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1. Zürcher Schreibabytagung am Stadtspital Triemli ― 8.

November 2013

Was tun, wenn die „Gespenster im Kinderzimmer“ sind? –


Auf einer Gratwanderung unterwegs mit Selma Fraiberg und Daniel Stern
Vortrag von Heilwig Lorenz, Berlin

Ich möchte mit einem Zitat beginnen:

„ (...) Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war zuhören. Das ist nichts
Besonderes, wird nun vielleicht mancher (...) sagen, zuhören kann doch jeder. Aber das ist ein
Irrtum. (...) so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig. Momo
konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht
etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte, nein, sie
saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und Anteilnahme. Dabei schaute
sie den anderen mit ihren großen dunklen Augen an, und der Betreffende fühlte, wie in ihm
auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm steckten. Sie
konnte so zuhören, dass ratlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten,
was sie wollten. Oder dass Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. Oder dass
Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden. Und wenn jemand meinte, sein
Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen,
einer, auf den es überhaupt nicht ankommt und der ebenso schnell ersetzt werden kann wie
ein kaputter Topf – und er ging hin und erzählte alles das der kleinen Momo, dann wurde ihm,
noch während er redete, auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irrte, dass es
ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb
auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war. So konnte Momo zuhören.“ (Ende 2002, S.
17f.)

Momo – aus dem wohl allseits bekannten, gleichnamigen Buch des Kinder- und
Jugendbuchautors Michael Ende – ist dieses sonderbare Mädchen, das die Stadt, in der sie
lebt, und die Menschen, mit denen sie lebt, vor den die Seele verschlingenden Zeitdieben
rettet. Was Momo so besonders macht, ist ihre Fähigkeit zuzuhören, so heißt es im Buch. Ich
möchte diesen Begriff sprachlich erweitern und sage deshalb: Es ist ihre Fähigkeit, sich einem
Gegenüber zuzuwenden und zwar in der Weise, dass dieses Gegenüber zu sich findet, sich
selbst erkennt, ein ICH wird.

Mit jeder Geburt eines Kindes startet ein solcher Weg der Ich-Werdung, und jedes Kind
braucht dafür unabdingbar die Erfahrung eines Bindung stiftenden, empathischen
Gegenübers. Unter günstigen Bedingungen sind eine ganze Reihe von Menschen an dieser
Aufgabe beteiligt, an der Aufgabe nämlich, das Kind in seiner Entwicklung so zu begleiten,
dass es sich physisch und psychisch zu einem eigenständigen, sich seines Wertes bewussten,
unabhängigen, sozialen, kompetenten Menschen entwickeln kann. Am Beginn stehen in aller
Regel jedoch Mutter und Vater. Sie schlüpfen normalerweise in diese Rolle des vis-à-vis, das

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sich zuwendet, Anteil nimmt, Halt gibt, zur Verfügung steht und spiegelt, das aber auch
Eigenständigkeit bewahrt und auch darüber die selbständige Entwicklung des Kindes
ermöglicht. Mutter und Vater werden zumeist zu dem, was der berühmte englische
Kinderarzt, Psychiater und Psychoanalytiker Donald W. Winnicott beschrieben und mit dem
Begriff der „hinreichend guten Mutter“ benannt hat.

In den meisten Fällen gelingt dies, und es hat wohl auch damit zu tun, dass die Geburt eines
Kindes für alle nahen Beteiligten in so vieler Hinsicht Neuanfang bedeutet. Neuanfang
geschieht immer auf unbekanntem Terrain. Das Unbekannte labilisiert und verunsichert, aber
in Kombination mit dem archaisch Lebendigen eines neugeborenen Kindes ist es auch in
höchstem Maße Motivator für Neu (-er-) Findung, denn es gibt noch keine Spurrillen, in denen
die Beteiligten festhängen oder durch die sie zu entgleisen drohen.

„ (...) und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben
(...)“, heißt es bei Herrmann Hesse (aus dem Gedicht „Stufen“).

Was aber, wenn all dies anders verläuft? – wenn sich der Zauber als einer entpuppt, der nicht
beschützt, sondern ‚böse’ ist? – wenn Mutter, Vater und Kind wie von einer fremden Macht
unsichtbar gelenkt doch in Spurrillen geraten, alte, die nicht originär zu ihrer gerade erst sich
begründenden Beziehung gehören? – wenn sie dabei aus der Kurve fliegen und sich
überschlagen?

Dies Alte, das seine Ursachen nicht in der Eltern-Kind-Beziehung hat, stammt aus der
Lebensgeschichte der Eltern. Die amerikanische Kinderpsychoanalytikerin Selma Fraiberg hat
dafür den Begriff der „Gespenster im Kinderzimmer“ geprägt. Diese „Ghosts in the Nursery“
entstehen, weil belastende und unverarbeitete Lebenserfahrungen der Eltern im
Zusammenhang mit dem Erleben von Schwangerschaft und Geburt und dem Kind selbst
aktiviert werden. Dies geschieht unbewusst. Über den Vorgang der Projektion gerät das Kind
unbemerkt auf die Bühne der elterlichen Vergangenheit. Dort bekommt es, ebenso unerkannt,
eine Rolle zugeschrieben: Entweder wird es zu einem von den Eltern in ihnen selbst
abgelehnten, eigenen Aspekt, einem sogenannten Sebstanteil der Eltern; oder es wird zu einer
konflikthaften Figur aus deren Kindheit. Noch einmal anders formuliert: Es gibt innere
Abbildungen, die die Eltern von den Hauptakteuren ihrer eigenen Kindheitsbezüge haben,
auch von solchen Protagonisten, die intrapsychisch mit schwer wiegenden, unverarbeiteten
Konflikten belegt sind. Diese sogenannten Repräsentanzen – man könnte sie auch innere
Abdrücke nennen – erwachen durch die Aktivierung des Themas 'Kindheit' im Zuge des
Elternwerdens aus einem Dornröschenschlaf. Wenn Eltern nun unbewusst diese unerledigten,
konflikthaften Repräsentanzen auf das Kind übertragen, gleicht dies einer Verwechselung.
Dadurch wiederholt sich eine alte, von negativen Gefühlen gekennzeichnete
Beziehungsdynamik nun mit dem Kind, bei der die wiederbelebten Figuren in einer Weise in
den Eltern herumgeistern, dass ihnen der Blick auf ihr Kind verstellt ist und sich eben keine
gelingende Beziehung entwickeln kann.

Zur Erinnerung: Selma Fraiberg war Sozialarbeiterin und Kinderpsychoanalytikerin in


Michigan. Über mehr als zwei Jahrzehnte machte sie umfangreiche Studien mit Säuglingen
und Kleinstkindern und deren Eltern und entwickelte mit ihrem sozialpsychiatrischen Team
ein „Infant Mental Health Program“, ein Programm zur Diagnostik, Frühförderung und
therapeutischen Behandlung von Säuglingen mit Entwicklungsstörungen.

Es gibt eine Reihe solcher sogenannten Entwicklungsstörungen. Die häufigste ist wohl die, die

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uns heute beschäftigt, nämlich das anhaltende Schreien. Es ist schon viel darüber gesagt
worden, welche heftigen und bisweilen unerträglichen Gefühle unablässiges Schreien von
Säuglingen und Babys in den Menschen um sie herum auslösen kann. Juliet Hopkins, eine
Londoner Psychoanalytikerin, die viel mit Schreibabys und deren Eltern gearbeitet hat, nennt
es „eine ausgesprochen machtvolle Kommunikationsform“ (Hopkins 2008, S. 195). Diese
plastische Umschreibung lässt rein sprachlich offenbar werden, dass es sich um etwas
handelt, bei dem das ‚Zwischen-Menschliche’, die Beziehung also, bedeutsam ist, denn
Kommunizieren, Mit-Teilen geschieht immer zwischen Menschen und ist im ursprünglichen
Sinne eine Sozialhandlung. Genau bei diesem Gedanken setzt die bahnbrechende Arbeit Selma
Fraibergs an.

Als Pionierin der Eltern-Kleinstkind-Psychotherapie geht sie davon aus, dass, gerade weil es in
Wirklichkeit die Emotionalität eines Babys ist, die aus der Bahn geraten oder gar nicht erst in
eine regulierte Bahn gelangt ist, und weil diese Emotionalität untrennbar mit der Beziehung
zu dessen Eltern verbunden ist, dass deshalb dieses Seelische auch nur genau im Kontext
'Eltern-Kind' wieder ins Gleichgewicht gebracht und zu gesunder Stabilität geführt werden
kann.

Schreien ist also nur das Symptom. Hervorgerufen wird es durch übererregte Gemütszustände
des Babys, die in der Beziehung zu dessen wichtigsten Bezugspersonen nicht ausreichend
reguliert werden können – daher auch der Begriff der Regulationsstörung. Bei ihrer Arbeit
stieß Fraiberg auf das bereits beschriebene Phänomen der „Gespenster im Kinderzimmer“, das
einen Baustein innerhalb der frühkindlichen Regulationsstörungen darstellt. Noch einmal:
Regulationsstörungen sind im Kontext von Beziehung angesiedelt. Jede Beziehung zwischen
Eltern und Babys aber ist eine wechselseitige, das heißt, dass sie von beiden Seiten gestaltet
wird, von den Eltern und vom Kind. Alle sind – allein schon mit ihren Anlagen und ihrem
Temperament – Beteiligte, alle haben ihren Anteil am Geschehen. Geht es also um die
unterstützende und therapeutische Arbeit mit dieser Zielgruppe, dann gelingt dies nur, wenn
nicht nach den vermeintlichen Fehlern im Verhalten der Eltern gefahndet wird, sondern wenn
die emotionale Gemengelage aller Beteiligten, also von Mutter, Vater und Kind, betrachtet wird
und sie das Feld ist, auf dem positive Veränderungsprozesse frei gesetzt werden.

In diesem Feld wendet sich dieser Vortrag nun dem Baustein der „Ghosts in the Nursery“ zu.
Dies führt zunächst zu der Frage, was man/frau/kind denn eigentlich erlebt, wenn die
„Gespenster im Kinderzimmer“ sind? Da ich als Kinderpsychoanalytikerin zu Ihnen spreche,
beschränke ich meine Ausführungen auf das psychotherapeutische Setting. Gleichwohl
werden Sie, wenn Sie anderen Berufsgruppen angehören, sicher einiges aus Ihrem eigenen
Zusammentreffen und Zusammensein mit Schreibabyfamilien wiedererkennen.

Schauen wir zunächst auf das Baby: Das Baby erlebt Zustände von hyper arrousal, die
aufgrund ihres qualitativen und quantitativen Ausmaßes inneren Stress bedeuten, der im
Schreien seine wenn auch misslungene Abfuhr erfährt – ich sage misslungen, weil das
Schreien selbst den Stresszustand ja aufrechterhält. Das Baby ist nicht verstanden in dem, was
es erlebt, wird nicht zutreffend gespiegelt, erfährt nicht die notwendige, hinreichende Passung
zwischen innerer Befindlichkeit und äußerer Reaktion. Wilfred Bion würde sagen, das Kind ist
psychisch nicht contained. Es ist ohne Orientierung für sein affektives Erleben, also nicht
eingebettet in eine Halt gebende, spiegelnde, zugewandte und Anteil nehmende, fördernde
Beziehung und dies wiederum kann Störungen in anderen Entwicklungsbreichen nach sich
ziehen.

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Kommen wir nun zu den Müttern und Vätern: Sie erleben ein unablässig schreiendes Kind, das
nicht beruhigt werden kann. Sie kommen an den Rand ihrer Kraft oder erleben sogar einen
Zusammenbruch. Sie sind zunehmend verwirrt, weil sich ihre inneren Bilder vom Mutter- und
Vatersein aus der Zeit der Schwangerschaft mit der Realität nicht in Einklang bringen lassen.
Sie fühlen sich entsetzlich hilflos und ohnmächtig. Sie erleben direkte oder unterschwellige
Wut auf das Kind. Sie schämen sich furchtbar vor der Therapeutin. Sie verlieren ihr
Selbstwertgefühl als Eltern oder können gar nicht erst eines entwickeln. Sie fühlen sich in
heftigem Maße fehlerhaft und schuldig und geben infolgedessen nach und nach innerlich ihr
Recht auf das Muttersein/Vatersein ab. Sie haben Angst, dass ihr Kind 'anormal' oder 'krank'
im Sinne von 'verrückt' sein könnte. Sie erwarten, als schlechte Eltern entlarvt und
beschuldigt zu werden, und gehen insgeheim davon aus, dass die Therapeutin alles besser
machen würde. Aus dieser Kränkung kann Wut werden, nun auf die Therapeutin. Sie haben
Angst, dass nichts hilft, und lehnen deshalb jede Hilfe von vornherein ab. Sie erleben sich in
der Beziehung zu ihrem Kind auf vernichtende Weise als Versager. Wird dies Gefühl zu
erdrückend, dann setzt ein Schutzmechanismus ein: aus der Selbstentwertung wird die
Entwertung anderer: entweder die des Kindes, zum Beispiel in Form von Schuldzuweisung,
oder die der Therapeutin und aller anderen außerfamiliär Helfenden; sie werden dann als
unprofessionell und versagend wahrgenommen – ein schwieriger Einstieg!

Verstärkt wird er häufig dadurch, dass Eltern nicht, wie in der Regel erhofft, ein ganzes Paket
handfester Ratschläge und Handlungsanweisungen erhalten, sondern ein Angebot, das ihnen
zunächst oft fremd und sogar unsinnig vorkommt: Sie erleben eine Therapeutin, die vor allem
hinspürt, über das Geschehen nachdenkt und ihre Gedanken laut ausspricht. Dass gerade das
hilfreich sein kann, muss sich erst noch erschließen.

Wie ist es nun mit der Therapeutin? Auf dem bereits beschriebenen Weg der Übertragung
bekommt auch sie von den Eltern unbewusst eine oder manchmal sogar mehrere Rollen auf
der Familien-Bühne zugewiesen und wird Teil der gesamten Dynamik. Natürlich bringt sie ihr
Wissen um eben diese Übertragungsdynamik, ihre professionelle Haltung und technischen
Methoden in das therapeutische Setting und die therapeutische Beziehung mit und hat
grundsätzlich eine Distanz. Dennoch lösen das Unmittelbare und die Heftigkeit der Situation
oft solch Archaisches aus und lassen das Projizierte sich so real anfühlen, dass die
Therapeutin nicht nur dieselbe Hilflosigkeit und Ohnmacht erlebt wie das Kind und die Eltern,
sondern in dem damit verbundenen Strudel von Ablehnung, Entwertung, Rückzug, Angst und
Schuldzuschreibung selbst mühsam Orientierung finden muss. Besonders schwierig ist dies,
weil die Not von Eltern, die ja in der Rolle der Selbständigen, Erwachsenen und
Verantwortlichen sind, meist viel weniger offen zutage tritt als die eines hilflos schreienden,
komplett abhängigen Säuglings!

Was also kann passieren?


Im besten Fall präsentiert sich der Therapeutin eine Situation, bei der die Überforderung aller
gut zu sehen ist, so dass es leicht fällt, mit allen empathisch zu sein. Meist ist es jedoch
komplizierter. Einige Varianten, die ich mit Fallminiaturen aus der Literatur anreichere, sollen
dies veranschaulichen:

Oftmals erlebt die Therapeutin elterliches Verhalten dem Kind gegenüber, das sich ihr nicht
sofort erschließt, weil es sich nicht originär mit dem kindlichen Verhalten in Verbindung
bringen lässt, wenn eine Mutter beispielsweise auf jede Unzufriedenheitsäußerung ihres
Kindes mit Stillen reagiert.

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Möglicherweise ist dieses Verhalten auch unterschwellig oder offen abweisend bis
entwertend. Dadurch kann die Therapeutin in einen Loyalitätskonflikt zwischen Eltern und
Kind geraten, der ihr den Umgang mit der Situation erschwert. „[Mir] wurde klar, warum Frau
T.'s Beziehung zu ihrer Tochter trotz ihrer offensichtlichen Besorgnis (...) ein gewisses
Unbehagen in mir ausgelöst hatte: Frau T. nahm, auch wenn Betty mal nicht schrie, keinerlei
Blickkontakt zu ihr auf und sprach auch nicht zu ihr. Als ich sie dazu ermunterte, fiel ihr nichts
ein außer: „Ich will deine Mandeln nicht sehen!“ (Hopkins 2008, S. 204)
Vielleicht identifiziert sich die Therapeutin mit dem Kind und hat den dringlichen Impuls, es
quasi vor dessen Eltern zu beschützen, es zum Beispiel selbst auf den Arm zu nehmen und das
zu tun, von dem sie findet, dass es die Eltern tun müssten oder in einer anderen, bislang nicht
gezeigten Weise. „Der wütende Monolog von Frau S. hielt an, und ich merkte, dass ich völlig
unfähig war, ihr zuzuhören. Ich musste all meine Entschlossenheit aufbringen, um einfach nur
still sitzen zu bleiben und Sukie nicht vor dem Hass ihrer Mutter zu retten und sie zu
befreien ...“ (Hopkins 2008, S.181)
Zuweilen entsteht ein auf die Eltern gerichteter Hass, der in Angst verkehrt wird oder in eine
Schuldzuweisung mündet, die auf andere verschoben wird: „Ich hatte Angst vor Frau S., fühlte
mich von ihrer Attacke zerschmettert, war auf den Sozialarbeiter wütend (der, so schien es
mir, ganz eindeutig Sukies Adoption hätte anberaumen müssen) und [war] völlig hilflos
angesichts der Vorstellung, mit einem so aussichtslosen Fall arbeiten zu sollen.“ (Hopkins
2008, S. 181f.)
Es kann sein, dass die Therapeutin Weglaufphantasien hat, sich einfach raus aus dem Zimmer
und weg von all den unerträglichen Affekten wünscht. „Als die Familie das Zimmer betrat,
schrie Betty, und ihr gleichbleibendes, protestierendes Brüllen hielt bis zum Schluss an. (…)
Die Eltern brachen einen heftigen Streit vom Zaun: Frau T. beschuldigte ihren Mann, das Baby
nicht haben zu wollen, ihr zuhause überhaupt nicht zu helfen und absichtlich auch noch selbst
krank zu werden. (…) Herr T. wiederum beschuldigte seine Frau, nichts von dem gelten zu
lassen, was er ihr sehr wohl an Unterstützung gab, und zählte lange Listen auf. Sie übertönten
sich gegenseitig und auch noch das Baby, und ich dachte nur noch: Ich will auch schreien!“
(Hopkins 2008, S. 202f.)
Häufig erlebt die Therapeutin auch offene oder unterschwellige Feindseligkeit seitens der
Eltern: „ … Patricks Mutter kam zum ersten Treffen voller Wut und allem, was ich sagte,
skeptisch gegenüberstehend und kritisierte jede Hilfe, die ihr Ärzte und andere aus dem
Gesundheitswesen in den vergangenen Wochen hatten zukommen lassen.“ (Daws 1993, S.
163; Übersetzung: H.L.) Und ein anderes Beispiel: „[Die Mutter sagte], mit ihr und ihrem Kind
sei alles in Ordnung. Sie beschuldigte ihre [eigene] Mutter, sich zusammen mit [der
Therapeutin] gegen sie verschworen zu haben. (...) Es mache sie wütend, (...) wenn ihr Mann
oder andere Leute glaubten, dass sie nicht genug für ihr Baby tue.“ (Fraiberg 2011, S. 248 u.
249)
Und die Therapeutin kann sich selbst unfähig und wie eine Versagerin fühlen: „Ich war mir der
wütenden Enttäuschung der Eltern bewusst über meine Unfähigkeit, ihre Erfahrung zu teilen
oder zu helfen. In einer der ersten Stunden stürmte der Vater aus dem Zimmer ...“ (Daws 1993,
S. 132, Übersetzung: H.L.)

Man könnte die Liste fortsetzen. Bedeutsam ist, sich klar zu machen, dass all diese
Gegenübertragungsreaktionen die Analogie zu den Gefühlen sind, die die Eltern haben – in der
Regel unbewusste Gefühle und sehr wirkmächtige – und zwar eben infolge der
herumgeisternden Gespenster aus ihrem eigenen Kinderzimmer. Diese Gefühle sind ein
Spiegel und genau darüber der wichtigste Ansatz für die therapeutische Arbeit.
Was also tun, wenn die „Gespenster im Kinderzimmer“ sind?

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Hier kommt Daniel Stern ins Spiel – der zweite Name aus dem Titel dieses Vortrages. Daniel
Stern war Entwicklungspsychologe und Psychoanalytiker, lehrte an den Universitäten Genf
und Cornell New York und hat über viele Jahre darüber geforscht, welche Bedingungen ein
Säugling braucht, um sich mit dem bestmöglich entwickeln zu können, was er selbst als Anlage
und – das zeigen Sterns Arbeiten in atemberaubender Weise – als Kompetenz bei der Geburt
bereits mitbringt. In seinem Buch „Die Mutterschaftskonstellation“ hat er in den 1990er
Jahren eine systematische und umfangreiche, vergleichende Studie über Theorien, Konzepte
und Methoden der Mutter-Kleinstkind-Psychotherapie veröffentlicht. Die These, die er selbst
darin vertritt und die den Fokus explizit auf die Mütter legt, möchte ich kurz umreissen: Eine
Frau, die gerade Mutter geworden ist, bewegt sich quasi automatisch ab dem letzten Drittel
der Schwangerschaft in einen psychischen Zustand hinein, der mit keinem anderen
vergleichbar ist und eigenen Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Diese intrapsychische
Gemengelage nennt er „Mutterschaftskonstellation“. In dieser Konstellation – man könnte es
vielleicht auch als intrapsychischen Modus bezeichnen – geschieht dreierlei: Erstens schiebt
sich das Mutterwerden und Muttersein für eine Weile vor das Frausein; zweitens drängt die
innere Orientierung der Mütter hin zu den eigenen Müttern, bei denen sie das Modell für ihr
Muttersein zu finden hoffen; drittens hat der Mann seine hauptsächliche Bedeutung in seiner
Rolle als Vater für das Kind, also seinen Aufgaben innerhalb der Triade, und ist weniger der
Liebespartner innerhalb der Mann-Frau-Dyade. Die Mutterschaftskonstellation ist, weil sie
durch das zuvor-nie-Dagewesene, nämlich das neu-geborene Kind, ausgelöst wird und diesen
anderen Menschen mit umfasst, ebenso Chancen bereithaltend wie verunsichernd.

Der letzte Gedanke hat breiten Konsens. Unterschiede finden sich in dem, was daraus folgt.
Die Konsequenz, die Stern daraus entwickelt, ist nun Folgende: Weil eine gerade gewordene
Mutter so labilisiert ist und weil dieses Neue so viel Möglichkeiten für einen anderen,
besseren Anfang in sich birgt, ist es, wenn aufgrund unübersehbarer Schwierigkeiten
professionelle Hilfe aufgesucht wird, nicht nur nicht gut, sondern auch gar nicht nötig, sich als
Therapeutin aktiv und explizit mit dem zu beschäftigen, was der Vergangenheit angehört – das
also, was deutendes, aufdeckendes Arbeiten an der Pathologie wäre. Nicht gut und sogar
kontraproduktiv ist das Deuten, weil das Aufdecken von Dingen aus der Vergangenheit der
Mütter, so meint Stern, immer Schuldgefühle weckt und damit die größte Angst der Mütter
bestätigt, „... dass ihnen [nämlich} als Müttern die Schuld zugeschrieben wird.“ (Stern 1995, S.
199) Nicht nötig ist es, weil das neue Leben und die neue Beziehung ausreichend Potential für
eine bessere Beziehung bereithalten als die von den Eltern in ihrer Kindheit selbst erlebten.
Mit anderen Worten: Den „Gespenstern im Kinderzimmer“ soll nicht begegnet werden, indem
man sie aufspürt, bewusst macht und dadurch ihrer Macht beraubt, sondern indem man das
Werdende zwischen Mutter und Kind unterstützt und sich als Modell zur Verfügung stellt, so
dass sich in den Müttern eine innere Kraft entfaltet, die die Gespenster wieder in den
Hintergrund verbannt. Für diese Haltung hat Stern den Begriff der „guten-Großmutter-
Übertragung“ geprägt. Es ist das, was diesen betroffenen Müttern in der Regel fehlt, nämlich
eine innerlich ausreichend positiv besetzte und real verfügbare Beziehung zu einer
mütterlichen Figur, von der sie wohlwollend unterstützt und begleitet werden. Dafür kann und
muss der Therapeut sich sogar „ (...) aktiver verhalten und emotional weniger abstinent [sein],
er kann freier 'agieren', indem er Hausbesuche macht, Ratschläge gibt, die Patientin berührt
usw. und sich in höherem Maße auf ihre Begabungen, Fähigkeiten und Stärken konzentriert
als auf ihre Pathologie und ihre Konflikte.“ (Stern 1995, S. 227f.)

Auch Selma Fraiberg beschreibt ein Setting, das äußerst ungewöhnlich ist: Wenn die
Betroffenen nicht in die Kliniken oder anders gearteten Schreibabyinstitutionen kommen,
dann gehen die TherapeutInnen zu ihnen nach Hause und machen sogenannte

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„Wohnküchentherapie“. Dabei ist dieselbe professionelle Haltung nötig wie bei der Arbeit im
Therapiezimmer. Allerdings soll der Notwendigkeit Rechnung getragen werden, dass Eltern,
die gerade erst in die Elternrolle eintreten und sich darin zurechtfinden müssen, besonderer
emotionaler Unterstützung bedürfen. Drei essentielle Vorgehensweisen beschreibt Fraiberg
innerhalb dieses hier nur grob angedeuteten Rahmens: Die erste ist die sogenannte „kurze
Krisenintervention“. Die zweite nennt sie „developmental guidance“, also so etwas wie
Entwicklungsanleitung/Entwicklungsberatung - sie ist dem von Stern beschriebenen
Vorgehen durchaus ähnlich. Mit der dritten beschreitet sie einen Weg, den Stern explizit
ablehnt, und das ist das aktive Aufspüren der elterlichen Verstrickungen mit ihrem Kind
aufgrund ihrer unbewältigten Vergangenheitserfahrungen. Bedeutsam erscheint mir, dass sich
aufdeckendes Arbeiten für Fraiberg als eine Notwendigkeit ergeben hat dadurch, dass
bestimmten Familien auf dem Weg der „developmental guidance“ nicht geholfen wurde.
Folgende Frage spielt dabei die entscheidende Rolle:

Wie kommt es nämlich, dass nicht bei allen Eltern, die Schreckliches und Traumatisierendes in
der eigenen Kindheit und mit ihren wichtigsten Bezugspersonen erlebt haben, überhaupt
„Gespenster“ auftauchen, die dann so hartnäckig ihr unsägliches und vor allem unerkanntes
Unwesen im Kinderzimmer treiben? Sehr anschaulich beschreibt sie, wovon es abhängt, „...ob
Mutter und Vater ihre eigene konfliktreiche Vergangenheit mit den Kindern wiederholen? (…)
Es handelt sich um Eltern, die als Kinder angesichts extremen Terrors eine pathologische
Identifizierung mit den gefährlichen und angreifenden Feinden des Ichs entwickelt haben.“
(Fraiberg 2003, S. 502) Manche Eltern also, die als Kinder in der oben beschriebenen Weise
gepeinigt wurden – dies kann durch Misshandlungen und Missbrauch geschehen sein, aber
auch durch alle Formen rein psychischer Gewalt –, identifizieren sich unbewusst mit denen,
die ihnen genau dies Leid zugefügt haben. Indem sie quasi die Sicht und Haltung der Täter
einnehmen, legitimieren sie deren Misshandlungen, so als seien diese begründet und zu recht
geschehen. Über diesen intrapsychischen und unbewussten Vorgang machen sie ihre sonst
unerträglichen und in Wirklichkeit unverständlichen Qualen unfühlbar. Es wird also etwas
verdrängt, und das ist nicht etwa die Erinnerung an die quälenden Vorgänge an sich, sondern
an das damit verbundene affektive Erleben, nämlich Angst, Schrecken, Hilflosigkeit, Scham,
Schuld und Entwertung. „...Eltern“, so schreibt Fraiberg, „die sich nicht erinnern, sind unter
Umständen in einer unbewussten Allianz und Identifizierung mit den angsterregenden
Gestalten der Vergangenheit verstrickt (…). Auf diese Weise wiederholen sie ihre
Vergangenheit mit ihrem Kind. (…) Eltern [hingegen], die den [erlittenen] Schmerz und das
[erlebte] Leid nicht vollständig verdrängt [haben], bleiben, indem sie sich erinnern, vor der
blinden Wiederholung der morbiden Vergangenheit bewahrt. Durch die Erinnerung
identifizieren sie sich mit einem verletzten Kind.“ (Fraiberg 2003, S. 503)

Es sind also in der Erfahrung Fraibergs diejenigen Mütter und Väter, die aufgrund des
Mechanismus der Verdrängung die selbst erlebten Schmerzen und die Gefühle von
Sündhaftigkeit unbewusst an ihre Kinder weitergeben, bei denen die unterstützende
Entwicklungsbegleitung gar nicht ausreichend in Gang kommen, denen jedoch durch
deutendes Arbeiten geholfen werden kann.

Hält man sich die Positionen Fraibergs und Sterns vor Augen, dann unterscheiden sie sich im
Kern darin, in welcher Weise beide das Phänomen 'Schuldgefühl' in der Beziehung zur
Therapeutin betrachten und infolgedessen damit umgehen. Stern unterstellt, dass das von der
Therapeutin initiierte, laute Nachdenken über die belastenden Lebenserfahrungen einer
Mutter im Kontext mit ihrem Baby zwangsläufig Schuldgefühle auslöst und das in einer Weise,
die die Mutter in ihrer spezifischen, labilisierten Mutterschaftskonstellation überfordern

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würde. Infolgedessen plädiert er dafür, in der therapeutischen Arbeit alles zu vermeiden, was
Schuldgefühle machen könnte. Gerade weil „ (…) die meisten Mütter wissen, „ (…) was sie
falsch machen, was sie nicht schaffen oder was sie nicht auf natürliche Weise tun können (…),
[aber nicht,] (...) was sie richtig machen, auf welchem Kapital sie aufbauen und wie sie
brachliegende Teile ihres positiveren mütterlichen Verhaltensrepertoires aktivieren können
(...) besteht die größte Gefahr für eine erfolgreiche Behandlung in einer negativen
Übertragung oder Gegenübertragung.“ (Stern 1995, S. 198) Fraiberg hingegen macht das
Schuldgefühl gar nicht explizit zum Thema. De facto beschreitet sie in ihrer Arbeit aktiv Wege,
bei denen Schuldgefühle auftauchen können. Weil diese aber in der Beziehung zur
Therapeutin gehalten werden und weil eine Mutter verborgene, weiterführende und in
diesem Sinne für die Beziehung zu ihrem Kind hilfreiche Selbsterkenntnisse erlangt, verlieren
die Schuldgefühle ihr erdrückendes Gewicht – man könnte auch sagen: Sie werden psychisch
integriert.

Wenn ich an meine eigene Arbeit als niedergelassene Therapeutin denke, bei der ich – ganz
unabhängig vom Phänomen der Schreibabys – in regelmäßig stattfindenden Elterngesprächen
mit den Müttern und Vätern meiner Kinder- und Jugendlichenpatienten arbeite, dann kommt
mir dazu Folgendes in den Sinn:

Eltern erleben sehr deutlich das wie auch immer geartete Verbindungsgefüge zwischen sich
und ihrem Kind, und sie besitzen ein tiefes Wissen darum, dass, allein schon weil sie ein Part
in dieser Beziehung sind, Wirkung von ihnen ausgeht und zwar in jede Richtung. So wie sie
das Gelingende als etwas erleben, an dem sie beteiligt sind, sich darüber freuen und Sicherheit
im Umgang mit dem Kind sowie Selbstwertgefühl daraus entwickeln, erleben sie sich auch als
Teil in dem, was nicht glückt, leiden darunter, werden unsicher und büßen an
Selbstwertgefühl ein. Sie können die genauen Umstände und Vorgänge ihres Beteiligtseins in
der Regel nicht benennen oder beschreiben, aber sie wissen um dessen Existenz. Allein daraus
entsteht bei allem Misslingenden das Gefühl von Schuld, und dieses Schuldgefühl ist
tatsächlich nicht vermeidbar. Es gehört zum Menschsein dazu.

Eltern nun, die mich wegen ihres Kindes aufsuchen, tragen alle dieses Gefühl in besonderem
Maße mit sich herum, denn das Kind ist offensichtlich aus dem Lot geraten, und die Eltern
betrachten und bewerten dies nicht als von sich losgelöstes Phänomen. Den meisten Eltern ist
dies bewusst, manche sprechen es von vornherein offen aus, einige merken es erst viel später
im Laufe der Therapie. Für alle Eltern ist es schwer, dieses Wissen zu ertragen, und manche
verwandeln es unbewusst, damit es aushaltbar wird.

Muss aber deshalb die Beschäftigung mit dem, was Schuldgefühle macht, zwangsläufig die
Seele verwunden? Kann es nicht entlastend und heilsam sein, wenn es gerade das Gegenüber
ist, das sich traut, Worte für das zu finden, was so gefürchtet ist, weil dieser jemand dabei in
der Beziehung bleibt und nicht richtet! Ist es überhaupt so, dass alles Wohlwollende, das eine
Therapeutin sagt, in Eltern immer nur positive Gefühle auslöst? Kann es nicht sein, dass Eltern
so angefüllt sind mit negativen Selbstbildern, so affektisoliert und unbewusst so darauf
bedacht, sich auf niemanden zu verlassen, um nicht selbst verlassen zu werden, dass sie eine
von der Therapeutin geförderte positive Übertragung gar nicht zulassen? Ist es nicht für
Eltern manchmal notwendig, den helfenden Profi ebenso hilflos und ohnmächtig zu erleben,
wie sie selbst es sind, und müssen sie nicht zuweilen die therapeutische Beziehung scheinbar
zum Scheitern bringen, damit der Profi nicht zum übermenschlichen Giganten wird? Bleibt
nicht, wenn eine Therapeutin Negatives in der Beziehung vermeidet, möglicherweise die
Angst von Müttern und Vätern davor, dass das Positive am Ende doch nicht trägt, sondern sich

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das Negative irgendwann noch auf schreckliche Weise seinen Raum nimmt, virulent und sie
damit allein?

Natürlich darf es nicht darum gehen, dass eine Therapeutin eine Mutter oder einen Vater in
beschämender Weise auflaufen lässt oder gefühlskalt intellektuelle Deutungen abgibt, die die
Betroffenen entmündigen und in Schubladen stecken, aus denen sie nicht mehr
herauskommen. Und natürlich müssen gerade verunsicherte Menschen in ihrem Ich und dem,
was dieses Ich alles leisten muss, gestärkt werden, damit sie Schuldgefühle aushalten können,
solche, die einer realen Schuld entspringen, und solche, die von einer imaginären Schuld
herrühren. Und die Maxime der Therapeutin, nicht Partei zu ergreifen und nicht an die Stelle
der Eltern zu treten, gilt auch in diesem Setting und ist wichtig, damit sie den Müttern und
Vätern nicht ihren Platz streitig machen, nicht deren Überzeugung, unfähig zu sein, schüren
und nicht sich selbst zum 'besseren' Elternteil stilisieren.

Schauen wir auf ein paar Erlebnisse aus meiner Arbeit mit Eltern, deren Kinder – meine
Patienten – am Lebensbeginn Schreibabys waren:

Eine Mutter: Als sie 5 Jahre alt war, starb die eigene Mutter. Als Erwachsene machte sie selbst
Therapie. Nicht zum ersten Mal sagt sie nun empört über ihre Tochter: „Astrid* gibt mir
ständig das Gefühl, zu kurz zu kommen!“ Ich darauf: „Astrid will so viel, und Sie haben aber
selbst so wenig 'Mutter' gehabt; da können Sie nicht einfach aus dem Vollen schöpfen.“ Sie sitzt
berührt vor mir. Später sagt sie: „Wissen Sie, ich bin meiner Therapeutin wirklich dankbar und
ich habe viel gelernt damals. Aber es war immer alles so im Kopf. Hier kann ich das so fühlen!“
Und noch später unter Tränen: „Ja, es stimmt, ich hatte alle meine Liebe zwischen meiner
ersten Tochter und meinem Mann aufgeteilt. Es war irgendwie nichts mehr übrig für Astrid.
Ich kann sie immer noch nicht richtig lieb haben.“ Und beim folgenden Gespräch: „Ich kann
jetzt viel besser sehen, was das alles mit mir zu tun hat. Ich denke nicht mehr so schnell: 'Was
muss ich bloß anders machen?!'“

Ein Vater sitzt sehr skeptisch im allerersten Termin und formuliert unter anderem die Sorge,
die Tochter, die sehr emotional sei und schnell die Opferrolle einnähme, könne die Therapie
als Bühne für sich missbrauchen. Im weiteren Gespräch sagt er: „Ich funktioniere
wahrscheinlich wirklich im System meiner eigenen Familie, nämlich lieber den Schein wahren
als die Seele offenlegen.“ Noch später kommen ihm die Tränen. Einen Moment sitzen wir nur
gemeinsam da. Dann sagt er mit einer wegwischenden Handbewegung: „Tut mir leid, das ist
total unprofessionell.“ Ich versuche, ihm etwas Scham zu nehmen und sage: „Ich glaube, es ist
ganz ungewohnt. Sie haben ja gerade entschieden, doch etwas von Ihrer Seele offenzulegen.
Das ist aber in Ordnung!“ Am Ende der Stunde steht er vor mir, atmet tief und mit einer
unterstützenden Handbewegung aus und sagt mit einem fast glücklichen Lächeln und voller
Erleichterung: „Puh, das war jetzt aber emotional!“

Eine andere Mutter. Sie kommt wegen ihres Sohnes. Die Arbeit mit ihr ist von einem extremen
Maß an sich vernichtend anfühlender Aggression und Hass geprägt, denen ich nur unter
Aufbietung enormer Kraft halbwegs standhalten kann. In einer Stunde fragt sie mich
provozierend, triumphierend und mit einem Mü an spürbarer Angst: „Und, haben Sie auch
Angst vor mir?“ Ich zögere einen Moment und sage mit Herzklopfen: „Auf jeden Fall fühlt es
sich immer so an, als säße ich auf einem Pulverfass und jeden Moment könnte alles in die Luft
fliegen...“ „Sie meinen, ich könnte die Therapie abbrechen.“ „Ja“, sage ich. „Das stimmt auch!“
sagt sie. Nach einem Moment sage ich: „Ich denke darüber nach, wie es wohl für Sie selbst sein
mag, dass die Menschen Angst vor Ihnen haben – denn vielleicht ist es auch manchmal Tim*.“

© (urheberrechtlich geschützt) Heilwig Lorenz: Was tun, wenn die Gespenster im Kinderzimmer sind? 11/2013 Seite 9 von 13
Sie ist irritiert, dann nachdenklich. Ganz untypischerweise lässt sie die offene Frage so stehen.
Am Ende einer späteren Stunde bedankt sie sich: „Ich denke immer viel über das nach, was Sie
sagen. Sie schauen immer so genau drauf. Das ist anstrengend, aber gut! Das traut sich
nämlich sonst keiner. Eigentlich noch nie!“

Ein Elternpaar sitzt vor mir. Die Mutter ist selbst hochgradig traumatisiert durch schwere
Vernachlässigung seitens der allein erziehenden eigenen Mutter. Der Vater definiert sich als
„gesund“, verbucht die heftigen Probleme seiner Tochter – „die hat 'n Sprung inner Schüssel“,
sagt er manchmal – ausschließlich im Zusammenhang mit den schweren
Kindheitserfahrungen seiner Frau und scheint alles in erster Linie zu ertragen. Seine Frau
fühlt sich in ihren Problemen nie von ihm verstanden. Sie sagt laut klagend: „Ich habe IMMER
Schuldgefühle!“ Etwas später im Gespräch sage ich: „Vielleicht gibt es ja auch noch eine sehr
große Wut auf Ihre Mutter. Und jetzt gibt es auch eine Wut auf Paula*...“ Die Mutter daraufhin:
„Eigentlich habe ich das mit meiner Mutter abgeschlossen, obwohl ich weiß, dass ich immer
darunter leiden werde.“ Darauf ich: „Ich glaube Ihnen, dass sich das in Ihnen schon mal
abgeschlossen angefühlt hat. Aber jetzt ist Paula schon fast in dem Alter, in dem Sie waren, als
Ihre Mutter damals einfach gegangen ist, und es kann gut sein, dass alles dadurch noch einmal
innen drin aufgewirbelt wird und Sie noch einmal neu damit zu kämpfen haben.“ Die Mutter:
„Ich hab das alles irgendwie geschafft damals und das ist lange her und ich weiß, dass ich jetzt
selbst erwachsen bin und mein eigenes Leben habe, aber...“ Und da sagt der Vater auf einmal:
„Ja, aber wenn die Seele das nicht weiß, dann nützt es gar nichts.“ Die Mutter ist völlig
verblüfft (ich auch) und noch ungläubig über die plötzliche emotionale Zugewandtheit ihres
Mannes. Im weiteren Gespräch stellt sich in mir erstmalig das Gefühl ein, dass die Eltern
gemeinsam zuhören, sich jeder soweit aufgehoben fühlt, dass sie sich kampflos emotional
zeigen können – beide.

Zugegeben, all diese Beispiele ereigneten sich nicht mit Müttern, die akut im Stern'schen
Modus der „Mutterschaftskonstellation“ waren, sondern Jahre später. Sind sie deshalb wertlos
hinsichtlich der zentralen Frage: „Was tun, wenn die Gespenster im Kinderzimmer sind?“ Ich
denke nein, denn sie zeigen, dass das Gefühl dieser Eltern, bereits mit ihrem permanent
schreienden Baby verstrickt und an dessen psychischer Verfassung beteiligt gewesen zu sein,
immer da war, immer belastet hat und sich auch dann nicht aufgelöst hat, als das Symptom
weg war: „Ich habe IMMER Schuldgefühle!“ und: „Ich konnte meine Tochter noch nie lieb
haben!“
Es zeigt die Angst, nicht angenommen zu sein: Der Vater des Elternpaares, der sich aus Angst
vor eigenen 'Sprüngen in der Schüssel' immer abgrenzen musste, kann, gerade weil er die
seiner Frau geltende mitfühlende Deutung erlebt, plötzlich das Wagnis eingehen, empathisch
zu sein; seine Frau fühlt sich dadurch erstmalig nicht von ihm abgelehnt und entwertet, und es
kann etwas Gemeinsames entstehen.
Es zeigt die Angst vor allen unangenehmen Gefühlen, aber auch das Blockiertsein, wenn sie
dauerhaft vermieden werden: Ich denke an die Mutter, die sich durch meine Anstöße endlich
als Beteiligte sehen und fühlen kann und genau das nicht als Be-, sondern als Entlastung
erlebt. Ich denke an den Vater, in dem wider Erwarten, als es emotional wird, nichts
Schlimmes passiert, sondern, im Gegenteil, Erleichterung einsetzt. Und an die andere Mutter,
die froh ist, dass die Therapeutin extrem konflikthafte Begegnungen wagt, weil sie genau
dadurch etwas Hilfreiches sehen kann. „Sie schauen immer so genau drauf, das ist gut! Das
traut sich sonst keiner.“

Die Dämonen haben auf Erlösung gewartet und sind erlöst, gerade weil sie gesucht wurden.

© (urheberrechtlich geschützt) Heilwig Lorenz: Was tun, wenn die Gespenster im Kinderzimmer sind? 11/2013 Seite 10 von 13
In meiner Erfahrung ist die Angst von Eltern in ihrem Kern also nicht, dass das, was existiert,
von der Therapeutin gesehen und benannt wird, sondern dass es verurteilt wird. Nicht das
Aufdecken per se kann zu Verwundung führen, sondern die Art und Weise, in der es geschieht.
Mit anderen Worten: Eltern haben Angst davor, dass sie wie schon in der wach gerufenen,
schmerzhaften Kindheitsgeschichte mit ihrem eigenen Leid – dem von früher und dem damit
ursächlich verbundenen aus der Gegenwart – verurteilt, vorgeführt und möglicherweise gar
verhöhnt und verlacht und als Eltern übertrumpft werden, dass sie nicht gesehen und nicht
gehört werden und keine Anerkenntnis erfahren, dass sie ohne ein wohlwollendes,
empathisches und haltendes Gegenüber bleiben, ohne eine Momo, allein und ohne Gnade.
Wenn dies so Gefürchtete aber nicht eintritt, dann geschieht etwas Wunderbares. Dann
können sie all das wieder oder erstmalig als zu sich gehörig zulassen, das sie abspalten,
verleugnen, verkehren und projizieren mussten, und gewinnen die innere Freiheit, die sie
brauchen, um sich in der Beziehung zu ihrem Kind gelingend zu bewegen.

Kommen wir noch einmal zurück zum Thema 'Umgang mit dem Schuldgefühl':
Ist es bei uns professionellen Helfern vielleicht eine Frage des Vertrauens in die
therapeutische Beziehung? Und wie halten wir selbst Schuldgefühle aus? Gilt es
möglicherweise, sich viel mehr bewusst zu machen, dass auch wir in unserer Arbeit
unausweichlich mit Schuldgefühlen zu tun haben und zwar nicht nur mit solchen, die durch
das Übertragungsgeschehen entstehen, sondern auch solchen, die sich nicht mehr auflösen,
weil wir ganz real unserem Gegenüber nicht gerecht geworden sind? Vermeiden wir
Schuldgefühle, unseretwegen? Oder können wir sie in uns annehmen?

Es gäbe viele Beispiele aus der Arbeit mit Schreibabys, die die oft schnellen und positiven
Veränderungen für betroffene Familien darstellen, deren unbewusste Verstrickungen quasi
entknotet wurden. Ich verzichte darauf, solche zu erzählen, zugunsten eines kurzen
Filmausschnittes, der nach meinem Verständnis zeigt, was eben diese Arbeit ausmacht.

STANDBILD EINBLENDEN...

Der Film – er heißt: 'Die Geschichte vom weinenden Kamel' – ist halb dokumentarisch und
zeigt eine sehr alte Tradition aus der Mongolei, durch die Muttertierkamelen, die ihr
Neugeborenes verstoßen haben, geholfen wird, es doch noch anzunehmen. Auf erschreckende
Weise – so sieht man es im Film – spuckt und tritt die Kamelmutter ihr Fohlen, beschützt es
nicht bei Sturm und lässt es vor allem nicht trinken. Das Kleine rennt ihr herzzerreißend nach
und wimmert, bleibt aber allein. Die mongolische Familie kümmert sich nach der sehr
schweren Geburt verständnisvoll vor allem um die Mutter und versucht, ihr ihr Kind durch
gutes Zureden und modellhaftes Säugen nahe zu bringen. Vergeblich. Schließlich lassen sie
einen sogenannten „Pferdekopfspieler“ mit einem Obertonsaiteninstrument kommen. Alle
Generationen setzen sich nahe des Muttertieres, der Instrumentarist etwas dichter. Die Geige
hängt kurz über einem der Höcker, so dass ihre Obertonklänge durch den Wind unmittelbar
am Körper des Tieres schwingen. Dann beginnt eine der Frauen eine Obertonmelodie zu
singen, eine Art Klagegesang, und streicht dem Tier über das Fell, und nach einem Moment
stimmt der Pferdekopfspieler mit seinem Instrument in die Klänge ein. Nach einigen Minuten
Musik wird das Fohlen zur Mutter gebracht. Hier wird gleich der Filmausschnitt starten. Sie
werden die Angst des Kindes sehen und immer noch Angst und Aggression bei der Mutter und
wie sich beide vermeiden. Darauf beginnt die Mongolin ihren Gesang von Neuem...

FILMAUSSCHNITT STARTEN...

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Was hat dem Muttertier dazu verholfen, das Kind anzunehmen? Es ist eben nicht nur die
verständnisvolle, empathische Zuwendung des Umfeldes und dessen positive, wohlwollende
und modellhafte Begleitung und Unterstützung – diese Hilfe allein war fehlgeschlagen.
Sondern es ist darüberhinaus eine Zuwendung, die der Kamelmutter aktiv zumutet, ihren
eigenen Schmerz über das Erlebte zu spüren: Sie wird zum Weinen gebracht. Und genau
dadurch, nämlich mit den Tränen fällt die Aversion gegen das Kind. Indem die Kamelmutter
von außen initiiert tief innen in Kontakt gebracht wird mit dem bis dahin Unaushaltbaren und
folglich Vermiedenen – nämlich Angst und Schmerz von den Qualen der Geburt – und das im
Schutz und mit der Empathie der Anwesenden, kann sie das Traumatische vom Kind selbst
abkoppeln, kann dessen Bedürftigkeit sehen und anerkennen, kann sich ihm zuwenden und es
genießen. „Es ist wie Selma Fraiberg schrieb: Wenn jemand die eigenen Schreie einer Mutter
hört, wird diese fähig, ihr Kind zu trösten.“ (Hopkins 2008, S. 180)

Möchte ich wirklich Mensch und Tier gleichsetzen? Immerhin, der Film zeigt eine wahre
Geschichte, die beispielhaft für eine ganz alte Tradition steht und die die Kamera mit viel Zeit,
Geduld und Glück einfangen konnte. Für mich ist es eine Metapher. Sie soll Mut machen, wenn
andere Wege verstellt bleiben, Eltern authentisch zugewandt dabei zu helfen, das
aufzuspüren, was die so quälende und kummervolle Situation mit ihrem Kind alles ausmacht
und was alle darin gefangen hält, auch wenn dieses Aufspüren schmerzvoll ist, damit sie die
großartige Erfahrung machen können, nicht mehr den alten Gespenstern zu begegnen,
sondern ihrem Kind.

* Namen geändert

© (urheberrechtlich geschützt) Heilwig Lorenz: Was tun, wenn die Gespenster im Kinderzimmer sind? 11/2013 Seite 12 von 13
Literatur:

Daws, Dilys: Through the Night. Helping Parents and Sleepless Infants. Free Association Books,
London 1993

Ende, Michael: Momo. Thienemann Verlag, Stuttgart 2002

Fraiberg, Selma: Die magischen Jahre. Familiäre Beziehungen in der frühen Kindheit. Hoffmann
und Campe, Hamburg 1998

Dies. / Adelson, Edna / Shapiro, Vivian: Gespenster im Kinderzimmer. Probleme gestörter


Mutter-Säuglings-Beziehungen aus psychoanalytischer Sicht. In: AKJP. Zeitschrift für Theorie
und Praxis der Kinder- und Jugendlichenpsychoanalyse und der tiefenpsychologisch
fundierten Psychotherapie. Brandes & Apsel Verlag Frankfurt am Main, Heft 120, XXXIV. Jg.,
4/2003

Dies. (Hg.): Seelische Gesundheit in den ersten Lebensjahren. Studien aus einer
psychoanalytischen Klinik für Babys und ihre Eltern. Psychosozial-Verlag, Gießen 2011

Hopkins, Juliet: Bindung und das Unbewusste. Ein undogmatischer Blick in die kinderanalytische
Praxis. Herausgegeben von Heilwig Lorenz. Brandes & Apsel Verlag, Frankfurt am Main 2008

Liebermann, Alicia F.: Ein kleiner Mnesch. Das Gefühlsleben des Kindes in den ersten drei Jahren.
Rowohlt Verlag, Hamburg 1995

Stern, Daniel: Die Lebenserfahrung des Säuglings. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1992

Ders.: Die Mutterschaftskonstellation. Eine vergleichende Darstellung verschiedener Formen der


Mutter-Kind-Psychotherapie. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1998

Winnicott, Donald W.: Reifungsprozesse und fördernde Umwelt. Psychosozial-Verlag, Gießen


2002

© (urheberrechtlich geschützt) Heilwig Lorenz: Was tun, wenn die Gespenster im Kinderzimmer sind? 11/2013 Seite 13 von 13