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ISSN 0007–3121

DER BÜRGER IM STAAT

4–2012

Armut

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DER BÜRGER IM STAAT
INHALT
Stefan Hradil
Anmerkungen zum Armutsdiskurs 208
Ernst-Ulrich Huster
Armut und Reichtum – Öffentliche Wahrnehmung und
wissenschaftliche Analyse 1945 bis heute 214
Klaus Dörre
Diskriminierende Prekarität – ein neuer Typus unsicherer
Arbeits- und Lebensformen 223
Martin Karlsson/Sarah Okoampah
HEFT 4–2012 Zum Zusammenhang von Armut und Gesundheit 231
62. JAHRGANG
ISSN 0007–3121 Christoph Butterwegge
Kinderarmut in Deutschland 241
Claudia Vogel/Harald Künemund
„Der Bürger im Staat” wird von der Landeszentrale Armut im Alter 247
für politische Bildung Baden-Württemberg herausgegeben.
Anna Eckert/Andreas Willisch
DIREKTOR DER LANDESZENTRALE
Wege der Selbsthilfe im prekären Alltag 252
Lothar Frick
Olaf Groh-Samberg
REDAKTION
Siegfried Frech, siegfried.frech@lpb.bwl.de Die Verfestigung der Armut 258

REDAKTIONSASSISTENZ Roland Verwiebe


Barbara Bollinger, barbara.bollinger@lpb.bwl.de Armut in Europa – Armutskonzepte und empirische
Strukturdaten 265
ANSCHRIFT DER REDAKTION
Stafflenbergstraße 38, 70184 Stuttgart Michael Opielka
Telefon 0711/164099-44, Fax 0711/164099-77
Quo vadis Sozialpolitik? 274
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Brasilien

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Ein Rentner hält ein paar Münzen in der Hand. Altersarmut entwickelt sich zu einem ernstzunehmenden gesellschaftlichen Problem und
ist nur eine Facette des aktuellen Armutsdiskurses. picture-alliance/dpa

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Armut
In Deutschland, einem zweifelsohne dings darauf hin, dass viele Aspekte die- zu Beginn des 21. Jahrhunderts stellt, als
wohlhabenden Land, leben Menschen ser Debatte eigentlich an die Mittel- Prekarisierungsprozess begreift. Eine fi-
in Armut – und dies nicht nur nach Mei- schicht adressiert sind, um so sozialpoli- nanzkapitalistische Landnahme hat unsi-
nung von Wohlfahrtsorganisationen. tische Leistungskürzungen zu legitimie- chere Arbeits- und Lebensverhältnisse
Die Armuts- und Reichtumsberichte der ren und die Angst vor dem sozialen und mit ihnen eine historisch neue, diskri-
Bundesregierung konstatieren Einkom- Abstieg zu schüren. minierende Form der Prekarität hervor-
mensarmut und eine steigende Anzahl Ernst-Ulrich Huster erörtert die politi- gebracht. Ursachen sind die staatliche
derer, die von Armutsrisiken betroffen schen Debatten und wissenschaftlichen Arbeitsmarktpolitik, die Feminisierung
sind. Armut ist jedoch ein relativer Be- Analysen, die sich – von 1945 bis heute der Erwerbsarbeit und die damit einher-
griff und stets eine Frage des Vergleichs, –auf das Thema Armut konzentrierten gehende Auflösung des Ein-Ernährer-Fa-
mithin der Bewertung und der Definition. bzw. sich mit dieser zentralen Fragestel- milienmodells. Obwohl kein klar ab-
Die Definition von Armut ist letztlich poli- lung sozialer Gerechtigkeit auseinan- grenzbares Prekariat existiert, gibt es
tisch-normativer Natur. Dies hat zur Fol- dersetzen. Nachdem die Notlagen des unterschiedliche Ausprägungen von Pre-
ge, dass die wissenschaftlichen und po- Zweiten Weltkriegs überwunden waren, karität, die immer mehr um sich greifen
litischen Debatten um die Existenz und setzte nach der Währungsreform 1948 und den sozialen Zusammenhalt gefähr-
das Ausmaß von Armut kontrovers ver- eine wirtschaftliche Aufwärtsentwick- den. Ein erster Schritt zur Verbesserung
laufen. (Dies spiegelt sich im Übrigen lung ein. Das Wirtschaftswunder ließ dieser Situation ist – so die Schlussfolge-
auch in den Beiträgen dieser Ausgabe Einkommen, Vermögen und Wohlstand rung – die Beendigung des „ideologi-
der Zeitschrift „Der Bürger im Staat“ wi- anwachsen und kam zunächst auch dem schen Krieges“ gegen vermeintlich leis-
der.) Lebensstandard wirtschaftlich eher tungsunwillige „Unterschichten“.
Der Boulevard und die Feuilletons malen schwacher Schichten zugute. Gleich- Martin Karlsson und Sarah Okoampah
nur allzu gerne das Schreckgespenst der wohl hatte das viel gepriesene Wirt- gehen in ihrem Beitrag auf die aktuellen
klassen- und schichtenübergreifenden schaftswunder zwei Gesichter: Den Ge- Ergebnisse der gesundheitsökonomi-
Verarmung, gar Prekarisierung und das winnern des Wirtschaftswunders, oft- schen Forschung ein, die sich mit dem Zu-
Bild der „Ausplünderung der Mittel- mals durch „verdeckte Startchancen“ sammenhang von Armut und Gesundheit
schicht“ – so der Journalist Marc Beise – und beachtlichen Kapitalbesitz begüns- beschäftigt. Eine Vielzahl von Studien
an die Wand. Verbirgt sich dahinter das tigt, stand die breite Bevölkerung ge- kommt zu dem Ergebnis, dass der
sattsam bekannte „Klagen auf hohem genüber. Trotz staatlicher Sozial- und sozioökonomische Status und der Ge-
Niveau“ oder lassen sich Belege für ei- Wohlfahrtspolitik offenbarte sich spä- sundheitszustand einer Person über kom-
nen solchen Trend finden? Ist Armut ein testens seit Mitte der 1970er-Jahre, dass plexe Mechanismen eng miteinander
Phänomen, das immer mehr Milieus be- hinter der Fassade der wirtschaftlich verknüpft sind. So hängt bereits die Ge-
trifft? Nimmt das Armutsrisiko in der Bun- starken Bundesrepublik soziale Grup- sundheit von kleinen Kindern stark vom
desrepublik Deutschland kontinuierlich pen existierten, deren materielle und so- sozioökonomischen Status der Eltern ab.
zu? Welche sozialen Gruppen sind be- ziokulturelle Teilhabe an der bundes- Besonders während der Schwanger-
sonders von Armutsrisiken betroffen? Ist deutschen Gesellschaft relativ stark ein- schaft und in der frühen Kindheit können
Deutschland auf dem Weg zu einer geschränkt war. Der gestiegene Wohl- geringes Einkommen, niedrige Bildung
„Konkurrenzgesellschaft“ (Stephan Les- stand hatte die sozialen Ungleichheiten und fehlendes Gesundheitsbewusstsein
senich/Frank Nullmeier)? nicht beseitigt. Die „neue soziale Frage“, der Eltern die Kindesgesundheit langfris-
Angesichts der Frage, wie das Phäno- die seinerzeit in Öffentlichkeit und Politik tig beeinträchtigen. Da sich ein schlech-
men der relativen Armut in Wohlstands- eher randständig diskutiert wurde, stieß ter Gesundheitszustand auf die schuli-
gesellschaften einzuschätzen ist, schei- allerdings zusehends auf wissenschaftli- sche und berufliche Leistungsfähigkeit
den sich die Geister. In dem einführen- ches Interesse. Der ökonomische Struk- der Heranwachsenden auswirkt, be-
den Beitrag von Stefan Hradil werden turwandel und die ab den 1970er-Jah- dingt er wiederum einen eher niedrigen
die kontroversen Positionen des Armuts- ren ansteigende Arbeitslosigkeit lösten sozioökonomischen Status. Auf diese
diskurses dargestellt, eingeordnet und angesichts merklich gestiegener Armut Weise vererbt sich die soziale Armut der
beurteilt. Weiter werden die Ursachen eine politische und wissenschaftliche Eltern auf die Kinder weiter. Um diesen
und die Verbreitung relativer Armut so- Debatte über die verschiedenen Facet- Teufelskreis nachhaltig zu bekämpfen,
wie mögliche Entwicklungstendenzen ten einer „neuen Armut“ aus. Durch die rät das Autorenteam zur intensiven För-
erörtert. Überaus aktuell ist die Debatte im Zuge der Wiedervereinigung nach derung der Gesundheit schwangerer
über die so genannte Unterschicht. Hra- oben schnellenden Arbeitslosenzahlen Frauen und kleiner Kinder, zur Stärkung
dil unterteilt die Auffassungen zu diesem wurde in den 1990er-Jahren Armut als des Bildungserwerbs der Schichten mit
Diskurs in vier Stufen wachsender Radi- Massenphänomen schließlich unüber- niedrigem sozioökonomischem Status
kalität: (1) Eine Sichtweise verneint die sehbar. Die Sozialstruktur ist im wieder- und zu besserer gesundheitlicher Aufklä-
Existenz einer deutschen Unterschicht. vereinigten Deutschland durch eine rung.
(2) Vertreter einer anderen Ansicht hin- schroffe soziale Polarisierung gekenn- Nicht zuletzt durch die Armuts- und
gegen diagnostizieren eine zunehmen- zeichnet: Nur zehn Prozent der deut- Reichtumsberichte der Bundesregierung
de Resignation innerhalb der armen Be- schen Bevölkerung besitzen mehr als 60 wurde die wachsende Armut von Kin-
völkerung. (3) Eine dritte, politisch durch- Prozent aller Vermögenswerte. dern und Jugendlichen in Deutschland
aus brisante Auffassung geht davon aus, Durch die globale Finanz- und Wirt- offenkundig. Christoph Butterwegge
dass sich innerhalb der armen Bevölke- schaftskrise noch verstärkt, erleben wir macht die Ursachen für die „Infantilisie-
rung aufgrund der schlechten Lebensbe- in den westlichen Gesellschaften derzeit rung“ der Armut auf drei Ebenen fest: (1)
dingungen ein eigenes System von Denk- eine Ausbreitung sozialer Unsicherheit. Das „Normalarbeitsverhältnis“ wurde
und Verhaltensweisen herausgebildet Den Sozialwissenschaften fällt es je- von unsicheren bzw. prekären Arbeits-
hat. (4) Ein besonders radikaler und viel- doch schwer, das Neue an dieser Ent- verhältnissen, die oftmals kein ausrei-
fach kritisierter vierter Standpunkt gibt wicklung präzise zu erfassen und analy- chendes Einkommen garantieren, ab-
der Unterschicht die Schuld an ihrer Situ- tisch zu durchdringen. Klaus Dörre skiz- gelöst. (2) Parallel zur „Normalfamilie“
ation und unterstellt ihr einen Mangel an ziert in seinem Beitrag ein Deutungsan- entwickelten sich neue Lebensformen
Disziplin. Kritische Stimmen weisen aller- gebot, das die soziale Frage, wie sie sich (Ein-Elternteil-Familien und Patchwork-

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Familien), die Kindern tendenziell weni- mithilfe verschiedener kleinerer Jobs et- Armutsrisiko in den vergangenen Jahren
ger finanzielle und soziale Sicherheit ge- was zu ihren Arbeitsgeld II-Bezügen da- merklich angestiegen. Auch für Deutsch-
währleisten. (3) Verstärkt wird diese ma- zu, ohne je ganz die Hoffnung auf eine land bestätigt sich im Übrigen ein lang-
terielle Unsicherheit durch den Rückbau „richtige“, unbefristete Stelle aufzuge- fristiger Trend des Wachstums von Be-
wohlfahrtsstaatlicher Leistungen. Be- ben. Der 46-jährige Horst Kramer ent- völkerungsgruppen, die von Armut be-
denklich stimmt in der aktuellen Debatte schied sich dagegen für das Gemein- droht sind. Im europäischen Vergleich
um Kinderarmut allerdings, dass der ge- schaftsprinzip. Regelmäßige Treffen mit zeigt sich, dass neben Alleinerziehen-
sellschaftliche und politische Hand- Nachbarn strukturieren seinen Tag und den, Familien mit drei und mehr Kindern
lungsrahmen aus dem Blick gerät. Armut sind eine Quelle für Selbstbewusstsein und älteren Menschen vor allem Arbeits-
wird häufig – allzu gern auch in der Me- und gesellschaftliche Teilhabe. Das drit- lose das höchste Armutsrisiko aller be-
dienberichterstattung und im bürgerli- te Prinzip schließlich ist das der körperli- trachteten sozialen Gruppen aufweisen.
chen Feuilleton – als individuelles und chen Reinheit, bei dem sich alles darum Wenngleich Deutschland eine eher po-
subjektives Schicksal apostrophiert, gar dreht, dass der Körper gesund und leis- sitive Position im europäischen Vergleich
mit der „Bildungsferne“ erklärt oder auf tungsfähig bleibt. Alle Lebensführungs- einnimmt, darf dies nicht darüber hin-
Sozialisationsdefizite der von Armut Be- modelle beruhen auf Selbsthilfe, dienen wegtäuschen, dass es kaum ein europäi-
troffenen reduziert. Sozialpolitisch an- der Strukturierung des prekären Alltags sches Land gibt, in dem die Situation der
gemessene Lösungen zeitigen jedoch und bieten ein Stück weit Sicherheit. Erwerbslosen und gering Qualifizierten
nur dann Wirkung, wenn die strukturel- Das am weitesten verbreitete Konzept so schlecht ist wie in der Bundesrepublik
len Ursachen von Kinderarmut hinrei- zur Messung von Armut ist das der relati- Deutschland.
chend bedacht werden. ven Einkommensarmut, bei dem ab ei- Wissenschaftliche und politische Diskur-
Das Phänomen der Altersarmut konnte in nem Nettoeinkommen von weniger als se über eine angemessene Armuts- und
der Bundesrepublik Deutschland zum 60 Prozent des gesellschaftlichen Durch- Sozialpolitik verlaufen in aller Regel kon-
Ende des letzten Jahrhunderts aufgrund schnitts (Median) von einem erhöhten trovers. Die Debatte um das Grundein-
der Erfolge der umlagefinanzierten ge- Armutsrisiko ausgegangen wird. Eine kommen ist nur ein Beleg für diese Kont-
setzlichen Rentenversicherung als weit- Messung unter Verwendung dieses Kon- roversität. Die Idee des Grundeinkom-
gehend besiegt angesehen werden. zepts bildet vor allem kurzfristige Verän- mens mag den einen gerecht, den an-
Heute entwickelt sich Armut im Alter er- derungen der Armutsrisikoquote ab. deren hingegen ungerecht erscheinen.
neut zu einem ernstzunehmenden gesell- Langfristige Entwicklungstrends bleiben Michael Opielka verdeutlicht am Bei-
schaftlichen Problem. Dies, so argumen- so jedoch unberücksichtigt. Olaf Groh- spiel des garantierten Grundeinkom-
tieren Claudia Vogel und Harald Küne- Samberg analysiert in seinem Beitrag mens, dass eine auf Inklusion zielende
mund in ihrem Beitrag, hängt zum einen die empirischen Ergebnisse einer präzi- Sozialpolitik nicht so einfach zu formulie-
mit einem Paradigmenwechsel in der Al- seren Armutsmessung, die nicht nur die ren ist. Ein Grundeinkommen ist keine
terssicherung zusammen, in dessen Fol- Haushaltsnettoeinkommen, sondern zu- schlichte Sozialtechnologie, sondern ei-
ge der privaten Altersvorsorge eine viel sätzlich auch Lebensstandards misst und ne Idee, welche die Komplexität der Ge-
größere Bedeutung zukommt. Die Mög- außerdem auf einen längeren Zeitraum sellschaft und das Gefüge ihrer Teilsys-
lichkeiten hierzu sind sozial ungleich ver- angelegt ist. Dieses multidimensionale teme (Wirtschaft, Politik, Gemeinschaft
teilt, so dass finanziell schlechter gestell- und längsschnittliche Messinstrument ist und Legitimation) bedenken muss. Ver-
te Personen zunehmend armutsgefähr- empirisch aufwändiger, aber auch diffe- steht man die Idee des Grundeinkom-
det sind. Schon heute ist mehr als jeder renzierter. Die Ergebnisse verdeutlichen, mens als Recht auf ein existenzsichern-
zehnte Deutsche über 65 armutsgefähr- dass die generell ansteigende Armut in des Einkommen, das jedes Mitglied einer
det – Tendenz steigend. Um auf dieses Deutschland nicht etwa darauf zurück- Gesellschaft unabhängig von Leistung
Problem zu reagieren, empfiehlt das Au- zuführen ist, dass immer mehr Menschen und Herkunft beanspruchen kann, so be-
torenteam, den vollzogenen Paradig- aus der Mitte der Gesellschaft in die Ar- rührt dies die Frage der Gerechtigkeit
menwechsel in der Alterssicherung noch mut absteigen. Es wird vielmehr immer als Grundnorm des Politischen. Je nach
einmal gründlich zu überdenken und Al- schwieriger, aus der Armut herauszu- dem zugrunde gelegten Gerechtigkeits-
ternativen zu diskutieren, statt mit zu kurz kommen. Sie verfestigt sich am unteren prinzip – Leistung, Gleichheit, Bedarf,
greifenden Reformen neue Probleme Rand der Gesellschaft. Auf diesen bisher Teilhabe – ergeben sich unterschiedli-
herbeizuführen. missachteten Trend muss – so das Fazit che Facetten der Bewertung und Nuan-
Anna Eckert und Andreas Willisch unter- – sozialpolitisch mit Weitsicht reagiert cen der Begründung für die Idee des
suchen in ihrem Beitrag die Veränderun- werden. Grundeinkommens.
gen der individuellen Lebensführung in Armut ist nicht nur auf die Bundesrepub- Dank gebührt allen Autorinnen und Au-
Zeiten des Umbruchs. Sie gehen dabei lik Deutschland begrenzt. Roland Ver- toren, die in ihren Beiträgen aufschluss-
der Frage nach, wie sich Umbruchspro- wiebe erörtert die konzeptionellen reiche Informationen und Einsichten ver-
zesse auf die alltägliche Lebensführung Grundlagen der Armutsforschung und mitteln, die für ein besseres Verständnis
auswirken. Dabei geht es insbesondere stellt drei verschiedene Ansätze vor, mit der komplexen – und letztlich kontrover-
um den Umgang mit Arbeitslosigkeit denen Armut wissenschaftlich erfasst sen – Thematik wichtig sind und so den
oder prekären Arbeitsbedingungen. Als werden kann. Vor diesem Hintergrund wissenschaftlichen Diskurs intensivieren.
Beispiel dient die norddeutsche Klein- werden die Armutsrisiken in Deutschland Ein herzlicher Dank geht an Sarah
stadt Wittenberge, in der 1991 und 1992 mit denen in anderen Mitgliedsländern Klemm, die mit der notwendigen wissen-
etwa 6.000 Angestellte aufgrund der der Europäischen Union verglichen. In schaftlichen Genauigkeit und mit großer
Schließung dreier industrieller Betriebe der Zusammenschau wird deutlich, dass Umsicht die Texte erfasst, redigiert und
ihre Arbeit verloren. Die Betroffenen sich die Armutsrisiken in den EU-Staaten druckreif gemacht hat. Dank gebührt
schlugen infolgedessen ganz unter- unterschiedlich entwickelt haben. Aktu- nicht zuletzt dem Schwabenverlag und
schiedliche Wege ein, um sich selbst zu ell verfügt mehr als ein Viertel der euro- Frau Gertrud Graf in der Druckvorstufe
helfen und ihr Leben neu zu ordnen. Der päischen Bevölkerung über ein Einkom- für die stets gute und effiziente Zusam-
erste Weg ist der mehrerer Nebenjobs, men, welches nur ein Leben unterhalb menarbeit.
wie ihn die 56-jährige Doris Vogel, ehe- der Armutsgrenze ermöglicht. Besonders
malige Lackiererin, geht. Sie verdient in den osteuropäischen Ländern ist das Siegfried Frech

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DIE KONTROVERSE ARMUTSDEBATTE

Anmerkungen zum Armutsdiskurs


Stefan Hradil

gen. Ein kontroverser Armutsdiskurs ist der Bevölkerung und im öffentlichen


Stefan Hradil weist eingangs darauf hin, also nichts Neues. Diskurs die Menschen als relativ arm,
wie kontrovers das Thema Armut disku- Manches spricht aber dafür, dass sich die so wenig Einkommen haben, dass
tiert wird. Schon angesichts der Frage, in den letzten Jahren die Debatte pola- sie berechtigt sind, öffentliche Leistun-
wie das Phänomen der relativen Armut risiert hat und extreme Meinungen zu- gen zur Armutsbekämpfung (also etwa
in Wohlstandsgesellschaften einzuschät- nehmen. In privaten Stellungnahmen Hartz IV) in Anspruch zu nehmen. Dieser
zen ist, scheiden sich die Geister. Weiter und in der öffentlichen bzw. in der ver- Einschätzung stimmen auch die meisten
werden die Ursachen und die Verbrei- öffentlichten Meinung werden die Töne Sozialwissenschaftler zu, weil für sie,
tung relativer Armut erörtert. Überaus schärfer. Im Folgenden sollen diese kon- wie schon Georg Simmel zu Beginn des
aktuell ist die Debatte über die soge- troversen Meinungsäußerungen zur Ar- 20. Jahrhunderts festhielt, Hilfsbedürf-
nannte Unterschicht in Deutschland. Hra- mut dargestellt, eingeordnet und, so- tigkeit den Kern der Armut darstellt. Vie-
dil unterteilt die Auffassungen zu diesem weit wissenschaftlich begründbar, be- len Finanzpolitikern leuchtet es jedoch
Diskurs in vier Stufen wachsender Radi- urteilt werden. gar nicht ein, Empfänger von armutsbe-
kalität: (1) Eine Sichtweise verneint die
kämpfenden Maßnahmen als arm anzu-
Existenz einer deutschen Unterschicht.
sehen. Denn deren Armut wird ja be-
(2) Vertreter einer anderen Ansicht hin-
gegen diagnostizieren eine zunehmende
Was versteht man unter Armut? kämpft, und zwar mit Steuergeldern.
Resignation innerhalb der armen Bevöl- Bekämpfte Armut wird spätestens dann
kerung. (3) Eine dritte, politisch durchaus Menschen laufen heute in entwickelten von vielen Finanzverantwortlichen nicht
brisante Auffassung geht davon aus, Gesellschaften nur noch selten Gefahr, als Armut angesehen, wenn Gerichte,
dass sich innerhalb der armen Bevöl- infolge schlechter Lebensumstände zu die öffentliche Meinung oder Sozialmi-
kerung aufgrund der schlechten Lebens- verhungern, zu erfrieren oder unmittel- nister dem Finanzministerium eine Erhö-
bedingungen ein eigenes System von bar krank zu werden. Daher besteht Ei- hung von armutsbekämpfenden Leistun-
Denk- und Verhaltensweisen herausge- nigkeit darüber, dass Armut in moder- gen abtrotzen, wenn demzufolge mehr
bildet hat. (4) Ein besonders radikaler nen Gesellschaften nur noch selten ab- Niedrigverdiener anspruchsberechtigt
und vielfach kritisierter vierter Stand- solute Armut ist. Kaum jemand bestreitet sind und so ausgerechnet eine intensi-
punkt gibt der Unterschicht die Schuld an auch, dass absolute Armut moralisch vierte Armutsbekämpfung dazu führt,
ihrer Situation und unterstellt ihr einen abzulehnen ist und für die gesamte Ge- dass die Zahl der relativ Armen zu-
Mangel an Disziplin. Kritische Stimmen sellschaft Nachteile mit sich bringt. Un- nimmt.
weisen allerdings darauf hin, dass viele ter anderem häufen sich Kriminalität Meist beruhen die öffentlich diskutier-
Aspekte der Debatte eigentlich an die und Konflikte. ten Armutszahlen jedoch nicht auf der
Mittelschicht adressiert sind, um so so- Für moderne Gesellschaften gilt die re- Sozialhilfegrenze. Vielmehr gelten alle
zialpolitische Leistungskürzungen zu le- lative Armut als typisch. Relativ wird sie Menschen als arm, deren „bedarfsge-
gitimieren, ein Feindbild zu schaffen und deshalb genannt, weil sie sich am Le- wichtetes Pro-Kopf-Haushaltseinkom-
die Angst vor dem sozialen Abstieg zu bensstandard und an den Maßstäben men“ („Äquivalenzeinkommen“) weni-
schüren. Diese Strategie erzeugt nicht
der jeweiligen Gesellschaft bemisst. ger als 60 Prozent des mittleren1 Einkom-
selten übersteigerte Abstiegs ängste und
Wer in Schweden als relativ arm gilt, mens beträgt. Diese Messlatte wird in
Aggressivität gegenüber Arbeitslosen
zählt in Portugal nicht unbedingt zu den den Medien meist unhinterfragt über-
oder Migranten. I Armen. Auch über die Definition relati- nommen, über sie wird jedoch unter
ver Armut besteht weithin Einigkeit. Eine Fachleuten heftig gestritten. Viele se-
Definition der Europäischen Union (EU) hen darin schlichtweg die Armutsgren-
Armut – kontrovers diskutiert aus dem Jahre 1984 wird überwiegend ze. Unter anderem deshalb, weil sie in-
akzeptiert: Hiernach werden die als ternational akzeptiert ist und daher die
Armut ist in modernen Gesellschaften arm angesehen, die „über so geringe Armut in Deutschland mit der in anderen
ein brisantes Thema. Die Konflikte um (materielle, kulturelle und soziale) Mit- Ländern gut verglichen werden kann.
Armut markieren die Grenzen zwischen tel verfügen, dass sie von der Lebens- Andere Wissenschaftler machen je-
Parteien und Weltanschauungen. Es weise ausgeschlossen sind, die in dem doch darauf aufmerksam, dass jede
gibt dabei weniger Streit um die Fakten. Mitgliedsstaat, in dem sie leben, als Mi- Prozentgrenze im Grunde willkürlich ist.
Die sind recht gut bekannt. Es sind die nimum annehmbar ist“. Unter diesem Zudem misst sie soziale Ungleichheit
Wahrnehmungen und Bewertungen Minimum wird immer weniger ein be- und nicht Armut. Die Grenze sagt näm-
der modernen Armut, die weit auseinan- stimmter materieller Lebensstandard, lich nichts über Mindestbedarfe und
der gehen. Deswegen soll in diesem sondern die Teilhabe an grundlegenden Ausschluss aus bestimmten Lebensbe-
Beitrag vor allem auf die kontroversen gesellschaftlichen Lebensbereichen reichen aus, sondern nur über einen be-
Interpretationen der Armut und auf de- verstanden (vgl. Hradil 2001, S. 242). stimmten Abstand zur Mitte. In einer rei-
ren politische Relevanz eingegangen chen Gesellschaft, so wird kritisiert
werden. (Krämer 2005), würden Menschen mit
Neu ist der Streit um Armut nicht. An die- Wie gravierend ist die relative Armut? 60 Prozent des mittleren Einkommens
sem Thema scheiden sich die Geister recht gut dastehen. In einer Gesell-
seit Jahrhunderten. Spätestens seit dem Die Kontroversen beginnen aber schon schaft, in der alle hungern, sei nach der
Aufkommen des Bürgertums sahen jene, bei der Frage, wie gravierend relative 60-Prozent-Grenze dagegen niemand
die Tüchtigkeit und Leistung für sich in Armut ist, die mit den üblichen Definitio- arm. Dieser Armutsgrenze zufolge hätte
Anspruch nahmen, Armut anders als nen und Messverfahren empirisch fest- es auch in der ehemaligen DDR kaum
viele Arme und als karitative Einrichtun- gestellt wird. Üblicherweise gelten in Armut gegeben, obwohl dort viele Be-

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zieher von Mindestrenten auch nach nicht als arm, sondern als armutsgefähr- ANMERKUNGEN ZUM ARMUTSDISKURS
Maßstäben der DDR „zum Leben zu we- det zu bezeichnen.
nig und zum Sterben zu viel“ hatten.
Denn in der DDR waren die Einkommen
verhältnismäßig gleich verteilt. Prak- Der jüngste Entwurf des neuen Ar-
tisch niemand verdiente weniger als 60 muts- und Reichtumsberichts der In ähnlicher Weise wird gegen feste Ar-
Prozent des mittleren Einkommens. Bundesregierung hat zu erhebli- mutsgrenzen eingewendet, dass die
Gegen die üblicherweise publizierten chen Diskussionen geführt. Die Ausgabezwänge in der Stadt höher
Armutszahlen wird auch tiefer gehende Kernaussage lautet, dass Einkom- sind als auf dem Land, als isolierter Sin-
Kritik laut: Wer eine bestimmte Einkom- men und Vermögen in Deutschland gle höher als innerhalb eines Netzwer-
mensgrenze als Armutsgrenze für alle zunehmend ungleich verteilt sind. kes, etc. Auch in dieser Hinsicht besage
heranzieht, einerlei ob er die Sozialhil- Zehn Prozent der Haushalte ver- die Armutsgrenze also wenig über die
fegrenze oder eine Prozentgrenze ver- fügen über 53 Prozent des gesam- konkrete Lebenslage.
wendet, der unterstellt im Grunde, dass ten Nettovermögens, die untere
alle Menschen gleich (gut) mit Geld um- Hälfte der Haushalte nur über ein
gehen. Sonst wäre nicht zu rechtferti- Prozent. Wie „schlimm“ ist Armut?
gen, dass unterhalb eines für alle glei- Während das Einkommen von
chen Einkommens die Armut beginnt. In Großverdienern in den vergange- Sind diese Kontroversen eher akademi-
der Realität gibt es jedoch Menschen, nen Jahren gestiegen ist, mussten scher Natur, so wird in der Bevölkerung
die rational und sparsam wirtschaften, viele Vollzeitbeschäftigte mit gerin- oft viel grundsätzlicher darüber gestrit-
und Menschen, die sich unwirtschaftlich gerem Einkommen nach Abzug der ten, wie „schlimm“ relative Armut als sol-
verhalten. Die konkreten Lebensumstän- Inflation Verluste hinnehmen. che ist. Die einen verweisen darauf, wie
de der Einkommensschwachen, die zum In den vergangenen 20 Jahren hat viel besser doch die relativ Armen im
Beispiel viel Geld für Alkohol oder elek- sich das Nettovermögen der priva- reichen Europa im Vergleich zu den ab-
tronisches Spielzeug ausgeben, sind ten Haushalte von 4,6 auf rund solut Armen in Afrika leben oder in frü-
selbstredend schlechter als die Lage zehn Billionen Euro mehr als ver- heren Notzeiten auch in Europa lebten.
der Sparsamen. Jede fixe Armutsgren- doppelt. Diese Kritiker stoßen sich beispielswei-
ze, so der Einwand, gibt daher wenig Westdeutsche Haushalte verfügen se daran, dass in entwickelten Gesell-
Auskunft über die konkrete Lebenslage. im Durchschnitt über ein Immobi- schaften heute viele übergewichtige re-
Überlegungen wie diese veranlassten lien- und Geldvermögen in Höhe lativ Arme in gut geheizten Wohnungen
denn auch die Europäische Union und von 132.000 Euro. Der Osten holt vor dem Fernsehapparat sitzen, wäh-
die Bundesregierung in ihren letzten Ar- langsam auf, liegt aber nach wie rend absolut Arme südlich der Sahara
mutsberichten (BMAS 2008; 2012), vor nur bei 55.000 Euro. verhungern oder absolut Arme hierzu-
Menschen, die weniger als 60 Prozent (Stuttgarter Nachrichten, 13.10.2012, S. 3) lande noch in der Nachkriegszeit erfro-
des mittleren Einkommens verdienen, ren.

Über die Definition


relativer Armut
besteht weithin Ei-
nigkeit. Einer Defi-
nition der Europäi-
schen Union (EU)
zufolge werden al-
le als arm angese-
hen, die über so
geringe materielle,
kulturelle und sozi-
ale Mittel verfü-
gen, dass sie von
der Lebensweise
ausgeschlossen
sind, die in dem
Staat, in dem sie
leben, als Mini-
mum annehmbar
ist.
picture alliance/dpa

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Stefan Hradil
Andere vertreten genau im Gegenteil sich eine Unterschicht entwickelt, in der
die Meinung, relative Armut in reichen Aufstiegsbestrebungen oder entspre-
Gesellschaften sei schlimmer als abso- chende Bemühungen kaum noch zu fin-
lute Armut in armen Gesellschaften. Vor den seien (Frankfurter Allgemeine Sonn-
allem deshalb, weil Armut dort „normal“ tagszeitung vom 8.10.2006). Als Unter-
sei und niemanden ausschließe. Die rei- schicht wurden in der darauf folgenden
che Gesellschaft jedoch zeige den Ar- Kontroverse denn auch Menschen be-
men, wie vielfältig ihre Möglichkeiten zeichnet, die nicht nur einkommens-
sein könnten und wie anders ihre Exis- schwach sind, sondern auch eigene
tenz aussehen könnte. In reichen Ge- Denk- und Verhaltensweisen bis hin zu
sellschaften werde die Verteilung von einer eigenen Kultur ausgebildet ha-
Geld und anderen knappen begehrten ben. Dieses Verständnis von einer Un-
Gütern mit dem Satz legitimiert: „Jeder terschicht geht über die Feststellung
ist seines Glückes Schmied!“ Weil Ar- bloßer Einkommensarmut weit hinaus.
men in reichen Gesellschaften also we- Die Meinungen darüber, inwieweit Ar-
nig anderes übrig bleibe, als die Schuld me in Deutschland in diesem Sinne eine
für ihre Situation bei sich selbst zu su- eigene Schicht darstellen, gehen stark
chen, gehe Armut mit Verachtung und auseinander. Die existierenden Auffas-
geringer Selbstachtung einher. Armut sungen lassen sich in vier Stufen wach-
schäme sich und ziehe sich zurück, wäh- sender Radikalität einteilen.
rend Reichtum selbstbewusst aufträte Erstens findet sich die Meinung, von ei-
und die Normen setze, an denen sich ner Unterschicht sei bislang kaum etwas
die Armut zu messen habe. Es sei somit zu entdecken. Schon allein deshalb sei
der Reichtum, der die Armut schaffe. der diskriminierende Begriff zu vermei-
Deshalb sei Armut gerade in reichen den. Zur Begründung wird unter ande-
Ländern besonders fühlbar (vgl. Ham- rem angeführt, dass die meisten Armen
burger 2009). hierzulande zu wenig lange in Armut le-
Auch die Entwicklungstendenz der Ar- ben, um sich daran anzupassen und ei-
mut ist strittig: Die einen – hauptsäch- gene Denk- bzw. Verhaltensweisen aus-
lich Ökonomen und Liberale – sagen, zubilden.
hier werde stark dramatisiert. Selbst Will man als Wissenschaftler zu dieser
wenn man die üblichen empirischen Auffassung Stellung nehmen, so ist zu
Grenzziehungen akzeptiere, habe rela- sagen, dass die verfügbaren Daten die-
tive Armut seit den 1990er-Jahren kaum se Behauptung zum Teil durchaus stüt-
zugenommen und sei im Begriff, im Zuge zen, wenn auch in abnehmender Ten-
des demografischen Wandels zusam- denz. So waren im Jahr 2006 nur noch
men mit der Arbeitslosigkeit, ihrer wich- 37 Prozent der Einkommensarmen vorü-
tigsten Ursache, abzunehmen. Die an- bergehend arm, 2002 noch volle 52 Pro-
deren – im Wesentlichen Linke, die zent (Statistisches Bundesamt 2008,
meisten Sozialdemokraten und viele re- S. 171). Die Zahl der kurzfristig Armen,
ligiös Eingestellte – wehren sich gegen die mangels Anpassungszeit kaum eine
diese Nonchalance. Wenn alle Progno- eigene Armutsmentalität und -kultur
sen besagen, dass soziale Ungleichheit ausbilden können, also auch keine Un-
zunimmt – so wird argumentiert –, dann terschicht bilden, ist insofern durchaus
werde auch Armut nicht geringer wer- beachtlich, sie sinkt aber.
den. Armut sei im Gegenteil dabei, sich Zweitens findet sich die gemäßigte Auf-
zu verfestigen und zu vererben. fassung von einer armen Unterschicht,
Dieses Argument enthält schon einen die – wie oben erwähnt – 2006 auch
Antworthinweis auf die Frage, ob sich Kurt Beck vertrat. Diese Meinung be-
im Gefolge der Armut eine arme, so ge- schränkt sich darauf zu behaupten, es
nannte Unterschicht herausbilde. In der herrsche heute in der armen Bevölke-
Diskussion dieser Frage wurden in letz- rung Resignation vor. Insbesondere Auf-
ter Zeit die Töne nicht selten schrill. Mit stiegsbestrebungen seien immer selte-
parteipolitischer Positionierung und In- ner zu finden. Diese These lässt offen,
strumentalisierung ist diese Schärfe ob (länger andauernde) Armut den Ur-
nicht zu erklären. Es geht vielmehr um sprung der geringen Aufstiegsbemü-
finanzielle und kulturelle Konsequen- hungen bildet, oder ob umgekehrt Resi-
zen, nicht zuletzt auch für die nicht arme gnation und geringe Aufstiegsbemü-
Bevölkerung. hungen die Quelle der Einkommensar-
mut darstellen. Kurt Beck empfahl se von einer resignierten Unterschicht
bekanntlich einem Arbeitslosen, der mit Sicherheit etwas dran ist. Insbeson-
Gibt es eine Unterschicht? Was macht sich über sein Schicksal beklagte, sich dere die vielen gering Qualifizierten
sie aus? Und wie sollten wir mit ihr zu rasieren und anständig anzuziehen, unter den Armen haben heute allen
umgehen? dann habe er in spätestens zwei Wo- Grund, ihre Beschäftigungs- und Auf-
chen eine Stelle. Er unterstellte also, stiegschancen gering einzuschätzen.
Vor einigen Jahren ist Kurt Beck als Mi- dass individuelles Verhalten Armut zu- Die Zahl der Arbeitsplätze für gering
nisterpräsident des Landes Rheinland- mindest verlängern könnte. Qualifizierte ist gerade in Deutschland
Pfalz mit der Behauptung in die Schlag- Eine wissenschaftliche Prüfung dieser sehr zusammengeschmolzen. In West-
zeilen geraten, in Deutschland habe Behauptungen ergibt, dass an der The- deutschland ist ein Viertel von ihnen, in

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Wie „schlimm“ ist ANMERKUNGEN ZUM ARMUTSDISKURS
Armut? Nicht wenige
vertreten die Mei-
nung, dass relative
Armut in reichen
Gesellschaften Hinsicht problematisch seien, nicht nur
schlimmer sei als im Hinblick auf sozialen Aufstieg. Da
absolute Armut in wird von perfektionierten Fertigkeiten
armen Gesellschaf- gesprochen, Sozialhilfe zu nutzen und
ten, die dort „nor- auszunutzen. Der Empfang von Sozial-
mal“ sei und nie- leistungen werde einer Erwerbstätigkeit
mand ausschließe. vorgezogen, weil der Lohnabstand zu
Eine reiche Gesell- gering sei, weil Schulden und fällige
schaft hingegen zei- Unterhaltszahlungen vom Lohn abge-
ge den Armen, wie zogen würden, etc. Da werden Dauer-
vielfältig ihre Mög- fernsehen am helllichten Tag, vernach-
lichkeiten sein könn- lässigte Kinder, ungesunde Ernährungs-
ten und wie anders weisen, Überschuldung und ein Mangel
ihre Existenz ausse- an Vorbildern diagnostiziert.
hen könnte. Im Lichte der verfügbaren empirischen
picture alliance/dpa Befunde trifft auch diese Sichtweise der
Unterschicht zweifellos zu, aber viel sel-
tener als die vorige. Sie trifft vor allem
dort die Realität, wo lokal homogene
Stadtviertel von Armen und Langzeitar-
beitslosen entstanden sind, wo negati-
ve Vorbilder dominieren und sich ent-
sprechende Abwärtsspiralen herausbil-
den. Wenn Kinder keine Person mehr
kennen, die einer geregelten Arbeit
nachgeht, und vielleicht auch nieman-
den mehr haben, der frühmorgens mit
ihnen aufsteht, werden sie nicht mehr
lange die Schule besuchen und später
kaum erwerbstätig sein. In den angel-
sächsischen Sozialwissenschaften hat
sich für dieses lokal und kulturell verfes-
tigte Syndrom einer sozial erblichen Ar-
mut der Ausdruck „underclass“ durchge-
setzt (Auletta 1982). In Deutschland gibt
es noch nicht viele dieser Quartiere.
Dazu hat im Übrigen das Integrations-
programm „Soziale Stadt“ viel beige-
tragen. Immer wieder wird Berlin-Neu-
kölln als typisches Unterschicht-Quar-
tier genannt, nicht zuletzt durch die
lauten Rufe des dortigen Bezirksbürger-
meisters Heinz Buschkowsky.
Die eben umrissene dritte Sichtweise
der Unterschicht erachtet die Einstellun-
gen und Verhaltensweisen der Unter-
schicht-Mitglieder als problematisch für
diese Menschen, aber auch als schäd-
lich für andere. Meist wird unterstellt,
dass es die üblen Lebensumstände sind,
die Menschen in ihr Verhalten drängen,
dass also (frei nach Karl Marx) „das
Sein das Bewusstsein“ prägt. Das sei vor
allem dann zu erwarten, wenn Men-
Ostdeutschland fast die Hälfte arbeits- nicht geeignet, Zuversicht und Anstren- schen schlechten Lebensbedingungen
los. Gering qualifizierte Handarbeit gungen zu stärken, damit es die Kinder relativ lange ausgesetzt sind. Diese
wird mehr und mehr überflüssig, und so einmal besser haben. Auffassung von Unterschicht unterstellt
fühlen sich die Betroffenen auch. Für Drittens meint eine viel weiter gehende also nicht, dass die Menschen selbst
Aufstiege sind Qualifikationsnachweise Auffassung von Unterschicht, dass sich schuld an ihrer Misere sind.
unerlässlich geworden. Weiterbildung innerhalb der armen Bevölkerung, aus- Politisch brisant ist diese Auffassung
wird jedoch für Unqualifizierte wesent- gehend von längerfristig erfahrener Ar- dennoch: Wer eine kulturell verfestigte
lich seltener angeboten als für Qualifi- mut, eine ganze Kultur und ein geschlos- und sich bereits vererbende Unter-
zierte. Und die hohe soziale Selektivität senes System von Denk- und Verhaltens- schicht sieht, kann kaum noch an die
im deutschen Bildungswesen ist auch weisen entwickelt habe, die in vieler Wirkung direkter Finanzhilfen glauben

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Stefan Hradil
und lehnt deren Erhöhung daher oft ab. ziplin. Disziplinlosigkeit ist eines der ren sind. Ganz besonders laut wird die
Geldzuwendungen drohen aus dieser Merkmale der neuen Unterschichtkul- Verurteilung der Unterschicht aber
Sicht die Menschen noch weiter in ihre tur.“ Und schließlich: „Die Unterschicht dann kritisiert, wenn der Verdacht auf-
problematische Unterschichtkultur hin- verliert die Kontrolle, beim Geld, beim kommt, diese Sichtweise sei strategisch
ein zu treiben. Dagegen verspricht man Essen, beim Rauchen, in den Partner- motiviert, um wohlfahrtsstaatliche Leis-
sich Abhilfe von personalintensiven Fa- schaften, bei der Erziehung, in der ge- tungen zurückzustutzen und die Kassen
milienhilfen, Schuldnerberatungen und samten Lebensführung“ (zitiert nach der Begüterten zu schonen. Damit wird
Sozialarbeit. Diese Schlussfolgerung Chassé 2010). angesprochen, wer nach Meinung vie-
ist denkbar unbeliebt bei jenen, die Wer die Unterschicht moralisch verur- ler im gegenwärtigen Armutsdiskurs der
den Sozialstaat primär an seinen direk- teilt, fordert in der Regel drakonische wahre Adressat von Verurteilungen der
ten Finanzleistungen messen (Butter- Maßnahmen: Nicht hilfreich erscheinen Unterschicht ist: die Mittelschicht näm-
wegge/Klundt/Belke-Zeng 2008) und regelmäßige, unkonditionierte Geldzu- lich.
optimistisch annehmen, dass sich mit wendungen oder persönliche Hilfen, Bevor hierauf näher eingegangen wird,
erhöhten regelmäßigen Geldzuwen- die auf Freiwilligkeit bauen. Dagegen soll noch eine, wenngleich kleine, Ni-
dungen auch eingeschliffene proble- scheinen Kontrollen, Strafen, zweckge- sche des Armutsdiskurses ausgeleuchtet
matische Verhaltensweisen ändern bundene Gutscheine oder pflichtgemä- werden: Vielleicht als Antwort auf über-
werden. ße Unterweisungen Abhilfe zu verspre- triebene Abwertungen der Unterschicht
Dagegen beklagte zum Beispiel der chen. sind – in erster Linie innerhalb der Sozi-
Historiker Paul Nolte eine „fürsorgliche Aus Sicht der empirischen Sozialfor- alwissenschaften, aber auch im Bereich
Vernachlässigung“ der Unterschicht schung sind die abwertenden Diagno- der Mode und der Medien – in letzter
(Die Zeit, 17.12.2003). Er warnte vor der sen und die dementsprechenden Forde- Zeit nicht minder fragwürdige Auf wer-
kontraproduktiven Wirkung gut ge- rungen zwar nicht völlig gegenstands- tungen entstanden. Trash-Kultur und
meinter laufender Finanzzuwendungen los, wohl aber überzogen. Zum einen Adipositas gelten auf einmal als kultu-
und plädierte für die „Vermittlung kultu- halten sich die beschriebenen Phäno- relle Kennzeichen der Unterschicht mit
reller Standards und Leitbilder“. Dieser mene schon rein quantitativ in Grenzen. Eigenwert. Schulisches Versagen infol-
Appell richtete sich nicht zuletzt an die Sie lassen sich keinesfalls für große Tei- ge sprachlicher Mängel und Schul-
Mittelschicht und an das Bürgertum, die le oder gar für alle der ca. zehn Millio- schwänzens werden allein als „instituti-
sich nach Noltes Meinung allzu oft un- nen Einkommensarmen Deutschlands onelle Diskriminierung“ durch die Schu-
tätig zurücklehnten, in dem Bewusst- beobachten. Zum anderen ist der Grad le interpretiert, die bürgerliche Stan-
sein, mit ihren hohen Steuern doch be- der Freiwilligkeit bzw. der Wählbarkeit dards mit Macht durchsetze. Wer auf
reits viel für die Unterschicht zu leisten. von Verhaltensweisen gerade in beeng- die geringe Weitergabe „kulturellen
Die vierte Sicht der Unterschicht unter- ten Lebensverhältnissen geringer, als Kapitals“ (Pierre Bourdieu) durch Eltern
stellt, dass deren Mitglieder sehr wohl viele der moralischen Verdikte unter- bildungsferner Milieus verweist, wird
die Entscheidungsfreiheit haben, weni- stellen. Schon mancher aus bürgerli- beschuldigt, die Unterschicht zu diffa-
ger kalorienreich zu essen, ihren Kin- chen Mittelschichten musste an sich mieren und die Schule von Schuld ent-
dern morgens ein Frühstück mit in die selbst erfahren, wie schnell er in Impuls- lasten zu wollen.
Schule zu geben, die Hausaufgaben käufe oder in andere „Disziplinlosigkei- Im Grunde wird so die Jahrzehnte alte,
der Kinder zu kontrollieren und sich um ten“ geriet, wenn es finanziell eng wur- in den 1960er-Jahren in der Soziolingu-
Erwerbsarbeit zu bemühen, statt sich de. Schließlich werden aus wissen- istik (Basil Bernstein) bekannt geworde-
auf die „Stütze“ zu verlassen. Wer prob- schaftlicher Sicht die Folgen zu negativ ne Kontroverse zwischen der Defizit-
lematisches Verhalten in der Unter- gesehen. So stellen für Heinz Bude die und der Differenzhypothese wieder
schicht so sieht, diagnostiziert einen Mitglieder der Unterschicht „eine Ge- aufgewärmt. Letztere besagte, dass die
Mangel an (Selbst-)Disziplin und meint, fahr für alle dar: Sie verzehren die Kultur der Unterschicht gleichwertig
dass die Mitglieder der Unterschicht an Grundlagen des Wohlfahrtsstaats, bil- und nur anders als die der Mittelschicht
ihrer Lage selbst schuld seien. Diese mo- den eine unerreichbare Parallelwelt sei. Die Defizithypothese meinte dage-
ralische Verurteilung der Unterschicht und fungieren als unberechenbarer Re- gen, dass Sprache und Kultur der Unter-
ist keineswegs nur an Stammtischen zu sonanzboden für populistische Bestre- schicht minderwertig seien. Aber schon
hören. Sie wurde in zahlreichen Zeit- bungen“ (Bude 2004, S. 5). Demgegen- in den 1970er-Jahren war klar gewor-
schriften und Fernsehbeiträgen vertre- über ist daran zu erinnern, dass die fi- den, dass weder die reine Defizithypo-
ten. nanziellen Grundlagen unseres Wohl- these, noch die reine Differenzhypothe-
So war im Stern zu lesen: In den Prob- fahrtsstaats zwar zu erodieren drohen, se zutrifft. Heute aber werden beide
lemgebieten „leben manche Leute aber nicht wegen der Armutsbekämp- Sichtweisen, die Wahrnehmung einer
schon in der dritten Generation von So- fung. Auch Populismus und politischer minderwertigen und die einer gleich-
zialhilfe – dort herrscht Sozialhilfeadel Extremismus finden weniger in den un- wertigen Unterschicht, wieder in aller
– die wissen gar nicht mehr, wie das ist: tersten Schichten der Gesellschaft Wi- Reinheit und Unkenntnis verfochten. Es
morgens aufstehen, sich rasieren, ver- derhall als in jenen, die infolge eigener gibt auch diskursive Rückschritte (vgl.
nünftig anziehen und zur Arbeit fahren. Qualifikation oder wegen sozialer Ab- Hradil 2010, S. 105ff.).
Die kassieren ihr Geld vom Staat, ma- stiege den Anspruch auf einen bestimm-
chen nebenbei noch ein bisschen ten Status zu haben glauben, der ihnen
Schwarzarbeit, wenn sie nicht sogar kri- derzeit verwehrt wird. Einige Folgen der Armutsdebatte in
minell werden. Wenn wir etwas bewe- Heftiger noch als von Seiten der Wis- der Mittelschicht
gen wollen, müssen wir diese Leute aus senschaft fällt die Kritik an der morali-
ihrer Lethargie wecken, ihnen klar ma- schen Verurteilung der Unterschicht in Es wurde schon erwähnt, dass viele Be-
chen, dass sie für sich, ihre Stadt und ihr Teilen der politischen Öffentlichkeit obachter der Debatte um die Armut den
Viertel selbst verantwortlich sind.“ Wei- aus. Viele wenden grundsätzlich ein, Eindruck haben, die moralischen Verur-
terhin: „Armut macht also nicht krank. dass die oben skizzierten problemati- teilungen der Unterschicht seien latent
Der schlechte Gesundheitszustand der schen Lebensweisen armer Menschen an die mittleren Schichten gerichtet.
Unterschicht ist keine Folge des Geld- nicht auf deren Willen, sondern auf de- Dabei würden mehrere Absichten zu-
mangels, sondern des Mangels an Dis- ren Lebensbedingungen zurückzufüh- gleich verfolgt:

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l Es geht darum, sozialpolitische Leis- sierungsverlierer fühlen, mittlerweile re- ANMERKUNGEN ZUM ARMUTSDISKURS
tungskürzungen zu legitimieren. lativ stabile Milieus mit einer politischen
l Die Mittelschichten sollen die Möglich- Aggressivität (z. B. gegen „integrations-
keit erhalten, sich nach unten abzu- unwillige“ Zuwanderer) hervorgebracht
grenzen und sich moralisch als die haben, die man in der Mittelschicht nie
„bessere“ Schicht zu empfinden. vermutet hätte. Zudem zeigt ein Blick in
LITERATUR
l Den mittleren Schichten soll ein Feind- die neuere Geschichte (vgl. Hradil
bild vermittelt und so die Statuskonkur- 2001, S. 462), dass Mittelschichten, die Auletta, Ken (1982): The Underclass. New York.
renz forciert werden. Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS)
sich in der Zwickmühle fühlen, seit jeher
(2008): Lebenslagen in Deutschland. Der 3. Ar-
l Schließlich sollen die Mittelschichten zu politisch erratischem Verhalten nei- muts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung.
diszipliniert werden, indem die dort gen. Aus ihrer Pufferfunktion kann sehr Berlin.
immer schon vorhandene latente Angst leicht politische Instabilität werden. BMAS/Bundesministerium für Arbeit und Soziales
vor dem Abstieg geschürt wird. Aber die durch Armutsdiskussionen ge- (2012): Lebenslagen in Deutschland. Entwurf des
4. Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesre-
Solche durchaus intendierten, aber schürte Angst der Mittelschichten droht gierung. Berlin. Unter: http://bundes.blog.
kaum je artikulierten Zielsetzungen wä- nicht nur politische Aggressivität und In- de/2012/09/20/pdf-lebenslagen-deutschland-
ren nicht neu. Dergleichen Absichten stabilität zu erzeugen: Verängstigte 4-armuts-reichtumsbericht-bundesregie-
wurden in Armutsdiskursen seit Jahrhun- Mittelschichten verlieren ihren Glanz rung-14841683/.
Bude, Heinz (2004): Das Phänomen der Exklusion.
derten verfolgt. Insofern ist es nicht so und werden als Aufstiegsziel unattrak-
In: Mittelweg, 4/2004, S. 3–15.
weit hergeholt, sie auch heute ein Stück tiv. Fällt es Arbeitern mangels Qualifika- Butterwegge, Christoph/Klundt, Michael/Belke-
weit zu unterstellen. Freilich hat sich in tionsnachweisen heute ohnehin schon Zeng, Matthias (2008): Kinderarmut in Ost- und
letzter Zeit die Lage der Mittelschicht schwer, in die Mittelschicht zu gelan- Westdeutschland. Wiesbaden.
verändert. Daher erzeugt der morali- gen, so fragen sie sich heute immer häu- Chassé, Karl August (2010): Unterschichten in
Deutschland. Wiesbaden.
sche Streit um die Armen jetzt in mittle- figer, ob der Versuch die Mühe wert ist. Hamburger, Franz (2009): Abschied von der inter-
ren Schichten oftmals andere Wirkun- So verstärkt sich die Resignation in den kulturellen Pädagogik. München.
gen als erwartet. unteren Etagen unserer Gesellschaft. Heite, Catrin et al. (2007): Das Elend der Sozialen
Die neue Lage der Mittelschicht zeigt Der Leistungsbereitschaft und Produkti- Arbeit – Die ‚neue Unterschicht‘ und die Schwä-
chung des Sozialen. In: Kessel, Fabian/Reutlin-
sich zum Beispiel darin, dass viele Ge- vität tut das nicht gut (vgl. Hradil 2008,
ger, Christian/Ziegler, Holger (Hrsg.): Erziehung
winner in den letzten Jahren aus den S. 22ff.). zur Armut? Soziale Arbeit und die ‚neue Unter-
Mittelschichten in die Oberschicht auf- schicht’. Wiesbaden, S. 55–80.
gestiegen, viele Verlierer dagegen ab- Hradil, Stefan (2001): Soziale Ungleichheit in
gestiegen sind, vor allem jene mit nicht Deutschland. 8. Auflage, Wiesbaden.
Hradil, Stefan (2006): Die Angst kriecht die Büro-
mehr marktgängiger Qualifikation. Der türme hinauf … In: Herbert-Quandt-Stiftung
ungewohnt raue Wind in den Mittel- (Hrsg.): Die Zukunft der gesellschaftlichen Mitte
schichten bringt es mit sich, dass dort in Deutschland. Frankfurt am Main, S. 34–43.
Ängste vor Abstieg und Arbeitslosigkeit Hradil, Stefan (2008): Anmerkungen zu einer er-
starrenden Gesellschaft. Sozialer Auf- und Ab-
zunehmen und gewissermaßen die Bü-
stieg in Deutschland. In: Kauder, Volker/von
rotürme hoch kriechen (Hradil 2006, Beust, Ole (Hrsg.): Chancen für alle. Die Perspek-
UNSER AUTOR

S. 34ff.). Daran war übrigens auch die tive der Aufstiegsgesellschaft. Freiburg, S. 22–35.
Einführung des Arbeitslosengelds II Hradil, Stefan (2010): Die Armut und die Unter-
(Hartz IV) beteiligt. Es sieht bekanntlich schicht. Eine Kontroverse wird härter. In: Gesell-
schaft – Wirtschaft – Politik (GWP), 1/2010,
schon nach wenigen Monaten der Ar- S. 105–110.
beitslosigkeit eine Reduzierung der Be- Krämer, Walter (2005): Werden die Deutschen
züge auf das Sozialhilfeniveau vor. Die- immer ärmer? In: Gesellschaft – Wirtschaft – Po-
ser Fall ist zwar für Angehörige der litik (GWP), 4/2005, S. 395–397.
Statistisches Bundesamt (Hrsg.) (2008): Datenre-
Dienstleistungsmittelschicht relativ un-
port. Bonn.
wahrscheinlich, sollte er aber eintreten, Vester, Michael (2006): Soziale Milieus und Ge-
dann ist die Fallhöhe tief. Dem entspre- sellschaftspolitik. In: Aus Politik und Zeitgeschich-
chen die nachweislich wachsenden te, 44–45/2006, S. 10–17.
Ängste. Stefan Hradil, geboren 1946, studierte
In dieser Situation tut es den Angehöri- Soziologie, Politologie und Slawische
ANMERKUNGEN
gen der Mittelschicht gut zu erfahren, Philologie an der Universität München,
dass auch im Falle eines Abstiegs eine wo er noch bis 1989 als wissenschaftli- 1 Zur Bestimmung des mittleren Einkommens
wird im Rahmen der Armutsforschung seit einigen
Grenze der moralischen Respektabilität cher Mitarbeiter tätig war. Anschlie-
Jahren der Median und nicht länger das arithme-
nach unten hin zur Unterschicht bleibt. ßend übernahm er bis 1990 die Profes- tische Mittel herangezogen. Das Medianeinkom-
Die wachsenden Ängste in der Mittel- sur für soziologische Sozialstrukturana- men ist so definiert, dass die eine Hälfte der Be-
schicht stellen außerdem eine gute lyse an der Universität Bamberg. Zwi- völkerung ein höheres, die andere Hälfte ein
Grundlage dar, um das Feindbild einer schen 1991 und 2011 war er Professor geringeres Einkommen zur Verfügung hat. Der
Median und nicht mehr das arithmetische Mittel
disziplin- und verantwortungslosen Un- für Soziologie an der Universität Mainz. gilt als Bezugsgröße, weil letzteres durch die ex-
terschicht zu entwickeln und so die ei- 1994 wurde er zum Ehrendoktor der trem hohen Einkünfte weniger Einkommensbezie-
gene Disziplin zu stärken. Das waren Universität für Wirtschaftswissenschaf- her mittlerweile so sehr nach oben getrieben
die vermutlich beabsichtigten Effekte. ten Budapest ernannt, von 1995 bis wird, dass das arithmetische Mittel mit der „Mitte
der Gesellschaft“ nicht mehr viel zu tun hat.
Weniger geplant war es wohl, die 1998 war er Vorsitzender der Deut-
Ängste in mittleren Schichten so sehr schen Gesellschaft für Soziologie. Seit
anzuheizen, dass sich politisch uner- 2006 ist er in Mainz auch Mitglied der
wartete Haltungen und Wahlergebnis- Akademie der Wissenschaften. Seine
se häufen. Arbeitsschwerpunkte sind die Sozial-
So wurde unter anderem von Michael strukturanalyse, Soziale Ungleichheit,
Vester (2006) darauf hingewiesen, dass Soziale Milieus und Lebensstile sowie
die Ängste derer, die sich als Moderni- Sozialer Wandel.

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ARMUT UND REICHTUM IM ÖFFENTLICHEN UND WISSENSCHAFTLICHEN DISKURS

Armut und Reichtum – Öffentliche Wahrnehmung


und wissenschaftliche Analyse 1945 bis heute
Ernst- Ulrich Huster

den Nerv der damals regierenden sozi- tion der Europäischen Union, die ein Le-
Nachdem die bitteren Notlagen des alliberalen Koalition, die mit ihrer „Poli- ben unterhalb der 60 Prozent-Grenze
Zweiten Weltkriegs überwunden waren, tik der inneren Reformen“ gerade ver- des Medianeinkommens haushaltsge-
setzte in Westdeutschland nach der sucht und zum Teil auch erfolgreich er- wichtet als Armutsrisikoschwelle be-
Währungsreform 1948 eine wirtschaftli- reicht hatte, dass der Sozialstaat nicht zeichnet. Die seit Mitte der 1970er-Jah-
che Aufwärtsentwicklung ein. Das so- nur ausgebaut worden war, sondern re sichtbar werdenden Folgen des wirt-
genannte Wirtschaftswunder ließ Ein- auch nunmehr soziale Risiken erfasst schaftlichen Strukturwandels mit einer
kommen, Vermögen und Wohlstand wurden, die bislang außerhalb des ansteigenden Massenarbeitslosigkeit
anwachsen. Dieses Wohlstandswachs- Bismarck’schen konservativen Sozial- machten nicht nur deutlich, dass die
tum kam zunächst auch dem Lebensstan-
staates gelegen hatten: die Einführung Phase der Vollbeschäftigung im Nach-
dard wirtschaftlich eher schwacher
einer Förderung von Studierenden kriegsdeutschland eher eine Episode,
Schichten zugute. Gleichwohl hatte das
(BAföG), die Kompensation von niedri- denn ein Dauerzustand sein werde.
viel gepriesene Wirtschaftswunder zwei
Gesichter: Den Gewinnern des Wirt- gen Verdiensten bei Frauen („Rente Sondern es schälte sich auch immer
schaftswunders, oftmals durch „verdeck- nach Mindesteinkommen“), die Einbe- mehr heraus, dass die Bedingungen von
te Startchancen“ und beachtlichen Kapi- ziehung von sozialen Gruppen in die Teilen der faktisch vorhandenen Er-
talbesitz begünstigt, stand die breite Gesetzliche Rentenversicherung (Künst- werbstätigkeit zunehmend einer Sprei-
Bevölkerung gegenüber. Trotz staatli- ler, Selbständige etc.) und anderes zung unterliegen, so dass Armut trotz
cher Sozial- und Wohlfahrtspolitik offen- mehr. Geißlers Aussage, in der Bundes- Erwerbsarbeit möglich ist.
barte sich spätestens seit Mitte der republik lebten sechs Millionen Men- Und Reichtum in Deutschland? Deutsch-
1970er-Jahre, dass hinter der Fassade schen in Armut, und zwar Personen, die land als Trümmerhaufen, das „Dritte
der ökonomisch starken Bundesrepublik im Gegensatz zu den „Organisierten“ Reich“ nicht mehr existent: Der Aus-
soziale Gruppen existierten, deren ma- von den bestehenden Leistungsgeset- gangspunkt 1945 schien hoffnungslos
terielle und soziokulturelle Teilhabe an zen nicht oder nur unzureichend erfasst zu sein, Wirtschaftsanlagen standen
der bundesdeutschen Gesellschaft rela- würden, war quantitativ zwar nicht halt- unter alliierter Treuhänderschaft oder
tiv stark eingeschränkt war. Der gestie- bar, machte aber auf das strukturelle gleich unter direkter alliierter Leitung,
gene Wohlstand hatte die sozialen Un- Problem der Armut im Wohlfahrtsstaat wurden zum Teil demontiert und ins Aus-
gleichheiten nicht beseitigt. Die „neue aufmerksam. Denn die Vorstellung, über land geschafft. Von Reichtum sprach
soziale Frage“, die seinerzeit in Öffent- eine sukzessive Ausweitung der Leistun- niemand. Nur von dem, den sich Wirt-
lichkeit und Politik eher randständig dis- gen des Sozialstaates auf neue Bevöl- schaftsleute während des Krieges ille-
kutiert wurde, stieß allerdings zusehends kerungskreise werde Armut im Lande gitimer Weise angeeignet hatten. Diese
auf wissenschaftliches Interesse. Der überwunden, erwies sich mehr als trü- sollten enteignet werden, so politische
ökonomische Strukturwandel und die ab
gerisch. Allerdings war Geißlers Ursa- Forderungen und auch Handlungen sei-
den 1970er-Jahren ansteigende Arbeits-
chenanalyse einseitig: Es lag und liegt tens der Alliierten. Und doch: Kriegs-
losigkeit lösten angesichts merklich ge-
stiegener Armut eine politische und
zwar auch am Organisationsgrad so- handlungen in und Bombenangriffe auf
wissenschaftliche Debatte über die ver- zialer Interessen („starke“ und „schwa- Deutschland hinterließen zwar ein Bild
schiedenen Facetten einer „neuen Armut“ che“ Interessen), ob und inwieweit so- der Trostlosigkeit, vor allem in den groß-
aus. Durch die im Zuge der Wiederver- ziale Risiken öffentlich-rechtlich aufge- städtischen Bereichen. Aber abseits der
einigung nach oben schnellenden Ar- fangen werden, es liegt aber vor allem und teilweise unter den Trümmern wa-
beitslosenzahlen wurde in den 1990er- an der stark erwerbsarbeitszentrierten ren viele Werte verschont geblieben.
Jahren Armut als Massenphänomen Struktur des konservativen, an der Eigentum befand sich auch weiter in un-
schließlich unübersehbar. Die Sozial- Lebensstandardsicherung orientierten terschiedlicher Größe in privaten Hän-
struktur ist im wiedervereinigten Deutsch- Bismarck ‘schen Sozialstaates, dass Risi- den bzw. wurde unter alliierter Treuhän-
land – wie auch in anderen europäischen ken, die außerhalb des Schemas „Er- derschaft wieder für den Aufbau nutz-
Staaten – durch eine soziale Polarisie- werbsarbeit – Soziale Sicherung“ lie- bar gemacht. Dieser Reichtum blieb zu-
rung gekennzeichnet: Nur zehn Prozent gen, schlechter abgesichert sind. Und nächst unsichtbar. Es wurden eher
der deutschen Bevölkerung besitzen eben diese Struktur war nach dem Zwei- Karikaturen von reichen Bauern kolpor-
mehr als 60 Prozent aller Vermögens- ten Weltkrieg gerade von Heiner Geiß- tiert, die im Kompensationsgeschäft so
werte. Armut bleibt folglich – so das Fa- lers Unionsparteien genau so gewollt viele Perserteppiche von hungernden
zit von Ernst-Ulrich Huster – politisch und worden. Städtern bekamen, dass sie damit so-
wissenschaftlich auf der Agenda. I Geißlers Verdienst bleibt es aber gar die Kuhställe ausstatten konnten.
gleichwohl, kenntlich gemacht zu ha- Aber relativer Reichtum rettete sich über
ben, dass hinter der Fassade einer star- die ersten Kriegsjahre hinweg. Neuer
Von der absoluten zur relativen Armut, ken wirtschaftlichen Gesellschaft sozi- ist dazu gekommen: Heute besitzen ca.
vom relativen zum absoluten Reichtum ale Gruppen existieren, deren soziokul- zehn Prozent aller Deutschen mehr als
turelle Teilhabe an der Gesellschaft re- 60 Prozent aller Vermögenswerte. Beim
Als Heiner Geißler, damals Sozialminis- lativ stark eingeschränkt ist. Dieses war Geldkapital verfügen wenige über
ter in Rheinland-Pfalz, im Jahr 1976 mit und ist nicht jene absolute Armut der größte Summen. Absoluter Reichtum ist
seiner Streitschrift „Die Neue Soziale unmittelbaren Nachkriegszeit, aber es vorhanden, er hebt sich deutlich ab und
Frage“1 an die Öffentlichkeit trat, traf er ist Armut, zumindest im Sinne der Defini- weist eine hohe Persistenz auf.

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Notlagen und verdeckte Startchancen wieder Fuß auf den europä ischen und ARMUT UND REICHTUM – ÖFFENTLICHE
darüber hinausgehenden Auslands- WAHRNEHMUNG UND
Im Verlauf und nach Beendigung der fa- märkten. Der Wohlstand zeigte sich au- WISSENSCHAFTLICHE ANALYSE 1945
natischen Kriegsführung durch das genscheinlich – nicht zuletzt in der zu- BIS HEUTE
„Dritte Reich“ war Deutschland komplett nehmenden Leibesfülle nicht weniger
von ausländischen Truppen besetzt und der nun wieder auf einer „Woge von
seiner Staatlichkeit enthoben worden, Gold“ sitzenden Unternehmer. Kriegsgeschäften – auch mit Massen-
alle Versorgungsstrukturen brachen zu- Es war ein Außenseiter, der publizistisch vernichtungsmitteln von Zivilpersonen
sammen. Millionen Menschen waren unermüdlich auf diese Wohlstandsmeh- – gezogen und durch Ausplünderung
auf der Straße: Evakuierte auf dem rung hinwies und fragte: „Wem gehört besetzter Länder gewonnen worden
Rückmarsch zu ihren – meist zerstörten Deutschland?“, um sodann eine „Chro- war. „Persilscheine“ – also das wechsel-
– Städten, ausländische Kriegsgefan- nik von Besitz und Macht“ zu erstellen. seitige Reinwaschen von durch die
gene, die nach Hause wollten, Millio- Kurt Prizkoleit 2 destruierte das Mär- Kooperation mit dem „Dritten Reich“
nen Vertriebene aus ehemals deutschen chen, es handele sich um „neuen“ Reich- kompromittierten sogenannten Wirt-
Gebieten, KZ-Häftlinge, die das Grau- tum, indem er aufzeigte, dass nicht we- schaftsführern – stellten und stellen
en überlebt hatten. Es gab keine Ren- nig dessen, was über Krieg und Bom- nach wie vor eine Hypothek der zweiten
tenzahlungen, es gab keine Unterstüt- benterror an Werten erhalten geblie- Republik auf deutschem Boden dar.
zungen. Kommunale Stellen – die der ben war, zuvor Juden und anderen Doch weiterer Reichtum kam hinzu: In
Alliierten und allmählich auch wieder Personengruppen weggenommen, aus den 1950er-Jahren zeichnete sich eine
deutsche – halfen durch Notbewirt-
schaftung von Wohnraum, Lebensmittel
und Brennmaterial, Menschen an der
Grenze zur absoluten Armut ein Über-
leben zu ermöglichen. Landflächen
wurden akquiriert, um den Zugewan-
derten Mittel zur subsistenzwirtschaftli-
chen Versorgung zu gewähren, öffent-
liche Parkanlagen wurden für den An-
bau von Kartoffeln und Kohl umgesto-
chen. Es herrschte Not, bittere Not.
Viele überlebten diese Zeit nicht oder
nur schwer erkrankt. Die typische Hun-
gerkrankheit Tuberkulose grassierte.
Hilfen von außen, etwa die berühmten
Care-Pakete aus den USA, gaben Hoff-
nung, aber sie waren ein Tropfen auf
den heißen Stein.
Mit der Währungsreform vom 20. Juni
1948 wendete sich das Schicksal. Jeder
(West-)Deutsche konnte zunächst einen
festgelegten „Kopfbetrag“ in Höhe von
40 Deutsche Mark (DM) in die neue
Währung umtauschen, der später auf
60 DM aufgestockt wurde. Angesichts
dieses „Startkapitals“ schienen alle
gleich viel zu besitzen. Mit der Wäh-
rungsreform und den Hilfen aus dem
Marshall-Plan nahm auch die Wirt-
schaft zunächst allmählich, mit dem
nach Ausbruch des Korea-Krieges im
Jahr 1950 einsetzenden Boom dann
drastisch an Fahrt auf. Mit der Wäh-
rungsreform wurden zugleich auch
Steuergesetze erlassen, die auf eine
massive Unternehmensförderung ziel-
ten. Ein wirtschaftlicher Aufschwung
werde – so die politische Devise – letzt-
lich die Beschäftigungslage und damit
die Einkommenslage breiter Bevölke-
rungskreise verbessern. Mit der allmäh-
lichen Rückübertragung der Wirt-
schaftsunternehmen und dann auch des
zuvor beschlagnahmten Hauseigen-
tums auf die ehemaligen Besitzer kamen
Eigentum und enorme staatliche Förder- Berlin 1945: Nach der Befreiung durch die alliierten Streitkräfte war Deutschland sei-
maßnamen zusammen, es entstand neu- ner Staatlichkeit enthoben worden, alle Versorgungsstrukturen brachen zusammen.
er Reichtum. Die Wirtschaft boomte. Es herrschte bittere Not. Die Notbewirtschaftung von Wohnraum, Lebensmitteln und
Deutschland als traditioneller Lieferant Brennmaterial ermöglichte Menschen an der Grenze zur absoluten Armut ein Über-
von Investitionsgütern fasste schnell leben. picture alliance/dpa

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Ernst-Ulrich Huster
große Gründerwelle ab, die neue Na- auch die Kriegsopferrenten dynami- sigte Schelsky doch die beachtliche An-
men in die Liste der deutschen Unter- siert. häufung von Kapitalbesitz bereits in
nehmer einfügte. Im System der sozialen Sicherung gab den 1950er-Jahren. Erste Untersuchun-
es nun ein sehr leistungsfähiges Prinzip gen zeigten hier erhebliche Konzen-
intergenerationeller Umverteilung über trationserscheinungen. Mit Ralf Dah-
Die zwei Gesichter des das Instrument der Dynamisierung, da- rendorf kam es dann in den 1960er-Jah-
Wirtschaftswunders neben sollten Einzelfallregelungen dort ren zu einer realistischeren Betrachtung
greifen, wo allgemeine Leistungsgeset- der gesellschaftlichen Binnenstruktur.
Die politische Entscheidung, der zufol- ze nicht helfen konnten. Armut war nicht Er beschrieb die Gesellschaft als ein
ge erst die Schornsteine wieder rau- beseitigt, aber deutlich auf prekäre Le- Haus, das in unterschiedliche soziale
chen müssten, bevor die breite Masse benslagen begrenzt. Von daher war es Stockwerte eingeteilt ist. Von ihm kam
der Arbeitnehmer und erst recht die – phänomenologisch betrachtet – wis- aber zugleich der deutliche Hinweis,
Gruppe der nicht, bzw. nicht mehr Be- senschaftlich nicht abwegig, die Le- dass ein Haus einen festen Boden und
schäftigten an diesem Wertzuwachs benslage großer Teile der Bevölkerung ein sicheres Dach haben müsste. Er als
teilhaben sollten, führte zu einer enor- als nivelliert anzusehen und angesichts Liberaler wünschte sich zwar, dass zwi-
men Diskrepanz zwischen den Gewin- der allmählichen Verbesserung der Ein- schen Boden und Dach ein möglichst
nern des sogenannten „Wirtschafts- kommenslage sogar von einer „Mittel- großer Abstand bestünde, gleichwohl
wunders“ und breiten Teilen der Bevöl- standsgesellschaft“ zu sprechen, wie es sah er die Notwendigkeit, die Amplitu-
kerung. Die Löhne stiegen an, aber noch der Soziologie Helmut Schelsky tat. 5 de zwischen sozialem Unten und Oben
moderat. Die Renten dagegen verharr- Diese These wurde empirisch aber nur nicht ins Unermessliche ansteigen zu
ten auf einem niedrigen Niveau, ab und unzureichend abgestützt, vernachläs- lassen. 6
an per Gesetz angepasst. Altersarmut
war weit verbreitet, vor allem bei den
Witwen der Soldaten. Es setzte des-
halb eine breite Debatte darüber ein,
ob man das System der sozialen Siche-
rung neu aufbauen und neu gestalten
sollte. Zahlreiche Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftler beteiligten sich an
dieser Debatte. 3 Es gab eine Vielzahl
von Vorschlägen, letztlich mit dem Te-
nor: Anheben der Leistungen der sozia-
len Sicherung, aber so, dass der Vor-
rang von Investitionen für ein lang an-
haltendes Wirtschaftswachstum nicht
gefährdet wird. So und nur so sollte
„Wohlstand für alle“ geschaffen und er-
halten werden, wie es der langjährige
Wirtschaftsminister Ludwig Erhard for-
mulierte. 4
Im Zusammenhang mit der Neuordnung
der Gesetzlichen Rentenversicherung
kam es schließlich zu einem sozialversi-
cherungsrechtlichen Neuanfang. Bun-
desarbeitsminister Anton Storch war in
diese Debatte mit dem Ziel gegangen,
dass die arbeitenden Menschen „in der
Zukunft, vor allen Dingen im Alter, nicht
mehr die Angst um die Not des Tages zu
leiden“ brauchten. Befürworter und
Gegner einer umfassenden Rentenre-
form stritten darüber, ob es ethisch ge-
boten und wirtschaftspolitisch vertret-
bar sei, die Alterssicherung an den all-
gemeinen, sich im Lohnniveau wider-
spiegelnden Wohlstandszuwachs zu
koppeln. Die 1957 in Kraft gesetzte Dy-
namisierung der Renten bewirkte eine
drastische Reduktion der Zahl der Be-
zieherinnen und Bezieher vor allem
von Mindestsicherungsleistungen. Das
1963 in Kraft getretene Bundessozial-
hilfegesetz verstand sich als Gesetz,
das nur noch den Notfall auffangen
sollte, der nicht über die Sozialversiche-
rungen standardisiert versorgt werden
konnte. Dem diente ein breit gefächer-
tes Angebot an unterschiedlichen Hilfe-
stellungen. 1963 schließlich wurden

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Randgruppen und Superreiche ischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) ARMUT UND REICHTUM – ÖFFENTLICHE
setzte Deutschland durch, dass es in- WAHRNEHMUNG UND
Die Folgen des Zweiten Weltkriegs nerhalb der zu bildenden Zollunion kei- WISSENSCHAFTLICHE ANALYSE 1945
konnten schon in den 1950er-Jahren in ne sozialen Mindeststandards geben BIS HEUTE
einem hohen Maße überwunden wer- sollte: Deutschland könne sich das an-
den, ja, ein Teil der Folgen dieses Krie- gesichts der aktuellen Notlage nicht
ges war zugleich Bedingung für den ra- leisten. me, die allerdings für lange Zeit einzig-
santen Wiederaufstieg: der große In- Doch diese Sonderbedingungen im artig blieb.11 Die Vermögensanalyse
vestitionsbedarf, die Bereitschaft der Deutschland der 1950er-Jahre hoben von Horst Mierheim und Lutz Wicke aus
Bevölkerung und erst Recht der einge- sich langsam auf. Anfang der 1960er- dem Jahr 1978 aktualisierte die Unter-
wiesenen Vertriebenen, zu niedrigen Jahre kam es zu größeren Lohnausein- suchung von Krelle u. a. zur personellen
Löhnen zu arbeiten, der Zustrom von andersetzungen, bei denen die Ge- Vermögensverteilung.12
qualifizierten Arbeitskräften etwa aus werkschaften einen höheren Anteil der
der DDR und nicht zuletzt die Tatsache, Arbeitnehmer an dem beachtlichen
dass Deutschland zunächst keine Kos- Wirtschaftswachstum erstreiten woll- Neue Armut oder neuer Reichtum?
ten für das Militär aufwenden durfte ten. Mit dem Mauerbau versiegte der
und musste. Der Vorrang der Kapitalför- Zuzug weiterer Arbeitskräfte aus der Der Sozialbericht der Bundesregierung
derung durch Steuer- und Subventions- DDR, schon seit 1957 kamen erste aus dem Jahr 1973 bezeichnete den Ar-
politik beließ lange Zeit die Soziallas- Gastarbeiter nach Westdeutschland. beitskräftemangel als das größte sozi-
ten niedrig. Bei den Verhandlungen in Deutschland prosperierte gleichwohl alpolitische Problem der nächsten Jah-
Rom über die Gründung der Europä- weiter, auch wenn eine erste Rezession re. Schon im nächsten Jahr zeichnete
mit einem realen Wirtschaftsrückgang sich allerdings eine Arbeitslosigkeit ab,
Mitte der 1960er-Jahre wie eine Kata- die sich deutlich als überzyklisch erwies
strophe größten Ausmaßes erschien – und langfristig anstieg, erst auf eine
mit gerade einmal ca. 500.000 Arbeits- Million, dann auf zwei Millionen. Entge-
losen. Diese Rezession konnte rasch gen vereinfachender Erklärungsraster,
überwunden werden – es entstand eine wie etwa der Verteuerung des Rohstof-
Euphorie, mit mehr staatlicher Global- fes Öl („Ölschock“), hatte man es hier
steuerung alle Risiken in den Griff zu insgesamt mit einem strukturellen Prob-
bekommen. Ein 1969 verabschiedetes lem zu tun, nämlich einmal mit den Fol-
Arbeitsförderungsgesetz löste das alte gen der massiven Rationalisierungsin-
Gesetz von 1927 ab und setzte den vestitionen nach 1966/67 und zum an-
Akzent auf Prävention bei der Arbeits- deren mit den Folgen einer starken Ge-
marktpolitik: Ein breites Set von Bera- wichtsverschiebung vom sekundären
tung bis zur Arbeitsförderung sollte Wirtschaftssektor, dem Produktionssek-
verhindern, dass jemand überhaupt tor, hin zum tertiären, dem Dienstleis-
passive monetäre Leistungen, wie Ar- tungssektor. Die Qualifikationsanforde-
beitslosengeld und Arbeitslosenhilfe, rungen spreizten sich sehr stark zwi-
benötigte. schen den Hochqualifizierten in den
Es gab sie, die Armut – aber, wie es wirtschaftlichen Kernbereichen und
Gerd Iben zu Beginn der 1970er-Jahre den Niedrigqualifizierten in den wach-
formulierte, als „Randgruppen“. 7 Heinz senden Branchen des Dienstleistungs-
Strang untersuchte „Erscheinungsfor- gewerbes. Die Folgen waren schärfere
men der Sozialhilfebedürftigkeit“. 8 Aber Selektion im Bildungs- und Ausbildungs-
dies waren eher randständige Berei- bereich beim Zugang zu den qualifi-
che, die in der Wissenschaft und in der zierten Stellen, Abqualifizierung von
Politik wenig Resonanz auslösten. beruflichen Kenntnissen mangels Nach-
Strang verwies bereits auf die Gefahr frage und der Einstieg in einen Einkom-
… die gute harte intergenerativer Weitergabe von Ar- menssektor, der immer prekärer wurde,
Mark! Mit der mutslagen. Die sozialliberale Koalition und zwar bezogen auf Einkommen,
Währungsreform nutzte die wieder prosperierende Wirt- Standards, soziale Absicherung und ar-
vom 20. Juni 1948 schaft, um den Regelsatz der Sozialhilfe beitsrechtlichen Schutz. Armut trotz Er-
schienen alle gleich zu dynamisieren, indem die im Waren- werbsarbeit („working poor“) wurde
viel zu besitzen. korb enthaltenen Güter zukünftig ent- Gegenstand der politischen und wis-
Das bald danach sprechend der Preisentwicklung ange- senschaftlichen Kontroverse.13 Und
einsetzende Wirt- passt werden sollten. schließlich zeigte sich Massenarbeits-
schaftswunder ließ In den USA kam es in dieser Zeit zu einer losigkeit mit einem zunehmenden Seg-
Einkommen, Ver- größeren Untersuchung über die „Rei- ment von Dauerarbeitslosen.
mögen und Wohl- chen und die Superreichen“ von Ferdi- Der Vorwurf aus Unionskreisen gegen-
stand anwachsen, nand Lundberg.9 Der Wirtschaftsjour- über der, insgesamt mit ihrer Politik der
führte jedoch zu nalist Michael Jungblut übertrug diesen inneren Reformen sehr erfolgreichen,
einer enormen Ansatz auf Deutschland. Nach ersten sozialliberalen Koalition, sie vernach-
Diskrepanz zwi- wissenschaftlichen Arbeiten zur Vermö- lässige jene, die nicht in der Erwerbsar-
schen den Gewin- genskonzentration Ende der 1960er- beit stünden bzw. in den entsprechen-
nern des Wirt- Jahre (von Wilhelm Krelle, Johann den Bezugssystemen abgesichert sei-
schaftswunders Schenk und Jürgen Siebke10 ), vor allem en, sie stelle sich also nicht der Heraus-
und breiten Teilen zur Konzentration des Produktivvermö- forderung der „neuen sozialen Frage“,
der Bevölkerung. gens, kam es bei Jungblut zu einer ers- beantwortete die SPD nach dem Ende
picture alliance/dpa ten bundesdeutschen Bestandsaufnah- ihrer Regierungstätigkeit mit dem Vor-

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weder von der Finanzierung noch vom
Umgang mit den (Langzeit-)Arbeitslo-
sen her gesehen ausgerichtet war. „Hil-
fen zur Arbeit“ sollten auf kommunaler
Ebene auffangen, was die zentrale Bun-
desanstalt für Arbeit nicht mehr bewälti-
gen konnte.
Neu war dagegen etwas ganz ande-
res: Dass es in Deutschland ein beacht-
liches Gefälle beim Einkommen, vor al-
lem aber bei den Vermögen gab, konn-
te angesichts der allgemeinen Wohl-
standssteigerung in den 1950er- bis
1970er-Jahren noch übersehen werden,
wenngleich die Untersuchungen etwa
von Pritzkoleit, Krelle u. a., Jungblut,
Mierheim und Wicke bereits darauf auf-
merksam gemacht hatten. Nun aber
zeigte sich, dass es zum einen möglich
war, Wirtschaftswachstum und Wohl-
standsmehrung trotz erheblicher Unter-
beschäftigung zu generieren, und dass
zum anderen dieser Wertzuwachs im-
mer ungleicher verteilt wurde. Im Ergeb-
nis nahmen Reichtum und Armut glei-
chermaßen zu. In diesem Ausmaße war
dies neu in Deutschland.15

Armut als Gegenstand


wissenschaftlicher Forschung

Im Übergang zu den 1980er-Jahren


setzte nicht nur politisch verstärkt eine
Debatte über „neue“ Armut ein, an der
sich Gewerkschaften, Kirchen und Be-
troffeneninitiativen beteiligten. Auch
die Wissenschaft brachte sich verstärkt
in diesen Diskurs ein. Im Auftrag der Eu-
ropäischen Kommission untersuchte ein
Forscherteam um Richard Hauser „Ar-
mut, Niedrigeinkommen und Unterver-
sorgung in der Bundesrepublik Deutsch-
land“.16 Diese Untersuchung stand in
der Frankfurter Tradition der Sozialindi-
katorenforschung, die bereits in den
1970er-Jahren ausgebaut wurde.17 Hel-
mut Hartmann konnte in einer ersten
In den 1980er-Jahren entwickelte sich eine Sensibilität für die Auswirkungen der sozialen Dunkelzifferstudie aufzeigen, dass nur
Segregation auf die nachwachsende Generation, die Kinder. Kinderarmut steht seit En- die Hälfte der Berechtigten ihre Ansprü-
de der 1990er-Jahre in Politik und Wissenschaft auf der Agenda. che gegenüber dem Sozialamt geltend
picture alliance/dpa machten.18 Es folgten zahlreiche wissen-
schaftliche Expertisen und fachprakti-
sche Gemeinschaftspublikationen. Am
wurf an die neue konservativ-liberale ten, sie griffen vielmehr schon am Ende bekanntesten wurde hierbei die Ar-
Koalition, sie schaffe eine „neue Ar- der sozialliberalen Koalition, wenn- beitsgruppe „Armut und Unterversor-
mut“.14 Richtig daran war, dass mit dem gleich sie nun noch stärker ausfielen. gung“, die zum einen zu konkreten Fach-
Regierungswechsel von 1982 zunächst Falsch war aber vor allem, dass der Zu- fragen Stellung bezog, zum anderen
scharfe Schnitte insbesondere in der Ar- sammenhang zwischen Armut und Ar- eine langfristige Sozialberichterstat-
beitslosenversicherung und beim Bun- beitslosigkeit – geschichtlich betrachtet tung mit ihrem Beitrag „Armut in
desausbildungsförderungsgesetz vor- – neu sei. Nicht erst in der Weimarer Re- Deutschland“ aus dem Jahr 1990 vorbe-
genommen wurden, so dass das Armuts- publik, auch schon vor der Weltwirt- reitete.19 Da seitens der damaligen Bun-
potenzial zweifelsfrei stieg, bzw. Kinder schaftskrise, wurde der enge Zusam- desregierung eine entsprechende Sozi-
aus sozial schlechteren Kreisen erst gar menhang zwischen Arbeitslosigkeit und alberichterstattung unterblieb, vielmehr
nicht bis zum Abitur gefördert wurden Armut deutlich. Neu war auch nicht, sogar versucht wurde, die Veröffentli-
(Wegfall des BAföG für Schüler). Falsch dass Kürzungen bei der Arbeitslosen- chung des zehnten Kinder- und Jugend-
war aber, dass die Kürzungen bei der versicherung immer mehr Menschen in berichts mit empirischen Angaben zur
Arbeitsmarktpolitik und bei den Renten die soziale Mindestsicherung trieben, steigenden Kinderarmut erst verspätet
erst unter der neuen Regierung einsetz- eine Entwicklung, auf die die Sozialhilfe der Öffentlichkeit zugänglich zu ma-

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chen 20 , waren es dann Wissenschaftler Leider wurde dieser Gesichtspunkt bis- ARMUT UND REICHTUM – ÖFFENTLICHE
um Walter Hanesch, in Kooperation mit lang nur randständig weiterverfolgt. WAHRNEHMUNG UND
dem Deutschen Gewerkschaftsbund Mit Erscheinen dieses Bandes setzte ei- WISSENSCHAFTLICHE ANALYSE 1945
(DGB) und einem Verband der freien ne breite Rezeption in der Öffentlichkeit BIS HEUTE
Wohlfahrtspflege, die in diese Lücke ein. Reichtum wurde zum Thema – ohne
stießen und einen ersten nationalen Ar- dass allerdings das Thema Armut aus
mutsbericht erstellten. 21 Der Caritasver- dem öffentlichen Diskurs verschwand. alleine, teils in Kooperation mit Sozial-
band hatte schon zuvor durch Richard Dieses hatte drei Gründe: Zum einen verbänden und Wissenschaftlern kom-
Hauser und Werner Hübinger einen Be- schnellten infolge der Wiedervereini- munale Sozialberichte erstellt. Diese
richt über den Umgang des Verbandes gung die Arbeitslosenzahlen enorm wurden immer professioneller und konn-
mit der zunehmenden Armut erstellen nach oben, Armut als Massenphäno- ten auch die lokale sozialräumliche Se-
lassen. 22 Mit dem neu implementierten men war als Folge von Arbeitslosigkeit gregation darstellen. Einige Bundeslän-
Sozioökonomischen Panel beim Deut- nunmehr unübersehbar. Zum zweiten der beschlossen ebenfalls, Sozialbe-
schen Institut für Wirtschaftsforschung war es die Europäische Union, die im richte zu erstellen. Am nachhaltigsten
in Berlin gelang es, jeweils aktuelle Da- Übergang zu den 1980er-Jahren be- tat dies das Bundesland Nordrhein-
ten zur Verteilungswirkung in Deutsch- gann, Fragen von Armut und sozialer Westfalen. 34 In anderen Bundesländern
land zu gewinnen. 23 Ausgrenzung zu untersuchen und Stra- blieb es meist bei einem einmaligen Be-
Es setzte nun auch eine breite wissen- tegien dagegen zu erörtern. Zu erwäh- richt.
schaftliche Fachdiskussion ein. So un- nen sind insbesondere die drei Armuts- Erst die rot-grüne Bundesregierung
tersuchten Wissenschaftler wie Hart- programme. Und drittens stellte sich setzte nach ihrem Regierungsantritt
mut Häußermann und Walter Siebel die verschärft die Frage nach den Auswir- 1998 um, was sie aus der Opposition
sozialräumlichen Auswirkungen von kungen dieser sozialen Segregation auf heraus von der vormaligen Regierung
Verteilungsprozessen. 24 Alfred Oppol- die nachwachsende Generation, die gefordert hatte, und erstellte einen ers-
zer 25 und Andreas Mielk 26 wandten sich Kinder. Die Kommunen gelangten immer ten nationalen Armuts- und Reichtums-
empirischen Fragen der Benachteili- mehr an die Grenzen ihrer finanziellen bericht. Dazu beauftragte sie Wissen-
gung sozialer Gruppen im Gesund- Leistungsfähigkeit, durch die Initiativen schaftlerinnen und Wissenschaftler mit
heitswesen zu. Inzwischen betreibt das der Europäischen Union wurde das The- Forschungsaufträgen, den Bericht aller-
Robert-Koch-Institut offiziell für die Bun- ma entnationalisiert, mit Blick auf die dings erstellte die Regierung selbst. Die
desregierung eine Gesundheitsbericht- Kinderarmut zeitlich entgrenzt: Nicht wissenschaftlichen Expertisen wurden
erstattung. 27 Die Bildungsberichterstat- nur das Hier und Jetzt, sondern auch parallel zum Bericht selbst veröffent-
tung wandte sich ebenfalls sozialen Se- das Morgen, die Folgen, gelangten in licht. Es konnte eine breite Diskussion
lektionsmechanismen zu, bevor dann den Blickpunkt. Ein besonderes Beispiel ansetzen, weil seitens der Experten
internationale Vergleichsstudien die stellte die vom Bundesverband der Ar- auch Fragen aufgegriffen wurden, die
soziale Segregation im deutschen Bil- beiterwohlfahrt und dem Frankfurter In- im Bericht selbst eher randständig blie-
dungssystem auf die tagesaktuelle und stitut für Sozialarbeit und Sozialpäda- ben. Es folgte ein zweiter Bericht. Und in
politische Agenda hoben. 28 Armut nicht gogik um die Sozialwissenschaftlerin der Regierungszeit der großen Koaliti-
länger als einen statistischen Zustand Gerda Holz Ende der 1990er-Jahre in on von CDU/CSU und SPD wurde im
zu verstehen, sondern in ihrem lebens- Angriff genommene Kinderarmutsstu- Jahr 2008 der dritte Bericht veröffent-
geschichtlichen, dynamischen Verlauf, die dar, die erstmals die konkrete Le- licht. 35
wurde das Thema eines großen For- benssituation von Kindern ab dem Kin- Für diesen dritten Bericht waren sehr
schungsbereichs an der Universität dergartenalter empirisch untersuchte umfangreich empirische Felder neu be-
Bremen, an dem auch Wissenschaftle- und inzwischen bis in das Jugendalter rechnet worden, um sowohl Armut als
rinnen und Wissenschaftler anderer lebensgeschichtlich verfolgt hat. 32 Die auch Reichtum besser erfassen zu kön-
Hochschulen beteiligt waren. 29 In Köln, Veröffentlichung des ersten offiziellen nen. Es wurde ein realistischer Zugang
Bielefeld, Mannheim, Frankfurt und an- Abschlussberichts im Jahr 2000 – dem zu den sozialen Komponenten von Ar-
derenorts arbeiteten Teams an unter- dann erfreulicherweise weitere folgten mut und Reichtum deutlich, der – orien-
schiedlichen Aspekten von Armut. – stieß im bundesdeutschen Zeitungs- tiert am Lebenslagenansatz und an den
wald auf große Resonanz: In fast allen theoretischen Überlegungen zu „Ver-
überregionalen, regionalen und sehr wirklichungschancen“ von Amartya
Reichtum war lange Zeit ein vielen Lokalzeitungen war das Thema Sen 36 – auch auf nicht-monetäre Berei-
Tabuthema auf Seite Eins platziert. Kinderarmut che ausgeweitet wurde. An der Reich-
steht seitdem in Politik und Wissen- tumsdiskussion wurde wichtig, dass zur
Reichtum dagegen blieb weiterhin ein schaft auf der Agenda. 33 besseren Vergleichbarkeit zwischen Ar-
Tabuthema. Es waren Initiativen aus beitnehmern und Selbständigen beim
dem kirchlichen Bereich, von Wissen- Vermögen neben der privaten Daseins-
schaftlern initiiert, die zu Beginn der Soziale Polarisierung in Deutschland fürsorge auch das Sozialvermögen aus
1990er-Jahre auch dem Thema Reich- – aber nicht nur da Rentenanwartschaften etc. mit einbezo-
tum ein breiteres Gewicht zukommen gen wurde. 37 In Kürze soll ein vierter Be-
ließen: „Reichtum in Deutschland“ war Große internationale Vergleichsanaly- richt folgen.
ein erster Sammelband, der sogleich sen und weitere wissenschaftliche Stu- Daneben gewann die Sozialberichter-
über den empirischen Bereich von Ein- dien, die nunmehr breit diskutiert wur- stattung durch die Europäische Kommis-
kommen und Vermögen hinaus auch den, konnten eine offizielle nationale sion ein breiteres Gewicht, auch in
weitere Aspekte zu erhellen versuchte, Sozialberichterstattung nicht ersetzen. Deutschland. Wie auf dem Gipfel in Lis-
die am Lebenslagenkonzept orientiert Schließlich galt es, nicht nur zu berich- sabon im Jahr 2000 vereinbart, sollten
waren. 30 Andrea Weinert eröffnete ei- ten, sondern auch zu handeln. Dies je- der soziale Zusammenhalt („social co-
nen geschlechtsspezifischen Diskurs in doch setzt eine offizielle Wahrnehmung hansion“) in den Mitgliedstaaten der
der Verteilungsdebatte, habe doch die sozialer Lebensbedingungen durch die Europäischen Union verstärkt, Armut
Grammatik Recht: „Der“ Reichtum ist Politik voraus. Schon in den 1980er-Jah- und soziale Ausgrenzung reduziert wer-
männlich und „die“ Armut weiblich. 31 ren hatten zahlreiche Kommunen, teils den. Zwar sollte es der Kommission nicht

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erlaubt sein, etwa über rechtliche Vor-
schriften die Mitgliedstaaten zu konkre-
ten Schritten zu veranlassen, wohl aber
sollten die Mitgliedstaaten im Rahmen
einer „Offenen Methode der Koordina-
tion“ (OMK) gleichsam in ein Benchmar-
king-Verfahren eintreten, um gegensei-
tig voneinander zu lernen und das sozi-
ale Miteinander in der Europäischen
Union zu verbessern. Zugrunde gelegt
wurden Zielvereinbarungen, die soge-
nannten Laaken-Indikatoren, über de-
ren Erreichen oder Nicht-Erreichen je-
weils berichtet werden sollte. Zusam-
menfassende Berichte machten deut-
lich, wo die einzelnen Länder standen,
wobei ein „shaming and blaming“ aus-
geschlossen wurde. Die Verringerung
der Armutsquoten war zwar nicht quan-
tifiziert worden, gleichwohl war 2010
zum Jahr der Europäischen Union zur
Bekämpfung von Armut und sozialer
Ausgrenzung erklärt worden. Die er-
heblichen finanziellen Turbulenzen, die
mit dem Begriff Finanzkrise nur unzurei-
chend gefasst sind, verhinderten, dass
allzu positive Ergebnisse präsentiert
werden konnten. Trotzdem stand dieses
Thema ein Jahr lang in allen Mitglied-
staaten auf der Agenda und wurde zen-
tral und dezentral ausgewertet. Insge-
samt haben die Aktivitäten der Europäi-
schen Union sowohl den politischen als
auch den wissenschaftlichen Diskurs
stark internationalisiert und damit auch
neue Diskussionsforen geschaffen. 38
Inzwischen wurde für das nächste Jahr-
zehnt eine neue Strategie unter dem
Namen „Europa 2020“ programmatisch
gefasst. Da insbesondere die deutsche
Bundesregierung vehement dagegen
war, dass quantitative armutspolitische
Zielvorstellungen für jedes Mitglieds-
land verankert wurden, verständigte
man sich darauf, bestimmte soziale Pro- Verteilungsstrukturen stark auseinan- chen den Anstieg von Sozialabgaben,
blembereiche näher zu konkretisieren der entwickelt hätten. Dabei hatte sich Steuern und von Inflation nicht aus, die
und programmatisch zu fassen, die ar- die Verteilungslage in Deutschland Massenkaufkraft sinkt, der Export wird
mutsrelevant sind (z. B. Arbeitslosigkeit, schon seit Beginn der 1990er-Jahre ein- immer stärker die Stütze der Wirtschaft.
Bildungsarmut etc.). Bezogen auf Ar- seitig zu Gunsten der Wohlhabenden Doch kommt es hier zu Abschwächun-
mutszahlen einigte man sich darauf, die entwickelt. Dieser Trend ist in der ersten gen, wie in der sogenannten Finanzkri-
Zahl der Armen um 20 Millionen zu sen- Dekade des neuen Jahrhunderts noch se, dann stärkt die Bundespolitik die
ken – ließ dabei allerdings offen, wo verstärkt durch die empirische For- Endnachfrage (etwa Abwrackprämie),
dies geschehen sollte. Nun kann jedes schung, etwa Daten des Sozioökonomi- kompensiert also auf Pump, was in den
Mitgliedsland darauf hoffen, dass der schen Panels, belegt worden. Es zeigt regulären Verteilungsprozessen an Un-
andere etwas tut, um zur Absenkung sich, dass sich Einkommenszuwächse in gleichgewichten entstanden ist. Dabei
seiner Armutszahlen beizutragen. den letzten zehn Jahren in nennenswer- hat auch der Staat seinen Beitrag zur
tem Umfang nur bei den oberen zehn Verschärfung der Verteilungsungleich-
Prozent der Einkommensbezieher aus- gewichte geleistet, indem er – mit Blick
Die soziale Polarisierung hat weisen lassen, während die unteren 20 auf die tatsächliche oder bloß vermeint-
zugenommen Prozent einen Negativtrend verzeich- liche internationale Wettbewerbssitua-
nen. Die Vermögensverhältnisse sind tion – die Gewinnsteuern stark abge-
Als Oppositionsparteien fragten SPD doppelt so stark konzentriert wie die senkt und damit die private Reichtums-
und Grüne im April 1998 die damalige Einkommen. Beides zusammen sind Indi- mehrung gestützt hat, während seine
konservativ-liberale Bundesregierung, katoren, die deutlich machen, dass es Haushaltsausgaben defizitär blieben
wie sie den Zustand sozialer Polarisie- nicht nur eine starke soziale Polarisie- und bleiben.
rung in Deutschland fasse und was sie rung gibt, sondern dass sich diese auch Insgesamt handelt es sich um komplexe,
dagegen zu tun gedenke. Die damalige gerade in den letzten beiden Jahrzehn- längerfristig wirkende verteilungspoliti-
Bundesregierung wies barsch zurück, ten noch verstärkt hat. Einkommenszu- sche Ungleichgewichte national und
dass sich die Lebensverhältnisse und wächse der breiten Bevölkerung glei- europa-, sowie weltweit, die, wie die

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Die soziale Polari- ARMUT UND REICHTUM – ÖFFENTLICHE
sierung hat zuge- WAHRNEHMUNG UND
nommen. Verlierer WISSENSCHAFTLICHE ANALYSE 1945
und Gewinner ste- BIS HEUTE
hen sich immer
schroffer gegen-
über. Mit einem und jenen, die in einer gleicheren – nicht
bundesweiten Ak- gleichen – Einkommensverteilung die
tionstag demonst- Basis für sozialen und damit demokrati-
rieren Gewerk- schen Konsens sehen. Im Rahmen des
schaften und Sozi- Konzepts der Sozialen Marktwirtschaft
alverbände im wurde lange Zeit versucht, einen Aus-
September 2012 gleich zwischen diesen Positionen her-
für eine Umvertei- beizuführen, eine echte Verteilungskon-
lung von Vermö- trolle – wie von Dahrendorf angedacht
gen – war dabei allerdings nicht im Blick.
picture alliance/dpa Somit wird nunmehr der Reichtum zur
Bedrohung des „Wohlstands für alle“,
zum einen, weil eine wachsende und
sich verfestigende Armut die Folge der
sozialen Polarisierung ist, zum anderen,
weil dieser Reichtum immer wieder kri-
senhafte Zuspitzungen der Volkswirt-
schaften hervorruft – national, europa-
und weltweit. Armut bleibt folglich poli-
tisch und wissenschaftlich auf der
Agenda. 40 Zugleich geht es um die Ver-
tretung schwacher sozialer Interessen
im demokratischen Gemeinwesen. 41
Insgesamt stellt die aktuelle Verteilung
von Reichtum das in Frage, was die De-
mokratie erstmalig in Deutschland sta-
bilisiert hat, nämlich deren soziale Absi-
cherung – wie es Hermann Heller, der
Vater des Sozialstaatsgrundsatzes, be-
reits Ende der 1930er-Jahre eingeklagt
hat. 42

ANMERKUNGEN
1 Geißler, Heiner (1976): Die Neue Soziale Fra-
ge. Freiburg im Breisgau.
2 Pritzkoleit, Kurt (1957): Wem gehört Deutsch-
land. Eine Chronik von Besitz und Macht. Wien,
neuerliche Euro-Krise zeigt, eben nicht winner in diesen Prozessen stehen sich München, Basel. Derselbe (1961): Auf einer Woge
temporärer Natur sind: Da der enorme immer schroffer gegenüber. Es ist dies von Gold, Triumph der Wirtschaft. Wien, Mün-
Reichtum, gerade auch im Geldvermö- die Stunde kreativer neuer Ideen, um chen, Basel.
3 Vgl. u. a.: Mackenroth, Gerhard: Die Reform
gensbereich, immer weniger eine ren- hier wieder ein Gleichgewicht herzu- der Sozialpolitik durch einen deutschen Sozial-
tierliche Verzinsung über Realinvestitio- stellen. Angesichts des öffentlichen Ge- plan. In: Schriften des Vereins für Sozialpolitik,
nen findet, gibt es immer gewagtere samtschuldenstandes in Deutschland Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissen-
Konstruktionen im spekulativen Anlage- von über zwei Billionen Euro und nach schaften, Neue Folge, Band 4; Albrecht, Gerhard
(Hrsg.) (1952): Verhandlungen auf der Sonderta-
bereich, die über kurz oder lang in sich wie vor bestehender erheblicher Finan-
gung in Berlin, 18. und 19. April 1952; Aichinger,
zusammenbrechen. Die starke Auswei- zierungsdefizite etwa im Bildungsbe- Hans/Höffner, Joseph/Muthesius, Hans/Neun-
tung privater Altersvorsorge hat diesen reich, haben Gewerkschaften, Sozial- dörfer, Ludwig (1955): Neuordnung der sozialen
Trend noch verschärft. Zunächst „ver- verbände und Wissenschaftler im Jahr Leistungen. Köln; Auerbach, Walter/Preller, Lud-
dienen“ also die spekulativ agierenden 2012 einen Lastenausgleich angeregt, wig (1957): Sozialplan für Deutschland. Hanno-
ver; Schreiber, Wilfrid (1957): Existenzsicherheit in
Kapitalsammelstellen, dann „verlieren“ ähnlich dem nach dem Zweiten Welt- der industriellen Gesellschaft. In: Boettcher, Erik
sie. Dies gilt nicht nur für Deutschland krieg. 39 Auch Reiche selbst melden sich (Hrsg.): Sozialpolitik und Sozialreform. Tübingen;
bzw. den Euro-Raum, sondern insge- seit geraumer Zeit zu Wort und klagen Richter, Max (Hrsg.) (1955): Die Sozialreform. Do-
samt für die Europäische Union und die eine stärkere Beteiligung der Reichen kumente und Stellungnahmen. Bad Godesberg.
4 Erhard, Ludwig (1957): Wohlstand für alle.
anderen Zentren ökonomischer Macht an der Überwindung der öffentlichen
Düsseldorf.
auf der Welt. Schuldensituation ein. Aber es zeigt 5 Schelsky, Helmut (1953): Die Bedeutung des
Reichtum ist damit längst nicht mehr sich immer wieder – wie schon beim Ein- Schichtungsbegriffes für die Analyse der gegen-
bloß die Grundlage für eine individuel- setzen der Steuerbegünstigungspolitik wärtigen deutschen Gesellschaft. In: ders.: Auf
le Wohlstandsmehrung, sondern zumin- 1948 – eine scharfe Trennung zwischen der Suche nach Wirklichkeit. Gesammelte Aufsät-
ze. Düsseldorf/Köln.
dest relevante Teile privaten Reichtums jenen, die, unabhängig von einer empi- 6 Dahrendorf, Ralf (1965): Gesellschaft und De-
werden zur Gefahr nicht nur für die öko- risch validen Bestätigung, in jedem ver- mokratie in Deutschland. München.
nomische, sondern auch für die demo- dienten Euro den Garanten für öffentli- 7 Iben, Gerd (1971): Randgruppen der Gesell-
kratische Stabilität. Verlierer und Ge- chen und privaten Wohlstand sehen, schaft. Untersuchungen über Sozialstatus und

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Erziehungsverhalten obdachloser Familien. Mün- 27 Vgl. die Informationen des Robert-Koch-Ins- 34 Einen jeweils aktuellen Überblick bekommt
Ernst-Ulrich Huster

chen. tituts; URL: http://www.rki.de/DE/Content/Ge- man bei: http://www.mais.nrw.de/sozialberich-


8 Strang, Heinz (1970): Erscheinungsformen der sundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstat- te/index.php.
Sozialhilfebedürftigkeit. Beitrag zur Geschichte, tung/gbe_node.html. 35 Deutscher Bundestag (2001): Lebenslagen in
Theorie und empirischen Analyse der Armut. 28 Spätestens seit dem PISA-Schock im Dezem- Deutschland. Der erste Armuts- und Reichtumsbe-
Stuttgart. ber 2001 wissen aufmerksame (Bildungs-)Politi- richt. Unterrichtung durch die Bundesregierung.
9 Lundberg, Ferdinand (1971): Die Reichen und ker, dass in Deutschland die Bildungschancen Drucksache 14/5990; Deutscher Bundestag
die Superreichen. Deutsche Ausgabe, Frankfurt von Kindern besonders stark von ihrer Herkunft (2005): Lebenslagen in Deutschland, Der zweite
am Main. abhängen. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregie-
10 Krelle, Wilhelm/Schenk, Johann/Siebke, Jür- 29 Leibfried, Stephan/Leisering, Lutz/Buhr, Pet- rung. Drucksache 15/5015; Deutscher Bundestag
gen (1968): Überbetriebliche Ertragsbeteiligung ra/Ludwig, Monika/Mädje, Eva/Olk, Thomas/ (2008): Lebenslagen in Deutschland. Der dritte
der Arbeitnehmer. Mit einer Untersuchung der Voges, Wolfgang/Zwick, Michael (1995): Zeit der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregie-
Vermögensstruktur der Bundesrepublik Deutsch- Armut. Lebensläufe im Sozialstaat. Frankfurt am rung. Drucksache 16/9915; der vierte Armuts- und
land. Tübingen. Main. Reichtumsbericht der Bundesregierung, i. E.
11 Jungblut, Michael (1973): Die Reichen und die 30 Huster, Ernst-Ulrich (Hrsg.) (1997): Reichtum in (2012).
Superreichen in Deutschland. Reinbek bei Ham- Deutschland. Der diskrete Charme der sozialen 36 Sen, Amartya (2002): Ökonomie für den
burg. Distanz. 1. und 2. Auflage, Frankfurt am Main/ Menschen. Wege zu Gerechtigkeit und Solidari-
12 Mierheim, Horst/Wicke, Lutz (1978): Die per- New York. tät in der Marktwirtschaft. München.
sonelle Vermögensverteilung in der Bundesrepu- 31 Weinert, Andrea (1997): Das Geschlecht des 37 Merz, Joachim (2001): Hohe Einkommen, ihre
blik Deutschland. Tübingen. Reichtums … ist männlich, was sonst! In: Huster, Struktur und Verteilung. Forschungsbericht im Zu-
13 Strengmann-Kuhn, Wolfgang (2003): Armut Ernst-Ulrich (Hrsg.): Reichtum in Deutschland. sammenhang mit dem ersten Armuts- und Reich-
trotz Erwerbstätigkeit. Analysen und sozialpoliti- Frankfurt am Main/New York, S. 165–181. tumsbericht der Bundesregierung. Bonn.
sche Konsequenzen. Frankfurt/New York. 32 Hock, Beate/Holz, Gerda/Simmedinger, Re- 38 Benz, Benjamin (2004): Nationale Mindestsi-
14 Balsen, Werner/Nakielski, Hans/Rössel, nate/Wüstendörfer, Werner (2000): Gute Kind- cherungssysteme und europäische Integration.
Karl/Winkel, Rolf (1984): Die neue Armut. Aus- heit. Schlechte Kindheit? Armut und Zukunfts- Von der Wahrnehmung der Armut und sozialen
grenzung von Arbeitslosen aus der Arbeitslosen- chancen von Kindern und Jugendlichen in Ausgrenzung zur Offenen Methode der Koordi-
unterstützung. Köln. Deutschland. Frankfurt am Main. Die Studie wur- nation. Wiesbaden.
15 Deshalb der Titel: Huster, Ernst-Ulrich (1993): de inzwischen fortgesetzt und im Jahr 2012 erneut 39 Vgl. hierzu das Gutachten, das von der Ge-
Neuer Reichtum und alte Armut. Düsseldorf. in einem Abschlussbericht dokumentiert: Laub- werkschaft Verdi, dem Paritätischen Wohlfahrts-
16 Hauser, Richard/Cremer-Schäfer, Helga/ stein, Claudia/Holz, Gerda/Dittmann, Jörg/ verband u. a. im August 2012 vorgelegt worden
Nouvertné, Udo (1981): Armut, Niedrigeinkom- Sthamer, Evelyn (2012): Von alleine wächst sich ist: http://www.boeckler.de/28607_40761.htm.
men und Unterversorgung in der Bundesrepublik nichts aus … Lebenslagen von (armen) Kindern 40 Eine aktuelle Zusammenfassung des Diskussi-
Deutschland. Bestandsaufnahme und sozialpoli- und Jugendlichen und gesellschaftliches Han- onstandes bietet: Huster, Ernst-Ulrich/Boeckh,
tische Perspektiven. Frankfurt am Main. deln bis zum Ende der Sekundarstufe I. Abschluss- Jürgen/Mogge-Grotjahn, Hildegard (Hrsg.)
17 Vgl. u. a.: Zapf, Wolfgang (Hrsg.) (1977): Le- bericht der 4. Phase der Landzeitstudie im Auftrag (2012): Handbuch Armut und soziale Ausgren-
bensbedingungen in der Bundesrepublik. Sozia- des Bundesverbandes der Arbeiterwohlfahrt. zung. 2. Auflage, Wiesbaden. Die theoretische
ler Wandel und Wohlfahrtsentwicklung. SPES – Frankfurt am Main. Diskussion über den Zusammenhang von Exklusi-
Sozialpolitisches Entscheidungs- und Indikato- 33 Vgl. u. a.: Butterwegge, Christoph (Hrsg.) ons- und Inklusionsprozessen führt zusammen:
rensystem. Frankfurt am Main. (2000): Kinderarmut in Deutschland. Ursachen, Schütte, Johannes (2013): Wirkungszusammen-
Klanberg, Frank (1978): Armut und ökonomische Erscheinungsformen und Gegenmaßnahmen. hänge der „sozialen Vererbung“ multipler Depri-
Ungleichheit in der Bundesrepublik Deutschland. 2. Auflage, Frankfurt/New York; Zander, Marg- vationstatbestände im und durch das Bildungs-
SPES. Frankfurt am Main. herita (Hrsg.) (2010): Kinderarmut. Einführendes und Gesundheitswesen der Bundesrepublik
18 Hartmann, Helmut (1981): Sozialhilfebedürf- Handbuch für Forschung und soziale Praxis. Deutschland. Diss. rer. soc. Zusammenfassende
tigkeit und „Dunkelziffer der Armut“. Schriftenrei- 2. Auflage, Wiesbaden. Thesen sind bereits veröffentlicht unter dem Titel
he des Bundesministers für Jugend, Familie und „Soziale Inklusion und Exklusion: Norm, Zustands-
Gesundheit, Band 98. Stuttgart. Vgl. eine neue beschreibung und Handlungsoptionen“ in dem
Studie: Becker, Irene/Hauser, Richard (2005): angeführten „Handbuch Armut und soziale Aus-
Dunkelziffer der Armut. Ausmaß und Ursachen grenzung“, S. 104–121.
UNSER AUTOR

der Nicht-Inanspruchnahme zustehender Sozial- 41 Zimmermann, Germo/Boeckh, Jürgen (2012):


hilfeleistungen. Berlin. Politische Repräsentation schwacher sozialer In-
19 Döring, Diether/Hanesch, Walter/Huster. teressen. In: Huster, Ernst-Ulrich/Boeckh, Jürgen/
Ernst-Ulrich (Hrsg.) (1990): Armut im Wohlstand. Mogge-Grotjahn, Hildegard (Hrsg.): Handbuch
Frankfurt am Main. Armut und soziale Ausgrenzung. Wiesbaden,
20 Deutscher Bundestag: Bericht über die Le- S. 680–698.
benssituation von Kindern und die Leistungen der 42 Heller, Hermann (1930): Rechtsstaat oder Dik-
Kinderhilfen in Deutschland. Zehnter Kinder- und tatur? Berlin.
Jugendbericht, mit der Stellungnahme der Bun-
desregierung. Drucksache 13/11368 25.08.98,
URL: http://www.bmfsfj.de/doku/Publikationen/
kjb/data/download/10_Jugendbericht_gesamt.
pdf.
21 Hanesch, Walter/Krause, Peter/Bäcker, Ger-
hard/Maschke, Michael (2000): Armut und Un- Dr. phil. Ernst-Ulrich Huster, geboren
gleichheit in Deutschland. Der neue Armutsbe- 1945, ist Professor für Politikwissen-
richt der Hans-Böckler-Stiftung, des DGB und des schaft an der Evangelischen Fachhoch-
Paritätischen Wohlfahrtsverbands. Reinbek bei schule in Bochum und Privatdozent an
Hamburg.
der Justus-Liebig-Universität Gießen.
22 Hauser, Richard/Hübinger, Werner (1993):
Arme unter uns. Teil 1: Ergebnisse und Konse- Bis 2010 war er Mitglied der Nicht-
quenzen der Caritas-Untersuchung. Freiburg im regierungsgruppe der Europäischen
Breisgau. Kommission im Kontext der Nationalen
23 Zugang zum SOEP, URL: http://www.diw.de/ Aktionspläne gegen soziale Ausgren-
de/diw_02.c.221178.de/ueber_uns.html.
24 Vgl. u. a. Häußermann, Hartmut/Kronauer, zung. Zwischen 1995 und 2003 war er
Martin/Siebel, Martin (Hrsg.) (2009): An den Rektor an der Evangelischen Fachhoch-
Rändern der Städte. 3. Auflage, Frankfurt am schule RWL in Bochum. Neben zahlrei-
Main. chen anderen Publikationen veröffent-
25 Oppolzer, Alfred (1986): Wenn Du arm bist,
lichte er 2002 in Zusammenarbeit mit
mußt Du früher sterben. Soziale Unterschiede in
Gesundheit und Sterblichkeit. Hamburg. Fritz Rüdiger Volz die „Theorien des
26 Vgl. u. a. Mielk, Andreas (2000): Soziale Un- Reichtums“. 2011 erschien außerdem
gleichheit und Gesundheit: empirische Ergebnis- die dritte Auflage von „Sozialpolitik in
se, Erklärungsansätze, Interventionsmöglichkei- Deutschland“, zusammen mit Jürgen
ten. Bern.
Boeckh und Benjamin Benz.

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DIE VERSTETIGUNG SOZIALER UNSICHERHEITEN

Diskriminierende Prekarität – ein neuer Typus


unsicherer Arbeits- und Lebensformen
Klaus Dörre

Mehrheiten als Standard definieren. Historische Folie: Vollbeschäftigung


Durch die globale Finanz- und Wirt- Beschäftigungsverhältnisse und/oder und marginale Prekarität
schaftskrise noch verstärkt, erleben wir Arbeitstätigkeiten können in einem sol-
in den reichen westlichen Gesellschaften chen Fall auch subjektiv mit Sinnverlus- Um zu verstehen, was am Typus diskri-
derzeit eine Ausbreitung sozialer Unsi- ten, Partizipations- und Anerkennungs- minierender Prekarität neu ist, macht es
cherheit. Den Sozialwissenschaften fällt defiziten sowie Planungsunsicherheit Sinn, sich die historische Folie zu verge-
es noch schwer, das Neue an dieser Ent- verbunden sein (Castel/Dörre 2009, genwärtigen, auf die sich eine solche
wicklung präzise zu erfassen und S. 17). Klassifizierung bezieht. Charakteris-
analytisch zu durchdringen. Klaus Dörre Eine strukturell unsichere Erwerbstätig- tisch für die historisch kurze Phase eines
skizziert in seinem Beitrag ein Deutungs- keit muss allerdings subjektiv keines- „Kapitalismus ohne (sichtbare, d. A.) Re-
angebot, das die neue soziale Frage, wegs als prekär empfunden werden. servearmee“ (Lutz 1984, S. 186), wie er
wie sie sich zu Beginn des 21. Jahrhun-
Umgekehrt können strukturelle Prekari- sich in den ersten drei Nachkriegsjahr-
derts stellt, als Prekarisierungsprozess
tätsrisiken auch dann vorhanden sein, zehnten in Deutschland herausgebildet
begreift. Eine finanzkapitalistische Land-
nahme hat unsichere Arbeits- und Le-
wenn es sich im Bewusstsein der Betref- hatte, war, dass das sogenannte „Lohn-
bensverhältnisse und mit ihnen eine his- fenden um eine erwünschte Form der Er- gesetz“1 zeitweilig überwunden wer-
torisch neue, dis kriminierende Form der werbstätigkeit handelt. Insofern bildet den konnte. Als Folge von außerge-
Prekarität hervorgebracht. Ursachen die Prekaritätskategorie eine besonde- wöhnlichen Reallohnsteigerungen 2 lie-
sind die staatliche Arbeitsmarktpolitik, re Beziehung von Erwerbstätigen zu ih- ßen sich Armut und Prekarität in den ka-
die Feminisierung der Erwerbsarbeit und rer Biographie ab. Ein nach strukturel- pitalistischen Zentren marginalisieren.
die damit einhergehende Auflösung des len Merkmalen prekäres Arbeits- und Zwar waren sie vor allem bei Frauen,
Ein-Ernährer-Familienmodells. Obwohl Beschäftigungsverhältnis konstituiert Migranten und gering Qualifizierten
kein klar abgrenzbares Prekariat exis- eine erwerbsbiographische Problemla- noch immer bittere Realität, doch sie
tiert, gibt es unterschiedliche Ausprä- ge, die aktiv bearbeitet wird. Dabei be- entfalteten sich im Wesentlichen außer-
gungen von Prekarität, die immer mehr einflussen der Neigungswinkel der Er- halb der geschützten Lohnarbeit. Es
um sich greifen und den sozialen Zusam- werbsbiographie, individuelle Qualifi- handelte sich um eine Prekarität von
menhalt gefährden. Mithin ein erster kationen und Kompetenzen, Konstrukti- Minderheiten mit großer Nähe zu den,
Schritt zur Verbesserung dieser Situation onen von Geschlecht, Nationalität und aus der Mehrheitssicht, „sozial Verach-
ist – so die Schlussfolgerung – die Been- Ethnie sowie das Lebensalter die Art der teten“ (Dahrendorf 1967, S. 88), den ca.
digung des „ideologischen Krieges“ ge- Auseinandersetzung mit und die Bewer- fünf Prozent am untersten Rand der Ge-
gen vermeintlich leistungsunwillige „Un- tung von prekären Arbeits- und Lebens- sellschaft, die von Fürsorgeleistungen
terschichten“. I verhältnissen. abhängig waren. Die prekär Beschäf-
Bezieht man die Fremd- und Selbst- tigten befanden sich in sozialer Nach-
wahrnehmungen ein, so ist Prekarität barschaft zu eben diesen deklassierten
weder mit vollständiger Ausgrenzung Gruppen. Gemeinsam mit den Fürsor-
Begriffe: Prekarität, Prekarisierung, aus dem Erwerbssystem und absoluter gebedürftigen lebten sie in einer eige-
Prekariat Armut noch mit totaler sozialer Isolation nen Welt. Für große Mehrheiten in den
und erzwungener politischer Apathie hoch entwickelten Lohnarbeitsgesell-
Prekär steht synonym für unsicher, hei- identisch, wenngleich der Begriff solche schaften schienen sich Pauperismus und
kel oder auf Widerruf gewährt. In der Phänomene als untere Referenzpunkte Prekarität hingegen endgültig erledigt
Soziologie bezeichnet der Begriff Pre- einschließen kann. Prekarität ist eine re- zu haben.
karität unsichere Arbeits-, Beschäfti- lationale Kategorie, deren Aussage- Hauptsächlich durch Staatsintervention
gungs- und Lebensverhältnisse. Ein Er- kraft wesentlich von der Definition ge- und den Ausbau wohlfahrtsstaatlicher
werbsverhältnis gilt als prekär, wenn es sellschaftlicher Normalitätsstandards Institutionen in Gang gesetzt, ver-
nicht dauerhaft oberhalb eines von der abhängt. drängte die kapitalistisch-fordistische
Gesellschaft definierten kulturellen Mi- Mit Prekarisierung werden soziale Pro- Landnahme charakteristische Produkte
nimums existenzsichernd ist und des- zesse bezeichnet, die über die Erosion und Leistungen des traditionellen Sek-
halb bei der Entfaltung in der Arbeitstä- von Normalitätsstandards auch auf so- tors aus dem Lebensbedarf der Lohnab-
tigkeit, bei gesellschaftlicher Wert- zial Integrierte und Stammbeschäftigte hängigen, und sie mobilisierte Arbeits-
schätzung und Anerkennung, bei der zurückwirken können. Die Kategorie kräfte aus dem nicht-kapitalistischen
Integration in soziale Netzwerke, den Prekariat hingegen ist ein Neologis- Bereich für die Industrie und die mo-
Partizipationschancen und der Mög- mus, der sich aus den Wörtern Prekari- derne Dienstleistungsproduktion. Sich
lichkeit zu längerfristiger Lebenspla- tät und Proletariat zusammensetzt. Er wechselseitig verstärkend, bewirkten
nung dauerhaft diskriminiert. In fortge- thematisiert eine zeitgenössische Vari- beide Prozesse eine „fortschreitende
schrittenen Kapitalismen bedeutet Pre- ante jener „gefährlichen Klassen“, de- Zerstörung der bisher für den traditio-
karität, dass Beschäftigte aufgrund ih- nen eine Neigung zu gezielten Regel- nellen Sektor konstitutiven Strukturen,
rer Tätigkeit und deren vertraglicher verletzungen bis hin zu gewalttätigen Produktionsweisen, Lebensformen und
Einbettung deutlich unter das wohl- Revolten zugeschrieben wird (Standing Verhaltensorientierungen“. Diese „inne-
fahrtsstaatliche Schutz- und Integrati- 2011). re Landnahme“ kann nach Burkart Lutz
onsniveau sinken, das gesellschaftliche durchaus in Analogie zur „äußeren

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Klaus Dörre
Landnahme“ des Imperialismus im frü-
hen 20. Jahrhundert gesehen werden
(Lutz 1984, S. 213). Die Marginalisie-
rung von Armut und Prekarität war of-
fenbar nur um den Preis einer fortschrei-
tenden Zerstörung natürlicher Lebens-
grundlagen, eines sich verschärfenden
Nord-Süd-Konflikts und wachsender
Spannungen im Inneren der entwickel-
ten Kapitalismen zu leisten. Mit der voll-
ständigen Absorption des traditionalen
Sektors verschwanden jedoch zugleich
die gesellschaftlichen Voraussetzun-
gen einer vermeintlich „immerwähren-
den Prosperität“. Die Wachstumskräfte
erlahmten und die daraus resultieren-
den Instabilitäten bereiteten das Ter-
rain für einen neuen Landnahmezyklus.

Neue Landnahme und


diskriminierende Prekarität

Während der 1980er-Jahre setzte eine


finanzgetriebene Landnahme ein, die
auf die Dynamisierung der Kapitalakku-
mulation mittels Okkupation eines
wohlfahrtsstaatlichen „Außen“ zielte,
dessen Institutionen Lohnabhängigen-
macht (Silver 2005) inkorporiert und der
Marktvergesellschaftung Grenzen ge-
setzt hatten. Finanzmarktkapitalismus
bezeichnet in diesem Kontext eine ge-
sellschaftliche Entwicklungsphase, die
durch die relative Dominanz von Anla-
gekapital geprägt wird. Ausschlagge-
bend für diese Entwicklung waren im
Wesentlichen drei Ursachenbündel.
Erstens hat die flexible Akkumulation mit
ihren Transfermechanismen (Entstehung
eines Markts für Unternehmenskontrol- ten. Um sich auf volatile Märkte mit ih- ten zu ermöglichen, suchen Unterneh-
le, Shareholder-Value-Steuerung von ren großen Schwankungen einstellen men aus der Prekarisierung von Arbeit
Unternehmen und interne Finanzialisie- und die geplanten Gewinnmargen län- Extragewinne zu ziehen. Da entspre-
rung, permanenter Standortwettbe- gerfristig garantieren zu können, sind chende Wettbewerbsvorteile leicht zu
werb) eine Planwirtschaft im Dienste Löhne, Arbeitszeiten und Arbeitsbedin- kopieren und daher nur flüchtig sind,
der Profitabilität entstehen lassen. Ren- gungen zu Restgrößen geworden, die muss der Motor dieser Art von Landnah-
dite und Gewinn erscheinen nicht mehr es flexibel an die Auftragslage anzu- me beständig durch neue Unterbie-
als Resultat wirtschaftlicher Leistungen, passen gilt. Den Druck geplanter Ge- tungskonkurrenzen, durch Ausgründun-
sondern als deren Voraussetzung. Als winnmargen geben marktbeherrschen- gen, Auslagerungen, Deregulierungen,
verbindliche Kennziffern werden sie auf de Unternehmen nicht nur an Führungs- durch Lohndumping und mittels Verro-
alle dezentralen Unternehmenseinhei- kräfte und Belegschaften weiter, auch hung des Arbeitsmarktes in Gang ge-
ten herunter gebrochen. In der Folge Zulieferunternehmen und mit ihnen ab- halten werden.
haben sich die Steuerungsformen und hängige Segmente kleinerer und mittle- Die planmäßig vorausgesetzte Stabili-
Kontrollmodi von Unternehmen ebenso rer Betriebe werden zumindest indirekt tät von Renditen zieht so für Teile der
wie die Managementstile und die Per- erfasst. Um ein an den Konjunkturver- Beschäftigten eine wachsende Unsi-
sonaleinsatzkonzepte gewandelt. Ma- lauf angepasstes „Atmen“ von Unter- cherheit der Arbeitsverhältnisse nach
nagemententscheidungen folgen zu- nehmen zu ermöglichen, gewinnen fle- sich. Weltmarktorientierte Unterneh-
nehmend Rendite- oder Gewinnvorga- xible Beschäftigungsformen und vor al- men operieren z. B. mit einem Head-
ben und nicht zuletzt den Egoismen, die lem externe Flexibilisierungsinstrumente count (Planvorgaben für Vollzeitstellen),
aus Aktienoptionen und Gewinnbeteili- wie z. B. Befristungen, Fremdvergaben, der auf dezentrale Einheiten und Pro-
gungen für Spitzenmanager resultieren. Werkverträge und Leiharbeit in den duktionsaufgaben herunter gebrochen
Auf diese Weise ist ein Regime der kurz- Wertschöpfungssystemen an Bedeu- wird. Sofern das betriebliche Manage-
fristigen Zeit entstanden, das über ei- tung. Offenkundig macht das finanzka- ment mehr Personal benötigt, bieten
nen abstrakten, marktzentrierten Kont- pitalistische Regime Methoden der Ge- sich Leiharbeiter oder Werkvertrags-
rollmodus für eine Verstetigung der winnsteigerung wieder attraktiv, die auf nehmer an, weil diese als Sachkosten
Konkurrenz in Betrieben und unter den der Verlängerung von Arbeitszeiten, geführt werden können. Mit hohen Leih-
Beschäftigten sorgt. auf Lohnkürzungen sowie der Ver- arbeiteranteilen und expansiven Fremd-
Hier lässt sich eine erste wesentliche Ur- schlechterung von Arbeitsbedingungen vergaben werden zugleich die Ratings
sache der neuen Prekarisierung veror- beruhen. Um hohe Eigenkapitalrendi- und Rankings von Analysten bedient,

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Ein IG-Metall- DISKRIMINIERENDE PREKARITÄT – EIN
Verhandlungsfüh- NEUER TYPUS UNSICHERER ARBEITS-
rer sitzt anlässlich UND LEBENSFORMEN
einer Kundgebung
vor einer Wand
aus Kartons, die markantes Beispiel. 3 Tatsächlich setzte
nach einer Ge- die neue Landnahme in den 1970er-Jah-
werkschaftsumfra- ren auch an solch patriarchalischen Fa-
ge die Zusammen- milienstrukturen an. Soweit sie, nicht zu-
setzung der Be- letzt unter dem Einfluss der feministi-
schäftigten in der schen Bewegung, dazu beitrug, dass
Metallindustrie Frauen sich aus diskriminierenden Struk-
abbilden. Leih- turen lösen und so bessere Bildungs-
arbeit wird von und Beschäftigungschancen erschlie-
der Management- ßen konnten, wirkte der Landnahmepro-
seite strategisch zess auch real als kulturelle Befreiung.
genutzt, um einen Trotz dieses emanzipatorischen Ge-
Teil der Beschäftig- halts beinhaltet die Freisetzung aus
ten bei Löhnen und ständisch-patriarchalen Abhängigkei-
Arbeitsbedingun- ten aber auch ein gegenläufiges Mo-
gen unter die ment. Das weibliche Erwerbspersonen-
durch sozial ge- potential ließ und lässt sich bis heute
schützte Lohn- trefflich nutzen, um den Reservearmee-
arbeit geschaffe- mechanismus zu reaktivieren. Die be-
nen Standards zu sonderen Ansprüche an Erwerbsarbeit
drücken. und die im „weiblichen“ Arbeitsvermö-
picture alliance/dpa gen enthaltenen Fähigkeiten, sich rasch
auf flexible Arbeits- und Beschäfti-
gungsformen einstellen und mit prekä-
ren Verhältnissen arrangieren zu kön-
nen, machten Frauen zu bevorzugten
Kandidatinnen für eine asymmetrische
Integration in die neue Produktionswei-
se. Die feministische Kritik an der Herr-
schaftsdimension der sozial geschütz-
ten Normalarbeit wurde gewisserma-
ßen vom hegemonialen „Geist des Ka-
pitalismus“ (Boltanski/Chiapello 2003)
aufgesogen und aus einem Befreiungs-
projekt allmählich in eine Legitimation
die niedrige Personalkosten generell dramatische Veränderung des gesell- unsicherer Beschäftigung überführt
positiv bewerten. Auf diese Weise füh- schaftlichen (Re-)Produktionsmodells (Fraser 2009). Grundlegend für diese
ren hohe Renditeziele, die sich in kom- vollzogen. Entstanden sind flexible Pro- ideologische Uminterpretation ist, wie
plexen Wertschöpfungssystemen im duktions- und Lebensweisen, die auf ei- auch in anderen Fällen, ein Ideensys-
Grunde gar nicht einlösen lassen, zu ei- ner starken Polarisierung von Teilar- tem, das Freiheit ausschließlich negativ,
ner permanenten Überforderung nicht beitsmärkten beruhen. Die Institution d. h. als Abwesenheit von Zwang defi-
nur exportorientierter Unternehmen. der sozial geschützten Vollzeitbeschäf- niert.
Einkommens- und Beschäftigungsrisiken tigung dünnt aus. Zugleich verzeichnen Insofern ist der aktuelle Prekarisierungs-
müssen vor allem unsicher Beschäftigte sogenannte atypische und zumeist schub Ausdruck einer doppelten Macht-
abfedern. Prekäre Beschäftigungsfor- eben prekäre Beschäftigungsformen verschiebung. Er entspringt sowohl der
men wie die Leiharbeit werden von der (Leiharbeit, Befristung, geringfügige Erosion von Lohnarbeiter- als auch einer
Managementseite strategisch genutzt, Beschäftigung, Teilzeit) einen rasanten Auflösung von ständisch-patriarchaler
um einen Teil der Beschäftigten bei Löh- Anstieg. Macht. So zielt die finanzgetriebene
nen und Arbeitsbedingungen systema- Landnahme explizit auf eine Schwä-
tisch unter die durch sozial geschützte chung inkorporierter Lohnabhängigen-
Lohnarbeit geschaffenen Standards zu Feminisierung von Erwerbsarbeit macht (Dörre 2010). Die Ausdünnung
drücken. kollektiver Schutzrechte und der Siche-
Dabei gilt es ein zweites Ursachenbün- Bevor diese Entwicklung in ihren struktu- rungssysteme trifft besonders jene Be-
del zu berücksichtigen. Staatliche Poli- rellen Ausprägungen genauer betrach- reiche, in denen die Organisations-
tik hat die soziale Verunsicherung, die tet wird, sei ein drittes Ursachenbündel macht von Gewerkschaften seit jeher
von der finanzkapitalistischen Land- angesprochen. Der neuerliche Prekari- nur schwach entwickelt ist. Das gilt für
nahme ausgeht, zusätzlich verstärkt. Al- sierungsschub ließ sich gerade in den Niedriglohn- und den Non-Profit-
ler Wehklagen über den vermeintlich Deutschland nur durchsetzen, weil er Sektor mit ihren überdurchschnittlichen
„überregulierten“ deutschen Arbeits- mit einem Angriff auf ständische Privile- Frauenanteilen und die von kleineren
markt zum Trotz hat sich – häufig noch gien und Dominanzverhältnisse verbun- und mittleren Betrieben geprägten Re-
innerhalb der überkommenen institu- den war. Die Verkoppelung von Normal- gionen ebenso wie für die expandieren-
tionellen Hüllen, also trotz formal fort- arbeitsverhältnis und Ein-Ernährer-Fa- den Segmente mit „immaterieller“ Ar-
bestehender Tarifautonomie, Mitbe- milienmodell, wie sie in Westdeutsch- beit, in denen es häufig nicht einmal Be-
stimmung, Kündigungsschutz – eine land lange vorherrschte, ist hierfür ein triebsräte gibt. Vor allem in der Kultur-

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Klaus Dörre
wirtschaft, im Medienbereich und dem 2010). Rechnet man die stille Reserve ar- werbstätige mit zusätzlichem Leistungs-
Non-Profit-Sektor mit seinen Weiterbil- beitswilliger, aber nicht anspruchsbe- bezug aus dem ALG II, von ihnen waren
dungsträgern, Beschäftigungs- und rechtigter Personen hinzu, so muss man 339.000 Vollzeiterwerbstätige. 2005
Transfergesellschaften sind die Gren- noch immer von ungefähr fünf Millionen hatte es im Jahresdurchschnitt ca.
zen zwischen kreativer und prekärer Ar- Erwerbslosen oder Unterbeschäftigten 880.000 dieser sogenannten „Aufsto-
beit fließend geworden. Mit voller ausgehen. cker“ gegeben. Seither wächst deren
Wucht trifft die Prekarisierung einfache, Noch gravierender ist, dass die Annä- Zahl beständig. Allein seit 2009 lässt
niedrig entlohnte Tätigkeiten. Das sind herung an die Rekorderwerbstätigkeit sich eine Zunahme um fünf Prozent
häufig personenbezogene Dienstleis- in erster Linie auf der Expansion unsi- (71.000) verzeichnen. Würden alle Be-
tungen im Pflegebereich, der Gastrono- cherer Beschäftigungsverhältnisse be- rechtigten tatsächlich ALG-II-Leistun-
mie, im Hotelgewerbe oder auch ar- ruht. Sogenannte atypische Beschäfti- gen in Anspruch nehmen, läge die Zahl
beitsintensive Boten- und Helfertätig- gungsverhältnisse, die in wichtigen der „Aufstocker“ nach Schätzungen
keiten. All dies wird aber nur möglich, Branchen allerdings bereits die Regel noch einmal um ca. zwei Millionen Per-
weil die Erosion ständischer Privilegien sind, haben stark zugenommen. 2008 sonen höher.
und Machtressourcen, wie sie etwa im gab es bei 34,7 Millionen Erwerbstäti- Solche Daten verweisen auf tiefe Spal-
Normalarbeitsverhältnis auch ange- gen immerhin 7,7 Millionen atypisch Be- tungen am Arbeitsmarkt, die in dieser
legt sind, als Befreiung erfahren wird. schäftigte sowie 2,1 Millionen Solo- Form für Deutschland neu sind. Im Grun-
Aus der Perspektive einer Feminisierung Selbständige. Binnen zehn Jahren ist de hat sich die Realentwicklung jenem
von Arbeit sind andere Bewertungen die Zahl der atypischen Beschäfti- „Zonenmodell“ angenähert, das Robert
prekärer Arbeits- und Lebensverhältnis- gungsverhältnisse um 46,2 Prozent (bei Castel zu Beginn des Jahrzehnts im Sin-
se möglich, als sie in von sozialem Ab- den geringfügig Beschäftigten eine ne einer Arbeitshypothese skizziert hat-
stieg bedrohten oder davon betroffe- Steigerung um 71,5 Prozent) und die der te. Faktisch will das „aktivierende“ Ar-
nen Gruppen gang und gäbe sind. Solo-Selbständigen um 27,8 Prozent beitsmarktregime eine vollständige Ent-
gestiegen. Demgegenüber haben die koppelung sozialer Gruppen von regu-
Normalarbeitsverhältnisse um drei Pro- lärer Erwerbsarbeit verhindern, indem
Struktur- und Verarbeitungsformen zent abgenommen. Zwar gilt, dass nicht es die Zone der Verwundbarkeit mit un-
diskriminierender Prekarität jede atypische Beschäftigung prekär geschützter, prekärer Beschäftigung
sein muss; im Durchschnitt sind nicht- ausweitet. Die Lohnentwicklung signali-
Im Zuge einer mehrdimensionalen Land- standardisierte Arbeitsverhältnisse je- siert, dass die Aufspaltung in Zonen un-
nahme ist ein Sektor mit prekären Ar- doch mit deutlich niedrigeren Einkom- terschiedlicher Sicherheit mit einem
beits- und Lebensverhältnissen entstan- men sowie höheren Arbeitslosigkeits- dramatischen Machtgefälle am Ar-
den, der sich durch äußerst heterogene und Armutsrisiken verbunden (Statisti- beitsmarkt einhergeht. Während das
Lagen und subjektive Verarbeitungsfor- sches Bundesamt 2009, 2008). unterste Viertel der Lohnbezieher inner-
men auszeichnet. Die globale Finanz- Dazu passt, dass, Pensionäre, Schüler halb von zehn Jahren (1997–2007)
und Wirtschaftskrise hat der Prekarisie- und Studierende eingeschlossen, inzwi- deutliche Reallohneinbußen zu ver-
rungsdynamik in Deutschland eine ei- schen ca. 23 Prozent der Erwerbstäti- zeichnen hatte, konnten Lohnabhängi-
gentümliche Wendung verliehen. So gen im Niedriglohnsektor beschäftigt ge in noch halbwegs geschützter Be-
trifft zu, dass die Arbeitslosigkeit seit sind und damit weniger als zwei Drittel schäftigung ihren Lebensstandard eini-
der konjunkturellen Belebung, die auf des Medianlohns verdienen. Die höchs- germaßen halten oder ihre Einbußen
den weltwirtschaftlichen Einbruch ten Anteile weisen Frauen und gering zumindest begrenzen (Statistisches
2008/09 folgte, wieder sinkt. Hatte die Qualifizierte auf. Jedoch verfügen rund Bundesamt 2009).
Zahl der Arbeitslosen 2005 zeitweilig drei Viertel aller Niedriglohnbezieher In dem prekären Sektor, der seit Mitte
die Fünf-Millionen-Grenze überschrit- über eine abgeschlossene Berufsaus- der 1990er-Jahre rasch expandiert,
ten, wurden im Juli 2010 in Deutschland bildung oder gar über einen akademi- wird der Preis der Arbeitskraft systema-
noch rund 3,2 Millionen Arbeitslose re- schen Abschluss. Trotz solcher Qualifi- tisch unter ihren Wert gedrückt, so dass
gistriert. Lag die Quote 2005 im Jahres- kationen zeichnet sich der deutsche der Staat großzügig Beschäftigungs-
durchschnitt bei 11,7 Prozent, so ist sie Niedriglohnsektor im internationalen verhältnisse subventionieren muss, de-
2009 auf durchschnittlich 8,2 Prozent Vergleich durch eine geringe Aufwärts- ren Entlohnung die Arbeitenden nicht
und im Juli 2010 auf 7,0 Prozent abge- mobilität und eine enorme Lohnsprei- mehr ernährt. 50 Milliarden Euro Steu-
sunken. Inzwischen hat die Arbeitslo- zung aus. 3,6 Prozent der Beschäftigten ergelder sind auf diese Weise während
senzahl gar die magische Drei-Millio- (1,15 Millionen) verdienen weniger als der letzten Jahre in den Niedriglohn-
nen-Grenze unterschritten. fünf Euro pro Stunde (Weinkopf 2010; sektor geflossen. Es kann kein Zweifel
Diese beeindruckenden Zahlen wirken Bosch/Weinkopf 2007). In Extremfällen bestehen, dass die aktivierende Ar-
allerdings weniger glanzvoll, wenn sind die Stundenlöhne auf 1,50 bis zwei beitsmarktpolitik diesen Prozess nicht
man bedenkt, dass sie zum guten Teil Euro (Toilettenfrauen an Autobahnen, nur beschleunigt, sondern ihn auch in
auf einer statistischen Bereinigung be- Stuhlmieter im Friseurgewerbe) gesun- eine bestimmte Richtung gelenkt hat.
ruhen. Als arbeitslos werden nur solche ken. Letzteres erklärt, weshalb die Be- Dies freilich nicht, weil Hartz IV die Er-
Personen registriert, die dem Arbeits- darfsgemeinschaften und die Bezieher werbsorientierungen Langzeitarbeits-
markt uneingeschränkt zur Verfügung von Arbeitslosengeld II trotz reduzierter loser entscheidend verändert hätte.
stehen. Maßnahmeabsolventen, Ein- Arbeitslosigkeit kaum weniger werden. Wie u. a. eine Langzeituntersuchung
Euro-Jobber und temporär erwerbsun- Die Zahl der erwerbsfähigen Hilfebe- von ALG-II-Beziehern belegt (Booth
fähige Personen tauchen in der Statistik dürftigen (SGB II) ist zwischen 2005 u. a. 2012), handelt es sich bei der Figur
nicht mehr auf. Mitgezählt werden die- und 2009 von ursprünglich 4,981 Millio- des passiven Leistungsempfängers, der
se Gruppen hingegen bei der offiziell nen nur leicht auf 4,907 Millionen Perso- sich, der Arbeit entwöhnt, vom Leis-
registrierten Unterbeschäftigung, die – nen zurückgegangen. Zugleich sind im- tungsethos und dem Aufstiegswillen der
auch ohne Berücksichtigung der Kurz- mer mehr Beschäftigte auf zusätzliche Mittelklassen verabschiedet hat, um ein
arbeit – in den letzten Jahren kaum ge- Transfers angewiesen. Im März 2010 ideologisches Zerrbild, dessen mediale
sunken ist (von mehr als 4,9 Millionen verzeichnete die Bundesagentur für Ar- Inszenierung die Arbeitslosen zusätz-
2007 auf gut 4,7 Millionen im März beit (BA) insgesamt 1,359 Millionen Er- lich diskriminiert. Die große Mehrzahl

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der ALG-II-Bezieher ist aus eigenem An- und Werkverträgen (Holst u. a. 2009), DISKRIMINIERENDE PREKARITÄT – EIN
trieb aktiv. Häufig handelt es sich um wie sie inzwischen von stilbildenden NEUER TYPUS UNSICHERER ARBEITS-
„arbeitende Arbeitslose“, die mit Gele- Unternehmen praktiziert wird, nicht UND LEBENSFORMEN
genheitsjobs, Maßnahmen, Bürger-, Fa- möglich. Strategische Nutzung bedeu-
milien- und Eigenarbeit leicht auf eine tet, dass die Leiharbeiter bei laufender
48-Stunden-Woche kommen. Insofern Konjunktur dauerhaft im Betrieb sind. sparen Entlassungskosten und die gro-
zielt die Passivitätsvermutung, die der Sie machen die gleichen Arbeiten wie ßen Zeitarbeitsfirmen verzeichnen ex-
Anwendung strenger Zumutbarkeitsre- die Stammbeschäftigten, das jedoch – orbitante Gewinne auf Kosten prekär
geln zugrunde liegt, ins Leere. zumindest bis zum jüngsten Tarifab- beschäftigter Lohnabhängiger „zwei-
Dass das aktivierende Arbeitsmarktre- schluss in der Metallindustrie – im ter Klasse“. Die weniger als drei Prozent
gime dennoch wirkt, hat einen anderen Durchschnitt für 30 bis 50 Prozent we- Leiharbeiter unter den Erwerbstätigen
Grund. Offenbar ist „die Beschäfti- niger Lohn. Wie die Krise gezeigt hat, stellen indessen nur die Spitze eines
gungsschwelle (…) gesunken“ (FAZ ist der Kündigungsschutz für diese Eisbergs dar. Seit die Leiharbeit teurer
2010). Entsprechende Kommentierun- Gruppen im Grunde außer Kraft ge- wird, greifen die Unternehmen auf Aus-
gen verschweigen jedoch das entschei- setzt. Die entleihenden Unternehmen weichstrategien zurück und nutzen ver-
dende Faktum: Hartz IV hat offenkundig
einen gesellschaftlichen Status unter-
halb einer Schwelle der Respektabilität
geschaffen. Das nicht nur, weil die Re-
gelsätze die Leistungsbezieher in – re-
lativer – Armut verharren lassen. Hartz
IV, das bedeutet staatliche Kontrolle
des gesamten Alltagslebens. Eigentum,
Schonvermögen, Größe der Wohnung,
Formen des Zusammenlebens, Kinder-
erziehung und selbst der Umfang eines
Geburtstagsgeschenks – alles kann
zum Gegenstand bürokratischer Auf-
sicht und Reglementierung werden. Fi-
nanzen, Wohnverhältnisse und Lebens-
weise werden für die kontrollierende
Instanz transparent. Wer so leben muss,
der steht beständig unter dem General-
verdacht, die Gesellschaft als „Schma-
rotzer“ zu belasten. Eine Konsequenz
dieses Regimes ist eine Grundhaltung
von Betroffenen, die – als Reaktion auf
gesellschaftliche Missachtung und ver-
weigerte Anerkennung – zum Rückzug
aus sozialen Netzen, Freundeskreisen,
zu Einkapselung oder zum Aufrechter-
halten von Fassaden führt, die mit dem
wirklichen Leben längst nichts mehr ge-
mein haben. Es sind solche Anpassun-
gen an entwürdigende Verhältnisse,
die jene Phänomene miterzeugen, wel-
che mit Schlagworten wie Leistungsver-
weigerung oder Verwahrlosung öffent-
lich diskutiert werden.
Ein Status, der auf gesellschaftlichem
Nicht-Respektiert-Sein beruht, schreckt
vor allem diejenigen ab, die sich noch
in regulärer Arbeit befinden. Wer die
Chance dazu hat, unternimmt alles, um
Hartz IV zu vermeiden. Exakt das ist
gemeint, wenn von wachsender Kon-
zessionsbereitschaft und sinkender Be-
schäftigungsschwelle die Rede ist.
Nicht die Arbeitslosen werden arbeits-
williger; vielmehr wächst auch und ge-
rade bei den Noch-Beschäftigten die
Bereitschaft, niedrig entlohnte, unsi-
chere, stark belastende Jobs anzuneh-
men. Die Unternehmen nutzen diese Hartz IV-Kürzung wegen Omas Geburtstagsgeschenk? Nach fünf Jahren Rechtsstreit hat
Motivation bereitwillig für Flexibilisie- das Bundessozialgericht in Kassel am 23.8.2011 entschieden, dass Geldgeschenke der
rungsstrategien, die de facto zwei Großmutter für deren Enkelkinder nicht auf den Hartz IV-Satz der Mutter angerechnet
Klassen von Lohnabhängigen schaffen. werden dürfen. Hartz IV bedeutet Offenlegung und Kontrolle des gesamten Alltags-
Ohne die Hartz-Reformen wäre die lebens – alles kann zum Gegenstand bürokratischer Aufsicht und Reglementierung
strategische Nutzung von Leiharbeit werden. picture alliance/dpa

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Klaus Dörre
stärkt Werkverträge und Subunterneh- zu schaffen; lässt man in seinen An- sage auf dem Weg in eine bessere so-
mer. strengungen nach, droht die Gefahr ei- ziale Position, teilweise kommt es aber
Im gesamten prekären Beschäftigungs- ner dauerhaften Benachteiligung bis auch zu einer Verstetigung prekärer
sektor haben sich andere Regulierungs- hin zum Ausschluss von regulärer Er- Verhältnisse (Pelizzari 2009, S. 175–
formen von Sozial- und Arbeitsbezie- werbsarbeit. 321).
hungen durchgesetzt als in den durch Die gesellschaftliche Ausdehnung ei- Neu ist nicht diese Heterogenität an
Tarifverträge und Mitbestimmung noch ner „Zone der Vulnerabilität“ (Castel sich, wohl aber (3) die Tatsache, dass
einigermaßen geschützten Bereichen. 2000) bedeutet (2), dass entsprechen- sich überkommene Formen von Prekari-
In der Zone der Vulnerabilität wird ge- de Erfahrungen im Beschäftigungssys- tät, wie sie sich seit jeher bei Frauen und
wissermaßen „Repression gegen Angst“ tem dauerhaft etabliert werden. Nicht Migranten finden, zunehmend mit Pre-
getauscht (Artus u. a. 2009). Insofern diese Grunderfahrung, wohl aber de- karisierungserfahrungen zuvor gesi-
handelt es sich tatsächlich um ein sozial ren Verarbeitung differiert nach Le- cherter Gruppen, aber auch mit einer
erzeugtes „Außen“, um externe Märkte, bensalter, Geschlecht, Nationalität, Freisetzung aus ständisch-patriarcha-
in welchen autoritäre Herrschaft durch Qualifikation und sozialer Herkunft. len Abhängigkeiten mischen. In dieser
Vorgesetzte, disziplinierender Druck, Schon deshalb existiert weder eine ho- Gemengelage unterschiedlicher For-
Rechtsbeugungen und elektronische mogene Unterschicht noch ein klar ab- men der Prekarisierung ist die verunsi-
Kontrolle den geregelten Tausch von grenzbares Prekariat. Stattdessen lässt chernde Wirkung das Übergreifende,
Arbeitskraft gegen faire Löhne ersetzen sich eine Vielzahl unterschiedlicher Gemeinsame. Denn die Angst vor Sta-
oder überlagern. Ausprägungen von Prekarität identifi- tusverlust treibt auch relevante Teile der
zieren (Castel/Dörre 2009). Prekäre Beschäftigten um, die sich formal noch
Beschäftigung kann z. B. bei Akademi- in geschützter Beschäftigung befinden
Spezifika diskriminierender Prekarität kern mit kreativer Arbeit einhergehen. (Dörre u. a. 2009). Solche Ängste ent-
Umgekehrt kann eine geschützte Voll- sprechen nicht unbedingt objektiven
Diese Entwicklung vor Augen, lässt sich zeitbeschäftigung arbeitsinhaltlich völ- Bedrohungen, sie sind aber auch nicht
genauer bestimmen, worin das Neue lig unbefriedigend, monoton und über- bloßes Indiz übersteigerter Sicherheits-
diskriminierender Prekarität besteht. aus belastend sein (Paugam 2009, bedürfnisse. Standortkonkurrenzen, Re-
Wie der deutsche Fall belegt, haben S. 175–196). Prekarität der Arbeit und allohnverlust und die schleichende Aus-
sich (1) Strukturformen von Prekarität Prekarität der Beschäftigung können höhlung von Kollektivvereinbarungen
herausgebildet, deren Ausbreitung im aber auch strukturell zusammenfallen, nähren selbst im gewerkschaftlich or-
Grunde durch überschüssigen Reichtum ohne subjektiv so wahrgenommen zu ganisierten Kern der Arbeitnehmer die
verursacht wird. Eine finanzgetriebene werden. Mitunter ist Prekarität nur ein Befürchtung, den Anschluss an die Mit-
Landnahme, die Forderungen (Rendite- temporärer Zustand, eine Statuspas- telschichten zu verlieren.
und Gewinnziele) generiert, welche zu
befriedigen die Realwirtschaft gar nicht
in der Lage ist, bedarf zur Selbststabili-
sierung eines Modus Operandi, der
fortwährend neue, unerschlossene Ver-
mögenswerte in den Kapitalkreislauf
einspeist. Dazu gehört auch die Nut-
zung des Reservearmeemechanismus.
Es geht nicht nur darum, dass – wie Da-
vid Harvey (2005, S. 140) argumentiert
– die Unternehmen „Arbeiter zu einem
bestimmten Zeitpunkt kurzerhand aus
dem System“ heraus werfen, „um sie zu
Zwecken der Akkumulation zu einem
späteren Zeitpunkt zur Verfügung zu
haben“. Vielmehr hat sich ein prekärer
Sektor herausgebildet, dessen unteren Zwei Finger halten
Referenzpunkt jene „Überflüssigen“ bil- vier Zwei-Euro-
den, die ohne jede Chance auf Integra- Münzen. Der Bun-
tion in reguläre Erwerbsarbeit sind. Zwi- destag hat im
schen den Segmenten noch immer ver- Februar 2011 der
gleichsweise geschützter Berufsarbeit lange umstrittenen
und diesen weitgehend entkoppelten Hartz IV-Reform
Minderheiten agiert ein sozial äußerst zugestimmt. Damit
heterogenes Prekariat, das sich mit unsi- erhielten ca. 4,7
cherer, überwiegend schlecht entlohn- Millionen erwach-
ter Beschäftigung, Fördermaßnahmen, sene Hartz IV-
Ersatzarbeit und Sozialtransfers über Empfänger rück-
Wasser hält. Prekäre Arbeits- und Le- wirkend zum 1. Ja-
bensformen konstituieren eine eigen- nuar 2011 einen
tümliche Schwebelage. Man ist nicht um fünf auf 364
wirklich „drinnen“ und nicht vollständig Euro erhöhten
„draußen“, sondern pendelt zwischen Regelsatz. 2012
beiden Polen. Beständig gilt es für die gab es dann noch
unsicher Beschäftigten, alle Energien zu einmal drei Euro
mobilisieren, um den Sprung in eine pro Monat.
bessere, integrierte Position doch noch picture alliance/dpa

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Wenngleich solche Ängste das reale Hoffnungen, Ängsten und Traditionen DISKRIMINIERENDE PREKARITÄT – EIN
Ausmaß der Bedrohung durch einen so- funktionalisieren. Sie sorgt nicht nur für NEUER TYPUS UNSICHERER ARBEITS-
zialen Abstieg übersteigen mögen, ma- eine Destabilisierung des zuvor Stabi- UND LEBENSFORMEN
chen sie doch auf ein wichtiges Charak- len (Castel 2000, S. 357). Indem sie die
teristikum der diskriminierenden Preka- einen diszipliniert und den anderen ele-
rität aufmerksam: Die neue Prekari- mentare Voraussetzungen für Wider- Hausmädchen informell beschäftigt,
sierung wirkt (4) immer auch als ein ständigkeit nimmt, fördert sie zugleich steht gleichsam symbolisch für diesen
Disziplinierungs- und Kontrollsystem. eine eigentümliche Stabilisierung der Prozess. Was Leiharbeiter für die indus-
Sie diszipliniert potentielle Arbeitskräf- Instabilität. Die Ausgeschlossenen und trielle Produktion darstellen, ist die
te für eine Produktionsweise, in der un- Prekarisierten verkörpern ein Schicksal, „24-Stunden-Polin“ (Lutz 2007, S. 210–
ternehmerische Flexibilität auf Kosten dem die noch integrierten Lohnabhän- 235) im privaten Haushalt. In den regu-
der Sicherheit und der Lebensqualität gigengruppen mit all ihrer Energie zu lär bezahlten Segmenten werden Pfle-
nicht nur, aber vor allem der prekär Be- entgehen suchen. Nicht allein abstrakte getätigkeiten von Arbeitskräften ausge-
schäftigten und Arbeitslosen garantiert Marktmacht, auch die Sichtbarkeit, die übt, die trotz ihres geringen Verdienstes
wird. Hartz IV fungiert in diesem Kon- bloße Präsenz der Opfer finanzkapi- freiwillig auf Teilzeitstellen gehen, weil
text als Symbol für eine neuartige Hier- talistischer Landnahmen wirkt als diszi- sie den beruflichen Belastungen nicht
archisierung der Arbeitswelt, die eine plinierende Kraft. Sie liefern Anschau- mehr gewachsen sind. Auch dies zeigt,
Festanstellung als Privileg erscheinen ungsunterricht für das, was Individuen dass es sich bei Feminisierung und Pre-
lässt. Was die Mehrzahl der Prekari- und Gruppen geschehen kann, wenn karisierung der Arbeitswelt häufig um
sierten mit aller Energie anstrebt, su- sie von kollektiven Abstiegsprozessen zwei Seiten einer Medaille handelt.
chen die „Normalarbeiter“ mit Zähnen erfasst werden. Das Beispiel Pflegearbeit macht auch
und Klauen zu verteidigen. An die Stelle Nicht minder bedeutsam ist, (5) dass die deutlich, weshalb (6) die Prekarisierung
einer Einbindung, die nicht allein, aber Prekarisierung zunehmend auch den allmählich jenen kritischen Punkt er-
doch wesentlich auf materieller und de- Reproduktionssektor erfasst. Flexible reicht, an dem sie selbst nach betriebs-
mokratischer Teilhabe beruhte, treten Arbeits- und individualisierte Lebens- wirtschaftlichen Maßstäben dysfunkti-
gesellschaftliche Integrationsformen, in formen erzeugen einen Bedarf an Pfle- onal zu werden beginnt. Im Grunde be-
denen marktförmige Disziplinierungs- ge- und Sorgearbeiten, die in Deutsch- seitigt die finanzgetriebene Landnah-
mechanismen, aber auch bürokrati- land vornehmlich von Frauen und noch me sukzessive jenes institutionelle
scher Zwang eine deutliche Aufwertung dazu überwiegend unbezahlt verrichtet Fundament, das die Funktionsfähigkeit
erfahren. Die Disziplinierung durch werden. Die Akademikerin im Doppel- von Märkten überhaupt erst gewähr-
Markt und Staat kann, zumal in einer verdienerhaushalt, die ein ebenfalls leistet. Ob und wie sich diese selbstzer-
reichen Gesellschaft, eine Vielzahl an akademisch ausgebildetes polnisches störerische Entwicklung umkehren lässt,
ist eine offene Frage. Die prekarisierten
Gruppen verfügen kaum über Machtres-
sourcen, Kommunikations- und Organi-
sationsformen, um kollektive Statusver-
besserungen durchzusetzen. Insofern
gleicht ihre Lage in gewisser Weise der
Situation französischer Parzellbauern,
wie sie Marx im „18. Brumaire des Louis
Bonaparte“ beschrieben hatte. Die
„Prekarier“ repräsentieren eine beson-
dere Klasse von Existenzbedingungen,
ohne jedoch über die Möglichkeiten zu
verfügen, sich als bewusste Klasse oder
zumindest Klassenfraktion formieren zu
können. Doch es gibt auch Gegenten-
denzen. Neuere Forschungen zeigen,
dass eine gewerkschaftliche oder poli-
tische Selbstorganisation prekarisierter
Gruppen unter bestimmten Vorausset-
zungen durchaus möglich ist (Choi
2010). Insofern ist noch keineswegs aus-
gemacht, dass es sich beim zeitgenössi-
schen „Prekariat“ lediglich um „totes po-
litisches Kapital“ (Wacquant 2009)
handelt.

Schlussfolgerungen

Diese Feststellung ist auch wegen der


Zusammensetzung des „globalen Ge-
samtarbeiters“ bedeutsam. Sind in
Deutschland die regulär Vollzeitbe-
schäftigten noch in der Mehrheit, stellt
sich dies in einer transnationalen Pers-
pektive völlig anders dar. In einer sol-
chen Betrachtung repräsentieren die

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Harvey, David (2005): Der neue Imperialismus.
Klaus Dörre
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Hamburg.
schützter Beschäftigung ca. 20 Prozent Artus, Ingrid/Böhm, Sabine/Lücking, Stefan/Trin- Holst, Hajo/Nachtwey, Oliver/Dörre, Klaus
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Boltanski, Luc/Chiapello, Ève (2003): Der neue trag der Otto Brenner Stiftung. OBS-Arbeitsheft
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Arbeitsvertrag verdingen müssen. 700 Booth, Melanie/Dörre, Klaus/Haubner, Tine/ Lutz, Burkart (1984): Der kurze Traum immerwäh-
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Dörre, Klaus/Röttger, Bernd (2009): Im Schatten port 2008. Fakten und Daten über die Bundesre-
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lematik individualisieren. Gleich, ob die terte Ausgabe, Wiesbaden. Statistisches Bundesamt (2009): Niedrigeinkom-
„spätrömische Dekadenz“ von Arbeits- Fraser, Nancy (2009): Feminismus, Kapitalismus men und Erwerbstätigkeit. Begleitmaterial zum
losen (Westerwelle) oder eine „steuer- und die Liste der Geschichte. In: Blätter für deut- Pressegespräch am 19. August 2009 in Frankfurt
sche und internationale Politik, 8/2009, S. 43–57. a. M. Wiesbaden.
passive“ Lazarusschicht (Sloterdijk) die
Wacquant, Loïc (2009): Die Wiederkehr des Ver-
öffentliche Debatte bestimmt, stets soll drängten – Unruhen, „Rasse“ und soziale Spal-
suggeriert werden, dass nur der Wohl- tung in drei fortgeschrittenen Gesellschaften. In:
UNSER AUTOR

stand die Arbeitslosen und prekär Be- Castel, Robert/Dörre, Klaus (Hrsg.): Prekarität,
schäftigten lähmt. Wie zu Zeiten von Abstieg, Ausgrenzung. Die soziale Frage am Be-
ginn des 21. Jahrhunderts. Frankfurt am Main/
marginalisierter Armut und Prekarität New York, S. 85–112.
fällt die Botschaft entsprechender dis- Weinkopf, Claudia (2010): Warum Deutschland
kursiver Tabubrüche immer gleich aus: einen gesetzlichen Mindestlohn braucht. In: Vor-
Jeder und jede, so sollen wir uns mer- gänge, 3/2010, S. 38–49.
ken, ist seines/ihres Glückes Schmied,
und erst die generöse Versorgung mit
ANMERKUNGEN
Sozialleistungen lädt zum Sich-Einrich-
ten in wohlfahrtsstaatliche Abhängig- 1 Als „Lohngesetz“ bezeichnet Burkart Lutz
(1984, S. 210) einen Wirkungszusammenhang,
keit ein! Unbeeindruckt vom Desaster
demzufolge „die Löhne im modernen Sektor der
an den globalen Finanzmärkten ist auch Prof. Dr. Klaus Dörre; Studium der Poli- Volkswirtschaft nicht nennenswert und dauerhaft
die Therapie klar. Mehr Markt und we- tikwissenschaft, Soziologie, Wirtschafts- über das – primär naturalwirtschaftlich definierte
niger Sozialstaat sollen „integrations- und Sozialgeschichte und Volkswirt- – Versorgungsniveau steigen können, wie es in
unwilligen“ Sozialschmarotzern Beine schaftslehre an der Philipps-Universität den ärmeren Teilen des traditionellen Sektors be-
steht.“
machen. In der Auseinandersetzung mit Marburg; danach Wissenschaftlicher 2 „Von den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts
entsprechenden Ideologemen liegt die Mitarbeiter beim Institut für Jugendfor- bis 1970 hat sich der durchschnittliche Reallohn
erste und drängendste Aufgabe einer schung und Jugendkultur e.V. Frankfurt der Industriearbeiter mehr als verdreifacht. Un-
erneuerten Sozialkritik. Erst wenn es ge- am Main/Wiesbaden; 1992 Promoti- geachtet methodischer Schwierigkeiten bei einer
vergleichbaren Bestimmung des Reallohns lässt
lingt, solch simplen, gleichwohl mobili- on; 2001 Geschäftsführender Direktor
sich festhalten, dass der Hauptteil der Verände-
sierungsmächtigen Ressentiments das des Forschungsinstituts Arbeit, Bildung, rungen in die Jahrzehnte nach dem Zweiten Welt-
Leitbild eines emanzipatorischen Wohl- Partizipation/Institut an der Ruhr-Uni- krieg fällt“ (Mooser 1984, S. 74).
fahrtsstaates und eine wirksame Politik versität Bochum; 2002 Habilitation; 3 Auf die staatssozialistischen Besonderheiten
der Entprekarisierung (Brinkmann u. a. seit 2005 Professur für Arbeits-, Indust- im Osten kann an dieser Stelle nicht eingegangen
werden. In der DDR existierte, auch wegen der
2006) entgegen zu setzen, besteht die rie- und Wirtschaftssoziologie an der niedrigen Löhne, ein Doppelverdienermodell,
Hoffnung, dass sich auf die soziale Fra- Friedrich-Schiller-Universität Jena. For- das jedoch in mancherlei Hinsicht mit einer tra-
ge am Beginn des 21. Jahrhunderts schungsschwerpunkte sind u.a. Kapita- dierten Geschlechterteilung im Reproduktionsbe-
auch angemessene Antworten finden lismustheorie, Finanzmarktkapitalismus, reich und einer geschlechterspezifischen Steue-
rung bei der Berufswahl einherging.
lassen. prekäre Beschäftigung, Green New
Deal.

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GESUNDHEITSÖKONOMISCHE ASPEKTE DER ARMUT

Zum Zusammenhang von Armut und Gesundheit


Martin Karlsson/Sarah Okoampah

heit oder die Gesundheit den sozioöko- sucht, inwiefern der Status die Gesund-
Martin Karlsson und Sarah Okoampah nomischen Status? heit beeinflusst, als auch, auf welche
gehen in ihrem Beitrag auf aktuelle Er- Die internationale Armutsgrenze liegt Weise die Gesundheit den Status be-
gebnisse der gesundheitsökonomischen derzeit bei einem Einkommen von 1,25 einflusst, da für beide Wirkungsrichtun-
Forschung ein, die sich mit dem Zusam- Dollar am Tag. Einkommen unterhalb gen plausible theoretische Einflussme-
menhang von Armut und Gesundheit be- dieser Grenze gelten als nicht ausrei- chanismen formuliert werden können.
schäftigt. Eine Vielzahl von Stu dien in chend zur Deckung der Grundnah- Nach dem ökonomischen Basismodell
diesem Bereich kommt zu dem Ergebnis, rungsbedürfnisse eines Menschen (Ra- der Gesundheit von Michael Grossman
dass der sozioökonomische Status und vallion u. a. 2009). Existentielle Armut (1972) verfügt jeder Mensch über einen
der Gesundheitszustand einer Person dieser Art ist in Entwicklungsländern bestimmten Bestand an Gesundheit,
über komplexe Mechanismen eng mitei- von Relevanz, in Industrieländern hin- der sich mit zunehmendem Alter verrin-
nander verknüpft sind. So hängt bereits gegen in aller Regel nicht existent. Hier gert und durch Investitionen in Zeit so-
die Gesundheit von kleinen Kindern stark definiert sich der Armutsbegriff viel- wie medizinische Versorgung erhöht
vom sozioökonomischen Status der El-
mehr anhand der Einkommensungleich- werden kann. Die Menschen ziehen
tern ab. Besonders während der Schwan-
heiten innerhalb der Bevölkerung, wo- Nutzen aus guter Gesundheit, weil die-
gerschaft und in der frühen Kindheit
bei als arm gilt, wer im Vergleich zum se einerseits das Wohlbefinden und an-
können geringes Einkommen, niedrige
Bildung und fehlendes Gesundheitsbe- Rest der Bevölkerung ein relativ gerin- dererseits die Zeit erhöht, die mit pro-
wusstsein der Eltern die Kindesgesund- ges Einkommen hat. Armut definiert sich duktiven Aktivitäten verbracht werden
heit langfristig beeinträchtigen. Da sich jedoch nicht notwendigerweise nur an- kann. Eine Schlussfolgerung aus dem
ein schlechter Gesundheitszustand auf hand von Einkommensunterschieden. theoretischen Modell von Grossman ist,
die schulische und berufliche Leistungs- Auch Bildungsniveau, Berufsstand, sozi- dass ein höherer Lohn die Nachfrage
fähigkeit der Kinder auswirkt, bedingt er ale Klasse, Wohnort, Macht und andere nach guter Gesundheit und Gesund-
wiederum einen eher niedrigen sozio- Merkmale bestimmen den individuellen heitsversorgung erhöht. Eine weitere
ökonomischen Status. Auf diese Weise sozioökonomischen Status (vgl. Deaton Implikation des Modells ist, dass höhere
vererbt sich die soziale Armut der Eltern 2003). Bildung zu effektiveren Investitionen in
auf die Kinder weiter. Um diesen Teufels- Das Interesse der gesundheitsökonomi- Gesundheit führt. Somit liefert das Mo-
kreis nachhaltig zu bekämpfen, rät das schen Forschung beschränkt sich nicht dell eine theoretische Basis für positive
Autorenteam zur intensiven Förderung auf Existenz und Ausmaß des Zusam- Einflüsse von Einkommen und Bildung
der Gesundheit schwangerer Frauen und menhangs zwischen sozioökonomi- auf die Gesundheit. In der Literatur wer-
kleiner Kinder, zur Stärkung des Bil- schem Status und Gesundheit. Beson- den darüber hinaus auch Einflussme-
dungserwerbs der Schichten mit niedri- dere Aufmerksamkeit kommt der Frage chanismen untersucht, die sich nicht im
gem sozioökonomischem Status und zu nach den kausalen Mechanismen zu, Rahmen des Modells erklären lassen.
besserer gesundheitlicher Aufklärung. I die für den Zusammenhang verantwort- Der vorliegende Artikel bietet einen Ein-
lich sind. Hierbei wird sowohl unter- blick in aktuelle Ergebnisse der gesund-

Status und Gesundheit gehen Hand


in Hand Abbildung 1: Pro-Kopf-Einkommen versus Lebenserwartung, Länder der Erde

In Deutschland sind Menschen mit ei-


nem hohen Einkommen gesünder, selte-
ner übergewichtig und rauchen seltener
als geringer Verdienende. Dies gilt auch
für Personen mit hohem Schulabschluss
im Vergleich zu Personen mit weniger
Ausbildung. Darüber hinaus sind Er-
werbstätige im Vergleich zu Arbeitslo-
sen gesünder, sportlich aktiver und sel-
tener von Depressionen betroffen. Auch
in anderen Ländern findet man sozio-
ökonomische Unterschiede im Gesund-
heitszustand. Zusätzlich zeichnet sich
aus globalem Blickwinkel eine Verbin-
dung zwischen sozioökonomischem
Status und Gesundheit ab: Länderver-
gleiche deuten auf einen positiven Zu-
sammenhang zwischen dem Pro-Kopf-
Einkommen und der durchschnittlichen
Lebenserwartung hin (vgl. Abbildung 1).
Allerdings ist unklar, welche kausalen
Mechanismen diesen Beobachtungen
zugrunde liegen. Beeinflusst der
sozioökonomische Status die Gesund- Quelle: Vassar College, USA

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Martin Karlsson/Sarah Okoampah
Bereits während der
Schwangerschaft
kann der
sozioökonomische
Status der Eltern die
Gesundheit des Kin-
des beeinflussen.
Mangelernährung
oder Rauchen wäh-
rend der Schwan-
gerschaft können die
Gesundheit des noch
ungeborenen Kindes
erheblich beein-
trächtigen.
picture alliance/dpa

heitsökonomischen Forschung. Da der Deutschland liegt im Vergleich zu ande- hängt (z. B. Currie 2009; Case u. a.
sozioökonomische Status und die Ge- ren westlichen Ländern im Mittelfeld: Im 2002; Condliffe/Link 2008). Die ge-
sundheit einer Person in einem komple- Durchschnitt wird ungefähr ein Drittel sundheitlichen Unterschiede sind viel-
xen Zusammenhang zueinander stehen des wirtschaftlichen Vorteils oder fach von langfristiger Natur und ver-
und die Wechselwirkungen zwischen Nachteils eines Vaters vererbt. Dies ist stärken sich mit zunehmendem Kindes-
diesen Größen sowohl in verschiede- im Vergleich zu den skandinavischen alter.
nen Lebensphasen als auch in ihrer Ländern relativ viel, verglichen mit den Bereits während der Schwangerschaft
Langfristigkeit variieren, werden ver- angelsächsischen Ländern hingegen kann der sozioökonomische Status der
schiedene Aspekte getrennt diskutiert. nachrangig, da dort bis zu 50 Prozent Eltern die Gesundheit des Kindes beein-
der ökonomischen Unterschiede auf die flussen. Mangelernährung, Rauchen
nachfolgende Generation übertragen oder körperliche Gewalt während der
Gesundheit als soziales Erbe? werden (OECD 2010). Schwangerschaft können die Gesund-
Gesundheitsökonomische Studien zei- heit des Kindes erheblich beeinträchti-
Es ist allgemein bekannt, dass sich gen, dass nicht nur der ökonomische Er- gen. Da diese Erscheinungen häufiger
Merkmale wie Einkommens- oder Bil- folg einer Person, sondern auch der Ge- bei Frauen mit geringem Status auftre-
dungsniveau in gewissem Umfang von sundheitszustand maßgeblich vom so- ten, können sie sozioökonomische Un-
den Eltern auf die Kinder übertragen. zioökonomischen Status der Eltern ab- terschiede in der Kindesgesundheit be-

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gründen (Scholte u. a. 2012; Aizer 2011). schiede in der sozialen Herkunft könn- ZUM ZUSAMMENHANG VON ARMUT
Somit starten Kinder aus Familien mit ten somit über den gesamten Lebens- UND GESUNDHEIT
niedrigem Status möglicherweise be- verlauf fortbestehen, sich mit zuneh-
reits mit schlechteren gesundheitlichen mendem Alter weiter verstärken und
Voraussetzungen ins Leben. sich sogar noch in Todesursache und
Auch nach der Geburt kann der elterli- -zeitpunkt widerspiegeln. stand von Kindern finden. Gundersen
che Stand die Kindesgesundheit beein- und Kreider messen Nahrungsmittelun-
flussen. Man kann erwarten, dass sich Empirische Ergebnisse sicherheiten dadurch, wie häufig und in
Eltern mit höherem Einkommen gesün- welchem Ausmaß ein Haushalt an Le-
dere Nahrungsmittel, mehr und hoch- Zahlreiche empirische Studien untersu- bensmitteln sparen, oder sogar auf
wertigere Medikamente, sowie eine chen die beschriebenen Mechanismen Essen verzichten muss. Die Autoren ar-
besser ausgestattete Wohnung in einer und bestätigen diese in vielen Fällen. So gumentieren dahingehend, dass voran-
ungefährlicheren Gegend leisten kön- existiert beispielsweise Evidenz für Be- gegangene Studien den negativen Ef-
nen (Currie 2009; Gennetian u. a. 2010). einträchtigungen der Kindesgesundheit fekt von Nahrungsmittelunsicherheiten
Ein geringes Einkommen oder finanziel- durch den Status der Eltern bereits vor eher unter- als überschätzt haben.
les Missmanagement könnten einem der Geburt. Robert S. Scholte u. a. Bhattacharya u. a. finden lediglich für
Haushalt hingegen Schwierigkeiten be- (2012) konstatieren negative Auswir- Kinder im Vorschulalter einen negativen
reiten, ausreichend Nahrungsmittel zur kungen einer Hungerphase während Effekt von Armut auf den Ernährungszu-
Gewährleistung einer ausgewogenen der Schwangerschaft, während Anna stand. Die fehlenden Effekte bei Schul-
Ernährung einzukaufen. Auch unzu- Aizer (2011) negative Effekte von kör- kindern begründen sie damit, dass der
reichendes Wissen der Eltern über eine perlicher Gewalt gegenüber der Ernährungszustand von Schulkindern
gesunde Lebensweise oder nach lässige schwangeren Mutter auf die Kindesge- unabhängiger von den Familienressour-
Einstellungen könnten sozioöko no- sundheit feststellt. Im Einzelnen analy- cen ist als der Ernährungszustand jün-
mische Unterschiede in der Kindes- sieren Scholte u. a. die Auswirkungen gerer Kinder, weil Schulkinder auch in
gesundheit hervorrufen. Beispielsweise der Hungersnot des Winters 1944/45 in der Schule oder bei außerschulischen
könnten Eltern mit geringem sozioöko- den Niederlanden. Sie betrachten Aktivitäten Nahrung zu sich nehmen
nomischen Status es für unbedenklich Krankenhausaufenthalte und Arbeits- können.
oder unwichtig halten, dass ein Kind marktergebnisse von Personen, die Auch eine Verstärkung sozioökonomi-
Husten hat (Currie 2009). Darüber hin- während der Hungersnot in utero wa- scher Unterschiede im Gesundheitszu-
aus könnte der Beschäftigungsstatus ren, über 50 Jahre später. Die Autoren stand mit steigendem Kindesalter wird
der Eltern für die Kindesgesundheit von finden Einflüsse der Hungersnot auf empirisch bestätigt (z. B. Case u. a.
Bedeutung sein. Herz-Kreislauf-Bedingungen, nicht je- 2002; Currie/Stabile 2003). Janet Cur-
Auch für eine Verstärkung gesundheitli- doch auf Krebserkrankungen. Auch rie und Mark Stabile (2003) analysieren
cher Unterschiede mit ansteigendem wird für die Betroffenen eine geringere außerdem mögliche Ursachen für die
Kindesalter gibt es Argumente. Bei- Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz fest- ansteigenden Unterschiede. Sie zeigen
spielsweise könnte ein Kind mit gerin- gestellt. Aizer untersucht die Effekte von für kanadische Kinder mit geringem so-
gem Status nach einem gesundheitli- Gewalt gegenüber Schwangeren in zioökonomischen Status, dass diese
chen Schock, wie einer Krankheit oder den USA und findet ähnlich verheeren- zwar langsamer auf gesundheitliche
einem Unfall, nur mangelhaften Zugang de Gesundheitsfolgen für das Kind wie Schocks reagieren als Kinder mit höhe-
zu einer Gesundheitsversorgung ha- durch Rauchen während der Schwan- rem Status, dass aber insbesondere die
ben, die seine schnelle und vollständige gerschaft. Ein Krankenhausaufenthalt größere Häufigkeit von gesundheitli-
Heilung herbeiführen würde. Dies könn- aufgrund eines tätlichen Angriffs redu- chen Schocks zur Erklärung der sich ver-
te zur Folge haben, dass sich das Kind ziert das Geburtsgewicht des Neuge- größernden Gesundheitsdifferenzen
noch nicht vollständig erholt hat, wenn borenen im Durchschnitt um 163 Gramm, beiträgt. Dieses Ergebnis weist darauf
es von einem erneuten Schock getroffen wobei der Effekt in früheren Schwan- hin, dass eine Politik, die allein eine ver-
wird, der daraufhin seinen allgemeinen gerschaftsphasen stärker ist. Aizer ar- besserte Gesundheitsversorgung für
Gesundheitszustand umso schwerwie- gumentiert, dass Frauen mit geringem Kinder mit geringem Status anstrebt,
gender beeinträchtigen könnte. Auf Einkommen, niedrigem Bildungsstand, der Verstärkung der gesundheitlichen
diese Weise würden sich die negativen oder solche, die einer Minderheit ange- Unterschiede mit zunehmendem Alter
Effekte von Gesundheitsschocks zeitlich hören, häufiger Opfer häuslicher Ge- nur bedingt entgegenwirken kann. Sinn-
ausdehnen und über die Zeit akkumulie- walt werden. voller wäre es, die Ursachen für die grö-
ren. Auch könnten Kinder mit geringem Zur Rolle des elterlichen Status für die ßere Häufigkeit von gesundheitlichen
Status häufiger von gesundheitlichen Kindesgesundheit im Verlauf der Kind- Schocks für Kinder mit geringem Status
Schocks getroffen werden als andere heit existiert gemischte Evidenz. Sowohl zu verstehen und zu bekämpfen (Currie/
Kinder, weil sie sich z. B. öfter verletzen, Craig Gundersen und Brent Kreider Stabile 2003).
unzureichenden Impfschutz genießen (2009) als auch Jayanta Bhattacharya Die Auswirkungen des elterlichen Status
oder unter ernährungsbezogenen Un- u. a. (2004) untersuchen die Auswirkun- sind oft sehr langfristig (z. B. Case/Pax-
regelmäßigkeiten wie Diabetes leiden gen von Nahrungsmittelunsicherheiten son 2011). Charles L. Baum II und Chris-
(Currie/Stabile 2003). auf die Kindesgesundheit in den USA, topher J. Ruhm (2009) beispielsweise
Die zeitliche Ausdehnung und schritt- während Letztere zusätzlich die Effekte stellen negative Einflüsse des sozioöko-
weise Anhäufung von Gesundheitsbe- von Armut analysieren. Gundersen und nomischen Status während der Kindheit
einträchtigungen könnte sich im Er- Kreider bestätigen einen negativen Ein- auf das Körpergewicht im späteren Le-
wachsenenalter fortsetzen und die ge- fluss von Nahrungsmittelunsicherheiten ben fest. Paul Frijters u. a. (2010) zeigen
sundheitlichen Unterschiede weiter ver- auf den Gesundheitszustand sowie auf für England und Schottland, dass die
größern. Dies wäre insbesondere dann ein gesundes Körpergewicht von Kin- Bedingungen während der Kindheit
der Fall, wenn sich der elterliche Stand dern, während Bhattacharya u. a. ent- sowohl die Lebensdauer als auch die
auch im Erwachsenenalter noch in der gegen der Erwartungen keine Evidenz Todesursache bedeutend beeinflussen
Qualität der Gesundheitsversorgung für einen Einfluss von Nahrungsmittel- können. Im Einzelnen untersuchen
widerspiegelt. Gesundheitliche Unter- unsicherheiten auf den Ernährungszu- Baum II und Ruhm die Entwicklung von

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Martin Karlsson/Sarah Okoampah
Fettleibigkeit über den Lebenszyklus in nes möglichst frühen Interventionszeit- sundheitliche Förderung am effektivsten
den USA anhand von Unterschieden im punkts werden im nachfolgenden Ab- und nachhaltigsten ist, wenn sie in frü-
sozioökonomischen Status. Sie errech- schnitt vorgebracht. Hier wird außer- hester Kindheit geschieht, ähnlich wie
nen, dass ein Jahr weniger Bildung der dem argumentiert, dass eine Verbesse- dies für die Förderung bestimmter Fä-
Mutter den Body-Mass-Index um 1,2 rung der Kindesgesundheit selbst die higkeiten gilt (Cunha/Heckman 2007).
Prozentpunkte erhöht. Dieser Effekt sozialen Ungleichheiten in der Gesell- Wenn die Kindesgesundheit außerdem
steigt mit jedem zusätzlichen Lebens- schaft verringern kann. den späteren sozioökonomischen Sta-
jahr um 0,07 Prozentpunkte an. Ähnlich tus mitbestimmt, sollte eine Politik zur
folgern Frijters u. a., dass Personen mit Reduzierung sozioökonomischer Unter-
sehr hohem Status hinsichtlich Faktoren Die langen Schatten der schiede bei der Förderung sozial be-
wie Haushaltseinkommen und Wohn- Kindesgesundheit nachteiligter Kinder ansetzen und auf
bedingungen mindestens neun Jahre diese Weise eine der Ursachen für die
länger leben als Personen mit sehr ge- Neben den Einflüssen der sozialen Her- bestehenden Ungleichheiten bekämp-
ringem Status. Ein geringes Haushalts- kunft auf die Kindesgesundheit befasst fen, anstatt sich ausschließlich auf Um-
einkommen während der Kindheit er- sich die gesundheitsökonomische For- verteilungsmaßnahmen zu konzentrie-
höht darüber hinaus über ein verstärk- schung auch mit der Frage, inwieweit ren. Nach einer umstrittenen Hypothe-
tes Rauchverhalten die Gefahr, einem sich frühe gesundheitliche Bedingun- se von David J. Barker (1990) sind die
durch Rauchen verursachten Krebslei- gen auf den sozioökonomischen Status gesundheitlichen Bedingungen des
den zu erliegen. im späteren Leben auswirken. Man späteren Lebens bereits von den Um-
Zusammengefasst zeigen die vorge- kann erwarten, dass sich ein schlechter ständen abhängig, unter denen sich
stellten Studien, dass soziale Armut der Gesundheitszustand in einer geringe- der Fötus im Mutterleib entwickelt, und
Eltern die Kindesgesundheit in hohem ren Leistungsfähigkeit in Schule, Ausbil- werden nicht erst während der Kindheit
Ausmaß beeinträchtigen kann, dass ge- dung und am Arbeitsplatz ausdrückt. geprägt. Gesundheitliche Beeinträchti-
sundheitliche Unterschiede in der sozi- Auf diese Weise könnte sich der gungen während der Schwangerschaft
alen Herkunft im Erwachsenenalter fort- sozioökonomische Status der Eltern können nach Barker für Jahrzehnte ver-
bestehen, sich mit zunehmendem Alter über die Kindesgesundheit weiterverer- borgen bleiben und erst in höherem Al-
verstärken und sogar noch in Todeszeit- ben und sich im späteren sozioökonomi- ter zutage treten (z. B. in Form von Herz-
punkt und -ursache widerspiegeln kön- schen Status der Kinder widerspiegeln, krankheiten). Darüber hinaus könnte
nen. Diese Ergebnisse sind vor allem im sobald diese erwachsen sind (Currie gesundheitsbeeinflussendes Verhalten
Hinblick auf die soziale Gerechtigkeit 2009). im Erwachsenenalter (z. B. Rauchen,
alarmierend, da Kinder ihre Herkunft Die Existenz dieser Zusammenhänge Sport oder gesunde Ernährung) durch
nicht selbst wählen können und im Ge- hätte weitreichende politische Implika- die pränatalen Bedingungen vorpro-
gensatz zu Erwachsenen keine persön- tionen. Der lebenslange Einfluss der so- grammiert werden. Barkers Hypothese
liche Verantwortung für ihre Gesund- zialen Herkunft auf den Gesundheitszu- folgend müsste eine Politik zur Verringe-
heit tragen. Es stellt sich somit die Frage stand weist darauf hin, dass eine ge- rung der sozialen Ungleichheiten in der
nach der Vermeidbarkeit dieser Unter-
schiede. Die vorgestellten Forschungs-
ergebnisse deuten darauf hin, dass Ur-
sachen wie geringes Einkommen, nied-
rige Bildung, mangelndes Wissen über
Gesundheitsvorsorge und -versorgung
sowie fehlendes Gesundheitsbewusst-
sein der Eltern für Beeinträchtigungen
der Kindesgesundheit eine Rolle spie-
len. Eine Politik zur Verringerung der ge-
sundheitlichen Unterschiede sollte also
bei diesen Parametern anknüpfen. Auf
lange Sicht wäre eine allgemeine Erhö-
hung des Bildungsniveaus in den unte-
ren sozialen Schichten sinnvoll, die zu-
gleich sowohl Einkommen als auch Ge-
sundheitsbewusstsein steigern würde.
Auf diese Weise würde die soziale Ar- Auch nach der
mut in der Gesellschaft verringert und Geburt kann der
somit der Kern des Problems bekämpft. elterliche Status
Mögliche Maßnahmen mit kurzfristiger die Gesundheit
Wirkung auf die Kindesgesundheit wä- des Kindes beein-
ren gezielte finanzielle Unterstützun- flussen. Man kann
gen und Verhaltensanreize für die Risi- erwarten, dass sich
kogruppen, wie z. B. ein freier Eintritt in Eltern mit höherem
Sportvereine für Kinder aus sozial Einkommen gesün-
schwachen Familien. Maßnahmen zur dere Nahrungsmit-
Verbesserung der Gesundheit sozial tel, eine gute me-
benachteiligter Kinder entfalten wahr- dizinische Versor-
scheinlich in frühen Phasen der Kindheit gung sowie eine
ihre größte Effektivität, da sich diverse kinderfreundliche
vergangene Gesundheitsbeeinträchti- Wohnumgebung
gungen noch nicht anhäufen konnten. leisten können.
Weitere Argumente für die Relevanz ei- picture alliance/dpa

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Gesellschaft nicht erst bei den Kindern kriminierung begründet. 2 Darüber hin- ZUM ZUSAMMENHANG VON ARMUT
ansetzen, sondern sich auf werdende aus könnten gute Ernährung und Ge- UND GESUNDHEIT
Mütter konzentrieren (Almond/Currie sundheit in utero und während der Kind-
2011). heit sowohl das körperliche Wachstum
Angesichts der wahrscheinlich großen als auch die Fähigkeit zur Ausprägung
Bedeutung der Kindesgesundheit für kognitiver Fähigkeiten fördern (Case/ Black u. a. errechnen, erhöht ein An-
das spätere Leben, könnten frühe ge- Paxson 2008). Der höhere ökonomische stieg des Geburtsgewichts um 7,5 Pro-
sundheitliche Beeinträchtigungen aller Erfolg größerer Menschen könnte also zent die spätere Körpergröße im Durch-
Art Effekte auf den späteren sozioöko- sowohl auf bessere Kindesgesundheit schnitt um knapp einen halben Zentime-
nomischen Status haben. So untersu- und somit höhere Leistungsfähigkeit, ei- ter, den Intelligenzquotienten um 0,05
chen Ökonomen die Effekte von Hun- ne besondere Ausstrahlung aufgrund Stanine, das Arbeitseinkommen um ein
gersnöten, Pandemien, Verschmutzun- der großen Körpergröße, als auch auf Prozent und das Geburtsgewicht der ei-
gen oder körperlicher Gewalt während ausgeprägtere kognitive Fähigkeiten genen Kinder um 1,1 Prozent.
der Schwangerschaft, sowie Einflüsse zurückzuführen sein. Die Bedeutung der Gesundheitsbedin-
gesundheitlicher Bedingungen wäh- gungen während der Kindheit für den
rend der Kindheit auf Größen wie Bil- Empirische Ergebnisse späteren sozioökonomischen Status
dung, Lohn, Berufsstand oder Familien- wird durch Studien von Anne Case und
stand.1 Insbesondere wird häufig ein Studien zur Rolle der Gesundheitsbe- Christina Paxson (2008, 2011) bestätigt.
positiver Zusammenhang zwischen der dingungen vor der Geburt und wäh- Case und Paxson (2008) verwenden
Körpergröße und dem Einkommen do- rend der Kindheit bestätigen Einflüsse Daten für die USA und das Vereinigte
kumentiert, was als Hinweis auf einen auf den späteren Status. Douglas Al- Königreich und analysieren Auswirkun-
positiven Einfluss guter Kindesgesund- mond (2006) untersucht z. B. die Auswir- gen der Kindesgesundheit auf das Ein-
heit auf das Einkommen gedeutet wird kungen der Grippe-Pandemie von 1918 kommen, während sich Case und Pax-
(Case/Paxson 2011). Zwar hängt die in den USA auf Personen, die zum Zeit- son (2011) auf die britische Whitehall-
Körpergröße zu einem bedeutenden punkt der Pandemie in utero waren. II-Studie 3 stützen und Effekte auf Dienst-
Anteil von der Körpergröße der Eltern Sandra E. Black u. a. (2007) hingegen grade und Beförderungen von Beamten
ab, jedoch reflektiert sie auch Unter- verwenden Körpergewichte, die unmit- messen. Beide Studien finden einen po-
schiede in der Kindesgesundheit. Wäh- telbar nach der Geburt gemessen wur- sitiven Zusammenhang zwischen so-
rend Größenunterschiede besonders den, als Indikator für die Kindesgesund- wohl der Kindesgesundheit als auch der
für arme Länder als Spiegel früher ge- heit. Beide Studien finden negative Ef- Körpergröße im Erwachsenenalter und
sundheitlicher Bedingungen gelten, fekte auf Bildungsniveau und Einkom- dem sozioökonomischen Status. Case
wird der Zusammenhang zwischen men. Almond findet darüber hinaus eine und Paxson (2011) errechnen beispiels-
Größe und Einkommen für entwickelte gesteigerte Wahrscheinlichkeit für kör- weise, dass die Wahrscheinlichkeit für
Länder auch durch Faktoren wie Selbst- perliche Behinderungen unter den von eine Beförderung um etwa vier Prozent
bewusstsein, soziale Dominanz und Dis- der Grippe betroffenen Personen. Wie geringer ist, wenn eine Person vor Errei-
chen des 16. Lebensjahres länger als
vier Wochen im Krankenhaus gelegen
hat. Case und Paxson (2008) folgern zu-
dem, dass größere Kinder bereits im Al-
ter von drei Jahren bessere kognitive
Fähigkeiten haben.
Einflüsse des Gesundheitszustands in
späteren Phasen der Kindheit werden
z. B. von Janet Currie und Mark Stabile
(2006) untersucht, die für Jugendliche in
den USA und in Kanada die Auswirkun-
gen einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hy-
peraktivitätsstörung (ADHS) messen.
Sie finden einen negativen Einfluss von
ADHS auf den Bildungserfolg und fol-
gern, dass die mentale Gesundheit für
den Bildungserfolg bedeutsamer ist als
physische Bedingungen.
Eine schlechte Kindesgesundheit wirkt
sich also negativ auf den späteren wirt-
schaftlichen Erfolg aus. In entwickelten
Gesellschaften sollte dieses Phänomen
aufgrund der enormen gesundheitli-
chen Verbesserungen für alle sozialen
Schichten im vergangenen Jahrhundert
eigentlich an Bedeutung verloren ha-
ben. Dem widersprechen allerdings die
Ergebnisse der Studie von Black u. a.
(2007), die am Beispiel Norwegen be-
legt, dass der wirtschaftliche Erfolg Be-
rufstätiger in Industrieländern auch in
der jüngeren Vergangenheit noch von
der Kindesgesundheit abhängen kann.
Darüber hinaus wird sogar beobachtet,

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Martin Karlsson/Sarah Okoampah
dass sich in den USA und in Europa die sich wiederum der Gesundheitszustand ihren Lebensstil und ihre Gesundheit
gesundheitlichen Unterschiede zwi- über die anderen genannten Kanäle auswirken (Webbink u. a. 2008).
schen den Bildungsgruppen im Zeitver- verschlechtern könnte (Sullivan/von Weiterhin stellt der Lebenswandel, wie
lauf vergrößert haben. 4 Die Gesundheit Wachter 2009). z. B. Rauchen oder Schlafgewohnhei-
hat sich demnach zwar für alle verbes- Neben dem Zusammenhang zwischen ten, eine mögliche Ursache für sozio-
sert, allerdings fielen die Verbesserun- absolutem Einkommen und Gesund- ökonomische Unterschiede im Gesund-
gen für die oberen Bildungsschichten heitszustand wird in der Literatur auch heitszustand dar, denn Menschen mit
stärker aus. Diese zeitliche Auseinan- die Rolle des relativen Einkommens für geringem Bildungsstand könnten die
derentwicklung der Bildungsgruppen die Gesundheit diskutiert, also des Ein- gesundheitlichen Risiken bestimmter
lässt sich angesichts der gesundheitli- kommens im Vergleich zum Einkommen Verhaltensweisen nicht bekannt oder
chen Errungenschaften der vergange- einer Referenzgruppe. Ein geringes re- bewusst sein. Marc Fleurbaey und Erik
nen Jahrzehnte nicht durch Unterschie- latives Einkommen könnte psychosozia- Schokkaert (2009) weisen in diesem
de in der Kindesgesundheit erklären len Stress hervorrufen, der dann wie- Zusammenhang darauf hin, dass
(Cutler/Lleras-Muney 2006). Stattdes- derum weitere Erkrankungen verursa- sozioökonomische Unterschiede im Ge-
sen könnten Einflüsse des sozioökono- chen kann. 5 Gesundheitliche Beeinflus- sundheitszustand nicht notwendiger-
mischen Status auf die Gesundheit im sungen dieser Art könnten in reichen weise als ungerecht angesehen werden
Erwachsenenalter mit der Zeit an Be- Ländern auftreten, wo Formen absoluter müssen, weil jeder in einem gewissen
deutung gewonnen und die wachsen- Armut in der Regel nicht existieren. In ar- Ausmaß selbst für seinen Lebensstil ver-
den Diskrepanzen im Gesundheitszu- men Ländern hingegen hängt der Ge- antwortlich ist. Durch die soziale Her-
stand verursacht haben. Diesen Me- sundheitszustand der Menschen stärker kunft bedingte Unterschiede im Verhal-
chanismen ist der nachfolgende Ab- davon ab, ob ihr absolutes Einkommen ten seien hingegen als ungerecht einzu-
schnitt gewidmet. ausreicht, um sie vor unhygienischen stufen, da niemand seine Herkunft
Sanitäreinrichtungen, ungesunden Ar- selbst wählen kann.
beits- und Lebensbedingungen, vor
Die gesundheitliche Bilanz sozialer schlechter Ernährung sowie einer Viel- Empirische Ergebnisse
Klüfte zahl von Infektionskrankheiten zu schüt-
zen. In der empirischen Erforschung der be-
Sämtliche bisher beschriebenen Me- Verlässt man die individuelle Ebene und schriebenen Mechanismen ist die Whi-
chanismen zur Erklärung des Zusam- beleuchtet diese Zusammenhänge aus tehall-II-Studie von besonderer Bedeu-
menhangs zwischen Armut und Ge- nationaler Sicht, lassen sich Schlussfol- tung, ein Datensatz, der zu dem Zweck
sundheit haben ihre Wirkung oder ihren gerungen für wahrscheinliche Effekte erhoben wurde, die Zusammenhänge
Auslöser in der Kindheit oder noch vor der Einkommensungleichheit auf die zwischen sozialer Klasse und Gesund-
der Geburt. Daneben lassen sich eine durchschnittliche Gesundheit in einem heit zu studieren. Die Whitehall-II-Stu-
Reihe plausibler Einflussmechanismen Land ableiten. Wird einerseits in einem die wurde in sechs Phasen zwischen
formulieren, die erst im Erwachsenenal- reichen Land die Gesundheit der Men- 1985 und 2001 erhoben und enthält In-
ter einsetzen. schen dadurch beeinträchtigt, dass sie formationen aus Fragebögen und medi-
Das Modell von Michael Grossman ein relativ geringes Einkommen im Ver- zinischen Untersuchungen über rund
(1972), das bereits erläutert wurde, lie- gleich zu anderen haben, so steigt mit 10.000 britische Beamte. Unter ande-
fert eine theoretische Begründung für zunehmender Einkommensungleichheit rem wurden auch Informationen über
Einflüsse des sozioökonomischen Status die Zahl der hiervon betroffenen Perso- die Kindesgesundheit abgefragt. Empi-
auf die Gesundheit im Erwachsenenal- nen. Wird andererseits in einem armen rische Analysen auf Basis der White-
ter, da aus ihm folgt, dass ein höheres Land die Gesundheit der Menschen da- hall-II-Daten bestätigen einen positi-
Einkommen die Nachfrage nach Ge- durch beeinträchtigt, dass ihr Einkom- ven Zusammenhang zwischen Gesund-
sundheit und Gesundheitsleistungen men unterhalb des kritischen Niveaus heit und Dienstgrad (z. B. Marmot u. a.
erhöht und ein höheres Bildungsniveau liegt, das zur Finanzierung einer ge- 1991).
die Effektivität von Investitionen in die sundheitlichen Mindestversorgung nö- Einflüsse des sozioökonomischen Status
Gesundheit steigert. Während auch tig ist, steigt ebenfalls mit zunehmender auf den Gesundheitszustand werden
David M. Cutler und Adriana Lleras- Einkommensungleichheit die Zahl der jedoch nicht ausschließlich auf Basis
Muney (2006) argumentieren, dass ein Menschen, die hiervon betroffen sind. der Whitehall-II-Studie untersucht. So
höheres Bildungsniveau zu erfolgrei- Somit kann man sowohl für Industrie- als untermauern die Ergebnisse mehrerer
cheren Entscheidungsmustern führt, er- auch für Entwicklungsländer erwarten, Studien die Vorhersagen des theoreti-
klären sich die meisten möglichen Ein- dass sich eine steigende Einkommens- schen Modells von Michael Grossman
flüsse des Status auf die Gesundheit im ungleichheit negativ auf den durch- (1972) auf Basis anderer Datensätze.
Erwachsenenalter über das Einkom- schnittlichen Gesundheitszustand aus- Douglas L. Miller und Christina Paxson
mensniveau. Wie beschrieben wurde, wirkt (z. B. Deaton 2003). (2006) finden beispielsweise mit US-
kann ein geringes Einkommen Nah- Neben Beeinflussungen über das Ein- amerikanischen Daten, ebenso wie Paul
rungsmittelunsicherheiten hervorrufen, kommensniveau kann der sozio öko- Frijters u. a. (2005) auf Basis deutscher
ein Zusammenhang, der natürlich auch nomische Status im Erwachsenenalter Daten, einen positiven Einfluss des Ein-
für Erwachsene gilt. Ein anderer Ein- die Gesundheit auch über einkommens- kommens auf die Gesundheit. Hinge-
flussmechanismus wäre, dass Gering- unabhängige Kanäle beeinflussen. Ein gen folgert James P. Smith (2007) für die
verdiener dringende Arztbesuche auf- Verlust des Arbeitsplatzes könnte bei- USA, dass gesundheitliche Unterschie-
schieben, um die zu entrichtende Pra- spielsweise direkte Folgen für die men- de hauptsächlich durch das Bildungsni-
xisgebühr oder Zuzahlungen zu tale Gesundheit in Form von verringer- veau erklärt werden, nicht durch finan-
Medikamenten oder Krankenhausbe- tem Selbstwertgefühl und geringerer zielle Ressourcen. Ähnlich bestätigt Fa-
handlungen zu umgehen, was sich ne- Zufriedenheit haben (vgl. Sullivan/von bian Lange (2011) für die USA, dass ein
gativ auf deren Gesundheit auswirken Wachter 2009). Auch eine frühe Mutter- höheres Bildungsniveau mit besseren
könnte. Ferner kann der Verlust des Ar- schaft kann den sozioökonomischen Krebsvorsorgeentscheidungen verbun-
beitsplatzes das langfristige Einkom- Status einer jungen Frau nachhaltig den ist.
men maßgeblich verringern, wodurch prägen und sich langfristig negativ auf

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Auch einige andere Einflusskanäle über ein positiver Effekt des absoluten Ein- ZUM ZUSAMMENHANG VON ARMUT
das Einkommensniveau werden empi- kommens auf die Gesundheit bestätigt UND GESUNDHEIT
risch untermauert. So bestätigen Jayan- wird (Gerdtham/Johannesson 2004;
ta Bhattacharya u. a. (2004) für die Jones/Wildman 2008), wird ein Einfluss
USA, dass Nahrungsmittelunsicherhei- des relativen Einkommens bzw. von Ein-
ten für ältere Menschen einen negati- kommensungleichheit nur von einigen Die meisten Forschungsergebnisse wei-
ven Effekt auf das Körpergewicht ha- Studien festgestellt. Eine Studie, die ei- sen darauf hin, dass ein negativer Zu-
ben, während sie für Menschen mittle- nen positiven Effekt des relativen Ein- sammenhang zwischen der Einkommens-
ren Alters das Risiko für Adipositas er- kommensstatus auf den Gesundheitszu- ungleichheit und der Bevölkerungs-
höhen. Ärmere US-Amerikaner mittleren stand findet, ist die Untersuchung von gesundheit in einem Land weniger auf
Alters scheinen somit weniger unter ei- Eiji Mangyo und Albert Park (2011) auf Einflüsse der Ungleichheit als Ganzes
nem Mangel an Kalorien zu leiden als Basis chinesischer Daten. Die Autoren zurückzuführen ist, sondern vielmehr
vielmehr unter einem übermäßigen Kon- folgern, dass frühere Klassenkamera- auf individuelle Einkommenseffekte: Die
sum ungesunder Lebensmittel. Weiter- den und Verwandte in städtischen Ge- geringen Einkommen Ärmerer wirken
hin bestätigen Daniel Sullivan und Till genden wichtige soziale Vergleichs- sich viel stärker negativ auf deren Ge-
von Wachter (2009), dass der Verlust gruppen darstellen, während sich diese sundheitszustand aus als sich die hohen
des Arbeitsplatzes sowie Einkommens- in ländlichen Gegenden eher geogra- Einkommen Reicher positiv in deren Ge-
verringerungen die Sterbewahrschein- phisch definieren, nämlich durch Nach- sundheit niederschlagen. Obwohl also
lichkeit maßgeblich erhöhen. Schließ- barn, die in der unmittelbaren Umge- bei zunehmender Einkommensungleich-
lich zeigen die Ergebnisse einer Studie bung wohnen. Auch Douglas L. Miller heit sowohl die Anzahl der Reichen als
von Willard G. Manning u. a. (1987), die und Christina Paxson (2006) unter- auch der Armen ansteigt, ist im Durch-
auf Daten aus einem Zufallsexperiment suchen die Auswirkungen relativer Ein- schnitt eine Verschlechterung der Be-
in den USA basiert, dass Preisvariatio- kommensunterschiede. Auf Basis US- völkerungsgesundheit zu erwarten. Ins-
nen zwar die Inanspruchnahme von amerikanischer Daten können sie ledig- gesamt aber deuten die Forschungser-
Leistungen erheblich beeinflussen, dass lich für eine Untergruppe einen Effekt gebnisse nicht darauf hin, dass relative
insgesamt aber keine Auswirkung auf nachweisen, welcher allerdings der Einkommensunterschiede und Einkom-
die Gesundheit nachgewiesen werden beschriebenen relativen Einkommens- mensungleichheiten Hauptdeterminan-
kann, da bei Preisanstiegen zuerst auf hypothese entgegen wirkt: Die Existenz ten für gesundheitliche Unterschiede im
weniger dringende Leistungen verzich- relativ wohlhabender Nachbarn ver- sozioökonomischen Status darstellen
tet wird. ringert die Sterbewahrscheinlichkeit (Deaton 2003). Ein nennenswertes Bei-
Auch hinsichtlich der Auswirkungen re- männlicher Afroamerikaner im Er- spiel ist die Studie von Hans Grönqvist
lativer Einkommen sowie von Einkom- werbsalter. Hier scheint sich der positi- u. a. (2012), welche die Effekte von Ein-
mensungleichheiten auf den Gesund- ve Gesundheitseffekt des hohen Ein- kommensungleichheit auf die Gesund-
heitszustand sind die Forschungsergeb- kommens der Nachbarn teilweise auf heit untersucht. Die Ergebnisse dieser
nisse unterschiedlich. Während häufig diese Personengruppe zu übertragen. Studie sind besonders verlässlich, da

Gesundheit ist auch


eine Frage sozialer
Klüfte. Ein höheres
Einkommen erhöht
in der Regel die
Nachfrage nach
Gesundheit und
Gesundheitsleistun-
gen, und ein höhe-
res Bildungsniveau
steigert die Effekti-
vität von Investitio-
nen in die Gesund-
heit.
picture alliance/dpa

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Martin Karlsson/Sarah Okoampah
schiede zwischen den Bildungsgrup-
pen über die Zeit hinweg ableiten. Ers-
tens ist der allgemeine Bildungserwerb
im Zeitablauf stark angestiegen (z. B.
Cutler/Lleras-Muney 2006). Dies könn-
te die Unterschiede im Gesundheitszu-
stand vertieft haben, wenn höhere Bil-
dungsschichten ihren Bildungsstand
stärker erhöhen konnten oder ihre zu-
sätzliche Bildung im Hinblick auf ihre
Gesundheit effektiver einsetzen können
als untere Bildungsschichten. Zweitens
wurde in der jüngeren Vergangenheit in
mehreren Ländern ein Anstieg der Ein-
kommensungleichheit verzeichnet, wie
z. B. in Deutschland, Schweden, den
USA und Großbritannien (OECD 2008;
Dustmann et al. 2009). Auch dies könnte
die wachsenden Unterschiede zwi-
schen den Bildungsgruppen erklären,
da die Forschungsergebnisse auf einen
positiven Einfluss des absoluten Einkom-
mensniveaus auf den Gesundheitszu-
stand hinweisen. 7 Drittens könnten un-
terschiedliche Entwicklungen im Le-
benswandel zu der Vergrößerung der
gesundheitlichen Unterschiede zwi-
schen den Bildungsgruppen über die
Zeit beigetragen haben. In den USA
sind beispielsweise die Raucherquoten
unter Erwachsenen zwischen 1974 und
1995 für höhere Bildungsniveaus stär-
ker gesunken als für niedrigere (Pamuk
u. a. 1998).

Gesundheit als soziales Stigma

Ein schlechter Gesundheitszustand kann


Nachhaltige Gesundheitserziehung in der Schule ist ein Weg, um breites Wissen über die Leistungsfähigkeit in der Ausbildung
gesundheitliche Risiken und einen gesünderen Lebensstil zu vermitteln. Projekte und und am Arbeitsplatz erheblich beein-
Maßnahmen zum Thema „Gesunde Ernährung“ tragen zu einem gesteigerten Gesund- trächtigen und somit die beruflichen
heitsbewusstsein bei. picture alliance/dpa Möglichkeiten stark einschränken. Dar-
über hinaus können plötzliche gesund-
heitliche Schocks, wie ein Unfall oder
das Ausbrechen einer Krankheit, zu Ar-
sie sich auf Daten für Flüchtlinge stützt, nem schlechteren Gesundheitszustand. beitsunfähigkeit, Einkommenseinbußen
die durch eine Unterbringungspoliti k Demnach ist zu erwarten, dass Erhö- oder einem frühen Renteneintritt führen.
der Regierung zufällig auf schwedische hungen des allgemeinen und gesund- Empirische Studien bestätigen positive
Gemeinden verteilt wurden. Dadurch ist heitlichen Bildungsstandes der unteren Effekte guter Gesundheit auf finanzielle
ausgeschlossen, dass sich die Flüchtlin- sozialen Schichten gesundheitsbegüns- Größen (Wagstaff 2007; Wu 2003), Be-
ge systematisch auf die Gemeinden tigende Verhaltensmuster sowie die förderungen (z. B. Case/Paxson 2011,
verteilt haben, was die Ergebnisse ver- Chancengleichheit in der Gesellschaft auf Basis der Whitehall-II-Studie) sowie
zerren könnte. 6 Die Autoren finden kei- fördern, sei es über effizientere Ent- das Renteneintrittsalter (vgl. McGarry
nen Effekt von Einkommensungleichheit scheidungsmuster, ein höheres Einkom- 2004). So zeigt Adam Wagstaff (2007)
auf das Risiko, in ein Krankenhaus ein- men, breiteres Wissen über gesundheit- auf Basis vietnamesischer Daten, dass
gewiesen zu werden, und folgern, dass liche Risiken, Gesundheitsvorsorge und gesundheitliche Schocks, wie ein län-
die Präzision ihrer Ergebnisse die Exis- -versorgung oder ein gesteigertes Ge- gerer Krankenhausaufenthalt des Haus-
tenz nennenswerter Effekte von Einkom- sundheitsbewusstsein und einen gesün- haltsvorstands, das verdiente Einkom-
mensungleichheit auf den Gesundheits- deren Lebensstil. Eine Politik, die den men insbesondere in städtischen Haus-
zustand ausschließt. Bildungserwerb der unteren Schichten halten maßgeblich verringern. Stephen
Insgesamt scheinen vor allem das Bil- fördert, könnte sich also in erheblichem Wu (2003) findet für verheiratete Paare
dungsniveau, das absolute Einkommen Ausmaß positiv auf die Bevölkerungsge- in den USA, die sich dem Rentenalter
und der Lebensstil bedeutsame Rollen sundheit auswirken (Cutler/Lleras-Mu- nähern, negative Vermögenseffekte
für den Gesundheitszustand zu spielen. ney 2006). von gesundheitlichen Schocks. Beide
Ein niedriger Bildungsstand, der häufig Aus den Forschungsergebnissen der Studien folgern außerdem negative Ein-
zugleich mit einem geringen Einkommen vorgestellten Studien lassen sich meh- flüsse auf das Konsumverhalten, wobei
sowie einem ungesünderen Lebensstil rere mögliche Erklärungen für die Ver- Wagstaff auch einen Anstieg der medi-
verbunden ist, führt also auch zu ei- größerung der gesundheitlichen Unter- zinischen Ausgaben verzeichnet. Wu

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folgert weiterhin, dass die ökonomi- von Armut und Gesundheit. Die Ergeb- ZUM ZUSAMMENHANG VON ARMUT
schen Konsequenzen umso verheeren- nisse belegen, dass der sozioöko no mi- UND GESUNDHEIT
der sind, wenn der gesundheitliche sche Status und der Gesundheitszu-
Schock die Ehefrau betrifft, was da- stand einer Person über komplexe Ab-
durch zu erklären sein könnte, dass die- hängigkeiten fest miteinander verknüpft
se tendenziell einen größeren Teil der sind. Schlechte Gesundheit und geringe Leis-
Haushaltspflichten trägt. Anne Case In frühen Phasen des Lebens kann die tungsfähigkeit können darüber hinaus
und Christina Paxson (2011) errechnen, Kindesgesundheit empfindlich vom so- zu Einkommenseinbußen, Arbeitsunfä-
dass Beamte, die zu Beginn der White- zialen Status der Eltern abhängen. Ge- higkeit, Frührente und einem frühen Tod
hall-II-Studie mit ihrem Gesundheitszu- sundheitliche Differenzen zwischen den führen. Schlechte Gesundheit scheint
stand zufrieden waren, eine über drei sozialen Schichten vergrößern sich mit also tendenziell einen geringen sozio-
Prozent höhere Wahrscheinlichkeit für zunehmendem Kindesalter und beste- ökonomischen Status herbeizuführen.
eine anschließende Beförderung in ei- hen auch im Erwachsenenalter fort. Da Im Gegensatz hierzu begünstigt ein gu-
nen höheren Dienstgrad aufweisen als niemand seine soziale Herkunft selbst ter Gesundheitszustand wirtschaftli-
Beamte, die mit ihrer anfänglichen Ge- wählen kann und Kinder im Gegensatz chen Erfolg und eine lange berufliche
sundheit eher unzufrieden sind. Kath- zu Erwachsenen keine persönliche Ver- Karriere. Eine Verbesserung der Ge-
leen McGarry (2004) schätzt für Men- antwortung für ihre Gesundheit tragen, sundheit in den unteren sozialen Schich-
schen mit sehr schlechter Gesundheit im widerspricht dieses Ergebnis dem allge- ten könnte sich somit positiv auf das
Vergleich zu Menschen mit exzellentem meinen Verständnis von sozialer Ge- Wirtschaftswachstum auswirken und
Gesundheitszustand eine um drei bis rechtigkeit. Die vorgestellten Studien durch eine gesteigerte Erwerbsbeteili-
neun Prozent geringere Wahrschein- identifizieren ein geringes Einkommen, gung den negativen Folgen des demo-
lichkeit dafür, im Alter von 62 Jahren niedrige Bildung und fehlendes Ge- graphischen Wandels für die Sozialver-
noch vollzeitbeschäftigt zu sein. sundheitsbewusstsein der Eltern als sicherungssysteme entgegenwirken.
Diese Forschungsergebnisse verdeutli- Hauptursachen für Beeinträchtigungen Die vorgestellten Ergebnisse aus der
chen die Bedeutung guter Gesundheit der Kindesgesundheit. Um Kinder vor gesundheitsökonomischen Forschung
für ökonomischen Erfolg sowie eine lan- den gesundheitlichen Gefahren sozia- helfen, das bestehende soziale Gefälle
ge berufliche Karriere. Ein schlechter ler Benachteiligung zu schützen, sollte im Gesundheitszustand zu erklären. Als
Gesundheitszustand hingegen scheint die Politik also an diesen Parametern Quintessenz lässt sich aus ihnen die fol-
wie ein soziales Wundmal den sozio- ansetzen. gende Lehre für die Politik ableiten: Die
ökonomischen Status zu verschlechtern. Ein schlechter Gesundheitszustand be- aussichtsreichsten Wege zu einem
Da eine mangelhafte Gesundheit die einträchtigt wiederum die Leistungsfä- langfristigen Abbau sozialer Armut und
wirtschaftliche Leistungsfähigkeit be- higkeit in der Schule und am Arbeits- mangelhafter Gesundheit in der Ge-
einträchtigt und den Bedarf an Ge- platz, beschränkt die beruflichen Mög- sellschaft scheinen eine intensivere Ge-
sundheitsversorgung erhöht, ist aus na- lichkeiten und bedingt folglich einen sundheitsförderung Schwangerer und
tionaler Sicht zu erwarten, dass die Be- niedrigen sozioökonomischen Status. kleiner Kinder sowie eine Erhöhung des
völkerungsgesundheit sowohl das Aus- Somit vererbt sich ein niedriger Status Bildungsniveaus und bessere gesund-
maß des Wirtschaftswachstums, als der Eltern tendenziell über die Kindes- heitliche Aufklärung in den unteren so-
auch die Belastungen von Kranken- und gesundheit an die nachfolgende Gene- zialen Schichten zu sein. Durch eine
Rentenversicherungssystemen entschei- ration weiter. Die gesundheitsökonomi- wirksame Beeinflussung dieser Parame-
dend mitbestimmt. sche Literatur weist darauf hin, dass ins- ter könnte die Politik die Ursachen für
Diese Zusammenhänge sind besonders besondere die gesundheitlichen Bedin- die bestehenden Unterschiede nach-
vor dem Hintergrund der derzeitigen gungen während der Schwangerschaft haltig bekämpfen, anstatt durch Ein-
demographischen Entwicklungen in Eu- und in sehr frühen Phasen der Kindheit kommensumverteilungen und die Ge-
ropa interessant, die in Deutschland be- kritisch für die Prägung des späteren so- sundheitsversorgung von Erkrankten le-
sonders ausgeprägt sind. Durch den zioökonomischen Status sind. Eine Poli- diglich die Symptome der Ungleichhei-
wachsenden Bevölkerungsanteil älterer tik zur Reduzierung der sozioökonomi- ten zu kurieren. Von einer besseren
Menschen bei gleichzeitig schrumpfen- schen Unterschiede in der Gesellschaft Bevölkerungsgesundheit, höherer wirt-
der Gesamtbevölkerung steigt die Zahl sollte also eine Verbesserung der Ge- schaftlicher Produktivität und einer grö-
der Rentner und Pflegebedürftigen, sundheitsbedingungen anstreben, de- ßeren Chancengleichheit würde die ge-
während die Zahl der Beitragszahler nen Kinder aus benachteiligten Schich- samte Gesellschaft profitieren.
schrumpft. Gelänge es der Politik, den ten während der Schwangerschaft und
vergleichsweise schlechten Gesund- frühen Kindheit ausgesetzt sind, um auf
heitszustand unterer sozialer Schichten diese Weise eine wichtige Ursache für LITERATUR
zu verbessern, könnten möglicherweise die bestehenden Unterschiede zu be- Aizer, Anna (2011): Poverty, Violence, and Health.
mehr ältere Menschen länger arbeiten, kämpfen. In: Journal of Human Resources, 3/2011, S. 518–
Sozialversicherungsbeiträge zahlen Geringeres Einkommen, niedrigere Bil- 538.
Almond, Douglas (2006): Is the 1918 Influenza
und würden weniger Gesundheitsleis- dung und tendenziell ungesündere Le-
Pandemic Over? Long-Term Effects of In Utero In-
tungen in Anspruch nehmen, was den bensgewohnheiten der unteren sozia- fluenza Exposure in the Post-1940 U.S. Population.
möglicherweise verheerenden finan- len Schichten vergrößern den gesund- In: Journal of Political Economy, 4/2006, S. 672–
ziellen Folgen des demographischen heitlichen Rückstand zu höheren sozia- 712.
Wandels für die Sozialversicherungs- len Schichten über den Lebenszyklus Almond, Douglas/Currie, Janet (2011): Killing Me
Softly: The Fetal Origins Hypothesis. In: Journal of
systeme entgegenwirken würde. immer weiter. Einkommensniveau und Economic Perspectives, 3/2011, S. 153–172.
Lebenswandel hängen häufig stark vom Balia, Silvia/Jones, Andrew M. (2008): Mortality,
Bildungsniveau ab. Eine Politik, die den Lifestyle and Socio-Economic Status. In: Journal
Fazit Bildungserwerb der unteren sozialen of Health Economics, 1/2008, S. 1–26.
Barker, David J. (1990): The Fetal and Infant Ori-
Schichten fördert, könnte sich also in er-
gins of Adult Disease. In: British Medical Journal,
Dieser Artikel bot einen Einblick in aktu- heblichem Ausmaß positiv auf die Be- 6761/1990, S. 1111.
elle Ergebnisse der gesundheitsökono- völkerungsgesundheit auswirken (Cut- Baum II, Charles L./Ruhm, Christopher J. (2009):
mischen Forschung zum Zusammenhang ler/Lleras-Muney 2006). Age, Socioeconomic Status and Obesity Growth.

239

BiS_2012_04_Umbr.indd 239 26.11.12 10:51


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Children. In: Journal of Health Economics, 3/2010, Volkswirtschaftslehre an der Universität Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirt-
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Gerdtham, Ulf-G./Johannesson, Magnus (2004): Hamburg. Im Jahr 2009 wurde sie Sti- schaftslehre, Schwerpunkt Gesundheits-
Absolute Income, Relative Income, Income In- pendiatin der Ruhr Graduate School in ökonomik, an der Universität Duisburg-
equality, and Mortality. In: Journal of Human Re- Economics. Seit 2012 ist sie wissen- Essen. In der Vergangenheit war er an
sources, 1/2004, S. 228–247. schaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl der Cass Business School in London und
Grönqvist, Hans/Johansson, Per/Niknami, Susan
von Martin Karlsson. In ihrer Doktorar- der Universität Oxford tätig. Seine For-
(2012): Income Inequality and Health: Lessons
from a Refugee Residential Assignment Program. beit beschäftigt sie sich mit der Proble- schung umfasst das ganze Spektrum
In: Journal of Health Economics, 4/2012, S. 617– matik des demographischen Wandels. der Gesundheitsökonomik; aktuell be-
629. schäftigt er sich unter anderem mit dem
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Health Capital and the Demand for Health. In:
Journal of Political Economy, 2/1972, S. 223–255. cher Ungleichheit und Gesundheit.

240

BiS_2012_04_Umbr.indd 240 26.11.12 10:51


ARMUT UND KINDHEIT

Kinderarmut in Deutschland
Christoph Butterwegge

der Bundesrepublik weniger spektaku- eigenen Haustür“ zu erkennen bzw. als


Nicht zuletzt durch die Armuts- und lär als in Mosambik, Bangladesch oder gesellschaftliches Problem anzuerken-
Reichtumsberichte, welche die Bundesre- Burkina Faso, wo Menschen auf der nen (vgl. Butterwegge 2012a). Obwohl
gierung seit 2001 vorgelegt hat, wurde Straße verhungern. Sie wirkt eher subtil, sich wegen der Deregulierung des Ar-
die wachsende Armut von Kindern und aber nicht minder dramatisch. Hierzu- beitsmarktes, einer Prekarisierung der
Jugendlichen in Deutschland offenkun- lande ist es für Kinder manchmal noch Beschäftigungsformen und einer Sen-
dig. Gemessen am relativen Maß sozia- schwerer, arm zu sein, als in einer Ge- kung des Rentenniveaus eine „(Re-)Seni-
ler Ungleichheit ist Kinderarmut auch sellschaft, die sämtlichen Mitgliedern orisierung“ der Armut abzeichnet (vgl.
hierzulande zu einem gesellschaftlichen nur das Allernötigste bietet. Konsum- Butterwegge 2012c), bilden Kinder und
Problem geworden. Christoph Butter- chancen, z. B. das Tragen modischer Jugendliche weiterhin die Hauptbetrof-
wegge macht die Ursachen für die „Infan- Kleidung („Markenklamotten“), der Be- fenengruppe. Kinderarmut gibt es so-
tilisierung“ der Armut auf drei Ebenen sitz des tollsten Handys und modernster wohl in West- als auch in Ostdeutsch-
fest: (1) Das „Normalarbeitsverhältnis“ Unterhaltungselektronik sowie teuere land, wo sie jedoch noch weiter verbrei-
wurde von unsicheren bzw. prekären Ar-
Freizeitaktivitäten, bestimmen mit über tet und stärker ausgeprägt ist (vgl. But-
beitsverhältnissen, die oftmals kein aus-
die Möglichkeiten, die ein Kind bei uns terwegge u. a. 2008).
reichendes Einkommen garantieren, ab-
im Freundeskreis bzw. der Clique hat. Armut ist mehr, als wenig Geld zu ha-
gelöst. (2) Parallel zur „Normalfamilie“
entwickelten sich neue Lebensformen Jenseits von Nike und Nokia wird man ben, denn sie bedeutet für Kinder auch,
(Ein-Elternteil-Familie, Patchwork-Famili- gar nicht ernst genommen, was zu psy- persönlicher Entfaltungs- und Entwick-
en), die Kindern tendenziell weniger fi- chosozialen Belastungen führen kann lungsmöglichkeiten beraubt, manchmal
nanzielle und soziale Sicherheit gewähr- und den Ausschluss von Kindern und Ju- ein ganzes Leben lang sozial benach-
leisten. (3) Verstärkt wird diese materielle gendlichen aus vielen Lebenszusam- teiligt und (etwa im Hinblick auf Bildung
Unsicherheit durch den Rückbau wohl- menhängen nach sich zieht. und Kultur, Wohlergehen und Gesund-
fahrtsstaatlicher Leistungen. Bedenklich heit, Wohnen und Wohnumfeld, Freizeit
stimmt in der aktuellen Debatte um Kin- und Konsum) unterversorgt zu sein. Al-
derarmut allerdings, dass der gesell- Ausmaß und Ursachen der leinerziehende, Mehrkinder- und Mig-
schaftliche und politische Handlungsrah- Kinderarmut rantenfamilien (vgl. Butterwegge 2010)
men aus dem Blick gerät. Armut wird leiden besonders stark unter sozialer
häufig – allzu gern auch in der Medien- Aufgrund der Wirtschaftskrise 1974/75 Unsicherheit, Existenzangst und materi-
berichterstattung und im bürgerlichen und ihrer Folgen, einer sich mit der Zeit eller Not. Neben die Oben-unten-Spal-
Feuilleton – als individuelles und subjek- verfestigenden Massenarbeitslosigkeit tung tritt gewissermaßen eine Innen-
tives Schicksal apostrophiert, gar mit der und von den damaligen Re gierungen außen-Spaltung der Sozialstruktur, die
„Bildungsferne“ erklärt oder auf Soziali- eingeleiteten Reformen zur „Moder- der leicht misszuverstehende Exklusi-
sationsdefizite der von Armut Betroffe- nisierung“ bzw. Restrukturierung des onsbegriff erfasst (vgl. Kronauer 2010).
nen reduziert. Gesellschafts- und sozial- Wohlfahrtsstaates, vollzog sich in der Stefan Thomas (2010) differenziert zwi-
politisch angemessene Lösungen zeitigen
Bundesrepublik während der 1980er- schen der „Exklusion am Arbeitsmarkt“
jedoch nur dann Wirkung, wenn die
Jahre eine soziale Spaltung zwischen sowie der „ökonomischen“, „räumli-
strukturellen Ursachen von Kinderarmut
Beschäftigten und Erwerbslosen, deren chen“, „institutionellen“, „sozialen“ und
hinreichend bedacht werden. I Resultat als „neue Armut“ (Balsen u. a. der „kulturellen“ Exklusion.
1984) bezeichnet wurde. Der Braun- Auslöser einer Armutsentwicklung in Fa-
schweiger Hochschullehrer Klaus Lom- milien, deren am leichtesten verletzliche
Kinderarmut – ein gesellschaftliches pe (1987, S. 2) wies damals auf die Ten- Mitglieder die jüngeren bilden, sind
Problem denz einer gleichzeitigen „Verjüngung“ häufig der Tod des Alleinernährers, die
der Betroffenen hin: „War die Populati- Erwerbslosigkeit von Eltern(teilen) und
Nach vier Armuts- und Reichtumsbe- on der alten Armut in der Regel dadurch deren Trennung bzw. Scheidung. Die ei-
richten, welche die Bundesregierung gekennzeichnet, daß sie arbeitsunfä- gentlichen Ursachen für eine Prekarisie-
seit dem Jahr 2001 vorgelegt hat, ist hig, krank und/oder alt war, so ist die rung der familiären Lebensbedingun-
weiten Teilen der Öffentlichkeit be- der neuen Armut heute vor allem ar- gen gründen aber tiefer: in gesellschaft-
wusst, dass (Kinder-)Armut nicht nur in beitsfähig, arbeitslos und zum großen lichen Wandlungsprozessen, denen die
der sogenannten Dritten Welt, sondern Teil jung.“ zunehmende Polarisierung (in Arm und
auch hierzulande ein gesellschaftliches Kurz danach sprach der Frankfurter Reich), die soziale Exklusion von Teilen
Kardinalproblem darstellt. Dies gilt zu- Ökonom Richard Hauser (1989, S. 126) der Bevölkerung sowie die sozialräumli-
mindest dann, wenn man darunter nicht von einer „Infantilisierung der Armut“, che Segregation (Spaltung deutscher
nur absolutes Elend, sondern auch ein weil Kinder und Jugendliche die Rentner Städte in Luxusquartiere und Stadtteile
relatives Maß an sozialer Ungleichheit und Rentnerinnen damals als Hauptbe- mit besonderem Erneuerungs- bzw. Ent-
versteht, das Betroffene daran hindert, troffenengruppe ablösten, was in der wicklungsbedarf) zu verdanken sind.
sich ihrer persönlichen Fähigkeiten ge- (Medien-)Öffentlichkeit allerdings lan- Macht man den als „Globalisierung“
mäß zu entfalten, sich optimal zu entwi- ge Zeit kaum wahrgenommen wurde, bezeichneten Prozess einer Umstruktu-
ckeln und selbstbestimmt am gesell- weil unser Armutsbild von absoluter Not rierung fast aller Gesellschaftsbereiche
schaftlichen, kulturellen und politischen und Elend in der sogenannten Dritten nach Markterfordernissen, einer Öko-
Leben teilzunehmen. Welt geprägt ist. Dies hindert viele Bür- nomisierung und Kommerzialisierung
Kinderarmut äußert sich in einem wohl- gerinnen und Bürger bis heute daran, für die Pauperisierung, soziale Polari-
habenden, wenn nicht reichen Land wie vergleichbare Erscheinungen „vor der sierung und Entsolidarisierung verant-

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Christoph Butterwegge
wortlich, liegen die Wurzeln des ver-
mehrten Auftretens von (Kinder-)Armut
auf drei Ebenen:

l Im Produktionsprozess löst sich das


„Normalarbeitsverhältnis“ (Ulrich Mü-
ckenberger), von der Kapitalseite unter
den Stichworten „Liberalisierung“,
„Deregulierung“ und „Flexibilisierung“
vorangetrieben, tendenziell auf. Es
wird zwar keineswegs ersetzt, aber
durch eine steigende Zahl atypischer,
prekärer, befristeter, Leih- und Teilzeit-
arbeitsverhältnisse, die den so oder
überhaupt nicht (mehr) Beschäftigten
und ihren Familienangehörigen weder
ein ausreichendes Einkommen noch
den gerade im viel beschworenen
„Zeitalter der Globalisierung“ erfor-
derlichen arbeits- und sozialrechtli-
chen Schutz bieten, in seiner Bedeu-
tung stark relativiert.
l Im Reproduktionsbereich büßt die
„Normalfamilie“, d. h. die z. B. durch
das Ehegattensplitting im Einkommen-
steuerrecht staatlicherseits subventio-
nierte traditionelle Hausfrauenehe mit
ein, zwei oder drei Kindern, in ver-
gleichbarer Weise an gesellschaftli-
cher Relevanz ein. Neben sie treten
Lebens- und Liebesformen, die tenden-
ziell weniger materielle Sicherheit für
Kinder und Jugendliche gewährleisten
(Ein-Elternteil-Familien, Patchwork-Fa-
milien, hetero- und homosexuelle Part-
nerschaften usw.).
l Hinsichtlich der Entwicklung des Wohl-
fahrtsstaates bedingt der forcierte
Wettbewerb zwischen Wirtschafts-
standorten einen Abbau von Siche-
rungselementen für die „weniger Leis-
tungsfähigen“, zu denen allemal Er-
wachsene gehören, die (mehrere)
Kinder haben. Letztere sind deshalb
stark von Armut betroffen, weil das
neoliberale Projekt eines „Umbaus“ verändern. Es geht längst nicht mehr nur sind nicht in der Lage, ihre Situation zu
des Wohlfahrtsstaates auf Kosten vie- um Leistungskürzungen im sozialen Si- reflektieren. Außerdem kann man sie
ler Eltern geht, die weniger soziale Si- cherungssystem, sondern um einen Sys- kaum für ihre missliche Lage verantwort-
cherheit als vorherige Generationen temwechsel, anders ausgedrückt: um lich machen und ihnen schwerlich Leis-
genießen. eine zentrale gesellschaftliche Rich- tungsmissbrauch vorwerfen. Vielmehr
Kinderarmut, die Lern- und Lebenschan- tungsentscheidung, welche das Gesicht bilden sie geradezu den Prototyp der
cen Betroffener schon im Grundschulal- der Bundesrepublik auf absehbare Zeit „würdigen Armen“.
ter zerstören kann, ist ein Armutszeugnis prägen dürfte (vgl. Butterwegge 2012b, Zunächst wurde das Problem verdrängt,
für die deutsche Überflussgesellschaft S. 113 ff.). beharrlich totgeschwiegen und syste-
sowie ihren Wohlfahrtsstaat, der auf- matisch verharmlost. Als die Zahl der in
grund fragwürdiger Strukturreformen Sozialhilfehaushalten lebenden Kinder
immer weniger fähig zu sein scheint, für Kinderarmut als Mode- und kurz nach der Wiedervereinigung die
ein Mindestmaß an sozialem Ausgleich, Medienthema Millionengrenze überschritt bzw. als
Existenzsicherheit aller Bürgerinnen dieser Umstand der Öffentlichkeit im
und Bürger sowie Verteilungsgerechtig- Armut, lange Zeit ein Tabuthema, ist Frühjahr 1993 mit einiger Zeitverzöge-
keit zu sorgen. Bei der sogenannten nach der Jahrtausendwende fast zu ei- rung bekannt wurde, war das Geschrei
Riester-Reform und anderen Schritten nem Topthema deutscher Massenmedi- groß. Nun avancierte die Kinderarmut
zur Senkung des Rentenniveaus, den so- en geworden. Dies wohl nicht zuletzt zum Mittelpunkt der Armutsberichter-
genannten Hartz-Gesetzen, der „Agen- deshalb, weil sie nunmehr vor allem Kin- stattung deutscher Massenmedien. Ty-
da 2010“ und mehreren Gesundheitsre- der und Jugendliche traf, die darunter pisch dafür war ein unter dem Titel „Bit-
formen handelt es sich um Maßnahmen im ungünstigsten Fall ein ganzes Leben terkeit und Wut“ erschienener Artikel im
zum Um- bzw. Abbau des Sozialstaates, lang leiden. Denn im Unterschied zu Er- Spiegel (v. 17.10.1994), der feststellte,
die seine ganze Architektur, Struktur wachsenen haben Kinder noch keine „ungerechte staatliche Transfersyste-
und Konstruktionslogik grundlegend Bewältigungsstrategien entwickelt und me“ hätten immer mehr Familien unter

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Kinderarmut, KINDERARMUT IN DEUTSCHLAND
lange Zeit ein
Tabuthema, ist fast
zu einem Top-
thema der Mas-
senmedien gewor- „Standort Deutschland“ und als „Zu-
den. Kinder kann kunft der Gesellschaft“ galten, wäh-
man kaum für ihre rend Seniorinnen und Senioren zu un-
missliche Lage produktiven Belastungsfaktoren abge-
verantwortlich stempelt wurden.
machen und ihnen Aus den „Kindern der Armen“, wie man
schwerlich Leis- sie während der 1970er- und 1980er-
tungsmissbrauch Jahre noch häufig nannte, wurden im
vorwerfen. Sie Laufe der 1990er-Jahre die „armen Kin-
bilden geradezu der“. Dass die meisten Bundesbürgerin-
den Prototyp der nen und Bundesbürger heute unter „Kin-
„würdigen Armen“. derarmut“ in erster Linie nicht die Armut
picture alliance/dpa an, sondern von Kindern verstehen, ist
als großer Erfolg der Armutsforschung
und der auf diesem Gebiet engagier-
ten Organisationen (Deutscher Kinder-
schutzbund, Paritätischer Wohlfahrts-
verband, UNICEF u. a.) zu werten. Frei-
lich kann es sich dabei auch um einen
semantischen Pyrrhussieg handeln, ver-
deckt doch der Begriff die Hintergründe
und Entstehungsursachen des Phäno-
mens eher. Denn arme Kinder haben ar-
me Eltern, vor allem arme Mütter, die
hinter ihrem Nachwuchs zu verschwin-
den drohen. Kinder als Armutsrisiko ih-
rer Eltern zu begreifen, verkennt die Tat-
sache, dass sie nicht die Ursache, son-
dern nur den Auslöser für soziale Prob-
leme einer Familie bilden.
In der öffentlichen Diskussion über miss-
brauchte und verwahrloste, teilweise
unter tragischen Umständen gestorbe-
ne Kinder wurde vor allem der Druck auf
die Behörden erhöht, früher und massi-
ver einzugreifen, der sozioökonomische
Hintergrund dieser Familientragödien
aber meistens ausgeklammert. Vielmehr
verbanden sich damit in den Massen-
medien die Bilder von „Unterschicht“-
die Armutsgrenze getrieben: „Auch für nen), im Mittelpunkt der Armutsbericht- Eltern, denen ihre Kinder völlig egal und
Durchschnittsverdiener wird der Nach- erstattung von Massenmedien und der die nur am eigenen Konsum, aber nicht
wuchs zum sozialen Risiko.“ Spendenaktionen zu geeigneten Anläs- an den Wertorientierungen der Mehr-
Vor und nach dem Kanzlerwechsel von sen wie dem Weihnachtsfest, so sind es heitsgesellschaft bzw. der Mittelschicht
Helmut Kohl zu Gerhard Schröder häuf- seit geraumer Zeit fast ausschließlich interessiert sind.
ten sich die Pressemeldungen über Kin- Kinder, die im Zusammenhang mit sozi- Ariadne Sondermann und andere
derarmut. Oft beruhigten die Jounalis- aler Benachteiligung, Verarmung und (2009, S. 166) konstatieren, dass solche
tinnen und Journalisten sich und ihr Pub- Verelendung von Menschen in der Bun- Zuschreibungen mit Blick auf die Empi-
likum jedoch gleich wieder mit dem Hin- desrepublik öffentliche Aufmerksamkeit rie längst als widerlegt gelten können:
weis, es handle sich dabei weniger um erregen. Dass die Kinder mittlerweile „Die Eltern sind vor allem darum be-
materielle Not als um fehlende Zuwen- häufiger als eigene Subjekte wahrge- müht, ihren Kindern dazu zu verhelfen,
dung, mentale Verwahrlosung und Ver- nommen wurden, sicherte ihnen mehr es einmal besser zu haben; problema-
nachlässigung durch die Eltern. Außer- und ihren ebenfalls armen Müttern we- tisch dürften eher ihre geringen Res-
dem erfolgte die ideologische Entsor- niger Aufmerksamkeit als noch während sourcen sein, die dem Erfolg dieser Be-
gung des Problems durch eine Kulturali- der 1980er-Jahre: „Im EU-Europa wurde mühungen Grenzen setzen.“
sierung bzw. Pädagogisierung und eine zunächst die Altersarmut von Frauen, Mittlerweile wird nicht nur häufiger und
Demografisierung, die den mehrdeuti- dann der Beitrag der Hausfrauenehe, ausführlicher, sondern auch sehr viel
gen Begriff „Generationengerechtig- später der Ehe überhaupt, schließlich differenzierter als noch vor wenigen
keit“ zur Legitimation eines weiteren der Kinder zum Armutsrisiko von Frauen Jahren über die Armut der jüngsten Ge-
Um- bzw. Abbaus des Sozialstaates beklagt“ (Ostner 2003, S. 310). Dazu sellschaftsmitglieder berichtet. Wäh-
einschließlich der Kürzung von Alters- trug auch der Umstand bei, dass Kinder rend sich audiovisuelle Medien stärker
renten missbraucht (vgl. Klundt 2008). – in der neoliberalen Diktion zum „Hu- auf situative Erfahrungs- und Stim-
Standen früher meist Ältere, besonders mankapital“ bzw. „-vermögen“ avan- mungsberichte konzentrieren, die rein
Frauen (z. B. Früh- und Kleinstrentnerin- ciert – als Hoffnungsträger für den deskriptiv zu vermitteln suchen, was

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Christoph Butterwegge
Armut hierzulande bedeutet und wel- hindern, dass Jugendliche ohne Ar- Natürlich ist Armut mehr als Mangel an
che Auswirkungen sie im Alltag betrof- beitsplatz bleiben. Tatsächlich verhin- Geld, der durch finanzielle Zuwendun-
fener Familien hat, zeichnen viele Print- dern Bildungsdefizite vielfach, dass jun- gen behoben werden könnte. Politike-
medien ein umfassenderes Bild. Vor al- ge Menschen auf dem überforderten rinnen und Politiker heben dies immer
lem die Lokalzeitungen, aber auch Arbeitsmarkt sofort Fuß fassen. Auch wieder hervor, womöglich, um es nicht
überregionale Tageszeitungen und die bewirkt die Armut von Familien häufig, für ihre Bekämpfung verwenden zu müs-
wöchentlich erscheinenden Nachrich- dass deren Kinder keine höhere Schule sen. Armut schlägt sich auch nicht bloß
tenmagazine veröffentlichen ungefähr besuchen oder sie ohne Abschlusszeug- als chronisches Minus auf dem Bank-
seit der Jahrtausendwende immer häu- nis wieder verlassen. Armut in der Her- konto oder als gähnende Leere im
figer Artikel über sozial benachteiligte kunftsfamilie führt bereits unmittelbar Portemonnaie nieder. Denn sie führt zu
Familien und das wachsende Leid ihrer nach der Grundschule zu Bildungsdefi- vielfältigen Benachteiligungen und Be-
jüngsten Mitglieder. Viele der aufrüt- ziten der betroffenen Kinder. Der umge- einträchtigungen, etwa im Bildungs-,
telndsten und einfühlsamsten Artikel kehrte Effekt ist hingegen kaum signifi- Kultur- und Freizeit-, wie auch im Ge-
über die Armut von Kindern haben übri- kant: Ein schlechter oder fehlender sundheits- und im Wohnbereich. Dieser
gens Journalistinnen verfasst, die das Schulabschluss verringert zwar die Er- Umstand hat es materiell besser gestell-
Schicksal der Kleinen, wie die Leserin- werbschancen, wirkt sich aber kaum ten Schichten immer schon erleichtert,
nen und Leser merken konnten, nicht nachteilig auf den Wohlstand einer Per- die Armen nach dem Motto „Geld macht
kaltließ. Gleichwohl oder gerade des- son aus, wenn diese vermögend ist oder ohnehin nicht glücklich“ regelrecht zu
halb blieb die politische und mediale Kapital besitzt. Daher dürfen Ursache verhöhnen, verleitet darüber hinaus je-
Debatte häufig auf der Erscheinungs- und Wirkung nicht vertauscht werden, doch heute noch manche Kommentato-
ebene, wo man weder die gesellschaft- indem man so tut, als führten mangeln- ren dazu, Armut zu subjektivieren, zu in-
lichen Hintergründe und Ursachen des de Bildungsanstrengungen zu materiel- dividualisieren bzw. zu biografisieren
Problems erfassen noch Erfolg verspre- ler Armut. Obwohl es meistenteils um- und sie auf Sozialisations- bzw. Kultur-
chende Strategien zu seiner Lösung ent- gekehrt ist, fällt sonst ausgerechnet den defizite oder die „Bildungsferne“ der
wickeln kann. Auch wurde selten auf Betroffenen im Sinne eines individuellen Betroffenen zurückzuführen.
einem hohen theoretischen Niveau Versagens (der Eltern) die Verantwor- Paul Nolte behauptete in einem unter
über die Notwendigkeit und die Mög- tung dafür zu, während ihre gesell- dem zynischen Titel „Das große Fressen“
lichkeit wirksamer Gegenmaßnahmen schaftlich bedingten Handlungsrestrik- erschienenen Gastbeitrag für die Zeit (v.
reflektiert. tionen und die politischen Strukturen 17.12.2003), das Hauptproblem der Un-
aus dem Blick geraten. terschicht sei gar nicht die Armut, son-
dern der massenhafte Konsum von Fast
Der missverständliche Begriff
„Bildungsarmut“ und die Pädagogi-
sierung des Armutsproblems

Eine ähnlich steile Medienkarriere wie


das Thema „Kinder-“ machte der Begriff
„Bildungsarmut“, von dem zuletzt fast
immer dann die Rede war, wenn es um
die materielle Unterversorgung junger
Menschen hierzulande ganz allgemein
und besonders um die Schlechterstel-
lung von Migrantinnen und Migranten
im deutschen Schulsystem ging. Das tra-
ditionell mehrgliedrige, immer noch hie-
rarchisch strukturierte deutsche Bil-
dungswesen wirkt sozial extrem selektiv
und benachteiligt jene Schülerinnen
und Schüler, die aus „bildungsfernen“
Elternhäusern kommen. Aber dass man
Vernor Muñoz Villalobos, UN-Sonder-
berichterstatter für das Recht auf Bil-
dung, mit demonstrativer Ignoranz und
Arroganz begegnete, als er bei seiner
Reise durch die Bundesrepublik im Feb-
ruar 2006 Tendenzen der strukturellen Armut ist mehr, als
Diskriminierung von Kindern aus armen wenig Geld zu ha-
Familien und solchen mit Migrationshin- ben. Für Kinder
tergrund benannte (vgl. Overwien/ bedeutet sie auch,
Prengel 2007), hat gezeigt, wie wenig persönlicher Ent-
Sensibilität für das Problem hierzulande faltungs- und Ent-
besteht. wicklungsmöglich-
Seitdem die Soziologin Jutta Allmendin- keiten beraubt,
ger (1999) den Begriff in die deutsche manchmal ein
Fachdebatte eingeführt hat, spricht ganzes Leben lang
man in den Erziehungswissenschaften sozial benachteiligt
vermehrt von „Bildungsarmut“ und tut und unterversorgt
so, als könne eine gute Schulbildung zu sein.
oder fundierte Berufsausbildung ver- picture alliance/dpa

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Food und Fernsehen (RTL und Sat.1). zu paradox erscheint, dass die über- KINDERARMUT IN DEUTSCHLAND
Glaubt man dem Berliner Historiker, ragende Bedeutung des Geldes sowie
sind nicht etwa materielle Entbehrun- seiner halbwegs gleichmäßigen und
gen und gekürzte Sozialleistungen die gerechten Verteilung auf die unter-
Problemursache, sondern der Verlust schiedlichen Bevölkerungsgruppen aus-
kultureller Werte und Normen, welcher gerechnet zu einer Zeit immer häufiger hinkt gewaltig, denn der frühindustrielle
im Rahmen einer „fürsorgliche(n) Ver- angezweifelt wird, in der finanzielle Kapitalismus bot dem aufstrebenden
nachlässigung“ erfolgt sei: „Einer ver- Mittel aufgrund einer fortschreitenden Proletariat bessere Möglichkeiten, sich
gleichsweise hohen materiellen Fürsor- Ökonomisierung, Privatisierung und als kollektiver Machtfaktor zu entfalten,
ge der Unterschicht steht eine Vernach- Kommerzialisierung in fast allen Gesell- als ein Finanzmarktkapitalismus, in dem
lässigung in sozialer und kultureller Hin- schaftsbereichen ständig an Relevanz sich das „neue Prekariat“ mehr oder we-
sicht gegenüber.“ In dasselbe Horn wie für die Versorgung und den Status von niger überflüssig vorkommt. Da den
Nolte stieß der Stern-Redakteur Walter Individuen gewinnen. Langzeitarbeitslosen heute in aller Re-
Wüllenweber am 16. Dezember 2004, Der heutige Arme wird häufig auf seine gel berufliche und soziale Perspektiven
als er unter dem Titel „Das wahre Elend“ (angeblichen) Bildungs- und Kulturdefi- fehlen, bleiben ihnen oftmals nur politi-
von der heutigen Unterschicht behaup- zite reduziert, die ihn vermeintlich dar- sche Resignation, der Rückzug ins Priva-
tete, sie leide keine Not: „Das Elend ist an hindern, sozial aufzusteigen: „Er be- te und Apathie.
keine Armut im Portemonnaie, sondern sitzt keine Bildung, aber er strebt ihr Gegen die von Nolte und seinen Gesin-
die Armut im Geiste. Der Unterschicht auch nicht entgegen. Anders als der nungsgenossen (re)produzierten Kli-
fehlt es nicht an Geld, sondern an Bil- Prolet des beginnenden Industriezeital- schees und Stereotype gewandt, kons-
dung.“ ters, der sich in Arbeitervereinen orga- tatiert Sighard Neckel (2008, S. 23):
Sowenig ein ökonomistisch verkürzter nisierte, die zugleich oft Arbeiterbil- „Die ‚neuen Unterschichten‘ wurden ge-
Armutsbegriff das Phänomen in seiner dungsvereine waren, scheint es, als ha- wissermaßen als inneres Ausland der
ganzen Komplexität erfasst, sowenig be das neuzeitliche Mitglied der Unter- deutschen Marktgesellschaft präsen-
Sinn macht ein kulturalistisch verkürzter schicht sich selbst abgeschrieben. tiert, mit zugleich befremdlichen wie nur
Armutsbegriff. Ohne die Berücksichti- Selbst für seine Kinder unternimmt er allzu bekannten Eigenschaften, an de-
gung der Schlüsselrolle materieller Gü- keine allzu großen Anstrengungen, die ren Vulgarität sich das gerade erst wie-
ter für die Existenz, das Ansehen und die Tür in Richtung Zukunft aufzustoßen“ der neu aufkeimende bürgerliche
Wertschätzung eines Menschen im Ge- (Steingart 2006, S. 257). Dieser histori- Selbstbewusstsein aufrichten konnte.“
genwartskapitalismus kann das Prob- sche Vergleich des Spiegel-Redakteurs Protagonisten einer „neuen Bürgerlich-
lem nicht verstanden werden. Gerade- und Bestsellerautors Gabor Steingart keit“ wie Nolte tun so, als sei die Armut
kulturell bedingt, weil sie dann nicht
mehr strukturell bedingt wäre und kein
Mensch außer den Betroffenen selbst
etwas dagegen tun könnte (bzw. müss-
te). Welche politischen Konsequenzen
eine Psychologisierung, Kulturalisie-
rung und Pädagogisierung der Armut
hat, zeigt auch Wüllenwebers Essay
„Spiel nicht mit den Schmuddelkindern!“
im Stern-Heft vom 19. Oktober 2006, wo
Forderungen nach einer Umverteilung
des gesellschaftlichen Reichtums durch
höhere Transferleistungen an die Ar-
men energisch widersprochen wurde:
„Mit mehr Sozialknete kann man die Be-
nachteiligung nicht wirksam bekämp-
fen. Bekäme jede arme Familie 200 oder
300 Euro mehr Stütze im Monat, würden
sich dadurch ihre Aussichten auf einen
Job, auf ein selbstbestimmtes Leben, auf
bessere Aufstiegschancen ihrer Kinder
keinen Millimeter verbessern. Die Erfah-
rung zeigt: Das würde nur den Umsatz
bei McDonald’s erhöhen.“
Ein weiterer, „Die neue Klassengesell-
schaft“ genannter Artikel Wüllenwe-
bers im Stern (v. 23.8.2007) beschreibt,
wie Mittelschichtangehörige etwa aus
Neukölln oder Kreuzberg wegziehen,
weil sie den dortigen Dreck, Müllberge,
Drogenexzesse und Gewalt direkt vor
der Haustür nicht mehr ertragen könn-
ten. Schuld sei nicht die Armut, sondern
die Erkenntnis „intakter Familien“ mit
und ohne Migrationshintergrund, dass
man den eigenen Kindern die schlech-
ten Schulen der genannten Berliner
Stadtteile nicht zumuten dürfe. Die ge-

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Butterwegge, Christoph/Klundt, Michael/Belke-
Christoph Butterwegge
sellschaftliche Trennlinie verlaufe zwi- tensweisen der betroffenen Menschen,
Zeng, Matthias (2008): Kinderarmut in Ost- und
schen der Mittel- und der Unterschicht, ihrer ‚Unterschichtskultur‘ betrachtet Westdeutschland. 2. Aufl., Wiesbaden.
was die „Massenflucht aus den Prob- und damit letztlich ihnen die ‚Schuld‘ Butterwegge, Christoph (2012a): Armut in einem
lemvierteln“ auslöse. Beständigkeit, Dis- für ihre Situation zugeordnet.“ reichen Land. Wie das Problem verharmlost und
ziplin, Pflichtbewusstsein und Zuverläs- Michael Hartmann (2006, S. 207) verdrängt wird. 3. Aufl., Frankfurt am Main/New
York.
sigkeit seien jene Sekundärtugenden, brachte den genannten Diskurs mit der Butterwegge, Christoph (2012b): Krise und Zu-
die den Unterschichtangehörigen fehl- herrschenden Leistungsideologie in kunft des Sozialstaates. 4. Aufl., Wiesbaden.
ten. „Einkommensunterschiede sind die Verbindung und wies auf seine Funktion Butterwegge, Christoph (2012c): Die Entwicklung
bequeme Universalerklärung für alle zur Rechtfertigung der sozialen Polari- des Sozialstaates, Reformen der Alterssicherung
und die (Re-)Seniorisierung der Armut. In: ders./
Probleme der Gesellschaft, insbeson- sierung hin: „Wenn die Unterschichten
Bosbach, Gerd/Birkwald, Matthias W. (Hrsg.):
dere für deren Spaltung.“ Dabei zerfal- an ihrem Los letztlich selbst schuld sind, Armut im Alter. Probleme und Perspektiven der
le die Gesellschaft gar nicht in Arm und weil sie sich keine Bildung aneignen sozialen Sicherung. Frankfurt am Main/New
Reich, so Wüllenwebers zentrale Bot- und einen undisziplinierten Lebens- York, S. 13–41.
schaft, sondern in Menschen, die sich wandel führen, und die Eliten ihre Positi- Hartmann, Michael (2006): Elite – Masse. In: Les-
senich, Stephan/Nullmeier, Frank (Hrsg.):
benehmen könnten, und solche, die kei- on ausschließlich ihrer individuellen Deutschland – eine gespaltene Gesellschaft.
nerlei Rücksicht auf andere nähmen: Leistung verdanken, dann sind die Frankfurt am Main/New York, S. 191–208.
„Anstand ist nicht abhängig vom Konto- Macht- und Einkommensverhältnisse in Hauser, Richard (1989): Entwicklungstendenzen
stand.“ Redakteur Wüllenweber mut- der Gesellschaft nur eine zwingende der Armut in der Bundesrepublik Deutschland. In:
Döring, Diether/Hauser, Richard (Hrsg.): Politi-
maßt, Deutschland sei auf dem Weg zu- Folge der jeweils unterschiedlichen An-
sche Kultur und Sozialpolitik. Ein Vergleich der
rück zur Klassengesellschaft, betont je- strengungen der einzelnen Bürger und Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik
doch gleichzeitig, die Klassenfrage sei damit legitim.“ Micha Brumlik (2007, Deutschland unter besonderer Berücksichtigung
heutzutage „keine Geldfrage mehr“, S. 82) schließlich wies darauf hin, dass des Armutsproblems. Frankfurt am Main/New
sondern eine kulturelle. diese Form der Analyse auch die Thera- York, S. 117–146.
Klundt, Michael (2008): Von der sozialen zur Ge-
Natürlich spricht nichts dagegen, Kin- pie determiniert: „Dort, wo es nicht um nerationengerechtigkeit? – Polarisierte Lebensla-
der besser zu bilden bzw. auszubilden weitere Umverteilung von Geld, son- gen und ihre Deutung in Wissenschaft, Politik und
und somit Verteilungs- um Beteiligungs- dern um die mittel- und langfristige Än- Medien. Wiesbaden.
gerechtigkeit zu ergänzen. Falsch wäre derung einer Kultur, also von Haltun- Kronauer, Martin (2010): Exklusion. Die Gefähr-
dung des Sozialen im hoch entwickelten Kapita-
es jedoch, sie dadurch ersetzen und gen, Einstellungen und symbolisch arti-
lismus. 2. Aufl., Frankfurt am Main/New York.
sich darauf beschränken zu wollen. Un- kulierten Lebensentwürfen geht, hat die Lompe, Klaus (1987): Einleitung. In: ders. (Hrsg.):
glaubwürdig wird, wer die Bildungs- als Politik ihr Recht verloren und die Päda- Die Realität der neuen Armut. Analysen der Be-
besonders zukunftsträchtige Form der gogik als Praxis der Veränderung von ziehungen zwischen Arbeitslosigkeit und Armut in
Sozialpolitik interpretiert und gleichzei- Bildungs- und Aneignungsprozessen an einer Problemregion. Regensburg, S. 1–7.
Neckel, Sighard (2008): Die gefühlte Unter-
tig von der Schule über den Weiterbil- Boden gewonnen.“ schicht. Vom Wandel der sozialen Selbstein-
dungssektor bis zur Hochschule alle Ins- schätzung. In: Lindner, Rolf/Musner, Lutz (Hrsg.):
titutionen dieses Bereichs privatisieren Unterschicht. Kulturwissenschaftliche Erkundun-
LITERATUR gen der „Armen“ in Geschichte und Gegenwart.
möchte. Denn das heißt letztlich, sie für
Allmendinger, Jutta (1999): Bildungsarmut. Zur Freiburg im Breisgau/Berlin/Wien, S. 19–40.
Wohlhabende und deren Nachwuchs
Verschränkung von Bildungs- und Sozialpolitik. Ostner, Ilona (2003): Kinderarmut – eine aktuelle
zu reservieren. In einem solchen Bil- Debatte soziologisch betrachtet. In: Kränzl-Nagl,
In: Soziale Welt, 1/1999, S. 35–50.
dungssystem stoßen Kinder nur noch Balsen, Werner/Nakielski, Hans/Rössel, Karl/ Renate/Mierendorff, Johanna/Olk, Thomas
auf Interesse, wenn sie (bzw. ihre Eltern) Winkel, Rolf (1984): Die neue Armut. Ausgrenzung (Hrsg.): Kindheit im Wohlfahrtsstaat. Gesell-
als zahlungskräftige Kunden firmieren. von Arbeitslosen aus der Arbeitslosenunterstüt- schaftliche und politische Herausforderungen.
zung. Köln. Frankfurt am Main/New York, S. 299–329.
Kontraproduktiv wirken zweifellos die Overwien, Bernd/Prengel, Annedore (Hrsg.)
Brumlik, Micha (2007): Soll ich je zum Augenbli-
Beschneidung der Lernmittelfreiheit bei cke sagen … Das Glück: beseligender Augen- (2007): Recht auf Bildung. Zum Besuch des Son-
gleichzeitiger Verpflichtung der Eltern blick oder erfülltes Leben? In: Kessl, Fabian/Reut- derberichterstatters der Vereinten Nationen in
zur Zahlung von Büchergeld, die Schlie- linger, Christian/Ziegler, Holger (Hrsg.): Erzie- Deutschland. Opladen/Farmington Hills.
hung zur Armut? – Soziale Arbeit und die „neue Sondermann, Ariadne/Ludwig-Mayerhofer, Wolf-
ßung von (Schul-)Bibliotheken aus Kos-
Unterschicht“. Wiesbaden, S. 81–96. gang/Behrend, Olaf (2009): Die Überzähligen –
tengründen und die Erhebung von Stu- Teil der Arbeitsgesellschaft. In: Castel, Robert/
Butterwegge, Carolin (2010): Armut von Kindern
dien gebühren. mit Migrationshintergrund. Ausmaß, Erschei- Dörre, Klaus (Hrsg.): Prekarität, Abstieg, Ausgren-
Die ideologische Entsorgung des Ar- nungsformen und Ursachen. Wiesbaden. zung. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahr-
mutsproblems, das vielfach auf seine hunderts. Frankfurt am Main/New York, S. 157–
167.
psychosoziale und subjektive Dimensi- Steingart, Gabor (2006): Weltkrieg um Wohl-
on reduziert wird, erfolgt im bürgerli- stand. Wie Macht und Reichtum neu verteilt wer-
chen Feuilleton gewöhnlich mittels sei- den. 5. Aufl., München/Zürich.
UNSER AUTOR

ner Pädagogisierung. Bildungs- und Thomas, Stefan (2010): Exklusion und Selbstbe-
hauptung. Wie junge Menschen Armut erleben.
Kulturarmut begründen jedoch entge-
Frankfurt am Main/New York.
gen solcher Halbwahrheiten, wie sie Weiß, Hans (2005): „Frühe Hilfen“ für entwick-
die zitierten Autoren verkünden, keine lungsgefährdete Kinder in Armutslagen. In: Zan-
Armutskultur, sondern sind primär Folge der, Margherita (Hrsg.): Kinderarmut. Einführen-
materieller Entbehrungen. Vor einer des Handbuch für Forschung und soziale Praxis.
Wiesbaden, S. 182–197.
„Therapeutisierung“ der Problematik,
die im öffentlichen bzw. Mediendiskurs
über eine „neue Unterschicht“ angelegt
ist, warnte daher Hans Weiß (2005,
S. 83): „Darin werden Armut und Unter-
schichtszugehörigkeit und ihre Auswir- Prof. Dr. Christoph Butterwegge, gebo-
kungen auf Kinder, abstrahiert von den ren 1951, lehrt seit 1998 Politikwissen-
sozioökonomischen Bedingungen, z. B. schaft und ist Mitglied der Forschungs-
vom Zusammenhang mit Dauerarbeits- stelle für interkulturelle Studien (FiSt) an
losigkeit, primär als Folge der Verhal- der Universität zu Köln.

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DIE RÜCKKEHR DER ALTERSARMUT

Armut im Alter
Claudia Vogel/Harald Künemund

Dass sich die Situation für künftige Ge- zen aber bislang nicht an den Ursachen
Das Phänomen der Altersarmut konnte in nerationen von Rentnerinnen und Rent- an (geringe Einkommen bzw. perforier-
der Bundesrepublik zum Ende des letz- nern ändern wird – und zwar nicht zum te Erwerbsverläufe auf der einen, Ab-
ten Jahrhunderts aufgrund der Erfolge Guten –, ist jedoch nicht erst klar, seit senkung der Renten auf der anderen
der umlagefinanzierten gesetzlichen die Bundesministerin für Arbeit und So- Seite), sondern es wird primär auf die
Rentenversicherung als weitgehend be- ziales, Ursula von der Leyen, im Herbst Notwendigkeit individueller beruflicher
siegt angesehen werden. Heute entwi- 2012 ihren Vorschlag für eine soge- und privater Vorsorge hingewiesen
ckelt sich Altersarmut jedoch erneut zu nannte ergänzende Zuschussrente für oder – wie im Fall der Zuschussrente –
einem ernstzunehmenden gesellschaftli- langjährig Versicherte vorgelegt hat. der Bezug an weitere Bedingungen ge-
chen Problem. Dies, so argumentieren Bereits seit dem Paradigmenwechsel in knüpft. Soziale Ungleichheiten werden
Claudia Vogel und Harald Künemund in der Alterssicherung, der 2002 mit einer daher künftig deutlich zunehmen.
ihrem Beitrag, hängt zum einen mit einem Abkehr von der Lebensstandardsiche- Vor dem Hintergrund hoher Kosten und
Paradigmenwechsel in der Alterssiche- rung durch die gesetzliche Rentenversi- geringer Erträge vieler Vorsorgepro-
rung zusammen, in dessen Folge der pri-
cherung und einer Stärkung der be- dukte wird also nunmehr zehn Jahre
vaten Altersvorsorge eine viel größere
trieblichen und staatlich geförderten nach der Einführung der Riester-Förde-
Bedeutung zukommt. Die Möglichkeiten
privaten Vorsorge besiegelt wurde, ist rung das Thema der steigenden Armut
hierzu sind sozial ungleich verteilt, so
dass finanziell schlechter gestellte Perso- eine Rückkehr der Altersarmut wahr- im Alter verstärkt in Wissenschaft und
nen zunehmend armutsgefährdet sind. scheinlich (vgl. Schmähl 2011). Auch im Öffentlichkeit diskutiert (für einen Über-
Zum anderen ist Armut im Alter auch eine Koalitionsvertrag der Regierungskoali- blick vgl. Vogel/Motel-Klingebiel 2013).
Folge von Veränderungen auf dem Ar- tion aus CDU, CSU und FDP von 2009 Im Folgenden geben wir einen Über-
beitsmarkt, beispielsweise der Zunahme wird dies, wenn auch mit abweichender blick zu aktuellen Befunden zur Armut im
prekärer Arbeitsverhältnisse. Schon heu- Begründung, nicht bestritten: „Wir ver- Alter auf Basis der amtlichen Statistik.
te ist mehr als jeder zehnte Deutsche schließen die Augen nicht davor, dass Daraufhin wird die Bedeutung der Al-
über 65 armutsgefährdet – Tendenz stei- durch veränderte wirtschaftliche und tersvorsorge für die Vermeidung von Ar-
gend. Um auf dieses Problem zu reagie- demographische Strukturen in Zukunft mut im Alter anhand von Kompensati-
ren, empfiehlt das Autorenteam, den die Gefahr einer ansteigenden Alters- onsmöglichkeiten verschiedener Vor-
vollzogenen Paradigmenwechsel in der armut besteht. Deshalb wollen wir, dass sorgestrategien diskutiert, wobei diese
Altrssicherung noch einmal gründlich zu sich die private und betriebliche Alters- in der Regel durch soziale Selektivität
überdenken und Alternativen zu disku- vorsorge auch für Geringverdiener und Unsicherheit gekennzeichnet sind.
tieren, statt mit zu kurz greifenden Refor- lohnt und auch diejenigen, die ein Le- Verschiedene Folgen von Armut im Alter
men neue Probleme herbeizuführen. I ben lang Vollzeit gearbeitet und vorge- werden anhand der Belastungen für die
sorgt haben, ein Alterseinkommen ober- Betroffenen wie für die Gesellschaft
halb der Grundsicherung erhalten, das nach einer kurzen Zusammenfassung im
Armutsrisiko für Ältere nimmt zu bedarfsabhängig und steuerfinanziert Fazit diskutiert.
ist. Hierzu wird eine Regierungskommis-
Altersarmut galt zum Ende des 20. Jahr- sion einen Vorschlag für eine faire An-
hunderts in Deutschland weithin als passungsregel entwickeln“ (CDU, CSU Armut im Alter
überwunden. Die Quote der von Armut und FDP 2009, S. 84).
bedrohten Personen liegt für die Älteren Aufgrund der Absenkungen des Leis- Einkommensarmut
auch heute noch leicht unter dem Durch- tungsniveaus der gesetzlichen Renten-
schnitt, jüngere Menschen sind derzeit versicherung werden Armutsrisiken zu- 2010 lag der Anteil armutsgefährdeter
häufiger betroffen. nehmend für all diejenigen bestehen, Menschen in Deutschland bei 15,6 Pro-
Die geringe Altersarmut ist ein Erfolg die trotz geringer Einkommen oder un- zent (diese und die folgenden Angaben
insbesondere der umlagefinanzierten terbrochener Erwerbsverläufe nicht be- beruhen auf von Eurostat bereitgestell-
gesetzlichen Rentenversicherung (GRV), trieblich und privat für das Alter vorge- ten Zahlen der amtlichen Statistik EU-
die ein hohes Sicherungsniveau und ein sorgt haben bzw. dazu nicht in der Lage SILC: European Union Statistics on In-
Schritthalten mit der wirtschaftlichen waren, also z. B. Geringverdiener oder come and Living Conditions, vgl. Euros-
Entwicklung sichergestellt hat. Darüber überwiegend in Teilzeit Beschäftigte. tat 2012). Als armutsgefährdet gelten
hinaus verfügen einige der rund 20,5 Auch von der umstrittenen Zuschussren- dabei Personen, die nach Einbeziehung
Millionen Rentnerinnen und Rentner in te, die eine Aufstockung geringer indivi- staatlicher Transferleistungen ein Ein-
Deutschland neben ihren Alterseinkünf- dueller GRV-Renten auf einen Betrag kommen von weniger als 60 Prozent des
ten aus der gesetzlichen Rentenversi- von maximal 850 Euro vorsieht, würden mittleren Einkommens der Gesamtbe-
cherung heute über Immobilien oder nur wenige Versicherte profitieren. Da völkerung haben. Für eine alleinleben-
Geldvermögen, die sie in Zeiten des die Bedingungen – mindestens 30 Bei- de Person liegt der Schwellenwert bei
wirtschaftlichen Wachstums und der tragsjahre aus Beschäftigung plus zehn ca. 940 Euro pro Monat, d. h. wer in ei-
politischen Stabilität aufbauen konn- Versichertenjahre aus Kindererziehung nem Einpersonenhaushalt lebt und we-
ten. oder Pflege – nur von wenigen Personen niger als 940 Euro pro Monat Gesamt-
Manche werden einen Teil der Vermö- zu erfüllen sind, würden wohl sehr weni- einkommen hat, gilt als armutsgefähr-
gen in Form von Schenkungen und Erb- ge Renten so bezuschusst; Gleiches gilt det. Ob diese Person tatsächlich in Ar-
schaften an ihre Kinder und Enkel wei- für die sogenannte Lebensleistungsren- mut lebt, hängt allerdings von dem
tergeben (vgl. Vogel/Künemund/Kohli te. Altersarmut hat politisch zwar Auf- Abstand des faktischen Einkommens
2011). merksamkeit erhalten, die Lösungen set- vom Schwellenwert und weiteren Fakto-

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Claudia Vogel/Harald Künemund
ren, wie den Lebenshaltungskosten, ab. Paradigmenwechsel betrachtet werden ist von einer hohen Dunkelziffer an älte-
Die Wohnsituation (selbstgenutztes Im- kann, scheint eine Rückkehr der Alters- ren Personen auszugehen, die ihren
mobilieneigentum, Miete) oder auch fa- armut unter aktuellen politischen Vor- rechtlichen Anspruch auf Grundsiche-
miliäre Unterstützung und Solidarität zeichen unumgänglich. Gleichzeitig hat rung nicht geltend machen – sei es aus
können die Situation verändern. Darü- die Einkommensarmut bereits insbeson- Unwissenheit, Scham oder Bescheiden-
ber hinaus spielen bei der Bewertung dere bei Personen im mittleren Alter zu- heit. Auch ist zu bedenken, dass in der
unterschiedliche subjektive Maßstäbe genommen, die unmittelbar vor dem von Eurostat ausgewiesenen Armuts-
eine Rolle. In der Statistik wird deshalb Eintritt in den Ruhestand stehen (siehe quote die Bekämpfung der Armut im Al-
statt von Armut meist von Armutsgefähr- Abbildung 1). Somit ist in den kommen- ter durch Sozialleistungen wie der
dung oder Armutsrisiko gesprochen. den beiden Jahrzehnten mit einer Ver- Grundsicherung bereits berücksichtigt
Gemessen am Einkommen jedenfalls ist schärfung der Armutsrisiken im Alter zu ist. Ohne diese staatlichen Unterstüt-
die Armutsgefährdung der Älteren aktu- rechnen, insbesondere bei den gebur- zungsleistungen würde die Armutsquo-
ell leicht unterdurchschnittlich: Laut EU- tenstarken Jahrgängen der 1950er- und te in Deutschland höher ausfallen.
SILC beträgt die Quote der von Armut 1960er-Jahre („Babyboomer“). Die von Altersarmut ist meist dauerhaft, weil
bedrohten Personen im Jahr 2010 für Experten schon seit längerem prognos- den Älteren nach dem Übergang in den
Personen im Alter von 65 und mehr Jah- tizierte Tendenz eines Anstiegs von Ar- Ruhestand, bei dem die aus den erwor-
ren 14,1 Prozent (Frauen ab 65 Jahren: mut im Alter schlägt sich somit erst in benen Rentenanwartschaften resultie-
15,9 Prozent, Männer ab 65 Jahren: den kommenden Jahren statistisch in renden Alterseinkommen festgesetzt
12,1 Prozent) und bei den unter 65-Jäh- vollem Ausmaß nieder. werden, kaum mehr Möglichkeiten zur
rigen 16 Prozent (Frauen unter 65 Jah- Verfügung stehen, ihr Einkommen etwa
ren: 16,5 Prozent, Männer unter 65 Jah- Grundsicherung im Alter durch Erwerbsarbeit aufzubessern.
ren: 15,6 Prozent). Ältere Frauen sind Zwar steigt die Zahl der Rentnerinnen
nach wie vor häufiger von Armut betrof- Die Entwicklung einer ansteigenden Ar- und Rentner, die sich z. B. mit 400-Euro-
fen als ältere Männer. Zudem sind älte- mut lässt sich auch am Bezug der Grund- Jobs noch etwas hinzuverdienen. Aller-
re Migranten deutlich häufiger von Ar- sicherung im Alter ablesen – der Sozial- dings wird zumindest ein Teil der Perso-
mut betroffen als Ältere ohne Migrati- leistung für Personen, die ihren Lebens- nen mit zunehmendem Lebensalter nicht
onshintergrund (laut Mikrozensus 2010 unterhalt nicht selbst bestreiten können: mehr in der Lage sein, einer Beschäfti-
28,7 zu 10,7 Prozent; vgl. Fuhr 2012). Während bei Einführung im Jahr 2003 gung nachzugehen, wenn etwa die Be-
Historisch betrachtet ist die Altersarmut insgesamt nur 257.734 Personen im Al- schäftigungsfähigkeit nachlässt oder
in Deutschland über Jahrzehnte gesun- ter von 65 und mehr Jahren Grundsiche- Erkrankungen zunehmen. Auf steigen-
ken und erreichte zu Beginn des 21. Jahr- rung bezogen, sind es im Jahr 2011 be- den Bedarf durch höhere Wohnkosten
hunderts einen Tiefstand. Heute ist be- reits 436.210 Personen im Alter von 65 und höhere Krankenversicherungsbei-
reits eine Trendwende zu beobachten, und mehr Jahren insgesamt (Statisti- träge oder Kosten von Pflegebedürftig-
die langsam steigende Armutsquoten sches Bundesamt 2012). Der Anstieg ist keit können Ältere hingegen nicht mehr
sowohl für die Gesamtbevölkerung, als nicht allein auf die steigende Zahl der besonders flexibel reagieren, hier ent-
auch für die älteren Menschen mit sich Personen ab 65 zurückzuführen, son- stehen im Gegenteil zusätzliche Verar-
bringt. Während das Zurückdrängen dern vor allem auf die steigende Zahl mungsrisiken.
der Altersarmut durchaus als Erfolg des von Bedürftigen, die diese Unterstüt-
Systems der Alterssicherung vor dem zung in Anspruch nehmen. Gleichzeitig Renteneinkommen

Für den Großteil der Rentnerinnen und


Abbildung 1: Entwicklung der Armutsquoten nach Altersgruppen Rentner stellen Einkommen aus der ge-
setzlichen Rentenversicherung nach wie
vor den Hauptbestandteil ihres Ge-
samteinkommens dar. Jahr für Jahr fal-
len jedoch die Zahlungen an Neurent-
nerinnen und -rentner durchschnittlich
geringer aus als an die Bestandsrentne-
rinnen und -rentner. Der durchschnittli-
che Gesamtrentenzahlbetrag lag 2010
bei 982 Euro für Männer und 718 Euro
für Frauen (BMAS 2011, S. 18). Hierbei
sind alle Renteneinkommen aus der ge-
setzlichen Rente berücksichtigt, d. h.
beispielsweise auch Hinterbliebenen-
renten. Betrachtet man hingegen allein
die Versichertenrenten, liegt der Zahl-
betrag bei Männern mit 925 Euro in den
alten Bundesländern und 943 in den
neuen Bundesländern geringfügig, bei
Frauen mit 522 Euro in den alten Bun-
desländern und 671 Euro in den neuen
Ländern deutlich niedriger (vgl. Deut-
sche Rentenversicherung 2011). Neu-
rentnerinnen und -rentner stehen im
Schnitt vergleichsweise schlechter da,
mit einem durchschnittlichen Renten-
Quelle: Statistisches Bundesamt/Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (2011, 167); Berechnun-
gen auf Basis des SOEP 2000–2002, 2007–2009, eigene Darstellung. Armutsgrenze: 60 Prozent des zahlbetrag von 808 Euro bei Männern
Median-Einkommens. in den alten Bundesländern und 785 Eu-

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ARMUT IM ALTER

dem Ausmaß, in dem sich der erwünsch-


te Anlageerfolg einstellt. Die jüngsten
Krisen haben deutlich gemacht, dass
hier keine Selbstverständlichkeit unter-
stellt werden kann und dass erhebliche
Inflationsrisiken bestehen – im Gegen-
satz zur GRV, die vor dem Hintergrund
der historischen Erfahrungen mit Inflati-
on und Vermögensverlusten ganz be-
wusst als Umlageverfahren konzipiert
wurde, um im Falle einer Inflation oder
eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs
durch Umverteilung die Rentner am je-
weiligen Einkommensniveau partizi-
pieren lassen zu können. Inwiefern es
verschiedenen Personengruppen tat-
sächlich möglich sein wird, sinkende
Renteneinkommen bzw. die dadurch re-
sultierende Rentenlücke durch betriebli-
che und staatlich geförderte private
Vorsorge bzw. private Vermögenstrans-
fers wie Erbschaften und Schenkungen
zu kompensieren, ist daher durchaus ei-
ne offene Frage – es ist eine neue, stär-
ker individualisierte Unsicherheit ins
Spiel gekommen. Fast gänzlich überse-
Aufgrund der Absenkungen des Leistungsniveaus der gesetzlichen Rentenversicherung hen wird dabei bislang, dass die Inflati-
werden Armutsrisiken zunehmend für all diejenigen bestehen, die trotz geringer Ein- onsrisiken von den bestehenden priva-
kommen oder unterbrochener Erwerbsverläufe nicht betrieblich oder privat für das ten Altersvorsorgeprodukten allenfalls
Alter vorgesorgt haben bzw. dazu nicht in der Lage waren. picture alliance/dpa in der Ansparphase, nicht aber in der
Auszahlungsphase berücksichtigt wer-
den (vgl. Künemund et al. 2010, 2013):
ro in den neuen Bundesländern, sowie leisten bzw. entsprechend unterdurch- Die „Sicherungslücke“ wird zumeist al-
494 Euro bei Frauen in den alten Bun- schnittlich wenige Entgeltpunkte an- lein für den Beginn der Altersphase im
desländern und 666 Euro in den neuen sammeln, oder weil sie gar nicht sozial- Lebenslauf berechnet. Werden die Be-
Bundesländern (vgl. Deutsche Renten- versicherungspflichtig beschäftigt sind. züge dann aber nicht, wie in der GRV, in
versicherung 2011). Es ist offensichtlich, Insbesondere die stattgefundenen Ver- der Bezugsphase dynamisiert und z. B.
dass die jährliche Rentenanpassung änderungen auf dem Arbeitsmarkt tra- an die Lohnentwicklung angepasst, ver-
zwar den durch Inflation verursachten gen also zu der künftig steigenden Al- liert diese Rente zunehmend an Kauf-
Kaufkraftverlust zumindest teilweise tersarmut bei, nicht allein die Absenkun- kraft, während der Bedarf – etwa bei
wettzumachen sucht, die Niveauunter- gen der Renten selbst. Hilfe- oder Pflegebedürftigkeit – im Ver-
schiede in den Renten der verschiede- lauf des Lebens steigt. In welchem Aus-
nen Geburtskohorten aber nicht verän- maß dies im Falle einer positiven Wirt-
dern kann. Kompensation der Rentenlücke schaftsentwicklung z. B. durch mögliche
Die geringeren Rentenzahlbeträge bei Überschussbeteiligungen aufgefangen
den jüngeren Rentnerinnen und Rent- Private Alterssicherung werden kann, ist völlig unklar (und auch
nern sind allerdings nicht allein auf die keineswegs einheitlich geregelt), im Fal-
Reduzierung im GRV-Leistungsniveau Die Absenkungen im Rentenniveau und le negativer Wirtschaftsentwicklungen
zurückzuführen, sondern auch auf die gegebenenfalls auch geringere An- aber ist ein hoher Anteil derartiger pri-
von den jeweiligen Personen im Er- wartschaften sollen künftig durch höhe- vater Alterssicherungsprodukte mit ho-
werbsleben erworbenen unterschiedli- re betriebliche und private Alterssiche- her Wahrscheinlichkeit ein zusätzliches
chen Anwartschaften, die in Form von rungsleistungen kompensiert werden. neues Risiko.
Entgeltpunkten angesammelt werden. Die Möglichkeiten zu einer solchen Al- Der Paradigmenwechsel bringt also
Viele jüngere Erwerbstätige haben bis tersvorsorge sind sozial ungleich ver- neue Unsicherheiten und zunehmende
zum Erreichen des Renteneintrittsalters teilt, so dass im Kontext des vollzogenen Ungleichheiten zugleich auf den Plan.
lediglich geringe Chancen, die notwen- Paradigmenwechsels in der Alterssiche- Diese Unsicherheiten und Ungleichhei-
digen 45 Entgeltpunkte des „Eckrent- rung (Schmähl 2011) von einer zusätzli- ten und deren langfristige Folgen für die
ners“ zu erreichen. Dies ist unter ande- chen Zunahme der Ungleichheit im Alter soziale Integration und den gesell-
rem aufgrund langer Ausbildungszeiten auszugehen ist. Überwiegend zeigen schaftlichen Zusammenhalt, wie auch
der Fall, weil sie Erwerbsunterbrechun- die vorliegenden Studien, das finanziell die gesellschaftliche Entwicklung ins-
gen erleben – wie z. B. Phasen der Ar- schlechter gestellte Personengruppen gesamt, sind noch kaum durchdacht. Ein
beitslosigkeit –, zeitweilig gering ver- beispielsweise seltener „riestern“ (vgl. im Grunde sicheres und historisch auch
dienen und somit nur unterdurchschnitt- Börsch-Supan et al. 2008, S. 28). Die im Hinblick auf den sozialen Zusammen-
liche Beiträge zur Rentenversicherung Kompensation gelingt außerdem nur in halt der Gesellschaft sehr erfolgreiches

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Claudia Vogel/Harald Künemund
nannten 100 Euro, so ist auch der Bevöl-
kerungsanteil noch kleiner anzusetzen,
der diese Rentenlücke unter Rückgriff
auf erhaltene Schenkungen und Erb-
schaften zumindest teilweise kompen-
sieren könnte. Für den überwiegenden
Teil der primär über die GRV versicher-
ten Haushalte spielen Erbschaften so-
mit – wenn sie denn überhaupt anfallen
– eine untergeordnete Rolle. Große
Transfers, etwa in einer Höhe, die den
Anwartschaften in der gesetzlichen
Rentenversicherung entspricht, werden
auch in Zukunft nur einer sehr kleinen
Minderheit besonders Begünstigter zu-
fließen.
Ein Abschaffen der Erbschaftssteuer –
wie kürzlich z. B. wieder von der Jungen
Union gefordert – würde diesen Effekt
noch verstärken und zu einer deutlichen
Erhöhung der Vermögensungleichheit
in absoluten Beträgen beitragen. Eine
konfiskatorische Erbschaftssteuer wür-
de allerdings auch nicht automatisch zu
einer Reduktion der Ungleichheit füh-
ren: Es würden sehr viele kleine und
mittlere Erbschaften wegfallen, was die
relative Konzentration der Vermögen
sogar erhöhen, die relative Ungleich-
heit also deutlich verstärken würde.
Hier irrt also die politische Linke, wenn
sie von konfiskatorischen Erbschafts-
steuern eine direkte Reduktion der Ver-
Ältere Frauen sind nach wie vor häufiger von Armut betroffen als ältere Männer. mögensungleichheit erwartet. So gese-
picture alliance/dpa hen weisen sowohl die in den letzten
Jahren bereits beschlossenen, als auch
die meisten der aktuell diskutierten Än-
System der Alterssicherung wurde vor warten, weil diese Haushalte oft gar derungen im Bereich der Erbschafts-
dem Hintergrund zumeist völlig überzo- nicht oder nur in geringem Maße von und Schenkungssteuern ebenfalls eher
gener Dramatisierungen gegen zuneh- der Absenkung der gesetzlichen Renten in Richtung steigender Ungleichheit und
mende Unsicherheit und Ungleichheit betroffen sein werden (z. B. Beamten- wohl auch steigender Armut im Alter.
getauscht, ohne dass diese Folgen klar haushalte).
ausformuliert gewesen wären. Jene große Mehrheit von Haushalten,
die zur Finanzierung des Lebensunter- Ausblick
Private Vermögensübertragungen halts im Alter dagegen auf die gesetzli-
chen Renteneinkommen angewiesen ist Armut kann in jedem Lebensalter zu so-
Aufgrund der enormen Vermögenswer- und geringere Renten aus der GRV zialer Ausgrenzung und sozialer Spal-
te, die heute und vor allem in der nähe- überwiegend durch private Vorsorge tung führen. Einsamkeit, Krankheit und
ren Zukunft an die jüngeren Generatio- kompensieren muss, erbt sowohl deut- z. B. auch geringeres gesellschaftliches
nen transferiert werden, könnte theore- lich seltener als auch geringere Beträ- Engagement bringen jedoch soziale
tisch zumindest teilweise die erwart- ge. Zwar kann auch hier im Falle eines Kosten mit sich, die wiederum an ande-
bare Absenkung der durchschnittlichen Erbschafts- oder Schenkungserhalts rer Stelle von der Gesellschaft getragen
Renteneinkommen aus der GRV durch von einer zumindest teilweisen Kom- werden müssen. Es ist eher unwahr-
private Transfers kompensiert werden. pensation ausgegangen werden. Eine scheinlich, dass sich jemand, der sich
Allerdings wird dies in der Praxis nur Summe von 18.000 Euro, wie sie die um die Miete für den nächsten Monat
sehr selten der Fall sein: Wie empirische Hälfte der gesetzlich abgesicherten Er- sorgen muss, ehrenamtlich engagiert.
Analysen wiederholt gezeigt haben benhaushalte mindestens erhält, reicht Insofern ist es unseres Erachtens auch
(Künemund/Vogel 2008; Vogel et al. – bei extrem konservativer Anlageform wenig überzeugend, hier auf einen neu-
2010, 2011), ist auch das Erbschafts- mit minimaler Verzinsung – möglicher- en gesellschaftlichen Zusammenhalt zu
und Schenkungsgeschehen stark sozial weise aus, um die Altersrente über ca. setzen, der die Individualisierung sozia-
differenziert: Die besten Erbchancen 15 Jahre hinweg nominal um monatlich ler Risiken kompensieren könnte – ge-
haben private Haushalte, die mit hoher rund 100 Euro aufzubessern. Ist die Le- nauso gut könnte das Gegenteil der Fall
Wahrscheinlichkeit bereits gut für das benszeit aber länger, sinkt auch der Be- sein. Darüber hinaus werden die famili-
Alter abgesichert sind. Zwar tragen trag, der entnommen werden kann. Ins- ären Generationenbeziehungen ver-
große Erbsummen auch hier zum Vermö- besondere ein steigender Bedarf in den mutlich stärker belastet, und auch in der
gensaufbau und zur weiteren Verbesse- späteren Lebensjahren – etwa aufgrund Pflege führt die stärkere Betonung von
rung der Absicherung für das Alter bei, einer Hilfe- oder Pflegebedürftigkeit – Eigenvorsorge zu stärkeren Belastun-
aber es scheint zweifelhaft, hier die kann so kaum kompensiert werden. Und gen jener Personen (insbesondere Frau-
Kompensation einer Rentenlücke zu er- ist die Rentenlücke größer als die ge- en), die sich fehlende Leistungen nicht

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einfach am Markt kaufen können. Von einkommen am wenigsten erfüllen kön- ARMUT IM ALTER
einem Erfolg des früheren Systems der nen. Zu den vulnerablen Gruppen zäh-
Alterssicherung kann nämlich nicht nur len neben Langzeitarbeitslosen und
in Bezug auf die Gesundheitssituation, Geringverdienern beispielsweise auch
das Wohnen und das Einkommen ge- viele Selbstständige. Ohne politische Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS)
sprochen werden, sondern auch in Be- Korrekturen wird die Rückkehr der Al- (2011): Bericht der Bundesregierung über die ge-
zug auf die gesellschaftliche Partizipa- tersarmut also fortschreiten. Statt mini- setzliche Rentenversicherung, insbesondere über
tion und die familiären Beziehungen: mal an einzelnen Stellschrauben zu dre- die Entwicklung der Einnahmen und Ausgaben,
der Nachhaltigkeitsrücklage sowie des jeweils
Gesellschaftlich sinnvolle und „produk- hen – diese Praxis hat die Problematik erforderlichen Beitragssatzes in den künftigen 15
tive“ Tätigkeiten, wie auch familiäre (gewollt oder nicht) hervorgebracht –, Kalenderjahren gemäß § 154 Abs. 1 und 3 SGB
Unterstützungsleistungen, setzen ent- sollte das System sozialer Sicherung VI (Rentenversicherungsbericht 2011). Berlin.
sprechende Ressourcen voraus, diese ins gesamt überdacht oder – im Falle CDU, CSU und FDP (2009): Wachstum. Bildung.
Zusammenhalt. URL: http://www.cdu.de/doc/
wiederum einen gut ausgebauten Sozi- fehlender Alternativen oder unklarer
pdfc/091026-koalitionsvertrag-cducsu-fdp.pdf.
alstaat mit verlässlicher materieller Ab- Wirkungen – zum bewährten System Deutsche Rentenversicherung (2011). URL: http://
sicherung. Kürzungen und zunehmende zurückgekehrt werden. Eine politische www.deutsche-rentenversichrung.de/cae/serv-
Ungleichheiten dürften daher zu Belas- Lösung sollte dabei den veränderten let/contentblob/138218/publicationFile/23658/
tungen in den familiären Generationen- Lebensläufen von Männern und Frauen rv_in_zahlen_2011_pdf.pdf.
Eurostat (2012): Armutsgefährdungsquoten. URL:
beziehungen führen (vgl. Künemund/ insgesamt gerecht werden. In einem so- http://epp.eurostat.ec.europa.eu/portal/page/
Vogel 2006). lidarischen umlagefinanzierten Renten- portal/europe_2020_indicators/headline_indi-
Altersarmut ist also keinesfalls über- system waren sichere Arbeitsplätze und cators.
wunden, sondern wird vermutlich sehr ausreichende individuelle Erwerbsein- Fuhr, Gabriela (2012): Armutsgefährdung von
Menschen mit Migrationshintergrund. In: Wirt-
bald zu einem gewichtigen gesell- kommen für Männer und Frauen die
schaft und Statistik. URL: https://www.destatis.
schaftlichen Problem werden. Bereits beste Basis, um Armut im Alter abzu- de/DE/Publikationen/WirtschaftStatistik/Bev-
heute ist weit mehr als jeder Zehnte ab wenden. Was an diese Stelle treten soll, oelkerung/ArmutsgefaehrdungMigrationshinter-
65 Jahre armutsgefährdet, und der Um- bleibt offenbar noch zu diskutieren: grund_72012.pdf?__blob=publicationFile.
bau der Alterssicherung in Deutschland Wie eine Gesellschaft eigentlich ausse- Künemund, Harald/Vogel, Claudia (2006): Öf-
fentliche und private Transfers und Unterstüt-
führt voraussichtlich zu einem weiteren hen soll, in der wir leben und alt werden zungsleistungen im Alter – „crowding out“ oder
Anstieg sozialer Ungleichheit und Ar- wollen. „crowding in“? In: Zeitschrift für Familienfor-
mut im Alter. Das Absenken des Leis- schung, 3/2006, S. 269–289.
tungsniveaus der gesetzlichen Renten- Künemund, Harald/Vogel, Claudia (2008): Erb-
LITERATUR schaften und ihre Konsequenzen für die soziale
versicherung kann nicht von allen in
Börsch-Supan, Axel/Bucher-Koenen, Tabea/ Ungleichheit. In: Künemund, Harald/Schroeter,
gleichem Maße kompensiert werden – Klaus R. (Hrsg.) (2008): Soziale Ungleichheiten
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Künemund, Harald/Fachinger, Uwe/Schmähl,
Winfried/Unger, Katharina/Laguna, Elma P.
(2013): Rentenanpassung und Altersarmut. In: Vo-
UNSERE AUTORIN

UNSER AUTOR

gel, Claudia/Motel-Klingebiel, Andreas (Hrsg.):


Altern im sozialen Wandel: Die Rückkehr der Al-
tersarmut? Wiesbaden, S. 193–212.
Schmähl, Winfried (2011): Die Riester-Reform von
2001 – Entscheidungen, Begründungen, Folgen.
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Statistisches Bundesamt (2012): Grundsicherung
im Alter und bei Erwerbsminderung. URL: https://
www.destatis.de/ DE / ZahlenFakten/Gesells-
chaftStaat/Soziales/Sozialleistungen/Sozialhil-
fe/Grundsicherung/Tabellen/Altersgruppenin-
ProzenZeitreihe.html.
Statistisches Bundesamt/Wissenschaftszentrum
Dr. Claudia Vogel ist wissenschaftliche Prof. Dr. Harald Künemund leitet den Berlin für Sozialforschung (2011): Datenreport
2011. Bonn.
Mitarbeiterin im Projekt Deutscher Frei- Arbeitsbereich Empirische Alternsfor- Vogel, Claudia/Künemund, Harald/Fachinger,
willigensurvey am Deutschen Zentrum schung und Forschungsmethoden am Uwe (Hrsg.) (2010): Die Relevanz von Erbschaften
für Altersfragen (DZA) Berlin. Ihre For- Institut für Gerontologie der Universität für die Alterssicherung. Berlin.
schungsschwerpunkte umfassen Fragen Vechta. Seine Forschungsschwerpunkte Vogel, Claudia/Künemund, Harald/Kohli, Mar-
sozialer Ungleichheit (Generationenbe- sind familiäre und gesellschaftliche Ge- tin (2011): Familiale Transmission sozialer Un-
gleichheit in der zweiten Lebenshälfte: Erbschaf-
ziehungen, Einkommen und Vermögen nerationenbeziehungen (Erbschaften, ten und Vermögensungleichheit. In: Berger, Peter
älterer Menschen, gesellschaftliche Par- Unterstützungsleistungen, Pflegetätig- A./Hank, Karsten/Tölke, Angelika S. (Hrsg.): Re-
tizipation und freiwilliges Engagement, keiten, Wechselwirkungen staatlicher produktion von Ungleichheit durch Arbeit und
sowie Migration im Alter) und For- und familiärer Transfers), gesellschaftli- Familie. Wiesbaden, S. 73–92.
Vogel, Claudia/Motel-Klingebiel, Andreas
schungsmethoden. che Partizipation im Alter (Ehrenamt und (Hrsg.) (2013): Die Rückkehr der Altersarmut? In:
bürgerschaftliches Engagement, Frei- Vogel, Claudia/Motel-Klingebiel, Andreas
zeit und Lebensstile, politische Partizipa- (Hrsg.): Altern im sozialen Wandel: Die Rückkehr
tion), Möglichkeiten und Grenzen neuer der Altersarmut? Wiesbaden, S. 13–24.
Technologien, Alterssicherung sowie
Methoden der empirischen Sozialfor-
schung. Foto: Cordia Schlegelmilch

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LEBENSKONSTRUKTION UND UMBRUCHSBEWÄLTIGUNG

Wege der Selbsthilfe im prekären Alltag


Anna Eckert/Andreas Willisch

industriellen Kleinstadt Wittenberge, nation gerade der unteren Einkommen,


Anna Eckert und Andreas Willisch unter- gelegen an der Elbe zwischen Berlin die weitere Verbreitung prekärer Ar-
suchen in ihrem Beitrag 1 die Veränderun- und Hamburg, beispielhaft – aber nicht beitsverhältnisse und vor allem auch
gen der individuellen Lebensführung in außergewöhnlich – vollzogen hat. Die- der Rückgang der Renten wegen unter-
Zeiten des Umbruchs. Sie gehen dabei ser Umbruch, der so unglaublich rasant brochener Erwerbsbiografien führen
der Frage nach, wie sich die Umbruchs- Fahrt aufgenommen hatte, entfaltete dazu, dass im Überlebensbereich der
prozesse Exklusion, Fragmentierung und seine weiteren Wirkungen erst im Laufe Gesellschaft Geld und Unterstützung
Schrumpfung auf die alltägliche Le- der Jahre. Die Arbeitslosigkeit verfes- knapp geworden sind. Zweitens tut sich
bensführung auswirken. Dabei geht es tigte sich, das Ende der Industriegesell- ein Problemfeld auf, wo die gesell-
ins besondere um den Umgang mit Ar- schaft offenbarte seine Schrumpfungs-, schaftliche Infrastruktur und Institutio-
beitslosigkeit oder prekären Arbeitsbe- Fragmentierungs- und Exklusionsfolgen nen schrumpfungsbedingt zurückge-
dingungen. Als Beispiel dient die nord- erst nach und nach, und diese Um- baut oder aufgegeben werden, wo
deutsche Kleinstadt Wittenberge, in der bruchszeit bedeutete für die Menschen, Schulen, Arztpraxen und Krankenhäu-
1991 und 1992 etwa 6.000 Angestellte
die ihr Leben nach dem Beruf und um ser geschlossen werden oder der öf-
aufgrund der Schließung dreier industri-
den Großbetrieb herum organisiert fentliche Nahverkehr ausgedünnt wird.
eller Betriebe ihre Arbeit verloren. Die
hatten, eine Anpassung oder einen Die prekären unter den gesellschaftli-
Betroffenen schlugen in der Folge ganz
unterschiedliche Wege ein, um sich selbst Komplettumbau ihres Lebens. Sie muss- chen Gruppen, die den Umbruch zu be-
zu helfen und ihr Leben neu zu ordnen. ten erst neue Regeln ihrer Lebensfüh- wältigen haben, haben also weniger,
Der erste Weg ist der mehrerer Neben- rung 4 finden und ausprobieren, da wo sie mehr bräuchten, in einer leerer
jobs, wie ihn die 56-jährige Doris Vogel, „Methoden, die in der Vergangenheit werdenden Gesellschaft. Und ausge-
ehemalige Lackiererin, geht. Sie verdient erfolgreich erprobt wurden, ständig rechnet in diesen Situationen wird im-
mithilfe verschiedener kleinerer Jobs et- überprüft und angepasst werden [müs- mer wieder der Ruf nach Selbsthilfe laut.
was zu ihren Arbeitsgeld II-Bezügen da- sen], denn sie könnten sich unter verän- Wenn die Gesellschaft weniger Unter-
zu, ohne je ganz die Hoffnung auf eine derten Umständen als nutzlos oder gar stützung und weniger Sicherheit zu leis-
„richtige“, unbefristete Stelle aufzuge- kontraproduktiv erweisen“. 5
ben. Ihre Arbeitsfähigkeit ist ihr sehr Wir möchten im Folgenden der Frage
wichtig. Der 46-jährige Horst Kramer nachgehen, wie sich die drei genannten
entschied sich dagegen für das Gemein- Umbruchsprozesse Exklusion, Frag men-
schaftsprinzip. Regelmäßige Treffen mit tierung und Schrumpfung auf die Mik-
Nachbarn strukturieren seinen Tag und roebene der alltäglichen Lebensfüh-
sind eine Quelle für Selbstbewusstsein rung auswirken, wie sie Modelle der Le-
und gesellschaftliche Teilhabe. Das dritte bensführung verändern und welche Rol-
Prinzip schließlich ist das der körperli- le Selbsthilfe darin spielt. Im Kern zeigen
chen Reinheit, bei dem sich alles darum wir drei reorganisierte Modelle der Le-
dreht, dass der Körper gesund und leis-
bensführung, die um die jeweils spezifi-
tungsfähig bleibt. Andrea Jahn, die die-
schen Logiken Gemeinschaft, Arbeit
sem Prinzip folgt, schöpft aus ihrer guten
und Körper kreisen. Unser Beitrag fo-
körperlichen Verfassung Kraft und Zu-
friedenheit. Alle Lebensführungsmodelle kussiert die Lebensführung Arbeitsloser,
beruhen auf Selbsthilfe, dienen der genauer die praktische Daseinsbewäl-
Strukturierung des prekären Alltags und tigung von Menschen, die seit mehreren
bieten ein Stück weit Sicherheit. I Jahren ohne Erwerbseinkommen und
weder von Ersparnissen noch Immobili-
en leben, sondern abhängig sind von
staatlichen Leistungen. Gegenstand ist Die nach der
Der rasante Umbruch der folglich die sozialstaatlich abgefange- Wende einsetzen-
Gesellschaft ne und damit gleichzeitig geschaffene de Deindustrialie-
und disziplinierende Armut. Diese mate- rung hat in den
„Ehrlich gesagt, man muss verzichten. rielle Armut ist möglicherweise darüber östlichen Bundes-
Man konnte früher schon mit wenig hinaus eine Armut an Kontakten und An- ländern vielen
Geld auskommen, und jetzt, da muss erkennung, an Mobilität und Möglich- Menschen und
man verzichten.“ 2 Die Frau, die das er- keiten bei einem gleichzeitigen Reich- Orten buchstäblich
zählt, war eine von etwa 6.000 Erwerbs- tum an Zeit, wie die unterschiedlichen den Boden unter
tätigen, denen durch die Schließung Modelle der Lebensführung zeigen. den Füßen wegge-
von drei großen Wittenberger Betrie- Die Menschen in Umbruchsgesellschaf- zogen. Man fühlt
ben, in denen Öle, Nähmaschinen und ten stehen, kurz gesagt, vor zwei grund- sich aus der Welt
Zellwolle produziert wurden, im Jahr sätzlichen Problemfeldern: Erstens der industriellen
1991 oder 1992 gekündigt wurde. Sie schrumpfen beständig die Mittel, die für Moderne gewor-
startete „ohne Arbeit in den Kapitalis- die individuelle Bewältigung eines sol- fen und ist zu an-
mus“. 3 Der materielle Abstieg unserer chen sozialen Wandels aktiviert wer- deren Modellen
Gesprächspartnerin – Armut durch Ar- den können – der härteste Einschnitt er- der Lebensführung
beitslosigkeit – gehört zu einem gesell- folgte im Zusammenhang mit der Hartz- gezwungen.
schaftlichen Umbruch, der sich in der IV-Gesetzgebung. Doch auch die Stag- picture alliance/dpa

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ten imstande ist, sollen die Leute selbst jenen, die finanzielle Ressourcen akti- WEGE DER SELBSTHILFE
Hand anlegen, sich die fehlenden Mit- vieren konnten, deren spezielle Kennt- IM PREKÄREN ALLTAG
tel selbst besorgen, sich um ihre Bildung nisse vielleicht gerade angesagt waren,
selbst kümmern und Bürgerbusse fah- die sich durch Fernpendeln ein gutes
ren. Bezogen auf die sich wandelnde Auskommen sicherten oder mit eigenen
Gesellschaft kann das bedeuten, dass Ideen ihre wirtschaftliche Selbststän- zu liegen, um als ordnendes Prinzip für
Anschlussmöglichkeiten oder Gelegen- digkeit retteten, fiel das leichter, als ein Leben zu dienen. Stattdessen lag es
heiten, die die Selbsthilfe als strukturel- denjenigen, die schon mit schlechteren nahe, für die ganz alltäglichen, unmit-
le Voraussetzung braucht, nicht mehr Voraussetzungen starten mussten, die telbar greifbaren Probleme des Um-
verfügbar sind. zu alt zum Umschulen und zu jung für bruchs nach Antworten zu suchen. Da,
Selbsthilfe setzt die Fähigkeit voraus, ei- den vorgezogenen Ruhestand waren, wo Deindustrialisierung und Schrump-
ne methodische Lebensführung zu etab- die jahrelang in Ausbildungs- und Maß- fung die Gemeinschaften zersprengten,
lieren, an die dann weitere Selbsthilfe- nahmenschleifen umherirrten, die ge- müssen neue soziale Beziehungen ein-
praktiken angedockt werden können. Es sundheitlich angeschlagen waren oder gegangen werden; da, wo defizitäre
geht zunächst darum, die eigenen Be- schlicht „aufs falsche Pferd gesetzt“ hat- sekundäre Integration das Selbstver-
dürfnisse und Interessen herauszufiltern ten: Sie mussten mehr probieren. Wäh- trauen und den Stolz raubten, muss
und dann die Ressourcen zu mobilisie- rend die Erstgenannten im Wohlstands- nach inneren, körpereigenen Potenzen
ren, die notwendig erscheinen, um die- modus 7 häufiger „richtig lagen“ und frü- gesucht werden und müssen die mittler-
se Interessen durchzusetzen. 6 her auf „Normalbetrieb“ umschalten weile womöglich hinderlichen Vorstel-
konnten, mussten Letztgenannte weit- lungen eines bestimmten Berufes, spezi-
aus öfter ihre Entscheidungen korrigie- ellen Fachwissens und betrieblicher Lo-
Methodische Prinzipien der ren, ohne dass sie sich an eingefahre- yalität zugunsten eines Arbeitsprinzips
Lebensführung in der Prekarität – nen Modellen orientieren konnten. Im aufgegeben werden, das an Gelegen-
Arbeit, Gemeinschaft, Körper Überlebensmodus hieß das, im Nebel heiten und der Gleichzeitigkeit ganz
des Umbruchs „auf Sicht“ zu fahren, oft- unterschiedlicher Tätigkeiten orientiert
Im Umbruch sein Leben neu zu ordnen mals nahe am Boden unter dem Radar ist. „Penny-Kapitalismus“ 8 hat der US-
und zu führen, gelingt den Menschen je gesellschaftlicher Anerkennung hin- amerikanische Anthropologe Sol Tax
nach sozialer Stellung und sozialer La- durch. Die charakteristischen Insignien das 1953 genannt.
ge unterschiedlich gut. Denen, die das der bundesrepublikanischen Arbeit-
Glück und die Eignung hatten, in der nehmergesellschaft, wie Karriere, Beruf
neuen Verwaltung unterzukommen, und und Erfolg, schienen zu weit in der Ferne Nebenarbeit

Ein Leben methodisch entlang dieses


Prinzips zu organisieren, in dem Arbeit
mehr der unmittelbaren Reproduktion
dient 9 denn der eigenen Karriere, ist ein
strenges Leben, und es liegt trotz Wohl-
fahrtsgesellschaft nicht weit über dem
Existenzminimum. Doris Vogel, früher
Lackiererin bei Veritas, macht das zum
Beispiel so: Sie erledigt zwei Jobs, putzt
in einem Haushalt und trägt Zeitungen
aus, letzteres fast noch in der Nacht, auf
jeden Fall, bevor die Wohlstandswelt
erwacht. Obwohl sie sehr früh aufsteht
und sich beim Arbeiten abmüht, defi-
niert die 56-Jährige diese Tätigkeiten
nicht als Arbeit, sondern als Neben-
jobs. Die Stelle für den Hauptjob bleibt
in ihrem Denken vorerst frei. Arbeit exis-
tierte für sie zum einen in der Vergan-
genheit. Über eine volle Stelle in den
1990ern erzählt sie: „Richtige Arbeit.
Da haben wir richtig, richtig gutes Geld
verdient. Also wirklich richtig gutes
Geld“ (Int. Vogel, 6.5.2008). Anderer-
seits gibt es diese Arbeit möglicherwei-
se noch in der Zukunft, dafür hebt sie
sich ihre Kraft auf: „Bei 50 Plus, da hab
ich mich auch beworben auf’m Arbeits-
amt. […] Dass es vielleicht auch klappt,
[…] hoff ich ja wohl, dass ich vielleicht
nächstes Jahr was kriege. […] Bisschen
Hoffnung kann man ja haben.“10
Die finanzielle Grundlage ihrer Existenz
bildet der Bezug von Arbeitslosengeld
II. Der Verfügungsrahmen wird etwas
erweitert durch das, was die Mini-Tätig-
keiten einbringen. Alle Ausgaben wer-

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Anna Eckert/Andreas Willisch
selbstunternehmerisches Leben von zu
Hause aus. Im Sommer geht sie in ihren
Garten, im Winter trifft sie ihre Freundin
daheim. Von der Familie lebt nur noch
ihre Mutter in der Stadt, für die sie sich
verantwortlich fühlt und der sie die wö-
chentlichen Einkäufe erledigt.
Die Transformation ihrer Lebensführung
vollzog sich ganz allmählich, quasi ne-
benbei, und doch hat Doris Vogel sich
die große Sehnsucht nach „richtiger“
Arbeit erhalten, obwohl sich längst die
Konturen dieser alten, industriellen Ar-
beitswelt selbst Richtung prekäre Jobs
verschoben haben. Vielen Menschen –
nicht nur in Wittenberge – war der Wert
der Arbeit für ihr eigenes Leben nie so
wichtig und zentral wie in diesen Zeiten,
und das, obwohl es nie so schwierig
war, „richtige“ Arbeit zu finden. Wir se-
hen daher einerseits eine beinahe all-
seits geteilte Überhöhung dieses Le-
bensordnungsprinzips („Jede Arbeit ist
besser als keine“) und andererseits den
harten Alltagskampf, auch schlecht be-
zahlte, prekäre Nebenarbeit zu finden.
Auf diese Weise wähnen sich die „Fast-
arbeiter“ nahe an der „richtigen“ Ge-
sellschaft und halten bei hohen persön-
lichen Kosten die Maschinerie ganz gut
am Laufen.

Nebenjobs sind kennzeichnend für die Lebensführung Arbeitsloser. Die finanzielle


Grundlage ihrer Existenz bildet der Bezug von Arbeitslosengeld II. Der Verfügungsrah- Pavillongemeinschaft
men wird etwas erweitert durch das, was Mini-Tätigkeiten (z.B. Putzjobs) einbringen. Die
Hoffnung auf eine „richtige“, unbefristete Stelle wird dabei nicht gänzlich aufgegeben. Doch allzu oft versagt der Integrator Ar-
picture alliance/dpa beit, sei es, weil die Kosten zur Aufrecht-
erhaltung dieser Arbeitsfähigkeit zu
hoch scheinen, sei es, weil die Versuche
den durch ein kontrolliertes Ratenkauf- zur eigenen Belohnung. Ein Umzug – zu häufig scheiterten oder weil eine plu-
system, durch Vorrats- und Angebots- vielleicht zur Tochter in die Großstadt, rale Gesellschaft auch andere Angebo-
kauf, durch ständiges Kontrollieren und wie es einmal angedacht war – verbie- te macht. Neben der Arbeit als Einkom-
Nachberechnen auf einem kalkulierba- tet sich letztlich deshalb, weil dieses mensquelle vermissen die meisten Leute
ren Niveau gehalten. Die Grenzen, die engmaschige Netz, das der Aufrechter- in Wittenberge den Betrieb als Verge-
das schmale Budget einengen, werden haltung des arbeitsförmigen Lebens- meinschaftungsgelegenheit. Im Um-
nicht überschritten. Das Surplus dank führungsmodells dient, sehr an die spe- bruchsprozess sind auch die Nachbar-
der Nebenjobs dient kleineren Dienst- zifische Situation in Wittenberge an- schaften brüchiger geworden. Man-
leistungen wie Autoreparaturen und Fri- gepasst ist und anderswo nicht ohne cher ehemalige Nachbar ist ausgewan-
sörbesuch, die sie „Luxus“ nennt und die Verluste wieder aufzubauen wäre. dert, seine Wohnung leer geblieben.
im Zweifelsfall eingestellt oder aufge- Selbstverständlich ist Doris Vogel or- Andere pendeln zur Arbeit weit weg
schoben werden. In diesem Modell ist dentlich lebensversichert. und haben an den kurzen Wochenen-
der Körper Arbeits- und Transportmittel, Dieses Modell, in dem die Arbeitsfähig- den kaum Zeit für die Probleme der Da-
er muss durch gesunde Ernährung, re- keit das leitende Motiv ist, beruht auch gebliebenen. Nicht selten ist es aber
gelmäßige Schlaf- und Ruhepausen so- auf der Hoffnung – und gewinnt von da- auch so, dass man sich fernhält von den
wie ärztliche Kontrollen erhalten wer- her auch einen Teil seiner inneren Fes- Sorgen der anderen, nicht hineingezo-
den. Das eigene Auto, das sie besitzt, tigkeit –, dass nach Jahren des Wartens gen werden will in die fremden Schwie-
um für den Fall, dass ihr doch noch ein- und Sich-Bereithaltens doch noch ein- rigkeiten, um den eigenen Faden nicht
mal eine „richtige“ Arbeit angeboten mal der Einstieg in die veränderte Ar- zu verlieren. Ausgrenzung kommt auch
wird, gerüstet zu sein, unterhält sie beitswelt der unbefristeten Jobs ge- in Wittenberge nicht mit der großen
durch Finanzspritzen ihrer verrenteten lingt. Doch längst ist, was als Überbrü- Geste der Unterwerfung und der Ab-
Mutter, und notwendige Reparaturen ckung gedacht war, auf Dauer gestellt. schiebung, sondern mit der unscheinba-
tauscht sie gegen das Putzen der Auto- Mittlerweile lebt Doris Vogel ihr Leben ren der Distanzierung, der Ansteckungs-
werkstatt und deren Fahrzeuge. mit zahlreichen Nebenjobs schon bei- angst, des Naserümpfens.
Der Tagesrhythmus ähnelt dem in „nor- nahe genauso lange wie vordem das Es ist geradezu ein Moment des Um-
maler“ Erwerbstätigkeit, ist durchge- der Facharbeiterin. Sie ist heute aller- bruchs, dass soziale Netze und Tausch-
plant und -getaktet. Einkäufe werden dings nicht mehr Teil eines Kollektivs beziehungen, die auf Vertrauen und
immer mithilfe von Einkaufszetteln, Cou- und das Ziel ihrer erwerbstäglichen Gewohnheit gegründet waren, ihre Ba-
pons und Reklameblättchen vorberei- Wege ist auch nicht mehr der große In- sis verlieren und dadurch als soziales
tet. Nach getaner Arbeit wartet Freizeit dustriebetrieb. Heute organisiert sie ihr Kapital verloren gehen. Unter den neu-

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en Bedingungen einer sozial gespalte- So wie Doris Vogel ein Lebensführungs- WEGE DER SELBSTHILFE
nen Gesellschaft müssen neues Ver- modell durch die Verknüpfung von Ne- IM PREKÄREN ALLTAG
trauen, Nähe und neue soziale Bezie- benjobs gefunden hat, immer darauf
hungen erst erarbeitet werden. Der bedacht, sich ein Minimum an Stolz und
neue Nachbar will erst gefunden und Status zu bewahren, indem sie unent-
der Ein-Euro-Job-Kollege bei der Tafel wegt tätig ist – mehr vielleicht als ande- sich in der Stadt. Das ist keine „müde
erst kennen gelernt werden. Das „sozia- re, die einer „normalen“ Arbeit nachge- Gemeinschaft“13 wie in Marienthal zur
le Band des Zusammenlebens“11 in einer hen –, hat Horst Kramer sein Leben um Zeit der ersten großen industriellen Kri-
Gesellschaft, die sich so rasant verän- das Gemeinschaftsprinzip herumge- se 1929/30, sondern die vom Kümmern
dert hat, wird erst wieder geknüpft. Da- strickt. Mit Arbeit oder Beruf kann er, und Bewahren geprägte Gesellschaft
bei lässt sich beobachten, dass das un- der seit vielen Jahren weder Jobs noch der unvermittelten Kleingemeinschaf-
ter sozial Gleichgestellten am ehesten Beschäftigungsmaßnahmen – vielleicht ten. Das gemeinschaftliche Band je-
gelingt. Die „traditionellen Vereine einmal ein Bewerbungstraining oder ei- doch reicht immer nur so weit, wie der
schirmen ihre Geselligkeit an der sozia- nen Computerlehrgang – hatte, nichts fragile Konsens aufrechterhalten wer-
len Distinktionslinie eher ab“12 , und die anfangen. Routinemäßig macht er zwei den kann und die Ähnlichkeit von All-
Mitarbeiter der Kleiderkammer über- Mal im Monat seine Bewerbungsrunde, tagserfahrungen noch nicht aufge-
wachen sehr genau, dass kein „Unbe- ohne dass er allzu viel Herzblut inves- braucht ist.
rechtigter“ Altkleider erwirbt. Gemein- tiert. Als 2005 Hartz IV in Kraft trat, ha-
schaftlichkeit wird neben Arbeit zum ben er und seine Frau aufgehört, abends
zweiten zentralen Prinzip methodischer auszugehen. So dient ihm sein Platz in Den Körper am Laufen halten
Lebensführung, zunächst allerdings der Pavillongemeinschaft als Quelle für
entlang der Sollbruchstellen einer frag- Selbstbewusstsein sowie das Gefühl Neben den Leitbildern Beruf und Be-
mentierten Gesellschaft. der Teilhabe. Diese wird so lange exis- trieb, die von der modernen Industrie-
Wer seinen Alltag – wie beispielsweise tieren, wie sie dort gemeinsam wohnen. gesellschaft wenn nicht geschaffen, so
der 46-jährige Horst Kramer – dahinge- Eine gemeinschaftsorientierte Lebens- doch wesentlich geformt wurden, gehö-
hend ordnet, dass Aufgehobensein, so- führung funktioniert ganz anders als ren der Zugriff auf den Körper des Ar-
ziale Verortung und Statussicherung im das Arbeitsmodell. Dabei geht es weni- beiters und die Verausgabung unmittel-
Vordergrund stehen, für den wird weni- ger um eine dem Wirtschaftsleben ab- bar körperlicher Ressourcen zu deren
ger die Arbeitsförmigkeit seines Alltags geschaute Effizienz und Rationalität, zentralem Erfahrungshintergrund. Auf
oder die Erhaltung seiner Arbeitsfähig- den Einsatz von Zeit und eigenen Res- vor allem körperlicher Verausgabung
keit von Bedeutung sein. Vielmehr ist es sourcen und auch nicht darum, den Blick und demzufolge notwendigen Regene-
wesentlich wichtiger, immer am glei- zu schärfen für Zuverdienstgelegenhei- rations- beziehungsweise Reprodukti-
chen Ort einzukaufen, fleißig Zeitung zu ten, die sich eventuell plötzlich auftun. onsphasen fußte der soziale Ausgleich
lesen, um mitreden zu können, und sich Wenn man sein Leben an Gemein- in industrialisierten Gesellschaften.
einen Pauschaltarif für Telefon und In- schaftlichkeit ausrichtet, muss man viel Dieser industrialisierte Einsatz des Kör-
ternet zu leisten, obwohl das Budget Zeit mitbringen, sie mit anderen verbrin- pers, in dem Erholung an Erschöpfung
das kaum noch hergibt, und ja nicht zu gen, sie „verschenken“, wie vielleicht und wieder Erholung gereiht wurde, hat
sehr aufzufallen, beim Jobcenter zum Frau Vogel sagen würde. Man muss im- sich tief in die Lebensführungsmodelle
Beispiel oder dem Wohnungsvermieter. mer die anderen im Blick haben: Wann der Menschen eingegraben. Dabei
Es geht auch um Klatsch und Tratsch, geht wer zum Pavillon? Wann geht wer diente der Körper des Arbeiters als eine
wofür die Nebenjobber kaum Zeit und mit wem aus dem Haus? Wer lädt wen Art Tausch- und Produktionsmittel. Ar-
Gelegenheit haben, die aber das an ein? Wer geht wann einkaufen? Zeit in beiten bedeutete die Transformation
Gemeinschaftlichkeit ausgerichtete Le- Gemeinschaft zu investieren, kann in dieser individuellen Ressource in etwas
ben zusammenhalten. Schrumpfungsphasen sehr sinnstiftend Drittes für einen anderen. In der Ar-
Horst Kramer und ein paar andere Leute und statussichernd sein, weil von allem beitslosigkeit kann man mit diesem Kör-
aus seinem Haus, die entweder seit Jah- zu wenig vorhanden ist, nur Zeit gibt es per nicht mehr nur kein Einkommen er-
ren arbeitslos oder in Rente sind, haben im Übermaß: anonyme Zeitverwerter zielen, sondern der auf regelmäßige
sich hinter dem Plattenbau, in dem sie sozusagen. Beim Pavillongrillabend die Berufsarbeit eingestellte Körper fühlt
wohnen, ein kleines Gemeinschaftsre- Kinder der Nachbarn mit zu versorgen sich überflüssig an.
fugium geschaffen. Hier treffen sie sich oder deren Spiel nebenbei zu beauf- Der Körper muss für Menschen in prekä-
seit ein paar Jahren bei schönem Wet- sichtigen, das schafft Verbindlichkeiten, ren Lebenslagen geradezu zu einem
ter immer nachmittags zwischen 15 und ebenso wie der nachmittägliche Plausch Gegenstand des Selbstversuchs wer-
18 Uhr. Ein kleiner Pavillon wurde mit in trauter Runde. Die Hausverwaltung den. Man kann den Körper mit Bildern
Genehmigung der Hausverwaltung als schätzt die stabile Runde, deren Mit- verzieren, ihn in Castingshows, Son-
Schutz vor Sonne und Regen aufgestellt. glieder bestimmt nicht so schnell auszie- nenstudios und an Stränden ausstellen.
Benutzen darf ihn nur, wer zur Gemein- hen. In der Gemeinschaft bewahrt man Man kann ihn aber auch einfach „am
schaft zählt. Im Gegensatz musste sich sich gegenseitig vorm Abrutschen. Laufen halten“, ganz wie den alten VW-
die Pavillongemeinschaft verpflichten, Selbsthilfe ist hier unmittelbare kollekti- Käfer, der läuft und läuft und läuft. Der
Hof und Haus sauber zu halten. Wie in ve Nachbarschaftshilfe durch den per- Körper rückt damit unmittelbar ins Zen-
jeder anderen Gemeinschaft hat sich manenten Austausch von Informatio- trum der alltäglichen Lebensführung
auch in der Pavillongemeinschaft eine nen, kleinen Gefälligkeiten und gegen- und wird prinzipiell befreit von den Zu-
Hierarchie herausgebildet, in der jeder seitiger Kontrolle. mutungen einer unsicheren Arbeitswelt.
seinen Platz hat: Es regiert die „Köni- Insgesamt lässt sich sagen, dass diese Die Fähigkeit zur Arbeit selbst wird ihm
gin“, eine ältere Dame, die den Kreis zu- Gemeinschaftsorientierung im Alltag zu untergeordnet. Der Körper dient nicht
sammenhält. Horst Kramer gibt dank den Stützpfeilern des sozialen Lebens in länger der Arbeit, wie noch im Lebens-
seiner stets guten Informiertheit den Wittenberge gehört. Zahlreiche kleine führungsmodell von Doris Vogel, son-
Schriftführer und Verbindungsmann zu Vereine von der Tafel bis zum Country- dern die Arbeit darf den Körper selbst
den Behörden. Andere Mitbewohner und Danceclub, Nachbarschaften und nicht beflecken. Die Unterordnung der
sitzen eher stumm dabei. Interessenvereinigungen behaupten Lebensführung unter das Prinzip Körper

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Anna Eckert/Andreas Willisch
eröffnet grundsätzlich zwei gegensätz- weiß ihre Familie in der Nähe, ohne des Körpers. Für die Möglichkeiten zur
liche Möglichkeitsfelder: das Reinhal- dass der Kontakt sehr innig wäre. Ihr Selbsthilfe bedeutet das, dass sie je-
ten und das Füllen. Die alten Männer geht es weniger um Gemeinschaft, wie weils nur entlang dieser Eigenlogiken
vor dem Edeka-Markt haben sich – viel- etwa Horst Kramer. Sie ist auch nicht auf der Lebenskonstruktionen gedacht und
leicht, weil die Überflüssigkeit des Kör- der Suche nach Gelegenheitsjobs oder eingesetzt werden können. Wer auf Ar-
pers gerade das Selbstbild von Män- zusätzlichen Einnahmequellen. Das beit setzt, wird sich in einer Selbsthilfe-
nern in besonderer Weise trifft – für lehnt sie regelrecht ab. Ein-Euro-Jobs, in gruppe für Arbeitslose fremd fühlen.
Letzteres entschieden. Beim gemeinsa- die sie in Abständen vermittelt wird, Wer auf Gemeinschaft setzt, wird den
men Biertrinken wird beides gleicher- müssen erst aufwändig in das sorgfältig Garten vor allem der Bekannten und
maßen bedient: Zuerst demonstrieren konstruierte Alltagsgerüst eingebaut Nachbarn wegen aufsuchen und weni-
sie ihre Standhaftigkeit, um anschlie- werden. Ihr Körperprinzip der Lebens- ger wegen des Gemüseanbaus. Und
ßend recht schnell zum kompletten Ver- führung zielt auf Autonomie und Ab- wer auf den Körper setzt, wird womög-
fall des Körpers zu kommen. Dagegen stand – Autonomie von stigmatisieren- lich nicht mitten in der Nacht für einen
hat sich Andrea Jahn für das Prinzip kör- den Zumutungen, wie sie gemeinschaft- kleinen Nebenverdienst aufstehen, da
perlicher Reinheit entschieden. Für die liche Nähe mit sich bringt, und Abstand der Körper doch seinen Nachtschlaf
45-Jährige ist es geradezu unvorstell- zu den Sogwirkungen am Rand der Ge- braucht.
bar, sich öffentlich so unkontrolliert zu sellschaft. Allen drei Lebensführungskonzepten ist
entblößen. Sie hat sich dafür entschie- Andrea Jahn besucht regelmäßig eine gemein, dass es ihnen um die Umbruchs-
den, ihre körperliche Verfasstheit unter Selbsthilfegruppe, in der Menschen mit bewältigung geht. Frau Vogel, Herr Kra-
allen Umständen zu erhalten und zu körperlichen Behinderungen und Ar- mer und Frau Jahn praktizieren Selbst-
pflegen. Damit reagiert sie auf die Defi- beitslose über ihre Probleme sprechen. hilfe, aber jeweils auf sehr unterschied-
zitansprache durch die Mehrheitsge- Diese Begegnungen sind ihr wichtig, liche Art und Weise und beinahe so,
sellschaft und weist diese von sich. Ein aber sie nimmt fast heimlich daran teil. dass die jeweils anderen aus ihrem me-
Mobiltelefon besitzt sie nicht – nicht, Die sechs Leute treffen sich zum „Kaffee- thodischen Konzept ausgeschlossen
weil sie es sich nicht leisten kann, son- trinken und Basteln“ informell in einem werden.
dern weil die Strahlung schädlich ist. Hinterhof. Das Treffen kostet nichts. Ei- Doris Vogel hält aus innerer Überzeu-
Sie verreist nicht, weil es sie krank macht, nen Euro bezahlt Andrea Jahn für Ge- gung daran fest, dass nur Arbeit ihre
und aus dem Job im Callcenter wird schirrbenutzung, Kaffee und Kuchen. prekäre Situation stabilisieren kann. Da
nichts, weil ihr Gehör für einen Kopfhö- Arbeitslosigkeit erscheint als ein beina- sie keine „richtige“ Arbeit findet, baut
rer mit Mikrofon zu sensibel ist. he körperlicher Makel wie Stottern, sie sich ein ganzes Netzwerk von Ne-
Um den Körper dreht sich alles, ohne Schwerhörigkeit oder Einschränkungen benarbeiten auf. Dagegen sieht Horst
dass es sich um Körperkult handelte. der Beweglichkeit. Aber „die fangen Kramer den größten Mangel in seinem
Andrea Jahn würde sich wahrscheinlich nicht gleich mit Arbeitslosigkeit an“, postindustriellen Alltag darin, nicht
als eher unscheinbar beschreiben. Sie wenn sie über den Alltag reden. Denn mehr gemeinschaftlich eingebunden zu
trägt keine besonders modische Klei- Andrea Jahn hat ihren Körper dank ge- sein, und organisiert sich mit Gleichge-
dung, sie geht auch nicht mehr ins Fit- sunder Ernährung, ausreichend Bewe- sinnten in der Pavillongemeinschaft. An-
nessstudio, weil ihr die fremden Blicke gung und guter, regelmäßiger Pflege drea Jahn dagegen ist der Meinung,
nicht behagten. Sie ist nicht tätowiert „gut in Schuss“ – wenn nur die Arbeitslo- dass der untätige Körper am meisten
und würde wohl niemals in der Strand- sigkeit nicht wäre. unter den fehlenden Anforderungen lei-
bar an der ehemaligen Ölmühle von det, und ordnet ihren Alltag um die Er-
Wittenberge herumliegen. Sie trinkt kei- tüchtigung ihrer selbst.
nen Alkohol. Es geht ihr nicht darum, Neu geordnete Lebensführung Selbsthilfe als Überlebenskapital in
sich und ihren Körper in besonderer Umbruchszeiten wird also zunächst ak-
Weise zu exponieren, sondern darum, Die erste Konstruktionsleistung aller tiviert, indem die Leute Ordnung und
dass er funktionsfähig bleibt in diesen drei vorgestellten Lebensführungsmo- Strukturiertheit in ihren Alltag bringen
schwierigen Zeiten. Die aktive Erhal- delle der Prekarität besteht darin, sich und, das erscheint uns ganz wichtig,
tung dieser Funktionsfähigkeit ist die aus der Konkursmasse des Industriezeit- auch den Raum für sich erobern, den sie
Basis ihres Selbstverständnisses – das alters jeweils einen ordnenden Lebens- für ihre mitunter eigenwillige Selbstkon-
wird Empfängern von Arbeitslosengeld führungscode herausgegriffen zu ha- struktion benötigen. Ein Stück weit Si-
II regelmäßig abgesprochen. Aus dem ben, der hinsichtlich der bisher gesam- cherheit, die ihnen die „schrumpfende“
Gefühl, dass das mit ihr noch stimmt, melten Erfahrungen einbaufähig bleibt Umgebung nicht mehr bieten kann,
dass ihr Körper die Dinge noch trägt, für und gesellschaftliche Akzeptanz ver- schaffen sich die Leute selbst. Gleich-
die andere ein Auto benutzen, daraus, spricht. Industrialismus bedeutete die wohl ist dieses Konstrukt extrem labil
dass sie nicht krank wird, weil sie sehr auf Dauer gestellte Eindimensionalität und bisweilen streng ortsgebunden. Zu-
genau auf ihren Vitaminhaushalt achtet, von Beruf, Betrieb und Körper. Aus Sicht dem sind die individuellen Selbsthilfe-
schöpft sie innere Befriedigung und der einzelnen Lebenskonstruktion be- strukturen, die wir in Wittenberge ge-
glaubt, sich ganz gut eingestellt zu ha- deutet Prekarität unter den Verhältnis- funden haben, abhängig vom Zugriff
ben. In Abgrenzung zu körperlich be- sen des Umbruchs, dass diese Einheit der Arbeitsverwaltung – in Frau Vogels
einträchtigten Menschen sagt sie: „Wir auseinanderbricht. Diskontinuierliche Nebenarbeitskonstrukt ließe sich nur
Arbeitslosen sagen immer, wir sind im Arbeit statt Beruf, Kleingemeinschaft schwer eine Qualifizierungsmaßnahme
Kopf krank. […] Wenn du arbeitslos statt Integrationsmaschine Betrieb und einbauen – oder dem örtlichen Umfeld.
bist, bist du anders, bist du immer Au- körperliche Nichtverwertbarkeit statt Das Modell der Gemeinschaft kommt
ßenseiter.“14 produktiver Transformation entfalten je- insbesondere dort an seine Grenzen,
Davon ist Andrea Jahn fest überzeugt, weils eine Eigenlogik, die zeitlich und wo Gerüchte, Abhängigkeiten und Neid
und sie hält sich erst gar nicht an allzu räumlich nicht mehr mit den anderen zu- überhand nehmen. Das Modell der Ar-
engen sozialen Beziehungen fest. Das sammengeht. Gesellschaftlicher Um- beit ist ein in sich extrem reguliertes und
Verhältnis zu den Eltern und Geschwis- bruch heißt eben auch fragmentierte hartes. Es kann durch einen zugewiese-
tern ist mehr von einem Nebeneinander Erfahrungsräume, exkludierende Ver- nen zusätzlichen Job überstrapaziert
als von gegenseitiger Hilfe geprägt. Sie gemeinschaftung und die Separierung werden. Da es in besonderer Weise auf

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den Körper als Arbeitsmittel angewie- sätzlich vorhandenen finanziellen Res- WEGE DER SELBSTHILFE
sen ist, stellen Krankheit und Verletzun- sourcen ist hier jedoch auch am ehesten IM PREKÄREN ALLTAG
gen eine enorme Herausforderung dar. Fremdhilfe verfügbar. Innerhalb der
Die Gleichzeitigkeit der Hoffnung auf Körperlogik dominiert ganz eindeutig
eine Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt individuelle Selbsthilfe. Aufgrund ihrer
sowie des Abschieds von dieser Hoff- materiellen beziehungsweise sozialen
ANMERKUNGEN
nung halten eine Art verzweifeltes Ressourcen ist Selbsthilfe innerhalb des
Hamsterrad in Bewegung. Das Körper- Arbeits- und Gemeinschaftsmodells am 1 Der vorliegende Text ist in einer ausführliche-
ren Fassung bereits erschienen in: Willisch, And-
modell schließlich ist am stärksten durch ehesten möglich.
reas (Hrsg.) (2012): Wittenberge ist überall. Über-
Isolation begrenzt. Mit seiner Individua- Wie deutlich wurde, bieten die vorge- leben in schrumpfenden Regionen. Berlin, S. 151–
lität und dem ihm möglichen Maß an Au- stellten Lebensführungsmodelle unter- 194.
tonomie hat es alles abgestoßen, was schiedliche Anschlüsse an andere Ge- 2 Vgl. Interview Ammer, 28.5.2008. Die Namen
nicht absolut nötig ist zum Leben. Zuge- sellschaftsbereiche. Die Gemeinschaft und personenbezogenen Daten der Interview-
partner wurden anonymisiert, neben dem Pseu-
wiesene Beschäftigungsmaßnahmen ermöglicht den Kontakt zu anderen und donym ist jeweils das Datum angegeben, an dem
können auch hier das bestehende Ar- eine, wenn auch geringfügige, Hilfe un- das Interview geführt wurde.
rangement empfindlich stören, indem tereinander, wenngleich es auch die 3 Dazu Vogel, Berthold (1999): Ohne Arbeit in
sie zu gewisser Gemeinschaft zwingen. Gemeinschaft unter Gleichen ist. Das den Kapitalismus. Der Verlust der Erwerbsarbeit
im Umbruch der ostdeutschen Gesellschaft. Ham-
In diesem Zusammenhang führt auch Arbeitsmodell steht immer im Austausch
burg.
Scham an Grenzen, sie enttarnt quasi mit Personen und Institutionen, für die 4 Mit Lebensführung wird eine praktische Da-
die Unscheinbarkeit und Unsichtbarkeit Arbeit geleistet wird, wenn auch die seinsbewältigung fokussiert, verstanden als „ein
dieses Modells. Insgesamt verschaffen Chancen, auf den ersten Arbeitsmarkt alltäglicher Prozess, in dem sich ein Mensch mit
diese unmittelbaren Selbsthilfen den zu gelangen, dadurch nicht vergrößert den ihm begegnenden Verhaltenszumutungen
[…] im Rahmen bestimmter Gegebenheiten […]
Akteuren ein gewisses Maß an Wider- werden. Das Modell Körper enthält von auseinandersetzt, sie in Einklang miteinander so-
standsfähigkeit, ändern aber wenig an der Idee her noch am ehesten ein sub- wie mit seinen eigenen Interessen zu bringen
ihrer prekären Existenz. versives Moment. In seinem Bezug auf sucht und dabei in spezifischer Weise auf sein
Zumindest partielle Verbesserungen sich selbst weicht es am stärksten vom soziales und räumliches Umfeld […] einwirkt“;
vgl. Bolte, Karl Martin (2000): Vorwort. In: Kudera,
können durch Selbsthilfepraktiken er- industriellen Modell der Produktionslo-
Werner/Voß, Günter G. (Hrsg.): Lebensführung
reicht werden, die auf die methodischen gik ab, mit dem es eine Art Frieden ge- und Gesellschaft. Beiträge zu Konzept und Empi-
Konzepte der Lebensführung aufsetzen. schlossen hat. Gerade dadurch bietet rie alltäglicher Lebensführung. Opladen, S. 5–10,
Schwarzarbeit ist eine der besten und es jedoch die geringsten Anschluss- hier 7.
am weitesten verbreiteten Selbsthilfe- möglichkeiten an die Arbeitsgesell- 5 Bauman, Zygmunt (2008): Flüchtige Zeiten.
Leben in der Ungewissheit. Hamburg, S. 11.
praxen, die Erwerbstätigkeit, Risikobe- schaft. 6 Vgl. Kaufmann, Franz-Xaver (2010): Selbsthil-
reitschaft und Mobilität verbindet, und Selbsthilfe fängt aber damit an, sein Le- fe und Wohlfahrtsstaat. In: Dahme, Heinz-Jür-
weitgehend in die Wirtschaftsstruktu- ben nach einem methodischen Prinzip gen/Wohlfahrt, Norbert (Hrsg.): Systemanalyse
ren eingebettet praktiziert werden ordnen zu können, gerade dann, wenn als politische Reformstrategie. Wiesbaden,
S. 228–240, hier S. 235f.
kann. Schwarzarbeit ist daher ein äu- die Gesellschaft als unübersichtlich er-
7 Willisch, Andreas (2011): Umbruch und Über-
ßerst komplexer Vorgang, der vor Nach- fahren wird. Diese Alltagsordnung im leben. In: Bude, Heinz/Medicus, Thomas/Wil-
barn und Behörden verborgen bleiben Leben von Arbeitslosengeld II-Empfän- lisch, Andreas: ÜberLeben im Umbruch. Am Bei-
muss, hilft aber unmittelbar (unmittelba- gern, gering entlohnten Leiharbeitern spiel Wittenberge: Ansichten einer fragmentier-
rer als viele Qualifizierungsschleifen oder Älteren mit Grundsicherung ist je- ten Gesellschaft. Hamburg, S. 82–89, hier S. 89.
8 Sol Tax 1953, zit. nach Giordano, Christian
und Arbeitssimulationen); sie hat nur doch viel häufiger, als öffentliche Defi- (1993): Informelle Ökonomie und Selbsthilfe. Zur
den Makel, dass sie dem Fiskus nicht zitbeschreibungen glauben machen Funktion des „Zweiten Netzwerkes“ in Süditalien
hilft. wollen, unmittelbar davon abhängig, und Polen. In: Vester, Michael (Hrsg.): Unterent-
Was kollektive beziehungsweise indivi- wie weit wir als Gesellschaft diesen wicklung und Selbsthilfe in europäischen Regio-
nen. Hannover, S. 291–309, hier S. 293.
duelle Formen der Selbsthilfe betrifft, so notwendigen Eigensinn zulassen.
9 Vgl. Arendt, Hannah (1981): Vita activa oder
verbindet sich das Modell, das um Ge- vom tätigen Leben. München (zuerst 1958), S. 82.
meinschaft kreist, bedingungsgemäß 10 Interview Vogel, 6.5.2008.
mit kollektiver Selbsthilfe. Dieses Mo- 11 Bude, Heinz (2008): Die Ausgeschlossenen.
UNSER AUTOR

dell erfordert kollektive Hilfe und er- Das Ende vom Traum einer gerechten Gesell-
schaft. Bonn, S. 35.
möglicht sie zugleich. Innerhalb des Ar- 12 Thomas, Michael (2011): Transformation mo-
beitsmodells verzahnen sich beide derner Gesellschaften und Überleben in alten
Formen der Selbsthilfe; durch die zu- Regionen. Debatten und Deutungen. Münster
u. a., S. 141–175, hier S. 170.
13 Jahoda, Marie/Lazarsfeld, Paul/Zeisel,
Hans (1975): Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein
soziographischer Versuch. Frankfurt am Main,
S. 55.
UNSERE AUTORIN

Anna Eckert, geboren 1979, studier- 14 Feldtagebuch A.E., 4.6.2008.


te Europäische Ethnologie und Deut-
sche Sprache und Literatur an der
Philipps-Universität Marburg und Andreas Willisch, Jahrgang 1962, stu-
der Universität Kopenhagen. Von dierte Soziologie an der Humboldt-
2007 bis 2010 war sie wissenschaft- Universität zu Berlin und war bis 2002
liche Mitarbeiterin am Thünen-Insti- Mitarbeiter am Hamburger Institut für
tut Bollewick im Forschungsprojekt Sozialforschung. Im Jahr 2002 gründe-
„Strategien alltäglicher Überlebens- te er gemeinsam mit Rainer Land das
sicherung“. Ihre Forschungsschwer- Thünen-Institut und ist seither Mitglied
punkte sind Arbeits- und Arbeitslo- des Vorstands. Von 2007 bis 2012 war
sigkeitsforschung sowie Stadtfor- er außerdem Koordinator des Projekt-
schung und Praxistheorie. verbunds „ÜberLeben im Umbruch“.

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EIN MISSACHTETER TREND DER ARMUTSENTWICKLUNG

Die Verfestigung der Armut


Olaf Groh- Samberg

um ihren Erfolg oder ihr Scheitern zu be- Daten des Sozio-oekonomischen Panels
Das am weitesten verbreitete Konzept legen. Da es mittlerweile eine knappe (SOEP) und einem Armutskonzept, das
zur Messung von Armut ist das der rela- Hand voll Datensätze gibt, mit deren sowohl dem mehrdimensionalen als
tiven Einkommensarmut, bei dem ab ei- Hilfe sich die Armutsrisikoquote berech- auch dem längsschnittlichen Charakter
nem Nettoeinkommen von weniger als nen lässt, jede Stichprobe aber ihre ei- von Armut Rechnung trägt und damit
60 Prozent des gesellschaftlichen Durch- genen Unsicherheiten und Begrenzun- besonders geeignet ist, die zeitlichen
schnitts (Median) von einem erhöhten gen besitzt, und zudem unterschiedli- Trends der Armut differenziert zu unter-
Armutsrisiko ausgegangen wird. Eine che Berechnungsverfahren existieren, suchen (vgl. Groh-Samberg 2009a).
Messung unter Verwendung dieses Kon- wird die sozialpolitisch motivierte Dis-
zepts bildet vor allem kurzfristige Verän- kussion über Armut schnell zum Zahlen-
derungen der Armutsrisikoquote ab. gefecht. Messung und Entwicklungsdiagnosen
Langfristige Entwicklungstrends, die für Das ist bis zu einem gewissen Grad von Armut
sozialpolitische Maßnahmen maßgeb- letztlich unvermeidlich. Die empirische
lich sein sollten, bleiben so jedoch
Messung von Armut ist methodisch auf- Nach einer Definition der Europäischen
un berücksichtigt. Olaf Groh-Samberg
wändig und erfordert eine ganze Reihe Kommission, der sich auch die Bundes-
analysiert in seinem Beitrag daher die
von Entscheidungen, die letztlich immer regierung in ihren Armuts- und Reich-
empirischen Ergebnisse einer präziseren
Armutsmessung, die nicht nur die Haus- auch einen normativen Charakter ha- tumsberichten angeschlossen hat, gel-
haltsnettoeinkommen, sondern zusätz- ben und Gegenstand wissenschaftli- ten solche Personen und Familien als
lich auch Lebensstandards misst und au- cher und politischer Auseinanderset- arm, „die über so geringe (materielle,
ßerdem auf einen längeren Zeitraum zung bleiben müssen (vgl. Groh-Sam- soziale und kulturelle) Mittel verfügen,
angelegt ist. Dieses multidimensionale berg/Voges 2012). Problematisch ist je- dass sie von der Lebensweise ausge-
und längsschnittliche Messinstrument ist doch, wenn der Streit um Methoden, schlossen sind, die in dem Mitglied-
empirisch aufwändiger, aber weitaus dif- Konzepte, Datensätze und Nachkom- staat, in dem sie leben, als Minimum an-
ferenzierter. Die Bevölkerung wird an- mastellen am Ende dazu führt, dass der nehmbar ist“ (BMAS 2001, S. XIV). Wie
hand der Messung in eine Zone des ge- Wald hinter den Bäumen verschwindet: sich diese allgemeine Definition in eine
sicherten Wohlstands, eine Zone des dass nämlich die grundlegenden Trends empirische Messung von Armut umset-
instabilen Wohlstands, eine Zone der der Armutsentwicklung, auf die sozial- zen lässt, ist jedoch nach wie vor höchst
Prekarität und eine Zone der verfestigten politisch zu reagieren ist, nicht mehr hin- unklar und umstritten.
Armut unterteilt. Die Ergebnisse verdeut- reichend beachtet werden oder gar ei- Das am stärksten verbreitete Konzept
lichen, dass die generell ansteigende nem allgemeinen Relativismus anheim- der Armutsmessung, das auch die empi-
Armut in Deutschland nicht etwa darauf fallen. rischen Teile der Armuts- und Reichtums-
zurückzuführen ist, dass immer mehr Der langfristige Trend eines Anstiegs berichte der Bundesregierung domi-
Menschen aus der Mitte der Gesellschaft und einer Verfestigung von Armut sowie niert, ist nach wie vor das der relativen
in die Armut absteigen. Es wird vielmehr sozialer Ausgrenzung ist ein solcher Einkommensarmut. Diesem Konzept zu-
immer schwieriger, aus der Armut her-
grundlegender Trend, der jedoch immer folge gilt als arm, wer über ein bedarfs-
auszukommen. Sie verfestigt sich am un-
wieder hinter kurzfristigen Diagnosen gewichtetes Nettoeinkommen (auch
teren Rand der Gesellschaft. Auf diesen
steigender oder sinkender Armutsrisiko- Äquivalenzeinkommen genannt) von
bisher missachteten Trend muss – so das
Fazit – sozialpolitisch mit Weitsicht quoten und alternativen Berechnungs- weniger als 60 Prozent des gesellschaft-
weisen in Vergessenheit zu geraten lichen Durchschnitts (Median) verfügt –
reagiert werden. I droht. Ein langfristiger Trend der Zunah- unter der Annahme, dass bei einem sol-
me von Armut lässt sich seit den 1970er- chen Einkommen die Teilhabe am ge-
Jahren beobachten. Dieser Trend hat sellschaftlichen Leben nicht mehr mög-
Vorbemerkungen sich seit über zehn Jahren jedoch noch lich ist. Aufgrund dieser Annahme wird
einmal dramatisch verschärft. Wie im Armut, im Sinne einer durch Ressourcen-
Die Entwicklung von Armut und sozialer Folgenden noch eingehender gezeigt mangel erzwungenen sozialen Aus-
Ausgrenzung in Deutschland ist Gegen- werden soll, vollzieht sich dieser An- grenzung, mithilfe des Konzepts relati-
stand anhaltender Diskussionen und stieg der Armut in Form einer zunehmen- ver Einkommensarmut jedoch nur indi-
Kontroversen. Mittlerweile gibt es eine den Verfestigung von Armut bzw. einer rekt gemessen. Darum wird auf Basis
Vielzahl an periodischen Berichten zur zunehmenden Abkopplung eines un- dieses Konzepts auch nicht von der Ar-
Armutsentwicklung, die diesen Debat- tersten Bevölkerungsteils. Es fällt denen, mutsquote, sondern von einer „Armutsri-
ten immer wieder Nahrung geben.1 Im die einmal in Armut geraten sind bzw. sikoquote“ gesprochen.
Mittelpunkt dieser Berichte steht zu- bereits länger in Armut leben, immer Ein Vorteil dieses Konzepts ist die An-
meist die sogenannte Armutsrisikoquo- schwerer, aus der Armut wieder heraus- wendbarkeit auf Datensätze, die Ein-
te, die den Anteil der Bevölkerung wie- zukommen. Es ist diese abnehmende kommensmessungen enthalten, und die
dergibt, dessen verfügbares Einkom- Aufstiegsmobilität aus der Armut her- Vergleichbarkeit der Ergebnisse über
men weniger als 60 Prozent des mittle- aus, nicht jedoch eine Zunahme der Ab- die Zeit hinweg. So lässt sich die
ren Einkommens beträgt. Dabei werden stiege in Armut hinein, die den Trend ei- Armuts(risiko)entwicklung bis in die
häufig selbst kurzfristige Veränderun- ner Zunahme und Verfestigung der Ar- 1960er-Jahre zurückverfolgen. In Abbil-
gen dieser Armutsrisikoquote im Nach- mut kennzeichnet und treibt. dung 1 sind die verfügbaren längeren
kommabereich erhitzt debattiert und Die empirische Analyse dieses Trends Zeitreihen zur relativen Einkommensar-
mit sozialpolitischen Maßnahmen in steht im Mittelpunkt dieses Beitrags. Die mut auf Basis der Einkommens- und Ver-
Verbindung zu bringen versucht, sei es empirischen Analysen basieren auf den brauchsstichprobe (EVS), dem Mikro-

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zensus (MZ), dem Sozio-oekonomischen 1984 auf einem vergleichsweise hohen DIE VERFESTIGUNG DER ARMUT
Panel (SOEP) und der European Statis- Niveau, nimmt jedoch bis Ende der
tics on Income and Living Conditions 1980er-Jahre zunächst leicht ab und
(EU-SILC) zusammengestellt. Hier wur- folgt in den 1990er-Jahren konjunkturel-
de allerdings die ältere Konvention der len Schwankungen. Ein besonders aus-
Armutsrisikoschwelle von 50 Prozent geprägter, kontinuierlicher Anstieg der die über die Teilhabemöglichkeiten be-
des arithmetischen Mittelwerts verwen- Einkommensarmutsquote lässt sich seit stimmen. So werden Vermögen und Ver-
det. Die Entwicklung der Armutsrisiko- etwa der Jahrtausendwende beobach- schuldung mit diesem Indikator nicht er-
quote zeigt – wie im Übrigen auch die ten. Das Bemerkenswerte an dieser Ent- fasst. Vor allem aber bleiben die zeitli-
Entwicklung von Empfängerzahlen von wicklung ist, dass der Anstieg weitge- chen Dynamiken von Einkommen und
Sozialhilfe bzw. Mindestsicherungsleis- hend monoton verläuft und sich dabei Lebenslagen damit ausgeblendet. Es ist
tungen und die Entwicklung der Arbeits- auch als nahezu unbeeindruckt von durchaus möglich, dass Haushalte trotz
losigkeit – einen gedehnten U-förmigen konjunkturellen Entwicklungen erweist. geringer monetärer Ressourcen einen
Verlauf: Einer steilen Abnahme der ho- In den letzten Jahren scheint sich die Ar- akzeptablen Lebensstandard wahren
hen nachkriegsbedingten Armut folgt mutsrisikoquote auf hohem Niveau sta- können, etwa wenn der Ressourcen-
eine mehrjährige Talsohle der Armuts- bilisiert zu haben (vgl. Grabka et al. mangel nur für eine begrenzte Zeit an-
quoten in den 1970er-Jahren (vgl. Groh- 2012). Dennoch scheint es, als hätte ei- hält, wenn auf angespartes Vermögen,
Samberg/Voges 2012). Gegen Ende der ne Entkopplung von Armutsentwicklung auf Eigenarbeit oder verwandtschaftli-
1970er-Jahre beginnt dann der langsa- und Arbeitsmarktentwicklung stattge- che Unterstützung zurückgegriffen wer-
me aber kontinuierliche Wiederanstieg funden: Die Armen profitieren nicht län- den kann oder auch wenn Verschuldung
der Armut in Deutschland, der um die ger vom wirtschaftlichen Aufschwung möglich ist. Ebenso können umgekehrt
Jahrtausendwende noch einmal eine und der günstigen Lage am Arbeits- spezifische Bedarfslagen – z. B. schwe-
deutliche Beschleunigung erfahren hat. markt. Andererseits hat offenbar auch re Erkrankungen oder Verschuldung –
Der langfristige Trend einer Zunahme die wirtschaftliche Krise seit 2008 bis- dazu führen, dass trotz durchschnittli-
der Armut, mit einer nochmaligen Be- her nicht zu einer weiteren Erhöhung cher Einkommen materielle Depriva-
schleunigung seit der Jahrtausendwen- der Armut geführt. tionen in zentralen Lebensbereichen
de, zeigt sich auf Basis aller Datensät- fortbestehen. Das Verhältnis von (lau-
ze, wenn auch das Niveau aufgrund der fenden) Einkommen und materiellen Le-
unterschiedlichen Stichproben und Er- Ein kombinierter Armutsindikator benslagen (bzw. Konsumstandards) ist
hebungskonzepte recht unterschiedlich dabei prinzipiell in einer zeitlichen Per-
ausfällt. Differenziert lässt sich die Ent- Die Interpretation kurzfristiger Verän- spektive zu betrachten, da Haushalte
wicklung der Einkommensarmut ab Mit- derungen der Armutsrisikoquote ist je- dazu tendieren, ihre monetären Res-
te der 1980er-Jahre anhand der Daten doch mit Unsicherheiten behaftet. Bei sourcen zeitlich so umzuverteilen, dass
des SOEP verfolgen (vgl. Grabka/Frick Einkommenserhebungen kommt es im- ein möglichst gleichbleibender Lebens-
2010). Betrachtet man die Entwicklung mer zu Messfehlern. Zudem liefern jähr- standard gewahrt werden kann.
der Armutsrisikoquote auf Basis des liche Haushaltsnettoeinkommen ein nur Aufgrund der Unzulänglichkeiten stati-
SOEP (die sich jeweils auf die Vorjahres- ungenaues Bild von den tatsächlich ver- scher Einkommensarmut wird in der eu-
einkommen bezieht), so beginnt diese fügbaren ökonomischen Ressourcen, ropäischen Forschungsliteratur zu Ar-
mut seit längerem dafür plädiert, die
indirekte Armutsmessung über die Haus-
haltsnettoeinkommen durch direkte
Abbildung 1: Relative Einkommensarmut in Deutschland, 1962–2009 Messungen des Lebensstandards zu er-
gänzen und darüber hinaus Armut im
Längsschnitt, also über einen mehrjähri-
gen Zeitraum hinweg, zu betrachten
(Ringen 1988; Nolan/Whelan 1996).
Ein solcher multidimensionaler und
längsschnittlicher Armutsindikator ist
selbstverständlich empirisch aufwändi-
ger und erfordert eine Vielzahl von in-
haltlich begründeten Entscheidungen,
z. B. über die zu berücksichtigenden Le-
benslagen und die Bestimmung von
Mindeststandards der sozialen Teilha-
be oder über die Abgrenzung kurzfristi-
ger von langfristiger Armut. Dennoch
erlauben allein komplexe Armutskon-
zepte die Beantwortung zentraler Fra-
gestellungen der Armutsforschung. Erst
eine Berücksichtigung der Einkommens-
situation und zentraler Lebenslagen
über einen mehrjährigen Zeitraum er-
laubt eine direktere Messung von Armut
im Sinne der Definition von Armut als ei-
ner durch Ressourcenmangel erzwun-
genen sozialen Ausgrenzung. Zudem
können unterschiedliche Ausprägungen
von Armut differenzierter betrachtet
Quelle: Groh-Samberg/Voges 2012. und damit unterschiedliche Trenddiag-

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Olaf Groh-Samberg
nosen überprüft werden, wie etwa die und Lebenslagen bereithält (vgl. Wag- men oder einzelnen Deprivationen –
Frage, ob langfristige Armutslagen zu- ner et al. 2007). Die mittlerweile 27-jäh- der Wohlstand zeigt Risse. In der dar-
nehmen oder eher temporäre Armutse- rige Laufzeit des SOEP macht es mög- unter liegenden Zone der Prekarität
pisoden und inwiefern Formen von pre- lich, sukzessive Fünfjahresperioden zu leben Personen zumeist mit prekären
kären Einkommens- und Lebenslagen bilden und nach der skizzierten Ar- Einkommen und einzelnen Deprivatio-
sich im Vergleich zu multiplen Deprivati- mutstypologie zu untersuchen. Auf- nen. Die materielle Situation hat sich
onen entwickeln. grund der besonderen Situation nach hier noch nicht zur dauerhaften multip-
Um diese unterschiedlichen Trenddiag- der Wiedervereinigung werden die len Armut verfestigt, aber ihre Drohung
nosen empirisch überprüfen zu können, Analysen für West- und Ostdeutsch- ist stets präsent, und es finden sich kaum
wird hier ein komplexeres, sowohl multi- land getrennt durchgeführt und darge- mehr Phasen des Wohlstands. In der
dimensionales wie längsschnittliches stellt. Zone der verfestigten Armut am unteren
Konzept von Armut zugrunde gelegt, Die Einkommenssituation wird über das Rand der Gesellschaft leben Personen,
das es erlaubt, unterschiedliche Aus- bedarfsgewichtete Haushaltsnettoein- die sich überwiegend in Einkommens-
prägungen von Armut zu unterscheiden kommen des Vorjahres bestimmt, in- armut befinden und die mehrfache
und in ihrer Trendentwicklung zu verfol- klusive des Einkommensvorteils aus Le benslagendeprivationen aufweisen.
gen (vgl. Groh-Samberg 2009a). Das selbstgenutztem Wohneigentum oder Hier hat sich die Armut in Einkommen
Konzept kombiniert die Betrachtung der subventionierten Mieten. Zusätzlich wie Lebenslagen gleichermaßen fest-
Einkommen mit der Betrachtung konkre- werden drei konkrete Lebenslagen ein- gesetzt. 3
ter Lebenslagen und untersucht diese bezogen, die einerseits in einer direkten Während in der Zone der Prekarität be-
über einen Zeitraum von fünf Jahren. Beziehung zum Einkommen stehen und reits inkonsistente und temporäre Er-
Damit soll zum einen die Validität der insofern auch als indirekte Messung der scheinungen von Armut auftreten, im
Armutsmessung erhöht werden: Die ökonomischen Ressourcensituation gel- Ganzen gesehen aber das „Grau“ zwi-
Kombination von Einkommens- und Le- ten können, und die andererseits als schen Armut und Wohlstand als eigen-
benslagenindikatoren über einen mehr- zentrale Lebenslagen einen eigenstän- ständige Farbe dominiert, finden wir
jährigen Zeitraum hinweg erlaubt eine digen Beitrag zur materiellen Wohl- auch ausgeprägte Typen der „entstruk-
Identifikation der „wirklich“ Armen („tru- fahrt und sozialen Teilhabe leisten. Die turierten“ Armut, in der der Widerspruch
ly poor“ – vgl. Halleröd 1995). Zugleich Wohnsituation (Größe, bauliche Quali- zwischen Armut und Wohlstand eine ei-
soll den unterschiedlichen Ausprägun- tät und sanitäre Ausstattung der Woh- gene Form angenommen hat. Der Typus
gen von Armut und Prekarität Rechnung nung) ist Ausdruck der eher langfristi- der temporären Armut ist dadurch ge-
getragen werden. Je nach Dauer und gen Einkommenssituation und des Le- kennzeichnet, dass Jahre mit gesicher-
Intensität von Einkommensmangel und bensstandards. 2 ten Einkommen und ohne Lebenslagen-
Lebenslagendeprivationen können auf Die Verfügbarkeit bzw. das Fehlen von deprivationen mit Jahren von Einkom-
einer vertikalen Achse Zonen des Wohl- finanziellen Rücklagen ist Ausdruck ver- mensmangel und Deprivationen wech-
stands, der Prekarität und der Armut un- gangener Einkommenserzielung und seln. Beim Typus der inkonsistenten Armut
terschieden werden. Auf einer horizon- prägt die Handlungsoptionen und das sind dagegen Widersprüche zwischen
talen Achse lassen sich aber auch „Ent- Sicherheitsgefühl gegenüber der Zu- Einkommen und Lebenslagen auf Dauer
strukturierungen“ der Armut (im Sinne kunft. Arbeitslosigkeit schließlich ist eine gestellt. Die durchschnittliche Einkom-
von Leibfried et al. 1995) untersuchen: der wichtigsten Einkommensquellen mens- und Lebenslagensituation über
Inkonsistente bzw. einseitige Armutsla- und zugleich eine der wichtigsten nicht- alle fünf Jahre hinweg ist für die beiden
gen sind charakterisiert durch eine dau- monetären Dimensionen der sozialen Typen der entstrukturierten Armut weit-
erhafte Inkonsistenz zwischen Einkom- Teilhabe. Betrachtet man die Einkom- gehend identisch und vergleichbar mit
men und anderen konkreten Lebensla- mens- und Lebenslagen jeder einzelnen der Zone der Prekarität, aber die Er-
gen; temporäre oder verzeitlichte Er- Person dann über fünf aufeinander fol- scheinungsformen und Erfahrungswei-
scheinungsformen der Armut durch gende Jahre hinweg, so lassen sich fol- sen der Armut bzw. Prekarität sind sehr
Veränderungen zwischen „guten“ und gende Ausprägungen unterscheiden: unterschiedlich.
„schlechten“ Jahren, was sowohl die In der Zone des gesicherten Wohlstands
Einkommen als auch die Lebenslagen am obersten Ende der Wohlfahrtsver-
betrifft. teilung finden wir ausschließlich gesi- Trendentwicklung
Als Datengrundlage eignet sich das So- cherte Einkommen und Lebenslagen. In
zio-oekonomische Panel (SOEP), das für der darunter liegenden Zone des instabi- Die Unterscheidung von Erscheinungs-
den Zeitraum von 1984 bis 2010 Längs- len Wohlstands finden wir dagegen häu- und Erfahrungsweisen von Armut und
schnittinformationen zu Einkommens- figer auch Jahre mit prekären Einkom- Prekarität eignet sich besonders gut für
IMPRESSUM

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eine Überprüfung der unterschiedli- Schwankungen zwischen Armut und DIE VERFESTIGUNG DER ARMUT
chen Annahmen zur Trendentwicklung. Wohlstand erfahren etwa vier bis fünf
Die in Abbildung 2 dargestellten Trend- Prozent der Bevölkerung, und in einsei-
analysen zeigen, dass die große Grup- tiger Armut leben, mit leicht abnehmen-
pe im gesicherten Wohlstand über die der Tendenz, drei bis vier Prozent der
letzten 27 Jahre hinweg relativ stabil Bevölkerung. Westen, aber sie sind auch hier weitge-
bei 44 bis 48 Prozent der westdeut- Trotz der Unterschiede in den Einkom- hend stabil über die Zeit.
schen Bevölkerung liegt, mit leichten mens- und in einzelnen Lebenslagen Die empirischen Befunde widerspre-
aber trendlosen Schwankungen. Das zwischen Ost- und Westdeutschland chen damit den Thesen einer Entstruktu-
bedeutet, dass die obere Hälfte der ergibt sich für den Osten ein durchaus rierung und Entgrenzung der Armut. Das
Bevöl kerung vom Anstieg der Armut in ähnliches Bild, mit einer noch deutliche- Gegenteil ist vielmehr der Fall: In West-
diesem Zeitraum nicht betroffen wurde. ren Ausprägung der auch im Westen er- wie in Ostdeutschland haben wir es mit
Nicht einmal temporär oder in einzel- kennbaren Trends. Die Zone des gesi- einer über die Zeit hinweg zunehmen-
nen Lebensbereichen nahmen hier An- cherten Wohlstands ist erwartungsge- den Verfestigung von Armut am unteren
zeichen und Erfahrungen der Armut mäß kleiner als im Westen, aber auch Rand der Gesellschaft zu tun. Die Stabi-
oder Prekarität zu. 4 Betrachtet man die nur um sechs bis sieben Prozentpunkte, lität der Zone des gesicherten Wohl-
Verteilung in der unteren Bevölkerungs- und sie entwickelt sich ebenfalls er- stands wie auch die Stabilität der ent-
hälfte, so zeigt sich vor allem ein domi- staunlich stabil. Die dominanten Trends strukturierten Typen der Armut lassen
nanter Trend: Die Zone des instabilen bestehen auch hier in einer Abnahme darauf schließen, dass die Zunahme der
Wohlstands nimmt im Zeitverlauf deut- der Zone des instabilen Wohlstands Armut nicht in Form eines abbröckeln-
lich ab (in Westdeutschland von etwa (von etwa 36 Prozent auf unter 30 Pro- den Wohlstands oder eines „Fahrstuhl-
32 Prozent in den ersten auf 28 Prozent zent) und einer dramatischen Zunahme effekts nach unten“ verläuft, sondern in
in den letzten Perioden), während die der Zone der verfestigten Armut von et- Form einer Verfestigung der Armut „von
Zone der extremen Armut deutlich zu- wa vier Prozent in den ersten beiden Pe- unten nach oben“.
nimmt (von etwa sechs auf zehn Prozent rioden auf elf bis 13 Prozent in den letz- Die Tendenz zur Verfestigung von Armut
in den letzten beiden Perioden). Die an- ten drei Perioden. Die Zone der Prekari- lässt sich auch durch tiefergehende
deren Ausprägungen von Prekarität tät umfasst wie im Westen etwa zehn Analysen bestätigen, die zeigen, dass
und entstrukturierter Armut erweisen Prozent der Bevölkerung und weist kei- sowohl die Konsistenz von Armutsindi-
sich dagegen als relativ stabil: In der nen gerichteten Trend auf. Die beiden katoren als auch die zeitliche Persistenz
Zone der Prekarität leben etwa zehn Typen der „entstrukturierten“ Armut fin- der Einzelindikatoren im Zeitverlauf ten-
Prozent der Bevölkerung. Extreme den sich im Osten etwas häufiger als im denziell zunehmen (vgl. Groh-Samberg

Abbildung 2: Trendentwicklung von Armut, Prekarität und Wohlstand, 1984–2010

100%

90%

38 40 40 38 39 37 38 40
80% 41 42 42 42 39 39 41 gesicherter
44 45 46 46 47 44
47 48 48 48 47 46 44 46 47 48 48 48 48 46 46 46 46 Wohlstand
70%

instabiler
60% Wohlstand

50% einseitige Armut


28 30
37 37 29 28
36 36 37 38 40 37 33 32 30
40% 32 32 31 31 30 29 28 28 28 28
30 30 29 29 30 30 30 28 28 27 27 27 28
temporäre
30% 4 Armut
3 4
3 3 3 3 7
4 4 3 3 3 3 3 3 3 3 5 5 5 5 5
4 4
4 5
8 6
4 4 4 3 3 3 3 3 3 3 4 4 5 5 4 5 5
20% 4 5 5 4 4 5 4 5 5 4 5 Prekarität
4 4 4 4 4 4 4 4 4 4 4 5 5 6 6 4 4 10
3 4 10 11 9 8
10 10 10 10 10
10 10 10 10 10 10 10 10 10
10% 10 10 10 10 11 10 10 9 9 10 9 11 11 9 10 10 11 9 9
13 11 13 verfestigte
9 9 10 10 8 8 10 10
6 6 6 6 5 5 6 6 6 6 7 7 7 7 7 7 8 8 9 4 4 5 5 4 5 6 6 Armut
0%
1984/88
1985/89
1986/90
1987/91
1988/92
1989/93
1990/94
1991/95
1992/96
1993/97
1994/98
1995/99
1996/00
1997/01
1998/02
1999/03
2000/04
2001/05
2002/06
2003/07
2004/08
2005/09
2006/10

1992/96
1993/97
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1995/99
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2004/08
2005/09
2006/10

Westdeutschland Ostdeutschland

Dargestellt ist die Verteilung der Bevölkerung auf die verschiedenen Armuts- und Wohlstandslagen.
Quelle: SOEPv27, 1984–2010, 5-Jahres-Panels.

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Olaf Groh-Samberg
2009a, S. 173–190). Eine andere Mög- achtungszeitraums in Westdeutschland
lichkeit der differenzierten Analyse der bei unter 45 Prozent. Bis zur Wiederver-
Armutsentwicklung besteht darin, die einigung stieg dieser Anteil bereits auf
Übergangswahrscheinlichkeiten von ei- gut 60 Prozent an und verharrte zu-
ner Fünfjahresperiode in die nächstfol- nächst auf diesem Stand. Seit der Jahr-
gende Periode zu betrachten. Dies ist tausendwende stieg der Anteil der Per-
nur für Personen möglich, die mindes- sonen, die in der Zone der verfestigten
tens zehn Jahre kontinuierlich an der Armut verbleiben, noch einmal auf na-
Befragung teilgenommen haben. Auf hezu 80 Prozent an. Wenn überhaupt,
Basis dieser Population kann gezielt ge- gelingen lediglich kleine Aufstiege in
fragt werden, wie sich die langfristigen die benachbarte Zone der Prekarität
Mobilitäten in die und aus der Armut oder in eine Form der temporären oder
entwickelt haben. Die Analysen zeigen, einseitigen Armut. Aufstiege in den ge-
dass extreme Abstiege aus der Zone sicherten Wohlstand finden sich so gut
des gesicherten Wohlstands in die Zo- wie gar nicht, und Aufstiege in den in-
ne der verfestigten Armut praktisch gar stabilen Wohlstand sind im Beobach-
nicht vorkommen, wie auch Abstiege tungszeitraum von über zehn Prozent
aus dem gesicherten Wohlstand in die auf unter fünf Prozent gesunken.
Prekarität oder aus dem instabilen Was den generellen Anstieg der Armut
Wohlstand in verfestigte Armut nur sehr in Deutschland erklärt, sind also nicht
selten der Fall sind und über die Zeit zunehmende Abstiege in die Armut hin-
nicht signifikant zunehmen. Dagegen ein, und damit auch nicht steigende Un-
lassen sich eine Zunahme von Abstie- sicherheiten und Prekarisierungen, die
gen aus der Zone der Prekarität in die auch die Mitte der Gesellschaft erfas-
verfestigte Armut erkennen und insbe- sen. Im Gegenteil, der treibende Faktor
sondere eine deutliche Zunahme des bei der Zunahme der Armut ist vielmehr,
Verbleibs in der Zone der verfestigten dass es in Deutschland immer schwieri-
Armut. ger geworden ist, aus der Armut wieder
In Abbildung 3 ist der Verbleib aller Per- herauszukommen. Die Armutsentwick-
sonen, die sich über fünf Jahre hinweg lung trifft diejenigen besonders hart,
in Armut befanden, in der darauffolgen- die ohnehin schon „nahe“ an ihr leben
den Fünfjahresperiode dargestellt. Der oder gar schon lange in ihr leben. Die
Anteil der Personen, die sich nach fünf Armut verfestigt sich „von unten nach
Jahren in der verfestigten Armut auch in oben“.
den folgenden fünf Jahren in dieser Zo- Im Hinblick auf die Entwicklung grup-
ne befinden, lag zu Beginn des Beob- penspezifischer Armutsrisiken zeigt sich

Abbildung 3: Armutsdynamiken über zehn Jahre, 1984–2010

90%

80%

70%
alles andere als eine soziale Entgren-
60% Verbleib in zung und Heterogenisierung der Armut-
Armut
spopulation. Ausgehend von einem so-
50%
ziologischen Klassenmodell ergibt sich
40% für Westdeutschland das Bild einer
Aufstieg in weitgehend stabilen klassenspezifi-
30% Prekarität
schen Schichtung des Armutsrisikos. Die
20%
Klasse der einfachen Arbeiterinnen und
Arbeiter trägt das mit Abstand größte
10% Aufstieg in Armutsrisiko, das absolut gesehen auch
Wohlstand
am stärksten ansteigt, gefolgt von der
0%
Klasse der Facharbeiterinnen und Fach-
arbeiter. Noch extremer ist dieser An-
stieg im Osten verlaufen. In Ostdeutsch-
land haben wir es heute, was die Ar-
mutsrisiken betrifft, annähernd mit einer
Dargestellt ist der Verbleib aller Personen im Verlauf von fünf Jahren, die sich im Zwei-Klassen-Gesellschaft zu tun: Auf
vorhergehenden Fünfjahreszeitraum in verfestigter Armut befanden. Aus Gründen der einen Seite stehen die beiden Ar-
der Übersichtlichkeit wurden die Typen der inkonsistenten und temporären Armut beiterklassen und Routine-Dienstleiste-
hier der Zone der Prekarität zugeordnet und die beiden Zonen des gesicherten rinnen und -Dienstleister mit zum Teil ex-
und des instabilen Wohlstands zusammengefasst. trem hohen Armutsquoten, auf der an-
deren Seite die übrigen Klassen mit
Quelle: SOEPv27, 1984–2010, 10-Jahres-Panels. Ab 1992 Gesamtdeutschland, jedoch getrennte Berechnun- nach wie vor eher geringen Armutsrisi-
gen von Armut (wie in Abb. 1). ken. Extreme Ungleichheiten des Ar-

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DIE VERFESTIGUNG DER ARMUT

Ein Sozialkaufhaus in Magdeburg. Der


Gang ins Sozialkaufhaus oder in die Klei-
derkammer gehört für immer mehr be-
dürftige Menschen zum Alltag. Die Ar-
mutsentwicklung trifft diejenigen beson-
ders hart, die ohnehin schon „nahe“ an ihr
leben oder gar schon lange in ihr leben.
picture alliance/dpa

worden sein, so wird sich das erst mit


einer gewissen Verzögerung in den hier
verwendeten Indikatoren niederschla-
gen. Allerdings täuschen kurzfristige,
an aktuellen Entwicklungen orientierte
Analysen oftmals leichtfertig darüber
hinweg, dass die sozialen Realitäten,
die mit langfristigen Trends zunehmen-
der Armutsverfestigungen verbunden
sind, sich keineswegs kurzfristig um-
steuern lassen. Wenn sich Armut als
dauerhafte Lebenslage in größeren Be-
völkerungsgruppen festsetzt, so ist mit
erheblichen Folgekosten für die Betrof-
fenen und die Gesellschaft zu rechnen.
Kurzfristige Erholungen vermögen da-
gegen nicht viel. Es ist vielmehr gerade
der Sinn und Zweck einer Armutsbe-
richterstattung, die langfristigen Trends
der Armutsentwicklung, auf die sozial-
politisch mit angemessener Weitsicht zu
reagieren ist, deutlich werden zu las-
sen.
Der zentrale Trend einer langfristigen
mutsrisikos finden sich auch je nach Bil- gen Armut kontinuierlich zu, die Armut Verfestigung von Armut wurde jedoch
dung, Haushaltsform, Alter und Migrati- verfestigt sich. Offenbar sind die von in der Armuts- und Reichtumsberichter-
onshintergrund. verfestigter Armut besonders betroffe- stattung der Bundesregierung bisher
nen und gefährdeten Gruppen sozial nicht angemessen erkannt und reflek-
relativ homogen. Damit widersprechen tiert. Der Entwurf des vierten Berichts
Fazit die empirischen Befunde weit verbreite- geht mit seinem Schwerpunkt auf der
ten Annahmen über eine zunehmende Verschränkung von Armut und sozialer
Die hier vorgestellten Analysen machen Verzeitlichung oder sozialen Entgren- Mobilität in eine richtige Richtung: Die
deutlich, dass wir es in Deutschland mit zung der Armut, einer Zunahme sozialer verfestigte Armut in Deutschland ist in
der Entwicklung einer zunehmenden Abstiege aus der Mitte der Gesellschaft hohem Maße Ausdruck einer Verfesti-
Verfestigung von Armut zu tun haben. und einem Ausgreifen von Prekarität in gung von sozialstrukturellen Ungleich-
Auch wenn keine Daten für hinreichend immer breitere Bevölkerungskreise. Der heiten, die vor allem unteren Bevölke-
differenzierte Analysen vor Mitte der Kern der Armutsentwicklung besteht rungssegmenten keine ausreichenden
1980er-Jahre vorliegen, so scheint der vielmehr in ihrer signifikanten Verfesti- Perspektiven auf sozialen Aufstieg
Armutsanstieg in den letzten zwölf Jah- gung am unteren Rand der Gesell- mehr gewährt und ihnen Lebenschan-
ren zwar eingebettet in einen langfristi- schaft. cen systematisch verweigert. Der damit
gen Trend wieder ansteigender Armut Zweifelsohne ist mit der hier vorgeleg- bezeichneten sozialpolitischen Her-
seit den 1970er-Jahren, hat aber seit ten Betrachtung langfristiger Armutsdy- ausforderung lässt sich wohl nur ge-
der Jahrtausendwende eine besonders namiken über fünf oder gar zehn Jahre recht werden, wenn sich die gesell-
dramatische Form angenommen. Er ist hinweg eine zeitliche Verzögerung in schafts politischen Prioritäten auf die
charakterisiert durch die zunehmende Bezug auf die aktuellsten Entwicklungs- Wahrung der sozialen Kohäsion zu-
Schwierigkeit, aus Armut und Prekarität trends verbunden. Sollte die Armutsent- rückbesinnen, anstatt diese im Wett-
wieder herauszukommen. Auf diese wicklung in den letzten drei Jahren kampf um Spitzenpositionen aufs Spiel
Weise nimmt der Anteil der langfristi- deutlich gebremst und zurückgeführt zu setzen.

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Nolan, Brian/Whelan, Christopher T. (1996): Re-
Olaf Groh-Samberg
LITERATUR ANMERKUNGEN
sources, Deprivation and Poverty. Oxford.
Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) Ringen, Stein (1988): Direct and Indirect Measu- 1 Zu nennen sind hier vor allem die in jeder
(2001): Lebenslagen in Deutschland. Der erste res of Poverty. In: Journal of Social Policy, 3/1988, Legislaturperiode erscheinenden Armuts- und
Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregie- S. 351–365. Reichtumsberichte der Bundesregierung, aber
rung. Bonn. Wagner, Gert G./Frick, Joachim R./Schupp, Jür- auch die jährlichen Veröffentlichungen des Deut-
Grabka, Markus M./Frick, Joachim R. (2010): gen (2007): The German Socio-Economic Panel schen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW)
Weiterhin hohes Armutsrisiko in Deutschland: Study (SOEP): Scope, Evolution and Enhance- Berlin (auf Basis des Sozio-oekonomischen Pa-
Kinder und junge Erwachsene sind besonders ments. In: Schmollers Jahrbuch, 1/2007, S. 139– nels), des Statistischen Bundesamtes (auf Basis
betroffen. In: DIW Wochenbericht, 7/2010, 169. des Mikrozensus), von Eurostat (auf Basis der Stu-
S. 2–11. die „Leben in Europa“ bzw. EU-SILC) oder der
Grabka, Markus M./Goebel, Jan/Schupp, Jür- OECD, sowie eine Vielzahl von weiteren Studien
gen (2012): Höhepunkt der Einkommensungleich- und Berichten.
heit in Deutschland überschritten? In: DIW Wo- 2 Die Wohnstandards verbessern sich absolut

UNSER AUTOR
chenbericht, 43/2012, S. 3–15. gesehen über den gesamten Beobachtungszeit-
Groh-Samberg, Olaf (2009a): Armut, soziale raum hinweg kontinuierlich (vgl. Groh-Samberg/
Ausgrenzung und Klassenstruktur: zur Integration Göbel 2007). Der Anteil der Personen in depri-
multidimensionaler und längsschnittlicher Pers- vierten Wohnlagen wird daher in jedem Jahr
pektiven. Wiesbaden. mithilfe eines proportionalen Deprivationsindex
Groh-Samberg, Olaf (2009b): Sorgenfreier auf das unterste Sechstel normiert.
Reichtum: Jenseits von Konjunktur und Krise lebt 3 Der Anteil der verfestigten Armut dürfte dabei
nur ein Prozent der Bevölkerung. In: DIW Wo- noch tendenziell unterschätzt werden, da be-
chenbericht, 35/2009, S. 590–597. stimmte Personengruppen der „extremen Armut“,
Groh-Samberg, Olaf/Voges, Wolfgang (2012): wie Wohnungslose, illegalisierte Migrantinnen
Armut und soziale Ausgrenzung. In: Mau, Stef- und Migranten und viele Personen in Heimen, per
fen/Schöneck, Nadine M. (Hrsg.): Handwörter- se nicht von Umfragen wie denen des SOEP er-
buch zur Gesellschaft Deutschlands. Wiesbaden, fasst werden können oder zumindest deutlich
S. 58–79. Dr. Olaf Groh-Samberg ist Junior-Pro- unterrepräsentiert sind.
Groh-Samberg, Olaf/Göbel, Jan (2007): Armuts- 4 Das bedeutet freilich nicht, dass in dieser
messung im Zeitverlauf – indirekte und direkte fessor für Soziologie an der Universität Gruppe interne Ungleichheiten – etwa des Reich-
Armutsindikatoren im Vergleich. In: Wirtschafts- Bremen und Forschungsprofessor des tums – nicht zugenommen haben können. Der hier
dienst, 6/2007, S. 397–403. Deutschen Instituts für Wirtschaftsfor- gebildete Indikator des „gesicherten Wohl-
Halleröd, Björn (1995): The Truly Poor: Direct and schung (DIW). Seine Arbeitsschwer- stands“ sagt nichts über das Ausmaß von Reich-
Indirect Consensual Measurement of Poverty in tum aus (vgl. Groh-Samberg 2009b), sondern
Sweden. In: Journal of European Social Policy,
punkte umfassen die Soziologie sozia- ausschließlich etwas über die Abwesenheit von
2/1995, S. 111–129. ler Ungleichheit, insbesondere die The- Armut und Prekarität.
Leibfried, Stephan/Leisering, Lutz/Buhr, Petra/ men Armut, Bildung, Migration, Lebens-
Ludwig, Monika/Mädje, Eva/Olk, Thomas/Vo- lauf, soziale Mobilität und Wohlfahrts-
ges, Wolfgang/Zwick, Michael (1995): Zeit der staat.
Armut: Lebensläufe im Sozialstaat. Frankfurt am
Main.

Antisemitismus heute
Eine Fachtagung

Antisemitismus ist in Deutschland bis heute weit verbreitet. Extremistische


Fachtagung Gruppierungen zeigen öffentlich Hass und bedienen Vorurteile. Aber auch
4. bis 5. Februar 2013 in der Mitte der Gesellschaft werden Klischees und Ressentiments gepflegt.
Antisemitismus heute Die Fachtagung zeigt Handlungsansätze auf, die sich an Schulen, in der
Vorurteile im
alten und neuen Gewand – was tun? Jugendarbeit, an Gedenkstätten und bei Projekten gegen Extremismus und
Menschenfeindlichkeit anwenden lassen. Sie richtet sich an Praktiker aus
den unterschiedlichen Bereichen.

4. bis 5. Februar 2013


Haus auf der Alb, Tagungszentrum der LpB in Bad Urach

Mit einer öffentlichen Lesung der Schriftstellerin Lena Gorelik


am 4. Februar 2013 in der Stadtbücherei Bad Urach.

Weitere Informationen und Anmeldung unter


www.gedenkstaetten-bw.de/fachtagung_antisemistismus_heute.html

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ARMUTSRISIKEN IM EUROPÄISCHEN VERGLEICH

Armut in Europa – Armutskonzepte und


empirische Strukturdaten
Roland Verwiebe

et al. 2008, S. 356; Leibfried et al. 1995, Auch die Europäische Union (EU) ver-
War Armut lange Zeit nur ein Thema der S. 8). Trotz dieser gesellschaftlichen Bri- wendet seit Anfang der 1980er-Jahre
Randgruppenforschung, so ist ihre Er- sanz hat die sozialwissenschaftliche einen relativen Armutsbegriff: „The poor
forschung mittlerweile ein zentrales Forschung, die traditionell vor allem die shall be taken to mean persons, families
Anliegen der Sozialstruktur- und Un- Schichtung der erwerbstätigen Kernbe- and groups of persons whose resources
gleichheitsforschung geworden. Die wis- völkerung (Arbeiter, Angestellte, Selbst- (material, cultural and social) are so lim-
senschaftliche Diskussion um die Exis- ständige, Manager) untersucht, viele ited as to exclude them from the mini-
tenz und das Ausmaß von Armut wird Jahrzehnte lang die Lebenssituation mum acceptable way of life in the mem-
hierbei durchaus kontrovers geführt. Ro- der Menschen am unteren Rand der Ge- ber state in which they live” (European
land Verwiebe erörtert eingangs die kon-
sellschaft kaum thematisiert. Die Erfor- Commission 1984). Dieser Armutsbe-
zeptionellen Grundlagen der Armutsfor-
schung von Armut war lange nur ein griff der EU ist auch leitend für die Ar-
schung und stellt drei verschiedene
Thema der Randgruppenforschung. Erst mutsberichterstattung der Bundesre-
Ansätze vor, mit denen Armut wissen-
schaftlich erfasst werden kann. Vor die- in den letzten zwei Jahrzehnten ist Ar- gierung – beispielsweise im Armuts- und
sem Hintergrund werden die Armutsrisi- mut zu einem Kernthema der Sozial- Reichtumsbericht (BMAS 2008, 2012).
ken in Deutschland mit denen in anderen struktur- und Ungleichheitsforschung Innerhalb der Literatur, die mit relativen
Mitgliedsländern der Europäischen Uni- geworden, was eine Fülle nationaler Armutsdefinitionen arbeitet, lassen sich
on verglichen. In der Zusammenschau und internationaler Publikationen be- dabei drei verschiedene Ansätze unter-
wird deutlich, dass sich die Armutsrisiken legt (u. a. Andreß/Seeck 2005; Bie- scheiden.
in den EU-Staaten unterschiedlich entwi- back/Milz 1995; Frick/Grabka 2005; Beim Ressourcenansatz steht die Ausstat-
ckelt haben. Aktuell verfügt mehr als ein Hauser/Becker 2003; Nolan/Whelan tung von Personen oder Haushalten mit
Viertel der europäischen Bevölkerung 1996; Townsend 1983; Whelan/Maitre Einkommen im Mittelpunkt. Das Einkom-
über ein Einkommen, welches nur ein Le- 2008). men einer Person oder eines Haushaltes
ben unterhalb der Armutsgrenze ermög- gilt dabei als ein für die Armutsbestim-
licht. Besonders in den osteuropäischen mung passender Indikator, da Einkom-
Ländern ist das Armutsrisiko in den ver- Konzeptionelle Grundlagen der men einen universellen Charakter hat
gangenen Jahren merklich angestiegen. Armutsforschung und zur Kompensation von Defiziten in
Auch für Deutschland bestätigt sich vielen Lebensbereichen herangezogen
im Übrigen ein langfristiger Trend des Was als Armut gilt, wird in der For- werden kann (Dietz 1997, S. 96; Klocke
Wachstums von Bevölkerungsgruppen, schung nicht einheitlich gehandhabt.1 2004, S. 315). Verwendet werden unter-
die von Armut bedroht sind. Im europäi- Es existiert eine Vielzahl von Armutsbe- schiedliche Grenzwerte zur Bestim-
schen Vergleich zeigt sich, dass neben griffen und Verwendungskontexten. Die mung von Armutspopulationen. In Ar-
Alleinerziehenden, Familien mit drei und
wichtigste definitorische Unterschei- mut leben diejenigen, deren Einkommen
mehr Kindern und älteren Menschen vor
dung ist die zwischen absoluter Armut nicht ausreicht, um die Güter und Dienst-
allem Arbeitslose das höchste Armutsri-
siko aller betrachteten sozialen Gruppen
und relativer Armut: (1) Von absoluter Ar- leistungen zu erwerben, die zur Abde-
aufweisen. Wenngleich Deutschland ei- mut redet man, wenn Menschen nicht ckung eines sozialkulturellen Existenz-
ne eher positive Position im europäischen über die zur physischen Existenzsiche- minimums erforderlich sind. Es ist dabei
Vergleich einnimmt, darf dies nicht darü- rung notwendigen Güter wie Nahrung, üblich, einen Grenzwert von 50 Prozent
ber hinwegtäuschen, dass es kaum ein Kleidung und Wohnung verfügen. Die- des nationalen Median-Einkommens zu
europäisches Land gibt, in dem die Situ- se Form der Armut dominiert nach wie verwenden. 2 Bei einem Schwellenwert
ation der Erwerbslosen und gering Qua- vor in vielen Ländern des globalen Sü- von 40 Prozent spricht man von einer
lifizierten so schlecht ist wie in der Bun- dens, ist aber in Deutschland und den strengen Armutsgrenze. Einen Schwel-
desrepublik Deutschland. I anderen westlichen Industriestaaten lenwert von 60 Prozent nutzt man in der
weitestgehend überwunden. Regel, wenn Armutsgefährdung darge-
(2) Relative Armut hingegen bemisst sich stellt werden soll. Die meisten Publikati-
Einleitung am allgemeinen Lebensstandard einer onen der Armutsforschung beruhen auf
konkreten Referenzgesellschaft. Das dem Ressourcenansatz.
In der Armutsforschung wird vielfach durchschnittliche Einkommensniveau In der europäischen Sozialforschung ist
die Position vertreten, dass die Vermei- oder die durchschnittliche Ausstattung ab Mitte/Ende der 1980er-Jahre der
dung von Elend und Armut ein zivilisato- mit Wohnraum sowie eine durchschnitt- Ansatz der mehrdimensionalen Armuts-
risches Minimum ist, welches für entwi- liche sozialkulturelle Integration die- forschung wichtig geworden (Atkinson
ckelte Gesellschaften verbindlich sein nen hier unter anderem als Vergleichs- 1998; Leibfried et al. 1995; Leisering/
sollte. Armut ist ein Seismograf für den maßstab. Das relative Armutskonzept Buhr 1995; Nolan/Whelan 1996; Town-
sozialen Zustand einer Gesellschaft: in- geht prinzipiell über rein monetäre Ge- send 1979, 1985): „A strong case can be
mitten einer Wohlstandsgesellschaft sichtspunkte bei der Bemessung von Ar- made for the notion that poverty and
stellt sie das Wirtschafts- und Sozial- mut hinaus. „Armut liegt (…) dann vor, social exclusion are inherently multidi-
system in Frage, gefährdet die politi- wenn Menschen das sozialkulturelle mensional concepts (…) even if income
sche und soziale Legitimation eines So- Existenzminimum einer Gesellschaft were the key determinant. (…) The fac-
zialstaats und weist auf Verwerfungen unterschreiten“ (Bäcker et al. 2008, tors affecting income at the household
in der weiteren Gesellschaft hin (Bäcker S. 357). level and its distribution at the societal

265

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Roland Verwiebe
level are extremely complex, encom- al. 2006, S. 265). Dieser Umstand hat hin zu einem Kernbereich der Sozial-
passing most obviously the way the la- zur Folge, dass die wissenschaftliche struktur- und Ungleichheitsforschung
bour market, education and (…) transfer und politische Diskussion um die Exis- ging auch mit methodischen Fortschrit-
systems are structured. Poverty in the tenz und das Ausmaß von Armut in mo- ten einher. Die Armutsforschung der
highly complex societies of the industri- dernen Gesellschaften immer kontro- 1970er- und 1980er-Jahre beschrieb Ar-
alised world (…) can only be under- vers verlaufen wird. „Je nach der Defini- mut mit Querschnittsanalysen in der Re-
stood by taking a variety of causal fac- tion von Armut und der Bestimmung der gel als dauerhaften Zustand (u. a. Hau-
tors and channels into account” (No- Armutsgrenzen kann dabei der Kreis ser et al. 1986). In der neueren Armuts-
lan/Whelan 2007, S. 147ff.). der Armutsbevölkerung enger oder wei- forschung wird inzwischen, auf der
Der multiple Lebenslagenansatz hat in ter gesteckt werden. Eine bewusste Ein- Grundlage von Trend- und Längs-
dieser Spielart der Armutsforschung ei- grenzung des Kreises relativiert die Ar- schnittstudien, zunehmend nachgewie-
nen großen Stellenwert erlangt. 3 In die- mutsproblematik und kann dazu die- sen, dass Armut für viele Menschen
sem Ansatz wird Armut nicht nur mit ei- nen, die tatsächlichen sozialen Verhält- „nur“ eine Episode im Lebenslauf ist und
ner Analyse des verfügbaren Einkom- nisse zu verdecken, während eine von Betroffenen auch aktiv bewältigt
mens erfasst, sondern zusätzlich im Hin- bewusst weite Fassung des Kreises den werden kann. Zugleich reicht Armut als
blick auf die Ausstattung mit weiteren Blick auf die eigentlich Betroffenen ver- (vorübergehende) Lebenslage und la-
wichtigen Ressourcen und Gütern der stellen kann“ (Bäcker et al. 2008, tentes Risiko bis in mittlere soziale
Lebensführung. Der Lebenslagenansatz S. 359). Schichten hinein und ist nicht mehr aus-
fragt danach, ob bei der Versorgung Die Weiterentwicklung der Armutsfor- schließlich auf traditionelle Randgrup-
der Menschen mit Nahrung, Beklei- schung von der Randgruppenforschung pen begrenzt (Gangl 1998; Mc Kern-
dung, Wohnraum oder Leistungen des
Gesundheits- und Sozialwesens Min-
deststandards erreicht werden. Der Le-
benslagenansatz berücksichtigt darü-
ber hinaus, ob die Menschen ausrei-
chend am gesellschaftlichen, kulturel-
len und politischen Leben partizipieren.
Dies betrifft so zentrale Bereiche wie
Arbeit, Bildung, Freizeitgestaltung, sozi-
ale Beziehungen und Information (Bä-
cker et al. 2008, S. 357). Im Lebensla-
genansatz werden ebenfalls Grenz-
werte zur Festlegung von Armut verwen-
det. Armut wird in der Regel als eine
Unterversorgung in mindestens zwei
zentralen Lebensbereichen definiert.
Auch der sogenannte Deprivationsan-
satz beinhaltet ein mehrdimensionales
Konzept von Armut (Andreß/Lipsmeier
1995; Halleröd 1997). Armut wird hier
als mangelnde Teilhabe und Ausgren-
zung konzeptualisiert. Deprivierte Le-
benslagen liegen dann vor, wenn die
Integration in die und Teilhabe an einer
Gesellschaft nach allgemein anerkann-
ten Standards nur eingeschränkt mög-
lich ist (Townsend 1979). Der Deprivati-
onsansatz bündelt Vorstellungen von
der Versorgungslage eines Haushaltes
(mit Versorgungsgütern, Gebrauchsgü-
tern und Dienstleistungen), von sozio-
kulturellen Mindeststandards und dem
allgemeinen Wohlfahrtsniveau einer
Gesellschaft (vgl. Böhnke/Delhey 2001,
S. 317). Diese allgemein anerkannten
Standards werden nicht durch von Sozi-
alwissenschaftlern oder Sozialpoliti-
kern festgelegte Grenzen definiert. Es
wird vielmehr mit Hilfe von großen Be-
völkerungsumfragen ermittelt, welche
Elemente der Lebensführung aus Sicht
der Bevölkerung tatsächlich zu einem
notwendigen Lebensstandard dazuge-
hören.
Allen Abgrenzungsvorschlägen in der
Armutsforschung ist gemeinsam, dass
sie von Werturteilen abhängig sind: „Je-
de Armutsdefinition ist damit letztlich
politisch-normativer Natur“ (Boeckh et

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an/Ratcliffe 2005; Pfaff 1995; Riegg struktur der Armutsgefährdung in den ARMUT IN EUROPA – ARMUTSKONZEPTE
Cellini et al. 2008; Vandecasteele letzten Jahren wenig geändert (Groh- UND EMPIRISCHE STRUKTURDATEN
2010). Damit ist Armut verzeitlicht, indi- Samberg 2004, 2009).
vidualisiert und in einem gewissen Ma-
ße auch sozial entgrenzt. Armutserfah-
rungen haben einen Anfang, eine Dau- Armutsdifferenzen zwischen den EU- päische vergleichende Statistiken für
er, einen bestimmten Verlauf und in den Mitgliedsländern einen längeren Untersuchungszeitraum
meisten Fällen auch ein Ende (Leibfried nicht vor. In Tabelle 1 werden Armutsge-
et al. 1995, S. 14; Riederer/Wolfsbauer Vor dem Hintergrund dieser konzeptio- fährdungsquoten vor und nach sozial-
2011, S. 255ff.). Das ist keine Entwar- nellen Erörterungen sollen im Folgen- staatlichen Transfers sowie die Armuts-
nung, so Stephan Leibfried und Kolle- den die Armutsrisiken in Deutschland risikogrenze in Euro (in Kaufkraftparitä-
gen (1995, S. 14f.), die sozialpolitische mit denen in den anderen Mitgliedslän- ten als Vergleichsbasis) aufgeführt.
Aufgabe Armutsbekämpfung hat nichts dern der Europäischen Union vergli- Aktuell verfügt mehr als ein Viertel der
an Aktualität verloren. Dadurch, dass chen werden. Dabei wird auf Indikato- europäischen Bevölkerung über ein Ein-
Armut temporalisiert ist und auch mittle- ren zurückgegriffen, die sich am ein- kommen (vor Sozialtransfers), welches
re soziale Schichten betrifft, sind mehr gangs beschriebenen Ressourcenan- nur ein Leben unterhalb der Armuts-
Menschen von Armut betroffen, als man satz der Armutsforschung orientieren. grenze ermöglicht. In einigen osteuro-
dies mit den Studien der 1980er-Jahre Daten, die entsprechend dem Lebensla- päischen Staaten (u. a. Litauen, Lett-
gezeigt hat. Zugleich hat sich an der genansatz oder dem Deprivationsan- land, Ungarn, Bulgarien, Rumänien) ist
schicht- und klassenspezifische Risiko- satz erhoben wurden, liegen als euro- die Armutsgefährdung besonders stark
sichtbar. Innerhalb Westeuropas ist sie
vor allem in Irland, Großbritannien und
Spanien hoch. Deutschland weist, ähn-
lich wie Österreich, Slowenien oder
Frankreich, eine mittlere bis leicht unter-
durchschnittliche Armutsgefährdungs-
quote auf. Eine vergleichsweise niedri-
ge Armutsgefährdung vor sozialstaatli-
chen Transfers findet sich z. B. in den
Niederlanden und in Tschechien.
Im Hinblick auf die Armutsrisiken nach
sozialstaatlichen Transfers findet sich auf
der einen Seite eine Gruppe von Län-
dern, die einen relativ geringen Bevöl-
kerungsanteil aufweisen, der nach sozi-
alstaatlichen Transfers ein verfügbares
Einkommen unterhalb der Armutsge-
fährdungsschwelle aufweist. Das sind
Länder, in denen durch Sozialpolitik Ar-
mutsrisiken deutlich reduziert werden
(BMAS 2008, S. 21f.; European Commis-
sion 2007, S. 25f.; Lohmann 2010, S. 5ff.);
die prozentuale Reduktion der Armuts-
gefährungsquote liegt bei um die 50
Prozent (s. Tabelle 1, zweite Spalte von
rechts). Zu dieser Ländergruppe gehö-
Ein Dorf im rumä- ren die sozialdemokratisch geprägten
nischen Schiltal. Länder Skandinaviens, Österreich und
Die im Südwesten Luxemburg mit einem eher konservativ
Rumäniens gelege- geprägten Wohlfahrtsstaat, aber auch
ne Bergbauregion Ungarn und Tschechien. Auf der ande-
ist Rumäniens ren Seite stehen Länder, bei denen nach
größter sozialer sozialstaatlichen Transfers etwa ein
Brennpunkt. Der Fünftel der Bevölkerung von Armut be-
Bergbau wird ab- droht ist. Zu dieser Gruppe gehören
gewickelt, weil er Staaten mit einem liberalen-postsozia-
unrentabel ist. Die listischen oder mediterranen Wohl-
Entlassenen sind fahrtssystem (Lettland, Litauen, Spani-
auf sich selbst ge- en, Griechenland, Rumänien und Bul-
stellt. Hilfe vom garien). Eine besonders geringe Wir-
Staat gibt es nicht. kung sozialpolitischer Interventionen
In den meisten ost- lässt sich in Bulgarien und Rumänien
europäischen Län- sowie in den mediterranen Krisenstaa-
dern ist das Ar- ten Griechenland und Spanien beob-
mutsrisiko in Folge achten. Deutschland weist, nach sozial-
der Transformati- staatlichen Transfers, eine im europäi-
onsprozesse deut- schen Vergleich durchschnittliche Ar-
lich gestiegen. mutsgefährdung auf: knapp 16 Prozent
picture alliance/dpa der Bevölkerung galten im Jahr 2011 als

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Roland Verwiebe
armutsgefährdet. Dies ist in der Gruppe aufgefasst werden (Heyns 2005; Pickles Vis et al. 2008). 5 Im Fall von Deutsch-
der konservativen Wohlfahrtsstaaten 2008; Rajevska 2008; Whelan/Maitre land bestätigt sich mit den aktuell ver-
der höchste Wert. 2008). Auch in Dänemark, Schweden fügbaren Zahlen ein langfristiger Trend
Die Zeitreihen in Tabelle 1 zeigen, dass und Finnland stieg der Bevölkerungsan- des Wachstums der Bevölkerungsgrup-
sich die Armutsrisiken nach sozialstaat- teil, der nach sozialstaatlichen Trans- pen, die von Armut bedroht sind. Die
lichen Transfers in den EU-Mitgliedslän- fers ein verfügbares Einkommen unter- Zeitreihen, die Rainer Geißler (2006,
dern unterschiedlich entwickelt haben. halb der Armutsgefährdungsschwelle S. 203ff.) verwendet, legen einen konti-
In den meisten osteuropäischen Staa- aufweist, was möglicherweise mit ei- nuierlichen Anstieg von Armutsrisiken
ten ist das Armutsrisiko in den letzten nem Rückgang der Sozialausgaben in seit Mitte der 1970er-Jahre nahe. In den
Jahren zum Teil deutlich angestiegen. den Jahren zwischen 2000 und circa 1990er-Jahren und ersten 2000er-Jah-
Für Osteuropa kann dies als die Kehr- 2005/06 (Mau/Verwiebe 2010, S. 56ff.) ren hat sich dieser Anstieg noch einmal
seite der gesellschaftlichen Transfor- und der Reduktion von Wohlfahrts- verstärkt (BMAS 2005, 2008, 2012). In
mations- und Modernisierungsprozesse programmen in Zusammenhang stehen einigen europäischen Staaten ist die
und als Ausdruck eines weit verbreite- könnte (vgl. Green-Pedersen/Klitgaard Armutsgefährdung nach sozialstaatli-
ten liberalen Wohlfahrtsverständnisses 2008; Hort 2008; van Oorschot 2008; chen Transfers, entgegen dem allge-

Tabelle 1: Armutsgefährdungsquote in Europa vor und nach sozialstaatlichen Transfers

Reduktion Armuts-
vor Sozialtransfers nach Sozialtransfers in Prozent grenze~
1995 2005 2011 1995 2005 2011 2011 2011
EU-15 26,0 25,4 26,1 17,0 15,7 16,2 37,9 10.334~
Belgien 27,0 28,3 27,8 16,0 14,8 15,3 45,0 10.776
Deutschland 22,0 23,1 25,1 15,0 12,2 15,8 37,1 10.955
Konservative Wohl-
Österreich 24,0 24,4 24,9 13,0 12,3 12,6 49,4 12.035
fahrtsstaaten
Frankreich 26,0 26,0 24,7 15,0 13,0 14,0 43,3 10.826
Luxemburg 25,0 23,8 27,2 12,0 13,7 13,6 50,0 16.195
Dänemark - 29,9 28,4 10,0 11,8 13,0 54,2 11.122
Sozialdemokrati- Finnland 23,0* 28,0 27,4 8,0* 11,7 13,7 50,0 10.600
sche Wohlfahrts-
staaten Schweden – 28,7 27,9 – 9,5 14,0 49,8 11.102
Niederlande 24,0 21,7 20,9 11,0 10,7 11,0 47,4 11.326
Griechenland 23,0 22,6 23,8 22,0 19,6 20,1 15,5 7.559
Spanien 27,0 24,0 29,8 19,0 19,7 21,8 26,8 7.736
Mediterrane Italien 23,0 23,4 23,3 20,0 18,9 18,2 21,9 9.119
Wohlfahrtsstaaten Portugal 27,0 25,7 25,4 23,0 19,4 18,0 29,1 5.722
Zypern – 21,7 23,3 – 16,1 15,8 32,2 11.308
Malta – 19,7 22,9 – 13,9 15,4 32,8 8.359
Liberale Wohl- Irland 34,0 32,3 40,4 19,0 19,7 16,1 60,1 9.705
fahrtsstaaten UK 32,0 30,6 31,0 20,0 19,0 17,1 44,8 10.238
2000 2005 2011 2000 2005 2011 2011
Estland 26,0 24,2 24,9 18,0 18,3 17,5 29,7 4.491
Lettland 22,0 25,7 27,3 16,0 19,2 19,3 29,3 3.484
Litauen 23,0 26,2 31,8 17,0 20,5 20,0 37,1 3.690
Tschechien 18,0 21,2 18,0 8,0 10,4 9,8 45,6 5.944
liberal orientierte, Slowakei – 21,9 19,8 – 13,3 12,0 39,4 4.948
post-sozialistische
Wohlfahrtsstaaten Slowenien 18,0 25,9 24,2 11,0 12,2 13,6 43,8 8.512
Ungarn 17,0 29,4 28,9 11,0 13,5 13,8 52,2 4.190
Polen 30,0 29,8 24,1 16,0 20,5 17,7 26,6 4.873
Bulgarien 18,0 24,7 27,3 14,0 14,0 22,4 17,9 3.301
Rumänien 21,0 30,9 + 29,1 17,0 24,8 + 22,2 23,7 2.159
EU-27 – 25,9 25,9 – 16,4 16,4 45,0 8.158~

Quelle: Eurostat (2012); Angabe von Armutsquoten in Prozent; *1996, +2006, die aktuellsten verfügbaren Angaben für EU-15, EU-27, Irland, Griechenland,
Italien, Großbritannien, Zypern, Slowakei stammen aus 2010, restliche Länder aus 2011; ~ ungewichteter Mittelwert. Armutsgefährdungsquote vor sozialstaat-
lichen Transfers: Anteil von Personen mit einem verfügbaren Einkommen unter 60 Prozent des nationalen Median-Äquivalenzeinkommens; Grundlage ist das
verfügbare Haushaltsäquivalenzeinkommen nach Abzug von Einkommens-, Vermögenssteuern und Sozialabgaben sowie unter Berücksichtigung von Transfers
zwischen Haushalten. Renten/Pensionen werden als Einkommen vor Sozialtransfers gezählt. Armutsgefährdungsquote nach sozialstaatlichen Transfers: Anteil
von Personen mit einem verfügbaren Einkommen unter 60 Prozent des nationalen Median-Äquivalenzeinkommens unter Berücksichtigung von Sozialtransfers
(z. B. Wohngeld, Kindergeld). Armutsgrenze: Werte für allein lebende Personen in Kaufkraftparitäten (KKS in Euro4). Anmerkung: die Angaben für 1995 beruhen
auf ECHP-Daten, ab 2004 auf EU-SILC-Daten. Die Unterteilung in die Wohlfahrtsstaatstypen orientiert sich an Esping-Andersen (1990), Fererer (1996) sowie
Mau/Verwiebe (2009, 2010).

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meinen Trend, zwischen 1995 und 2011 Struktur der Armut in den ARMUT IN EUROPA – ARMUTSKONZEPTE
sogar gesunken. Zu diesen Ländern ge- EU-Mitgliedsländern UND EMPIRISCHE STRUKTURDATEN
hören z. B. Großbritannien, Irland, Por-
tugal und Frankreich. Die Armutsforschung hat in der Vergan-
Welche lebensweltlichen und materiel- genheit immer wieder gezeigt, dass ein
len Konsequenzen eine Armutsgefähr- Blick auf die spezifische Risikostruktur Malta von Armut bedroht (Quoten von
dung nach sich zieht, lässt sich mit dem der Armutsgefährdung wichtig ist (u. a. circa 40 Prozent). Das sind insofern ho-
letzten Indikator in Tabelle 1 zumindest Groh-Samberg 2004; Lohmann 2007; he Werte, als sozialstaatliche Transfers
ansatzweise darstellen (rechte Spalte); Verwiebe 2011a). Dazu werden in der bei den Angaben bereits berücksichtigt
ausgewiesen ist zur Veranschaulichung Regel Armutsrisiken verschiedener sozi- wurden. Wesentlich günstiger ist die Si-
die Armutsrisikogrenze für Alleinstehen- aler Gruppen betrachtet. Solche Daten tuation von Alleinstehenden mit Kindern
de, die unter Berücksichtigung von sind seit einigen Jahren auch für den in- zum Beispiel in Finnland, Dänemark
Kaufkraftunterschieden berechnet wur- nereuropäischen Vergleich verfügbar. oder Österreich. Deutschland liegt mit
de. Es zeigt sich hier, dass in Europa die Einige der hier wichtigsten Gruppen einer Armutsquote von 37 Prozent knapp
Einkommen von Personen, die in Armut sind in Tabelle 2 dargestellt. Aufgeführt über dem EU-Durchschnitt. Ferner ver-
leben, substantiell variieren. Die Ar- sind die Armutsquoten nach Sozialtrans- weisen die Eurostat-Daten für den Zeit-
mutsrisikogrenze liegt in den konserva- fers für Alleinerziehende, kinderreiche raum zwischen 1995 und 2011 auf recht
tiven und den sozialdemokratisch orien- Familien, Arbeitslose, ältere Menschen unterschiedliche Trendentwicklungen.
tierten Staaten um die 11.000 Euro in (+65 Jahre) und unterschiedliche Bil- In Ländern wie Deutschland, Frankreich
Kaufkraftparitäten, teilweise sogar dungsschichten. 6 oder auch den Niederlanden steigt das
deutlich darüber. In den osteuropäi- Welche Befunde und Trends sind hier Armutsrisiko für Alleinerziehende seit
schen Staaten ist die Armutsrisikogren- besonders erwähnenswert? Zunächst dem Jahr 2000 wieder an, nachdem es
ze deutlich niedriger (z. B. Rumänien deuten die Zahlen in Tabelle 2 auf ein zuvor deutlich gesunken war. In ande-
2.160 Euro in KKS, baltische Staaten besonderes Armutsrisiko von Alleiner-
zwischen 3.500 und 4.500 Euro in KKS). ziehenden hin (vgl. Eggen/Rupp 2006;
Armut ist nicht nur generell verbreiteter Grabka/Frick 2010). Dieses ist mehr als Alleinerziehende sind in mehreren Län-
in diesen Ländern, der Lebensstandard doppelt so hoch (EU-27, 2011: 36,6 Pro- dern der Europäischen Union (EU) einem
und die Lebensqualität in Armutslagen zent) wie für den Durchschnitt der EU- besonderen Armutsrisiko ausgesetzt. Dies
ist um Größenordnungen niedriger als Bevölkerung (vgl. Tabelle 1). Besonders ist mehr als doppelt so hoch (EU-27, 2011:
zum Beispiel in Deutschland, Schweden stark sind Alleinerziehende im Baltikum, 36,6 Prozent) wie für den Durchschnitt der
oder Österreich. in Rumänien sowie in Luxemburg und EU-Bevölkerung.
picture alliance/dpa

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Roland Verwiebe
ren westeuropäischen Ländern nimmt einem mediterranen und post-sozialisti- derreicher Familien im europäischen
die Armutsgefährdung der Alleinerzie- schen Wohlfahrtsstaat: In Portugal, Ita- Durchschnitt ab. Die Entwicklung inner-
henden hingegen kontinuierlich ab. Bei- lien, Spanien, Litauen, Lettland, Polen halb der Länder verläuft dabei nicht
spiele hierfür sind Großbritannien und und Ungarn sind drei bis vier von zehn gleich. In Ländern wie Deutschland, Ös-
Irland; Länder, die noch 1995 mit das kinderreichen Familien von Armut be- terreich, Großbritannien oder Irland
höchste Armutsniveau aufwiesen. In droht. Geradezu dramatisch ist die La- beobachten wir in diesem Zeitraum eine
den osteuropäischen Staaten sehen wir ge dieser Familien in Bulgarien und Ru- Verringerung des Armutsrisikos von kin-
eine andere Dynamik: die Armutsge- mänien (71 Prozent bzw. 55 Prozent Ar- derreichen Familien. Eine teilweise mas-
fährdung von Alleinerziehenden hat in mutsquote). Vergleichsweise günstig ist senhafte Verarmung von kinderreichen
den letzten zehn Jahren substantiell zu- die Situation in den skandinavischen Familien findet in den letzten zehn Jah-
genommen. Wohlfahrtsstaaten und in Deutschland, ren in Spanien, Bulgarien und Rumänien
Familien mit drei oder mehr Kindern sind wo zwischen zwölf und 16 Prozent der statt. 7
ebenfalls erhöhten Armutsrisiken aus- kinderreichen Familien ein erhöhtes Ar- Ältere Menschen gehören traditionell
gesetzt. Im EU-27-Durchschnitt weist mutsrisiko tragen. Dies entspricht im zu den besonders mit Armut konfrontier-
diese Bevölkerungsgruppe im Jahr 2011 Prinzip dem Armutsrisiko des Bevölke- ten Gruppen in modernen Gesellschaf-
eine Armutsgefährdungsquote nach So- rungsdurchschnitts in diesen Ländern ten (Becker/Hauser 1997; BMAS 2005;
zialtransfers von 26 Prozent auf. Beson- (vgl. Tabelle 1). Ein Blick auf die zeitli- Geißler 2006). Die vorliegenden Zah-
ders problematisch ist die Situation von chen Trends zeigt ferner: zwischen 1995 len machen allerdings deutlich, dass in
kinderreichen Familien in Ländern mit und 2011 nahmen die Armutsrisiken kin- den meisten westeuropäischen Staaten

Tabelle 2: Hauptsächlich von Armut betroffene Gruppen nach Sozialtransfers

Alleinerziehende Familien mit drei Bildungsniveau


mit Kindern o. mehr Kindern über 65-Jährige Arbeitslose (ISCED, 2011)
1995 2005 2011 1995 2005 2011 1995 2005 2011 1995 2005 2011 0–2 3–4 5–6
EU-15 37,0 30,4 36,9 26,0 22,1 23,9 19,0 19,8 16,3 40,0 37,4 45,1 23,5 13,7 7,6
Kon- Belgien 31,0 33,2 38,5 13,0 19,6 16,7 21,0 21,4 20,2 34,0 30,9 38,1 22,5 11,5 6,0
serva- Deutsch- 48,0 25,8 37,1 23,0 11,6 16,2 18,0 13,4 14,2 38,0 40,9 67,7 27,9 15,2 8,0
tive land
WS
Österreich 28,0 27,0 26,2 24,0 20,0 23,0 15,0 14,3 16,0 32,0 46,9 40,5 21,0 9,5 6,1
Frankreich 30,0 25,6 33,9 23,0 20,1 22,1 17,0 16,4 9,7 34,0 29,5 36,7 21,7 12,9 7,1
Luxemburg 25,0 33,1 45,5 20,0 20,7 25,7 12,0 7,8 4,7 – 48,8 42,4 21,2 10,9 4,9
So zial- Dänemark – 20,9 20,8 – 13,8 11,7 – 17,6 16,0 – 26,8 29,0 13,8 14,1 10,1
demo- Finnland 7,0 20,3 21,9 7,0 11,1 15,2 10,0 18,7 18,9 19,0 35,6 43,4 19,0 15,9 4,7
krati-
Schweden – 20,4 35,9 – 9,7 15,4 – 10,1 18,2 – 26,9 38,5 19,9 12,5 9,2
sche
WS Niederlan- 40,0 26,8 33,9 17,0 19,9 19,1 6,0 5,4 6,5 18,0 27,9 33,4 14,2 11,1 6,9
de
Medi- Griechen- 23,0 43,5 33,4 22,0 32,7 26,7 34,0 27,9 21,3 35,0 32,6 44,3 29,3 19,4 5,9
ter- land
rane Spanien 29,0 37,3 38,9 31,0 36,0 41,6 13,0 29,3 20,8 37,0 34,8 40,6 28,8 17,3 10,4
WS
Italien 28,0 35,4 37,3 31,0 34,5 37,2 16,0 22,6 16,6 48,0 44,2 43,9 23,9 13,2 6,3
Portugal 44,0 31,5 27,9 46,0 42,0 34,5 34,0 27,6 20,0 30,0 28,6 35,9 19,9 10,9 2,5
Zypern 41,0 35,2 24,8 16,0 14,1 16,1 – 50,3 41,2 – 37,1 39,7 19,7 10,8 5,6
Malta – 36,1 47,2 – 26,1 32,2 – 23,4 18,1 – 44,3 43,3 17,5 7,6 3,2
Libera- Irland 46,0 45,2 30,2 32,0 25,9 20,4 17,0 32,8 10,6 37,0 47,1 26,7 22,9 15,9 9,0
le WS UK 55,0 37,9 36,4 36,0 28,0 27,4 30,0 24,8 21,4 52,0 53,9 47,7 26,4 15,5 7,9
2000 2005 2011 2000 2005 2011 2000 2005 2011 2000 2005 2011 0–2 3–4 5–6
post- Estland 37,0 39,8 34,2 23,0 25,1 25,4 16,0 20,3 33,9 + 50,0 60,0 52,1 31,2 20,8 7,9
sozia- Lettland 31,0 31,2 38,8 26,0 38,7 37,4 6,0 21,2 47,5 + 41,0 58,5 49,8 36,0 21,1 6,2
listi-
Litauen 20,0 48,4 42,4 25,0 44,4 33,1 14,0 17,0 25,2+ 36,0 62,8 53,1 42,8 22,1 9,0
sche
WS Tschechien 26,0 41,0 35,6 18,0 24,7 23,9 6,0 5,3 6,6 30,0 51,1 46,4 22,0 8,5 3,1
Slowakei – 31,8 25,0 – 24,2 29,8 – 7,1 7,7 – 39,2 41,2 26,8 10,8 4,6
Slowenien 21,0 22,0 30,8 10,0 16,6 18,2 21,0 20,3 20,9 42,0 25,1 44,6 21,3 11,5 3,5
Ungarn 28,0 27,1 29,9 27,0 26,0 33,0 8,0 6,5 4,5 32,0 49,7 46,7 32,0 10,9 3,0
Polen 26,0 40,1 29,8 30,0 44,8 34,6 8,0 7,3 14,7 38,0 45,6 43,7 33,4 17,8 4,7
Bulgarien 31,0 30,6* 37,7 51,0 64,9* 71,1 15,0 18,0 33,4 31,0 46,7* 47,8 45,1 11,9 2,7
Rumänien 26,0 42,5* 40,0 34,0 54,8* 54,7 17,0 - 21,0+ 30,0 34,0 51,7 44,9 15,6 2,1
EU-27 – 31,4 36,6 – 25,9 25,8 – 18,9 16,0 – 39,7 45,2 25,0 13,7 7,0
Quelle: Eurostat (2012); Angabe von Armutsquoten in Prozent; *2006, +2009, die aktuellsten verfügbaren Angaben für EU-15, EU-27, Irland, Griechenland,
Italien, Großbritannien, Zypern, Slowakei stammen aus 2010, restliche Länder aus 2011.

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die Armutsrisiken der über 65-Jährigen auf. Sie liegen jedoch in den meisten ARMUT IN EUROPA – ARMUTSKONZEPTE
in den letzten Jahren gesunken sind. EU-Staaten unter den jeweiligen natio- UND EMPIRISCHE STRUKTURDATEN
Deutschland ist beispielhaft in dieser nalen Armutsrisikoquoten. Überdurch-
Hinsicht: Das Armutsrisiko von Senioren schnittlich hohe Armutsquoten sind für
lag im Jahr 2011 bei 14 Prozent, 1995 Personen mit geringen Qualifikationen
war noch knapp jeder fünfte über beziehungsweise für Personen ohne for- trägt diese Bevölkerungsgruppe Ar-
65-Jährige von Armut betroffen. Die male Bildungsabschlüsse (ISCED 0–2) mutsrisiken, die so hoch sind wie im Be-
Gründe für diesen Rückgang sind viel- zu beobachten. Dies zeigt sich in eini- völkerungsdurchschnitt.
fältig. Genannt werden können u. a. die gen liberalen und mediterranen Wohl-
Einführung/Erhöhung von Mindestein- fahrtsstaaten sowie im Baltikum, Bulga-
kommen, die Erhöhung von Renten so- rien und Rumänien. Auch für Deutsch- Schluss
wie die Verlängerung der Lebensar- land ist mit einer Quote von 28 Prozent
beitszeit bzw. spätere Renteneintritte ein relativ hohes Armutsrisiko für gering Der vorliegende Beitrag zeichnet insge-
(European Commission 2007, S. 21). 8 Qualifizierte zu beobachten. In den so- samt ein sehr facettenreiches Bild von
Sehr viel problematischer ist die Lage zialdemokratischen Wohlfahrtsstaaten Armut und Ausgrenzung in Deutschland
der älteren Menschen in einigen osteu- ist die Armutsgefährdung von Men- und Europa. Es ist zu hoffen, dass der
ropäischen Ländern. Vor allem in Bulga- schen mit geringer Bildung sehr viel Beitrag in einer (wieder) an Bedeutung
rien und im Baltikum ist die Altersarmut schwächer ausgeprägt: In Dänemark gewinnenden wissenschaftlichen und
in den letzten zehn Jahren drastisch ge-
stiegen (Fuchs/Offe 2009; Zaidi et al.
2006). Beispiele für eine gute Absiche-
rung von Senioren gegen Altersarmut
sind Ungarn, Tschechien und die Slo-
wakei.
Arbeitslose haben das höchste Armuts-
risiko aller hier betrachteten sozialen
Gruppen. Im Durchschnitt der bisheri-
gen Kernunion verfügen vier bis fünf von
zehn Arbeitslosen über ein Einkommen
unterhalb der Armutsgefährdungs-
schwelle. Besonders hoch ist das Ar-
mutsrisiko für Arbeitslose in Deutsch-
land sowie in Großbritannien, den bal-
tischen Staaten, Bulgarien und Rumäni-
en.9 Als Spitzenreiter in dieser Kategorie
sind in Deutschland 68 Prozent der Ar-
beitslosen stark armutsgefährdet, im
Jahr 2010 lag dieser Wert sogar bei
über 70 Prozent. Gegenüber dem Zeit-
raum Mitte der 1990er-Jahre (Quote
von 38 Prozent) ist dies eine deutliche
Zunahme. Die Armutsrisiken sind in
Deutschland aktuell für Arbeitslose
mehr als viermal so hoch wie für den
Durchschnitt der Bevölkerung. Was sich
hier an sozialen Risiken zeigt, ist ein Er-
gebnis der wohlfahrtsstaatlichen De-
Regulierungen der letzten Jahre (Stich-
wort Hartz-Reformen). Dänemark und
die Niederlande sind wiederum Bei-
spiele für eine im europäischen Maß-
stab vergleichsweise niedrige Armuts-
gefährdung von Arbeitslosen
Im Hinblick auf die Armutsrisiken unter-
schiedlicher Bildungsschichten bestäti-
gen die Zahlen in Tabelle 2 Befunde aus
der Sozialstrukturforschung, nach de-
nen es einen engen Zusammenhang
zwischen Bildungskapital und sozialer
Lage gibt (Allmendinger 1999; Geißler
2006; Solga/Powell 2006). Es zeigt
sich, dass Europäer mit tertiären Bil-
dungsabschlüssen (ISCED 5–6) sehr ge-
ringe Armutsrisiken haben. Sie lagen im
Jahr 2011 im Durchschnitt der EU-27 bei
sieben Prozent, in Deutschland bei acht Arbeitslose haben das höchste Armutsrisiko aller sozialen Gruppen. Besonders hoch ist
Prozent. Personen mit mittleren Bil- das Armutsrisiko in Deutschland sowie in Großbritannien, den baltischen Staaten, Bulga-
dungsabschlüssen (ISCED 3–4) weisen rien und Rumänien. In Deutschland sind 68 Prozent der Arbeitslosen armutsgefährdet.
demgegenüber höhere Armutsrisiken picture alliance/dpa

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gen, Arbeit, Einkommen und Finanzierung. Wies- Grabka, Markus M./Frick, Joachim R. (2010):
Roland Verwiebe
gesellschaftspolitischen Debatte eine
baden. Weiterhin hohes Armutsrisiko in Deutschland:
Rolle spielen wird und für die Leserinnen Bazant, Ursula/Schubert, Klaus (2008): Europäi- Kinder und junge Erwachsene sind besonders
und Leser der Zeitschrift „Der Bürger im sche Wohlfahrtssysteme: Vielfalt jenseits beste- betroffen. In: DIW-Wochenbericht, 7/2010,
Staat“ relevant ist. hender Kategorien. In: Schubert, Klaus et al. S. 2–11.
Wie ließe sich nun eine Kontextualisie- (Hrsg.): Europäische Wohlfahrtssysteme. Ein Green-Pedersen, Cristoffer/Klitgaard, Michael
Handbuch. Wiesbaden, S. 623–645. Baggesen (2008): Im Spannungsfeld von wirt-
rung der deutschen Armutstrends vor Becker, Irene/Hauser, Richard (Hrsg.) (1997): Ein- schaftlichen Sachzwängen und öffentlichem Kon-
dem Hintergrund der europäischen Ent- kommensverteilung und Armut: Deutschland auf servatismus: Das dänische Wohlfahrtssystem. In:
wicklung der letzten Jahre abschlie- dem Weg zur Vierfünftel-Gesellschaft? Frankfurt Schubert, Klaus et al. (Hrsg.): Europäische Wohl-
ßend vornehmen? Es ist zunächst offen- am Main. fahrtssysteme. Ein Handbuch. Wiesbaden,
Bieback, Karl-Jürgen/Milz, Helga (Hrsg.) (1995): S. 149–168.
kundig geworden, dass Deutschland in
Neue Armut. Frankfurt am Main. Groh-Samberg, Olaf (2004): Armut und Klassen-
Europa alles in allem eine eher positive Blume, Kraen et al. (2007): At the Lower End of the struktur. Zur Kritik der Entgrenzungsthese aus ei-
Rolle spielt. Noch immer gibt es einen Table: Determinants of Poverty among Immigrants ner multidimensionalen Perspektive. In: Kölner
gut funktionierenden Wohlfahrtsstaat, to Denmark and Sweden. In: Journal of Ethnic Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie,
der die Armutsgefährdung der Bevölke- and Migration Studies, 3/2007, S. 373–396. 4/2004, S. 653–682.
BMAS/Bundesministerium für Arbeit und Soziales Groh-Samberg, Olaf (2009): Armut, soziale Aus-
rung auf ein moderates Niveau bringt, (2005): Lebenslagen in Deutschland. Der 2. Ar- grenzung und Klassenstrukturen. Zur Integration
bei allerdings abnehmender Tendenz muts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. multidimensionaler und längsschnittlicher Pers-
des wohlfahrtsstaatlichen Ausgleichs. Berlin. pektiven. Wiesbaden.
Auf der Ebene der Binnenstrukturen gibt BMAS/Bundesministerium für Arbeit und Soziales Halleröd, Björn (1997): Adapting the Consensual
(2008): Lebenslagen in Deutschland. Der 3. Ar- Definition of Poverty. In: Gordon, David/Pantazis,
es ebenfalls einige positive Ergebnisse
muts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Christina (Hrsg.): Breadline Britain in the 1990s.
hervorzuheben. Die einstmals besonde- Berlin. Aldershot, S. 213–234.
re Armutsgefährdung von kinderreichen BMAS/Bundesministerium für Arbeit und Soziales Hauser, Richard/Becker, Irene (Hrsg.) (2003): Re-
Familien und von Senioren – wie sie in (2012): Lebenslagen in Deutschland. Der 4. Ar- porting on Income Distribution and Poverty. Per-
vielen süd- und osteuropäischen Staa- muts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. spectives from a German and a European Point
Entwurfsfassung. Berlin. of View. Berlin.
ten noch immer virulent ist – besteht in Boeckh, Jürgen et al. (2006): Sozialpolitik in Hauser, Richard et al. (1986): Armut, Niedrigein-
Deutschland in dieser Form aktuell nicht Deutschland. Eine systematische Einführung. kommen und Unterversorgung in der Bundesrepu-
mehr. Bei den spezifischen Armutsrisi- Wiesbaden. blik Deutschland. Frankfurt am Main.
ken unterschiedlicher Bildungsschich- Böhnke, Petra/Delhey, Jan (2001): Lebensstan- Heyns, Barbara (2005): Emerging Inequalities in
dard und Einkommensarmut. Plädoyer für eine Central and Eastern Europe. In: Annual Review of
ten liegt Deutschland ebenfalls im Be-
erweiterte Armutsforschung. In: Barlösius, Eva/ Sociology, 31/2005, S. 163–197.
reich des europäischen Durchschnitts. Ludwig-Mayerhofer, Wolfgang (Hrsg.): Die Armut Hort, Sven E. O. (2008): Sklerose oder ständig in
Bei den Alleinerziehenden haben wir der Gesellschaft. Opladen, S. 315–335. Bewegung? Das schwedische Wohlfahrtssystem.
zwischen 1995 und 2005 eine sehr posi- Bradbury, Bruce et al. (Hrsg.) (2001): The Dyna- In: Schubert, Klaus et al. (Hrsg.): Europäische
tive Entwicklung gesehen, die sich aller- mics of Child Poverty in Industrialised Countries. Wohlfahrtssysteme. Ein Handbuch. Wiesbaden,
Cambridge. S. 523–547.
dings in den letzten fünf bis sechs Jah- Buhr, Petra et al. (1997): Armutsbilder zwischen Klocke, Andreas (2004): Methoden der Armuts-
ren wieder in ein Gegenteil verkehrt Statik und Dynamik – Empirische Sozialpolitikfor- messung. Einkommens-, Unterversorgungs-, De-
hat. Eklatant ist die sich deutlich ver- schung als soziologisches Lehrstück. In: Rehberg, privations- und Sozialhilfekonzept im Vergleich.
schlechternde Situation der Arbeitlosen Karl-Siegbert (Hrsg.): Differenz und Integration: In: Zeitschrift für Soziologie, 4/2004, S. 313–329.
Die Zukunft moderner Gesellschaften. Verhand- Lefèbvre, Mathieu (2007): The Redistributive Ef-
in der Bundesrepublik. Es gibt nicht an-
lungen des 28. Kongresses der Deutschen Gesell- fects of Pension Systems in Europe. A Survey of
nähernd ein anderes europäisches schaft für Soziologie. Opladen, S. 867–870. Evidence. Luxemburg.
Land, in dem die Situation der Erwerbs- Butterwegge, Christoph (2007): Die „Normalität“ Leibfried, Stephan et al. (1995): Zeit der Armut.
losen so schlecht ist wie in Deutschland. der Kinderarmut. In: Blätter für deutsche und in- Lebensläufe im Sozialstaat. Frankfurt am Main.
Bei aller Sympathie für die erfolgrei- ternationale Politik, 12/2007, S. 1413–1416. Leisering, Lutz/Buhr, Petra (1995): Armut im Le-
Dietz, Berthold (1997): Soziologie der Armut. benslauf. Armut und Armutspolitik aus der Sicht
chen Arbeitsmarktreformen der letzten Frankfurt am Main. der dynamischen Armutsforschung. In: Nachrich-
Dekade: diese haben mit zu dieser Ent- Eggen, Bernd/Rupp, Marina (2006): Kinderrei- tendienst des Deutschen Vereins für öffentliche
wicklung beigetragen. Politik und Öf- che Familien. Wiesbaden. und private Fürsorge, 75/1995, S. 73–77.
fentlichkeit sind gut beraten, sich die- Esping-Andersen, Gosta (1990): The Three Worlds Leisering, Lutz/Mädje, Eva (1996): Armut in
of Welfare Capitalism. Cambridge. Deutschland. Umbruch und Kontinuität. In: Clau-
sem Problem mehr zu stellen, als dies
European Commission (1984): European Council sen, Lars (Hrsg.): Gesellschaften im Umbruch,
bisher der Fall war. Es drohen sonst wei- Decision 85/8/EEC. Brüssel. Verhandlungen des 27. Kongresses der Deut-
tergehende soziale Verwerfungen, spä- European Commission (2007): Joint Report on schen Gesellschaft für Soziologie in Halle (April
testens dann, wenn die derzeit sehr ge- Social Protection and Social Inclusion. Luxem- 1995). Frankfurt am Main, S. 903–915.
ringe Arbeitslosigkeit bei konjunkturel- burg. Lohmann, Henning (2007): Armut von Erwerbstä-
Eurostat (2012): Population and social conditions. tigen in europäischen Wohlfahrtsstaaten. Nied-
ler Abkühlung wieder auf ein Niveau Unter: http://epp.eurostat.ec.europa.eu/portal/ riglöhne, staatliche Transfers und die Rolle der
steigt, wie es für eine lange Phase um page/portal/statistics/themes [10.10.2012]. Familie. Wiesbaden.
die Jahrtausendwende typisch war. Ferrera, Maurizio (1996): The ‘Southern Model’ of Lohmann, Henning (2010): Armut von Erwerbstäti-
Welfare in Social Europe. In: Journal of European gen im europäischen Vergleich: Erwerbseinkom-
Social Policy, 1/1996, S. 17–37. men und Umverteilung. In: Kölner Zeitschrift für
LITERATUR Frick, Joachim R./Grabka, Markus M. (2005): Zur Soziologie und Sozialpsychologie, 1/2010,
Entwicklung der Einkommen privater Haushalte in S. 1–30.
Allmendinger, Jutta (1999): Bildungsarmut. Zur Deutschland bis 2004: Zunehmender Einfluss von Mau, Steffen/Verwiebe, Roland (2009): Die Sozi-
Verschränkung von Bildungs- und Sozialpolitik. Arbeitslosigkeit auf Armut und Ungleichheit. In: alstruktur Europas. Konstanz.
In: Soziale Welt, 1/1999, S. 35–50. DIW-Wochenbericht, 28/2005, S. 429–436. Mau, Steffen/Verwiebe, Roland (2010): European
Andreß, Hans-Jürgen/Lipsmeier, Gero (1995): Fuchs, Susanne/Offe, Claus (2009): Welfare Sta- Societies. Mapping Structure and Change. Bris-
Was gehört zum notwendigen Lebensstandard te Formation in the Enlarged European Union: tol.
und wer kann ihn sich leisten? Ein neues Konzept Patterns of Reform in Postcommunist States. In: Mc Kernan, Signe-Mary/Ratcliffe, Caroline
zur Armutsmessung. In: Aus Politik und Zeitge- Rumford, Chris (Ed.): The SAGE Handbook of Eu- (2005): Events that Trigger Poverty Entries and
schichte, B 31–32/1995, S. 35–49. ropean Studies. London, S. 420–441. Exits. In: Social Science Quarterly, 1/2005,
Andreß, Hans-Jürgen/Seeck, Till (2005): Ist das Gangl, Markus (1998): Sozialhilfebezug und Ar- S. 1146–1169.
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Atkinson, Anthony Barnes (1998): Poverty in Euro- S. 212–232. the Multidimensionality of Poverty and Social Ex-
pe. Oxford. Geißler, Rainer (2006): Die Sozialstruktur Deutsch- clusion. In: Jenkins, Stephen P./Micklewright,
Bäcker, Gerhard et al. (2008): Sozialpolitik und lands. Wiesbaden.
soziale Lage in Deutschland. Band 1: Grundla-

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John (Hrsg.): Inequality and Poverty Re-Exami- zung von MigrantInnen in Österreich. In: Verwie-
ned. Oxford, S. 146–165. be, Roland (Hrsg.): Armut in Österreich. Wien, ARMUT IN EUROPA – ARMUTSKONZEPTE
Pfaff, Anita B. (1995): Was ist das Neue an der S. 209–231. UND EMPIRISCHE STRUKTURDATEN
neuen Armut? In: Bieback, Karl-Jürgen/Milz, Hel- Zaidi, Asghar et al. (2006): Pension Policy in EU25
ga (Hrsg.): Neue Armut. Frankfurt am Main, and its Possible Impact on Elderly Poverty. Lon-
S. 28–57. don.
Pickles, John (2008): State, Society and Hybrid Jahren von überproportional steigenden Armuts-
Post-Socialist Economies. In: Pickles, John (Hrsg.): risiken betroffen sind (Blume et al. 2007; Verwiebe
State and Society in Post-Socialist Economies. 2010; Verwiebe/Fritsch 2011; Wiesböck 2011).
ANMERKUNGEN 7 Einige Autoren reden in diesem Kontext von
New York, S. 253–262.
Rajevska, Feliciana (2008): Vom Sozialstaat zum 1 Teile der Darstellung in Abschnitt 2 und 4 be- einer „Infantilisierung“ der Armut (vgl. Bradbury et
Wohlfahrtsmix: Das lettische Wohlfahrtssystem ruhen auf Ausführungen in Verwiebe (2011b, al. 2001; Butterwegge 2007; Vleminckx/Smee-
nach Wiedererlangung der Unabhängigkeit. In: S. 4ff.) sowie Mau und Verwiebe (2010, S. 210ff.). ding 2001), da die Kinder von Alleinerziehenden
Schubert, Klaus et al. (Hrsg.): Europäische Wohl- 2 Der Median ist ein Lagemaß. Er halbiert eine und in kinderreichen Familien immer häufiger in
fahrtssysteme. Ein Handbuch. Wiesbaden, nach der Größe geordnete Reihe von Messwer- Armut leben. Obwohl Deutschland im europäi-
S. 324–442. ten und reflektiert damit die mittlere Position in schen Vergleich weniger von Kinderarmut betrof-
Riederer, Bernhard/Wolfsbauer, Andreas (2011): einer Datenmenge. Gegenüber dem Durch- fen ist als andere Länder, ist auch hier Kinderar-
Ausstiege aus Armut in Österreich. In: Verwiebe, schnittswert hat er den Vorteil, weniger empfind- mut ein besonderes Problem. Im Jahr 2011 betraf
Roland (Hrsg.): Armut in Österreich. Wien, lich auf extreme Werte („Ausreißer“) zu reagieren. dies 15,5 Prozent der Kinder/Jugendlichen unter
S. 251–270. 3 Der multiple Lebenslagenansatz ist in 16 Jahren (Eurostat 2012). Das sind 1,82 Millionen
Riegg Cellini, Stephanie et al. (2008): The Dyna- Deutschland vor allem durch die Arbeiten des Personen; eine deutliche Steigerung gegenüber
mics of Poverty in the United States. A Review of Bremer Sonderforschungsbereichs 186 ab Mitte dem Jahr 2005 mit 1,51 Millionen betroffenen Kin-
Data, Methods, and Findings. In: Journal of Policy der 1990er-Jahre wichtig geworden; etliche Au- dern/Jugendlichen.
Analysis and Management, 3/2008, S. 577–605. toren waren daran beteiligt (u. a. Buhr et al. 1997; 8 Besonders günstig stellt sich die Situation äl-
Solga, Heike/Powell, Justin (2006): Gebildet – Leibfried et al. 1995; Leisering/Buhr 1995; Leise- terer Menschen in den Niederlanden und in Lu-
Ungebildet. In: Lessenich, Stephan/Nullmeier, ring/Mädje 1996). xemburg dar. Hier haben die über 65-Jährigen
Frank (Hrsg.): Deutschland – Eine gespaltene Ge- 4 Euro in Kaufkraftparitäten/Kaufkraftstan- ein teilweise geringeres Armutsrisiko als der Be-
sellschaft. Frankfurt am Main, S. 175–190. dards (KKS) ist eine fiktive Geldeinheit, die Diffe- völkerungsdurchschnitt. Im Fall der Niederlande
Townsend, Peter (1979): Poverty in the United renzen in den Preisen von Waren und Dienstleis- kann man dies mit einer höheren Erwerbsbeteili-
Kingdom: a Survey of Household Resources and tungen verschiedener Länder ausgleicht. Damit gung von älteren Menschen und mit einer starken
Standards of Living. Harmondsworth. wird eine direkte Vergleichbarkeit zwischen Län- Verbreitung von Betriebsrenten begründen (Le-
Townsend, Peter (1983): A Theory of Poverty and dern mit unterschiedlichen Preisniveaus herge- fèbvre 2007, S. 4).
the Role of Social Policy. In: Loney, Martin et al. stellt. 9 In den post-sozialistischen Ländern kommt
(Hrsg.): Social Policy and Social Welfare. Milton 5 Für Schweden wird in diesem Kontext auch verschärfend hinzu, dass die sozialstaatliche Un-
Keynes, S. 58–82. der makroökonomische Schock von Anfang der terstützung bei Arbeitslosigkeit sehr niedrig ist.
Townsend, Peter (1985): A Sociological Approach 1990er-Jahre als Grund genannt. In der Folge Die liberal orientierten Eliten vertreten die Vorstel-
to the Measurement of Poverty. In: Oxford Econo- sind vor allem Migranten, jüngere Arbeitsmarkt- lung, dass ein allzu hohes wohlfahrtsstaatliches
mic Papers, 4/1985, S. 659–668. kohorten, Alleinerziehende mit Kindern und Ar- Leistungsniveau Arbeitsanreize vermindert und
van Oorschot, Wim (2008): Von kollektiver Soli- beitslose verstärkt von Armut betroffen (Blume et Menschen in Abhängigkeit bringt (Bazant/Schu-
darität zur individuellen Verantwortung: Der nie- al. 2007, S. 381ff.; European Commission 2007, bert 2008).
derländische Wohlfahrtsstaat. In: Schubert, S. 391ff.).
Klaus et al. (Hrsg.): Europäische Wohlfahrtssyste- 6 Das Armutsrisiko von Migranten, eine der
me. Ein Handbuch. Wiesbaden, S. 463–482. wichtigsten Risikogruppen, ist mit den verfügba-
Vandecasteele, Leen (2010): Life Course Risks or ren Eurostat-Daten nur ungenau abzubilden. Eine
Cumulative Disadvantage? The Structuring Effect zumindest grobe Unterscheidung zwischen
of Social Stratification Determinants and Life innereuropäischen Migranten und Zuwandern-
Course Events on Poverty Transitions in Europe. In: den von außerhalb der EU kann vorgenommen
European Sociological Review, Advance Access werden. Diese zeigt deutlich erhöhte Armutsrisi-
(doi: 10.1093/esr/jcq005): veröffentlicht am ken für letztere Gruppe (Eurostat 2012). Für ein-
11.03.2010. zelne europäische Staaten, zum Beispiel
Verwiebe, Roland (2010): Wachsende Armut in Deutschland, Österreich oder Schweden, zeigen
Deutschland und die These der Auflösung der einzelne Studien, dass Migranten in den letzten
Mittelschicht. Eine Analyse der deutschen und
migrantischen Bevölkerung mit dem Sozio-öko-
nomischen Panel. In: Berger, Peter A./Burzan,
Nicole (Hrsg.): Dynamiken (in) der gesellschaftli-
chen Mitte. Wiesbaden.
UNSER AUTOR

Verwiebe, Roland (Hrsg.) (2011a): Armut in Öster-


reich. Wien.
Verwiebe, Roland (2011b): Armut in Österreich –
Bestandsaufnahme der sozialwissenschaftlichen
Diskussion und Trends im europäischen Kontext.
In: Verwiebe, R. (Hrsg.): Armut in Österreich.
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Verwiebe, Roland/Fritsch, Nina-Sophie (2011):
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Trend- und Strukturanalysen für Österreich im eu-
ropäischen Kontext. In: SWS- Rundschau, 1/2011,
S. 5–23.
Vis, Barbara et al. (2008): The Politics of Welfare
State Reform in the Netherlands: Explaining a Prof. Dr. Roland Verwiebe ist Institutsvor-
Never-Ending Puzzle. In: Acta Politica, 2–3/2008, stand des Instituts für Soziologie der
S. 333–356.
Vleminckx, Koen/Smeeding, Timothy M. (Hrsg.) Universität Wien. Studium und Promoti-
(2001): Child Well-Being, Child Poverty and Child on in Berlin und New York City; wich-
Policy in Modern Nations: What Do We Know? tigste berufliche Stationen an Universi-
Bristol. täten in Berlin, Hamburg, Duisburg und
Whelan, Christoph T./Maitre, Bertrand (2008):
Wien. Seit Anfang 2009 hat er eine
Poverty, Deprivation and Economic Vulnerability
in the Enlarged EU. In: Alber, Jens et al. (Hrsg.): Professur für Sozialstrukturforschung
Handbook of Quality of Life in the Enlarged Eu- und Quantitative Methoden. Arbeits-
ropean Union. London, S. 201–217. schwerpunkte sind Soziale Ungleich-
Wiesböck, Laura (2011): Migration – Exklusion – heit, Arbeitsmarkt, Lebensverlauf, Mig-
Armut. Trend- und Strukturanalysen zur Ausgren-
ration und Europäische Integration.

273

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SOZIALPOLITIK UND GERECHTIGKEITSPRINZIPIEN

Quo vadis Sozialpolitik?


Michael Opielka

aus einem sozial schwachen Umfeld Zweifel feuilletonwirksam auf den Be-
Wissenschaftliche und politische Diskur- durch Bildung am gesellschaftlichen griff der „Postdemokratie“ gebracht:
se über eine angemessene Armuts- und Wohlstand teilzuhaben, ist in Deutsch- „Während die demokratischen Instituti-
Sozialpolitik verlaufen in aller Regel kon- land noch immer deutlich geringer als in onen formal weiterhin vollkommen in-
trovers. Die Debatte um das Grund- vielen anderen entwickelten Staaten takt sind (…), entwickeln sich politische
einkommen ist nur ein Beleg für diese (Bertelsmann Stiftung 2011). Eine Sozi- Verfahren und die Regierungen zuneh-
Kon troversität. Die Idee des Grundein- alpolitik der Zukunft, die Armut primär mend in eine Richtung zurück, die ty-
kommens mag den einen gerecht, den präventiv bekämpfen und beseitigen pisch war für vordemokratische Zeiten:
anderen ungerecht erscheinen. Michael möchte, muss daher auf das Engste mit Der Einfluss privilegierter Eliten nimmt
Opielka verdeutlicht am Beispiel des einer umfassenden Bildungsreform ver- zu, in der Folge ist das egalitäre Projekt
Grundeinkommens, dass eine auf Inklu- knüpft werden. Bildungspolitik ist damit zunehmend mit der eigenen Ohnmacht
sion zielende Sozialpolitik nicht so auch Sozialpolitik. konfrontiert“ (Crouch 2008, S. 13).
einfach zu formulieren ist. Ein Grundein- Freilich werden wir im Folgenden sehen, Könnte die Idee des Grundeinkommens
kommen ist keine schlichte Sozialtechno-
dass eine auf Inklusion zielende Sozial- von einer positiven Freiheit erzählen?
logie, sondern eine Idee, welche die
politik nicht so einfach zu formulieren Vor fünfzig Jahren unterschied der Philo-
Komplexität der Gesellschaft und das
ist. Sie erfordert zweifellos ein hohes soph Isaiah Berlin in seinem Essay „Two
Gefüge ihrer Teilsysteme (Wirtschaft, Po-
litik, Gemeinschaft und Legitimation) be- Maß an Teilhabegerechtigkeit oder Forms of Liberty“ folgenreich zwischen
denken muss. Versteht man die Idee des Chancengleichheit. Private Luxusschu- positiver und negativer Freiheit, zwi-
Grundeinkommens als Recht auf ein exis- len wie Studiengebühren sind dabei schen „Freiheit zu“ und „Freiheit von“
tenzsicherndes Einkommen, das jedes hinderlich, umfassende und qualitativ (Berlin 2002). Berlin war, wie die meisten
Mitglied einer Gesellschaft unabhängig hochwertige Kinderbetreuungsange- liberalen Philosophen, skeptisch gegen-
von Leistung und Herkunft beanspruchen bote und öffentliche Schulen demge-
kann, so berührt dies die Frage der Ge- genüber hilfreich. Obwohl auch diese
rechtigkeit als Grundnorm des Politi- Themen im Detail umstritten sind, berüh-
schen. Je nach dem zugrunde gelegten ren damit verbundene Fragen noch
Gerechtigkeitsprinzip – Leistung, Gleich- grundsätzlichere Kontroversen. Wie
heit, Bedarf, Teilhabe – ergeben sich wirkt es sich beispielsweise kurz- wie
unterschiedliche Facetten der Bewertung langfristig auf das Armutsrisiko von
und Nuancen der Begründung für die Frauen aus, wenn durch die Sozialpoli-
Idee des Grundeinkommens. I tik Familienarbeit bezahlt wird, ob an
Kindern in Form von Eltern- und Betreu-
ungsgeld oder an alten Menschen in
Sozialpolitik und Bildungspolitik Form von Pflegegeld? Sollen überhaupt
Möglichkeiten der Existenzsicherung
Sozialpolitikwissenschaftliche Beiträge außerhalb des Arbeitsmarktes eröffnet
zur Armutsbekämpfung konzentrieren werden – oder besteht die beste Sozial-
sich heute auf den Problembereich Bil- politik darin, alle Bürgerinnen und Bür-
dung: einerseits als Problem mangeln- ger für den Arbeitsmarkt zu „aktivieren“
der Wettbewerbsfähigkeit auf dem Ar- und sei es mit Disziplinarmaßnahmen?
beitsmarkt, andererseits als Mangel an Wäre ein unbedingtes, garantiertes
öffentlichen Kinderbildungseinrichtun- Grundeinkommen für alle nicht die zu-
gen und damit fehlender Arbeitsmarkt- kunftsträchtigste und nachhaltigste Lö-
verfügbarkeit von Müttern. Beides zu- sung des Armutsproblems? Die Silhouette
sammen erhöhe dann auch im Alter das einer Frau mit zwei
Armutsrisiko (Esping-Andersen 2002). Kindern zeichnet
In einer Wissensgesellschaft wird Bil- Die Idee einer „Gesellschaft für alle“ sich im Gegenlicht
dung damit zu einer zentralen Ressour- der Sonne ab.
ce sozialer Teilhabe und so zu einer Die Idee einer „Gesellschaft für alle“ Sozialpolitik wirft
entscheidenden Variable sozialer Un- liegt dem demokratischen Wohlfahrts- grundsätzliche
gleichheit. Versteht man unter Sozialpo- staat zugrunde. Prozesse der Exklusion, Fragen auf: Wie
litik den Versuch, allen Bürgerinnen und von Armut und Arbeitslosigkeit und eine wirkt es sich kurz-
Bürgern die Inklusion in alle gesell- damit einhergehende Entfremdung vie- oder langfristig
schaftlichen Funktionssysteme dauer- ler Bürgerinnen und Bürger gegenüber auf das Armutsrisi-
haft offen zu halten, dann muss der Zu- der Demokratie müssen als Warnsigna- ko von Frauen aus,
gang zu Bildung als eine ihrer wesentli- le gelesen werden. Selbstverständlich wenn durch Sozial-
chen Aufgabenstellungen gelten. Eine scheint, dass eine Demokratie auf der politik Familienar-
Studie der Bertelsmann Stiftung zur so- rechtlichen Gleichheit aller baut. Und beit bezahlt wird,
zialen Gerechtigkeit im OECD-Ver- doch können viele angesichts von Billio- z.B. an Kindern in
gleich macht deutlich, wie schwach die nen-Hilfen aus Steuergeldern für die Fi- Form von Eltern-
Chancengleichheit im deutschen Bil- nanzmarktspekulanten kaum anders als oder Betreuungs-
dungswesen noch immer ausgeprägt daran zweifeln. Der britische Politikwis- geld?
ist. Die Wahrscheinlichkeit eines Kindes senschaftler Colin Crouch hatte diese picture alliance/dpa

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über positiven Freiheiten. Sie verspre- tung gefordert, wird es Angst geben QUO VADIS SOZIALPOLITIK?
chen, so seine Befürchtung, eine einzige und ihre Überwindung. Aber sie hat die
Wahrheit. Bei einem antiken griechi- Armut überwunden. Etwa die Hälfte des
schen Dichter, Archilochos, entnahm er gesellschaftlichen Einkommens wird
die Unterscheidung von Füchsen und vorgängig vor aller weiteren Verteilung
Igeln: „Der Fuchs weiß viele verschiede- über Arbeit oder Vermögen allen Bür- sierung und Individualisierung gekenn-
ne Sachen, der Igel aber nur eine.“ Goe- gerinnen und Bürgern als Grundrecht zeichnet. Das wirft erneut die Frage
the war ihm ein „Fuchs“, Hegel ein „Igel“. garantiert. Eine Grundeinkommensge- nach der Möglichkeit sozialer Ordnung
Man sollte beide schätzen und nichts sellschaft ist eine reiche Gesellschaft, – also von Gesellschaft – auf, die zwi-
desto trotz Berlins Mahnung ernst neh- die ihren Reichtum allen Mitgliedern zu- schen den Einzelnen und einer unüber-
men. Das Grundeinkommen ist keine all- gänglich macht. sichtlichen Welt vermittelt. Eine wesent-
umfassende Patentlösung. Das Grund- Diese „konkrete Utopie“ wirft gewiss liche Rolle spielt dabei der Wohlfahrts-
einkommen genügt nicht. Aber es scheint viele Fragen auf. Ein Grundeinkommen staat, der zentrale Funktionen traditio-
gleichwohl unverzichtbar. Warum? ist nicht einfach eine Sozialtechnologie, neller Gemeinschaften, vor allem der
Ein Grundeinkommen ist das Recht auf die von Experten bedacht und umge- Familie, übernahm. Folgt man dem Ge-
ein existenzsicherndes Einkommen, das setzt werden mag, sondern eine äu- danken, dass die Gesellschaft durch ei-
jedes Mitglied einer Gesellschaft unab- ßerst innovative Gesellschaftsidee, ein nen fiktiven Vertrag begründet wird und
hängig von Leistung und Herkunft bean- vierter, „garantistischer“ Weg zwischen nicht einfach als ein System hierarchi-
spruchen kann. Eine Gesellschaft mit Kapitalismus und Sozialismus, genauer: scher Herrschaft verstanden werden
Grundeinkommen ist eine andere Ge- zwischen Liberalismus, Sozialismus und kann, so stellt sich die Frage, wie dieser
sellschaft als die heutige. Sie ist eine Konservativismus. Sie erfordert die De- „Gesellschaftsvertrag“ (Jean-Jacques
Gesellschaft für alle. Ihre Institutionen mokratie und sie erweitert, erneuert die Rousseau) unter den neuen Bedingun-
richten sich zuerst, so die Idee, an den Demokratie. Ohne Experten wird das gen denn aussehen soll. Dass die Ant-
Menschenrechten aus. Eine Grundein- Grundeinkommen nicht kommen, ohne wort auch angesichts der aktuellen glo-
kommensgesellschaft ist kein Paradies, die Bürgerinnen und Bürger nie, jeden- balen Finanzmarktkrise die Idee des
in dem Milch und Honig fließen. Auch in falls nicht gut. Grundeinkommens einschließen muss,
ihr wird gearbeitet, wird es Konflikte ge- Das 21. Jahrhundert ist durch eine ver- erfordert erheblichen Begründungsauf-
ben, Verlierer und Gewinner, wird Leis- wirrende Gleichzeitigkeit von Globali- wand.

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Michael Opielka
Jeder Vorschlag zur Zukunftsgestaltung
der Gesellschaft muss mit seiner Be-
gründung der Komplexität unserer
Wirklichkeit gerecht werden. Unsere so-
ziale Ordnung folgt dem Wesen des
Menschen. Wir können vier Weltver-
hältnisse des Menschen unterscheiden:
Wir passen uns der Natur an, treten in
wirtschaftlichen Verhältnissen im Mo-
dus der Arbeit mit ihr und mit anderen
Menschen in materiellen Austausch.
Wir sind, zweitens, Willenswesen, ver-
suchen unsere Interessen strategisch
durchzusetzen und treten in politische
Verhältnisse. Zum dritten sind wir füh-
lende Wesen, wir kommunizieren und
handeln damit in gemeinschaftlichen
Verhältnissen. Schließlich und viertens
sind wir Denkwesen, wir handeln sinn-
haft, als Ich, und finden uns in geistigen,
legitimativen Verhältnissen (Opielka
2006). Diese vier Weltverhältnisse fin-
den wir in der Gesellschaft wieder, in
ihren hoch differenzierten Teilsystemen
von Wirtschaft, Politik, Gemeinschaft
und Legitimation. Wirtschaft und Politik
sind uns vertraut. Das Gemeinschafts-
system ist weniger bekannt. Dazu gehö-
ren Bildung, Wohlfahrt, Öffentlichkeit
und Kunst. Auch das Legitimationssys-
tem ist nicht bekannt genug und doch
gehören Wissenschaft und Religion we-
der zu Politik noch zur Wirtschaft. War-
um diese Unterscheidungen? Sie kön-
nen uns zeigen, dass unsere soziale
Ordnung fein gefügt und verletzlich ist.
Sie können uns auch zeigen, dass jede
große Sozialreform auf allen Ebenen
bedacht werden muss.

Vier Gerechtigkeitsprinzipien:
Leistung, Gleichheit, Bedarf, Teilhabe
dem Überleben aller kommen ihm nahe. (was man auf der ganzen Welt am in-
Wenn wir über die Idee des Grundein- Sie verweist auf die Menschheit, poli- tensivsten in Bauernkulturen beobach-
kommens nachdenken, dann erscheint tisch auf die Menschenrechte. Ihr Ge- ten kann). Eine Psychologie des Über-
sie den einen intuitiv so gerecht wie an- rechtigkeitsgedanke ist die Idee der flusses erzeugt Initiative, Glauben an
deren ungerecht. Da hilft Ordnung im Teilhabegerechtigkeit. Hier scheint auf das Leben und Solidarität. Tatsache ist
Denken. Denn was wir gerecht nennen, den ersten Blick die Idee des Grundein- jedoch, dass die meisten Menschen
folgt womöglich der Ordnung von kommens ihre neue Heimat zu finden. psychologisch immer noch in den öko-
Mensch und Gesellschaft. So erscheint Aber wir werden sehen, dass alle vier nomischen Bedingungen des Mangels
Liberalen und der Mehrheit der Ökono- Lager, alle vier Gerechtigkeitsideen – befangen sind, während die industriali-
men gerecht, was der Leistung am Markt Leistung, Gleichheit, Bedarf und Teilha- sierte Welt im Begriff ist, in ein neues
entspricht. Sozialisten wiederum halten be – ein Grundeinkommen befürworten Zeitalter des ökonomischen Überflusses
für gerecht, was durch den Staat via können (Opielka 2008). einzutreten. Aber wegen dieser psycho-
Umverteilung an Gleichheit erreicht logischen ‚Phasenverschiebung‘ sind
werden kann. Konservativen erscheint Gerechtigkeitsprinzip Leistung viele Menschen nicht einmal imstande,
gerecht, was in Gemeinschaften, vor al- neue Ideen wie die eines garantierten
lem in Familien und in hierarchischen Beginnen wir mit der wirtschaftlichen Einkommens zu begreifen, denn traditi-
Schutzverhältnissen, an tatsächlichem Seite des Grundeinkommens. Die Frage, onelle Ideen werden gewöhnlich von
Bedarf beurteilt wird. ob ein Grundeinkommen dem Men- Gefühlen bestimmt, die ihren Ursprung
Damit haben wir die hergebrachten schen entspricht, hat der Psychoanalyti- in früheren Gesellschaftsformen ha-
politischen Lager und ihre Gerechtig- ker Erich Fromm vor vielen Jahren (1966) ben.“ Fromm sah gleichwohl, dass ein
keitsideen benannt: Leistungsgerech- bejaht: „Der Übergang von einer Psy- Grundeinkommen nicht viel Gutes be-
tigkeit, Verteilungsgerechtigkeit, Be- chologie des Mangels zu einer des wirkt, wenn das kapitalistische Prinzip
darfsgerechtigkeit. Es fehlt das vierte Überflusses bedeutet einen der wich- des „maximalen Konsums“ ungebro-
Lager. Es ist politisch noch unklar ge- tigsten Schritte in der menschlichen Ent- chen bliebe. Es müsste vielmehr in ein
formt. Die grüne Idee der Ökologie und wicklung. Eine Psychologie des Man- „System des optimalen Konsums“ ver-
die mit ihr gestellte Gattungsfrage nach gels erzeugt Angst, Neid und Egoismus wandelt werden. Darunter schwebte

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Das „Netzwerk QUO VADIS SOZIALPOLITIK?
Grundeinkommen“
wirbt auf dem
Streetlife-Festival
in München mit
T-Shirts. Versteht Konzept. Denen, die viel haben, wird
man die Idee des noch mehr gegeben. (…) Mit 800 Euro
Grundeinkommens im Monat wären die Menschen noch
als Recht auf ein viel zu sehr mit ihrem Überleben be-
existenzsicherndes schäftigt. Es müsste viel mehr sein, 2.000
Einkommen, das oder 2.500 Euro, was nicht finanzierbar
jedes Mitglied ei- wäre“.1
ner Gesellschaft 800 Euro im Monat für eine Person ist
unabhängig von nur wenig mehr als die derzeitige Ar-
Leistung und Her- mutsgrenze, nur wenig mehr als Hartz
kunft beanspru- IV-Empfänger erhalten. Doch bei einem
chen kann, so Grundeinkommen wäre das Überleben
berührt dies die gesichert. Wenn man mehr will und fast
Frage der Gerech- alle wollen mehr, dann wird man dafür
tigkeit als Grund- sorgen müssen. Doch dies ist dann keine
norm des Politi- Sorge mehr für das Überleben, sondern
schen. für das gute Leben. Das ist ein großer
Unterschied. Darum haben auch viele
picture alliance/dpa marktfreundliche und selbst marktreligi-
öse Ökonomen wie Milton Friedman für
ein Grundeinkommen plädiert. Die Be-
fürchtung, dass ein Grundeinkommen
die Bereitschaft unterhöhlt, erwerbstä-
tig zu sein, wird von ernsthaften Ökono-
men kaum mehr vorgetragen. Im Ge-
genteil: Sie erhoffen sich eine Dynami-
sierung des Arbeitsmarktes, weil nun
auch geringe Einkommen die Leistungs-
motivation nicht mehr unterminieren. Je-
des zusätzliche Einkommen erhöht im
Grundeinkommenssystem das Haus-
haltseinkommen in relevanter Weise.
Armut wäre gebannt und das Prinzip
der Leistungsgerechtigkeit gewahrt, zu-
mindest, was den Zugang zum Arbeits-
markt betrifft. Gerhard Scherhorn, frü-
her einmal Wirtschaftsweiser und Skep-
tiker eines Grundeinkommens, erkennt
ihm vor, den Anteil der öffentlichen Gü- ein Grundeinkommen dieses Ziel ge- es heute als Beitrag zu einer nachhalti-
ter und Dienstleistungen erheblich aus- fährden oder befördern? Die Frage gen Entwicklung, wenn es Gemeingüter
zuweiten, „dass man das Problem des nach Nutzen und Funktion der Wirt- stärkt und kleine Selbsthilfenetze er-
garantierten Einkommens auch so lösen schaft muss mit der Frage verknüpft wer- muntert (Scherhorn 2012).
könnte, dass man alles zum Leben Not- den, ob alle an ihr und in gleicher Weise
wendige – im Sinne eines festgelegten teilhaben. Das ist offensichtlich nicht Gerechtigkeitsprinzip Gleichheit
Minimums – kostenlos bekäme, anstatt der Fall. Vermögen und Kapital sind äu-
es bar bezahlen zu müssen“ (Fromm ßerst ungleich verteilt. Und auch die Zu- An dieser Stelle werden freilich neue
1986, S. 20, 26, 24). Der Gedanke erin- gangschancen zum Arbeitsmarkt sind skeptische Stimmen laut. Sie kommen
nert an Paul Lafargue, den Schwieger- keineswegs für alle dieselben. Die So- aus der zweiten Gerechtigkeitsebene,
sohn von Karl Marx, der sich in seiner ziologin Jutta Allmendinger, Präsidentin von Sozialdemokraten und Sozialisten.
Schrift „Das Recht auf Faulheit“ gegen des Wissenschaftszentrums Berlin, ar- Sie befürchten, dass ein zu niedriges
die Forderung nach einem „Recht auf gumentierte in einem „Wer würde dann Grundeinkommen das Gerechtigkeits-
Arbeit“ stellte und die unkritische Kon- noch arbeiten?“ übertitelten Gespräch prinzip der Gleichheit verletzt. Das ist
sum- und Wachstumshoffnung der mar- mit Götz W. Werner, dem bekannten ein berechtigter Einwand. Ein gleiches,
xistischen Revolutionäre kritisierte. Die Grundeinkommensbefürworter, skep- aber lächerlich geringes Einkommen für
sozialistische Version des Grundein- tisch: „Für Sie wären 800 Euro Gold wert alle schafft keine Freiheit für alle.
kommens – öffentliche Versorgungsan- gewesen, weil sie gute Voraussetzun- Gleichheit ist die Ebene des Rechts, die
gebote statt Geld ohne Auflagen – hat gen hatten, vor allem eine gute Ausbil- geistige Grundlage der Demokratie. Zu
sich freilich, bisher jedenfalls, kaum be- dung. Ein Grundeinkommen schafft oft werden die Möglichkeiten der Politik
währt. Entscheidend bleibt der psycho- nicht automatisch gleiche Zugangs- unterschätzt, die Gleichheit zwischen
logische Gedanke einer grundlegen- chancen. Dieses Gerechtigkeitsprinzip den Menschen zu befördern. Man mag
den Sicherheit. ist in unserer Gesellschaft durchbro- einwenden, dass Gleichheit auf niedri-
Entscheidend ist damit die Beantwor- chen. Menschen mit niedriger Bildung gem Niveau doch keine Gleichheit sei.
tung der Frage, wozu Wirtschaft dient. bekommen schlechte oder keine Joban- Es sei viel sinnvoller, die Arbeitsmarktin-
Sie dient der Bedarfsdeckung. Würde gebote. Sie vertreten da ein elitäres tegration zu fördern – und sei es mit

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Michael Opielka
staatlichem Zwang. Wenn alle Arbeit- die Allensbach seit Jahrzehnten allen denken, ganz vom Einzelnen her, Ge-
nehmer seien, dann könnten sie auf dem Bürgern stellt: „Wie sehen Sie das: Sind meinschaft als Form des freien Willens,
Arbeitsmarkt mit Hilfe der Gewerk- die wirtschaftlichen Verhältnisse – ich Bindung als Folge von Freiheit zu verste-
schaften für Gleichheit kämpfen. Das ist meine, was die Menschen besitzen und hen?
das Programm der „Agenda 2010“, von was sie verdienen – im Großen und Unterhalb dieser abstrakten Gedanken
Hartz IV. Es wird nach wie vor verteidigt. Ganzen gerecht oder nicht?“ 60 Prozent findet sich die Wirklichkeit der Familien.
Dass dieser Erfolg um den Preis der Ver- der Mandatsträger sagten Ja, 28 Pro- Sie setzt, recht gedeutet, Impulse für ein
letzung von Gleichheit und Würde er- zent Nein, der Rest enthielt sich. Bei der Grundeinkommen. Die Idee des Erzie-
zielt wurde, können diejenigen berich- Bevölkerung ist es genau umgekehrt: hungsgehaltes, vertreten von Linken,
ten, die genau hinsehen (Fehr/Vobruba Ende 2006 sagten 56 Prozent Nein, im wie der früheren Lafontaine-Ehefrau
2011). Das Gerechtigkeitsprinzip der Sommer 2008 sogar 68 Prozent (Vehr- Christa Müller, und von Konservativen
Gleichheit schließt Autonomie ein. Bür- kamp/Kleinsteuber 2006, S. 6; Petersen wie der CSU in Form des freilich mone-
gersein muss mit Würde und Respekt 2008). Ist das schon „Postdemokratie“ tär bescheidenen „Betreuungsgeldes“,
verknüpft sein, mit Anerkennung, wie – oder schlicht die Abgehobenheit der vertritt die Anerkennung der Erzie-
Hegel erkannte. Eliten, die Unfähigkeit zu fühlen, was hungsleistung als gesellschaftlicher Ar-
Positive Freiheit, „Freiheit zu“, ist mit sozi- den Bürgerinnen und Bürgern Sorge be- beit. Sie ist durchaus mit der Idee des
aler Demokratie, mit sozialistischem reitet? Grundeinkommens verwandt und kei-
Denken auf das engste verknüpft. Daher neswegs rückwärtsgewandt und ar-
war der Liberale Berlin skeptisch und Gerechtigkeitsprinzip Bedarf mutsfördernd (Kamerman/Moss 2009,
befürchtete ein anderer Liberaler, der Müller/Opielka 2012). Ein Grundein-
Nobelpreisträger Friedrich August von Kommen wir zum dritten Gerechtigkeits- kommen anerkennt die Leistung in Ge-
Hayek, Spiritus Rector der Freiburger feld und seiner Bedeutung für das meinschaften pauschal und ohne Nach-
Schule, vor 50 Jahren, dass mehr als Grundeinkommen. Es ist die Welt der weis.
zehn Prozent Staatsquote Sozialismus Gemeinschaft, des Kommunitarismus,
bedeute. Das ist heute weltweit die Re- die Welt von Liebe, sozialer Integration, Gerechtigkeitsprinzip Teilhabe
gel. Öffentliche Güter haben für die von Wärme und Anerkennung, von Fa-
große politische Mehrheit ihren Schre- milie und sozialem Engagement. Es ist Nun haben wir drei Begründungsebe-
cken verloren, mehr noch, die Menschen die Welt des Konservativen, wie der si- nen des Grundeinkommens untersucht,
sehen, dass sie in einer hoch arbeitstei- zilianische Fürst in Guiseppe Tomasi di drei Versuche, „Gesellschaft für alle“ in
ligen, globalisierten Welt unverzicht- Lampedusas Roman „Der Leopard“ den Ideenwelten der vorfindbaren drei
bar sind. Gleichheit ist, wie Bevölke- durch seinen Neffen belehrt wurde: politischen Lager und ihren Ordnungs-
rungsumfragen den irritierten Eliten vor- „Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, leidenschaften zu entdecken. Wir kom-
halten, ein Wert der Deutschen – und muss sich alles ändern.“ Hier herrscht men nun zur vierten, letzten und sicher
der Europäer. Gleichheit steht, so könn- die Gerechtigkeitsidee des Bedarfs, nur komplexesten. Es ist die Welt der Ideen
te man das deuten, als Symbol für Si- die „wirklich Bedürftigen“ sollen etwas selbst, die Welt des Sinns, geordnet vor
cherheit. Das Institut für Demoskopie Al- bekommen. Beurteilen kann es nur die allem durch Wissenschaft und Religion.
lensbach stellt seit 1955 die Frage: Gemeinschaft, der Pater familias, der Ihre markante Form nimmt heute die Zi-
„Würden Sie gerne in einem Land leben, Stammesführer, der Chef, der Ober- vilreligion der Menschenrechte ein. In-
in dem es keine Reichen und Armen gibt, beamte. Das klingt wie eine Karikatur klusion aller in alle Funktionssysteme
sondern alle möglichst gleich viel ha- des Konservativen, mag man einwen- der Gesellschaft, so hat Niklas Luh-
ben?“ Die Antworten der Deutschen – den und dagegenhalten, dass für mo- mann (anschließend an den großen
bis 1989 nur der Westdeutschen – über- derne Konservative Gemeinschaft und amerikanischen Soziologen Talcott Par-
raschen: 1955 wollten das 49 Prozent die Idee der Bedarfsgerechtigkeit kein sons) die Aufgabe des Wohlfahrtsstaa-
nicht, 40 Prozent schon. Die 1960er-Jah- Widerspruch ist zu Leistung und Gleich- tes benannt. Teilhabe aller an allen
re brachten eine Kehre: 1971 antworte- heit, zu Markt und Staat. Gleichwohl, Funktionssystemen – diese Inklusion ist
ten 51 Prozent mit Ja und 37 Prozent mit der Geruch des Konservativen, das „in- das Wertprogramm der modernen So-
Nein. Während die Ja-Antworten auch nere Jerusalem“ ist die Gemeinschaft, zialpolitik, das Programm gegen die Ex-
2008 mit 47 Prozent hoch waren, sank meist mythisch überhöht, Volk, Vater- klusion, gegen den Ausschluss. Die
der Anteil derjenigen, die ausdrücklich land, Familie, Stand. Passt das zur Idee Pointe und zugleich der philosophische
widersprechen: nur noch 29 Prozent der des Grundeinkommens? Einfach ist es Lackmustest ist das Kriterium der Vor-
Deutschen wollen in einem solchen nicht. Der frühere Ministerpräsident aussetzungslosigkeit, der Bedingungs-
Land lieber nicht leben. In derselben Thüringens, Dieter Althaus, hat es vor- losigkeit. Menschenrechte, Grundrech-
Befragung sahen 67 Prozent der Deut- gemacht (Althaus/Binkert 2010). Im Üb- te gelten unbedingt. Ihre Grenze ist al-
schen in der Aussage „Der Staat sorgt rigen auch Lady Juliet Rhys-Williams. lein das Grundrecht des anderen. Das
für eine Grundsicherung, damit nie- Die erste Autorin einer „Negativen Ein- Recht auf freie Rede hat Jahrhunderte
mand in Not gerät“ einen Ausdruck so- kommensteuer“ im England der 1940er- gewartet und ist noch heute fragil. Die
zialer Gerechtigkeit (Petersen 2008). Jahre war eine Konservative. Der kluge negativen Freiheiten, die Grundrechte
Man ist also nicht einsam in Deutsch- Konservative weiß, dass Gemeinschaft gegen eine übermächtige Herrschaft
land, wenn mit der Idee des Grundein- „mit Kuhwärme allein“ in einer moder- bleiben unverzichtbar und müssen ge-
kommens auch die Idee der Gleichheit nen globalisierten Welt „verdampft“. gen Monopole und Fanatiker immer
verfolgt wird – einsam ist man nur unter Man muss nicht gleich an „Volksgemein- wieder erkämpft werden. Wir sind hier-
den Eliten. schaft“ oder – weniger kontaminiert – zulande tolerant geworden, wir halten
Es ist ein merkwürdiger Bruch zwischen an die schwedische Idee des „Volkshei- es aus, wenn negative Freiheiten ge-
oben und unten in Deutschland beim mes“ denken, des umfassenden Wohl- braucht und selbst, wenn sie miss-
Thema Gleichheit und Gerechtigkeit. fahrtsstaats, um Gemeinschaft weiter braucht werden.
Ende 2006 stellte die Bertelsmann-Stif- zu fassen. Der Wohlfahrtsstaat ist eine Halten wir das auch aus, wenn es um
tung gut 1.000 repräsentativ ausge- Form der gesellschaftlichen Gemein- die positive Freiheit des Rechts auf ein
wählten deutschen Abgeordneten aus schaft. Und was spricht dagegen, Ge- Einkommen geht? Warum fällt es so vie-
Ländern, Bund und Europa die Frage, meinschaft und Bedarf moderner zu len so schwer, auch dem Armen zuzuge-

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stehen, dass er mit seinem Geld schlecht weise in Frankreich und der Schweiz) QUO VADIS SOZIALPOLITIK?
wirtschaftet? Warum schimpfen Medi- der Bürgerstatus und an ihn anknüpfen-
en und Politiker über das Popcorn es- de Leistungsansprüche eine große Rolle
sende, schlicht fernsehende Prekariat spielen. Gerade wenn moderne Wohl-
und sprechen mit neidvollem Respekt fahrtsstaaten erfolgreich in Kinder und
über die Luxusgewohnheiten der Emp- Familien investieren (Esping-Andersen logen ist es dies allerdings nicht, wissen
fänger staatlicher Banken- und Steuer- 2002; Mühling/Schwarze 2011; Müller/ sie doch, dass Gesellschaft weit mehr
subventionen? Vielleicht hat die welt- Opielka 2012), machen sie dies in der ist als nur Wirtschaft und Markt. Inklusi-
weite Finanzkrise darin ihr Gutes. Sie Regel zugleich in Dienst- und in Geld- on muss durch wohlfahrtsstaatliches
kann zeigen, dass unbedingte Rechte, leistungen – und wirken dadurch steue- Handeln in alle Funktionssysteme er-
dass das Recht auf ein Grundeinkom- rungstheoretisch „konservativ“, aber möglicht werden. Gelingt dies, dann re-
men ein wenig mit Wirtschaft und Leis- dann darüber dekommodifizierend. duziert sich auch soziale Ungleichheit
tung, viel mehr aber mit den drei ande- Wenn die Bertelsmann Stiftung, be- und damit Armut.
ren Dimensionen des Menschen- und kannt als eher liberal bis sozialliberal
Gesellschaftswesens zu tun hat: mit der orientierter Think-Tank, ein Lob auf die
LITERATUR
Gleichheit von Recht und Politik, mit der „universalistischen Wohlfahrtsstaaten“
Anerkennung in Gemeinschaften und, (Esping-Andersen) Nordeuropas singt: Allmendinger, Jutta/Nikolai, Rita (2010): Bil-
dungs- und Sozialpolitik: Die zwei Seiten des
vielleicht am meisten, mit dem Respekt sie seien „doch offenbar insgesamt am
Sozialstaats im internationalen Vergleich. In: So-
vor dem Sinn eines jeden Lebens. Das besten in der Lage, für gleiche Verwirk- ziale Welt, 1–2 /2010, S. 105–119.
Grundeinkommen als Menschenrecht in lichungschancen innerhalb ihrer Ge- Althaus, Dieter/Binkert, Hermann (2010): Solida-
einer Gesellschaft für alle, das wäre sellschaften zu sorgen“ (Bertelsmann risches Bürgergeld. Den Menschen trauen.
nicht wenig. Stiftung 2011, S. 31), so klingt Realitäts- Berlin, Isaiah (2002/1958): Two Forms of Liberty.
In: Berlin Isaiah: Liberty. Oxford u. a., S. 166–217.
erkenntnis an. Ein „Sozialinvestitions- Bertelsmann Stiftung (2011): Soziale Gerechtig-
staat“ als neues Wohlfahrtsstaatsmo- keit in der OECD – Wo steht Deutschland? Sus-
Bildungspolitik gegen Armut? dell erscheint im Blick der Regimetheo- tainable Governance Indicators 2011. Gütersloh.
rie vor allem dann zukunftsweisend, Crouch, Colin (2008): Postdemokratie. Frankfurt
am Main.
Kehren wir am Ende unseres Ausfluges wenn er möglichst viele garantistische
Esping-Andersen, Gøsta et al. (2002): Why We
zurück zur Ausgangsfrage: Hilft Bildung Elemente vertritt und die Bürgerinnen Need a New Welfare State. Oxford.
gegen Armut? Wir haben anhand der und Bürger im gesamten Lebenslauf un- Fehr, Sonja/Vobruba, Georg (2011): Die Arbeits-
Diskussion des Grundeinkommens ei- abhängig vom Arbeitsmarkt absichert, losigkeitsfalle vor und nach der Hartz IV-Reform.
nen Gedanken untersucht, der in der indem er in sie „investiert“. Dass dieses In: WSI-Mitteilungen, 5/2011, S. 211–217.
Fromm, Erich (1986): Psychologische Aspekte ei-
Sozialpolitikwissenschaft als „Dekom- Konzept in einer Wissensgesellschaft nes garantierten Einkommens für alle. In: Opielka,
modifizierung“, d. h. als Entkopplung auch ökonomisch erfolgreich sein dürf- Michael/Vobruba, Georg (Hrsg.): Das garantier-
von Lebenschancen und Arbeitsmarkt te, mag paradox erscheinen. Für Sozio- te Grundeinkommen. Entwicklung und Perspekti-
bezeichnet wird. Während „Kommodifi- ven einer Forderung. Frankfurt am Main, S. 19–27.
Kamerman, Sheila B./Moss, Peter (Hrsg.) (2009):
zierung“ auf die Verwandlung der Ar-
The Politics of Parental Leave Politics. Children,
beitskraft in die Warenform (engl. Parenting, Gender and the Labour Market. Bris-
UNSER AUTOR

commodity/lat. commoditas) abzielt, tol.


will eine dekommodifizierende Politik Mühling, Tanja/Schwarze, Johannes (Hrsg.)
arbeitsmarktexterne Existenzmöglich- (2011): Lebensbedingungen von Familien in
Deutschland, Schweden und Frankreich. Ein fami-
keiten schaffen. Wir haben gesehen, lienpolitischer Vergleich. Opladen.
dass auch hier die unterschiedlichen Müller, Anja/Opielka, Michael (Hrsg.) (2012):
politischen Weltbilder ganz Unter- Kann Liebe Arbeit sein? Kontroversen um bezahl-
schiedliches vertreten. Sozialpolitik ist te Elternschaft. Wiesbaden.
Oorschot, Wim van/Opielka, Michael/Pfau-Ef-
vor allem auch ein Kulturprojekt (Oor-
finger, Birgit (Hrsg.) (2008): Culture and Welfare
schot u. a. 2008). Wissenschaft kann State. Values and Social Policy in Comparative
beim Verständnis des Denkens anderer, Perspective. Cheltenham.
aber auch bei der Einordnung der eige- Opielka, Michael (2006): Gemeinschaft in Ge-
nen Position helfen. Prof. Dr. Michael Opielka ist Professor sellschaft. Soziologie nach Hegel und Parsons.
2. Auflage, Wiesbaden.
Lässt sich von einer „neuen Wohlfahrt s- für Sozialpolitik an der Ernst-Abbe- Opielka, Michael (2008): Sozialpolitik. Grundla-
staatlichkeit“ sprechen, wenn Bildungs- Fachhochschule Jena und Wissen- gen und vergleichende Perspektiven. 2. Aufl.,
politik systematisch mit Sozialpolitik schaftlicher Direktor des IZT – Institut für Reinbek bei Hamburg.
analysiert wird? Und welche Rolle spielt Zukunftsstudien und Technologiebe- Opielka, Michael (2009): Gesellschaft für alle.
Grundeinkommen als positive Freiheit. In: sozio-
darin das Konzept des „Sozialinvestiti- wertung in Berlin. Zuvor war er u. a.
logie heute, 3/2009, S. 12–17.
onsstaates“? Jutta Allmendinger und Ri- Rektor der Alanus Hochschule Alfter, Petersen, Thomas (2008): Die gefühlte Ungerech-
ta Nicolai konnten zeigen, dass die leis- Abteilungsleiter am Staatsinstitut für Fa- tigkeit. In: FAZ v. 23.7.2008.
tungsfähigsten Länder „gleichermaßen milienforschung an der Universität Bam- Scherhorn, Gerhard (2012): Grundeinkommen
auf den Bildungs- und auf den Sozial- berg und Bereichsleiter der Karl-Kübel- und Nachhaltige Entwicklung. In: Götz, Werner
W./Eichhorn, Wolfgang/Friedrich, Lothar (Hrsg.):
staat“ setzen (Allmendinger/Nikolai Stiftung für Kind und Familie in Bens- Das Grundeinkommen. Würdigung – Wertungen
2010, S. 116). Allerdings hat dies nichts heim. Er studierte Rechts- und Erzie- – Wege. Karlsruhe, S. 68–83.
damit zu tun, dass diese Länder die Idee hungswissenschaften an der Universität Vehrkamp, Robert B./Kleinsteuber, Andreas
der Dekommodifizierung verlassen und Tübingen, promovierte 1996 in Sozio- (2006): Soziale Gerechtigkeit in Deutschland.
Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage unter
auf „Aktivierung“ und „workfare“ setzen logie an der Humboldt-Universität zu
deutschen Parlamentariern. Gütersloh.
oder ein merkantiles Verständnis von Berlin und habilitierte 2008 mit einer
„Humankapital“ generalisieren; eher im Arbeit zu Werten im Wohlfahrtsstaat für
Gegenteil: Man kann dies gut daran er- Soziologie an der Universität Ham- ANMERKUNGEN
kennen, dass in diesen – nicht nur skan- burg. Seine Schwerpunkte sind Sozial- 1 „Wer würde dann noch arbeiten?“ Jutta All-
dinavischen – Wohlfahrtsstaaten (mit je politik, Zukunftsforschung, Soziale Ar- mendinger und Götz Werner im Gespräch. In:
unterschiedlichen Akzenten beispiels- beit, Kultur- und Religionssoziologie. chrismon, 10/2008, S. 41.

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BUCHBESPRECHUNGEN
Altersarmut thias W. Birkwald herausgegebenen nommen. Mehrere Autoren widerlegen
Band geben Experten und Expertinnen die üblichen Begründungsmuster für Al-
Christoph Butterwegge/Gerd Bosbach/ einen Überblick über die aktuellen Risi- tersarmut wie Demografie, mangelnde
Matthias W. Birkwald (Hrsg.): ken, Erscheinungsformen und Ursachen „Generationengerechtigkeit“ und öko-
Armut im Alter. Probleme und von Altersarmut in Deutschland. Eben- nomische Sachzwänge. Ernst Kistler
Perspektiven der sozialen Sicherung. falls diskutiert werden Maßnahmen für und Falko Trischler (Internationales Ins-
Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York eine gerechte und solidarische Alterssi- titut für Empirische Sozialökonomie/IN-
2012. 393 Seiten, 19,90 Euro. cherung. Das Buch behandelt im ersten IFES) zeichnen in ihrem Beitrag „Alters-
Kapitel „Altersarmut gestern, heute und armut und Methusalem-Lüge“ nach, wie
Altersarmut galt in der Bundesrepublik morgen“ grundlegende Aspekte des die Senkung des Rentenniveaus mit „de-
Deutschland zum Ende des 20. Jahrhun- Themas. Die Entwicklung des Sozial- mografischen Mythen“ begründet wird.
derts aufgrund der umlagefinanzierten staats, der gesetzlichen Rentenversi- Nicht unerwähnt bleiben auch die von
gesetzlichen Rentenversicherung als cherung und der Altersarmut werden den Privatisierungsgewinnern im Ren-
weitestgehend überwunden. Während ebenso nachgezeichnet, wie deren Ver- tenreformprozess angewandten Me-
der vergangenen Jahrzehnte war das hältnis zueinander diskutiert und der thoden zur Durchsetzung ihrer Interes-
Armutsrisiko älterer Menschen eher ei- Reformbedarf skizziert wird. So be- sen. Diana Wehlau (Referentin beim Se-
ne Randerscheinung. Heute hat sich Al- schreibt Christoph Butterwegge, an der nator für Umwelt, Bau und Verkehr der
tersarmut zu einem ernstzunehmenden Universität zu Köln lehrender Politikwis- Freien Hansestadt Bremen) schildert die
gesellschaftlichen Problem entwickelt. senschaftler und renommierter Experte „Rentenpolitik unter Druck“ und be-
Durch die Zunahme der Einkommensar- der Armuts- und Ungleichheitsfor- schreibt Einflussnahme sowie Lobbying
mut insbesondere bei Personen im mitt- schung, im einführenden Beitrag die der Finanzbranche am Beispiel der
leren Alter, die noch vor dem Eintritt in Strukturveränderungen auf der instituti- Riester-Rente. Die Nebentätigkeiten
den Ruhestand stehen, ist in den kom- onellen Ebene des Sozialstaates und von Mitgliedern des Finanzausschusses
menden Dekaden mit einem merklichen die Reformen des Alterssicherungssys- und von ehemaligen Regierungsmitglie-
Ansteig der Armutsrisiken im Alter zu tems. Auf der so genannten diskursiven dern während der 14. Legislaturperiode
rechnen. Dies hängt zum einen mit ei- Ebene werden bevorzugte Erklärungs- (1998–2002) sind u. a. ein Beleg für per-
nem Paradigmenwechsel in der Alterssi- muster (z. B. der demografische Wan- sonelle Verflechtungen und interessen-
cherung zusammen, in dessen Folge der del) auf ihre nur scheinbare Schlüssig- politische Bindungen zur Finanzbran-
privaten Altersvorsorge eine größere keit hin analysiert. Auf der strukturellen che.
Bedeutung zukommt. Die Möglichkeiten Ebene schließlich werden die Auswir- Im vierten Abschnitt wird die Situation
hierzu sind jedoch sozial ungleich ver- kungen des Sozialabbaus im Alter ana- aus der Sicht zivilgesellschaftlicher Or-
teilt, so dass finanziell schlechter ge- lysiert. Altersarmut ist – so das Fazit – ganisationen beschrieben. Repräsen-
stellte Personen zunehmend armutsge- kein Zufallsprodukt noch ein bloßes tantinnen und Vertreter des Sozial-
fährdet sind. Zum anderen ist Armut im Zukunftsproblem, sondern eine bedrü- verbandes Deutschland, des Deutschen
Alter auch eine Folge von Veränderun- ckende, politisch erzeugte Zeiterschei- Gewerkschaftsbundes und der IG Me-
gen auf dem Arbeitsmarkt, beispiels- nung. tall knüpfen daran Überlegungen, wie
weise der Zunahme prekärer Arbeits- Das zweite Kapitel ist den Ursachen, Er- das Problem gelöst werden kann. Eine
verhältnisse. scheinungsformen und Folgen der Ar- wissenschaftliche Analyse der nur be-
Als die etablierten Parteien das Prinzip mut im Alter gewidmet. Es geht um die schränkten Möglichkeiten privater
der Lebensstandardsicherung bei der Rolle des Arbeitsmarktes sowie den Ein- Wohltätigkeit beendet dieses Kapitel.
gesetzlichen Rente aufgaben, Formen fluss des Geschlechts und der räumli- So wird am Beispiel der Tafeln gegen
der privaten Altersvorsorge in den Mit- chen Herkunft, d. h. die spezifischen Altersarmut aufgezeigt, dass eine dau-
telpunkt rückten und eine „neue“ Ar- Probleme der Alterssicherung in Ost- erhafte und zuverlässige Versorgung
beitsmarktpolitik praktizierten, wurden deutschland. Jutta Schmitz (Institut Ar- verarmter Rentnerinnen und Rentner
die Weichen in Richtung vermehrter Al- beit und Qualifikation der Universität durch wohltätige Organisationen – wie
tersarmut gestellt. Lückenhafte Erwerbs- Duisburg-Essen) erörtert in ihrem Bei- die Tafeln – nicht garantiert werden
verläufe durch Mehrfach- und Lang- trag „Der Arbeitsmarkt als Armutsfalle“ kann. Letztlich tragen Tafeln als moder-
zeiterwerbslosigkeit, Niedriglöhne und die grundlegenden Umbrüche auf dem ne Form der Armenfürsorge zur Privati-
erzwungene Teilzeitbeschäftigung mit Arbeitsmarkt sowie das damit einherge- sierung sozialer Risiken bei. Gefragt
entsprechend geringen Beitragszah- henden Risiko- und Problempotential. sind vielmehr präventive politische Lö-
lungen sowie die Kürzungsfaktoren in So sind es vor allem drei Trends (anhal- sungen.
der gesetzlichen Rentenformel werden tende (Langzeit-)Arbeitslosigkeit; die Der fünfte Abschnitt schließlich enthält
zukünftig tiefe Spuren hinterlassen. Ausweitung des Niedriglohnsektors; Einschätzungen und Alternativvorschlä-
Der Anteil armutsgefährdeter Men- prekäre Arbeitszeitmuster), die sich auf ge führender Renten- und Sozialpoliti-
schen in Deutschland lag im Jahr 2010 die zukünftige Entwicklung der Altersar- ker von SPD, Bündnis 90/Die Grünen
bei 15,6 Prozent (Datenbasis: EU-SILC). mut auswirken dürften. Carolin Butter- und der Linken. Unter dem Gesichts-
Kein Wunder, dass es immer mehr Ruhe- wegge (Hochschule Fulda) und der So- punkt der Kontroversität hätte es dem
ständler und Ruheständlerinnen gibt, zialwissenschaftler Dirk Hansen disku- Band gut zu Gesicht gestanden, wenn
die einem Minijob nachgehen. Vieler- tieren die insbesondere unter Frauen auch andere (partei-)politische Positio-
orts gehören Senioren, die frühmorgens verbreitete Altersarmut und beleuchten nen zu Wort gekommen wären. Dies
Zeitungen austragen oder in Müllcon- die verschiedenen Ursachenkomplexe hätte dem (Erkenntnis-)Wert beileibe
tainern nach Pfandflaschen suchen, des Problems. Ein Beitrag zu gesund- nicht geschadet. Eine kommentierte und
denn auch längst zum „alltäglichen“ heitlichen Konsequenzen von Armut er- ausführliche Datensammlung sowie ei-
Stadtbild. gänzt diesen Teil. ne Auswahlbibliografie runden den
In dem vorliegenden, von Christoph Im dritten Abschnitt werden bekannte Band ab. Durch die unterschiedlichen
Butterwegge, Gerd Bosbach und Mat- Erklärungsansätze unter die Lupe ge- Sichtweisen werden viele Facetten des

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BUCHBESPRECHUNGEN

Themas Armut im Alter beleuchtet. Mit- Zwölf Millionen Zuschauer haben den 32 Jahre alt und hat bis dahin unter
hin ein Buch, dem man angesichts der Kinofilm gesehen, der gelegentlich ständiger Aufsicht gestanden.
drängenden und in Politik und Öffent- recht einfältig daher kommt, von Kli- Er verdingt sich zunächst als „Autoren-
lichkeit immer noch missachteten Prob- schees über Homosexuelle lebt, mit sklave auf der Galeere der Kolportage-
lematik viele Leserinnen und Leser Fummel und überzogenen Parodien um verlage“ (S. 74) und schreibt unermüd-
wünscht. die Gunst des Publikums buhlt. Sind wir lich. Schaper präsentiert die durchaus
Siegfried Frech nicht alle ein bisschen Indianer? respektable Rechnung, dass May in sei-
Zu Karls Mays 100. Todestag am nen folgenden 35 Autorenjahren ca.
30. März 2012 ist von Rüdiger Schaper, 50.000 Manuskriptseiten gefüllt hat.
Vom Schreiberling zum Abenteurer Leiter des Kulturressorts des Berliner Ta- Pro Jahr ergibt dies 1.430 Seiten und
und Auflagenkönig gesspiegels, eine kenntnisreiche und pro Tag schließlich vier Manuskriptsei-
überaus lesenswerte Biografie erschie- ten. In der Summe beläuft sich die Ge-
Rüdiger Schaper: nen, die um die problematischen Zu- samtzahl seiner Veröffentlichungen –
Karl May. Untertan, Hochstapler, sammenhänge im Leben des manisch alle Bücher, Broschüren, Streitschriften,
Übermensch. schreibenden Sachsen weiß und trotz Hefte usw. mitgerechnet – auf eine Zahl
Siedler Verlag. München 2011. aller Ernsthaftigkeit mit dem Stilmittel von rund 600 Titeln, die unter seinem
240 Seiten, 19,99 Euro der Ironie arbeitet. Namen oder einem Pseudonym veröf-
Worauf beruht der Mythos, der um Karl fentlicht wurden. May kompiliert, poeti-
Generationen haben die grünen Bände May kreist? Im Grunde setzt sich der siert und fabuliert. Der ganze Globus ist
mit der Goldprägung auf dem Buchrü- Mythos aus drei Legenden zusammen: in seinem Kopf! Er „schweift durch Got-
cken verschlungen (gelegentlich auch Die erste Legende behauptet, dass drei tes weite Welt, von Patagonien bis zum
mit der Taschenlampe unter der Bettde- Personen – Karl May alias Old Shatter- Berg Ararat, von den Alpen bis zur Sa-
cke oder heimlich unter der Schulbank hand alias Kara Ben Nemsi – nur eine hara“ (S. 86). Er errichtet wahre „Koloni-
während langweiliger Unterrichtsstun- gewesen sei. (2) Die zweite Legende en der Fantasie“ (S. 107), erfindet Hel-
den)! Albert Einstein, Karl Liebknecht, besagt, dass Karl May alle Länder, die den und edle Übermenschen, straft Bö-
Ernst Bloch und Martin Walser zählten er ohne Furcht und Angst am Schreib- sewichter und bastelt an seiner eigenen
bzw. zählen zur Fangemeinde. Das Ge- tisch ersonnen hat, auch wirklich bereist Heldenlegende, an seiner „persönli-
samtwerk hat eine geschätzte weltwei- und die Geschichten selbst erlebt hat. chen Mär“. Gleichzeitig ist er ein Kind
te Auflage von 200 Millionen Büchern. (3) Die dritte Legende schließlich konst- seiner Zeit. Selbstüberhebung, Groß-
Wenn Bücher Fantasiewelten schaffen ruiert die Biografie eines ehrenhaften mannssucht und die nationalistischen
sollen, ist Karl May bis heute einer der und anständigen Bürgers resp. Schrift- Überlegenheitsfantasien des Wilhelmi-
erfolgreichsten deutschen Schriftsteller. stellers. Nichts davon ist wahr! Karl nischen Zeitalters prägen auch Mays
Mit seinen Abenteuerromanen aus dem May war vielmehr ein „Untertan, Hoch- Werk. Das Bild des edlen Wilden Win-
Wilden Westen und dem Orient hat er stapler“ und prahlsüchtiger „Über- netou, der noch kurz vor seinem Tod von
den Vorstellungskosmos ganzer Gene- mensch“ – so der Untertitel von Rüdiger Old Shatterhand zum Christentum be-
rationen geprägt. Schapers Biografie. Als fünftes von 14 kehrt wird, kontrastiert mit dem kindli-
Geprägt wurde die Vorstellungswelt Kindern wird Karl May am 25. Februar chen und ewig plaudernden Gefährten
heutiger Generationen mehr noch 1842 in Ernstthal im Erzgebirge gebo- Hadschi Halef Omar, dem Kara Ben
durch das Kino. Die Eintrittskarte für die ren. Die Kindheit war geprägt von ei- Nemsi gönnerhaft und belehrend be-
Filme mit Lex Barker und Pierre Brice war nem tyrannischen Vater, einer fürsorgli- gegnet. Im gleichen Atemzug schreckt
eine Verheißung. Horst Wendlandts chen Mutter und einer als Erzählerin der „edle Deutsche“ jedoch nicht davor
Verfilmungen, unterlegt mit der von hoch begabten Großmutter. Vom ehr- zurück, „böse“ Muslime ihrer gerechten
Horst Böttcher komponierten Filmmusik, geizigen Vater getrieben, der aus sei- Strafe zuzuführen. Gleichzeitig offen-
haben die Kindheit ganzer Alterskohor- nem Sohn „etwas Besseres“ machen baren sich in öffentlichen Auftritten und
ten geprägt. Angesichts der Wiederho- will, tritt der Sohn 1856 in ein Lehrerse- in Streitschriften aber auch Wider-
lungen im Fernsehprogramm anlässlich minar ein und durchlebt die kommenden sprüchlichkeiten zwischen Werk, Den-
diverser Feiertage suchen die inzwi- Jahre „Gefängnisse des Lebens“ (S. 63). ken und öffentlichen Reden. Karl May
schen Erwachsenen verzweifelt im Pro- Der Hochbegabte leidet unter den un- hat die deutsche Kolonialpolitik, die
grammheft nach Alternativen! Handelt sinnigen Ritualen eines streng regle- Dominanz der europäischen Zivilisation
es sich aus der Sicht des abgeklärten mentierten Lebens, unter permanenter in öffentlichen Vorträgen scharf gegei-
Erwachsenen doch um Kitsch. Und wer Aufsicht und dem wenig geistreichen ßelt – durchdrungen von einem naiven
leugnet nicht schon gerne seine Kind- Takt der Lehrerausbildung. Die Baga- Pazifismus und dem Ideal einer friedli-
heitsträume und die kleinen medialen telldelikte häufen sich. Nach abge- chen Weltgemeinschaft. Insofern ste-
Fluchten. Bevor „Rockmusik und Mäd- schlossener Ausbildung unterrichtet er hen seine Ideen von Versöhnung und
chen (…) die besseren Abenteuer“ für kurze Zeit, wird wegen einer angeb- einer Welt ohne Gewalt konträr zum
(S. 122) versprachen, war in diesen Fil- lich „nur ausgeliehenen“ Taschenuhr Zeitgeist.
men moralisch alles eindeutig geord- wiederum mit Freiheitsentzug bestraft Nachdem es der Außenseiter zum Em-
net: Die Welt ist groß, exotisch, bunt und und landet schlussendlich als Wieder- porkömmling gebracht, eine schmucke
die Guten gewinnen (zumeist). Wen holungstäter und steckbrieflich Ge- Villa in Radebeul – die „Villa Shatter-
wundert es, dass die DDR, deren Kultur- suchter im Zuchthaus. Der dortige An- hand“ – erworben hat, scheint auch sein
bürokratie Karl May lange in ein Reser- staltsgeistliche erkennt sein Talent, be- Privatleben in wohlgeordnete Bahnen
vat verbannte, mit Goijko Mitic den sorgt ihm Lektüre und fördert erste zu geraten. 1876 lernt May Emma Lina
„besseren und wahren“ Winnetou auf Schreibversuche. May erstellt Arbeits- Pollmer kennen und lieben. Die „um-
die Leinwand brachte. Wie erklärt sich pläne, schreibt Manuskripte, die von schwärmte Dorfschönheit“ (S. 125) wird
der Erfolg von Bully Herbigs Wildwest- den Eltern an Verleger vermittelt wer- Mays erste Ehefrau. Seine ihm Ange-
Komödie „Der Schuh des Manitu“? den. Nach der Entlassung ist Karl May traute ist getrieben von gesellschaftli-

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BUCHBESPRECHUNGEN

chem Ehrgeiz, liebt die Öffentlichkeit, die unzureichende Bequemlichkeit und „Volksgehirnerweichung“ (S. 179) in sei-
erkennt aber bald, dass sie in einem all den Schmutz. Der in Schapers Bio- nen Büchern, nennen ihn einen
goldenen Käfig gefangen ist. Ange- grafie wiedergegebene Dienstvertrag „Schmutzliteraten“ und „Schwindler“.
sichts des alltäglichen Schreibpensums (S. 161) mit einem ägyptischen Begleiter May zieht sich zurück und gerät immer
des werten Gatten, der sich in einem offenbart Mays kleinbürgerliche Geis- mehr in die Defensive. In diesem „Kultur-
Büro einigelt wie einer Wagenburg, teshaltung. Die einzelnen Paragrafen kampf“ erfährt er Unterstützung von
kehrt bald Langeweile ein. Die 22-jähri- sind akribisch, bürokratisch und klein- Karl Kraus, Georg Heym, Erich Mühsam
ge Ehe wird zur Hölle für beide und geistig bis ins Mark – vom „generösen und Georg Trakl. Am 22. März 1912 hält
1903 endlich rechtskräftig geschieden. Effendi keine Spur“ (S. 161). Fern der hei- May, nach längerer Krankheit, seine
May reagiert mit einem „literarischen mischen Schreibstube muss er erken- berühmte „Wiener Friedensrede“ und
Mordversuch“ (S. 133) und veröffent- nen, dass sich die Welt eben nicht nach philosophiert – so die einschlägige Ta-
licht bittere und ordinäre Pamphlete. seinem Geist und Willen ordnen lässt. gespresse – in schwer verständlichen
Nur wenige Wochen nach der Schei- Nach zwei Nervenzusammenbrüchen Ausführungen über das Motto „Empor
dung heiratet May die Witwe eines kehrt der „Weltbürger“ 16 Monaten ins Reich der Edelmenschen“. Mit einer
Freundes, Klara Plöhn, die ihm im noch später in die „Villa Shatterhand“ zurück. Erkältung kehrt er nach Radebeul zu-
verbleibenden letzten Jahrzehnt eine Auch eine 1908 absolvierte Amerikarei- rück und betritt am 30. März 1912 die
Stütze war. se verlief ähnlich deprimierend. Der wa- „ewigen Jagdgründe“.
Im Alter von 57 Jahren verlässt May ckere und kundige Westmann Old Der Siegeszug seiner Bücher im
1899 sein „Fort“ in Radebeul und bricht Shatterhand schlägt sich als 66-jähri- 20. Jahrhundert stand freilich noch be-
zu einer Orientreise auf, die allerdings ger „Amerika-Neuling mit dem Baede- vor. Jenseits aller literaturtheoretischen
im Desaster endet. Die Wirklichkeit er- ker in der Hand durch Neuengland“ Diskurse bleibt anlässlich des 100. To-
weist sich gänzlich anders als all die (S. 196). destages die von Rüdiger Schaper treff-
Kopfgeburten. Er blickt auf einem Tou- Seine letzten Jahre waren von Presse- lich formuliert Erkenntnis. „Karl May ist
ristenkamel ernst und bedeutungs- kriegen und unzähligen Prozessen be- eine Glaubensfrage.“
schwanger in die Kamera, klagt über gleitet. Pädagogen wettern gegen die Siegfried Frech

Die Didaktische Reihe


Ein Muss für Gemeinschaftskundelehrer

Die didaktische Reihe der Landeszentrale


n beinhaltet Standardwerke der politischen Bildung
n veröffentlicht erfolgreiche Praxisbeispiele politischer
Bildungsarbeit
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n begleitet und fördert die Diskussion der Didaktik
politischer Bildung

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JAH R ES I N HALTSVE RZ E IC H N IS

Der Bürger im Staat, 62. Jahrgang, 2012

Heft 1/2: Proteste und Potentaten –


Die arabische Welt im Wandel
Peter Pawelka Umbruch und Wandel in der arabischen Welt 4
Francesco Cavatorta/Rikke H. Haugbolle “Dégage!” Das Ende des Autoritarismus in Tunesien? 16
Thomas Demmelhuber Ägypten nach Mubarak – zum Militär und „Monopoly der Macht“ 26
Rolf Schwarz Libyen und das Dilemma externer Interventionen 34
André Bank/Erik Mohns Die syrische Revolte: Vom zivilen Protest zum Bürgerkrieg? 44
Kevin Köhler Der Jemen zwischen Staatszerfall, Revolution und Bürgerkrieg 48
Torsten Matzke Das Ende des Post-Populismus: Soziale und ökonomische Entwicklungstrends im
„Arabischen Frühling“ 56
Annette Jünemann Vorerst gescheitert: Perspektiven einer glaubwürdigen EU-Mittelmeerpolitik nach
dem „Arabischen Frühling“ 64
Nadine Kreitmeyr Israel und die Umbrüche im Nahen und Mittleren Osten: Konfrontation oder
Annäherung? 73
Hürcan Asli Aksoy Die Türkei im Nahen Osten: Neujustierung der türkischen Außenpolitik 80
Oliver Schlumberger Der „Arabische Frühling“ und das Versagen westlicher Außenpolitik: Eine Fata
Morgana „politischer Stabilität“ 88

Heft 3: Der Machtwechsel. Das erste Jahr Grün-Rot


Uwe Wagschal Einleitung: Der historische Machtwechsel. Das erste Jahr Grün-Rot 106
Dieter Roth Was entschied die Wahl? 109
Carmina Brenner Wahlverhalten der Baden-Württemberger bei der Landtagswahl 2011 117
Stefanie Haas Wandern ins Grüne: Wählerbewegungen in Baden-Württemberg 123
Joachim Behnke Das Wahlsystem von Baden-Württemberg: Analyse der Wahl von 2011 und
Reformperspektiven 129
Udo Zolleis/Josef Schmid/Daniel Buhr Der Wahlkampf der Landesparteien 2011 135
Frank Brettschneider/Marko Bachl Das TV-Duell vor der Landtagswahl 2011 – Wahrnehmungen und Wirkungen 141
Michael Wehner Die historische Niederlage der CDU – Ursachen für das Scheitern 148
Wolfgang Jäger Verliebt in die Krise? Die Volksparteien und die deutsche Politikwissenschaft 156
Lothar Frick Die Schlichtung zu Stuttgart 21 – Vorbild für eine neue Bürgerbeteiligung? 162
Uwe Wagschal Die Volksabstimmung zu Stuttgart 21: Zwischen parteipolitischer Polarisierung und
„Spätzlegraben“ 168
Matthias Fatke/Markus Freitag Die direkte Demokratie in Baden-Württemberg und Stuttgart 21 174
Johannes Blumenberg/Thorsten Faas Abstimmung gut, alles gut? 182
Ulrich Eith/Gerd Mielke Volksentscheide versus Parteiendemokratie? Das Lehrstück Stuttgart 21 188
Uwe Wagschal Machtwechsel oder Politikwechsel? Eine Analyse zentraler Politikfelder nach einem
Jahr Grün-Rot in Baden-Württemberg 194

Heft 4: Armut
Stefan Hradil Anmerkungen zum Armutsdiskurs 208
Ernst-Ulrich Huster Armut und Reichtum – Öffentliche Wahrnehmung und wissenschaftliche Analyse
1945 bis heute 214
Klaus Dörre Diskriminierende Prekarität – ein neuer Typus unsicherer Arbeits- und
Lebensformen 223
Martin Karlsson/Sarah Okoampah Zum Zusammenhang von Armut und Gesundheit 231

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JAH R ES I N HALTSVE RZ E IC H N IS

Christoph Butterwegge Kinderarmut in Deutschland 241


Claudia Vogel/Harald Künemund Armut im Alter 247
Anna Eckert/Andreas Willisch Wege der Selbsthilfe im prekären Alltag 252
Olaf Groh-Samberg Die Verfestigung der Armut 258
Roland Verwiebe Armut in Europa – Armutskonzepte und empirische Strukturdaten 265
Michael Opielka Quo vadis Sozialpolitik? 274

Rezensionen
Volker Perthes Der Aufstand. Die arabische Revolution und ihre Folgen 98
Günter Aichele Schülersoldaten – Soldatenschüler. Fünfzehnjährige Luftwaffenhelfer in Stuttgart
und Auschwitz 1944/45 98
Laura Schneider Journalismus und Pressefreiheit in Mexiko. Wie mexikanische Journalisten die
Pressefreiheit einschätzen 100
Dieter Lünse u.a. Zivilcourage können alle! Ein Trainingshandbuch für Schule und
Jugendarbeit 101
Hermann Bausinger Der herbe Charme des Landes. Gedanken über Baden-Württemberg 202
Otto Bauschert/Gabriele Gabriel Nur immer weiter. Geschichten, die das Leben schrieb 202
Peter Schäfer Der kritische Gottlob Haag. Kritische Texte aus dem literarischen Schaffen von
Gottlob Haag 203
Christoph Butterwegge u. a. Armut im Alter. Probleme und Perspektiven der sozialen Sicherung 280
Rüdiger Schaper Karl May. Untertan, Hochstapler, Übermensch 281

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LANDESZENTRALE FÜR POLITISCHE
BILDUNG BADEN-WÜRTTEMBERG
Stafflenbergstraße 38, 70184 Stuttgart
Telefon 0711/164099-0, Service -66, Fax -77
lpb@lpb-bw.de, www.lpb-bw.de

Direktor: Lothar Frick -60 Außenstellen


Büro des Direktors: Regionale Arbeit
Sabina Wilhelm -62 Politische Tage für Schülerinnen und Schüler
Stellvertretender Direktor: Karl-Ulrich Templ -40 Veranstaltungen für den Schulbereich

Stabsstelle Kommunikation und Marketing Außenstelle Freiburg


Leiter: Werner Fichter -63 Bertoldstraße 55, 79098 Freiburg
Felix Steinbrenner -64 Telefon: 0761/20773-0, Fax -99
Leiter: Dr. Michael Wehner -77
Abteilung Zentraler Service Jennifer Lutz -33
Abteilungsleiter: Kai-Uwe Hecht -10
Haushalt und Organisation: Gudrun Gebauer -12 Außenstelle Heidelberg
Personal: N.N. -13 Plöck 22, 69117 Heidelberg
Information und Kommunikation: Wolfgang Herterich -14 Telefon: 06221/6078-0, Fax -22
Siegfried Kloske, Haus auf der Alb Tel.: 07125/152-137 Leiter: Wolfgang Berger -14
Dr. Alexander Ruser -13
Abteilung Demokratisches Engagement
Abteilungsleiterin/Gedenkstättenarbeit*: Sibylle Thelen -30 Außenstelle Tübingen
Landeskunde und Landespolitik*: Dr. Iris Häuser -20 Die Außenstelle Tübingen wurde zum 1.5.2012 aufgelöst
Jugend und Politik*: Angelika Barth -22
Schülerwettbewerb des Landtags*: Monika Greiner -25 Projekt Extremismusprävention
Robby Geyer -26 Stafflenbergstraße 38, 70184 Stuttgart
Frauen und Politik: Beate Dörr/Sabine Keitel -29/ -32 Leiterin: Regina Bossert -81
Freiwilliges Ökologisches Jahr*: Steffen Vogel -35 Assistentin: Nadine Karim -82
Alexander Werwein-Bagemühl -36
Stefan Paller, Charlotte Becher -37/ -34
*Paulinenstraße 44-46, 70178 Stuttgart
Abteilung Medien und Methoden Fax: 0711/164099-55
Abteilungsleiter/Neue Medien: Karl-Ulrich Templ -40
Politik & Unterricht/Schriften zur politischen Landes-
kunde Baden-Württembergs: Dr. Reinhold Weber -42
Deutschland & Europa: Jürgen Kalb -43
Der Bürger im Staat/Didaktische Reihe:
Siegfried Frech -44
Unterrichtsmedien: Michael Lebisch -47
Politische Bildung Online/E-Learning: Susanne Meir -46
Politische Bildung Online: Jeanette Reusch-Mlynárik,
Haus auf der Alb Tel.: 07125/125-136
Internet-Redaktion: Klaudia Saupe/Julia Maier -49/-46 LpB-Shops/Publikationsausgaben

Bad Urach Hanner Steige 1, Telefon 07125/152-0


Abteilung Haus auf der Alb
Montag bis Freitag
Tagungszentrum Haus auf der Alb,
8.00–12.00 Uhr und 13.00–16.30 Uhr
Hanner Steige 1, 72574 Bad Urach
Telefon 07125/152-0, Fax -100 Freiburg Bertoldstraße 55, Telefon 0761/20773-0
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Abteilungsleiter/Gesellschaft und Politik: Heidelberg Plöck 22, Telefon 06221/6078-0


Dr. Markus Hug -146 Dienstag 9.00–15.00 Uhr
Schule und Bildung/Integration und Migration: Mittwoch und Donnerstag 13.00–17.00 Uhr
Robert Feil -139
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Integration und Migration: Wolfgang Hesse -140 Telefon 0711/164099-66
Europa – Einheit und Vielfalt: Thomas Schinkel -147 Mittwoch 14.00–17.00 Uhr
Bibliothek/Mediothek: Gordana Schumann -121
Hausmanagement: Nina Deiß -109 Newsletter „einblick“
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