso die Laute als Pipa.
Die erste systematische Notenschrift wurde entwickelt. Das kaiserliche Musikbüro sammelte und archivierte
Dokumente der alten Musik, pflegte Kult-, Hof-, Militär- und Volksmusik und unterhielt eigene
Auslandsabteilungen.[9][10]

Indien
→ Hauptartikel: Indische Musik
Über die Musik der Indus-Kultur im dritten vorchristlichen Jahrtausend
gibt es nur Vermutungen. Sie hat möglicherweise Anregungen der
mesopotamischen und ägyptischen Kultur aufgenommen. Durch die
Einwanderung der mit den Griechen verwandten Arier gegen
1500 v. Chr. gelangten westliche Einflüsse nach Indien. Aus den beiden
Kulturen entstand der vedische Kult, der zunächst den Brahmanen
vorbehalten blieb und erst um 200 v. Chr. den niederen Kasten offen
stand. In der letzten vedischen Schrift, der Nātyaveda, finden sich die
ersten Aufzeichnungen zur Musik Indiens. Die Musikanschauung glich
der griechischen Einheit von Tonkunst, Sprache, Tanz und Gestik, sie
wurde als Form des Theaters angesehen. Nach vedischen Vorstellungen
war die Kultmusik von Kunst-, Volks- und Unterhaltungsmusik streng
getrennt; Erstere unterstand dem Gott Brahma, letztere Shiva.

Das Tonsystem beruht auf einer Einteilung der Oktave in 22


mikrotonale Shrutis, die nicht nach einer mathematischen Teilung,
sondern nach dem Gehöreindruck unterschieden werden; in diesem
Punkt weicht die indische Musik von ihren griechischen Vorbildern ab.
Aus diesem Tonvorrat werden – analog zu den europäischen
Tongeschlechtern Dur und Moll – siebenstufige Skalenmodelle gebildet. Die Göttin Saraswati hält eine Vina in
Eine sehr differenzierte Abstufung unterscheidet zwischen konsonanten der Hand. Holzschnitzerei
und dissonanten Intervallen. Parallel zu den griechischen
Modaltonarten, die auf wechselnden Grundtönen derselben Tonleiter beruhen, bilden die Ragas das
Grundgerüst der Melodik. Wie die griechischen Modi haben Ragas nicht nur einen Klangcharakter, ihnen sind
auch Tages- und Jahreszeiten, Spielanlässe, Affekte und ethische Prinzipien zugeordnet, die bei der Auswahl
der „richtigen“ Tonleiter beachtet werden müssen.

Auch die Rhythmik ist modal. Ihre Elemente sind ein-, zwei- und dreifache Tondauern (zu denen in einigen
Typen der Musik noch halbe und Viertelwerte hinzukommen), die zu Talas geformt werden, festen
Rhythmusabläufen mit jeweils geregelter Betonung der Tondauern. Der Grundpuls der Musik trifft sich in der
ersten Schlagzeit wieder, während durch Überlagerungen verschiedener Betonungen innerhalb eines Taktes
Polyrhythmik entstehen kann.

Zu den ältesten Instrumenten gehörten Flöten und Trommeln. Vinas als Sammelbezeichnung für eine Gruppe
von Saiteninstrumenten sind bereits in den ältesten Veden beschrieben. Aus dem Westen gelangten persische
Lauten wie die Tar, aus der die Langhalslaute Tanpura und im 18. Jahrhundert über die Zwischenstufe Rubab
die Kurzhalslaute Sarod wurde, in den indischen Kulturraum. Während der Mogulzeit ersetzte die aus Persien
stammende Shehnai ältere indische Schalmeienarten. Auf indischem Boden entwickelte sich ein reiches
Inventar an Blas-, Saiten- und Schlaginstrumenten.

Die vedische Kultmusik ist einstimmig und rein vokal. Sie besteht im Wesentlichen aus einer Textrezitation auf
drei benachbarten Tonhöhen. Mit der Ausbreitung des Islam nach Nordindien im 14. Jahrhundert wurde sie
zurückgedrängt, bei den südindischen Völkern blieb sie erhalten. Ab 1500 schließlich wurden die vedische
Kultur, ihre Musik und die Hochsprache Sanskrit nur noch von einer intellektuellen Oberschicht praktiziert. In
den folgenden Jahrhunderten grenzten sich zwei unterschiedliche Musikstile deutlich voneinander ab: der
strenge Dhrupad-Stil, dessen Musiker hoch verehrt wurden, mit der Stabzither Rudra Vina als Hauptinstrument
und der männlichen Gesangsstimme, und der freiere Khyal-Stil, der auch von Frauen gesungen und häufig mit
der Streichlaute Sarangi begleitet wurde.[11]

Altes Ägypten

Die Musik des Alten Ägypten ist in Hieroglypheninschriften, Grabdekorationen und Musikinstrumenten als
Grabbeigaben dokumentiert. Die vordynastische Zeit brachte Klappern, Rasseln, mundstücklose Längsflöten
und einfache Trompeten hervor. Die Musik stand noch ganz im Zeichen des Kultes, der magische Tanz war
Masken- oder Waffentanz.
Das Alte Reich, das um 2700 v. Chr. begann, erweiterte das
Instrumentarium um die Bogenharfe, die in ihrer gestreckten Form noch
deutlich an den Musikbogen erinnerte und lediglich einen kleinen
Resonanzkörper aufwies. In dieser Zeit emanzipierte sich die weltliche
Musik, die im Rahmen von Festen erklang. Neben vokalen und
gemischten Ensembles gab es erstmals reine Instrumentalmusik in
unterschiedlichen Besetzungen. Auch Frauen der höheren
Gesellschaftsschichten standen Tanz und Musizieren auf Harfe und
Flöte offen.[12] Reliefs in den Grabkammern lassen auf mehrstimmige
Musik schließen, ähnlich wie bei den assyrischen Blasinstrumenten
weisen die Grifflöcher auf fünf- und siebenstufige Skalen hin. Als erste
Kultur entwickelte das Alte Reich in Ergänzung einer ansatzweise
vorhandenen Notenschrift die Chironomie: einem Dirigenten gleich
Ägyptische Bogenharfe des Alten vermittelte der Leiter einem Ensemble Tonschritte und Rhythmus durch
Reiches. Der Saitenhalter ist noch wie genau festgelegte Handbewegungen und Armstellungen.
ein großer Musikbogen geformt, die
sieben Saiten laufen in einen Nach dem Ende des Mittleren Reiches, in der Zweiten Zwischenzeit,
Stimmstock auf dem unten nahm Ägypten Anregungen der vorderasiatischen Hyksos auf. Sie
angebrachten Resonator. So ist ein führten die aus der Beduinenkultur stammende Leier ein, das Sistrum in
Umstimmen des Instruments möglich. der Gestalt, die noch gegenwärtig als Kultinstrument der Koptischen
Darstellung nach einer Grabkammer- Kirche dient, schließlich Zweifelltrommeln. Letztere begleiteten die
Malerei wilden Springtänze, die die Hyksos aus dem Osten mitbrachten; sie
lösten die gemessenen Schreit- und Figurentänze des Alten Reiches
ab.[13]

Eine letzte Innovation der Hyksos war der im Neuen Reich übliche schalmeienartige Doppelaulos, der
schließlich zum griechischen Instrument wurde. Die Musikkultur gedieh zu einer allgemeinen Blüte, einzelne
Genres nach ihren Funktionen etablierten sich als Tanz-, Militär-, Kultmusik. Die Instrumente erlaubten
virtuoses Spiel, vor allem auf der sich technisch weiter entwickelnden Harfe, die als Schulter-, Winkel-, Bogen-
und Standharfe gespielt wurde und wegen eines größeren Resonanzkastens, bis zu zwölf Saiten und kunstvoller
Verzierungen das wichtigsten Instrument der ägyptischen Tonkunst dieser Epoche war. Eine mit Bünden
versehene Langhalslaute ergänzte das Instrumentarium. In der Zeit des Neuen Reiches entwickelten sich
kleinstufige Skalen, die später die klassische arabische Musik übernahm. Ebenso wurden Borduntöne auf den
Doppelinstrumenten geblasen.[14]

Die Spätzeit brachte die Darbuka und Beckentypen nach Ägypten. In der Restaurationsepoche betrachtete das
Musikdenken die alte Kunst der vergangenen Jahrhunderte als vorbildhaft und als sittliches Erziehungsziel.[15]

Palästina und Syrien

Palästina befand sich für lange Zeit im stetigen Kulturaustausch mit


seinen Nachbarregionen. Phönizier und Hebräer waren die
bestimmenden Völker des Landes.

Die Phönizier gelten als eigentliche Erfinder des Doppelaulos im


2. Jahrtausend; unsicher ist, ob sie auch das Psalterium zuerst gebaut
haben. Ihr Instrumenteninventar kannte Doppelflöte, Leier und
Rahmentrommel, die aus dem Zweistromland stammten. In der Stadt Hurritische Hymne um 1400 v. Chr.,
Ugarit wurden Tontafeln gefunden, die wahrscheinlich die ältesten aus dem Königlichen Palast von
Ugarit
Musiknoten der Welt darstellen.[16]

Die Musik der Hebräer, die vorwiegend durch alttestamentliche Quellen belegt ist, begann bereits in der
Frühzeit der Geschichte Israels bis ca. 1000 v. Chr. Sie entsprach im Wesentlichen der ägyptischen Kultur, wie
sie die Israeliten vor dem Exodus kennengelernt hatten. Erste Instrumente waren der Kinnor, eine Tragleier mit
fünf bis neun Saiten, und der bis
heute tradierte Schofar; beide
waren für den kultischen
Gebrauch im Tempel bestimmt.
Dazu kamen Längsflöten und
zahlreiche Schlaginstrumente
nach mesopotamischen
Vorbildern.

In der Königszeit (ab ca. 1000)


übernahmen die Juden einige
Instrumente ausländischer
Herkunft, die Doppelschalmei,
Der Kinnor war die Tragleier, die in
die Winkelharfe und zitherartige
den Psalmen Davids als achtsaitiges
Zupfinstrumente aus Phönizien.
Begleitinstrument des Sängers
Unter den Leviten bildete sich
angegeben ist. Der Spieler benutzt ein
ein Berufsmusikerstand heraus,
Plektrum zum Anzupfen der Saiten.
der in großer Chor- und
Darstellung aus alttestamentlicher
Orchesterbesetzung die
Zeit
Tempelmusik versah. Die
Musiker waren in Zünften Die phönizische Leier zählte zu den
organisiert und unterhielten Tempelschulen zur Ausbildung des beliebtesten Instrumenten. Sie wurde
Nachwuchses. Zur Zeit der Reichsteilung nach Salomo (926–587) oft zusammen mit Doppelflöte und
entwickelte sich die synagogale Musik, deren Vorbild die Psalmen Rahmentrommel gespielt. Darstellung
Davids gewesen waren. Sie wurden schließlich der Ausgangspunkt für nach einem Steinrelief
die frühchristliche Musik.[17]

Antike
→ Hauptartikel: Musik der Antike

Die mathematisch-rationale Musikauffassung wird auf Pythagoras zurückgeführt, dem mit der Legende
Pythagoras in der Schmiede die Entdeckung der Intervallproportionen zugeschrieben wird; Platon und
Aristoteles gelten wegen ihrer Beschäftigung mit der ästhetischen Wirkung als Begründer der
Musikphilosophie. Mit Aristoxenos’ Unterscheidung zwischen theoretischer Lehre und praktischer
Musikausübung beginnt die Differenzierung von Wissenschaft und Kunst, Vernunfterkenntnis und
Sinneswahrnehmung, die in den Epochen der abendländischen Musikgeschichte jeweils eine eigene Bewertung
erfuhr und in denen eine der beiden Seiten im Vordergrund der Betrachtung stand.

Die Musikliteratur der Antike brachte zahlreiche Definitionsversuche hervor, unter denen zwei besonders
wichtig sind. Claudius Ptolemäus nahm im 2. Jahrhundert in der Harmonica eine Mittlerstellung zwischen
Aristoxenos und Euklid ein. Er bezeichnete die Musik als „(…) die Fähigkeit, die zwischen hohen und tiefen
Tönen bestehenden Unterschiede zu erkennen“. Aristeides Quintilianus dagegen bezeichnet sie als eine „(…)
Wissenschaft vom Melos und von dem, was zum Melos gehört“. Die ptolemäische Definition wird wörtlich
unter anderem bei Porphyrios zitiert, die aristeidische bei Iulius Pollux und Michael Psellos. Allen
Bestimmungen ist zu eigen, dass sie das musikalische Material, die Tonleiter, und ihre mathematischen
Grundlagen in den Mittelpunkt rückten und sie als die Natur des Tongefüges verstanden.

Zwei weiteren spätantiken Definitionen kommt eine weiter reichende Bedeutung zu. Augustinus’ von Hippo
Frühschrift De musica bestimmt „Musica est scientia bene modulandi“ (etwa: „Musik ist die Kunst, den Takt
zu halten“). In der Schrift De institutione musica des Boëthius knüpft der Autor an Ptolemaios an: „Musica est
facultas differentias acutorum et gravium sonorum sensu ac ratione perpendens“ (etwa: „Musik ist die
Fähigkeit, die Unterschiede zwischen hohen und tiefen Tönen mit Sinn und Geist genau zu bemessen“). Die
Definition des Augustins übernehmen wortgetreu Pietro Cerone und Athanasius Kircher, jene des Boëthius
ebenso wortgetreu Hieronymus von Prag, Franchinus Gaffurius, Gregor Reisch und Glarean. Erstmals wurde
damit die Musik auch als
akustisches Phänomen
beschrieben, das gleichermaßen
von der Vernunft durchdrungen
wie auch sinnlich
wahrgenommen werden kann.

Neuzeit
Wie in den Definitionen der
Antike tritt in der Barockzeit das
dialektische Verhältnis von
Wissenschaftslehre und
Kunstpraxis und die daraus
Claudius Ptolemäus auf einer folgende Doppelfunktion der
Darstellung Luca della Robbias am
Musik hervor.[18] In diesem Die im Mittelalter als Väter der Musik
Turm von Santa Maria del Fiore in verstandenen Boëthius (links) und
Sinne drückte Johann Mattheson
Florenz Pythagoras (rechts) streiten um die
es in Der vollkommene
Capellmeister (1739) aus: „Definition“ der Musik mit
„Musica ist eine Wissenschaft und Kunst, geschickte und angenehme arithmetischen Mitteln. Boëthius hat
Klänge klüglich zu stellen, richtig an einander zu fügen, und lieblich die Aufgabe durch die (seinerzeit)
heraus zu bringen, damit durch ihren Wollaut Gottes Ehre und alle moderne Mathematik bereits gelöst
und erhält den Zuspruch von Frau
Tugenden befördert werden.“[19] Er verband Emotion und Rationalität
Arithmetica. Illustration der
in seiner Musikanschauung. Während der Barockepoche stilisierte und
Margarita Philosophia (1504) von
systematisierte die Affektenlehre die Gefühlsregungen.
Gregor Reisch
Deutlicher differenzierte Friedrich Wilhelm Marpurgs Der critische
Musicus an der Spree (1750): „Das Wort Musik bezeichnet die
Wissenschaft oder die Kunst der Töne; sie ist eine Wissenschaft,
insofern ihre Regeln aus gewissen Gründen erwiesen werden können,
eine Kunst, insofern die erwiesenen Regeln zur Wirklichkeit gebracht
werden können.“[18] Und selbst in den zeitgenössischen Definitionen,
die Wohlklang und Schönheit als das Wesen der Musik bezeichneten,
war der rationalistische Zeitgeist ersichtlich; Leonhard Euler formulierte
1739: „Musica est scientia varios sonos ita conjungendi, ut auditui
gratam exhibeant harmoniam“[20] („Musik ist die Wissenschaft, die
verschiedenen Töne so zu verbinden, dass sie dem Gehör eine liebliche
Harmonie darbieten“).

Arthur Schopenhauer schließlich räumte der Musik in seinem


Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung (1819) eine zentrale
Position ein:
Johann Mattheson, Komponist und
„Die Musik ist also keineswegs, gleich den anderen Künsten, das Theoretiker, Kupferstich von Johann
Abbild der Ideen; sondern Abbild des Willens selbst, dessen Jacob Haid
Objektivität auch die Ideen sind: deshalb eben ist die Wirkung der
Musik so sehr viel mächtiger und eindringlicher als die der anderen Künste: denn diese reden nur
vom Schatten, sie aber vom Wesen.“
– ARTHUR SCHOPENHAUER: Die Welt als Wille und Vorstellung[21]

1849 taucht in Richard Wagners Schrift Die Kunst und die Revolution der Begriff Gesamtkunstwerk auf. Diese
Idee war vor allem von Arthur Schopenhauers Vorstellung beeinflusst, wonach Kunst und Musik unter dem
Begriff der Ästhetik zusammengefasst werden können.
Literatur
Adler, G.: Handbuch der Musikgeschichte. Frankfurt am Main: Frankfurter Verlags-Anstalt 1924.
Nachdruck der 2. Auflage 1930. München: Deutscher Taschenbuch Verlag. ISBN 3-423-04039-4
Honolka, K., (Hrsg.): Knaurs Weltgeschichte der Musik. 2 Bdd. München: Droemersche Verlagsanstalt,
2. Auflage 1979. ISBN 3-426-03610-X
Kilmer, Anne Draffkorn: The Strings of Musical Instruments: their Names, Numbers, and Significance,
Studies in Honor of Benno Landsberger = Assyriological Studies xvi (1965), 261–68.
Kilmer, Anne Draffkorn, and Miguel Civil: Old Babylonian Musical Instructions Relating to Hymnody,
Journal of Cuneiform Studies, xxxviii (1986), 94–98.
Lach, R.: Die Musik der Natur- und orientalischen Kulturvölker. In: Guido Adler (Hrsg.): Handbuch der
Musikgeschichte, S. 3–34
Michels, U.: dtv-Atlas zur Musik. München: Deutscher Taschenbuch Verlag und
Kassel/Basel/Tours/London: Bärenreiter 1977. ISBN 3-423-03022-4
Mithe, S.: The singing Neanderthals - The origin of music, language, mind and body. London, 2006.
Reinhard, K.: Musik in Urzeiten. In: Kurt Honolka (Hrsg.): Knaurs Weltgeschichte der Musik, Bd. 1, S.
9–23
West, M. L., 'The Babylonian Musical Notation and the Hurrian Melodic Texts', Music & Letters, lxxv,
no. 2 (May 1994), 161–79.

Einzelnachweise
1. Mithen, 2006
2. Eine gute Übersicht bietet Paál, Gabor: "Die Schwester der Sprache - Wie der Mensch die Musik
entdeckte" (http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/-/id=660374/nid=660374/did=417550
4/19aygf4/index.html)
3. Lach S. 5
4. MGG-S, Bd. 6, Sp. 1422 f.
5. Reinhard S. 11 und 12
6. Reinhard S. 12
7. Reinhard S. 14
8. Reinhard S. 15
9. dtv-Atlas S. 169
10. Reinhard S. 21
11. dtv-Atlas S. 167
12. Reinhard S. 16
13. Reinhard S. 17
14. Reinhard S. 18
15. dtv-Atlas S. 165
16. http://www.thenational.ae/arts-culture/music/syrian-tablet-fragment-shatters-long-held-beliefs-about-
origin-of-music#full
17. dtv-Atlas S. 163
18. MGG-S, Bd. 6, Sp. 1198
19. Johann Mattheson: Der vollkommene Capellmeister. Hamburg 1739. S. 5
20. Leonhard Euler: Tentamen novae theoriae musicae ex certissimis harmoniae principiis dilucide
expositae. St. Petersburg 1739. Kap. 3 De musica in genere, § 1, 7
21. Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung. Leipzig 1819. Bd. 1, § 52

Weblinks
ViFaMusik - Projekt zur Bereitstellung von Quellen und Materialien für Musik und Musikwissenschaft
Musikgeschichte Online

Abgerufen von „https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Geschichte_der_Musik&oldid=165466080“


Kategorien: Musikgeschichte Wissenschaftsgeschichte

Diese Seite wurde zuletzt am 13. Mai 2017 um 13:57 Uhr bearbeitet.
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