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ISSN 0007–3121

DER BÜRGER IM STA AT

1–2015

Homophobie und Sexismus

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DER BÜRGER IM STA AT
INHALT
Beate Küpper/Andreas Zick 4
Homophobie – zur Abwertung nicht-heterosexueller
Menschen 4
Kurt Möller 14
Heterosexismus bei Jugendlichen –
Erscheinungsweisen und ihre Begünstigungs-
sowie Distanz(ierungs)faktoren 14
Norman Domeier 24
Die sexuelle Denunziation
in der deutschen Politik
HEFT 1–2015
65. JAHRGANG
seit dem frühen 20. Jahrhundert 24
ISSN 0007-3121
Stefanie Wolter 31
Lebenssituationen und Repressionen
von LSBTI im Nationalsozialismus –
„Der Bürger im Staat” wird von der Landeszentrale
Desiderate und Perspektiven der Forschung 31
für politische Bildung Baden-Württemberg herausgegeben.
Ralf Bogen 36
DIREKTOR DER LANDESZENTRALE
Lothar Frick Ausgrenzung und Verfolgung homosexueller Männer
in Württemberg 36
REDAKTION
Siegfried Frech, siegfried.frech@lpb.bwl.de Matthias Heyl 44
Gender als Kategorie in der gedenk-
REDAKTIONSASSISTENZ
Barbara Bollinger, barbara.bollinger@lpb.bwl.de
stättenpädagogischen Praxis der
Gedenkstätte Ravensbrück – ein Werkstatttext 44
ANSCHRIFT DER REDAKTION
Staffl enbergstraße 38, 70184 Stuttgart Anke Rietdorf 51
Telefon 07 11/16 40 99-44, Fax 0711/16 40 99-77 Irgendwie anders?! LSBTTIQ-Menschen im Kontext
binärer Gesellschaftsstrukturen 51
HERSTELLUNG
Schwabenverlag Media der Schwabenverlag AG
Ahmad Mansour 56
Senefelderstraße 12, 73760 Ostfi ldern-Ruit
Telefon 07 11/44 06-0, Fax 07 11/44 06-174 Geschlechterrollen, Sexualität und Ehre zwischen
Tradition und Religion 56
GESTALTUNG TITEL
Bertron.Schwarz.Frey, Gruppe für Gestaltung, Ulm Buchbesprechungen 63
GESTALTUNG INNENTEIL
Schwabenverlag Media
der Schwabenverlag AG

VERTRIEB
Süddeutsche Verlagsgesellschaft Ulm
Nicolaus-Otto-Straße 14, 89079 Ulm
Telefon 07 31/94 57-0, Fax 0731/94 57-224
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Die Regenbogenfahne ist seit den 1970er Jahren ein internationales Symbol der Lesben- und Schwulenbewegung. Die Farben
des Regenbogens sind weltweit ein Zeichen der Toleranz, Vielfalt, Hoffnung und Sehnsucht. picture alliance/dpa

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Homophobie und Sexismus
Homophobie bezeichnet feindselige und abwertende Ein- Auszüge aus Interviews mit Jugendlichen vorgestellt, die im
stellungen gegenüber Menschen, deren sexuelle Orientie- Rahmen einer Längsschnittstudie entstanden. Die In ter-
rung als Abweichung von heterosexuellen Normvorstellun- view passagen zeigen Ausprägungen, Auftrittsweisen und
gen wahrgenommen wird. Studien zufolge sind solche Ein- Entstehungshintergründe von antihomosexuellen Einstel-
stellungen in der Bevölkerung zwar rückläufig, dennoch lungen. Ein Blick auf die prägenden Sozialisationserfah-
werden homo-, bi-, trans- und intersexuelle Menschen im rungen der interviewten Jugendlichen verdeutlicht be-
Alltag vielfach diskriminiert. Homophobie drückt sich u. a. günstigende Faktoren für antihomosexuelle Einstellungen
in Witzen, abwertenden Sprüchen und abwehrender Hal- und Haltungen, benennt aber auch solche, die im Zeit-
tung, im Extremfall in physischen Übergriffen aus. Sexismus verlauf zu einer Distanzierung bzw. Einstellungsänderung
meint die Zuschreibung bestimmter Eigenschaften auf- führen können.
grund des Geschlechts. Homophobie kann als Form von Homophobie und Sexismus sind kein ausschließliches Phä-
Sexismus verstanden werden, als Abwertung von Men- nomen der Gegenwart. Seit dem frühen 20. Jahrhundert
schen aufgrund des ihnen zugeschriebenen Geschlechts lässt sich in der Sexualgeschichte der Politik eine Kontinui-
und ihrer sexuellen Identität. Damit gehen festgelegte tät sexueller Denunziation nachweisen. Sexuelle Denunzi-
weibliche und männliche Rollenbilder einher, meistens ver- ation in der Politik meint den bewussten Einsatz sexueller
bunden mit der Abwertung von Frauen. Stereotypen mit dem Ziel, die politische Macht konkurrie-
Hat Deutschland auch heute noch ein Homophobie-Prob- render Gruppen oder Einzelpersonen zu vernichten. Diese
lem? Der Fußballprofi Thomas Hitzlsperger, der sich als perfide Art der Skandalisierung ist auch für das gesell-
erster Bundesligaspieler und Fußballnationalspieler wohl- schaftliche Alltagsleben von Bedeutung. Wenn man dem
weislich erst nach dem Ende seiner Karriere geoutet hat, politischen Raum eine Vorbildfunktion zuschreibt, sind se-
brachte es in einer Talkshow auf den Punkt: „Viele Leute xuelle Verleumdungen in eben dieser Sphäre ein Freibrief,
wissen nicht, ob sie wirklich so tolerant sind, wie sie tun!“ auch in anderen sozialen Bereichen Analoges zu praktizie-
„Schwul“ ist ein gängiges Schimpfwort. Dies ist nur ein Er- ren. Norman Domeier analysiert Fälle sexueller Denunzia-
gebnis der von der Humboldt-Universität Berlin durchge- tion in der deutschen Politik aus den letzten hundert Jah-
führten Studie „Akzeptanz sexueller Vielfalt an Berliner ren. Alle diese Fälle werfen ein Schlaglicht auf den jeweili-
Schulen“: Die Unwissenheit der befragten Schülerinnen gen historischen „Zeitgeist“, auf zentrale Werte und Tabus
und Schüler ist groß. Nahezu 70 Prozent aller befragen einer Gesellschaft. Daher ist die Frage nahe liegend, ob
Sechstklässler denken, Homosexuelle hätten sich ihre Ori- Sexismus und Homophobie mit dem tiefgreifenden Werte-
entierung selbst ausgesucht. Knapp 80 Prozent gaben an, wandel der vergangenen Jahre der Nährboden entzogen
dass sie noch nie mit Unterrichtsmaterialien gearbeitet ha- wurde. Wenngleich Homosexualität in der „hohen Politik“
ben, in denen Lesben, Schwule, Bi-, Trans- oder Intersexu- kaum noch als „moralische Verfehlung“ angesehen wird, ist
elle – abgekürzt: LSBTI – vorkommen. Skepsis angebracht. Im gesellschaftlichen Alltag ist dies
Die Anzeichen mehren sich, dass eine gleichberechtigte noch lange nicht der Fall.
und offen gelebte sexuelle Vielfalt in Deutschland noch Die Ächtung und Verfolgung vermeintlich „Anderer“ nimmt
lange keine Selbstverständlichkeit ist. Homophobie und in diktatorischen und totalitären Unrechtssystemen ext-
sexuelle Vorurteile sind wieder salonfähig geworden. Die reme Formen an. Das Naziregime unterwarf Familienleben
Abwertung gleichgeschlechtlich liebender Menschen wird und Sexualität dem Primat der Ausbreitung der „arischen
von verschiedensten Interessengruppen in der politischen Rasse“. Alle Formen der Sexualität, die nicht diesem Ziel
Arena instrumentalisiert und macht sich in homophoben dienten, sollten „ausgemerzt“ werden. Liebe und Sexuali-
Bekundungen Luft. Beate Küpper und Andreas Zick definie- tät hatten nicht lustvoll zu sein, sondern reproduktiv. Die
ren Homophobie aus sozialpsychologischer Perspektive sexualpolitische Willkür und der repressive Charakter des
als sexuelles Vorurteil und als eine Facette Gruppenbezo- „Dritten Reiches“ zeigten sich insbesondere am Umgang
gener Menschenfeindlichkeit. Sie skizzieren die verschie- mit lesbischen, schwulen, bi-, trans- und intersexuellen
denen Ausdrucksformen von Homophobie und erörtern Menschen. Die NS-Ideologie duldete die Sexualität dieser
auf einer breiten Datengrundlage das Ausmaß homopho- Menschen nicht. Homosexuelle Männer und lesbische
ber Einstellungsmuster in Deutschland und anderen euro- Frauen wurden ausgegrenzt, verfolgt, ihrer Persönlichkeit
päischen Staaten. Die empirischen Daten werden durch und Identität beraubt. Repression, Verfolgung und die von
Befragungsergebnisse von Menschen, die von Homopho- den Nazis begangenen Verbrechen an homosexuellen
bie betroffen sind, plastisch verdeutlicht. Menschen werden auch heute noch tabuisiert. Dies spie-
„Das ist ja voll schwul …!“ – Solche und ähnliche Äußerun- gelt sich nicht zuletzt in der historischen Forschung wider.
gen sind unter Kindern und Jugendlichen weit verbreitet. Recherchen und historische Arbeiten zur Verfolgung und
Wie sind solche antihomosexuellen Äußerungen einzuord- Repression von LSBTI im Nationalsozialismus stecken noch
nen? Wie erklärt sich ihr Zustandekommen? Kurt Möller in den Anfängen. Ausgehend vom aktuellen Stand der his-
nimmt zunächst eine begriffliche Klärung vor, um sexuell torischen Aufarbeitung skizziert Stefanie Wolter die wich-
konnotierte Abwertungen angemessen erfassen zu kön- tigsten Forschungsdesiderate und -perspektiven.
nen. Anstatt „Homophobie“ wird der aus seiner Sicht be- Noch in den 1950er Jahren brüstete sich die im „Hotel Sil-
grifflich präzisere Begriff „Heterosexismus“ favorisiert. Im ber“ ansässige Stuttgarter Kriminalpolizei, „zum Schre-
Folgeschritt werden anhand empirischer Befunde Ausmaß cken der Homosexuellen Stuttgarts“ geworden zu sein.
und Verbreitung antihomosexueller Haltungen bei Jugend- Baden-Württemberg war in der Nachkriegszeit Vorreiter
lichen skizziert. Quantitative Daten allein sind für (sozial-) bei der strafrechtlichen Verfolgung homosexueller Män-
pädagogische Zwecke nicht ausreichend. Daher werden ner. Ralf Bogen beschreibt zunächst die Verfolgungspraxis

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der Stuttgarter Kriminalpolizei in den 1950er und 1960er ner pädagogischen Arbeit will der gemeinnützige Verein
Jahren. Fünf biografische Skizzen belegen die Schicksale dazu beitragen, nicht-heterosexuelle Lebensformen als
homosexueller Männer in den Jahren nach 1945. Diese Re- gleichwertig und gleichberechtigt anzuerkennen. Die
pressionen erklären sich u. a. auch durch die unsägliche Schulbesuche und Fortbildungsveranstaltungen wollen
Traditionslinie, die aus der radikalen Verfolgung gleich- Anstöße zum Abbau von Vorurteilen und zur Reflexion der
geschlechtlich Liebender zwischen 1933 und 1945 her- Einstellungen gegenüber gesellschaftlichen Minderheiten
rührt. In einem historischen Rückblick werden die einzelnen geben.
Etappen der Verfolgung während der NS-Diktatur erör- „HEROES – Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre“ ist
tert. Wiederum geben Einzelschicksale auch dieser Epo- ein Projekt, das sich für die Gleichberechtigung und
che ein Gesicht. Ralf Bogen mahnt die systematische Auf- Gleichstellung von Frauen und Männern einsetzt. Ziel-
arbeitung der Lebenssituation von LSBTTIQ in der NS- und gruppe des Projekts sind Jugendliche und junge Erwach-
Nachkriegszeit an. Der Landtag von Baden-Württemberg sene aus sogenannten Ehrenkulturen, die im Laufe ihrer So-
hat sich mit der am 16.10.2014 beschlossenen Annahme zialisation überkommene und patriarchalisch fundierte
des Antrags „Entschließung zur Aufarbeitung der straf- Geschlechterrollen verinnerlicht haben. Diese zutiefst
rechtlichen Verfolgung homosexueller Männer“ für die frauenfeindlichen Rollenzuschreibungen rechtfertigen die
strafrechtliche Verfolgung entschuldigt und damit ein Sig- Unterdrückung von Frauen und verwehren ihnen die Teil-
nal gesetzt. habe am öffentlichen Leben. Ahmad Mansour beschreibt
Wie kann ein wertschätzender Umgang mit sexueller Viel- zunächst den Wertehorizont dieser Ehrenkulturen. In ei-
falt in der schulischen und außerschulischen Bildung reali- nem weiteren Schritt werden die Sozialisationsbedingun-
siert werden? Wie erreicht man es, Vorurteile aktiv anzu- gen und Erziehungspraktiken erläutert, die das Konstrukt
gehen, einen selbstbewussten Umgang mit dem vermeint- der „Ehre“ absolut setzen. Die abschließende Projektschil-
lich „Anderssein“ zu erlernen und zu praktizieren? derung zeigt, wie es in der außerschulischen und schuli-
In der gedenkstättenpädagogischen Arbeit wurde die schen Bildungsarbeit gelingen kann, dass sich Jugendliche
Geschlechterdimension lange Zeit vernachlässigt. Eine aus Ehrenkulturen von tradierten Rollenvorstellungen lösen
historisch angemessene Auseinandersetzung mit dem na- und ihre Erfahrungen an andere Jugendliche weitergeben.
tionalsozialistischen Unrechts- und Vernichtungssystem in Die im vorliegenden Heft versammelten Beiträge gehen
der schulischen und außerschulischen Bildung muss weib- auf die Fachtagung „Homophobie und Sexismus“ der LpB
liche und männliche Täterschaften gleichermaßen in den im Frühjahr 2104 zurück. Die einzelnen Aufsätze vermitteln
Blick nehmen. Männer und Frauen waren in vielfältiger Forschungsergebnisse, zeigen aber auch pädagogische
Weise am System der Ausgrenzung, Verfolgung und an Handlungsoptionen auf. Zudem werden aktuelle und his-
der planmäßigen Vernichtung beteiligt, wie auch davon torische Entwicklungen thematisiert. Wir haben die von
betroffen. Matthias Heyl geht in seinem Beitrag der Frage den Autorinnen und Autoren gewählte Schreibweise be-
nach, wie Gender-Konstruktionen, Zuschreibungen und lassen. Zum besseren Verständnis verweisen wir auf das
traditionelle Geschlechterbilder in der alltäglichen Ge- Glossar im Textkasten.
denkstättenarbeit wirken. Zwei Fallvignetten verdeutli-
chen, welche stereotypen Zuschreibungen und „Männer-
phantasien“ die zumeist jugendlichen Besuchsgruppen LSBTI/LSBTTIQ: Abkürzung für lesbisch, schwul, bi-
mit in die Gedenkstätte bringen und auf sie projizieren. sexuell, transsexuell und intersexuell. Manchmal
Diese Stereotypen – u. a. homophobe Äußerungen bei noch erweitert um ein weiteres T (= transgender) und
der Thematisierung homosexueller KZ-Häftlinge – wiede- ein Q (= queer).
rum treffen auf die Gender-Vorstellungen der pädagogi- Das Sternchen *: Das Sternchen ist ein Platzhalter
schen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Daraus ergibt und verweist auf die Vielfalt der Geschlechtsidentitä-
sich die Notwendigkeit ständiger Reflexion der gedenk- ten jenseits von „männlich“ und „weiblich“: Trans* be-
stättenpädagogischen Praxis: Welche Erfahrungen ma- deutet z. B., dass man transsexuell und transgender
chen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diesem meint.
Feld? Mit welchen Zuschreibungen werden sie konfron- Der Gender-Gap _: Der Gender-Gap ist ebenfalls
tiert? Wie lassen sich die Wahrnehmungen der Besuche- Platzhalter und soll betonen, dass es nicht nur zwei
rinnen und Besucher in die Führungsnarrative des päda- Geschlechter gibt, wie es die deutsche Sprache ge-
gogischen Personals integrieren? meinhin vorsieht, sondern auch noch alle möglichen
Anke Rietdorf schildert ihren persönlichen Bezug zu FLUSS Zwischenformen.
e. V. und erörtert die Zielsetzungen sowie die didaktischen
Ansätze und Methoden der von FLUSS e. V. praktizierten
Bildungs- und Aufklärungsarbeit. FLUSS e. V. ist ein ge- Allen Autorinnen und Autoren sei an dieser Stelle herzlich
meinnütziger Verein, der seit 1996 Bildungs- und Aufklä- gedankt. Ein besonderer Dank geht an Sarah Klemm, die
rungsarbeit im Bereich nicht-heterosexueller Lebensfor- mit der notwendigen wissenschaftlichen Sorgfalt und mit
men leistet. Wichtigstes Anliegen ist es, Räume zu schaf- großer Umsicht die Texte redigiert hat. Dank gebührt nicht
fen, in denen Begegnungen zwischen Jugendlichen bzw. zuletzt dem Schwabenverlag und der Druckvorstufe für die
jungen Erwachsenen und Lesben, Schwulen, Bisexuellen stets gute und effiziente Zusammenarbeit.
und Trans*Menschen ermöglicht werden. Nicht Belehrung, Siegfried Frech
sondern Dialog und handlungsorientierte Methoden ste-
hen im Mittelpunkt der konkreten Bildungsarbeit. Mit sei-

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HOMOPHOBIE ALS SEXUELLES VORURTEIL

Homophobie – zur Abwertung


nicht-heterosexueller Menschen
Beate Küpper/Andreas Zick

und Ausgrenzung gleichgeschlechtlich liebender Men-


Die Anzeichen mehren sich, dass eine gleichberechtigte schen oder, in anderer Begrifflichkeit, um sexuelle Vorur-
und offen gelebte sexuelle Vielfalt in Deutschland noch teile, als die Homophobie hier verstanden wird. Die beson-
lange keine Selbstverständlichkeit ist. Im Gegenteil, Ho- dere Form der Abwertung von transgender Menschen, wie
mophobie und sexuelle Vorurteile sind wieder salonfä- auch von intersexuellen und bisexuellen Menschen, wird
hig geworden. Die Abwertung bzw. Ausgrenzung gleich- hier mangels Daten – wie leider auch in vielen anderen
geschlechtlich liebender Menschen wird zudem von ver- Beiträgen – nur am Rande mitbedacht (siehe dazu aber die
schiedensten Interessengruppen in der politischen Arena Studie von LesMigraS1 2012).
instrumentalisiert und macht sich in (rechts-)popu listischen Vorrangig werden Ergebnisse aus der Langzeitstudie
und homophoben Bekundungen Luft. Beate Küpper und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (vgl. Heitmeyer
Andreas Zick definieren Homophobie aus sozialpsycho- 2002–2011) und der aktuellen Studie „Fragile Mitte –
logischer Perspektive als sexuelles Vorurteil und als eine Feindselige Zustände“ (Zick/Klein 2014) vorgestellt. Beide
Facette Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Sie Studien geben Auskunft über die Verbreitung und Bedin-
skizzieren die verschiedenen Ausdrucksformen von Ho- gungsfaktoren sexueller Vorurteile in der breiten Bevölke-
mophobie und erörtern auf einer breiten Datengrund- rung. Die Studien werden durch Ergebnisse aus Befragun-
lage das Ausmaß homophober Einstellungsmuster in gen von Menschen ergänzt, die von Homophobie betrof-
Deutschland und anderen europäischen Staaten. Die fen sind.
empirischen Daten werden im Folgeschritt durch Befra- Die Befunde lassen ahnen, dass ein homosexuelles Co-
gungsergebnisse von Menschen, die von Homophobie ming-out keineswegs ein einfacher Schritt ist, der für Be-
betroffen sind, plastisch verdeutlicht. Die Studien bele-
gen, dass die Abwertung von Nicht-Heterosexuellen
durch die Mehrheitsgesellschaft bundesrepublikanischer
Alltag ist.

Sind Gleichstellung und sexuelle Vielfalt


schon erreicht?

Als der ehemalige Profi- und Fußballnationalspieler Tho-


mas Hitzlsperger sich nach Beendigung seiner Karriere im
vergangenen Jahr offen zu seiner Homosexualität be-
kannte, war das Echo geteilt. Während die einen gratulier-
ten und den mutigen Schritt würdigten, hörte man auch kri-
tische Stimmen, die meinten, dies sei ja nichts Besonderes
in einer liberalen Gesellschaft, sie hätten damit keine Pro-
bleme und die eigene Sexualität sei doch „reine Privatsa-
che“. Die wochenlange Diskussion des Coming-out offen-
barte jedoch, dass eine gleichberechtigte und offen ge-
lebte sexuelle Vielfalt leider eben nicht selbstverständlich
ist. In den letzten Jahren finden sich zudem Indizien für
einen reaktionären Backlash, der die Anstrengungen zur
demokratisch gebotenen Gleichstellung von nicht-hetero-
sexuellen Menschen torpediert. Rechtspopulistische Grup-
pierungen führen die Rede von einer vermeintlichen
„Regenbogen-Ideologie“, betrieben von einer „Homo-
Lobby“, und einer „Gefährdung der Familie“ durch gleich- Ein homosexuelles Coming-out
geschlechtliche Partnerschaften. Ausgehend von Baden- ist keineswegs ein einfacher
Württemberg machen „besorgte Eltern“ mittlerweile bun- Schritt. Das Coming-out ist für
desweit mobil gegen das Thema sexuelle Vielfalt an Schu- Betroffene zwar ein individuel-
len und in Jugendeinrichtungen. ler Akt der Befreiung, kann
Der vorliegende Beitrag berichtet aus einer sozialpsycho- aber zugleich mit persönlichen
logischen Perspektive über das Ausmaß von Homophobie Nachteilen verbunden sein.
in der deutschen Gesellschaft. Es geht um die Abwertung picture alliance/dpa

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troffene zwar einerseits ein individueller Akt der Befreiung, HOMOPHOBIE – ZUR ABWERTUNG
aber zugleich auch mit persönlichen Nachteilen verbun- NICHT-HETEROSEXUELLER MENSCHEN
den sein kann. Dies unterstreichen die Berichte nicht-hete-
rosexueller Menschen, und dies legen auch die hier vorge-
stellten Befunde aus empirischen Studien nahe, die bele- 1954/1971: 23). Im Kern geht es bei der Homophobie da-
gen, wie verbreitet die Abwertungsbereitschaft nach wie rum, dass Menschen aufgrund der tatsächlichen oder ver-
vor trotz positiver Entwicklungen in der heterosexuellen meintlichen Abweichung ihrer sexuellen Identität bzw. Ori-
Mehrheitsbevölkerung ist. Dies hat Folgen für die unmittel- entierung von dem, was als „normal“ angesehen wird, ab-
bar Betroffenen, aber auch für die Gesellschaft als Ganze gewertet, diffamiert und ausgrenzt werden. Der Begriff
und ihren demokratischen Anspruch, die Möglichkeit zur des Heterosexismus greift dies auf und verweist auf den
gleichberechtigten Teilhabe aller zu gewähren, unabhän- ideologischen Aspekt und die institutionelle Verankerung
gig von ihrer jeweiligen Zugehörigkeit zu einer sozialen der Abwertung nicht-heterosexueller Menschen. 2 Die Folie
Gruppe. bietet die Norm eines dualen Geschlechtersystems von
eindeutig Mann und eindeutig Frau, die heterosexuelle Be-
ziehungen führen. Umgekehrt umfasst der Begriff der sexu-
Homophobie als sexuelles Vorurteil ellen Vielfalt alle Formen von sexueller Identität und Orien-
tierung einschließlich einer lesbischen, schwulen, bi, trans-
Aus einer sozialpsychologischen Perspektive lässt sich Ho- sexuellen, transgender bzw. queeren Ausrichtung (hier
mophobie als ein Vorurteil gegenüber nicht-heterosexuel- sind die Abkürzungen LSBT, LSBTTI* – das * signalisiert den
len Menschen definieren, das in seiner Struktur Vorurteilen Einschluss – oder international LGBTIQ, sowie unter
gegenüber anderen sozialen Gruppen ähnelt. Die alte De- Aktivist*innen auch kurz „Queers“ gebräuchlich). Das
finition eines Vorurteils, die Gordon W. Allport vorschlug Queer-Konzept versteht sowohl das biologische als auch
und die in ihren Grundzügen nach wie vor Gültigkeit hat, das soziale Geschlecht als konstruiert und strebt eine Auf-
lässt sich auch auf die Homophobie übertragen: Ein Vorur- lösung dieser Kategorien an, die immer auch Machtver-
teil ist „eine Antipathie, die sich auf eine fehlerhafte und hältnisse zementieren (Degele 2008). Das Merkmal der se-
starre Verallgemeinerung gründet. Sie kann ausgedrückt xuellen bzw. geschlechtlichen Identität, an dem die Ab-
oder auch nur gefühlt werden. Sie kann sich gegen eine wertung festgemacht wird, ist bei alledem nicht unbedingt
Gruppe als Ganzes richten oder gegen ein Individuum, „erkennbar“, sondern eine Frage des Outings und unter-
weil es Mitglied einer solchen Gruppe ist“ (Allport liegt daher einer gewissen Kontrolle durch die Betroffenen,
die aber ihren Preis im Selbstbekenntnis hat.
Diskutiert wird, inwieweit der Begriff Homophobie allein
die Abwertung von Lesben und Schwulen (also aufgrund
der sexuellen Orientierung) oder auch die Diskriminierung
von trans*-Menschen (also aufgrund der sexuellen Identi-
tät) umfassen sollte (hier wird alternativ der Begriff Trans-
phobie vorgeschlagen). Ferner wird der Begriff aufgrund
seines Zusatzes der „Phobie“ kritisiert, unterstelle dies
doch zugleich Angst als eine Ursache der Feindseligkeit,
die, wenn überhaupt, keineswegs die einzige Ursache sein
muss. Zudem vermittle der Begriff, Homophobie sei eine
individuelle Störung und kein soziales Phänomen. Alterna-
tiv wird daher im Folgenden der Begriff des sexuellen Vor-
urteils verwendet, der die Nähe zu anderen Vorurteilen
betont (Herek 2000) bzw. Homophobie im Sinne einer so-
zialen Ablehnung versteht.

Ausdrucksformen von Homophobie

Gordon W. Allport, der die moderne Vorurteilsforschung


etablierte, skizzierte fünf Eskalationsstufen der Abwertung
von sozialen Gruppen, die den Prozess, beginnend bei
scheinbar harmlosen Bemerkungen über die Vermeidung
physischer Nähe, der Diskriminierung, bis hin zu Gewalt
und schließlich der Vernichtung einer Gruppe nachzeich-
nen (vgl. Allport 1954). Diese Eskalationsstufen lassen sich
auch mit Blick auf die Homophobie wiederfinden und ma-
chen deutlich, dass abwertende Sprüche und kleine „Witz-
chen“ über homosexuelle Menschen im Alltag nicht so
harmlos sind, wie sie einigen erscheinen mögen. Erinnert
sei an die Verfolgung und Ermordung homosexueller Män-
ner während der NS-Zeit.
Im schlimmsten Fall werden Menschen auch heute noch
wegen ihrer tatsächlichen oder lediglich nur vermuteten

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Beate Küpper/Andreas Zick

Bei kirchlichen Trägern ist die


Diskriminierung gleichge-
schlechtlich Liebender immer
noch die Regel: Isa K. sitzt im
Verwaltungsgericht Augsburg.
Ihr kirchlicher Arbeitgeber
wollte der lesbischen Erziehe-
rin während ihrer Elternzeit
kündigen. Die Klage der katho-
lischen Stiftung wurde vom
Gericht abgelehnt.
picture alliance/dpa

nicht-heterosexuellen Ausrichtung überfallen oder sogar ben und ihre Liebesbeziehungen vielfach unsichtbar. Ge-
umgebracht. Ein Bericht der Organisation für Sicherheit rade darin offenbart sich eine wesentliche, wenngleich
und Zusammenarbeit in Europa (OSZE, engl.: OSCE) weist besondere Form der Diskriminierung – das Nicht-Vorkom-
für 2013 240 Fälle von Hasskriminalität gegenüber LSBTTI*- men. So gehen immer noch viele Lehrkräfte (und auch Ju-
Personen aus, die durch die Polizei gemeldet wurden. Die gend sozial ar bei ter*innen) davon aus, weder unter den Ju-
Dunkelziffer dürfte insgesamt erheblich höher liegen. Doch gendlichen, noch unter den Kolleg*innen gäbe es welche,
auch jenseits dieser Hasskriminalität finden sich viele For- die lesbisch oder schwul sind (und schon gar nicht trans*).
men der Abwertung und Ausgrenzung von nicht-heterose- Es finden sich wenig positive Abbildungen gleichge-
xuellen Menschen, die offen oder subtil zum Ausdruck kom- schlechtlicher Liebe z. B. in der Literatur, im Film oder bei
men können. Die Perspektiven von Vorurteils träger*innen der alltäglichen Darstellung von Familien, die als Orientie-
und Adressat*innen sind dabei nicht deckungsgleich und rungshilfe dienen könnten. Diese Heteronormativität ist
werden von jeweils unterschiedlichen Vorerwartungen, nicht zwangsläufig von bösem Willen getragen, sondern
vorangegangenen Erfahrungen usw. beeinflusst. Aus der von der Ignoranz der heterosexuellen Mehrheit, die sie
stärkeren Position heraus sehen Herabwürdigungen – sich leisten kann.
wenn sie überhaupt bemerkt werden – eher harmlos aus. Homophobie kann sich ganz offen in Form unmittelbarer
Aus der Perspektive der Betroffenen hingegen werden sie Beschimpfung, in der Zuschreibung von eindeutig negati-
als Einschränkung und Verletzung erlebt. ven abwertenden Stereotypen oder verhaltensnah äu-
Dabei befördert und zeugt bereits die durchaus verbrei- ßern, in dem homosexuellen Menschen z. B. nicht die glei-
tete Ansicht, die Gesellschaft sei heutzutage liberal ge- chen Rechte mit Blick auf Ehe und Familie zugestanden wer-
genüber sexueller Vielfalt, von Diskriminierung durch Blind- den wie heterosexuellen. Wenn soziale Normen der
heit und Ignoranz. Die heterosexuelle Mehrheit bemerkt Gleichwertigkeit ihre Wirkung entfalten, führt dies in der
oft gar nicht, wie selbstverständlich ihr die Heterosexuali- Regel dazu, dass Vorurteile nicht mehr so offen geäußert
tät ist, und wie sehr Nicht-Heterosexualität als eine – im werden, weil es Menschen in der Regel vermeiden, gegen
positiven Fall exotische – Abweichung von der durch die soziale Normen zu verstoßen (vgl. Sears/Henry 2003). So
dominante Mehrheit definierten „Normalität“ begriffen werden Vorurteile weniger häufig offen geäußert, weil
wird. Im Alltag sind lesbische, schwule, bi, transgender, Menschen befürchten, damit bei anderen nicht gut anzu-
trans- und intersexuelle sowie queere Menschen, ihre Le- kommen oder auch, weil sie dieselbe soziale Norm teilen

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und eigentlich nicht so vorurteilsbehaftet sein möchten. HOMOPHOBIE – ZUR ABWERTUNG
Viele Vorurteile – und das gilt auch für die Homophobie – NICHT-HETEROSEXUELLER MENSCHEN
sind jedoch im Laufe der Sozialisation erworben und tief im
kollektiven Gedächtnis verankert. So kann es passieren,
dass sie sich auf subtilem Weg Bahn brechen. Dann wer- Wahrscheinlichkeit höher, dass Einzelne ihren Vorurteilen
den Abwertungen vorsichtiger geäußert, indem weniger gegenüber Lesben, Schwulen und trans*-Menschen diskri-
harte oder auch scheinbar positive Stereotype verwendet minierende Handlungen, im schlimmsten Fall auch Gewalt
werden, die aber auf den zweiten Blick dennoch Ungleich- folgen lassen.
wertigkeit spiegeln oder dazu führen. Oder es werden tat-
sächliche oder vermeintliche Unterschiede überbetont, ei-
ner Gruppe wird Sympathie abgesprochen oder es wird Homophobie als Element Gruppenbezogener
unterstellt, sie stelle zu viele Forderungen, wie dies in der Menschenfeindlichkeit
Behauptung einer „Homo-Lobby“ zum Ausdruck kommt.
Homophobie äußert sich nicht nur in den Einstellungen von Homophobie lässt sich über die obigen Ausführungen hin-
Menschen, sondern zeigt sich ebenso in offenen oder sub- aus als ein Element eines Syndroms Gruppenbezogener
tilen Formen von Diskriminierung. Diskriminierung kann Menschenfeindlichkeit verstehen (Heitmeyer 2002), das
dabei auf der individuellen Ebene ablaufen, etwa wenn die Abwertung und Ausgrenzung einer ganzen Reihe von
ein*e homosexuelle*r Kolleg*in nicht zu einem Pärchen- sozialen Gruppen umfasst. Im Kern des Syndroms steht
Abend eingeladen wird. Diskriminierung findet aber auch eine Ideologie der Ungleichwertigkeit, die Menschen-
auf der institutionellen bzw. strukturellen Ebene statt. Hier feindlichkeit gegenüber diversen Gruppen speist. Empi-
ist die Ungleichwertigkeit im Recht der Eheschließung und risch bestätigt sich der enge Zusammenhang von unter-
bei der Adoption von Kindern, oder der durchaus zäh ab- schiedlichen Vorurteilen: Wer eine Gruppe abwertet, wer-
laufenden Gleichstellung in anderen rechtlichen Berei- tet mit einer höheren Wahrscheinlichkeit auch weitere
chen, etwa der Rente von Verwitweten, besonders augen- Gruppen ab. So ist es im Durchschnitt der Bevölkerung
fällig. Bei kirchlichen Trägern ist die Diskriminierung sogar recht selten, dass eine Person „nur“ homophob ist, ansons-
gesetzlich verankert. Die verschiedenen Ebenen von Dis- ten aber keine Vorurteile hat. Der Zusammenhang zwi-
kriminierung sind dabei nicht unabhängig voneinander. schen Abwertungen verschiedener Gruppen erklärt sich
Vielmehr sind es Entscheidungen von Individuen, getragen durch die Zustimmung zu einer Ideologie der Ungleichwer-
von einer jeweiligen Haltung, die Regelungen, Gesetze tigkeit, die Hierarchien zwischen sozialen Gruppen befür-
und Strukturen schaffen, und umgekehrt prägen diese die wortet und Gleichwertigkeit ablehnt. Homophobe Einstel-
Individuen. Wenn beispielsweise das Thema „Sexuelle lungen hängen besonders eng mit Sexismus und Antisemi-
Vielfalt“ nicht im Schulunterricht vorkommt, lernen tismus zusammen, aber auch mit allen anderen Elementen
Schüler*innen nicht-heterosexuelle Orientierungen auch Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Dazu gehö-
nicht als eine Möglichkeit sexueller Identität kennen. Dies ren Fremdenfeindlichkeit, ethnischer Rassismus, die Abwer-
macht es wahrscheinlicher, dass sie diese sexuellen Iden- tung von Muslimen, von Sinti und Roma und Asyl suchen-
titäten als „unnormal“ oder „abweichend“ verstehen, was den Menschen, aber auch von obdachlosen, langzeitar-
dann wiederum die Grundlage für Abwertungen und Aus- beitslosen und behinderten Menschen, ebenso wie ganz
grenzung bietet. Schüler*innen, die selbst noch auf der allgemein die Zustimmung zu Vorrechten für Etablierte.
Suche nach der eigenen sexuellen Identität und Orientie- Im Rahmen der Langzeitstudie zur Gruppenbezogenen
rung sind, werden in ihrer Entwicklung nicht unterstützt. Menschenfeindlichkeit (Heitmeyer 2002–2011) und aktuell
Ihnen wird vielmehr gleich am Anfang dieser Suche der erneut in der Studie „Fragile Mitte“ (Zick/Klein 2014) wurde
Findungsprozess erschwert, ganz zu schweigen von damit auch Homophobie erhoben. Darüber hinaus wurden in der
einhergehenden Erfahrungen des Nicht-Vorkommens, des ZuGleich-Studie 2013/14 (Zick/Preuss unter Mitarbeit von
sich „unnormal“-Fühlens und der offenen Abwertung und Berghan/Bause 2014) homophobe Einstellungen erfasst.
Diskriminierung. 2008 haben wir ergänzend dazu repräsentative Erhebun-
Vorurteile (als Einstellung) und Diskriminierung (als Verhal- gen in acht europäischen Ländern vorgenommen (Zick/
ten) korrespondieren zwar nicht zwangsläufig miteinan- Küpper/Hövermann 2011). 3 Durchgeführt wurden reprä-
der, stehen aber doch in einem Zusammenhang (Schütz/ sentative Bevölkerungsumfragen, in denen jeweils rund
Six 1996). So legitimieren und befördern bestehende Vor- 2.000 Personen ab 16 Jahren telefonisch befragt wurden.
urteile die Diskriminierung und umgekehrt tragen diskrimi- Hier wird grob nach den Einstellungen in der Mehrheitsbe-
nierende Strukturen zur Aufrechterhaltung von Vorurteilen völkerung gefragt, wobei nicht zwischen Einstellungen ge-
bei. Ein etabliertes, empirisch gut geprüftes sozialpsycho- genüber lesbischen und schwulen Menschen unterschie-
logisches Modell über den Zusammenhang von Einstellun- den wird und Einstellungen gegenüber bi-und intersexuel-
gen und Verhaltensweisen betont hierbei die Rolle von so- len sowie trans*-Menschen nicht berücksichtigt werden.
zialen Normen, der vermuteten Einstellung von wichtigen Über Einstellungen von Jugendlichen geben vor allem zwei
Bezugspersonen und der Möglichkeit, ein Verhalten auch große Befragungen von Schüler*innen in Berlin Auskunft
auszuüben (Ajzen/Fishbein 2005). Wenn soziale Normen (Klocke 2012; Baier/Pfeiffer 2011).
der Gleichwertigkeit von nicht-heterosexuellen Menschen Während diese Studien die Täter*innenperspektive be-
nicht eindeutig sind, indem sie z. B. nicht klar kommuniziert leuchten, fragen einige wenige Studien auch danach, wie
werden oder Gesetze nach wie vor diskriminieren, und die von Abwertung und Ausgrenzung Betroffenen diese er-
wenn angenommen wird, dass wichtige Andere wie leben. Hier liegen große Studien von LesMigraS mit lesbi-
Freunde oder Vorbildpersonen aus Politik und Medien schen, bisexuellen und Trans*-Befragten aus dem Jahr
ebenfalls abwertend eingestellt sind (z. B. auch, weil sie 2012 für Deutschland sowie der European Agency for Fun-
keine klare Position für Gleichwertigkeit beziehen), ist die damental Rights (FRA) – 2014 in allen 27 Mitgliedstaaten

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Beate Küpper/Andreas Zick
durchgeführt – vor, die online LSBTTI*-Personen nach ihren der zweiten Aussage zu und umgekehrt – und wurden für
Diskriminierungserfahrungen befragte. Ebenfalls online die weiteren Auswertungen zu einer zuverlässigen Skala
haben wir im Rahmen einer Masterarbeit an der Hoch- zusammengefasst (Cronbach’s alpha =.79). Nach wie vor
schule Niederrhein Betroffene nach ihren Wahrnehmun- lehnen 18 Prozent die gleichgeschlechtliche Ehe ab, wei-
gen und Erfahrungen von offenen und subtilen Formen der tere acht Prozent antworten hier mit „teils-teils“ (ZuGleich-
Diskriminierung befragt und den Zusammenhang mit dem Studie 2013/14) und ebenso viele sind der Ansicht „Bei ei-
physischen und psychischen Wohlbefinden analysiert nem gleichgeschlechtlichen Elternpaar ist das Kindeswohl
(Kappel/Küpper 2015). Ergebnisse aus dieser Studie wer- gefährdet“ (17 Prozent stimmen hier eher oder voll zu, wei-
den hier erstmals vorgestellt. tere 13 Prozent mit „teils-teils“; ebd.). Noch mehr Befragte
lehnen die Aussage ab, „schon Kinder sollten lernen, dass
Homosexualität absolut natürlich ist“ (19 Prozent stimmen
Verbreitung von Homophobie in der Bevölkerung hier eher nicht oder überhaupt nicht zu, weitere 14 Prozent
antworten mit „teils-teils“; ebd.). Im Vergleich zu anderen
In den vergangenen Jahren ist das Ausmaß homophober europäischen Ländern liegt das Ausmaß von Homophobie
Einstellungen nahezu kontinuierlich gesunken. Waren es in Deutschland im Mittelwert, ungefähr gleichauf mit Groß-
im Erhebungsjahr 2005 des GMF-Surveys noch knapp 22 britannien und Frankreich, während in den Niederlanden
Prozent der befragten deutschen Bevölkerung über 16 Jah- homophobe Einstellungen deutlich weniger, in den süd-
ren, die homophoben Einstellungen zustimmten, sank diese und vor allem osteuropäischen Ländern stärker verbreitet
Zahl auf nur noch zwölf Prozent der Befragten in der Studie sind (vgl. Zick/Küpper/Hövermann 2011).
„Fragile Mitte“ 2014 (hierfür wurden beide Items zu einer Rund ein Drittel der Befragten weist homosexuellen Perso-
Mittelwertskala zusammengefasst und Werte auf der nen dabei selbst die Schuld an ihrer Ablehnung zu, wie sie
4-stufigen Skala von > 2,5 als Zustimmung gewertet. Bei- dies übrigens auch mit Bezug auf andere soziale Gruppen
spielsweise stimmten rund 20 Prozent der Befragten 2014 tun, gegen die sich Vorurteile richten (z. B. Eingewanderte,
eher oder sogar voll und ganz der Aussage zu, „es ist ekel- Muslime oder Juden) (Zick/Küpper 2005). Rund ein Fünftel
haft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen“ der Befragten war im Erhebungsjahr 2005 des GMF-Sur-
(Klein/Groß/Zick 2014). Zwölf Prozent waren der Ansicht, veys noch bereit, die eigenen abwertenden Einstellungen
„Homosexualität [ist] unmoralisch“ (ebd.). Beide Aussagen auch in diskriminierende Handlungen zu übersetzen. Hier
korrelieren hoch miteinander – d. h. wer der ersten Aus- gaben 20 Prozent der Befragten an, als (potenzielle)
sage zustimmt, stimmt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Vermieter*innen würden sie keine Wohnung an Homose-

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xuelle vermieten. Die Bereitschaft zu dieser Diskriminie- HOMOPHOBIE – ZUR ABWERTUNG
rung von gleichgeschlechtlich Liebenden hängt dabei em- NICHT-HETEROSEXUELLER MENSCHEN
pirisch recht eng mit homophoben Einstellungen zusam-
men, d. h. beides geht bei vielen Menschen Hand in Hand
(Korrelation r =.54). Bemerkenswert ist umgekehrt, dass Studie „Fragile Mitte“ (2014) haben sich auch schon zuvor
die Befragten selbst eine liberalere Haltung gegenüber in der GMF-Studie weitgehend ähnlich abgezeichnet, sind
der gleichgeschlechtlichen Ehe vertreten, als sie dies von also nicht neu (u. a. Küpper/Zick 2012 auf Basis des GMF-
ihren eigenen Freund*innen und Bekannten vermuten. So Surveys).
befürworteten im Erhebungsjahr 2004 58 Prozent der Be-
fragten die gleichgeschlechtliche Ehe, jedoch vermuteten Ost-Westdeutschland und Geschlecht
nur 48 Prozent derselben Befragten, mehr als die Hälfte Ostdeutsche Befragte (15 %) neigen etwas mehr zur Ho-
oder alle ihre Bekannten wären der gleichen Ansicht. Ein- mophobie als westdeutsche Befragte (10,5 %), und Män-
gedenk der Wirkmächtigkeit sozialer Normen, die auch ner (13 %) tun dies etwas mehr als Frauen (knapp 11 %)
von einer vermuteten Mehrheit bestimmt werden, sowie (letzteres durchgehend seit 2002; Küpper/Zick 2011). Die
der bereits skizzierten Bedeutung, die die angenommenen Unterschiede im Ausmaß von Homophobie zwischen die-
Einstellungen von wichtigen Bezugspersonen – wie sen Gruppen sind zwar statistisch signifikant, absolut ge-
Freund*innen und Bekannte – für die eigenen Einstellungen sehen jedoch nicht sehr groß.
haben, kann diese Diskrepanz eine Entwicklung der Ge-
sellschaft hin zu mehr Akzeptanz bremsen. Alter
So positiv die insgesamt abnehmende Homophobie auf
den ersten Blick erscheint, muss jedoch mit Besorgnis die
Unterschiede zwischen demographischen Gruppen unterschiedliche Entwicklung bei älteren und jüngeren Be-
im Ausmaß von Homophobie fragten zur Kenntnis genommen werden. Viele Jahre lang
galt für die Homophobie, was auch für etliche andere Vor-
Nun sind homophobe Einstellungen keineswegs in allen urteile (z. B. für Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus)
Bevölkerungsgruppen gleichermaßen verbreitet. Im fol- gilt: Je älter die Befragten, desto homophober waren sie.
genden Abschnitt werden Unterschiede zwischen Bevölke- Man war versucht anzunehmen, es sei lediglich eine Frage
rungsgruppen berichtet, unterteilt nach demographischen der Zeit, bis homophobe Einstellungen verschwunden seien.
Merkmalen. Die hier beschriebenen Tendenzen aus der Doch die neuen Befunde geben wenig Hoffnung zu dieser
Annahme. In 2014 bestätigt sich zwar das bereits aus den
GMF-Studien bekannte Bild von besonders hohen Zustim-
mungswerten bei den älteren Befragten über 60 Jahren
(21 %). Anders als in den Jahren zuvor – und dies hatte sich
bereits in den GMF-Studien angedeutet – ist Homophobie
jedoch auch unter den unter 30-Jährigen (13,5 %) wieder
stärker verbreitet, während im mittleren Erwachsenenalter
bei den 31- bis 60-Jährigen die geringste Neigung zur Ab-
wertung homosexueller Menschen (5 %) zu Tage tritt.
Die Berliner Jugendstudie von Dirk Baier und Christian
Pfeiffer (2011), die eine weitgehend ähnliche Erfassung von
Homophobie verwendet, weist 15 Prozent der Jugendli-
chen mit deutschem Hintergrund als feindselig gegenüber
homosexuellen Menschen eingestellt aus, unter allen Ju-
gendlichen einschließlich derer mit Migrationshintergrund
ist der Anteil noch höher (27 %). Da die Berliner Stichprobe
einerseits überdurchschnittlich viele migrantische Jugend-
liche aufweist (mit höherer Zustimmung), aber zugleich in
Richtung eines höheren angestrebten Schulabschlusses
positiv bildungsverzerrt ist (was für geringere Zustimmun-
gen spricht) und andere Studien auf niedrigere Zustim-
mungswerte in Großstädten im Vergleich zu ländlichen
Gebieten verweisen, muss angenommen werden, dass
bundesweit die Zustimmungswerte bei Jugendlichen eher
Ein homosexuelles männliches über den hier berichteten 15 Prozent liegen.
Paar aus Stuttgart am „Gay &
Gay-Stammtisch“ im schwul- Migrationshintergrund
lesbischen Zentrum in der In der Tendenz neigen Befragte mit Migrationsgeschichte
Weissenburg. Bei Befragungen (hierunter sind Personen mit diversen kulturellen, vor allem
und Langzeitstudien zeichnet türkischen und ost-europäischen Hintergründen summiert)
sich im Zeitverlauf eine libe- eher zu homophoben Einstellungen als Befragte ohne Mi-
ralere Haltung gegenüber grationshintergrund, wobei die Unterschiede im GMF-Sur-
gleichgeschlechtlichen Ehen vey, der erwachsene Personen befragt, nicht sehr groß
ab. sind. Die Berliner Jugendstudie von Baier und Pfeiffer
picture alliance/dpa (2011; ebenfalls Simon 2008) verweist hingegen auf ein

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Beate Küpper/Andreas Zick
deutlich höheres Ausmaß an Homophobie unter migranti-
schen Jugendlichen mit diverser Herkunftsgeschichte, dar-
unter vor allem Jugendliche aus muslimisch und christlich-
orthodox geprägten Ländern (aus der Türkei, aus Arabien,
aus dem ehemaligen Jugoslawien und der ehemaligen So-
wjetunion Kommende sowie Jugendliche mit asiatischen
und süd-europäischen Hintergründen); lediglich Jugendli-
che aus nord- und westeuropäischen Ländern und Polen
fallen weniger durch Homophobie auf. Im Vergleich zu an-
deren möglichen Nachbar*innen (u. a. aus anderen Län-
dern, Sinti und Roma, Dunkelhäutige) sind Homosexuelle
neben Menschen jüdischen Glaubens bei vielen Jugendli-
chen als mögliche Nachbar*innen besonders unbeliebt.
Nun ist aber der Schluss, gerade migrantische Jugendliche
seien besonders homophob, etwas voreilig. Wie bereits
die oben vorgestellten Befunde – differenziert nach ver-
schiedenen Bevölkerungsgruppen – andeuten, stimmen
junge Menschen mit Migrationsgeschichte zwar auch im
GMF-Survey homophoben Einstellungen eher zu als junge
Menschen ohne Migrationshintergrund. Allerdings zeich-
net sich auch bei Befragten mit Migrationsgeschichte eine
Zunahme von Homophobie mit dem Alter ab, die nur weni-
ger steil verläuft. Ältere Personen mit und ohne Migrations-
geschichte sind besonders homophob und unterscheiden
sich nicht in ihrer abwertenden Haltung (um eine aus-
reichend große Stichprobe zu erhalten, wurden die Daten
aller Erhebungsjahre des GMF-Surveys 2002–2011 zu-
sammengespielt). Die Daten spiegeln also recht ähnliche
Entwicklungen in der migrantischen wie in der nicht-mig-
rantischen Bevölkerung wider, die lediglich etwas zeitver-
zögert ablaufen.
Diese unterschiedlichen Zustimmungswerte sprechen ers- Gegner der Homo-Ehe in Michigan: Aus den USA liegen
tens dafür, dass Homophobie eben doch nicht ausschließ- recht viele Studien vor, die immer wieder den Zusammen-
lich durch Ängste vor der eigenen Sexualität verursacht ist, hang von Religiosität und Homophobie bestätigen – mit
denn damit dürften sich ältere Menschen mit den Jahren zunehmender Religiosität steigt auch die Homophobie. In
eher arrangiert haben. Und zweitens geben sie Hinweise deutschen Studien bestätigte sich dieser Zusammenhang
auf die Bedeutung einer jeweiligen Sozialisation ein- ebenfalls. picture alliance/dpa
schließlich übermittelter sozialer Normen von dem, was
„normal“ ist, sowie von Genderrollen und Männlichkeits-
bildern. Diese unterliegen der Veränderung und sind zu- nicht signifikant; aufgrund der geringen Fallzahl in der re-
gänglich für Chancen der Prävention und Intervention, die präsentativen Stichprobe kann über Befragte mit einer an-
offenbar noch nicht ausreichend genutzt werden. deren Religionszugehörigkeit keine Aussage getroffen
werden; die selbst eingeschätzte Religiosität wurde in der
Religion Studie „Fragile Mitte“ (2014) nicht erfasst. Ganz sicher hat
Aus den USA liegen recht viele Studien vor, die immer wie- die Akzeptanz sexueller Vielfalt auch unter religiösen Men-
der den Zusammenhang von Religiosität und Homophobie schen in den vergangenen Jahren zugenommen, wie die
bestätigen – mit zunehmender Religiosität steigt auch die über die Jahre sinkenden Zustimmungswerte im GMF-Sur-
Homophobie (Whitley 2009). Auch im GMF-Survey bestä- vey zeigen. Es bleibt abzuwarten, ob sich dieser Trend fort-
tigte sich dieser Zusammenhang. Noch deutlicher war der setzt.
Einfluss einer fundamentalistischen Haltung, die die ei-
gene Religion als die einzig wahre bzw. anderen überle- Bildung und Einkommen
gen betrachtet. Der verstärkende Einfluss der Religiosität Wie bei anderen Vorurteilen auch, sinkt die Zustimmung zu
und einer fundamentalistischer Haltung auf Homophobie Homophobie mit zunehmendem Einkommen und deutlicher
(und auch auf Sexismus) war stets deutlicher ausgeprägt noch mit wachsender Schulbildung (Auswertungen aus der
als auf andere Elemente der Gruppenbezogenen Men- Studie Fragile Mitte 2014 für diesen Beitrag). Unter Befrag-
schenfeindlichkeit (s. dazu Küpper/Zick 2014). Im GMF- ten mit niedrigem Schulabschluss stimmen 18 Prozent, mit
Survey zeichnete sich über zehn Jahre hinweg ebenfalls mittlerer Schulbildung elf Prozent und mit höherer Schulbil-
ein Einfluss der Konfessionszugehörigkeit ab: Katho lik*- dung sechs Prozent homophoben Einstellungen zu. 16 Pro-
innen, Protestant*innen und besonders Muslim*innen neig- zent der Befragten mit niedrigem Einkommen (Netto-Äqui-
ten deutlich mehr zu Homophobie als Konfessionslose. Al- valenzeinkommen < 70 Prozent des Medians), zehn Prozent
lerdings verliert die Konfessionszugehörigkeit 2014 an Be- derjenigen mit mittlerem Einkommen und nur sechs Prozent
deutung; Katholik*innen (10 %) und Protestant*innen (12 %) derjenigen mit höherem Einkommen (Netto-Äquivalenzein-
sind nun nicht mehr homophober als Konfessionslose kommen > 150 Prozent des Medians) stimmen homophoben
(knapp 11 %). (Die geringen Abweichungen sind statistisch Einstellungen zu. Der Einfluss des Einkommens auf die Ho-

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HOMOPHOBIE – ZUR ABWERTUNG
NICHT-HETEROSEXUELLER MENSCHEN

zent), 39 Prozent zum Sexismus (versus sieben Prozent), 24


Prozent zum ethnischen Rassismus (versus 6,5 Prozent) und
54 Prozent klagen zugleich Vorrechte für Etablierte ein (ver-
sus 36 Prozent) (Auswertungen für diesen Beitrag).
Auch der enge Zusammenhang mit rechtsextremen Einstel-
lungen und der generellen Haltung zur Demokratie wird
deutlich. Von links nach rechts nimmt die Homophobie zu:
Personen, die sich politisch selbst links verorten, neigen am
wenigsten zu homophoben Einstellungen (7 %). Unter den-
jenigen, die sich rechts sehen, sind sie hingegen am wei-
testen verbreitet (19 %), in der Mitte liegt die Zustimmung
dazwischen (11 %). Homophobe Befragte stimmen zudem
allen sechs Dimensionen rechtsextremer Einstellungen, die
in der Studie „Fragile Mitte“ berücksichtigt wurden, eher zu
als jene, die als nicht-homophob eingestuft wurden. Bei-
spielsweise verharmlosen sieben Prozent der homopho-
ben Befragten, aber nur ein Prozent der nicht-homopho-
ben Befragten den Nationalsozialismus; 13 Prozent der
homophoben Befragten, aber nur drei Prozent der nicht-
homophoben Befragte befürworten eine rechtsgerichtete
Diktatur. Deutlich demokratiekritisch äußern sich von den
homophoben Befragten fast 60 Prozent, von den nicht-ho-
mophoben Befragten allerdings auch noch 47 Prozent. Als
Indiz für eine demokratiekritische Haltung galt hier die ein-
deutige Zustimmung u. a. zu den Aussagen „Die demokra-
tischen Parteien zerreden alles und lösen die Probleme
nicht“ und „Politiker nehmen sich mehr Rechte heraus als
normale Bürger“.

mophobie bleibt auch dann bestehen, wenn die Schulbil-


dung statistisch korreliert wird. Der Einfluss von Bildung und Erfahrungen der Ablehnung und Diskriminierung
Einkommen auf das Ausmaß von Homophobie ist ver- von Seiten von LSBTTI*-Menschen
gleichsweise eher schwach, gemessen an dem Einfluss, den
diese beiden Faktoren auf andere Elemente der Gruppen- In der Online-Befragung der EU-Grundrechteagentur FRA
bezogenen Menschenfeindlichkeit, insbesondere die Frem- berichten 46 Prozent der LSBTTI*-Personen aus Deutsch-
denfeindlichkeit haben, die mit zunehmender Bildung bzw. land, in den vergangenen zwölf Monaten aufgrund ihrer
Einkommen noch deutlicher sinken. sexuellen Ausrichtung diskriminiert oder belästigt worden
Insgesamt neigen ältere Männer mit niedriger Schulbil- zu sein. Besser sieht dies insbesondere in den Benelux-
dung in Ost- wie in Westdeutschland besonders zur Ho- 16staaten und den nordeuropäischen Ländern aus. Mehr
mophobie, während junge Frauen mit höherer Schulbil- noch als schwule Männer berichten lesbische Frauen von
dung in Ost- wie in Westdeutschland dies besonders we- Diskriminierung bzw. Belästigung. Diskriminierung wird am
nig tun (Auswertung aus dem GMF-Survey 2002–2011 für Arbeitsplatz bzw. der Stellensuche, aber mehr noch außer-
diesen Beitrag). halb der Berufswelt erlebt. Sechs Prozent der Befragten
berichten sogar davon, in den vergangenen zwölf Mona-
ten Opfer von angedrohter oder ausgeführter Gewalt ge-
Homophobie als Ausdruck von worden zu sein, die sie auf ihre sexuelle Ausrichtung zu-
Demokratiefeindlichkeit rückführen. Fast alle Befragten berichten, während ihrer
Schulzeit negative Bemerkungen oder Verhaltensweisen
Wie bereits eingangs gesagt, lässt sich Homophobie als ein durch Mitschüler*innen gegenüber LSBTTI-Menschen
Element eines Syndroms Gruppenbezogener Menschen- miterlebt zu haben. Zwei Drittel der Betroffenen gaben
feindlichkeit verstehen und empirisch nachzeichnen (u. a. auch in Deutschland (68 %) an, ihre sexuelle Ausrichtung
Groß/Zick/Krause 2012). Auch in der Studie „Fragile Mitte“ während ihrer Schulzeit weitgehend verschwiegen zu
(2014) bestätigt sich der enge Zusammenhang von Homo- haben.
phobie mit abwertenden Einstellungen gegenüber anderen In einer im Spätherbst 2014 im Rahmen einer Masterarbeit
sozialen Gruppen. So neigen von den zwölf Prozent der Be- an der Hochschule Niederrhein (Kappel/Küpper 2015)
fragten, die eindeutig als homophob bezeichnet werden durchgeführten eigenen Online-Befragung mit über 500
können, beispielsweise 44 Prozent ebenfalls zu Fremden- bekennend lesbischen und schwulen Teilnehmer*innen
feindlichkeit (versus 17 Prozent der als nicht-homophob ein- gab eine überwältigende Mehrheit der Befragten an,
gestuften Befragten), 31 Prozent zum Antisemitismus (versus schon einmal ein positives Echo auf ihre homosexuelle Ori-
5,5 Prozent), 44 Prozent zur Islamfeindlichkeit (versus 14 Pro- entierung erlebt zu haben und rund 80 Prozent meinten, ihre

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Beate Küpper/Andreas Zick
sexuelle Ausrichtung hätte als ganz normal gegolten bzw. Diskriminierungserfahrungen, wobei LSBTTI*-Menschen,
sei kein großes Thema gewesen. Dennoch berichten zwei die einer ethnischen Minderheit angehören (people of co-
Drittel der Befragten ebenfalls davon, schon einmal Opfer lour) und Trans*Menschen besonders häufig sexualisierter
von dummen Sprüchen, abwertenden Bemerkungen oder Gewalt ausgesetzt sind.
Vorurteilen geworden zu sein. Schwule Männer erfuhren
dies noch häufiger als lesbische Frauen. Ein Drittel berichtet
davon, schon einmal körperliche Gewalt oder Bedrohung Schlussbemerkung
erlebt zu haben, und über die Hälfte der Befragten gab
konkrete Benachteiligungen, z. B. bei der beruflichen Be- Es erscheint zutiefst gemein, die Liebe zwischen zwei Men-
wertung oder der Wohnungssuche, an. Ähnlich wie in der schen moralisch abzuwerten, zu erschweren und Men-
EU-Studie berichten sechs Prozent der lesbischen Frauen schen aufgrund ihrer Liebe auszugrenzen, gilt doch die
und zehn Prozent der schwulen Männer davon, aufgrund Liebe mehr als alles andere gemeinhin als etwas Positives
ihrer sexuellen Ausrichtung schon einmal bedroht worden und eine glückliche Beziehung zählt zu den wichtigsten
zu sein; drei respektive fünf Prozent haben nach eigenen Wünschen, die Menschen haben. Für junge Menschen, die
Angaben bereits Gewalt erlebt. Die von den Befragten be- ihre Sexualität und Liebe gerade erst entdecken, ist diese
richteten Diskriminierungserfahrungen verringerten signifi- damit von Anfang an belastet und muss mit Mut erkämpft
kant ihr Wohlbefinden – je häufiger von Diskriminierungen werden. Im weiteren Verlauf wird gleichgeschlechtlichen
berichtet wurde, desto geringer das physische und psychi- Menschen die Gründung einer Familie erschwert, während
sche Wohlbefinden der Befragten, was sich u. a. in einer gleichzeitig die Familie als hohes Gut gilt. Hinter diesen
gedrückten Stimmung, geringerer Ausgeglichenheit und Widersprüchlichkeiten steckt eine jahrhundertelange Ge-
Selbstsicherheit sowie typischen Stresssymptomen wie schichte der Diskriminierung. Die Befunde über die Ver-
Nervosität, Schlafstörungen, Kopfschmerzen oder Unwohl- breitung von Homophobie in der Bevölkerung und die
sein zeigt. Die große Befragung von LesMigraS (2012) Wahrnehmungen und Erfahrungen der von Homophobie
kommt zu recht ähnlichen Angaben über die Häufigkeit von betroffenen Menschen zeigen, dass sexuelle Vielfalt noch
keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist und der Kampf
um Gleichwertigkeit und Gleichstellung auch gegen Vor-
urteile geführt werden muss. Besorgnis wecken die sich
häufenden Hinweise auf reaktionäre Bestrebungen, die
AUTORIN/AUTOR

Anstrengungen um sexuelle Vielfalt zurückzuschrauben. Es


ist bemerkenswert, dass in diesem Zusammenhang der Be-
griff der „(Gender- oder Regenbogen-)Ideologie“ als
Kampfbegriff verwendet wird, um Anstrengungen für mehr
Gleichwertigkeit zu diskreditieren.
Die Befunde bilden jedoch auch die positiven Entwicklun-
gen in den vergangenen Jahren hin zu mehr Gleichwertig-
keit und weniger Vorurteilen ab. Zugleich gibt die anstei-
gende Homophobie bei jungen Menschen Anlass, hier
Prof. Dr. Beate Küpper ist Professorin für Soziale Arbeit in Grup- präventiv aktiv zu werden. Noch fristet das Thema sexuelle
pen und Konfliktsituationen an der Hochschule Niederrhein. Sie Vielfalt häufig ein Nischendasein. Es gibt vereinzelte Pro-
arbeitet vor allem zu den Themen Vorurteile und Diskriminierung, jekte, z. B. von der Initiative „Schule der Vielfalt“, und ein-
Diversity und Integration. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin am zelne Fachtagungen mit überdurchschnittlich vielen
Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Teilnehmer*innen, die sich selbst als LSBTTI* identifizieren.
Universität Bielefeld hat sie viele Jahre im Langzeitprojekt Grup- Aus den Erfahrungen mit Intervention und Prävention las-
penbezogene Menschenfeindlichkeit in Deutschland gearbeitet sen sich drei Empfehlungen für die Intervention und Präven-
und das gleichnamige Projekt in Europa koordiniert. tion abgeben:
l LSBTTI*-Jugendliche benötigen auf sie zugeschnittene
(sozial-)pädagogische Angebote, die sie im Sinne eines
Empowerments in ihrer Entwicklung unterstützen.
l Das Thema sexuelle Vielfalt ist als eine Querschnittsauf-
gabe zu begreifen, die alle Menschen – Jugendliche
und Erwachsene – und Institutionen etwas angeht und
einschließt, hängt doch die Durchsetzung von Gleich-
wertigkeit ganz wesentlich auch von den „Nicht-Betrof-
fenen“ ab.
l Das Thema sexuelle Vielfalt ist als Querschnittsthema
umzusetzen, dass eben nicht allein in einzelnen Projek-
ten seinen Platz findet, sondern regelmäßig aufgegrif-
Prof. Dr. Andreas Zick ist Direktor des Instituts für Interdisziplinäre fen wird, um dem Blick auf sexuelle Vielfalt mehr Raum zu
Konflikt- und Gewaltforschung und Professor für Sozialisation und geben. Die Anstrengung um mehr Gleichwertigkeit
Konfliktforschung an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der nicht-heterosexueller Menschen ist eine gesamtgesell-
Universität Bielefeld. Er hat an den Universitäten Bielefeld, Bo- schaftliche Aufgabe, an deren Umsetzung sich, wie dies
chum, Dresden, Jena und Wuppertal gelehrt und forscht seit den auch mit Blick auf andere Elemente Gruppenbezogener
1980er-Jahren zum Thema Vorurteile. Menschenfeindlichkeit gilt, die demokratische Qualität
einer Gesellschaft bemisst.

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deren Einflussvariablen. Abschlussbericht für die Senatsverwaltung Zick, Andreas/Preuss, Madlen (2014): ZuGleich – Zugehörigkeit und (Un)
Berlin. Gleichwertigkeit, Zwischenbericht zur Studie. URL: http://www.uni-
Küpper, Beate/Zick, Andreas (2011): Geschlecht und Vorurteile. Eine em- bielefeld.de/ikg/projekte/ZuGleich/ZuGleich_Zwischenbericht.pdf
pirische Analyse. In: Birsl, Ursula (Hrsg.): Rechtsextremismus und Ge- [15.2.2015].
schlecht. Opladen, S. 187–210.
Küpper, Beate/Zick, Andreas (2012; Aktualisierung in 2015):. Homophobie
in Nordrhein-Westfalen. Sonderauswertung der Daten des Surveys
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Deutschland. Expertise im ANMERKUNGEN
Auftrag des Ministeriums für Gesundheit Emanzipation, Pflege und Alter
Nordrhein-Westfalen. 1 LesMigraS ist der Antidiskriminierungs- und Antigewaltarbeitsbereich
Küpper, Beate/Zick, Andreas (2014): Schützt Religiosität vor Menschen- der Lesbenberatung Berlin e. V. und steht für lesbische/bisexuelle
feindlichkeit oder befördert sie sie? In: Bieler, Andrea/Wrogemann, Migrant*innen, Schwarze Lesben und Trans*Menschen.
Henning (Hrsg.): Was heißt hier Toleranz? Neukirchen-Vluyn, S. 146– 2 Vergleiche hierzu auch den Beitrag von Kurt Möller in diesem Heft.
163. 3 Die GMF-Langzeitstudie wurde durch ein Stiftungskonsortium unter
LesMigraS/Castro Varela, María do Mar (2012): „… Nicht so greifbar und Federführung der VolkswagenStiftung, unter Beteiligung der Freudenberg
doch real …“ – Eine quantitative und qualitative Studie zu Gewalt und Stiftung sowie der Möllgaard Stiftung gefördert; die Studie „Fragile Mitte“
(Mehrfach-)Diskriminierungserfahrungen von lesbischen, bisexuellen durch die Friedrich-Ebert Stiftung und die ZuGleich-Studie durch die Mer-
Frauen und Trans* in Deutschland. Berlin. cator Stiftung.

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HETEROSEXISMUS UND ANTIHOMOSEXUELLE EINSTELLUNGEN

Heterosexismus bei Jugendlichen –


Erscheinungsweisen und ihre Begünstigungs-
sowie Distanz(ierungs)faktoren
Kurt Möller

chen, also bei Personen, die sich per definitionem in einer


„Das ist ja voll schwul …!“ – Solche und ähnliche Äuße- Lebensphase befinden, in der der Bildung von (u. a. sexuel-
rungen sind unter Kindern und Jugendlichen weit verbrei- ler) Identität eine besondere Bedeutung zukommt. Dabei
tet. Wie sind solche antihomosexuellen Äußerungen wird zunächst in einem ersten Schritt geklärt, wie die in
einzuordnen? Wie erklärt sich ihr Zustandekommen? den obigen Beispielen zum Ausdruck gelangende Abwer-
Kurt Möller nimmt zunächst eine begriffliche Klärung vor, tungsproblematik eigentlich am sachadäquatesten be-
um sexuell konnotierte Abwertungen angemessen erfas- grifflich zu fassen ist. Anschließend wird in einem zweiten
sen zu können. Anstatt „Homophobie“ wird von Kurt Möl- Schritt unter quantitativen Aspekten auf ihre Verbreitung
ler der aus seiner Sicht begrifflich präzisere Begriff „He- und ihre Struktur geblickt. Danach werden unter qualitati-
terosexismus“ eingeführt. Im Folgeschritt werden anhand ven Gesichtspunkten die Auftrittsweisen näher betrachtet.
empirischer Befunde Ausmaß und Verbreitung antihomo- Um Ursachen bzw. Risikofaktoren für deren Zustande-
sexueller Haltungen bei Jugendlichen skizziert. Quanti- kommen aufdecken zu können, werden noch im selben
tative Datenerhebungen sind für (sozial-)pädagogische Schritt ihre Entstehungshintergründe auf der Folie zentraler
Zwecke nicht ausreichend. Daher werden anschließend Sozialisationserfahrungen von Jugendlichen zu eruieren
Auszüge aus Interviews mit Jugendlichen vorgestellt, die
im Rahmen einer Längsschnittstudie entstanden. Die In-
terviewpassagen zeigen Ausprägungen, Auftrittsweisen
und Entstehungshintergründe antihomosexueller Einstel-
lungen. Ein Blick auf die prägenden Sozialisationserfah-
rungen der interviewten Jugendlichen verdeutlicht be-
günstigende Faktoren für antihomosexuelle Einstellun-
gen und Haltungen, benennt aber auch solche, die im
Zeitverlauf zu einer Distanzierung bzw. Einstellungsän-
derung führen können. Ein kurzes Fazit rundet den Bei-
trag ab.

„Das ist ja voll schwul …!“

„Da kämen wir in Schwulitäten …“, „Schwul mich nicht an!“,


„Schiedsrichter, du schwule Sau!“ – Redeweisen und Be-
schimpfungen wie diese sind mehr oder weniger alltäglich
zu vernehmen. In Besprechungen, in der S-Bahn, auf dem
Fußballplatz – dort und anderswo ist der pejorative Ge-
brauch des Wortes „schwul“ und seiner sprachlichen Ab-
leitungen innerhalb der Alltagskommunikation nahezu
gang und gäbe. Dies gilt selbst dann, wenn in Rechnung zu
stellen ist, dass Häufigkeit und Drastik solcher Sprachver-
wendung milieu-, gender-, alters- und kontextspezifisch va- Indem der Begriff „Homopho-
riieren. bie“ pathologisiert und indivi-
Man mag angesichts dieser allgegenwärtigen Abwertun- dualisiert, nimmt er eine Psy-
gen fatalistisch die Achseln zucken, man mag sich mora- chologisierung der Problematik
lisch empören; in jedem Fall ist erklärungsbedürftig, wie es vor. Der Begriff „Heterosexis-
zu solcher Rede und den sich darin ausdrückenden Haltun- mus“ hingegen begreift antiho-
gen kommen kann. Und es ist aufzuklären, inwieweit und mosexuelle Haltungen als Son-
unter welchen Bedingungen entsprechende Orientierun- derform von Sexismus, mithin
gen, also etwa Einstellungen, Mentalitäten und Ressenti- als Ablehnung, Diskriminierung
ments gegenüber gleichgeschlechtlich Liebenden, mit Dis- und Gewaltakzeptanz auf-
kriminierung und Gewalthandeln verbunden werden. grund des zugeschriebenen
Der vorliegende Beitrag widmet sich antihomosexuellen Geschlechts.
Haltungen gegenüber Schwulen und Lesben bei Jugendli- picture alliance/dpa

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gesucht. Schritt vier bezieht sich auf den Zusammenhang HETEROSEXISMUS BEI JUGENDLICHEN –
entsprechender Orientierungen mit Aktivitäten bzw. ERSCHEINUNGSWEISEN UND IHRE BEGÜNSTIGUNGS-
Aktivitätsbereitschaften. Damit Perspektiven für eine Ver- SOWIE DISTANZ(IERUNGS)FAKTOREN
änderung entdeckt werden können, erörtert ein fünfter
Schritt dann Faktoren, die einer von vornherein bestehen- fachlichen Zusammenhängen mit unterschiedlichen Be-
den Distanz gegenüber antihomosexuellen Haltungen för- zeichnungen belegt. Besonders stark verbreitet ist in jün-
derlich sind bzw. Distanzierungen von ihnen im Zeitverlauf gerer Zeit der Begriff der „Homophobie“ (vgl. Simon 2008;
zu bewirken vermögen, bevor sechstens ein kurzes Fazit Klocke 2012; Mansel/Spaiser 2010, 2013; auch Heitmeyer
eine knappe Bilanz der Ausführungen zieht. 2002–2012).
Neben einigen quantitativen Untersuchungen können wir Zerlegt man den Begriff in seine etymologischen Bestand-
uns bei der empirischen Analyse vor allem auf qualitative teile, so wird deutlich, dass er die griechischen Begriffe
Befunde stützen, die im Rahmen eines Längsschnitt-For- „homós“ (dt.: gleich) und „phóbos“ (dt.: Angst) miteinan-
schungsprojekts der Hochschule Esslingen über verschie- der verbindet. In dieser terminologischen Melange bein-
dene pauschalisierende Ablehnungskonstruktionen (PA- haltet „Homophobie“ mindestens drei unterscheidbare
KOs) erzielt wurden (vgl. Möller u. a. 2015). Aspekte:
l die Angst vor Homosexualität, d. h. vor eigenen homose-
xuellen Empfindungen, vor der Abweichung und Verlet-
„Homophobie“ oder „Heterosexismus“? – zung von zentralen gesellschaftlichen Normvorstellun-
Begriffliche Klärungen gen (etwa der traditionellen Familienform) und/oder vor
dem als damit einhergehend wahrgenommenen Verlust
Die Ablehnung von Homosexualität und Homosexuellen, von Verhaltensgewissheiten;
die sich in Orientierungen (Einstellungen, affektiv-vorur- l Aversionen, also negative Gefühle, Stimmungen und
teilsbehafteten Mentalitäten etc.) und/oder in ihnen ent- Vorurteile, d. h. affektiv grundierte Ablehnungen und
sprechenden Aktivitäten (Verhaltensweisen und Handlun- Hass gegen Homosexuelle;
gen) ausdrückt, die also antihomosexuelle Haltungen zu l aggressive Haltungen, in Verhalten überführte Aggres-
erkennen gibt, wird im öffentlichen wie in verschiedenen sionen und Gewalt gegen Homosexuelle.

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Kurt Möller
Eine Reihe von Problemen ist mit dieser Wortwahl verbun- titäre, transsexuelle und transgender-Personen miterfasst
den. Zu den wichtigsten gehören die folgenden: werden sollen, sind „Transphobie“ oder „Cissexismus“ bzw.
l Der Terminus bringt eine Pathologisierung von antiho- cisgenderism in Gebrauch, wobei der Begriff cisgenderism
mosexuellen Haltungen mit sich. Wenn Phobien (wie Menschen beschreibt, deren Geschlechtsidentität mit dem
z. B. Klaustrophobie, Agoraphobie und Arachnopho- ihnen bei Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt
bie) im Allgemeinen als psychische Störungen gelten, bzw. wie bei den meisten nie hinterfragt wurde.
erscheint auch „Homophobie“ als etwas, das hinrei- Für den hier thematisierten Zusammenhang wird an dieser
chend und umfassend als Krankheitsbild beschrieben Stelle der Terminus „Heterosexismus“ verwandt. Seine be-
werden kann. sonderen Stärken gegenüber den oben genannten Be-
l Die Verwendung des Terminus betreibt nolens volens griffsalternativen liegen darin, antihomosexuelle Haltun-
eine Individualisierung der Verantwortung für antiho- gen in zweierlei Weise fassen zu können:
mosexuelle Haltungen. l Er begreift antihomosexuelle Haltungen als Sonderform
l Indem der Begriff pathologisiert und individualisiert, von Sexismus, mithin als Ablehnung, Diskriminierung und
nimmt er eine Psychologisierung der Problematik vor. Gewaltakzeptanz aufgrund des (zugeschriebenen) Ge-
l Die darin aufscheinende Parallelisierung zu klassischen schlechts und der sexuellen Orientierung.
Phobien als psychische Störung zieht (1.) eine Sugges- l Er macht solche Haltungen als Auswüchse einer zu
tion eigener Ängste als Übertreibung einer mehr oder Grunde liegenden Heteronormativität kenntlich, mithin
minder real bestehenden Gefahr bzw. eines realen Risi- als Ausdruck der Setzung von Heterosexualität als ge-
kos statt als Rechtfertigung von Wutgefühlen; (2.) die sellschaftlicher Norm, die (1.) sozial, (ideologisch-)kultu-
Assoziation eines Ver meidungsverhaltens statt von Ag- rell, politisch und (institutionell-)strukturell dominiert;
gression gegenüber anderen; (3.) die Unterstellung ei- (2.) die Geschlechtsmerkmale, Geschlechtsidentität, se-
nes Leidensdrucks, der Eigenveränderung antreibt; xuelles Begehren und geschlechtsbezogenes Verhalten
(4.) damit eine Entpoli tisierung sowie (5.) die dement- außerhalb der bipolaren Zuordnung weiblich-männlich
sprechende Nicht-Thematisierung der gesellschafts- ablehnt, ausgrenzt und (bestenfalls) marginalisiert;
strukturellen Ursachen nach sich. (3.) die damit über Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit
Die damit benannte Problematik drängt zur Suche nach ei- hinausreicht und z. B. auch Bisexualität, Intersexualität,
ner geeigneteren Bezeichnung. An Alternativen scheint es Asexualität, Transgender, Polyamorie erfasst und (4.) so-
nicht zu mangeln. Da ist die Rede von Homosexuellen- zialisatorisch für ihre intergenerationelle Tradierung
feindlichkeit, ein Terminus, der aber eine generelle Homo- sorgt.
sexualitätsfeindlichkeit unthematisiert lässt. Andere spre-
chen von Homosexualitäts- bzw. Homosexuellenableh-
nung, wieder andere – zum Teil aber auch synonym Ausmaß und Verbreitung heterosexistischer und
dieselben – von Homosexuellenabwehr, -abwertung oder antihomosexueller Haltungen
-hass. Daneben sind die Begriffe Antihomosexualismus,
Homonegativismus, Schwulenfeindlichkeit und -feind- In den letzten Jahren hat sich eine Reihe von quantitativ
schaft bzw. -feindseligkeit in Gebrauch, wobei die zuletzt angelegten Forschungen mit heterosexistischen und spezi-
genannte Begriffstrias wie auch die Formulierung „anti- ell auch mit antihomosexuellen Haltungen unter Jugendli-
schwule Haltungen“ die Lesbenfeindlichkeit nicht explizit chen beschäftigt. Zu den wichtigsten aktuellen Befunden
einbezieht. Dementsprechend wird dann analog und zum gehören die folgenden: Eine durch den Auftrag des Lesben-
Teil in Ergänzung von Lesbenfeindlichkeit, -feindschaft, und Schwulenverbands Deutschland (LSVD) zustande ge-
-feindseligkeit, -ablehnung, -abwehr, -abwertung oder kommene Studie des Sozialpsychologen Bernd Simon von
-hass oder auch von Lesbophobie gesprochen. Insoweit der Universität Kiel untersuchte im Jahre 2006 fast 1.000
homosexuelles Begehren und homosexuelles Verhalten Berliner Gymnasiasten und Gymnasiastinnen sowie Ge-
sich aber auch im Rahmen von Bisexualität ausdrücken samtschülerinnen und -schüler (N = 922) zwischen 14 und
können, wird analog der Begriffe der Homo- und Lesbo- 20 Jahren hinsichtlich ihrer Einstellungen zu Homosexuali-
phobie „Biphobie“ verwendet. Wenn außerdem transiden- tät und (sexuell) gleichgeschlechtlich orientierten Personen.

Tabelle 1: Verbreitung antihomosexueller Haltungen


Zustimmung zur Aussage Geschlecht deutsch ehem. UdSSR türkisch
„Wenn sich zwei schwule Männer auf der Straße männl. 47,7 % 75,8 % 78,9 %
küssen, finde ich das abstoßend.“ weibl. 10,2 % 63,5 % 59,6 %
„Wenn sich zwei lesbische Frauen auf der Straße männl. 12,3 % 25,6 % 43,8 %
küssen, finde ich das abstoßend.“ weibl. 10,2 % 58,9 % 59,6 %
„Wenn ich wüsste, dass mein Nachbar schwul ist, männl. 16,1 % 36,7 % 49,5 %
würde ich lieber keinen Kontakt zu ihm haben.“ weibl. 0,4 % 6,5 % 21,1 %
„Wenn ich ein Kind hätte, das schwul oder les- männl. 26,9 % 50,6 % 69,8 %
bisch ist, hätte ich das Gefühl, in der Erziehung weibl. 5,7 % 44,0 % 59,2 %
etwas falsch gemacht zu haben.“
„Schwule und Lesben sollten die gleichen Rechte männl. 73,9 % 46,6 % 37,5 %
haben wie heterosexuelle Männer und Frauen.“ weibl. 91,1 % 57,6 % 55,6 %
Quelle: Aus der Zusammenfassung der Simon-Studie des LSVD, Tabelle 1

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Wie in Tabelle 1 genauer ausgewiesen ist, ist danach HETEROSEXISMUS BEI JUGENDLICHEN –
l eine erhebliche Verbreitung antihomosexueller Haltun- ERSCHEINUNGSWEISEN UND IHRE BEGÜNSTIGUNGS-
gen unter den Befragten und damit vermutlich auch un- SOWIE DISTANZ(IERUNGS)FAKTOREN
ter statusähnlichen Gleichaltrigen zu registrieren;
l die Ablehnung bei männlichen Jugendlichen, vor allem fach-Zugehörigkeiten (vgl. Mecheril 2003) solche Zuord-
bei den deutschen, um ein Vielfaches häufiger als bei nungen zunehmend artifiziell und entsprechend fraglich
weiblichen Jugendlichen; erscheinen. Zum anderen ist aus kritischer Perspektive da-
l die Ablehnung von männlichen Homosexuellen häufiger von auszugehen, dass stärker als nationale Zugehörigkei-
gegeben als die Ablehnung von weiblichen Homosexu- ten bzw. nationale (familiäre) Herkünfte solche Faktoren
ellen, wobei sich hier deutliche genderspezifische Diffe- antihomosexuelle (und weitere heterosexistische) Haltun-
renzierungen derart zeigen, dass Mädchen den Aus- gen begünstigen, von denen man weiß, dass sie eng mit
tausch von Zärtlichkeiten („sich küssen“) in der Öffent- der Ablehnung von Homosexualität und Homosexuellen
lichkeit bei Schwulen wie bei Lesben gleichermaßen verbunden sind: die Akzeptanz archaischer Männlich-
ablehnen, die Kritik an solchem Verhalten in Bezug auf keitsnormen, ein eher niedriger Bildungsgrad der Befrag-
Lesben bei Jungen jedoch merklich weniger häufig ge- ten selbst wie unter Umständen auch ihrer Eltern, eigene
äußert wird als in Bezug auf männliche Homosexuelle; Desintegrations- und Diskriminierungserfahrungen, feh-
l die Belastung mit antihomosexuellen Vorbehalten und lende Kontakte zu Schwulen und Lesben sowie fundamen-
die Vorenthaltung gleicher Rechte besonders stark bei talistisch orientierte Religiosität.
Jugendlichen mit (familiärer) Türkei-geprägter Migrati- Die nicht repräsentative, aber mit 2.400 Probandinnen und
onsgeschichte bzw. bei Jugendlichen mit (familiärer) Probanden aus den vier Städten Köln, Berlin, Bielefeld und
UdSSR-geprägter Migrationsgeschichte ausfällt. Frankfurt umfangreiche Klumpenstichproben-Studie von
Die Untersuchungsergebnisse von Simon sind allerdings Jürgen Mansel und Viktoria Spaiser (2010, 2013) zu ver-
hochgradig umstritten. Moniert wird vor allem die ethni- schiedenen Aspekten so genannter „Gruppenbezogener
sierende Interpretation der Befunde, die mit der Kategori- Menschenfeindlichkeit“ deutet in Hinsicht auf „Homopho-
sierung in „deutsch“, „türkisch“ und „UdSSR-stämmig“ bie“ mit ihren 2009 und 2010 erhobenen Befunden die Re-
vorgenommen wird. Zum einen lassen die in jüngeren Ge- levanz des letztgenannten Aspekts zur Erklärung der ver-
nerationen anwachsenden natio-ethno-kulturellen Mehr- hältnismäßig starken Belastung so genannter „Jugendli-

Ein Plakat von Aktivisten, die mit einer Mahnwache vor Russlands Generalkonsulat in Frankfurt auf Menschenrechtsverletzun-
gen gegen Homosexuelle und das 2013 in Russland erlassene Homosexuellengesetz aufmerksam machen. Heterosexismus bei
Jugendlichen mit UdSSR-geprägter Migrationsgeschichte erklärt sich u. a. durch antihomosexuelle Vorbehalte im Herkunfts-
land. picture alliance/dpa

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Kurt Möller
Tabelle 2: Heterosexismus bei Jugendlichen

sonst. Migr.
musl. Migr.
Südeurop.
ehem. SU
Deutsche

Kurden
Araber
Türken
Polen
„Stimme Schwule Ehen sollten erlaubt 7,1 % 30,8 % 14,0 % 30,6 % 41,3 % 40,6 % 16,4 % 34,7 % 14,5 %
überhaupt werden und die gleichen Rechte
nicht zu.“ erhalten wie heterosexuelle
Homophobie

Paare.

„Stimme Homosexualität ist etwas 8,0 % 32,8 % 10,5 % 33,1 % 42,9 % 50,0 % 21,5 % 37,9 % 18,7 %
überhaupt vollkommen Normales.
nicht zu.“
„Stimme Ein Gläubiger kann Schwule nicht 4,3 % 16,9 % 3,4 % 16,0 % 22,3 % 13,3 % 11,5 % 26,9 % 11,2 %
religiös legitimierte

völlig zu.“ als Menschen ansehen.


Homophobie

„Stimme Homosexualität verstößt gegen 6,0 % 34,4 % 11,8 % 38,3 % 51,5 % 41,4 % 17,7 % 43,1 % 16,7 %
völlig zu.“ Gottes Gesetz.

Quelle: Mansel/Spaiser 2010: 12/131

cher mit Migrationshintergrund“ (zur Kritik des Begriffs vgl. Insofern kann wenig verwundern, wenn die implizite Hal-
Möller 2010) an (vgl. Tabelle 2). Sie verweist aber auch tungsdimension verhaltensleitend wird und augenschein-
ausdrücklich auf den die Ablehnung fördernden Einfluss lich dazu beiträgt, dass – nach abgefragten Schülerbeob-
schlechter Integration, selbst erlebter Diskriminierungser- achtungen – bei rund einem Viertel der Schülerinnen und
fahrungen und geringer Bildung. Schüler Begriffe wie „schwul“ oder „Schwuchtel“ häufiger
Differenzierter und umfassender ging eine ebenfalls quan- als Schimpfwort verwendet werden (vgl. Klocke: 47).
titative Studie vor, die im Auftrag der Senatsverwaltung Die auf den Problembereich „Homophobie“ bezogene
Berlin im Rahmen der Evaluation der 2001 erlassenen Richt- Sonderauswertung der zehnjährigen Längsschnittstudie
linien zur Sexualerziehung an Berliner Schulen von Ulrich „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ (GMF) für
Klocke 2011 durchgeführt wurde und heterosexistische Hal- Nordrhein-Westfalen (vgl. Küpper/Zick 2012) stellt fest,
tungen nicht nur gegenüber Schwulen und Lesben, sondern dass unter den jüngeren Befragten, nämlich den 16- bis
auch gegenüber Trans-Personen und Bisexuellen erhob. Sie 21-Jährigen, das Ausmaß an Homosexuellenablehnung
bezog 755 Sechst-, Neunt- und Zehntklässler bzw. -klässle- geringer ist als bei den älteren Altersgruppen. Es erweist
rinnen aller Schulformen (bis auf Schulen für Lernbehin- sich jedoch im Zeitvergleich zwischen 2002 (dem Beginn
derte) ein und befragte zudem 27 Lehrkräfte, zwölf Schul- der Studie) und 2011 – anders als bei den meisten älteren
leitungen und zwölf Personen mit Elternvertretungsfunktion. Untersuchungsgruppen, bei denen ein Rückgang zu ver-
Besonders bemerkenswert ist, dass sie drei Haltungsdimen- zeichnen ist – als stabil, so dass es im Altersgruppenver-
sionen untersuchte: explizite Einstellungen in ihren kogniti- gleich nunmehr an zweiter Stelle hinter dem Ausmaß anti-
ven und auch affektiven Aspekten, implizite Einstellungen homosexueller Einstellungen in der ältesten Untersuchungs-
und Verhalten. Die Befunde geben zu erkennen, dass auf gruppe der über 65-Jährigen liegt. Insofern gibt es keine
der Ebene der kognitiven Einstellungen sich „nur“ (aber im- Veranlassung, zu glauben, dass ein eventuell anzuneh-
merhin) bei jeder siebten bis zehnten befragten minderjäh- mender Trend zu sexueller Liberalisierung das Ausmaß an-
rigen Person eindeutige Ablehnungen zeigen (vgl. Klocke tihomosexueller Haltungen unter Jugendlichen abschmel-
2012: 58), dass jedoch, sobald Affektives ins Spiel gerät zen lässt.
(wenn etwa angegeben werden soll, welche Gefühle auf- Wie sich im Sozialisationsverlauf heterosexistische und
kommen, wenn man/frau sich in einer Gruppe von lesbi- speziell antihomosexuelle Haltungen aufbauen und wel-
schen Mädchen oder schwulen Jungen befindet) insgesamt che subjektive Bedeutung sie für ihre Trägerinnen und Trä-
mehr als die Hälfte dies als „unangenehm“ empfindet (vgl. ger haben, aber auch unter welchen Bedingungen sie
ebd.: 57). Der Eindruck des großen Einflusses der Affekte erst gar nicht aufgebaut werden, sich relativieren bzw.
auf Einstellungen wird noch durch die Feststellung bestärkt, wieder fallengelassen werden, lässt sich mit quantitativen
dass so genannte implizite Einstellungen, d. h. Orientierun- Untersuchungsanlagen jedoch nicht befriedigend aufklä-
gen, die durch unbewusste Reaktionen hervorgerufen wer- ren. Für pädagogische und sozialarbeiterische Zwecke
den, offenbar „Bauchgefühle“ zum Tragen bringen, die ne- und letztlich für inhaltliche geschlechter- und ju gend-
gative Haltungen gegenüber Homosexuellen und Homose- politische Weichenstellungen sind aber Erkenntnisse über
xualität eher zum Vorschein kommen lassen als explizite genau diese Aspekte von höchster Relevanz. Deshalb wer-
Einstellungsäußerungen (vgl. Abbildung 1). 2 Die Bekundung den im Folgenden bislang unveröffentlichte Befunde aus
letzterer kann eher kontrolliert werden, um möglichst vorur- der qualitativ-rekonstruktiven Esslinger Studie (N = 40; 13-
teilsfrei zu erscheinen und damit angenommener sozialer bis 16-Jährige) vorgestellt (vgl. eingehender Möller u. a.
Erwünschtheit zu entsprechen (ebd., 34f.). 2015).

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Auftrittsweisen heterosexistischer Haltungen und HETEROSEXISMUS BEI JUGENDLICHEN –
ihre Entstehungshintergründe ERSCHEINUNGSWEISEN UND IHRE BEGÜNSTIGUNGS-
SOWIE DISTANZ(IERUNGS)FAKTOREN
Antihomosexuelle, heterosexistische Haltungen drücken
sich bei den von uns untersuchten Jugendlichen in Bezug Dabei erscheinen die heteronormativen Setzungen den
auf Schwule in Äußerungen aus wie „Schwuchteln – ir- meisten als selbstevident und keiner weiteren Begründung
gendwie anwidernd“ (Henry); „einfach nur widerlich bei bedürftig: „Ein richtiger Mann steht nicht auf Schwule“,
Männern“ (Patrick); „eklig“ (Maurice); „voll ekelig“ „verhält sich auch ganz anders“ und „hat lieber ’ne Freun-
(Francesco) oder „ekelhaft, […] ich würd sogar stöhnen, din“ (Giannis). „Ich weiß ja nicht, wie die Schwulen denken
wenn ich die nur seh“ (Nina). In Bezug auf Lesben fällt das oder wie die leben, aber trotzdem es gibt genug Frauen!
Spektrum an Meinungsbekundungen breiter aus: Neben Wieso sind die schwul? Das versteh ich nicht!“ (Abbas). Die
Empfindungsschilderungen wie „Wenn die sich küssen, folgende Interviewpassage zeigt diese Selbstevidenz be-
dann widert‘s mich schon an“ (Ceyda) finden sich auch sonders deutlich: – „Das wäre bei uns in der Clique nicht
Meinungen wie „Bei Jungs sieht‘s ekeliger als wie jetzt bei toll, wenn jemand schwul wär.“ – Interviewer: „Was wär
Mädchen“ (Adina). Und auch Jungen zeigen sich in ihrer dann?“ – „Das wär so, dass alle irgendwann eine Abnei-
Ablehnung weniger rigoros als bezüglich männlicher Ho- gung gegen ihn hätten.“ – Interviewer: „Warum, würdest
mosexueller. So hält z. B. Patrick Lesben für „viel weniger du sagen, ist das so?“ – „Weil wir irgendwas gegen
widerlich als zwei Männer“ und Giannis findet, „wenn Schwule haben. Ich weiß nicht, warum wir was gegen
zwei Frauen sich lieben eigentlich gar nicht so schlimm wie Schwule haben, aber wir haben was dagegen“ (Henry).
zwei Männer“. Nur vereinzelt finden sich dagegen Formen der Theoretisie-
In der Bilanz solcher Äußerungen zeigt sich offensichtlich rung von Homosexualität und Homosexuellenablehnung:
eine affektiv grundierte aversive Ablehnung von Homosexuel- „Das ist Natur halt, […] das ist ja deren Gen, […] das liegt
len, vor allem von Schwulen, und damit eine Verankerung denen im Blut“, meint Maurice und versteht dabei Homose-
derart heterosexistischer Äußerungen wie sie vor allem xualität anscheinend als eine Art von „Mutation“. Patholo-
auch die quantitative Studie Klockes (2012) andeutet. Kog- gisierend ist Giannis überzeugt: „Wie eine Sucht ist des
nitiv strukturierte Argumentationen oder auch nur dahinge- […]“. Francesco argumentiert sogar mit dem von ihm ver-
hende Ansätze und Versuche finden sich zunächst nicht. tretenen christlichen Glaubensdogma, das für ihn ein hete-
Fokussieren wir analytisch auf die Entstehungshintergründe ronormatives Beziehungsmodell mit sexueller Reproduk-
solcher Haltungen so lassen sich fünf Cluster identifizieren: tion und Institutionalisierung durch Heirat nahelegt.
Ein erstes Cluster lässt heteronormatives Orientierungswissen Außerdem findet sich die Antizipation familiärer Erwar-
als Basis der Ablehnung hervortreten: „Des is nich normal“, tungshaltungen in seinem Orientierungsgefüge: „Ich finde
meint Victor; „Es is unnatürlich“, sagt Ercan. Diyar und Elena es nicht gut, weil Gott hat einen Mann und eine Frau er-
benutzen den Begriff „abartig“. Und Erich antwortet auf die schaffen und wenn die dann Kinder machen, dann kann
Interviewerfrage „Sind die anders als andere Männer?“ auch was rauskommen, […] die Frau kann man auch heira-
wie folgt: „100 Pro ja, Männer lieben Frauen, nicht Männer ten und das ist auch keine Blamage. Zum Beispiel die Eltern
lieben Männer […] [E]s sollte wieder sein: Mann mit Frau, würden, wenn man schwul ist, auch ausrasten vielleicht
nicht Frau mit Frau oder Mann mit Mann“. Der Muslim Abbas und so.“
räumt zwar ein „Okay, die haben Recht, sich zu lieben und Ein zweites Cluster markiert damit zusammenhängend die
was weiß ich zu machen, aber in meinen Augen sind das Abweichung von hegemonial-männlicher Gender-Perfor-
einfach W … [stockt], ah, Asoziale, keine Ahnung, irgend- mance als Ablehnungshintergrund und nimmt in diesem Zu-
wie so, nicht mehr so Menschen in meinen Augen, Schwule“. sammenhang eine Zuschreibung von Effeminisierung vor:

Neutrale Primes
(63%)

Heterosexuelle
Primes (70%)

Lesbische Primes
(54%)

Schwule Primes
(39%)

0 10 20 30 40 50 60 70 Abbildung 1: Implizite
Einstellungen der Schü-
lerinnen und Schüler
„Angenehmer als der Durchschnitt“ bewertete Zielreize in % (Affective Misattribution
Procedure)
Quelle: Klocke 2012: 59

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Kurt Möller
Schwule seien danach „tuntig“, hätten „fräuliche Eigen-
schaften, […] die reden halt mehr“ (Markus), „tragen zu
enge Sachen, […] in Pink, […] schwule Farben“ (Henry),
seien „Tussen“ (Alia), „zierlich“ (Alia), „mädchenhaft“ (Dilek)
bzw. „frauenhaft“ (Nadja) und „weich“ (Anja). Andererseits
wird aber auch – bemerkenswerterweise nur von Mädchen
– festgestellt: „mit denen kann man am besten reden“ (Eleni),
sie seien „liebevoller“, „nicht so Macho“ (Anja), „feinfüh-
lend“ und „achten auf ihr Aussehen“ (Ceyda).
Beziehen sich die beiden bisher betrachteten Cluster auf
Homosexuelle und Homosexualität generell, so betreffen
ein drittes und ein viertes Cluster jeweils in einem Fall
Schwule, im anderen Fall Lesben.
Das dritte Cluster steht für eine begehrensbezogene Homose-
xuellenablehnung gegenüber schwulen Jungen und Män-
nern. Diese drückt sich aus in Einlassungen wie: „[D]a würd
man irgendwie immer denken, dass der sich vielleicht an
einen ranmachen will oder so“ (Markus).
„Stell dir vor jetzt, ich lauf einfach jetzt durch die Gegend,
und ’n Schwuler guckt mich an, guckt mir auf meinen Hin-
tern oder – keine Ahnung – und so was. So was find ich ir-
gendwie voll hässlich“ (Giannis). „Wenn ein Kumpel schwul
ist, dann hat man so kritische Gefühle, vielleicht schwult er
dich an“ (Erich).
Das vierte Cluster betrifft Lesben und fußt auf einer Ableh-
nung der Infragestellung heteronormativer Weiblichkeitsent-
würfe; eine Ablehnung, die so vor allem durch Mädchen
vorgebracht wird: „Die kleiden sich so männlich und so
kurze Haare dann halt auch. Und immer so breite Hosen
ziehen die halt so an. [lacht] So HipHopper-Style […].
Und die sind auch immer voll aggressiv drauf“ (Nadja).
„Frauen sehen einfach schöner aus als Männer, […]
Kampflesben, […] die sind auch eklig so“ (Elena). „Man
kann doch nicht ständig ’ne künstliche Befruchtung ma- Ein Mann posiert am Christopher Street Day 2014 in Frei-
chen und so. Das ist einfach, es muss einfach ein Mann in burg mit schrillen Ringen an den Händen: Heterosexistische
der Familie sein […] (Alexandra). „… muss man ja schon Haltungen diffamieren einen vom vorherrschenden Männer-
ein bisschen aufpassen, ob die dann nicht für einen was bild abweichenden Habitus. Im Zuge einer Effeminisierung
empfindet“ (Sarah). wird Schwulen die Eigenschaft „tuntig“ zugeschrieben.
Ein fünftes Cluster steht für die Haltung (nur) von (sich selbst picture alliance/dpa
heterosexuell gebenden) Jungen gegenüber Lesben: die
sexistische Objektivierung. Sie drückt sich aus in Äußerun-
gen wie: „Also, das ist jetzt so: […] wenn ein Mann mit ein „In meiner Religion ist es so, dass es zwei, ähm, Geschlech-
Mann ist, ist es für Männer so eklig. Aber wenn, wenn Män- ter sich nicht lieben dürfen“; „Wenn ich schwul sein würde,
ner eine Frau und eine Frau zusammen ist, finden sie das, würde mich meine Mutter umbringen“; […] „Mein Kopf
wie soll ich sagen? Geil“ (Ercan). „Meine Freunde oder Äl- dreht sich nur noch bei solchen Sachen [schmunzelt]“; […]
tere sagen: ‚Wow, Lesben!‘, das finden sie unglaublich und „Das ist richtig komisch, wenn ich eben … […]. Ich verlier
so“ (Erich). „Wenn, wenn du in deinem Bett zwei Lesben dann, hier, keine Ahnung, ich weiß dann nicht, was ich ma-
hast, hast du, bringt einfach mehr, das bringt Spaß!“ (Ab- chen soll“ (Diyar).
bas).
Auf welches Cluster man auch blicken mag: Typisch ist in
vielen Fällen, dass die Entstehungshintergründe von hete- Zusammenhänge von heterosexistischen
rosexistischen Haltungen durch persönliche Verunsiche- Orientierungen und antihomosexuellen
rung geprägt sind. Exemplarisch dafür stehen die folgen- Aktivität(sbereitschaft)en
den Auszüge aus Interviews mit einem Mädchen und mit
einem Jungen: „Normal ist ja die Menschheit, dass Mann Mindestens drei charakteristische, sich in konkreten Fällen
und Frau […]“ (Anja). auch zum Teil überschneidende Muster verleihen den
Und in einer anderen Passage: – I: „Wie denkst du darü- jeweiligen Zusammenhängen von heterosexistischen Ori-
ber?“ – „Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, nicht, was ich entierungen und entsprechenden Aktivitätsbereitschaften
darüber denken soll, weil ich selber könnte mir das nie vor- bzw. tatsächlich konkret ausagierten Aktivitäten Konturen.
stellen so, aber keine Ahnung.“ – I: „Bist du zwiegespalten, Ein erstes Muster ist das Streben nach Distanz und Distinktion.
so teils, teils?“ – „Ja.“ Dies erfolgt zumindest in dreifacher Weise. Ein erstes Teil-
– I: „Auf der einen Seite kannst du es dir nicht vorstellen und muster strebt nach Distanz und Abgrenzung durch diskur-
auf der anderen Seite wie ist es da?“ – „Keine Ahnung, sive Praxen. Sie drücken sich in Selbstbeschreibungen aus
kann ich jetzt so nicht beantworten“ (Anja). wie: „Ich steh jetzt nich auf Mädels [lacht kurz]“ (Alexan-

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HETEROSEXISMUS BEI JUGENDLICHEN –
ERSCHEINUNGSWEISEN UND IHRE BEGÜNSTIGUNGS-
SOWIE DISTANZ(IERUNGS)FAKTOREN

mal‘ und ‚Gebt keine Hand‘ […]. Wenn die dann ‘n biss-
chen aufmüpfig werden, so schwul tun oder so, dann sa-
gen wir ‚Alter, wenn du dich jetzt nicht verpisst, dann prü-
geln wir dir die Schwule raus‘“; „Dann wird einer davon
gepackt und sag, wir sagen dann zu dem oder so ‚verpiss
dich mit deinem Fr …, deinem Schwuchtel in die Garage
oder so und fick ihn dahin‘, also, so.“
Das dritte Muster „argumentiert“ vermeintlich sozialmora-
lisch, indem es den Schutz des Kindeswohls als gesell-
schaftspolitische Forderung erhebt und so begründet zu-
mindest die Unsichtbarkeit schwulen Lebens propagiert: Di-
lek: „Wenn die sich küssen, ist es ja nicht schlimm, aber jetzt
nicht in der Öffentlichkeit […].“ Ceyda: „[…] weil es sind
auch kleine Kinder auch draußen […].“

Distanzen zu und Distanzierungen von antihomo-


sexuellen und heterosexistischen Haltungen

Wem der Abbau heterosexistischer Haltungen im Allge-


meinen und antihomosexueller Haltungen im Besonderen
am Herzen liegt, wird besonders an Antworten auf die
Frage interessiert sein, wie sich erklärt, dass im Gegensatz
zu antihomosexuell eingestellten Jugendlichen – wie den
oben zitierten – andere Gleichaltrige solche Haltungen
nicht zeigen, gegebenenfalls sogar Position gegen sie be-
ziehen. Nicht weniger bedeutsam ist aber auch, verstehen
zu können, wodurch sich im Verlauf der Biografie ein Ab-
bau von heterosexistischen bzw. homosexuellen Haltun-
gen einstellt, bzw. wie er aktiv bewirkt werden kann. In die-
ser Hinsicht zeigt unsere Längsschnitt-Studie, dass im bio-
dra); „[lacht] aber ich, ich bin ja nicht schwul“ (Maurice). grafischen Verlauf erfolgende Veränderungen der
Ein zweites Teilmuster versucht dasselbe durch das Nach- Lebensgestaltung – verbunden mit neuen Männlichkeitsmus-
kommen von normativen Verhaltenserwartungen zu erzie- tern – zumindest der Abschwächung der Ablehnungsinten-
len. Typisch dafür sind Äußerungen wie: „Kein Problem […] sität dienlich sein können.
Solange sie nicht […] rumknutschen oder sich befummeln“ Beispielsweise im Falle von Abbas zeigt sich dies, wenn er
(Jasmin). „Des würd mir nichts ausmachen, solang er mich noch im ersten Erhebungsschnitt in seinem Interview ext-
nicht anschwult“ (Henry). Das dritte Teilmuster ist durch das rem abwertend von männlichen Homosexuellen meint: „…
präventive Vermeiden von Kontakten gekennzeichnet, wie nicht mehr so Menschen, Schwule“, ein Jahr später im zwei-
es in den folgenden Verhaltensbeschreibungen von Ju- ten Schnitt aber relativierend angibt: „…ich mag diese
gendlichen zur Sprache kommt: Eine Freundschaft mit einer Menschen gar nicht. Wobei, was heißt gar nicht? Natür-
Lesbe wäre für Ceyda „ausgeschlossen“: „so richtig igno- lich sind das auch Menschen, aber ich muss, natürlich muss
rieren […] so als wäre der Luft, […] Windzug“ (Patrick). ich, ich werd auch nicht jetzt draußen jeden Schwulen, den
„Oh, mein Gott, Schwuletten, 100 Pro. Dann einen großen ich sehe, aufs Maul hauen. Natürlich nicht. Aber ich will so
Bogen um die und weiter geht es“ (Erich). wenig zu tun haben mit diesen Menschen wie möglich. […]
Ein zweites Muster verweist auf die negative Sanktionierung ich will einfach nur Distanz haben, nichts mit denen zu tun
im Peerkontext und im sozialen Nahraum. Sie kann sich in haben, weil ich bin, […] nachher wollen sie sich noch an
abwertender Rede, Beschimpfungen, Diskriminierungen mich ranmachen oder verlieben sich.“
und sogar physischer Gewalt Bahn brechen: In Fällen wie diesen sind für Einstellungsveränderungen of-
Henry: Ein schwuler Mitschüler „hätte hier ein hartes Le- fenbar veränderte Sozialisationserfahrungen ausschlagge-
ben, muss ich sagen. […] wenn er mir auf den Keks gehen bend. Im Falle von Abbas sind dies im Zusammenspiel sein
würde, würde ich ihn mobben. […] ich würde ihn wohl die Verweis von der Schule, das Damoklesschwert des Jugend-
ganze Zeit ‚Anal‘ nennen.“ arrests, das über ihm hängt, der Beginn einer beruflichen
Mischa: „Ja, wenn [Schwule] mit uns so abhängen würden, Ausbildung und dort sich einstellende Erfolgserlebnisse.
dann würden wir die schon die ganze Zeit auf die Nerven, Diese Entwicklungen werden begleitet von seinem Rückzug
hier, so fertig machen, so sagen: ‚Du Schwuchtel’ und so was.“ aus der (schwulenfeindlichen) Jugendclique des Stadtteils
Marvin: „[Wenn hier] drei, vier Blocks [weiter] […] ein und einer sich eröffnenden Änderung seines Männlichkeits-
Schwuchtel oder so rumläuft und der mit seinem Kumpel modells in Richtung auf den Erwerb beruflicher Kompetenz
da, mit seinem anderen Freund, da Hand, Händchen hebt und die Übernahme familialer Verantwortung.
oder so, dann gehen wir auch hin und sagen ‚He, lauft nor-

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Kurt Möller

Hetzparolen gegen Türken (aufgenommen in Berlin am Prenzlauer Berg): Antihomosexuelle Vorbehalte bei Jugendlichen mit
Migrationshintergrund erklären sich nicht nur durch die Akzeptanz archaischer Männlichkeitsnormen und einen eher niedri-
gen Bildungsgrad, sondern auch durch eigene Desintegrations- und Diskriminierungserfahrungen. picture alliance/dpa

Begünstigungsfaktoren für Distanzierungsprozesse ver- suchungsmaterial beschreiben lassen: Tina: „meine


weisen auch in anderen Fällen auf eine Umorientierung Cousine hat ’ne Freundin und die […]“. Johanna: „[…]
durch meiner Freundin ihre Schwester […]“. Anja: „[…] wenn
l die zunehmende Einbindung in sozial akzeptierte For- man sich dran gewöhnt, ist es nicht mehr“. Maria: „Mein
men der Erfahrung von weitreichender Kontrolle über Cousin […]“. Marvin „Wir ham ja jetzt ’n Kumpel, der
die eigenen Lebensgeschicke; auch schwul is […]. Der kann doch nix dafür. Der ist halt
l eine Integration in gewaltfreie und Gleichheitsvorstel- so. Du kannst auch irgendwann in zehn Jahren oder
lungen beinhaltende soziale Kontexte; fünfzehn Jahren kannst du auch schwul sein. […] du
l entsprechende Erfahrungen von Lebenssinn; weißt es ja nicht.“
l angstfreie(re), vorurteilsabbauende Kontakte mit homo-
sexuellen Menschen;
l die Modifikation bzw. Neukonstruktion von mentalen Fazit
Repräsentationen im Themenfeld Geschlecht und Ge-
schlechterbeziehungen und Sieben Punkte sollen hier aus Platzgründen als Bilanzie-
l sich daraus erschließende Chancen zu Selbst- und Sozi- rung genügen:
alkompetenzentwicklungen. l Heterosexismus ist ein quantitativ und qualitativ bedeut-
Konkret handelt es sich bei den in unserer Studie repräsen- sames Problem bei Jugendlichen.
tierten Fällen von Distanzierung um l Er drückt sich besonders massiv in antihomosexuellen
l biografisch einschneidende Erlebnisse als Anlass zur Haltungen, also antihomosexuellen Orientierungen und
Neuperspektivierung des Lebens (etwa aufgrund des antihomosexuellen Verhaltensweisen bzw. Bereitschaf-
Todes der Mutter bei Nina); ten dazu aus.
l Modernisierungen des Männlichkeitsentwurfs vom ar- l Wie jeder Sexismus ist auch der Heterosexismus ein Pro-
chaischen Muster interpersonaler Dominanz hin zur Ori- dukt der Sozialisation von vorurteilsverhafteten Einstel-
entierung an Durchsetzungsfähigkeit durch Leistung lungen und von affektiv verankerten Aversionen, assozi-
(bei Azad und Maurice); dies zum Teil auch als Effekt ativ wirksamen Ressentiments und Mentalitäten – dies
einer Verhaltenstherapie (bei Dominik); weitaus stärker als ein kognitives Konstrukt, das auf
l Veränderungen der Haltungen der Peers durch Freun- Überlegungen und ideologisch geprägten (schein)rati-
deswechsel (bei Adina und Lena); onalen Überzeugungen beruht.
l mittlerweile zustande gekommene Freundschaften zu l Ermöglichungsraum dafür ist die männlich-hegemoniale
und neue Kontakterfahrungen mit Homosexuellen, die Geschlechterordnung mit ihrer vielen Jugendlichen
sich verkürzt wie folgt durch Zitationen aus dem Unter- selbstevident erscheinenden Heteronormativität.

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l Für sie tragen nicht Jugendliche die Verantwortung, son- HETEROSEXISMUS BEI JUGENDLICHEN –
dern Erwachsene. ERSCHEINUNGSWEISEN UND IHRE BEGÜNSTIGUNGS-
l Eine Reduktion antihomosexueller bzw. heterosexisti- SOWIE DISTANZ(IERUNGS)FAKTOREN
scher Haltungen im biografischen Verlauf (der Jugend-
phase) ist möglich.
ANMERKUNGEN
l Ein Abbau von Homophobie und Heterosexismus ist
aber nachhaltig ohne einen strukturellen Abbau der 1 Als „Deutsche“ werden in dieser Untersuchung Personen bezeichnet,
die für beide Elternteile Deutschland als Geburtsland angeben und bei
männlich-hegemonialen Geschlechterordnung bzw. ih- denen zusätzlich die Mehrzahl der Großeltern nicht im Ausland geboren
rer Normativität nicht erzielbar. wurde. Den anderen ethnischen Gruppierungen wurden die Jugendlichen
jeweils dann zugerechnet, wenn mindestens ein Elternteil und/oder alle
vier Großeltern aus dem jeweiligen Land stammen.
2 Solche impliziten Einstellungen wurden (nur bei den Neunt- und Zehnt-
klässlern) so erhoben, dass chinesische Schriftzeichen als Zielreize kurz
LITER ATUR
nach Einblendungen von Darstellungen verschiedener Liebespaare (Pri-
Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.) (2002–2012): Deutsche Zustände. 10 Folgen. mes) bzw. nach grauen Quadraten als neutralen Primes gezeigt wurden
Frankfurt am Main. und deren Bewertung als mehr oder weniger „angenehm“ abgefragt wur-
Klocke, Ulrich (2012): Akzeptanz sexueller Vielfalt an Berliner Schulen. de (vgl. Abbildung 1).
Eine Befragung zu Verhalten, Einstellungen und Wissen zu LSBT und
deren Einflussvariablen. Berlin, Senatsverwaltung für Bildung, Jugend

UNSER AUTOR
und Wissenschaft (unveröffentlichtes Manuskript).
Küpper, Beate/Zick, Andreas (2012): Homophobie in Nordrhein-Westfa-
len. Sonderauswertung der Studie „Gruppenbezogene Menschen-
feindlichkeit“. Düsseldorf, Ministerium für Gesundheit, Emanzipation,
Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen.
Mansel, Jürgen/Spaiser, Viktoria (2010): Soziale Beziehungen, Konfliktpo-
tentiale und Vorurteile im Kontext von Erfahrungen verweigerter Teilha-
be und Anerkennung bei Jugendlichen mit und ohne Migrationshinter-
grund. Bielefeld, Universität Bielefeld. Tabellenanhang.
Mansel, Jürgen/Spaiser, Viktoria (2013): Ausgrenzungsdynamiken. In wel-
chen Lebenslagen Jugendliche Fremdgruppen abwerten. Weinheim
und Basel.
Mecheril, Paul (2003): Prekäre Verhältnisse. Über natio-ethno-kulturelle
(Mehrfach-)Zugehörigkeit. Münster.
Möller, Kurt (2010): Hybrid-Kulturen. Wie „Jugendliche mit Migrationshin- Prof. Dr. Kurt Möller ist Professor für Theorien und Konzepte Sozi-
tergrund“ postmigrantisch werden. In: Projektgruppe JugendArt: Ka- aler Arbeit an der Hochschule Esslingen, Fakultät Soziale Arbeit,
nakCultures. Kultur und Kreativität junger MigrantInnen. Berlin, S. 9–21.
Möller, Kurt/Grote, Janne/Nolde, Kai/Schuhmacher, Nils (2015): „Die Gesundheit und Pflege, und Privatdozent an der Universität Bie-
kann ich nicht ab!“. Ablehnung, Diskriminierung und Gewalt bei Jugend- lefeld. Er ist Mitherausgeber der Reihe „Konflikt- und Gewaltfor-
lichen in der Migrationsgesellschaft. Wiesbaden (im Erscheinen). schung“ im Juventa-Verlag. Seine Arbeits- und Forschungsschwer-
Simon, Bernd (2008): Einstellung zur Homosexualität – Ausprägungen und
psychologische Korrelate bei Jugendlichen ohne und mit Migrations- punkte sind Jugendforschung und Jugendarbeit, Soziale Arbeit
hintergrund (ehem. UdSSR und Türkei). In: Zeitschrift für Entwicklungs- und (Rechts-)Extremismus, Gewalt sowie Menschenfeindlichkeit.
psychologie und Pädagogische Psychologie, 2/2008, S. 87–99.

'ÄSBMMF EJFNFISXJTTFOXPMMFO
Die Zeitschriften der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg

ISSN 0007–3121

DER BÜRGER IM STAAT


Zeitschrift für Gemeinschaftskunde, Geschichte,
Deutsch, Geographie, Kunst und Wirtschaft
ISSN 1864-2942 n DER BÜRGER IM STAAT
Zeitschrift für Multiplikatoren politischer Bildung
4–2012

DEUTSCHLAND & EUROPA


Heft 65 – 2013 Abonnement: 4 Hefte/Jahr 12.80 Euro
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2013 Zeitschrift für Gemeinschaftskunde, Geschichte,
Sprechen – verstehen – handeln

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SEXUELLE DENUNZIATION UND HOMOPHOBIE

Die sexuelle Denunziation


in der deutschen Politik
seit dem frühen 20. Jahrhundert
Norman Domeier

lie, Schule, Sport, Wirtschaft und Kultur, ebenfalls anwen-


Sexuelle Denunziation, Verleumdung und Erpressung den? Homophobie ist eine zentrale Facette von Menschen-
haben in der deutschen Politik nie aufgehört. Sexuelle feindlichkeit, die auf allen sozialen Ebenen gegen Indivi-
Denunziation in der Politik meint den bewussten Einsatz duen und Gruppen gerichtet werden kann. Wird dem
sexueller Stereotypen mit dem Ziel, die politische Macht Sexismus in der hohen Politik der Nährboden entzogen,
konkurrierender Gruppen oder Einzelpersonen zu ver- kann zumindest nicht mehr in anderen gesellschaftlichen
nichten. Seit dem frühen 20. Jahrhundert lässt sich in der Bereichen darauf verwiesen werden (Leuchtturm-Effekt).
Sexualgeschichte der Politik eine Kontinuität sexueller Historisch sind bisher nur einige der bedeutendsten Fälle
Denunziation nachweisen. Diese perfide Art der Skan- der jüngeren deutschen Geschichte erfasst und mehr oder
dalisierung ist auch für das gesellschaftliche Alltagsleben weniger intensiv erforscht wurden. Zu dem die 1980er
von Bedeutung. Wenn man dem politischen Raum eine Jahre prägenden Wörner-Kießling-Skandal, der eine trau-
Vorbildfunktion zuschreibt, sind sexuelle Verleumdun- rige Spätblüte politischer Homophobie in Deutschland
gen in eben dieser Sphäre ein Freibrief, auch in anderen darstellt, existiert bis heute keine geschichtswissenschaftli-
sozialen Bereichen Analoges zu praktizieren. Im nach- che Monographie. Historische Studien, in denen sexuelle
folgenden Beitrag analysiert Norman Domeier ausge- Denunziation auf Länder- und Kommunalebene erforscht
wählte Fälle sexueller Denunziation in der deutschen worden sind, fehlen völlig. Gerade die Erforschung dieser
Politik aus den letzten hundert Jahren. Alle diese Fälle für das Alltagsleben der Bürgerinnen und Bürger in
werfen ein Schlaglicht auf den jeweiligen historischen Deutschland wichtigen Ebenen dürfte die hier vertretene
„Zeitgeist“, auf zentrale Werte und Tabus einer Gesell- These von der Kontinuität der sexuellen Denunziation in
schaft. Daher ist die Frage nahe liegend, ob Homophobie
mit dem tiefgreifenden Wertewandel der vergangenen
Jahre der Nährboden entzogen wurde. Wenngleich Ho-
mosexualität in der „hohen Politik“ kaum noch als „mora-
lische Verfehlung“ angesehen wird, ist Skepsis ange-
bracht. Im gesellschaftlichen Alltag ist dies noch lange
nicht der Fall.

Eine unbeachtete Traditionslinie in Deutschland

Lange galt in der politischen Sexualitätsgeschichte die An-


nahme, dass in Deutschland nach dem Ende des Kaiserrei-
ches mit seinen großen Sexualskandalen kaum noch Politik
mit der Sexualität von Politikern gemacht wurde. Insbeson-
dere die Adenauer-Zeit in der Bundesrepublik erschien in
dieser Hinsicht als „heile Welt“, in der Sexualität im öffent-
lichen Raum stärker tabuisiert wurde als sogar unter den
Nationalsozialisten, dafür aber auch in der Politik sexuelle
Denunziationen verpönt waren. Tatsächlich, das zeigt be-
reits ein kursorischer Blick auf die Sexualgeschichte der
deutschen Politik, haben sexuelle Denunziation, Verleum-
dung und Erpressung seit dem frühen 20. Jahrhundert nie
aufgehört.
Überdies war das Thema stets nicht nur für die hohe Politik
relevant. Auch für das Alltagsleben der Bürgerinnen und
Bürger, in Schulen, aber auch in der Mediennutzung, war
es von zentraler Bedeutung. Denn bis heute wird dem poli-
tischen Raum eine Vorbild- und Repräsentativfunktion für
alle gesellschaftlichen Bereiche zugeschrieben. Wenn da-
her sexuelle Denunziation an der Spitze des Staates üblich
ist, warum sollte man sie nicht im eigenen Umfeld, in Fami-

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Deutschland seit dem frühen 20. Jahrhundert erhärten. DIE SEXUELLE DENUNZIATION
Ebenso wenig wissen wir über die sexuelle Denunziation in IN DER DEUTSCHEN POLITIK
der DDR, die nur auf den ersten Blick, wegen ihrer diktato- SEIT DEM FRÜHEN 20. JAHRHUNDERT
rial eingeschränkten Öffentlichkeit, wie ein „unbescholte-
nes Blatt“ im Reigen der verschiedenen politischen Sys- Feld in Deutschland auch der Nährboden für Homophobie
teme im Deutschland des 20. Jahrhunderts erscheint. Den entzogen worden ist.
meisten engagierten Bürgerinnen und Bürgern dürften Sexualität ist seit jeher ein Aspekt von Sittlichkeit und Mo-
auch heute noch Beispiele aus ihrem näheren politischen ral. Wenn in älterer Sprache von „Sittlichkeitsverbrechen“
Umfeld einfallen, in denen mit sexuellen Denunziationen, oder „Moralskandalen“ die Rede war, hieß dies fast immer,
mit nachgesagten Ehebrüchen, außerehelichen Kindern, dass Sexualität gemeint oder wenigstens einbezogen war.
Homosexualität, Swinger-Club-Besuchen, sexuellen Präfe- Vor diesem Hintergrund kann sexuelle Denunziation als
renzen usw. Politiker und Politikerinnen moralisch beschä- bewusster und systematischer Einsatz sexueller Stereoty-
digt oder gar vernichtet werden sollten. pen mit dem Ziel der Vernichtung politisch konkurrierender
Individuen und Gruppen verstanden werden. In der Mo-
derne des 20. Jahrhunderts spielen die Massenmedien
Was bedeutet sexuelle Denunziation in der Politik? Zeitung, Radio und Fernsehen die zentrale Multiplikator-
funktion bei politischen Verleumdungen, teils indem sie
Eine Definition sexueller Denunziation in der Politik kann den Raum für gezielte Pressekampagnen bieten, teils in
nur vorläufig sein, da das Forschungsfeld noch nicht syste- dem sie diffamatorische Informationen, oft in Form von Ge-
matisch erforscht worden ist. Daher werden nach einem rüchten (Chantage, d. h. Erpressung mit politischen In-
Definitionsvorschlag ausgewählte historische Fälle sexuel- terna), aufgreifen und durch eigene Recherchen eigendy-
ler Denunziation aus der deutschen Politik der letzten 100 namisch ausbauen. Ziel sexueller Denunziation ist stets,
Jahre dargestellt. Viele sind heute in Vergessenheit gera- auch wenn dies nicht von allen – indirekt – beteiligten Ak-
ten, während die durch sie affirmierte Traditionslinie wei- teuren, etwa recherchierenden Journalisten, geteilt wird,
terwirkt, vom Eulenburg-Skandal und der Röhm-Affäre die politische Vernichtung oder wenigstens Beschädigung
über die Fälle Willy Brandt und Wörner-Kießling bis zu den der mit sexuellen Stereotypen diffamierten Person oder
Affären um Helmut Kohl, Horst Seehofer, Klaus Wowereit Gruppe.
und Ole von Beust, die wir als Zeitgenossen mitverfolgen
konnten. Abschließend soll mit Blick auf unsere Gegenwart
gefragt werden, ob mit dem raschen und tiefgreifenden Die historischen Grundlagen sexueller Denunziation
Wertewandel der vergangenen Jahre dem politischen in der modernen Politik: Medienöffentlichkeit,
Wertewandel, politische Konkurrenz

Im deutschen Kaiserreich (1871–1918) sprach man ganz of-


fen von der bevorstehenden „moralischen Vernichtung“ ei-
nes Politikers, wenn dieser mit sexuellen Anspielungen de-
nunziert worden war. Als Ergebnis einer – erfolgreichen –
sexuellen Denunziation musste sich die verleumdete Person
aus dem öffentlichen Leben zurückziehen, und zwar meist
für immer. Bahnbrechend waren für die deutsche Öffent-
lichkeit in dieser Hinsicht der Krupp-Skandal (1902), bei
dem Friedrich Krupp vorgeworfen wurde, er lebe bei sei-
Zu dem Wörner-Kießling- nen Aufenthalten auf der Insel Capri mit jungen Männern
Skandal, der eine traurige seine Homosexualität aus, und der Eulenburg-Skandal
Spätblüte politischer Homo- (1906–1909), der sich um angebliche homosexuelle Bezie-
phobie darstellt, existiert bis hungen innerhalb eines Beraterzirkels Kaiser Wilhelms II.
heute keine geschichtswissen- drehte. Durch beide Skandale wurde die homosexuell kon-
schaftliche Monographie. Das notierte Stigmatisierung von Politikern und Wirtschaftsfüh-
Bild zeigt General Günter rern in die deutsche Politik eingeführt. Da sich Homopho-
Kießling und Bundesverteidi- bie bis in die 1980er Jahre als Tugend gerieren konnte, galt
gungsminister Manfred Wör- dieser Vorwurf, wenn er belegt werden konnte, als legitime
ner beim Großen Zapfen- Waffe im politischen Kampf.
streich, mit dem Kießling im Die Erwartungshaltung vieler Journalisten um 1900, end-
März 1984 verabschiedet wird. lich auch in Deutschland über große Skandale berichten zu
Der ranghöchste deutsche können, resultierte aus den Skandalerfahrungen, die in
General war im Dezember dieser Zeit die gesamte europäische Presse in der Dreyfus-
1983 vorzeitig in den Ruhe- Affäre (1894–1906) in Frankreich sammelte. Die politische
stand geschickt worden. Die Moderne führte im Kaiserreich bis 1918 zu politisch-medi-
Verdächtigungen, er sei homo- alen Verwerfungen, da einerseits die Konkurrenz unter den
sexuell, wurden widerlegt. Die stärker werdenden Massenparteien, ihren Berufspolitikern
Affäre führte fast zum Sturz und Parteizeitungen zunahm, andererseits Schlüsselstellen
Wörners. Kießling wurde voll in Regierungen und Ämtern nach wie vor von Politikern und
rehabilitiert. Beamten beansprucht wurden, die vom Monarchen einge-
picture alliance/dpa setzt worden waren. Gerade ihrer konnte man sich vielfach

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Norman Domeier
nicht durch eine demokratische Abwahl, sondern nur durch bei sexuellen Denunziationen zu Gerichtsprozessen,
das Mittel der Chantage entledigen, indem Interna aus ih- wurde die Berichterstattung noch einmal verstärkt und
rer Amtsführung oder ihrem Privatleben gegen sie verwen- ausgeweitet, da durch Besonderheiten des deutschen
det wurden. Rechts (Zulässigkeit des „Wahrheitsbeweises“ bei Beleidi-
Für Denunzianten ergab sich aus den Fällen Krupp und Eu- gungen und Verleumdungen) die gesamte Vergangenheit
lenburg die Erkenntnis, dass gerade die Methode sexueller eines Politikers einer „Vivisektion von Staats wegen“ unter-
Denunziation mit „halben Worten“ klug und erfolgverspre- worfen werden konnte, zu der die Presse meist zugelassen
chend war. Abgesehen von der Schaffung einer günstigen war.
juristischen Lage für die Streuer von Gerüchten, ließ sich so Erfolgreiche sexuelle Denunziationen schienen sogar eine
auf die Eigendynamik des sich bewahrheitenden Gerüchts im demokratischen Sinne emanzipatorische und partizipa-
spekulieren. Lancierungen von politischen und privaten torische Wirkung zu besitzen. Journalistisch-moralische
Gegnern waren ebenso zu erwarten wie Mitteilungen von Deutungsmacht zeigte sich der im Sinne Max Webers tra-
Zeugen aus der Öffentlichkeit, die durch einen Skandal in ditional-autoritären Macht der Monarchie als überlegen.
die „Hatz“ auf einen Denunzierten eingebunden wurden. Sexualskandale bildeten innerhalb der verfassungspoliti-
Die entscheidende Rolle spielte hierfür die veränderte Me- schen Stasis des späten Kaiserreichs eine neuartige,
dienöffentlichkeit, in der zunehmend die Massen- und Bou- scheinbar demokratische Prärogative der Beherrschten
levardpresse den Ton angab. Sensationelle Themen wie über ihre Herrscher. „Das bedeutet“, so die euphorische
die sexuellen Eskapaden oder Verfehlungen von Politikern Schlussfolgerung der Kölnischen Zeitung von 1907 auf dem
fanden ab 1900 leichter Eingang in die Presse. Bald wur- Höhepunkt des Eulenburg-Skandals, „dass in Deutschland
den bereits die Leserinnen und Leser, ein Millionenpubli- das Volk selbst berufen ist, den Maßstab zu bestimmen, mit
kum, als aktive Rezipienten genutzt, um Gerüchte zu bele- dem es die Moralität der Männer gemessen wissen will,
gen (Wer hat „sachdienliche“ Hinweise?). die es für würdig hält, neben seinem Kaiser zu stehen.“ Al-
lerdings war die Unkontrollierbarkeit und Eigendynamik
dieser neuen skandalgestützten Form von Machtkontrolle
Heinrich Heine: „Über den Denunzianten“ (1837): und Machtausübung kaum zu überschätzen.
„Sonderbar! Und immer ist es die Religion, und immer
die Moral, und immer der Patriotismus, womit alle
schlechten Subjekte ihre Angriffe beschönigen! Sie
greifen uns an, nicht aus schäbigen Privatinteressen,
nicht aus Schriftstellerneid, nicht aus angeborenem
Knechtsinn, sondern um den lieben Gott, um die gu-
ten Sitten und das Vaterland zu retten.“

Hinzu kam bereits damals ein sehr schneller und tiefgrei-


fender Wertewandel, der jedoch nicht eindeutige libe-
ralisierende Tendenzen aufwies. Die wilhelminische Ge-
sellschaft bewegte sich in Spannungsverhältnissen von
Offizialnormen und Tabus einerseits, sexuellen Aufklä-
rungsbestrebungen und Lebensreformbewegungen ande-
rerseits. Trotz der starken sittlichen Liberalisierungsten-
denzen zu Beginn des 20. Jahrhunderts war nach herr-
schenden Moralvorstellungen ein der Homosexualität
oder des Ehebruchs Verdächtigter solange „moralisch ver-
nichtet“, bis die Denunziation widerlegt und Satisfaktion
erlangt wurde. Überkommene aristokratische Ehr- und
Männlichkeitsvorstellungen vermischten sich mit einem zu-
nehmenden Laisser-faire im Bereich der Heterosexualität
(die Bedeutung der Keuschheit wurde relativiert, voreheli-
cher Geschlechtsverkehr liberalisiert), während sich mit
der Sagbarkeit von Homosexualität auch die Homophobie
– als Tugend – konstituierte. Ernst Röhm (Mitte), Stabschef
Hinzu kam schlichtes Erfolgsdenken in einer sich ausdiffe- der SA, hatte Anteil am Auf-
renzierenden Leistungsgesellschaft, in der Oben und Un- bau der NSDAP und der SA. Er
ten in Bewegung gerieten. Mit sexuellen Denunziationen, wurde im Sommer 1934 unter
dies bewiesen Krupp- und Eulenburg-Skandal eindrück- dem Vorwand angeblicher
lich, konnten stärkste politische Gegner vernichtet werden. Putschpläne ermordet. Die
Dies wurde sogar als Demokratisierungsschub verstanden. Röhm-Affäre offenbarte die
Eine Folge war, dass die Öffentlichkeit die vollzogenen Bigotterie, die in sexuellen
Grenzverwischungen zwischen privater und politischer Denunziationen zu finden ist,
Sphäre akzeptierte und bei Denunziationen das Recht be- und begründete in der linken
anspruchte, im Detail aufgeklärt und beteiligt zu werden. Presse Europas das Stereotyp
Das Privatleben deutscher Politiker war in der Medienöf- des „homosexuellen Nazis“.
fentlichkeit damit endgültig als Thema akzeptiert. Kam es picture alliance/dpa

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Die Röhm-Affäre: Das Stereotyp des DIE SEXUELLE DENUNZIATION
„homosexuellen Nazis“ IN DER DEUTSCHEN POLITIK
SEIT DEM FRÜHEN 20. JAHRHUNDERT
Der Vorwärts, das Leitblatt der deutschen Sozialdemokra-
tie, ließ die Chancen zur moralischen Hatz auf die Füh- schwörung mit Unterstützung der ausländischen Macht
rungsschicht des Kaiserreiches nicht verstreichen. Den Frankreich hingestellt. Die Bigotterie, wie sie in allen sexu-
Krupp-Skandal hatte die Parteipresse der SPD selbst initi- ellen Denunziationen in der Politik zu finden ist, kam beson-
iert. Im Eulenburg-Skandal ging sie bereits so weit, offen zu ders in folgender offizieller Erklärung der NSDAP zum Aus-
Denunziationen homosexueller Adliger aufzurufen. Faden- druck: „Seine [Röhms] bekannte unglückliche Veranlagung
scheiniger Vorwand: Eine Beseitigung des § 175 sei erst führte allmählich zu so unerträglichen Belastungen, dass
möglich, wenn „der gesamte hohe Adel“ öffentlich als ho- der Führer der Bewegung und Oberste Führer der SA selbst
mosexuell bloßgestellt sei. Vor diesem Hintergrund ver- [Hitler] in schwere Gewissenskonflikte getrieben wurde.“
wundert es wenig, dass die sozialdemokratische Presse Solange Röhm dem Aufstieg Hitlers und der NSDAP nützte,
sich in den letzten Jahren der Weimarer Republik auf den war man offenkundig gerne bereit gewesen, sexuelle Tole-
SA-Chef Ernst Röhm und seine Homosexualität einschoss. ranz walten zu lassen. Erst als sich die Machtfrage zu-
Nach 1933 setzte die sozialdemokratische Exilpresse die spitzte, trat die moralische Entrüstung hinzu.
Angriffe fort, die schließlich im Sommer 1934 in der Röhm- Die Röhm-Affäre konnte eine fatale Langzeitwirkung ent-
Affäre ihre Bestätigung zu finden schienen. Die NS-Füh- falten, da die linke Presse Europas nun endgültig das Ste-
rung um Adolf Hitler, der seit Jahren von Röhms Homosexu- reotyp des „homosexuellen Nazis“ etablierte, der vom Ide-
alität gewusst und sich nicht daran gestört hatte, schaltete altyp des Arbeiters als treusorgendem Familienvater scharf
in einer klassischen „Nacht der langen Messer“, für die in- unterschieden wurde. Homosexualität geriet in der Folge
ternationale Medienöffentlichkeit jedoch zusätzlich mit der Röhm-Affäre zu einem Erklärungsansatz in Faschismus-
dem erprobten Mittel des Sexualskandals legitimiert, läs- theorien, weil das Bindegewebe eines Männer- und Füh-
tige innerparteiliche Konkurrenten aus. Auf diese Weise rerstaates dadurch sozialpsychologisch plausibel erklär-
wurden die Ereignisse als „Putsch“ und homosexuelle Ver- bar schien. Solche Elemente von Faschismustheorien sind

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Norman Domeier

Seit den 1990er Jahren ist ein merklicher Wertewandel erkennbar im Hinblick auf das Thema „Homosexualität“. Mehr noch:
In der deutschen Öffentlichkeit waren Solidarisierungseffekte beim „Homosexualitätsskandal“ um Klaus Wowereit zu erken-
nen. Das Bild zeigt Wowereit, den Regierenden Bürgermeister Berlins, und seinen Lebensgefährten Jörg Kubicki am Abend
der Wahlen zum Abgeordnetenhaus 2006. picture alliance/dpa

perfide, schon allein da die Homosexuellenverfolgung im nachdem bereits eine Tochter geboren worden sei. Die Be-
„Dritten Reich“ nach der Röhm-Affäre Züge einer Treibjagd ziehung zu seiner zweiten Frau habe bereits begonnen, als
annahm, Zehntausende unter dem von den Nazis ver- er noch mit der ersten verheiratet gewesen sei. Daneben
schärften § 175 zu Gefängnis- und Zuchthausstrafen verur- wurde Brandt als Bastard denunziert, weder ihm noch sei-
teilt und Tausende in Konzentrationslagern („Rosa Win- ner Mutter sei die Identität seines Vaters bekannt. Das
kel“) ermordet wurden. Thema Unehelichkeit entsprach offenkundig dem kleinbür-
gerlichen Stil der Adenauer-Zeit – wie auch der frühen DDR
– und unterschied sich deutlich von der Dramatik, mit der in
Willy Brandt und das Motiv des „Außerehelichen“ Kaiserreich und „Drittem Reich“ mit Sexualität Politik ge-
in der Bundesrepublik macht worden war. Im Zuge der Guillaume-Affäre 1974
wurde Brandts Privat- und Liebesleben wieder ausge-
Kaum ein anderer Politiker der Bundesrepublik wurde über schlachtet, diesmal um seine Erpressbarkeit durch die Be-
Jahrzehnte derartig persönlich und auch immer wieder mit spitzelung einer feindlichen Macht wie der DDR zu unter-
sexuellen Anspielungen denunziert wie Willy Brandt. Be- streichen. Noch auf seine alten Tage in den 1980er Jahren
reits 1961 versuchte eine Pressekampagne, gestützt auf wurde Brandts angebliche Affäre mit einer Parteispreche-
das Buch „…da war auch ein Mädchen“ des Publizisten rin in der Boulevardpresse thematisiert.
Hans Frederik (Pseudonym: Claire Mortensen), das Anse- Immerhin: das Motiv außerehelicher Untreue wurde par-
hen des aufstrebenden SPD-Politikers zu vernichten. Ent- teiübergreifend ausgenutzt. Der Bumerang, den Franz Jo-
standen war die Kampagne offenbar aus dem Umfeld der sef Strauß Anfang der 1960er auf seinen Konkurrenten
CSU um Franz Josef Strauß – unterstützt durch die Staats- Willy Brandt geworfen hatte, traf ihn 1971, als über seine
sicherheit der DDR. Ziel war es, Brandt als „charakterlich „Eskapaden“ mit Prostituierten im New Yorker Central Park
haltlosen Menschen“ und als unwählbar für das bürgerli- berichtet wurde. Vorwürfe gescheiterter Ehen und außer-
che Lager hinzustellen. Kolportiert wurden aus heutiger ehelicher Affären wurden dem Hamburger Bürgermeister
Sicht banale, damals jedoch durchaus ehrabschneidende Paul Nevermann 1965 zum Verhängnis und beendeten
Enthüllungen: Brandts erste Ehe sei geschlossen worden, noch 1981 die Karriere Hans-Ulrich Kloses als Hamburger

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Bürgermeister sowie seine Ambitionen auf die SPD-Kanz- DIE SEXUELLE DENUNZIATION
lerkandidatur. In den 1980er Jahren scheuten sich nicht IN DER DEUTSCHEN POLITIK
einmal ostentativ kritische Zeitungen wie taz und Konkret, SEIT DEM FRÜHEN 20. JAHRHUNDERT
die angebliche Affäre Helmut Kohls mit seiner Chefsekre-
tärin Juliane Weber zu „politisieren“. Frappierend war in diesem Fall nach wie vor die Eigendy-
Eine Variation vom Motiv des Außerehelichen als Norm- namik, die von der Boulevardpresse erzeugt wurde. Ihre
bruch, der durch den Wertewandel zunehmend an An- sexuellen Denunziationen konnten sich am Ende gegen
griffskraft verlor, im Bereich sexueller Nötigung stellte alle möglichen Politiker richten. Dabei konnte die Bild als
1983 die Affäre um den Bundestagsabgeordneten Klaus auflagenstärkste Zeitung Westdeutschlands immer noch
Hecker dar, Spitzenkandidat der Grünen in Hessen. Da die darauf vertrauen, dass in der Bevölkerung die Verächtlich-
neue Partei mit einem besonders ausgeprägten morali- machung von Homosexuellen als „Homos“ und die Grund-
schen Anspruch auftrat und Frauenrechte zu einem zentra- annahme, sie verkehrten durchweg im kriminellen Milieu
len Thema machte, war es für die Bild ein Leichtes, interne und stellten in verantwortlichen Positionen automatisch ein
Informationen über Übergriffe Heckers auf Mitarbeiterin- Sicherheitsrisiko für den Staat dar, auf breite Zustimmung
nen der Grünen-Fraktion in eine Denunziationskampagne stoßen würde.
gegen die ganze Partei umzuwandeln. Ein offener Brief mit
dem Titel „Friede der Erotik, Kampf dem Sexismus“, der als
fraktionsinterner Denkanstoß gedacht war, wurde von der Der Wertewandel dringt durch: Die Fälle Scharping,
Bild-Zeitung als Beleg dafür angesehen, dass man es mit Seehofer, Wowereit und von Beust
einer „Skandalpartei“ zu tun habe, die keinerlei Sittlichkeit,
Anstand und Moral kenne. Schlagzeilen mit Überschriften Seit den 1990er Jahren ist der Wertewandel im Hinblick auf
wie „Ist diese Partei noch verfassungsgemäß?“ zeugen von das Denunziationspotenzial der Themen „außereheliche
dem medial-politischen Versuch, das Aufkommen einer Affären“ und „Homosexualität“ deutlich erkennbar. Bereits
ganzen Partei mit den Mitteln sexueller Denunziation ver- beim Fall Scharping/Gräfin Pilati (2002) wurde die sexuelle
hindern zu wollen. Dimension von anderen Themen, vor allem einem postmo-
dernen Dekadenzvorwurf, überlagert. Während „unsere
Jungs“ – ein Einsatz der Bundeswehr in Mazedonien stand
Die Rückkehr der „Rosa Angst“: unmittelbar bevor – in Krisenregionen kämpften und star-
Die Affäre Wörner-Kießling ben, so der Tenor der Medienöffentlichkeit, habe sich der
Verteidigungsminister nicht beim Planschen mit Gespielin-
Etwa zur gleichen Zeit trat auch wieder die spezifische ho- nen auf Mallorca zu vergnügen. Beim Fall Seehofer (2007),
mosexuell konnotierte Denunziation in der deutschen Poli- in dem aus den Kreisen seiner eigenen Partei CSU Informa-
tik auf. Mit Dr. Günter Kießling, stellvertretender NATO- tionen über ein langjähriges außereheliches Verhältnis und
Oberbefehlshaber ab 1982, wurde 1983 einer der rang- eine anstehende Vaterschaft in die Medien lanciert wur-
höchsten deutschen Generale in den Verdacht gerückt, den, zeigte sich vollends, wie abgestumpft die Waffe der
homosexuell und dadurch automatisch durch feindliche sexuellen Denunziation beim Thema außereheliche Eska-
Mächte (DDR, Sowjetunion) erpressbar zu sein. Dieses Mo- paden geworden war. Seehofers Umfragewerte im Rennen
tiv war bereits im Eulenburg-Skandal angeklungen, verfes- um den CSU-Vorsitz sanken nur geringfügig, nachdem er
tigte sich durch den berühmten Spionagefall des Oberst seine privaten Verhältnisse auf Druck von Parteigenossen
Redl in Österreich-Ungarn (1913) und in der Röhm-Affäre. „geordnet“ hatte. Dafür zeigte sich parteiübergreifend und
Auch die Parallelen zum Fall des Generals Fritsch, der 1938 insbesondere in der Qualitätspresse eine Solidarisierung
unter dem Vorwurf der Homosexualität von der NS-Füh- mit dem Politiker, von der er bei seinem späteren erfolgrei-
rung ausgeschaltet wurde, liegen auf der Hand. chen Anlauf auf den CSU-Parteivorsitz und das bayerische
Im Falle Kießling kamen erste Denunziationen am NATO- Ministerpräsidentenamt profitieren konnte.
Hauptquartier bei Brüssel auf, denen der deutsche Militä- In ähnlicher Weise waren – historisch neue – Solidarisie-
rische Abschirmdienst (MAD) auf dilettantische Weise rungseffekte in der deutschen Öffentlichkeit bei den bei-
nachging, indem ein Beamter in Kölner Schwulen-Bars ein den „Homosexualitätsskandalen“ um Klaus Wowereit und
schlechtes Foto General Kießlings herumzeigte. Im „Tom- Ole von Beust zu erkennen. Sie unterschieden sich dadurch
Tom“ erhielt er schließlich die dahingeworfene Auskunft, in deutlicher Weise vom Eulenburg-Skandal und der Wör-
das könne „der Günther von der Bundeswehr“ sein. Der ner-Kießling-Affäre. Wowereits „Ich bin schwul – und das
komme einmal im Monat und verkehre mit Strichjungen. ist auch gut so!“ auf einem Parteitag der Berliner SPD 2001
Was sich bald als Verwechslung herausstellte, führte die nahm potenziellen politischen Erpressern rasch den Wind
Regierung Kohl-Genscher in eine schwere Krise. Verteidi- aus den Segeln. Ole von Beust erwiderte als Erster Bürger-
gungsminister Manfred Wörner entließ Kießling ohne Ver- meister Hamburgs die explizite Drohung seines Stellvertre-
abschiedung in den Ruhestand, nachdem er fragwürdige ters, des Innensenators Ronald Schill, ein angebliches Ver-
Zeugen auf die Bonner Hardthöhe hatte einfliegen lassen. hältnis von Beusts mit dem Justizsenator Roger Kusch öf-
Wörners abenteuerliches Verhalten brachte ihn schließlich fentlich zu machen, mit der sofortigen Entlassung Schills
selbst in die Bredouille, als die Bild den „Homo-Vorwurf“ aus seinen Regierungsämtern. Dieser Schritt wurde in der
gegen ihn selbst wendete und offen fragte, ob der Vertei- Öffentlichkeit und von verschiedenen gesellschaftlichen
digungsminister mit seinem unwürdigen Verhalten seine ei- Gruppierungen als richtige Reaktion auf das alte Übel der
gene Homosexualität kaschieren wolle. Kießling wurde Chantage (Erpressung mit politischen Interna) gewertet.
schließlich mit einem Großen Zapfenstreich rehabilitiert, Die Denunziation mit dem Vorwurf der Homosexualität
Wörner gelang es nur mit Glück, seine politische Karriere hatte ihre Skandalwirkung eingebüßt und richtete sich nun
fortzusetzen. gegen die Denunzianten selbst.

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Norman Domeier
Das Ende der sexuellen Denunziation in der hohe Politik dem Alltagsleben avantgardistisch voraus zu
deutschen Politik? sein. In Bezug auf Homophobie sind politischer Raum und
politische Sprache zumindest in Deutschland inzwischen
Spätestens seit dem Krupp-Skandal und dem Eulenburg- beinahe klinisch rein. Im Alltagsleben hingegen ist dies
Skandal bildete die sexuelle Denunziation ein gebräuchli- noch lange nicht der Fall. Vor allem an Schulen, unter Kin-
ches Mittel im Waffenarsenal der politischen Klasse in dern und Jugendlichen, gehört „schwul“ zum gängigen
Deutschland – über die Grenzen politischer Systeme, Par- Sprachschatz der Abwertung von Anderen. Sexuelle De-
teien und Weltanschauungen hinweg. Von progressiven nunziation wird also nach wie vor früh, zum guten Teil so-
Sozialdemokraten im Kaiserreich wurde die sexuelle De- gar unbewusst, internalisiert. Es besteht demnach die
nunziation ebenso genutzt wie von den Nationalsozialis- Möglichkeit, dass die Abqualifizierung eines Menschen
ten, von Christdemokraten gegen Sozialdemokraten und mit dem Stigma Homosexualität eine relevante Form der
andersherum, und, zur Freude einer sensationslüsternen sexuellen Denunziation in unserem Kulturkreis bleibt und in
Boulevardpresse, immer wieder gerne unter Parteifreun- die Politik zurückkehren wird.
den. Dabei lebte die sexuelle Denunziation in der Politik Fälle von sexueller Denunziation in der Politik können aber
meist von feigen Gerüchten, selten stellte sich ein Denunzi- auch mit klassischen, realpolitischen Ansätzen leichter be-
ant selbstbewusst in die Öffentlichkeit wie Maximilian kämpft werden. Ein probates Mittel ist immer, die antike
Harden im Eulenburg-Skandal, der offen einräumte, nichts Frage politischer Machtveränderung (Cui bono?) aufzu-
gegen Homosexuelle an sich, sondern nur gegen ihre „Ver- werfen und die hinter einer Diffamierung liegenden
bündelung“ an der Staatsspitze zu haben. Machtinteressen und idealerweise auch die Denunzianten
Stets entwickelte die sexuelle Denunziation in der moder- sichtbar zu machen.
nen Massenmediengesellschaft eine Eigendynamik. In Allerdings existieren in der gegenwärtigen Gesellschaft
den Medien, aber auch in sensationellen Gerichtsprozes- noch größere Gefahren als politische Denunzianten vor-
sen, die auf Denunziationen zu folgen pflegten, herrschte geblicher sexueller Normbrüche. Nach dem starken ge-
bis in unsere Zeit der Anspruch, die Öffentlichkeit besitze sellschaftlichen Liberalisierungsschub der 1990er Jahre
durchaus ein Anrecht, Privatleben und komplette Vergan- regen sich nun auch in Deutschland wieder gesellschaftli-
genheit von Politikern enthüllt zu bekommen. Erst mit einem che Kräfte, seien es religiös-weltanschauliche Deutungs-
neuerlichen Wertewandel nach der Wiedervereinigung gemeinschafen oder neue populistische Parteien, die als
1989/90 hat sich die Lage grundlegend geändert. Außer- Trittbrettfahrer von Denunziationen, Skandalen und Miss-
eheliche Affären und Homosexualität werden nun kaum ständen jeder Art ihre (Sexual-)Moral gesamtgesellschaft-
noch als „moralische Verfehlung“ angesehen. lich verbindlich durchzusetzen versuchen. Wer beim Thema
Ist Sexualität als Waffe im politischen Kampf daher dauer- Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit den Blick in Eu-
haft stumpf geworden? Skepsis bleibt angebracht, denn ropa und weltweit schweifen lässt, erkennt, wie dünn der
eine „sexuelle Befreiung“ der Gesellschaft als utopisches, Firnis der Zivilisation, wie bedroht Werte wie Gleichstel-
stets auch widersprüchliches und ambivalentes Projekt im lung und gegenseitige Akzeptanz sind. Gesellschaftliche
Sinne der Sexualhistorikerin Dagmar Herzog kann nie voll- Rückschritte und backlashes sind auch bei uns nicht ausge-
endet werden. Sexualität wird solange gesellschaftliches schlossen.
und politisches Drohpotenzial besitzen, wie Sexualität an
sich umstritten bleibt. Interessanterweise scheint heute die

LITER ATUR
Bösch, Frank (2009): Öffentliche Geheimnisse. Skandale, Politik und Me-
dien in Deutschland und Großbritannien 1880–1914. München.
UNSER AUTOR

Burkhardt, Steffen (2006): Medienskandale. Zur moralischen Sprengkraft


öffentlicher Diskurse. Köln.
Dean, Robert (2001): Imperial Brotherhood. Gender and the Making of
Cold War Foreign Policy. Amherst.
Domeier, Norman (2010): Der Eulenburg-Skandal. Eine politische Kultur-
geschichte des Kaiserreichs. Frankfurt am Main/New York.
Domeier, Norman (2014): „Ich klage an!“ – Intellektuelle als Katalysatoren
in gesellschaftszersplitternden Skandalen. In: Der Bürger im Staat, Heft
1/2014, S. 13–19.
Hall, Alex (1977): Scandal, Sensation and Social Democracy. The SPD
Press and Wilhelmine Germany 1890–1914. Cambridge.
Herzog, Dagmar (2005): Die Politisierung der Lust. Sexualität in der deut-
schen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. München.
Koch, Friedrich (1986): Sexuelle Denunziation. Die Sexualität in der politi-
Dr. Norman Domeier, geboren 1979, studierte Geschichte, Politik schen Auseinandersetzung. Frankfurt am Main.
und Publizistik in Göttingen, Cambridge und am Europäischen Storkmann, Klaus (2014): Cui bono? Entscheidungen und Hintergründe des
Wörner-Kießling-Skandals 1983/84 im Spiegel neuer Forschungen. In:
Hochschulinstitut in Florenz. Er ist Akademischer Rat am Histori- Österreichische Militärische Zeitschrift, Band 6/2014, S. 716–721.
schen Institut der Universität Stuttgart. Sein Forschungsinteresse zur Nieden, Susanne (2005): Aufstieg und Fall des virilen Männerhelden.
umfasst die politische Kultur- und Mediengeschichte der europä- Der Skandal um Ernst Röhm und seine Ermordung. In: zur Nieden, Su-
sanne (Hrsg.): Homosexualität und Staatsräson. Männlichkeit, Homo-
ischen Moderne. phobie und Politik in Deutschland 1900–1945. Frankfurt am Main,
S. 147–192.

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HOMOPHOBIE UNTERM HAKENKREUZ

Lebenssituationen und Repressionen


von LSBTI im Nationalsozialismus –
Desiderate und Perspektiven der Forschung
Stefanie Wolter

det wurden, während andere soziale Schichten ihre Sexu-


Das Naziregime unterwarf Familienleben und Sexualität alität in viel stärkerem Maße ausleben konnten, ohne
dem Primat der Ausbreitung der „arischen Rasse“. Alle drangsaliert zu werden“. 2 Ihre (empirisch nicht belegbare)
Formen der Sexualität, die nicht diesem Ziel dienten, soll- These ist, dass das selektive Vorgehen des Polizei-Ge-
ten „ausgemerzt“ werden. Liebe und Sexualität hatten stapo-Apparats gegen vermeintliche Homosexuelle unter
nicht lustvoll zu sein, sondern reproduktiv. Die sexualpo- Arbeitern als Teil der allgemeinen terroristischen Repres-
litische Willkür und der repressive Charakter des „Dritten sion dieser Bevölkerungsgruppe (mit dem Ziel der Ein-
Reiches“ zeigten sich insbesondere am Umgang mit les- schüchterung) verstanden werden kann. „Dass auch der
bischen, schwulen, bi-, trans- und intersexuellen Men- neue Mittelstand und darunter vor allem die Beamten im
schen. Die NS-Ideologie duldete die Sexualität dieser Fokus der Repressionen standen“, wird vor allem mit der
Menschen nicht. Homosexuelle Männer und lesbische NS-Polykratie zu erklären versucht, „in der die NS-Bewe-
Frauen wurden ausgegrenzt, verfolgt, ihrer Persönlich- gung allmählich in die innere Verwaltung des Staates vor-
keit und Identität beraubt. Repression, Verfolgung und zudringen versuchte und es gleichzeitig verstand, die Ver-
die von den Nazis begangenen Verbrechen an homose- haltensmuster der Bevölkerung zu regulieren“. Um solche
xuellen Menschen werden auch heute noch tabuisiert. Thesen für das sogenannte Altreich zu überprüfen, sind
Dies spiegelt sich nicht zuletzt in der historischen For- quantitative Auswertungen unterschiedlicher behördli-
schung wider. Recherchen und historische Arbeiten zur
Verfolgung und Repression von LSBTI im Nationalsozia-
lismus stecken noch in den Anfängen. Ausgehend vom
aktuellen Stand der historischen Aufarbeitung skizziert
Stefanie Wolter die wichtigsten Forschungsdesiderate
und -perspektiven.

Forschungsdesiderate

In diesem Beitrag geht es vor allem darum, die wichtigsten


Forschungsdesiderate zu benennen und mögliche Pers-
pektiven für Projekte in einem größeren Zusammenhang
aufzuzeigen.1

Staatliche Verfolgung

Immer noch fehlen Regionalstudien zur Tätigkeit von Ge-


stapo, Kripo und Justizbehörden, die Gemeinsamkeiten
und Unterschiede in den Strategien der Verfolgung aufzu-
decken vermögen. Hier sind in den letzten Jahren zwar
einige wichtige Arbeiten erschienen, allerdings konzent-
rieren sich diese primär auf Großstädte wie Hamburg,
Berlin und Köln, die bis 1933 über eine lebendige Homo-
sexuellen-Szene verfügten. Neben der erforderlichen Ge-
genüberstellung von Stadt und Land verspricht der Ver-
gleich zwischen Homosexuellen aus dem Arbeitermilieu
und aus dem Bürgertum Erkenntnisgewinne – etwa im Hin-
blick auf die Frage, ob und wenn ja, warum Angehörige
bestimmter sozialer Schichten unterschiedlich verfolgt Die Skulpturen belegen sichtbar den Wahn der physischen
wurden. Philipp Korom und Christian Fleck haben sich „Sauberkeit“ der NS-Kunst. Der „neue Klassizismus“ mutierte
2012 mit dem sozialen Hintergrund der Verfolgten in Ös- zum bloßen Körperkult, der in den Dienst der Rassenlehre
terreich beschäftigt und konstatiert, „dass Normverstöße gestellt wurde. Ein dergestalt verordneter „Eros“ duldete
nur im Falle ausgewählter Bevölkerungsgruppen geahn- keine gleichgeschlechtliche Liebe. picture alliance/dpa

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Stefanie Wolter

Gedenktafel für die homosexu-


ellen Opfer des Nazi-Regimes
am Bahnhof Nollendorfplatz in
Berlin. Die von den Nazis
begangenen Verbrechen an
homosexuellen Menschen wer-
den auch heute noch tabuisiert.
Recherchen und historische
Arbeiten zur Verfolgung und
Repression von LSBTI im Natio-
nalsozialismus stecken noch in
den Anfängen.
picture alliance/dpa

cher Überlieferungen vorzunehmen. 3 Auch für die Justiz SS-Wachmannschaften und Kapos an Homosexuellen und
sind noch Fragen offen: Bildeten sich an den Gerichten die Stellung der homosexuellen Häftlinge in der Lagerge-
spezielle Zuständigkeiten heraus? Wie sah der Ermes- sellschaft zu klären. Dies beinhaltet die Untersuchung der
sensspielraum der Richter aus und wovon hing es ab, in- Machtverhältnisse, der Rolle sexualisierter Gewalt und der
wieweit dieser genutzt wurde? Wurden womöglich auch Wechselwirkung von Sexualität und Sozialstruktur. Noch
homosexuelle Frauen (aufgrund anderer strafrechtlicher wenig ist bekannt über die Zustände im Strafvollzug, also
Paragrafen) verfolgt? Wie wirkte sich das NS-Homosexu- in den Zuchthäusern und Gefängnissen. Eine Herange-
ellenbild auf die Rechtsprechung aus? hensweise ist die systematische Auswertung der Häftlings-
Obwohl zu Konzentrationslagern einige Studien vorlie- bücher.
gen, gibt es auch hier noch offene Fragen. An erster Stelle Verschiedene Quellen müssten für eine Analyse herange-
steht eine breit angelegte Analyse zur Situation homosexu- zogen werden: Verfolgungsakten (Polizei, Justiz), Gewer-
eller Häftlinge im KZ. Dazu gehört die Aufarbeitung der beamtsakten (Überwachung der von Homosexuellen be-
Häftlingskarteien im Archiv des Internationalen Such- suchten Lokale), Häftlingsbücher, KZ-Häftlingskarteien,
diensts in Bad Arolsen. Des Weiteren sind Verbrechen von Selbstzeugnisse.

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Kirchen LEBENSSITUATIONEN UND REPRESSIONEN
VON LSBTI IM NATIONALSOZIALISMUS –
Wenig ist geforscht worden zu den Klosterprozessen DESIDERATE UND PERSPEKTIVEN DER FORSCHUNG
1936/37, bei denen angeblich homosexuelle katholische
Priester und Ordensbrüder juristisch verfolgt wurden, und handelt wurde und wie sich das komplizierte Verhältnis
zu der Rolle der beiden Kirchen. Weiterhin ist die einzige von Homoerotik und Homophobie adäquat beschreiben
Studie zu den Klosterprozessen die 1971 erschienene Dis- lässt. Im Einzelnen sind zu untersuchen:
sertation von Hans Günter Hockerts, die die Missbrauchs-
prozesse gegen katholische Geistliche primär unter Ge- Hitlerjugend (HJ) und Bund Deutscher Mädel (BDM)
sichtspunkten des Kirchenkampfs behandelt. 4 Hier sind Die Grundzüge der Behandlung von Homosexualität in der
neue Forschungen dringend notwendig. Grundlegend HJ sind bereits thematisiert worden. 6 Forschungsstrategien
und unerlässlich für eine Einordnung kirchlicher Praktiken zur Untersuchung männlicher Homosexualität in der HJ
ist eine Untersuchung des theologischen Diskurses zur gibt Armin Nolzen 7, der auf die Tatsache verweist, dass
Homosexualität in den 1930er Jahren. Dazu müsste ne- eine kritische Gesamtdarstellung des Phänomens Homo-
ben dem Kirchenrecht, theologischen Lexika und päpstli- sexualität in der HJ immer noch ausstehe. Wichtig sei zum
chen Enzykliken auch die moraltheologische Literatur der einen die Erschließung regionaler Quellenbestände, um zu
Zeit ausgewertet werden. Eine interessante Frage ist, wel- einer ausgewogenen Gesamtbilanz zu kommen, zum an-
che Verbindungen zwischen Homosexualität, einem auf deren die Frage nach der Instrumentalisierung der bündi-
den Vorwurf der Effeminierung reagierenden Männlich- schen Vergangenheit bei nach § 175 Reichsstrafgesetz-
keitsbild der (katholischen) Kirche und der Sexualmoral buch (RStGB) verurteilten HJ-Mitgliedern. Den BDM hat
der Zeit bestehen. Wie nutzten katholische Publizisten Claudia Schoppmann kurz behandelt. 8 Die Quellenlage
(ähnlich wie die linke Exilpresse) das Stereotyp des ist aufgrund der Tatsache, dass lesbische Liebe nicht offizi-
„schwulen Nazi“, um das NS-Regime zu diskreditieren? ell kriminalisiert wurde, noch schwieriger als bei männli-
Wurde der Vorwurf der Homosexualität auf beiden Seiten cher Homosexualität. Die wesentliche Frage, die sich bei
instrumentalisiert? In einem zweiten Schritt wäre nach der Planung eines Forschungsvorhabens über Homosexua-
dem kircheninternen Umgang mit homosexuellen Verhal- lität in der HJ stellt, zielt folglich auf informative Quellen-
tensweisen zu fragen – übrigens auch in der evangeli- bestände. Sinnvoll könnte sein, die Forschungsfrage aus-
schen Kirche. Die Spanne reicht hier von Repression über zuweiten und nicht nur nach Homosexualität in der HJ zu
Duldung bis hin zu Vertuschung. Ein anderer Aspekt ist die fragen, sondern nach dem generellen Umgang mit homo-
Reaktion der Bevölkerung gegenüber solchen Fällen, die sexuellen Jugendlichen in der NS-Zeit. Dies würde die Un-
sich in Statistiken des kirchlichen Lebens und in von NS- tersuchung disziplinarischen Vorgehens in der HJ beinhal-
Stellen erstellten Stimmungs- und Lageberichten nieder- ten, könnte aber die Überlieferung anderer staatlicher
schlägt. Weitere Möglichkeiten bietet die Biografiefor- Stellen systematisch einbeziehen. Dazu gehören Sozial-
schung. verwaltungen und Fürsorgeeinrichtungen, aber auch Ju-
Ein Beispiel für mögliche Forschungsansätze zum Thema gendgerichte beziehungsweise die Jugendkammern an
„Evangelische Kirche und Homosexualität“ im Nationalso- Amts- und Landgerichten.
zialismus findet sich bei Andreas Pretzel, der anhand von
Strafakten der Berliner Staatsanwaltschaft und Bewohner- Wehrmacht
akten die Situation von Homosexuellen in den Hoffnungs- Es existieren kaum spezielle Untersuchungen über wegen
taler Anstalten Lobetal untersucht und seine Erkenntnisse in homosexueller Vorkommnisse verurteilte Wehrmachtsan-
verschiedenen Aufsätzen veröffentlicht hat. Er stellt u. a. gehörige. Die möglichen Folgen einer Verurteilung listet
folgende Fragen: „Wie reagierten die Pastoren und Dia- Günter Grau auf; gesonderte Forschungen hierzu liegen
kone, wenn sie mit Liebesbeziehungen und intimen Verhält- nicht vor.9 In den letzten Jahren erschienene Untersuchun-
nissen ihrer Schutzbefohlenen konfrontiert wurden? Wie gen zur Wehrmachtjustiz erwähnen dieses Thema mit kei-
stellten sie sich dieser Herausforderung in Anbetracht der nem Wort. Es ist zu prüfen, inwiefern die Überlieferungen
unseligen Tradition theologischer und kirchlicher Homo- der Militärgerichte ertragreich sein könnten. Zu fragen
phobie? Und wie verhielten sie sich, als auch die Hoff- wäre, inwiefern sich bestimmte Muster bei richterlichen Zu-
nungsthaler [sic!] Anstalten während der NS-Diktatur ins ständigkeiten herausgebildet haben. Ebenso könnte eine
Visier der intensiven staatlichen Verfolgung Homosexuel- systematische Auswertung der im Bundesarchiv-Militärar-
ler gerieten?“ 5 chiv in Freiburg lagernden Sachakten der Sanitätsinspek-
Womöglich liegen für solche Fragen auch Akten zu ande- tion und der Unterlagen des beratenden Psychiaters Otto
ren Einrichtungen der evangelischen Kirche vor, die neue Wuth neue Erkenntnisse bringen.
Erkenntnisse liefern können. Für die katholische Kirche
müssten die Überlieferungen karitativer Einrichtungen ein- Sturmabteilung (SA) und Schutzstaffel (SS)
gesehen werden. Die Instrumentalisierung homosexueller Vorfälle innerhalb
der SA ist im Rahmen von Untersuchungen zum „Röhm-
Putsch“ häufig thematisiert worden. Eine Untersuchung des
NS-Organisationen und Wehrmacht Vorgehens in der SS auf breiter Dokumentenbasis wäre
hingegen äußerst wünschenswert, scheint aber in Anbe-
Auch für SA, SS, HJ, BDM, NSDAP sowie für Polizei und tracht der Quellenlage schwierig. Ein Großteil der Unter-
Wehrmacht gibt es bis auf einige Ausnahmen nur geringe lagen des Obersten SS- und Polizeigerichts sind entweder
Fortschritte zu verzeichnen. Eine grundlegende Frage ist, durch Kriegseinwirkungen oder infolge planmäßiger Ver-
wie Homosexualität gerade in reinen Männerorganisatio- nichtung nicht überliefert. Möglicherweise bietet die Ana-
nen, die Maskulinität so stark betonten, bewertet und be- lyse von Nachkriegsermittlungen oder -prozessen wegen

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Stefanie Wolter

Die planmäßige Erfassung


der Jugend und die Verhal-
tenskonditionierung in den
NS-Jugendorganisationen HJ
und BDM hatten die Zuschrei-
bung einer ideologisch verord-
neten Identität zum Ziel. Von
dieser Norm abweichende
Orientierungen wurden sankti-
oniert. Die Situation homose-
xueller Jugendlicher in der NS-
Zeit ist ein Desiderat der histo-
rischen Forschung.
picture alliance/dpa

der Erschießung von SS-Männern oder Polizeibeamten, mit Transvestitismus in der frühen Sexualwissenschaft be-
die der Homosexualität bezichtigt worden waren, einen schäftigt hat.12 Für eine Untersuchung der Situation Interse-
neuen Zugang. xueller ist die Materiallage noch schwieriger. Ein erster
Ausgangspunkt könnte die Aufarbeitung des medizini-
NSDAP schen Diskurses zur Intersexualität sein. Generell ist es ge-
Für den Umgang mit Homosexualität in der NSDAP könnte rade bei diesem Thema sicherlich sinnvoll, die NS-Zeit
eine systematische Auswertung der Unterlagen der Partei- nicht isoliert zu betrachten, sondern stattdessen auch die
gerichte unterschiedlicher Ebenen neue Erkenntnisse brin- Entwicklung vor 1933 und nach 1945 mit zu untersuchen.
gen.

Forschungszusammenhänge
Medizin und Psychiatrie
Wenn man den Blick von einzelnen Teilbereichen zu weiter
Über Mediziner als Täter ist bis heute kaum etwas be- gefassten Fragestellungen wendet und danach fragt, in-
kannt.10 Diverse Fragen sind hier offen: In welchen Traditi- wiefern sich der Komplex Lebenssituationen und Repressi-
onslinien standen die medizinischen Diskurse über Homo- onen von LSBTI im Nationalsozialismus in größere, womög-
sexualität? Wie veränderten sich diese mit der Etablierung lich nicht nur historische, sondern auch interdisziplinäre
des Nationalsozialismus? Welche Schwerpunkte wurden Forschungszusammenhänge stellen lässt, sind verschie-
in der medizinischen Diskussion gesetzt und was hatte dies dene Ansätze denkbar. So könnten Methoden der soziolo-
für Auswirkungen? Wo wurden Mediziner aktiv (beispiels- gischen und kriminologischen Opferforschung herangezo-
weise in kriminalbiologischen Sammelstellen, als bera- gen werden und nach Fremd- und Eigenviktimisierung ge-
tende Psychiater bei Gericht) bei der Verfolgung Homose- fragt werden. Eine weitere Herangehensweise ist die
xueller tätig? Wie nutzten sie ihren Zuwachs an Macht und Untersuchung der Skandalisierung homosexueller Vor-
Einfluss? Welche Rolle spielten psychiatrische Einrichtun- kommnisse und der Vergleich mit nicht homosexuell konno-
gen? tierten Skandalen während der NS-Zeit sowie mit Skanda-
len um Homosexualität sowohl in der Weimarer Republik
als auch in der Bundesrepublik. Für beide Bereiche spielt
Weibliche Homosexualität die Frage nach öffentlichen Diskursen eine wesentliche
Rolle; sie leitet über zur grundsätzlichen Untersuchung der
Die problematische Quellenlage ist mit Blick auf den BDM Fremdbilder von Homosexualität.13 Dies scheint mir eine
bereits erwähnt worden. Claudia Schoppmann schlägt sinnvolle Möglichkeit, unterschiedliche Teilbereiche, die
verschiedene Herangehensweisen vor, die zu neuen Er- dringend besser erforscht werden müssen, in einen größe-
kenntnissen führen könnten.11 ren Kontext zu stellen. Eine wesentliche Erweiterung ist al-
lerdings zusätzlich notwendig: Statt von Fremdbildern
sollte vielmehr von Bildern gesprochen werden, um auch
Trans- und Intersexuelle die Eigenwahrnehmung der betroffenen Personen be-
leuchten zu können. Diese Bilder entstehen in einem kom-
Zu beiden Gruppen liegen keine systematischen Untersu- munikativen Prozess, auf den diejenigen, über die gespro-
chungen vor; einiges erfährt man bei Rainer Herrn, der sich chen wird, bis zu einem gewissen Grad einwirken können.

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Zudem wird dadurch der „Konstruktionscharakter von LEBENSSITUATIONEN UND REPRESSIONEN
Identitätskategorien“ deutlich, bei dem „zu unterscheiden VON LSBTI IM NATIONALSOZIALISMUS –
ist zwischen Selbstzuschreibungen der jeweiligen histori- DESIDERATE UND PERSPEKTIVEN DER FORSCHUNG
schen Akteurinnen und Akteure, zeitgenössischen Fremd-
zuschreibungen, etwa von Seiten der verfolgenden NS- 6 Vgl. Kathrin Kollmeier (2007): Ordnung und Ausgrenzung. Die Diszip-
linarpolitik der Hitler-Jugend. Göttingen.
Instanzen, und heutigen Identitätszuschreibungen an die 7 Vgl. Armin Nolzen (2005): „Streng vertraulich!“ Die Bekämpfung
damaligen Akteurinnen und Akteure“.14 „gleichgeschlechtlicher Verfehlungen“ in der Hitlerjugend. In: Susanne zur
Ein solches weiter gefasstes Projektthema könnte den Rah- Nieden (Hrsg.): Homosexualität und Staatsräson. Männlichkeit, Homo-
phobie und Politik in Deutschland 1900–1945. Frankfurt am Main, S. 253–
men für spezifizierte Forschung vorgeben. So gut wie alle 280.
genannten Forschungsdesiderate lassen sich unter dieser 8 Vgl. Claudia Schoppmann (1997): Nationalsozialistische Sexualpoli-
Fragestellung untersuchen, wobei der gewählte methodi- tik und weibliche Homosexualität. 2. Auflage, Pfaffenweiler.
9 Vgl. Günter Grau (2011): Lexikon zur Homosexuellenverfolgung 1933–
sche Zugang je nach Thema unterschiedlich aussehen 1945. Institutionen, Personen, Betätigungsfelder. Münster, S. 323.
kann. 10 Eine Ausnahme bildet der Aufsatz von Günter Grau (2002): „Unschul-
Die Spanne reicht von der biografischen Einzelforschung dige Täter“. Mediziner als Vollstrecker der nationalsozialistischen Homo-
sexuellenpolitik. In: Burkhard Jellonnek/Rüdiger Lautmann (Hrsg.): Natio-
über die quantitative Auswertung von Gerichtsakten bis nalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle. Verdrängt und ungesühnt.
hin zu einer theoretischen Auseinandersetzung mit dem Paderborn u. a., S. 209–235.
Verhältnis von Homosexualität und Faschismus. Darüber 11 Vgl. dazu Claudia Schoppmann (2013): Lesbische Frauen und weibli-
che Homosexualität im Dritten Reich. Forschungsperspektiven. In: Michael
hinaus könnte in einem weiterführenden Schritt die zeitli- Schwartz (Hrsg.): Homosexuelle im Nationalsozialismus. Neue For-
che Perspektive ausgeweitet werden auf die Zeit vor 1933 schungsperspektiven zu Lebenssituationen von lesbischen, schwulen, bi-,
und nach 1945. trans- und intersexuellen Menschen 1933–1945. (Zeitgeschichte im Ge-
spräch, Band 18). München, S. 85–91.
Generelle Leitfragen eines solchen Projekts könnten sein: 12 Vgl. dazu Rainer Herrn (2013): „In der heutigen Staatsführung kann es
Wie wurde im Nationalsozialismus Homosexualität bezie- nicht angehen, dass sich Männer in Frauenkleidung frei auf der Straße
hungsweise wie wurden Homosexuelle in den unterschied- bewegen.“ Über den Forschungsstand zum Transvestitismus in der NS-Zeit.
In: Michael Schwartz (Hrsg.): Homosexuelle im Nationalsozialismus.
lichen Teilbereichen des gesellschaftlichen Lebens wahr- Neue Forschungsperspektiven zu Lebenssituationen von lesbischen,
genommen? Welche Diskurse wurden über sie geführt? schwulen, bi-, trans- und intersexuellen Menschen 1933–1945. (Zeitge-
Wie vermochten unterschiedliche Institutionen wie Kirche, schichte im Gespräch, Band 18). München, S. 101–106.
13 Thematisch noch weiter gefasst bei Stefan Micheler (2005): Selbstbil-
Staat, Medizin, Psychiatrie dieses Bild zu prägen? Welche der und Fremdbilder der „Anderen“. Männer begehrende Männer in der
Folgen hatte dies für die Intensität von Repression und Ver- Weimarer Republik und der NS-Zeit. Konstanz.
folgung? Inwiefern beeinflussten sich Sichtweisen gegen- 14 Vgl. Corinna Tomberger (2013): Homosexuellen-Geschichtsschrei-
bung und Subkultur. Geschlechtertheoretische und heteronormativitäts-
seitig und erfuhren durch die NS-Ideologie eine Verände- kritische Perspektiven. In: Michael Schwartz (Hrsg.): Homosexuelle im
rung? Die Wechselseitigkeit der Beeinflussung scheint hier Nationalsozialismus. Neue Forschungsperspektiven zu Lebenssituationen
besonders wichtig. Was wurde als „normal“ definiert, was von lesbischen, schwulen, bi-, trans- und intersexuellen Menschen 1933–
1945. München, S. 19–26, hier S. 23.
war dementsprechend eine Abweichung, welches Bedro-
hungspotenzial wurde Homosexuellen zugeschrieben?
Wie wurde die Fremdwahrnehmung in die Eigenwahrneh-
mung inkorporiert? Wie wurde auf Zuschreibungen re-
agiert? Spezielle Fragen müssen innerhalb der einzelnen
zu untersuchenden Teilbereiche gestellt werden. Diese Teil-
bereiche ergeben sich wiederum aus den hier diskutierten

UNSERE AUTORIN
Forschungsdesideraten. Es gibt auf jeden Fall viel zu tun.

ANMERKUNGEN
1 Der Beitrag ist in dem Sammelband von Michael Schwartz (s. unten)
erschienen. Zum aktuellen Forschungsstand vgl. Günter Grau (2013): Die
Verfolgung der Homosexualität im Nationalsozialismus. Anmerkungen
zum Forschungsstand. In: Michael Schwartz (Hrsg.): Homosexuelle im Na-
tionalsozialismus. Neue Forschungsperspektiven zu Lebenssituationen
von lesbischen, schwulen, bi-, trans- und intersexuellen Menschen 1933–
1945. (Zeitgeschichte im Gespräch, Band 18). München, S. 43–52.
2 Philipp Korom/Christian Fleck (2012): Wer wurde als homosexuell ver-
folgt? Zum Einfluss sozialstruktureller Merkmale auf die strafrechtliche Stefanie Wolter, geboren 1985, studierte Geschichte, Germanis-
Verfolgung Homosexueller in Österreich während des Nationalsozialis- tik und Öffentliches Recht in Münster. Nach ihrem Studienab-
mus und der Zweiten Republik. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und schluss 2010 arbeitete sie unter anderem für das Bundesarchiv in
Sozialpsychologie, Heft 4/2012, S. 755–782, hier S. 770; das folgende
Zitat findet sich ebenda, S. 775. Koblenz und das Institut für Zeitgeschichte München-Berlin in
3 Für Österreich vgl. Johann Karl Kirchknopf (2013): Die umfassende Berlin, wo sie im Rahmen eines Kooperationsprojektes zwischen
Aufarbeitung der NS-Homosexuellenverfolgung in Wien. Am Beginn eines dem Institut für Zeitgeschichte und der Bundesstiftung Magnus
herausfordernden Projekts. In: Michael Schwartz (Hrsg.): Homosexuelle im
Nationalsozialismus. Neue Forschungsperspektiven zu Lebenssituationen Hirschfeld (BMH) Forschungsstand und Forschungsdesiderate zu
von lesbischen, schwulen, bi-, trans- und intersexuellen Menschen 1933– dem Thema „LSBTI im Nationalsozialismus“ erarbeitete. Sie pro-
1945. (Zeitgeschichte im Gespräch, Band 18). München, S. 121–127. moviert derzeit an der Westfälischen Wilhelms-Universität Müns-
4 Vgl. Hans Günter Hockerts (1971): Die Sittlichkeitsprozesse gegen ka-
tholische Ordensangehörige und Priester 1936/37. Mainz. ter bei Prof. Dr. Michael Schwartz über Vertriebenenpolitiker in
5 Andreas Pretzel (2007): „Offenbar hilft hier nichts, als eine harte Barm- der frühen Bundesrepublik.
herzigkeit“. Homosexuelle in Lobetal. In: Mitteilungen der Magnus-Hirsch-
feld-Gesellschaft, 37–38/2007, S. 62–78, hier S. 62.

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„ZUM SCHRECKEN DER HOMOSEXUELLEN STUTTGARTS …“

Ausgrenzung und Verfolgung


homosexueller Männer in Württemberg
Ralf Bogen

Die Verfolgungspraxis der Stuttgarter Kriminalpolizei


Noch in den 1950er-Jahren brüstete sich die im „Hotel in den 1950er- und 1960er-Jahren
Silber“ ansässige Stuttgarter Kriminalpolizei, „zum
Schrecken der Homosexuellen Stuttgarts“ geworden zu Zur baden-württembergischen „Spitzenposition“ trug
sein. Baden-Württemberg war in der Nachkriegszeit maßgeblich die Stuttgarter Kriminalpolizei bei. In den
Vorreiter bei der strafrechtlichen Verfolgung homosexu- Räumen des „Hotel Silber“, dem ehemaligen Gebäude der
eller Männer. Ralf Bogen beschreibt zunächst die Ver- Geheimen Staatspolizei von Württemberg und Hohenzol-
folgungspraxis der Stuttgarter Kriminalpolizei in den lern, ging die Verfolgung homosexueller Männer nach
1950er- und 1960er-Jahren. Fünf kurze biografische 1945 fast nahtlos weiter. Dort wurde die Dienststelle „Sitte“
Skizzen belegen die Schicksale homosexueller Männer der Kriminalpolizei mit dem „Sachgebiet Homosexuelle“
in den Jahren nach 1945. Diese Repressionen erklären eingerichtet. 5 Nach eigener Schätzung hatte sie circa
sich u. a. durch die unsägliche Traditionslinie, die aus der 2.000 Homosexuelle in Stuttgart zu überwachen. Ihr Leiter,
radikalen Verfolgung gleichgeschlechtlich Liebender Kriminaloberkommissar Bauer, brüstete sich damit, dass
zwischen 1933 und 1945 herrührt. In einem historischen Anzeigen gegen homosexuelle Männer „meist aus eigener
Rückblick werden die einzelnen Etappen der Verfolgung Initiative“ erfolgt seien. In einem Bericht vom 25. Mai 1956
während der NS-Diktatur erörtert. Wiederum geben betonte er, dass die Dunkelziffer „auf diesem Gebiet“ be-
Einzelschicksale auch dieser Epoche ein Gesicht. Ralf kanntlich „außerordentlich groß“ sei und die „Anzeigenzif-
Bogen mahnt abschließend die systematische Aufarbei- fer […] wesentlich von der polizeilichen Verfolgungsinten-
tung der Lebenssituation von LSBTTIQ in der NS- und sität“ abhänge. Eine von der Dienststelle aufgebaute Spe-
Nachkriegszeit an. Bis heute ist diese Verfolgungsge- zialkartei mit einer Lichtbildersammlung habe sich als
schichte von öffentlichen Stellen nicht systematisch auf- besonders hilfreich erwiesen: So hätten sich zum Bei spiel
gearbeitet und dargestellt worden. Allerdings hat sich „durch die Vernehmung eines zufälligerweise aufgegrif-
der Landtag von Baden-Württemberg mit der am fenen Strichjungen insgesamt 45 weitere ‚Fälle‘ ergeben,
16.10.2014 beschlossenen Annahme des Antrags „Ent- wobei die Partner anhand der Lichtbildersammlung in den
schließung zur Aufarbeitung der strafrechtlichen Verfol- meisten Fällen ermittelt werden konnten.“6
gung homosexueller Männer“ für die strafrechtliche Ver-
folgung entschuldigt. 1

Baden-Württemberg: Spitzenreiter bei der


Verfolgung nach 1945

Im westlichen Nachkriegsdeutschland wurde der § 175


Strafgesetzbuch in der von den Nationalsozialisten 1935
verschärften Fassung mehr als zwei Jahrzehnte lang bis
1969 angewendet. Dies trug mit dazu bei, dass männerlie-
bende Männer, aber auch frauenliebende Frauen, ein we-
sentlich unfreieres Leben führen mussten als in der Weima-
rer Republik. Insbesondere in Baden-Württemberg wurde
weiterhin für ein Klima von Angst, Denunziantentum, Demü-
tigungen und für gebrochene Biografien gesorgt: Hier gab
es zwischen 1953 und 1969 annähernd 20.000 von der Kri-
minalpolizei erfasste § 175-Vergehensfälle (exakt: 19.591) 2
und 1959 mit 902 § 175-Verurteilten doppelt so viele Verur-
teilungen wie im Bundesdurchschnitt. 3 Bis heute sind in Ba-
den-Württemberg noch immer mehr als 5.400 Männer we-
gen ihrer Homosexualität vorbestraft. Viele sind gestorben
– ohne Rehabilitierung und mit dem Stigma, „kriminell“ ge-
wesen zu sein. 4

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Die Ermittlungsarbeit erstreckte sich auf die Beobachtung AUSGRENZUNG UND VERFOLGUNG
sogenannter Homo-Lokale, zu denen Bauer im obigen Be- HOMOSEXUELLER MÄNNER IN WÜRTTEMBERG
richt das Café „Weiß“ (früher „Bachstelze“) und die Gast-
stätte „Baßgeige“ sowie die neu eröffnete Gaststätte
„Wörz“ in der Hohenheimer Straße 30 zählte. Anzeigen von homosexuellen Männern richteten. So hatte der Mann-
hätten in Stuttgart von 120 im Jahr 1951 auf 236 im Jahre heimer Verwaltungsgerichtshof in einem Urteil festgestellt,
1955 zugenommen, da man das „Sachgebiet Homosexu- „durch das Dulden und Fördern des Zusammentreffens ho-
elle […] durch zwei junge tüchtige Beamte verstärkt“ habe, mosexueller Kreise in einer Gaststätte“ werde die Homose-
die „zum Schrecken der Homosexuellen Stuttgarts“ gewor- xualität gefördert und dadurch „das Gewerbe miss-
den seien. Bei ihrer Ermittlungstätigkeit setzte die Kriminal- braucht“. Auch Anträge „auf Erlaubnis für Männertanzver-
polizei spätestens seit 1951 wieder V-Männer ein, wie das anstaltungen“ seien stets abgewiesen worden. 8
Schreiben „Homosexuelles Treiben im Hauptbahnhof“ vom
27. August 1951 belegt. Im „Bericht über Maßnahmen ge-
gen homosexuelle Umtriebe“ vom 2. Mai 1955 beschreiben Überlebende von KZ- und Moorlagerhaft nach 1945
die Polizisten „die Überwachung der öffentlichen Bedürf- erneut wegen Homosexualität im Gefängnis
nisanstalten ‚Friedrichsbau – Alter Postplatz – Ilgenplatz
– Charlottenplatz‘ durch Streifen der Kriminalpolizei in Bei der besonders intensiven Verfolgung homosexueller
Verbindung mit der Schutzpolizei“. Auch Maßnahmen zur Männer in Baden-Württemberg verwundert es nicht, dass
besseren Überwachung der sogenannten „Dauerduscher“ sich unter den in der Nachkriegszeit wegen § 175 Verurteil-
und „Dauerbadegäste“ in den städtischen Badeanstalten ten auch ehemalige Emslandlager- und KZ-Häftlinge be-
werden in diesem Bericht aufgeführt. Der Badebetrieb fanden, wobei sich einschlägige Verurteilungen nicht un-
solle künftig „in Zusammenarbeit mit der Bäderleitung und bedingt strafmildernd, sondern eher strafverschärfend
dem Personal der einzelnen Badeanstalten […] zusätzlich auswirken konnten:
durch geschulte Beamte des Sittendezernats“ beobachtet l So war der Stuttgarter Kellner Karl Zeh (geb. 1904) 1938
werden. Vier Dienstausweise zum Besuch sämtlicher städ- vom Landgericht Stuttgart wegen homosexueller Hand-
tischer Bäder waren der Kriminalpolizei hierfür zur Verfü- lungen zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden. Am
gung gestellt worden. 7 Tag der Entlassung wurde er im Januar 1940 von Beam-
Die „Registrierung des Homo-Umgangs verdächtigten Per- ten der Staatspolizeileitstelle Stuttgart im „Hotel Silber“
sonen“ wies eine Steigerung ihrer Anzahl von 77 im Jahr in Polizeihaft genommen. Damit begann sein Leidens-
1960 über 109 (1961) sowie 145 (1963) bis zu 244 im Jahr weg durch mehrere Konzentrationslager, unter anderem
1964 auf, wie aus dem Jahrbuch des Stuttgarter Polizei- Sachsenhausen, Flossenbürg, Auschwitz, Mauthausen
präsidiums 1964 hervorgeht. Aufgabe der Polizeibeamten und Ebensee. Im Januar 1949 wurde er vom Landgericht
war nicht nur die Bekämpfung homosexueller Handlungen. Stuttgart wegen eines § 175a-Vergehens erneut zu vier
Sie sorgten vielmehr auch für die Einhaltung behördlicher Monaten Gefängnis verurteilt.9
Auflagen und Verbote, die sich gegen Zusammenkünfte

Kundgebung „Hotel Silber und


die Verfolgung der Homosexu-
ellen – auch nach 1945“ der
Initiative Lern- und Gedenkort
Hotel Silber am 10. März 2010
vor jenem Gebäude „Hotel Sil-
ber“ in der Stuttgarter Doro-
theenstraße 10, von dem Ver-
folgungen homosexueller
Männer in der NS- und Nach-
kriegszeit ausgingen.
Foto: Sven Tröndle

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Ralf Bogen

Lichtbild von Karl Geissler aus


der Personalakte des KZ Natz-
weiler (1.1.29.2., Doc-ID
3169877, ITS Digital Archive/
Bad Arolsen) und Schreibstu-
benkartei des KZ Dachau mit
dem Vermerk „Homo“ (1.1.6.7,
Doc-ID 10647677, ITS Digitale
Archive/Bad Arolsen)

l Der kaufmännische Angestellte Franz W. (geb. 1912) aus schuldig gemacht hat, indem er sich bei der K. Z.-Betreu-
Stuttgart war wegen § 175-Vergehen vom Landgericht ungsstelle und auf dem Städt. Wohlfahrtsamt laufend
Stuttgart 1938 im Alter von 26 Jahren verurteilt und in als politischer K. Z.-Häftling ausgab, und dadurch ihm
das Moorlager im Emsland eingewiesen worden. Im nicht zustehende Unterstützungsleistungen erhielt.“12
Mai 1950 wurde er erneut vom Landgericht Stuttgart l Auch gegen den Stuttgarter Ingenieur Karl Geißler (geb.
wegen § 175-Vergehen zu neun Monate Gefängnis ver- 1897), der neben dem rosa (schwul) auch den roten (po-
urteilt. In seinem Urteil führte das Gericht aus: „Insge- litisch), schwarzen (asozial) und grünen (kriminell) Win-
samt will er von 1938 bis 1945 in Strafanstalten, Strafein- kel in den Konzentrationslagern Natzweiler-Struthof und
heiten und Straflagern gewesen sein und vor allem wäh- Dachau tragen musste, ist ein solcher Betrugsvorwurf
rend des Strafvollzugs im Moor im Emsland schwere erhoben worden. Der öffentliche Kläger Schmid, der ge-
Gesundheitsschäden erlitten haben. […] Bei der Straf- gen ihn ermittelt hat, schilderte in einem Schreiben an
zumessung […] waren folgende Gesichtspunkte ent- die Staatsanwaltschaft Stuttgart vom 15. April 1948,
scheidend: die Angeklagten K. und W. sind wiederholt dass Geißler nicht von der Vereinigung der Verfolgten
einschlägig, und zwar sehr streng bestraft worden. des Naziregimes aufgenommen worden sei, da er nicht
Trotzdem sind sie wieder straffällig geworden.“10 aus politischen Gründen in Haft gewesen sei, und er ihm
l Der Werkzeugmechaniker Arthur D. (geb. 1913) aus Bi- daher auch den KZ-Ausweis abgenommen habe.13
berach war 1940 durch die Staatspolizeileitstelle Stutt-
gart nach verbüßter Gefängnisstrafe wegen § 175-Ver-
gehen im Alter von 26 Jahren in das KZ Dachau einge- Die Radikalisierung der Verfolgung homosexueller
wiesen worden und war zeitweise auch im KZ Männer in Württemberg während der NS-Diktatur
Mauthausen inhaftiert. Im Juni 1956 wurde er wegen
§ 175-Vergehen vom Schöffengericht Biberach erneut zu Die braunen Machthaber konnten sich, ähnlich wie beim
einer Gefängnisstrafe verurteilt. Im Urteil heißt es: „Mil- Antisemitismus, auf jahrtausendalte, religiöse Vorurteile
dernde Umstände konnten dem Angeklagten bei seinen und Stereotypen über die angebliche „Unnormalität“ und
einschlägigen Vorstrafen nicht mehr zugebilligt werden. „Widernatürlichkeit“ der Homosexualität stützen. Weder
Die vielen Vorstrafen haben den Angeklagten nicht ab- das Jahr der Machtübernahme noch das Kriegsende be-
gehalten, immer wieder rückfällig zu werden.“11 deuteten eine grundsätzliche ideologische Zäsur in dieser
Einstellung zur Homosexualität. NS-spezifisch waren viel-
mehr die Härte und die Intensität der Bekämpfung der Ho-
Statt Rehabilitierung weitere Ausgrenzung und mosexualität, die sich in folgenden Etappen vollzog:
Betrugsvorwürfe
1933: Verbot homosexueller Lokale, Vereine
Mit der nach 1945 fortgesetzten Kriminalisierung Homose- und Publikationen
xueller war verbunden, dass Männer, die wegen ihrer Ho- In Württemberg und auch in Baden gab es verschiedene
mosexualität im KZ waren, nur Ansprüche auf Entschädi- Verkaufsstellen sowie Abonnenten homosexueller Publika-
gung geltend machen konnten, wenn sie andere Verfol- tionen, homosexuelle Emanzipations- und Freundschafts-
gungsgründe vorbrachten. Wurden diese nicht anerkannt, vereine (z. B. Ortsgruppen des Bundes für Menschenrecht
drohte ihnen eine Verurteilung wegen Betrugs: e. V. in Mannheim und Stuttgart), mehrere Mitglieder des
l Der Stuttgarter Medizinstudent Wilhelm Kurt L. (geb. von Magnus Hirschfeld gegründeten „Wissenschaftlich-
1913), der noch kurz vor der Befreiung im KZ Dachau in- humanitären Komitees“ sowie Stadtpläne (u. a. von Mann-
haftiert war, ist zum Beispiel vom Amtsgericht Stuttgart heim, Ludwigshafen, Pforzheim, Stuttgart), die „über Sitz
im Dezember 1946 unter anderem wegen Betrugs verur- und Zusammenkünfte evtl. vorhandener Organisationen,
teilt worden. Das Gericht führte zur Begründung aus, homoerotische Verkehrslokale, preiswerte Hotels mit guter
dass sich der Angeklagte „im Jahre 1945 in Stuttgart Verpflegung, verständnisvolle Ärzte und Rechtsanwälte“ in-
fortgesetzt eines Rückfallbetrugs in Tateinheit mit Ab- formierten. Mehrere Kulturschaffende, Lehrer, Rechtsan-
gabe einer falschen eidesstattlichen Versicherung […] wälte und Professoren, u. a. von den Universitäten Heidel-

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berg und Tübingen, unterstützten die Unterschriftensamm- AUSGRENZUNG UND VERFOLGUNG
lung der homosexuellen Verbände gegen den aus dem Jahr HOMOSEXUELLER MÄNNER IN WÜRTTEMBERG
1872 stammenden § 175 und trugen dazu bei, dass ein vom
Reichstag eingesetzter Ausschuss für eine Strafrechtsreform
sich am 16. Oktober 1929 für eine Legalisierung von einver- Männer gehörte bis zu diesem Zeitpunkt nicht zum offiziel-
ständlichen homosexuellen Handlungen zwischen Erwach- len Aufgabenbereich der Politischen Polizei.
senen aussprach.14 Infolge der Börsenkrise 1929 wurde je-
doch darüber im Reichstag nicht mehr beraten. Unmittelbar 1934: Verhetzung von homosexuellen Männern als
nach der Machtübernahme der NSDAP wurden homosexu- „Staatsfeinde“ und „gefährliche Jugendverführer“
elle Publikationen, Vereine und Lokale verboten. Damit war Im Sommer 1934 wurden nahezu die gesamte SA-Führung
für lange Zeit das Ende der homosexuellen Emanzipations- um den bekanntermaßen homosexuellen Stabschef Ernst
bewegung in Württemberg und Baden besiegelt. Doch Röhm sowie weitere missliebige Personen auf Befehl Hitlers
trotz dieses radikalen Einschnitts wurden gleichgeschlecht- ermordet. Diese politischen Morde wurden mit der Abwehr
lich Liebende, die nicht in der Öffentlichkeit in Erscheinung eines angeblich geplanten Putschversuchs sowie mit der
traten oder gar selbst in der NS-Bewegung aktiv waren, bis rigorosen „Säuberung“ der NS-Organisationen von „ho-
zum so genannten Röhm-Putsch am 30. Juni 1934 weitge- mosexueller Verseuchung“ gerechtfertigt.15 Homophobie
hend in Ruhe gelassen. Die Verfolgung homosexueller wurde als ein wirkungsvolles Instrument eingesetzt, um die
eigentlichen Gründe der Ausschaltung von Röhm zu ver-
schleiern. Eine Rolle spielte dabei, dass die NS-Führung um
Hitler jene Kräfte des sogenannten „braunen Bolschewis-
Tarnung und Selbstverleugnung als Folge der staatlich mus“ in der SA und in der NSDAP beseitigen wollte, die ei-
verordneten Zwangsheterosexualität ner kriegstauglichen (Hochrüstungs-)Allianz mit den kon-
Laut Protokollen Stuttgarter Polizeivernehmungen be- servativen Eliten von Großbanken, Industriekonzernen und
teuerten die Verhörten, zukünftig wieder ein „norma- der Reichswehr im Wege standen. Auch in Württemberg
les“ heterosexuelles Geschlechtsleben zu führen. wurde die Homosexualität Röhms und weiterer SA-Führer
Walter L., geb. 1907, gab bei seinem Verhör im Juli massiv über Rundfunk, Presse sowie Litfaßsäulenplakate
1933 zu Protokoll: „Diese Hoffnung habe ich umso skandalisiert. Dass diese homophobe Propaganda Erfolg
mehr, als ich auch den ernsten Willen habe, meine hatte und Hitler durch „das harte Durchgreifen“ als „Sau-
Abnormität zu bekämpfen. Ich will jetzt ein gesunder bermann gegen den Sittenverfall“ an Ansehen gewann,
Mensch werden.“ Otto M., geb. 1914, gab an: „Ich spiegelte sich sogar in der SPD-Exilpresse wider.16 Nicht
war mir selbstverständlich klar darüber, dass das, die Entrüstung über die Morde, sondern über die Homose-
was ich mit W. getan habe, an sich eine Schweinerei xualität Röhms stand im Mittelpunkt der Wahrnehmung
ist. Ich konnte aber dem Drängen von W. nicht wider- breiter Teile der deutschen Bevölkerung. Das Bild der Cli-
stehen, denn er ist ja der wesentlich Ältere von uns quenbildung durch homosexuelle „Verbrecher“ und „Ju-
beiden, hat mir viel Gutes getan, allerdings in ande- gendverführer“, die durch „Verweichlichung“ den NS-
rer Beziehung einen guten Einfluss auf mich ausge- Männerstaat gefährdeten, tauchte erstmals auf. Homose-
übt.“ Und Ernst W., geb. 1893, stellte in Aussicht: „Ich xuelle Männer wurden nun zu Staats- und Volksfeinden
hatte auch in den letzten Wochen Verbindungen mit erklärt. Ihre Bekämpfung wurde unter Führung des Reichs-
der Schauspielerin Anni W. am Stadttheater Freiburg führers-SS Heinrich Himmler, ab 1936 auch Chef der Deut-
angeknüpft. Mit dieser Anni W. wollte ich eine Ferien- schen Polizei, zu einer relevanten Aufgabe der Politischen
reise unternehmen, bei der ich mich dann wieder Polizei, die diese mit einer bis dahin nicht gekannten Inten-
wohl bestimmt in normale Geschlechtsverhältnisse sität und Härte, einschließlich den gefürchteten KZ-Einwei-
zurückgefunden hätte.“ sungen, vorantrieb.17
Ludwig S. betonte: „Im Sommer 1933 war ich im Hotel
und Kurhaus Neues Leben. Hier lernte ich einen Gärt- 1935: Die Verschärfung und Ausweitung des § 175
ner kennen, dessen Namen mir aber nicht mehr be- Eine wichtige Grundlage für die Ausdehnung der Polizei-
kannt ist. Mit diesem Gärtner habe ich mich in sittli- aktivitäten war die Verschärfung des § 175. Waren bislang
cher Beziehung verfehlt. Wir haben beide gegensei- nur sogenannte beischlafähnliche Handlungen, sprich
tig onaniert […]. Ich kann aber nicht zugeben, dass Analverkehr, verboten, wurde nunmehr der Straftatbe-
ich homosexuell veranlagt bin. Ich habe schon öfters stand auf alle sexuellen Handlungen zwischen Männern
Reisen nach Paris, Monte Carlo und Italien gemacht. ausgeweitet. Er galt bereits als erfüllt, wenn „objektiv das
Hier hatte ich genügend Gelegenheit um Anschluss allgemeine Schamgefühl verletzt“18 wurde, wozu eine ge-
mit Frauen zu finden und hatte ich es nicht notwendig, genseitige Berührung nicht mehr erforderlich war. Selbst
mich homosexuell zu betätigen. […] Nachdem ich Liebesbriefe konnten bereits zu Verurteilungen führen. Er-
1935 wegen der widernatürlichen Unzucht bestraft gänzend kam § 175a „Schwere Unzucht“ hinzu, worunter
war und furchtbar büßen musste, auch immer wieder drei Fallgestaltungen fielen, die mit Zuchthaus bis zu zehn
von meinen Angehörigen vorgehalten bekam, dass Jahren geahndet wurden. Die am häufigsten in der NS-
ich diese Schmach über die Geschwister und über und in der Nachkriegszeit zur Anwendung gelangte Ziffer
meinen alten Vater gebracht hatte, kamen keine der- 3 beinhaltete die Verführung einer männlichen Person un-
artige Regungen für mich in Frage.“ Bei ihm fand die ter 21 Jahren „zur Unzucht“ durch eine Person über 21
Polizei Adressen von sieben jungen Männern, die da- Jahre. Bereits in den ersten vier Jahren der NS-Herrschaft
raufhin alle von der Stuttgarter Kriminalpolizei be- erhöhte sich die Zahl der Verurteilungen im Bezirk des
züglich § 175-„Verfehlungen“ verhört wurden. 25 Oberlandesgerichts Stuttgart um beinahe das Vierfache
(im Jahr 1932 111 Verurteilungen gegenüber 425 im Jahr

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Ralf Bogen
1936).19 Reichsweit kam es bis 1938 zu einer Verzehnfa- eingestufte homosexuelle Männer dem Richter zugeführt,
chung der Verurteilungen (1933: 853 Verurteilungen ge- nach der Strafverbüßung meist in Vorbeuge- oder Schutz-
genüber 8.562 im Jahr 1938). 20 haft genommen und in ein Konzentrationslager eingewie-
sen. Einen Rechtsweg zur gerichtlichen Überprüfung der
Ab 1936: Die Bekämpfung der „Volksseuche“ durch Anordnung der Vorbeuge- bzw. Schutzhaft gab es nicht.
systematische Erfassung und Verfolgung Von Seiten der Justiz erfolgten Einweisungen von homose-
Eine weitere Stufe der Verfolgung war die systematische xuellen Männern in die durch das Gefangenenlied „Wir
Erfassung sowie die zentrale Regelung staatspolizeilicher sind die Moorsoldaten“ bekannt gewordenen Emslandla-
Maßnahmen gegen homosexuelle Männer. Im Schreiben ger. Diese wurden 1933 als Konzentrationslager errichtet,
Himmlers vom 1. Oktober 1936 an alle Kriminal- und Staats- 1934 sowie 1937 in Strafgefangenenlager umgewandelt
polizeistellen mit dem Betreff „Bekämpfung der Homosexu- und dienten nach Kriegsbeginn auch als Kriegsgefange-
alität und der Abtreibung – Geheim“ wurden „die homose- nen- und als Militärstrafgefangenenlager.
xuelle Betätigung einer nicht unerheblichen Schicht der Be- Durch das von Rainer Hoffschildt initiierte Projekt „Namen
völkerung“ sowie die „hohe Zahl von Abtreibungen“ als und Gesichter“ ist bekannt, dass wegen des Vorwurfs von
eine „erhebliche Gefährdung der Bevölkerungspolitik und Vergehen nach §§ 175/175a mindestens 55 Männer mit
Volksgesundheit“ gewertet, die eine „wirksame Bekämp- Geburts- oder letztem Wohnort im früheren Württemberg
fung dieser Volksseuchen“ mehr als bisher erfordere. Der und Hohenzollern in Konzentrations- oder Emslandlagern
1936 eingerichteten Reichszentrale zur Bekämpfung der waren. Zwanzig von ihnen sind in den Lagern gestorben,
Homosexualität und der Abtreibung sei in den Fällen des § 16 haben überlebt, sieben wurden entlassen und von zwölf
218 (Abtreibung) und in besonderen Fällen der §§ 175, 175a Häftlingen sind keine Angaben bekannt. 26
Meldung zu erstatten. Hierbei sei anzugeben, „ob und aus Die auf ganz Württemberg und Hohenzollern verstreuten
welchem Grunde staatspolizeiliche Maßnahmen erforder- letzten Wohnorte der Verfolgten legen nahe, dass die Po-
lich erscheinen“, wozu auch KZ-Einweisungen zählen konn- lizeibehörden flächendeckend gegen die der Homosexua-
ten. 21 Auf einem Vordruck B mussten die Polizeibeamten ne- lität Verdächtigten vorgegangen waren. Zusätzlich zu den
ben den Personalien der homosexuellen Männer auch die oben genannten ehemaligen KZ-Häftlingen, die nach
Namen ihrer Sexualpartner angeben. Sie mussten vermer- 1945 erneut wegen ihrer Homosexualität ins Gefängnis ka-
ken, ob und wann diese festgenommen und in welche An- men, konnte der Autor über folgende Männer Dokumente
stalt sie gegebenenfalls gebracht worden waren. finden, die auch über die einweisende Dienststelle Aus-
Die Zahl der aufgrund der §§ 175, 175a, 175b (Sodomie) im kunft geben:
Bereich der Kriminalpolizeileitstelle Stuttgart polizeilich er- l Wilhelm Bay (geb. 11.02.1909, Hilfsarbeiter, Backnang):
mittelten Täter betrug 1937 1.412 und im Jahr 1938 1.159. Im Alter von 29 Jahren 1938 durch die Kripoleitstelle
Für 1939 ist lediglich noch die Zahl für das erste Vierteljahr Stuttgart in das KZ Dachau eingewiesen; 1939 in das KZ
mit 264 Täterermittlungen überliefert. Insgesamt kam es von Flossenbürg überführt und im Alter von 33 Jahren am
1937 bis zum ersten Vierteljahr 1939 zu 2.835 Täterermitt- 13.09.1942 im KZ Stutthof gestorben (siehe 1.1.41.2,
lungen. 22 Statistische Erhebungen über die Verfolgungs- Doc-ID 4419769, ITS Digital Archive/Bad Arolsen).
praxis der Staatspolizeileitstelle Stuttgart fehlen. Nach ei- l Friedrich Enchelmayer (geb. 13.08.1908, Dreher, Stutt-
nem Rundschreiben vom 4. März 1937 von Reinhard Heyd- gart): Im Alter von 31 Jahren 1940 durch die Kripoleit-
rich, Chef der Sicherheitspolizei, welche die Geheime stelle Stuttgart in das KZ Dachau eingewiesen
Staatspolizei und die Kriminalpolizei umfasste, sollten die (siehe STAL E 356 dV Bü 1890). Tod im Alter von 32 Jah-
Beamten beider Polizeibehörden bei § 175-Vergehen „aufs ren am 15.11.1940 im KZ Neuengamme.
engste“ zusammenarbeiten. 23 „Die aktive Bekämpfung der l Albert Fendel (geb. 20.03.1904, Eisendreher, Heil-
Homosexualität ist Aufgabe der Kriminalpolizei und der bronn): Im Alter von 36 Jahren 1940 durch die Kripoleit-
Gestapo“ lautete entsprechend die Überschrift des Stutt- stelle Stuttgart in das KZ Dachau eingewiesen (siehe
garter Rundschreibens Nr. 94 des Sicherheitsdienst (SD)- 1.1.6.2, Doc-ID 10041168, ITS Digital Archive/Bad Arol-
Unterabschnitts Württemberg und Hohenzollern vom 8. Juli sen). Zahlreiche medizinische Versuche (u. a. Malaria-
1937. Dieses ging an die SD-Außenstellen Ulm, Heilbronn, versuche). Überlebt.
Göppingen, Ludwigsburg, Schwäbisch Hall, Haigerloch, l Adolf Ferrari (geb. 12.11.1914, kaufmännischer Ange-
Horb und Riedlingen. Der Beobachtung der Vergehen ge- stellter, Metzingen): Im Alter von 26 Jahren 1941 durch
gen § 175 sei „besondere Aufmerksamkeit zu widmen“. die Kripo Metzingen in das KZ Dachau eingewiesen
„Sämtliche“ im Bereich der Außenstellen vorkommende und 1942 in das KZ Buchenwald überführt (siehe 1.1.5.3,
Fälle seien „umgehend“ zu melden. 24 Dies belegt, mit welch Doc-ID 5851286, ITS Digital Archive/Bad Arolsen). Tod
hoher Priorität die Homosexuellenverfolgung selbst im im Alter von 29 Jahren am 18.02.1944.
ländlichen Raum praktiziert werden sollte. l Oskar Ragg (geb. 02.04.1908, Friseur, Heilbronn): Im Al-
ter von 32 Jahren 1941 durch die Kripoleitstelle Stuttgart
in das KZ Dachau eingewiesen, 1941 in das KZ Neuen-
Württembergische KZ- und Emslandlager- gamme überführt (siehe 1.1.41.2, Doc-ID 4607546, ITS
Einweisungen Digital Archive/Bad Arolsen). Tod im Alter von 35 Jahren
am 18.05.1943 im KZ Stutthof.
Eines der folgenschwersten Mittel zur Homosexuellenver- l Otto Schorer (geb. 19.10.1906, Maler, Tettnang): Im Al-
folgung während der NS-Herrschaft stellte die Vorbeuge- ter von 34 Jahren 1941 durch die Kripoleitstelle Stuttgart
haft, ein Instrument der Kriminalpolizei, und die Schutz- in das KZ Flossenbürg eingewiesen (siehe STAL E 356 dV
haft, ein Instrument der Gestapo, dar. Während nicht ein- Bü 5766). Nicht überlebt – Todesdatum nicht bekannt.
schlägig bekannte Personen mit einer Verwarnung davon l Johann Pfaff (geb. 18.06.1892, Fabrikarbeiter, Tailfin-
kommen konnten, wurden „rückfällig“ oder als „chronisch“ gen): Im Alter von 49 Jahren 1941 durch die Kripoleit-

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stelle Stuttgart in das KZ Dachau eingewiesen (siehe AUSGRENZUNG UND VERFOLGUNG
1.1.5.3, Doc-ID 6813691, ITS Digital Archive/Bad Arol- HOMOSEXUELLER MÄNNER IN WÜRTTEMBERG
sen). Zahlreiche medizinische Versuche (Malariaversu-
che im Jahr 1942). Überlebt.
l Gallus Stark (geb. 24.10.1909, Landwirt, Stuttgart): Im Heinrich S. (geb. 1909, Buchdrucker, Stuttgart – später
Alter von 32 Jahren 1941 durch die Kripo Ulm in das KZ Häftling im KZ Natzweiler-Struthof und KZ Buchenwald)
Flossenbürg eingewiesen (siehe 1.1.8.3, Doc-ID und Hermann Sigismund (geb. 14.06.1898, Maler, Stutt-
11012022, ITS Digital Archive/Bad Arolsen). Überlebt. gart). 27
l Christian Lude (geb. 16.07.1885, Arbeiter, Zainingen):
Im Alter von 56 Jahren 1942 durch die Kripoleitstelle
Stuttgart in das KZ Natzweiler-Struthof eingewiesen Die Erinnerung an das Unrecht wachhalten –
(siehe 1.1.29.2, Doc-ID 3199308, ITS Digital Archive/ Lehren für heute ziehen
Bad Arolsen). Tod im Alter von 57 Jahren am 13.03.1943.
l Wilhelm Keil (geb. 13.03.1898, Maler, Ulm): Im Alter von Die Geschichte der homosexuellen Emanzipationsbewe-
44 Jahren 1942 durch die Kripoleitstelle Stuttgart in das gung in Württemberg vor 1933 zeigt, dass Rückschläge
KZ Flossenbürg eingewiesen (siehe 1.1.8.3, Doc-ID möglich sind, wenn die Hauptquellen der Homophobie
10903993, ITS Digital Archive/Bad Arolsen). Überlebt. nicht beseitigt werden: das starre Festhalten an traditio-
l Leonhard Zeiner (geb. 20.05.1906, Kraftfahrer, Heiden- nellen patriarchalischen Geschlechterrollen und gesell-
heim): Im Alter von 36 Jahren 1943 als „Schutzhäftling“ schaftlichen Strukturen sowie das wortwörtliche rigide Be-
(daher anzunehmen durch die Staatspolizeileitstelle folgen religiöser Texte. Es sind nicht wenige Repräsentan-
Stuttgart) in das KZ Natzweiler-Struthof eingewiesen ten der Katholischen Kirche, evangelikaler Gruppen und
(siehe 1.1.29.2, Doc-ID 3250754, ITS Digital Archive/ islamischer Verbände, die gelebte Homosexualität noch
Bad Arolsen). Überlebt. heute als „widernatürlich“ und „abnormal“ bewerten. Da-
l Johann Riesterer (geb. 21.02.1898, Beruf nicht bekannt, mit stärken sie einen gefährlichen ideologischen Nährbo-
Vogt): Im Alter von 45 Jahren 1943 durch die Kripoleit- den für radikalere Formen der Abwertung, Ausgrenzung
stelle Stuttgart in das KZ Dachau eingewiesen (siehe und Diskriminierung bis hin zur Gewalt nicht nur gegen
1.1.26.3, Doc-ID 1716659, ITS Digital Archive/Bad Arol- schwule Männer, sondern auch gegen lesbische, bi-, trans-
sen). Tod im Alter von 46 Jahren am 17.01.1945 im KZ und intersexuelle sowie transgender Menschen. Längst
Mauthausen. überwunden geglaubte Vorurteile und Diskriminierungen
Weniger bekannt sind die oben bereits genannten Ems- wie das NS-Stereotyp homosexueller Männer als „Kinder-
land- bzw. Moorlagereinweisungen durch den General- schänder“ und „Jugendverführer“ kamen beispielsweise
staatsanwalt in Stuttgart. Der Autor konnte hierzu Doku- bei Demonstrationen der Bildungsplangegner im Jahr
mente für folgende sieben Personen finden, die im Zeitraum 2014 wieder ans Tageslicht. Dabei wurde ein besonderer
vom April 1937 bis Februar 1940 eingewiesen wurden: Karl Zusammenhang zwischen Homosexualität und Pädophilie
Dietz (geb. 18.06.1903, Bauarbeiter, Westhofen), Konstan- konstruiert und einer sogenannten „Homo-Lobby“ unter-
tin F. (geb. 1906, Bildhauer, Bad Mergentheim), Eugen Fi- stellt, „Pornounterricht für unsere Kinder“ zu fördern. Dies
scher (geb. 11.09.1900, Kaufmann, Bad Wildbad), Wilhelm unterstreicht, wie wichtig es ist, an das Unrecht der NS-
J. (geb. 1912, Arbeiter, Stuttgart), Otto Schorer (siehe oben und Nachkriegsverfolgung homosexueller Männer zu erin-
– Schorer war sowohl im Emslandlager als auch im KZ), nern. Wie aber die damalige Landesregierung 2010 selbst

Lichtbild des Gefangenen Otto Schorer sowie Schreiben der Kriminalpolizeileitstelle Stuttgart an den Vorstand des Zucht-
hauses Ludwigsburg betreff „Prüfung der pol. Vorbeugungshaft“ (StAL E 356 g Bü 2321, E 356dV Bü 5766).

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Ralf Bogen

Häftlings-Personal-Karte des
KZ Dachau von Johannes Ries-
terer mit den Angaben „einge-
wiesen durch Kripoleitstelle
Stuttgart“ sowie „Grund § 175“
(1.1.26.3, Doc-ID 1716659, ITS
Digital Archiv / Bad Arolsen).

den Aktivistinnen und Aktivisten der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel
einräumen musste, gibt es in Baden-Württemberg „bisher Silber e. V. und des LSBTTIQ Netzwerks Baden-Württemberg sowie bei
keine systematische Aufarbeitung und dauerhafte Darstel- allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Archive, insbesondere des
Internationalen Suchdienstes Bad Arolsen, des Staatsarchivs Ludwigsburg
lung des NS-Unrechts an homosexuellen Menschen.“ 28 (StAL) und des Stadtarchivs Stuttgart (StAS). Es werden die umstrittenen
Homosexuelle Vereine sowie Aktivistinnen und Aktivisten Begriffe „homosexuell“ (reduziert gleichgeschlechtlich Liebende auf ihre
konnten mit Unterstützung wie z. B. der Initiative Lern- und Sexualität) und „homophob“ (Menschen mit Phobien wissen in der Regel
von ihrer Erkrankung. Homohasser glauben aber ernsthaft, dass das Pro-
Gedenkort Hotel Silber e. V. in den letzten Jahren erste blem nicht sie selbst bzw. ihre Einstellung ist) verwendet, weil nach Ansicht
wichtige Schritte öffentlicher Stellen zur Behebung dieses des Autors noch keine geeigneteren Begriffe gefunden wurden. Soweit es
Defizits erreichen. 29 die heutigen Archivgesetze zulassen und sofern es sich um Verfolgungs-
tatbestände handelt, werden die NS-Opfer mit Vor- und Nachnamen be-
Um die Finanzierung der noch fehlenden systematischen nannt. Nach Ansicht des Autors läuft das Verschweigen der Namen auf
Aufarbeitung und Darstellung der Lebenssituation von les- eine Fortwirkung der Diskriminierung hinaus.
bischen, schwulen, transgendern, bi-, trans- und intersexu- 2 StAS 15/1, 150 und 150–2: Polizeiliche Kriminalstatistik, 1948–1964
und 1964–1973 sowie Informationen von Rainer Hoffschildt vom 3.11.2014.
ellen Menschen in der NS- und Nachkriegszeit in Baden- 3 696 § 175- und 206 § 175a-Verurteilte im Jahr 1959. E-Mail-Auskunft
Württemberg zu erreichen, bedarf es einer noch breiteren des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg vom 13.7.2011 sowie
gesellschaftlichen Unterstützung. Dies gilt auch für die Statistisches Bundesamt Wiesbaden (Hrsg.) (1961): Statistisches Jahrbuch
für die Bundesrepublik Deutschland. Stuttgart.
Schaffung eines spezifischen Gedenkortes. Hierfür bietet 4 Landtag Baden-Württemberg, 15. Wahlperiode, Drucksache 15/5475,
sich z. B. die Erweiterung der dem Lern- und Gedenkort zur Antrag „Entschließung zur Aufarbeitung der strafrechtlichen Verfolgung
Verfügung stehenden Fläche im „Hotel Silber“ an. Derzeit homosexueller Männer“ der Fraktionen der GRÜNEN, der SPD und der
FDP/DVP vom 11.07.2014.
konnten sich Stadt und Land lediglich auf die Finanzierung 5 In den dem Autor vorliegenden Dokumenten der Sittenpolizei fehlen
von ca. einem Viertel des Gebäudes einigen. Auch das leider genaue Adressangaben. Ein dem Autor bekannter Zeitzeuge, der
Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg vertritt die An- namentlich nicht genannt werden möchte, berichtete, er sei in einer §
175-Angelegenheit von der Sittenpolizei im „Hotel Silber“ vernommen
sicht: „Dieses Haus steht symbolhaft für mehrere Generati- worden.
onen Verfolgungsgeschichte […]. Es ist Symbol für die Ver- 6 StAS 15/1, 100: Bereitschaftspolizei Württemberg-Baden, 1950–
nichtung vieler Existenzen durch Berufsverbote, Arbeitslo- 1963, „Homosexuelle Umtriebe“.
7 Ebenda.
sigkeit, gesellschaftliche Ächtung und frühen Tod. Die 8 Siehe Newsletter des Vereins lesbischer und schwuler Polizeibediens-
Geschichte des Umgangs mit Diversität und Vielfalt kann teter in Baden-Württemberg e. V. 2/2013.
hier in besonderer Weise aufgearbeitet werden.“ 30 Anläss- 9 StAL Ober- u. Mittelbehörden, Justizministerium, EL 350 I Bü 7774.
10 StAL Ober- u. Mittelbehörden, Justizministerium, EL 334 I Bü 2413.
lich des Gedenktags zur Befreiung des KZ Auschwitz in 11 StAL Ober- u. Mittelbehörden, Justizministerium, EL 336 I Bü 2674.
2013 erklärten Interessengemeinschaft Christopher Street 12 StAL Ober- u. Mittelbehörden, Justizministerium, EL 334 I Bü 512.
Day e. V. (IG CSD) und Weissenburg e. V. in ihrer Stellung- 13 StAL Ober- u. Mittelbehörden, Ministerium für politische Befreiung, EL
902 I Bü 6004.
nahme „Ausgrenzung und Verfolgung Homosexueller in 14 Ralf Bogen/Dieter Salwik/Matthias Strohbach/Thomas Ulmer (2010):
Baden-Württemberg endlich konsequent aufarbeiten“: Ausgrenzung aus der Volksgemeinschaft – Homosexuellenverfolgung in
„Wenn der Ort ‚Hotel Silber‘, von dem die Verfolgung in der NS-Zeit. Schwulst Sonderheft 3/April 2010, hrsg. von Schwulst e. V. und
Weissenburg e. V., Stuttgart.
der NS-Zeit und danach ausging, zu einem Ort des offe- 15 Susanne zur Nieden schreibt, „dass die in Deutschland weit verbreite-
nen Bekenntnisses zur Vielfalt des Lebens sowie des ge- te Homophobie für die Ereignisse um den so genannten ‚Röhm-Putsch‘ ein
genseitigen Lernens und Verstehens wird, dann waren nicht unwesentlicher, von der historischen Forschung bislang zu Unrecht
vernachlässigter Faktor war“. Vgl. Susanne zur Nieden (Hrsg.) (2005): Auf-
diese Opfer nicht vergeblich“. stieg und Fall des virilen Männerhelden – Der Skandal um Ernst Röhm und
seine Ermordung. Homosexualität und Staatsräson. Frankfurt am Main,
S. 151.
16 Siehe Alexander Zinn, (1995): Die Bewegung der Homosexuellen – Die
ANMERKUNGEN soziale Konstruktion des homosexuellen Nationalsozialisten im antifa-
schistischen Exil. In: Detlef Grumbach (Hrsg.): Die Linke und das Laster.
1 Der Autor bedankt sich für die Unterstützung insbesondere bei seinem Schwule Emanzipation und linke Vorurteile. Hamburg, S. 38–79.
Partner Werner Biggel, bei Rainer Hoffschildt (Projekt „Namen und Ge- 17 Vgl. Susanne zur Nieden (2006): Der homosexuelle Staatsfeind. Zur
sichter“ über die NS-Verfolgung Homosexueller), bei Freunden, die Kor- Geschichte einer Idee. In Lutz Raphael/Heinz-Elmar Tenorth (Hrsg.): Ideen
rektur gelesen und Anregungen gegeben haben, bei allen unterstützen-

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als gesellschaftliche Gestaltungskraft in Europa der Neuzeit. Oldenburg, AUSGRENZUNG UND VERFOLGUNG
S. 395–427. HOMOSEXUELLER MÄNNER IN WÜRTTEMBERG
18 Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/%C2 %A7_175#cite_note-10
[10.10.2014].
19 Rainer Hoffschildt (2011): Statistik der Verfolgung homosexueller Män-
ner im heutigen Land Baden-Württemberg – 1882–1994. Unveröffentlich-
tes Manuskript, Hannover.
20 Siehe Anmerkung 18.
21 Zitiert nach Günther Grau (Hrsg.) (1993): Homosexualität in der NS-
Zeit – Dokumente einer Diskriminierung und Verfolgung. Frankfurt am

UNSER AUTOR
Main, S. 119ff.
22 Siehe Anmerkung 19.
23 Siehe Anmerkung 21.
24 StAL SD-Dienststellen in Württemberg und Hohenzollern 1935–1945,
K 110, Bü 35.
25 Siehe Anmerkung 14. Der Begriff Homosexualität ist bislang in den
Findmitteln der deutschen Archive nicht verzeichnet. So konnten im Staats-
archiv Ludwigsburg lediglich von 67 Personen, gegen die wegen des Ver-
dachts der Homosexualität ermittelt wurde, Gerichts-, Gefängnis- oder
Spruchkammerunterlagen gefunden und ausgewertet werden.
26 Rainer Hoffschildt in einer E-Mail-Antwort vom 12.5.2011 zur Anfrage
über KZ-Häftlinge aus Württemberg und Hohenzollern.
27 StAL Ober- und Mittelbehörden, Justizministerium, E356dV Bü 1854;
E 311 Bü 229, E356dV Bü2228; E356dV Bü 1069; E356dV Bü 1618; E 356 g
Bü 5766, E356dV Bü 2321; E356dV Bü 2321 2655; E356dV Bü 2321 1229 Ralf Bogen, Verlagsangestellter, engagierte sich von 1988 bis
sowie Rainer Hoffschildt – siehe Fußnote 26. 2008 gegen Ausgrenzung und Stigmatisierung von Menschen
28 Antwort des Finanzministeriums vom 27.6.2010 auf einen Antrag zur mit HIV in der RAINBOW-Redaktion der AIDS-Hilfe Stuttgart. Seit
„NS-Aufarbeitung und Dokumentation in Baden-Württemberg“ der Abge-
ordneten Brigitte Lösch u. a. Allerdings gab es zu diesem Zeitpunkt bereits 2009 recherchiert er zum Thema Ausgrenzung und Verfolgung
für Südbaden einen Beitrag von William Schäfer (2009): Schicksale männ- homosexueller Männer in Württemberg. 2010 beteiligte er sich
licher Opfer des § 175 StGB in Südbaden 1933–1945. In: Zeitschrift des an der Rosa-Winkel-Initiative des Weissenburg e. V. (www.zent-
Breisgau-Geschichtswesens „Schau-ins-Land“, Jahresheft 2009, S. 145–
170) und für Württemberg das oben genannte „Schwulst-Sonderheft“ rum-weissenburg.de/) und ist heute Vorstandsmitglied der Initia-
(siehe Fußnote 14). tive Lern- und Gedenkort Hotel Silber e. V. (www.hotel-silber.de/).
29 Dazu gehörte beispielsweise eine Fachtagung zu „Stand und Perspek- Der Beitrag beruht auf Vorträgen und bereits publizierten Beiträ-
tiven der Erforschung, Thematisierung und Darstellung der Situation von
Lesben und Schwulen im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit gen des Autors, insbesondere dem Beitrag „Vorkämpfer im
in Baden-Württemberg“ von Weissenburg e. V. in Zusammenarbeit mit der Kampfe um die Ausrottung der Homosexualität“ (in: Ingrid Bauz/
Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg im Jahr 2013. Sigrid Brüggemann/Roland Maier (Hrsg.) (2013): Die Geheime
Thematisch fortführend veranstaltete die Landeszentrale 2014 die Fachta-
gung „Homophobie und Sexismus“. Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern. Stuttgart
30 Themenheft – Zwischenergebnisse der Themengruppen des Netz- S. 305–320).
werks. Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg, November 2013.

Die Siebzigerjahre in Baden-Württemberg


Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs

Band 42, hrsg. von Philipp Gassert und Reinhold Weber

Filbinger, Wyhl Die Siebzigerjahre sind die Jahre „danach“: nach „68“ und „nach dem
Boom“. Die Ölpreiskrisen und der Konflikt um die Kernkraft dominierten die
und die RAF
politische Agenda genauso wie die Arbeitslosigkeit und der Terror der RAF.
Die Siebzigerjahre in Baden-Württemberg
Herausgegeben von Kaum ein Politiker im Land hat dieses Jahrzehnt so geprägt wie Minister-
Philipp Gassert und Reinhold Weber
präsident Hans Filbinger (CDU). Er hat seiner Partei absolute Mehrheiten
verschafft, aber er war auch einer der umstrittensten Politiker seiner Zeit.

Dieses Buch versammelt elf Beiträge, die unterschiedliche Aspekte der


Siebzigerjahre in Baden-Württemberg behandeln und anschaulich darstellen.

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GENDERSENSIBLE GEDENKSTÄTTENARBEIT

Gender als Kategorie in der gedenk-


stättenpädagogischen Praxis der
Gedenkstätte Ravensbrück – ein Werkstatttext
Matthias Heyl

ten arbeiteten. Oft wurden diese Anfragen mit expliziten


In der gedenkstättenpädagogischen Arbeit wurde die oder impliziten Annahmen und Zuschreibungen verbun-
Geschlechterdimension lange Zeit vernachlässigt. Eine den, wie Mädchen und/oder Jungen eben nun einmal so
historisch angemessene Auseinandersetzung mit dem na- seien, weshalb es jeweils angemessene Angebote bräuchte.
tionalsozialistischen Unrechts- und Vernichtungssystem Die skizzierte Erwartung war oft etwa, dass heranwach-
in der schulischen und außerschulischen Bildung muss sende Mädchen empathiefähiger seien, eher „mitgingen“,
weibliche und männliche Täterschaften gleichermaßen in während Jungen sich gerade den emotionalen Anforde-
den Blick nehmen. Männer und Frauen waren in vielfälti- rungen des Themas eher verweigerten. Konkreter richteten
ger Weise am System der Ausgrenzung, Verfolgung und sich die Fragen oft darauf, ob wir in unserer gedenkstät-
an der planmäßigen Vernichtung beteiligt, wie auch da- tenpädagogischen Praxis „geschlechterdifferenzierte“
von betroffen. Matthias Heyl geht in seinem Beitrag der Elemente anböten, also Mädchen und Jungen auch in be-
Frage nach, wie Gender-Konstruktionen, Zuschreibun- stimmten Arbeitsphasen getrennt voneinander an unter-
gen und traditionelle Geschlechterbilder in der alltägli- schiedlichen Aufgaben arbeiten ließen.
chen Gedenkstättenarbeit wirken. Zwei Fallvignetten Dass Mädchen und Jungen qua Geschlecht unterschiedlich
verdeutlichen, welche stereotypen Zuschreibungen und auf das Themenfeld nationalsozialistische Massenverbre-
„Männerphantasien“ die zumeist jugendlichen Besuchs- chen zugingen oder reagierten, galt vielfach unhinterfragt
gruppen mit in die Gedenkstätte bringen und auf sie pro- als gleichsam „natürlich“ gesetzt, wobei der Rekurs auf die
jizieren. Diese Stereotypen – u. a. homophobe Äußerun- Entwicklungspsychologie das Reden von der Natur ersetzt
gen bei der Thematisierung homosexueller KZ-Häftlinge
– wiederum treffen auf die Gender-Vorstellungen der
pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dar-
aus ergibt sich die Notwendigkeit ständiger Reflexion der
gedenkstättenpädagogischen Praxis: Welche Erfahrun-
gen machen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in die-
sem Feld? Mit welchen Zuschreibungen werden sie kon-
frontiert? Wie lassen sich unter dem Gesichtspunkt der
Subjektorientierung die Wahrnehmungen der Besuche-
rinnen und Besucher in die Führungsnarrative des päda-
gogischen Personals integrieren?

Vorbemerkungen

Pädagoginnen und Pädagogen sind immer wieder gehal-


ten, sich an Diskursen benachbarter Disziplinen zu beteili-
gen – ob aktiv oder eher passiv, wenigstens wahrnehmend.
Das gilt auch für die Akteurinnen und Akteure der Gedenk-
stättenpädagogik. Manchmal steigen wir dabei bequem
in einen Zug, der bereitsteht, uns mitzunehmen, oder aber Gedenkbuch für die Opfer des
wir springen auf einen fahrenden auf. 2010 hat mit dem Konzentrationslagers Ravens-
Ravensbrücker Kolloquium „Männlichkeitskonstruktionen brück vor einer Fotowand mit
im Nationalsozialismus und deren Reflexion und Rekonst- Bildern ermordeter Frauen. Die
ruktion in der Gedenkstättenpraxis“1, organisiert von Teil- Crux einer nur opferzentrier-
nehmerinnen und Teilnehmern des Vorgängerkolloquiums, ten Darstellung besteht darin,
ein solcher Zug bei uns in der Mahn- und Gedenkstätte dass die Untaten der Nazis oft
Ravensbrück gehalten. wie eine „Tat ohne Täter und
Als ich vor 13 Jahren in der Gedenkstätte Ravensbrück als Täterinnen“ erscheinen. In der
Leiter der pädagogischen Dienste zu arbeiten begann, er- Gedenkstätte Ravensbrück ist
reichten mich mehrfach Anfragen, ob und in welcher Form ganz ausdrücklich von weibli-
wir „geschlechtsspezifisch“ oder „geschlechterdifferen- cher Täterschaft die Rede.
ziert“ in unseren gedenkstättenpädagogischen Angebo- picture alliance/dpa

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hatte. Dahinter stand die vielfach kolportierte Wahrneh- GENDER ALS KATEGORIE IN DER GEDENK-
mung, dass etwa Mädchen bei der Lektüre des Tagebuchs STÄTTENPÄDAGOGISCHEN PRAXIS DER
der Anne Frank deutlich empathischer als Jungen reagier- GEDENKSTÄTTE RAVENSBRÜCK – EIN WERKSTATTTEXT
ten, wodurch sich auch manche Lehrkräfte veranlasst fühl-
ten, zu fragen, ob es nicht geschlechterdifferenzierter An- tät erwartet wird, da es sich um den Ort eines ehemaligen
gebote bedürfe, um auch die Jungen zu erreichen. Frauen-Konzentrationslagers handelt. Gender als Katego-
Leider sind diese aus der Gedenkstättenpädagogik stam- rie aber wirklich ernst zu nehmen, bedeutet meinem Ver-
menden Wahrnehmungen und Annahmen kaum gründli- ständnis nach, die Geschlechterkonstruktionen als die
cher untersucht worden – weder die dahinter stehenden Konstruktionen von Weiblichkeiten und Männlichkeiten in
und damit vorgebrachten Zuschreibungen, die unweiger- den Blick zu nehmen und als Pluraletantum zu begreifen.
lich immer wieder in die Deutungen mit einfließen, noch das Als ich 2002 nach Ravensbrück kam, hörte ich oft, dass die
gestaltete, daraus abgeleitete pädagogische Setting, in damalige zentrale Ausstellung „Ravensbrückerinnen“ 3 in
dem Geschlechterbilder immer wieder implizit reproduziert ihrem biografisch-konkreten Ansatz in besonderer Weise
oder – im besseren Falle – explizit verhandelt werden. 2 der Tatsache Rechnung trüge, dass es sich bei dem KZ Ra-
vensbrück um ein Frauen-Konzentrationslager gehandelt
habe. Neben dem Titel der Ausstellung, der die – überwie-
Ravensbrücker Besonderheiten: weibliche und gend überlebenden – Häftlinge gar nicht aus Ravensbrück
männliche Täterschaften entließ, überraschte mich, wie wenig die impliziten Setzun-
gen von geschlechtsspezifischer Verfolgung, die normie-
Inzwischen dürften die Ansätze und Argumente, die aus renden Zuschreibungen der Nazis sowie der Umgang mit
der reflektierten Gender-Forschung in die erziehungs- ihnen – oder ihre Ausblendung – in der Ausstellung reflek-
wissenschaftlichen Debatten Eingang gefunden haben, tiert wurden. Die Darstellung blieb – auch in der vorder-
die vermeintlichen Sicherheiten um biologische Setzungen gründigen Absetzung von der noch aus DDR-Zeiten stam-
eines „natürlichen Geschlechts“ soweit infrage gestellt menden Heroisierung der Frauen, die als Widerstands-
haben, dass gesellschaftliche, soziale und individuelle kämpferinnen verfolgt worden waren – weit hinter dem
Konstruktionen von Geschlecht kritischer analysiert und zurück, was sich etwa in der feministischen Theoriebildung
reflektiert werden, was es auch für die gedenkstättenpäd- seit den 1980er Jahren an kritischen Impulsen zur Ge-
agogische Praxis produktiv zu nutzen gilt. schichtsschreibung entwickelt hatte. Diese bekamen erst in
Eine Merkwürdigkeit der Arbeit in der Gedenkstätte Ra- den Folgejahren in von der Gedenkstätte initiierten Work-
vensbrück ist, dass hier eine besondere Gender-Sensibili- shops und Publikationen größeren Raum. 4 Erst 2004 wur-
den dann Gender-Fragen in der neu eröffneten Ausstel-
lung „Im Gefolge der SS: Aufseherinnen des Frauen-KZ Ra-
vensbrück“ intensiver angesprochen, 5 hier bezogen auf
das Thema „weibliche Täterschaft“.
Es war deutlich, dass diese Ausstellung, die gleichzeitig die
erste explizite Ausstellung in einer deutschen KZ-Gedenk-
stätte zum Thema Täterschaft überhaupt und zu weiblicher
Täterschaft im Besonderen war, sicher auch der Notwen-
digkeit geschuldet war, die Nutzung der Mehrzahl der
ehemaligen Aufseherinnen-Unterkünfte seit 2002 als Ju-
gendherberge und Internationale Jugendbegegnungs-
stätte zu legitimieren. Mehrere Befürchtungen begleiteten
die Ausstellung in ihrer Vorbereitung. Überlebende ehe-
malige Häftlinge fürchteten, dass die knappe Ressource
Aufmerksamkeit verstärkt auf die Seite der Täterinnen und
Täter gelenkt würde und damit eine unangemessene Ak-
zentverschiebung stattfände. Dieser Sorge trugen die Aus-
stellungsmacherinnen unter anderem dadurch Rechnung,
dass die Besucherinnen und Besucher eingangs der Aus-
stellung in Videos Überlebende über die Aufseherinnen
sprechen hören und dass die historischen Dokumente und
die Selbstzeugnisse von ehemaligen Aufseherinnen durch-
gehend mit den Überlebenden-Berichten kontrastiert wer-
den. Die Historikerin Monika Richarz hatte bereits 1991 die
Crux einer opferzentrierten Darstellung so formuliert, dass
die Untaten der Nazis oft wie eine „Tat ohne Täter“ er-
schienen. 6 Gerade in den ehemaligen Aufseherinnen-Un-
terkünften begegnet uns dieser deutsche Vorbehalt, den
Theodor W: Adorno ironisierte: „Aber im Hause des Hen-
kers soll man nicht vom Strick reden, sonst gerät man in den
Verdacht, man habe Ressentiment.“ 7 In der Gedenkstätte
ist ganz ausdrücklich vom Strick, vom Henker, auch von
weiblicher Täterschaft die Rede. Und während Christo-
pher Brownings Studie über das Reserve-Polizeibataillon

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Matthias Heyl
101 mit dem Titel „Ganz normale Männer“ es geläufiger versuchten, war unsere Sorge, dass die Ausstellung von der
machte, männliche Täterschaft während des Nationalsozi- rechten Szene missbraucht werden könnte, um „positive“
alismus in ihrem gesellschaftlichen Kontext in den Blick zu Rollenmodelle für die rechtsextremistische Mädchen- und
nehmen, blieb die Wahrnehmung weiblicher Täterschaft in Frauenarbeit zu gewinnen. Aus Schilderungen aus ande-
Ravensbrück bis zu dieser Ausstellung noch weithin den ren Gedenkstätten wussten wir einerseits von der eigen-
traditionellen Rollenzuschreibungen verhaftet: Frauen als ständigen, offensiven „pädagogischen“ Nutzung von KZ-
Täterinnen wurden als besondere Abweichung von der Gedenkstätten als Bildungsorte durch Rechtsextremistin-
Norm begriffen. Zu den Stärken der Ausstellung und nach- nen und Rechtsextremisten, und andererseits hatte ich
folgender Forschungen 8 gehört, dass solcherlei Zuschrei- Kenntnis erhalten, dass ein damaliger Akteur der rechten
bungen – à la „the beauty and the beast“ – selber Gegen- Szene sich Ende der 1990er Jahre nach Lektüre von Studien
stand der Diskussion geworden sind. Und schließlich ist zur rechten Jugendkultur daran machte, rechte Mädchen-
auch die gedenkstättenpädagogische Thematisierung arbeit zu forcieren, weil er in der damaligen Skinszene
von weiblicher Täterschaft Gegenstand erster Reflexio- beobachtete, dass ihm die Jungen teilweise immer dann
nen9 und wissenschaftlicher Untersuchungen geworden.10 „absprangen“, wenn sie Freundinnen fanden, für die die
Eine zweite Sorge, die uns in den Pädagogischen Diensten rechte Szene damals noch keine „attraktiven“ Angebote
bei der Vorbereitung der Ausstellung und begleitender pä- bereithielt. Gemeinsam mit den Ausstellungsmacherinnen
dagogischer Materialien beschäftigte, war, wie weit bei luden wir Expertinnen zum Thema „rechte Frauen und
der fokussierten Auseinandersetzung mit weiblicher Täter- Mädchen“ ein, die uns zu einem genaueren Einblick in die
schaft die Herrschaftsverhältnisse im Lager und die männli- sehr heterogene Szene verhalfen, so dass wir uns durch
che Gewalt darin zum Verschwinden kämen.11 Einerseits tru- genauere Information etwas besser gewappnet fühlten.
gen die Ausstellungsmacherinnen diesem Vorbehalt selber Echte Anzeichen dafür, dass unsere Befürchtungen hin-
durch eine offensive Thematisierung der Geschlechterver- sichtlich der Ausstellung begründet gewesen wären, ha-
hältnisse im Lager und der Hierarchie auf Seiten der Täterin- ben wir seit ihrer Eröffnung 2004 in unserer Praxis nicht
nen und Täter Rechnung, andererseits war bereits bei Eröff- gefunden.
nung der Ausstellung zu den Aufseherinnen geplant, sie Tatsächlich geben uns die Ausstellung über die Aufsehe-
durch eine eigene Ausstellung zum männlichen SS-Personal rinnen und die 2010 eröffnete Ausstellung „Das ‚Führer-
in einem der ehemaligen „Führerhäuser“ zu ergänzen. haus‘: Alltag und Verbrechen der Ravensbrücker SS-Offi-
Der dritte Vorbehalt, der uns beschäftigte und den wir ge- ziere“ vielfache Anlässe, über Herrschafts- und Geschlech-
meinsam mit den Ausstellungsmacherinnen zu entkräften terverhältnisse im Nationalsozialismus auf Seiten der

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Täterinnen und Täter zu sprechen. Aber schon in einer Ge- GENDER ALS KATEGORIE IN DER GEDENK-
ländeführung teilt sich jugendlichen Teilnehmerinnen und STÄTTENPÄDAGOGISCHEN PRAXIS DER
Teilnehmern aus der topografischen Gestaltung etwas GEDENKSTÄTTE RAVENSBRÜCK – EIN WERKSTATTTEXT
über Hierarchie und Gender-Konstruktion mit, wenn sie
nach der Thematisierung der Aufseherinnen mit Blick auf Gender-Konstruktionen, Zuschreibungen und
die höher gelegenen „Führerhäuser“ aufgefordert werden, Geschlechterbilder
zu überlegen, wer darin gewohnt haben könne. Die Wahr-
nehmung, dass die Aufseherinnen-Unterkünfte Mehrper- Habe ich bislang ganz wesentlich auf Thematisierungs-
sonen-Unterkünfte waren, die „Führerhäuser“ Einfamilien- möglichkeiten und -notwendigkeiten abgehoben, die sich
und die „Unterführerhäuser“ Zweifamilienhäuser, provo- aus dem historischen Ort und seiner Geschichte gleichsam
ziert regelmäßig Fragen zum Selbstbild der Täterinnen und ergeben, möchte ich ein zweites höchst komplexes Feld zu-
Täter, zu Wertehierarchien, zum Verhältnis von exklusiver mindest skizzenhaft andeuten: die Beziehungen der ver-
und exkludierender nationalsozialistischer Moral und zum schiedenen Akteurinnen und Akteure gegenwärtiger ge-
Verhältnis von SS-Avantgarde und nationalsozialistischer denkstättenpädagogischer Bildungsarbeit mit ihren gen-
Volksgemeinschaftsideologie. derbezogenen Eigenwahrnehmungen und Zuschreibungen
Sexualisierte Gewalt, sexualisierte Zuschreibungen in den in der gedenkstättenpädagogischen Praxis. Die (meist ju-
nationalsozialistischen Haftvorwänden für die weiblichen gendlichen) Teilnehmerinnen und Teilnehmer unserer päd-
Häftlinge des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück agogischen Angebote und ihre pädagogischen Begleite-
und des „Jugendschutzlagers Uckermark“ sind Themen, rinnen und Begleiter kommen mit vielfältigen Gender-Kon-
die die Reflexion über historische und aktuelle „Männer- struktionen zu uns, die wir in unsere Arbeit mit einbeziehen
phantasien“ ebenso notwendig erscheinen lassen, wie tra- wollen. Zugleich gilt es zu reflektieren, dass sowohl unsere
dierte Bilder und Vorstellungen, die die Besucherinnen und Wahrnehmungen von unseren Besucherinnen und Besu-
Besucher mit in die Gedenkstätte bringen, an sie richten chern, als auch unsere eigene Identität von Gender-Vor-
und projektiv auf sie wenden. Wir bemühen uns, dieses stellungen durchzogen sind.
komplexe – oft nur assoziativ aufgerufene – Feld in unserer Ich muss zugeben, dass ich zuweilen selber mit einer ge-
Arbeit zu reflektieren, wobei eine meist 90-minütige Füh- wissen Naivität geschlagen bin, was die weithin unhinter-
rung oder die Kombination aus 90-minütiger Führung und fragte Wirksamkeit traditioneller Geschlechterbilder in
zweistündiger Projektarbeit dem in unserem Regelbetrieb unserer Arbeit betrifft. Ich habe beispielsweise lange ge-
deutliche Grenzen setzt. braucht, um etwa aus den Rückmeldungen der Kollegin-
nen und Kollegen nach Gruppenbetreuungen zu begrei-
fen, dass ich mit „gewagteren“ pädagogischen Zugängen
leichter experimentieren kann, weil mir Lehrerinnen und
Lehrer aufgrund meines gesetzten Alters, bürgerlichen
Habitus und Mann-Seins mehr „durchgehen“ lassen, als
etwa den jüngeren studentischen Kräften. (Jüngere) Stu-
dierende, die bei uns arbeiten, werden – wenn ich meiner
alltagsempirischen Erfahrung traue – eher durch die Leh-
rerinnen und Lehrer offensiv infrage gestellt, wenn sie
„konventionellen“ gedenkstättenpädagogischen Erwar-
tungen der Kolleginnen und Kollegen auch nur im Ansatz
nicht entsprechen, als (ältere) fest angestellte Mitarbeite-
rinnen und Mitarbeiter der Pädagogischen Dienste der
Gedenkstätte. Wenn ich nun mehr Schilderungen von Stu-
dentinnen über solche Infragestellungen im Ohr habe, bin
ich nicht sicher, ob Studentinnen stärker davon betroffen
sind, ob es an (auch eigenen) Gender-Zuschreibungen
oder ob es an der Gesprächskultur in den Pädagogischen
Diensten liegt, dass mich ihre Irritationen eher erreichen,
oder aber ob die Studenten diese Infragestellungen (viel-
leicht sogar insbesondere mir gegenüber) nicht oder sel-
tener thematisieren. Und offenbar gibt es im Verhältnis
zwischen und unter Jugendlichen, ihren Begleiterinnen
Schüler stehen im Krematorium bzw. Begleitern und den Mitarbeiterinnen und Mitarbei-
des ehemaligen Frauenkonzen- tern der Pädagogischen Dienste auch eine Reihe ein-
trationslagers Ravensbrück. schnappender Reflexe, die unter anderem an Konstruktio-
Die (meist jugendlichen) Teil- nen von Männlichkeit und Weiblichkeit gekoppelt sind
nehmerinnen und Teilnehmer und eine gewisse Erwartungslogik implizieren. Dabei er-
und die pädagogischen lebe ich auch viele Situationen, in denen Lehrerinnen und
Begleitpersonen kommen mit Lehrer spontan Konkurrenzen mit uns aufmachen, die eine
vielfältigen Gender-Konstruk- Gender-Komponente zu haben scheinen, die ich aber
tionen, Zuschreibungen und noch nur eher situativ und bedingt als systematisch er-
Geschlechterbildern in die schließen kann.
Gedenkstätte.
picture alliance/dpa

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Matthias Heyl
Genderrelevante Fallvignetten infrage gestellt und sogar diskreditiert oder diffamiert
wird. Diese genuine Ungerechtigkeitserfahrung kann viel-
Für die Arbeit mit Jugendlichen in unseren Führungen leicht eine empathische Brücke bauen helfen zu der Forde-
möchte ich exemplarisch zwei vielleicht abseitige, aber rung, dass niemand das Recht hat, die sexuellen Bedürf-
wiederkehrende Situationen als „Fallvignetten“ schildern, nisse und Orientierungen anderer, soweit sie niemandem
die mir im höchsten Maße genderrelevant zu sein schei- Gewalt antun, infrage zu stellen. Dass Menschen im Nati-
nen, da sie ganz vehement mit der Konstruktion von Ge- onalsozialismus verfolgt wurden, weil sie sich nach damals
schlechterbildern verbunden sind. Regelmäßig erlebe ich, (und heute) vorherrschenden und forcierten Vorstellungen
dass homophobe Haltungen bei Jungen dort andeutungs- „falsch“ verliebt hätten, wird von denen als störender er-
weise oder explizit zum Tragen kommen, wo ich bei der fahren, die einen Bezug zu eigenen Erfahrungen herstellen
Darstellung von Haftvorwänden auch die Haftgruppe können, in denen ihre geschlechtliche und sexuelle Auto-
„Homosexuelle“ anspreche. Das Ressentiment, das mir als nomie durch Dritte in Frage gestellt wurde.
Erzählendem entgegentritt, ist nicht notwendigerweise auf Als zweite „Fallvignette“ steht mir die Erfahrung vor Augen,
die Jungen beschränkt, scheint aber bei einem Teil der die ich mache, wenn ich Gruppen eine Situationsbeschrei-
Schulklassen unter den männlichen Jugendlichen beson- bung wiedergebe, die einer Erzählung von Annika Bremell,
ders virulent. Soziale Erwünschtheit, die sich den Jugendli- einer Überlebenden des Frauen-Konzentrationslagers Ra-
chen mitteilt, lässt offensiven antisemitischen Äußerungen vensbrück, entstammt. Annika erzählte einer Gruppe Ju-
weniger Raum, homophobe Äußerungen aber brechen gendlicher in meinem Beisein von ihrem letzten Appell in
schneller in Seitenbereichen der Kommunikation hervor. Ravensbrück, bevor sie das Lager – noch vor dessen Befrei-
Selten erlebe ich, dass homophobe Haltungen offensiv in ung – im April 1945 mit den weißen Bussen des schwedi-
das Gespräch zwischen „Guides“ und Jugendlichen ein- schen Roten Kreuzes verlassen konnte. Sie beschrieb eine
geführt werden; eher sind es die Seitenbemerkungen der merkwürdige, hoch irritierende Rede des Lagerkomman-
Jugendlichen untereinander, sich verständigende Blicke danten Fritz Suhren, der sie beiwohnen musste, die Unsi-
und Verlegenheitsgesten, manchmal mehr oder minder cherheit, was danach geschehen würde, die Sorge, umge-
deutliche Posen körperlicher Abwehr, die die Thematisie- bracht zu werden. Als Suhren die Rede beendet hatte, gin-
rung von Homosexuellen als Opfern der nationalsozialisti- gen die Lagertore auf, und „wunderschöne junge Männer“
schen Verfolgung begleiten. Sie scheinen bei einem Teil kamen herein, die zwar Uniformen trugen, bei denen es
heterosexueller Jungen zum geläufigen Verständigungs- sich aber erkennbar nicht um SS-Uniformen handelte, und
rahmen zu gehören, mit dem sie Komplexität und Hetero- je dichter sie kamen, desto deutlicher konnte Annika die
genität abzuwehren versuchen. Ein motivierendes Moment Anstecker des schwedischen Roten Kreuzes sehen – es wa-
erkenne ich bei den oft verdrucksten, wenig souveränen ren Busfahrer der weißen Busse. Annika beschrieb und
Jungen im Moment ihres heterosexuellen Coming-outs deutete an, wie ihre Hand spontan „nach oben ging“ und
auch darin, dass Homosexualität und schwules Coming- sie kontrollierte, wie ihre Haare saßen. Auch ihr seien, als
out ihnen als eine besondere, offensive Form des Umgangs sie im April 1944 nach Ravensbrück gekommen war, die
mit eigener Sexualität begegnet, die gleichermaßen pro- Haare geschoren worden, und später wieder, aber als da
jektiv aufgeladene Attraktion und neidbewährte Abwehr die schwedischen Busfahrer ins Lager kamen, sei ihre Hand
motiviert. Dies sinnvoll konfrontieren zu wollen, schiene mir so „nach oben“ gegangen, und als sie diese Geste selber
allerdings als eine weitere Überforderung der Gedenk- bemerkte, habe sie gedacht: „Ich bin ein Mensch, ich bin
stättenpädagogik, die eben meist Kurzeitpädagogik ist eine Frau, mir ist wichtig, wie ich für diese Männer aus-
und orts- und themenbezogen andere Themen fokussiert. sehe“, die so erkennbar keine SS-Männer waren, und da
Aber auch in der Gedenkstättenpädagogik sollte die of- habe sie begriffen: „Ich bin ja nicht nur ‚Tote auf Urlaub‘,
fensive Akzeptanz unserer menschlichen Heterogenität wie wir uns nannten; schließlich haben wir immer wieder
durchgängiger, sichtbarer Beweggrund sein. Dies fort- gehört: ‚Euer einziger Weg hier raus geht durch den
während auch in der gedenkstättenpädagogischen Praxis Schornstein!‘“ Annikas Erzählung, die ich an dieser Stelle
zu reflektieren, scheint mir unabdingbar. Wenn wir päda- extrem und zweckgebunden verkürze, hat mich sehr beein-
gogische Auseinandersetzung generell als ein Feld be- druckt, auch mit der Geste der „nach oben“ gehenden
greifen, welches Jugendliche in die Lage versetzen soll, Hand. Wenn ich diese Schilderungen in meinen Führungen
Autonomie im Umgang mit Ambivalenz-, Ambiguitäts- und zuweilen zitiere, auf dem ehemaligen Appellplatz, in Sicht-
Komplexitätserfahrungen, Heterogenität zu üben, bedarf weite des ehemaligen Lagertores, dort, wo ich sie von An-
es hier reflektierter Stimuli und Interventionen, die Hetero- nika gehört habe, dann geht auch meine Hand zuweilen
genität in einer geläufigen Form als aushaltbar und berei- illustrierend „nach oben“. Gelingt mir die Geste gut, also
chernd erfahrbar machen. „Homophobie“ erscheint mir als glaubhaftes gestisches Zitat gleichsam „feminin“,
dabei im Wortsinne zunehmend als eine Form einer Hetero- schauen manche Jungen mich zuweilen mit einer gewissen
phobie im Sinne von einer Angst vor Heterogenität, die die Abwehr an. Ich scheine dann vorerst der „effeminierte“ und
Vielfalt der menschenmöglichen Orientierungen zuguns- damit tendenziell „schwule“ Mann für sie zu sein. Das ist
ten einer homogenisierenden Normierung abzuwehren noch Interpretation ohne Prüfung, ich glaube aber, immer
versucht. Zuweilen versuche ich, in der Thematisierung der wieder eine Irritation zu erkennen, während große Teile
Geschichte homophober Praxis – und insbesondere homo- der Gruppen körpersprachlich während dieser Erzählung
phober Verfolgungspraxis im Nationalsozialismus – an Er- vornehmlich eine Anspannung beim Zuhören erkennen las-
fahrungen der Fremdbestimmung und übergriffigen Ein- sen; nur zwei-, dreimal hörte ich einen spontanen Kommen-
flussnahme anzuknüpfen, die den Jugendlichen geläufig tar von Jungen à la „voll schwul“ wie aus dem Off. Ohne
sind. Viele Jugendliche machen etwa selber die Erfahrung, nun valide, statistisch haltbare Daten einbringen zu kön-
dass ihre Partnerinnen- und Partnerwahl zuweilen von au- nen, allein aus der Alltagsempirie nehme ich wahr, dass ich
ßen – von ihren Eltern oder (anderen) Peers – kommentiert, von Mädchen meist erst nach dieser Schilderung einge-

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hender nach Themen gefragt werde, für die ich als älterer GENDER ALS KATEGORIE IN DER GEDENK-
Mann vielleicht vorher nicht als „richtiger“ Ansprechpart- STÄTTENPÄDAGOGISCHEN PRAXIS DER
ner erschien: Wie war das mit der Menstruation im Lager, man GEDENKSTÄTTE RAVENSBRÜCK – EIN WERKSTATTTEXT
habe dies und jenes gehört, stimmt es, dass …? Gab es Verge-
waltigungen durch die SS? Jungen fragen mich häufiger dererseits in unserer Praxis für mein Verständnis noch zu
eher unvermittelt und auf eine Weise rückversichernd nach selten offensiv konfrontiert.
Vergewaltigungen, die auf eine eindeutige, direkte Bestä- Ich habe für beide beschriebenen Situationen noch keine
tigung ihrer Annahmen zielt. hinreichenden Interpretationen parat. Es ist das vielleicht
wiederum naive Herantasten an ein diskursives Feld, be-
züglich dessen ich nur ungern zugebe, wie unsicher ich
Reflektierte gedenkstättenpädagogische mich selber darin bewege. Nun bewegen wir uns aber im
Professionalität Feld der Gedenkstättenpädagogik immerzu gleichzeitig
auf äußerst dünnem Eis und auf schiefer Ebene, und selbst
In der obigen „Fallbeschreibung“ geht es aber auch um die diese Erkenntnis hilft nur bedingt. Sie dürfte aber unbe-
„performative Qualität“ unseres Führungsgeschehens – dingt Anlass für weitere Reflexion bieten.
ein Element unserer gedenkstättenpädagogischen Praxis, Wir haben im Team der Pädagogischen Dienste der Ge-
das selber stärker Gegenstand gedenkstättenpädagogi- denkstätte Ravensbrück selber unsere Erfahrungen, Wahr-
scher Reflexion werden muss. Die „Guides“ müssen sich nehmungen und Annahmen über genderrelevante Mo-
bewusst reflektierend immer wieder gleichermaßen mit mente unserer gedenkstättenpädagogischen Praxis noch
projektiven Zuschreibungen und mit eigenen performativen kaum konkret auf diese Praxis bezogen zum Thema ge-
Entscheidungen und/oder Wirkungen auseinandersetzen. macht. Welche unterschiedlichen Erfahrungen machen die
Welchen Unterschied macht es für die unterschiedlichen festen und freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Pä-
Gruppen, die wiederum in ihrer Binnenstruktur höchst dagogischen Dienste der Gedenkstätte in diesem Feld?
heterogen sind, je nachdem ob ihr „Guide“ Anfang/Mitte/ Mit welchen Zuschreibungen werden wir konfrontiert? Wie
Ende 20, Anfang/Mitte/Ende 30 oder Anfang/Mitte/Ende lassen sich die Erfahrungen und Wahrnehmungen anderer
40 und weiblich oder männlich ist? Auch dieser reflektierte in unsere jeweiligen Führungsnarrative und -bemühungen
Umgang mit Fragen nach Identität und Imago ist unab- integrieren?
dingbarer Bestandteil reflektierter gedenkstättenpädago- Ich verstehe die in diesen Beitrag thematisierten oder skiz-
gischer Professionalität. Dass hier auch Gender-Sensibili- zierten Elemente unserer Praxis als einen weiteren Anlass
tät gefragt ist, liegt einerseits auf der Hand, wird aber an- dafür.

Elektrisch gesicherter Stachel-


draht der Mauerkrone im ehe-
maligen KZ Ravensbrück. Die
ständige Reflexion gedenkstät-
tenpädagogischer Praxis ist ein
Kennzeichen pädagogischer
Professionalität: Welche
Er fahrungen machen die Mit-
arbeiterinnen und Mitarbeiter
in diesem Feld? Mit welchen
Zuschreibungen werden sie
konfrontiert? Wie lassen sich
die Wahrnehmungen der
Besucherinnen und Besucher
in die Führungsnarrative des
pädagogischen Personals inte-
grieren?
picture alliance/dpa

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Matthias Heyl
Klein, Marion (2012): Schülerinnen und Schüler am Denkmal für die ermor-
LITER ATUR
deten Juden Europas. Eine empirisch-rekonstruktive Studie. Wiesba-
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penexperiments“. In: Ders.: Gesammelte Schriften. Band 9: Soziologi- Kretzer, Annette (2009): NS-Täterschaft und Geschlecht. Der erste briti-
sche Schriften II. Frankfurt am Main, S. 378–394. sche Ravensbrück-Prozess 1946/47 in Hamburg. Berlin.
Dietrich, Anette/Heise, Ljiljana (Hrsg.) (2013): Männlichkeitskonstruktio- Meyer, Angelika (2015): Gender reflektieren! Überlegungen aus der Praxis
nen im Nationalsozialismus. Frankfurt am Main. der politisch-historischen Gedenkstättenpädagogik. Ravensbrück. In:
Erpel, Simone (2007): Im Gefolge der SS: Aufseherinnen des Frauen-KZ Baader, Meiker Sophia/Freytag, Tatjana (Hrsg.) (2015): Erinnerungskul-
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Heise, Liljana (2009): KZ-Aufseherinnen vor Gericht. Greta Bösel – „ano- 33.
ther of those brutal types of women“? Frankfurt am Main. Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas (Hrsg.) (2005): Mate-
Heyl, Matthias/Schöllhorn, Heide (2007): Zur Auseinandersetzung mit rialien zum Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Berlin.
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Gedenkstätte Ravensbrück. In: Erpel, Simone: Im Gefolge der SS: Auf-
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Jacobeit, Sigrid/Philipp, Grit (Hrsg.) (1997): Forschungsschwerpunkt Ra- ANMERKUNGEN
vensbrück. Beiträge zur Geschichte des Frauen-Konzentrationslagers. 1 Der von Anette Dietrich und Ljiljana Heise 2013 herausgegebene Band
Berlin. geht auf dieses Kolloquium zurück. Der Beitrag von Matthias Heyl ist eben-
Jelitzki, Jana/Wetzel, Mirko (2010): Über Täter und Täterinnen sprechen. falls in diesem Sammelband veröffentlicht und wurde für das vorliegende
Nationalsozialistische Täterschaft in der pädagogischen Arbeit von Heft aktualisiert.
KZ-Gedenkstätten. Berlin. 2 Viola Georgi machte mich Anfang 2012 auf eine Studie von Marion
Klein aufmerksam, für die diese Schülerinnen- und Schülergruppen in ihren
Reaktionen auf das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ beob-
achtet hat; vgl. Klein 2012. Bei der bisher kursorischen Lektüre dieser
schwer zugänglichen Forschungsarbeit habe ich zwar wiederum weitrei-
UNSER AUTOR

chende Aussagen über geschlechtsspezifische Aneignungsformen gefun-


den, bin mir aber hinsichtlich der Reichweite der Aussagen etwa mit Blick
auf die vergleichsweise kleinen Gruppen nicht sicher, ob die Wahrneh-
mungen tragen. Zudem fehlt es – zumindest auf den ersten Blick – an in-
terpretativen Angeboten, die mich überzeugen.
3 Vgl. Jacobeit 2002.
4 Etwa – noch eher implizit – in Jacobeit/Philipp 1997; explizit dann in
Eschebach/Jacobeit/Wenk 2002.
5 Vgl. Erpel 2007.
6 Vgl. Richarz 1991, S. 30. Ein eklatantes Beispiel von einem anderen
Ort: Selbst im einleitenden Text zur Chronologie des Holocaust im Ein-
gangsbereich des „Orts der Information“ am Berliner „Denkmal für die
ermordeten Juden Europas“ finden wir die Untaten in Substantivierungen
Dr. Matthias Heyl, Jahrgang 1965, ist Historiker und Erziehungs- zum Subjekt der Sätze gewandelt; dahinter und hinter passivischen Satz-
konstrukten kommen die personalen Täterinnen und Täter zum Verschwin-
wissenschaftler. Von 1998 bis 2002 war Matthias Heyl Leiter der
den. Wie eine „Tat ohne Täter“ erscheint das hier Erinnerte nur halb. Vgl.
Forschungs- und Arbeitsstelle „Erziehung nach/über Auschwitz“. Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas 2005, S. 50–55.
Seit 2002 ist er pädagogischer Leiter der Internationalen Ju- 7 Vgl. Adorno 1997, S. 393.
8 Vgl. Heise 2009; Kretzer 2009.
gendbegegnungsstätte Ravensbrück und Leiter der Pädagogi-
9 Vgl. Heyl/Schöllhorn 2007.
schen Dienste der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. Er hat 10 Vgl. Jelitzki/Wetzel 2010.
zahlreiche Veröffentlichungen zur jüdischen Kultur und Geschich- 11 Auch aus Überlebenden-Berichten kommen uns sehr eindrückliche
Schilderungen des Verhaltens von Aufseherinnen entgegen, die sich oft an
te, zu Fragen deutscher Identität nach Auschwitz und zur „Erzie-
dem gleichgeschlechtlichen Status der Täterinnen irritiert zeigen und des-
hung nach Auschwitz“ vorgelegt. halb die Täterschaft als dem „eigentlichen“ (und eigenen) Weiblichen
zuwiderlaufend beschreiben.

Die Zeitschrift „Der Bürger im Staat“ wird herausgegeben von der LANDESZENTRALE FÜR POLITISCHE BILDUNG Baden-Württemberg.
IMPRESSUM

Direktor der Landeszentrale: Lothar Frick


Redaktion: Siegfried Frech, Stafflenbergstraße 38, 70184 Stuttgart, Telefax (07 11) 16 40 99-77
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AKZEPTANZ SCHAFFEN DURCH AUFKLÄRUNG

Irgendwie anders?! LSBTTIQ-Menschen


im Kontext binärer Gesellschaftsstrukturen
Anke Rietdorf

eller Lebensformen leistet. In den ersten Jahren lag der


Anke Rietdorf schildert ihren persönlichen Bezug zu Schwerpunkt hauptsächlich bei der Aufklärung über
FLUSS e. V. und erörtert die Zielsetzungen sowie die di- schwule und lesbische Lebensweisen. Inzwischen werden
daktischen Ansätze und Methoden der von FLUSS e. V. auch intersexuelle, bisexuelle, transsexuelle und transgen-
praktizierten Bildungs- und Aufklärungsarbeit. FLUSS der Lebensformen integriert und thematisiert. Darüber hin-
e. V. ist ein gemeinnütziger Verein, der seit 1996 enga- aus möchte FLUSS e. V. mit der Bildungsarbeit zu einer Aus-
giert Bildungs- und Aufklärungsarbeit im Bereich nicht- einandersetzung mit Geschlechterrollenbildern und der
heterosexueller Lebensformen leistet. Wichtigstes Anlie- Infragestellung von Heteronormativität beitragen. Inso-
gen ist es, Räume zu schaffen, in denen Begegnungen fern versteht sich der Verein auch als queer.
zwischen Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Les- Wichtigstes Anliegen von FLUSS e. V. ist es, Räume zu
ben, Schwulen, Bisexuellen, Intersexuellen sowie schaffen, in denen Begegnungen zwischen Jugendlichen
Trans*Menschen ermöglicht werden. Nicht Belehrung, bzw. jungen Erwachsenen und Lesben, Schwulen, Bisexu-
sondern Dialog und handlungsorientierte Methoden ste- ellen und Trans*Menschen ermöglicht werden.
hen im Mittelpunkt der konkreten Bildungsarbeit. Mit
seiner pädagogischen Arbeit will der gemeinnützige
Verein dazu beitragen, nicht-heterosexuelle Lebensfor-
men als gleichwertig und gleichberechtigt anzuerken-
nen. Die Schulbesuche und Fortbildungsveranstaltungen
wollen Anstöße zum Abbau von Vorurteilen und zur Re-
flexion der Einstellungen gegenüber gesellschaftlichen
Minderheiten geben.

Die Entdeckung des Anders-Seins

Vor etwas mehr als einem Jahr bin ich gemeinsam mit mei-
ner Partnerin von Berlin nach Freiburg gezogen. In Baden-
Württemberg gilt Freiburg als vergleichsweise liberaler
und toleranter Ort, wo jede und jeder leben kann, wie er
und sie will. Auch als Nicht-Hetero. Lesbische und schwule
Paare können sich in der Regel selbstverständlich in der
Stadt bewegen. Es gibt eine kleine, aber aktive (Party)
Szene, ein paar Anlaufstellen und Projekte und 2014 nach
zwölf Jahren Pause sogar wieder einen Christopher Street
Day. So schön, so gut.
Im Laufe der Zeit mussten wir jedoch feststellen, dass das
Leben für uns als lesbisches Paar hier dennoch ein anderes
ist. Auch wenn wir in der Öffentlichkeit weder angestarrt
noch beschimpft werden, haben wir häufig das Gefühl, al-
lein unter Heteros zu sein. Sich im Privaten oder im Arbeits-
umfeld zu outen, ist ebenfalls kein Problem – aber wir sind
meist die einzigen queer1 lebenden Menschen. Lesbisch zu
leben ist keine Selbstverständlichkeit. Die Vorstellungen da-
von, was als normal gilt, scheinen in Freiburg viel klarer und
enger zu sein als in Berlin. Die Suche nach queeren Kontak-
ten und Netzwerken führte mich schließlich zu FLUSS e. V.

“Wann hast du dich entschieden, hetero zu sein?“ – Am


Queer – was ist das denn? Internationalen Tag gegen Homophobie und Transphobie
Akzeptanz schaffen durch Aufklärung finden in zahlreichen deutschen Städten – so auch in Frei-
burg nach zwölf Jahren Pause erstmalig wieder 2014 –
FLUSS e. V. ist ein gemeinnütziger Verein, der seit 1996 Bil- dezentrale Aktionen statt, um das Bewusstsein für nicht-hete-
dungs- und Aufklärungsarbeit im Bereich nicht-heterosexu- rosexuelle Lebensformen zu wecken. picture alliance/dpa

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Anke Rietdorf
Dies geschieht sowohl in Form von Veranstaltungen für Ju-
gendliche und Fortbildungen für Multiplikator*innen (z. B.
Mediziner*innen, Lehrkräfte, Pflegekräfte, Po li zei beamt*-
innen etc.) als auch durch öffentliche Veranstaltungen zum
Thema lesbische, schwule, trans* und queere Lebenswei-
sen.
Zu den Aufgabenschwerpunkten des Vereins gehört es,
l Anstöße zum Abbau von Vorurteilen und zur Reflexion
der Einstellungen gegenüber gesellschaftlichen Min-
derheiten zu geben;
l Sensibilität für Homo-, Bi-, Inter- und Transsexualität als
individuellem und gesellschaftlichem Thema zu fördern;
l lesbische, schwule, bisexuelle, intersexuelle, transsexu-
elle und transgender Jugendliche in ihrer Selbstfindung
zu unterstützen;
l Respekt vor Menschen, die nicht-heterosexuelle Lebens-
formen leben, zu fördern;
l der Diskriminierung und Gewalt gegenüber Angehöri-
gen gesellschaftlicher Minderheiten vorzubeugen.

Ausgangslage: Freiburg – queere Oase im Süden?

Dass vor allem für junge Menschen, die nicht heteronorma-


tiv leben, Situationen und Begegnungen im Leben auftre-
ten können, die nicht ausnahmslos akzeptierend sind, zei-
gen verschiedene Untersuchungen und Studien. 2 Diskrimi-
nierung und Ausgrenzung finden oft subtil statt. Dies
beginnt häufig schon mit der Frage nach dem Freund bzw.
der Freundin, die queer lebende Menschen in Verlegenheit
oder Outing-Druck bringen kann. Ein Mann schminkt sich beim Christopher Street Day in Frei-
Fragt man LSBTTIQ, ob sie in ihrem privaten und berufli- burg. Vermeintlich klare Geschlechtskategorien sind durch-
chen Umfeld „geoutet“ sind, so erhält man dabei recht un- lässiger als gedacht. Die Zuschreibung von Geschlecht findet
terschiedliche Antworten. Traditionelle Vorstellungen von letztlich vor allem auf der Ebene der Geschlechtspräsenta-
Ehe und Familie sowie religiös geprägte Wertvorstellun- tion statt. picture alliance/dpa
gen sind auch im „grünen“ Freiburg an der Tagesordnung
– und vor den Toren der Stadt sowieso. Wie auch an-
derswo sind auf Freiburger Schulhöfen „schwul“ oder zite bestehen. Was schwul bedeutet, kann meist gut erklärt
„Schwuchtel“ beliebte Schimpfworte. werden, bei Trans- oder Intersexualität wird es dagegen
Deshalb haben die Debatten um die neuen Bildungspläne für viele schon schwierig und es wird Einiges durcheinan-
vor Freiburg nicht Halt gemacht. Indoktrination und die der geworfen. Auch in der Arbeit mit Multiplikator*innen
„Werbung“ für homosexuelle Lebensweisen werden auch müssen wir oft nicht nur Klischees, sondern auch Unwissen-
hier befürchtet. FLUSS e. V. möchte mit seiner Arbeit dazu heit aus dem Weg räumen. Ziele eines Schulbesuchs sind
beitragen, nicht-heterosexuelle Lebensformen als gleich- in der Regel: (1) die Klärung von Begrifflichkeiten, (2) die
wertig und gleichberechtigt anzuerkennen. Mit der Durch- Schaffung einer Atmosphäre von Toleranz und Wertschät-
führung von Bildungsveranstaltungen schaffen wir einen zung, (3) der Abbau von Stereotypen und Vorurteilen.
Rahmen für Information, Diskussion und Begegnung. Ein Schulbesuch wird immer von mindestens zwei bis maxi-
mal vier FLUSS-Mitarbeiter*innen durchgeführt. Die Teams
werden so divers wie möglich zusammengestellt. Wir ha-
Methoden und Ablauf von Schulbesuchen ben gute Erfahrungen damit gemacht, unsere Veranstaltun-
gen ohne die Anwesenheit der Lehrkräfte durchzuführen,
Die Bildungs- und Aufklärungsarbeit mit Jugendlichen ist da ansonsten manche Fragen eher nicht gestellt werden.
seit Beginn der Arbeit von FLUSS e. V. ein wichtiges Anlie- Unser didaktisches Konzept orientiert sich an einer hand-
gen. In der Regel fragen Lehrkräfte einen Besuch an, der lungsorientierten Wissensvermittlung, die mit biografi-
normalerweise drei bis vier Schulstunden dauert. In man- schen Elementen arbeitet. Neben der Vermittlung von
chen Fällen gibt es einen konkreten Anlass, wie etwa eine theoretischen Grundlagen geht es darum, Haltungen und
Mobbingsituation oder das Coming-out eines Schülers Einstellungen zu reflektieren, sich durch einen Perspektiv-
bzw. einer Schülerin. Meistens sind die Veranstaltungen wechsel in LSBTTIQ-Menschen hineinzuversetzen und da-
jedoch präventiv orientiert. Die Ziele werden mit den Lehr- mit ein Hinterfragen der eigenen Einstellung zu ermögli-
kräften in einem Vorgespräch geklärt. Im Vorfeld erhalten chen. Jeder Schulbesuch wird im Vorfeld gründlich vorbe-
die Teilnehmenden anonym auszufüllende Fragebögen. reitet und die Methoden an die Bedürfnisse der Zielgruppe
Diese dienen vor allem dazu, den Wissensstand der Ziel- angepasst. Alle Mitarbeiter*innen sind selbst LSBTTIQ und
gruppe abzuklären. Dabei stellen wir häufig fest, dass vor können somit aus ihrer eigenen Erfahrung erzählen und ar-
allem hinsichtlich der Begrifflichkeiten große Wissensdefi- gumentieren. Diese biografischen Aspekte, die wir als Be-

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IRGENDWIE ANDERS?! LSBTTIQ-MENSCHEN
IM KONTEXT BINÄRER GESELLSCHAFTSSTRUKTUREN

dort einzeichnen. Dabei wird deutlich, dass die vermeint-


lich klaren Kategorien durchlässiger sind als gedacht und
die Zuschreibung von Geschlecht letztlich vor allem auf
der Ebene der Geschlechtspräsentation stattfindet.
Ebenso wird sichtbar gemacht, dass es keinen Zusammen-
hang zwischen dem biologischen Geschlecht und der ge-
wählten oder empfundenen Geschlechtsidentität geben
muss. Weiterhin sind diese Kategorien beweglich und ver-
änderbar im Laufe eines Lebens.
Eine weitere Methode, die von uns verwendet wird, ist das
Dynamische Dreieck. Auch diese Methode arbeitet damit,
Kategorien aufzustellen, die in der Folge in einer Übung
durchlässig gemacht werden sollen. In die Mitte des Stuhl-
kreises werden drei Kärtchen gelegt, auf welche die Be-
griffe „heterosexuell“, „schwul“ und „lesbisch“ geschrieben
sind. Verdeckt werden verschiedene Kärtchen mit Begrif-
fen wie „Kinder“, „Religion“, „Diskriminierung“, „Heirat“ etc.
verteilt. Die Teilnehmenden haben nun die Aufgabe, diese
Begriffe den in der Mitte liegenden Kategorien zuzuord-
nen. Dabei entstehen viele Fragen und Diskussionen und
die Teilnehmenden gelangen meist selbst zu der Erkennt-
nis, dass eine klare und eindeutige Zuordnung weder mög-
lich noch sinnvoll ist.

Schublade auf – Schublade zu?

Bei der Vermittlung theoretischer Grundlagen stehen wir


troffene mitbringen, ermöglichen eine lebensnahe Ausein- immer wieder vor der Gretchen-Frage: Wie schaffen wir
andersetzung mit der Thematik. Diese Authentizität ist es, es, komplexe Gender-Theorien so zu erklären, dass wir die
die besonders bei Jugendlichen einen bleibenden Ein- Zielgruppe dort abholen können, wo sie steht? Auch bei
druck hinterlässt. Häufig ist es für sie die erste „richtige“ der Auswahl der Methoden ist es wichtig, diese möglichst
Begegnung mit LSBTTIQ-Personen. Hinter Homophobie genau an die Zielgruppe anzupassen, da der Wissens-
und Mobbing stecken in vielen Fällen Unsicherheit, Unwis- stand auch bei Jugendlichen recht unterschiedlich sein
senheit und damit einhergehende Vorurteile. Die reale Be- kann. Ebenso wichtig ist eine regelmäßige Reflexion der
gegnung lässt die Jugendlichen erleben, dass LSBTTIQ- verwendeten Methoden. Wie viele Gender-Trainer*innen
Personen „doch ganz normal sind“ (Zitat einer Schülerin, stehen auch wir häufig vor der Herausforderung, unsere
15 Jahre) und in vielen Punkten nicht dem Bild entsprechen, eigenen Ziele mit dem Wissensstand der Zielgruppe zu-
welches die Schüler*innen von ihnen hatten. sammenzubringen. Wie ist es möglich, das binäre Ge-
Jeder Schulbesuch startet mit der Klärung von Begrifflich- schlechtermodell zu hinterfragen, ohne dabei immer wie-
keiten: Lesbisch, schwul, trans*, intersexuell, homophob, der auf vermeintlich feststehende Kategorien wie männ-
transphob etc. Bevor wir darüber sprechen, sollen alle auf lich, weiblich, hetero, schwul etc. zurückzugreifen?
dem gleichen Wissensstand sein. Schon an dieser Stelle Methoden wie der Gender-Gumby oder das Dynamische
tauchen meist viele Fragen auf. Unsere Regel dabei ist: Es Dreieck zielen darauf, Denkmuster aufzubrechen, kommen
darf alles gefragt werden. Was wir davon beantworten, jedoch nicht ohne die oben genannten Kategorien aus. So-
entscheidet jede*r Mitarbeiter*in für sich selbst. Nicht sel- bald wir damit arbeiten, reproduzieren wir diese. Wenn
ten sind die Fragen recht persönlicher Natur und wir müs- wir das nicht tun, riskieren wir, von den Jugendlichen nicht
sen uns fragen, wie viel wir tatsächlich von uns preisgeben mehr verstanden zu werden. Auch wenn es auf diese Fra-
möchten. gen keine abschließenden Antworten gibt, ist es uns ein
Der Begriffsklärung folgt in der Regel ein Block zur Ausein- Anliegen, dies in regelmäßigen Treffen im Team zu disku-
andersetzung mit Geschlechterrollenbildern. Um binäres tieren. Daraus folgt häufig eine Weiterentwicklung der
und heteronormatives Denken zu hinterfragen, verwenden verwendeten Methoden. So haben wir beispielsweise da-
wir beispielsweise den Gender-Gumby. Auf ein Plakat wird mit begonnnen, die Kategorien „männlich“ und „weiblich“
eine Figur gezeichnet, die von vier Linien durchquert wird: von den Teilnehmenden selbst füllen zu lassen und im
biologisches Geschlecht, Geschlechtsidentität, Ge- Nachhinein deutlich zu machen, dass dies keine allge-
schlechtspräsentation, sexuelle Orientierung. An den äu- meingültige Definition, sondern nur die der gerade anwe-
ßeren Seiten stehen die Geschlechtskategorien „männ- senden Personen ist. In jeder Gruppe wird man erleben,
lich„ und „weiblich“. Die Trainer*innen können nun entwe- wie unterschiedlich die so klar scheinenden Begrifflichkei-
der sich selbst oder prominente Persönlichkeiten in dieses ten konnotiert sind. Was als weiblich oder männlich emp-
Schema einordnen. Auch die Teilnehmenden können sich funden wird, widerlegen die Jugendlichen meist selbst mit

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Anke Rietdorf
Gegenbeispielen aus ihrem jeweiligen Umfeld. Auch das ming-out-Geschichten sind eine Methode, um verhärtete
Dynamische Dreieck wurde von uns weiterentwickelt und Einstellungen aufzuweichen, aber führen sie nicht eher – im
ist nun ein Fünfeck – wir haben die Kategorien durch „bise- optimalen Fall – dazu, dass die „Anderen“ als „Andere“
xuell“ und „trans*“ ergänzt. anerkannt werden?
Neben der Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachse-
nen macht die Weiterbildung von Multiplikator*innen ei-
Biografisch orientiert arbeiten: nen wichtigen Teil der Arbeit von FLUSS e. V. aus. Neben
Coming-out-Geschichten Mediziner*innen, Polizeibeamt*innen oder Sozial ar bei-
ter*innen sind es vor allem Lehrkräfte, die unsere Fortbil-
Der eigene biografische Hintergrund ist für uns alle die dungen anfragen. An vielen Schulen gibt es engagierte
Motivation, sich bei FLUSS e. V. zu engagieren. Auch wenn Lehrer*innen, denen die Akzeptanz sexueller Vielfalt ein
die Erfahrungen von Diskriminierung unterschiedlich sind, großes Anliegen ist. Mit einigen Freiburger Schulen gibt es
ist es uns allen gleichermaßen ein Anliegen, junge LSBT- inzwischen eine langjährige Kooperation, teilweise ist
TIQ-Menschen zu unterstützen und zur gesellschaftlichen FLUSS e. V. auch in den jeweiligen Schulcurricula veran-
Akzeptanz beizutragen. Der persönliche Zugang zum kert. Nicht selten wird dieses Engagement durch den Kon-
Thema und die eigenen Erfahrungen sind somit eine takt mit LSBTTIQ-Menschen im persönlichen Umfeld aus-
Grundlage für unsere Bildungsveranstaltungen. Im letzten gelöst und motiviert. Das Coming-out von Freund*innen,
Teil der Schulbesuche ermöglichen wir den Jugendlichen Bekannten, Schüler*innen oder den eigenen Kindern kann
einen Einblick in unsere eigene Biografie. Die FLUSS e. V.- der Anstoß für eine verstärkte Auseinandersetzung mit dem
Mitarbeiter*innen erzählen ihre ganz persönliche Co- Thema sein. Oft sind die Angehörigen nicht auf eine solche
ming-out-Geschichte, was für die Jugendlichen meist ein Situation vorbereitet, reagieren mit Erstaunen und Sprach-
berührender und eindrücklicher Moment ist. Die Problema- losigkeit – um sich im Nachhinein zu fragen, ob das denn
tik einer Coming-out-Geschichte ist jedoch, dass damit wohl nötig ist.
schon von vornherein ein Anders-Sein konstruiert wird. Es Im Zuge der Diskussion um die neuen Bildungspläne erhielt
wird davon ausgegangen, dass es einen Moment im Leben FLUSS e. V. verstärkt Anfragen sowohl für Schulbesuche als
gab, in dem man das eigene Anders-Sein benennen auch für Multiplikator*innenfortbildungen. Nicht wenige
konnte. Für viele LSBTTIQ ist dies auch so gewesen, aber es Lehrkräfte fühlen sich mit der Frage überfordert oder ver-
stellt sich die Frage, ob wir damit erreichen, was wir errei- unsichert, wie und in welcher Form sie die Thematik in ihren
chen wollen, nämlich als LSBTTIQ ohne Wenn und Aber Unterricht integrieren können. Hierbei bieten wir gerne
und ohne Rechtfertigungsdruck anerkannt zu werden. Co- Unterstützung, Beratung und Fortbildung an, vor allem bei

Die Aktenordner einer Petition


gegen die stärkere Berücksich-
tigung des Themas Homosexu-
alität im Schulunterricht vor
dem Landtag in Stuttgart. Die
Petition richtet sich gegen eines
der Leitprinzipien des neuen
grün-roten Bildungsplans. Im
Zuge der Diskussion um die Bil-
dungspläne erhielt FLUSS e. V.
verstärkt Anfragen sowohl für
Schulbesuche als auch für Fort-
bildungen.
picture alliance/dpa

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IRGENDWIE ANDERS?! LSBTTIQ-MENSCHEN
Im Rahmen der Tagung „Homophobie und Sexismus. IM KONTEXT BINÄRER GESELLSCHAFTSSTRUKTUREN
Facetten gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“
(19.–20. Mai 2014) führten Mitarbeiterinnen von
FLUSS e. V. zwei parallele Workshops durch. Ziel un- sowie in Freiburger Arbeitskreisen der Jugend- und Mäd-
serer Workshops war es, die Arbeit von FLUSS e. V. chenarbeit.
vorzustellen, den Teilnehmenden durch Selbsterfah- Für den Verein FLUSS e. V. selbst steht die Frage der länger-
rung einen Einblick in unsere Bildungsarbeit zu er- fristigen Finanzierung und der Gewinnung weiterer enga-
möglichen sowie einen Raum für Austausch und Dis- gierter Mitglieder für die nächsten Monate ganz oben auf
kussion zu schaffen. Dabei verwendeten wir ähnliche der Tagesordnung. Trotz zahlreicher Anfragen und vieler
Methoden, wie sie auch bei Schulbesuchen zum Ein- positiver Rückmeldungen wird die Arbeit von FLUSS e. V.
satz kommen, mit dem Unterschied, dass diese im An- von der Stadt Freiburg nur unzureichend gefördert. Dies
schluss auf der Metaebene diskutiert wurden: Wann führt dazu, dass nicht nur die pädagogische Arbeit mit den
und wofür kann die Methode eingesetzt werden? Zielgruppen, sondern auch große Teile der Büroarbeit, Ko-
Was sind die Fallstricke der Methode? Wie könnte sie ordination und Öffentlichkeitsarbeit ehrenamtlich geleis-
ggf. weiterentwickelt werden? Dies war auch für uns tet werden. Die meisten Mitarbeiter*innen befinden sich in
ein spannender Austausch, da wir es mit einer enga- der Studien- und Ausbildungsphase. Durch Jobsuche und
gierten Workshopgruppe zu tun hatten. Das Feed- Neuorientierung, Familiengründung etc. ergeben sich
back der Teilnehmenden machte am Ende deutlich, häufig wechselnde Teamkonstellationen mit unterschiedli-
dass die Zeit für Austausch und Diskussion jene war, cher Kontinuität. Wie ist unter diesen schwierigen Umstän-
von der sie am meisten profitieren konnten. Um den den eine qualitativ hochwertige Bildungsarbeit leistbar?
Transfer in die Praxis zu gewährleisten, erhielten die Vor dieser Frage stehen die Mitarbeiter*innen bei jeder
Teilnehmenden die Aufgabe, in Kleingruppen ver- Teamsitzung. Wie kann sichergestellt werden, dass Neue
schiedene Fallbeispiele zu bearbeiten. Dabei ging es ausreichend eingearbeitet sind? Wie können wir ein größt-
um den Umgang mit Beschimpfungen, Homophobie mögliches Spektrum an Mitarbeiter*innen gewinnen, um
im Kollegium, transsexuellen Kindern und Jugendli- vor allem bei Schulbesuchen Vielfalt zu zeigen? Verstärkte
chen, Kindern und Jugendlichen aus Regenbogenfa- Öffentlichkeitsarbeit (beispielsweise die Präsenz auf dem
milien und die Hilfe und Unterstützung beim Coming- Freiburger Christopher Street Day), regelmäßige interne
out. Im Anschluss wurden die Ergebnisse noch einmal Schulungen und die fortlaufende Auseinandersetzung mit
in der Gesamtgruppe zusammengetragen und so diesen Fragen sind uns sehr wichtig. Darüber hinaus hat
konnten die Teilnehmenden konkrete Handlungsopti- sich FLUSS e. V. zum Ziel gesetzt, ab 2015 die Finanzierung
onen für die tägliche Arbeit mit nach Hause nehmen. einer halben Stelle für die Koordination der Arbeit zu er-
Die Tagung in Bad Urach und der Austausch mit den reichen.
vielen Engagierten aus unterschiedlichen pädagogi-
schen und politischen Feldern hat uns gezeigt, wie
wichtig neben der Arbeit mit den Zielgruppen der ANMERKUNGEN
Kontakt zu anderen Arbeitsgruppen und Einzel kämp-
1 Queer versteht sich als Überbegriff für LSBTTIQ-Lebensformen, aber
fer*innen ist. Wir waren sehr beeindruckt zu hören, auch und vor allem als Perspektive, die die Einteilung in (sexuelle) Schub-
wo überall für die Akzeptanz sexueller Vielfalt ge- laden verweigert und binäre Kategorisierungen in heterosexuell/homose-
kämpft und gestritten wird. Diese Vernetzung möch- xuell, Mann/Frau etc. ablehnt.
2 Vgl. z. B. Akzeptanz sexueller Vielfalt an Berliner Schulen (2012). Ei-
ten wir gern noch weiter ausbauen. ne Befragung zu Verhalten, Einstellungen und Wissen zu LSBT und
deren Einflussvariablen. Dr. Ulrich Klocke, Berlin. Weitere Zahlen finden
sich unter: http://www.schule-der-vielfalt.de/homophobie_zahlen.htm
[17.12.2014].
der Erweiterung der pädagogischen Handlungskompe-
tenz in Bezug auf LSBTTIQ, zum akzeptierenden Umgang
mit Diversität im pädagogischen Bereich und zur Unterstüt-
zung Jugendlicher im Coming-out.
Pädagog*innen, die selbst zur Gruppe der LSBTTIQ gehö-
ren, stehen meist vor der Frage, wie offen sie ihre nicht-he-
UNSERE AUTORIN

teronormative Lebensform im schulischen Umfeld leben


möchten. Besonders im ländlichen Umfeld besteht eine
große Unsicherheit und Sorge, dass sich ein Coming-out
negativ auf das berufliche Umfeld auswirken könnte.
Nicht zuletzt sind LSBTTIQ-Engagierte in ihrer Schule oder
Jugendeinrichtung manchmal allein auf weiter Flur: Mit ih-
rer Geschlechtsidentität, ihrer Lebensform und/oder ihrer
Botschaft nach Hinterfragung von Heteronormativität und
der Akzeptanz anderer Lebensformen.
Hier gibt es einen großen Bedarf nach Austausch und Re-
flexion. FLUSS e. V. bietet hier auch Unterstützung und Be- Anke Rietdorf, Jahrgang 1973, wohnt in Freiburg. Sie ist Erziehe-
ratung an. Hilfreich ist dabei unsere gute Vernetzung in- rin mit Masterabschluss Gender Studies und Französisch. Anke
nerhalb Baden-Württembergs wie auch mit Vereinen und Rietdorf ist freiberufliche Trainerin, Erlebnispädagogin und Reise-
Institutionen in anderen Bundesländern. FLUSS e. V. ist Mit- leiterin.
glied in bundes- und landesweiten LSBTTIQ-Netzwerken

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MÄNNLICHKEITS- UND GESCHLECHTERROLLEN IN EHRENKULTUREN

Geschlechterrollen, Sexualität und Ehre


zwischen Tradition und Religion
Ahmad Mansour

Was ist Ehre?


„HEROES – Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre“
ist ein Projekt, das sich für die Gleichberechtigung und „Was ist Ehre?“ – Diese Frage stellen wir häufig am Anfang
Gleichstellung von Frauen und Männern einsetzt. Ziel- unserer Workshops, die wir in Berliner Schulklassen durch-
gruppe des Projekts sind Jugendliche und junge Erwach- führen. Am Anfang bekommen wir auf diese Frage zunächst
sene aus Ehrenkulturen, die im Laufe ihrer Sozialisation keine Antworten, es herrschen Ahnungslosigkeit und Unsi-
patriarchalisch fundierte Geschlechterrollen verinner- cherheit in der Klasse. Langsam melden sich dann die ers-
licht haben. Diese Rollen zuschreibungen rechtfertigen ten Schüler und Schülerinnen: „Ehre“ bedeute Stolz,
die Unterdrückung von Frauen und verwehren ihnen die Würde, das Land verteidigen, die Familie beschützen.
Teilhabe am öffentlichen Leben. Ahmad Mansour be- Später werden die Antworten vernehmbarer und spezifi-
schreibt zunächst den Wertehorizont dieser so genann- scher: auf die Schwester aufpassen, dafür sorgen, dass sie
ten Ehrenkulturen. In einem weiteren Schritt werden die angemessene, keine kurze Kleidung trägt, keinen Freund
Sozialisationsbedingungen und Erziehungspraktiken hat, dass sie Jungfrau bleibt.
erläutert, die das Konstrukt der „Ehre“ absolut setzen. Wir fragen bei den Schülern und Schülerinnen nach:
Die abschließende Projektschilderung zeigt, wie es in der „Wann wird ein Mädchen als ehrlos bezeichnet?“ Einige
außerschulischen und schulischen Bildungsarbeit gelin- erzählen uns: „Wenn sie in den Pausen oder nach der
gen kann, dass sich Jugendliche aus Ehrenkulturen von Schule mit Jungen redet, wenn sie spät nach Hause kommt.“
tradierten Rollenvorstellungen lösen und ihre Erfahrun- Für manche Schüler reicht es sogar, wenn Mädchen bei
gen an andere Jugendliche weitergeben. Facebook mit Jungen befreundet oder zusammen mit Jun-
gen auf Fotos zu sehen sind. Wir hören von den Schülern
klare, überzeugte Aussagen: „Vor der Ehe darf man keinen
Freund haben.“ Oder: „Man darf mit dem Anderen nicht
Ehrenkulturen

„Ich musste doch meine Ehre verteidigen!“, behauptet ein


Schüler während des Unterrichts. Er wirkt abwehrend, ent-
schlossen. Er will sich bei der Lehrerin wegen seines ag-
gressiven Verhaltens nicht entschuldigen. Ein Klassenka-
merad hatte seine Mutter beschimpft – seine „Ehre“ ver-
letzt.
Bei vielen Ju gendlichen gehört das Wort „Ehre“ zur All-
tagssprache. Manchmal geht es dabei um bloße Macht-
spiele zwischen Jungen, manchmal bezieht es sich auf
Schwestern, die die „Ehre“ der Familie verletzen, weil sie
eine Liebesbeziehung eingehen möchten, oder einfach auf
eine Lehrerin, die schlechte Noten verteilt. In solchen Situ-
ationen wird von Jungen, die in Familien- und Denkstruktu-
ren eingebunden sind, erwartet, dass sie ihre eigene Ehre
und die ihrer Familie verteidigen. Auch für Mädchen spielt
der Gesichtspunkt der Ehre eine entscheidende Rolle:
„Ehre“ gilt beispielsweise als Begründung dafür, dass sie
weder am Schwimm- noch am Sexualkundeunterricht teil- Sie nennen sich selbstbewusst
nehmen dürfen, oder als Grund, warum sie zuhause nie er- „Heroes“: Junge Migranten aus
zählen könnten, dass sie einen Freund haben. Berlin-Neukölln setzen sich
Was ist eigentlich diese „Ehre“, die im Alltag der Schüler gegen die Unterdrückung von
und Schülerinnen eine so große Rolle spielt? Warum Frauen ein und wollen Vorur-
scheint sie vor allem den Jugendlichen wichtig zu sein, die teile abbauen. Die „Heroes“
aus patriarchalischen, meist muslimischen Familien kom- sprechen in der schulischen
men? Wie wirkt sich die Verpflichtung, die Ehre wahren zu und außerschulischen Bil-
müssen, auf ihre Gedanken- und Gefühlswelt, auf ihre Ein- dungsarbeit Jugendliche aus
stellungen und ihr Verhalten aus? Und welche Bedeutung sogenannten Ehrenkulturen an
hat die Ehrenkultur für ihre Identitätsentwicklung, ihre Se- und stellen deren tradierte Rol-
xualität und ihr Verständnis von Männlichkeit und von Ge- lenvorstellungen infrage.
schlechterrollen? picture alliance/dpa

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alleine sein.“ Die Jungen orientieren sich in ihrem alltägli- GESCHLECHTERROLLEN, SEXUALITÄT UND EHRE
chen Handeln an diesen Maximen und befürworten diese ZWISCHEN TRADITION UND RELIGION
vehement: „Ich finde das richtig.“ Und nach einigen Minu-
ten Diskussion wird es allen in der Klasse klar: Die Ehre der
Familie ist vom Verhalten ihrer weiblichen Mitglieder oder antwortlich. In solchen Norm- und Wertvorstellungen wird
von dem, was das soziale Umfeld von ihnen denkt, abhän- die Frau nicht als Individuum wahrgenommen. Ihre Ehre ist
gig. ihre Sexualität. Diese Ehre kann sie nicht erwerben, sie
Solche Botschaften spiegeln sich in härterer, zugespitzter kann sie nur durch vor- und außerehelichen sexuellen Kon-
Form in Sprichwörtern wider, die in vielen traditionell und takt verlieren. Auch dann, wenn sie sich nicht wissentlich in
patriarchalisch geprägten Ländern sehr verbreitet sind: eine sexuell konnotierte Situation begeben hat oder sexu-
„Die Ehre des Mannes befindet sich zwischen den Beinen ell bedrängt wird, ist sie (bzw. ihre Familie) diejenige, die
der Frauen.“ Oder: „Es ist besser, das Leben zu verlieren, ihre Ehre verliert – und nicht der bzw. die Täter.
als die Ehre.“ Doch wie entstehen solche Normen, Kon- Diese Ehrvorstellungen und patriarchalischen Familien-
zepte, Zuschreibungen und Vorstellungen? Warum wird strukturen sind für die meisten, liberal sozialisierten Lehre-
Ehre fast ausschließlich in Bezug auf Frauen und deren Se- rinnen und Lehrer fremd, unvorstellbar und inakzeptabel.
xualverhalten definiert? Die soziale und kulturelle Distanz der Lehrerinnen und Leh-
Diese Fragen gewinnen an Brisanz, wenn die Unterdrü- rer erschwert das Verständnis dieser anderen Lebenswelt.
ckung von Frauen mit der Bewahrung und Wiederherstel- Pädagogik und Schule stehen hier offensichtlich vor einer
lung eben dieser Ehre begründet und gerechtfertigt wird. großen Herausforderung. In Klassen, in denen Kinder aus
Diese Unterdrückung führt dazu, dass jedes Jahr tausende unterschiedlichen Ethnien und Kulturen unterrichtet wer-
junge Frauen aufgrund ihres Lebensstils von Familienmit- den, können rasch Konflikte entstehen, die nicht immer ein-
gliedern drangsaliert, in ihrer Freiheit massiv eingeschränkt fach und schnell zu lösen sind. Dennoch müssen Lehrerin-
werden und ihnen die Teilhabe am öffentlichen Leben ver- nen und Lehrer in der Lage sein, mit dem Thema angemes-
wehrt wird. Im Extremfall wird ihnen körperliche Gewalt sen umzugehen und (möglichst) zu verhindern, dass
angetan, werden sie verletzt oder im „Namen der Ehre“ Konflikte, die aus unterschiedlichen kulturellen Wertvor-
gar ermordet. stellungen resultieren, eskalieren. Eine erste Annäherung
Der Ehrenkodex des Mannes setzt sich in diesen patriar- an die Lebenswirklichkeit dieser in „Ehrenkulturen“ auf-
chalischen Strukturen aus Stärke, Selbstbewusstsein und wachsenden Schüler und Schülerinnen kann ein genauerer
der absolut gesetzten Pflicht, seine Familie beschützen zu Blick auf deren Sozialisation sein.
müssen, zusammen. Männer sind die Repräsentanten ihrer
jeweiligen Familie. Sie fühlen sich für den Erhalt der Ehre
ihrer Frauen, Töchter – und letztlich auch ihrer Söhne – ver- Sozialisation und Erziehung prägen die Vorstellungen
von Ehre

Das Ehrgefühl entspringt einer komplexen Dynamik. Ne-


ben psychosozialen Belastungen spielen kulturspezifische,
religiöse und migrationsbedingte Faktoren für diese drasti-
schen Ehrvorstellungen eine entscheidende Rolle. Die
Migration selbst und ihre Auswirkungen auf die Familien-
geschichte, auf das Verhältnis der Generationen und
Geschlechter sowie die Erfahrungen mit der Mehrheitsge-
sellschaft prägen die soziale Lebenssituation nachhaltig.
Das Aufeinanderprallen von traditionellen Familienstruk-
turen und einer liberalen sozialen Umwelt führt zu einem
„Leben in zwei Welten“, mit dem Orientierungsprobleme
und Wertekollisionen einhergehen können.
Unter den positiven und anerkennenswerten Aspekten vie-
ler nicht-europäischer Kulturen finden sich die Wertschät-
zung des familiären Zusammenhalts, die emotionale
Wärme und eine starke Bindung des Einzelnen an die Fami-
lie. Nicht selten werden aber zur Aufrechterhaltung dieser
Werte Erziehungspraktiken angewandt, die dazu führen
können, dass Kinder und junge Menschen in der Entwick-
lung ihres Selbstwertgefühls beeinträchtigt werden.

Erziehung zu Respekt durch Angst und Gewalt


Familiäre Interaktion sollte in idealtypischer Sicht von ge-
genseitiger Anerkennung, Liebe und Zuneigung geprägt
sein. Traditionalistische und patriarchalische Kulturen, in
denen kollektive Bilder (z. B. das Volk, die Nation) eine
starke Wertschätzung genießen, sind von starken Hierar-
chien geprägt. Die Präsenz von solchen Hierarchien führt
im familiären Umfeld dazu, dass von Kindern erwartet
wird, bestimmten Menschen (z. B. Erwachsenen und Älte-

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Ahmad Mansour
ren) mit Respekt zu begegnen. Diese Respektsbekundun-
gen sind oft mit Angst und bei Nichtbefolgung gegebe-
nenfalls mit Bestrafung verbunden. Die Durchsetzung die-
ser Erziehungsnorm schafft Gehorsam und sichert den
Bestand der autokratischen Strukturen. Die Kinder jedoch
werden in der Entwicklung ihres Selbstbewusstseins einge-
schränkt. Wichtige selbstbestimmte Fähigkeiten – eigene,
freie Entscheidungen zu treffen, eine gesunde und angst-
freie Beziehung zur sozialen Umgebung aufzubauen –
werden nicht erlernt.
Außerhalb der Familie kann das zu Missverständnissen
und Streitigkeiten führen, vor allem in Kontexten und Situa-
tionen, in denen von der Mehrheitsgesellschaft ein ande-
res Verhalten erwartet wird. Ein Beispiel soll dies verdeutli-
chen: In Ehrenkulturen gehört es sich nicht, dem Vater bei
Konfliktsituationen in die Augen zu schauen. Das Vermei-
den von Augenkontakt symbolisiert nämlich Respekt und
Gehorsam gegenüber dem Vater. In der Schule hingegen
könnte dieses Verhalten gegenüber einer Lehrerin oder ei-
nem Lehrer als respektlos interpretiert werden.

Gewalt in der Erziehung


Gewalt gegen Kinder ist kulturunabhängig und hat ver-
schiedene Ausprägungen. Das Spektrum reicht von Formen
verbaler Aggression bzw. Androhung von Gewalt über
Spielarten seelischer Gewalt (Liebensentzug, Ausschluss
aus familiären Kontakten) bis hin zu direkter körperlicher
Gewalt. Im Extremfall werden Kinder und Jugendliche aus
dem Familienverband herausgerissen und unfreiwillig in
das Herkunftsland der Familie zurückgeschickt.
Welche Ursachen hat diese Gewalt? Einige Eltern begrün-
den ihre gewalttätige Erziehungspraxis mit Überforde-
rung. Häufiger Grund sei die Unfähigkeit und daraus resul-
tierende Ohnmacht, mit ihren – in zwei Kulturen aufwach- Sie werden nicht aufgeklärt. Einige Eltern nehmen ihre Kin-
senden – Kindern im Familienalltag zurechtzukommen. der aus Furcht vor einer – aus ihrer Sicht – unzulässigen
Andere hingegen sind tatsächlich von dieser Erziehungs- Thematisierung menschlicher Sexualität aus dem Sexual-
methode überzeugt. Sie glauben, ihre Kinder mit harten kundeunterricht. Häufig werden Begegnungen und der all-
Worten und Schlägen „abzuhärten“ und „richtige Män- tägliche Kontakt mit dem anderen Geschlecht schon sehr
ner“ aus ihnen machen zu können. In solchen Familien wird früh streng kontrolliert und zum Teil auch untersagt, indem
Gewalt zum alleinigen Medium der Interaktion- und Kom- auf strikte Geschlechtertrennung Wert gelegt wird.
munikation. Im Vergleich dazu werden die wertschätzen- Diese rigide Sexualmoral bringt die Sexualität nicht zum
den und schülerorientierten Unterrichts- und Erziehungs- Verschwinden, sondern führt bei den Kindern zu Schamge-
methoden des deutschen Schulsystems als weich und in- fühlen und verhindert einen ungezwungenen Umgang mit
konsequent erachtet. dem anderen Geschlecht. Die Kinder und jungen Erwach-
Die Folgen fehlender, nicht an Bedingungen geknüpfter senen leiden unter dieser permanenten Kontrolle und Ver-
Liebe von Seiten der Eltern sind oftmals gestörte Eltern- drängung. Körperliche und seelische Belastungen führen
Kind-Beziehungen. Kinder machen sich Schuldvorwürfe dazu, dass sie sich nur unterschwellig mit ihrer Sexualität
und glauben im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophe- beschäftigen können. In extremer Ausprägung kann der
zeiung (self-fulfilling prophecy), dass sie tatsächlich immerzu Wunsch nach sexuellem Erleben sich auf das bloße Befrie-
nur Fehler begehen. Dies reicht bis hin zu der Überzeu- digen eigener Bedürfnisse – ohne auf die Wünsche des
gung, ein sehr schlechtes Kind zu sein und Bestrafungen Gegenübers zu achten – beschränken. So wird jeglicher
(auch Gewalt) verdient zu haben. Dies steht der Entwick- Kontakt zum anderen Geschlecht stark sexualisiert. Daraus
lung eines intakten Selbstwertgefühls und Selbstkonzepts resultiert die unter vielen Jugendlichen weit verbreitete
im Wege bzw. verhindert eine gesunde psychosoziale Ent- Wahrnehmung der Frau als Sexualobjekt. Oftmals einzige
wicklung. Informationsquellen über Sexualität sind pornografische
Angebote im Internet, in denen ein wirklichkeitsfremdes
Tabuisierung der Sexualität und Erziehung zur Scham Bild gezeichnet und Frauen auf ihre Körperlichkeit redu-
Sexualität ist eine angeborene Energie. Sie kann weder un- ziert werden.
terdrückt noch ausgelöscht werden. In vielen patriarcha-
lisch-traditionellen Gesellschaften wird Sexualität durch- Männlichkeits- und Weiblichkeitskonzepte
gehend tabuisiert, obwohl es psychologisch und körper- Spätestens mit Beginn der Pubertät werden Mädchen und
lich notwendig und gesund ist, den Umgang mit der Jungen in patriarchalischen Kulturen sehr unterschiedlich
eigenen Sexualität zu erlernen. In „Ehrenkulturen“ hinge- erzogen. Mädchen werden mit Regeln und Verboten kon-
gen dürfen Kinder ihren eigenen Körper nicht entdecken. frontiert. Sie sollen von Situationen fern gehalten werden,

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GESCHLECHTERROLLEN, SEXUALITÄT UND EHRE
ZWISCHEN TRADITION UND RELIGION

zwungen, eine sozial und kulturell vorgeschriebene Rolle


zu übernehmen. Um diese Struktur beizubehalten, werden
persönliche Bedürfnisse und Selbstentfaltungsversuche
systematisch unterdrückt. Die Folgen können schwerwie-
gend sein, denn Unsicherheit, Abhängigkeit und der
Wunsch nach Anerkennung seitens der Gesellschaft las-
sen das Kind nicht los.

Religiöse Erziehungspraktiken

Geschlechtertrennung, das Kopftuch als „Schutzmaß-


nahme“ vor Männern, die nicht in der Lage seien, ihre Se-
xualität zu kontrollieren, das Verbot, Kontakte zum ande-
ren Geschlecht zu pflegen sowie die Tabuisierung der Se-
Geschlechtertrennung, das xualität sind hinlänglich bekannte Aspekte einer streng
Kopftuch als „Schutzmaß- islamischen Erziehung. Diese Einschränkungen und Regeln
nahme“ vor Männern, die nicht können zu einem psychisch gestörten Umgang mit dem an-
in der Lage seien, ihre Sexuali- deren Geschlecht führen. Doch für die Entstehung der Eh-
tät zu kontrollieren, das Ver- renvorstellungen sind noch weitere Aspekte relevant, die
bot, Kontakte zum anderen sich aus einer strengen Auslegung der Religion ergeben.
Geschlecht zu pflegen sowie Für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit sind kriti-
die Tabuisierung der Sexualität sches Denken und die Fähigkeit des Hinterfragens unab-
sind hinlänglich bekannte dingbar. Doch in konservativen muslimischen Milieus wer-
Aspekte einer streng islami- den kritisches Denken und das Hinterfragen religiöser In-
schen Erziehung. halte verurteilt, gar als Sünde betrachtet. Diejenigen, die
picture alliance/dpa religiöse Normen und Werte hinterfragen oder kritisieren,
werden bestraft und/oder unterdrückt. In Familie und Reli-
gion werden vielmehr blinder Gehorsam, die Unterwer-
die das Ansehen oder die Ehre der Familie bedrohen. Da- fung unter und Einordnung in Hierarchien erwartet. Diese
her wird ihr Umgang mit der sozialen Außenwelt strengs- enorme Macht, welche die Familie über den Einzelnen hat,
tens kontrolliert und auf das Notwendigste beschränkt. Im führt bisweilen dazu, dass unfreiwillige Entscheidungen
Vordergrund steht die Vorbereitung auf ihre Rolle als Ehe- über den Kopf des einzelnen Familienmitglieds hinweg ge-
frau und Mutter. Ganz besonders wird auf die „Sittsam- fällt werden können.
keit“ geachtet: Die Tochter hilft der Mutter, übernimmt die
Bewirtung der männlichen Verwandten und zieht sich zu- Aufwertung des eigenen Glaubens und Abwertung
rück, sobald Nicht-Familienangehörige zu Besuch kom- anderer Religionen
men. Da in diesem Wertehorizont Scham und Schönheit Der Exklusivitätsanspruch der eigenen Religion ist ein
miteinander einhergehen, erwartet der Kodex, dass Frauen wichtiger Teil einer streng islamischen Glaubensausle-
Männern mit Bescheidenheit, Unsicherheit und einer sitt- gung. Die einzige Wahrheit zu besitzen ist ein Anspruch,
samen, nicht herausfordernden Sitzhaltung begegnen. So den alle Weltreligionen teilen. Und da Religion allzu oft
werden Unterwerfung und sexuelle Unerfahrenheit betont; als letzter sinnstiftender Halt erlebt wird, zur Lebensauf-
beides erwünschte Züge einer Frau in patriarchalen Ge- gabe werden und identitätsstiftend sein kann, führt dieses
sellschaften. Weltbild schnell zu einer Abwertung derjenigen, die nicht
Im Gegensatz dazu können sich Jungen relativ früh und der eigenen Religion angehören. Zum Beispiel gilt eine
mühelos in der Öffentlichkeit bewegen. Ihnen wird ein klar „leicht bekleidete“ Frau als unrein, ihr „unsittliches“ Leben
definiertes, althergebrachtes Männlichkeitsbild vermittelt: wird abgelehnt und jede Abweichung vom strengen Kodex
Sie sollen Ernährer sein, stark sein und sich verteidigen aggressiv bekämpft.
können. Wie für ihre Väter ist es ihre Aufgabe, die weibli- In vielen muslimischen Familien wird diese einschüchternde
chen Familienmitglieder (und damit die Ehre) zu beschüt- Pädagogik oft unreflektiert angewandt. Die stetig prä-
zen und zu kontrollieren („Ich muss doch auf meine Schwes- sente Angst vor der Hölle und anderen Bestrafungen Got-
ter aufpassen!“). Außerdem wird den Jungen vermittelt, sie tes verhindern Reflexion, eigene Entscheidungen und das
seien wertvoller als ihre Schwestern. Hinterfragen absolut gesetzter Werte. Des Weiteren kann
diese „Angstpädagogik“ zu lebenslangen Schuldgefühlen
Wertschätzung kollektiver Bilder führen. Diese streng religiös fundierte Erziehungspraxis er-
Im Gegensatz zu vielen westlichen Kulturen, in denen Indi- leichtert es Eltern und religiösen Autoritäten, junge musli-
vidualismus sehr geschätzt wird, werden die Kinder in Kul- mische Menschen auf das von der religiösen Tradition ge-
turen, die kollektive Bilder wertschätzen zu Mitgliedern wollte Verhalten einzuschwören und den Kindern ohne
dieser Gemeinschaften erzogen. Dabei ist die Selbstent- weitere Erklärungsnot bei Fehlverhalten mit Strafen zu dro-
faltung nur schwer möglich, meistens sind die Kinder ge- hen.

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Ahmad Mansour
Migrationserfahrungen den. Jeder Emanzipationsversuch der Frau scheint zum
Scheitern verurteilt, denn er wird als Angriff auf das Männ-
Zudem beeinträchtigen migrationsspezifische Faktoren lichkeitsbild verstanden und löst bei vielen Männern Un-
das Selbstwertgefühl und fördern damit die Entstehung verständnis und Angst aus. Nur das Bild einer abhängigen,
von strengen Ehrvorstellungen. Eingeschränkte sprachli- ihnen gehorchenden Frau beruhigt Männer und deren Fa-
che Fähigkeiten, Diskriminierungserfahrungen, Arbeitslo- milien.
sigkeit, ein Leben in städtischen Randgebieten und die Ent- Diese kompromisslose Kontrolle kann mit Aggressivität und
wurzelung verstärken das Gefühl der Ausgrenzung. Damit erhöhter Tatbereitschaft einhergehen: Wenn ein gewisser
geht die Ablehnung der Mehrheitsgesellschaft einher: Mo- Grad an Bedrohung für das eigene Selbstwertgefühl über-
ralische und im Grundgesetz verankerte Grundprinzipien schritten wird, schalten sich Kompensationsbedürfnisse
wie Freiheit, Individualität, Gleichberechtigung und sexu- ein und Eskalationen werden wahrscheinlicher. Menschen
elle Selbstbestimmung werden abgewertet. Eltern haben aus traditionellen Gesellschaften definieren sich oftmals
Angst um ihre traditionelle und religiöse Identität und ver- über die sie umgebende Gemeinschaft, die in der „Fremde“
mitteln ihren Kindern daher diese Werte umso stärker. überaus wichtig ist. Herkunft und eigene Kultur werden zu
Schon das kleinste Fehlverhalten der Kinder kann bei den einem existentiellen Merkmal und zu einer Quelle, die
Eltern Panik auslösen. Identität sichert und garantiert. Verliert eine Familie oder
Eine klare eindimensionale Identität – Muslim sein und Ehre eine einzelne Person ihre Ehre, geht mit ihr nicht nur die
zu haben – stiftet Halt und Orientierung und gilt als Res- Identität, sondern die gesamte Quelle der Stärke verloren.
source, wenn das eigene Selbstwertgefühl gestärkt (bzw. Die fatale Mischung aus gesellschaftlichem Druck, massi-
gerechtfertigt) werden muss, oder wenn Jugendliche sich ver Kontrolle, persönlicher Abhängigkeit des Einzelnen von
von anderen abgrenzen oder aufwerten wollen („Ich habe der Gruppe und Unsicherheit kann in Extremfällen zu so-
Ehre, du nicht!“). genannten Ehrenmorden führen, die mit dem Ziel began-
gen werden, die Ehre der Familie wiederherzustellen.

Dominanz- und Kontrollanspruch


HEROES – Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre
Alle diese Faktoren können zu Minderwertigkeitskomple- und für Gleichberechtigung
xen führen und Angst vor Zurückweisung auslösen. Beson-
ders in Partnerschaften schlägt diese Angst in Kontrollver- HEROES hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Problema-
halten um, denn es gilt, eine mögliche Trennung zu vermei- tik zusammen mit Jungen, die aus patriarchalischen Kultu-

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GESCHLECHTERROLLEN, SEXUALITÄT UND EHRE
„HEROES – Gegen Unterdrückung im Namen der ZWISCHEN TRADITION UND RELIGION
Ehre“ ist ein Projekt für Jungen und Mädchen aus Eh-
renkulturen bzw. für Jugendliche mit Migrationshin-
tergrund, die sich für die Gleichberechtigung und Gleichstellung von Frauen und Männern wollen die Mitar-
Gleichstellung von Frauen und Männern einsetzen beiter und jugendlichen Multiplikatoren anderen Jungen
wollen. Das Projekt HEROES existiert seit 2007 in mit Migrationshintergrund vermitteln, dass sie erwünschte
Berlin und wird von dem Verein „Strohhalm e. V.“ ge- Mitglieder der Gesellschaft sind und ihren Beitrag zu die-
tragen. HEROES hat sein Büro im Neuköllner Roll- ser Gesellschaft leisten können.
bergviertel, eine Gegend die als sozialer Brenn- Die jugendlichen Multiplikatoren werden in ihrer Freizeit
punkt gilt. In den dortigen Schulen gibt es Klassen, von zwei Gruppenleitern und einer Gruppenleiterin ca.
in denen teilweise 80 bis 100 Prozent der Schülerin- sechs Monate geschult und trainiert, damit sie als positive
nen und Schüler einen Migrationshintergrund ha- Modelle und Vorbilder andere Jugendliche zur Auseinan-
ben. Vor allem hier leistet HEROES wertvolle Integ- dersetzung mit den oben genannten Themen motivieren
rationsarbeit. HEROES findet auch deswegen eine und gewinnen. Die Jungen haben überwiegend türkische,
starke mediale Beachtung, da es kaum Jungenpro- kurdische oder arabische Herkunftsländer. Nach der ers-
jekte gibt, in denen sich junge Migranten für Integra- ten Projektphase (s. unten) bieten diese Multiplikatoren
tion, Toleranz, Respekt und kulturelle Vielfalt enga- Workshops in Schulen, Freizeiteinrichtungen und Jugend-
gieren. zentren an. Aufgrund ihres Hintergrunds sind sie mit der
Lebenswelt der Workshopteilnehmer vertraut. Durch ihr
authentisches Auftreten schaffen sie eine vertraute Atmo-
ren kommen, anzugehen. Ziel ist es, tabuisierte Themen zu sphäre und bieten gleichzeitig einen geschützten und
diskutieren, unterdrückende Strukturen aufzubrechen und sanktionsfreien Raum an, um sich mit tabuisierten Themen
die Gleichberechtigung von Frauen und Männern zu för- auseinanderzusetzen.
dern.
Mit ungefähr 30 Multiplikatoren zwischen 16 und 23 Jah-
ren arbeitet HEROES zu unterschiedlichen Themen wie De- Methodik und Praxis der Workshops
mokratie, Gleichberechtigung, Menschenrechte, Selbst-
bestimmung, Unterdrückung, Rassismus, Integration, Anti- Das Projekt HEROES gliedert sich in zwei Phasen. Die
semitismus und Homophobie. Neben dem Ziel der Gruppenleiter und seit 2010 eine Gruppenleiterin von HE-
ROES haben einen Migrationshintergrund und daher ei-
nen ähnlichen Erfahrungshorizont wie die auszubildenden
Multiplikatoren. Sie sind Modell, Vorbild und Leiter zu-
gleich. Sie sind eine Art „großer Bruder bzw. große Schwes-
ter“, die es geschafft haben, sich von tradierten Rollenvor-
stellungen zu lösen. Die Tatsache, dass die Gruppenleiter
und die Gruppenleiterin selbst aus Ehrenkulturen kommen
und sich vom dortigen Wertekodex lösen konnten, schafft
Vertrauen sowie Akzeptanz und ermöglicht Diskussionen
auf gleicher Augenhöhe.
In der ersten Projektphase werden die angehenden Multi-
plikatoren, begleitet von den Gruppenleitern und der
Gruppenleiterin, geschult und trainiert. Dies geschieht zum
einen auf einer eher theoretischen Ebene durch Vorträge
von Referentinnen und Referenten und durch den Besuch
thematisch einschlägiger Veranstaltungen und Ausstellun-
gen. Zum anderen setzen sie sich durch theaterpädagogi-
sche Übungen auf einer methodisch-praktischen Ebene in-
tensiv mit der Thematik auseinander. Zugleich erlernen sie
Präsentationsmethoden, schulen dabei ihre Argumentati-
onsfähigkeit und üben die Methode des szenischen Rollen-
spiels als Vorbereitung auf ihre eigenen Workshops ein.
Diese Konzeption geht von der Tatsache aus, dass Jugend-
liche am besten durch andere Jugendliche, durch ihre
Peer-Group, erreicht werden. Peer-Group-Education setzt
Ein junger Mann der „Heroes“ genau an diesem Punkt an: Die Gruppenleiter und die
stellt am Gedenkstein für Gruppenleiterin sind nur wenig älter als die Multiplikato-
Hatun Sürücü eine Kerze ab. ren und weisen kaum kulturelle Unterschiede auf. Mögliche
Die aus einer streng musli- Probleme, die sich in der schulischen Hierarchie in der In-
mischen Familie stammende teraktion zwischen Schülerinnen, Schülern und Lehrerin-
Hatun Sürücü fiel im Februar nen bzw. Lehrern ergeben könnten, werden durch dieses
2005 einem sogenannten pädagogische Konzept vermieden. Das Training ist an die
Ehrenmord zum Opfer. Lebenswelt, die Sprache und das Alter der Jungen ange-
picture alliance/dpa passt.

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Ahmad Mansour
Wir legen im Rahmen der Ausbildung großen Wert auf milien und Freunde das Gefühl, dass ihr Engagement von
Transparenz und klare bzw. konsequente Strukturen sowie der Mehrheitsgesellschaft honoriert und anerkannt wird.
die Konkretisierung von Problemen, nutzen Momente der In einem nächsten Schritt – der zweiten Projektphase – ist
Verstärkung und des Lobs und favorisieren gemeinsame es für die Heroes an der Zeit, sich in der Praxis zu bewäh-
Lernprozesse. Dabei fordern wir die Jugendlichen durch ren, indem sie Workshops in Schulen und Jugendzentren
gezielte Fragen, Beispiele und Informationen ausdrücklich anbieten.
zum Nachdenken auf. Die Workshops werden immer von zwei Heroes und einem
Am Ende ihrer Trainingszeit bekommen die Jugendlichen in Gruppenleiter durchgeführt. Die pädagogische Grund-
einer „feierlichen Zeremonie“ ihre Zertifikate als ausgebil- haltung der Heroes ist es, nicht zu belehren. Es wird darauf
dete Heroes überreicht. Durch diesen Akt der Anerken- geachtet, eine vom Schulalltag abweichende Atmosphäre
nung bekommen die jugendlichen Multiplikatoren, ihre Fa- zu kreieren. Die Heroes bieten Denkanstöße und vermitteln
durch ihr authentisches Auftreten sowie ihre zur Diskussion
gestellten Meinungen Alternativen zu den gewohnten und
bisher unhinterfragten Einstellungen zu Gleichberechti-
UNSER AUTOR

gung, Geschlechterrollen und Ehrvorstellungen.


Rollenspiele bilden einen zentralen Teil unserer Work-
shops, weil sie – allen Lerntheorien zufolge – emotionales
und affektives Lernen begünstigen. Konfliktsituationen
werden nicht nur anschaulich dargestellt, sondern in stän-
diger Interaktion mit dem Publikum weiterentwickelt. Hier-
bei spielen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die vorge-
schlagenen Lösungsansätze zum Teil selbst durch. Zur ste-
ten Verbesserung unserer Arbeit werden am Ende der
Workshops Feedback-Fragebögen ausgeteilt, in denen
Ahmad Mansour, geb. 1976, lebt seit 2004 in Berlin. Er ist Dip- die Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Ablauf der Work-
lom-Psychologe und arbeitet für Projekte gegen Extremismus, u.a. shops bewerten. Ständige Evaluation und Reflexion ga-
bei HEROES, einem Projekt gegen Unterdrückung im Namen der rantieren so die Verbesserung der Qualität unserer Arbeit.
Ehre und für Gleichberechtigung. Ahmad Mansour ist wissen- Insgesamt ergibt sich durch unsere Workshops eine wohl
schaftlicher Mitarbeiter bei der Gesellschaft Demokratische Kul- einzigartige und wichtige Chance: Indem sich junge
tur (ZDK), bei der Beratungsstelle HAYAT sowie Programme Di- Migranten mit ihren eigenen Erfahrungen von Ausgren-
rector bei der European Foundation for Democracy. Für seine zung und Demütigung auseinandersetzen, wird Empathie
Arbeit erhielt er den Moses-Mendelssohn-Preis zur Förderung der geschaffen für die im Namen der Ehre unterdrückten
Toleranz. Er hat zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema Sala- Frauen und Mädchen. Mithin ein Ansatzpunkt für Verände-
fismus und Antisemitismus vorgelegt. rungen im Geschlechterverhältnis und ein Beitrag zur
Gleichberechtigung von (jungen) Frauen und Männern.

Die Didaktische Reihe


Ein Muss für Gemeinschaftskundelehrer

Die didaktische Reihe der Landeszentrale


n beinhaltet Standardwerke der politischen Bildung
n veröffentlicht erfolgreiche Praxisbeispiele politischer
Bildungsarbeit
n setzt bundesweit Impulse
n greift Desiderate auf
n offeriert neue didaktische Handlungsfelder
n begleitet und fördert die Diskussion der Didaktik
politischer Bildung

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BUCHBESPRECHUNGEN
Skandale in der Antike achtet der schädlichen Wirkungen auf Körper und Psyche
– Drogen konsumiert, um das harte Leben erträglicher zu
Cornelius Hartz: machen. Bei einer nur geringen Lebenserwartung wurden
Skandalon! Skandale und Aufreger rund um die Antike Drogen gegen schmerzhafte Erkrankungen eingesetzt, als
Theiss Verlag, Darmstadt 2014. Betäubungs- und Schlafmittel genutzt oder schlicht als Ge-
188 Seiten mit 40 s/w-Abb., 16,95 Euro. nussmittel konsumiert.
Hartz charakterisiert zwielichtige Politiker, die Mord und
Skandale sind ein Seismograph dafür, was in Gesellschaft Totschlag aus Kalkül praktizieren (lassen) und damit letzt-
und Politik akzeptiert wird und was nicht. Mit (politischen) lich ihren Machterhalt verfolgen. Deshalb darf in einem
Auseinandersetzungen um Macht und Einfluss geht eine Buch über antike Skandale natürlich Kaiser Nero nicht feh-
gewisse Wahrscheinlichkeit von Regelverstößen, Fehltrit- len, dessen unsägliches Wirken dank der Medien Allge-
ten und „Sündenfällen“ einher. Skandale werfen ein meingut geworden ist. Man denke nur an die brillante Dar-
Schlaglicht auf die politische Kultur, auf zentrale Werte stellung des Nero durch den unvergesslichen Peter Ustinov
und Tabus einer Gesellschaft. Als Wertekonflikte enthüllen in dem Monumentalfilm „Quo vadis?“. Nero war seit frü-
sie Verletzungen von geltenden Normen. Obwohl Skan- hester Kindheit mit den Praktiken vertraut, unliebsame Kon-
dale gemeinhin abgelehnt und moralisch verurteilt wer- kurrenten aus dem Weg zu räumen. Seine Mutter Agrip-
den, zeichnen sie sich durch eine gewisse „Lust am Skanda- pina vergiftete ihren Ehemann, Kaiser Claudius, damit
lösen“ aus, d. h. die öffentlich bekundeten Gefühlsaufwal- Nero bereits als 16-Jähriger den Thron besteigen konnte.
lungen werden als genussvoll und prickelnd empfunden. Weil sich jedoch Agrippina ständig in die Regierungsge-
Die historische Sicht auf Skandale ist allemal lohnenswert, schäfte einmischte, ermordete Nero wiederum seine ei-
weil sie Einblicke in gesellschaftlich jeweils geltende Nor- gene Mutter. Nero selbst setzte seinem Leben 68 n. Chr.
men und Herrschaftsverhältnisse früherer Zeiten gewährt. durch Suizid ein Ende.
Zudem zeigen ausgewählte Skandale der Vergangenheit, Von der Verbannung Ovids, der Catalina-Verschwörung
wie das Verhältnis zwischen Öffentlichkeit und Politik be- oder der Ermordung Caesars, von Bestechungsversuchen
schaffen war. Der historische Blick macht im Übrigen deut- bis zur Schmach der Varusschlacht über vielfältige Sexual-
lich, dass Skandale kein ausschließliches Phänomen der praktiken und Drogenkonsum in der Antike: Cornelius
Gegenwart sind. Hartz lässt in seinem Buch fast nichts aus. Er schildert, was
Cornelius Hartz, klassischer Philologe und freier Lektor, Menschen in der Antike empörte. Er hält Leserinnen und
Übersetzer und Autor von Romanen und Sachbüchern, hat Lesern aber auch den Spiegel vor: Was uns heute als uner-
mit „Skandalon! Skandale und Aufreger rund um die An- hört erscheint (und dennoch ab und an gängige Praxis ist),
tike“ wiederum ein kurzweiliges Sachbuch vorgelegt, das war in der Antike ganz normal. Das Sachbuch ist aufwän-
bei aller Seriosität in so manchen Passagen schon ein we- dig aufgemacht: zahlreiche Infokästen, Statistiken, Zitate
nig den Voyeurismus der geneigten Leserschaft bedient. In aus der antiken Literatur, der Sekundärliteratur und literari-
der Antike galten gänzlich andere Normen und Moralvor- schen Texten machen die Lektüre zum kurzweiligen Ver-
stellungen; die Herrschaftsverhältnisse und die Machtver- gnügen. Spannend bleibt nach der Lektüre aber allemal
teilung waren anders aufgestellt. Hartz geht mehreren Fra- die Frage, inwieweit dieses populärwissenschaftliche
gen nach: Was sorgte damals für öffentliche Empörung? Werk Geschichtsbilder transportiert bzw. bedient. Ge-
Wie wurden Fehltritte und Vergehen abgestraft? Wären schichte als „Unterhaltung“ stutzt das historisch Erhabene
Skandale in der Antike auch heute noch skandalös? In ins- zwar auf ein erträgliches Maß zurück, birgt aber die Ge-
gesamt vier Kapiteln befasst sich Hartz mit Liebe, Sex und fahr in sich, dass die strukturelle Perspektive vernachlässigt
Ehebruch, Skandalkultur und Kulturskandalen. und ein großer Bogen um das Politische gemacht wird.
So werden u. a. Bestechungsskandale bei den antiken Siegfried Frech
Olympischen Spielen geschildert. Um Ansehen, Ruhm und
Ehre zu erlangen, waren unlautere Mittel gelegentlich
durchaus genehm. Die Olympioniken schreckten vor Be- „Generation Merkel“: pragmatisch, unaufgeregt und
trug und Bestechung nicht zurück. Bei der Olympiade im wenig polarisierend
Jahr 388 v. Ch. nahm der Faustkämpfer Eupolos teil, der
drei seiner direkten Konkurrenten mit Bargeld bestach. Klaus Hurrelmann/Erik Albrecht:
Wie heutzutage so mancher Dopingskandal flog die Be- Die heimlichen Revolutionäre. Wie die Generation Y unsere
stechung auf und alle vier Sportler wurden dazu verurteilt, Welt verändert
für sechs lebensgroße Bronzestatuen des Zeus aufzukom- Beltz Verlag, Weinheim und Basel 2014.
men. Eine Inschrift am Fuße der Statuen machte das Verge- 255 Seiten, 18,95 Euro.
hen ruchbar und ermahnte, dass eine solche Bestechung
nie wieder vorkommen sollte. Revolutionen kommen gemeinhin schnell, führen in kürzes-
Über ihren Drogenkonsum sind nicht nur Sportler, sondern ter Zeit zu tiefgreifenden Veränderungen und werden nicht
auch – wie gelegentlich in jüngster Zeit geschehen – Politi- selten von Gewalt und Blutvergießen begleitet. Die revolu-
ker und Künstler gestolpert. In der Antike hingegen gehörte tionären Umbrüche, von denen Klaus Hurrelmann und Erik
das Konsumieren von Alkohol, Cannabis, Opium und ähn- Albrecht berichten, kommen dagegen fast unbemerkt – still
lichen Drogen durchaus zum täglichen Leben. Dabei hatte und heimlich – daher. Die Veränderungen, die durch die
der Konsum von Drogen seinerzeit einen anderen Hinter- „Generation Y“ ausgelöst werden, sind auf den ersten Blick
grund als in der Gegenwart: In der Antike wurden – unge- schwer zu erkennen, setzen sich wie selbstverständlich

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BUCHBESPRECHUNGEN

durch oder werden gar in ihrer Tragweite unterschätzt. Ein der „Generation Y“ nicht mehr. Vielmehr verbindet sie diese
Grund dafür sei darin zu sehen, dass diese Generation beiden Werteorientierungen. Fleiß und Lebensgenuss, Si-
nicht in dem Maß in die Öffentlichkeit drängt, wie es bei- cherheit und Selbstverwirklichung schließen sich bei den
spielsweise die 68er getan haben. heutigen Jugendlichen nicht mehr gegenseitig aus. Viel-
Die beiden Autoren liefern mit ihrem Buch eine umfassende mehr werden sie zu einem neuen Wertemix zusammenge-
Beschreibung der „Generation Y“ – der heute 15- bis führt. Zum Werte- und Einstellungsfundament dieser Ge-
30-Jährigen. Eine Bevölkerungsgruppe von etwa zwölf neration gehört auch eine nachlassende Bereitschaft, sich
Millionen Menschen. Das „Y“ steht dabei für „why“, weil die politisch zu engagieren. Einerseits ist hierfür eine allge-
Frage nach dem Warum, dem Sinn und Zweck, zum zentra- meine Zufriedenheit mit dem politischen System verant-
len Wesensmerkmal dieser Generation geworden sei. In wortlich. Andererseits lässt sich jedoch auch Skepsis und
einer Welt, die von Debatten über Umweltzerstörung oder Ablehnung gegenüber der etablierten Politik beobachten.
das Ende der Wachstumsgesellschaft geprägt ist und in Die „Ypsiloner“ unterteilen sich nach Hurrelmann und Alb-
der Umweltkatastrophen, Finanz- und Wirtschaftskrisen, recht in vier Typen. Etwa je 30 Prozent gehören zu den
Terrorismus und (Massen)-Arbeitslosigkeit, aber auch ein „selbstbewussten Machern“ und zu den „pragmatischen
Überangebot an Möglichkeiten in allen Lebensbereichen Idealisten“. Sie können als die selbstbewussten und tonan-
zum Alltag gehören, gibt sich die „Generation Y“ selbstsi- gebenden Gruppen angesehen werden, denen die Mi-
cher und pragmatisch. schung aus Selbstverwirklichung, Sicherheitsdenken und
Klaus Hurrelmann ist einer der bekanntesten Jugendfor- beruflichem Erfolg gelingt. Jeweils etwa 20 Prozent gehö-
scher Deutschlands und u. a. durch die Shell-Jugendstu- ren zu den „zögerlichen, skeptischen und angepassten Ju-
dien bekannt. Erik Albrecht ist Journalist und hat als Aus- gendlichen“ sowie zu den „robusten Materialisten“. Diese
landskorrespondent gearbeitet. Für das vorliegende Buch beiden Gruppen haben in Schule und Beruf wenig oder
führte er mit Vertreterinnen und Vertretern der „Generation keinen Erfolg, wollen jedoch ebenfalls einen gewissen Le-
Y“ zahlreiche Interviews. Zusätzlich sind die Ergebnisse bensstandard und Einfluss erreichen. Während sich die
verschiedener (Jugend-)Studien berücksichtigt worden. Erstgenannten mit ihrer Lebenssituation arrangieren, neh-
Mit einer „Egotaktik“, einer Mischung aus Selbstbezug und men die „robusten Materialisten“ ihr Scheitern bewusst
nach opportunen Aspekten ausgerichtetem taktierendem war und entwickeln Verlierer- und Versagensängste, die
Verhalten, versucht die „Generation Y“ jeweils die best- sie anfällig machen für Aggression und Gewalt, Fremden-
mögliche Entscheidung für das eigene Leben zu treffen. feindlichkeit und Rechtsextremismus.
Flexibel und pragmatisch wird mit Ungewissheit und Unsi- Im Übrigen widmete auch Der Spiegel im November 2014
cherheit, aber auch Überangebot umgegangen. Improvi- seine Titelreportage der „Generation Y“ und fragte, ob von
sation wird zum zentralen Element der Lebensführung. einer „Generation Merkel“ gesprochen werden könne. Der
Diese Selbstsicherheit bei einem Großteil der „Generation Autor, Dirk Kurbjuweit, konzentrierte sich dabei auf Studie-
Y“ basiert darauf, dass sie eine umfassende Bildung ge- rende, weil diese eine Avantgarde innerhalb dieser Gene-
nossen hat. Keine andere Generation zuvor hatte die ration darstellt, und berücksichtigte die Ergebnisse des
Möglichkeit, die eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen in- Studierenden-Survey, der seit 1983 im Auftrag der Bundes-
nerhalb einer so vielfältigen Bildungslandschaft zu entwi- regierung erhoben wird.
ckeln. Das Credo des Artikels lautet, dass sich die heutigen Ju-
Die „Generation Y“ wird noch stärker darauf drängen, ne- gendlichen und jungen Erwachsenen so verhielten, wie An-
ben der Arbeit genügend Raum für Familie und Freizeit zu gela Merkel regiert: pragmatisch, unaufgeregt und kaum
haben als es heute bereits der Fall ist. Ihrer Meinung nach polarisierend. Beiden, Bundeskanzlerin und jungen Men-
sind innovative Arbeitsmodelle, neue Formen der Zusam- schen, sei das Projekt einer „aufregungslosen Wohlstands-
menarbeit und weniger Macht- und Hierarchiestrukturen mehrung“ gemein. Nur 24 Prozent der Studierenden hielten
nötig. Soziales Engagement und auch politischer Protest 2013 Politik für sehr wichtig. Korrespondiert also der als
finden bei dieser Generation immer stärker in sozialen nicht politisch und als nicht polarisierend wahrgenom-
Netzwerken statt. Die Bedeutung der privaten Vorsorge mene Regierungsstil der Bundeskanzlerin mit den politi-
wird auf Grund der demografischen Entwicklung noch schen Einstellungen von jungen Menschen in Deutschland?
wichtiger. Dessen sind sich die „Y-ler“ bewusst, fordern zu- Ja, lautet die Antwort im Spiegel – an klassischer Politik
gleich aber mehr staatliche Garantien dafür ein. Bildung sind sie kaum interessiert, weil die Politik gegenwärtig nicht
als die wichtigste Ressource dieser Altersgruppe wird noch spannend, nicht kontrovers sei. Angela Merkel hat die Bun-
stärker an Bedeutung gewinnen und zu einer lebenslan- desrepublik sicher durch die Finanz- und die Eurokrise ge-
gen Aufgabe. Lehrende werden zunehmend als Trainer führt. Nach dem 11. September 2001 kam es hierzulande
oder Supervisoren gesehen, und auch im Berufsleben will nicht zu großen Terroranschlägen wie in London, Madrid
sich die „Generation Y“ kontinuierlich fort- und weiterbil- oder Paris. Die „Generation Merkel“ fühlt sich sicher und
den. Diese wenigen Beispiele skizzieren, wohin die Reise bestärkt in der Annahme, dass trotz Krisen doch irgendwie
gehen wird. Vieles davon ist schon heute Thema. Durch die alles gut wird. Genau dieses Gefühl der Sicherheit will die
„Generation Y“ werden sich diese Entwicklungen jedoch Bundeskanzlerin mit ihrer Politik vermitteln.
noch weiter beschleunigen. Politik und Gesellschaft sind Egal, ob man die Bezeichnungen „Generation Y“ oder „Ge-
stärker denn je gefordert, passende Antworten zu finden. neration Merkel“ für zutreffend hält. Wichtig ist die Erkennt-
Während vorangegangene Generationen oftmals an- nis, dass zukünftig eine Generation das Land mitgestaltet,
hand materialistischer und postmaterialistischer Werte die sich in ihren Einstellungen, Zielen und Lebensweisen
unterschieden wurden, greift eine solche Unterteilung bei deutlich von vorherigen Generationen wie der Nachkriegs-

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generation oder den 68ern unterscheidet. Dies wird zu Sohn einer angesehenen und wohlhabenden liberal-jüdi-
spürbaren Veränderungen im gesellschaftlichen und politi- schen Familie geboren. Durch seinen Großvater Gustav
schen Leben sowie in der Arbeitswelt führen. Hirsch, Synagogenvorsteher in Tübingen, kam Bauer in in-
Die verschiedenen Autoren liefern interessante und alle- tensive Berührung mit dem aufgeklärten Judentum, das
mal lesenswerte Einsichten, wie diese Veränderungen aus- sich betont staatstragend und überangepasst gab, um die
sehen könnten. Es kann sich dabei allerdings nur um Trends sich langsam vollziehende Emanzipation der Juden nicht
handeln, denn zukünftige Entwicklungen hängen nicht nur zu gefährden. Parallel zur nur zögerlich einsetzenden Ju-
von den Einstellungen und Zielen einer Generation ab, denemanzipation in den 1850er Jahren übernahm die
sondern werden auch durch andere Einflüsse wie wirt- Mehrheit der jüdischen Mittelschicht in den Städten die
schaftliche Entwicklungen, internationale Krisen oder Zu- Werte einer immer stärker säkularisierten Gesellschaft.
wanderung beeinflusst. Und, so charmant die Umschrei- Fritz Bauer besuchte das traditionsreiche Eberhard-Lud-
bung als „Generation Merkel“ auch sein mag, die Politik in wigs-Gymnasium für Knaben und internalisierte rasch das
Deutschland wird nicht durch eine einzige Person geprägt Credo des jüdischen Bürgertums: Sozialer Aufstieg und
und ist ihrerseits ebenfalls von zahlreichen externen Fakto- der Traum von der Bürgerlichkeit gelingen nur durch Diszi-
ren abhängig. plin. Die religiösen Gepflogenheiten und Rituale des Ju-
Bei allem Positiven, was hier über die „Generation Y“ be- dentums wurden in der Familie weiterhin gepflegt. Dies
richtet wird, stimmt es nachdenklich, dass etwa 40 Prozent schloss jedoch eine patriotische Haltung nicht aus. (Fritz
dieser Altersgruppe schlecht oder gar nicht mit den neuen Bauer wird sich erst nach 1945 von seinem Judentum dis-
Lebensumständen klar kommen und die Hälfte dieser jun- tanzieren.) Dies erklärt auch Bauers Mitgliedschaft in einer
gen Menschen anfällig ist für Aggression, Gewalt und ext- dezidiert liberalen und überkonfessionellen Studentenver-
remistische Positionen. Wenn man bedenkt, dass bereits bindung während seiner Heidelberger Studienzeit. Die
seit geraumer Zeit über Bildungsferne und politische Dis- Verbindung zeichnete sich durch ein klares Bekenntnis zum
tanziertheit diskutiert wird, könnte man versucht sein, es „Deutschtum“ aus und distanzierte sich von zionistischen
auch als revolutionäre Aufgabe anzusehen, hier Antwor- Positionen. Sein letztes Studienjahr absolvierte Bauer in
ten zu finden und in die Tat umzusetzen. Tübingen, seinerzeit Deutschlands reaktionärste Universi-
Robby Geyer tät. Im Wintersemester 1923/1924 studierten nur zehn Ju-
den an der gesamten Universität. Bauers Doktorarbeit
hatte einen wirtschaftsrechtlichen Schwerpunkt: in verglei-
Ein aufrechter Jurist chender Perspektive werden die Trustformen in Deutsch-
land und in den Vereinigten Staaten untersucht. Jahre spä-
Ronen Steinke: ter wird Bauer diese Doktorarbeit zerreißen. Waren doch
Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht große Konzerne Steigbügelhalter der Nazis in den 1930er
Piper Verlag, 2. Auflage, München 2013. Jahren. Nach dreijährigem Referendariat fing Bauer als
352 Seiten, 22,99 Euro. junger Hilfsrichter in Stuttgart an, wurde 1930 jüngster
(Das Buch erscheint am 14.09.2015 als Taschenbuch zum Preis Amtsrichter (Gerichtsassessor) im württembergischen Jus-
von 10,99 Euro.) tizdienst und engagierte sich alsbald politisch. Bauer wirbt
Als Chef der Anklagebehörden – zunächst in Braun- für die SPD und für die Republik. Gemeinsam mit Kurt Schu-
schweig, später in Frankfurt am Main – machte Fritz Bauer macher bekämpfte er an der Spitze des Reichsbanners Rot-
die nationalsozialistische Willkürherrschaft zu einem Ge- Schwarz-Gold die Horden der Harzburger Front.
genwartsthema der noch jungen Bundesrepublik. Ronen Als exponiertes Mitglied der SPD wurde Bauer am 23. März
Steinke, der u. a. in Anwaltskanzleien und beim UN-Jugos- 1933 verhaftet und verbrachte acht Monate im KZ Heu-
lawientribunal in Den Haag arbeitete, hat unlängst eine berg. Nach acht Monaten erfolgte die Verlegung nach
faktenreiche und spannende Biografie über Fritz Bauer – Ulm. Im November 1933 wurde er zusammen mit anderen
den „aufrechten Juristen“ (Jutta Limbach) – vorgelegt. Be- „Schutzhäftlingen“ nach Unterschreiben einer Unterwer-
reits das Einstiegskapitel entfaltet die kluge „Dramaturgie“ fungserklärung entlassen. Bauer sprach sein ganzes Leben
des Buches: Geschildert wird eingangs das klammheimli- lang nicht über die acht Monate im KZ Heuberg. Dies ent-
che Zusammenspiel von Fritz Bauer und dem israelischen spricht – so Ronen Steinke – einer gewissen Logik: Ein Ju-
Geheimdienst in den ausgehenden 1950er Jahren. Bauer rist, der die Verbrechen des Nationalsozialismus vor Ge-
verschaffte nach mehreren erfolglosen eigenen Recher- richt bringen will, muss darauf beharren, dass nicht Rache,
chen einem Mitarbeiter des Mossad Zugang zur Eich- sondern Recht sein Antrieb ist. Bauer floh 1936 vor den im-
mann-Akte. Diese Diskretion erklärte sich nicht zuletzt mer stärker werdenden Repressalien ins Exil nach Däne-
durch die systematischen Warnungen, die unzähligen NS- mark. Er hielt sich mit politisch unverdächtigen Schreibar-
Verbrechern von den bundesdeutschen Behörden in den beiten über Wasser, wurde der Homosexualität bezichtigt,
1950er Jahren zugespielt wurden. Von der Initiative des unter polizeiliche Beobachtung gestellt und floh, nachdem
deutschen Staatsanwaltes Fritz Bauer, die maßgeblich zur die Wehrmacht im April 1940 in Dänemark einmarschierte,
Verhaftung Adolf Eichmanns, ehrgeiziger Hauptorganisa- nach Schweden. Dort hob er u. a. zusammen mit Willy
tor des Holocausts, beitrug, erfuhr die Welt erst im August Brandt die Exil-Zeitschrift Sozialistische Tribüne aus der
1968 – einige Wochen nach Bauers Tod. Taufe, setzte sich in mehreren Veröffentlichungen mit den
In den ersten Kapiteln entfaltet Ronen Steinke Bauers jü- Verwerfungen des Kapitalismus auseinander und forderte
disch geprägte Kindheit und seine Jugend- und Studien- noch im Exil vehement die rechtliche Ahndung der Kriegs-
jahre. Fritz Bauer wurde am 16. Juli 1903 in Stuttgart als verbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

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Zurückgekehrt nach Deutschland bekam er seitens der Jus- findig gemacht, von denen 250 in den Zeugenstand geru-
tizverwaltung bei seinen Bewerbungen weiterhin Vorbe- fen wurden. Die 22 Angeklagten repräsentierten einen
halte zu spüren. Die Kluft zwischen jüdischen und nichtjüdi- „Querschnitt durch das Lager“ (S. 204). Sämtliche Gutach-
schen Deutschen existierte nach der Befreiung 1945 nach ten, die Bauer anfertigen ließ und in dem Prozess 1963–
wie vor. Seit dieser Zeit gab Fritz Bauer bei der Frage nach 1965 heranzog, widerlegen die Legende, die Wachleute
der Glaubenszugehörigkeit „glaubenslos“ an. 1949 fasste seien zu ihren Verbrechen gezwungen wurden. Die Gut-
er zunächst in einem Provinzgericht Fuß. 1950 wurde Bauer achten belegen allesamt die von Technokraten ersonnene
Generalstaatsanwalt in Braunschweig. (Bei seinem 25-jäh- Arbeitsteilung, die dem Holocaust und den monströsen Tö-
rigen Dienstjubiläum im gleichen Jahr wurden die Jahre tungsfabriken zugrunde lag. Die Strafen fielen vergleichs-
seit seiner Entlassung aus dem Justizdienst 1933 „rück- weise milde aus, weil das Schwurgericht die Morde in
sichtsvoll“ verschwiegen.) Im Prozess gegen den ehemali- Auschwitz juristisch zur bloßen Beihilfe herunterdefinierte.
gen Kommandeur des Berliner Wachbataillons „Groß- Aufgrund einer rückwirkenden Verjährungsfrist im Zuge ei-
deutschland“ Otto Ernst Remer rehabilitierte Bauer die ner Gesetzesänderung am 1. Oktober 1968 wurden an-
Männer des 20. Juli und machte gleichzeitig Fragen des derweitige Ermittlungen (z. B. gegen hochrangige NS-Ju-
Ungehorsams und Widerstands zum Gegenstand einer öf- risten) eingestellt. Die Schilderung des Prozesses zeigt, wie
fentlichen Debatte. Remer verleumdete im Jahr 1951 die schwer sich die Deutschen taten, mit ihrer NS-Vergangen-
Attentäter des 20. Juli als „Verräter“ und brüstete sich, un- heit abzurechnen. In der Zeit des „Wirtschaftswunders“
geachtet seiner „historischen Komparsenrolle“, mit seiner wollten die meisten einfach nur vergessen, was unter dem
Beteiligung an der Niederschlagung des 20. Juli. Bauer NS-Regime geschehen war.
führte in einem fulminanten Plädoyer drei Argumente an, In den Folgejahren engagierte sich Bauer für die Liberali-
die Ungehorsam und Widerstand rechtfertigen: (1) Unge- sierung des Strafrechts. Er setzte sich u. a. in der bleiernen
horsam gegen menschenverachtende Gesetze sei ein Zeit der Adenauer-Ära für eine grundlegende Reform des
christliches Gebot. (2) Ungehorsam sei außerdem patrio- umstrittenen Homosexuellen-Paragrafen 175 ein. (Dessen
tisch, weil jeder Versuch, den Krieg abzukürzen, Men- letzte Reste im Übrigen erst 1994 gänzlich aus dem Straf-
schenleben schütze und letztlich dem Gemeinwohl diene. gesetzbuch verschwanden.) Freundschaften mit jungen
(3) Ungehorsam gegen einen Tyrannen sei „so urdeutsch Männern, so mit dem Sohn des NS-Propagandaregisseurs
wie nur irgendetwas“ (S. 148). Denn, so der Untertaneneid Veit Harlan, waren die Ursache für erneute Anfeindungen
im deutschen Staatsrecht, Treue setze Gegenseitigkeit vo- und Verunglimpfungen. Der immer einsamer werdende und
raus. Die unbedeutende Strafe, die Remer erhielt, war für sein Privatleben abschirmende Bauer wurde am 1. Juli
Bauer zweitrangig. Wichtig war ihm nicht der Aspekt der 1968 tot im Badezimmer gefunden. Das rechtsmedizinische
Strafe, sondern die erziehende Wirkung solcher Prozesse. Gutachten konstatierte Herzstillstand. Trotz aller Spekula-
Im Zusammenhang mit dem Auschwitz-Prozess merkte er tionen deutete nichts auf Suizid oder ein Verbrechen hin.
an, der Blick in den Holocaust könne „historischen, rechtli- Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb in einem Nach-
chen und moralischen Unterricht […] darstellen“ (S. 156). ruf, dass die Flamme, die in Fritz Bauer brannte, ihn ausge-
Nicht nur für die 22 Angeklagten des Auschwitz-Prozesses zehrt habe.
stelle sich die Frage nach der Beteiligung am Holocaust, Ronen Steinke erzählt das Leben eines aufrechten Juristen
sondern auch welche Lehren 50 Millionen Deutsche aus und Humanisten, dessen persönliche Geschichte zum Poli-
diesem Unrecht zu ziehen gewillt seien. tikum wurde, weil er in den 1960er Jahren den öffentlichen
Das umfangreiche Kapitel über den Auschwitz-Prozess Diskurs über den Holocaust wesentlich initiierte. Die de-
schildert Bauers Strategie, offenbart sein Rechtsverständ- tail- und kenntnisreiche Biografie beruht auf vielen Zeit-
nis und vermittelt gleichzeitig einen Einblick in die morali- zeugeninterviews und gründlichen Literaturstudien. Sie
schen Implikationen, die sich Bauer von diesem Prozess er- zeichnet sich durch einen differenzierten Anmerkungsap-
hoffte. Auschwitz ist gleichsam die Chiffre für den gesam- parat aus, überzeugt aber vor allem durch ihren anregen-
ten Holocaust, der bis ins kleinste Detail administrativ den und flüssigen Stil. Mithin ein Buch, das die faszinie-
durchdacht und in technokratischer Art und Weise reali- rende Lebensgeschichte Fritz Bauers (gänzlich ohne aka-
siert wurde. Zwei Journalisten der Frankfurter Rundschau ist demisch anmutende „Durststrecken“) dem breiten Publikum
es zu verdanken, dass Bauer – inzwischen Generalstaats- zugänglich macht.
anwalt in Frankfurt – die Namen einer Fülle von Wachmän- Siegfried Frech
nern erhielt, die in Auschwitz tätig waren und nach 1945 im
Zuge der „kalten Amnestie“ (Jörg Friedrich) wieder in der
Nachkriegsgesellschaft Fuß fassen konnten. Bauer wurden Mr. President – Tear Down This Wall (Street)
Formulare – bestehend aus drei Vordrucken – mit der Da-
tumszeile „Auschwitz, den …“ zugespielt. In den insgesamt George Packer:
drei Vordrucken wurde die Tötung von Häftlingen „auf der Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika
Flucht“ mit dem letzten Vordruck, der den Vermerk „Das S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2014.
Verfahren wird eingestellt“ enthielt, legalisiert. So erhiel- 510 Seiten, 24,99 Euro.
ten Bauer und zwei von ihm berufene und für den Prozess
von allen anderen Amtsgeschäften freigestellte Juristen Die USA sind in einem denkbar schlechten Zustand. George
eine Fülle von Namen von Wachmännern. Allein die Auflis- Packer – Autor preisgekrönter Bücher, Journalist und Mit-
tung der Gräueltaten in der Anklageschrift umfasste 700 glied der Redaktion des New Yorker – hat ein packendes
Seiten. Bis zum Prozessbeginn wurden 1.500 Zeugen aus- Sachbuch geschrieben, das einem Epos gleichkommt und

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von manchen Rezensenten gar zur great American novel er- mus und Spendenpolitik in Washington nicht funktionieren
klärt wurde. In der Tradition von John Dos Passos (1896– würden. Nach einer erfolgreichen, aber kurzen Karriere an
1970), neben William Faulkner und F. Scott Fitzgerald ein der Wall Street wechselte er in die Politik und wurde ein
Hauptvertreter der literarischen Moderne, entwirft das mit Mitarbeiter Bidens: „Die Wall Street hatte ich ausprobiert,
dem National Book Award 2013 prämierte Buch ein groß mein nächstes Ziel war das Weiße Haus“ (S. 47). Jeff Conn-
angelegtes Gesellschaftsbild der USA. Packer nimmt dabei aughthon bilanziert das gängige Grundmuster der politi-
den Zeitraum der letzten 35 Jahre in den Blick. Das sorgfäl- schen Beziehungen in Washington überaus prägnant: Er
tig recherchierte, auf vielen Interviews beruhende und in wurde von Biden benutzt und benutzte im Gegenzug wie-
guter journalistischer Manier geschriebene Sachbuch ist derum Biden. Dienlich war es seiner Karriere allemal.
Sozialreportage, Kapitalismuskritik und Sittenbild einer zu- Im Gegensatz dazu ist das Leben der schwarzen US-Ame-
tiefst gespaltenen Gesellschaft in einem. In 14 biographi- rikanerin Tammy Thomas in Youngstown, Ohio ein ständi-
schen Porträts bekommen zum einen die vom ökonomischen ger Überlebenskampf. In Youngstown reihte sich bis in die
Niedergang Betroffenen, die am unteren Ende der US- späten 1970er Jahre ein Stahlwerk an das andere. Nach
amerikanischen Gesellschaft einen täglichen Überlebens- dem wirtschaftlichen Niedergang und der Auslagerung
kampf absolvieren, eine Stimme. In kontrastierender Ab- der Produktion in Billiglohnländer lag die Arbeitslosen-
sicht werden zum anderen „Erfolgsstorys“ von Prominenten quote 1982 bei knapp 22 Prozent. In Cleveland, Pittsburgh,
präsentiert, denen The Big Money (so der letzte Titel der Chicago und Detroit vollzog sich dieselbe Entwicklung: der
Romantrilogie U. S. A. von John Dos Passos) zu Reichtum, Rust Belt entstand. Die Biographie von Tammy Thomas steht
Ansehen und vor allem Einfluss verholfen hat. exemplarisch für das schwarze Amerika. Einziger Lichtblick
Wie in einer riesigen Collage reiht sich Miniatur an Minia- ihrer Ghetto-Kindheit ist ihre Granny, die sich um Einkom-
tur: Mit Newt Gingrich, von 1979 bis 1999 Kongressabge- men und familiären Zusammenhalt bemühte. Nach dem
ordneter der Republikaner für den Bundesstaat Georgia, Tod ihrer Großmutter auf sich allein gestellt, nahm sie di-
wird das Musterbeispiel eines ehrgeizigen und populisti- verse Jobs an, wurde mehrmals gekündigt und akzeptierte
schen Politikers vorgestellt, der zeitlebens gegen den Wohl- aus Angst um ihren Arbeitsplatz Lohnkürzungen. Schließ-
fahrtsstaat wetterte. Gingrich steht stellvertretend für die lich wurde sie mit einer Abfindung abgespeist und verzich-
republikanische Politik, die die Interessen der weißen kon- tete damit auf einen Großteil ihrer Rente. Tammy Thomas
servativen Eliten und ländlichen Regionen vertritt. Jeff fand wieder Arbeit und lebt gegenwärtig in Florida.
Connaughthon, ein weiterer der porträtierten „politischen Gänzlich anders hingegen das Porträt von Oprah Winfrey,
Leistungsträger“, wurde bereits während des Studiums Par- die mit ihrer erfolgreichen Talkshow The Oprah Winfrey
teigänger von Joe Biden, dem gegenwärtigen Vizepräsi- Show den Grundstock für ein gewaltiges Geschäftsim-
denten. Connaughthon ist einer jener nahezu unsichtbaren, perium in der Film- und Medienwelt legte. (2006 hatte
im Hintergrund wirkenden Mitarbeiter, ohne die Lobbyis- diese wöchentliche Show 21 Millionen Zuschauer in 105

Politische Tage
Für Schülerinnen und Schüler aller weiterführenden Schularten sowie Grundschulen ab Klasse 2

Politische Tage – ein Angebot der Landeszentrale für politische Bildung für Schulen in
Baden-Württemberg. Veranstaltungen zu ausgewählten politischen Themen als Ergänzung zum
normalen Schulunterricht durch junge Expertenteams der Landeszentrale.

Ziele Besonderheiten Ansprechpartner


• altersgemäße Auseinandersetzung • methodisch abwechslungsreiche • Außenstelle Freiburg für Schulen im
mit politischen Fragen auf Grundlage Formate (z. B. Planspiele, Szenario- Regierungsbezirk Freiburg
des „Beutelsbacher Konsenses“ Workshops, Aktionstage u. a.) www.lpb-freiburg.de
• Anregungen zum gesellschaftlichen • Themenvielfalt: Demokratie, Kom- • Außenstelle Heidelberg für Schulen
und politischen Engagement munalpolitik, Europa, Globalisie- in den Regierungsbezirken
• Erwerb methodischer Kompetenzen rung, Frieden/Sicherheit u. a. Karlsruhe und Stuttgart
und Einüben sozialer Lernformen • intensive thematische Auseinander- www.lpb-heidelberg.de
setzung über eine (Doppel)Schul- • Fachbereich „Politische Tage“ für
• Ergänzung und Vertiefung von
stunde hinaus Schulen im Regierungsbezirk
Unterrichtsthemen der gesellschafts-
• Durchführung an Schulen oder Tübingen www.lpb-bw.de/fach-
kundlichen Fächer
außerschulischen Lernorten bereich_politische_tage.html

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Ländern.) Die einstige Nachrichtenmoderatorin war die und Institutionen durch eine neoliberale Elite im Finanz-
erste afroamerikanische Frau, die Milliardärin wurde. Auch und Wirtschaftssektor. So erklärt sich auch der sinnfällige
Sam Walton, Inhaber von Wal-Mart steht für eine beispiel- Satz der Occupy Wall Street-Bewegung, die in Packers
und vor allem skrupellose Geschäftskarriere. Der kometen- Buch ebenfalls geschildert wird: „Mr. President – Tear
hafte Aufstieg des Discounter-Imperiums ging dabei über Down this Wall (Street)“. Grundübel und Ursache der „Ab-
die Leichen der Konkurrenz. Billig einkaufen, billig abge- wicklung“ ist die immense Macht des US-amerikanischen
ben, große Mengen, schneller Durchsatz – mit diesem Lobbyismus. Der wuchernde Lobbyismus lähmt die ameri-
Motto nutzte Walton gezielt den Geiz und die Gier der kanische Politik und deren Institutionen und ist zugleich
Konsumenten aus. 1962 eröffnete er den ersten eigenstän- Ausdruck der Fragmentierung des politischen Systems.
digen Discounter. 1976 besaß die Walton-Familie bereits Kongress und bundesstaatliche Parlamente sind zum Spiel-
125 Märkte. (Hillary Clinton war im Übrigen die erste Frau ball von Lobbyisten geworden. Primärer Zweck der Lob-
im Aufsichtsrat der 1970 in eine Aktiengesellschaft umge- byarbeit ist der Zugang (access) zu politischen Entschei-
wandelten Firma.) Mit 23 Milliarden besitzt der Walton- dungsträgern und Institutionen. Zweites großes Ziel ist die
Clan gegenwärtig genauso viel Geld wie die unteren 30 Einflussnahme auf politische Entscheidungen, wenn diese
Prozent aller US-Amerikaner. Gegen die Bemühungen des die eigenen Interessen bzw. die der Auftraggeber be-
ebenfalls porträtierten Dean Price, der den peak oil vor- treffen. In Washington sind gegenwärtig fast fünfzehn-
aussieht und mit Biodiesel – der das Fünffache dessen tausend Lobbyisten registriert, die demokratische Ent-
bringt, was man an Energie investiert – ökonomisch zu re- scheidungsprozesse mit Nachdruck (und Parteispenden)
üssieren versucht und letztlich an rechtlichen Fallstricken beeinflussen. Und zwischen 1998 und 2004 – so eine Zah-
scheitert, muten die Aktivitäten von Peter Thiel in Silicon lenangabe in Packers Buch – wechselten 42 Prozent der
Valley wie ein modernes Märchen an: Thiel gelang es, mit nicht wiedergewählten Kongressabgeordneten sowie die
dem Verkauf des von ihm entwickelten PayPal-Systems Hälfte der Senatoren in die Lobbyarbeit! Bis zu 70 Prozent
seine investierten 240.000 US-Dollar in stolze 55 Milliar- ihrer Zeit verbringen US-Politiker damit, Geld für ihre Wahl-
den zu verwandeln. kämpfe aufzutreiben, und die Wall Street ist eine ihrer
Am Beispiel der Stadt Tampa, im Sun Belt Floridas gelegen, wichtigsten Quellen. (Allein Bill und Hillary Clinton – so
wird die aberwitzige Wachstumsmaschine der kreditfi- Experten – durften sich seit Anfang der 1990er-Jahre über
nanzierten Immobilienbranche geschildert: Spekulanten mindestens 300 Millionen Dollar Spenden freuen.)
kauften Häuser, stießen diese rasch mit Profitraten von bis George Packers Fazit ist angesichts dieser bitteren Ana-
zu 50.000 Dollar wieder ab und jonglierten mit Millionen- lyse eher ernüchternd. Einer Gesellschaft, die jedes Maß
krediten. Im Dezember 2005 jedoch begannen die Preise für soziale Gerechtigkeit und Gemeinwohlorientierung
zu fallen, die variablen Zinssätze der Hypotheken stiegen, verloren hat, bleiben nur vage Hoffnungen und einge-
überhöhte Schlusszahlungen wurden fällig, die „große Epi- schränkte politische Möglichkeiten, diesem Abwicklungs-
demie“ der Zwangsvollstreckungen und Privatinsolvenzen prozess entgegenzusteuern. Insofern ist auch die Frage er-
setzte ein. In Tampa wurden die Zwangsvollstreckungen laubt, ob die USA die Krise überwunden haben, wie Ba-
und privaten Insolvenzen im Drei-Minuten-Takt juristisch rack Obama unlängst behauptete, oder es nur noch darum
„abgearbeitet“. Nach dem Zusammenbruch von Lehman geht, den Abstieg zu verwalten.
Brothers und weiteren Banken zogen sich die Verantwort- Siegfried Frech
lichen diskret in den Hintergrund zurück. Die Banken wur-
den mit Steuergeldern gerettet. Die von Zwangsvoll-
streckungen Betroffenen kampierten zum Teil würdelos in Kulturlandschaften im Südwesten
Zeltstädten, schliefen in ihren Autos und waren auf Lebens-
mittelgutscheine und Beihilfen angewiesen. Landespflege Freiburg/Landesanstalt für Umwelt, Messun-
Entlang der Karriere des „Drehtür-Politikers“ Robert Rubin, gen und Naturschutz Baden-Württemberg (Hrsg.):
der 1992 von Bill Clinton zum Leiter des Nationalen Wirt- Kulturlandschaften in Baden-Württemberg
schaftsrates berufen wurde, wird offenkundig, dass kein Verlag G. Braun, Karlsruhe 2014.
US-Präsident ohne das Vertrauen der Banken und des Fi- 272 Seiten, 44,95 Euro.
nanzsystems überleben kann. In den 1980er und 1990er
Jahren wuchs der Finanzsektor spektakulär, während die Vielfalt ist das Merkmal Baden-Württembergs, Vielfalt in
Vorschriften und Gesetze, die ihn im Zaum gehalten hat- jeder Hinsicht: Vielfalt der Landschaftsbilder, der Kulturen,
ten, über Bord geworfen wurden. Das Zeitalter der massi- Traditionen, Konfessionen, der historischen und politischen
ven Umverteilung begann mit der schrittweisen Auflösung Besonderheiten. Wer von Freiburg im Breisgau nach Wan-
der sozialen Sicherungssysteme. gen im Allgäu fährt, von Mannheim nach Giengen an der
Packers Maßstab, den er an seine brillante soziologische Brenz oder vom Bodensee nach Wertheim am Main, erlebt
Analyse anlegt, ist das demokratische Versprechen der diese Vielfalt augenfällig. Diese Vielfalt unter dem Aspekt
US-amerikanischen Verfassung: Gleichheit, Gerechtigkeit „Kulturlandschaft“ wissenschaftlich einzufangen und für
und pluralistische Repräsentation aller Bürgerinnen und ein größeres Publikum zu präsentieren, ist neu. Dabei meint
Bürger in Senat und Kongress. Versprechen, die längst „Kultur“ generell das von Menschen Gemachte. So gese-
nicht mehr gewährleistet sind. Ursache des radikalen öko- hen gibt es Naturlandschaften bei uns längst nicht mehr,
nomischen, sozialen und normativen Wandels sieht Packer alles ist Kultur, auch die Landschaften.
in der schleichenden Auflösung sozialverträglicher Ge- Dem Buch liegt eine Konzeption zugrunde, die maßgeblich
setze sowie in der vorsätzlichen Aushebelung von Normen von Werner Konold, dem Inhaber des Freiburger Lehrstuhls

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für Landespflege, entwickelt worden ist, unterstützt von Ro- schwiegen werden soll, dass die „Stiftung Naturschutz-
land Heinzmann und Wolfram Grönitz von der Landesan- fonds Baden-Württemberg“ und „GlücksSpirale von Lotto“
stalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz in Karlsruhe. ihren Beitrag geleistet haben, dass dieses opulente Werk
Dabei geht es den Autoren nicht zuletzt darum, wie diese für 44,95 Euro äußerst günstig zu haben ist.
landschaftliche Vielgestaltigkeit entstanden und wie sie zu Hans-Georg Wehling
verstehen ist, aus „den vielfältigen und höchst unterschied-
lichen natürlichen Gegebenheiten wie Geologie, Relief,
Höhenlagen, Böden, Gewässerdichte, klimatischen Gra- „Im Urwald, bei den roten Indianern …“
dienten“, aus der „Siedlungsgeschichte, Siedlungs- und
Hausformen, der Territorialgeschichte, konfessionellen Michail Krausnick:
Differenzierungen und Mischungen, der Landnutzungsge- Weißer Bruder, Schwarzer Rock.
schichte, Bau-und Kunstgeschichte, Spezifika der Natur- Historischer Roman
nutzung (etwa den Abbau von Rohstoffen), Mentalitätsun- Conte Verlag, St. Ingbert 2014.
terschieden und anderes mehr“. So Werner Konold zur Ein- 224 Seiten, 14,90 Euro.
führung in sein Vorhaben. Zu Beginn zeigt er auf, unter
welchen Gesichtspunkten sich Kulturlandschaften be- 1884 – Der junge Missionar Eduard Raimund erwartet im
trachten lassen. Und das Buch endet mit der Darstellung Hafen von New York seine Verlobte Ulrica Prinz. Sie ist be-
von prägenden Einzelelementen von Landschaft, angefan- reit, sein armseliges und abenteuerliches Leben zu teilen
gen bei Böden und Bergbau, über Hecken und Weiher bis und mit ihm in einem dürftigen Wigwam unter den Chip-
hin zu Hohlwegen und Klöstern. Den Hauptteil des Buches pewa-Indianern zu leben. Fünf Jahre leben Eduard und Ul-
macht die Identifizierung von das Land charakterisieren- rica fernab jeder Zivilisation „im Urwald, bei den roten In-
den Einzellandschaften aus, es sind insgesamt 30, von der dianern“. Der junge Missionar wagt seinen eigenen Weg:
Baar bis zur Badischen Bergstraße, auf 152 Seiten von ins- Er kämpft für die Rechte der Indianer und wird in die Rats-
gesamt 272 Seiten des Buches. Man wird sicher streiten versammlung des Stammes aufgenommen. „Weißer Bru-
können, ob eine solche Aufsplitterung realitätsnah ist. Der der, Schwarzer Rock“ basiert auf autobiographischen Be-
Rezensent meinte bei einem vergleichbaren Vorhaben richten, Briefen und Tagebüchern, die Michail Krausnick
zwölf Bewusstseinsregionen identifizieren zu können. Ko- behutsam und überaus kenntnisreich bearbeitet hat.
nold versucht dann doch noch, seine 30 Landschaften zu Krausnicks Ururgroßvater E. R. Baierlein hat seine Erfah-
sieben Einheiten zusammenzufassen. Jedes dieser Kapitel rungen und Erlebnisse als Missionar an den Großen Seen
ist kompakt und verständlich geschrieben und besticht vor 1888 erstmalig veröffentlicht. Baierlein verstand sich nicht
allem auch durch seine großartige Bebilderung, mit Fotos nur als evangelischer Missionar, sondern auch als Lehrer
des Landesmedienzentrums, Fotos der Autoren und vor al- und „Entwicklungshelfer“. Krausnick versteht es, dieses eu-
lem durch eigene Fotos von Werner Konold. Die Bilder sind ropäische Sendungsbewusstsein und den missionarischen
mehr als Illustration, sie erklären Sachverhalte – und sind Eifer im historischen angemessenen Kontext wiederzuge-
dabei doch ästhetisch ansprechend. ben. So verwendet er beispielsweise in manchen Roman-
Den Lesern von „Der Bürger im Staat“ ist Werner Konold passagen zeitgenössische Benennungen, wenn etwa von
bekannt durch so manchen Beitrag. Viele werden ihn auch „Heiden“, „Wilden“ oder „Rothäuten“ die Rede ist. Bemer-
kennen von Exkursionen im Rahmen der „Offenen Semi- kenswert bleibt Baierleins aktives Eintreten für Toleranz
nare“ der Landeszentrale, wo sie seine didaktischen Fähig- und für eine gleichberechtigte Begegnung der Religionen
keiten im Gelände zu schätzen gelernt haben. Die Autoren und Kulturen allemal. Mit der Gründung einer christlichen
kommen zu einem guten Teil aus dem Umfeld von Konold Gemeinde im Urwald stemmte er sich gegen die Entrech-
an der Universität Freiburg – was zur Einheitlichkeit des Bu- tung und Vertreibung der indigenen Bevölkerung. Wie sich
ches beiträgt. Dass Prof. Dr. Werner Konold von Haus aus später herausstellte, war dieser Versuch vergeblich. Trotz-
Diplom-Agraringenieur ist, ist dem Buch anzumerken. Nicht dem – so das Anliegen von Michail Krausnick – ist es dieses
zufällig gibt es kein Kapitel über Industrielandschaften, da zutiefst menschliche Unterfangen wert, neu akzentuiert
hätten sich wohl der Raum Mannheim oder vor allem Stutt- und erzählt zu werden. Dabei wird keine Seite veredelt
gart angeboten. Der Beitrag über die Filderebene ersetzt oder verteufelt. Krausnick beschäftigt vielmehr das Nicht-
das nicht, er macht aber mit dem Titel „Ein Naturraum vor verstehen zwischen Europäern und Indianern. (Wohltuend
dem Kollaps“ die spezifische Fragerichtung des Buches ist auch der Umstand, dass Krausnicks Buch ohne den „grü-
deutlich. Das Manko kennt auch Konold und entschuldigt nen“ Pathos und die naive Zivilisationskritik der 1980er
sich gewissermaßen. Jahre, als die indigene Bevölkerung Amerikas „wiederent-
Insgesamt stellt dieser gewichtige Band – großformatig, deckt“ und literarisch vermarktet bzw. vereinnahmt wurde,
2,06 kg – eine sehr gute, empfehlenswerte Ergänzung dar auskommt.)
zu den Büchern der Landeszentrale für politische Bildung: Michail Krausnick, 1943 in Berlin geboren, lebt als freier
„Vielfalt und Stärke der Regionen“ von 2002 und Schriftsteller in Heidelberg. Der studierte Literaturwissen-
„Baden-württembergische Erinnerungsorte“ von 2012, schaftler und Soziologe schrieb zahlreiche Bücher, Hör-
aber auch zu den „Wegmarken südwestdeutscher Ge- spiele, Theater- und Kabarettstücke. Er erhielt mehrere
schichte“, das im Umfeld der Landeszentrale erschienen ist. Preise – u. a. 1991 den deutschen Jugendliteraturpreis.
Das Buch über d ie Kulturlandschaften in Baden-Württem- Krausnick ist ein engagierter Schriftsteller, der sich seit den
berg sollte besitzen, wer sich für Baden-Württemberg inte- 1980er Jahren mit dem lange verschwiegenen Völkermord
ressiert und das Land besser verstehen will! Nicht ver- an den Sinti und Roma beschäftigt. Hier sind vor allem die

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beiden Bücher „Wo sind sie hingekommen? Der unterschla- eine wesentliche Mitverantwortung trage und maßgeblich
gene Völkermord an den Sinti und Roma“ (1995) und „Auf zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs beigetragen habe,
Wiedersehen im Himmel. Die Geschichte der Angela Rein- löste in den 1960er-Jahren die „Fischer-Kontroverse“ aus.)
hardt“ (2001) hervorzuheben. Im letztgenannten Buch er- Gert Krumeich nahm mit „Juli 1914. Eine Bilanz“ eine Mitt-
zählt Krausnick das Schicksal des Sinti-Mädchens Angela lerposition ein und Herfried Münkler legte mit seinem Opus
Reinhardt, die als württembergisches Sintikind im Sammel- „Der Große Krieg. Die Welt von 1914 bis 1918“ eine Ge-
lager und Kinderheim Heilige Sankt Josefspflege als Un- samtdarstellung vor, die die politischen, militärischen, sozi-
tersuchungsobjekt für die dubiose Doktorarbeit der „Ras- alen und ökonomischen Entwicklungen der Kriegsjahre zu
seforscherin“ Eva Justin missbraucht wird und nur knapp einem umfassenden Zeitpanorama verknüpft. Dem poli-
der Vernichtungsmaschinerie der Nazis entgeht. tisch und historisch Interessierten war es kaum mehr mög-
Auch in dem vorliegenden Buch geht es um historisch bri- lich, die Flut an Beiträgen zum Ersten Weltkrieg zu erfassen
sante Themen: die Begegnung zweier Kulturen bzw. Welt- bzw. ihr zu entgehen. Spannend ist die Frage allemal, ob
bilder, den weißen Kulturimperialismus und die Infrage- das Grauen wirklich schon in Archiven und Büchern abge-
stellung der scheinbar „primitiven“ Kultur der indigenen legt und aus sicherer, rationaler Distanz erklärt ist. Oder
Bevölkerung Nordamerikas sowie deren Entrechtung im übt der Krieg (immer noch) eine schwierig zu greifende Fas-
Namen der nicht hinterfragten Gültigkeit des Weltbildes zination auf ein breiteres Publikum aus? Entfaltet das Jahr-
der Siedler. Durch die Augen von Eduard Raimund wird die hundertgedenken deshalb eine so verstörende Wirkung,
indigene Gesellschaft und deren Weltbild – die geringe weil auch aktuell noch Kriege und bewaffnete Konflikte
soziale und ökonomische Differenzierung, ihre Lebens- präsent sind?
weise im Einklang mit der Natur, die magische und mythi- Im Gegensatz zu den oben genannten Monographien ver-
sche Sicht der sie umgebenden Welt – geschildert. Gleich- folgt der opulente Bildband „Menschen im Krieg. Europas
zeitig deutet sich in einigen Passagen des Romans aber Katastrophe 1914–1918“ einen alltagsgeschichtlichen An-
auch die Gefährdung der indigenen Lebensgrundlagen satz. Joachim Käppner, leitender Redakteur der Süddeut-
und letztlich deren Zerstörung durch die westliche Zivilisa- schen Zeitung, und Jakob Wetzel, der für die Süddeutsche
tion an. Dies zeigt sich u. a. in den Passagen, in denen sich Zeitung u. a. über historische Themen berichtet, haben als
Krausnick auf die ersten „Indianerkriege“ an der Ostküste Herausgeber ein beeindruckendes Buch vorgelegt, das
Amerikas bezieht. Michail Krausnick hat erneut eine große den Ersten Weltkrieg gleichsam „von unten“ schildert. Der
Erzählung vorgelegt, die nicht nur Jugendliche in ihren Bildband vereint persönliche Lebensgeschichten, informa-
Bann zu ziehen vermag. Er versteht es meisterlich, Verbin- tive und verständlich geschriebene Essays und bisher noch
dungen zwischen der „großen Geschichte“ und der Ge- unveröffentlichtes Bildmaterial. Die meisten Bilder stam-
schichte der Protagonisten des Romans herzustellen. Die men aus dem Scherl-Archiv, das zum Fotoarchiv der Süd-
deutsche Armutsmigration in den 1880er Jahren wird deutschen Zeitung gehört und weit mehr als 6.000 Fotogra-
ebenso eingeflochten wie das pulsierende Leben der fien aus dem Ersten Weltkrieg umfasst. Der Erste Weltkrieg
wachsenden Stadt New York, die die Landnahme der Sied- war – um mit dem Historiker Gerhard Paul zu sprechen –
ler und den Siegeszug der Urbanisierung ahnen lässt. Die einer der ersten „Bilderkriege“. Das von Käppner und Wet-
Lektüre regt im Übrigen zwischen den Zeilen zur Wertere- zel herausgegebene „Bild- und Lesebuch“ zeigt den Krieg
flexion an: In der Person von Eduard Raimund spiegelt sich aus vielerlei Perspektiven: aus den Augen der einfachen
das Bemühen um Fragen des guten und richtigen Lebens. Soldaten an den verschiedenen Fronten, von Arbeiterin-
Siegfried Frech nen in der Heimat oder auch von in den Krieg gezwunge-
nen Kolonialsoldaten. Die Bilder erzählen von Geistlichen,
von Matrosen und Piloten, von Opfern, Verletzten, Trauma-
Menschen im Krieg tisierten und von Revolutionären.
Das Buch zeichnet eingangs die historische Situation in Eu-
Joachim Käppner/Jakob Wetzel (Hrsg.): ropa am Vorabend des Krieges nach und spannt einen Bo-
Menschen im Krieg. Europas Katastrophe 1914–1918 gen von den deutschen Großmachtträumen, vom begehr-
Süddeutsche Zeitung Edition, München 2014. ten „Platz an der Sonne“, bis zum Kriegseintritt über die
352 Seiten, 24,90 Euro. Kriegsgeschehnisse selbst und endet mit den Aufständen
1918 und dem „Tod einer Kulturhauptstadt“. Am Beispiel
2014 jährte sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum Münchens wird aufgezeigt, wie der Erste Weltkrieg das
hundertsten Mal. Der Buchmarkt legte unzählige Publikati- politische Klima vergiftete und den Boden bereitete für die
onen vor. Die überregionale und lokale Presse überbot sich völkischen Nationalisten. Der Erste Weltkrieg schuf nicht
mit Dossiers, Berichterstattungen über Vortragsreihen und nur den Nährboden für zwei Totalitarismen, er war die Ou-
Ausstellungen sowie regionalgeschichtlichen Akzentset- vertüre zur noch größeren Katastrophe, die sich bereits
zungen. Christopher Clark versuchte in seinem Buch „Die nach 1918 abzeichnete.
Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“ Die Jubelszenen vom August 1914, die „patriotisch
Fritz Fischers „Griff nach der Weltmacht“ (1961 erschienen) aufgewallte[n] Massen“ (Herfried Münkler) und die eu-
zu relativieren. Laut Fischer verfolgte das Deutsche Reich phorische Grundstimmung, mit der Soldaten der europäi-
bereits ab 1911 weitreichende und ambitionierte Annexi- schen Staaten in den Krieg zogen, wird mit den ersten
onsziele in Europa sowie in Afrika und nahm das Attentat in Kriegserfahrungen einfacher Soldaten und dem Massen-
Sarajewo als willkommenen Anlass, den Krieg vom Zaun zu tod von Zehntausenden kontrastiert. Ein Grauen, das Ge-
brechen. (Die Feststellung von Fischer, dass Deutschland org Trakl (1887–1914) in seinen Gedichten, Ludwig Meid-

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BUCHBESPRECHUNGEN

ner (1884–1960) und vor allem Otto Dix (1891–1968) in sei- 100 Jahre leben, 60 Jahre arbeiten …
nem Tryptichon „Der Krieg“ künstlerisch zu verarbeiten
versuchten. Dieser künstlerischen Annäherung an die Margaret Heckel:
Schrecken Krieges sind u. a. mehrere Kapitel mit großflä- Aus Erfahrung gut. Wie die Älteren die Arbeitswelt erneuern
chigen Abbildungen gewidmet. edition Körber Stiftung, Hamburg 2013.
Die beiden Herausgeber Joachim Käppner und Jakob 255 Seiten, 16,00 Euro.
Wetzel, weitere Autorinnen und Autoren der Süddeut-
schen Zeitung und Zeithistoriker erzählen in den zahlrei- Ältere werden in Fabriken und Büros immer wichtiger! In
chen Beiträgen vom Grauen in den Schützengräben, vom den kommenden Jahren nimmt die Zahl jüngerer Mitarbei-
Hunger in der Heimat, von der Angst um die Söhne, Ehe- terinnen und Mitarbeiter in der Arbeitswelt stetig ab. Die
männer und Väter oder vom bloßen Überleben der Solda- Belegschaften in bundesdeutschen Firmen und Unter-
ten. Sie sprachen mit letzten Zeitzeugen, wie dem 107-jäh- nehme altern. Dominieren gegenwärtig noch die 40- bis
rigen Fritz Koch aus Berlin, der sich an die Güte des Lan- 50-jährigen Mitarbeiter, werden in gut zehn Jahren 50- bis
desvaters Wilhelm II. und dessen selbstverliebtes Gebaren, 60-Jährige am Fließband stehen oder vor dem PC sitzen.
an die schicke und stattliche Uniform des Vaters, der als Die Zahl der 50- bis 65-jährigen Arbeitskräfte wird anstei-
junger Mann in einem Kürassier-Regiment diente, und die gen, weil diese geburtenstarken Jahrgänge älter werden
Trauer der Familie erinnert. und in die Altersgruppe der über 50-Jährigen hineinwach-
Breiten Raum nehmen das Kriegsgeschehen selbst und sen. Junge Menschen hingegen werden immer „knapper“.
dessen unmenschliches Antlitz ein. Der Erste Weltkrieg war Sie können aufgrund des Bedarfs an „Humankapital“ da-
der erste industrialisierte Krieg überhaupt: Mehr als 15 mit rechnen, dass ihre Möglichkeiten, in den Arbeitsmarkt
Millionen Soldaten und Zivilisten starben. Verwundungen einzusteigen und Karriere zu machen, besser sind denn je.
und Entstellungen waren die Folge. Am deutschen Wesen Schenkt man aktuellen Prognosen Glauben, droht der Bun-
sollte bekanntlich die Welt genesen – so der Kaiser. Sin- desrepublik bis zum Jahr 2030 eine Arbeitskräftelücke von
gend zogen deutsche Soldaten aus, als Krüppel kehrten ca. 5,5 Millionen Menschen. Ebenso erwartet die Bundes-
sie heim, körperlich und an der Seele zerstört. Die Begeis- agentur für Arbeit bis Mitte der 2020er Jahre rund 6,5 Mil-
terung verlor sich rasch auf dem viel gepriesenen „Feld der lionen Erwerbsfähige weniger als heute. Ein Großteil die-
Ehre“, wo nur einer das Sagen hatte: der plötzliche und ser Lücke werden Ältere füllen, die bis 67 – oder auch noch
dreckige Tod. „Mensch gegen Maschinengewehr“ – so länger – im aktiven Berufsleben bleiben. Bereits heute ar-
eine Überschrift in dem Buch – umschreibt das Massenster- beitet jeder 20. Rentner weiter. In der Summe sind dies ca.
ben in den Stellungskriegen und Gasangriffen. Deutsche 800.000 Rentner. Jeder Dritte davon arbeitet aus finanzi-
Bauern, Arbeiter, Angestellte und Handwerker kämpften ellen Gründen weiter – mithin ein Indikator für finanzielle
gegen englische, französische, russische Bauern, Arbeiter, Engpässe im Ruhestand und die zunehmende Altersarmut.
Angestellt und Handwerker. Da es um die nationale Ehre Zwei von drei hingegen identifizieren sich nach wie vor mit
ging, hatte alles stillzustehen – auch der eigene Verstand. ihrer Arbeit und wollen nicht aus dem Erwerbsleben aus-
Hatte man doch von Kindesalter an gelernt, dass das deut- scheiden. Es ist damit zu rechnen, dass sich dieser Trend
sche Kaiserreich von feigen Feinden umstellt war. Nicht nur fortsetzen wird.
das Leiden an europäischen Kriegsschauplätzen wird in Angesichts dieser Zahlen wundert es, dass deutsche Un-
den Blick genommen, auch die afrikanische und asiatische ternehmen immer noch die Augen vor dem demografischen
Tragödie wird erörtert und mit eindrucksvollen Bildern be- Wandel verschließen und sich grundlegenden Fragen
legt. Die in Europa kämpfenden Kolonialsoldaten und die nicht stellen: Wie können Unternehmen ältere Mitarbeite-
Gefechte auf anderen Kontinenten belegen, dass dieser rinnen und Mitarbeiter weiterhin produktiv im Arbeitspro-
Krieg ein globaler war. zess halten? Wie können Ältere mit Jüngeren effektiv zu-
Während die Soldaten einen sinnlosen Vernichtungskampf sammenarbeiten, und wie können innerbetriebliche Kon-
in den Schützengräben ausfochten, standen Frauen und flikte zwischen jüngeren und älteren Mitarbeitern
Kinder an der sogenannten Heimatfront „ihren Mann“. Sie vermieden werden? Wie mit den unterschiedlichen Interes-
waren „kriegswichtige Arbeitskräfte“, hielten die Kriegs- sen zwischen Karrieremustern Jüngerer und beruflicher
wirtschaft am Laufen, kümmerten sich um das Überleben Abgeklärtheit Älterer sinnvoll umgehen? Wie lassen sich
der Familie angesichts karger Kochrezepte, froren, hunger- flexiblere Arbeitszeiten für Senioren realisieren?
ten und hamsterten. Die gelernte Wirtschaftsjournalistin Margaret Heckel, die
Die lesenswerten Essays schaffen einen gelungenen Brü- u. a. für die Wirtschaftswoche, die Financial Times Deutsch-
ckenschlag von der Ebene der Alltagsgeschichte zur Ebene land, die Welt und die Berliner Morgenpost schrieb, kündigt
der Strukturgeschichte. Sie eröffnen den Blick für Zusam- in ihrem neuen Buch einen Paradigmenwechsel in der Ar-
menhänge, nehmen eine mehrperspektivische Sichtweise beitswelt an. Die Aussicht auf ein längeres Arbeitsleben ist
ein und erörtern den zeitgeschichtlichen Kontext überaus für Margaret Heckel keine Zumutung, sondern vielmehr ein
verständlich. Die Herausgeber, Autorinnen und Autoren ha- Signal, mit überkommenen Altersbildern aufzuräumen. Sie
ben einen beeindruckenden Bild- und Leseband vorgelegt, stellt mehr als zwei Dutzend Beispiele aus größeren und
der zum Blättern, zum Vertiefen, zum Verweilen und Nach- kleineren Firmen verschiedenster Branchen in ihrem Buch
denken über das Ausmaß an Leid, Zerstörung und Tod, das vor, die sich schon heute mit ihrer älter werdenden Beleg-
dieser Krieg über Europa und die Welt brachte, anregt. schaft auseinandersetzen. Ob börsennotierte Aktienge-
Siegfried Frech sellschaften, mittelständische Unternehmen oder kleine
Handwerksbetriebe: Sie alle haben Maßnahmen getrof-

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BUCHBESPRECHUNGEN

fen, die ihre Firmen „demografiefest“ machen. Sie investie- gewinnen und an sich binden. Ein weiteres Kapitel ist dem
ren in Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen sowie in eine betrieblichen Gesundheitsmanagement gewidmet. Das
konsequente Gesundheitsfürsorge. Sie entwickeln indivi- Beispiel der Lübecker Marzipanfabrik Niederegger, die
duelle Arbeitszeitmodelle und erproben neue Wege mit eine tägliche Gymnastikpause – von den Mitarbeitenden
altersgemischten Teams. Innovative Arbeitszeitmodelle, „Bandarbeiter-Ballett“ genannt – verordnet, lässt einen
von denen frühere Beschäftigtengenerationen nur träu- zunächst schmunzeln. Zahlen jedoch belehren einen bald
men konnten, finden immer mehr Verbreitung. Sie sorgen eines Besseren: So rechnet der Chef eines Stahlbauunter-
dafür, dass Arbeitsmotivation und Lebenszufriedenheit nehmens vor, dass sich jeder in die Gesundheit eines Ar-
miteinander vereinbar sind. So können z. B. Mitarbeiterin- beiters investierte Euro mit ersparten Kosten von 18,95 Euro
nen und Mitarbeiter der Trumpf GmbH im schwäbischen bezahlt macht.
Ditzingen und Gerlingen über ihre Arbeitszeit bestimmen Die an manchen Stellen aufscheinende Euphorie wird durch
und diese den jeweiligen Lebensphasen anpassen. Das einen gesunden Realismus gedämpft. So konstatiert Marga-
Familienunternehmen ist ein Pionier bei diesen sogenann- ret Heckel, dass die allermeisten Firmen diesen Paradigmen-
ten lebensphasenorientierten Arbeitszeitmodellen: Jün- wechsel noch völlig unterschätzen. Und hinzu kommt das be-
gere und kinderlose Mitarbeiter können bis zu 43,63 Wo- triebssoziologische Trägheitsmoment: Firmenkulturen lassen
chenstunden arbeiten, diese aber beliebig reduzieren und sich nur sehr langsam ändern. Ein Kulturwandel der Arbeit
sich gar eine Auszeit von bis zu zwei Jahren ansparen. Dies benötigt einen langen Atem!
ist nur ein Beispiel für lebenszyklusorientierte Arbeitszeit- Ein immer wiederkehrendes Motiv in Heckels Buch ist die
modelle, die Unternehmen umsetzen, um die Belegschaft Aussage, dass eine Arbeitskultur der Anerkennung und
an sich zu binden und weiterhin konkurrenzfähig zu blei- Wertschätzung Unternehmen und Institutionen nachhaltig
ben. (Hier ließe sich unter betriebswirtschaftlichen Ge- verändern kann. Gute Führung und eine wertschätzende Kul-
sichtspunkten durchaus kritisch einräumen, dass diese Ar- tur sind ausschlaggebende Faktoren dafür, wie produktiv –
beitszeitmodelle zumeist großen und größeren Unterneh- und letztlich konkurrenzfähig – Unternehmen in den nächs-
men vorbehalten sind, die aufgrund ihrer Betriebsgröße ten Jahren angesichts wachsender Anteile älterer Mitarbei-
und auch Branchenzugehörigkeit „eleganter“ mit Ressour- terinnen und Mitarbeiter sein werden. Prioritäten von
cen jonglieren können. Kleinen oder mittelständischen Un- Menschen ändern sich im Lebenszyklus. Gerade ältere Mit-
ternehmen fehlt diese Manövriermasse oftmals.) Diese arbeiter legen Wert auf ein gutes Arbeitsklima. In Unterneh-
Zeitsouveränität kommt insbesondere jüngeren Generatio- men und Institutionen mit einem schlechten Betriebsklima di-
nen entgegen, die angesichts des demografischen Wan- lettieren gemeinhin ungelernte Führungskräfte auf den
dels von Jahr zu Jahr gesuchter werden. Und es ist eben Schreibtischstühlen, mutieren Meetings und Projektgruppen-
diese Generation, die ihre berufliche Option an der Ver- sitzungen zu rhetorischen Machtkämpfen und enden für ge-
einbarkeit von Beruf und Familie ausrichten wird: Neue wöhnlich im Nirwana der betriebswirtschaftlichen Sinnlo-
Karrieremodelle, weniger Stress und mehr Sinn, Auszeiten sigkeit. In guten Firmen hingegen verlässt sich die leitende
und Downshifting sind angesagt. Ebene nicht auf Meinungen und Hörensagen – sie weiß, in
Margaret Heckel zeigt in ihrem Buch, wie sich Unterneh- welchen Abteilungen sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
men angesichts mosaikartiger Erwerbsbiografien durch wohlfühlen. Gerade diese Kernbotschaft macht u. a. die an-
Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen ältere Mitarbeiter regende Lektüre des Buches aus. Siegfried Frech

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Direktor: Lothar Frick -60 Außenstellen


Büro des Direktors: Regionale Arbeit
Sabina Wilhelm -62 Politische Tage für Schülerinnen und Schüler/
Stellvertretender Direktor: Karl-Ulrich Templ -40 Veranstaltungen für den Schulbereich

Stabsstelle Kommunikation und Marketing Außenstelle Freiburg


Leiter: Werner Fichter -63 Bertoldstraße 55, 79098 Freiburg
N. N. -64 Telefon: 0761/20773-0, Fax -99
Leiter: Dr. Michael Wehner -77
Abteilung Zentraler Service Thomas Waldvogel -33
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Haushalt und Organisation: Gudrun Gebauer -12 Außenstelle Heidelberg
Personal: Sabrina Gogel -13 Plöck 22, 69117 Heidelberg
Information und Kommunikation: Wolfgang Herterich -14 Telefon: 06221/6078-0, Fax -22
Siegfried Kloske, Haus auf der Alb Tel.: 07125/152-137 Leiter: Wolfgang Berger -14
Robby Geyer -13
Abteilung Demokratisches Engagement
Abteilungsleiterin/Gedenkstättenarbeit*: Sibylle Thelen -30 Politische Tage für Schülerinnen und Schüler/
Landeskunde und Landespolitik*: Dr. Iris Häuser -20 Veranstaltungen für den Schulbereich
Jugend und Politik*: Angelika Barth -22 Staffl enbergstraße 38, 70184 Stuttgart
Schülerwettbewerb des Landtags*: Monika Greiner/ -25 Thomas Franke -83
Daniel Henrich -26
Frauen und Politik: Beate Dörr/Sabine Keitel -29/ -32 Stabsstelle Extremismusprävention
Freiwilliges Ökologisches Jahr*: Steffen Vogel -35 Staffl enbergstraße 38, 70184 Stuttgart
Alexander Werwein-Bagemühl -36 Leiter: Felix Steinbrenner -81
Stefan Paller, Sarah Mann -37/ -34 Assistentin: Stefanie Beck -82

Abteilung Medien und Methoden


Abteilungsleiter/Neue Medien: Karl-Ulrich Templ -40 * Paulinenstraße 44-46, 70178 Stuttgart
Politik & Unterricht/Schriften zur politischen Landes- Fax: 0711/164099-55
kunde Baden-Württembergs: Prof. Dr. Reinhold Weber -42
Deutschland & Europa: Jürgen Kalb -43
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E-Learning: Dr. Andrea Fausel/Sabine Keitel -45/ -32
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Haus auf der Alb Tel.: 07125/125-136
Bad Urach Hanner Steige 1, Telefon 07125/152-0
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