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DER BÜRGER

IM STAAT

53. Jahrgang Heft 1 2003

Sicherheit
und Kriminalität

Landeszentrale
für politische Bildung
Baden-Württemberg
Liebe Leserinnen und Leser,
an dieser Stelle haben Sie seit Jahren die Ein- ende die neue Nummer vorlag. Immer wieder
führung von Hans-Georg Wehling für das je- hat Herr Wehling auf die Lesbarkeit großen
weils neue Heft gelesen. Es ist nicht zu glauben, Wert gelegt, im Stillen manches geglättet und
aber wahr: Prof. Dr. Wehling befindet sich seit in den eigenen Beiträgen gezeigt, dass es mög-
1. Februar 2003 im verdienten Ruhestand. lich ist, auch schwierige Zusammenhänge ver-
ständlich darzustellen. Es ist nicht einfach, seine
Er hat die Zeit- Standards zu halten.
schrift über
30 Jahre lang Im Namen aller Leserinnen und Leser danken
geformt und wir Hans-Georg Wehling für die engagierte und
sie zu einem erfolgreiche Arbeit und wünschen ihm einen
Markenzeichen erfüllten Ruhestand.
politischer Bil-
dung gemacht. Die Zeitschrift wird das Vermächtnis von Hans-
Wer diese Zeit- Georg Wehling zu erfüllen versuchen. Jetzt wird
schrift kontinu- Siegfried Frech als Schriftleiter verantwortlich
ierlich gelesen sein und sich bemühen, die Qualität der Zeit-
hat, der konnte schrift zu erhalten und ihr auch künftig ein un-
in entscheiden- verwechselbares Profil zu geben.
den politischen
Fragen mitreden. Herr Frech bringt dafür die bes-
Hans-Georg Wehling hat geradezu die weg- ten Voraussetzungen mit, da er
weisenden Themen gerochen. Viele haben ge- seit über zehn Jahren erfolg-
staunt, dass zur richtigen Zeit das richtige Heft reich das Fachreferat „Didaktik
vorlag. Er wusste, wo die kompetenten Auto- politischer Bildung“ geleitet
rinnen und Autoren saßen und nur wenige hat. In dieser Funktion hat er
gaben ihm einen Korb. Mit gekonnter Feder hat u. a. die Didaktische Reihe der
er die Hefte eingeleitet und auf die zentralen Landeszentrale betreut und ist
Probleme hingewiesen. Als die Finanzierung auch durch verschiedene eige-
der Reihe schwieriger wurde, gab es doch eine ne Publikationen aufgefallen
erstaunliche Zahl von Leserinnen und Lesern, und in Fachkreisen bekannt und geschätzt. Ihm
die bereit waren, ein Abonnement zu bezahlen. wird es deshalb auch gelingen, schwierige Sach-
Ohne die hohe Qualität der Zeitschrift wäre das verhalte anschaulich und verständlich zu vermit-
nicht gelungen. teln. Jedenfalls begleiten Herrn Frech alle guten
Wünsche für die neue Herausforderung.
Prof. Dr. Wehling hat es auch geschafft, dass et-
liche Ausgaben der Zeitschrift als Taschenbuch
erschienen sind. Auch das ist Ausdruck von
Qualität und Wertschätzung. Auf die Zeitschrift Dr. h.c. Siegfried Schiele
war immer Verlass. Mit den Terminen war Hans-
Georg Wehling immer „punktgenau“ und hat Direktor der Landeszentrale für politische
dafür gesorgt, dass fristgerecht zum Quartals- Bildung Baden-Württemberg

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Kriminalität
steht wie kaum ein anderes Thema beständig Zwei Gruppen fallen im Spiegel der amtlichen
auf der gesellschaftlichen und politischen Tages- Statistik durch ihre Kriminalitätsbelastung auf:
ordnung. Je nach Medienkonjunktur sind es Jugendliche und Ausländer. Eine kritische Be-
besonders brutale Delikte (z.B. Kindermorde, Se- trachtung der von beiden Gruppen begange-
xualdelikte) oder bestimmte Tätergruppen (z.B. nen Straftaten zeigt aber, dass – von wenigen
Jugendliche, Ausländer), die im Mittelpunkt des Ausnahmen abgesehen – Kinder- und Jugend-
öffentlichen Interesses stehen. Abhängig von delinquenz ein zeitweiliges Phänomen ist. Die
der Größe der Schlagzeilen schwappt bei spekta- meisten Delikte sind Bagatellfälle und lediglich
kulären Verbrechen eine Woge von Emotionen Episoden in der Biografie. Dies scheint sich
über die Bundesrepublik. Kein Wunder, wenn an gleichermaßen bei empirischen Umfragen zu
Stammtischen (und nicht nur dort) Entwicklung bestätigen, die sich mit Gewalt und Aggression
und Ausmaß der Kriminalität sorgenvoll disku- in der Schule beschäftigen. Nur eine Minderheit
tiert und beklagt werden. Oft gehen mit der von Kindern und Jugendlichen handelt brutal
Sorge um die Entwicklung des Gemeinwesens und skrupellos. Und auch bei der Kriminalitäts-
populistische Forderungen nach härteren Stra- belastung von Jugendlichen mit Migrationshin-
fen einher. tergrund gilt es zu berücksichtigen, dass ein
Kriminalität ist zwar ein „normaler“ Bestandteil nicht geringer Prozentsatz dieser Straftaten sol-
(Emile Durkheim) einer Gesellschaft. Jedoch che gegen das Ausländer- oder Asylverfahrens-
sind die Vorstellungsinhalte von Sicherheit und gesetz sind, die nur von Ausländern begangen
Kriminalität heterogen und gelegentlich recht werden können. Rechnet man diese Straftaten
diffus. Die Furcht, selbst Opfer einer Straftat zu aus der Statistik heraus und berücksichtigt die-
werden, ist besonders bei Frauen und älteren jenigen Delikte, die von durchreisenden Tätern
Menschen stark ausgeprägt. und Touristen begangen werden, ergibt sich
Auf den ersten Blick mag das Ausmaß an Krimi- schon ein sachlicheres Bild.
nalität auch Furcht auslösen. Allerdings ist das Unabhängig von soziologischen Betrachtun-
subjektive Empfinden von Furcht zu trennen gen, ob Kriminalität sich an gesellschaftlichen
von der statistisch erfassten Entwicklung der Konfliktlinien entwickelt und ob es eine Gesell-
Kriminalität. Wenn auch die jährlich herausge- schaft ohne Kriminalität überhaupt geben
gebene Polizeiliche Kriminalstatistik gegenwär- kann, ist die Bekämpfung und Verhinderung
tig wieder einen Anstieg an Straftaten ver- der Kriminalität eine staatliche Aufgabe. Inter-
zeichnet, ist die Tendenz über die Jahre hinweg essant ist der Blick auf die städtebauliche und
betrachtet rückläufig. Wenn man die Deliktfor- kommunale Kriminalprävention. Wenn auch
men genauer betrachtet, relativiert sich das Bild zwischen bebauter und sozialer Um- und Mit-
erneut. Wie schon in den vergangenen Jahren welt und Kriminalität nur mittelbare Wechsel-
war fast jede zweite Straftat ein Diebstahl. Eine beziehungen bestehen, werden „Angsträume“
starke Zunahme verzeichnete die Polizei bei der und Kriminalitätsfurcht von der bebauten Um-
Computer- und Wirtschaftskriminalität. Mord gebung stark beeinflusst. Gerade die Verknüp-
und Totschlag hingegen gingen deutlich zu- fung kommunaler Politikfelder mit präventiven
rück. Eigentumsdelikte machen demnach das Maßnahmen scheint ein vielversprechender An-
Gros der Kriminalität aus. Gewaltdelikte sind in satz zu sein, unmittelbar vor Ort Kriminalität
der Minderzahl. Ein Blick auf die im Hellfeld re- und Kriminalitätsfurcht zu senken.
gistrierten Straftaten zeigt zunächst, dass Kri- Die Beiträge in diesem Heft der Zeitschrift
minalität geschlechtsspezifisch verteilt ist: Etwa „Der Bürger im Staat“ sollen ohne Dramati-
drei Viertel aller registrierten Delikte werden sierung und Bagatellisierung die Fragen von
von Männern begangen. Eine etwas andere Sicherheit und Kriminalität behandeln. Geplant
Perspektive vermitteln Dunkelfelduntersuchun- und realisiert worden ist dieses Heft in enger
gen. Straftaten, die sich im sozialen Nahraum Kooperation mit Herrn Prof. Dr. Werner
oder in der Familie ereignen, werden in offi- Maschke von der Fachhochschule Villingen-
ziellen Statistiken weit weniger erfasst. Insbe- Schwenningen, Hochschule der Polizei. Ihm und
sondere häusliche Gewalt spielt sich zumeist im allen Autorinnen und Autoren, die zum Gelin-
Dunkelfeld ab. Tatsächlich sind Frauen und gen beigetragen haben, sei an dieser Stelle
Männer in annähernd gleichem Umfang Täter herzlich gedankt.
und Opfer häuslicher Gewalt. Siegfried Frech

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Kriminologische Betrachtungen zur Inneren Sicherheit

Ist die Kriminalitätslage in unserem Lande


schlimmer geworden?
Von Hans-Jürgen Kerner

minalitätsentwicklung. Die letztlich einge- welches gegenwärtig die wichtigsten Pro-


schränkte Aussagekraft amtlicher Statisti- bleme in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft
ken zur „wirklichen“ Kriminalitätsbelas- sind, denen sich die Regierung zuwenden
tung weist auf ein Desiderat hin: Um vor- soll?“ Je nach Ansatz und Methode werden
schnelle Schlüsse und unangemessene dann bis zu drei, bis zu fünf oder alle Aus-
(straf-)politische Maßnahmen vermeiden sagen möglichst genau notiert und spä-
zu können, sind flankierende Verfahren ter durch das Meinungsforschungsinstitut
(z. B. regelmäßige Opferbefragungen, Aus- oder ein Universitätsinstitut zu möglichst
wertung von Versicherungsdaten), der sinnvollen übergreifenden Kategorien zu-
Vergleich verschiedenster Quellen und sammen gefasst. Bei einer „geschlossenen“
vor allem interdisziplinäre Forschungsan- Frage hingegen bietet der Interviewer den
strengungen dringend geboten. Red. Befragten ein Set mit Kärtchen an oder legt
ihnen eine Liste vor, worauf sich die vor-
Wie schätzen Bürger und Bürgerinnen formulierten Problemgebiete sowie gege-
die Kriminalitätslage ein? benenfalls Antworten befinden, und die
Interviewten werden dann aufgefordert,
In Umfragen von Meinungsforschungsin- die drei wichtigsten von vielleicht zehn vor-
stituten wird gerne die Frage gestellt, ob gegebenen Kategorien heraus zu suchen
die Befragten meinen, die Kriminalität in oder bei jeder Kategorie getrennt zu sa-
Deutschland sei während des jeweiligen gen, ob nach ihrer Meinung die Behand-
Prof. Dr. Hans-Jürgen Kerner ist Direktor Jahres im Vergleich zu den Vorjahren lung und/oder Bekämpfung „ganz wich-
des Instituts für Kriminologie der Eber- gleich geblieben, gefallen oder gestie- tig“, „wichtig“, „weniger wichtig“ oder
hard-Karls-Universität Tübingen. Nach gen. Die Mehrheit der Befragten pflegt sogar „ganz unwichtig“ ist.
Stationen als Professor für Kriminologie dann zu antworten, dass die Kriminalität Typischerweise nimmt „Kriminalität“ bei
und Jugendstrafrecht in Bielefeld, als Pro- gestiegen sei. offenen Fragen nur einen niederen Rang-
fessor und Direktor des Seminars für Ju- Es scheint in der Geschichte der Befragun- platz ein. Im Vordergrund stehen meist
gendhilfe und Jugendrecht in Hamburg gen in der Nachkriegszeit auf der einen Probleme der Arbeitslosigkeit, der Ren-
leitet Prof. Dr. Hans-Jürgen Kerner das Tü- Seite noch nicht vorgekommen zu sein, ten, der Wirtschaftsentwicklung insge-
binger Institut. Das Institut für Kriminolo- dass die Mehrheit zur Antwortvorgabe samt oder die Sicherung der Krankenver-
gie ist bestrebt, den bisher üblicherweise „gleich geblieben“ oder gar „gefallen“ sorgung. Bei geschlossenen Fragen wird
auf die jeweilige Bezugswissenschaft be- gegriffen hat. Es scheint auch keinen Be- dagegen die Kriminalitätsbekämpfung
schränkten Forschungsansatz zu krimi- fund dahin gehend zu geben, dass die Be- regelmäßig hoch bewertet bzw. als be-
nologischen Fragestellungen durch ein völkerung Baden-Württembergs in ihrer sonders wichtig bezeichnet. Man ist sich
interdisziplinäres und letztlich spezifisch Einschätzung in signifikanter Weise von heute einig, dass solches Antwortverhal-
kriminologisches Vorgehen zu ersetzen. der Bevölkerung anderer Bundesländer ten nicht notwendigerweise widersprüch-
Diese interdisziplinäre Ausrichtung zeigt abweicht. lich sein muss.
die Zusammensetzung des wissenschaft- Auf der anderen Seite haben mehrfach Im ersten Fall scheinen nämlich die Men-
lichen Teams, dessen Mitglieder nicht nur wiederholte, auch von Wissenschaftlern schen die Sorgen auszudrücken, die sie all-
aus der Rechtswissenschaft und der Psy- durchgeführte Befragungen zur Krimina- täglich berühren, manchmal sogar umtrei-
chiatrie kommen, sondern auch aus der litätseinschätzung, zum Opferwerden ben. Bei jungen Menschen geht es eher um
Psychologie, der Soziologie, der Sozialar- und zur Kriminalitätsfurcht ziemlich re- Arbeit, bei älteren Menschen eher um Ge-
beit bzw. Sozialpädagogik und neuer- gelmäßig zum Ergebnis gehabt, dass die sundheit und soziale Absicherung oder die
dings auch aus der Informatik. befragten Bürger die Kriminalitätslage in Furcht vor dem Verlust nahestehender Per-
ihrem näheren Umfeld oder in ihrer Stadt sonen. Die Besorgnis über die Kriminali-
Bei Umfragen zur Kriminalitätsbelastung günstiger einschätzen als die Lage in tätslage oder über die Kriminalitätsent-
pflegen die Befragten stets zu antworten, ihrem Bundesland, und dass das eigene wicklung gerät dem gegenüber in den
dass die Kriminalität gestiegen sei. Diese Land wiederum günstiger abschneidet als Hintergrund, sofern sie an sich überhaupt
Beobachtung wird jedoch relativiert, wenn die Bundesrepublik Deutschland insge- merklich vorhanden ist. Sie kann aber bei
man die Befragungsinstrumente, die per- samt. Diese Haltung bzw. Einstellung der besonderen Vorkommnissen, wie einzel-
sönlichen Dispositionen und die Opfer- Bürger ist relativ unabhängig davon, was nen spektakulären Verbrechen, oder bei
erfahrungen der Befragten eingehender Fachleute, z. B. aus der Polizei, über die Aufmerksamkeit erregenden Berichten in
betrachtet. Nimmt man zunächst die Poli- örtlichen Verhältnisse berichten oder wie den Massenmedien, beispielsweise zur
zeiliche Kriminalstatistik (PKS) als Grund- sich die überregionale Kriminalitätslage „bedrohlich ansteigenden organisierten
lage, so zeigt sich für Baden-Württemberg nach amtlichen Quellen darstellt. Kriminalität“, psychisch aktualisiert wer-
eine vergleichsweise günstige Kriminali- Und schließlich gibt es einen dritten inter- den. Geschlossene Fragen setzen sozusa-
tätsbelastung. Allerdings gilt es, die amt- essanten Befund: Wenn man die Men- gen, im zweiten Fall, den entsprechenden
lichen Statistiken einer differenzierten schen, beispielsweise in direkten Inter- Stimulus auch ohne konkreten Anlass ein
Analyse zu unterziehen. Die Aussagekraft views, mit so genannten offenen Fragen und wecken damit eine dazu stimmige
wird dann präziser, wenn man nach den über aktuelle oder grundsätzlich be- Antworttendenz bei den Befragten.
Deliktformen unterscheidet und die Ent- sonders wichtige Probleme in Deutschland
wicklung der Kriminalität im Längsschnitt konfrontiert, antworten sie anders als bei Opfererfahrungen und
betrachtet. Die Überlegungen von Hans- so genannten geschlossenen Fragen. Mit Kriminalitätsfurcht
Jürgen Kerner zeigen die Wechselwir- dem Fachbegriff der „offenen Fragen“ ist
kungen zwischen Kriminalitätserlebnis- gemeint, dass der Interviewer die Befrag- Personen, die Besorgnis über die Krimina-
sen, der Wahrnehmung und Einschätzung ten auffordert, ihre Ansichten frei zu äu- litätslage oder die Kriminalitätsentwick-
der allgemeinen Lage sowie der realen Kri- ßern, etwa zu der Frage: „Was meinen Sie, lung äußern, müssen schließlich nicht

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notwendigerweise besondere Kriminali-
tätsfurcht haben oder besonders fest da-
von ausgehen, alsbald Opfer einer Straftat
zu werden. Vereinfacht seien zwei mögli-
che Varianten gegenüber gestellt: Der eine
Mensch ist an sich schon wenig furchtsam
und fühlt sich in seiner Umgegend, die er
selten verlässt, recht sicher vor Straftätern,
meint aber aufgrund stetigen Medienkon-
sums, dass die Lage in Deutschland und der
Welt immer schlimmer werde; der andere
Mensch ist an sich schon ganz generell eher
ängstlich, achtet vermehrt auf mögliche
Anzeichen von Gefahren in seiner Umge-
gend, zum Beispiel mit Graffiti be-
schmierte Wände in Unterführungen, liest
Nachrichten über Straftaten in der eige-
nen Stadt mit geschärfter Aufmerksam-
keit, interessiert sich aber wenig dafür, was
anderswo vorgeht.
Personen, die Opfer von leichten oder
mittelschweren Straftaten wurden, äu-
ßern nach dem Ergebnis wiederholter
Untersuchungen im allgemeinen keine
höhere Kriminalitätsfurcht als Nichtopfer,
manchmal sogar weniger Furcht. Ganz
schwere Verbrechen können dagegen
einen Menschen für ein Leben lang
schwer zeichnen oder seine Gesundheit
und sein Wohlbefinden nachhaltig beein-
trächtigen, ihn auch grundlegend mis-
strauisch gegen andere Menschen wer-
den lassen. Die letztere Folge liegt auf der
Hand, auch wenn sie wiederum nicht in
jedem einzelnen Fall eintreten muss. Die
erstere Folge leuchtet unmittelbar weni-
ger ein. Sie hängt unter anderem wohl
damit zusammen, dass Menschen oft statt
einer klar ausgeprägten konkreten Krimi-
nalitätsfurcht eher diffuse Angstgefühle
haben, die sich steigern können. Wenn
ihnen dann etwas Bestimmtes passiert, ist
die Unbestimmtheit vorbei, und viele
können hinterher realistischer mit Erwar-
tungen, Befürchtungen und Situationen
umgehen.
Einzelne spektakuläre Verbrechen, die von Massenmedien entsprechend aufgegriffen
Die Kriminalitätslage nach der werden, können in der Bevölkerung Besorgnis über die Kriminalitätsentwicklung
Polizeilichen Kriminalstatistik auslösen. Foto: dpa

Auch in Baden-Württemberg wird die ob-


jektive Kriminalitätslage regelmäßig und rens ändern oder der Beschuldigte kann schen Sicherheitsbericht der Bundesregie-
hauptsächlich aus den Angaben der sogar ganz ohne förmliche Verurteilung rung wurde der bislang umfangreichste
Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) her- davon kommen, wenn das Verfahren ge- und für die Bundesrepublik auch in dieser
geleitet. Das soll erst weiter unten (im gen so genannte Auflagen, wie der Zah- Form erstmalige Versuch unternommen,
3. Abschnitt) in einigen Grundzügen lung eines Geldbetrags an eine gemein- die Schwächen separater Betrachtungen
problematisiert werden. An dieser Stelle nützige Einrichtung, eingestellt wird. zu vermeiden und die Lage in einer Zu-
mag es fürs Erste genügen, sich klar zu Umgekehrt gilt es freilich zu bedenken, sammenschau der verschiedenen Statisti-
machen, dass die Polizeiliche Kriminalsta- dass die strafrechtliche Wahrheit über ken und unter Nutzung weiterer Quellen
tistik unter den amtlichen Nachweisen zur einen Fall bzw. einen Beschuldigten oft detaillierter und verlässlicher zu analysie-
Kriminalität die zeitlich und sachlich „tat- erst durch das Hauptverfahren und insbe- ren.
nächste“ Quelle bildet und insoweit be- sondere die mündliche Beweisaufnahme Baden-Württemberg steht nach der Poli-
sondere Aufmerksamkeit im Vergleich in der Hauptverhandlung verbindlich ge- zeilichen Kriminalstatistik im Konzert der
etwa zur Geschäftsstatistik der Staatsan- klärt werden kann, polizeiliche Einschät- Länder vergleichsweise sehr günstig da,
waltschaften bzw. zur so genannten zungen mithin nur vorläufig und, manch- wie die folgende Tabelle 1 ergibt. Zum ge-
Strafverfolgungsstatistik verdient, welche mal unvermeidlich, unvollständig sind. naueren Verständnis sind mindestens
die Aburteilungen und Verurteilungen Unter solchen und vielfältigen anderen zwei Hinweise erforderlich: Die Polizeili-
(erst) nach rechtskräftigem Abschluss von Umständen spiegelt die Strafverfolgungs- che Kriminalstatistik lässt im Gegensatz
Strafverfahren vor den Strafgerichten statistik die Gegebenheiten verlässlicher zur Strafverfolgungsstatistik die Ver-
widerspiegelt. Vom Abschluss polizei- wider als die Polizeiliche Kriminalstatistik kehrsdelikte seit langen Jahren außen
licher Ermittlungen bis zum Eintritt der (PKS). Zusammen gefasst ist es also wage- vor. Durch die Berechnung und Verwen-
Rechtskraft eines Urteils kann, insbeson- mutig bis im Extremfall leichtfertig, „die“ dung von Häufigkeitszahlen, d.h. der
dere bei wiederholter Einlegung von Kriminalität, wie es verbreitet geschieht, Anzahl von bekannt gewordenen Ver-
Rechtsmitteln, erhebliche Zeit ins Land ausschließlich aus der Perspektive einer gehen und Verbrechen je 100.000 An-
gehen, auch kann sich die tatbestandliche einzigen amtlichen Statistik bestimmen gehörige der gemeldeten Wohnbe-
Einstufung von Handlungen, unter Um- bzw. beurteilen zu wollen. Mit dem im völkerung, werden im Querschnitt Be-
ständen mehrfach, im Verlauf des Verfah- Jahr 2001 vorgelegten Ersten Periodi- völkerungsunterschiede zwischen den

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Tabelle 1: Kriminalität in den deutschen Bundesländern im Jahr 2001 tätsproduktion“ bewirken. Sie können
hier nicht entfaltet werden. Auch erlaubt
Bundesland Häufigkeitszahl Rangplatz der knappe Raum nur eine Auswahl aus
Hamburg 18.569 1 der Gesamtheit der entsprechenden
Städte für die Tabelle 2. Anhand dieser
Berlin 16.920 2
Auswahl wird aber das Bild hinreichend
Bremen 14.119 3 plastisch.
Mecklenburg-Vorpommern 10.370 4
Eigentums- und Straßenverkehrs-
Brandenburg 9.475 5 delikte machen das Gros aus
Sachsen-Anhalt 9.025 6
Im Querschnitt einzelner Berichtsjahre
Schleswig-Holstein 8.808 7 lässt sich der nach einem kriminalistisch-
Durchschnitt der neuen Länder 8.515 x kriminologischen Schlüssel sehr differen-
zierenden Polizeiliche Kriminalstatistik
Sachsen 7.952 8
seit Jahrzehnten konstant entnehmen,
Gesamter Bundesdurchschnitt für 7.736 xx dass der Diebstahl in allen seinen Varian-
die Bundesrepublik Deutschland ten die amtlich registrierte Kriminali-
Nordrhein-Westfalen 7.642 9 tät dominiert; Ladendiebstahl, Diebstahl
aus Kraftfahrzeugen und Fahrraddieb-
Durchschnitt der alten Länder 7.579 x stahl stehen üblicherweise vorne an.
einschließlich Gesamt-Berlin Den zweiten Platz im Kriminalitätsge-
Niedersachsen 7.152 10 schehen nehmen die Straßenverkehrs-
delikte ein, was aber nur über die so
Hessen 6.746 11 genannten Rechtspflegestatistiken er-
Thüringen 6.610 12 schlossen werden kann. In der Polizei-
lichen Kriminalstatistik folgen auf dem
Rheinland-Pfalz 6.501 13 zweiten Platz als Hauptgruppe die „son-
Bayern 5.751 14 stigen Straftaten“ mit Dominanz der
Sachbeschädigung und dann die Vermö-
Saarland 5.675 15
gens- und Fälschungsdelikte mit Domi-
Baden-Württemberg 5.473 16 nanz des Betruges. Die anderen Delikts-
Quelle: PKS 2001 Baden-Württemberg. Stuttgart 2001, S. 15–16.
bereiche fallen deutlich ab. Bei den
Rohheitsdelikten dominiert die Körper-

Ländern, und im Längsschnitt Bevölke- Tabelle 2: Kriminalitätsbelastung ausgewählter Städte im Jahr 2001
rungsschwankungen in und zwischen den
Ländern neutralisiert. In der Rangfolge Name der Stadt Häufigkeitszahl
der Belastung stehen nach dem letzten Alle Städte über 500.000 Einwohner, geordnet nach der Einwohnerzahl
verfügbaren Berichtsjahrgang 2001, ver-
gleichbar wie schon in früheren Jahren, Berlin (3.382.169) 16.920
die Stadtstaaten Hamburg, Berlin und Hamburg (1.715.392) 18.569
Bremen ganz oben. Es folgen gleich drei
der Flächenstaaten im Osten, nämlich München (1.210.223) 9.660
Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sach- Köln (962.884) 12.494
sen, sozusagen unterbrochen vom Rang
Frankfurt am Main (646.550) 15.016
des Landes Schleswig-Holstein, das schon
fast traditionell eine recht hohe Belas- Essen (595.243) 9.634
tung aufweist. Baden-Württemberg , das
Dortmund (588.994) 9.608
sich mit Bayern und dem Saarland die
untersten und damit für die Sicherheits- Stuttgart (583.875) 8.612
lage günstigsten Plätze teilt, gehört tradi- Düsseldorf (569.364) 12.805
tionell zu den geringer belasteten Län-
dern, nimmt aber nicht immer wie im Jahr Bremen (539.403) 14.359
2001 den (sachlich betrachtet) Spitzen- Hannover (515.001) 14.128
platz ein.
Nun erscheint die Gegenüberstellung von Duisburg (514.915) 8.448
Stadtstaaten und Flächenstaaten insoweit Ausgewählte Städte mit weniger als 500.000 Einwohnern
ungerecht, als in Städten im Vergleich
Leipzig (493.2308) 13.588
zum flachen Land, und in Großstädten
dann noch einmal verstärkt, vielfältige Nürnberg (488.400) 9.075
kriminogene Einflüsse wirksam sind, die Dresden (477.807) 10.326
in Rechnung gestellt werden müssen. Je-
doch zeigen auf Städte separat ausgerich- Wuppertal (366.434) 7.684
tete Berechnungen ebenfalls erhebliche Mannheim (306.729) 10.782
Spannweiten. Die vom Bundeskriminal-
amt aufbereitete und herausgegebene Karlsruhe (278.558) 10.280
Polizeiliche Kriminalstatistik für ganz Freiburg (205.102) 13.336
Deutschland listet alle Städte ab 100.000
Einwohner auf. Sie macht deutlich, dass Heidelberg (140.259) 9.416
die Größe der Kommunen allein die Vari- Heilbronn (119.305) 7.234
anz nicht zu erklären vermag, und dass
Ulm (117.232) 8.310
(auch) manche Baden-Württembergi-
schen Städte recht günstig abschneiden. Pforzheim (117.156) 8.023
Offenbar gibt es Gründe und Hinter- Reutlingen (110.650) 7.332
gründe, einschließlich regionaler Traditio-
nen, die eine unterschiedliche „Kriminali- Quelle: PKS Bundesrepublik Deutschland 2001. Wiesbaden 2002, S. 50–51.

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verletzung, bei den Verstößen gegen die richterstattung mit geprägt wird, keinen Erstens sind so genannte Tatsachen, die
so genannten strafrechtlichen Nebenge- Anstieg, sondern sogar einen Rückgang dem Feld der Kriminalität zugehören,
setze dominieren die Rauschgiftdelikte. gegeben. So stehen den 444 Fällen von nicht einfach gegeben, sondern müssen
Bei den Delikten gegen die sexuelle vollendetem/versuchten Mord und Tot- immer erst von Menschen wahrgenom-
Selbstbestimmung steht der „sonstige se- schlag im Jahr 1994 (Höchststand seit men und in einer bestimmten Art und
xuell Missbrauch“ im Vordergrund. Bei 1992) noch 311 Fälle im Jahr 2001 gegen- Weise interpretiert werden, bevor sie im
den Tötungsdelikten ist zu berücksichti- über. Bei den Sexualdelikten gab es persönlichen Leben echte Bedeutung ge-
gen, dass es sich meistens um Versuche Schwankungen nach oben und unten zwi- winnen. Zweitens fühlt sich nicht jeder
handelt. schen gut 5.000 und knapp 6.000 Fällen; nach einem ihn betreffenden Ereignis
Die folgende auszugsweise Auflistung im Jahr 2001 waren es genau 5.876 Fälle, zum Handeln aufgerufen. Und drittens
der absoluten Zahlen von enger defi- darunter 912 Vergewaltigungen bzw. se- sind nicht alle Handlungen erfolgverspre-
nierten Deliktsbereichen bzw. Einzelde- xuelle Nötigungen. Die angezeigten Fälle chend im Sinne der Aufklärung von Taten,
likten lässt die Größenordnungen sicht- des sexuellen Missbrauchs von Kindern der Überführung und schließlich gegebe-
bar werden (Quelle: PKS 2001, Baden- betrugen 1.862 im Jahr 1992, gingen nenfalls auch Bestrafung von Tätern.
Württemberg. Stuttgart 2002, S. 21–23): dann vorübergehend auf bis zu knapp Die für die öffentlich aufscheinende Krimi-
Diebstahl ohne 1.600 Fälle zurück, um schließlich im Jahr nalitätslage wichtigste Handlungsalterna-
erschwerende Umstände: 1.494.434 2001 wieder die 1.800er-Grenze zu über- tive ist diejenige, ob man das Vergehen
Diebstahl unter schreiten (genau: 1.810 Fälle). Die Polizei oder Verbrechen, dessen Opfer man selber
erschwerenden Umständen: 95.067 in Baden-Württemberg hat nicht nur die geworden ist oder das man bei anderen ge-
Vermögens- und Fälschungs- an sich wenig aussagekräftige Gesamt- sehen oder von anderen berichtet bekom-
delikte: 94.911 Aufklärungsquote steigern können (1992 men hat, bei den Strafverfolgungsbehör-
Sachbeschädigung: 70.240 = 49,9 %, 2001 = 57,8 %), sondern auch den, das heißt normalerweise bei der
Körperverletzung: 39.926 die Aufklärungsquote bei einzelnen für Polizei, anzeigt oder eben nicht anzeigt
Rauschgiftdelikte: 30.208 das Sicherheitsgefühl der Bürger be- und die Sache anderweitig regelt oder auf
Beleidigung: 18.559 sonders wichtigen Delikten, wenngleich sich beruhen lässt. Was aber nicht ange-
Freiheitsberaubung, auf sehr unterschiedlichem Level. zeigt wird, bleibt, wie der Fachbegriff sagt,
Nötigung u.a.: 13.797 Unter den bei aufgeklärten Delikten er- im „Dunkelfeld“. Aus bislang nur wenigen
Raub und räuberische Erpressung: 3.739 fassten Tatverdächtigen spielen insbeson- Forschungen glaubt die Wissenschaft
Sexueller Missbrauch von Kindern: 1.810 dere die männlichen Jugendlichen und schließen zu können, dass im Bereich der so
Vergewaltigung und Heranwachsenden eine hervorgehobene genannten klassischen Kriminalität (wie
sexuelle Nötigung: 1.374 Rolle. Wurde über lange Jahre hinweg na- Mord und Totschlag, Raub, Vergewalti-
Erpressung: 593 mentlich bei den nichtdeutschen Jugend- gung, Körperverletzung und Einbruchs-
Totschlag und Tötung lichen auf eine in dieser Altersgruppe diebstahl) um die neunzig Prozent der po-
auf Verlangen: 201 noch einmal gesteigerte Belastung hinge- lizeilichen Ermittlungsverfahren, die das
Mord: 110 wiesen, so ist seit Mitte der 90er Jahre mit „Hellfeld“ repräsentieren, aufgrund von
Im Längsschnitt betrachtet hat sich die den jungen männlichen Spätaussiedlern Hinweisen aus der Bevölkerung eingelei-
amtlich registrierte Kriminalität (auch) in eine neue „Problemgruppe“ hinzuge- tet werden. Neben ausdrücklichen Straf-
Baden-Württemberg seit den 60er Jahren kommen. Weil sie rechtlich korrekt als anzeigen oder förmlichen Strafanträgen
nach den absoluten Zahlen ziemlich stetig Deutsche erfasst werden, ist in Baden- können dies beispielsweise auch vertrauli-
nach oben entwickelt. Von den Häufig- Württemberg wie in den meisten anderen che persönliche Mitteilungen, anonyme
keitszahlen her ist die Trendlinie flacher. Bundesländern eine einigermaßen ver- Alarmierungen über den polizeilichen
Am Anfang der 90er-Jahre, also nach der lässliche Erfassung ihrer Kriminalität nur Notruf oder anonyme Briefe sein, denen
Wiedervereinigung, gab es zunächst einen auf dem Weg von aufwändigen Sonder- nachgegangen werden muss und wird, so-
deutlichen Anstieg mit dem Kulminations- erhebungen bzw. -auswertungen mög- fern nur dadurch ein so genannter An-
punkt, wie regelmäßig in den anderen lich. Auf alle weiteren Details zu den Fra- fangsverdacht entsteht.
Ländern auch, im Jahr 1993. Die damals er- gen von Alter, Geschlecht, Herkunft und Opfer und ihre Angehörigen sind die häu-
reichte Häufigkeitszahl von 6.103 bekannt Gruppenzugehörigkeit, Mehrfachtäter- figsten Anzeigeerstatter. Der Löwenanteil
gewordenen Vergehen und Verbrechen schaft, Gruppenhandeln, Waffenge- der amtlich bekannt gewordenen Kri-
auf je 100.000 gemeldete Einwohner ist brauch u.a. kann hier nicht eingegangen minalität wird demnach durch diese Per-
seither, bei kleineren Schwankungen im werden. sonen „gesteuert“. Wenn also Krimina-
übrigen, nie mehr erreicht worden. Der litätsopfer und andere Betroffene aus
Wert für das Jahr 2001 betrug 5.473. So be- Hat die Kriminalitätseinschätzung bestimmten Gründen ihr Anzeigeverhal-
trachtet hat sich also die Entwicklung der einen Einfluss auf die objektive ten kurzfristig oder im Lauf der Zeit än-
Kriminalität in Baden-Württemberg recht Kriminalitätslage? dern, steigt oder sinkt die offizielle Krimi-
dauerhaft stabilisiert. nalität selbst dann, wenn die Zahl der
Unter den früher relativ stark gestiege- Die im ersten Abschnitt dargelegten Ge- konkreten Erlebnisse der Opfer und der
nen Delikten befanden sich auch Gewalt- sichtspunkte bilden nur einen Ausschnitt anderen Personen gleich geblieben sein
delikte wie der Raub und die Körperver- aus einem breiteren und komplexen Pro- sollte. Ein öffentlich berichteter besonders
letzung. Beim Raub (mit räuberischer blemfeld. Manche Facetten sind bis heute schneller Kriminalitätsanstieg kann mehr
Erpressung und Autostraßenraub) ist noch nicht überzeugend geklärt. Aber Menschen als vorher dazu bewegen, nun
diese Entwicklung in den 90er Jahren ab- warum soll das Ganze überhaupt bedeut- ihrerseits die Zurückhaltung aufzugeben
gestoppt worden. Die Fälle schwankten sam und weiterer Erforschung wert oder und ihren Fall anzuzeigen, was wiederum
zwischen rund 4.000 und knapp 5.000 auf sogar bedürftig sein? Und was hat es ins- in der Summe vieler Anzeigen eine zusätz-
und ab, im Jahr 2001 wurde dann der besondere mit der „tatsächlichen“ Krimi- liche „Kriminalitätssteigerung“ bewirken
überhaupt geringste Wert in der gesam- nalität im Lande und mit ihrer möglichen, würde, welche geeignet wäre, bei anderen
ten Dekade festgestellt, d. h. es waren natürlich von der Mehrheit der Menschen Personen gesteigerte Besorgnis über die
genau 3.739 Fälle. Bei der Körperverlet- gewünschten, möglichst guten Kontrolle Bedrohlichkeit der Kriminalitätslage aus-
zung setzt sich hingegen der Sorge erwe- bzw., wie die Strafverfolgungsinstitutio- zulösen, und so fort in einer Art sich selbst
ckende Trend fort. Waren es 1992 noch nen gerne formulieren, erfolgreichen verstärkenden Zirkels.
26.848 registrierte Fälle, so stiegen die „Bekämpfung“ zu tun? Auch die Antwort
Zahlen mit nur kleinen Schwankungen auf diese Fragen ist nicht ganz einfach. Im Darf man amtlichen Statistiken
seither stetig an, um im Jahr 2001 den vor- Überblick gesagt: Insgesamt müssen wir überhaupt trauen?
läufigen Spitzenwert mit genau 39.926 von Wechselwirkungen zwischen Krimi-
Fällen zu erreichen. nalitätserlebnissen, der Wahrnehmung Heißt das nun, dass man deshalb den amt-
Bei den Tötungsdelikten hat es entgegen der allgemeinen Lage und der Kriminali- lichen Angaben, wie sie vor allem in der
einer verbreiteten öffentlichen Wahrneh- tätseinschätzung sowie der realen Krimi- Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) nie-
mung, die gewiss durch die Medienbe- nalitätsentwicklung ausgehen. dergelegt werden, überhaupt nicht

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trauen kann? Es gibt in der Tat Stimmen, Wirklichkeit der Kriminalität desto besser gehilfen von Versicherungsgesellschaf-
die sagen, bei der Polizeilichen Kriminal- abbildet, je gewichtiger die Vergehen ten, und statistisch wird die bekannt ge-
statistik handele es sich um nichts weiter und Verbrechen sind. Das Gewicht wird wordene Kriminalität zur Funktion des
als um einen Arbeitsnachweis der Polizei entweder durch die Höhe des materiellen Versicherungs-Sättigungsgrades in einer
bezüglich der von ihr in einem bestimm- Schadens oder durch die Schwere persön- Gesellschaft. Im Unterschied zur oben er-
ten Geschäftsjahr durchgeführten Ermitt- licher Verletzungen oder sonstiger Beein- wähnten Kfz-Entwendung folgt daraus
lungsverfahren und deren Ergebnissen. trächtigungen bestimmt und ist mit ent- als Konsequenz: Ein Kriminalitätsanstieg
Mit der wahren Kriminalität habe das scheidender, durchaus rationaler, Faktor kann erst dann als plausibel gesichert gel-
kaum etwas zu tun, allenfalls mit der so des Anzeigeverhaltens. Sodann spielt der ten, wenn zusätzliche Erhebungen erge-
genannten Kriminalisierung von Sachver- Umstand eine starke Rolle, ob der gestoh- ben, dass im beobachteten Zeitraum
halten und Personen. Richtig ist daran, lene bzw. beschädigte Gegenstand versi- weder die Versicherungskondition geän-
dass die Polizeiliche Kriminalstatistik je- chert ist. dert wurden noch die durchschnittliche
denfalls auch einen Arbeitsnachweis dar- Im Feld von Pflichtversicherungen hat dies Schwere der Schadensfälle merklich ge-
stellt. Und unabweisbar ist die Schlussfol- einen gleichmäßigen Effekt. Am Beispiel stiegen ist. Die in der deutschen Polizei-
gerung, dass die „wirkliche“ Kriminalität des Kfz-Diebstahls erläutert: Einige Leute lichen Kriminalstatistik bislang gebräuch-
in einem Land niemals durch ein einziges fahren selber gestohlene oder unterschla- lichen Schadenseinstufungen sind je-
Erhebungs- oder Nachweisverfahren be- gene Autos und werden sich vor einer An- denfalls, wie exakt sie auch immer unter
stimmt werden kann. Pointiert formu- zeige hüten, wenn ihnen der Wagen nun strafrechtsdogmatischen Gesichtspunk-
liert: Die Polizeiliche Kriminalstatistik bie- selber entwendet oder beschädigt wird. ten sein mögen, für derartige kriminolo-
tet keinen Beweis in sich, aber immerhin Dasselbe gilt tendenziell für einige an- gische Analysen weitgehend unbrauch-
den Anlass für genaueres Nachdenken dere Leute, die zwar ihr eigenes, aber bar.
und Nachforschen über die tatsächliche eben unversichertes Kraftfahrzeug fah-
Kriminalitätslage! ren. Die übergroße Mehrheit der Kfz-Be- Eine sachliche Analyse vermeidet
Dies kann und sollte durch Anwendung sitzer verhält sich legal, wird also anzei- vorschnelle Schlüsse
anderer Verfahren geschehen, etwa die gen, um den Wagen zurück oder von der
Durchführung regelmäßiger repräsen- Versicherung Ersatz zu bekommen. Dem- Es dürfte schon mit diesen wenigen exem-
tativer Opferbefragungen (wie in Holland gemäß ergibt sich aus Opferbefragungen plarischen Darlegungen einsichtig gewor-
und England), oder die Nutzung ande- international der Befund, dass die Anzei- den sein, dass und wie sehr es darauf an-
rer objektbezogener Informationsquellen gerate hier im Schnitt zwischen 95 % und kommt, in dem sensiblen Gebiet der
(wie beim Kfz-Diebstahl gelegentlich 98 % liegt. Und das heißt im Ergebnis: die Inneren Sicherheit allgemein und der Kri-
die Auswertung von Daten der Sachver- Polizeiliche Kriminalstatistik spiegelt in minalitätslage im besonderen genau zu
sicherungsgesellschaften), oder die sys- etablierten Staaten in normalen Zeiten analysieren, Befunde aus verschiedenen
tematische und genau vergleichende Ver- exakt wider, was draußen im Lande wirk- Quellen oder Nachweisen miteinander zu
wertung von Praxiserfahrungen in be- lich geschieht. vergleichen und gegen einander abzuwä-
stimmten Feldern (wie beispielsweise die Schwieriger wird die Analyse schon bei gen, sowie sich mit vorschnellen Schlüssen
Befragung von Lehrern über Gewalt unter freiwilligen Versicherungen, wie etwa der und namentlich Maßnahmen zurück zu
Jugendlichen in der Schule). In Deutsch- Hausratsversicherung. Dort nahm die Ent- halten. In einer sehr globalen Gesamt-
land generell, aber auch speziell in Baden- wicklung vor einigen Jahren bei den Fahr- würdigung ist freilich kaum anzweifelbar,
Württemberg gehört ein derartiges Vor- rädern einen so dramatisch ansteigenden dass Baden-Württemberg im Konzert der
gehen zur absoluten Ausnahme. Mithin Verlauf, dass die Versicherungsgesellschaf- deutschen Länder und auch im Kreis der
könnte man drastisch verschärfend das fol- ten genauer nachforschten. Und im Ergeb- europäischen Staaten günstig positioniert
gende Fazit ziehen: Wie die Kriminalität nis kamen sie zu dem begründeten Ver- ist. Bei allen Schwierigkeiten, die an ein-
hierzulande wirklich aussieht, weiß nie- dacht, dass immer mehr an sich ordentliche zelnen Orten und in einzelnen Kriminali-
mand! In einzelnen Städten oder kleineren Bürger ihre Fahrräder unzutreffend als ge- tätsfeldern festzustellen sein mögen, gilt
Regionen wurden und werden freilich von stohlen gemeldet und damit gegebenen- insgesamt, dass die Bürgerinnen und Bür-
der Polizei im Zusammenwirken mit kom- falls einen strafbaren Betrug begangen ger in diesem Land sicher leben. Durch die
munalen Einrichtungen und anderen Be- hatten, um z. B. „endlich auch mal was aus europäische Dimension stellen sich den
teiligten (auch Wissenschaftlern) so ge- der Versicherung heraus zu holen“. Darauf Behörden neue Herausforderungen, die
nannte Kriminologische Regionalanalysen hin wurden die Versicherungsbedingun- bisher insbesondere durch enge Koordi-
durchgeführt. Diese sind regelmäßig für gen geändert. Bis heute scheint niemand nation und Kooperation mit den benach-
sich genommen sehr aufschlussreich, bil- genau landesweit oder sogar bundesweit barten Staaten bzw. Regionen gut aufge-
den im übrigen eine brauchbare Vorstufe herausgearbeitet zu haben, auch niemand fangen werden konnten.
für das angesprochene weiter reichende bei der Polizei, wie weit die merklichen
Ziel. Schwankungen in der offiziellen „Dieb-
Aufgrund empirischer Erhebungen müs- stahlsrate“ bei den Fahrrädern zeitlich mit
sen wir auf der einen Seite davon ausge- den Schadensmeldungen bei den Versiche- Literaturhinweise
hen, dass das Dunkelfeld durchweg sehr rern (auch) im Verbund mit den Änderun-
Bundeskriminalamt (Hrsg.): Polizeiliche Kriminalsta-
hoch ist. Im Schnitt werden kaum mehr als gen bei der Versicherungsbedingungen tistik 2001. Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden
fünfzig Prozent der als solche erlebten korrelieren. 2002
Bundesministerium des Innern/Bundesministerium der
Straftaten an die Polizei oder die Staatsan- Aber auch wenn solche freiwilligen Versi- Justiz (Hrsg.): Erster Periodischer Sicherheitsbericht.
waltschaft oder das Strafgericht weiter ge- cherungen nicht strafbar ausgenutzt wer- Bonn 2001
meldet. Und bezüglich der Erfassung von den: Es tritt schon dann ein „künstlicher“ Landeskriminalamt Baden-Württemberg (Hrsg.): Poli-
zeiliche Kriminalstatistik Baden-Württemberg 2001.
Tätern sowie deren Eigenschaften (Alter, Effekt ein, wie er in Wiederholungsstu- Stuttgart 2002
Geschlecht, Nationalität, Beruf, Vorbelas- dien in Bochum aufgezeigt werden Heinz, W.: Kriminalpolitik an der Wende zum 21. Jahr-
hundert: Taugt die Kriminalpolitik des ausgehenden
tungen usw.) kommt erschwerend hinzu, konnte, wenn immer mehr Bürger wert- 20. Jahrhunderts für das 21. Jahrhundert? In: Bewäh-
dass im Schnitt erst seit jüngerer Zeit volle Gegenstände erwerben (können), rungshilfe, 2/2000, S. 131–157
die Aufklärungsquote bundesweit wieder diese dann tendenziell immer vollständi- Heinz, W.: Konstanzer Inventar zur Kriminalität und
Konstanzer Inventar zur Strafverfolgung. Internet-
über fünfzig Prozent gestiegen ist, also an- ger versichern, und schließlich im Verlust- Angebot unter http://www.uni-konstanz.de/rtf/kik/
ders betrachtet in rund der Hälfte aller fall eben wegen des hohen Wertes ten- (bzw. kis)
Kerner, H.-J./Jehle, J.-M./Marks, E. (Hrsg.): Entwicklung
Fälle nicht geklärt werden kann, wer als denziell ausnahmslos ihre Versicherung der Kriminalprävention in Deutschland. Mönchenglad-
Tatverdächtiger in Betracht kommt. Und auch tatsächlich bemühen, die ebenfalls bach 1998
Walter, M.: Jugendkriminalität. Stuttgart u.a., 2. Auf-
längst nicht alle Verdächtigen werden gerade wegen des hohen Betrages nur lage 2002
dann am Ende des Verfahrens auch verur- zahlen will und wird, wenn der den Ver- Wetzels, P. u. a.: Jugend und Gewalt. Eine repräsenta-
teilt und bestraft. lust meldende Versicherte den Nachweis tive Dunkelfeldanalyse in München und acht anderen
deutschen Städten. Hannover 1999 (KFN-Forschungs-
Auf der anderen Seite hat sich regelmäßig einer Anzeige bei der Polizei vorlegt. bericht)
gezeigt, dass die Polizeiliche Kriminalsta- Funktional wird die Polizei dadurch bis zu
tistik die wie immer gestaltete wahre einem gewissen Grad zum Verrichtungs-

8
Ein komplexes und schwierig zu fassendes Phänomen

Kriminalitätsfurcht und ihre Ursachen


Von Helmut Kury und Joachim Obergfell-Fuchs

gen Zusammenhang zwischen Verbre- Form von Kriminalstatistiken zu registrie-


chensfurcht und tatsächlicher Kriminali- ren, wobei die Problematik des Dunkelfel-
tätsbelastung gibt. Obwohl das Konstrukt des, d.h. der nicht von der Polizei erfassten
„Kriminalitätsfurcht“ methodisch schwer Straftaten zwar früh gesehen, aber erst
zu fassen ist, kommen deutsche und inter- seit Ende der 1960er-Jahre durch das Auf-
nationale Studien zu diesem übereinstim- kommen so genannter „Opferstudien“
menden Ergebnis. Die von Helmut Kury („Victim Surveys“) systematisch – ausge-
und Joachim Obergfell-Fuchs vorgestell- hend von verschiedenen US-amerikani-
ten Studien belegen, dass die individuelle schen Städten (Ennis 1967) – angegangen
Ausprägung von Verbrechensfurcht weit- wurde. Dieses neue Instrumentarium, das
gehend unabhängig ist von der Krimi- mit dem Aufblühen der Umfragefor-
nalitätsbelastung. Vielmehr wird sie be- schung seit 1989 auch in Deutschland
einflusst von dem in den Medien dar- bundesweit, davor schon bei regional be-
gestellten „Kriminalitätsbild“, von der grenzten Städtestudien (Schwind u.a.
politischen „Großwetterlage“, von ver- 1975), zum Einsatz kommt (Kury 1991;
schiedenen demografischen Merkmalen Kury u.a. 1992; 2000), bietet die Möglich-
der Bürger und Bürgerinnen (z.B. Ge- keit, neben Opfererlebnissen und deren
schlecht und Alter), von ihren Lebensbe- Anzeige auch Informationen zur Verbre-
dingungen sowie von der Persönlichkeit chensfurcht und zu Sanktionseinstellun-
des Einzelnen. Von daher scheint die gen oder Präventionsmaßnahmen zu er-
Prof. Dr. Helmut Kury lehrt an der Albert- Schaffung und Umsetzung kriminalprä- heben. Im Laufe der Zeit wurden die
Ludwigs-Universität Freiburg und ist ventiver Maßnahmen vielversprechender Umfragen mehr und mehr ausdifferen-
wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max- zu sein als der Ruf nach unangemessenen ziert und verfeinert. Neuere Methoden,
Planck-Institut für ausländisches und Reaktionen des Staates und härteren Stra- wie telefonische Befragungen oder Um-
internationales Strafrecht. Seit mehr als fen für die Täter. Red. fragen über das Internet, erleichterten
15 Jahren führt Prof. Dr. Helmut Kury einerseits die Datenerhebung, sind we-
Untersuchungen über Opfer von Straf- Kriminalitätsfurcht ist sentlich kostensparender und schneller
taten durch. keine neue Erscheinung umzusetzen als die noch immer verbreite-
ten schriftlichen und persönlichen Befra-
Die Furcht vor Straftaten, insbesondere gungen, bringen jedoch andererseits auch
selbst Opfer zu werden, ist, wie die Krimi- enorme methodische Probleme mit sich,
nalität, keine neue Erscheinung. Histori- insbesondere wenn es um die Erfassung
sche, literarische und neuerdings elektro- sensibler Themen geht, wie sie manche Be-
nische Zeugnisse weisen einerseits auf die reiche der Kriminalität, insbesondere se-
verbreitete Faszination des „Grusels“, an- xuelle Opferwerdungen, darstellen. Die
dererseits aber auch auf das subjektive massenhafte Durchführung solcher Stu-
Gefühl des Bedrohtseins hin. So gehören dien, oft nur mit schnell und ad hoc zu-
Kriminalromane seit jeher mit zu den be- sammengestellten Fragebögen, führen
liebtesten Literaturgattungen. Wenn nun teilweise zu Resultaten, deren Aussage-
von politischer oder auch medialer Seite kraft wenig abschätzbar ist, was auch die
vielfach der Eindruck zu erwecken ver- nicht selten widersprüchlichen Ergebnisse
sucht wird, es sei noch nie so schlimm mit deutlich machen. Was Kriminalitätsfurcht
der Kriminalität gewesen wie zur Zeit, so betrifft ist das Fatale solcher Resultate viel-
lehrt die Geschichte anderes (Eisner 1994; fach, dass es hierbei um eine Größe geht,
2001), wenngleich auch davon ausgegan- „mit der politisches Handeln initiiert und
gen werden kann, dass dieser Eindruck begründet wird. Das heißt, die Ergebnisse
eines Kriminalitätsanstiegs wohl zu allen von Befragungen zu diesem Thema haben
Zeiten zum kollektiven Alltagswissen der Konsequenzen“ (Kreuter 2002, S. 15). Das
Bürger gehörte (Kerner 1980, S. 87). Aber weist auf die politische Verantwortung der
Dr. Joachim Obergfell-Fuchs ist wissen- auch der bewusste Einsatz von Angst als Forscher in diesem Bereich hin, die seit den
schaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck- Mittel der Steuerung hat eine lange Tra- 1960er-Jahren enorm zugenommen hat.
Institut für ausländisches und internatio- dition und spielt nach wie vor eine große Hale, der 1996 einen Überblick über die
nales Strafrecht. Seine Forschungs- und politische Rolle, wenn vor Bundes- oder bis dahin vorliegenden Ergebnisse gibt,
Arbeitsschwerpunkte sind: Opferfor- Landtagswahlen das Thema „Kriminali- schätzt, dass in den letzten 30 Jahren mehr
schung, Kriminalprävention, Privatisie- tät“ und „Innere Sicherheit“ aufgegriffen als 200 Artikel, Bücher und sonstige Veröf-
rung von Sicherheit, Strafeinstellungen, wird mit dem Versprechen, nun „endlich“ fentlichungen zu dem Thema erschienen
Opfer und Täter von Sexualstraftaten. etwas gegen die „steigende Kriminalität sind, wobei er nur die englischsprachige Li-
und Unsicherheit“, neuerdings vor allem teratur berücksichtigt. Allein im deutsch-
Kriminalitätsfurcht ist eine Größe, die oft- gegen „Sexualstraftäter und Kinder- sprachigen Bereich dürften in derselben
mals (partei)politisches Handeln initiiert schänder“, zu unternehmen. Zeit mindestens weitere 50 Veröffentli-
und begründet. Steigende Furcht vor Ver- chungen hinzukommen, die sich mit die-
brechen führt häufig zu Forderungen an Die Messung der Kriminalitätsfurcht: sem Thema beschäftigen.
die Politik, etwas gegen die „überhand- Ein methodisches Problem
nehmende“ Kriminalität zu tun. Im glei- Das Konstrukt „Kriminalitätsfurcht“
chen Atemzug werden schärfere Gesetze So sehr Kriminalität ein „Thema“ der ist schwer zu erfassen
und härtere Sanktionen gefordert. Die kri- Menschheit ist, begann man erst vor ca.
minologische Forschung hingegen zeigt, 170 Jahren in einzelnen Ländern bzw. Lan- Schwächen der Erforschung der Krimina-
dass es keinen bzw. allenfalls einen gerin- desteilen und Städten, sie systematisch in litätsfurcht – bzw. des Kriminalitätsge-

9
werden. So zeigen Studien mit neutralem
Kontext oft relativ niedrige Furchtwerte.
Den enormen Einfluss, den die Gestaltung
einer Umfrage auf deren Ergebnisse hat,
konnte auch anhand anderer Themen,
z.B. Sanktionseinstellungen, gezeigt wer-
den (Kury 1993; Kury/Würger 1993).
Hinzu kommen schließlich noch Stichpro-
beneinflüsse. Vielfach werden Opferstu-
dien nicht an repräsentativen Bevölke-
rungsstichproben durchgeführt, sondern
an Subgruppen, was die Frage der Verall-
gemeinerbarkeit der Resultate aufwirft.
Dies zeigt, dass die Ergebnisse zur Verbre-
chensfurcht mit Vorsicht zu interpretieren
sind. Das wird auch dadurch bestärkt, dass
solche Resultate sich unter dem Einfluss
bestimmter und aktueller Ereignisse (z. B.
besonders schwerer Straftaten), vor allem
wenn diese in den Medien breit und spek-
takulär aufbereitet werden, rasch ändern
können.

Kriminalitätsfurcht in Deutschland:
Einige Hintergründe
Der Stoff aus dem Kriminalitätsfurcht gemacht ist: sich zusammenrottende und ge-
walttätige Jugendliche in dunklen Hauseingängen. Das Bild erinnert an eine Szene aus Das Thema Kriminalitätsfurcht hat in
dem Filmklassiker „Uhrwerk Orange“ von Stanley Kubrick. Foto: dpa Deutschland vor allem Ende der 1980er-,
Anfang der 1990er-Jahre an Bedeutung
und öffentlichem Interesse gewonnen. In
schehens insgesamt – haben sich in den meine Furcht „nachts draußen“ erhoben diese Zeit fällt der Zusammenbruch des
letzten Jahren und Jahrzehnten im Zu- wird, die nichts mit Kriminalität zu tun früheren „Ostblocks“ und die Wiederver-
sammenhang mit den in den Studien haben muss. Wer hier Furcht angibt, kann einigung Deutschlands, ein Ereignis, das
mehr und mehr zu Tage geförderten Er- dies tun, weil er sich allgemein vor der in beiden Landesteilen mit großer Eupho-
kenntnissen zunehmend gezeigt. Die zu- Dunkelheit fürchtet oder vor der Gefahr, rie gefeiert wurde, hatte man doch jahr-
verlässige Erfassung eines komplexen einen Unfall zu erleiden. Hinzu kommt, zehntelang darauf gehofft. Bald zeigte
Konstrukts wie „Verbrechensfurcht“ – dass ein komplexes Phänomen wie Ver- sich jedoch, dass die versprochenen „blü-
aber auch „Kriminalität“ selbst –, etwa brechensfurcht nicht mit einer einzigen henden Landschaften“ auf sich warten
dessen Abgrenzung von anderen furcht- Frage zu erfassen ist. Entsprechend wur- ließen, der enorme politische und gesell-
besetzten Ereignissen, ist schwierig und den teilweise umfangreichere Fragenka- schaftliche Wandel Geld kostete und eine
bis heute nicht überzeugend gelungen. taloge eingesetzt, die dann auch erga- Fülle von Problemen zu überwinden
Zu Recht wird von Kritikern teilweise ge- ben, dass Verbrechensfurcht mehrere waren. Die zeitlich einhergehende Öff-
fragt, ob es Furcht ist, was die Verbre- Dimensionen umfasst, wie beispielsweise nung der Grenzen in Europa brachte zwar
chensfurchtforschung misst, oder „etwas eine „emotionale“ und eine „kognitive“ viele Annehmlichkeiten mit sich, aller-
anderes“ (Smith und Torstensson 1997, (vgl. Obergfell-Fuchs/Kury 1996). Je nach- dings auch das Problem vermehrter Zu-
S. 609; Hale 1996; Hough 1995). Allein dem, welches Item zur Erfassung der Ver- wanderung, Erleichterungen nicht nur für
die Operationalisierung der Verbrechens- brechensfurcht eingesetzt wird, fallen die Touristen, sondern auch für (organisierte)
furcht, d.h. die angemessene Art ihrer Ergebnisse anders aus. Das zeigt sich bei- Straftäter. Neue Kommunikationsmedien,
Messung, bereitet Schwierigkeiten und ist spielsweise auch darin, dass die in insbesondere das Internet, trugen im Rah-
schon bei den deutschen Studien unter- Deutschland gefundenen Resultate deut- men wachsender Globalisierung zu ver-
schiedlich, von internationalen ganz zu lich zwischen unterschiedlichen Studien mehrter Vernetzung – auch krimineller
schweigen. Das bereitet entsprechend variieren. Längsschnittvergleiche sind auf- Organisationen – bei.
Probleme beim Vergleich der Resultate grund dieser methodischen Probleme Die Kriminalitätsbelastung in den frühe-
verschiedener Untersuchungen. Teilweise kaum möglich, da man nie sicher sein ren sozialistischen Ländern, so z.B. in der
versucht man, dieses Problem dadurch zu kann, ob die gefundenen Unterschiede DDR, war (deutlich) niedriger als in den
reduzieren, dass man auf das so genannte auf eine Veränderung der Befindlichkeit westlichen Ländern, auch der Bundesre-
„Standarditem“ zurückgreift, das auf die in der Bevölkerung zurückzuführen sind publik Deutschland. Die offizielle Krimi-
ersten Opferuntersuchungen in den USA oder durch die methodischen Unter- nalitätsbelastung in der früheren DDR
zurückgeht. In Deutschland wurde dieses schiede bewirkt wurden. betrug etwa 10% derjenigen West-
Item in zahlreichen Studien etwa in der Hinzu kommt, dass die Erfassung der Ver- deutschlands und war unter politischem
Form eingesetzt: „Gibt es eigentlich hier brechensfurcht und vergleichbarer Berei- Einfluss erheblich „geschönt“. Nach Be-
in der unmittelbaren Nähe – ich meine, so che nicht nur von der Operationalisierung rechnungen lag die Kriminalitätsbelas-
im Umkreis von einem Kilometer – irgend- und Formulierung der Items abhängt, tung in der früheren DDR gegen Ende
eine Gegend, wo Sie nachts nicht alleine sondern auch von dem Kontext, in wel- deren Existenz etwa bei einem Drittel bis
gehen möchten?“ In anderen Studien fin- chem die Konstrukte abgefragt werden zur Hälfte derjenigen Westdeutschlands
den sich leicht abgeänderte Fassungen, (Kreuter 2002, S. 160ff.; Kury u.a. 2003a; (von der Heide/Lautsch 1991; Kerner 1997,
wie: „Wie sicher fühlen Sie sich oder wür- 2003b). Auch in „Victim Surveys“ (d.h. Op- S. 347). Nach der Wende, als sich in den
den Sie sich fühlen, wenn Sie hier in die- ferstudien) ist entscheidend, in welchem neuen Bundesländern mehr und mehr
ser Gegend nachts draußen alleine sind?“ Gesamtzusammenhang die Fragen ste- westliche Lebensbedingungen ergaben,
(Kreuter 2002, S. 47). Dieses Item setzte, hen: Wird die Furcht etwa nach den Op- stieg – erwartungsgemäß – auch die Kri-
jedoch weniger aufgrund seiner Qualität ferfragen oder davor erfasst. Wird den minalitätsbelastung auf Westniveau, teil-
und Messgenauigkeit als seiner jahrzehn- Befragten z.B. nach den Opferitems die weise sogar darüber, wie einige Untersu-
telangen nationalen und internationalen Frage nach der Verbrechensfurcht ge- chungen vermuten lassen (Kury u.a.
Nutzung, „Standards“. Seine Messgenau- stellt, ist aufgrund der vorangegangenen 2000). Das bedeutet aber, dass innerhalb
igkeit wurde immer wieder kritisiert. So Sensibilisierung durch diese Fragen mit von wenigen Jahren die Kriminalitätsbe-
wurde beispielsweise zu Recht darauf hin- höheren Werten zu rechnen, als wenn die lastung in den neuen Bundesländern auf
gewiesen, dass mit der Frage eine allge- Furchtfragen gleich zu Beginn gestellt das Doppelte bis Dreifache stieg. Eine

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solch deutliche Steigerung konnte von desländern deutlich belegen. Kury u.a. Es gibt nur wenige Längsschnittdaten
der Bevölkerung nicht unbemerkt blei- (1992, S. 230ff.) führten Ende 1990, direkt zur Verbrechensfurcht
ben, vor allem deshalb nicht, weil diese nach der Wende, eine erste große Opfer-
von den zahlreichen neu gegründeten studie in Ost- und Westdeutschland Die wenigen kontinuierlichen Längs-
Medien in ihrem Konkurrenzkampf um durch, bei welcher 7.000 Bürger im Alter schnittdaten zur Verbrechensfurcht, die
Leser und Zuschauer begierig aufgegrif- ab 14 Jahren befragt wurden. Bereits zu wir in Deutschland haben, gehen auf die
fen wurde, nach dem alten Rezept, dass diesem Zeitpunkt zeigte sich in Ost- seit 1991 jährlich durchgeführte Umfrage
sich neben „Sex“ vor allem „Crime“ gut deutschland eine geringfügig höhere Ver- der R+V-Versicherung zu den „Ängsten der
verkauft. brechensfurcht als in den alten Bundes- Deutschen“ zurück. Hierbei werden je-
In diesem Kontext war zu erwarten, dass ländern. So schätzten 13,0% der West- weils Zufallsstichproben von ca. 2.000 re-
die „Kriminalitätsfurcht“ auch im Zu- und 17,3% der Ostdeutschen ihre Wohn- präsentativ ausgewählten Bundesbürgern
sammenhang mit allgemeinen deutlich gegend als zumindest „ziemlich unsicher“ befragt, die Daten sind somit weitgehend
größeren Verunsicherungen der Bevölke- ein, „sehr“ bzw. „ziemlich unsicher“ fühl- verallgemeinerbar. Das Erhebungsinstru-
rung aufgrund der Veränderungen durch ten sich nachts alleine in der Wohnge- ment ist jeweils dasselbe. Die Auswertung
die Wende steigen würde. Die westdeut- gend 23,3% der West- und 33,0% der Ost- erfolgt getrennt nach Ost- und Westdeut-
sche Bevölkerung erlebte durch die deutschen und 12,7% der West- und schen. Erfasst werden zum einen die Angst
Wende zwar weniger Veränderungen 14,6% der Ostdeutschen gaben an, dass vor allgemeinen Lebensrisiken, wie Krank-
und die Medienberichterstattung über sie immer bestimmte Orte in der Wohn- heit, Pflegefall im Alter oder Arbeitslosig-
Kriminalität war man gewohnt. Aller- gegend bei Dunkelheit meiden würden. keit, zum anderen die Angst, Opfer einer
dings machte sich auch hier zu Beginn der Kury u.a. (2000) befragten Ende 1991, An- Straftat zu werden.
90er-Jahre eine zunehmende Verunsiche- fang 1992 weitere ca. 5.600 Bürger ab dem Ein Längsschnittvergleich über die Mittel-
rung breit, einerseits geschürt durch ver- 14. Lebensjahr in Jena und Freiburg sowie werte aller erfassten Lebensrisiken, ein-
mehrte Berichte einer angeblich oder tat- jeweils umliegenden kleineren Orten. Was schließlich einer kriminellen Viktimisie-
sächlich steigenden Kriminalität, z.B. im die Verbrechensfurcht betrifft, ergab sich rung, zeigt vor allem zweierlei: Zum einen
Bereich der Sexualstraftaten, vor allem nun ein deutliches Auseinanderklaffen der war die Einschätzung der Lebensrisiken
hinsichtlich sexuellen Kindesmissbrauchs. beiden Landesteile. So gaben 4,3% der kurz nach der Wende (1991) in Ost- und
Hinzu kamen andererseits weitere wach- Freiburger an, dass sie sich nachts in der Westdeutschland weitgehend gleich, in
sende gesellschaftliche Probleme, die zur Wohnung unsicher fühlten, in Jena waren Ostdeutschland tendenziell sogar eher
Verunsicherung der Bevölkerung beitru- dies dagegen nicht weniger als 9,5%, also niedriger als in Westdeutschland (vgl. Ab-
gen, wie z.B. steigende Gesundheitskos- ungefähr doppelt so viele. Was das Unsi- bildung 1). Der Mittelwert über alle Le-
ten, unsichere Renten und insbesondere cherheitsgefühl nachts allein in der Wohn- bensrisiken war 1991 so niedrig wie in den
wachsende Arbeitslosigkeit. Unter dem gegend (Standarditem) betrifft, zeigte Folgejahren nie wieder, d.h. die Ost- und
Stichwort der „Globalisierung“ öffneten sich dieselbe Entwicklung (Kury u.a. 2000, Westdeutschen fühlten sich damals mit
sich mehr und mehr Grenzen, ergaben S. 550f.). In Freiburg gaben 45,3%, also na- relativ wenigen Lebensrisiken konfron-
sich neue Möglichkeiten, gleichzeitig hezu die Hälfte an, dass sie sich nachts al- tiert bzw. schätzten die Gefahr weniger
aber auch gewaltige Herausforderungen, leine in ihrer Wohngegend auf der Straße dramatisch ein. Zum anderen stiegen ab
denen sich Politik und Wirtschaft zu stel- „sehr“ bzw. „etwas unsicher“ fühlten. In dann die Werte in beiden Landesteilen bis
len hatten und die nicht zuletzt beim ein- Jena waren dies dagegen 68,4%, also we- 1993 deutlich an, gingen 1994 parallel
zelnen Bürger zu Ängsten und dem Ge- sentlich mehr. etwas zurück, um ab dann bis 1996/97 er-
fühl mangelnder Beherrschbarkeit der Dies deutet, bei aller Problematik solcher neut anzusteigen. Der Anstieg ab 1991
sich zeigenden Anforderungen führten. Vergleiche allein wegen der unterschied- war in Ostdeutschland erheblich deut-
In dieser zunehmenden „Risikogesell- lichen Stichproben, auf einen Anstieg der licher als in Westdeutschland und führte
schaft“ (Beck 1986) bekam das Thema Verunsicherung hin, genau dies war vor dazu, dass in Ostdeutschland die abge-
„Kriminalität“ eine besondere, auch dem Hintergrund der obigen Überlegun- fragten Lebensrisiken seither wesentlich
wachsende politische Bedeutung. Die stei- gen im Zusammenhang mit den gesell- deutlicher und ausgeprägter erlebt wer-
gende „Verbrechensfurcht“, ausgedrückt schaftlichen Entwicklungen nach der den als in Westdeutschland. Die Diskre-
und auch verstärkt durch die Boulevard- Wende auch zu erwarten – vor allem in panz zwischen den beiden Landesteilen
medien und deren Forderung an die Poli- den neuen Bundesländern. erhöhte sich ab 1997 nochmals: Während
tik etwas gegen die „überhandnehmen-
de“ Kriminalität zu tun, führte meist zu
Versprechungen von (primärpräventiven) Abbildung 1: Die Ängste der Deutschen 1991–2001. Mittelwerte der erfragten Straf-
Maßnahmen, die kaum oder gar nicht um- taten und allgemeinen Lebensrisiken in Ost- und Westdeutschland
gesetzt wurden, und sich oftmals nur in
schärferen Gesetzen und härteren Sank-
tionen erschöpften. Damit traf und trifft
man allerdings den Wunsch großer Teile
der Bevölkerung, welche die Lösung des
„Kriminalitätsproblems“ vor allem in här-
teren Sanktionen sehen – auch das ein
immer wieder gefundenes Resultat inter-
nationaler Kriminalitätsforschung.

Kriminalitätsfurcht in Deutschland –
Unterschiede zwischen Ost und West

Zur Verbrechensfurcht fehlen in Deutsch-


land vor dem Hintergrund der beschrie-
benen methodischen Probleme vor allem
systematische Längsschnittstudien, wie
sie in anderen Ländern vorliegen, in Groß-
britannien z.B. in Form der „British Crime
Survey“. Einzelne Studien konnten jedoch
die erwarteten Entwicklungen hinsicht-
lich eines Anstiegs der Verbrechensfurcht
in Deutschland zu Beginn der 1990er-
Jahre einerseits und andererseits be-
sonders hoher Werte in den neuen Bun-

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Abbildung 2: Presseberichterstattung zu Kindesmissbrauch im Vergleich zur Zahl der Medienberichte zu dem Thema (Rüther
Sexualmorde (PKS) 1998; siehe auch Abbildung 2). Eine
solche, aus kriminologischer Sicht um-
Entwicklung Sexualmorde (PKS)
strittene Gesetzesverschärfung lässt sich
letztlich nur mit der Entwicklung der öf-
Presseberichterstattung Kindesmissbrauch
fentlichen Diskussion, vor allem der hier
medial geschürten Ängste gegenüber
dieser Tätergruppe begründen (Rückert

Zahl Presseberichte
2003).
HZ Sexualmorde

Vergleicht man die Entwicklung der Ver-


brechensfurchtwerte mit den Furchtwer-
ten der allgemeinen Lebensrisiken, zeigt
sich eine deutliche Parallelität (vgl. Abbil-
dung 1). Aufwärts- und Abwärtsbewe-
gungen verlaufen weitgehend parallel. Es
zeigt sich aber auch, dass in den letzten
Jahren die Verbrechensfurcht gegenüber
anderen „Ängsten“ zurückgetreten ist.
Hierbei ist jedoch zu beachten, dass die in-
tensive Diskussion um das Thema Verbre-
1970 1972 1974 1976 1978 1980 1982 1984 1986 1988 1990 1992 1994 1996 1998
chensfurcht und Kriminalitätsentwick-
Jahr lung in der Öffentlichkeit in den letzten
Jahren vielfach den Eindruck erweckte,
der Mittelwert über alle Lebensrisiken in 2000, wo sich jeweils ein kurzfristiger An- dass es sich hierbei um „das“ zentrale
Westdeutschland eine rückläufige Ten- stieg zeigt. Auch nähern die Verbrechens- Problem der Gesellschaft handle, was je-
denz zeigte, blieb er in Ostdeutschland furchtwerte sich in beiden Landesteilen doch, wie die Untersuchung deutlich
relativ stabil mit eher steigender Tendenz insbesondere 2002 erheblich an. Im Ver- macht, nie der Fall war. Abbildung 3 zeigt
bis 1999. Im Jahre 2000 war der Unter- gleich zu 1991 erreichen sie in West- die Einschätzung der einzelnen abgefrag-
schied zwischen beiden Landesteilen so deutschland etwa denselben Wert, in Ost- ten Lebensrisiken im Vergleich. Hieraus
groß wie nie zuvor. Während die Werte deutschland sinken sie deutlich ab. geht hervor, dass die Angst, Opfer einer
in Ostdeutschland allerdings bis 2002 Der Anstieg der Verbrechensfurcht ab Straftat zu werden, im Jahr 2002 erst an
kontinuierlich sanken, blieben sie in 1991, insbesondere auch ab 1994 in Ost- 16. Stelle genannt wird, nach Umweltzer-
Westdeutschland ab 2000 konstant und und Westdeutschland dürfte mit der ver- störung oder auch Vereinsamung sowie
stiegen im letzten Jahr leicht an. Offen- mehrten Medienberichterstattung zum geringerem Lebensstandard im Alter.
sichtlich nähern sich beide Landesteile Thema Kriminalität, insbesondere zum se-
wieder an, allerdings auf einem deutlich xuellen Kindesmissbrauch ab der ersten Kriminalitätsfurcht im
höheren Niveau als 1991. Hierin drückt Hälfte der 90er-Jahre zusammenhängen internationalen Vergleich
sich, vor dem Hintergrund der gesell- (Rüther 1998, S. 247). Die ausführliche
schaftlichen Entwicklung, auch die ge- und emotional geführte Berichterstat- Internationale Daten zur Verbrechens-
genwärtig stärkere Verunsicherung der tung einzelner Fälle sexuellen Kindesmiss- furcht liegen vor allem aus der seit 1989
Bevölkerung aus. brauchs mit Todesfolge mündete in der inzwischen viermal durchgeführten Inter-
Betrachtet man die Entwicklung der Unsi- breiten Forderung nach härteren Sanktio- national Crime and Victimization Survey
cherheitswerte für Ost- und Westdeutsch- nen und trug letztlich zur Verabschie- (ICVS) vor (vgl. van Kesteren u.a. 2000).
land nur bezogen auf die abgefragten dung des „Gesetzes zur Bekämpfung von Deutschland hat hier allerdings nur 1989,
Straftaten, zeigt sich ein etwas anderer Sexualdelikten und anderen gefährlichen also bei der ersten Erhebung teilgenom-
Verlauf (vgl. Abbildung 1). Relativ rasch Straftaten“ im Jahr 1997 bei. Es war der men (Kury 1991). Was die Ergebnisse von
nach der Wende (1991) waren die Ängste Eindruck entstanden, es handle sich bei 1989 betrifft, die sich nur auf West-
der Ostdeutschen, Opfer einer Straftat zu den Sexualmorden um eine Strafta- deutschland beziehen, da die Datenerhe-
werden, hiernach bereits erheblich ausge- tengruppe mit steigender Tendenz, bung vor der Wende erfolgte, zeigen sich
prägter als bei den Westdeutschen. Das ist wenngleich die Zahlen der Polizeilichen im internationalen Vergleich für West-
vor dem Hintergrund der erheblichen Kriminalstatistik (PKS) für die letzten deutschland relativ hohe Werte. So geben
Verunsicherung direkt nach der Wende, Jahrzehnte das Gegenteil zeigen. Was nahezu 40% der Westdeutschen und
der rasch zunehmenden Kriminalitätsbe- allerdings deutlich stiegt, ist die Zahl der damit mehr als in allen anderen einbezo-
lastung, des Erlebens der „Unfähigkeit“
der Polizei, das „Kriminalitätsproblem“ in Abbildung 3: Die Ängste der Deutschen 2002. Rangreihe der Mittelwerte aller Lebens-
den Griff zu bekommen und der Zunahme risiken
der Kriminalitätsberichterstattung in den
Medien verständlich. 1991 war dieser Pro-
zess bereits voll im Gange. Die Ergebnisse
unserer Studien zur Situation zur Wende-
zeit (vgl. oben) deuten darauf hin, dass
die Unterschiede damals noch geringer
waren. Vor der Wende dürfte das Sicher-
heitsgefühl hinsichtlich Kriminalität in
der früheren DDR größer gewesen sein als
in der alten Bundesrepublik. So waren in
der früheren DDR die Sicherungsmaßnah-
men der Bürger gegen eine kriminelle
Opferwerdung deutlich geringer als in
Westdeutschland.
Im Laufe der Zeit dürften sich die Bürger
mehr und mehr an die neue Situation ge-
wöhnt haben, was auch zu einem Rück-
gang der Verbrechensfurcht ab 1996 bei-
getragen haben dürfte. Ab 1996 sinken
die Verbrechensfurchtwerte in beiden
Landesteilen mit Ausnahme des Jahres

12
genen westlichen Industrieländern an, Abbildung 4: Die Ängste der Deutschen 2002. Mittelwerte der Kriminalitätsfurcht und
dass sie abends wenn sie ausgehen, Vor- Häufigkeitsziffern der Straftaten getrennt nach Bundesländern
sichtsmaßnahmen treffen (sich begleiten
lassen bzw. bestimmte Gegenden mei-
den). Fast genauso hoch sind die Werte in
England und Wales sowie den USA, nied-

Häufigkeitsziffer
riger dagegen in Nordirland, Finnland
und Norwegen. Auch die Einschätzung, in

Mittelwert
den nächsten zwölf Monaten Opfer eines
Einbruchs zu werden, fällt in West-
deutschland vergleichsweise hoch aus. Er-
neut haben die Deutschen den höchsten
Wert, mit Abstand gefolgt von den Häufigkeitsziffer Straftaten
Schweizern. Die niedrigsten Werte haben Mittelwert Furcht
die Finnen und Norweger.
Bei aller Problematik solcher internatio-

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Beginn der 1990er-Jahre waren. Solche

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Aussagen sind jedoch vor dem Hinter- Quellen: R + V Infocenter für Sicherheit und Vorsorge (Studie der Gesellschaft für Konsumforschung)
grund der oben angedeuteten methodi-
schen Probleme, die sich bei internationa- und Wochen, wodurch der Eindruck ent- tung dieser Länder anhand der Polizei-
len Vergleichen noch verschärfen, mit stehen kann, dass diese Straftaten einen lichen Kriminalstatistik (PKS) 2001, so er-
großer Vorsicht zu treffen. wesentlichen Teil des Kriminalitätsgesche- geben sich kaum, höchstens minimale
Was den Rückgang der Kriminalitäts- hens ausmachen. Tatsächlich sieht das Zusammenhänge. Abbildung 4 zeigt zu-
furchtwerte in Deutschland ab etwa Mitte „offizielle“ Kriminalitätsbild jedoch ganz nächst das bereits bekannte Resultat, dass
der 90er-Jahre betrifft, zeigen sich in eini- anders aus, wobei auch dieses nur ein die Angstwerte hinsichtlich einer Viktimi-
gen anderen Ländern, die an der Interna- verzerrtes Bild der „Kriminalitätsrealität“ sierung durch Straftaten am höchsten in
tional Crime and Victimization Survey abgibt (Kerner/Feltes 1980; Kury 2000; ostdeutschen Bundesländern (Sachsen,
(ICVS) teilnahmen, vergleichbare Entwick- 2001). Mecklenburg-Vorpommern) sind. Gleich-
lungen. So ging die Kriminalitätsfurcht in Die weitgehende Unabhängigkeit der in zeitig macht die Abbildung deutlich, dass
den 90er-Jahren ebenfalls mehr oder we- einem Land oder einer Region bzw. ei- die Angst vor Straftaten offensichtlich
niger deutlich zurück in Ländern wie ner Gemeinde gemessenen Verbrechens- wenig mit der tatsächlichen Kriminalitäts-
Polen, England und Wales, Schottland furcht von der gemessenen Kriminalitäts- belastung zu tun hat. So haben z.B.
und den Niederlanden. Angestiegen ist belastung zeigt sich auf internationaler Schleswig-Holstein und Hamburg sehr
sie nach diesen Daten dagegen in der als auch auf nationaler Ebene. So ist bei- niedrige Angstwerte, zeigen aber eine
Schweiz, Frankreich oder Belgien. spielsweise Japan eines der Industrielän- hohe tatsächliche Kriminalitätsbelastung,
der mit einer konstant sehr niedrigen of- während dies für Sachsen umgekehrt gilt.
Kriminalität und Kriminalitätsfurcht – fiziellen Kriminalitätsbelastung. Auch die Dagegen fallen wiederum in Berlin,
Gibt es einen Zusammenhang? Dunkelfeldkriminalität liegt hier relativ Niedersachsen und Bremen hohe bzw.
niedrig. Gleichzeitig ist die Verbrechens- niedrige Furcht- und Kriminalitätswerte
Die Bevölkerung bzw. Laien gehen in der furcht jedoch keineswegs geringer als in zusammen. „Kriminalitätsfurcht“ umfasst
Regel davon aus, dass die Kriminalitäts- westeuropäischen oder nordamerikani- offensichtlich, wie oben erwähnt, ein
furcht ihre „Berechtigung“ in einer ent- schen Industrieländern (vgl. bereits Ishii Konglomerat verschiedener Ängste und
sprechend hohen Kriminalitätsbelastung 1979), was eigentlich bei der relativ gro- Unsicherheitsgefühle (vgl. Kury u.a.
hat, dass also eine große bzw. steigende ßen Sicherheit auch im öffentlichen Raum 2000).
Zahl von (schweren) Straftaten den Hinter- zu erwarten wäre. Bei der letzten Welle Auch auf kommunaler Ebene ist der Zu-
grund abgibt für die Verunsicherung der der International Crime and Victimization sammenhang zwischen Kriminalitätsbe-
Bürger. Die kriminologische Forschung Survey (ICVS) aus dem Jahre 2000 zeigte lastung und Verbrechensfurcht nur gering
zeigt dagegen – erwartungsgemäß – kei- Japan im Vergleich aller Länder über- (Obergfell-Fuchs 2001, S. 462ff). So fanden
nen bzw. allenfalls einen geringen Zu- durchschnittliche Furchtwerte, deutlich wir bei einer großen Opferstudie in Frei-
sammenhang zwischen Verbrechens- höhere als sie z.B. in den USA gefunden burg keinen wesentlichen Zusammen-
furcht und Kriminalitätsbelastung. Höher wurden, obwohl dort die Kriminalitätsbe- hang zwischen der Zahl der angegebenen
ist der Zusammenhang einzuschätzen zwi- lastung erheblich höher ist als in dem asi- Opferwerdungen in den einzelnen Stadt-
schen der Medienberichterstattung über atischen Land (van Kesteren u.a. 2000, teilen sowie der Angst, Opfer einer Straftat
Kriminalität und entsprechenden Ängsten S. 81). zu werden (vgl. Abbildung 5). Die Krimina-
(vgl. Beckett/Sasson 2000). Hierbei ist zu Auch ein Vergleich der Resultate der litätsbelastung ist in den einzelnen Stadt-
beachten, dass das in den Medien ver- International Crime and Victimization teilen zwar enorm unterschiedlich, die Ver-
mittelte Bild der Kriminalität völlig ver- Survey (ICVS) zeigt bestenfalls einen ge- brechensfurcht steht hiermit jedoch kaum
zerrt ist. Dies überrascht nicht, wenn man ringen Zusammenhang zwischen Furcht in Zusammenhang. So zeigen die Bürger
berücksichtigt, dass die Medien aufgrei- vor Straftaten und der erfragten Viktimi- im Freiburger Stadtteil Weingarten eine
fen, was die Bevölkerung (vermeintlich) sierungshäufigkeit. Die höchsten Verbre- sehr hohe Kriminalitätsfurcht, gleichzeitig
interessiert bzw. wofür ein „Markt“ ge- chensfurchtwerte über alle drei erfassten liegt die Opferbelastung in diesem Stadt-
schaffen werden kann. Die jeden Tag ge- Befragungswellen hinweg zeigt hier teil jedoch im mittleren Bereich. Im Gegen-
schehenden Ladendiebstähle interessie- Polen, das gleichzeitig eine relativ nied- satz dazu ist die Opferbelastung in der Alt-
ren nicht, ebenso mehr oder weniger rige offizielle Kriminalitätsbelastung hat, stadt (Innenstadt) deutlich am höchsten,
schweren Eigentumsstraftaten, diese ma- die allerdings im Dunkelfeld höher liegt die Verbrechensfurcht jedoch unterdurch-
chen aber ca. zwei Drittel aller registrier- (van Kesteren u.a. 2000, S. 178ff.). Gleich- schnittlich. Auf dieser kleinräumigen
ten Straftaten aus. Wesentlich „interessan- zeitig nimmt die Verbrechensfurcht er- Ebene lassen sich eher als im Bundeslän-
ter“ ist dagegen das „Besondere“, die heblich ab, obwohl die Kriminalitätsbe- dervergleich Ursachen für diese Diskre-
„Seltenheit“. Im Kriminalitätsbereich sind lastung in denselben Jahren gestiegen ist. panzen ausmachen. So dominiert z.B. im
dies vor allem Tötungsdelikte, oft im Zu- Vergleicht man die in der Studie der R+V- Freiburger Stadtteil Weingarten Hoch-
sammenhang mit Sexualität. Solche ver- Versicherungen 2002 gefundenen Angst- hausarchitektur der 1970er-Jahre, die
gleichsweise seltenen Ereignisse werden werte der Deutschen für die einzelnen Wohnbevölkerung setzt sich vor allem aus
umfassend berichtet, teilweise über Tage Bundesländer mit der Kriminalitätsbelas- niedrigen sozialen Schichten zusammen,

13
Abbildung 5: Kriminalitätsfurcht und Opferbelastung auf lokaler Ebene – Das Beispiel schaft Opfer wurde. Wenn das eigene
Freiburg im Breisgau Kind oder der Ehepartner Opfer einer
schweren Straftat wurde bzw. wenn in
der Nachbarschaft eingebrochen wurde,
kann dies erheblichen Einfluss auf das ei-
gene Unsicherheitsgefühl haben.
Wir konnten im Rahmen mehrerer Unter-
suchungen zeigen, dass ein Einfluss der
persönlichen Viktimisierung auf die Ver-
Prozent

Prozent
brechensfurcht nur dann gegeben ist,
wenn es sich um mehrfache Viktimisie-
rungen bzw. um schwere Opferwerdun-
gen handelte. Sowohl für West- als auch
Ostdeutschland zeigte sich auf Landes-
wie auch auf Städteebene, dass die Ver-
brechensfurcht mit der Anzahl der Vik-
timisierungen sowie deren steigender
Schwere statistisch bedeutsam zunimmt
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(vgl. Tabellen 1 und 2). Stets hatten Perso-
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rigsten Furchtwerte. Während Opfer von
Quelle: Obergfell-Fuchs 2001
Nichtkontaktdelikten, bei denen es zwi-
Verwahrlosungserscheinungen treten aus- auch ein wesentlicher Grund dafür gese- schen Täter und Opfer zu keinem persön-
geprägt zu Tage und es herrscht insbeson- hen werden, dass die Verbrechensfurcht in lichen Kontakt gekommen ist (z.B. Be-
dere ein negatives Stadtteilimage, was Großstädten in aller Regel größer ist als in schädigungen am Fahrzeug, Diebstahl
zur Verunsicherung der Bürger beitragen kleinen, ländlichen Gemeinden (Kury u.a. persönlichen Eigentums) geringe Furcht
dürfte. Die Altstadt hat dagegen aufgrund 1992). zeigten, war diese bei Opfern von Kon-
der dort massiv vorhandenen Gelegenhei- taktdelikten, bei denen eine solche Be-
ten (z.B. Kaufhäuser, Gaststätten, hohe Be- Viktimisierung und Kriminalitäts- gegnung stattgefunden hatte (z.B. Raub-
sucherdichte) eine weit höhere Kriminali- furcht – Haben Opfer mehr Angst? delikte) deutlich höher. Eine weitere
tätsbelastung, gleichzeitig werden aber Steigerung ergab sich bei Opfern von Ein-
massive Bemühungen unternommen, um Kontrovers wird die Frage diskutiert, wie- bruchsdelikten (vgl. Tabelle 2). Das weist
den Stadtteil gepflegt und sauber zu hal- weit eine eigene Opferwerdung zu einer darauf hin, dass der größte Teil der Vikti-
ten, was offensichtlich zum Sicherheitsge- Steigerung der Kriminalitätsfurcht bei- misierungen ohne größeren subjektiven
fühl der dort wohnenden Bürger beiträgt. trägt, d.h. inwieweit Opfer von Straftaten Schaden beim Opfer abläuft, dass es aber
Kriminalitätsfurcht wird somit mehr als eine höhere Verbrechensfurcht haben als eine kleinere Gruppe von Opfern gibt, die
durch die Kriminalität selbst – wenn man Nichtopfer (Hale 1996, S. 104ff.). Hierbei durch das kriminelle Ereignis erheblich
vielleicht von relativ extremen Ausprägun- ist zu berücksichtigen, dass der weitaus verängstigt werden und bei schwereren
gen absieht – durch die äußere Erschei- größte Teil aller Straftaten minderschwer, Schäden unter Umständen auch profes-
nung eines Stadtteils geprägt. Was die vielfach Bagatelltaten aus dem Eigen- sionelle Hilfe benötigen.
Bürger auf der Straße sehen, ist nicht so tumsbereich ohne wesentliche persönli-
sehr Kriminalität als vielmehr Verwahrlo- che körperliche oder psychische Verlet- Geschlecht bzw. Alter und
sungserscheinungen, Graffiti, Müll, schwer zung des Opfers sind und daher eher Kriminalitätsfurcht
einzuschätzende Randgruppen und Min- Ärger und Wut als Furcht zurückbleiben.
derheiten, was zum Unsicherheitsgefühl Eine Steigerung der Verbrechensfurcht Aufgrund methodischer Schwierigkeiten
beitragen dürfte. aufgrund eigener krimineller Viktimisie- bei der Operationalisierung und Messung
Das was man kennt, die nähere Wohnum- rung ist lediglich bei auf die Person ge- der Verbrechensfurcht sowie unterschied-
gebung, das eigene Wohnviertel, löst da- richteten (schwereren) Angriffen bzw. licher Stichproben und Vorgehensweisen
bei trotz möglicherweise vorhandener mehrfacher Opferwerdung zu erwarten. bei der Datenerhebung sind die Ergeb-
Problemlagen in aller Regel weniger Ver- Eine Opferwerdung kann sich allerdings nisse zwischen einzelnen Studien vielfach
brechensfurcht aus als fremde Gegenden, auch dann auf die eigene Verbrechens- widersprüchlich. Zu dem wohl stabilsten,
in denen man sich nicht auskennt. Zahlrei- furcht auswirken, wenn eine Person, die international immer wieder bestätigten
che Untersuchungen, etwa aus den USA, einem nahesteht, etwa ein Familienange- Resultat der Verbrechensfurchtforschung
haben immer wieder auf die Bedeutung höriger bzw. jemand aus der Nachbar- zählt, dass Frauen mehr Furcht haben,
des Faktors Nachbarschaft für die Verbre-
chensfurcht hingewiesen (vgl. Reiss 1986; Tabelle 1: Unsicherheitsgefühl nachts draußen allein auf der Straße – Häufigkeit der
Maxfield 1984; Wikström 1995). So konnte Opferwerdung (Deutsch-deutsche Opferstudie 1990 – Freiburg-Jena 1991/92)
beispielsweise gezeigt werden, dass Perso-
nen, welche in einem öffentlichen großen Opfer
Nicht-Opfer
Mietshaus wohnen mehr Furcht zeigen als (Häufigkeit der Opferwerdung)
Vergleichsgruppen, die in kleineren priva-
ten Einheiten leben (Smith 1989, S. 203). 1 2 3 und mehr
Der „Charakter“ und die „Atmosphäre“ ei- % % % % F
nes Wohnviertels, das Gefühl guter Nach- n n n n P
barschaft und befriedigender Kontakte West-Deutsch- 19,4 27,6 37,9 37,6 17,85
haben entscheidenden Einfluss auf das Si-
land 1990 (1362) (421) (153) (85) .000
cherheitsgefühl der Bewohner sowie auf
andere Bereiche des Wohlbefindens. Die Ost-Deutsch- 29,9 38,4 46,7 48,2 20,59
eher anonyme Wohnsituation in Hoch- land 1990 (3575) (1010) (285) (110) .000
hausgebieten hat den Vorteil geringerer
sozialer Kontrolle und weniger Beaufsich- Freiburg 39,8 43,2 46,5 51,6 14,62
tigung, andererseits vermittelt sie auch 1991/1992 (1983) (827) (400) (223) .000
eher das Gefühl, allein zu sein, auch dann, Jena 67,1 68,0 72,7 71,1 3,48
wenn man sich Hilfe und Zuwendung wün-
1991/1992 (1281) (571) (227) (97) .008
schen würde (Taylor u.a. 1984). Hierin kann

14
Opfer einer Straftat zu werden und sich Tabelle 2: Unsicherheitsgefühl nachts draußen allein auf der Straße – Schwere der
unsicherer fühlen als Männer. Das stimmt Opferwerdung (Deutsch-deutsche Opferstudie 1990 – Freiburg-Jena 1991/92)
damit überein, dass Frauen insgesamt,
also nicht nur hinsichtlich Verbrechens- Nicht- Opferwerdung bzgl. Nicht- Nicht-Opfer vs.
furcht, bei Untersuchungen mit entspre- Opfer Opfer deren Schwere Opfer bzgl. der Schwere
chenden Inventaren zu Ängstlichkeit bzw. NO vs. der Opferwerdung
Furcht höhere Werte zeigen als Männer. Opfer
Auch bei zunehmendem Alter wurden in
der Regel höhere Furchtwerte gefunden, Nicht- Ein- Kon- NO NO NO
wobei hier die Resultate verschiedener kon- bruch takt- vs. vs. vs.
Untersuchungen weniger einheitlich aus- takt Eb delikt NkoO EbO KoO
fallen. Gleichzeitig sind Frauen und ältere delikt KoO
Menschen diejenigen Bevölkerungsgrup- NkoO
pen, welche die relativ niedrigste Opfer- % % % % % F F F F
belastung, auch hinsichtlich schwerer Kri-
n n n n n p p p p
minalität, zeigen. Man spricht in diesem
Zusammenhang vielfach vom so genann- West-Deutschland 19,4 31,3 25,1 38,9 32,8 44,28 8,20 11,20 8,16
ten „Kriminalitäts-Furcht-Paradox“. Be- 1990 (1362) (659) (307) (36) (61) .000 .002 .001 .002
gründet werden die höheren Furchtwerte
bei beiden Gruppen, Frauen und älteren Ost-Deutschland 29,9 40,9 35,2 53,6 49,1 50,43 9,31 17,30 11,79
Menschen, mit deren erlebter höherer 1990 (3575) (1405) (781) (84) (108) .000 .001 .000 .001
Vulnerabilität, also dem Gefühl, leichter Freiburg 39,8 45,4 40,0 59,3 38,2 36,83 7,17 15,30 1,35
verletzbar zu sein. Beide Gruppen haben 1991/1992 (1983) (1450) (593) (145) (89) .000 .004 .000 .123
aufgrund geringerer körperlicher Stärke
in der Regel weniger Abwehrmöglichkei- Jena 67,1 69,5 68,7 69,8 56,4 6,98 3,12 0,08 1,28
ten gegenüber jungen männlichen Tä- 1991/1992 (1281) (895) (489) (43) (39) .004 .039 .392 .129
tern, von denen der weitaus größte Teil
der registrierten Straftaten ausgeht, vor
allem derjenigen „Straßenkriminalität“, zu werden). Beide Furchtaspekte wurden ziger Ausnahme der westdeutschen weib-
die angstauslösend ist. Bei Frauen kommt für Opfer und Nichtopfer berechnet (vgl. lichen Kriminalitätsopfer der höchsten Al-
hinzu, dass sie der erhöhten Gefahr einer Abbildungen 6 und 7). tersgruppe (über 69 Jahre alt). Ein Hinter-
sexuellen Viktimisierung, z.B. einer Ver- Was die „emotionale Kriminalitätsfurcht“ grund für dieses Ergebnis kann darin
gewaltigung, ausgesetzt sind, also Opfer betrifft, bestätigen sich für Opfer als auch gesehen werden, dass gerade jüngere
eines Delikts werden können, das oftmals Nichtopfer über alle Altersklassen hinweg Frauen sich der hohen Gefahr ausgesetzt
katastrophale Folgen für das Opfer hat. die höheren Werte bei Frauen im Vergleich sehen, Opfer einer schweren Straftat zu
Neuere Untersuchungen werfen hinsicht- zu Männern. Was jedoch den Zusammen- werden, nämlich einer Vergewaltigung
lich der höheren Verbrechensfurcht bei hang der Verbrechensfurcht mit dem Alter bzw. eines sexuellen Angriffs. Allerdings ist
Frauen auch die Frage auf, wieweit diese angeht, kann das „Kriminalitäts-Furcht- zu beachten, dass das Kriminalitäts-Furcht-
neben der größeren Vulnerabilität auch Paradox“ zumindest für Frauen nicht be- Paradox sich auch bei den Männern nur
durch Faktoren wie einer höheren, nicht stätigt werden: Ältere Frauen haben keine tendenziell nachweisen lässt. Zwar nimmt
entdeckten Opferquote bei Frauen, z.B. höheren Furchtwerte als jüngere, eher das mit steigendem Alter die Verbrechens-
sexuelle Viktimisierungen in der Kindheit Gegenteil ist der Fall. Wie Abbildung 6 furcht zu, wobei die mittleren Altersgrup-
oder Jugend bedingt sein könnten, ferner zeigt, sind es hinsichtlich der „emotiona- pen jedoch die niedrigsten Werte haben,
durch eine bei Frauen vorhandene grö- len Kriminalitätsfurcht“ sowohl bei Nicht- allerdings sind die Unterschiede in aller Re-
ßere Tendenz, solche frühen Lebensereig- opfern als auch bei Opfern die jüngeren gel moderat. Auch hier hat die jüngste Al-
nisse im Gedächtnis zu behalten und von Frauen, die teilweise mit Abstand die höch- tersgruppe (16- bis 19-Jährige) leicht hö-
einem Opferereignis auf andere Gescheh- sten Furchtwerte zeigen, und das sowohl here Werte als z.B. die mittlere (30- bis
nisse zu generalisieren. Bei Männern wird in Ost- als auch Westdeutschland, mit ein- 39-Jährige). Sowohl für Nichtopfer als auch
dagegen vermutet, dass sie solche furcht-
auslösenden Opferereignisse eher baga- Abbildung 6: Emotionale Kriminalitätsfurcht, Alter und Opferwerdung – Deutsch-
tellisieren (Smith/Torstensson 1997). Diese deutsche Opferstudie 1995
größere Verletzlichkeit bewirkt auch eine
sensiblere Wahrnehmung von Gefahren-
situationen und damit deren Vermei-
dung, wohingegen junge Männer ent-
sprechende Anzeichen für Gefährlichkeit
eher „neutralisieren“, risikobereiter sind
und dadurch eher in gefährliche Situatio-
nen geraten, in denen sie eine höhere
Wahrscheinlichkeit haben, sowohl Täter
als auch Opfer zu werden (vgl. Agnew
1985; Gottfredson/Hirschi 1990; Janson
1995).
Neuere Untersuchungen stellen das Krimi-
nalitäts-Furcht-Paradox, insbesondere die
höhere Verbrechensfurcht älterer Men-
schen, in Frage. So fanden wir bei einer
großen Opferstudie in Ost- und West-
deutschland 1995 keineswegs einheitlich
höhere Furchtwerte bei älteren Befrag-
ten (Kury/Obergfell-Fuchs 1998; Kury u.a.
2001). Erfasst wurden Komponenten
„emotionaler Kriminalitätsfurcht“ (z.B.
Furcht nachts draußen alleine in der Wohn-
gegend) und „kognitiver Risikoeinschät-
zung“ (z.B. Einschätzung der Wahrschein-
lichkeit, Opfer einer bestimmten Straftat

15
Abbildung 7: Kognitive Risikoeinschätzung, Alter und Opferwerdung – Deutsch-deut- die Viktimisierung eher selbst zugeschrie-
sche Opferstudie 1995 ben wird (vgl. zur Sichtweise von Opfern
Kury u.a. 2002). Hinzu kommen eventuell
vorhandene Schwierigkeiten mit der Spra-
che des Gastlandes, die ihre Möglichkei-
ten, sich zu „wehren“ weiter reduzieren.
Oft handelt es sich bei sozial Benachteilig-
ten um Gruppen mit zahlreichen Proble-
men hinsichtlich der Lebensbewältigung,
z.B. in finanzieller Hinsicht, bei der Wohnsi-
Intensität Risikoeinschätzung

tuation oder auch im familiären Bereich.


Eine zusätzliche Belastung durch eine
(schwere) Viktimisierung kann leicht „das
Fass zum Überlaufen“ bringen und ein Ge-
fühl des Kontrollverlustes auslösen, da die
vorhandenen „Reserven“ geringer sind als
bei Angehörigen mittlerer oder gehobener
Gesellschaftsschichten (Hale 1996, S. 103).
Bei unserer umfangreichen Opferstudie in
Freiburg und Jena (vgl. oben) wurde der
Zusammenhang zwischen Verbrechens-
furcht und demografischen, Einstellungs-
und persönlichkeitspsychologischen Va-
riablen mit Hilfe von Regressionsanalysen
überprüft. Diese erlauben die Untersu-
chung des Einflusses von einzelnen Fakto-
ren auf bestimmte Dimensionen, wobei je-
dem Faktor nach dessen Bedeutsamkeit
Opfer und für beide Geschlechter bestäti- von zahlreichen zusätzlichen Variablen. ein bestimmtes Gewicht (Beta-Gewicht)
gen sich wiederum die höheren Furcht- Ein Überblick über die internationale eng- zugewiesen wird. Die größte Erklärungs-
werte bei den ostdeutschen Bürgern. lischsprachige Forschung zeigt weitere kraft zeigte ein statistisches Modell, bei
Hinsichtlich der „kognitiven Risikoein- bedeutende Einflussfaktoren, wobei die welchem die Verbrechensfurcht über alle
schätzung“ (Abbildung 7) zeigt sich dage- vorliegenden Resultate jedoch vielfach vier eingesetzten Furchtindikatoren defi-
gen eine deutlichere Altersabhängigkeit widersprüchlich sind (vgl. Hale 1996). In niert wurde („Furcht nachts alleine in der
mit höheren Werten bei älteren Men- den Vereinigten Staaten wurde in mehre- Wohnung“; „Sicherheit in der Wohnge-
schen, allerdings nicht durchgehend für ren Untersuchungen gezeigt, dass ethni- gend“; „Wahrscheinlichkeit einer Viktimi-
alle Gruppen. Bei den Nichtopfern steigen sche Minoritäten, insbesondere Afro- oder sierung“; „Häufigkeit des Denkens an eine
die Werte mit zunehmendem Alter bei den Hispano-Amerikaner, Angehörige ärme- Opferwerdung“; vgl. Kury u.a. 2000, S.
ostdeutschen Frauen und den westdeut- rer Bevölkerungsschichten und solche 565f.). Tabelle 3 zeigt die gefundenen Er-
schen Männern. Bei den ostdeutschen mit weniger guter Schulbildung höhere gebnisse.
Männern erreichen sie in der höchsten Furchtwerte angeben als die entsprechen- Hieraus geht hervor, dass von den insge-
Altersgruppe in etwa denselben Wert wie den Vergleichsgruppen von Weißen, samt 17 Einzelvariablen, die Eingang in
in der jüngsten. Bei den westdeutschen Wohlhabenden und besser Ausgebilde- das Rechenmodell finden, immerhin elf in
Frauen zeigt sich kaum eine Altersabhän- ten. Diese einzelnen Dimensionen sind statistisch bedeutsamer Weise zur Erklä-
gigkeit der Risikoeinschätzung. Das deutet nicht unabhängig voneinander. Ethnische rung der gemessenen Verbrechensfurcht
auf eine komplexe Beziehungsstruktur be- Minoritäten leben, wie in Deutschland beitragen. In der Reihenfolge ihrer Be-
zogen auf einzelne Furchtaspekte hin. vielfach Ausländer, oft in benachteiligten, deutung tragen hiernach zum Ausmaß
Bei den Opfern sind die Ergebnisse hin- ärmeren Wohngebieten mit schlechteren der Verbrechensfurcht bei die Variablen:
sichtlich der Altersabhängigkeit etwas Wohn- und Umweltbedingungen. Insbe- – Geschlecht (Frauen haben höhere
einheitlicher: Bei allen Gruppen fallen die sondere in Großstädten sind sie einer hö- Furcht);
Werte zunächst bis zu einer mittleren Al- heren Gefahr ausgesetzt, Opfer einer – Anomie (bei höherer Furcht höhere
tersgruppe, um dann mit zunehmendem Straftat zu werden. Ärmere Leute haben Werte, Erleben größerer gesellschaft-
Alter wieder deutlicher anzusteigen, das und erleben auch weniger Möglichkeiten, licher Störungen und „Regellosigkeit“);
gilt vor allem für die ostdeutschen Män- sich gegen Kriminalität zu schützen bzw. – Alter (jüngere haben höhere Furcht-
ner und Frauen. Somit lässt sich das „Kri- wenn sie Opfer geworden sind, den Scha- werte!);
minalitäts-Furcht-Paradox“ hinsichtlich den zu kompensieren. Sie sind damit eben- – Gesundheitssorgen (aus FPI-R, mehr Ge-
der Variable Alter allenfalls teilweise be- falls vulnerabler. Sie erhalten in ihrer sundheitssorgen gehen einher mit hö-
stätigen und auch für das Geschlecht hat Lebensumgebung oftmals weniger Unter- herer Verbrechensfurcht);
es nur bedingt Geltung. Zwar haben ge- stützung, haben weniger hilfreiche Kon- – Emotionalität (Skala aus dem Freiburger
trennt jeweils in Ost- als auch West- takte, sind weniger in ein Beziehungsnetz Persönlichkeitsinventar FPI-R, höhere
deutschland die Frauen jeweils höhere eingebunden, das sie in Notzeiten auffan- Werte gehen einher mit mehr Furcht);
Werte, allerdings sind die Unterschiede in gen kann, sind weniger geübt im Umgang – Erregbarkeit (aus FPI-R, höhere Werte
Ostdeutschland vor allem bei der jüngs- mit Behörden und haben hier auch eine ge- stehen in Zusammenhang mit mehr
ten Gruppe sowohl bei Nichtopfern als ringere Beschwerdemacht zur Durchset- Furcht);
auch Opfern sehr gering, bei der ältesten zung ihrer Interessen. Das kann das Gefühl – Körperliche Beschwerden (aus FPI-R,
Gruppe sind sie teilweise nicht mehr vor- vermitteln, kriminellen Ereignissen mehr mehr Beschwerden gehen einher mit
handen. In Westdeutschland sind die Ge- oder weniger hilflos ausgeliefert zu sein, mehr Furcht);
schlechtsunterschiede dagegen für beide mehr als reichere Bürger mit einer besseren – Lebensform (nicht allein Lebende zei-
Untergruppen stabiler. Bildung, besseren „Coping-Strategien“, gen höhere Furcht);
mehr (finanzieller) Macht und einer inten- – Opfervariable (eigene Opferwerdung
Weitere Einflussfaktoren auf die siveren Einbindung in sozial hilfreiche steht im Zusammenhang mit mehr
Verbrechensfurcht Strukturen. Ausländer riskieren die Ge- Furcht);
fahr, dass sie gerade in Krisensituationen – Gehemmtheit (aus FPI-R, hohe Werte
Verbrechensfurcht wird – nahe liegender von den „Einheimischen“ vor dem Hinter- gehen einher mit mehr Furcht);
Weise – nicht nur vom Wohnumfeld, einer grund entsprechender ablehnender Ein- – Lebenszufriedenheit (aus FPI-R, negati-
möglichen eigenen Viktimisierung, dem stellungen und „Mythen“ schneller ausge- ve Lebenseinstellung und Furcht gehen
Alter oder Geschlecht beeinflusst, sondern grenzt werden und ihnen die „Schuld“ für einher).

16
Tabelle 3: Regressionsanalyse auf die Summenvariable „Verbrechensfurcht“ andererseits aber auch kriminalitätsbe-
günstigende Faktoren kontrollieren. Al-
Variable Beta-Wert T-Wert Signifikanz T lerdings wurden und werden im Rahmen
Geschlecht .32 13.03 .00 der Kommunalen Kriminalprävention,
selbst in Zeiten knapper Kassen, teilweise
Anomie .16 6.53 .00 große Geldbeträge für wenig kontrol-
Alter –.11 –4.04 .00 lierte und evaluierte Programme ausge-
Gesundheitssorgen .09 3.41 .00 geben, auch angetrieben von der For-
Emotionalität (FPI) .08 2.23 .02 derung der Bevölkerung, „endlich“ etwas
gegen Kriminalität zu unternehmen (vgl.
Erregbarkeit (FPI) .08 2.70 .00
Obergfell-Fuchs 2000; 2002).
Körperl. Beschwerden (FPI) .06 2.32 .02 Es geht nicht darum, schwere Straftaten
Lebensform .06 2.62 .01 zu bagatellisieren, sondern sie lediglich
Opfervariable .06 2.70 .01 im richtigen Verhältnis zu sehen. Es muss
Gehemmtheit .06 2.58 .01 sicherlich alles getan werden, um Strafta-
ten, wie z.B. sexuell motivierte Kindestö-
Lebenszufriedenheit –.06 –2.04 .04
tungen, andere Sexualstraftaten oder
Aggressivität –.03 –1.32 .19 Schwerkriminalität überhaupt zu reduzie-
Schulabschluss .03 1.20 .23 ren, eine „Ausrottung“ derselben wird je-
Offenheit –.02 –.72 .47 doch nicht möglich sein. Die Menschheit
lebt seit Beginn mit Straftaten und wird es
Soziale Orientierung .01 .27 .79
auch weiterhin tun müssen. Man kann an
Beanspruchung –.00 –.18 .86 den Bedingungen ansetzen, die zur Ent-
Extraversion (FPI) .00 .13 .90 stehung straffälligen Verhaltens beitra-
Modellanpassung R = .52; R2 = .27; F(11/1383) = 46,76; p < .001 gen und man muss den Opfern (schwerer)
Straftaten helfen. Es muss aber auch
darum gehen, die Bürger und Bürgerin-
Die übrigen Variablen, wie Aggressivität, Politisierung und nen realistisch über die durch Kriminalität
Schulbildung, Offenheit, Soziale Orientie- Instrumentalisierung der drohenden Gefahren aufzuklären. Ver-
rung, eigene Beanspruchung oder die Per- Kriminalitätsfurcht brechensfurcht kann durchaus „sinnvoll“
sönlichkeitsdimension Extraversion zeigen sein, wenn sie dazu beiträgt, hoch risiko-
keinen statistisch bedeutsamen Einfluss Kriminalitätsfurcht wird eher marginal behaftete und mit großer Opferwahr-
auf das Ausmaß der erlebten und angege- von Veränderungen im tatsächlichen scheinlichkeit versehene Situationen
benen Verbrechensfurcht. Es sind somit „Kriminalitätslagebild“ beeinflusst, son- nicht aufzusuchen. Kontraproduktiv ist
einerseits demografische Variablen wie dern vielmehr davon, wie Kriminalität sie dann, wenn sie in überzogener Weise
Geschlecht, Alter, Lebensform (Wer mit den Bürgern und Bürgerinnen vermittelt den Einzelnen einschränkt und seine Le-
anderen zusammenlebt, zeigt höhere wird. Veränderungen in der Kriminalitäts- bensqualität mindert ohne die persönli-
Verbrechensfurcht, wahrscheinlich weil er lage geschehen nicht plötzlich, sondern che Sicherheit merkbar zu erhöhen.
sich um diese mitsorgt) oder die eigene langfristig. Diese langfristigen Verände-
Viktimisierung, andererseits aber auch rungen bemerken die Bürger in aller Literaturhinweise
Persönlichkeitsvariablen, wie das Erleben Regel nicht, es sei denn, sie werden ihnen,
anomischer, ungeregelter Zustände, Ge- z.B. in dramatisierter Weise präsentiert. Agnew, R. S.: Neutralizing the impact of crime. In: Cri-
minal Justice and Behavior, 12/1985, S. 221–239
sundheitssorgen bzw. das Schildern kör- Im Extremfall kann das in der Bevölke- Beck, U.: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine an-
perlicher Beschwerden, hohes emotio- rung geschaffene Kriminalitätsbild und dere Moderne. Frankfurt/M. 1986
Beckett, K./Sasson, T.: The politics of injustice: Crime
nales Empfinden, größere Erregbarkeit, die tatsächliche Situation einander völlig and punishment in America. Thousand Oaks, CA 2000
eigene Hemmungen oder eine größere widersprechen, wie das Beispiel der Sexu- Eisner, M.: The effects of economic structures and pha-
ses of development on crime. Council of Europe. Ele-
Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben, alkriminalität in Deutschland zeigt. Erst venth Criminological Colloquium: Crime and Economy,
die sich auf das Ausmaß der geschilder- die intensive öffentliche Diskussion um 28.–30. Nov. 1994. Strasbourg 1994
ten Verbrechensfurcht auswirken. solche Straftaten rückt sie in das Interesse Ders: Individuelle Gewalt und Modernisierung in Eu-
ropa 1200 – 2000. In: Albrecht, G./ Backes, O./Kühnel,
Auch andere Analysen zeigten immer der Allgemeinheit und trägt so zur Skan- W. (Hrsg.): Gewaltkriminalität zwischen Mythos und
wieder die Bedeutsamkeit der genann- dalisierung und letztlich zur Entwicklung Realität. Frankfurt/M. 2001, S. 71–100
Ennis, P. H.: Criminal victimisation in the United States:
ten demografischen Variablen Geschlecht, von Furcht bei. Vor dem Hintergrund die- A report of a National Survey Field Surveys II of the Pre-
Alter, eigene Opferwerdung aber auch ser Furcht fordern die Bürger und Bürge- sidential Commission on Law Enforcement and Admi-
Haushaltseinkommen für die Erklärung rinnen angemessene Reaktionen des nistration of Justice. Washington D.C. 1967
Gottfredson, M. R./Hirschi, T.: A general theory of
des Konstrukts Kriminalitätsfurcht (Ober- Staates, in aller Regel härtere Strafen für crime. Stanford 1990
gfell-Fuchs 2001, S. 565ff). Dies belegt die Täter. Wieweit man mit schärferen Ge- Hale, C.: Fear of crime: A review of the literature. In:
International Review of Victimology, 4/ 1996, S. 79–150
die Stabilität der gefundenen Resultate, setzen (alleine) aber die Kriminalität kon- Hough, M.: Anxiety about crime: Findings from the
zeigt aber auch, wie komplex einerseits trollieren kann, muss mit großer Skepsis 1994 British Crime Survey. Home Office Research Bulle-
die Dimension Verbrechensfurcht ist und betrachtet werden (Kury u.a. 2002). Dass tin No. 147. London 1995
Ishii, A.: Die Opferbefragung in Tokio. In: Kirchhoff,
wie sie in ihrer Ausprägung anderer- hier ein „mehr desselben“ – wenn über- G. F./Sessar, K. (Hrsg.): Das Verbrechensopfer. Bochum
seits von zahlreichen gesellschaftlichen haupt – nur eingeschränkte Effekte zeigt, 1979, S. 133–157
Janson, C.-G.: Discounting as an individual variable. In:
und persönlichen Bedingungen beein- belegen internationale Vergleiche. Staa- Wikström, P.-O./Clarke, R. V./McCord, J. (Hrsg.): Inte-
flusst wird. Das belegt, was wir ein- ten mit harten Strafen haben in aller grating crime prevention strategies: Propensity and
opportunity. Stockholm 1995, S. 421–254
gangs betonten: Verbrechensfurcht ist Regel keine niedrigere Kriminalitätsbelas- Kerner, H.-J.: Kriminalitätseinschätzung und Innere Si-
eine Dimension, deren Ausprägung weit- tung als solche mit milderen Sanktionen. cherheit. Wiesbaden 1980
gehend unabhängig ist von der „tat- Der „Motor“, der gerade von politischer Kerner, H.-J.: Kriminologische Forschung im sozialen
Umbruch. Ein Zwischenresümee nach sechs Jahren
sächlichen“ Kriminalitätsbelastung. Sie Seite zur Durchsetzung härterer Sanktio- deutsch-deutscher Kooperation. In: Boers, K./Gutsche,
wird vielmehr beeinflusst und moderiert nen gerne genutzt wird, ist die Verbre- G./Sessar, K. (Hrsg.): Sozialer Umbruch und Kriminalität
in Deutschland. Opladen 1997, S. 331–372
von dem den Bürgern und Bürgerinnen chensfurcht. Wie sehr diese jedoch von Kerner, H.-J./Feltes, Thomas: Medien, Kriminalitätsbild
in den Medien dargestellten „Krimina- vielen nicht kriminalitätsrelevanten Ein- und Öffentlichkeit. Einsichten und Probleme am Bei-
litätsbild“, verschiedenen demografi- flüssen abhängig ist, zeigen die vorange- spiel einer Analyse von Tageszeitungen. In: Kury, H.
(Hrsg.): Strafvollzug und Öffentlichkeit. Freiburg 1980,
schen Merkmalen der Bürger, ihren gangenen Analysen. S. 73–112
Lebensbedingungen, ferner der Persön- Vielversprechender zur Kriminalitätskon- Kreuter, F.: Kriminalitätsfurcht: Messung und methodi-
sche Probleme. Opladen 2002
lichkeit des Einzelnen, seiner Sensibili- trolle scheint die Schaffung und konse- Kury, H.: Victims of crime – Results of a representative
tät und Wahrnehmung der Umwelt so- quente Umsetzung kriminalpräventiver telelphone survey of 5.000 citizens of the former Fede-
ral Republic of Germany. In: Kaiser, G./Kury, H./Al-
wie den erlebten Konfliktlösungsstrate- Maßnahmen, die einerseits an den „Ursa- brecht, H.-J. (Hrsg.): Victims and criminal justice. Frei-
gien. chen“ straffälligen Verhaltens ansetzen, burg 1991, S. 265–304

17
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S. 38–56 te der Deutschen 2002. Frankfurt/M. 2002

Der starke Anstieg der Jugendkriminalität bis 1998


hat sich auch im vergangenen Jahr nicht fortge-
setzt. Doch stehen immer noch 294 000 Jugendliche
zwischen 14 und 18 Jahren und 146 000 Kinder un-
ter dem Verdacht, Straftaten begangen zu haben.
Bei den Kindern wurde vor allem wegen Laden-
diebstahl und Sachbeschädigung ermittelt. In den
alten Bundesländern wurde bei Körperverletzung
und Raub ein auffälliger Anstieg registriert. Auch
bei den Jugendlichen steht der Ladendiebstahl
an erster Stelle, gefolgt von Körperverletzung.
Globus

18
Stimmt das Schreckgespenst von den „gewalttätigen Kids“?

Kinder- und Jugenddelinquenz


Von Werner Maschke

Jugend und Kriminalität – ein Kinder- und Jugendkriminalität im


Dauerthema? Spiegel der amtlichen Statistik

„Jugend und Kriminalität“ ist seit Jahr- In der kriminalpolitischen Diskussion wer-
zehnten ein gesellschaftliches, kriminal- den die Dimensionen der Jugenddelin-
politisches und wissenschaftliches Dauer- quenz vor allem an dem polizeilich re-
thema; in der Gegenwart unter dem gistrierten Straftatenaufkommen junger
Eindruck einer (zumindest im amtlich Menschen verortet, wie es sich in der
registrierten Bereich) steigenden Jugend- Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS)3 dar-
kriminalität mehr denn je. Unter Jugend- stellt. Im Jahr 20014 waren zum Beispiel,
kriminalität oder Jugenddelinquenz1 ver- auf das gesamte Bundesgebiet bezo-
steht man in Anlehnung an die Definition gen, 30,2 % aller von der Polizei ermittel-
des Jugendgerichtsgesetzes (§ 1 Abs. 2 JGG) ten Tatverdächtigen unter 21 Jahre alt
die Straftaten von Kindern (unter 14 Jah- (6,3 % Kinder, 13,1 % Jugendliche,
re), Jugendlichen (14 bis 17 Jahre) und 10,8 % Heranwachsende). Dies entspricht
He-ranwachsenden (18 bis 20 Jahre). Ge- 688.741 von insgesamt 2.280.611 Tatver-
legentlich werden auch noch die Delikte dächtigen. Bei der Mehrzahl (76,5%)
der so genannten Jungerwachsenen (21 handelte es sich um männliche Tatver-
bis 24 Jahre) mit dem Argument, dass dächtige. Nach wie vor ist Jugenddelin-
viele junge Menschen dieser Altersgruppe quenz hauptsächlich ein „männliches“
in ihrer psychosozialen Entwicklung noch Problem5, wenngleich langfristig betrach-
eher den Jüngeren als den Erwachsenen tet die Mädchen und jungen Frauen
Prof. Dr. Werner Maschke lehrt an der gleichstünden, dazu gezählt. etwas zulegen.
Hochschule für Polizei Baden-Württem- Bei der Betrachtung von Kinder- und Ju- Abgesehen davon, dass junge Menschen
berg im Fachbereich Kriminalwissen- genddelinquenz wird das Phänomen der knapp ein Drittel der Tatverdächtigen
schaften/Fachgruppe Kriminologie. Prof. Kriminalität einer bestimmten Alters- ausmachen, wird deren Kriminalitäts-
Dr. Werner Maschke ist ausgewiesener gruppe fokussiert. Die Zugehörigkeit zu belastung vor allem bei einem Vergleich
Experte im Themen- und Forschungsfeld einer Altersgruppe besagt jedoch kri- mit anderen Altersgruppen deutlich: Die
Kinder- und Jugendelinquenz. minologisch letztlich recht wenig. Das Tatverdächtigenbelastungszahl (TVBZ)6
Seit 20 Jahren ist Prof. Dr. Werner Spektrum der Erscheinungsformen von der unter 21-Jährigen ist doppelt so
Maschke wissenschaftlicher Mitarbeiter Kriminalität bei jungen Menschen ist hoch wie jene der über 21-Jährigen.
am Institut für Kriminologie der Univer- extrem breit und vielgestaltig. Die ein- Bezogen auf deutsche Tatverdächtige7
sität Tübingen. zelne Tat eines jungen Menschen kann lautet die Tatverdächtigenbelastungs-
der Eigentumskriminalität ebenso zuzu- zahl (2001) für Kinder (8–13 Jahre) 2.292,
ordnen sein wie der Gewaltkriminalität, für Jugendliche 7.416, für Heranwach-
„Die Täter werden immer jünger!“ Diese der Straßen-2 oder Drogenkriminalität. sende 7.440; im Vergleich zu den Er-
oft geäußerte Formulierung verweist auf Sie kann ein Straßenverkehrsvergehen, wachsenen 1.980. Dies bedeutet, dass
den Tatbestand, dass sich die Kriminali- ein Tötungsdelikt oder eine Vergewalti- z. B. von 100.000 deutschen Heranwach-
tätsbelastung von Kindern und Jugend- gung sein, und selbst das gleiche Delikt senden im Jahr 2001 insgesamt 7.440 von
lichen erhöht hat. Dieses Lamento verzerrt kann im Lebensgesamt zweier junger der Polizei als Tatverdächtige registriert
das Bild jedoch, wenn man die Entwick- Menschen einen höchst unterschiedlichen worden sind. Die höchst unterschied-
lung der Kriminalstatistiken nur jugend- Stellenwert haben. liche Belastung von Männern und Frauen
spezifisch beleuchtet. In Betracht ziehen Auf diese Besonderheiten können die überhaupt und auch von jungen Männern
muss man nämlich, dass die Zahl der regis- nachfolgenden Ausführungen naturge- und jungen Frauen zeigen die Tabelle 1
trierten Straftaten in Deutschland im Ge- mäß nicht eingehen und müssen daher und das Schaubild 1 beispielhaft für das
samten gestiegen ist. Um die Gründe für notwendigerweise allgemein bleiben. Jahr 2001.
die hohe Kriminalitätsbelastung junger
Menschen aufzeigen zu können, ist zu-
nächst eine quantitative und qualitative Tabelle 1: Tatverdächtigenbelastungszahlen der Deutschen (2001) Bundesrepublik
Beschreibung der Kinder- und Jugendkri- Deutschland.
minalität notwendig. Bei genauerer Be-
trachtung zeigt sich, dass die allermeisten Altersgruppe Insgesamt Männlich Weiblich
Delikte Bagatellfälle und in aller Regel nur 8<10 718 1.110 306
Episoden in der Biografie junger Men-
10<12 1.684 2.469 858
schen sind. Damit stellt sich die Frage, wel-
che strafrechtlichen Reaktionen oder gar 12<14 4.260 5.667 2.774
Sanktionen bei Kindern und Jugendlichen 14<16 7.227 9.967 4.349
überhaupt angemessen sind. Sucht man 16<18 7.608 11.566 3.449
schließlich nach Theorien, um die hohe Kri- 18<21 7.440 11.777 2.909
minalitätsbelastung von jungen Men- 21<23 6.076 9.587 2.414
schen beschreiben, erklären oder diagnos- 23<25 4.868 7.675 1.955
tizieren zu können, sind generalisierende 25<30 3.574 5.527 1.549
Beurteilungen mit Vorbehalt zu sehen. 30<40 2.624 3.985 1.237
Werner Maschke verdeutlicht, dass Kin-
40<50 2.203 3.282 1.100
der- und Jugenddelinquenz ein komplexes
Phänomen darstellt und dass es nicht mög- 50<60 1.627 2.431 831
lich ist, diese Vielfalt mit einer einzigen 60 + 664 1.084 370
Theorie zu erklären. Red. Quelle: PKS (Bund) 2001, S.97

19
Schaubild 1: Tatverdächtigenbelastungs- versicherungsgesetz usw. durch „Moped- Langeweile und – vor allem in jüngeren
zahlen der Deutschen (2001) Bundesrepu- Ritzeln“, Konsum illegaler Drogen und Jahren – um fehlendes Unrechtsbewusst-
blik Deutschland. Verstöße gegen das Urheberrechtsgesetz sein.
(Raubdrucke, Raubkopien). Das meiste Das meiste spielt sich innerhalb der Peer-
hiervon bleibt unentdeckt oder wird durch group ab, und es kommt nicht selten zu
das soziale Umfeld geregelt oder auch einer Täter-Opfer- oder Opfer-Täter-Ab-
sanktioniert. folge. Schon im Hellfeld stellen die unter
Auch die im Hellfeld wahrgenommene 21-Jährigen nicht nur ein knappes Drittel
Kriminalität ist zu großen Teilen bagatell- der Täter, sondern auch ein Drittel der
haft. Dies gilt ganz besonders für die de- Opfer (34,9 %), wobei das Opferrisiko bei
liktischen Handlungen von Kindern. Bei jugendlichen und heranwachsenden
51,6 % der Delikte von tatverdächtigen Männern bei Körperverletzung, bei räu-
Jungen und bei 72,4 % jener der tatver- berischen Delikten und bei Straftaten
dächtigen Mädchen handelt es sich um gegen die persönliche Freiheit im Ver-
Quelle: Zahlen aus der Polizeilichen Kriminalstatistik,
Bund 2001, S. 97 einfachen Diebstahl, weit überwiegend gleich zu anderen Altersgruppen über-
um Ladendiebstahl (oftmals Spielzeug, proportional hoch ist. Auf niedrigerem
Süßigkeiten, Kosmetika). Daneben spie- Niveau gilt dies auch für Mädchen und
Diese Zahlen werden durch Befunde der len bei tatverdächtigen Kindern Körper- junge Frauen, bei denen noch eine er-
Dunkelfeldforschung8 ergänzt. Danach verletzungen und Sachbeschädigungen höhte Viktimisierungschance durch ge-
begeht die weit überwiegende Mehrzahl noch eine gewisse Rolle. Auch bei Ju- walttätige Sexualdelikte dazu kommt.
junger Menschen (90 % und mehr)9 in gendlichen und Heranwachsenden liegt Auch nach der Dunkelfeldforschung ist
ihrer (Kindheit und) Jugendzeit einmal der Schwerpunkt ihrer registrierten Kri- belegt, dass über alle Deliktsbereiche hin-
oder auch mehrfach Straftaten – Jungen minalität bei den Eigentumsdelikten. weg jüngere Menschen, und hier wiede-
und junge Männer noch häufiger als Deren Anteil geht jedoch, ebenso wie rum insbesondere Männer, häufiger
Mädchen und junge Frauen, quer durch jener der Sachbeschädigungen, zurück Opfer werden als ältere, ausgeprägt gilt
alle Schichten. Man spricht insoweit von zugunsten der Zunahme von Körperver- dies für Gewaltdelikte.12
der Ubiquität von Straftaten im Kindes- letzungen, Rauschgiftdelikten und Be-
und Jugendalter10. Aus der quantitativen trugshandlungen (Letzteres vor allem bei Ursachen und Erklärungsansätze für
Diskrepanz zwischen den Befunden der jungen Frauen).11 Kinder- und Jugenddelinquenz
Dunkelfeldforschung und der registrier- Die Deliktsbegehung ist in diesem Alter
ten Kriminalität wird die Einschätzung überwiegend gekennzeichnet durch ein- Die „Ursachen“ für die traditionell hohe
abgeleitet, dass es in jungen Jahren (sta- fache Tatausführung (einfaches Zugrei- Kriminalitätsbelastung junger Menschen
tistisch) „normal“ sei zu delinquieren, fen, Zuschlagen, Beschädigen), spontan, sind nicht wissenschaftlich belegt, es wer-
dass es aber „unnormal“ sei, deswegen aus der Situation heraus und ohne große den aber zahlreiche, mehr oder weniger
von offiziellen Instanzen wahrgenommen Planung. Es besteht eine ausgeprägte plausible „Gründe“ im Sinne von Strafta-
und sanktioniert zu werden. Gruppenorientierung. Selbst dann, wenn ten begünstigende Bedingungszusam-
es sich – juristisch gesehen – um Einzeltä- menhänge diskutiert, die gewissermaßen
Die meisten Delikte ter handelt, steht oftmals die Gleichaltri- Zeit überdauernd sind und im Grundsatz
sind Bagatellfälle gengruppe im Hintergrund, bei der man eine Jugendzeit der 60er Jahre genauso
Anerkennung finden und mithalten gekennzeichnet haben können wie eine
Die große Masse der im Dunkelfeld ver- möchte. Auch ansonsten finden sich meist heutige.13
bleibenden Delikte trägt freilich Baga- altersspezifische Motivlagen: Es geht um Im Vordergrund stehen entwicklungsbio-
tellcharakter. Es handelt sich um gele- Anerkennung und Selbstwertgefühl, um logische bzw. entwicklungspsychologi-
gentliche Eigentumsdelikte, einfache „Spaß“, Abenteuerlust, um unmittelbare sche Aspekte, die insbesondere auf die
Körperverletzungen, Beleidigungen, Sach- Bedürfnisbefriedigung und unmittelba- Pubertät und Nachpubertät als Phase der
beschädigungen, Schwarzfahren mit öf- res körperliches Ausagieren, sei es zum Irritationen, der Auflehnung gegen das
fentlichen Verkehrsmitteln, Fahren ohne Frustabbau oder als Selbstjustiz („Schlägst von der Elterngeneration verkörperte Alt-
Fahrerlaubnis, Verstoß gegen das Pflicht- du mich, schlag ich dich!“), aber auch um hergebrachte, des Revoltierens und des
„Sturm und Drangs“ abheben, aber auch
auf die durch körperliche Veränderungen
vorhandene überschüssige Energie oder
auf das Bedürfnis nach körperlichem Aus-
agieren hinweisen. Straftaten werden im
Zusammenhang mit einem fehlenden
spezifischen Unrechtsbewusstsein, einem
noch ungefestigten Wertgefüge oder
einer entwicklungsbedingt niedrigen
Stufe des moralischen Urteilens gesehen,
oft einhergehend mit leichter Beeinfluss-
barkeit. Fehlende Lebenserfahrung und
damit verbundene mangelnde Antizipa-
tion veranlassen zu spontanen Entschei-
dungen und Handlungen. In jungen Jah-
ren ist die Zeitperspektive noch wenig
ausgeprägt. Das Leben zielt auf den
Augenblick, und es geht oft um mög-
lichst unmittelbare Bedürfnisbefriedi-
gung (sofortiges Haben wollen, Neu-
gier, Abenteuerlust, aber auch körperli-
ches Ausagieren als Selbstjustiz nach
eigenen Opfererfahrungen). Manchmal
soll es auch nur die durch entwicklungs-
bedingte Orientierungslosigkeit hervor-
gerufene Langeweile sein, die Nerven-
kitzel verlangt.
Die große Masse der von Kindern und Jugendlichen begangenen Delikte sind u.a. Ei- Aus sozialpsychologischer Sicht wird auf
gentumsdelikte und Körperverletzungen. Foto: dpa den Übergang von der Familienorientie-

20
rung des Kindes auf die verstärkte Orien- Die meisten Straftaten sind wendung des geringst möglichen Ein-
tierung des Jugendlichen an der Peer- Episoden in der Biografie griffs führt. Weitgehende Einigkeit dürfte
group mit nunmehr anderen, spezifischen zumindest in der Praxis allerdings darin
Attributen der Anerkennung und des Die Wahrnehmung von Jugendkrimina- bestehen, dass auf Straftaten, wenn sie
Selbstwertgefühls hingewiesen oder auf lität als Ergebnis entwicklungstypischer denn bekannt werden, grundsätzlich zum
die Suche nach Perspektiven, nach einer Verhaltensweisen und als ein Begleitphä- Zwecke der speziellen wie generellen
Position in der Gesellschaft, die oft- nomen im Prozess der Entwicklung einer Normverdeutlichung reagiert werden
mals mit Grenzüberschreitungen einher- sozialen und individuellen Identität14 muss.
gehen soll, um letztlich auch durch die deckt sich mit der Tatsache, dass sich die Dies stellt den Hintergrund für unseren
Grenzüberschreitungen soziale Kompe- meisten dieser jugendtümlichen Strafta- derzeitigen Umgang mit Jugendkrimina-
tenzen einzuüben. Im Hinblick auf den ten im Hellfeld wie im Dunkelfeld auf die- lität dar. Er ist gekennzeichnet durch eine
Übergang, nicht mehr Kind, aber noch sen Entwicklungsabschnitt beschränken ausgeprägte Zurückhaltung, auf amtlich
nicht Erwachsener zu sein, werden so- und episodenhafter Natur sind. Schon die bekannt gewordene Straftaten junger
zialstrukturelle Benachteiligungen als Alterskurve der Kriminalitätsbelastung Menschen mit förmlichen Maßnahmen
Bedingungsfaktoren benannt, so zum für das Hellfeld zeigt, dass es sich bei den nach dem Jugendgerichtsgesetz (JGG),
Beispiel die Diskrepanz zwischen den ei- Straftaten junger Menschen in der über- insbesondere solche stationärer Art, zu
genen (schon „erwachsenen“) Bedürfnis- wiegenden Mehrzahl der Fälle um ein reagieren. Stattdessen wird unter dem
sen, der eigenen Selbsteinschätzung und passageres Phänomen handelt: Nach dem Stichwort „Diversion“16 der Gedanke der
den gesellschaftlichen Vorgaben (zum steilen Anstieg zu Beginn der Strafmün- sozialen Selbstregulierung, der erzieheri-
Beispiel im sozialen Status, im sexuellen digkeit und der Höchstbelastung im He- schen Toleranz oder notfalls einer Reak-
Bereich) oder die Diskrepanz zwischen ranwachsendenalter fällt die Kurve wäh- tion in Form informeller erzieherischer
den materiellen Ansprüchen und den rend der dritten Lebensdekade steil ab Maßnahmen in den Vordergrund gestellt.
Möglichkeiten (als Konsument schon Er- (vgl. Schaubild 1). Ähnlich, freilich auf Die Möglichkeit, ein (oft langwieriges)
wachsener, im Hinblick auf die finanziel- deutlich niedrigerem Niveau und mit formelles Strafverfahren und eine förmli-
len Möglichkeiten aber noch relativ „un- einem früher liegenden Zeitpunkt der che Sanktionierung nach dem Jugendge-
mündig“). Höchstbelastung, verläuft sie bei Frauen. richtsgesetz zu vermeiden und möglichst
Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Dieses Phänomen lässt sich anhand der rasch auf die Straftat zu reagieren, eröff-
im Einzelfall der eine oder andere Grund Zahlen der durch die Strafgerichte Verur- nen die §§ 45 und 47 JGG. Nach § 45 Abs.
oder auch das Zusammenspiel mehrerer teilten seit mehr als 100 Jahren nachwei- 1 JGG kann der Staatsanwalt bei Bagatell-
Aspekte eine zufrieden stellende Erklä- sen und wird auch durch Rückfallstudien delikten, insbesondere bei geständigen
rung für das Begehen einer Straftat dar- über registrierte Täter und Dunkelfeld- Tätern, die das erste Mal registriert in Er-
stellt. Genauso offenkundig ist aber, dass forschungen belegt.15 Neben der Ubi- scheinung treten, bei geringer Schuld und
es keine Erklärung für die Jugendkrimina- quität ist daher Episodenhaftigkeit das dem Fehlen eines öffentlichen Interesses
lität sein kann, schon gar nicht im Sinne zweite Merkmal der typischen Jugendkri- an der Strafverfolgung das Strafverfahren
von „Ursachen“, da die Mehrzahl der jun- minalität. sanktionslos einstellen. Falls dies nicht ge-
gen Menschen, und das gilt in besonde- Als drittes Wesensmerkmal der Jugendkri- geben ist (zum Beispiel bei Wiederho-
rem Maße für die Mädchen und jungen minalität kommt hinzu, dass in der Mehr- lungstaten oder bei schwereren Delikten)
Frauen, mit diesen möglichen Irritationen zahl der Fälle diese Art von Delinquenz kann das Verfahren nach § 45 Abs. 2 JGG
in der Phase der Pubertät und Adoleszenz auch ohne Intervention seitens Dritter eingestellt werden, wenn erzieherische
überhaupt oder – selbst bei Berücksichti- oder gar einer förmlichen Intervention Maßnahmen als Reaktion auf die Straftat
gung der Ubiquität von Delinquenz – zu- von Seiten der Strafverfolgungsinstanzen von Seiten der Eltern oder des sozialen
mindest in der weit überwiegenden Zeit ihr Ende findet. Dieses Phänomen wird Umfeldes bereits durchgeführt oder ein-
zurecht kommen ohne Straftaten zu be- häufig mit dem Begriff der Spontanremis- geleitet worden sind oder der jugendliche
gehen. sion umschrieben, wonach Delinquenz Straftäter sich um einen Täter-Opfer-Aus-
Eine weitere, eher kontrolltheoretische im Jugendalter im Regelfall von selbst gleich bemüht hat. Falls dies noch nicht
Erklärung für die hohe registrierte Krimi- aufhört. Der empirischen Sanktionsfor- oder nicht im notwendigen Umfang er-
nalitätsbelastung junger Menschen, die schung, die sich um den Nachweis der Wir- folgt ist, kann der Staatsanwalt selbst,
also nur die Frage Dunkelfeld/Hellfeld im kung von strafrechtlichen Sanktionen beispielsweise im Zusammenwirken mit
Blick hat, könnte sein, dass durch die stär- bzw. Reaktionen auf Straftaten bemüht, der Jugendgerichtshilfe, erzieherische
kere Außenorientierung junger Men- ist es bisher nicht gelungen, den Nachweis Maßnahmen einleiten. Darüber hinaus
schen (im Leistungs-, Freizeit- und Kon- zu führen, dass formelle (jugend-)straf- stehen weitere Möglichkeiten sowohl für
taktbereich) deren deviantes Verhalten rechtliche Sanktionen über die vorder- den Staatsanwalt als auch für den Richter
nicht mehr im Rahmen der informellen gründige Sicherung, z.B. während eines (§ 47 JGG) zur Verfügung, um ein einge-
Sozialkontrolle der Familie und der un- Haftaufenthaltes, hinaus nachhaltige Wir- leitetes Strafverfahren ohne förmliche
mittelbaren Umgebung aufgefangen kungen im Hinblick auf die Verhinderung Hauptverhandlung und ohne förmliche
wird, sondern vermehrt in das Blickfeld künftiger Straftaten entwickeln. Solche Sanktionierung zugunsten erzieherischer
der formellen Instanzen sozialer Kon- Maßnahmen seien im günstigsten Fall wir- ambulanter Maßnahmen zu verhindern.
trolle gerät, die abweichendem Verhalten kungslos, im ungünstigeren Fall erhöhten In Baden-Württemberg wird zwischen-
anders begegnen als das unmittelbare sie sogar das Risiko des Rückfalls. Letzteres zeitlich in mehr als zwei Drittel der Fälle
soziale Umfeld. wird vor allem von Vertretern des Etiket- von Jugendsachen, die von der Polizei der
Ebenfalls auf die Frage Dunkelfeld/Hell- tierungsansatzes, der Kriminalität als Er- Staatsanwaltschaft als aufgeklärte Sach-
feld stellt die Überlegung ab, dass die gebnis von gesellschaftlichen Zuschrei- verhalte mit einem benannten Tatver-
Straftaten junger Menschen deswegen bungs- und Stigmatisierungsprozessen dächtigen zur Entscheidung vorgelegt
überproportional häufig amtlich regis- sieht, behauptet. werden, von der Diversion im Sinne der
triert werden, weil sich viele ihrer Delikte beschrieben Reaktionsmöglichkeiten Ge-
mehr als diejenigen der Erwachsenen in Strafrechtliche Zurückhaltung im brauch gemacht. In den norddeutschen
der Öffentlichkeit abspielen (Straßen- Umgang mit jugendlichen Tätern Stadtstaaten erfolgt dies in teilweise bis
kriminalität, Drogenkriminalität), „sicht- über 90 % der Fälle.
barer“ sind (zum Beispiel ein Raubüber- Die heutige wissenschaftliche Grundüber- Dies bedeutet, dass in Baden-Württem-
fall oder eine Schlägerei im Vergleich zu zeugung dürfte überwiegend zwar nicht berg lediglich bei etwa einem Drittel der
einem Betrug oder einer Steuerhinter- radikal in die Richtung „nothing works“ Sachverhalte ein förmliches Verfahren mit
ziehung), die Ausführung ihrer Delikte mit der Folge der Nicht-Intervention dem Ziel einer Verurteilung eingeleitet
naiver und die Straftat damit leichter zu gehen, wohl aber von einer weitgehen- wird, wobei in drei Viertel dieser Urteile
entdecken ist, und dass junge Men- den Austauschbarkeit von Sanktionen be- auf ambulante Maßnahmen in Form von
schen schließlich von den Strafverfol- stimmt sein, was in der Konsequenz unter Weisungen, Auflagen usw. erkannt wird.
gungsorganen leichter überführt werden Berücksichtigung des rechtsstaatlichen Letztlich wird also nur ein kleiner Teil jun-
können. Verhältnismäßigkeitsgrundsatzes zur An- ger Straftäter zu stationären Maßnahmen

21
wie Jugendarrest oder Jugendstrafvoll- bunden eine kriminelle Karriere zu ver- vitäten mit zeitlich offenen Abläufen
zug verurteilt.17 hindern, nicht zuletzt auch im Interesse (planloses Herumhängen, Herumstreu-
dieses jungen Menschen selbst. nen, Streifzüge durch Kneipen, Spielhal-
Intensivtäter sind untypisch, finden Als gesichert kann gelten, dass weder die len und Diskotheken, oft szene-orien-
aber große Beachtung Art oder die Schwere des Deliktes, noch – tiert) verbracht, meist im Kreise von
innerhalb bestimmter Grenzen – die Häu- Gleichaltrigen, zu denen nur unverbindli-
Vor allem bei diesen zuletzt Genannten figkeit der Deliktsbegehung oder das che, oft utilitaristisch geprägte Kontakte
dürfte es sich um junge Straftäter han- Alter des Delinquenten bei der ersten Tat bestehen. Den Verpflichtungen im Leis-
deln, bei denen die Gefahr besteht, dass eine Aussage über die Gefahr des Beginns tungsbereich wird überwiegend noch
ihre Delinquenz in eine langwierige kri- einer kriminellen Karriere zulässt. Ge- nachgekommen, oder es finden sich zum
minelle Karriere mündet, bei deren Delin- wisse Anhaltspunkte kann allenfalls die Zeitpunkt der Straftat hier erst seit kur-
quenz also nach Einschätzung der justi- Einbettung der Tat geben.19 Als eher be- zem gewisse Unregelmäßigkeiten (Leis-
ziellen Entscheidungsträger gerade nicht langlos im Sinne einer kriminellen Verfes- tungsversagen, Leistungsverweigerung
von Ubiquität und Episodenhaftigkeit tigung sind Delikte einzustufen, die aus durch Ausweitung der Freizeit zu Lasten
ausgegangen werden kann. Diese als einer Spielsituation heraus entstehen, ge- des Leistungsbereiches in Form von
Mehrfachtäter, bei extremeren Ausprä- meinschaftlich und unter einem gewissen Schwänzen oder Blaumachen). Auffällig-
gungen ihrer Kriminalität auch als Inten- Gruppeneinfluss begangen werden und keiten im Aufenthaltsbereich finden sich
siv- oder Serientäter bezeichneten jungen eine einfache Tatausführung aufweisen, dagegen nicht, auch die tragenden
Menschen finden oftmals auch in den zum Beispiel in Form einer einfachen menschlichen Kontakte und familiären
Medien entsprechende Beachtung und Wegnahmehandlung unter Ausnutzen Bindungen werden bis zu einem gewissen
werden fälschlicherweise als typische Ver- einer günstigen Gelegenheit. Selbst wenn Grad aufrechterhalten. Gerade aus dem
treter der Jugendkriminalität wahrge- es in einer kurzen Phase wiederholt zu spezifischen Freizeitverhalten entstehen
nommen, um dann als Argument für solchen Delikten kommt, muss dies noch in der Clique, oft im Zusammenhang mit
entsprechende kriminalpolitische Forde- nicht auf eine Verfestigung hindeuten. Alkohol- oder Drogenkonsum, jene Situa-
rungen herangezogen zu werden. Die Die Gefahr einer solchen ist eher gege- tionen, aus denen heraus die Begehung
Übergänge zwischen episodenhafter Kri- ben, wenn die Straftaten auf eine gewisse von Straftaten selbst dann möglich wird,
minalität, häufigerer gelegentlicher De- Zielstrebigkeit hinweisen, etwa in Form wenn sie nicht den Grundhaltungen des
linquenz, Mehrfachtäterschaft, Intensiv- eines planmäßigen, überlegten Vorge- Täters entsprechen. Die Straftaten selbst
oder Serientäterschaft und einer langjäh- hens mit differenzierter Tatausführung, stehen vielfach im Zusammenhang mit
rigen kriminellen Karriere sind fließend. die eine Überwindung von Hindernissen dem Bedürfnis nach Status und Anerken-
Grundsätzlich kann man nach der inter- erforderlich macht oder mit Täuschungen nung in der Gruppe, wobei gerade die
nationalen Forschung davon ausgehen, einhergeht. Ähnliches gilt, wenn die Gruppendynamik zu den Straftaten, oft-
dass zwischen vier und sechs Prozent Taten darauf ausgerichtet sind, eine dem mals schweren, führt, weil ein Wort das
eines Geburtsjahrganges für die weit Täter bekannte Schwäche des Opfers ge- andere gibt, man sich gegenseitig bewei-
überwiegende Mehrzahl (ca. 40 % bis zielt auszunutzen, und wenn sie eine ge- sen und überbieten muss, so dass Delikte
60 %) der (registrierten) Delikte verant- wisse Vielseitigkeit erkennen lassen, sei es geschehen, zu denen der Einzelne für sich
wortlich sind, die dieser Geburtsjahrgang durch die Begehung von Taten unter- betrachtet niemals fähig gewesen wäre.
insgesamt begeht. Dies bedeutet, dass ei- schiedlicher Deliktsarten, sei es durch die Gleichwohl ist die Wahrscheinlichkeit
nige wenige für sehr viele Delikte und für Modifikation der Tatausführung vor dem groß, dass es bei dem einmaligen Delikt
ein hohes Maß an Kriminalität verant- Hintergrund bisheriger Erfahrungen des bleibt oder dass sich selbst mehrfache De-
wortlich sind. Die Praxis kennt zahlreiche Täters bei der Tatbegehung. linquenz als eine episodenhafte Erschei-
junge Straftäter, die eine Zeitlang mehr- Letztlich kann allerdings die konkrete Ge- nung darstellt.
fach, gegebenenfalls sogar über Jahre fährdungslage im Einzelfall erst durch Anders verhält es sich bei der kontinuier-
hinweg, immer wieder mit Straftaten in eine genaue Betrachtung des Stellen- lichen Hinentwicklung zur Kriminalität
Erscheinung treten, bei denen vielfältige werts der Delinquenz im Lebensgesamt mit Beginn in der frühen Jugendzeit.22
Reaktionen und Sanktionen, aber auch des individuellen Täters eingeschätzt Hier sind teils schon in der Kindheit
Stützungsversuche durch das soziale Um- werden.20 Aufgrund von interdisziplinär Grundstrukturen des Verhaltens zu er-
feld oder die Jugendhilfe anscheinend ausgerichteten, umfangreichen und in- kennen, wie sie bei Dauerkriminellen vor-
nichts bewirken. Aber selbst bei ihnen tensiven Vergleichsuntersuchungen von liegen. Im Gegensatz zur vorher be-
muss es nicht zwangsläufig zu einer län- wiederholt und hartnäckig delinquieren- schriebenen Verlaufsform sind hier alle
geren kriminellen Karriere kommen, die den jungen Straffälligen einerseits und Lebensbereiche von diesen Auffälligkei-
bis weit in die vierte oder fünfte Lebens- Probanden aus der Durchschnittspopula- ten betroffen. Dies lässt sich oft schon im
dekade reicht und in einem Kreislauf von tion, bei denen durchaus auch Delikte im Kindesalter, auf jeden Fall aber im Ju-
sozial auffälligem Lebensstil, Straftaten Hell- und Dunkelfeld vorlagen, anderer- gendalter recht klar erkennen. Im Bereich
und (immer länger währenden) Haftauf- seits, konnten bestimmte Verlaufsformen der Herkunftsfamilie zeigt sich zum Bei-
enthalten verharrt.18 beschrieben werden, die eine diagnos- spiel schon in jungen Jahren das Bestre-
tisch-prognostische Einschätzung der in- ben, sich aktiv jeglicher familiärer Kon-
Kann man kriminelle Karrieren dividuellen Gefährdungslage erlauben. trolle zu entziehen bzw. das Fehlen einer
diagnostizieren? Gegenstand der Analyse sind dabei das Kontrolle in jeder Hinsicht auszunutzen.
alltägliche Sozialverhalten und die da- Im Aufenthaltsbereich kommt es immer
Die wissenschaftlich wie kriminalpolitisch mit zusammenhängenden Einstellungen, wieder zu längeren Zeiten des Herum-
und insbesondere für die Strafverfol- Grundhaltungen und Orientierungen. streunens und des Unterschlupfes bei
gungspraxis interessante Frage lautet Im Hinblick auf eine kriminelle Verfesti- irgendwelchen Bekannten, das Eltern-
nun, wie kann bei einem jungen Straftä- gung prognostisch eher günstig einzu- haus wird frühzeitig verlassen, ohne dass
ter möglichst frühzeitig erkannt werden, schätzen ist die so genannte Kriminalität es gelingt, eine eigene beständige Wohn-
ob es sich bei seiner Delinquenz um ein im Rahmen der Persönlichkeitsreifung.21 situation aufzubauen. Entscheidend sind
passageres Ereignis handelt, das sich von Hier ist die Delinquenz relativ gut als ent- jedoch die komplementären Entwicklun-
selbst „auswächst“ und dem man mit er- wicklungsbedingt und damit als vorüber- gen im Leistungs- und Freizeitbereich. Es
zieherischer Toleranz und strafrechtlicher gehend abzugrenzen. Kennzeichnend ist, beginnt oft schon im Vorschulalter oder
Zurückhaltung begegnen kann, oder ob dass die typischen Verhaltensstrukturen Schulalter mit Leistungsversagen und ag-
es sich um den Beginn einer kriminellen von (später) wiederholt Straffälligen nur gressivem Verhalten gegenüber Erzie-
Karriere handelt, der man, bei aller Skep- partiell vorhanden sind. Sie beschränken hern, Erzieherinnen, Lehrern und Lehre-
sis hinsichtlich der Wirksamkeit straf- sich auf den Freizeitbereich und die damit rinnen oder gegenüber Gleichaltrigen in
rechtlicher Sanktionen, nachhaltiger und zusammenhängenden Kontakte. Die Frei- der Gruppe bzw. Klasse. Es kommt zu
energischer begegnen muss, um zumin- zeit wird – oft in deutlich erkennbarem hartnäckigem Schwänzen, das in der
dest den Versuch zu machen, eine Verfes- Gegensatz zu früher – mit unstrukturier- Regel zu plan- und ziellosem Herumstreu-
tigung der Kriminalität und damit ver- ten, inhaltlich nicht vorhersehbaren Akti- nen genutzt und häufig durch raffinierte

22
Lügen und Täuschungsmanöver gedeckt Tabelle 2: Entwicklung der Tatverdächtigenbelastungszahlen der Deutschen
wird. Während der Berufsausbildung (Bundesrepublik Deutschland).
oder der Berufstätigkeit wird die Ten-
denz, sich allen Leistungs- und Ordnungs- 1988 1993 1998 2001
anforderungen zu entziehen, dadurch Kinder (ab 8 Jahre) 1.085 1.325 2.417 2.292
verstärkt, dass die Freizeit nicht nur auf Jugendliche 3.478 5.163 7.288 7.416
Kosten des Schlafes, sondern zunehmend Heranwachsende 4.094 5.299 7.271 7.440
zu Lasten des Leistungsbereiches ausge- Jungerwachsene 3.456 3.696 5.118 5.480
dehnt wird. Blaumachen, nachlassende
Erwachsene 1.784 1.765 1.986 1.980
Arbeitsleistung, häufiger Stellenwechsel
und berufliche Untätigkeit führen dazu, Insgesamt 1.948 1.998 2.449 2.461
dass viel freie Zeit zur Verfügung steht, Quelle: Polizeiliche Kriminalstatistik (Bund) 2001, S. 99
die entsprechend unstrukturiert, häufig
mit kostspieligen milieu- oder szene-
orientierten Aktivitäten verbracht wird strafrechtliche Auffälligkeit einer Erzie- Uneinigkeit über die Ursachen der
und zusätzlich Kosten mit sich bringt. Es hungsperson; Proband steht nicht unter ansteigenden (Jugend-)Kriminalität
kommt zu einer verhängnisvollen Zuspit- ausreichender Kontrolle oder entzieht
zung der Situation; alles drängt förmlich sich der Kontrolle); Über die Ursachen dieses Phänomens be-
darauf hin, dass die für diesen Lebensstil – Socioscolares Syndrom (hartnäckiges, steht Uneinigkeit. Eine Erklärung für die
notwendigen, aber mangels Berufstätig- wiederholtes, wochenlanges Schwän- Zunahme könnte die Veränderung der
keit nicht vorhandenen Mittel durch ein zen, Fälschungen von Entschuldigungs- Kontrollstruktur sein, so dass sich ohne
Delikt beschafft werden. Kennzeichnend schreiben und sonstige Täuschungen Veränderung des Gesamtaufkommens
für diese Verlaufsform ist, dass sich die zur Vertuschung, Herumstreunen wäh- der von jungen Menschen begangenen
Notwendigkeit der Delinquenz aus dem rend und außerhalb der Schulzeit, klei- Straftaten im Laufe der Jahre lediglich
Lebensstil und dem aktuellen Lebens- nere deliktische Handlungen in Form eine Verschiebung aus bislang im Dunkel-
zuschnitt folgerichtig und zwangsläufig von mutwilligen Sachbeschädigungen, feld verbliebenen Delikten ins Hellfeld
ergibt. Ähnlich zwangsläufige Entwick- Bedrohungen von und aggressiven ergeben hätte. Dies könnte auf einer Ver-
lungen lassen sich auch für andere De- Handlungen gegenüber Gleichaltrigen, änderung der gesellschaftlichen Rahmen-
liktsarten, zum Beispiel Gewaltdelikte, Manipulationen an Zigaretten- oder bedingungen beruhen. Die These wäre
beschreiben.23 Spielautomaten usw.); also: Es gibt keine Zunahme der Strafta-
Durch diese enge Verquickung von Le- – Leistungs-Syndrom (rascher Arbeits- ten, es wird im Vergleich zu früher nur
bensstil und Delinquenz ist der Rückfall platzwechsel, Unregelmäßigkeit der Be- schneller und vermehrt angezeigt.
vorprogrammiert. Für ein strafrechtlich rufstätigkeit durch nicht nahtlose Über- Ein Grund hierfür könnte sein, dass die
unauffälliges Leben bedürfte es einer Ver- gänge der einzelnen Arbeitsstellen und durch die Verschärfung des Leistungs-
änderung des gesamten Lebenszuschnit- Zeiten selbst verschuldeter beruflicher und Konsumdenkens verstärkte Berufs-
tes und der eingeschliffenen Verhaltens- Untätigkeit sowie schlechtes bzw. wech- orientierung der Eltern oder allein erzie-
muster, was den Betreffenden extrem selhaftes Arbeitsverhalten); hender Elternteile oder die mit der
schwer fällt, umso schwerer, je länger sie – Freizeit-Syndrom (ständige Ausweitung Verstädterung einhergehende Anonymi-
diesen Lebensstil schon gepflegt haben. der Freizeit zu Lasten des Leistungs- sierung des sozialen Nahbereiches zu
Hinzu kommt, dass oftmals jeglicher „Lei- bereiches sowie überwiegend Freizeit- einem Rückgang der informellen sozialen
densdruck“ für eine Veränderung fehlt, tätigkeiten mit völlig offenen Abläu- Kontrolle und Sanktionierung und zu
weil dieser Lebenszuschnitt als interes- fen); einer Erhöhung der Anzeigebereitschaft
sant und angenehm empfunden wird und – Kontakt-Syndrom (Vorherrschen von durch Dritte führte. Ähnliches könnte für
die Aufdeckung der Straftat als „Unfall“ losen Kontakten oder Milieukontakten, die Schule, Ausbilder und andere Instan-
angesehen wird, den es künftig zu ver- frühes Alter beim ersten Geschlechtsver- zen der sozialen Kontrolle gelten. Ein
meiden gilt. kehr und häufiger Wechsel der Sexual- weiterer Grund könnte sein, dass das
partnerinnen). Wahrnehmungs- und Registrierungsrisiko
Syndrome als erste Warnhinweise zugenommen hat. Durch die Thematisie-
Deutliche Zunahme der amtlich rung des Phänomens Jugendkriminalität,
Bei den genannten Vergleichsuntersu- registrierten Jugendkriminalität etwa in Form der „zunehmenden Jugend-
chungen konnten auf der Basis der Be- gewalt“, ist die Wahrnehmungsbereit-
schreibung dieser unterschiedlichen Ver- Jenseits des „gesicherten Alltagswissens“ schaft und damit einhergehend die
haltensstrukturen statistisch trennkräftige der jeweiligen Generation der Eltern Anzeigebereitschaft der Bevölkerung ge-
Syndrome zur Früherkennung einer krimi- und Großeltern, dass die nachfolgende stiegen. Zudem verstärkte die Polizei auf
nellen Gefährdung im Sinne einer sich ver- Generation der Kinder immer schlech- Grund entsprechender kriminalpoliti-
festigenden Delinquenz herausgearbeitet ter wird und vor allem viel schlechter scher Vorgaben ihre Kapazitäten und
werden. Sie sind als Syndrome im Sinne ist als man selbst in diesem Alter war, Kontrollstrategien in diesem Bereich (et-
des gemeinsamen und gleichzeitigen Auf- muss zur Kenntnis genommen werden, wa durch Schwerpunktmaßnahmen oder
tretens der einzelnen Kriterien nahezu dass zumindest die amtlich registrierte proaktive Strategien im Bereich Straßen-
spezifisch für Lebensentwicklungen, die Jugendkriminalität sowohl langfristig bzw. Rauschgiftkriminalität) mit der Fol-
in wiederholte Straffälligkeit münden. Sie als auch mit Blick auf das letzte Jahr- ge eines höheren Fallaufkommens. Auch
können, insbesondere vor dem Hinter- zehnt deutlich zugenommen hat. Nach eine Zunahme der privaten und öffent-
grund der Begehung einer Straftat, auch einer Phase der Stagnation bis Mitte lichen Überwachungsmaßnahmen (Video-
ohne eine eingehende Diagnose im oben der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts überwachung in Kaufhäusern und auf
beschriebenen Sinne als erste Warnhin- sind die Tatverdächtigenbelastungszah- öffentlichen Plätzen, elektronische Wa-
weise für eine hohe kriminelle Gefährdung len junger Menschen Ende der 80er-, An- rensicherung, verstärkter Einsatz von De-
gesehen werden und sind auch für den fang der 90er-Jahre, insbesondere aber tektiven) könnte zu einer vermehrten
Außenstehenden relativ leicht zu erken- zwischen 1993 und 1998 erheblich gestie- Registrierung beitragen.
nen, da sie ganz auf äußerliche Verhaltens- gen und haben sich zwischenzeitlich auf Eine andere Erklärungsrichtung geht
auffälligkeiten abstellen. Es handelt sich hohem Niveau eingependelt. Tabelle 2 davon aus, dass die Straftaten junger
um folgende Syndrome:24 zeigt die Entwicklung der Tatverdächti- Menschen tatsächlich zugenommen ha-
genbelastungszahlen anhand von ausge- ben, dass sie also tatsächlich mehr Straf-
– Syndrom familiärer Belastungen (lang- wählten Jahren. Es wird deutlich, dass die taten begehen als früher. Dafür werden
jährige Unterkunft in unzureichenden Belastung bei allen jungen Menschen zahlreiche Überlegungen ins Feld geführt
Wohnverhältnissen und/oder längere deutlich zugenommen hat, besonders und Gründe aufgezeigt, die eine erhöhte
Zeit selbstverschuldet von öffentlicher ausgeprägt bei den Kindern und Jugend- Delinquenzbereitschaft bewirken sollen.
Unterstützung gelebt, soziale und/oder lichen. Aus entwicklungspsychologischer bzw.

23
-biologischer Sicht wird vor dem Hinter- zum Beispiel für die Situation Busschaff- Anmerkungen
grund einer psychosozialen Akzeleration ner versus Fahrkartenautomat usw.) bei
1
auf vermehrte Reibungsverluste mit der gleichzeitiger psychologisch untermauer- Die beiden Begriffe werden üblicherweise synonym
verwendet; während im polizeilichen Bereich eher der
Elterngeneration oder auf eine Verschär- ter Warenpräsentation zur Aktivierung erstgenannte Begriff üblich ist, spricht man in den So-
fung des Spannungsverhältnisses im Hin- des Greifimpulses. Die Vergrößerung des zialwissenschaften eher von „Delinquenz“, insbeson-
dere dann, wenn es um deliktische Handlungen von
blick auf den unveränderten gesellschaft- Warenangebotes (hochwertige Konsum- Kindern geht, die man nicht als „Kriminalität“ be-
lichen Status verwiesen. artikel, aber auch illegale Drogen) böten zeichnen will.
2
Aus sozialpsychologischer Sicht werden den heutigen jungen Menschen sehr viel Bei „Straßenkriminalität“ handelt es sich um einen
polizeilichen Sammelbegriff von Straftaten, die im öf-
der Wertewandel und die „offene“ Ge- mehr Möglichkeiten und Anreize zur fentlichen Raum begangen werden (z.B. Raubüberfall,
sellschaft thematisiert, die gerade bei jun- Straftatbegehung im Vergleich zu frühe- Kfz-Diebstahl, überfallartige Vergewaltigung, Sachbe-
schädigung usw.), also nicht um „Verkehrskrimina-
gen Menschen die Orientierungslosigkeit ren Generationen. Zu bedenken sei auch lität“.
förderten, mit der Folge der Betonung die zusätzliche Vergrößerung der Gele- 3
Die in der Polizeilichen Kriminalstatistik abgebil-
dete Kriminalität spiegelt nur einen – vermutlich je-
eines falsch verstandenen, von Egozentrik genheitsstruktur bei gleichzeitiger Ver- doch wesentlichen – Teil der amtlich bekannt gewor-
und Rücksichtslosigkeit geprägten „Indi- minderung des Entdeckungsrisikos durch denen Straftaten wider. In der allgemein zugänglichen
vidualismus“. Gleichzeitig wird auf den die höhere Mobilität junger Menschen, Polizeilichen Kriminalstatistik werden – mit Ausnahme
einiger Straftatbestände – die der Polizei bekannt ge-
Rückgang der Erziehungsbereitschaft und insbesondere auch durch die großräumi- wordenen und von ihr bearbeiteten Straftaten nach
der Erziehungsfähigkeit sowie auf die gen Verbundsysteme des öffentlichen dem Strafgesetzbuch und dem Nebenstrafrecht übli-
cherweise jährlich zusammengefasst auf Länder- bzw.
mangelnde Vorbildfunktion der (verunsi- Personennahverkehrs. Bundesebene dargestellt. Nicht enthalten sind Ord-
cherten und mit sich selbst beschäftigten) Es finden sich auch Überlegungen, die nungswidrigkeiten, Staatsschutz- und (einige) Ver-
Eltern, aber auch der Lehrer und Ausbil- den derzeit üblichen Formen einer Reak- kehrsdelikte ebenso wie die von anderen Strafverfol-
gungs- bzw. Verwaltungsbehörden ohne Einschaltung
der verwiesen. tion auf Straftaten junger Menschen eine der Polizei verfolgten Sachverhalte, beispielsweise Ver-
Eine „offene“ Gesellschaft fördere auch Abschreckungswirkung staatlicher Sank- stöße gegen die Abgabenordnung, Zollvergehen usw.
4
Die nachfolgenden Zahlen entstammen alle der PKS
die Bildung radikaler Subkulturen, mit tionen auf potenzielle Tätern absprechen (Bund) 2001; vgl. Bundeskriminalamt: Polizeiliche Kri-
der Folge eines zusätzlichen Kriminali- und darin eine Erhöhung der Gefährdung minalstatistik Bundesrepublik Deutschland. Berichts-
jahr 2001. Wiesbaden 2002
tätspotenzials. sehen. 5
Im Folgenden wird daher die männliche Form ver-
Auch der Medieneinfluss wird als Begrün- Unabhängig von den oben ausgewiesenen wendet.
6
dung herangezogen. Es wird zum einen Tatverdächtigenbelastungszahlen könnte Tatverdächtigenbelastungszahl = Zahl der von der
Polizei ermittelten Tatverdächtigen (über 8 Jahre) der
postuliert, die qualitativ veränderte Ge- die Zunahme der Jugendkriminalität zum jeweiligen Altersgruppe bezogen auf 100.000 Einwoh-
waltdarstellung in den Medien führe ge- Teil auch auf eine Erhöhung des Potenzials ner (über 8 Jahre) der selben Altersgruppe.
7
Die PKS des Bundes weist wegen statistikimmanen-
rade bei den jungen Konsumenten zu und des Gesamtaufkommens von jungen ter Verzerrungsfaktoren entsprechende Tatverdächti-
einer allgemeinen „Verrohung“ in Form Menschen, insbesondere Männern, zu- genbelastungszahlen für Nichtdeutsche nicht aus.
8
einer Habitualisierung an Gewalt, mögli- rückzuführen sein, bei denen zu den oben Der Begriff ist an sich falsch, hat sich aber eingebür-
gert: Es geht um mit sozialwissenschaftlicher Methodik
cherweise komme es sogar zur Stimula- angesprochenen generellen, die Zeit über- durchgeführte kriminologische Erhebungen, meist in
tion von Gewalttätigkeiten. Zum anderen dauernden Gründen weitere Belastungen Form der Befragung von Stichproben von Personen,
die für die Gesamtbevölkerung oder Teilgruppen
wird der Medieneinfluss für eine ver- und Gefährdungslagen hinzukommen, davon repräsentativ sind, mit dem Ziel, die tatsächlich
stärkte Konsumorientierung verantwort- die eine erhöhte Kriminalität mit sich brin- begangenen Straftaten in Erfahrung zu bringen, un-
lich gemacht, die bewirke, dass die Selbst- gen. Zu denken ist hier vor dem Hinter- abhängig davon, ob sie amtlich wahrgenommen und
registriert wurden (Hellfeld) oder tatsächlich im „Dun-
definition nur noch über Statussymbole grund des sozialen, kulturellen und wirt- kelfeld“ verblieben sind
9
und Konsumartikel erfolge, wobei nicht schaftlichen Umbruchs an die jungen Kerner, H.-J.: Jugendkriminalität zwischen Massen-
erscheinung und krimineller Karriere – eine Problem-
nur, aber gerade auch hier die Schnell- Menschen in den neuen Bundesländern skizze anhand neuerer statistischer Ergebnisse. In:
lebigkeit den immer größeren „Kick“ (die in einzelnen Deliktsbereichen deutlich Nickolai, W./Reindl, R. (Hrsg.): Sozialarbeit und Krimi-
nalpolitik. Freiburg 1993, S. 28 ff., S. 29
erfordere. Die Freizeitgestaltung sei zu- höhere Tatverdächtigenbelastungsziffern 10
Ob sich diese „Ubiquität“ auf das Kindes- und Ju-
nehmend unverbindlicher geworden (be- aufweisen als ihre westdeutschen Alters- gendalter beschränkt, darf mit guten Gründen (sei es
liebige Austauschbarkeit der Freizeit- genossen) ebenso wie an junge Men- aus methodischer Sicht mit Blick auf die bisher haupt-
sächlich befragten Bevölkerungsgruppen, sei es mit
aktivitäten, immer etwas Neues, keine schen mit einem (teilweise) anderen kultu- Blick auf die „Sichtbarkeit“ unterschiedlicher Arten
anhaltende Verantwortungsübernahmen, rellen Hintergrund, deutsche („Spätaus- von Delikten in den verschiedenen Altersgruppen: ju-
gendliche Körperverletzung einerseits, Steuerhinter-
kein Wir-Gefühl, keine Einbindung in siedler“) wie nichtdeutsche („deutsche ziehung andererseits!) durchaus bezweifelt werden.
Strukturen), mit der Folge, dass es den Ausländer“, „Asylbewerber“), bei denen Eingehend dazu: Bock, M., in: Göppinger, H.: Krimino-
jungen Menschen in der Freizeit an Halt sich manche der aufgeführten Aspekte be- logie. München, 5. Aufl. 1997, S. 509 ff., S. 511.
11
Vgl. im Einzelnen PKS 2001(a.a.O.), S. 88 f.
(und Kontrolle) fehle. sonders bemerkbar machen und mögli- 12
Lisbach, B./Spieß, G.: Viktimisierungserfahrungen,
In sozialstruktureller Hinsicht wird auf die cherweise tatsächlich für deren – ver- Kriminalitätsfurcht und Bewertung der Arbeit der Po-
lizei. Ergebnisse einer bundesweiten Repräsentativbe-
verstärkte Diskrepanz zwischen den finan- glichen mit jener der jungen Deutschen fragung. In: Dölling, D./Feltes, T. u.a. (Hrsg.): Kommu-
ziellen Möglichkeiten und den verringer- noch höheren – Kriminalitätsbelastung nale Kriminalprävention – Analysen und Perspektiven.
Holzkirchen 2001
ten Zugangschancen auf gesellschaftliche verantwortlich sind. 13
Vgl. allgemein dazu die Lehrbücher der Kriminolo-
Teilhabe (Neue Armut, Jugendarbeitslo- Auch hier ist darauf hinzuweisen, dass gie; z.B. Göppinger, a.a.O., S. 511
14
sigkeit, fehlende Ausbildungsplätze, feh- viele der angeführten Aspekte durchaus Hurrelmann, K./Engel; U.: Delinquency as a symp-
tom…; zitiert nach Bundesministerium des Innern,
lende Perspektiven) einerseits und den plausibel erscheinen, dass es aber auch in- Bundesministerium der Justiz (Hrsg.) : Erster Periodi-
zunehmenden materiellen Bedürfnissen soweit so gut wie keine überzeugenden scher Sicherheitsbericht. Berlin 2001, S. 475 (PSB)
15
Vgl. BMI/BMJ: PSB, a.a.O. S, 478
(Konsumartikel, kostspielige Trendsport- empirischen Nachweise für deren Auswir- 16
„diversion“ (engl.): Umleitung, Ablenkung; gemeint
arten) andererseits verwiesen. Der erhöh- kungen auf die Jugendkriminalität und ist die Verhinderung eines förmlichen Strafverfahrens
te Leistungsdruck führe auch vermehrt zu damit für deren Kriminorelevanz gibt. Of- und einer förmlichen Sanktionierung, einerseits um
Stigmatisierungseffekte zu vermeiden, andererseits
„Ausfällen“ nicht ganz so leistungsfähiger fensichtlich kommen die meisten jungen aber auch aus Gründen der Prozessökonomie im Sinne
junger Menschen mit der Folge einer Mar- Menschen mit diesen Schwierigkeiten einer schnellen Erledigung des Verfahrens
17
Vgl. mit weiteren Nachweisen: Heinz, W.: Das straf-
ginalisierung mit spezifischem Gefähr- und Gefährdungen ganz gut zurecht, rechtliche Sanktionensystem und die Sanktionierungs-
dungspotenzial. Zu nennen wäre auch die eventuell weil bei ihnen diesen gefähr- praxis in Deutschland 1882 – 1998. <www.uni.kon-
stanz.de/rtf/kis/-sanks98.htm>
zunehmende Urbanisierung, häufig ver- denden Faktoren protektive Faktoren 18
Zum Abbruch langjähriger krimineller Karrieren vgl.
bunden mit Gettoisierung bestimmter gegenüber stehen. Festzuhalten bleibt Mischkowitz, R.: Kriminelle Karrieren und ihr Abbruch.
Subpopulationen, die delinquente Sub- auch hier, dass sich trotz dieser zahlrei- Empirische Ergebnisse einer kriminologischen Lang-
zeituntersuchung als Beitrag zur „Age-Crime-Debate“.
kulturen und Bandenbildung fördern chen „guten“ Gründe für die vermehrte Bonn 1993; Stelly, W./Thomas, J.: Einmal Verbrecher –
könne. Begehung von Straftaten durch junge immer Verbrecher? Wiesbaden 2001
19
Vgl. Göppinger, H.: a.a.O. S. 390 f.
Eine andere Sichtweise stellt auf die Ver- Menschen die weit überwiegende Mehr- 20
Vgl. grundsätzlich dazu: Göppinger, H.: a.a.O.,
größerung der Gelegenheitsstrukturen heit von ihnen, auch bei Berücksichtigung S. 328 ff.
21
ab: Die Anonymisierung der Einkaufssi- der Dunkelfeldbefunde und trotz Zu- Göppinger, H.: a.a.O. S. 424 ff.
22
Göppinger, H.: a.a.O., S. 419 ff.
tuation und der Rückgang personeller nahme der registrierten Jugendkrimina- 23
Göppinger, H.: a.a.O. S. 429 ff.
24
mittelbarer Kontrollstrategien reduzier- lität, nach wie vor in der weit überwie- Göppinger, H.: a.a.O., S. 456 ff.
ten ein potenzielles Schamgefühl ebenso genden Zeit ihres Lebens an Recht und
wie das Entdeckungsrisiko (Gleiches gelte Ordnung halten.

24
Selektive Wahrnehmung führt zum Mythos männlicher Gewalt

Häusliche Gewalt – ein Problemaufriss aus


kriminologischer Sicht
Von Michael Bock

quenzen fürchten. Er kann es gegen an- los vorhandene Potenzial aktualisiert, in


dere, aber auch in Form von Neurosen welchen Formen der Gewalt, in welchen
und psychosomatischen Krankheiten ge- Sublimierungen und Verkleidungen es
gen sich selbst wenden. Verbale Gewalt, auftritt, das hängt von kulturellen Vorge-
psychische Gewalt, strukturelle Gewalt, gebenheiten ab, von Rollenverständnis-
Gewalt gegen Sachen – all dies sind For- sen, von legitimatorischen Möglichkeiten
mulierungsversuche, um zum Ausdruck in Religionen, Ideologien und Weltan-
zu bringen, dass die unmittelbare körper- schauungen, von den konkreten Arrange-
liche Gewalt gegen eine andere Person ments einer Partnerschaft, von den bio-
zwar wohl die Ur-Form der Gewalt grafischen Eigenheiten der Partner und
schlechthin ist, dass es aber auch andere ihrer wechselseitigen Bezogenheit. Nach
Konstellationen gibt, bei denen sich Men- den kriminologischen Lerntheorien wer-
schen als Opfer fühlen, die Ursache als den in verschiedenen sozialen Kontexten,
„Gewalt“ bezeichnen und dies auch sozial etwa in Familie, Schule oder Peergroup,
verbindlich machen können. So ist es auch die jeweils gängigen Verhaltensweisen
Prof. Dr. Dr. Michael Bock promovierte bei der häuslichen Gewalt. und die zu ihrer Rechtfertigung taug-
in Soziologie (1978) und Kriminologie Sieht man Aggressivität und daher das lichen Wissensbestände gelernt, während
(1983). 1985 erfolgte die Habilitation für Potenzial zur Gewalt als unablösbaren Be- andere gelöscht, abgewöhnt werden. Ein
Soziologie in Tübingen. Seit 1985 ist standteil der menschlichen Natur an, amorphes, ungerichtetes Aggressivitäts-
Michael Bock Professor für Kriminologie, dann erscheint nicht das Auftreten von potenzial wird so in kulturell vorgege-
Jugendstrafrecht, Strafvollzug und Straf- Gewalt als erklärungsbedürftig, da sie das bene Verhaltensmuster eingespeist und
recht an der Johannes Gutenberg-Univer- Normale und Erwartbare ist. Erklärungs- gewinnt Gestalt, Kontinuität und Resis-
sität in Mainz. bedürftig ist vielmehr der Umstand, dass tenz. Bekannt ist seit langer Zeit, dass ge-
die meisten Menschen zu den meisten rade die Muster gewalttätigen Verhaltens
Obwohl Gewalt im demokratischen Zeiten Gewalt unterlassen oder doch nur in großem Maß in der Familie gelernt und
Rechtsstaat einer konsequenten Ächtung in den oben genannten „Verdünnungen“ eingeübt werden und dass sie dann von
unterliegt, gab und gibt es Ausnahmen. der Gewalt ihr Potenzial ausagieren. Generation zu Generation weitergege-
Gerade die Familie blieb lange Zeit ein Ort, So argumentieren bekanntlich die psy- ben werden wie eine heiße Kartoffel. Dies
an dem gewalttätige Verhaltensweisen choanalytischen Schulen1. Der Mensch gilt wieder für die gesamte Bandbreite
verbreitet waren und immer noch an der kann dadurch zu sozialverträglichem Ver- dieser Muster, von der unmittelbaren
Tagesordnung sind. Das so genannte Ge- halten zivilisiert werden, dass dem ES als physischen Gewalt über die anderen, ver-
waltschutzgesetz vom 1. Januar 2002 ist dem ursprünglichen Sitz der Antriebe und dünnten oder sublimierten Formen bis zu
eine wichtige Station, den strafrechtlichen Bedürfnisse ein ÜBER-ICH entgegenge- selbstzerstörerischen Formen von Neuro-
Schutz in die Privatsphäre hinein zu baut wird, das die destruktiven Energien sen, psychosomatischen Erkrankungen
verlängern. Die Erscheinungsformen der moralisch zensiert, und dass ein starkes und schließlich Suizid. So erklären sich im
häuslichen Gewalt werden allerdings (im- ICH entsteht, das einen vernünftigen Aus- Ergebnis unterschiedliche „Mentalitäten“
mer noch) selektiv wahrgenommen und gleich zwischen Lust und Moral herstellt. von Völkern ganz ähnlich wie die „Stile“
unterliegen einer geschlechtsspezifischen So können die destruktiven Potenziale von Familien. Muster von Gewalt werden
Betrachtungsweise. Männer als Täter, umgeleitet werden in Arbeit, in wissen- gelernt, eingeübt, habitualisiert, rituali-
Frauen und Kinder als Opfer sind allge- schaftliche, künstlerische oder humani- siert. Die Phänomene, die seit einiger Zeit
genwärtige Rollenklischees, die weit ver- täre Leistungen, sogar in Fürsorglichkeit unter dem Begriff der häuslichen Gewalt
breitet sind. Dunkelfeldstudien hingegen und Liebe, aber immer bleiben sie „la- diskutiert werden, sind insoweit gar
zeigen, dass Frauen und Männer in annä- tent“ vorhanden und können sich in klei- nichts Besonderes.
hernd gleichem Umfang Täter und Opfer nen oder großen biografischen oder sozi-
häuslicher Gewalt sind. Trotz dieser Er- alen Krisen wieder Geltung verschaffen. Häusliche Gewalt in der Geschichte
kenntnisse wird an dem Mythos, dass Die große Blutspur, die durch Kriege und der Ächtung von Gewalt
häusliche Gewalt ausschließlich männli- Unterdrückungs- bzw. Vernichtungsaktio-
che Gewalt sei, festgehalten. Dies führt nen gegen ganze Völker und Klassen in Grundsätzlich finden wir in der abendlän-
letztlich zu Lücken und kontraproduktiven die Weltgeschichte gemalt ist und an der dischen Geschichte eine zunehmende
Effekten bei Präventionsstrategien. Mehr regelmäßig ansonsten harmlose, biedere, Ächtung von Gewalt, die letztlich auf
noch: Angesichts der offensichtlichen Se- liebenswerte Frauen und Männer betei- christliche Vorstellungen zurückgeht. Das
lektivität, mit der häusliche Gewalt gese- ligt waren, zeigen, wie dünn der Firnis ist, Völkerrecht und der demokratische Ver-
hen wird, entwickeln sich gleichsam ei- den Kultur und Zivilisation über das De- fassungsstaat sind darauf ausgerichtet,
gendynamisch Immunisierungsprozesse. struktionspotenzial des Menschen gepin- Gewalt zwischen Staaten und den Bür-
Red. selt haben. gerkrieg zu verhindern oder zu begren-
zen. Gewalt soll durch Recht gebändigt,
Gewalt ist kulturell vermittelt Gewalttätiges Verhalten wird in der soll verrechtlicht werden.2 Dieser lang-
Familie gelernt wierige Prozess ging einher mit einer
Im Gegensatz zu den Tieren, bei denen ständigen Erhöhung der Begründungsan-
Aggressivität instinktiv ausgelöst wird Dass wir alle das Potenzial zur Gewalt in forderungen für die verbleibenden For-
und in festen Verhaltensabläufen er- uns tragen, kann demnach keinem Zwei- men der noch legitimen Gewalt von Mili-
scheint, hat der Mensch grundsätzlich ver- fel unterliegen und es sei gleich hier ge- tär und Polizei als „ultima ratio“ oder
schiedene Möglichkeiten des Umgangs sagt, dass damit ein erster Standard für „kleineres Übel“ mit klar zu definieren-
mit seinem Aggressionspotenzial. Er kann alle realistischen Überlegungen gesetzt den Anlässen, Modalitäten und Grenzen.
es für später aufsparen, in der Fantasie er- ist, womit man auch bei häuslicher Ge- Bei insgesamt eindeutiger Tendenz gab es
proben, Pläne damit machen, die Konse- walt rechnen muss. Wie sich das zweifel- freilich Ungleichzeitigkeiten und Ausnah-

25
men. Gerade die Familie blieb noch lange die Arbeit in einem inzwischen flächen- brauch von Kindern sowie gewalttätige
ein Ort, an dem unter dem Schutz infor- deckenden Netz von Hilfseinrichtungen, Übergriffe gegen Senioren im Bereich der
meller Überzeugungen und formeller Beratungsstellen und Spezialabteilungen, häuslichen Pflege einen klaren Bezug zur
Züchtigungsrechte Verhaltensweisen ver- in welchem nicht nur Juristen, sondern häuslichen Gewalt haben (oder jedenfalls
breitet blieben, die aus heutiger Sicht als auch Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter haben müssten). Dabei hatte man schon
Gewalt gelten. Ähnliches gilt für Schulen, für die Problematik der häuslichen Ge- immer wahrgenommen, dass die beson-
Kasernen und Gefängnisse, so genannten walt geschult und sensibilisiert sind. Die dere Nähe zwischen Opfer und Täter so-
„besonderen Gewaltverhältnissen“, in Zeiten, in denen man bagatellisierend wohl eine besondere Verwerflichkeit be-
denen körperliche Züchtigungen noch und abwiegelnd meinte, hier gehe es um gründen kann (Ausnutzen der Nähe) als
lange an der Tagesordnung waren, als das den sprichwörtlichen „Streit in den bes- auch rechtfertigend oder entschuldigend
öffentliche Leben in Politik, Wirtschaft ten Familien“, dieser sei jedoch Privatsa- wirken kann (Beenden eines Martyriums).
und geselligem Verkehr der Bürger und che und ginge deshalb die Öffentlichkeit Das Opfer wird eventuell deswegen zum
Bürgerinnen längst „gewaltfrei“ zu sein und die Strafverfolgungsorgane nichts Täter und der vormalige Täter zum Opfer,
bzw. derjenige, der sich anders verhielt, an, sind vorbei.4 weil es teils emotional oder materiell ab-
mit Sanktionen zu rechnen hatte. Im Be- hängig ist, teils auch selbst durchaus am-
griff der häuslichen Gewalt steckt also ein Erscheinungsformen häuslicher bivalente Gefühle hegt, dem Täter des-
politischer Appell zur Veränderung: Ver- Gewalt halb nicht schaden, ihn nicht verlieren,
haltensweisen, die an anderen Orten die Familie schützen und erhalten will
schon längst als Gewalt angesehen, ver- Aus der Entstehungsgeschichte der Äch- und deshalb schweigt bzw. nicht anzeigt.
folgt und bestraft wurden, sollten nun tung häuslicher Gewalt folgt, dass die Er- All dies kann natürlich leichter gesche-
auch dann als Gewalt gelten – mit densel- scheinungsformen der häuslichen Gewalt hen, wachsen, eskalieren und andauern,
ben Konsequenzen für den „Täter“ oder nicht neu sind, sondern nur in einem an- weil die soziale Kontrolle herabgesetzt
„Störer“ – wenn sie in der Familie, im deren Licht gesehen werden. Hierbei ist ist.
Haus, in der Wohnung, im sozialen Nah- zu beachten, dass nicht nur Verhaltens- Indem diese längst bekannten Fakten in
raum vorkamen. weisen, die bisher als gar nicht oder we- die gesellschaftliche und kriminalpoliti-
Gleichzeitig verloren die rechtfertigen- nigstens nicht als öffentlich relevant gal- sche „Bewegung“ zur Ächtung häuslicher
den kulturellen Bestände ihre Plausibi- ten, in den Fokus der gesellschaftlichen Gewalt einbezogen wurden, erfuhren ge-
lität, mit denen die bisherigen Zustände und kriminalpolitischen Aufmerksamkeit rade diese Merkmale eine noch einmal
legitimiert worden waren: so etwa päda- geraten sind, sondern dass mit häuslicher deutlich gesteigerte Aufmerksamkeit.
gogische oder lebensweltliche „Theo- Gewalt auch Verhaltensweisen neu einge- „Häuslich“ ist das konstituierende Merk-
rien“ über die segensreichen oder we- ordnet und bewertet werden, die unter mal einer Vielzahl ansonsten sehr hetero-
nigstens unschädlichen Wirkungen von anderen Bezeichnungen auch bisher gener Ausdrucksweisen und Erschei-
Prügeln in der Erziehung („Wer sein Kind schon in der kriminologischen Literatur nungsformen von Gewalt und bringt
liebt …“); so etwa sexistische Vorstellun- und bei den Strafverfolgungsorganen gerade diesen „Mehrwert“ an Verwerf-
gen darüber, dass Frauen „so etwas“ an- eine gewisse Bedeutung hatten. So hatte lichkeit und entsprechend dringlichem
geblich von Zeit zu Zeit und in Maßen insbesondere die ältere Viktimologie fest- Interventionsbedarf zum Ausdruck. Aus
brauchen oder sogar wollen; so etwa ins- gestellt, dass bei Tötungsdelikten und Se- diesem Grund wurden und werden in die
besondere die Auffassung, es gehe nie- xualdelikten oft eine besondere Nähe häusliche Gewalt auch zunehmend die
manden etwas an, was in den eigenen zwischen Opfer und Täter besteht bzw. nicht-körperlichen Erscheinungsformen
vier Wänden passiert. Als Folge hiervon dass die Fälle anders aussahen, wenn eine einbezogen, also die verbale Gewalt und
wurde beispielsweise das Züchtigungs- Nähebeziehung vorlag als wenn es sich die psychische Gewalt (Beleidigungen,
recht von Lehrern abgeschafft und die um austauschbare Opfer handelte, die Demütigungen, dumpfe Bedrohungssze-
Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe den Täter bis zur Tat nicht oder nur flüch- narien), wobei sich mit dem Begriff der
gestellt. Das so genannte Gewaltschutz- tig kannten.5 Auch versteht es sich mehr „strukturellen Gewalt“ die Ursachen und
gesetz, das am 1. Januar 2002 in Kraft ge- oder weniger von selbst, dass die Kindes- Folgen der „Gewalt“ vom Erleben und
treten ist und verschiedene Änderungen misshandlung und der sexuelle Miss- der subjektiven Erfahrung des potenziel-
in den Polizeigesetzen der Länder, insbe-
sondere die Voraussetzungen und Dauer
von Platzverweisen („Rote Karte“) betref-
fend, waren und sind weitere wichtige
Stationen auf dem Weg, den strafrecht-
lichen, polizeirechtlichen und zivilrecht-
lichen Schutz vor – nunmehr auch als
solcher deklarierter – Gewalt in die Pri-
vatsphäre hinein zu verlängern bzw. zu
verlagern.3
Die Gesetzesänderungen wurden dabei
teils angestoßen, teils flankiert und poli-
tisch unterstützt von einer tief greifenden
Änderung der öffentlichen Meinung, die
sich vor allem auch in einer Änderung der
praktischen Anwendung rechtlicher Re-
gelungen des Schutzes vor Gewalt nieder-
schlug. Die Maßstäbe der Einschätzung
einer drohenden „Gefahr“ etwa, durch
welche die informellen Eingriffs-, Hand-
lungs- und Ermittlungsroutinen der Poli-
zei gesteuert werden, ebenso die Maß-
stäbe, nach denen die Staatsanwaltschaft
„öffentliches Interesse“ bejaht oder ver-
neint und entsprechend Verfahren ein-
stellt oder Anklage erhebt, aber auch die
Auslegung von Begriffen wie „Kindes-
wohl“ gerieten in den Sog einer völligen Kindesmisshandlungen sind nur eine Erscheinungsform häuslicher Gewalt. Dieses 1985
Umdeutung und Uminterpretation, durch von der britischen Gesellschaft zur Verhinderung von Gewalt an Kindern veröffent-
welche die gesamte Rechtspraxis sich lichte Bild zeigt den Rücken eines Babys, dessen Po mit Brandwunden von Zigaretten
grundlegend änderte. Dasselbe gilt für übersät ist. Foto: dpa

26
len Opfers abkoppeln und sich nur noch
über theoretische (z. B. marxistische oder
feministische) Konstrukte feststellen lässt,
wer Opfer ist. Die Tendenz geht eindeutig
in Richtung auf eine Ausweitung der Phä-
nomene häuslicher Gewalt und eine Vor-
verlagerung von Gefahren und Risiken,
die eventuell ihr Auftreten oder Andau-
ern begünstigen könnten.

Die Erscheinungsformen erfahren


eine geschlechtsspezifische Selektion

Die Erscheinungsformen häuslicher Ge-


walt, jedenfalls so, wie sie wahrgenom-
men, diskutiert und kriminalpolitisch an-
gegangen werden, erfahren allerdings
eine geschlechtsspezifische Selektion.
Männer als Täter, Frauen und Kinder als
Opfer – das war die Rollenverteilung, mit
der die Enttabuisierung der Sphäre des
sozialen Nahraums betrieben wurde. Das
lag insofern nahe, als sich dabei zunächst
Aktivistinnen der Frauenbewegung her-
vortaten, von denen man nichts anderes
erwarten konnte als einen geschlechts- Der Mythos, dass Frauen und Mädchen nur Opfer sind, hält einer erfahrungswissen-
spezifischen Blick. Hinzu kamen aber auch schaftlichen Überprüfung nicht stand. Tatsächlich sind Frauen und Männer in annä-
die traditionellen Rollenbilder unserer hernd gleichem Umfang Täter und Opfer häuslicher Gewalt. Foto: dpa
Kultur. Die Verbindung von Weiblichkeit
und Gewalt widerspricht elementaren ximale Ausweitung und Vorverlagerung, letzt genannten Studien um Arbeiten mit
Merkmalen der tradierten Geschlechts- was Verhaltensweisen (und gegebenen- ausgelesenen Fällen handelt, und zwar
rollen. falls „Strukturen“) betrifft, die als „Ge- mit den Fällen, in denen tatsächliche oder
In dieser und nur in dieser Variante hat walt“ angesehen werden und eine ge- angebliche Gewalterfahrungen öffentlich
das Thema „häusliche Gewalt“ jene ge- schlechtsspezifische Verengung und Be- gemacht wurden: bei Strafverfolgungsbe-
waltige Mobilisierung der öffentlichen schränkung von Täter- und Opfergruppen hörden, bei Ärzten oder Krankenhäusern,
Meinung hervorgerufen, der sich dann andererseits. in sozialen und karitativen Einrichtungen.
die Politik aller Parteien und Lager nicht Die Dunkelfeldstudien sind hingegen re-
mehr verschließen konnte. Als die Frau- Häusliche Gewalt ist zwischen den präsentative oder epidemiologische Stu-
enpolitik bald die Bundes- und Landesmi- Geschlechtern ungefähr gleich verteilt dien, gelegentlich auch Kohortenuntersu-
nisterien, die Dezernate der Kommunen chungen, jedenfalls Studien, in denen
sowie die Verbände und Kirchen erobert Tatsächlich sind Frauen und Männer in an- häusliche Gewalt unabhängig davon ge-
hatte, und als sich daneben eine reiche In- nähernd gleichem Umfang Täter und messen wird, ob sie öffentlich gemacht
frastruktur frauenpolitischer Netzwerke Opfer häuslicher Gewalt. Dies zeigen wird oder nicht. Diese Studien enthalten
und Hilfseinrichtungen etabliert hatte, Dunkelfeldstudien, die inzwischen in gro- also unausgelesene Daten. Will man sich
gab es erst recht keinen Grund mehr, an ßer Zahl vorliegen und in sekundäranaly- über das gesamte Ausmaß und die ge-
der geschlechtsspezifischen Einfärbung tischen Arbeiten6 methodisch hinterfragt, schlechtsspezifische Verteilung häuslicher
des Themas häusliche Gewalt als Män- kritisch gewürdigt und bezüglich der Gewalt ein realistisches Bild machen, muss
nergewalt irgendetwas zu ändern. Die Haupttendenz der Ergebnisse zusammen- man natürlich auf unausgelesene Daten
Praktiker und die Öffentlichkeit werden gefasst worden sind. Danach7 legen zurückgreifen. Will man nur sehen, wel-
weiter mit diesem einseitig geschlechts- Frauen und Männer nahezu gleich häufig cher Ausschnitt öffentlich „bearbeitet“
spezifisch gefärbten Bild „aufgeklärt“. aggressives Verhalten an den Tag, Frauen wird, also das Hellfeld, genügen die aus-
Die neuen polizeilichen Dienstanweisun- sogar etwas mehr. Messmethoden, Art gelesenen Daten.
gen und die teils amtlichen, teils von Ver- und Größe der Stichproben sowie einige
bänden und privaten Initiativen verteil- sonstige Unterschiede der in die Analyse Der Weg vom Dunkelfeld
ten Flyer und Broschüren sprechen eine einbezogenen insgesamt 82 Untersu- ins Hellfeld
eindeutige Sprache. Jeder Bürger findet chungen bewirkten nur vergleichsweise
sie in seinem Briefkasten. Tagungen von geringe Abweichungen von diesem Ge- Diese Differenzen erklären sich vor allem
Fortbildungseinrichtungen und Akade- samtbefund.8 Bei den wahrgenommenen dadurch, dass wir auf dem Weg vom Dun-
mien, Vorträge in Kirchen und Fußballver- Verletzungen ergab sich ein Übergewicht kelfeld ins Hellfeld zwar aus beiden Ge-
einen, die Frauen-AGs der kommunalen für die Frauen von 62% zu 38%.9 In vielen schlechtern die meisten Opfer verlieren.
Präventionsräte und ihre Öffentlichkeits- Fällen wurde das aggressive Verhalten Auch bei Frauen ist das Dunkelfeld groß.
arbeit – alle tragen in insgesamt beispiel- von beiden Partnern wechselseitig ausge- Aber wir verlieren noch mehr Männer als
loser Dichte dazu bei, das Bild zu verbrei- übt und die Initiative hierzu ging gleich Frauen, denn die äußeren und inneren
ten, häusliche Gewalt sei männliche häufig von Frauen und Männern aus.10 Hürden auf diesem Weg sind geschlechts-
Gewalt. Diese Befunde kontrastieren auffällig mit spezifisch unterschiedlich hoch.
Dass häusliche Gewalt männliche Gewalt einer Reihe von anderen Untersuchun- Für Männer ist schon das bewusste Einge-
sei, ist ein tief in den Gefühlen und im gen, die als „klinische“ Studien oder als ständnis vor sich selbst, Opfer von Gewalt
Weltbild der Menschen verankerter My- „Kriminalitätsstudien“ bezeichnet wer- einer Frau (geworden) zu sein, mit ihrer
thos, der von starken Tabus geschützt den können. In diesen Studien werden – Geschlechtsrollenidentität kaum verein-
wird. Deshalb gibt es auch einen partei-, wie auch in den amtlichen Kriminalstatis- bar. Verdrängen und Verschweigen hin-
altersgruppen- und geschlechtsübergrei- tiken – bei insgesamt erheblich geringe- gegen scheinen weiterhin den achtbaren
fenden Konsens in dieser Frage. Dass die- ren Fallzahlen regelmäßig deutlich hö- „Mann“ zu verbürgen. Für Frauen ist die
ser Mythos einer erfahrungswissenschaft- here Quoten für Männer als Täter und Opferrolle zwar auch zunächst keines-
lichen Überprüfung nicht standhält, wird Frauen als Opfer häuslicher Gewalt be- wegs attraktiv, denn meist geht sie mit
gleich zu zeigen sein. Jedenfalls finden richtet.11 dem Eingeständnis einher, in der Partner-
wir, was die Erscheinungsformen häus- Der Grund für die unterschiedlichen Be- schaft aus welchen Gründen auch immer
licher Gewalt betrifft, einerseits eine ma- funde liegt darin, dass es sich bei den zu- gescheitert zu sein. Wenn sie sich dies

27
Abbildung 1: Vom Dunkelfeld zum Hellfeld Der Streit um die Methoden

Die Befunde der Dunkelfeldforschung


Vom Dunkelfeld ins Hellfeld sind einerseits so eindeutig, andererseits
Innere und äußere Hürden
aber auch so bedrohlich für die Legitima-
tion der einseitig geschlechtsspezifisch
ausgerichteten Gewaltschutzpolitik, dass
Dunkelfeld mit einer gewissen Notwendigkeit Streit
(geschlechtsneutral 1:1) über die Methoden ausbrechen musste.
Den Befunden der Dunkelfeldforschung
musste der Stachel gezogen werden. Und
in der Tat sind gegen die Dunkelfeldstu-
Geschlechtsrolle dien massive Bedenken vorgebracht wor-
den. Die Kritik richtete sich dabei insbe-
verdrängt gewußt sondere auf das Messinstrument, mit dem
in den meisten dieser Studien operiert
Scham – Angst
wurde, die so genannte Conflict Tactics
Scale (CTS). Diese Skala enthält Verhal-
verschwiegen gesagt
tensweisen, die im Falle von Konflikten
Kommunikative Resonanz eingesetzt werden und nach deren Vor-
(Umfeld) kommen bei den Dunkelfelduntersuchun-
gen gefragt wird.
verlacht gehört Gegen dieses Messinstrument wurde zu-
nächst vorgebracht, Frauen würden diese
Soziale Resonanz Verhaltensweisen nur zu ihrer Verteidi-
(Hilfseinrichtungen, Behörden) gung einsetzen und dies berücksichtige
die Conflict Tactics Scale (CTS) ebenso
verlassen geholfen wenig wie das Ausmaß der hervorgerufe-
nen Verletzungen. Diese Kritikpunkte
Rechtliche Resonanz
sind widerlegt, weil sie in den neueren
(Polizei, Gerichte)
Untersuchungen bereits berücksichtigt
verloren gewonnen sind. Allenfalls mag es jenseits des oberen
Endes der Skala relativ seltene Fälle ei-
Hellfeld ner chronischen, schweren Misshandlung
geben, über deren geschlechtsspezifische
(geschlechtsspezifisch 1:7) Verteilung wir jedoch wenig wissen. Kei-
nesfalls dürfen hier auf der Seite der
weiblichen Opfer die Belegungszahlen
aber eingestehen, gibt es mit der Ge- Einfärbung des „second code“ in diesen von Frauenhäusern eingesetzt werden,
schlechtsrollenidentität jedenfalls kein Diskussionen nur eine untergeordnete denn für Männer gibt es bekanntlich
grundsätzliches Problem. Überwinden Rolle gespielt. Gerade bei der häuslichen keine vergleichbaren Einrichtungen und
Frauen ihre Scham und ihre Angst und Gewalt ist diese jedoch offensichtlich. So außerdem muss die Skala der Conflict
machen ihre Opfererfahrungen im priva- sind etwa die polizeilichen Zentralbe- Tactics Scale (CTS) nicht einmal ausge-
ten Umfeld, bei Hilfseinrichtungen oder griffe wie Gefahr, Verdacht oder Störer schöpft, geschweige denn überschritten
bei den Strafverfolgungsbehörden öf- fest mit der Vorstellung verknüpft, dass sein, um in ein Frauenhaus aufgenommen
fentlich, können sich neue Lebensper- „so etwas“ nur Männer tun. Das färbt den zu werden.
spektiven auftun, während das „outing“ Blick, erleichtert den Begründungsauf- Es gibt jedoch noch eine andere und viel
für Männer eine kommunikative, soziale wand, entspricht auch den praktischen tiefere Ebene der Kritik. Die Befunde der
und rechtliche Katastrophe ist. Man Routinen. Mit Männern als Tätern ist der Dunkelfeldforschung werden dabei gar
glaubt ihnen nicht und sie werden ausge- schwere Alltag leichter zu bewältigen. nicht mehr bestritten, doch fühlt man sich
lacht. Hilfseinrichtungen gibt es nicht. Die Insgesamt wäre es wünschenswert, dass dadurch in seiner geschlechtsspezifischen
wenigen Selbsthilfegruppen und Thera- die Kriminologie nicht nur die krassen Sichtweise gar nicht tangiert. Diese Be-
peuten sind nicht in den einschlägigen Unterschiede in der geschlechtsspezifi- funde seien insofern völlig irrelevant, als
Listen. Bei Polizei und Gerichten erregen schen Verteilung zwischen Hellfeld und die Conflict Tactics Scale (CTS) nur aggres-
sie erst einmal den Verdacht, selbst pro- Dunkelfeld12 zur Kenntnis nimmt, son- sive Akte messe, nicht aber Gewalt. Erst
voziert, selbst Gründe geliefert, selbst ty- dern überhaupt ihre Zurückhaltung auf- die subjektive Interpretation und Zu-
rannisiert zu haben. gibt und auch bei der häuslichen Ge- schreibung aggressiver Akte als Gewalt
In der Kriminologie waren es vor allem die walt die Befunde des Hellfelds in ähnlich mache aus rein physikalischen und inso-
Etikettierungsansätze und die Instanzen- differenzierter Weise empirisch hinter- weit trivialen Vorkommnissen Gewalt.
forschung, die sich der Frage widmeten, fragt, wie das in allen anderen Krimina- Diese Interpretation würden freilich nur
ob sich nicht die eigentlichen Ursachen litätsbereichen geradezu reflexartig ge- Frauen ihren Opfererfahrungen geben,
für Diskriminierung und selektive Sank- schieht.13 weshalb eigentlich nur sie taugliche Ge-
tionierung gar nicht in der Formulierung In kriminologischer Terminologie lässt waltopfer seien.14
der Gesetze als solcher (dem „first code“) sich sagen, dass männliche Opfer die ver- Zwar ist es sozialwissenschaftlich durch-
finden, sondern in den Anwendungsre- schiedenen Spielarten der sekundären aus richtig, zwischen den Dingen und
geln, jenem „second code“, der jenseits Viktimisierung antizipieren. Sie fürchten dem, was die Dinge für jemand bedeuten,
der Paragrafen der Gesetze darüber ent- zusätzliche, weitere Verletzungen und zu unterschieden. Es kommt auf den
scheidet, wie die Begriffe ausgelegt, wie Demütigungen, letztlich den Verlust einer „subjektiven Sinn“ an, auf die „Bedeu-
Tatsachen interpretiert, wie die Beweis- achtbaren männlichen Identität vor sich tung“, die wir Handlungen, anderen
lage beurteilt, wie Ermessensspielräume selbst und ihren Bezugspersonen. Für Menschen, aber auch alltäglichen Dingen
genutzt werden. Während die entspre- Frauen hingegen gibt es eine sozial aner- oder Kunstwerken und so auch aggressi-
chenden Schulen der Kriminologie jedoch kannte Opferrolle. Sie wählen häufiger ven Akten zuschreiben. Allerdings ist sehr
vor allem an Unterschichtsangehörige, den Weg in die Öffentlichkeit, zu den schnell zu sehen, dass sich diese differen-
Ausländer oder sonst wie sozial benach- Expertinnen und zu den Gerichten, weil zierte Methodologie gerade nicht eignet,
teiligte Gruppen dachten und insofern sie dadurch ihre materielle, psychische, die mit der Conflict Tactics Scale gefunde-
dem alten Verdacht der Klassenjustiz an- soziale und rechtliche Lage verbessern nen Befunde zu bagatellisieren. Denn der
hingen, hat die geschlechtsspezifische können. Umstand, dass Männer ihre Erlebnisse bis-

28
her nicht in den erwünschten Worten Abbildung 2: Die Conflict Tactics Scale
ausgedrückt haben, heißt nicht, dass sie
diese Vorfälle überhaupt nicht interpre- Die Conflict Tactics Scale (CTS)
tieren und schon gar nicht, dass sie diese
Vorfälle nicht als massive Verletzungen Übertragung ins Deutsche durch das Kriminologische
ihrer körperlichen und seelischen Integ-
rität fühlen. Forschungsinstitut Niedersachsens (KFN)
Die Conflict Tactics Scale (CTS) fragt zwei-
fellos nach Verhalten und nicht nach der
Bedeutung der erlittenen aggressiven
Akte für die Betroffenen. Das mag zu Un-
schärfen führen. Häufige Schläge können Familien oder Haushaltsmitglieder haben bei Streit oder
als weniger schlimm empfunden werden Auseinandersetzung ...
als ein dumpfes Bedrohungsszenario
ganz ohne Tätlichkeiten. Der „Kontext“
des Verhaltens gibt diesem seine Bedeu-
tung.15 Die nicht durch geschlechtsspezi- - mit einem Gegenstand nach mir
fisch gefärbte Deutungen verfälschte geworfen;
Wiedergabe von Verhalten ist jedoch an- - mich hart angepackt oder
dererseits die große Stärke der Conflict
Tactics Scale (CTS). Sie zeigt, was los war Subskala: gestoßen;
und nicht, was jemand sehen wollte und "Physische - mir eine runtergehauen;
benennen konnte. Die an ihrem oberen Gewalt"
Ende stehenden und zwischen Männern - mich mit der Faust geschlagen,
und Frauen unbestritten in etwa gleich insgesamt getreten oder gebissen;
verteilten Verhaltensweisen der schweren
physischen Gewalt (s. Abbildung 2) ent- Subskala: - mich mit einem Gegenstand
falten ganz zweifelsfrei „Wirkungen“, "Physische geschlagen oder zu schlagen
auch wenn sie nicht angemessen ver- versucht;
Gewalt"
sprachlicht werden. Subskala:
insgesamt - mich geprügelt,
zusammengeschlagen; "Schwere
Unzureichendes Wissen über
männliche Opfererfahrungen physische
- mich gewürgt; Gewalt"
Dass wir wenig darüber wissen, wie Män- - mir absichtlich Verbrennungen
ner ihre Opfererfahrungen verarbeiten,16 oder Verbrühungen beigefügt;
ist ein Teil des sozialen Problems selbst.
Für Männer fehlen nicht nur die insti- - mich mit einer Waffe, z. B. einem
tutionellen Hilfseinrichtungen, sondern Messer oder einer Schußwaffe
schon die sprachlichen Rückversicherun- bedroht;
gen in einem öffentlichen Diskurs, in dem
man seine Erfahrungen sozial verankern - eine Waffe, z. B. ein Messer oder
und damit auch für sich selbst festhalten, eine Schußwaffe gegen mich
benennen, verstehen und verarbeiten eingesetzt.
kann. Sie können deshalb ihr Leid nicht in
Sprache und Kommunikation transferie-
ren, sondern reagieren häufig mit (psy- Lücken und kontraproduktive weiter unter „Gewalt gegen Senioren“
chischen) Erkrankungen, Suchtverhalten Effekte aktueller Gewaltprävention oder „Kindesmisshandlung“ ein Schatten-
und Suizid. Es gibt auch bei Männern dasein.
Interpretationen und sonstige Wirkungen Die großen Dunkelfelduntersuchungen Die aktuelle Gewaltschutzpolitik im Ge-
schwerer Gewalt. Und es gibt auch bei machen Gewalt gegen Männer in einem biet der häuslichen Gewalt verweigert
Männern einen geschlechtsspezifischen Ausmaß sichtbar, dass die offizielle Ge- sich der Einsicht, dass es nicht nur Männer
„Kontext“, denn nur Frauen können waltschutzpolitik in ihrer ausschließlichen als Opfer, sondern auch Frauen als Täte-
glaubhaft die Drohungen mit der Polizei Beschränkung auf weibliche Opfer jeder rinnen gibt. Deshalb wird gegenüber
und den Gerichten und damit Waffen ein- empirischen und moralischen Legitima- Frauen ein Interventionsbedarf regelmä-
setzen, die ins Zentrum der sozialen und tion entbehrt. Weitere Lücken des Ge- ßig gar nicht in Betracht gezogen. Alle Ini-
materiellen Existenz zielen. Insofern ist waltschutzes werden jedoch sichtbar, tiativen zum Schutz und zur Hilfe für
auch die Unterscheidung zwischen einer wenn man sich vergegenwärtigt, dass ja Opfer häuslicher Gewalt sind für Frauen
beide Geschlechter betreffenden „expres- nicht allein Männer Opfer von weiblicher gedacht, gemacht und finanziert, wäh-
siven“ Gewalt einerseits, in der sich vor- Gewalt werden, sondern in noch weit rend umgekehrt alles, was für Repression
übergehende Konflikte in harmloser größerem Umfang auch Kinder. Die vor- und Prävention getan wird, nur Männer
Form entladen, und einer „instrumentel- gängige Identifizierung von häuslicher im Blick hat. So ist die ganze institutio-
len“ Gewalt andererseits, in der von Män- Gewalt als „Männergewalt gegen Frauen nelle und personelle Infrastruktur der Ge-
nern intentional und strategisch Gewalt und Kinder“ verschleiert die außerhalb waltschutzpolitik (einschließlich der Be-
zur Kontrolle von Frauen eingesetzt dieses speziellen Kontextes von niemand gleitforschung) rein geschlechtsspezifisch
wird,17 mit dem internationalen For- ernsthaft bestrittene Tatsache, dass Kin- angelegt.
schungsstand nicht vereinbar und oben- der in eher größerem Umfang von ihren Hinter diesem strukturellen Defizit ver-
drein ein Rückschritt in der Geschichte der Müttern misshandelt werden als von birgt sich jedoch nicht nur ein gravieren-
Ächtung von Gewalt. Es ist ein Kunstfeh- ihren Vätern. Auch die Gewalt von Frauen des Gerechtigkeitsproblem, sondern auch
ler, aus zweifellos vor allem bezüglich gegen Senioren bleibt von vornherein ein Effektivitätsproblem. Denn an den
männlicher Opfer bestehenden For- ausgeblendet, wenn man nur auf Män- problematischen Verhaltensmustern von
schungslücken zu schließen, die entspre- nergewalt abstellt. Diesen anderen Op- Frauen und Männern lässt sich in den
chenden Tatsachen – Leid, Schmerz und fergruppen bleibt also gerade die be- meisten Fällen nachhaltig nur dann etwas
chronische Misshandlung von Männern sonders intensive Aufmerksamkeit und verändern, wenn eine konfliktreiche Be-
einerseits und Macht von Frauen in ihren Hilfe versagt, die mit der exponierten kri- ziehung „systemisch“ bearbeitet wird.
zahllosen Aspekten andererseits – gebe es minalpolitischen Kategorie der häus- Dies jedoch wird durch den allgegenwär-
nicht. lichen Gewalt verbunden ist. Sie fristen tigen Mythos von Gewalt als männlicher

29
Abbildung 3: Männliche und weibliche Opfererfahrungen im Hellfeld und im Dunkelfeld wie die Gewaltschutzpolitik angelegt ist,
bedient sie ein bestimmtes Klientel, sichert
bestimmte Kompetenzen, Stellen und Le-
bensentwürfe. Die Einseitigkeiten der Ge-
waltschutzpolitik sind insofern teilweise
durchaus gewollt und werden sorgsam ge-
hütet. Als Erklärung reicht dies freilich
nicht aus. In einer kultursoziologischen
Perspektive lässt sich andeuten, wie sich
auch und gerade in einer wissenschaft-
lichen Zivilisation dauerhaft Mythen hal-
ten können. Wie zu allen anderen Zeiten
ist ein guter Mythos realitätsresistent,
denn sonst hätte er sich nicht als Mythos
etabliert. Er erneuert sich im Gegenteil
permanent selbst, erzeugt gewissermaßen
seine eigene Selbstbewahrheitung.
Beginnt man unten im Kreis der Selbstbe-
wahrheitung, so sieht man, dass es die ge-
schlechtsspezifischen Befunde aus dem
Hellfeld sind, die von Expertinnen und Me-
dien und von unzähligen Propagatoren
Gewalt von vornherein im Keim erstickt. Frauen und Mädchen rechnen können. und Multiplikatoren zur stetigen Auffri-
Einer der beiden Konfliktpartner kann Dies ist sowohl in Bezug auf Jungen und schung des Mythos verarbeitet werden.
eine einseitige Rollenverteilung zwischen Männer kontraproduktiv, denn wenn es Gebrochene Stimmen erzählen von
einem bösen Täter und einem guten irgendeinen nachhaltigen Erkenntnisge- Schmerz und Ohnmacht. Bilder zeigen Trä-
Opfer rechtlich und sozial verbindlich ma- winn der Kriminologie in den letzten nen, blaue Augen und verstörte Kinder.
chen. Dies aber bewirkt nichts als eine ver- Jahrzehnten gegeben hat, dann den, dass Dazu arrangiert man männliche Verbre-
ständliche Verhärtung auf Seiten des zu das pausbäckige Vertrauen auf Strafe und chervisagen, ritterliche Polizisten und be-
unrecht als allein schuldig stigmatisierten Repression19 relativiert worden ist, als troffene Moderatorinnen. So wird der
Mannes18 und zu einer Verdrängung oder auch im Blick auf Frauen und Mädchen, Stoff des Mythos gewoben, so gewinnt er
Verharmlosung des eigenen Anteils an der denn auch Illusionen und falsche Ideali- eine anschauliche, fassliche Gestalt, die ihn
Gewaltgeschichte auf Seiten der allein als sierungen des „friedlichen Geschlechts“ in den Gefühlen der Menschen verankert.
Opfer umsorgten Frau. So sind zum Bei- bringen den Dialog der Geschlechter Abscheu, Hass, Vergeltung und Rache, ein
spiel bei den jeweils nächsten Partnern beim Gewaltschutz nicht weiter. ganzes Arsenal archaischer Emotionen
ähnliche Eskalationsprozesse zu befürch- lässt sich alsdann einspeisen in den Strom
ten, weil der Frau bescheinigt worden ist, Eigendynamiken und politischer Programme, Reden, Schriften
alles richtig gemacht zu haben und der Immunisierungsprozesse und Auftritte, gemäß deren Botschaft Ge-
Mann – neben den unmittelbaren zivil- walt in allen ihren Erscheinungen geäch-
rechtlichen oder strafrechtlichen Folgen – Angesichts der offensichtlichen Selekti- tet werden muss. Es sind diese archai-
einen weiteren Schlag für sein Selbstwert- vität, mit der häusliche Gewalt gesehen schen Emotionen, die von der Politik
gefühl einzustecken hatte. und bearbeitet wird, stellt sich mit einiger einerseits mobilisiert und aufgenommen,
Die gegenwärtigen Instrumente des Ge- Dringlichkeit die Frage, wie es denn sein andererseits aber auch bedient und be-
waltschutzes produzieren nur Gewinne- kann, dass sich auch in einer wissen- friedigt werden müssen. Pluralismus, Mei-
rinnen und Verlierer, aber keine in Lern- schaftlichen Zivilisation realistische Sicht- nungsfreiheit, Opposition und die ganzen
prozessen gewachsenen Partner. Sie weisen und effektive Präventionsstrate- anderen Regeln der offenen Gesellschaft
gehen immer noch von einem Feindbild gien nicht durchsetzen können, obgleich sind dabei außer Kraft gesetzt, denn wer
„Mann“ aus, das den präventiven Dialog die entsprechenden wissenschaftlichen wollte mit Argumenten und Fakten
der Geschlechter in allen Altersstufen, an Befunde für jedermann frei zugänglich gegen Emotionen dieses Kalibers antre-
allen Orten und in allen Verfahrensstufen sind und in den Ministerialbürokratien an ten. Er würde sich unweigerlich als heim-
behindert oder ganz ausschließt. Sie sind sich der internationale Forschungsstand licher Komplize verdächtig machen. So
auf Enteignung, Entmachtung, Ausgren- zur Kenntnis genommen und zur Grund- entstehen Bekenntnis- und Handlungs-
zung und Bestrafung von Männern ge- lage der Politik gemacht werden sollte. zwänge auf der einen Seite und Schwei-
richtet, während auf kritiklose Unterstüt- Der Verweis auf Macht und Interessen liegt gespiralen auf der anderen Seite. Bei der
zung und Hilfe bisher ausschließlich hier nahe und er ist auch nicht falsch. So, Ächtung aller Gewalt kann es sich nie-
mand leisten, abseits zu stehen. Also wer-
Abbildung 4: Ein guter Mythos bewahrheitet sich selbst den Gesetze gemacht wie das Gewalt-
schutzgesetz. Oder es werden die
Regelungen für Platzverweise verschärft.
Es müssen Aktionspläne formuliert und
implementiert werden, es müssen die Cur-
ricula von Sozialberufen und die polizei-
lichen Dienstanweisungen entsprechend
aufgerüstet werden, es müssen Fortbil-
dungsveranstaltungen und Tagungen ver-
anstaltet oder entsprechende Preise aus-
gelobt werden.20 So kommt der Mythos
schließlich auch bei denen an, nach deren
Normalitäts- und Plausibilitätsvorstellun-
gen auf den verschiedenen Stufen zivil-
rechtlicher, polizeirechtlicher oder straf-
rechtlicher Verfahren entschieden wird.
Auch hier geht es nicht nur um rein kog-
nitive Vorstellungen (häusliche Gewalt ist
männliche Gewalt), sondern um ihre Ver-
knüpfung mit Emotionen („so etwas“ ist
einfach abscheulich) und Handlungsbe-

30
reitschaften („so einem“ gebe ich kein neuem frisch, plastisch und gegen lästige 8
Archer (wie Fußnote 6), Tabellen 3 und 6 auf S. 657
und 660
Pardon). Fakten immun hält. 9
Archer (wie Fußnote 6), Tabellen 4, 5 und 7 auf
Ist der Mythos erst einmal in der beschrie- S. 658, 659 und 661
10
benen Weise in den „second code“ einge- Nachweise bei Archer (wie Fußnote 6), S. 653f.
11
Zahlreiche Nachweise in der in Fußnote 6 zitierten
drungen, so wird noch einmal klar, wieso Anmerkungen Literatur sowie in der in Fußnote 3 zitierten Arbeit von
auf dem Weg vom Dunkelfeld ins Hellfeld Birgit Schweikert
12
1 Die sozialpsychologische Argumentation wird noch
(s. Abbildung 1) noch mehr männliche als Für weithin auch für häusliche Gewalt relevanten
durch einen statistischen Effekt unterstützt, wie er bei
kriminologischen Theorien und Forschungszusammen-
weibliche Opfer auf der Strecke bleiben. hänge wird als Einstieg und mit Hinweisen zur weite- großen Dunkelfeldern häufig zu beobachten ist. Neh-
Andererseits ist es auch nicht verwun- ren Literatur auf Bock, M.: Kriminologie. München, men wir an, von 100 männlichen Opfern schweigen 98
2. Aufl. 2000 verwiesen. und von 100 weiblichen Opfern 86, d. h. aus beiden
derlich, dass die geballte Kraft der ge- 2 Gruppen fast alle, dann wird daraus im Hellfeld ein
Bock, M.: Recht ohne Maß. Die Bedeutung der Ver-
sellschaftlichen und kriminalpolitischen rechtlichung für Person und Gemeinschaft. Berlin 1988 Verhältnis von 1:7!
13
3 Vgl. dazu allerdings Heinz, W.: Frauenkriminalität.
Kampagnen insofern Wirkung zeigt, als Schweikert, B.: Gewalt ist kein Schicksal. Ausgangs-
In: Bewährungshilfe, 2/2002, S. 131–152
bedingungen, Praxis und Möglichkeiten einer recht-
mehr Frauen ermutigt werden, ihr Schwei- lichen Intervention bei häuslicher Gewalt gegen Frauen
14
Hagemann-White, C.: European Research on the
Prevalence of Violence Against Women. In: Violence
gen zu brechen, Anzeige zu erstatten und unter besonderer Berücksichtigung von polizei- und zi-
Against Women, 7/2001, S. 732–759
die angebotenen Hilfen auch anzuneh- vilrechtlichen Befugnissen. Baden-Baden 2000 15
4
Sticher-Gil, B. (Hrsg.): Gewalt gegen Männer – ein Kavemann, B.: Gewalt gegen Männer – ein ver-
men. Polizisten, Ärzte, Freundinnen und vernachlässigtes Problem!? Dokumentation einer Ta- nachlässigtes Problem? In: Sticher-Gil, B. (Hrsg.): Ge-
gung am 18. November in der Fachhochschule für Ver- walt gegen Männer – ein vernachlässigtes Problem!?
Nachbarinnen sehen und tun, was sie Dokumentation einer Tagung am 18. November in der
waltung und Rechtspflege in Berlin. Berlin 2002
sehen und tun sollen. Im Ergebnis kommt 5
Schneider, H.-J.: Viktimologie. Wissenschaft vom Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege in
Berlin. Berlin 2002, S. 42ff.
erneut nicht nur ein insgesamt größeres, Verbrechensopfer. Tübingen 1975
6
16
Vgl. aber Lenz, H.-J./Meier, C. (Hrsg.): Männliche
Gemünden, J.: Gewalt gegen Männer in hetero-
sondern wiederum ein eindeutig ge- sexuellen Intimpartnerschaften. Ein Vergleich mit Opfererfahrungen. Dokumentation einer Tagung der
schlechtsspezifisches Hellfeld zustande, dem Thema Gewalt gegen Frauen auf der Basis einer Evangelischen Akademie Tutzing vom 1. bis 3. März
kritischen Auswertung empirischer Untersuchungen. 2002 in Heilsbronn (Tutzinger Materialien Nr. 88) Tutzing
das mit „wissenschaftlicher“ Begleitfor- 2002
Marburg 1996; Fiebert, M. S.: References examining 17
schung aufbereitet werden kann und er- assaults by women on their spouses/partners. An anno- 18
Kavemann, B. (vgl. Fußnote 15)
Aufschlussreich in dieser Hinsicht der Bericht von
neut denjenigen Recht gibt, die schon im- tated bibliography. In: Dank, B. M./Refinette, R. (Eds.):
Cornel, H.: Häusliche Gewalt. Geschlechtsspezifische
Sexual harassment and sexual consent. New Brunswick
mer gewusst haben wollen, dass alles noch 1997, Vol. 1, S. 273–286; Straus, M. A.: The controversy Gewaltanwendungen und darauf bezogene qualifi-
viel schlimmer ist, wo man die Übeltäter zu over domestic violence. A methodological, theoretical, zierte Interventionsprogramme. In: Neue Kriminalpoli-
and sociology of science analysis. In: Arriaga X. B./ tik, 1/2002, S. 20ff.
suchen hat und dass noch weitaus mehr ge- Oskamp S. (Eds.): Violence in intimate relationsships.
19
Beispielhaft ausgeprägt bei Schweikert (vgl. Fuß-
tan werden muss. Die nächsten Pressekon- Thousand Oaks 1999, S. 17–44; Archer, J.: Sex differen- note 3), aber auch in allen amtlichen Verlautbarungen
ces in aggression between heterosexual partners: A auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene.
ferenzen sind vorprogrammiert und eine 20
Beispielhaft seien hier die Präventionspreise ge-
meta-analytic review. In: Psychological Bulletin 2000,
neue Rückkoppelungsschleife in jedem S. 651–680 nannt, die das Innenministerium Baden-Württemberg
2001 für die Kommunen mit den meisten „Rote Kar-
endlosen Prozess der weiteren Symbolisie- 7
Von den in Fußnote 6 genannten Autoren hat allein
ten“ für gewalttätige Ehemänner ausgelobt hat.
John Archer eine echte empirische Meta-Analyse vor-
rung, Skandalierung und Aktivierung ist in gelegt. Für den aktuellen „Stand“ der internationalen
Gang gesetzt, der den Mythos immer von Forschung ist diese Arbeit daher am repräsentativsten.

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31
Ursachen, Risikofaktoren und Interventionsmöglichkeiten

Gewalt in der Schule


Von Thomas Feltes

den sie schließlich ihre Erfüllung in der ten Jahrzehnten immer mehr von der Fa-
Zerstörung.“ Norbert Elias: Studien über milie auf die unmittelbaren Freunde (die
die Deutschen. Frankfurt/M. 1989 so genannte „Peergroup“) und insbeson-
„Gewalt in der Schule“1 beschäftigt seit dere auf die Schule verlagert. Allein der
vielen Jahren Wissenschaft und Praxis zeitliche Umfang der schulischen Sozialisa-
gleichermaßen. Auch wenn durch spekta- tion (er beträgt 40–60 % der verfügbaren
kuläre einzelne Gewalttaten in Schulen Zeit eines Schülers ab dem 6. Lebensjahr)
die Öffentlichkeit wieder verstärkt auf macht deutlich, welche Bedeutung die
dieses Problem aufmerksam wurde: Es ist Schule für die Ausformung sozialen oder
weder neu noch derart dramatisch, wie abweichenden Verhaltens hat. Ist eine
oftmals der Eindruck erweckt wird. Be- Schule ausschließlich auf Qualifikation, Se-
reits in den beiden Sondergutachten, die lektion und bildungsmäßige Integration
Feltes und Hurrelmann Ende der 80er der Schüler ausgerichtet und „vergisst“ da-
Jahre für die Gewaltkommission der bei die Förderung sozialer Verhaltenswei-
Bundesregierung erstellten (Feltes 1990, sen bewusst oder unbewusst, dann spielt
Hurrelmann 1990), wurde der damalige sie eine wesentliche Rolle im Kriminalisie-
Wissensstand aufbereitet und das Pro- rungs- und Deklassierungsprozess von Kin-
blem relativiert. Ungeachtet des Streits, dern und Jugendlichen. Die generelle
wie die quantitative Entwicklung von Überbetonung kognitiver Lernziele, wo-
Schulgewalt zu beurteilen sei, wurde be- bei wichtige Erfahrungen des zwischen-
reits damals darauf hingewiesen, dass menschlichen Zusammenlebens vernach-
Prof. Dr. Thomas Feltes lehrt an der Ruhr- eine gefährliche Tendenz zur Entfrem- lässigt werden, führt bei gleichzeitiger
Universität Bochum als Inhaber des Lehr- dung der Schule und der in ihr Tätigen Vernachlässigung emotionaler Aspekte zu
stuhls für Kriminologie (Kriminalpolitik, von ihrem sozialen Umfeld zu beobach- einem Sozialverhalten, das sich egoistisch
Polizeiwissenschaft). Vor seiner Lehrtätig- ten ist. Schule „wird zur (anonymen) Ar- am Recht des Stärkeren orientiert.
keit in Bochum lehrte Thomas Feltes beitsstätte, für die man über die unbe-
u.a. am Institut für Kriminologie an der dingt notwendigen Verpflichtungen Gewalt hat viele Facetten
Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg hinaus keine besondere Sympathie und
sowie an der Fachhochschule Villingen – keine besondere Verantwortungsver- Eine wichtige Rolle im Zusammenhang
Schwenningen Hochschule für Polizei. pflichtung empfindet“ (Feltes 1990, S. mit Diskussionen um das Problem der Ge-
Thomas Feltes hat sich auch als Mitglied 335). walt in der Schule spielt die Frage, was ei-
der Unabhängigen Regierungskommis- Trotz der bereits vor vielen Jahren und gentlich genau „Gewalt“ ist. „Gewalt“
sion zur Verhinderung und Bekämpfung auch heute noch gesammelten positiven wird im umgangssprachlichen Bereich für
der Gewalt – der so genannten Gewalt- Erfahrungen mit Schulreformmodellen – ganz unterschiedliche Sachverhalte ge-
kommission – verdient gemacht. wie z.B. der von Hartmut von Hentig ge- braucht und jede Person empfindet „Ge-
gründeten Laborschule in Bielefeld (vgl. walt“ anders. Während für einige bereits
Berichte über Gewalt und Aggressionen von Hentig 1998; Demmer-Dieckmann verbale Beleidigungen Gewalt darstel-
in der Schule mehren sich. Nicht zuletzt 2001) – hat sich Schule insgesamt einer len, beginnt für andere Gewalt erst bei
durch die Berichterstattung in den Me- grundlegenden Reform entzogen. Dass körperlichen Auseinandersetzungen. Ver-
dien verdichtet sich die Vorstellung, dass sie jetzt wieder im Mittelpunkt steht, bale Gewalt bei Jugendlichen wird in vie-
Gewalt zum Schlüsselproblem der Schule wenn es um Leistungs- (PISA) und Ge- len Studien und Feldforschungen thema-
und häufig auch der beruflichen Existenz waltdiskussionen (Erfurt) geht, hat sie tisiert. Der Bericht eines Projektes der
von Lehrerinnen und Lehrern geworden aber nicht alleine zu vertreten. Trotz posi- Universität München beginnt mit folgen-
ist. Empirische Umfragen scheinen zu be- tiven Engagements der Mehrzahl der Leh- dem Zitat eines der befragten Jugend-
stätigen, dass eine Minderheit von Kin- rerinnen und Lehrer fehlt es nach wie vor lichen, mit dem er Ausländer beschreibt:
dern und Jugendlichen immer skrupello- an der notwendigen Unterstützung aus „Das sind doch keine Menschen“ (Schad
ser und brutaler wird. Es ist nicht möglich, Politik und Gesellschaft. Diese Unterstüt- 2001). Der Projektbericht beschreibt sehr
zweifelsfreie Kausalitäten für die zuneh- zung wäre aber notwendig, um den Bil- direkt den Sprachgebrauch verschiedener
mende Gewaltakzeptanz zu benennen. dungsauftrag der Schule, der auch soziale Gruppen von Jugendlichen und macht
Gesellschafts- und identitätstheoretische Lernprozesse umfasst, tatsächlich und ef- verbale Ausgrenzungen und Abwertun-
Ansätze mögen durchaus ihre Berechti- fektiv unter den sich insgesamt negativ gen deutlich. Der Bericht weist aber
gung für die Ursachenerklärung kind- entwickelnden gesellschaftlichen Rah- ausdrücklich darauf hin, dass solche
licher und jugendlicher Aggressionen menbedingungen wahrzunehmen. Der ausländer- oder randgruppenfeindlichen
haben. Mit Blick auf mögliche Interven- Ende letzten Jahres verstorbene Ivan Illich Äußerungen im Zusammenhang gesehen
tionsebenen ist jedoch die Erörterung hatte in seinem Buch „Entschulung der werden müssen mit entsprechenden Be-
jener Faktoren interessant, die durch Gesellschaft“ (1971) darauf hingewiesen, kundungen von Erwachsenen. Was bei Er-
Schule veränderbar sind. Gerade ein Blick dass große Gesellschaftsmechanismen wachsenen vornehm „Ressentiments“ ge-
auf schulische Interventionsebenen und wie z.B. die Schule kontraproduktiv wer- nannt wird, schlägt sich bei Jugendlichen
Präventionsansätze zeigt, dass die Aus- den, wenn sie einmal ein bestimmtes Sta- häufig in einer klaren und deutlichen
wirkungen von Gewalt gemildert und ab- dium überschritten haben. Je weiter sich Sprache nieder. Ist dies verwerflich oder
gedämpft werden können. Red. ein solches System entwickele – so seine einfach nur ehrlicher? Zumindest frem-
These – desto größer werde die Abhän- denfeindliche Straftäter sind sich der
Gewalt in der Schule, Gewalt durch gigkeit des Individuums und desto gerin- Unterstützung der von ihnen proklamier-
Schule? ger dessen Autonomie. Dem entgegenzu- ten Motive in einer breiten (medialen)
wirken ist bzw. wäre Aufgabe von Politik Öffentlichkeit bewusst (Willems 1993).
„Wenn die Gesellschaft den Menschen und Gesellschaft. Solche Aussagen und entsprechende
der heranwachsenden Generation eine Die Erziehung und Sozialisation von Kin- Handlungen können aber auch als Selbst-
kreative Sinnerfüllung versagt, dann fin- dern und Jugendlichen hat sich in den letz- inszenierungen von Jugendlichen gese-

32
hen werden, die wenig zu sagen haben in
unserer Gesellschaft. Das Selbstwertge-
fühl, das ihnen mangels anderer Profilie-
rungsgelegenheiten verwehrt wird, holen
sie sich durch martialische Darstellung in
Wort und Tat – auch und besonders in der
Schule, wo ihnen Aufmerksamkeit sicher
ist.
Die öffentliche Abqualifizierung und De-
gradierung bestimmter Menschen berei-
tet erst das Feld, auf dem verbale und
nonverbale Gewalt gedeihen können. Die
Abgrenzung der eigenen Gruppe, Rand-
gruppe oder Subkultur gegenüber ande-
ren Gruppen in der Gesellschaft ist weder
neu noch etwas Besonderes. Ohne Be-
rücksichtigung des gesellschaftlichen und
familiären Umfeldes lassen sich weder
Einstellungen noch Sprechweisen oder
nonverbales Verhalten adäquat erklären.
Nur wenn wir etwas wirklich erklären
können, sollten wir auch entsprechende
Maßnahmen fordern oder gar anord-
nen. Ansonsten sind solche Maßnah-
men Versuche, die ethisch bedenklich
und ineffektiv sind und letztendlich die
Situation eher verschlechtern als ver-
bessern.
Gewalt als fehlgeschlagene Kommunika- Vereinsamung, Leistungsdruck und soziale Kälte begünstigen das Auftreten schulischer
tion ist sicher eine Variante; Gewalt als Gewalt. Schülerinnen und Schüler protestieren nach dem Amoklauf von Erfurt gegen
nonverbale Kommunikation eine andere, das Thüringer Schulgesetz, das Jugendlichen, die auch beim zweiten Anlauf die Abi-
und Gewalt als Hilferuf, als oftmals letz- turprüfung nicht schaffen, jeglichen Abschluss verwehrt. Foto: dpa
ter, verzweifelter Versuch, Aufmerksam-
keit und Anerkennung zu bekommen
(und sei es auch negative) eine weitere Schule als Schlüsselelement im sehr geringe Kenntnisse vermittelt, dann
Variante. Wir reden und berichten oft Umgang mit problematischem muss das Thema „Gewalt in der Schule“
über offene Gewalt, nicht aber über die Verhalten auch aus diesem Blickwinkel betrachtet
subtile, oftmals wesentlich schwerere psy- werden. Der – umstrittene – Bericht zur
chische Gewalt, die zudem länger anhal- Die Schule spielt für Kinder und Jugendli- Bielefelder Laborschule zeigt, dass eine
tende Schäden verursacht. Die alltägliche che in unserer Gesellschaft in vielen Fällen bewusste pädagogische Schwerpunktset-
Unterdrückung, die alltägliche Ausübung die wesentliche Rolle in ihrem Alltags- zung auf die Persönlichkeitsentwicklung
von Macht durch Kommunikation – wir und Sozialleben. Nach einer Studie des der Schüler und die Entwicklung demo-
alle kennen sie aus unserem privaten und Max-Planck-Institutes haben Nachbar- kratischer Einstellungen nicht mit Einbu-
beruflichen Alltag. Wissen wir, wie viel schaften einen (statistisch) geringeren ßen bei den Fachleistungen einhergehen
Leid Kinder und Jugendliche ertragen Einfluss auf Art und Umfang von Jugend- muss.2
müssen, weil sie Opfer solcher Gewalt kriminalität als Schulen. Bedeutsamer Migrantenkinder sind in Sonderschulen
sind? Auf der anderen Seite wird – zum sind lediglich individuelle, d.h. aus der Fa- überrepräsentiert, und es ist von der sozia-
Beispiel im Zusammenhang mit der Dis- milie kommende Effekte (Oberwittler u.a. len Entmischung der Hauptschule die
kussion um die Wirkung von Medien – 2001). Dennoch wird die Schule allgemein Rede. Durch den ökonomischen Struktur-
immer wieder betont, dass verbale und immer wieder als „schwieriger Partner“ wandel sehen sich vor allem beruflich
nonverbale Gewalt zusammenhängen, bei Bemühungen im Bereich der Kinder- unqualifizierte Migranten einer immer
dass gewalttätige Sprache auch irgend- und Jugendhilfe gesehen (vgl. DJI-Pro- prekäreren wirtschaftlichen Situation ge-
wann in Gewalt umschlägt. Ungeachtet jektgruppe 1999). Die Schule scheint genüber. Die zunehmende Segregation
dessen, dass es an empirischen Belegen gleichsam ein Schlüsselelement im Um- der Stadtteile nach Nationalitätskriterien
für diese These mangelt: Gewalttätige gang mit problematischem Verhalten von führt zu einer steigenden Kluft zwischen
Sprache kann ebenso Ventil wie Katalysa- Kindern und Jugendlichen zu sein, was Zugewanderten und Einheimischen. Der
tor für nonverbale Gewalt sein. Es kommt auch eine im letzten Jahr in Reutlingen Schweizer Soziologe und Jugendforscher
offensichtlich auf die Umgebung, auf den abgeschlossene Studie gezeigt hat (Fel- Eisner formuliert dies so: „Im individua-
Sinn- und Lebenszusammenhang an, in tes/Spiess 2002). Hier haben Interviews lisierten Kontext der Städte entstehen
dem sich dies abspielt. Und vieles deutet bestätigt, dass sich Probleme von und mit ethnische Enklaven, die immer weniger in
tatsächlich darauf hin, dass nicht die Me- Jugendlichen in Schulen konzentrieren den Gesellschaftsvertrag moderner Gesell-
dien die entscheidenden Signale setzen, und dort artikulieren. Während die Doku- schaften eingebunden werden“ (Eisner
sondern das unmittelbare Umfeld, die mentation des Deutschen Jugendinstituts 2001, S. 20) – die Konsequenzen hieraus lie-
Umgebung, die Peergroup, die Familie, (DJI) den Eindruck erweckt, dass sich die gen auf der Hand.
die Schule. Schon lange weiß man, dass Schulen der Verantwortung in diesem Be- In Deutschland war in den letzten Jahren
sich mediale Gewalt ganz unterschiedlich reich durch Verweigerung oder Ignorie- ein statistischer Anstieg der polizeilich re-
auswirkt, je nachdem, ob sie alleine oder ren von Problemlagen entziehen, konnte gistrierten Jugendkriminalität zu ver-
im vertrauten Kreis „genossen“ wird. Was von uns für Reutlingen positiv vermerkt zeichnen3. Es gibt aber mehr als nur Indi-
ist aber, wenn es keine solcher „vertrau- werden, dass Lehrerinnen und Lehrer hier zien dafür, dass dieser Anstieg wesentlich
ten Kreise“, keine „sicheren Häfen“ für die Bedeutung der Problematik erkannt auf leichtere Straftaten zurückzuführen
Kinder und Jugendliche mehr gibt? Wenn haben. ist. Die polizeilich registrierten Gewaltta-
sie im Lebensalltag wieder und immer Wenn die jüngst veröffentlichte PISA-Stu- ten junger Menschen sind in den letzten
wieder erfahren „dürfen“, dass nicht die (Baumert 2001; PISA 2002) gezeigt hat, Jahren nicht brutaler geworden und der
Moral und Werte siegen, sondern Unver- dass das deutsche Bildungssystem vor al- Anstieg der Jugendgewalt fällt erheblich
frorenheit und Ellenbogen? Entscheidend lem deshalb im internationalen Vergleich schwächer aus, als es die polizeilichen
ist, was rauskommt: Hast Du was, bist Du schlecht abschneidet, weil es Kindern aus Daten signalisieren. Vergleicht man näm-
was! Hast Du nichts, bist Du nichts! schwierigen sozialen Verhältnissen nur lich die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS)

33
mit der gerichtlichen Verurteiltenstatis- lern, Schülerinnen, Lehrerinnen und Leh- deutig rückläufig. 1997 führten Schüler
tik, so zeigen sich wichtige Unterschiede: rern zum Teil erheblich zu stören, wobei des Bertolt-Brecht-Gymnasiums in Bran-
Die Zahl der von Gerichten wegen schwe- die pädagogischen Maßnahmen gegen denburg/Havel eine Befragung an ver-
rerer Straftaten verurteilten Jugendlichen diese Schüler durchaus problematisch sind, schiedenen Schulen durch. Danach be-
ist in den letzten Jahren kaum bzw. bei weil sie zu einer Stigmatisierung dieser richten 22% von oftmaligem „Schubsen
weitem nicht so stark angestiegen, wie Personen führen können. oder Anrempeln“, 13% wurden „oft“ von
dies die Zahlen der Polizei vermuten las- Die befragten Erwachsenen sehen die Ur- Mitschülern angebrüllt und 10% „oft“
sen. Dennoch werden Jugendliche zuneh- sachen für Gewalt in der Schule in den ge- verspottet. Eher selten wird hingegen von
mend Opfer von Straftaten bzw. berich- sellschaftlichen Verhältnissen außerhalb schwereren Gewalttätigkeiten berichtet:
ten in Dunkelfeldstudien von solchen des Einwirkungsbereichs der Schule (Me- 3% sind bedroht oder erpresst worden,
Opfererfahrungen (Forschungsgruppe dien, Wertewandel, familiäre und soziale 4% berichten von Körperverletzungen.
Kommunale Kriminalprävention 1998). Probleme), während die Schüler hinter Relativ verbreitet wiederum wurde von
Dabei wird die Mehrzahl der Taten gegen der Gewalt „Suche nach Anerkennung“, Diebstählen berichtet: 14% haben dies
Jugendliche von Personen der gleichen „Ärger und Kummer zu Hause“, „Feind- „manchmal“ erlitten, 50% „selten“ und
Altersgruppe, also ebenfalls von Jugend- seligkeit gegenüber Ausländern“ und nur 36% „nie“. Die Schüler sehen als
lichen, begangen. Gewalt von Jugend- „Freude an der Gewalt“ sehen. Ähnliche Hauptauslöser für die Aggressivitäten in
lichen gegenüber Erwachsenen ist die ab- Ergebnisse hatte zuvor eine Untersu- der Schule vor allem Stress (15 %), Frust
solute Ausnahme. Jugendliche haben chung in Schleswig-Holstein (Ferstl/Nie- (14 %) und Langeweile (12 %) an. 24 %
häufig Angst vor einer Opferwerdung in bel/Hanewinkel 1993) erbracht, nach der der Schüler gaben zu, eine Waffe (vor
der eigenen Wohngegend – ein Phäno- etwa ein Viertel der Befragten der Auf- allem Messer, Reizgas, Pistole, Schere) bei
men, das wir von Erwachsenen nicht ken- fassung war, dass Gewalt in der Schule in sich zu führen. Mindestens einmal einge-
nen. Bei ihnen ist es eher umgekehrt, d.h. den letzten drei Jahren „etwas gestie- setzt haben sie 2 %.
die eigene Wohngegend wird unabhän- gen“ sei. Lediglich 1,8% meinten, die Ge- Die Ergebnisse dieser und vieler weiterer
gig von der tatsächlichen Kriminalitätsbe- walt sei „stark gestiegen“, 60% hingegen empirischer Untersuchungen lassen den
lastung eher als sicher eingestuft, die sie sei „gleich geblieben“ und 10,9% Schluss zu, dass die Situation an deut-
„fremde“ Wohngegend eher als „gefähr- glaubten sogar, sie sei „etwas gesunken“. schen Schulen rationaler diskutiert und
lich“. Insofern wundert es nicht, dass Eine 1994 in Hessen durchgeführte Befra- stark entdramatisiert betrachtet werden
mehr als die Hälfte der von uns befragten gung von Meier und Tillmann (1994) muss (Holtappels u.a. 1999). Die gilt vor
Jugendlichen häufigere Polizeistreifen im zeigte, dass dort Nötigung und Diebstahl allem auch deshalb, weil sich die Funktion
eigenen Wohngebiet befürworten. gleich geblieben sind, Sexualdelikte ab- und die Rolle der Schule in den letzten
genommen und Vandalismus zugenom- Jahren dramatisch verändert hat: „Die
Gewalt in der Schule im Spiegel der men hat. Danach kommt Vandalismus an Kirchen haben an Einfluss verloren, der
Statistik etwa 40% der hessischen Schulen „gele- Staat wird von den meisten nicht mehr als
gentlich“ oder „häufig“ vor, während Bedrohung, eher als ‚Lachnummer‘ wahr-
Bereits Anfang der 70er Jahre war das Schutzgelderpressung (6%) oder „ge- genommen. Arbeitslosigkeit und Leis-
Thema Gewalt in der Schule von Schuläm- walttätige Auseinandersetzungen zwi- tungsdruck zerschlagen Familienstruktu-
tern und Schulbehörden verstärkt thema- schen Schülergruppen“ (5%) eher selten ren“. Diese Feststellung der Leiters der
tisiert worden. Zumindest bis Anfang der sind. Im Berliner Stadtbezirk Neukölln Glocksee-Schule in Hannover (zitiert nach
90er Jahre gab es aber keine empirischen führte Düffer 1995/96 an mehreren Schu- Maron 2003) macht deutlich, in welchem
Hinweise auf eine dramatische Zunahme len eine empirische Untersuchung zur Ge- Umfeld Schule heutzutage agiert und was
von Gewalt im schulischen oder außer- walt an der Schule durch (Düffer 2000). Zu sie kompensieren muss. Die Klage, dass
schulischen Bereich und auch danach ist den Erscheinungsformen von Gewalt zäh- diese Kompensation nicht wirklich Auf-
durchaus umstritten, ob und gegebenen- len danach verbale Aggressionen, die gabe der Schule sein könne, ist ebenso
falls welchen Anstieg es in diesem Bereich „fast täglich“ von 21% der Gymnasiasten, berechtigt wie die Veränderung dieser
gegeben haben soll. Ebenso unklar ist, ob 26% der Realschüler, 21% der Hauptschü- Bedingungen in der gegenwärtigen Situ-
sich die Qualität der Gewalt verändert ler und 32% der Gesamtschüler beobach- ation unrealistisch ist: Das Sein bestimmt
hat. ten werden. Prügeleien oder gar ange- das Bewusstsein, die Schule existiert und
Bielefelder Kollegen konnten zuletzt in ei- drohte Waffengewalt wird hingegen hat mit den Problemen klarzukommen.
ner Befragung von 3.540 Kindern und Ju- wesentlich seltener beobachtet: Hier lie- Sie kann sich nicht dieser Aufgabe ver-
gendlichen und 448 Lehrern und beim Ver- gen die Prozentzahlen jeweils bei 0% für weigern. Wenn Politik und Gesellschaft
gleich der Daten mit einer Studie von 1972 Gymnasien und Realschulen, 4 bzw. 5% ihr bei der Bewältigung dieser Probleme
keinen massiven Anstieg des Gewaltver- bei Hauptschulen und 2,5% bei Gesamt- nicht helfen, dann sollte sich ein (be-
haltens in den letzten drei Jahrzehnten schulen. In Sachsen begann man 1995/96 rechtigter) Protest der Lehrer und Leh-
feststellen. In dieser Studie wurden aller- mit einer empirischen Untersuchung über rerinnen dorthin und nicht in Form von
dings alters- und geschlechtsspezifische die Gewalt von Jugendlichen an verschie- Frustration, Dienst nach Vorschrift oder
Unterschiede ebenso festgestellt wie Un- den Schulen, die 1998 wiederholt wurde. Flucht in Zynismus gegen die Schüler
terschiede zwischen den verschiedenen Eine wesentliche Zu- oder Abnahme der richten. „Das Sein VERstimmt das Be-
Schulformen (Tillmann u.a. 2000). (sich auf niedrigem Niveau befindlichen) wusstsein“ – so steht es auf einem Nach-
Nach einer im Herbst 1993 in Bochum Gewalt war im Laufe der zwei Jahre nicht Wende-Graffiti in Ostberlin, neben einer
durchgeführten Untersuchung von festzustellen. Sowohl das quantitative, Büste von Karl Marx, der man Papp-
Schwind u.a. (1995) nehmen die Aggres- wie auch das qualitative Niveau der Ge- nase und Karnevalshütchen aufgesetzt
sionsphänomene nach Einschätzung der walthandlungen wird eher zurückhaltend hatte.
Befragten zwar zu; die Vermutung, dass eingeschätzt. Auch die von Fuchs u.a. Generell spiegeln quantitative wie quali-
(ernstere) körperliche Auseinanderset- (2001) durchgeführte Studie an Schulen in tative Entwicklungen von Gewalt in der
zungen unter Schülern auf breiter Front zu Bayern (Befragungen von 1994 und 1999) Schule prinzipiell die Entwicklung dieser
beobachten sind, trifft aber nicht zu. Nach kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Mit Problematik in der Gesamtgesellschaft
der Studie kommen ernstere Schlägereien Ausnahme der verbalen Gewalt wird auch wider. Dies wird auch in einem umfang-
(mit Verletzungen) einmal im Monat an hier keine Veränderung in dem Gewalt- reichen Bericht zu den Indikatoren zu
fünf (von 123) Schulen vor, ein- bis fünfmal verhalten der Schüler festgestellt, wobei Gewalt und Kriminalität in der Schule
im Jahr an weiteren 45 Schulen. Dabei sind die Autoren betonen, dass zudem das Ge- deutlich, der Ende 2002 in den USA veröf-
Grund-, Haupt- und Gesamtschulen stär- waltniveau durchgängig ziemlich gering fentlicht wurde. Der dort in den letzten
ker belastet als Realschulen und Gymna- sei. Parallel zu der Gewaltentwicklung der Jahren zu verzeichnende Rückgang von
sien. Der Kreis der Täter (meist sind es Jun- Schüler und Schülerinnen untereinander Gewalt in der Schule verläuft absolut pa-
gen aus den 7. bis 10. Klassen) ist relativ hat die Gewalt der Schüler gegen ihre rallel mit der entsprechenden Entwick-
klein: der harte Kern umfasst etwa 5% der Lehrer ebenfalls nicht zugenommen. Im lung bei den polizeilich registrierten
Schüler. Diesen wenigen Schülern gelingt Gegenteil: Physische Gewalt und Nöti- Straftaten (National Center for Education
es aber, das Sicherheitsgefühl von Schü- gung sind nach dieser Studie sogar ein- Statistics 2002).

34
Die subjektive Wahrnehmung von gegangen, man gehe in der Gruppe deutschen Mitschüler. Bei psychischen Ge-
Gewalt in der Schule gegen ihn vor, z.B. durch aggressive ver- walthandlungen ergeben sich hingegen
bale Attacken. Zudem gebe es einen keine Unterschiede. Diese unterschiedli-
Im Gegensatz zu diesen eher quantitati- „gnadenlosen Sexismus und Machoge- che Gewaltbereitschaft kann aber ein
ven Untersuchungen zeigen qualitative habe“. Als mögliche Ursachen wurde von Indiz dafür sein, dass türkische Jugendli-
Studien, dass die Gewalt in der (subjekti- der Hilflosigkeit der Eltern in der Erzie- che noch immer unter Diskriminierungen
ven) Wahrnehmung der Lehrer und Schü- hung und der „Verwahrlosung auf der und Ausgrenzung leiden. Zudem spielt
ler zugenommen hat. Dabei muss man emotionalen Ebene“ gesprochen. der Ausländerstatus zwar für die Qualität
davon ausgehen, dass die subjektive Auf der anderen Seite wird auch davon der Gewalthandlungen eine Rolle, aber
Wahrnehmung nicht unbedingt mit ob- berichtet, dass die weibliche Aggressivität nur in geringem Maße für die Gewalt-
jektiven Fakten übereinstimmt. Die in Be- und Gewaltbereitschaft zugenommen häufigkeit an Schulen (Fuchs 1999, S. 136).
fragungen wiedergegebene Angst ist oft- habe, was auch in wissenschaftlichen Stu- Pfeiffer und Wetzels (1999) kamen zu
mals eine „Angst aus zweiter Hand“, die dien thematisiert und kritisch kommen- dem Ergebnis, dass junge männliche Mi-
allerdings, wie in einer anderen Studie tiert wird (Wittmann/Bruhns 2001; Bruhns/ granten (insbesondere junge Türken)
gezeigt werden konnte, durchaus drama- Wittmann 2001; Popp 2001; schon früher: überdurchschnittlich hoch mit Gewalt be-
tische Auswirkungen auf die Verbre- Hilgers 1996).4Die Mädchen selber stellen lastet sind. Erstaunlicherweise blieb diese
chensfurcht und das subjektive Sicher- vermehrte körperliche Gewalt der Jungen erhöhte Gewaltneigung auch signifikant,
heitsgefühl haben kann. Im Ergebnis fest und liefern dafür auch eine Begrün- nachdem Familiensituation, Bildungsni-
zeigen solche „Opfer vom Hörensagen“ dung: „Sie (die Jungen, T.F.) kämpfen oft veau und soziale Lage der Familie statis-
sogar höhere Verbrechensfurcht und zusammen und wollen ihre Kräfte ‚mes- tisch kontrolliert wurden. Die Autoren
mehr Ängste, als Personen, die selbst sen‘.“ (Felten 2000, S. 137). Auffallend ist, folgern angesichts dieses Ergebnisses,
Opfer wurden (Feltes 2001). Wird das dass Schülerinnen ihre eigenen Gewalt- dass die Unterschiede der Gewaltbelas-
Schlagwort „Gewalt“ vorgegeben, spru- handlungen als Gegengewalt legitimie- tung nicht alleine auf die besondere sozi-
deln die Beispiele: So wurden in einer im ren. Sie fühlen sich von ihrem Gegenüber ale und ökonomische Lage von Migranten
letzten Jahr in Reutlingen durchgeführte herausgefordert, so dass ihre eigene in der Bundesrepublik zurückzuführen
Studie (Feltes/Spiess 2002) von den Schü- Handlung gerechtfertigt ist. „Also ich seien: „Unser Ergebnis weist vielmehr dar-
lern Schlägereien wegen Kleinigkeiten, finde es Scheiße, dass es Gewalt hat. (…) auf hin, dass mit der ethnischen Zugehö-
Erpressung und Diebstahl als häufigste Aber es gibt halt so komische Typen und rigkeit Gewalt befürwortende Männlich-
Delikte genannt, wobei die Gefahr weni- dann muss man sich halt wehren“ (Felten keitsideale verbunden sind“ (Pfeiffer/
ger von einzelnen Schülern, sondern von 2000, S. 141). „Ich, ich wehr´ mich nur, ja, Wetzels 1999, S. 16). Kritisiert wurde diese
Gruppen ausgehe. Angst auf dem Schul- wenn jemand zu mir kommt und mich Aussage von vielen Seiten. So wurde von
weg („Da wollen mich welche verhauen“) schlägt, dann wehr ich mich, ja, aber Halm (2000) darauf hingewiesen, dass die
spielt ebenso wie der Schulbus eine Rolle, sonst, ich, dass ich jemanden schlage, Studie an einem schweren Grundfehler
wo die Gewalt zugenommen habe. Zur mache ich nicht.“ (Popp/Meier/Tillmann leidet: Sie gehe davon aus, dass Ausländer
Opferrolle von Schülern wird formuliert: 2001, 178). Mädchen sehen sich selber und Deutsche in gleicher Art und Weise
„Die, die am meisten Angst haben, wer- nicht als Aggressionsauslöser, obwohl auf soziale Benachteiligung reagieren.
den am meisten traktiert.“ Die Jugend- männliche Jugendliche angeben, von Plausibler wäre jedoch, hier davon auszu-
lichen berichten auch von rechtsextremer weiblichen Jugendlichen zu Gewalttätig- gehen, dass kulturelle Traditionen und
Gewalt, die nicht öffentlich gemacht keiten provoziert oder angestachelt wor- Verhaltensmuster zu unterschiedlichen
werde, von Waffen in der Schule sowie den zu sein. Offensichtlich beschränkt sich Handlungsrepertoires führen, ohne letzt-
von Problemen mit türkischen oder russ- jedoch die Gewaltbereitschaft der Schüle- endlich als ursächlich für Gewaltneigung
landdeutschen Jugendlichen. Die Jugend- rinnen auf leichte bis mittelschwere betrachtet werden zu müssen. Denn die
lichen selber erwarten, dass sich das Pro- Handlungen wie Ohrfeigen und Prüge- in anderen Studien dokumentierten Ein-
blem von Gewalt und Kriminalität leien. Dabei ist auffällig, dass diese physi- stellungen von Zuwanderern legen nahe,
verschlimmert. Als Grund hierfür wird ge- schen Gewalttaten fast ausschließlich von die Zunahme rechtsextremistischer Ge-
nannt, dass sich „die Kleinen das Verhal- Mädchen der statustieferen Schultypen walt und die Gewaltneigung junger Mi-
ten von den Großen und aus Filmen ab- begangen werden. In den höheren Schu- granten als wechselseitigen Prozess zu
gucken“ und so die Gewalt früher len geht die Tendenz eher zu den verba- begreifen. Die Erfahrung rassistischer Ge-
beginnt. Auch die Qualität der Gewalt len Attacken. walt, aber auch die bloße Erwartung, ihr
nimmt zu, „man schlägt, wenn man älter Über zunehmende Gewalt und Konflikte zum Opfer zu fallen, kann die Identität
ist, schon mal eher ins Gesicht“. Als Lö- mit beziehungsweise zwischen deut- junger Zuwanderer und deren Gewalt-
sung für das Gewaltproblem sehen viele schen, russlanddeutschen und türkischen neigung nachhaltig beeinflussen. So ge-
Schüler vor allem ein härteres Durchgrei- Jugendlichen wird ebenfalls berichtet. So sehen leben diese Jugendlichen „ihre
fen und schärfere Strafen sowie eine er- in einer qualitativen Fallstudie an einer Gewalttätigkeit und Delinquenz als nach-
höhte Polizeipräsenz. Viele in dieser Stu- hessischen Gesamtschule, wo massive träglichen Widerstand stellvertretend für
die befragten Lehrer und Lehrerinnen Konflikte zwischen deutschen und türki- die überangepasste Elterngeneration, als
sind der Auffassung, dass die Aggressi- schen Jugendlichen beschrieben werden, verspätete Rache gegenüber dieser Ge-
vität in Klassenzimmern und in Pausen ge- die zum Teil in außerschulischen Cliquen sellschaft aus, um dadurch etwas Macht
stiegen sei. Kriminalität zeige sich in Wel- entstehen und in die Schule „importiert“ und Ansehen zu bekommen. (…) Statt nur
len, die Lehrer und Lehrerinnen bekämen werden (Popp 2000, S. 77). Ursache dieser zu entschuldigen und zu erklären, wäre es
nur die extremen Ereignisse mit. Die Qua- Konflikte sollen unterschiedliche kultu- sinnvoller, das Thema, ‚Gewalt und Krimi-
lität der Gewalt habe sich verändert, sei relle Wertvorstellungen sein. Insbeson- nalität’ offensiv durch den Bezug zur eth-
härter geworden, es werde nicht mehr dere türkische Jugendliche sollen sehr nischen Struktur der sozialen Ungleich-
darauf geachtet, wohin geschlagen wird. empfindlich auf verbale Attacken gegen heit zu politisieren“ (Halm 2000, S.
Auch inhaltliche Tabus gebe es keine ihre Mütter reagieren: „Wenn z. B. 48–49).
mehr, es bestünde „keine Beißhem- Schimpfwörter genommen werden wie Wichtig ist die Differenzierung zwischen
mung“. Zitate wie: „Wenn du zur Polizei ‚Motherfucker‘, das ist z. B. was ganz der Prävalenz entwicklungstypischer Ag-
gehst, schlag ich dich tot“ machten deut- Schlimmes für die Türken und wenn man gression, die nicht zugenommen zu
lich, dass es keine Werteordnung mehr irgendwas in Richtung Mutter und, ‚deine haben scheint, und einzelnen Intensivtä-
gebe. Als Problem wird auch Mobbing in Mutter ist eine Hure‘ oder irgend so ‚Hu- tern oder „Bullies“ (Schütz/Todt/Busch
der Schule genannt und die Schaffung rensohn‘, ja, ‚Hurentochter‘, das ist ganz, 2002). Ansonsten schlagen wir den Sack
von „Sündenböcken“. Einzelne Schüler ganz übel. Da werden die wild (…). Das ist und meinen den Esel. Aber auch hier muss
würden in übelster Weise ausgegrenzt. eine Ehrverletzung“ (Zitat einer Lehre- immer hinterfragt werden, welche Rolle
Früher merkte man, so wurde berichtet, rin). Bei den selbstberichteten Gewalt- die Schule bei der Entwicklung dieser In-
dass ein Schüler allein sei und er keine handlungen fällt auf, dass die türkischen tensivtäter spielt oder gespielt hat und ob
Freunde hat, aber es sei nicht viel passiert. Schüler nach eigenen Angaben mehr Ge- nicht Ursachen hierfür zumindest auch im
Heute werde dieser Schüler aggressiv an- walthandlungen begangen haben als die schulischen Bereich zu finden sind. Das

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massive Ausgrenzen von problematischen eine ruhige und entspannte Atmosphäre geworden. Im Jahr 2002 waren für die Bo-
Schülern kann zur Nachahmung (Lernthe- zu schaffen. So können für das Media- chum-Gelsenkirchener Straßenbahnge-
orie) bei den Schülern führen. Möglicher- tionsgespräch nicht nur die Pausen, son- sellschaft bereits über 280 Schulbusbe-
weise VERstimmt also auch das Bewusst- dern auch Zusatzstunden nach Ende des gleiter im Einsatz.
sein unser Sein, und nicht nur das Sein Unterrichts zur Verfügung stehen. Die Er- Das Projekt „Schule ohne Gewalt“ wird
unser Bewusstsein. fahrungen zeigen, dass Schüler und Schü- seit 1992 an Schulen des Lahn-Dill-Kreises
lerinnen diese Schlichtungsangebote in Wetzlar durchgeführt. Ziel ist es, kon-
Modellprojekte und gerne annehmen und dass ein solcher krete Maßnahmen zur Verminderung ag-
Präventionsmöglichkeiten Grundansatz der gesamten Schule zugute gressiven Verhaltens in der Schule zu ent-
kommt – auch im Fachunterricht, der wickeln und erproben. Die eingeführten
Als positive Konsequenz aus der zuneh- dann ruhiger stattfinden kann als zuvor. Maßnahmen sollen vor allem die Gesamt-
menden Beschäftigung mit dem Thema Gerade in dieser Phase ihres Entwick- situation an den Schulen verbessert
Gewalt in der Schule sind verschiedene lungsstadiums ist es für die Schüler und haben. Durch die Beteiligung der Schüler
Modellprojekte und Präventionsansätze Schülerinnen besonders wichtig, zu ler- und Schülerinnen an der Entwicklung
entstanden (Balser/Schrewe/ Schaaf 2001). nen mit Konflikten richtig umzugehen, einer eigenen Schulordnung konnte zum
Die „Gesellschaft Sozialwissenschaftlicher um Aggression nicht aufkommen zu las- Beispiel verhindert werden, dass eine di-
Infrastuktureinrichtungen“ (GESIS) stellte sen. In einfach gelagerten Fällen sind be- rekte Abneigung gegenüber dieser neu-
nach dem Ereignis in Erfurt eine überaus reits Schüler der 4. Jahrgangsstufe in der en Ordnung entstand (Busch/Todt 1999).
gut gestaltete und materialreiche Web- Lage, mit Hilfe eines „Hosentaschenbu- Ziel des Konstanzer Trainingsmodells
site5 zum Thema „Gewalt in der Schule“ ches“ (Anleitung für Kinder, Streit zu re- (KTM), das seit Ende der 1980er Jahren
bereit. Die dort verlinkte Dokumentation geln) anderen Kindern bei der Streitbeen- vor allem in Baden-Württemberg und
„Gewalt in der Schule“ enthält Beschrei- digung zu helfen. Dabei ist es wichtig, die Brandenburg praktiziert wird, ist es, eine
bungen von 114 sozialwissenschaftlichen Schüler mit sinnlichen und optischen Täu- Verbesserung im Sozialverhalten von
Veröffentlichungen und Forschungspro- schungen zu konfrontieren, um ihnen zu Schülern und Lehrern über eine Erhöhung
jekten aus den Jahren 1999–2002. zeigen, dass es immer mehrere Sichtwei- der pädagogischen Kompetenz der Lehr-
Bereits in der Befragung von Schwind u.a. sen gibt und nicht unbedingt nur eine kräfte zu erreichen (Dann 1999). Um die-
(1995) wurden die Förderung des Wir-Ge- Wahrheit existiert. ses Ziel zu erreichen, hat sich das so
fühls, Verringerung der leistungsbeding- Gewalt beginnt für viele Schüler aber genannte „Trainingstandem“ bewährt:
ten Schulfrustration, Rückbesinnung der nicht erst auf dem Schulgelände. Bereits Mindestens zwei Lehrer oder Lehrerinnen
Schule auf ihren Erziehungsauftrag und auf dem Weg zur Schule erleben sie einen bilden zusammen ein Tandem, wobei
ähnliches genannt. Lehrer und Schulleiter alltäglichen Kampf. Besonders die kleine- auch Schüler mit in die Arbeit einbezogen
wünschten sich bereits damals kleine Klas- ren und jüngeren Schüler werden an den werden können. Dabei besucht der eine
sen und Schulen und verwiesen eher auf Haltestellen geschubst, von ihren Sitzplät- Kollege den anderen in dessen Unterricht
Präventionsmöglichkeiten im außerschu- zen vertrieben oder am Einsteigen in die und protokolliert Entstehung und Lö-
lischen Bereich, während die Schüler und Busse und Bahnen gehindert. Vor dem sungsversuch einer Konfliktsituation. In
Schülerinnen mit deutlicher Mehrheit Hintergrund dieser Berichte sowie zuneh- einer Reflexion können dann dem unter-
mehr schulinterne Prävention verlangten: mender Schäden durch Graffiti und Scrat- richtenden Lehrer seine Verhaltensweisen
So sollen Lehrer und Lehrerinnen die von ching in praktisch allen Bereichen des öf- aufgezeigt und Alternativmöglichkeiten
ihnen selbst begangenen Fehler richtig fentlichen Personennahverkehrs (Feltes durchgesprochen werden. Durch die wei-
stellen, es soll Hilfe für leistungsschwache 2002 a) entstanden verschiedene Inter- tere Einbeziehung der Schülerinnen und
Schüler angeboten und ein stärkeres Mit- ventions- und Präventionsansätze in der Schüler wird vermieden, ausschließlich
spracherecht für Schüler und Schülerin- Verantwortung der Betreiber. So regis- auf den Lehrer abgestimmte Lösungs-
nen eingeführt werden. Das Thema Ge- trierte beispielsweise die Bochum-Gelsen- wege zu vermitteln (Schubarth 2000).
walt sollte im Unterricht angesprochen kirchener Straßenbahngesellschaft im Aufgrund subjektiver Erfahrungsberichte
werden, Vertrauenslehrer eingesetzt und Jahr 1997 Schäden in Höhe von mehreren konnte festgestellt werden, dass sich die
eine schönere Gestaltung des schulischen hunderttausend DM, die überwiegend im Lehrer und Lehrerinnen kompetenter im
Umfeldes erreicht werden. Schließlich Schulbusverkehr entstanden. Daraufhin Umgang mit Aggressionen und Gewalt
wurde mehr Gerechtigkeit bei der Leis- setzten sie im Sommer 1998 die ersten fühlen und mehr Selbstvertrauen entwi-
tungsbenotung verlangt. Viele Lehrer „Schulbusbegleiter“ (vgl. www.boge- ckeln. Dies führt schließlich dazu, dass sie
und Lehrerinnen klagten bereits damals stra.de) ein. Dabei handelt es sich um bei Konfliktsituationen weniger weg-
darüber, dass die Lehrerausbildung nicht Schüler ab der 8. Jahrgangsstufe, die schauen, aber auch aufgrund ihrer Erfah-
hinreichend auf die Aggressionsphäno- durch eine spezielle Ausbildung auf ihre rungen weniger harte Strafen einsetzen.
mene, die heute an den Schulen zu beob- Tätigkeit vorbereitet werden. Ziel dieses Die Schüler und Schülerinnen verringern
achten sind, vorbereitet. Ob sich hier tat- Projektes ist es, körperliche Auseinander- ihr störendes und aggressives Verhalten,
sächlich in den letzten Jahren etwas setzungen und Sachbeschädigungen zu sie sind mehr an der Schule interessiert
geändert hat, ist fraglich. vermeiden und durch Kommunikation und ihre Leistungsbereitschaft erhöht
Mediation und Konfliktschlichtung sind entsprechende Situationen gar nicht erst sich. Durch das Konstanzer Trainingsmo-
neue Verfahren, die es den Konfliktpart- entstehen zu lassen. Die ehrenamtlichen dell verbessert sich den Berichte zufolge
nern ermöglichen sollen, mit Hilfe einer Begleiter sollen nicht für alles verant- nicht nur das Klassenklima, sondern auch
dritten, neutralen Person zu einer Lösung wortlich sein, was im Bus geschieht, son- das Klima innerhalb des Kollegiums.
zu gelangen (Simsa 2001). Grundvoraus- dern lediglich ein wichtiges Bindeglied
setzung ist, dass die Beteiligten freiwillig zwischen allen Beteiligten darstellen. Schule und Gesundheit
und eigenverantwortlich handeln. Durch Während ihrer dreitägigen Ausbildung
die offene Darlegung der eigenen Sicht durch Beamte der Polizei und Trainer wer- Nach einer Studie des Zentrums für So-
des Konflikts, bei dem auch Gefühle mit den den Schülern und Schülerinnen nicht zialpolitik der Universität Bremen (Mar-
einbezogen werden, ist es den Betroffe- nur kommunikative Fähigkeiten zur Pro- stedt u.a. 2000), die im Auftrag der Gmün-
nen möglich, die Perspektiven anderer blem- und Konfliktlösung vermittelt, sie der Ersatzkasse durchgeführt wurde und
kennenzulernen. Dabei schafft der Medi- werden auch in die Fahrzeugtechnik ein- an der mehr als 9.300 Personen beteiligt
ator lediglich die Rahmenbedingungen geführt. Am Ende des Lehrgangs erhält waren, werden Jugendlichen mit schlech-
und leitet die Kommunikation zwischen jeder Teilnehmer einen speziellen Aus- ten Aussichten auf einen Arbeitsplatz
den Beteiligten. Bei der Schulmediation weis, wobei es den Schülern im Alltag häufiger krank als Gleichaltrige mit bes-
kann es zum einen Ziel sein, konkrete selbst überlassen bleibt, ob und wann sie seren Zukunftschancen. Es gibt danach
Konfliktsituationen zu bearbeiten, zum im Schulbus als Fahrzeugbegleiter auftre- einen unmittelbaren Zusammenhang
anderen kann der Aufbau einer neuarti- ten. Nach Beginn des Projektes sind die zwischen Schulbildung und Zukunftsper-
gen Konfliktlösungskultur im Schulalltag Schäden in Bussen und Bahnen seit 1998 spektiven einerseits und subjektivem und
angestrebt werden. Es ist schwierig, aber um 40 Prozent zurückgegangen und der objektivem Krankheitsempfinden und
nicht unmöglich, innerhalb der Schule Schulweg ist für die Kinder sicherer entsprechendem Verhalten andererseits:

36
Je niedriger der Bildungsabschluss, um so ale Randständigkeit, die ihrerseits ent- men nicht aufgegeben wird und die Ent-
häufiger und auch intensiver sind Krank- scheidendes Merkmal für Kriminalisie- wicklung von Moral und Ethik allein dem
heit und eigene düstere Zukunftsaussich- rung und Mehrfachtäterschaft ist. Religionsunterricht überlassen bleibt.
ten. Zukunftssorgen können offensicht- Entwicklung und Lebenswelt, kognitive
lich nicht nur Elan und Lebenszuversicht Schule und Kriminalisierung Förderung und deren soziokulturelle Ein-
rauben, sie machen ganz konkret krank. lagerung sind nicht zu trennen, auch und
Dabei ist nach einer Studie der Weltge- Die Schule ist in den Prozess der Krimina- schon gar nicht in der Schule. Entspre-
sundheitsorganisation (WHO) auch das lisierung oder Entkriminalisierung von chende Schulversuche, in denen konse-
Schulklima entscheidend für das gesund- Kindern und Jugendlichen an zentraler quent die Trennung zwischen Kognition
heitliche Wohlbefinden der Schüler. Füh- Stelle eingebunden. Durch die Definition und Emotion aufgegeben wurde und ein
len sich Schülerinnen und Schüler in ihrer von Leistungserfolg und Leistungsversa- ganzheitlich-lebensweltlicher Ansatz zur
Schule wohl, rauchen Sie zum Beispiel we- gen dirigiert die Schule die Schüler auf Ausbildung gewählt wurde, gibt es (z.B.
niger häufig. Ein gutes Schulklima erweist einen bestimmten Platz in der Gesell- die bereits zitierte Laborschule von Hart-
sich als wichtiger Faktor für ein gesundes schaft. Hurrelmann formuliert dies so: mut von Hentig). Die Schule stellt als So-
Aufwachsen. Kinder und Jugendliche füh- „Die Kategorisierung als ‚leistungs- zialisationsinstanz wichtige Weichen für
len sich wesentlich weniger gesund, wenn schwach‘ oder ‚versagend‘ führt in der die individuelle Zukunft jedes einzelnen
sie sich von Lehrern oder Betreuern und Regel zu einer Verunsicherung des Selbst- Schülers. Schon in den 70er Jahren hatte
Mitschülern nicht unterstützt fühlen wertgefühls und einer Minderung späte- Flitner darauf hingewiesen, dass die
(wobei hier die subjektive Wahrnehmung rer sozialer und beruflicher Chancen. Ag- Schule in einem Maße zur Anstalt für Aus-
durch die Schüler und nicht etwaige „ob- gressivität und Gewalt können insofern lese und Chancenverteilung, für Wettbe-
jektive“ Bemühungen der Lehrer ent- als Verteidigungs- und Kompensations- werb und Unsolidarität wird, wie sie es in
scheidend sind). Eine gesunde Schule und mechanismen gegen diese psychischen der deutschen Bildungsgeschichte noch
ein gesunder Kindergarten sind also wich- und sozialen Verunsicherungen gewertet nie gewesen ist. Diese Tendenz dürfte sich
tig für ein gesundes Aufwachsen. Dies werden, die in der Schule entstehen“ in den letzten Jahren noch verstärkt
wiederum scheint die beste Immunisie- (Hurrelmann 1990). haben. Offensichtlich hat aber nicht nur
rung auch und gerade gegen spätere Ver- Die Schule wird in Zeiten verstärkten Leis- der oftmals weit entfernt liegende Schul-
suchungen im Bereich Kriminalität oder tungsdrucks und hoher Arbeitslosigkeit abschluss, sondern auch der alltägliche
Drogenmissbrauch zu sein. zur sozialen Kontrollinstanz, die direkt Unterricht in der Schule Bedeutung für
Schon früher haben Untersuchungen und indirekt Einfluss auf kriminelle Kar- die individuelle Entwicklung des Schülers.
nachgewiesen, dass ein deutlicher Zu- rieren von Jugendlichen nimmt. Da die Höhere Leistungsanforderungen können
sammenhang besteht zwischen der Tatsa- Art der Schullaufbahn und der Schuler- zu höheren „Ausfallquoten“ und „Schul-
che, dass ein Schüler sich in der Schule folg stark von der Sozialschicht der Eltern stress“ führen; unsoziales Verhalten wird
wohl fühlt, und der Behandlung durch abhängen, verstärkt die Schule indirekt direkt oder indirekt belohnt, wenn es zu
den Lehrer bzw. die Lehrerin. Je ungün- bestehende soziale Benachteiligungen. zählbarem Erfolg (gute Zensuren) führt.
stiger die schulische Situation war oder Sie erzeugt und verfestigt abweichendes Die generelle Überbetonung von kogniti-
ist, „desto größer ist somit die Wahr- Verhalten, indem sie Aufstiegs- und Qua- ven Lernzielen bei Vernachlässigung emo-
scheinlichkeit, Kontakte zu Gruppen oder lifikationschancen beschneidet. In Schul- tionaler Aspekte fördert das Desinteresse
Freunden mit bestimmten kriminellen klassen laufen Stigmatisierungsprozesse an persönlichen Problemen von Mitschü-
Merkmalen zu haben. Kriminalisierte ab, denen insbesondere Schüler und Schü- lern, aber auch von Lehrern, obwohl be-
Jugendliche waren häufiger unangeneh- lerinnen mit schlechten Leistungen sowie kannt ist, dass intellektuelle Förderung
men Situationen und Erlebnissen im Zu- Angehörige unterer sozialer Milieus aus- ohne entsprechende emotionale Gebor-
sammenhang mit dem Schulbesuch aus- gesetzt sind. Dazu kommt, dass Lehrer genheit und Sicherheit nicht möglich ist.
gesetzt als die unbestraften Probanden. und Lehrerinnen die Ursache für abwei- Vielleicht liegt darin auch ein Grund für
(…) Je ungünstiger die schulische Situa- chendes Verhalten meist in der Persön- gestiegene Aggressionen in der Schule.
tion war, desto höher war auch die lichkeit des Schülers oder im Elternhaus, Existenzangst kommt bei Schülern zum
Deliktintensität“ (Lamnek 1982). Eine nicht jedoch in schulischen Bedingungen Vorschein, verbunden mit egoistischen Er-
weitere Feststellung von Lamnek zeigt, suchen. Durch die Etikettierung als folgsperspektiven, einem praktizierten
dass das Lehrerverhalten durchaus Bedeu- Außenseiter können Schüler dann erst „Recht des Stärkeren“, negativem Sozial-
tung für die weitere kriminelle Sozialisa- recht zu abweichendem Verhalten getrie- klima, Frustrationen und Aggressionen.
tion des Jugendlichen haben kann: „Bei ben oder in ihrer abweichenden Rolle ver- Wo keine Zukunftsperspektive ersichtlich
tendenziell gleicher Belastung mit abwei- stärkt werden. Der Mainzer Pädagoge ist, verfallen Schüler in Lethargie, Desin-
chendem Verhalten (…) ist die stereotype Franz Hamburger beschreibt den daraus teresse, Aggression.
Erwartungshaltung von Lehrern im Hin- entstehenden Widerspruch im schuli-
blick auf Straftaten ihrer Schüler bei schen Alltag wie folgt: „Trotz ihres teil-
mehrfach kriminalisierten erheblich hö- weise parapädagogischen Charakters ist Literaturhinweise
her als bei mehrfach delinquenten“. Hier- die Schule ein Ort zivilisierter Gewaltbe-
bei ist unter „mehrfach delinquent“ die ziehungen. Ihre Eigenständigkeit als Sozi- Balser, H./Schrewe, H./Schaaf, N. (Hrsg.): Schulpro-
gramm Gewaltprävention – Ergebnisse aktueller Mo-
Tatsache der Begehung einer Straftat, alisationssystem verdankt sie nicht nur dellversuche. München 2001
ohne erwischt worden zu sein, zu verste- dem reibungslosen Funktionieren als Se- Baumert, J. u.a. (Hrsg.): PISA 2000: Basiskompetenzen
hen, und „mehrfach kriminalisiert“ meint lektionsinstanz, sondern hat sie auch von Schülerinnen und Schülern im internationalen Ver-
gleich. Opladen 2001
die Tatsache der mehrfachen Sanktionie- unter den Anspruch gewaltfreier Kultivie- Bruhns, K./Wittmann, S.: „Man braucht nie Angst zu
rung für begangene Straftaten. Schuli- rung gestellt. Die Pädagogisierung der haben, dass man im Stich gelassen wird“ – Mädchen in
gewaltauffälligen Jugendgruppen. In: DJI – Das For-
sche Fähigkeiten gehen offenbar einher Binnenbeziehungen hat nicht nur Ten- schungsjahr 2001, S. 143–148; im Internet verfügbar
mit der sozialen Kompetenz, sich einer denzen der Infantilisierung freigesetzt, unter http://www.dji.de/bibs/foja_2001_1.pdf
Deliktaufklärung und Strafverfolgung zu sondern auch gewaltfreie oder -arme Busch, L./Todt, E.: Aggressionen in Schulen – Möglich-
keiten ihrer Bewältigung. In: Holtappels, H.G. u.a.: For-
entziehen. Verschiedene Untersuchungen Streitkulturen ermöglicht und die Sub- schung über Gewalt an Schulen. Weinheim/München
haben gezeigt, dass sich die tatsächliche, jektorientierung von Unterricht als An- 1999, S. 331– 350
Dann, H.-D.: Aggressionsprävention im sozialen Kon-
durch Befragungen ermittelte Delin- spruch begründet“ (Hamburger 1994). text der Schule. In: Holtappels, H.G. u.a.: Forschung
quenzbelastung fast gleichförmig auf die Versuche, in der Schule kriminalpräventiv über Gewalt an Schulen. Weinheim/München 1999, S.
351– 366
Schüler aller Schularten erstreckt. Dabei tätig zu werden (z.B. durch Beratungsleh- Demmer-Dieckmann, I. (Hrsg.): Gemeinsamkeit und
sind aber bereits bei dem polizeilichen Er- rer, schulpsychologischen Dienst, Rechts- Vielfalt: Pädagogik und Didaktik einer Schule ohne
mittlungsverfahren Haupt-, Real- und kundeunterricht, Trainingsprogramme Aussonderung. Weinheim 2001
DJI-Projektgruppe: Delinquenz von Kindern. München
Sonderschüler überrepräsentiert. Diese für Lehrer, Schüler und Eltern), bleiben 1999
Schülergruppen haben häufiger Kontakt aber im Ergebnis solange erfolglos, wie Düffer, T.: Gewalt von Kindern und Jugendlichen im
Schulbereich: Eine empirische Untersuchung am Bei-
mit der Polizei, obwohl die tatsächliche „störende“ Schüler an Sonderschulen ab- spiel des Berliner Stadtbezirks Neukölln. München 2000
Deliktsbelastung nur unwesentlich höher gegeben werden, Leistungsorientierung Elias, Norbert: Studien über die Deutschen. Frank-
ist. Die Schulbildung prägt somit die sozi- als Leitprinzip aller schulischen Maßnah- furt/M. 1989

37
Eisner, M.: Die Jugendgewalt steigt. In: Gewalttätige Gewalt. Analysen und Vorschläge der Unabhängigen Schütz, C./Todt, E./Busch, L.: Gewalt in deutschen Schu-
Jugend – ein Mythos? Bulletin Nr. 4, Schweizerischer Regierungskommission zur Verhinderung und Be- len 1990–2000. In: Polizei & Wissenschaft 2000, S. 13–27
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Eine empirische Studie zur Wahrnehmung von Gewalt Aufl. 1971 pädagogische Aspekte. Neuwied/Kriftel 2001
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(Sondergutachten). Berlin 1990, S.317–341 beitet. Die Glocksee-Schule in Hannover (2003); im für die Jugendarbeit? In: DJI Bulletin, 56/57–2001; im
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www.thomasfeltes.de die über Belastungen und Probleme, Gesundheitsbe-
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Transportminister/Report for the ECMT Round Table spektive der Schulleiter. Bericht aus dem Sonderfor- 1
Für die Unterstützung bei der Literaturrecherche
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masfeltes.de/htm/News.htm feld 1994 Beitrag selbst widme ich meinem leider viel zu früh
Feltes, Th./Spiess, G.: Jugend- und Ausländerkrimina- National Center for Education Statistics/Bureau of Jus- verstorbenen pädagogischen Lehrer Dieter Baacke,
lität – Ein Projektbericht (2002); im Internet unter tice Statistics: Indicators of School Crime and Safety. der mich solidarische Kinder- und Jugendforschung ge-
www.thomasfeltes.de 2000; im Internet unter: www.ojp.usdoj.gov lehrt hat, sowie den Lehrerinnen, Lehrern, Schulleite-
Ferstl, R./Niebel, G./Hanewinkel, R.: Gutachterliche Oberwittler, D./Blank, T./Köllisch, T./Naplava, T.: Soziale rinnen und Schulleitern, die durch persönliches Enga-
Stellungnahme zur Verbreitung von Gewalt und Ag- Lebenslagen und Delinquenz von Jugendlichen. Er- gement in der Schule aktiv Gewalt verhindern und
gression an Schulen in Schleswig-Holstein. Kiel 1993 gebnisse der MPI-Schulbefragung 1999 in Köln und Schülerinnen und Schüler vor den alltäglichen persön-
Forschungsgruppe Kommunale Kriminalprävention: Freiburg (Arbeitsberichte aus dem Max-Planck-Institut lichkeitsschädigenden Einflüssen bewahren; dass sie
Viktimisierungen, Kriminalitätsfurcht und Bewertung für ausländisches und internationales Strafrecht/1). dabei leider auch mit negativen Auswirkungen des
der Polizei in Deutschland. In: Monatsschrift für Krimi- Freiburg i. Br. 2001; als PDF-Download unter http:// Handelns (oder Nicht-Handelns) von Kolleginnen und
nologie und Strafrechtsreform, 2/1998, S.67–82 www.iuscrim.mpg.de/forsch/onlinepub/schulbericht.pdf Kollegen konfrontiert werden, macht ihre Arbeit nicht
Fuchs, M.: Ausländische Schüler und Gewalt an Schulen Pfeiffer, C., Wetzels, P.: Junge Türken als Täter und leichter
– Ergebnisse einer Lehrer- und Schülerbefragung. In: Opfer von Gewalt. KFN-Forschungsbericht Nr. 81/1999– 2
Deshalb kann auch dahin stehen, ob die Labor-
Holtappels, H.G. u.a.: Forschung über Gewalt an Schu- 2000; verfügbar als download unter http://www.kfn.de/ schule tatsächlich bessere Ergebnisse erzielt. Vgl.:
len, Weinheim/München 1999, S. 119 – 136 fb81.pdf http://www.mpib-berlin.mpg.de/pisa/laborschule.html
Fuchs, M./Lamnek, S./Luedtke, J.: Tatort Schule: Gewalt Popp, U.: Gewalt an Schulen als „Türkenproblem“? – 3
Pro Jahr werden weniger als 150.000 Jugendliche zwi-
an Schulen 1994 – 1999. Opladen 2001 Gewaltniveau, Wahrnehmung von Klassenklima und schen 14 und 16 Jahren von der Polizei als „Straftäter“
Halm, D.: Tradition, soziale Ungleichheit und Devianz. sozialer Diskriminierung bei deutschen und türkischen registriert, aber nur etwa 15% dieser als „Straftäter“
In: Kriminologisches Journal 4/2000, S. 286–292 Schülerinnen und Schülern. In: Empirische Pädagogik, registrierten Jugendlichen wird von Gerichten ver-
Hamburger, F.: Erziehung gegen Gewalt. Die Schule vor 14/2000, S. 59 – 91 urteilt. Von diesen 17.000 Verurteilungen erfolgen
neuen Aufgaben. In: Pädagogik zeitgemäß, Heft Popp, U.: Sind Schülerinnen „gewalttätig“? Facetten 40% wegen einfachen Diebstahls und Unterschlagung
14/1994, S. N.N. von Mädchengewalt an Schulen. In: Betrifft: Mädchen, (i.d.R. Ladendiebstahl), 15% sind Körperverletzungen,
Hentig, H. von: Die Bielefelder Laborschule: Aufgaben, 2/2001 S. 13–16 13% Einbrüche, 9% Raubüberfälle, 6% Straftaten im
Prinzipien, Einrichtungen. Eine empirische Antwort Popp, U./Meier, U./Tillmann, K.-J.: Es gibt auch Täterin- Verkehr. Insgesamt sind es deutlich weniger als 1% der
auf die veränderte Funktion der Schule. Bielefeld, 5. nen: Zu einem bisher vernachlässigten Aspekt der schu- Jugendlichen, die jedes Jahr in Deutschland wegen
Aufl. 1998 lischen Gewaltdiskussion. In: ZSE, 21/2001, S. 170–191 eines Gewaltdeliktes polizeilich registriert werden,
Hilgers, A.: Prügelnde Mädchen auf unseren Schulhöfen. Schad, U.: „Das sind doch keine Menschen“. Verbale und deutlich weniger, die auch verurteilt werden
In: Orywal, E./Rao, A./Bollig, M. (Hrsg.): Krieg und Kampf. Gewalt bei Jugendlichen. 2001; verfügbar unter: www. 4
Siehe auch das mit dem Dieter-Baacke-Preis 2002
Die Gewalt in unseren Köpfen. Berlin 1996, S. N.N. jugendsprache.uni-hannover.de/de/papers/index. htm prämierte Modell medi@girls des Jugendhilfswerkes
Holtappels, H. G./Heitmeyer, W./Melzer, W./Tillmann, Schubarth, W.: Gewaltprävention in Schule und Ju- Freiburg
K.: Forschung über Gewalt an Schulen – Erscheinungs- gendhilfe: Theoretische Grundlagen, Empirische Er- 5
Vgl. www.gesis.org/Information/Themen/FOKUSplus/
formen und Ursachen, Konzepte und Prävention. gebnisse, Praxismodelle, Neuwied/Kriftel 2000 schule&gewalt/index.htm
Weinheim/München, 2. Aufl. 1999 Schülerstudie des Bertholt-Brecht-Gymnasiums (Bran-
Hurrelmann, K.: Gewalt in der Schule. In: Schwind, H.- denburg/Havel): www.home.t-online.de/home/falko.b/
D. u.a. (Hrsg.): Ursachen, Prävention und Kontrolle von projekt1.htm

Wenn Kinder Angst haben und nicht mehr gern zur Schule
gehen, kann das an Mitschülern liegen. Es sind keine Ein-
zelfälle mehr, dass Kinder bedroht, erpresst oder „abge-
zogen“ werden (also gezwungen werden, Eigentum wie
Jacke oder Handy abzugeben). Bei einer internationalen
Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation, ob und
wie oft Schüler ihre Mitschüler drangsalieren, liegt Öster-
reich mit Deutschland zusammen ganz oben. 64 Prozent
beziehungsweise 61 Prozent der Schüler geben zu, Mit-
schüler mehrmals in einem Schuljahr eingeschüchtert zu
haben. Es gibt aber auch Programme und Ideen einzugrei-
fen und Gewalt vorzubeugen. Zum Beispiel können sich
Mitschüler zu „Streitschlichtern“ ausbilden lassen; sie ste-
hen dann ihren Mitschülern als Ansprechpartner bei Prob-
lemen zur Verfügung. Globus

38
Einen Königsweg zur Verhinderung gibt es nicht

Kriminalität mit sexuellem Hintergrund


Von Rudolf Egg

Sexualdelikte und öffentliche delikten und anderen gefährlichen Strafta-


Wahrnehmung ten“ ein ganzes Maßnahmenpaket verab-
schiedet, das einerseits rechtliche Verschär-
Obwohl Sexualdelikte weniger als 1% fungen beinhaltet, z. B. größere Hürden
aller polizeilich registrierten Straftaten1 bei vorzeitiger Entlassung, Erweiterung
betreffen, spielen sie in der öffentlichen der Anordnung von Sicherungsverwah-
Wahrnehmung sowie in der kriminalpoli- rung, zum anderen aber seit 2003 eine
tischen Diskussion eine besondere Rolle. Sozialtherapie für Sexualstraftäter mit Frei-
Der Grund dafür ist zum einen, dass diese heitsstrafen über zwei Jahren verpflich-
Delikte als moralisch besonders verwerf- tend vorschreibt. Im Januar 2003 legte die
lich angesehen werden, weil sie intimste Bundesregierung einen Gesetzentwurf
und somit höchst empfindliche Bereiche vor, der den strafrechtlichen Schutz von
des menschlichen Lebens berühren; ande- Kindern und behinderten Menschen gegen
rerseits erzeugt die Kombination von sexuellen Missbrauch durch Änderungen
„Sex“ und „Crime“ bei vielen Menschen und Strafverschärfungen verbessern soll.2
aber auch eine ungewöhnliche Faszina- So soll es zukünftig strafbar sein, wenn je-
tion und Neugier, wie sie etwa bei einem mand von einem geplanten sexuellen Miss-
Wohnungseinbruch oder einem Straßen- brauch weiß und nichts dagegen tut.
raub nicht vorstellbar wäre.
Für die öffentliche Meinung über Sexual- Klassifikation der Sexualstraftaten
kriminalität dürften Medienberichte, ins-
besondere die in den letzten Jahren zu- Die strafrechtliche Klassifikation der Se-
Prof. Dr. Rudolf Egg ist Direktor der Kri- nehmend umfangreichere Darstellung xualdelikte findet sich im 13. Abschnitt
minologischen Zentralstelle e.V. in Wies- spektakulärer Einzelfälle, eine große des Besonderen Teils des Strafgesetzbu-
baden. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Rolle spielen (vgl. Rüther 1998). Dies be- ches (StGB). Unter der Bezeichnung
Kriminal- und Rechtspsychologie, Rückfäl- wirkt zwar eine an sich begrüßenswerte „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbe-
ligkeit und Behandlung von Straftätern, erhöhte Sensibilisierung der Öffentlich- stimmung“3 wird dort in den Paragra-
Drogen und Kriminalität, Sexual- und keit bezüglich der Problematik und der phen 174–184c StGB eine Vielzahl höchst
Gewaltdelikte, Aspekte von Tätern und Opfer sexueller Delikte, führt leicht aber divergierender Handlungsweisen aufge-
Opfern, forensisch-psychologische Begut- auch zu einer gewissen Verzerrung der führt, denen auf der Täter- wie auf der
achtung. Im Rahmen ihrer Forschungsar- Wahrnehmung. So werden die zahlenmä- Opferseite sehr unterschiedliche Fallgrup-
beiten und wissenschaftlichen Analysen ßig eher seltenen Fälle mit fremden, über- pen und Konstellationen entsprechen.
beschäftigt sich die Kriminologische Zen- fallartig und serienhaft handelnden Tä- Ihnen allen ist zwar gemeinsam, dass sie
tralstelle mit folgenden Projekten: tern wesentlich stärker beachtet und irgendwie mit Sexualität in Verbindung
Schleuserkriminalität, Einstellungspraxis gefürchtet als die deutlich häufigeren stehen. Keineswegs handelt es sich aber
der Staatsanwaltschaften und Ermitt- Vorkommnisse mit Tätern aus dem sozia- um eine Aufzählung von Tatbeständen,
lungsverhalten der Polizei, Zusammenar- len Nahraum der Opfer, namentlich inner- die etwa deckungsgleich wäre mit einer
beit zwischen Polizei und Staatsanwalt- halb der eigenen Familie. klinisch-psychologischen bzw. psychiatri-
schaft, Sozialtherapie im Justizvollzug Auf Seiten der Gesetzgebung war und ist schen Symptomatik der sexuellen Devianz
sowie Kriminalprävention. der Bereich der Sexualkriminalität immer (z. B. Schorsch 1993).
wieder Gegenstand von Veränderungen So sind darin einerseits auch Tatbestände
und Reformen. Während es bei der Reform enthalten, die auf Seiten der Täter in aller
Wohl wenige Deliktarten erregen in der des Sexualstrafrechts in den 60er- und Regel nicht sexuell motiviert sein dürften
Öffentlichkeit derartige Aufmerksamkeit 70er-Jahren vor allem darum ging, Straf- (Förderung der Prostitution – § 180a StGB;
wie kriminelle Handlungen, die einen se- recht und Moral zu trennen, d.h. nur noch Zuhälterei – § 181a StGB; Menschenhan-
xuellen Hintergrund haben. Wie kaum jene Tatbestände unter Strafe zu stellen, del – §§ 180b, 181 StGB; Verbreitung por-
ein anderer Bereich kriminellen Verhal- die auch sozialschädlich und nicht bloß un- nographischer Schriften – § 184 StGB), auf
tens stehen Sexualdelikte im Schnitt- moralisch sind (z. B. Ehebruch), steht im der anderen Seite fehlen all jene Tatbe-
punkt kriminalpolitischer, fachlicher, aber Vordergrund der in den letzten zehn Jah- stände, bei denen zwar eine (unbewusste)
auch öffentlich geführter Debatten. Der ren vorgenommenen und diskutierten Re- sexuelle Motivation eine maßgebliche
Beitrag von Rudolf Egg betrachtet das formen die Verbesserung des Schutzes der Rolle spielen kann, die sich jedoch im De-
komplexe und häufig kontrovers disku- (potenziellen) Opfer von Sexualdelikten. likt selbst nicht unmittelbar äußert (z. B.
tierte Thema der Kriminalität mit sexuel- So sollen die 1992 eingeführten Paragra- bestimmte Raubdelikte oder körperliche
lem Hintergrund unter verschiedenen phen 180b und 181 StGB (Menschenhan- Angriffe gegen Frauen). Schließlich ist
Blickwinkeln. Nach einer kurzen Über- del) den Schutz ausländischer Mädchen das besonders schwere Delikt eines Sexu-
sicht über die Klassifikation von Sexual- und Frauen vor sexueller Ausbeutung almordes – ein Mord zur Befriedigung des
delikten werden zunächst einige grundle- verbessern. 1993 wurde der bloße Besitz Geschlechtstriebes – nicht im 13. Ab-
gende Daten zur Sexualkriminalität aus kinderpornographischen Materials unter schnitt des StGB, sondern bei den Tö-
amtlichen Rechtspflegestatistiken sowie Strafe gestellt, um die Nachfrage und da- tungsdelikten (§ 211 StGB) enthalten.
ausgewählte Ergebnisse der Dunkelfeld- mit den Anreiz zur Herstellung solchen Aus kriminologischer Sicht wird der Kern-
forschung vorgestellt. In weiteren Ab- Materials und letztlich die Zahl möglicher bereich der sexuell motivierten kriminel-
schnitten folgen Angaben zur Rückfällig- Opfer zu reduzieren. 1997 wurde die Straf- len Handlungen üblicherweise in drei
keit, zu Risikomerkmalen des Rückfalls barkeit der Vergewaltigung in der Ehe ge- Hauptgruppen unterteilt, die auch für die
sowie zu den Möglichkeiten und Ergeb- setzlich geregelt und der Tatbestand der nachfolgenden Ausführungen verwendet
nissen der Behandlung von Sexualstraf- Vergewaltigung insgesamt geschlechts- werden sollen:
tätern. Die verschiedenen Facetten zei- neutral formuliert („Wer eine andere Per- 1.) Sexuelle Gewaltdelikte: Vergewalti-
gen die Notwendigkeit einer sachlichen son …“; vgl. § 177 StGB). 1998 wurde mit gung und sexuelle Nötigung (§§ 177
Diskussion. Red. dem „Gesetz zur Bekämpfung von Sexual- und 178 StGB).

39
kungen in der Kriminalstatistik führen
dürfte, so dass über die Entwicklung des
sexuellen Missbrauchs insgesamt damit
nur wenig ausgesagt werden kann.
Ein derartiger Zusammenhang ist freilich
für das schwerste aller Sexualdelikte, den
Sexualmord, nicht anzunehmen.8 Erfreuli-
cherweise finden sich aber auch hier rück-
läufige Zahlen. Während in den 70er-Jah-
ren die Zahl der vollendeten Sexualmorde
an Kindern zwischen acht und zehn Fällen
pro Jahr schwankte, beträgt der entspre-
chende Wert seit Anfang der 90er-Jahre –
trotz der durch die Wiedervereinigung
bedingten erhöhten Einwohnerzahl –
zwei bis vier Fälle jährlich. Der in der Öf-
fentlichkeit vorherrschende Eindruck
einer stetigen Zunahme an Sexualstrafta-
ten, namentlich an solchen mit kindlichen
Opfern, lässt sich somit kriminalstatistisch
nicht belegen. Diese Wahrnehmung ist
vermutlich ein Effekt der gestiegenen Be-
richterstattung über spektakuläre Einzel-
fälle von Sexualstraftaten.9 Interessant ist
in diesem Zusammenhang übrigens auch,
dass es sich bei den polizeilich erfassten
Als Mitte der sechziger Jahre die Taten des Kindermörders Bartsch, die einen sexuellen Fällen des sexuellen Kindesmissbrauchs in
Hintergrund hatten, entdeckt wurden, artikulierte sich das Entsetzen der Öffentlich- rund 36% der Fälle um Straftaten ohne
keit, indem man den Mordfall zum Jahrhundertfall deklarierte. Richter, Psychiater und Körperkontakt gemäß § 176 Abs. 3 han-
Öffentlichkeit mussten sich damit auseinandersetzen, dass ein Zusammenhang zwi- delt (so genannte „Hands-off-Delikte“),
schen der Psyche eines pathologischen Mörders und einer sozialen Biografie besteht. während lediglich etwa 3% der Miss-
Foto: dpa brauchsfälle mit der Vergewaltigung
eines Kindes gemäß § 177 StGB verbun-
2.) Sexuelle Missbrauchsdelikte: Dabei geht mung“. Dies entspricht 0,83% aller Straf- den waren.
es vor allem um den sexuellen Miss- taten.5 Bezogen auf die drei oben ge- Bezüglich der Opfer des sexuellen Kindes-
brauch von Kindern (§§ 176, 176 a und b nannten Hauptgruppen ergibt sich fol- missbrauchs ergibt die Polizeiliche Krimi-
StGB); ferner zählen hierzu die Straftat- gende Verteilung: nalstatistik 2001 eine Gesamtzahl von
bestände von § 174 StGB (sexueller Miss- a) Sexuelle Gewaltdelikte: 13.498 Fälle 19.230 Kindern. Davon waren 77% weib-
brauch von Schutzbefohlenen), § 174a (entspricht 25,5%); lich und 23% männlich. Die weit überwie-
StGB (sexueller Missbrauch von Gefan- b) Sexuelle Missbrauchsdelikte6: 18.711 gende Mehrzahl der kindlichen Opfer
genen, Verwahrten oder Kranken in Fälle (entspricht 35,4%); (rund 91%) war zwischen sechs und 14
Anstalten), §§ 174b, c StGB (sexueller c) Sexuelle Belästigungsdelikte: 9.780 Jahre alt. Bei den Tatverdächtigen han-
Missbrauch unter Ausnutzung einer Fälle (entspricht 18,5%). delte es sich in 97% der aufgeklärten Fälle
Amtsstellung bzw. eines Beratungs-, Be- Eine weitere Gruppe bilden Delikte, die des sexuellen Kindesmissbrauchs um
handlungs- oder Betreuungsverhältnis- in der Polizeilichen Kriminalstatistik un- männliche Personen.10 Bei den sexuellen
ses) und § 179 StGB (sexueller Missbrauch ter dem Begriff „Ausnutzen sexueller Nei- Gewalt- und Belästigungsdelikten liegt
Widerstandsunfähiger). gung“ zusammengefasst werden (10.853 der entsprechende Wert sogar bei rund
3.) Sexuelle Belästigungsdelikte: Exhibi- Fälle; 20,5%). Dabei handelt es sich um 99%. Analysiert man die Tatverdächtigen
tionistische Handlungen und Erregung Delikte wie Förderung der Prostitution hinsichtlich verschiedener Altersgruppen,
öffentlichen Ärgernisses (§§ 183, 183a (§ 180a StGB), Zuhälterei (§ 181a StGB), dann ergibt sich für die sexuelle Gewalt –
StGB). Die sexuelle Belästigung von Menschenhandel (§§ 180b, 181 StGB) und ähnlich wie für die Gewaltkriminalität
Kindern wird strafrechtlich als sexu- Verbreitung pornographischer Schriften insgesamt – eine Dominanz junger Män-
eller Kindesmissbrauch gemäß § 176 (§ 184 StGB), die aber – wie bereits erwähnt ner zwischen 21 und 25 Jahren sowie
Abs. 3 StGB verfolgt. – aus kriminologischer Sicht nicht zu den eine gewisse Episodenhaftigkeit (deut-
Sexualdelikten im engeren Sinne zählen. lich niedrigere Werte bei Altersgruppen
Sexualstraftaten im Spiegel der Betrachtet man die Fallzahlen der Polizei- ab 25 Jahren).
Kriminalstatistik lichen Kriminalstatistik im zeitlichen Ver- Ein etwas anderes Bild bezüglich der
lauf für die letzten Jahrzehnte, so ergibt Verteilung der Altersgruppen zeigt sich
Eine wichtige Datenquelle für eine Viel- sich für die sexuellen Gewaltdelikte ein dagegen für den sexuellen Kindesmiss-
zahl kriminologischer Fragestellungen schwankender, uneinheitlicher Verlauf, brauch. Hier finden sich nämlich nen-
sind die amtlichen Rechtspflegestatisti- währenddem beim sexuellen Kindesmiss- nenswerte Anteile auch bei den 30- bis
ken des Bundes und der Länder. Für den brauch von Mitte der 50er- bis Mitte der 40-Jährigen sowie bei Jugendlichen (14–
hier interessierenden Kontext ist dies vor 80er-Jahre ein stetiger Rückgang der Häu- 18 Jahre). Dies ist vermutlich durch die
allem die Polizeiliche Kriminalstatistik figkeitszahlen (HZ)7 zu verzeichnen ist heterogene Zusammensetzung dieser Tä-
(PKS), die auf Bundesebene alljährlich (von rund 33 auf etwa 17 Fälle pro tergruppe zu erklären:
vom Bundeskriminalamt (BKA) herausge- 100.000 Einwohner). Bis 1990 stiegen die a) Jugendliche Dissoziale (gelegentliche
geben wird und über bekannt gewordene Häufigkeitszahlen dann wieder an, ohne Übergriffe auf altersgleiche oder al-
Straftaten sowie über Tatverdächtige und jedoch das hohe Niveau der 50er- und tersnahe Personen, teilweise mit deren
Opfer informiert.4 Selbstverständlich wird 60er-Jahre zu erreichen. Seit 1997 (HZ: Einverständnis: Ausprobieren der Sexu-
damit nicht die (Sexual-)Kriminalität als 20,6) sind dagegen erneut rückläufige alität);
solche abgebildet, sondern lediglich jener Häufigkeitszahlen zu verzeichnen (HZ im b) Jungerwachsene und erwachsene
Teil, der angezeigt und von der Polizei be- Jahre 2001: 18,4). Zu bedenken ist hier (Kern-)Pädophile/Pädosexuelle (Nei-
arbeitet wird. freilich, dass die öffentliche Diskussion gungstäter) und
Für das Jahr 2001 ergibt sich aus der Poli- über Sexualdelikte und die damit verbun- c) über 30-jährige Täter, die ohne primär-
zeilichen Kriminalstatistik (PKS) eine Zahl dene Aufklärung und Sensibilisierung von pädosexuelle Orientierung Ersatzob-
von 52.902 erfassten Fällen von „Straf- Betroffenen zu Veränderungen in der An- jekte suchen, vorwiegend im sozialen
taten gegen die sexuelle Selbstbestim- zeigebereitschaft und damit zu Schwan- Nahraum (Konflikt- und Stresstäter).

40
Die Aufklärungsquote, also das prozentu- thode und verwendete Fragestellung die von Rückfalltätern verübt wurden.16
ale Verhältnis von aufgeklärten zu be- (z.B. Delikte mit und ohne Körperkon- Allerdings lassen sich aus den amtlichen
kannt gewordenen Fällen, ist bei Sexual- takt). Mitunter werden auch Ergebnisse Rechtspflegestatistiken von Polizei und
delikten vergleichsweise hoch, zumindest ausländischer Studien unkritisch über- Justiz zur Frage der Rückfälligkeit von Se-
im Bereich der sexuellen Gewalt (75–80%) nommen, ohne dass länderspezifische Be- xualstraftätern nur sehr wenige Informa-
und des sexuellen Kindesmissbrauchs sonderheiten oder Unterschiede in der tionen entnehmen. Beispielsweise ergibt
(rund 75%), während sexuelle Belästi- strafrechtlichen Klassifikation der Delikte sich aus der jährlich vorgelegten Strafver-
gungsdelikte nur zu rund 50% aufgeklärt hinterfragt werden. folgungsstatistik17 zwar eine allgemein
werden. Maßgeblich hierfür ist der hohe 1992 wurde vom Kriminologischen For- recht hohe strafrechtliche Vorbelastung
Anteil an angezeigten Sexualdelikten, bei schungsinstitut Niedersachsen (KFN) erst- verurteilter Sexualstraftäter, doch lässt
denen der Täter dem Opfer gut bekannt malig eine bundesweit repräsentative sich aus diesen Zahlen nicht ersehen, ob es
ist, so dass keine aufwändige Ermittlungs- Studie zum sexuellen Kindesmissbrauch sich dabei um ähnliche Delikte, also um
arbeit erforderlich ist. durchgeführt, bei der rund 3.200 Perso- einschlägige Vorstrafen, oder um Verur-
Bezüglich der Strafverfolgung der Täter nen zwischen 16 und 59 Jahren befragt teilungen wegen anderer krimineller
sexuellen Kindesmissbrauchs ergibt sich wurden (Wetzels 1997). Berücksichtigt Taten handelt. Zudem kann die Vorstra-
nach mehreren kriminologischen Studien man nur sexuelle Handlungen mit Kör- fenbelastung – wie sich leicht zeigen lässt
ein deutlicher Ausfilterungsprozess, der perkontakt und eine Schutzaltersgrenze – nicht mit Rückfälligkeit gleichgesetzt
meist bereits im staatsanwaltschaftlichen von 14 Jahren, also den sexuellen Kindes- werden. Ähnliches gilt für die Bewäh-
Ermittlungsverfahren stattfindet und da- missbrauch im engeren Sinne, dann be- rungshilfestatistik. Daraus lässt sich z.B.
zu führt, dass nur ein kleiner Teil der Tat- trugen die Opferraten in dieser Studie bei nicht entnehmen, ob es sich bei Strafta-
verdächtigen angeklagt und verurteilt den befragten Männer 2% und bei den ten, die zum Widerruf einer Bewährungs-
wird. So wurden im Jahr 2000 rund 9.000 Frauen 6,2%. Höhere Werte fanden sich aufsicht führten, um neue Sexualdelikte
Tatverdächtige polizeilich ermittelt, aber naturgemäß bei Einschluss von „Hands- oder um andere Straftaten handelt. Eine
lediglich 2.249 verurteilt.11 Der Haupt- off-Delikten“ sowie bei höheren Alters- allgemeine Rückfallstatistik, die für ein-
grund der Verfahrenseinstellungen be- grenzen. Für alle sexuellen Übergriffe in zelne Delikte, Personengruppen (Alter,
trifft fehlenden Tatverdacht oder Verfah- Kindheit und Jugend ergaben sich fol- Geschlecht) und Sanktionsformen Basis-
renshindernisse (vgl. Gunder 1999). gende Opferraten: Männer 7,3%, Frauen zahlen liefern könnte, existiert jedoch
18,1%. derzeit in Deutschland noch nicht, ob-
Das Dunkelfeld der Sexualstraftaten Eine weitere Analyse dieser und einiger wohl seit einigen Jahren entsprechende
anderer Dunkelfeldstudien im Bereich des Vorarbeiten im Gange sind (vgl. dazu
Sexualstraftaten sind so genannte Anzei- sexuellen Kindesmissbrauchs14 erlaubt zu- Jehle/Brings 1999).
gedelikte, d.h. Straftaten, deren Erfas- sammenfassend folgende Feststellungen: Bisherige wissenschaftliche Untersuchun-
sung, Aufklärung und Verfolgung we- – Ähnlich wie im Hellfeld sind auch im gen zur Rückfälligkeit von Sexualstraf-
sentlich davon abhängt, ob die Opfer Dunkelfeld die Täter weit überwiegend tätern wurden meist in Form von katam-
Anzeige erstatten oder nicht.12 Anders als Männer, die Opfer meist Mädchen. nestischen oder Follow-up-Studien kon-
etwa beim Wohnungseinbruch oder beim – Bei sexuellen Übergriffen mit Körper- zipiert. Dies bedeutet, dass sie sich auf
Kfz-Diebstahl, wo die Geschädigten meist kontakt handelt es sich größtenteils um einzelne Entlassungsjahrgänge oder Ent-
schon wegen der zu erwartenden Versi- Berührungen ohne Penetration. lassungsgruppen aus Straf- oder Maßre-
cherungsleistungen Anzeige erstatten, – Mehrheitlich werden einmalige Über- gelvollzugsanstalten beziehen. So unter-
gelten Sexualdelikte, namentlich solche griffe angegeben. Anzahl, Dauer und suchten etwa Dünkel und Geng (1994)
mit vorausgehenden nennenswerten Tä- Intensität der Handlungen nehmen je- mehrfach vorbestrafte Karrieretäter, die
ter-Opfer-Beziehungen, als deutlich un- doch mit der sozialen Nähe zwischen in den 70er-Jahren aus dem Berliner Straf-
terberichtet. Opfer scheuen vielfach den Täter und Opfer zu. vollzug entlassen wurden. Für einen Be-
Gang zur Polizei, weil sie Nachteile be- – Der relative Anteil völlig fremder Täter obachtungszeitraum von zehn Jahren
fürchten, z.B. eine sekundäre Viktimisie- ist im Dunkelfeld geringer als bei den ergab sich dabei für Sexualstraftäter
rung durch anstrengende Vernehmun- polizeilich bekannt gewordenen Fäl- (N= 41) ein einschlägiger Rückfall mit
gen, weil sie sich mitschuldig fühlen oder len.15 Diese werden also häufiger ange- nachfolgender neuer Freiheitsstrafe ohne
weil sie die Angelegenheit lieber infor- zeigt als dem Opfer bekannte Täter. Bewährung in Höhe von 29%. In einer
mell mit dem Täter regeln wollen. Das Allerdings spielen auch missbrauchende Untersuchung von Entlassenen aus dem
dadurch bestehende Dunkelfeld der Se- Väter nicht die bisweilen vermutete psychiatrischen Maßregelvollzug gemäß
xualkriminalität ist naturgemäß schwer große Rolle. Vielmehr ist bezüglich der § 63 StGB stellten Dimmek und Duncker
abzuschätzen, da es zum einen in sozialen Vorbeziehungen etwa von (1996) für Sexualstraftäter bei einem Be-
Deutschland bislang keine regelmäßigen einer Dreiteilung auszugehen: Familien- obachtungszeitraum von bis zu vier Jah-
Opferumfragen oder Kriminalitätsbelas- mitglieder, Täter aus dem sozialen Um- ren eine deliktspezifische Rückfälligkeit
tungsstudien gibt, andererseits aber auch feld, fremde Täter. von 27% fest, wobei all jene Delikte er-
solche Studien nur einen Teil des Dunkel- – Auch aus den Dunkelfeldstudien erge- fasst wurden, die in den Führungsauf-
feldes aufhellen können.13 So stellt sich ben sich keine Anzeichen für einen An- sichtsakten verzeichnet waren, unabhän-
etwa die Frage der Repräsentativität der stieg des sexuellen Kindesmissbrauchs in gig von den rechtlichen Konsequenzen.
untersuchten Stichprobe (Größe, Erreich- den letzten Jahrzehnten, stattdessen Aus diesen und ähnlichen Studien lassen
barkeit, Teilnahmebereitschaft) sowie der deuten die geringeren Opferraten bei sich fraglos wichtige Informationen be-
Zuverlässigkeit der jeweils gewonnenen jüngeren Frauen in der KFN-Studie eher züglich der Wirksamkeit therapeutischer
Angaben (Leugnung versus Übertreibung darauf hin, dass die Verbreitung des se- Programme und Maßnahmen entneh-
der tatsächlich erlebten Viktimisierung). xuellen Missbrauchs von Kindern rück- men, sie sind jedoch kaum geeignet für
Nicht zuletzt kann auch die Befragungs- läufig ist. die Bestimmung allgemeiner Inzidenz-
methode (z.B. offene, geschlossene Fra- oder Basisraten der Rückfälligkeit bei ver-
gen, schriftliche oder mündliche Inter- Rückfall nach Sexualdelikten schiedenen Tätergruppen. Dies liegt an
views) einen nicht geringen Einfluss auf der allgemeinen Konzeption solcher
die erzielten Ergebnisse haben. In der öffentlichen Diskussion nimmt die Rückfallstudien:
In der einschlägigen Literatur schwanken Frage der Rückfälligkeit von Sexualstraf- 1. Es werden meist nur relativ kleine
die berichteten Dunkelziffern, also das tätern, namentlich das Problem der damit Stichproben berücksichtigt (insgesamt
Verhältnis der bekannt gewordenen zu verbundenen Progredienz, also der Stei- oder bezogen auf Sexualdelikte), de-
den tatsächlich begangenen Sexualstraf- gerung der kriminellen Aktivität, eine ren Aussagekraft und Verallgemeiner-
taten zwischen 1:5 und 1:20. Diese hohe große Rolle ein. So wurde die in den letz- barkeit naturgemäß eng begrenzt ist.
Spannbreite hängt mit verschiedenen me- ten Jahren geführte Diskussion bezüglich 2. Eine Konsequenz dieser geringen Fall-
thodischen und definitorischen Aspekten einer Verbesserung des Schutzes vor Se- zahlen ist, dass in der Regel keine oder
der referierten Studien zusammen, wie xualverbrechern maßgeblich initiiert und lediglich eine geringe Differenzierung
z.B. Stichprobenauswahl, Befragungsme- beeinflusst von Gewalttaten an Kindern, nach einzelnen Deliktgruppen möglich

41
ist. Damit werden eventuelle Unter- Die Vorstrafenbelastung von Sexualstraf- tiger“ Gelegenheiten innerhalb ihrer
schiede in den Rückfallraten (etwa: tätern ist – bezogen auf alle Delikte – Familie oder ihrer sonstigen näheren
innerfamiliäre versus außerfamiliäre recht hoch. Sie beträgt rund 55% bei Kin- sozialen Umgebung beschränken, eine
Täter) zu wenig deutlich. desmissbrauchern, über 70% bei sexuel- insgesamt geringere kriminelle Energie
3. Die Studien beziehen sich gewöhnlich len Gewalttätern und sogar fast 80% bei aufweisen als Personen, die solche Tat-
auf Entlassene einzelner Anstalten „Exhibitionisten“. Demgegenüber ist die gelegenheiten aktiv suchen oder her-
oder Begutachtungsfälle spezieller Ein- Quote früherer Verurteilungen wegen Se- stellen und dabei auch die Grenzen
richtungen, sind also nicht bundesweit xualdelikten, zumindest bei Kindesmiss- ihres sozialen Nahraums überschreiten.
repräsentativ. brauchern und sexuellen Gewalttätern, 2. Erwartungsgemäß erhöhen einschlä-
4. Die Beschränkung auf Entlassene ge- mit knapp 20% relativ gering. gige Vorstrafen die Gefahr weiterer
schlossener Einrichtungen oder auf Be- Für die Rückfälligkeit, also für neue Ver- Sexualdelikte, allerdings sind Verurtei-
gutachtungsfälle bedeutet, dass über- urteilungen innerhalb des Risikozeit- lungen wegen anderer Delikte diesbe-
wiegend so genannte „schwere Fälle“, raums, ergibt sich ein ähnliches Bild: Etwa züglich nicht relevant. Dieser Befund
also z.B. nur Verurteilte mit vollstreck- die Hälfte begeht wieder neue Straftaten lässt sich so interpretieren, dass für die
baren Freiheitsstrafen, erfasst werden. (und wird deswegen verurteilt), aber le- Begehung von Sexualdelikten im Rück-
Auch dies steht einer Bestimmung all- diglich bei rund 20% ist dies (auch) ein fall eher abweichende pädosexuelle
gemeiner Basisraten im Wege. neues Sexualdelikt. Diese 20% dürften als Einstellungen und Neigungen als allge-
Eine seit einiger Zeit verstärkt genutzte Basisrate der Rückfälligkeit (neues ein- mein-kriminelle Neigungen ausschlag-
Möglichkeit zur Verbesserung der be- schlägiges Delikt innerhalb von sechs Jah- gebend sein dürften.
schränkten Aussagemöglichkeiten kleiner ren mit anschließender Verurteilung) von 3. Eine deutlich erhöhte Rückfallgefahr
empirischer Studien besteht im Einsatz Sexualstraftätern (Missbraucher und Ge- zeigte sich bei Tätern, die ihr erstes
so genannter Meta-Analysen. Durch die walttäter) angesehen werden können. Sexualdelikt als Jugendliche oder He-
hierbei vorgenommene Gesamtschau Lediglich bei „Hands-off-Tätern“ ist für ranwachsende verübt hatten. Die aus
wird der Einfluss störender Bedingungen den genannten Zeitraum von einer deut- anderen kriminologischen Studien be-
oder Fehlerquellen reduziert, wenngleich lich höheren Rückfallrate von über 50% kannte Episodenhaftigkeit der De-
nicht völlig aufgehoben. Besonders inte- auszugehen. linquenz junger Menschen, die im
ressant ist in diesem Zusammenhang eine Betrachtet man die Rückfallgeschwindig- Regelfalle eine eher zurückhaltende
von Hanson und Bussière (1998) in Ka- keit, also den Zeitpunkt, zu dem der Rück- kriminalrechtliche Reaktion ratsam er-
nada durchgeführte Meta-Evaluation, die fall erfolgte, so zeigt sich, dass über die scheinen lässt, gilt bei Sexualdelikten,
61 Rückfallstudien aus sechs Ländern, da- Hälfte der neuerlichen Straftaten bereits vor allem bei fremden Opfern und grö-
runter allerdings keine Arbeit aus Deutsch- in den ersten beiden Jahren nach der Ver- ßerem Altersabstand, offenbar nicht in
land, umfasst. urteilung bzw. nach Verbüßung einer gleicher Weise.
Für über 23.000 in die Analyse einbezo- Freiheitsstrafe oder sogar noch vor der 4. Waren die Opfer des sexuellen Miss-
gene Sexualstraftäter ergab diese Me- Entlassung aus dem Gefängnis begangen brauchs (auch oder ausschließlich)
ta-Evaluation bei einem Beobachtungs- wurde. Dieser Effekt eines meist recht männlich, so war das Rückfallrisiko
zeitraum von vier bis fünf Jahren eine kurzen Zeitraums bis zu einer neuen Tat ebenfalls erhöht. Dieser Befund, der
Basisrate der einschlägigen, d.h. delikt- ist aus der allgemeinen Rückfallforschung auf die offenbar stärkere pädosexuelle
spezifischen Rückfälligkeit in Höhe von mit anderen Tätergruppen bekannt. Neigung und damit größere Tatbereit-
13,4%; höhere Werte zeigten sich bei Allerdings gab es bei den Sexualstraf- schaft von Kindesmissbrauchern mit bi-
sexuellen Gewalttätern (18,9%), etwas tätern der Studie der Kriminologischen und homosexuell-pädophiler Orientie-
geringere bei Kindesmissbrauchern Zentralstelle auch eine nicht geringe Zahl rung verweist, bestätigt Ergebnisse an-
(12,7%). Die Basisrate für jedes beliebige von Rückfällen, nämlich rund 30%, die derer Rückfallstudien (vgl. Beier 1995).
neue Delikt in diesem Zeitraum betrug erst vier, fünf oder gar sechs Jahre nach 5. Überraschend wurden Täter, die bei Be-
insgesamt 36,3%. Dabei wurden freilich Beginn des Beobachtungszeitraums ver- gehung ihrer Missbrauchshandlungen
nur Straftaten mit neuen Verurteilungen übt wurden. nicht oder nur gering alkoholisiert
berücksichtigt. Zu bedenken ist ferner, waren, häufiger rückfällig als andere.
dass sich bei längeren Beobachtungszei- Risikomerkmale der Rückfälligkeit Obwohl Alkoholeinfluss zweifellos bei
träumen höhere Rückfallraten ergeben Sexualstraftaten im Sinne einer Ver-
dürften. Extremgruppenvergleiche zwischen ein- minderung von Hemmschwellen be-
schlägig Rückfälligen und nicht oder an- deutsam sein kann, scheint die wieder-
Studie der Kriminologischen derweitig Rückfälligen erbrachten Hin- holte Begehung von Sexualdelikten im
Zentralstelle zur Rückfälligkeit weise auf verschiedene Risikomerkmale wesentlichen doch von anderen Fakto-
der Rückfälligkeit, die für Prognosebeur- ren, insbesondere einer dauerhaften
In Deutschland erhielt die Kriminologische teilungen, aber auch für die Einleitung pädosexuellen Neigung, abhängig zu
Zentralstelle in Wiesbaden im Herbst 1996 von Behandlungsmaßnahmen relevant sein. Zudem wird ein Sexualstraftäter,
den Auftrag, eine empirische Studie zur sind. Hier einige Ergebnisse für die der seine Missbrauchshandlungen ge-
Gewinnung repräsentativer und differen- Gruppe der Kindesmissbraucher: zielt plant, organisiert und ausführt,
zierter Daten über die Rückfälligkeit und 1. An erster Stelle der Risikofaktoren ran- größeren Alkoholeinfluss und damit
kriminelle Entwicklung von Sexualstraf- giert die Täter-Opfer-Beziehung, also einen möglichen Kontrollverlust eher
tätern durchzuführen. Erste Zwischener- die Art der vor den Missbrauchshand- meiden.
gebnisse wurden bereits Mitte 1997 vorge- lungen bereits bestehenden Kontakte Insgesamt zeigen die Ergebnisse deut-
legt, weitere Teilergebnisse wurden 1998/ zwischen Täter und Opfer. Hier erwie- lich, dass Sexualstraftäter hinsichtlich der
1999 präsentiert (Egg 1999). Die Vorlage sen sich Täter aus dem außerfamiliären Rückfallneigung keine homogene Grup-
der Endberichte erfolgte in den Jahren 2001 Bereich allgemein als rückfallgefährde- pe bilden, vielmehr sind unterschiedliche
und 2002 (Elz 2001, 2002; Nowara 2001). ter als innerfamiliäre Kindesmissbrau- Karriereverläufe und Risikofaktoren zu
Ausgangspunkt der Studie waren alle Per- cher; besonders hoch ist die Rückfallge- beobachten. Der Anteil so genannter Se-
sonen, die im ersten Halbjahr 1987 in fahr zudem bei Tätern, die dem Opfer rientäter (mindestens drei einschlägige
Deutschland (BRD und DDR) wegen eines völlig fremd waren. Die verbreitete Verurteilungen im erfassten Zeitraum)
Sexualdelikts verurteilt worden waren. Furcht vor diesem – zum Glück seltenen umfasste in der Studie der Kriminologi-
Aus dieser Grundgesamtheit wurden Typus – des fremden, oft überfallartig schen Zentralstelle lediglich eine Minder-
mehrere Stichproben gezogen, für die handelnden Täters und dessen hoher heit von etwa 5–7 % der Gesamtgruppe.
zum einen Daten des Bundeszentralregis- Gefährlichkeit ist insoweit nicht unbe- Freilich wäre es angesichts der teilweise
ters (zu Vorstrafen und neuen Verurtei- gründet. Kriminologisch betrachtet sehr massiven, dauerhaften Schädigun-
lungen) ausgewertet wurden und – sehr lässt sich dieses höhere Rückfallrisiko gen von Opfern des sexuellen Miss-
viel umfangreicher – die Strafakten von fremder Täter so verstehen, dass Perso- brauchs und der sexuellen Gewalt den-
knapp 780 Verurteilten. Hier einige we- nen, die sich bei ihren Missbrauchs- noch verfehlt, diesen Deliktsbereich und
sentliche Ergebnisse dieser Studie: handlungen auf das Ausnützen „güns- die damit verbundenen Gefahren zu ver-

42
harmlosen. Vielmehr sind verstärkte An-
strengungen zur Verbesserung der Rück-
fallprävention erforderlich, namentlich
eine frühzeitige Identifizierung und ge-
gebenenfalls Behandlung von Tätern mit
besonderem Rückfallrisiko.

Rückfallvermeidung durch Therapie


von Sexualstraftätern?

Entgegen einem landläufigen Vorurteil


handelt es sich bei Sexualstraftätern, wie
oben ausgeführt, nicht um Personen mit
durchwegs hoher Rückfallgefahr, son-
dern um eine sehr heterogene Gruppe
mit unterschiedlichen Rückfallrisiken. So
dürften bei einer Vielzahl von Sexual-
delikten situative Aspekte wie sozialer
Stress, Alkoholeinfluss, Gruppendruck
oder besondere Tatgelegenheiten we-
sentliche Entstehungsmerkmale sein,
weshalb in diesen Fällen eine erneute Se-
xualstraftat dann nicht zu erwarten ist,
wenn zukünftig andere situative Bedin-
gungen gegeben sind. Dies ist z.B. bei
innerfamiliären Missbrauchern der Fall, Die häufig geäußerte Besorgnis über scheinbar ineffektive Maßnahmen der Prävention
deren Opfer aus Tätersicht lediglich leicht und Bekämpfung von Kriminalität mit sexuellem Hintergrund oder gar der Ruf nach
verfügbare Ersatzobjekte waren. Weitere einem „Wegsperren für immer“ lassen sich bei nüchterner Betrachtung nicht bestäti-
sexuelle Übergriffe sind bei solchen Tä- gen oder rechtfertigen. Foto: dpa
tern dann wenig wahrscheinlich, wenn
ihnen nach einer Verurteilung und gege- tätern neben substanziellen, also positi- diente Entwicklung auf, d.h. am Anfang
benenfalls Strafhaft geeignete Opfer ven Effekten bei gut strukturierten, mul- stehen weniger schwere Übergriffe,
nicht mehr zur Verfügung stehen. Anders timodalen und an den Bedürfnissen und deren Intensität und Häufigkeit sich im
verhält es sich dagegen bei Tätern, de- (kognitiven) Möglichkeiten der Klienten Laufe der Zeit steigert. Umgekehrt be-
ren sexuelle Gewalthandlungen und/ ausgerichteten Maßnahmen auch keine deutet aber ein einfaches Sexualdelikt
oder Missbrauchshandlungen als Aus- oder gar nachteilige Auswirkungen auf- nur in besonderen Fällen den Einstieg in
druck oder Ergebnis einer allgemein-dis- treten können, wenn es sich dabei um eine dauerhafte kriminelle Karriere. Um
sozialen Störung oder einer spezifischen wenig spezifische Maßnahmen wie etwa potenzielle Karrieretäter möglichst bald
sexuellen Abweichung, namentlich einer allgemeine Gesprächsgruppen oder un- zu erkennen und von Einmal- oder Gele-
Pädophilie, anzusehen sind. Hier dürfte strukturierte Fallarbeit handelt.19 genheitstätern zu unterscheiden, ist es
eine nachhaltige Reduzierung des Rück- Eine neuere Meta-Evaluationsstudie zur notwendig, frühzeitig differenzierte Un-
fallrisikos nur durch gezielte therapeuti- Behandlung von Sexualstraftätern von tersuchungen und Risikobeurteilungen
sche Interventionen erreichbar sein, weil Hanson (2002) ergab für 43 Studien mit vorzunehmen. Dabei sollten nicht bloß
die deliktrelevante Neigung meist auch zusammen 9.454 Probanden insgesamt allgemeine klinische Beurteilungen, son-
nach längeren Freiheitsstrafen noch be- positive Effekte (Follow-Up-Intervall: 4–5 dern neuere Verfahren zur Abschätzung
stehen bleibt. Jahre). Allerdings waren nicht alle einge- des individuellen Rückfallrisikos (z.B. HCR
Auch der Gesetzgeber hat durch die im setzten Maßnahmen gleichermaßen wirk- 20, SVR 20, Rehder-Skala, Dittmann-Krite-
Rahmen des „Gesetzes zur Bekämpfung sam. So zeigten Therapieansätze, die vor rien)20 Anwendung finden.
von Sexualdelikten und anderen gefähr- dem Jahr 1980 zum Einsatz kamen, kaum Eng verbunden mit dieser Empfehlung
lichen Straftaten“ von 1998 festgelegte positive Effekte, während neuere Verfah- einer Frühdiagnostik ist die Notwendig-
und seit 2003 geltende verpflichtende so- ren sowohl die allgemeine Rückfälligkeit keit einer rechtzeitigen Einleitung geeig-
zialtherapeutische Behandlung von Sexu- wie die einschlägige Rückfälligkeit deut- neter Interventionen, auch und gerade
alstraftätern mit Verurteilungen zu mehr lich reduzierten (von 51% auf 32% bzw. bei jungen, erstmalig auffälligen Sexual-
als zwei Jahren Freiheitsstrafe zum Aus- 17% auf 10%). Besonders günstig schnit- straftätern. Dies ist schon aus Gründen
druck gebracht, dass zur Verminderung ten dabei (bei erwachsenen Straftätern) des Opferschutzes notwendig. Wenn zu
der Rückfallgefahr von Sexualstraftätern so genannte kognitiv-behaviorale Verfah- lange abgewartet und nichts oder das Fal-
und damit im Interesse eines verbesserten ren ab. sche getan wird, begünstigt dies die Ent-
Opferschutzes in den genannten Fällen Angesichts dieser Erkenntnisse sollte eine wicklung zu einem nicht oder nicht mehr
therapeutische Maßnahmen durchge- Qualitätssicherung der seit 1998 erweiter- behandelbaren Sexualstraftäter, bei dem
führt werden sollen.18 Allerdings ist dabei ten oder neu aufgebauten Programme in nur noch eine lebenslange sichere Ver-
vor einem überzogenen therapeutischen den sozialtherapeutischen Einrichtungen wahrung übrig bleibt.
Optimismus zu warnen. Aus der Therapie- des Justizvollzuges durch eine systemati- Verbesserungsbedarf besteht auch be-
forschung, namentlich aus Meta-Evalua- sche Begleitforschung erfolgen, bei der züglich der so genannten Nachsorge, also
tionsstudien, z.B. von Lösel (2000) oder weniger die Frage der Wirksamkeit der der ambulanten Nachbetreuung aus dem
von Egg, Pearson u.a. (2001), wissen wir Behandlung von Sexualstraftätern „an Straf- oder Maßregelvollzug Entlassener.
zwar, dass die Behandlung von Straftä- sich“, sondern die differenzierte Evalua- Ursache der Sexualkriminalität ist ja nicht
tern, auch von Sexualstraftätern, im Rah- tion einzelner therapeutischer Schritte eine eng umgrenzte Störung, die statio-
men des Strafvollzuges möglich ist und oder Programmpunkte zu untersuchen när zu behandeln ist und im erfolgreichen
grundsätzlich erfolgreich sein kann, wenn wäre. An einigen Orten wurden auch be- Fall zu Straffreiheit führt. Meist geht es
auch mit nicht sehr hohen Effektstärken reits entsprechende Begleitprogramme auch gar nicht um die Heilung einer
(ca. 10%). Wir wissen aber noch zu wenig initiiert, doch erscheint ein bundesweit Krankheit, sondern um (Selbst-)Kontrolle
über differenzielle Therapieeffekte, also einheitliches, koordiniertes Vorgehen not- des Verhaltens („No cure but control“).
darüber, welche Maßnahmen bei welchen wendig. Dies aber bedarf der ambulanten Nach-
Tätern wie wirksam sind. Zu bedenken ist In diesem Zusammenhang ist noch auf sorge. Glücklicherweise gibt es hier be-
auch, dass einige gut kontrollierte Stu- folgende kritische Punkte hinzuweisen: reits einige erfolgversprechende Modelle,
dien zeigen (vgl. etwa Andrews u.a. Serienhaft begangene Sexualkriminalität deren Weiterentwicklung und verstärkte
1990), dass bei der Behandlung von Straf- weist regelmäßig eine deutliche progre- Anwendung dringend geboten erscheint.

43
Einen Königsweg zur Verhinderung Allgemeinheit mitgetragen werden muss. Hanson, R. K./Bussière, M. T.: Predicting Relapse: A
Meta-Analysis of Sexual Of-fender Recidivism Studies.
gibt es nicht Eine Gesellschaft, die diesen Zusammen- In: Journal of Consulting and Clinical Psychology,
hang verkennt, läuft Gefahr, dass sie die 55/1998, S. 348–362
Kriminalität mit sexuellem Hintergrund Augen vor effektiven Lösungswegen ver- Jehle, J.-M./Brings, S.: Zur Messung der Rückfälligkeit
von Straftätern. In: Wirtschaft und Statistik, 51/1999,
steht wie kaum ein anderer Bereich krimi- schließt und dadurch auf lange Sicht mehr S. 498–504
nellen Verhaltens im Schnittpunkt zahl- Probleme erzeugt als beseitigt. Lösel, F.: Evaluation der Kriminaltherapie – unter be-
sonderer Berücksichtigung der Behandlung von Sexu-
reicher kriminalpolitischer, fachlich-spe- alstraftätern. In: Salzgeber, J./Stadler, M./Willutzki, S.
zieller, aber auch allgemein-öffentlich (Hrsg.): Polygraphie: Möglichkeiten und Grenzen der
psychophysiologischen Aussagebegutachtung. Köln
geführter Debatten. Vor allem dann, wenn Literaturhinweise 2000, S. 69–91
diese nach spektakulären Einzelfällen und Nowara, S.: Sexualstraftäter und Maßregelvollzug:
Andrews, D. A./Zinger, I./Hoge, R. D./Bonta, J./Gendreau, Eine empirische Untersuchung zu Legalbewährung
vor dem Hintergrund großer emotionaler P./Cullen, F. T.: Does correctional treatment work? A und kriminellen Karrieren (Kriminologie und Praxis,
Betroffenheit geführt werden, entsteht clinically relevant and psychologically informed meta- Bd. 32). Wiesbaden 2001
mitunter der Eindruck pauschaler Schuld- analysis. In: Criminology, 28/1990, S. 369–404 Rüther, W.: Internationale Erfahrungen bei der Behand-
Beier, K. M.: Dissexualität im Lebenslängsschnitt. Theo- lung von Sexualstraftätern. In: Monatsschrift für Krimi-
zuweisungen und überzogener Behaup- retische und empirische Untersuchungen zur Phäno- nologie und Strafrechtsreform, 81/1998, S. 246–262
tungen. So kann etwa die oft gehörte Aus- menologie und Prognose begutachteter Sexualstraf- Schorsch, E. (1993): Perversion, Liebe, Gewalt (Beiträge
täter. Berlin 1995 zur Sexualforschung, Bd. 68). Stuttgart 1993
sage, es werde mehr für die Täter als für die Boetticher, A.: Kann die Justiz die erhöhten Anforde- Wetzels, P.: Gewalterfahrung in der Kindheit. Sexueller
Opfer getan, angesichts der vielfältigen rungen des „Gesetzes zur Bekämpfung von Sexualde- Missbrauch, körperliche Misshandlung und deren lang-
gesetzgeberischen und praktischen Be- likten und anderen gefährlichen Straftaten“ erfüllen? fristige Konsequenzen. Baden-Baden 1997
In: Egg, R. (Hrsg.): Behandlung von Sexualstraftätern
strebungen zur Verbesserung des Opfer- im Justizvollzug. Erfahrungen aus den Gesetzesände-
schutzes in dieser verallgemeinernden rungen (Kriminologie und Praxis, Bd. 29). Wiesbaden
2000, S. 47–72
Form nicht aufrechterhalten werden. Braun, G.: Täterinnen beim sexuellen Missbrauch von Fußnoten
Auch die häufig geäußerte Besorgnis über Kindern. In: Kriminalistik, 56/2002, S. 23–27
Bundeskriminalamt (Hrsg.): Polizeiliche Kriminalstatis- 1
Siehe: Bundeskriminalamt, Polizeiliche Kriminalsta-
scheinbar ineffektive Maßnahmen zur Prä- tik Bundesrepublik Deutschland. Berichtsjahr 2001. tistik. Bundesrepublik Deutschland. Berichtsjahr 2001.
vention und Bekämpfung dieser Delikte Wiesbaden 2002 Wiesbaden 2002.
oder gar der Ruf nach einem „Wegsperren Dimmek, B./Duncker, H.: Zur Rückfallgefährdung durch 2
Näheres siehe unter: www.bmj.bund.de
Patienten des Maßregelvollzuges. In: Recht und Psy- 3
Strafbar sind also nicht mehr wie vor der Reform
für immer“ lässt sich bei nüchterner Be- chiatrie, 14/1996, S. 50–56 von 1973 Verstöße gegen die „Sittlichkeit“, also die
trachtung der vorliegenden kriminologi- Dünkel, F./Geng, B.: Rückfall und Bewährung von Kar- Moral, sondern Verletzungen der „sexuellen Selbstbe-
rieretätern nach Entlassung aus dem sozialtherapeuti- stimmung“.
schen Erkenntnisse so nicht bestätigen schen Behandlungsvollzug und aus dem Regelvollzug. 4
Siehe auch im Internet unter: www.bka.de
bzw. rechtfertigen. In: Steller, M./Dahle, K.P./Basqué, M. (Hrsg.): Straftäter- 5
Gesamtzahl der Statistik: N= 6.363.865 Fälle.
Zweifellos handelt es sich bei Sexualdelik- behandlung. Argumente für eine Revitalisierung in 6
Einschließlich sexuelle Belästigungsdelikte an Kin-
Forschung und Praxis. Pfaffenweiler 1994, S. 35–59 dern.
ten um schwere und mitunter schwerste Egg, R. (Hrsg.): Sexueller Missbrauch von Kindern. Tä- 7
Die Häufigkeitszahl (HZ) ist die Zahl der Fälle pro
Rechtsverletzungen. Jeder sexuelle Über- ter und Opfer (Kriminologie und Praxis, Bd. 27). Wies- 100.000 Einwohner.
baden 1999 8
Verzerrungen können sich hier jedoch z.B. dadurch
griff ist einer zuviel. Einen Königsweg zur Egg, R. (Hrsg.): Behandlung von Sexualstraftätern im ergeben, dass Sexualmorde nicht aufgedeckt werden,
Verhinderung von Sexualstraftaten gibt Justizvollzug. Erfahrungen aus den Gesetzesänderun- weil die Opfer nicht gefunden werden und lediglich als
gen (Kriminologie und Praxis, Bd. 29). Wiesbaden 2000 vermisste Personen gelten.
es jedoch nicht. Neben der berechtigten Egg, R.: Prognosebegutachtung im Straf- und Maß- 9
Vgl. Rüther (1998).
Sorge um die Opfer sollte die Diskussion regelvollzug. Standards und aktuelle Entwicklungen. 10
Zum sexuellen Missbrauch von Kindern durch
daher – so schwer dies im Einzelfall immer In: Kühne, H.H./Jung, H./Kreuzer, A./Wolter, J. (Hrsg.): Frauen siehe Braun (2002) mit weiteren Nachweisen.
Festschrift für Klaus Rolinski. Baden-Baden 2002, 11
Allerdings lassen sich diese Zahlen nicht direkt, son-
sein mag – auch und gerade von Sachlich- S. 309–333 dern lediglich hinsichtlich der Größenordnung aufei-
keit sowie von der Erkenntnis geprägt Egg, R./Kälberer, R./Specht, F./Wischka, B.: Bedingun- nander beziehen, da Polizeiliche Kriminalstatistik und
gen der Wirksamkeit sozialtherapeutischer Maßnah- Strafverfolgungsstatistik nur die polizeiliche bzw. jus-
sein, dass es eine Welt ohne Gefahren und men. In: Zeitschrift für Strafvollzug und Straffälligen- tizielle Erledigung von Fällen des jeweiligen Berichts-
Risiken nicht geben kann und nicht geben hilfe, 47/1998, S. 348–351 jahres abbilden und somit nur teilweise dieselben Per-
wird. Problematisch ist auch, wenn die Egg, R./Pearson, F. S./Cleland, C. M./Lipton, D. S.: Evalu- sonen betreffen.
ation von Straftäterbehandlungsprogrammen in 12
Im Unterschied zu so genannten Kontrolldelikten,
mit Prognose, Behandlung, Lockerung Deutschland. Überblick und Meta-Analyse. In: Rehn, wie z.B. Drogendelikte und viele Wirtschaftsstraftaten.
und Entlassung verbundenen Risiken von G./Wischka, B./Walter, M. (Hrsg.): Behandlung „gefähr- 13
Vgl. Elz (2001), S. 39ff.
licher Straftäter“. Grundlagen, Konzepte, Ergebnisse. 14
Vgl. dazu Elz (2001, S. 39–51).
Sexualstraftätern ausschließlich jenen an- Herbolzheim 2001, S. 321–347 15
Polizeiliche Kriminalstatistik 2001: Bei rund 44% al-
gelastet werden, die beruflich als Richter, Elz , J.: Legalbewährung und kriminelle Karrieren von ler Opfer gab es keine Vorbeziehung zum Tatverdäch-
Sexualstraftätern. Sexuelle Missbrauchsdelikte (Krimi- tigen.
Sachverständige, Therapeuten oder Voll- nologie und Praxis, Bd. 33). Wiesbaden 2001 16
Vgl. Boetticher (2000).
zugsbedienstete mit diesem Personen- Elz J.: Legalbewährung und kriminelle Karrieren von 17
Herausgegeben vom Statistischen Bundesamt in
kreis befasst sind. Diese tragen zwar im Sexualstraftätern. Sexuelle Gewaltdelikte (Kriminolo- Wiesbaden
gie und Praxis, Bd. 34). Wiesbaden 2002 18
Vgl. zum Ganzen Egg (2000).
Rahmen ihrer beruflichen Aufgaben eine Gunder, T.: Der Umgang mit Kindern im Strafverfah- 19
Vgl. Egg et al. (1998).
besondere Verantwortung, nehmen aber ren: Eine empirische Untersuchung zur Strafverfol- 20
Zum Ganzen vgl. Egg (2002).
gung bei Sexualdelinquenz. Frankfurt am Main 1999
eigentlich nur einen gesellschaftlichen Hanson, R.: The effectiveness of treatment for sexual
Auftrag wahr, der letztlich auch von der offenders. 2002. Available: www.sgc.gc.ca.

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Sind ausländische Jugendliche krimineller?

Kriminalität von Jugendlichen mit


Migrationshintergrund
Von Kerstin Reich

ventive Wirkung entfalten können. Kri- sehen werden, unterschlägt man wichtige
minalität ist keine Frage des Passes, son- Differenzierungen. So auch die, dass sie
dern auch eine Frage der sozialen Inte- sich aus ganz unterschiedlichen Motiven
gration. Red. in Deutschland aufhalten und unter un-
terschiedlichen Bedingungen hier leben.
Ist der Anstieg der Jugend- Für eine vergleichende Betrachtung von
kriminalität auf ausländische Ausländern und Aussiedlern erscheint es
Jugendliche zurückzuführen? sinnvoll, eine kurze Charakterisierung der
in Deutschland lebenden ethnischen Min-
In den letzten Jahren häufen sich Mel- derheiten vorzunehmen.3 Die größte
dungen über den Anstieg der Jugendkri- Gruppe mit circa 6,1 der 7,3 Millionen hier
minalität in Deutschland. Im Mittelpunkt lebender Ausländer sind Arbeitsmigran-
des Interesses steht dabei vor allem der ten, die in den 60er-Jahren meist aus den
seit Ende der 90er-Jahre zu beobachtende mediterranen Ländern angeworben wur-
deutliche Anstieg der Gewaltkriminalität den, um Engpässe auf dem deutschen Ar-
junger Menschen. In der öffentlichen De- beitsmarkt zu überwinden. Überwiegend
batte lautet eine häufig vorgetragene sind es Türken, die hier leben, Angehö-
These, dass dieses Phänomen primär auf rige der heutigen Bundesrepublik Jugos-
hier lebende ausländische, nichtdeutsche lawien, Italiener und Griechen. Danach
Jugendliche zurückzuführen sei.1 Bei den folgen Polen, deren Zahl sich seit der Krise
Kerstin Reich ist wissenschaftliche Mit- Straftaten der deutschen Jugendlichen der sozialistischen Systeme in den 80er-
arbeiterin am Institut für Kriminologie der wird seit einigen Jahren der Verdacht Jahren drastisch erhöht hat. Lange Zeit
Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Sie dahingehend geäußert, dass dafür mit wurde sowohl von den Zugewanderten
führt gegenwärtig eine qualitative Unter- steigendem Anteil auch Jugendliche mit als auch von Seiten der Aufnahmegesell-
suchung über junge Aussiedler durch. Migrationserfahrung verantwortlich sei- schaft damit gerechnet, dass bei diesen
Das von der Deutschen Forschungsge- en: Nämlich junge Aussiedler mit deut- Migranten ein fester Rückkehrwille be-
meinschaft unterstützte Forschungspro- schem Pass, die Straftaten zu Lasten der steht. Im Laufe der Jahre haben aber
jekt trägt das Thema: Prozesse von Inte- Deutschen begehen, da junge Aussiedler immer mehr Zuwanderer aus den ehema-
gration, sozialer Ausgrenzung, deviantem – weil nicht gesondert registriert – in die ligen Anwerbeländern ihren Lebens-
und kriminellem Verhalten bei jungen Statistik mit eingerechnet werden. Diese mittelpunkt in Deutschland gefunden
männlichen Aussiedlern. Befunde stehen mit der (oft nicht ganz und sich für einen längeren oder dauer-
vorurteilsfreien) Wahrnehmung und Ein- haften Aufenthalt eingerichtet.
Ein Problem, das in jüngster Zeit verstärkt stellung der einheimischen Bevölkerung Bei der Zuwanderung von Aussiedlern
diskutiert wird, ist die so genannte Aus- im Einklang, die in Zeiten vermehrter Zu- hingegen handelt es sich aus historischer
länderkriminalität. Ein Blick in die Krimi- wanderung besonders sensibilisiert ist Perspektive um eine Rückwanderungsbe-
nalstatistiken zeigt, dass in der Tat ein und allein schon die Zugehörigkeit zu wegung. Nach Deutschland kommen Aus-
hoher Anteil von Delikten von Nichtdeut- einer anderen Nationalität mit kriminel- siedler, deren Vorfahren vor mehr als hun-
schen begangen wird. Das Thema Aus- lem Verhalten in Zusammenhang bringt. dert Jahren ausgewandert sind und die
länderkriminalität ist jedoch ein sensibles selbst nie innerhalb der Grenzen Deutsch-
Feld. Eine unkritische öffentliche Dis- Die ausländische Bevölkerung ist lands gelebt haben. Trotzdem sind sie
kussion darüber verstärkt vorhandene keineswegs eine homogene Gruppe gemäß dem in Deutschland geltenden
Vorurteile. Nicht umsonst ist es ein Lieb- Abstammungsprinzip (ius sanguinis) und
lingsthema rechtsextremistischer Grup- Allein die Tatsache, dass die Jugendlichen im Sinne des Art. 116 Grundgesetz (GG)
pierungen. Eine differenzierte Ausei- aus einem anderen Land mit unterschied- Deutsche und erhalten dementsprechend
nandersetzung mit der Thematik ist also lichem kulturellen Hintergrund in die nach der Einreise einen deutschen Pass.
notwendig. Zunächst muss man berück- Bundesrepublik zugewandert sind, impli- Im Gegensatz zu anderen Zuwanderern
sichtigen, dass ein nicht geringer Pro- ziert nicht, dass es zwischen den verschie- haben sie damit sofort nach der Einreise
zentsatz dieser Straftaten solche gegen denen Migrantengruppen nur Gemein- eine sichere Rechtssituation. Auch ist das
das Ausländer- und Asylverfahrensgesetz samkeiten gibt. Aus der vergleichenden Ausreisemotiv ein anderes: Ihre Ausreise
sind, die nur von Ausländern begangen Migrationsforschung weiß man, dass bei nach Deutschland ist gewollt und auf
werden können. Rechnet man diese Wanderungsbewegungen Voraussetzun- Dauer angelegt. Die Option, in die GUS-
Straftaten aus der Statistik heraus und gen und Gründe der Auswanderung, die Staaten zurückzugehen, zieht von vorne-
berücksichtigt diejenigen Delikte, die von Umstände der Ausreise selber und auch herein niemand ernsthaft in Betracht.
durchreisenden Tätern und Touristen be- die Lebenssituation in Deutschland eine Auch für die Kinder bietet das erhebliche
gangen werden, ergibt sich schon ein entscheidende Rolle für die Integration, Vorteile. Sie sind keine „Kofferkinder“,
sachlicheres Bild. Der Beitrag von Kerstin aber auch für die Entwicklung von Krimi- die, wie bei anderen Gruppen durchaus
Reich ist eine qualitative Situationsbe- nalität spielen (Eisner 1998). üblich, zu ihrer Erziehung oder bei auf-
schreibung. Aufgrund der Migrationsge- Voranstellen muss man, dass es sich bei tauchenden Problemen zurück zu Ver-
schichte und der Lebensumstände junger „Ausländern“ oder „Nichtdeutschen“2, wandten ins Herkunftsland geschickt
Ausländer und Aussiedler ergeben sich auch wenn sie unzulässigerweise immer werden.
besondere Problemkonstellationen. Ein unter dieser Kategorie zusammengefasst Die Zuwanderung aus Osteuropa und der
differenzierter Einblick in das Krimina- werden, nicht um eine homogene Gruppe ehemaligen Sowjetunion hielt sich lange
litätslagebild und die aktuellen Ent- handelt. Wenn Arbeitsmigranten und Zeit im Rahmen, da sie häufig nur aus
wicklungen im Strafvollzug zeigen die Asylbewerber, Kriegsflüchtlinge und Tou- Gründen der Familienzusammenführung
Notwendigkeit von Förder- und Integra- risten, Gaststudenten aus dem Ausland al- zustande kam. Bis Ende der 80er-Jahre
tionsaufgaben, die langfristig eine prä- lesamt mit dem Etikett „Ausländer“ ver- kamen Aussiedler überwiegend aus Polen

45
und Rumänien. Erst mit dem Zusammen- chen kulturellen Hintergrund zu kommen länder geworden (Geissler 1999). Aus dem
bruch der sozialistischen Systeme änderte und sich daher selbst als „deutsch“ ein- Aussiedler, vormals als Opfer des un-
sich dies drastisch. Nun wurde auch den stufen. In den letzten Jahren wird aber menschlichen sozialistischen Systems in
Deutschen in der Sowjetunion erlaubt, beklagt, dass immer mehr Aussiedler mit Deutschland willkommen geheißen, ist
Ausreiseanträge zu stellen. Dies führte immer weniger deutschen Sprachkennt- ein Nutznießer des Sozialstaats gewor-
schließlich dazu, dass seit Anfang der nissen kommen und dass vor allem die den. Er wird in Zusammenhang mit der
90er-Jahre Aussiedler nahezu ausnahms- Jugendlichen in der Alltagskultur des Her- russischen Mafia gebracht und die Ju-
los aus den GUS-Staaten nach Deutsch- kunftslandes sozialisiert sind. Anpas- gendlichen werden als „soziale Zeit-
land kommen. sungserwartungen, die an sie herangetra- bombe“, da sie als Mitverursacher der
Die Motivation der Aussiedler zu diesem gen werden, vermögen sie nicht zu auffälligen Jugendkriminalität gelten,
radikalen Wechsel der Lebensumstände erfüllen und damit erscheint die kultu- benannt. Es erübrigt sich darauf hinzu-
hat sich über die Jahre gewandelt. Ur- relle Distanz doch ausgeprägter zu sein weisen, dass sich solche Dinge in den Köp-
sprünglich stand für die Ausreisewilligen als die von ihnen angenommene Nähe. fen abspielen und nicht zwangsläufig viel
an erster Stelle „als Deutsche unter Deut- Dazu gesellt sich noch die Tatsache, dass mit der Realität gemeinsam haben (Geiss-
schen leben zu wollen“ und nicht mehr gerade das Schicksal und die Geschichte ler 1999).
wegen ihrer Volkszugehörigkeit diskri- der Russlanddeutschen in der Sowjet-
miniert zu werden. Folglich kamen sie mit union sie mit erheblichen Privilegien vor Die Lebenssituation junger
der (Wunsch-)Vorstellung nach Deutsch- allem finanzieller Art nicht nur gegen- Ausländer und Aussiedler in
land, hier unter „ihresgleichen“ leben zu über anderen Zuwanderern, sondern dem Deutschland
können. Anfang der 90er-Jahre, nach verbreiteten Eindruck nach auch gegen-
dem „Massenansturm“ von fast 400.000 über der einheimischen deutschen Bevöl- Ausländische Arbeitnehmer stellen ein
Aussiedlern stand – nachdem bereits viele kerung ausstattet. Wenn das in einer Zeit zentrales, unverzichtbares Segment des
ausgereist waren – die Familienzusam- geschieht, in der wie in den letzten Jahren deutschen Arbeitsmarktes dar, da sie
menführung im Vordergrund. Inzwischen Ressourcen (z. B. auf dem Arbeits- und meistens Arbeitsplätze einnehmen, für
handelt es sich bei dieser Wanderungsbe- Wohnungsmarkt), aber auch staatliche die keine Deutschen zur Verfügung ste-
wegung um eine Kettenmigration, die Unterstützungsleistungen knapp werden, hen. Zuwanderer verrichten überpropor-
den Nachteil hat, dass die Leute weniger scheint sich ein Einstellungswandel breit tional häufig belastende und gefährliche
aus eigener Motivation diesen Wechsel zu machen. Arbeiten. Sie sind nicht selten in krisenan-
der Lebensbedingungen auf sich nehmen Dies geht zumindest aus einer im Jahre fälligen Branchen beschäftigt und zudem
als aufgrund des Soges, der von den be- 1988 vom Ministerium für Arbeit, Ge- in besonders bedrohten Positionen mit
reits ausgereisten Familienmitgliedern sundheit und Soziales in Nordrhein-West- niedrigen Qualifikationsanforderungen.
ausgeht. Natürlich hat auch der ökonomi- falen in Auftrag gegebenen Repräsenta- Somit sind die Arbeitsplatzrisiken und
sche Niedergang in der ehemaligen So- tivbefragung hervor, in der festgestellt auch die Armutsrisiken besonders hoch.
wjetunion dazu beigetragen, dass sich die wurde, dass die Grundhaltung der Bevöl- Alle diese Faktoren tragen dazu bei, dass
Deutschstämmigen auf ihre Wurzeln be- kerung den Aussiedlern gegenüber zum Zuwanderer in vielen Fällen dem Prozess
sinnen und in der Heimat der Vorfahren Zeitpunkt der Befragung einigermaßen der Verarmung unterliegen.
eine Zukunftsperspektive – vor allem für aufgeschlossen und hilfsbereit war. Ähn- Die berufliche Situation der Elterngenera-
ihre Kinder – suchen. lich wie bei den Arbeitsmigranten wur- tion beeinflusst auch die (Aus-)Bildungs-
den auch Aussiedler bis Anfang der 90er- chancen der Kinder und Jugendlichen.
Einstellungen und Stimmungen Jahre als begehrte Arbeitskräfte, die sich Zuletzt konnte die PISA-Studie (2002) be-
gegenüber Zuwanderern durch Fleiß und Zuverlässigkeit auszeich- stätigen, was schon immer vermutet
nen, willkommen geheißen. Eine Unter- wurde, dass nämlich für Kinder aus sozial
Für die Wahrnehmung in der Bevölke- suchung des Ministeriums, die vier Jahre schwachen Familien – auch innerhalb der
rung macht der (aufenthalts-)rechtliche später mit ähnlicher Fragestellung durch- deutschen Bevölkerung – erhebliche Bil-
Status der Zuwanderer keinen bedeuten- geführt wurde, ergab, dass insbesondere dungsbarrieren bestehen. Wenn man
den Unterschied. Aussiedler werden – die hohe Anzahl – fast vier Millionen davon ausgeht, dass die Bildungs- und Aus-
trotz ihrer deutschen Staatsangehörig- (davon zwei Millionen aus der GUS) seit bildungschancen einen wichtigen Grad-
keit4 – als Ausländer wahrgenommen. Die 1990 nach Deutschland gekommener messer der sozialen Integration ethnischer
Einstellung und das Stimmungsbild ge- Aussiedler – das Solidaritätspotenzial er- Minderheiten darstellen, so scheint diese
genüber Zuwanderung steht damit offen- schöpft und wiederholt (vielfach) Ab- nicht gelungen zu sein. Denn beim Ver-
sichtlich stärker mit anderen Faktoren in wehrreaktionen in der bundesdeutschen gleich der Schulabschlussquoten zeigt sich,
Zusammenhang. Bevölkerung hervorgerufen hat. Daraus dass der weit überwiegende Teil der Aus-
Hauptgrund für Diskriminierungen sind wurde geschlossen, dass die soziale und länder und Aussiedler die Hauptschulen
kulturelle Unterschiede, die sich in der humanitäre Grundsympathie rasch in eine besucht (Dietz/Roll 1998, Geissler 2000,
Sprache ausdrücken, aber auch im Ausse- ablehnende Haltung umschlagen kann, Periodischer Sicherheitsbericht 2001).
hen und für Einheimische ungewohnte, wenn materielle Eigeninteressen angetas- Problematisch sind auch die Hindernisse
kulturell geprägte Verhaltensweisen und tet, die eigene Zukunftsperspektive und für junge Ausländer und Aussiedler im
Umgangsformen. Nach Siebert-Ott (1990) der eigene Lebensstandard der Eingeses- Rahmen ihrer Berufsausbildung. Dem lie-
besteht der Hauptunterschied zwischen senen als bedroht angenommen werden. gen zum einen Fehleinschätzungen inner-
den beiden Gruppen darin, dass in unse- Dass Zuwanderer den Sozialstaat „aus- halb der Migrantenfamilien über den
ren Alltagskonzepten Ausländer meist als nützen“5 ist nur eines der Vorurteile, die Wert einer guten Berufsausbildung be-
die ganz anderen, als „fremd“ und damit kursieren. Ein anderes, das sich vor allem ziehungsweise eines schnellen Verdienstes
zugleich als kulturelle Herausforderung aufgrund der zur Sensation neigenden zugrunde. Zum anderen stoßen junge
erfahren werden, während Aussiedler zu- Berichterstattung in den Medien hartnä- Migranten in Betrieben auf Vorurteile und
nächst als „bekannt“, als „gleich“ kate- ckig hält, ist, dass Zuwanderer – be- Einstellungshindernisse (Toprak 2000).
gorisiert werden. Während bei den Aus- sonders deren Kinder – kriminell sind und Beeinflusst werden gesellschaftliche Teil-
ländern die grundsätzlich positive Ein- eine potenzielle Gefahr für die innere habechancen auch durch Abgrenzungen
schätzung der Möglichkeiten interkultu- Sicherheit darstellen. In beiden Gruppen und Ausgrenzungen, die nicht nur von
reller Begegnung überwiegt und die Be- fällt nur ein geringer Anteil mit negati- der Aufnahmegesellschaft, sondern auch
gegnung mit der fremden Sprache und vem oder gesetzeswidrigem Verhalten von den Zuwanderern selbst ausgehen
Kultur in vielen Fällen als Bereicherung auf. Dennoch wird auf der Basis von Ste- können. Die Elterngeneration der Zuwan-
der eigenen Kultur gewertet wird, lässt reotypisierungen auf die ganze Gruppe derer kommt aus einer anderen als der
die Einschätzung der Aussiedler diese zu geschlossen. So scheinen Ausländer und hoch technisierten Welt mit ihrer schein-
einer kulturellen Herausforderung in Aussiedler in der Wahrnehmung der Be- bar uneingeschränkten Freizügigkeit. In
einem ganz anderen Sinne werden. Die völkerung eine Metamorphose durchlau- der Begegnung mit den gesellschaft-
Diskrepanz besteht darin, dass Aussiedler- fen zu haben: Aus dem gesetzestreuen lichen Bedingungen hierzulande kann
familien davon ausgehen, mit dem glei- Arbeitsmigranten ist ein krimineller Aus- deshalb ein Kulturkonflikt zum Ausdruck

46
kommen, der sie verwirrt, überfordert
und dazu veranlasst, sich auf die eigene
Ethnie zurückzuziehen, um weiter die
Traditionen und gewohnten Normen,
Werte und Verhaltensmuster zu pflegen.
Durch die unterschiedliche Geschwindig-
keit und Bereitschaft von Eltern und Ju-
gendlichen, sich in die neue Umgebung
einzuleben, driften die Einstellungen von
Eltern und Jugendlichen auseinander.
Schließlich wird der Kulturkonflikt in die
Familien hineingetragen und dort zu
einem offenen Generationenkonflikt. Die
Jugendlichen sind dann gefordert, in
einem Balanceakt die Erwartungen und
Ansprüche der Eltern mit den Anforde-
rungen der Aufnahmegesellschaft in Ein-
klang zu bringen (Reich u.a. 1999).
Die besonderen Lebensbedingungen von
Ausländern und Aussiedlern werden auch
durch ihre Wohnsituation charakterisiert,
die Trends zur Segregation aufweist. Be-
sonders Aussiedler sind davon betroffen.
Bei ihnen folgt der ein- bis zweijährigen
Unterbringung in einem meist entlege-
nen Übergangswohnheim der Umzug in
Wohngegenden, die als „ethnische Enkla- Zwei Polizeibeamte eskortieren einen Ausländer auf dem Gelände einer Gemein-
ven“ im deutschen Umfeld bezeichnet schaftsunterkunft für Asylbewerber. Foto: dpa
werden können (Luff 2000).
mehrstufiges Bereinigungsverfahren vor- Diese Verzerrungsfaktoren sind Fehler-
Das Lagebild der Ausländer- und geschlagen, dass folgende Faktoren be- quellen, die Anlass dazu geben, bei der
Aussiedlerkriminalität in der achten muss: Interpretation der Kriminalitätsstatistik
offiziellen Berichterstattung 1. Es müssen Tatverdächtige ausgeschlos- Sorgfalt walten zu lassen. Allerdings stößt
sen werden, die mit ausländerspezifi- man auch dann noch auf Schwierigkeiten,
Um Aussagen zur Kriminalität von jungen schen Straftaten wie Verstößen gegen denn der wichtigste Variablenbereich, die
Ausländern und Deutschen treffen zu kön- das Ausländer- und Asylverfahrensge- soziale Situation – zu der Bildung, Beruf,
nen, werden als Grundlage meist die Da- setz auffallen. Deutsche können nur Wohnverhältnisse genauso wie die Ak-
ten, die in der Polizeilichen Kriminalstatis- schwerlich unter Verdacht geraten zeptanz und die Integrationsbereitschaft
tik ( PKS) enthalten sind, herangezogen. oder dagegen verstoßen. der sozialen Umgebung gehören – taucht
Abgesehen davon, dass die Polizeiliche 2. Tatverdächtige, die nicht zur Bevöl- in keiner Statistik auf und kann daher
Kriminalstatistik als Rechenschaftsbericht kerung gehören, dürfen nicht aufge- nicht kontrolliert werden. Insofern lassen
der polizeilichen Tätigkeit nicht verbind- nommen werden. In die Bevölkerungs- sich mehr oder weniger Aussagen nur
lich festgestellte „Kriminalität“, sondern statistik, die der Berechnung der Be- über sich abzeichnende Trends formulie-
„Tatverdacht“ widerspiegelt, gibt es für lastungszahlen zugrunde liegt, gehen ren. Letztlich können keine exakten
beide Gruppen Probleme bei der Erstel- illegale Zuwanderer, Touristen usw. Werte geliefert werden. Einigkeit besteht
lung eines Kriminalitätslagebildes. Inso- nicht ein. Sie werden aber in der Krimi- allerdings über die Tendenz, dass von
fern finden sich auch hier Parallelen, denn nalstatistik registriert. einer Zunahme der Kriminalität, insbe-
es lassen sich keine exakten oder verläss- 3. Migrantengruppen weisen meist mit sondere bei den jungen Zuwanderern,
lichen amtlichen Zahlen über die von Aus- einem höheren Anteil an jungen, auszugehen ist. Nur noch wenige nehmen
ländern und Aussiedlern begangenen und männlichen Personen eine andere so- an, dass sich die Unterschiede bei der Kri-
registrierten Straftaten – und damit Belas- ziostrukturelle Zusammensetzung auf minalitätsbelastung zwischen Deutschen
tungszahlen – ermitteln. Die jungen Aus- als die einheimische Bevölkerung (Wa- und Nichtdeutschen auch bei Kontrolle
siedler sind von vornherein kriminalstatis- ters 1999). Weitere strukturelle Unter- aller oben genannten Faktoren eliminie-
tisch unauffällig, weil sie als Deutsche nicht schiede sind darin zu sehen, dass sie ren ließen. In der Konsequenz ist vor allem
gesondert in der Polizeilichen Kriminalsta- häufig in Großstädten angesiedelt sind die nachwachsende Generation aufgrund
tistik ausgewiesen werden6. und, bedingt durch die Arbeitsplatzsi- ihrer Delinquenzbelastung häufiger Ge-
Für die Gruppe der Nichtdeutschen gilt, tuation, häufiger der Unterschicht an- genstand besorgter Kommentare, die re-
dass sie gesondert registriert wird. In Fach- gehören (Periodischer Sicherheitsbe- gelmäßig mit dem Hinweis auf erheb-
kreisen wird aber an der Aussagekraft der richt 2001). All diese Faktoren legen liche existierende Konfliktlagen versehen
Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik nach kriminologischem Erkenntnis- werden.
gezweifelt, weil bestimmte Verzerrungs- stand von vornherein eine höhere Kri-
faktoren vorhanden seien, die im We- minalitätsbelastung nahe und erhöhen Die Entwicklung der registrierten
sentlichen zu einer Überschätzung der Kri- das Risiko, als tatverdächtig polizeilich Kriminalität bei jungen Zuwanderern
minalitätsbelastung im Vergleich zu ein- aufzufallen.
heimischen Deutschen führen würden7. So 4. Die Anzeigebereitschaft der Bevölke- Neuere Studien (z.B. die Schülerbefragun-
ist man sich in der Kriminologie einig, dass rung sowie die Intensität und Dichte gen des Kriminologischen Forschungsin-
dem ersten Blick allein nicht Glaube ge- polizeilicher Kontrollen haben eine er- stituts Niedersachsen) kommen zu dem
schenkt werden darf. Bestimmte Aussagen hebliche Bedeutung dafür, wie straf- Ergebnis, dass sich die Integrationsdefi-
oder Schlussfolgerungen aus den kriminal- rechtlich relevante Verhaltensweisen zite in den letzten Jahren besonders bei
statistischen Daten können erst dann ab- vom Dunkel- ins Hellfeld gelangen. Ein den jungen Migranten in einer hohen
geleitet werden, wenn diese Faktoren „ethnischer Selektionsmechanismus“ Rate krimineller Handlungen niederschla-
möglichst umfassend kontrolliert wurden kann bei der Bevölkerung und bei der gen und gerade diese Gruppe besonders
und man von einer (trotzdem nicht voll- Polizei8 dazu führen, dass die Straf- für Gewalt- und Eigentumsdelikte anfäl-
ständigen oder idealen) Vergleichbarkeit taten von Kindern und Jugendlichen lig macht. In Übereinstimmung damit zei-
der Gruppen ausgehen kann (Villmow ethnischer Minderheiten häufiger an- gen die Daten der Polizeilichen Kriminal-
1999). Geissler (1995) hat für die verglei- gezeigt und registriert werden als die- statistik, dass die ausländischen Kinder,
chende statistische Analyse deshalb ein jenigen der jungen Deutschen. Jugendlichen und Heranwachsenden teil-

47
Abb. 1: Entwicklung der absoluten Tatverdächtigenzahlen und Gewaltdelikten aufwiesen, während
Landkreise mit niedriger Zuwanderung
Entwicklung der absoluten Tatverdächtigenzahlen deutscher und von dieser Entwicklung verschont blie-
nichtdeutscher Kinder und Jugendlicher von 1989 bis 1999 ben. Vielfach wurden Kritikpunkte gegen
(BRD – alte Länder; intern) diese Vergleichsstudie vorgebracht, aber
180 000 166575 zumindest der nachgewiesene „Trend“
160 000 scheint sich nicht wegdiskutieren zu las-
sen, wie auch eine wiederholte Analyse
140 000 im Jahr 1997 bestätigte.
120 000
102276 Vergleiche einzelner Deliktsgruppen
100 000 88896 sind aufschlussreich
80 000 89901
Viel bedeutsamer als die Betrachtung
60 000 47763 47237 der Entwicklung der Gesamtkriminali-
38768 46352 tät ist die genauere Betrachtung, bei wel-
40 000
chen Deliktarten Migranten besonders ho-
20 000 30174 25247 he Belastungsquoten aufweisen. Denn die-
16563 20282
0 se Angaben prägen entscheidend das Bild
1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 der Bevölkerung von den Zuwanderern
und beeinflussen Einstellungen, Stimmun-
8-13 J. - deut.a.L. 8-13 J. - ndt.a.L. 14-17 J. - deut.a.L. 14-17 J. - ndt.a.L.
gen und Vorurteile. Sie legen Konfliktli-
nien fest und beeinflussen die Qualität der
Quelle: Steffen/Elsner (2000), http://www.polizei.bayern.de
Gestaltung sozialer Begegnungen.

weise deutlich höher belastet erscheinen, der Jugendkriminalität bei den 14- bis 21- Diebstahl als häufigstes Delikt
als die entsprechenden deutschen Grup- Jährigen zu einem Großteil den Nicht-
pen (z.B. Steffen 1995, Pfeiffer u.a. 1998, deutschen zugeschrieben werden kann. Der weitaus größte Teil der jungen Deut-
Kaiser 1996, Schwind 1998; im Überblick Relativiert wird dies durch die gegenläu- schen wie der jungen Nichtdeutschen
vgl. Periodischer Sicherheitsbericht 2001). fige Entwicklung der jeweiligen Bevölke- wird mit Diebstahlsdelikten registriert.
Nach Schwind (2002) übersteigt der Pro- rungszahlen, nach der die 14- bis 21-jähri- Seit Öffnung der Grenzen nach Osten und
zentsatz an Tatverdächtigen regelmäßig gen Deutschen um 36,8% abgenommen der damit einhergehenden Wanderungs-
denjenigen, den sie an der Bevölkerung haben, während sie bei den Ausländern bewegung hat sich die Registrierungsrate
haben. Belegt wird dies durch eine um 34% zugenommen haben. bei den nichtdeutschen Jugendlichen ver-
Studie der Sonderforschungsgruppe der Für den Anstieg der Tatverdächtigenzah- doppelt, bei den nichtdeutschen Heran-
bayerischen Kriminalpolizei, wonach der len bei den jungen Deutschen wird die wachsenden sogar vervierfacht. In Zahlen
Anteil der Nichtdeutschen an der gleich- Gruppe der jungen Aussiedler mitverant- ausgedrückt bedeutet das eine Zunahme
altrigen Bevölkerung relativ stabil über wortlich gemacht. Dazu existiert zwar des Anteils der Nichtdeutschen an den re-
die Jahre etwa 10 % beträgt. Im Jahr 1999 kein vergleichbares Zahlenmaterial, je- gistrierten Jugendlichen im Zeitraum von
wurde aber jeweils ein Fünftel (jeweils doch hat das Kriminologische Forschungs- 1984 bis 1993 von 14,6% auf 33,3%. Da-
22,1%) der ausländischen Kinder und Ju- institut Niedersachsen (1996) die Aus- nach folgt von 1993 bis 1999 ein Rück-
gendlichen als Tatverdächtige erfasst wirkungen vermehrter Aussiedlerzuwan- gang auf 21%. Bei den Heranwachsenden
(Steffen/Elsner 2000). derung auf die Kriminalitätsentwicklung stieg der Anteil bis 1993 von 13,6% auf
Vergleicht man nun die Entwicklungen für die Jahre 1990 bis 1996 in einem Land- 49,1%. Danach ergab sich ein Rückgang
der deutschen und der nichtdeutschen kreisvergleich untersucht. In die Studie auf 30 % bis zum Jahr 1999. Der Anstieg
Bevölkerungsgruppe seit 1993, so fällt gingen fünf niedersächsische Landkreise in diesem Deliktsbereich von 1988 bis
auf, dass diese ganz unterschiedlich ver- mit besonders hoher und vier Landkreise 1993 wird zu zwei Dritteln mit der Zu-
laufen sind. Die Kurve der gesamten Ju- mit geringer Zuwanderung ein. Im Ver- nahme der Asylbewerber begründet. Da-
gendkriminalität zeigt bei den Deutschen gleich zeigte sich, dass in Landkreisen mit für spricht, dass nach dem Inkrafttreten
1995 mit 16,9% den stärksten Anstieg, da- vermehrter Zuwanderung von Aussied- der neuen Asylgesetzgebung im Jahr
nach flachte die Zunahme kontinuierlich lern besonders die 14- bis 21-jährigen 1993, die eine deutliche Verringerung von
ab. Einen Rückgang der Registrierungs- deutschen Tatverdächtigen hohe An- Asylbewerbern zur Folge hatte, bis 1999
häufigkeiten gab es erstmals 1999. stiegsquoten besonders bei Diebstahls- ein Rückgang der nichtdeutschen Tatver-
Bei den ausländischen Jugendlichen gab
es 1994 einen Rückgang und von 1995 bis Abb. 2: Entwicklung der Gewaltdelikte
1997 Steigerungsraten, die aber geringer
ausgeprägt waren als bei den gleichaltri-
Entwicklung der absoluten Tatverdächtigenzahlen deutscher und
gen Deutschen (Traulsen 2000). Bereits
nichtdeutscher Kinder und Jugendlicher bei Gewaltkriminalität
ein Jahr früher, 1998, setzte bei den Nicht-
25 000 von 1989 bis 1999 (BRD – alte Länder; intern)
deutschen wieder ein Rückgang ein.
Beim Vergleich der absoluten Zahlen, die
19942
der Abbildung zu Grunde liegen, domi- 20 000
nieren nach wie vor die Deutschen. Vor
allem im Zeitraum von 1993 bis 1999 hat
die Zahl der tatverdächtigen deutschen 15 000
Kinder um 81,1% zugenommen, die der
10025 9250
nichtdeutschen nur um 24,5%. Bei den Ju- 10 000 9611
gendlichen war ein Anstieg im gleichen
6379 6105 5951
Zeitraum um 63% bei den deutschen und
um 1,9% bei nichtdeutschen Jugend- 5 000 3443
2313 2810
lichen zu verzeichnen. 1024
Auch wenn damit in den 90er-Jahren die 0 631 1149
absolute Zahl der tatverdächtigen Aus- 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999
länder wieder abnimmt, kommt die von 8-13 J. TV Gewaltkriminalität deutsch 8-13 J. TV Gewaltkriminalität nichtdt.
Pfeiffer u.a. auf dem Jugendgerichtstag 14-17 J. TV Gewaltkriminalität deutsch 14-17 J. TV Gewaltkriminalität nichtdt.
1998 vorgestellte Studie zu dem Ergebnis,
dass der andauernde und enorme Anstieg Quelle: Steffen/Elsner (2000), http://www.polizei.bayern.de

48
dächtigen bei Diebstahlsdelikten festzu- Vor allem nach 1993 hat es einen An- Im Berichtsjahr 1999, in dem erstmals
stellen ist (Periodischer Sicherheitsbericht stieg an Tatverdächtigen gegeben. Eine auch die Aufenthaltsdauer – allerdings
2001). Untersuchung der kriminologischen For- nur für Bayern und Niedersachsen – regis-
Auch bei den jungen Aussiedlern ergeben schungsgruppe der bayerischen Polizei triert wurde, lebte deutlich mehr als die
sich aus den Sonderauswertungen der (Elsner/Steffen/Stern 1998) hat hier auf Hälfte der bis 21-Jährigen, die mit Delik-
bayerischen Forschungsgruppe (Luff der Basis von Sonderauswertungen die Er- ten der Gewaltkriminalität erfasst wur-
2000), dass der Schwerpunkt der kriminel- kenntnis geliefert, dass vor allem der An- den, zumindest länger als vier Jahre in
len Auffälligkeit bei allen Altersgruppen teil der 14- bis 17-jährigen Nichtdeut- Deutschland und ein nicht unerheblicher
durchgehend der einfache Ladendieb- schen an den Gewaltstraftaten im Jahr Teil wurde hier geboren (Steffen/Elsner
stahl ist. Ganz eindeutig fällt diese De- 1995 mit 60 % doppelt so hoch wie noch 2000). Auch in den Schülerbefragungen
liktspräferenz bei den kindlichen und ju- Mitte der 80er-Jahre war (Periodischer des Kriminologischen Forschungsinstituts
gendlichen Tatverdächtigen auf. Somit Sicherheitsbericht 2001). Niedersachsen (1998 und 2000) hat sich
sind die 10- bis 13-Jährigen 3,4-mal so Was sind mögliche Gründe für den be- gezeigt, dass die Gewalttäterraten der
hoch belastet wie die einheimischen sorgniserregenden Anstieg in diesem De- jungen Migranten umso höher ausfallen,
Deutschen in dieser Altersgruppe (Grun- liktsbereich? Pfeiffer (1999) führt zwei je länger sie sich bereits in Deutschland
dies 2000). Gründe dafür an, dass vor allem junge aufhalten.
Als Erklärungen für dieses übereinstim- Ausländer zunehmend zu Gewalttaten Ergänzend dazu gibt es allerdings eine
mende Bild, dass sich hinsichtlich der zah- neigen. Erstens handele es sich um eine weitere qualitative Beobachtung der For-
lenmäßig stark vertretenen Deliktsart bei besonders benachteiligte Gruppe und schungsgruppe der bayerischen Polizei.
Aussiedlern und Ausländern ergibt, könn- zweitens seien traditionelle Vorstellun- Demnach hat sich der für die Kriminalität
ten die Armutshypothese (Pfeiffer 1998) gen junger Türken und Südeuropäer von verantwortliche Personenkreis geändert.
sowie anomietheoretische Überlegungen männlicher Macht dafür verantwortlich. So hat sich die Jugendkriminalität der
besonders gut greifen. Danach sind junge Bei jungen Türken werden Gewalthand- Nichtdeutschen dahingehend gewandelt,
Migranten überdurchschnittlich von Ar- lungen durch ihre Auffassung von Ehre dass sich die Flüchtlingsbewegungen aus
mut und Arbeitslosigkeit betroffen. Dies und Ehrverletzungen ausgelöst oder mo- dem ehemaligen Jugoslawien in den Sta-
trifft besonders dann zu, wenn Jugendli- tiviert. So ist die Ehre des Mannes dann in tistiken niederschlugen und damit nicht
che schon einige Zeit in Deutschland leben Frage gestellt, wenn ein Mitglied der Fa- mehr wie vor dem Zerfall Jugoslawiens
und deutsche (Konsum-)Ansprüche entwi- milie von Außenstehenden verbal oder von der zweiten und dritten Generation
ckelt haben. Die Feststellung, dass diese tätlich angegriffen werden. Ein Mann der Gastarbeiterfamilien geprägt ist.
Ansprüche nicht erfüllt werden können, ist muss dann Stärke und Selbstbewusstsein Dieser Befund zeigt sich auch in der Dun-
von der Gefahr begleitet, zu „innovati- demonstrieren und solche Ehrverletzun- kelfeldstudie des Kriminologischen For-
ven“ Lösungsmöglichkeiten überzugehen gen ahnden, wenn er die Sicherheit der schungsinstituts Niedersachsen (Pfeiffer
und sich auf illegalem Weg das zu beschaf- Familie gewährleisten will (Toprak 2000). u. a.1998). In einer Schülerbefragung in
fen, was einem mit legitimen Mitteln ver- Der Einsatz von Gewalt ist damit für sol- der 9. Klassenstufe zur selbstberichteten
wehrt bleibt. che Fälle legitimiert und die Interpreta- Delinquenz weisen türkische Jugendliche
tionen von Situationen können vielfältig mit 34,9% die höchste Gewalttäterrate
Gewaltdelikte haben und von den Begleitumständen (z. B. Al- auf. An zweiter Stelle liegen die einge-
besorgniserregend zugenommen koholkonsum) abhängig sein. bürgerten früheren Ausländer, dicht ge-
Werden Erklärungen ins Feld geführt, dass folgt von Jugendlichen aus Jugoslawien.
In der öffentlichen Diskussion und in bestimmte Formen von Kriminalität – ins- Damit handelt es sich aber um eine
Problemanalysen steht jedoch eine ganz besondere die Gewaltkriminalität – kultu- Gruppe, die erst in den 90er-Jahren zuge-
andere Deliktgruppe im Mittelpunkt: die rell geprägt sein könnten, so interessiert wandert ist und deren Delinquenz damit
der Gewaltstraftaten. Hier hat sich eine die Frage, ob es sich um „importierte“ oder nicht nur ein Hinweis auf ihre problema-
besonders dramatische Entwicklung erge- um „hausgemachte“ Kriminalität handelt. tische Lebenslage in Deutschland sein
ben und es wird auf die überdurch- Um dies beantworten zu können, ist ein kann, sondern auch mit Aspekten des
schnittlichen Anteile der jungen Auslän- Blick auf die Aufenthaltsdauer der jungen Herkunftslandes in Zusammenhang zu
der daran hingewiesen (Steffen/Elsner Tatverdächtigen hilfreich: Halten sich die bringen ist. Insgesamt kann man davon
2000, Pfeiffer 1999). Die Steigerung, die auffälligen Ausländer und/oder Aussiedler ausgehen, dass es sich zwar weit weniger
sich ergeben hat, ist nur zu einem Bruch- erst seit kurzer Zeit in Deutschland auf als vermutet, um importierte Kriminalität
teil den einheimischen Deutschen zuzu- oder leben sie seit vielen Jahren bzw. von handelt, dass aber gerade im Bereich der
rechnen. Die meisten Taten gehen auf das Geburt an hier und wurden sie hier soziali- Gewalthandlungen von den jungen Mi-
Konto von jungen Ausländern und Spät- siert? granten auf kulturell geprägte Verhal-
aussiedlern sowie eingebürgerten Deut-
schen (Pfeiffer 1998). Abb. 3: Raten der aktiven Gewalttäter nach ethnischer Herkunft
Aus der Abbildung 2 geht hervor, dass so- Prozentanteile
wohl bei den deutschen, als auch bei den
jungen nichtdeutschen Tatverdächtigen
deutsch seit Geburt 5.0 7.3 7.0
die Häufigkeit, mit der sie mit Gewaltde-
likten erfasst werden, zugenommen hat.
1999 wurden 6,7% der deutschen gegen- Aussiedler aus GUS 4.5 8.1 7.5
über 11,9% der nichtdeutschen Kinder
(8–13 Jahre) registriert. 1989 waren es je- Aussiedler, andere 7.0 12.5 6.4
weils noch um die 3%. Für die 14- bis 17-
Jährigen liegen diese Werte bei den Deut- eingebürgert 12.5 9.5 10.4
schen 1999 um 12% und 19,6% für die
Nichtdeutschen. Auch hier waren die Zah- Ausländer, türkisch 15.1 10.5 9.3
len ein Jahrzehnt vorher deutlich niedriger
(7,1 bzw. 11,4%). Trotz der starken Zu- Ausländer, ex-Jugosl. 12.2 9.2 9.2
nahme der Gewaltkriminalität, die auch
bei den jungen Deutschen auftaucht, wer- Ausländer, Südeuropa 11.9 8.8 4.4
den die Nichtdeutschen immer noch über-
durchschnittlich häufig in diesem Bereich
Ausländer, andere 9.2 8.9 7.3
registriert. Nach der Untersuchung der
bayerischen Kriminalpolizei haben in der
Gruppe der Nichtdeutschen Kinder einen 0.0 10.0 20.0 30.0
Anteil von 32,1%, an allen Jugendlichen ei-
nen Anteil von 31,7%. Quelle: KFN-Schülerbefragung in Periodischer Sicherheitsbericht 2001

49
tensmuster zurückgegriffen wird, wenn ihrer Befragung zur selbstberichteten De- wöhnlicher Gewaltbereitschaft neigt, sich
die Rahmenbedingungen ihres Aufwach- linquenz. Danach wären die jungen Aus- beängstigende Bandenkriege mit Ange-
sens in Deutschland ihnen die Erfüllung siedler sogar geringer belastet. Einschrän- hörigen anderer Ethnien liefert und als
essenzieller Bedürfnisse nach Anerken- kend merken sie jedoch an, dass hier unzugängliche oder sich selbst genü-
nung und Zugehörigkeit vorenthalten. diejenigen Aussiedler herausfallen, die gende ethnische Gruppe mit Wider-
Im Bereich der Gewaltstraftaten hat sich aus unterschiedlichen Gründen nicht standshandlungen gegenüber der Polizei
bei den Aussiedlern eine ganz ähnliche mehr zur Schule gehen. Es ist zu ver- auffällt (Sasse 1999). Charakteristisch ist,
Entwicklung abgezeichnet. In Bayern, wo muten, dass es sich bei diesen aber um dass Delikte durch Gruppen begangen
Aussiedler gesondert registriert werden, die eigentlich kritische Gruppe handeln werden und dass Straftaten nicht selten
hat die kriminologische Forschungs- könnte. unter erheblichem Alkoholeinfluss verübt
gruppe der bayerischen Polizei ermittelt, Die Schülerbefragung des Kriminologi- werden.
dass für den Zeitraum von 1997 bis 1999 schen Forschungsinstituts Niedersachsen
Straftaten, die von Aussiedlern begangen zeigt auch bei jungen Aussiedlern den Junge Aussiedler und Ausländer
wurden, von 5,1% auf 7 % gestiegen sind Zusammenhang, dass mit wachsender im Strafvollzug
und hier auch die Jugendlichen am häu- Aufenthaltsdauer die Quote derjenigen
figsten mit der Begehung von Gewalt- steigt, die nach eigenen Angaben Ge- Ein Blick auf die Entwicklungen im Straf-
straftaten auffallen (Luff 2000). Bei den walttaten begangen haben. So haben vollzug zeigt deutlich die Auswirkungen,
Heranwachsenden ist eine Verschiebung junge Aussiedler, die seit mindestens fünf die die Zuwanderung von Aussiedlern
hin zur Drogenkriminalität zu beobach- Jahren in Deutschland leben oder hier ge- und Nichtdeutschen für die Jugendkrimi-
ten. boren sind, zwei- bis dreimal mehr Ge- nalität hat. Das Kriminologische For-
Diese Befunde decken sich mit den Ergeb- walttaten zugegeben als einheimische schungsinstitut Niedersachsen (Pfeiffer/
nissen einer Freiburger Kohortenstudie Deutsche und Ausländer, die erst seit we- Dworschak 1999) hat 1998 eine Umfrage
(Grundies 2000), wonach es die jungen nigen Jahren in Deutschland leben. Einen in allen deutschen Jugendvollzugsanstal-
und gerade auch die in jüngster Zeit nach entsprechenden Befund ergab auch die ten durchgeführt, wonach der Anteil der
Deutschland gekommenen Aussiedler Aktenanalyse. Geschlossen wird daraus, jungen Aussiedler unter den Gefangenen
sein dürften, welche die relativ höchsten dass junge Migranten offenbar eine Zeit im Schnitt 10 % beträgt. Auch der Anteil
Auffälligkeitsraten aufweisen. Noch in lang bereit sind, anfängliche Probleme als der Nichtdeutschen ist im Laufe der 90er-
der zweiten Hälfte der 80er-Jahre unter- unvermeidbar hinzunehmen. Wenn sich Jahre stark angestiegen und hat in den
schieden sich die Prävalenzraten der Aus- daraus jedoch dauerhafte soziale Nach- Haftanstalten 20% bis hin zu 54% er-
siedler wenig von denjenigen der sonsti- teile ergeben, wächst unter ihnen im reicht. Die einheimisch Deutschen stellen
gen Deutschen. In der ersten Hälfte der Laufe der Jahre die Tendenz, sich zu De- danach im Strafvollzug mancherorts eine
90er-Jahre allerdings ist ein erheblicher linquentengruppen zusammenzuschlie- Minderheit dar.
Anstieg zu verzeichnen, der überwiegend ßen. Je länger sie soziale Ungerechtigkeit Für den Jugendstrafvollzug in Baden-
auf die seit 1991 eingereisten Aussiedler erfahren, umso größer wird die Wahr- Württemberg gibt die Justizvollzugsan-
zurückzuführen sein dürfte (Grundies scheinlichkeit, dass sie aus dieser Situation stalt Adelsheim einen Überblick. Adels-
2000). heraus Gewaltdelikte begehen. heim ist die größte Jugendstrafanstalt
Damit trifft für Aussiedler wie auch für Neben empirischen Arbeiten existieren dieses Bundeslandes und beherbergt die
Ausländer zu, dass die Kriminalitätsraten vor allem regionale Situationsberichte zentrale Aufnahmeabteilung des baden-
gerade in den 90er-Jahren zugenommen meist aus polizei-praktischer Sicht. Detail- württembergischen Strafvollzugs. Nahe-
haben. Diese Entwicklung dürfte ein Hin- informationen, die in der Statistik nicht zu ausnahmslos kommt jeder männliche,
weis darauf sein, dass die Integration von auftauchen oder untergehen, werden zu einer Jugendstrafe ohne Bewährung
Aussiedlern und Ausländern in den 80er- hier genannt. In diesen Berichten werden Verurteilte hierher, sodass von hier aus
Jahren noch besser gelungen sein muss als junge Aussiedler – im Gegensatz zu eini- auch eine Einschätzung der schweren
in den letzten Jahren. Bei den Aussiedlern gen empirischen Arbeiten – durchaus als oder wiederholten Straffälligkeit junger
werden dafür insbesondere die nach der Problemgruppe beschrieben, die zu unge- männlicher Aussiedler im Vergleich zu
massiven Zuwanderung im Jahre 1993 be-
schlossenen Kürzungen bei den finanziel-
len Unterstützungsleistungen mitverant- Abb. 4: Entwicklung der Zusammensetzung der Haftinsassen
wortlich gemacht. bei den Zugängen in den Jugendstrafvollzug von Baden-Württemberg, JVA Adelsheim
Dunkelfelderhebungen beleuchten bei
den jungen Aussiedlern Aspekte, die im
Hellfeld nicht auftauchen. Gerade im Be-
reich der Gewalttaten wird angenom-
men, dass ein erhebliches Dunkelfeld vor-
liegen könnte. Dietz und Roll (1998)
weisen darauf hin, dass Gewaltdelikte
innerhalb der Gruppe der jungen Aus-
siedler selten zur Anzeige kommen. Hier
spielt zum einen das traditionelle, aus
dem Herkunftsland mitgebrachte Miss-
trauen gegenüber staatlichen Institutio-
nen und deren Repräsentanten eine
Rolle. Zum anderen wird auch bei den
männlichen Aussiedlern ein verbreiteter
Ehrenkodex wirksam, der auf Zusammen-
halt, Männlichkeit und Stärke beruht und
eine Anzeige bei der Polizei als Schande
betrachtet.
Die Schülerbefragung des Kriminologi-
schen Forschungsinstituts Niedersachsen
(1998) ergab, dass die jungen Aussiedler
in ihrer selbstberichteten Delinquenz
nahe bei den Angaben deutscher Schüler
liegen. Sogar für den Bereich der Gewalt-
straftaten ergibt sich eine vergleichbare
Belastung. Zu ähnlichen Ergebnissen kom-
men auch Strobl und Kühnel (1998) in Quelle: Grübl und Walter (1999)

50
Abb. 5: Zum Überblick eine Tabelle über ausgewählte Delikte von Jugendstrafgefan- vielfalt und den unterschiedlichen Le-
genen nach Staatsangehörigkeit und Geburtsland. bensgewohnheiten früher als enorme
Jugendstrafgefangene nach Staatsangehörigkeit und Geburtsland, Zugänge 1997 bis 25.5. 1999, N =1703 Herausforderung für den Vollzug be-
trachtet wurde (Dolde 2002).
Abgelöst wird die Problematik nun durch
die Abschottung bzw. ihre dominante
Stellung als eine eigene Gruppe in den
Anstalten. Konsequenterweise bezeich-
nen sie sich als „Russen“ und es gibt be-
drohliche Anzeichen der Bildung einer
kriminellen Subkultur mit einem eigenen
Regelwerk und ausgeklügelten Kom-
munikationspfaden (Otto/Pawlik-Mierz-
wa 2000). Die Verhaltensprobleme, die
daraus resultieren, sind hohe Gewaltbe-
reitschaft, zahlreiche Verstöße gegen An-
staltsregeln, keine Kooperationsgemein-
schaft mit Bediensteten, sondern nur
gruppeninterner Zusammenhalt und die
Abkapselung von den anderen Mitgefan-
genen.
Quelle: Grübl und Walter (1999)
Dieses auffällige Verhalten korrespon-
diert schließlich auch mit der Anzahl der
Nichtdeutschen und Deutschen möglich schließende Strafverbüßung in Haft nahe Disziplinarmaßnahmen im Vollzug, die sie
ist. legt. häufiger und hauptsächlich aufgrund von
Nach Grübl und Walter (1999) hat die Zahl Möglicherweise ist auch der hohe Pro- Schmuggel oder Konsum von Betäu-
der Jugendlichen und Heranwachsenden zentsatz an Wiederkehrern für ihren bungsmitteln oder Auseinandersetzun-
ohne deutsche Staatsangehörigkeit im Ju- hohen Anteil an jungen Häftlingen ver- gen mit Mitgefangenen bekommen als
gendstrafvollzug seit vielen Jahren lang- antwortlich. Hier erreichen die Aussiedler andere Häftlinge.
sam zugenommen, stagniert aber seit mit 27% einen Spitzenwert im Vergleich
1993 bei einem Anteil von circa 50%. zu 11 %–14 % bei allen anderen Gruppen. Kriminalität ist ein Seismograf für
Gleichzeitig nahm die Zahl der Inhaftier- Zu ergänzen ist, dass auch das Intervall misslungene Integration
ten mit deutscher Staatsangehörigkeit, zwischen Haftentlassung und erneuter In-
die außerhalb von Deutschland geboren haftierung mit sechs Monaten sehr viel Ob Kriminalität ein Ausdruck misslunge-
sind – fast ausschließlich handelt es sich kürzer ist als mit 14–16 Monaten bei den ner Integration ist und die Kriminalitäts-
um Aussiedler –, zu. Um die Entwicklung Vergleichsgruppen. zahlen die Belege dafür liefern, ist noch
in Zahlen auszudrücken: Bis 1993 waren Dieser Befund ist deswegen beunruhi- immer strittig. Eine konsensfähige An-
etwa 3% der Neuzugänge Aussiedler, da- gend, weil er als ein Hinweis auf eine nur nahme dürfte aber sein, dass Kriminalität
nach stieg ihr Anteil auf 14 % an (wobei unzureichende Integration zu werten ist. und insbesondere Jugendkriminalität
bei über 10% das Geburtsland die ehe- Offensichtlich konnten oder wollten die stets auch Symptome für soziale Probleme
malige Sowjetunion war, bei den rest- jungen Aussiedler hiesige Normen und sind und insofern die wichtige Funktion
lichen Polen oder Rumänien). Werte nicht kennen lernen, geschweige eines Warnsystems erfüllen, das auf indi-
Diese Zahlen sind alarmierend hoch, denn denn übernehmen. Insofern ist es auch viduelle und soziale Problemlagen auf-
der Anteil der 14- bis 21-jährigen Aussied- schwer vorstellbar, dass sie Verhaltens- merksam macht.
ler an der Wohnbevölkerung wird auf strategien entwickeln konnten, die ihnen Auch wenn für die Integration junger
etwa 5,4 % geschätzt. Danach sind etwa ein straffreies Leben ermöglichen wür- Migranten die Frage, ob die Kriminali-
zweieinhalbmal mehr jugendliche und den. tätsbelastung gestiegen ist oder nicht,
heranwachsende Aussiedler inhaftiert als Um den qualitativen Aspekt zu berück- zweitrangig erscheint, ist eine realistische
nach ihrem Bevölkerungsanteil zu erwar- sichtigen, soll der Blick auf die Delikte ge- Bestandsaufnahme notwendig. Eine
ten wäre. lenkt werden, wegen denen junge Aus- Überschätzung dieser Frage könnte unan-
Dieser Befund steht nicht im Einklang mit siedler, Nichtdeutsche und einheimisch genehme politische und gesellschaftliche
anderen empirischen Befunden oder der Deutsche in den Vollzug kommen. Folgewirkungen wie eine restriktive Aus-
inzwischen vielfach zitierten Kernaussage Bei den Betäubungsmitteldelikten liegen länderpolitik oder die Rechtfertigung
aus dem Periodischen Sicherheitsbericht die jungen Aussiedler mit 26% an der fremdenfeindlicher Handlungen oder Ge-
der Bundesregierung (2001) wonach „ge- Spitze; die Nichtdeutschen liegen etwas walt gegen ethnische Minderheiten
nerell keine besonders erhöhte oder darunter. Bei den Deutschen ist mit 14,5 % (Geissler 1995) nach sich ziehen. Genauso
qualitativ besonders schwere ‚Aussiedler- nur etwa die Hälfte deswegen inhaftiert. dramatisch könnte aber ein „Herunter-
kriminalität‘ im Vergleich zur alteingeses- Außerordentlich hoch liegen die Aussied- reden“ der Kriminalität ethnischer Min-
senen Bevölkerung vorliegt.“ ler mit 6,4% (8,3% bei Aussiedlern aus der derheiten als statistisches Artefakt die
Einige Unterschiede zwischen einheimi- GUS) bei Verurteilungen für Straftaten ge- Etablierung sinnvoller und notwendiger
schen deutschen Inhaftierten und inhaf- gen die sexuelle Selbstbestimmung gegen- Maßnahmen der Kriminalprävention ver-
tierten jungen Aussiedlern deuten darauf über nur 2% bei allen übrigen Gruppen hindern.
hin, dass für diese Diskrepanz zum Teil die (Walter und Grübl 1999). Analysen über die Kriminalität von Mig-
unterschiedliche justizielle Verfahrens- Kaum überrepräsentiert sind sie unerwar- ranten sollten nicht als Anlass dafür ge-
praxis als Erklärung in Frage kommen teter Weise bei Verurteilungen wegen nommen werden, diese Probleme als
dürfte. Aussiedler werden zu längeren Ju- Körperverletzung mit 11% und Raubta- Defizite einseitig den Migranten zuzu-
gendstrafen verurteilt. Dies gleicht sich im ten (15%). schreiben und damit weiterer Diskrimi-
Lauf der Haft aber wieder aus, weil sie Weniger die Umstände, wie sie in die Haft nierung Vorschub zu leisten. Vielmehr
weniger Folgeverurteilungen bekom- kamen, haben in letzter Zeit dazu ge- sollten sie als Hinweise für Probleme in
men, die die Haftzeit verlängern könnten. führt, dass die jungen Aussiedler im der bundesdeutschen Gesellschaft (z.B.
Die Jugendstrafe wird bei ihnen seltener Strafvollzug zu einem brisanten Thema die abnehmende Aufnahmebereitschaft
zu Bewährung ausgesetzt. Auch Diver- wurden. Es ist vielmehr ihr problemati- der Bevölkerung oder die Versäumnisse in
sionsmaßnahmen und ambulante Maß- sches Verhalten in den Gefängnissen der Integrationspolitik) verstanden wer-
nahmen kommen bei ihnen seltener zur selbst.9 Damit ziehen sie inzwischen mehr den. Deutschland hat sich lange Zeit nicht
Anwendung. Außerdem verbüßen sie Aufmerksamkeit auf sich als inhaftierte als Einwanderungsland verstanden und
prozentual häufiger Untersuchungshaft Ausländer, deren kulturell vielfältige damit auch keine Integrationskultur ent-
vor dem Jugendstrafvollzug, was eine an- Zusammensetzung mit ihrer Sprachen- wickelt. Die kriminellen Verhaltensphä-

51
nomene sowie die Ursachenbeschreibun- der Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn 2000 für Kriminologie und Strafrechtsreform, Sonder-
Grübl, G./Walter, J.: „Russlanddeutsche“ im Jugend- heft/1999, S. 22–29
gen verdeutlichen, dass langfristig die strafvollzug. In: Bewährungshilfe, 4/1999, S. 360–374 Walter, J./Grübl, G.: Junge Aussiedler im Jugendstraf-
Wirkungen der Migration auf das Krimi- Grundies, V.: Kriminalitätsbelastung junger Aussiedler. vollzug. In: Bade, Klaus J./Oltner, J. (Hrsg.): Aussiedler:
nalitätsaufkommen entscheidend von der Ein Längsschnittvergleich mit in Deutschland gebore- deutsche Zuwanderer aus Osteuropa. Osnabrück 1999
nen jungen Menschen anhand polizeilicher Registrie- Waters, T.: Crime and immigrant youth. Thousand Oaks
Einwanderungs- und Integrationspolitik rungen. In: Monatsschrift für Kriminologie und Straf- et al. 1999
abhängen werden. Sinnvolle Förder- und rechtsreform, 5/2000, S. 290–305
Kaiser, G.: Kriminologie. Ein Lehrbuch. Heidelberg Anmerkungen
Integrationsaufgaben müssen Lebensbe- 1996
dingungen schaffen, die den Jugend- Luff, J.: Kriminalität von Aussiedlern. Polizeiliche Re- 1
In den Aufsatz gehen an einigen Stellen Befunde
gistrierung als Hinweis auf misslungene Integration?
lichen ein straffreies Leben ermöglichen. München 2000
eines Forschungsprojektes im Institut für Kriminologie
Dazu gehört in erster Linie die Vermitt- der Universität Tübingen mit ein. Das Forschungspro-
Ministerium für Arbeit, Gesundheit, Soziales des Lan-
jekt hat das Thema: Prozesse von Integration, sozialer
lung von Sprache, hiesigen Werten und des Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Aussiedler – Wissen
Ausgrenzung, deviantem und kriminellem Verhalten
und Einstellungen der Bevölkerung in Nordrhein-
Normen, aber auch das Heranführen an Westfalen. Ergebnisse einer Repräsentativbefragung
bei jungen männlichen Aussiedlern – Eine explorative
kriminologische Studie von Strafgefangenen und einer
das schulische Leistungsniveau und Wis- Ende November 1988. Düsseldorf 1988
Vergleichsgruppe in Freiheit. Das Projekt wurde von
Pawlik-Mierzwa, K./Otto, M.: Wer beeinflusst wen?
sen der jungen Einheimischen und die Über die Auswirkungen subkultureller Bindungen auf
der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert
2
Bereitstellung von Ausbildungs- und Ar- Dieser Begriff wird in der Polizeilichen Kriminalsta-
die pädagogische Beziehung und Lernprozesse bei in-
tistik pauschal verwendet
beitsplätzen. Damit erst wird gesellschaft- haftierten Aussiedlern. In: Zeitschrift für Strafvollzug 3
Auf die Gruppe der Asylbewerber wird hier nicht
und Straffälligenhilfe, 4/2000, S. 227–230
liche Partizipation ermöglicht und verhin- näher eingegangen. Asylbewerber werden durch
Pfeiffer, Ch./Brettfeld, K./Delzer, I.: Kriminalität in
Krieg oder Armut aus ihrer Heimat vertrieben und
dert, dass die jungen Migranten sich an Niedersachsen. Eine Analyse auf der Basis der Polizei-
dabei häufig von der Familie getrennt. Solange ihr
lichen Kriminalstatistik 1988–1995. Hannover 1996
den Rändern der Gesellschaft wieder Pfeiffer, Ch./Delzer, I./Enzmann, D./Wetzels, P.: Aus-
Aufnahmeverfahren in Deutschland noch nicht abge-
schlossen ist, leben sie ohne Sicherheiten, ohne Per-
finden. Insofern kann eine effiziente grenzung, Gewalt und Kriminalität im Leben junger
spektiven und werden von Abschiebung bedroht. Sie
bedarfsgerechte Integrationsarbeit die Menschen. Kinder und Jugendliche als Opfer und
unterliegen strikten Reglementierungen: Ihr Aufent-
Täter. Hannover 1998
beste Kriminalprävention darstellen. halt ist auf den Bezirk der Ausländerbehörde be-
Pfeiffer, Ch./Dworschak, B.: Die ethnische Vielfalt in
schränkt. Sie bekommen keine Arbeitserlaubnis und
den Jugendvollzugsanstalten. Ergebnisse einer Um-
beziehen Leistungen, die unter dem Sozialhilfeniveau
frage aus dem Sommer 1998. In: DVJJ-Journal, 2/1999,
liegen. Dies alles sind Bedingungen, die sie mit den an-
S. 184–188
deren Migrantengruppen wenig vergleichbar machen.
Literaturhinweise: PISA-Studie (2002): (http://www.pisa.oecd.org) Zuletzt 4
Allerdings droht selbst ihr rechtlicher Status in Frage
abgerufen am 9. Januar 2003
gestellt zu werden, wenn bekannt wird, dass sich das
Bade, K./Oltmer, J. (Hrsg.): Aussiedler: deutsche Zu- Reich, K./Weitekamp, E.G.M./Kerner, H.-J.: Jugendliche
Verhältnis der Zuwanderer aus den GUS-Staaaten hin-
wanderer aus Osteuropa. Osnabrück 1999 Aussiedler. In: Bewährungshilfe, 4/1999, S. 335–359
sichtlich der deutschen Abstammung umgekehrt hat.
Beauftragte der Bundesregierung für Ausländerfragen Reichertz, J./Schröer, N.: Beschuldigtennationalität und
Mittlerweile können nur 20% die deutsche Abstam-
(Hrsg.): Migrationsbericht der Ausländerbeauftragten polizeiliche Ermittlungspraxis. In: Kölner Zeitschrift für
mung nachweisen, 70 % sind Familienangehörige und
im Auftrag der Bundesregierung. Berlin 2001 Soziologie und Sozialpsychologie, 4/1999, S. 755–771
10% angeheiratete Familienangehörige oder ähnli-
Boers, K./Eisner, M.: Jugendkriminalität als Folge sozia- Sasse, G.: Integrationsprobleme junger Aussiedler. Eine
ches (Migrationsbericht der Ausländerbeauftragten
ler Unterprivilegierung? Ein kriminologisches und kri- höchst aktuelle gesamtgesellschaftliche Aufgabe. In:
2001)
minalpolitisches Gespräch mit dem Leiter des KFN Kriminalistik 4/99, S. 225–231 5
Unter dem Strich entlasten die oben genannten Zu-
Christian Pfeiffer. In: Neue Kriminalpolitik, 1/1999, S. Schwind, H.-D.: Kriminologie. Eine praxisorientierte
wanderer den deutschen Steuerzahler bzw. sind ein
10–15 Einführung mit Beispielen. Heidelberg 2002
Gewinn, da sie deutlich mehr an Steuern und Versiche-
Bundesministerium des Innern/Bundesministerium der Siebert-Ott, G.: Kulturverlust – Sprachverlust – Identi-
rungsbeiträgen einzahlen, als sie an Leistungen von
Justiz (Hrsg.): Erster Periodischer Sicherheitsbericht. tätsverlust. Gedanken zur Neuorientierung einer Päda-
der öffentlichen Hand und den Versicherungen erhal-
Berlin 2001 gogik als Ethnopädagogik oder interkultureller Päda-
ten (Geissler 2000)
Dietz, B./Roll, H.: Jugendliche Aussiedler – Portrait gogik. In: Diskussion Deutsch 21, 114/1990, S. 434–448 6
Niedersachsen und Bayern konnten durch den Ein-
einer Zuwanderergeneration. Frankfurt/M. 1998 Steffen, W./Elsner. E. (2000): Kriminalität junger Aus-
trag des Geburtslandes in der Kriminalitätsstatistik
Dolde, G.: Spätaussiedler – „Russlanddeutsche“ – ein länder. (http://www.polizei.bayern.de) Zuletzt abgeru-
Sonderauswertungen durchführen und daraus Rück-
Integrationsproblem. In: Zeitschrift für Strafvollzug fen am 9. Januar 2003
schlüsse auf die Aussiedlerkriminalität ziehen. Auch
und Straffälligenhilfe, 3/2002, S. 146–151 Steffen, W.: Streitfall „Ausländerkriminalität“. Ergeb-
Baden-Württtemberg will sich diesem Vorgehen ab
Eisner, M.: Konflikte und Integrationsprobleme. In: nisse einer Analyse der von 1983 bis 1994 in Bayern poli-
2003 anschließen, junge Aussiedler mit der Angabe des
Neue Kriminalpolitik, 4/1998, S. 11–13 zeilich registrierten Kriminalität ausländischer und
Geburtslandes zu erfassen
Elsner, E./Steffen, W./Stern, G.: Kinder- und Jugendkri- deutscher Tatverdächtiger. In: Bewährungshilfe, 2/ 7
Durch gestiegene Zahlen der Einbürgerungen dro-
minalität in München. Untersuchung von Ausmaß und 1995, S. 133–154
hen die Daten der PKS in Zukunft zunehmend unsicher
Ursachen des Anstiegs der Deliktzahlen im Bereich der Strobl, R./Kühnel, W.: Junge Aussiedler im Jugend-
zu werden, denn eingebürgerte Ausländer werden als
Kinder- und Jugendkriminalität am Beispiel eines strafvollzug. In: Bade, Klaus J./Oltner, J. (Hrsg.): Aus-
Deutsche gezählt und Zuwanderer sind – genauso wie
Großstadtpräsidiums. München 1998 siedler: deutsche Zuwanderer aus Osteuropa. Osna-
bei den Aussiedlern – nicht mehr identifizierbar
Geißler, R.: Das gefährliche Gerücht von der hohen brück 1999 8
Mehr zu einem „ethnisch selektiven Polizeieffekt“
Ausländerkriminalität. In: Aus Politik und Zeitge- Toprak, A.: Türkische Jungen – Belastungsfaktor für die
in: Reichertz/Schröer (1993)
schichte, 35/1995, S. 30–39 Mitte der Gesellschaft? Ein Abriss über die Sozialisa- 9
Innerhalb des Vollzugs werden die Aussiedler von
Geißler, R.: Der bedrohliche Ausländer. Zum Zerrbild tionsbedingungen. In: DVJJ-Journal, 4/2000, S. 364–370
den Nichtdeutschen als privilegiert angesehen, weil
ethnischer Minderheiten in Medien und Öffentlich- Traulsen, M.: Entwarnung. Zur Entwicklung der Krimi-
bei ihnen nicht die Gefahr der Abschiebung oder Aus-
keit. In: Ottersbach, M. u.a. (Hrsg.): Integration durch nalität junger Ausländer. In: DVJJ-Journal, 4/2000, S.
weisung wegen einer Straftat erfolgen kann, während
soziale Kontrolle? Zu Kriminalität und Kriminalisie- 398–402
dieses Damoklesschwert über den Ausländern schwebt
rung allochthoner Jugendlicher. Köln 1999, S. 23–38 Villmow, B.: Ausländer als Täter und Opfer. In: Bilsky,
(Grübl und Walter 1999)
Geißler, R.: Struktur und Entwicklung der Bevölkerung. W. (Hrsg.): Ethnizität, Konflikt und Recht. Probleme
In: Informationen zur politischen Bildung: Sozialer von Assessment und Begutachtung in Strafverfahren
Wandel in Deutschland. Nr. 269. Herausgegeben von mit Beteiligten ausländischer Herkunft. Monatsschrift

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52
Warum es in modernen Gesellschaften zu politisch motivierter Gewalt kommt

Politisch motivierte Gewalt


Von Roland Eckert

Prof. Dr. Roland Eckert lehrt Soziologie an gegeben“, sondern sind Ergebnisse der dung durchzusetzen, wird es schließlich
der Universität Trier. Es ist ausgewiesener intersubjektiven Definition von Interes- für Menschen angesichts vielfältiger
Experte in den Themen- und Forschungs- sen, Werten, Identitäten und deren Gren- rechtlicher, beruflicher und sozialer Sank-
feldern Gewalt, Konflikte, links- und zen: Ob Menschen um Nahrung, Land, tionen riskant, Aggressionen in Friedens-
rechtsextremistische bzw. politisch moti- Ehre oder Glauben kämpfen, kann in den zeiten auszuleben. Die folgenden Überle-
vierte Gewalt. Konsequenzen für sie durchaus gleich gungen gelten der Frage, warum es
sein. dennoch zu politisch motivierter nicht-
Seit mehr als zehn Jahren konzentriert staatlicher Gewalt kommt.
sich die Diskussion über politisch moti- Instrumentarien der Zunächst ist darauf hinzuweisen: Die
vierte Gewalt auf das „unappetitliche“ Konfliktregulierung staatliche Monopolisierung der Gewalt ist
Phänomen Rechtsextremismus. Gleich- ihrerseits legitimationsbedürftig, und
wohl gibt es einen Traditionsbestand Auch heftige Konflikte führen allerdings eben diese Legitimation hängt nicht nur
linksextremer Gewalt. Und spätestens nicht notwendig zu Gewalt. Vielmehr an der Sicherheit der Bürger im Verkehr
seit dem 11. September 2001 ist die He- kommt es darauf an, ob neben kriegeri- untereinander, sondern auch an der Kon-
rausforderung durch den Islamismus of- schen auch friedliche Möglichkeiten der trollierbarkeit und Justiziabilität des
fenkundig geworden. Die Gemeinsam- Konfliktlösung bereitstehen. Vor diesem staatlichen und insbesondere gewaltsa-
keit dieser Bewegungen zeigt sich in der Hintergrund wird das Gewaltniveau einer men Handelns selbst. Darum stellt sich die
brisanten Verknüpfung von Wahrheits- Gesellschaft entscheidend von der Rela- Frage, welcher rechtsstaatlichen Kon-
vorstellungen mit einem gedachten, sich tion zwischen dem Ausmaß der auftre- trolle die Organe des Rechtsstaats selbst
zur Gestaltung der Geschichte berufen tenden Konflikte und der Kapazität der unterliegen. Erst die justizielle und poli-
fühlenden Kollektivs. zu Verfügung stehenden Instrumentarien zeiliche Kontrolle, die sich auch auf sich
Politisch motivierte Gewalt findet sich zu- der Konfliktregulierung bestimmt. Die selbst bezieht, also reflexiv wird, kann Ra-
meist an gesellschaftlichen Konfliktli- Geschichte des Rechtssystems und der De- cheandrohung und Rache als Sicherheits-
nien, deren Eingrenzung und Regulie- mokratie kann in evolutionstheoretischer strategien flächendeckend ablösen. Hier
rung institutionell nicht gelungen ist. Perspektive1 als ein immer wieder unter- aber haben wir auch in der Bundesre-
Wenn auch politisch motivierte Krimina- nommener Versuch verstanden werden, publik noch Probleme, wie die schwer zu
lität und Gewalt in der Bundesrepublik die Konfliktregulierungskompetenz der ahndenden „Übergriffe“ z.B. von Polizei-
weder im internationalen Vergleich noch jeweiligen Gesellschaft zu verbessern. beamten zeigen (Brusten 1992; Borne-
in historischer Perspektive dramatisch Gleichwohl führen diese Versuche nicht wasser/Eckert/Willems 1996).
hoch sind, ist die wehrhafte Demokratie notwendig – mit Kant (1795) zu sprechen
gefordert, durch entsprechende Sanktio- – „zum ewigen Frieden“, weil gleichzeitig Neue Konfliktlagen
nen die Prinzipien zu verdeutlichen, die immer wieder neue Konfliktlagen in der
unser Zusammenleben bestimmen. Red. Gesellschaft aufbrechen können, denen Bedeutsamer noch scheint zu sein, dass
Politik und Justiz mit den jeweils gegebe- der demokratische Verfassungsstaat seine
Gewalt und Konflikt nen Instrumentarien nicht oder noch friedenssichernde und gewaltbegren-
nicht gewachsen sind. Alle historische und zende Wirkung nur in dem Maße ent-
Gewaltdrohung und Gewalt (i.S. einer ethnologische Evidenz spricht darum falten kann, wie er tatsächlich die be-
physischen Beeinträchtigung, die den dafür, dass nicht Gewalt, sondern Gewalt- deutenden Konflikte in der Gesellschaft
Handlungen oder Unterlassungen von freiheit die voraussetzungsreichere und auf die „Schiene“ geregelter Verfahren
Menschen zugerechnet wird) können aus darum unwahrscheinlichere Lösung in bringt. Dass dies geschieht, muss freilich –
vielerlei Gründen erfolgen. Ihre größte der Regulierung sozialer Konflikte ist. Für aus mindestens zwei Gründen – bezwei-
Bedeutung hat sie als Mittel der Durch- diese Lösung ist an erster Stelle die po- felt werden: Zum einen reicht bereits jetzt
setzung (oder Vergeltung) in Konflikten. litische Organisation einer Gesellschaft die Kapazität der konfliktregulierenden
Dies hat Konsequenzen auch für die in verantwortlich, die freilich mit religiösen Instrumentarien nicht aus. Sowohl Parla-
einer Gesellschaft oder in Teilen dersel- und ethischen Werten und Erziehungs- ment als auch Justiz sind notorisch über-
ben geltenden Ziele der Erziehung. Ob mustern in Wechselwirkung steht, die in lastet, was vielfach die Forderung nach
unter ihnen Tapferkeit, Ehre und Kamp- der Gesellschaft gepflegt werden. In krie- Deregulierung laut werden lässt, die,
fesmut an erster Stelle stehen oder aber gerischen Gesellschaften definiert sich wenn sie den Kontrahenten keine faire
Friedfertigkeit, Toleranz und Affektkon- Männlichkeit vornehmlich über Kampfes- Chance mehr bieten würde, freilich die
trolle, ist nicht nur Ausdruck kultureller mut, in friedlichen Gesellschaften können Gefahr unregulierter Konflikteskalatio-
Traditionen, sondern auch der in einer Ge- sich die Geschlechterrollen aneinander nen nach sich zöge. Zum anderen haben
sellschaft bestehenden Konfliktlagen und annähern. wir mit dem wissenschaftlich-technischen
der Möglichkeiten, diese zu regulieren. Mit der Ausbildung des staatlichen Ge- Fortschritt, mit der Konkurrenz der Unter-
Insofern führt die Frage nach der Gewalt waltmonopols entstehen Rechtsregeln, nehmen und mit dem Standortwettbe-
immer wieder zur Analyse von Konflikten die die unmittelbare private Vergeltung werb der Staaten eine inzwischen sich
(i.S. von inkompatiblen oder als solche ablösen sollen. Der Geschädigte darf nicht selbst verstärkende Akzeleration sozialen
wahrgenommenen Handlungszielen ver- einfach zurückschlagen, sondern muss Wandels institutionalisiert, in der mit
schiedener Akteure), die zwischen Indivi- klagen. Der Staat hat sich Vergeltung, hoher Wahrscheinlichkeit immer wieder
duen, zwischen Gruppen und schließlich Schutz und neuestens auch Resozialisie- (z.B. Umwelt-)Probleme erzeugt werden,
zwischen Staaten bestehen. Deren Ana- rungsmaßnahmen ausbedungen. „Univer- die als Konflikte zum Ausbruch kommen
lyse wird freilich dadurch kompliziert, salistische“ Normen, die ohne Ansehen und politisch bewältigt werden müssen.
dass Menschen nicht nur um „materielle“ der Person und ohne Rücksicht auf spezi- „Der Inhalt der Physik geht die Physiker
Interessen, also etwa Lebenschancen, fische verwandtschaftliche oder freund- an, die Auswirkungen alle Menschen. Was
kämpfen, sondern auch um ideelle. Sie schaftliche, d.h. „partikularistische“ (Par- alle angeht, können nur alle lösen“
lassen sich seit tausenden von Jahren von sons) Loyalitäten gelten, sollen nun den (Friedrich Dürrenmatt [1962]: Einund-
Ideen ergreifen, verbreiten sie mit Feuer Rechtsfrieden sichern. In dem Maße, wie zwanzig Punkte zu den Physikern).2 Hier
und Schwert und verteidigen sich gegen staatliche Instanzen in der Lage sind, das kann es dann, ähnlich wie in Klassenkon-
sie. Konflikte also sind nicht einfach „vor- Monopol an physischer Gewaltanwen- flikten, allzu schnell dazu kommen, dass

53
der Staat selbst zur Partei wird oder le- wider mich“) zur Parteinahme aufgefor- „antifaschistischen, antikapitalistischen
diglich als Partei wahrgenommen wird dert oder gezwungen und werden an- und antipatriarchalen Grundhaltung“ (in
und damit seine regulative Kraft einbüßt. dere, nichtkonfliktbezogene Loyalitäten der Tradition der Protestbewegungen der
Die unregulierten Konflikte der Siebziger- ausgeschlossen. Die Identität der Beteilig- Sechziger- und Siebzigerjahre) sowie im
und Achtzigerjahre (Studenten- und Ju- ten bestimmt sich dann mehr und mehr Hinblick auf die grundsätzliche Akzep-
gendprotest, Nachrüstungs- und Ökolo- durch die Feindschaft (Eckert 1998). tanz von Gewalt zur Durchsetzung po-
giekonflikt) wurden weitgehend als Die europäische und amerikanische Ge- litischer Ziele. Dabei wird die eigene
Konflikte zwischen Bürgern und „dem“ schichte hat gezeigt, dass sich Religions- Gewalthandlung häufig als legitime
Staat wahrgenommen, die obendrein als kriege über die Trennung von Staat und Gegengewalt gegen die „strukturelle Ge-
Nullsummenspiele interpretiert wurden Religion reduzieren lassen, Klassenkämp- walt“ des Systems gerechtfertigt. Gleich-
(Eckert u.a. 1990). Auf globaler Ebene fe über demokratische Wahlen, ethnische wohl wird über die Anwendung der Ge-
haben wir dagegen staatliche oder zwi- Konflikte über die Anerkennung kulturel- walt innerhalb der autonomen Szene
schenstaatliche Organisationsformen, die ler Pluralität. Aus eben diesem Grund sind heftig gestritten, wobei die Frage der Ver-
für Ausgleich und geregelte Verfahren die formalen Regeln von Demokratie und mittelbarkeit von Aktionen und Angriffs-
sorgen könnten. Dies allerdings nur in An- Rechtsstaat, die Geltung der Menschen- zielen meist im Vordergrund steht. Inner-
sätzen, die obendrein in letzter Zeit etwa rechte und die wechselseitige Relativie- halb der traditionellen Aktionsfelder der
in der Sache des Menschenrechtsgerichts- rung von Glaubensvorstellungen und po- „Neuen Linken“, nämlich des Antiimperi-
hofs paradoxerweise im Namen „west- litischer Konzepte der einzige Schutz alismus, Antimilitarismus und Antifa-
licher Werte“ desavouiert werden. gegen die Verabsolutierung von Kollekti- schismus, orientieren sich die Autonomen
videen. Dies wird jedoch nur in dem Maße an den Anliegen von übergreifenden Pro-
Neue Kollektive als politische möglich sein, wie Teile der Gesellschaft – testbewegungen, in deren überwiegend
Akteure und das heißt heute auch: Teile der Welt- gewaltfrei geplanten Kampagnen und
bevölkerung – nicht von der Teilhabe an Demonstrationen sie sich mit ihren mili-
Neben den Verteilungskonflikten im Ge- Demokratie, Recht und Meinungsvielfalt tanten Aktionen einklinken. Hier spielen
folge sozialen Wandels können auch und damit den Prozess der Pluralisierung Straßenkrawalle mit der Polizei oder dem
Ideen zu Konflikt und Gewalt führen. von unterschiedlichen persönlichen Iden- politischen Gegner aus dem rechtsextre-
Als soziale Wesen definieren sich Men- titäten ausgeschlossen werden. men Lager (durch Schwarze Blöcke in
schen auch über Zugehörigkeiten: zu Ver- Ungeachtet dieser allgemeinen Aussagen Kampfausrüstung) eine wichtige Rolle.
wandtschaftslinien, zu Nachbarschaften, muss jede konkrete Formation politisch „Klandestine militante Aktionen“3 stellen
zu Klassen, zu Völkern, zu Religionen. motivierter Gewalt auf ihre speziellen Be- eine zweite wichtige Aktionsform der
Im Prozess der Modernisierung haben dingungen und auf die in ihr wirksamen Autonomen dar. Dies sind in der Regel
überverwandtschaftliche und überlokale fatalen Plausibilitäten befragt werden. sorgfältig geplante, konspirativ vorberei-
Orientierungen an Bedeutung gewon- Denn sie entwickelt sich meist im Kontext tete und durchgeführte Anschläge insbe-
nen. Menschen können sich als Teil eines gesellschaftlicher Konflikte, die sich weit sondere gegen Sachen, die dann häufig in
größeren Ganzen verstehen, dem in vie- über den Kreis der extremistischen und Selbstbezichtigungsschreiben gerechtfer-
len Fällen ein historischer Auftrag zuge- gewalttätigen Gruppen hinaus in ent- tigt werden. Brandanschläge auf staatli-
sprochen wird: die Verallgemeinerung sprechenden Einstellungen und Meinun- che Einrichtungen im Kontext der Asyl-
der „wahren“ Religion, die Selbstbehaup- gen widerspiegelt. Während sich in den politik und Abschiebungspraxis oder
tung oder der Sieg im Kampf der Völker, Siebziger- und Achtzigerjahren politisch gefährliche Eingriffe in den Bahnverkehr
der Sieg im Klassenkampf und die Errich- motivierte Gewalt vor allem im Kontext im Rahmen des Atomkonflikts (Castor-
tung einer klassenlosen Gesellschaft. Die von Protestaktionen ereignete, die von Transporte) sind kennzeichnend für die-
Bedeutung der Religion und der ethni- Personen und Gruppen aus dem neu-lin- sen Typus und verursachen häufig Sach-
schen Zugehörigkeit hat sich mit der Aus- ken „postmaterialistischen“ Bildungsbür- schäden in Millionenhöhe. Sie haben das
bildung einer Weltgesellschaft zwar im gertum getragen wurden, hat sich in den Ziel, bestimmte Entscheidungen und Ver-
Alltagsleben reduziert, gewinnt aber – Neunzigerjahren die Lage grundlegend fahren (wie z. B. Abschiebung abgelehn-
entgegen manchen modernisierungsthe- geändert. Es sind nun eher niedrig quali- ter Asylbewerber) zu verteuern, zu verzö-
oretischen Annahmen – als „Identitäts- fizierte Gruppen mit fremdenfeindlichen gern und so letztlich finanziell untragbar
anker“ gerade unter Bedingungen der Einstellungen, die im Kontext des Ein- zu machen. Mit dem Anstieg der Frem-
Diaspora für manche Menschen erhöhte wanderungskonfliktes und der Globalisie- denfeindlichkeit und des Rechtsextre-
Bedeutung. Religiöses, Ethnisches und rungsängste aktiv werden und die Basis mismus in den Neunzigerjahren hat das
Klassen-Bewusstsein verleihen der Exis- einer neuen Rechten bilden (Willems u.a. klassische linke Aktionsfeld des Antifa-
tenz dann eine höhere Weihe oder Würde 1993; Wahl u.a. 2001). schismus und Antirassismus an Bedeutung
– über die sozialen und zeitlichen Gren- gewonnen. Insbesondere anlässlich öf-
zen des individuellen Lebens hinaus. Inso- Linksextreme, politisch motivierte fentlicher Auftritte und Veranstaltungen
fern vermögen sie manche Menschen Gewalt von Rechtsextremisten (so z.B. gegen die
dazu zu mobilisieren, Opfer zu bringen Wehrmachtsausstellung) haben sich Ge-
und anderen Opfer aufzuerlegen. Die Gleichwohl gibt es einen Traditionsbe- gendemonstrationen von Gewerkschaft-
Verknüpfung von Wahrheitsvorstellun- stand linksextremer Gewalt. Die Mehr- lern, Jugendorganisationen, Bürgerinitia-
gen mit einem gedachten, sich zur Gestal- zahl aller gewalttätigen militanten Ak- tiven, parlamentarischen Parteien und
tung der Geschichte berufen fühlenden tionen im linksextremen Spektrum geht Menschenrechtsgruppen formiert, in de-
Kollektiv ist eine der zentralen Ursachen von den anarchistisch orientierten auto- ren Rahmen es auch immer wieder zu ge-
politisch motivierter Gewalt und von Ter- nomen Szenen aus. Autonome Grup- zielten Gewalttaten und Angriffen links-
rorismus. Volk als imaginierte Verwandt- pen existieren nach Verfassungsschutzer- extremistischer Gruppen gegen Rechts-
schaft, Klasse als unterstellte Verallge- kenntnissen in fast allen größeren Städ- extremisten kommt – sowie gegen Poli-
meinerung ökonomischer Lage und ein ten Deutschlands, insbesondere aber in zeibeamte, die die feindlichen Gruppen
gedachter göttlicher Auftrag können Berlin, Hamburg und dem Rhein-Main- auseinander zu halten versuchen oder an-
dabei in ihren Organisationsformen ganz Gebiet, sowie auch in kleineren Universi- gemeldete Demonstrationen schützen
ähnlich sein: Eine außeralltägliche subjek- tätsstädten wie Göttingen. Sie orientie- müssen. Auch hat sich mit der Entwick-
tive Realität wird – zumeist in kleinen, ab- ren sich an oftmals diffusen kommunis- lung und Nutzung der Gentechnologie
geschlossenen Gruppen – aufgebaut und tischen oder anarchistischen Ideologiebe- ein neues Aktionsfeld gebildet, in dem
über Konflikte und Kämpfe mit dem standteilen, stellen jedoch keine einheitli- neben Ökologiegruppen auch linksextre-
„Feind“ bestätigt. Ausgeübte und erlit- che Bewegung mit einem gemeinsamen me und gewaltbereite Gruppen agieren.
tene Gewalt ist höchst funktional: Kämp- ideologischen oder strategischen Kon- Die Entwicklung der linksextremistischen
fer und Märtyrer gehen in die gedachte zept dar, wie die Vielzahl von Szenepubli- politisch motivierten Straftaten lässt sich
Geschichte ein. Ist der Kampf oder der kationen und Zeitschriften der Autono- für die Jahre 1980–1999 insgesamt nur
Krieg erst einmal etabliert, werden auch men verdeutlichen. Konsens und Gemein- auf der Basis der Daten der Polizeilichen
Dritte („Wer nicht für mich ist, der ist samkeit gibt es lediglich hinsichtlich der Kriminalstatistik darstellen. Ihr zufol-

54
Fremdenfeindlichkeit und
rechtsextremistische Gewalt

Das gravierendste Problem ist seit zehn


Jahren die weitverbreitete Xenophobie
und – darauf aufbauend – die fremden-
feindliche und rechtsextreme Gewalt, die
in den neunziger Jahren in Deutschland,
insbesondere in der Welle von Gewaltta-
ten und Brandmorden 1992/93, aber auch
in den Folgejahren bis heute an die 100
Todesopfer gefordert hat. Fremdenfurcht
kumuliert bei Bevölkerungsgruppen, die
aufgrund ihrer niedrigen Qualifikatio-
nen mit Einwanderern um Arbeitsplätze,
Wohnungen und potenziell auch Sozial-
hilfe zu konkurrieren glauben und die
Fürsorge des Staates für diese als „unge-
rechte Bevorzugung“ empfinden, was als
„fraternale“ Form relativer Deprivation
(Runciman 1966) interpretiert werden
kann. Die Zukunft verspricht hier nichts
Gutes: Sowohl die technologische Ent-
wicklung als auch die weltwirtschaftliche
Konkurrenz drängen dahin, dass diese
Gruppen in unserer Gesellschaft an Zahl
wachsen werden. Niedrig qualifizierte
Personen haben seit der mikroelektroni-
schen Revolution der Achtzigerjahre und
durch den sich verschärfenden internatio-
nalen Konkurrenzdruck in den neunziger
Jahren einen immer schwereren Stand auf
dem Arbeitsmarkt. Die Deklassierung nie-
drig qualifizierter Bevölkerungsgruppen
und Einwanderungsschübe: dies ist die ex-
plosive Mischung, mit der wir heute und
in Zukunft konfrontiert sein werden. Der
Gewaltfrei geplante Kampagnen und Demonstrationen werden von militanten Auto- Zusammenhang von Konkurrenz und
nomen – dem so genannten „Schwarzen Block“ - für Straßenkrawalle mit der Polizei Fremdenfeindlichkeit ist ein altes Phäno-
oder dem politischen Gegner aus dem rechtsextremen Lager missbraucht. Foto: dpa men: Bereits 1870 schrieb Karl Marx in
einem Brief an seine Freunde in New
ge haben sich die linksextremistischen islamischer Bevölkerungsmehrheit eine York: „Der gewöhnliche englische Arbei-
Straftaten in den letzten zwanzig Jahren Gesellschaftsordnung und ein staatliches ter haßt den irischen Arbeiter als einen
tendenziell eher verringert: von durch- System nach der Scharia, dem islamischen Konkurrenten, welcher den standard of
schnittlich ca. 2.100 Straftaten jährlich in Rechtssystem, aufzubauen. Während die life herabdrückt. Er fühlt sich ihm gegen-
den Achtzigerjahren auf durchschnittlich islamistischen Massenorganisationen wie über als Glied der herrschenden Na-
ca. 1.800 Straftaten in den neunziger Jah- Milli Görüs in Deutschland nach einem tion…“
ren, wobei freilich die Eskalation von Modus Vivendi mit dem laizistischen Staat Die Enttäuschung von Hoffnungen, die
Konfliktlagen (z.B. Startbahn West, Wa- suchen, sind es kleine Terrorgruppen, die viele Ostdeutsche in die Wiedervereini-
ckersdorf, Castor-Transporte, steigender zum Sicherheitsproblem werden. Auch in gung setzten, hat in den neuen Bundes-
Rechtsradikalismus etc.) in einzelnen Jah- der Bundesrepublik halten sich eine Reihe ländern den Boden für ein Weltbild berei-
ren das Straftatenaufkommen deutlich von Personen auf, die – ursprünglich be- tet, in dem Fremdenfeindlichkeit eine
nach oben bringt.4 heimatet zumeist in Ländern des Nahen zentrale Rolle spielt, selbst wenn kaum
und Mittleren Ostens sowie in Nordafrika Fremde vor Ort anwesend sind und man
Islamistischer Terrorismus – in Afghanistan oder Pakistan militärisch diese nur aus dem Fernsehen kennt. Ima-
ausgebildet wurden und manchmal auch ginierte Verwandtschaft (Primordialität)
Extremistisch ausgerichtete Vereinigun- an Kampfeinsätzen teilgenommen ha- soll die Vorrechte der Deutschen ange-
gen und politische Gruppierungen von ben. Diese Personen sind eingebunden in sichts globaler Konkurrenz um Arbeit und
Ausländern in Deutschland sind im letz- ein internationales Netzwerk. Sie organi- Wohlstand sichern. Mit dieser „völki-
ten Jahrzehnt zunehmend zum Problem sieren sich um Führungspersonen herum schen“ Ideologie wird auch der Antisemi-
geworden. Illegale Aktivitäten und ge- in weitgehend autonom agierenden tismus wiederbelebt. Auf dem Hinter-
walttätige Aktionen – etwa der PKK (Par- Kleingruppen, die wiederum über vielfäl- grund dieser diffusen Ängste etablieren
tiya Karkeren Kurdistan/Arbeiterpartei tige Kontakte zu gleichgesinnten Grup- sich nun die selbsternannten Kämpfer
Kurdistan) – wurden von politischen Ent- pen im In- und Ausland verfügen. In Ein- für „Volk“, „Kultur“ und „weiße Rasse“:
wicklungen und aktuellen Ereignissen in zelfällen konnten Hinweise auf Verbin- fremdenfeindliche Skins und Neonazis.
den jeweiligen Herkunftsländern be- dungen derartiger Gruppen zur Organisa- Die Gewalttäter sind zu über 90% Män-
stimmt und lediglich über die Anwesen- tion „El Qaida“ (Die Basis) des Osama Bin ner: Rechtsextreme Grenzziehungen
heit entsprechender Emigrationsgruppen Laden gewonnen werden. Die ideologi- scheinen mit sexistischen verwandt zu
zu einem Problem für die deutsche Ge- sche Radikalität in der „Verteidigung der sein (Wetzstein u.a. 1999).
sellschaft. Von langfristiger Bedeutung ist muslimischen Welt gegen Ungläubige“ ist
dagegen vermutlich die Herausforderung verbunden mit der militanten Ablehnung Rechtsextreme Skins
durch den Islamismus. Vorstellungen ei- westlicher Werte. Das „Know-how“ terro-
ner geoffenbarten Superiorität des Islam ristischer Anschläge sowie der Rückgriff Rechtsextremistische Skinheads (es gibt
sind in ihm angesichts westlicher Domi- auf die für die Durchführung von Terror- auch linke und unpolitische Skins) und ihr
nanz radikalisiert: Glaube und Unglaube aktionen erforderliche Logistik und Fi- Umfeld, die seit Anfang der Neunziger-
stehen in einem unversöhnlichen Kampf. nanzmittel machen diesen Personenkreis jahre als die zahlenmäßig größte Gruppe
Sein Ziel ist es, in den Gesellschaften mit extrem gefährlich. der Gewaltbereiten im Spektrum des

55
lose und Sozialhilfeempfänger wird von
Psychiatern und Psychologen in vielen Fäl-
len mit schweren kindlichen Traumata der
Täter erklärt (Marneros 2002; Wahl u.a.
2001). Diese Diagnose sollte aber den
Blick nicht darauf verstellen, dass eine ras-
sistische Ideologie die Auswahl der Opfer
bestimmt und subjektive Rechtfertigun-
gen bereitstellt.

Konfliktlinien und politisch


motivierte Gewalt

Politisch motivierte Kriminalität und Ge-


walt in der Bundesrepublik sind weder im
internationalen Vergleich noch in histori-
scher Perspektive dramatisch hoch. Sie
findet zumeist an gesellschaftlichen Kon-
fliktlinien statt, deren Eingrenzung und
Regulierung institutionell nicht gelungen
ist. So wurde beispielsweise am Anfang
der siebziger Jahre deutlich, dass unsere
Wirtschaftsweise und unser Konsum viel-
fach mit Prinzipien der ökologischen
Das Bekenntnis zur rechtsextremen Szene zeigt ein Angeklagter, auf dessen Finger Nachhaltigkeit unvereinbar sind. An die-
das Wort „Hass“ unter Verwendung von SS-Runen tätowiert ist. Foto: dpa ser Konfliktlinie kristallisierte sich die
Ökologiebewegung, und an deren Rand
Rechtsextremismus (ca. 85% laut Bundes- frontationen mit linken Gruppen mobili- fanden auch linksextremistische Positio-
amt für Verfassungsschutz) identifiziert sierbar und wird auch seit einigen Jahren nen einen neuen Anschluss. Mit der Parla-
werden, sind für einen großen Teil der von rechtsextremistischen Kadern ge- mentarisierung der Ökologiebewegung
(meist spontanen) Gewalttaten verant- schult und politisch diszipliniert, was frei- hat sich das Geschehen vor Ort entschärft,
wortlich und treten durch ihre rassisti- lich sowohl innerhalb der rechtsextremis- wie wohl die Grundprobleme fortbeste-
sche, aggressive Musik und ihre elimina- tischen Parteien als auch innerhalb der hen und zu immer neuen Krisen führen.
torischen Hetztiraden immer wieder in Skinhead-Szene sehr ambivalent beurteilt Heute bilden sich im Zuge der Globalisie-
Erscheinung. Dabei ist vor allem der Osten wird. Darüber hinaus haben sich verschie- rung, des technischen Fortschritts der
Deutschlands ein Schwerpunkt der rechts- dene Skinhead-Gruppen und -Szenen auf Mikroelektronik und der Wanderungsbe-
extremen Skinheads geworden: Der Ver- die Ausrichtung subkultureller Events wie wegungen neue Konfliktlinien heraus.
fassungsschutz schätzt, dass über die Konzerte von Skinhead-Bands oder die Viele Menschen sehen sich durch Rationa-
Hälfte der rechtsextremistischen Skin- Herausgabe von Fanzines spezialisiert lisierung und internationale Konkurrenz
headszene im Osten anzusiedeln ist. Ne- und sind als Teil einer rechtsextremisti- in ihrer Lebenslage bedroht. Entspre-
ben zahlreichen lokalen bzw. regional ak- schen Bewegung von großer Bedeutung. chend fürchten sie die Konkurrenz auf
tiven Gruppen in vielen Städten und In diesem Zusammenhang sind insbeson- den Arbeitsmärkten, befürworten eine
Gemeinden gibt es auch größere, überre- dere „Blood-and-Honour-Skins“6 sowie Schließung der Einwanderungsmöglich-
gional aktive Szenen (insbesondere in „Hammer-Skins“ zu nennen, die sich keiten und tendieren zur Aufwertung der
Thüringen, Sachsen und Brandenburg; im selbst als internationale Elite der Skin- eigenen nationalen Zugehörigkeit als Ga-
Westen vor allem in Teilen Baden-Würt- head-Bewegung verstehen und gezielt ranten sozialer Sicherheit. Kulturelle
tembergs, Bayerns und Niedersachsens auf die Etablierung einer internationalen Gegensätze, die durch Wanderungsbewe-
sowie in Hamburg). Weitgehend unstrit- rassistischen Bewegung hin arbeiten. Ein gungen entstanden sind, treffen im
tig ist für den Verfassungsschutz, dass es fließender Übergang führt von diesen städtischen Raum und – vermittelt über
nicht nur, aber insbesondere im Osten der Skins zu den erklärten Neonazis. Auch Fernsehbilder – in den Wohnzimmern
Republik in sehr vielen Städten Treff- wenn diese vor allem am Aufbau von Par- aufeinander. Entsprechende Ängste for-
punkte und Jugendzentren gibt, die von teiorganisationen oder dezentralen Ka- mierten sich angesichts der dramatisch
rechtsextremen Gruppen dominiert wer- meradschaften arbeiten, gibt es durchaus ansteigenden Einwanderung von Aus-
den und daher für „Linke“ oder als Zu- ernstzunehmende Potenziale an Gewalt- siedlern und Asylbewerbern zwischen
wanderer erkennbare Personen erhebli- tätern sowie seit Jahren bereits Hinweise 1988 und 1993, die vielerorts zu Überlas-
che Gefahren darstellen. Erkennbar ist auf Waffen und Sprengstoffe. tungserscheinungen geführt hat. Im Par-
auch, dass Einheimische sich selbst meist Hinsichtlich der Entwicklung rechtsextre- teienwettbewerb wurde die Problematik
nicht bedroht fühlen und diesen Zustand mistisch motivierter Straftaten in den des Asylverfahrens in das Zentrum der öf-
häufig dulden. Hier ist die Gewaltdro- Achtziger- und Neunzigerjahren kann auf fentlichen Aufmerksamkeit gerückt, wäh-
hung in lokale Macht konvertiert. Inso- der Basis der Polizeilichen Kriminalstatis- rend die Problembewältigung erst einmal
fern stellen die territoriale Dominanz der tik (die auch fremdenfeindliche und anti- ausblieb. Dies eröffnete sowohl rechtsex-
rechten Jugendcliquen (so genannte semitische Straftaten umfasst) ein Über- tremen Parteien als auch jugendlichen
„national befreite Zonen“) eine neue Es- blick gegeben werden. Sie zeigt, dass sich Schlägern neue Chancen. Die so sich aus-
kalationsstufe rechtsextremistischer Ge- das Niveau der rechtsextremistischen breitende fremdenfeindliche Bewegung
waltdrohung dar, ohne dass diese sich un- Straftaten mehr oder weniger kontinuier- konnte verstärkt in den neuen Ländern
mittelbar im Anstieg rechter Gewalttaten lich seit dem Ende der Achtzigerjahre bis Fuß fassen. Fremdenfeindlichkeit und Na-
widerspiegelt.5 zum Ende der Neunzigerjahre hin erhöht tionalismus sind hier angesichts des ideo-
Im Vordergrund der Aktivitäten der meis- hat: von 948 im Jahr 1986 auf 4.972 im logischen Vakuums nach dem Zusammen-
ten Skinheadgruppen stehen jedoch nicht Jahr 1993 und 7.576 im Jahr 2000.7 Ange- bruch des Kommunismus sowie den
dezidiert politische Aktivitäten wie Pro- sichts der hohen Zahl von Propagandade- Belastungen des Umbruchs, insbesondere
teste, Demonstrationen und Agitationen, likten wissen wir freilich nicht, welcher durch Arbeitsmarktprobleme, attraktiv,
sondern eher gruppentypische Aktivi- Anteil an der Steigerung auf reale Er- weil sie neue exklusive Solidaritäten und
täten wie Herumhängen, Saufen, Provo- höhung und welcher auf erhöhte Sen- Vorrechte zu versprechen scheinen. Damit
zieren und die Suche nach Kampf mit sibilität und Anzeigebereitschaft in Be- erhielt der klassische Rechtsextremismus,
„Feinden“. Gleichwohl ist ein Teil der völkerung und Polizei zurückgeht. Die der lange nur noch als Relikt aus der ers-
Skinheads wohl zu rechtsextremen Anläs- unvorstellbar brutale Gewalt gegen ten Hälfte des Jahrhunderts galt, neue
sen, Aufmärschen und insbesondere Kon- wehrlose Zuwanderer, aber auch Obdach- Zuflüsse. Diese Entwicklung kulminierte

56
in den fremdenfeindlichen Ausschreitun- kosmopolitischer Orientierung einerseits Bundesministerium des Innern und Bundesministerium
der Justiz (Hrsg.): Erster Periodischer Sicherheitsbe-
gen, Hetzjagden und Brandanschlägen in und ethnischer bzw. religiöser Radikalisie- richt. Berlin 2001
den Jahren 1992 bis 1994. Seit 1995 be- rung andererseits viele Konfliktlinien der Eckert, R. (Hrsg.): Wiederkehr des „Volksgeistes“? Eth-
steht fremdenfeindliche und rechtsextre- Gegenwart bestimmen. nizität, Konflikt und politische Bewältigung. Opladen
1998
mistische Gewalt auf einem niedrigeren Es ist Zeit zu begreifen, dass wir es bei der Eckert, R. u.a.: Ursachen, Prävention und Kontrolle
aber gleichbleibend stabilen Sockel fort. Fremdenfeindlichkeit mit einem Phäno- von Gewalt aus soziologischer Sicht. Gutachten der
Unterkommission III (Soziologie). In: Schwind, H.-D./
Auch wenn sich in den letzten Jahren z.B. men zu tun haben, das uns auf lange Zeit Baumann, J. u.a. (Hrsg.): Ursachen, Prävention und
durch die Green-Card-Debatte herumge- hinaus beschäftigen wird. Denn die welt- Kontrolle von Gewalt. Bd. II: Erstgutachten der Unter-
kommissionen. Berlin 1990, S. 295–414
sprochen hat, dass Einwanderung normal weiten Wanderungsbewegungen führen Eckert, R./Reis, C./Wetzstein, T.A.: „Ich will halt anders
ist und auch Vorteile bringt, ist Schlimmes nicht nur zu Assimilation oder neu entste- sein wie die anderen“ – Abgrenzung, Gewalt und Kre-
zu befürchten, falls die Osterweiterung henden gemeinsamen hybriden Kultur- ativität bei Gruppen Jugendlicher. Opladen 2000
Marneros, A.: Hitlers Urenkel. Rechtsradikale Gewalt-
der Europäischen Union zu neuen Ein- mustern, sondern auch zu ethnischen täter – Erfahrungen eines wahldeutschen Gerichtsgut-
wanderungsbewegungen führen sollte. oder religiösen Identitätspolitiken, die achters. Bern, München, Wien 2002
Runciman, W.G.: Relative Deprivation and Social Jus-
Die Analyse der Entstehungsbedingun- tatsächliche oder imaginierte Herkünfte tice: A Study of Attitudes to Social Inequality in Twen-
gen von Fremdenfeindlichkeit gibt Hin- dramatisieren und gegen Konkurrenz tieth-Century England. London 1966
weise darauf, wie der Nährboden redu- und „postmoderne“ Beliebigkeit ins Wahl, K. u.a.: Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus,
Rechtsextremismus: Drei Studien zu Tatverdächtigen
ziert werden kann. Ideologien können Felde führen. Gewaltneigungen, die bio- und Tätern. Berlin 2001
sich jedoch von den Bedingungen ablö- grafisch z.B. in der Familie entstanden Wetzstein, T.A./Reis, C./Eckert, R.: Die Herstellung von
Eindeutigkeit. „Ethnozentrische“ Gruppenkulturen
sen, in denen sie einmal ihre erste Ver- sind, sich durch einen auf Gewalt speziali- unter Jugendlichen. In: Dünkel, F./Geng, B. (Hrsg.):
breitung gefunden haben und dann auch sierten Medienkonsum verstärken und Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Be-
in ganz anderen Lebenslagen attraktiv schließlich zum Gesichtspunkt der Selbst- standsaufnahme und Interventionsstrategien. Godes-
berg 1999
werden. Dies gilt auch für die Ideologien selektion in Cliquen von Jugendlichen Willems, H. et al.: Fremdenfeindliche Gewalt. Einstel-
unversöhnlichen Kampfes, wie sie im und jungen Erwachsenen werden (Eckert lungen – Täter – Konflikteskalation. Opladen 1993
gegenwärtigen Rassismus wiederbelebt u.a. 2000), finden dann eine ideologische
sind und beispielsweise auf den Hasssei- Legitimation. Zentrale Elemente des Sozi- Fußnoten
ten im Internet rund um die Welt propa- aldarwinismus: „Kampf ums Dasein“ als 1
Evolutionstheorie bedeutet hier nicht die An-
giert werden. Hier ist die wehrhafte De- Grundbedingung auch der menschlichen nahme eines notwendigen Ganges der Geschichte,
mokratie gefordert, durch entsprechende Existenz, Unterordnung („Gefolgschaft“) sondern stützt sich auf die Beobachtung, dass sich
bis heute höher differenzierte und arbeitsteilige
Sanktionen diejenigen Prinzipien zu ver- unter den Stärkeren (den „Führer“) als gesellschaftliche Strukturen gegenüber einfacheren
deutlichen, die unser Zusammenleben Notwendigkeit in diesem Kampf, Solida- de facto durchgesetzt haben. Komplexe Struktu-
ren sind – wie sich bereits beim Untergang des Rö-
bestimmen. Dies beginnt damit, dass die rität mit der imaginierten Verwandtschaft mischen Reiches in der Völkerwanderung gezeigt
Polizei überall dort Präsenz zeigt, wo („Volk“, „Rasse“ oder „Religion“) könn- hat – freilich auch „störanfälliger“ und in zuneh-
politische Schläger territoriale Macht auf- ten so erneut eine fatale Plausibilität ge- mendem Ausmaß von dem Verbrauch natürlicher
Ressourcen abhängig, sodass ihre Zukunft ungesichert
zubauen versuchen und Angst und Schre- winnen. erscheint.
2
cken bei Zuwanderern und Andersden- Ideen, die das Individuum als Teil eines Dürrenmatt; F.: Die Physiker. Eine Komödie in zwei
Akten. Zürich 1962, S. 79.
kenden verbreiten. Ebenso muss die größeren Ganzen begreifen und dem ein- 3
Bundesministerium des Innern (Hrsg.), 2000, S. 106.
Polizei die Eskalationsspirale zwischen zelnen Lebenslauf einen Sinn zuweisen, 4
Eine detaillierte Darstellung im Ersten Periodischen
„rechten“ und „linken“ Schlägern unter- der aus der Mitwirkung an dem vorge- Sicherheitsbericht der Bundesregierung, S. 294–299.
5
Diese Etablierung territorialer Dominanz durch
brechen. Bei der justiziellen Bewertung stellten Schicksal der imaginierten Ge- rechte Gewaltcliquen wird ausführlich geschildert und
von Hasstaten wie Körperverletzung und meinschaft erwächst, sind gerade für analysiert durch das „Zentrum Demokratische Kultur –
Rechtsextremismus – Jugendgewalt – Neue Medien“,
Landfriedensbruch kommt es darauf an, junge Leute faszinierend, deren Leben das von einer kulturellen Hegemonie rechtsextremer
die rassistische Motivation bei der Straf- noch nicht in den Routinen des Alltags Skinheadgruppen sowie von „national befreiten
zumessung angemessen zu berücksichti- seine Aufgaben und Erfüllungen findet. Zonen“ als einer Alltagserscheinung in einem großen
Teil der ostdeutschen Gemeinden spricht (Bulletin 1/
gen. Diese Motivationen sollten nicht völki- 1997). Dabei ist freilich darauf hinzuweisen, dass der
schen und fundamentalistischen Gruppen Begriff der „national befreiten Zonen“ selbst aus
dem Spektrum des Rechtsextremismus (siehe dazu
Kein „Ende der Geschichte“! überlassen bleiben. Wenn die Menschheit Bundesministerium des Innern [Hrsg.], 2000, S. 26)
gegenwärtig zu einer Weltgesellschaft stammt und letztlich die Schaffung von Freiräumen
meint, in denen die Rolle des Staates zweitrangig ist
Das Ende des Ost-West-Konflikts hat also zusammenfindet und darum einer huma- und die rechtsextremen Träger der „Gegenmacht“ fak-
weniger die erhoffte „Friedensdividende“ nen und ökologischen Solidarität bedarf, tisch die Macht ausüben, Abweichler und Feinde be-
erbracht als vielmehr verschärfte weltwirt- wenn wir an diesem Auftrag auch in strafen und „unterdrückten Mitbürgern helfen“ (Zün-
delsite im Internet). In diesem Sinne haben sich
schaftliche Konkurrenz und Wanderungs- Gemeinschaft mit anderen mitwirken national befreite Zonen natürlich nicht durchgesetzt,
bewegungen, vor denen Staat und Gesell- können, so sind diese Erkenntnisse und wohl aber in der Form der Dominanz rechter Cliquen
auf Straßen und Plätzen und in Jugendzentren, in
schaft sich zunächst nahezu gelähmt und Erfahrungen durchaus geeignet, nationa- denen „Linke“ und „Zuwanderer“ einem hohen Op-
hilflos zeigten. Fremdenfurcht und frem- listischen und rassistischen Ideologien ferrisiko ausgesetzt sind (und die für diese daher
denfeindliche Gewalt bis hin zu den Brand- entgegenzuwirken. Angsträume darstellen).
6
Am 12. September 2000 hat der Bundesminister
morden in Deutschland, ethnische Kon- des Innern die „Blood & Honour – Division Deutsch-
flikte bis hin zu Völkermord in Ruanda, in land“ sowie ihre Jugendorganisation „White Youth“
Literaturhinweise verboten.
Bosnien und dem Kosovo haben deutlich 7
Eine detaillierte Darstellung im Ersten Periodischen
gemacht, dass nicht mehr die Gegensätze Brusten, M.: Polizei – Politik. Streitfragen, kritische Sicherheitsbericht der Bundesregierung, S. 264–292.
Analysen und Zukunftsperspektiven. Weinheim 1992
von marktwirtschaftlicher Demokratie Bundesministerium des Innern (Hrsg.): Verfassungs-
und sozialistischer Diktatur, sondern von schutzbericht 1999. Bonn, Berlin 2000

57
Zur kriminologischen Diskussion der Frauenkriminalität

Geschlecht und Kriminalität


Von Gabriele Schmölzer

eine untergeordnete Rolle. Von den gungsstatistiken andererseits einzuge-


759 700 Verurteilten im früheren Bundes- hen: Während erstere für aktuelle Verän-
gebiet und Berlin des Jahres 1999 war nur derungen in der tatsächlich begangenen
jede sechste1 (127 200) eine Frau. Krimi- Kriminalität empfänglicher sind, beinhal-
nell auffällig werden bei Frauen wie bei ten Kriminalstatistiken immer auch die
Männern vor allem die Jüngeren. 26% der gesamte Bandbreite der Handlungs- und
verurteilten Frauen waren 1999 jünger als Filtermöglichkeiten bzw. -funktionen des
25 Jahre und 42% jünger als 30 Jahre. Ein Strafverfolgungsapparates8 – vom Faktor
bei Frauen häufiges Delikt ist der so ge- der Anzeigebereitschaft über die Aufklä-
nannte einfache Diebstahl. 1999 mussten rungsquote bis hin zur konkreten Tätig-
sich deswegen 30% der weiblichen Verur- keit von Staatsanwaltschaften und Ge-
teilten vor Gericht verantworten. Deut- richten.
lich unterschiedlich war demgegenüber Die Dimension der Frauenkriminalität
der Frauenanteil bei schweren Deliktfor- durch deren Anteil an der Gesamtkrimi-
men. Nur 8% der straffälligen Frauen nalität auszudrücken, ist weit verbreitet.
wurden wegen Körperverletzungsdelik- Diese Quantifizierung eignet sich jedoch
ten und nur 7% wegen Raubdelikten ver- nur bedingt dafür, Entwicklungen aufzu-
urteilt. zeigen, da eine Veränderung dieses An-
Weil Frauen weniger und leichtere Straf- teiles immer auch durch Verschiebun-
taten begehen als Männer, werden gen im Bereich der Männerkriminalität
Prof. Dr. Gabriele Schmölzer lehrt am In- Frauen nur relativ selten zu Gefängnis- (mit-)bedingt sein kann.9 Im Folgenden
stitut für Strafrecht, Strafprozessrecht strafen verurteilt. Bedeutsam ist auch, sollen einige statistische Grundaussagen
und Kriminologie an der Karl-Franzens- dass straffällig gewordene Frauen ein ge- zu Fragen von „Geschlecht und Krimina-
Universität in Graz. Nach dem Studium ringeres Rückfallrisiko und eine günsti- lität“ über den Zeitraum von 1993 bis
der Rechtswissenschaften war sie u.a. wis- gere Sozialprognose als Männer aufwei- einschließlich 2000 bzw. 200110 – insbe-
senschaftliche Mitarbeiterin am Institut sen. Von den 60 800 Personen, die sich am sondere zur Entwicklung der Frauenkri-
für Kriminologie der Universität Tübin- 31. März 2000 im deutschen Strafvollzug minalität11 – vorgenommen werden.
gen. Die Habilitationsschrift von Prof. Dr. befanden, waren nur 4 % (knapp 2400)
Gabriele Schmölzer beschäftigt sich mit Frauen.2,3 Tatverdächtige nach Geschlecht,
dem Thema „Frauenkriminalität“. Solche und ähnliche, zum Teil statistisch Altersgruppen und Staats-
zumindest unsauber aufbereitete Me- zugehörigkeit
Frauen sind weniger straffällig – so das dienberichte4 prägen – abgesehen von
vorherrschende Bild über Frauenkrimina- spektakulären Einzelfällen – das gene- Die absolute Gesamtzahl aller tatver-
lität in der Öffentlichkeit. Betrachtet man relle Bild, das man sich in der Öffentlich- dächtigen Personen (Abb. 1) betrug im ge-
allerdings statistische Grundaussagen keit vom Gesamtphänomen „Frauenkri- samten deutschen Bundesgebiet im Jahre
unter dem Gesichtspunkt „Geschlecht minalität“ macht, obwohl sich derartige 2001 knapp 2,3 Millionen; davon waren
und Kriminalität“, so fällt auf, dass in den statistische Aussagen5 nur auf die be- 1,75 Millionen (77%) männlich und etwa
letzten Jahren die Zahl der weiblichen kannt gewordenen Fälle (Hellfeld) bezie- 530.000 (23%) weiblich.12 Die absoluten
Tatverdächtigen deutlich angestiegen ist. hen können und den Bereich des „Dun- Zahlen männlicher wie weiblicher Tatver-
In der Gesamtschau ergibt sich nach wie kelfeldes“6 außer Acht lassen (müssen); dächtiger insgesamt sind im Beobach-
vor eine erheblich stärkere Tatbelastung erst an einer Gesamtheit wären letztend- tungszeitraum bis zum Kulminationspunkt
der Männer. Alarmierend ist jedoch die lich Theorien zu messen.7 Jedoch ist auch im Jahr 1998 gestiegen und stagnieren in
Tatverdächtigenbelastung bei weiblichen auf den unterschiedlichen Aussageinhalt Folge nahezu. Der Gesamtzuwachs auf der
Jugendlichen. Bemerkenswert sind in die- von Studien über selbstberichtete Delin- Basis des Jahres 1993 beträgt 2001 für
sem Zusammenhang auch die Zuwächse quenz einerseits und offizielle Strafverfol- männliche Angezeigte knapp 9 %, für
bei den Verurteilungsziffern von männ-
lichen und weiblichen Jugendlichen. Der
Überblick von Gabriele Schmölzer über AbbildungAbbildung
1: Tatverdächtige; 1993–2001;
1: Tatverdächtige; absolute
1993–2001; absolute Zahlen;
Zahlen; männlich,männlich,
weiblich. weiblich.
die Erklärungsversuche zur Frauenkrimi- 2 500 000
nalität zeigt, dass dieser kriminologische
Forschungszweig noch in den Kinder-
schuhen steckt. Die historische Entwick- 2 000 000
lung der Kriminalitätstheorien und die
Skizzierung der favorisierten Erklärungs-
ansätze verdeutlichen die zeitbedingten
Tatverdächtige/absolut

1 500 000
und oftmals vorurteilsbehafteten Versu-
che, das Phänomen „Frauenkriminalität“
erklären zu wollen. Die Frage nach Unter-
schieden zwischen der Kriminalität von 1 000 000

Männern und Frauen ist, wägt man die


Erklärungsversuche sorgfältig ab, bislang
noch weitgehend ungeklärt. Red. 500 000

Sind Frauen deutlich weniger


straffällig als Männer? 0
1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001
Jahre
„Wie das Statistische Bundesamt mitteilt,
männlich weiblich
spielen Frauen in der Kriminalität nur

58
weibliche über 20%; knapp 40 % des AbbildungAbbildung
2: Entwicklung derderTatverdächtigen;
2: Entwicklung Tatverdächtigen; 14 bis14 bis18unter
unter 18 Jahre;absolute
Jahre; 1993–2001; 1993–2001; absolute Zahlen;
Zahlen; männlich,
Anstiegs der Zahl aller Tatverdächtigen ist männlich,weiblich;
weiblich;
Index Index (1993 = 100)
(1993 = 100).

somit auf den Anstieg bei weiblichen Tat- 200


verdächtigen zurückzuführen.
Von den 14- bis unter 18-jährigen jugend-
lichen Tatverdächtigen (Abb. 2) – nun-

Tatverdächtige/14 bis unter 18 Jahre/absolut/Index


180

mehr etwa 13% aller Tatverdächtigen –


waren 2001 drei Viertel männlich und ein
160
Viertel weiblich; 1993 waren diese Ver-
hältniszahlen noch etwa vier Fünftel zu
ein Fünftel. Die Gesamtzuwachsrate bei 140
den männlichen jugendlichen Tatver-
dächtigen betrug knapp 40%, die der
weiblichen 70%. Dahinter bleiben die 120

ebenfalls ansteigenden Tatverdächtigen-


zahlen der 18- bis unter 21-jährigen (He- 100
ranwachsenden) mit etwa 15% Anstieg
bei den Männern bzw. knapp 40% bei
den Frauen zurück. In beiden Altersgrup- 80
1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001
pen geht ein Drittel des Gesamtzuwach- Jahre
ses der absoluten Zahlen „auf das Konto“ männlich weiblich
der Frauen.
Bei den Erwachsenen insgesamt, die etwa
70% aller Tatverdächtigen ausmachen,
stagniert – insbesondere im Eckdatenver- im Umfang dieser Darstellung nur ange- dass der Rückgang bei den Männern nicht
gleich – die Zahl der männlichen Tatver- führt werden, dass der durchschnittliche so stark ist wie in der Gruppe der Heran-
dächtigen beinahe, die der weiblichen Anteil weiblicher Tatverdächtiger im ge- wachsenden und dass bei den Frauen in
hat bis 1998 um ein knappes Zehntel zu- samten Beobachtungszeitraum nur bei der zweiten Hälfte der 90er-Jahre doch
genommen, ist aber ab diesem Zeitpunkt Diebstahl ohne erschwerende Umstände ein „Aufschwung“ zu verzeichnen war.
in der Grundtendenz eher rückläufig. Die (meist Ladendiebstahl) mit einem Frauen- Ihr Anteil an der Gesamtzahl erwachsener
Zahl der Tatverdächtigen im Alter von 21 anteil von etwa einem Drittel sowie bei nichtdeutscher Tatverdächtiger beträgt
bis unter 25 (Jungerwachsene) hat sich Betrug und Beleidigung mehr oder weni- daher mittlerweile ein Fünftel.
auf dem Niveau der Jahre 1993 bzw. 1994 ger deutlich überschritten wurde. Be- Betrachtet man die Verteilung weiblicher
eingependelt. Etwas anders sieht es bei trachtet man nur die Deliktsverteilung Tatverdächtiger, so zeigt sich, dass von
der Altersgruppe der 25- bis unter 40-Jäh- innerhalb der weiblichen Tatverdächti- den insgesamt knapp 530.000 weiblichen
rigen aus: Sowohl bei den Männern als gen, fällt insbesondere wieder Diebstahl Tatverdächtigen nach einem 1993 gege-
auch bei den Frauen zeigen die Zahlen ohne erschwerende Umstände mit Ab- benen Anteil von fast 28% 2001 nur mehr
seit Ende der 90er-Jahre eine deutlich stand am stärksten ins Gewicht; dieser An- etwa 22% nichtdeutsche waren. Wäh-
rückläufige Tendenz. Zuvor ist allerdings teil ist allerdings von knapp 50% auf rend die absoluten Zahlen deutscher
nur bei den Frauen ein deutlicher Anstieg unter 40% gesunken, während Betrug weiblicher Tatverdächtiger bis zum Kulmi-
von über einem Zehntel zu konstatieren, nunmehr bereits an die 20% ausmacht. nationspunkt 1998 einen Zuwachs von
sodass im Eckdatenvergleich einem Absin- Die absolute Gesamtzahl nichtdeutscher13 knapp einem Drittel erfahren haben und
ken der männlichen Tatverdächtigen von Tatverdächtiger, die mittlerweile nur seither etwa in diesem Bereich stagnie-
25 bis unter 40 im Ausmaß von über 6% mehr ein Viertel aller Tatverdächtigen ren, haben sich die der nichtdeutschen
(noch immer) ein Anstieg der weiblichen ausmacht, betrug im Jahr 2001 gut weiblichen Tatverdächtigen nahezu auf
von über 4% gegenübersteht. Die 40- bis 560.000; davon waren etwa 450.000 einem konstanten Niveau eingependelt.
unter 50-jährigen Tatverdächtigen – männlich und über 110.000 weiblich; das Bei den weiblichen Erwachsenen, die 70%
immerhin noch knapp ein Siebentel der entspricht grob einem Verhältnis von aller weiblichen Tatverdächtigen darstel-
männlichen wie weiblichen Tatverdächti- 80:20. Der Frauenanteil unter den nicht- len, sind seit Mitte der 90er-Jahre sowohl
gen insgesamt – haben von 1993 bis 2001 deutschen Tatverdächtigen liegt somit die absoluten Zahlen der deutschen wie
eine „geschlechtsneutrale“ Zunahme von etwas unter dem der deutschen Tatver- der nichtdeutschen Tatverdächtigen kon-
etwa 30% erfahren. Aus den höheren Al- dächtigen mit 24 %. Jedenfalls seit Ende tinuierlich leicht angestiegen; ein Zu-
tersgruppen (50 bis unter 60, 60 und der 90er-Jahre ist kontinuierlich eine fal- wachs von 10% wurde jedoch kaum über-
älter), deren Anteile an den Tatverdäch- lende Tendenz der absoluten Zahlen schritten. Eine steigende Tendenz zeigen
tigen insgesamt – bei den Männern nichtdeutscher Tatverdächtiger zu ver- zuletzt auch die Tatverdächtigen-Zahlen
deutlich – unter 10% liegen, ist nur zu er- zeichnen, wobei diese Entwicklung inner- der nichtdeutschen weiblichen Junger-
wähnen, dass bei den weiblichen Tatver- halb der Gruppe der Nichtdeutschen wachsenen.
dächtigen, die 60 und älter sind, der Frau- durch die männlichen Tatverdächtigen Zusammenfassend ist in Bezug auf nicht-
enanteil von über 40% im Jahr 1993 bis geprägt ist; die weiblichen stagnieren in deutsche Tatverdächtige festzustellen,
2001 kontinuierlich auf knapp ein Drittel diesem Zeitraum nahezu. dass der Frauenanteil in dieser Gruppe
gesunken ist. Innerhalb der Altersgruppe der nicht- mit 20% etwas unter dem der deutschen
Insgesamt ergibt sich somit für eine gut deutschen Jugendlichen war die Phase Tatverdächtigen (24%) liegt. Jedenfalls
10%ige Gesamtsteigerung der absoluten des Anstiegs der Tatverdächtigenzahlen seit Ende der 90er-Jahre ist kontinuierlich
Zahlen an Tatverdächtigen im Zeitraum in den 90er-Jahren stärker ausgeprägt als eine fallende Tendenz der absoluten Zah-
von 1993 bis 2001, dass der relative An- im Gesamtbild – insbesondere bei den len nichtdeutscher Tatverdächtiger zu
stieg bei den weiblichen Tatverdächtigen etwa 20% weiblichen nichtdeutschen 14- verzeichnen, wobei diese Entwicklung
mehr als doppelt so hoch war. Der Zu- bis unter 18-Jährigen mit bis zu ca. 15%. einerseits durch die männlichen nicht-
wachs entfällt zu knapp 40% auf Perso- Ein Rückgang ist aber seit einigen Jahren deutschen Tatverdächtigen geprägt ist,
nen weiblichen Geschlechts; diese sind auch in diesem Bereich zu verzeichnen. andererseits durch die weiblichen deut-
somit in absoluten Zahlen nicht überwie- Deutlich gesunken ist die Zahl der männ- schen Tatverdächtigen: Diese weisen bei
gend für das Ansteigen der Tatverdächti- lichen nichtdeutschen heranwachsenden den Jugendlichen und Heranwachsenden
gen-Zahlen „verantwortlich“, jedoch im Tatverdächtigen im gesamten Beobach- bemerkenswerte Steigerungsraten der
Verhältnis zu ihrem Anteil an der Gesamt- tungszeitraum, die der weiblichen hat absoluten Tatverdächtigenzahlen auf und
zahl der Tatverdächtigen (nunmehr 23%) eher stagniert. Dies gilt auch für die Jung- zeigen im quantitativ bedeutsamen Feld
deutlich überproportional. erwachsenen. der Erwachsenen ebenfalls einen – wenn
Was die Geschlechterverteilung in einzel- Auch bei den erwachsenen Nichtdeut- auch deutlich geringeren, aber kontinu-
nen Straftatenbereichen anlangt, kann schen zeigt sich ein ähnliches Bild, nur ierlichen – Zuwachs.

59
Tatverdächtigenbelastungszahlen als
weitere Indikatoren

Die von der Polizei registrierte Krimi-


nalitätsbelastung der Bevölkerung spie-
geln die Tatverdächtigenbelastungszah-
len (TVBZ) wider.14 Dies ist die Zahl der
Tatverdächtigen bezogen auf je 100.000
Einwohner der entsprechenden Bevölke-
rungsgruppe (ohne Kinder unter acht
Jahren). Da laut Polizeilicher Kriminal-
statistik (PKS) „reelle Tatverdächtigenbe-
lastungszahlen für die nichtdeutschen
Tatverdächtigen nicht errechnet werden
können“, weist diese ab dem Jahr 1995
nur mehr Tatverdächtigenbelastungszah-
len für Deutsche aus. Somit ändert sich für
die gegenständliche Betrachtung das Ba-
sisjahr.
Die Tatverdächtigenbelastungszahl in
Bezug auf deutsche Tatverdächtige insge-
samt15 lag 2001 knapp unter 2.500; auf
100.000 weibliche Einwohner entfielen
etwa 1.150, auf 100.000 männliche ca.
3.900 Tatverdächtige. Dies bedeutet, dass
die Kriminalitätsbelastung der deutschen
Männer im Bereich der Tatverdächtigen
annähernd dreieinhalb Mal so hoch ist
wie die der Frauen. Die im Beobachtungs-
zeitraum (1995–2001) relativ rasch um
fast 10 % (Männer) bzw. bis zu 15 %
(Frauen) angestiegenen Tatverdächtigen-
belastungszahlen haben sich auf diesem
Niveau eingependelt. Diese Entwicklung
ist dem Grunde nach auch für die Tatver-
dächtigenbelastungszahl der Jugend-
lichen festzustellen, allerdings mit dem
Unterschied, dass die Belastungszahl der
weiblichen Jugendlichen Ende der 90er-
Jahre um ein Viertel zugenommen hat
und nun auf einer Zuwachsrate von
einem Fünftel in Relation zum Basisjahr
stagniert. Das Geschlechterverhältnis der
Tatverdächtigenbelastungszahlen in die-
ser Altersgruppe liegt auch deutlich unter
1:3. Die Kriminalitätsbelastung der Ju-
gendlichen ist allerdings bei der männ-
lichen Gruppe mehr als drei Mal, bei der
weiblichen mehr als vier Mal so hoch wie
in den entsprechenden Geschlechtsgrup-
pen der Erwachsenen.
Bei den Heranwachsenden trifft eine so Ein von Frauen häufig begangenes Delikt ist Diebstahl ohne erschwerende Umstände.
starke Belastung nur auf die Männer zu; Das Bildung auch nicht vor Kriminalität schützt, zeigt der vermehrte Bücher-Klau in Uni-
die weiblichen Heranwachsenden sind Bibliotheken. Foto: dpa
„nur“ zweieinhalb Mal so stark belastet
wie die deutschen Frauen insgesamt. bei den Frauen nicht ganz kontinuierlich es nur bei den weiblichen Jugendlichen,
Auch bei den Heranwachsenden ist ein gestaltet hat, bei beiden Geschlechtern bei denen das Geschlechterverhältnis
Ansteigen der Tatverdächtigenbelas- bei etwa einem Drittel. Für die höheren deutlich unter 1:3 liegt. Bei den männ-
tungszahlen zu verzeichnen: kontinuier- Altersgruppen ist noch anzuführen, dass lichen wie weiblichen Jugendlichen sowie
lich und etwas stärker als bei den Jugend- auch bei den 50- bis über 60-jährigen bei den männlichen Heranwachsenden ist
lichen. Der Zuwachs beträgt bei den Männern die Belastungszahl etwa drei- die Tatverdächtigenbelastungszahl drei-
männlichen Heranwachsenden 15%, bei mal so hoch ist wie bei den Frauen. Die mal so hoch wie im geschlechtsspezi-
den weiblichen mehr als ein Viertel. Kriminalitätsbelastung dieser Altersgrup- fischen „Bevölkerungsdurchschnitt“; in
Um ein Fünftel unter den „Durchschnitts- pen liegt im Vergleich mit dem „Bevölke- den Altersgruppen ab 50 sinken sie bis
werten“ liegen die Tatverdächtigenbelas- rungsdurchschnitt“ weit darunter und er- unter 30% (Männer ab 60) ab. Die im Eck-
tungszahlen der Erwachsenen; das Ge- reicht bei den Männern ab 60 mit nicht datenvergleich (1995/2001) höchsten Zu-
schlechterverhältnis liegt aber auch in einmal mehr 30% ihren Tiefpunkt. Aller- wächse von einem Drittel weisen die
dieser Gruppe bei 1:3,5 und die Steige- dings steigen auch die Tatverdächtigen- männlichen wie weiblichen Jungerwach-
rung bewegt sich bei Männern wie belastungszahlen in diesen Bereichen – senen auf.
Frauen um die 5%. Ein ganz anderes Bild mit Ausnahme der über 60-Jährigen
zeigt sich in der Gruppe der Jungerwach- Frauen – um bis zu 20% bei den 50 bis Verurteilte nach Geschlecht,
senen: Ihre Kriminalitätsbelastung ist für unter 60-Jährigen Männern. Altersgruppen und Staats-
die einzelnen Geschlechter mehr oder we- In einer Gesamtschau ergibt sich für die zugehörigkeit
niger doppelt so hoch wie die der „Ge- Tatverdächtigenbelastung der Deutschen,
samtbevölkerung“. Männer sind viermal dass Männer insgesamt dreieinhalb Mal Die absolute Gesamtzahl der verurteil-
so stark belastet wie Frauen. 2001 lag der so stark belastet sind wie Frauen. Eine ten16 Personen – betrachtet unter dem
Zuwachs, der sich seit 1995 insbesondere deutliche Abweichung diesbezüglich gibt Aspekt der Geschlechter17 – betrug im

60
früheren deutschen Bundesgebiet ein- AbbildungAbbildung
3: Entwicklung derder
3: Entwicklung Verurteilten; 1994–2000;
Verurteilten; 1994–2000; absoluteabsolute
Zahlen; Zahlen;
männlich, weiblich; Index (1994 = 100)
schließlich Berlin-Ost18 im Jahre 2000 etwa männlich, weiblich; Index (1994 = 100)
730.000; davon waren über 600.000 (83%) 110

männlich und knapp 125.000 (17%) weib-


lich. Die absoluten Zahlen verurteilter
105
Männer sind insbesondere seit Ende der
90er-Jahre um knapp 10% gesunken, die
der Frauen ist bis Ende der 90er-Jahre um 100

Verurteilte/absolut/Index
knapp 10% gestiegen; zuletzt ist ein leich-
ter Rückgang zu verzeichnen (Abb. 3).
Der Anteil der verurteilten Jugendlichen 95

an der Gesamtzahl aller Verurteilten


macht mittlerweile knapp 7% aus; seit 90
1994 hat er um die Hälfte zugenommen.
Der Anteil der weiblichen Jugendlichen
an der Gesamtzahl der verurteilten Ju- 85

gendlichen ist von 1994 bis 2000 von 11%


auf 14% gestiegen. Die Gesamtzuwachs-
80
rate an Verurteilten beträgt bei den 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000
männlichen Jugendlichen knapp 40%, bei Jahre

den weiblichen über 80%. Dahinter bleibt männlich weiblich

der – ebenfalls nahezu kontinuierliche –


Anstieg der absoluten Zahlen verurteilter
Heranwachsender zurück: im Eckdaten- Verurteiltenzahlen im Zeitraum von 1994 Die absolute Gesamtzahl ausländischer19
vergleich plus 6% bei Männern, plus ein bis 2000 nur bei den ab 60-Jährigen (aller- Verurteilter, die ein Viertel aller Verurteil-
Drittel bei Frauen. Trotzdem gehen bei dings nur 4% aller Verurteilten) zu ver- ten ausmacht, betrug im Jahr 2000 gut
den Heranwachsenden 40% des Verurteil- zeichnen sind: eine stetige Zunahme mit 180.000. Davon waren 155.000 männlich
tenzuwachses „auf das Konto“ der einer Gesamtsteigerung bei den Männern und mehr als 25.000 weiblich. Dies ent-
Frauen, bei den Jugendlichen nur gut von fast einem Drittel, bei den Frauen von spricht einem Frauenanteil von über 14%,
20%. einem Zehntel. Insgesamt gilt für die der damit unter dem der deutschen Ver-
Bei den Erwachsenen insgesamt, die über Gruppe der Verurteilten ab 40, dass der urteilten mit fast 18% liegt. Während die
80% der Verurteilten ausmachen, ist die Frauenanteil um die 20% beträgt. absolute Zahl verurteilter Ausländer im
Zahl der Verurteilungen im Beobach- Im Bereich der absoluten Verurteiltenzah- Beobachtungszeitraum von 199520 bis
tungszeitraum um ca. 10% gesunken. len ist mittlerweile ein Geschlechterver- 2000 um mehr als 15% gesunken ist, sind
Dies entspricht in etwa der Entwicklung hältnis von 83% Männern und 17% die Zahlen bei den Ausländerinnen seit
bei den Männern, die weiblichen Verur- Frauen festzustellen. Auch wenn ein un- Ende der 90er-Jahre in etwa diesem Aus-
teilten sind annähernd konstant geblie- mittelbarer Vergleich auf Grund zeitlich maß gestiegen.
ben. Der Frauenanteil bei den erwachse- und räumlich unterschiedlicher Bezugs- Von den insgesamt knapp 125.000 weib-
nen Verurteilten beträgt gut 17%. Die größen gleich mehrfach hinkt, sei an die- lichen Verurteilten im Jahr 2000 waren
Zahlen der männlichen Jungerwachsenen ser Stelle vermerkt, dass diese Frauen- 21% Ausländerinnen. In der zweiten
sowie der 25- bis unter 40-Jährigen unter quote bei den Verurteilten unter der bei Hälfte der 90er haben die absoluten Zah-
den Verurteilten haben kontinuierlich ab- den Tatverdächtigen (23%) liegt. Der len der deutschen bzw. ausländischen
genommen und betragen für erstere fast weibliche Verurteiltenanteil beträgt bei weiblichen Verurteilten um 10% bzw.
nur drei Viertel des Jahres 1994, die der Jugendlichen, Heranwachsenden und 15% zugenommen; im Jahr 2000 sind sie
weiblichen sind nahezu konstant geblie- Jungerwachsenen jedoch – zum Teil deut- erstmals wieder gesunken.
ben. Bei den 40- bis unter 50-jährigen Ver- lich – weniger als 17%, bei den ab 40-jäh- Die Verurteiltenziffer (VZ), welche die ab-
urteilten – knapp ein Siebentel der Ge- rigen Verurteilten jedenfalls 20%. Wie- soluten Zahlen an Verurteilungen auf je
samtzahl – hat die Zahl der Männer bis derum nicht als Vergleich, sondern als 100.000 Einwohner der entsprechenden
Ende der 90er-Jahre um über 10% zuge- Gegenüberstellung von Größenordnun- Personengruppe bezieht, lag im Jahr 2000
nommen, sinkt zuletzt aber wieder; die gen ist anzufügen, dass die Verurteilten bei den weiblichen deutschen Verurteil-
Zahl der weiblichen Verurteilten ist insge- insgesamt ein Drittel der strafmündigen ten insgesamt bei 360; bei den männ-
samt um mehr als 15% gestiegen. Zu den Tatverdächtigen ausmachen, bei den lichen bei etwa 1.800. Das bedeutet, dass
höheren Altersgruppen ist nur anzufüh- Jugendlichen allerdings nur etwa ein die Belastung der deutschen Männer
ren, dass wesentliche Veränderungen der Sechstel. durch männliche Verurteilte fünf Mal so
hoch ist wie die der Frauen; für die Tat-
verdächtigen war – nur zur Gegenüber-
Abbildung 4: Entwicklung
Abbildung 4: Entwicklung der Verurteiltenziffer; 1994–2000;
der Verurteiltenziffer; 1994–2000;Männer, Frauen; Index
Männer, (1994 =Index
Frauen; 100) (1994 = 100) stellung von Größenordnungen – das Ge-
110 schlechterverhältnis nur 1:3,5. Während
die Verurteiltenziffer im Zeitraum von
108
1994 bis 2000 vorerst für beide Geschlech-
106
ter gleichmäßig leicht angestiegen ist, hat
die Verurteiltenziffer der Frauen Ende der
104 90er ihren „einsamen“ Höhepunkt bei
einer Steigerung von 8% im Vergleich zu
Verurteiltenziffer/Index

102
1994 gefunden; (gegen) 2000 sinken
100 beide Werte wieder, wenn auch unter-
schiedlich intensiv (Abb. 4).
98 Eklatant sind die stetigen Zuwächse bei
96
den Verurteiltenziffern der Jugendlichen
(Abb. 5). Im Vergleich von 1994 und 2000
94 ein Plus von 35% bei den männlichen und
ein Plus von 70% bei den weiblichen;
92
die Belastung hingegen der männlichen
90
deutschenJugendlichen ist 2000 trotzdem
1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 noch fünfeinhalb Mal so hoch wie die der
Jahre
weiblichen. Demgegenüber muten die
Männer Frauen
Steigerungen bei den Heranwachsenden

61
Abbildung 5:Abbildung
Entwicklung der Verurteiltenziffer;
5: Entwicklung 14unter
der Verurteiltenziffer; 14 bis bis 18jährige;
unter 18-Jährige;
1994–2000; 1994–2000; nalitätsforschung verbreitern. Der Aspekt,
Männer, Frauen; Index (1994 = 100)
Männer, Frauen; Index (1994 = 100) unter dem man Lombroso jedoch am häu-
180 figsten zitieren müsste, taucht in der Se-
kundärliteratur weitaus seltener auf: als
170
„Vordenker“ einer Art „Emanzipations-
these“: „Ein Umstand, der immer häufiger
Verurteiltenziffer/14 bis unter 18jährige/Index

160
viele sittlich normale Frauen zu Verbreche-
150 rinnen macht, ist in nur allzuhohem Masse
die höhere Bildung, welche die Gesell-
140 schaft den Frauen zu erwerben gestattet,
ohne ihnen jedoch, in bizarrem Wider-
130
spruch, nachher zu gestatten, dieselbe in
120
freien Berufen oder Aemtern anzuwen-
den.“29 Betrachtet man allerdings den
110 zweiten Teil dieser Aussage – die Unmög-
lichkeit der Umsetzung erworbener Fer-
100 tigkeiten im Berufsleben als kriminalitäts-
förderndes Element für Frauen, so kann
90
1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000
man darin allerdings die Umkehrung
Jahre der von Simon30 etwas abgewandelten
Männer Frauen Adlerschen Emanzipationsthese sehen,
die in der verstärkten Berufstätigkeit der
Frau ein erweitertes Kriminalitätspoten-
„bescheiden“ an: gut ein Achtel bei den Diese Vorgangsweise erfasst für den je- zial sah. So hat wohl jede Zeit, in der die
Männern, ein Drittel bei den Frauen; das weiligen Themenbereich innerhalb eines Emanzipation der Frau ein Thema war, ihre
Geschlechterverhältnis liegt 2000 über 1:6. bestimmten Zeitrahmens einzelne Theo- eigene, darauf beruhende These zur Ver-
Analysen dieser statistischen Darlegun- riekonzepte. Daraus geht hervor, wann änderung der weiblichen Kriminalität ent-
gen können und sollen an dieser Stelle und von wem welcher wie geprägte Er- wickelt.31
nicht getroffen werden. Die nachfolgen- klärungsversuch zur weiblichen Krimina- Aber auch die „Prostitutionsthese“, die in
den Theorien sind aber jedenfalls – gleich- lität vertreten wurde. Verloren geht der weiblichen Prostitution ein Äquivalent
gültig, wie man sie bewertet – weitere dabei jedoch die Möglichkeit des Aufzei- der Frau für bestimmte (An-)Teile männ-
Bausteine auf dem Weg zu einem Ge- gens einer Entwicklungslinie sowie der licher Kriminalität sah und somit eigent-
samtbild. Aufarbeitung der Zeitpunkte, in denen es lich eine „Gleichverteilungs-Aussage“ be-
zu einem Paradigmenwechsel kommt: inhaltete, wurde von Lombroso vertreten.
Ausgewählte Erklärungsversuche Wann und unter welchen Umständen Um die Jahrhundertwende waren bereits
zur Frauenkriminalität haben etwa psychologische Aspekte die Ansätze soziologischer Erklärungsmuster
biologischen Konzepte ergänzt bzw. er- zu den Erscheinungsformen weiblicher
In Relation zu den im Allgemeinen ent- weitert? Seit wann wird über das „Wesen Kriminalität zu verzeichnen. Bemerkens-
wickelten Kriminalitätstheorien suchte der Frau“ hinaus ihre soziale Stellung wert sind z.B. die im speziellen Bereich
man das kriminelle Verhalten eines der in die Überlegungen miteinbezogen? der Frauenkriminalität weitgehend unbe-
beiden Geschlechter, das der Frau21, je- Grundsätzlich gilt es jedoch, solche und kannt gebliebenen Arbeiten von Herz32,
denfalls in den letzten 100 Jahren einer ähnliche Fragen aufzuwerfen. Im Rahmen der von Pilgram als „vergessener Klassiker
speziellen Betrachtung zu unterziehen, der folgenden (Kurz-)Darstellung ist dies der alten Kriminalsoziologie“x33 bezeich-
weil es von dem des Mannes in Umfang aber nur im Ansatz möglich. net wurde. Er führte die Differenz in der
und Art abwich bzw. abzuweichen schien. männlichen und weiblichen Kriminalität
Allerdings warnte schon Sonderegger22 Die „Geschichte“ der Erklärungs- auf soziale Umstände zurück. Dies ist
davor, die Geschlechter in ihrer Verschie- versuche zur Frauenkriminalität umso mehr deshalb hervorzuheben, weil
denheit wechselseitig als Maßstäbe an- diese Zeit – wie noch viele weitere Jahr-
zunehmen; sie seien „inkommensurable Die „Geschichte“ der Erklärungsversuche zehnte – von zahllosen „Zuschreibungen“
Größen“. zur Frauenkriminalität beginnt meist mit zum so genannten „Wesen der Frau“ –
Man wandte sich den differierenden den Vertretern der kriminalanthroplogi- einem bio-psychologischen Gemisch, zwi-
Quantitäten und/oder den unterschied- schen Schule, Lombroso und Ferrero26; schen Madonna und Hure schwankend34 –
lichen Qualitäten23 krimineller Aktivitä- hier soll sie weit früher ansetzen, dafür „durchseucht“ war.
ten zu und stellte sich die Frage, warum aber umso „moderner“ anmuten: Eine frühe „Ausnahmeerscheinung“ stell-
das Verhalten der Frau anders war als „In der That, die Gesetze sind in Rücksicht ten in mehrfacher Hinsicht die Erklä-
das des Mannes. Allerdings gebietet es der Weiber fast noch inconsequenter als rungsansätze von Pollak dar: Er ging vom
bereits die Logik, darauf hinzuweisen, eine thörichte Liebe! So sehr sie auf Einer „masked character of female crime“35 aus,
dass die Fragestellung ebenso gut um- Seite die bürgerlichen Rechte der Weiber der daraus resultierte, dass Frauen ihre
gekehrt hätte lauten können: Warum ist (…) beschränken, weil sie dieselben für Taten besser verschleiern könnten, dass es
die Kriminalität der Männer anders als schwach und unvermögend, ihr eigenes oftmals Delikte seien, die den Strafverfol-
die der Frau? Eine plausible Erklärung Beste wahrzunehmen, erklären; (…): so gungsbehörden gar nicht zur Kenntnis
für den erstgewählten Weg, die be- schnell hört doch diese Schwäche auf gebracht würden, und dass alle Institutio-
wusst simpel und nicht polemisierend ist, Schwäche zu seyn, so bald von Verbre- nen im Falle eines Strafverfahrens Frauen
könnte darin liegen, dass ab dem Zeit- chen und Strafen die Rede ist; beide Ge- milder behandelten als Männer („Ritter-
punkt der Geschlechterdifferenzierung in schlechter werden mit einem und demsel- lichkeitsthese“, „Kavalierstheorie“, „The-
den Kriminalstatistiken die dort aufschei- ben Masse gemessen.“27 orie der selektiven Sanktionierung“). Dies
nende Kriminalität der Frau als in einem Gerade die angesprochene zivilrechtliche wirke sich insgesamt so aus, dass krimi-
solchen Maße geringer als die des Man- Differenzierung zwischen Mann und Frau, nelle Aktivitäten zwischen Männern und
nes „erkannt“ wurde, dass es sich „auf- die man in der „somatischen und psy- Frauen gleich verteilt seien; die Unterre-
drängte“, diese „Erkenntnis“ zu hinter- chischen Organisation“ begründet und präsentierung des weiblichen Geschlechts
fragen.24 gerechtfertigt sah, gab Anlass, eine eben- entspreche nicht den Tatsachen („Gleich-
Oftmals wird eine Gliederung der Erklä- solche auch in „criminalrechtlicher Bezie- verteilungsthese“). Auch wenn die Theo-
rungsversuche nach biologischen und hung“ zu fordern, ansonsten herrsche „In- rien Pollaks vielfach auf Widerspruch und
psychologischen (zusammen auch als tra- consequenz und Ungerechtigkeit“.28 So Ablehnung stießen, so hat er gerade des-
ditionell bezeichneten) und soziologi- konnten sich – durch den Aufschwung der halb die Diskussion um die Kriminalität
schen (soziostrukturellen oder rollenthe- Medizin bedingt – anthropologische Be- der Frau für die nächsten Jahrzehnte bis
oretischen) Ansätzen vorgenommen.25 trachtungen bis in den Bereich der Krimi- hin zur Gegenwart mitbestimmt.

62
Die Auseinandersetzung wird Hält man sich vor Augen, dass psychologi- konkreten Kontext dieses Deliktsmerkma-
intensiver und kontroverser sche46 wie auch manche sozialwissen- les die Tendenz bestünde, Männer milder
schaftliche Erklärungsversuche eigentlich zu bestrafen. Nach einer neueren Unter-
Die Auseinandersetzung mit dem Thema auf einen biologischen Ursprung zurück- suchung erklärt sich das durchschnittlich
„Kriminalität der Frau“ – aus welchem zuführen sind,47 so ist der Aspekt der Bio- geringere Strafmaß bei weiblichen Verur-
Blickwinkel und in Bezug auf welches De- logie kein grundweg gänzlich abzuleh- teilten im Bereich der Tötungsdelikte je-
tailproblem auch immer – wurde Mitte nender. doch „allein aus der Besonderheit der von
der 70er-Jahre durch Monografien wie Anders war die Auffassung in der feminis- ihnen begangenen Taten.“ Soweit Män-
die von Adler36, Simon37 und Smart38 in ein tischen Diskussion48 schon in den 70er Jah- ner „in vergleichbaren Situationen han-
breiteres Licht der (wissenschaftlichen) ren, als man zwischen „sex“ als „nicht deln, lassen sich auch für sie vergleichbar
Öffentlichkeit gerückt. Deshalb beginnen weiter interessierender, biologisch be- geringe Strafen nachweisen.“66 Zu einem
Legenden von Auseinandersetzungen mit gründeter Geschlechtszugehörigkeit“ ähnlichen Ergebnis kam bereits Steffen67,
der weiblichen Kriminalität mit umfang- und „gender“ – einer „kulturell festge- die in ihrer sorgfältigen Auseinanderset-
reichen Darstellungen dieser Ansätze. schriebenen Geschlechtsbinarität“ zu zung mit diesem Themenkomplex allge-
Aus diesem „Zündstoff“ resultieren in der unterscheiden begann.49 Aber selbst aus mein darauf hingewiesen hat, dass fest-
Zwischenzeit zahlreiche Forschungen und der Sicht der „Erfinder“ dieser Differen- gestellte Unterschiede eher als delikts-
Publikationen, die ich weder quantifizie- zierung wird eine solche Einteilung heute denn als geschlechtsspezifisch anzusehen
ren noch deren Anteil an weiblichen Au- als nicht mehr haltbar verworfen50 oder seien.68
toren bzw. männlichen Lesern ich eruie- zumindest ihr Resultat als unbefriedi- Die Frage nach Unterschieden zwischen
ren will. Diese Entwicklung bedingte gend51 angesehen. Die Begründung liegt der Kriminalität von Männern und der
jedenfalls, dass die noch vor 30 Jahren ge- in der Ablehnung der gerade vertretenen von Frauen ist bislang weitgehend unge-
troffenen Einschätzungen, dass man über biologischen Prämisse, die selbst bereits klärt. Es lässt sich „keine neuartige, etwa
Frauenkriminalität nicht mehr wisse als als „sexistisch definiert“ angesehen der Gewalt zuneigende weibliche Krimi-
(weitere) 30 oder mehr Jahre zuvor,39 ver- wird;52 denn die Sex/Gender-Unterschei- nalität finden. Verstärkte Forschungsbe-
stummten. dung „unterstellt das Vorhandensein der mühungen erscheinen gleichwohl ange-
Vermeint man, biologische Erklärungsver- Geschlechter als natürlich-biologisches zeigt.“69 Dem ist nur beizupflichten; auch
suche als keineswegs mehr aktuell für As- Faktum und lässt außer acht, die Zweige- wenn – nach einer Verurteiltenprognose
pekte der Frauenkriminalität abtun zu schlechtlichkeit selbst als Produkt von für Nordrhein Westfalen – bis zum Jahr
können, so irrt man:40 So schildert Gre- Zuschreibungsprozessen zu erkennen.“53 2015 „Kriminalität mehr noch als bisher
gory41 zwei Strafrechtsfälle aus dem Jahr Wie die Erfahrungstatsache einer biologi- eine Männerangelegenheit ‚wird’“.l
1981 aus Großbritannien, in denen ver- schen Geschlechterdifferenzierung hin-
minderte Zurechnungsfähigkeit der Täte- weggeleugnet werden soll, erscheint mir Anmerkungen
rinnen angenommen wurde, weil sie sich jedoch nicht nachvollziehbar. Mehr noch: 1
Dem entsprechen auch die Zahlen des Jahres 2000;
nach dem Gutachten von medizinischen „Dass den Frauen damit ein Bärendienst vgl. Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung vom
26. November 2001, http://www.destatis.de/presse/
Sachverständigen zum Tatzeitpunkt unter erwiesen wird, ist deutlich genug: Kon- deutsch/pm2001/p4250101.htm
Einfluss des „prämenstruellen Syndroms“ fliktbewältigung durch Realitätsverleug- 2
In den Strafanstalten befinden sich ganz überwie-
befunden hatten! Allerdings wurde auch nung hat sich auf die Dauer noch immer gend Männer; am 31.3.2002 wurden 58.000 Männer
und 2.700 Frauen (5%; Anm. der Verf.: Das sind jedoch
die Meinung einer umgekehrten Kausa- als dysfunktionell erwiesen. (…) Wenn wir auch nur 4%.) gezählt.“ (Strafgefangene 2002: Zahl
lität vertreten:42 Oft löse erst die emotio- unsere Biologie verleugnen, so wird sie gegenüber Vorjahren kaum verändert, in Statistisches
Bundesamt, Pressemitteilung vom 28. Januar 2003,
nale Belastung durch die Straftat die unser Schicksal bleiben. Wenn wir sie er- http://www.destatis.de/presse/deutsch/pm2003/p0360
Menstruation aus. forschen, ernstnehmen und reflektieren, 101.htm)
3
Gegen die Ablehnung biologisch-anthro- so haben wir durchaus die Chance, uns Statistisches Bundesamt, Mitteilung für die Presse
vom 6. März 2001, http://www.destatis.de/presse/
pologischer Gründe zur Erklärung der von ihr zu emanzipieren.“54 deutsch/pm2001/zdw10.htm
4
Frauenkriminalität spricht sich z.B. auch Vgl. z.B. Henschel/Klein (Hrsg.): Hexenjagd (1998).
5
Hellfeldkriminalität als „nicht repräsentativer Aus-
Sagel-Grande43 aus, die den Schluss zieht, Gibt es eine geschlechtsdifferenzierte schnitt der ‚Kriminalitätswirklichkeit’“ (Heinz: Frauen-
dass das Maß des kriminogenen Einflusses Strafverfolgung? kriminalität, BewHi 2002, S. 132)
6
Vgl. z.B. Oberlies: Geschlechtsspezifische Krimina-
biologischer Faktoren von der Intensität lität und Kriminalisierung, KZfSS 1990, S. 136ff; Heinz:
hemmender Faktoren im sozialen Bereich Die „klassische“ deutschsprachige Litera- Frauenkriminalität, BewHi 2002, S. 149ff; Schwind: Kri-
abhinge. Eine Betrachtungsweise, die von tur zur Frauenkriminalität55 präg(t)en minologie, 12. Aufl (2002), § 3 Rdn 42 mwN sowie Geiß-
ler/Marißen: Junge Frauen und Männer vor Gericht,
ihrer Grundstruktur aus zwei Aspekten unter anderem Namen wie Einsele56, die – KZfSS 1988, S. 511ff mwN.
7
nicht ganz von der Hand zu weisen ist: jedenfalls für eine Gruppierung von Täte- Kerschke-Risch: Gelegenheit macht Diebe (1993)
S. 15; i.d.S. auch Heinz: Frauenkriminalität, BewHi 2002,
Einerseits ist es ein multifaktorieller An- rinnen – „soziale Schwäche“ ortete, oder S. 151
satz, der ähnlich dem Göppingerschen etwa Leder57 mit seiner „These der ten- 8
Vgl. z.B. Hess/Scheerer: Was ist Kriminalität?, KrimJ
„Täter in seinen sozialen Bezügen“44 auf- denziellen Gleichverteilung zwischen 1997, S. 130ff.
9
Vgl. z.B. auch Oberlies: Geschlechtsspezifische Kri-
gebaut ist, also die Täterpersönlichkeit, Männer- und Frauenkriminalität“, die er minalität, KZfSS 1990, S. 131
10
die unter anderem auch durch biologi- unter dem Druck der vielfachen Kritik zu- Dieser Zeitraum ergibt sich daraus, dass Daten für
das gesamte Bundesgebiet erst ab 1993 – und das nur
sche Merkmale geprägt ist, in eine Inter- letzt in eine – ebenso wenig haltbare -58 in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) – verfügbar
aktionsrelation mit seiner Umwelt stellt. „tendenzielle Annäherung an die Gleich- sind. Zahlen für 2002 standen noch nicht zur Verfü-
gung, Verurteiltenzahlen fehlten auch für 2001
Andererseits könnten es wohl bei Män- verteilung“ abgeschwächt hat.59 Bereits 11
Heinz: Frauenkriminalität, BewHi 2002, S. 136ff; vgl.
nern wie bei Frauen gewisse, dem biolo- im Jahr 1980 stellte Brökling60 für die ge- ders.: Kinder- und Jugendkriminalität, ZStW (114)
gischen Bereich zurechenbare Facetten ringere Delinquenzbelastung der Frau die 2002, S. 549ff sowie Traulsen: Werden die Täter immer
jünger?, MschrKrim 1997, S. 430ff.
sein, die letztendlich in Konnex mit ihrer „Theorie der doppelten Unterdrückung“ 12
Im Beobachtungszeitraum von 1993 bis 2001 lag der
Kriminalität stehen. So stellt etwa Felson45 (durch kapitalistische Systeme und patri- Anteil der weiblichen Tatverdächtigen in den neuen
Bundesländern unter dem der alten Bundesländer ein-
fest, „physical differences between men archale61 Strukturen) auf,62 die sich auch schließlich Gesamtberlin, steigerte sich aber von knapp
and women are an important factor in in späteren Arbeiten von Gipser63 findet. 19% auf über 22%
13
explaining sex differences in violence”. Er Seit geraumer Zeit wird unter anderem Dazu zählen nach der Polizeilichen Kriminalstatistik
(PKS) Personen ausländischer bzw. ungeklärter Staats-
weist jedoch darauf hin, dass diese Unter- immer wieder auf die auch strafrechtlich angehörigkeit sowie Staatenlose. Hinzuweisen ist dar-
schiede in der körperlichen Stärke „stron- Ungleichheit produzierenden legislativen auf, dass sich die nichtdeutschen Bevölkerungsgrup-
pen von der deutschen Wohnbevölkerung strukturell
gly“ vom Geschlecht beeinflusst seien, Instanzen und/oder auf geschlechtsdiffe- unterscheiden, was bei Vergleichsaussagen zu berück-
verabsolutiert also nicht. renzierte Strafverfolgung sowie Sanktio- sichtigen ist. Die Zahlen des Jahres 1993 erscheinen
All dies ist dann vertretbar, wenn „Biolo- nierung durch die Sicherheitsbehörden, überwiegend unsymptomatisch, sodass auf eine kon-
krete Bezugnahme verzichtet wird
gie“ nicht so verstanden wird, wie es all Staatsanwaltschaften und Gerichte hin- 14
Das ist die Zahl der Tatverdächtigen bezogen auf je
die vorurteilsbehafteten Erklärungsversu- gewiesen („Ritterlichkeitstheorie“, „Frau- 100 000 Einwohner der entsprechenden Bevölkerungs-
gruppe (ohne Kinder unter acht Jahren)
che zur „Frauenkriminalität“ unter dem enbonus“)64, oder es wird diese These 15
Ohne Kinder unter acht Jahren
Schlagwort der „Natur der Frau“ getan widerlegt: So kam etwa Junger65 auf 16
Verurteilte sind Straffällige, über die nach allgemei-
nem Strafrecht eine Freiheitsstrafe, Strafarrest und/
haben, sowie unter der unabdingbaren Grund ihrer Analyse des Mordmerkmales oder Geldstrafe oder nach Jugendstrafrecht eine Ju-
Prämisse eines Mehrfaktorenansatzes. „Heimtücke“ zu dem Ergebnis, dass im gendstrafe und/oder Maßnahmen verhängt wurden

63
17
Soweit in Kombination mit Geschlecht und Staats- gischer Ansätze in neuester Zeit“; vgl. Hohlfeld: Mo- 58
Vgl. z.B. Geißler/Marißen: Junge Frauen und Män-
angehörigkeit mit den vorliegenden Daten möglich derne Kriminalbiologie (2002) ner vor Gericht, KZfSS 1988, S. 510ff; Kaiser: Interna-
18 41
Einheitliche Verurteiltendaten liegen für 1994 bis 2000 Gregory: Sex, class and crime. In Matthews/Young tionale Tendenzen der Jugendkriminalität und des Ju-
– und das nur für das frühere Bundesgebiet einschließlich (Hrsg.): Confronting Crime (1986), S. 67, S. 71 gendkriminalrechts, DRiZ 2001, S. 469
42
Berlin-Ost – vor. Daraus ergibt sich ein – zeitlich und räum- Merz: Geschlechterunterschiede und ihre Entwick- 59
Vgl. die Gesamtkritik von Ludwig-Mayerhofer,
lich – eingeschränkter Beobachtungsradius lung (1979), S. 122f. Buchbesprechung: Leder, Frauen- und Mädchenkrimi-
19 43
Einschließlich Staatenloser sowie Verurteilter aus Sagel-Grande: Zur Erklärung der Frauenkrimina- nalität, 3. Aufl., MschrKrim 1999, S. 144f.
den Stationierungsstreitkräften lität, ZStW (100) 1988, S. 996ff. 60
Brökling: Frauenkriminalität (1980)
20 44
Entsprechende Zahlen für 1994 sind nur für das frü- Göppinger: Der Täter in seinen sozialen Bezügen 61
Löschper/Smaus (Hrsg.): Das Patriarchat und die Kri-
here Bundesgebiet ohne Berlin-Ost verfügbar (1983); vgl. dazu Grützediek: Intensivtäterinnen beim minologie, KrimJ 7. Beiheft 1999
21 Diebstahl (2001) 62
Vgl. z.B. Mischau: Frauenforschung und feministische Vgl. dazu z.B. Lamott: Konstruktionen von Weib-
45
Ansätze in der Kriminologie (1997); dies.: Frauenfor- Felson: Big People hit Little People, Criminology (34) lichkeit und die „male stream“ Kriminologie, Neue
schung und feministische Wissenschaftskritik in der Kri- 1996, S. 433, S. 446f, S. 449 Kriminalpolitik 1995, S. 31f; Smaus: Das Strafrecht
46
minologie. In: Löschper/Smaus (Hrsg.): Das Patriarchat Vgl. etwa Blankenburg: Haben Frauen ein anderes und die Frauenkriminalität, KrimJ 1990, S. 266; van
und die Kriminologie, KrimJ 7. Beiheft 1999, S. 141ff. Rechtsbewusstsein als Männer? In: Gerhard/Limbach Swaaningen: Feminismus und Abolitionismus, KrimJ
22 (Hrsg.): Rechtsallltag von Frauen (1988), S. 154
Sonderegger: Die strafrechtliche Behandlung der 1989, S. 164
47
Frau (1924), S. 73 Vgl. sogar Dürkop: Theorien über weibliche Krimi- 63
Vgl. aus dem Gesamtwerk z.B. Gipser: Devianz als
23 nalität aus feministischer Sicht. In: Gerhard/Limbach
Zum Ansatz Schmölzer: Aktuelle Diskussionen zum Problemlösung, KrimJ 1978, S. 305ff; dies.: Frauenkri-
Thema „Frauenkriminalität“, MschrKrim 1995, S. 226 f. (Hrsg.): Rechtsalltag von Frauen, S. 188f: „Die Wahr- minalität und Feminismus, KrimSozBibl 1979, S. 183ff;
24 scheinlichkeit ist groß, daß biologische Faktoren sich
Vgl. Neumann: Spezifische männliche Kriminalität? dies.: Kriminalität der Frauen und Mädchen. In: Schnei-
In: Haesler (Hrsg.): Weibliche und männliche Krimina- auf soziales Verhalten und soziale Faktoren sich auf der (Hrsg.): Kriminalität und abweichendes Verhalten,
lität (1982), S. 132 Körperfunktionen auswirken“ Band 1 (1983), S. 427ff; Gipser/Stein-Hilbers (Hrsg.):
25 48
Siehe z.B. Schwind: Kriminologie, 12. Aufl., § 3 Rdn Vgl. Bertrand: Eine Gegenüberstellung postmoder- Wenn Frauen aus der Rolle fallen, 2. Aufl. (1987)
44 ff mwN. ner und radikaler feministischer Theorien und Strate- 64
Z.B. Stein-Hilbers: Zur Frage der geschlechtsspezi-
26 gien, KrimJ 1995, S. 276ff sowie Kunz: Kriminologie,
Lombroso/Ferrero: Das Weib als Verbrecherin und fisch unterschiedlichen Strafverfolgung, KrimJ 1978,
Prostituirte (1894) 3. Aufl. (2001) § 9 Rn 39ff. S. 281ff; vgl. Geißler/Marißen: Junge Frauen und Män-
27 49
Von Hippel: Über die bürgerliche Verbesserung der Gransee: Ein Problemaufriss zur Kategorie „Ge- ner vor Gericht, KZfSS 1988, S. 505ff und die anschlie-
Weiber (1792), S. 68f. schlecht“, KrimJ 1997, S. 7. Vgl. Kappel: Der Herstel- ßenden Diskussionen in der KZfSS 1990 bis 1992 mit
28 lungsmodus von Geschlecht und der ihm hartnäckig
Friedreich: System der gerichtlichen Psychologie, Oberlies und Ludwig-Mayerhofer/Rzepka
3. Aufl. (1852), S. 202f. anhaftende Schein der Natürlichkeit. In: Althoff/Kap- 65
Junger: Geschlechtsspezifische Rechtsprechung
29 pel (Hrsg.): Geschlechterverhältnis, KrimJ 1995, 5. Bei-
Lombroso/Ferrero: Das Weib als Verbrecherin und beim Mordmerkmal Heimtücke, STREIT 1984, S. 35
Prostituirte (1894), S. 458 heft, S. 62ff. 66
Oberlies: Tötungsdelikte zwischen Männern und
30 50
Simon: Women and Crime (1975) Stammermann: „Weiblichkeit“ und die Macht kul- Frauen, MschrKrim 1997, S. 146; vgl. Burgheim: Be-
31 tureller Deutungsmuster, KrimJ 1997, S. 214
Vgl. z.B. Geißler/Marißen: Junge Frauen und Män- sonderheiten weiblicher Tötungsverbrechen, Mschr
51
ner vor Gericht, KZfSS 1988, S. 524, die vermeinen, dass Gransee: Problemaufriss, KrimJ 1997, S. 7 Krim 1994, S. 236 sowie Nothafft: Himmel und Erde – Frau-
52
(lediglich) „die Feinmechanismen des Zusammenhangs Smaus: Feministische Erkenntnistheorie. In. Althoff/ en in Gewaltverhältnissen, MschrKrim 1999, S. 111ff.
von steigender Frauenkriminalität und ‚Frauenemanzi- Kappel (Hrsg.): Geschlechterverhältnis, KrimJ 1995, S. 5. 67
Steffen: Reaktionen von Polizei und Justiz auf
pation’ bisher nicht geklärt sind“ Beiheft, 24 Frauen In: Gipser/Stein-Hilbers: Wenn Frauen aus der
32 53
Herz: Die Kriminalität des Weibes, ArchKrim (18) Stammermann:„Weiblichkeit“, KrimJ 1997, S. 214 mwN Rolle fallen, S. 214; dies.: Zum Verständnis der Krimi-
54
1905, S. 285ff; ders.: Verbrechen und Verbrechertum in Bischof: Biologie als Schicksal? In: Bischof/Preu- nalität von Frauen. In: Greive (Hrsg.): Frauen in Haft
Österreich (1908), S. 78ff. schoft (Hrsg.): Geschlechtsunterschiede (1980), S. 42. (1992), S. 58ff.
33 55
Pilgram: Kriminalität in Österreich (1980), S. 93 Vgl. dazu umfassend Schmölzer: Aktuelle Diskussio- 68
Vgl. auch Albrecht: Die sanfte Minderheit, BewHi 1987,
34 nen, MschrKrim 1995, S. 227ff.
Vgl. Weininger: Geschlecht und Charakter (1903), S. 183 S. 348; Heinz: Frauenkriminalität, BewHi 2002, S. 151
35 56
Pollak: The Criminality of Women (1950), S. 1ff. z.B. Einsele: Zur Straffälligkeit der Frau, MschrKrim 69
Heinz: Frauenkriminalität, BewHi 2002, S. 131
36 1968, S. 28ff, S. 334ff; dies.: Wandelt sich die weibliche 70
Adler: Sisters in Crime (1975) Nach Schellhoss: Wird die Kriminalität steigen? –
37 Kriminalität? In: Haesler (Hrsg.): Weibliche und männ-
Simon: Women and Crime (1975) Verurteiltenprognose für NRW, NStZ 2000, S. 16, wird
38 liche Kriminalität (1982), S. 53ff.
Smart: Women, Crime and Criminology (1976) die Zahl verurteilter Frauen insgesamt um ca. 850 auf
39 57
Zum Beispiel Hoffman-Bustamante: The Nature of Fe- z.B. Leder: Die geringe Delinquenzbelastung der 30.200 abnehmen
male Criminality, Issues in Criminology (8) 1973, S. 117 Frau, Soziale Arbeit 1975, S. 197ff; ders.: Frauen- und
40 Mädchenkriminalität (1978), 2. Aufl. (1988), 3. Aufl.
Vgl. Kaiser: Kriminologie, Eine Einführung, 10. Aufl.
(1997), S. 276: „unerwartete Renaissance sozio-biolo- (1997)

Neues aus der Landeszentrale für politische Bildung


Baden-Württemberg (LpB)
Aktuelle Publikationen bene); Gastarbeitermigration seit 1955; • „Elevia, ... Man denkt fast an Utopia!“
Zeitschrift „Der Bürger im Staat“ Migration aktuell - Zuwanderung. Schule als Staat – Handlungsorientiert De-
• Heft 4/2002 Nahrungskultur – Essen und mokratie lernen? Ein Unterrichtsprojekt
Trinken im Wandel, 92 Seiten mit 14 Bei- Broschüren und Bücher am Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium Heil-
trägen über die Kultur menschlicher Nah- • Identität und politische Kultur. Hrsg. bronn, 108 Seiten.
rungsaufnahme. Andreas Dornheim und Sylvia Greiffenha- • Jugendforum Stuttgart 2001. Eine Do-
• Heft 1/2003 Sicherheit und Kriminalität, gen, Hans-Georg Wehling zum Fünfund- kumentation von Stadtjugendring Stutt-
80 Seiten mit elf Beiträgen über Krimina- sechzigsten, Verlag W. Kohlhammer, Stutt- gart e.V. und LpB, 2002, 24 Seiten.
lität, Kriminalitätsfurcht und Prävention. gart 2003, 395 Seiten. • Möglichkeiten und Grenzen von Ju-
Zeitschrift „Politik & Unterricht“ für die • Digitale Spaltung. Informationsgesell- gendbeteiligung. Referat von Dr. Michael
Praxis der politischen Bildung schaft im neuen Jahrtausend - Trends und C. Hermann, PH Weingarten, auf dem
• Heft 4/2002 Politische Denkmäler, 40 Entwicklungen. Schriftenreihe Baden-Ba- Fachtag Jugendforen in Baden-Württem-
Seiten mit den Bausteinen: A. Vier Stutt- dener Sommerakademie Band 3, Hrsg. berg am 12. Juni 2002, 20 Seiten.
garter Denkmäler – Idee und Wirkung; B. Gunnar Roters, Oliver Turecek, Walter
Denkmäler für demokratische Politiker. Klingler, Berlin VISTAS Verlag, 2003, 82 Sei-
• Heft 1/2003 Südliches Afrika, 48 Seiten ten. Bestellen
mit den Bausteinen: A. Bilder und Realitä- • KIM-Studie 2002. Kinder und Medien – • Soweit nicht anders vermerkt sind die
ten; B. Von der Landnahme der Weißen bis Computer und Internet. Basisuntersu- Publikationen kostenlos. Bei Sendungen
zur Apartheid; C. Probleme und Chancen chung zum Medienumgang 6-bis 13-Jähri- von über 1 kg Gewicht gehen die Ver-
heute. ger, Hrsg. Medienpädagogischer For- sandkosten zu Lasten des Bestellers oder
„Deutschland & Europa“, Reihe für Politik, schungsverbund Südwest, Baden-Baden, der Bestellerin. Bestellungen bitte an
Geschichte, Deutsch, Geographie, Kunst Dezember 2002, 60 Seiten. die Landeszentrale für politische Bildung
• Heft 45/2002 Migration, 56 Seiten mit • Erinnerungskulturen – Zukunft der Erin- (LpB), Marketing, Stafflenbergstraße 38,
Bausteinen zur Geschichte und Gegenwart nerung. Symposium am 10. April 2002 in 70184 Stuttgart, Fax (0711) 164099-77 oder
der Migration mit besonderer Berücksich- Freiburg, Heft 13. Herausgegeben in der per E-Mail an: marketing@lpb.bwl.de.
tigung Südwestdeutschlands: Glaubens- Schriftenreihe des Volksbundes Deutsche
flüchtlinge; Schwabenzüge nach Russland, Kriegsgräberfürsorge e.V. Landesverband • Eine Zusammenstellung aller Veröffent-
Polen und in die Donauländer; Emigration Baden-Württemberg, 108 Seiten. lichungen der Landeszentrale für politi-
nach Nordamerika; Erzwungene Migra- • Globales Lernen in den Naturwissen- sche Bildung (LpB) gibt es im Internet
tion in Zusammenhang mit dem Zweiten schaften. Dokumentation einer Fachta- unter www.lpb.bwue.de/publikat.htm.
Weltkrieg (NS-Umsiedlungen, Vertrie- gung, Stuttgart Oktober 2002, 52 Seiten. Dort kann auch online bestellt werden.

64
Fördert die Unwirtlichkeit unserer Städte Kriminalität?

Städtebau und Kriminalität


Von Edwin Kube

gemeindenahe und problemorientierte – leicht unter anderem auch deswegen)


nicht primär als polizeiliche – Aufgabe an- vermehrt die Kriminalitätsfurcht in krimi-
gesehen, wobei die mit anderen Instan- nologisch-städtebauliche Studien einbe-
zen abgestimmte und vernetzte Problem- zogen wird.
lösung angestrebt wird. Ein Stichwort Beziehungszusammenhänge bestehen in-
dazu ist die so genannte Kommunale soweit, als beim Vorliegen einzelner Fak-
Kriminalprävention1. Zum anderen wird toren bestimmte Kriminalität oder Krimi-
inzwischen auch gesehen, dass Stadtpla- nalität generell eher auftritt. Möglich
nung – und dabei insbesondere Städte- sind daher höchstens Wahrscheinlich-
bau einschließlich Architektur und Woh- keitsaussagen. Beispielsweise lässt sich
nungswesen – Kriminalität zwar nicht behaupten, dass das Vorkommen des De-
unmittelbar verursacht, aber eine Mitver- liktes A – mehr als es der Zufallswahr-
antwortung an der Förderung oder an scheinlichkeit entspräche – mit den Raum-
der Verhinderung vor allem auch von Ge- faktoren a, b, c … korreliert. Mit dieser
waltproblemen hat. „Sie kann“, wie die Einschränkung zeigen sich engere Zu-
Beigeordnete des Deutschen Städtetages sammenhänge zwischen Deliktsvorkom-
Gertrude Witte bei einem Seminar im Juni men sowie demographischen und (sonsti-
1998 an der Polizei-Führungsakademie gen) sozialen Raumfaktoren, teilweise
Münster zu Recht feststellte, „zwar die auch mit Faktoren der baulichen Umwelt,
Tatursachen nicht oder nur wenig, die Tat- wobei sich die Faktorengruppen gegen-
Prof. Dr. Edwin Kube war bis vor kurzem bedingungen aber sehr wohl beeinflus- seitig beeinflussen können.
als Abteilungspräsident im Bundeskrimi- sen2. Altbundespräsident Roman Herzog Ähnliches gilt für die Ausprägung der Kri-
nalamt Wiesbaden tätig und dort Leiter warnte schon vor geraumer Zeit vor dem minalitätsfurcht. So beeinflussen offenbar
des Kriminaltechnischen Instituts. Er lehrt sozialen Verfall großer Wohnsiedlungen sichtbare Polizeipräsenz und das Ausmaß
Kriminologie und Kriminalistik an der in Städten und der Hannoveraner Sozial- informeller sozialer Kontrolle einerseits
Universität Gießen und ist Vorstandsmit- geograf Dirk Heuwinkel sagte, dass in den und „Disorder“/“Incivilities“ im Sinne öf-
glied der Neuen Kriminologischen Gesell- Kommunen zu wenig über die soziale fentlicher Unordnung andererseits das
schaft. Entwicklung nachgedacht werde3. Ausmaß der Kriminalitätsfurcht6.
Institutionen, die zur „Sicheren Stadt“ bei-
Städtebau als ein Faktor, der Kriminalität Zum Wissensstand über Städtebau tragen wollen, sind daher weitgehend
auslöst, und als Mittel der Kriminalprä- und Kriminalität bloß auf Praxiserfahrung vor dem Hinter-
vention wurde in der Vergangenheit grund wissenschaftlich abgesicherter Ten-
(außerhalb des anglo-amerikanischen Die Beziehungszusammenhänge zwi- denzaussagen angewiesen. Präventions-
Raumes) grundsätzlich vernachlässigt. schen physischer und sozialer Umwelt modelle gelten darüber hinaus auch des-
Der Beitrag von Edwin Kube skizziert mit sowie Einstellungen und Verhalten der halb in ihrer Effizienz als schwer einschätz-
stadtplanerischer Zielrichtung einige Er- Bewohner als potenzielle Täter und Opfer bar, weil sich nur Teile der Kriminalität für
kenntnisse sowie Aspekte der städte- sind bisher nicht ausreichend aufgehellt4. jeweils unterschiedliche Vorbeugungs-
baulichen Kriminalprävention. Nach dem Noch weniger ist im Einzelnen erkennbar, maßnahmen eignen und die erfolgreich
derzeitigen Wissensstand bestehen zwi- welche Veränderungen der städtebau- verhüteten Delikte methodisch nur schwie-
schen bebauter und sozialer Um- und Mit- lichen Umwelt aufgrund welcher Wir- rig zu messen sind7.
welt und Kriminalität nur mittelbare kungsmechanismen zu Einstellungs- und
Wechselbeziehungen. Trotzdem können Verhaltensmodifikationen führen. Ein- Erklärungsansätze für Gewalt und
enge Zusammenhänge zwischen Delik- zelne Elemente von Präventionsprogram- Aggression
ten, insbesondere einer überdurchschnitt- men (z. B. die Belebung des Fußgänger-
lichen Belastung durch Gewaltkriminalität verkehrs) können daher auch je nach der Bei der Frage nach den Ursachen der meis-
und städtebaulichen Raumfaktoren be- städtebaulichen Ausgangslage und der tens im Mittelpunkt des öffentlichen In-
nannt werden. Auch das Phänomen der Kriminalitätssituation gegensätzlich wir- teresses stehenden Gewaltdelikte gegen
Kriminalitätsfurcht und der so genannten ken (z. B. größere Anonymität oder bes- Personen oder Sachen rücken die Erklä-
„Angsträume“ wird von der bebauten Um- sere soziale Kontrolle), ohne dass dies rungsansätze für Aggression in den Blick-
gebung stark beeinflusst. Im Rahmen der immer vorher genau prognostiziert wer- punkt. Den zur Erklärung von Aggression
Kommunalen Kriminalprävention ist eine den kann. entwickelten Triebtheorien, die ihrerseits
nachhaltige Politik der Stadtentwicklung Zwar steht eine Fülle von Material zur psychoanalytisch oder ethologisch fun-
ein wichtiges Handlungsfeld. Wenngleich Verfügung. Es fehlt jedoch an der theore- diert sein können, stehen insbesondere
noch vielfältige kriminologische Untersu- tischen Durchdringung dieser Stoffsamm- die Lerntheorien gegenüber, vor allem
chungen notwendig sind, zeigen Praxis- lung. Forschungserkenntnisse sind auch der behavioristische Ansatz. Am bekann-
modelle, dass die Verzahnung von präven- kaum generalisierbar, zumal eine Vielzahl testen wurde als Erklärungsmodell die
tiven Maßnahmen und kommunalen der Erklärungsversuche auf ausländischen Frustrations-Aggressions-Hypothese.
Politikfeldern mit städtebaulichen Ge- Studien basieren, die nicht ohne weiteres Dabei muss Aggression nicht stets als
sichtspunkten Wirkungen zeitigt. Red. auf unsere Verhältnisse übertragen wer- Folge vorhergehender Frustration ange-
den können. Zudem ist der Erklärungs- sehen werden, wobei als Frustration die
Städtebau als mittelbarer Faktor für wert der häufig „One-Shot“-Forschungs- Störung einer zielgerichteten Aktivität im
Kriminalität projekte üblicherweise recht mäßig. Sinne einer Versagung oder Behinderung
Dessen ungeachtet verdeutlicht beispiels- verstanden wird. Betont wird vielmehr in
Zur Zeit zeichnen sich bei Polizei und weise die Untersuchung von Flade5 die diesem Zusammenhang der Aspekt des
Kommunen zwei strategische Ansätze ab, grundlegende Erkenntnis, dass es in Lernens aggressiven Verhaltens. Bedeu-
die für das Thema „Städtebau und Krimi- einem stringenten Sinne keine monokau- tung komme – neben sonstigen Stimuli (z.
nalität“ von Bedeutung sind: Zum einen salen Zusammenhänge zwischen Raum- B. zerbrochene Fensterscheiben für Van-
wird Kriminalprävention zunehmend als faktoren und Kriminalität gibt und (viel- dalismus) – den so genannten Hinweisrei-

65
– massiertes Vorhandensein benachteilig-
ter Minderheiten und/oder Randgrup-
pen sowie kinderreicher Familien bei al-
lein erziehendem Elternteil;
– hoher Anteil männlicher Minderjähri-
ger, jedoch nicht nach einer Studie von
Flade15 für einzelne ostdeutsche Städte;
– große Belegungsdichte von Wohnun-
gen und Gefühle des Beengtseins
(verstärkt bei innerfamiliärem Gewalt-
klima);
– Wohnbereich bzw. Nähe zu Wohnbe-
reich mit hohem Straftäteranteil im
Sinne von „Breeding Areas“, also Quell-
gebieten strafbaren Handelns;
– defizitäres, monofunktionales Wohn-
umfeld;
– hohe Dichte von Zielobjekten kriminel-
len Verhaltens („Attracting Areas“);
– günstige Tatgelegenheiten, unter ande-
rem gute Flucht- oder Versteckmöglich-
keiten für Straftäter.
Allerdings muss die Gefahr gesehen wer-
den, dass bei Vorliegen einzelner der
Beschmierte Fassaden und Sachbeschädigungen können erste Anzeichen für den sozi- genannten Faktoren eine hohe Kriminali-
alen Verfall großer Wohnsiedlungen sein. Foto: dpa tätsbelastung und eine überdurchschnitt-
liche Kriminalitätsfurcht im Sinne kollek-
zen zu, die mit aggressivem Verhalten Gewalt darstellen. Diese sind gekenn- tiver Generalisierung unterstellt werden.
verknüpft sind. Das am besten geeignete zeichnet durch schwache Nachbarschafts- Die Folge kann eine soziale Stigmatisie-
Objekt zur Auslösung von Aggression ist bindungen, durch den Wegzug sozialer rung des Wohnquartiers sein, die insbe-
im Hinblick auf Hinweisreize der bzw. das „Durchsteiger“, durch ethnische Konkur- sondere wegen der Abnahme informeller
Frustrierende8. renzsituationen und durch gewaltfreund- sozialer Kontrolle einen Filtering-down-
Inzwischen liegen insbesondere aus dem liche Normen und Wertvorstellungen der Prozess erst nachhaltig in Gang setzt.
anglo-amerikanischen Raum kriminologi- Bewohner. Dabei betont Schneider, dass Zu Recht betont Achnitz16, dass für die
sche Längsschnittuntersuchungen – vor al- Kinder bereits aggressive Gewohnheiten Entwicklung von Kindern gerade das
lem Kohortenstudien – vor, die unter ande- lernen und beibehalten, wenn sie ge- Wohnumfeld von besonderer Bedeutung
rem zwei Typen jugendlicher Gewalttäter wohnheitsmäßig Gewalt als Problemlö- ist. „Die Kinder mit guten Wohnumfeld
unterscheiden: Den chronischen Lebens- sungskonzept im Fernsehen und in ande- hatten in einem standardisierten Moto-
lauf-Straftäter (nach unserer Begriff- ren Medien konsumieren. riktest signifikant bessere Ergebnisse als
lichkeit in etwa Intensivtäter) und den Wegen der Vielfalt kriminalitäts- und ag- die Kinder, die in einem schlechten
Jugendzeit-Rechtsbrecher (für den Kri- gressionstheoretischer Erklärungsansätze Wohnumfeld aufwuchsen und nicht un-
minalität beim Hineinwachsen in die mit ihren mannigfaltigen Ausgestaltun- beaufsichtigt im Freien spielen konnten
Erwachsenenrolle einen episodenhaften gen und Überschneidungen ist es für eine (…). Auch in den psychosozialen Fähig-
Charakter aufweist)9. Im Rahmen von Le- praxisorientierte Prävention notwendig, keiten waren drastische Unterschiede zu
benslauftheorien fallen die Intensivtäter auf einer der Gewaltbekämpfung „nähe- beobachten. Die Kinder, die aus dem
durch Verhaltensprobleme (z. B. ein schwie- ren“ Ebene kriminogene Faktoren ein- schlechten Wohnumfeld kamen, waren
riges Temperament, häufiges Lügen oder schließlich der baulichen Sozialisationsbe- unselbstständiger, weniger konfliktfähig
Wutanfälle) in der frühen Jugend auf. dingungen und der situativen Anreize zu und eingeschränkter in ihrer Koopera-
Die grundsätzlich problembeladene Wech- skizzieren. Dies gilt umso mehr, als insge- tionsbereitschaft“. Übrigens weist der
selwirkung in einer desolaten Familie, ei- samt betrachtet die Aggressionstheorien Autor darauf hin17, dass zwar Entwick-
ner sozial desorganisierten Nachbarschaft, heutigen Zuschnitts sowie selbst komple- lungsrückstände meistens wieder aufge-
einer Misserfolgsgefühle hervorrufenden xere multifaktorielle und integrative Er- holt werden, wenn das Kind älter wird. Er
Schule und einer vandalisierten, defizi- klärungsansätze für die Praxis noch wenig betont jedoch zugleich die Gefahr einer
tären physischen Umwelt sowie eine aussagekräftig sind. sehr frühzeitigen „Störungskarriere“,
Selbstachtung und Identität stiftende Ein- Zusätzlich helfen nicht zuletzt Erkennt- wenn weitere Belastungsfaktoren dazu
bindung in gewaltbereite Gruppen Gleich- nisse, die Evaluationsstudien zum Erfolg kämen.
altriger bringen aggressives Verhalten von Präventionsprogrammen erbracht Umgekehrt muss man sehen, dass eine be-
bereits in der Kindheit hervor bzw. verfes- haben. So haben – um nur ein Beispiel zu sonders sozialisationsgeeignete baulich-
tigen es10. Eine Negativspirale der Gewalt nennen – die Größe und überschaubare räumliche und soziale Umwelt einen
nimmt ihren Lauf. Schutzfaktoren im Sinne bauliche Gestaltung der Schule offenkun- Schutzfaktor darstellt, der spätere Belas-
eines „sozialen Kapitals“ können bei die- dig Einfluss auf das öffentliche Gewalt- tungen eventuell kompensieren kann. So
sen Gegebenheiten nicht wirksam wer- vorkommen13. ermöglicht das ungeplante, spontane Zu-
den. Die kriminelle Karriere ist durch eine sammensein Kindern, aber auch noch Ju-
immer häufigere und gravierendere De- Raumfaktoren und gendlichen, soziale Regeln auszuhandeln,
liktsbegehung geprägt. Gewaltkriminalität Grenzen zu erfahren und Konflikte früh-
Übrigens unterstreicht auch das von Kai- zeitig bewältigen zu lernen. Hier kommt
ser11 hervorgehobene Lebensstilkonzept Als relevante raumbezogene Variablen, schon dem Kindergarten eine große Be-
die prozesshaft in der Auseinanderset- die für eine überdurchschnittliche Belas- deutung im Hinblick auf das kooperative
zung mit der Umwelt entwickelte norma- tung durch Gewaltkriminalität in Betracht Spielen zu. Jugendliche brauchen zudem
tive Orientierung und dabei das Einschlei- kommen, gelten (was aber nicht unstrittig Räume für Streifzüge, wo sie an bestimm-
fen von Verhaltensmustern. Bedeutung ist) insbesondere folgende Faktoren14: ten Orten ohne allzu große Funktionsein-
komme dabei gerade den Sozialisations- – niedriger sozio-ökonomischer Status schränkungen einen gestaltbaren Raum
trägern und den Sozialisationsbedingun- eines Raumes mit (weiterer) sozialer Ab- vorfinden und ihre Kräfte messen kön-
gen für die Biografie von Straftätern zu. stiegstendenz zum sozialen Brenn- nen.
Schneider12 weist zudem darauf hin, dass punkt, nicht zuletzt aufgrund hoher Dass schon die unmittelbare Wohnsitua-
nicht zuletzt sozial desorganisierte Wohn- Fluktuation und hohem Leerstand von tion von Kindern eine wesentliche Sozia-
viertel einen Risikofaktor für kriminelle Wohnungen; lisationsbedingung darstellt, braucht

66
nicht im Einzelnen ausgeführt zu werden. Eine herausragende Plattform für eine brauchbare Diskussionsgrundlage, zum
Es leuchtet ein, dass beengte Wohnver- stadtplanerisch dominierte Kriminalprä- Teil Orientierungshilfe geworden. Infor-
hältnisse dem Kind erhebliche Beschrän- vention bildet das Bund- und Länderpro- melle soziale Kontrolle als einer der Eck-
kungen bei der Entdeckung der Umwelt gramm „Stadtteile mit besonderem Ent- pfeiler für das sichere Zusammenleben
und der motorischen Entwicklung aufer- wicklungsbedarf – die soziale Stadt“, das grundsätzlich gesetzestreuer Bürger kann
legen und den Jugendlichen zur häufigen zu einer Neuorientierung der Stadtent- nach diesem Ansatz u. a. durch die Aus-
Aushäusigkeit mit der Gefahr, sich Ju- wicklung führen soll und über die Förde- formung des Wohnumfeldes als Kommu-
gendbanden anzuschließen, veranlassen. rung rein baulicher Maßnahmen weit hin- nikationsraum oder durch Gebäudeein-
Auch die Eltern (bzw. der erziehende El- aus reicht22. Unter dem Programmziel gänge, die von der Wohnung, aber auch
ternteil) werden ihrerseits durch eine grö- „Soziale Impulse“ will man zu mehr Si- von der Straße her einsehbar sind, geför-
ßere Stresssituation eher dazu neigen, cherheit im öffentlichen Raum, aber auch dert werden. Die bewohnerbezogene Zu-
Aggressionen an ihren Kindern abzurea- zur Verbesserung der Wohnverhältnisse, ordnung des unmittelbar an das Wohnge-
gieren. Das wird vor allen Dingen dann zur Unterstützung des sozialen Miteinan- bäude angrenzenden Raumes durch
gelten, wenn diese Erwachsenen durch der, zur Wiederherstellung von gemisch- Bepflanzung und Markierung wird – so
weitere Probleme (wie Arbeitslosigkeit ten Bewohnerstrukturen und zur Verbes- der Ansatz – prinzipiell Territorialität
oder Alkoholismus) belastet sind. Hier serung des Infrastrukturangebotes bei- sowie Verantwortungsbereiche vermit-
zerstören Erwachsene eventuell das tragen. Der „politische Impuls“ zielt auf teln. Dies soll auch dadurch gefördert
Selbstwertgefühl ihrer Kinder, verursa- den integrativen Einsatz verschiedener werden, dass die Mieter in einzelnen
chen Angstsyndrome, Bindungslosigkeit Politikfelder ab, wobei die Städtebauför- Wohnarealen einen vergleichbaren Le-
zur Familie und vermitteln ein Bild eige- derung als Leitprogramm dienen soll23. benszyklus (z. B. Familien mit kleinen Kin-
ner Hilflosigkeit. Dabei wird unter Um- Es ist offenkundig, dass gerade in den der) aufweisen. Das Konzept von New-
ständen ein Kreislauf der Gewalt in Gang neuen Bundesländern in den 90er Jahren mann, dessen Gefahr allerdings im Fördern
gesetzt, der spätere präventive Maßnah- die Stadtentwicklung durch eine nachho- einer „Bunkermentalität“ besteht, wurde
men in ihrem Erfolg erheblich beeinträch- lende Tertiärisierung und durch Desillu- später um sozio-kulturelle Elemente er-
tigt. Dabei ist im Rahmen der Prävention sionierung und in diesem Zusammenhang gänzt27. Insoweit wurde angestrebt, die
insbesondere auf die ca. sechs – zehn Pro- durch sich sozial auswirkende Brüche und kriminalitätsabwehrende Architektur et-
zent der delinquierenden Kinder und Ju- Diskontinuitäten gekennzeichnet war. wa unter dem Aspekt der Integrations-
gendlichen abzustellen, die weitgehend Der Abbau vorhandener betrieblicher wie und Sozialisationseignung der Wohnum-
zu den chronischen Lebenslauf-Straftä- auch nachbarschaftlicher Beziehungs- welt zu erweitern. Zusätzlich fanden auch
tern zählen und auf die über die Hälfte netze, generell zunehmende Mobilität Aspekte der „Prospect-Refuge-Theorie“
der registrierten Kriminalität dieser Al- und soziale Segregation haben einschnei- Berücksichtigung, die primär die Verbre-
tersgruppe entfällt18. dende Veränderungen sozialer Lagen und chensfurcht betreffen und dabei unter
Beziehungen mit sich gebracht24. Aber anderem Versteck-, Flucht- und Zuflucht-
Bauplanung, Stadtentwicklung und auch in Westdeutschland sind traditio- möglichkeiten zum Inhalt haben.
Kriminalprävention nelle „Milieus“ sowie über Generationen
prägende Zugehörigkeiten – etwa zu reli- Angsträume sind beeinflussbare
Soll Kriminalprävention auf kommunaler giösen Gemeinschaften – weitgehend Phänomene
Ebene effektiv betrieben werden, so ist verblasst. In ganz Deutschland tun soziale
sie in die Stadtplanung einzubeziehen und räumliche Mobilität ein weiteres Als städtebaulich (einschließlich verkehrs-
und reicht damit über die klassische Städ- dazu, Solidarbewusstsein in Familien und technisch) beeinflussbare soziale Phäno-
tebauplanung mit ihrem in erster Linie sonstigen Beziehungsgeflechten aufzulö- mene stellen sich die so genannten Ang-
baulichen Ansatz weit hinaus19. Die sich sen. Die Erscheinung des Non-helping- sträume dar. Hierbei wird deutlich, dass
abzeichnenden immensen sozialen Pro- Bystanders, d.h. des bloßen Zuschauers gerade die Kommunale Kriminalpräven-
bleme in den Städten müssen durch eine bei gewalttätigen Vorkommnissen, ist in- tion die vorrangig Erfolg versprechende
nachhaltige Stadtentwicklungspolitik20, zwischen soziale Realität geworden25. Verortung ermöglicht28.
die auch Bundes- und Landeshilfen mit Die insbesondere von Frauen wahrge-
einbeziehen, Lösungsansätzen zugeführt Tatortanalysen tragen zu einer nommenen Angsträume sind u. a. durch
werden. Es kommt in der Zukunft darauf nachhaltigen Kriminalprävention bei folgende Merkmale gekennzeichnet29:
an, Maßnahmen mit dem Schwerpunkt – formelle und informelle soziale Kon-
der städtebaulichen Erneuerung „aus Bei dieser Ausgangslage stellt sich die trolle fehlen weitgehend;
einer Hand“ zu kombinieren und zu Frage, was Städtebau – im Rahmen einer – die Orte sind unüberschaubar, einzelne
integrieren21. Dazu zählen Städtebauex- umfassenderen Stadtplanung – zur Krimi- Bereiche sind nicht einsehbar;
perten insbesondere die Politikfelder nalprävention beitragen kann. Um in der – es bestehen Versteckmöglichkeiten, bei-
Wohnungswesen- und Wohnungsbauför- Praxis gezielt präventiv tätig werden zu spielsweise durch eine Randbepflan-
derung, Verkehr, Arbeits- und Ausbil- können, bedarf es – neben der Betrach- zung von Bürgersteigen und Wegen;
dungsförderung, Sicherheit, Frauen, Fa- tung der Täterwohnsitze insbesondere – die Beleuchtung ist mangelhaft, defekt
milien- und Jugendhilfe, Wirtschaft, unter sozialen und baulich-räumlichen oder fehlt ganz, dunkle Anstriche ver-
Umwelt und schließlich Kultur und Frei- Aspekten – vor allem auch einer Analyse hindern die Grundhelligkeit;
zeit. von Tatortstrukturen. Dabei ist von Inter- – im direkten Umfeld existieren Dunkel-
Versteht man Stadtplanung in einem sol- esse, wo welche Delikte konzentriert vor- zonen;
chen Sinn, so bietet sich die Möglichkeit, kommen (z. B. „Hot Spots“ – also Krisen- – in typischen Unsicherheitsbereichen, et-
korrespondierende kriminalpräventive An- herde – im Innenstadtbereich). Es stellt wa Tiefgaragen, mangelt es an techni-
sätze facettenreich in diese Politikfelder sich die Frage, ob bzw. inwieweit ein schen Sicherheitsanlagen (z. B. Notruf-
einzubringen. Nur bei dieser Verzahnung räumlicher oder sonstiger Beziehungszu- säulen und Videoanlagen);
wird man den sich verändernden Rahmen- sammenhang, der präventabel ist, be- – es fehlen weitgehend Erdgeschossnut-
bedingungen der Stadtentwicklung ge- steht. zungen, zumindest in den Abend- und
recht. Diese Rahmenbedingungen sind un- Hier helfen kriminologische Regionalana- Nachtstunden,
ter anderem von noch immer zu hohen lysen, die allerdings noch mehr als bisher – Außenanlagen sind vandalisiert oder
Arbeitslosenzahlen – und dabei insbeson- städtebauliche Aspekte (beispielsweise insgesamt verwahrlost.
dere langzeitarbeitslosen jungen Men- die weithin festzustellende disparate Ent- Der Maßnahmenkatalog zur Vermeidung
schen –, der Zunahme einkommensschwa- wicklung von „Oasen gehobener Wohnla- oder weitgehenden Beseitigung von Ang-
cher Haushalte, der nahezu überall großen gen“ in Innenstädten und „citynahen Ar- sträumen ist vielfältig. Er reicht von der
Zahl in das Wirtschafts- und Gesellschafts- mutsnischen“26) berücksichtigen müssten. guten nächtlichen Beleuchtung über bau-
leben nicht integrierter Ausländer und Gerade im Zusammenhang mit der Analy- gestaltende Maßnahmen für Einfahrten,
Spätaussiedler und nicht zuletzt durch Kri- se von Tatortstrukturen ist der (erweiter- Zugänge und Wegeführung bis zu woh-
minalitäts- und dabei auch Gewaltphäno- te) „Defensible Space-Ansatz“ von Oscar nungsnahen, dezentralisierten Versor-
mene geprägt. Newman für uns bereits vor Jahren eine gungseinrichtungen, dem Ausbau des

67
sollte – neben einem Abbau von Tatgele-
genheiten – vor allem „ein weiterer Aus-
bau von nachfrageorientierten ‚niedrig-
schwelligen‘ Möglichkeiten der Freizeit-
und Sportbetätigung (unterhalb der
Schwelle verbindlicher Vereinsaktivitä-
ten) sowie von Integrations- und Kommu-
nikationsmöglichkeiten angestrebt, ge-
fördert und gestärkt werden“. Heinz
betont, die Präventionsvorstellungen der
Bevölkerung zeigten, dass gerade auch
für den Ausbau solcher positiver Gelegen-
heitsstrukturen im Sinne kultureller und
sozialer, auch sozialpädagogisch begleite-
ter Betätigungsmöglichkeiten und Ak-
tionsräume, insbesondere für junge Men-
schen eine hohe Akzeptanz erwartet
werden könne.
Es hat den Anschein, dass die auf Sozial-
und Kriminalprävention hin orientierte
Stadtplanung ihre Möglichkeiten auch
nicht annähernd ausschöpft. Projekte mit
einer solchen Zielvorstellung bewegen
Ein als Einbrecher verkleideter Rolladenbau-Meister demonstriert im Rahmen einer sich im Bereich primärer, dabei ursachen-
Messe technische Sicherheitsstandards im Bereich Einbruchschutz. Foto: dpa orientierter Prävention, dabei insbeson-
dere im Sinne der Frühintervention bei der
öffentlichen Nahverkehrs, Frauen-Nacht- angestrebten Mobilisierung der Wohnbe- Beseitigung von Sozialisationsdefiziten.
Taxis oder Disko-Abholdiensten. Solche völkerung für die eigenen Belange an33.
Forderungen sind zwar nicht neu, den- Eine Umorientierung der Kriminal-
noch werden sie nur in geringem Umfang Das Baurecht als Ressource für politik zur präventiven Bekämpfung
realisiert. präventive Maßnahmen von Straftaten ist unabdingbar
Andere im Ausland (z. B. in Großbritan-
nien30) anscheinend mit Erfolg prak- Bauplanungs- und Bauordnungsrecht ge- Das Strafrecht als Steuerungsmittel
tizierte Kontrolleinrichtungen (etwa währleisten einen für kriminalpräventive kommt gewöhnlich zu spät und wirkt
„Closed Circuit Television“, also Video- Zwecke tragbaren Rahmen. Dies zeigen dann nur noch sehr äußerlich und partiell.
überwachungssysteme), die gegenüber schon die städtebaulichen Richtpunkte Unabdingbar ist eine weitere Umorientie-
potenziellen Tätern abschreckend wirken des § 1 Abs. 5 Baugesetzbuch (BauGB). rung der Kriminalpolitik zur präventiven
und das Sicherheitsgefühl bei den poten- Nutzungsfestlegung, städtebauliche Ge- Straftatenbekämpfung36. Hierbei müssen
ziellen Opfern erhöhen sollen, werfen bei bote und die Regelung zu städtebau- auch technische und organisatorische
uns – soweit nicht inzwischen in den Poli- lichen Sanierungs- und Entwicklungsmaß- Vorbeugungsansätze ausgebaut wer-
zeigesetzen geregelt – oft komplexe nahmen im Baugesetzbuch sowie in der den37. In Frankreich beispielsweise ist seit
Rechtsfragen (etwa Fragen der Gefahren- Baunutzungsverordnung bieten ein brei- den 90er Jahren das notwendige Niveau
abwehr, des Datenschutzes oder insge- tes Spektrum, das für kriminalpräventive der Überwachung bzw. Überwachungs-
samt der Verhältnismäßigkeit) auf. Au- Zwecke auch nicht annähernd ausge- technik in Geschäften – etwa je nach Ge-
ßerdem stellt sich in der Praxis die schöpft wird34. schäftsart, Größe der Verkaufsfläche und
Kostenfrage für die Anschaffung und das Im Rahmen von Baugenehmigungsver- der Einwohnerzahl der Gemeinde – ge-
Betreiben solcher Anlagen. fahren, insbesondere für größere Wohn- setzlich geregelt. Verstöße der Verant-
Daneben ist – wie gerade US–amerikani- anlagen, sollte erwogen werden, ob nicht wortlichen gegen diese Vorgaben sind
sche Studien verdeutlichen –, offenbar Mindeststandards im Sinne eines techni- bußgeldbewehrt38. Lange hat man jedoch
eine sachgerechte Aufklärung der Wohn- schen Grundschutzes (z. B. für Türen, Be- übersehen, dass die primäre Kriminalprä-
bevölkerung über die Kriminalitätslage, schläge und Schlösser) in DIN-Vorschriften vention – insbesondere in der Form der
eine gut sichtbare, aber nicht „überzo- und in den Landesbauordnungen festge- Frühintervention – einen essenziellen An-
gene“ Polizeipräsenz und engere Kon- legt werden sollten. Ein guter Ansatz zum satz gerade auch zur Gewaltvorbeugung
takte der Bewohner zu „ihrer“ Polizei von Einbruchschutz findet sich in § 53 Abs. 1 darstellt und dabei die Stadtplanung eine
erheblicher Bedeutung für den Abbau Satz 4 der Landesbauordnung von Schles- nicht zu unterschätzende Rolle spielt.
überzogener Kriminalitätsfurcht31. wig-Holstein. Daher verwundert es nicht, dass das Deut-
Unabhängig von polizeilichen Maßnah- Entsprechende Auflagen in den Baube- sche Forum für Kriminalprävention eine
men unterstreicht insbesondere der in scheiden könnten langfristig bei neuen Mehrzahl von Symposien durchgeführt
den USA oft zitierte „Broken Windows- Bauvorhaben dieses Abwehrniveau her- hat, die sich mit primärpräventiven Fra-
Ansatz“, dass Einbrüche in die öffentliche stellen, ähnlich dem Grundschutz, wie er gen befasst haben. Dieser Ausrichtung
Ordnung – etwa durch nicht zügig besei- im Rahmen des Brandschutzes besteht. In- des Forums entspricht es auch, wenn das
tigte vandalistische Schäden – „anste- soweit müsste auch überlegt werden, ob vom Bundesjustizministerium geförderte
ckend“ wirken und dabei zudem die Kri- nicht die Kriminalpolizeilichen Beratungs- Projekt „Primäre Prävention von Gewalt
minalitätsfurcht der Wohnbevölkerung stellen insbesondere in Ballungsgebieten gegen Gruppenangehörige – insbeson-
erheblich steigern können32. ebenso wie die Brandinspektion oder der dere: junge Menschen“ von jenem be-
Inzwischen gibt es in Deutschland eine Prüfstatiker systematisch und regelmäßig treut und moderiert wird. So wurden
Vielzahl kriminalpräventiver Ansätze auf zur Stellungnahme zu präventionsrele- etwa im Rahmen des Projekts bei einem
zumindest partiell städtebaulich-archi- vanten Baugesuchen beigezogen werden Workshop Anfang Dezember 2002 sieben
tektonischer Basis, die zusätzliche, vielfäl- sollten. praxiserprobte primärpräventive Projekte
tig soziale Komponenten einbeziehen zur Gewalt gegen Gruppenangehörige
und insgesamt einen Handlungsansatz fa- Positive Gelegenheitsstrukturen vorgestellt. Schließlich sei vermerkt, dass
vorisieren, der zur Entwicklung des Ge- schaffen und fördern sich das Deutsche Forum für Kriminalprä-
meinwesens und auf individueller Ebene vention in der Vergangenheit auch un-
zu den bereits erwähnten Schutzfaktoren Zu Recht hebt der Kriminologe Heinz35 mittelbar mit stadtplanerischen – insbe-
beitragen sollen. Damit nähern sich sol- hervor, dass allenthalben ein Missverhält- sondere städtebaulichen – Fragen unter
che Konzepte dem zunehmend diskutier- nis zwischen „negativer“ und „positiver“ dem Thema „Sichere Kommune“ befasst
ten Quartiermanagement mit der dabei Gelegenheitsstruktur bestehe. Deshalb hat.39

68
Das Präventionsfeld „Städtebau“ bedarf Kriminalprävention die bisher in der 20
Dazu Stüer, B.: Nachhaltige städtebauliche Entwick-
lung. In: Deutsches Verwaltungsblatt 1999, S. 117ff.
noch vielfältiger kriminologischer Unter- Bundesrepublik Deutschland bestehen- 21
So (auch zum folgenden) Döhne, H. J./Walter, K.
suchungen, die kostensparend und er- den erheblichen Lücken zumindest teil- a.a.O., S. 24ff.
22
folgversprechend in staatenübergreifen- weise geschlossen werden können42. Bei Siehe dazu Döhne, H. J./Walter, K. a.a.O., S. 24ff.
und Richter, B.: Starterkonferenz zur „sozialen Stadt“.
der Kooperation realisiert werden sollten. dieser Ausfüllung der Lücken wird nicht In: Bundesbaublatt, 4/2000, S. 24ff.
23
Um ein Beispiel für eine solche For- zuletzt der städteplanerische, insbeson- Vgl. auch Deutsches Institut für Urbanistik: Die So-
ziale Stadt. Eine erste Bilanz. Berlin, Mai 2002, S. 12ff.
schungsfrage zu nennen, sei auf die durch dere städtebauliche Präventionsansatz 24
So Häußermann, H./Neef, R. (Hrsg.): Stadtentwick-
Stadtplanung zu entwickelnden stabilen gerade in seiner primärpräventiven Aus- lung in Ostdeutschland. Soziale und räumliche Ten-
Nachbarschaften verwiesen. Inwieweit prägung eine nicht unerhebliche Rolle denzen. Opladen 1996
25
Vgl. auch Schwind a.a.O., S. 372
wird dieses planerische Ziel etwa durch spielen. 26
Dazu Kecskes, R.: Wohnungsmarkt und Sozialstruk-
die Sozialstruktur der Wohnbevölkerung, tur. In: Archiv für Kommunalwissenschaften, 2/2000, S.
212ff.
deren Eigentumsanteile an Grund und 27
Dazu Taylor, R. B./Harrell, A. V.: Physical Environ-
Boden im Wohndistrikt, durch die Nut- ment and Crime. Washington 1996, S. 7ff. In diesem Zu-
Anmerkungen sammenhang auch De Leon-Granados, W.: Travels
zungsstruktur des Gebiets (neben der through Crime and Place. Boston 2000, S. 99f.
Wohnnutzung), durch Vorhandensein 1
Vgl. etwa Schwind, H.-D.: Kriminologie. Heidelberg,
28
Dazu Kube, E. in Festschrift für Günther Kaiser zum
oder Fehlen von Infrastruktureinrichtun- 12. Aufl., 2002, S. 339ff.; Schürholz, F. H.: Kommunale 70. Geburtstag. 1. Halbband. Berlin 1998, S. 847ff.
29
Kriminalprävention in Baden-Württemberg – Kon- So Pohlmann, N./Rohr, B. in: Kube/Schneider/Stock
gen oder durch die Größe des Bevölke- zepte, Projekte, Erfahrungen. In: Die Polizei 4/1999, S. a.a.O., S. 231ff.
30
rungsanteils, der sowohl in der Nachbar- 193ff. und Kube, E./Schneider, H./Stock, J. (Hrsg.): Ver- Dazu Welsh, A./Farrington, D. P.: Crime prevention
eint gegen Kriminalität – Wege der kommunalen Kri- effects of closed circuit television: A systematic review.
schaft wohnt als auch dort seinen August 2002, insbes. S. 41ff. sowie Jehle, M.: Öffentli-
minalprävention in Deutschland. Lübeck 1996, S. 11ff.
Arbeitsplatz hat, erreicht?40 2
Witte, G. in: Polizei-Führungsakademie (Hrsg.): Kri- che Videoüberwachung. Königsweg oder Irrweg der
Soweit Kriminalprävention nicht flächen- minalitätsverhütung durch Sicherheitsvorsorge. Krimi- Kriminalprävention. In: forum kriminalprävention,
nalitätskontrolle als gemeinsame Aufgabe von Polizei, 1/2001, S. 27ff.
deckend strukturelle Probleme aufgreift, öffentlichen Institutionen und Privaten. 1999, S. 210ff.
31
In diesem Zusammenhang etwa Kube, E. in: Rössner,
sollte sie vorwiegend vor Ort erfolgen. Zu Städtebau bzw. städtebaulicher Prävention defini- D./Jehle, M. (Hrsg.): Kriminalität, Prävention und Kon-
torisch Baum, D.: Städtebauliche Prävention. In: Krimi- trolle. Heidelberg 1999, S. 85 m. w. H. und Reuband, K.-
Dort häufen sich auch die kriminogenen H.: Wahrgenommene Polizeipräsenz in der Wohnung
nalprävention in Rheinland-Pfalz, 1/2002, S. 6. Zu dem
Faktoren. Kriminalprävention auf kom- Begriff Stadtplanung s. Steinebach, G. in: Kriminalprä- und ihre Auswirkung auf das Sicherheitsgefühl. In: Die
munaler Ebene stellt deshalb einen vention in Rheinland-Pfalz, 1/2002, S. 12 Polizei 1999, S. 112ff.
32
3
Roman Herzog, FAZ vom 07.05.1999, S. 1 und Heu- Dazu vor allem Hess, H.: Fixing Broken Windows and
verheißungsvollen Ansatz dar, der zuneh- winkel, D., Wiesbadener Tagblatt vom 05.02.1999, S. 3. Bringing Down Crime. In: Kritische Justiz, 1/1999, S.
mend städtebauliche Präventionselemen- 4
Dazu etwa Schwind a.a.O.,S. 187ff.; Flade, A.: Zur öf- 32ff. Zu den Gründen der Unsicherheit in Deutschland
fentlichen Sicherheit in den ostdeutschen Großsied- auch Dörmann, U./Remmers, M.: Sicherheitsgefühl und
te berücksichtigen sollte. Kriminalitätsbewertung. Neuwied/Kriftel 2000, S. 31ff.
lungen. In: Monatsschrift für Kriminologie und Straf-
Städtebau ist nur ein Themenkreis in die- rechtsreform, 2/1996, S. 114ff.; Eisner, M.: Alltägliche
33
Vgl. etwa auch Kammerer, S.: Strategie aus der
Bronx. Süddeutsche Zeitung vom 17.04.1999, S. 10
sem Kontext. Er ist zwar von besonderer Gewalt in Schweizer Städten. Zürich 1993, S. 15ff. 34
Zu den präventiven Gestaltungsmöglichkeiten des
sowie ders. in: Jehle, J. M. (Hrsg.): Raum und Krimina-
Relevanz, ist aber auch in einen stadtpla- lität. Mönchengladbach 2001, S. 3ff. Wohnumfeldes siehe die informativen Anregungen
nerischen Gesamtrahmen einzubinden. 5
Flade a.a.O. Vgl. in diesem Zusammenhang auch In: Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz (Hrsg.): Städte-
Farrington, D. P./Welsh, A.: Effects of improved street bau und Kriminalprävention. Mainz 2002, S. 4ff. Vgl.
Dies verdeutlicht nicht zuletzt das zu Be- lighting on crime: A systematic review. August 2002, etwa zur Wohnungsbelegung die Freistellungsmög-
ginn erwähnte Programm „Stadtteile mit S. 1ff. lichkeit von Belegungsbindungen gem. § 7 Wohnungs-
6
Dazu zusammenfassend etwa Schwind a.a.O., bindungsgesetz; in diesem Zusammenhang auch Kecs-
besonderem Entwicklungsbedarf – die so- kes, R. a.a.O., S. 212ff.
S. 388ff.
ziale Stadt“. Daneben müssen auch auf 7
In diesem Zusammenhang sehr informativ Ekblom, P.:
35
In: Kerner, H. J./Jehle, M./Marks, E. (Hrsg.): Entwick-
Landes- und Bundesebene zu entwi- Safer Cities and residential burglary. A summary of eva- lung der Kriminalprävention in Deutschland. Mön-
luation results. In: European Journal on Criminal policy chengladbach 1997, S. 30
ckelnde Konzepte und Strategien abge- and Research, Vol. 4,1/1996, S. 22ff.
36
Vgl. etwa Heinz, W.: Kriminalpolitik an der Wende
stimmt und transparent gemacht werden. 8
Vgl. zu Gewalt gegen Sachen Kube, E./Schuster, L.: zum 21. Jahrhundert. In: Bewährungshilfe 7/2000, S.
Vandalismus. Erkenntnisstand und Bekämpfungsan- 131ff.
Auf Bundesebene wird nicht zuletzt der 37
Vgl. insbes. Hassemer, W.: Perspektiven einer neuen
sätze. Wiesbaden, 3. Aufl., 1985, S. 31ff.
„Blick über die Grenzen“ notwendig sein, 9
Siehe Schneider, H.-J.: Gewaltdelinquenz im Kindes- Kriminalpolitik. In: Strafverteidiger, 12/1995, S. 483ff.
38
Siehe Bauer, A./Raufer, X.: Violence et Insécurité ur-
um im Ausland vorhandene erfolgreiche und Jugendalter. In: Kriminalistik, 3/2000, S. 89ff. m.
baines. Paris 2000, S. 71f. – Besonders aufwändige Prä-
w. N.
Programme bezüglich ihrer Transferier- 10
Vgl. andererseits zum positiven Peer-Involvement ventionsprogramme plant und realisiert Großbritan-
barkeit zu bewerten und gegebenenfalls als Netzwerkressource Kleiber, D.: Empowerment und nien. Siehe etwa auch Dhiri-Brand, B.: Crime Reduction
Partizipation. In: jugend & Gesellschaft, 4/1999, S. 4ff. Programme Analysis of Costs and Benefits: Guidance
bei uns an die hiesigen Rahmenbedin- 11
Kriminologie, 3. Aufl. 1996, S. 513 for Evaluators. Home Office 2000, S. 3
39
gungen angepasste Pilotprojekte zu initi- 12
a.a.O., S. 91 Dazu Kaldun, S./Ingold, G.: Expertentagung „Si-
13
Schwind a.a.O., S. 218 und Achnitz, C. In: Reinwold, chere Kommune“. In: forum kriminalprävention,
ieren. Einer effektiven Aufgabenwahr- 1/2001, S. 17f.
K. J./Jans, B.: Handbuch zur Kriminalprävention. Opla-
nehmung auf diesem Gebiet kommen den 1996, S. 11
40
Vgl. auch Neuhöfer, M.: Überforderte Nachbar-
neuere Entwicklungen auf europäischer 14
Vgl. in diesem Zusammenhang etwa Schwind a.a.O., schaften. In: Aus Politik und Zeitgeschicht. Beilage zur
S. 298ff.; Flade a.a.O., S. 114ff. sowie Kube, E.: Städte- Wochenzeitung Das Parlament vom 27.11.1998, B
Ebene entgegen. In diesem Zusammen- bau, Wohnhausarchitektur und Kriminalität. Stuttgart 11/1998 sowie Kecskes, R. a.a.O., S. 232ff.
41
hang ist etwa das Europäische Netzwerk 1994 S. 12ff. Vgl. auch Sohn, W.: Kriminalprävention in europäi-
15
a.a.O., S. 121 scher Perspektive. In: Kriminalistik 1/2003, S. 31ff.
für Kriminalprävention (EUCPN) zu er- 16
42
In diesem Zusammenhang Schwind, H.-D.: Hat die
a.a.O., S. 3ff.
wähnen41. Es ist zu hoffen, dass durch die 17
S. 6 (Anti-)Gewaltkommission vergeblich gearbeitet? In:
staatenübergreifende Orientierung und 18
Vgl. auch Schneider a.a.O., S. 89ff. Die Kriminalprävention, 2/2000, S. 54
19
Vgl. Döhne, H. J./Walter, K.: Aufgaben und Chancen
die Setzung des Schwerpunktes Primär- einer neuen Stadtentwicklungspolitik. In: Bundesbau-
prävention beim Deutschen Forum für blatt, 5/1999, S. 24ff.

69
Ein populäres kriminalpolitisches Konzept

Kommunale Kriminalprävention
Von Dieter Hermann und Christian Laue

Erkenntnissen und Analysen amerikani- ten ganz erhebliche Unterschiede. Man-


scher Kriminologen verorten. Jedoch che kommunalen Initiativen werden ganz
unterscheiden sich die deutschen Präven- entscheidend von polizeilichen Aktivitä-
tionsmodelle durch ihre Konzentration ten getragen, andere hingegen von der
auf die lokale Ebene und durch die anders Gemeindeverwaltung oder von Bürgerini-
definierte Rolle der Polizei. Damit prä- tiativen. In diesem Fall spielt die Polizei
ventive Modelle überhaupt Wirkung zei- nur eine beratende und unterstützende,
tigen, sind Bevölkerungsumfragen, die aber keine lenkende Rolle. Diese organi-
Kenntnisse über die „negativen“ Struktu- satorische und konzeptuelle Offenheit
ren einer Gemeinde und Einblicke über der Kommunalen Kriminalprävention er-
den Einfluss dieser Bedingungen auf klärt sich aus ihren geschichtlichen Wur-
Kriminalität und Kriminalitätsfurcht ver- zeln und der daraus entstandenen theo-
mitteln, zur Vorbereitung präventiver retischen Fundierung.
Maßnahmen wichtig. Die geschilderten
Beispiele und Maßnahmen zeigen, wie in Die Wurzeln der Kommunalen
Kommunen mit hoher subjektiver Prob- Kriminalprävention
lembelastung präventiv gearbeitet wird.
Die Skizzierung der unterschiedlichen Obwohl die Wurzeln der Kommunalen
Projekte verdeutlicht, dass der Abbau Kriminalprävention unbestritten in den
von Problemen, die aus subjektiver Sicht USA liegen, ist der Begriff „Kommunale
Dr. Dieter Hermann ist wissenschaftlicher gravierend sind und die einen großen Ein- Kriminalprävention“ eine deutsche Wort-
Mitarbeiter am Institut für Kriminologie fluss auf Kriminalität und Kriminalitäts- schöpfung, die keine direkte Entspre-
der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. furcht ausüben, ein Hauptanliegen dar- chung in der englischen Sprache hat. Dort
Die Forschungsschwerpunkte des Instituts stellen. Red. werden meistens die Begriffe „commu-
sind: Kriminalprävention, Jugendkrimino- nity policing“ oder auch „problem-orien-
logie und Jugendstrafrecht, Empirische Problemlage der Kommune als ted policing“ verwendet, um das zu
Sanktionsforschung, Empirische Strafver- Ausgangspunkt bezeichnen, was der deutschen Kommu-
fahrensforschung und Strafvollzug. nalen Kriminalprävention am ehesten
In der Geschichte der Bundesrepublik entspricht. Die Tatsache, dass der Begriff
Deutschland gibt es wohl kein populäre- nicht, wie sonst so häufig, direkt aus dem
res kriminalpolitisches Konzept als das der Englischen übernommen wurde, macht
Kommunalen Kriminalprävention. Fast zwei Dinge deutlich: zum einen gibt es er-
alle deutschen Städte und Gemeinden hebliche Unterschiede zu den amerikani-
haben in den letzten Jahren Gremien ge- schen Präventionsmodellen auf lokaler
bildet, die sich mit Kriminalprävention Ebene; zum anderen liegen diese Unter-
auf kommunaler Ebene befassen. Der schiede vor allem in der unterschiedlichen
erste Periodische Sicherheitsbericht der Rolle der Polizei. Denn dass in den ameri-
Bundesregierung nennt die Zahl von etwa kanischen Präventionsmodellen jeweils
1.650 Präventionsgremien, die sich auf der Begriff des „policing“ vorkommt, legt
alle kommunale Ebenen verteilen nahe, dass der Polizei in den USA eine
(BMI/BMJ 2001, S. 464) und zahlreiche Ein- weitaus tragendere Rolle zugedacht ist
zelprojekte ins Leben gerufen haben. So als in Deutschland.
gab es laut einer Pressemitteilung des Tatsächlich bezeichnen Community Poli-
Innenministeriums in Baden-Württem- cing und Problem-oriented Policing – und
berg gegen Ende des Jahres 2001 in den somit die Vorbilder für Kommunale Kri-
300 Städten, Gemeinden und Landkreisen minalprävention in Deutschland – Re-
dieses Bundeslandes allein über 500 kom- formbemühungen innerhalb der (groß-
munale Präventionsprojekte. städtischen) amerikanischen Polizei. Um
Von einem geschlossenen und einheit- das zu verdeutlichen, sei im Folgenden
Dr. Christian Laue ist wissenschaftlicher lichen Konzept zu sprechen, wäre aller- ein kurzer Abriss der Geschichte der ame-
Mitarbeiter am Institut für Kriminologie dings übertrieben. In einer ersten Annä- rikanischen Polizei im 20. Jahrhundert
der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. herung kann man festhalten, dass unter gegeben.1 Um 1900 herrschte in den ame-
Die Forschungsschwerpunkte des Instituts Kommunaler Kriminalprävention lokale rikanischen Großstädten noch überwie-
sind: Kriminalprävention, Jugendkrimino- Bemühungen verstanden werden, das gend das Sheriff-System. Dies beinhaltete,
logie und Jugendstrafrecht, Empirische Ausmaß der Kriminalität zu vermindern dass Polizisten nicht nur straftatver-
Sanktionsforschung, Empirische Strafver- und das subjektive Sicherheitsgefühl der folgend und -verhindernd tätig waren,
fahrensforschung und Strafvollzug. Bevölkerung zu verbessern, wobei – und sondern ihnen auch soziale Aufgaben zu-
das ist das eigentlich Entscheidende – die kamen. So ließen sie etwa Neuan-
Kommunale Kriminalprävention umfasst Gemeindebürger als Initiatoren und ver- kömmlingen in den Städten eine Erstver-
die Bemühungen von Gemeinde- oder antwortliche Träger eingebunden wer- sorgung zukommen und kümmerten sich
Stadtbewohnern, von kommunalen Ein- den. Für die organisatorische, konzep- beispielsweise um Waisen, Mittellose und
richtungen und der Polizei, Kriminalität tuelle und inhaltliche Ausgestaltung der Gebrechliche. Daneben hatten sie auch
und Kriminalitätsfurcht zu senken. Im einzelnen Projekte und Initiativen gibt es für die Ordnung in ihrer Stadt oder ihrem
Mittelpunkt stehen die spezifischen Prob- keine festen Regeln; im Gegenteil soll sich Stadtviertel zu sorgen, d.h. sie erledigten
lemlagen einer Kommune und vor allem die praktische Umsetzung an den spezifi- auch zahlreiche wirtschafts- oder gesund-
die Einbindung der Bürger und Bürgerin- schen Problemlagen der Kommunen heitspolizeiliche Verwaltungsaufgaben.
nen. Die Wurzeln der Kommunalen Krimi- orientieren. So gibt es zu der Frage nach Nach dem rapiden Anwachsen sowohl der
nalprävention lassen sich durchaus in der Federführung bei Präventionsprojek- Städte als auch der Kriminalitätsraten in

70
der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
wurde die Polizei grundlegend umgestal-
tet. „Crime fighting“ stand im Mittel-
punkt der polizeilichen Tätigkeit und
wurde bald ihre ausschließliche Aufgabe.
Dies geschah unter gleichzeitiger enor-
mer technischer Hochrüstung. So wurden
die Polizisten nicht nur stark bewaffnet,
sondern sie wurden auch nach und nach
allesamt mit Fahrzeugen ausgestattet.
Ihre einzige Aufgabe war es, nach Straf-
taten Verhaftungen vorzunehmen. Dazu
sollten sie möglichst schnell am Tatort sein
und den Täter auf frischer Tat ertappen.
Der Kontakt des Bürgers zur Polizei sollte
ausschließlich über den telefonischen Not-
ruf („911“) erfolgen, um über die Polizei-
zentrale den blitzartigen Einsatz der Be-
amten in ihren Fahrzeugen auszulösen.
Überall in den Städten sollten sich die mo- Broken-Windows-Theorie: Wenn in einem Haus eine Fensterscheibe zerbricht und nicht
torisierten mobilen Einsatzteams befin- repariert wird, sind bald alle Fensterscheiben kaputt. Der Zerfall des einen Hauses be-
den, so dass jeder Tatort binnen weni- dingt den Zerfall der unmittelbaren Umgebung und liefert den Nährboden für Krimi-
ger Minuten erreicht und die notwendigen nalität. Foto: dpa
Festnahmen vorgenommen werden konn-
ten. Durch diesen schnellen Zugriff („rapid tung des Fahrplans leider nicht möglich, mehr oder weniger ungehindert ausbrei-
response“) erwarteten sich die Polizeitakti- an den Haltestellen anzuhalten. Gold- ten könne. Nur wenn es einer Gemeinde
ker eine kriminalpräventive Wirkung, weil stein will mit diesem Gleichnis deutlich gelinge, die Furcht wieder abzubauen
Kriminelle sich nie sicher sein konnten, machen, dass die amerikanische Polizei und in einer kollektiven Reaktion auf Kri-
dass nicht im nächsten Augenblick die alar- unterdessen völlig an den Bedürfnissen minalität die soziale Kontrolle zurückzu-
mierte Polizei auftauchen könnte. der Bevölkerung vorbei arbeitet. Nicht gewinnen, könne dieser Prozess aufge-
Diese Taktik ging aber nie auf. Es stellte mehr die Probleme der Bürger und Bür- halten werden. Der Kriminalitätsfurcht
sich heraus, dass Opfer von Straftaten sel- gerinnen stünden im Vordergrund ihres kommt somit nach dieser These eine ganz
ten sofort nach der Tat die Polizei alar- Bemühens, sondern das Streben nach entscheidende Rolle bei der Verhinde-
mierten und so die Festnahmezahlen sehr einer immer höheren mechanistischen Ef- rung von Straftaten zu.
gering blieben. Zudem entfremdeten sich fizienz. Er forderte eine Polizeiarbeit, die Einen weiteren Mosaikstein bildeten
Bürger und Polizei immer mehr, weil prak- sich an den tatsächlichen Problemen der Untersuchungen, die sich mit den Entste-
tisch kein Kontakt mehr bestand. Den Be- Bürger und Bürgerinnen zu orientieren hungsbedingungen von Kriminalitäts-
amten war es untersagt, ihr Fahrzeug für hatte. Diese bestünden keineswegs nur in furcht beschäftigten. Es stellte sich näm-
längere Zeit zu verlassen, um Gespräche der städtischen Kriminalität, sondern zu- lich in Befragungen heraus, dass das
mit der Bevölkerung zu führen. Sie waren mindest in gleichem Maße an unter- Niveau an Kriminalitätsfurcht nicht so
damit vom außerpolizeilichen Leben in schwelligen Belästigungen wie Unord- sehr von Viktimisierungen abhing, die
einer Stadt isoliert. Die Bewohner der nung auf den Straßen und Lärm. Das man selbst erlitten oder von denen man
Städte betrachteten auf der anderen könne die Polizei aber gar nicht feststel- aus dem Bekannten- oder Verwandten-
Seite die Polizeibeamten nicht mehr als len, weil der Kontakt zwischen Bevölke- kreis erfahren hatte, sondern von sichtba-
Ansprechpartner für ihre Probleme, die rung und Polizei völlig abgeschnitten sei. ren Zeichen der Verwahrlosung im öf-
größtenteils außerhalb der Kriminalität So sei es wichtig, diesen Kontakt wieder fentlichen Raum einer Gemeinde. Diese
angesiedelt waren. Die Polizei wurde als herzustellen, so dass die Polizei erfahren „signs of incivility“ bezeichnen subjektiv
nur für Kriminalität zuständig angesehen. könne, welche Anliegen die Bürger „unerwünschte“, „unordentliche“ Ver-
Andere Probleme, insbesondere Ord- tatsächlich hätten, und den Aufgabenbe- hältnisse im Straßenbild, so etwa verlas-
nungsstörungen, wurden ihr deshalb gar reich auf die Bewältigung dieser Prob- sene und zerfallende Gebäude oder
nicht mehr mitgeteilt. Die Bürger wurden leme hin umzustellen („problem-oriented Grundstücke, „herumhängende“ („loite-
in diesem Polizeisystem allein darauf ver- policing“). Die Polizei solle dafür wieder ring“) Jugendliche, öffentlicher Alkohol-
wiesen, Straftaten anzuzeigen und Zeu- in die Gemeinde eingebunden werden oder Drogenkonsum und Vandalismus.
genaussagen zu machen. Da die Polizei bei und mit den wesentlichen gesellschaft- Solche Zeichen der „Unordnung“ verunsi-
der Kriminalitätsbekämpfung – ihrer einzi- lichen Gruppierungen zusammenarbei- chern die Bevölkerung weitaus mehr als
gen Aufgabe – aber nicht sehr erfolgreich ten („community policing“). tatsächliche Kriminalität und fördern so
war, erschien sie den Bürgern insgesamt als den Rückzug aus dem öffentlichen Raum
nicht sehr effizient, was zur Entstehung Voraussetzungen einer wirksamen und damit das Zusammenbrechen der in-
von Unsicherheitsgefühlen beitrug. Kriminalprävention auf kommunaler formellen sozialen Kontrolle, die für eine
Ebene wirksame Kriminalprävention in einer
Community Policing und „broken Kommune entscheidend ist.
windows“: Kritik an der Zur gleichen Zeit, aber von einer breite-
herrschenden Polizeitaktik ren Öffentlichkeit zunächst wenig beach- Der Broken Windows-Ansatz
tet, entwickelte sich ein Forschungszweig
Kritik an der geschilderten verfehlten Po- in der amerikanischen Kriminologie, der Alle diese Erkenntnisse wurden 1982 von
lizeitaktik in amerikanischen Städten kam die Voraussetzungen einer wirksamen James Q. Wilson und George L. Kelling in
ab den 70er-Jahren auf. Sie wurde insbe- Kriminalprävention innerhalb einer Ge- einem relativ kurzen Aufsatz verarbeitet,
sondere von Herman Goldstein im Jahre meinde untersuchte. Conklin (1975) etwa der wohl der einflussreichste kriminalpo-
1979 formuliert (Goldstein 1979). Er ver- stellte die These auf, dass Kriminalität in litische Text im ausgehenden 20. Jahrhun-
glich die amerikanische Polizei in ihrem einer Gemeinde Furcht unter den Bewoh- dert geworden ist (Wilson/Kelling 1982;
Bemühen, auf telefonische Notrufe im- nern auslöse und diese Bewohner zu deutsche Fassung 1996). Fast jedes kom-
mer schneller zu reagieren, um die Zahl einem sozialen Rückzug zwänge. Wer sich munale kriminalpräventive Projekt auch
der Festnahmen zu steigern, mit einem in seinem Wohnviertel fürchte, meide die in Deutschland beruft sich darauf. Ur-
städtischen Bus, der an einer vollen Bus- Straßen und ziehe sich aus dem sozialen sprünglich ging es den Autoren nur um
haltestelle vorbeifährt ohne anzuhalten. Leben zurück. Dies führe dazu, dass die in- einen häufigeren Einsatz von polizei-
Auf die Beschwerden der Fahrgäste erhal- formelle Kontrolle in einem Stadtviertel lichen Fußstreifen in amerikanischen
ten diese die Antwort, es sei zur Einhal- zusammenbreche und sich Kriminalität Großstädten. Sie wandten sich damit

71
gegen die oben beschriebene jahrzehnte- Kampf gegen jede „Unordnung“ im öf- furcht ein vorrangiges Ziel kriminalprä-
lang praktizierte Polizeitaktik einer hoch- fentlichen Raum, zu der neben Müll, ventiver Bemühungen ist. Darüber hinaus
gerüsteten, mobilen Strafverfolgungsbe- Graffiti, Vandalismus und verfallenden hat sich allgemein durchgesetzt, dass
hörde („rapid response“). Statt der in Gebäuden auch bestimmte Personen- nicht nur die objektive Kriminalitätslage,
Polizeiautos verschanzten und von der gruppen wie Bettler, Obdachlose, Dro- sondern auch das subjektive Kriminali-
Bevölkerung isolierten Beamten, die kei- genkonsumenten und andere sozial tätsbild in Präventionsmaßnahmen be-
nen Kontakt zu den Bürgern hatten, plä- Randständige gezählt wurden. Zwar ist rücksichtigt wird. Kriminalprävention be-
dierten die Autoren für Polizisten, die den diese Sichtweise des New Yorker Modells deutet damit nicht nur die Senkung der
Kontakt zu der Bevölkerung suchen und zu einseitig, denn es standen auch hier – tatsächlich bestehenden Kriminalitäts-
in Gesprächen mit ihr deren Probleme entsprechend der oben geschilderten be- rate, sondern auch die Steigerung des
kennen lernen sollten. Dabei würden sie sonderen Problematik der amerikani- subjektiven Sicherheitsgefühls der Bürger
feststellen, dass die Bürger und Bürgerin- schen Polizei – vor allem organisatorische und Bürgerinnen. Zwar sind weder die
nen nicht so sehr die tatsächliche Krimi- Änderungen in der Struktur und Verant- Entstehungsbedingungen noch die Wir-
nalität belaste, sondern viel mehr die wortlichkeit der New Yorker Polizei im kungen von Kriminalitätsfurcht ausrei-
sichtbaren Zeichen von Unordnung im Vordergrund;4 doch hat das gleichzeitige chend empirisch erforscht. Wenn es aber
Straßenbild. All dies waren Erkenntnisse, massive Vorgehen gegen Ordnungsstörer Hinweise darauf gibt, dass städtische „Un-
die vorher schon bekannt waren. Wilson deutsche Kriminologen und Präventions- ordnung“ zu einer verstärkten Verunsi-
und Kelling radikalisierten jedoch die bis- politiker überwiegend abgeschreckt. Da- cherung der Bevölkerung beiträgt, liegt
herigen Thesen und verwendeten dabei rüber hinaus ist eine Umsetzung des New es nahe, auch diese „Unordnung“ als kri-
das sehr eingängige Bild von der zerbro- Yorker Modells in deutschen Städten auch minalpräventiv bedeutsam anzusehen
chenen Fensterscheibe: Wenn in einem aus rechtlichen Gründen kaum möglich.5 und sie zu vermindern.
Haus einmal eine Fensterscheibe zerbro- Obwohl das New Yorker Modell durch Zu den bereits dargelegten Erkenntnissen
chen und nicht alsbald repariert werde, einen erstaunlichen Kriminalitätsrück- gesellt sich der kriminologische Befund,
seien bald alle Fensterscheiben in diesem gang während der 90er-Jahre6 durchaus dass Kriminalität einen starken örtlichen
Haus kaputt und das ganze Haus dem Ver- erfolgreich erschien,7 ist es kein Vorbild Bezug hat. Ungefähr 70 % der polizeilich re-
fall preisgegeben. Der Zerfall eines Hau- für die Kriminalprävention in deutschen gistrierten Delikte werden am Wohnort
ses bedinge aber – sofern man dagegen Städten. Kurze Versuche, es direkt umzu- oder in dessen unmittelbarer Nähe began-
nicht konsequent einschreite – bald den setzen, wurden entweder von den Ge- gen (BMI/BMJ 2001, S. 461). Man kann also –
Zerfall aller Häuser in einem Block und richten gestoppt8 oder waren politisch je nach kriminaltheoretischer Ausrichtung –
mit der Zeit den Niedergang des gesam- nicht durchsetzbar. Unterdessen scheint davon ausgehen, dass es einen örtlichen
ten Stadtviertels. Die Personen, die es sich in Deutschland kaum jemand mehr New Einfluss auf Täterverhalten und Viktimisie-
leisten können, zögen bald weg in eine York vorbildgetreu nacheifern zu wollen. rungsrisiken gibt. Diese Bedingungen von
bessere Gegend. Was nachfolge, seien Statt dessen hat sich aus Teilbereichen der Kriminalität kann man sinnvollerweise pri-
Personen, die den Niedergang nicht auf- amerikanischen Wurzeln ein eigenständi- mär durch örtliche, eben kommunale Prä-
halten könnten oder wollten, so dass die ges Konzept einer Kommunalen Kriminal- ventionsbemühungen beeinflussen.
soziale Kontrolle in dem Stadtviertel bald prävention entwickelt. Einige der oben be- Eine zentral gesteuerte und damit zwangs-
zusammenbreche und es den Nährboden schriebenen Ausgangspunkte, die in den läufig breit und pauschal angelegte Prä-
für Kriminalität – auch schwere – biete. USA zu einem präventionspolitischen Um- ventionspolitik kann nicht sowohl auf die
Was für eine zerbrochene Fensterscheibe denken geführt haben, gelten in Deutsch- örtlichen objektiven Problemlagen als
gilt, gelte auch für menschliche Zeichen land nicht. So hat die deutsche Polizei auch auf die lokalen subjektiven Bedürf-
von „Unordnung“, etwa Bettler, Drogen- keine mit den USA vergleichbare Entwick- nisse der Bevölkerung gleichermaßen an-
süchtige oder unbeaufsichtigte Jugendli- lung genommen, die es nun mühsam zu re- gemessen reagieren. Sinnvoll erscheint es
che. Wenn man gegen solche Personen vidieren gilt. Auch ist die Kriminalitätsrate dagegen, die Bürger und Bürgerinnen
nicht konsequent vorgehe, was durchaus in deutschen Städten nicht annähernd so selbst entscheiden zu lassen, welche Pro-
im Rahmen sozialer Unterstützungsmaß- hoch wie in den USA zu Anfang der 90er- blemschwerpunkte sie in ihrer Kommune
nahmen geschehen könne, werde die Jahre. Es gibt keine Straßenzüge oder gar sehen. So ergeben sich naturgemäß in ei-
Kriminalität rasant steigen und das Stadt- Stadtviertel, die von der Polizei „zurücker- ner kleinen ländlichen Gemeinde ganz an-
viertel dem Verfall preisgegeben. Wilson obert“ werden müssen.9 Die Situation ist dere objektive Probleme und subjektive
und Kelling haben die oben geschilderten also vergleichsweise undramatisch. Sichtweisen als etwa im Zentrum einer
kriminologischen Erkenntnisse insoweit Großstadt. Die dazu nötige Flexibilität in
radikalisiert, als sie von einem zwingen- Leitlinien einer Kommunalen der Ausgestaltung des aktuell notwendi-
den ursächlichen Zusammenhang zwi- Kriminalprävention in Deutschland gen Präventionsprogramms ergibt sich
schen städtischer „Unordnung“ und stei- nur, wenn man die Bürger und Bürgerin-
gender Kriminalität ausgingen. Dies gelte Dennoch scheinen manche der oben ge- nen vor Ort sowohl bei der Problemerfas-
sowohl für bereits in Verfall befindliche als schilderten, in den USA in den 70er und sung als auch bei der Problembehandlung
auch für bisher völlig gesunde Stadtteile.2 80er-Jahren gewonnenen Erkenntnisse möglichst intensiv einbindet.
auch für Deutschland Bedeutung zu Zusammenfassend lässt sich Kommunale
Umsetzungen der Broken Windows- haben. So ist es wohl richtig, dass in zahl- Kriminalprävention daher wie folgt um-
Theorie reichen Gemeinden und Stadtteilen eine schreiben: Es handelt sich dabei um
wirksame informelle soziale Kontrolle nur Bemühungen der Gemeinde- oder Stadt-
Die Broken Windows-Theorie hatte einen noch eingeschränkt funktioniert – eine teilbewohner sowie kommunaler Einrich-
überragenden Einfluss auf die Präven- Folge zunehmender Individualisierung in tungen und Polizei, auf lokaler Ebene
tionspolitik der 90er-Jahre. Die Wirkung unserer Gesellschaft (Heitmeyer 1998). Kriminalität und Kriminalitätsfurcht zu
dieses Aufsatzes beruhte wohl vor allem Auch die Befunde über die Wirkungen senken. Dem aktuellen Verständnis von
auf seiner alltagstheoretischen Plausibi- von Kriminalitätsfurcht können für die Si- Kommunaler Kriminalprävention ent-
lität, die sich in dem eingängigen Gleich- tuation in deutschen Städten Geltung be- spricht es, dies durch die Stärkung infor-
nis von der zerbrochenen Fensterscheibe anspruchen. Es erscheint plausibel, dass meller sozialer Netze und den Abbau
kurz und prägnant ausdrückt. Kriminalitätsfurcht tatsächlich eine wün- (städtischer) „Unordnung“ anzustreben.
Das weltweit bekannteste Präventions- schenswerte soziale Kontrolle beeinträch-
projekt, das sich direkt auf Wilson und tigt. Zumindest bei Frauen und älteren Die Praxis der Kommunalen
Kelling berufen hat, ist das New Yorker Menschen ist die Kriminalitätsfurcht Kriminalprävention: Zur
Modell der „zero tolerance“. Eine breite überdurchschnittlich hoch und trägt dazu Notwendigkeit empirischer
Medienpublizität und Erfolge in der Kri- bei, dass sich diese Personen über ver- Bevölkerungsbefragungen
minalitätsbekämpfung machten dieses stärkte Schutzvorkehrungen und Vermei-
Modell auch für manche deutsche Prä- deverhalten aus dem öffentlichen Leben Dieses entstehungsgeschichtlich abgelei-
ventionspolitiker attraktiv.3 „Zero tole- zurückziehen. Somit ist es konsequent, tete Konzept der Kommunalen Kriminal-
rance“ bezeichnet dabei den rigorosen wenn die Minderung von Kriminalitäts- prävention wird in der Praxis meist nur in

72
Tabelle 1: Aspekte der Kriminalitätsfurcht – ein Vergleich verschiedener Befragungen

Indikatoren der Befragungsorte und -zeitpunkte


Kriminalitätsfurcht Eppelheim Hockenheim Heidelberg Freiburg Backnang Winnenden Leimen
1998 1998 1998 1998 1999 2000 2002
Opfergedanke allgemein1 25 % 30 % 23 % 20 % 16 % 12 % 21 %
Viktimisierungsangst2 30 % 30 % 22 % 19 % 19 % 15 % 26 %
3
Vermeideverhalten 43 % 47 % 46 % 48 % 36 % 27 % 43 %
1
„Wie oft denken Sie daran, selbst Opfer einer Straftat zu werden.“ Prozentualer Anteil an Personen, die oft oder sehr oft (mindestens einmal in der Woche) daran den-
ken, Opfer einer Straftat zu werden.
2
„Haben Sie nachts draußen alleine in ihrer Wohngegend Angst, Opfer einer Straftat zu werden.“ Prozentualer Anteil an Personen, die oft oder sehr oft (mindestens ein-
mal in der Woche) daran denken, Opfer einer Straftat zu werden.
3
„Bitte versuchen Sie sich an das letzte Mal zu erinnern, als Sie nach Einbruch der Dunkelheit unterwegs waren, aus welchen Gründen auch immer. Haben Sie dabei gewisse
Straßen oder Örtlichkeiten gemieden, um zu verhindern, dass Ihnen etwas passieren könnte?“ Prozentualer Anteil an Personen, die ihr Verhalten eingeschränkt haben, um
das Risiko der Opferwerdung zu verringern.

Quelle: Hermann/Bubenitschek 1999, Hermann 1999, Hermann/Döllling 2001

modifizierter Form umgesetzt. Dabei kön- testet. Die Befragung ist geeignet, Hinter- rung wird die Problembelastung eines
nen idealtypisch gesehen drei Stufen unter- grundwissen für die Entwicklung und Um- Stadtteils erhöht. Folglich kann der
schieden werden: Erstens die Gründung setzung von Maßnahmen im Rahmen der Abbau von Problembelastungen in einem
einer organisatorischen Einheit, die Maß- Kommunalen Kriminalprävention zu er- Stadtteil als geeignetes Mittel angesehen
nahmen initiiert und koordiniert, zweitens schließen, und durch die Verwendung werden, Kriminalität abzubauen und Kri-
die Durchführung einer empirischen Bevöl- eines normierten Erhebungsinstrumentes minalitätsfurcht zu reduzieren.
kerungsbefragung, in der die Ansichten ist es möglich, Umfrageergebnisse zu ver- Durch eine Bevölkerungsbefragung ist es
der Bewohnerinnen und Bewohner der Ge- gleichen. So kann eine Gemeinde, die ein möglich, die subjektive Problemsicht von
meinde erhoben werden und drittens die selbst entwickeltes oder selten verwende- Einwohnerinnen und Einwohnern einer
konkrete Umsetzung von Präventionspro- tes Erhebungsinstrument für die Erfas- Gemeinde und damit wahrgenommene
jekten. Allerdings führen nur etwa ein Drit- sung der Kriminalitätsfurcht verwendet, Problembelastungen von Stadtteilen zu
tel der Gemeinden in Deutschland, die letztlich nicht erkennen, ob die Kriminali- erheben. Als Messinstrument bietet sich
Kommunale Kriminalprävention betrei- tätsfurcht in der Gemeinde besonders das von Skogan (1990) entwickelte Instru-
ben, solche Befragungen durch, und nur hoch oder niedrig ist. ment zur Erfassung von „social und physi-
ein Teil davon berücksichtigt eine Erfas- In Tabelle 1 sind beispielhaft die Ergeb- cal disorder” an – das ist eine Frage, in der
sung des Dunkelfelds sowie der Krimina- nisse mehrerer Umfragen zum Thema Kri- zu verschiedenen Punkten angegeben
litätsfurcht (Obergfell-Fuchs 2001, S. 540f.). minalitätsfurcht zusammengefasst. Jede werden kann, in welchem Ausmaß diese
Dies bedeutet, dass die meisten Initiativen der berücksichtigten Gemeinden kann als Problem gesehen werden. Maßnah-
zur Kommunalen Kriminalprävention in er- dadurch die Wichtigkeit kriminalpräven- men im Bereich der Kommunalen Krimi-
ster Linie auf persönlichen Erfahrungen tiver Maßnahmen zur Reduzierung der nalprävention können somit erstens auf
und lokal vorhandenem Wissen über Struk- Kriminalitätsfurcht einschätzen. Stadtteile mit hoher subjektiver Problem-
turprobleme in einer Gemeinde basieren. belastung konzentriert werden – dies sind
Bei der Rechtfertigung kommunaler Prä- Die Vorbereitung kriminal- meist auch Stadtteile mit hoher Krimina-
ventionsmaßnahmen wird oft darauf ver- präventiver Maßnahmen durch litätsfurcht der Bewohnerinnen und Be-
wiesen, dass Kriminalität und Kriminali- Bevölkerungsbefragungen wohner – und zweitens auf den Abbau von
tätsfurcht Probleme seien, die nicht nur Problemen, die aus subjektiver Sicht be-
individuelle und gesamtgesellschaftliche, Besonders wichtig für die Entwicklung sonders gravierend sind, sowie drittens auf
sondern vor allem lokale Ursachen haben, und Umsetzung von Maßnahmen im den Abbau von Problemen, die einen ver-
wobei die Beseitigung der Probleme dann Rahmen der Kommunalen Kriminalprä- hältnismäßig großen Einfluss auf Krimina-
auch lokal erfolgen müsse (Baier/Feltes vention ist das Wissen über lokale und lität und Kriminalitätsfurcht haben.
1994, S. 693; Heinz 1997, S. 78–83 und strukturelle Unterschiede in Viktimisie- In vielen Bevölkerungsbefragungen zur
143). Dahinter steckt wie in ökologischen rungshäufigkeiten und Kriminalitäts- Kommunalen Kriminalprävention zeigt
Kriminalitätstheorien der Gedanke, dass furcht. Zwar sind in der Regel die zent- sich die gleiche Rangordnung der Prob-
situative und strukturelle Bedingungen rumsnahen Gebiete besonders belastet, lembereiche: Das subjektiv größte Prob-
einen Einfluss auf Kriminalität und Krimi- aber man findet auch Gemeinden, in lem der Befragten liegt meist im Ver-
nalitätsfurcht haben. Folglich muss man denen die Kriminalitätsfurcht in Randge- kehrsbereich, gefolgt von den Themen
zur Reduzierung von Kriminalität und bieten ebenfalls verhältnismäßig hoch ist. „Schmutz und Müll in Straßen oder Grün-
zum Abbau von Kriminalitätsfurcht „ne- Kriminalpräventive Maßnahmen können anlagen” und „Jugendlichen, die sich
gative“ Strukturbedingungen und sub- auf die Stadtteile mit hoher Kriminalitäts- langweilen und nichts tun” (Hermann
jektiv empfundene Unordnung verän- belastung und hoher Kriminalitätsfurcht 2002, Janssen/Schollmeyer 2001).
dern – dies ist ein wichtiger Aspekt der der Einwohner konzentriert werden. Für die Entwicklung kriminalpräventiver
Kommunalen Kriminalprävention. Ein sol- Welche kriminalpräventiven Maßnahmen Maßnahmen ist es wichtig zu wissen, wie
ches Vorgehen setzt sowohl Kenntnisse in diesen Stadtteilen sinnvoll sind, können groß der Einfluss der wahrgenommenen
über die Strukturbedingungen in einer aus Umfrageergebnissen und der Theorie Problembereiche auf Kriminalitätsfurcht
Gemeinde als auch Kenntnisse über den des Broken Windows-Paradigmas von ist. In Tabelle 2 ist für verschiedene Unter-
Einfluss dieser Bedingungen auf Krimina- Wilson/Kelling (1982; deutsche Fassung suchungen die Stärke dieses Zusammen-
lität und Kriminalitätsfurcht voraus. Die- 1996) abgeleitet werden. Nach diesem hangs beschrieben. Die Effektstärken
ses Wissen kann durch Umfragen und Ansatz führt eine hohe subjektiv wahr- können durch die Bestimmung von Parti-
durch Analysen regionaler Kriminalitäts- genommene Problembelastung eines alkorrelationen10 ermittelt werden. Je
statistiken erlangt werden. Stadtteils zu Unsicherheitsgefühlen, Kri- höher die angegebene Zahl ist, desto grö-
Die Bevölkerungsbefragungen unter- minalitätsfurcht, einem Abbau sozialer ßer ist der Zusammenhang.
scheiden sich zum Teil erheblich vonei- Kontrolle und folglich auch zu einem Insgesamt gesehen ist ein relativ enger
nander. Dies schränkt die Vergleichbar- Kriminalitätsanstieg. Die Reaktion auf zu- Zusammenhang zwischen subjektiver
keit von Untersuchungen ein. Aus diesem nehmende Unsicherheit, Kriminalitäts- Problemsicht und Kriminalitätsfurcht er-
Grund hat die Forschungsgruppe Kom- furcht und Kriminalität löst bei wohl- kennbar. Je gravierender nach der Ansicht
munale Kriminalprävention in Baden- habenderen und aktiven Personen eine der Befragten die Probleme in einer Ge-
Württemberg (2000) einen Fragebogen erhöhte Bereitschaft, aus dem Stadtteil meinde sind, desto größer ist auch die
zur Erstellung kommunaler Kriminalitäts- wegzuziehen. Durch diese Veränderung Kriminalitätsfurcht. Allerdings haben die
lagebilder entwickelt und mehrfach ge- der Zusammensetzung der Wohnbevölke- berücksichtigten Problembereiche einen

73
Tabelle 2: Partialkorrelationen zwischen subjektiver Problemsicht und affektiver Kriminalitätsfurcht (Index)

Problembereiche Leimen Winnenden Hockenheim Wiesloch Schwetzingen


Jugendliche .38 .37 .34 .32 .37
Hausierer .21 .16 .29 .25 .15
Drogen .32 .24 .29 .38 .33
Betrunkene .39 .32 .30 .38 .34
Autofahrer .26 .20 .23 .23 .17
Ausländer .44 .39 .42 .47 .43
Rechtsradikale .26 .22 .20 .21 .25
Gebäude .20 .20 .20 .27 .19
Zerstörte Telefonzellen .26 .22 .25 .26 .28
Graffiti .29 .26 .25 .33 .33
Schmutz, Müll .33 .29 .29 .31 .34
Kriminalität .39 .33 .40 .46 –
Falschparker .21 .20 .20 .27 .20
Quellen: Hermann/Bubenitschek 1999, Hermann 2000, Hermann 2002

unterschiedlich starken Einfluss auf die 4. Die Ängste von Bürgerinnen und Bür- kerungsbefragungen als Grundlage einer
Kriminalitätsfurcht, das Gewicht der ein- gern vor Ausländern und Asylbewer- rationalen Kriminalpolitik gesehen wer-
zelnen Problembereiche ist verschieden. bern sollten abgebaut werden. Auslän- den.
Besonders groß ist der Effekt, der von sub- der und Asylbewerber werden zu
jektiven Problemen mit vielen Auslän- einem beachtlichen Teil mit Krimina- Projekte zur Kommunalen
dern und Asylbewerbern, der subjektiven lität in Verbindung gebracht. Somit Kriminalprävention
Wahrnehmung von sich langweilenden könnte ein Abbau von Vorurteilen und
und nichtstuenden Jugendlichen, ebenso eine Annäherung von Deutschen und Mittlerweise gibt es kaum noch Städte in
der Wahrnehmung von Kriminalität und Ausländern zur Verminderung von Deutschland, in denen kein kriminalprä-
Betrunkenen sowie von Schmutz und gegenseitigem Misstrauen helfen, die ventives Gremium etabliert ist und keine
Müll in öffentlichen Räumen ausgeht.11 Kriminalitätsfurcht zu reduzieren. Der Maßnahmen zur Kommunalen Kriminal-
Zu ähnlichen Ergebnissen gelangen auch Schwerpunkt kann auf bestimmte prävention initiiert wurden. Die Situation
Janssen und Schollmeyer (2001) durch Stadtteile gelegt werden. ändert sich beinahe täglich, und publi-
eine Befragung in Erfurt. Demnach ist der 5. Eine Förderung der Jugendarbeit und zierte Übersichten sind deshalb in der
Abbau von Problemen, Ängsten und Vor- Beseitigung organisatorischer Defizite Regel bei Erscheinen meist schon nicht
urteilen in den genannten Bereichen für bei der Koordination von Fahrplänen mehr auf dem aktuellen Stand. Allerdings
die Reduzierung der Kriminalitätsfurcht im Öffentlichen Nahverkehr könnte ist auch keine vollständige Übersicht über
besonders wirkungsvoll. dazu beitragen, die subjektive Bedro- alle Projekte zur Kommunalen Kriminal-
hung durch „sich langweilende und prävention notwendig, um ein Bild von
Vorschläge kriminalpräventiver nichtstuende“ Jugendliche abzubauen. der Praxis zu bekommen. Deshalb sollen
Maßnahmen Der Schwerpunkt kann auf bestimmte hier beispielhaft einige Projekte zur Kom-
Stadtteile gelegt werden. munalen Kriminalprävention beschrieben
Aus den Ergebnissen der Begleituntersu- 6. In bestimmten Stadtteilen könnte die werden.
chungen zur Kommunalen Kriminalpräven- Beseitigung von Schmutz und Müll auf Das Projekt „Suchtprävention in Wolfs-
tion können Präventionsmaßnahmen ab- Straßen und Grünanlagen helfen, die burg“ ist eine Initiative, bei der Polizei und
geleitet werden. Die nachfolgende Liste Kriminalitätsfurcht abzubauen. Schulpsychologischer Dienst der Stadt be-
beinhaltet Vorschläge kriminalpräventiver 7. Die Reduzierung der subjektiven Belas- teiligt sind.12 Es handelt sich um Schulungs-
Maßnahmen, die auf Grund einer Umfrage tung durch den Straßenverkehr wäre maßnahmen für Lehrerinnen und Lehrer,
in Leimen entwickelt wurden (Hermann vor allem für bestimmte Stadtteile die in die Lage versetzt werden sollen,
2002). Sie diene als veranschaulichendes wichtig. Auf die gestiegenen Unfall- Drogenmissbrauch zu erkennen. Zudem
Beispiel einer praktischen Umsetzung der zahlen in den letzten Jahren sollte werden gemeinsam mit der Polizei In-
gewonnenen Unfrageergebnisse: reagiert werden. Die Anzahl „undiszip- formationsveranstaltungen für Schülerin-
1. Obwohl die Kriminalitätsbelastung in linierter“ Autofahrerinnen und Auto- nen und Schüler zu der Thematik angebo-
Leimen auf einem niedrigen Niveau ist, fahrer könnte durch eine geeignete ten. Diese schulischen Maßnahmen zur
sollte sie weiter reduziert werden. Dies Verkehrsplanung mit einer Entschär- Suchtprävention werden durch polizeili-
würde auch zu einer weiteren Senkung fung von Unfallschwerpunkten und che Maßnahmen unterstützt, in denen in
der Kriminalitätsfurcht führen. durch gezielte Verkehrskontrollen re- der offenen Rauschgiftszene permanente
2. Die Bewohnerinnen und Bewohner be- duziert werden. Kontrollen durchgeführt werden, um den
stimmter Wohnbezirke haben eine hö- 8. Konzepte zur Verhinderung von Woh- Verfolgungsdruck zu erhöhen, Dealer und
here Kriminalitätsfurcht als die Perso- nungseinbrüchen wären in einigen Konsumenten zu verunsichern, den Zulauf
nen in anderen Teilen der Stadt. Somit Stadtteilen Leimens, in denen die Be- durch junge Bevölkerungsgruppen zu
ist es gerechtfertigt und sinnvoll, einen drohung als besonders groß gesehen unterbinden und Drogenabhängige an
Teil der Präventionsmaßnahmen regio- wird, sinnvoll. Hilfsorganisationen zu vermitteln.
nal zu konzentrieren. Insgesamt gesehen ermöglicht eine Be- In Ludwigsburg fand in den Jahren 1999
3. Die Kriminalitätsfurcht unter jungen völkerungsbefragung im Rahmen der und 2000 eine Kampagne gegen Gewalt
Frauen ist verhältnismäßig groß. Somit Kommunalen Kriminalprävention die Ab- von Männern an Frauen, Mädchen und
empfiehlt es sich, im Rahmen der Kom- leitung von Präventionsmaßnahmen, die Jungen statt (Landeskriminalamt Baden-
munalen Kriminalprävention angstab- effizient sein dürften und die eine Kon- Württemberg 2001, S. 9). Während der
bauende Maßnahmen für junge Frau- zentration der vorhandenen Ressourcen Kampagne wurden etwa 80 Veranstaltun-
en zu initiieren und mögliche Angst- auf ausgewählte Gebiete und Themenfel- gen und Aktionen von verschiedenen
räume für Frauen zu entschärfen. der erlauben. Somit können solche Bevöl- Vereinen und lokalen Institutionen durch-

74
geführt. Das Angebot umfasste Fachvor-
träge, Diskussionsforen, Schulaktivitäten,
Selbstbehauptungskurse, Theater- und
Filmprojekte, Ausstellungen sowie eine
Publikation. Die Initiatoren waren Polizei,
Frauengruppen und Kirche. Ein ähnliches
Konzept wurde bereits früher in Mün-
chen durchgeführt (Heiliger 2000). Das
Ludwigsburger Projekt wurde mit dem
„Präventionspreis 2000“ ausgezeichnet.
Ein typisches Projekt zur Kommunalen
Kriminalprävention ist die „Aktion Siche-
re Stadt“ in Schwäbisch Gmünd (www.
agenda-gd.de/ak-aktionsicherestadt.html;
Enzmann u. a. 1999). Dieses Projekt wird
von Stadtverwaltung und Polizei betrie-
ben. Zudem sind Vertreter sozialer und
kirchlicher Einrichtungen, Vereine, Inte-
ressenverbände sowie Privatpersonen in
verschiedenen themenbezogenen Ar-
beitskreisen aktiv. Das Ziel des Arbeits-
kreises „Sicheres Wohnen“ ist die Redu-
zierung der Wohnungseinbrüche durch
technische und verhaltensorientierte
Maßnahmen. Dabei werden die Bewoh-
nerinnen und Bewohner der Gemeinde
an regelmäßig wiederholten „Sicherheits-
tagen“ über die aktuelle Sicherheitstech-
nik informiert. Der Arbeitskreis „Sichere
Wege“ will die Kriminalitätsfurcht an be-
drohlich empfundenen Orten durch bau-
liche Maßnahmen abbauen, und der
Arbeitskreis „Ladendiebstahl“ will insbe-
sondere durch Informationsveranstaltun-
gen polizeilicher Jugendsachbearbeiter
an Schulen sowie durch Werbeaktionen
das Rechtsbewusstsein stärken. Der Ar-
beitskreis „Integration von Neubürgern“
will insbesondere für jugendliche Aus-
siedler Freizeit- und Informationsange-
bote bereitstellen und eine Jobbörse
anbieten. Der „Arbeitskreis gegen Ju-
gendgewalt“ zielt vor allem auf die Re-
duzierung der Jugendkriminalität. Dazu
wurden ein Sozialbüro eröffnet, eine An-
ti-Drogen-Disco veranstaltet sowie eine Die Beseitigung von Schmutz und Müll auf Straßen und Grünanlagen kann helfen, die
mehrsprachige Informationsbroschüre für Kriminalitätsfurcht abzubauen. Die Stadt Ludwigshafen geht ungewöhnliche Wege
die Eltern sozial auffälliger Kinder er- und bittet neuerdings „Müllsünder“ zur Kasse. Erklärtes Ziel ist es, die Stadt sauberer
stellt. Zudem werden dieser Elterngrup- zu machen. Foto: dpa
pe noch Gesprächsmöglichkeiten ange-
boten. petenz sowie ihr Selbstwertgefühl gestei- Weiterentwicklung der Kommunalen
Auch in Heidelberg werden eine Vielzahl gert werden. Für Senioren werden spe- Kriminalprävention: die kriminal-
von präventiven Maßnahmen unter dem zielle Sicherheitsberatungen angeboten präventive Zielgruppenanalyse
Begriff der Kommunalen Kriminalpräven- und Theaterstücke aufgeführt, die dazu
tion zusammen gefasst. Dazu gehören beitragen sollen, das Selbstbewusstsein Der Schwerpunkt der Kommunalen Krimi-
Projekte, mit denen die Sicherheit für der Zuschauer zu stärken und Täter- nalprävention liegt in der Verbesserung
Frauen verbessert werden soll. Beispiels- strategien sowie Gefährdungssituationen von solchen lokalen strukturellen Bedin-
weise wird Frauen angeboten, sich in besser zu erkennen (www.praevention- gungen, die einen Einfluss auf Krimina-
einem Teil des Universitätscampus durch rhein-neckar.de). lität und Kriminalitätsfurcht haben. Dabei
eine Sicherheitskraft des Wachdienstes Insgesamt gesehen wird in der Praxis stehen Stadtteile mit hoher Kriminalitäts-
begleiten zu lassen. Frauen können bei Kommunale Kriminalprävention als ein belastung und hoher Kriminalitätsfurcht
Nacht auf spezielle Taxis zurückgreifen, Ansatz verstanden, in dem verschiedene sowie Personen, die überdurchschnittlich
und Handys, mit denen ein Notruf mög- Präventionsmaßnahmen verknüpft wer- häufig Opfer von Straftaten werden und
lich ist, werden kostenlos verteilt. Zudem den und mehrere Einrichtungen beteiligt Personen mit hoher Kriminalitätsfurcht
wird ein Selbstbehauptungstraining für sind. im Mittelpunkt präventiver Maßnahmen.
Frauen angeboten. Im Projekt „Schulkino Weitere Projekte sind auf der Homepage Eine Weiterentwicklung dieses Ansatzes
Rhein-Neckar/Heidelberg“ soll die Me- des Deutschen Forums für Kriminalprä- kann durch eine differenziertere Charak-
dienkompetenz junger Menschen durch vention (www.kriminalpraevention.de) terisierung dieser Personengruppen erfol-
eine Auseinandersetzung mit den Inhal- zu finden. Auf der Homepage des gen. In der Studie von Hermann und Döl-
ten der gezeigten File nachhaltig gestei- BKA kann eine Datenbank zur Krimi- ling (2001) wurde dieser Anspruch mit
gert werden (Hofheinz 2001). Zur Gewalt- nalprävention – Infopool Prävention – Hilfe der soziologischen Milieuforschung
prävention von Kindern werden thema- abgerufen werden (http://www.bka.de/ umgesetzt. So fanden die beiden Autoren
tisch passende Marionettenstücke auf- infopool_de.html). Verwiesen sei an die- mehrere unterschiedliche soziale Milieus,
geführt. Durch Klettermöglichkeiten, ser Stelle auch auf Publikationen des in denen Viktimisierungsraten und Krimi-
Streetball, Fußballturniere und Moun- Bundeskriminalamtes (2001) sowie des nalitätsfurcht relativ groß sind.
tainbike-Rennen sollen vor allem Jugend- Landeskriminalamtes Baden-Württem- Einen relativ hohen Anteil an Kriminali-
liche angesprochen und ihre soziale Kom- berg (1996, 2001 und 2002). tätsopfern findet man unter jungen Per-

75
sonen im „hedonistisch-materialistischen werden und beispielsweise das Layout von sind. Es bedeutet lediglich, dass die Personen, die darin
ein Problem sehen, eine höhere Kriminalitätsfurcht
Milieu“ und im „neokonformistischen Mi- Mitteilungen und Broschüren sowie die haben als andere. Durch die Frage nach der subjekti-
lieu“. Die jungen Personen im hedonis- verwendete Sprache den Präferenzen in ven Problemsicht werden auch Vorurteile und diffuse
tisch-materialistischen Milieu sind durch den relevanten Milieus angepasst werden. Ängste gegenüber Bevölkerungsgruppen erfasst.
Somit ist nicht nur der Abbau der genannten Problem-
die Dominanz subkultureller Werte wie Zudem ist anzunehmen, dass Präventions- bereiche, sondern auch der Abbau von Vorurteilen und
Cleverness und Härte sowie materieller angebote nicht in allen Milieus in glei- Ängsten seitens der Bevölkerung ein geeignetes
Mittel, Kriminalitätsfurcht abzubauen.
Werte beschreibbar. Diesen Werten ent- chem Umfang akzeptiert werden. Die 12
Nähere Informationen siehe unter www.wolfsburg.
spricht ein durch konsumorientiertes he- „kriminalpräventive Zielgruppenanalyse“ de/politik_verwaltung/geschaeftsbereiche/
buergerdienste/ordnungsamt/kriminalpraevention/
donistisches Verhalten gekennzeichneter ermöglicht somit eine Charakterisierung db/detailansicht.html?id=2
Lebensstil. Die Personen lehnen nach von Personen, die für Präventionsmaß-
ihren Aussagen Sparsamkeit, Einfachheit nahmen besonders geeignet erscheinen
und Bescheidenheit ab, genießen das sowie eine Anpassung und Auswahl von Literaturhinweise
Leben in vollen Zügen, scheren sich nicht Präventionsmaßnahmen an die Besonder- Baier, R./Feltes, T.: Kommunale Kriminalprävention –
darum, was andere von ihnen denken heiten der Zielgruppen. Modelle und bisherige Erfahrungen. In: Kriminalistik,
und stellen die eigenen Wünsche und Be- 48/1994, S. 693–697
Bundeskriminalamt: Kriminalprävention in Deutschland.
dürfnisse an die erste Stelle. Sie sind meist Gefahren kommunaler Länder-Bund-Projektsammlung 2001. Neuwied 2001
Singles mit überdurchschnittlicher Schul- Kriminalprävention Bundesministerium des Innern/Bundesministerium der
Justiz (Hrsg.): Erster Periodischer Sicherheitsbericht.
bildung, die wenig Zeit mit familiären Berlin 2001
Aktivitäten verbringen und sind ver- Wie jeder Eingriff in die Gesellschaft birgt Conklin, J.E.: The Impact of Crime. New York 1975
Enzmann, D./Wilmers, N./Wetzels, P./Mecklenburg,
gleichsweise selten sozial aktiv. Das neo- auch die Kommunale Kriminalprävention E./Pfeiffer, C.: Kriminalität und Gewalt bei Jugend-
konformistische Milieu besteht zwar Gefahren, insbesondere wenn kriminal- lichen in Schwäbisch Gmünd: Eine repräsentative Be-
ebenfalls aus jungen Personen, aber diese präventive Maßnahmen ausschließlich auf fragung zu Sicherheitsgefühl, Opfererfahrungen und
Gewalthandeln von Schülerinnen und Schülern der 9.
sind weitgehend durch bürgerliche Werte den Abbau städtischer „Unordnung“ kon- und 10. Jahrgangsstufe allgemeinbildender Schulen
und Verhaltensmuster charakterisierbar: zentriert sind. Erstens kann die Gleichset- sowie aus dem Bereich der beruflichen Bildung. For-
schungsbericht. Hannover 1999
sie sind sparsam, bescheiden, normen- zung so genannter „physischer Unord- Forschungsgruppe Kommunale Kriminalprävention in
und leistungsorientiert, sozial, zielorien- nung“ – also beispielsweise unentsorgter Baden-Württemberg: Standardinventar und Hand-
tiert und führen ein geordnetes Leben – Müll, Graffiti und verfallende Häuser – mit buch zur Planung und Durchführung von Bevölke-
rungsbefragungen im Rahmen der Kommunalen Kri-
in jeder Hinsicht sozial angepasst. Aber sie so genannter „sozialer Unordnung“ – Ob- minalprävention. Stuttgart, 2. überarbeitete Auflage
haben zudem noch andere, konträre dachlosen, Bettlern, Alkoholikern oder 2000. Stuttgart, Landeskriminalamt
Goldstein, H.: Improving Policing: A Problem-Oriented
Werte integriert. Die schulische und be- unerwünschten Jugendtreffs – zu unak- Approach. In: Crime and Delinquency, 25/1979, S. 236–
rufliche Ausbildung liegt auf relativ nied- zeptablen Maßnahmen gegen sozial rand- 258
Heiliger, A.: Männergewalt gegen Frauen beenden.
rigem Niveau. Somit unterscheiden sich ständige Personen führen. Es ist eine fatale Strategien und Handlungsansätze am Beispiel der
diese Personen hinsichtlich ihrer Wert- Konsequenz aus dem Aufsatz von Wilson „Münchner Kampagne gegen Männergewalt an
orientierungen und Schulbildung erheb- und Kelling, dass darin nahe gelegt wird, Frauen und Mädchen/Jungen“. Opladen 2000
Heinz, W.: Kriminalpolitik, Bürger und Kommune. In:
lich von den Personen im hedonistisch- beide Probleme müssten auf die gleiche Kury, Helmut (Hrsg.): Konzepte Kommunaler Kriminal-
materialistischen Milieu. Folglich ist die Weise aus der Welt geschafft werden. Es ist prävention. Kriminologische Forschungsberichte aus
dem Max-Planck-Institut für ausländisches und interna-
Gruppe der Personen, die verhältnismä- aber nicht nur inhuman, die genannten tionales Strafrecht, Band 59. Freiburg i. Br. 1997, S. 1–146
ßig häufig Opfer von Straftaten werden, Personengruppen einfach ohne Auffang- Heitmeyer, W.: Schattenseiten der Individualisierung
keineswegs homogen. möglichkeit aus dem Stadtbild zu vertrei- bei Jugendlichen aus unterschiedlichen Milieus. Wein-
heim, München 1998
Dies gilt ebenfalls für die Gruppe der Per- ben, sondern ein solches Vorgehen schafft Hermann, D.: Subjektive Problemlagen und Kriminali-
sonen mit hoher Kriminalitätsfurcht. Auch eher neue, schwer zu bewältigende Krimi- tätsfurcht in Winnenden. Unveröffentlichtes Manus-
kript, Heidelberg 2000
hier gibt es zwei Milieus, in denen diese be- nalitätsprobleme. Sinnvoll hingegen dürf- Hermann, D.: Subjektive Problemlagen und Kriminali-
sonders ausgeprägt ist, das „konformisti- ten integrative Maßnahmen sein. tätsfurcht in Leimen. Unveröffentlichtes Manuskript,
sche Milieu“ und das „avantgardistische Heidelberg 2002
Hermann, D./Bubenitschek, G.: Kommunale Kriminal-
Milieu“. Die Personen im konformistischen Anmerkungen prävention. Probleme bei der Implementation von Lö-
Milieu sind durch die Akzeptanz eines Wer- sungsvarianten. In: Kriminalistik, 53/1999, S. 546–552.
1
Eingehend dazu Laue (2002), S. 338ff. Hermann, D./Dölling, D.: Kriminalprävention und
tecocktails aus traditionellen und moder- 2
Eine kritische Analyse der Broken Windows-Theorie Wertorientierungen in komplexen Gesellschaften.
nen Werten charakterisiert. In diesem findet sich bei Laue (1999).
3
Analysen zum Einfluss von Werten, Lebensstilen und
Siehe etwa die „Aktion Sicherheitsnetz“ des frühe- Milieus auf Delinquenz, Viktimisierungen und Krimi-
Milieu gibt es unter den Älteren zwei ren Bundesinnenministers Kanther. nalitätsfurcht. Mainzer Schriften zur Situation von Kri-
Untergruppierungen, die sich insbeson- 4
Siehe die eingehende Beschreibung und Analyse des minalitätsopfern. Mainz 2001
dere durch das Ausbildungsniveau unter- New Yorker Modells bei Laue (2002), insbes. S. 355ff. Hofheinz, U.: Lernort Kino. Beschreibung und Evalua-
5
Laue (2002), S. 379ff. tion der „Kinospecials 2000“. Unveröff. Diplomarbeit.
scheiden: das konformistische Arbeitermi- 6
So sank die Zahl der (vollendeten) Morde von 1927 Fachhochschule Villingen-Schwenningen 2001
lieu und das konformistische gehobene im Jahre 1993 auf 671 im Jahre 2000; Raub sank im glei- Janssen, H./Schollmeyer, K.: Unsicherheit im öffent-
chen Zeitraum von 85.892 auf 32.221. lichen Raum. Eine empirische Studie zum subjektiven
Milieu. In beiden Untergruppen ist die Kri- 7
Allerdings ist nicht geklärt, in welchem Ausmaß der Sicherheitsempfinden in Erfurt. Mainzer Schriften zur
minalitätsfurcht relativ hoch. Im Vergleich Kriminalitätsrückgang in New York tatsächlich mit den Situation von Kriminalitätsopfern. Mainz 2001
zum konformistischen Milieu lehnen die Auswirkungen des New Yorker Modells zusammenhing. Landeskriminalamt Baden-Württemberg: Kommunale
Denn in praktisch allen Städten der USA war in diesem Kriminalprävention. Stuttgart 1996
Personen im avantgardistischen Milieu tra- Zeitraum ein massiver Kriminalitätsrückgang zu ver- Landeskriminalamt Baden-Württemberg: Beispielhaf-
ditionelle Werte ab, und in diesem Milieu zeichnen; in manchen – wie z.B. San Diego – wurde mit te Projekte kommunaler Kriminalprävention. Themen-
einem ungleich „sanfteren“ Modell des Community Po- feld: Integrationsprojekte. Stuttgart 2000
haben insbesondere Personen mittleren licing sogar ein noch größerer Kriminalitätsschwund er- Landeskriminalamt Baden-Württemberg: Beispiel-
Alters eine hohe Kriminalitätsfurcht. So- zielt. Auch ist zu bedenken, dass New York im Jahre hafte Projekte gegen Gewalt im sozialen Nahraum.
2000, also nach sieben erfolgreichen Jahren des „zero Dokumentation des Präventionspreises 2000. Stuttgart
mit gibt es drei Gruppen mit hoher Krimi- tolerance“, eine weitaus höhere Kriminalitätsrate hatte 2000
nalitätsfurcht, die sich hinsichtlich Alter, als die gefährlichste deutsche Stadt. So betrug die Häu- Laue, C.: Anmerkungen zu Broken Windows. In: Mo-
Schulbildung und Wertorientierungen figkeitsziffer (Anzahl der Delikte auf 100.000 Einwoh- natsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform,
ner) in Berlin im Jahre 2000 bei Mord 2,2, in New York da- 8/1999, S. 277–290.
unterscheiden. gegen 9. Bei Raub lag die New Yorker Häufigkeitsziffer Laue, C.: Broken Windows und das New Yorker Modell
Die Konzentration kriminalpräventiver bei 435, in Berlin dagegen bei 249.
8
– Vorbilder für die Kriminalprävention in deutschen
Siehe für Baden-Württemberg VGH Bad.-Württ., Großstädten? In: Düsseldorfer Gutachten: Empirisch
Maßnahmen auf Personen, die überdurch- NJW 99, 2059 (Verbot des Bettelns auf öffentlichen gesicherte Erkenntnisse über kriminalpräventive Wir-
schnittlich häufig Opfer von Straftaten Straßen) und VGH Bad.-Württ., Die Justiz 99, 146 (Ver- kungen. Düsseldorf 2002 (http://www.duesseldorf.de/
werden und auf Personen mit hoher Kri- bot des öffentlichen Alkoholkonsums). download/dg.pdf), S. 333–436.
9
„Taking back the streets“ war der Leitspruch der Ini- Obergfell-Fuchs, J.: Ansätze und Strategien Kommuna-
minalitätsfurcht, ist Teil einer rationalen tiatoren des Zero-tolerance-Projekts in New York. ler Kriminalprävention. Freiburg i. Br. 2001
10
Kriminalpolitik. Diese Personengruppen Partialkorrelationen sind Maßzahlen für die Stärke Skogan, W.G.: Disorder and Decline. Crime and the Spi-
des Zusammenhangs zwischen zwei Merkmalen, wobei ral of Decay in American Neighborhoods. Berkeley
sind aber inhomogen, so dass mehrere Drittvariablen kontrolliert werden können. Bei der Ana- 1990
Zielgruppen für kriminalpräventive Maß- lyse wird der Zusammenhang zwischen den einzelnen Wilson, J.Q./Kelling, G.L.: Broken Windows. The Police
subjektiven Problembereichen und Kriminalitätsfurcht and Neighborhood Safety. In: The Atlantic Monthly
nahmen unterschieden werden können. ermittelt. Dabei werden Alter, Geschlecht und Wohnort 1982, S. 29–39; deutsche Fassung: Polizei und Nachbar-
Projekte zum Abbau der Kriminalitätsbe- als Kontrollvariablen verwendet, sodass die Korrelatio- schaftssicherheit: Zerbrochene Fenster. In: Kriminologi-
lastung und zur Reduzierung der Krimina- nen von diesen Merkmalen unabhängig sind. sches Journal 1996, S. 121–137
11
Dieses Ergebnis ist nicht so zu verstehen, dass die ge-
litätsfurcht dürften erfolgreicher sein, nannten Bereiche, insbesondere Ausländer, Asylbe-
wenn solche Unterschiede berücksichtigt werber und Jugendliche, ein tatsächliches Problem

76
Aus unserer Arbeit
Am 1. Februar 2003 wurde Prof. Dr. Hans- gagierte. Bei ihm habe ich viel gelernt, ein abzielend, sie langfristig auf dem Laufen-
Georg Wehling im „Haus auf der Alb“ in Stück weit habe ich mich in meiner Tätig- den zu halten. Die Zeitschrift also als Me-
Bad Urach verabschiedet. Er war 38 Jahre keit bis heute immer vor ihm als Autorität dium der Fortbildung: zur Verkürzung des
lang in der politischen Bildung tätig und innerlich zu rechtfertigen versucht. Die Abstandes zwischen Forschung und wis-
hat sich vor allem als Schriftleiter der Tätigkeit in Stuttgart, im Stiftsfruchtkas- senschaftlicher Diskussion auf der einen
Zeitschrift „Der Bürger im Staat“ einen ten am Schillerplatz, war von mir als Über- Seite, der politisch-pädagogischen Praxis
Namen gemacht. Die von ihm aufgebaute gangsphase gedacht, als Broterwerb für auf der anderen. Die besten Fachleute für
Reihe „Schriften zur politischen Landes- die Zeit meiner Doktorarbeit. Als mir die jeweiligen Themen wollte ich gewin-
kunde Baden-Württemberg“ umfasst mein Doktorvater Theodor Eschenburg nen. Sie sollten sich bemühen, ihr Wissen
mittlerweile 29 Bände und ist zu einem für das Jahr 1968 ein Stipendium der Stif- verständlich, an ihren Adressaten orien-
weiteren Markenzeichen der Landeszen- tung Volkswagenwerk verschafft hatte, tiert, zu vermitteln. Das Bemühen um Ver-
trale geworden. Die gekürzte Fassung um meine Dissertation abschließen zu ständlichkeit hat mir dann immer, bis
seiner Abschiedsrede ist ein Beleg für das können, sagte ich der Arbeitsgemein- heute, die meiste Mühe gemacht. Es war
stete Bemühen von Hans-Georg Wehling, schaft „Ade“ und dachte, es würde ein eine Gratwanderung zwischen der Wis-
die Unabhängigkeit der Zeitschrift „Der Abschied für immer sein. senschaft einerseits, die – zumal in
Bürger im Staat“ zu wahren. Wenngleich Deutschland – allzu gerne glaubt, wissen-
die Auseinandersetzungen um einen Mit der Neukonzeption der schaftlich sei nur das, was schwer ver-
„wünschenswerten Kurs“ der Zeitschrift Zeitschrift beauftragt ständlich ist, und den kritischen Augen
aus dem zeitgeschichtlichen Kontext zu von außerhalb der Wissenschaft, auch aus
erklären sind, wird offenkundig, dass Doch es kam anders. Der neue Hauptge- dem eigenen Hause, deren Vorwürfe, vie-
eine solide Publikationsarbeit qualita- schäftsführer der Arbeitsgemeinschaft, les sei doch allzu „wissenschaftlich“ und
tiver Anforderungen bedarf. Kontro- Dr. Dr. Herbert Schneider, wollte vieles unverständlich geraten, ich immer auszu-
versität, politische Neutralität und der neu gestalten, an der Spitze die Zeitschrift halten hatte.
Vermittlungsanspruch zwischen Wissen- „Der Bürger im Staat“, die von Anfang an Schwer gemacht hat mir den Job des
schaft und politischer Bildungsarbeit ma- als ein wesentlicher Bestandteil der politi- Schriftleiters immer auch der Charakter
chen die Glaubwürdigkeit der Zeitschrift schen Bildungsarbeit im Lande galt. Sie der Vierteljahreszeitschrift. Pünktlich zu
„Der Bürger im Staat“ aus. Die Reputation erschien bis dahin monatlich, in äußerlich erscheinen, ist ein ungeheurer Klotz am
einer Landeszentrale für politische Bil- bescheidener Form, weitgehend davon Bein; Zeiten im Büro, in denen nichts los
dung lebt von der Grundüberzeugung, lebend, dass Beiträge zu politisch interes- ist, gibt es nicht. Selbst die Ferien leiden
dass Unabhängigkeit und Überparteilich- sierenden Themen unaufgefordert einge- darunter: Das dritte Quartal, in dem ein
keit tragende Fundamente politischer Bil- schickt wurden. Insgesamt jedoch fehlte Heft erscheinen muss, besteht aus den
dungsarbeit sind. Red. dem Blatt ein klares Profil. Über Jahre hin- Monaten Juli, August, September! Die
weg wurde das auch im Vorstand der Ar- besten Vorausplanungen nützen nichts,
beitsgemeinschaft als unbefriedigend es gibt immer Autoren, die unpünktlich
moniert. Herbert Schneider setzte durch, sind. Eine in sich geschlossene Konzep-
„Schön dass die Position eines hauptamtlichen tion, so bestechend sie auch ist, macht den
Schriftleiters geschaffen wurde. Die Stelle Schriftleiter zum Gefangenen des säu-
war die Zeit …“ wurde ausgeschrieben, ein Vorstandsaus- migsten Autors. – Ein anderes Problem,
schuss der Arbeitsgemeinschaft schaute das mir zu Anfang prophezeit worden ist,
Von Hans-Georg Wehling sich die Bewerber an, ließ sich deren Vor- hatte ich allerdings nie. Ein Vorstandsmit-
stellungen über die Neugestaltung vor- glied prophezeite mir nach Erscheinen der
Beginn bei der „Arbeitsgemeinschaft tragen. Auch wenn ich meine Doktorar- ersten Hefte: „Ich bin nur gespannt, wann
DER BÜRGER IM STAAT“ beit noch nicht abgeschlossen hatte und Ihnen die Themen ausgehen!“
der Dienstantritt bereits zum 1.11.1968 Rückblickend kann ich mit dem, was die
Es scheint mir erlaubt, ja sogar nahe erfolgen sollte, begriff ich diese Aufgabe Zeitschrift „Der Bürger im Staat“ darstellt,
liegend, über ein paar Dankesworte hi- als Chance und bewarb mich. Meine Neu- wohl zufrieden sein. Mein Dank gilt den
nauszugehen, zumal meine Zeit bei der konzeption der Zeitschrift überzeugte, Autorinnen und Autoren, die sich auf
Landeszentrale für politische Bildung ich kam in die engere Wahl, und auf der mein Konzept eingelassen haben. Vor-
Baden-Württemberg sich weitgehend Vorstandssitzung der „Arbeitsgemein- zugsweise zu danken habe ich den Exper-
deckt mit dem Zeitraum ihres Bestehens schaft DER BÜRGER IM STAAT“ im Som- ten auf ihrem jeweiligen Fachgebiet, die
und ihrer Vorgängerinstitution, jener mer 1968 im „Waldhorn“ zu Ravensburg mich gerne und ausgiebig beraten haben.
„Arbeitsgemeinschaft DER BÜRGER IM wurde ich mit der Aufgabe betraut. Ohne sie alle hätte die Zeitschrift nicht
STAAT“, die auf Beschluss der Landesre- das werden können, was sie ist.
gierung am 21.12.1950 ins Leben getreten Ein Medium zwischen Wissenschaft
war. Ich selbst bin bereits gegen Ende und pädagogischer Praxis Von der Arbeitsgemeinschaft
meines Studiums in Tübingen mit ihr in zur Landeszentrale
Kontakt gekommen, als freier Mitarbei- Meine Konzeption, die ich bis heute
ter, wie fast alle, die in irgendeiner Funk- durchzuhalten versucht habe: ein klares Die Vorgängerorganisation der Landes-
tion am damaligen Seminar für politische inhaltliches Profil und eine genau defi- zentrale war klein, nur die Außenstellen
Wissenschaft tätig waren – dank der da- nierbare Zielgruppe. Die Zeitschrift „Der in den vier Regierungsbezirken waren gut
mals engen Verbindung von politischer Bürger im Staat“ sollte eine Vierteljahres- besetzt. In der Zentrale in Stuttgart wirk-
Bildung und Universität. schrift werden, die schwerpunktmäßig ten der Hauptgeschäftsführer und ich als
Nach meinem Staatsexamen 1965 ver- ein Thema von politischer Aktualität auf- hauptamtliche Referenten. Sie teilten sich
mittelte mir Rudolf Hrbek, frischgebacke- griff, mit langfristiger Bedeutung, gleich- die Tagungsarbeit, wobei mir als dem Jün-
ner Geschäftsführer der Zweigstelle Tü- zeitig aber auch mit der Auswahl der The- geren die politische Jugendarbeit zukam.
bingen, später dann – wie allgemein men eine gewisse Systematik anstrebend, Weiterhin gab es bereits damals ein Frau-
bekannt – Professor am Institut für Poli- als Zielgruppe orientiert an den Mittlern enreferat, wahrgenommen auf Teilzeit-
tikwissenschaft, eine Halbtagsstelle als politischer Bildung, insbesondere den basis. Außer Hannelore Federmann als
Assistent bei der Zweigstelle Stuttgart der Lehrerinnen und Lehrern aller Schularten, Chefsekretärin und Christine Thoms als
Arbeitsgemeinschaft, deren damaliger nicht unbedingt um ihnen Vorlagen für Sachbearbeiterin beschäftigte die Ar-
Leiter Walter Fehling mich denn auch en- den Unterricht zu liefern, sondern darauf beitsgemeinschaft einen Pensionär für

77
die Buchhaltung und einen Rentner, der durften keiner besonderen Pflege, das benszeit. Dauerhaften Zuspruch fand ich
stundenweise die Bibliothek betreute. hätte sich sogar kontraproduktiv auswir- bei meinem Lehrer Theodor Eschenburg.
Ein Meilenstein stellte die Umwandlung ken können. Es galt, Verbündete zu su- Vergessen habe ich auch nicht einen sehr
der „Arbeitsgemeinschaft DER BÜRGER chen, in der Presse, dann vor allem in der ermutigenden Brief von Prof. Dr. Wilhelm
IM STAAT“ als vom Land alimentierter CDU selbst. Die Stuttgarter Zeitung ergriff Hennis aus Freiburg, der selbst in dieser
Verein mit mäßigem Staatseinfluss in die massiv für mich Partei, bis heute bin ich politisch schwierigen Zeit von der SPD zur
Landeszentrale für politische Bildung als dem damaligen Ressortchef Erich Ruckga- CDU übergewechselt war.
staatliche Behörde dar, 1972 noch in den ber sowie Jörg Bischoff, heute Chefredak- Langfristige Folgen hatten diese Ausein-
Zeiten der Großen Koalition durch Regie- teur der Südwestpresse in Ulm, zu tiefem andersetzungen um die Unabhängigkeit
rungsbekanntmachung vorgenommen. Dank verpflichtet. Jörg Bischoff brachte der Zeitschrift insofern, als ich für Jahre
Herbert Schneider hatte konsequent dar- den Konflikt sogar in die Wochenzeitung auf Abbildungen verzichtete. Gerade
auf hingearbeitet, um einen größeren fi- „DIE ZEIT“. meine Bildauswahl hatte ein Gutachter
nanziellen und personellen Spielraum für Innerhalb der CDU konnte ich mich auf als Anlass genommen, die politische Linie
die politische Bildungsarbeit im öffent- alte Bekannte und auf die Junge Union der Zeitschrift anzuprangern. Gute Bilder,
lichen Auftrag zu erreichen. Seine Rech- verlassen. Mein besonderer Dank gilt Ger- wenn sie als Blickfang dienen sollen, müs-
nung ging auf: Ohne die „Verstaatli- hard Weygandt, damals Persönlicher Re- sen außergewöhnlich sein, ja eine gewisse
chung“ des Vereins wäre die Expansion ferent von Kultusminister Prof. Dr. Wil- Suggestivkraft entfalten. Alltägliche,
der Institution weder finanziell noch per- helm Hahn, und Peter Haungs, damals langweilige Bilder sind entbehrlich. Doch
sonell möglich gewesen. Universitätsdozent an der Universität Hei- das effektvolle Bild eines plündernden
delberg und enger Freund von Bernhard Schwarzen vor einem brennenden Ge-
Eine schwere Zeit oder der Kampf Vogel. Mein verstorbener Freund Hart- schäft während des „heißen Sommers“ in
um die Unabhängigkeit mut Klatt war es, der mich in Kontakt mit den USA der Nixon-Ära wurde mir in dem
Matthias Wissman brachte, seinerzeit Gutachten als Antiamerikanismus ausge-
Eine neue staatliche Einrichtung der politi- stellvertretender Bundesvorsitzender der legt, das Bild von drei Nonnen an der
schen Bildung, verbunden mit erheblichen Jungen Union, der als Verfasser eines Wahlurne als CDU-Feindlichkeit, weil ich
Mehrkosten für das Land, musste für eine neuen Grundsatzprogrammes von sich in der Bildlegende zur Erklärung von
Regierung, gleich welcher Couleur, eine reden gemacht hatte. Nicht vergessen Wahlverhalten hier auf den sozialstruktu-
Versuchung darstellen, sie im Dienste der werden darf ein weiteres JU-Mitglied, da- rellen Ansatz der Wahlforschung verwies,
eigenen Politik zu instrumentalisieren. Na- mals im Bezirksvorstand Württemberg- dass nämlich mit der Kirchenbindung
mentlich in Zeiten politischer Polarisie- Hohenzollern: Siegfried Schiele, mit dem auch die Wahlpräferenz für die CDU
rung in den Jahren unmittelbar nach 1968, ich bereits vom Studium bei Theodor steigt. Sie können mir glauben, dass mir
in denen Politik ein nie gekanntes Maß an Eschenburg her gut bekannt war. Prof. Dr. als sinnenfrohem Katholiken der Verzicht
Sendungsbewusstsein entwickelte, zum Gerhard Lehmbruch, mein „wisenschaft- auf Bilder schwer gefallen ist. Doch ich
Gesellschaftswandel hin auf der einen licher Entdecker“ aus der Zeit meines Stu- sagte mir: Ich setze mich doch nicht Tage
Seite, zur Rettung des Landes vor einer dro- diums in Tübingen, sprach ihn nach dem lang hin, suche Bilder aus und mache
henden Revolution auf der anderen. In die- Gottesdienstbesuch an: „Für den Wehling lange Bildlegenden – und hinterher wird
ser schwierigen Konstellation trat die neu müssen wir doch was tun...“. mir politisch ein Strick daraus gedreht.
gegründete Landeszentrale an. Damit be- Zur Kontrolle der Zeitschrift wurde da-
gann für mich eine Zeit, die so gar nicht zu mals unter dem ersten Direktor der Lan- Mit Siegfried Schiele brach eine
dem Motto passt: „Schön war die Zeit...“. deszentrale ein Sachverständigenrat für neue Ära an
Namentlich der sichtbarste – und ver- Publikationen eingesetzt, der in seiner
meintlich – einflussreichste Teil der Arbeit, Zusammensetzung nicht unbedingt als Die Schwierigkeiten hatten für mich ein
die Zeitschrift „Der Bürger im Staat“, sollte ausgewogen bezeichnet werden kann. Ende, als Siegfried Schiele am 17.5.1976
– um es einmal so auszudrücken – etwas nä- Dort hatte ich meine Planungen offenzu- sein Amt als neuer Direktor der Landes-
her an die politischen Vorstellungen der legen und Rechenschaft abzulegen. Die- zentrale antrat, dank seiner Grundüber-
damaligen Regierung herangeführt wer- sem „Sachverständigenrat“ gehörten zeugung, dass nichts wichtiger sei als die
den, die inzwischen von einer Partei mit auch zwei Journalisten an, von denen Unabhängigkeit und die Überparteilich-
absoluter Mehrheit gestellt wurde. Die man annahm, sie stünden einer Partei keit einer Einrichtung, die politische Bil-
Zeitschrift wurde von manchen als eher nahe. Sie erwiesen sich jedoch in ihrem dung im öffentlichen Auftrag glaubhaft
„links“ eingestuft: Da im damaligen politi- Berufsethos und in ihrer Professionalität und von allen Seiten akzeptiert betreiben
schen Kontext die Wissenschaft insgesamt, als meine verlässlichsten Stützen: Es soll. Diese Linie hat Siegfried Schiele
namentlich die Sozialwissenschaften, stär- waren Klaus Fischer, damals landespoliti- durch die Jahrzehnte seines Wirkens un-
ker nach links gerutscht waren, konnte das scher Korrespondent der „Schwäbischen beirrt und, wenn es sein musste, kämpfe-
ja auch nicht völlig an einer Zeitschrift vor- Zeitung“, und Dr. Siegfried Kaspar vom risch durchgehalten – nicht nur ein
beigehen, die gerade das weiter vermit- Süddeutschen Rundfunk. Ich bin ihnen bis Glücksfall für mich, sondern für die politi-
teln wollte, was in der Wissenschaft disku- heute dankbar! sche Bildung in unserem Lande – und
tiert und gelehrt wurde. In der Auseinandersetzung um die Zeit- damit meine ich Deutschland – über-
Die Behauptung der Unabhängigkeit der schrift „Der Bürger im Staat“ spielte auch haupt! Dafür sollten wir ihm dankbar
Zeitschrift, als ein Medium auch, das sich die Frage eine Rolle, ob für ein solches Pu- sein, alle!
an der Wissenschaft orientierte, hat mir blikationsorgan das Landespressegesetz Insgesamt brachen für mich wieder Zeiten
viel Zeit, Energie und Nervenkraft abver- gelte oder nicht. Ein Gutachten des Lan- an, die ich uneingeschränkt als schön be-
langt. Ich lernte dabei aber auch erfolg- desjustizministeriums antwortete mit zeichnen kann, wohl die schönsten in
reich zu taktieren. Vielleicht sollte ich auf einem klaren Nein. Ich hielt das Gutach- meinem Leben. Und sie dauerten auch
diese Zeit etwas ausführlicher eingehen, ten für befangen und wandte mich Hilfe sehr lange, bis heute. Sie erlaubten mir,
einmal auch, um Dankesschuld abzutra- suchend an meinen Lehrer Theodor kreativ zu sein. Mehr kann man sich im
gen an diejenigen, die mir damals gehol- Eschenburg. So wurden zwei Mitglieder Leben eigentlich nicht wünschen.
fen haben. Zum andern aber auch, um des Tübinger „Arbeitskreises Pressefrei-
sichtbar zu machen, dass die Unabhän- heit“ gewonnen: Dr. Georg Sandberger, Verankerung in der Universität
gigkeit einer Einrichtung wie der unsri- später Kanzler der Universität Tübingen,
gen keine Selbstverständlichkeit, im Prin- und Ulrich Zimmermann, heute Vorsitzen- Zu Hilfe kam mir bei meiner Arbeit die
zip immer gefährdet ist. der Richter am Verwaltungsgericht Stutt- Verankerung in der Universität, zuerst als
gart. Ihr Gutachten fiel zu meinen Gun- Lehrbeauftragter an der Universität Tü-
Verbündete sten aus. bingen, dann seit 1978 als Honorarprofes-
Existenzängste brauchte ich nicht zu sor. Die enge Verbindung zur Wissen-
Dass ich SPD und FDP in ihrer Opposi- haben. Die Arbeitsmarktsituation für schaft tat meiner Arbeit gut, der
tionsrolle als natürliche Verbündete auf Akademiker war damals gut. Zudem war Professorentitel half nicht zuletzt bei der
meiner Seite hatte, war mir klar. Sie be- meine Frau schon damals Beamtin auf Le- Gewinnung von Autoren. Ich hatte aber

78
auch immer ein gewisses Maß an wissen- lesbar aufbereiten? Zu Hilfe kam mir, dass
schaftlichem Ehrgeiz. Konkret hieß das, ich eine begabte Studentin in Tübingen
ich wollte zwei Gebiete haben, auf denen hatte, mit einer abgeschlossenen journa-
ich mich profilieren konnte: Kommunal- listischen Ausbildung. Ich erreichte es
politik und politische Kulturforschung, sogar, dass die fertige Arbeit, versehen
wo ich – mit einigem Erfolg – versucht mit einem Kommentar, am Institut für Po-
habe, das nationale Konzept der politi- litikwissenschaft als Magisterarbeit aner-
schen Kultur zu regionalisieren, für ein kannt wurde. Damit hatte ich es gleich-
Land wie Deutschland mit seiner klein- zeitig geschafft, meine Studentin ins
staatlichen Vergangenheit eigentlich eine Examen zu zwingen. Heute ist sie, Anette
plausible Konzeptualisierung. Die Ent- Lache, Redakteurin beim „Stern“. Für das
scheidung für „meine“ Themen war prag- Layout gewann ich einen jungen Grafiker,
matisch: Für eine Beschäftigung mit Inter- der kurz vor dem Examen stand und mit
nationaler Politik, mit der UNO oder diesem Werk sich eine Empfehlung für
Lateinamerika z. B., war ich zu sehr an den künftigen Beruf schreiben konnte.
meinen Schreibtisch in Stuttgart gebun- Sein Layout hat bis heute standgehalten,
den. Die beiden von mir gewählten The- sehen wir von einigen Modernisierungen
men jedoch ließen sich von dort bearbei- im Design, namentlich auch beim Titel-
ten, zudem weisen sie die für mich blatt ab. Besonderen Wert habe ich auf
notwendige Konkretheit und auch den die Bildauswahl gelegt, die ich mir selbst
nötigen Unterhaltungswert auf, auf den vorbehalten habe: Die Bilder mussten at-
ich nicht verzichten will. Ich halte nichts traktiv sein, gleichzeitig aber auch einen
von allzu theoretischer Wissenschaft und hohen Informationswert besitzen, den ich
schon gar nichts von allen Versuchen, es durch umfangreiche Bildunterschriften zu
dem Leser unnötig schwer zu machen. verstärken suchte. Ein Prinzip, das ich
auch für den Band zum Landesjubiläum
Eine klare Profilierung der Am Tag seiner Verabschiedung erhielt 2002 konsequent angewandt habe, nicht
Publikationsarbeit der Prof. Dr. Hans-Georg Wehling zum Fünf- unbedingt zur Freude der Grafiker, deren
Landeszentrale undsechzigsten die ihm gewidmete Fest- Bewegungsfreiheit durch lange Bildle-
schrift „ Identität und politische Kultur“. genden eingeschränkt ist.
Innerhalb der Landeszentrale war meine Die Festschrift spiegelt die Vielfalt und Die „Kleine politische Landeskunde“ er-
Hauptzielsetzung, die Publikationsarbeit Farbigkeit an Inhalten, Zugängen und schien erstmalig 1991 mit einer Startauf-
klar zu profilieren, auch um so die Da- Forschungsmethoden Hans-Georg Weh- lage von 30.000 Exemplaren. Sie war
seinsberechtigung einer Landeszentrale lings wider. schnell vergriffen. 1993 konnte eine 2.
zu legitimieren. Nur das zu tun, was auch Auflage erfolgen. Als Anette Lache wie-
die Bundeszentrale für politische Bildung men haben, bis hin zur Kooperation mit der in den Beruf ging, musste ein Nach-
macht, gab in meinen Augen wenig Sinn; dem Kohlhammer Verlag. folger für die Überarbeitungen gewon-
etwa lediglich Bücher anzukaufen oder Zu den landesbezogenen Publikationen nen werden. Wer nicht selbst unmittelbar
bundespolitische Themen in eigenen Pu- gehört das Taschenbuch Baden-Württem- damit zu tun hat, glaubt ja gar nicht, wie
blikationen aufzugreifen. Eine Zeitschrift berg, entstanden aus der Zusammenfüh- viel sich von einer Auflage zur nächsten
machte die Bundeszentrale nicht. rung zweier Publikationen: „Kommunal- jeweils verändert! Gott sei Dank gelang es
Publikationen zur politischen Landes- politik – Gesetze – Daten – Analysen“, mir, mit Reinhold Weber einen Nachfol-
kunde Baden-Württembergs herauszu- 1979 erstmalig erschienen, und „Landes- ger zu finden, der die letzten Überarbei-
bringen: das konnte die Bundeszentrale politik und Landtagswahlen in Baden- tungen mit großem Engagement und Ge-
naturgemäß nicht. Hier sah ich zudem im Württemberg“, herausgekommen zur schick bewerkstelligt hat, einschließlich
Lande ein Defizit. So entstand die Reihe Landtagswahl 1980. Beides Taschenbü- des Umgangs mit der Druckerei. 1999 er-
„Schriften zur politischen Landeskunde cher, die in die Jackentasche passen soll- schien endlich die 3. Auflage. Eine 4. Auf-
Baden-Württembergs“, von der inzwi- ten oder ins Handschuhfach des Autos. lage konnte zum Landesjubiläum he-
schen 29 Bände vorliegen, nicht wenige Seit 1984 erscheint – jeweils zur Kommu- rauskommen, deren 20.000 Exemplare
davon in zweiter oder sogar dritter und nalwahl – das „Taschenbuch Baden-Würt- innerhalb weniger Monate vergriffen
vierter Auflage. Der erste Band ist sogar in temberg“. Es gibt wohl keinen Bürger- waren. Leider hat sich mein Wunsch bis-
englischer Übersetzung erschienen. Jeder meister im Lande, aber auch keinen lang nicht erfüllen lassen, eine englische,
Band hat seine lange Geschichte. Wer Lokalredakteur, der dieses Taschenbuch vielleicht auch eine französische oder gar
selbst nie ein Buch gemacht hat, weiß nicht als Arbeitsinstrument auf dem italienische Ausgabe herauszubringen.
nicht, dass es sich jeweils um ein Geburts- Schreibtisch hat. Meine Absicht war Ich sähe hierin eine wirkungsvolle Wer-
geschehen handelt, langwierig angelegt, immer, nützliche Publikationen herauszu- bung für unser Land und seine Wirtschaft.
mit Wehen, und oft sind es ausgespro- bringen. Eine russischsprachige Ausgabe könnte
chen schwierige Geburten. Auch Fehlge- sogar eine Integrationshilfe sein für Aus-
burten drohten immer wieder. Das Eine „Kleine politische Landeskunde“ siedler, die sich bei mangelhaften deut-
Grundproblem bei einer solchen Konzep- als ein Produkt für jedermann schen Sprachkenntnissen auf diese Weise
tion besteht darin, dass es einfach zu mit ihrer neuen Heimat vertraut machten.
wenig Autorinnen und Autoren gibt, die Das Projekt einer kleinen politischen
sich ausreichend landeskundlich und lan- Landeskunde habe ich sehr lange mit mir Der Jubiläumsband: „Baden-
desgeschichtlich auskennen und bei den herum getragen. Es sollte eine Publika- Württemberg. Vielfalt und Stärke
anvisierten Themen die landesgeschichtli- tion werden, die einerseits ansprechend der Regionen“
che Perspektive anwenden können, und aufgemacht ist, mit vielen eindrucksvol-
zwar kompetent! len, aber auch informativen Bildern, zum Besonders stolz bin ich auf den gro-
Kräftige Entlastung bei der Produktion andern eine Publikation, die eine Fülle ßen Jubiläumsband „Baden-Württemberg.
der Reihe fand ich im Verlag W. Kohlham- wichtiger und nützlicher Informationen Vielfalt und Stärke der Regionen“: Ein
mer, vor allem in der Person des Verlags- über unser Bundesland in kompakter Versuch, von der fruchtlosen Gegenüber-
leiters Dr. Alexander Schweickert – ich Form verlässlich bietet, nutzbar von der stellung wegzukommen: hier Baden –
meine insgesamt ein gelungenes Beispiel Krankenschwesternschülerin bis zum Uni- dort Württemberg und dazwischen viel-
für Public Private Partnership. Mit einem versitätsprofessor. Da diese Publikation leicht noch Hohenzollern. Unterstrichen
gewissen Stolz erfüllt mich, dass die Lan- aus einem Guss sein sollte, stellte sich das werden soll mit diesem Band die Klein-
deszentrale Nordrhein-Westfalen, dann Problem des Autors: Wer kann all die not- kammrigkeit unseres Landes, die vielen
auch die Hessische Landeszentrale die wendigen Informationen verlässlich zu- „Heimaten“ – wobei sich dann eben
Landeskundliche Reihe als Idee übernom- sammentragen und dann auch noch gut auch herausstellt, dass zwischen „badi-

79
schen“ und „württembergischen“ Gebie- von Baden-Württemberg heute, Geogra- sucht, an zentraler Stelle, im Stuttgarter
ten manchmal dann doch viele Ge- fie, Politik, Wirtschaft, Kultur, Kirchen. Rathaus, so angesichts des unvorhergese-
meinsamkeiten bestehen, durch eine ge- Das zweite die historische Dimension un- henen Prozesses der deutschen Vereini-
meinsame seres Landes, verbunden mit einer Reve- gung, des Zerfalls der Sowjetunion und
vorderösterreichisch-katholische Vergan- renz vor den regionalen und lokalen des Kuwait-Krieges. Das war eigentlich
genheit zum Beispiel, so etwa zwischen Strukturen mit ihren Besonderheiten, die zur Nachahmung gedacht. Mit Zeitschrif-
Weingarten in Oberschwaben und Frei- die eigentliche Heimat der Menschen bil- ten kann man zweifellos schneller reagie-
burg, zwischen Fridingen an der Donau den. Deshalb folgen beide Publikationen ren als mit Büchern, darum haben wir sie.
und Offenburg. Die Beiträge versuchen, auch vergleichbaren Gestaltungsprinzi- Mit Tagungen und Einzelveranstaltungen
nicht unkritisch-gefällig zu sein, sondern pien. kann man noch schneller reagieren,
auch zum Nachdenken über eigene Defi- darum sind sie ein unverzichtbarer Be-
zite und über eine künftige Positionie- Die Zukunft der Landeszentrale standteil der Landeszentrale Baden-Würt-
rung anzuregen. Das provoziert selbstver- temberg. Die darin liegende Chance muss
ständlich zunächst Aufregung, die dann Es mag mir gestattet sein, abschließend allerdings auch wahrgenommen werden.
aber in eine Anregung münden kann, noch ein paar Worte über die Zukunft der
wie das Beispiel Karlsruhe positiv zeigt. Landeszentrale zu sagen, wobei ich mich Ein Dankeschön
Für den die alten Grenzen überschreiten- zurückhalte, denn ich bin die Vergangen-
den Raum zwischen Tuttlingen – Villin- heit. Wenn die Landeszentrale eine Zu- Abschließend möchte ich mich herzlich bei
gen-Schwenningen – Donaueschingen – kunft haben soll – und daran zweifle ich allen meinen Kolleginnen und Kollegen
Rottweil würde ich mir das noch wün- nicht –, braucht sie eine klare Profilie- bedanken! Insbesondere denke ich an die
schen. rung, die sie nicht der Verwechslung mit Kolleginnen und Kollegen in meiner eige-
Dank dem 50-jährigen Landesjubiläum den Volkshochschulen und den kirch- nen Abteilung, an Ulrike Hirsch, meine
konnten wir bei diesem Band „klotzen“, lichen Akademien aussetzt. Dass die Ab- engste Mitarbeiterin, an Sylvia Rösch, Gor-
200.000 DM wurden dafür aus unserem setzung von der Bundeszentrale für poli- dona Schumann, Otto Bauschert, Siegfried
Haushalt bereit gestellt – scheinbar sehr tische Bildung gesucht werden muss, sei Frech, Dr. Walter-Siegfried Kircher, die
viel Geld, wie auch mancher Kollege emp- nochmals betont. Schließlich darf die po- allesamt hervorragende Arbeit geleistet
fand. Doch ich wollte keine halben Sa- litische Aktualität nicht aus den Augen haben. Ich denke an die Kollegen Abtei-
chen. Dankbar bin ich meiner Kollegin Dr. verloren werden. Die Öffentlichkeit er- lungsleiter, an frühere Kolleginnen und
Angelika Hauser-Hauswirth sowie Dr. wartet von uns Hilfestellung beim Zu- Kollegen, insbesondere an Hajo Mann, Pe-
Fred Ludwig Sepaintner von der Landes- rechtfinden in schwierigen Situationen, ter Uhlig, Dr. Hans-Peter Biege, die über
archiv-Verwaltung, dass sie sich auf dieses seien es innen- und wirtschaftspolitische Jahre hinweg verlässliche Wegbegleiter
Abenteuer mit mir eingelassen haben! Probleme, seien es Bedrohungen von waren und Freunde geworden sind. Insbe-
Das Buch wurde ein voller Erfolg und hat außen und Kriegsgefahren. Vor allem auf sondere danke ich Dr. h.c. Siegfried Schiele,
sehr schnell durch den Verkauf die einge- unvorhergesehene Ereignisse muss eine dem Direktor, mit dem ich ein so großes
setzten Mittel wieder eingespielt. 35.000 Landeszentrale reagieren lernen. Das ist Stück Weges gemeinsam gegangen bin,
Exemplare Gesamtauflage, das soll uns sicher eine Frage der Struktur, aber auch manchmal in kritischer Distanz, meist in
erst einmal jemand nachmachen. eine der Prioritätensetzung. Manchmal weitreichender Übereinstimmung, immer
„Kleine politische Landeskunde“ und Ju- muss man eben alles stehen und liegen aber in gegenseitigem Respekt. Mehr als
biläumsband gehören für mich zusam- lassen, um sich einem unerwarteten alles andere sind es meine Kolleginnen und
men, sind als zusammengehörig konzi- Thema zuzuwenden. Ich habe das mit Kollegen, die es rechtfertigen zu sagen:
piert worden: Das erste eine Darstellung kurzfristig anberaumten Symposien ver- „Schön war die Zeit …“

Klaus Jentzsch 70 Jahre alt!


Am 13. Februar ist Klaus Jentzsch 70 Jahre alt geworden. Viele kennen ihn als lang-
jährigen Mitarbeiter der Landeszentrale, der in seinen letzten Dienstjahren die
Abteilung I (Verwaltung) geleitet hat.

Über seinen Ruhestand hinaus ist Klaus Jentzsch der Landeszentrale eng verbunden
geblieben. Noch immer führt er mit großem Erfolg Rhetorik-Seminare durch. Be-
sonders beliebt sind seine Studienreisen, die er leitet und zu wichtigen Brennpunk-
ten des weltpolitischen Geschehens führt. Diese Reisen sind schnell ausgebucht und
finden bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern großen Anklang. Erst vor kurzem
hat er viele seiner Reisen in seinem Buch „Mehrfach um die ganze Welt“ (Verlag Haag
und Herchen) eindrucksvoll dargestellt.

Wir wünschen Klaus Jentzsch weiterhin eine stabile Gesundheit und freuen uns, wenn
er noch lange für die Landeszentrale wirken kann.

Siegfried Schiele

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