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APuZ

Aus Politik und Zeitgeschichte


46/2007 ´ 12. November 2007

Geisteswissenschaften
Harald Welzer
Die Verkçrzung mentaler Bremswege

Volker Gerhardt
Die Einheit des Wissens

Michael Klein ´ Ernst-Theodor Rietschel


Schnittstellen zwischen Geistes- und Naturwissenschaften

Albrecht Koschorke
Ûber die angebliche Krise der Geisteswissenschaften

Peter Strohschneider
Freiraum fçr Geisteswissenschaften

Dirk Klose
¹Berliner Klassikª

Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament


Editorial
Das Jahr der Geisteswissenschaften neigt sich seinem Ende zu.
Wurde das Ziel erreicht, den Menschen ihre gesellschaftliche Be-
deutung stårker ins Bewusstsein zu rufen? Ist es gelungen, die
vielfåltigen Bereiche geisteswissenschaftlicher Forschung und
Lehre sowie die damit verbundenen beruflichen Mæglichkeiten
ins Blickfeld der Úffentlichkeit zu rçcken? Werden die Geistes-
wissenschaften als ¹Wissenschaften unter Wissenschaftenª wahr-
genommen oder doch in Abgrenzung zu den Naturwissenschaf-
ten, denen in den Jahren 2000 bis 2006 jeweils ein eigenes Jahr
gewidmet worden war? Rangieren sie mæglicherweise auch hin-
sichtlich der Erwartungen ækonomischen Nutzens und gesell-
schaftlicher Relevanz hinter diesen, denen beides nicht selten
pauschal unterstellt wird?

Die in diesem Jahr gefçhrten Diskussionen haben gezeigt, dass


es heute nicht mehr darum gehen sollte, solche Unterschiede
zwischen Geistes- und Naturwissenschaften hervorzuheben
oder gar zu pflegen. Eine Trennung zwischen den ¹zwei Kultu-
renª wird weder dem Charakter des Wissens noch dem der Wis-
senschaft gerecht. Die Grenzen zwischen den Wissenschaftsdis-
ziplinen sind durchlåssiger, Grenzçberschreitungen långst un-
verzichtbar geworden. Interdisziplinaritåt ist nicht nur in der
Hirnforschung der Kænigsweg zu neuer Erkenntnis.

Im Zeitalter globaler Verånderungen muss die Rolle der Geis-


teswissenschaften noch genauer definiert werden. Mit Blick auf
den Klimawandel kåme es beispielsweise darauf an, gemeinsam
mit den Naturwissenschaften çber Strategien globaler Steuerung
nachzudenken und darauf basierend nachdrçckliche Forderun-
gen an die Politik zu richten.

Katharina Belwe
Harald Welzer gelobt worden, dass sich erfolgreiche Antrag-
steller fragen kænnen, wie sie den ganzen

Die Verkçrzung
Segen wohl sinnvoll ausgeben sollen, und das
Færderprogramm Pro Geisteswissenschaften,
das gemeinsam von der Volkswagenstiftung,

mentaler Brems-
der Thyssen-Stiftung, der ZEIT-Stiftung und
dem Stifterverband getragen wird, erlaubt
ausgewåhlten Denkerinnen und Denkern

wege als Aufgabe


endlich wieder eine Zeit des einsamen For-
schens und des Verfassens dicker Bçcher.

der Geistes-
Und nun die schlechten Nachrichten: Ein
vom Bundesministerium fçr Bildung und
Forschung ausgeschriebener Expertisenwett-

wissenschaften
bewerb zur Situation von Geisteswissen-
schaftlern eræffnete auch die Mæglichkeit,
Færderantråge zum Thema ¹Zukunft der
Geisteswissenschaftenª zu stellen. Dieses
Thema fanden gerade mal zwei junge Antrag-

U m mit der guten Nachricht zu begin-


nen: Auf den einschlågigen Podiums-
diskussionen, Vor-
steller interessant, und çberhaupt litten die
Veranstaltungen im Jahr der Geisteswissen-
schaften unter einer gerontokratischen
Harald Welzer tragsveranstaltungen Schieflage, die vielleicht nicht nur auf die ver-
Dr. phil., geb. 1958; Professor und Symposien, die ånderte Altersdemographie in Deutschland
und Leiter des Center for Inter- aus Anlass des ¹Jahres zurçckzufçhren ist, sondern auch darauf,
disciplinary Memory Research der Geisteswissen- dass weder die Formate noch die Themen, die
am Kulturwissenschaftlichen schaftenª stattgefun- Geistes- und Kulturwissenschaftler fçr æf-
Institut in Essen, den haben, ist weniger fentlichkeitswirksam halten, besonders zeit-
Goethestraûe 31, çber die Krise und be- genæssisch sind. Es gehært ja zu den ungelæs-
45128 Essen. dauernswerte Randla- ten Råtseln der Menschheit, wieso Podiums-
Harald.Welzer@kwi-nrw.de ge der Geistes- und diskussionen, bei denen naturgemåû alle
Kulturwissenschaften Teilnehmer aneinander vorbei reden, und dies
gejammert worden, als zu befçrchten war. in der Regel viel zu lange, immer noch das
Stattdessen wurde çber die Rolle gesprochen, einzige Pråsentationsformat darstellen, das
die die Geistes- und Kulturwissenschaften im Wissenschaftlern einfållt, die sich mit Medien,
Zeitalter der Globalisierung finden mçssen, Sprache, Kultur, Geschichte und Úffentlich-
und es wurde darçber gestritten, ob sie eine keit beschåftigen. Die rçhmliche Ausnahme
solche Rolle nun besser spielen kænnen, wenn bildete hier die Auftaktveranstaltung der
sie sich und ihre Ergebnisse verwertbarer und Stadt Bremen zum ¹Jahr der Geisteswissen-
nçtzlicher machen, oder ob sie nur dann Re- schaftenª, die mit slam poetry, Wortakroba-
levanz haben kænnen, wenn sie sich allen Ver- tik, Musik und einer phantastischen kçnstle-
wertungszwången entziehen und auf ihrer rischen Inszenierung die Antithese zur
Nutzlosigkeit beharren. Verzichtsåsthetik der meisten anderen Veran-
staltungen lieferte ± und tatsåchlich ein Publi-
Und es ging auch um die Empirie des Be- kum anziehen konnte, unter dem sich sogar
triebs: um die creative industries und die Tå- Studierende befanden. Gerade an diesem ab-
tigkeit von Geisteswissenschaftlern auûerhalb weichenden Fall zeigt sich, dass die Geistes-
der Universitåten, çber Orientierung und und Kulturwissenschaften heute offenbar vor
Verantwortung. Insofern waren die Debatten allem jener Klientel wenig zu bieten haben,
bunter und vielseitiger, als man erwarten um das es ihnen am meisten gehen mçsste:
durfte, und auch von Seiten der færdernden ihrem eigenen Nachwuchs.
Institutionen bekamen die Geistes- und Kul-
turwissenschaften angenehmen Rçckenwind. So ist der Befund einigermaûen paradox:
Mit dem Færderprogramm des Wissenschafts- Die Geistes- und Kulturwissenschaften ge-
ministeriums ist fçr ¹Internationale Geistes- nieûen kråftigen gesellschaftlichen und insti-
wissenschaftliche Kollegsª so viel Geld aus- tutionellen Rçckenwind, erhæhte Aufmerk-

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samkeit und verbesserte Færderung, scheinen schaftler, Sicherheitspolitiker, Deichbauinge-
aber nur noch fçr ein Publikum 50plus inter- nieure, Zaunfabrikanten, Sicherheits- und
essant oder gar aufregend zu sein; Jçngere Gewaltunternehmer und nicht zuletzt die
werden nur ausnahmsweise oder gar nicht Versicherungs- und Tourismuswirtschaft.
mehr erreicht. Das kænnte daran liegen, dass Eine Gruppe scheint dieses Problem hingegen
hier immer noch das Selbstbild des gelehrten vællig kalt zu lassen ± die Geistes- und Kul-
Abwågungsspezialisten gepflegt wird, das turwissenschaftler. Das nun spricht Bånde
nicht mehr in eine Zeit rapide beschleunigter darçber, was dadurch angerichtet worden ist,
Verånderungsprozesse passt. Einfacher ge- dass man die vergangenen zwei Jahrzehnte so
sagt: Vielleicht wird fçr den Geschmack der wunderbar die Welt der Diskurse erkundet
jçngeren Gesellschaftsmitglieder in den Få- und darçber vergessen hat, dass es ohne Welt
chern zu wenig selbst gedacht, und das zu auch keine Diskurse gibt. Und es gibt Aus-
langsam. kunft darçber, dass die spezialistische Esote-
risierung der geisteswissenschaftlichen Fåcher
So weigern sich die Vertreter von Fåchern, auch zu einem Mangel an Unterscheidungs-
die durchaus das Zeug dazu håtten, mit einer vermægen gefçhrt hat, welche Entwicklungen
irritierenden Beharrlichkeit, ihren Blick auf der Beachtung wert sind und welche nicht.
soziale und politische Wandlungsprozesse zu
richten, sich mit der Finanzierbarkeit des Der Klimawandel, um bei diesem Beispiel
Wohlfahrtsstaates zu befassen, die kulturellen zu bleiben, wird zu einer Håufung sozialer
Ursachen wachsender Armut zu erforschen Katastrophen fçhren, die temporåre oder
oder sich endlich Gedanken çber den Klima- dauerhafte Zustånde oder Formationen von
wandel zu machen, der ja hinsichtlich seiner Gesellschaften hervorbringen werden, çber
kulturellen Folgen keineswegs ein Problem die man nichts weiû, weil man sich bislang zu
darstellt, fçr das allein die Meteorologen zu- wenig dafçr interessiert hat. Geistes- und
ståndig wåren. Statt sich mit anderen Diszi- Kulturwissenschaften sind normalitåtsfixiert
plinen zusammenzutun, um gemeinsam çber und katastrophenblind. Gerade an den sozia-
Strategien globaler Steuerung oder die len Verånderungen, die sich gegenwårtig zei-
Grundlagen systemischen Konfliktmanage- gen, vom Klimakrieg in Darfur bis zum Ver-
ments nachzudenken, haben sich die Geistes- lust der Ûberlebensråume von Inselstaaten,
und Kulturwissenschaftler in den vergange- zeigt sich die verblçffende Kærper- und
nen Jahren verstårkt in die Læsung von De- Raumlosigkeit geistes- und kulturwissen-
tailproblemen vergraben, in mikrologische schaftlicher Theorien in aller Deutlichkeit,
Begriffsanalysen und abseitige Editionspro- und es ist hæchste Zeit, dass diese Wissen-
jekte. Fleiû ist an die Stelle von Originalitåt schaften so modernisiert werden, dass sie aus
getreten, philologische Kleinkråmerei hat in- der Welt der Diskurse und Systeme zurçck
tellektuelle Courage ersetzt, wåhrend man so zu den Strategien finden, mit denen soziale
eifersçchtig çber sein geistiges Kleingeld Wesen versuchen, ihr Dasein zu bewåltigen.
wacht wie Onkel Dagobert çber seine Taler. Damit wird ein betråchtlicher Teil der
Menschheit in Zukunft immer mehr Schwie-
In den Nischen ihrer Spezialisierung haben rigkeiten haben: Denn zunehmende Wçsten-
viele Geistes- und Kulturwissenschaftler ver- bildungen, Bodenversalzungen und -erosio-
lernt, die wichtigen von den unwichtigen nen schrånken die Ûberlebenschancen in
Dingen zu unterscheiden, wofçr sie konse- manchen Gebieten genauso ein wie die Ûber-
quenterweise mit Desinteresse abgestraft wer- såuerung der Ozeane, die Ûberfischung, die
den. Dabei ist es ja nicht so, dass der Selbst- Vergiftung der Flçsse und das Verlanden von
aufklårungsbedarf in globalisierten Zeiten ge- Seen.
ringer geworden wåre. Das Jahr der
Geisteswissenschaften fållt zufållig mit dem All das sind schon von daher keine Natur-
Jahr zusammen, in dem schlagend deutlich katastrophen, als die zugrunde liegenden Pro-
geworden ist, dass die global community mit zesse anthropogen sind, von Menschen ge-
einem Problem konfrontiert ist, das die macht. Und ihre Folgen sind in jedem Fall so-
bekannten menschlichen Lebensformen zial. Sie bestehen in Konflikten zwischen
grundsåtzlich gefåhrden kann. Die Klimaer- jenen, die dieselben zu knappen Ressourcen
wårmung und ihre Folgen beschåftigen so un- nachfragen, die unbewohnbar gewordene Re-
terschiedliche Gruppen wie Naturwissen- gionen verlassen mçssen und dort zu siedeln

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versuchen, wo andere schon sind. Aus der muss ± wozu die långst çberfållige Neufor-
Vælkermordforschung wissen wir, wie schnell mulierung der Frage gehært, in welcher Ge-
die Læsung sozialer Fragen in radikale Defi- sellschaft man eigentlich leben will und wel-
nitionen und tædliche Handlungen çbergehen che Normen und welche Praxis eine solche
kann, und so etwas abzuwenden, wird eine Gesellschaft auszeichnen sollen. Zur Beant-
Probe darauf sein, ob Gesellschaften aus der wortung solcher Fragen reicht der Hinweis
Geschichte lernen kænnen oder nicht. auf die allfålligen Sachzwånge nicht aus, hier
sind die Geistes- und Kulturwissenschaften
Es ist vor dem Hintergrund solcher mit in der Verantwortung, denn sie mçssen sich
Hånden zu greifender kultureller Folgen von Antworten auf die Frage zumuten, wohin die
Klima- und Umweltverånderungen frappie- Reise gehen soll und wohin auf keinen Fall.
rend, dass nahezu alle wissenschaftlichen
Auseinandersetzungen mit den Phånomenen Dies wåre dann allerdings auch die Stelle,
und Folgen des Klimawandels naturwissen- an der man vor allem den jçngeren Vertrete-
schaftliche Studien, Modellrechnungen und rinnen und Vertretern der Kulturwissenschaf-
Prognosen sind ± wåhrend von Seiten der ten mehr Unmut verordnen mæchte: Schlieû-
Geistes- und Kulturwissenschaften einmçti- lich hat die Gesellschaft fçr die Entwicklung
ges Schweigen herrscht, gerade so, als fielen ihrer Kompetenz, mit allem Nachdruck auf
Phånomene wie Gesellschaftszusammenbrç- gesellschaftliche Fehlentwicklungen aufmerk-
che, Ressourcenkonflikte, Massenmigrationen, sam zu machen, bezahlt; und leider nehmen
Landschaftszerstærungen, Angst, Kriegs- und sie diese Aufgabe zu wenig wahr, paradoxer-
Gewaltækonomien usw. nicht in ihren Zu- weise vielleicht gerade deswegen, weil sie
ståndigkeitsbereich. Oder gerade so, als håt- immer noch zu stark dem tradierten Rollen-
ten nicht Autoren von Joseph Conrad bis bild der kritischen verwertungsfernen Auf-
W. G. Sebald sich nicht beståndig mit der de- klårer verhaftet sind.
primierenden Synchronizitåt befasst, in der
Natur und Kultur zerstært werden. Ûberhaupt wird man den Geistes- und
Kulturwissenschaften zumuten mçssen, ihren
Dies alles zu ignorieren zeigt nicht nur Gegenstand breiter zu definieren als bislang:
einen Mangel an Unterscheidungsvermægen, Denn die Neurowissenschaft hat uns darçber
sondern auch an Verantwortungsbewusstsein. belehrt, dass die menschliche Gehirnentwick-
lung erfahrungsabhångig, also kulturell spezi-
Worin bestçnde in dieser Situation wissen- fisch verlåuft, weshalb sich im humanen Be-
schaftliche Verantwortung? Zum Beispiel reich die Seinsbereiche der Natur und der
darin, dass man Gesellschaften, die derart be- Kultur çberhaupt nicht trennen lassen. Vor
schleunigte Wandlungen erleben wie unsere diesem Hintergrund mçssen sich die Kultur-
sozial privilegierten und immer noch recht wissenschaften vermehrt der Mçhe unterzie-
luxuriæsen westlichen Lånder, darauf auf- hen, sich jene Befunde der Naturwissenschaf-
merksam macht, dass die Globalisierung zu ten zunutze zu machen, die ihnen helfen, Ge-
einer Renaissance von ± nun aber transnatio- sellschaften angemessener zu beschreiben:
nalen ± Klassenstrukturen fçhrt, die sich mit also zu verstehen, wieso Menschen besser als
national verfassten Sozialstaats-, also Teilha- Teil von Netzwerken zu begreifen sind denn
bekonzepten nicht kompensieren lassen; als Individuen, dass Bodenerosion alsbald so-
oder: dass eine globalisierte Welt, deren Res- ziale Erosion nach sich zieht, was Emotionen
sourcenprobleme zu verstårkten inner- und sind und wie sie unter kulturellen Einflçssen
zwischenstaatlichen Konflikten fçhren wer- modernisiert werden, oder was die biosozia-
den, nicht nur einer besseren Gewalt- und len Bedingungen fçr das weitere Ûberleben
Konfliktforschung bedarf, als es gegenwårtig des homo sapiens sapiens sind. Dessen macht-
der Fall ist, sondern dass daran gearbeitet vollste Ûberlebenstechnik besteht einstweilen
werden sollte, Menschen zu Orientierungs- darin, dass sein Bewusstsein und sein Ge-
und Verhaltensverånderungen zu motivieren; dåchtnis ihm jenen unendlichen Raum zwi-
oder: dass eine Politik, deren Zukunftshori- schen Anforderung und Bewåltigung eræffnet
zont bis zur nåchsten Landtagswahl reicht, haben, den wir Kultur nennen.
die aber nachhaltige Entscheidungen mit
transgenerationeller Wirksamkeit trifft, unter Auf das Offenhalten dieses Raumes kommt
stårkeren Legitimationsdruck gesetzt werden es an, und die Geistes- und Kulturwissen-

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schaften werden ohne eine Úffnung ihres Ge- Volker Gerhardt
genstandsbereiches nicht in der Lage sein,
jene verantwortliche Rolle einzunehmen, die
ihnen angesichts radikal neuer gesellschaftli- Die Einheit des
Wissens
cher Probleme zukommt: Sie produzieren
von jeher keine Geråte, Gebåude, Fahrzeuge
und Kraftwerke, sondern Kommentare, Ana-
lysen, Ideen und Geschichten. Solche Ge-
schichten konnten, wie das 20. Jahrhundert
gezeigt hat, von ungeheurer destruktiver
Kraft sein, aber manchmal sind sie auch ± was
etwa die Geschichte der Menschenrechte an-
W issenschaftsjahre haben die Aufgabe,
fçr die Wissenschaft zu werben. Dem
kann sich auch ein Geisteswissenschaftler
geht ± von erheblicher zivilisatorischer Wir- nicht entziehen. Wenn nach Jahren der Phy-
kung. Die Frage nach der Verantwortung der sik, der Technik, der Lebens- oder der Geo-
Geistes- und Kulturwissenschaften stellt sich wissenschaften ein Jahr der Geisteswissen-
neu und dringend gerade unter den Bedin- schaften angekçndigt ist, wird jeder mit seiner
gungen eines weltumspannenden ækologi- Profession auch innerlich verbundene
schen Wandels und einer globalisierten Klas- Geisteswissenschaftler fçr sein Fach die
sengesellschaft, in der weder eine Umwelt- Trommel rçhren. Denn selbst, wenn er sich
noch eine Sozial- noch eine Sicherheitspolitik nur fçr seine Wissen-
zukunftsfåhig sein kann, die nationalstaatlich schaft interessierte
gedacht wird. Insofern wird das neue Rollen- (und fçr gar nichts Volker Gerhardt
verståndnis der Geistes- und Kulturwissen- sonst), mçsste er wol- Dr. phil., geb. 1944; seit 1992
schaften sich auch zumuten mçssen, wieder len, dass seine Ein- Professor für Philosophie an der
politischer zu sein. sichten Aufmerksam- Humboldt-Universität zu Berlin,
keit finden. Es ist die davor in Münster, Köln und
Allerdings kann sich politisches Denken in Logik seiner eigenen Halle; Vizepräsident der Berlin-
Zeiten globaler Gefåhrdung nicht an aus- Tåtigkeit, die ihn Brandenburgischen Akademie
buchstabierten Zukunftsmodellen orientie- wçnschen låsst, dass der Wissenschaften; Leiter der
ren; nicht nur, weil die Phantasie dazu fehlt, man ihn auch auûer- Wissenschaftlichen Kommission
sondern weil sich die gesellschaftlichen Heils- halb seiner Disziplin der Union der Akademien; 2001
versprechen des 20. Jahrhunderts als totalitåre versteht und dass er ± 2007 Mitglied des Nationalen
Desaster entpuppt haben. Gerade deshalb weiterhin mit æffent- Ethikrates.
aber ist eine Renaissance des politischen Den- licher Unterstçtzung Volker.Gerhardt@philosophie.
kens notwendig, und die muss sich in einer rechnen kann. hu-berlin.de
Kritik jeder Einschrånkung der Ûberlebens-
bedingungen anderer erproben. Dazu wird Wissenschaft und Úffentlichkeit
allerdings erheblich mehr prospektives und
antizipatorisches Denken nætig sein, als man Die Belange der Úffentlichkeit ernst zu neh-
in den vergangenen Jahrzehnten aufzubrin- men, empfiehlt sich nicht erst fçr die Wissen-
gen gelernt hat. Angesichts von Gefåhrdun- schaft in demokratisch legitimierten Gemein-
gen, deren umfassende Folgen erst in der Zu- wesen. Die Empfehlung gilt auch dann, wenn
kunft liegen, steuern Gesellschaften aufgrund Forschung und Lehre nicht auf æffentliche
ihrer diesbezçglichen Erfahrungslosigkeit auf Gelder angewiesen sind und keine Auftråge
neue Problemlagen zu wie ein Tanker auf den fçr Erziehung und Bildung çbernommen
Eisberg, dem er nicht mehr ausweichen kann, haben. Nehmen wir an, es gåbe eine Wissen-
obwohl dieser långst schon in Sichtweite ist. schaft, die weder auf staatliche Mittel noch
Womit sollten diese zu langen mentalen auf private Færderung (und somit auf keiner-
Bremswege verkçrzt werden kænnen, wenn lei allgemeines Wohlwollen) angewiesen ist:
nicht mit Hilfe geistes- und kulturwissen- Kænnte sie gleichgçltig gegençber åuûeren
schaftlicher Kompetenz? Ansprçchen sein? Wohl kaum, denn sie blie-
be, vermutlich stårker als jede andere Wissen-
schaft, auf Anerkennung durch Andere ange-
wiesen. Diesen håtte sie sich verståndlich zu
machen, wenn sie als Wissenschaft gelten und
als solche wirksam sein wollte.

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Der Grund dafçr liegt darin, dass es eine konditio- wie vom Feuer.ª 2 Man darf annehmen, dass
nale Verbindung zwischen wissenschaftlicher Arbeit die hier bis ins Erdreich vorgetriebene Auf-
und æffentlicher Rechtfertigung gibt ± unabhångig von klårung nicht die Sache einer bloû priesterlich
den Formen, in denen Wissenschaft betrieben und ge- gelenkten Wissenschaft gewesen ist. 3
færdert wird. Wissenschaft sucht nach Erkenntnissen,
die sie allgemein belegen und begrçnden kann. Sie ist Doch erst von den in verschiedenen Stadt-
von Anfang an darauf eingestellt, Grçnde fçr ihre An- kulturen untereinander und zugleich mit den
sprçche und fçr ihre Leistungen sowie fçr deren Ver- vorderasiatischen Kulturen konkurrierenden
ståndnis zu nennen. Folglich kann sie auch keinen Ein- Griechen wissen wir sicher, dass Wissenschaft
wand geltend machen, wenn von ihr erwartet wird, æffentlich betrieben worden ist. Sie entstand,
ihre Kompetenz unter Beweis zu stellen. so wie wir sie heute kennen, in der Ausrich-
tung auf jeden, der sich um Wissen bemçht,
Damit bin ich bei meiner ersten These: Die wissen- und sie suchte nach Grçnden, die grundsåtz-
schaftliche Rationalitåt des Erklårens und des Verste- lich alle çberzeugen kænnen; sie rechnete mit
hens ist nicht auf die Kommunikation zwischen den der Aufmerksamkeit eines Publikums, das
Wissenschaftlern beschrånkt. Sie erstreckt sich ± zu- sich zumindest fçr die technischen und le-
mindest tendenziell ± auf alle Individuen, die mit der benspraktischen Folgen interessierte; sie zog
Wissenschaft in Berçhrung kommen. Unter diesem Schçler an, die sich nicht auf die Wiederho-
Anspruch sind szientifische und politische Úffentlich- lung des Gelernten beschrånkten und so zur
keit aufeinander bezogen. Beide bewegen sich im Me- Ausbildung von Lehren in Nachvollzug und
dium des Begrçndens, und beide haben, wie sich gleich Widerspruch fçhrten.
zeigen wird, sowohl historisch wie auch systematisch
viel miteinander zu tun. Diese Suche nach allgemeiner Kenntnis
von den allgemeinen Gesetzen der Natur, die
insbesondere der Medizin eine vællig neue
und bis heute wirksame Fassung gab, 4 war
Die æffentliche Geburt der Wissenschaft auf leistungsfåhige Notationen angewiesen.
Den Griechen kam zu Hilfe, dass sie ein glei-
Dass es schon vor weit mehr als zweitausendfçnfhun- chermaûen exaktes wie flexibles Schriftsystem
dert Jahren so etwas wie wissenschaftliche Erkenntnis entwickeln konnten. Es færderte die Abstrak-
gegeben hat, ist eine geschichtliche Tatsache. Mathe- tion, die man zur Erkenntnis gesetzmåûiger
matik, Astronomie, Medizin, Recht, Bau-, Agrar-, Er- Vorgånge in Natur und Gesellschaft benæ-
nåhrungs-, und, sagen wir vereinfachend, Technikwis- tigte. Auch hier war es eine Technik, die eine
senschaften gehæren zum gleichermaûen theoretischen intellektuelle Leistung begçnstigte. Mit Blick
wie praktischen Ursprung der menschlichen Zivilisati- auf die Griechen kann man daher sagen, dass
on. Die ersten groûen politischen Reiche Øgyptens, die Wissenschaft in einem dichten Leistungs-
Mesopotamiens und Chinas hatten eine organisierte zusammenhang individueller, intellektueller,
Gelehrsamkeit mit groûen praktischen Effekten, die, kultureller und technischer Kompetenzen
wie wir allein aus dem Aufstieg der phænizischen, kre- entsteht.
tischen und ionischen Kultur erschlieûen kænnen, auch
grenzçberschreitend wirksam war. 1 Insbesondere die attische Wissenschaft, die
sich zwischen 650 und 300 v. Chr. entwi-
Dieses technisch ausgerichtete Wissen stand, wie wir ckelte, war Element einer Kultur, in der sie
dem auch in diesem Punkt çberaus eindrucksvollen mit der Entfaltung der nautischen, der militå-
Buch Hiob entnehmen kænnen, gewiss nicht allein rischen und der nicht nur auf Tempel und
unter kultischer Leitung. Der alttestamentarische Theater, sondern vor allem auch auf die Infra-
Autor schreibt ± etwa um 500 v. Chr.: ¹Eisen wird aus struktur der Stadtstaaten bezogenen architek-
dem Erdreich hervorgeholt, und Gestein schmilzt man tonischen Technik, mit der Ausweitung von
zu Kupfer. Man setzt der Finsternis ein Ende und Handel und Industrie, mit der Geltung eines
durchforscht bis zur åuûersten Grenze das Gestein der 2 Hiob 28, 2 ± 5.
Dunkelheit und Finsternis. Man bricht einen Schacht 3 Vgl. Hannes Wimmer, Evolution der Politik. Von
fern von den [droben] Wohnenden. (. . .) Die Erde, aus der Stammesgesellschaft zur modernen Demokratie,
der Brot hervorkommt, ihr Unterstes wird umgewçhlt Wien 1996.
4 Vgl. Paul U. Unschuld, Was ist Medizin? Westliche
1 Vgl. Norman Yoffee, Myths of the Archaic State: Evolution of und æstliche Wege der Heilkunst, Mçnchen 2003,
the Earliest Cities, States, and Civilizations, Cambridge 2005. S. 22 ff.

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schriftlich erfassten und æffentlich praktizierten Rechts, anspruch gelegentlich çberzogen und in jçngster Zeit
mit dem Aufstieg der Kçnste, mit der Perfektionierung entschieden kritisiert worden ist. Durch die Vielfalt
einer æffentlich exponierten Gymnastik, und ± um dies der in ihr durchaus gegensåtzlich wirksamen Kråfte
nicht zu vergessen ± mit der ersten Erprobung demo- gestaltet sich die Disposition çber einzelne Erschei-
kratischer Herrschaft auf das Engste verbunden war. nungen oft viel schwieriger, als man denkt. Insofern ist
Man braucht jetzt nur noch hinzuzufçgen, dass eben das Auftreten der Wissenschaft (wenigstens in ihren
jenes erstmals im klassischen Griechenland sichtbar Reden) bescheidener geworden. Aber am grundsåtzli-
hervortretende Publikum keineswegs nur unterrichtet chen Anspruch des Erkennens sowie am verfçgenden
und unterhalten werden wollte, sondern dass sein An- Zugriff des Handelns hat auch die Kritik an çbertrie-
spruch erstmals ausdrçcklich (und selbst von den Geg- benen Erwartungen nichts geåndert. Das war auch des-
nern der Demokratie im Prinzip anerkannt) auf politi- halb nicht nætig, weil in der skizzierten Relation von
sche Mitwirkung ausgerichtet war ± und schon tritt der Gesetz und Einzelfall keine kulturelle Spezialitåt der
enge Zusammenhang zwischen szientifischer und poli- frçhen Griechen, sondern lediglich die Dynamik eines
tischer Úffentlichkeit hervor. im æffentlichen Raum kommunizierten Handelns zum
Ausdruck kommt. Wer unter Bedingungen allgemeiner
Also lautet meine zweite These: Wissenschaft ist von Mitteilbarkeit tåtig sein will und dabei die prinzipiell
ihrem historischen Ursprung her auf Úffentlichkeit an- mægliche Einsicht eines jeden unterstellt, der muss
gelegt. Diese Úffentlichkeit deckt sich, wenn nicht auch heute noch so verfahren, wie es die Griechen
vollståndig, so doch in weiten Teilen mit der politi- taten. Sie brauchten nur einen æffentlichen Handlungs-
schen Úffentlichkeit, die in den griechischen Stadtstaa- raum, in dem jeder Gegenstand im Prinzip von jedem
ten auch die kulturelle Aufmerksamkeit fçr åsthetische verhandelt werden kann, um mit der von ihnen favori-
Ereignisse im weitesten Sinn umschlieût. Sie ist, der sierten wissenschaftlichen Erklårungsform zugleich
Lebensform der Griechen entsprechend, agonal ver- den Zugang zu den Handlungsbedingungen zu eræff-
fasst. Man sagt also nicht zuviel, wenn man sie bereits nen.
als kritische Úffentlichkeit bezeichnet.
Das liegt daran, dass es in jeder politischen, militåri-
schen, pådagogischen, musischen, medizinischen oder
Wissen und Handeln technisch-konstruktiven Leistung darauf ankommt, das
bestehende Problem als Fall eines erkennbaren Zusam-
Das Kennzeichen der Wissenschaft, die erstmals mit menhangs zu identifizieren. Es muss ein Zusammenhang
den Zeugnissen der ionischen Naturphilosophie aus sein, der sich uns als Kontext von regelmåûiger Wirk-
dem sechsten und siebten Jahrhundert çberliefert ist, samkeit erschlieût. Durch die Beziehung der hier als ein-
liegt in der Ausrichtung auf Ursachen oder Grçnde schlågig diagnostizierten Gesetzmåûigkeit auf den vor-
(aitiai), die als Tråger allgemeiner Gesetzmåûigkeiten kommenden Fall kann man dann, entsprechende Ein-
(nomoi) çberzeugen. Das einzelne Vorkommnis inter- griffe vorausgesetzt, auf mægliche Handlungsfolgen
essiert als exemplarischer Fall, als Beleg fçr einen schlieûen. Darin besteht die technische Verfçgung, die
logos, der als einsichtige Ordnung (kosmos/taxis) ein jeden Handlungserfolg bestimmt, nicht nur beim Bau
çberall auf gleiche Weise ablaufendes Geschehen be- von Tempeln oder Schiffen, sondern auch im institutio-
herrscht. Ganz gleich, ob Thales eine Sonnenfinsternis nellen Aufbau des Rechts, in der Diåtetik fçr Olympio-
oder eine ertragreiche Úlernte beobachtet: Er sucht niken oder in der individuelle Eigenståndigkeit erfor-
nach dem kausallogischen Zusammenhang, der im je- dernden Ethik. Das sei mit græûtem Nachdruck gesagt:
weiligen Ereignis zum Ausdruck kommt. Ihm und sei- Auch die Selbsterziehung zur Tugend ist ein Fall von
nen Nachfolgern geht es um das Gesetz, das der Viel- Technik, nåmlich einer nachvollziehbar und somit ein-
falt vorkommender Fålle eine Einheit gibt. Ein Gesetz sichtig geordneten Disziplinierung seiner selbst.
erlaubt, das Geschehene im Kontext mit anderem Ge-
schehen zu verstehen. Im Rahmen des Verstandenen Die dritte These lautet daher, dass im Medium einer
sind auch Vorhersagen mæglich, die ihrerseits Grundla- Úffentlichkeit, in der mit den im Prinzip gleichen
ge einer technischen Verfçgung çber einzelne Natur- Rechten auch die im Grundsatz gleiche Einsicht eines
vorgånge sind. Die wissenschaftliche Erkenntnis der jeden angenommen wird, die Struktur des wissen-
Griechen fasste die uns zugångliche Realitåt als Er- schaftlichen Erklårens mit der technischen Struktur
scheinung einer sie regierenden Gesetzmåûigkeit. Ist des Handelns zur Deckung kommt. Es ist das Paradig-
sie erkannt, låsst sich çber die von ihr getragene kon- ma einer alle gleichermaûen einbindenden Technik, die
krete Wirklichkeit verfçgen. den bis heute andauernden Erfolg der erstmals in Grie-
chenland entwickelten Wissenschaft ermæglicht. Die-
Bei dieser Auffassung ist die Wissenschaft bis heute ses Paradigma ist von den vorhandenen kulturellen
geblieben, auch wenn in der Neuzeit der Verfçgungs- Differenzen im europåisch-asiatischen Raum weitge-

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hend unabhångig, was die offenbar problemlose Ûber- bei Aristoteles zeigt, eine Theorie des Lebens, schlieût
nahme durch die Ræmer, durch andere mediterrane eine bis heute unçbertroffene Beschreibung der Funk-
Anrainer, spåter auch durch die germanischen Vælker tionen der Seele ein und kann das Gættliche als erste
und heute vornehmlich durch die asiatischen Kulturen Ursache, als alles durchdringende Ordnung, als Ideal
beweist. der Lebensfçhrung oder als dasjenige denken, das dem
Geist des Einzelnen am nåchsten ist. Im Themen- und
Problemspektrum der antiken Wissenschaft fehlt somit
Natur und Geschichte nichts, zu dessen Entdeckung es einer Zweiteilung der
Wissenschaften bedurft håtte.
Auffållig ist, dass die frçhen Griechen nicht die
geringste Neigung zeigen, sich auf die Naturerkenntnis Damit låsst sich die vierte These formulieren: Mit
zu beschrånken. Man kænnte sogar die These vertre- Blick auf den Tråger des Wissens, nåmlich den mensch-
ten, dass sie in allen ihren Bemçhungen um Erkenntnis lichen Geist, kænnen alle Wissenschaften als Geistes-
von ethisch-åsthetischen Motiven bestimmt und auf wissenschaften angesehen werden; mit Blick auf ihre
geschichtliche Wirkung ausgerichtet sind. Zwar gibt es Gegenstånde aber befassen sich alle Wissenschaften
die erklårte Abkehr des Sokrates von der Naturphilo- mit der Natur. Denn Geschichte, Gesellschaft und
sophie seiner Vorgånger. Der Weise begrçndet sie mit Kultur, ja, selbst die psychischen und intellektuellen
der fçr ihn vorrangigen Selbsterkenntnis, zu der er Phånomene des Geistes mçssen letztlich als Formen
aber nur gelangen kann, wenn er sich mit seinesglei- der Natur begriffen werden. So gesehen, håtten alle
chen vergleicht. Also braucht er die Unterredung mit Disziplinen Grund, sich zu den Naturwissenschaften
den Menschen auf dem Marktplatz, am Rande sportli- zu rechnen. 5
cher Ûbungsståtten oder beim Gastmahl.

Es steht auûer Zweifel, dass sich dadurch das Inte- Individuelles im Universellen
resse der Philosophie hin zu den Fragen des menschli-
chen Verhaltens verschiebt. Die Ethik, als Lehre von In seiner problemorientierten Ausrichtung auf Sach-
dem seiner Einsicht entsprechenden Handeln des Men- verhalte und Grçnde ist das ursprçnglich auf Mittei-
schen, entsteht und tritt als drittes Gebiet zu den Er- lung bezogene Wissen in der Lage, nicht nur abstrakte
kenntnisbereichen der Physik und der Logik hinzu. gesetzliche Zusammenhånge zu erfassen, es hat sich
Gleichwohl kommt kein Philosoph der Antike auf den vielmehr bereits in jeder Beobachtung, Beschreibung
Gedanken, zwischen der Logik, der Physik und der und Anwendung auf singulåre Situationen und indivi-
Ethik eine methodologische Hçrde aufzubauen. Wir duelle Vorkommnisse zu beziehen. Also ist es auch in
sehen im Gegenteil, dass Sokrates die Probleme der der Lage, geschichtliche Prozesse, seelische Dispositio-
Naturphilosophie weiterhin mit groûer Aufmerksam- nen und lebendige Konstellationen zu erfassen. Da es
keit verfolgt (Phaidros 229a ± 230e), dass sein Schçler in alledem einen Begriff von sich selbst benætigt, kann
Platon ihr eine groûe Untersuchung widmet (Timaios) es die Eigentçmlichkeit des Wissens ± damit auch des
und offenbar nicht die geringsten Bedenken hat, den Wahrnehmens, des Vorstellens, des Erinnerns oder des
Menschen als Naturwesen zu bestimmen (Politikos Glaubens ± kenntlich machen. Dabei erweist es sich als
261c ± 266e). so beweglich, dass es einer eklatanten Unterschåtzung
der darauf beruhenden Wissenschaft gleichkommt,
Dass es in der Antike keine Unterscheidung zwi- wenn man die epistemischen Leistungen auf simple Al-
schen Natur- und Geisteswissenschaften gibt, ist be- ternativen wie etwa das Erklåren und das Verstehen,
kannt. Das systematisch Bedeutsame daran ist, dass sie auf das Generalisieren und das Individualisieren oder
diese Unterscheidung gar nicht nætig hatte, obgleich auf nomothetisches und ideographisches Wissen redu-
sie der Erkenntnis jener Bereiche nicht ausgewichen ziert.
ist, die heute eine methodologische Abgrenzung an-
geblich erforderlich machen. Die Antike stellt sich Eine Reduktion dieser Art sollte man schon deshalb
dem Problem des spezifisch menschlichen Verhaltens, vermeiden, weil jede Erkenntnis den in einem Akt er-
sie fragt nach der Besonderheit der Seele und des Geis- folgenden Bezug auf individuelle Fålle und auf genera-
tes, sie kennt das Spezifikum des Selbstbewusstseins lisierende Schlçsse voraussetzt. Wissen ist çberdies an
und mit ihm auch die Beziehung des Menschen zu sich einen geschichtlichen Vorlauf gebunden, und es greift
selbst (Alkibiades maior 132b ± 133e); sie hat einen Be- notwendig in die Zukunft vor. Was ich jetzt weiû,
griff von der Individualitåt einzelner Wesen, einzelner kommt nicht ohne Erinnerung zustande. Weil zu
Teile wie auch einzelner Vorgånge, sie denkt im hæchs-
ten Maûe geschichtlich, ist zur Analyse åsthetischer 5 Dazu: Volker Gerhardt, Im Jahr des Geistes. Philo-

und rhetorischer Fragen fåhig, hat, wie sich vor allem sophenkolumne, in: Merkur, Heft 696, April 2007, S. 339 ± 346.

APuZ 46/2007 9
jedem Wissen aber auch eine Erwartung gehært, greift Jurist, Staatstheoretiker und Anthropologe
es notwendig auf Kommendes aus. Darin begreift es Protagoras und seine groûen Kontrahenten
sich selbst als zweckmåûig. Schlieûlich ist es durch die Sokrates und Platon (und was aus alledem
ihm innewohnende Funktion der Mitteilung nicht nur dann wenig spåter Aristoteles in groûartiger
auf das wissende Individuum beschrånkt, sondern ur- Verbindung aus Physik, Meteorologie, Biolo-
sprçnglich auf andere Individuen ausgerichtet, die der gie, Ethik, Politik, Rhetorik, Logik, Topik,
Vorstellungskraft bedçrfen, um das eine Individuum in Ontologie, Theologie, ja sogar aus der Her-
dem, was es an seiner Stelle sagt, in ihrer davon meneutik) gemacht haben, kænnte græûer
zwangslåufig unterschiedenen eigenen Position gleich- nicht sein.
wohl so zu verstehen, als sei die Differenz der Indivi-
duen und der Situationen nichtig. Und dennoch haben sie und ihre Nachfol-
ger in Athen, Alexandria, Rom, Byzanz,
Daraus kann man folgendes Fazit ziehen: Durch die Paris, Oxford, Bologna und spåter auch in
ihm eigene Tendenz zur zweckmåûigen und nachvoll- Florenz, London, Basel, Rotterdam, Hanno-
ziehbaren Verfçgung çber etwas Individuelles, das nur ver, Kænigsberg, Weimar, Jena, Berlin (oder
in seiner universellen Form begriffen werden kann, ist auch im Hamburg Ernst Cassirers) nicht
das Wissen gleichermaûen auf physikalische Struktu- daran gezweifelt, dass es eine alles verbinden-
ren, biologische Konditionen, gesellschaftliche Situa- de Rationalitåt des Wissens gibt. Sie unter-
tionen und historische Perspektiven bezogen. Eine stellt dem auf alle Vorkommnisse und Erwar-
Einteilung des Wissens ist nur sinnvoll, wenn man es tungen bezogenen Bemçhen um Erkenntnis
nach Gegenstånden oder Problemen sortiert. Soll es ein und denselben Anspruch, der in der men-
dennoch nach unterschiedlichen Methoden unterschie- schlichen Vernunft seinen Ursprung, in der
den werden, verbietet es sich, das Individuelle vom kontrollierten Erfahrung seine Bedingung
Universellen oder den konkreten Einzelfall vom allge- und in der æffentlichen Erærterung sein
meinen Gesetz zu trennen. Man muss vor allem ver- immer wieder neu anzulegendes Kriterium
meiden, die (ohnehin flieûenden) Unterscheidungen hat.
zwischen Natur, Leben, Gesellschaft, Kultur und Ge-
schichte in das Wissen hineinzutragen, so als bilde es Natçrlich hat es ergånzende und erweitern-
fçr jeden Bereich seine eigenen Formen aus. de Gliederungen, neue Themen und Aufga-
ben gegeben. Das lieûe sich mit Blick auf die
Also lautet meine fçnfte These: Eine kategoriale Tren- Wiedergewinnung der antiken Wissenschaft
nung zwischen den Wissenschaften, die nach dem durch die universitåre Gelehrsamkeit des
Muster einer Unterscheidung zwischen Geist und Hochmittelalters zeigen. Theologie und Juris-
Natur verfåhrt, wird weder dem Charakter des Wis- prudenz kommen als neue, wesentlich berufs-
sens noch dem der Wissenschaft gerecht. Das Gleiche bezogen arbeitende Groûdisziplinen hinzu.
gilt fçr die Oppositionen zwischen Natur auf der Beide bilden eine vielfåltig gegliederte Ar-
einen und Gesellschaft oder Kultur auf der anderen beitsweise aus, vornehmlich durch Orientie-
Seite. Vollends unsinnig wåre es, wollte man, wie es rung an den çberlieferten Gehalten und Ver-
der Titel der ¹Humanwissenschaftenª suggerieren fahren. Sie hegen eigene Ziele, pflegen ihre
kænnte, der Natur den Menschen gegençberstellen. Tradition und halten sich jeweils selbst fçr
Denn die Wissenschaft kann immer nur eine sein. etwas Besseres. Aber sie sind und sie bleiben
dadurch verbunden, dass sie sich allesamt als
Wissenschaften verstehen, die sich zwar in un-
endlich vielen Einzelheiten, in Interessen,
Einheit in der Vielheit Themen und natçrlich auch in ihren Metho-
den unterscheiden ± und dennoch zu einer
Wenn die Lage so ist, wie in den fçnf Thesen angedeu- Wissenschaft gehæren.
tet, dann versteht man sofort, warum das griechische
Modell einer Einheit der Wissenschaften fast zweiein- Im Humanismus, den man nicht auf die
halbtausend Jahre in selbstverståndlicher Geltung ge- Renaissance beschrånken kann, sondern der
blieben ist. Die Wissenschaft war vielfåltig von Anfang ± wie die Aufklårung ± eine Daueraufgabe
an. Der Unterschied zwischen dem, was der Anwalt von Wissenschaft, Gesellschaft und Politik
der Vielfalt, Heraklit, und sein Widersacher im Dienste darstellt, hat sich der wissenschaftliche, prak-
der Einheit, Parmenides, was der Atomist Empedokles tisch-technische und pådagogische Impuls
und der Intellektualist Anaxagoras, was der Historiker der Wissenschaft unter Rçckbesinnung auf
Thukydides und der Arzt Hippokrates, was der die Antike verstårkt. Die von den Humanis-

10 APuZ 46/2007
ten gepflegten humaniora hatten die Aufgabe, dem ¹letzten Universalgelehrtenª gesprochen wird, ist
in allgemeinbildender Absicht die kulturelle schon von der Mçdigkeit angekrånkelt, die uns heute
Tradition des Menschen in Erinnerung zu erst gar nicht mehr darauf setzen låsst, dass die Wissen-
halten. Deren Erschlieûung, Sicherung und schaft gerade in ihrer Vielfalt das græûte einheitliche
Vergegenwårtigung verlangt Fertigkeiten, die Vorhaben der Menschheit ist. Wenn wir, um einmal
in jeder gesellschaftlichen Stellung von Nut- selbst technisch zu reden, in dieses Projekt nicht inve-
zen sind. In der Sache sollten sie zu Einsich- stieren, hat die Menschheit keine Chance, sich auf dem
ten fçhren, in der sich die Menschheit als Niveau ihres Selbstbegriffs zu halten.
Ganze ihrer Herkunft, ihrer Eigenart und
ihrer Ziele vergewissert. Damit ist die sechste These ausgesprochen: Der
Mensch hat sich unendlich viele Schwåchen, Irrtçmer,
Der jugendliche Pico della Mirandola Maûlosigkeiten und Verbrechen vorzuwerfen. Nie-
suchte Ende des 15. Jahrhunderts die Einheit mand, der ernst genommen werden will, darf anneh-
der Wissenschaften gerade angesichts ihrer men, dass es damit ein Ende haben wird. Selbst wenn
Vielfalt zu wahren, um in den von ihm als be- es dem Menschen gelingen sollte, das erstmals in
drohlich erfahrenen religiæsen und kulturel- Athen in Angriff genommene Projekt der Demokratie
len Gegensåtzen der Welt, vornehmlich zwi- im kontinuierlichen Kampf um das Recht in eine welt-
schen Islam, Judentum und Christentum weit wirksame Form grundrechtlich gesicherter Kon-
(aber auch zwischen der æstlichen Orthodo- stitution zu çberfçhren, 6 wird die Selbstgefåhrdung
xie und dem westlichen Katholizismus), den des Menschen weitergehen.
alle verbindenden Grund im Streben nach
Einsicht aufzuzeigen. Der Wunsch, dem Wenn wir gleichwohl auf die Menschheit setzen und
Gættlichen auf menschliche Weise nahe zu hoffen, sie kænne sich durch eine auf das Menschenrecht
sein, kam hinzu. gegrçndete Politik selbst disziplinieren, dann unterstel-
len wir nicht nur den Juristen, Soziologen und Polito-
Eine Generation spåter hatten sich mit der logen bleibende Aufgaben, sondern erwarten auch von
Reformation die Gegensåtze in Europa be- der Úkonomie, dass sie uns die Kenntnisse zur Verfç-
reits vervielfacht, und dennoch hat der alte, gung stellt, die uns erlauben, mit dem weiterhin erwarte-
mit allen Græûen seiner Zeit verkehrende und ten Wachstum an Menschen und Gçtern mæglichst be-
an vielen Orten Europas wirksame Erasmus rechenbar und mæglichst gerecht umzugehen. Die still-
das gleiche Ziel verfolgt und im Vertrauen auf schweigende Voraussetzung fçr das Wachstum aber
die disziplinierende Wirkung der Philologien liegt in der fortgesetzten Produktivitåt der Grundlagen-
sowie auf den Zauber der dadurch erschlosse- forschung in jedem Fach, angefangen bei der Mathema-
nen Kontinuitåt des Wissens die humanisie- tik und Physik bis hin zu den Sprach-, Kultur- und Reli-
rende Wirkung der Wissenschaft in den Vor- gionswissenschaften. Wir brauchen alle Disziplinen,
dergrund gerçckt. In der Leistung der Dru- und wir benætigen sie in zunehmend interdisziplinårer
ckerpresse, der er selber reichlich Arbeit gab, Kooperation. Dass sie dazu erst einmal als Fåcher solide
war ihm gegenwårtig, dass sich diese Hoff- ausgestattet und gefærdert werden mçssen, sollte eigent-
nung nur in Verbindung mit der neuen Tech- lich eine Selbstverståndlichkeit sein.
nik erfçllen lieûe, und mit seinem Freund,
dem fçr seine Wahrhaftigkeit mit dem Tode
bestraften Thomas Morus, war er sich einig,
dass auch unter den neuen Lebensbedingun- Die Notwendigkeit der Wissenschaft
gen die Naturerkenntnis das Fundament alles
verlåsslichen Wissens zu sein hat. Nach zweieinhalb Jahrhunderten pauschaler Verwer-
fung der Wissenschaft tut man gut daran, ihre Unver-
Unter den Neueren sollten wir vor allem an zichtbarkeit zu exponieren. Nicht sie ist das Verhång-
Gottfried Wilhelm Leibniz denken, den ersten nis der modernen Zivilisation. Die Fehler, die der
Theoretiker, der die Einheit der Wissenschaft Mensch in seiner Geschichte gemacht hat und vermut-
angesichts der Vielfalt akademischer Anstren- lich auch weiterhin machen wird, dçrfen wir weder
gungen nicht nur zu sichern sucht, sondern in der Wissenschaft noch der Aufklårung zurechnen. Im
der eigenen ± Mathematik, Physik, Chemie, Gegenteil: Wenn es eine Chance geben sollte, mit die-
Informatik, Bergbau, Linguistik, Sinologie sen Fehlern offener und kenntnisreicher umzugehen,
und Philosophie umschlieûenden ± wissen-
schaftlichen Leistung repråsentiert. Die Resi- 6 Dazu des Nåheren: Volker Gerhardt, Partizipation. Das Prinzip

gnation, mit der rçckblickend von ihm als der Politik, Mçnchen 2007.

APuZ 46/2007 11
so dass man ihnen wirkungsvollere Korrekti- wenn er zuviel von ihnen erwartet, wenn er sie unkri-
ve beigeben kann, ist nichts wichtiger als die tisch zum Einsatz bringt, sie ohne æffentlichen Diskurs
Wissenschaft ± freilich, wie Kant sagt, in betreibt, unzulånglich færdert oder sie zum permanen-
einer ¹das Recht verwaltenden bçrgerlichen ten Experimentierfeld angeblich kostenneutraler Maû-
Gesellschaftª. nahmen macht, die als Reformen ausgegeben werden.

Die seit Rousseau in Umlauf gekommene Die siebente und letzte These lautet daher: Der Geist
Kulturkritik unterliegt bis in die jçngste Ge- liegt in dem, was man als Logik des Wissens bezeichnen
genwart einem alten metaphysischen Fehler: kann. Diese Logik stellt die Einheit eines auf Erkennt-
Sie unterstellt Substanzen, wo lediglich Funk- nisgewinn zielenden Verfahrens her, dessen Ergebnisse
tionen zu entdecken sind. So macht sie aus der æffentlicher Prçfung standhalten mçssen. Sie wirkt be-
Wissenschaft, der Aufklårung, der Technik, ja, reits in der Erwartung allgemein verståndlicher und
neuerdings sogar aus dem Risiko ein eigen- mæglichst von jedem geteilter Grçnde. Sie besteht in
ståndiges Wesen, dem der Mensch beinahe Einsichten, die nicht nur die åuûere Verfçgung çber
machtlos unterworfen ist. Sie verwechselt Ur- die Kråfte der Natur erweitern, sondern auch dem
sache und Wirkung und schreibt die Schuld Einzelnen græûere Chancen zur eigenståndigen Gestal-
fçr Fehlentwicklungen nicht dem Menschen, tung seines Lebens bieten. Alles in allem trågt sie die
sondern seinen Erfindungen zu. Damit lenkt Hoffnung auf einen Erfolg, der weitere Erfolge nicht
sie von der alleinigen Zuståndigkeit des Men- unmæglich macht.
schen, genauer: von der Verantwortung des
Einzelnen und seiner jetzt lebenden Generati-
on fçr die anstehenden Fragen ab. Kurzer Rçckblick auf eine Trennung
Schon ein kurzes Nachdenken reicht aus, Was ist im Licht dieser Einsicht von der Aufspaltung
um zu erkennen, dass der Mensch nur durch der Wissenschaften in ¹zwei Kulturenª, in die Natur-
seine Geschichte zum Subjekt seines eigenen wissenschaften auf der einen und die Geisteswissen-
Handelns wird. Diese ist es, die ihn zum schaften auf der anderen Seite zu halten? Nicht das
Handeln befreit. Wenn die Kulturkritik hin- Geringste!
gegen in allem ein tragisches ¹Verhångnisª
entdeckt, wenn sie in der Úkonomie nur die Die Grenzziehung zwischen Natur- und Geisteswis-
verselbståndigte Macht des ¹Kapitalsª am senschaften ist eine Spåtfolge der rousseauistisch-ro-
Werke sieht oder von einer ¹Dialektik der mantischen Wissenschaftskritik des 19. Jahrhunderts.
Aufklårungª spricht, macht sie den Menschen Das Ressentiment gegençber der abstrakten, technisch
von vornherein zum Opfer seiner eigenen orientierten, die Innerlichkeit des Menschen angeblich
Vergangenheit. Ausgerechnet das, was erst- missachtenden Wissenschaft war in der Welt, und nun
mals der Menschheit als Ganzer Lebenschan- mussten die Philosophen, Philologen und Historiker
cen eræffnet, wird als weltgeschichtliches erleben, wie ausgerechnet die so verfahrenden Wissen-
Hindernis ausgegeben. schaften das hæchste Ansehen genieûen. Was lag nåher,
als diese angeblich nur technisch, angeblich nur erklå-
Unter den heute gegebenen Bedingungen rend und angeblich nur åuûerlich verfahrende Erfor-
bieten tatsåchlich nur Wissenschaft und Tech- schung der Natur auf ein begrenztes Terrain zu be-
nik (zu der wohlgemerkt auch Ethik und schrånken, von dem sich der angeblich rein geistige
Recht gehæren) der Menschheit die Hoffnung Bezirk des Verstehens, des Deutens und der reflexiven
auf Sicherung ihrer Zukunft. Dass sie den- Selbstbeziehung definitorisch abgrenzen lieû?
noch in immer neuen Variationen als die zivi-
Nachdem Naturwissenschaftler wie Hermann von
lisatorische Inkarnation des Bæsen vorgefçhrt
Helmholtz den Begriff der Geisteswissenschaften ge-
werden, zeigt, dass sogar der Zeitgeist verspå-
brauchten, um damit die Eigenståndigkeit eines inne-
tet sein kann. Die beilåufige Bemerkung eines
ren Zugangs zu den Erscheinungen von Religion,
der ersten wahrhaft modernen Menschen
Recht, Staat, Sprache, Kunst und Geschichte zu wçrdi-
kænnte hier Abhilfe schaffen: ¹Nur was zu
gen, 7 lag es nahe, daraus einen strikte methodologische
etwas gut istª, sagt Montaigne, ¹låsst sich
Abgrenzung zu machen: Durch sie wurde die ¹psy-
auch missbrauchen.ª (Essais II, 6)
chologischeª, ¹introspektivª erfassende, eben
Das Wort macht klar, dass es vom Men- 7 Vgl. Hermann von Helmholtz, Ûber das Verhåltnis der Na-
schen selbst abhångt, wie er mit Wissenschaft turwissenschaft zur Gesamtheit der Wissenschaften (1862), in:
und Technik verfåhrt. Es ist seine Schuld, Populåre Vortråge, Bd. I, Braunschweig, S. 16 ff.

12 APuZ 46/2007
¹verstehendeª Einsicht zum einzig legitimen Das ist die eine Seite. Die andere tritt darin
Zugang zur Erkenntnis der menschlichen hervor, dass eine Wissenschaft wie die Psycho-
Dinge. Die Naturwissenschaften waren logie, die zur Zeit Diltheys als Paradedisziplin
damit, wenn der Doppelsinn gestattet ist, der Geisteswissenschaften galt, heute beinahe
¹drauûenª, und die Geisteswissenschaften er- in ihrer Gesamtheit zu einer Naturwissen-
æffneten sich selbst den Kænigsweg zum ei- schaft geworden ist. Entsprechendes gilt fçr
gentlichen Verståndnis der conditio humana. groûe Teile der Sprach- und Sozialwissen-
Wåhrend sich zur gleichen Zeit die rivalisie- schaften, die mit Erfolg naturwissenschaftli-
renden Territorialstaaten Europas, trotz græû- che Verfahren einsetzen. Mag sein, dass dabei
ter kultureller Gemeinsamkeiten, hinter ihren Defizite auftreten, die spåter behoben werden
nationalen Gegensåtzen verschanzten, such- mçssen. Aber es wåre unverantwortlich, mit
ten sich die Geisteswissenschaften ein unein- dem Rasiermesser strenger Methodologie pro-
nehmbares Territorium zu sichern, von dem duktive Forschungseinheiten zu zerschneiden,
aus sie den Naturwissenschaften in prinzi- nur weil man weiterhin will, dass man die alte
pieller Ûberlegenheit entgegentreten konn- Titulatur der Disziplinen erhålt.
ten.

Mir ist bewusst, dass dies nicht die ganze Die Einheit im Sinn
Wahrheit çber die Bemçhungen um eine me-
thodologische Unterscheidung zwischen den Die Separierung der Geisteswissenschaften
Natur- und den Geisteswissenschaften im 19. war in Deutschland gut hundert Jahre lang
Jahrhundert ist. John Stuart Mill hat, çbrigens ein Erfolgsrezept. Doch die damit verbunde-
nicht unbeeindruckt von Romantikern wie nen forschungspolitischen Hoffnungen erfçl-
Coleridge und Carlyle, mit groûem sachli- len sich schon lange nicht mehr. Die Grçnde
chen Gewinn die, wie er sagte, logische Diffe- dafçr sind vielfåltig. Sie haben nicht zuletzt
renz in den Gesetzesaussagen çber die Natur mit dem Niedergang des Bildungsbçrgertums
und die Gesellschaft herausgearbeitet. Da- zu tun, das der erste Weltkrieg schwåchte, das
durch inaugurierte er die Idee eines Metho- sich unter Hitler selbst verriet und mit der
dendualismus, die von Wilhelm Dilthey und Studentenbewegung von 1968 so gut wie væl-
vom sçdwestdeutschen Kantianismus, nicht lig verschwand. Deshalb ist die Lage in
zuletzt auch von Max Weber, in nicht weniger Deutschland auch nicht mit der in anderen
ernsthafter Weise aufgenommen und weiter- westlichen Låndern vergleichbar.
entwickelt worden ist.
Doch ganz gleich, wie es anderswo ist: Wir
Es muss heute gar nicht bezweifelt werden, brauchen einen Neuanfang, der die Sache der
dass die damals vorherrschende Auffassung Geisteswissenschaften, unabhångig von
von Natur mit der unterstellten strikten Gel- ihrem Namen, rettet. Andernfalls besteht
tung der Kausalitåt zu einer methodologischen græûte Gefahr, dass wir gerade in jenen Wis-
Abgrenzung ækonomischer, soziologischer, senschaften bedeutungslos werden, in denen
psychologischer und hermeneutischer Er- uns andere Vælker und Kulturen bewundern.
kenntnis genætigt hat. Doch das seinerzeit als Noch kommen die Nord- und Sçdamerika-
selbstverståndlich geltende Verfahren kausaler ner, die Japaner, Koreaner, Inder und eine
Naturbeschreibung hat seine Autoritåt inzwi- wachsende Zahl von Chinesen nach Deutsch-
schen eingebçût. Statistische und sys- land, um hier Alte Sprachen, Kunstge-
temtheoretische, also auf das Verstehen ange- schichte, Literatur, Musik, Theologie oder
legte Zugånge sind in der Physik unverzichtbar. Philosophie zu studieren. Wenn wir aber die
Die Biologie braucht nicht erst in den Fragen zuståndigen Disziplinen weiter schwåchen,
der Ethologie ein Verståndnis fçr die Eigenart wird es auch damit ein Ende haben.
von Systemen, die auf der Analogie zu den ver-
trauten Zweckeinheiten des menschlichen Die Intensivierung der Forschung und der
Handelns beruhen. Wenn der moderne Biologe Lehre in den Bereichen von Geschichte, Spra-
den Zusammenhang zwischen Organismus che, Kunst und Kultur ist daher das erste Er-
und Umwelt erfassen will, muss er sich wie ein fordernis. Das zweite liegt darin, das çber-
Geisteswissenschaftler verhalten; er muss kommene Selbstverståndnis zu korrigieren
Ganzheiten unterstellen, die es erlauben, die und die Nåhe der klassischen Themen des
Teile nach ihren Funktionen einzuordnen. Geistes zu den Fragen des Lebens und der

APuZ 46/2007 13
Natur zu exponieren. Hierzu kænnte es hilf- ihre Geschichte und gewinnen in deren Gang
reich sein, wenn die Geisteswissenschaften auf ihren eigenen Wert. Im Fall der Geisteswis-
ihren methodologischen Hoheitsanspruch senschaften liegt er in der Exposition des
çber den Zugang zu den Gebieten der Seele, Geistes. Das ist ein groûartiger, umfassender
der Gesellschaft und der Kultur verzichten. Begriff, den wir uns nicht durch oberflåchli-
Sie sind Wissenschaften wie alle anderen auch, che Hegel-Kritiker aus dem Kopf schlagen
und sie sollten die Verfahren nutzen, die ihren lassen sollten.
komplexen Gegenstånden angemessen sind.
Der Geist aber ist in allen Wissenschaften
Das empfiehlt sich auch deshalb, weil sie wirksam. Und da das nicht alle wissen, sollten
groûe, ja, græûte Themen und Probleme zu die traditionell auf ihn bezogenen Disziplinen
bearbeiten haben, deren Bedeutung mit dem die in allem wirksame Pråsenz des Geistes
Anstieg des zivilisatorischen Aufwands tåg- herausarbeiten. Das geht nicht ohne Auf-
lich wåchst: Die Fragen der Erziehung, der merksamkeit fçr die anderen Wissenschaften,
rechtlichen Ordnung, der sozialen Gerechtig- nicht ohne Sinn fçr die Technik und vor
keit, des Vergleichs der Kulturen, der welt- allem nicht ohne den Mut, sich auch mit
weiten Verståndigung sowie der Sicherung neuen Medien in zunåchst fremden Kontex-
des Friedens liegen auf der Hand. Hinzu ten verståndlich zu machen.
kommt, dass man selbst in Úkonomie, Tech-
nik und Medizin nicht nur deshalb immer Wie alle diese Momente produktiv gemacht
mehr çber einzelne Vorhaben wissen muss, werden kænnen, hat der groûe, gelegentlich
weil die sachlichen Anforderungen exponen- sogar noch als ¹universalª titulierte Hambur-
tiell steigen, sondern weil sie ¹akzeptabelª ger Gelehrte Ernst Cassirer in seinem Le-
gemacht werden mçssen. benswerk vorgefçhrt. 8 Cassirer hatte es nicht
nætig, gegen den Geist zu polemisieren, um
Tatsåchlich erfordert das Problem der An- dennoch den Begriff der Kulturwissenschaf-
wendung einen ståndig wachsenden Auf- ten zu favorisieren. Die Kulturwissenschaften
wand. Das belegt auch die Erforschung des aber konnte er in seinem Essay on Man so zu-
Klimawandels, der Migration oder des sammenfassen, dass es ihm ohne Schwierig-
Wachstums der Metropolen. Die besten Er- keiten mæglich gewesen wåre, auch von Hu-
gebnisse helfen nicht, wenn sie nicht von den manwissenschaften zu sprechen. Blicken wir
Menschen aufgenommen und verståndig um- aber auf die fundierende Stellung von Geist
gesetzt werden. Hier, wie in allen anderen und Leben in seinem Nachlasswerk, 9 håtte er
Fållen, tritt auf unçbersehbare Weise hervor, auch Lebenswissenschaften sagen kænnen. 10
dass wir eine genauere Kenntnis des Men-
schen und seiner Lebenslagen benætigen. Und Im Ûbrigen hat Cassirer durch seine Stu-
mit jeder Erfindung, mit jeder hinzukom- dien zur Relativitåtstheorie, zum Erkenntnis-
menden Einsicht, mit jeder ¹Entschlçsse- problem in Physik und Biologie sowie in sei-
lungª der ¹Codesª von Leben und Kultur ner souverånen Untersuchung çber Determi-
wird deutlicher, wie viel mehr der Mensch nismus und Indeterminismus in der Natur
tun muss, um nicht nur klug, sondern auch deutlich gemacht, dass Wissenschaft letztlich
verantwortlich mit seinem Wissen umzuge- darauf beruht, keine festen Grenzen zu ak-
hen. Dazu braucht er ein umfångliches Wis- zeptieren. Das sollte fçr jeden Wissenschaft-
sen von der Geschichte, der gesellschaftlichen ler die leitende Maxime sein.
Strukturen, der psychischen Anlagen, der ås-
thetischen und religiæsen Erwartungen sowie,
8 Ich verweise pauschal auf die jetzt geschlossen vor-
abkçrzend gesagt, seiner Ansprçche an sich
selbst. Denn alles ist nichts ohne den Sinn, liegende Hamburger Ausgabe der Werke Ernst Cassi-
rer, hrsg. v. Birgit Recki, Hamburg 1998 ± 2007.
den wir darin zu erkennen vermægen. 9 Vgl. ders., Zur Metaphysik der symbolischen For-

men, hrsg. v. John Michael Krois, Nachgelassene Ma-


nuskripte Bd. 1, Hamburg 1995.
Behutsamer Umgang mit einer Tradition 10 Vgl. Birgit Recki, Ideen ± Geschichte ± Geist: Was

die Kulturwissenschaft von Ernst Cassirer lernen


kænnte, in: Zeitschrift fçr Kulturphilosophie, (Okto-
Was aber machen wir mit dem Begriff der
ber 2007) 1.
Geisteswissenschaften und mit ihrem veralte-
ten Gebietsanspruch? Auch Begriffe haben

14 APuZ 46/2007
Michael Klein ´ Læsung eines auf die menschliche Existenz
bezogenen Problems gefunden werden, so
Ernst-Theodor Rietschel mçssen zwei Voraussetzungen erfçllt sein:

Schnittstellen
Dies sind erstens Kenntnisse der Methoden
des Faches und deren Anwendung (etwa
Analyse- bzw. Messmethoden in den Natur-

zwischen Geistes-
und Ingenieurwissenschaften, kritisches
Quellenstudium und regelgeleitete Auslegung
in den historischen Wissenschaften sowie

und Natur-
Quer- und Långsschnittstudien in den Sozial-
wissenschaften).

wissenschaften
Zweitens muss der aktuelle Wissensstand
im jeweiligen Fach çberblickt und beherrscht
bzw. berçcksichtigt werden. Auch die genaue
Kenntnis grundlegender Dokumente und
Quellen ist von entscheidender Bedeutung,
E s ist nicht Vermehrung, sondern Verun-
staltung der Wissenschaften, wenn man
ihre Grenzen ineinander laufen låsst.ª ± so Im-
um an einer wissenschaftlichen Debatte sinn-
voll teilnehmen zu kænnen. In der aktuellen
Diskussion um Charles Darwin und seine
manuel Kant in seiner Forschungen hat man nicht selten den Ein-
Vorrede zur zweiten druck, dass nur wenige Darwins Schrift vom
Michael Klein Auflage der Kritik der
PD, Dr. phil. habil., geb. 1965; reinen Vernunft aus Ursprung der Arten durch Mittel der natçrli-
Generalsekretär der dem Jahr 1787. Ganz chen Selektion oder die Erhaltung bevorzug-
Leibniz-Gemeinschaft, anders scheint das ter Rassen im Kampf um das Leben gelesen
Eduard-Pflüger-Str. 55, heute die Deutsche haben, dafçr eine Unmenge von Interpreta-
53113 Bonn. Forschungsgemein- tionen seines Werkes.
klein@leibniz-gemeinschaft.de schaft (DFG) in ihren
Hinzu kommt drittens ein Umstand, der in
offiziellen Færderricht- den Natur- und Technikwissenschaften heute
Ernst-Theodor Rietschel linien zu sehen: ¹Die
Prof. Dr. rer. nat., Dr. med. h.c., globalisierte Wissens- oftmals vergessen wird: Von grundsåtzlicher
geb. 1941; Präsident der gesellschaft von mor- Bedeutung ist auch die Entwicklung von Wis-
Leibnitz-Gesellschaft, gen erfordert in zuneh- sen und Wissenschaft in einem Fach, wenn
Wissenschaftsgemeinschaft mendem Maûe For- man Entwicklungsprozesse nachvollziehen
Gottfried Wilhelm Leibniz e.V., schungsbemçhungen und damit Fehler vermeiden will. Auf diese
Berlin-Büro, Schützenstr. 6, interdisziplinåren Zu- Dimension hatte Blaise Pascal bereits im 17.
10117 Berlin. schnitts. Denn immer Jahrhundert hingewiesen, indem er feststellte,
rietschel@leibniz- deutlicher wird, dass dass die Erkenntnisse unserer Våter, selbst
gemeinschaft.de sich der Fortschritt in wenn wir diese revidieren, deshalb nicht ein-
fach nutzlos sind: ¹Wir kænnen nur çber die
der Wissenschaft an Vorfahren hinausschauen, weil wir auf ihren
den Grenzen beziehungsweise an den Schnitt- Schultern stehen.ª
stellen zwischen den Disziplinen vollzieht.ª
Auf dieser Grundlage, das heiût auf Basis
Bevor wir dieser Behauptung bzw. Forde- der Kenntnis und Nutzung von Methodik,
rung nachgehen, ist zunåchst einmal die Forschungsstand und -genese, wird schlieû-
grundsåtzliche Frage zu beantworten: Was ist lich eine Hypothese oder ein Deutungsvor-
der eigentliche Sinn und welches das Ziel von schlag zur Beantwortung der gestellten Frage
Wissenschaft? entwickelt und in der Fachwelt durch Veræf-
fentlichung zur Diskussion gestellt.
Welches Ziel hat Wissenschaft?
Das Ziel wissenschaftlichen Strebens ist Er- Die Autoren danken Herrn Prof. Dr. Heinz Groh-
kenntnisgewinn und -bewahrung, es geht mann, Kronberg, und Frau Prof. Dr. Ada Neschke,
darum, die Antwort auf eine bestimmte Frage Lausanne, fçr wertvolle Anregungen zum vor-
zu finden. Soll nun, spezieller formuliert, die liegenden Text.

APuZ 46/2007 15
Wissenschaft ist disziplingebunden ± ins- Der groûe Universalgelehrte Gottfried
Wilhelm Leibniz hat das vor 300 Jahren mit
besondere interdisziplinåre Wissenschaft seinem Anspruch ¹theoria cum praxiª ausge-
drçckt. Und so hat Leibniz nicht nur philoso-
Das bedeutet, dass wissenschaftliche Er- phische Studien betrieben und das Dualsys-
kenntnis zunåchst einmal disziplingebunden tem sowie die Infinitesimalrechnung (eine
ist und sich in einem intersubjektiven Kon- Technik, um Differential- und Integralrech-
text ± der Diskussion ± vollzieht. Ein Fort- nung zu betreiben) entwickelt, sondern sich
schritt ist dann erzielt, wenn die Annåherung darçber hinaus mit konkreten Problemen wie
an die Beantwortung der Fragestellung ge- der Konstruktion von Unterseebooten, der
lingt, die nicht zwangslåufig in der direkten Verbesserung der Technik von Tçrschlæssern
Beantwortung der Frage, sondern auch in der sowie der Entwicklung von Geråten zur Mes-
Differenzierung der Fragestellung bestehen sung der Windgeschwindigkeit befasst. Ne-
kann. Nun bedeutet die Disziplingebunden- benbei hat er Witwen- und Waisenkassen ge-
heit von Wissenschaft jedoch keinesfalls, dass grçndet, nach Beweisen fçr das Unbewusste
es eine ± heute laufend geforderte ± interdis- des Menschen gesucht und Ørzten den Rat
ziplinåre Forschung nicht geben kann. Doch gegeben, ihren Patienten regelmåûig Fieber
existiert diese nicht eo ipso, sondern immer zu messen. Er hat hierbei seine verschiedenen
nur in Bezug auf einen gemeinsamen konkre- Problemstellungen verschiedenartig ± eben
ten Gegenstand und eben disziplinbezogen: interdisziplinår ± beleuchtet, wozu er als
methodengebunden und durch Diskussion in Kenner verschiedener Disziplinen in der
einer Community. Lage war.
Entscheidend ist also, dass diejenige wissen-
schaftliche Fragestellung oder dasjenige Pro-
blem, welche(s) mit den Mitteln einer einzel- Zur Entwicklung
nen Disziplin nicht zu læsen ist, mithilfe ande-
rer Disziplinen (multidisziplinår oder
der Geisteswissenschaften
interdisziplinår) einer Læsung zugefçhrt wer-
Die Geisteswissenschaften haben sich, verein-
den kann. Bloûer Erkenntnisgewinn oder Be-
facht dargestellt, aus den so genannten Artis-
friedigung von Neugier reichen meist als Moti-
tenfakultåten entwickelt und dort besonders
vation fçr interdisziplinåre Wissenschaft nicht
aus den ,artes liberales` wie Literatur,
aus. Natçrlich gilt nach wie vor, dass sich der
Grammatik, Sprachtheorie, Rhetorik, Ge-
Erkenntnisgewinn in der Beantwortung einer
schichte und Logik (Humboldt'sche Neuglie-
bestimmten Fragestellung vollzieht, doch be-
derung der Wissenschaften). Aus diesen Få-
inhaltet die eine Interdisziplinaritåt erfordern-
chern hat sich im 19. Jahrhundert zunåchst
de Fragestellung oft eine konkrete Perspektive
die klassische Philologie (unter dem allgemei-
hinsichtlich eines auf das menschliche Leben
nen Namen Philologie) formiert, aus der
konkret bezogenen Problems.
dann wiederum die anderen Philologien mit
Ein Beispiel fçr solch einen inter- oder dem Gegenstand der unterschiedlichen
multidisziplinåren Ansatz kænnten Projekte Volkssprachen entstanden. Geschårft und po-
sein, mit deren Hilfe versucht wird, mittels pularisiert wurde der Begriff Geisteswissen-
einer computergestçtzten antiken Schlachtsi- schaften dann Ende des 19. Jahrhunderts
mulation historische und psychologische durch Wilhelm Dilthey.
Fragestellungen zusammenzufçhren; oder
auch das Miteinander von Lebenswissen- Diese Ausdifferenzierung, die alle Fåcher
schaften, Sozialwissenschaften, Wirtschafts- betraf, brachte als positiven Aspekt eine fort-
wissenschaften, der Architektur und natçrlich schreitende Vertiefung im Sinne einer Spezia-
der Sprachwissenschaften und der Philoso- lisierung mit sich, aber zugleich auch eine
phie bei der Beschåftigung mit dem Phåno- Vernachlåssigung der groûen Linien inner-
men der alternden Gesellschaft. Nur Meister halb eines Faches sowie den Verlust des Be-
der eigenen Disziplin sind zur Interdiszipli- wusstseins fçr die Verbindungen der Fåcher
naritåt fåhig, die nicht, so die Mahnung des hinsichtlich ihrer methodischen und themati-
Úkonomen Peter Weise, zum unverbindli- schen Gemeinsamkeiten. Das Wissen um das
chen ¹Stammtisch der Wissenschaftlerª her- Ganze und das Verstehen des Ganzen ± also
absinken darf. unsere Geschichte und unsere Kultur ± kann

16 APuZ 46/2007
nur als das Resultat der Summe aller Teile er- ein eigenes Jahr der Physik (2000), der Le-
worben werden. benswissenschaften (2001), der Geowissen-
schaften (2002), der Chemie (2003), der Tech-
Man kann sich beispielsweise mit der Erin- nik (2004) sowie das Einsteinjahr (2005) und
nerungskultur beschåftigen, mit dem Phåno- das Informatikjahr (2006) gegeben hat. Die
men der Zeit in vormodernen Kulturen, mit Geisteswissenschaften kommen also erst an 8.
Fragen der Identitåtenbildung oder dem Kul- Stelle und dann in toto, nicht differenziert
turtransfer im Mittelmeerraum. Alle diese beispielsweise nach Philosophie, Geschichts-
Themen setzen die Mæglichkeit und Notwen- wissenschaften und Sprachwissenschaften.
digkeit voraus, auf das Wissen zahlreicher Få-
cher zurçckgreifen zu kænnen. Es war die in
den vergangenen Jahrzehnten weit verbreitete Zur Entwicklung
Geschichts- und Kulturvergessenheit, die der Naturwissenschaften
dazu gefçhrt hat, die Bedeutung des Gegen-
standes der klassischen Philologie, nåmlich Seit Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelten
die klassische Antike als Fundament und den sich innerhalb der Naturwissenschaften nicht
(bewussten oder unbewussten) permanenten nur neue Wissensgebiete und Disziplinen,
Bezugspunkt der westlichen Kulturen, zu sondern es verånderte sich auch das Wissen-
vergessen oder gar in Abrede zu stellen. schaftsverståndnis insgesamt. Die Mathema-
tik entwickelte neue Begrifflichkeiten, die
Insbesondere durch den angelsåchsischen nicht mehr durch Anschauung oder das klas-
Einfluss nach dem Zweiten Weltkrieg erwei- sische Verståndnis von Quantitåt gedeckt
terte sich der Bezugshorizont der Geisteswis- waren.
senschaften in Richtung der so genannten
Humanwissenschaften (humanities), und es In der Physik wurde das von Isaak Newton
kam zu einer Verbindung der traditionellen entwickelte mechanische Weltbild durch Al-
mit den neuen Gesellschaftswissenschaften. bert Einstein und Max Planck abgelæst, und
Zu dem alten Kern, bestehend vor allem aus in der Biologie begann man, nach genetischen
der Historie und der Philologie, stieûen zum Grundlagen des Lebens zu fragen. Das Ver-
einen nun Philosophie, Ethnologie sowie Li- ståndnis der kleinsten Teile sollte beantwor-
teratur-, Kunst- und Rechtswissenschaften, ten, was die Welt im Innersten zusammenhålt.
zum anderen aber auch die Soziologie, Påd- Die groûen Entdeckungen des 20. Jahrhun-
agogik, Politologie und Psychologie, die sich derts hatten hier ihre Wurzeln mit der Folge
auch in empirischer Methodik çbten. Damit einer neuen kulturellen Bedeutung der Natur-
wurde der Begriff der Geisteswissenschaft wissenschaft. Hatte Galileo Galilei gefordert:
stark ausgeweitet, vielleicht sogar çberdehnt, Messen, was messbar ist, und was noch nicht
da die klassische geisteswissenschaftliche De- messbar ist, messbar machen, so ging Max
finition der Deutung der vom menschlichen Planck einen Schritt weiter: Wirklich ist, was
Geist hervorgebrachten Dinge zwar auf einen messbar ist: die Naturwissenschaften als die
Teil der neuen Disziplinen zutraf, aber eben messenden Wissenschaften. Wirklich sollte
nur auf einen Teil. Hier scheint auch eine nur das sein, was (naturwissenschaftlich-
Doppelgesichtigkeit der Geisteswissenschaf- quantitativ) erfassbar ist, ja wahr schien nur
ten auf (H. Grohmann). So haben die Geis- das, was messbar und reproduktiv und damit
teswissenschaften idiographische Ziele, die beweisbar ist.
charakteristisch sind und die sie verfolgen
kænnen (Deutung der vom menschlichen Indem jedoch ± wie wir heute wissen ± ge-
Geist hervorgebrachten Dinge.). Der Ver- rade hier die modernen Naturwissenschaften
such, es den Naturwissenschaften mit ihren an ihre Grenzen stoûen, wird deutlich, dass
nomothetischen Zielsetzungen mæglichst un- der Begriff der Wahrheit problematisch, da
eingeschrånkt gleichzutun, ist deshalb zum vielschichtig ist. Karl Popper hat am Beispiel
Scheitern verurteilt. der Newton'schen Physik gezeigt, dass auch
die scheinbar sichersten naturwissenschaftli-
Aktuell ist den Geisteswissenschaften ein chen Grundsåtze widerlegt werden kænnen.
eigenes Jahr gewidmet, in dem sich zahlreiche Dies hatte sinnigerweise schon Newton selbst
Disziplinen darstellen. Es erscheint fçr unsere erkannt und geschrieben: Sein und Wissen ist
Zeit als symptomatisch, dass es zuvor jeweils ein uferloses Meer. Je weiter wir vordringen,

APuZ 46/2007 17
umso unermesslicher dehnt sich aus, was von Fåchern bzw. Disziplinen fçhrte, also
noch vor uns liegt; jeder Triumph des Wissens beispielsweise der Geschichte (Vergangen-
schlieût hundert Bekenntnisse des Nichtwis- heit), der Medizin (der kranke oder verletzte
sens in sich. Mensch), der Biologie (Tiere und Pflanzen)
oder der Theologie (Gott und der Mensch),
Die Naturwissenschaften stellen sich heute hat der Ansatz der methodischen Herange-
als eine riesige Maschinerie zur Wissensge- hensweise die Einteilung der Wissenschaften
winnung dar: mit einer gigantischen Armee in Naturwissenschaften (Auûenperspektive,
von Forschern, einem enormen finanziellen auf Beobachtung beruhend mit Beschreibung,
Aufwand und einem unvorstellbaren Einsatz Versuch und Beweis) und Geisteswissen-
von Spitzentechnologie. Durch immer verfei- schaften (Innenperspektive, auf Empathie be-
nertere Geråte, Experimente und Techniken ruhend mit Beschreibung und Interpretation)
dringen sie in Bereiche der Realitåt vor, die zur Folge. So galt die Naturwissenschaft als
zunåchst einmal sehr weit von unserem All- die beschreibende und erklårende Wissen-
tagsleben entfernt scheinen, fçr uns jedoch schaft, wåhrend die Geisteswissenschaft als
keineswegs unerheblich sind. die verstehende und interpretierende Wissen-
schaft (Hermeneutik) definiert wurde. Inter-
Will man die Welt und den Menschen ver- essant ist an dieser Stelle zu bemerken, dass
stehen, so muss man sich zwangslåufig mit im angelsåchsischen Kulturkreis nur die Na-
den Erkenntnissen der Naturwissenschaften turwissenschaften als science anerkannt sind,
auseinandersetzen. Entscheidend ist dabei je- wåhrend die ± im deutschen Sprachraum so
doch, aus der unendlichen Menge naturwis- bezeichneten ± Geistes-, Kultur- und Sozial-
senschaftlichen Erkenntnisgewinns das kultu- wissenschaften als humanities firmieren.
rell relevante und bedeutsame Wissen auszu-
wåhlen. Hierbei ist das Problem zu Die Direktorin des Zentrums fçr Literatur-
çberwinden, dass im allgemeinen Verståndnis und Kulturforschung und Vorstandsvorsit-
(auch der meisten Naturwissenschaftler) die zende der Geisteswissenschaftlichen Zentren
naturwissenschaftlichen Erkenntnisse keine Berlin, Sigrid Weigel, weist in diesem Zusam-
wesentliche kulturelle Bedeutung besitzen. menhang zu Recht darauf hin, dass die Forde-
Dieses Dilemma ist nicht neu, aber wenig be- rung nach einem Gegenpol zur einseitigen
achtet, obwohl bereits der Physiker und Di- Orientierung an der Verwertbarkeit zwar
rektor der English Electric Company, Charles durchaus berechtigt sei, jedoch werde damit
Percy Snow, 1959 in seinem Artikel Die zwei zugleich das Bild der ¹zwei Kulturenª (Char-
Kulturen darauf verwies. Dabei wird çberse- les Percy Snow) wiederbelebt, das heiût die ±
hen, dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse falsche ± Vorstellung einer Grenze zwischen
zwar keinen eigenståndigen Sinn haben (materiellem) Fortschritt durch Anwendbar-
mægen, dass ihre sinnvolle Nutzung jedoch keit (Naturwissenschaft) und (immaterieller)
eine kulturelle Leistung darstellt, die in unse- Kulturpflege als Eigenwert (Geisteswissen-
rer heutigen Gesellschaft einen ungeheueren schaft). Weigel: ¹So profitiert jede, auch noch
Stellenwert einnimmt. so anwendungsferne Forschung (etwa in der
Physik) von der Aura des Nutzens, die alle
Naturwissenschaften umgibt. Auf der ande-
Zur Grenze zwischen Geistes- und ren Seite geråt dadurch das tatsåchliche Po-
Naturwissenschaften tenzial geistes- und kulturwissenschaftlicher
Erkenntnisse aus dem Blick.ª
Wo verlief oder wo verlåuft die klassische
Grenze zwischen Geistes- und Naturwissen- Dennoch taugen beide definitorischen An-
schaften? Bei der Beantwortung dieser Frage såtze ± Gegenstand und Methodik ± letztlich
kænnen drei Ansatzpunkte in Betracht gezo- nicht fçr die Markierung einer Grenze zwi-
gen werden: der Gegenstand der Betrachtung, schen Geistes- und Naturwissenschaft.
die Methodik im Sinne des Zugangs oder die
Konsequenz, die aus der Beschåftigung mit Ein dritter Ansatz jedoch fçhrt an dieser
einem Gegenstand gezogen wird. Stelle weiter: die Frage nach den Motiven
oder Erkenntnisinteressen, die diese Wissen-
Wåhrend die Betrachtung einzelner Gegen- schaften zuallererst hervorgebracht hatten
stånde von Wissenschaft zur Herausbildung oder der Konsequenz, die aus der Beschåfti-

18 APuZ 46/2007
gung mit einem Gegenstand gezogen wird. In Naturwissenschaften, und der Molekularbio-
der aktuellen Diskussion heiût es, dass die loge und Vorsitzende des Europåischen For-
Natur- und Technikwissenschaften Verfç- schungsrates, Fotis Kafatos, formulierte:
gungswissen generieren (was mit dem Begriff ¹Wir sind alle Entdecker, wir suchen alle
Verstand markiert wird), wåhrend die Geis- nach der Wahrheit.ª Genau das ist das Pro-
teswissenschaften danach Orientierungswis- blem, mæchte man ihm zurufen!
sen bereitstellen (gekennzeichnet mit dem Be-
griff Vernunft). Das Ziel mçsse es sein, Ver- Die Naturwissenschaften stellen ± zumin-
stand und Vernunft in ein angemessenes dest im eigenen Verståndnis ± mit ihrer kri-
Verhåltnis zu bringen. tisch-empirisch-rationalen Methode die Er-
kenntnis der natçrlichen (im Sinne von
Wåhrend die Ergebnisse der Natur- und Natur) Lebenswelt des Menschen in den Mit-
Technikwissenschaften (Verfçgungswissen) telpunkt ± nach Aristoteles der Welt, die
das menschliche Leben zunåchst lediglich er- nicht von Menschen gemacht wurde. Wer
leichterten, haben sie es in den vergangenen demnach keine anderen Quellen von Er-
150 Jahren zugleich mit einer ungeheueren kenntnis im Sinn von Wissenschaft gelten
Geschwindigkeit derart dynamisiert, dass låsst, fçr den gibt es zu den Naturwissen-
Orientierungs- und Organisationsstrukturen schaften keine Alternative ± wahr ist, was be-
in immer kçrzeren Zeitphasen relativiert weisbar ist! Diese Deutung wird von dem
wurden und werden. Damit haben sich die Mittelalterphilologen und Vorsitzenden des
Naturwissenschaften nicht auseinanderge- Wissenschaftsrates, Peter Strohschneider, re-
setzt. Orientierung und Ordnung war und ist lativiert, indem er feststellt: ¹Im Gegensatz
nur noch fçr kleine Gruppen und kçrzere zur Natur sind die Naturwissenschaften ein
Zeitråume organisierbar. Hier liegt die ent- Produkt der Kulturª, weshalb auch der Ab-
scheidende Aufgabe der Geistes- bzw. Kul- stand von Geistes- und Naturwissenschaften
turwissenschaften. geringer sei als der von Natur und Naturwis-
senschaft. Da unbestritten ist, dass menschli-
Vor diesem Hintergrund der rasanten Ent- ches Handeln und Verhalten biologische
wicklungen in den Naturwissenschaften hat Grundlagen haben, deren Ausprågung jedoch
der Germanist und ehemalige Pråsident der eine Kulturleistung ist, greifen an dieser Stelle
Deutschen Forschungsgemeinschaft sowie Geistes- und Naturwissenschaften ineinan-
heutige Pråsident der Alexander von Hum- der.
boldt-Stiftung, Wolfgang Frçhwald, 1991 von
den Geisteswissenschaften gefordert, ¹ihre Zwar ist die Einteilung in Fåcher bzw. Dis-
Optik auf das kulturelle Ganze, auf Kultur ziplinen weiterhin sinnvoll, doch muss dabei
als Inbegriff aller menschlichen Arbeit und gesehen werden, dass jeder Gegenstand von
Lebensformen, auf die kulturelle Form der wissenschaftlicher Betrachtung dynamisch
Welt, die Naturwissenschaften und sie selbst und offen ist und es gerade an den Råndern
eingeschlossenª zu beziehen. Genau das ist (z. B. Soziobiologie, Biochemie, Anthropolo-
die Aufgabe der Kulturanthropologie und der gie, Úkologie) Bewegung gibt. Grenzen soll-
philosophischen Anthropologie, die in ten daher nicht als trennendes Ende verstan-
Deutschland Max Weber viel verdankt. Die- den werden, sondern als die Notwendigkeit
ser verstand unter Kulturwissenschaften alle der Fortsetzung, als verbindende Berçh-
Disziplinen, die ¹die Vorgånge des menschli- rungspunkte, eben als Schnittstellen, die sich
chen Lebens unter dem Gesichtspunkt ihrer çberall da aufdrången, wo die Herausforde-
Kulturbedeutung betrachtenª und hat den rungen der Zukunft nicht mehr mit einem
Kulturwissenschaften so eine Orientierungs- einzigen Modell bzw. einer einzigen Methode
funktion zugewiesen. innerhalb einer einzelnen Disziplin zu læsen
sind. Im ¹Gegenstandª Mensch werden die
Grenzen zwischen Natur- und Geisteswis-
Schnittstellen (oder Ûberschneidungen) senschaften zu Ûberschneidungen, die zwar
von Geistes- und Naturwissenschaften groûe Risiken bergen, aber auch enorme
Chancen bieten. Einen vorbildlichen Ansatz
Im Rahmen der diesjåhrigen Nobelpreistrå- hat hier das Anfang 2007 an der Universitåt
gertagung in Lindau diskutierten die Gelehr- Tçbingen eræffnete Forum Scientiarium, das
ten çber die Beziehungen von Geistes- und sich im Rahmen des ersten Studienkollegs mit

APuZ 46/2007 19
dem Thema Biologische und kulturelle werden die Geisteswissenschaften.ª Und
Grundlagen menschlichen Denkens beschåf- Detlev Ganten resçmierte 2003, dass sich
tigt. Auch die europåische Arbeitsgruppe ¹die Naturwissenschaften aufgrund der Er-
Philosophische Anthropologie, die in Deutsch- kenntnisse des 20. Jahrhunderts immer står-
land an der TU Dresden vertreten ist, leistet ker auf die elementaren Fragen von Leben
hier durch ihre jåhrlichen Kongresse wert- und Materie und Zeit und Raum fokussieren.
volle Arbeit. Damit kommen wir in Bereiche, in denen die
Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften
und Philosophie noch weniger zu trennen
Fazit sind als in der Vergangenheit.ª

Fçr eine Gesellschaft ist es von grundlegen- Das fortschreitende Verståndnis neurobio-
der Bedeutung, kulturell relevantes Wissen zu logischer Prozesse des Denkens, Fçhlens und
erkennen und darçber einen Konsens herzu- Handels fordert so beispielsweise nicht nur
stellen. Das klingt abstrakt, doch sind die die jçdisch-christliche Auffassung heraus,
Fragen, die Sigrid Weigel in diesem Zusam- wonach der Mensch als Geschæpf Gottes zur
menhang stellt, mehr als konkret: ¹Was folgt Freiheit gegençber sich selbst und seinen
aus der Entschlçsselung des genetischen Erb- Mitmenschen geschaffen ist, sondern auch die
guts und wie verhålt es sich zum kulturellen Grundlagen der Aufklårung.
Erbe? Welche Folgen hat die Reproduktions-
medizin fçr Familienstrukturen, Generati- Bundesforschungsministerin Annette Scha-
ons- und Geschlechterverhåltnisse?ª van hat vor diesem Hintergrund Ende 2005
im Deutschen Bundestag festgestellt: ¹Des-
Es besteht Einigkeit darçber, dass die Bio- halb werden die ethischen Fragen etwa in den
logie die Frage ¹Was ist der Mensch?ª nicht Biowissenschaften uns in den kommenden
in einem umfassenden Sinn beantworten Jahren immer wieder vor schwierige Abwå-
kann. Sie kann seine Einzelteile (im Sinne von gungen stellen. Verantwortungsbewusste Gç-
Bauteilen) definieren und deren Zusammen- terabwågung in einer solchen Situation ge-
wirken erklåren, mehr jedoch nicht. Was ist schieht immer in einem kulturellen Kontext,
der Mensch? Das ist die aktuelle Grundfrage der zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft
unserer Kultur, von deren Beantwortung die gehært.ª
Art des kçnftigen Umfeldes eines jeden Men-
schen abhångt ± und das eben insbesondere In der modernen wissenschaftlichen Be-
vor dem Hintergrund der naturwissenschaft- schåftigung mit dem Menschen leuchten
lichen Erkenntnisexplosion. daher ebenso die Grenzen wie die Schnittstel-
len zwischen Geistes- und Naturwissenschaf-
Die moderne Wissenschaft erklårt den heu- ten auf. Ûberspitzt formuliert erforschen
tigen Menschen zum homo sapiens sapiens: Naturwissenschaften den Menschen aus der
zum verstandes- und vernunftbegabten Perspektive von auûen als Sache, die Geistes-
Wesen. Auf diese umfassende Begabung wird wissenschaften jedoch aus der Perspektive
es ankommen, wenn es gilt, die Lebensum- von innen als Person (A. Neschke). Die Tren-
stånde der Menschheit ± wie auch des einzel- nung von Sache und Person ist fçr den euro-
nen Menschen ± zu bestimmen. Einfacher påischen Kulturraum fundamental, und bis-
formuliert: Wåhrend die Frage, welche Er- her wurde diese Trennung von den Natur-
kenntnisse helfen, Krankheiten zu heilen, von und Geisteswissenschaften als konstitutiv re-
den Naturwissenschaften beantwortet wird, spektiert. In jçngerer Zeit dehnen die Natur-
reicht zur Beantwortung der viel wichtigeren wissenschaften, animiert etwa durch ihre Er-
Frage Welche Medizin fçr wen? die naturwis- folge im Rahmen der Hirnforschung, jedoch
senschaftliche Erkenntnis nicht aus. Hier sind ihre Grenzen immer weiter auf das traditio-
kulturwissenschaftliche Leistungen gefordert. nelle Gebiet der Geisteswissenschaften aus.
Wer also die Frage nach dem Nutzen der Sie tun dies, indem sie die persænliche Form
Geisteswissenschaften stellt, der stellt zu- des Menschen zu einer neuronal funktionie-
gleich auch die Frage nach dem Nutzen des renden Sache erklåren.
Menschen. Odo Marquard hat dies Mitte der
1980er Jahre so formuliert: ¹Je moderner die Ob dem Versuch geisteswissenschaftlicher
moderne Welt wird, desto unvermeidlicher Zweige, auf das Territorium der Naturwis-

20 APuZ 46/2007
senschaften vorzudringen, in der Absicht, die Albrecht Koschorke
evolutionsbiologischen Hintergrçnde der Ge-

Ûber die
nese der såchlichen Form des Menschen nicht
naturwissenschaftlich erklåren zu wollen,
åhnliche Bedeutung zukommt, soll hier offen

angebliche Krise
bleiben. In jedem Fall werden die Schnittstel-
len zwischen Geistes- und Naturwissenschaf-
ten zur Ûberschneidung. Die gleiche Refe-

der Geistes-
renz ± der Mensch ± wird verschieden inter-
pretiert, die Interpretationen kollidieren.

wissenschaften
So ist die heutige Situation einerseits da-
durch geprågt, dass Schnittstellen zwischen
Geistes- und Naturwissenschaften positiv
wahrgenommen, gemeinsam analysiert und
fçr beide Seiten gewinnbringend genutzt wer-
den. Es muss aber andererseits auch konsta-
tiert werden, dass an der bisherigen Koexis-
tenz von Geistes- und Naturwissenschaften
I m Jahr der Geisteswissenschaften ist sie
wieder auf dem Spielplan: Die Krise. Krise
der Geisteswissenschaften. Aber gibt es sie
in Bereichen, die den Menschen betreffen, çberhaupt, diese exklusive Misere? Falls ja,
Konfliktlagen entstanden sind. Diese erfor- worin genau besteht sie? Und warum kreist
dern notwendigerweise das interdisziplinåre der Krisendiskurs dau-
Gespråch mit der Verpflichtung des gegensei- ernd und immer nur Albrecht Koschorke
tigen Anhærens, Verstehens und Korrigierens. um die Geisteswissen- Dr. phil, geb. 1958; Professor an
Dieser notwendige Dialog dient letztendlich schaften? der Universität Konstanz, Fach-
dem Urauftrag aller Wissenschaften, nåmlich bereich Literaturwissenschaft,
der Befriedigung des fundamentalen Interes- Inzwischen handelt Fach D 160, 78457 Konstanz.
ses der Menschen an Erkenntnis. es sich sogar um eine albrecht.koschorke@uni-
Krisenerzåhlung mit konstanz.de
zwei Teilen: In Teil I www.uni-konstanz.de/FuF/
wird behauptet, die Philo/LitWiss/Germanistik/
Geisteswissenschaften sites/personalia/koschorke/
seien in Bedrångnis, koschorke.htm
weil ihnen Gelder ent-
zogen und Stellen gestrichen wçrden; sie er-
hielten keine Unterstçtzung von Seiten der
Politik und håtten die æffentliche Meinung
gegen sich, nicht einmal mehr die Feuilletons
seien ihnen gewogen; sie kænnten oder wollten
sich nicht ståndig ins Rampenlicht stellen und
wçrden dafçr bestraft; die Formate der Wis-
senschaftsfærderung, von den Verbundfor-
schungseinrichtungen bis zur Exzellenzinitia-
tive, seien wie das ganze Drittmittelunwesen
nicht auf die besonderen Eigenarten und Be-
dçrfnisse geisteswissenschaftlicher Tåtigkeit
abgestimmt.

In Teil II åndert sich zwar nicht unbedingt


der Befund, wohl aber die Tonlage: Es sei nun
an der Zeit, hært man, mit dem Lamento auf-
zuhæren; das angeblich schlechte Erschei-
nungsbild der Geisteswissenschaften in der
Úffentlichkeit habe auch mit der Larmoyanz
ihrer Vertreter zu tun und sei daher von
ihnen mitverschuldet; viele Fåcher seien

APuZ 46/2007 21
çberspezialisiert, und ihre Vertreter kænnten ring, wenn jemand tote Sprachen erlerne, sich
ihr Anliegen der Úffentlichkeit nicht mehr in Papyri vertiefe oder den Wanderungsbewe-
allgemeinverståndlich vermitteln; aus der gungen kçnstlerischer Ornamente nachfor-
Diskussion der groûen Fragen der Zeit håtten sche, aber eine Kulturnation mçsse sich einen
sich die Geisteswissenschaftler weitgehend solchen Ûberfluss ebenso leisten wie subven-
zurçckgezogen und sich çberhaupt stark ent- tionierte Opern oder Museen.
politisiert. Statt unablåssig zu klagen, mçsse
man endlich wieder in die Offensive gehen Mit diesem Imperativ zum Bestandsschutz
und der restlichen Welt begreiflich machen, fçr nutzlose, aber wertvolle Bildungs- und
dass sie die Geisteswissenschaften nætig habe. Kulturgçter verbindet sich regelmåûig eine
± Diese Wendung des Narrativs låuft darauf pessimistische Gesellschaftsprognose, und
hinaus, dass sich die Geisteswissenschaftler zwar mit Blick auf das Ûberhandnehmen
ermannen und neues Selbstbewusstsein an eines rein ækonomischen Denkens. Wie vieles
den Tag legen sollen. Allerdings bleibt unklar, andere auch scheinen dann die Geisteswissen-
wodurch dieser Wandel in der Befindlichkeit schaften in der Gefahr, einem sich çber alle
motiviert wird. (Es handelt sich dabei um Bereiche des gesellschaftlichen Lebens aus-
eine Trendwende, die, wir mir scheint, auffål- breitenden Úkonomismus zum Opfer zu fal-
lige Parallelen zur wirtschaftlichen Erholung len. So lautet der Tenor der meisten Øuûerun-
in Deutschland aufweist.) gen, die letztlich auf der alten Opposition
von Geist und Geld beruhen und damit auf
Aber eine Offensive aus der Defensive her- Argumentationsmuster zurçckgreifen, die
aus ergibt noch keine starke Position. Oft mindestens so alt sind wie die Wissenschaft
steckt das Problem ja schon in der Art und der Úkonomie selbst, die also bis weit ins 18.
Weise der Definition: Wer in einem Atemzug Jahrhundert reichen.
von ,Krise` und ,Geisteswissenschaften`
spricht, læst eine Kette von Reflexen aus.
Viele nicht unmittelbar Betroffene werden Geisteswissenschaften:
dann gar nicht mehr zuhæren wollen, ist Kosten- und Nutzenrechnung
ihnen diese Geschichte doch schon oft genug
erzåhlt worden. Auch flammende Appelle Dagegen ist zweierlei einzuwenden: Erstens
zur Rettung der Geisteswissenschaften im stellt sich die Frage, ob es strategisch ge-
Allgemeinen gibt es mehr, als irgendjemand schickt ist, sich von seinem Gegner (in diesem
verkraften kann. Sie erreichen daher selten ihr Fall: dem ækonomischen Denken) die Krite-
Gegençber und haben eher den Charakter rien der Selbstbeurteilung (Nutzlosigkeit)
von In-group-Kommunikationen, in denen diktieren zu lassen, um dann ein mehr oder
sich eine Gemeinschaft nicht nur ihrer Werte, minder kåmpferisches ¹Ja, aberª vorzubrin-
sondern auch ihrer Grenzen versichert. gen. Zweitens ist zu fragen, ob dieser Befund
so pauschal çberhaupt richtig ist. (Gut ge-
Auch die Art und Weise der Argumentation meinte Gesellschafts- und Kapitalismuskritik
bei solchen Appellen folgt erwartbaren Refle- schçtzt ja nicht vor Gedankenlosigkeit.)
xen. Wer das Schlagwort ,Krise der Geistes-
wissenschaften` aufbringt, wird erstens einen Was ist denn so liebenswert nutzlos an den
gewissen kulturapokalyptischen Ton anschla- Geisteswissenschaften? Gibt es heute noch je-
gen. Er wird zweitens die Geisteswissenschaf- manden, der die Ausbildung guter Deutsch-
ten als Statthalter der Kultur durch ihre klassi- und Fremdsprachenlehrer fçr unnçtz hålt,
schen Gegner bedroht sehen: Technik (ein- insbesondere nach dem deutschen PISA-De-
schlieûlich der technologischen Revolution in saster? Ist Allgemeinbildung etwa kein Wirt-
den Medien) und Úkonomie. Damit schreibt schaftsfaktor? Wer bezweifelt, dass ein wirt-
er eine Konstellation fort, in der sich die Geis- schaftlich prosperierendes Land ein funkti-
teswissenschaften seit ihrer disziplinåren Aus- onsfåhiges Rechtssystem braucht, das heiût
formung im 19. Jahrhundert verfangen haben: kundige Juristen, die es ståndig den Gegeben-
hier die ,Realia`, dort das zusehends nutzlose heiten anpassen und ,bespielen`? Stellen Un-
klassische Bildungsgut. Daraus folgt, dass ternehmensleitungen, die bei der Rekrutie-
man in die Situation kommt, den Wert des rung von mittlerem und Fçhrungspersonal
Nutzlosen zu verteidigen. Zwar ± so lautet das çber die ,weichen`, sprich: kulturellen Stand-
Argument ± sei der ækonomische Nutzen ge- ortfaktoren genau im Bilde sind und erheblich

22 APuZ 46/2007
von der Attraktivitåt kommunaler Einrich- aber gleichwohl betråchtlich sind die Folgen
tungen profitieren, die Ausbildung von fåhi- fehlender Sprach- und Kulturkompetenz in
gen Bçhnendramaturgen und Museumskura- internationalen Organisationen und Firmen,
toren in Frage? Wie denken der Wirtschafts- bei politischen und humanitåren Kriseninter-
dezernent der Stadt Kassel, die alle fçnf Jahre ventionen, im Prozess der europåischen Eini-
die Documenta ausrichtet, oder der Finanzse- gung und in vielen vergleichbaren Fållen.
nator des Wissenschaftsstandorts Berlin, aber
letztlich auch jeder um gehobenen Tourismus
bemçhte Kreisrat çber die Amortisation von Misere der deutschen Hochschulen
Investitionen in Bildung und Kultur? Man
muss das nicht zu seinem Lieblingsargument Nun gibt es tatsåchlich eine Misere, aber sie
machen, aber es ist eine ækonomische Tatsa- betrifft nicht exklusiv die Geisteswissenschaf-
che, dass der Kulturbetrieb in postindustriel- ten und diese auch nicht alle in gleichem
len Gesellschaften eine der Branchen mit Maûe. Das Pluralwort ,Geisteswissenschaf-
hæchster Wertschæpfung ist. ten` erweist sich hier fçr die Analyse der Ent-
wicklung an deutschen Hochschulen eher als
Das Klischee vom Luxuscharakter der hinderlich.
Geisteswissenschaften ist falsch; es gibt genç-
gend Indikatoren, die dies belegen: Da ist Zunåchst einmal haben die deutschen Uni-
zum einen die groûe, von Jahr zu Jahr unver- versitåten insgesamt mit schwierigen Bedin-
drossen wachsende Nachfrage von Seiten jun- gungen zu kåmpfen. Gemessen an frçheren
ger Schulabgånger nach einem Studienplatz Verhåltnissen in Deutschland und im interna-
in geisteswissenschaftlichen Fåchern, die tionalen Vergleich sind sie heute erheblich
trotz gleichen oder sogar sinkenden Personal- unterfinanziert. Daran werden auch punktu-
stands in den betroffenen Fåchern immer elle Maûnahmen wie die Exzellenzinitiative,
noch einigermaûen ordentlich bewåltigt wird. die ja nur einen Teil der den Hochschulen in
Auch wenn davon nicht alle zu einem Stu- den vergangenen Jahren abgeforderten Ein-
dium dieser Art berufen sind, die meisten sparungen nach einem aufwåndig ermittelten
kænnen sehr gut begrçnden, warum sie sich Leistungsschlçssel zurçckerstattet, nichts ån-
fçr die akademische Beschåftigung mit Ge- dern. Die Finanzknappheit ist fçr kleine Få-
genstånden entscheiden, die nicht unmittelbar cher besonders verhångnisvoll, etwa in den
verwertungsrelevant scheinen. Und anders, Alterstumswissenschaften. Mit den Fåcher-
als gemeinhin behauptet wird, sind die Be- gruppen brechen ganze Traditionsbestånde
rufsaussichten fçr Geisteswissenschaftler weg ± teilweise einfach deshalb, weil die
sogar vergleichsweise gut. Man muss aller- Nachfrage fehlt. Generell trifft Geldknapp-
dings nach Abschluss des Studiums je nach heit jedoch die Geisteswissenschaften am we-
Fachrichtung mit einer schwierigen Orientie- nigsten hart, und zwar aus drei Grçnden:
rungsphase rechnen; geradlinige Berufswege
sind eher die Ausnahme. Aber hier stehen die Erstens liegt es in der Natur ihrer Gegen-
kreativen Berufe im Bereich Kultur an der stånde und Arbeitsweisen, dass sie auf ein
Spitze einer Bewegung (Stichwort: ¹Bastel- muttersprachliches Nuancierungspotenzial
biographieª), die sich, wenn die Prognostiker nicht verzichten kænnen. Kurz gesagt ist hier
Recht behalten, als eine gesamtgesellschaftli- die Bindung an die deutsche Sprache als Wis-
che Realitåt durchsetzen wird. senschaftssprache am græûten, und das setzt
dem viel beklagten brain drain insbesondere
Wenn man von der Nutzen- zur Kosten- in die angelsåchsischen Lånder gewisse Gren-
analyse çbergeht, wird die Bedeutung der zen. (Es bringt allerdings auch den Nachteil
Geisteswissenschaften noch deutlicher. Wie der Isolation und Inselbildung mit sich;
das Schicksal der Okkupation des Irak durch deutschsprachige Forschungsergebnisse wer-
die USA zeigt, kænnen sich die Kosten fçr den international kaum noch wahrgenom-
mangelnde soziokulturelle Kompetenz, fçr men.) Zweitens ist geisteswissenschaftliche
fehlende Dolmetscher, Religionsexperten und Forschung im Allgemeinen nicht teuer und
Ethnologen, fçr den çbergangenen Rat von kann deshalb im Einzelfall auch bei mangeln-
Kennern der Kultur des Mittleren Ostens der Finanzierung erfolgreich sein. Drittens
schnell auf zwei- bis dreistellige Milliarden- schlieûlich lebt diese Forschung von Inspira-
betråge summieren. Weniger spektakulår, tionen, die nicht einfach monetår verrechen-

APuZ 46/2007 23
bar sind. Dazu zåhlt nicht zuletzt der Inspira- Teilweise verlåuft diese Grenzlinie zwi-
tionsraum europåischer Stådte und Kultur- schen angewandter und Grundlagenfor-
landschaften mit ihrer langen und reichhalti- schung, oder nçchterner: zwischen Wissen-
gen Tradition, die in vielen Teilen der Welt, schaften, die groûe Dinge in Aussicht stellen
vor allem in den USA, kein vergleichbares (derzeit etwa die Humangenetik), und rein
Gegenstçck hat. Das erklårt, warum theoretischen Disziplinen. Man findet ent-
Deutschland mit anderen europåischen Lån- sprechende Gegensåtze innerhalb der Physik,
dern in der geisteswissenschaftlichen Theo- Biologie, Mathematik ebenso wie innerhalb
riebildung nach wie vor eher zu den Expor- von Fåchern, die sich traditionell den Geistes-
teuren als Importeuren gehært. (Manches wissenschaften zurechnen (etwa der Linguis-
kommt dann, çber mehrere Rezeptionsstufen tik). Ein Vertreter der string theory, der kos-
vermittelt, als Re-Import aus den USA wie- mologische Modelle durchrechnet, die jen-
der zurçck.) seits experimenteller Verifizierbarkeit liegen,
hat aus diesem Blickwinkel mehr mit einem
Viele Geisteswissenschaftler neigen dazu, theoretischen Mathematiker und vielleicht
Missstånde, die sie im universitåren Alltag zu sogar mehr mit einem Philosophen gemein
bewåltigen haben, auf ihre kollektive Benach- als mit seinem Kollegen im selben Institut
teiligung gegençber ,den` Naturwissenschaft- zwei Bçrotçren weiter, der seine Entdeckun-
lern zurçckzufçhren. Das liegt oft schlicht gen auf dem Gebiet der Nanotechnologie se-
darin begrçndet, dass sie sich kaum je mit rienweise zur Patentreife bringt und deshalb
einem Naturwissenschaftler unterhalten. vom Landesministerium hofiert wird. ± Ein
Sonst wçrden sie nåmlich erfahren, dass Na- anderes Beispiel: Von Eingeweihten erfåhrt
turwissenschaftler çber ganz åhnliche Dinge man, dass Evolutionsbiologen, die sich wirt-
jammern wie ihre Kollegen aus den humani- schaftlich folgenlos mit Schmetterlingsflçgeln
ties: Verknappung der ohne zusåtzlichen An- und Insektenbeinen befassen, niemanden so
tragsaufwand verfçgbaren Ressourcen, Ûber- inbrçnstig hassen wie ihre wichtigtuerischen
reglementierung, Bçrokratie, verordnete In- Kollegen von der Genetik, die alle æffentliche
terdisziplinaritåt und so weiter. Tatsåchlich Zuwendung auf sich ziehen, weil sie mit der
gibt es in fast allen Fachgruppen Begçnstigte Entwicklung genmanipulierten Saatgutes
und Benachteiligte. Und plætzlich åndert sich oder neuartiger Heilverfahren das Verspre-
das Bild: Man muss nicht mehr die bedrohte chen verbinden, die Menschheit von ihren
Kultur gegen Technokratie und ækonomi- drångendsten Problemen zu erlæsen.
schen Utilitarismus ausspielen, sondern findet
quer durch die Disziplinen hindurch Allian- Das wåre reichhaltiger Stoff fçr einen
zen von ,Gewinnern` und ,Verlierern` der For- neuen Artikel, den Berufenere schreiben
schungsfærderung und Wissenschaftspolitik. mægen. Worauf es mir hier ankommt, ist, die
Geisteswissenschaften aus einer Rolle der
Opposition herauszuholen, in der sie nur ver-
Wissensækologie lieren kænnen. Man sollte sie nicht zu einem
Kranz von Orchideenfåchern stilisieren (was
Statt, einen alten Graben vertiefend, Geistes- nicht zutreffend ist) und nicht in eine falsche
und Naturwissenschaften wie zwei monoli- romantische Opposition zu unserer tech-
thische Blæcke gegeneinander aufmarschieren nisch-ækonomischen Zivilisation bringen.
zu lassen, sollte genauer hingesehen werden: Der eigentliche Gegensatz heiût nicht: Geist
Bei differenzierterer Betrachtung stellen sich versus Natur/Technik/Úkonomie, sondern:
nåmlich ganz andere Grenzverlåufe her: Da theoretisches versus praktisches Erkenntnis-
scheiden sich in der Tat ,modische` Wissen- interesse, langfristige versus kurzfristige Wis-
schaften von Fåchern, die nur eine geringe æf- senschaftsplanung (soweit man Wissenschaft
fentliche Wertschåtzung genieûen. Auf man- çberhaupt planen kann).
chen Gebieten finden Entwicklungen statt,
die von vornherein profitabel sind oder es zu Ein Gutteil der wissenschaftlichen Arbeit
werden versprechen, wåhrend anderswo ± beschrånkt sich schlicht darauf, Erkenntnisse
selbst wenn dort Durchbrçche von enormer und Fåhigkeiten nicht verloren gehen zu las-
theoretischer Tragweite erzielt werden sollten sen, sie vor dem Sog des Vergessens zu schçt-
± abseits jeglicher Profitinteressen geforscht zen und sicherzustellen, dass sie an aktuelle
wird. Theoriesprachen und Fragestellungen an-

24 APuZ 46/2007
schlieûbar bleiben. Ein anderer, wesentlicher tische Ansåtze in jçngster Zeit auch auf bis-
Teil besteht darin, Erkenntnisse um ihrer her fremden Territorien zu verzeichnen
selbst willen zu sammeln, zu ergånzen, zu haben. Es ist ja inzwischen viel von politi-
vertiefen. Das ist fçr die meiste Zeit einiger- scher Kultur, von Rechts-, Unternehmens-
maûen unspektakulår und Auûenstehenden und Wissenschaftskulturen (sogar Laborkul-
nicht leicht zu vermitteln. Und doch bildet turen) die Rede. Das heiût nichts anderes, als
dies den eigentlichen Nåhrboden fçr Innova- dass eine der Herkunft nach geisteswissen-
tionen, die schlieûlich die ganze Menschheit schaftliche Betrachtungsweise auch fçr die
bewegen. Wann und wo dies geschieht, ist Analyse sozialer und technischer Prozesse,
kaum voraussagbar ± wie jeder weiû, der die denkbar weit von schængeistiger Liebha-
etwas von echter wissenschaftlicher For- berei liegen, an Bedeutung gewinnt. Eine ent-
schung versteht. Wissenschaft ist immer eine sprechende Reichweite erlangen Begriffe, die
,Mischkalkulation' aus Erkenntnis- und An- zuvor scheinbar den Schænen Kçnsten vorbe-
wendungsinteresse, zweckfreier Neugier und halten waren: ,Poetik`; mitsamt ihren Deriva-
(oft unerwarteter) Nçtzlichkeit. ten, ,Performanz`, ,Evidenz`, ,Repråsentati-
on`, ,Fiktion` und ,das Imaginåre`. All diese
Man muss die ækonomische Denkart also Wærter haben sozusagen ihren Stammplatz
besser verstehen, als sie sich teilweise selbst auf dem Gebiet der Østhetik im engeren Sinn;
versteht, und um den Faktor einer wissensæko- aber sie werden in wachsendem Maû auf die
logischen Nachhaltigkeit ergånzen, der in der Gesamtheit der sozialen Aisthesis und damit
Tat in Politik und Wirtschaft gern aus dem der gesellschaftlichen Produktion von Wissen
Blick geråt. Das ist ein Problem, das ± sagen bezogen, wie sie nach und nach ins Blickfeld
wir ± die Assyrologen mit vielen industriefern umfassender kulturwissenschaftlicher Analy-
arbeitenden Naturwissenschaftlern teilen. Mit sen geråt. 1
der Úkologie der Wissenschaften verhålt es
sich wie mit anderen Biotopen: Sie bewegen Diese Entwicklung erlegt den zuståndigen
sich in langen Zyklen und gedeihen langfristig Fachdisziplinen eine ungewohnte und para-
nur dann, wenn die Artenvielfalt gesichert ist. doxe Aufgabe auf: Sie mçssen sich der infla-
± Hier kommen die Geisteswissenschaften tionåren Verwendung des Begriffs ,Kultur`
wieder ins Spiel, aber diesmal nicht als betrof- und der daraus abgeleiteten Kategorien er-
fene Opfer, sondern als Quelle einer letztlich wehren und vielmehr die Grenzen eines oft
fçr die Praxis sehr relevanten Einsicht: Wie voreiligen Kulturalismus betonen. Wie die
alle Kulturen sind auch Wissenskulturen unheilvolle Formel des ,Kampfes der Kultu-
hochgradig reizempfindliche und sich wech- ren` oder die unbedachte Verallgemeinerung
selseitig beeinflussende Gebilde; Innovations- des Kollektivsingulars ,Islam` zeigen, kann
pfade halten sich nicht an die Aufgliederung in die Ûberschåtzung von kulturellen und reli-
Sparten und Disziplinen, sondern verlaufen giæsen Faktoren ebenso fatale Auswirkungen
gleichsam querfeldein, wie man an der Ge- haben wie kulturelle Inkompetenz auf der an-
schichte besonders produktiver und revolu- deren Seite. Es wçrde klçger (und billiger!)
tionårer Wissenschaftsepochen studieren sein, weltgesellschaftliche Konflikte wirt-
kann. Es geht ja, çber die Ansammlung von schaftlich, politisch und diplomatisch zu be-
positivem Fachwissen hinaus, um die Eræff- handeln, anstatt sie etwa zu religiæsen End-
nung allgemeiner Denkmæglichkeiten, die zeitszenarien zu vergræûern. Auch dazu be-
alles bisher Gedachte und Denkbare çber- darf es der Geisteswissenschaften ± um auf
schreiten, sich folglich auch nicht auf ein um- die Kosten hinzuweisen, die entstehen kæn-
grenztes Feld des Wissens beschrånken und nen, wenn man am falschen Ort ,Kultur` sagt,
nicht durch Planungsvorgaben steuerbar sind. statt: Armut, Ungerechtigkeit, Unterdrç-
ckung, Umweltzerstærung, Staatszerfall.

Entgrenzung des Kulturbegriffs 1 Nåheres hierzu in: Albrecht Koschorke, Codes und

Narrative. Ûberlegungen zur Poetik der funktionalen


Innerwissenschaftlich befinden sich die Geis- Differenzierung, in: Walter Erhart (Hrsg.), Grenzen
teswissenschaften, ohne sich dessen vollstån- der Germanistik. Rephilologisierung oder Er-
weiterung? DFG-Symposion 2003, Stuttgart 2004,
dig bewusst zu sein, geradezu auf Expansi-
S. 174 ±185.
onskurs. Das macht sich an den erheblichen
,Gelåndegewinnen` bemerkbar, die kulturalis-

APuZ 46/2007 25
Peter Strohschneider unterscheidet, das ist kategorial vællig ver-
gleichbar mit denjenigen Unterschieden, wel-

Freiraum fçr che etwa zwischen Molekularbiologie und


Maschinenbau oder zwischen Ozeanographie
und Theoretischer Physik bestehen und dort

Geisteswissen- als ganz unproblematisch akzeptiert werden.


Eine Selbstbeschreibung als ¹Wissenschaften

schaften
unter Wissenschaftenª ist fçr die Geisteswis-
senschaften eine Rçcknahme von strukturel-
len Ûberforderungen und zugleich ein ambi-
tionierter Anspruch. Hinsichtlich der fçr gei-
steswissenschaftliche Forschung und Lehre

N icht erst seit Beginn des ihnen gewid-


meten Wissenschaftsjahrs 2007 sind die
Geisteswissenschaften in Deutschland Ge-
erforderlichen Freiråume folgt nåmlich aus
dieser Selbstbeschreibung: Weder kænnen sol-
che Freiråume von den Geisteswissenschaften
genstand und die Geisteswissenschaftler Be- im Namen hæherer Rechte exklusiv eingefor-
teiligte einer æffentlichen Diskussion, die sich dert, noch auch kænnten sie von anderen gæn-
von den Debatten çber ihre Lage in vorange- nerhaft zugestanden werden.
gangenen Jahren deutlich unterscheidet. Statt
vor allem Klage çber schwindende Ressour- ¹Freiraumª kann hier und im Weiteren als
cen, verlorenen gesell- Chiffre dienen fçr all jene Bedingungen, wel-
Peter Strohschneider schaftlichen Einfluss che die Geisteswissenschaften zur Entfaltung
Dr. phil., geb. 1955; Professor oder die Vormacht- ihrer Kreativitåt und Produktivitåt strukturell
für Germanistische Mediävistik stellung der Naturwis- benætigen. Insofern wird auf die Frage nach
an der Ludwig-Maximilians-Uni- senschaften zu fçhren, Freiråumen fçr die Geisteswissenschaften
versität München; seit 2006 werden neuerdings auch keine nur auf den Einzelnen bezogene
Vorsitzender der Wissenschafts- zunehmend die wis- Antwort gesucht; unbegrenzte Zeit in einer
rats, Brohler Straûe 11, senschaftliche Quali- so wohl ausgestatteten wie temperierten Bi-
50968 Köln. tåt der geisteswissen- bliothek wåre ohnehin in manchen Fållen
Vorsitzender@Wissenschafts schaftlichen Fåcher, Antwort genug. Vielmehr geht es mir fçr die
rat.de geeignete Kriterien Geisteswissenschaften insgesamt um die Skiz-
zur Bewertung ihrer ze einer Antwort auf die Frage, wie sich die
Forschungsleistungen oder angemessene Fær- Bedingungen ihres Gelingens strukturell ver-
derungsprogramme diskutiert. bessern lassen. Unter diese fallen sowohl sol-
che, die die Geisteswissenschaften mit ande-
Zu einem wieder erstarkenden Selbstbe- ren Wissenschaften teilen, als auch solche, die
wusstsein, aber auch zu mehr Pråzision bei fçr sie spezifisch sind.
der Bestimmung von Mångeln und bei Vor-
schlågen zu deren Behebung haben die Initia- Mit Blick auf vier unterschiedliche Dimen-
tiven von VW- und Thyssen-Stiftung (¹Pro sionen soll von solchen Bedingungen hier in
Geisteswissenschaftenª), die Færderinitiati- aller Kçrze die Rede sein, nåmlich hinsicht-
ven von DFG und BMBF und nicht zuletzt lich erstens des institutionellen Orts der Geis-
die im Januar 2006 vom Wissenschaftsrat ver- teswissenschaften, sodann zweitens ihrer Ar-
æffentlichten ¹Empfehlungen zur Entwick- beitsformen und drittens der Mehrsprachig-
lung und Færderung der Geisteswissenschaf- keit ihrer wissenschaftlichen Praxis, sowie
ten in Deutschlandª erheblich beigetragen. schlieûlich viertens hinsichtlich des æffentli-
Rhetorische Abrçstung macht Leistungen chen Diskurses çber ihren Nutzen.
und Defizite der Geisteswissenschaften in-
zwischen in einer Weise sachlich verhandel-
bar, die in den meisten Wissenschaften selbst- Institutionelle Bedingungen
verståndlich ist. Geisteswissenschaften, die
sich bisweilen darin gefielen, sich in prinzi- Nicht allein aufgrund des wissenschaftsge-
pieller Differenz gegençber den anderen Wis- schichtlichen Beitrags Deutschlands zu ihrer
senschaften zu beschreiben, werden mehr Genese im 19. Jahrhundert zåhlen die moder-
und mehr zu Wissenschaften unter Wissen- nen Geisteswissenschaften unvermindert zu
schaften. Was sie von anderen Wissenschaften den herausragenden Leistungsausweisen,

26 APuZ 46/2007
wenn heute von Deutschland als einem Wis- Eine Besonderheit der Situation der Geis-
senschaftsstandort die Rede ist. Zu ihrer insti- teswissenschaften liegt zunåchst in den wei-
tutionellen Basis gehæren rund achtzig græ- terhin unzumutbaren akademischen Betreu-
ûere æffentlich finanzierte auûeruniversitåre ungsverhåltnissen: Mehr als 100 Studierende
Forschungseinrichtungen, einzigartige Bi- kommen hier durchschnittlich auf eine Pro-
bliotheken, Archive und Sammlungen, vor fessur; in sehr groûen Fåchern wie der Ger-
allem aber die Fakultåten und Fachbereiche manistik oder der Geschichte sind es noch
an den Universitåten des Landes. Låsst man deutlich mehr. Ebenso inakzeptabel ist die
die Technischen Universitåten einmal beisei- daraus resultierende Studienabbrecherquote,
te, so findet sich unter den ± nach dem Maû die mit ca. 45 Prozent fast doppelt so hoch
ihrer DFG-Drittmittel ± 15 forschungsstårks- liegt wie im Durchschnitt aller anderen Få-
ten Universitåten keine, die nicht auch çber cher. Eine solche Lage ist nicht durch eine
starke Geisteswissenschaften verfçgte. All Aufstockung der Lehrdeputate, die zudem
dies indiziert zunåchst einmal eine weltweit eine weitere Beschrånkung der Forschung
einzigartig gçnstige wissenschaftsstrukturelle mit sich bråchte, in den Griff zu bekom-
Ausgangslage. men.

Dennoch wird an den Universitåten çber Der Wissenschaftsrat hat hierauf in seinen
schwindenden Freiraum fçr geisteswissen- ¹Empfehlungen zum demographiegerechten
schaftliche Forschung geklagt. Und zuweilen Ausbau der Hochschulenª hingewiesen, die
geht diese Klage soweit, dass sie nicht allein maûgeblich den im Juni 2007 verabschiedeten
den Niedergang der Geisteswissenschaften Hochschulpakt von Bund und Låndern in-
behauptet, sondern damit zugleich den Un- itiiert haben. Es bedarf dringend einer besse-
tergang der Universitåt als ihres institutionel- ren personellen Ausstattung der Hochschu-
len Ortes. Eine derartige Identifikation von len. Damit allein wåre es aber nicht getan.
Geisteswissenschaften und Universitåt hat Notwendig ist çberdies vielmehr eine Auf-
geistes- und institutionengeschichtliche Ursa- wertung der Lehre, ihrer Bedeutung fçr Per-
chen, die in der besonderen Funktion und sonen und Institutionen und zugleich ihrer
Aufwertung der philosophischen Fakultåt im Qualitåt: Lehre muss als Aufgabe der Univer-
Zuge der Universitåtsreformen Wilhelm von sitåt ± wie die Forschung auch ± wahrnehm-
Humboldts und Friedrich Schleiermachers bar und (symbolisch wie ækonomisch) hono-
nach 1806 wurzeln. Bei solchem Besitzer- rierbar werden.
stolz, mit dem Geisteswissenschaftler aus die-
ser Tradition heraus gerne so possessiv wie Ulrich Herbert hat in der Wochenzeitung
exklusiv von ¹unsererª Universitåt sprechen, ¹Die Zeitª vom 30. August 2007 çberzeugend
geråt freilich leicht in Vergessenheit, dass zur die These vertreten, çber die Zukunft der
emphatisch beschworenen Einheit der philo- deutschen Geisteswissenschaften werde im
sophischen Fakultåt ehemals auch die Natur- Bereich der universitåren Lehre entschieden.
wissenschaften zåhlten. Als einen entscheidenden Schritt in Richtung
einer solchen Aufwertung der Lehre sieht der
Wenn çber Freiråume und deren Bedro- Wissenschaftsrat die Schaffung eines neuen
hung im institutionellen Zusammenhang der Professurentyps mit dem Schwerpunkt Lehre
Universitåten zu sprechen ist, dann lohnt es und die Etablierung eines dazu gehærigen
sich zu unterscheiden zwischen Einschrån- Qualifikationsweges an. So paradox es klin-
kungen, die tatsåchlich aus der spezifischen gen mag: Nur wenn verantwortungsbewusste
Situation der Geisteswissenschaften resultie- Læsungen fçr die Herausforderung gefunden
ren, und solchen, die sich fçr alle Fachgebiete werden, einer wachsenden Anzahl von Stu-
aus den durchgreifenden Verånderungspro- dierenden eine niveauvolle Ausbildung durch
zessen der Universitåt als Institution ergeben. qualifizierte Lehrende zu bieten, wird mittel-
Nur dann nåmlich låsst sich die maûgebliche und langfristig Freiraum fçr geisteswissen-
Frage beantworten, ob zur Behebung von schaftliche Forschung erhalten bleiben und
Mångeln Allianzen mit anderen Disziplinen entstehen kænnen. Gelånge dies indes nicht,
geschmiedet werden kænnen oder ob auch dann litten unweigerlich Ausbildung und
einmal Alleingånge der Geisteswissenschaften Færderung des fçr die Forschung unentbehr-
unvermeidlich sind. lichen wissenschaftlichen Nachwuchses und

APuZ 46/2007 27
dann wçrde die Forschung schnell gegen den Eine an Leistungskriterien orientierte Mit-
Vorwurf zu kåmpfen haben, sie werde im telplanung in den Universitåten, so ist dem
Grunde auf Kosten der akademischen Lehre hinzuzufçgen, darf allerdings nicht als blin-
betrieben. der Mechanismus ablaufen. Sie setzt vielmehr
einen strategischen Rahmen voraus, der ihre
Handelt es sich bei den hohen Studieren- Ziele umreiût. Will eine Universitåt profilbil-
denzahlen um ein fçr die Geisteswissenschaf- dende Geisteswissenschaften besitzen ± und
ten spezifisches Phånomen, so ist die von dafçr kænnten auch ehrwçrdige Traditionen
Geisteswissenschaftlern vielfach beklagte ein guter Grund sein ±, so bedarf es einer
Einfçhrung von Leistungsindikatoren fçr die strategischen Grundsatzentscheidung, die
Forschung ein die Universitåt, ja das Wissen- langfristig tragfåhig zu sein hat und nicht mit
schaftssystem çberhaupt betreffender Vor- jedem gescheiterten Drittmittelprojekt wie-
gang. Und dieser låsst sich çbrigens leicht aus der in Zweifel gezogen werden darf. Zur in-
einem von Geisteswissenschaftlern in der haltlichen Beschreibung solcher der Universi-
Regel emphatisch verfochtenen Wert ableiten: tåt Profil gebenden und profilierten Geistes-
der Einheit der Universitåt. wissenschaften hat der Wissenschaftsrat die
fçnf Dimensionen 1. Sprachen / Texte, 2. Bil-
Wenn es diese Einheit weiter geben soll, der / Musik / Theater, 3. Geschichte / Gesell-
dann bedarf es einer fachgebietsçbergreifen- schaft, 4. Erkenntnis / Ethik / Religion sowie
den Bewertung der jeweils bearbeiteten Auf- 5. auf auûereuropåische Bereiche bezogene
gaben und erbrachten Leistungen, ohne die Wissenschaften genannt, die jeweils systema-
nåmlich eine rationale ± und das heiût be- tisch und historisch breit abgedeckt sein soll-
grçndungspflichtige ± Leitung der Universi- ten.
tåt als ganzer långst unmæglich wåre. Dies
aber impliziert, dass sich einer so verstande-
nen Einheit der Universitåt kein Fachgebiet Arbeitsformen
entziehen kann, indem es etwa postuliert, fçr
die Bewertung seiner Leistungen keine Krite- Fçr ¹endliche, geschaffene Wesenª, so hat
rien angeben zu kænnen. Eine wie hier ver- Friedrich Wilhelm Graf einmal konstatiert,
standene Einheit der Universitåt impliziert sei ¹die Ressource Zeit knapper als die Res-
hingegen nicht, dass çber alle Fåcher hinweg source Geldª, und er hat damit gewiss keine
identische Leistungskriterien und Bewer- anthropologische Differenz von Geisteswis-
tungsparameter anzulegen wåren. Zum Frei- senschaftlern und Naturwissenschaftlern be-
raum der Geisteswissenschaften in den Uni- haupten wollen. Wohl aber hat er eine Diffe-
versitåten gehært vielmehr das Recht, auf renz der Arbeitsformen in den Blick gerçckt.
angemessenen fachspezifischen Bewertungs- Unveråndert ist es nåmlich so, dass die Indi-
kriterien bestehen zu dçrfen; wobei dieses vidualitåt des einzelnen Geisteswissenschaft-
Recht nicht unabhångig von der Verpflich- lers, sein intellektueller Denkstil, sein persæn-
tung sein kann, fçr solche adåquaten Krite- liches Archiv von Klången, Bildern und
rien und Verfahren Empfehlungen zu geben. Texten und seine individuelle (Aus-)Bil-
dungsgeschichte in stårkerem Maûe prågend
Entsprechende Vorschlåge zu erarbeiten fçr die wissenschaftliche Arbeit sind, als dies
und offensiv zu vertreten, ist eine zentrale in den in geschlosseneren Paradigmen for-
Aufgabe der Geisteswissenschaften, fçr deren schenden Naturwissenschaften der Fall ist.
Bewåltigung sowohl ihre Fachgesellschaften Jede Færderung der Geisteswissenschaften
als auch die Fachkollegien der DFG geeignete hat diesem Umstand Rechnung zu tragen; wo
Foren darstellen kænnten. Der Wissenschafts- entsprechende Arbeitsformen zu ihrer hæchs-
rat hat in seinen ¹Empfehlungen zur Ent- ten Produktivitåt finden und welche Færde-
wicklung und Færderung der Geisteswissen- rungsformen also fçr den notwendigen Frei-
schaften in Deutschlandª Anregungen fçr die raum sorgen, ist damit noch keineswegs ent-
Ausarbeitung entsprechender Kriterien gege- schieden.
ben. Insbesondere hat er die Etablierung und
Anpassung publikationsbezogener Bewer- In diesem Zusammenhang erlebte die Kri-
tungsverfahren empfohlen und dazu die Står- tik an den græûeren, kooperativen Færde-
kung der Zeitschriften und die Erhæhung rungsformaten, zum Beispiel der DFG, in
ihrer Selektivitåt fçr notwendig erachtet. den vergangenen Jahren eine zweifelhafte

28 APuZ 46/2007
Konjunktur, indem diese Formate pauschal das vom BMBF ausgeschriebene Programm
unter den Verdacht gestellt wurden, weniger der internationalen Forschungskollegs, in
innovativ zu sein, Originalitåt unwahrschein- dem die ersten drei Kollegs in Berlin (Freie
licher werden zu lassen und Risikofreude ab- Universitåt), Bochum und Weimar bereits ein-
zudåmpfen. Kritiker der ,groûen Formate` gerichtet wurden. Alle diese Programme kon-
monieren, mit den fçr kooperative Verfahren vergieren darin, dass sie die Durchfçhrung
çblichen çbergreifenden Themenstellungen oder den Abschluss individueller Forschungs-
werde ein Konsenszwang ausgeçbt, der wis- projekte fast ohne zusåtzlichen administrati-
senschaftlichen Konformismus und intellek- ven Koordinierungsaufwand ermæglichen.
tuelle Opportunitåt begçnstige, wildes Solche Verfahren versetzen Wissenschaftler in
Denken und sperrige Ansåtze hingegen ab- die Lage, sich auf Zeit vollståndig auf die For-
schleife. Als Wunschform wird dann typi- schung konzentrieren zu kænnen, ohne dass
scherweise das wissenschaftliche Einzelvor- auûerhalb der Universitåt eine eigene Struktur
haben ins Spiel gebracht, in welchem For- geschaffen werden mçsste, welche diese als
schung frei von Konsenszwången entworfen Forschungsinstitution langfristig schwåchen
und durchgefçhrt werden kænne. Das Gegen- wçrde. Die Forschungsfærderung kann auf
argument lautet, dass ein Einzelvorhaben derartigen Wegen çbrigens eine stårkere Bin-
jenen Freiraum, den es in seiner Unabhångig- nendifferenzierung der Universitåten unter-
keit von den Kohårenzzwången eines çber- stçtzen, indem sie es nahe legt, dort unter-
greifenden Themenrahmens besitze, durch schiedliche Aufgaben zeitlich befristet und in
die detailgenauere Bewertung seitens der variablen Proportionen wahrzunehmen.
Gutachter leicht auch wieder verlieren kænne:
Gerade die flexibleren Rahmen kooperativer
Færderungsformen seien jenen Freiraum zu Mehrsprachigkeit
erzeugen im Stande, in dem auf der Grundla-
ge globalerer Gutachterurteile Neues erkun- In den Geisteswissenschaften sind Sprachen
det werden kænne. Produktionsmittel und in ihrer Unterschied-
lichkeit und Unterschiedenheit zugleich eine
Zwischen diesen beiden argumentativen wichtige Ressource wissenschaftlicher Er-
Positionen soll hier nicht entschieden wer- kenntnis. Das unterscheidet ihre Funktion
den, und vermutlich handelt es sich ja auch dort von derjenigen in den Natur-, Bio- und
um eine falsche Entgegensetzung. Zwei Technikwissenschaften. Zu einigen jener Wis-
Schlussfolgerungen lassen sich indessen zie- senschaften bestehen in dieser Hinsicht frei-
hen. Erstens: Mag die Art der Mechanismen, lich eher graduelle Unterschiede, zu anderen
die an der Projektformung beteiligt sind, eher tiefgreifende Differenzen, insofern sie
auch unterschiedlich sein, ihre Existenz als sich der mathesis universalis bedienen und die
solche ist fçr jedes Antragsverfahren konsti- natçrliche Sprache im Wesentlichen als Medi-
tutiv. Gerade daraus ergibt sich aber die be- um der Pråsentation anderweitig produzier-
sondere wissenschaftliche Bedeutung einer ten Wissens gebrauchen. Die Gelassenheit,
verlåsslichen Grundausstattung fçr die freie, mit welcher in solchen Wissenschaften das
unkonditionierte Entwicklung und Umset- Englische als universales wissenschaftliches
zung von Forschungsideen. Zweitens: Es Kommunikationsmedium akzeptiert und ver-
spricht alles dafçr, auch fçr die Geisteswis- wendet wird, kann in den Geisteswissen-
senschaften såmtliche Formen der For- schaften nicht geteilt werden: Fçr ihre wis-
schungsfærderung ± von der individuellen senschaftliche Erkenntnis der Welt ist sprach-
Druckbeihilfe bis hin zum Exzellenzcluster ± liche Vielfalt eine unverzichtbare Ressource
offen zu halten. des wissenschaftlichen Komplexitåtsaufbaus.

Ein anderer und von den Geisteswissen- Sprachen kænnen fçr sie nicht lediglich
schaften erfolgreich beschrittener Weg be- austauschbare Instrumente der Pråsentation
steht darin, neue Færderformate anzuregen, eines Wissens oder vorgångiger Erkenntnis
die den Eigenlogiken ihrer Forschungspraxen sein, die immer auch in anderer Weise ver-
in besonderer Weise angemessen sind. Dazu fçgbar wåren. Besonders in den Geistes-,
gehæren Færderprogramme wie das ¹Opus Kultur- und Sozialwissenschaften als den
Magnum-Programmª der VW-Stiftung oder Formen der wissenschaftlichen Erkenntnis
die Kolleg-Forschergruppen der DFG oder der kulturellen Welt ± in abgestufter Weise

APuZ 46/2007 29
aber auch fçr die wissenschaftliche Erkennt- aufgegriffen worden. Sie eræffnet die Mæg-
nis der natçrlichen Welt und fçr die techno- lichkeit, herausragende deutschsprachige wis-
logische Weltgestaltung ± sind Sprachen viel- senschaftliche Arbeiten aller Fachrichtungen
mehr in mannigfaltiger Hinsicht Instrumente ins Englische oder in eine andere Weltsprache
der Erkenntnisproduktion selbst. Allein Viel- çbersetzen zu lassen.
falt der Sprachen garantiert Diversitåt der in-
tellektuellen Stile, Begriffsbildungsformen
und Argumentationsduktus. Ohne diese Di- Nçtzlichkeit
versitåt wåre eine der Komplexitåt der natçr-
lichen und der kulturellen Welt angemessene Die æffentliche Debatte um die Nçtzlichkeit
intellektuelle Dynamik wissenschaftlicher der Wissenschaften hat eine lange Geschichte.
Erkenntnis und wissenschaftlicher Kommu- Wenn der Eindruck nicht tåuscht, dann sind
nikation nicht denkbar. Es ist daher genau so mit der wachsenden æffentlichen Wahrneh-
abwegig, wie es auch klingt, wenn immer mung globaler ækonomischer Konkurrenzen
håufiger fçr das natçrliche Leben auf Plurali- der Staaten oder Staatengruppen seit den
tåt (Biodiversitåt, genetische Vielfalt), fçr das 1990er Jahren auch die Lasten fçr die Wissen-
wissenschaftskulturelle hingegen auf Mono- schaften insgesamt gestiegen, ihren (volks-
tonie gesetzt wird. wirtschaftlichen) Nutzen fçr das Gemein-
wohl belegen zu sollen. Diese Last wird den
Auf diesem Sachverhalt zu bestehen, be- Wissenschaften indes nicht einseitig aufgebçr-
deutet selbstverståndlich keineswegs, sich det, sie wird vielmehr von ihnen auch selbst
etwa gegen die Internationalisierung der gesucht, indem sie sich Kosten-Nutzen-Kal-
Wissenschaften oder fçr ihren Verbleib in kçle zu Eigen machen und sich ihrerseits
nationalen Sprachgrenzen aussprechen zu aktiv der Argumentation bedienen, allein In-
wollen. Ûber solche Provinzialisierung ist vestitionen in die Wissenschaft kænnten einer
die Praxis von Forschung und Ausbildung wissensbasierten Úkonomie langfristig die
auch in den Geisteswissenschaften långst Basis sichern. An der Erzeugung des Erwar-
hinaus: Weltweit durchgefçhrte Forschungs- tungsdrucks und des Verlangens der Gesell-
aufenthalte, Publikations- und Herausgeber- schaft nach Belegen fçr die in Aussicht ge-
tåtigkeit in internationalen Zeitschriften be- stellten Leistungen sind die Wissenschaften
legen das ebenso wie die selbstverståndlich insofern aktiv beteiligt.
gewordenen Karrierestationen, sei es als
Postdoktorand, sei es Hochschullehrer, im Worauf es allerdings im Folgenden mit
Ausland. Der notwendige Freiraum fçr die Blick auf die Geisteswissenschaften an-
Geisteswissenschaften liegt vielmehr darin, kommt, ist der Umstand, dass die in der be-
darauf bestehen zu dçrfen, dass fçr sie Inter- schriebenen Lage bestehenden Erwartungen
nationalisierung nur im Modus der Mehr- die verschiedenen Wissenschaftsgebiete in
sprachigkeit und nicht durch Monolingualis- prågnanter Asymmetrie adressieren. Den Na-
mus ± sei es der englische, sei es ein anderer turwissenschaften, mehr noch der Biomedizin
± zu haben ist. und am meisten sicherlich den Technikwis-
senschaften wird ækonomischer und damit
Das hat çbrigens hæchst praktische Konse- gesellschaftlicher Nutzen pauschal unter-
quenzen: Kænnen geisteswissenschaftliche stellt. Bemerkenswerterweise profitieren von
Forschungsantråge ohne intellektuellen Sub- dieser Unterstellung auch solche Forschungs-
stanzverlust und das heiût ohne Qualitåts- felder, die zwar in die entsprechenden Fåcher-
minderung ebenso gut in einer Fremd- wie in gruppen gehæren, deren direkter Nutzen aber
einer Muttersprache vorgelegt werden? Darf durchaus weniger deutlich ist.
von geisteswissenschaftlichen Publikationen
erwartet werden, dass ihr Autor sie in mehr Noch interessanter ist die Beobachtung,
als einer Sprache auf dem nåmlichen Komple- dass Natur-, Bio- und Technikwissenschaften
xitåtsniveau zu formulieren vermag? Sprach- in einer Weise als Wissenschaften verstanden
virtuosen, die so etwas kænnen, sind eher die werden, die es ihnen gestattet, von unmittel-
Ausnahme. Die vom Wissenschaftsrat als baren Nçtzlichkeitserfordernissen bei Bedarf
Ausweg empfohlene Verbesserung der Mæg- jederzeit auch absehen zu kænnen, ohne dass
lichkeiten professioneller Ûbersetzung ist dadurch der gesellschaftliche Wert ihrer Hy-
dankenswerterweise von der VW-Stiftung pothesen, Entwçrfe oder Prognosen çber-

30 APuZ 46/2007
haupt beeintråchtigt wçrde. Vor solchen Gel- den Ausstellungstourismus bis hin zum Ar-
tungseinbuûen schçtzt sie ± und zwar durch- beitsmarkterfolg vor allem promovierter
aus mit Recht ± die Wissenschaftlichkeit ihres Geisteswissenschaftler auf breiter Front. Die-
Tuns, auf die man bei Bedarf ebenso abstellen ser erst entstehende Freiraum muss befestigt
kann wie zu anderer Zeit auf Nçtzlichkeit. und verteidigt werden. Dies aber wird umso
besser gelingen, je selbstbewusster die Geis-
Einen vergleichbaren Status besitzen die teswissenschaften sich dabei als Wissenschaf-
Geisteswissenschaften in unserer Gesellschaft ten unter Wissenschaften definieren und von
nicht: Weder genieûen sie eine allgemeine Exklusivbegrçndungen zugleich absehen.
Nçtzlichkeitsunterstellung, noch erfreuen sie
sich selbstverståndlicher Anerkennung, wenn Im Ûbrigen tun alle Wissenschaften gut
sie unter Berufung auf ihren Wissenschafts- daran, gesellschaftlichen Rechenschaftspflich-
status von unmittelbaren Funktionalitåten ten zwar zu gençgen, sich aber nicht Erwar-
dispensiert werden mæchten. Indessen haben tungen kurzschlçssiger Nçtzlichkeit zu un-
die Geisteswissenschaften, nachdem sie die terwerfen. Mægen die Wirkungen der Geis-
çber mehr als ein Jahrhundert hinweg bean- teswissenschaften auch teilweise vermittelter
spruchte (Allein)Zuståndigkeit fçr gesell- und in anderen Zeithorizonten beschreibbar
schaftliche Groûprojekte wie Nation, Staat, sein als diejenigen der Natur- oder Technik-
Volk, Kultur oder Demokratisierung aufgege- wissenschaften: Dieser Unterschied ist jeden-
ben haben, inzwischen begonnen, ihre gesell- falls geringer als jener, welcher zwischen den
schaftliche Funktion und Leistung neu und Wissenschaften auf der einen Seite und ihrer
strukturell anders zu definieren. Sie besteht gesellschaftlichen Wirksamkeit auf der ande-
darin, komplexe Deutungsansprçche gegen- ren besteht. Dass die Wissenschaften gesell-
çber allen Formen reduktionistischer Global- schaftlich rechenschaftspflichtig sind, dies
erklårung zu wahren. Die spezifischen und kann und darf ± ganz unabhångig vom jewei-
zentralen Aufgaben der Geistes- und Kultur- ligen Wissenschaftsgebiet ± keinesfalls heiûen,
wissenschaften, insbesondere auch der histo- jede Wissenschaftlerin und jeder Wissen-
risch-hermeneutischen Fåcher, liegen dort, schaftler habe solcher Rechenschaftspflicht
wo sie wissenschaftliches Wissen çber die jederzeit auch individuell und kontinuierlich
Gesellschaft, çber die kulturelle Welt produ- nachzukommen. Wie sollte anders jenes ris-
zieren, ohne welches Wissen Weltauslegung kante Denken, wie sollte jener Vorstoû nicht
und Weltgestaltung çberhaupt nicht mæglich nur ins einstweilen Ungedachte, sondern
wåren. auch ins bislang Undenkbare wahrscheinlich
werden kænnen, ohne welchen ¹Innovationª
Um es an einem Beispiel zu verdeutlichen: bloû ein Plastikwort ist zur Neuvermarktung
Die demographischen Probleme westlicher von Ladenhçtern?
Gesellschaften sind selbstverståndlich nicht
hormoneller Natur, sondern verstehbar nur
im Kontext der Individualisierung von Kul-
turmustern und Lebensstilen. Oder: Jener
Entgrenzungsprozess, der einstweilen Glo-
balisierung heiûen mag, stellt den Universali-
tåtsanspruch der aufklårerischen Grundrechte
unter Kontingenzverdacht, ohne dass er doch
von unserer Gesellschaft irgend aufgegeben
werden kænnte. Er muss also neu begrçndet
und kommuniziert werden. Und an solchen
Stellen liegen, wie auch immer vermittelt, die
Funktionen und Leistungen der Geisteswis-
senschaften.

Ûber derartige im allgemeinen Sinne gesell-


schaftliche Funktionen hinaus mangelt es
zudem nicht an Evidenzen fçr die unmittel-
bare ækonomische Relevanz der Geisteswis-
senschaften ± von der Medienindustrie çber

APuZ 46/2007 31
Dirk Klose diese, in welch ungewæhnlich intensiver Auf-
bruchstimmung sich die Stadt um die Jahr-

¹Berliner hundertwende befand und welche auûeror-


dentlichen kulturellen Leistungen diesem da-
mals in Deutschland einzigartigen Milieu

Klassikª ± ein entsprangen.

Was der seit langem zur preuûischen Kul-

Projekt der turgeschichte arbeitende Schriftsteller gewis-


sermaûen als ¹Einzelkåmpferª mit groûem
Einfçhlungsvermægen zusammengetragen

Akademien der hat, das versucht die Wissenschaft ± ebenfalls


in Berlin ± nun schon seit mehreren Jahren
systematisch zu erforschen. Seit dem Jahre

Wissenschaften 2003 gibt es an der Berlin-Brandenburgischen


Akademie der Wissenschaften (BBAW) das
Projekt ¹Berliner Klassik. Eine Groûstadt-
kultur um 1800ª. Es soll Quellen und Archi-

N ach der Niederlage der preuûischen


Armee gegen Napoleon bei Jena und
Auerstedt im Oktober
valien zu eben dieser Zeit erschlieûen, vor
allem aber in geschichtskritischer Absicht an-
schaulich machen, dass es um 1800 nicht nur
1806 schien Preuûen ein herausragendes kulturelles Zentrum in
Dirk Klose am Ende zu sein. Zu Deutschland ± Weimar ± gegeben hat, son-
M.A., geboren 1941; Redakteur offenkundig fçr jeder- dern eben zwei, die natçrlich teils åhnlich,
bei verschiedenen Zeitungen mann war, dass das teils aber auch ganz unterschiedlich struktu-
und Zeitschriften, zuletzt bis vom Sieger zutiefst riert waren.
Februar 2006 Redakteur der gedemçtigte, in sei-
Wochenzeitung ¹Das Parlamentª nem Territorium na- Angeregt hat das Projekt der Literaturwis-
(verantwortlich für hezu halbierte Land senschaftler Conrad Wiedemann, Emeritus
¹Das Politische Buchª), nur durch grundle- der Technischen Universitåt Berlin. Nach
Berliner Str. 68, 14169 Berlin gende Reformen wie- einer dreijåhrigen Vorbereitungsphase wurde
klose_dirk@web.de der auf die Beine das Vorhaben im Jahre 2003 formal institutio-
kommen konnte. Und nalisiert, und zwar als Langzeitprojekt der
in der Tat erstaunt bis heute, mit welcher Union der Wissenschaftsakademien in
Energie diese in den folgenden Jahren einge- Deutschland, in der alle sieben Akademien
leitet wurden ± mit einer Energie, die sich ab- (Berlin, Dçsseldorf, Gættingen, Heidelberg,
seits der starren Systeme des Hofes und der Leipzig, Mainz und Mçnchen) zusammenge-
Armee aufgestaut hatte, sei es in Staat und fasst sind. Derzeit arbeiten drei Wissenschaft-
Verwaltung (Heinrich Friedrich Karl vom ler zu unterschiedlichen Themen; fçr weitere
Stein/Karl August von Hardenberg), im Mili- zehn Untersuchungen wurden Forschungs-
tårwesen (Gerhard von Scharnhorst/August auftråge vergeben. Bis zum Jahr 2011 soll das
Neidhardt von Gneisenau) oder im Bildungs- Projekt laufen, mæglicherweise sogar bis
bereich (Wilhelm von Humboldt). 2014.

¹Als Poesie gutª ± unter diesem Titel hatte Die genaue ¹Geburtsstundeª des Vorha-
der Schriftsteller Gçnter de Bruyn im vergan- bens vermag Wiedemann gar nicht mehr
genen Jahr ein umfangreiches Buch veræffent- genau zu nennen. Mæglicherweise war es um
licht, in dem er rund 50 ¹Schicksale aus Ber- das Jahr 1999, als die Feiern zum 250. Ge-
lins Kunstepoche 1786 bis 1807ª ± so der Un- burtstag Johann Wolfgang von Goethes fçr
tertitel ± schilderte. Neben jenen von Johann das wieder vereinte Deutschland auch so
Gottfried Schadow, Carl Gotthard Langhans, etwas wie eine Selbstvergewisserung seines
Friedrich Gilly, Wilhelm von Humboldt, klassischen, in Weimar repråsentierten Erbes
Henriette Herz und Rahel Varnhagen be- wurden. Es war ja långst bekannt, welche
leuchtet de Bruyn zahlreiche weniger be- groûe Anzahl geistreicher Persænlichkeiten
kannte Biographien aus ganz unterschiedli- und welche Fçlle kultureller Einrichtungen
chen Lebensbereichen. In der Summe zeigen die preuûische Residenzstadt um 1800 beher-

32 APuZ 46/2007
bergte. Nirgends war die Zahl intelligenter Immer wieder mçssen sich die Berliner
Kæpfe græûer als hier, wovon ein kurzes Wissenschaftler die Frage gefallen lassen, ob
Nachdenken zugleich çberzeugt: es ihre Intention sei, Weimar und damit die
Weimarer Klassik mit ihren groûen Namen
Gelehrte: die Brçder Wilhelm und Alexander zu relativieren. Und ebenso beharrlich weisen
von Humboldt, der Altertumswissenschaftler sie diesen Verdacht immer wieder zurçck.
Reinhold Niebuhr, der Jurist Friedrich Carl ¹Goethe ist konkurrenzlosª, sagt Wiede-
von Savigny, der Gymnasialdirektor und mann, ¹das ist gar keine Frage.ª Im Rechen-
Schulreformer Friedrich Gedike; schaftsbericht 2007 der Berliner Akademie,
der dieser Tage erschienen ist, schreibt er
Politiker und Militårs: Heinrich Friedrich dazu:
Carl Reichsfreiherr vom und zum Stein und
Karl August Fçrst von Hardenberg, August ¹Weimars soziokulturelle Einzigartigkeit
Neidhardt von Gneisenau, Gerhardt von verdankt sich zweifellos der Entscheidung
Scharnhorst und Carl von Clausewitz; Goethes, sein kçnstlerisches Schicksal nicht an
eine der græûeren Bçrger- oder Residenz-
Philosophen: Johann Gottlieb Fichte und stådte des Reiches, sondern eines der landesty-
Friedrich Schleiermacher; pischen und politisch unbedeutenden Klein-
fçrstentçmer zu binden (. . .) Alles weist da-
Bildende Kçnstler: Johann Gottfried Scha- rauf hin, dass Goethe der personellen und
dow, Christian Daniel Rauch, Vater und Sohn machtfernen Intimitåt der kleinen, dynastisch
Gilly, Carl Gotthard Langhans (Erbauer des regierten Landschaft die græûte kulturelle
Brandenburger Tores), Karl Friedrich Schin- und moralische Kraft zugestand, die das in
kel; Auflæsung begriffene Reich zu bieten hatte.
An eine Rçckzugsbewegung zu denken, wåre
Schriftsteller: Karl Philipp Moritz, Ludwig jedenfalls falsch. Zwar gleicht seine Weimar-
Tieck, Wilhelm Wackenroder, Heinrich von Vision einem kulturellen Reservat, doch ist
Kleist, Achim von Arnim, E.T.A. Hoffmann; von Beginn an eine exemplarische Auûenwir-
kung im Spiel. Ihren Hæhepunkt erreichte sie
Theater und Musik: August Wilhelm Iffland, in den nationalen und sogar europåischen
Karl Friedrich Zelter, Johann Friedrich Fçhrungsansprçchen, die um 1800 vom klassi-
Reichardt; schen Weimar und idealistischen Jena erhoben
wurden. . . Es ging, wenigstens temporår, um
Bedeutende Frauen: Henriette Herz, Rahel nichts Geringeres als die Ersetzung des Staates
Levin-Varnhagen, Caroline von Humboldt, durch die Kulturnation. Es zeigt aber auch,
Bettina von Arnim, Kænigin Luise. dass der Adressat dieser Vision nicht die Zivil-
gesellschaft, sondern eine sehr spezifische kul-
turelle Elite war, die sich ihrerseits in Weimar
Sie alle sind långst keine Unbekannten und Jena figuriert sah. Impulse fçr eine mo-
mehr, çber fast jede und jeden gibt es eine derne Umbildung der Gesellschaft sind von
umfangreiche Literatur und sorgfåltige Werk- dort jedenfalls kaum ausgegangen.ª 1
ausgaben. Aber auffallend ist, so sagt Conrad
Wiedemann, dass dies fast immer Einzelfor- Genau diese aber ± Visionen fçr eine bçr-
schung geblieben ist, so wie auch Gçnter de gerliche Zivilgesellschaft ± seien von Berlin
Bruyns groûes Buch die Personen eher anein- ausgegangen; keine weltbçrgerliche Absicht
ander reiht als dass Querverbindungen und habe dahinter gesteckt, sondern einfach die
Zusammenhånge sichtbar wçrden. Das aber Tatsache, dass nach 1786, nach dem Tod
sei doch der entscheidende Punkt: Die auûer- Friedrich des II., das bis dahin gefesselte
ordentliche kulturelle Vielfalt, die Quantitåt Emanzipationsbedçrfnis der Berliner Intelli-
von Personen, Ideen und Einrichtungen genz geradezu ¹explosionsartigª freigesetzt
schlug ganz offensichtlich in Qualitåt um. worden sei. In der Tat gibt es zahlreiche
Wiedemann: ¹Realiter ist das klassische Ber- Zeugnisse dafçr, wie sehr das Regierungssys-
lin das erste deutsche Versuchslabor urbaner
Modernisierung.ª Anders gesagt: Im Berlin 1 Die Akademie am Gendarmenmarkt 2007, hrsg. von
um 1800 zeigt sich die erste groûstådtische der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissen-
Bçrgerkultur in Deutschland. schaften, Berlin 2007, S. 112.

APuZ 46/2007 33
tem Friedrichs in dessen letzten Lebensjahren wåhrend Berlin aus der gewachsenen Traditi-
mehr und mehr erstarrte. Sein Nachfolger on einer hæfisch-bçrgerlich-deutsch-franzæ-
Friedrich Wilhelm II æffnete, ohne es wohl sisch-jçdischen Aufklårung schæpfen kann
dezidiert gewollt zu haben, durch græûere Li- und seine auffållig pragmatischen Emanzipa-
beralitåt die Schleusen fçr eine bis dahin tionsentwçrfe in Kunst, Wissenschaft und
gånzlich unbekannte bçrgerliche Geselligkeit, Politik im kulturkåmpferischen Klima einer
die in den folgenden Jahrzehnten das Bild der vitalen Stadtgesellschaft hervorbringt.ª 2
Stadt prågte, die ihr Ideal in einer konsequen-
ten Ich-Verwirklichung sah und in ihrer so- Die Berliner Wissenschaftler ziehen daraus
zialen und intellektuellen Ausstrahlung nichts die Schlussfolgerung: ¹Berlin ist um 1800 eine
Vergleichbares hatte. genuine Parallele und Alternative zum Geist
von Weimar/Jena, in vielem verwandt, in vie-
Nicht irgendwelche Animositåten gegen- lem kontrår. Im Hinblick auf seine Institutio-
çber Weimar oder gar ¹Berliner Groûmanns- nen und normenbildende Kraft (Universitåt,
suchtª bestimmten also die Ûberlegungen zu Salon, Kunst- und Wissenschaftsautonomie),
diesem Projekt, sondern eben das Erstaunen, seine praktizierte Toleranz, seine juden- und
wie wenig die bekannten Einzelphånomene frauenemanzipatorischen Erfolge und seine
bisher zusammengesehen wurden. In der Vor- experimentelle Kunstpraxis ist es zweifellos
bereitungsphase hatte sich Wiedemann mit moderner.ª 3
zahlreichen Akademiemitgliedern aus ande-
ren geistes- und sozialwissenschaftlichen Welches kænnten nun die soeben erwåhnten
Klassen beraten, um die ¹dem disziplinåren ¹Ideenª, vor allem aber die konkreten ¹Expe-
Tunnelblick weitgehend verborgene Fçlle rimenteª sein, die sich an dieser kulturellen
synchroner innovativer Ideen und Experi- Gemengelage festmachen lassen? Im Akade-
menteª fçr die Forschung zu entdecken. miebericht werden als Beispiele genannt:
Gleichsam als Fazit wird auf der Website der
Akademie festgehalten: ± der Philosoph (und Lessingfreund) Moses
Mendelssohn fçr die beginnende Emanzipati-
¹Da es markante ideen- und kunstge- on der Juden in Berlin, was sich in den Salons
schichtliche Gemeinsamkeiten zwischen Wei- oder besser: in den Personen der Henriette
mar und Berlin gibt, mussten die Kriterien Herz und Rahel Levin-Varnhagens fortsetzt
der Berliner Anders- und Eigenwertigkeit zu- und am deutlichsten manifestiert. Der
nåchst aus dem Vergleich heraus entwickelt Schlusspunkt war dann das Gleichstellungs-
werden. Dabei traten in der Tat zwei vællig gesetz fçr die Juden von 1812.
kontråre Kulturtypologien zutage. Wåhrend
die ,Weimarer Klassik` sich nur am åuûersten ± die Herleitung der bçrgerlichen Selbstbe-
Rande der Zeitgeschichte bewegt, bleibt die stimmung aus der athenischen ,polis`, wie sie
,Berliner Klassik` getreu ihrer frideriziani- im Bildungsbereich von Wilhelm von Hum-
schen Vorgeschichte dramatisch in sie ver- boldt fçr ein humanistisches Gymnasium und
wickelt. Wåhrend in Weimar ein kleiner, rela- 1810 in der Grçndung der selbstbestimmten
tiv homogener und immobiler Personenkreis Berliner Universitåt verwirklicht und wie sie
in einem fast gesellschaftslosen Raum agiert, in der Bildenden Kunst durch Langhans' und
herrscht in Berlin das Stimmen- und Interes- Schadows Umdeutung der hæfischen in einen
sengewirr einer multiplen Kulturlandschaft. bçrgerlichen Klassizismus (Brandenburger
Wåhrend in Weimar ausschlieûlich das Medi- Tor, Prinzessinnenpaar) erreicht wurde;
um Literatur und die integrative Gestaltungs-
kraft einer Ausnahmepersænlichkeit (Goethe) ± die Grundlegung der deutschen Romantik
bestimmend ist, sind in Berlin mehr oder durch Ludwig Tieck (Geistergeschichten)
minder alle Kçnste, Disziplinen, Stånde und und Wilhelm Wackenroder (¹Herzensergie-
Geistesrichtungen der Zeit prominent vertre- ûungenª) schon ab 1793, was auch und gerade
ten und die traditionellen Grenzziehungen, in einer Stadt, die in ihrer Verehrung der ±
nicht zuletzt die sozialen, weitgehend dispen- klassischen ± Dichtung Goethes und Schillers
siert. Weimar stellt sich somit als soziales keine Grenzen kannte, mæglich war;
Kunstgebilde (ein zusammengerufener Mu-
senhof) und als Wunschbild einer machtge- 2 www.berliner-klassik.de
schçtzten deutschen Provinzialkultur dar, 3 Ebd.

34 APuZ 46/2007
± moderne Verfassungskonzepte wie das All- tumsforschung ihren Anfang nahm. Die An-
gemeine Preuûische Landrecht von 1794 und tike war ohnehin schon durch Humboldts
spåter die Stein-Hardenbergischen Reformen Reformen allgemeines Bildungsgut gewor-
(Aufhebung der Stånde und Bauernbefreiung) den, Berlin hatte sich zum sprichwærtlichen
sowie die Militårreformen von Scharnhorst ¹Spree-Athenª entwickelt.
und Gneisenau (allgemeine Wehrpflicht,
Offizierslaufbahnen auch fçr Bçrgerliche, ± die bahnbrechende Begrçndung der ver-
Abschaffung der Prçgelstrafe); gleichenden Sprachwissenschaft durch den
¹altenª Wilhelm von Humboldt, die beson-
± Alexander von Humboldts wissenschaftli- ders die Kulturen Vorder- und Sçdasiens den
che Forschungsreisen nach Sçdamerika in Europåern nåherbrachte.
weltbeschreibender und damit kosmopoliti-
scher Absicht: eine Naturwissenschaft mit
idealistischem Anspruch; Wie sah die stådtische Infrastruktur aus,
die eine solch erstaunliche ¹Klassikª hervor-
± die Herausbildung einer modernen Auto- brachte? Berlin hatte um 1800 knapp 200 000
nomieåsthetik und eine Psychologisierung Einwohner und stand damit an neunter Stelle
des Unbewussten durch den Schriftsteller in Europa. Græûte Stadt war London mit
Karl Philipp Moritz, der ± nicht zuletzt çber eine Million Einwohnern, gefolgt von
durch das Editionsvorhaben aller Moritz'- Paris (580 000) und Neapel (440 000), dann
schen Werke an der Akademie ± inzwischen Wien, St. Petersburg, Moskau, Amsterdam
als einer der groûen Autoren dieser Zeit wie- und Lissabon. Berlin bestand aus fçnf Stådten
derentdeckt worden ist; (Berlin, Cælln, Friedrichswerder, Dorotheen-
stadt, Friedrichstadt) und fçnf Vorstådten
± die radikalliberalen Salons der Henriette (Kænigstadt, Spandauer-, Stralauer-, Kæpe-
Herz und Rahel Levin-Varnhagens als Bei- nicker- und Rosenthaler Vorstadt). 85 Pro-
spiele einer neuen bçrgerlichen Gesellschafts- zent der Bevælkerung waren Zivilpersonen,
form; 15 Prozent Militårs.

± Schleiermachers philosophische Neube- Zu den wichtigsten kulturellen und sozia-


grçndung der Religion aus dem Gefçhl kos- len Einrichtungen zåhlten die Akademie der
mischer Unendlichkeit, ferner seine Begrçn- Wissenschaften, die Akademie der Kçnste,
dung der modernen Hermeneutik; ein Botanischer Garten (ab 1715), die Charit
(ab 1710), eine Bergakademie (ab 1770), eine
± Ifflands Konzept eines deutschen Natio- Tierarzneischule (ab 1790) und eine Bauaka-
naltheaters fçr alle Schichten. Das Publikum demie. Es gab fçnf Gymnasien (Berlinisches
¹zog mitª, Theaterauffçhrungen, aber auch Gymnasium zum Grauen Kloster, Franzæsi-
Klatsch und Tratsch waren Themen der gan- sches Gymnasium, Friedrich-Werdersches-
zen Stadt, was auch zur Folge hatte, dass die Gymnasium, Friedrich-Wilhelm-Gymna-
Zeitungen (Vossische, Haude- und Spener- sium, Kæniglich Joachimsthalsches Gymna-
sche) viel stårker als frçher auf das Theaterge- sium). Um 1800 war Berlin nach Leipzig die
schehen eingingen und ± ein Novum in der zweitgræûte Verlagsstadt: 27 Buchhåndler, 20
deutschen Pressegeschichte ± fast tåglich (!) Buchdrucker und 52 Buchbindereien, von
Theaterkritiken brachten; denen die græûten bis zu 90 Beschåftigte hat-
ten, zeugen davon.
± Anfånge einer bçrgerlichen Konzertkultur
durch die von Karl Friedrich Fasch gegrçnde- Der bedeutendste Wirtschaftszweig war
te und dann von Karl Friedrich Zelters end- die Textilherstellung und -verarbeitung, in
gçltig etablierte Singakademie, die schon bald der jeder achte erwachsene Berliner arbeitete.
nach ihrer Grçndung annåhernd 200 Mitglie- Ferner hatten Manufakturen fçr Metallwaren
der aus allen Berliner Bevælkerungsschichten und Leder und die Kænigliche Porzellanma-
zåhlte; nufaktur groûe Bedeutung. Um 1800 waren
ein Drittel aller Beschåftigten Kinder und Ju-
± Niebuhrs Begrçndung der Historischen gendliche. Die Niederlage Preuûens gegen
Schule aus dem Geist der Quellenkritik, Napoleon und die folgende franzæsische Be-
womit die vielgerçhmte preuûische Alter- setzung bedeuteten fçr die Stadt eine wirt-

APuZ 46/2007 35
schaftliche Katastrophe; mit der Abtragung jektbeschreibung und entsprechendem Quel-
der Kriegskontributionen war sie bis 1861(!) lenverzeichnis. Das reicht von Einrichtungen
belastet. der Wissenschaft, der Kultur, der Religions-
gemeinschaften und der Freimaurerei çber
Bei dem Versuch, das Geschilderte zusam- Straûen, Plåtze und Brçcken bis zu Schulen
menzufassen, wird man gleichermaûen Auf- und Manufakturen.
klårung und Klassizismus, Romantik, Idealis-
mus und erste Spuren von Biedermeier in Wer mit Hilfe dieses Stadtplans auch nur
einem anregenden Miteinander sehen kæn- ein wenig durch die Stadt wandert, wird
nen. Entsprechend der Intention, das Berliner schnell erfahren, dass Berlin eine ± wie es da-
Geschehen in Ergånzung und Abgrenzung mals auch hieû ± ¹Stadt der Fabrikationª war.
zur Weimarer Klassik zu interpretieren, grçn- Die Manufakturen waren noch nicht an den
det das Vorhaben auf geisteswissenschaftli- Stadtrand verbannt, sondern lagen mitten in
chen Disziplinen wie Philosophie, Literatur-, den Wohngegenden, ja in den vornehmsten
Theater- und Musikwissenschaft. Bisher wur- Straûen wie der Leipziger Straûe oder Unter
den drei Forschungsprojekte zu den Themen den Linden. Direkt neben dem Brandenbur-
¹Nationaltheaterª, ¹Geselliges Lebenª und ger Tor befand sich eine Baumwollmanufak-
¹Geschmackspolitikª eingerichtet. Ferner tur, und die damals berçhmte musivische
sind zehn Werkvertråge vergeben worden, in Stuckwarenfabrik war in der Leipziger Straûe
denen teils Persænlichkeiten wie Carl Gott- ansåssig. In der Summe werden zehn Manu-
hard Langhans, der Fabrikant und Architekt fakturen (Eisen, Textil, Mæbel, Porzellan) ge-
Louis Catel oder einige Minister unter Fried- nannt, ferner sieben Plåtze und mehrere
rich Wilhelm II. vorgestellt, teils bestimmte Stadtpalais (die heute græûtenteils nicht mehr
Sachthemen wie das Berliner Verlagswesen, stehen). Kaum eine andere Stadt wurde bis-
Bibliographien und Zeitschriften oder die lang in ihrem historischen Kern derart grçnd-
Protokolle der Akademie der Kçnste behan- lich erschlossen.
delt werden. Es sind vor allem archivalische
Forschungsprojekte und Dokumentationen, Personendatenbank: Hierin sind rund 850
die bislang eine Fçlle von Quellen und Texten Personen aus allen beruflichen und gesell-
erschlossen und diese zum Teil nach jahrhun- schaftlichen Bereichen aufgefçhrt, die damals
dertelangem ¹Dornræschenschlafª wieder in Rang und Namen hatten. Viele gelåufige
die Erinnerung zurçckgerufen haben. Namen finden sich darunter, aber in der
Mehrzahl ± besonders in den Bereichen Schu-
Dabei will man ganz bewusst nicht im El- le, Handwerk und Manufaktur ± sind es Per-
fenbeinturm geisteswissenschaftlicher For- sonen, die heute kaum noch bekannt sind,
schung bleiben. Das Projekt ist vielmehr als aber im damaligen Berlin eine wichtige Rolle
¹work in progressª angelegt; interessierte spielten. Zu etwa einem Siebtel der Namen
Wissenschaftler, ja çberhaupt eine interes- finden sich, klickt man die entsprechende An-
sierte Úffentlichkeit sollen laufend çber den zeige an, ausfçhrliche Erlåuterungen: Lebens-
Stand der Forschung informiert werden und lauf, Arbeiten der Betreffenden und Arbeiten
Zugriff auf bisher Geleistetes erhalten. Dem çber diese sowie çber ihre Bekanntschaft mit
dient die Website der Akademie (www.berli- anderen Persænlichkeiten werden angefçhrt.
ner-klassik.de), die inzwischen eine Fçlle von Den Daten ist zu entnehmen, wie sehr die
Daten aufweist und ståndig ergånzt wird. meisten im gesellschaftlichen Leben verwur-
Deren wichtigste Angebote sollen kurz dar- zelt waren. Der Benutzer spçrt, in welch
gestellt werden. mçhsamer Kleinarbeit alle Daten zusammen-
getragen wurden.
Angebote der Website der Bibliographiedatenbank: Diese Datenbank
Akademie ¹berliner-klassikª umfasst mehrere Tausend Autoren und Titel.
Es sind sowohl dichterische, kçnstlerische
Virtueller Stadtplan: Der Stadtplan ¹Virtuel- und publizistische Arbeiten aus damaliger
les Berlin um 1800ª erschlieût in Text und Zeit aufgefçhrt als auch Autoren unserer Zeit,
Bildern das Berlin der Zeit zwischen 1786 die çber eine bestimmte Persænlichkeit aus
und 1815. Etwa 70 Orte, Objekte und Akteu- dem klassischen Berlin geschrieben haben
re werden vorgestellt mit ausfçhrlicher Ob- (zum Beispiel Golo Mann çber Friedrich

36 APuZ 46/2007
Gentz). Jedes zitierte Werk ist einzeln biblio- rem Iffland, Kleist, Schinkel und Schleierma-
graphiert und als Primår- und Sekundårlitera- cher an, was Rçckschlçsse auf die Bandbreite
tur gekennzeichnet. Manche Autoren, gerade der Interessen und Gespråche zulåsst. Im
die heute kaum noch bekannten, haben ein Rahmen des Klassik-Projektes sind derzeit
auûerordentlich langes Schriftenverzeichnis, rund 80 Gesellschaften genannt; mit Sicher-
was den Schluss zulåsst, dass sie sich mit gro- heit ist das noch nicht der endgçltige Stand.
ûer Verve in den ståndig schwelenden Bil-
dungs- und Literaturstreit gestçrzt haben. Theaterdatenbank: Auch diese Datenbank
Der Benutzer bekommt bei dieser umfangrei- ist eine wahre Fundgrube zur deutschen Kul-
chen, noch immer im Werden begriffenen tur um 1800. Das ¹Kænigliche Nationalthea-
Datenbank nicht nur einen Ûberblick çber terª unter Iffland war um diese Zeit neben
die blçhende Publizistik in Berlin, sondern den Bçhnen in Weimar und Wien das stilbil-
erhålt auch erste Anhaltspunkte çber heutige dende Haus im deutschen Sprachraum. Die
Forschungen. Datenbank umfasst das gesamte Repertoire
von 1802 bis 1811; das groûe Haus am Gen-
Geselligkeitsdatenbank: Diese Rubrik um- darmenmarkt bediente jeden Geschmack, im
fasst den vielleicht anregendsten Teil des Pro- Schauspiel vom ernsten Drama bis zur alber-
jektes, gibt sie doch wieder, wie vielfåltig das nen Posse, in der Oper von Wolfgang Ama-
gesellige Leben in der preuûischen Residenz deus Mozarts und Christoph Willibald
war. Als Jean Paul Anfang 1801 in Berlin Glucks Werken bis zum heiteren Singspiel.
weilte, schrieb er pikiert an Karoline Herder Possen und Singspiele dominierten den Spiel-
nach Weimar: ¹Hier bleib ich nicht! Der Ton plan (was çbrigens auch fçr das Weimarer
çbertrifft an Unbefangenheit weit den Wei- Theater unter Goethes Leitung gilt), gleich-
mar'schen. Der Adel vermengt sich hier mit wohl erreichten die hæchsten Auffçhrungs-
dem Bçrger . . . Gelehrte, Juden, Offiziere, zahlen Mozarts ¹Zauberflæteª und Friedrich
geheime Råte, Edelleute, kurz alles, was sich Schillers neueste Dramen.
an anderen Orten ± Weimar ausgenommen! ±
die Hålse bricht, fållt einander um diese, und Die Datenbank erlaubt nicht nur die Suche
lebt wenigstens freundlich an Tee- und Essti- nach einzelnen Werken, sondern ermæglicht
schen beisammen.ª auch die Recherche nach Autoren, Kompo-
nisten und Bearbeitern, nach Schauspielern,
In der Tat war es diese fast schrankenlose nach dem Genre und nach Rezensionen.
Geselligkeit, die Berlin auszeichnete. Die Sa- Unter den Kritiken findet sich manch treffen-
lons, die Lese- und Tischgesellschaften, die de Formulierung, etwa wenn 1803 einem
Clubs und die Logen, von denen es mehrere Mimen einer ¹Kabale und Liebeª-Auffçh-
Hundert gab, waren Orte zwanglosen Bei- rung attestiert wird: ¹Sein Kostçm war besser
sammenseins, in denen diskutiert wurde, in als seine Darstellungª! Als am Vorabend der
denen Dichterlesungen stattfanden und wis- Doppelschlacht von Jena und Auerstedt
senschaftliche Vortråge gehalten wurden, um Schillers ¹Jungfrau von Orleansª aufgefçhrt
anschlieûend mitunter hitzig erærtert zu wer- wurde, schlugen in der ¹Haude-und Spener-
den, wobei das Argument, nie der Stand des- schen-Zeitungª die patriotischen Wogen
sen, der es vorbrachte, den Ausschlag gab. hoch:
Die Salonieren Henriette Herz und Rahel
Levin-Varnhagen gehæren bis heute zu den ¹Ein interessanteres Schauspiel als das alte,
bekanntesten und damals zweifellos belieb- das auf der Bçhne dargestellt wurde, bot das
testen Anbieterinnen; manche Vereinigungen Publikum dar. Wichtige Nachrichten waren
bestanden jahrzehntelang, so die Gesellschaft von unseren Brçdern im Felde angekommen.
der Freunde der Humanitåt von 1797 bis Jeder hatte dem Nachbar Neuigkeiten, Be-
1861, der berçhmte Montagsclub gar von sorgnisse, Trostgrçnde, Hoffnungen, frohe
1750 bis 1936. Die Gesellschaft der Freunde, Aussichten mitzuteilen. Die Aufmerksamkeit
die auf Nathan Mendelssohn und David Op- fçr die Bçhnen zeigte sich nur dadurch, dass
penheimer zurçckging, wurde 1792 gegrçn- man jedem Vers, der einer patriotischen Deu-
det und erst in der NS-Zeit aufgelæst (1935); tung fåhig war, applaudierte, und nicht selten
sie hatte um 1800 annåhernd 200 Mitglieder. bei Namen und Verse, die eine feindliche Idee
Der ebenfalls renommierten Christlich-deut- vor die Seele riefen, pochte. Mæchte man
schen Tischgesellschaft gehærten unter ande- doch, bei der patriotischen Stimmung der Re-

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sidenz, es zur bleibenden Sitte machen, dass wirkt, ist unter anderem daran erkennbar,
jede bedeutende sichere Nachricht von der dass sich an der BBAW mit ihren Einrichtun-
Armee gleich nach ihrer Ankunft der Ver- gen in Berlin und Potsdam ein loses ¹Preu-
sammlung im Schauspielhaus mitgeteilt ûen-Berlinª-Zentrum gebildet hat, in dem die
wird.ª ¹Berliner Klassikª, Akademieprojekte zu den
Humboldts, zu Karl Philipp Moritz und zu
Schlieûlich sei noch eine Besonderheit er- Schleiermacher sowie ein neues græûeres Vor-
wåhnt: Goethe hat sich bekanntlich sehr fçr haben, das unter dem Thema ¹Preuûen als
die Berliner Theaterszene interessiert So bat Kulturstaatª die Geschichte der preuûischen
er seinen ¹Berliner Spionª Karl Friedrich Zel- Kultusministerien und damit so groûe
ter, er mæge ihm alle Berliner Theaterzettel Namen wie Friedrich Althoff und Carl Hein-
schicken, was der treue Freund çber Jahre rich Becker aufarbeiten will, vereint sind.
hinweg auch tat. Diese Zettel mit Angaben zu
Datum und Darstellern sind erhalten geblie- Wird sich die Bezeichnung ¹Berliner Klas-
ben und stellen eine wahre theaterhistorische sikª durchsetzen? Noch låsst sich diese Frage
Fundgrube dar. Sie kænnen inzwischen alle in nicht beantworten ± das Vorhaben ist einfach
der Datenbank angesehen werden. noch zu jung. Einige umfangreichere Arbei-
ten stehen kurz vor dem Abschluss; erst
Leipziger Straûe als Beispiel: Die drei ge- wenn sie veræffentlicht sind, dçrfte ein græûe-
nannten Datenbanken decken im Wesentli- res çberregionales Echo zu erwarten sein.
chen die Arbeitsgebiete der drei wissenschaft- Berlin, das fçr so viele glçckliche und bæse
lichen Mitarbeiter ab. Inzwischen sind aber Entwicklungen in der deutschen Geschichte
durch regelmåûige Colloquien, deren Beitrå- seit 1870 steht, wird vielleicht nicht leicht mit
ge ebenfalls abrufbar sind, durch eine auf dem Begriff ¹Klassikª zu assoziieren sein;
zwælf Bånde angewachsene wissenschaftliche blickt man genauer auf die hier aufgegriffene
Buchreihe und durch die schon erwåhnten kulturelle Glanzzeit der Stadt, die ja auch fçr
zehn Werkvertråge zahlreiche weitere The- ganz Deutschland nicht folgenlos war, so hat
men erschlossen worden oder befinden sich das Unterfangen der Berliner Wissenschaftler
in Bearbeitung. Welches Wissen dabei geho- jedenfalls eine çberaus reiche Materialbasis.
ben wird und welch neue Fragestellungen
sich dann auftun, verdeutlicht ein Blick auf Die Verantwortlichen kænnen einen promi-
das Vorhaben ¹Leipziger Straûeª. Der Bear- nenten Fçrsprecher aus Weimar aufbieten.
beiter ging gleichsam von Haus zu Haus, Goethe war nur einmal ± im Mai 1778 ± in
konnte anhand alter Adressbçcher deren zum Berlin; die Hektik der Stadt war ihm jedoch
Teil sehr prominente Bewohner ermitteln nicht geheuer (auch Schiller hat spåter ein
und damit den Wohnungswechsel sowie Angebot des preuûischen Kænigs abgelehnt,
Rang und Stand der Mieter oder Besitzer; fer- in Berlin sesshaft zu werden). Aber gleich-
ner wurden Zahl und Art von Gewerbebe- wohl wollte Goethe çber alles informiert
trieben eruiert, was zum Beispiel ergab, dass sein, der treue Zelter tat sein Bestes. Kurz vor
es in dieser ¹pråchtigen Straûeª (Nicolai) 14 seinem Tod schrieb Goethe an den Bildhauer
Fabriken und 13 Geschåfte (¹Handlungenª), Christian Daniel Rauch, es gereiche ihm in
sechs Gasthåuser und so unterschiedliche mehr als einem Sinne zum Trost, Rauch wie-
Einrichtungen wie ¹Schulanstaltenª, Inter- der in Berlin zu wissen. ¹Ich lebe dort mehr,
nate fçr Mådchen und eine Schlachterei gab. als ich sagen kann, und vergegenwårtige mir
mæglichst das mannigfache Groûe, was fçr
die Kænigsstadt, fçr Preuûen und fçr den
Ausblick ganzen Umfang der Kunst und Technik, der
Wissenschaft und Geschåftsordnung geleistet
Das Einzelprojekt ¹Leipziger Straûeª ist ein und gegrçndet wird.ª
Beispiel dafçr, wie dieses geisteswissenschaft-
lich angelegte Forschungsprojekt durch seine
inhårente Entwicklung allmåhlich çber sich
hinausweist und Disziplinen wie Wirtschaft,
Soziologie und Demographie berçhrt. Wie
anregend das Projekt ¹Berliner Klassikª
schon jetzt auf die unmittelbare Umgebung

38 APuZ 46/2007
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Klimawandel ± einige Fakten Telefax (0 69) 75 01-45 02
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Claudia Kemfert
Úkonomische Folgen des Klimawandels Die Veræffentlichungen
in Aus Politik und Zeitgeschichte
stellen keine Meinungsåuûerung
Steffen Bauer ´ Carmen Richerzhagen
der Herausgeberin dar; sie dienen
Nachholende Entwicklung und der Klimawandel der Unterrichtung und Urteilsbildung.

Dirk Notz Fçr Unterrichtszwecke dçrfen


Arktis und Antarktis Kopien in Klassensatzstårke herge-
stellt werden.
Hans von Storch ´ Nico Stehr
Anpassung an den Klimawandel ISSN 0479-611 X
Geisteswissenschaften APuZ 46/2007

Harald Welzer
3-6 Die Verkçrzung mentaler Bremswege
Die Themen und Formate der Geistes- und Kulturwissenschaften erreichen jçn-
gere Adressaten nicht mehr. Vor diesem Hintergrund werden Zukunftsthemen
wie etwa die Klimaverånderung benannt. Es wird dafçr plådiert, dass die Einzel-
fåcher mehr gesellschaftliche Verantwortung çbernehmen.

Volker Gerhardt
6-14 Die Einheit des Wissens
Wissenschaft ist das græûte einheitliche Vorhaben der Menschheit. Eine kategoriale
Trennung nach dem Muster einer Unterscheidung zwischen Geist und Natur wird
weder dem Charakter des Wissens noch dem der Wissenschaft gerecht. Die Gesell-
schaft braucht alle Disziplinen in zunehmend interdisziplinårer Kooperation.

Michael Klein ´ Ernst-Theodor Rietschel


15-21 Schnittstellen zwischen Geistes- und Naturwissenschaften
Wie die Geisteswissenschaften, so sind auch die Naturwissenschaften ein Pro-
dukt der Kultur. Menschliches Verhalten ist biologisch bedingt, die Ausprågung
stellt jedoch eine Kulturleistung dar, so dass sich Schnittstellen, aber auch kon-
flikttråchtige Ûberschneidungen von Geistes- und Naturwissenschaften ergeben.

Albrecht Koschorke
21-25 Ûber die angebliche Krise der Geisteswissenschaften
Die Geisteswissenschaften teilen einen Groûteil ihrer Schwierigkeiten mit an-
wendungsfernen Wissenschaften in anderen Bereichen. Eine besondere Heraus-
forderung stellt derzeit nicht die Missachtung, sondern die Ûberschåtzung kultu-
reller Faktoren in der gesellschaftlichen Wahrnehmung dar.

Peter Strohschneider
26-31 Freiraum fçr Geisteswissenschaften
Zu den strukturellen Voraussetzungen des Gelingens von Geisteswissenschaften
gehæren eine Verbesserung ihrer institutionellen Rahmenbedingungen, Vielfalt in
der Færderung ihrer Arbeitsformen sowie Mehrsprachigkeit und gleichzeitig eine
neue Reflexion auf ihre konstitutive gesellschaftliche Funktion.

Dirk Klose
32-38 ¹Berliner Klassikª ± ein Projekt der Akademien der Wissenschaften
In Deutschland gab es um 1800 zwei Klassik-Zentren: Wåhrend die Weimarer
Klassik auf die kleine Residenz beschrånkt war, ist die Berliner Klassik Beginn
einer modernen bçrgerlichen Kultur in Deutschland, deren stilbildende Folgen
gar nicht zu çberschåtzen sind.