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APuZ

Aus Politik und Zeitgeschichte


22–23/2011 · 30. Mai 2011

Sinti und Roma


Zoni Weisz
Ein immer noch vergessener Holocaust
Frank Sparing
NS-Verfolgung von „Zigeunern“ und „Wiedergutmachung“
Markus End
Bilder und Sinnstruktur des Antiziganismus
Herbert Heuss
Roma und Minderheitenrechte in der EU
M. Demir · J. Orsós · V. Rodríguez · G. Caldararu · E. Elmazi
Die größte Minderheit in Europa
Heike Kleffner
„Jeden Tag verlieren wir jemanden.“ Eine Reportage
Nihad Nino Pušija
Duldung Deluxe
Reinhard Marx
Roma in Deutschland aus ausländerrechtlicher Sicht
Daniel Strauß
Zur Bildungssituation von deutschen Sinti und Roma
Editorial
Seit dem Mittelalter sind Sinti und Roma in Europa ansässig.
Ihre Ausgrenzung begann in der Frühen Neuzeit mit der Her-
ausbildung der Territorialstaaten. Im 20. Jahrhundert wurden
über 500 000 aus „rassischen“ Gründen als „Zigeuner“ Verfolg-
te von den Nationalsozialisten in Deutschland und im besetz-
ten Europa ermordet. Nach 1945 wurde die Verfolgung von der
Mehrheitsgesellschaft lange verdrängt, Entschädigungsanstren-
gungen verliefen schleppend. Erst 1982 erkannte die Bundesre-
gierung den Völkermord an; Ende dieses Jahres soll in Berlin
das zentrale Mahnmal eingeweiht werden.

Rund 70 000 Sinti und Roma sind deutsche Staatsbürger, in der


großen Mehrheit sind sie Katholiken. Mehr als drei Viertel der
nationalen Minderheit, so Romani Rose, Vorsitzender des Zen-
tralrats Deutscher Sinti und Roma, haben indes Diskriminie-
rungserfahrungen gemacht. Nach dem Abschluss des deutsch-
kosovarischen „Rückübernahmeabkommens“ stehen Roma aus
dem ehemaligen Jugoslawien, die während der Bürgerkriege in
Deutschland Zuflucht gefunden haben, vor der Abschiebung,
darunter viele, die hier geboren und aufgewachsen sind.

Die bis zu zwölf Millionen Sinti und Roma stellen mit einem
Altersdurchschnitt von 25 Jahren Europas jüngste Bevölke-
rungsgruppe. Doch vielerorts gibt die innenpolitische Entwick-
lung Anlass zur Sorge. In Südosteuropa leben Roma häufig am
Rande der Gesellschaft: In den ehemals sozialistischen Staaten
geht es ihnen heute schlechter als vor der Zeitenwende 1989/90.
Klischees sind langlebig, antiziganistische Ressentiments weit
verbreitet. Die EU-Kommission hat jüngst den Mitgliedstaaten
aufgetragen, nationale Roma-Strategien zu entwickeln. Die un-
garische EU-Ratspräsidentschaft hat die Integration der Roma
zum Schwerpunkt erklärt. Der Schlüssel zur gesellschaftlichen
Inklusion heißt Bildung.

Hans-Georg Golz
Zoni Weisz Heute gedenken wir der Opfer des natio-
nalsozialistischen Genozids an 500 000 Sin-

Ein immer noch ti und Roma, wir erinnern an die Opfer der
Schoa, des Mordes an sechs Millionen Ju-
den, und wir gedenken all der anderen Op-

vergessener fer des Nazi-Regimes. Es war ein sinnloser,


industriell betriebener Mord an wehrlosen,
unschuldigen Menschen, ersonnen von fana-

Holocaust tischen Nazis, Verbrechern, die dazu in ih-


ren Rassegesetzen eine Legitimation fanden.
Jetzt, 66 Jahre nach Ende des Zweiten Welt-

Essay kriegs, stelle ich mir immer noch die Frage,


wie es möglich war, dass so viele unschuldige
Menschen ermordet werden konnten.

D ass ich heute, am Tag des Gedenkens an


die Opfer des Nationalsozialismus, hier
im Deutschen Bundestag zu Ihnen sprechen
Unmittelbar nach der Machtübernahme
Hitlers im Jahre 1933 wurde der demokra-
tische Rechtsstaat in schnellem Tempo zer-
darf, stellt für mich ein schlagen. Politische Gegner wurden einge-
Zoni Weisz besonderes Privileg sperrt, und auch Sinti und Roma wurden
Geb. 1937; Repräsentant der und eine große Ehre seinerzeit schon in die ersten Konzentrati-
niederländischen Sinti und dar. Gemeinsam mit onslager abtransportiert. Der Antisemitis-
Roma; Mitglied des nieder- Ihnen an dieser Stel- mus und der Antiziganismus können in Na-
ländischen und des Interna- le an die Schrecknisse zi-Deutschland niemandem entgangen sein,
tionalen Auschwitz-Komitees; der Nazizeit zu erin- ebenso wenig die Politik, dies in Form anti-
Jurymitglied des Europäischen nern, ist eine besonde- jüdischer und gegen sogenannte „Zigeuner“
Bürgerrechtspreises der Sinti re Erfahrung für mich gerichteter Maßnahmen und Verfolgungen
und Roma; Florist, persönlich, aber auch ins Werk zu setzen. Die Nazis ließen kei-
Uden/Niederlande. für die Gemeinschaft nen Zweifel aufkommen: weg mit den „Zi-
zoni.weisz@kpnmail.nl der Sinti und Roma geunern“, weg mit den Juden, die sie beide als
insgesamt. Hier heu- Gefahr betrachteten. Dass es den Sinti und
te stehen zu dürfen, empfinde ich als Zeichen Roma sowie den Juden schlecht ergehen wür-
der Anerkennung des uns während der Zeit de, war klar.
des Nationalsozialismus zugefügten Leids.
Sinti und Roma sind nach Einführung der
Es ist nicht das erste Mal, dass ich hier vor Nürnberger Rassengesetze im Jahre 1935
diesem Plenum stehen darf. Auch am 7. No- ebenso wie die Juden aus rassischen Grün-
vember 1999 war ich hier. Anlässlich des den verfolgt worden. Juden und „Zigeuner“
50-jährigen Jubiläums des Deutschen Bundes- wurden als „fremdrassig“ definiert und ih-
tags durfte ich an dieser Stelle das Geschenk rer Rechte beraubt. Sie wurden vom öffent-
des niederländischen Parlaments, ein Blumen- lichen Leben ausgeschlossen. Dem lag eine
kunstwerk, gestalten. Als ich seinerzeit darum besondere Strategie zugrunde, eine Strategie,
gebeten wurde, habe ich als Überlebender des die ich als „Salami-Taktik“ definieren möch-
Holocaust gezweifelt, ob ich diese ehrenvolle te: immer einen Schritt weiter, was letztlich
Aufgabe übernehmen soll. Sie werden verste- in einer ganzen Reihe von Maßnahmen gip-
hen, dass eine solche Entscheidung nicht ein- felte: identifizieren, erfassen, isolieren, be-
fach war, doch ich bin stolz, dass ich diesen rauben, ausbeuten, deportieren und schließ-
Auftrag angenommen und ausgeführt habe. lich ermorden.
Die Arbeit an der Blumendekoration hat mir
ein gutes Gefühl beschert. Gerade hier, im Für die Olympischen Spiele 1936 sollte Ber-
Deutschen Bundestag, konnte ich zeigen, dass lin „zigeunerfrei“ gemacht werden. Sinti und
die Nazis uns nicht alle haben ermorden kön- Roma wurden aufgegriffen und in ein Inter-
nen. Dass wir das Leben wieder in die Hand
genommen und etwas daraus gemacht haben. Ungekürzte, leicht redigierte Rede vor dem Deut-
Für mich war es auch eine symbolische Geste schen Bundestag am Tag des Gedenkens an die Opfer
an das Deutschland von heute. des Nationalsozialismus am 27. Januar 2011.

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nierungslager im Berliner Vorort Marzahn lagern und nach der Selektion sofort vergast
abtransportiert, wo sie unter menschenun- wurden, hat man Sinti und Roma in Ausch-
würdigen Bedingungen leben mussten. In witz-Birkenau im Familienverband im so-
den darauf folgenden Jahren wurden immer genannten „Zigeunerlager“ interniert. Nach
mehr Sinti- und Roma-Familien interniert, dem Aufstand im „Zigeunerlager“ im Mai
bis dann im Laufe des Jahres 1943 auf Befehl 1944 wurden fast alle Männer ausgesondert
des Reichsführers SS Heinrich Himmler na- und in andere Konzentrationslager verlegt.
hezu alle Gefangenen nach Auschwitz-Birke- Mein Vater, mein Onkel und andere Famili-
nau deportiert wurden. enmitglieder wurden nach Mittelbau-Dora
abtransportiert, wo sie in der unterirdischen
Im Jahre 1936 wurde in Berlin unter der Waffenindustrie unter erbärmlichsten Um-
Leitung von Robert Ritter die „Rassenhy- ständen arbeiten mussten. Sie sind dort ums
gienische Forschungsstelle“ gegründet. Hier Leben gekommen: „Vernichtung durch Ar-
wurden Menschen fotografiert, es wur- beit“.
den ihre Gesichter und Körper vermessen
und allerlei rassische Besonderheiten festge- Die Bedingungen im „Zigeunerlager“ wa-
legt. Himmler befahl der Forschungsstelle ren unvorstellbar. Hunger, Kälte und anste-
1938 die Erfassung aller Sinti und Roma im ckende Krankheiten forderten Tag für Tag
Deutschen Reich. 24 000 so genannte „Ras- ihren Tribut. Ich muss häufig an all die Müt-
segutachten“ wurden von Ritter und seinen ter, auch meine Mutter, denken, die sich um
Mitarbeitern verfasst – alles diente der Vor- ihre Kinder sorgten und sich das Essen vom
bereitung des Völkermords an den Sinti und Mund absparten, um ihre Kinder am Leben
Roma. In der Zeitschrift des Nationalsozia- zu erhalten. Sie mussten in manchen Fällen
listischen Ärztebundes schrieb Kurt Hanne- erleben, dass an ihren Kindern die fürchter-
mann 1938: „Ratten, Wanzen und Flöhe sind lichsten medizinischen Experimente durch-
auch Naturerscheinungen, ebenso wie die Ju- geführt wurden. Heute wissen wir, wozu
den und Zigeuner. (…) Alles Leben ist Kampf. das führte. Wir können uns nur schwer eine
Wir müssen deshalb alle diese Schädlinge all- Vorstellung von den unvorstellbaren Leiden
mählich ausmerzen.“ Dies bedarf meiner An- machen, die diese Menschen erlitten haben.
sicht nach keiner näheren Erläuterung; das ist In der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944
Irrsinn in höchster Form. Diese Art von Ein- wurden die verbliebenen 2900 Frauen, Kin-
lassungen trugen das ihre zur herrschenden der und alten Menschen aus dem „Zigeuner-
Atmosphäre bei und verschafften den Nazis lager“ vergast, darunter auch meine Mutter,
die Legitimation, die von ihnen so bezeichne- meine zwei Schwestern und mein Bruder.
ten „Untermenschen“ schließlich im großen
Maßstab zu ermorden. Es gab im national- Der Völkermord an den Sinti und Roma
sozialistisch besetzten Europa keine Familie ist immer noch ein „vergessener Holocaust“,
unter den Sinti und Roma, die nicht vom Ho- weil ihm in den Medien nach wie vor wenig
locaust betroffen war. Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Ich
frage mich, warum das so ist. Sind die Op­
Xenophobie, die Angst vor dem Fremden ferzahlen ausschlaggebend für die Aufmerk-
und den Fremden, gab es zu allen Zeiten. Für samkeit, die einem zuteil wird, oder ist das
Sinti und Roma waren Verfolgung und Aus- Leid eines einzelnen Menschen wichtig? Ich
grenzung nichts Neues. Seit Jahrhunderten habe in den zurückliegenden Jahren Dut-
werden wir verfolgt und ausgeschlossen. Po- zende von Gedenkreden gehört, in denen die
grome kamen regelmäßig vor. Deshalb hat- Redner in keiner Weise an das Schicksal der
ten wir häufig keine Chance, ein normales Sinti und Roma erinnert haben. Eine halbe
Leben aufzubauen, zur Schule zu gehen und Million Sinti und Roma – Männer, Frauen
einen normalen Beruf auszuüben. Viele von und Kinder – wurden im Holocaust ausge-
uns wurden an den Rand der Gesellschaft ge- rottet. Nichts oder fast nichts hat die Gesell-
drängt. Leider sind Xenophobie und Rassis- schaft daraus gelernt, sonst würde sie heute
mus in großen Teilen Europas und des Rests verantwortungsvoller mit uns umgehen.
der Welt immer noch hoch aktuell.
Deshalb müssen wir weitermachen, wir
Im Gegensatz zu den Juden, die vielfach müssen über den Holocaust immer wieder
nach ihrem Eintreffen in den Vernichtungs- berichten. Ich engagiere mich im niederlän-

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dischen Verband der Sinti und Roma und bin klärte auch er, dass der Genozid an den Sinti
Mitglied im Nationalen und im Internatio- und Roma aus denselben rassischen Motiven
nalen Auschwitz-Komitee. Ich spreche oft in heraus begangen wurde wie der Genozid an
Schulen, und es ist meine Pflicht gegenüber den Juden.
meiner ermordeten Familie, dazu beizutra-
gen, dass dies niemals vergessen wird. Sinti Mit ungefähr zwölf Millionen Menschen
und Roma waren nach dem Krieg nicht orga- sind Sinti und Roma die wahrscheinlich
nisiert und hatten folglich auch keine Stimme. größte Minderheit in Europa. Unsere Wur-
Aus diesem Grund wurden wir nicht gehört. zeln liegen weit zurück im alten Indien. Un-
Es dauerte bis in die 1970er Jahre, bis Selbst- sere Sprache, das Romanes, ist mit dem al-
hilfeorganisationen entstanden, wir unsere ten Sanskrit verwandt. Bereits zu Beginn des
Stimme erhoben haben und diese Gehör fand. 15. Jahrhunderts wurde von Sinti und Roma
Vielleicht tragen Sinti und Roma auch selbst in großen Teilen Europas berichtet. Entge-
Verantwortung für die geringe Aufmerksam- gen vieler Klischeevorstellungen waren unse-
keit, die unsere Tragödie erfährt. Innerhalb re Menschen Bestandteil der Gesellschaft ih-
unserer Kultur ist es nicht üblich, mit Au- res Landes, in dem sie lebten und arbeiteten.
ßenstehenden über die Schrecken jener Zeit Sie leisteten auf positive Weise einen Beitrag
zu sprechen. Nur wenige sind bereit, ihre Er- zur Kultur ihrer Heimat. Sie waren Arbei-
fahrungen zu Papier zu bringen oder mit an- ter, Handwerker oder Angestellte, Kaufleute
deren zu teilen. oder Künstler.

Eine große Ausnahme bildete der Protest Ich bin gebeten worden, Ihnen meine per-
während der Ostertage des Jahres 1980. Da- sönliche Geschichte und damit auch die Ge-
mals hatte eine Gruppe von Sinti im frühe- schichte aller anderen vom Nazi-Regime ver-
ren Konzentrationslager Dachau als Protest folgten und ermordeten Sinti und Roma zu
gegen die rassistischen Erfassungsmethoden erzählen. Sie werden verstehen, dass es für
von Sinti und Roma durch Justiz und Poli- mich nicht einfach ist, weil es mich in die
zei einen Hungerstreik begonnen. Es ist un- traumatischste Phase meines Lebens zurück-
glaublich, aber diese Erfassung stützte sich auf führt. Wir waren eine glückliche und ange-
Akten aus der Nazi-Zeit und wurde teilwei- sehene Familie. Mein Vater war Musiker und
se sogar von früherem SS-Personal durchge- Instrumentenbauer und verkaufte Musikin-
führt. Dieser Hungerstreik hat in den Medien strumente. Darüber hinaus spielte er in un-
seinerzeit, dies gilt gewiss für Deutschland, serem Familienorchester und hatte in ver-
aber auch darüber hinaus, viel Aufmerksam- schiedenen Städten in Holland Engagements.
keit erregt und für mehr Verständnis für die Im Jahr 1943 begannen die Nazis im großen
Schrecken geführt, die unserem Volk wäh- Maßstab damit, von den Niederlanden aus
rend der Nazi-Herrschaft angetan wurden. Juden nach Auschwitz und in andere Lager
zu deportieren. Zu dieser Zeit hatten wir in
Der 17. März 1982 ist für die Gemeinschaft Zutphen ein Geschäftshaus gemietet, in dem
der Sinti und Roma ein historisches Datum. mein Vater Musikinstrumente reparierte und
An diesem Tag empfing Bundeskanzler Hel- verkaufte.
mut Schmidt eine Delegation des Zentralrats
Deutscher Sinti und Roma unter Leitung des Während der Besatzung der Niederlande
Vorsitzenden Romani Rose. Dabei vollzog führten die Nazis allerlei Maßnahmen ein,
der Bundeskanzler einen völkerrechtlich aus- mit denen sie die Berufsmöglichkeiten für
gesprochen wichtigen Schritt, in dem er das Sinti und Roma einschränken wollten. Diese
gegenüber den Sinti und Roma begangene na- Maßnahmen kennzeichneten den Beginn
tionalsozialistische Verbrechen als einen Völ- der Verfolgung und Deportation der Sinti
kermord anerkannte, der auf der Grundla- und Roma in den Niederlanden. In Deutsch-
ge des Begriffs der „Rasse“ begangen wurde. land selbst und in den anderen von den Na-
Diese Aussage wurde durch seinen Nachfol- zis besetzten Gebieten waren die Deportati-
ger Helmut Kohl im November 1985 bestä- onen von Sinti und Roma seinerzeit bereits
tigt. Bei der Eröffnung der Dauerausstellung in vollem Gange. Der 16.  Mai 1944 ist der
über den Holocaust an den Sinti und Roma schlimmste Tag in der Geschichte der nieder-
in Heidelberg durch den damaligen Bundes- ländischen Sinti und Roma. Die Nazis hatten
präsidenten Roman Herzog im Jahr 1997 er- angeordnet, dass in einer Großrazzia in den

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gesamten Niederlanden sämtliche „Zigeu- Roma und Juden nach Auschwitz zu depor-
ner“ inhaftiert und in das Durchgangslager tieren.
Westerbork überstellt werden sollten – dies
in Erwartung ihrer Deportation nach Ausch- Ich erinnere mich an jedes kleinste De-
witz. Dabei wurden sie von der niederländi- tail dieses Bahnhofs. Wir warteten auf dem
schen Polizei unterstützt. Nach der Ankunft Bahnsteig, als der Zug einlief. Soldaten und
in Westerbork wurden die Sinti und Roma Polizei liefen umher, stampften mit den Fü-
unverzüglich in der Strafbaracke interniert ßen auf und brüllten: „Schnell, schnell, ein-
und kahlgeschoren. steigen!“ Ich sah sofort, wo unsere Familie
war. Mein Vater hatte den blauen Mantel mei-
Am Morgen dieser Razzia war ich nicht zu ner Schwester vor die Gitterstäbe des Vieh-
Hause. Ich hatte bei meiner Tante übernach- waggons gehängt, ich erkannte ihn sofort.
tet, die sich mit ihrer Familie in einem kleinen Es war ein Mantel aus einem weichen blau-
Dorf versteckt hatte. Das Gefühl, das einen en Stoff. Wenn ich die Augen schließe, spü-
durchfährt, wenn man erfährt, dass der eige- re ich heute noch, wie herrlich weich sich der
ne Vater, die eigene Mutter, die Schwestern Mantel meiner Schwester anfühlte. Auch wir
und der Bruder von den Nazis aufgegriffen sollten mit auf diesen Transport nach Ausch-
worden sind, ist nicht zu beschreiben. Man witz gehen.
wird von Angst, Verzweiflung und Panik er-
griffen. Wir mussten so schnell wie möglich In manchen Fällen übertrifft die Realität
untertauchen. Wir trugen ein wenig Klei- die Vorstellungskraft. Mit Hilfe eines „gu-
dung zusammen, nahmen das Essen, das wir ten“ Polizeibeamten, wahrscheinlich ein
noch hatten, tauchten in den Wäldern unter Mitglied der Widerstandsbewegung, ist es
und versteckten uns bei Bauern. Eine kleine uns gelungen, der Deportation zu entgehen –
Gruppe von neun Menschen. Unsere Angst wie in Gottes Namen war dies möglich? Der
und Ungewissheit waren unbeschreiblich. Polizist hatte uns vorher eingeschärft: „Ich
gebe euch ein Zeichen, dann lauft um euer
Nach drei bangen Tagen und Nächten wur- Leben.“ Hier stand der Zug nach Auschwitz:
den auch wir festgenommen und zum Ab- die Viehwaggons und darin meine ganze Fa-
transport ins Durchgangslager Westerbork milie. Auf der anderen Seite vom Bahnsteig
verbracht, wo wir mit unserer Familie zu- stand ein normaler Personenzug. Als der Po-
sammengeführt werden sollten. Der 19.  Mai lizist seinen Hut abnahm, sind wir losgerannt
1944 war der Tag, an dem der sogenann- und konnten in all dem Durcheinander auf
te „Zigeunertransport“ von Westerbork ab- den losfahrenden Personenzug aufspringen
ging. Der Zufall wollte es, dass dies der ein- und so entkommen.
zige Transport aus Westerbork war, von dem
Filmaufnahmen angefertigt wurden. Ver- Das letzte Bild, das ich vor mir sehe, ist
mutlich kennen Sie das Bild des zwischen der Zug nach Auschwitz auf dem anderen
den Waggontüren stehenden Mädchens. Das Bahngleis. In diesem Augenblick sah ich, wie
Mädchen trug eine Kopfbedeckung, vermut- der Zug nach Auschwitz abfuhr. Mein Va-
lich, weil es sich für seinen kahlgeschorenen ter schrie voller Verzweiflung aus dem Vieh-
Kopf schämte. waggon meiner Tante zu: „Moezla, pass gut
auf meinen Jungen auf!“ Das war das Letzte,
Dieses Bild war für viele Jahre das Bild der was ich von meinen Lieben sah. Dieses Bild
Judenverfolgung, bis ein niederländischer hat sich für immer in meine Netzhaut ein-
Journalist, Ad Wagenaar, entdeckte, dass gebrannt. Ich war allein. Als Kind von sie-
es sich bei dem Mädchen nicht um eine Jü- ben Jahren hatte ich alles verloren und fiel
din, sondern eine Sintezza, ein Sinti-Mäd- in ein unermesslich tiefes Loch. Leider ge-
chen mit Namen Settela Steinbach handelte. schieht dies jetzt, heute, in großen Teilen der
Dieser „Zigeunertransport“ hatte Wester- Welt immer noch, und Kinder werden Op-
bork bereits verlassen. Es war nicht möglich, fer von Gewalt. Nach dieser wundersamen
uns noch rechtzeitig auf diesen Transport zu Flucht folgte eine Zeit der Entbehrungen
bekommen. Man brachte uns also zu einem und der Angst im Versteck. Tag für Tag die
dreißig Kilometer entfernt gelegenen Bahn- Angst, aufgegriffen zu werden. Versteckt in
hof, um uns dort auf den Transport zu setzen Wäldern, bei Bauern, in alten Fabriken und
und uns so gemeinsam mit den anderen ­Sinti, schließlich bei meinen Großeltern – bis zum

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Augenblick der Befreiung durch die Alliier- Beatrix und der Hochzeit unseres Kronprin-
ten im Frühjahr 1945. zen Willem Alexander den Blumenschmuck
entworfen.
Nach der Befreiung kam die Unsicher-
heit. Vielleicht war sie noch schlimmer als Im Laufe der Jahre habe ich zahlreiche gro-
die Angst während des Krieges. Lebte mei- ße Ausstellungen geplant und durchgeführt
ne Familie noch, würde sie zurückkehren? und in den USA, Kanada und den meisten eu-
Das Durchforsten der endlos langen Listen ropäischen Ländern niederländische Blumen
des Roten Kreuzes mit den Namen der er- und Pflanzen vermarktet. In Anerkennung
mordeten Menschen. Sie alle waren in Na- und Wertschätzung meiner Tätigkeit für die
zi-Konzentrationslagern ermordet worden. niederländische Blumenindustrie sowie mei-
Mein Vater, meine Mutter, meine Schwestern, nes Einsatzes für die Sinti und Roma in den
mein kleiner Bruder und 21 Familienangehö- Niederlanden und auch darüber hinaus wur-
rige. Nach der Befreiung gab es keine Stel- de mir im Jahre 2002 aus den Händen von
len, die sich mit dem Schicksal der Sinti und Königin Beatrix eine hohe königliche Aus-
Roma befassten oder Hilfe boten. Die Juden zeichnung zuteil: Ich wurde Offizier des Or-
hatten mit der Betreuung der eigenen Leute dens von Oranje-Nassau.
alle Hände voll zu tun und konnten uns keine
Hilfe bieten. Die Behörden taten nichts. Spä- Heute erinnern wir an die Schrecknisse der
ter beschrieb die niederländische Regierung: Nazi-Ära, doch erlauben Sie mir, etwas zur
„Die Betreuung, wenn es sie denn gab, war Stellung von Sinti und Roma, meinem Volk,
frostig und distanziert.“ im heutigen Europa zu sagen. In zahlreichen
Ländern sind wir die älteste Minderheiten-
Die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs gruppe. Es ist menschenunwürdig, wie Sin-
sind innerhalb unserer Gemeinschaft heute ti und Roma, insbesondere in vielen ost- und
noch klar zu spüren. Unsere zweite und so- südosteuropäischen Ländern wie zum Bei-
gar noch die dritte Generation spürt die Last spiel Rumänien und Bulgarien, behandelt
dieser Vergangenheit. Wir wurden unserem werden. Der weitaus größte Teil ist chancen-
Schicksal überlassen. Die jahrhundertelange los, hat keine Arbeit, keine Ausbildung und
Geschichte von Stigmatisierung, Ablehnung steht ohne ordentliche medizinische Versor-
und Ausgrenzung wiederholte sich. Nach gung da. Die Lebenserwartung dieser Men-
dem Krieg mussten Sinti und Roma versu- schen ist wesentlich geringer als die der dort
chen, ihr Leben wieder aufzubauen. Vielen lebenden „normalen“ Bürger. Diskriminie-
hatte man ihren gesamten Besitz genommen. rung, Stigmatisierung und Ausgrenzung sind
Hilfe gab es nur sporadisch. Diejenigen, wel- an der Tagesordnung.
che die Nazi-Lager überlebt hatten, wurden
innerhalb der eigenen Gemeinschaft aufge- In Ungarn ziehen Rechtsextremisten wie-
fangen. Langsam kam das Leben wieder in der in schwarzer Kluft umher und schikanie-
Gang, konnten Musikinstrumente gekauft ren und überfallen Juden, Sinti und Roma.
und konnte Handel getrieben werden. Neonazis haben Roma ermordet, darunter
einen fünfjährigen Jungen. Es gibt in Gast-
Schon in recht jungen Jahren habe ich be- stätten und Restaurants wieder Schilder mit
griffen, dass nur Bildung und Entwicklung der Aufschrift „Für Zigeuner verboten“. Die
der Weg in eine bessere Zukunft ist. Nach der Geschichte wiederholt sich. Diese Länder
Grundschule studierte ich Gartenbau, Flo- sind vor Kurzem erst der Europäischen Uni-
ristik, Garten- und Landschaftsarchitektur on beigetreten, bezeichnen sich selbst als kul-
sowie Kunstgeschichte. Alles über Abend- tiviert.
schulen und spezielle Kursangebote. 1962 er-
öffnete ich mein eigenes Blumengeschäft in Schon im Oktober 2000 hat Günter Grass
Amsterdam und gründete kurz danach eine in seiner vor dem Europarat gehaltenen Rede
Ausstellungs- und Veranstaltungsfirma. Al- vor dem aufkommenden Rechtsradikalismus
les mit großer Unterstützung meiner Frau, gewarnt – Gruppierungen, die vor Gewalt
die mir auch noch zwei wunderbare Kinder gegenüber Minderheiten nicht zurückschre-
schenkte. Für vier Generationen unseres Kö- cken. Er sprach auch über die Vorurteile,
nigshauses durfte ich arbeiten. Unter anderem über die Diskriminierung und die Benach-
habe ich bei der Krönungsfeier von Königin teiligung von Sinti und Roma: Vorurteile, die

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seit dem Beitritt der neuen EU-Staaten in der Frank Sparing
Summe nur zugenommen haben.

Es ist kein Wunder, dass seit einigen Jahren


NS-Verfolgung
insbesondere Roma auf der Suche nach einem
besseren Leben und nach Zukunft für ihre von „Zigeunern“ und
„Wieder­gutmachung“
Kinder nach Westeuropa kommen. In man-
chen Ländern Westeuropas wie Italien und
Frankreich werden sie dann wieder diskri-
miniert, ausgegrenzt und leben unter men-
schenunwürdigen Umständen in Ghettos. Sie
nach 1945
werden wieder des Landes verwiesen und in
das Herkunftsland abgeschoben.

Diese Menschen sind jedoch Einwohner


D ie rassische Verfolgung von „­Zigeunern“ ❙1
im Nationalsozialismus konnte nahtlos
an Konzepte und Maßnahmen zur Ausgren-
von Ländern, die der Europäischen Union zung dieser Minder-
angehören. Die Europäische Kommission heit anknüpfen, die in Frank Sparing
hat in Person ihrer Vizepräsidentin Viviane Deutschland bereits M. A., geb. 1963; wissenschaft-
Reding mit deutlichen Worten gegen diesen eine lange Tradition licher Mitarbeiter des Instituts
nicht hinnehmbaren Zustand Stellung bezo- besaßen. Nach 1945 für Geschichte der Medizin der
gen. Ich hoffe, dass man die betreffenden Re- diente die Bezugnah- Universität Düsseldorf, Gebäu-
gierungen darauf auch weiterhin ansprechen me auf den bereits vor de 23.12, Universitätsstraße 1,
wird. Wir sind doch Europäer und müssen 1933 praktizierten be- 40225 Düsseldorf.
dieselben Rechte wie jeder andere Einwohner hördlichen Rassismus fsparing@gmx.net
haben, mit gleichen Chancen, wie sie für je- zur Legitimation fort-
den Europäer gelten. gesetzter Diskriminierung und wurde nicht
zuletzt zur Abwehr von Entschädigungsan-
Es kann und darf nicht sein, dass ein Volk, sprüchen für nationalsozialistische Verfol-
das durch die Jahrhunderte hindurch diskri- gung herangezogen.
miniert und verfolgt worden ist, heute, im
21. Jahrhundert, immer noch ausgeschlossen Angelehnt an das pädagogische Menschen-
und jeder ehrlichen Chance auf eine bessere bild der Aufklärung bildete in Deutschland
Zukunft beraubt wird. seit dem 19.  Jahrhundert die Forderung nach
„Seßhaftmachung der Zigeuner“ in den ein-
Ich möchte enden, indem ich die Hoffnung schlägigen Erlassen und Verordnungen gerade-
ausspreche, dass unsere Lieben nicht umsonst zu ein Leitmotiv. Die fürsorgerechtlichen Rah-
gestorben sind. Wir müssen ihrer auch künf- menbedingungen führten aber in der Praxis
tig gedenken, wir müssen auch weiterhin die dazu, dass die einzelnen Gemeinden in der Re-
Botschaft des friedlichen Miteinanders ver- gel versuchten, zuziehende Zigeuner so schnell
künden und an einer besseren Welt bauen – wie möglich wieder loszuwerden. Die nach der
damit unsere Kinder in Frieden und Sicher- Reichsgründung herausgegebenen Erlasse ziel-
heit leben können. ten in erster Linie auf die Ausweisung auslän-
discher Zigeuner sowie die Erschwerung einer
reisenden Lebensweise bei inländischen Zigeu-
nern. Sie behielten auch während der Weimarer
Republik Gültigkeit. Ende der 1920er Jahre er-
folgte insoweit eine Radikalisierung, als durch
die Einführung von Sonderausweisen eine lü-
ckenlose Erfassung der Zigeuner zur neuen
Leitvorstellung aufrückte. ❙2

Nationalsozialistische Rassenpolitik
Bereits unmittelbar im Anschluss an die nati-
onalsozialistische Machtübernahme 1933 ge-

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rieten Zigeuner verstärkt ins Blickfeld der Be- folgung werden ließen. Die Anzahl der nach
hörden. Die Repression zielte zunächst nach dem Anfang 1934 in Kraft getretenen „Ge-
wie vor in erster Linie auf Vertreibung. Den- setz zur Verhütung erbkranken Nachwuch-
noch deutete sich schon früh eine Verschie- ses“ zwangssterilisierten Zigeuner lag deutlich
bung der Gewichtung bei der Definition des höher als beim Durchschnitt der Bevölke-
anvisierten Personenkreises und der zu er- rung und erfolgte meist mit der auf soziale
greifenden Maßnahmen an. Seit dem Kaiser- Ausmerzung zielenden Diagnose „angebore-
reich waren nahezu alle einschlägigen Bestim- ner Schwachsinn“. ❙4 Auch wenn bei der Um-
mungen gleichermaßen gegen die ethnischen setzung der Sterilisationsgesetzgebung bereits
Gruppen der Sinti und Roma und die sozi- ein anthropologischer Rassismus zum Tragen
al gefasste Gruppe aller Fahrenden gerichtet, kam, so sollten ab Herbst 1935 durch das „Ehe-
in der Praxis aber war wegen der Unmöglich- gesundheitsgesetz“ und das „Blutschutzge-
keit, beide voneinander zu unterscheiden, in setz“ Ehe- und Fortpflanzungsbeschränkun-
erster Linie die Lebensweise zum Kriterium gen ausdrücklich auf „Artfremde“ ausgedehnt
für die Anwendung der Zigeunerbestimmun- werden. Obwohl mit Nachdruck auf das Ver-
gen gemacht worden. bot von Eheschließungen zwischen „Deutsch-
blütigen“ und Zigeunern hingewiesen wurde,
Nach der Machtübernahme setzten Pla- waren die Standesbeamten in der Praxis au-
nungen für ein „Reichszigeunergesetz“ ein, ßerstande festzustellen, ob einer der Heirats-
die eine rassische Unterscheidung zwischen willigen als Zigeuner zu betrachten sei.
„echten und unechten Zigeunern“ vorsahen,
bestehende Vorschriften verschärfen und Son-
derbestimmungen schaffen sollten, die nur Konzentration
auf „echte Zigeuner“ zielten. Das „Reichs­
zigeuner­gesetz“ wurde zwar nie erlassen, Vor dem Hintergrund der rassistischen Neu-
stattdessen aber am 6.  Juni 1936 ein „Erlaß definition der Zigeuner ging die Initiati-
zur Bekämpfung der Zigeunerplage“, der die ve für erste ausgrenzende Maßnahmen von
bereits in der Weimarer Republik geltenden den Kommunalverwaltungen aus. Seit Mit-
Bestimmungen zusammenfasste und zugleich te 1935 wurde, ausgehend von einer Initiati-
dringenden Handlungsbedarf signalisierte. ve der Stadt Köln, damit begonnen, Zigeuner
Inhaltlich brachte der Erlass nichts Neues, al- zwangsweise in umzäunten und bewachten
lerdings wurde der betroffene Personenkreis Lagern am Rand der Städte zu konzentrie-
nun als „das dem deutschen Volkstum fremde ren. Angelehnt an das Kölner Modell wurden
Zigeunervolk“ deutlich rassistisch gefasst. ❙3 1936 in Berlin, Frankfurt/Main und Magde-
burg und 1937 in Düsseldorf, Essen, Kassel
Parallel zur Diskussion um das „Reichs­ und Wiesbaden Zigeunerlager eröffnet; die
zigeuner­gesetz“ wurde bis Mitte der 1930er Gründung weiterer kommunaler Zwangs-
Jahre damit begonnen, eine Reihe von bevöl- lager in verschiedenen Städten schloss sich
kerungspolitischen Maßnahmen umzusetzen, an. ❙5 Durch die Konzentration von Zigeunern
die Zigeuner zu Objekten einer scheinbar wis- konnten nicht nur teilweise anfallende Miet-
senschaftlich begründeten, rassistischen Ver- beihilfen eingespart, sondern wirkungsvoll
reduzierte „Zigeunersätze“ in der Fürsorge
❙1  Im Folgenden wird der Begriff „Zigeuner“ aus den durchgesetzt werden. Die Auszahlung wur-
Quellen als Bezeichnung für eine rassistisch konst- de meist von der Ableistung von Pflichtarbeit
ruierte Population beibehalten und nicht durch die abhängig gemacht, wonach Unterstützungs-
Bezeichnung „Sinti und Roma“ ersetzt, da diese eine zahlungen nur gegen Arbeitsleistung gewährt
kulturelle Identität beschreibt, die nicht notwendig
deckungsgleich mit den rassistischen Zuordnungen
während des Nationalsozialismus ist. ❙4  Vgl. Hansjörg Riechert, Im Schatten von Ausch-
❙2  Vgl. Marion Bonillo, „Zigeunerpolitik“ im Deut- witz. Die nationalsozialistische Sterilisationspoli-
schen Kaiserreich 1871–1918, Frankfurt/M. 2001; tik gegenüber Sinti und Roma, Münster/New York
Rainer Hehemann, Die „Bekämpfung des Zigeuner­ 1995.
unwesens“ im Wilhelminischen Deutschland und in ❙5  Vgl. Sybil Milton, Vorstufe zur Vernichtung. Die
der Weimarer Republik, Frankfurt/M. 1987. Zigeunerlager nach 1933, in: Vierteljahrshefte für
❙3  Zur Diskussion um das „Reichszigeunergesetz“ Zeitgeschichte, 43 (1995) 1, S. 115–130; Michael Zim-
vgl. Michael Zimmermann, Rassenutopie und Geno- mermann, Von der Diskriminierung zum Familien-
zid. Die nationalsozialistische „Lösung der Zigeu- lager Auschwitz, in: Dachauer Hefte 5: Die vergesse-
nerfrage“, Hamburg 1996, S. 156–160. nen Lager, Dachau 1989, S. 87–114.

APuZ 22–23/2011 9
wurden. Die Heranziehung zur Pflichtarbeit sondern als selbständige Gewerbetreibende,
und nicht zuletzt die immer massivere Behin- wobei es sich durchweg um Tätigkeiten han-
derung selbständiger Berufsausübung zwan- delte, die eng mit einer reisenden Lebensweise
gen immer mehr Zigeuner, eine Tätigkeit als verknüpft waren. Im Gegensatz zu „deutsch-
Hilfsarbeiter aufzunehmen. blütigen“ Personen wurde nur ein kleiner Teil
der in „Vorbeugungshaft“ genommenen Zi-
Seit September 1933 war eine Berufsaus- geuner wieder aus dem Konzentrationslager
übung auf kulturellem Gebiet von der Mit- entlassen. Der größte Teil der während der
gliedschaft in einem der Reichskulturkammer Aktion „Arbeitsscheu Reich“ verhafteten Zi-
unterstellten Berufsverband abhängig. Be- geuner blieb inhaftiert, da im Juni 1940 die
reits im Herbst 1935 begann die auch für Ar- Fortdauer der Haft für alle Juden und Zigeu-
tisten zuständige Reichstheaterkammer mit ner angeordnet wurde. ❙7
dem systematischen Ausschluss von „Nicht-
ariern“, und um die Jahreswende 1937/38 be-
gann auch die Reichsmusikkammer damit, Erfassung
Zigeuner auszuschließen. Nicht wenige blie-
ben ohne Erlaubnis in ihren Berufen tätig, Eine wesentliche Voraussetzung für die Ra-
liefen nun jedoch Gefahr, deswegen krimina- dikalisierung der Verfolgungsmaßnahmen
lisiert zu werden. ❙6 bildete die seit 1936 forcierte Zentralisie-
rung des Polizeiapparates. Mit der Bildung
Der Polizei kam eine immer bedeutende- des Reichskriminalpolizeiamtes (RKPA) im
re Rolle bei der Erzwingung der Aufnah- September 1936 wurden Kriminalpolizeistel-
me lohnabhängiger Beschäftigungen durch len mit der Führung und Koordination kri-
Zigeuner zu. Mit dem im Dezember 1937 in minalpolizeilicher Fragen innerhalb eines
Kraft getretenen sogenannten „Asozialener- bestimmten Bezirkes betraut und zur Koor-
laß“ bekam sie ausdrücklich die Kompetenz, dination und Anleitung übergeordnete Kri-
Zigeuner in ein Konzentrationslager einzu- minalpolizeileitstellen geschaffen.
weisen. Der Erlass regelte die schon seit 1933
gegen „Berufsverbrecher“ angewandte „po- Durch den „Runderlaß zur Bekämpfung der
lizeiliche Vorbeugungshaft“, einer von der Zigeunerplage“ vom 8. Dezember 1938 wur-
Kriminalpolizei veranlassten, unbefristeten den detaillierte Vorgaben für eine reichsweite
Inhaftierung in Konzentrationslagern, und Erfassung aller „seßhaften und nichtseßhaf-
dehnte diese auf „Asoziale“ aus. Mit der Be- ten Zigeuner“ sowie aller „nach Zigeuner­
gründung, der „Asozialenerlaß“ sei nicht mit art umherziehenden Personen“ gegeben. Als
der erforderlichen Schärfe umgesetzt wor- zentrale Erfassungsinstanz war im RKPA die
den, wurde im Juni 1938 eine als Aktion „Ar- Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeu-
beitsscheu Reich“ bezeichnete Verhaftungs- nerunwesens geschaffen worden. Für die re-
aktion angeordnet, während der reichsweit gionale Zentralisierung wurden nun bei den
etwa 10 000 Personen in Konzentrationslager Kriminalpolizeileitstellen „Dienststellen für
eingewiesen wurden. Zigeunerfragen“ eingerichtet, die im Hin-
blick auf eine zunächst vor allem auf Erfas-
Bei keiner anderen Gruppe waren die Kri- sung und Identifizierung zielende Ausrich-
terien für eine KZ-Einweisung derart nied- tung dem polizeilichen Erkennungsdienst
rig angesetzt wie bei Zigeunern, die bereits angegliedert wurden. Das vorrangige Ziel der
verhaftet werden konnten, wenn sie nur eine im Erlass angeordneten flächendeckenden Er-
einzige Vorstrafe hatten oder Gelegenheits- fassung war zunächst die eindeutige Identifi-
arbeiter waren. Allerdings wiesen die festge- zierung jedes einzelnen Zigeuners, aber auch
nommenen Zigeuner im Unterschied zu den der Familienzusammenhänge, anhand de-
meisten übrigen Verhafteten kaum Vorstrafen
auf. Außerdem war der größte Teil der als „ar- ❙7  Vgl. Wolfgang Ayaß, Ein Gebot der nationalen Ar-
beitsscheu“ inhaftierten Zigeuner tatsächlich beitsdisziplin. Die Aktion „Arbeitsscheu Reich“ 1938,
erwerbstätig, allerdings nicht lohnabhängig, in: ders./Reimar Gilsenbach/Ursula Körber (Hrsg.),
Feinderklärung und Prävention. Kriminalbiologie,
Zigeunerforschung und Asozialenpolitik, Berlin 1988,
❙6  Vgl. Alan E. Steinweis, Art, Ideology and Econo- S. 43–74; Karola Fings/Frank Sparing, Rassismus, La-
mics in Nazi-Germany, Chapel Hill-London 1993, ger, Völkermord. Die nationalsozialistische Zigeuner-
S. 107 und S. 126 f. verfolgung in Köln, Köln 2005, S. 93–108.

10 APuZ 22–23/2011
rer Widersprüche aufgedeckt werden sollten. chen und die sich am strengsten an ihre Sitten
Durch Personenfeststellungsverfahren sollten und Gesetze hielten, sollten Genealogien er-
sämtliche Angaben zur Person und Staatsan- hoben werden. So sollte es möglich sein, nicht
gehörigkeit mit Hilfe vorhandener Ausweis- nur alle „stammechten Zigeuner“, sondern
papiere, zuverlässiger Erkennungszeugen und auch „alle Mischlinge aufzudecken und zu
amtlicher Eintragungen überprüft werden, erfassen“. Dem Leiter der RHF Robert Ritter
wobei die Betroffenen ihre deutsche Reichs­ zufolge waren weit mehr als 90 Prozent aller
angehörigkeit durch Urkunden nachzuweisen als Zigeuner geltenden Personen keineswegs
hatten. Gelang ihnen das nach Auffassung der „stammechte Nomaden indischer Herkunft“,
„Dienststelle für Zigeunerfragen“ nicht, wur- sondern „Mischlinge“, die ihre Partner unter
den sie zu Staatenlosen erklärt. Menschen „minderwertiger Herkunft“ ge-
funden hätten, weshalb noch unter entfern-
In den Ausführungsanweisungen zum ten Nachkommen ein sehr hoher Prozentsatz
„Runderlaß“ wurde zudem angeordnet, an „Asozialität und Kriminalität“ zu finden
reichsweit Sonderausweise für „Zigeuner“, sei.
„Zigeunermischlinge“ und „nach Zigeuner­
art umherziehende Personen“ auszugeben. Die „Zigeunerfrage“, so wurde daher ge-
Ihre Funktion bestand nicht nur darin, Zi- schlossen, sei „vorwiegend ein Mischlings-
geuner bei Kontrollen zu identifizieren; ins- problem“. Alle „Zigeuner, Zigeunermisch-
besondere bei Behördenkontakten wurden sie linge und nach Zigeunerart umherziehenden
damit als solche erkennbar und infolgedessen Personen“ wurden verpflichtet, „Angaben
gesondert erfasst. ❙8 Da im „Runderlaß“ be- über ihre Abstammung“ zu machen und sich
absichtigt worden war, „bei der endgültigen einer „rassenbiologischen Untersuchung“ zu
Lösung der Zigeunerfrage die rassereinen Zi- unterziehen. Die Feststellung der „Abstam-
geuner und die Mischlinge gesondert zu be- mung“ diente dabei zugleich der Kriminal-
handeln“, sollte die Feststellung darüber, „ob polizei dazu, noch nicht erfasste Zigeuner
es sich um Zigeuner, Zigeunermischlinge festzustellen, aber auch der RHF, die diese
oder nach Zigeunerart umherziehende Perso- Angaben für ihre separate Erfassungstätig-
nen“ handele, durch ein Gutachten der Ras- keit benötigte. Die in Verhören und bei der
senhygienischen Forschungsstelle (RHF) er- Auswertung von Akten und Kirchenbüchern
folgen. Zu den Zielen dieser im Frühjahr 1936 durch die RHF gewonnenen Informatio-
gegründeten und dem Reichsgesundheits- nen wurden im „Zigeunersippenarchiv“ im
amt angegliederten Einrichtung gehörte es, Reichsgesundheitsamt in verschiedenen Kar-
die biologische Bedingtheit von „Asoziali- teien erfasst und zu „Sippentafeln“ kombi-
tät“ exemplarisch an den im Reich vermute- niert. In erster Linie diente das Archiv dazu,
ten rund 30 000 Zigeunern wissenschaftlich „gutachterliche Äußerungen“ zu erstellen,
nachzuweisen. Daneben hatte sie die Aufga- die von der Kriminalpolizei als Grundla-
be, ein Instrumentarium zu entwickeln, wel- ge für die Anordnung von Verfolgungsmaß-
ches Aufschluss darüber geben sollte, wer als nahmen benötigt wurden. Dabei wurde je-
Zigeuner zu gelten habe, da diese, anders als der als Zigeuner definiert, der „blutmäßig
Juden, nicht ohne weiteres über Zugehörig- aus einem Zigeunerstamm hervorgegangen
keit zu einer Religionsgemeinschaft identifi- ist“, um „auch den rückgekreuzten Mischling
zierbar waren. Von der RHF wurden Zigeu- als Zigeuner gelten zu lassen“. Diese im Ver-
ner gleichermaßen rassenanthropologisch als gleich zur juristischen Definition von Juden
„Fremdrasse“ und rassenhygienisch als erbli- wesentlich radikalere Vorgehensweise wurde
che „Asoziale“ definiert. mit der angeblichen Existenz einer besonders
„arbeitsscheuen“ und „asozialen“ „Zigeuner-
Ausgehend von den als am „reinrassigsten“ mischlingspopulation“ begründet. ❙9
definierten Zigeunern, die noch vorwiegend
nomadisierten, ihre Sprache am reinsten sprä- ❙9  Vgl. Martin Luchterhandt, Der Weg nach Birke-
nau. Entstehung und Verlauf der nationalsozialis-
tischen Verfolgung der „Zigeuner“, Lübeck 2000,
❙8  Vgl. Frank Sparing, Die Dienststelle für Zigeu- S.  123–137 und S.  206–226; Joachim S. Hohmann,
nerfragen bei der Kriminalpolizeileitstelle Köln, in: Robert Ritter und die Erben der Kriminalbiologie,
Harald Buhlan/Werner Jung (Hrsg.), Wessen Freund Frankfurt/M. 1991; Tobias Schmidt-Degenhard, Ro-
und wessen Helfer? Die Kölner Polizei im National- bert Ritter 1901–1951. Zu Leben und Werk des NS-
sozialismus, Köln 2000, S. 519–574. Zigeunerforschers, Diss. med., Tübingen 2008.

APuZ 22–23/2011 11
Deportation lich etwa 2800 Zigeuner am 21. und 22. Mai
1940 in Güter- und Personenzüge verladen
Während bis Ende der 1930er Jahre eine Ra- wurden, mussten sie eine Erklärung unter-
dikalisierung der Zigeunerverfolgung im We- schreiben, wonach sie im Falle unerlaubter
sentlichen durch lokale Vorstöße erfolgt war, Rückkehr sterilisiert und in ein KZ einge-
gingen mit der Etablierung der Reichs­zen­ wiesen werden würden.
trale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens
im RKPA und verstärkt seit Kriegsbeginn Für die in das Generalgouvernement de-
die maßgeblichen Impulse in der Zigeuner- portierten Zigeuner waren durch das RSHA
verfolgung zunehmend von der neugeschaf- keine Pläne, sondern lediglich vage Vorgaben
fenen Zentrale aus. Mit dem im Oktober 1939 entwickelt worden: Sie wurden auf einzelne
erlassenen „Festsetzungserlaß“, dem Verbot Distrikte verteilt, sollten zur Arbeit einge-
eines Ortswechsels für Zigeuner bei Andro- setzt und an der Rückkehr gehindert werden.
hung einer Einweisung ins KZ, verfügten die Weder waren Unterkünfte vorbereitet, noch
„Dienststellen für Zigeunerfragen“ erstmals war die Frage anfallender Kosten geregelt.
über ein wirksames Kontrollinstrument. Seit Mitte 1941 wurden die Zigeuner zuneh-
mend in Ghettos konzentriert, wo sie unter
Unmittelbar nach Kriegsbeginn wurden elenden Bedingungen Zwangsarbeit leisten
die Maßnahmen auf eine bevölkerungspoliti- mussten und auch in die Vernichtungsak-
sche Gesamtlösung der „Zigeunerfrage“ aus- tionen gegen jüdische Insassen einbezogen
gerichtet, die nach der Schaffung des Gene- wurden. Trotz der angedrohten Sanktionen
ralgouvernements in einem Teil des besetzten versuchten annähernd zehn Prozent der De-
Polen als realisierbar erschien. Die Deporta- portierten aufgrund der lebensbedrohlichen
tion aller etwa 30 000 Zigeuner aus dem Reich Situation im Generalgouvernement zurück
in ein für die Aufnahme von Juden und Zigeu- ins Reich zu gelangen. Solche Rückkehrver-
nern vorgesehenes Gebiet zwischen Bug und suche verliefen jedoch meist erfolglos, da die
Weichsel wurde zur zentralen Option natio- Kriminalpolizei in der Regel sofort mit KZ-
nalsozialistischer Zigeunerpolitik. Diese von Einweisungen reagierte. ❙10
Heinrich Himmler und dem Reichssicher-
heitshauptamt (RSHA) angestrebte Gesamt-
lösung scheiterte an den durch erste Mas- Isolation
senumsiedlungen geschaffenen Problemlagen
vor Ort, aber auch am Widerspruch des Ge- Eine qualitative Veränderung der Zigeuner-
neralgouverneurs Hans Frank. Für Mai 1940 politik setzte mit einem Anfang August 1941
wurde daher zunächst die Deportation von von der RHF eingeführten Klassifikations-
2500 Zigeunern aus den westlichen und nord- schema ein, das eine verbindliche Definition
westlichen Grenzgebieten des Reiches ange- der als Zigeuner zu fassenden Personen vor-
ordnet. In den Morgenstunden des 16.  Mai nahm. Mit in kurzer Abfolge erlassenen Son-
1940 wurde überall mit der Verhaftungsakti- derbestimmungen für nahezu alle Lebensbe-
on und der Zusammenfassung der Zigeuner reiche wurde der Status von Zigeunern dem
in den Sammellagern in der Fruchthalle im von Juden angepasst.
Hamburger Hafen, der Köln-Deutzer Messe
sowie dem Hohen Asperg, einer Zweigstelle Durch das RKPA wurde ein Verbot unehe-
des Zuchthauses Ludwigsburg, begonnen. licher Lebensgemeinschaften mit dem Ziel
der vollständigen „Rassentrennung“ ver-
Den „Richtlinien für die Umsiedlung von schärft gegen Zigeuner angewendet und so
Zigeunern“ zufolge sollten erkrankte Zigeu- der gegen Juden gerichteten Praxis der „Ras-
ner oder solche, die aus anderen Gründen senschande“ angeglichen. Durch Androhung
Schwierigkeiten im Falle einer Deportati-
on erwarten ließen, vom Abtransport ver- ❙10  Vgl. Michael Krausnick, Abfahrt Karlsruhe.
schont bleiben. Diese Bestimmungen wurden 16. 5. 1940. Die Deportation der Karlsruher Sinti und
jedoch weitgehend ignoriert; vereinzelt wur- Roma, Neckargemünd 1990; Michael Zimmermann,
Deportation ins „Generalgouvernement“. Zur nati-
den sogar Personen deportiert, die später als onalsozialistischen Verfolgung der Sinti und Roma
„Nichtzigeuner“ eingestuft wurden. Offen- in Hamburg, in: Frank Bajohr/Joachim Szodrzyn-
bar wurden bevorzugt Arbeitsunfähige für ski (Hrsg.), Hamburg in der NS-Zeit, Hamburg 1995,
den Abtransport ausgewählt. Bevor schließ- S. 151–173; K. Fings/F. Sparing (Anm. 7), S. 195–236.

12 APuZ 22–23/2011
oder Anordnung von „Vorbeugungshaft“ zu erreichen. Nicht mehr als 200 bis 300 Men-
setzte die Kriminalpolizei in der Regel eine schen im Reich blieben als „reinrassige Zigeu-
Trennung von Liebesbeziehungen zwischen ner“ von einer Einweisung nach Auschwitz
„Deutschblütigen“ und „Zigeunern“ durch. verschont, mussten aber dennoch bis Kriegs-
Infolge der Kriminalisierung von ehelichen ende um ihr Überleben bangen. ❙12
und nichtehelichen Beziehungen wurde da-
rüber hinaus bereits 1942 damit begonnen, Bei der Auswahl der Deportationsopfer
außergesetzliche Sterilisationen an Zigeu- im Frühjahr 1943 war für bestimmte Grup-
nern zu erzwingen. pen wie die Roma und die „Sippen westbal-
kanischer Bärenführer“ allein die über sie
Durch die im März 1942 erfolgte Aus- ausgestellte „Rassendiagnose“ der RHF aus-
dehnung der arbeitsrechtlichen Sonderbe- schlaggebend. In den übrigen Fällen verfügte
stimmungen für Juden und Polen auf Zi- die Kriminalpolizei über erheblichen Ermes-
geuner verschlechterte sich ihre Situation sensspielraum, und da es keinerlei Zahlenbe-
drastisch: Arbeitszwang, „Rassentrennung“ grenzung gab, wurde versucht, so viele Zigeu-
am Arbeitsplatz, erhebliche Lohneinbußen ner wie möglich zu deportieren. Durch das
und fehlende Schutzvorschriften lieferten sie RKPA wurden die Familien bewusst nicht
der Willkür von Unternehmen und Krimi- auseinandergerissen, um mögliche Wider-
nalpolizei vollständig aus. Der systematische stände gar nicht erst aufkommen zu lassen.
Ausschluss von Zigeunern aus allen Massen- Die Zigeuner wurden in einen Teil des im De-
organisationen wie Hitlerjugend, Reichs­ zember 1942 neuerrichteten Lagerabschnitts
arbeits­dienst oder Luftschutzwarndienst in in Auschwitz-Birkenau eingeliefert, der nach
den Jahren 1941 und 1942 verschärfte ihre ge- Beginn der Deportationen als „Zigeunerfami-
sellschaftliche Isolation. Vor allem durch ih- lienlager“ in Betrieb genommen wurde. Jede
ren Ausschluss aus der Wehrmacht verloren der 32 Baracken war völlig überbelegt, so dass
Zigeuner einen für ihren Status bedeutsamen sich jeweils zehn Menschen eine Pritsche tei-
gesellschaftlichen Rückhalt. ❙11 len mussten und sich unter diesen Bedingun-
gen zahlreiche Epidemien verbreiteten. Inner-
halb weniger Monate starben mehr als 10 000
Vernichtung Insassen an Hunger, Seuchen, Misshandlun-
gen oder medizinischen Experimenten.
Im Kontext der im Herbst 1942 weit voran ge-
schrittenen „Endlösung der Judenfrage“ fällte Vermutlich im April 1944 traf Himmler
Himmler am 16. Dezember 1942 die Entschei- nach Rücksprache mit dem Kommandanten
dung, den größten Teil der noch im Deutschen von Auschwitz Rudolf Höß die Entschei-
Reich lebenden Zigeuner nach Auschwitz de- dung, die arbeitsfähigen Häftlinge im Zigeu-
portieren zu lassen. Als vorbereitende Maß- nerfamilienlager auszusondern und die üb-
nahme war im Herbst die Einsetzung von rigen vergasen zu lassen. Nachdem ein Teil
„Zigeunersprechern“ erfolgt, die damit be- der Zigeuner in andere Konzentrationslager
traut wurden, „Sippen reinrassiger Zigeuner“ verlegt worden war, wurden die verbliebenen
zusammenzustellen. Die „Sprecher“ sollten Insassen des Zigeunerfamilienlagers in der
die „reinrassigen Zigeuner“ darüber aufklä- Nacht vom 2. auf den 3.  August 1944 in die
ren, dass sie „in Zukunft eine gewisse Bewe- Gaskammern getrieben. Dabei versuchten
gungsfreiheit“ erhielten und „einer arteige- sie offenbar, der SS nach Kräften Widerstand
nen Beschäftigung nachgehen“ könnten. Die entgegenzusetzen. Aber auch fast jeder Drit-
Kriterien für die Aufnahme in diese Gruppe te der in andere Lager überstellten Zigeuner
waren aber derart restriktiv, dass ohnehin nur wurde nach kurzer Zeit wieder zurück nach
das engste familiäre Umfeld der „Sprecher“ Auschwitz verlegt und dort ermordet. Von
in Frage kam. Mit der Einsetzung der „Zi- den ungefähr 30 000 Zigeunern, die nach
geunersprecher“ gelang es dem RKPA, durch Auschwitz deportiert worden waren, über-
Einbindung angesehener Vertreter der Min- lebten nur ungefähr 3000. ❙13
derheit in den Selektionsprozess eine Entso-
lidarisierung der im Reich lebenden Zigeuner ❙12  Vgl. K. Fings/F. Sparing (Anm. 7), S. 289–297.
❙13  Vgl. Stowarzyszenie Rom w Polsce (Vereinigung
❙11  Vgl. M. Zimmermann (Anm.  3), S.  193–213; M. der Roma in Polen) (Hrsg.), Das Schicksal der Sin-
Luchterhandt (Anm. 9), S. 185–205. ti und Roma im KL Auschwitz-Birkenau, Warszawa

APuZ 22–23/2011 13
Nach der Deportation nach Auschwitz rassischen Gründen, sondern wegen „Asozi-
konzentrierte sich die Kriminalpolizei auf alität“ inhaftiert worden seien, und konnten
die meist unauffällig in „Mischehen“ leben- so Entschädigungszahlungen an ihre Opfer
den Zigeuner, die seit 1943 zunehmend ins wie auch eine strafrechtliche Würdigung ih-
Fadenkreuz der Erfassungsinstanzen geraten rer eigenen Beteiligung am Völkermord ver-
waren. Fast die Hälfte dieser Familien wur- hindern.
de durch die Deportation getrennt, wobei die
Zurückgebliebenen von Zwangssterilisation Die Absicht, möglichst wenig staat­liche
bedroht oder betroffen waren. Die vollstän- Mittel für Entschädigungen aufzuwenden,
dige Durchsetzung der beabsichtigten Sterili- führte bei den zuständigen Behörden zur Eta-
sierung nichtdeportierter Zigeuner scheiterte blierung von Leitkonzepten, die eng mit anti-
an der kriegsbedingten Desorganisation, aber ziganistischen Vorurteilen verwoben waren.
auch am Widerstand Betroffener. ❙14 So war beispielsweise in Baden-Württemberg
im Februar 1950 durch Erlass festgestellt wor-
den, dass die Zigeuner „überwiegend nicht
„Wiedergutmachung“ aus rassischen Gründen“, sondern wegen ih-
rer „asozialen und kriminellen Haltung“ in-
Von den in Ghettos und Konzentrations- haftiert worden seien. Entschädigungsanträ-
lagern verschleppten Zigeunern überlebten ge von Zigeunern wurden daher in der Regel
nur 4000 bis 5000 die Vernichtung. Die zu- abgelehnt, jedoch beschritt ein kleiner Teil
rückkehrenden Personen waren auf beson- der Betroffenen den Rechtsweg, wodurch die
dere Fürsorge angewiesen, weshalb auf An- Frage der Anerkennung der NS-Zigeuner-
ordnung der alliierten Militärregierung in verfolgung von der Amtsebene auf die Jus-
jeder Gemeinde gesonderte Betreuungsstel- tiz überging. Trotz nicht immer einheitlicher
len einzurichten waren. In den westlichen Rechtsprechung etablierte sich bis Mitte der
Besatzungszonen wurde außerdem die Zah- 1950er Jahre eine Urteilspraxis, die alle vor
lung von Entschädigung an NS-Opfer durch dem „Auschwitz-Erlass“ ergriffenen Maß-
deutsche Behörden veranlasst. Als entschädi- nahmen gegen Zigeuner nicht als rassische
gungswürdig galten die Verfolgung aus ras- Verfolgung erachtete.
sischen, politischen oder religiösen Grün-
den, während die KZ-Haft bei Kriminellen In den 1954/1955 veröffentlichten Kommen-
als legitime Form der Verbrechensbekämp- taren zum „Bundesentschädigungsgesetz“
fung gewertet wurde. Durch die Entschädi- (BEG) wurden alle Verfolgungsmaßnahmen
gungsbehörden wurden auch als „Asoziale“ aus der Zeit vor März 1943 als legitime Sicher-
inhaftierte Menschen nicht als NS-Verfolgte heitsmaßnahmen interpretiert, da die den Zi-
eingestuft. geunern „eigene Eigenschaften“ wie „Asozi-
alität“, Kriminalität und „Wandertrieb“ ihre
Zur Prüfung, ob unberechtigte Personen Bekämpfung veranlasst hätten. Anfang 1956
Hilfen oder Entschädigung beantragten, be- wurde die Rechtsprechung und Verwaltungs-
gannen die Ämter bereits früh damit, An- praxis, eine rassische Verfolgung der Zigeu-
träge auf Anerkennung als NS-Verfolgte der ner erst ab März 1943 anzunehmen, durch
Kriminalpolizei zuzuleiten. Im Rahmen die- ein Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofes
ser Kooperation wurden zum Teil vormalige (BGH) sanktioniert und festgeschrieben. An-
Beamte der „Dienststellen für Zigeunerfra- derslautende Urteile wurden bis Ende 1963
gen“, die nach 1945 mit dem Wiederaufbau regelmäßig von höheren Instanzen kassiert.
der polizeilichen Sondererfassung von Zigeu- Dennoch wurde durch Land- und Oberlan-
nern befasst waren, nun zu Gutachtern über desgerichte immer wieder abweichend über
den Charakter ihrer eigenen Verfolgungs- die Verfolgungsgründe geurteilt und mit dem
maßnahmen während des Nationalsozialis- BGH intensiv über die Frage gestritten, was
mus. Kaum überraschend gaben die NS-Täter unter rassischer Verfolgung zu verstehen sei.
zu Protokoll, dass die Antragsteller nicht aus
Ende 1963 erfolgte durch den BGH eine
1994 (poln.); Waclaw Dlugoborski (Hrsg.), Sinti und
teilweise Revision seines Grundsatzurteils
Roma im KL Auschwitz-Birkenau 1943–44, Oswie- von 1956, wobei nun festgestellt wurde, dass
cim 1998 (poln.). für die Verfolgung der Zigeuner seit 1938
❙14  Vgl. K. Fings/F. Sparing (Anm. 7), S. 332–346. „rassenpolitische Beweggründe mitursäch-

14 APuZ 22–23/2011
lich“ gewesen seien. Die meisten Entschädi- Markus End
gungsverfahren von Sinti und Roma waren
jedoch bereits durch unanfechtbare Beschei-
de oder rechtskräftige Urteile abgeschlos-
sen. Dem wurde im „Bundesentschädigungs-
Bilder und
schlussgesetz“ von 1965 Rechnung getragen,
da Zigeunern, deren Anträge aufgrund der
früheren BGH-Rechtsprechung zurückge-
Sinnstruktur des
wiesen worden waren, ein Neuantragsrecht
für Verfolgungsschäden zugestanden wurde,
die in der Zeit vom 8. Dezember 1938 bis zum
Antiziganismus
1.  März 1943 entstanden waren. Ein Neu­
antrag war jedoch unzulässig, wenn die Tat-
sache einer Freiheitsentziehung angezweifelt
oder eine Freiheitsentziehung aus rassischen
A ntiziganismus muss gegenwärtig als Spe-
zialbegriff gelten, der nur von einer klei-
nen Gruppe wissenschaftlich und politisch
Gründen auch für die Zeit nach dem 1. März Interessierter verwen-
1943 bestritten worden war. Ein Neuantrags- det wird. Für die breite Markus End
recht wurde auch dann nicht zugestanden, Mehrheit der deutsch- Dipl.-Pol., geb. 1979; Doktorand
wenn Betroffene erst gar keinen Entschädi- sprachigen Bevölke- am Zentrum für Antisemitis-
gungsantrag gestellt hatten, weil sie aufgrund rung kann davon aus- musforschung der Technischen
der BGH-Rechtsprechung ohnehin mit einer gegangen werden, dass Universität Berlin, TEL 9-1,
Ablehnung rechnen mussten. ❙15 ihr der Begriff noch Ernst-Reuter-Platz 7,
gänzlich unbekannt 10587 Berlin.
Während des Nationalsozialismus war die ist. Damit einher geht markus.end@
zugleich soziografisch und ethnisch gefasste ein weitgehendes Des- zfa.kgw.tu-berlin.de
Ausgrenzung von „Zigeunern“ in Kaiserreich interesse an dem Phä-
und Weimarer Republik in eine zugleich ras- nomen, das mit dem Begriff bezeichnet wird:
senanthropologisch und rassenhygienisch be- Die Stigmatisierung, Diskriminierung und
gründete Verfolgung übersetzt worden, die Verfolgung von Menschen als „Zigeuner“ ist
daher hinsichtlich des anvisierten Personen- kein Thema, das für Schlagzeilen sorgt; eine
kreises eine besondere Radikalität entfaltete Beschäftigung in den Bereichen Bildung, Po-
und unter den Bedingungen des Krieges in ei- litik und Wissenschaft muss immer noch als
nen arbeitsteiligen Völkermord kulminierte. randständig gelten. Dabei ist der Hass auf
Menschen, die als „Zigeuner“ stigmatisiert
Die weit zurück reichenden Traditionslini- werden, sehr weit verbreitet und tief ins kul-
en der Ausgrenzung von Zigeunern und der turelle Gedächtnis ❙1 der europäischen Gesell-
Umstand, dass im Nationalsozialismus nicht schaften eingeschrieben.
die nach 1945 als verbrecherische Organisa-
tion erachtete Gestapo, sondern die Krimi-
nalpolizei die Maßnahmen gegen Zigeuner Begriff und Forschungsansatz
umsetzte, hatte nach Kriegsende zur Folge,
dass den Opfern dieser Minderheit die An- Der Begriff des „Antiziganismus“ ist in der
erkennung ihrer Verfolgung verwehrt wurde wissenschaftlichen Forschung umstritten; ❙2
und die Begründungen hierfür überdies die außerhalb Deutschlands findet er wenig Ver-
Grundlage für fortgesetzte Diskriminierun- wendung. Er entstand Anfang der 1980er
gen in der Bundesrepublik schufen.
❙1  Vgl. Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis.
Schrift, Erinnerung und politische Identität in frü-
hen Hochkulturen, München 1992.
❙2  Vgl. Michael Zimmermann, Antiziganismus – ein
❙15  Vgl. Gilad Margalit, Die Nachkriegsdeutschen Pendant zum Antisemitismus? Überlegungen zu ei-
und „ihre Zigeuner“, Berlin 2001, S. 117–173; Katha- nem bundesdeutschen Neologismus, in: Zeitschrift
rina Stengel, Tradierte Feindbilder. Die Entschädi- für Geschichtswissenschaft, 55 (2007) 4, S. 304–314,
gung der Sinti und Roma in den fünfziger und sech- sowie Berthold P. Bartel, Vom Antitsiganismus zum
ziger Jahren, Frankfurt/M. 2004. antiziganism. Zur Genese eines unbestimmten Be-
griffs, in: Zeitschrift für Religions- und Geistesge-
schichte, 60 (2008) 3.

APuZ 22–23/2011 15
Jahre, und seine Verbreitung hat seitdem in kaum etwas gemein. ❙5 Sie führt gewisserma-
Wissenschaft und politischen Debatten lang- ßen ein Eigenleben. Weil aber die Stereotype
sam, aber stetig zugenommen. Bis heute ist und Sinngehalte des Antiziganismus nur sehr
allerdings die Diskussion um den Begriff indirekt etwas mit Roma und Sinti zu tun ha-
nicht abgeschlossen, seine wissenschaftli- ben, vielmehr aber mit der Vorstellungswelt
che Verteidigung steht noch aus. Ich halte die der Mehrheitsbevölkerung, ist es notwendig,
Verwendung des Begriffs „Antiziganismus“ von Antiziganismus zu sprechen, nicht von
für sinnvoll, weil dadurch zentrale Elemen- „Rassismus gegen Sinti und Roma“. ❙6
te meines Forschungsansatzes zusammenge-
fasst werden. Unter Antiziganismus verstehe Es ist für die Vorurteilsforschung hilfreich,
ich sowohl die Bilder und Vorurteile, die sich verschiedene Ebenen auseinanderzuhalten.
Menschen von vermeintlichen „Zigeunern“
machen, als auch die Stigmatisierung von 1. Der Grund, weshalb Vorurteile so ge-
Menschen zu „Zigeunern“ und die darauf- fährlich sind, liegt darin, dass sie häufig
hin folgende Diskriminierung, A­ usgrenzung in soziale Interaktionen und Praktiken
und Verfolgung. münden, die vor dem Hintergrund eines
Vorurteils ausgeübt werden und für die
Das Wort „Zigeuner“ stellt eine diskrimi- Betroffenen massive Einschränkungen
nierende Fremdbezeichnung dar, die von den ihrer Lebenschancen und häufig schwers-
meisten Angehörigen der betroffenen Grup- te Schäden an Hab und Gut, an Leib und
pen als verletzend und beleidigend empfun- Leben bedeuten. Dazu würden beispiels-
den wird. Die Mehrzahl der Menschen, die weise der anti­ziganistisch motivierte
damit gemeint ist, zählt sich selbst zur Grup- Brandanschlag auf das Haus einer Fami-
pe der Roma oder der Sinti. Jedoch werden lie deutscher Sinti im sächsischen Klin-
auch andere Gruppen, wie die Irish Travel- genhain am 26.  Dezember 2009 ❙7 oder
lers, die niederländischen woonwagenbewo- die regelmäßige Verweisung von Kindern
ners oder die Jenischen, die vorwiegend in deutscher Sinti an Förderschulen ❙8 zählen.
Süddeutschland und der Schweiz leben, als Insbesondere in Deutschland muss eine
„Zigeuner“ stigmatisiert. Antiziganistinnen Beschäftigung mit Antiziganismus im-
und Antiziganisten sind solche Unterschie- mer vor dem Hintergrund des national-
de zumeist egal. Sie halten alle diese Gruppen sozialistischen Genozids an Roma, Sinti
pauschal für „Zigeuner“ ❙3, denn für sie sind
alle „Zigeuner“ gleich und unveränderlich.
Für die Vorurteilsforschung ❙4 ist es wichtig, ❙5  Diese zentrale Einsicht wurde bezüglich Antisemi­
tismus Mitte der 1940er Jahre ungefähr zeitgleich von
diesen Wechsel der Blickrichtung, den An-
den Autoren der Kritischen Theorie (Theodor W.
tiziganistinnen und Antiziganisten bege- Adorno/Max Horkheimer, Dialektik der Aufklä-
hen, nachzuvollziehen: Der Antiziganismus rung. Philosophische Fragmente, Frankfurt/M. 1989,
speist sich aus kulturell vermittelten Bildern, S.  180) und vom französischen Philosophen Jean-
Stereotypen und Sinngehalten, aus „Wissen“ Paul Sartre formuliert: „(E)xistierte der Jude nicht,
also, das Jahrhunderte alt ist und in immer der Antisemit würde ihn erfinden.“ Jean-Paul Sartre,
Überlegungen zur Judenfrage, in: ders., Gesammelte
neuen Variationen tradiert wird. Mit den re-
Werke in Einzelausgaben. Politische Schriften Bd. 2,
alen Menschen, die von Antiziganismus be- Reinbek 1994, S. 9–91, hier: S. 12.
troffen sind, hat diese Vorurteilsstruktur ❙6  Vgl. beispielsweise Michael Schenk, Rassismus ge-
gen Sinti und Roma: zur Kontinuität der Zigeuner-
❙3  Vgl. Wolfgang Wippermann, „Wie die Zigeuner“. verfolgung innerhalb der deutschen Gesellschaft
Antisemitismus und Antiziganismus im Vergleich, von der Weimarer Republik bis in die Gegenwart,
Berlin 1997, S. 17, Fn. 22. Frankfurt/M. u. a. 1994, oder den Untertitel von
❙4  „Vorurteil“ wird hier nicht als ein zu schnelles Ur- Änneke Winckel, Antiziganismus: Rassismus gegen
teil verstanden oder als eines, das sich an einer ein- Roma und Sinti im vereinigten Deutschland, Müns-
zelnen Erfahrung gebildet hat und dann ungerecht- ter 2002.
fertigter Weise auf eine Gruppe übertragen wurde. ❙7  Vgl. Markus End, Brandanschlag mit antiziganisti-
Vielmehr wird der Begriff in der Tradition der 1949 schem Hintergrund in Sachsen – und der Umgang da-
erschienenen „Studies in Prejudice“ als Teil einer mit, online: www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/news/
Wahrnehmungsstruktur verwendet, die nicht viel meldungen/brandanschlag-sachsen (26. 4. 2011).
oder gar nichts mit den Beurteilten zu tun hat, aber ❙8  Vgl. Brigitte Mihok/Peter Widmann, Sinti und
sehr viel mit den Vorurteilenden. Vgl. Max Horkhei- Roma als Feindbilder, in: Vorurteile. Informationen
mer/Samuel H. Flowerman (eds.), Studies in Prejudi- zur politischen Bildung, (2005) 271, S.  56–61, hier:
ce, New York 1949 f. S. 60.

16 APuZ 22–23/2011
und anderen als „Zigeuner“ Stigmatisier- als antiziganistisch zu bezeichnen. Da-
ten geschehen. ❙9 durch wird es auch möglich, dem Begriff
eine Bedeutung zu geben, die über die der
2. Diese sozialen Praktiken sind eingebet-
„Feindschaft gegenüber ‚Zigeunern‘“ hin-
tet in historische und politische Rahmen-
ausgeht. Ob es in antiziganistischen Dar-
bedingungen, die nicht identisch sind mit
stellungen also heißt, „Zigeuner“ seien
Antiziganismus, sondern dessen Manifes-
faul und arbeitsscheu, oder ob es in ver-
tation fördern oder hemmen. Dazu kön-
meintlich wohlmeinenden Beschreibun-
nen Konflikte zwischen der betroffenen
gen heißt, „Zigeuner“ lebten fröhlich in
Minderheit und der Mehrheitsbevölke-
den Tag hinein, ohne sich Sorgen um ihr
rung zählen (dabei muss streng zwischen
Auskommen zu machen, ergibt auf der
Anlass und Ursache unterschieden wer-
Ebene der Sinnstruktur keinen Unter-
den: Ein solcher Konflikt kann Anlass
schied. In beiden Fällen ist der Sinn der
zu antiziganistischen Äußerungen oder
Aussage, zu verdeutlichen, dass „Zigeu-
Handlungen sein, niemals jedoch Ursa-
ner“ nicht, wie es nach den gängigen sozi-
che für Antiziganismus) oder der Ver-
alen Normen gewünscht wäre, fleißig und
nichtungskrieg des „Dritten Reichs“ ge-
diszipliniert arbeiteten.
gen die Sowjetunion, der die politischen
Rahmenbedingungen für die Vernich- 5. Die tiefer liegende Ursache des Antiziga-
tungsaktionen der Einsatzgruppen in den nismus kann also in sozialen Normen und
besetzten Gebieten darstellte. Strukturen der Mehrheitsgesellschaft ge-
sehen werden. Als „Zigeuner“ Stigma-
3. Eine zentrale Motivation, diskriminie-
tisierten wird von der Mehrheitsgesell-
rende oder ausgrenzende Handlungen
schaft unterstellt, sie würden gegen die
zu vollziehen, kommt aus den Vorurtei-
vorherrschenden Normen und Moralvor-
len und Stereotypen, die in der Kultur
stellungen verstoßen.
der Mehrheitsbevölkerung weit verbrei-
tet sind. Die meisten deutschen Angehö-
rigen der Mehrheitsbevölkerung wachsen Eine umfassende Darstellung des Antiziga-
mit solchen Vorurteilen über „Zigeu- nismus müsste alle diese Ebenen berücksich-
ner“ auf, ohne, dass sie jemals bewusst tigen und würde unzählige Bände füllen. Ich
eine/n Angehörige/n der Minderheit der möchte im Folgenden die ersten beiden Ebe-
Roma und Sinti kennengelernt haben. nen eher ausklammern und mich auf die Dar-
Viele dieser Vorurteile sind negativer stellung der Vorurteile, der Sinnstruktur und
Art, beispielsweise das Gerücht, „Zigeu- der dafür mitverantwortlichen sozialen Nor-
ner“ würden Kinder stehlen. Doch es gibt men beschränken, um somit diejenigen As-
auch positiv anmutende Vorurteile, wie pekte des Antiziganismus zu beschreiben, die
beispielsweise das romantische Bild vom über lange Zeiträume hinweg große Konstan-
„lustigen Zigeunerleben“. ten aufweisen.
4. Auf der Ebene der Sinnstruktur jedoch
unterscheiden sich positive und negati-
ve Stereotype nicht. Die Sinnstruktur ei-
Bilder und Stereotype
nes Vorurteils bezeichnet eine abstrakte-
Der erste wichtige Beschluss zur Verfolgung
re Bedeutungsebene, die den Vorurteilen
von Menschen als „Zigeuner“ erging 1498.
zu Grunde liegt. Sie bezeichnet das, was
Der Freiburger Reichstag beschloss damals,
das Gemeinsame der vielen einzelnen an-
die „Zeigeiner“ des Reiches zu verweisen
tiziganistischen Äußerungen in Wort,
und Angriffe auf sie straffrei zu stellen, weil
Schrift, Bild und Film ausmacht, wenn
sie angeblich für das Osmanische Reich spi-
vom jeweiligen historischen Kontext ab-
oniert hätten. In den nächsten Jahrzehnten
strahiert wird. Es ist diese Sinnstruktur,
folgten ähnliche Beschlüsse in anderen Regi-
die es uns ermöglicht, Äußerungen, die
onen und Königreichen. Fünfzig Jahre später,
aus unterschiedlichen Zeiten und Räu-
in Sebastian Münsters „Cosmographei“ von
men stammen, relativ kontextunabhängig
1550, findet sich ein ganzer Abschnitt „Von
den Züginern oder Heiden“, in dem bereits
❙9  Vgl. dazu den Beitrag von Frank Sparing in diesem ein Großteil der zentralen Stereotype und
Heft. Vorurteile versammelt ist: „(D)ie Züginer/

APuZ 22–23/2011 17
ein ongeschaffen/schwartz/wüst und onfle- für die Kreuzigung Jesu geschmiedet hätten
tig volck/das sunderlich gern stilt/doch aller- oder vom biblischen Brudermörder Kain ab-
meist die weiber/die also iren mannen zu tra- stammten. Solche Darstellungen finden sich
gen. (…) Sie geben auch für daß inen zu buß heute nur noch selten.
auffgelegt sey also umbhär zuziehe in bilger-
weiß/und das sie zum ersten auß klein Egyp-
ten kommen seien. Aber es sein fabeln. Man Sinnstruktur
hatt es wol erfaren/das diß elend volck erbo-
ren ist in seinem umbschweiffenden ziehen/es Ich werde meine Thesen zur Sinnstruktur des
hat kein vaterland/zeücht also müssig im lan- Antiziganismus an dem bisher wenig beach-
de umbhär/erneret sich mit stelen/lebt wie die teten Text „Die Zigeunerfrage“ des NS-Poli-
hund/ist kein religion bey ine/ob sie schon ire tikers Tobias Portschy ❙11 erläutern und dabei
kinder under den Christen lassen tauffen/le- die zentralen Vorurteile und Stereotype des
ben on sorg/ziehen von eim land in das an- modernen Antiziganismus benennen. ❙12
der (…). Sie nemen auch an man und weib in
allen länderen/die sich zu inen begeren zu- Zunächst gelten für den Antiziganismus
schlagen. Es ist ein seltsam und wüst volck/ Sinngehalte, die auch für andere Vorurteils-
kan vil sprachen und ist dem bauwers volck komplexe grundlegend sind: Ein zentrales
gar beschwerlich. Dan so die armen dorffleüt Merkmal antiziganistischer Texte ist, dass
im feld sein/durch suchen sie ire heüser und „Zigeuner“ immer in Abgrenzung und meist
nemen was inen gefalt. Ire alte weiber beg- sogar als direkter Gegensatz zur Wir-Grup-
han sie mit warsagen/und die weil sie den fra- pe, der der/die Autor/in sich zugehörig fühlt,
gende antwurt geben/wie vil kinder/männer beschrieben werden: „Gutes und Böses (…),
oder weiber sie werden haben/greiffen sie mit Deutschtum und Zigeunertum sind einmal
wunderbarlicher behendikeit inen zum seckel miteinander nicht zu versöhnen, sondern dau-
oder zu der deschen und leeren sie (…).“ ❙10 ernd in Widerstreit“, schreibt Portschy. ❙13 Da-
bei werden sowohl „Deutschtum“ als auch
Es ist erstaunlich, wie bereits dieser Gelehr- „Zigeunertum“ als abstrakte Wesenheiten an-
te des 16. Jahrhunderts bis ins Detail zahlrei- genommen, die unabhängig von den Individu-
che Bilder und Stereotype aufzählt, die bis en und doch in ihnen existieren und durch Ab-
in die Gegenwart Bestand haben. Mit ande- stammung weitergegeben werden.
ren Worten: Bereits vor 450 Jahren fand eine
antiziganistisch motivierte Verfolgung von Eine Besonderheit des Antiziganismus
Menschen als „Zigeuner“ statt, die sich aus scheint dabei zu sein, dass sich die abstrak-
sehr ähnlichen oder den gleichen Vorurteilen te Wesenheit der Wir-Gruppe durch den
speiste, die bis in die heutige Zeit weit verbrei- Einschluss von „Zigeunern“ verändern oder
tet sind. Der Vorurteilskomplex des Antiziga- auflösen würde, während das für das „Zigeu-
nismus umfasst also einen relativ festgefügten nertum“ nicht zu gelten scheint: „Oft werden
Korpus an Stereotypen.  verbrecherische und verkommene Personen
aus der deutschen Dorfgemeinschaft noch
Es finden sich selbstverständlich auch zen- heute geradezu ausgestoßen. (…) Wenn diese
trale Unterschiede zwischen der eher vormo- infolge der hartnäckigsten Ablehnung durch
dernen Darstellung Münsters und dem heu-
te verbreiteten „Zigeuner“-Bild. Bei Münster ❙11  Tobias Portschy, Die Zigeunerfrage, Eisenstadt
spielten religiös motivierte Vorurteile noch 1938. Portschy war nationalsozialistischer Landes-
eine große Rolle: dass „Zigeuner“ keine Reli- hauptmann des Burgenlandes in Österreich und nach
dem „Anschluss“ stellvertretender Gauleiter der
gion hätten, jedoch ihre Kinder taufen ließen,
Steiermark. In dieser Position war er mit sehr großer
und dass sie auf einer Pilgerfahrt seien. Auch Wahrscheinlichkeit auch an der sehr frühen Deporta-
andere religiös motivierte Stereotype, die sich tion von 5007 Burgenlandroma in das Ghetto in Łódź
nicht bei Münster finden, waren weit verbrei- im November 1941 beteiligt. Von dieser Gruppe hat
tet: beispielsweise, dass „Zigeuner“ die Nägel niemand überlebt.
❙12  Die Analyse der Sinnstrukturelemente des Anti-
ziganismus ist Ziel meines Dissertationsprojekts. Da
❙10  Sebastian Münster, Cosmographei, Basel 1550, diese Arbeit bisher nicht abgeschlossen ist, müssen
S. 300 f. Zitiert nach dem Digitalisat der Universität die hier dargestellten Hypothesen als Werkstattbe-
Köln, online: www.digitalis.uni-koeln.de/Muenster/ richt verstanden werden.
muenster_index.html (25. 4. 2011). ❙13  T. Portschy (Anm. 11), S. 37.

18 APuZ 22–23/2011
das Bauerntum Anschluss bei den Zigeunern und Boden, um ihn dauernd durch seine Ar-
heute noch sucht [sic!] und bisher auch fand beit zu kultivieren, wie überhaupt sich durch
[sic!], dann vereinen sich eben Verbrecher mit seiner Hände Arbeit sein Brot zu verdienen
Verbrecher [sic!] und die Rassenschande fei- (…). Er wandert bettelnd und spielend von
ert Triumpfe [sic!]. So und nur so sind die Dorf zu Dorf, stiehlt dabei für das [sic!] ihn
vielen Blondköpfe in der Zigeunerkolonie zu Nötige auf den Feldern.“ ❙21 Das heißt, in der
erklären.“ ❙14 Diese „Blondköpfe“ zählt Port­ antiziganistischen Vorstellung lebt „der Zi-
schy aber zu den „Zigeunern“, weil sich „Ver- geuner“ von dem, was andere Menschen sich
brecher und Verbrecher“ vereinten und sie erarbeiten und was er sich aneignet, weil er
sich somit in die „Zigeunerkolonie“ einfü- Arbeit und Eigentumsverhältnisse nicht an-
gen könnten. Diese Offenheit des „Zigeuner- erkennt. Alle Stereotype von „Diebstahl“,
tums“ deutete sich bereits im Text von Müns- „Betteln“ und „Betrügen“, wie sie sich auch
ter an, wenn er schreibt „Sie nemen auch an schon bei Münster finden, drücken diesen
man und weib in allen länderen/die sich zu Sinngehalt aus.
inen begeren zuschlagen.“ ❙15
Ein häufig damit einhergehender Sinnge-
Eine weitere Parallele zwischen Münster halt ist jener des fehlenden Planens und der
und Portschy stellt der angenommene Ge- fehlenden Selbstdisziplin. Dem Ackerbau als
gensatz zwischen „Zigeuner“ und „Bauer“ Symbol einer Tätigkeit, für die das ganze Jahr
dar: „ist dem bauwers volck gar beschwer- diszipliniert gearbeitet und geplant werden
lich“ ❙16 schreibt Münster, bei Portschy heißt muss, wird die Sorg- und Disziplinlosigkeit,
es „Wer die Zigeuner kennt, weiß, daß sie mit der „Zigeuner“ vermeintlich ihren Trie-
ein Nomaden- und kein Bauernvolk sind.“ ❙17 ben und Lüsten freien Lauf lassen, gegen-
Dieser Gegensatz findet sich immer wie- übergestellt. Schon Münster schrieb, sie „le-
der bis in die Gegenwart und kann gewis- ben on sorg“, ❙22 und auch bei Portschy findet
sermaßen als Konzentrat mehrerer Sinnge- sich dieser Sinngehalt in verschiedenen Vari-
halte gelten. Er enthält die These von der ationen wieder. „Zigeunern“ werden „Maß-
Ortlosigkeit der „Zigeuner“, die sich so- losigkeit beim Genusse von Alkoholien und
wohl in Portschys „Nomadenvolk“ als auch narkotische(n) Verkommenheit“ ❙23 unterstellt
in Münsters „es hat kein vaterland“ ❙18 aus- und „Raufereien“ und eine „ständige Lust
drückt. Noch allgemeiner bedeutet dies, zum Bruderkriege“ nachgesagt, die durch
dass „Zigeunern“ abgesprochen wird, eine „Alkoholgenuss“ genährt werde. ❙24
Identität zu besitzen, wie das andere Men-
schen haben sollten, die sich über ihr Vater- Eng damit verwoben und teils identisch ver-
land oder ihre Religion definieren: „ist kein wendet ist der Sinngehalt der sexuellen und
religion bey ine“ ❙19 schreibt Münster, und geschlechtlichen Amoralität, der sich in vielen
Portschy schließt sich an: „Von einer ech- Formen zeigt. Auch hier besteht der Vorwurf
ten Religiosität findet sich bei ihnen keine darin, die eigene Sexualität nicht unter Kon-
Spur.“ ❙20 „Zigeunern“ werden also zwei der trolle zu haben und zentrale Wertmaßstäbe
großen identitätsstiftenden Kategorien der vermissen zu lassen. So sind für „Zigeuner“
europäischen Gesellschaften – Religion und laut Portschy „wilde Ehen“, „Inzuchtehen“,
Nationalität – abgesprochen. „geschlechtliche Frühreife“ und „Prostituti-
on“ bezeichnend. ❙25 Überdies werden insbe-
Der Gegensatz zum „Bauern“ enthält noch sondere „Zigeunerinnen“ stellvertretend für
einen zweiten zentralen Sinngehalt des An- den ganzen Vorstellungskomplex von Freiheit
tiziganismus, den des archaischen Parasiten: und Lust als besonders erotisch und verfüh-
„Der Zigeuner ist ein reiner Schmarotzer; er rerisch beschrieben. Diese Darstellung steht
sehnt sich nicht nach dem Besitz von Grund immer im Kontext einer Versuchung der An-
gehörigen der Mehrheitsgesellschaft, sich ver-
❙14  Ebd., S. 31. führerischen Personen und damit ihrem Le-
❙15  S. Münster (Anm. 10), S. 300.
❙16  Ebd. S. 300 f.
❙17  T. Portschy (Anm. 11), S. 31 f.; Hervorhebung im ❙21  Ebd., S. 14.
Original. ❙22  S. Münster (Anm. 10), S. 300.
❙18  S. Münster (Anm. 10), S. 300. ❙23  T. Portschy (Anm. 11), S. 23.
❙19  Ebd. ❙24  Zitate ebd., S. 19.
❙20  T. Portschy (Anm. 11), S. 13. ❙25  Zitate ebd., S. 18 f.

APuZ 22–23/2011 19
bensstil hinzugeben. Bei Portschy findet sich Soziale Hintergründe
hierzu nur eine Andeutung, wenn er explizit
die Kleidung der „jungen Lagerschönen“ er- Wie bereits dargelegt kann der Beginn des An-
wähnt, die sich nicht wie üblich „notdürftig tiziganismus in Westeuropa im 15./16.  Jahr-
in Lumpen“ kleide. ❙26 Deutlicher ausgearbei- hundert verortet werden, in einer Zeit also,
tet findet sich dieser Sinngehalt im Stoff der in der „die Grundlagen der modernen bür-
„Carmen“-Novelle, ❙27 der vielfach adaptiert gerlichen Gesellschaft gelegt wurden“. ❙31
und neu aufgelegt wurde. Darin geht es um Veränderte Normen, die zu Beginn der Ent-
die „Zigeunerin“ Carmen, die den „Nicht- wicklung noch schwach und instabil waren,
Zigeuner“ Don José verführt, woraufhin sein konnten dadurch gestärkt und durchgesetzt
bürgerliches Leben zerstört wird. werden, dass vermeintlich Fremden vorge-
worfen wurde, sie zu verletzen. Hier läuft
Diese vermeintliche Bedrohung der „männ- ein komplizierter Prozess ab, der von Theo-
lichen“ Position geht so weit, dass antiziga- dor W. Adorno und Max Horkheimer in ih-
nistische Texte häufig einen Wechsel der Ge- ren Analysen des Antisemitismus als „pa-
schlechterrollen konstatieren. So wird „der thische Projektion“ bezeichnet wurde, als
Zigeunerin“ die Rolle der Ernährerin zu- „Übertragung gesellschaftlich tabuierter
geschrieben. Schon Münster schreibt, „Zü- Regungen des Subjekts auf das Objekt“. ❙32
giner“ seien ein „volck/das sunderlich gern Die These besagt, dass Individuen von den
stilt/doch allermeist die weiber/die also iren gesellschaftlichen Normen und Wertvor-
mannen zu tragen“. ❙28 Auch bei Portschy fin- stellungen abweichende und somit verbote-
den sich Belege für diese Regel: „Die Weiber ne Regungen oder Wünsche auf andere Men-
rücken dann zu zweien oder dreien gruppiert schen oder Gruppen projizieren, also auf sie
mit ihren Milchkannen, Taschen und Kör- übertragen.
ben in der Hand in das Dorf und ziehen bet-
telnd von Haus zu Haus. (…) Beladen mit ih- Auch Franz Maciejewski, ehemaliger Mit-
rer Beute kehren sie zu den Ihren zurück.“ ❙29 arbeiter des Dokumentations- und Kultur-
Auch andere bis ins 20.  Jahrhundert hinein zentrums Deutscher Sinti und Roma, ver-
streng „männlich“ konnotierte Tätigkeiten wendet dieses Konzept, um Antiziganismus
wie das Tragen von Hosen, der Konsum von zu erklären: „Demgegenüber gilt der Haß,
Tabak und Alkohol oder gar die Führung der Sinti und Roma trifft, denjenigen, die (im-
der „Sippe“ wurden „Zigeunerinnen“ unter- mer auf der Ebene der Phantasie) den Prozeß
stellt. der Zivilisation angeblich unterlaufen. Die
Zigeuner verkörpern gegen das herrschende
Diese Bedrohung männlicher Hegemonie Realitätsprinzip das Lustprinzip, gegen die
geht damit einher, dass „Arbeit“ als zentrale repressive Kultur insgesamt die Natur, gegen
„männliche“ Tätigkeit „Zigeunern“ pauschal die Zwänge des Patriarchats das Matriarchat,
abgesprochen wird. Als eine hier anschlie- gegen den industriellen Komplex das einfa-
ßende Meta-Regel kann gelten, dass alle auf- che Leben“. ❙33 „Zigeuner“ gelten den moder-
gezählten Sinngehalte in antiziganistischen nen Erscheinungsformen des Antiziganismus
Äußerungen und Texten primär Frauen oder also immer als archaisches Gegenbild zur
Kindern zugeschrieben werden, dass diese Norm der Mehrheitsgesellschaft. Die Durch-
also als Essenz des „Zigeunerischen“ fungie- setzung der modernen Gesellschaft wird da-
ren. ❙30 bei von Maciejewski als ein Prozess interpre-
tiert, „der ökonomisch den Übergang von der
❙26  Zitate ebd., S. 14.
❙27  Prosper Mérimée, Carmen, Köln 2006. rold/Yvonne Robel (Hrsg.), Antiziganistische Zu-
❙28  S. Münster (Anm.  10), S.  300. Diesen Satz hat stände. Zur Kritik eines allgegenwärtigen Ressenti-
Wolfgang Wippermann als Titel für einen Aufsatz ments, Münster 2009, S. 41–66.
verwendet: „Doch allermeist die Weiber“. Antiziga- ❙31  Franz Maciejewski, Elemente des Antiziganis-
nismus in geschlechtergeschichtlicher Sicht, in: Hel- mus, in: Jacqueline Giere (Hrsg.), Die gesellschaftli-
gard Kramer (Hrsg.), Die Gegenwart der NS-Vergan- che Konstruktion des „Zigeuners“. Zur Genese eines
genheit, Berlin 2000, S. 278–294. Vorurteils, Frankfurt/M. 1996, S. 9–28, hier: S. 12.
❙29  T. Portschy (Anm. 11), S. 15 f. ❙32  T. Adorno/M. Horkheimer (Anm. 5), S. 201.
❙30  Vgl. dazu Rafaela Eulberg, Doing Gender and ❙33  Franz Maciejewski, Das geschichtlich Unheimli-
Doing Gypsy. Zum Verhältnis der Konstruktion von che am Beispiel der Sinti und Roma, in: Psyche, 48
Geschlecht und Ethnie, in: Markus End/Kathrin He- (1994) 1, S. 30–49, hier: S. 47.

20 APuZ 22–23/2011
Agrar- zur Kapitalwirtschaft, also eine sich Herbert Heuss
im Geiste des Kapitalismus formierende Ar-
beits- und Disziplinargesellschaft umfaßt;
der politisch in Richtung Territorialstaat-
Roma und Minder-
und Nationenbildung geht und die Etablie-
rung einer neuen, institutionell abgesicherten
Form von Herrschaft bedeutet; der sozialpsy-
heitenrechte in der
chologisch das Aufbrechen des alten Verhal-
tenscodes Geschlechterbeziehung im Sinne
EU. Anspruch und
einer Stärkung patriarchaler Strukturen mar-
kiert; der schließlich kulturell die Dominanz Wirklichkeit
eines wissenschaftlichen Weltbildes und die
Umstellung auf ein rationales Lebens­ethos
­erzwingt“. ❙34

Damit deutet Maciejewski die tief greifen-


W ährend die Europäische Kommission
ihren Rahmen für nationale ­Strategien
zur Integration der Roma bis 2020 vor-
den Veränderungen sozialer Normen und stellt, während un-
Wertvorstellungen an: Fleiß und Arbeits- ter der  Ratspräsident- Herbert Heuss
disziplin gelten als neue Normen im ökono- schaft Ungarns hoch- Geb. 1954; Politikwissenschaft-
mischen Bereich, feste nationale Identitäten rangige Konferenzen ler beim Zentralrat Deutscher
werden zu zentralen Merkmalen der auf- zur Umsetzung eben Sinti und Roma, Bremeneck­
strebenden bürgerlichen Schichten, die Vor- dieser Strategien ver- gasse 2, 69117 Heidelberg.
herrschaft des Mannes in den Geschlechter- anstaltet werden, mar- herbert.heuss@sintiundroma.de
beziehungen verstärkt sich, das Leben muss schieren zur selben
rational und effizient geplant werden. Zeit rechtsextreme, gewaltbereite „Garden“
und militante „Bürgerwehren“ in Städten
Obwohl Adorno und Horkheimer keine und Gemeinden auf, die Rassenhass gegen
explizite Kritik des Antiziganismus formu- Roma propagieren, wie aktuell im ungari-
liert haben, bringen auch sie diesen Vorgang schen Gyöngyöspata. ❙1 Der massive Rassis-
mit der „sozialen Ächtung“ von „Zigeunern“ mus in einer Reihe von Mitgliedstaaten der
in Verbindung: „Die Strenge, mit welcher im Europäischen Union (EU) hat seine Ursache
Laufe der Jahrtausende die Herrschenden ih- in den sozialen Problemen, mit denen diese
rem eigenen Nachwuchs wie den beherrsch- Staaten nicht erst seit der Finanzkrise massiv
ten Massen den Rückfall in mimetische Da- konfrontiert sind, und er verschärft die sozi-
seinsweisen abschnitten, angefangen vom alen Spannungen in diesen Ländern.
religiösen Bildverbot über die soziale Äch-
tung von Schauspielern und Zigeunern bis Die Mitteilung der Europäischen Kommis-
zur Pädagogik, die den Kindern abgewöhnt, sion eines EU-Rahmens für nationale Strate-
kindisch zu sein, ist die Bedingung der Zivi- gien zur Integration der Roma bis 2020 ❙2 hat
lisation.“ ❙35 Diese sozialen Normen der Mehr- vielfältige Erwartungen geweckt. Die Initia-
heitsgesellschaft geben also den Hintergrund tive wird innerhalb der Roma-Organisatio-
ab, vor dem Antiziganismus analysiert und nen breit diskutiert. Obwohl die Bedeutung
kritisiert werden muss. dieses ersten umfassenden Dokuments auf
EU-Ebene nicht zu unterschätzen ist, sind
gleichwohl die Erwartungen nicht übermä-
ßig hoch. Die Enttäuschungen nach der Ost-
erweiterung der Union 2004 und 2007 sind
unter den Roma in Europa nach wie vor prä-
sent. Große Gruppen der Roma-Bevölkerung
❙34  F. Maciejewski (Anm. 31), S. 12.
❙35  T. Adorno/M. Horkheimer (Anm. 5), S. 189 f. Zu ❙1  Vgl. die Berichte im Pester Lloyd vom 27. 4. 2011,
den gesellschaftstheoretischen Grundlagen für eine online: www.pesterlloyd.net/​2011_17/​17gyoengyos-
Kritik des Antiziganismus in den Schriften Adornos DIE/​17gyoengyosdie.html (27. 4. 2011). Ähnliche
siehe Markus End, Adorno und „die Zigeuner“, in: Aufmärsche fanden 2011 in der Slowakei und in Bul-
ders. et al. (Anm. 32), S. 95–108. garien statt.
❙2  Vgl. http://ec.europa.eu/social/main.jsp?catId=​518&​
langId=de (14. 4. 2011).

APuZ 22–23/2011 21
insbesondere in den neuen Mitgliedstaaten in ignoriert werden. Vor dem Krieg lebten im
Ost- und Südosteuropa befinden sich nach Kosovo rund 120 000 Roma, Ashkali und
dem Zusammenbruch der sozialistischen Kosovo-Ägypter, der Anteil der verschiede-
Staaten in einer schlechteren Lage als zuvor. ❙3 nen Minderheitengruppen lag bei zwölf Pro-
Die in den Beitrittsverhandlungen zur EU zent. Heute leben nur wenige tausend Roma
eingeforderten Minderheitenrechte wurden im Kosovo, der Minderheitenanteil liegt bei
zwar pro forma in den verschiedenen Staa- nur noch fünf Prozent. Bei den Verhandlun-
ten ins Rechtssystem aufgenommen, de facto gen über den künftigen Status des Kosovo
aber nicht umgesetzt. blieben Roma ebenso wie andere Minderhei-
tenvertreter ausgeschlossen. ❙5
Mit dem Beginn der letzten beiden EU-Er-
weiterungen war die Frage der Minderheiten Die Aufforderung der Europäischen Kom-
erneut virulent geworden, nicht zuletzt wegen mission an die Mitgliedstaaten, nationale Stra-
der Zahl der Roma in den neuen Beitrittslän- tegien endlich umzusetzen, ist auch ein Er-
dern und deren befürchteter Migrationen gen folg jahrzehntelanger Bürgerrechtsarbeit. Im
Westeuropa. Der Schutz von Minderheiten KSZE-Abschlussdokument von Kopenhagen
überhaupt und die seit dem Beginn der Kon- wurde 1990 erstmals in einem internationa-
ferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit len Dokument die Lage der Roma in einem
(KSZE) erstmals in Kopenhagen 1990 aus- besonderen Abschnitt erwähnt, nicht zuletzt
drücklich erwähnte Situation der Roma wur- aufgrund der intensiven Lobbyarbeit einzel-
de für die EU im Laufe der Beitrittsverhand- ner Roma-Vertreter. In der Folge wurde das
lungen zu einem Beitrittskriterium. In den Thema Roma ständiger Tagesordnungspunkt
Beitrittsverhandlungen für 2004 und zuletzt auf den Human Dimension Conferences der
mit Bulgarien und Rumänien wurden Min- KSZE wie der späteren OSZE. Unter dem
derheitenrechte eingefordert, die innerhalb Dach der Organisation for Democratic Ins-
der EU nicht selbstverständlich sind: Frank- titutions and Human Rights (ODIHR) wur-
reich, Belgien und Griechenland haben die de 1994 der Contact Point on Roma and Sin-
einschlägigen Konventionen des Europarates ti Issues (CPRSI) eingerichtet, der seitdem in
nicht unterschrieben oder gar ratifiziert. ❙4 der OSZE-Region in allen Politikfeldern, die
Roma betreffen, aktiv ist. Bereits 2003 wur-
Es besteht die paradoxe Situation, dass ei- de ein umfangreiches Dokument, der Action
nerseits in den meisten neuen Mitgliedstaa- Plan on Improving the Situation of Roma and
ten ein formal weitaus besserer Schutz vor Sinti Within the OSCE Area, beschlossen. ❙6
Diskriminierung besteht als in einigen der
alten EU-Staaten und gleichzeitig Roma in Der Europarat beschäftigt sich bereits seit
den neuen Mitgliedstaaten massiver Diskri- den 1970er Jahren mit der Lage von Roma.
minierung und gewaltbereitem Rassismus In den 1990er Jahren wurde eine Experten-
ausgesetzt sind. Die Zwiespältigkeit der EU kommission ❙7 zur Lage von Roma berufen,
in Minderheitenfragen wird auch an ande- in die inzwischen 14 Mitgliedstaaten, ebenso
rer Stelle deutlich: Das Beispiel Kosovo zeigt, Roma-NGOs, feste Vertreter entsenden. Der
dass die EU-Minderheitenrechte nicht kon- Europarat hat seither eine Reihe von Empfeh-
sequent verfolgt und gegebenenfalls schlicht lungen zur Lage von Roma abgegeben und ist
in allen Politikfeldern aktiv. Damit gibt es bei
❙3  Siehe etwa den Bericht der Weltbank „Roma in Europarat und OSZE jeweils direkte institu-
an Expanding Europe: Breaking the Poverty Cyc- tionelle Gremien für Roma; die EU, die nach
le“, 2005, online: http://siteresources.worldbank.org/ wie vor grundsätzlich eine Politik des main-
EXTROMA/Resources/roma_in_expanding_euro-
streaming verfolgt, hat eine Reihe von Pro-
pe.pdf (1. 4. 2011).
❙4  In erster Linie die Framework Convention for the grammen ausdrücklich für Roma geöffnet.
Protection of National Minorities, CETS No. 157, Ob innerhalb der Europäischen Kommission
1. 2. 1995, online: http://conventions.coe.int/Treaty/​
en/Treaties/Html/​157.htm (10. 1. 2011). Die Euro- ❙5  Vgl. www.gfbv.de/pressemit.php?id=1015&​h igh-
pean Charter for Regional or Minority Languages, light=​Kosovo oder www.roma-kosovoinfo.com/in-
CETS No. 148, 5. 11. 1992, spielte eine nachgeordnete dex.php?option=com_frontpage&Itemid=1&limit=21
Rolle, online: http://conventions.coe.int/Treaty/en/ &limitstart=21 (5. 4. 2011).
Treaties/Html/​148.htm (10. 1. 2011). Die EU-Gleich- ❙6  Vgl. www.osce.org/odihr/​18158.html (5. 4. 2011).
behandlungsrichtlinie schließlich ist die einzige recht- ❙7  Vgl. www.coe.int/t/dg3/romatravellers/mgsrom/
liche Grundlage für Minderheitenrechte in der EU. default_en.asp (5. 4. 2011).

22 APuZ 22–23/2011
ein eigenes institutionelles Forum zum The- in Europa zu reden, ohne die jeweilige lokale
ma Roma etabliert wird, steht trotz der neuen Situation genau zu betrachten. Daraus folgt,
Rahmenvorgabe noch aus. dass für jedes Projekt und jedes Programm
zuerst eine genaue Ressourcenanalyse vor
Ort vorgenommen werden muss.
Roma als nationale Minderheiten
Unabhängig von den verschiedenen Ansät-
Die neuen und die ganz neuen Mitgliedstaa- zen und Methoden beschreiben nationale und
ten der EU haben während und nach der EU- internationale Studien die Lage von Roma in
Erweiterung eine formale Einbindung von Europa, besonders in den Beitrittsländern als
Minderheiten erreicht, die über dem Standard desolat. Einige Studien warnen eindringlich
der meisten westeuropäischen Mitgliedstaaten vor der Gefahr, dass eine weitere Marginali-
liegt. Rumänien etwa garantiert den Minder- sierung der Roma die soziale Desintegration
heitenparteien mindestens einen Vertreter im ganzer nationaler Gesellschaften und massive
Parlament; seit einigen Jahren gibt es an den Migrationen nach Westeuropa zur Folge ha-
Universitäten Quoten für Roma-Studenten in ben können.
bestimmten Fächern (z. B. Pädagogik, Sozial-
pädagogik, Jura), um die Zahl der Roma-Aka- Damit sind die Zivilgesellschaften wie die
demiker zu erhöhen. Fast alle Regierungen Roma-Verbände mit einer doppelten Heraus-
der neuen Mitgliedstaaten haben auf Regie- forderung konfrontiert: Zum einen geht es
rungsebene Gremien für die Beteiligung von um die Anerkennung ihrer Minderheiten-
Minderheiten geschaffen und entsprechende rechte, zum anderen um die Durchsetzung
Strategien und Aktionspläne zur Verbesse- ihrer sozialen Rechte. Doch bis zu welchem
rung der Situation von Roma entwickelt. Grad sind Minderheitenrechte eine produkti-
ve Kraft in der Entwicklung von Minderhei-
Innerhalb der EU leben knapp 6,2 Millio- tengruppen? Minderheitenrechte werden in
nen Roma, in Europa über elf Millionen; sie der Regel als „anti-negative Rechte“ (Richard
bilden damit eine der größten Minderheiten. ❙8 Hauser) eingefordert; die Frage ist, wie kann
Roma sind aber gerade keine europäische Min- ein positiver Prozess der Teilhabe ermöglicht
derheit – wie es oft auch wohlmeinend gesagt werden? Anders gefragt: Wie kann eine euro-
wird –, sondern sie sind zuallererst nationale päische Rahmenvorgabe via nationale Strate-
Minderheiten in ihren jeweiligen Heimatlän- gien tatsächlich umgesetzt werden?
dern. Außerdem sind Roma auch innerhalb
der verschiedenen Länder keine homogene
Gruppe, sondern sie unterscheiden sich viel- Roma in Bulgarien
fältig nach Sprache und Tradition, ökonomi-
scher Lage, Religion und vielen anderen Kri- Die Lage der Roma in Bulgarien zeigt diese
terien. Roma sind entsprechend in (fast) allen Problematik stellvertretend für eine Reihe
Schichten der jeweiligen nationalen Bevölke- von neuen Mitgliedstaaten auf. Besonders die
rungen in den jeweiligen Mitgliedstaaten ver- Ansätze im schulischen Bereich belegen wie
treten, in denen sie oft seit Jahrhunderten an- mühsam der Weg zu einer tatsächlichen Ver-
sässig sind. Die Roma im Burgenland heißen besserung der Situation ist.
Burgenländische Roma, weil sie seit Jahrhun-
derten im Burgenland wohnen; Gleiches gilt In Bulgarien leben dem letzten Zensus nach
für die vielen verschiedenen Gruppen in den 392 000 Roma unter einer Bevölkerung von
anderen Ländern. Die Vorstellung also, dass knapp acht Millionen Menschen – verlässli-
Roma gleichsam heimatlos in Europa umher- che Schätzungen gehen von einer Roma-Be-
ziehen, ist ein Klischee der Mehrheitsbevöl- völkerung von etwa 700 000 Menschen aus. ❙9
kerung, das mit der Realität nichts zu tun hat, In der sozialistischen Zeit entstanden in Bul-
und dient vielmehr der Rechtfertigung von
Diskriminierung und Ausgrenzung. Die He- ❙9  Beim Zensus galt als Kriterium die Selbsteinschät-
terogenität der verschiedenen Roma-Grup- zung als „Roma“. Große Teile der Roma-Bevölke-
rung rechnen sich zu den Türken; andere Gruppen
pen macht es unmöglich, über „die“ Roma lehnen den Begriff „Roma“ für sich ab, da Roma mit
der Gruppe der Kalderash gleichgesetzt wird; andere
❙8  Nach Angaben des Europarates, online: www.coe. wollen ausdrücklich nicht als Minderheit in Erschei-
int/t/dg3/romatravellers/default_en.asp (1. 4. 2011). nung treten.

APuZ 22–23/2011 23
garien die großen Mahala, Roma-Viertel, in In einer Vielzahl von Dörfern siedeln sich
denen heute in den größeren Städten oft meh- seit einiger Zeit Roma an, die dort preiswert
rere zehntausend Roma leben. Nach dem Häuser und Land kaufen können (die Land-
Ende des Sozialismus gab es nochmals ei- flucht in Bulgarien ist massiv, der Zuzug nach
nen Zustrom von Roma, die vom Land in die Sofia und in andere Großstädte ungebrochen).
Städte zogen, nachdem sie ihre Arbeit in den Während anfangs die lokale Bevölkerung eher
großen Betrieben verloren hatten. In diesen zurückhaltend war, sind jetzt positive Bezie-
Roma-Vierteln, die oft als „Ghettos“ bezeich- hungen entstanden, zum Beispiel schlicht da-
net werden, wurden während des Sozialismus durch, dass Kinder aus Roma-Familien in die
Schulen gebaut, um dem hohen Analphabe- lokalen Schulen gehen und so überhaupt den
tismus zu begegnen – zunächst mit Erfolg, Fortbestand dieser Schulen ermöglichen, die
die Alphabetisierungsrate stieg seit dem Ende sonst wegen der zu geringen Kinderzahl ge-
der 1940er Jahre von weniger als fünf auf über schlossen würden. Die Schulen in Roma-
90  Prozent Ende der 1980er Jahre. In den Nachbarschaften haben oft einen Anteil von
1960er Jahren war aber für Roma-Schulen Roma-Kindern, der bei 100 Prozent liegt. Das
ein besonderes Curriculum eingeführt wor- Open Society Institute gab für 2001 die Zahl
den, das auf Grundkenntnisse in Lesen und von 419 Schulen an, ❙11 bei denen der Anteil
Schreiben ausgerichtet war und ansonsten von Roma-Kindern bei 50 bis 100 Prozent lag;
die Entwicklung von beruflichen Fähigkeiten 2007 nannte das bulgarische Bildungsminis-
in den Vordergrund stellte: Roma sollten ins terium 105 Schulen, an denen ausschließlich
sozialistische Proletariat integriert werden. Roma-Kinder unterrichtet werden. 70  Pro-
In der Industrie ebenso wie in der kollekti- zent aller Roma-Kinder gehen nach Angaben
vierten Landwirtschaft gab es einen hohen des Erziehungsministeriums auf solche Schu-
Bedarf an Arbeitern, und eine Arbeitsplatz- len. Die Schulen in diesen Vierteln sind für
garantie bestand unabhängig von der Qualifi- Lehrer wenig attraktiv: Es gilt eher als Stra-
zierung – bei oft relativ hohen Löhnen in der fe, dort lehren zu müssen. Seit dem Ende des
Schwerindustrie oder im Bergbau. Sozialismus wird die Schulpflicht nicht mehr
streng kontrolliert – mit dem Ergebnis, dass
Die Schulen in den Roma-Vierteln sind heute viele Eltern ihre Kinder nicht zur Schule schi-
oft in höchstem Maße vernachlässigt, sie sind cken, vor allen Dingen, weil der Schulbesuch
schlecht ausgestattet, mit wenig qualifizier- lange Zeit selbst für die Grundschule mit ho-
ten Lehrern und in miserablem baulichem Zu- hen Kosten verbunden war. Schulbesuch in
stand. Kinder von diesen Schulen haben kei- „integrierten Schulen“ außerhalb der Stadt-
ne Aussicht auf dem Arbeitsmarkt, es sei denn, viertel mit besseren Bildungschancen verlangt
als ungelernte Arbeiter. Die Rate von Schulab- nach Engagement und materieller Basis: Klei-
gängern ist hoch, und Analphabetismus unter dung und Schulbücher.
jungen Roma nimmt rapide zu. Es gibt indes
Beispiele, die zeigen, dass Roma ihre Chan- Neben der Segregation in Form von Roma-
cen nutzen können: In Kavarna, einer kleinen Schulen gibt es andere Formen, vor allen Din-
Stadt an der Schwarzmeerküste, gibt es eine gen die Einschulung von Roma-Kindern in
Roma-Gemeinschaft, die neben kleinen Ho- Schulen für geistig oder körperlich Behinder-
tels auch Unterkünfte in Privatwohnungen an- te, oder die Abordnung in besondere Klassen
bietet – innerhalb der dortigen Mahala. Diese für Lernbehinderte innerhalb der regulären
Angebote werden von Touristen genutzt, die Schulen; häufig gibt es Roma-Klassen inner-
entweder keine Berührungsängste mit Roma halb der regulären Schulen. In der Praxis be-
haben oder schlicht nicht wissen, dass es sich deutet Desegregation: Roma-Kinder, die an
um ein Roma-Viertel in der Stadt handelt. Bul- den Programmen teilnehmen, werden mit
garen jedenfalls stellen häufig mit Erstaunen Bussen zu integrierten Schulen gebracht, die
fest, dass europäische Touristen dort buchen. oft weit von den Roma-Vierteln entfernt sind.
Inzwischen verfügt dieses Stadtviertel über die Es gibt leider kaum eine längerfristige Unter-
gleiche Infrastruktur wie die anderen Stadttei-
le, und die lokale Verwaltung und insbesonde-
❙11  Vgl. Krassimir Kanev/Kalinka Vassileva, Local
re der Bürgermeister unterstützen die weitere Initiatives: Desegregation in Bulgaria, in: Public In-
Entwicklung der Region. ❙10 terest Law Initiative – Columbia University, Separa-
te and Unequal. Combating Discrimination against
❙10  Vgl. www.romatransitions.org/node/​166 (20. 4. 2011). Roma in Education, Budapest 2004.

24 APuZ 22–23/2011
suchung über die Bildungskarrieren von Kin- naler Organisationen wie dem Roma Educa-
dern in Desegregationsprogrammen. Eva- tion Fund oder jetzt zunehmend des Struk-
luationen von laufenden Programmen sind turfonds rechnen können.
oft eher freundlich. In die integrierten Schu-
len sollen nicht mehr als 30  Prozent Roma- Bislang richtet sich nur ein Desegregati-
Kinder eingeschult beziehungsweise aufge- onsprojekt dezidiert an Kinder aus Schulen
nommen werden. ❙12 Es gibt allerdings keine für Lernbehinderte in Normalschulen (Veli-
überzeugende Begründung für diese Quote; ko Tarnovo); fast alle anderen arbeiten nur mit
als Gründe werden genannt, dass eine höhe- Schulen in Roma-Vierteln. Auch im ältesten
re Zahl wiederum den Charakter von Roma- Desegregationsprogramm in Vidin, das im
Schulen transportiere, dass Eltern eine höhe- September 2000 begonnen wurde, sind keine
re Zahl nicht akzeptierten, dass eine höhere Kinder aus den Sonderschulen für geistig oder
Zahl von Roma-Kindern den Unterricht er- körperlich benachteiligte Kinder involviert:
schwere, dass das Niveau der integrierten „There are no registered cases of transfer of
Schulen sinke und Direktoren deshalb keinen Roma children from the special school to the
höheren Anteil von Roma-Kindern gestatten mainstream schooling system in Vidin.“ ❙13
würden. Jede dieser Begründungen und vor
allen Dingen die willkürliche Festlegung ei- Daraus ergeben sich eine Reihe von Fra-
ner Obergrenze schreibt automatisch die Ur- gen, die bislang nicht hinreichend beantwor-
sache für die desolate Schulsituation den Ro- tet sind. Die Erfolge der Projekte sind nicht
ma-Kindern selbst zu: Ihre Anwesenheit in messbar, oder es bleibt unklar, welche Kri-
Schulklassen, wenn sie über 30  Prozent lie- terien für die Messung von Erfolg angewen-
ge, bedeute eine nicht zu tolerierende Last det werden. ❙14 Längst nicht alle Roma-Kinder
für die Schule, für die Lehrer, für die übri- nehmen (aus unterschiedlichen Gründen) an
gen Kinder. Implizit bedeutet das, dass jedes den Desegregationsprogrammen teil, sei es,
Roma-Kind letztlich eine Last für das Schul­ dass die Eltern ihre Kinder nicht in weit ent-
system darstellt. fernte Schulen schicken wollen, sei es, dass die
materielle Basis für den Besuch in integrier-
Desegregationsprojekte finden gegenwärtig ten Schulen fehlt (z. B. sind dort andere Klei-
in einer Reihe von Städten in Bulgarien statt, dungsstandards gesetzt). Die Zahl der Kin-
nach wie vor wesentlich getragen von Nicht- der, die aus Desegregationsprogrammen in die
regierungsorganisationen. Damit sind gleich- Schulen der Nachbarschaft zurückkehren, ist
zeitig die Gemeinden als Schulträger davon nicht erhoben; es gibt Berichte über Ableh-
entlastet, eigene Konzepte zur Schulentwick- nung und sekundäre Segregation in den inte-
lung zu produzieren; die Projekte dienen oft grierten Schulen; oft schicken bulgarische El-
als Beleg für das lokale Bemühen um Integra- tern ihre Kinder in Schulen, die ausdrücklich
tion von Roma. Dabei können Desegregati- nicht an Desegregationsprogrammen teilneh-
onsprojekte beliebig lange neben segregierten men. Offen bleibt, welche Auswirkungen De-
Schulen bestehen, offensichtlich ein System, segregationsprogramme auf diejenigen Kinder
von dem beide profitieren: das Schulsystem haben, die in den Roma-Schulen bleiben. Dort
mit den lokalen und nationalen Trägern, die wird weiterhin weniger Geld investiert, ❙15 und
ihr Bemühen um Desegregation, wie von der
EU und den politisch im Vordergrund ste- ❙13  Open Society Institute/EU Monitoring and Ad-
henden Roma-Organisationen eingefordert, vocacy Programme (EUMAP), Equal Access to Qua-
nachweisen können, und ebenso die lokalen lity Education for Roma, Vol. 1 (Bulgaria, Hungary,
zivilgesellschaftlichen Organisationen (Ci- Romania, Serbia), Budapest-New York 2007, S. 99.
❙14  Auch aktuelle Dokumentationen zeigen noch im-
vil Society Organizations/CSO) der Roma,
mer diesen Mangel an klaren Kriterien, wie z. B. die
die langfristig mit Zuwendungen internatio- in Anm. 13 genannte Untersuchung des Open Soci-
ety Institute. Multi-level-Studien über Roma-Nach-
❙12  Zur neueren Diskussion in den USA und Bulga- barschaften und Schulen stehen bislang aus.
rien vgl. Susan Roberta Katz/Hristo Kyuchukov/ ❙15  Obwohl offenkundig ist, dass die Schulen in den
Kevin Graziano, The Complexity of Language Issu- Roma-Nachbarschaften bis auf Weiteres bestehen
es in School Desegregation: Case Studies of Latino bleiben werden, allein schon aufgrund der demogra-
Students in the United States and Roma Students in fischen Entwicklung, empfiehlt EUMAP „(to) redi-
Bulgaria, in: Rumjahn Hoosain/Farideh Salili (eds.), rect funds from segregated schools in Roma neigh-
Language in Multicultural Education, Greenwich, bourhoods as they become obsolete, to mainstream,
CT 2005, mit bibliografischen Hinweisen. integrating schools. These funds should be used as

APuZ 22–23/2011 25
die Fortbildung von Lehrern unterbleibt, weil die Ursachen der desolaten Lage von Roma-
zuerst die Lehrer in integrierten Schulen trai- Schulen deutlich in der jahrzehntelangen Ver-
niert werden und Programme exklusiv zur nachlässigung liegen, dann lautet die Frage,
Verfügung stehen. Die aus dem Strukturfonds warum nicht neben den – in der Tat oftmals
der EU zur Verfügung stehenden Mittel für notwendigen – Desegregationsprogrammen
die Verbesserung der Schulsituation wurden ebenso in die Roma-Schulen direkt investiert
in Bulgarien 2007 so dezidiert für Desegrega- wird und welches Bild vom „Zigeuner“ dies
tionsprogramme ausgeschrieben, dass Schulen verhindert. Die Schlussfolgerung aus diesen
in Roma-Nachbarschaften oder in Dörfern Überlegungen kann nur lauten, dass jedes
mit überwiegender Roma-Bevölkerung von Programm und jedes Projekt schließlich auf
der Förderung ausgeschlossen wurden. lokaler Ebene umgesetzt werden muss, dass
also europäische und nationale Strategien im-
Unklar bleibt nicht zuletzt, was die inten- mer nur den Rahmen vorgeben können.
dierte Schließung von Roma-Schulen für die
jeweiligen Stadtviertel bedeutet: den Abbau
von weiterer Infrastruktur etwa, verbunden Grenzen des Minderheitenrechts
mit dem Verlust von Arbeitsplätzen und ei-
nem Zentrum der Gemeinde. Mit der syste- Allen Erziehungsprojekten der Moderne, sei-
matischen Vernachlässigung der Schulen in en sie auf Roma gerichtet oder nicht, war die
Roma-Vierteln, die mit der Begründung von Disziplinierung des Subjekts, die Zurichtung
notwendiger Desegregation fortgesetzt wird, des Menschen auf die Anforderungen der
läuft die Gefahr einher, genau das zu produ- modernen Arbeitswelt gemeinsam. Dies galt
zieren, was als Ursache der desolaten Schul- für die Projekte des Sozialismus, und dies gilt
situation immer wieder beschrieben wird, ebenso für die der aktuellen Zivilgesellschaft.
nämlich die Intensivierung einer ethnischen Erziehung gilt gemeinhin als Kern der Zivil-
Segregation, die das Wohnen und die Ausbil- gesellschaft; Schule gilt als Voraussetzung für
dung umfasst. Selbst­organisation und Teilhabe. Die Anfor-
derung an Roma lautet in der Regel, dass sie
Wenngleich die Ergebnisse von westeuro- ihre vermeintliche Lebensform aufzugeben
päischen Studien nicht ohne Weiteres über- und sich der modernen Gesellschaft anzu-
tragbar sind auf die besondere Lage der Roma passen hätten.
in Südosteuropa und speziell in Bulgarien, so
zeigen Untersuchungen aus Deutschland, ❙16 Diese Haltung findet sich auch in der ak-
dass soziale Segregation stärkere Auswirkun- tuellen Diskussion über die Rahmenvorgabe
gen hat als ethnische Segregation. Vor allen der Europäischen Kommission ebenso wie
Dingen aber muss eine Schule in einer eth- in der Roma-Dekade: „There is a prevailing
nischen Umgebung nicht notwendigerwei- understanding among Bulgarians that Roma
se eine schlechte schulische Versorgung be- should not be confined to separate ghettos
deuten. Vielmehr zeigen solche Schulen einen on the outskirts of urban and rural com-
eigen­stän­digen Entwicklungskontext, unab- munities, inside which those traits and tra-
hängig von ihrer Lage. Diese Möglichkeiten ditions, which hold back their social advan-
sind bislang in der Diskussion nicht nur der cement, keep reproducing.“ ❙17 Auch bei der
schulischen Förderung von Roma in Bulga- Vorstellung des EU-Rahmens in Berlin im
rien weitgehend ausgeblendet worden. Wenn April 2011 wurden wieder die Stichworte
„Nomadismus“ und „Lebensweise“ genannt
und damit wiederum die Ursachen für die oft
incentives for the improvement of the schools’ infra-
desolate Lage großer Teile der Roma-Bevöl-
structure, and as a means to pay salaries of integrated
teachers.“ Open Society (Anm. 13), S. 25. kerung eben deren vorgeblichem Verhalten
❙16  Vgl. Dietrich Oberwittler, The Effects of Ethnic zugeschrieben. Ähnliche Pauschalzuschrei-
and Social Segregation on Children and Adolescents: bungen sind wiederholt auch im Deutschen
Recent Research and Results from a German Mul- Bundestag zu hören, wenn etwa „den“ Roma
tilevel Study. Discussion Paper Nr. SP IV 2007-603.
Veröffentlichung der Arbeitsstelle Interkulturelle
Konflikte und gesellschaftliche Integration, Wissen- ❙17  World Bank, Attitudes Towards the Roma in Bul-
schaftszentrum Berlin für Sozialforschung, online: garia, Washington, DC, Juli 2005, online: http://
www.wz-berlin.de/zkd/aki/files/aki_segregation_ siteresources.worldbank.org/INTROMA/Resources/​
kinder_jugendliche.pdf (20. 4. 2011). BulgariaQualitativeReport.rtf (1. 5. 2011), S. 42.

26 APuZ 22–23/2011
vorgehalten wird: „Ihr [sic!] dürft eure Frau- Merfin Demir · Julianna Orsós ·
en nicht verprügeln. Ihr dürft die Mädchen
nicht zwangsverheiraten.“ ❙18
Vicente Rodríguez · George Caldararu ·
Emran Elmazi

Die größte Minderheit


Damit komme ich zurück auf die ein-
gangs gestellte Frage nach den Grenzen des
Minderheitenrechts: die Annahme nämlich,
dass Gerechtigkeit hergestellt werden könne
durch normative Aktionen, durch das Ein- in Europa
klagen von Nicht-Diskriminierung. Die viel-
fältigen Analysen der benachteiligten Situa-
tion von Roma bestätigen einerseits immer
wieder den Befund (in anderen Worten, sich
selbst), tragen aber kaum zur Verbesserung
S inti und Roma werden häufig nur als Rand-
gruppe wahrgenommen, jedoch bilden sie
mit mehr als zehn Millionen Menschen die
der Situation bei ❙19 und befördern kaum das größte Minderheit in
eigene Bemühen um Verbesserung der Situ- Europa. Wo liegen ihre Merfin Demir
ation. Damit wird das Feld politischer CSOs historischen Wurzeln? Geb. 1980; Teilnehmer beim
bestätigt, die ihr Insistieren auf Gerechtig- Wie sieht ihre Lebens- European Roma Summit
keit bestätigt sehen und die gegen Normver- situation aus? Weshalb 2008/2010, Regionalkoordina­
letzungen vorgehen, ohne aber – im Fall der ist dieses Volk  immer tor der Interkulturellen Jugend-
Schulen  – über das politische Konzept der wieder von Emigration organisation von Roma und
Desegregation ebenso adäquate pädagogische betroffen? Nichtroma Terno Drom e. V.,
Konzepte zur Verbesserung der Bildungssi- Düsseldorf.
tuation zu entwickeln. Zunächst ist festzu- www.ternodrom.de
halten: Die Mensch- merfin.demir@ternodrom.de
Für die Minderheiten bedeutet das, dass heitsgeschichte kennt
zwar einerseits Minderheitenrechte ohne eine nicht geringe Zahl von Migrations-
Zweifel unerlässlich notwendig sind, aber prozessen. Zu den bekanntesten gehört die
eben keineswegs hinreichend, um die oft de- Völker­wanderung. Zu den wichtigsten Ursa-
solate Lage von Roma-Gruppen nachhaltig chen solcher Wanderungsbewegungen zäh-
zu verbessern. Es wird Aufgabe der Roma- len Krieg und Hungersnöte (abstoßende Fak-
Organisationen selbst ebenso wie die der Po- toren) sowie bessere Lebensbedingungen im
litik und der Zivilgesellschaft sein, Konzep- Einwanderungsland (anziehende Faktoren).
te zu entwickeln, die Minderheiten in die Diese Ursachen gelten für die historische Mi-
Entwicklung der Gesamtgesellschaft syste- gration der Sinti und Roma wie auch für die
matisch einbinden. Die Europäische Kom- derzeitige Migration osteuropäischer Roma
mission verfügt mit ihrer grundsätzlich auf nach Westeuropa. ❙1
mainstreaming ausgerichteten Politik gegen-
über Minderheiten durchaus über Förder- Aufgrund sprachlicher Verwandtschaft des
möglichkeiten. Romanes (der Sprache der Sinti und Roma)
mit den nordwestindischen Sprachen gilt die
indische Herkunft der Roma mittlerweile als
❙18  So Erika Steinbach, MdB, für die Fraktion der gesichert. Den wichtigsten historischen Ein-
CDU/CSU in der Aussprache über den Antrag der schnitt erlebten die Sinti und Roma durch den
Grünen, Für die Umsetzung der Gleichstellung von afghanischen Fürsten Mahmud von Ghazni:
Sinti und Roma in Deutschland und Europa, BT- Er eroberte im 11. Jahrhundert die nordwest-
Drs.  17/5191 am 24. 3. 2011; der Antrag folgte auf
indischen Regionen Panjab, Sindh und Ra-
die Rede von Zoni Weisz in der Gedenkstunde am
27. 1. 2011 in der Gedenkveranstaltung des Deutschen jastan. Die dortige Bevölkerung geriet in die
Bundestages zum Internationalen Holocaust Gedenk- Sklaverei oder wurde vertrieben. Diese Er-
tag; vgl. auch den Text von Weisz in diesem Heft. eignisse führten zu ersten Migrationsbewe-
❙19  Dieser Befund wird inzwischen auch von Roma gungen von Sinti und Roma. In Europa wur-
CSOs und Unterstützern problematisiert, vgl. z. B. den sie zunächst geduldet. So erhielten sie im
Project on Ethnic Relations, Romani Politics. Pre-
sent and Future, 2005, online: www.per-usa.org/​
Reports/PER_Romani_Politics.pdf (2. 4. 2011). ❙1  Vgl. zum Folgenden: Rajko Djurić/Jörg Becken/​
A.  Bertolt Bengsch, Ohne Heim – ohne Grab. Die
Geschichte der Roma und Sinti, Berlin 1996.

APuZ 22–23/2011 27
Heiligen Römischen Reich sogar königliche der soziale Aufstieg der als „Gastarbeiter“ ein-
Schutzbriefe. Diese Periode fand jedoch mit gewanderten Roma erst unter Geheimhaltung
den Reichstagen von 1496 und 1498 ein Ende: der eigenen Herkunft möglich war. ❙4
Sinti und Roma wurden angesichts der osma-
nischen Expansion für vogelfrei erklärt, denn Auch Nichtroma sind als gute Vorbilder zu
sie galten nun als türkische Spione und Fein- nennen. Hierzu gehört Jonathan Mack: ❙5 Der
de der Christenheit. Im 18. Jahrhundert wa- deutsche UN-Jugenddelegierte für das Jahr
ren unter Kaiserin Maria Theresia Eheschlie- 2007 hat als erster den Antrieb für eine deut-
ßungen unter Roma untersagt. Roma-Kinder sche und europäische Jugendbewegung der
nahm man ihren Eltern weg, um sie christli- Sinti und Roma gegeben. So findet jährlich
chen Pflegeeltern zu übergeben. Auch in Spa- das Bundesjugendtreffen „Terne Sinti und
nien gab es im selben Jahrhundert Assimilati- Roma“ statt. Dieses Treffen ist an alle inter-
onsversuche: Den dort lebenden Roma war es essierten Jugendlichen gerichtet. Es stärkt die
untersagt, ihre Muttersprache zu sprechen. Eigeninitiative und die gemeinsame Gestal-
tung der Zukunft und dient der bundeswei-
Selbstverständlich haben Roma im Verlauf ten Vernetzung junger Sinti und Roma.
ihrer Geschichte neben ihrem historisch-in-
dischen Erbe auch kulturelle und sprachliche
Elemente anderer Völker und Länder aufge- Julianna Orsós
nommen. Daher kann mit Bestimmtheit ge-
sagt werden, dass die Roma ein pluralistisches Ungarn – innere
Volk sind. Hinzu kommt, dass ihre Lebens-
situation häufig davon abhängt, inwieweit sie ­Unsicherheit, gute PR
sich gegenüber der Mehrheitsgesellschaft po-
sitionieren, um das eigene Überleben und die
Identität zu sichern. N ach der Parlamentswahl 2010 ist klar ge-
worden, dass Ungarn eine radikale in-
nere Veränderung braucht; deshalb hat die
Selbst in unserem demokratischen Zeitalter national-konservati-
stellte das Europäische Parlament erst 2005 ve Regierungspartei, Julianna Orsós
fest, dass Roma Opfer ethnischer Säuberun- der Ungarische Bür- M. A., geb. 1986; Doktorandin,
gen wie auch Vertreibungen in den Nachfolge- gerbund (FIDESZ), Universität Pécs; Vorstands-
staaten des ehemaligen Jugoslawiens gewesen zwei Drittel der Stim- mitglied von Amaro Drom e. V.
sind. ❙2 Für die neuen EU-Staaten Bulgarien men erhalten. Euro- – RGDTS (Roma Gadje Dialogue
und Rumänien stellte eine UNICEF-Stu- paweit wird meist nur through Service), Lövölde tér
die fest, dass die dort lebenden Roma zu ei- über das umstrittene 2. II/3, 1071 Budapest/Ungarn.
ner nicht geringen Zahl ohne Anbindung an Mediengesetz berich- www.rgdts.net
die öffentliche Infrastruktur leben. ❙3 Die po- tet, nicht aber über die orsos.julianna@gmail.com
pulistische Maßnahme, Roma auszuweisen, Entmachtung des Ver-
kam nicht etwa von einer rechtsextremen fassungsgerichts und vorgeschlagene Verfas-
Gruppierung, sondern von der bürgerlichen sungsänderungen. ❙6
Regierung Nicolas Sarkozys in Frankreich.
Unter den Vorschlägen der FIDESZ betref-
Es gibt aber auch Positives zu berichten. Im- fen verschiedene Punkte die Roma unmit-
mer mehr Roma ergreifen die Möglichkeit eines
akademischen Werdegangs. Ein interessantes
Beispiel ist hierbei Elli Jonuz, deren Eltern aus ❙4  Vgl. Elli Jonuz, Stigma Ethnizität. Wie zugewan-
derte Romafamilien der Ethnisierungsfalle begeg-
dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutsch-
nen, Leverkusen 2009.
land emigrierten. Als Erzieherin schaffte sie ❙5  Vgl. www.amarodrom.de/content/jonathan-mack
es, über den zweiten Bildungsweg zu promo- (15. 4. 2011).
vieren. In ihrer Dissertation hat sie belegt, dass ❙6  So sollen der Forint und die Nationalhymne Ver-
fassungsrang erhalten. Gegen die Verfassungsre-
form organisierten Polizei, Armee und Feuerwehr
❙2  Vgl. www.dias-online.org/fileadmin/templates/ am 16. April 2011 einen großen Protest. Die neue Re-
downloads/DIAS_Kommentare/Kommentar42.pdf gierung will ein „Lebenslaufmodell“ ausarbeiten,
(15.4.2011). was vorzeitige Pensionierungen nicht mehr erlauben,
❙3  Vgl. www.unicef.de/presse/pm/​2007/roma-konfe- sondern den Betroffenen „administrative Aufgaben“
renz (15. 4. 2011). übertragen würde.

28 APuZ 22–23/2011
telbar: die Absenkung des Schulpflichtalters te. ❙9 Doch der Staat hat die öffentliche Ordnung
auf 16 Jahre ist einer von ihnen. Der Zusam- nicht bewahren können, und das Vakuum wur-
menbruch des Kommunismus hat den Roma de gefüllt. „Garden“ und „Wehren“ riegeln nun
Mitteleuropas eher geschadet. Viele der ein- das Roma-Viertel ab, die Roma trauen sich nicht
fachen Fabrikjobs, in denen sie gearbeitet mehr aus ihren Häusern, schicken ihre Kinder
hatten, verschwanden mit den dazugehörigen nicht mehr zur Schule. Sie haben Angst. Am
Industrien. Im ersten postkommunistischen 16. März kam es zu einer Gegendemonstration
Jahrzehnt verdoppelte sich die Armut unter von Bürgern, einem anderen Ungarn. Die De-
den ungarischen Roma, und die Arbeitslo- mokratische Charta und die Bürgerrechtsbe-
sigkeit schoss in die Höhe. Die wachsenden wegung Társaság a Szabadságjogokért (TASZ)
Einkommensunterschiede haben der gesell- zeigten Präsenz. Man will den Zustand, dass
schaftlichen Isolation in den Bereichen Woh- der Staat sein Gewaltmonopol aufgibt, nicht
nen und Bildung Vorschub geleistet und die hinnehmen. Am selben Tag ließ Regierungs-
Diskriminierung angeheizt. Die Roma-Be- sprecher Péter Szíjjártó erklären, dass „nur die
völkerung war schon zu sozialistischen Zei- Polizei das verfassungsmäßige Recht hat, die
ten aus dem integrierten Schulsystem aus- öffentliche Ordnung durchzusetzen“.
geschlossen. Heute besucht ein Großteil der
Roma-Kinder Sonderschulen. ❙7 Laut Umfra- Obwohl in den Jahren 2009 und 2010 sechs
gen wollen 94 Prozent der Ungarn ohne Ro- Menschen mit Roma-Hintergrund ermor-
ma-Hintergrund nicht, dass ihre Kinder in det worden sind (unter ihnen zwei Kinder),
der Schule neben einem Roma-Kind sitzen. schien es Europa nicht zu reichen, um einzu-
sehen, was in Ungarn passiert, und zu verste-
hen, dass dieser Prozess europaweit kein neu-
„Machtergreifung“ und Angst es Phänomen ist.

Weil „Verbrechen gegen das Eigentum“ durch


die lokalen Behörden „nicht mehr kontrol- Vicente Rodríguez
lierbar waren“, hat der Bürgermeister von Gy-
öngyöspata die Bürgerwehr „Schönere Zu- Die Zeiten ändern sich
kunft“ um Hilfe gebeten. Am 10. März 2011
marschierten über tausend Anhänger in dem
Ort mit rund 2500 Einwohnern (wie es die
Rechten ausdrücken, „mit 2000 Ungarn und
M it dem Lied und dem Album „The Times
They Are a-Changin’“, das diesem Bei-
trag seinen Namen gibt, wurde Bob Dylan im
500 Zigeunern“) auf, um zu verhindern, dass Jahr 1964 zu einer Per-
der „Zigeunerterror“ eine „Bürgerkriegssi- sönlichkeit der ameri- Vicente Rodríguez
tuation“ erzeugt. ❙8 Bereits seit Wochen pa- kanischen Folkmusik. Geb. 1988 in Valencia; Regis-
trouillieren schwarzuniformierte „Bürger- Es hatte den Anschein, seur; Grün­dungsmitglied der
wehren“ und die „Gendarmerie“ – meist kahl dass ein authentischer ­Gitano-Jugendorganisation
rasierte, stiernackige Männer, aber auch ver- Revolutionär stellver- Ternikalo XXI.
härmte Wichtigtuer – durch den Ort und er- tretend für eine Gene- dealfafar_@hotmail.com
richten „Kontrollpunkte“. ration auftrat, die sich
nach Veränderungen und turbulenten Zeiten
Am Tag der Demonstration der ultrarech- sehnte. Doch die überlebenden Rockstars des
ten „Jobbik“ war die Polizei in Gyöngyöspa- turbulenten Jahrzehnts behaupteten sich bald
ta, schritt aber nicht ein, obwohl die Roma- als „neue Reiche“, und der kraftvolle Sound
Gemeinde an den Innenminister geschrieben des Undergrounds wurde brutal kommerzia-
und von einer „Bedrohung“ gesprochen hat- lisiert, bis er seine Essenz verlor.

Geschichte wiederholt sich, und manch-


❙7  Vgl. Paul Hockenos, Sonderschulen für Roma- mal hat etwas, das zu einer anderen Zeit und
Kinder, in: die taz vom 12. 1. 2011, online: www. an einem anderen Ort geschah, deutliche Pa-
buchmesse.taz.de/​1/zukunft/bildung/artikel/​1/son-
derschulen-fuer-roma-kinder (10. 5. 2011).
❙8  Vgl. Neonazis übernehmen Polizeigewalt in Un- Übersetzung aus dem Spanischen von Christian
garn, in: Pester Lloyd vom 17. 3. 2011, online: www. Brügge­m ann.
pesterlloyd.net/​2 011_11/​11gyoengyoespata/​11gyo- ❙9  Inzwischen hat die Ungarische Garde in drei wei-
engyoespata.html (10. 5. 2011). teren Städten „Kontrollpunkte“ eingerichtet.

APuZ 22–23/2011 29
rallelen zu unserer heutigen superglobalisier- präsentiert. Um es in Shakespeares Worten zu
ten Gesellschaft, die sich kreisförmig, in einer sagen: „Es ist etwas faul in Spanien.“
fortwährenden Suche nach Sinn und Identi-
tät bewegt. Die Gemeinschaft der spanischen Dennoch haben die jungen Gitanos die
Roma, wir nennen uns „Gitanos“, schreitet Hoffnung auf Veränderung nicht aufgege-
voran, wächst und lebt vor allem auf eine an- ben. Gitano-Jugendliche haben Hoffnung auf
dere Weise. Vermutlich kennen nur wenige eine Veränderung der sozialen und politischen
Gitanos den Namen und die Lieder des Sän- Wahrnehmung, vor allem auf eine Veränderung
gers aus Minnesota. Gleichwohl kennt jeder der Medien, die uns mehr denn je erniedrigen.
von ihnen – vom Jüngsten bis zum Ältesten –
die Legende von dem berühmten Sänger Ca- Gitano-Organisationen entstehen und ent-
marón de la Isla. Vermutlich kennen nur weni- wickeln sich in ungeahntem Ausmaß, wie
ge Gitanos die Heldentaten von Napoleón; die zum Beispiel die Philadelphia-Gemeinde, die
spanischen Roma haben ihre eigenen Helden trotz eines Mangels an Flexibilität und Lai-
und Bauern, ihre eigene Geschichte und Folk- zität (Weltlichkeit) heute einen Begegnungs-
lore. Unsere Roma- oder Kali-Kultur ist tief- raum für viele Gitano-Jugendliche darstellt.
gründig und von unzähligen Verästelungen Dank der Sozialen Netzwerke ist es Gitanos
und Einflüssen geprägt. Zum Beispiel können möglich, ohne Grenzen zu kommunizieren
in einem bestimmten Kontext benutzte Worte und Ideen auszutauschen. Unsere Kultur be-
in der Gitano-Gemeinschaft eine völlig ande- findet sich in einer ständigen Entwicklung,
re Bedeutung haben, als wenn sie von Nicht- verändert sich schnell, aber ist auch von ei-
Gitanos verwendet werden. Die spanische Gi- nem starken Zusammenhalt geprägt.
tano-Gemeinschaft besitzt eine Philosophie
und Weltanschauung, die sie einzigartig und Wir befinden uns in unserem ganz persön-
verschieden macht. Jedoch wurde und wird lichen Tal von Elah einem Riesen gegenüber,
dieser kulturelle und historische Reichtum der den mythischen Goliath klein und zer-
von einigen als Bedrohung wahrgenommen. brechlich erscheinen lässt. Unsere Genera-
tion kämpft zwischen Sieg – der für viele al-
Roma kamen um 1425 nach Spanien. Offen- les verändern könnte – und Niederlage gegen
sichtlich gab es zunächst keinerlei Probleme, die Berlusconis dieser Welt, die sich auf de-
bis es zu einem politischen Klimawechsel mokratischen Adern wie Stechfliegen nieder-
kam, der das Konzept vom „Gitano“ als etwas lassen und sich von ihrer Schwäche ernähren.
Negatives festschrieb. Das soziale und kultu- „Die Zeiten ändern sich“, wie Bob Dylan einst
relle Bild der (Mehrheitsgesellschaft über die) sang … oder sagen wir besser: Sie könnten sich
Gitanos wurde von Seiten der Soziologie und ändern, hoffentlich dieses Mal zum Besseren.
Philosophie studiert. Der Philosoph und Gi-
tano Isaac Motos spricht von einem stigma-
tisierenden Diskurs, der uns seit Cervantes George Caldararu
und Telecinco begleitet. Auch wenn das Pro-
blem offensichtlich ist, die Lösung ist zu weit So sieht unsere
entfernt, um überhaupt denkbar zu sein.
­Demokratie aus!
Im Umgang mit den Roma-Gemeinschaften
wird Spanien oft als „gutes Beispiel“ angeführt,
aber das Spanien des Jahres 2011 ist kein gutes
Beispiel, denn in Spanien gibt es keine homogene
I m Jahre 1954 schrieb der rumänische
Schriftsteller Eugène Ionesco in dem Stück
„Amédée, ou Com-
Politik gegenüber den Gitanos. Während wir in ment s’en débarrasser“ George Caldararu
einem Dorf gut behandelt werden, vertreibt der über einen Corpus, Geb. 1974, Bachelor der Philoso-
Bürgermeister des Nachbardorfes die Gitano- der nach dem Tod zu phie der Babesh-Bolyai Univer-
Straßenhändler von ihren traditionellen Plät- wachsen beginnt und sity in Cluj-Napoca/Rumänien;
zen, und deren Kinder werden zur gleichen Zeit damit eine zweite, un- Sozialassistent bei der bun-
in Sonderschulen geschickt; nicht zu reden von endliche Existenz als desweiten und interkulturellen
den Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten, die Leiche erfährt. So wie Jugendorganisation von Roma
Roma aus Osteuropa ertragen müssen. Dies ist dieses unheimliche und Nichtroma Amaro Drom e. V.
die dunkle Seite Spaniens, die andere Seite der Etwas nicht aufhören www.amarodrom.de
Medaille, die sich Europa als gutes Beispiel will zu existieren, so gica@amarodrom.de

30 APuZ 22–23/2011
bleibt auch die Frage, ob die Roma jemals in in einem Land, in dem die Faschisten immer
unserer Gesellschaft akzeptiert werden kön- stärker werden und in dem darüber diskutiert
nen: nicht in den Gesetzen oder auf offiziel- wird, die offizielle Bezeichnung (und Selbst-
len Papieren, nicht in den Diskursen der Po- bezeichnung) der Roma wieder zurück in die
litiker, nicht in den Programmen für Kinder, Fremdbezeichnung „Tigan“ zu ändern, ❙12 ein-
von denen alle anderen mehr profitieren als zig und allein aus der Angst, dass die restli-
die Kinder. Es geht um einen Platz im tägli- che Welt die Worte Roma und Rumänen ver-
chen Leben; in unserer immer noch vom alten wechseln könnte: Wie sollen wir uns da über
Faschismus durchzogenen Welt, in der wir es die aktuelle Situation der Roma in unserem
gewohnt sind alles zu diskriminieren, was Land wundern?
nicht unserer grauen Mentalität ­entspricht.
Gibt es eine Stadt oder ein Dorf, in dem die
Wir wollen Tausende von Menschen weg- Roma nicht isoliert in den Randbezirken le-
schicken, aus unserem Blickfeld entfernen, ben, an den schmutzigsten, verseuchtesten
die seit Generationen diesen von Kriegen und Orten, unter Bedingungen, die nicht in dei-
Zerstörung gezeichneten Teil der Erde mit nen schlimmsten Albträumen Platz fänden?
uns teilen. Ihre Musik, die kulturellen Ein- Sie leben ein Leben in der ständigen Furcht,
flüsse können sie hier lassen, aber sie selbst geräumt zu werden, kein Geld für Kleidung
müssen weg, auch wenn keiner weiß, wohin. und Lebensmittel zu haben, gezeichnet von
In Rumänien, wo sie von der Gesellschaft im- der Angst der Verzweifelten, die in Armut le-
mer noch als Sklaven, als unterster Teil be- ben. ❙13 Und dennoch wird gesagt: Keiner ist
trachtet werden, obwohl die offizielle Be- so reich wie die Roma, nicht die Regierung
freiung bereits Mitte des 19.  Jahrhunderts oder die korrupten Beamten, die sich seit Jah-
stattfand, haben Roma auf Grund von Aus- ren an den Ressourcen bereichern, nicht die
grenzung und einer schlechten Wirtschafts- orthodoxe Kirche, die hinter vorgehaltener
lage kaum eine Möglichkeit, sich eine gesi- Hand jede nationalistische und chauvinis-
cherte Existenz aufzubauen. Im reicheren tische Bewegung fördert. Roma in Rumäni-
Westeuropa will sich keiner mit diesen Bin- en haben ein Problem: die Mehrheitsgesell-
nenflüchtlingen auseinandersetzen, weil sie schaft, die versucht, sie aus ihrem Blickfeld
sich nicht verantwortlich fühlen. Sollen sie zu entfernen.
doch zurück nach Rumänien gehen! Aus den
Augen, aus dem Sinn. Aber das Problem liegt
nicht bei den Roma. Emran Elmazi

Noch immer gibt es in Rumänien keine of- Auf dem Balkan


fizielle Anerkennung für die Opfer des Ho-
locaust, auch keine Erinnerung an das, was
die rumänischen Faschisten den Roma ange-
tan haben. Sie pferchten Familien zusammen
N ach den Balkankriegen sowie der EU-
Osterweiterung als auch durch die
Einführung der Visafreiheit für einige Bal-
und schickten sie in Lager nach Transnistri- kanstaaten kam es
en. Im Winter 1942/43 starben auf Grund ei- zu einer neuen Wan- Emran Elmazi
ner Anordnung des rumänischen Marschalls derungswelle in Rich- Geb. 1986 in Skopje; Student
und Ministerpräsidenten Ion Antonescu tung der EU-Grün- der Rechtswissenschaften,
rund 11 000 Roma. In einem Land, in dem dungsmitglieder. Es Universität Trier; Vorsitzender
der Präsident gefährliche, diskriminierende wäre zu fragen, wa- der Interkulturellen Jugend­
Bemerkungen über Roma macht und trotz- rum diese Menschen organisation von Roma und
dem gewählt wird, ❙10 in dem 80 Roma-Fami- vorwiegend aus Ser- Nichtroma Terno Drom e. V.
lien im Winter aus ihren Häusern geworfen bien, Mazedonien www.ternodrom.de
werden – ohne eine Alternative, wohin sie ge- und dem Kosovo in emran.elmazi@ternodrom.de
hen könnten – und wo niemand reagiert; ❙11 Deutschland Asyl su-
chen – es sind überwiegend Roma. Die Zahl
Übersetzung aus dem Englischen von Verena Spilker. der Asylanträge serbischer Staatsbürger stieg
❙10  Angaben des European Roma Rights Centre
von 581 im Jahre 2009 auf 4978 im Jahre 2010.
(ERRC), vgl. www.errc.org/cikk.php?cikk=3577 (15. 4.
2011). ❙12  Vgl. www.errc.org/cikk.php?cikk=3799 (15. 4. 2011).
❙11  Vgl. www.errc.org/cikk.php?cikk=2645 (15. 4. 2011). ❙13  Vgl. www.errc.org/cikk.php?cikk=752 (15. 4. 2011).

APuZ 22–23/2011 31
Bei Mazedoniern kletterten die Zahlen im bens. Ein Bericht der EU-Kommission be-
selben Zeitraum von 109 auf 2466. Sowohl die stätigt der Republik Mazedonien sogar eine
Anträge der Serben als auch der Mazedoni- negative Entwicklung bei der Bekämpfung
er werden von den deutschen Behörden nahe- der Diskriminierung von Roma. ❙16
zu ausnahmslos als unbegründet abgelehnt. ❙14
Auch ein Anstieg der Asylbewerberzahlen Im Nachbarstaat Serbien genießen Roma
aus Albanien und Bosnien wird befürchtet, ebenfalls den Status einer staatlich anerkann-
da seit Dezember 2010 die Visumpflicht für ten nationalen Minderheit, ihre Lage ist je-
sie entfallen ist. doch prekärer. Sie leiden unter behördlicher
Diskriminierung und unter rassistischen
In den einzelnen Balkanstaaten unter- Übergriffen. ❙17 Auch die soziale und ökono-
scheiden sich die Lebensumstände der Roma mische Situation ist besorgniserregend: Viele
stark voneinander. Im Kosovo leben heu- Roma leben in Ghettos außerhalb der Stadt-
te rund 40 000 Roma, Ashkali und Ägyp- grenzen mit nur minimaler Infrastruktur
ter; ursprünglich waren es 120 000 (Schät- und ohne Zugang zu öffentlichen Diensten.
zungen liegen viel höher). Das Romanes ist Dass es noch schlechter sein kann, zeigt die
lokal als Amtssprache anerkannt, und laut Lage der aus dem Kosovo nach Serbien ge-
Verfassung haben die Roma Anspruch auf flüchteten Roma: Sie sind die größten Op-
einen von 120 Abgeordnetensitzen im Par- fer des serbisch-albanischen Konflikts. Diese
lament. Ihnen werden dieselben Rechte zu- Menschen leben auch Jahre nach dem Krieg
gesprochen wie der Mehrheitsgesellschaft, immer noch in Flüchtlingslagern unter un-
nach dem Grundsatz, alle Menschen sind menschlichen Bedingungen.
vor dem Gesetz gleich. Jedoch lässt die Um-
setzung dieser Rechte zu wünschen übrig. Es ist daher nicht verwunderlich, warum
Die gesellschaftliche und politische Teilha- sich so viele Roma aus den Ländern Südost-
be, welche eine Mindestvoraussetzung für europas auf dem Weg in Richtung der EU-
eine erfolgreiche Integration wäre, ist durch Gründungsmitglieder machen. In Südost-
kumulative Diskriminierung und Verfol- europa haben sie keine Lobby. In Zeiten der
gungsgefahren aufgrund von Kollaborati- Unsicherheit und der auf dem Balkan immer
onsvorwürfen mit den Serben versperrt. Ein noch anhaltenden Nachwirkungen der glo-
Großteil der Roma besitzt nicht einmal gül- balen Wirtschafts- und Finanzkrise sind sie
tige Ausweise. ❙15 besonders stark betroffen. So werden sie in
den Medien des Öfteren als demografische
In Mazedonien sind die Roma laut Ver- Bedrohung dargestellt und des Missbrauchs
fassung als ethnische Minderheit anerkannt, der (kaum vorhandenen) Sozialhilfesysteme
was ihnen unter anderem die Möglichkeit zu beschuldigt. Die historisch bedingte Hetero-
einer Grundschulausbildung in ihrer Mut- genität der Roma tut ihr Übriges. Die exis-
tersprache eröffnet. Darüber hinaus spricht tierenden Parteien und Organisationen sind
ihnen die Verfassung einen freien Sitz und oft nicht zur Kooperation bereit, sodass sie
Stimme im Parlament zu, wodurch ihre un- keine eigenen Initiativen in Gang setzen kön-
mittelbare Interessenvertretung gewährleis- nen. Hier sollten die EU-Mitgliedstaaten
tet ist. Jedoch machen sich diese Zugeständ- stringente Richtlinien zur Integration von
nisse kaum in der politischen Wirklichkeit Minderheiten festlegen, welche bei einer feh-
bemerkbar. Ihr Leben am Rand der Städte lerhaften Umsetzung zu Sanktionen führen
setzt sich in der Politik fort. Nach einer ge- müssen.
zielten Integrationspolitik sucht man verge-

❙14  Vgl. www.proasyl.de/de/presse/detail/news/pro_


asyl_zur_asylstatistik_2010 (15. 4. 2011). ❙16  Vgl. EU-Kommission, The Former Yugoslav Re-
❙15  Vgl. Deutsches Komitee für UNICEF, Inte- public of Macedonia, 2009 Progress Report.
gration unter Vorbehalt. Zur Situation von Kin- ❙17  Vgl. Gesellschaft für bedrohte Völker, Minder-
dern kosovarischer Roma, Ashkali und Ägypter heiten ohne Stimme. Roma in der Bundesrepublik
in Deutschland und nach ihrer Rückführung in Jugoslawien: Menschenrechtslage und Perspektiven
den Kosovo, online: http://romarights.files.word- für eine Rückkehr, online: www.gfbv.ch/pdf/​02-01-
press.com/​2 010/​0 7/unicef-studie_roma_2010.pdf 031.pdf (15. 4. 2011).
(15. 4. 2011), S.  74–78; vgl. auch BT-Drucksachen
17/784 und 17/1569.

32 APuZ 22–23/2011
Heike Kleffner als eines Tages die Sirenen geheult haben,
mein Vater uns in den Keller einer Nachba-

„Jeden Tag verlieren rin gebracht hat und dann die Bombardie-
rung begann.“ Ansonsten, sagt Jemal, kön-

wir jemanden.“
ne er „den Film vom Leben im Kosovo“ nicht
mehr in seinem Kopf abspulen. Aber die Er-
innerung an den Tag, als die Flucht der Fami-

Eine Reportage lie begann, ist nicht verblasst: Als die Albaner
gekommen seien, hätten alle Roma ihre Woh-
nungen und Häuser verlassen müssen: „Die
albanische Familie, die in unsere Wohnung

I ch wollte hier nicht nur als Schraube le-


ben“, sagt Jemal Muktar. ❙1 Der 19-Jäh-
rige und sein gleichaltriger Freund Shaba-
einziehen wollte, stand schon vor der Tür.“

an Ahmed lachen, als Kindheit am Rand einer Universitätsstadt


Heike Kleffner sie die verständnis-
Geb. 1966; freie Journalistin losen Gesichter der Gemeinsam mit seinen Eltern und den beiden
und Öffentlichkeits­referentin jungen Deutschen im älteren Schwestern – sie waren damals 15 und
bei Aktion Sühnezeichen Raum sehen. „Den 17  Jahre alt – begann der Siebenjährige den
Friedens­dienste, Begriff Schraube ver- langen Weg zu Verwandten in Deutschland:
Auguststraße 80, 10117 Berlin. wenden wir für Men- Sie schliefen wochenlang in dreckigen Bara-
kleffner@asf-ev.de schen, die in Deutsch- ckenlagern und reisten mit völlig überfüllten
land nur geduldet Verkehrsmitteln, deren verängstigte Passagie-
sind und keinen festen Aufenthalt bekom- re rund 2000  Euro pro Person an Schlepper
men.“ Bis zu seinem 18.  Geburtstag war Je- zahlen mussten. Besonders die Anfangszeit
mal selbst eine „Schraube“, wie er sagt – einer „im kalten Göttingen“ war für die Familie
von rund 87 000 Menschen, die in Deutsch- „extrem schwer“. „Wir haben zu fünft in ei-
land lediglich geduldet werden. ❙2 Knapp ein nem Zimmer in dem Flüchtlingswohnheim
Drittel von ihnen sind nach Schätzungen des in einer ehemaligen Kaserne gewohnt“, erin-
UN-Flüchtlingshilfswerks Roma aus den nert sich Jemal. Dazu kamen Gemeinschafts-
Teil­repu­bli­ken der ehemaligen Republik Ju- küchen, -toiletten und -duschen – Privat-
goslawien. Inzwischen ist der 19-Jährige im sphäre gab es dort für niemanden. „Damals
Besitz einer befristeten Aufenthaltserlaubnis, begann unser Leben als geduldete Bürger-
die alle zwei Jahre verlängert werden muss – kriegsflüchtlinge.“ Jemal und seine Schwes-
und langsam rücken an die Stelle der Alp- tern kamen in die Schule – und verstanden
träume vor einer Abschiebung in den Kosovo erst einmal gar nichts, zumal der Junge als
die Träume von einem „ganz normalen Leben Erstklässler im Kosovo gerade erst das Le-
in Deutschland“. sen und Schreiben mit kyrillischen Buchsta-
ben gelernt hatte. „Drei Monate habe ich ge-
Jemal war sieben Jahre alt, als seine Eltern braucht, dann habe ich angefangen Deutsch
auf dem Höhepunkt des Kosovo-Krieges im zu verstehen – durch Freunde, das Fernsehen
Frühjahr 1999 aus dem Roma-Viertel von und die Schule, obwohl wir keinen speziellen
Pristina, der Hauptstadt des Kosovo, flohen. Förderunterricht bekamen.“
Fragt man den schmächtigen jungen Mann
in dem ordentlich gebügelten, blau-weiß ka- Nach zwei Jahren im Heim erhielt die Fa-
rierten Hemd, das sorgfältig in die schwarze milie eine Sozialwohnung – im Rosenwinkel
Jeans gesteckt ist, nach seinen Erinnerungen im Westteil der Universitätsstadt. „Deutsch-
an das Herkunftsland seiner Eltern, lächelt er land ganz unten – Beobachtungen in einem
breit: „In unserem Viertel gab es nur Roma – Göttinger Ghetto“ lautete der Titel einer Re-
überall war Verwandtschaft. Da wusste man, portage von Spiegel-TV im Winter 2010 über
wo man herkommt und war sicher vor Ab- das Viertel, in dem Jemal aufgewachsen ist
schiebungen.“ Jemals Vater arbeitete als Hei-
zungsinstallateur, seine Mutter als Kranken- ❙1  Name geändert.
pflegerin in einem Krankenhaus in Pristina. ❙2  Angaben von Michael Kleinhans, Bundesamt für
Eigene Bilder aus den Kriegswochen hat er Migration und Flüchtlinge, Vortrag in Berlin am
kaum: „Als Kind fand ich es eher spannend, 7. 5. 2011.

APuZ 22–23/2011 33
und bis heute lebt. Auch die allermeisten der zuhause – auch samstags.“ 350 Euro verdient
rund 500 Roma aus dem ehemaligen Jugos- Jemal netto monatlich; er kann die Chefs sei-
lawien, die infolge der Bürgerkriege hierher ner Reinigungsfirma überreden, auch seinen
kamen, leben in diesem Stadtteil aus mehr- Vater und seine Mutter auf 350-Euro-Basis
heitlich im städtischen Besitz befindlichen einzustellen. Sehr nüchtern sagt Jemal, über
zwei- bis dreistöckigen Häusern. Viele der die Arbeit habe er den Duldungsstatus ver-
Wohnungen sind völlig heruntergekommen, lassen können – und, mit einem Lächeln fügt
Kohleöfen gehören hier noch immer zum er hinzu, seinen Führerschein finanziert.
Standard, in vielen Badezimmern stehen
Holzbadeöfen. Eine Mischung aus Armut, Tatsächlich gehören Jemal Muktar und sei-
Ausgrenzung, Drogen und hartem Überle- ne Familie zu der Minderheit der Geduldeten,
benskampf prägt den Alltag vieler Be­woh­ die durch ihre Arbeit als Reinigungskräfte
nerInnen. Experten kritisieren, die Stadt nachweisen können, dass sie ihren Lebens-
habe die Ghettoisierung bewusst herbeige- unterhalt zumindest teilweise alleine absi-
führt, da sie Flüchtlingen vor allem Woh- chern können – und so von der so genann-
nungen im Rosenwinkel zuweise – alternati- ten Altfallregelung der Großen Koalition aus
ve Angebote gebe es kaum. dem Jahr 2007 profitieren konnten, mit der
eigentlich die endlose Kette von Duldungen
Während Jemal sich hier durch seine Schul- für Familien wie die Muktars beendet wer-
zeit beißt – die zweite Klasse der Grundschu- den sollte. Doch vielen Geduldeten – vor al-
le wiederholt er, weil seine Deutschkennt- lem in strukturschwachen Bundesländern in
nisse noch immer nicht ausreichen; trotz Ost- und Norddeutschland – gelang dieser
Realschulempfehlung kehrt er freiwillig zur Nachweis aufgrund von mangelnden Joban-
Hauptschule zurück und macht dort seinen geboten nicht. „Ein Freund von uns ist vor
Abschluss mit einem Notendurchschnitt drei Jahren abgeschoben worden, obwohl es
von 2,5 –, verschlechtert sich der Zustand erst hieß, die Polizei wolle nur den Vater ab-
seiner Eltern zunehmend. Sein Vater verlor schieben. Über Facebook wissen wir ziem-
alle Zähne, und seine Mutter leidet seit Jah- lich gut Bescheid, wie schlecht es ihm im
ren an Diabetes. Sein Vater sei „krank gewor- Kosovo geht.“ Jemal, der seit der Flucht der
den vom Sitzen“, beschreibt der Teenager das Familie nicht mehr im Kosovo war, sagt, er
Problem. Die Ursache ist für ihn klar: „Mei- habe sich nicht gefreut, als er „die Duldung
ne Eltern haben ein Jahrzehnt lang keine Ar- endlich los war. Ich habe gedacht, dass ich
beitserlaubnis bekommen, weil sie von einer mir meinen Aufenthalt hier wirklich verdient
Duldung zur nächsten leben mussten. Dabei habe.“ Fragt man Jemal nach seinen Träu-
waren sie doch noch jung mit Ende Dreißig, men, unterscheidet er sich erst bei genauerem
als wir hierher kamen.“ Jemal ist immer mit- Nachfragen von seinen deutschen Freunden,
gegangen zur Ausländerbehörde, wenn die mit denen er in seiner Freizeit Fußball spielt,
Duldung mal nach zwei Monaten, mal nach Musik hört oder Party macht: „Ich will in
einem halben Jahr verlängert werden musste, Deutschland auf jeden Fall ein eigenes Haus
„und immer wusste ich, dass die Chancen 50 haben – so wie meine Eltern damals im Ko-
zu 50 stehen, dass wir beim nächsten Mal den sovo ein Haus hatten  –, und ich will selbst-
Ausweisungsbescheid bekommen und zu- ständig und auf keinen Fall auf den Staat an-
rückgehen müssen“. gewiesen sein.“ Und: „Meine Kinder werden
Deutsche, schließlich kann ich auch besser
Das ändert sich erst, als der damals 16-Jäh- Deutsch als Romanes.“
rige den Aushilfsjob seiner schwangeren
Schwester bei einer großen Supermarktket- Fragt man Jemal und seinen Freund nach
te übernehmen kann. „Zwei Jahre bin ich Erfahrungen mit Rassismus und Ausgren-
gleichzeitig zur Schule gegangen und habe zung, schüttelt er vehement den Kopf und
gearbeitet“, sagt Jemal und wundert sich über rutscht dann unruhig auf der durchgesesse-
die Verwunderung seiner Zuhörer. Sein All- nen Couch im einzigen Zimmer des Roma
tag: „Morgens um sieben Uhr aufstehen, bis Center Göttingen e. V. herum. „Vor kurzem
14  Uhr Schule, danach Hausaufgaben und hatten meine Eltern einen Zwischenfall bei
Freizeit, und um 19 Uhr mit dem Bus zur Ar- der Arbeit, als sie jemand als ‚Scheiß Aus-
beit fahren, um im Supermarkt zu putzen bis länder‘ bezeichnet hat“, sagt er dann leise.
22 Uhr. Um 22.30 Uhr war ich dann wieder Kenan Emini, Vereinsvorsitzender und Gro-

34 APuZ 22–23/2011
ßer-Bruder-Ersatz für Jemal Muktar und rotechniker wollte sich nie damit abfinden,
mindestens drei Dutzend weitere Göttin- „still zu sitzen und nichts zu tun“. Ebenso
ger Roma-Jugendliche, sagt, im Alltag von wie sein inzwischen verstorbener Vater en-
Roma-Teenagern wie Jemal seien rassisti- gagierte er sich bald nach seiner Ankunft in
sche Beleidigungen oder Ausgrenzungen tat- Göttingen – als Übersetzer und zunehmend
sächlich eher selten. Schließlich würden sich auch als Sozialarbeiter für diejenigen, die
die Jugendlichen auch auf den zweiten Blick dringend Hilfe im Paragrafendschungel be-
kaum von ihren deutschen Altersgenossen nötigten. Dabei sei ihm bewusst geworden,
unterschieden. Er selbst hingegen – lange dass es in Göttingen eine reale Leerstelle gab:
schwarze ­Haare und Bart, Jeans und schwar- „Wir haben so viele Roma hier, hatten aber
zes T-Shirt – zählt die vielen Male, in denen keinen eigenen Verein.“
er als „dreckiger Zigeuner“ beschimpft wur-
de, längst nicht mehr, „aber angegriffen wur- Im Jahr 2006 gründete Kenan Emini ge-
de ich in Göttingen nur drei Mal, in Serbien meinsam mit Freunden den Verein Roma
dagegen viel ­häufiger“. Center e. V., der inzwischen über die Gren-
zen der Stadt hinaus bekannt ist. In dem Ver-
einsraum im Haus der Kulturen – einem rie-
Ort des Austauschs sigen Backsteinbau auf dem Gelände eines
ehemaligen Zollamts nahe des Leineufers –
Kenan Emini kam vor mehr als zehn Jahren haben sich die Jugendlichen ein Tonstudio
nach Deutschland – „obwohl ich nie hier- eingerichtet; hierher kommen sie, wenn sie
her wollte“. Sein Deutschland-Bild sei lange einen Ausbildungsplatz suchen oder einen
Jahre vor allem durch die Erzählungen sei- Behördenbescheid bekommen haben, den sie
ner Großmutter und Ur-Großmutter väterli- nicht verstehen; hier üben sie, wie man eine
cherseits über die deutsche Besatzungszeit in Bewerbung schreibt, und hier organisieren
Serbien während des Zweiten Weltkriegs ge- sie – gemeinsam mit anderen Roma-Organi-
prägt worden, sagt der kräftige Mann mit ei- sationen – die bundesweiten und inzwischen
ner überraschend leisen und sanften Stimme: internationalen „Roma Terne“ Treffen, wo
„Eine gute Bekannte meiner Familie war Par- Roma-Jugendliche aus dem ganzen Bundes-
tisanin und hat uns Kindern immer erzählt, gebiet und aus Süd- und Osteuropa zusam-
wie sie gegen die deutschen Soldaten und die menkommen, sich austauschen, gemeinsa-
Tschetniks gekämpft hat. Und gleichzeitig me Projekte entwickeln und feiern. Vor dem
haben die Partisanen häufig die Leichen er- Haus spielen sie Fußball, und immer wieder
mordeter deutscher Soldaten in Roma-Sied- organisieren sie hier Proteste gegen drohen-
lungen geworfen, weil die Vergeltungsakti- de Abschiebungen – von Freunden und Un-
onen – 100 erschossene Zivilisten für einen bekannten gleichermaßen. „Die Leute wissen
deutschen Soldaten – dann die Roma tra- inzwischen, dass sie sich direkt an uns wen-
fen.“ Kenan Emini verbringt die Kindheit den können, seitdem wir mit der Kampagne
in Kroatien, wo seine wohlhabenden Eltern ‚alle bleiben‘ vor zwei Jahren angefangen ha-
ein gut gehendes Teppichgeschäft betrieben, ben, ein bundesweites Netzwerk aus Partnern
bis sein Vater sich und die Familie vor dem und UnterstützerInnen aufzubauen und be-
Kroatienkrieg 1991 im Kosovo in Sicherheit kannt zu machen“, sagt Kenan Emini. Seine
brachte und dort eine neue Existenz aufbau- Vision sei mit den beiden Worten „alle blei-
te – bis zum Ausbruch des Kosovokriegs acht ben“ ziemlich genau zusammengefasst. „Es
­Jahre später. ist einfach nicht akzeptabel, dass die arbei-
tenden Kinder bleiben können, aber Eltern
Kenan Emini kennt die Realität der Ro- abgeschoben werden sollen, weil sie schon zu
ma-Jugendlichen in Göttingen seit deren alt scheinen, um noch Leistungen für dieses
Kindheit; auch er hat im Flüchtlingswohn- Land zu ­erbringen.“
heim und selbst jahrelang mit dem Damok-
lesschwert einer möglichen Abschiebung ge-
lebt: „Meine Eltern haben viel gearbeitet, und „Jeden Tag verlieren wir jemanden“
sie haben in zwei Kriegen alles verloren. Auf
Googlemaps habe ich neulich gesehen, dass Die Tatsache, dass mehr als 10 000 langjäh-
dort, wo früher unser Haus war, inzwischen rig in Deutschland geduldete Roma aus dem
ein Parkplatz ist.“ Doch der gelernte Elekt- ehemaligen Jugoslawien durch das „Rück-

APuZ 22–23/2011 35
führungsabkommen“ zwischen der Bundes- ten bei verschiedenen Vernetzungstreffen
regierung und der Republik Kosovo seit dem zusammen – auch wenn der 1982 in Prizren
1. Januar 2011 von Abschiebung bedroht sind, geborene und seit fünf Jahren in Berlin le-
treibt den energiegeladenen Mann an: „Wir bende Schauspieler und Theaterpädagoge
haben nicht viel Zeit, denn wir verlieren jeden auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher
Tag jemanden durch die Abschiebungen.“ sein könnte als sein Freund in Göttingen.
Vor dem Rroma Aether Klub Theater in ei-
Umso notwendiger sind aus Eminis Per- ner Seitenstraße in Berlin-Neukölln, wo an
spektive gesellschaftliche Bündnisse mit al- kleinen Cafétischen Nachbarn und Touris-
len, die zuhören wollen  – und ein Ende der ten nebeneinander in der Sonne sitzen und
Abgrenzungen zwischen alteingesessenen Tee, Kaffee, Flaschenbier oder Club Mate
Sinti und den in den vergangenen zwan- trinken, fällt der zierliche Mann mit dem
zig Jahren zugewanderten Roma. Natürlich Kurzhaarschnitt und dem karierten Hemd
kann er die Motive – Angst vor den weit ver- kaum auf; dennoch wird das Gespräch im-
breiteten Vorurteilen und Stigmatisierun- mer wieder durch Begrüßungen und Verab-
gen  – verstehen; aber: „Die Situation von schiedungen unterbrochen. „Kultur ist mein
Roma verschlechtert sich zunehmend in ganz Baby“, sagt der 29-Jährige, der als Einzel-
Europa  – sei es in Ungarn, Rumänien oder fallhelfer und Theaterpädagoge in Famili-
Tschechien, oder in Westeuropa, wo Roma en und Schulen in Berlin-Neukölln arbei-
immer häufiger als Sündenböcke herhalten tet und in „Rosas Höllenfahrt“ und „Leyla“
müssen. Darauf müssen wir gemeinsam re- seine ersten Filmrollen hatte. Den Weg da-
agieren.“ Für ihn ist zentral, dass Roma selbst hin hat er sich hart erarbeitet: Elf verschie-
initiativ werden, ihre Belange in die Hand dene Flüchtlingsheime hat er als Schulkind
nehmen und nicht darauf warten, dass andere in Deutschland mit seinen Eltern erlebt, die
etwas für sie tun; das sei „manchmal durch- das Kosovo 1989 während der Studentenun-
aus auch frustrierend“, räumt Emini unum- ruhen verließen.
wunden ein.
Als absoluten Tiefpunkt bezeichnet er
Er kennt die Bilder und Berichte der frü- sein erstes Weihnachts- und Neujahrsfest
hen 1990er Jahre, als von Abschiebung be- in Deutschland im Winter 1991: „Gemein-
drohte Roma aus dem ehemaligen Jugosla- sam mit vielen anderen Roma aus dem ehe-
wien die KZ-Gedenkstätte Neuengamme maligen Jugoslawien waren wir im Kirchen-
besetzten, um auf ihre Situation aufmerksam asyl in Tübingen in Baden-Württemberg. In
zu machen – und setzt auf die Protestformen der Kirche war es so kalt, und meine Mutter
des 21. Jahrhunderts. Die vom Roma Center hatte nicht einmal mehr Windeln für mei-
in Göttingen ins Leben gerufene Kampagne nen damals gerade einmal zwei Monate alten
„alle bleiben“ hat einen eigenen Facebook- kleinen Bruder, und dann ist sie einfach zu-
Auftritt, T-Shirts, Buttons, Webbanner und sammengebrochen.“ Die größte Angst: in ein
regelmäßige E-Mail-Newsletter. Eine Ket- Heim in das Ostdeutschland der unmittelba-
te von Fortbildungen und Vernetzungstref- ren Nachwendezeit verlegt zu werden. Und
fen sowie regelmäßige Proteste bei den halb- dennoch verbindet er mit diesem Tiefpunkt
jährlichen Konferenzen der Innenminister auch Positives: „Ich habe immer noch Kon-
der Länder gehören ebenso dazu wie die enge takt mit einigen Leuten aus der Unterstützer-
Zusammenarbeit mit Initiativen von Flücht- gruppe aus Tübingen, die uns damals gehol-
lingsunterstützerInnen, die sich in Göttingen fen haben.“ Immer wieder sind es deutsche
wöchentlich zu offenen Plena treffen und im Freunde, die ihm helfen, seine Träume zu
vergangenen Herbst mit Hilfe eines Kirchen­ verwirklichen: zum Beispiel, als er nach der
asyls und viel Öffentlichkeitsarbeit mehrere Schule und immer noch in einem Freiburger
Jugendliche und ihre Familien vor der Ab- Flüchtlingsheim lebend beschließt, Schau-
schiebung „ins Nichts“ bewahren konnten. spieler zu werden und tatsächlich den Sprung
auf die Freiburger Schauspielschule schafft.
Und auch als er das erste Roma Kulturfest in
Gypsy Business – nein danke Freiburg organisiert, ist es ein internationa-
ler Freundeskreis, der das Projekt gemeinsam
Hamze Bytyci teilt viele der Visionen, die umsetzt und anschließend Amaro Drom e. V.
Kenan Emini antreiben. Die beiden arbei- gründet. Dessen Schirmherr: der ehemalige

36 APuZ 22–23/2011
Staatssekretär im Auswärtigen Amt Gernot knapp zehn Quadratmeter kleiner Raum im
Erler. Rollberg-Viertel in Berlin-Neukölln, wo so-
wohl Beratungen als auch alle Büroarbeiten
In Freiburg dreht Hamze Bytyci auch sei- stattfinden: „Dank der Mund-zu-Mund-Pro-
nen ersten Film: über eine Roma-Familie im paganda und vieler Kontakte zu anderen An-
Kirchenasyl. Und er arbeitet mit den Jugend- laufstellen finden die Menschen inzwischen
lichen der Roma-Familien aus dem Koso- schneller zu uns. Dabei geht es fast immer um
vo und Mazedonien, mit deren älteren Ge- die elementarsten Bedürfnisse: Wohnungen,
schwistern er im Flüchtlingswohnheim groß Gesundheitsfragen und die Befreiung aus
geworden ist. Bei denen habe es immer gehei- Zwangsverhältnissen, die durch ungeklärte
ßen „Hamze tickt anders“, sagt er im Rück- Aufenthaltsfragen erst möglich sind.“
blick. Aber die Idee, die Jugendlichen bei-
spielsweise über eigene Aktivitäten zum Hinzu kommen das internationale Ju-
Internationalen Roma-Tag Anfang April genddemokratieprojekt „Youth in Action
über ihre Geschichte zu informieren, haben for Roma Participation“, ein neuer Film
trotzdem viele unterstützt. über die Realität von jungen Roma in Ber-
lin-Neukölln und immer wieder Veranstal-
Er selbst habe sich erst am Anfang der tungen in den eigenen Räumlichkeiten oder
Pubertät eingestanden, Roma zu sein, sagt mit Partnern aus Bezirken oder befreunde-
Bytyci – auch dies eine Erfahrung, die er mit ten Gruppen. „Wir haben als Jugendorgani-
Kenan Emini teilt. Der sagt, es sei die Lek- sation angefangen, und jetzt haben wir ei-
türe von Hermann Hesses Roman „Siddhar- nen Gemischtwarenladen mit einer breiten
tha“ und der Wunsch gewesen, die Brücke Angebotspalette“, fasst Hamze Bytyci die
zwischen Indien und der Roma-Kultur von Vereinsaktivitäten zusammen. Ihm ist es
heute zu finden, die ihn bei seiner Suche nach wichtig, lediglich ehrenamtlich die Öffent-
der eigenen Identität geprägt haben. Er habe lichkeits- und Kulturarbeit für den Verein
vor allem die Geschichten hinter den unhin- zu machen. „So bewahre ich mir die Unab-
terfragten Traditionen verstehen wollen, sagt hängigkeit, politisch zu intervenieren – zum
Hamze Bytyci. Konsequent wendet er sich Beispiel, wenn wir den Eindruck haben,
seitdem gegen romantisierende Roma-Stereo- dass mal wieder auf dem Rücken von realen
type und Kitsch – „es sei denn, sie werden be- Menschen ‚Gypsy Business‘ gemacht wird,
wusst und als Provokation eingesetzt“, fügt Lehrerstellen für Integrationsklassen nicht
er hinzu – sowie gegen eine Trennung von besetzt werden oder eben eine Anlaufstelle
Sinti und Roma: „Unser Verein versteht sich für Roma ohne die Selbstorganisationen ge-
als eine Plattform von jungen Sinti und Roma gründet werden soll.“
in Deutschland.“
Hamze Bytyci sagt, er habe sich noch nie
Innerhalb der vergangenen zwei Jahre hat in ein Klischee einpassen wollen: „Als ich
vor allem Amaro Foro, der Berliner Lan- in Freiburg zum ersten Mal in einem Ro-
desverband des Vereins, seine Aktivitäten ma-Märchenstück am Theater auf der klei-
sprunghaft ausgebaut: Nach dem Konflikt nen Bühne spielen sollte, hab ich gesagt: Da-
zwischen Politik, Verwaltung und Flücht- mit wollen wir auf die große Bühne – und
lingsunterstützern um eine Gruppe von ru- da waren wir dann auch.“ Er habe mehr als
mänischen Roma, die mangels anderer Quar- zwanzig Jahre seines Lebens in Deutsch-
tiere im Sommer 2009 im Görlitzer Park in land verbracht, sagt der Vater eines vierjäh-
Kreuzberg lebten, finanziert der Senat nun rigen Sohnes, und irgendwann „sollte ich das
eine „Mobile Anlaufstelle für europäische Recht haben, mich als Deutscher zu fühlen,
Wanderarbeiter/innen und Roma. Konflikt- auch wenn mein Pass mich immer noch als
intervention gegen Antiziganismus“. „Erst Kosovare ausweist – ich habe kein anderes
wollte der Senat die Anlaufstelle ohne die Zuhause.“ Dieses Recht will er gemeinsam
Selbstorganisationen betreiben,“ erinnert mit anderen für alle Betroffenen erkämpfen,
sich Hamze Bytyci, dann habe er beim Se- dabei Filme und Theaterstücke machen und
nat interveniert, und nun wird die Anlauf- für ehrenamtliches Engagement in der eige-
stelle gemeinsam von Amaro Drom e. V. nen Community werben.
und dem Südost-Europa-Zentrum betreut.
Hinter dem langen Namen verbirgt sich ein

APuZ 22–23/2011 37
Nihad Nino Pušija Ich habe Politische Wissenschaften und
Journalismus an der Universität Sarajevo

Duldung studiert und gleichzeitig als Fotojournalist


und Künstler gearbeitet. Seit 1988 bin ich als
freier Fotograf in verschiedenen Kunstfoto-

Deluxe projekten und Fotostudien in Italien, Belgi-


en, Großbritannien und den USA tätig. Seit
1992 realisiere ich Projektarbeiten in Berlin,
unter anderem für das Kulturamt Friedrichs-

D ie Fotografien auf den folgenden Sei-


ten stammen aus meinem Fotoprojekt
„Duldung Deluxe“ über geduldete und aus
hain-Kreuzberg, die Neue Gesellschaft für
Bildende Kunst, das Museum Europäischer
Kulturen und die Allianz Kultur­stiftung.
Deutschland abgescho-
Nihad Nino Pušija bene Roma-Jugend- Meine Arbeiten spiegeln die persönli-
Geb. 1965 in Sarajevo; Fotojour- liche und junge Er- chen Geschichten der Menschen wider, die
nalist und Künstler, Berlin. wachsene. Das Pro- ich treffe. Ich tauche ein in den Mikrokos-
www.fotofabrika.de jekt wurde durch die mos des Urbanen und zeige zeitlose Doku-
info@fotofabrika.de Allianz Kulturstiftung mente einer Gesellschaft, die durch eine be-
unterstützt und war wegte Geschichte an der Schnittstelle von
von November 2010 bis April 2011 im Euro- Ost und West geprägt ist. Mit meinem Blick
pean Center for Constitutional and Human auf die Gesellschaft verweise ich auf unter-
Rights (ECCHR) Berlin zu sehen. Ab No- schiedliche ethnische und kulturelle Einflüs-
vember 2011 ist „Duldung Deluxe“ Teil der se und schaue hinter die Fassaden der Städ-
Ausstellung „Reconsidering Rroma – As- te. In meinen Bildern halte ich alltägliche
pects of Roma and Sinti-Life in Contempora- und flüchtige Situationen fest und zeige da-
ry Art“ im Studio 1, Kunstraum Kreuzberg/ mit die Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit
Bethanien, Berlin. des ­Lebens.

Eldar Ahmetović (22), seit 17 Jahren in Berlin.

38 APuZ 22–23/2011
Radosav Sajn (18), seit 13 Jahren in Berlin.

Roma-Flüchtlingslager Osterode (Česmin Lug), im Hintergrund Berge mit Millionen


Tonnen giftigem Bleierz, Nord Mitrovica, Kosovo.

APuZ 22–23/2011 39
Indira Kurteshi (19), Plemetina, Kosovo.

Alija Kurteshi (25), Plemetina, Kosovo.

40 APuZ 22–23/2011
Reinhard Marx Durchführung aufenthaltsbeendender Ver-
fügungen gegen Roma mit Unionsbürgersta-

Roma in Deutsch- tus ist bislang von deutschen Behörden nicht


kopiert worden.

land aus ausländer- Ausländerrechtliche Probleme erfahren im


Bundesgebiet Roma, die weder die deutsche

rechtlicher Sicht
Staatsangehörigkeit noch den Unionsbür-
gerstatus haben, also Drittstaatsangehörige
sind. Diese haben meist einen Duldungssta-
tus, weil sie aufgrund ihrer marginalisierten
gesellschaftlichen Situation keinen dauerhaf-

D ie überwiegende Mehrzahl der nicht-


deutschen Roma im Bundesgebiet hat
keinen rechtmäßigen Aufenthalt, sondern
ten Aufenthaltsstatus erlangen können. Ende
November 2010 lebten 87 191 geduldete Aus-
länder im Bundesgebiet, davon hielten sich
wird lediglich gedul- 53 020 bereits länger als sechs Jahre hier auf. ❙5
Reinhard Marx det. Insgesamt wird Wie viele davon Roma sind, ist nicht bekannt.
Dr. iur., geb. 1946; Rechts­ die Zahl der dauerhaft
anwalt mit den Schwerpunkten in Deutschland leben-
Ausländer-, Aufenthalts-, Asyl- den Roma auf etwa Ausländerrechtliche Situation
und Staatsangehörigkeitsrecht, 80 000 bis 120 000 Per- der Roma aus dem Kosovo
Frankfurt/Main. sonen geschätzt. In
re.marx@t-online.de den Sommer­monaten Die überwiegende Mehrzahl der geduldeten
reisen französische, Roma kommt aus dem Kosovo. Man geht da-
belgische, italienische, britische sowie Roma von aus, dass zum Zeitpunkt des am 14. April
aus den skandinavischen Staaten als Händler, 2010 unterzeichneten Regierungsabkommens
Handwerker und Kaufleute durch das Bun- zwischen Deutschland und der Republik Ko-
desgebiet und Europa. ❙1 Ausländerrechtliche sovo über die Rückübernahme kosovarischer
Probleme bestehen für diese Roma nicht, da Staatsangehöriger bis zu 14 000 geduldete
sie ihre europaverfassungsrechtlich gewähr- Roma aus dem Kosovo im Bundesgebiet leb-
leiste Freizügigkeit in Anspruch nehmen. ten, die Hälfte davon Kinder. Nahezu zwei
Sofern sie öffentliche Sozialleistungen bean- Drittel von diesen sind in Deutschland gebo-
spruchen, können zwar aufenthaltsbeenden- ren oder aufgewachsen. ❙6 Dieser Hintergrund
de Maßnahmen erlassen werden. Allein die rechtfertigt es, bei der Darstellung ausländer-
abstrakte Gefahr, dass ein arbeitsuchender rechtlicher Probleme von Roma den Fokus
Unionsbürger einen Antrag auf Gewährung auf diese Gruppe zu lenken.
von Sozialleistungen stellen könnte, ver-
mag aber solche Maßnahmen nicht zu recht­ Die überwiegende Mehrzahl der Roma aus
fertigen. ❙2 dem Kosovo ist im zeitlichen Zusammenhang
mit dem Krieg 1999 ins Bundesgebiet einge-
Auch deren tatsächliche Inanspruchnah- reist, viele auch früher. Eine erhebliche An-
me erlaubt im Übrigen keine Ausweisung, zahl erhielt zunächst den Flüchtlingsstatus.
also eine dauerhafte Sperre des Zugangs zum Nach Kriegsbeendigung wurde dieser wider-
Bundesgebiet. Dies ist erst zulässig, wenn rufen, weil die Serben nicht mehr die Herr-
die Behörden eine tatsächliche, gegenwär-
tige und erhebliche Gefahr belegen können,
❙1  Vgl. Günther Weiss, Sinti und Roma seit 600 Jah-
die ein Grundinteresse der Gesellschaft be-
ren in Deutschland, online: www.zigeuner.de/​01_
rührt. ❙3 Der verstärkte unionsrechtliche Aus- sinti-chat.htm (6. 5. 2011).
weisungsschutz schützt alle Unionsbürger, ❙2  BayVGH, InfAuslR 2009, 144 (145) = AuAS 2009,
unabhängig davon, ob sie die Voraussetzun- 74.
gen für die Freizügigkeitsberechtigung er- ❙3  Vgl. Art. 27 Abs. 2 UAbs. 2 RL 2004/38/EG.
füllen oder nicht. ❙4 Die Inanspruchnahme ❙4  HessVGH, InfAuslR 2005, 130; OLG Hamburg,
InfAuslR 2006, 118 (119).
des Sozialleistungssystems begründet eine
❙5  BT-Drs.  17/4631, Antwort der Bundesregierung
derartige Gefahr nicht. Die 2010 geübte uni- auf eine kleine Anfrage der Bundestagsfraktion Die
onsrechtlich nicht bedenkenfreie französi- Linke.
sche Praxis der massenhaften, zwangsweisen ❙6  BT-Drs. 17/5191.

APuZ 22–23/2011 41
schaft im Kosovo ausübten: Nach der Recht- einen neuen Asylantrag zu stellen. Doch dies
sprechung liegen die Statusvoraussetzungen ist wegen der restriktiven Voraussetzungen
nicht mehr vor, wenn die früheren Verfolger des Asyl- und Flüchtlingsrechts fast immer
nicht mehr an der Macht sind. Fortbestehen- eine aussichtslose Perspektive. Daher gab es
de Unsicherheit aufgrund fehlenden wirksa- aus dem Duldungsstatus zumeist kein Ent-
men Schutzes im Herkunftsland steht dem kommen.
Statuswiderruf nicht entgegen. ❙7 Wegen der
unsicheren Situation im Kosovo wurden die Bei der Duldung handelt es sich um die
Roma zunächst jedoch nicht abgeschoben. „zeitweise Aussetzung der Abschiebung“
Zwar betrieben die Bundesländer nach dem (§ 60a Abs.  2 Aufenthaltsgesetz/AufenthG);
Krieg eine mit der UNMIK (United Nations sie beseitigt nicht die Ausreisepflicht (§ 50
Interim Administration Mission in Kosovo) Abs.  1 AufenthG). Die Duldung ist Teil des
koordinierte Rückführungspraxis. Ausge- Vollstreckungsverfahrens. Ihre Bedeutung
nommen von dieser Praxis waren jedoch die liegt darin, dass bei rechtlicher und tatsäch-
Roma und andere Minderheiten. licher Unmöglichkeit der Abschiebung ein
Rechtsanspruch auf Erteilung der Duldung
Nur rund 51 000 Roma sind seit 1999 aus besteht (§ 60a Abs. 2 AufenthG). ❙11 Das deut-
dem westlichen Ausland freiwillig ins Ko- sche Aufenthaltsrecht lässt grundsätzlich kei-
sovo zurückgekehrt. Nach offiziellen Anga- nen Raum für einen ungeregelten Aufenthalt.
ben der kosovarischen Behörden waren im Vielmehr hat der Ausländer, dessen Ausrei-
Februar 2008 24 218 Roma (ethnische Roma, se nicht zwangsweise durchsetzbar ist, einen
Ashkali und Ägypter) registriert. Das ent- Anspruch auf Duldung. ❙12 Bei den Roma lag
spricht einem Anteil von 1,2  Prozent an der deshalb ein Abschiebungshindernis vor, weil
Gesamtbevölkerung. ❙8 Andere Schätzungen die obersten Landesbehörden aus humanitä-
besagen, dass die Anzahl der im Kosovo le- ren Gründen eine generelle Anordnung der
benden Roma von 200 000 im Jahre 1999 bis Aussetzung der Abschiebung erlassen hatten.
heute auf rund 38 000 gesunken ist. ❙9 Bei der Es konnten daneben aber auch zusätzliche tat-
Volkszählung 1991 hatten sich 42 806 Bewoh- sächliche oder rechtliche Abschiebungshin-
ner als Roma bezeichnet. Schätzungen gehen dernisse bestehen, etwa krankheitsbedingte
aber von damals bis zu 150 000, für 2006 von Gründe.
etwa 30 000 bis 40 000 Roma aus. ❙10

Da die bestehende Ausreisepflicht aus hu- Rücknahme und Rückführung


manitären Gründen zunächst nicht zwangs-
weise durchgesetzt wurde, hatten Roma ei- Nach Ausrufung der unabhängigen Republik
nen Anspruch auf Erteilung einer Duldung. Kosovo im Februar 2008 begannen die Ver-
Daraus kann sich jedoch grundsätzlich keine handlungen über eine Rückführung der ge-
dauerhafte Aufenthaltsperspektive im Bun- duldeten Kosovo-Albaner einschließlich der
desgebiet entwickeln. Denn die Behörden Roma. Nach allgemeinem Völkerrecht sind
werden stets einwenden, dass der Betroffene Staaten gegenüber dem Aufenthaltsstaat ver-
freiwillig ausreisen kann. Seinem Einwand, pflichtet, ihre eigenen Staatsangehörigen zu
ihm drohten im Herkunftsland Gefahren für übernehmen. Für die Roma, welche im Be-
Leib und Leben, hält die Ausländerbehör- sitz der kosovarischen Staatsangehörigkeit
de das bereits abgeschlossene Asylverfahren sind, bestand die Verpflichtung des Kosovo
entgegen, weist aber auf die Möglichkeit hin, auf Rückübernahme daher bereits vor Un-
terzeichnung des Regierungsabkommens.
Zweck des Abkommens wie auch anderer
❙7  EuGH, InfAuslR 2011, 40 (41) – B. und D.;
BVerwGE 124, 276 (283 f.) = NVwZ 2006, 707 = Inf­ Rückübernahmeabkommen in Europa ❙13 ist
AuslR 2006, 244. die bilaterale Kooperation bei der Durchset-
❙8  Vgl. Auswärtiges Amt, Bericht über die asyl- und
abschieberelevante Lage in der Republik Kosovo vom ❙11  BVerwGE 105, 232 (236 ff.) = NVwZ 1998, 297 =
20. 6. 2010, S. 10. EZAR 045 Nr. 7 = InfAuslR 1998, 12; BVerwGE 108,
❙9  Human Rights Watch, Bericht über die Lage abge- 21 (28) = EZAR 015 Nr. 8 = DVBl. 1999, 546.
schobener Roma vom 27. 10. 2010. ❙12  BVerwGE 105, 232 (236).
❙10  Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ❙13  Vgl. Alberto Achermann, Die völkerrechtliche
(BAMF), Ethnische Minderheiten im Kosovo, Okto- Verantwortlichkeit fluchtverursachender Staaten,
ber 2007, S. 23. Baden-Baden 1997, S. 172 ff.

42 APuZ 22–23/2011
zung einer ohnehin bestehenden Verpflich- Zentralstaates nicht als die seinen anerkennt,
tung des Herkunftsstaates. kann jedoch nicht als Ausbürgerung gewer-
tet werden.
Viele Roma haben jedoch nicht die koso-
varische Staatsangehörigkeit erworben. Die Dies ist der völkerrechtliche Hintergrund
Verfassung sichert staatsbürgerliche Rech- für Art.  5 Abs.  1 des Abkommens, wonach
te nur jenen Personen zu, die im Zivilregis- die kosovarische Regierung sich über die
ter eingetragen sind oder am 1.  Januar 1998 Übernahme eigener Staatsangehöriger hinaus
legal im Kosovo als jugoslawische Staatsan- verpflichtet hat, auch Drittstaatsangehörige
gehörige gelebt haben. Diejenigen, die bereits zu übernehmen, wenn diese zum Zeitpunkt
vor 1998 das Kosovo verlassen hatten oder der Einreise ins Bundesgebiet im Besitz ei-
den Zeitpunkt ihrer Ausreise nicht nachwei- nes gültigen Visums oder Aufenthaltstitels
sen können, müssen ihre Einbürgerung bean- für das Kosovo waren. Damit hat sich die Re-
tragen. Dazu müssen sie wirtschaftliche und publik Kosovo vertragsrechtlich verpflichtet,
familiäre Bindungen zum Kosovo nachwei- Drittstaatsangehörige einschließlich Staaten-
sen. Ferner ist die Registrierung erforderlich. lose zu übernehmen, wenn sie sich vor ihrer
Diese ist aber nur zulässig, wenn belegt wer- Einreise dauerhaft im Kosovo aufgehalten
den kann, dass der Betroffene im Kosovo ge- haben.
boren wurde oder zumindest einen Elternteil
hat, der die Staatsangehörigkeit nach den dar- Das Allgemeine Völkerrecht regelte ur-
gestellten Kriterien erworben hat. ❙14 Roma sprünglich ausschließlich die Rechtsbezie-
haben nahezu unüberwindliche Schwie- hungen zwischen den Staaten. Seit 1945 hat
rigkeiten bei der Registrierung. Das Hohe sich die Auffassung durchgesetzt, dass Staaten
Flüchtlingskommissariat der UNO (UN- im Interesse der ihrer Schutzpflicht unterste-
HCR) und andere internationale Organisa- henden Personen völkerrechtliche Bindungen
tionen schätzen die Zahl der im Kosovo le- eingehen. Der Siegeszug der Menschenrechte
benden, nicht registrierten Roma auf derzeit seit 1945 ist Beleg dafür. Regierungsabkom-
etwa 10 000 Personen, ❙15 das sind ein Drittel men wie das zwischen dem Kosovo und der
der heute im Kosovo lebenden Roma. Bundesrepublik, die ohne Rücksicht auf die
Interessen der Betroffenen vollzogen werden,
Kein Staat ist gegenüber dem Aufenthalts- sind ein Rückfall in die klassische Praxis des
staat verpflichtet, für ihn fremde Staatsange- 19.  Jahrhunderts. Beleg für diese These ist,
hörige zu übernehmen. Dies gilt auch, wenn dass das 18 Artikel umfassende Abkommen
diese sich vor ihrer Einreise in den Aufent- ausschließlich Regelungen zur Übernahme-
haltsstaat dort aufgehalten ❙16 und damals die pflicht und deren Nachweis sowie zum Über-
Staatsangehörigkeit von Jugoslawien beses- nahmeverfahren enthält, jedoch keinerlei
sen haben sollten. Vereinzelte Versuche, die Regelungen über die Behandlung der Betrof-
Ausbürgerung zum Zwecke der Bestrafung fenen, deren Rechte und entsprechende Ver-
oder aus politischen Gründen als Verstoß ge- pflichtungen der kosovarischen Regierung.
gen allgemeines Völkerrecht oder als Rechts- Kurzum, bei der Verabredung und Durch-
missbrauch zu erklären, konnten sich gegen führung wurde und wird der allgemein an-
die Staatenpraxis der völligen Ermessens- erkannte völkerrechtliche Grundsatz der
freiheit bei der Regelung staatsangehörig- Rückführung in Würde und Sicherheit nicht
keitsrechtlicher Fragen nicht durchsetzen. ❙17 beachtet. Die Rückführungen werden durch
Dass der aus einer Sezession hervorgegange- die kosovarische Regierung in ungeordneter
ne Staat sein Staatsangehörigkeitsrecht neu Weise durchgeführt, ohne dass diese auch nur
regelt und Staatsangehörige des früheren die geringsten Voraussetzungen für eine er-
folgreiche Integration sicherstellt. ❙18
❙14  Vgl. BAMF, Lage der Roma in Kosovo, Dezember
2009, S. 9. Die Bundesregierung hat zugesagt, sie wer-
❙15  Vgl. Auswärtiges Amt (Anm. 8), S. 11. de auf „ein angemessenes Verhältnis der ver-
❙16  Vgl. Kay Hailbronner, Rückübernahme eigener schiedenen ethnischen Zugehörigkeiten und
und fremder Staatsangehöriger, Heidelberg 1996,
überdies Sorge dafür tragen, dass sich Rück-
S. 71 ff.
❙17  Vgl. Paul Weis, Staatsangehörigkeit und Staaten- führungen aus dem bisher davon ausgenom-
losigkeit im gegenwärtigen Völkerrecht, Berlin 1962,
S. 10. ❙18  Vgl. Human Rights Watch (Anm. 9).

APuZ 22–23/2011 43
menen Personenkreis geografisch auf die in vierenden Einschränkungen in Bezug auf
Frage kommenden Gebiete im Kosovo ver- ihr Recht auf Freizügigkeit und ihre funda-
teilen, um nicht einzelne der dortigen Kom- mentalen Menschenrechte ausgesetzt, ein-
munen bezüglich ihrer Reintegrationsmög- schließlich in Form schwerwiegender gesell-
lichkeiten zu überfordern“. ❙19 Als einziges schaftlicher und manchmal administrativer
Bundesland hatte Nordrhein-Westfalen den Diskriminierungen, die sie insbesondere da-
Vollzug des Abkommens vom Dezember ran hindern ihre politischen, sozialen und
2010 bis zum März 2011 zeitweise ausgesetzt wirtschaftlichen Rechte auszuüben“. Da-
(„Wintererlass“). Ausgenommen hiervon wa- rüber hinaus wird von „Bedrohungen und
ren Straftäter, die zu mehr als 50 Tagessät- physischer Gewalt gegenüber Roma“ berich-
zen verurteilt worden waren, wobei Straf- tet. Gemischtethnische Ehepaare und deren
taten außer Betracht blieben, die nach dem Kinder könnten auf der Grundlage ihrer tat-
AufenthG und dem Asylverfahrensgesetz sächlichen oder zugeschriebenen äußeren
(AsylVfG) nur von Ausländern begangen Merkmale oder Nationalität Diskriminie-
werden ­können. ❙20 rungen ausgesetzt sein, die einer Verfolgung
gleichkämen. ❙26 Nach einem Bericht von Hu-
Die Einbeziehung der Roma in das Abkom- man Rights Watch gehören Roma zu den
men hat internationale und nationale Proteste „ärmsten Gruppen des Landes“ und wür-
hervorgerufen. So hat die Innenkommissarin den sowohl wirtschaftlich wie auch politisch
der Europäischen Union (EU) die Bundes- und gesellschaftlich marginalisiert. Roma
regierung vor einer Abschiebung der Roma seien häufig „Ziel von gewalttätigen Angrif-
gewarnt, da diesen im Kosovo „strafrechtli- fen von Kosovo-Albanern, die ihnen Kolla-
che Verfolgung oder anderes Leid“ drohe. ❙21 boration mit der serbischen Minderheit zum
Der Hohe Kommissar des Europarates für Vorwurf machten“. ❙27 Nach einem Bericht
Menschenrechte forderte die Bundesregie- des Diakonischen Werkes verlassen mehr als
rung auf, die Abschiebung zu unterbinden. ❙22 zwei Drittel der abgeschobenen Roma das
In Deutschland hat die Migrationskommis- Kosovo innerhalb von zwei Monaten nach
sion der Bischofskonferenz bereits im Ap- der Abschiebung wieder, weil sie keine Exis-
ril 2010 ihre Sorge über die Situation der in tenzgrundlage sehen, oder aus Furcht vor
Deutschland lebenden Roma zum Ausdruck Verfolgung. Es bestehe die erhebliche Ge-
gebracht. ❙23 Die Bundestagsfraktion von fahr, Opfer von Verfolgung und Diskrimi-
Bündnis 90/Die Grünen positionierte sich nierungen in wichtigen Lebensbereichen zu
mit einem Entschließungsantrag im Mai 2010 werden. Daher fehle es an den notwendigen
gegen die Abschiebung von Roma ins Koso- Rahmenbedingungen für eine Rückkehr in
vo. ❙24 Später hat die Fraktion die Erteilung Sicherheit und Würde. Weiterhin verließen
einer Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Roma das Kosovo und beantragten im Aus-
Gründen und ferner gefordert, sich gegen- land Asyl. ❙28
über den Bundesländern wie auch gegenüber
anderen Mitgliedstaaten für eine Aussetzung Eine Gesamtbewertung der Situation legt
der Abschiebungen einzusetzen. ❙25 nahe, einen durch Krieg und Sezession geför-
derten Prozess der Reethnisierung und Aus-
Nach Feststellungen des UNHCR sind die grenzung anzunehmen, in dessen Verlauf es
im Kosovo lebenden Roma „weiterhin gra- zu strukturellen Diskriminierungen und ex-
tremer Ausgrenzung sowie zur Vorenthal-
tung elementarer Menschenrechte kommt,
❙19  Bundesministerium des Innern (M I 5 – 125 610 denen die rechtliche Qualität einer Verfol-
XKS/0), Schreiben an Innenministerien und -senats-
gungshandlung im Sinne der EU-Richt­
verwaltungen vom 1. 4. 2009.
❙20  Vgl. Innenministerium des Landes Nordrhein- linie zur Anerkennung von Flüchtlingen
Westfalen vom 1. 12. 2010 (15-39.10.07-3/5-10-411).
❙21  Der Tagesspiegel vom 29. 9. 2010. ❙26  UNHCR, Richtlinien zur Feststellung des inter-
❙22  Council of Europe, Presseerklärung vom 9. 12. 2010. nationalen Schutzbedarfs von Personen aus dem Ko-
❙23  Vgl. Deutsche Bischofskonferenz, Menschen sovo, 9. 11. 2010.
dürfen nicht in unsichere oder unwürdige Verhält- ❙27  Human Rights Watch (Anm. 9).
nisse abgeschoben werden, Pressemitteilung vom ❙28  Diakonisches Werk, Bericht einer Rechercherei-
22. 4. 2010. se vom 12.-20. 4. 2010 zur Einschätzung der Lage der
❙24  BT-Drs. 17/1569. Minderheiten (Roma, Ashkali und Ägypter) im Ko-
❙25  BT-Drs. 17/5191. sovo, Autor: Sebastian Ludwig.

44 APuZ 22–23/2011
zukommt. ❙29 Ein auch für das Unionsrecht Leib, Leben oder persönliche Freiheit in er-
erforderlicher individueller Nachweis derar- heblichem Maße gefährdet sein.
tiger Verfolgungen gelingt den Roma jedoch
zumeist nicht, weil lediglich allgemein ge- Die geschilderten strukturellen Diskrimi-
haltene Befürchtungen nicht ausreichen. Die nierungen und Ausgrenzungen der Roma im
Nachweiserleichterung im Blick auf eine in- Kosovo erreichen weder die erforderliche Ge-
dividuelle Verfolgung, die bei Gruppenver- fahrenschwelle, noch gelingt es den Betroffe-
folgungen gewährt wird, wird ihnen vorent- nen, eine derartige Gefahr „für ihre Person“
halten, denn eine Verfolgungsdichte gegen darzulegen. Das Erfordernis der „Erheblich-
die Roma, die so intensiv und zahlreich sei, keit“ der Gefahr hat eine materielle Funktion.
dass „jedes einzelne Mitglied der Gruppe da- Nicht jede geringfügige Bedrohung der kör-
raus die aktuelle Gefahr eigener Betroffen- perlichen oder seelischen Unversehrtheit oder
heit ableiten“ könne, könne nicht festgestellt der Freiheit der Person, sondern nur erhebliche
werden. Nur für Roma, die sich während Gefahren sollen den subsidiären Schutzstatus
des Kriegs ausdrücklich auf die Seite Serbi- nach § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG begründen.
ens gestellt hätten oder aber in gewalttätige Es bedarf eines nicht unerheblichen Umfangs
Handlungen gegen Kosovo-Albaner verwi- der Verletzung der bezeichneten Rechtsgüter.
ckelt gewesen seien, lägen Erkenntnisse über Ferner muss die Gefahr „individualisierbar“
eine Gefährdung seitens der Mehrheitsbevöl- sein. Es geht letztlich um die sachgerechte pro-
kerung vor. ❙30 Zwar sei von einer „gewissen gnoserechtliche Einschätzung, ob die vorge-
Dunkelziffer“ auszugehen, da viele Minder- brachten oder sonst wie erkennbaren Gefah-
heiten Repressalien nicht zur Anzeige bräch- ren dem Antragsteller persönlich drohen.
ten oder Anzeigen „nicht immer mit der er-
forderlichen Gründlichkeit nachgegangen“ Aber selbst wenn es gelingen sollte, derarti-
werde. Häufig sei jedoch die „von Minderhei- ge Voraussetzungen darzulegen, scheitern sie
ten gefühlte Unsicherheit stärker als das ei- an der verfahrensrechtlichen Sperrwirkung
gentliche Bedrohungspotenzial“. ❙31 des § 60 Abs. 7 Satz 3 AufenthG. Da eine ge-
nerelle Anordnung (nach § 60a Abs.  1 Auf-
Die Bundesländer hätten die Möglichkeit, enthG) für Roma nicht erlassen wurde, darf
die Abschiebung durch Erlass einer einver- individueller Abschiebungsschutz nur un-
nehmlichen generellen Anordnung nach § 60a ter extrem hohen Voraussetzungen gewährt
Abs. 1 AufenthG aus humanitären Gründen werden. Das Bundesverwaltungsgericht hat
auszusetzen, im Übrigen aber das Regie- im Oktober 1995 auf dem Höhepunkt des
rungsabkommen weiter anzuwenden. Die Bosnienkrieges den Grundsatz geprägt und
betroffenen Roma wären dann erneut durch seitdem gefestigt, dass nach der gesetzgebe-
eine Duldung gegen Abschiebung geschützt. rischen Konzeption Abschiebungsschutz im-
Eine derartige Anordnung hat jedoch nicht mer, aber auch nur dann zu gewähren sei,
den Charakter einer rechtlich durchsetzba- wenn individuelle Gefahren bestünden. Be-
ren Schutzalternative, sondern ist eine im rufe sich ein Antragsteller hingegen lediglich
Ermessen stehende politische Handlungser- auf allgemeine Gefahren, „die nicht nur ihm
mächtigung für die obersten Landesbehör- persönlich, sondern zugleich auch der ganzen
den. Da in keinem Bundesland daran gedacht Bevölkerung oder einer Bevölkerungsgruppe
wird, für Roma aus dem Kosovo eine der- im Zielstaat drohen, soll der Abschiebungs-
artige Anordnung zu erlassen, ❙32 bleibt aus schutz auch für den Einzelnen ausschließlich
rechtlicher Sicht nur die Berufung auf den durch eine – möglichst bundeseinheitliche –
Abschiebungsschutz nach § 60 Abs. 7 Satz 1 generelle Regelung gewährt werden“. ❙33
AufenthG. Danach müssen die Rechtsgüter
Diese gesetzgeberische Entscheidung hät-
❙29  Art.  9 Abs.  1 Buchst. b) RL 2004/83/EG; vgl. ten die Verwaltungsgerichte zu respektie-
Reinhard Marx, Handbuch zur Qualifikationsricht- ren. Nur verfassungsunmittelbare Gründe
linie, Köln 2009, § 6, S. 59 ff. könnten dazu führen, bei individuellen Be-
❙30  Vgl. OVG Sachsen, Urteil vom 21. 7. 2009 – A 4 B drohungen, die als Teil allgemeiner Gefahren
554/07; VG Hannover, Urteil vom 18. 5. 2010 – 12 A
4190/08.
❙31  BAMF, Bescheid vom 3. 2. 2011 – 5419446 – 150. ❙33  BVerwGE 99, 324 (327 f.) = EZAR 046 Nr.  6 =
❙32  Rheinland-Pfalz, Ministerium des Innern vom NVwZ 1996, 199 = AuAS 1996, 32; dagegen Nier-
21. 10. 2009, an Arbeitskreis Asyl Rheinland-Pfalz. werth, NVwZ 1997, 228 (231 f.).

APuZ 22–23/2011 45
erschienen, Abschiebungsschutz zu gewäh- Aufenthaltsrechtliche Perspektiven
ren, wenn insoweit eine generelle Anord-
nung nicht ergangen sei. Diese rechtfertigten Bis Ende 2009 konnte die überwiegende
im Falle des Fehlens einer generellen Anord- Mehrheit der Roma-Familien aus dem Ko-
nung aber nur dann eine Korrektur einfach- sovo eine aufenthaltsrechtliche Lösung im
gesetzlicher Konzeptionen, wenn die obers- Rahmen der am 28.  August 2007 in Kraft
ten Landesbehörden „trotz einer extremen getretenen Altfallregelung des § 104a Auf-
allgemeinen Gefahrenlage, die jeden einzel- enthG anstreben, weil sie vor dem 1.  Juli
nen Ausländer im Falle seiner Abschiebung 2001 eingereist waren. Bis dahin war der
gleichsam sehenden Auges dem sicheren Tod Nachweis zu führen, dass der Lebensunter-
oder schwersten Verletzungen ausliefern halt für alle Familienangehörigen nach den
würde, von ihrer Ermessensermächtigung“ strengen Kriterien des § 5 Abs. 1 Nr. 1 Auf-
keinen Gebrauch machten. ❙34 Strukturelle enthG gesichert war. Eine Verlängerung die-
Diskriminierungen und Ausgrenzungen der ser Frist ist nur für Familien mit Kindern,
Roma im Kosovo liegen weit unterhalb dieser die nur vorübergehend auf ergänzende So-
materiellen und prognoserechtlichen extrem zialleistungen, sowie für Alleinerziehen-
hochgeschraubten Schwelle. de mit Kindern, die vorübergehend auf So-
zialleistungen angewiesen sind, zugelassen
Für schwerwiegend erkrankte Roma gilt (vgl. § 104a Abs.  6 Nr.  2 und  3 AufenthG).
diese verfahrensrechtliche Sperrwirkung Die vollständige Abhängigkeit von Sozial-
nicht. ❙35 Überwiegend gehen die Verwal- leistungen wird nur bei Alleinerziehenden
tungsgerichte und das Bundesamt für Migra- toleriert. Da die Mehrzahl der Roma wegen
tion und Flüchtlinge davon aus, dass eine dau- ihrer auch im Bundesgebiet marginalisierten
erhafte medizinische Versorgung für Roma gesellschaftlichen Lage das Unterhaltser-
im Kosovo nicht wirksam gewährleistet ist. ❙36 fordernis nicht erfüllen kann, steht sie nun-
Auch psychische Erkrankungen begründen mehr zur Abschiebung im Rahmen des Re-
wegen fehlender psychotherapeutischer Be- gierungsabkommens an.
handlungsmöglichkeiten ein Abschiebungs-
hindernis. ❙37 Die Folgen für die Familien sind einschnei-
dend. Da es sich zumeist um Großfamilien
Die Anforderungen an die Darlegung einer handelt und im Rahmen der Altfallregelung
Verschlimmerung des Gesundheitszustandes für junge Erwachsene eine eigenständige Lö-
wegen der Abschiebung sind jedoch sehr hoch. sung durchgesetzt wurde, die nicht vom Un-
So wird dem Vorbringen, aufgrund der unzu- terhaltserfordernis, sondern von einer po-
länglichen Versorgung drohe eine erhebliche sitiven Integrationsprognose (§ 104a Abs.  2
Gesundheitsverschlechterung, entgegengehal- AufenthG) abhängig war, ❙39 dürften eine Rei-
ten, dass die „attestierte depressive Symptoma- he junger Roma, bei denen keine integrati-
tik auch im Bundesgebiet nur ‚unzureichend onshemmenden Umstände festgestellt wer-
erfolgreich‘ behandelt werden konnte“. ❙38 den konnten, nun eine Aufenthaltserlaubnis
besitzen. Ihre minderjährigen Geschwister
und die Eltern werden aber in das Kosovo zu-
❙34  BVerwGE 99, 324 (329 ff.) = EZAR 046 Nr.  6 =
NVwZ 1996, 199 = AuAS 1996, 32. rückgeführt.
❙35  BVerwGE 127, 33 (36); s. im Einzelnen R. Marx
(Anm. 29), § 44 Rdn. 119 ff., S. 890 ff. Die Möglichkeit, nach § 25 Abs.  5 Auf-
❙36  VG Stade, Urteil 29. 3. 2006 – 2 A 1196/02; VG enthG wegen der Unmöglichkeit der Aus-
Minden, Urteil 14. 10. 2009 – 7 K 1597/06.A; VG reise eine humanitäre Aufenthaltserlaubnis
Münster, Beschluss 1. 12. 2009 – 6 L 605/09.A; VG
zu erlangen, scheitert im Blick auf das Re-
Stuttgart, Urteil 14. 9. 2010 – A 5 K 568/10; VG Kassel,
Urteil 16. 6. 2010 – 4 K 1613/09 KS.A; VG Göttingen, gierungsabkommen an der Möglichkeit der
Urteil 21. 9. 2010 – 4 A 185/09; VG Gelsenkirchen, Ausreise. Für die minderjährigen, integrier-
10. 10. 2010 – 7aK 1894/A; VG Braunschweig, Inf­ ten Kinder ist zwar anerkannt, dass Art.  8
AuslR 2010, 129; a. A. VG Saarlouis, Urteil 7. 10. 2010 der Europäischen Menschenrechtskonvention
– 10 K 339/09. (EMRK) bei der Anwendung von § 25 Abs. 5
❙37  VG Köln, Urteil 24. 8. 2005 – 21 K 5689/02.A;
AufenthG ein gewichtiger Stellenwert einzu-
OVG NW, Beschluss 30. 9. 2005 – 5 A 2391/05.A; VG
Berlin, Beschluss 21. 12. 2005 – VG 11 A 944.05; a. A.
OVG NW, Beschluss 29. 12. 2005 – 13 A 2641/05.A. ❙39  OVG Bremen, InfAuslR 2007, 447 (448); OVG
❙38  VGH BW, Urteil 30. 11. 2006 – A 6 S 674/05. Hamburg, InfAuslR 2009, 64 (70).

46 APuZ 22–23/2011
räumen ist, weil eine den Schutz des Privat- Vollendung des 14. Lebensjahres eingereist
lebens auslösende Verbindung insbesondere ist, eine Aufenthaltserlaubnis erteilt. Der An-
für solche Ausländer in Betracht kommt, die tragsteller muss aber aufgrund seiner Integ-
aufgrund eines Hineinwachsens in die hiesi- rationsleistungen die Gewähr bieten, dass er
gen Verhältnisse (Verwurzelung) mit gleich- sich in die hiesigen Lebensverhältnisse einfü-
zeitiger Entfremdung von ihrem Herkunfts- gen wird (positive Integrationsprognose). Die
land so eng mit Deutschland verbunden sind, Eltern können eine Aufenthaltserlaubnis er-
dass sie faktisch deutschen Staatsangehöri- halten, wenn sie ausreichende Integrations-
gen gleichzustellen sind. ❙40 Häufig scheitert leistungen erbracht haben und durch eigene
diese Möglichkeit aber für die Kinder und Leistungen den Lebensunterhalt der Fami-
Jugendlichen an der erforderlichen Integrati- lie überwiegend sichern können (§ 25a Abs. 2
onsprognose sowie am fehlenden rechtmäßi- AufenthG). Wer jedoch nach Vollendung des
gen Aufenthalt. Die obergerichtliche Recht- 14. Lebensjahres eingereist ist und zum Zeit-
sprechung fordert darüber hinaus teilweise punkt der Antragstellung älter als 21  Jahre
für die Anwendung von Art.  8 EMRK eine ist, wird ausgeschlossen, und mit ihnen ihre
„feste Verankerung“ im Aufenthaltsstaat. Eltern.
In „Fällen der Erteilung einer bloßen Dul-
dung“ fehle es an dieser, ❙41 sodass eine auf-
enthaltsrechtliche Perspektive für geduldete Fazit
junge Roma über § 25 Abs. 5 AufenthG nicht
­besteht. Für geduldete Roma gibt es derzeit in
Deutschland keine aufenthaltsrechtliche Per-
Der alsbald in Kraft tretende § 25a Auf- spektive. Ausländerrechtliche Fluchtwege
enthG kann für einige Roma-Familien mögli- aus dem Duldungsstatus sind derart eng ge-
cherweise eine Verbleibsperspektive eröffnen. strickt, dass Roma diese zumeist versperrt
Danach wird einem geduldeten Antragsteller, bleiben. Einerseits erreicht die strukturel-
der in Deutschland geboren wurde oder vor le Diskriminierung und Marginalisierung
im Herkunftsland, insbesondere im Koso-
vo, nicht den flüchtlingsrechtlich relevanten
❙40  BVerwGE 126, 192 (198) = NVwZ 2006, 1418 =
InfAuslR 2008, 4 = EZAR NF 33 Nr.  4; BVerwGE Verfolgungsgrad und erst recht nicht den
105,35 (41) = NVwZ 1997, 1114 = InfAuslR 1997, extrem hohen Beweisstandard des subsidi-
355 = EZAR 021 Nr.  5; VGH BW, EZAR 23 Nr.  7; ären Schutzes. Wegen der auch im Bundes-
VGH BW, Urteil 24. 11. 2005 – 11 S 1078/05; VGH gebiet vorherrschenden Marginalisierung
BW, Inf­AuslR 2008, 29; VGH BW, InfAuslR 2009, gelingt den Roma andererseits die Integra-
178 = AuAS 2009, 197; Hess.VGH, InfAuslR 2006,
tion in Deutschland nicht und bleiben ih-
217 (218 f.) = NVwZ-RR 2006, 826 = AuAS 2006,
182; OVG ­R h-Pf, InfAuslR 2006, 274 (275); VG nen deshalb aufenthaltsrechtliche Lösungen
Braunschweig, Beschluss 10. 1. 2006 – 6 B 432/05; versperrt.
VG Darmstadt, Urteil 22. 11. 2005 – 4 E 2800/03 (1);
VG Darmstadt, Urteil 22. 2. 2006 – 4 E 2493/04(1); Das Aufenthaltsrecht enthält humanitäre
VG Karlsruhe, AuAS 2006, 50; VG Minden, Ur- Möglichkeiten, um eine völkerrechtskonfor-
teil 14. 12. 2006 – 7 K 236/06; VG Stuttgart, Ur-
me Rückführungspolitik in Würde und Si-
teil 5. 10. 2005 – 11 K 3065/04; VG Stuttgart, Urteil
11. 7. 2006 – 12 K 1181/06; VG Stuttgart, InfAuslR cherheit zu gewährleisten. Da dies für Roma
2005, 106 (107 f.); VG Stuttgart, NVwZ-­R R 2006, im Kosovo derzeit nicht sichergestellt ist,
577; VG Stuttgart, InfAuslR 2006, 70 (71 f.); VG sind die Rückführungen auszusetzen, und ist
Stuttgart, InfAuslR 2006, 14; wohl auch VG Köln, es an der Zivilgesellschaft und insbesondere
Urteil 8. 2. 2006 – 23 K 6011/03; VG Frankfurt/M., an den Kirchen, die Regierungen von Bund
InfAuslR 2010, 302; Benassi, InfAuslR 2006, 397
und Ländern an ihre völkerrechtlichen Ver-
(401 f.); Hoppe, ZAR 2006, 125; Marx, ZAR 2006,
261; Thym, EuGRZ 2006, 541; Thym, InfAuslR 2007, pflichtungen zu erinnern.
133; Bergmann, ZAR 2007, 128; Eckertz-Höfer, ZAR
2008, 41(42); Kluth, ZAR 2009, 381.
❙41  VGH BW, EZAR 23 Nr.  7; VGH BW, Ur-
teil 24. 11. 2005 – 11 S 1078/05 VGH BW, InfAuslR
2006, 70 (71); HessVGH, InfAuslR 2006, 217 (218) =
NVwZ-­R R 2006, 826 = AuAS 2006, 182; Hess.VGH,
Urteil 7. 7. 2006 – 7 UE 509/06: NiedersOVG, Inf­
AuslR 2006, 229 (331); a. A. nunmehr VGH BW, Ur-
teil 13. 12. 2010 – 11 S 2359/10.

APuZ 22–23/2011 47
Daniel Strauß be am gesellschaftlichen Leben, an Wirtschaft
und Kultur, an Politik und Lebensstan-

Zur Bildungs- dard in Deutschland zwar für Einwanderer,


aber nicht für die nationale Minderheit der
deutschen Sinti und Roma diskutiert wird.

situation von Schlimmer noch: Über deren Bildungssi-


tuation war und ist wenig bekannt, obwohl
Maßnahmen der Politik zwingend notwen-

deutschen Sinti dig gewesen wären, weil die im National-


sozialismus durchgesetzten Ausschulungen
und Bildungsabbrüche seit den 1950er Jahren

und Roma durch das Bundesentschädigungsgesetz zwar


bekannt waren, dennoch mit Blick auf künf-
tige Bildungsoptionen für die Minderheit fol-
genlos blieben.

I mmer wieder werden in Europa und in


Deutschland leidenschaftliche Debatten
um die „Integration“, um „Anpassung“ und
Im Zuge der aufstrebenden Bürgerrechts-
bewegung wurde 1982 die Studie „Sozia-
„Einfügung“ von Aus­ le Situation der Sinti in der Bundesrepublik
Daniel Strauß ländern und Minder- Deutschland“ im Auftrag des Bundesminis-
Geb. 1965; Vorsitzender des heiten in die Mehr- teriums für Jugend, Familie und Gesundheit
Verbands Deutscher Sinti heitsgesellschaften ge- veröffentlicht. ❙3 Dem ging 1980 eine Studie vo-
und Roma, Landesverband führt. Bemerkenswert raus, die sich mit schulrelevanten Verhaltens-
Baden-Württemberg; ist, dass in diesen De- merkmalen von Sinti- und Roma-Kindern
Vorstandsmitglied der Gesell- batten zumeist die befasst hatte. ❙4 Sie präsentierten erschrecken-
schaft für Antiziganismusfor- größte Minderheit in de Befunde einer desolaten Bildungssituation
schung e. V.; Geschäftsführer Europa fehlt: die Sinti von Sinti und Roma. Adäquate Maßnahmen
von RomnoKher gGmbH, und Roma. Ungefähr der Bildungspolitik blieben allerdings aus. Sie
B 7/16, 68159 Mannheim. zehn bis zwölf Millio- wären gestern wie heute zwingend notwen-
straussdaniel@yahoo.de nen Personen – so der dig gewesen.
Präsident des Euro-
päischen Parlaments, Jerzy Buzek am 27.  Ja- Das Ministerkomitee des Europarates kri-
nuar 2011 – leben auf diesem Kontinent. ❙1 In tisiert bereits seit 2002, dass in Deutschland
Deutschland sind es circa 80 000 bis 120 000 ein Mangel an aussagekräftigen Daten zur
mit deutscher Staatsangehörigkeit; hinzu Lebenslage und zur Bildungssituation der
kommen vermutlich rund 50 000 Flüchtlinge deutschen Sinti und Roma herrsche. Der Eu-
und so genannte Arbeitsimmigranten. ❙2 roparat fordert seitdem, die Kenntnisse der
Lebens- und Bildungswirklichkeit zu ver-
Im 15.  Jahrhundert das erste Mal in bessern, um so geeignete Maßnahmen ergrei-
Deutschland erwähnt, waren Sinti und Roma fen zu können, welche die wirksame Förde-
seither Vorurteilen, Anfeindungen und Ver- rung der vollen und effektiven Gleichstellung
folgungen ausgesetzt. Höhepunkt war die der nationalen Minderheit sicherstellen. ❙5 Die
nationalsozialistische Verfolgung und der
Völkermord: Bis zu 500 000 Sinti und Roma ❙1  Vgl. Pressemitteilung des Europäischen Parlaments
wurden in Mittel- und vor allem Osteuropa vom 15. 3. 2011.
während der Besatzung durch die deutschen ❙2  Vgl. UNICEF, Zur Lage von Kindern aus Roma-
Familien in Deutschland, Berlin 2007.
Armeen und die SS ermordet, um 25 000 al-
❙3  Vgl. Andreas Hundsalz unter Mitarbeit Harald
lein aus Deutschland und Österreich. Erst Schaaf, Soziale Situation der Sinti in der Bundesre-
in den 1980er Jahren erkannten die beiden publik Deutschland (Endbericht), Schriftenreihe des
Bundeskanzler Helmut Schmidt und Helmut Bundesministers für Jugend, Familie und Gesund-
Kohl den Völkermord an den Sinti und Roma heit, Bd. 129, Stuttgart-Berlin-Köln-Mainz 1982.
an. 1997 wurden Sinti und Roma als nationale ❙4  Vgl. ders., Zigeunerkinder. Eine sozialpsycho-
logische Untersuchung schulrelevanter Merkmale,
Minderheit in Deutschland anerkannt.
Frankfurt/M. 1980.
❙5  Vgl. Stellungnahme der Bundesrepublik Deutsch-
Es fällt auf, dass in den Integrationsdebat- land zur Stellungnahme des Beratenden Ausschus-
ten Bildung als Voraussetzung für die Teilha- ses zum Bericht über die Umsetzung des Rahmen­

48 APuZ 22–23/2011
Europäische Union (EU) forderte im April der nationalsozialistischen Verfolgungs- und
2011 von ihren Mitgliedsländern nationale Vernichtungspolitik sowie Diskriminie-
Strategien zur Integration der Roma bis 2020 rungserfahrungen und verschiedene andere
und betont dabei die wichtige Rolle der Bil- Lebensbereiche untersucht.
dung: „Wir müssen daher dringend in die Bil-
dung der Roma-Kinder investieren und ihnen Es war das erklärte Ziel der Initiatoren die-
so später einen erfolgreichen Weg in den Ar- ses Projektes, die Kluft zwischen den Wissen-
beitsmarkt ermöglichen.“ ❙6 Es soll sicherge- schaften einerseits und den Angehörigen der
stellt werden, dass alle Sinti- und Roma-Kin- Minderheit der Sinti und Roma andererseits
der beziehungsweise -Jugendliche Zugang zu überbrücken. Dass dies gelang, dass sich
zu einer nichtdiskriminierenden, qualitativ Sinti und Roma trotz ihres durch den Nati-
hochwertigen Bildung sowie zu beruflicher onalsozialismus entstandenen beziehungs-
Ausbildung und einen uneingeschränkten weise gewachsenen Misstrauens in die „deut-
Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten. schen so genannten Wissenschaft(en)“ ❙8 an
einer wissenschaftlichen Befragung zu ihrer
Bildungssituation aktiv als Initiatoren, Be-
Zielsetzung, Methode fragende und Befragte zusammen mit Wis-
und Repräsentativität senschaftlern und Wissenschaftlerinnen be-
teiligten, macht deutlich, dass hier Neuland
Bis dato gab es keine Untersuchungen zu den betreten wurde.
Lebenswirklichkeiten der Sinti und Roma,
wie sie diese selbst erleben, empfinden und Bisher gab es beeindruckende Untersu-
deuten. Diese Lücke soll ein Dokumenta- chungen, die sich allgemein mit der Geschich-
tions- und Forschungsprojekt schließen hel- te und Kultur der Sinti und Roma befassten, ❙9
fen, das im Jahre 2007 von RomnoKher, mit der nationalsozialistischen Verfolgung
Haus für Kultur, Bildung und Antiziganis- beziehungsweise der „nationalsozialistischen
musforschung in Mannheim, initiiert wur- Lösung der Zigeunerfrage“ ❙10 oder mit dem
de. Im Zentrum dieser Untersuchung ❙7 steht Minderheitenschutz der Sinti und Roma in
die Bildungssituation der deutschen Sinti Europa, neben den bereits erwähnten Arbei-
und Roma. Zugleich werden Auswirkungen ten von Andreas Hundsalz und Peter Wid-
mann. ❙11 Diesen Untersuchungen ist gemein-
übereinkommens zum Schutz nationaler Minderheiten sam, dass sie das Verhältnis von Minderheit
in der Bundesrepublik Deutschland; insbesonde- und Mehrheitsgesellschaft als komplexes Be-
re Art. 4, Nr. 75 sowie Art. 6, Nr. 80, Bundesminis- ziehungsgeflecht begreifen und mal mehr, mal
terium des Innern, Berlin 2002, online: www.bmi.
weniger kulturelle, soziale, ethnische oder re-
bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Themen/Mi-
grationIntegration/NationaleMinderheiten/Rah- gierungs- und kommunalpolitische Elemen-
menuebereinkommen_des_Europarates_zum_Id_​ te in den Vordergrund stellen; mal wird eine
23218_​de.pdf?__blob=publicationFile (18.4.2011). Einpassung der Sinti und Roma gefordert,
❙6  Mitteilung der Kommission an das Europä- mal eine Integration ohne Preisgabe der eige-
ische Parlament, den Rat, den Europäischen Wirt-
schafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss
der Regionen. EU-Rahmen für nationale Strategi- ❙8  Vgl. Vorwort von Romani Rose (damals als Vor-
en zur Integration der Roma bis 2020; KOM(2011) standsmitglied im Verband der Sinti Deutschlands
173 endgültig, Brüssel, 5. 4. 2011, S.  2, online: unterzeichnend) zu A. Hundsalz (Anm. 3), sowie Pe-
http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ. ter Widmann, An den Rändern der Städte. Sinti und
do?uri=COM:2011:0173:FIN:DE:PDF (20. 4. 2011). Jenische in der deutschen Kommunalpolitik. Berlin
❙7  Daniel Strauß (Hrsg.), Studie zur aktuellen Bil- 2001.
dungssituation deutscher Sinti und Roma. Dokumen- ❙9  Vgl. Katrin Reemtsma, Sinti und Roma. Geschich-
tation und Forschungsbericht, Marburg 2011. Ohne te, Kultur, Gegenwart, München 1996.
Förderer hätte dieses Projekt nicht realisiert werden ❙10  Vgl. vor allem Michael Zimmermann, Rassenuto-
können; zu nennen sind zunächst die Stiftung „Erin- pie und Genozid. Die nationalsozialistische „Lösung
nerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ), die ei- der Zigeunerfrage“, Hamburg 1996. Vgl. auch die Re-
nen wesentlichen Anteil an der Förderung hatte und gionalstudie von Udo Engbring-Romang, Die Ver-
immer wieder zu Selbstverständigungsdebatten an- folgung der Sinti und Roma in Hessen zwischen 1870
regte, ebenso die Freudenberg Stiftung, die Linden- und 1950, Frankfurt/M. 2001.
stiftung, die Amadeu Antonio Stiftung, der Verband ❙11  Vgl. Die Lage der Sinti und Roma in Deutschland,
Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Baden- in: Monitoring des Minderheitenschutzes in der Eu-
Württemberg sowie die Gesellschaft für Antiziga- ropäischen Union 2002, Göttingen 2003, S.  78–163;
nismusforschung e. V. A. Hundsalz (Anm. 4); P. Widmann (Anm. 8).

APuZ 22–23/2011 49
nen Identität und Lebensweisen. Fast allen ist und Sozialpolitik mit entsprechenden Ex-
gemeinsam, dass Sinti und Roma selbst kaum perteninterviews auf eine spätere Forschung
oder überhaupt nicht zu Wort kommen und verschoben. Die an diesem Projekt beteiligten
selbst ihre Schul- und Ausbildungsbiografien Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ❙12
von Dritten darstellen lassen. –  Politikwissenschaftler, Historiker, Pädago-
gen, Erziehungswissenschaftler und Sozio-
Dieser Mangel an Untersuchungen und In- logen – hatten jeweils spezifische Aufgaben.
terpretationen der Selbstwahrnehmung und Zum einen wurden mit ihnen das Forschungs-
Selbstbeschreibung der Sinti und Roma war design und die Fragebögen sowie die Inter-
der Hauptgrund dafür, dass mit dieser Unter- viewtechniken geklärt, zum anderen sollten sie
suchung ein anderer Weg beschritten wurde: die quantitativen Teile der Fragebögen sowie
Die finanziellen und personellen Möglichkei- die qualitativen Interviews auswerten und in-
ten sollten dazu genutzt werden, Sinti und terpretieren. Sie alle bringen spezifische Kom-
Roma aus verschiedenen Generationen und petenzen und eigene Sichtweisen aus ihren Fä-
Regionen zu ihrer Bildungssituation zu be- chern mit, was zu einer breit und differenziert
fragen, und zwar sowohl mit einem Daten- angelegten Auswertung führte. Die Ergeb-
bogen zu quantifizierbaren Daten als auch nisse der Studie fließen ein in die vom Rom-
mit eigenständig formulierten Bereichen zur noKher initiierte Ausstellung mit dem Titel
eigenen Bildungsbiografie und sozialen Situ- „Typisch ‚Zigeuner‘? – Mythos und Lebens-
ation. Darüber hinaus sollte versucht werden, wirklichkeiten“, bei der auf 25 Tafeln antiziga-
lebens-, generations- und familiengeschicht- nistische „Zigeuner“-Bilder mit Aussagen zur
liche Entwicklungen und Erfahrungen so- Lebens- und Bildungssituation der befragten
wohl zum Stellenwert von schulischer und Sinti und Roma kontrastiert werden.
beruflicher Bildung in den Familien, den Be-
rufswünschen und deren Realisierung oder Sinti und Roma gehören seit Jahrhunder-
deren Scheitern als auch die Beziehung zur ten zu unserer Gesellschaft. Gegenstand die-
Mehrheitsgesellschaft, zur Diskriminierung ser ersten Bildungsstudie über deutsche Sinti
und zur generationellen Tradierung der na- und Roma seit über 30 Jahren ist die Frage, ob
tionalsozialistischen Vernichtungspolitik in für diese nationale Minderheit ein gleichbe-
den Befragungen anzusprechen und zu inter- rechtigter Zugang zum Bildungswesen, ins-
pretieren. besondere im schulischen Bereich, besteht.
Mit dieser Studie wird zudem das Vorurteil
Für die Untersuchung wurden 14 Sinti und widerlegt, Minderheiten würden nicht selbst
Roma, die aus dem Umfeld der Bürgerrechts- aktiv werden, ihre Situation zu überwinden.
bewegung der deutschen Sinti und Roma Gleichzeitig wirft eine solche Studie metho-
stammen, als Interviewerinnen und Intervie- dische Probleme auf. Diese bestehen weniger
wer gewonnen, die mit Wissenschaftlerinnen in der Frage, ob objektive Kriterien für eine
und Wissenschaftlern über die Möglichkeiten eventuelle Gleich- oder Ungleichbehandlung
solcher Befragungen von Sinti und Roma als (etwa vergleichende Anzahl von bestimm-
auch wissenschaftliche Befragungsmethoden ten Bildungsabschlüssen) gefunden und an-
in vorbereitenden Seminaren diskutierten. Es gewandt werden können. Das methodische
wurde ein Fragebogen entwickelt, der stan- Hauptproblem besteht vielmehr darin, in der
dardisiert war und mit dem Multiple-choice- Lebenswelt der beteiligten Minderheit jene
Verfahren einfaches Ankreuzen erlaubte, aber institutionellen und individuellen Faktoren
zugleich freie Erzählungen zur Bildungs- und zu identifizieren, die ein Verbleiben in Bil-
Ausbildungssituation wie auch zur Familien- dungsarmut oder deren Überwindung bedin-
und Lebensgeschichte sowie zur Verarbei- gen. Eine solche Methodik erfordert, diejeni-
tung des Nationalsozialismus in den Fami- gen, die derlei (verhinderte) Bildungskarrieren
lien anregen sollte. Auf diese Weise wurden durchlaufen haben, selbst zu befragen.
275 Interviews in breiter Streuung in 35 Städ-
ten und Orten geführt und ausgewertet. Im Fall der Sinti und Roma ist dies aber
nicht ohne weiteres möglich. Ihre diversen
Dieses Verfahren war sehr aufwändig, so
dass wir uns auf die Befragung von Sinti und ❙12  Alexander von Plato (Hagen/Wien), Michael
Roma konzentrierten und zunächst die eben- Klein (Erfurt), Uta Rüchel (Berlin) und Jane Schuch
falls vorgesehenen Untersuchungen der Schul- (Berlin).

50 APuZ 22–23/2011
Verfolgungserfahrungen und ihre histori- politischen Handlungsbedarf aufzuzeigen.
schen Erfahrungen mit wissenschaftlicher Dadurch gelang es auch, die historisch be-
Erforschung haben sie vielfach zu Misstrau- dingte große Kluft zwischen Wissenschaften
en gegenüber den Institutionen der Mehr- einerseits und den Angehörigen von Sinti und
heitsgesellschaft als auch gegenüber auf sie Roma zu überbrücken. Mit wissenschaftli-
gerichteten Forschungen geführt. Ihre wis- chen Methoden wurden die Lebenswirklich-
senschaftliche Befragung ist daher nur mög- keiten aus subjektiv empfundener Sicht be-
lich, wenn eine tragfähige Vertrauensbasis schrieben, untersucht und interpretiert.
hergestellt werden kann. In diesem Fall ge-
schah das durch die beispiellose Ausbildung In unserem Dokumentations- und For-
von Sinti und Roma zu Interviewern für die- schungsprojekt, das zwischen 2007 und 2011
ses Projekt. Eine solche biografisch orientier- durchgeführt wurde, sind 275 deutsche Sin-
te Erhebung zur Bildungssituation gelingt ti und Roma aus drei Generationen vornehm-
erwartungsgemäß im ersten Anlauf we- lich in Westdeutschland zu ihrer Bildungs-
der flächendeckend für alle Kommunen und situation befragt worden. Dazu wurden
Bundesländer in Deutschland, noch können quantifizierbare Daten erhoben und auch le-
alle Fragen einer solchen Empirie abschlie- bensgeschichtliche Interviews geführt. Hie-
ßend geklärt werden. Das Projekt kann in je- raus wurden lebens-, generations- und fa-
der Hinsicht als Pionierarbeit gelten: zum ei- miliengeschichtliche Entwicklungen und
nen wegen der Ergebnisse dieser Forschung Erfahrungen sowohl zum Stellenwert von ge-
zur Lebenssituation im Allgemeinen und zur lingender/scheiternder schulischer Bildung
Bildungssituation bzw. zum Verhältnis die- als auch die Beziehungen zur Mehrheitsgesell-
ser Minderheit zur Mehrheitsgesellschaft im schaft, zur Diskriminierung und intergenera-
Besonderen; zum anderen wegen der neu- tionellen Tradierung traumatischer Ereignisse
en Wege, die sich in der Mitarbeit von Sinti der nationalsozialistischen Vernichtungspoli-
und Roma als Forschungsakteure zeigen. Die tik beschrieben und interpretiert.
Studie schafft eine Grundlage für die (Bil-
dungs-)Politik wie auch für die Repräsentan- Für die Befragung wurden 14 Sinti und
ten der Sinti und Roma. Roma als Interviewerinnen und Interview-
er gewonnen und ausgebildet. In Workshops
Den Initiatoren ist eines immer deutlicher und Seminaren wurden sie von Wissenschaft-
geworden: Nicht nur die Identifizierung der lern mit Befragungsmethoden vertraut ge-
bildungsrelevanten Faktoren im Lebensalltag macht. Es wurden 275 (davon 261 in die Aus-
erfordert eine Beteiligung der Minderheit wertung einbezogene) Interviews in breiter
selbst. Auch die Überwindung der festge- Streuung in 35 Städten/Orten geführt. Etwas
stellten „Bildungsmisere“ kann nur im Zu- mehr als die Hälfte der Befragten sind Frau-
sammenspiel von Mehrheit und Minderheit, en. Über 40,61 % der Befragten sind im Alter
vorrangig natürlich im Rahmen staatlich or- von 14 bis 25  Jahren; 42,91 % sind im Alter
ganisierter Bildungsprozesse, gedacht und von 26 bis 50  Jahren, 16,48 % der Befragten
realisiert werden. Bemerkenswert ist dabei, sind 51 und älter. Zu jedem Interview lie-
dass die Studie Belege dafür liefert, dass unter gen Protokoll und Audiodateien sowie Tran-
den Sinti und Roma bereits eine wachsende skriptionen vor. Um die Erfahrungen und
Bereitschaft für einen „Bildungsaufbruch“ Kompetenzen der Minderheitenorganisati-
besteht. In diesem Sinne sind die vorgelegten onen einzubeziehen, wurde beim Romno­
Befunde und ausgesprochenen Empfehlun- Kher der Arbeitskreis „Bildung für Sinti und
gen im Dialog von offiziellen Bildungsträ- Roma“ gegründet. In diesem Arbeitskreis
gern und der Minderheit weiterzuentwickeln. sind sieben Landesverbände deutscher Sinti
Dabei ist auch sicherzustellen, dass die kultu- und Roma, zwei bundesweit tätige Kultur-
relle Autonomie erhalten, zugleich aber kul- zentren und zwei regionale Beratungsstellen
turell entstandene Bildungshindernisse auf vertreten. Als Vorsitzende des Arbeitskreises
allen Seiten überwunden werden. wurde Petra Rosenberg vom Verband Deut-
scher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg
Das Leitmotiv unserer Studie war es, selbst- für zwei Jahre gewählt.
initiativ aus der Sicht der Minderheit direkt an
die europäischen Ansätze anzuknüpfen, die Nimmt man eine Gesamtzahl von rund
Datenlücken zu schließen und den bildungs- 100 000 Sinti und Roma in Deutschland an,

APuZ 22–23/2011 51
dann wurde im Verhältnis von 1 zu 383 be- sind selbst noch in der dritten Generation der
fragt. Man kennt zwar – soziologisch ge- 14- bis 25-Jährigen erkennbar. Evident sind
sprochen- nicht die genauen Daten für die intergenerationellen Auswirkungen der
die „Grundmasse“ der Sinti und Roma in Verfolgungsgeschichte der Sinti und Roma,
Deutschland, so dass man im strengen Sin- auch und vor allem im Zusammenhang mit
ne nicht von einer repräsentativen Befragung der Vernichtungspolitik im Nationalsozialis-
sprechen kann. Aber die Interviews sind nach mus. So werden starke Ängste und Misstrau-
sozialer Lage, Geschlecht, Alter, Wohnge- en innerhalb der Familie im Zusammenhang
gend und Bildungssituation so breit gestreut mit dem Schulbesuch der Befragten oder ih-
und so vielfältig, dass man mit hoher Plau- rer Eltern und Großeltern thematisiert. Der
sibilität davon ausgehen kann, dass hier ein Umgang mit der Erinnerung an die Verfol-
Bild von dieser Minderheit gezeichnet wer- gungsgeschichte und die Aufarbeitung des
den kann, das auch bei repräsentativer Befra- Nationalsozialismus in den Familien und in-
gung nur geringfügige Veränderungen erfah- dividuell verweisen auf ein kollektives Trau-
ren würde. ma. Wenn „Geschichten aus der (Famili-
en-)Geschichte“ erzählt werden, dann sind es
Leidensgeschichten aus der NS-Verfolgung.
Zehn herausgehobene Ergebnisse Andere Geschichten oder Lieder, Erzählun-
gen und Märchen, mit denen andere deutsche
94,6 % der Befragten verwenden als Eigenbe- Kinder zumindest aus bürgerlichen Familien
zeichnung „Sinti“ oder „Roma“. Bis auf eine groß werden, scheint es bei Sinti und Roma
Ausnahme in den 30 qualitativ ausgewerteten nicht (mehr) zu geben. In einem generatio-
Interviews bezeichnen sich alle Interviewten nellen Vergleich zeigt sich ein evidenter Zu-
als Sinti oder Roma. Die einzige Befragte, die sammenhang zwischen dem Schulbesuch der
sich selbst als „Zigeunerin“ bezeichnet, be- Eltern oder der Großeltern und dem schuli-
nutzt diesen Begriff mit einer negativen Kon- schen Erfolg der Kinder. Je besser ausgebildet
notation: „Ich bin damit groß geworden, und die Eltern und Großeltern waren, desto grö-
mittlerweile habe ich das auch akzeptiert, ßer war der schulische Erfolg der Kinder.
dass die mich so nennen. (…) Ich bin nun
mal eine Zigeunerin und damit muss man le- 81,2 % der Befragten haben persönliche
ben.“ (Sintizza, 19 Jahre) Einzelne berichten Diskriminierung erfahren. Die Erfahrungen
im Interview von so schwerwiegenden nega- in der Schule sind in starkem Maße von of-
tiven Erfahrungen durch das Bekanntwer- fenen und verdeckten Diskriminierungen in
den ihrer ethnischen Zugehörigkeit, dass sie Form von alltäglichen antiziganistischen Be-
sich außerhalb der Minderheit gar nicht mehr schimpfungen und Vorurteilen seitens ein-
als Sinti oder Roma zu erkennen geben und zelner Schülerinnen und Schüler bestimmt.
selbst bei Nachfragen ihre ethnische Zuge- Die Lehrer scheinen hier nicht professionell
hörigkeit verleugnen und eine andere ethni- einzuschreiten. Erschreckend ist, dass An-
sche Herkunft, wie Indien oder Spanien, an- tiziganismus offensichtlich auch auf Seiten
geben. Sehr unterschiedlich ist die Intensität der Lehrkräfte nach wie vor vorhanden ist
des Diskriminierungsempfindens bei der Be- und im Schulalltag offen artikuliert wird.
zeichnung als „Zigeuner“: 6,9 % lassen die- Daneben gibt es Lehrpersonen und Mit­
sen Begriff mit Einschränkungen auf sich schüler/​-innen, die unterstützend handeln
anwenden, wenn eindeutig keine diskrimi- und zum Teil so motivierend wirken, dass sie
nierende Bezeichnung beabsichtigt wurde; die Schullaufbahn positiv beeinflussen kön-
44,44 % bekennen sich situationsabhängig nen. 1,1 % machen keine Angaben zu Diskri-
nicht als Sinti oder Roma, um Diskriminie- minierungserfahrungen; 17,6 % haben keine
rungen zu vermeiden; 20,69 % bekennen sich Diskriminierungserfahrungen; 55,9 % füh-
bei der Berufsausübung nicht als Sinti oder len sich manchmal diskriminiert; 8,4 % füh-
Roma, um Diskriminierungen zu vermeiden; len sich regelmäßig diskriminiert; 12,3 %
16,09 % bekennen sich bei der Arbeitssuche fühlen sich häufig diskriminiert; 4,6 % füh-
nicht als Sinti oder Roma, um Diskriminie- len sich sehr häufig diskriminiert.
rungen zu vermeiden.
53,64 % der Befragten fühlen sich bei Be-
Traumatische Erfahrungen werden in der hördenbesuchen „eingeschüchtert“, „schlecht
Familie intergenerationell weitergegeben und behandelt“ oder „diskriminiert“. Bei den Be-

52 APuZ 22–23/2011
fragten, die von leichten Problemen oder gar heute ausdrücklich. Darüber hinaus ist vor
von einem „hoch problematischen“ Verhält- allem in der dritten Generation eine zuneh-
nis sprechen, reichen die Aussagen von „füh- mende Unterstützung bei den Bildungsbe-
le mich schlecht“ bis zu „fühle mich einge- mühungen durch die Familie zu beobachten,
schüchtert“, von „gestresst“ oder „kann die verbunden mit einem höheren Schulbildungs-
Nacht vorher nicht schlafen“ bis zu „fühle grad der Elterngeneration. Ängste und Miss-
mich eingeschüchtert“, „von oben herab be- trauen gegenüber der Mehrheitsgesellschaft
handelt“, „nicht ernst genommen“, „nicht und ihren Bildungsinstitutionen sind jedoch
wahrgenommen“, „schlecht behandelt“, „pa- nach wie vor präsent, und die eigenen Unter-
nisch“, „wie Dreck behandelt“ und „fühle stützungsmöglichkeiten nehmen sie im Hin-
mich diskriminiert“. Nur 6,13 % machen kei- blick auf die Schulbildung der Kinder als sehr
ne Angaben zu ihren Empfindungen bei Be- eingeschränkt wahr. Von den Befragten ha-
hördenbesuchen; 40,23 % beschreiben ihre ben keine Grundschule besucht: 39,5 % der
Behördenbesuche als „normal“; 13,41 % be- über 50-Jährigen; 18,8 % der 26- bis 50-Jäh-
schreiben ihre Erlebnisse als „leicht prob- rigen; 9,4 % der 14- bis 25-Jährigen. Eindeu-
lematisch“; 40,23 % schildern ihre Erfah- tig lässt sich nachweisen, dass das persönliche
rungen bei Behördenbesuchen als „hoch Engagement für Bildung in der zweiten und
problematisch“. dritten Generation gestiegen ist.

Nur 18,8 % der Befragten haben eine be- Nur 11,5 % der Befragten besuchten die
rufliche Ausbildung absolviert. Dagegen sind Real­schule. Im Vergleich zur Mehrheitsbevöl-
es in der Mehrheitsbevölkerung in der jünge- kerung haben über 30 % in der Altersgruppe
ren Altersgruppe 83,4 %. ❙13 der 14- bis 25-Jährigen einen mittleren Bil-
dungsabschluss. ❙16 Nach Altersgruppen auf-
10,7 % der Befragten besuchten eine För- geteilt besuchten von den Befragten eine Re-
derschule. Dagegen sind es in der Mehrheits- alschule: 4,7 % der über 50-Jährigen; 13,4 %
bevölkerung nur 4,9 % aller Schülerinnen der 26- bis 50-Jährigen; 12,3 % der 14- bis
und Schüler. ❙14 Nach Altersgruppen aufge- 25-Jährigen.
teilt haben von den Befragten eine Förder-
schule besucht: 7 % der über 50-Jährigen; Nur sechs von 261 Befragten besuchten ein
13,4 % der 26- bis 50-Jährigen; 9,4 % der 14- Gymnasium, das sind 2,3 %. In der Mehr-
bis 25-Jährigen. heitsbevölkerung haben insgesamt 24,4 %
Hochschulreife, in der Altersgruppe der 20-
13 % der Befragten besuchten keinerlei bis 25-Jährigen über 40 %. ❙17
Schule. In der Mehrheitsbevölkerung sind es
wahrscheinlich unter einem Prozent. Min- 45,6 % der Befragten können/konnten kei-
destens 44 % der Befragten haben keinerlei ne Hilfen in der Familie bei den Hausauf-
Schulabschluss. Im Vergleich zur Mehrheits- gaben erhalten. 8,4 % machten keine Anga-
bevölkerung haben 7,5 % der 15- bis 17-Jähri- ben zu familiären Hilfen bei Hausaufgaben,
gen keinen Hauptschulabschluss. ❙15 Die über- 46,0 % erhielten familiäre Hilfen bei den
wiegende Mehrheit derjenigen, welche die Hausaufgaben. Sehr aufschlussreich wird es,
eigene Schul- oder Berufsausbildung abge- wenn Gründe dafür genannt werden, warum
brochen beziehungsweise trotz eigenständi- keine Hilfe bei den Hausaufgaben erfolgt/er-
ger Bemühungen die angestrebten Bildungs- folgte: Unter 93 Befragten, die solche Gründe
abschlüsse nicht erreicht haben, bedauert dies benannten, haben allein 72 angeführt: „kei-
ne eigene Schulbildung der Eltern“, „selbst
nur begrenzte schulische Ausbildung“, „zu
❙13  Vergleichszahlen zur Mehrheitsbevölkerung aus:
Bildung in Deutschland 2010. Hrsg. im Auftrag der geringe schulische Bildung“ oder „kann we-
Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder der lesen noch schreiben“. 18 Befragte ge-
und dem Bundesministerium für Bildung und For- ben zusätzlich ausdrücklich „Verfolgung“
schung, S.  10, online: www.bildungsbericht.de/​da- oder „Verbot, die Schule zu besuchen“ in der
ten2010/​bb_2010.pdf (18. 4. 2011); zur Bildungsbe- NS-Zeit an.
teiligung siehe dort die Daten aus dem Mikrozensus
2008, S.  227, online: www.bildungsbericht.de/zei-
gen.html?​seite=8404 (18. 4. 2011). ❙16  Vgl. ebd., Tabelle B3-1A, S.  227 (Mikrozensus
❙14  Vgl. ebd., S. 6. 2008).
❙15  Vgl. ebd., S. 10. ❙17  Vgl. ebd.

APuZ 22–23/2011 53
Bildungspolitische Empfehlungen • Für die Chancengleichheit von Sinti und
Roma sind Aspekte der Antidiskriminie-
Die desolate Bildungslage im Blick auf forma- rung, der biografiebegleitenden Unterstüt-
le Bildung (Schul- und Berufsabschlüsse) be- zung sowie der Überwindung der Distanz
legt ein gravierendes Versagen des deutschen zwischen Bildungseinrichtungen und Min-
Bildungssystems. Die Studie gibt wertvol- derheit von grundsätzlicher Bedeutung
le Auskünfte über die Ursachen scheiternder und auf allen Ebenen der Bildungsförde-
Bildungsprozesse. Sie verweisen auf die hohe rung besonders zu berücksichtigen. Wir
Bedeutung informeller Bildung im Umfeld empfehlen daher, einen Nationalen Akti-
des schulischen Alltags von der Familie, vom onsplan für eine Generationen übergreifen-
Kindergarten bis zur Jugend- und Erwach- de Bildungsförderung für Sinti und Roma
senenbildung. Intergenerationelle Trauma- zu erstellen.
tisierung, gegenwärtige Diskriminierungs-
• Zur Konzipierung dieses Aktionsplans
erfahrungen und fehlende Teilhabechancen
ist eine Bildungskommission zu gründen,
belegen ein asymmetrisches Verhältnis zwi-
in der Vertreter von Bund, Ländern und
schen Minderheit und Mehrheit, das erfolg-
Kommunen sowie gleichberechtigt Vertre-
reiche Bildungsprozesse massiv behindert. In
ter der Sinti und Roma mitwirken. Weiter
der intergenerationellen Perspektive wird ein
können Wissenschaftler, Bildungsexperten
Teufelskreis, eine sich über Jahrzehnte und
und gesellschaftliche Initiativen und Ak-
auch gegenwärtig reproduzierende Margina-
teure wie zum Beispiel Stiftungen einbezo-
lisierung und Desintegration der deutschen
gen werden.
Sinti und Roma sichtbar. Antiziganismus
spielt hierbei eine erhebliche Rolle. Folgende
bildungspolitische Empfehlungen leiten sich Für den Nationalen Aktionsplan sollen Res-
daraus ab. sourcen von Bund, Ländern, Kommunen
und EU-Fördermittel gebündelt werden.
• Vor dem Hintergrund der Verfolgung der Dafür müssen effektive Mechanismen ge-
Sinti und Roma im Nationalsozialismus schaffen werden. Der nationale Aktionsplan
und ihrer nach wie vor massiven Margi- muss mindestens folgende Aufgaben umfas-
nalisierung und Diskriminierung gilt es, sen: erstens den Aufbau struktureller Förder-
im Einklang mit europäischen Standards maßnahmen auf Bundes-, Länder- und lo-
zur Förderung von Sinti und Roma ❙18 in kaler Ebene; zweitens die Entwicklung und
Deutschland eine zukunftsweisende Min- Umsetzung von gezielten Fördermaßnahmen
derheitenpolitik zu gestalten, die den tat- und Programmen zur tatsächlichen Gleich-
sächlichen Lebenssituationen von Sinti und stellung von Sinti und Roma; drittens ein
Roma gerecht wird. sichtbares Engagement von Personen des öf-
fentlichen Lebens zugunsten von Sinti und
• Es sind nachhaltige Anerkennungs- und
Roma; viertens Überzeugungsarbeit in der
Teilhabestrukturen für Sinti und Roma
Minderheit für einen „Bildungsaufbruch“;
gesellschaftlich zu verankern, um gelin-
fünftens individuelle Bildungsförderung, die
gende Bildungsprozesse in der Frühför-
an die Lebenswelten, Sprache und kulturelle
derung, Bildung, Ausbildung und der Er-
Identitäten der Sinti und Roma anknüpft und
wachsenenbildung initiieren und entfalten
ihnen im deutschen Bildungssystem gleich-
zu können.
berechtigte Bildungschancen sichert; sechs-
tens Erwachsenenbildungsprogramme für
Sinti- und Roma-Familien, um unzureichen-
❙18  Checkliste der europäischen Roma-Plattform:
1. konstruktive, pragmatische und nicht-diskrimi-
des Bildungskapital der Eltern auszuglei-
nierende Politik; 2. eindeutige, aber nicht ausschlie- chen und kompetente Bildungsentscheidun-
ßende Ausrichtung; 3. interkultureller Ansatz; 4. auf gen von Eltern und Kindern zu ermöglichen;
die Mehrheit hinzielen; 5. Bewusstsein für die ge- siebtens eine Kooperation von Erziehungs-
schlechtsspezifische Bedeutung; 6. Transfer von Po- wissenschaften und Fachinstitutionen mit
litik, die auf Eindeutigkeit beruht; 7. Einsatz von In- Bildungseinrichtungen der Sinti und Roma.
strumenten der EU; 8. Einbeziehung von regionalen
und lokalen Behörden; 9. Mitwirkung der Bürger­
gesellschaft; 10. aktive Teilnahme der Roma, sie-
he auch online: http://ec.europa.eu/social/main.jsp?​
catId=​761&langId=en (18. 4. 2011).

54 APuZ 22–23/2011
Herausgegeben von
der Bundeszentrale
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Redaktion
Dr. Hans-Georg Golz
(verantwortlich für diese Ausgabe)
Dr. Asiye Öztürk
Johannes Piepenbrink
Anne Seibring (Volontärin)
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Sinti und Roma APuZ 22–23/2011

Zoni Weisz
3–8 Ein immer noch vergessener Holocaust
Der Völkermord an den Sinti und Roma ist immer noch ein „vergessener Holo-
caust“, weil ihm wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Sinti und Roma
sind Europäer mit denselben Rechten, wie sie für jeden Europäer gelten.

Frank Sparing
8–15 NS-Verfolgung von „Zigeunern“ und „Wiedergutmachung“
Der Beitrag nimmt Stationen der NS-Zigeunerverfolgung von der rassistischen
Neubestimmung über Konzentration, Erfassung, Deportation, Isolation und
Vernichtung sowie die Praxis der „Wiedergutmachung“ nach 1945 in den Blick.

Markus End
15–21 Bilder und Sinnstruktur des Antiziganismus
Antiziganismus ist ein weit verbreitetes und tief verwurzeltes Ressentiment. In
diesem Beitrag werden verschiedene Ebenen dieser Vorurteilsstruktur, die Stereo-
type, die Sinnstruktur und die sozialen Hintergründe dargestellt und analysiert.

Herbert Heuss
21–27 Roma und Minderheitenrechte in der EU
Minderheitenrechte sind unerlässlich, aber keineswegs hinreichend, um die oft de-
solate Lage von Roma-Gruppen zu verbessern. Es ist Aufgabe der Roma-Organisa-
tionen selbst wie die der Politik und der Zivilgesellschaft, Konzepte zu entwickeln.

M. Demir · J. Orsós · V. Rodríguez · G. Caldararu · E. Elmazi


27–32 Die größte Minderheit in Europa
Die Autoren dieses Beitrages haben einen Roma-Hintergrund und gehen von ih-
rer Perspektive aus. Nach einem historischen Abriss erfolgt ein aktueller europäi-
scher Überblick, bevor auf die Situation in einzelnen Ländern eingegangen wird.

Heike Kleffner
33–37
„Jeden Tag verlieren wir jemanden.“ Eine Reportage
Mit Selbstorganisationen von Jugendlichen streiten Roma, die vor den Bürgerkrie-
gen im ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland flohen, für ein Bleiberecht und
gesellschaftliche Teilhabe – oftmals mit breiten gesellschaftlichen Bündnissen.

Reinhard Marx
41–47
Roma in Deutschland aus ausländerrechtlicher Sicht
Das Aufenthaltsrecht enthält humanitäre Möglichkeiten für eine völkerrechts-
konforme Rückführungspolitik in Würde und Sicherheit. Da dies für Roma im
Kosovo derzeit nicht sichergestellt ist, sind die Rückführungen auszusetzen.

Daniel Strauß
48–54 Zur Bildungssituation von deutschen Sinti und Roma
Die desolate Bildungslage von Sinti und Roma im Blick auf formale Bildung belegt
ein Versagen des Bildungssystems. Die Studie gibt Auskunft über Ursachen schei-
ternder Bildungsprozesse und verweist auf die Bedeutung informeller Bildung.

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