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Falter Zeitgeschichte / Nr.

Klebefläche
Wahlrecht
26.01.1876 Einsetzung der Wahlprüfungskommission
Im Jahr 1876 wird im Reichstag eine Wahlprüfungskommission
Wahl prüfungskommission eingesetzt,
die bei Wahlbeschwerden
beschwerden aus dem Volk oder bei Einsprüchen von Reichs­
tagsabgeordneten tätig wird. Ihre Arbeit führt dazu, dass Wahlrechtsverlet­ 28.04.1903 Einführung von Wahlkabine und Stimmkuvert

in Deutschland
zungen geahndet und Wahlen für ungültig erklärt und wiederholt werden.
17.10.1817 Wartburgfest In der Verfassung des Deutschen Reichs ist zwar das Recht auf geheime Wahlen
02.03.1849 Abstimmung über das erste deutsche Wahlrecht festgeschrieben,
festgeschrieben, aber es treten immer wieder Wahlrechtsverletzungen auf.
Auf dem Wartburgfest der deutschen Burschen­ Dies ist auch deshalb möglich, weil es keine amtlichen Stimmzettel und keine Wahl­
schaften werden im Oktober 1817 Forderungen Die Nationalversammlung hat nicht nur die Aufgabe, eine Verfassung auszuarbeiten,
kabinen gibt. So unterscheiden sich die Stimmzettel oft in Größe, Farbton oder
nach der Einführung einer konstitutionellen sondern auch ein Wahlgesetz für die Bestellung der Abgeordneten des ersten 13.02.1895 Antrag der SPD zum Frauenwahlrecht
gesamtdeutschen Parlaments zu entwickeln. Die Mehrzahl der Abgeordneten
Mai 1863 Gespräche zwischen Bismarck Material. Der Reichstag beschließt die verbindliche Einführung von Wahlkabinen
Monarchie im Deutschen Bund laut. Ziel ist die und amtlichen Stimmkuverts.
Die SPD­Fraktion bringt erstmals im Deutschen Reichstag einen
Schaffung eines deutschen Nationalstaats auf stimmt gegen eine Beschränkung des Wahlrechts auf Bundesebene. Es wird ein und Lassalle zum Wahlrecht
Antrag zur Einführung des Frauenwahlrechts ein. Der Antrag wird
Grundlage des Prinzips der Volkssouveränität allgemeines, gleiches, direktes und geheimes Männerwahlrecht beschlossen.
27.05.1832 Hambacher Fest Der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck wendet sich jedoch von den anderen Parteien abgelehnt. Der Vorsitzende der
und die Wahl einer nationalen Volksvertretung. zunehmend vom Dreiklassenwahlrecht ab, da dieses vor allem den 27.05.1875 Gothaer Programm der SAP SPD, August Bebel, stellt klar: „Es geht auf die Dauer nicht, daß die
Auf dem Hambacher Schloss kommen im Mai 1832 knapp 30.000 Menschen liberalen Parteien nutzt. Bismarck wird zum Verfechter allgemeiner
Da die Wahlen zum Reichstag an einem Werktag stattfinden, Hälfte der Nation (...) vom Wahlrecht ausgeschlossen ist.“
zusammen, um für Selbstbestimmung und gleiche politische Rechte zu und gleicher Wahlen, von denen er sich eine konserva
konservative Mehrheit 01.01.1902
können nicht alle Wahlberechtigten von ihrem Wahlrecht
demonstrieren. Der Initiator, Philipp Jakob Siebenpfeiffer, spricht sich ge
ge­ verspricht. Seine Hoffnung ruht dabei vor allem auf den Arbeitern
Gebrauch machen. Die Sozialistische Arbeiterpartei Deutsch­ Deutscher Verein für
nerell für ein all gemeines, aktives Männerwahlrecht aus: „Alle unsere aus den ländlichen Gebieten. Zu diesem Zweck trifft sich Bismarck
08.06.1815 Deutsche Bundesakte Unmün­
Wahlgesetze sind nichts als armselige Behelfe für die politische Unmün
lands (SAP) fordert daher in ihrem Gothaer Programm, dass Frauenstimmrecht
im Mai 1863 mehrfach im Geheimen mit Lassalle.
der Wahltag ein Sonn­ oder Feiertag sein müsse. 20.10.1891 Erfurter Programm der SPD
Auf dem Wiener Kongress wird der Deutsche Bund ins Leben gerufen. digkeit, Stelzen, Krücken, Laufbänder, deren alle diejenigen nicht bedürfen, 05.03.1848 Heidelberger Versammlung In Hamburg wird von Anita Augspurg
Obwohl die restaurativen Kräfte den Gedanken der Volkssouveränität welche gesunde gerade Beine haben.“ und Lida Gustava Heymann der
Die SPD spricht sich auf ihrem Erfurter Parteitag als erste deut­
durch das Prinzip der Fürstensouveränität verdrängen wollen, wird Am 5. März 1848 treffen sich in Heidelberg 51 vor allem liberale
sche Partei für das Frauenwahlrecht aus. Außerdem fordert „Deutsche Verein für Frauenstimm­
in Artikel 13 der Gründungsurkunde des Deutschen Bundes, der und radikal­demokratische
demokratische Parlamentarier. Die Einführung eines 12.04.1862 08.08.1869 Eisenacher Programm der SDAP recht“ gegründet. Dessen Ziel ist die
sie aufgrund der negativen Auswirkungen der Mehrheitswahl den
allgemeinen Wahlrechts wird zu einem Hauptbestandteil ihrer
Deutschen Bundesakte, festgelegt: „In allen Bundesstaaten wird eine Arbeiter-Programm des ADAV Die neu gegründete Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) Wechsel zur Verhältniswahl und bis zu deren Einführung eine volle politische Gleichberechtigung
Landständige Verfassung stattfinden.“ Forderungen. In ihrer Erklärung fordern sie daher „eine nach der
beschließt auf ihrem ersten Parteitag das Eisenacher Programm. Neueinteilung der Wahlkreise. der Frau.
Volkszahl gewählte Nationalvertretung“. Der Arbeiterführer Ferdinand Lassalle präsentiert am
05.07.1792
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7.1792 12. April 1862 in Berlin sein „Arbeiter­Programm“ mit Darin fordert sie eine Senkung des Wahlalters auf 20 Jahre und
der Hauptforderung nach einem allgemeinen, gleichen eine Ausweitung der Grundsätze des allgemeinen, gleichen, direk­
Wahl des römisch-deutschen Königs ten und geheimen Männerwahlrechts auf die Wahl der Landtage
05.06.1823 Konstituierung der Provinziallandtage in Preußen und direkten Männerwahlrecht. Ein Jahr später
1792 wählen die acht Kurfürsten Franz II. zum letzten römisch­deutschen gründet er den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und der Gemeindevertretungen.
König. Dem Kurfürstenkollegium steht seit dem 14. Jahrhundert
Jahr hundert das Auch in Preußen werden Forderungen nach politischer Mitsprache laut. In den
(ADAV), eine Vorgängerpartei der heutigen SPD.
alleinige Recht zur Wahl des Königs des Heiligen Römischen Reiches preußischen Provinzen werden daher Landtage eingerichtet. Die entsprechende Ver­
Deutscher Nation zu. Gewählt ist, wer die Mehrheit der Stimmen auf ordnung vom Juni 1823 sieht jedoch für das aktive wie passive Wahlrecht sehr
sich vereinigen kann. In der Goldenen Bulle von 1356 ist zudem festgelegt, hohe Besitzanforderungen vor. Bei den Wahlen zum Rheinischen Provinziallandtag
dass jeder reichsfreie Landesfürst das passive Wahlrecht innehat. im Jahr 1830 dürfen von den 31.596 Einwohnern# im Landkreis Düsseldorf nur
246 Einwohner#, also 0,7 %, wählen.

1870 – 1871 Deutsch-Französischer Krieg

1790 – 1794 1795 – 1799 1800 – 1804 1805 – 1809 1810 – 1814 1815 – 1819 1820 – 1824 1825 – 1829 1830 – 1834 1835 – 1839 1840 – 1844 1845 – 1849 1850 – 1854 1855 – 1859 1860 – 1864 1865 – 1869 1870 – 1874 1875 – 1879 1880 – 1884 1885 – 1889 1890 – 1894 1895 – 1899 1900 – 1904

24.02.1793 19.11.1808 Preußische Städteordnung 30.01.1816 Allgemeines Männerwahlrecht 22.08.1818 Verfassung des Großherzogtums Baden 07.11.1838 Landgemeindeordnung 18.05.1848 Wahl zur National- 30.05.1849 Dreiklassenwahlrecht in Preußen 16.04.1867 Verfassung des Norddeutschen Bundes 16.04.1871 Verfassung des
Erste Volkswahl Das Königreich Preußen wird nach der Niederlage in Sachsen – Weimar – Eisenach Die Verfassung von Baden sieht die Wahl eines Landesparlaments vor. Königreich Sachsen versammlung Nach der Niederschlagung der Revolution wird in Preußen das Nach dem Sieg Preußens über Österreich gründet das Königreich Deutschen Reiches
gegen Napoleon grundlegend reformiert. Männliche Stimmberechtigt ist, wer das 25. Lebensjahr vollendet hat und als Bürger im Dreiklassenwahlrecht eingeführt, nach dem das Stimmgewicht Preußen den Norddeutschen Bund. In dessen Verfassung heißt es in
Als im Verlauf der Französischen Revolution Als erster deutscher Staat erhält das Großherzogtum Bei Gemeinderatswahlen im Königreich Sachsen Zur Nationalversammlung dürfen erstmals Nach dem Sieg über Frankreich wird das
Bürger, die ein Haus besitzen oder als „unangesessene“ Wahlkreis ansässig ist. Frauen sind wie Gesinde und Bedienstete vom eines Wählers seiner sozialen und vor allem wirtschaftlichen Artikel 20: „Der Reichstag geht aus allgemeinen und direkten Wahlen 21.02.1887 Reichstagswahl
französische Truppen in das Erzbistum Mainz Sachsen – Weimar – Eisenach 1816 eine Landständige Ver­ wird auch Frauen das aktive Wahlrecht zuerkannt. alle volljährigen, selbständigen männlichen Deutsche Reich ausgerufen. Die Verfassung
Bürger über ein bestimmtes Einkommen verfügen, Wahlrecht ausgeschlossen. Auch können die Bürger ihre Vertreter nicht Stellung entspricht. Dafür sind die Wähler einer Gemeinde in mit geheimer Abstimmung hervor.“ Erstmals ist kein männlicher Bürger
eindringen, rufen ihre deutschen Sympathisanten fassung, in der die Bildung einer Ständeversammlung an­ Sie dürfen ihre Stimme jedoch nur persönlich Staatsangehörigen wählen und gewählt des Norddeutschen Bundes wird ohne
dürfen nun ihre Stadtverordneten selbst wählen. direkt wählen. Zum Abgeordneten kann nur gewählt werden, wer einer drei Steuerklassen aufgeteilt. Die wenigen Bürger, die die meisten aufgrund seiner sozialen Stellung vom Wahlrecht ausgeschlossen. Die SPD erzielt bei der Reichstagswahl 1887 zwar 30.000 Stimmen mehr als die
die „Mainzer Republik“ aus. Allen Männern steht das geordnet wird. Jeder Stand wählt seine eigenen Vertreter. abgegeben, solange sie unverheiratet sind. Das werden. Als Vertreter werden vor allem substanzielle Änderungen übernommen.
Jeder Bürger hat eine Stimme und darf mit dieser direkt christlichen Konfession angehört, das 30. Lebensjahr vollendet hat und Steuern zahlen, bilden die erste Klasse. Diese wählen jedoch Aktives und passives Wahlrecht sind nur noch an die Staatsbürger­ konservative Deutsche Reichspartei, sie bekommt aber ganze 30 Mandate weniger.
aktive Wahlrecht zu. Das passive Wahlrecht ist Im Gegensatz zum Adel dürfen die übrigen Einwohner des Wahlrecht ist für Männer wie für Frauen an den lokale Honoratioren gewählt. Was unter einer Es gilt nun im gesamten Deutschen Reich
für oder gegen einen Kandidaten stimmen. Gewählt über ein Mindestkapital von 10.000 Gulden verfügt. gemeinsam genauso viele Wahlmänner wie die vielen Angehörigen schaft und an die Vollendung des 25. Lebensjahres gebunden. Jeder Schuld daran sind die ungleichen Wahlkreisgrößen. Aufgrund der starken Binnen­
an die Vollendung des 25. Lebensjahres gebunden. Staates ihr aktives Wahlrecht nicht direkt, sondern nur Besitz eines Grundstücks gebunden. Auch in „selbständigen Person“ zu verstehen ist, das allgemeine, direkte und geheime
werden darf jeder stimm fähige Bürger, wobei der dritten Klasse. Auch müssen die Wähler nun den Namen des Wähler erhält eine Stimme. wanderung vom Land in die Städte leben in den einzelnen Wahlkreisen unter­
Die Wähler müssen sich vor der Wahl öffentlich zum über Wahlmänner ausüben. Das aktive Wahlrecht steht nur Bayern und mehreren Großherzogtümern des kann jeder Staat des Deutschen Bundes Männerwahlrecht und das Verfahren der
zwei Drittel der Gewählten über ein Haus verfügen Kandidaten, für den sie sich entschieden haben, laut nennen. schiedlich viele Wahlberechtigte. Trotzdem wählen bevölkerungsstarke ebenso wie
Prinzip der Volkssouveränität bekennen. Männern zu und ist an den Besitz eines Hauses oder der Deutschen Bundes dürfen Frauen ihren Gemeinde­ für sich entscheiden. Teilweise werden Ar­ absoluten Mehrheitswahl mit Stichwahl.
müssen. Die Bürger wählen nicht nach Ständen, Allerdings steht jedem männlichen Preußen, unabhängig von bevölkerungsschwache Wahlkreise jeweils nur einen Abgeordneten.
bürgerlichen Rechte gebunden. Zum Abgeordneten darf vertreter selbst wählen. beiter und Dienstboten als nicht­selbständig
sondern allgemein und geheim. seinem Einkommen, mit Vollendung des 24. Lebensjahres das
nur gewählt werden, wer zudem über ein bestimmtes Ein­ aufgefasst. Auch das Wahl verfahren ist
aktive Wahlrecht zu.
kommen verfügt und der christlichen Religion angehört. in den einzelnen Staaten unterschiedlich
ausgestaltet.

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30.06.1946 Wahl der Verfassunggebenden Landesversammlungen — Legende
03.07.2008 Urteil zum negativen Stimmgewicht 21.02.2013 Ausgleich von
Nach dem Ende der Nazi­Diktatur und dem Zusammenbruch Deutschlands beginnt der politi­
sche Wiederaufbau zunächst in den Ländern und Gemeinden. Die ersten demokratischen Das Bundesverfassungsgericht erklärt den Effekt des negativen Überhangmandaten Zeichenerklärung:�
05.03.1933 Wahlen auf Landesebene erfolgen im Juni 1946 im neu gegründeten Württemberg­Baden 08.07.1953 Erst- und Zweitstimme 07.02.1992 Vertrag von Maastricht Stimmgewichts für verfassungswidrig, da dieser die Grundsätze
Zur Bundestagswahl 2013 verabschiedet der Deut­ 2 = steht für die weibliche Form des vorangehenden Begriffs
24.08.1918 Reform des Wahlsystems und im Freistaat Bayern. Die Abgeordneten stehen vor der Aufgabe, eine neue Mit dem Vertrag von Maastricht wird in der Europäi­ der Gleichheit und Unmittelbarkeit der Wahl „in eklatanter Weise“
Reichstagswahl 1933 Vor der zweiten Bundestagswahl wird das Bundes­ verletze. Der Gesetzgeber wird verpflichtet, bis zum 30. Juni 2011
sche Bundestag ein neues Wahlgesetz. Um den
Landesverfassung auszuarbeiten und die ersten Landtagswahlen vorzubereiten. schen Union die Unionsbürgerschaft eingeführt.
auf Reichsebene wahlgesetz geändert. Die Wahlberechtigten be­ eine verfassungsgemäße Regelung zu treffen.
Effekt des negativen Stimmgewichts zu vermeiden,
vermeiden, Begriffe:�
Die Wahlen in der Endphase der Jeder Bürger# besitzt nun ein aktives und passives
kommen zwei Stimmen: eine Erststimme für den sollen nun sämtliche Überhangmandate ausgeglichen Absolutes Mehrheitswahlsystem In einem Wahlkreis ist der
Die Reichsregierung gibt den zunehmenden Forderungen nach Weimarer Republik sind zunehmend Wahlrecht für Kommunal­ und Europawahlen. Dieses
Wahlkreisbewerber# und eine Zweitstimme für werden. Überhangmandate einer Partei werden Kandidat# gewählt, welcher die absolute Mehrheit, also mehr
einer besseren Repräsentation der überbevölkerten, städtischen überschattet von blutigen Straßen
Straßen­ Recht dürfen die Bürger# der EU (jeweils im eigenen
die Liste der Parteien (in dem jeweiligen Bundesland). so automatisch zu Ausgleichsmandaten für die ande­
Großwahlkreise nach. Im August 1918 wird das Reichstagswahl­ kämpfen und politischem Terror. als die Hälfte der Stimmen, auf sich vereinigen kann.
31.12.1923 Einführung Die Fünf­Prozent­Klausel (Sperrklausel) gilt nun
Land) in allen Mitgliedstaaten ausüben. ren Parteien, was zu einer deutlichen Ver
Vergrößerung
größerung
gesetz entsprechend reformiert. In den Großwahlkreisen der Adolf Hitler ist seit dem 30. Januar 1933
des amtlichen Stimmzettels bundesweit. des Parlaments führen kann. Absolute Monarchie Das Oberhaupt ( König#, Fürst#, etc.)
städtischen Ballungsräume wird die Verhältniswahl eingeführt. Reichskanzler. Mitglieder von KPD 02.10.2005 Nachwahl im
und SPD werden im Vorfeld der an­ besitzt die alleinige Staatsgewalt und untersteht nicht einmal den
Auch bei den ersten Reichstagswahlen der Weimarer Republik werden
stehenden Reichstagswahl bedroht,
Wahlkreis Dresden I von ihm erlassenen Gesetzen.
die Stimmzettel immer noch von den Parteien an die Wahlberechtigten
verteilt. Durch Änderung des Reichswahlgesetzes wird 1923 der verfolgt und verhaftet. Bei der Nachwahl zur Bundestagswahl 2005 in Dresden
11.08.1919 Verkündung der 25.07.2012 Urteil zum neuen Aktives und Passives Wahlrecht Bezeichnet das Recht eines
amtliche Stimmzettel eingeführt, der die Namen aller Parteien und wird erstmals die Problematik des sogenannten
Weimarer Reichsverfassung Bundeswahlgesetz Bürgers#, zu wählen und selbst gewählt zu werden.
deren Kandidaten# aufführt und in den Wahllokalen ausliegt. negativen Stimmgewichts sichtbar. Ein negatives
In der Reichsverfassung von 1919 Stimmgewicht liegt dann vor, wenn bei Die im Bundestag vertretenen Parteien ver­ Allgemeine Wahl Unter der Allgemeinheit der Wahl ist das
werden die wahlrechtlichen Neuerungen einer Partei ein Stimmengewinn zu einem
04.06.1913 Standardisierung der Wahlurnen 14.07.1933
7
7.1933 Gesetz gegen die suchen, das Problem des negativen Stimm­ Recht zu verstehen, unabhängig von Herkunft, Vermögen, Religion
festgeschrieben. Das aktive und Mandatsverlust oder wenn ein Stimmen­
Mandatsverlust gewichts zu lösen, und scheitern. Das
Neubildung von Parteien oder Geschlecht an Wahlen aktiv oder passiv teilzunehmen.
Als Wahlurnen kommen vor allem in ländlichen Gebieten passive Wahlrecht haben nun alle über verlust zu einem Mandatsgewinn führt. Das Bundesverfassungsgericht erklärt das
auch Zigarrenkisten, Kochtöpfe, Hutschachteln oder Bierkrüge 20 Jahre alten Frauen und Männer. Unter dem Zwang der Nazi­Diktatur wird das Wahlrecht zur kann dann passieren, wenn Listenverbindungen ver­ bestehende Wahlrecht für nichtig. Deutsch­ Freie Wahl Die „Freiheit der Wahl“ bedeutet, dass die Wahl­
zum Einsatz. Wahlvorsteher können Wahlurnen verwenden, Der Reichstag, aber auch Landtage Wahlpflicht. Formell bleibt auch im Dritten Reich das Wahl
Wahl­ schiedener Landesverbände einer Partei bestehen land hat erstmals in seiner Geschichte werbung, die Auswahl der zu Wählenden und vor allem die Wahl­
die so bemessen sind, dass die Stimmzettel in der Reihenfolge und Gemeindeparlamente, gehen aus recht der Weimarer Republik bestehen. Nach dem Ver­ Ver und Überhangmandate zustande kommen. kein gültiges Wahlrecht. entscheidung ungehindert und ohne Beeinflussung möglich sind.
liegen bleiben, in der sie eingeworfen wurden. Im Apri 1913 all gemeinen, gleichen, geheimen und bot von SPD und KPD und der Auflösung der übrigen
beschließt daher der Deutsche Reichstag konkrete Standards unmittelbaren Wahlen hervor. Die Ab­ Parteien kandidiert nur noch die NSDAP bei Reichs­
Reichs Geheime Wahl Der Grundsatz der geheimen Wahl soll sicher­
für die Beschaffenheit von Wahlurnen. geordneten müssen nach den Grund­
15.06.1949 Bundeswahlgesetz stellen, dass jeder Wähler# seine Stimme unbeobachtet ab­
tagswahlen. Durch das Gesetz gegen die Neubildung 13.07.2004 Panaschieren und
sätzen der Verhältniswahl gewählt von Parteien wird Frauen indirekt das passive Wahl­
Wahl Jeder Wähler# erhält eine Stimme. Gewählt geben kann.
werden. Zudem muss der Wahltag ein recht entzogen, da die NSDAP seit ihrer Gründung wird nach der personalisierten Verhältniswahl. Kumulieren in Hamburg
Sonntag oder ein Feiertag sein. keine Frauen als Kandidatinnen aufstellt. Durch die Möglichkeit, über Wahlkreise und 18.03.1990 Wahl zur DDR-Volkskammer Gleiche Wahl Unter die „Gleichheit der Wahl“ fallen sowohl die
Während in den meisten Bundesländern Kumulie­
Parteilisten zu kandidieren, werden Elemente (Parlament) ren – das Abgeben mehrerer Stimmen für einen
Forderung nach dem gleichen Zählwert als auch die Forderung nach
der Persönlichkeitswahl in das Verhältniswahl­ oder mehrere Kandidaten# derselben Liste – dem gleichen Erfolgswert der Stimme. So soll jeder Bürger# zum
system integriert. Für die Teilnahme an der
15.03.1956 Verschärfung der Bei der ersten und gleichzeitig letzten Parlamentswahl
und Panaschieren – das Verteilen der Stimmen einen die gleiche Stimmenzahl haben, unabhängig davon, wie reich
in der DDR, die demokratischen Grundsätzen entspricht,
Mandatsvergabe gilt erstmals eine Hürde Sperrklausel auf Kandidaten# verschiedener Listen – bei er# ist oder welche soziale Stellung er# innehat. Zum anderen
beträgt die Wahlbeteiligung 93,38 %.
(„Sperrklausel“). Da nach muss eine Partei Kommunalwahlen möglich ist, ist diese Form der
Abermals wird die Sperrklausel verschärft. Ab soll jeder Bürger# die gleiche Chance haben, mit seiner Stimme die
entweder fünf Prozent der Gesamtstimmenzahl Stimmabgabe für Landtags­ und Bundestags
Bundestags­
jetzt benötigen Parteien, um an der Mandats­ Zusammensetzung des zu wählenden Gremiums zu beeinflussen.
in einem Bundesland erreichen oder ein wahlen unbekannt. In Hamburg gelingt es
verteilung teilnehmen zu können, entweder
Wahlkreismandat (Direktmandat) erringen, um 2004 jedoch einer Volksinitiative, Kumulieren Konstitutionelle Monarchie Bezeichnet eine Form der Monarchie,
bundesweit fünf Prozent der Zweitstimmen
an der Mandatsverteilung teilnehmen zu können. und Panaschieren einzuführen. in der die Rechte des Oberhaupts durch eine Verfassung ein­
29.03.1925 Wahl des Reichspräsidenten oder drei Wahlkreismandate.
geschränkt werden. In der Regel muss sich das Oberhaupt seine
Erstmals in ihrer Geschichte dürfen die Deutschen ihr Macht mit einem Parlament teilen.
Staatsoberhaupt direkt wählen.
Landständige Verfassung Landständige Verfassungen sollen die
1914 – 1918 Erster Weltkrieg 1939 – 1945 Zweiter Weltkrieg
Mitwirkung der relevanten Bevölkerungsgruppen (Stände) bei der
Ausübung der Staatsgewalt sichern. Der Grad der politischen Mit­
1905 – 1909 1910 – 1914 1915 – 1919 1920 – 1924 1925 – 1929 1930 – 1934 1935 – 1939 1940 – 1944 1945 – 1949 1950 – 1954 1955 – 1959 1960 – 1964 1965 – 1969 1970 – 1974 1975 – 1979 1980 – 1984 1985 – 1989 1990 – 1994 1995 – 1999 2000 – 2004 2005 – 2009 2010 – 2013 wirkung und die Wahlberechtigung waren in den einzelnen Staaten
des Deutschen Bundes unterschiedlich ausgestaltet.

Relatives Mehrheitswahlsystem In einem Wahlkreis ist der


27.04.1920 Neues Reichswahlgesetz Kandidat# gewählt, welcher die meisten Stimmen gewinnt,
Das reine Verhältniswahlsystem führt dazu, dass sehr viele Stimmen 23.05.1949 Grundgesetz 10.03.2002 „Ich will wählen“ d.h. mehr Stimmen als jeder andere Kandidat# auf sich vereinigt.
nicht verrechnet werden können. Da Mandate nur auf Wahlkreisebene 31.07.1970 „Mehr Demokratie wagen“ 28.10.2009 Bremen senkt Repräsentative Demokratie Bezeichnet ein politisches System,
Mit Gründung der Bundesrepublik und der Verabschiedung Im März 2002 startet die Petitions­Kampagne „Ich will
verteilt werden, bekommen viele Parteien für ihre Stimmen keine
16.07.1906 Einführung der Verhältnis- 19.03.1911 Internationaler des Grundgesetzes gelten nun auch auf Bundesebene Die sozial­
sozial­liberale Koalition unter Willy Brandt setzt durch wählen“, die sich für ein Wahlrecht für Kinder einsetzt, Wahlalter auf 16 Jahre in dem die politischen Entscheidungen durch gewählte Volks­
Mandate. Dieser Verzerrung der Wahlgleichheit soll durch die auto­
wahl im Königreich Württemberg Frauentag wieder die zuvor erkämpften Wahlrechtgrundsätze. In Änderung des Grundgesetzes das aktive Wahlalter von damit deren Interessen besser vertreten werden. vertreter# und nicht direkt durch das Volk getroffen werden.
matische Verhältniswahl entgegengewirkt werden. Ab nun wird einer Bremen beschließt als erstes Bundesland
Artikel 38 des Grundgesetzes wird nach den Erfahrungen 21 auf 18 Jahre und das passive Wahlalter auf 21 Jahre Der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags
Im Königreich Württemberg wird durch die Verfassungs­ Mehr als eine halbe Million Frauen pro­ Partei für 60.000 Wählerstimmen „automatisch“ ein Mandat zugeteilt. die Ausweitung des aktiven Wahlrechts auf
der Nazi­Diktatur der Grundsatz der freien Wahl fest­ herab. 1975 wird auch das passive Wahlrecht an die empfiehlt 2004, die Petition den Fraktionen vorzulegen. Sperrklausel (Fünf-Prozent-Hürde) Die Sperrklausel verhindert,
reform von 1906 erstmalig in Deutschland das Verhältnis­ testieren weltweit am ersten Inter­ Das passive Wahlalter wird von 20 auf 25 Jahre angehoben. 16­ und 17­Jährige bei Landtagswahlen.
geschrieben. Das aktive Wahlrecht wird ab dem vollendeten Volljährigkeit geknüpft. Der Antrag wird jedoch abgelehnt. dass es zu einer Parteien­Zersplitterung in einem Parlament kommt.
wahlsystem eingeführt. Die Wahl der Abgeordneten nationalen Frauentag für die Einführung
21. Lebensjahr und das passive Wahlrecht ab dem voll­ Für Wahlen zum Bundestag sowie zu Europa­ und Landtags­
der Stadt Stuttgart und der beiden Landeswahlkreise des Stimmrechts für Frauen; allein in
endeten 25. Lebensjahr gewährt. wahlen und verschiedenen Kommunalwahlen gilt die Fünf­Prozent­
erfolgt nun nach dem Prinzip einer verhältnismäßigen Berlin gehen 45.000 auf die Straße.
12.11.1918 Aufruf des Rates der Volksbeauftragten Hürde. Eine Partei muss mindestens fünf Prozent der abgegebenen
Verteilung von Stimmen und Mandaten (und nicht mehr 05.12.2006 Volksbegehren
nach dem Mehrheitsprinzip). Nach der Ausrufung der Republik am 9. November 1918 erfolgt drei Tage Zweitstimmen erhalten, um im Bundestag vertreten zu sein.
in Bremen Parteien mit geringerem Stimmenanteil werden bei der Verteilung
später der Aufruf des Rates der Volksbeauftragten, der eine Art Über­
gangsregierung darstellt. Festgelegt werden die Wahlrechtsgrundsätze Auch in Bremen ist 2006 ein Volksbegehren der Mandate nicht berücksichtigt, es sei denn, sie erringen mindes­
für die anstehenden Wahlen. Insgesamt werden drei zentrale wahl­ erfolgreich, das das bestehende Wahlrecht zur tens drei Direktmandate.
rechtliche Neuerungen erlassen: die Einführung der Verhältniswahl, die Bürgerschaftswahl reformiert. Die Wähler#
Verwirklichung des Frauenstimmrechts und die Senkung des aktiven haben nun fünf Stimmen, die sie kumulieren Stichwahl Erhält bei einer absoluten Mehrheitswahl keiner der
Wahlalters auf 20 Jahre. — Impressum und panaschieren können. Kandidaten# die absolute Mehrheit der Stimmen, findet eine Stich­
— Herausgeberin: wahl zwischen den beiden stimmenstärksten Kandidaten# statt.
Bundeszentrale für politische Bildung / bpb,
Unmittelbare Wahl Wahlen sind unmittelbar, wenn die Bürger#
Adenauerallee 86, 53113 Bonn, www.bpb.de
direkt, also ohne eine Zwischenstufe in Form von Wahlmännern#,
— Autoren: Ulrich von Alemann, Jens Walther,
über die Zusammensetzung des Parlaments entscheiden dürfen.
Universität Düsseldorf
— Redaktion: Iris Möckel (verantwortlich), bpb Verhältniswahlsystem Um den Willen der Wähler# möglichst
— Gestaltung: Leitwerk. Büro für Kommunikation, exakt abzubilden, werden die Sitze im Parlament entsprechend
Köln, www.leitwerk.com dem Stimmenverhältnis der Parteien verteilt. So sollte im Idealfall
— Illustrationen: Katharina Plass, Anika Takagi
eine Partei mit 20 % der Stimmen auch 20 % der Parlaments­
— Druck: media production bonn GmbH
sitze erhalten.
— Urheberrechte: Text und Illustrationen sind
urheberrechtlich geschützt. Der Text kann in Volkssouveränität Nach diesem Prinzip ist allein das Volk Träger
Schulen zu Unterrichtszwecken vergütungsfrei der Staatsgewalt und die Quelle der Herrschaftslegitimation.
vervielfältigt werden.
Wahlrechtsgrundsätze In der Bundesrepublik Deutschland wird
— Redaktionsschluss: August 2013,
Bestell­Nr. 5.434, ISBN 978­3­8389­7084­4 das Wahlrecht durch die in Artikel 38 Grundgesetz festgelegten
fünf Wahlrechtsgrundsätze näher ausgestaltet. Wahlen müssen
— Hinweise der Redaktion:
danach allgemein, unmittelbar, frei, gleich und geheim sein.
1. Die Zeitleiste zum Herunterladen finden Sie hier:
www.bpb.de /falter Wahlsystem Darunter ist das Verfahren zu verstehen, nach dem
2. Kritik, Lob, Anregungen bitte an: die Kandidaten­ oder Parteipräferenzen der Bürger# in Stimmen
feedback­falter@bpb.de und die Stimmen in Mandate übertragen werden.