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APuZ

Aus Politik und Zeitgeschichte


32/2008 ´ 4. August 2008

EU ± Balkan
Achim Hurrelmann
Demokratie in der Europåischen Union: Bestandsaufnahme

Holm Sundhaussen
Der Zerfall Jugoslawiens und dessen Folgen

Sabina KajncÏ
Die slowenische EU-Ratspråsidentschaft 2008

Bjærn Opfer-Klinger
Mazedonien zwischen åuûerer Stabilisierung und innerer Krise

Marie-Janine Calic
Kosovo: der jçngste Staat in Europa

Heinz Brill
Geopolitische Motive des EU-Einigungsprozesses

Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament


Editorial
Die Europåische Union ist nicht einfach die Summe ihrer 27
Mitgliedstaaten, nicht nur ein Wirtschafts- und Handelsraum,
ein gemeinsamer Markt: Europa ist eine Kultur- und Wertege-
meinschaft, die sich auf einen langen und beschwerlichen Weg
zur politischen Integration begeben hat. Das spektakulåre Schei-
tern des Verfassungsprojektes und die Ablehnung des Nachfol-
gevertrages von Lissabon durch die Iren in einem Referendum
am 12. Juni 2008 haben gezeigt, wie kompliziert und langwierig
das Anliegen ist.

Die politische Schwåche der EU hat sich insbesondere in der


Balkanpolitik gezeigt. Positiv gewendet heiût das jedoch, dass
die Existenz der EU mæglicherweise einen europaweiten Krieg
verhindert hat, gab es doch immerhin eine gemeinsame EU-Posi-
tion zu den Konflikten in Jugoslawien, zu dessen Zerfall und zu
den postjugoslawischen Kriegen. Durch eine Politik der Einbin-
dung der seit 1991 entstandenen sieben Nachfolgestaaten ± Slo-
wenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Montenegro,
das Kosovo und die Ehemalige Jugoslawische Republik Mazedo-
nien ± versucht die EU, die Region zu stabilisieren. Kritiker wer-
fen einigen EU-Staaten indes vor, durch eine vorschnelle Aner-
kennung von Slowenien und Kroatien seinerzeit die Konflikte
auf dem Balkan noch geschçrt zu haben.

Alle sieben Staaten mæchten der EU beitreten bzw. haben die-


sen Schritt bereits getan. Slowenien ist seit dem 1. Mai 2004 Mit-
glied und hatte vom 1. Januar bis zum 30. Juni 2008 die EU-Rats-
pråsidentschaft inne. Kroatien ist Beitrittskandidat; seit Mårz
2005 laufen die Verhandlungen. Mazedonien hat den Status eines
Beitrittslandes ohne Verhandlungstermin. Alle anderen westli-
chen Balkanlånder, Albanien eingeschlossen, sind potenzielle Be-
werber um eine EU-Mitgliedschaft.

Katharina Belwe
Achim Hurrelmann EU erneut aufzuwerfen: Verfestigt sich durch
die Reformunfåhigkeit der EU ein Gemein-

Demokratie in
wesen, in dem technokratische Regulierung
und intergouvernementales Verhandeln die
Selbstbestimmung der Bçrgerinnen und Bçr-

der Europåischen
ger so weit zurçckdrången, dass nicht mehr
als ein bedeutungsloses Frustventil in Gestalt
der Europawahlen çbrig bleibt? Oder ist die

Union: Eine
Union demokratischer als ihr Ruf? Welche
Demokratisierungsschritte bråchte der Lissa-
bonvertrag, welche wåren darçber hinaus

Bestandsauf-
noch denkbar? Mein Beitrag wendet sich die-
sen Fragen in drei Schritten zu: Zunåchst gibt
er einen Ûberblick çber die bestehenden

nahme
Mæglichkeiten demokratischer Einflussnah-
me in der EU; dann bewertet er, inwiefern
diese defizitår zu nennen sind; schlieûlich dis-
kutiert er Potenziale fçr eine weitere Demo-
kratisierung europåischer Politik.

A ls Joschka Fischer im Mai 2000 mit sei-


ner Rede in der Berliner Humboldt-
Universitåt die europåische Verfassungsde-
Drei Kanåle demokratischer
batte eræffnete, stellte er den Begriff der Einflussnahme
¹Finalitåtª europåischer Integration in den
Mittelpunkt: Nach Zu Beginn einer Analyse çber Demokratie in
Achim Hurrelmann fçnfzig Jahren der In- der EU sollte man sich klar machen, dass die
Dr. rer. pol., geb. 1974; Profes- tegration in kleinen Union keineswegs das undemokratische
sor für Politikwissenschaft an Schritten, so Fischer, Monstrum ist, als das sie in bestimmten euro-
der Carleton University, sei es nun an der Zeit, skeptischen Diskursen dargestellt wird. Viel-
1125 Colonel By Drive, Ottawa sich çber den Endzu- mehr existieren eine ganze Reihe von Verfah-
ON K1S 5B6, Kanada. stand des Integrati- ren, çber die die Bçrgerinnen und Bçrger
achim_hurrelmann@ onswerks Gedanken Einfluss auf EU-Entscheidungen nehmen
carleton.ca zu machen. 1 Acht kænnen. Drei Kanåle demokratischer Ein-
Jahre spåter, nach dem flussnahme sind zu unterscheiden:
spektakulåren Scheitern des Verfassungspro-
jekts und der erneuten Ablehnung des Nach- (a) Der offensichtlichste Kanal verlåuft
folgevertrags von Lissabon im irischen Refe- çber das direkt gewåhlte Europåische Parla-
rendum am 12. Juni 2008, sind groû angelegte ment, das ausdrçcklich konzipiert ist zur Re-
Konzepte çber den Zielzustand der EU aus pråsentation der Bçrgerinnen und Bçrger auf
der Mode gekommen. In der politischen und europåischer Ebene. Die Kompetenzen des
wissenschaftlichen Europadiskussion hat ein Parlaments bei der Verabschiedung europåi-
neuer Pragmatismus Einzug gehalten. scher Rechtsakte sind in den vergangenen
Vertragsreformen stetig ausgeweitet worden,
Zumindest vorerst muss die EU auf und der Lissabonvertrag sieht eine weitere
Grundlage der umståndlichen Regeln des Ausweitung vor. In den meisten Politikberei-
Vertrags von Nizza weiter funktionieren. chen ist das Parlament mittlerweile im Mit-
Selbst wenn der Lissabonvertrag noch in entscheidungsverfahren am Gesetzgebungs-
Kraft treten sollte, dçrfte er auf absehbare prozess beteiligt, was bedeutet, dass gegen
Zeit die letzte grundlegende Reform des seinen Willen kein Rechtsakt zustande kom-
europåischen Vertragswerks gewesen sein. men kann.
Weitergehende Visionen sind nicht långer Ge-
1 Joschka Fischer, Vom Staatenbund zur Fæderation:
genstand æffentlicher Debatten.
Gedanken çber die Finalitåt der europåischen Union,
Rede am 12. Mai 2000 in der Berliner Humboldt-Uni-
Die Ratifizierungskrise des Lissabonver- versitåt, in: Wilfried Loth (Hrsg.), Entwçrfe einer
trags ist vor diesem Hintergrund ein Anlass, europåischen Verfassung: Eine historische Bilanz,
die Frage nach dem Demokratiedefizit der Bonn 2002.

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Wo unterscheiden sich die Kompetenzen (b) Der zweite Kanal demokratischer Ein-
des Europåischen Parlaments çberhaupt noch flussnahme in der EU verlåuft çber nationale
von denen nationaler Parlamente? Erstens Wahlen, nationale Parlamente und nationale
kann es Rechtsakte nicht formell initiieren; Regierungen hin zum EU-Ministerrat, der als
dies ist das Monopol der Europåischen Kom- Entscheidungszentrum noch machtvoller ist
mission. Zweitens gibt es nach wie vor Berei- als das Parlament. Dieser Mechanismus mit-
che, in denen es nicht die volle Gesetzge- gliedstaatlicher Repråsentation ermæglicht
bungskompetenz besitzt, sondern vom Mi- die demokratische Einflussnahme der Bçrge-
nisterrat çberstimmt werden kann. Auch bei rinnen und Bçrger çber politische Prozesse in
Inkrafttreten des Lissabonvertrags gålte dies den Mitgliedstaaten, jenseits des Europåi-
etwa fçr die Steuerharmonisierung, die Ge- schen Parlaments.
meinsame Auûen- und Sicherheitspolitik,
sowie bestimmte Bereiche der Innen- und Auch hier ergeben sich Probleme. Erstens
Justizpolitik. Drittens hat das Parlament nur spielen EU-bezogene Themen auch bei natio-
eingeschrånkte Befugnisse hinsichtlich der nalen Wahlen keine wichtige Rolle, und sie
Wahl und Kontrolle der Europåischen Kom- werden in den Medien nicht mit græûerer
mission: Zwar muss es die Kommission Breitenwirkung diskutiert. Zweitens haben
mehrheitlich beståtigen, es kann aber keinen mitgliedstaatliche Regierungen selbst bei
direkten Einfluss auf die Nominierung ihrer Themen, die in der Úffentlichkeit Interesse
Mitglieder nehmen und eine einmal ins Amt erregen, einen groûen Handlungsspielraum
gewåhlte Kommission nur mit Zweidrittel- im Ministerrat. Denn nationale Parlamente,
mehrheit abwåhlen. die Kerninstitutionen mitgliedstaatlicher De-
mokratie, haben oft Probleme, Entschei-
Diese Kompetenzmångel des Europåischen dungsverfahren auf EU-Ebene nachzuvoll-
Parlaments sind aber nicht das Hauptproblem ziehen und schrecken zudem davor zurçck,
dieses Kanals demokratischer Einflussnahme. die eigene Regierung durch allzu detaillierte
Vielmehr ist es vor allem der Charakter der Vorgaben im Prozess der Aushandlung euro-
Europawahlen, der einen Schatten auf die de- påischer Rechtsnormen einzuschrånken. 3
mokratische Qualitåt des Parlaments wirft. In Wenn das Verhandlungsergebnis den Wçn-
Europawahlen treten nationale Parteien an, schen wichtiger Wåhlergruppen nicht ent-
die Wahlkåmpfe sind dominiert durch natio- spricht, kann die Schuld immer noch auf an-
nale Themen, und die Wåhlerinnen und Wåh- dere europåische Regierungen geschoben
ler nutzen diese Wahlen vor allem zur Ab- werden; schlieûlich werden Entscheidungen
rechnung mit nationalen Regierungen (wenn im Ministerrat meist mit qualifizierter Mehr-
sie sich çberhaupt beteiligen). heit getroffen. Auch der Kanal mitgliedstaat-
licher Repråsentation stellt also nicht sicher,
Karlheinz Reif und Hermann Schmitt dass die Pråferenzen der Bçrgerinnen und
haben die Europawahlen daher schon zu Be- Bçrger tatsåchlich Eingang in europåische
ginn der 1980er Jahre als ¹Wahlen zweiter Entscheidungen finden.
Ordnungª beschrieben, und diese Analyse
behålt nach wie vor ihre Gçltigkeit. 2 Das be- (c) Neben dem Europåischen Parlament
deutet, dass die Europaparlamentarierinnen und nationalen politischen Prozessen verlåuft
und -parlamentarier ganz çberwiegend auf- ein dritter Kanal demokratischer Einflussnah-
grund von Erwågungen gewåhlt werden, die me çber die europåische Zivilgesellschaft, die
wenig mit ihrer spåteren Rolle als Mitgesetz- besonders von der Europåischen Kommission
geber auf europåischer Ebene zu tun haben. gezielt in EU-Entscheidungsprozesse einge-
Es ist fraglich, ob das Europåische Parlament bunden wird. Viele Autorinnen und Autoren
unter diesen Bedingungen wirklich als demo-
kratischer Repråsentant der Bçrgerinnen und 3 Vgl. Katrin Auel/Arthur Benz, Expanding, National

Bçrger funktionieren kann. Parliamentary Control: Does it Enhance European


Democracy?, in: Beate Kohler-Koch/Berthold Ritt-
berger (Hrsg.), Debating the Democratic Legitimacy
2 Vgl. Karlheinz Reif/Hermann Schmitt, Nine Second of the European Union, Lanham 2007; John
Order National Elections: A Conceptual Framework O'Brennan/Tapio Raunio (Hrsg.), National Parlia-
for the Analysis of European Electoral Results, in: ments within the Enlarged European Union: From
European Journal of Political Research, 8 (1980) 1, ,Victims` of Integration to Competitive Actors?, Lon-
S. 3± 44. don 2007.

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erkennen ein erhebliches demokratisches Po- Zweitens kommen auch einige Vertreterin-
tenzial in solchen Verfahren der policy-spezi- nen und Vertreter der deliberativen Demo-
fischen, funktionellen Repråsentation, die die kratietheorie, etwa Charles Sabel und Klaus
von einer Entscheidung betroffenen Interes- Eder, zu einem positiven Fazit çber die de-
sengruppen frçhzeitig beteiligen. 4 mokratische Qualitåt der EU. 6 Dies mag
çberraschen, denn die deliberative Demokra-
Auch bei diesem Einflusskanal ist zweifel- tietheorie, geprågt von Jçrgen Habermas, gilt
haft, ob er eine unverzerrte Verbindung zwi- gemeinhin als besonders anspruchsvoll. Viele
schen den Pråferenzen der Bçrgerinnen und EU-bezogene Anwendungen interpretieren
Bçrger und EU-Entscheidungen sicherstellt. die Theorie jedoch in einer wenig anspruchs-
Erstens sind die von der Kommission konsul- vollen Weise: Demokratie bedeutet fçr sie die
tierten Interessenvertreter in aller Regel pro- Existenz von Verfahren, die sicherstellen,
fessionelle Lobbyistinnen und Lobbyisten, dass alle relevanten Argumente fçr oder
deren Positionen nicht unbedingt eine Abbil- gegen bestimmte Entscheidungen abgewogen
dung gesellschaftlicher Interessen darstellen. werden kænnen; wåhrend es zweitrangig ist,
Zweitens bleibt es letztlich der Kommission ob alle Bçrgerinnen und Bçrger selbst Zu-
çberlassen, wie sie auf die im Konsultations- gang zu solchen Abwågungsprozessen haben.
prozess zum Ausdruck gekommenen Positio- Aus dieser Perspektive betrachtet ist die EU
nen tatsåchlich reagiert. demokratisch, weil an ihren Entscheidungen
eine Vielzahl von Akteuren beteiligt sind ±
Positionen zum europåischen Demokra- die EU-Bçrokratie, nationale Regierungen,
nationale und europåische Parlamente, Inte-
tiedefizit ressengruppen usw. ±, die sehr unterschiedli-
che Perspektiven einbringen.
Jeder der drei Kanåle europåischer Demokra-
tie ist also mit spezifischen Problemen behaf- Aus meiner Sicht beruhen diese Positionen
tet. Stellt ihr Zusammenspiel trotzdem ein an- jedoch auf einer verkçrzten Konzeption von
gemessenes Maû an Demokratie sicher? Eine Demokratie. Denn Demokratie sollte min-
Antwort auf diese Frage hångt davon ab, wie destens zweierlei bedeuten: Erstens mçssen
man Demokratie definiert. In der gegenwårti- alle Bçrgerinnen und Bçrger die Mæglichkeit
gen wissenschaftlichen Diskussion argumen- haben, an Prozessen der kollektiven Selbstbe-
tieren vor allem Vertreterinnen und Vertreter stimmung als Gleiche zu partizipieren ± und
zweier Strånge der Demokratietheorie gegen das bedeutet auch, nach dem Prinzip one per-
die These eines Demokratiedefizits der EU: son, one vote an Entscheidungen mitzuwir-
ken. 7 Zweitens mçssen die Bçrgerinnen und
Erstens ist die sogenannte ¹realistischeª
Bçrger politische Eliten fçr deren Verhalten
Demokratietheorie zu nennen, die in der EU-
rechenschaftspflichtig machen kænnen (im
bezogenen Diskussion vor allem von Giando-
Englischen spricht man von accountability),
menico Majone und Andrew Moravcsik ver-
und das beinhaltet, dass man Entscheidungs-
treten wird. 5 Fçr beide bedeutet Demokratie
tråger gegebenenfalls durch Abwahl sanktio-
in erster Linie die Verhinderung von Macht-
nieren kann. 8
missbrauch. Gemessen an diesem Kriterium
ist die EU demokratisch, denn die konsens-
orientierte Form der Entscheidungsfindung
und die Vielzahl von Vetospielern stellen si- 6 Vgl. Oliver Gerstenberg/Charles Sabel, Directly-
cher, dass Macht zahlreichen Kontrollen und Deliberative Polyarchy: An Institutional Ideal for Eu-
Beschrånkungen unterliegt. rope? in: Christian Joerges/Renaud Dehousse (eds.),
Good Governance in Europe's Integrated Market,
4 Vgl. Jçrgen Grote/Bernard Gbikpi (eds.), Participa- Oxford 2002, S. 289±341; Hans-Jærg Trenz/Klaus
tory Governance: Political and Societal Implications, Eder, The Democratizing Dynamics of a European
Opladen 2002; Justin Greenwood, Interest Represen- Public Sphere: Towards a Theory of Democratic
tation in the European Union, Basingstoke 20072. Functionalism, in: European Journal of Social Theory
5 Vgl. Giandomenico Majone, Europe's `Democratic 7 (2004) 1, S. 5±25.
Deficit': A Question of Standards, in: European Law 7 Vgl. Robert Dahl, Democracy and its Critics, New

Journal, 4 (1998) 1, S. 5± 28; Andrew Moravcsik, In Haven 1989, S. 107± 131.


Defence of the `Democratic Deficit': Reassessing Le- 8 Vgl. Mark Bovens, New Forms of Accountability

gitimacy in the European Union, in: Journal of Com- and EU Governance, in: Comparative European Poli-
mon Market Studies , 40 (2002) 4, S. 603±624. tics, 5 (2007) 1, S. 104±120.

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Die Grenzen der Demokratie in der EU Institutionen entschieden werden ± hinter
werden deutlich, wenn man die drei Kanåle verschlossenen Tçren und in Verfahren, die
demokratischer Einflussnahme an diesen weder die direkte Partizipation der Bçrgerin-
Kriterien misst. In den ersten beiden Kanå- nen und Bçrger noch die Herstellung von Re-
len ± Europåisches Parlament und mitglied- chenschaftspflicht ermæglichen. Mit anderen
staatliche Politik ± ist durch allgemeine und Worten: Wenn es wirklich ernst wird, halten
gleiche Wahlen auf europåischer und natio- politische Eliten in der EU das Heft fest in
naler Ebene immerhin die gleiche Partizipa- der Hand. All dies bedeutet nicht, dass sie
tion der Bçrgerinnen und Bçrger sicherge- ohne Kontrolle schalten und walten kænnen:
stellt, auch wenn der substanzielle Einfluss Parlament, Ministerrat und Kommission kon-
dieser Partizipation auf die letztlich erziel- trollieren sich gegenseitig, und auch die Me-
ten Politikergebnisse zweifelhaft sein mag. dien nehmen von der EU mehr Notiz als
noch vor wenigen Jahren. Aber wie bereits
Probleme ergeben sich jedoch insbesondere gesagt: Die Kontrolle von Macht allein be-
hinsichtlich der Gewåhrleistung von Rechen- deutet noch keine Demokratie.
schaftspflicht. Bei Mitgliedern des Europåi-
schen Parlamentes wird diese dadurch unter-
miniert, dass es in Europawahlen in aller Optionen einer
Regel gar nicht um deren Beitrag zu europåi- Demokratisierung der EU
schen Entscheidungen geht, sondern um na-
tionale Politik. Bei mitgliedstaatlichen Regie- Diese Ûberlegungen fçhren zu der Frage,
rungen ist die Rechenschaftspflicht fçr die welche Mæglichkeiten es gibt, um dem euro-
im Ministerrat getroffenen Entscheidungen påischen Demokratiedefizit abzuhelfen. Wel-
ebenfalls begrenzt, da sich intergouverne- che Verånderungen sieht der Lissabonvertrag
mentale Verhandlungsprozesse wie geschil- in dieser Hinsicht vor? Welche weiteren Op-
dert einer Kontrolle durch nationale Parla- tionen wurden in diesem Vertrag nicht aufge-
mente und Úffentlichkeiten oft entziehen. griffen? Erneut ist es sinnvoll, die drei Kanåle
demokratischer Einflussnahme zu betrachten:
Beim dritten Kanal demokratischer Ein-
flussnahme, der funktionellen Repråsentation (a) Wie die bisherige Analyse gezeigt hat,
von Interessen durch die europåische Zivilge- kann die Rechenschaftspflicht europåischer
sellschaft, ist sogar keines der beiden Demo- Entscheidungstråger çber das Europåische
kratiekriterien erfçllt: Die Beteiligung von Parlament nur dann effektiver sichergestellt
Interessenverbånden und zivilgesellschaftli- werden, wenn die Bçrgerinnen und Bçrger
chen Organisationen in den Konsultations- ihr Partizipationsverhalten åndern. Denn
verfahren der Europåischen Kommission letztlich hångt es von den Wåhlerinnen und
gewåhrleistet keine gleichgewichtige Partizi- Wåhlern ab, ob Europawahlen Wahlen zwei-
pation aller Bçrgerinnen und Bçrger. Rechen- ter Ordnung bleiben, oder ob Parteien ge-
schaftspflicht ist ebenfalls nicht sichergestellt, zwungen werden, Europawahlkåmpfe çber
denn die Kommission ist nicht verpflichtet, europåische Themen zu fçhren. Fçr ein bes-
die Positionen der konsultierten Gruppen tat- seres Funktionieren des Europåischen Parla-
såchlich in Entscheidungsvorschlåge einflie- mentes als demokratischer Vertretung der
ûen zu lassen. Bçrgerinnen und Bçrger kommt es also weni-
ger auf institutionelle Reformen an als auf die
Eine zusåtzliche Komplikation ergibt sich Ausbildung europåischer Identitåten und
daraus, dass die meisten Entscheidungen in eines europåischen politischen Interesses in
der EU nicht von einer der drei Kerninstitu- der Bevælkerung. Wenn dies gelånge, wåre
tionen ± Parlament, Ministerrat und Kom- die volle Parlamentarisierung der EU mæglich
mission ± allein getroffen, sondern zwischen ± das Europåische Parlament kænnte auf Kos-
den drei Institutionen ausgehandelt werden. ten der anderen Einflusskanåle wirklich zur
Das hat den Vorteil, dass fçr ein und dieselbe zentralen Institution europåischer Demokra-
Entscheidung alle drei Kanåle demokratischer tie werden.
Einflussnahme relevant werden kænnen. Der
Nachteil ist jedoch, dass die wichtigsten Låsst sich auf eine solche Europåisierung
Streitfragen europåischer Politik letztlich erst von Identitåten und Verhaltsmustern der
in Vermittlungsverfahren zwischen den drei Bçrgerinnen und Bçrger gezielt Einfluss neh-

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men? Die gescheiterte Europåische Verfas- nen der eigenen politischen Richtung nomi-
sung war ein Versuch, genau das zu tun: ein nieren, wçrde die Kommission dann die
Projekt der Identitåtsbildung. Der Name Mehrheit des Europåischen Parlaments reprå-
¹Verfassungª, die wertgeladene Sprache der sentieren.
Pråambel, die Verfassungsartikel çber die
Ziele, Werte und Symbole der Union, der Auch mit Blick auf diese Strategie einer
prominente Platz der Grundrechtecharta ± all ¹Identitåtsbildung durch Politisierungª ist
dies sollte die Konturen der EU als politi- Skepsis angebracht. Dies gilt erstens aus his-
sches Gemeinwesen deutlicher machen, mi- torischen Grçnden: Seit der ersten Direkt-
thin ihre ¹Finalitåtª zumindest grob skizzie- wahl des Europåischen Parlaments 1979 sind
ren, und der Verfassung selbst eine Rolle als dessen Kompetenzen stetig gewachsen, die
Bezugspunkt fçr ein stårkeres europåisches Wahlbeteiligung bei Europawahlen ist aber in
Bçrgerbewusstsein sichern. 9 den meisten Mitgliedstaaten gesunken. Zwei-
tens ist ein wichtiges theoretisches Argument
Das Scheitern der Verfassung zeigt die zu berçcksichtigen: Angesichts der Schwåche
Grenzen einer solchen Identitåtsbildungsstra- europåischer Identitåten ist es zweifelhaft, ob
tegie auf: Ein groûer Teil der europåischen Mehrheitsentscheidungen in der EU ± sei es
Bevælkerung ist (noch) nicht bereit, eine mit in Sach- oder in Personalfragen ± auch bei der
den klassischen Insignien des Staates auftre- Minderheit Akzeptanz finden wçrden. Denn
tende EU zu akzeptieren. Zudem gibt es er- erst das Bewusstsein der Zusammengehærig-
hebliche Unterschiede zwischen verschiede- keit zwischen Mehrheit und Minderheit stellt
nen nationalen Sichtweisen der europåischen sicher, dass solche Entscheidungen von der
Integration und daraus abgeleiteten Erwar- çberstimmten Minderheit nicht als Fremdbe-
tungen an die EU. Diese Unterschiede ma- stimmung empfunden werden. 11 Vor diesem
chen es unmæglich, die Merkmale und philo- Hintergrund muss eine Abkehr vom Kon-
sophischen Grundlagen der Union in Verfas- sensprinzip nicht notwendigerweise identi-
sungsartikel zu gieûen, ohne Widerstånde in tåtsbildend wirken, sondern kænnte im Ge-
bestimmten Mitgliedstaaten oder Bevælke- genteil die Basis des europåischen Einigungs-
rungsgruppen hervorzurufen. Konstitutio- werks zerstæren.
nelle Prinzipienerklårungen sind als Mecha-
nismen der Identitåtsbildung daher ungeeig- (b) Bietet der zweite Kanal demokratischer
net. Einflussnahme, der çber die nationalen Re-
gierungen und ihre Rolle im Ministerrat ver-
Einige Beobachterinnen und Beobachter låuft, bessere Bedingungen fçr eine Demo-
halten jedoch eine alternative Strategie kratisierung der EU? Eine Demokratisie-
zur Identitåtsbildung fçr vielversprechend: rungsstrategie, die hier ansetzt, hat
Kænnte man nicht, so fragen sie, die Kompe- insbesondere einen Vorteil: Die gesellschaftli-
tenzen des Europåischen Parlaments so radi- chen Rahmenbedingungen fçr Demokratie
kal ausweiten, dass die Bçrgerinnen und Bçr- sind auf der nationalen Ebene besser als auf
ger es sich nicht långer leisten kænnen, die der europåischen, weil politische Partizipati-
Europawahlen zu ignorieren ± und somit onsformen und Identitåten der Bçrgerinnen
zwanglåufig europåische Identitåten ausbil- und Bçrger nach wie vor in erster Linie auf
den? 10 Dies wåre etwa dadurch mæglich, dass den Nationalstaat ausgerichtet sind.
man die Europåische Kommission wie in par-
lamentarischen Regierungssystemen aus der Welche Mæglichkeiten gåbe es aber, die de-
Mehrheit des Europåischen Parlaments bildet mokratische Rechenschaftspflicht von Regie-
und von dessen fortwåhrender Unterstçtzung rungen fçr ihr Verhalten im Ministerrat zu
abhångig macht. Wåhrend die Kommission stårken? Zwei wichtige Schritte in diese Rich-
derzeit in parteipolitischer Hinsicht gemischt tung sind im Lissabonvertrag enthalten: Er-
ist, weil nationale Regierungen jeweils Perso- stens soll die Transparenz von Verfahren im
Ministerrat dadurch erhæht werden, dass der
9 Vgl. Achim Hurrelmann, Verfassung und Integra-

tion in Europa: Wege zu einer supranationalen Demo- 11 Vgl. Fritz W. Scharpf, Demokratische Politik in der

kratie, Frankfurt/M.±New York 2005. internationalisierten Úkonomie, in: Michael Th. Gre-
10 Vgl. Thomas Meyer, Die Identitåt Europas: Der EU ven (Hrsg.), Demokratie ± eine Kultur des Westens?,
eine Seele?, Frankfurt/M. 2004, S. 38±63. Opladen 1998.

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Rat grundsåtzlich æffentlich tagt, wenn er in (c) Wie steht es schlieûlich mit dem dritten
gesetzgeberischer Funktion tåtig ist. Zweitens Kanal demokratischer Einflussnahme, der
sollen die Kontrollmæglichkeiten nationaler europåischen Zivilgesellschaft? Die bestehen-
Parlamente ausgeweitet werden, indem ihnen den Verfahren zivilgesellschaftlicher Beteili-
ein besserer Zugang zu Gesetzgebungsdoku- gung sind nur sehr beschrånkt geeignet, dem
menten und die Mæglichkeit eines Einspruch europåischen Demokratiedefizit abzuhelfen.
gegen geplante europåische Rechtsakte ge- Zwar låsst sich ihre Transparenz und Forma-
wåhrt werden. litåt erhæhen, und die EU-Kommission hat
sich in den vergangenen Jahren ernstlich um
Darçber hinausgehend wåren weitere Re- beides bemçht, indem etwa Konsultations-
formen denkbar, die aber eher auf mitglied- verfahren nun æffentlich ausgeschrieben wer-
staatlicher denn auf europåischer Ebene an- den und Listen von in Brçssel tåtigen Vereini-
setzen mçssten. Insbesondere wåre zu çberle- gungen im Internet abrufbar sind. Aber die
gen, wie die Kontrolle nationaler Parlamente gleiche Partizipation aller Bçrgerinnen und
çber das Verhalten ihrer Regierungen im Mi- Bçrger und eine mit Sanktionsmæglichkeiten
nisterrat verbessert werden kann ± die Mæg- versehene Rechenschaftspflicht lassen sich
lichkeiten reichen von der Erteilung explizi- auf diesem Wege nicht herstellen.
ter Verhandlungsmandate bis zur Beteiligung
von Abgeordneten in den nationalen Delega- Vielversprechender erscheint eine andere
tionen. 12 Doch auch hier stæût die Demokra- Form der direkten Beteiligung der Bçrgerin-
tisierung an Grenzen: Wie schon geschildert, nen und Bçrger, nåmlich europaweite Refe-
brauchen nationale Regierungen, um effektiv renden. Dabei denke ich ganz ausdrçcklich
verhandeln zu kænnen, einen gewissen Spiel- nicht an Verfassungsreferenden çber die ¹Fi-
raum, der durch Mandatierung nicht allzu nalitåtª der europåischen Integration, denn
sehr eingeengt werden darf. Die Erteilung diese fçhren in erster Linie dazu, Konflikte
von realistischen Verhandlungsmandaten zwischen widersprçchlichen Zielvorstellun-
wird ferner dadurch erschwert, dass der gen weiter zu verschårfen. Eher aussichts-
Ministerrat nach Abschluss der eigenen Ent- reich sind dagegen direktdemokratische Me-
scheidungsfindung zunehmend gezwungen chanismen zur Entscheidung von Sachfragen
ist, Einvernehmen mit dem Europåischen europåischer Politik.
Parlament herzustellen. Nach dem Abschluss
aller Verhandlungen bleibt den nationalen Der Lissabonvertrag geht einen kleinen
Parlamenten aber nur die extreme ± und in Schritt in diese Richtung mit der Einfçhrung
der Praxis kaum realistische ± Mæglichkeit, eines europåischen Bçrgerbegehrens, das aber
die eigene Regierung wegen ihrer Verhand- wenig mehr ist als eine Mæglichkeit zur Øu-
lungsfçhrung zu stçrzen. ûerung eines Gesetzgebungsvorschlags, çber
den dann im çblichen Verfahren befunden
Zudem ist daran zu erinnern, dass alle Re- wird. Das Bçrgerbegehren lieûe sich auswei-
formen zur Erhæhung der Rechenschafts- ten zu einem vollwertigen Bçrgergesetzge-
pflicht jeweils nur hinsichtlich der ¹eigenenª bungsverfahren. Noch interessanter ist die
nationalen Regierung greifen kænnen. Wenn Idee von Heidrun Abromeit, nach dem Vor-
im Ministerrat mit qualifizierter Mehrheit bild der Schweiz ein direktdemokratisches
entschieden wird, laufen sie ins Leere: Es gibt Veto gegen EU-Entscheidungen mæglich zu
keine Mæglichkeit, die Regierungen anderer machen. 13 Die genaue Ausgestaltung eines
Mitgliedstaaten zu sanktionieren, wenn diese solchen Bçrgervetos, insbesondere die Frage
die eigene Regierung çberstimmen. Die Aus- der anzuwendenden Quoren, ist natçrlich
weitung qualifizierter Mehrheitsentscheidun- alles andere als unkompliziert. Die Grundlo-
gen ist daher aus demokratietheoretischer gik aber ist çberzeugend: Angesichts der
Sicht nicht zwingend als Fortschritt anzuse- Schwierigkeit, Entscheidungstråger auf euro-
hen. påischer Ebene in demokratischen Verfahren
fçr ihre Entscheidungen rechenschaftspflich-
tig zu machen, sollte es den Bçrgerinnen und
12 Vgl. Andreas Maurer, Optionen und Grenzen der

Einbindung der nationalen Parlamente in die kçnftige 13 Vgl. Heidrun Abromeit, Ein Vorschlag zur Demo-

EU-Verfassungsstruktur, SWP-Studie S 29, Berlin kratisierung des europåischen Entscheidungssystems,


2002. in: Politische Vierteljahresschrift, 39 (1998) 1, S. 80 ±90.

8 APuZ 32/2008
Bçrgern zumindest mæglich sein, bestimmte Holm Sundhaussen
Entscheidungen politischer Eliten zu verhin-

Der Zerfall
dern oder rçckgångig zu machen.

Fazit
Obwohl die Ratifizierung des Vertrags von
Lissabon Fortschritte auf dem Weg zu einer
Jugoslawiens und
dessen Folgen
demokratischen Union bedeuten wçrde, blie-
be die demokratische Qualitåt der EU, bemes-
sen an den Kriterien der Partizipation und der
Rechenschaftspflicht, auch nach seinem In-
krafttreten defizitår: Politik auf europåischer
Ebene entzieht sich der vollen Kontrolle
durch die Bçrgerinnen und Bçrger. Dieses
Fazit ist umso ernçchternder, als es kaum er-
A uf dem Gebiet des ehemaligen Jugosla-
wien, das etwas kleiner war als die alte
Bundesrepublik Deutschland, haben sich seit
folgversprechende Optionen fçr eine Demo- 1991 sieben Staaten formiert: Slowenien,
kratisierung der EU gibt. Hinsichtlich der di- Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien,
rekten Repråsentation der Bçrgerinnen und Montenegro, Kosovo und Mazedonien. Der
Bçrger çber das Europåische Parlament sind Zerfall der ¹Sozialistischen Fæderativen Re-
institutionelle Reformen kontraproduktiv, publik Jugoslawienª hat viele Fragen aufge-
und es bleibt auf die Ausbildung eines verån- worfen: Woran ist der
derten Partizipationsverhaltens in der Bevæl- Bundesstaat zugrunde Holm Sundhaussen
kerung zu hoffen. Hinsichtlich der mitglied- gegangen? Steht sein Dr. phil., geb. 1942; Professor
staatlichen Repråsentation çber den Minister- Ende exemplarisch fçr für Südosteuropäische Ge-
rat lieûen sich auf nationaler Ebene das Scheitern ¹multi- schichte an der Freien Universi-
parlamentarische Kontrollmæglichkeiten ver- kulturellerª Gesell- tät Berlin, Ko-Direktor des Berli-
bessern. Hinsichtlich der Beteiligung der schaften? Hat der ¹ur- ner Kollegs für vergleichende
europåischen Zivilgesellschaft ist die Eræff- alte Hassª zwischen Geschichte Europas.
nung zusåtzlicher Partizipationsmæglichkei- den Nationen und Osteuropa-Institut,
ten çber europåische Sachreferenden denkbar. Minderheiten, haben Garystr. 55, 14195 Berlin.
Die ¹demokratische Finalitåtª der EU mag die ¹Balkan ghostsª 1 sundhaus@gmx.net
somit noch nicht erreicht sein, doch in die das Land zerstært?
noch mæglichen Reformen sollten keine çber- Oder waren es kleine Gruppen von Akteuren,
triebenen Erwartungen gesetzt werden: Die die seinen Untergang inszenierten? Welche
Komplexitåt von EU-Entscheidungsverfah- Rolle spielte die ¹internationale Gemein-
ren, die nætig ist, um der Diversitåt der euro- schaftª? Wie stellen sich der Staatszerfall und
påischen Bevælkerung gerecht zu werden, ver- die postjugoslawischen Kriege im Licht des
schlieût sich einfachen Patentlæsungen. Vælkerrechts dar? Welche Konsequenzen hat
der Staatszerfall fçr die Stabilitåt der gesamten
Region? Wie erklårt sich die Eskalation der
Gewalt, die den Kollaps des Staates begleitete
und ihm folgte? Und wie erklårt sich, dass aus
Nachbarn Mærder wurden? Nicht alle Fragen
kænnen im Rahmen dieses Beitrags beantwor-
tet werden. Im Mittelpunkt sollen daher die
internen Ursachen und Begleitumstånde des
Staatszerfalls stehen.
1 Die These vom uralten Hass zwischen den Vælkern

des Balkans wurde vom US-amerikanischen Journalis-


ten Kaplan propagiert und hatte anfangs erheblichen
Einfluss auf die Politik der Clinton-Administration.
Robert D. Kaplan, Balkan Ghosts: a journey through
history, New York 1993; dt. Ausgabe: Die Geister des
Balkans: eine Reise durch die Geschichte und Politik
eines Krisengebiets, Hamburg 1993.

APuZ 32/2008 9
Die Krise der 1980er Jahre der Tschechoslowakei) zeigt, dass eine Verfassung
(ganz gleich ob sie zentralistisch, schein-fæderalistisch
Im Verlauf der 1980er Jahre zeichneten sich oder (kon)fæderalistisch ist) nur dann funktioniert,
vor dem Hintergrund einer schweren Wirt- wenn sie auf einem politischen Grundkonsens beruht.
schaftskrise und schleichender Entlegitimie- Letztlich war es immer die auûerhalb der Verfassung
rung des politischen Systems zwei gegensåtz- oder unabhångig von ihr ausgefochtene Machtfrage,
liche politische Stræmungen ab: auf der einen die çber Staatserhalt oder Staatszerfall entschied.
Seite die Verfechter einer Liberalisierung von Nicht die geschriebene Verfassung, sondern die ¹Ver-
Wirtschaft und Politik (vertreten vor allem fassungª in den Kæpfen der Politiker machte Jugosla-
durch Politiker in Slowenien), auf der ande- wien zu einem ¹schwachen Staatª.
ren die Befçrworter einer Rezentralisierung
und Stårkung des Bundesstaats (angefçhrt Literatur zu Krise und Zerfall Jugoslawiens:
von Politikern in Serbien). 2 Im Zentrum der Lenard J. Cohen/Jasna DragovicÂ-Soso (eds.), State Col-
Kontroversen stand die jugoslawische Verfas- lapse in South-Eastern Europe. New perspectives on
sung von 1974, mit der der Prozess der Fæde- Yugoslavia's disintegration, West Lafayette 2008;
ralisierung des sozialistischen Jugoslawien James Gow, The Serbian Project and Its Adversaries: A
abgeschlossen worden war. Die darin veran- Strategy of War Crimes, Montreal 2003;
kerte Schwåchung der Bundesorgane sowie David B. MacDonald, Balkan Holocausts? Serbian and
die Einrichtung eines kollektiven, dem Kon- Croatian Victim-centered Propaganda and the War in
sensprinzip verpflichteten Staatsoberhaupts Yugoslavia, Manchester 2002;
hatten die politische Entscheidungsfindung Branka MagaÉ/Ivo ZÏanic (eds.), The War in Croatia and
auf fæderaler Ebene erschwert und den sechs Bosnia-Herzegovina 1991 ±1995, London-Portland
Bundeslåndern sowie zwei Autonomen Pro- 2001;
vinzen Kosovo und Wojwodina im Rahmen Viktor Meier, Wie Jugoslawien verspielt wurde, Mçn-
der Republik Serbien weitreichende Zustån- chen 1995;
digkeiten çberantwortet. Die Republik Ser- Dunja MelcÏec (Hrsg.), Der Jugoslawien-Krieg. Hand-
bien fçhlte sich durch die Aufwertung ihrer buch zu Vorgeschichte, Verlauf und Konsequenzen,
zwei Autonomen Provinzen zu konstitutiven Wiesbaden 20072;
Teilen der Fæderation besonders benachteiligt Sabrina P. Ramet, Balkan Babel: The Disintegration of
(¹Dreiteilung Serbiensª). Wie alle jugoslawi- Yugoslavia from the Death of Tito to the War for Koso-
schen Verfassungen seit 1946 beinhaltete auch vo, Boulder, CO. 19993;
die Verfassung von 1974 das Sezessionsrecht, Sabrina P. Ramet, Thinking about Yugoslavia: Scholarly
d. h. das Recht der Vælker auf Loslæsung vom Debates about the Yugoslav Breakup and the Wars in
jugoslawischen Staatsverband. Die Interpre- Bosnia and Kosovo, Cambridge 2005;
tation dieses Rechts war allerdings heftig um- Laslo Sekelj, Yugoslavia: The Process of Disintegration,
stritten. 3 New York 1993;
Jasminka Udovi ki/James Ridgeway (eds.), Burn This
Die von serbischer Seite vertretene These, House: The Making and Unmaking of Yugoslavia,
die Verfassung von 1974 habe Jugoslawien Durnham/NC 20002;
¹unregierbarª gemacht, ist ebenso richtig wie Ivo Zanic, Flag on the Mountain. A Political Anthropo-
falsch. Die komplizierten, fçr die Bçrgerin- logy of War in Croatia and Bosnia, London [u. a.] 2007.
nen und Bçrger kaum verståndlichen Bestim-
mungen der Verfassung haben die zentrifuga-
len Tendenzen befærdert und die Læsung in- Die Auseinandersetzungen wurden zunåchst als ord-
nenpolitischer Krisen erschwert, diese aber nungspolitischer ± nicht als nationaler ± Konflikt ge-
nicht ausgelæst oder ihre Ûberwindung un- fçhrt. Dennoch enthielten sie eine nationale Kompo-
mæglich gemacht. Ein Blick auf die Verfas- nente, die mit dem seit Grçndung des ersten jugoslawi-
sungsgeschichte des ersten und zweiten Jugo- schen Staates Ende 1918 bestehenden Entwicklungs-
slawien (oder der frçheren Sowjetunion und und Wohlstandsgefålle innerhalb des Landes verbunden
war. Den vergleichsweise wohlhabenden Regionen im
Nordwesten und Norden Jugoslawiens standen die år-
2 Krise und Zerfall Jugoslawiens sind Gegenstand ei-
meren Gebiete im Sçden gegençber, wåhrend das enge-
ner rasch wachsenden Zahl von Untersuchungen. Eine re Serbien (ohne die Autonomen Provinzen) in etwa
kleine Auswahl befindet sich im Kasten auf dieser Sei-
te.
den gesamtstaatlichen Durchschnitt repråsentierte.
3 Einzelheiten bei Monika Beckmann-Petey, Der ju- Trotz staatlicher Umverteilungsmaûnahmen im ersten
goslawische Fæderalismus, Mçnchen 1990, S. 128 ff. wie im zweiten Jugoslawien waren die Entwicklungs-

10 APuZ 32/2008
unterschiede seit 1918 nicht geringer gewor- tonomen Provinzen. Nicht die ¹Balkan-Ge-
den, sondern hatten sich seit Mitte der 1960er spensterª des ethnischen Hasses kehrten zu-
Jahre (seit Einfçhrung der ¹sozialistischen rçck, sondern die Gespenster der Armut, der
Marktwirtschaftª) weiter verschårft. 4 Slowe- Verunsicherung und diffuser Angst.
nen und Kroaten standen dem Mitteltransfer
in die årmeren Regionen infolge håufiger Multinationale Gemeinschaft und
Fehlinvestitionen und Mittelverschwendung
zunehmend ablehnend gegençber und fçhlten ethnische Distanz
sich durch das sozialistische System in ihrer
Entwicklung behindert, wåhrend sich Serbien Obwohl die wirtschaftlich-soziale Krise na-
und die årmeren Regionen çber den ¹Egois- tional konnotiert war, waren die transnationa-
musª der nordwestlichen Republiken empær- len Beziehungen in Jugoslawien bis in die
ten. Die einen wie die anderen fçhlten sich 1980er Jahre hinein nicht konfliktreicher als in
¹ausgebeutetª. Bis Mai 1980, bis zum Tod von anderen Vielvælkerstaaten. Die These, dass die
Josip Broz Tito, der wie kein anderer das so- multinationale Gemeinschaft Jugoslawiens
zialistische Jugoslawien repråsentiert hatte, nur eine der politischen Unterdrçckung durch
konnte aufkeimende Unzufriedenheit unter das kommunistische Regime geschuldete Chi-
Kontrolle gehalten werden. Mit Tito war aber måre gewesen sei, ist hæchst unwahrschein-
nicht nur ein groûer Diktator und Staatsmann, lich. Beweisen låsst sie sich nicht. Untersu-
sondern auch die ¹Verkærperungª des soziali- chungen zur ¹ethnischen Distanzª zwischen
stischen Jugoslawien gestorben. Und in den den verschiedenen Volksnationen in Jugosla-
1980er Jahren verloren die Legitimationsstçt- wien zeigen unzweifelhaft, dass diese weniger
zen des Systems ihre Bindekraft oder wurden ausgeprågt war als in manchen hæher entwi-
obsolet. Der Selbstverwaltungssozialismus er- ckelten Låndern und deutlich geringer als z. B.
wies sich als schwerfållig und reformresistent, in den USA. Zahlreiche Umfragen belegen,
die Blockfreiheit wurde mit dem Ende des dass die interethnischen Beziehungen (etwa
Ost-West-Gegensatzes gegenstandslos, und am Arbeitsplatz oder in der Nachbarschaft)
der Grçndungsmythos des zweiten Jugosla- von einer deutlichen Mehrheit der Bevælke-
wien (¹Volksbefreiungskampf und sozialisti- rung Jugoslawiens noch bis Ende der 1980er
sche Revolutionª sowie ¹Brçderlichkeit und Jahre als gut oder zumindest befriedigend und
Einheitª) verblasste, je weiter das Ende des nur von einem kleinen Teil der Befragten als
Weltkriegs in die Ferne rçckte und je poræser schlecht beurteilt wurden. Die einzige Aus-
die damit verbundenen Tabus (bei der Aufar- nahme betraf das Verhåltnis zwischen Alba-
beitung des Bçrgerkriegs von 1941 ±45 und nern auf der einen und Serben, Mazedoniern
seiner Opfer) wurden. Auch der relative und Montenegrinern auf der anderen Seite;
Wohlstand und die Freiheiten, welche die hier bestanden sowohl auf albanischer wie auf
Bçrgerinnen und Bçrger Jugoslawiens im Ver- sçdslawischer Seite massive (mitunter rassis-
gleich zu den Menschen in anderen sozialisti- tisch geprågte) Vorurteile. 6 Doch bis in das
schen Staaten genossen hatten, schmolzen Jahr 1990 hinein rangierte die jugoslawische
dahin. Die Arbeitslosigkeit nahm zu, der all- Zugehærigkeit bei der Mehrheit der Bçrgerin-
gemeine Lebensstandard sank, die Armut ver- nen und Bçrger des Landes an erster Stelle (bei
breitete sich und die åuûere Verschuldung des Albanern, Slowenen und Kroaten weniger
Staates entwickelte sich zum Alptraum. 5 Mit ausgeprågt als beim Rest der Bevælkerung). Es
dem Abbræckeln all dessen, worauf die Bçrge- folgten die Zugehærigkeit zu Europa und erst
rinnen und Bçrger Jugoslawiens stolz gewesen an dritter Stelle die Zugehærigkeit zur jeweili-
waren, nahmen die Orientierungslosigkeit, die gen Republik oder Region. 7 Fasst man die Er-
Unsicherheiten und Øngste in der Gesell- 6 Vgl. Bora Kuzmanovic  , Socijalna distanca prema
schaft zu; ebenso wie die Verteilungskåmpfe pojedinim nacijama (etnicÏka distanca) [Die gesell-
zwischen den sechs Republiken und zwei Au- schaftliche Distanz gegençber einzelnen Nationen
(ethnische Distanz)], in: Mladen Lazic u. a., Razarenje
druÉtva: Jugoslovensko druÉtvo u krizi 90-tih [Die
4 Vgl. Dijana PleÉtina, Regional Development in Zerstærung der Gesellschaft. Die jugoslawische Ge-
Communist Yugoslavia: Success, Failure and Conse- sellschaft in der Krise der 90er Jahre], Beograd 1994,
quences, Boulder, Co. 1992. S. 225 ±244.
5 Vgl. dazu u. a. Susan L. Woodward, Socialist Un- 7 Vgl. Ljiljana Bac evic u. a., Jugoslavija na kriznoj
employment. The Political Economy of Yugoslavia, prekretnici [Jugoslawien am kritischen Wendepunkt].
1945± 1990, Princeton, N.J. 1995. Beograd 1991, S. 236 u. passim; Yugoslav Survey 1990:

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gebnisse der verschiedenen Umfragen zusam- Schriftsteller und Wissenschaftler. Die
men, so bleibt nur eine Schlussfolgerung Schleusen jenes Damms, der mit der jahr-
çbrig: Die ethnischen Spannungen waren zehntelangen Tabuisierung ¹heiklerª nationa-
nicht Ursache fçr, sondern Folge von Krise ler Themen errichtet worden war, æffneten
und Zerfall Jugoslawiens. 8 sich. Und bald begann der Mårtyrer- und Ge-
nozid-Topos die æffentlichen Diskurse in Ser-
bien zu beherrschen. 11 ¹Genozidª wurde
Die ethnonationale Mobilisierung zum Topthema. Seine permanente Wiederho-
lung in vielfåltigen Varianten (als physischer,
Nicht nur serbische Politiker und Intellektu- politischer, rechtlicher, kultureller, religiæser,
elle waren unzufrieden mit der Verfassung administrativer etc. ¹Genozidª) erzeugte ein
von 1974, sondern auch Teile der kosovo-al- Wahrnehmungsmuster, aus dem nahezu alles
banischen Bevælkerung. Im Frçhjahr 1981 andere verdrångt wurde. Serbische Schrift-
kam es in Kosovo zu Demonstrationen der steller, unter ihnen Dobrica C Â osicÂ, Vuk DraÉ-
Albaner, welche die Anerkennung ihrer Pro- kovicÏ und der in Knin (Kroatien) gebçrtige
vinz als siebente Republik forderten. Durch Jovan RadulovicÂ, gossen mit ihren Werken Úl
die Verhångung des Ausnahmerechts, den in die schwelende Glut. 12
Einsatz von Panzern und mittels Massenver-
haftungen konnte die jugoslawische Staats- Am 24. September 1986 veræffentlichte die
und Parteifçhrung die Ruhe in Kosovo åuûer- Tageszeitung ¹Ve ernje Novostiª Auszçge
lich wiederherstellen, aber mit der stereoty- aus einem Memorandum der Serbischen Aka-
pen Klassifizierung der nie seriæs aufgeklår- demie der Wissenschaften zu aktuellen gesell-
ten Ereignisse als ¹Konterrevolutionª und schaftlichen Fragen in Jugoslawien. 13 Darin
¹Irredentismusª wurde jede Diagnose der wurde die politische Fçhrung Jugoslawiens
Probleme unterbunden und der Mythenbil- und seiner Republiken frontal attackiert. Die
dung Vorschub geleistet. 9 Ursachen der umfassenden Krise in den
1980er Jahren sahen die Autoren im Erbe Sta-
Am 15. Mai 1982 veræffentlichte das Organ lins und der Kommunistischen Internatio-
der Serbischen Orthodoxen Kirche, ¹Pravos- nale, in den Wirtschaftsreformen Mitte der
lavljeª, einen ¹Appell zur Verteidigung der 1960er Jahre und der Verfassung von 1974.
serbischen Bevælkerung und seiner Heiligtç- Sie beklagten die ¹Diskriminierungª der ser-
mer in Kosovoª. Die 21 Priester und Mæn- bischen Bçrgerinnen und Bçrger in Jugosla-
che, die den Appell unterzeichneten, erklår-
ten: ¹Ohne alle Ûbertreibung kann man 11 Vgl. Bette S. Denich, Dismembering Yugoslavia:
sagen, dass das serbische Volk in Kosovo
Nationalist Ideologies and the Symbolic Revival of
einen langsamen, gut geplanten Genozid er- Genocide, in: American Ethnologist 21 (1994), S. 367±
leidet.ª 10 In der Folgezeit erschienen in ¹Pra- 390.
voslavljeª weitere Artikel, in denen die ¹Ver- 12 Zur kulturellen Wende vgl. Sabrina P. Ramet, Apo-

nichtungª des serbischen Volkes in Kosovo calypse Culture and Social Change in Yugoslavia, in:
beschworen und der aktuelle ¹Genozidª als dies., Yugoslavia in the 1980s., Boulder, Co. 1985,
S. 13 ff.; Jasna DragovicÂ-Soso, ¹Saviours of the Na-
Fortsetzung der¹Vælkermordeª an den Ser-
tionª. Serbia's Intellectual Opposition and the Revival
ben von 1389 bis zum Zweiten Weltkrieg dar- of Nationalism, London 2002, S. 89 ff., 105 ff.; Andrew
gestellt wurde. Den Geistlichen folgten B. Wachtel, Making a Nation, Breaking a Nation. Li-
terature and Cultural Politics in Yugoslavia, Stanford,
Public Opinion Survey on the Federal Executive Ca. 1998, S. 197 ff.
Council's Social and Economic Reform, 31. Mai 1990, 13 Der vollståndige Text wurde erst 1989 veræffent-

S. 3± 26; Val re P. Gagnon Jr., The Myth of Ethnic War: licht: ¹Memorandumª grupa akademika Srpske aka-
Serbia and Croatia in the 1990s, New York 2004. demije nauka i umetnosti o aktuelnim druÉtvenim pi-
8 Vgl. Anthony R. Oberschall, The manipulation of tanjima u naÉoj zemlji [¹Memorandumª einer Gruppe
ethnicity: from ethnic cooperation to violence and war von Akademikern der Serbischen Akademie der Wis-
in Yugoslavia, in: Ethnic and Racial Studies, 23 (2000), senschaften und Kçnste çber aktuelle gesellschaftliche
S. 882 ±1001. Fragen in unserem Land], in: NaÉe teme 33/1989, 1±2,
9 Vgl. Julie Mertus, Kosovo: How Myths and Truths S. 128 ±163. Deutsche Ûbersetzung in Kosta Mihailo-
Started a War, Berkeley 1999. vicÂ/Vasilije KresticÂ, Das Memorandum der Serbischen
10 Pravoslavlje Nr. 364 vom 15. 5. 1982. Weitere Ein- Akademie der Wissenschaften und Kçnste: Stellung-
zelheiten bei Klaus Buchenau, Orthodoxie und Ka- nahmen zu Kritiken. Hg. Miroslav PanticÂ. Beograd
tholizismus in Jugoslawien 1945±1991. Ein serbisch- 1996. Die folgenden Zitate wurden vom Verf. aus der
kroatischer Vergleich, Wiesbaden 2004, S. 377 ff. Urfassung çbersetzt.

12 APuZ 32/2008
wien, die ¹Dreiteilung Serbiensª und den historischer Opfermythen und Verfolgungs-
fortschreitenden ¹Genozidª an der serbi- ångsten auf der einen und dem Ruf nach einer
schen Nation. Seit Frçhjahr 1981 wçrde serbischen Sammlungsbewegung auf der an-
gegen die Serben in Kosovo ein ¹offener und deren Seite. Die 600-Jahr-Feier der Kosovo-
totaler Kriegª gefçhrt. Deren Lage war nach Schlacht am 28. Juni 1989 gestaltete sich zum
Auffassung der Autoren aber nicht nur in Ko- Hæhepunkt der nationalistischen Mobilisie-
sovo, sondern auch in Kroatien bedrohlich. rungswelle. Bereits zuvor ± im Oktober 1988
Scharf wurden die ¹Assimilationspolitikª ge- und im Januar 1989 ± waren unter dem
gençber den kroatischen Serben sowie die Druck der Straûe die politischen Fçhrungen
kroatische Sprachpolitik kritisiert. Abschlie- der Wojwodina und Montenegros zurçckge-
ûend forderten die Autoren die ¹Wiederher- treten und durch MiloÉevicÂ-treue Cliquen er-
stellung der vollen nationalen und kulturellen setzt worden.
Integritåt des serbischen Volkesª, die ¹Wie-
derherstellungª des serbischen Staates und die Neu aufflammender Widerstand in Kosovo
¹demokratische Mobilisierung aller geistigen wurde mit groûer Brutalitåt durch Armee und
und moralischen Kråfte des Volkesª. Polizei erstickt. Im Mårz 1989 wurde die Au-
tonomie Kosovos und der Wojwodina durch
Das Memorandum wurde von den Politi- eine serbische Verfassungsånderung, die de
kern in Jugoslawien (einschlieûlich derjenigen facto gegen die Bundesverfassung von 1974
in Serbien) nahezu einhellig verurteilt. Aber verstieû, drastisch eingeschrånkt. Gleichwohl
Kosovo-Serben, serbische Schriftsteller und verzichtete MiloÉevic nicht auf die Stimmen
Wissenschaftler trieben die nationale Mobili- beider Provinzen in den jugoslawischen Bun-
sierung voran. 1987 kam es zur politischen desorganen. Serbien hatte nun drei bzw. nach
Wende in Serbien. Slobodan MiloÉevicÏ, seit der Gleichschaltung Montenegros vier Stim-
Ende Mai 1986 Chef der Partei des Bundes men, das heiût, ebenso viele Stimmen wie alle
der Kommunisten (BdK) Serbiens, besuchte anderen vier Republiken Jugoslawiens zusam-
am 24. April die Kosovo-Hauptstadt PriÉtina, men. Damit hatte die offene Demontage des
wo er an die Adresse der dortigen Serben zweiten Jugoslawien begonnen.
jenen Satz richtete, der ihn schnell in ganz Ju-
goslawien und darçber hinaus bekannt ma-
chen sollte: ¹Niemand darf euch schlagenª. 14 Der Mobilisierungseffekt von Wahlen
Mit diesem banalen Satz avancierte der bis- und Referenden
lang unscheinbare Funktionår MiloÉevic çber
Nacht zum ¹Retter der Serbenª. Im An- Eine Einigung çber die Ausgestaltung eines
schluss an dieses Erlebnis setzte der neue neuen (¹drittenª) Jugoslawien rçckte in
¹Fçhrerª den Nationalismus konsequent zur immer weitere Ferne. Auf dem XIV. Parteitag
Festigung seiner Macht ein. Auf der 8. Plenar- des BdK im Januar 1990 çberstimmte die Mi-
sitzung des BdK Serbien am 23./24. Septem- loÉevicÂ-treue Mehrheit alle Antråge der slo-
ber 1987 konnten er und seine Anhånger ihre wenischen Delegation. Die slowenischen und
innerparteilichen Gegner ausschalten, und am kroatischen Delegierten verlieûen daraufhin
14. Dezember çbernahm MiloÉevic neben sei- den Parteitag. Und mit dessen Abbruch ver-
nem Amt als Parteichef auch das Amt des schwand ± knapp zehn Jahre nach dem Tod
Staatschefs der Republik Serbien. der Vaterfigur Tito ± eine weitere Klammer,
die den Bundesstaat Jugoslawien hatte zu-
In mehreren Stådten der Wojwodina, Mon- sammenhalten sollen. Ûbrig blieb nur noch
tenegros und Serbiens wurden seit Mitte 1988 die Jugoslawische Volksarmee (JVA).
perfekt inszenierte ¹Demonstrationenª abge-
halten, auf denen sich der serbische ¹Volks- Die zunåchst von allen Politikern (und der
willeª immer vehementer und aggressiver ar- Mehrheit der Bçrger in allen Republiken) ver-
tikulierte. Die Rhetorik auf diesen ¹Mee- tretene gesamtjugoslawische Option rçckte
tingsª bewegte sich zwischen Beschwærung deutlich in den Hintergrund, nachdem die
1990 abgehaltenen ersten freien Wahlen seit 63
14 Slavoljub Djukic  , Kako se dogodio vodja: borba za
Jahren in allen Republiken (mit Ausnahme
vlast u Srbiji posle Josipa Tita [Wie sich der Fçhrer er- Serbiens und Montenegros) national-¹bçrger-
eignete: der Kampf um die Macht in Serbien nach Josip licheª Parteien oder Koalitionen an die Macht
Tito]. Beograd 1992, S. 127 ff. gebracht hatten. Nur in Serbien und Montene-

APuZ 32/2008 13
gro konnten sich die nationalistisch ¹gewan- Jahres. Acht weitere Referenden schlossen
deltenª Kommunisten behaupten. Nach den sich an. Die Bevælkerung Jugoslawiens, die
Wahlen von 1990 trat der Zerfallsprozess Ju- noch nie eine funktionierende, pluralistische
goslawiens in seine akute Phase. In Slowenien Demokratie erlebt und praktiziert hatte,
bedeutete der Sieg des Mitte-Rechts-Bçndnis- wurde von einem Tag zum anderen mit weit-
ses ¹Demosª vom April 1990 eine deutliche reichenden Entscheidungen konfrontiert. In
Beschleunigung der Verselbståndigungspoli- der Regel erfolgten die Befragungen unter
tik. Auch in Kroatien lief der Sieg der nationa- græûtem Zeitdruck, und die Wåhlerinnen und
listischen ¹Kroatischen Demokratischen Ge- Wåhler wurden unzureichend çber die Kon-
meinschaftª (HDZ) unter Franjo Tudjman sequenzen ihrer Abstimmung informiert. In
und der gewachsene Einfluss der kroatischen Slowenien, Kroatien, Mazedonien, Bosnien-
¹Hardlinerª aus der Westherzegowina und Herzegowina und Montenegro stimmte die je-
der Diaspora auf eine kçnftige Abspaltung weilige Bevælkerung çber die Souverånitåt
von Jugoslawien hinaus. Die HDZ und Franjo ihrer Republik und/oder die Sezession vom ju-
Tudjman trugen maûgeblich zur Eskalation goslawischen Bundesstaat ab. Alternativen
bei. Ihr mit nationalistischen Parolen gefçhr- jenseits von ¹Jaª oder ¹Neinª gab es nicht.
ter Wahlkampf musste die knapp 600 000 Ser- Diejenigen nationalen Minderheiten, die keine
ben Kroatiens zutiefst verunsichern. Die in Chance hatten, die republikweite Befragung in
der novellierten kroatischen Verfassung vor- ihrem Sinne zu entscheiden, boykottierten die
genommene Herabstufung der kroatischen Volksabstimmungen oder fçhrten getrennte
Serben vom zweiten Staatsvolk zur Minder- Plebiszite durch. Wesentlich mehr als die Er-
heit und die Abschaffung der bis dahin not- gebnisse der Parlamentswahlen wiesen die Re-
wendigen Zweidrittelmehrheit bei nationali- sultate der Volksbefragungen den Charakter
tåtenpolitischen Beschlçssen des kroatischen von Volkszåhlungen auf. Die nationale Zuge-
Parlaments nåhrte die Diskriminierungsångste hærigkeit wurde zum fast alleinigen Kriterium
der Serben und weckte Erinnerungen an den fçr die Entscheidung auf dem Fragebogen.
kroatischen Ustascha-Staat im Zweiten Welt-
krieg. Die æffentliche Zurschaustellung von
Ustascha-Symbolen, die berufliche Diskrimi- Das Ende Jugoslawiens und
nierung von Serben, das provokant-brutale die postjugoslawischen Kriege
Vorgehen der Polizei, die nationalistische Agi-
tation der neu gegrçndeten ¹Kroatischen Am stårksten betroffen von einer drohenden
Rechtsparteiª des Extremisten Dobroslav Pa- Aufteilung Jugoslawiens war die serbische
raga, die Verharmlosung serbischer Opfer im Bevælkerung. Nach den Ergebnissen der
Zweiten Weltkrieg und eine rasch um sich Volkszåhlung von 1981 lebten im engeren
greifende Serbophobie heizten die Atmos- Serbien nur knapp 60 Prozent (4,8 Millionen)
phåre an. Und die Berichte serbischer Medien aller in Jugoslawien beheimateten Serben.
çber die Entdeckung von Skeletten serbischer Weitere 16,2 Prozent lebten in Bosnien-Her-
Opfer, die von den Ustasche wåhrend des zegowina, 13,6 Prozent in der Wojwodina,
Zweiten Weltkriegs achtlos in zahllose Hæh- 6,5 Prozent in Kroatien und 2,6 Prozent in
len geworfen worden waren, sorgten zusåtz- Kosovo. Der Rest verteilte sich auf die çbri-
lich fçr Angst und Schrecken. Statt die aufge- gen Republiken. Nationalbewusste Serben
wçhlte Stimmung in der Bevælkerung zu be- leiteten aus dieser Konstellation zwei politi-
ruhigen, weckten und schçrten kroatische wie sche Alternativen ab: entweder Erhalt eines ±
serbische Politiker die nationalen Emotionen. entsprechend den serbischen Forderungen ±
umgestalteten Jugoslawiens oder Grçndung
Nachdem die Verhandlungen çber eine eines Staates, der alle Gebiete umfassen sollte,
Neuordnung Jugoslawiens im Verlauf des Jah- in dem Serben lebten (¹Groûserbienª). Nicht
res 1990 an den unversæhnlichen Positionen ganz so dramatisch gestaltete sich die Situati-
der einzelnen Republiken gescheitert und die on der Kroaten. Von ihren 4,1 Millionen leb-
dialogbereiten Politiker çberall marginalisiert ten 75 Prozent innerhalb der eigenen Repub-
worden waren, setzte eine wahre Flut von lik, wåhrend 17,2 Prozent in Bosnien-Herze-
Volksbefragungen ein. Den Auftakt machten gowina und 2,7 Prozent in der Wojwodina
die Krajina-Serben in Kroatien im August zuhause waren. Dementsprechend strebten
1990, gefolgt von den Slowenen im Dezember auch kroatische Nationalisten eine Neuord-
1990 und den Kroaten im Mai des folgenden nung der Grenzen, insbesondere zu Lasten

14 APuZ 32/2008
Bosnien-Herzegowinas, an. Die bosnischen 20. November nahmen die Serben die seit
Muslime (¹Bosniakenª) fçrchteten dagegen knapp drei Monaten belagerte und fast voll-
zu Recht, dass ein Zusammenbruch Jugosla- ståndig zerstærte ostslawonische Stadt Vuko-
wiens auch die Integritåt Bosnien-Herzego- var ein, wobei es zu ersten genozidalen
winas (wo die Muslime gemåû den Ergebnis- Handlungen kam. Am 19. Dezember 1991
sen von 1981 39,5 Prozent der Bevælkerung formierte sich in Kroatien die ¹Serbische Re-
stellten, gefolgt von den bosnischen Serben publik Krajinaª, aus der nahezu alle Nicht-
mit 32,0 Prozent und den bosnischen Kroaten Serben vertrieben wurden oder flohen. 15
mit 18,4 Prozent) gefåhrden wçrde. Gleich
den Bosniaken waren auch die slawischen Die zahllosen Verhandlungsinitiativen der
Mazedonier mit Blick auf den groûen albani- Europåischen Gemeinschaft zur Læsung des
schen Bevælkerungsanteil in ihrer Republik Konflikts blieben bis Ende 1991 erfolglos.
am Erhalt Jugoslawiens interessiert ± åhnlich Auch die çbrigen Akteure der internationalen
wie die Politiker des ethnisch heterogenen Politik, allen voran die USA, standen der
Montenegro. Nur die Slowenen lebten fast Entwicklung ratlos und abwartend gegen-
ausnahmslos in ihrer Republik, in der sie çber çber, zumal Jugoslawien seine vormalige stra-
90 Prozent der Bevælkerung repråsentierten. tegische Bedeutung fçr den Westen verloren
hatte. Das Ende des Kalten Krieges, die Wie-
Am 25. Juni 1991 verkçndeten die Parla- dervereinigung der beiden deutschen Staaten,
mente von Slowenien und Kroatien die Un- der Golfkrieg und die Auflæsung der Sowjet-
abhångigkeit ihrer Republiken. Daraufhin union çberforderten Diplomaten und Politi-
gab der letzte jugoslawische Regierungschef, ker gleichermaûen. 16
der von der Bevælkerung allseits geschåtzte
Kroate Ante MarkovicÂ, der Jugoslawischen Nach dem Scheitern einer mit vielen Hoff-
Volksarmee (JVA) die Weisung zur militåri- nungen begleiteten internationalen Jugosla-
schen Sicherung der Grenzen in Slowenien. wienkonferenz im September 1991 entschloss
Das war der Beginn eines zehntågigen Krie- sich die deutsche Regierung am 23. Dezember
ges zwischen der Volksarmee und der slowe- im Alleingang zur Anerkennung von Slowe-
nischen Territorialverteidigung, der dank nien und Kroatien, wåhrend die çbrigen Staa-
einer europåischen Vermittlungsinitiative be- ten der EG diesem Schritt am 15. Januar 1992
endet wurde. Gleichzeitig mehrten sich in ± oft nur widerwillig ± folgten. Die vælker-
Kroatien die blutigen Zusammenstæûe zwi- rechtliche Sanktionierung des jugoslawischen
schen aufståndischen Serben und kroatischer Staatszerfalls fçhrte zu heftigen Debatten. 17
Nationalgarde, Polizei und paramilitårischen Ein Teil der Kritiker lehnte die Anerkennung
Banden, die zu einem Krieg um die serbisch Kroatiens und Sloweniens als zu frçh und (vor
besiedelten Territorien Kroatiens eskalierten. allem mit Blick auf Bosnien-Herzegowina) als
Die JVA, die sich Ende Juli aus Slowenien konfliktverschårfend ab, wåhrend andere ihre
nach Kroatien zurçckgezogen hatte, interve- Verspåtung kritisierten. Tatsache ist, dass
nierte dabei immer offener auf Seiten der ser- Kroatien zu diesem Zeitpunkt die europåi-
bischen Minderheit, die auch von neuen Son- schen Kriterien fçr eine vælkerrechtliche An-
erkennung nicht erfçllte. Tatsache ist aber
dereinheiten (den ¹Roten Barettenª) der
auch, dass MiloÉevic und die Armeefçhrung
MiloÉevic unterstehenden Geheimpolizei in
die bis zur Jahresmitte 1991 abgegebenen Er-
Serbien sowie von paramilitårischen Banden
aus Serbien unterstçtzt wurden.
15 Vgl. u. a. Amnesty International, Torture and Deli-

Die seit den Balkankriegen 1912/13 prakti- berate and Arbitrary Killings in War Zones, New York
1991; Hannes Grandits/Christian Promitzer, ¹Former
zierte Arbeitsteilung zwischen regulårem Mi-
Comradesª at War. Historical Perspectives on ¹Ethnic
litår und paramilitårischen Banden (letztere Cleansingª in Croatia, in: Joel M. Halpern/David A.
zur Erledigung der ¹Drecksarbeitª) erlebte in Kideckel (eds.), Neighbors at War. Antropological
den 1990er Jahren einen neuen Hæhepunkt. Perspectives on Yugoslav Ethnicity, Culture and His-
Zwischen August und Dezember 1991 wur- tory, University Park, PA 2000, S. 125 ff.
16 Dazu ausfçhrlich James Gow, Triumph of the Lack
den aus den serbisch kontrollierten Gebieten
of Will: International Diplomacy and the Yugoslav
Kroatiens schåtzungsweise 80 000 Kroaten
War, London 1997.
und Muslime zur ¹Såuberung des Territori- 17 Eine nçchtern abwågende Analyse bietet Richard
umsª vertrieben. Dubrovnik und andere Caplan, Europe and the Recognition of New States in
kroatische Stådte wurden beschossen, und am Yugoslavia, Cambridge 2005.

APuZ 32/2008 15
klårungen westlicher Politiker, sie wçrden lei konkrete Anzeichen fçr eine Bedrohung
eine Aufteilung Jugoslawiens nicht akzeptie- oder Benachteiligung der bosnischen Serben
ren, als Ermutigung fçr ihr militårisches Vor- gegeben hatte, gingen ihre Anfçhrer sofort in
gehen deuteten. 18 Und Tatsache ist ferner, die Offensive. Anfang April legten sie einen
dass die Kriegshandlungen nicht durch die Belagerungsring um Sarajevo. Am 12. Mai
Anerkennung ausgelæst worden waren und 1992 proklamierte eine Versammlung der bos-
dass die serbische Seite ungeachtet aller diplo- nischen Serben die ¹Serbische Republik/Re-
matischen Bemçhungen ihr Kriegsziel ± die publika Srpskaª und wåhlte Radovan Karad-
Eroberung der beanspruchten Siedlungsgebie- zÏic zu ihrem ersten Pråsidenten. Im Mai 1992
te in Kroatien und die Vertreibung der dorti- zog sich die JVA offiziell aus Bosnien nach
gen kroatischen Bevælkerung ± weiter verfolg- Serbien und Montenegro zurçck. Dabei çber-
te. 19 Erst nachdem dieses Ziel erreicht war, lieû sie einen Groûteil ihrer Waffen und Aus-
unterzeichnete MiloÉevic als Vertreter der Ser- rçstungen den bosnischen Serben. 60 000 Sol-
ben am 2. Januar 1992 einen vom US-Unter- daten und Offiziere bosnisch-serbischer Her-
håndler Cyrus Vance vermittelten Waffenstill- kunft wechselten die Uniform und bildeten
stand und erklårte sich mit der Entsendung fortan zusammen mit 35 000 Freischårlern die
einer UN-Schutztruppe in die umstrittenen Armee der bosnischen Serben unter dem
Gebiete einverstanden. Die JVA zog sich an-
Kommando von General Ratko MladicÂ. Die
schlieûend auf den nåchsten Kriegsschauplatz,
militårische Ûberlegenheit der bosnischen
nach Bosnien, zurçck.
Serben gegençber den bosnischen Regierungs-
Dort hatte die muslimische und kroatische truppen war çberwåltigend. Seit Sommer 1992
Bevælkerung in einem Referendum Ende Feb- beherrschten sie mehr als zwei Drittel von
ruar/Anfang Mårz 1992 fçr die Abspaltung Bosnien-Herzegowina.
vom serbisch dominierten Rumpf-Jugosla-
wien gestimmt. Der Krieg, der die Republik Eine grundlegende Ønderung der Lage in
noch vor ihrer internationalen Anerkennung Kroatien und Bosnien zeichnete sich erst im
am 6. April 1992 erfasste, stellte in seinen Aus- Frçhsommer 1995 ab. Anfang August startete
maûen die Kåmpfe in Kroatien bald in den die kroatische Armee eine Groûoffensive
Schatten. 20 Die serbische Kriegsstrategie des gegen die ¹Republik Krajinaª, die innerhalb
bewaffneten Aufstands einer erst verångsti- weniger Tage ohne nennenswerten Wider-
gten, dann aufgehetzten Bevælkerung und des stand eingenommen wurde. Den serbischen
Einsatzes der Jugoslawischen Volksarmee Kriegern und ihren Angehærigen wurde freier
unter Hinzuziehung paramilitårischer Einhei- Abzug garantiert. Ûber 150 000 Serben flçch-
ten und ¹Wochenend-Kriegerª aus Serbien teten daraufhin aus der Krajina in Richtung
und dem Ausland funktionierte in Bosnien Bosnien und Serbien, wobei es von kroati-
noch effektiver als in Kroatien. Zwischen scher Seite zu massiven Racheakten und
Sommer 1991 und Ende 1993 operierten in Kriegsverbrechen kam.
Bosnien 83 paramilitårische Banden, darunter
53 serbische, 13 kroatische und 14 bosniaki- Auch in Bosnien-Herzegowina bahnte sich
sche. 21 Obwohl es bis Kriegsausbruch keiner- Mitte 1995 die militårische Wende an. Zwar
konnte das serbische Militår mit der Erobe-
18 Vgl. u. a. Tom Gallagher, MiloÉevic
 , Serbia and the rung der ostbosnischen UN-Schutzzonen
West during the Yugoslav Wars, 1991±1995, in: An- Srebrenica und ZÏepa im Juli einen letzten Er-
drew Hammond (Hg.), The Balkans and the West. folg erringen, aber die militårische Kooperati-
Constructing the European Other, Aldershot 2004, on zwischen bosnischen Regierungstruppen
S. 151 ±168. und kroatischer Armee im Nordwesten Bos-
19 Vgl. u. a. Sabrina P. Ramet/Letty Coffin, German
niens verånderte die militårische Lage inner-
Foreign Policy Toward the Yugoslav Successor States,
1991± 1999, in: Problems of Communism, 48 (2001), 1, halb weniger Wochen von Grund auf. In ge-
S. 48 ±64. meinsamen Offensiven erzielten kroatische
20 Einen guten Ûberblick gibt Marie-Janine Calic, Der und bosnische Truppen bedeutende Gelånde-
Krieg in Bosnien-Hercegovina. Ursachen ± Konflikt- gewinne, wåhrend die NATO Luftangriffe
strukturen ± Internationale Læsungsversuche, Frank- gegen serbische Stellungen im Raum Sarajevo,
furt/M. 1995; Anmerkung der Redaktion: Siehe auch
Tuzla und Pale flog. In dieser Situation starte-
den Beitrag der Autorin in diesem Heft.
21 Aus dem Bericht des Menschenrechtsexperten ten die USA çber ihren Unterhåndler Ri-
Cherif Bassouni an den UN-Sicherheitsrat, nach A. chard Holbrooke eine neue Friedensinitiati-
Oberschall (Anm. 8), S. 998. ve. Nach Abschluss eines Waffenstillstands

16 APuZ 32/2008
im Oktober 1995 trat in Dayton (Ohio) eine hung, Demçtigung etc.), der Zerstærung der
Friedenskonferenz zusammen, auf der die wirtschaftlichen und kulturellen Grundlagen
zerstrittenen Parteien ein Abkommen para- der betroffenen Bevælkerung çber den Bevæl-
phierten, das am 14. Dezember in Paris unter- kerungsaustausch (Transfer) und die Zwangs-
zeichnet wurde. Entgegen den serbischen und vertreibung (Deportation) bis zu Massenver-
kroatischen Teilungsplånen blieb Bosnien- gewaltigung (als strategisches Instrument), Eli-
Herzegowina als konfæderativer Staat unter tozid und Vælkermord. Die Ermordung von
internationaler Aufsicht bestehen, zusam- etwa 8000 Muslimen (Bosniaken) nach der ser-
mengesetzt aus zwei ¹Entitåtenª: der ¹bos- bischen Eroberung der ostbosnischen UN-
niakisch-kroatischen Fæderationª mit 51 Pro- Schutzzone Srebrenica im Juli 1995 steht stell-
zent des staatlichen Territoriums und der vertretend fçr die vielen Vælkermorddelikte
¹Serbischen Republikª mit 49 Prozent. Im und Kriegsverbrechen in den postjugoslawi-
Anhang 7 des Rahmenabkommens von Day- schen Kriegen. 22 Zu deren juristischer Verfol-
ton verpflichteten sich die Vertragsparteien, gung hatten die UN bereits am 23. Mai 1993
den Flçchtlingen und Vertriebenen die Rçck- mit der Resolution 827 einen Ad-hoc-Ge-
kehr in ihre Heimatgemeinden zu ermægli- richtshof mit Sitz in Den Haag gegrçndet.
chen. Dies war insofern ein Novum, als die
¹internationale Gemeinschaftª seit dem grie- Ethnische Såuberungen sind keine serbi-
chisch-tçrkischen ¹Bevælkerungsaustauschª sche oder balkanische Besonderheit. Sie sind
von 1923 die Vertreibung und Deportation çberall mæglich, wo entsprechende Rahmen-
unerwçnschter Bevælkerungsgruppen als ulti- bedingungen geschaffen werden. Dazu gehæ-
ma ratio zur ¹Læsungª zwischenstaatlicher ren die Verabsolutierung der Ethnonation,
Konflikte stets akzeptiert hatte. die postulierte Deckungsgleichheit von Nati-
on und Territorium, die Definition von Fein-
den (¹Sçndenbæckenª) und deren Ent-
Ethnische Såuberungen menschlichung, die Konstruktion von Bedro-
hungsszenarien und Øngsten sowie die
In den seit 1990/91 von Serben kontrollierten Inszenierung von gewaltsamen Zwischenfål-
Territorien hatten sofort ethnische Såuberun- len. Massengewalt bricht nicht aus; sie ¹ereig-
gen eingesetzt, die auf eine lange Vorgeschichte netª sich nicht, sondern wird generiert. Auch
zurçckblicken konnten. Der Begriff ¹ethni- in Jugoslawien handelte es sich nicht um
sche Såuberungª (etni ko cÏiÉcÂenje) ging nach spontane Reaktionen der Bevælkerung oder
Beginn des Bosnien-Kriegs um die Welt und sozialer Randgruppen, sondern um organi-
wurde 1992 in Deutschland zum ¹Unwort des sierte und kalkulierte Gewalt, åhnlich dem
Jahresª gewåhlt. Sofern er als Synonym fçr Terrorismus. 23 Nicht umsonst spielen in allen
Vælkermord benutzt wird, ist er ein Euphe- Darstellungen zu den Kriegen der 1990er
mismus. Da aber nicht alle der unter diesem Jahre die paramilitårischen Milizen der ¹war-
Wort subsumierten Aktionen dem vælker- lordsª sowie die Sondereinheiten der (Ge-
rechtlich definierten Tatbestand des Genozids heim)Polizei eine prominente Rolle. Sie in-
entsprechen, mçsste man den Begriff ¹ethni- szenierten eine Gewalt, die ± einmal in die
sche Såuberungª regelrecht erfinden, falls es
ihn nicht schon gåbe. Ethnische Såuberung 22 Vgl. Stevan Weine, When History is a Nightmare.
und Vælkermord sind nicht identisch. Der Lives and Memories of Ethnic Cleansing in Bosnia-
erste Begriff ist umfassender als der juristisch Herzegovina, New Brunswick 1999; David Rohde,
genau festgelegte Genozid. Er bezeichnet alle Endgame: The Betrayal and Fall of Srebrenica. Eu-
von einem Staat oder Para-Staat initiierten, er- rope's Worst Massacre since World War II, New York
1997; Julija Bogoeva/Caroline Fetscher (Hrsg.), Sre-
munterten oder geduldeten Maûnahmen, die
brenica: Ein Prozeû. Dokumente aus dem Verfahren
dazu dienen, eine national oder ethnisch uner- gegen General Radislav Krstic vor dem Internationalen
wçnschte Bevælkerung von einem bestimmten Strafgerichtshof fçr das ehem. Jugoslawien in Den
Territorium zu entfernen, einschlieûlich des- Haag, Frankfurt/M. 2002; Cathie Carmichael, Ethnic
sen, was an ihre bisherige Pråsenz erinnern Cleansing in the Balkans. Nationalism and the de-
kænnte. Ziel ist die Schaffung eines ethnisch struction of tradition, London ± New York 2002.
23 Vgl. Michael Mann, Die dunkle Seite der Demo-
und kulturell homogenen (¹gesåubertenª) Ge- kratie. Eine Theorie der ethnischen Såuberung, Ham-
biets. Das Spektrum der Maûnahmen reicht burg 2007; Jacques Smelin, Såubern und Vernichten.
von der systematischen Veranlassung zur Die Politik der Massaker und Vælkermorde, Hamburg
Flucht (mittels sozialer Marginalisierung, Dro- 2007.

APuZ 32/2008 17
Welt gesetzt ± schnell ihre Eigendynamik in Sabina KajncÏ
der verunsicherten Bevælkerung entfaltete.

Die slowenische
Die wichtigsten Drahtzieher waren MiloÉevicÂ
und seine Getreuen, die die Gewaltlawine ins
Rollen gebracht hatten. Infolge des Dauerbe-
schusses der Medien seit der nationalistischen
Wende in den 1980er Jahren und çberrascht
von der Gewalt sah sich ein zunehmend gro-
EU-Ratspråsi-
ûer Teil des Publikums im ehemaligen Jugos-
lawien bald nur noch in der Rolle von
Opfern und verfiel einer fortschreitenden
dentschaft 2008
Autohypnose. Opfermythen und ¹Kriegser-
innerungenª, insbesondere an den Zweiten
Weltkrieg und auf serbischer Seite die ¹Erin-
nerungenª an die Kosovo-Schlacht von 1389, V on der slowenischen Ratspråsidentschaft
im ersten Halbjahr 2008, welche die
erste Trio-Pråsidentschaft (von Deutschland,
beherrschten die æffentliche Wahrnehmung
und çberlagerten alles, was im Gegensatz zu Portugal und Slowenien) komplettierte,
diesem Deutungsmuster stand. Was die Na- haben sich sowohl Analytiker, Politiker Slo-
tionalisten aller Konfliktparteien im ehemali- weniens und anderer Lånder als auch die
gen Jugoslawien in ihrer kollektiven Paranoia Medien von Anfang an eher wenig erhofft. 1
und kognitiven Blockade eint(e), war die Vor- Konkrete Erwartungen wurden jedoch hin-
stellung, dass sie alle im Kampf um Ûberle- sichtlich der Durch-
ben und Zukunft ausschlieûlich einen Vertei- setzung der ¹Super- Sabina KajncÏ
digungskrieg gefçhrt, dass sie getan haben, prioritåtª der sloweni- Dr. PH. D., geb. 1976;
was angesichts der Bedrohung durch ihre schen Pråsidentschaft Forscherin am Zentrum
Gegner getan werden ¹mussteª und was jeder gestellt: die Staaten für Internationale Beziehungen
¹anståndigeª Mensch in dieser Situation des Westbalkans einen der Universität Ljubljana,
getan håtte. 24 Zwei bis drei Millionen Frauen, Schritt nåher an die Kardeljeva pl. 5,
Månner und Kinder wurden als Flçchtlinge, Europåische Union SI-1000. Ljubljana.
Vertriebene oder Ermordete Opfer dieses (EU) zu bringen. sabina.kajnc@fdv.uni-lj.si
Gruppendenkens. Unter den europåi-
schen politischen Eli-
ten dominierte der symbolische Wert der slo-
wenischen Pråsidentschaft.

Es war die erste Pråsidentschaft aus den


Reihen der 2004/2007-Erweiterungslånder,
das heiût zum ersten Mal fçhrte ein ehemals
kommunistisches Land, das erst nach dem
Ende des Kommunismus in Europa entstan-
den war und ± mit der Ausnahme Luxem-
burgs ± zugleich das kleinste Land der Mit-
gliedstaaten ist, die EU.

Im vorliegenden Beitrag geht es darum,


einzuschåtzen und zu bewerten, wie Slowe-
nien den EU-Vorsitz ausgefçllt hat. Vor dem
24 Vgl. allgemein Roderick M. Kramer/David M.
Hintergrund der Ausgestaltung vorangegan-
Messick, Getting By with a Little Help from Our gener Pråsidentschaften werden die spezifi-
Enemies: Collective Paranoia and Its Role in Inter-
schen Vorteile, Schwåchen und Stårken des
group Relations, in: Constantine Sedikides/John
Schopler/Chester A. Insko, Intergroup Cognition and slowenischen Ratsvorsitzes herausgearbeitet.
Intergroup Behavior, Mahwah, N.J. 1998, S. 233 ±255
1 Vgl. Kai-Olaf Lang/Tomislav MarÉic  , Eine Pråsi-
und Harald Welzer, Tåter. Wie aus ganz normalen
Menschen Massenmærder werden, Frankfurt/M. dentschaft der ruhigen Hand? Anspruch und raue
20052. Wirklichkeit des slowenischen Ratsvorsitzes, in: SWP-
Aktuell, 2008/A 12, Berlin 2008; in: Charlemagne: A
Balkan Fable), The Economist, 6. Dezember 2007.

18 APuZ 32/2008
Es folgt eine Bewertung der Leistung der slowenischen Mitglied der EU ist und auch die eigenen Interessen
politischen Eliten und deren Diplomatie bei der Læ- schçtzen soll. 3
sung der als oberste Prioritåten formulierten Aufga-
ben. Slowenien hatte sich fçr seine Ratspråsidentschaft Zweitens: Im politischen Sinne ist die Pråsidentschaft
fçnf Prioritåten gesetzt: durch die Vielfalt der Interessen der anderen Akteure,
Mitgliedstaaten sowie EU-Institutionen ± alle mit
1. Koordinierung der Ratifikation des Lissabon-Ver- wohlerworbenen Ansprçchen ± und durch formelle
trages in den Mitgliedstaaten; wie informelle Prozeduren eingeschrånkt. Hinzu kom-
2. Lancierung des neuen Zyklus der erneuerten Lissa- men landesspezifische Begrenzungen jedes Mitglied-
bon-Strategie; staates. Kleine Staaten wie Slowenien sehen sich vor
3. Energie- und Klimapaket; allem durch ihre vergleichsweise kleinen Kapital- und
4. neuer Schub in der Politik der EU zum westlichen Personalressourcen begrenzt. Slowenien stellte 62 Mil-
Balkan und lionen Euro fçr seine Pråsidentschaft zur Verfçgung.
5. interkultureller Dialog. Zum Vergleich: Deutschland hatte einen Haushalt von
112 Millionen Euro fçr seinen EU-Vorsitz im Jahr
2007; Ústerreich im Jahr 2006 87 Millionen Euro;
Neben der Ûbernahme der Fçhrungsrolle Sloweniens Frankreich, das den EU-Vorsitz am 1. Juli 2008 çber-
in der Westbalkanpolitik der EU bestanden die weite- nommen hat, plant 190 Millionen Euro auszugeben.
ren zwei Herausforderungen darin, das Verhandlungs-
mandat der Kommission fçr das neue Abkommen mit Auch die slowenische Verwaltung ist im Verhåltnis
Russland und Einigkeit nach der Unabhångigkeitser- zu den Verwaltungen anderer Lånder viel kleiner. Um
klårung des Kosovo zu erreichen. mit den erhæhten Belastungen der Pråsidentschaft zu-
rechtzukommen, mussten ungefåhr 300 Aushilfsbeam-
Spielraum der slowenischen te eingestellt und çber 250 Studenten als Aushilfskråfte
hinzugezogen werden, von denen manche erhebliche
Ratspråsidentschaft Verantwortungen çbernahmen. Hinzu kommt, dass
Slowenien in einigen Mitgliedstaaten noch immer sehr
Die Rolle des EU-Vorsitzes ist vertraglich und poli- kleine oder gar keine sowie weltweit nur ganz wenige
tisch festgeschrieben, was sich auf verschiedene Staaten Botschaften unterhålt, was seine Fåhigkeiten, bilaterale
± je nach deren eigenen Charakteristiken ± unter- Kontakte mit den Mitgliedstaaten und Drittlåndern in
schiedlich auswirkt. 2 den Hauptstådten zu knçpfen und zu pflegen, behin-
dert. In Ljubljana kçmmerte sich ein Desk-Officer um
Erstens: Der Vorsitz ist zeitlich auf sechs Monate be- mehrere Dossiers gleichzeitig. Slowenien entschied
grenzt. Im Vergleich mit einem durchschnittlichen Re- sich fçr das so genannte Brçssel-basierte Modell der
gierungsmandat in westlichen Demokratien, und unter Ratspråsidentschaft (im Unterschied zum Hauptstadt-
Berçcksichtigung der Komplexitåt des Entscheidungs- basierten Modell). In der Folge musste das Personal
prozesses auf EU-Ebene, erweist sich die zur Verfç- der Ståndigen Vertretung in Brçssel um das Vierfache
gung stehende Zeitspanne als sehr kurz. Jede Pråsi- auf etwa 160 Angestellte aufgestockt werden.
dentschaft çbernimmt den Vorsitz wåhrend zahlrei-
cher, bereits laufender legislativer und politischer Verglichen mit anderen Låndern, die wie beispiels-
Prozesse, die sich auch çber ihre Amtszeit hinaus aus- weise Deutschland in ihrer Ståndigen Vertretung in
dehnen. Unerwartete Ereignisse, mit denen es sich Brçssel unter normalen Bedingungen 175 Angestellte
wåhrend der Pråsidentschaft auseinanderzusetzen gilt, haben, war die Personaldecke dçnn. Auch hinsichtlich
kænnen die eigene Agenda (stark) beeinflussen. Die der institutionellen Erfahrungen und des Verwaltungs-
Vertråge schreiben die Pflichten und Funktionen der wissens war bzw. ist die slowenische Regierung be-
Organisation, die Koordinierung der Ratsgeschåfte nachteiligt, hat sie doch erst in der Zeit der Beitritts-
(inklusive der Beziehungen zu der Kommission und verhandlungen europapolitische Erfahrungen sammeln
dem Europåischen Parlament), die Vermittlung, Initia- kænnen. Hinzu kommt, dass viele erfahrene Diploma-
tive und Steuerung sowie Vertretung nach auûen fest. ten der Verwaltung nicht mehr zur Verfçgung standen,
Darçber hinaus bleibt die Rolle der Nationalvertreter
erhalten, da der den Vorsitzt innehabende Staat ein 3 Vgl. zu den Rollen der Ratspråsidentschaft Helen Wallace/

Geoffrey Edwards, European Community. The Evolving Role oft


2 Der vorliegende analytische Rahmen bezieht sich auf die Ab- the Presidency of the Council, in: International Affairs, 53 (1976)
handlung in Sabina KajncÏs, Slovenian Presidency: coming about 4, S. 535 ±550; Daniela Kietz/Volker Perthes, Handlungs-
of the 16th member-state, Real Instituto Elcano, Madrid 2008 spielråume einer EU-Ratspråsidentschaft. Eine Funktionsanalyse
(i. E.). Der Artikel konzentriert sich auf die Zusammenarbeit im des deutschen Vorsitzes im ersten Halbjahr 2007, SWP Studie 24,
Rahmen der Trio-Pråsidentschaft. Berlin 2007.

APuZ 32/2008 19
da diese nach den Verhandlungen eine andere Slowenien hat auf Grund seines partikulå-
Arbeit auûerhalb der Verwaltung çbernom- ren Interesses oberste Prioritåt auf den Fort-
men hatten. schritt in der Westbalkanpolitik der EU ge-
setzt. Auf Grund der historischen Beziehun-
Drittens: Die Rolle der Pråsidentschaft ist gen, der geographischen Nåhe und der
natçrlich auch mit Vorteilen verbunden, und Sprachkenntnisse sollte das Land fçr die Fçh-
jeder Mitgliedstaat hat seine spezifischen rungsrolle in der europåischen Westbalkanpo-
Charakteristiken, die sich in der Funktion des litik besonders geeignet sein, solange es zwi-
Vorsitzes positiv niederschlagen kænnen. So schen seinen Interessen und den europåischen
haben kleinere Staaten weniger spezifische Zielen in diesem Bereich objektiv manævrie-
Interessen als groûe, weshalb sie bei vielen ren und die eigene Glaubwçrdigkeit nicht ver-
Entscheidungen glaubwçrdiger erscheinen lieren wçrde. Hinsichtlich der ¹Prioritåt Kli-
kænnen. Dadurch sind ihre Chancen, einen maschutz und Energieª war Slowenien inso-
Kompromiss unter den Mitgliedern zu errei- fern absolut glaubwçrdig, als es einer der am
chen, græûer. Ihre kleinen Verwaltungen stårksten liberalisierten Staaten ± im Sinne der
haben auch eine positive Seite: Die persænli- Abspaltung der Transportnetze von den Ener-
chen Beziehungen unter den Beamtinnen und giekonzernen ± ist, auch keine ausgeprågte
Beamten, die nach einem Jobwechsel erhalten Schwerindustrie besitzt und damit auch keine
bleiben, sind enger, und die Strukturen sind Sonderinteressen auf diesem Gebiet hat.
nicht so streng hierarchisch, was die vertikale
Kommunikation erleichtert. Kleinere Staaten Eine der græûten Herausforderungen stellte
sind oft auch in ihren Beziehungen zu ande- fçr die slowenische Verwaltung die Einigung
ren Mitgliedern sowie zu Drittlåndern his- der Mitglieder in Bezug auf ein Kommissions-
torisch und bilateral weniger belastet. Das er- mandat fçr die Verhandlungen çber ein neues
leichtert es ihnen, glaubwçrdige Kompro- Abkommen mit Russland dar. Hier besaû Slo-
misse vorzuschlagen und zu schlieûen. wenien gute Voraussetzungen: Seine Bezie-
Auf Grund der geringeren Erwartungen an hungen zu Russland sind ausgewogen, his-
eine groûe, initiativreiche Pråsidentschaft torisch nicht belastet, was nicht bei allen
kænnen sie sich bei der Prioritåtensetzung auf neuen Mitgliedern der Fall ist, und es hat auch
Bereiche konzentrieren, in denen sie sich keine ungelæsten Probleme mit jenen Mit-
einen Wissens- und Verhandlungsvorteil erar- gliedstaaten, deren Stellungnahmen zu Russ-
beitet haben. Hinzu kommt, dass kleinere land von der Kompromisslinie abweichen.
Lånder wåhrend der sechs Monate Amtszeit
oft auch starke innenpolitische Unterstçt- Mit ihren, durch die Beitrittsverhandlun-
zung erhalten. gen erfahrenen Beamten, von denen einigen
Aufgaben in den EU-Institutionen çbernom-
So wurde in Slowenien am 17. Mai 2007 men hatten, konnte die slowenische Verwal-
ein ¹Ûbereinkommen zur Zusammenarbeit tung nicht direkt rechnen. Die Arbeit der
der politischen Parteien, der Gruppe der un- Kommissare in der Kommission folgt nicht
abhångigen Abgeordneten und der Repråsen- primår nationalen, sondern vorwiegend euro-
tanten der nationalen Minderheiten in der påischen Interessen. Aber die slowenische
Nationalversammlung der Republik Slowe- Regierung konnte doch mit einer besonders
nien fçr die erfolgreiche Umsetzung der Vor- guten Zusammenarbeit im Bereich der Lissa-
bereitungen und der EU-Pråsidentschaftª ge- bon-Strategie mit dem Kabinett von Kom-
schlossen. Mit Ausnahme der Oppositions- missar Janez PotocÏnik rechnen.
parteien Liberaldemokratie Sloweniens und
der Slowenischen Nationalpartei haben sich Kleinere Staaten verhalten sich auf Grund
alle Parlamentsparteien zu diesem Ûberein- ihrer kleineren Verwaltungen aufgeschlosse-
kommen, spåter ¹Nichtangriffspaktª ge- ner gegençber der Hilfe des Ratssekretariates
nannt, verpflichtet. 4 und der Kommission. Der vorsitzende Staat
kontrolliert die Arbeit des Rates, beschlieût
4 Innenpolitische Unsicherheit, inklusive eines Miss-
die Sitzungsperioden und die Tagesordnung
trauensvotums vom November 2008 und die bereits
wåhrend der Pråsidentschaft begonnene Wahl- in Frage. Vgl. Danica Fink-Hafner/Damjan Lajh, The
kampagne fçr die Parlamentswahlen im September 2008 Slovenian EU Presidency. A New Synergy for
2008 stellen den Wert dieses Ûbereinkommen jedoch Europe?, A Midterm Report, Stockholm 2008.

20 APuZ 32/2008
jeder Sitzung und legt auch die Schlussfolge- Staaten der Region in Gang gesetzt. Der neue
rungen vor. Durch direkte Zusammenarbeit Programmzyklus der erneuerten Lissabon-
mit dem Ratssekretariat kænnen weitere Vor- Strategie wurde beim Mårz-Gipfel lanciert,
teile seiner Fçhrungsrolle genutzt werden: und die EU ist nach der Unabhångigkeitsde-
Das Ratssekretariat kennt die Stellungnah- klaration des Kosovo nicht aufgelæst worden.
men anderer Akteure, verfçgt çber ein Ge- Der Health check der gemeinsamen Agrarpo-
fçhl fçr die angemessenen Verhandlungstakti- litik ist fortgeschritten, die Nachbarschaftpo-
ken und hat ein detailliertes Wissen çber die litik in groûem Maûe ausgewogen, Beziehun-
Prozeduren; und es steht im Dienste des vor- gen mit Afrika und Asien, auf welche die
sitzenden Staates. So bietet es ihm die ver- Trio-Partner Portugal und Deutschland gro-
traulichen ¹notes au Prsidentª, die Stellung- ûen Wert gelegt haben, stehen weiterhin in
nahmen anderer Mitgliedstaaten und Institu- der EU ganz oben auf der Agenda.
tionen, Ratschlåge zu Verhandlungstaktiken
und eingehende Beschreibung des zu verhan- Das sind nur einige der nach sechs Mona-
delnden Problems und bereitet auch die ten slowenischer EU-Ratspråsidentschaft er-
Schlussfolgerungen vor. Weiterhin profitiert zielten Ergebnisse. Es wåre sicher falsch zu
die Pråsidentschaft auch von den so genann- behaupten, Slowenien håtte diese Fortschritte
ten ¹confessionalsª, den bilateralen Treffen im Alleingang erreicht. Vielmehr verweisen
mit einem Mitgliedstaat, um dessen ¹wahren diese zugleich auf einen ¹normalen Verlauf
Interessenª kennenzulernen. Diese sind nur der Politikª, auf eine funktionierende Orga-
der Pråsidentschaft bekannt, erhellen so den nisation und auf die gute Zusammenarbeit
Raum des Mæglichen fçr den Kompromiss- zwischen dem vorsitzenden Land, dem Rats-
findungsprozess und bieten weitere Verhand- sekretariat und der Kommission. Einen etwas
lungsperspektiven, insbesondere horizontal breiteren Spielraum fçr die Einschåtzung der
zwischen verschiedenen Politikfeldern. 5 Arbeit der Ratspråsidentschaft erlaubt ein
Blick auf die erklårten Prioritåten.
Zusammengefasst geht es bei einer Pråsi-
dentschaft darum, mit eigenen Schwåchen Slowenien hat seine Prioritåten in enger
ebenso bewusst umzugehen wie mit eigenen Zusammenarbeit mit dem Trio und dem Rats-
Stårken, um so die Fåhigkeit zu erlangen, sich sekretariat festgelegt. Das Ergebnis war eine
auch in schwierigen Situationen zu bewåhren, Mischung aus Notwendigem, Unumgångli-
und mægliche Hilfsquellen zu identifizieren, chem, Persænlichem und Offensichtlichem.
um diese zum eigenen Vorteil und damit zu-
gleich dem der Gemeinschaft zu nutzen. Die Energie- und Klimafragen und die Lis-
sabon-Strategie gehæren zu den beiden ersten
(das Notwendige und Unumgångliche), eben-
Eine ganz dezente Arbeit so die Koordinierung der Ratifizierung des
Vertrages von Lissabon in den Mitgliedstaa-
Wåhrend der slowenischen Pråsidentschaft ten. Dass weitere Schritte zu einer Annåhe-
konnte das dringliche Thema ¹Energie- und rung des Westbalkans an die EU eine der
Klimapaketª einen Schritt vorangetrieben obersten Prioritåten Sloweniens wåhrend sei-
werden. Der Kompromiss, der letztendlich ner Pråsidentschaft sein wçrde, stand auûer
am 6. Juni 2008 im Rat beschlossen wurde, ist Zweifel. Die fçnfte der eingangs genannten
zwar nicht optimal zu nennen, aber er ist ein Prioritåten, der interkulturelle Dialog, lag
Kompromiss, wie viele andere in der EU. Er dem slowenischen Auûenminister, Dimitrij
ermæglicht es der EU, sich im Energiebereich Rupel, besonders am Herzen. Als Kulturso-
der Versorgungssicherheit zu widmen. Das ziologe erschien ihm Slowenien, geographisch
Netz der Stabilisierungs- und Assoziierungs- an der Kreuzung des Mittelmeers, Balkan und
vertråge mit den sçdosteuropåischen Staaten Mitteleuropa liegend, fçr die Lancierung eines
ist geknçpft, die Region befindet sich wieder solchen Dialogs als besonders geeignet.
an der Spitze der EU-Agenda, und der Dialog
um eine Visa-Liberalisierung wurde mit allen Zwei der græûten Herausforderungen des
5 Vgl. Jonas Tallberg, The Power of the Presidency:
slowenischen EU-Vorsitzes stellten ± wie
Brokerage, Efficiency and Distribution in EU nego- oben schon erwåhnt ± die Erzielung der Eini-
tiations, in: Journal of Common Market Studies, 42 gung der Mitgliedstaaten bezçglich eines
(2004), S. 999 ±1022. Kommissionsmandats fçr die Aufnahme der

APuZ 32/2008 21
Verhandlungen çber ein neues Abkommen digkeit Sloweniens hinsichtlich der gesetzten
mit Russland, und der mægliche Zerfall Euro- Prioritåten aus. 7 Jedoch wurde das Motto des
pas dar, als es mit der Unabhångigkeitserklå- interkulturellen Dialogs horizontal in rele-
rung des Kosovo konfrontiert wurde. vanten Dossiers, in der Arbeit des Rates, von
Seiten des slowenischen Vorsitzenden, der
Die Koordinierung der Ratifizierungen des Ratsgruppen sowie von Seiten hæherer Diplo-
Lissabon-Vertrages wurde als Prioritåt viel- maten konsistent als Referenz genutzt. Jen-
leicht etwas ungeschickt formuliert (ebenso seits jeder Symbolik hat sich die slowenische
die erste Maûnahme: der Ratschlag des slowe- Regierung, insbesondere Premierminister
nischen Premierministers Janes JanÉa an Por- Janes JanÉa, mit Blick auf diese Prioritåt stark
tugal, das Referendum zur Ratifizierung bes- fçr die Errichtung einer Europa-Mittelmeer-
ser nicht abzuhalten). Hierbei handelt es sich Universitåt mit dem Sitz in der slowenischen
prinzipiell um eine innenpolitische Angele- Kçstenstadt Piran eingesetzt. Die Universitåt
genheit jedes Mitgliedstaates. Der Ratifizie- wurde am 9. Juni 2008 feierlich eingeweiht.
rungsprozess in den Parlamenten der Mit-
gliedstaaten hat sich aber insgesamt relativ Die Erneuerung der Lissabon-Strategie
gut entwickelt. Die Ratifizierung des Vertra- wurde debattenlos auf dem Mårz-Gipfel be-
ges im Unterhaus des britischen Parlaments schlossen. Die Schaffung der ¹fçnften Grund-
am 11. Mårz 2008 war eine gute Nachricht, freiheitª ± freier Verkehr von Wissen ± ist
welche die Hoffnungen auf die Ratifizierung eine Folge guter Zusammenarbeit mit der
im Unterhaus des polnischen Sejm am 2. Kommission, besonders mit dessen Kommis-
April 2008 aufrecht erhielt. Demgegençber sar Janez Poto nik. Jedoch konnten kritische
sorgte der Rçcktritt des irischen Ministerprå- Stimmen damit nicht beruhigt werden, be-
sidenten Bertie Ahern fçr Aufregung, die sich sonders jene aus dem Europåischen Parla-
spåter als berechtigt erwies. Um den Zeitplan ment, die schon bei der Auswahl der Prioritå-
und das slowenische Engagement bei der Ko- ten und spåter auch im Laufe der Pråsident-
ordinierungsrolle positiv beurteilen zu kæn- schaft einen Mangel an sozialen Aspekten im
nen, håtten laut Premierminister Janes JanÉa Programm der slowenischen Ratspråsident-
20 Lånder den Vertrag ratifizieren mçssen. schaft beklagten.
Die Zahl wurde erreicht. 6 Das ¹Energie- und Klimapaketª stellte fçr
jeden Mitgliedstaat eine harte Bewåhrungs-
Obwohl oft berichtet und kritisiert wurde, probe dar. Die knappe Zeit zwischen der Ver-
dass viele Entscheidungen auf EU-Ebene, æffentlichung des Kommissionsberichts im
welche die Ratifizierung in Irland negativ Januar 2008 und dem Gipfel im Mårz 2008
håtten beeinflussen kænnen, vertagt wurden ± wurde in der Úffentlichkeit oft als die græûte
die Ratifizierung in Irland befand sich auûer- Herausforderung bzw. als græûtes Hindernis
halb der Reichweite der Koordinierungsrolle genannt. Dieser Engpass erwies sich aber als
des Vorsitzes und auch auûerhalb jedes euro- vorteilhaft: Dass die Mitgliedstaaten nicht
påischen Einflusses. genug Zeit zum Studium der Unterlagen hat-
ten, ermæglichte die Pråsidentschaft, auf die
Der als fçnfte Prioritåt genannte ¹interkul- Karte der Kommissionsexpertise zu setzen.
turelle Dialogª enthielt keine ausformulierten Damit ist es ihr gelungen, beim Mårz-Gipfel,
Ziele. Es ging dabei um die Symbolik und die der sich fast nur mit diesem Thema (und ein
Steigerung des Bewusstseins fçr die Vielfalt wenig noch mit dem franzæsischen Vorschlag
der Kulturen. Mehrere Veranstaltungen zum einer Mittelmeerunion) befasste, auf hæchster
Thema wurden in Slowenien und anderen Ebene der Regierungschefs eine offene De-
Låndern organisiert. Als die Regierung die batte zu leiten, und so den Raum fçr einen
Organisation des im Rahmen der Veranstal- mæglichen Kompromiss auszuloten. Der
tungen geplanten Roma-Kongresses auf Kompromissvorschlag der Pråsidentschaft
Grund der verspåteten Anmeldung ± was wurde am 6. Juni 2008 dem Transport-, Tele-
durchaus ein glaubwçrdiges Argument war ± kommunikations- und Energierat vorgelegt ±
ablehnte, læste das Kritik çber die Glaubwçr- und von diesem gebilligt. Auch wenn es sich
6 Obwohl bis Ende Juni nur elf Staaten ihre Ratifika- 7 Vgl. Irena Brinar, Slovenia's EU Presidency:

tionsurkunde bei der italienischen Regierung in Rom ,Si.nergy for Europe` , ARI 41, Real Instituto Elcano,
hintergelegt haben. Madrid 2008.

22 APuZ 32/2008
dabei in Bezug auf die Ziele der Union in der wenig Verdrossenheit unter den europåischen
Energie- und Klimapolitik nicht um eine op- Partnern verursacht, aber da es sich um in-
timale Læsung handelt, wurde doch rechtzei- terne europåische Politik und nicht um ein
tig ein Kompromiss erzielt. 8 besonderes Format in der Auûenvertretung
der EU handelte, konnte Slowenien kein Re-
Ein wichtiges Ziel der slowenischen Pråsi- gelbruch vorgeworfen werden.
dentschaft bestand darin, das Mandat der
Kommission fçr die Aufnahme der Verhand- Die Unabhångigkeitserklårung des Kosovo
lungen çber ein neues Abkommen mit Russ- war keine Ûberraschung; es war långst klar,
land zu erreichen. Viele neue Mitgliedstaaten dass eine Einstimmigkeit bezçglich der Aner-
waren von der Ernsthaftigkeit des sloweni- kennung des Kosovo (das Recht, das die Mit-
schen Engagements çberrascht. Slowenien sah gliedstaaten ± und nicht die EU ± besitzen)
sich auf Grund seiner guten Beziehungen und unter den Mitgliedern schwer mæglich sein
unbelasteten Geschichte besonders gut dazu wçrde. Die Europåische Gemeinschaft hatte
in der Lage, den Vorsitz mit einer symboli- sich bereits bei der Frage der Anerkennung
schen Eræffnung der Verhandlungen çber ein Sloweniens und Kroatiens im Jahr 1991 ge-
neues Abkommen beim EU-Russland Gipfel spalten und Slowenien wollte eine Wiederho-
± dem letzten groûen Ereignis der Pråsident- lung vermeiden. Dimitrij Rupel betonte
schaft ± abzuschlieûen. Die russische Verwal- mehrmals, wie wichtig es sei, sich in dieser
tung setzte groûe Hoffnungen auf den slowe- Frage zu einigen. Die einzig mægliche Læsung
nischen Vorsitz. Fçr sie war es psychologisch bestand darin, die Einigkeit auf einer anderen
wichtig, dass zum ersten Mal eine slawische Ebene, nicht bei der Anerkennung selbst, zu
Regierung den Vorsitz hatte, was nichts an erzielen. Sich einig zu sein, dass man sich
ihrer harschen Kritik der slowenischen Be- nicht einigen kann, wie sich die Ratsbe-
handlung des Kosovo-Problems ånderte. schlçsse zu diesem Thema lesen mægen, mag
Ein russischer Diplomat bezeichnete Slowe- in diplomatischen Kreisen als leere Floskel er-
nien als das Problem. Die Motivation, das Ver- scheinen. Aber es ist sicher glaubwçrdiger,
handlungsmandat zu erreichen, war dafçr das Gewicht und die Aufmerksamkeit von
umso græûer. Nachdem Polen sein Veto aufge- ¹diplomatischem Geredeª hin zu engagierten
hoben hatte, war Litauen der einzige Mitglied- und sachlichen Maûnahmen zu verschieben.
staat, der noch stårker zu einem Kompromiss
bewegt werden musste. Der slowenische Au-
ûenminister, Dimitrij Rupel, startete eine Mis-
sion, die an die Zwangsdiplomatie einiger
Schwerpunkt Westbalkan?
Groûmåchte erinnerte. Zusammen mit dem
Sachlichkeit in der Westbalkanpolitik war fçr
schwedischen Auûenminister Carl Bildt und
Slowenien åuûerst wichtig. Dass die weiteren
dessen polnischen Kollegen Radoslaw Sikorski
Schritte in Richtung einer Annåherung des
besuchte er in Vilnius den litauischen Premier-
Westbalkans an die EU eine der groûen Prio-
minister Gediminas Kirkilas und Auûenminis-
ritåten Sloweniens wåhrend seiner Pråsident-
ter Petras Vaitekunas. Mit der Karte der litaui-
schaft sein wçrden, stand von vornherein fest.
schen Freundschaft zu Georgien in der Hand
Im Gegensatz zu den anderen Hauptprioritå-
drohte er nach der Eskalation der Beziehungen
ten der slowenischen Pråsidentschaft (mit der
zwischen Georgien und Russland mit der Ab-
Ausnahme des interkulturellen Dialogs) ist
sage einer Erkundungsmission nach Tbilisi.
die Politik gegençber dem Westbalkan weni-
Einen Tag spåter flogen alle vier Auûenmi- ger an andere politische und legislative Pro-
nister zusammen nach Tbilisi, Minister Di- zesse in der EU gebunden; sie stæût eher auf
mirtrij Rupel mit litauischen Konzessionen in unterschiedliche Prinzipien und Interessen.
der Tasche. 9 Das merkwçrdige Trio hat ein Bei der Fçhrung in diesem Bereich musste
sich Slowenien sowohl mit unerwarteten wie
8 Dass es nicht um eine optimale Læsung ging, wurde auch befçrchteten Prozessen auseinanderset-
schnell vom Europåischen Parlament beståtigt, als es
bei der Plenarsitzung am 18. Juni 2008 den Kompro- nicht erreicht werden. Der litauische Ståndige Vertreter
miss ablehnte und sich fçr den Originalvorschlag der musste noch einmal die Hauptstadt konsultieren. Am
Kommission aussprach. 26. Mai 2008 wurde dann Einigkeit im Rat fçr All-
9 Zwei Tage spåter, am 13. Mai 2008, konnte die Ei- gemeine Angelegenheiten und Auûenbeziehungen
nigkeit auf der Ebene der Ståndigen Vertreter wieder hergestellt.

APuZ 32/2008 23
zen, ohne den allgemeinen Rahmen der West- mçssen, mæglichst ohne an Glaubwçrdigkeit
balkanpolitik der EU zu verlassen. in der Europapolitik zu verlieren.

Wie eingangs erwåhnt, schien Slowenien Erstens: Die Kosovo-Frage sollte von der
wegen seiner gemeinsamen Geschichte, Frage der Schlieûung eines Assoziierungsab-
Sprachkenntnisse und geographischen Nåhe kommens mit Serbien auf der Tagesordnung ge-
fçr die Fçhrung der EU in ihrer Westbalkan- trennt behandelt werden. Das wurde ohne Ge-
politik besonders geeignet. Der slowenische genstimmen an den zwei Treffen des Rats fçr
Auûenminister Dimitrij Rupel hatte wieder- Allgemeine Angelegenheiten und Auûenbezie-
holt darauf hingewiesen, dass es in Europa an hungen in Januar und Februar beschlossen.
Kenntnissen çber das Gebiet mangele. Nicht
alle waren davon çberzeugt, dass Slowenien Zweitens: In der Kosovo-Frage war eine
çber diese verfçge. Selbst der slowenische Einigkeit in der EU dringend erforderlich,
Pråsident, Danilo Tçrk, åuûerte seine Zweifel wenn deren Balkanpolitik nicht wieder in die
an der besonderen Kompetenzen Sloweniens Kritik geraten und die EU als handlungsunfå-
auf diesem Gebiet, zumindest was die Koso- hig dargestellt werden sollte und wenn die
vo-Frage angehe. Die slowenische Regierung Region nicht (viel stårkeren) Kråften ± einer
versuchte, dem unter anderem mit der Grçn- Fçnfer-Gruppe (Frankreich, Deutschland,
dung eines Forschungszentrums (Zentrum Italien, Groûbritannien und die USA), dem
fçr die europåische Perspektive) und zahlrei- Amt des Hohen Repråsentanten oder der
cher anderer Aktivitåten zu begegnen. Es Lenkungsgruppe des Rates fçr die Umset-
wurde frçhzeitig ± schon in der zweiten zung des Friedens ± çberlassen werden sollte.
Hålfte 2005 ± damit begonnen, eine Strategie Damit wåren womæglich weitere Prozesse in
gegençber dem Westbalkan fçr die Zeit des der Westbalkanpolitik der EU gefåhrdet. Das
Vorsitzes zu entwickeln. Dimitrij Rupel reiste ist, wie schon oben gezeigt, gelungen.
im spåten Oktober 2007 nach Belgrad, Skopje
und PriÉtina und verpflichtete Slowenien zur Drittens: Es durfte nicht dazu kommen,
Unterstçtzung Serbiens und der Ehemaligen dass Serbien von seinem Weg nach Europa
Jugoslawischen Republik Mazedonien 10 in abweicht. Viel Kreativitåt wurde besonders
ihren Bemçhungen, den nåchsten Schritt bei rangniedrigen Diplomaten abverlangt und
der Annåherung an die EU zu tun, sowie zur mit Erfolg eingesetzt, um die Pråsenz Ser-
Unterstçtzung einer weiteren Erweiterung biens in Brçssel beizubehalten. Erst danach
der Union. Das Auûenministerium hatte eini- konnte sich die slowenische Pråsidentschaft
ge Tage vorher eine Erklårung bezçglich der allein auf ihre Ziele konzentrieren.
slowenischen Prinzipien und Ziele in ihrer
Westbalkanpolitik veræffentlicht, in der es die Die beiden wichtigsten Ziele in Bezug auf
Wichtigkeit Serbiens fçr die Stabilitåt in der den Westbalkan bestanden darin, den Ring
Region betonte und dem Land eine breite der Assoziierungsabkommen mit allen Staa-
Unterstçtzung anbot. Die Unterstçtzung Slo- ten der Region zu schlieûen und den Dialog
weniens wurde auch durch ein Schreiben des çber Visa-Liberalisierungen mit allen zu be-
Premierministers Janes JanÉa an den Europåi- ginnen. Beide Ziele wurden, wenngleich nicht
schen Rat im vergangenen September deut- ohne Mçhe, erreicht. In Januar 2008 schei-
lich. Darin plådierte JanÉa unter anderem fçr terte die Unterzeichnung des Abkommens
eine schnelle Annåherung Serbiens an die mit Serbien am niederlåndischen Veto. Das
EU. Das mag im Rahmen der EU-Politik un- politische Abkommen, dass auf Initiative
geschickt gewesen sein und wurde in Brçsse- Groûbritanniens und der Niederlande vorbe-
ler Kreisen kçhl aufgenommen, aber es zeigte reitet worden war, wurde ± zur Erleichterung
Serbien, dass Slowenien bereit ist, sich ernst-
vieler ± von Seiten Serbiens abgelehnt. Ein
haft einzusetzen. Mit Blick auf die Unabhån-
neuer Kompromiss, der die Unterzeichnung
gigkeitsbestrebungen des Kosovo wurde der
des Abkommens erlaubte, ohne die etablier-
slowenischen Regierung bald bewusst, dass
ten Prinzipien aufgeben zu mçssen, gelang
sie zwischen traditioneller Unterstçtzung des
spåter. Das Abkommen wird erst dann in
Kosovo und den wirtschaftlichen und ande-
ren Interessen Serbiens wçrde manævrieren Kraft treten, wenn es alle EU-Mitgliedstaa-
ten, çberzeugt von der serbischen Zusam-
10 Wenn im Folgenden nur von Mazedonien die Rede menarbeit mit dem Internationalen Strafge-
ist, ist immer die Ehemalige Jugoslawische Republik richtshof fçr das ehemalige Jugoslawien, rati-
Mazedonien gemeint. fizieren. Die Polizeireform, die das letzte

24 APuZ 32/2008
Hindernis zur Unterzeichnung des Abkommens mit Bjærn Opfer-Klinger
Bosnien und Herzegowina darstellte, wurde ± in ihrer

Zwischen åuûerer
geschwåchten Form ± endlich akzeptiert. Die Vorbe-
reitung des Abkommens hat långer gedauert als sich
die Pråsidentschaft gewçnscht hatte. Die Ûbersetzung
in alle EU-Amtssprachen und in die drei Sprachen in
Bosnien und Herzegowina wurde schlieûlich vollzo-
gen; das Abkommen war Ende Mai 2008 unterschrifts-
Stabilisierung und
bereit.

Neben diesen beiden wichtigsten Erfolgen sind


innerer Krise:
wåhrend der slowenischen Pråsidentschaft auch viele
sektorale Initiativen lanciert und einige Projekte reali-
siert worden. Die so genannte Bled-Initiative inkorpo-
Mazedonien im
rierte die Staaten des Westbalkans in den europåischen
Rahmen der Zusammenarbeit im Bereich des Zivil-
schutzes. Um den wirtschaftlichen Fortschritt in der
Sommer 2008
Region zu beschleunigen, wurden Vorbereitungen fçr
einen Westbalkaninvestitionsrahmen getroffen. Auch
die Verhandlungen çber den Vertrag zur Grçndung
einer Verkehrsgemeinschaft mit den Låndern des
D as kleine Balkanland Mazedonien, das
von Josip Broz Tito nach dem Zweiten
Weltkrieg zunåchst als sozialistische Teilrepu-
Westbalkans begannen in dieser Zeit. Schlieûlich
blik innerhalb des jugoslawischen Staates ge-
wurde die Absichtserklårung zur Grçndung einer Re-
grçndet wurde und das
gionalschule fçr Verwaltung von Beamten aus Alba-
schlieûlich 1991 die Bjærn Opfer-Klinger
nien, Montenegro, Serbien, Bosnien und Herzegowina,
staatliche Unabhångig- Dr. phil., geb. 1972; Schulbuch-
Kroatien, Mazedonien und Kosovo unterzeichnet.
keit erklårte, kænnte in redakteur beim Ernst Klett Ver-
der europåischen Au- lag; Lehrbeauftragter an der TU
Fazit ûenwahrnehmung dif- Dresden, Institut für Politikwis-
fuser nicht erscheinen. senschaften; Ernst Klett Verlag,
Die Arbeit in der EU ist wåhrend des slowenischen Dies beginnt bereits bei Zweigniederlassung Leipzig,
Vorsitzes ganz normal verlaufen. Von kleineren Unge- der ethnischen Einord- Braunstr. 12, 04347 Leipzig.
schicklichkeiten abgesehen, wurden keine græûeren nung der ¹Mazedo- b.opfer-klinger@klett.de
Fehler gemacht. Damit unterscheidet sich die sloweni- nierª bzw. der Frage
sche Pråsidentschaft nicht von anderen Pråsidentschaf- nach der Existenz einer eigenståndigen maze-
ten. Es låsst sich also festhalten, dass Slowenien dem donischen Sprache. Dahinter stehen Kon-
symbolischen Wert seiner Pråsidentschaft voll entspro- flikte, die seit der Herausbildung der ersten
chen hat. Das junge Land, sich seiner Schwåchen (viel- sçdosteuropåischen Nationalstaaten im 19.
leicht zu) bewusst, ist einerseits mit vielen Themen eher Jahrhundert Europa immer wieder erschçt-
zu bescheiden umgegangen und setzte sich andererseits tert und in Atem gehalten haben. Vertreten in
(manchmal auch zu aggressiv) engagiert fçr die Errei- Deutschland einige Wissenschaftler die
chung der Ziele im Bezug zum Westbalkan ein. Die These, es habe vor 1944 keine mazedonische
Hauptziele wurden erreicht, zahlreiche Initiativen und Sprache und keine mazedonische Nation ge-
Projekte erfolgreich lanciert. Der Pråsidentschaft ist es geben ± wie etwa der Sçdosteuropahistoriker
allerdings nicht gelungen, Mazedonien dazu zu bewe- Stefan Troebst ±, attestieren vehemente Ver-
gen, die notwendigen Schritte zur Festsetzung eines fechter der gegenteiligen These ± so etwa der
Anfangsdatums der Beitrittsverhandlungen einzuleiten. Gieûener Balkan-Experte Wolf Oschlies ±
Es bleibt weiterhin viel Arbeit, um die Region politisch dem Mazedonischen eine bis ins 9. Jahrhun-
und wirtschaftlich voranzubringen, und Slowenien dert zurçckreichende Geschichte, welches
sollte gelernt haben, wie es als ¹ganz normalerª EU- dann ab 1944 nur noch seine letztendliche
Mitgliedstaat auf die Westbalkanpolitik der EU und die hoch- und standardsprachliche Kodifizierung
EU-Politik im Allgemeinen einwirken kann. erfahren habe. 1 Auch wenn sich eine Annå-
herung in dieser Frage bislang nicht abzeich-
1 Vgl. Wolf Oschlies, Makedonien 2001± 2004.
Kriegstagebuch aus einem friedlichen Land, Berlin
2004, S. 11 f.

APuZ 32/2008 25
net, so ist doch unzweifelhaft, dass sich der sprçchlicher Staat mit starkem patrimonia-
çberwiegende Teil der Bewohner Mazedo- lem Charakter. Klientelistisch strukturierten
niens heute mit ihrem Staat identifiziert. Netzwerken kommt in Mazedonien bis
heute eine groûe Bedeutung zu. 2 Gleichzei-
Nicht minder widersprçchlich war und ist tig forcierte die sozialistische Modernisie-
die Wahrnehmung des Landes seit dem Zer- rungspolitik die ethnische Segregation nicht
fall Jugoslawiens. Von vielen lange Zeit als zuletzt zwischen Albano- und Slawo-Maze-
nicht lebensfåhiger Kleinstaat abgetan, mu- doniern, da sich die slawischen Mazedonier
tierte Mazedonien schlieûlich nach der Koso- viele der durch die Modernisierung entstan-
vokrise 1998/99 zum Vorzeigeobjekt der denen neuen politischen und wirtschaftlichen
Europåischen Union (EU) fçr eine scheinbar Machtbereiche sicherten. So kam es, dass
gelungene europåische Auûen- und Sicher- zum Beispiel ein Groûteil der Albaner agra-
heitspolitik. Mazedonien galt plætzlich vielen risch geprågt blieb und nur bedingt an der
als Hort der Stabilitåt in einer von Krisen Urbanisierung beteiligt war. Auch blieb die-
und Konflikten gebeutelten Region. Obwohl sem Teil der Bevælkerung der Weg zu hæher-
sich das Land heute mitten im europåischen en Bildungseinrichtungen verwehrt, in denen
Integrationsprozess befindet, erscheint diese allein in mazedonischer Sprache gelehrt
Stabilitåt wieder mehr als fragwçrdig ± und wurde. Viele gingen daher zur Universitåt
stellt die EU und die NATO vor neue Her- Prishtina im Kosovo, bevor diese unter Mi-
ausforderungen. loÉevic ¹serbisiertª wurde. Schon hier trenn-
ten sich mehr und mehr die Lebenswelten
beider Ethnien, die im Alltag immer weniger
Jahre der Bewåhrung (1991±1998) miteinander zu tun hatten.

Im jugoslawischen Staat galt Mazedonien als Die Unabhångigkeit und die damit einher-
die ækonomisch rçckståndigste und ¹balka- gehende Demokratisierung des Landes lieû
nischsteª Teilrepublik. Dessen ungeachtet auch unter den Minderheiten den Ruf nach
wagte die politische Fçhrung in Skopje im stårkerer politischer Partizipation lauter wer-
September 1991 angesichts des zunehmenden den. Tatsåchlich sind Teile der albano-maze-
Zerfalls Jugoslawiens den Sprung in die Un- donischen Eliten in das staatliche Patronage-
abhångigkeit. Das Land, ungefåhr so groû system integriert worden. Seit 1992 wurde
wie Hessen, umfasste Anfang der 1990er stets eine albanische Partei in die jeweilige
Jahre etwa zwei Millionen Einwohner aus 23 Regierungskoalition eingebunden. Dies betraf
Ethnien. Rund zwei Drittel der Bçrgerinnen jedoch nur bestimmte albanische Politiker,
und Bçrger erklårten sich anlåsslich der Familienclans und deren Klientel, wåhrend
Volkszåhlung vom 17. November 1994 der viele andere weiterhin von staatlichen Stellen
mazedonischen, knapp 23 Prozent der alba- in Politik, Verwaltung und Wirtschaft und
nischen und 4 Prozent der tçrkischen Ethnie somit auch bei der bald einsetzenden Privati-
zugehærig. Rund 7 Prozent entfielen auf sierung lukrativer Unternehmen ausgeschlos-
Streuminderheiten wie Roma, Serben, Aro- sen blieben. In der Folge radikalisierten sich
munen und andere. Dabei blieb in der innen- besonders junge Albaner zunehmend. Forde-
politischen Auseinandersetzung besonders rungen nach græûerer politischer Autonomie
die Zahl der Albano-Mazedonier hæchst um- gegençber dem slawisch dominierten Staat
stritten. Im Vergleich zu anderen sçdosteu- wurden lauter und gipfelten 1994 in der Pro-
ropåischen Staaten (inklusive Griechenland) klamation einer letztlich nur auf dem Papier
wurden den Minderheiten in Mazedonien al- bestehenden ¹Republik Iliridaª in Sçdwest-
lerdings von Anfang an beachtliche Rechte mazedonien. Viele Albaner lehnten das in der
und kulturelle Mæglichkeiten zuerkannt. Die Verfassung verankerte Staatsverståndnis einer
unter Tito erfolgte sozialistische Modernisie- ¹mazedonischenª Staatsnation mit verschie-
rung hatte in Mazedonien nicht alle gesell- denen Minoritåten ab. Mazedonien sei ein
schaftlichen Strukturen veråndern kænnen.
Vielerorts, besonders unter der albanischen 2 Vgl. Stephan Hensell, Typisch Balkan? Patrona-
Bevælkerung Westmazedoniens, war es nicht genetzwerke, ethnische Zugehærigkeit und Ge-
gelungen, traditionelle Sozialformen aufzu- waltdynamik in Mazedonien, in: Internationale Politik
brechen. Die Teilrepublik und die spåtere und Gesellschaft (IPG), (2003) 4, S. 131 ±146, hier
Republik Mazedonien blieb ein wider- S. 133.

26 APuZ 32/2008
multiethnischer Staat, in dem Slawo- und Al- der albanischen PDSh 6 wurden die Bemç-
bano-Mazedonier vergleichbare Bevælke- hungen um die Integration der albanischen
rungsanteile stellten. Dies erfordere es, dass Bevælkerung zumindest in der unteren und
Albanisch zweite offizielle Amtssprache wer- mittleren Ebene des æffentlichen Dienstes
den mçsse. 3 verstårkt, in dem 2001 immerhin zehn Pro-
zent Albaner tåtig waren. 7 Der Aufstieg in
Wesentlich explosiver gestaltete sich 1995 leitende Positionen blieb diesen indes infolge
der Streit um die Forderung vieler Albaner mangelnder Bildungsmæglichkeiten weiterhin
nach einer ¹eigenenª Universitåt mit albani- erschwert. Aber auch das Konfliktpotential
scher Unterrichtssprache in Tetovo. Ohne innerhalb der albanischen Bevælkerung
ausreichenden Bildungsgrad war es nicht konnte nicht gemindert werden: Das Verhålt-
mæglich, die erforderlichen Zugangsqualifika- nis zwischen an der Macht partizipierenden
tionen fçr den æffentlichen Dienst zu erwer- und der wachsenden Zahl nicht integrierter
ben. Aber der Staat verweigerte zunåchst die junger Albaner verbesserte sich nicht.
Einrichtung einer ¹albanischenª Universitåt.
Ein weiterer Konflikt entlud sich im Sommer Schwieriges Verhåltnis zu den
1997 um die Frage, ob vor æffentlichen Ge-
båuden neben der mazedonischen auch die al- Anrainerstaaten
banische Flagge gehisst werden kænne. Die
bis dahin schwerste Probe erlebte der junge Die junge Republik Mazedonien hatte aber
Staat jedoch mit der Flçchtlingskrise wåh- nicht nur mit groûen inneren Problemen zu
rend des Kosovo-Krieges 1999, als rund 350 kåmpfen, auch die auûenpolitische Situation
000 flçchtende Albaner und Roma ins Land des jungen Staates war von Beginn an schwie-
kamen. 4 Bedeutete dies zum einen eine unge- rig. Im Westen befindet sich das lange Zeit
heure wirtschaftliche und soziale Belastung, sehr instabile Albanien; im Norden grenzt
so lieû es zum anderen bei vielen Slawo-Ma- das kleine Land an Serbien, çber das 1992 ein
zedoniern die Befçrchtung aufkommen, die Wirtschaftsembargo verhångt wurde. Letzte-
Flçchtlinge kænnten bleiben und damit die res belastete die schwache mazedonische
ethnischen Verhåltnisse des Landes zugunsten Wirtschaft erheblich; durch ungeahnte Mæg-
der Albaner kippen. Auch das Gespenst eines lichkeiten des Schmuggels wurden ohnehin
¹Groûalbanienª, bestehend aus Albanien, vorhandene kriminelle Strukturen gestårkt.
Kosovo und den mazedonischen Albanern, Hinzu kamen verschiedene andere Streit-
wurde immer wieder drohend aufgezeigt. All punkte. Dazu zåhlte der immer wieder auf-
diese Szenarien blieben aus. Der mazedoni- flackernde Konflikt zwischen der Serbisch-
sche Staat blieb trotz aller innerethnischen Orthodoxen-Kirche und der mazedonisch-
Schwierigkeiten sowie groûer sozioækonomi- orthodoxen Geistlichkeit. 8 Nicht minder
scher Probleme stabil. Vielmehr sensibilisierte problematisch war die Frage der endgçltigen
die Kosovo-Krise sowohl die mazedonischen Grenzziehung, welche erst 2001 geregelt
Politiker als auch die EU, welche sich nun wurde und prompt zu neuen Schwierigkeiten
nachhaltiger in der Region engagierte. Wåh- mit dem Kosovo fçhrte. Es sprach Belgrad
rend der seit 1998 bestehenden Koalition aus die Befugnis ab, çber die kosovarisch-maze-
der konservativen VMRO-DPMNE 5 und donische Grenze Entscheidungen zu treffen.
Im Osten entwickelte sich hingegen mit Bul-
3 Vgl. Michael Schmidt-Neke, Vor dem Sturm: Make- garien sehr bald ein gutes Verhåltnis. Bulga-
doniens Albaner am Ende des 20. Jahrhunderts, in:
Thede Kahl/Izer Maksuti/Albert Ramaj (Hrsg.), Die 6 PDSh: PartisŸ Demokratike Shqiptare (Demokrati-

Albaner in der Republik Makedonien, Wien 2006, sche Partei der Albaner (DPA).
S. 75 ±102, hier S. 77. 7 Vgl. Ulf Brunnbauer, Historischer Kompromiû oder
4 Vgl. Stefan Troebst, Das makedonische Jahrhundert, Bçrgerkrieg? Makedonien sucht Antworten auf den
Mçnchen 2007, S. 377 f. sowie Michael Schmidt-Neke, albanischen Extremismus, in: Sçdosteuropa, 50 (2001)
Vor dem Sturm: Makedoniens Albaner am Ende des 4±6, S. 159±189, hier S. 168.
20. Jahrhunderts, in: T. Kahl/I. Maksuti/A. Ramaj 8 Seit Jahrzehnten akzeptiert das serbisch-orthodoxe

(Anm. 3), S. 75±102, hier S. 79 und 93 f. Patriarchat nicht die Abspaltung der mazedonischen
5 VMRO-DPMNE: VnatreÉna Makedonska Revolu- Geistlichkeit. Diese benætigt jedoch fçr einen kanoni-
cionerna Organizacija-Demokratska Partija za Make- schen Status nach den kanonischen Gesetzen die Zu-
donsko Nationalno Edinstvo (Innere Makedonische stimmung aller orthodoxen Kirchen. Vgl. ¹Kirchen-
Revolutionåre Organisation ± Partei der Makedoni- streit zwischen Belgrad und Skopje erneut entbrannt.ª,
schen Nationalen Einheit). in: DW-Radio 2. Juni 2005, (www.dw-world.de).

APuZ 32/2008 27
rien war das erste Land, das Mazedonien am Staatsemblem zu åndern. Es verzichtete dabei
15. Januar 1992 als souverånen Staat aner- auf die sechzehnstrahlige goldene ¹Vergina-
kannte, auch wenn es vorerst noch nicht be- Sonneª, das Emblem des antiken ¹griechi-
reit war, die Existenz einer mazedonischen schenª Helden Alexander des Groûen, und
Nation mit eigener Sprache zu akzeptieren. 9 beschrånkte sich fortan auf eine achtstrahlige
Nicht zuletzt die 1998 eskalierende Kosovo- Sonne. Allerdings ¹gænnteª sich Mazedonien
krise lieû auch in Bulgarien das Interesse an spåter die Provokation, dem internationalen
einem stabilen mazedonischen Staat wachsen. Flughafen von Skopje den Namen ¹Flughafen
Darçber hinaus knçpften beide Staaten eine Alexander der Groûeª zu geben. 11
zunehmend engere Kooperation in Energie-
fragen. Mazedonien importierte bald nen- Griechenland stieû mit seinem Alleinver-
nenswerte Mengen Strom zur Deckung seines tretungsanspruch auf den Namen ¹Mazedo-
Energiebedarfs aus Bulgarien. Als 2007 auf nienª in den folgenden Jahren immer mehr
Druck der EU die letzten Reaktoren des bul- auf Unverståndnis. Ein Groûteil der Staaten-
garischen Atomkraftwerks Kosloduj abge- welt erkannte Mazedonien nach und nach als
schaltet wurden, kam es allerdings zu Eng- ¹Republik Makedonienª an. Dies bewog
påssen. 10 Beide Staaten verbanden auûerdem Griechenland ± unabhångig davon, dass es
gemeinsame Interessen beim Transfer von zum wichtigsten auslåndischen Investor im
Energietrågern aus der kaspischen Region Nachbarland aufstieg ± dazu, die Integration
nach Westeuropa. des Landes in die EU und die NATO immer
wieder zu verzægern. Mazedonien seinerseits
Das bis heute schwierigste Verhåltnis ent- lehnte jeden Kompromissvorschlag ab, den
wickelte sich jedoch zum sçdlichen Nach- Staatsnamen in ¹Ober-Mazedonienª, ¹Repu-
barn: zu Griechenland. Dieses stellte die Un- blik Makedonien-Skopjeª, ¹Zentralbalkani-
abhångigkeit Mazedoniens als eine potentielle sche Republikª oder åhnliches zu åndern. So
Bedrohung, als eine Usurpation griechischer blieben beide Seiten weiterhin unversæhnlich,
Kultur und Geschichte dar. Immer wieder åu- wobei mancher griechische Premierminister
ûerten griechische Politiker Befçrchtungen, die Mazedonien-Frage auch zur innenpoliti-
der Staatsname Mazedonien kænne territo- schen Mobilisierung nutzte und sich gleich-
riale Ansprçche auf die gleichnamige nord- zeitig dagegen verwehrte, die rigide Assimi-
griechische Provinz heraufbeschwæren. lierungspolitik des griechischen Staates ge-
Griechenland blockierte daher lange die Auf- gençber seinen albanischen und slawischen
nahme Mazedoniens in internationale Orga- Minderheiten in Nordgriechenland hinterfra-
nisationen und ging soweit, ab dem 20. Okto- gen zu lassen.
ber 1993 die griechisch-mazedonische Grenze
zuerst teilweise und ab dem 13. Februar 1994
vollståndig zu sperren. Angesichts des çber Der drohende Bçrgerkrieg 2001
Jugoslawien verhångten UN-Embargos traf
dies das wirtschaftlich schwache Mazedonien Trotz aller Schwierigkeiten hatte sich Maze-
hart, und nur wenige Staaten erkannten unter donien zehn Jahre lang als verhåltnismåûig
diesen Umstånden den neuen Staat an. Erst stabil erwiesen, bis es schlieûlich doch noch
im April 1993 konnte Mazedonien unter dem an den Rand eines Bçrgerkrieges geriet. Der
sperrigen Namen Former Yugoslav Republic Kosovo-Krieg, die mit diesem einhergehende
of Macedonia (FYROM) der UNO beitreten. Flçchtlingskrise und der in der Folge unge-
Das griechische Wirtschaftsembargo endete klårte Status des Kosovos çbten auch auf
erst im September 1995. Zuvor hatte Mazedo- Mazedonien einen extremen Druck aus und
nien notgedrungen in einer Vereinbarung zu- forcierten die ethnischen Spannungen. Die
gestimmt, jegliche territoriale Verånderungen mitunter undurchsichtige Politik der interna-
fçr die Zukunft auszuschlieûen und sein tionalen Staatengemeinschaft und der beson-
ders von den USA gefærderte Aufbau des
Kosovo Protection Corps als Auffangbecken
9 Vgl. Klaus Schrameyer, Makedonien: Friedlichkeit,

Maû und Vernunft ± mit balkanischem Charme, in:


Sçdosteuropa, 46 (1997) 12, S. 661±694, hier S. 671 f. 11 Vgl. Henri Bohnet, Der Namensstreit zwischen
10 Vgl. Bjærn Opfer-Klinger, Die ungeliebte EU-Sçd- Mazedonien und Griechenland. KAS-Lånderbericht
osterweiterung. Bulgariens und Rumåniens steiniger vom 28. Februar 2008, http://www.kas.de/mazedo-
Weg nach Europa, Osnabrçck 2007, S. 102. nien. (2. Juni 2008)

28 APuZ 32/2008
ehemaliger UïK-Rebellen 12 wurden in Ma- Der Bçrgerkrieg war gebannt worden und
zedonien kritisch verfolgt. Als zu Beginn des erstmals war der EU eine eigenståndige Inter-
Jahres bewaffnete Verbånde vom Kosovo aus vention ohne amerikanische Hilfe in einen
in die Region Kumanovo und die Gegend von europåischen Krisenherd geglçckt, was die
Tetovo vorstieûen, wurde bald der Vorwurf weitere Stabilisierung des Landes fçr Brçssel
von Seiten verschiedener mazedonischer Poli- umso wichtiger werden lieû. Allerdings sind
tiker laut, die USA versuchten die Grçndung bis heute viele Fragen offen geblieben. Die
eines Groûkosovo zu forcieren. 13 Ûber Wo- Erklårung, radikale Kråfte der UïK wollten
chen kam es zu Gefechten zwischen mazedo- durch eine Destabilisierung Mazedoniens die
nischen Streitkråften und der mazedonischen eigene Stellung innerhalb des Kosovos står-
UïK. Dabei war klar, dass ein Teil der Ag- ken, greift als Erklårungsmodell fçr die Krise
gressoren aus dem Kosovo stammte, dieser je- ebenso zu kurz wie eine angebliche Eskalati-
doch durchaus den Rçckhalt eines Teils der al- on des mazedonisch-albanischen Gegensat-
bano-mazedonischen Bevælkerung besaû. Die zes. Rçckblickend, im Lichte der von Gewalt
Flucht tausender Mazedonier aus den unsi- begleiteten Kommunalwahlen 2005 bzw. der
cheren Regionen, antialbanische Pogrome in Parlamentswahlen 2006 und 2008, erscheint
Bitola und Prilep sowie weitere Verbrechen der Konflikt von 2001 wesentlich stårker als
heizten das bçrgerkriegsåhnliche Klima im ein Macht- und Verteilungskampf innerhalb
Land zusåtzlich an. Spåter sollte das UN- der albanischen Eliten Mazedoniens. 16 Tat-
Kriegsverbrechertribunal (ICTY) den damali- såchlich wurde in der Folgezeit nach dem
gen Innenminister Ljube Boskovski und den Ohrider Abkommen die zuvor dominierende
Chef einer Polizei-Sondereinheit, Johan Tar- PDSh unter Arben Xhaferri und Menduh
culovski, wegen Mordes und der Misshand- Thaci durch die BDI abgelæst. 17 Diese stellte
lung albanischer Zivilisten im Dorf Ljuboten unter dem ehemaligen UïK-Kommandanten
bei Skopje im August 2001 anklagen. Ermitt- Ali Ahmeti eine Sammelbewegung der nun-
lungen in vier weiteren Fållen wurden im De- mehr entwaffneten Aufståndischen und der
zember 2004 eingestellt. 14 unzufriedenen albanischen Jugend dar. Nach
den Parlamentswahlen von 2002 stieg die
Auf Druck der USA und der EU kam es BDI ± anstelle der PDSh ± als Koalitionspart-
schlieûlich zu Verhandlungen zwischen der ner in die Regierung auf und brachte damit
mazedonischen UïK und der Regierung. In eine neue Gruppe der albanischen Bevælke-
dem am 13. August 2001 unterzeichneten rung in das staatliche Patronagenetz ein. Der
Ohrid-Abkommen wurden am Ende eine Machtkampf zwischen den einzelnen albani-
Reihe von Maûnahmen und vorzunehmende schen Fraktionen und Clans wurde umso hår-
Verfassungsånderungen vereinbart, um die ter ausgetragen, als dass das Ohrider Abkom-
Stellung der Albaner in Mazedonien zu ver- men und die damit durchgefçhrten Reformen
bessern. 15 Die NATO çbernahm die weitge- zahlreiche neue Posten und Pfrçnde fçr die
hende Entwaffnung der Rebellen. Spåter Albano-Mazedonier schufen. Dies weckte
sollte das NATO-Kommando in Mazedonien automatisch auch Begehrlichkeiten im krimi-
dann in die erste von der EU gefçhrte Militår- nellen Milieu. Hier dçrfte der Grund dafçr
operation (¹Concordiaª) çbergehen, die bald zu suchen sein, dass seit 2002 der innenpoliti-
auf die Polizei-Mission ¹Eupol Proximaª re- sche Machtkampf innerhalb der albano-ma-
duziert wurde. zedonischen Politikszene mehr und mehr
durch gewalttåtige Ûbergriffe geprågt ist.
12 Ushtria ïlirimtare Kombetare (Nationale Befrei-
Auf Seiten der christlich-slawischen Bevæl-
ungsarmee).
13 Vgl. W. Oschlies, (Anm. 1), S. 40.
kerung blieben derartige Verteilungskåmpfe,
14 Vgl. Gvozdan Popov, Mazedonische Delegation trotz der nunmehr geschrumpften ¹Vertei-
besucht ICTY in Den Haag, DW-Radio 27. April 2005, lungsmasseª aus, wobei die slawo-mazedoni-
in: www.dw-world.de (24. Mai 2008).
15 Vgl. Ulf Brunnbauer, Doch ein historischer Kom-

promiû? Perspektiven und Probleme der Verfassungs- 16 Vgl. Norbert Mappes-Niediek, Waffen statt Worte.

reform in Makedonien, in: Sçdosteuropa, 50 (2001) 7± Gewalt çberschattet den Wahlkampf in Mazedonien.
9, S. 346 ±367; Jenny Engstræm, Multi-ethnicity or Bi- 3. Juli 2006, in: www.dradio.de/dlf/sendungen/hinter-
nationalism? The Framework Agreement and the Fu- grundpolitik/516461 (5. April 2008).
ture of the Macedonian State, in: Journal on Ethnopo- 17 Bashkimi Demokratik pŸr Integrim (Demokrati-

litics and Minority Issues in Europe, (2002) 1, S. 2±21. sche Union fçr Integration (DUI).

APuZ 32/2008 29
schen Parteien durch ein hohes Maû an Kli- Ein wichtiger Schritt in diese Richtung sollte
entelismus und Kleptokratie geprågt sind. am 25. Oktober 2005 der in Athen unter-
Nahezu såmtliche Parteien stehen in mehr zeichnete Vertrag zur Grçndung einer Ener-
oder weniger enger Verbindung zu einem giegemeinschaft werden, wodurch der welt-
wohlhabend gewordenen Wirtschaftsoligar- weit græûte Binnenmarkt fçr Gas und Elek-
chen des Landes. trizitåt geschaffen wurde. 20

Eingebunden wurde dabei auch Mazedo-


Mazedonien im Fadenkreuz nien, das einerseits mehr und mehr den staat-
internationaler Energieinteressen lichen Energiesektor privatisierte, anderer-
seits neben Bulgarien ein wichtiges Transit-
Oligarchen entwickelten sich in den 1990er- land wurde. Kernprojekt der EU ist seither
Jahren in allen gewinntråchtigen Bereichen, aus EU-Sicht der Bau einer so genannten
sei es im Bereich des Schmuggels in den jugo- Zentralbalkan-Gaspipeline von der Tçrkei
slawischen Raum oder bei der Privatisierung çber Mazedonien nach Kroatien, welche die
verschiedener Staatsunternehmen. Viele bau- ebenfalls geplante, von der Tçrkei çber Bul-
ten sich kleine Wirtschaftsunternehmen auf, garien nach Ústerreich fçhrende, Nabucco-
wie beispielsweise die Familie von Ljubisav Pipeline ergånzen soll. 21
Ivanov. 18
Parallel zu diesem Projekt einer Gaspipe-
Auf europåischer Ebene spielte das kleine line favorisierte die US-Administration seit
Mazedonien nur eine sehr geringe Rolle, mit Mitte der 1990er Jahre eine Erdælpipeline ent-
einer Ausnahme: In den 1990er Jahren ge- lang des 8. europåischen Verkehrskorridors
wannen die groûen Gas- und Erdælvorkom- von der albanischen Adriakçste çber Mazedo-
men des kaspischen Raumes und Zentral- nien zum bulgarischen Schwarzmeerhafen
asiens sowohl fçr die EU als auch fçr die Burgas, das so genannte AMBO-Projekt
USA eine immer græûere Bedeutung. Gleich- (Albania-Macedonia-Bulgaria-Oilpipeline).
zeitig wurde rasch deutlich, dass der Bospo- In beiden Fållen winken Mazedonien hohe
rus als Nadelæhr zwischen Schwarzem Meer Transiteinnahmen. Gleichzeitig ergeben sich
und dem Mittelmeer keine Ausweitung des neue lukrative Geschåftsfelder beim Bau und
Schiffstransportes mehr zulassen wçrde. Zum der spåteren Kontrolle der Pipelines. In Kon-
Machtpoker um den Zugriff auf Erdgas- und kurrenz dazu wurde allerdings von russischer
Erdælfelder setzte zugleich ein Wettstreit um Seite eine Úlpipeline von Burgas zum griechi-
die Transportwege ein, ein Wettstreit bei dem schen Hafen Alexandroupolis, die so genannte
unter der Pråsidentschaft von Vladimir Putin Transbalkan-Pipeline, vorangetrieben. Eine
Russland wieder eine energische Expansions- Begleiterscheinung war, dass Russland Grie-
politik betrieben wurde: Das eng mit dem chenland diplomatische Rçckendeckung im
Kreml verknçpfte Unternehmen Gazprom Namensstreit mit Mazedonien gab.
kontrollierte zunehmend alle wichtigen Pipe-
lines nach Europa. 19 Die EU und die USA Mazedoniens mçhsamer Weg
wetteiferten aus diesem Grunde um den Bau
alternativer, von russischem Einfluss freie in die EU und die NATO
Pipelines. Der Balkan und damit auch Maze-
donien gewannen dadurch zentrale Bedeu- Øhnlich wie die Anrainerstaaten Albanien
tung. Die EU verfolgte dabei unter anderem und Bulgarien strebte auch Mazedonien frçh
die Politik, eine schrittweise Verflechtung der in die EU und die NATO. Spåtestens seit
Region im Energiesektor, åhnlich der 1951 Ausbruch der Kosovo-Krise 1998 erkannte
gegrçndeten Montanunion, durchzusetzen. die EU die Dringlichkeit, auch den Westbal-
kan durch eine in Aussicht gestellte Aufnah-
18 Vgl. Norbert Mappes-Niediek, Balkan-Mafia. Staa- me zu stabilisieren. In Mazedonien kam die
ten in der Hand des Verbrechens, Berlin 2003, S. 99.
19 Vgl. Fred Schmid, Úl-Imperialismus, in: Leo 20 Vollståndiger Text des Treaty Establishing the

Mayer/Fred Schmid/Conrad Schuhler, G 8: Agenda Energy Community unter: www.energy-community.


des kollektiven Imperialismus, in: isw-Report 69 ±70 org.
(April 2007), S. 8 und Paul Gallis, NATO an Energy 21 Vgl. Franz-Lothar Altmann, Sçdosteuropa und die

Security, in: Congressional Research Service, 21. De- Sicherung der Energieversorgung der EU. SWP-Studie
zember 2006, S. 3. S. 1 (Januar 2007).

30 APuZ 32/2008
Besorgnis çber die bçrgerkriegsåhnlichen Zu- rasch die Aufnahme in die NATO zu erlan-
stånde 2001 hinzu. Im selben Jahr wurde zwi- gen. Die kleine mazedonische Armee wurde
schen Mazedonien und der EU ein Assoziati- seit 1999 modernisiert und in eine Berufsar-
onsabkommen unterzeichnet. Allein zwi- mee umgewandelt, und konnte sich so mit ei-
schen 2000 und 2006 erhielt Mazedonien fast genen Kontingenten an den US- bzw.
300 Millionen Euro Unterstçtzung aus Brçs- NATO-Missionen im Irak, in Afghanistan
sel. Tatsåchlich konnte das Land im Reform- und in Bosnien-Herzegowina beteiligen. Die
prozess nach 2001 auch betråchtliche Fort- NATO stellte Mazedonien schlieûlich fçr
schritte erzielen. Probleme bereitete aller- 2008 einen Beitritt in Aussicht. Eine entspre-
dings weiterhin die gefåhrliche Rivalitåt chende Einladung sollte wåhrend des
innerhalb der albanischen Eliten, insbesonde- NATO-Gipfels in Bukarest Ende Mårz/An-
re zwischen der BDI und der PDSh, die das fang April 2008 erfolgen, doch das NATO-
Land als nur bedingt stabil erscheinen lieûen. Mitglied Griechenland legte sein Veto dage-
Hinzu kamen die nur langsam voranschrei- gen ein. Ohne Klårung der Namensfrage ist
tenden Reformen im Justizwesen, beim Athen nicht bereit, einer Aufnahme seines
Abbau der çberdimensionierten staatlichen Nachbarn Mazedonien in das Nordatlanti-
Verwaltung sowie die kritische sozioækono- sche Bçndnis zuzustimmen. Dass es damit
mische Lage (eine Arbeitslosenrate von 30 bis auch die weitere Stabilisierung des Westbal-
40 Prozent, ein Auûenhandelsdefizit, ein zu- kans verhindert, von dem es selbst als wichti-
nehmendes wirtschaftliches West-Ost-Ge- ger Investor erheblich profitieren wçrde, ån-
fålle). Entgegen den Bedenken Frankreichs dert offenbar nichts an der sturen Haltung
und Groûbritanniens, die eine erneute EU- Griechenlands. 23 Entrçstet verlieû die maze-
Erweiterung mæglichst hinausschieben woll- donische Delegation den Gipfel vorzeitig.
ten, und dem bremsenden Einfluss Griechen-
lands, gestand die EU Mazedonien im De- Die Politische Krise im Frçhjahr 2008
zember 2005 den Kandidatenstatus zu, ohne
jedoch einen Termin zur Aufnahme der Bei- Das griechische Veto auf dem NATO-Gipfel
trittsverhandlungen zu nennen. Angesichts in Bukarest wirkte in Mazedonien mit seinen
der gewaltsamen Zwischenfålle wåhrend der fragilen innenpolitischen Verhåltnissen wie
Parlamentswahlen 2006 hat sich daran bis ein Katalysator. In den vorangegangenen drei
heute nichts geåndert. Jahren war der innere Frieden immer brçchi-
ger geworden, was vor allem auf den albani-
Viele bezweifelten, dass die EU selbst fit schen Verteilungskampf zurçckzufçhren ist.
genug wåre, eine erneute Erweiterung ins Die PDSh wollte es nicht hinnehmen, von
Auge zu fassen. Zudem waren die EU-Bçrger den Schalthebeln der Macht durch die BDI
spçrbar erweiterungsmçde. Andererseits be- verdrångt zu werden. Sowohl die Parlaments-
stand die Gefahr, dass die EU, sollte sie die wahlen am 15. September 2002 als auch die
nicht zu leugnenden Reformfortschritte Ma- Kommunalwahlen im Februar 2005 waren
zedoniens ignorieren, ihre Glaubwçrdigkeit von gewalttåtigen Zusammenstæûen in den
auf dem Westbalkan einbçûen wçrde. Kroa- çberwiegend albanisch besiedelten Gebieten
tien und die Tçrkei hatten den Kandidaten- geprågt. Beide Gruppierungen warfen sich
status bereits im Oktober 2005 erhalten, des- gegenseitig vor, in dunkle Geschåfte verwi-
halb konnte Brçssel an Mazedonien keine an- ckelt zu sein. Nunmehr war es die mitregie-
deren Maûståbe anlegen. Die EU befand sich rende BDI, Nachfolgeorganisation der maze-
somit aus sicherheitspolitischen Grçnden donischen UïK, die moderate Tæne an-
quasi selbst unter Zugzwang, die einmal in schlug; die zuvor gemåûigt aufgetretene
Gang gesetzte Erweiterungsdynamik auf dem PDSh vertrat demgegençber jetzt radikal-na-
Balkan fortzusetzen. 22 tionalistische Positionen. Zum Eklat kam es
schlieûlich wåhrend der Parlamentswahlen
Parallel zu den Anstrengungen um einen im Juli 2006. Wieder war der Wahlkampf in
EU-Beitritt versuchte Mazedonien mæglichst den albanischen Hochburgen von Gewaltta-
ten begleitet. Letztlich setzte sich die konser-
22 Vgl. Klaus Dahmann, EU-Kandidatenstatus fçr vative VMRO-DPMNE gegençber der bis-
Mazedonien: Politische Weitsicht. in: DW-Radio 17.
Dezember 2005, in: www.dw-world.de. (5. Mårz 23 Vgl. Griechenlands Starrsinn, in: Neue Zçrcher

2008). Zeitung Online vom 3. April 2008.

APuZ 32/2008 31
lang regierenden sozialdemokratischen den. In der Frage der weiterhin bestehenden
SDSM 24 durch. Anstatt jedoch wie bislang groûen ækonomischen Defizite des Landes
çblich, eine Koalition mit der stårksten alba- (eine hohe Inflation, eine weiterhin çber 30
nischen Partei einzugehen, welche in diesem Prozent liegende Arbeitslosenquote, weit ver-
Falle erneut die BDI unter Ali Ahmeti gewe- breitete Korruption) profitierte er in erster
sen wåre, holte die VMRO-DPMNE die Linie davon, dass die oppositionellen Sozial-
PDSh ins Kabinett. Die BDI entschloss sich demokraten ebenfalls kein schlçssiges Pro-
daraufhin zur Fundamentalopposition, boy- gramm zur Læsung der Probleme besaûen. 26
kottierte çber Monate das Parlament und for-
derte eine Verfassungsånderung ± danach Ungeklårt blieb der Machtkampf zwischen
mçsste automatisch die stårkste slawo- und den beiden groûen albanischen Parteien. Die
albano-mazedonische Partei die Regierung PDSh erreichte 10,52 Prozent (105 000 Stim-
bilden ±, konnte sich mit dieser Forderung al- men), die BDI 11,12 Prozent (111 000 Stim-
lerdings nicht durchsetzen. 25 Zwar kam die men), womit beide Parteien etwa 13 Mandate
BDI Anfang 2007 wieder zurçck ins Parla- erhalten wçrden. Hinzu kåme ein Mandat
ment, aber der Rivalitåtskampf auf albani- einer dritten, albanischen Kleinstpartei, die
scher Seite hatte unverkennbar eine neue Es- allerdings die Bereitschaft zeigte, mit der
kalationsstufe erreicht. Nachdem auch die PDSh zu fusionieren. Die Wahlentscheidung
PDSh mit ihrer Forderung, die Unabhångig- blieb indes offen, da die Ergebnisse von nahe-
keit des Kosovos anzuerkennen, die Koaliti- zu 200 (von 2976) Wahllokalen infolge ge-
on mit der VMRO-DPMNE in Frage gestellt fålschter Wahlzettel und Einschçchterungen
hatte, gab das griechische Veto in Bukarest von Wåhlern annulliert werden mussten.
den letzten Ausschlag, die politikverdrossene Rund 170 000 Wåhler wurden am 15. Juni
Wåhlerschaft vorzeitig zu den Urnen zu noch einmal zu den Urnen gerufen. 27 Diese
rufen. Der regierende Ministerpråsident Teilwiederholung entschied die BDI eindeu-
Gruevski benætigte eine klare demokratische tig mit 50,2 Prozent fçr sich und erhielt damit
Beståtigung durch die Wåhler, wollte er seine landesweit 11,5 Prozent. Die PDSh erreichte
harte Haltung gegençber Griechenland selbst nur knapp 40 Prozent (landesweit 7,3 Pro-
zum Preis eines blockierten NATO-Beitritts zent) bei einer Wahlbeteiligung von nur
beibehalten. etwas mehr als 53 Prozent. Damit setzte sich
die BDI zwar erneut als stårkste albano-ma-
Seitens der EU wurden die Wahlen als zedonische Kraft durch. Die nationalkonser-
wichtiger Test dafçr bewertet, ob das Land vative VMRO-DPMNE konnte durch die
die ausreichende Reife fçr eine Fortsetzung Teilnachwahlen ihr çberragendes Gesamter-
des Beitrittsprozesses habe. Dies wurde je- gebnis bei 50,4 Prozent stabilisieren. 28 Der
doch im Frçhjahr 2008 mehr als in Frage Mazedonien schwer belastende Machtkampf
gestellt. Ûber Wochen waren das albanisch innerhalb der albanischen Eliten des Landes
dominierte Westmazedonien und die albani- wurde damit jedoch nicht beendet.
schen Viertel Skopjes gewalttåtigen Ûbergrif-
fen ausgesetzt. Es kam zu Schieûereien mit Ausblick
einem Todesopfer sowie mehreren Verletzten
und zu einem Attentat auf den BDI-Vorsit- Auch wenn mit der Wahl im Juni 2008 erst-
zenden Ali Ahmeti. Bei den am 1. Juni 2008 mals ein mazedonischer Ministerpråsident im
stattfindenden Wahlen gewann der Amtsin- Amt beståtigt worden ist, so trçgt doch die
haber Nikola Gruevski mit seiner VMRO- scheinbare Stabilitåt: Alle ins Land gekom-
DPMNE im Bçndnis mit 18 kleinen Parteien menen Wahlbeobachter waren sich einig, dass
die absolute Mehrheit. Dies konnte als Bestå- die Wahl nicht internationalen Standards ent-
tigung seines harten nationalen Kurses im
Namensstreit mit Griechenland gedeutet wer- 26 Vgl. Sime Nedevski, Mazedonien: Wahl als Chance

zur Stabilisierung, in: www.dw-world.de/dw/article/


0,2144,3371213,00.html (31. Mai 2008).
24 SDSM: Social-Demokratski Sojuz na Makedonija 27 Vgl. Mazedonien annulliert Wahlergebnisse in 193

(Bund der Sozialdemokraten Makedoniens). Wahllokalen, in: Neue Zçrcher Zeitung Online vom
25 Bgl. Ulrich Kleppmann/Stiv Divijakosi, Jahres- 8. Juni 2008.
bilanz Mazedonien 2006/2007: Politik und Wirtschaft. 28 Vgl. Teilwiederholung der Wahl in Mazededonien:

KAS-Lånderbericht Auslandsbçro Mazedonien vom Albanerpartei siegt bei Parlamentswahl, in: www.
5. Juli 2007. news.at/articles/0825/15/209228.shtml (16. Juni 2008).

32 APuZ 32/2008
sprochen hatte. Damit wird die Aufnahme Marie-Janine Calic
von Beitrittsgespråchen mit der EU erneut
verzægert, was vielen EU-Politikern aller-
dings nicht unbedingt ungelegen kommen Kosovo: der
jçngste Staat in
dçrfte. Der griechisch-mazedonische Na-
mensstreit hatte sich bereits in den Wochen
nach den Wahlen weiter zugespitzt und es ist

Europa
unwahrscheinlich, dass sich beide Lånder
unter den gegenwårtigen Regierungen auf
einen Kompromiss werden einigen kænnen.
Damit bleibt Mazedonien auch die NATO
verschlossen, womit ein wichtiger Schritt zur
Stabilisierung der Region ausbleibt. Darçber
hinaus ist davon auszugehen, dass im inner- A m 17. Februar 2008 entstand mit der
Unabhångigkeitserklårung Kosovos der
jçngste Staat auf dem europåischen Konti-
albanischen Machtkampf des Landes auch
nach den Wahlen im Juni 2008 kein Friede nent. Damit verwirklichte die albanische
einkehren wird. Zu måchtig sind die staatli- Mehrheitsbevælkerung in der vormals serbi-
chen Patronagenetze mit ihren Pfrçnden und schen Provinz einen Jahrzehnte alten Traum.
Posten fçr die albano-mazedonische Politi- Gleichzeitig kam eine weitere Etappe des blu-
kerklasse geworden, nicht erst seit dem Ohri- tigen Auflæsungsprozesses Jugoslawiens zum
der Abkommen. Es ist zu befçrchten, dass Abschluss.
undurchsichtige Verbindungen der Parteien
zum kriminellen Milieu in Mazedonien sowie Die Souverånitåt des Marie-Janine Calic
zum benachbarten Albanien und Kosovo Zweimillionenstaates Dr. phil., Professorin für Ge-
dazu beitragen werden, dass auch in Zukunft ist von den USA, vielen schichte Ost- und Südosteuro-
der Machtkampf nicht mit demokratischen europåischen und an- pas an der Ludwig-Maximilians-
Mitteln ausgetragen werden wird. deren Staaten aner- Universität München, Histori-
kannt worden. Ein sches Seminar, Geschwister-
Auch wenn Mazedonien fçr die EU und nicht unbedeutender Scholl-Platz 1, 80539 München.
die USA als zentralbalkanischer Stabilitåts- Teil der Weltgemein- Zur Zeit Senior Fellow am Frei-
faktor und wichtiges Glied in zukçnftigen schaft hålt die einseiti- burg Institute for Advanced Stu-
Energiekorridoren an Bedeutung gewonnen ge Unabhångigkeitser- dies (FRIAS).
hat, muss der weitere Weg des Landes doch klårung Kosovos, die mj.calic@lmu.de
kritisch verfolgt werden. Ob die gesellschaft- keine Legitimation
lichen Eliten des Landes in der Lage sein wer- durch die UNO besitzt, hingegen fçr vælker-
den, die sich seit 2001 noch weiter vertiefende rechtswidrig. Dass durch die Staatsgrçndung
soziale Trennung zwischen Albano- und der mehr als 100 Jahre alte Konflikt um den
Slawo-Mazedoniern zu stoppen oder ob sie politischen Status dieses Landes beendet ist,
eine åhnlich gefåhrliche Entwicklung wie im muss in jedem Fall bezweifelt werden.
zerrissenen Belgien forcieren werden, ist
offen. Der weiterhin ungebrochene Kliente- Historische Hintergrçnde
lismus in Politik und Wirtschaft, der Einfluss
des benachbarten, instabilen Kosovo sowie Seit 1912/13, als Serbien in den Balkankriegen
die einflussreiche Stellung des organisierten das Kosovo vom Osmanischen Reich er-
Verbrechens und der lokalen Oligarchen wer- oberte, ist die politische Zugehærigkeit zwi-
den çber Jahre ein schweres Erbe bleiben. schen Albanern und Serben umstritten. 1
Beide erheben mit historischen, bevælke-
rungsgeschichtlichen, politischen und juristi-
schen Argumenten Anspruch auf die Provinz.
Die Kosovaren verlangen unter Berufung auf
1 Eine knappe Zusammenfassung verschiedener
Aspekte des Kosovo-Problems befindet sich bei Bern-
hard Chiari/Agilolf Kesselring, Wegweiser zur Ge-
schichte Kosovo, Paderborn u. a. 2006. Eine um-
fassendere wissenschaftliche Darstellung bietet Noel
Malcolm, Kosovo: a short history, New York 1999.

APuZ 32/2008 33
das Selbstbestimmungsrecht ihren eigenen rung. Immer wieder ging die Armee gewalt-
Staat, wåhrend Belgrad die Provinz als inte- sam gegen albanische Freiheitskåmpfer und
gralen Bestandteil Serbiens betrachtet und die die Zivilbevælkerung vor. Allerdings haben
Wahrung seiner staatlichen Souverånitåt und auch die Serben phasenweise unter Verfol-
territorialen Integritåt einklagt. Hinter dem gung gelitten, vor allem wåhrend des Zweiten
Problem stehen sozioækonomische, demogra- Weltkriegs, als Kosovo 1941 ±1944 unter ita-
phische und kulturelle Konflikte. Wer dabei lienischer und deutscher Besatzung mit
Recht hat, ist fçr die Læsung des Problems ¹Groûalbanienª vereint war. Nach dem
zweitrangig: Beide Seiten haben seit langem Zweiten Weltkrieg beklagten sie Diskriminie-
nur die eigenen Ziele vor Augen und weigern rung, nachdem Josip Broz Tito der Provinz
sich, die legitimen Interessen der jeweils An- weitgehende Autonomie zugestanden hatte
deren anzuerkennen. und es zu einer umfassenden Albanisierung
von Staat und Gesellschaft kam.
In Serbien hat man den Besitz Kosovos zu
einer Schicksalsfrage von groûer symboli- Auch auf der Mikroebene hat das Zusam-
scher Bedeutung stilisiert. Seit dem Mittelal- menleben nie sonderlich gut funktioniert.
ter ist die serbische nationale Identitåt unauf- (Mehrheitlich orthodoxe) Serben und (çber-
læslich mit Kosovo verknçpft; hier lag der po- wiegend muslimische) Albaner sprechen eine
litische, kulturelle und religiæse Mittelpunkt unterschiedliche Sprache und sind sich aus
des serbischen Kænigreichs. Am Sankt-Veits- historischen und kulturellen Grçnden fremd
Tag 1389, dem 28. Juni, hatte das serbische geblieben: Keine zwei Vælker Jugoslawiens
Heer schwere Verluste gegen die vordringen- haben einander so tief misstraut und so stark
den Osmanen erlitten. Die Schlacht auf dem abgelehnt. Jugoslawische Soziologen stellten
Amselfeld markierte den Anfang vom Ende 1989/90 in Kosovo die geringste Bereitschaft
des serbischen Groûreichs. Weil es dem ser- zu ethnischer Toleranz von allen Landesteilen
bisch-orthodoxen Patriarchat in Pec gelang, Jugoslawiens fest. Und nur selten haben Ser-
das geistig-kulturelle Erbe der Serben durch ben und Albaner Freundschaften und fast nie
die Jahrhunderte der osmanischen Fremd- Ehen miteinander geschlossen. 60 Prozent
herrschaft zu retten, sind orthodoxe Religion der Albaner und 57 Prozent der Serben woll-
und serbisches Nationalbewusstsein symbio- ten grundsåtzlich keinen Ehepartner der je-
tisch miteinander verbunden. Viele national- weils anderen Nationalitåt in Betracht zie-
bewusste Serben erblicken im Kosovo eine hen. 3 Aus der ¹sozialen Distanzª ist durch
Art nationales ¹Jerusalemª und fçrchten die Ereignisse der 1990er Jahre tiefe Ableh-
gleichzeitig, dass hier der Kristallisationskern nung, mitunter auch Hass, geworden.
eines groûalbanischen Staates liegen kænne.
Auch wirtschaftliche und soziale Faktoren
Auch die Albaner betrachten Kosovo aus haben eine Rolle gespielt. Kosovo trågt die
nationalhistorischen Erwågungen als ihr urei- typischen Merkmale eines Entwicklungslan-
genstes Land: 1878 war hier die Liga von des: Mit 23,1 pro Tausend hatte es vor dem
Prizren, die moderne albanische Nationalbe- Krieg die hæchste Geburtenrate innerhalb
wegung, entstanden. Als die Groûmåchte Europas. Viele Serben fçrchteten, dass sie von
1912/13 tatsåchlich erstmals einen albani- den Albanern demographisch verdrångt wçr-
schen Staat schufen, blieben jedoch Kosovo den. Zwischen 1948 und 1991 stieg der Bevæl-
und andere albanische Siedlungsgebiete unbe- kerungsanteil der Albaner im Kosovo von 68
rçcksichtigt. Fast die Hålfte der Albaner Prozent auf 81 Prozent, jener der Serben sank
wurde zu Minderheiten in den Nachbarstaa- im gleichen Zeitraum von 24 Prozent auf 10
ten. Seither ist der Wunsch nach Vereinigung Prozent. Grçnde dafçr waren aber nicht nur
und Selbstbestimmung eine zentrale Trieb- das demographische Wachstum der Albaner,
kraft der Auseinandersetzung. 2 sondern auch die wirtschaftlich motivierte
Abwanderung von Serben in die reicheren
An die Eingliederung Kosovos in serbi-
sches bzw. jugoslawisches Staatsgebiet 1912/ 3 Vgl. Dragomir Pantic  , Nacionalna distanca gradjana
13 haben die Kosovaren keine gute Erinne-
Jugoslavije (Die nationale Distanz der Bçrger Jugo-
slawiens), in: Jugoslavija na kriznoj prekretnici (Jugo-
2 Vgl. Judy Batt (ed.), Is there an Albanian question?, slawien im Krisenumbruch), Beograd 1991, S. 168±
Chaillot Paper no 107, Paris January 2008. 186.

34 APuZ 32/2008
Landesteile Jugoslawiens. Viele beklagten dem Druck des Nationalismus entzogen und
Diskriminierung und Verfolgung. 4 Bei den den Gespråchsfaden zwischen den Volks-
Serben verfestigte sich das Gefçhl, aus ihrem gruppen nicht abreiûen lassen. Auf beiden
¹nationalen Jerusalemª demographisch ver- Seiten wurden sie deswegen als Verråter ge-
drångt zu werden. In den 1990er Jahren belief brandmarkt.
sich das Zahlenverhåltnis von Albanern zu
Serben im Kosovo auf 9:1, das demographi- Die fçhrende Partei, die Demokratische
sche Wachstum jedoch auf 16:1. 5 Liga Kosovo (Lidhja Demokratike e KosovŸs
± LDK) wollte ihr politisches Ziel, die unab-
Obwohl Kosovo im fæderalistischen Sys- hångige ¹Kosova Republikaª, mit gewaltlo-
tem Jugoslawiens weitreichende Autonomie sen Mitteln erreichen. Daher war man dar-
besaû, ging den Kosovaren die Selbståndig- çber schockiert, dass die Staatengemeinschaft
keit nicht weit genug. Ein Jahr nach Titos diese Forderung nicht unterstçtzte. Eine
Tod kam es 1981 zu blutigen Unruhen, als 1991/92 von der Europåischen Gemeinschaft
Demonstranten offen ¹Kosova Republikaª, gebildete Kommission unter Leitung des
also eine gleichberechtigte Teilrepublik, und franzæsischen Verfassungsrechtlers Robert
manch einer die Unabhångigkeit forderte. Im Badinter hatte die Prinzipien zur Anerken-
Zuge des innerjugoslawischen Ringens um nung neuer Staaten in Europa definiert. Diese
Reformen, favorisierte Serbien unter der Prå- kam zu dem Schluss, dass zwar den Teilrepu-
sidentschaft Slobodan MiloÉevicÂs eine stårke- bliken Jugoslawiens, nicht jedoch den auto-
re Zentralisierung Jugoslawiens. 1989 setzte nomen Provinzen innerhalb Serbiens das
er den Kosovo-Mythos in Szene, als er sich in Recht auf Sezession zustand. 6
einer viel beachteten Rede zum 600. Jahrestag
der Schlacht auf dem Amselfeld an das serbi- Auch nach Ende des Bosnien-Krieges 1995
sche Volk wandte und die Rçckkehr zu frç- zægerte die Staatengemeinschaft, sich mit der
herer nationaler Græûe beschwor. Bereits im Statusfrage im Kosovo zu befassen. Viele Al-
Mårz 1989 hatte das serbische Parlament die baner waren davon enttåuscht. Im Herbst
Autonomie des Kosovo weitgehend aufgeho- 1997 kam es zu studentischen Massendemon-
ben. Die Albaner verstanden dies zu Recht strationen in Prishtina. Rund 3000 Studenten
als Kampfansage. forderten die Ûbernahme der Universitåt ±
ein deutliches Zeichen dafçr, dass sich die
jçngere politisierte Generation um ihre Zu-
Eskalation der Gewalt kunft betrogen fçhlte.

Als sich 1990 die innere Auflæsung Jugosla- Immer mehr der ¹in Dayton Vergessenenª
wiens andeutete, sahen die Kosovaren den kamen zu dem Schluss, dass nur eine Eskala-
historischen Moment ihrer Verselbståndigung tion der Gewalt das Interesse der internatio-
gekommen. Im Juli 1990 hat sich Kosovo von nalen Gemeinschaft am Kosovo binden
Serbien unabhångig erklårt, im September kænne. Damit sollten sie Recht behalten. 1996
1991 stimmte die albanische Bevælkerungs- ist erstmals die Untergrundorganisation Ko-
mehrheit in einem Referendum fçr den ¹sou- sovo-Befreiungsarmee (Ushtria ïlirimtare e
verånen und unabhångigen Staat Kosovoª. KosovŸs ± UïK) æffentlich in Erscheinung
Sie bauten einen Schattenstaat mit Regierung, getreten. Sie soll sich vor allem durch Dro-
Pråsidentschaft und parallelem Steuer-, genschmuggel und Gelder von Emigranten fi-
Schul- und Gesundheitssystem aus. Albani- nanziert haben. Als Hochburgen galten die
sche Kinder lernten kein Serbokroatisch Gemeinden SkŸnderaj/Srbica und Gllogovci/
mehr. Die national orientierten Kosovaren Glogovac in der Region Drenica. Dort sollen
wollten auch mit der serbischen Opposition sie im September 1997 erstmals Gebiete ¹be-
nicht kooperieren. Nur wenige serbische und freitª haben. Seit Mitte 1997 hat die UïK
albanische Politiker und Intellektuelle haben systematisch Anschlåge auf serbische Polizei-
sich in den konfliktreichen 1990er Jahren einrichtungen, Privathåuser und albanische
4 Vgl. Jasna Dragovic  -Soso, Saviours of the nation?
Serbia's intellectual opposition and the revival of na- 6 Vgl. Alain Pellet, The Opinions of the Badinter Ar-

tionalism, London 2002, S. 115 ff. bitration Committee: A Second Breath for the Self-
5 Vgl. International Crisis Group, Kosovo Spring, 24 Determination of Peoples, in: www.ejil.org/journal/
March 1998, S. 6. Vol3/No1/art12.html (11. 6. 2008).

APuZ 32/2008 35
¹Kollaborateureª verçbt. Seit Mårz 1998 ging Dass es einen langfristig vorbereiten ¹Hufei-
Belgrad mit Sonderpolizei und Armee scharf sen-Planª der jugoslawischen Armee zur ge-
gegen die Aufståndischen vor, der Konflikt zielten ¹ethnischen Såuberungª des Kosovo
eskalierte zum Krieg. Razzien, Misshandlun- gegeben habe, ist nie bewiesen worden. Erst
gen und Schauprozesse gegen vermeintliche nach drei Monaten, am 3. Juni 1999, gab Bel-
Hochverråter haben die Liste der von inter- grad nach und stimmte dem Vorschlag der
nationalen Regierungs- und Nichtregierungs- Staatengemeinschaft zu, Kosovo in ein inter-
organisationen beklagten Menschenrechtsver- nationales Protektorat innerhalb Jugosla-
letzungen tåglich verlångert. 7 Damit haben wiens zu verwandeln. Der Sicherheitsrat der
serbische Sicherheitskråfte unbeabsichtigt Vereinten Nationen (UN) entschied mit
eine breite Solidarisierung der Kosovaren mit Resolution 1244 vom 10. Juni 1999 çber die
den albanischen Gewaltakteuren bewirkt und Einrichtung einer Ûbergangsverwaltung
die internationale Úffentlichkeit in Alarmbe- (UNMIK), kurz darauf rçckte die NATO-
reitschaft versetzt. gefçhrte Friedenstruppe Kosovo Force
(KFOR) in die Krisenprovinz ein. Aber
Die internationale Gemeinschaft versuchte wenngleich der Kosovo-Konflikt mit Errich-
auf vielen Ebenen måûigend auf die Konflikt- tung der Protektoratsverwaltung befriedet
parteien einzuwirken. 8 Aber weder die von war, blieb die an seinem Ursprung liegende
der Europåischen Union (EU) verhångten albanische Frage ungelæst. 10
Sanktionen gegen Belgrad noch die zahlrei-
chen Ermahnungen der Kontaktgruppe Auf dem Weg zu einer Statuslæsung
fruchteten. Wesentlichen Einfluss auf die Ent-
scheidung, auch militårische Mittel einzuset- Mit der internationalen Verwaltung Kosovos
zen, hatte die Tætung von 45 Albanern in begann die Staatengemeinschaft ein extrem
RacÏak im Januar 1999. 9 Nach dem Scheitern anspruchsvolles und bis dahin einmaliges
letzter Vermittlungsbemçhungen im Februar Projekt des ¹nation-buildingª. Såmtliche
1999 auf dem franzæsischen Schloss Ram- staatliche Funktionen wurden von internatio-
bouillet, wo die Kontaktgruppe einen Plan naler Seite çbernommen, mit dem Ziel, eigene
zur international beaufsichtigten Autonomie Institutionen zu schaffen sowie das Wirt-
Kosovos vorgelegt hatte, begann die NATO schafts-, Sozial- und Rechtssystem von
am 24. Mårz 1999 einen Luftkrieg gegen mili- Grund auf zu erneuern.
tårische Einrichtungen, Infrastruktur und In-
dustrieanlagen in der Bundesrepublik Jugo- Resolution 1244 blieb hinsichtlich der Sta-
slawien. Ziel war es, eine ¹humanitåre Kata- tusfrage ambivalent. Einerseits wurde
stropheª zu verhindern, was allerdings klar UNMIK beauftragt, ¹substantielle Autono-
verfehlt wurde. Im Gegenteil ± der Bomben- mie und Selbstregierungª in Kosovo zu fær-
krieg heizte die Zerstærungswut serbischer Si- dern, was die albanische Seite als ersten
cherheitskråfte und Paramilitårs erst Recht Schritt in die Unabhångigkeit begriff, zumal
an: Innerhalb weniger Tage entwickelte sich eine ¹endgçltige Læsungª noch ausstand. An-
eine der græûten Flçchtlingsbewegungen der dererseits wurde aber gleichzeitig auch die
europåischen Nachkriegsgeschichte: Rund Verpflichtung aller Staaten bekråftigt, die
800 000 Menschen flohen oder wurden aus ¹Souverånitåt und territoriale Integritåtª der
dem Kosovo in die Nachbarlånder vertrieben. Bundesrepublik Jugoslawien gemåû der
7 Vgl. United Nations General Assembly, Human
Charta von Helsinki zu wahren, was nun
wiederum der serbischen Seite entgegenkam.
Rights Questions: Human Rights Situations and Re-
ports of Special Rapporteurs and Representatives. Si- UNMIK sollte einen ¹politischen Prozessª
tuation of Human Rights in Kosovo. Report of the Se- anstoûen, um ¹Kosovos kçnftigen Statusª zu
cretary-General (A/52/502, 17. October 1997; A/51/ bestimmen. Beide Seiten konnten aus der Re-
556, 25. October 1996; and A/50/767 20 November solution herauslesen, was ihre eigene Position
1995). stçtzte.
8 Zur Geschichte der internationalen Interventionen

vgl. Rafael Biermann, Lehrjahre im Kosovo, das


Scheitern der internationalen Krisenpråvention vor Unter dem Motto ¹Standards vor Statusª
Kriegsausbruch, Paderborn 2006. fçhrte der damalige VN-Sonderbeauftragte
9 Vgl. Marie-Janine Calic, Die Jugoslawienpolitik des

Westens seit Dayton, in: Aus Politik und Zeit- 10 Vgl. Marie-Janine Calic, Kosovo 2004, in: Sçd-

geschichte (APuZ) (1999) 34, S. 22±32. osteuropa, 52 (2003), 7 ±9, S. 341 ±354.

36 APuZ 32/2008
Michael Steiner erste Sondierungsgespråche Routineçbungª, ohne politisch-strategische Fçhrung
mit beiden Partnern. Im Herbst 2003 began- und inhaltliche Kohårenz. 12 Er empfahl eine ¹dynami-
nen Arbeitsgruppen, sich mit technischen schereª Politik in Bezug auf die Standards, den unkon-
Fragen von Energieversorgung, Transport ditionierten Beginn von Statusverhandlungen sowie
und Telekommunikation, Flçchtlingsrçck- eine Reform von UNMIK.
kehr und vermissten Personen zu befassen.
Politische Status-Optionen wurden noch Zwischen November 2005 und Mårz 2007 unter-
nicht diskutiert. Grundidee war das Prinzip nahm der UN-Sondergesandte Martti Ahtisaari An-
der Konditionalitåt: Bevor man çber Unab- strengungen zur Vermittlung einer dauerhaften Status-
hångigkeit sprechen kænne, sollten zuerst be- læsung zwischen den Konfliktparteien, wobei erstmals
stimmte Bedingungen erfçllt sein. Dabei ging auch die Unabhångigkeit in Betracht kam. Aber die di-
es um den Aufbau funktionierender staatli- plomatischen Bemçhungen scheiterten an der Unnach-
cher Institutionen, Rechtsstaatlichkeit, Bewe- giebigkeit beider Seiten: Die Albaner waren nicht be-
gungsfreiheit, Flçchtlingsrçckkehr, wirt- reit, etwas anderes als die Unabhångigkeit als Ergebnis
schaftliche und eigentumsrechtliche Voraus- des Prozesses zu akzeptieren, wobei sie Belgrad çber-
setzungen, Dialog mit Belgrad und Reform haupt das Recht auf Mitentscheid absprachen. Serbien
des paramilitårischen Kosovo Protection wiederum wollte lediglich ¹mehr als Autonomie, we-
Corps. Viele Kosovaren betrachten diese Po- niger als Unabhångigkeitª zubilligen, was den Alba-
litik UNMIKs jedoch als kçnstliche Verlån- nern inakzeptabel erschien.
gerung des Status quo, der die tiefgreifenden
wirtschaftlichen und sozialen Probleme ihres Ahtisaari pråsentierte schlieûlich einen eigenen
Landes einfrieren und auf lange Sicht noch ¹Umfassenden Vorschlag fçr die Kosovo Status-Læ-
weiter verschårfen wçrde. sungª, den er selbst als Kompromiss ansah. Wåhrend
die Albaner den Plan annahmen, lehnten ihn die Ser-
Rasch zunehmende Frustrationen haben ben zutiefst ab. Kern des Vorschlags war die interna-
das Ansehen der internationalen Verwaltung tional çberwachte Unabhångigkeit mit folgenden Ele-
UNMIKs in wenigen Jahren untergraben. menten: 13
Man warf ihr Arroganz, Unfåhigkeit und ko-
loniales Gebaren vor. 11 Im Frçhjahr 2004 ± Aufbau eines multi-ethnischen, demokratischen und
kam es ± ausgehend von der zwischen Serben rechtsstaatlichen Kosovo mit entsprechender Verfas-
und Albanern geteilten Stadt Mitrovica ± zu sung;
pogromartigen Ausschreitungen gegen
Nichtalbaner. Tausende flohen vor dem an- ± Garantie von Gemeinschaftsrechten fçr Minderhei-
stçrmendem Mob, Håuser und Kirchen gin- ten (Schutzrechte im Bereich von Sprache, Kultur, Bil-
gen in Flammen auf. Mehrere Tote, hunderte dung und nationalen Symbolen) sowie Prinzipien eth-
Verletzte und tausende Flçchtlinge sind die nischer Repråsentation in den Institutionen;
traurige Bilanz dieses Ereignisses, das die
Staatengemeinschaft zu einem politischen ± Dezentralisierung und Stårkung der Lokalverwal-
Schwenk bewegt hat. Endlich sollte die Sta- tungen;
tusfrage grundsåtzlich geklårt werden.
± Schutz des Kulturerbes (40 Schutzzonen fçr ser-
Im Frçhjahr 2004 entsandte der UN-Gene- bisch-orthodoxe Kirchen und Klæster);
ralsekretår den norwegischen Botschafter Kai
Eide, um nach Wegen aus der Misere zu su- ± Rçckkehrrecht fçr alle Flçchtlinge;
chen. Dieser sprach klare Worte çber das
Auftreten der Staatengemeinschaft: Sie ¹(. . .) ± Internationale Pråsenz eines Internationalen zivilen
war nicht in der Lage, die Stimmungslage in Repråsentanten zur Ûberwachung der Umsetzung.
der Mehrheitsbevælkerung richtig einzuschåt-
zen, ihre Frustration und Ungeduld richtig
zu bewerten. Ebenso hat sie das extremisti-
sche Potential zur Mobilisierung von ethni-
12 The Situation in Kosovo. Report to the Secretary-General of
scher Gewalt nicht richtig begriffen (. . .)ª
the United Nations, August 17, 2004, para. 10.
Die Aktivitåten im Kosovo seien nicht mehr 13 Vgl. Report of the Special Envoy of the Secretary-General on
als eine ¹statische, nach innen gerichtete . . . Kosovo's future status: The Comprehensive proposal for Kosovo
Status Settlement: in www.unosek.org/unosek/en/status-
11 Vgl. ausfçhrlicher ebd. proposal.html (11. 6. 2008).

APuZ 32/2008 37
Diesen Plan sandte der Generalsekretår der gegen die einseitige Unabhångigkeitserklå-
Vereinten Nationen, Ban Ki Moon, am 26. rung zu schwåchen.
Mårz 2007 an den Sicherheitsrat. Die westli-
chen Staaten wollten eine Resolution durch- Auf Vorschlag von Bundesauûenminister
setzen, durch die der Ahtisaari-Plan håtte ab- Frank-Walter Steinmeier einigte sich die Ko-
gesegnet werden sollen. Russland war jedoch sovo-Kontaktgruppe Mitte 2007 darauf,
nicht bereit, eine Læsung gegen den Willen unter Leitung des deutschen Diplomaten
Serbiens mitzutragen, da es darin eine Verlet- Wolfgang Ischinger eine Troika aus Europåi-
zung geltenden Vælkerrechts sowie einen ge- scher Union, Russland und USA zu bilden,
fåhrlichen Pråzedenzfall fçr vergleichbare um noch einen letzten Vermittlungsversuch
Konflikte in aller Welt sah. An seinem Wider- zu unternehmen. Alle mæglichen ¹kreativen
stand scheiterte Ahtisaaris Plan im Sicher- Læsungenª hat Ischingers Team auf den Ver-
heitsrat, Resolution 1244 blieb weiter in handlungstisch gelegt, darunter auch ein vom
Kraft. Nun trat als Alternative eine einseitige deutschen Grundlagenvertrag inspiriertes
Unabhångigkeitserklårung Kosovos ohne Abkommen. Bis zum 10. Dezember 2007
vælkerrechtliche Absicherung in den Vorder- sollte der Prozess abgeschlossen sein. Aber
grund. die Parteien bewegten sich nicht. 15

Die Juristen waren sich allerdings nicht Mit Rçckendeckung des Westens erklårte
einig, ob Kosovo das Recht auf eine einseitig das Parlament Kosovos am 17. Februar 2008
erklårte Unabhångigkeit habe oder nicht. daher wie erwartet die Unabhångigkeit, und
Nach gångiger vælkerrechtlicher Meinung zwar ohne Rçckendeckung des UN-Sicher-
umfassen die Voraussetzungen von Staatlich- heitsrats. Die Kosovaren zeigten sich bereit,
keit die Elemente Staatsgebiet, Staatsvolk und den Ahtisaari-Plan umzusetzen. Generalse-
das Vorhandensein einer effektiven Staatsge- kretår Ban Ki Moon stellte die Anerkennung
walt. Ob diese drei Kriterien im Kosovo er- Kosovos als bilateralen Akt von Staaten an-
fçllt waren, erschien bei jedem einzelnen heim. Nach den USA haben auch viele euro-
fraglich. Zudem war strittig, ob die Resoluti- påische Staaten die Souverånitåt Kosovos an-
on 1244 grundsåtzlich die einseitig erklårte erkannt. Aufgrund des Widerstandes Serbiens
Eigenstaatlichkeit zulieû oder nicht. 14 Was haben sich neben Russland und China andere,
sollte passieren, wenn dieser selbstprokla- darunter auch die EU-Mitglieder Spanien,
mierte Staat nur von einem Teil der Weltge- Zypern, Rumånien und die Slowakei und
meinschaft anerkannt und dadurch der Zu- viele andere geweigert, diesen Schritt zu voll-
stand prekårer Staatlichkeit geschaffen ziehen.
wçrde?
Damit traten kritische Fragen in den Vor-
Letztlich handelte es sich aber um eine po- dergrund: Handelte es sich um einen vælker-
litische, nicht juristische Frage. Die Amerika- rechtswidrigen Akt, der die Legitimitåt der
ner, gefolgt von Briten, Franzosen, Deutschen Staatengemeinschaft in der Provinz unter-
und Italienern als Mitglieder der Kontakt- grub? Wie sollte ein Konzept umgesetzt wer-
gruppe, waren mittlerweile entschlossen, den den, dem die Zustimmung einer Partei, nåm-
Zustand der Statusunsicherheit im Kosovo in lich der Serben, fehlt? Ohnehin erschien das
jedem Fall zu beenden. Allerdings sollte die von Ahtisaari vorgeschlagene Konstrukt so
Weltgemeinschaft davon çberzeugt werden, komplex, dass man sich fragen muss, ob und
dass alle Mæglichkeiten ausgeschæpft worden mit wem es je in die Tat umgesetzt werden
waren und dass eine einseitige Anerkennung kann. Dies betrifft vor allem die Regelungen
Kosovos letztlich das kleinere Ûbel darstellte. fçr Mitrovica, den Minderheitenschutz, die
Alle Bemçhungen gingen daher in die Rich- lokale Selbstverwaltung und anderes. Ist Ko-
tung, doch noch eine vælkerrechtliche Basis sovo wirklich ein Fall sui generis oder geht
zu schaffen, oder zumindest den Widerstand nicht doch Pråzedenzwirkung von ihm aus?

15 Vgl. Security Council: Letter from the Secretary-


14 Vgl. Anne Peters, Die Anerkennung Kosovos als General to the President of the Security Council, 10.
Ermessensfrage. Selbståndigkeit und Unabhångigkeit December 2007. Enclosure: Report of the European
aus vælkerrechtlicher Sicht, in: Neue Zçrcher Zeitung Union/United States/Russian Federation Troika on
(NZZ) vom 1. Februar 2008, S. 7. Kosovo, 4. December 2007, S/2007/723.

38 APuZ 32/2008
Nicht nur in Bosnien-Herzegowina und Ma- reich beschåmend schlechte Ergebnisse er-
zedonien, auch in Georgien, Abchasien und zielt. Vor dem Krieg lebten rund 200 000 Ser-
Sçd-Ossetien gibt es unerfçllte Separations- ben, weitere rund 60 000 slawische Muslime
wçnsche. 16 (Bosniaken und Goraner) sowie schåtzungs-
weise 40 000 Roma, Ashkali und Øgypter
sowie Tçrken, Kroaten und andere Minder-
Wie reif ist Kosovo fçr die heiten im Kosovo.
Unabhångigkeit? Mehr als 230 000 Menschen sind unter den
Augen von NATO und UNMIK seit 1999
Kosovo hat seit 1999 groûe Fortschritte in
aus der Provinz vertrieben worden, nur
Richtung auf die Selbstregierung gemacht.
17 697 sollen seit 2000 als Minderheiten in
Nach den ersten Wahlen im November 2001
ihre Heimat zurçckgekehrt sein. Diskrimi-
wurden im Mårz 2002 die Provisorischen Ins-
nierung und Verfolgung sind nach wie vor an
titutionen (Provisional Institutions of Self-
der Tagesordnung. 17 Die Frage von Minder-
Government ± PISG) geschaffen, nåmlich
heitenrçckkehr und -rechten rçhrt am
Parlament, Pråsidentschaft und Lokalverwal-
Grundverståndnis des noch sehr jungen koso-
tungen. Fçnf Mal haben demokratische Wah-
varischen Staates, den die Mehrheit als alba-
len statt gefunden, zuletzt am 17. November
nisch, nicht multi-ethnisch begreift. Aus der
2007, bei einer freilich geringen Wahlbeteili-
Anwesenheit von Minderheiten kænnten, so
gung von 42,8 Prozent. Parlament, Regierung
befçrchten viele, Irredentismus und Einmi-
und Pråsidentschaft sind etabliert. Seit kur-
schung von auûen erwachsen. Diese Befçrch-
zem besitzt Kosovo auch eine Verfassung, in
tung ist nicht unberechtigt: Seit 1999 hat Bel-
der hæchste demokratische und rechtsstaatli-
grad alles getan, um die Serben im Kosovo fi-
che Prinzipien festgeschrieben sind.
nanziell, institutionell und politisch zu
unterstçtzen. Im Norden Mitrovicas haben
Den Fortschritten im institutionellen
sie parallele Strukturen aufgebaut und uner-
Bereich stehen immer noch groûe Probleme
mçdlich erklårt, dass Kosovo ein integraler
im Sicherheitsbereich gegençber. Gegençber
Bestandteil Serbiens bleibe. Anders als die
1999 hat sich die Lage zwar insgesamt verbes-
Serben in den Enklaven hat der serbische
sert: Es gibt weniger ethnische motivierte Ge-
Norden die Institutionen schon seit langem
walt, und mehr Menschen kænnen sich gefahr-
boykottiert. Im Vorfeld der Unabhångigkeit
los frei bewegen. Diskriminierung und Verfol-
hatten sich aber auch die wenigen kooperati-
gung von Minderheiten bestehen aber fort.
onswilligen Serben aus den politischen Insti-
tutionen Kosovos zurçckgezogen.
Gegen gewaltbereite, groûalbanische Un-
tergrundstrukturen und die bis in die hæchsten
Ein Aktionsplan der serbischen Regierung
Fçhrungsebenen hineinreichende Kriminali-
sah massive Finanzhilfen (von 72 Millionen
tåt hat die Staatengemeinschaft, wie aus einer
Euro im Jahr 2008) und andere Hilfsmaûnah-
nicht veræffentlichen Studie des Bundesvertei-
men vor, um, wie sich der damalige Minister-
digungsministeriums hervorgeht, noch kein
pråsident Vojislav KoÉtunica ausdrçckte,
Gegenmittel gefunden.
çberall dort die serbische Staatsordnung zu
etablieren, ¹wo loyale Bçrger es erwartenª.
Das heikelste Thema sind nach wie vor der
Im Norden Kosovos ist ein echter ¹eingefro-
Schutz und die Rechte der Nichtalbaner, vor
rener Konfliktª entstanden. Beide Seiten leh-
allem Serben und Roma. Aus allgemeinen hu-
nen es ab, Angehærige der jeweils anderen
manitåren und vælkerrechtlichen Erwågun-
Volksgruppe in ihre Mehrheitsgemeinden zu-
gen, aber auch weil die Staatengemeinschaft
rçckkehren zu lassen und sehen sich in der
den Militåreinsatz gegen Serbien und Monte-
exklusiven Opferrolle. 18
negro 1999 begann, um Menschen vor Verfol-
gung zu schçtzen, sind das Rçckkehrrecht
von Flçchtlingen und die Sicherheit von Min- 17 Vgl. Security Council, Report of the Secretary-Ge-
derheiten vital. Bislang wurden in diesem Be- neral on the United Nations Interim Administration
Mission in Kosovo, 3. Januar 2008, 1/2007/768, S. 7.
16 Vgl. Jean-Arnault Drens, La boÑte de Pandore des 18 Vgl. Belgrads Strategie fçr Kosovo: Versuch einer

fronti res balkaniques, in: Le Monde dipomatique, Reintegration der von Serben bewohnten Gebiete, in:
Janvier 2008, S. 14 f. NZZ vom 27. 2. 2008.

APuZ 32/2008 39
Kosovo besitzt bedeutende Vorråte an græûten Herausforderungen bleibt eine Ent-
Braunkohle, Eisen, Zink, Kobalt und anderen wicklungsstrategie, die ausreichend Erwerbs-
Rohstoffen. Schwerpunkt der Færderung sind mæglichkeiten schafft und aus der Geberab-
die in der Nåhe von Mitrovica gelegenen hångigkeit fçhrt.
TrepcÏa-Minen, auf deren wirtschaftliches Po-
tential die Kosovaren groûe Hoffnungen set- Ausblick
zen. Internationale Experten sehen die Aus-
gangsvoraussetzungen etwas ungçnstiger: Vorerst ist unbestritten, dass Kosovo auf ab-
Die Infrastruktur ist veraltet, es fehlen Inves- sehbare Zeit nicht ohne Pråsenz der Staaten-
titionen, die Energieversorgung ist prekår. gemeinschaft auskommen wird, wobei der
Das nach wie vor schlechte Geschåftsklima EU die wichtigste Rolle zukommt. Allerdings
dçrfte auslåndische Privatunternehmer noch erscheinen Legitimitåt, Mandat und Kompe-
eine Weile davon abhalten, im Kosovo Geld tenzen der EU-Pråsenz aufgrund des fehlen-
zu investieren. Ob die von kosovarischen Po- den Sicherheitsratsbeschlusses prekår. Auch
litikern erwarteten 2,5 Milliarden Auslands- die Kohårenz, die Glaubwçrdigkeit und Effi-
investitionen nach der Erlangung der Unab- zienz kçnftiger Aktivitåten stehen in Frage. 20
hångigkeit tatsåchlich ins Land stræmen wer- Erstens muss die EU gegen den Widerstand
den, bleibt fraglich. der serbischen Bevælkerung agieren, was die
Umsetzbarkeit des Ahtisaari-Planes er-
Auch die anderen Wirtschaftsdaten geben schwert. Zweitens dçrften hoch trabende
Anlass zur Sorge. 19 Die industrielle Basis ist Hoffnungen im Kosovo bald enttåuscht wer-
schwach: 98 Prozent der Unternehmen be- den: Die Regierung wird auf absehbare Zeit
schåftigen weniger als zehn Angestellte. Die unter Aufsicht der Staatengemeinschaft ste-
Produktivitåt ist gering, und das Wachstum hen, vor allem was Auûen- und Sicherheits-
bleibt deutlich hinter der demographischen politik, Mitgliedschaft in Internationalen Or-
Entwicklung zurçck. Der Mangel an Er- ganisationen und andere Politikfelder angeht.
werbsmæglichkeiten ist die bedrçckendste Auch dçrfte sich, drittens, zeigen, dass die
Konsequenz. Die Arbeitslosenrate liegt nach Unabhångigkeit an sich noch keine ausrei-
offiziellen Angaben bei deutlich çber 40 Pro- chende Rezeptur gegen die vielzåhligen wirt-
zent, bei den 16- bis 24-Jåhrigen bei çber 70 schaftlichen Probleme darstellt. Es ist eine
Prozent. Nach Schåtzungen der Weltbank Frage der Zeit, wann die Wellen der Frustra-
lebt mehr als die Hålfte der Bevælkerung un- tion im Kosovo erneut hochschlagen werden.
terhalb der Armutsgrenze. Es liegt auf der
Hand, dass mit der sozialen Perspektivlosig- Nicht die Unabhångigkeitswerdung Koso-
keit auch die Anfålligkeit fçr Nationalismus vos an sich, sondern deren Zeitpunkt und
und illegale Aktivitåten steigt. Modalitåten erscheinen problematisch. Unter
selbst erzeugtem Zeitdruck hat die Kontakt-
Trotz (oder gerade wegen) der immensen gruppe eine in vieler Hinsicht ¹unreifeª Ent-
internationalen Wiederaufbauleistungen ist scheidung getroffen: Weder Kosovo selbst
Kosovo ækonomisch in eine Schieflage gera- noch die Staatengemeinschaft, darunter auch
ten: Es wird wesentlich mehr Geld ausgege- Serbien, erschien Anfang 2008 ausreichend
ben als erwirtschaftet werden kann. Mit 49 auf diesen Schritt vorbereitet. Im Ergebnis ist
Prozent ist das Auûenhandelsdefizit eine star- zu vergleichsweise hohen vælkerrechtlichen
ke budgetåre Belastung. Bis heute befindet Risiken und politischen Kosten ein neuer Zu-
sich Kosovo in totaler Abhångigkeit von aus- stand der Instabilitåt entstanden. Kosovo
låndischen Finanzhilfen. Seit 2003 gehen die wird daher auf lange Sicht ein internationales
Geberzusagen allerdings bereits betråchtlich Problem bleiben.
zurçck, auûerdem wird immer weniger Geld
von den Gastarbeitern çberwiesen, und mit
dem Abbau internationalen Personals nimmt
auch die durch die auslåndischen Gehålter
stimulierte Inlandsnachfrage ab. Eine der 20 Vgl. Marie-Janine Calic, Das ewige Laboratorium.

Die Politik der Europåischen Union auf dem Balkan:


Eine Evaluierung, in: Internationale Politik, (Juni
19 Vgl. Thomas Fuster, Kosovos Wirtschaft vor rie-
2008), S. 26±31.
sigen Herausforderungen, in: NZZ vom 24. 2. 2008,
S. 4.

40 APuZ 32/2008
Heinz Brill niert. Bestimmt wurde nur die Form, in der
diese wahrgenommen werden kænnen. Die

Geopolitische
EU bildet auch in dieser Hinsicht eine groûe
Herausforderung an die politischen Eliten
Europas, den ¹Polª und die ¹Interessenª der

Motive und Pro-


EU als weltpolitischen Akteur zu orten.

Die Europåische Union ist ein Sonderfall


bei der Analyse von Akteuren im internatio-

bleme des euro- nalen System. Sie ist kein Staat, aber auch
mehr als eine ¹klassischeª internationale Or-
ganisation. Ihre Grundlage sind zwischen-

påischen Eini- staatliche Vertråge, die aber die Souverånitåt


der vertragsschlieûenden Staaten erheblich
einschrånken. 3 Nach Einschåtzung der realen

gungsprozesses Lage wird der ¹Staatenzusammenschlussª in


der EU ein Europa der Nationalstaaten sein.
Denn die Option ¹Staatenbundª weist so-
wohl bei den Fçhrungsstaaten als auch bei

D ie vorliegende Studie analysiert die der Mehrheit der EU-Staaten die hæhere Ak-
Rolle und Bedeutung der Europåischen zeptanz aus.
Union (EU) in den internationalen Beziehun-
gen. Dabei steht die Motive fçr den europåischen
Heinz Brill Frage im Mittelpunkt, Einigungsprozess
Dr. disc. pol., geb. 1940; ob die EU ein Pol in
Wissenschaftlicher einer multipolaren Victor Hugo 4 prophezeite in seiner Eræff-
Direktor a. D.; Welt mit einer eigen- nungsrede zum Pariser Friedenskongress von
Kurhausstraûe 19, ståndigen Strategie 1849, dass dereinst die Nationen des europåi-
97688 Bad Kissingen. sein kann. Die Euro- schen Kontinents unter Wahrung ihrer Indi-
påische Union sei, so vidualitåt zu einer ¹hæheren Einheitª ver-
lautet ihre eigene Sicherheitsstrategie im Jahr schmelzen werden. Der Tag werde kommen,
2003, ¹zwangslåufig ein globaler Akteur, sie so der Schriftsteller und Politiker, an dem der
mçsse aber ihre strategischen Ziele aktiver Austausch von Ideen und Gçtern die Aus-
verfolgenª. 1 Dabei ist ihr erstes Handlungs- einandersetzung auf dem Schlachtfeld erset-
feld der europåische Kontinent, aber auch die zen werde. Der Visionår prågte als einer der
Beziehungen zu den anderen Akteuren der Ersten den Begriff von den ¹Etats Unis de
Welt mçssen zunehmend in die konzeptionel- l'Europeª (¹Vereinigte Staaten von Europaª).
len und strategischen Ûberlegungen einbezo-
gen werden. Es wird kritisch hinterfragt, in- Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Eu-
wiefern die EU als Akteur auf globaler Ebene ropa-Idee fçr weitere Kreise populår. Der
in Teilbereichen als ¹Global Playerª erfolg- æsterreichische Graf Richard Coudenhove-
reich agiert. Kalergi grçndete 1923 in Wien die Paneuro-
pa-Union. Coudenhove-Kalergi skizzierte in
Die Bewertung der Positionen der einzel- seinem Buch ¹Paneuropaª 5 ein umfassendes
nen europåischen Staaten macht deutlich,
1 Eckart D. Stratenschulte (Hrsg.), Europas Auûen-
dass der europåische Einigungsprozess im
politik. Die EU als globaler Akteur, Frankfurt/M.
Hinblick auf die Finalisierung erhebliche In-
2006.
teressenunterschiede aufweist, dies sowohl im 2 Lars Heweil, Hegemonie und Gleichgewicht in der
Binnen- als auch im Auûenverhåltnis der EU. europåischen Integration, Baden-Baden 2006.
Im Binnenverhåltnis geht es um die ¹innereu- 3 Vgl. Paul Luif, Die Europåische Union als globaler

ropåische Machtbalanceª; 2 im Auûenverhålt- Akteur, in: Peter Filzmaier/Eduard Fuchs (Hrsg.), Su-
nis stellt sich die Frage, wie die Beziehungen permåchte. Zentrale Akteure der Weltpolitik, Wien
2003, S. 78±91.
zu anderen Groûråumen und Staaten im Rah- 4 Vgl. Krieg und Frieden, in: Neue Zçrcher Zeitung
men einer multipolaren Weltordnung gestal- (NZZ) Nr. 129, 6. 6. 2003, S. 36.
tet werden sollen. Geopolitische Interessen 5 Richard Coudenhove-Kalergi, ¹Paneuropaª, Wien

der EU wurden bisher offiziell nicht defi- 1923, Neuauflage Mçnchen 1982; vgl. hierzu auch Va-

APuZ 32/2008 41
Programm zur europåischen Einigung. Dabei sche Unionª. Seither wird die Einigung Europas pri-
ging er in klassisch geopolitischer Argumen- mår ækonomisch vorangetrieben.
tation von der Ûberzeugung aus, dass sich die
Welt zukçnftig, vor allem aufgrund des tech- Dieser Mangel an politischer Prioritåt lieû sich auch
nischen Fortschritts, in groûråumigen Zu- zu Beginn der 1990er Jahre nicht beheben. 6 Noch am
sammenhången organisieren werde und dass 6. November 1991, einen Monat vor der entscheiden-
das in Einzelstaaten zersplitterte kontinentale den Konferenz von Maastricht çber die Zukunft Euro-
Europa vier Groûmåchten gegençberstehe: pas, sagte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl
den USA, Russland bzw. der Sowjetunion, sinngemåû im Deutschen Bundestag: Zunåchst mçss-
Groûbritannien und Ostasien. Europa, das ten die Grundlagen fçr eine gemeinsame Auûen- und
seine einstige Weltgeltung durch den Krieg Sicherheitspolitik gelegt werden; das sei das unerlåssli-
verloren habe, gleichzeitig aber als einziger che Gegenstçck zur Wirtschafts- und Wåhrungsunion.
Groûraum noch nicht politisch und wirt- Die Vorstellung sei abwegig, die Gemeinschaft auf
schaftlich organisiert sei, mçsse nun ebenfalls Dauer ohne den Status einer ¹Politischen Unionª ge-
ein ¹politisch-wirtschaftliches Zweckbçnd- stalten zu wollen. In Maastricht aber beugte sich Kohl
nisª bilden, um sich gegençber den anderen der traditionellen EU-Logik, wonach die Úkonomie
Groûråumen behaupten zu kænnen. Aber erst die Politik schon irgendwie mitziehen werde.
nach dem Zweiten Weltkrieg konnten die
Plåne fçr das ¹Projekt Europaª in konkrete Damit war die europåische Einigung in der Form,
operative Politik umgesetzt werden. wie sie in Westeuropa in den 1950er Jahren begann
und seit dem Ende der 1980er Jahre einen Quanten-
Ausschlaggebend waren fçr die westeuro- sprung erlebte, hinsichtlich ihrer historisch-konkreten
påischen Staaten zunåchst sicherheitspoliti- Antriebe und Rahmenbedingungen substantiell ande-
sche, historisch-politische und geoækonomi- rer Art als die Vorgaben der ersten Ideengeber. 7
sche Motive, um nicht vællig in die Abhångig-
keit der damaligen Hegemonialmåchte USA Zusammenfassend kænnen folgende Motive fçr den
und UdSSR zu geraten. Denn die Interessen europåischen Einigungsprozess fçr wesentlich erachtet
der beiden Supermåchte çberlagerten lange werden:
Zeit jede selbståndige politische Aktion des
alten Europa. In geoækonomischer Hinsicht ± Einbindung des deutschen Potentials: ¹Kontrolle
von besonderem Interesse und motivierend durch Integrationª;
fçr den weiteren Zusammenschluss der euro- ± Lehren aus den selbstzerstærerischen Kriegen des
påischen Staaten waren unter anderem die 20. Jahrhunderts;
Schriften des franzæsischen Publizisten Jean- ± Europa als ¹Dritte Kraftª zwischen den Weltmåch-
Jacques Servan-Schreiber. Er veræffentlichte ten USA und UdSSR;
im Jahre 1967 das Buch ¹Die amerikanische ± Europa ± Pol in einer multipolaren Welt;
Herausforderungª, in dem er die These ver-
± Schaffung eines wirtschaftspolitischen Groûraums
trat, dass Amerika den alten Kontinent mit
im Zeitalter der Globalisierung;
seiner weit fortschrittlicheren Wirtschaftsor-
ganisation bald çberflçgeln werde. Die groûe ± Neue Supermacht im weltpolitischen Kråftegleich-
Schockwelle, die dieses Buch auslæste, machte gewicht.
den Autor europaweit bekannt.

Den Zusammenschluss der europåischen


Staaten politisch zu begrçnden, scheiterte
Europa ± ¹Weltmacht im Werdenª
zweimal: Zuerst war Groûbritannien 1949
Auf den ersten Blick scheint es paradox, in einer Zeit
dagegen, dass der neugegrçndete Europarat
groûer Europa-Skepsis die Frage nach der Fçhrungs-
in Straûburg als Zweck und Ziel unter ande-
rolle des Kontinents in der Welt aufzuwerfen. Den-
rem ¹die Schaffung einer europåischen Auto-
noch setzen sich die Experten der internationalen Ak-
ritåtª haben sollte. Dann stimmte die franzæ-
teure ± nicht zuletzt aufgrund der permanenten Erwei-
sische Nationalversammlung im Jahre 1954
terungsdiskussion ± von Zeit zu Zeit mit Fragen
gegen eine ¹Europåische Verteidigungsge-
auseinander wie: Kann die EU die Fçhrungserwartun-
meinschaftª ± und damit gegen die ¹Politi-
6 Vgl. Der Spiegel, Nr. 2, 5. 1. 1998, S. 28/29.
nessa Conze, Richard Coudenhove-Kalergi. Um- 7 Vgl. Andreas Rædder, Coudenhove-Kalergi: Schlagwort-
strittener Visionår Europas, Gleichen ± Zçrich 2004. wirkung, in: FAZ, Nr. 78, 5. 4. 2005, S. 7.

42 APuZ 32/2008
gen erfçllen? Oder kann die EU gar zu einer Welt- der Fall sein, dann stellt sich eine weitere,
macht aufsteigen? aber viel zu lange verdrångte Debatte çber
die geographischen, kulturellen, geostrategi-
Werner Weidenfeld 8 und die Autoren der ¹Neun- schen und politischen Grenzen Europas.
Lånder-Studie von TNS Emnidª 9 begrçnden den Sta- Denn wer heute çber die diese råsoniert,
tus einer Weltmacht an Hand folgender Kriterien: meint die Grenzen eines Bundes demokrati-
scher Staaten mit dem Namen ¹Europåische
± Territoriale Græûe und Bevælkerungszahl; Unionª; zwar weiû man, dass Europa und
± Herausragende wirtschaftliche Macht; EU nicht identisch sind, aber man hålt doch
± Politische Stabilitåt und Fçhrungsfåhigkeit; fçr mæglich, dass sie durch kçnftige Erweite-
± Kulturelle Anziehungskraft; rungen des Staatenbundes deckungsgleich
werden kænnten. 10 An den Fållen der beiden
± Hohes Niveau in Forschung und Bildung (Erfin-
eurasischen Staaten Tçrkei und Russland låsst
dungsgeist, Innovation, Patente);
sich indessen zeigen, dass die Frage der euro-
± Energie und Rohstoffreichtum; påischen Sçdost- und Ostgrenze nur poli-
± Militårische Macht; tisch, nicht aber geographisch oder his-
± Ûbernahme globaler Ordnungsfunktionen. torisch-kulturell gelæst werden kann. 11
Nåhme die EU in ferner Zukunft beide Staa-
ten auf, dann verlære sie selbst das Anrecht
Legt man diese Kriterien an, nimmt die EU im Ver- auf ihren Namen und ihre Identitåt.
gleich zu den ¹Weltª- bzw. ¹Groûmåchtenª einen der
vorderen Plåtze ein. Allerdings fehlt ihr noch die Bçn- Der deutsche Auûenminister Frank-Walter
delung der politischen Interessen, die politische Ge- Steinmeier hat im November 2006 mit dem
schlossenheit und die Ordnungserfahrung. Europa ist Wort ¹paradoxª den Zustand der Europåi-
deshalb eine ¹Weltmacht im Werdenª. schen Union charakterisiert: Europa sei eine
Erfolgsgeschichte, und trotzdem befinde es
Die permanente Erweiterung der EU sich in einer Krise. Ausdruck dieser Krise sei
die ¹dramatischª gewachsene Euroskepsis. 12
in der Kritik Diese vieldiskutierte EU-Krise gliedert sein
Amtsvorgånger Josef Fischer in drei Teile:
Die Europåische Union reicht seit 2007 vom Atlantik
bis zum Schwarzen Meer. Circa eine halbe Milliarde ± eine Vereinigungskrise, in der nationale In-
Menschen lebt auf dem Territorium der EU-Staaten. teressen europåische Solidaritåt verdrångten;
Welche Zukunftsvision hat die erweiterte EU? Kann
sie wirklich zu einer integrierten groûen Macht wer- ± die Verbindung aus EU-Erweiterung und
den, oder wird sie in konzentrische Kreise rund um Globalisierung, aus der allgemeine Verunsi-
eine Pioniergruppe aus Frankreich und Deutschland cherung und soziale Abstiegsångste in der
zerfallen? Niemand kann schlçssig sagen, wo genau Bevælkerung erwçchsen;
Europas Grenzen verlaufen. Niemand weiû, wer am
Ende dazugehæren soll und wer auf keinen Fall. Eine ± und eine Identitåtskrise, die von den nega-
schrankenlose Erweiterung degradiert die Union zur tiven Referenden in Frankreich und den Nie-
Freihandelszone ohne politische Einheit. Europa be- derlanden ausgelæst worden sei. Die Identi-
darf vielmehr der Stårkung seiner Identitåt und seiner tåtskrise kreise um die Kernfrage, was die EU
politischen Handlungsfåhigkeit, wenn es auf långere çberhaupt sein soll: eine Freihandelszone 13
Sicht gegençber anderen Machtblæcken wie Nordame- oder ein politisches Projekt.
rika und China bestehen will. Keine Frage: Um zu
Die alte Identitåt ist pass, eine neue hat die
stårkerer ¹Identitåtª und ¹Handlungsfåhigkeitª zu ge-
EU noch nicht gefunden. Unter den derzeiti-
langen, muss die EU eine territoriale Ûberdehnung
gen Problemen ragt die permanente Ausdeh-
vermeiden.
nung der EU hervor. Ob sich die Græûe auch
Mit diesem Postulat ist allerdings ungeklårt, ob die
Tçrkei Vollmitglied der EU werden kann. Sollte dies 10 Vgl. Michael Borgolte, Tçrkei ante portas, in: FAZ,

Nr. 44, 21. 2. 2004, S. 39.


8 Vgl. Werner Weidenfeld, Europa ± Weltmacht im Werden, in: 11 Vgl. ebd.

Internationale Politik, (1995) 5, S. 17 ff. 12 Vgl. FAZ, Nr. 257, 4. 11. 2006, S. 12.
9 Vgl. Neun-Lånder-Studie von TNS Emnid im Auftrag der 13 Vgl. Fischer warnt vor EU als Freihandelszone, in:

Bertelsmann Stiftung, Berlin 2006. Die Welt, 21. 6. 2005, S. 3.

APuZ 32/2008 43
in adåquate Macht umsetzen wird, ist eine noch offene, den zukçnftigen EU-Anrainerstaaten skiz-
zugleich aber die ausschlaggebende Frage der Zukunft. ziert. 17 Inhalte dieser Europa-Strategie sind
Denn wenn die EU nur groû, aber nicht stark wird, der Aufbau von Nachbarschaftspolitiken zur
dann verliert sie, was sie durch die Beitritte zu gewin- Ukraine, zu Moldawien und Weiûrussland
nen hoffte. 14 Die politischen Planer der EU sind sich und zum gesamten Mittelmeerraum, das heiût
offenbar keiner geopolitischen Grenzen bewusst, sie Algerien, Øgypten, Jordanien, Israel, Liba-
denken sich ± wie Herbert Kremp kritisch anmerkt ± non, Syrien, Marokko, den palåstinensischen
¹kataraktfærmig in bloûe Weite. Die eine Seite dieser Autonomiegebieten, Tunesien und Libyen. Es
wahren Affåre besteht darin, dass schiere Græûe nicht ist der Versuch, konkrete Kooperationsange-
integrierbar ist im Sinne einer Verfassung, die ja çber bote wie Freihandelszonen zu unterbreiten,
den konventionellen Staatsvertrag hinausreichen soll, ohne eine Beitrittsperspektive zu eræffnen. 18
und dass sich dadurch die zweite Seite entfaltet: Geopo-
litische Groûgebilde sind von Natur konflikttråchtig, Wie konnten Gerhard Schræder und Jac-
ihre Neigung zu Binnenstreit und Fremdkoalition un- ques Chirac dem ¹Græûenwahnª (Helmut
vermeidlich, fast natçrlich.ª 15 Die Geschichte ist voller Schmidt) 19 erliegen, dass die EU nur mit der
Szenarien des Untergangs, die aus Ûberforderung und Tçrkei als Vollmitglied ein weltpolitischer
Ûberdehnung groûer politischer Råume entstanden Akteur sein kænne? Eine solche geostrategi-
sind. Nur wenn die gewaltigen Probleme Europas beim sche Ûberdehnung mit Rçckfall in eine groûe
Namen genannt werden und in die Erweiterungsde- Freihandelszone liegt zwar im Interesse der
batte politischer Realismus einkehrt, hat Europa als Vereinigten Staaten von Amerika und Groû-
weltpolitischer Akteur eine Chance. Denn die geografi- britanniens, aber nicht im Interesse einer sich
sche Erweiterung veråndert die EU viel stårker als ihre weiter vertiefenden EU und ihrer Bçrgerin-
Protagonisten wahrhaben wollen. Die Gemeinsamkei- nen und Bçrger. Der derzeitige franzæsische
ten sind kleiner, die Unterschiede viel græûer geworden. Pråsident Nicolas Sarkozy, der einen EU-Bei-
Eine Union, die von Portugal bis Rumånien und von tritt der Tçrkei strikt ablehnt, erklårte bereits
Finnland bis Griechenland reicht, droht zu einer klei- Anfang Februar 2007 wåhrend einer Rede in
nen UN zu werden: entscheidungsunfåhig und wir- Toulon, dass eine Mittelmeer-Union realisiert
kungslos. 16 werden sollte, in der auch Ankara zu einer
tragenden Såule werden kænnte. 20 Die Anrai-
Europas angrenzende Råume nerstaaten der EU sollen mit den nordafrika-
nischen Staaten und der Tçrkei nicht nur
Fçr Europa sind drei Ergånzungs- bzw. Verbindungs- Handel treiben, sondern ein System der kol-
råume von besonderem Interesse: lektiven Sicherheit aufbauen. Wie Sarkozy
weiter sagte, sei sein Vorschlag auch Europas
± der Eurasische Raum; Antwort auf den tçrkischen Wunsch nach
± der Euro-Atlantische Raum und einer Vollmitgliedschaft in der EU; denn die
Tçrkei sei kein europåisches Land, aber ein
± der Mittelmeerisch-Afrikanische Raum.
groûes Mittelmeer-Land. 21 Die EU hingegen
Gegençber den Akteuren in all diesen Råumen ist die kænne sich nicht permanent erweitern. Soll-
EU zur ten Sarkozys Ideen in den EU-Staaten auf
± Wahrung der Interessensphåren; Resonanz stoûen, wçrde der Tçrkei eine wei-
± Stabilisierung instabiler Råume; tere Option im Rahmen der europåischen
± Aufbau eines Sicherheitsgçrtels Nachbarschaftspolitik geboten.
gefordert.
17 Vgl. European Commission, Economic and fi-

nancial Consequences of aging populations, in: Euro-


Grundsåtzlich liegt ein stabiles und friedliches geografi- pean Economy Review, (November 2002); vgl. Demo-
graphy and the West, Economist vom 2. 8. 2002.
sches Umfeld im ureigenen Interesse Europas. Im Mårz 18 Vgl. Martin Winter, Vorraum zur EU. Plåne zur
2003 hat die EU-Kommission in einem ersten geostra- engeren Anbindung von Nichtmitgliedern, in: Sçd-
tegischen Dokument die gewçnschten Beziehungen zu deutsche Zeitung (SZ), Nr. 21, 21. 6. 2006, S. 8.
19 Vgl. Helmut Schmidt, Bitte keinen Græûenwahn.
14 Vgl. Stephan Martens, Das erweiterte Europa, in: APuZ, (2004) Ein Beitritt der Tçrkei wçrde die Europåische Union
17, S. 3±5. çberfordern, in: Die Zeit, Nr. 49, 25. 11. 2004, S. 3.
15 Herbert Kremp, Die Deutschen in der Welt, in: Die Welt, 6. 9. 20 Vgl. Sarkozy will Mittelmeer-Union nach EU-

2006, S. 8. Vorbild grçnden, in: Die Welt, 9. 2. 2007, S. 1.


16 Vgl. Uwe Verkætter, Fremdes Europa, in: Frankfurter Rund- 21 Vgl. Michaela Wiegel, Im Sçden die Zukunft Euro-

schau (FR), Nr. 303, 30. 12. 2006, S. 3. pas, in: FAZ, Nr. 34, 9. 2. 2007, S. 3.

44 APuZ 32/2008
EU ± Global Player mit Defiziten Russland, China, Indien und der EU favori-
sierte ± ¹multipolareª Weltordnung beteiligt.
Die EU ist heute ækonomisch ein ¹Global Aufgrund ihrer geopolitischen Lage, ihres
playerª, politisch und strategisch hingegen Selbstverståndnisses, ihrer wirtschaftlichen
weist sie in dieser Rolle jedoch ein erhebliches und wissenschaftlich-technologischen Res-
Defizit auf. Die EU gewinnt zwar immer mehr sourcen sind auf absehbare Zeit aber allein
an Gewicht in den Krisenregionen der Welt die USA in der Lage, eine Weltmachtrolle zu
durch die Kombination aus ziviler und militå- spielen. Alle potenziellen ¹Gegenmåchteª
rischer Konfliktlæsung; dennoch ist ein idea- sind nicht mehr oder noch nicht stark genug,
listischer Grundzug ihrer Auûen- und Sicher- die Pax Americana herauszufordern. Wåh-
heitspolitik aus Mangel an Stårke und Ge- rend die USA eine unipolare Weltordnung
schlossenheit unverkennbar. Aus diesem anstreben, plådieren die groûen Regional-
Grund werfen kritische Beobachter wie der måchte fçr eine multipolare Weltordnung, in
amerikanische Politologe Robert Kagan der der sie ihre Interessen ± seien sie national
EU mangelnde ¹Machtpolitikª vor. In seinem oder multinational begrçndet ± besser vertre-
viel beachteten Essay ¹Power and Weaknessª ten kænnen. Im Streit um eine neue Weltord-
(¹Macht und Ohnmachtª) argumentiert nung nehmen die europåischen Fçhrungs-
Kagan, dass Europa im 21. Jahrhundert mehr måchte zur ¹Multipolaritåtstheseª folgende
Nachdruck auf Machtpolitik legen muss, um Grundpositionen ein:
in der harten ,Realitåt' der internationalen
Beziehungen bestehen zu kænnen. ¹Die fried- Frankreich: Der bisher deutlichste Wider-
liche europåische Integrationª, so Kagan, ¹er- spruch innerhalb des transatlantischen Rau-
weist sich als die Feindin der globalen Rolle mes zu den neuen Weltordnungsvorstellun-
Europasª. 22 In der Tat sollten sich die euro- gen der USA kommt aus Paris. Die Oppositi-
påischen Fçhrungsmåchte mit ihren ¹Think on gegen ¹Unipolaritåtª, wie die Stellung der
Tanksª çber kurz oder lang mit der Frage USA als ¹Hypermachtª und unerwçnschte
auseinandersetzen: was fçr eine Art Welt- Alternative zur angestrebten ¹Multipolaritåtª
macht die Europåische Union sein soll. Ge- bezeichnet wird, fçhrt in EU und NATO
eint spricht die EU nur zu allgemeinen Ange- Frankreich an. Ob die Regierung Sarkozy
legenheiten. In den Kernfragen der Weltpoli- eine Kehrtwendung vollziehen wird, ist zur
tik hålt sie sich auffallend zurçck. Zeit noch offen.

Groûbritannien: Umfassend legte der da-


Unipolare versus multipolare malige britische Premierminister Tony Blair
seinen Standpunkt zur Diskussion um eine
Weltordnung neue Weltordnung in einem Interview mit
der ¹Financial Timesª am 28. April 2003
Der Aspekt der Sicherheit ist fçr Europa von
dar. Er fand zu dramatischen Formulierun-
groûer Bedeutung. Fragen der europåischen
gen, als er zu Frankreichs Position einer
Sicherheitspolitik betreffen heute nicht nur
¹multipolarenª Weltordnung gefragt wurde,
die Situation im Inneren des Staatenbçndnis-
mit Europa als einem wichtigen Macht-Ge-
ses, sondern vor allem auch seine Rolle in der
genpol zu den USA. Wærtlich sagte Blair:
Welt. Damit ist Sicherheit eine Gestaltungs-
¹Ich mæchte nicht, dass Europa sich in Op-
aufgabe von globaler Dimension geworden.
position zu den USA definiert. Das wåre
Der Wegfall der Bipolaritåt nach dem Ost-
gefåhrlich und destabilisierend. Solche
West-Gesetz hat zu gravierenden Verånde-
neuen multipolaren Zentren wçrden sich
rungen auf der internationalen Akteursebene
sehr schnell zu rivalisierenden Machtzentren
gefçhrt. Seit dem Ende des Ost-West-Kon-
entwickeln mit der Tendenz, sich gegenseitig
flikts ist die von George Bush Senior prokla-
auszuspielen, wie wir das im Kalten Krieg
mierte ¹Neue Weltordnungª ein Schwer-
hatten.ª Die Strategie, die von Groûbritan-
punkt der internationalen Diskussion. Zahl-
nien im Rahmen seiner Allianzpolitik favo-
reiche politische Autoren haben sich an dem
risiert wird, kann in zwei Grundsåtzen zu-
Streit um eine ¹unipolareª oder eine ± von
sammengefasst werden: Erstens: Beibehal-
22 Zitiert nach Benita Ferrero-Waldner, Europa als tung der ¹special relationshipª zu den USA;
globaler Akteur, in: Sicherheit und Stabilitåt, (2005) 1, zweitens Stårkung Europas in Partnerschaft
S. 8. zu den USA. Die politische Elite Groûbri-

APuZ 32/2008 45
tanniens vertritt bis heute (Gordon Brown) Institutionen sind die Antworten auf die drån-
die Auffassung: Eine Befçrwortung der genden Fragen, wie der Vorschlag eines euro-
Multipolaritåtsthese durch die Mehrheit der påischen Auûenministers, sondern der politi-
EU-Staaten wçrde zu einer weiteren Desin- sche Wille. Vom Europåischen Rat, der eigent-
tegration in den transatlantischen Beziehun- lich die politischen und strategischen
gen fçhren und eine ¹Euro-Atlantische Ge- Zielvorstellungen vorgeben sollte, ist wenig
meinschaftª verhindern. Damit erteilt sie zu erwarten. Es sind die diese drei groûen
einer ¹Balance of Powerª-Politik mit Euro- Lånder (EU-3), die ihre Konzepte in den Ent-
pa als Rivalen der USA (das ¹multipolareª scheidungsprozess der EU einbringen. Hier
Modell) eine klare Absage. zeigt sich der Unterschied zwischen den USA
und der EU in der Auûen- und Sicherheitspo-
Deutschland: Die deutschen Regierungen litik. In den USA gibt es eine auûenpolitische
handelten ± mit Ausnahme der Regierung Elite, die global denkt, amerikanische Interes-
Schræder/Fischer ± nach der Devise des ¹So- sen definiert 23 und politische Mehrheiten or-
wohl-als-Auchª mit der Maûgabe in der Si- ganisiert, um weltweit die Belange des Landes
cherheitspolitik ¹in dubio pro America!ª zu færdern. Der EU hingegen fehlt der politi-
Eine Prioritåtsetzung wurde vermieden. sche Wille bzw. Konsens, strategische Kon-
zepte und Visionen zu entwickeln.
Fazit: Die unterschiedlichen Positionen der
drei europåischen Fçhrungsmåchte zur ¹Mul- Europa ± ¹Weltmacht neuen Typsª
tipolaritåtª spiegeln auch ihre Interessenwahr-
nehmung in internationalen Organisationen Die Europåische Union hat im Binnen- und
wider ± sei es EU, NATO oder UNO. Auûenverhåltnis im wesentlichen drei Aufga-
ben zu bewåltigen: inneres Gleichgewicht
Die Frage einer gemeinsamen Auûen- und herzustellen und zu bewahren; Handlungsfå-
Sicherheitspolitik, kurz: nach Europas Rolle higkeit als globaler Akteur zu gewinnen und
in der Welt, stellte sich erstmals anlåsslich des von den EU-Bçrgern akzeptiert zu werden.
Maastrichter Vertrages von 1992. Die Mit-
gliedstaaten, heiût es darin, ¹enthalten sich Denn ¹der alte Kontinent ist nichtª ±
jeder Handlung, die den Interessen der Union wie Gçnter Verheugen in seinem Erfahrungs-
zuwiderlåuft oder ihrer Wirksamkeit als kohå- bericht (2005) betont ± ¹zum Niedergang ver-
rente Kraft in den internationalen Beziehun- urteiltª. Der langjåhrige EU-Kommissar ist
gen schaden kænnte.ª Der Satz klingt inzwi- vielmehr der Meinung, dass das 21. Jahrhun-
schen wie ein Hohn. Nicht nur die machtpoli- dert durchaus noch ein europåisches Jahrhun-
tische Rolle Europas in der Welt, sondern dert werden kænne und ¹Europa ein unab-
auch seine inneren Machtstrukturen sind hångiger und selbstbewusst handelnder glo-
heute Streitpunkt. Vorbei sind die Zeiten, als baler Akteur, eine Weltmacht neuen Typs,
die christdemokratische Idee eines Kerneuro- wenn die Europåer es wollen und wenn sie
pas, Chiracs Vorstellung einer groupe pionier endlich verstehen, dass sie ihr Schicksal in die
oder Fischers Forderung vom Gravitations- eigenen Hånde nehmen mçssen.ª Vorausset-
zentrum in einer rasch wachsenden Gemein- zung fçr gemeinsames Handeln ist allerdings,
schaft den Gegensatz verdecken konnten. Die dass die Einzelinteressen der Mitgliedstaaten
¹verstårkte Zusammenarbeitª, wie sie der Ver- mit einem europåischen Gesamtinteresse in
trag von Nizza seit Jahren ermæglicht, erzeugt Ûbereinstimmung gebracht werden kænnen.
vermehrte Konflikte und Dissonanzen. Eine solche Zielsetzung ist nætig, wenn Euro-
pa zwischen den Kraftzentren des 21. Jahr-
In einer Zeit des weltpolitischen Umbruchs hunderts nicht untergehen will.
kænnte Europa zu einem internationalen Ak-
teur werden. Doch als Voraussetzung fçr
weltpolitisches Handeln fehlt Euopa nicht nur
ein operatives Zentrum, es mangelt vor allem
± mit Ausnahme von Groûbritannien, Frank-
reich und in gradueller Abstufung Deutsch-
23 Vgl. Fehlen einer auûenpolitischen Elite, in: Fi-
land ± an strategischem Denken. In der EU
nancial Times Deutschland (FTD), 28. 7. 2005, S. 25.
muss diese Denkkategorie noch enttabuisiert
und gefærdert werden. Nicht die zahlreichen

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3-9 Demokratie in der Europåischen Union: Eine Bestandsaufnahme
Obwohl in der EU mehrere Kanåle fçr die Einflussnahme der Bçrgerinnen und
Bçrger bestehen, bleibt die demokratische Qualitåt der Union auch nach Ratifi-
zierung des Lissabonvertrags defizitår. Einfache Læsungen gibt es nicht, doch
eine Chance besteht in der Ausweitung direktdemokratischer Mechanismen.

Holm Sundhaussen
9-18 Der Zerfall Jugoslawiens und dessen Folgen
Der Zerfall Jugoslawiens war nicht das Ergebnis ethnischen Hasses, sondern
wurde von kleinen Akteursgruppen billigend in Kauf genommen oder gezielt be-
trieben. Im Mittelpunkt des Beitrags stehen die internen Faktoren, die zum
Scheitern Jugoslawiens und zur Gewalteskalation in den 1990er Jahren fçhrten.

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Der Ratspråsidentschaft Sloweniens im ersten Halbjahr 2008 wurde im Vorfeld
vor allem eine symbolische Bedeutung zugeschrieben. Dieser ist das Land ± un-
geachtet seiner Schwåchen, denen es sich vielleicht sogar zu bewusst war ± voll-
kommen gerecht geworden.

Bjærn Opfer-Klinger
25-33 Mazedonien zwischen åuûerer Stabilisierung und innerer Krise
Die Ehemalige Jugoslawische Republik Mazedonien steht vor kurz vor der Auf-
nahme in die NATO und vor EU-Beitrittsverhandlungen. Zuvor muss sie aber
den Namensstreit mit Griechenland çberwinden und einen Weg aus dem Macht-
kampf ihrer albano-mazedonischen Eliten finden.

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Im unabhångigen Kosovo sind zahlreiche Probleme ungelæst: Das Land bleibt
weiter unter internationaler Aufsicht, wirtschaftliche Lage und Menschenrechts-
situation sind prekår. Kosovo wird daher auf lange Sicht ein internationales Pro-
blem bleiben.

Heinz Brill
41-46 Geopolitische Motive und Probleme des EU-Einigungsprozesses
Der europåische Einigungsprozess weist sowohl im Binnen- als auch im Auûen-
verhåltnis erhebliche Interessenunterschiede auf. Die Einzelinteressen der Mit-
gliedstaaten mit einem europåischen Gesamtinteresse in Ûbereinstimmung zu
bringen, ist eine zentrale Aufgabe europåischer Politik.

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