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APuZ

Aus Politik und Zeitgeschichte


27/2006 ´ 3. Juli 2006

Rumånien und Bulgarien


Richard Wagner
Autistische Nachbarn

Olaf Leiûe
Rumånien und Bulgarien vor dem EU-Beitritt

Lucian Boia
Historische Wurzeln der politischen Kultur Rumåniens

Ivaylo Ditchev
Die geheimen Freuden des Provinzialismus

Ana Blandiana
Kann man Erinnerung lernen?

Thomas Frahm
Savoir vivre auf Bulgarisch

Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament


Editorial
Rumånien und Bulgarien werden im kommenden Jahr der
Europåischen Union (EU) beitreten ± so ist es vorgesehen. Die
EU wåchst damit auf 27 Mitglieder. Die jçngsten Fortschrittsbe-
richte vom Mai 2006 lieûen kaum Zweifel daran, dass die EU-
Kommission im Herbst die Aufnahme der beiden ehemaligen
Ostblocklånder zum 1. Januar 2007 empfehlen wird. Beide sind
bereits seit 2004 NATO-Mitglieder.

Die Aufschubklausel des Beitrittsvertrages vom April vergan-


genen Jahres, nach welcher der Beitritt um ein Jahr verschoben
werden kann, setzt Rumånien und Bulgarien unter erheblichen
Anpassungsdruck. Fortschritte sind insbesondere bei der Trans-
formation der Wirtschaft und hinsichtlich der Freiheit der Me-
dien zu verzeichnen. Dessen ungeachtet blicken viele EU-Bçrge-
rinnen und Bçrger mit Skepsis auf die neuerliche Osterweite-
rung. Das Image der Kandidaten ist schlecht: In den Monitoring-
Berichten wurden erhebliche Mångel bei der Sicherstellung der
Unabhångigkeit der Justiz, beim Umgang mit Minderheiten und
bei der Bekåmpfung des organisierten Menschenhandels ange-
fçhrt. Die grassierende Korruption gilt nach wie vor als das
græûte Problem. Sie hat ihre Ursachen in der Armut von bis zu
einem Drittel der Bevælkerung und in Defiziten der politischen
Kultur. Auch im jçngsten Bericht werden weitere Maûnahmen
zur Korruptionsbekåmpfung angemahnt.

Die stark agrarisch geprågten Volkswirtschaften werden das


Gefçge der Finanzbeziehungen innerhalb der EU auf die Probe
stellen. Es erscheint daher immer dringlicher, die Verfassungs-
krise zu læsen und auch die Grenzen Europas zu bestimmen, um
die Zukunftsfåhigkeit der erweiterten Union sicherzustellen.

Hans-Georg Golz
Richard Wagner Das hilfreiche wie irrefçhrende Wort ¹daª,
also ¹jaª, haben Rumånen und Bulgaren ge-

Autistische meinsam. Darçber hinaus haben die beiden


Sprachen kaum etwas miteinander zu tun. Sie
werden sogar in verschiedenen Alphabeten

Nachbarn geschrieben; das Rumånische bedient sich der


lateinischen Schrift, das Bulgarische des Ky-

Essay
rillischen. Die beiden Vælker aber haben ein
klar umrissenes Bild voneinander. Man lebt
zwar in der Nachbarschaft des anderen, aber
von der Donau getrennt und ohne aus dieser
Nachbarschaft etwas Besonderes machen zu

J edes Volkª, schreibt der Kulturphilosoph


Mircea Vulcanescu in der Einfçhrung zu
seinem Essay ¹Die rumånische Dimension
wollen.

Dieses Ohneeinander ist nicht zuletzt an


des Seinsª, ¹hat ein eigenes Antlitz und einen den Donauhåfen an beiden Ufern zu beob-
bestimmten Gesichtspunkt, von dem aus es achten. Jedes Land verwaltet die Donau-
die Welt betrachtet und fçr die anderen wi- schifffahrt fçr sich selbst. Rechts Vidin, links
derspiegelt. Jedes Volk macht sich ein Bild Calafat, rechts Nicopol, links Turnu Magu-
von der Welt und vom rele, rechts Svistov, links Zimnicea, rechts
Richard Wagner Menschen, in Abhån- Russe, links Giurgiu, rechts Tutracan, links
geb. 1952 im rumänischen gigkeit von der Di- Oltenita, rechts Silistra, links Calarasi. Keiner
Banat; Schriftsteller und mension, in der sich braucht die Håfen des anderen, keiner nutzt
Publizist, Berlin. ihm selbst die Exis- sie. So gibt es die gesamte Logistik zweimal.
RWagner030@aol.com tenz darstellt.ª In den Zeiten des Kommunismus, als die
Rhetorik vom ¹Bruderlandª gepflegt wurde,
So ist fast jedes europåische Volk der Mei- waren die Úkonomien am deutlichsten von-
nung, mindestens ein Wort zu haben, das sich einander separiert. Der Grenzfluss lag so weit
nur unvollkommen çbersetzen låsst. Im Ru- abseits des æffentlichen Blicks, dass das
månischen ist es das Wort ¹dorª. Es wåre auf græûte politische Straflager Bulgariens auf
deutsch mit ¹Sehnsuchtª nicht ganz getrof- einer Insel bei Belene eingerichtet werden
fen. Ein unçbersetzbares Wort ist eines, das konnte. Es war die berçchtigte ¹Insel der Ver-
gewissermaûen nur fçr seine Sprecher gilt. gessenenª.
Sie haben damit ein kollektives Geheimnis.
Das Wort aber wird zum Wappen der Die Donau ist ein Fluss mit starker Sym-
Originalitåt. bolkraft. Fçr die Bulgaren beginnt an der
Donau Bulgarien, fçr die Rumånen der Bal-
In der Erzåhlung ¹Die babylonische kan. Rumånien sieht sich in einer ostmitteleu-
Sprachverwirrungª des ungarischen Schrift- ropåischen Randlage, Bulgarien wiederum im
stellers Dezsæ Kosztolanyi verbringt der Pro- Herzen des Balkans. Es ist wahrscheinlich
tagonist, Kornel Esti, 24 Stunden in Bulga- das einzige Land, in dem der Begriff Balkan
rien, genauer im Schlafwagen des Zuges, mit uneingeschrånkt positiv besetzt ist und dem-
dem er nach Istanbul fåhrt. Er spricht kein entsprechend auch offiziell zum Einsatz
Wort bulgarisch, sieht man von dem Aus- kommt. In Bulgarien taugt der Balkan als
druck fçr ¹jaª ab, aber er unterhålt sich trotz- Logo. Rumånien dagegen ist stets darum be-
dem die halbe Nacht mit dem bulgarischen mçht, nicht mit dem Balkan in Verbindung
Schaffner, indem er diesen zum Reden bringt gebracht zu werden ± als kænnte dieser es um
und immer wieder zum Weiterreden animiert, seine europåische Existenzberechtigung brin-
und zwar dadurch, dass er in regelmåûigen gen. Dabei ist das Land kulturell vielfach mit
Abstånden auf bulgarisch ja sagt und sonst dem Balkan verknçpft, nicht zuletzt durch
nichts. Er weiû nicht, was der Bulgare ihm Folklore und Gastronomie, vor allem aber
mitteilt, obwohl er manchmal etwas zu ver- durch die von Byzanz ausgerufene orthodoxe
stehen meint. Wåhrend er mit seinem vielfa- Religion und deren mentales Substrat. Rumå-
chen Ja den Gespråchspartner stets von niens Sonderstellung ist nicht nur eine geo-
neuem beståtigt, weiû er im Grunde nie, was graphische auf beiden Seiten der Karpaten,
jener von ihm denkt. die bekanntlich die mitteleuropåische Ost-

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grenze bilden, es ist eine dezidiert kulturelle. so viele Einwohner. Es wacht argwæhnisch
Bei den Debatten um den EU-Beitritt glaub- darçber, dass Bulgarien keinen Vorsprung,
ten rumånische Kommentatoren in Brçssel auf welchem Gebiet auch immer, erreicht.
eine ¹kalvinistische Konspirationª zu erken- Bulgarien wiederum ist bemçht, in welcher
nen. Hinsicht auch immer, vor den Rumånen zu
rangieren, in den Wachstumsraten, in den
Rumånien ist das einzige Land mit einer Touristenzahlen. Beinahe triumphierend
romanischen Sprache im Sçdosten Europas hærte sich die Schlagzeile an, die eine groûe
und das einzige romanisch geprågte Land, das Bukarester Tageszeitung im Mai, nach der
durch die Ostkirche christianisiert wurde. So Veræffentlichung des verhaltenen Brçsseler
gesehen ist es, jenseits der journalistischen Berichts zum EU-Beitritt der beiden Lånder
Klischees, wirklich ein Land zwischen Ost im Januar 2007, produzierte: ¹Rumånien ver-
und West, Melange und Hysterie in einem. liert mit einer Karte aus der Hand Bulga-
Oder, wie es der kompromisslose Philosoph riensª, hieû es dort.
†mile Cioran formulierte: ¹Wozu brauchst
du die Lepra, wenn das Schicksal dich wach Beide Lånder suchen Anerkennung beim
und gleichzeitig zum Walachen gemacht europåischen Zentrum, bei der EU. Beide
hat?ª sind seit 2004 stolze NATO-Mitglieder und
gehorsame Freunde der USA und deren Au-
Trotz aller kulturellen Bindungen sieht ûenpolitik. Es ist ein fçr die Peripherie typi-
man in Rumånien den Balkan vor allem als sches Konkurrenzverhalten: Man rivalisiert
Bedrohung an. Ûberall wittert man bis heute miteinander, ohne mit dem anderen in den
die Gefahren der Turkokratie, ihre Spåtfolgen Wettbewerb zu treten. Die Rivalitåt nimmt
oder vielleicht auch nur das negative Image, bisweilen komische Zçge an, zumal es kaum
das damit zusammenhångt. Die Schriftstelle- Belastungen in den Beziehungen gibt, weder
rin Vesna Goldsworthy sieht den Balkan als historische noch aktuelle. Die Territorialfrage
Objekt einer westlichen Imaginations-Kolo- bezçglich der Sçddobrudscha, die bis in die
nisierung. Die rumånischen Fçrstentçmer be- vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts eine
fanden sich zwar çber viele Jahrhunderte im Rolle spielte, ist historisch gelæst. Das karge,
osmanischen Einflussbereich, sie hatten aber dçnn besiedelte Land ist ohne Geschichts-
in diesem eine Sonderstellung als tributpflich- symbolik. In Rumånien wurde es offiziell Ca-
tige selbstverwaltete Territorien, im Unter- drilater genannt, Viereck, was kaum Emotio-
schied zu den Balkanlåndern wie Bulgarien, nen erzeugen konnte.
die unter direkter osmanischer Administrati-
on standen. Das politische Erbe der beiden Lånder aus
den vergangenen Jahrhunderten ist eine Last
Zwischen Rumånien und Bulgarien sind und wird auch so empfunden. Es geht um die
die Kontakte auch heute spårlich. Immer osmanische und die sowjetische Herrschaft
noch gibt es nur eine einzige Brçcke auf der und den Versuch der europåischen Gestal-
Donau zwischen den beiden Låndern, von tung dazwischen, vom ausgehenden 19. Jahr-
den Stalinisten seinerzeit als ¹Brçcke der hundert bis zur Sowjetisierung. Diese Jahr-
Freundschaftª gefeiert. Sie fçhrt von Russe zehnte, vor allem die Zwischenkriegsåra von
nach Giurgiu, çber sie verlåuft der gesamte 1918 bis 1945, werden als Anknçpfungspunkt
Gçter- und Personenverkehr auf der Ostbal- fçr die heutige Entwicklung beschworen.
kanroute, von Istanbul nach Budapest, sieht Wenn die osmanische und die sowjetische
man vom zeitlosen Fåhrenbetrieb an der un- Herrschaft als Grçnde fçr den Stillstand an-
teren Donau ab. Eine zweite Brçcke ist ge- gesehen werden, so gilt die Zeit des National-
plant, es ist aber vor allem ein europåisches staats als Wiedergeburt der Nation im Zei-
Projekt, und das Interesse der beiden unmit- chen der europåischen Moderne, als Auf-
telbar betroffenen Lånder an seiner Verwirk- bruchszeit. In beiden Låndern herrscht eine
lichung erweist sich als auffallend gering. Neigung zur Glorifizierung der National-
staatsåra. Dabei vergisst man gerne, dass der
Trotz der Sprachlosigkeit zwischen den Anschluss an den europåischen Markt erst
beiden Låndern gibt es ein lautstarkes Kon- spåt erfolgte und nie vollståndig durchgesetzt
kurrenzverhalten. Rumånien ist doppelt so werden konnte. Groûe Teile der Gesellschaft
groû wie Bulgarien und hat zweieinhalb Mal sind bis heute traditionell agrarisch geprågt,

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ein urbaner Mittelstand konnte sich in der ge in Rumånien verschlechterte, desto græûer
Hektik der Anpassung an die Moderne nicht wurde das Bedçrfnis des Regimes, vor der
herausbilden. Nicht alle Ursachen fçr Lethar- russischen Gefahr zu warnen. Die National-
gie und Korruption sind der osmanischen Eu- kommunisten suchten sich damit historisch
ropafeindlichkeit und dem stalinistischen Ter- gewachsene Emotionen und Ressentiments in
ror zuzuschreiben. Manches davon låsst sich der Bevælkerung zunutze zu machen. Die
auch auf das Tempo der Modernisierung von Verzweiflung der Bevælkerung aber erreichte
oben in der Nationalstaatszeit zurçckfçhren. Mitte der achtziger Jahre ein solches Ausmaû,
Auch daraus resultiert die Macht der Staats- dass man sich gegenseitig die neuesten Ge-
bçrokratie und eine fragwçrdige Elitenbil- rçchte von der guten Lebensmittelversorgung
dung aus ihren Reihen. Der bevorstehende in Bulgarien zutrug. Mit etwas Glçck ergat-
Beitritt zur EU erscheint als zweiter Auf- terte man manchmal in Bukarest bulgarischen
bruch in die Moderne. NATO und EU sind Rotwein und Fischkonserven der Marke So-
dafçr nicht nur der Rahmen, sie sollen viel- sopol oder gar eine Jazzplatte aus Sofia. Man-
mehr der Garant sein, dass es nicht wieder zu che Bukarester fingen an, bulgarisch zu
imperialen Blockaden der selbst angestrebten lernen, wegen des bulgarischen Fernsehpro-
Perspektive kommt. gramms. Rumånien war damals in der Vor-
stellung der Bevælkerung in vier Regionen
Wenig Interesse gibt es dagegen fçr die aufgeteilt: Es gab den Sçdwesten, in dem man
Aufarbeitung der totalitåren Vergangenheit. jugoslawisches Fernsehen sehen konnte, den
In beiden Låndern war das kommunistische Westen mit ungarischem Fernsehen, den
System auffallend stark verankert, durch Re- Sçden mit bulgarischem und den Rest des
pression im Stalinismus, durch Kollaboration Landes mit dem CeausÎescu-TV.
und vor allem durch seine Fusion mit natio-
nalistischer Rhetorik. Dabei war die Haltung Offiziell kam es kurz vor dem Ende noch
zur Sowjetunion kontrår. Wenn der rumåni- zum vorsichtigen Schulterschluss: Gorba-
sche Nationalismus sich, kulturhistorisch be- tschow und seiner Perestroika gegençber ver-
dingt, antisowjetisch und antirussisch gebår- hielt man sich in beiden Låndern reserviert,
dete, so war der bulgarische antitçrkisch, er sowohl Rumåniens Diktator Nicolae CeausÎe-
richtete sich vor allem gegen die zahlenmåûig scu als auch der bulgarische Alleinherrscher
groûe tçrkische Minderheit, wobei man 1986 Todor Schiwkow lehnten sie ab, ohne sich
sogar zur Bulgarisierung von Namen schritt offen dagegen auszusprechen. CeausÎescu
und am Ende der Achtziger eine Massenver- ignorierte die Reformen, Schiwkow begrçûte
treibung auslæste. Des Tçrken Macht ist des sie, in der Absicht, es bei der Rhetorik zu be-
Bulgaren Elend, sagt eine Redensart. lassen. Beide wurden 1989 von der Realitåt
çberholt.
In beiden Låndern hatte die Einverleibung
des Nationalismus durch die einheimische Ob sich durch eine EU-Aufnahme fçr die
Nomenklatura, angesichts der tiefen Krise beiden Lånder mehr Kommunikation unter-
des so genannten realen Sozialismus, Ventil- einander ergeben wird, mehr als gemeinsam
funktion. Wåhrend sich Rumånien frçh von empfundene Interessen? Was die ækonomi-
der Sowjetunion distanzierte ± und das 1968 sche Lage betrifft, sollte man sich keine Illu-
durch die Verurteilung des Einmarsches in sionen machen. Es wird auch fçr die EU ein
die Tschechoslowakei sogar spektakulår Experiment sein. Noch nie lagen Wirtschafts-
±, verhielt sich Bulgarien ausdrçcklich loyal, leistung und Pro-Kopf-Einkommen von Bei-
ja im osteuropåischen Vergleich geradezu trittslåndern und der EU-Durchschnitt so
devot. Den Rumånen erschien das Nachbar- weit auseinander. Wie die Úkonomien der
land als eine Art inoffizielle Sowjetrepublik. beiden Lånder und damit auch ihre sozialen
Unter den zahlreichen Gerçchten, die in Ru- Systeme die Anpassung an den EU-Markt
månien çber Bulgarien zirkulierten, galt wohl verkraften werden, muss sich zeigen. Das in-
als das schwerwiegendste jenes, das besagte, stitutionelle Gefçge ist weiterhin ungefestigt,
es gebe in Sofia einen Fernsehkanal in russi- und die nætigen Reformen wurden zum Teil
scher Sprache. Es war eines der Gerçchte, die forciert, im Hinblick auf die Erfçllung der
sowohl aus der Bevælkerung als auch von Beitrittsbedingungen, durchgefçhrt. Anderer-
CeausÎescus Geheimdienst Securitate stam- seits wird durch die Úffnung mit den Investi-
men konnten. Je mehr sich die Versorgungsla- tionen aus den Altlåndern der EU vieles an

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Problemen vorerst ausgeglichen werden, oder Olaf Leiûe
auch nur verdeckt. Neu aufgeworfen wird bei
der sozialen Problematik durch den Beitritt
der beiden Lånder die Roma-Frage. Die Inte- Rumånien und
Bulgarien vor
gration dieser Bevælkerungsgruppe ist fçr die
EU bereits durch die Aufnahme Ungarns und
der Slowakei zum Thema geworden. Die ein-
schlågige Problematik wird sich verstårken,
aber nicht verschårfen, auch wenn das Thema
durch seinen telegenen Charakter in den æf-
dem EU-Beitritt
fentlichen Blick rçcken wird.

Durch die Aufnahme der beiden Lånder


çberschreitet die EU die ostmitteleuropåische
A ls die Europåische Kommission am
16. Mai 2006 ihre Fortschrittsberichte
fçr Rumånien und Bulgarien vorstellte, blieb
Grenze. Sie erreicht aber auch eine Landver-
sie der bislang verfolgten Linie treu. Die Be-
bindung nach Griechenland. Fçr die beiden
richte enthalten weder eine Empfehlung des
orthodox geprågten Vælker æffnet sich damit
Beitritts der beiden Lånder zur Europåischen
die Grenze zur Øgåis und zum Berg Athos.
Union (EU) zum 1. Januar 2007, noch wird
Die Kette der Klæster von der rumånischen
er abgelehnt. 1 Viel-
Moldau bis ins bulgarische Rila und nach
mehr werden die
Roshen bei Melnik findet damit zu ihrem his- Olaf Leiûe
Fortschritte und De-
torischen Endpunkt zurçck, zur Normalitåt. Dr. phil., geb. 1966; Lehrstuhl
fizite im Annåhe-
So gewinnt die politisch långst gescheiterte für Internationale Beziehungen,
rungsprozess beider
Orthodoxie ihren spirituellen Raum zumin- Universität Erfurt.
Lånder akribisch auf-
dest teilweise zurçck. Europa baut seinen by- Nordhäuser Straûe 63,
gelistet, weitere poli-
zantinischen Teil aus. Ob und welche Vorteile 99089 Erfurt.
tische und finanzielle
es daraus ziehen kann, ist ungewiss. Gleich- olaf.leisse@uni-erfurt.de
Unterstçtzung zuge-
zeitig erreicht die EU auch das Schwarze
sagt und eine erneute
Meer und wird dort zum regionalen Akteur
Ûberprçfung im Oktober 2006 angekçndigt.
in der unmittelbaren Nachbarschaft von Tçr-
Dann wird EU-Erweiterungskommissar Olli
kei und Ukraine.
Rehn um eine eindeutige Stellungnahme
nicht herumkommen.
In geopolitischer Hinsicht bildet das Schar-
nier, das nach Griechenland und zur tçrki-
Prinzipiell war und ist die Aufnahme bei-
schen Grenze gelegt wird, eine Úffnung zu
der Lånder, anders als im Fall der Tçrkei, in
weiteren Themen. Mit dem Legen dieses
der EU politisch unumstritten. Rumånien
Scharniers wird der unruhige Westbalkan
und Bulgarien gehæren zum europåischen
zum Binnenland der EU, mit Rumånien und
Kontinent, haben eine lange europåische Ge-
Bulgarien kænnen fçr die Lånder des West-
schichte und sind politisch, wirtschaftlich
balkans Beispiele fçr Stabilitåt vorgezeigt
und kulturell fest mit Europa verbunden.
werden. Auf der anderen Seite æffnet das
Dennoch gestaltet sich der Beitrittsprozess
Schwarze Meer den Blick nach Kleinasien
schwieriger als fçr die anderen, bereits beige-
und in den Kaukasus ± zu neuen Orten der
tretenen Staaten Mittel- und Osteuropas. Po-
Unruhe.
litische und wirtschaftliche Defizite fçhren
dazu, dass beide Lånder unter permanenter
Beobachtung der EU stehen und dass immer
wieder mit einer Rçcknahme der Beitrittszu-
sage gedroht wird. Im Falle Rumåniens ent-
hielt eine Entschlieûung des Europåischen
Parlaments im Februar 2004 ungewæhnlich
deutliche Worte: ¹Das Europåische Parla-
ment bedauert, dass trotz der Fortschritte in
1 Vgl. Europåische Kommission, Monitoring-Bericht

çber den Stand der Beitrittsvorbereitungen Bulgariens


und Rumåniens, KOM (2006) 214, Brçssel, 16. 5. 2006.

6 APuZ 27/2006
einer Reihe von Bereichen Rumånien derzeit einer Freihandelszone vor und enthielten Re-
ernste Schwierigkeiten bei der Erfçllung der gelungen fçr eine intensivierte Wirtschaftsko-
Anforderungen der politischen Kriterien von operation und eine Zusammenarbeit im Kul-
Kopenhagen hat, und åuûert sich besorgt dar- tur- und Finanzbereich. Ihre besondere Bedeu-
çber, dass der Abschluss der Beitrittsverhand- tung ist darin zu sehen, dass die Heranfçhrung
lungen Ende 2004 und der Beitritt im Jahr erstmals in ein rechtlich verbindliches Verhålt-
2007 nicht mæglich sein wird.ª 2 Gestçtzt auf nis gegossen worden ist. Zudem wurden beide
den Bericht der Kommission vom Herbst Lånder an das Rechtssystem der Union gekop-
2003 çber die Fortschritte Rumåniens auf pelt und mçssen seither auch Novellierungen
dem Weg zum Beitritt 3 fçhrte das Dokument des Gemeinschaftlichen Besitzstands (acquis
die Mångel des politischen, administrativen communautaire) çbernehmen. 5
und ækonomischen Systems des Landes auf.
In diesem Zusammenhang sprach die Bericht- Das Beitrittsgesuch Rumåniens am 22. Juni
erstatterin fçr Rumånien im Europaparla- 1995 erfolgte als viertes eines Landes in Mit-
ment, Baroness Nicholson of Winterbourne, tel- und Osteuropa, Bulgarien folgte am 14.
sogar von bewusster Irrefçhrung durch die Dezember 1995. Obwohl beide Lånder von
rumånischen Behærden. den jeweiligen KP-Nachfolgeparteien regiert
wurden, unterstrichen die politischen Fçh-
Rumånien und Bulgarien reagierten auf rungen den Wunsch nach Aufnahme in die
den Europåisierungsdruck mit der Versiche- EU und bekråftigten den Willen zu Koopera-
rung, die notwendigen Reformen zur absolu- tion und Transformation. 6 Die Europåische
ten Prioritåt zu machen. Dieser Beitrag blickt Kommission reagierte verhalten auf die Bei-
auf den schwierigen Weg der beiden Lånder trittsgesuche. Gemåû den Kopenhagener Kri-
in die EU und untersucht die politischen und terien muss jeder Beitrittsstaat çber demokra-
wirtschaftlichen Probleme, die eine Aufnah- tische und rechtsstaatliche Strukturen, eine
me zum 1. Januar 2007 gefåhrden kænnten. 4 funktionierende Marktwirtschaft sowie die
Fåhigkeit zur Ûbernahme des Gemeinschaft-
lichen Besitzstands verfçgen. In einer ¹Stel-
Der schwierige Weg in die EU lungnahme zum Antrag Rumåniens/Bulga-
riens auf Beitritt zur Europåischen Unionª
Bereits im Februar und Mårz 1993 hatten Ru- von 1997 bescheinigte die Kommission bei-
månien und Bulgarien Assoziierungsabkom- den Låndern zwar, çber demokratische Insti-
men mit der EU unterzeichnet, die am 1. Fe- tutionen zu verfçgen, verwies jedoch auf
bruar 1995 in Kraft traten. Aufgrund ihrer Be- ernsthafte Mångel der rumånischen und bul-
deutung werden sie auch als Europa-Vertråge garischen Marktwirtschaft, die es den Lån-
bezeichnet. Obwohl beide Lånder stark unter dern unmæglich machten, sowohl dem Wett-
den politischen, wirtschaftlichen und gesell- bewerbsdruck innerhalb der Gemeinschaft
schaftlichen Folgen der kommunistischen standzuhalten als auch den Gemeinschaftli-
Herrschaft litten und zum damaligen Zeit- chen Besitzstand zu çbernehmen. 7 Die insta-
punkt kaum assoziierungsfåhig waren, profi- bilen makroækonomischen Daten, der kaum
tierten sie doch von einem auûenpolitischen funktionstçchtige Finanzsektor, die fehlende
Umfeld, das von europåischer ¹Wiedervereini-
gungseuphorieª sowie der Furcht der westeu- 5 Vgl. zur Einbindung Sçdosteuropas in europåische
ropåischen Staaten vor einer sozialen Explosi-
Strukturen Ines Hartwig, Die Europapolitik Rumå-
on im æstlichen Teil des Kontinents geprågt niens. Entwicklung institutionalisierter Kooperation,
war. Die Europa-Vertråge sahen die Schaffung Baden-Baden 2001.
6 Vgl. zur Rolle der Intellektuellen Anton Sterbling,
2 Europåisches Parlament, Entschlieûung çber die Gesellschaftliche Eliten und nationale Mythen im
Fortschritte Rumåniens auf dem Weg zum Beitritt, Modernisierungsprozess ± das Beispiel Rumånien,
A5±0103/2004 (endgçltig), 24. 2. 2004. in: Krista Zach/Cornelius R. Zach (Hrsg.), Moder-
3 Vgl. Europåische Kommission, Regelmåûiger Be- nisierung auf Raten in Rumånien. Anspruch, Um-
richt 2003 çber die Fortschritte Rumåniens auf dem setzung, Wirkung, Mçnchen 2004, S. 45±70.
Weg zum Beitritt, KOM (2003) 676, Brçssel, 5. 11. 2003. 7 Vgl. Europåische Kommission, Stellungnahme der
4 Vgl. zur Transformation Rumåniens Olaf Leiûe/ Kommission zum Antrag Rumåniens auf Beitritt zur
Utta-Kristin Leiûe/Alexander Richter, Beitrittsbaro- Europåischen Union, DOK 97, 18, Brçssel, 15. 7. 1997;
meter Rumånien ± Grundprobleme des Landes und Europåische Kommission, Stellungnahme der Kom-
Einstellungen rumånischer Jugendlicher auf dem Weg mission zum Antrag Bulgariens auf Beitritt zur Euro-
in die Europåische Union, Wiesbaden 2004. påischen Union, DOK 97, 11, Brçssel, 15. 7. 1997.

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Sicherung der Eigentumsrechte, die nur halb- Abschlussdokument zum ersten gesamteuro-
herzig vorangetriebene Privatisierung, der påischen Verfassungsvorschlag wurde. 9 Fçr
niedrige Stand der privaten, æffentlichen und beide Lånder war dies ein wichtiger Auftritt
auslåndischen Investitionen sowie die daraus auf der europåischen Bçhne und auûenpoli-
resultierende mangelhafte Konkurrenz- und tisch von groûer Bedeutung, konnte man
Leistungsfåhigkeit in einem zukçnftigen EU- doch schon vor dem eigenen Beitritt mit den
Binnenmarkt fçhrten dazu, dass die Kommis- anderen Staaten des Kontinents gemeinsam
sion keinem Land eine funktionierende çber die Zukunft der europåischen Integrati-
Marktwirtschaft bescheinigen konnte. on entscheiden ± auch wenn das europåische
Verfassungsprojekt nach den gescheiterten
Allerdings sah die EU auch, dass beide Referenden in Frankreich und den Niederlan-
Lånder in besonderem Maûe unter den Bal- den derzeit auf Eis liegt. 2003 eræffneten Bul-
kankriegen und den westlichen Boykotten lit- garien und Rumånien Ståndige Vertretungen
ten. Sie entschied sich deshalb dafçr, die Ent- bei der EU in Brçssel. Im Oktober 2003
wicklung in Rumånien und Bulgarien mit wurde in Rumånien ein Referendum durch-
hohen Mittelzuteilungen aus unterschiedli- gefçhrt, bei dem es um eine weitere Anglei-
chen Færderprogrammen zu stabilisieren und chung der Verfassung an europåische Stan-
die Lånder allmåhlich an die europåischen dards und um die Einfçgung verfassungs-
Strukturen heranzufçhren. Ein im Vergleich rechtlicher Ønderungen im Hinblick auf den
zur vorherigen Periode hårterer Reformkurs Beitritt ging. So sollte die neue Verfassung die
unter den Pråsidenten Emil Constantinescu Macht des Pråsidenten einschrånken, das
in Rumånien und Petar Stojanow in Bulga- Recht auf Privatbesitz und den Erwerb von
rien konsolidierte die politische und ækono- Immobilien durch Auslånder festschreiben
mische Lage. Im Fortschrittsbericht 1999 sowie die Mæglichkeit eræffnen, Teile der na-
sprach sich die Kommission erstmals fçr eine tionalen Souverånitåt im Falle eines Beitritts
Aufnahme von Beitrittsverhandlungen aus. an die EU zu çbertragen. Indirekt galt die
Der Europåische Rat von Helsinki schloss Abstimmung auch als Test fçr eine Zustim-
sich im Dezember desselben Jahres dieser mung der Bevælkerung zum geplanten Bei-
Empfehlung an und entschied, dass im Hin- tritt. Bei einer Wahlbeteiligung von 55,7 Pro-
blick auf den Verhandlungsverlauf und den zent kann die Zustimmung von 89,1 Prozent
Abschluss jedes Land fçr sich betrachtet wer- als deutliche Unterstçtzung fçr den EU-Bei-
den solle. Im Februar 2000 begannen die Bei- tritt des Landes gewertet werden.
trittsverhandlungen mit beiden Låndern.
Aufgrund des schleppenden Abschlusses ein- Die Verhandlungen zwischen der EU und
zelner Verhandlungskapitel gehærten Rumå- Bulgarien wurden im Juni 2004 mit der Schlie-
nien und Bulgarien jedoch nicht zu den zehn ûung aller 30 Verhandlungskapitel erfolgreich
Kandidaten, die nach Beschluss der Staats- beendet. Die rumånische Regierung geriet da-
und Regierungschefs auf dem Gipfel in Ko- durch unter Druck, denn immer mehr wurde
penhagen im Dezember 2002 zum 1. Mai deutlich, dass die Verhandlungen mit beiden
2004 beitreten konnten. Allerdings war dies Låndern weitgehend synchron verlaufen,
auch nicht das Ziel der bulgarischen und ru- ohne dass sie voneinander abhången. Ende
månischen Verhandlungsfçhrung. Die ¹Road 2004 konnte schlieûlich auch Rumånien die
Mapª der EU avisierte eine Aufnahme fçr Verhandlungen mit der EU abschlieûen. Im
das Jahr 2007, ein Datum, mit dem Sofia und Februar 2005 befçrwortete die Kommission
Bukarest einverstanden waren. 8 einen Beitritt beider Lånder. 10 Am 13. April
2005 stimmte das Europåische Parlament, das
In der Zwischenzeit fçhrte eine Politik der sich bis dahin eher kritisch geåuûert hatte, der
kleinen Schritte zu weiterer Annåherung. Aufnahme Rumåniens mit 497 gegen 93 Stim-
Bulgarien und Rumånien nahmen von Febru-
ar 2002 bis Juni 2003 an den Beratungen des 9 Vgl. Peter Becker/Olaf Leiûe, Die Zukunft Europas.

Verfassungskonvents in Brçssel teil, dessen Der Konvent zur Zukunft der Europåischen Union,
Wiesbaden 2005.
10 Vgl. Europåische Kommission, Stellungnahme der
8 Vgl. Europåische Kommission, Mitteilung der Kommission vom 22. 2. 2005 zu den Antrågen der Re-
Kommission an den Rat und das Europåische Parla- publik Bulgarien und Rumåniens auf den Beitritt zur
ment. Fahrplåne fçr Rumånien und Bulgarien, KOM Europåischen Union, KOM (2005) 55 endgçltig/2,
(2002) 624, Brçssel, 13. 11. 2002. Brçssel, 18. 4. 2005.

8 APuZ 27/2006
men sowie Bulgariens mit 534 gegen 88 Stim- zwischenzeitlich erfolgten Maûnahmen, die
men zu. 11 Am 25. April wurden die Beitritts- den Europåischen Rat çber die Beitrittswçr-
vertråge in der alten Abtei Neumçnster in Lu- digkeit beider Lånder unterrichten sollten. 14
xemburg in Gegenwart der Pråsidenten und Aufgrund der Bedeutung des bevorstehenden
Regierungschefs in einer feierlichen Zeremo- Beitritts hat sich die Kommission jedoch ent-
nie unterzeichnet. Am 7. Juli 2005 schlieûlich schlossen, noch keine endgçltige Empfehlung
beschloss das Europåische Parlament, ab Sep- vorzunehmen, sondern im Oktober 2006 wei-
tember Beobachter aus Rumånien und Bulga- tere Berichte vorzulegen.
rien aufzunehmen. 12

Doch die Erfolgsgeschichte Rumåniens Politische Herausforderungen


und Bulgariens ist nicht ungetrçbt. Unter den
mehr als 800 Seiten des Beitrittsvertrages er- Die Europåische Kommission bescheinigt
weisen sich insbesondere die so genannten beiden Låndern eine funktionierende Demo-
Schutzklauseln als brisant. Sollte die Europå- kratie und die Wahrung rechtsstaatlicher
ische Kommission in der Zeit bis zum vorge- Grundsåtze. Positiv wird fçr Rumånien her-
sehenen Beitritt zum Januar 2007 feststellen, vorgehoben, dass in den Bereichen Medien-
dass ein Land die Vorbereitungen nicht mehr freiheit, Eigentumsrçckgabe sowie Schutz
mit dem nætigen Nachdruck vorantreibt und von Minderheiten und Kindern groûe Fort-
nicht in der Lage ist, ¹die Anforderungen der schritte erzielt worden sind. Auch die Situati-
Mitgliedschaft zu erfçllenª, dann kann der on in den Waisenhåusern, deren Schreckens-
Beitritt um ein Jahr auf den 1. Januar 2008 bilder nach dem Fall des CeausÎescu-Regimes
verschoben werden (Art. 39 des Beitrittsver- groûes Aufsehen in Europa hervorgerufen
trages). Dabei beschlieût der Rat einstimmig hatten, ist deutlich verbessert worden. Re-
auf Empfehlung der Kommission. Aber auch formbedarf besteht noch immer bei der Be-
nach einem Beitritt behålt sich die Union kåmpfung des Menschenhandels (Rumånien
Schutzklauseln in den Bereichen Wirtschaft gilt als Transitland) sowie bei der Eindåm-
(Art. 36), Binnenmarkt (Art. 37) sowie Justiz mung des Gewaltmissbrauchs durch die Poli-
und Inneres (Art. 38) vor. zei insbesondere im Umgang mit der Minder-
heit der Roma. Diese Einschåtzung wird auch
Die Aufschubklausel setzte beide Lånder durch Berichte von Amnesty International
unter betråchtlichen Anpassungsdruck. Da geteilt. 15 Darçber hinaus bleibt auch die Kin-
der Rat einem Beitritt nur auf Empfehlung derarbeit, von der nach offiziellen Statistiken
der Kommission zustimmt, kommt ihren re- des Arbeitsministeriums rund fçnf Prozent
gelmåûigen Fortschrittsberichten eine beson- der Kinder betroffen sind, problematisch. Die
dere Bedeutung zu. Die letzten umfassenden græûte Herausforderung liegt in der Sicher-
Berichte erschienen Ende Oktober 2005. 13 stellung der Unabhångigkeit der Justiz. Nach
Darin listete die Kommission noch einmal die den vielen Jahrzehnten der totalen Kontrolle
politischen und wirtschaftlichen Problembe- der Justiz durch die Politik fållt ein Umden-
reiche auf. Im Mai 2006 veræffentlichte die ken in diesem Bereich besonders schwer. Jus-
Kommission Berichte zur Beurteilung der tizministerin Monica Macovei, die vor der
Amtsçbernahme als Anwåltin im Menschen-
11 Vgl. Europåisches Parlament, Bericht çber den An- rechtsbereich gearbeitet hat, versucht mit
trag Rumåniens auf Mitgliedschaft in der Europåischen einem vergleichsweise radikalen Personal-
Union, A6±0077/2005 endgçltig, 1. 4. 2005. wechsel einen Neuanfang, der von der EU
12 Vgl. Europåisches Parlament, Gemeinsamer Ent-
ausdrçcklich begrçût wird.
schlieûungsantrag verschiedener Fraktionen, B6 ±
0043/2005, B6± 0045/2005 bis B6 ±0048/2005, 5. 7.
Bulgarien steht vor vergleichbaren Heraus-
2005.
13 Vgl. Europåische Kommission, Umfassender Mo- forderungen. Die EU wçrdigt zwar die An-
nitoring-Bericht 2005 Bulgarien, SEK (2005) 1352; strengungen, die zur Ønderung der Rechts-
Europåische Kommission, Umfassender Monitoring-
Bericht 2005 Rumånien, SEK (2005) 1354, beide 14 Vgl. Europåische Kommission, Monitoring-Bericht

Brçssel, 25. 10. 2006. Kurzfassung in: Europåische Mai 2006 Bulgarien, SEK (2006) 595; Europåische
Kommission, Umfassender Monitoringbericht der Kommission, Monitoring-Bericht Mai 2006 Rumå-
Europåischen Kommission çber den Stand der Bei- nien, SEK (2006) 596, beide Brçssel, 16. 5. 2006.
trittsvorbereitungen Bulgariens und Rumåniens, KOM 15 Vgl. Amnesty International, Bericht EUR 02/001/

(2005) 534, Brçssel, 25. 10. 2005. 2005 vom 1. 10. 2005, www.amnesty.org.

APuZ 27/2006 9
vorschriften seit Beginn der Justizreform im rungswechsel Ende 2004 sorgte der von der
Jahr 2002 gemacht worden sind, kritisiert je- Regierung vorangetriebene Personalwechsel
doch die Beharrungskraft des Justizsystems fçr Aufsehen. Mit der Generaldirektion Kor-
insgesamt. Die Schnelligkeit, Spezialisierung ruptionsbekåmpfung (DGA) im Ministerium
und Professionalisierung des Gerichtswesens fçr Verwaltung und Inneres wurde Ende Ok-
låsst trotz aller Reformen zu wçnschen çbrig. tober 2005 eine weitere Antikorruptionsein-
Auch in Bulgarien mçssen der Umgang mit heit insbesondere fçr den æffentlichen Sektor
Minderheiten, die Bekåmpfung des organi- geschaffen. Noch immer wartet die Úffentlich-
sierten Menschenhandels sowie die Situation keit auf die Aufarbeitung spektakulårer Fålle.
im Polizeigewahrsam und in den Gefångnis-
sen verbessert werden. Auch in Bulgarien ist im Bereich der Korrup-
tionsbekåmpfung weniger die mangelnde Exis-
Das græûte Problem in beiden Låndern ist tenz von Strategien und Aktionsplånen das
die grassierende Korruption. Die allgegen- Problem, sondern die fehlende Verfolgung ins-
wårtige Armut, von der bis zu einem Drittel besondere hochrangiger Fålle. Seit Oktober
der Bevælkerung betroffen ist, die Wucherun- 2001 gibt es eine nationale Antikorruptions-
gen der Bçrokratie in Verbindung mit unge- strategie, die im Februar 2005 vom Ministerrat
klårten Zuståndigkeiten und Parallelkompe- um Maûnahmen zur Bekåmpfung der Korrup-
tenzen, die Unterbezahlung der Bediensteten tion auf hæchster Ebene ergånzt worden ist.
in der æffentlichen Verwaltung sowie Mångel Auf der mittleren Ebene bilden Pråventions-
der politischen Kultur, die sich in einer ausge- und Schulungsprogramme zur Korruptionsbe-
prågten Selbstbereicherungsmentalitåt der kåmpfung sinnvolle Maûnahmen. Insbesondere
politischen und ækonomischen Eliten aus- im Baubereich, beim Zoll, im Gesundheitssek-
drçcken, fçhren dazu, dass in Rumånien und tor und bei der Polizei sollen diese Maûnahmen
Bulgarien die Korruption ein immenses Aus- greifen. Die Integritåt der staatlichen Beamten
maû angenommen hat. Eine ¹Bakschisch- soll regelmåûig çberprçft werden. Die Be-
Mentalitåtª scheint alle Bereiche des æffentli- kåmpfung der ¹groûenª und ¹kleinenª Kor-
chen Lebens zu durchdringen und keine so- ruption sowie des Bandenwesens, das mit Men-
zialen Schranken zu kennen. So haben bei schenhandel, Auftragsmorden und ausgedehn-
einer Umfrage in Rumånien 80 Prozent der tem Schmuggel erhebliche Summen verdient,
Befragten zugegeben, dass sie schon einmal sind die vordringlichsten Anliegen der EU.
Schmiergeld gezahlt haben. 16 Im Zuge des
geplanten Beitritts will die Kommission vor Auf dem Korruptionswahrnehmungsindex
allem darauf achten, dass EU-Mittel nicht von Transparency International nahm Bulga-
durch Korruption und Betrug versickern. rien im Jahr 2005 von 158 weltweit unter-
suchten Låndern zusammen mit Kolumbien
Bereits im Oktober 2001 wurde von der ru- Rang 55 ein. Rumånien lag gleichauf mit der
månischen Regierung ein Nationaler Plan Dominikanischen Republik und der Mongo-
sowie ein Nationales Programm zur Korrupti- lei auf Rang 85. 17 Unter den Staaten Mittel-
onsvorbeugung verabschiedet. Beide Plåne und Osteuropas steht Rumånien damit auf
sollten die Gesetzeslage pråzisieren und stell- dem ersten Platz dieser Negativliste. Der Be-
ten Strategien zur Korruptionsbekåmpfung vælkerung bleiben die Machenschaften der
auf. Neu eingerichtet wurde die vom General- politischen Klasse nicht verborgen: Ende
staatsanwalt koordinierte Nationale Staatsan- 2002 waren 43 Prozent der Meinung, dass die
waltschaft fçr die Bekåmpfung der Korruption Korruption in den zurçckliegenden Jahren
(NAPO). Seit 2002 existiert ferner die Natio- zugenommen habe, nur elf Prozent meinten,
nale Antikorruptionsbehærde (PNA). Politi- sie sei gesunken; 36 Prozent glaubten, sie sei
sche Wellen schlug im Oktober 2003 der Rçck- gleich geblieben. Drei Viertel der Befragten
tritt von drei Ministern aufgrund von Korrup- åuûerten sogar, dass die Korruption im Ver-
tionsvorwçrfen. Die NAPO kçndigte an, die gleich zu den letzten vier Jahren des CeausÎe-
Kontrollen des Militårs fortzusetzen und ver- scu-Regimes noch zugenommen habe. 18
stårkt auch gegen Unregelmåûigkeiten im
Justizapparat vorzugehen. Nach dem Regie- 17 Vgl. Transparency International, Corruption Per-

ceptions Index 2005, www.transparency.org.


16 Vgl. Allgemeine Deutsche Zeitung (Bukarest) vom 18 Vgl. Allgemeine Deutsche Zeitung vom 19. 11.

29. 4. 2005. 2002.

10 APuZ 27/2006
Wirtschaftliche Probleme Bulgarien und noch deutlicher in Rumånien
gibt es einen Hauptstadtbonus: Das regionale
Die græûten Defizite beider Lånder liegen im Bruttoinlandsprodukt liegt in Sofia um rund
ækonomischen Bereich. Bulgarien und Rumå- 50, in Bukarest um 100 Prozent hæher als im
nien teilten mit den çbrigen Staaten Mittel- çbrigen Land. Im europåischen Vergleich be-
und Osteuropas in der Zeit unmittelbar nach finden sich die zehn Regionen mit dem nied-
dem Ende des Kommunismus das ¹Tal der Trå- rigsten Bruttoinlandsprodukt allesamt in Bul-
nenª eines sinkenden Bruttosozialprodukts, garien und Rumånien. Ein Grund fçr den nied-
verbunden mit zurçckgehender Industriepro- rigen Kaufkraftstandard sind extrem niedrige
duktion und schrumpfender Volkswirtschaft. Læhne: Im europåischen Vergleich rangieren
Auffållig ist, dass in beiden Låndern dieses Tal beide Lånder mit einem Bruttostundenver-
tiefer war als in den anderen Beitrittsstaaten dienst von 0,88 EUR (Bulgarien) bzw. 1,04
der Region. Das lag vor allem am mangelnden EUR (Rumånien) an letzter Stelle; in der alten
politischen Willen, durchgreifende Umstruk- EU der 15 werden im Durchschnitt 14,18
turierungen einzuleiten. Stattdessen wurde die EUR gezahlt. Die Bruttostundenverdienste
Krise mit staatlicher Wirtschaftståtigkeit und streuen zwischen den verschiedenen Berufs-
Inflation lange Zeit weitgehend kaschiert. gruppen wenig, sondern liegen in allen Berei-
Unter dem Druck der EU und internationaler chen auf einem niedrigen Niveau. Darçber
Organisationen wurden Reformen in Angriff hinaus haben Bulgarien und Rumånien die ge-
genommen, die seit 1998 zunåchst Bulgarien, ringste Arbeitsproduktivitåt aller mittel- und
seit 2000 auch Rumånien einen Aufschwung osteuropåischen Staaten. Bulgarien war und ist
mit Wachstumsraten des Bruttoinlandspro- kaum industrialisiert, und in Rumånien zeugen
dukts um rund neun Prozent brachten, der al- veraltete Industrieanlagen von CeausÎescus
lerdings von einem sehr niedrigen Niveau aus- Modernisierungswahn. Die ækologisch be-
ging und allmåhlich wieder sinkt. 19 denklichen und volkswirtschaftlich unsinnigen
Anlagen erfordern einen hohen Personalein-
Das græûte ækonomische Problem der ver- satz bei zu geringem quantitativen Output.
gangenen Dekade war die jahrelang horrend Lange Zeit galten die einstigen Prestigeprojek-
hohe Inflationsrate. Der Verfall der Landes- te als reformresistent. Unter dem Druck der
wåhrungen begann in der unmittelbaren Europåisierung wird die Wirtschaft unter
Nachwendezeit. Insbesondere in Rumånien hohen Transformationskosten nun an den
stieg die Inflationsrate rasch an und lag 1997 europåischen Standard herangefçhrt.
bei 155 Prozent. Seitdem sinkt sie beståndig,
ohne sich jedoch gånzlich festigen zu kænnen, Ein weiteres Dauerproblem in den beiden
und lag im Jahr 2005 noch bei rund neun Pro- agrarisch geprågten Staaten ist die Landwirt-
zent. Bulgarien, das seit 2001 çber eine ver- schaft: Sie ist ineffizient, erwirtschaftet zu
gleichsweise stabile Wåhrung verfçgt, ver- wenig Ertrag und ist durch Ûberbeschåfti-
zeichnete im vergangenen Jahr eine Inflation gung gekennzeichnet. In Bulgarien liegt der
von fçnf Prozent. Nach den ehrgeizigen Pla- Anteil der in Land- und Forstwirtschaft
nungen beider Regierungen sollen die Inflati- sowie in der Fischerei Beschåftigten mit
onsraten kurzfristig sinken, obwohl Schwie- knapp zehn Prozent noch vergleichsweise
rigkeiten bei der Begrenzung der æffentlichen niedrig. Ihr Anteil an der Bruttowertschæp-
Ausgaben bestehen. fung des Landes entspricht in etwa diesem
Anteil. In Rumånien dagegen sind noch
Bulgarien und Rumånien verfçgen çber den immer rund 30 Prozent aller Beschåftigten im
niedrigsten Kaufkraftstandard aller Staaten Agrarsektor tåtig, im Jahr 2000 waren es
Mittel- und Osteuropas. Gemessen an der sogar noch 42,8 Prozent. Der Anteil der
alten Union der 15 Mitgliedstaaten verfçgten Landwirtschaft an der Bruttowertschæpfung
sie nur çber ein Viertel der Kaufkraft der West- des Landes ist mit rund 14 Prozent jedoch
europåer; nach der EU-Osterweiterung sind es unverhåltnismåûig gering. Hinzu kommen
rund 35 Prozent. Doch selbst die wenig wohl- politische Fehlentscheidungen: Bei der Rçck-
habenden baltischen Staaten kænnen Werte fçhrung der Genossenschaften und Staatsfar-
von deutlich çber 50 Prozent vorweisen. In men wurden viele durchaus rentable Groûbe-
triebe zugunsten von rund 3,5 Millionen Ein-
zelhæfen zerschlagen. Kredite fçr die
19 Alle Zahlen nach Eurostat. Anschaffung von Maschinen und Saatgut

APuZ 27/2006 11
wurden nicht gewåhrt oder in zu geringem aber stetiger Fortschritte in der Wirtschafts-
Umfang bereitgestellt. So sind die Hektarer- entwicklung konnte die Kommission erstmals
tråge mittlerweile auf das niedrigste Niveau im Jahr 2004 beiden Låndern eine funktionie-
in der Region gesunken. Wichtige Grundnah- rende Marktwirtschaft bescheinigen. 21 Die
rungsmittel wie Kartoffeln, Weizen und Zu- Berichte des Jahres 2005 beståtigen diese Ein-
cker mçssen importiert werden. Der Fort- schåtzung und bewerten die makroækonomi-
schritt scheint çber den Agrarsektor hinweg- sche Gesamtentwicklung beider Lånder posi-
zugehen, zumal die Landwirtschaft eher tiv. Im Bericht der Kommission vom Mai
subsistenzwirtschaftlichen Charakter hat. Bei 2006 werden weitere Reformen in den Berei-
einer Befragung der Zeitschrift ¹Curierul Na- chen angemahnt, die fçr die Einfçhrung des
tionalª im Jahr 2004 gaben 83 Prozent der Gemeinschaftlichen Besitzstands und eine
Befragten an, nur fçr den Eigenbedarf zu pro- reibungslose Integration in den Binnenmarkt
duzieren. 17 Prozent erklårten, dass sie ihre notwendig sind. Im Falle Rumåniens handelt
Produkte zum Teil verkauften, und nur vier es sich um vier Bereiche, die jedoch, darauf
Prozent verkauften mehr als die Hålfte der wurde in Bukarest erleichtert hingewiesen,
Produktion. So wird wohl auch weiterhin in eher technischen Charakter besitzen und die
Westeuropa långst vergessenes Handwerks- Beihilfen- und Finanzkontrolle betreffen. Fçr
zeug den båuerlichen Alltag in Rumånien Bulgarien hat die Kommission auf sechs Be-
prågen, gehæren Pferd und Wagen wie selbst- reiche verwiesen, die neben dem finanziellen
verståndlich zum Straûenbild. Sektor auch die Bekåmpfung von Betrug,
Korruption und Geldwåsche sowie die Ver-
Die ækonomischen Daten fçr Bulgarien besserung der Arbeit der Strafverfolgungsbe-
und Rumånien deuten auf eine schwierige hærden betreffen. Im direkten Vergleich der
Transformation der Lånder im Vergleich zu ¹Hausaufgabenª, die beiden Låndern aufge-
den çbrigen Staaten Mittel- und Osteuropas geben sind, schneidet damit Rumånien etwas
hin. Ob Bruttoinlandsprodukt, Inflationsrate, besser ab als Bulgarien.
Handelsbilanz, Infrastruktur, Ausgaben fçr
Innovation und Forschung, Anschluss an mo-
derne Informations- und Kommunikations- Fazit
technologien, aber auch Lebensstandard, Le-
benserwartung und Såuglingssterblichkeit ± Die Rçckkehr Rumåniens und Bulgariens
fast immer liegen beide Lånder am falschen nach Europa gestaltet sich auch rund 16 Jahre
Ende der Skala. Im Fortschrittsbericht 2002 nach dem Ende des Kommunismus in Mittel-
der Kommission hieû es daher: ¹Es besteht und Osteuropa sehr schwierig. 22 Fçr beide
zunehmende Ûbereinstimmung çber die we- Lånder hat der Beitritt zur EU oberste politi-
sentlichen Ziele der Wirtschaftspolitik, doch sche Prioritåt, aber die Fortsetzung der
verhindert die Angst vor den hohen politi- Transformation der Wirtschaft sowie die Be-
schen und sozialen Kosten nach wie vor, dass kåmpfung der Korruption bleiben groûe He-
die Strukturreformen mit dem nætigen Nach- rausforderungen. Mit Recht fçrchtet die
druck durchgesetzt werden. Håufig wurden Union einen dauerhaften Import von Instabi-
makroækonomische Stabilisierung und Struk- litåt. Daher ist die endgçltige Entscheidung
turreform nur halbherzig unterstçtzt, was çber den Aufnahmetermin noch nicht gefal-
dazu fçhrte, dass die politischen Ziele bei len. Erneute Monitoring-Berichte sind fçr
weitem nicht erreicht wurden.ª 20 den Herbst 2006 angekçndigt. Erst diese Be-
richte werden eine Antwort auf die Frage
Das bulgarische und rumånische Wirt- geben, ob die Aufnahme der beiden Lånder
schaftsleben leidet unter einer Gemengelage 21 Vgl. Europåische Kommission, Regelmåûiger
aus verschleppten Reformen, unrentablen Bericht 2004 çber die Fortschritte Rumåniens auf dem
Staatsbetrieben, Bçrokratismus, Zentralismus Weg zum Beitritt, SEK (2004) 1200; Schluss-
und Korruption, die die Modernisierung folgerungen in: Europåische Kommission, Strategie-
nachhaltig hemmen. Aufgrund bescheidener, papier der Europåischen Kommission çber den Stand
des Erweiterungsprozesses, KOM (2004) 657 end-
gçltig, beide Brçssel, 6. 10. 2004.
20 Europåische Kommission, Regelmåûiger Bericht 22 Vgl. Johanna Deimel, Bulgarien, in: Jahrbuch der

2002 çber die Fortschritte Rumåniens auf dem Weg europåischen Integration, Baden-Baden 2005, S. 435±
zum Beitritt, KOM (2002) 700, Brçssel, 9. 10. 2002, 438; Anneli Ute Gabanyi, Rumånien, in: ebd., S. 441±
S. 45. 444.

12 APuZ 27/2006
um ein Jahr zurçckgestellt werden sollte. Lucian Boia
Aller Voraussicht nach dçrften jedoch Rumå-
nien und Bulgarien am 1. Januar 2007 Mit-
glieder der EU werden. 23
Historische Wurzeln
Die Fortsetzung des Erweiterungsprozes-
ses stellt die EU vor groûe Herausforderun-
gen. Mehr denn je çbt sie magische Anzie- der politischen
hungskraft auf die umliegenden Staaten aus.
Kroatien und Mazedonien gehæren dazu,
aber auch Bosnien-Herzegowina und ein un- Kultur Rumåniens
abhångiges Montenegro. Zudem mæchten auf
lange Sicht die Ukraine, Albanien und vor
allem auch die Tçrkei Mitglieder der Ge-

A
meinschaft werden. Die zahlreichen Aufnah- us westlicher Sicht birgt Rumånien so
mewçnsche mit der Folge einer Ûberdehnung manche Ûberraschung. Zweifellos ist es
gefåhrden die innere Stabilitåt und Kohårenz ein Teil Europas, doch von einem einheit-
der Union. Umgekehrt wird diese die weit lichen Europa kann keine Rede sein, und
gespannten Hoffnungen auf Wohlstand, Sta- von einer gemeinsamen Geschichte noch
bilitåt und Modernisierung kaum erfçllen weniger. Verglichen mit den westeuropåischen
kænnen. Ob die Europåische Nachbarschafts- Låndern ist Rumånien Teil eines anderen
politik und der Barcelona-Prozess mit den Europas.
Mittelmeer-Anrainern ein hinreichender Er-
satz fçr einen Beitritt sind, wird sich erst Der Osten und der Lucian Boia
noch erweisen mçssen. 24 Westen des Kontinents Dr. phil., geb. 1944; Professor
erlebten unterschiedli- an der Historischen Fakultät der
Seit den gescheiterten Referenden in che, ja gegensåtzliche Universität Bukarest.
Frankreich und den Niederlanden steckt die Entwicklungen. Histo- Universitatea din Bucuresti,
EU in einer strukturellen Krise. Der ¹feste risch gesehen verlåuft Facultatea de Istorie, Bd. Regina
Wille, die Grundlagen fçr einen immer enge- die offensichtlichste Elisabeta 4±12 Sector 5, 70031
ren Zusammenschluss der europåischen Væl- Trennlinie zwischen Bucuresti/Rumänien.
ker zu schaffenª, wie es in der Pråambel des dem katholischen bzw. HistoryUBucharest@hotmail.com
Gemeinschaftsvertrages so optimistisch for- protestantischen
muliert ist, scheint mit der Unterbrechung Abendland und dem
des Verfassungsprozesses abhanden gekom- orthodoxen Morgen-
men zu sein. Regierungen wie Bevælkerungen land. Der Westen Europas hat eine stufen-
sind gleichermaûen ratlos, ob und wie die weise kulturelle und politische Auffåcherung
Vertiefung der Gemeinschaft vorangetrieben sowie eine nachdrçckliche ækonomische
werden kann. Doch darf diese Krise nicht Entwicklung erfahren, die in eine technolo-
den beiden sçdosteuropåischen Beitrittskan- gische und demokratische Zivilisation mçn-
didaten angelastet werden. Die Union wird deten. Dagegen war der Osten durch eine
kçnftig genau abwågen mçssen zwischen Bei- Tendenz zum politischen Autoritarismus ge-
trittsversprechen an einzelne Lånder und der kennzeichnet (man denke etwa an das by-
eigenen Zukunftsfåhigkeit. zantinische und spåter das moskowitische
Modell); dieser wurde von der orthodoxen
Kirche geduldet, die es gewohnt war, vor der
23 Vgl. Anneli Ute Gabanyi, Rumåniens Beitritt zur politischen Macht in den Hintergrund zu
EU ± 2007 oder 2008, in: Sçdosteuropa Mitteilungen, treten. Die sozioækonomische Entwicklung
(2006) 1, S. 5±17. verlief ausgesprochen langsam: Bis vor kur-
24 Vgl. Waldemar Hummer, Die Union und ihre
zem waren die osteuropåischen Lånder vor
Nachbarn ± Nachbarschaftspolitik vor und nach dem allem von einer låndlichen Struktur und von
Verfassungsvertrag, in: integration, (2005) 3, S. 233±
patriarchalischen wie paternalistischen
245; Annette Jçnemann, Zehn Jahre Barcelona-Pro-
zess: eine gemischte Bilanz, in: Aus Politik und Zeit- Denkweisen geprågt.
geschichte (APuZ), (2005) 45, S. 7±14.
Ûbersetzung aus dem Franzæsischen: Anna Schnitzer,
Halle/Saale.

APuZ 27/2006 13
Diese gegensåtzlichen Modelle treffen in Grenzland
Zentraleuropa aufeinander und werden dort
zusammengefçhrt. So ist Zentraleuropa mit Rumånien nimmt in Osteuropa einen beson-
dem Westen durch kulturelle und institutio- deren Platz ein. 1 Mit seiner çberwiegend or-
nelle Merkmale wie den katholischen und thodoxen Glaubensausrichtung entspricht es
protestantischen Glauben oder den ræmi- dem religiæsen Profil dieses Teils des Konti-
schen Wurzeln der Zivilisation ebenso ver- nents. Gleichzeitig unterscheidet sich Rumå-
bunden wie mit dem Osten (Polen und Un- nien als romanische Nation von den Griechen
garn im Mittelalter, der Donaumonarchie und orthodoxen Slawen. Dieser im Mittelal-
bzw. der K.u.K.-Monarchie in moderner ter wenig bedeutsame Unterschied, als Reli-
Zeit) durch seine relativ konservativen sozia- gion mehr zåhlte als Nationalitåt, gewann im
len und ækonomischen Strukturen. 19. Jahrhundert mit dem Aufkommen des
Nationalismus wesentliche Bedeutung; die
Der Entwicklungsrçckstand der æstlichen Rumånen (oder zumindest die Eliten) began-
Hålfte des Kontinents wurde durch eine nen, sich nach Westen auszurichten und sich
lange Phase politischer Instabilitåt verstårkt. als ¹romanische Insel im slawischen Meerª
Hier kam es noch zu Eroberungen, als der zu begreifen.
westliche Teil Europas bereits eine gewisse
Stabilitåt gefunden hatte und einzig von inne- Die beiden groûen zusammenhångenden
ren Auseinandersetzungen heimgesucht war: Gefçge Osteuropas sind die Balkanhalbinsel
So wåren beispielsweise die Eroberung Russ- und Russland (bzw. das Gebiet der ehemali-
lands durch die Mongolen im 13. Jahrhundert gen Sowjetunion). Rumånien befindet sich
oder die Expansion des Osmanischen Reiches dazwischen. Obwohl es gelegentlich als Bal-
nach Sçdosteuropa und bis ins Zentrum des kanland bezeichnet wird, gehært es nicht zum
Kontinents seit dem 14. Jahrhundert zu nen- Balkan, dessen nærdlicher Grenzfluss, die
nen. In der Moderne war fast das ganze æstli- Donau, die sçdliche Grenze Rumåniens bil-
che und zentrale Europa unter drei Groû- det. Die drei bedeutendsten Gebiete Rumå-
måchten aufgeteilt: dem Osmanischen Reich, niens, die Walachei im Sçden, die Moldau im
dem Zarenreich und der æsterreichischen Nordosten und Siebenbçrgen im Nordwes-
Monarchie. ten, haben sich in sehr unterschiedlichen geo-
politischen Kontexten entwickelt. Den Bal-
Diese bewegte Geschichte und die vielfålti- kanlåndern am nåchsten war die Walachei.
gen Eroberungen sind der Grund fçr eine be- Die Moldau pflegte enge, jahrhundertelange
sonders intensive Vælkervermischung, die Beziehungen zu Polen und grenzte nach der
durch Umsiedlungen noch verstårkt wurde. Annexion des æstlichen Landesteils Bessara-
(Diese hatten zum Ziel, gering bevælkerte bien (heute Republik Moldawien) seit 1812
und bewirtschaftete Gegenden zu erschlie- an Russland. Siebenbçrgen gehærte im Mittel-
ûen; so erstreckte sich etwa ein regelrechter alter zum Kænigreich Ungarn; es ist in der
deutscher ¹Archipelª von Zentraleuropa bis Mehrheit rumånisch, aber auch von einer be-
an die Ufer der Wolga.) Das Vælkergemisch deutenden ungarischen Minderheit besiedelt,
brachte immense Schwierigkeiten mit sich, als der bis 1918 die fçhrende Elite angehærte,
man sich im 19. und zu Beginn des 20. Jahr- sowie von Deutschen, die sich im 12. und 13.
hunderts daran machte, auf den Ruinen der Jahrhundert niedergelassen hatten.
einstigen Reiche Nationalstaaten nach west-
lichem Vorbild zu schaffen. Einige Lånder Der rumånische Raum fand sich immer
der Region (die Tschechoslowakei, Polen wieder an den Grenzen der groûen politi-
und Jugoslawien), die aus einer nationalen schen und zivilisatorischen Gefçge wieder.
Ideologie heraus geschaffen wurden, waren Die Grenze zwischen dem Ræmischen Reich
in ethnischer, religiæser und kulturel- und der Welt der ¹Barbarenª verlief quer
ler Hinsicht ebenso zusammengewçrfelt durch Dakien, dem heutigen Rumånien. Die
wie die Kaiserreiche vor ihnen. Schlieû- Donau war nacheinander Grenzfluss des Ræ-
lich hat nach dem Ende des Zweiten Welt- mischen, Byzantinischen und Osmanischen
krieges der Kommunismus die Lånder
Ost- und Zentraleuropas zusåtzlich geprågt 1 Vgl. Lucian Boia, Romania. Borderland of Europe,
und die Unterschiede zu den westlichen London 2001; erw. franzæsische Ausgabe: La Rouma-
Låndern verstårkt. nie. Un pays ™ la fronti re de l'Europe, Paris 2003.

14 APuZ 27/2006
Reiches. Zu Beginn der Moderne trafen das bien, die 1775 durch die Habsburger von der
Osmanische Reich, das Zarenreich und Moldau abgetrennte Bukowina und vor allem
Ústerreich in dieser Region aufeinander und durch Siebenbçrgen vervollståndigt wurde
teilten einen Teil des rumånischen Gebietes (hier als Oberbegriff gebraucht, der auûer
unter sich auf, wåhrend sie die Fçrstentçmer Siebenbçrgen selbst noch drei Regionen
Walachei und Moldau duldeten. Gleichzeitig westlich desselben einschlieût: das Banat,
traf hier die orthodoxe æstliche auf Vorboten CrisÎana und MaramuresÎ, alle mit vorwiegend
der westlichen Zivilisation. Auch heute leben rumånischer Bevælkerung, aber bis 1918 zu
die Rumånen an der Grenze: derzeit auûer- Ungarn gehærend).
halb, in naher Zukunft innerhalb der EU.
Das verbindende Element dieser Ansamm-
Die andauernde Grenzlage hatte zwei wi- lung von Låndern und Regionen, die unter-
dersprçchliche und zueinander komplemen- schiedliche historische Entwicklungen erlebt
tåre Auswirkungen: auf der einen Seite eine haben, war die rumånische Bevælkerung, die
relative Isolierung, eine Ûbernahme unter- çberall in der Mehrzahl war. 2 Aber die Min-
schiedlicher Modelle in abgewandelter Form derheiten waren ebenso zahlreich und verlie-
sowie die Erhaltung traditioneller Strukturen hen dem ¹groûenª Rumånien einen recht zu-
und einer bodenståndigen Mentalitåt, auf der sammengewçrfelten Anschein. So gab es in
anderen Seite eine auûerordentliche ethnische Siebenbçrgen (im engeren Sinn) nach Erhe-
und kulturelle Durchmischung, in der alle bungen von 1930 57,6 % Rumånen, 29,1 %
Himmelsrichtungen gegenwårtig sind. Rumå- Ungarn und 7,9 % Deutsche; im Banat
nien ist ein Land, das von Epoche zu Epoche 54,3 % Rumånen, 23,8 % Deutsche (angesie-
und je nach Region tçrkische und franzæsi- delt im 18. Jahrhundert) und 10,4 % Ungarn;
sche, ungarische und russische, griechische in der Bukowina 44,5 % Rumånen, 27,7 %
und deutsche Einflçsse aufgenommen hat. Ukrainer, 10,8 % Juden und 8,9 % Deutsche;
Man wird in Europa schwerlich ein vergleich- in Bessarabien 56,2 % Rumånen, 12,3 % Rus-
bar weit gefåchertes Spektrum, eine Synthese sen, 11 % Ukrainer und 7,2 % Juden; in der
ebenso vieler unterschiedlicher Fårbungen ans Schwarze Meer grenzenden Dobrudscha,
finden. Als Schnittpunkt der Wege und Zivili- die zum Osmanischen Reich gehærte und
sationen ist Rumånien ein offener Raum; per- 1878 Rumånien angegliedert wurde, 44,2 %
manente Instabilitåt und eine unaufhærliche Rumånen, 22,8 % Bulgaren und 18,5 % Tçr-
Bewegung von Menschen und Werten haben ken. In ganz ¹Groûrumånienª betrug der ru-
es charakterisiert. Rumånien ist ein offenes månische Anteil an der Bevælkerung 71,9 %.
und zugleich verschlossenes Land; die Rumå- Die nationale Einheit wurde in der Verfas-
nen waren und sind geteilt in diejenigen, die sung festgeschrieben. Rumånien war zweifel-
in Richtung Europa blicken, und diejenigen, los weniger ethnisch durchmischt als die Viel-
die åuûeren Einflçssen gegençber unzugång- vælkerstaaten Tschechoslowakei, Polen oder
lich bleiben. Westliche Úffnung und natio- Jugoslawien; es befand sich auf halbem Weg
nale Isolation verdeutlichen eine fçr die ru- zum Nationalstaat.
månische Gesellschaft typische intellektuelle
Polarisierung. Das Aufeinandertreffen dieser Seitdem hat das Land einen ¹Rumånisie-
beiden Denkrichtungen hat den Modernisie- rungsprozessª erlebt. Gebiete wie die Buko-
rungsprozess der vergangenen beiden Jahr- wina im Norden, Bessarabien und der Sçden
hunderte begleitet. der Dobrudscha, in denen Minderheiten be-
sonders zahlreich waren, sind vom Staatsge-
biet abgetrennt worden; Rumånien umfasst
Regionen und Minderheiten heute 238 000 Quadratkilometer. Ein Teil der

Rumånien ist ein relativ junger Staat. Im Jahr 2 Die statistischen Daten sind folgenden Werken ent-

1859 ging aus der Vereinigung der beiden nommen: Enciclopedia Rom˜niei, Bd. I, Bukarest
Fçrstentçmer Walachei und Moldau ¹Klein- 1938: Kap. ¹Populat, ia Rom˜nieiª, S. 133±160; Recen-
rumånienª hervor und umfasste im Jahr 1914 saÆmÑntul populat, iei sÎi locuint, elor din 7 ianuarie 1992:
Populat,ie ± structura demograficaÆ, Bukarest 1994;
eine Flåche von 137 000 Quadratkilometern. Structura etnicaÆ sÎi confesionalaÆ a populat, iei, Bukarest
¹Groûrumånienª mit rund 295 000 Quadrat- 1995; RecensaÆmÑntul populat, iei sÎi al locuint, elor, 18
kilometern entstand nach dem Ende des Ers- martie 2002, Bd. I: Populat,ie ± structura demograficaÆ,
ten Weltkrieges, als der Kern durch Bessara- Bukarest 2003.

APuZ 27/2006 15
jçdischen Bevælkerung (4 % des Anteils von Der Gedanke der nationalen Einheit ist fest
1930) wurde im Zweiten Weltkrieg ermordet, im Bewusstsein der Rumånen verankert, in
ein anderer Teil emigrierte; es leben in Rumå- dem der politischen Klasse ebenso wie im æf-
nien nach Erhebungen von 2002 nur noch fentlichen Bewusstsein. Als Rumånien im 19.
rund 6 000 Juden. Auch die meisten der und zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus dem
750 000 Deutschen, die 1930 ungefåhr 4 % Zusammenschluss mehrerer Landesteile ge-
der Bevælkerung ausmachten, emigrierten; schaffen wurde, wåre eine fæderale Læsung
2002 hatte sich ihre Zahl auf 60 000 (0,3 % durchaus denkbar gewesen. Auf den ersten
der Bevælkerung) reduziert. Heute sind Blick håtte diese der tatsåchlichen Vielfalt
89,5 % der Bevælkerung ethnisch gesehen ¹Groûrumåniensª auch eher entsprochen.
Rumånen. Die bedeutendsten Minderheiten Aber eben diese Vielfalt und die groûe Bedeu-
bleiben die Ungarn und die Zigeuner. 3 tung ethnischer Minderheiten wirkten einer
fæderalen Læsung entgegen. Die Rumånen
Auch die Anzahl der Ungarn hat abgenom- befçrchteten, dass eine unvollståndige Inte-
men. Stellten sie 1930 noch 24,4 % der Bevæl- gration der Landesteile zum Zerfall des Lan-
kerung Siebenbçrgens (im weiteren Sinne), des fçhren kænnte. Sie entschieden sich daher
waren es 1992 noch 21 und 2002 19,6 %; in fçr ein zentralistisches, am franzæsischen Mo-
ganz Rumånien lebten 1992 7,1 und 2002 dell orientiertes System, indem sie die spezifi-
6,6 % Ungarn. In Siebenbçrgen stieg der An- sche Physiognomie der historisch gewachse-
teil der rumånischen Bevælkerung von 58 % nen Regionen missachteten und das Land in
im Jahr 1930 auf heute fast 75 %. Auch die den franzæsischen dpartements vergleichbare
Zahl der Zigeuner ist angestiegen: Lebten Verwaltungsbezirke, judetÎe, unterteilten. Der
1992 rund 410 000 (1,8 % der Bevælkerung) Begriff ¹Fæderalisierungª ist bis heute in Ru-
in Rumånien, waren es 2002 bereits 535 000 månien tabu. Man glaubt noch immer, dass
(2,5 %); es wird geschåtzt, dass ihr tatsåchli- regionale Autonomie der Beginn des Zerfalls
cher Anteil deutlich hæher liegt, da sich viele Rumåniens wåre. Es ist unverkennbar, dass
in Befragungen als Rumånen bezeichnen. sich diese Sorgen vor allem auf Siebenbçrgen
beziehen, obwohl es jeder Logik wider-
Als Folge der ¹Rumånisierungª haben sich spricht, zu befçrchten, 20 Prozent Ungarn
die regionalen Unterschiede nach und nach kænnten diese Provinz gegen den Willen von
verwischt. Dieser Prozess wurde durch die 75 Prozent Rumånen ¹beschlagnahmenª. Die
kommunistische Industrialisierungspolitik europåischen Auflagen in Bezug auf die Re-
(die etwa in Siebenbçrgen rumånische Land- gionalisierung wurden nur sehr vage umge-
bevælkerung in Stådten mit mehrheitlich setzt. Es wurden mehrere ¹Entwicklungsre-
deutscher oder ungarischer Bevælkerung an- gionenª gebildet, die allerdings nicht von
gesiedelt hat) und die Strategie der sozioæko- groûer Bedeutung und vor allem so zuge-
nomischen Vereinheitlichung noch verstårkt. schnitten sind, dass sie nicht den historischen
Das Syntagma der nationalen Einheit, das in Regionen des Landes entsprechen. Rumånien
der Verfassung verankert ist, entspricht besser soll ein einheitlicher Staat bleiben.
als in der Vergangenheit der tatsåchlichen Zu-
sammensetzung Rumåniens. Doch nach wie Die Minderheiten haben weitreichende
vor gehæren mehr als zehn Prozent der Be- Rechte. Es gibt Schulen in ihrer Sprache, und
vælkerung Minderheiten an, vor allem den die Mæglichkeit, ihre Kultur und Traditionen
Ungarn, die in zwei Verwaltungsbezirken zu pflegen, sind vielfåltig. Jede Minderheit,
sogar çber eine Bevælkerungsmehrheit verfç- auch die kleinste, entsendet automatisch
gen (Covasna und Harghita, 74 bzw. 85 %). einen Vertreter ins Parlament. Das gilt nicht
Daher fordern die Ungarn die Streichung die- nur fçr die 60 000 Deutschen, sondern auch
ses Syntagmas. Sie fçhlen sich nicht der rumå- fçr die 3 000 Italiener und die weniger als
nischen, sondern der ungarischen Nation zu- 2 000 Armenier. Die Ungarn fordern ferner
gehærig; zu ihren Forderungen gehært die die Grçndung rein ungarischer staatlicher
kulturelle und sogar die territoriale Autono- Universitåten, die ihnen bisher verweigert
mie der Region, in der sie die Bevælkerungs- werden (dafçr wird an mehreren Universitå-
mehrheit bilden. ten in ungarischer Sprache gelehrt). Trotz
allen Misstrauens hat sich das Verhåltnis von
3 Anm. der Ûbersetzerin: im frz. Original tsiganes, im Rumånen und Ungarn seit den blutigen Zwi-
Folgenden in direkter Ûbersetzung verwandt. schenfållen von 1990 deutlich verbessert; ge-

16 APuZ 27/2006
walttåtige Ûbergriffe sind wenig wahrschein- und Bulgaren) und auch gegen Minderheiten
lich, zumal die Demokratische Union der (die Ungarn im Besonderen) gesåt. Anfangs
Ungarn in Rumånien (UDMR) seit 1996 Re- trug das von der Sowjetunion installierte
gierungspartei ist. kommunistische Regime vehement anti-na-
tionale Zçge; Ziel war es, den Rumånen ¹in-
Die Problematik der Zigeuner ist eine an- ternationalistischeª Anschauungen einzuflæ-
dere: Jahrhundertelang arbeiteten sie als ûen, die dazu dienen sollten, die Ûbernahme
Sklaven auf den Anwesen der Bojaren oder der russischen Kultur und der sowjetischen
der Klæster. Auch nach ihrer Befreiung Interessen zu færdern. Dieser Versuch miss-
Mitte des 19. Jahrhunderts wurden sie von lang; er rief eine nationale Reaktion hervor,
der rumånischen Gesellschaft an den Rand die ihren Hæhepunkt von 1965 bis 1989 unter
gedrångt, und noch heute sind sie ækono- dem langen Regime Nicolae Ceauœescus fand.
misch, sozial und kulturell stark benachtei- Der Diktator setzte auf nationale Rhetorik
ligt. Ziel muss es sein, ihre Lebensbedingun- (ruhmreiche Geschichte; Einheit des rumåni-
gen zu verbessern sowie Misstrauen und schen Volkes; Misstrauen gegençber dem
rassistische Einstellungen zu çberwinden. Ausland), um seine Macht abzusichern. Die
Erste Schritte in diese Richtung sind getan. Rumånen waren geneigt, die nationale Ideo-
logie wieder aufleben zu lassen, so dass viele
in die Falle des çbertriebenen Nationalismus
Nationale Mythologie tappten, nachdem in den fçnfziger Jahren die
nationale ¹Seeleª fast verloren gegangen war.
Der Nationalismus ist in der rumånischen Auch nach dem Fall des Kommunismus be-
Kultur verwurzelt. Die rumånischen Fçrsten- stand das Misstrauen gegen das Ausland, ins-
tçmer Walachei und Moldau traten erst Ende besondere den Westen und westliches Kapi-
des 14. Jahrhunderts auf die Bçhne der Ge- tal, fort und wurde in der Amtszeit Ion Ilie-
schichte. Die ¹bescheideneª Vergangenheit scus (1990 bis 1996) weiter genåhrt. ¹Wir
als ¹Untergebeneª der Groûmåchte hat Kom- verkaufen unser Land nichtª, lautete ein Slo-
plexe und Frustrationen genåhrt und Spuren gan Anfang 1990. Die Rumånen haben heute
im æffentlichen Bewusstsein hinterlassen, die allen Grund, diese Haltung zu bereuen, denn
durch eine glorreiche Geschichtsmythologie westliche Kapitalanleger haben dieses als
kompensiert werden. So wurden die edle ro- wenig stabil geltende, sich in Richtung ungari-
manische Herkunft betont und die Daker schem, tschechischem oder polnischem Markt
auf eine hæhere Zivilisationsstufe gehoben. orientierende Land jahrelang gemieden.
Die Ursprçnge, ob romanisch, dakisch oder
dako-romanisch, sind in der rumånischen Das Fortbestehen des nationalen Ge-
Kultur gegenwårtig. Die Rumånen stellen schichtsdiskurses wurde auch durch einen
sich gern als Verteidiger Europas und des 1999 entfesselten Lehrbuchskandal deutlich.
Christentums gegen das Osmanische Reich Die neue Generation der fçr Gymnasien be-
dar, indem sie an ihre Kåmpfe gegen die Tçr- stimmten Geschichtslehrbçcher, die eine we-
ken im Mittelalter erinnern, ein ¹Opferª, das niger heroische Sicht der rumånischen Ver-
ihrer Meinung nach am Anfang des histori- gangenheit vortrug, rief bei groûen Teilen der
schen Entwicklungsrçckstandes steht. 4 Úffentlichkeit Empærung hervor, da die Men-
schen çberzeugt waren, dass diese ¹neue Ge-
Rumånien ist aus dem Willen der Rumånen schichteª die ¹wahreª verfremdete (also die
heraus entstanden, in einem Einheitsstaat zu im Wesentlichen nationalistische Geschichte,
leben. Dadurch erklårt sich die zentrale Rolle die lange Zeit gelehrt wurde).
einer nationalen Ideologie im Bewusstsein
und deren Fortbestehen in der heutigen Zeit.
Die befçrchteten oder tatsåchlichen, dem Europåische Vorbilder und
Staat drohenden Gefahren (etwa die erzwun-
genen Gebietsabtretungen 1940) haben Arg-
rumånische Eigenheiten
wohn gegen die Nachbarn (Russen, Ungarn
Im Laufe ihrer Geschichte haben die Rumå-
4 Vgl. eine Analyse der rumånischen Ge-
nen verschiedene kulturelle und politische
schichtsmythen in: Lucian Boia, Geschichte und My- Modelle çbernommen. Im Mittelalter war
thos. Ûber die Gegenwart des Vergangenen in der ru- dies das slawisch-byzantinische Modell. Im
månischen Gesellschaft, Kæln ± Weimar ± Wien 2003. 18. Jahrhundert dominierte der griechische

APuZ 27/2006 17
und tçrkische Einfluss. Der Prozess der Ver- Pråsident Ion Iliescu, ehemaliger Minister des
westlichung setzte relativ spåt, in der ersten CeausÎescu-Regimes und Mitglied des Fçh-
Hålfte des 19. Jahrhunderts ein, vor allem um rungskaders der kommunistischen Partei.
1830. Im Bereich der Eliten konnten sich die
Verånderungen schnell durchsetzen. Um Nach dem Zusammenbruch des Kommu-
1800 kleideten sich die Rumånen der gehobe- nismus wandten sich die Rumånen erneut
neren Klassen nach tçrkischem Vorbild, spra- dem Westen zu. Doch dieser Prozess kam nur
chen griechisch und schrieben in kyrillischer langsam in Gang. Ein Groûteil der Bevæl-
Schrift. Um 1850 kleideten sich ihre Enkel kerung hatte sich an den kommunistischen
und Urenkel nach der Pariser Mode, sprachen Lebensentwurf gewæhnt: relative soziale
franzæsisch und hatten das lateinische Alpha- Gleichstellung, Arbeitsplatzgarantie und ein
bet angenommen. Frankreich sollte fçr meh- mittelmåûiges, aber sicheres Einkommen. Die
rere Generationen die græûte Liebe der Ru- ersten freien Wahlen im Mai 1990, bei denen
månen bleiben, deren Elite frankophon und Iliescu, ein Verfechter der langsamen (und
in den meisten Fållen sehr frankophil wurde. unvollendeten) Revolution, 85 Prozent der
Der deutsche Einfluss konnte vor dem Ersten Stimmen erhielt, spiegelten diese Einstellun-
Weltkrieg mit dem Frankreichs konkurrieren. gen wider (die sich allmåhlich veråndern). 5
Den Rumånen gelang eine Synthese dieser
beiden recht unterschiedlichen Modelle. Aber In der heutigen politischen Kultur Rumå-
all dies betraf vor allem die oberen Gesell- niens ist eine Tendenz zum Autoritarismus
schaftsschichten. In den niederen sozialen erkennbar, der durch historische Entwicklun-
Schichten drang die Verwestlichung in viel gen erklårbar ist: eine lange Tradition der
geringerem Maûe vor. Rumånien blieb in wei- Machtunterwerfung in einer låndlichen, von
ten Teilen ein Agrarland (1930 lebten 80 % patriarchalischen Werten geprågten Gesell-
der Bevælkerung auf dem Land) und war schaft; eine unsichere Vergangenheit ohne Be-
durch erschreckende soziale und kulturelle ståndigkeit, die in jedem Moment nach dem
Unterschiede gekennzeichnet (1930 waren schçtzenden ¹Retterª zu verlangen schien;
noch 43 % der Bevælkerung Analphabeten). unvollendete Demokratisierung in moderner
Zeit; Philosophie und Praxis eines totalitåren
Nach dem Zweiten Weltkrieg sorgte das Kommunismus. Das historische Gedåchtnis
Modell des sowjetischen Kommunismus fçr der Rumånen ist personenorientiert, an erster
einen radikalen Richtungswechsel. Die alten Stelle stehen die mittelalterlichen Prinzen, die
Eliten wurden fast vollståndig beseitigt (die fçr die Unabhångigkeit und Wçrde der rumå-
politische und ækonomische vollståndig, die nischen Gebiete kåmpften. So konnte sich der
intellektuelle teilweise) und durch Bauern Kommunismus in græûerem Maûe als in an-
und Arbeiter ersetzt. Die verstårkte Indus- deren Låndern im sowjetischen Machtbereich
trialisierung machte eine erhebliche Anzahl in Richtung eines Personenkultes entwickeln,
Bauern zu Industriearbeitern. Daraus ent- wie er von Gheorghe Gheorghiu-Dej (bis
stand ein fast vollståndiger sozialer Umbruch. 1965) und mehr noch von CeausÎescu prakti-
Unter diesen Bedingungen geriet ein Groûteil ziert wurde. Letzterer institutionalisierte
der kulturellen und politischen Traditionen in einen Familienkommunismus eher nordko-
Vergessenheit. Von der bçrgerlichen Gesell- reanischer als europåischer Prågung in der
schaft blieb nicht viel çbrig, im Gegensatz zu Absicht, mit Ehefrau und Sohn als Nachfol-
den kommunistischen Låndern Zentraleuro- ger quasi eine Dynastie zu begrçnden.
pas, wo sie in den siebziger und achtziger
Jahren wieder an Einfluss gewann (bestårkt Nach 1989 hieû der Retter fçr die Mehrheit
durch die katholischen und protestantischen der Rumånen Ion Iliescu. Fçr diejenigen, die
Kirchen, deren Haltung von der orthodoxen beabsichtigten, sich vom Kommunismus zu
Kirche nicht geteilt wurde). Das weitgehende læsen, war es Emil Constantinescu, der 1996
Fehlen einer handlungsfåhigen Opposition die Wahlen gewann. Und schlieûlich, 2004,
und das durch die gescheiterte Politik der In- hieû der Retter Traian BaÆsescu. Das heutige
dustrialisierung hervorgerufene wirtschaftli-
che Elend erklåren die blutige Revolution von 5 Vgl. fçr eine detaillierte Darstellung der politischen
1989 und die ¹Machtçbernahmeª durch ein- Entwicklungen Rumåniens nach dem Zusammenbruch
stige kommunistischen Fçhrer. Die in dieser des Kommunismus Tom Gallagher, Theft of a Nation.
Hinsicht exemplarische Figur ist der frçhere Romania since communism, London 2004.

18 APuZ 27/2006
politische System ist, dem franzæsischen ver- worden, sich Formen anzueignen, ohne sich
gleichbar, semi-pråsidentiell, wobei der Pråsi- mit deren wirklichem Inhalt zu beschåftigen.
dent der Republik mit weniger Machtbefug- Titu Maiorescu (1840±1917), ein Rumåne mit
nissen ausgestattet ist. Den Rumånen dagegen deutscher Ausbildung und europåischem
scheinen Beschrånkungen der pråsidentiellen Geist und eine einflussreiche Persænlichkeit
Macht unbekannt. Sie erwarten, dass der Prå- auf kulturellem und politischem Gebiet,
sident sich çber seine verfassungsgemåûen prågte den Begriff ¹Formen ohne Fçllungª, 6
Zuståndigkeitsbereiche hinaus im politischen um diese oberflåchliche Verstellungskunst
Prozess engagiert. Pråsident BaÆsescu hatte seiner Landsleute anzuklagen. Die Rumånen
vor der Wahl verkçndet, dass er beabsichtige, haben keine Schwierigkeiten, Gesetzgebung
dieses Spiel mitzuspielen; er hålt Wort, indem und Institutionen nach westlichem Vorbild
er ståndig in die Tagespolitik eingreift (was aufzugreifen. Aber oft genug bleiben diese
zu einem gespannten Verhåltnis zum Pre- nur beschrånkt funktionstçchtig, was Kor-
mierminister fçhrte). Die Vorstellung, dieser ruption und administratives Wirrwarr befær-
¹zweikæpfigenª Regierung zu entsagen, um dert. Die politischen Parteien haben sich for-
ein wahrhaft parlamentarisches System anzu- mell in die Reihe der groûen politischen Fa-
nehmen, in dem das Amt des Pråsidenten auf milien Europas eingegliedert, aber ihr
rein repråsentative Funktionen beschrånkt Verhalten stimmt nicht immer mit den Kçr-
wåre, ist nicht nach dem Geschmack der zeln çberein. So machte die Sozialdemokrati-
Mehrheit der Rumånen und håtte schlechte sche Partei (gegrçndet von Ion Iliescu) durch
Chancen, verwirklicht zu werden. autoritåre Politik und Selbstbereicherung
ihrer Funktionåre auf sich aufmerksam.
Die enge Verbundenheit mit der orthodo- Kçrzlich ist die Demokratische Partei (aus
xen Kirche ist eine weitere rumånische Be- der Traian BaÏsescu hervorging) quasi von
sonderheit. Lediglich ein geringer Prozent- einem Tag auf den anderen ¹von links nach
satz der Bevælkerung bezeichnet sich als rechtsª gewechselt, indem sie sich zugunsten
¹nicht glåubigª. Zudem geht die Kirche aus einer populåren Doktrin von der sozialdemo-
allen Umfragen als die am meisten respek- kratischen Denkweise abwendete. Ein halbes
tierte Institution hervor, sehr viel anerkannter Dutzend Parteien nennen sich ¹ christdemo-
als die politischen Institutionen. Die Politiker kratischª, die meisten ohne eine solche
lieben es, in der Kirche gesehen zu werden, Grundlage. Viele Politiker haben zwei- oder
und zægern nicht, religiæse Ûberzeugungen dreimal die politischen Lager gewechselt.
kundzutun. Dennoch ist man von jeder fun-
damentalistischen Haltung weit entfernt. Die Rumånen stehen der europåischen In-
Viele Rumånen praktizieren ihren Glauben, tegration mehrheitlich positiv gegençber,
aber viele, die sich ¹glåubigª nennen, sind es ebenso wie der Aufnahme in die NATO im
vor allem aus Achtung vor der Tradition und Mårz 2004 (im Gegensatz zu anderen Lån-
der nationalen Identitåt ± zu deren wichtigs- dern der Region, wo die Meinung verhaltener,
ten Symbolen die orthodoxe Kirche zåhlt. Im ja sogar skeptisch ist). Aber tatsåchlich ver-
Unterschied zu den griechischen oder russi- kennt ein Teil der Rumånen die Bedeutung
schen Kirchen pflegt die orthodoxe Kirche eines EU-Beitritts: Fçr sie geht es weniger
Rumåniens herzliche Beziehungen zum Vati- um eine kulturelle und politische Entschei-
kan. 1999 reiste Papst Johannes Paul II. nach dung als vielmehr um die Hoffnung, dass der
Bukarest, wo er triumphal empfangen wurde. Anschluss an den Westen wie durch ein Wun-
Auch im Bereich der Religion bewahrheitet der alle Probleme Rumåniens læsen wçrde.
sich die ambivalente Haltung der Rumånen:
Sie sind eine Nation, die eifersçchtig, aber Rumånien 2006
keineswegs fundamentalistisch çber ihr Erbe
wacht und gleichzeitig dem Dialog offen ge- Die Mischung aus låndlichem Traditionalis-
gençbersteht. mus, im 19. Jahrhundert ererbtem und durch
die Propaganda Ceauœescus verstårktem Na-
Die Rumånen haben immer wieder die po- tionalismus und zur Zeit des Kommunismus
litischen und kulturellen Vorbilder gewech- im Bewusstsein der Menschen eingeprågtem
selt, um ihre Traditionen mit mehr oder
weniger fremden Ideen und Institutionen zu 6 Anm. der Ûbersetzerin: im franzæsischen Original

verbinden, und sind so Meister der Kunst ge- formes sans fonds.

APuZ 27/2006 19
anti-liberalen Kollektivismus ist im Ver- Ivaylo Ditchev
schwinden begriffen. Das Rumånien des Jah-
res 2006 unterscheidet sich stark vom Rumå-
nien des Jahres 1990, als es krank aus der Die geheimen
Freuden des
kommunistischen Diktatur hervorging. Nach
schwierigen Anfången und einer beispiellos
langsamen Reformphase ist es der Marktwirt-
schaft gelungen, Fuû zu fassen. Nach und
nach bildet sich ein Mittelstand heraus. Ver-
kehrsstaus in den Straûen von Bukarest und
Provinzialismus
die spektakulåre Verbreitung groûer Ein-

Z
kaufsmårkte wie kleiner Einzelhandelsge- ur Zeit des Sozialismus gab es einen be-
schåfte zeugen davon. Eine neue Generation rçhmten Witz, der angeblich den Natio-
ist von ideologischen Komplexen verschont nalcharakter der Bulgaren beschreibt: Ein
herangewachsen; es melden sich junge Intel- amerikanischer Spion wird nach Bulgarien
lektuelle zu Wort, die in westlichen Låndern geschickt und çber-
studiert oder dort ihre Studien vervollståndigt mittelt einen Monat Ivaylo Ditchev
haben (die englische Sprache hat das Franzæ- spåter eine verzwei- Dr. phil., geb. 1955; Präsident
sische verdrångt; Deutsch findet trotz tragfå- felte Nachricht an des Red House Centre for Cultu-
higer wirtschaftlicher und politischer Kon- seine Vorgesetzten: re and Debate, Sofia, und Pro-
takte mit Deutschland und Ústerreich nur ¹Ich verstehe in die- fessor für Kulturanthropologie
selten Anwendung). Viele Rumånen, nach sem Land çberhaupt an der St. Kliment Ohridsky
Schåtzungen etwa zwei Millionen, arbeiten nichts. Niemand ar- Universität Sofia.
im Ausland, hauptsåchlich in Italien, Spanien beitet, aber alle erhal- 15 Tsar Osvoboditel Blvd., 1504
und Deutschland. ten Lohn. Alle erhal- Sofia/Bulgarien.
ten Lohn, aber in den Ivayloditchev@dir.bg
Zu Zeiten des Kommunismus isoliert, æff- Låden gibt es nichts
net sich Rumånien der Welt. Ein Wandel der zu kaufen. In den Låden gibt es nichts zu
Denkweisen ist im Gange: weniger Vorurteile kaufen, aber alle Kçhlschrånke sind voll. Die
gegen auslåndische Bçrger, mehr Vertrauen in Kçhlschrånke sind voll, aber alle hassen die
Werte wie Eigeninitiative. Und auch sicherere Kommunisten. Alle hassen die Kommuni-
demokratische Reflexe bilden sich heraus: Be- sten, aber niemand protestiert.ª
reits zweimal (1996 und 2004) hat sich die
Mehrheit der Rumånen gegen die autoritåren Diese Kette der Widersinnigkeiten kænnte
Tendenzen der Herrschenden entschieden; bis in die heutige Zeit der Vorbereitung auf
die drei Machtwechsel (1996, 2000 und 2004) den Beitritt des Landes zur Europåischen
zeigen, dass die Rumånen die wesentlichen Union (EU) verlångert werden. Einerseits be-
Lektionen der westlichen Demokratie gelernt steht nahezu einhelliger Konsens çber die eu-
haben. ropåische Orientierung des Landes, anderer-
seits lassen Meinungsumfragen (etwa zur Ab-
Andererseits bleiben die sozialen und kul- schaltung des einzigen Kernkraftwerks, zu
turellen Diskrepanzen besorgniserregend. sozialen Maûnahmen fçr die Minderheit der
Zwei Seiten Rumåniens stehen sich von An- Sinti und Roma oder zur Wiedereinfçhrung
gesicht zu Angesicht gegençber: eine, die sich der Todesstrafe) offen antieuropåische Hal-
dem Westen angenåhert hat, und eine andere, tungen zutage treten, werden Prioritåten der
die, arm und von der Modernisierung wenig Integration zugunsten innerer Ûberzeugun-
berçhrt, vor allem im låndlichen Milieu und gen çber Bord geworfen. Bleibt es abstrakt,
im Umland der Stådte sichtbar wird. Es bleibt werden die Europåer bewundert; geht es je-
zu hoffen, dass der Beitritt zur EU die positi- doch um einen EU-Experten, einen griechi-
ven Tendenzen beschleunigen kann und dass schen Kapitalisten oder eine franzæsische
ein wenig mehr Disziplin und Konsequenz Fuûballmannschaft, entladen sich wie aus hei-
die unstrittige Anpassungsfåhigkeit der Ru- terem Himmel erstaunlich negative Energien.
månen bereichern. Um welchen Aspekt der Integration es sich

Ûbersetzung aus dem Englischen: Susanne Laux,


Kænigswinter.

20 APuZ 27/2006
auch handelt ± niemand weiû genau, wie die Priestern gestoppt, und doch wurde dieser
Haltung des Landes aussieht. Die bulgari- kompromittiert, als rund 12 000 Juden in den
schen Verhandlungsfçhrer oder Europaminis- von der deutschen Wehrmacht besetzten Ge-
ter werden im eigenen Land bisweilen ver- bieten von der bulgarischen Armee an die
åchtlich ¹Mr./Mrs. Yesª genannt. Fållt das Deutschen ausgeliefert wurden. So ist Bulga-
Ergebnis der Beitrittsverhandlungen zum all- rien weder eine Nation, die von Nazidåmo-
gemeinen Erstaunen dann doch nicht so nen heimgesucht wird, noch eine Nation von
schlecht aus und wird Bulgarien (das Land Helden.
unter den zehn mittel- und osteuropåischen
Beitrittskandidaten, das der UdSSR am Auch der Kommunismus war (glçcklicher-
nåchsten und vom Westen am entferntesten weise) auf eine gewisse Art provinziell. Ent-
war) fair behandelt, ruft das nicht etwa Begei- gegen der verbreiteten Annahme einer engen
sterung, sondern paranoide Spekulationen politischen Verbundenheit der beiden Lånder
çber geheime Beitrittsklauseln und eine un- war der Kommunismus in Bulgarien das ge-
mittelbar bevorstehende Katastrophe hervor. naue Gegenteil von dem in der Sowjetunion.
Wåhrend des Zeitraums von 45 Jahren wur-
Dieses Paradox findet sich çberall. Die den etwa 10 000 Menschen ermordet ± was
meisten Bulgaren sind froh, endlich zur ziemlich genau einer durchschnittlichen Dik-
¹Mannschaftª der Stårkeren zu gehæren ± tatur in der so genannten Dritten Welt ent-
beispielsweise zur NATO ±, und stehen spricht. Obwohl es damals zu keiner Zeit zu
deren Vorgehen gegen Serbien gleichzeitig ex- Massenunruhen gegen das System kam und
trem kritisch gegençber. Auswanderung wird gegenwårtig eine gewisse nostalgische Sehn-
als aufregende Chance fçr Einzelne und als sucht nach der alten Zeit zu beobachten ist,
Einkommensquelle fçr das gesamte Land be- heiût das nicht, dass sich die Menschen je von
trachtet, doch læst die Vorstellung von einer den kommunistischen Idealen håtten be-
demografischen Apokalypse tiefe nationale geistern lassen. Der Anthropologe Gerald
Depressionen aus. Die Bulgaren sind stolz Creed meint, dass die Bulgaren ¹die Revolu-
darauf, eine Nation fleiûiger Bçrger zu sein, tion gezåhmtª und die Ideale des Marxismus-
und schåmen sich im nåchsten Moment ihrer Leninismus in eine beschauliche, kleinbçrger-
Faulheit; man hært von heroischen Kåmpfen liche Welt von verwandtschaftlichem und
und historischen Taten, ebenso aber Ge- nachbarschaftlichem Geben und Nehmen
schichten von Verrat und Niedertracht. çbertragen håtten. Angehærige meiner Gene-
ration werden sich an die Geschichte des so-
wjetischen Kriegshelden Alexander Matros-
Small is beautiful sow erinnern, der die Schieûscharte eines NS-
Bunkers mit seinem Kærper blockierte und es
Einer der ersten Eindrçcke, die ein auslåndi- so der Roten Armee ermæglichte, anzugrei-
scher Beobachter von Bulgarien gewinnt, ist fen. In unseren Schulbçchern wurde er des-
der von der notorischen Ruhe und Provinzia- halb als erhabenes moralisches Vorbild darge-
litåt seiner Bçrger. Dies ist nicht nur eine stellt. Offenbar gab es eine åhnliche Ge-
Frage des Temperaments, sondern der politi- schichte çber einen bulgarischen Soldaten,
schen Kultur, in der radikale Læsungen nur von dem wir in der Schule allerdings nie ge-
selten bevorzugt werden. Man nehme das hært haben ± wohl, weil es ihr an Symbolik
NS-freundliche Regime der dreiûiger Jahre: mangelte, denn dieser Soldat verhçllte den
1940 wurden zwar Rassengesetze beschlos- Bunkerschlitz mit seinem Ûbermantel.
sen, aber nur halbherzig durchgesetzt. In
einem berçchtigten Schreiben an den deut- Leser der Regenbogenpresse lieben Deu-
schen Auûenminister beklagte sich 1943 der tungen des bulgarischen Nationalcharakters,
Botschafter in Bulgarien, Adolf Beckerle, die sich leichtfçûig zwischen den beiden
dass die unter ¹Armeniern, Griechen und Zi- Polen Stolz und Scham bewegen. Ich mæchte
geunernª aufgewachsenen Bulgaren nicht mich diesem Nationalcharakter nicht existen-
jene ideologische Eindeutigkeit erworben zialistisch, sondern konstruktivistisch nåhern
håtten, zu der die Nationalsozialisten in Ras- und mich auf das beziehen, was Fernand
senfragen gefunden håtten. Die Ermordung Braudel und Immanuel Wallerstein als ¹Welt-
von Juden wurde nach dem mutigen Wider- Úkonomieª bezeichnet haben: Nicht nur
stand von Abgeordneten, Intellektuellen und Bulgarien ist geprågt von einem eng verwobe-

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nen System, in dem staatliche Autonomie nur sche Staat, der am Ende des russisch-tçrki-
ein Element des çbergeordneten Machtme- schen Krieges von 1878 entstand, wurde erst
chanismus darstellt. Die politische Kultur 1908 vollståndig vom Osmanischen Reich un-
Bulgariens låsst sich mit einer Metapher von abhångig. Die sich bald darauf ereignenden
universaler Geltung beschreiben: der Provinz. Katastrophen des zweiten Balkan- und des
Als Provinz (lateinisch pro + vincere) galt die Ersten Weltkrieges stçrzten die Nation in
eroberte Peripherie, befriedet durch die Pax Depression und in tiefe wirtschaftliche und
Romana. Jedes Zentrum hat seine Provinz, politische Abhångigkeiten (etwa an Bedin-
doch gibt es unterschiedliche Ebenen von gungen geknçpfte Kredite franzæsischer Ban-
Provinzialitåt. Einige Gebiete sind bestrebt, ken). In den dreiûiger Jahren schlieûlich,
ein bestimmtes Maû an Souverånitåt zu errei- nach einer kurzen Phase des Wohlstands und
chen. Andere bezeichnen wir als ¹tiefe Pro- der Eigenståndigkeit, geriet Bulgarien in den
vinzª, weil sie keine realistische Aussicht auf Machtbereich Deutschlands, nach 1944 çber-
Autonomie haben. Ich definiere Provinz als gangslos in den der Sowjetunion.
Beziehungsgeflecht zwischen dem Zentrum
und der Peripherie, das sich aus historischen, Diese letzte Form ¹begrenzter Souveråni-
wirtschaftlichen oder politischen Konstella- tåtª lohnt einen genaueren Blick. Im Gegen-
tionen ergibt. satz zum ¹totalitårenª Paradigma, demzufol-
ge sich der Kommunismus als Gesellschaft
Zu den prågendsten Merkmalen einer Pro- atomisierter, einander entfremdeter Indivi-
vinz gehært das Spiel der doppelten Legitima- duen erklåren låsst, war diese Zeitspanne (vor
tion, in dem Eliten ihre Position daheim dem allem auf dem Balkan) eine Wiederholung der
Zugang zum imperialen Machtzentrum ver- osmanischen Struktur der an den Menschen
danken; innerhalb des Imperiums dagegen orientierten, emotional beteiligten Mittels-
dem Umstand, Vertreter einer lokalen Ge- månner zwischen der Zentralmacht und dem
meinschaft zu sein. So war es auch bei den Volk. Wenn çberhaupt etwas modernisiert
bulgarischen Eliten des 18. Jahrhunderts und wurde, dann die Beschaffenheit der patriar-
ihren Beziehungen zum Osmanischen Reich. chalischen, sich selbst verwaltenden Einhei-
Wie die meisten Imperien stand das Osmani- ten, die nun keine Dærfer oder millets (Glau-
sche Reich der Selbstverwaltung konfessio- bensgemeinschaft im Osmanischen Reich)
neller Gemeinschaften aufgeschlossen gegen- mehr waren, sondern Unternehmen, kçnstle-
çber. Im Reich galt kein einheitlicher Stan- rische Vereinigungen oder ¹politischeª Or-
dard; Rechte und Privilegien von Stådten und ganisationen.
Dærfern hingen zum groûen Teil vom Ver-
handlungsgeschick der lokalen Autoritåten Das Oberhaupt der Einheit gehærte zu
gegençber den Vertretern der Hohen Pforte einer bestimmten Ebene der Nomenklatura
ab. In den Beziehungen zur Zentralmacht und hatte Zugang zu den Mitgliedern der
kam damit auch ein besonderes persænliches oberen Kreise. Die Mitglieder der Einheit
Moment zum Tragen: Die Mittelsmånner waren ihm gegençber loyal, weil er die Grup-
standen mit ihrem Leben und ihrem Besitz pe verteidigte, ihr Vorteile vermittelte und die
dafçr ein, dass die von ihnen vertretenen Gruppe ihn oft selbst auf seine gegenwårtige
Orte keine Probleme verursachten. Hålt man Position berufen hatte. Das Kollektiv fçhlte
sich vor Augen, dass die Bulgaren damals in sich çber ein persænliches Treueverhåltnis an
kleinen Stådten und Dærfern wohnten, in sein lokales Oberhaupt gebunden, nicht im
denen jeder jeden kannte, kann man die selt- feudalen Sinn, sondern eher als entfernte Ver-
same Mischung aus Dankbarkeit und Un- wandtschaft, die sich çber die Zugehærigkeit
dankbarkeit gegençber der Macht nachemp- zur gleichen Landsmannschaft, den Aus-
finden, die dieses Arrangement hervorrief. tausch von Diensten, gemeinsame Trinkgela-
ge oder sexuelle Beziehungen definierte. Ge-
Diese Struktur, die sowohl im antiken Rom sellschaftliche oder politische Kritik bereitete
als auch im Mittelalter zu finden ist, ist nicht dem Oberhaupt der Gruppe umgehend Pro-
einzigartig. Die Besonderheit Bulgariens liegt bleme und wurde als unmoralisch erachtet.
darin, dass sie sich dort so leicht mit der Deshalb wurde ein Dissident, der abstrakte
beginnenden Moderne verschmelzen lieû. In Prinzipien çber die auf die Gemeinschaft ge-
punkto Autonomie hat das Land keine lange stçtzte Loyalitåt stellte, in der Regel zum Au-
Tradition aufzuweisen. Der moderne bulgari- ûenseiter (und in der UdSSR oft in eine

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psychiatrische Anstalt eingewiesen). Nicht und eine Art soziale Promiskuitåt hervor-
zufållig wurden die ersten Oppositionsgrup- gerufen. ¹Wir sind alle Vetternª, meinte
pen in den achtziger Jahren als ¹Informelleª der frçhere Ministerpråsident Ivan Kostov.
bezeichnet. An oberster Stelle der Hierarchie Nachdem die Grenze zwischen Kommunis-
stand Todor Zhivkov, der Generalsekretår der ten und Nichtkommunisten (die in den
bulgarischen Kommunistischen Partei, in den neunziger Jahren den Charakter eines reli-
35 Jahren seiner Amtszeit ein erstaunlich er- giæsen Tabus angenommen hatte) allmåhlich
folgreicher Vertreter dieses provinziellen verblasst ist, trifft man Politiker, Unterneh-
Ethos. Er verstand sich auf Winkelzçge in mer, Medienstars, Journalisten, Vertreter von
den Beziehungen zur UdSSR, fçhrte eine ein- Nichtregierungsorganisationen und sogar
fache, ungebildete Sprache und vermied es Kriminelle in den merkwçrdigsten Kombi-
mit bçrokratischem Geschick, in wichtigen nationen an. In einem solchen Milieu scheint
Fragen deutlich politisch Position zu bezie- das Festhalten an Prinzipien oder Ideen
hen, um die Gelassenheit der Massen nicht zu nicht mehr angemessen. Die meisten dieser
stæren. (Wåhrend der Perestroika-Jahre sagte Zusammentreffen nehmen eine Ad-homi-
er: ¹Wir sollten den Kopf einziehen und da- nem-Wendung, zum græûten Vergnçgen der
rauf warten, dass der Sturm an uns vorçber- Regenbogenpresse. Zu den jçngsten Beispie-
zieht.ª) Besser ihn als Staatsfçhrer, dachten len gehæren in diesem Jahr der Fall eines frç-
sich die Menschen, als einen Verrçckten wie heren Abgeordneten, der im Parlament als
Nicolae CeausÎescu; er fçhrt die Russen an Homosexueller ¹geoutetª wurde, der Fall
der Nase herum und ermæglicht fçr uns billi- des Obersten Staatsanwaltes, dem der Obers-
ges Úl und gute Geschåfte. te Richter in einem gefålschten Dokument
unterstellte, geisteskrank zu sein, und der
Um ein persænliches Beispiel zu nennen: Fall eines frçheren Bçrgermeisters der
Fast jedes Jahr organisierte die Philosophi- Hauptstadt, der sich gleich fçnf Korrupti-
sche Fakultåt der Universitåt Sofia in den onsklagen ausgesetzt sah. Natçrlich stellt
achtziger Jahren ein Seminar zu Fragen der sich bei solchen Anschuldigungen nie heraus,
Geistes- oder Sozialwissenschaften. Uns wur- ob sie wahr sind oder bloû erfunden. Auch
den mutige intellektuelle Diskussionen er- in einem Familienstreit gibt es weder Gewin-
laubt. Wie kam es aber, dass wir niemals eine ner noch Verlierer.
gemeinsame Petition gegen das Regime unter-
zeichneten? Die Antwort ist einfach: Das Se-
minar wurde von einer Reihe angesehener Egalitåre Leidenschaften
Kollegen ermæglicht, die fçr uns ihre Karriere
aufs Spiel setzten und denen wir nicht scha- Der Unterschied zwischen dem Individuum
den wollten, indem wir ¹zu weitª gingen. und der Macht ist einer derart verworrenen
Welt schwer aufrechtzuerhalten. In einer
Was ein Seminar, eine Partei oder ein Un- egalitåren Gesellschaft treten moralische Ur-
ternehmen in eine familienåhnliche Struktur teile an die Stelle sozialer Distanz. Diese
verwandelt, ist das Fehlen verbindlicher Re- Geisteshaltung wurde von dem Soziologen
gelungen der Binnenbeziehungen: Sanktionen Zhivko Georgiev treffend beschrieben, dem-
erfolgen in der althergebrachten Form einer zufolge man in Bulgarien ¹entweder gut ist
Geiseltætung, sie åhneln dem, was im kom- oder gut lebtª. Meinungsumfragen ergeben,
munistischen Albanien als ¹objektive Schuldª dass mehr als 80 Prozent der Bevælkerung
bezeichnet wurde: Der gesamte Clan muss glauben, von der ¹Ûbergangsperiodeª nach
fçr das Vergehen eines Einzelnen bçûen. dem Ende der kommunistischen Herrschaft
Wenn Diplome, Referenzschreiben oder æf- håtten zuallererst die Kriminellen profitiert,
fentliche Dokumente långst nicht so wichtig gefolgt von den Politikern. Die Zustim-
sind wie ein persænliches Telefonat, dann mungsrate zum Parlament reicht selten çber
kann sich die soziale Kontrolle auf den 20 Prozent hinaus.
menschlichen Faktor verlassen ± die Kultur
der mçndlichen Weitergabe bringt eine Politi- Soziologisch gesehen ist Bulgarien eine Ge-
sierung hervor. sellschaft mit relativ geringen Unterschieden.
Die meisten Familien gehen auf das 19. Jahr-
Zudem hat die Moderne traditionelle, ri- hundert zurçck, als das Ethnonym ¹Bulgareª
tualisierte Formen des Miteinanders zerstært fçr ¹Bauerª stand und der vormodernen Ar-

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beitsteilung innerhalb des Osmanischen Festzuhalten bleibt, dass die neunziger
Reichs entsprach. Der Kommunismus ebnete Jahre die ungestærte Kohabitation des Zen-
die sozialen Unterschiede ein, ohne groûe trums und der Peripherie in Frage stellten
feudale Machtkonzentrationen wie in der So- und wilde Hoffnungen nåhrten, çber Nacht
wjetunion entstehen zu lassen. Der dramati- reich werden, in ein Traumland ausreisen
sche Unterschied zwischen diesen beiden oder den Beruf wechseln zu kænnen. Allmåh-
Kulturen, die sich aus westlicher Sicht zu åh- lich hat sich dieser Wirrwarr von Mæglichkei-
neln scheinen, låsst sich mit einer falschen ten reduziert, das Modell der Provinz hat sich
Ûbersetzung von Leo Tolstois ¹Krieg und behauptet: Heute ist es sehr viel unwahr-
Friedenª ins Bulgarische illustrieren. Fçrst scheinlicher, dass ein Vierzigjåhriger ausreist,
Bolkonski, heiût es in dem Text, kam durch ein Normalbçrger eine Zeitung grçndet oder
¹das Dorf seines Vatersª. Der bulgarische eine Gruppe von Gleichgesinnten eine politi-
Ûbersetzer folgerte daraus, der Fçrst sei sche Partei registrieren låsst. Solche Dinge
durch das Dorf gereist, in dem sein Vater ge- scheinen fçr ¹die anderenª reserviert, die
boren worden war; er konnte sich schlicht Bæsen. Dies mag ganz wie der altbekannte
nicht vorstellen, dass dieses Dorf zum Besitz orientalische Fatalismus klingen, aber es hat
des Vaters gehærte. auch seine guten Seiten, denn jahrelange Ver-
lockungen erschæpfen sich und machen die
Der Kommunismus in Bulgarien lieû die Menschen unglçcklich.
osmanische Struktur einer egalitåren Bevæl-
kerung und Mittlern wieder aufleben, die Nach einer Welle der Kriminalitåt in den
mit dem fernen Machtzentrum verhandeln. Neunzigern hat der Normalbçrger heute sehr
Die ¹Periode des Ûbergangsª in den neunzi- viel weniger Angst, zum Opfer von Verbre-
ger Jahren rief dann nicht nur groûe und chen zu werden, denn sein Auto oder sein
schockierende soziale Unterschiede hervor ± Besitz interessieren die Gangster, die sich
sie machte diese auch sichtbar, indem sie mit professionalisiert haben, nicht långer. Jene
den ideologischen Tabus des kommunisti- mçssen nun immerhin fçr ihre Taten bezah-
schen Regimes brach und Reichtum zu einer len ± regelmåûig werden sie von ihren Rivalen
Sache wurde, die man vorfçhren durfte. (Wie ausgenommen. Diese provinzielle Theodizee,
wird man Bankier, ohne das nætige Kapital diesen Versuch, den Glauben an die Gerech-
zu haben? Man kauft ein teures Auto und tigkeit Gottes mit dem Bæsen in der Welt in
baut ein Bçro aus Marmor, um das Vertrauen Einklang zu bringen, hat der frçhere Zar Si-
der Investoren zu gewinnen.) Die vom Kom- meon II (1943±1947), als Simeon Saksko-
munismus ererbte fatale Teilung in zwei Wel- burggotski Ministerpråsident der Republik
ten ± ¹unsª, die Opfer, ¹die anderenª, die Bulgarien (2001±2005), in Worte gefasst, als
Tåter ± erhielt eine neue, ækonomische Di- er meinte, Normalbçrger sollten sich um die
mension. Natçrlich waren viele Repråsentan- dramatische Zunahme von Morden im Land
ten der neuen Klasse in Wirklichkeit Krimi- nicht sorgen.
nelle oder frçhere Geheimdienstler. Interes-
sant jedoch sind die Mythen, die sich um Die Politik der doppelten Unverantwort-
Geschåftemacherei und Privatbesitz ranken lichkeit besteht darin, dass die Machthaber
und die nicht nur mçndlich, sondern auch von der Koexistenz dieser parallelen Welten
von den marktwirtschaftlich orientierten profitieren, ihre Legitimitåt in jeder dieser
Medien kolportiert werden. Dies hatte bei- Welten aus den Kontakten, die sie in der je-
nahe den Effekt einer sich selbst erfçllenden weils anderen pflegen, beziehen, und so letzt-
Prophezeiung. Wer davon çberzeugt ist, Ge- lich von keiner der beiden Seiten zur Verant-
schåfte lieûen sich nur mit kriminellen Ma- wortung gezogen werden kænnen. In der Vor-
chenschaften betreiben, wird entweder keine bereitungsphase auf den EU-Beitritt ist dieses
Geschåfte machen oder einer von ¹den ande- althergebrachte Beziehungsmuster zwischen
renª werden wollen. Manche Leser mægen dem Zentrum und der Peripherie nur zu gern
sich an die Vorstellungen Lenins von den aufgegriffen worden. Anders als im Osmani-
beiden Kulturen erinnern: die eine bçrger- schen Reich oder unter der Sowjetherrschaft
lich, die andere proletarisch. Was Lenin nicht werden die Bçrgerinnen und Bçrger nicht
bedacht hat, war, dass beide Kulturen in durch einen Mangel an Transparenz in Klas-
einer modernen Gesellschaft recht lange ne- sen eingeteilt, sondern durch die Flut er-
beneinander existieren kænnen. schæpfender Informationen, welche die

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neuen, sanften Herrscher çber der Úffent- Die verborgenen politischen Trennlinien
lichkeit ausschçtten.
Das Muster der doppelten Unverantwortlich-
Ûberall in Europa ist es so, dass schlechte keit hat eine lange Geschichte und liegt allen
Nachrichten aus Brçssel und gute Nachrich- politischen Trennlinien des Landes zugrunde.
ten aus dem eigenen Land kommen. Osteuro- Es gibt jene, die Direktiven des weit entfern-
pa aber durchlief diesen Prozess der Desillu- ten Zentrums vorbehaltlos umsetzen, und
sionierung innerhalb nur weniger Jahre: Zu- jene, die sich ihnen aus patriotischen Grçn-
nåchst wurde die EU als Verbçndete gegen den widersetzen. Im 19. Jahrhundert gab es
die Gauner im eigenen Land empfunden, nur die Russophilen und die Russophoben, in den
wenige Jahre spåter jedoch zunehmend als dreiûiger und vierziger Jahren prodeutsche
deren Komplizin. Bulgarien war keine Aus- und antideutsche Stræmungen, die aufeinan-
nahme, was den europaweiten Zuspruch fçr der prallten. Der Kommunismus mag wie
extreme Parteien auf der rechten und linken eine homogene und apolitische Epoche wir-
Seite des Spektrums betrifft, der zum Teil ein ken, doch konnte zwischen moskautreuen
Ergebnis dieser Desillusionierung ist. Eigen- Agenten, von denen einige nach 1944 aus der
artig war, wie leise sich dieser Wandel voll- Sowjetunion zurçck nach Bulgarien gesandt
zog. An der Zustimmung zur EU von etwa wurden, und den im Lande verwurzelten
zwei Dritteln der Bevælkerung hat sich nichts Kommunisten unterschieden werden. Mit der
geåndert, und selbst die Neofaschisten, die Ernennung von Zhivkov durch den Ersten
2005 plætzlich im æffentlichen Leben auf- Sekretår der KPdSU, Nikita S. Chruscht-
tauchten, stellen die Integrationsabsichten des schow, im Jahr 1954 ergriffen Letztere schritt-
Landes nicht ausdrçcklich in Frage. Der weise die Macht und verfolgten unter dem
Wunsch eines ihrer Fçhrer, die Demokratie Deckmantel der Verbundenheit mit Moskau
durch eine ¹Bulgarokratieª zu ersetzen, hat einen immer stårker nationalistischen Kurs
etwas Folkloristisches. Euroskeptische Hal- (der unter der Øgide Michail Gorbatschows in
tungen haben sich unterhalb der Oberflåche einen offenen Konflikt çber die Bulgarisie-
des æffentliches Diskurses und der Meinungs- rung der ethnischen Tçrken im Land mçn-
umfragen gebildet ± ganz ohne Debatten, dete), wofçr sich die Sowjetophilen 1989 mit
ohne Demonstrationen, ohne eine Neuaus- der Absetzung Zhivkovs revanchierten.
richtung von Bçndnissen. Das Land wech-
selte ohne groûes Aufheben in den Operati- Die Zeit seit 1990 ist gekennzeichnet durch
onsmodus der Provinz, der çblicherweise mit eine lautstarke Opposition jener politischen
dem Sprichwort ¹Gott ± ganz weit oben, Kråfte, die sich selbst als links bzw. rechts de-
Kænig ± ganz weit wegª ausgedrçckt wird. finieren. Dennoch waren die Trennlinien zwi-
schen den Parteien unscharf; zunåchst stan-
Die soziologische Forschung entwirft ein den sich zwei Gruppen gegençber, die ich als
deprimierendes Bild, in dem es unerheblich ¹Westlerª bzw. als ¹Autochthoneª bezeich-
ist, welche Maûnahmen eine politische Kraft nen wçrde. Die ¹Westlerª wollten die sozia-
ergreift und wie viel Geld investiert wird ± len, ækonomischen, politischen und kulturel-
der politische Rçckhalt schwindet, und wie len Modelle jener Staaten so unverfålscht wie
im çbrigen Osteuropa (mit einer Ausnahme: mæglich importieren, die nun als ¹normaleª
Ungarn) gibt es auch in Bulgarien keine poli- Lånder bezeichnet wurden ± åhnlich wie die
tische Partei, die zwei Wahlen in Folge ge- Kulturtråger des 19. Jahrhunderts sich an den
wonnen hat. Scheinbar gençgt die bloûe Tat- zivilisierten Vælkern orientiert hatten. Die
sache, sich an den Hebeln der Macht zu be- ¹Autochthonenª wiederum traten fçr im
finden, um an Glaubwçrdigkeit zu verlieren: Land verwurzelte Besonderheiten ein, egal,
Die lokalen Mittler wechseln auf die Seite des ob diese nun auf dem sozialistischen Erbe be-
fremden Machtzentrums, einzelne Politiker ruhten, der Geschichte des Landes oder der
handeln scheinbar losgelæst von moralischen angeblichen Mentalitåt seiner Menschen.
Verpflichtungen ± wenn ihnen ohnehin keine
ihrer æffentlichen Handlungen die Unterstçt- Manchmal waren die Unterschiede zwi-
zung der Bçrger einbringt, dann kænnen sie schen diesen Gruppierungen hæchst subtiler
auch an ihre eigenen Interessen denken. Und Natur. Nur wenige erinnern sich daran, dass
so wird der Negativismus erneut zu einer sich es zu Beginn der neunziger Jahre, als die Idee
selbst erfçllenden Prophezeiung. des Kommunismus aus der politischen Mitte

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verbannt wurde, innerhalb der Sozialistischen auch linke Inhalte hatte und seine Motivation
Partei die Gruppe um Lillov gab, der mit aus der beinahe naiven Utopie einer ¹kleinen,
dem Begriff ¹sozialistischª eine besondere lo- aber feinenª Privatisierung bezog.
kale Nuance verband, und jene um Lukanov,
der von ¹sozialdemokratischª sprach, wenn Die Sozialisten, die dem ¹linkenª Flçgel
etwas ¹so wie in Westeuropaª war. Unter den zugeordnet wurden, traten fçr einen starken
so genannten Rechten (die von Mehr-oder- Rechtsstaat ein, fçr institutionelle Kontinui-
weniger-Faschisten bis hin zu Sozialdemo- tåt und Patriotismus. Tatsåchlich untergrub
kraten reichten) gab es einerseits die neu ge- die begriffliche Verworrenheit der Bezeich-
grçndeten alten Parteien mit ganz eigener nungen ¹linksª und ¹rechtsª von Beginn an
Geschichte und Traditionen, andererseits die jeden vernçnftigen politischen Diskurs. Erst
neuen Parteien, die sich an Vorbilder in Euro- in der zweiten Hålfte der neunziger Jahre be-
pa und den USA anlehnten. gann die Rechte ihren Absichten entspre-
chend zu handeln ± sie betrieb eine umfassen-
Ein solches Gefçge macht es çberflçssig, de Privatisierung und setzte die Regeln des
die eigene Haltung in Fragen von allgemei- Kapitalismus kompromisslos durch. Dies er-
nem Interesse zu legitimieren. An beiden schçtterte das politische System erneut; die
Polen der Macht stellen persænliche Bezie- Peripherie fçhlte sich betrogen und projizier-
hungen die wichtigste Machtquelle dar. Die te ihre Hoffnungen auf Personen, die zu aus-
Mythen, die sich um diese ranken, sind stån- gesprochenen politischen Legenden wurden.
dige Begleiter der provinziellen Politik. Zhiv- Dieser Prozess drçckte sich in der Regel in
kov wurde nachgesagt, einen direkten Zugang Proteststimmen aus. Die Provinz versuchte,
zur sowjetischen Fçhrung zu haben; die post- in einer plætzlich fremd gewordenen Welt
kommunistische Rechte wiederum mystifi- neue Mittelsmånner zu berufen. Zu jenen po-
zierte ihre Beziehungen zum Pråsidenten der litischen Legenden gehærten:
USA (dem ¹big bossª) und den europåischen
Parteifçhrern. Auf lokaler Ebene werden die ± George Ganchev, der Vater der bulgari-
Mittelsmånner in der Regel nicht als gewåhlte schen ¹Lifestyle-Politikª, mit seiner Gitarre,
politische Kærperschaften verstanden, son- seinen vom gesunden Menschenverstand ge-
dern als eine Art Clanoberhaupt, dessen Stel- prågten Reden und dem Versprechen, dass
lung naturgegeben ist. Untersuchungen zei- jeder ¹ein Stçck vom groûen Kuchenª er-
gen, dass Einzelne bis Ende der neunziger halte, indem wir zu einer Nation von Ge-
Jahre nur sehr selten ihr Wahlverhalten ån- schåftsleuten werden;
derten, wechselndes Wahlverhalten als unmo-
ralisch gebrandmarkt wurde und die Loyali- ± Simeon II., der aus dem Exil heimgekehrte
tåt der eigenen Partei gegençber einen fast und zum Ministerpråsidenten gewåhlte Bçr-
schon ethnisch definierten Charakter annahm ger-Zar mit einer groûen medienwirksamen
(erwartungsgemåû traf dies am stårksten auf Familie, guten Umgangsformen und mit
die Anhånger der Kommunisten zu). Im anti- Emotionen, die politische Positionen ersetz-
kommunistischen Dunstkreis schossen neue ten;
Parteien wie Pilze aus dem Boden und wur-
den zum Auffangbecken einer weit verbreite- ± Boyko Borrissov, der Star-Polizist, mit kur-
ten politischen Unzufriedenheit, die sich aus zem Haarschnitt und sportlichem, fast schon
der allgemeinen Verunsicherung çber die verwegenen Aussehen, der als bulgarischer
ståndigen Verånderungen speiste. Die erste Robin Hood einen einsamen Kampf gegen
Reihe der Verhandlungsfçhrer am Runden die politische Klasse fçhrte;
Tisch ± den Allparteiengespråchen von 1990 ±
wurde durch die zweite Garnitur ersetzt, ± Volen Siderov, der aus einem Programm im
schlieûlich wurde die Fçhrung von denen Kabelfernsehen entstandene Neofaschist, der
çbernommen, die aus der dritten Reihe seine gegen die NATO und die EU gerichtete
kamen, und so weiter. Die rechte Rhetorik in Rhetorik mit antitçrkischen Losungen der
den internen Machtkåmpfen wurde immer ra- nationalen Wiedergeburt im 19. Jahrhundert
dikaler, doch sollte niemand die Augen davor verband, die jeder Bulgare in der Schule lernt.
verschlieûen, dass der Kampf der antikom-
munistischen Bewegung gegen ¹Privilegienª Sie alle tauchten plætzlich auf der Bildflå-
und das ¹administrative Kommandosystemª che auf (der spåtere Wahlsieger, ¹Zarª Sime-

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on, hatte seine Partei erst zwei Monate vor Auslåndische Beobachter staunen darçber,
den Parlamentswahlen des Jahres 2001 ge- wie wenig sich die Bçrger fçr ihre Rechte ein-
grçndet), und die Experten versuchten zu setzen. Die Hoffnungen der Menschen sind
verstehen, was geschah. Personen, die zu po- enttåuscht worden: Nach der revolutionåren
litischen Legenden werden, stehen fçr eine Leidenschaft der neunziger Jahre hat sich in
Idee der Einheit; fçr das Gegenteil politischer der Wahrnehmung vieler alles nur verschlech-
Zersplitterung, die ångstigt und verstært. Sie tert. (¹Wåhrend wir auf den Plåtzen skandier-
werden als untrennbar mit der Provinz ver- ten, privatisierten andere die Wirtschaft.ª)
bundene Identitåtsmerkmale empfunden, die Heute ist es schwierig, Proteste zu organisie-
diese vor der feindlichen Welt schçtzen: Jene ren. Die meisten Bçrger Bulgariens åuûern
Fçhrer sind entweder wie Simeon II. aus dem ihren Protest, indem sie sich entziehen: Wohl
Exil zurçckgekehrt, haben eine gut bezahlte eineinhalb der sieben Millionen Bulgaren
Laufbahn aufgegeben oder aber furchtlos ihr arbeiten çber einen kurzen oder långeren Zeit-
Leben riskiert. Derartige nationale Symbolfi- raum auûerhalb des Landes. Der Vorsitzende
guren, Verkærperungen der Einheit, sind fçr des Industrieverbandes, Bojidar Danev, warnte
Bulgarien nicht neu; man denke an den Revo- davor, dass es in einigen Wirtschaftsbereichen
lutionår Vassil Levsky, der im 19. Jahrhundert nicht mehr genug Arbeitskråfte gebe und dass
lebte und als Begrçnder der Nation fast das Land bald gezwungen sein werde, Arbeits-
schon religiæsen Status genieût, oder an die kråfte aus dem Fernen Osten zu importieren.
blinde Hellseherin Groûmutter Vanga, die Anstatt ihre Forderungen zu åuûern und fçr
mit stillschweigender Unterstçtzung der sie zu kåmpfen, stimmen die Menschen mit
Kommunisten einem Kult mit seltsam heid- den Fçûen ab. In der engen Welt der Provinz
nisch-christlich-nationalem Charakter Auf- scheint es schwer zu sein, eine abweichende
trieb verlieh. Derartige Personifizierungen Meinung zu vertreten und Konflikte auszutra-
der provinziellen Gemeinschaft wurden in gen; es ist einfacher, diese Welt zu verlassen.
den neunziger Jahren, einer Zeit existenzieller
Øngste, hektisch gesucht. Die Berufspolitiker sind nicht eifriger als
ihre Bçrger, wenn es darum geht, eine diffe-
renzierte Position zu beziehen. Die ¹ideo-
Stumme Politik logischenª Zusammenstæûe der neunziger
Jahre çber die allgemeine Privatisierung, die
Eines der hervorstechendsten Merkmale der NATO-Mitgliedschaft Bulgariens oder die
bulgarischen Politik ist die Unfåhigkeit, poli- Gesetzgebung der EU waren nichts weiter als
tische Positionen zu formulieren. Es werden ein Ausdruck des Tauziehens zwischen den
håufig nur noch Standpunkte vertreten, die neuen imperialen Zentren und der unent-
sich an Experten richten und Verlegenheitslæ- schlossenen Peripherie. Nachdem diese Ziele
sungen darstellen, die kleine Schritte mit lo- erreicht waren, senkte sich ein sonderbares
kalen Vereinbarungen verbinden. (Natçrlich Schweigen çber die politische Szenerie. Tat-
ist dies eine Entwicklung, die weit çber Bul- såchlich sind die Jahre seit der Jahrtausend-
garien hinausreicht: Auf gewisse Art und wende von einem antipolitischen Diskurs ge-
Weise ist die ganze Welt zur Provinz gewor- prågt, der Themen wie Patriotismus, billigen
den, die von den Stçrmen der Globalisierung Strom, Korruption oder Kriminalitåt, çber die
gebeutelt wird.) Es werden zwar Debatten allgemeiner Konsens besteht, fçr sich nutzt.
çber den Prozentsatz der Mehrwertsteuer ge- Eine Provinz ist von Natur aus unpolitisch.
fçhrt oder darçber, bei welcher Justizbehærde Die wirklichen Verlierer dieser Entwicklung
Ermittlungsbefugnisse angesiedelt sein sollen, waren Experten, æffentliche Redner, Men-
doch sie werden kaum æffentlich verfolgt. schen, deren Sprache mit jener schmerzlichen
Die Politiker stellen ihre Truppen immer Zeit der Zersplitterung und des Umbruchs in
noch entlang von Demarkationslinien auf, an den neunziger Jahren gleichgesetzt wird, die
denen die Bçrger schon långst ihr Interesse jeder gern vergessen mæchte.
verloren haben. Die zutiefst ideologisch aus-
gerichtete Union Demokratischer Kråfte, die Natçrlich gedeiht ± unter dem Deckmantel
in den neunziger Jahren die Schlachten zur der zunehmenden Indifferenz gegençber der
Abkehr vom Kommunismus angefçhrt hatte, Politik ± ein ¹schwarzerª Parlamentarismus
lag zu Jahresbeginn 2006 in den Umfragen (Gramsci benutzt diese Formulierung wie
nur noch bei rund zwei Prozent. ¹Schwarzmarktª). Die Koalition der Sozialis-

APuZ 27/2006 27
ten mit Simeon II. und der tçrkischen Min- Ana Blandiana
derheitspartei 2005 wird håufig als letzter Be-
weis fçr den Niedergang und die Korruptheit
der Politiker gewertet, der Aufstieg der Na-
tionalen Union (ATAKA), eines Sammelbe-
Kann man
ckens fçr neofaschistische und nationalisti-
sche Kråfte, als dessen Ergebnis. Meiner Mei-
nung nach vollzieht sich in Bulgarien jedoch
Erinnerung lernen?
eine andere Form der politischen Umvertei-

E
lung, und das Land folgt darin dem Beispiel s kann nicht seltsam anmuten, wenn eine
Polens. Derzeit entsteht ein pragmatischer, Schriftstellerin von der Erinnerung faszi-
aber korrupter liberaler Pol, um den herum niert, ja sogar besessen ist. Schon im antiken
sich eine neue Rechte festigen und çber The- Griechenland waren die Barden çber Genera-
men wie Moral, Bekåmpfung der Korruption, tionen hinweg Instrumente zur Ûbermittlung
Ablehnung der Privatisierung und natçrlich des kollektiven Gedåchtnisses, das zugleich
den Nationalismus (die Balkan-Version einer Dichtung und Geschichte geworden war, und
fundamentalistischen Religion) profilieren in der Mythologie war die Erinnerung ± grie-
kann. Die schmerzliche Trennung der Kom- chisch Mnemosyne ± die Mutter aller Musen.
munistischen Partei von çberzeugten Natio-
nalisten hat bereits eingesetzt. Bezogen auf Der Gedenkståtte Memorial Sighet mæchte
die Wirtschaft fçhlt sie sich der Partei Si- ich in meinem Leben den Stellenwert eines
meons II. heute nåher als denen, die be- Buches geben, denn
schwæren, rechte Positionen in ihrer reinsten sie ist ein Handbuch Ana Blandiana
Form zu verkærpern. All dies jedoch wird der Erinnerung, eine Schriftstellerin; Ehrenpräsiden-
niemals offen ausgesprochen. Aus Sicht der Fibel, die uns das tin des rumänischen PEN; Initia-
Beobachter streiten sich alle Gruppierungen ABC der Erinnerung torin (gemeinsam mit Romulus
çber ihre eigenen Angelegenheiten ± und das lehrt. Denn der Rusan) des Memorial Sighet,
inmitten der allgemeinen Gleichgçltigkeit der græûte Sieg des Kom- Gedenkstätte für die Opfer des
Bçrger. Irgendwie werden sich die Dinge munismus ± ein Sieg, Kommunismus und des Wider-
schon richten, auch ohne dass sie benannt dessen Bedeutung auf standes; Präsidentin der
werden, irgendwie werden die Direktiven der dramatische Weise Stiftung Bürgerakademie.
EU schon umgesetzt werden, ohne dass sie erst nach 1989 zu Memorialul Victimelor Comunis-
wirklich verstanden worden sind, irgendwie Tage trat ± war die mului si al Rezistentei Sighet,
wird sich das Leben schon verbessern, lang- Schaffung eines Men- Fundatia Academia Civica, Piata
sam und ohne erkennbaren Grund. schen ohne Gedåcht- Amzei nr. 13, CP 22 ±216, 77500
nis, des neuen Men- Bukarest/Rumänien.
Ûberrascht es da, dass Bulgarien praktisch schen, des Menschen, www.memorialsighet.ro
unbekanntes Terrain ist? Niemand weiû der sich nach vollzo- acivica@memorialsighet.ro
etwas Genaues çber das Land, und tatsåchlich gener Gehirnwåsche
scheinen die nationalen Eliten lieber im Hin- nicht mehr daran er-
tergrund bleiben zu wollen als zuviel Auf- innern sollte, was er vor dem Kommunismus
merksamkeit zu erhalten. Hat man erst ein war, besaû oder machte. Das Gedåchtnis ist
bestimmtes Image, wird man auch leicht zum eine Form von Wahrheit, und es musste zer-
Ziel eines mæglichen Angriffs, wird man auf- stært werden, um die Wahrheit zerstæren oder
gefordert, Position zu beziehen und Ent- manipulieren zu kænnen. Die Zerstærung des
scheidungen zu treffen. Genau dies aber wi- Gedåchtnisses ± ein Verbrechen auch an der
derspricht dem Wesen der Provinz: Sie ist ein Natur und an der Geschichte ± war das
lauschiges Fleckchen Erde, an dem man sich Hauptwerk des Kommunismus. 1
geschçtzt fçhlt und von wo aus man die
groûe weite Welt im Fernseher betrachtet ± Die Schaffung des Memorial Sighet war
so wie man frçher auf der Bank im eigenen kein Selbstzweck, sondern ein Mittel. Wir
Vorgarten gesessen hat und den Vorçberge- haben uns nicht vorgenommen, ein museo-
henden zugeschaut hat. grafisches Meisterwerk zu errichten, indem

Ûbersetzung aus dem Franzæsischen: Doris Tempfer-


Naar, Mædling/Ústerreich.

28 APuZ 27/2006
die Verbrechen der jçngsten Geschichte in bekanntere und vielleicht sogar schreckliche-
wissenschaftlicher und kçnstlerischer Form re Gefångnisse? Die Antwort ist einfach: Weil
auf Regalen arrangiert werden, damit sich der Sighet der Beginn war. Weil Sighet der Ort
Staub der Gleichgçltigkeit unserer Zeit beei- ist, wo, mit fast theoretischer Klarheit, die
len kann, sich darauf niederzulassen. Was wir Prozesse und Etappen der Repression offen
uns zum Ziel gesetzt und wonach wir ver- in die Praxis umgesetzt wurden, die, um
zweifelt gesucht haben, war eine Mæglichkeit, wirklich effizient zu sein, allen voran die Eli-
die kollektive Erinnerung wieder auferstehen ten vernichten musste. Sighetul Marmatiei
zu lassen, ein Instrument, um ihre Bedeutung war der Ort, an dem die Ausrottung der poli-
wiederherzustellen fçr eine Generation, die tischen, kulturellen, religiæsen, aber auch der
man einer Gehirnwåsche unterzogen hatte, sozialen, beruflichen und moralischen Eliten
die nicht mehr wusste, woher sie gekommen ihren Ausgang nahm. In Sighet kæpfte man,
war oder wohin sie ging, eine Generation, die prophylaktisch, die Spitzen der Gesellschaft,
nicht fåhig war, den nachfolgenden Genera- in welchem Bereich auch immer, und ver-
tionen das weiterzugeben, was sie weiterzu- suchte jegliche Mæglichkeit, die Zivilgesell-
geben hatte. schaft wieder aufzubauen, zu eliminieren.

Die Gedenkståtte fçr die Opfer des Kom- Dieselbe Stadt, Sighetul Marmatiei, hatte
munismus und des Widerstandes besteht aus zehn Jahre zuvor bereits Schreckliches durch-
zwei einander ergånzenden Teilen: dem Mu- gemacht: Im April 1944 wurden von den
seum und dem Internationalen Zentrum fçr deutsch-ungarischen Behærden (infolge des
Studien çber den Kommunismus, das dem Diktats von Wien, dem so genannten Wiener
Museum vorsteht und die Veranstaltungen or- Schiedsspruch, war der Norden Siebenbçr-
ganisiert, seien es Diskussionen, Kolloquien, gens 1940 von Ungarn besetzt worden) Juden
Konferenzen und, allen voran, die Sommer- in die Konzentrations- und Vernichtungslager
schule, seien es Forschungsprojekte, die in der Buchenwald und Auschwitz deportiert.
Verlagsabteilung, der Abteilung fçr Oral Heute gibt es dort eine Gedenkståtte fçr den
History und dem Archiv entwickelt werden. Nobelpreistråger und Holocaustçberleben-
den Elie Wiesel, der 1928 in Sighet geboren
Memorial Sighet wurde in Sighetul Marma- wurde. Sighet war auch der Ort, an dem spå-
tiei errichtet, einer kleinen Stadt im åuûersten ter die Deportierten aus der UdSSR, vællig er-
Norden Rumåniens nahe der ukrainischen schæpft, wieder in Rumånien angesiedelt wur-
Grenze, auf den Ruinen eines ehemaligen po- den. Die Stadt hat viele Tragædien erlebt und
litischen Gefångnisses. Nach dem Zweiten kann uns zeigen, welche Dimensionen die
Weltkrieg wurde das Gefångnis eine Zeit lang Repressionen des Totalitarismus erreichen
von den Sowjets verwaltet, bevor es als kænnen, sei er braun oder rot. Darçber hinaus
¹Durchgangslagerª fçr von den rumånischen ist das Gefångnis von Sighet ± wie jedes ehe-
Geheimdiensten untersuchte Jugendliche ge- mals kommunistische Gefångnis ± ein Sym-
nutzt wurde. Von 1950 bis 1955 waren dort bol fçr die Verletzung des Rechtes auf Leben,
çber 200 Wçrdentråger, Akademiker und Freiheit und Eigentum sowie auf die freie
Prålaten inhaftiert (die meisten von ihnen Ausçbung aller anderen Rechte durch eine
ohne Urteilsspruch), gut versteckt, zwei Kilo- politische Minderheit, die Nomenklatura.
meter von der sowjetischen Grenze entfernt,
damit sie nicht etwa infolge einer Revolte Im Jahre 1993 legten wir dem Europarat
håtten befreit werden kænnen. Um die Anwe- unser Projekt vor, das zum Ziel hatte, aus dem
senheit so vieler Menschen ohne rechtskråfti- ehemaligen Gefångnis eine internationale In-
ge Verurteilung zu rechtfertigen, galt das stitution des Gedenkens an die kommunisti-
Hochsicherheitsgefångnis von Sighet offiziell sche Unterdrçckung zu machen. Der Europa-
als ¹Arbeitskolonieª. Wåhrend der fçnf Jahre rat stellte das Vorhaben unter seine Schirm-
starben 53 von 200 Gefangenen, als Opfer herrschaft. Das Gebåude wurde uns von der
eines langsamen Vernichtungsprogramms (die Stadt Sighet zur Verfçgung gestellt. Am An-
Gefangenen waren fortgeschrittenen Alters, fang kamen die Geldmittel von privaten Spen-
der ålteste war 91 Jahre alt). dern, aus dem Exil. Wir fanden im Laufe der
Zeit Institutionen, die uns unterstçtzen, in
Warum haben wir das Memorial in Sighet den USA, in Deutschland, in Frankreich (¹As-
eingerichtet, gab es doch andere, viel græûere, sociation pour le Mmorial Sighetª unter der

APuZ 27/2006 29
Leitung von Maria Bratianu); auch wurde in haben wir fast 3 000 Stunden Tonbandmaterial
den ersten Jahren die Mitarbeit auslåndischer gesammelt (von dem ein Teil dem Hoover In-
Historiker vom Europarat finanziert. In der stitut von Stanford, Kalifornien, çberlassen
Folge wurden wir auch vom National Security wurde). Wir haben in Sighet bisher zehn Sym-
Archive (George Washington University, Wa- posien organisiert, in denen die Jahre des
shington, D.C.) sowie von der Konrad- Kommunismus ¹horizontalª untersucht wur-
Adenauer-, der Hanns-Seidel- und der Fried- den; die Sammlung ¹Annalen von Sighetª um-
rich-Ebert-Stiftung unterstçtzt. 1997 erklårte fasst auf rund 7 000 Seiten die Texte, sowohl
das rumånische Parlament das Memorial zu wissenschaftliche Studien als auch unmittelba-
einer ¹Ståtte von nationalem Interesseª und re Zeugenberichte. Tausende schriftliche
gewåhrte uns eine jåhrliche Zahlung von um- Dokumente haben wir in einer weiteren
gerechnet 60 000 US-Dollar, doch bleibt die Sammlung, ¹Dokumenteª, veræffentlicht. Die
permanente Finanzierung ein dorniger Weg. Sammlung ¹Bibliothek Sighetª enthålt tausen-
Gleichzeitig haben unsere Geldgeber niemals de Seiten an Studien und Memoiren. In Semi-
Bedingungen gestellt, wie das Museum zu ver- naren haben wir zu verschiedenen, der Chro-
walten wåre oder wie zu arbeiten sei. Die Re- nologie der Ereignisse entnommenen Themen
staurierung des Gebåudes, die Umwandlung die ¹Vertikaleª aufgestellt. Ein Projekt, das
des Friedhofes in eine Erinnerungslandschaft, noch im Gange ist, widmet sich einer Be-
der Bau eines Raumes, der zur Besinnung ein- standsaufnahme der Inhaftierten zwischen
lådt, und der Erwerb einer Reihe von Kunst- 1945 und 1989 auf statistischen und soziologi-
werken (die Statuengruppe ¹Der Konvoi der schen Grundlagen, ausgehend von den 93 000
Geopfertenª ist zum Markenzeichen des Me- Haftzetteln, die derzeit im Archiv aufbewahrt
morials geworden) stellten die åuûeren Phasen sind. Die Bestånde sind auch elektronisch er-
des historischen Projektes dar. fasst, es gibt CDs mit den Aufnahmen der
mçndlichen geschichtlichen Zeugnisse. Die
Der mçhsamste Teil bestand in der Ent- Besucher kænnen die Dokumente lesen, die
wicklung einer wissenschaftlichen Methode, Bilder sehen, die Zeugenberichte anhæren und
die Gefångniszellen in Museumssåle umzu- sich ein Bild von den Funktionsmechanismen
wandeln. Die Ruine enthielt nur eine In- des Klassenhasses und der Unterdrçckung der
schrift und ein paar Gedenktafeln, die von elementaren Menschenrechte machen ± vom
der Gemeinde angebracht worden waren ± Hass als Triebkraft der Geschichte.
und die noch dazu fehlerhaft waren. Wir be-
schlossen, neu zu beginnen. Aus den 60 Zel- Hass und Fanatismus existieren auch, nach-
len sind bis heute 52 Råume entstanden, in dem die institutionellen Formen verschwun-
denen chronologisch und thematisch die 45 den sind, in denen sie gewuchert haben. Denn
Jahre des Kommunismus in Rumånien be- der Kommunismus ist zwar als politisches
handelt werden, zum Beispiel ¹Die Ge- System untergegangen, nicht aber als Methode
schichte der osteuropåischen Lånderª, ¹Die und Geisteshaltung, und seine Analyse ist ein
Fålschung der Wahlen 1946ª, ¹1948 ± das nicht nur fçr die Vergangenheit, sondern auch
Jahr der Sowjetisierungª, ¹Die Schaffung und fçr die Zukunft nçtzlicher Prozess. Man
Tåtigkeit der Securitateª, ¹Die Auslæschung denke nur daran, dass Mitglieder von interna-
der Akademieª, ¹Die Deportationenª, tionalen terroristischen Organisationen in den
¹Zwangsarbeitª und ¹Die Zerstærungenª. sechziger, siebziger und achtziger Jahren in
Lagern der Ostblocklånder ausgebildet wur-
Fçr diese Vorhaben benætigten wir eine den und dass sie tschechische und sowjetische
groûe Datenbank, die wir seit 1993 verwirkli- Waffen verwendeten. Die Auseinanderset-
chen konnten. Unsere Forschungsarbeiten ob- zung mit dem Kommunismus und seinen Me-
lagen unserem ¹Zentrum fçr Studien çber den thoden kann auch als intelligentes Mittel zum
Kommunismusª; dessen wissenschaftliches Verståndnis und zur Læsung vieler aktueller
Team bestand aus Thomas S. Blanton, Vladi- Probleme verstanden werden.
mir Bukovski, Stphane Courtois, Dennis De-
letant, Helmut Mçller-Enbergs und den rumå- In diesem Sinne hat unser Projekt in den
nischen Historikern (und ehemaligen politi- vergangenen acht Jahren mit der Sommer-
schen Gefangenen) Serban Papacostea und schule (unter dem Rektor Stphane Courtois)
Alexandru Zub, beide Mitglieder der Rumåni- eine Úffnung zur Zukunft vollzogen, indem
schen Akademie. Zum Thema Oral History die Forschung und die Darstellung der Wahr-

30 APuZ 27/2006
heit durch neue Wege der Ûbermittlung an wollten eine sensationslçsterne Darstellung
die kommenden Generationen ergånzt wur- der Geschichte vermeiden (das wåre der
den. Somit stellt das Memorial Sighet einen leichtere Weg gewesen!) und durch den Ernst
Ort und einen Weg dar, an dem Jugendliche, des Dokumentes, der Fotografie, der Statis-
denen die dçsteren Schatten einer gefålschten tik, des Zeugnisses çberzeugen (manchmal
Vergangenheit nichts mehr anhaben kænnen, sogar bewegen) und çber Kunstwerke ± auf
heute erfahren, was ihnen ihre Eltern nicht zu eine nuanciertere Art, als dies wissenschaftli-
erzåhlen wussten: was sie sind als Resultat che Daten tun kænnen ± das Leid vermitteln,
der historischen Entwicklung und was sie das der Rohstoff unserer Forschung ist.
werden kænnen als Geschæpfe ihrer selbst.
Mit der Sommerschule wird das Museum le- Eine tschechische Delegation unter der Lei-
bendig, eine Institution der Erinnerung in tung von Petruska Sustrova, ehemalige Spre-
einer organischen Bewegung, die von der cherin der ¹Charta 77ª, schlug vor, dass das
einen zur anderen Lebensgeschichte schwingt Memorial jedem osteuropåischen Land einen
und Wahrheiten beleuchtet, ohne die es keine eigenen Ausstellungsraum widmen sollte. Das
Weiterentwicklung gåbe. So wie die vertrock- haben wir umgesetzt: Derzeit gibt es einen
neten und verwelkten Pflanzen zu Humus Raum ¹Solidarnoscª sowie einen, der sich mit
werden, der neue Pflanzen nur in dem Maûe dem ¹Prager Frçhlingª und der Invasion der
nåhrt, in dem deren Keime den Nåhrboden Tschechoslowakei 1968 beschåftigt, und es
erreichen, so erhalten in Sighet die Leiden der wird in Zusammenarbeit mit dem Budapester
Eltern einen Sinn und kænnen der Rohstoff Institut der Revolution 1956 an einem weite-
fçr intellektuelles und moralisches Wachstum ren Raum gearbeitet, der noch in diesem Jahr
werden, indem sie in andere Leben Wahrhei- eræffnet werden soll. Zwei weitere Råume
ten såen, fçr die Menschen ihr Leben gelassen werden der Revolte von 1953 in der DDR und
haben. Mit der Sommerschule verlåsst das dem Bau der Berliner Mauer (in Zusammenar-
Memorial als Gedenkståtte fçr die Opfer des beit mit der Geschichtswerkstatt Jena e.V.
Kommunismus die Mauern des Gefångnisses unter Direktor Manfred Wagner) gewidmet
und erreicht die Kæpfe von jungen Menschen, sein sowie den bedeutenden sowjetischen Dis-
die bereit und offen sind, die Geschichte zu sidenten der siebziger Jahre. Zudem hat das
verstehen, um sich selbst zu verstehen. Und Memorial Ausstellungen aus Moldawien,
wenn die Medien der Konsumgesellschaft, Polen und der Tschechischen Republik beher-
die eine græûere Wirkung haben kænnen als bergt. Eine Wanderausstellung hat in bisher
der Terror, nicht aufs Neue Gehirnwåsche be- zehn deutschen Stådten Station gemacht. Au-
treiben, besteht die Chance, dass dieses Mu- ûerdem wird im Juli 2006 eine Wanderausstel-
seum, errichtet çber einem Brennpunkt geis- lung çber den Kalten Krieg eræffnet und im
tiger Energien, auch in der nåchsten Genera- Jahre 2007 durch Ungarn, Polen, Deutschland
tion weiterlebt. und die Tschechische Republik ziehen.

Das Museum ist tåglich fçr Besucher geæff- Der hohe Anteil von Jugendlichen unter
net, und es findet auûergewæhnlich groûen den Museumsbesuchern, die Exkursionen
Anklang. Vor allem im Sommer und im Win- von Schçlergruppen und von Studierenden
ter werden bis zu 700 Eintrittskarten pro Tag der Geschichtsfakultåten Rumåniens oder
verkauft. 40 Prozent aller Besucher sind Ju- Deutschlands, die ihre Kurse oder Praktika
gendliche; ebenfalls 40 Prozent stammen aus im Museum abhalten sowie die immer zahl-
dem Ausland. Im Allgemeinen gilt: Alle kom- reicheren Diplomarbeiten, die çber das Me-
men aus Neugierde (vielleicht, weil sie es ori- morial verfasst werden, machen es zu einer
ginell finden, ein Gefångnis von innen zu echten Lehrinstitution. Ideal wåre es, wenn
sehen), und viele verlassen das Museum mit die Sommerschule auch von jungen Bçrgern
Trånen in den Augen, entsetzt çber die nack- aus anderen Låndern als Rumånien und Mol-
ten Wahrheiten, die sie beim Durchschreiten dawien besucht werden wçrde. Damit kænnte
der Råume entdecken mussten. Die Leistung ein Schritt in Richtung einer Annåherung der
des Museums misst sich an der Zahl der Besu- beiden Europas vollzogen werden, die, um
cher und an den Spuren, die sie in den Gåste- wirklich eins zu werden, einander kennen ler-
bçchern hinterlassen. Dort dominiert das Ge- nen und nicht nur ihre Úkonomien, sondern
fçhl, dass man durch die dargebotenen Infor- auch ihre Obsessionen in Einklang bringen
mationen Denkanstæûe bekommen hat. Wir sollten.

APuZ 27/2006 31
Museum und zugleich Institut der For- Thomas Frahm
schung und der Lehre ± durch die Verflech-
tung dieser drei Charakteristika eine einzigar-
tige Institution, ist das Memorial Sighet keine
staatliche Institution, sondern eine Schæpfung
Savoir vivre auf
der Zivilgesellschaft Rumåniens und der
Beleg dafçr, dass diese Zivilgesellschaft er-
folgreich wiedergeboren wurde. Im Namen
Bulgarisch
dieser Zivilgesellschaft, die auf perfide Weise
zerstært wurde und die groûe Mçhe hat, sich
neu zu formieren, ist das Memorial Sighet
kein Plådoyer fçr oder gegen eine bestimmte
politische Couleur, sondern fçr die Notwen-
B evor Dimitr Dinev mit seinem Roman
¹Engelszungenª, dem sprachlich strah-
lendsten, inhaltlich wichtigsten und litera-
digkeit von Wahrheit und fçr den Respekt fçr risch schænsten Buch, das man derzeit çber
den Menschen, den jeder Einzelne genieûen Bulgarien lesen kann, berçhmt wurde, war er
sollte. Keine Ideologie kann ein Verbrechen fçr die Bçrger seiner æsterreichischen Wahl-
legitimieren, und bei einem politischen Ver- heimat nur ein ¹Tschuscheª. So nennen die
brechen geht es nicht um das Verhåltnis zwi- Wiener jene Menschen, die ¹von irgendwo da
schen der Rechten und der Linken, sondern untenª kommen, vom Balkan. In den sçdsla-
um das zwischen dem Opfer und seinem wischen Sprachen meint tschuschd zwar ganz
Henker. Die Zerstærung der Erinnerung ± ein neutral ¹fremdª oder ¹auslåndischª; doch da
Verbrechen gegen die Natur und ein Verbre- so ein ¹Tschuscheª
chen gegen die Geschichte ± hatte sich der seine sçdosteuropåi-
Kommunismus auf die Fahnen geschrieben. sche Heimat vor Thomas Frahm
Denn im Unterschied zu allen weiteren Dik- allem seit dem Fall Geb. 1961; freier Autor,
taturen und all den anderen Schrecken der des Eisernen Vor- Übersetzer, Bulgarien-Journalist
Menschheitsgeschichte forderte der Kommu- hangs in der Regel und Publizist; lebt in Sofia/
nismus von seinen Untergebenen nicht nur, aus existenzieller Not Bulgarien.
sich zu unterwerfen, er verlangte von ihnen verlåsst, ist er bei sei- tfrahm@abv.bg
auch, glçcklich zu sein, weil sie sich unter- ner Ankunft in ¹Eu-
worfen hatten. Dieser Erniedrigung und Ver- ropaª ein Habenichts.
irrung konnte nur die Erinnerung Einhalt ge- Und wenn er selbst schon mittellos ist, kann
bieten, denn sie ist das Rçckgrat jeder Gesell- es ± so der naive Kurzschluss ± mit dem na-
schaft. Wenn sie zerstært wird ± und der tçrlichen oder kulturellen Reichtum seines
Kommunismus hat das beinahe geschafft ±, Heimatlandes nicht weit her sein. So eine
wird die Gesellschaft zu einer Art Monster Ignoranz ¹rassistischª oder ¹diskriminie-
ohne Rçckgrat, ohne inneren Zusammenhalt, rendª zu nennen, nur weil man sich nåher mit
formbar nach den (kriminellen) Vorstellungen den Balkanlåndern und seinen Menschen be-
jedes X-Beliebigen. fasst hat, wåre bæswillig; es handelt sich ver-
mutlich ebenso schlicht wie unschæn um jene
Das Memorial Sighet ist ein Symbol fçr die allzumenschliche Distanzierung derer, denen
Bedeutung und die Notwendigkeit der Erin- es besser geht, von jenen, denen es schlechter
nerung fçr die Existenz der Zivilgesellschaft. geht.
Ohne sie wird das Volk zur Masse und die
Geschichte zu einer unglaublichen Erzåhlung Man hært auch in Deutschland in den
von der Entstellung des kollektiven Geistes. Nachrichten ¹von da untenª meist nur Uner-
Die Antwort auf die im Titel gestellte Frage freuliches wie Erdbeben, ethnische Bçrger-
ist daher ein entschiedenes Ja ± nicht nur des kriege oder Schieûereien unter Mafiabanden.
Optimismus wegen, sondern auch, weil es Der Balkan ± das ist entweder ein Pulverfass
der einzig mægliche Weg ist, uns vor der Ver- oder ein Fass ohne Boden, auf alle Fålle ein
gangenheit zu retten. Raum an der Peripherie Europas, der wirt-
schaftlich oder politisch nicht wichtig genug
ist, als dass wir Genaueres çber ihn wissen
mçssten, obwohl Bulgarien und Rumånien
aller Voraussicht nach Anfang 2007 der Euro-
påischen Union (EU) beitreten werden.

32 APuZ 27/2006
Ûber diese Ignoranz weiû Dinev eine er- Warum halte ich es nun schon so viele
hellende Anekdote zu erzåhlen. Sie stammt Jahre in einem Land aus, in dem die pure Be-
aus jenen Jahren in Ústerreich, in denen er obachtung der Lebensmçhen vieler Men-
um die Aufenthaltsgenehmigung, um Arbeit, schen ausreichen kænnte, um in Depressionen
um einen Studienplatz, um seine Zukunft als zu verfallen? Bulgarien ist eine Kur fçr deut-
Schriftsteller bangen musste. Er lebte seit sei- schen Kulturpessimismus, ein Sanatorium fçr
ner Flucht aus Bulgarien 1990 vorwiegend jene çberstrapazierte Seele, die sich am indi-
auf der Straûe, um keine jener çberlebens- vidualistischen Leerlauf zu sich selbst er-
wichtigen Informationen zu verpassen, die schæpft hat. Meine ersten Versuche, dem bul-
unter den Auslåndern zweiter und dritter garischen Alltagsleben nåher zu kommen, be-
Klasse kursierten. Natçrlich wurde jeder von fassten sich mit jenem spezifischen Savoir
jedem gefragt, wo er herkomme, schon allein vivre, das der westlichen Sehnsucht nach Au-
deshalb, weil die Herkunft entscheidende Be- thentizitåt und Lebendigkeit Nahrung gibt.
deutung fçr den Kurswert hatte, den er auf Und so sehr ich inzwischen weiû, wie viele
dem halblegalen oder illegalen Arbeitsmarkt Projektionen Westeuropåern den Zugang zu
besaû. Einmal, als Dinev von einem æsterrei- einem Verståndnis des Lebens auf dem Bal-
chischen Obdachlosen gefragt wurde, aus kan verstellen: Der Zusammenhang zwischen
welchem Land er stamme, machte er ein Ra- archaischer Lebendigkeit und der Weigerung,
tespiel daraus: ¹Ich werde dir sagen, woran unter dem Druck des Forderungskatalogs von
mein Heimatland grenzt, und du sagst mir Seiten der EU-Kommission jene rationali-
dann, wie es heiût: Im Norden, an der Grenze stisch-stromlinienfærmige Denk- und Lebens-
zu Rumånien, flieût die Donau; im Osten weise anzunehmen, unter der wir bisweilen so
liegt das Schwarze Meer; im Sçden befinden sehr stæhnen, scheint mir nichts von seiner
sich Griechenland und der europåische Zipfel Gçltigkeit eingebçût zu haben. Wer es zy-
der Tçrkei; und im Osten die ehemals jugo- nisch findet, ¹aufzulebenª unter Verhåltnis-
slawischen Republiken Mazedonien und Ser- sen, wie sie allen Maûståben jener ¹europåi-
bien.ª Der Mann çberlegte. Schlieûlich schen Wertegemeinschaftª widerspricht, die
blickte er Dinev verwirrt an und stieû ratlos Frieden und Freiheit sagt und oft nur Wohl-
hervor: ¹Aber . . . da ist doch nichts!ª stand und Konsum meint, verfållt dem einsei-
tigen Bild, das von Journalisten pråsentiert
Bei der Erinnerung an diese Begebenheit wird, die mangels Sprachkenntnissen mit
bricht Dinev heute in schallendes Gelåchter Ûbersetzer durchs Land reisen und eine ¹Be-
aus. Wie viel dort ± schon allein in menschli- troffenheitsreportageª abliefern, die zwar
cher Hinsicht ± ist, davon hat er Zeugnis ab- nicht falsch ist, aber in jenem umfassenderen
gelegt in einem Buch, das auf 400 Seiten ange- Sinn, den das Wirkliche hier noch besitzt, von
legt war und am Ende auf fast 600 kam, und einer anderen Armut zeugt: der Armut einer
das lag am çberbordenden Reichtum der Ge- Objektivitåt des Augenscheins.
schichten um die beiden Protagonisten Iskren
und Svetlju (der ¹Funkeª und der ¹Leuchten- Was wir in solchen Reportagen erfahren,
deª). Es ist zwar richtig, dass es den Men- sind Geschichten von zerfallenden Wohn-
schen in Bulgarien ± und keineswegs nur den blocks, korrupten Politikern und mafioti-
Zigeunern vom Volk der Roma ± so schlecht schen Banden, die in neuen Nobelkarossen
geht, dass mehr als ein Drittel einer sozialsta- und Landrovern durch die Straûen jagen, fer-
tistischen Umfrage der Bulgarischen Akade- ner Elendsgeschichten von Bettlern, die auf
mie der Wissenschaften aus dem Jahr 2005 dem Witoscha-Boulevard, Sofias Hauptge-
zufolge angegeben haben, dass ihr Ziel fçr schåftsstraûe, vor den edlen Auslagen sitzen
die nåchsten Jahre ¹einfach nur Ûberlebenª und dank der guten Ausleuchtung durch die
heiûe. Doch auf die Frage, was wir von der sçdliche Sonne hervorragend zu fotografieren
bulgarischen Lebenskultur lernen kænnten, sind. Die Bettler haben ihre festen Plåtze.
weiû Dinevs æsterreichische Lebensgefåhrtin, Der Blinde spielt den Kaval, eine Art Klari-
die mit uns in einer rustikalen Sofioter Gast- nette, die statt eines Mundstçcks nur ein
ståtte sitzt und keineswegs blind ist fçr die Loch hat, das åhnlich geblasen werden muss
Not im Lande, eine schæne Antwort: ¹Mir wie eine Querflæte. Vor dem Seiteneingang
machen der Optimismus und die Lebenszu- des ehemals staatlichen Kaufhauses ZUM,
versicht der Menschen hier, die sie trotz aller des Zentralen Universalen Magazins, sitzt der
Probleme haben, unglaublichen Eindruck!ª Junge mit dem verdrehten Fuû und dem stei-

APuZ 27/2006 33
fen Kniegelenk im kaputten Rollstuhl. Und nern. Die Rentner schlurfen in Månteln her-
etwas weiter die zeitgenæssische Piet™, eine bei, die sichtlich långer als 20 Jahre ihren
Zigeunerin mit Kleinkind, die jedem Passan- Dienst tun, und ziehen das Altpapier heraus.
ten, der nicht ganz streng dreinblickt, hinter- Sie setzen sich mit ihren stinkenden Bçndeln
her ruft: ¹Dajte, Gospodine, njakakwa Stotin- und ihren preiswerten Monatskarten in den
ka mi dajte, Bog da vi pazi ± Eine milde Bus, fahren zur nåchsten Papiersammelstelle
Gabe, der Herr, ein paar Stotinki, bitte, Gott und bekommen dort fçr ein Kilo Altpapier
mæge Sie schçtzen!ª fçnf Stotinki, das sind etwa 2,5 Euro-Cent.
Das sind schon Summen, wenn man mit einer
Aber was ist mit dieser anståndig gekleide- Rente von 60 bis 100 Lewa auskommen
ten Passantin mit dem verhårteten Gesicht, muss. Bei sparsamer Haushaltung reicht die
die man auf zehn Jahre ålter schåtzen wçrde, fçr einen Becher Joghurt und ein halbes Brot
als sie tatsåchlich ist: Fragt sie sich gerade, ob tåglich. Einige tun es den Hunden gleich: Sie
sie noch gençgend Geld hat, um ihrem Kind schauen sich kurz um, ob keiner hinsieht,
morgen eine Scheibe Wurst aufs Schulbrot zu dann fischen sie sich den Rest einer Teigta-
legen? Hoffentlich hat Bojko von Stojan die sche doch noch heraus und verschlingen ihn.
100 Lewa geliehen bekommen fçr die Heiz-
kostenrechnung. Das Telefon ist bereits abge- Die Zigeuner ± wie viele gibt es in Bulga-
stellt. Die groûe Tochter, die mit Beziehungen rien, 500 000? 700 000? ±, von denen nach
und Bestnoten auf dem Deutschen Gymna- Schåtzungen 80 Prozent arbeitslos sind, sind
sium den Sprung an eine deutsche Universitåt grçndlicher. Sie fahren mit ihren hælzernen
geschafft hat, war krank. Da hat man sich ein Wagen mit dem eingeschirrten Maulesel oder
paar Auslandsgespråche geleistet. Schon war dem Klappergaul vor, suchen neben Papier
die Rechnung, die sich sonst um die 15 Lewa und Pappe nach Altglas, Holz, Metallstçcken
(bei zehn Lewa Grundgebçhr) bewegt, auf und Rohren, Kleidung und Haushaltsgegen-
115 Lewa geschnellt. Wo sollten die herkom- stånden und kutschieren ihr Gefåhrt durch
men? Zumal Bojko, wie leider viele bulgari- den brausenden Innenstadtverkehr wie ein
sche Månner, irgendwann genug davon hatte, UFO aus der Vergangenheit zurçck zu einem
zu Hause immer nur Klagen zu hæren. Jetzt der ziganski machali, der Barackenviertel, in
kommt er von der Arbeit in der Reparatur- denen sie vællig segregiert ihr Dasein fristen.
werkstatt oft nicht mehr nach Hause. Sitzt da Die EU, die Bulgarien zur Auflage gemacht
mit ¹Kollegenª in dieser schåbigen Kneipe, hat, seine Minderheiten zu integrieren, bevor
raucht zwei Schachteln ¹Victoryª zu 2,60 es aufgenommen werden kann, weiû nicht,
Lewa (umgerechnet etwa 1,35 Euro) am Tag. wie das mit Menschen vor sich gehen soll, die
Schçttet Bier und Schnaps in sich hinein. Bis in einer vællig anderen Werte- und Wirt-
er die nætige Bettschwere und kein Geld schaftswelt leben als die ¹bçrgerlichenª Bul-
mehr hat. garen und die darin ebenso konservativ ver-
harren wollen wie jene in ihrer. Territoriales
Das Auto, mit dem sie noch im vergange- Denken, das mit dem Betreten eines Stçckes
nen Herbst aufs Dorf zu Oma und Opa ge- Erde bçrgerliche Pflichten und Rechte mit
fahren sind, um den Kofferraum mit burkani, sich bringt, ist ihnen, die in der festen sozia-
Einweckglåsern mit Tomaten, Gurken, ge- len Hierarchie ihrer Clans und Groûfamilien
backenem Paprika, Marmeladen, hausge- leben, fremd. Da ist es nicht damit getan, sie
machtem Wein und Schnaps, Paprikapaste ¹Sinti und Romaª statt Zigeuner zu nennen;
und groûen Kæpfen Weiûkohl (den man zu da werden bloû pejorative durch ethnische
Hause in groûen Fåssern ansåuern wird) zu Stigmatisierungen vertauscht.
beladen, steht ohne Benzin vor der Haustçr.
Gelegentlich meldet es sich via Alarmanlage, Kehren wir zur ¹normalenª Frau zurçck,
wenn ein Passant zu nah daran vorbeigeht, die ihre Armut nicht zeigt. Es wçrde ihren
mit markerschçtterndem Gejaule. Wie ein ge- Stolz verletzen, als studierte Geologin, die
schlagener Hund. Einer von den Tausenden, jetzt in einem Souterrain als Friseurin arbei-
die herrenlos durch Bulgariens Stådte laufen tet, zu den Armen gezåhlt zu werden: Eine
und nachts in die Mçllcontainer springen, um Familie mit zwei Kindern benætigt etwa 800
sich dort Brotreste und andere Essensrçck- Lewa monatlich, das sind mehr als 400 Euro
stånde herauszuholen. Tagsçber gehæren ± und das, obwohl viele Familien noch
diese Container den Rentnern und den Zigeu- Wohneigentum haben aus Todor Shivkovs

34 APuZ 27/2006
Zeiten. Das Durchschnittseinkommen von sondern Vertrauenspersonen, die bei familiå-
derzeit 340 Lewa gibt aufgrund einer kleinen, ren Problemen eher noch als die Eltern zu
gut verdienenden Schicht nicht die tatsåchli- Rate gezogen werden. Eine Bekannte erzåhlte
chen Einkommensverhåltnisse wieder. Eine mir, dass neulich eine Frau unangemeldet bei
Verkåuferin etwa darf mit 120 bis 300 Lewa ihr aufgetaucht sei. Sie war schon auf dem
im Monat rechnen. Der Taxifahrer, der mich Weg zum Flughafen, um in die USA zu flie-
vorsichtig fragt, was ich von Bulgarien halte gen, wo ihr Mann arbeitete. Sie hatte den Ver-
und den ich dann ± fast schon so misstrauisch dacht, dass er dort fremdgehe, aber sie habe
wie er ± zurçckfrage, welches Bulgarien er nicht fliegen wollen, ohne sich vorher noch
meine, bringt es auf maximal 500 Lewa. mit ihrer kuma, der Mutter meiner Bekannten,
Dafçr fåhrt er 16, 18 Stunden am Tag. Zu beraten zu haben.
Hause sitzen drei Kinder, und seine Frau be-
kommt keine Arbeit. Ohne die Frauen geht nichts. Ich habe als
freischaffender Auslånder verblçfft festge-
In den zahllosen Cafs, Restaurants und stellt, dass vier der fçnf tragfåhigen Freund-
Lådchen mit Sçûwaren, Limonaden und Zi- schaften, auf die ich mich im Falle einer Not-
garetten bedienen vorwiegend junge Frauen lage wohl verlassen kænnte, Freundschaften
bis zum 25. Lebensjahr und mit mæglichst an- zu Frauen sind. Im Unterschied zu den meis-
sprechendem Øuûeren. Von einem eigenen ten Månnern, die mich ziemlich rasch und
Leben in einer eigenen Wohnung kænnen sie unverblçmt um kleine oder græûere Gefållig-
nur tråumen. Sie wohnen in der Regel in der keiten bitten, geht es den Frauen um eine ver-
Zwei- bis Dreizimmerwohnung ihrer Eltern låssliche und kommunikativ interessante Be-
auf durchschnittlich 50 bis 80 Quadratme- ziehung, die sich gern auf den Bereich gegen-
tern. Geheiratet wird, wenn die Eltern der seitiger Hilfeleistung ausdehnen darf. Und da
Brautleute den mladoshenzi eine Wohnung sie diejenigen sind, die die tåglichen Probleme
zusammengespart haben. Und weil das in der Familie zu læsen haben, unterscheiden
immer seltener klappt, bleiben immer mehr sie sehr genau, ob das Problem wirklich exis-
junge Leute ledig. Die durchschnittliche sta- tenziell ist oder nicht. Wenn ja, und wenn
tistische Kinderzahl liegt bei knapp çber der ihnen der Kontakt Freude bereitet, setzen sie
Ziffer 1, etwa die Hålfte von ihnen kommt alle Hebel in Bewegung, um zu helfen. Nicht,
unehelich zur Welt, da eine Ehe kaum mehr dass die Månner hinter einer Machofassade
soziale Sicherung bedeutet. In einem Land, schlechte Kerle wåren. Sie bitten dich auch
dessen Denkstrukturen aus der Vergangenheit nicht nur deshalb um eine Gefålligkeit, weil
auch in der Hauptstadt noch ausgesprochen du aus Deutschland kommst. Nein, das We-
wirksam sind, ist das eine Schmach. Die deln mit ¹Verbindungenª, die sie spielen las-
Frage nach dem Nachwuchs hat elementare sen kænnten, gehært zu ihrem Mannsein. Du
Dimensionen angenommen. Von den neun kommst aus Deutschland? Dann kænntest du
Millionen Einwohnern Mitte der achtziger doch mal, wenn du das nåchste Mal hinfåhrst,
Jahre sind 7,8 Millionen çbrig geblieben. Die beim ærtlichen Fiat-Håndler nach einer Kur-
eine Hålfte dieser guten Million ist emigriert, belwelle fçr meinen 1978-er fragen. Oder
die andere Hålfte ist gestorben, auch verhun- gleich nach einem guten ¹Gebrauchtenª.
gert, erfroren ± meist Rentner. Wenn du gesagt håttest, du fåhrst morgen
nach Varna, håtte er dich um etwas gefragt,
Diese Lage wird von den Bulgaren umso was man halt dort und nur dort bekommt.
tragischer empfunden, als im orthodoxen Kul-
turraum die Familie mit Kindern noch immer Armut çberall, und dann jeder ein Handy,
an oberster Stelle der Werteskala steht. Gott, auch die Frauen? Das Mobiltelefon spart die
das Brot und die Familie ± das ist die Heilige Bçromiete. ¹Handyª kommt in Bulgarien
Trinitåt. Trotz der Warenflut aus dem Westen nicht von ¹handlichª, sondern von ¹han-
und 50 Kabelprogrammen, die die weite Welt delnª: Es ersetzt den Terminkalender. In so
auf Bildschirmformat bringen ± klein genug einem skapana darschawa (¹verfaulten Staatª,
fçr das kleine Bulgarien ±, sind die festesten liebevolle Erinnerung an den faulenden Kom-
Bande nach wie vor die Familien. Dazu zåhlen munismus) sind Terminkalender Papierver-
auch kum und kuma, Trauzeuge und Trauzeu- schwendung. Sich darçber zu årgern, dass
gin. Diese sind nicht notwendige Ûbel beim etwas, was vor långer als einer Stunde verein-
Verwaltungsakt ¹Standesamtliche Trauungª, bart wurde, nicht funktioniert, ist bei der

APuZ 27/2006 35
Fçlle der mæglichen unvorhersehbaren Ereig- an der er jetzt studiert, bietet ein Ingenieurs-
nisse sinnlos. Im Leben, auf der Straûe, im und Informatikstudium auf Weltniveau. Ab-
Bus, in der klapprigen Straûenbahn, im Taxi, solventen finden verhåltnismåûig leicht Ar-
auf dem Markt, im Caf, im Hauseingang beitsplåtze im Ausland. Natçrlich sieht der
musst du flexibel sein: Jede noch so winzige Rektor diesen ¹brain drainª, diesen istitschane
Gelegenheit, an etwas Fehlendes heranzu- na mosetzi, mit einem lachenden und einem
kommen, ist eine gçnstige. weinenden Auge: Er befærdert den internatio-
nalen Ruf der Universitåt, aber der bulgari-
Was braucht der Mann neben einem sche Staat setzt damit das wenige, was er fçr
Handy sonst: ein Auto, eine Lederjacke, eine Bildung ausgeben kann, in den Sand, da es
Reservepackung Zigaretten (besser ¹Marlbo- der eigenen Volkswirtschaft nicht zugute
roª oder ¹Davidoffª als ¹Bulgartabakª). Da- kommt. Was sollen seine Lieblingsstudenten
rçber ± nicht çber Familiåres ± spricht man tun, wenn Russe, einst eines der fçhrenden
beim Backgammon in der Eckkneipe. Wo Schwerindustriezentren Bulgariens mit der
man ¹anschreibenª lassen darf. Wo man aber, 2,8 Kilometer langen, doppelstæckigen Do-
wenn man ¹hatª, auch groûzçgig sein muss: naubrçcke und einem der græûten Donauhå-
Groûzçgigkeit ist die netteste Art, die Græûe fen, stirbt? Jetzt hofft er, dass es mit dem
des eigenen Territoriums zu zeigen. Und dass Bulgarisch-Rumånischen Interuniversitåren
es der Frau zu Hause an etwas mangelt, låsst Europazentrum vorangeht, das, von der deut-
man sich nicht nachsagen. Wenn es irgendwie schen Hochschulrektorenkonferenz initiiert,
geht, kriegt sie das traumhafte Wohnzimmer, mittelfristig nicht nur bulgarischen und rumå-
das sie sich auf dem Sonntagsspaziergang an- nischen Studenten ein Studienjahr an Partner-
geschaut haben. Wenn es irgendwie geht, universitåten in Deutschland ermæglichen,
wird die Villa im Gebirge demnåchst mit Pa- sondern auch Studenten aus dem europåischen
neelen verkleidet, ¹und dann kommt ihr alle Ausland anziehen soll. Ûberdies soll es den
zu Gastª, und der Tisch wird sich ± bulgari- Grundstock zu einer Euroregion Russe-Giur-
sche Gastgeberehre ± biegen unter der Last giu legen, um die Anziehung europåischer
der Speisen und Getrånke, die alle auf einmal Strukturfærdermittel zu erleichtern.
aufgetragen werden, damit keiner der Gåste
in die peinliche Verlegenheit kommt, nach Die Læhne in Bulgarien sind niedrig. Was
etwas fragen zu mçssen. Doch seit etwa sie- der bulgarische Mann verdient ± wenn er bei
ben, acht Jahren hat ¹Mannª nicht mehr, er jener Dunkelziffer, çber die die offizielle Ar-
muss immer vertracktere Leih- und Tausch- beitslosenquote von 9,8 Prozent hinweg-
strategien entwickeln, um dies noch zu be- tåuscht, çberhaupt etwas verdient ±, braucht
kommen, wenn er jenes dafçr organisiert, er fçr sich, um den månnlichen Minimalkon-
eruiert, initiiert. ¹Mannª kann nicht mehr sens zu wahren. Denn der Mann ist das Binde-
einladen: drug pet ± ein andermal! glied zwischen dem Innenraum des familiåren
Uterus und der Bçhne der Úffentlichkeit in
Nun hat der Sohn auch noch zu studieren Dorf oder Stadtviertel. Die Frau versorgt
begonnen. Unter 300 Lewa im Monat låuft Haushalt und Kinder und geht natçrlich auch
nichts. Die Abiturfeier, obwohl man Jahre arbeiten ± mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht
darauf sparte, hat ein groûes Loch in die Haus- nur abends zwischen 17 und 21 Uhr im Fri-
haltskasse gerissen, denn als Grundstock zur siersalon, sondern auch tagsçber, damit es we-
hæheren Bildung hat das Abitur in Bulgarien nigstens vorn reicht, dort, wo sich die Familie
einen unglaublichen Wert und wird gefeiert zur Gemeinschaft æffnet und sich zeigt: mit
wie drei runde Geburtstage auf einmal. ¹Ler- gut gekleideten und genåhrten Kindern, die
nenª ist, trotz der Tatsache, dass die meisten gelernt haben, wie man sich benimmt, und die
Universitåtsabsolventen keine Stelle finden, haben, was die anderen haben: ¹Opravim se
noch immer das Tor zur Welt, die Bedingung njakaksi ± wir schaffen's irgendwie!ª
der Mæglichkeit einer menschenwçrdigen
Existenz; denn wenn man gut ist ± und bulga- Aus dem bisher Gesagten kænnte der Ein-
rische Studenten sind im Ausland dafçr be- druck entstehen, dass die Månner das Stra-
kannt ±, kænnte es der Sohn nach Kanada oder ûenbild beherrschen und die Frauen das Haus
in die USA schaffen, oder wenigstens nach hçten ± war Bulgarien nicht einmal Teil des
Deutschland, Groûbritannien oder, zuneh- Osmanischen Reiches, der ¹europåischen
mend, nach Sçdafrika. Die Universitåt Russe, Tçrkeiª? Das ist aber keineswegs der Fall.

36 APuZ 27/2006
Der Unterschied besteht lediglich darin, dass çbertragen wird, ein Ereignis, bei dem sich
die Månner in der Regel im Caf zusammen- Jung und Alt darçber begeistern, ¹was fçr
sitzen, wåhrend die Frauen, wenn sie es sich Schænheit es doch gibt in unserem kleinen
leisten kænnen, Shoppen gehen oder Besor- Bulgarienª. Diesem æffentlich zur Schau ge-
gungen machen, um die tausend kleinen Ob- stellten Schænheitsbedçrfnis und dem auch
liegenheiten des Alltags abzuwickeln. In Bul- bei den Schlagersternchen evidenten ¹Sex
garien werden Heizung, Strom, Wasser und sellsª entspricht zumindest bei den Ølteren
Telefon noch immer an speziellen Schaltern keineswegs eine libertinåre Gesinnung.
in der Post oder den Zweigstellen der Wasser-
und Stromversorger bar bezahlt. Die kleinen Der Kommunismus war auch deshalb so
oder groûen Rechnungen, Talons oder Zettel- unbeliebt, weil er sich weder um schæne
chen liegen teils in der Mitte, teils am Ende Autos noch um Mode gekçmmert hat. Dem
des Monats ohne Umschlag in den Briefkås- Bedçrfnis nach phantasievoller Kleidung ent-
ten der Blockeingånge, und wenn es, wie in spricht eine Unzahl kleiner Boutiquen, Stoff-
meinem Wohnblock, so ist, dass die meisten geschåfte und Ønderungsschneidereien. Sehr
Briefkastentçrchen abgerissen worden sind viele Bulgarinnen kænnen selbst nåhen, denn
von Leuten, die nach dicken Briefen aus dem die subversivste Zeitschrift vor der Úffnung
Ausland suchen, in denen vielleicht Geld des Eisernen Vorhangs war nicht der ¹Spie-
steckt, der muss damit leben, dass seine gelª, sondern die ¹Burdaª: Sie versprach die
Nachbarn genau wissen, wie viel er telefo- kleine Flucht aus allgegenwårtiger Uniformi-
niert oder geduscht hat. tåt, die schon mit der einheitlichen Schul-
tracht begann. Jetzt sind vor den grauen Plat-
Frauen bilden die Mehrzahl der Beleg- tenbauten und den bræckelnden Grçnderzeit-
schaft in den Einzelhandelsgeschåften und fassaden im Zentrum Sofias die Farben
gastronomischen Betrieben. Die Weiblichkeit explodiert. Jedes Geschåft, das Platz dazu
wird mit allen Mitteln unterstrichen. Je græ- hat, stellt seine Produkte vor die Tçr; hinzu
ûer der Kontrast zwischen den Geschlech- kommen an jeder Bushaltestelle farbig gestri-
tern, desto besser. Wer eine gute Figur hat, chene Metallpavillons oder Bçdchen, in
der zeigt sie; wer schænes Haar hat, der låsst denen Zigaretten, Pralinen, Billigelektronik,
es so lang wachsen, wie es nur irgend geht. Zeitungen, Nçsse, Såfte, Limonaden und Al-
Und wer kein schænes Haar hat, der låsst kohol verkauft werden. Eine gute Flasche
sich, wenn die 500 bis 1 000 Lewa aufzutrei- Schnaps ist mit vier bis zehn Lewa billiger als
ben sind, eine Haarverlångerung machen. eine gute Flasche Wein. Auch in vielen Plat-
Denn langes, gesundes Haar heiût in Bulga- tenbauten am Stadtrand sind auf der Rçcksei-
rien: Ich bin die bessere Frau. Ich bin frucht- te der Eingånge die Wånde herausgebrochen,
barer. Ich bin stårker. Ich halte mehr aus. Was und ein Lådchen oder ein kleines Caf hat er-
fçr Franzosen das Parfum ist, das ist fçr Bul- æffnet. In den vergangenen Jahren bekamen
garen das Haar. diese Mini-Cafs Konkurrenz von einer Un-
zahl von Kaffeeautomaten, die in Windeseile
Weit entfernt davon, den Lebenshunger die Stådte çberzogen haben.
ihrer Tæchter zu verurteilen, ist die allge-
meine Haltung der Eltern den ditschitza, den Das Savoir vivre der Bulgaren in den Zeiten
¹Kinderchenª, gegençber von græûter Auf- fortschreitender Armut ist schnell umrissen:
opferung geprågt. Alles, was man hat, soll Es besteht darin, sich mit Bekannten zu einer
den Kindern zugute kommen. So ist auch die Tasse Espresso in einem Mini-Caf zu treffen,
Schænheit der devojki, der ¹Jungfråuleinsª, zu rauchen, zu erzåhlen und, wenn es der
der ganze Stolz der Familie. Schulen fçr Man- Geldbeutel erlaubt, ein Stçck Torte, eine
nequins und Fotomodelle laden schon Måd- Tafel Schokolade, ein Hærnchen oder einen
chen im Kindergartenalter dazu ein, das rich- frittierten Teigring zu essen. Auf dem Weg
tige Låcheln, den richtigen Schritt auf dem zur Arbeit holt man sich fçr 40, 50 Stotinki
Catwalk hinzubekommen, denn mit spåtes- eine zakuska, etwas aus Teig, auf die Hand:
tens 16 muss alles sitzen. Das Leiden der vie- eine Teigtasche mit weiûem Kåse (nicht
len ¹kleinenª Schænheiten, die nicht græûer immer Schafskåse), tutmanik (ein weicher
als 1,60 Meter sind, ist unaussprechlich. Sie Zopfteig mit Kåsefçllung) oder einen Hot-
sitzen resigniert und fasziniert vor dem Fern- dog; mittags sind Pizzen am beliebtesten, ein
seher, wenn die Wahl der ¹Miss Bulgariaª Pizza-Achtel fçr ein Lev, wobei der Durch-

APuZ 27/2006 37
messer der Pizza beeindruckende 60 bis 70
Zentimeter betrågt. Die Månner ernåhren
sich eher von Fleisch, zwei bis drei Kebap-
tschen, Rællchen aus Hackfleisch mit Gewçr-
zen ± oder von einer kråftigen Kuttelsuppe.
Dazu ein Bier und viel Brot. Eine Spezialitåt
des Landes ist die bosa (bosaja heiût saugen),
ein beigebraunes Gebråu aus Weizen, Wasser
und Zucker; sie wird zur baniza, der Teigta-
sche, getrunken. Es ist dickflçssig und såuer-
lich, aber man gewæhnt sich daran. Die vielen
Kohlehydrate, der Alkohol, das Rauchen und
die unzåhligen Tåsschen gesçûten Kaffees,
die der Bulgare jåhrlich trinkt, haben ihn an
die erste Stelle der Herzinfarkte in Europa
katapultiert.

Aber warum soll man lange schlecht leben?


Es wird doch sowieso nicht besser. Die Politi-
ker haben, so Volkes Meinung, seit der natio-
nalen Befreiung vor 130 Jahren, seit der ersten
Volksversammlung von 1879, immer nur das
eine getan: sich selbst bereichert. Stefan Stam-
bolov etwa hat als armer Schlucker in den
Reihen der Revolutionåre unter Einsatz sei-
nes Lebens fçr die Befreiung Bulgariens ge-
kåmpft ± und wenige Jahre spåter, als Minis-
terpråsident, war er ein gnadenloser Etatist, Who is Who in Citizenship Education in Europe?
der das Volk schindete und sich nebenbei
Die Akteure der politischen Bildung in Europa stehen bis-
Håuser und ein Vermægen zusammendiplo-
lang nur unzureichend miteinander in Kontakt, ein Fachdis-
matisierte. Daran hat sich bis heute nichts ge- kurs auf europåischer Ebene findet kaum statt. Das Zusam-
åndert. Die Abgeordneten, alle 240, sind nach menwachsen Europas erfordert aber verstårkt transnational
ein paar Jahren im Parlament gemachte ausgerichtete politische Bildungsarbeit. Im Rahmen des
Leute. Da wirkt der kleine Vers, in dem der Schwerpunktes NECE ± Networking European Citizenship
Abgeordnete X der Leserschaft der Zeitung Education befærdert die Bundeszentrale fçr politische Bil-
dung/bpb den transnationalen Austausch von Methoden
Y in einem Portrait als guter Vater nahe ge-
und Konzepten ± face to face und virtuell.
bracht werden sollte, unfreiwillig entlarvend:
¹Spi, detenze sladko, / Deputat e tvojat tatko Die NECE-Datenbank ist das erste europåische Portal, das
± Schlafe, mein sçûes Kindelein, / dein Vater die Vielfalt der Experten, Projekte und Initiativen bçndelt
kam ins Parlament hinein!ª und abrufbereit macht. Die bpb und die Universitåt Bielefeld
haben das englischsprachige Datenbanksystem entwickelt.
Diese Streiflichter çber ein gar nicht so Die NECE-Datenbank unterstçtzt die europaweite Vernet-
kleines Land (es hat die Græûe der ostdeut- zung von Experten und Projekten aus Bildung, Politik, Kultur
und Gesellschaft. Detaillierte Suchanfragen ermæglichen
schen Bundeslånder) am sçdæstlichen Rand es, nach bestimmten Kategorien von Organisationen, nach
Europas mægen zeigen, dass dort, wo nichts Låndern und Arbeitsschwerpunkten zu suchen und direkten
mehr mæglich zu sein scheint, immer noch Kontakt zu Partnern aufzunehmen. Gleichzeitig besteht die
das Unmægliche passieren kann. Reste archai- Mæglichkeit, eigene Eintråge vorzunehmen, so dass die Da-
schen Wunderglaubens, ungebrochene Tradi- tenbank stetig ausgebaut wird.
tionslinien und die vielen Fest- und Feiertage
kirchlicher, staatlicher oder heidnischer Pro- Nutzen Sie die umfangreichen Mæglichkeiten dieses neuen
europåischen Datenbanksystems und leisten Sie Ihren Bei-
venienz erzeugen ein Gefçhl unterschwelliger
trag zur Entstehung einer europåischen Úffentlichkeit.
Euphorie. Es ist, als ob unter sehr viel Asche
immer noch sehr viel Glut loht. Unter www.bpb.de/nece kænnen Sie sich eintragen
oder Ihre Suchanfrage starten.

38 APuZ 27/2006
Herausgegeben von
der Bundeszentrale
fçr politische Bildung
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53113 Bonn.

Redaktion
Dr. Katharina Belwe
Dr. Hans-Georg Golz
(verantwortlich fçr diese Ausgabe)
Dr. Ludwig Watzal
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Andreas Kætzing (Volontår)
Telefon: (0 18 88) 5 15-0
oder (02 28) 36 91-0

Internet
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Aus Politik und Zeitgeschichte
Nåchste Ausgabe 28 ± 29/2006 ´ 10. Juli 2006 * Abonnementsbestellungen der
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Wolfgang Gçnter Lerch


Die Veræffentlichungen
Der Islam in der Moderne
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Naika Foroutan der Herausgeberin dar; sie dienen
Kulturdialoge in der politischen Anwendung der Unterrichtung und Urteilsbildung.

Levent Tezcan Fçr Unterrichtszwecke dçrfen


Interreligiæser Dialog und politische Religionen Kopien in Klassensatzstårke herge-
stellt werden.
Armin Nassehi
Dialog der Kulturen ± wer spricht? ISSN 0479-611 X
Rumånien und Bulgarien APuZ 27/2006
Richard Wagner
3-6 Autistische Nachbarn
Rumånien und Bulgarien sind als autistische Nachbarlånder fçr die sçdosteuro-
påische Peripherie nicht untypisch. Den Gesetzen des Randes folgend, blicken
sie aneinander vorbei und wie gebannt auf das Zentrum.

Olaf Leiûe
6-13 Rumånien und Bulgarien vor dem EU-Beitritt
Die Rçckkehr Rumåniens und Bulgariens nach Europa gestaltet sich auch
16 Jahre nach dem Ende des Kommunismus sehr schwierig. Fçr beide Lånder
hat der EU-Beitritt oberste politische Prioritåt.

Lucian Boia
13-20 Historische Wurzeln der politischen Kultur Rumåniens
Die periphere Lage Rumåniens hat kulturelle Eigenheiten begrçndet: die Dialek-
tik des Rçckzuges auf sich selbst bei gleichzeitiger Úffnung in Richtung auslån-
discher Vorbilder; eine starke Identifikation mit der Nation; die Tendenz zum
politischen Autoritarismus.

Ivaylo Ditchev
20-28 Die geheimen Freuden des Provinzialismus
Einerseits besteht nahezu einhelliger Konsens çber die europåische Orientierung
Bulgariens, andererseits aber lassen Meinungsumfragen offen antieuropåische
Haltungen zutage treten.

Ana Blandiana
28-32 Kann man Erinnerung lernen?
Das rumånische Memorial Sighet ist ein Symbol fçr die Bedeutung und die Not-
wendigkeit der Erinnerung fçr die Existenz der Zivilgesellschaft. Ohne sie wird
das Volk zur Masse und die Geschichte zu einer unglaublichen Erzåhlung von
der Entstellung des kollektiven Geistes.

Thomas Frahm
32-38 Savoir vivre auf Bulgarisch
Die Lånder des Balkans nehmen auf unserer geistigen Landkarte immer noch
einen nur geringen Raum ein, und vieles spricht dafçr, dass Bulgarien das
Schlusslicht bildet. Der Beitrag gibt ¹auf Augenhæheª Einblicke in den Alltag
der Menschen.