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Erziehung braucht Grenzen

Antje Bostelmann

Das Ziel ist klar: Kinder sollen stark werden, zur Verantwortung fähig sein und mutige,
selbstaktive Mitglieder einer Gesellschaft werden, die in der Lage ist, jeden zu integrieren, zu
respektieren und in seinen Grundrechten abzusichern. Doch ob es dafür notwendig ist, in der
Erziehung mit klaren Grenzen zu arbeiten oder den Kindern möglichst viele Freiheiten zu
gewähren, darüber wird gestritten. Ich bin davon überzeugt, dass es weder ohne das eine noch
das andere geht.

Erziehung richtet sich an die Zukunft. Sie dient dazu, Kinder zu befähigen, eines Tages das
Werk und die Werte der Generation vor ihnen zu übernehmen und weiterzuführen. Erziehung
ist häufig mit einem Verbesserungsgedanken verbunden, der durchaus verständlich ist. Die
Zustände, mit denen man heute unzufrieden ist, sollen die Nachkommen in Ordnung bringen.
Das soll durch eine immer weiter verbesserte Erziehungsarbeit gewährleistet werden.

Von grenzenloser Freiheit bis elitärem Drill

In Zeiten von großen gesellschaftlichen Umbrüchen wird dieser Antrieb besonders stark. Neue
Erziehungskonzepte müssen her, pädagogische Reformen stehen an, und Eltern sind auf der
stetigen Suche nach immer noch besseren Schulen und Kindergärten. Die elterliche und die
institutionelle Erziehung sind bereit, allerlei Moden zu folgen. Von grenzenloser Freiheit, über
Zuckerverzicht zu vorgeburtlicher Multilingualität bis hin zur Schuluniform und elitärem Drill
ist alles möglich - nur ein Konsens über eine Grundrichtigkeit in Erziehungsfragen scheint
unmöglich zu sein.

Das alles ist nicht neu - in der Geschichte der Pädagogik wurde schon häufiger zu den
seltsamsten Maßnahmen gegriffen. Die Schwedin Ellen Key schrieb in ihrem 1902 in
Deutschland erschienenen Buch "Das Jahrhundert des Kindes" die Empfehlung nieder, eine
ganze Generation von Kindern ohne den Einfluss Erwachsener aufwachsen zu lassen, um
Kriege und Gewalt aus der Welt zu schaffen. Sie formulierte damit einen Grundgedanken der
Reformpädagogik, der auch heute noch Einfluss auf aktuelle Erziehungskonzepte hat.

Man kann diesen Satz so verstehen, dass man Kindern endlich etwas zutrauen soll, da sie von
sich aus - quasi von der Natur angelegt - alles alleine können und von Erwachsenen behindert
oder sogar verdorben werden. Im historischen Kontext - die Kindheit war im Zuge der
Aufklärung quasi gerade erst wiederentdeckt worden - kein abwegiger Gedanke. Doch heute?
Tatsächlich folgen immer noch einige Erwachsene dieser Idee. Das ist gar nicht verwunderlich,
denn Ellen Keys Satz entlastet den heutigen Erwachsenen ungemein. Er entlastet von
Erziehungsarbeit, vom Eintreten für die eigenen Werte, von Verantwortung - und auch davon,
dem Nachwuchs Grenzen zu setzen.

Grenzen stecken einen Rahmen

Kinder zu erziehen ist keine leichte Aufgabe. Es ist harte Arbeit, vor allem an sich selbst. Mit
Kindern zusammen zu leben ist mehr als Schlafentzug und Windeln wechseln. Mit Kindern
zusammen zu leben bedeutet, sich aktiv mit anderen, jüngeren Menschen auseinanderzusetzen,
sie zu respektieren, ihnen ein Vorbild zu sein, sie zu schützen und ihnen möglichst viele
Lernanlässe zu schaffen. Dazu gehört es auch, ihnen Grenzen zu setzen. Worum es dabei geht?
Um den Schutz gesellschaftlich akzeptierter Regeln, Werte und Normen, aber auch um
Sicherheit und darum etwas zu lernen.

Grenzen stecken einen festen Rahmen ab, innerhalb dessen sich der Lernende sicher bewegen
kann. Grenzenlosigkeit ist kein Ideal. Sie ist eine zutiefst verunsichernde Haltlosigkeit, die in
sozialen Beziehungen zu schweren Störungen führen kann. In der Pubertät werden die
Grenzen gesprengt, wenn der Jugendliche sich vom Elternhaus abtrennt und eigene Wege geht.

Es klingt so gar nicht einfach und harmonisch, was ich hier über Grenzen in der Erziehung
schreibe. Aber es ist so. Grenzen sind eine Zumutung für die, die sie setzen und halten müssen,
damit die Heranwachsenden zuerst geschützt und später herausgefordert werden.
Erziehungsarbeit heißt Grenzen setzen und halten. Im Großen wie im Kleinen, rund um die
Uhr, ob zu Hause, im Restaurant, auf dem Spielplatz, im Kindergarten, in der Schule, bei
Freunden oder im Umgang mit ihnen. Grenzen werden durch Regeln sichtbar, die
ausgehandelt und täglich gelebt werden wollen.

So gelingt der Umgang mit Grenzen

Diese Regeln helfen Eltern und Kindern, einander besser zu verstehen:

1. Auch Rituale sind Regeln

Kinder lernen Regeln nicht über Erklärungen. Sie verstehen früh, dass eine Handlung eine
andere Handlung zur Folge hat, und leiten daraus ab, welche Regeln in ihrem Umfeld gelten.
Kleine Dinge, wie das Händewaschen nach dem Toilettengang, die Zeit, zu der die Mahlzeiten
eingenommen werden, auf welchem Platz sie am Tisch sitzen, wer sie zu Bett bringt und wie
dies abläuft, geben ihnen Sicherheit. Wichtig sind die stetige Wiederkehr der Abläufe sowie
die Tatsache, dass sich alle daran halten.

2. Das Alter des Kindes berücksichtigen

Mit zunehmendem Alter setzen sich Kinder immer stärker damit auseinander, dass sie etwas
nicht tun können, obwohl sie es in diesem Moment wollen. Die eigenen Bedürfnisse
zurückstellen zu können, Regeln einhalten zu können und Einsicht zu zeigen, das alles sind
Fähigkeiten, die erlernt werden müssen. Klares, vorhersehbares Handeln von Erwachsenen
hilft Kindern dabei, sich mit Regeln zu arrangieren. Ältere Kindergartenkinder und
Grundschulkinder können immer mehr und bewusst Verantwortung für sich übernehmen und
diese mit dem Befolgen von Regeln verbinden.

3. Sich des eigenen Vorbilds bewusst sein

Kinder sind Nachahmungslerner. Sie beobachten Erwachsene, um die Bedeutung, die


Zusammenhänge und die Folgen ihres Handelns zu verstehen. Damit hören sie auch dann nicht
auf, wenn ihre Sprachfähigkeit soweit entwickelt ist, dass sie Erklärungen verstehen und selber
abgeben können.

Eltern sollten sich deshalb peinlich genau an die in der Familie vereinbarten Regeln halten und
sich auch gegenseitig darauf hinweisen. Das bedeutet nicht, dass Eltern nach dem Sandmann
schlafen gehen müssen, weil die Kinder es auch tun. Es ist legitim, dass es für jedes Alter und
für jede Funktion in der Familie besondere Regeln gibt. Wichtig ist aber, dass zum Beispiel die
Regel "Wir schauen nur wenig und sehr ausgewählt Fernsehen" nicht durch ein dauerhaft vor
dem Fernseher liegendes Elternteil ad absurdum geführt wird. Pünktlichkeit, gemeinsames
Essen am Tisch, eine höfliche Sprachwahl und wenig Süßigkeiten sind dann leicht gegenüber
Kindern durchzusetzen, wenn alle in der Familie sich daran halten.

4. Nichts versprechen, was man nicht halten kann

"Wenn Du nicht, dann..." ist die Erziehungsfloskel schlechthin. "Wenn Du nicht gleich
kommst, gehe ich allein nach Hause." "Wenn Du nicht ins Bett gehst, kommen die Monster."
"Wenn Du nicht isst, wird Mama ganz traurig." Es gibt jede Menge von diesen Androhungen,
die nie Realität werden und mit denen Eltern wie auch Pädagog/innen sich unglaubwürdig
machen. Deshalb: Nichts versprechen, was nicht eintreffen wird, sondern lieber klar und
konsequent die Einhaltung der Regel einfordern. Besonders bei älteren Kindern führt die oben
genannte Form der Androhung zur Ablehnung von Regeln: Sie haben sich schlicht daran
gewöhnt, dass die Konsequenzen ohnehin nie eintreten.

5. Mohrrüben-Pädagogik vermeiden

Auch Belohnungssysteme sind wenig hilfreich. Wenn Kinder nur ins Bett gehen können, weil
sie ein Stück Schokolade bekommen oder nur dann im Haushalt helfen, wenn das Taschengeld
aufgebessert wird, läuft etwas grundsätzlich schief. Gutes Benehmen, Hilfeleistungen in der
Familie, Disziplin und Regeleinhaltung dürfen nicht erkauft werden: nicht mit Liebe oder
Liebesentzug, nicht mit materiellen Dingen und auch nicht mit der Erlaubnis zu Regelbrüchen.

Man nennt dieses Vorgehen "Mohrrüben-Pädagogik". Es gibt eine Geschichte, nach der
Eselreiter Mohrrüben an Angeln binden und diese so halten, dass die Mohrrübe vor der Nase
des Esels hängt. So soll das ansonsten als störrisch geltende Tier in Bewegung versetzt
werden. Ob das klappt? Wer weiß. Eines ist jedoch wichtig: Soziales Zusammenleben ist kein
Geschäft, in dem das Wohlverhalten des einen vom anderen bezahlt werden muss.

6. Konsequenzen erklären, ohne Angst zu machen

Es macht Sinn, die Folgen von Regelbrüchen transparent zu machen und zu erklären, was
passieren kann, wenn Zähne nicht geputzt, auf der Straße nicht auf den Verkehr geachtet oder
nicht pünktlich zum Kindergarten losgegangen wird. Allerdings sind Erklärungen gerade bei
kleinen Kindern noch nicht besonders wirksam, und auch größere können nur schwer eine
Folge einkalkulieren, die erst Jahre später eintreffen könnte.

Wichtig ist vor allem eines: Beim Darstellen von Konsequenzen darf nicht mit Angst
gearbeitet werden. Wer sich fürchtet, kann nicht angemessen reagieren, sollte er einmal auf
eine der geschilderten Konsequenzen stoßen. Werden Regeln in der Familie oder im
Kindergarten vereinbart, muss dazu vereinbart werden, was geschieht, wenn die Regel
gebrochen wird.

7. Die richtigen Konsequenzen wählen

Konsequenzen dienen dem Lernen. Sie sind keine Strafen. Damit aber auch gelernt werden
kann, muss die Konsequenz immer eng mit dem Regelverstoß in Zusammenhang stehen. Wer
etwas kaputt macht, muss dies reparieren oder ersetzen. Wer etwas schmutzig macht, macht es
auch wieder sauber. Wer zu spät kommt, muss warten bis die Gruppe mit ihrer Aktivität fertig
ist, denn Störungen sind tabu.
Es ist wichtig, den Sinn einer Regel zu kennen: Pünktlichkeit dient dazu, das alle gemeinsam
beginnen können und nicht gestört werden. Die Folge beim Regelverstoß: Wer zu spät kommt,
muss warten und ist nicht dabei, richtig wählen zu können. Konsequenzen dürfen niemanden
beschädigen, beschämen, verletzen oder ausschließen. Nur so können Kinder lernen, wie
wichtig es ist, sich an Regeln zu halten, und was sie tun müssen, damit es ihnen gelingt.

8. Einen respektvollen Umgang pflegen

Respekt entsteht, wenn Eltern ihr Kind so annehmen wie es ist, es mit seinen Stärken und
Schwächen als vollständigen und grundlegend richtigen Menschen ansehen und dies auch für
die eigene Person einfordern. Respekt ist etwas Gegenseitiges und im Erziehungskontext
besonders wichtig. Ein respektvoller Umgang untereinander verschafft Eltern und
Pädagog/innen Autorität.

9. Gerecht sein

Ein wichtiger Grundsatz lautet: Behandle alle deine Kinder gleich, sonst werden sie sich
streiten. Es ist ganz normal und menschlich, dass Eltern hin und wieder eine Vorliebe für eines
ihrer Kinder haben, weil es ihnen näher steht oder ähnlicher ist. Dies darf allerdings keine
Auswirkungen auf das Einfordern oder Durchsetzen von Regeln haben und auf das Anwenden
von Konsequenzen schon gar nicht. Eltern müssen sich stets vor Augen führen, dass
Gerechtigkeit ein wichtiger Friedensgarant in der Familie ist, der es ermöglicht, dass jedes
Kind zu dem werden kann was in ihm steckt.

In: Martin R. Textor/Antje Bostelmann (Hrsg.): Das Kita-Handbuch.


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