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Clara Kenner

Der zerrissene Himmel


Emigration und Exil
der Wiener Individualpsychologie

Vandenhoeck & Ruprecht


2007.
36731

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der


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© 2007, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen


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Inhalt

Vorbemerkung 9

Überblick über die Geschichte des Wiener Vereins für


Individualpsychologie bis zu dessen Auflösung im Jahr 1939 13

Emigration und Exil der Mitglieder des Wiener Vereins für


Individualpsychologie 17
»Brain drain« nach Amerika 17
Emigration verfolgter Sozialdemokraten nach dem
12. Februar 1934 24
Verschwunden, deportiert, im Konzentrationslager
umgekommen 25
Wege der Emigration 26
Die New Yorker Individualpsychologische Vereinigung . . 29
Leben, Schicksal und weiterer beruflicher Werdegang im
Exil 30
Individualpsychologie in Wien während der NS-Zeit . . . . 44
Kontakte zwischen Daheimgebliebenen und Exilierten . . 45
Das Netzwerk der Individualpsychologen 48
Individualpsychologie in den USA bis heute 49
Individualpsychologie in Österreich nach Ende des
Zweiten Weltkrieges 54

Biographien
ALEXANDRA ADLER 57
ALFRED ADLER 62
RAISSA ADLER 67
R U D O L F ALLERS 71
H E L E N E BADER 74
FERDINAN D BIRNBAUM 76
KLARA BLUM ( Z H U BAILAN) 80

5
PAUL BRODSKY 85
DANICA D E U T S C H 88
LEONHARD D E U T S C H 91
RUDOLF D R E I K U R S 93
ALFRED FARAU ( F R E D H E R N F E L D ) 99
STEFANIE FELSENBURG 103
VIKTOR FRANKL 104
ELSE FREISTADT H E R Z K A 109
ALICE F R I E D M A N N 111
FRIEDERIKE F R I E D M A N N 114
E M I L FRÖSCHELS 117
CARL F U R T M Ü L L E R 120
FELIX G R Ü N B E R G E R 124
MARGARETHE HILFERDING 125
ARTHUR HOLUB 129
MARTHA HOLUB 130
STEFANIE H O R O V I T Z 132
ELVIRA K A U F M A N N 134
G I N A KAUS 135
OLGA KNOPF 138
HILDE KRAMPFLITSCHEK ( H I L D E KRAMER) 141
ERWIN O T T O KRAUSZ 143
S O P H I E LAZARSFELD 146
ALICA L E H N D O R F F - S T A U B E R 150
ELDA L I N D E N F E L D - L A C H S 151
IDA LÖWY 153
H U G O LUKÄCS 155
ALEXANDER N E U E R 156
KARL N O W O T N Y 160
O L G A OLLER 162
DAVID E R N S T O P P E N H E I M 164
ERNST PAPANEK 166
H E L E N E PAPANEK 171
FRANZ PLEWA 175
LUNA R E I C H 177
MARIA ROSLER-GITTER 178
ELLY R O T H W E I N ( E L E A N O R R E D W I N ) 179
FRANZ S C H A R M E R 182

6
E D M U N D SCHLESINGER 184
E D M U N D SCHLETTER 186
O S W A L D SCHWARZ 187
R E G I N E SEIDLER 190
R O S A SEIDMANN ( S H O S H A N A S E I D M A N N ) 194
LYDIA S I C H E R 195
M A N E S SPERBER 198
O S K A R SPIEL 204
L E O P O L D STEIN 208
EMMERICH WEISSMANN 210
E R W I N W E X B E RG 211
HELENE WEYR 214
ILKA W I L H E I M 215
ZOLTAN WlSINGER 216
A R T H U R ZANKER 217
T H E O D O R ZERNER 220
AGNES ZILAHI-BEKE 221
LADISLAUS Z I L A H I 222

Anhang
Quellennachweis 224
Abkürzungen 224
Bibliographie 226
Personenregister 235

7
Vorbemerkung

Wie im Titel angedeutet, sollen in diesem Buch das Zerbrechen


einer Ära und die daraus resultierenden Brüche im Leben der Men-
schen aufgezeigt werden, die gezwungen waren, ins Exil zu gehen.
Das Zerreißen des Himmels kann aber auch mit einer aufreißenden
Wolkenwand assoziiert werden, durch die sich ein Lichtstrahl
stiehlt, Klarheit sich ausbreitet, ein Neubeginn denkbar wird. Brü-
che und Krisen im Leben sind die Momente, wo Scheitern, Zusam-
menbruch, aber auch Wachstum und Aufbruch möglich werden, es
sind die Momente, wo sich all das, was erlebt wurde - verdrängt
oder schmerzvoll gereift- in einer Person bündelt und ihre Mensch-
lichkeit und Größe begreifbar werden.
Im ersten Teil der vorliegenden Arbeit wird ein kurzer Überblick
über die Geschichte des Wiener Vereins für Individualpsychologie
gegeben, wobei besonders die Aktivitäten des Vereins und die
Zusammenarbeit der Individualpsychologen mit der Schulreform-
bewegung der Sozialdemokraten in den 1920er und 1930er Jahren
von Interesse sind.
Die Hintergründe der Emigration in den Jahren 1934 bis 1939
werden dargestellt, wobei die Emigration der vorwiegend jüdischen
Mitglieder in verschiedenen Etappen und aus unterschiedlichen
Beweggründen stattfand. Alfred Adler, Gründer der Individualpsy-
chologie, ging schon in den frühen 1930er Jahren in die Vereinigten
Staaten. Der von ihm initiierte Aufbau weiterer Zentren für Indivi-
dualpsychologie sowie berufliche Möglichkeiten ließen schon bald
danach mehrere Individualpsychologinnen und Individualpsy-
chologen nach Amerika folgen.
Unter den Mitgliedern des Vereins für Individualpsychologie
befanden sich etliche engagierte Sozialdemokraten. Zwei von ihnen
waren nach dem Bürgerkrieg im Februar 1934 in Wien aus poli-
tischen Gründen zur Auswanderung gezwungen.
Die dritte und größte Auswanderungswelle wurde durch die

9
Machtübernahme der Nationalsozialisten ausgelöst. Nur vier der
insgesamt 63 hier angeführten Mitglieder des Vereins für Individu-
alpsychologie, waren nicht jüdischer Herkunft und blieben in
Wien. Drei Mitglieder kamen in Konzentrationslagern um, zwei
weitere wurden deportiert und nach dem Krieg für tot erklärt, eine
Person »verschwand« spurlos. Den meisten Individualpsychologin-
nen und Individualpsychologen gelang in den Jahren 1938 und
1939 die Flucht.
Im Zusammenhang mit der Emigration sind die sozialen Netz-
werke der Gruppe der Individualpsychologen von besonderem
Interesse. Einerseits eine sehr heterogene Gemeinschaft, die sowohl
Ärzte und Ärztinnen als auch Lehrer und Lehrerinnen, Erziehe-
rinnen und andere Interessierte aus Geistes- und Naturwissen-
schaften umfasste, scheint andererseits die gemeinsame Zielset-
zung und vielleicht auch das von Adler so sehr propagierte
»Gemeinschaftsgefühl« eine gewisse Zusammengehörigkeit geför-
dert zu haben. Aus etlichen Briefen sowie Berichten und Beiträgen
in den verschiedenen amerikanischen Zeitschriften der Individu-
alpsychologischen Vereinigungen von New York und Chicago sind
Kontakte und gegenseitige Hilfestellung bei der Auswanderung
und im Exilland ersichtlich, was im Einzelnen dargestellt wird.
Nach Beendigung des Krieges bemühte sich vor allem der in
Wien verbliebene Individualpsychologe Oskar Spiel um Kontakt-
aufnahme mit den emigrierten Mitgliedern des Vereins. Anhand
der zum Teil sehr berührenden Korrespondenz wird ein geschicht-
licher Abschnitt in seiner menschlichen Intensität ersichtlich.
Ebenfalls behandelt werden der Neuanfang im Exil und die wei-
tere berufliche Laufbahn der früheren Mitglieder des Wiener Ver-
eins für Individualpsychologie. In einem kurzen Streifzug wird die
Geschichte der verschiedenen Vereine für Individualpsychologie in
den Exilländern und auch in Österreich skizziert.
Im biographischen Teil werden die Lebensgeschichten von 63
Mitgliedern, davon 31 Frauen und 32 Männer, des Vereins für Indi-
vidualpsychologie in Kurzbiographien dargestellt. Durch die zum
Teil wenig ergiebige Quellenlage sind die Biographien von unter-
schiedlicher Länge. Die sehr heterogene Gruppe setzt sich zusam-
men aus Menschen verschiedener Berufe und auch verschiedener
sozialer Schichten. Überdies war der Verein für Individualpsycho-

1(1
logie - im Gegensatz zur Wiener Psychoanalytischen Vereinigung
- weder überschaubar organisiert noch in irgendeiner Weise doku-
mentiert. Es existiert eine einzige, in der Internationalen Zeitschrift
für Individualpsychologie publizierte Mitgliederliste aus dem Jahr
1925, die einerseits unvollständig ist und andererseits wiederum
viele Namen enthält, zu denen keinerlei weiterführende Daten
gefunden werden konnten. Die in dieser Arbeit angeführte Liste von
Individualpsychologen muss daher unvollständig bleiben, umfasst
aber einen Großteil der in der Zwischenkriegszeit aktiven Indivi-
dualpsychologinnen und Individualpsychologen. Hervorzuheben
ist der hohe Anteil an Frauen unter den Mitgliedern des Vereins,
was sich einerseits auf die offene Haltung Adlers gegenüber der
Frauenbewegung und seine progressiven Ideen zur Gleichstellung
der Frau, andererseits auch auf die große Heterogenität der Gruppe
zurückführen lässt, die sowohl Ärztinnen als auch Geisteswissen-
schaftlerinnen, Lehrerinnen und Erzieherinnen umfasste.
Anhand der Rekonstruktion der Lebensgeschichten der einzel-
nen Mitglieder des Wiener Vereins für Individualpsychologie soll
jene Gruppe um Alfred Adler, die sich in Wien während der letzten
Jahre der zu Ende gehenden Monarchie formierte, danach in der
Zwischenkriegszeit eine Blütezeit der sozialen und reformerischen
Aktivitäten erlebte, in ihrer Heterogenität einerseits, in den vielfäl-
tigen Formen ihrer Zusammenarbeit sowie in der Verfolgung und
Verwirklichung einer gemeinsamen Idee andererseits dargestellt
werden. Der allmähliche Rückgang dieser Zusammenarbeit bis zu
ihrem abrupten Ende und schließlich die Zersplitterung der
Gruppe durch die dramatische Flucht der vorwiegend jüdischen
Mitglieder des Vereins nach dem »Anschluss« stellen eine Zäsur in
der Geschichte des Wiener Vereins für Individualpsychologie dar.
Demgegenüber steht der Versuch eines Großteils der Emi-
grierten, Kontinuität herzustellen und das Begonnene fortzuset-
zen, was seinen Ausdruck im Aufbau neuer individualpsycholo-
gischer Zentren findet sowie im Zusammentreffen und in der
neuerlichen Zusammenarbeit kleiner Gruppen emigrierter Indivi-
dualpsychologinnen und Individualpsychologen im Exil.
Nach Möglichkeit wurde jeder Biographie eine ausgewählte
Bibliographie angefugt, die einen Eindruck der Arbeiten und Inter-
essengebiete der betreffenden Person geben soll.

11
Für das Zustandekommen dieser Arbeit gilt mein besonderer
Dank Univ.-Prof. Dr. Moritz Csäky, der die Entstehung meiner
Dissertation von Beginn an engagiert und mit der richtigen Dosis
aus Hilfestellung und Zurückhaltung begleitet hat. Viele Denkan-
stöße verdanke ich Dr. Bernhard Handlbauer, ohne dessen hervor-
ragende Publikationen zur Geschichte der Individualpsychologie
diese Arbeit nicht möglich gewesen wäre. Der leider inzwischen
verstorbene Univ.-Prof. Dr. Walter Spiel hat mir in großzügiger
Weise Unterlagen zur Verfügung gestellt und seine Erinnerungen
an Mitglieder des Vereins für Individualpsychologie aus der Zwi-
schenkriegszeit nähergebracht. Danken möchte ich meinen Kolle-
gen Johannes Feichtinger, Christian Klösch und Rainer Leitner
sowie vor allem auch Eva Dreikurs Ferguson, Mia Glazer, Dorrit
und Don Molony und Runa W. Schlaffer für ihre Bereitschaft, mir
persönliche Erinnerungen mitzuteilen. Margret Riegel und Cle-
mens Steinbock haben mir bei meinem New-York-Aufenthalt in
großzügiger Weise geholfen. Für viele kleinere und größere Hilfe-
stellungen möchte ich mich bei Karen Drescher, Elisabeth Mörl,
Diane Spielmann, Nellie L. Thompson und vielen anderen Damen
und Herren Archivaren, Bibliothekaren und Sekretären bedan-
ken.

12
Überblick über die Geschichte des Wiener
Vereins für Individualpsychologie bis zu dessen
Auflösung im Jahr 1939

Als nach dem Ende des Ersten Weltkrieges der Wiener Verein für
Individualpsychologie, der bereits 1911 von Alfred Adler gründet
worden war, neu organisiert wurde, lag der Schwerpunkt des indi-
vidualpsychologischen Ansatzes auf dem Gebiet der Pädagogik. Im
Wien der Zwischenkriegszeit, das durch die militärische Nieder-
lage und den Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen
Monarchie in eine katastrophale wirtschaftliche Situation geraten
war, initiierte der regierende sozialdemokratische Gemeinderat
ein groß angelegtes Reformprogramm. In den Jahren von 1923
bis 1933 wurden soziale Wohnbauten, Krankenhäuser, Kinderbe-
treuungsstätten, sozialistische Kinder- und Jugendorganisationen,
Volkshochschulen sowie Beratungsstellen errichtet.
Im Bereich des Schul- und Erziehungswesens wurde unter dem
Präsidenten des Wiener Stadtschulrats Otto Glöckel eine Reform
des gesamten Erziehungs- und Bildungswesens eingeleitet. Autori-
täre Unterrichtsmethoden sollten durch einen demokratischen
Erziehungsstil ersetzt und Chancengleichheit für Kinder aus unter-
privilegierten Schichten durch ein vereinheitlichtes Bildungsange-
bot gewährleistet werden. Zur besseren Lehrerausbildung wurde
1923 das Pädagogische Institut der Stadt Wien gegründet, wo Per-
sönlichkeiten wie Karl und Charlotte Bühler, Max Adler, Hans Kel-
sen und Alfred Adler unterrichteten.
Neben den Arbeiten des Psychologenehepaars Karl und Char-
lotte Bühler auf dem Gebiet der Kinder- und Entwicklungspsycho-
logie hatten sowohl Psychoanalyse als auch Individualpsychologie
großen Einfluss auf die theoretische Untermauerung der Reform-
bewegung. Die pädagogischen Ideen der Individualpsychologie
deckten sich weitgehend mit denen der Sozialdemokraten, was
viele Erzieher und Lehrer aus dem Umfeld der Sozialdemokratie

13
dazu veranlasste, sich dem Individualpsychologischen Verein anzu-
schließen. Sowohl auf dem Gebiet der Schulreform und in der Leh-
rerbildung als auch im Volksbildungswesen und in der Erziehungs-
beratung fand in der Folge eine intensive Zusammenarbeit von
Sozialdemokraten und Individualpsychologen statt. Im Bereich
der Volksbildung waren Individualpsychologen mit populären
Schriften, Kursen und Vortragsreihen zu psychologischen und
pädagogischen Themen präsent. Unentgeltliche Erziehungsbera-
tungsstellen wurden ins Leben gerufen, deren Ziel es war, individu-
alpsychologische Ideen zu familiärer und schulischer Erziehung zu
verbreiten und Aufklärung und Fortbildung für Eltern und Lehrer
zu gewährleisten. Beratungsstellen wurden an verschiedenen Insti-
tutionen und in Vereinen, wie etwa den Kinderfreunden, der sozi-
aldemokratischen Frauenorganisation, der Caritas oder der Arbei-
terkammer, eingerichtet.
Neben den Beratungsstellen wurden auch weitere pädagogische
Initiativen von Individualpsychologen gestartet: Beschäftigungs-
nachmittage, Kindergärten und Sommerlager, heilpädagogische
Einrichtungen, eine Ambulanz für nervöse und schwererziehbare
Kinder, ein weiteres Ambulatorium und ein Erziehungsheim im
sechsten Bezirk in Wien; eine individualpsychologische Ambulanz
gab es im Allgemeinen Krankenhaus sowie auch in den Räumlich-
keiten des Ersten öffentlichen Kinderkrankeninstituts in der Klee-
blattgasse 1 im ersten Bezirk.
Auch im Bereich der Sexualreformbewegung engagierten sich
Individualpsychologinnen und Individualpsychologen. Sie befass-
ten sich mit Frauenfragen und plädierten für Berufsausbildung
sowie ökonomische Unabhängigkeit der Frau. Im ersten Bezirk
unterhielt Sophie Lazarsfeld eine Ehe- und Sexualberatungsstelle.
An der Schulreform war die Individualpsychologie ebenfalls
federführend beteiligt. Mit Genehmigung der Schulbehörde wur-
den an verschiedenen Schulen Unterrichtsversuche durchgeführt.
Im Auftrag des Wiener Stadtschulrates wurde ein Konzept für eine
Versuchsschule erstellt, deren Ziel es war, Eigenverantwortlichkeit
und Sozialisationsfähigkeit der Kinder zu fördern, die Eltern in
schulische Belange einzubinden, schwierige oder auch psychisch
auffällige Schüler oder Kinder mit leichten Behinderungen in den
Klassenverband zu integrieren sowie autoritären Stil und Überlas-

14
tung mit Lerninhalten durch Arbeitsunterricht zu ersetzen. Diese
Versuchsschule wurde 1931 in der Staudingergasse im zwanzigsten
Bezirk installiert.
In wissenschaftlichen Fachgruppen und Arbeitskreisen setzten
sich Individualpsychologinnen und Individualpsychologen mit
Themen aus Psychologie, Pädagogik und Medizin auseinander.
Publiziert wurde in verschiedenen Zeitschriften, Schriftenreihen
und Sammelbänden. Vor allem die zahlreichen Vortragsreisen und
Veröffentlichungen Adlers führten zu einer weiten Verbreitung sei-
ner Theorie. Individualpsychologische Ortsgruppen entstanden in
vielen europäischen und auch überseeischen Städten. Adler, der
seit 1926 immer häufiger in die USA reiste, zog im Jahr 1935 mit
seiner Familie endgültig nach New York.
Als gegen Ende der 1920er Jahre die Sozialdemokratie zuneh-
mend in Bedrängnis kam, wurde die Schulreformbewegung ab
1927 sukzessive wieder zurückgenommen. Da etliche ihrer Pro-
jekte auf der Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten basier-
ten, war die Individualpsychologie durch den Niedergang der
Sozialdemokratie unmittelbar betroffen. Nach dem Bürgerkrieg
am 12. Februar 1934 und dem Verbot der Sozialdemokratischen
Partei durch die Austrofaschisten, mussten die meisten jener indi-
vidualpsychologischen Aktivitäten, die in enger Verbindung mit
der sozialdemokratischen Bewegung gestanden hatten wie etwa die
Versuchsschule, an Schulen angeschlossene Beratungsstellen und
Vorträge an Volkshochschulen beendet werden. Durch den Weg-
gang Adlers zusätzlich verwaist, fanden individualpsychologische
Aktivitäten nur noch in eingeschränktem Maß statt. Die Individu-
alpsychologie, die von Mitte der 1920er bis Anfang der 1930er Jahre
sicher als herausragende pädagogische und psychologische Rich-
tung in Wien bezeichnet werden kann, verlor an Bedeutung.
Durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten im März
1938 und den Beginn der systematischen Verfolgung von Juden
sahen sich die noch in Österreich befindlichen jüdischen Mit-
glieder des Vereins für Individualpsychologie gezwungen, das Land
zu verlassen. Etwa vierzig konnten fliehen, fünf Mitglieder kamen
im Holocaust um, lediglich weitere vier blieben in Österreich. Im
Februar 1939 wurde der Verein offiziell aufgelöst.

15
Emigration und Exil der Mitglieder des Wiener
Vereins für Individualpsychologie

»Der Emigrant, der wirkliche, ist der Hinausgeworfene, der Verbannte.


Und das ist ein Lebensschicksal, das niemand verwinden kann.
Ob er es weiß oder nicht, akzeptiert oder nicht, wichtig nimmt oder
bagatellisiert, das ist ganz gleichgültig. Er kann es nicht verwinden«
(Farau 1992, S. 18).

Die Emigration österreichischer Intellektueller fand in drei Phasen


statt. In der Zeit vom Beginn der Ersten Republik bis etwa 1933/34
emigrierten viele Wissenschaftler in die USA, da sich ihnen dort
gute berufliche Aussichten boten und andererseits das allgemeine
politische Klima und der zunehmende Antisemitismus in Öster-
reich immer bedrohlicher wurden. Während der Zeit des Austro-
faschismus von 1934 bis 1938 mussten viele in Österreich verfolgte,
politisch Linksgerichtete das Land verlassen. In der Ära des Natio-
nalsozialismus ab 1938 waren es sogenannte »rassische« Gründe,
die vor allem Juden in die Emigration zwangen (Stadler 1989).

»Brain drain« nach Amerika

In jeder dieser drei Phasen emigrierten auch Mitglieder des Wie-


ner Vereins für Individualpsychologie. Alfred Adler selbst, der
einerseits die politische Entwicklung in Österreich und Deutsch-
land mit wachsendem Unbehagen beobachtete und dem anderer-
seits eine Dozentur und somit eine Karriere an der Wiener Uni-
versität versagt geblieben war, verlegte seine Tätigkeiten Ende der
1920er und Anfang der 1930er Jahre allmählich mehr und mehr
in die USA, wo er einen fruchtbaren Boden für seine Lehre vor-
fand (Adler 1977).
Als Alfred Adler Mitte der 1930er Jahre seinen Wohnsitz endgül-

17
tig in die USA verlegte, folgte ihm seine Frau Raissa, die sich in
späteren Jahren in der New Yorker individualpsychologischen Ver-
einigung engagieren sollte. Auch Adlers Tochter Alexandra, eben-
falls Individualpsychologin, siedelte 1935 in die USA über, wo sie
eine Stelle an der Neurologischen Abteilung der Harvard Medical
School antrat. Wie sich aus einem Brief Alfred Adlers an Alexandra
Adler vermuten lässt, war ihre Berufung an die Harvard University
seinen Bemühungen zu verdanken:
»[...] das Beste wäre gewesen, wenn Du früher hättest kommen können,
damit ich Dich in N.Y. mit den entsprechenden Leuten hätte bekannt
machen können, falls Du aber nicht früher kommen kannst, muss ich
schon am nächsten Tag mit Dir nach Boston fahren, um Dich dort einzu-
führen, besonders Mr. Filene und seine Sekretärin Miss Scheuler werden
es sich nicht nehmen lassen für Dich einen Empfang zu veranstalten und
für Deine Wohnung leicht erreichbar von der Klinik zu sorgen.«1

Alexandra Adler hatte in Wien zwar eine Stelle an der Psychia-


trisch-Neurologischen Abteilung, war aber von Julius von Wagner-
Jauregg bei ihrer Bewerbung um eine Stelle als reguläres Mitglied
im Kollegium übergangen worden. Daraufscheint sich Adler bei
folgender Bemerkung zu beziehen.
»Ich hoffe, dass Dir der Abschied von der Klinik leicht sein wird und sehe
in Deiner Stellung in der Harvard University eine viel würdigere Beloh-
nung Deiner Tätigkeit, als sie Dir je in Wien zuteil geworden wäre. So hat
Herr Arzt [sie!] doch das Gute geschafft, obwohl er das Böse gewollt
hat.«2
Noch ein weiteres Zitat zeigt Adlers Bemühungen um die beruf-
liche Laufbahn seiner Tochter Alexandra:
»Ali, a neurological expert also would like very much to have a lecture in
a Neurological Department. She is, as you know Dr. of the Harvard Uni-
versity. She would like to speak about her research regarding the 'Extrapy-
ramidal System'. If you can arrange it without great efforts we would be
very grateful.«3
In seinen Anstrengungen, seine Lehre international zu verbreiten
und vor allem in den USA individualpsychologische Vereine zu

1 Brief von Alfred Adler an Alexandra Adler, 4. März 1935 (AAI).


2 Brief von Alfred Adler an Alexandra Adler, 4. März 1935 (AAI).
3 Brief von Alfred Adler an Ernan, 19. März 1937 (AAI).

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gründen, versuchte Alfred Adler, weitere Kolleginnen und Kollegen
aus Wien dauerhaft oder zumindest für längere Vortragsaufent-
halte in die Vereinigten Staaten zu holen. An seine Tochter Alexan-
dra schreibt er Folgendes:

»Sprich auch mit Sicher, Plewa, Dr. Holub, Dreikurs auch mit Birnbaum
und Spiel und Zilahi, dass ich in den USA und in allen anderen europä-
ischen Städten Ausschau halten werde, ebenso auch Du und Krausz, einen
ihrer würdigen Platz zu finden.«

An Oskar Spiel schreibt Adler:

»Ich habe jetzt Aussicht im Oktober des nächsten Jahres für Sie hier für 10
Wochen, vielleicht für länger, Vorlesungen zu veranstalten. 5mal in der
Woche abends. Das Honorar würde 600 dollars pro Monat betragen.
Außerdem werden die Transportkosten in Amerika bezahlt. Die Reise
hierher müsste von Ihnen gezahlt werden. Das billigste Retourticket nach
US kostet mit der Bernheimlinie, ich glaube 150 dollars. Ich brauche bald
ihre Rückäußerung [...] Sollten Sie nicht annehmen, so käme natürlich
Birnbaum in betracht [...] Ich schreibe Ihnen nach Ihrer Antwort noch
über die Frage der möglichen Einwanderung. Chicago z. B. benötigt drin-
gend einen guten IP, besonders da Krausz so schmählich abgeschnitten
hat.«4

Der hier erwähnte Erwin Otto Krausz war 1935 mit seiner Frau
Tilde in die Vereinigten Staaten emigriert und hatte sich in Chicago
niedergelassen. Oben zitierte Bemerkung lässt annehmen, dass er
aufgrund von Alfred Adlers Vermittlung nach Chicago gegangen
war, wo er sich auch tatsächlich anfänglich in der dortigen indivi-
dualpsychologischen Ortsgruppe engagiert hatte. Später studierte
er Medizin und wurde schließlich Facharzt für Psychiatrie. Auch
die Ärztin und Individualpsychologin Olga Knopf konnte mit
Adlers Hilfe im Jahr 1929 in die Vereinigten Staaten emigrieren,
wobei sie einer Berufung an die Columbia University in New York
folgte. In einem Zeitungsausschnitt wird Olga Knopfs Emigration
kommentiert:
»Im April 1929 erhielt die Wiener Individualpsychologin und Frauenärz-
tin Dr. Olga Knopf einen Antrag der Columbia-Universität in New York,
auf einen Sprung hinüberzukommen und dort, nach Wiener Muster,

4 Brief von Alfred Adler an Oskar Spiel, 21. September 1936 (AAI).

19
Erziehungsberatungsstellen in den U.S.A. einzurichten [...] Im Oktober
1929 landete Dr. Knopf gemeinsam mit Dr. Alfred Adler in New York. Fünf
Tage später hält sie bereits ihren ersten Vortrag in englischer Sprache [... ]
Dann geht es kreuz und quer durch die United States. Überall Vorträge,
Einrichtung der wienerischen Erziehungsberatungsstellen. Wellesly Col-
lege bei Boston. Chi Omega Convention bei Hot Springs, Arkansas« (Lich-
tenberg 1931, S. 48).

Ursprünglich Gynäkologin, spezialisierte sich Olga Knopf in den


USA im Fach Psychiatrie und wandte sich in späteren Jahren der
Psychoanalyse zu.
Auch der Psychiater und Individualpsychologe Erwin Wexberg
folgte einer Berufung im Jahr 1934 in die Vereinigten Staaten. Seine
Tochter Runa W. Schlaffer schreibt dazu Folgendes: »I do believe
that my father's move to the USA was primarily a career move,
further influenced by the ominous developments in Germany.« 3
Die Tatsache, dass Wexberg zuerst nach Chicago ging und bald dar-
auf in New Orleans an einer Child Guidance Institution arbeitete,
gibt Anlass zu Spekulationen. Es ist anzunehmen, dass Wexbergs
Emigration zumindest teilweise auf die Vermittlung Alfred Adlers
zurückzuführen ist beziehungsweise Erwin Wexberg die Möglich-
keit wahrnahm, auf die zu diesem Zeitpunkt bereits bestehenden
personellen und institutionellen Netzwerke der Individualpsycho-
logen in den Vereinigten Staaten zurückzugreifen. Eine individual-
psychologische Beratungsstelle, die er später in New Orleans ini-
tiiert hatte, musste er allerdings wieder aufgeben, da diese von
psychoanalytischer Seite her nicht akzeptiert wurde (Terner u. Pew
1978). Erwin Wexberg erwarb das amerikanische Doktorat und
arbeitete in verschiedenen Spitälern in New Orleans und Newton,
Connecticut. Während des Krieges war er Militärarzt, danach
wurde er Direktor des Bureau of Mental Hygiene des Health
Department in Washington, wo er sich um den Aufbau von Wohl-
fahrtseinrichtungen wie Erziehungsberatungsstellen, Alkoholiker-
ambulanzen und psychiatrische Beratungsstellen kümmerte.
Rudolf Dreikurs, ebenfalls Psychiater und Individualpsycho-
loge, hatte schon länger aufgrund schlechter beruflicher Möglich-
keiten und finanzieller Nöte überlegt, aus Österreich zu emigrie-

5 Brief von Runa W. Schlaffer an Clara Kenner, 16. Januar 2000.

20
ren. Im Frühjahr 1937 wurde ihm durch den eben aus Brasilien
zurückgekehrten Psychoanalytiker Wilhelm Stekel die Möglichkeit
eröffnet, Kontakt mit dem brasilianischen Arzt Antonio da Silva
Mello aufzunehmen, welcher Dreikurs zu einer Vortragsreise nach
Brasilien einlud (Terner u. Pew 1978). Als zweite Möglichkeit stand
Dreikurs offen, in die Vereinigten Staaten auszuwandern und, wie
Alfred Adler vorgeschlagen hatte, nach Chicago zu gehen. »Adler
wanted me to go there. That's where the future was anyway. The
group in Chicago, who published the Journal, negotiated with me
to come« (Terner u. Pew 1978, S. 97). Kurz nach Alfred Adlers
plötzlichem Tod im Mai 1937 bekam Dreikurs eine Einladung des
Williams College in Berkeley in Kalifornien. Er sollte an Adlers
Statt den bevorstehenden Sommerkurs abhalten. Die Korrespon-
denz mit Kalifornien brach aber ab. Kurz danach entschied sich
Dreikurs nach Brasilien zu fahren, wo er allerdings nur für einige
Monate blieb. Im November 1937 schiffte sich Dreikurs in die Ver-
einigten Staaten ein. Auf einer Zwischenstation in New York
besuchte er Raissa Adler, worüber er in einem Brief berichtet: »Ges-
tern unterhielt ich mich mit Frau Adler. Sie schaut furchtbar aus,
ist aber frisch und beginnt jetzt mit Stundengeben sich zu erhal-
ten« (Terner u. Pew 1978, S. 140).
Dreikurs gelang es, schon kurz nach seiner Ankunft in Chicago
eine Anstellung am jüdischen Michael Reese Hospital zu bekom-
men, wobei ihm eine Empfehlung eines Wiener Kollegen namens
Saphir behilflich war, dessen Bruder als Arzt in jenem Spital arbei-
tete. 6 Als Adler-Schüler war es für Dreikurs schwierig sich in dem
zu dieser Zeit psychoanalytisch geprägten Chicago zu etablieren.
Dazu Dreikurs:

»Ich bin direkt in die Höhle des I.öwen geraten. Alle sind Psychoanalytiker.
Es ist bis jetzt noch keinem LR gelungen, auch nur als Hospitant in diesem
Spital unterzukommen. Selbst Adler hat man verwehrt, hier einen Vortrag
zu halten, als er in diesem letzten Jahr in Chicago war.«7

6 Brief von Rudolf Dreikurs an seine Familie, 24. November 1938


(AAI).
7 Brief von Rudolf Dreikurs, 6. Dezember 1937 (AAI).

21
Über seine ersten Erfahrungen im Exil schreibt Rudolf Dreikurs:
»Diese ersten Tage in Chicago waren wohl die schwersten, die ich
bisher auf meiner Reise mitmachte. Es war zum ersten Mal, dass
mir der Gedanke kam, ob es nicht besser wäre, doch in Wien zu
bleiben.« Er erwähnt weiterhin Unstimmigkeiten, die es zwischen
Erwin O. Krausz, Mitgliedern der Chicagoer individualpsycholo-
gischen Gruppe und dem verstorbenen Alfred Adler gegeben hatte,
wozu er bemerkt:
»Dazu bin ich also von Wien weggefahren, um hier dieselbe kleinliche
Ranküne und Gehässigkeit wieder zu finden? Und um hier denselben
beginnenden Antisemitismus zu sehen, der die Juden veranlasst, aus-
schließlich in jüdischer Gesellschaft zu verkehren, der verhindert, dass ein
Jude ordentlicher Professor an der Universität wird - wie man mir sagte
[...] Was man alles aufgibt, erkannte ich im Gespräch mit Frau Kraus
[Tilde Krausz]. Es fehlen doch die vielen Verwandten und alten Freunde.
Die neuen sind doch von einer anderen Mentalität [...] Es ist furchtbar,
wie Kraus [Erwin O. Krausz] sich plagen muss. Das Medizinstudium ist
hier so schwer, wie man sich bei uns nicht entfernt träumen lässt.«8
An anderer Stelle schreibt er:
»Es ist komisch: Die meiste Zeit des Tages fühle ich mich doch sehr
bedrückt [... ] Immerhin höre ich, dass es auch Wexberg hier sehr dreckig
gegangen sein soll am Anfang, er sei ganz deprimiert und verzweifelt gewe-
sen - er habe auch nicht genug Geld zum Aushalten gehabt und nur durch
einen Zufall dann seine Stelle bekommen. Auch Kraus [sie!] habe am
Anfang viel gelitten. Also wenn das hier so die Regel ist, warum soll es mir
dann gleich so gut gefallen und gut gehen?«9

Schon bald mischen sich aber positivere Töne in Dreikurs' Bericht-


erstattung an seine zu diesem Zeitpunkt noch in Österreich befind-
liche Familie. In einem späteren Aufsatz meint er sogar, er habe
seinen Weggang von Wien zusammen mit seinen positiven Erfah-
rungen im Exil als Erlebnis von Freiheit wahrgenommen und daher
die Gefühle der Flüchtlinge nie teilen können (Dreikurs 1973,
S. 108).
Seine beiden Kinder konnte Dreikurs noch rechtzeitig in die
Vereinigten Staaten holen, aber trotz intensiver Bemühungen

8 Brief von Rudolf Dreikurs an seine Familie, 24. November 1937


(AAI).
9 Brief von Rudolf Dreikurs, 26. November 1937 (AAI).

22
gelang es nicht, seine Eltern zu retten. Sie starben im Konzentrati-
onslager, ebenso wie seine geschiedene Frau Stephanie Dreikurs.
Dreikurs wurde später Professor für Psychiatrie an der Univer-
sity of Chicago Medical School und unterhielt eine eigene Praxis.
Schon bald begann er die individualpsychologische Gruppe neu zu
organisieren. Unter Dreikurs entstand eine eigene psychothera-
peutische Schule, die auf der individualpsychologischen Theorie
basiert, aber auch Elemente anderer psychotherapeutischer Rich-
tungen beinhaltet. Dreikurs, der 1954 in den Vorstand der Interna-
tional Association of Individual Psychology gewählt wurde, leitete
jahrelang das 1952 gegründete Institute of Adlerian Psychology,
das spätere Alfred Adler Institute of Chicago, die bis heute größte
individualpsychologische Institution in den USA.
Ebenfalls in die Vereinigten Staaten emigrierte der Arzt und
Assistent am Physiologischen Institut der Universität Wien Rudolf
Allers, bis 1927 Mitglied des Wiener Vereins für Individualpsycho-
logie. In einem Ansuchen an das Medizinische Dekanat vom 3.
Dezember 1937 bittet Allers um einen sechsmonatigen Studienur-
laub. 10 In einem nächsten Schreiben des Vorstands des Physiolo-
gischen Instituts Arnold Durig wird erwähnt, Allers hätte eine
Berufung an die Universität von Cincinatti erhalten. Da die Ver-
handlungen aber noch im Gange seien und die Berufung daher
unsicher, wird um Verlängerung der Assistentenbestellung ange-
sucht. '' Ein halbes Jahr daraufschreibt Allers in einem Brief an den
Dekan der Medizinischen Fakultät:
»Da der Gefertigte mit Beginn des kommenden Wintersemesters die Lehr-
kanzel für Psychologie an der School of Philosophy der Catholic Univer-
sity of America übernehmen wird, bittet er [...] um Enthebung von der
Stelle eines ordentlichen Assistenten am Physiologischen Institut der Uni-
versität Wien mit dem 1. August 1938.«12
Etwa zur gleichen Zeit wird durch die Nationalsozialisten die Venia

10 Ansuchen um Studienurlaub. Wien, 3. Dezember 1937 (UA, Personal-


akt Allers).
11 Ansuchen um Assistentenbestellung von Rudolf Allers. Wien, 11. Okto-
ber 1937 (UA, Personalakt Allers).
12 Ansuchen um Enthebung von der Assistentenstelle. Washington, 29.
Juni 1938 (UA, Personalakt Allers).

2i
Legendi des Rudolf Allers an der Universität Wien aus »rassischen«
Gründen stillgelegt (Mühlberger 1993). Obwohl Rudolf Allers erst
im Jahr 1938 auswanderte, gehört er ebenso wie der 1937 emi-
grierte Rudolf Dreikurs zu den Emigranten der oben genannten
ersten Phase, die vor allem aus beruflichen Gründen beziehungs-
weise auch wegen der sich zuspitzenden politischen Lage Öster-
reich verließen.
Der Urologe Oswald Schwarz, ebenfalls bis 1927 Mitglied des
Wiener Vereins für Individualpsychologie, emigrierte zu For-
schungszwecken 1934 nach Großbritannien. 1938 wurde ihm
ebenfalls die Venia Legendi an der Medizinischen Fakultät der Uni-
versität Wien aus »rassischen« Gründen entzogen (Mühlberger
1993).
Auch die Schriftstellerin und Individualpsychologin Klara Blum
ging im Jahr 1934, zu diesem Zeitpunkt bereits Mitglied der Kom-
munistischen Partei, im Rahmen einer Studienreise in die Sowjet-
union. Zwar war ursprünglich nur ein kurzer Aufenthalt geplant,
doch konnte sich Klara Blum in Moskau schon bald als Schriftstel-
lerin etablieren. Mitte der vierziger Jahre emigrierte sie aufgrund
einer tragischen Liebesgeschichte weiter nach China.

Emigration verfolgter Sozialdemokraten nach dem


12. Februar 1934
Viele Individualpsychologinnen und Individualpsychologen waren
Anhänger der sozialdemokratischen Politik. Etliche betätigten sich
auch innerhalb der Partei. Jene, von denen mit Sicherheit festge-
stellt werden konnte, dass sie Parteimitglieder waren, sind Alfred
Adler, Klara Blum, Friederike Friedmann, Carl Furtmüller, Mar-
garethe Hilferding, Sophie Lazarsfeld, David Ernst Oppenheim,
Ernst und Helene Papanek, Edmund Schlesinger, Oskar Spiel und
Theodor Zerner. In diversen sozialistischen Vereinen engagiert und
möglicherweise Mitglieder waren Rudolf Dreikurs, Viktor Frankl,
Elly Rothwein, Emmerich Weissmann und Erwin Wexberg.
Nach dem Bürgerkrieg am 12. Februar 1934 flohen zahllose
Angehörige der Sozialdemokratischen Partei und Mitglieder des
Republikanischen Schutzbundes aus Österreich. Von den Partei-

24
mitgliedern unter den Individualpsychologen emigrierten nach
den Februarereignissen Ernst Papanek und Edmund Schlesinger.
Ernst Papanek flüchtete nach Brunn in die Tschechoslowakei,
arbeitete im dortigen Auslandsbüro der Partei, gründete eine
Jugendvertretung des Auslandsbüros und vertrat die Revolutio-
näre Sozialistische Jugend in der Sozialistischen Jugend-Internati-
onale. Auch in Paris, wohin 1938 die Auslandsvertretung transfe-
riert worden war, war Papanek weiterhin politisch aktiv, ebenso wie
der Jurist Edmund Schlesinger, der auch 1934 emigriert war und
sich außerdem innerhalb der Hilfsorganisation »Föderation des
Emigres provenant d'Autriche« im Mateotti-Komitee für österrei-
chische Emigranten engagierte.13

Verschwunden, deportiert, im Konzentrationslager


umgekommen
Der weitaus größere Teil der Individualpsychologen emigrierte nach
der Machtergreifung der Nationalsozialisten. David Ernst Oppen-
heim konnte trotz der Bemühungen seiner Töchter, die sich bereits
in Australien befanden, nicht mehr emigrieren. Er wurde 1942 mit
seiner Frau ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert,
wo er im Jahr darauf starb. Margarethe Hilferding wurde 1942 eben-
falls nach Theresienstadt gebracht. Sie starb im September 1942 im
Konzentrationslager Treblinka. Ähnliche Schicksale erlitten auch
Helene Bader und Martha Holub, die beide 1942 nach Polen depor-
tiert und später für tot erklärt wurden. Alexander Neuer starb etwa
1940 in einem framzösischen Internierungslager und auch Stepha-
nie Horovitz kam vermutlich in einem Konzentrationslager ums
Leben. Emmerich Weissmann wurde 1938 nach Buchenwald
deportiert, kam aber 1939 wieder frei, ebenso Alfred Farau, der
1938 nach Dachau deportiert worden war. Auch Viktor Frankl wurde
ins Konzentrationslager verschleppt. Als einziger Überlebender sei-
ner Familie wurde er 1945 befreit und kehrte nach Wien zurück.

13 Bericht betreffend die Zentralvereinigung österreichischer Emigranten


in Paris (Föderation des Emigres provenant d'Autriche), 3. November
1941 (DÖW, Akt 3348).

25
Wege der Emigration
Leider erlaubte die Quellenlage nur bei einigen wenigen Mitglie-
dern des Vereins für Individualpsychologie einen genaueren Nach-
vollzug ihres Emigrationsweges, was im Folgenden dargestellt wer-
den soll.
Zu den Individualpsychologinnen und Individualpsychologen,
die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigrierten,
gehörte auch der Sozialdemokrat Carl Furtmüller, der schon 1934
seines Amtes in der Wiener Schulbehörde enthoben worden war.
Zusammen mit seiner Frau, der früheren sozialdemokratischen
Gemeinderätin Aline Furtmüller, arbeitete er bis zu seiner Emigra-
tion im Juli 1939 für die illegale Opposition. Im Pariser Exil traf
Furtmüller auf Kolleginnen und Kollegen aus der Partei und auch
aus dem Individualpsychologischen Verein. Unter anderem waren
dies Ernst Papanek und Edmund Schlesinger, weiterhin die eben-
falls nach dem Anschluss emigrierte Sophie Lazarsfeld sowie Alex-
ander Neuer und Helene Papanek. Wie alle männlichen Flüchtlinge
wurde Carl Furtmüller nach Kriegsbeginn in ein Internierungsla-
ger am Stadtrand von Paris gebracht.
Nach der Kapitulation Frankreichs im Jahr 1940 wurde den
österreichischen Parteimitgliedern ermöglicht, nach Montauban,
einer Stadt in der unbesetzten Zone im Süden Frankreichs, zu
gehen. Die zu diesem Zeitpunkt bereits schwer kranke Frau Furt-
müllers bemühte sich dort unermüdlich, Hilfe für Flüchtlinge zu
organisieren (Stern 1941). Auch Sophie Lazarsfeld befand sich in
Montauban. Ihr gelang es, im April 1941 über Lissabon in die USA
zu emigrieren. Ernst und Helene Papanek waren als Direktor
beziehungsweise Ärztin des OSE-Kinderheims (Organisation
pour la sante et l'education) von Montmorency, einem Ort in der
Nähe von Paris, ebenfalls in den unbesetzten Teil Frankreichs
geflohen, wohin auch die Kinder des Heims gebracht wurden.
Dem schon in New York befindlichen Vertreter der Pariser Aus-
landsvertretung Joseph Buttinger, der zum Zweck der Rettung der
Flüchtlinge in Südfrankreich das Emergency Rescue Committee
gegründet hatte, war es gelungen, mit Hilfe Eleanor Roosevelts,
der Gattin des amerikanischen Präsidenten, Emergency Visas
außerhalb der offiziellen Quoten für die Parteikollegen zu organi-

26
sieren. Da kein amerikanisches Schiff von den Deutschen die
Erlaubnis bekam, in Bordeaux anzulegen, mussten die Flüchtlinge
versuchen, nach Lissabon zu gelangen (Buttinger u. Gardiner
1978). Auf Intervention des amerikanischen Konsuls in Marseille
erhielten die Papaneks Transitvisa für Spanien und Portugal.
Eine Ausreisebewilligung wäre nur über die neue französische, mit
den Deutschen kollaborierende Regierung in Vichy zu erhalten
gewesen. Daher plante die französische Untergrundbewegung auf
Vermittlung des ebenfalls in Marseille stationierten amerika-
nischen Repräsentanten des Emergency Rescue Committee Varian
Fry, den Fluchtweg nach Lissabon und half der Familie Papa-
nek sowie etlichen anderen sozialistischen Flüchtlingen bei der
Ausreise aus Frankreich (Papanek 1980). Sowohl das Ehepaar
Papanek mit zwei Söhnen als auch das Ehepaar Schlesinger mit
einer Tochter konnten auf diese Weise im September 1940 in die
Vereinigten Staaten einreisen. In einem Brief berichtet Joseph But-
tinger:
»Nun ist auch das Problem der Herausschaffung der Freunde aus Frank-
reich mit Erfolg in Angriff genommen worden (...) 14 mit ihren Familien
befinden sich seit 3. September unterwegs und sollen morgen in New York
eintreffen [... ] Die meisten der noch drüben lebenden Leute befinden sich
in Montauban« (Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstan-
des 1995, S. 547).

Auch Aline und Carl Furtmüller hatten ein Emergency Visum


erhalten (Achs 1997). Am 7. September 1940 gelangten die beiden
illegal über die Pyrenäen nach Spanien, wo sie inhaftiert wurden
und bis Ende November in zwei verschiedenen Gefängnissen unter
unwürdigen Umständen und ohne miteinander in Kontakt treten
zu können, verbleiben mussten. 14 Für ihre Freilassung setzten sich
neben Raissa Adler das »American Friends Service Committee«
und das »Unitarian Service Committee« ein. Aus einem Bericht
über die Verhaftung der Furtmüllers:
»They had American Visas, French Exit visas, and Spanish transit visas.
The charge was: crossing the Spanish border (from France) 'illegally', that
is, with flaws in their papers. The real reason for the arrest was that the

14 Tagebuch der Aline Furtmüller (VGA, Furtmüller Nachlass, Mappe


17).

27
Spanish authorities thought that the German Gestapo would be interested
in these refugees. They were accordingly turned over to the Gestapo in
occupied France - but the German authorities showed no interest in them
and in fact refused to accept them! [...] The Furtmüllers are about sixty
years old, both are in very poor health, and they will probably die if they
are not released soon.«15

Nach monatelangen Bemühungen gelang es schließlich Charles


Roy, dem Direktor der europäischen Abteilung des Unitarian Ser-
vice Committee in Lissabon, eine Freilassung zu erwirken:
»We have been working for month on these cases of Spanish prisoners and
have a man who does nothing eise. The whole business is very complicated
and difficult, and incidentally very costly. We have had to hire lawyers,
bribe officials, and work by various devious Channels, as we are dealing
with a very heartless and corrupt government.«16

Nach ihrer Freilassung organisierten Carl und Aline Furtmüller in


Madrid ein Transitvisum für Portugal. Am 18. Dezember 1940 ging
ihr Schiff von Lissabon in die Vereinigten Staaten. 17
Auch der Erzieherin und Individualpsychologin Elly Rothwein
beziehungsweise Eleanor Redwin, wie sie sich im Exil nennen
sollte, gelang es mit Hilfe von Rudolf Dreikurs in die USA nach
Chicago zu emigrieren. In der verzweifelten Suche nach einem Weg
aus Österreich hatte sie ihm geschrieben. Später erinnert sie sich:
»I will never forget the great relief I feit when his answer came: T will get
you an affidavit from oneofour Adlerian friends here. The beginning will
be hard for you. I have no Job myself; it is a big struggle. But come. You will
find some Job, and maybe we can Start a child guidance together.'« (Terner
u. Pew 1973, S. 166)
In Chicago arbeitete Eleanor Redwin im Bereich der individualpsy-
chologischen Erziehungsberatung und Ausbildung, leitete einen
privaten Kindergarten und war jahrelang psychologische Beraterin
am Settlement House der University of Illinois.
Leider konnten die genauen Umstände der Emigration bei den

15 Furtmüller case. Bericht, o. D. (VGA, Furtmüller Nachlass, Mappe 8).


16 Brief von Charles R. Joy and William Emerson, o. D. (VGA, Furtmüller
Nachlass, Mappe 8).
17 Tagebuch der Aline Furtmüller (VGA, Furtmüller Nachlass, Mappe
17).

28
meisten Individualpsychologinnen und Individualpsychologen
nicht herausgefunden werden. Das vorliegende Material lässt
jedenfalls den Schluss zu, dass viele Hilfsmaßnahmen unter Indi-
vidualpsychologen mangels einer international vernetzteren Orga-
nisation mehr auf private Einzelinitiativen zurückzuführen waren
(Terner u. Pew 1973). Wo immer dies möglich war, wurde jedoch
gegenseitige Hilfestellung geleistet. Bessere Möglichkeiten hatten
jene Individualpsychologen, die als Mitglieder der sozialdemokra-
tischen Auslandvertretung auf eine wesentlich besser vernetzte
Struktur zurückgreifen konnten.

Die New Yorker Individualpsychologische


Vereinigung
Der überwiegende Teil der emigrierten Individualpsychologen ließ
sich in New York nieder, wo bereits ein individualpsychologischer
Verein existierte. Über die Organisationsstruktur des New Yorker
Vereins für Individualpsychologie standen leider keine Unterlagen
zur Verfügung, jedoch ergibt sich aus verschiedenen Berichten
in den diversen amerikanischen individualpsychologischen Zeit-
schriften 18 folgendes Bild: 1937 wurde die Individual Psychology
Society of New York, die spätere Individual Psychology Association
of New York, ins Leben gerufen. Diese Vereinigung, geleitet von
einem President und Executive Committee, einem Exekutivaus-
schuss, diente der Organisation von Vorträgen, Seminaren und
Kursen. 1950 wurde zum Zweck der Ausbildung von Individual-

18 Nachdem das 1935 von Alfred Adler gegründete International Journal


of Individual Psychology (1JIP) im Jahr 1937 eingestellt worden war,
initiierte Rudolf Dreikurs 1940 die Herausgabe der Zeitschrift Indivi-
dual Psychology News (IPN), die 1942 in Individual Psychology Bulle-
tin (IPB) umbenannt wurde. Von 1953 bis 1956 erschien die Zeitschrift
unter dem Namen American Journal of Individual Psychology (AJIP).
Als 1957 Heinz Ansbacher die Herausgeberschaft übernahm, änderte
man den Titel auf Journal of Individual Psychology (JIP).
Eine weitere individualpsychologische Zeitschrift, der Individual Psy-
chologist (IP), wurde von 1963 bis 1972 von Nahum E. Shoobs heraus-
gegeben.

29
psychologinnen und Individualpsychologen das Alfred Adler Ins-
titute for Individual Psychology gegründet. Geleitet wurde diese
Einrichtung von einem Executive Director and Dean, also einem
Verwaltungsdirektor, der gleichzeitig auch als Dekan für die Belange
der Ausbildungskandidaten zuständig war. Sitzungen wurden mit
dem Administrative Board, einem Verwaltungsausschuss, abgehal-
ten. Gleichzeitig wurde als zweite Einrichtung das Alfred Adler
Consultation Center errichtet, ein Beratungszentrum, das einige
Jahre nach seiner Gründung im Jahr 1950 in eine Mental Hygiene
Clinic umgewandelt wurde, wo mit offizieller Genehmigung auch
die Betreuung schwerer psychiatrischer Fälle möglich war. Geleitet
wurde diese Beratungseinrichtung einerseits von einem für die
Verwaltung zuständigen Executive Director, und andererseits von
einem ärztlichen Leiter, dem Medical Director. Der Vorstand setzte
sich aus dem Executive Board und einem President zusammen. In
diesem Beratungszentrum, das als »low cost Community Service«
für Leute mit geringem Einkommen gedacht war, arbeiteten eine
Reihe von Psychologen, Sozialarbeitern und Beratern. Heute gibt
es in New York nur noch das Alfred Adler Institute, wo sowohl
Ausbildung als auch Beratungstätigkeiten stattfinden.
Gesamtamerikanische Dachorganisation individualpsycholo-
gischer Vereinigungen war die 1952 gegründete American Society
of Adlerian Psychology, ASAP, heute NASAP, North American
Society of Adlerian Psychology. Auf internationaler Ebene wurde
im Jahr 1954 die International Association of Individual Psycho-
logy ins Leben gerufen.

Leben, Schicksal und weiterer beruflicher Werdegang


im Exil
Zusammen mit amerikanischen Adler-Schülern engagierten sich
etliche Wiener Individualpsychologinnen und Individualpsycho-
logen im New Yorker Verein, der im Lauf der Jahre immer mehr
ausgebaut wurde. Aus dieser Tatsache und aus verschiedenen Brie-
fen geht hervor, dass viele der Emigranten im Exil nach wie vor in
Kontakt miteinander standen. Rudolf Dreikurs gab im Jahr 1940
die Zeitschrift »Individual Psychology News« heraus, die im Jahr

30
darauf in »Individual Psychology Bulletin« umbenannt wurde und
die in erster Linie dazu gedacht war: »to collect and disseminate
news about the dispersed European Adlerians and their activities«
(Dreikurs 1967, S. 154).Von einem Aufenthalt in New York schreibt
Lydia Sicher, die in Los Angeles zusammen mit Paul Brodsky eine
individualpsychologische Vereinigung aufgebaut hatte, an Oskar
Spiel etwa um 1950: »In N.Y. tut sich viel mehr in der Ip. als bei uns,
was mich nicht wundert, wo doch viele von den alten Leuten hier
sind und daher mehr Zusammenarbeit möglich war. Ich freu mich
so über Ihre Erfolge, wie ich es Ihnen gar nicht sagen kann.« 19 Dazu
aus einem Brief von Mia Glazer, der Tochter von Danica und Leon-
hard Deutsch: »It was quite natural to associate with former col-
leagues and for most it was a continuation of their former profes-
sional life.«20
Nach dem Tod ihres Vaters im Jahr 1937 übernahm Alexandra
Adler viele seiner Funktionen. Sie war langjährige Präsidentin der
Individual Psychology Association of New York, Präsidentin der
Internationalen Vereinigung für Individualpsychologie und ärzt-
liche Leiterin der 1954 entstandenen Mental Hygiene Clinic. Elfi
Hartenstein, die Alexandra Adler Anfang der neunziger Jahre inter-
viewte, schreibt über deren Erfahrung im Exil:
»Aber ein Gefühl der Fremdheit ist, weil man sie in Boston gut aufgenom-
men hat, trotzdem nicht aufgekommen. >Außerdem hatte man auch viel
zu viel zu tun, um intensive Beziehungen zu pflegen< [... ] Fühlt sie sich als
Amerikanerin, die sie ja vom Pass her ist? Nicht. Österreicherin also nach
wie vor? Nein ganz bestimmt auch nicht. >Ich denke über solche Fragen
eigentlich nicht nach<« (Hartenstein 1991, S. 44 f.).
In geringem Ausmaß beteiligte sich auch Raissa Adler an den Akti-
vitäten des New Yorker individualpsychologischen Vereins. Auch
die oben bereits erwähnte Sophie Lazarsfeld war im Rahmen der
Individual Psychology Association tätig, deren Vizepräsidentin sie
eine Zeit lang war.
Nach ihrer Ankunft in New York fand Helene Papanek zunächst
eine Stellung als Krankenschwester. Nachdem sie 1943 die ärztliche
Zulassung erhalten hatte, konnte sie ihrer ursprünglichen Ausbil-

19 Brief von Lydia Sicher an Oskar Spiel. 19. Juni, o. J. (AAI).


20 Brief von Mia Glazer an Clara Kenner, 27. November 1999.

31
düng als Psychiaterin wieder nachgehen. Im Exil widmete sie sich
in zunehmendem Maß der Individualpsychologie. 1952 wurde sie
Direktorin des Alfred Adler Institutes in New York, leitete in spä-
teren Jahren die Abteilung für Gruppenpsychotherapie der Mental
Hygiene Clinic und war eine Zeit lang Präsidentin der American
Society of Adlerian Psychology. Zusammen mit ihrem Mann Ernst
Papanek, der im Exil Pädagogik studierte, zuerst als Sozialarbeiter,
dann als Lehrer unter anderem an der New School for Social
Research und später auch als Direktor einer Schule für jugendliche
Delinquenten tätig war, kümmerte sie sich im Rahmen des Associ-
ated Austrian Relief um Hilfslieferungen in das Nachkriegsöster-
reich. Der Gründungsversammlung dieser Hilfsorganisation im
Oktober 1945 gehörte neben Ernst Papanek auch Carl Furtmüller
an (Papanek 1945). Helene und Ernst Papanek sowie auch Alfred
Weissmann, der Bruder des Individualpsychologen Emmerich
Weissmann, traten 1948 aus der Organisation aus, da sie mit der
finanziellen Gebarung unzufrieden waren. Carl Furtmüller war zu
diesem Zeitpunkt bereits wieder in Österreich.
Ernst Papanek engagierte sich in verschiedensten Hilfswerken
wie dem Kinderhilfswerk des Unitarian Service Committee in Bos-
ton, der »Training School and Home for Young Girls« und der
»American Youth for World Youth«, einer Organisation, die Hilfe
für Kinder im Nachkriegseuropa organisierte. Als unermüdlicher
Sozialdemokrat war er Mitglied der »American Socialist Party and
League of Industrial Democracy«, Vorstandsmitglied der »Ameri-
can Socialist Party«, die er später bei der Sozialistischen Interna-
tionale vertrat, und neben Friedrich Adler und vier weiteren Mit-
gliedern der Pariser Auslandsvertretung Gründungsmitglied des
»Austrian Labor Committee« sowie Mitarbeiter der von dieser
Organisation herausgegebenen deutschsprachigen Zeitschrift »Aus-
trian Labor Information«. Das Austrian Labor Committee, die ein-
zige Nachfolgeorganisation einer österreichischen Partei im Exil,
die in den USA rechtlich anerkannt wurde, trat gegen die Tätig-
keiten der monarchistischen Exilgruppierungen auf, setzte sich für
die Selbstbestimmung Österreichs ein, wobei wichtige Entschei-
dungen den österreichischen Genossen vorbehalten bleiben sollten
(Schwarz 1998). Ebenso wie Carl Furtmüller arbeitete auch Papanek
in einem eigenen Ausschuss des »Austrian Labor Committee« für

32
die Konzepterstellung des künftigen Ausbildungswesens in Öster-
reich mit. Die Aufgabe der Organisation als Exilvertretung der
österreichischen Sozialdemokraten wurde im September 1945 für
beendet erklärt und gleichzeitig die Gründung der »American
Friends of Austrian Labor« beschlossen (Dokumentationsarchiv
des Österreichischen Widerstandes 1995, Band 2). Papanek war
Mitglied und später Vorsitzender dieser Vereinigung, deren Zweck
ebenfalls die Organisierung von Hilfslieferungen an Österreich
war.21
Auch Ernst Papanek war im Exil als Individualpsychologe in
Beratung und Ausbildung tätig und engagierte sich ab 1946 als
stellvertretender Leiter der Individual Psychology Association of
New York.
Bei ihrer Ankunft in den Vereinigten Staaten war Aline Furtmül-
ler bereits so krank, dass sie in einem Spital untergebracht werden
musste. Sowohl die Flüchtlingsorganisationen »National Refugee
Service« in New York wie auch das »American Friends Service
Committee« in Philadelphia sorgten für das Ehepaar und setzten
sich für Carl Furtmüller ein, der anfänglich in einer Kleiderfabrik
in Philadelphia gearbeitet hatte, schließlich aber eine entspre-
chendere Stelle als Lateinlehrer an einer Quäkerschule in Baltimore
bekam. Die Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens im Exil lassen
sich anhand folgender Zeilen illustrieren:
»In my talk with Dr. Furtmüller I found him very reasonable and willing
to face the need of becoming self-supporting at the earliest possible
moment although it is hard for him to picture himself in anything but the
educational field. He said that he would be willing to accept anything that
might be available but questioned his acceptability to an employer in view
of his lack of qualification in other fields. As far as actual physical work is
concerned, he believes that he would be able to undertake such work if it
does not involve a great deal of Standing.«22

21 Brief der Friends of Austrian Labor an das Associated Austrian Relief.


New York, 8. März 1948 (DÖW, Akt 11145a).
22 Brief von Kathleen Hambly Hanstein an Max Rutzick, National Refugee
Service, New York, 4. März 1942 (VGA, Furtmüller Nachlass, Mappe
8).

33
Weiterhin wird noch erwähnt, dass Furtmüllers etwas langsames
Englisch eine Einschränkung darstelle, andererseits seine psycho-
logischen Fähigkeiten ein großer Vorteil für eine Anstellung im
erzieherischen Bereich seien.
Eine zum Teil sehr berührende, aus Übungszwecken englische
Korrespondenz entspann sich zwischen Carl Furtmüller und Aline
Furtmüller, die in einem Spital in New York untergebracht war. In
optimistischem Ton berichten die beiden einander über ihre Situ-
ation, deren Tragik sich nur erahnen lässt. Die Briefe geben aller-
dings auch Aufschluss über die intensiven Kontakte der emigri-
erten Individualpsychologen in New York: »In the evening I had
two appointments: the Friends' Centre had invited to a 'Reception
for New Americans' and the Indiv. Ps. held their first meeting in
this season.« 23 Carl Furtmüller berichtet an anderer Stelle über
Einladungen und Treffen mit Raissa Adler, der Familie Papanek,
Familie Schlesinger und Sophie Lazarsfeld.24 Namen weiterer Indi-
vidualpsychologen und auch Sozialdemokraten finden sich im
Adressbuch Aline Furtmüllers: M. [Muriel] Gardiner, Edgar Zilsel,
Otto Leichter, Else Pappenheim, Alice Friedmann, M. [Marie]
Jahoda, Ali Adler, Regine Seidler, Lydia Sicher und Erwin Wex-
berg. 25 Ende Dezember 1941 starb Aline Furtmüller.
Carl Furtmüller arbeitete später als Übersetzer für die deutsch-
sprachigen Sendungen der »Voice of America« in New York. Nach
Beendigung des Krieges wollte er sofort nach Österreich zurück-
kehren, bekam aber erst 1947 die Einreisebewilligung.
Der Jurist Edmund Schlesinger engagierte sich ebenfalls im Ver-
ein für Individualpsychologie, wo er Vorträge hielt und eine Zeit
lang Mitglied des Executive Committee der New Yorker Gruppe
war. Außerdem unterrichtete er an der Cornell University in New
York und war ab 1946 Professor of Modern Languages am Louis-
ville University College in Louisville, Kentucky. Mit den individu-

23 Carl Furtmüller an Aline Furtmüller, 20. September 1941 (VGA, Furt-


müller Nachlass, Mappe 8).
24 Carl Furtmüller an Aline Furtmüller, 26. März 1941. 12. September
1941. 13. September 1941. 16. September 1941 (VGA, Furtmüller
Nachlass, Mappe 8).
25 Aline Furtmüllers Adressbuch (VGA, Furtmüller Nachlass, Mappe
19).

34
alpsychologischen Kollegen stand Schlesinger in freundschaftlicher
Verbindung. 1947 schreibt er an Danica Deutsch:
»Zu Weihnachten hoffen wir auf etwa eine Woche nach New York zu kom-
men. Wir schreiben Ihnen noch vorher detailliert die genaue Zeit. Wir
haben beschlossen, in kein Theater zu gehen, um mehr von den Freunden
zu haben und wollen schon einen Besuchsplan ausarbeiten, damit wir
möglichst viel plaudern können. Aber warten Sie nicht bis dahin, von sich
etwas hören zu lassen. Ich möchte gern wissen, wie es der näheren und
weiteren Familie geht.«26

Das Ehepaar Danica und Leonhard Deutsch war im Jahr 1938


emigriert. Nach einem anfänglichen Aufenthalt in Florida kamen
sie etwa 1941 nach New York. Vor allem Danica Deutsch engagierte
sich intensiv im Verein. Sie baute 1948 das Alfred Adler Consulta-
tion Center auf, eine Beratungsstelle für wenig begüterte Leute, das
1954 in eine Mental Hygiene Clinic, also ein medizinisches Zen-
trum mit Kompetenzen auf dem Gebiet der Psychiatrie, umgewan-
delt wurde. Sie bekleidete verschiedene Funktionen im Verein,
engagierte sich in Beratung und Ausbildung und publizierte in der
Vereinszeitschrift. »She became a very known figure in the world
of Individual Psychology. She lectured, wrote articles, published
essays with Dr. Kurt Adler, was frequently interviewed, also on tele-
vision.« 27 In New York lebte auch Leonhard Deutschs Schwester
Lilly Wexberg, die zu diesem Zeitpunkt bereits geschiedene Frau
von Erwin Wexberg. Durch diese verwandtschaftliche Verbindung
ergaben sich, wie Mia Glazer schreibt, Kontakte sowohl mit ihren
Cousins und Cousinen aus erster als auch aus zweiter Ehe von
Erwin Wexberg. Erwähnenswert ist auch, dass Mia Glazer mit der
ebenfalls in die USA emigrierten Soziologin Ruth Pucket, der
Tochter des Individualpsychologen Alexander Neuer, bis zu deren
Tod im Jahr 1998 befreundet war.
Leonhard Deutsch war im Exil weiterhin als Musiker aktiv, ver-
fasste Arrangements von Musikstücken und publizierte seine Kla-
vierpädagogik und ein Buch über Volkslieder. Er beteiligte sich nur

26 Brief von Edmund Schlesinger an Danica Deutsch, 11. November 1947


(AAI).
27 Brief von Edmund Schlesinger an Danica Deutsch, 11. November 1947
(AAI).

35
in geringem Ausmaß im Individualpsychologischen Verein in New
York.28
Der Schriftsteller Alfred Farau wurde 1938 nach Dachau depor-
tiert, konnte aber nach seiner Freilassung im Jahr 1939 mit seiner
Frau in die Vereinigten Staaten auswandern. Da sie in Italien erst
auf ein Einreisevisum warten mussten, gelangten Alfred und Sylvia
Farau erst im Mai 1940 nach New York. Ohne jegliche finanzielle
Mittel waren sie auf Hilfsorganisationen angewiesen beziehungs-
weise verdienten sich mit Hilfsarbeiten ihren Lebensunterhalt. Von
Depressionen und Selbstzweifel gequält arbeitete Farau als
Geschirrwäscher und polierte Patronenhülsen in einer Munitions-
fabrik. Die Kontaktaufnahme mit den New Yorker Individualpsy-
chologen, zu der ihn Ruth Cohn ermutigte, eröffnete ihm neue
Perspektiven. Schon bald engagierte er sich in Beratung und Aus-
bildung, wurde später Associate Dean und Director of Psychology
des Alfred Adler Institutes und betrieb auch eine eigene Praxis als
Psychotherapeut (Farau u. Cohn 1984). Neben der Publikation von
Artikeln in verschiedenen Fachzeitschriften war er weiterhin als
Schriftsteller tätig. Wie sein am Anfang des Kapitels erwähntes
Zitat zeigt, konnte er sich mit seinem Schicksal als Exilierter nie
abfinden. Er hatte Eltern und etliche Verwandte im Holocaust ver-
loren. Nach dem Krieg reiste er dennoch öfters nach Österreich,
schloss hier auch noch sein Philosophiestudium ab und stand in
Verbindung mit dem Wiener Stadtrat Viktor Matejka 29 sowie mit
den individualpsychologischen Kollegen. Nach einem Aufenthalt
in Österreich schreibt Alfred Farau an Oskar Spiel:
»Es war wirklich schön, mit den alten Leuten aus der >Pionierzeit< beisam-
men zu sein. An Nowotny schreib ich, Frau Dir. Friedmanns Adresse hab
ich nicht, aber Sie sehen doch alle und es waren aJJe so nett, dass ich Sie
bitte, alle von mir herzlichst grüßen zu lassen [...] Danica hab ich frisch
und aktiv wie immer angetroffen. Sie hat sich schrecklich über Ihre Grüße
gefreut [...] An sonstigen Nachrichten aus dem Adler-Kreis wird Sie inter-
essieren, dass Raissa Adler ihren 80. Geburtstag feierte.«30

28 Brief von Mia Glazer an Clara Kenner, 22. Oktober 1999.


29 Brief von Alfred Farau an Viktor Matejka. 19. Oktober 1946(DÖW,Akt
18861/35).
30 Brief von Alfred Farau an Oskar Spiel. 2. Februar 1954 (AAI).

36
Wie Rudolf Allers und Oswald Schwarz verlor auch der Otologe
und Sprachforscher Emil Fröscheis 1938 seine Venia Legendi
(Mühlberger 1993). Der Begründer der Logopädie konnte seine
erfolgreiche Berufslaufbahn als Sprachspezialist in den USA zuerst
in Washington und später in New York fortsetzen. Als Individual-
psychologe wurde er 1950 Dekan des New Yorker Alfred Adler Ins-
titutes. An der Mental Hygiene Clinic engagierte er sich als Sprach-
therapeut und leitete ab 1958 eine eigene Abteilung für Sprach- und
Stimmtherapie.
Die Ärztin Lindenfeld-Lachs emigrierte mit ihrem Mann Bela
Lindenfeld 1939 über Großbritannien nach Vancouver in Kanada,
wo sie anfänglich als Psychologin im Relief Department eine Stelle
fand. Nach ihrer Zulassung als Ärztin arbeitete sie als Psychiaterin
in Spitälern in Winnipeg, in Brandon, im Department for Public
Health der Provinz Manitoba und später in Vancouver. Sie stand
ebenfalls in Verbindung mit ihren individualpychologischen Kol-
legen in den Vereinigten Staaten. Wie aus einem Bericht im Indivi-
dual Psychology Bulletin, in dem sie sich über den Mangel an psy-
chologischer Ausbildung ihrer Kollegen in Kanada beklagt,
hervorgeht, fühlte sie sich der Adler'schen Idee verpflichtet:
»Again the absence of any acknowledgement of a psychological approach
showed me how important our work is and how we, who were so privi-
leged to have had personal contact with Alfred Adler, have a mission to
fulfill. I tried to train the doctors who worked with me - once their interest
was aroused - and to break through their entirely somatic and mechanis-
tic or casual point of view [...] What I am planning now is to have an
Individual Psychology center in the out-patient department of our general
hospital, something like our setup in Vienna, Sandwirtgasse, giving some
students the opportunity to get aquainted with our ways [... ] All I know
is that it is my life work to carry on Alfred Adler's work to the best of my
ability, deeply convinced that the propagation and understanding of his
work is essential for a healthier and happier world.« (IPB 2/4, 1942,
S.8f.)
Weitere 1938er-Emigranten, die in New York lebten und sich im
Rahmen der Individual Psychology Association engagierten, waren
Olga Oller, die sowohl als Allgemeinmedizinerin als auch als Psych-
iaterin in eigener Praxis arbeitete und Luna Reich, die ebenfalls in
ihrer eigenen Praxis als Beraterin tätig war. Elvira Kaufmann war
im Exil in leitender Position zweier Kinderbetreuungseinrich-

37
tungen und betrieb als Psychotherapeutin eine private Praxis. Die
zuerst nach England emigrierte Alice Friedmann arbeitete im Exil
als klinische Psychologin und stand ebenso wie die Ärztin Hilde
Krampflitschek beziehungsweise Kramer, wie sie sich später nannte,
mit dem New Yorker individualpsychologischen Verein in Kon-
takt.
Der Jurist und Individualpsychologe Edmund Schletter emi-
grierte 1940 in die Vereinigten Staaten. In New York ließ er sich
zum klinischen Psychologen ausbilden, studierte später noch in
Chicago und auch in North Dakota. Als Psychologe arbeitete er in
einem Spital in Jamestown in North Dakota und betrieb eine eigene
Praxis. Kurze Zeit engagierte er sich auch von 1958 bis 1959 in der
Alfred Adler Mental Hygiene Clinic in New York.
Die Ärztin Lydia Sicher emigrierte 1938 über England, wo sie
wegen einer schweren Verletzung fast ein Jahr verbringen musste,
in die USA. 1939 arbeitete sie als Consulting Psychologist in Salt
Lake City und in Ogden im Staat Utah, unterrichtete an der School
for Social Work an der University of Utah und am Agricultural
College in Logan. In Salt Lake City initiierte sie eine individualpsy-
chologische Gruppe. 1941 zog sie nach Los Angeles, wo sie in ver-
schiedenen Spitälern und Hilfseinrichtungen als Psychiaterin arbei-
tete.
Der Lehrer Paul Brodsky emigrierte etwa 1939 in die USA, wo
er zuerst in St. Louis seinen Lebensunterhalt als Billeteur für die
dortige Musikgesellschaft und mit Nachhilfeunterricht verdiente.
Daneben studierte er an der School of Social Work of Washington
University, um sich zum Sozialarbeiter ausbilden zu lassen. Nach
seiner Übersiedlung nach Los Angeles arbeitete er etwa von 1944
bis 1948 mit seiner Frau Grete und Lydia Sicher im »Child House«,
einem Kindergarten und Tagesheim. Leider gibt es keine Aufzeich-
nungen darüber und es bleibt Spekulationen überlassen, ob das
Zusammentreffen von Lydia Sicher und Paul Brodsky in Los Ange-
les von vorne herein beabsichtigt oder zufällig war. Jedoch spricht
einiges für erstere Variante.
Lydia Sicher und Paul Brodsky gründeten 1948 das Institute for
Individual Psychology in Los Angeles. Später folgte eine Erziehungs-
beratungsstelle, das Alfred Adler Counseling Center. Im Jahr 1949
wurde die Alfred Adler Society of Los Angeles eingerichtet, die in

38
erster Linie zur Ausbildung von Individualpsychologen gedacht
war. Auch Rudolf Dreikurs hielt immer wieder Vorträge an dieser
Institution. Ein Kindergarten, den das Ehepaar Brodsky ins Leben
rief, basierte ebenfalls auf individualpsychologischen Ideen. Als
Kinderpsychologe und Psychotherapeut arbeitete Paul Brodsky
auch an verschiedenen anderen Einrichtungen. Lydia Sicher war
zwei Jahre Präsidentin der American Society of Adlerian Psychology,
Paul Brodsky wurde 1968 Vizepräsident dieser Dachorganisation.
Die Lehrerin Regine Seidler emigrierte 1939 mit Hilfe von
Freunden aus dem Adler Kreis in die USA (Dreikurs 1967). Sie
studierte an der Universität in Rochester, New York, und arbeitete
als Erzieherin und Lehrerin zuerst in Rochester und später in
Auburn. Nebenbei studierte sie weiter an der Universität von Syra-
cuse. 1947 ging sie nach Des Moines in Iowa, wo sie als Psychologin
an einer Erziehungsberatungsstelle arbeitete.
Aus einem Brief Regine Seidlers an Oskar Spiel spricht die ganze
Misere von Emigration und Exil:
»Meine Mutter ist aus Theresienstadt nicht zurückgekehrt, mein Bruder
der Arzt, ist auch umgekommen. Wir wissen, dass er im September 44
noch in Auschwitz war (Konzentrationslager), nach 5 Jahren voll unbe-
schreiblichen Schrecken und Foltern in Belgien, Frankreich (in Lagern,
Bergwerken,Steinbrüchen) und deutschen Konzentrationslagern [...] Ich
war eine begeisterte Wienerin - in meinem >ersten< Leben - und begeistert
für meinen Beruf und ich glaubte an meine Arbeit. Meine Lebensarbeit
war nicht nur völlig zerstört über Nacht, ich persönlich und meine nächs-
ten Freunde waren über Nacht auch >zerstört< worden, wenn man so sagen
darf [... ] Ich sah bald, dass man in Amerika nicht auf mich gewartet hatte,
dass ich zu alt war, und war ziemlich unglücklich und mutlos.«

Mit einem Kredit zahlte sie die Kosten der Emigration zurück, fi-
nanzierte sich ihr Studium, indem sie alle möglichen Jobs annahm,
und ließ die Tochter ihres verstorbenen Bruders auf eigene Kosten
studieren. Über ihre Haltung zur Individualpsychologie schreibt
sie:
»Den Glauben an die LP. habe ich nicht verloren, - selbstverständlich! Nur
dass ich glaube, wir können - noch nicht - Ind. Psych. >leben<. Wenn wir
das könnten - dann gäbe es ja die tödlichen Probleme unserer Zeit nicht
[... ] Ich möchte noch bemerken, dass ich in Auburn seit Jahren LP. unter-
richte und mich bemühe, sie in unserem Kindergarten anzuwenden.«

39
Weiterhin erwähnt sie noch, dass sie mit Paul Brodsky im Brief-
wechsel stehe und zeigt sich informiert über Rudolf Dreikurs und
auch die New Yorker Individualpsychologen wie Alexandra Adler,
Sophie Lazarsfeld, Danica Deutsch, Leonhard Deutsch, Edmund
Schlesinger und Olga Oller. Auch Asja Kadis (auch »Asya Kadis«
oder »Kaddis« geschrieben) wird genannt, eine Russin, die kurze
Zeit in Wien Adlers Vorlesungen besuchte, ebenfalls nach New York
emigrierte und sich im dortigen individualpsychologischen Verein
engagierte. 31
Die Schriftstellerin Gina Kaus emigrierte 1938 mit ihrer Familie
in die USA, wo sie sich in Los Angeles niederließ und sich in Hol-
lywood als Drehbuchautorin etablieren konnte. Im ersten Heft des
Individual Psychology Bulletin des Jahres 1943 wird sie als Mitglied
des Beirates angeführt.
Maria Rosler-Gitter und Alice Lehndorff-Stauber werden im
Individual Psychology Bulletin (1/1 1940 und 2/4 1942) als in New
York lebend erwähnt. Näheres ist allerdings nicht bekannt, eben-
so wenig wie über die ebenfalls in die USA emigrierte Helene
Weyr.
Wenig bekannt ist auch über die nach England Emigrierten. Die
1934 aufgrund ihrer Aktivitäten als Mitglied der Sozialdemokra-
tischen Partei zwangspensionierte Friederike Friedmann emi-
grierte 1939 mit Hilfe von Freunden nach England, wo sie in Lon-
don eine Stelle als Lehrerin fand und mit der Auslandsvertretung
der österreichischen Sozialisten in Kontakt stand. 32 Nach dem
Krieg kehrte sie nach Österreich zurück.
Emmerich Weissmann emigrierte nach seiner Freilassung aus
dem Konzentrationslager Buchenwald, wohin er 1938 deportiert
worden war, ebenfalls nach London. Paul Rom, ein Individualpsy-
chologe aus Dresden, der später nach London emigrierte, erinnert
sich:
»I remember our meetings in Paris here, before the war, we were living as
refugees, like Sophie Lazarsfeld, Manes Sperber, and the late Alexander
Neuer and Oliver Brachfeld. One evening he invited me to his home to

31 Brief von Regine Seidler an Oskar Spiel, o. D. (AAI).


32 Akt Sozialistischer Freiheitkämpfer: Brief des Büros der österreichischen
Sozialisten in London, 22. Juli 1942 (DÖW: Akt 17859/116/230).

40
meet a Viennese Adlerian who had just been released from Nazi concen-
tration camp and was on his way to London: Dr. Emerich Weissmann, now
member of our Editorial Committee« (Rom 1969, S. 36).

Weissmann war in London langjähriger Obmann des »Austrian


Labour Club«, einer Auslandsorganisation österreichischer Sozia-
listen, wo verschiedene soziale und kulturelle Aktivitäten, Vorträge
und Diskussionen für österreichische Emigranten abgehalten wur-
den. 33 Es gelang Weissmann sich in England als Psychiater nieder-
zulassen. Er gründete die »Adlerian Society«, deren Vorsitz er jah-
relang innehatte und war Mitherausgeber der 1950 von Paul Rom
gegründeten Zeitschrift Individual Psychology Newsletter (IPNL),
die später das Organ der 1954 eingerichteten »International Asso-
ciation of Individual Psychology« wurde (Zeitungsartikel 1984).
Erwähnenswert ist, dass sein Bruder Alfred Weissmann in die USA
emigrierte, wo er ebenso wie Carl Furtmüller als auch Ernst und
Helene Papanek im Rahmen der »Friends of Austrian Labor« Hilfe
für österreichische Sozialisten organisierte. 34
Auch der Sozialdemokrat Theodor Zerner emigrierte 1939 nach
Großbritannien, wo er einige Jahre Mitglied des »London Bureau
of the Austrian Socialists in Great Britain« war. 1942 trat er aus
dieser Organsation aus, wurde Mitglied der den Kommunisten
näher stehenden »League of Austrian Socialists«, die der Dachor-
ganisation »Free Austrian Movement«, FAM, angeschlossen war.
Das FAM war eine der größten österreichischen Exilorganisati-
onen, die kommunistische und auch konservativ-legitimistische
Untergruppen vereinigte und im Unterschied zu anderen sozialis-
tischen Exilorganisationen, welche die Idee eines Gesamtdeutschen
Staates nach dem Krieg weiterhin propagierten, für ein unabhän-
giges Österreich eintrat. 35 Theodor Zerner kehrte nach dem Krieg
wieder nach Österreich zurück.
Ebenso wie Felix Grünberger emigrierte auch Arthur Zanker
nach Shanghai, ging aber später nach London. Er wurde Psychiater

33 Aktennotiz. (VGA, Akt Emmerich Weissmann, Lade 24/Mappe 48).


34 Brief von Alfred Weissmann an Paul Brodsky. New York, 29. Dezember
1948 (DÖW, Akt 11146).
35 League of Austrian Socialists in Great Britain. List of the Members of
the Executive Committee. (DÖW, Akt 11630).

41
und war außerdem auch als Schriftsteller tätig. 1942 erschienen
Gedichte von ihm in der Lyriksammlung »Zwischen gestern und
morgen«, herausgegeben von den Exilorganisationen »Austrian
Centre« und »Young Austria«, und im April 1946 im Heft »Öster-
reichische Schriftsteller im Exil« der »Kulturellen Schriftenreihe
des FAM« (DÖW 1992, S. 400 f., S. 417).
Keine näheren Informationen konnten über folgende ebenfalls
nach Großbritannien emigrierten Individualpsychologinnen und
Individualpsychologen herausgefunden werden: Stephanie Felsen-
burg, Franz Plewa, Leopold Stein sowie Agnes und Ladislaus
Zilahi.
Ebenso wie Ilka Wilheim emigrierte auch Else Freistadt Herzka
1938 in die Schweiz. Ständig in finanziellen Nöten und auf Unter-
stützung durch Freunde und Bekannte angewiesen, wartete die
Familie über zehn Jahre lang auf die definitive Niederlassungsbe-
willigung in der Schweiz und musste während dieser Zeit ständig
mit Ausweisung rechnen. Eine Berufung nach London des medizi-
nischen Leiters des Institute of Child Psychology Ethel Dukes,
konnte Else Freistadt Herzka nicht annehmen, da ihr Mann und
Sohn keine Einreisegenehmigung nach Großbritannien bekamen.
Sie suchte in der Folge Kontakt zur Jung'schen Psychologie,
befreundete sich mit der Individualpsychologin Ines Spring, arbei-
tete als Psychologin in der Beratung, schrieb wissenschaftliche
Artikel und hielt Kurse an verschiedenen Volkshochschulen.
Der Psychiater Zoltan Wisinger ging schon 1933 aus Studien-
zwecken nach Italien, später nach Frankreich, von wo er 1940 nach
dem Einmarsch der deutschen Truppen nach Paraguay flüchtete.
Er fand dort Arbeit als Psychotherapeut, ging aber 1942 als
»Government Medical Officer« nach Antigua, wo er ab 1958 eine
Psychiatrische Klinik leitete. Zoltan Wisinger war weiterhin Mit-
glied sowohl der Britischen als auch der New Yorker Individualpsy-
chologischen Vereinigung.
Der Schriftsteller Manes Sperber flüchtete schon 1933 nach der
Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland aus Ber-
lin nach Frankreich, wo er in Paris als Verlagslektor arbeitete und
in einer Wochenzeitschrift der nichtkommunistischen deutschen
Opposition publizierte. Von 1939 bis 1941 war er als Kriegsfreiwil-
liger in der französischen Armee, zog sich nach der Kapitulation

42
Frankreichs an die Cöte d'Azur zurück, musste 1942 abermals,
diesmal in die Schweiz, flüchten. Von 1945 bis 1948 arbeitete er als
Beauftragter der französischen Regierung für den Wiederaufbau
von Presse, Rundfunk und Verlagswesen in den besetzten Gebieten
Deutschlands und Österreichs. Danach war er Lektor und später
Direktor der Abteilung für deutschsprachige Literatur bei Cal-
mann-Levy. Wie aus einem Brief von Paul Rom, einem ursprüng-
lich aus Dresden stammenden Individualpsychologen, hervorgeht,
hatte Sperber nach dem Krieg Kontakt mit dem Pariser Verein für
Individualpsychologie: »Wenn Adler auch in Unfrieden von ihm
[Sperber] ging, so ist er doch im Grunde noch immer ein wert-
voller Träger seines Gedankengutes und hat, wie Sie wissen, die
Pariser Gruppe tatkräftig mit Vorträgen gefördert.«36
Auffällig ist, dass es allen Psychiatern und Psychologen unter
den individualpsychologischen Emigranten in den USA gelang,
weiterhin in ihrem Beruf zu arbeiten. Auch etliche ursprünglich
aus anderen Berufssparten kommende Individualpsychologen
wandten sich diesem Beruf zu. Olga Oller stieg von ihrem ursprüng-
lichen Fach auf Psychiatrie um, Erwin O. Krausz studierte im Exil
Medizin und wurde Psychiater. Paul Brodsky, Alice Friedmann,
Regine Seidler, Luna Reich, Elly Rothwein, Elvira Kaufmann und
Edmund Schletter, die abgesehen von ihrem Engagement als Indi-
vidualpsychologen in Österreich anderen beruflichen Tätigkeiten
nachgegangen waren, arbeiteten im Exil ebenfalls als Psychologen
oder Psychotherapeuten. Das lag vor allem daran, dass die Psych-
iatrie in den Vereinigten Staaten in den späten 1930er Jahren ein
vernachlässigtes Fach war und psychiatrische Einrichtungen sich
in einem beklagenswerten Zustand befanden. Viel zu wenige Ärzte
waren für viel zu viele Patienten zuständig, die in der Folge ohne
besondere Behandlung dahinvegetierten (Peters 1998). In einem
Bericht schreibt der aus Wien stammende, in die USA emigrierte
Arzt Wilhelm Gründorfer: »Für österreichische Ärzte gab es im
Allgemeinen zwei Möglichkeiten, eine bezahlte Anstellung zu
bekommen. Und zwar entweder in psychiatrischen Krankenhäu-
sern, in den sogenannten >Schlangengruben<, oder in Tuberkulose-
abteilungen« (DÖW 1992 Bd. 1,S. 526 f.). Obwohl in diesen Fällen

36 Brief von Paul Rom an Karl Nowotny, 21. Juli 1951 (AAI).

43
meist das Krankenhaus vorerst die Verantwortung für die auslän-
dischen Ärzte übernahm, blieb die Prüfung für die offizielle ärzt-
liche Zulassung den Ärzten zu einem späteren Zeitpunkt dennoch
nicht erspart.

Individualpsychologie in Wien während der NS-Zeit

In Wien bildete sich während der nationalsozialistischen Ära um


den Psychoanalytiker August Aichhorn eine Arbeitsgruppe der in
Österreich verbliebenen Psychoanalytiker und Individualpsycho-
logen. Der Arzt und Individualpsychologe Matthias Göring, ein
Cousin Hermann Görings, leitete seit 1939 das »Deutsche Reichs-
institut für psychologische Forschung und Psychotherapie« und
hatte den Psychiater Heinrich von Kogerer mit der Leitung eines
Wiener Arbeitskreises beauftragt. Dieser war aber an einer Zusam-
menarbeit mit Nichtmedizinern nicht interessiert und wurde
außerdem zum Militärdienst einberufen. Die offiziell dem Deut-
schen Reichsinstitut unterstellte Gruppe konnte sich jedoch relativ
unbehelligt zu fachlichen Diskussionsrunden in privatem Kreis
treffen, wobei die Vertreter der verschiedenen Richtungen in kons-
truktiver Weise zusammenarbeiteten. Der Psychoanalytiker und
langjährige Vorsitzende des Wiener Psychoanalytischen Vereins,
Leupold-Löwenthal (1982, S. 48) schreibt dazu Folgendes: »Indivi-
dualpsychologen und Psychoanalytiker haben in der Zeit des Nati-
onalsozialismus in Wien in demokratischer Form und über alle
historischen Ereignisse und Bitterkeiten hinweg gemeinsam einen
Angriff auf die Tiefenpsychologie und Psychoanalyse abzuwehren
versucht!« Als Psychiater konnte Karl Nowotny dem Psychoanaly-
tiker August Aichhorn sowie seinen individualpsychologischen
Kollegen, die als sogenannte »behandelnde Psychologen« um prak-
tizieren zu dürfen die Zusammenarbeit mit einem Arzt benötigten,
Patienten seiner Praxis zuweisen und ihnen auf diese Weise thera-
peutische Arbeit ermöglichen.
Außerdem fand ab 1942 in Nowotnys Wohnung ein illegaler
individualpsychologischer Arbeitskreis statt. Erst nach Kriegsende
konnte der Verein für Individualpsychologie wieder neu aufgebaut
werden.

44
Kontakte zwischen Daheimgebliebenen und
Exilierten
In dieser Zeit entspann sich ein reger Briefwechsel zwischen den in
Wien verbliebenen Adlerianern Oskar Spiel, Ferdinand Birnbaum,
Karl Nowotny und den Emigranten Lydia Sicher, Paul Brodsky,
Alfred Farau, Rudolf Dreikurs, Danica und Leonhard Deutsch und
wie bereits erwähnt Regine Seidler. In einem Nachruf auf Ferdin-
and Birnbaum bemerkt Lydia Sicher:
»And when the letters again were crossing the ocean between Europe and
America, he wrote me that the last Christmas card I had sent him after my
departure from Austria had all these years had a place under his Christmas
tree as a hope for the future and a symbol of the indestructibility of friend-
ship« (Sicher 1947, S. 156).
Die Beziehung zwischen Lydia Sicher und Oskar Spiel war nicht
ohne anfängliche Schwierigkeiten. Wie aus einem der ersten Briefe
Spiels hervorgeht, hatte Lydia Sicher ihm unterstellt, mit den Nati-
onalsozialisten kollaboriert zu haben, wogegen er sich sehr verletzt
wehrt und verteidigt:
»Ich war weder Parteigenosse noch Anwärter, noch sonst freiwillig bei
irgendeiner der Parteiorganisationen. Ich bin - wie Birnbaum - Lehrer
geblieben und erst heuer - vom sozialistischen Stadtschulrat ernannt zum
Leiter der Versuchsschule aufgerückt, so wie Birnbaum jetzt zum Professor
für Psychologie an der Lehrerbildungsanstalt ernannt worden ist. Was
anderes ist also Ihre Bemerkung: >wie kommt es, dass Leute trotz oder
wegen des Naziregimes was erreicht haben< - als eine neuerliche Verdäch-
tigung oder besser gesagt: Beleidigung! [...] Warum glauben Sie, hat man
mich, was Birnbaum ebenfalls weiß, unter Polizeiaufsicht gestellt? Hat
Telefongespräche unterbrochen? [...] Wer imstande war, mich für einen
Nazi zu halten, der wird all dem, was ich da schreibe, auch keinen Glauben
schenken, selbst wenn es ihm Zeugen bestätigen [... ] Denn sehen Sie Frau
Doktor, aus Ihnen spricht affektive Besetzung, die ich verstehen kann aus
all dem unendlichen Leid, das Ihnen widerfahren ist, und wenn ich nun in
meinem gekränkten Stolz neben Ihren unvorstellbaren Schmerz halte,
dann bin ich nahe daran, diesen Brief nicht abzuschicken. Wenn ich es
trotzdem tue, dann nur dann, weil über allem die Wahrheit steht.«37

37 Brief von Oskar Spiel an Lydia Sicher, 13. Oktober 1946 (AAI).

45
Ähnliches schreibt auch Karl Nowotny:

»Frau Dr. Sicher hat mir zwar eine Medikamentensendung für die Anstalt
[Maria-Theresien-Schlössl] geschickt, ansonsten schreibt sie an mich gar
nicht, weil sie mich aus unerklärlichen Gründen für einen Anhänger des
Gott sei Dank vergangenen Regimes hält.«38

Anhand dieser Textstellen zeigen sich sehr symptomatisch die


Wunden, die Kriegs- und Emigrationsjahre geschlagen hatten und
das von den Ereignissen belastete Verhältnis zwischen Exilierten
und Daheimgebliebenen.
In der Folge entwickelte sich eine sehr freundschaftliche Bezie-
hung zwischen Spiel und Sicher, wobei Letztere im Laufe von Jah-
ren zahllose Care-Pakete und andere Versorgungssendungen vor
allem an die Familie Spiel, aber auch an andere Individualpsycho-
logen in Österreich schickte, die im Nachkriegsösterreich Mangel
an den grundlegendsten Lebensmitteln litten.
»Sie überschütten mich mit Dingen, die wir als aus dem Märchenland
kommend betrachten müssen. Zucker! Schokolade! Reis! Unvorstellbare
Sachen! Sie schreiben, sie wüssten, wie das ist, wenn man nur mehr ans
Essen denken kann.«39 Und an anderer Stelle: »Ich danke Ihnen, liebe
Lydia, für alles, denn es geht wirklich schon auf keine Kuhhaut mehr.
Rauch ich - Zigaretten und Feuerzeug und Steine von Sicher; trink ich
Frühstück - Kaffee und Milch und Butter von Sicher; eß ich zu Mittag -
Suppe, Corned, Reis, Pudding von Sicher; zur Jause Kuchen - von Sicher;
zündet meine Frau das Gas an - der Anzünder von Sicher; wäscht sie
Geschirr ab - die Kupferwaschln von Sicher; geht sie ins Theater - das
Kleid von Sicher; schreib ich auf der Maschine - Papier, Farbband von
Sicher; putz ich mir die Schuh - die Bürste von Sicher; und so weiter und
so weiter und ich kann in meiner Wohnung schon bald in die Hand neh-
men, was ich will, es stammt von Sicher.«40

Aus einem Brief von Lydia Sicher:

»Ich Trottel hab gar nicht daran gedacht, wie ich den Tabak kaufte, dass
das Pfeifentabak sein könnte. Und wenn ich wieder in L.A. bin, werde ich
meinen Fehler korrigieren und diesmal aufpassen. So ein blöder Trampel.

38 Brief von Karl Nowotny an Rudolf Dreikurs, 4. November 1947


(AAI).
39 Brief von Oskar Spiel an Lydia Sicher, 23. März 1947 (AAI).
40 Brief von Oskar Spiel an Lydia Sicher, 4. Juli 1948 (AAI).

46
Und Kaffee wird Ihnen extra zukommen. Ich muss doch auf die paar Leute
schauen, die wirklich die Ip. auf die Beine bringen werden.«41
Aber auch Leonhard Deutsch, Paul Brodsky, Rudolf Dreikurs und
Elly Rothwein schickten Pakete mit notwendigen Dingen an die
Individualpsychologen in Österreich. Die Briefe der in Österreich
Gebliebenen sprechen aber nicht nur von der trostlosen ökono-
mischen Lage, sondern verdeutlichen auch den Hunger nach geis-
tigem Austausch mit den Emigrierten und nach Weiterentwicklung
der durch den Weggang fast aller Mitglieder daniederliegenden
Individualpsychologie (Müller 1999). Aus einem Brief von Birn-
baum an Dreikurs:
»Herr Dozent Nowotny hat uns gestern anläßlich einer Ausschuß-Sitzung
zur Vorbereitung der Adlerfeier von Ihnen berichtet, von Ihrem glän-
zenden Erfolg, von der Ehre, die Sie für uns drüben errungen haben. Denn
eines ist uns auch gewiss: die Zeit des Krieges war auch drüben der Ips
nicht günstig. Inter armas silent musae. Da wird nur die Wehrpsychologie
beachtet. Nun ist auch ein zweites gewiss: Sie sind drüben nicht so derartig
ausgehungert wie wir. Aber auch sonst ist die Situation eine andere. Sie
können sich ja die Zeit nach 1918 bei uns noch ganz gut vorstellen: damals
lebte alles auf und gab sich überschwänglichen Hoffnungen hin. Dies ist
jetzt nicht so [...] Sie werden gewiss verstehen, lieber Professor, dass wir
vor allem Sorge tragen, aus der Isolation in wissenschaftlichen Dingen
herauszukommen, zu erfahren, was an Neuem geschehen ist, welche neuen
Probleme aufgetaucht sind. Deswegen sind wir Ihnen für die Zusendung
des Bulletins so sehr dankbar« (Müller 1999, S. 9f.).

Im Jahr 1947 wurde unter der Herausgeberschaft von Alexandra


Adler die Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie wie-
der belebt, die aber wegen mangelnden Zuspruchs 1951 wieder
eingestellt werden musste. Die Spannungen und Frustration, die
zwischen den Wienern und Emigranten aus diesem Grunde ent-
standen, lassen sich durch folgende Textstellen illustrieren:
»Es ist nicht zu machen und wir müssen aufgeben. Und wenn man dann
das Bulletin vom Dreikurs kriegt und alle, alle findet - Dreikurs, Oller,
Deutsch, Krampflitschek, Seidler, Rothwein, e tutti quanti, dann drückt
einen das schon. Da können sie schreiben und uns lassen sie glatt verhun-
gern und schicken nicht eine Zeile.«42 Aus einem weiteren Brief: »Im tota-

41 Brief von Lydia Sicher an Oskar Spiel, 19. Juni, o. J. (AAI).


42 Brief von Oskar Spiel an Lydia Sicher, 3. April 1949 (AAI).

47
len Uninteresse der Herausgeberin, Ali [Alexandra Adler], die wahrhaftig
nichts getan hat, das Werk ihres Vaters zu unterstützen. Es kann mir nie-
mand sagen, dass sie, die Herausgeberin, in den U.S.A., wo doch alle
deutsch sprechenden alten Idipsy sitzen, nicht mehr als 7 Abonnenten
zusammenbringen hätte können. Aber sie hat ja auch nicht einen Artikel
geschrieben, nämlich einen Originalartikel, nicht bereits Abgedrucktes,
und hat keinerlei Kontakt mit uns gesucht.«43

Das Netzwerk der Individualpsychologen

Als die ersten 1938er-Emigranten in den Vereinigten Staaten anka-


men, waren Adlers Nachfolger durch seinen plötzlichen Tod im
Mai 1937 quasi verwaist und ohne seine Führung einer zusätz-
lichen Haltlosigkeit ausgesetzt. Dies mag aber auf der anderen Seite
die Notwendigkeit einer systematischen Zusammenarbeit der
emigrierten Individualpsychologen gefördert haben. Festzustellen
ist jedenfalls, dass viele der durch die Emigration zerstreuten Adle-
rianer im Exil ihr individualpsychologisches Engagement wieder-
aufnahmen und in freundschaftlichem Kontakt mit Kolleginnen
und Kollegen standen. Einerseits bot dies die Möglichkeit, die
berufliche und private Situation fortführen zu können, anderer-
seits wurde durch die Exilerfahrung sicherlich eine gewisse Solida-
rität unter den individualpsychologischen Emigranten geförder-
ten. Ein Zusammenhalt wurde aber auch durch die gemeinsame
geistige Ausrichtung, das gemeinsame Bemühen um den Aufbau
der Individualpsychologie und vielleicht auch durch das von Adler
so nachdrücklich geforderte Gemeinschaftsgefühl hergestellt. Der
äußere Druck durch die in den Vereinigten Staaten weiter verbrei-
tete und bereits etablierte Psychoanalyse, mag einen zusätzlichen
einigenden Effekt gehabt haben.
Ein weiterer Schritt der Annäherung der durch Emigration und
Krieg zerstreuten Individualpsychologen wurde im Jahr 1954 durch
die Schaffung einer Internationalen Vereinigung gemacht. Joshua
Bierer, ehemals Berliner Individualpsychologe, schreibt schon im
Jahr 1948 über diese Idee an Oskar Spiel:

43 Brief von Oskar Spiel an Lydia Sicher, 28. Juni 1951 (AAI).

48
»You may have heard from other sources that we have restarted the Adle-
rian Society of Great Britain [... ] I had the opportunity during the Sum-
mer of meeting members of LP. Groups from nearly all over the world:
Lydia Sicher from Los Angeles, Miss Louise Herst from Chicago, Sophie
Lazarsfeld and Kaddis from New York, Alexander Muller from Holland
and the Paris Group, and we all feit the necessity of forming another inter-
national Organisation.«44

Individualpsychologie in den USA bis heute

Als die Psychoanalyse Anfang des 20. Jahrhunderts ihren Weg nach
Amerika fand, befanden sich die Fächer Psychologie und Psychia-
trie in den USA in einer Phase der Neudefinition. Erst etwa hun-
dert Jahre zuvor hatte der französische Arzt Philippe Pinel durch
seine bahnbrechenden humanitären und wissenschaftlichen Refor-
men die Irrenanstalten, vorher Asyle geistig Kranker, die hier
zusammen mit anderen Randfiguren der Gesellschaft unter men-
schenverachtenden Bedingungen weggesperrt worden waren und
dahinvegetieren mussten, zu menschenwürdigeren Institutionen
gemacht und an ein neues Verständnis für psychisch Kranke appel-
liert, die dringend medizinische Hilfe benötigten (Vie u. Baruk
1992). Anfang des 19. Jahrhunderts war die Psychiatrie schließlich
zu einer offiziellen medizinischen Fachrichtung geworden. Den-
noch gab es lange Zeit keine adäquaten Behandlungsmöglichkeiten
für psychisch Kranke. Die Ursachen für psychische Erkrankungen
suchte man in organischen Defekten oder pathophysiologischen
Vorgängen im Körper; persönlichen Lebensgeschichten, sozialen
Umständen und der emotionalen Gegebenheit des Einzelnen
schenkte man wenig Aufmerksamkeit. Die amerikanische Psycho-
logie war Anfang des 20. Jahrhunderts von Watsons Behaviorismus
Modell geprägt, das menschliches Verhalten auf mechanistische
Weise interpretierte, wodurch sich schon bald eine streng an Natur-
wissenschaften ausgerichtete Psychologie durchsetzte, die sich auf
empirisch beobachtbares und physikalisch messbares Verhalten
beschränkte.
Freuds Lehre, die Auffassung der psychogenen Ätiologie von

44 Brief von Joshua Bierer an Oskar Spiel, 7. Dezember 1948 (AAI).

49
geistigen Erkrankungen, seine Einbeziehung des Unbewussten und
den daraus folgenden neuen Einsichten in die Triebdynamik sowie
seine Theorie über die Entstehung von Neurosen und die Methode
der Analyse durch freie Assoziation, war neben dem Mental Hygiene
Movement, einer Organisation von Fachleuten und Laien, die sich
um eine Verbesserung der Zustände in psychiatrischen Anstalten
bemühten, einer der wesentlichen Faktoren, der sowohl Psychiatrie
als auch Psychologie revolutionierte und neue Möglichkeiten der
Forschung und Behandlung auch außerhalb psychiatrischer Ein-
richtungen eröffnete (Terner 1978). Als Sigmund Freud im Jahr
1909 auf Einladung des Rektors der Clark University in Wocester,
Massachusetts, Stanley Hall, zu einer Vortragsreise in die USA fuhr,
erntete er einen überwältigenden Erfolg. Es war ebenjener Stanley
Hall, der sich schon bald auch für Adlers Neurosenkonzept inter-
essierte und versuchte ihn nach Amerika zu bringen, was jedoch
durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges verhindert wurde.
Zwei von Adlers Schriften wurden aber bereits 1917 in den Verei-
nigten Staaten publiziert.
Als Alfred Adler schließlich Ende der 1920er Jahre seine Tätig-
keit mehr und mehr in die USA verlegte, war die Psychoanalyse
schon in weiten Gebieten der Medizin rezipiert worden. Einfluss-
reiche Ärzte wie etwa A. A. Brill in New York, Adolf Meyer in Bal-
timore, William Alanson White in Washington und James J. Put-
nam in Boston vertraten die psychoanalytische Lehre (Terner
1978).
Im Gegensatz zu dem sehr strukturierten Theoriengebäude der
Psychoanalyse waren Alfred Adlers Theorien oft unklar oder miss-
verständlich, ohne systematische Terminologie formuliert und für
wissenschaftliche Zwecke nicht so gut geeignet. Überdies galt Adler
unter den bereits etablierten Psychoanalytikern als Dissident. Bis in
die vierziger Jahren war es daher im wissenschaftlichen Bereich
nicht ratsam und gegen die offizielle Lehrmeinung, sich als Adler-
Schüler zu bekennen: »Dreikurs never forgot the advice he received
that night. He was firmly warned not to declare himself an Adle-
rian. To do so was to risk furture hospital appointments and pro-
fessional viability« (Terner 1978, S. 125).
Janet Terner sieht in dieser Vorrangstellung der Psychoanalyse
in maßgebenden intellektuellen Kreisen und der sich daraus erge-

50
benden Konkurrenzhaltung zur Adler'sehen Lehre die Ursache für
die wesentlich geringere Rezeption der Individualpsychologie, die
ja in hohem Maß dem »predominant American spirit of optimism,
pragmatism, and the basic belief in man's ability to shape his own
destiny« entsprach (Terner 1978, S. 114). Jedoch waren Adlers
Errungenschaften im pädagogischen und im Fürsorgebereich, die
in Wien auf breiter sozialer Basis in Erziehungsberatungsstellen,
Schulversuchen und Ambulatorien durchgeführt wurden, sehr
wohl auch in den USA anerkannt. Amerikaner waren sogar nach
Europa gekommen, um sich mit Adlers Ideen auseinanderzuset-
zen. Daher wurden diese in den Vereinigten Staaten vor allem im
Erziehungsbereich mit großem Interesse aufgenommen. In den
Jahren von 1927 bis zu seinem Tod im Jahr 1937 reiste Adler in den
USA unermüdlich von einer Stadt zur nächsten, um seine Lehre zu
verbreiten und Erziehungsberatungsstellen aufzubauen. Mitte der
1930er Jahre gab es immerhin drei offizielle individualpsycholo-
gische Vereine in Chicago, New York und Milwaukee sowie etliche
Child Guidance Clinics. Dennoch war der Erfolg der Individual-
psychologie lange nicht so groß wie jener der Psychoanalyse. Als
die beiden Schulen in Wien durch die Nationalsozialisten aufgelöst
wurden, trafen viele der in die USA geflüchteten Schüler Freuds auf
eine breite Unterstützung einflussreicher Zirkeln der amerika-
nischen Gesellschaft, während die emigrierten Individualpsycho-
logen in wesentlich geringerem Maß auf vorhandene Strukturen
zurückgreifen konnten.
Adlers Konzept von Minderwertigkeitsgefühlen und Kompen-
sationsstreben wurde in den Vereinigten Staaten auf einer breiten
Ebene rezipiert (Peters 1992).JanetTerner(1978,S. 125) stellt dazu
fest:
»Ironically, it was the very ease with which Adler's ideas filtered into
modern thought that kept their creator from being credited for his disco-
veries in the social turmoil of the 1930s. As Adler's ideas became populär,
others freely borrowed his themes and turned them to their own purposes
[... ] The 'inferiority complex' and the notion of the 'will of power' were
especially plucked from Adler's psychological System and became the basis
of numerous 'success' manuals and do-it-yourself psychology books that
flooded the market.«

51
Der im Allgemeinen optimistischeren und realitätsbezogeneren
Haltung der Amerikaner begegnete Adler jedoch mit einer Ver-
kürzung und Vereinfachung seiner Lehre. Anstelle des Augenmerks
auf Defiziten und Minderwertigkeitsgefühlen setzte er nun den
Schwerpunkt auf Wachstum und Vollkommenheitsstreben. Auf
Kosten eines sorgfältigen analytisch-therapeutischen Zugangs ließ
Adler einen vordergründigen Pragmatismus zu. Dies führte sowohl
bei der Individualpsychologie als auch bei der Psychoanalyse zu
einer Verflachung der Theorie (Handlbauer 1989). In den politisch
und sozioökonomisch schwierigen Zeiten fand der Gemeinschafts-
gedanke eine Überbetonung, Adlers »Psychologie wurde system-
konform, konservativ und moralisch«, wobei er »den Schwerpunkt
seiner Appelle an Ethik und Verantwortlichkeit an die wachsende
Zahl der Aus- und Absteiger« richtete (Handlbauer 1989, S. 113).
Sowohl die New Yorker Gruppe als auch Rudolf Dreikurs in
Chicago sahen sich mit einer extremen Opposition durch Psycho-
analytiker konfrontiert.
»For years after he left Michael Reese, Dreikurs tasted the biting sting of
retaliation at the hands of the Freudians. With their esteemed position in
the Community, they used every opportunity to discredit Dreikurs, to dis-
courage others from having any dealings with him, and to prevent his
access to funds and programs in the Chicago area« (Terner 1978, S. 169).
In New York existierte schon seit 1911 eine Psychoanalytic Society.
1931 wurde das Psychoanalytic Institute gegründet. Im selben Jahr
entstand auch in Chicago eine Psychoanalytic Society. Etliche Psy-
choanalytiker aus Europa waren hier tätig, wie etwa, um nur einige
wenige zu nennen, Sandor Radö, Heinz Hartmann und Edith
Jacobsen in New York; Karen Horney und Hanns Sachs in Chicago
(Peters 1992). Psychoanalytische Konzepte dominierten zu dieser
Zeit die meisten psychotherapeutischen Einrichtungen, die vor
allem Personen aus der Mittelschicht ansprachen und an den
Bedürfnissen minderbegüterter Leute eher vorbeigingen. Der indi-
vidualpsychologische Zugang, der sich in nur wenigen und eher
pragmatischen Therapiesitzungen auf die Interaktion in Familie
und sozialem Umfeld konzentrierte, hatte anfänglich mit großen
Widerständen aus dem professionellen Kollegenkreis zu rechnen.
Aufgrund des großen Drucks musste auch Erwin Wexberg seine in
New Orleans gestartete Erziehungsberatungsstelle wieder aufge-

52
ben. Trotz dieser Schwierigkeiten entstanden unter der Leitung der
emigrierten Individualpsychologen schon bald sowohl in New
York als auch in Chicago und später in Los Angeles individual-
psychologische Vereinigungen, Erziehungsberatungsstellen und
Ambulatorien.
1952 wurde die Dachorganisation American Society of Adlerian
Psychology gegründet (ASAP), die später in North American So-
ciety of Adlerian Psychology (NASAP) umbenannt wurde und wel-
che die Lehre und Verbreitung der Individualpsychologie zum Ziel
hatte. Im gleichen Jahr entstand unter dem Namen Institute of
Adlerian Psychology das spätere Alfred Adler Institute of Chicago,
das heute die größte individualpsychologische Einrichtung in den
USA ist. Die Ausbildung ist seit 1975 ähnlich einem Studium orga-
nisiert; um zugelassen zu werden, benötigt man das Baccalaureate
Degree. Abschließen kann man als Doctor of Psychology oder als
Master of Arts, wobei man sich als Master in verschiedenen Fächern
wie etwa Marriage and Family Counseling, Substance Abuse Coun-
seling oder Gerontological Psychology spezialisieren kann. Lehr-
analyse und Selbsterfahrung sind nicht vorgesehen, allerdings ein
Praktikum an einer sozialen Einrichtung. Dem Institut angeschlos-
sen ist auch ein Psychological Service Center, wo gegen geringes
Honorar Therapien und Beratungen angeboten werden und das
unter anderem auch dem Zweck der Ausbildung von Psychothera-
peuten dient. 1963 wurde das ICASSI, International Committee for
Adlerian Summer Schools ins Leben gerufen, das jährlich eine
Tagung im Sommer abhält, immer wieder auch in Europa (Alfred
Adler Institute of Chicago 1990). Rudolf Dreikurs zahllose Vor-
tragsreisen trugen wesentlich zur weiteren Verbreitung der Indivi-
dualpsychologie in den Vereinigten Staaten, in Europa, Südamerika
und Israel bei. Auch etliche seiner Schüler gründeten individual-
psychologische Zentren und Beratungsstellen in anderen amerika-
nischen Städten.
Das New Yorker Institut war ganz wesentlich von den Wiener
Emigranten getragen worden und scheint mit dem Aussterben die-
ser Generation an Bedeutung sehr stark eingebüßt zu haben. Dies
war zumindest mein Eindruck bei meinem Aufenthalt in New
York.
Das Institute of Individual Psychology und die Alfred Adler

53
Society in Los Angeles existieren seit dem Jahr 1990 nicht mehr.
Eine Adlerian Psychology Association gibt es aber in Vancouver, die
vermutlich auf die Initiative Elda Lindenfeld-Lachs' zurückgeht.
Die ebenfalls von Emigranten aufgebaute Organisation »Adlerian
Society and Institute for Individual Psychology« in London ist
auch nach wie vor aktiv.
Abgesehen von diesen von Emigranten aufgebauten und getra-
genen Einrichtungen, gibt es weitere Adler-Zentren in Kanada,
Israel, Japan und vielen europäischen Staaten. Die Bedeutung und
Größe der individualpsychologischen Organisation kommt aber
bei weitem nicht an jene der Psychoanalyse heran.

Individualpsychologie in Österreich nach Ende des


Zweiten Weltkrieges
Die Wiener Gruppe wurde schon 1946 wieder offiziell ins Leben
gerufen. Neben den alten Mitgliedern Ferdinand Birnbaum, Oskar
Spiel, Karl Nowotny und der zurückgekehrten Friederike Fried-
mann sammelten sich noch weitere Mitglieder. 1947 kehrte auch
Carl Furtmüller nach Wien zurück und beteiligte sich wieder an
den Aktivitäten des Vereins. In Wien entwickelte sich in den nächs-
ten Jahren eine intensive Tätigkeit, es entstanden wieder Erzie-
hungsberatungsstellen, an verschiedenen Volkshochschulen und
am Pädagogischen Institut der Stadt Wien wurden Kurse und
Seminare gehalten. Für kurze Zeit gab es sogar wieder eine indivi-
dualpsychologische Versuchsschule in der Schweglergasse im 15.
Bezirk und in der Zeit von 1947 bis 1951 erschienen fünf Jahrgänge
der IZIP (Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie).
Jedoch sollte erst 1976 unter dem Titel »Zeitschrift für Individual-
psychologie« wiederum eine zuerst halb-, später vierteljährliche
Schrift erscheinen. Das Ausmaß, das der Individualpsychologische
Verein in der Zwischenkriegszeit hatte, konnte jedoch nicht annä-
hernd erreicht werden. Durch die Versäumnisse der österrei-
chischen Regierung, die Exilierten nach 1945 offiziell zurückzuho-
len, wurde die schwierige Situation zusätzlich verschärft.
Die aus den USA kommende Individualpsychologie, vor allem
Dreikurs'scher Prägung, die den pragmatisch-pädagogischen An-

54
satz der Adler'schen Ideen hervorhebt und vor allem in Form von
Beratung und Kurztherapien Anwendung findet, wurde auch in
Österreich und Deutschland teilweise rezipiert. Adlers Schriften
wurden erst wieder ab den späten sechziger Jahren im deutschspra-
chigen Raum neu aufgelegt.
Die Bedeutung der Individualpsychologie der Zwischenkriegs-
zeit als einer auf breiter Basis im sozialen und Fürsorgebereich
angesiedelten Bewegung, die im Zuge der austrofaschistischen und
nationalsozialistischen Politik mehr und mehr zurückgedrängt
worden war, wurde auch nach dem Krieg, einerseits durch die per-
sonellen Veränderungen, andererseits durch die veränderten sozio-
ökonomischen und politischen Verhältnisse, nie wieder erreicht.
Heute gehört die Individualpsychologie zu den seit 1990 durch ein
eigenes Gesetz geregelten und offiziell anerkannten Psychothera-
pierichtungen in Österreich.

55
Biographien

ALEXANDRA ADLER

Alexandra Adler wurde am 24. August 1901 als Tochter Alfred


Adlers und der Russin Raissa Timofejewna Epstein in Wien gebo-
ren. Ihr Vater übte großen Einfluss auf sie aus und schon früh stand
für sie fest, dass sie Ärztin werden wollte (Adler 1973). Sie studierte
Medizin an der Universität Wien, wo sie 1926 promovierte. Wäh-
rend des Studiums famulierte sie einige Monate im Moabiter Kran-
kenhaus in Berlin und arbeitete an der Medizinischen Abteilung
des Universitätskrankenhauses in Wien. Interessiert an einer Fach-
ausbildung in den Fächern Neurologie und Psychiatrie, ging Alex-
andra Adler nach ihrer Promotion für einige Monate nach Paris an
das Psychiatrische Krankenhaus Sainte Anne, wo sie unter Profes-
sor Henri Claude arbeitete. Obwohl ihr eine feste Stelle angeboten
wurde, entschied sie sich, nach Wien zurückzukehren. Für kurze
Zeit hatte sie eine Stelle an der Psychiatrischen Frauenabteilung der
Wiener Universitätsklinik inne, die von dem Psychoanalytiker Paul
Schilder geleitet wurde. Auf Wunsch Julius von Wagner-Jaureggs,
des Vorstands der Psychiatrisch-Neurologischen Klinik, wurde sie
bald darauf als Assistenzärztin an die Neurologische Abteilung ver-
setzt. Wagner-Jauregg, der den modernen psychologischen Schu-
len skeptisch gegenüberstand, hatte im Jahr 1915 das Habilitati-
onsansuchen von Alfred Adler abgelehnt und dadurch eine
Dozentur verhindert. Das Verhältnis von Alexandra Adler zu Wag-
ner-Jauregg war daher von vorne herein gespannt. Zudem über-
ging er ihre Bewerbung, als sie an der Reihe gewesen wäre, eine
reguläre akademische Anstellung zu erhalten.
Wagner-Jauregg hatte die Malariaimpfung als Behandlungsme-
thode bei progressiver Paralyse eingeführt, wofür er 1927 den
Nobelpreis erhielt. Zu diesem Fachgebiet wurde auch an seiner
Abteilung geforscht. Alexandra Adler befasste sich daher in ihrer

57
wissenschaftlichen Arbeit an der Neurologischen Abteilung mit
Methoden der Prognose bei progressiver Paralyse mit und ohne
Malariabehandlung. Unter dem Nachfolger Wagner-Jaureggs, Otto
Pötzl, arbeitete sie über die Psychologie der Unfallanfälligkeit sowie
die Lokalisierung verschiedener Funktionen des Zentralnervensys-
tems.
1935 erhielt Alexandra Adler von Tracy J. Putnam, dem Leiter
der Neurologischen Abteilung der Harvard Medical School, eine
Einladung. In Anbetracht der immer unsicherer werdenden poli-
tischen Situation in Österreich folgte sie dieser Einladung und
übersiedelte im Frühjahr 1935 nach Boston. An der Medizinischen
Fakultät in Harvard gab es zu diesem Zeitpunkt kaum Frauen, und
Frauen erhielten auch keine Anstellung im regulären Ärztestab.
Alexandra Adler war daher Research Fellow in einem Forscher-
team, bekam jedoch kurz darauf als erste Frau eine Stelle im Visi-
tationsstab des Boston City Hospitals. Im Jahr 1938 wurde sie
Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie.
1944 bis 1946 hatte sie einen Posten als Assistant Visiting Pro-
fessor für Neuropsychiatrie an der Duke University Medical School
in Durham in North Carolina, wo sie Vorlesungen hielt und Unter-
suchungen durchführte. Außerdem war sie weiterhin als Psychia-
terin in Harvard tätig und unterhielt eine Privatpraxis. 1946 sie-
delte Alexandra Adler nach New York. Hier arbeitete sie an der
Abteilung für Neuropsychiatrie an der New Yorker Universität, wo
sie 1969 Füll Professor wurde. Gleichzeitig war sie auch am Belle-
vue Hospital tätig sowie 1946 bis 1956 als Associate Visiting Physi-
cian am Goldwater Memorial Hospital und 1946 bis 1955 als
Adjunct Psychiatrist am Mt. Sinai Hospital. Einmal in der Woche
betreute sie Frauen im New York City Department of Correction,
wodurch sie mit tiefgreifenden sozialen, ökonomischen und per-
sönlichen Problemen wie elenden Lebensverhältnissen, Rausch-
giftsucht, Prostitution und Rassentrennung in Berührung kam, die
sonst kaum den Weg in die Praxis von Psychotherapeuten finden.
Als Alfred Adler im Mai 1937 überraschend auf einer Vortrags-
reise starb, setzte Alexandra Adler die Reise für ihn fort und hielt
Vorträge über Individualpsychologie. Ab diesem Zeitpunkt wurde
die Organisation der verschiedenen individualpsychologischen
Gruppen immer mehr zur ihrer Lebensaufgabe. Im Jahr 1954

58
wurde das Alfred Adler Consultation Center in New York in eine
Mental Hygiene Clinic umgewandelt und Alexandra Adler zur
ärztlichen Leiterin ernannt. Zu diesem Zeitpunkt waren dort außer
ihr noch weitere acht Psychiater tätig - darunter auch ihr Bruder
Kurt Adler -, die für ein geringes Honorar Patienten betreuten.
Ebenfalls im Jahr 1954 wurde Alexandra Adler in Zürich zur Prä-
sidentin der International Association for Individualpsychology
gewählt, eine Position, die sie bis 1963 innehatte. Sie war von 1946
bis 1981 Präsidentin der Individual Psychology Association of New
York und von 1952 bis 1953 Präsidentin der American Society of
Adlerian Psychology. Alexandra Adler engagierte sich viele Jahre
lang auch in der Ausbildung von Psychotherapeutinnen und Psy-
chotherapeuten. Besonders wichtig war es ihr, neue Methoden aus-
zuprobieren und in Therapiekonzepte miteinzubeziehen. Peters
(1992) ist der Ansicht, die Bedeutung Alexandra Adlers für die
Individualpsychologie lasse sich mit der Anna Freuds für die Psy-
choanalyse vergleichen: Beide waren die Töchter der Gründer von
Therapierichtungen, beide waren wichtige Integrationsfiguren im
Exil, die zur Weiterführung und Verbreitung der jeweiligen Thera-
pieformen wesentlich beitrugen.
1959 heiratete Alexandra Adler den Sprachwissenschaftler und
ehemaligen Dean des Williams Colleges in Massachusetts Halfdan
Gregersen.
Alexandra Adlers wissenschaftliche Arbeit ist umfassend und
weit gestreut. Die Themen reichen von der Behandlung von Schi-
zophrenie, Neurosen und Persönlichkeitsstörungen, den Einsatz
von Psychopharmaka, Alkoholismus bis zu jugendlicher Straffäl-
ligkeit. Oft genannt wird ihre Arbeit über posttraumatische Stress-
verarbeitung, die im Zuge ihrer Betreuung von Überlebenden des
Feuers im Coconut Grove Nightclub in Boston 1942 entstand, bei
dem fast 500 Menschen ums Leben kamen. Bekannt sind auch ihre
Arbeiten über Gehirnverletzungen, besonders über den Verlust der
Lesefähigkeit nach Gehirnläsionen. Mit dem Harvard-Neurochir-
urgen Tracy Jackson Putnam führte sie eine Post-mortem-Unter-
suchung am Gehirn einer an multipler Sklerose erkrankten Frau
durch, in welcher neurologische Ursachen dieser Erkrankung er-
klärt werden. Resultate dieser Arbeit werden bis heute in der Fach-
literatur zitiert.

59
Ihr umfassendstes Werk zur Individualpsychologie mit dem Titel
»Guiding Human Misfits« erschien erstmals 1938 in den USA.
Anhand zahlreicher Fallbeispiele zeigt sie Therapieverläufe auf,
nimmt zu praktischen Fragen der Erziehung Stellung, schreibt über
die Schwierigkeiten der Adoleszenz und therapeutische Interventi-
onsmöglichkeiten, befasst sich mit der Therapie von Neurosen und
Psychosen sowie mit der Psychologie Krimineller. Die Erziehungs-
beratung bleibt Zeit ihres Lebens Schwerpunkt Alexandra Adlers
therapeutischen Ansatzes. Gemeinschaftsgefühl als zentraler Begriff
bedeutet die eigene Individualität zu entwickeln und zu stärken,
um zur Auseinandersetzung mit anderen und zum Verständnis für
die Position anderer überhaupt erst fähig zu werden. In einer Zeit
großer gesellschaftlicher Verunsicherung durch den schnellen Fort-
schritt und hohe Anforderungen an den Einzelnen wird Erzie-
hungsarbeit immer wesentlicher. Zwischenmenschliche Probleme
sieht Adler im Kontext der ganzen Gesellschaft und nicht als Privat-
angelegenheit. Die Situation des Einzelnen lässt sich nur verbessern
durch den Ausbau der Fähigkeit für soziale Zusammenarbeit. Als
eine der Konsequenzen hält Adler die Weiterentwicklung der indi-
vidualpsychologischen Therapie in Richtung Gruppentherapie für
eine wichtige Möglichkeit effizienten therapeutischen Vorgehens.
Alexandra Adler war Ehrenmitglied und korrespondierendes
Mitglied der beiden österreichischen neuropsychiatrischen Gesell-
schaften. Sie war Mitglied der American Psychiatric Association,
der American Academy of Neurology und der Association for
Research of Nervous and Mental Diseases. 1978 wurde ihr das Gol-
dene Ehrenkreuz durch die Stadt Wien verliehen. Alexandra Adler
starb am 4. Januar 2001 in New York City.
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61
ALFRED ADLER

Am 7. Februar 1870 kam Alfred Adler, Sohn des jüdischen Getrei-


dehändlers Leopold Adler und der Pauline Adler, geborene Beer, in
Rudolfsheim, zu dieser Zeit ein Vorort von Wien, zur Welt. Von
1888 bis 1895 studierte Adler Medizin an der Wiener Universität.
In dieser Zeit schloss er sich einer sozialistischen Studentengruppe
an und nahm an deren Veranstaltungen teil. Wie etlichen Unterla-
gen zu entnehmen ist, lernte Adler in diesem Umkreis seine spätere
Frau, die Russin Raissa Timofejewna Epstein kennen, die 1896
nach Wien gekommen war. Ruediger Schiferer (1995) hält es aller-
dings für wahrscheinlicher, dass die beiden einander im Salon von
Julian Klatschko kennenlernten, einem emigrierten russischen
Schriftsteller und Vater von Aline Furtmüller, geborene Klatschko,
mit der Raissa gut befreundet war. Die aus wohlhabendem Hause
stammende Raissa war eine selbstbewusste, politisch radikal einge-
stellte Frau, die zu Studienzwecken in die Schweiz gegangen war
und sich später in Wien in der Frauenbewegung engagierte. Kon-
troverse Interessen und auch unterschiedliche politische Ansichten
dürften im Lauf der Ehe immer wieder zu Konflikten zwischen den
Ehepartnern geführt haben. Adler war zwar politisch und emanzi-
patorisch aufgeschlossen und setzte sich in seinen Schriften immer
wieder vehement für die Geichberechtigung der Frau ein, war aber
im Grunde durchaus bürgerlich und konnte als vielbeschäftigter
Arzt wenig Zeit für seine Familie aufbringen. Alfred Adler und
Raissa heirateten im Dezember 1897 in Smolensk. In den folgenden
Jahren kamen ihre vier Kinder Valentine, Alexandra, Kurt und Cor-
nelia zur Welt (siehe Raissa Adler).
Nach Beendigung seines Studiums arbeitete Adler zwei Jahre im
Krankenhaus, vermutlich an der von Moritz Benedikt gegründeten
Poliklinik, einer wohltätigen Institution, wo Mittellose sich kosten-
los behandeln lassen konnten (Ellenberger 1996). Danach eröff-
nete er eine Praxis, wobei er zuerst als Augenarzt und später als
Allgemeinmediziner tätig war. In dieser Zeit befasste er sich mit
verschiedenen Aspekten der Sozialmedizin. 1898 publizierte er
»Das Gesundheitsbuch für das Schneidergewerbe«, in dem er für
Verbesserung der Arbeitsbedingungen, Kranken- und Unfallversi-
cherung sowie für eine soziale Absicherung der Arbeiter plädiert.

62
Wohl vor allem aus dem Wunsch nach besserer gesellschaft-
licher Stellung konvertierte Adler zusammen mit den Töchtern
Valentine und Alexandra im Jahr 1904 zum protestantischen Glau-
ben. Im selben Jahr erscheint seine erste pädagogische Arbeit »Der
Arzt als Erzieher«, in der Adler die erzieherische Aufgabe des Arztes
bei der Behandlung und Aufklärung seiner Patientinnen und Pati-
enten herausstreicht und seine Ansichten über Kindererziehung
darlegt. Er wendet sich sowohl gegen allzu strenge Maßnahmen als
auch gegen Verzärtelung des Kindes und hebt die Förderung des
kindlichen Selbstvertrauens durch fortwährende Ermutigung als
wichtigstes pädagogisches Mittel hervor. Drei Jahre darauf erscheint
die »Studie über Minderwertigkeit von Organen«, in der Adler
erste Ideen zu einer Neurosenlehre formuliert, die er in den fol-
genden Jahren weiter ausbaut und in seinem 1912 erschienenen
Werk »Über den nervösen Charakter« zusammenfasst. Im Wesent-
lichen meint Adler, dass angeborene organische Mängel zu einer
verminderten Leistungsfähigkeit und Beeinträchtigung des Selbst-
wertgefühls führen können. Die daraus entstehenden Minderwer-
tigkeitsgefühle sollen durch den in der Folge entstehenden kom-
pensatorischen Prozess aufgehoben werden und das ebenfalls
verstärkte Geltungsstreben befriedigen. Diesen Mechanismus sieht
Adler als Ursache für die mögliche Entstehung von Neurosen. Spä-
ter ergänzt er seine Theorie, indem er weitere Faktoren wie etwa die
Position in der Geschwisterreihe, das Geschlecht, Erziehungsein-
flüsse und Umwelt des Kindes in die Erklärung der möglichen Ent-
stehung von Minderwertigkeitsgefühlen miteinbezieht. Die Ge-
samtheit dieser Faktoren führt seiner Ansicht nach schon früh
zur Ausformung eines Lebensstils, der Ausdruck der individuellen
Grundhaltung jedes Einzelnen zu Umwelt und Mitmenschen ist,
nach der jeder Mensch ganzheitlich Erinnerung, Erfahrung und
Wahrnehmung organisiert und auf ein Ziel hin leitet. In einer The-
rapie können durch die Aufdeckung des Lebensstils etwaige neu-
rotische Symptome und Verhaltensweisen bewusst gemacht und
korrigiert werden.
Bereits im Jahr 1902 war Adler von Sigmund Freud eingeladen
worden, an der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft teilzuneh-
men. Nun ergaben sich im Herbst 1910 Adlers Theorie betreffend
mehr und mehr inhaltliche Differenzen innerhalb der Wiener Psy-

63
choanalytischen Vereinigung, deren Obmann Adler zu diesem
Zeitpunkt war. In mehreren Referaten trug Adler seine Theorie vor,
die danach heftig diskutiert wurde. Schließlich warf Freud Adler
Unvereinbarkeit seiner Ansätze mit der psychoanalytischen Theo-
rie vor. 1911 legte Alfred Adler seine Mitherausgeberschaft des
»Zentralblatts für Psychoanalyse« zurück und trat mit dreien sei-
ner Anhänger aus dem Verein aus. Ein halbes Jahr später folgten
ihm noch sechs weitere, unter ihnen Carl Furtmüller, Margarethe
Hilferding und David E. Oppenheim.
Im gleichen Jahr eröffnete Adler in seiner neuen Wohnung in
der Wiener Innenstadt eine Praxis als Nervenarzt und gründete
den »Verein für freie psychoanalytische Forschung«, der zwei Jahre
darauf in »Verein für Individualpsychologie« umbenannt wurde.
Als wesentlich für die Ausformung seiner Lehre wird oft ange-
merkt, dass Adler zum Großteil Patienten aus einfachen Verhält-
nissen behandelte, deren Anliegen und Probleme naturgemäß
anders gelagert waren als die von Angehörigen bessergestellter
Schichten.
Im Jahr 1912 reichte Adler ein Habilitationsansuchen an der
Universität ein, das 1915 auf Grund des negativen Gutachtens
Julius von Wagner-Jaureggs, dem Vorstand der Psychiatrisch-Neu-
rologischen Universitätsklinik, abgelehnt wurde, was, nach Mei-
nung Alexandra Adlers (1977), ein wesentlicher Grund für ihren
Vater war, nach und nach Betätigungsfelder im Ausland zu suchen.
Im Jahr 1914 erschien erstmals die Zeitschrift für Individualpsy-
chologie, die allerdings zu Kriegsbeginn wieder eingestellt wurde.
Gleichzeitig gaben Adler und Furtmüller den Aufsatzsammeiband
»Heilen und Bilden« heraus.
1916 wurde Alfred Adler zum Militärdienst einberufen, wobei
er zuerst im kaiserlich-königlichen Kriegsspital in Simmering, spä-
ter im Garnisonsspital in Krakau und schließlich im Militärkran-
kenhaus in Grinzing eingesetzt war. Nach Kriegsende und noch
unter dem Eindruck seiner Kriegserfahrungen einerseits, anderer-
seits auch angesichts der in der Folge des Krieges hervortretenden
Jugendverwahrlosung bekommt für Adler der Begriff des »Gemein-
schaftsgefühls«, den er ab diesem Zeitpunkt in seine Theorie inte-
griert, einen wesentlichen Stellenwert. Die Ausformung des Ge-
meinschaftsgefühls als ein grundlegendes Prinzip menschlichen

64
Verhaltens sieht Adler als notwendig für eine gesunde Entwicklung
sowie eine gelungene Lebenskonzeption und gleichzeitig als beste
Prävention gegen Minderwertigkeitsgefühle und Machtstreben,
für welche in erster Linie der sozial haltlose Mensch anfällig sei.
Als die Sozialdemokraten in den 1920er Jahren in Wien eine
groß angelegte Schulreform unter dem Präsidenten des Wiener
Stadtschulrates Otto Glöckel in Angriff nahmen, beteiligte sich die
Gruppe der Individualpsychologen. Treibende Kraft war der Leh-
rer Carl Furtmüller, welcher in der Reformabteilung Glöckels mit-
arbeitete. In den nächsten Jahren entstanden zahlreiche individu-
alpsychologische Erziehungsberatungsstellen in Kooperation mit
den Schulbehörden, Lehrern und Erziehern. Alfred Adler hielt
Kurse und Vorlesungen an dem von Glöckel gegründeten Pädago-
gischen Institut der Stadt Wien, wo er im Jahr 1924 eine Stelle als
Professor erhielt, sowie auch an verschiedenen Volkshochschulen.
Seine Vorlesungen fanden großen Zuspruch und wurden vor allem
von Lehrern und einem pädagogisch interessierten Publikum
besucht.
Auch in anderen Städten Europas entstanden in dieser Zeit indi-
vidualpsychologische Ortsgruppen. 1923 erschien die IZIP in Fort-
setzung der Vorkriegszeitschrift des Vereins. Adler reiste nun in
zunehmendem Maß in verschiedene europäische Städte und ab
1926 auch zu immer längeren Aufenthalten in die USA, wo er Vor-
träge, Kurse und Seminare hielt. Die Bedingungen in den USA
schienen Alfred Adler besser für die Zukunft seiner Lehre geeignet
und, wie Manes Sperber meint (1983), wollte er wohl nicht der
Psychoanalyse allein dieses Feld überlassen. 1927 veröffentlichte er
mit seinem Werk »Menschenkenntnis« die systematischste von sei-
nen leider meist in schlechtem Stil und unklar verfassten Schriften,
in der er die wesentlichen Grundzüge seiner Lehre darlegt.
Im Jahr 1929 war Adler als Gastprofessor an der Columbia Uni-
versity, 1932 erhielt er einen Lehrstuhl für medizinische Psycholo-
gie am Long Island Medical College. In New York eröffnete er eine
Praxis für Psychotherapie und eine Erziehungsberatungsstelle. Als
in Österreich 1934 die Sozialdemokratische Partei verboten und
die Aktivitäten des Vereins für Individualpsychologie eingeschränkt
wurden, intensivierte Adler seine Bemühungen die Individualpsy-
chologie in den USA zu etablieren. Er gründete die Zeitschrift

65
»International Journal of Individual Psychology« in englischer
Sprache und verbrachte immer mehr Zeit in den USA, bis er im
Jahr 1935 endgültig übersiedelte und auch seine Familie ihm
folgte.
Seine letzten Lebensjahre, geprägt von einer unermüdlichen
Vortragstätigkeit, waren überschattet von der Sorge um seine in
Russland lebende Tochter Valentine, über deren Verbleib nichts in
Erfahrung zu bringen war. Wie erst Jahre nach dem Krieg bekannt
wurde, war Valentine Adler vom Militärtribunal des Obersten
Gerichts der UdSSR wegen angeblicher trotzkistischer Tätigkeiten
und illegaler Auslandskontakte zu Trotzkisten verurteilt worden
und 1942 in einem Lager gestorben. Die drei anderen Kinder Adlers
emigrierten in die USA, wo Adlers zweite Tochter Alexandra sich
als Psychiaterin etablieren konnte. Kurt Adler, der in Wien Physik
studierte hatte, wurde nach seinem Medizinstudium in New York
ebenfalls Psychiater. Die jüngste Tochter Cornelia war Schauspie-
lerin. Raissa Adler lebte ebenfalls in New York, wo sie 1960 verstarb.
Alfred Adler starb überraschend auf einer Vortragsreise am 24. Mai
1937 in Aberdeen in Schottland.
Ausgewählte Bibliographie
Adler, A. (1898): Gesundheitsbuch für das Schneidergewerbe. Berlin.
Adler, A. (1904): Der Arzt als Erzieher. Ärztliche Standeszeitung 3/13: 3 ff.,
14 f.
Adler, A. (1907): Studie über Minderwertigkeit von Organen. Wien.
Adler, A. (1912): Über den nervösen Charakter. Grundzüge einer verglei-
chenden Individualpsychologie und Psychotherapie. Wiesbaden.
Adler, A.; Furtmüller, C. (Hg.) (1914): Heilen und Bilden. Ärztlich-päd-
agogische Arbeiten des Vereins für Individualpsychologie. München.
Adler, A. (1920): Praxis und Theorie der Individualpsychologie: Vorträge
zur Einführung in die Psychotherapie für Ärzte, Psychologen und Leh-
rer. München.
Adler, A. (1927): Menschenkenntnis. Leipzig.
Adler, A. (1929): Individualpsychologie in der Schule. Vorlesungen für
Lehrer und Erzieher. Leipzig.
Adler, A. (1933): Der Sinn des Lebens. Wien.
Zahllose Artikel und Aufsätze in Fachzeitschriften.
Umfassende Bibliographie siehe: Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungs-
geschichte der Individualpsychologie. Wien.

66
Literatur
Adler, Alexandra (1987): Mein Vater Alfred Adler. In: Stadler, F. (Hg.): Ver-
triebene Vernunft IL Emigration und Exil österreichischer Wissen-
schaft. Wien, S. 288-292.
Adler, A. (1984): Der Lebensstil. In: Ansbacher, H. L. (Hg.): Alfred Adler.
Lebensbekenntnis. Frankfurt a. M., S. 53-63.
Bruder-Bezzel, A. (1983): Alfred Adler. Die Entstehungsgeschichte einer
Theorie im historischen Milieu Wiens. Göttingen.
Bruder-Bezzel, A. (1999): Geschichte der Individualpsychologie. Göt-
tingen.
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
Ellenberger, H. F. (1996): Die Entdeckung des Unbewussten. Geschichte
und Entwicklung der dynamischen Psychiatrie von den Anfängen bis
zu Janet, Freud, Adler und lung. Bern.
Schiferer, H. R. (1995): Raissa Adler (1872-1962). Von der bürgerlichen
Frauenbewegung zum österreichischen Trotzkismus. IWK-Mittei-
lungen 3: 33-35.
Sperber, M. (1983): Alfred Adler oder das Elend der Psychologie. Frankfurt
a.M.

RAISSA ADLER

Als Tochter einer wohlhabenden jüdischen Familie erhielt die am


9. November 1873 in Moskau geborene Raissa Timofejewna Epstein
Unterricht durch ausgezeichnete Privatlehrer. Da in Russland ein
Studium für Frauen zu Ende des 19. Jahrhunderts nicht möglich
war, ging sie 1895 nach Zürich, wo sie drei Semester lang Biologie
Sludierte. Ende 1896 kam sie nach Wien. Zu dieser Zeit studierten
viele gebildete russische Frauen aus reichen Familien an Universi-
täten in westlichen Ländern und trugen wesentlich zur Stärkung
der Emanzipationsbewegung bei. Auch Raissa Epstein schloss sich
in Wien schon bald den elitären Zirkeln der Frauenbewegung an.
Nicht lange nachdem sie einander kennengelernt hatten, heira-
teten Alfred Adler und Raissa Timofejewna Epstein im Dezember
1897 in Smolensk. Im Jahr darauf kam Tochter Valentine zur Welt,
1901 wurde Alexandra geboren, 1905 Kurt und 1909 Cornelia. Die

67
Ehe der Adlers scheint immer wieder konfliktreich gewesen zu sein.
Trotz der offenen Einstellung zu Themen der Frauenemanzipation,
wie sie aus manchen seiner Schriften hervorgeht, erwartete Alfred
Adler von seiner Frau, sich als gutbürgerliche Hausfrau zu verhal-
ten. Der liberal erzogenen, politisch radikalen und freigeistigen
Raissa lief diese Vorstellung zuwider. Dennoch blieb ihr nichts
anderes übrig, als sich den gesellschaftlichen Konventionen zu beu-
gen und sowohl ihre Studien als auch ihr feministisches Engage-
ment einzuschränken. Die Spannung zwischen den Ehepartnern
zeigte sich auch im Jahr 1914, als Raissa sich mit ihren Kindern auf
Urlaub auf dem Landgut ihrer Eltern in Smolensk befand und trotz
des Drängens ihres Mannes zögerte, nach Wien zurückzukehren.
Als der Krieg ausbrach stand Raissa gefühlsmäßig auf Seiten Russ-
lands. Trotzdem entschied sie sich zur Rückkehr, die erst nach
großen Schwierigkeiten und auf dem Umweg über Schweden mög-
lich war.
Raissa war in Kontakt mit revolutionären russischen Emigran-
tenkreisen und hatte durchaus radikale politische Ansichten. Über
ihre Freundin Aline Furtmüller, die aus einer russischen Emigran-
tenfamilie stammte, hatte Raissa Adler Natalia Trotzkij, die Frau
von Leonid Trotzkij, kennengelernt und sich mit ihr befreundet.
Die Familie Trotzkij lebte zu diesem Zeitpunkt in Wien und Alfred
Adler wurde der Hausarzt der beiden Söhne Leon und Sergej. Die
Familien Adler und Trotzkij kannten sich daher gut und ihre Kin-
der spielten miteinander. Der redegewandte Marxist Trotzkij be-
eindruckte sowohl Raissa als auch deren Kinder und hatte großen
Einfluss auf ihr politisches Verständnis. Valentine sollte später
Ökonomie studieren und sich sowohl in der sozialdemokratischen
als auch danach in der Kommunistischen Partei engagieren. Nach
dem Ersten Weltkrieg betätigte sich auch Alfred Adler eine Zeit
lang in verschiedenen sozialdemokratischen Vereinigungen, wobei
ihn seine Familie unterstützte. Valentine Adler hielt Vorträge bei
den sozialistischen Studenten und auch Raissa und Kurt nahmen
aktiv an diversen Aktionen teil. Während ihr Gatte sich bald wieder
aus der Politik zurückzog, betätigte sich Raissa zunehmend in lin-
ken Gruppierungen. Sie war im Kreis um den Anatomen und
Gesundheitsstadtrat Julius Tandler und engagierte sich zusammen
mit der Ärztin und Individualpsychologin Margarethe Hilferding

68
vor allem im Bereich von Frauenfragen. Sie war Mitgründerin der
»Internationalen Arbeiterhilfe« in Österreich, später Mitglied im
Ausschuss der zum Kommunismus übergetretenen »Roten Hilfe«
und trat schließlich sogar der Kommunistischen Partei bei. Als
Trotzkij international unter Beschuss geriet, stellte sich Raissa Adler
gegen seine Entmachtung, was ihr Schwierigkeiten innerhalb der
Partei einbrachte.
Während Alfred Adler zahllose Vortragsreisen in verschiedene
Länder unternahm, führte Raissa Adler in Wien indessen ein sehr
eigenständiges Leben. Anfang der 1930er Jahre war sie eine Zeit
lang im Vorstand des Vereins für Individualpsychologie tätig und
schrieb einige Artikel und Rezensionen für die IZIP, meist mit
moderat kommunistischen Tendenzen. Wenige Tage nach dem
Bürgerkrieg im Februar 1934 führte Raissas politisches Engage-
ment sogar zu einer zweitägigen Verhaftung. Dieser Vorfall veran-
lasste Alfred Adler auf die Ausreise der Familie in die Vereinigten
Staaten zu drängen. Raissa aber wollte Wien nicht verlassen und
folgte ihrem Mann, der sie Ende 1935 persönlich in Wien holte, nur
widerwillig nach New York, wo sie sich lange Zeit nicht wirklich
heimisch fühlte und mit Sprachproblemen zu kämpfen hatte. In
der Folgezeit begleitete sie ihren Mann öfter auf seinen Reisen,
wobei sie die Gelegenheit nutzte, Freunde und Bekannte in Europa
zu besuchen. Als Alfred Adler 1937 in Aberdeen an einem Herzin-
farkt verstarb, befand sich Raissa gerade in Paris. Nach dem Begräb-
nis in Schottland zog sie sich zu Freunden nach Locarno zurück,
wohin nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr
1938 auch ihre jüngste Tochter, die Schauspielerin Cornelia Adler
(Nelly) kam. Ihre älteste Tochter Valentine Adler war schon 1933
mit ihrem Mann vor dem Hitlerregime nach Moskau geflohen.
Dort wurden beide im Jahr 1937 wegen angeblicher trotzkistischer
Tätigkeiten und illegaler Auslandskontakte zu Trotzkisten verhaf-
tet. Valentine Adler wurde kurz darauf vom Militärtribunal des
Obersten Gerichts der UdSSR zu einer zehnjährigen Lagerhaft ver-
urteilt. Alfred Adler war bis zu seinem Tod im Mai 1937 in großer
Sorge um seine Tochter, von der die Familie seit Monaten keine
Nachricht mehr bekommen hatte. Erst nach Ende des Krieges
erhielt Raissa Adler über Vermittlung von Albert Einstein, Antwort
aus Moskau über das Schicksal ihrer Tochter. Valentine Adler war

69
im Jahr 1942 vermutlich in Sibirien gestorben. Am 11. August 1956
wurde sie durch Erkenntnis des Militärkollegiums beim Obersten
Gericht der UDSSR rehabilitiert.
Ab 1940 lebte Raissa Adler in New York, wo sie ein eher zurück-
gezogenes Leben führte. Ihre Tochter Alexandra und ihr Sohn Kurt,
beide Psychiater, lebten in ihrer Nähe in New York. Ihre Tochter
Nelly war ebenfalls nach dem Krieg in die USA emigriert. Ab und
zu nahm Raissa Adler an individualpsychologischen Veranstaltun-
gen teil und war eine Zeit lang Vorsitzende des Executive Commit-
tee der Individual Psychology Association of New York. 1954 wurde
sie zur Ehrenpräsidentin des Board of Directors, des Verwaltungs-
rates der Vereinigung, gewählt. Am 21. April 1962 starb Raissa
Adler 88-jährig in New York.
Bibliographie
Adler, R. (1899): Sollen sich die Frauen dem Studium der Medizin zuwen-
den? Dokumente der Frauen (Juli-Dez.): 289-293.
Adler, R. (1926): Rezension von H. von Braken: Die Prügelstrafe. IZIP 4:
166.
Adler, R. (1930): Rezension: F. Torberg: Der Schüler Gerber hat absolviert.
IZIP 8: 596-597.
Adler, R. (1931): Rezension: Gurewitsch, S.; Grosser, F.: Die Probleme des
Geschlechtslebens. IZIP 9: 157.
Adler, R. (1931): Kindererziehung in der Sowjetunion. IZIP 9: 297-309.
Adler, R. (1930): Rezension: Gurewitsch, S.; Salewski, A.: Der Alkoholis-
mus. IZIP 10: 154-155.
Adler, R. (1942): The future progress of Individual Psychology. IPB 2: 54.
Literatur
Ellenberger, H. F. (1996): Die Entdeckung des Unbewußten. Geschichte
und Entwicklung der dynamischen Psychiatrie von den Anfängen bis
zu Janet, Freud, Adler und Jung. Bern.
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
Schiferer, H. R. (1995): Raissa Adler (1872-1962). Von der bürgerlichen
Frauenbewegung zum österreichischen Trotzkismus. IWK-Mittei-
lungen 3: 33-35.
IPB 3/1 (1943), IP 4/2 (1967), AJIP 11 (1954).

71)
R U D O L F ALLERS

Rudolf Allers wurde am 13. Januar 1883 als Sohn eines Arztes in
Wien geboren. Seinen ursprünglichen Namen »Abeles« ließ er im
Jahr 1907 auf »Allers« ändern. 1908 heiratete er Carola Meitner,
Schwester der Atomphysikerin Lise Meitner. Das Ehepaar hatte
einen Sohn Ulrich. Allers studierte Medizin an der Universität
Wien, wo er im Jahr 1906 promovierte. Eine Zeit lang arbeitete er
an der IL Medizinischen Klinik unter Professor Edmund von Neu-
ßer und im Chemischen Laboratorium der Spiegler-Stiftung.
Danach ging er für ein Jahr an die Psychiatrische Klinik nach Prag.
1909 wurde Allers Assistent an der Psychiatrischen Klinik unter
Kraepelin in München, wo er sich im Jahr 1913 habilitierte und die
Leitung einer Abteilung der Klinik übernahm. Im Ersten Weltkrieg
war Rudolf Allers zuerst in verschiedenen Militärspitälern als Chir-
urg eingesetzt bis er schließlich im Sommer 1917 zur Bearbeitung
sozialhygienischer Fragen ins Kriegsministerium berufen wurde.
Nach Kriegsende hatte Allers eine Stelle als Assistent am Physiolo-
gischen Institut der Universität Wien. Er schrieb etliche wissen-
schaftliche Publikationen vor allem über biochemische Vorgänge
auf dem Gebiet der Psychiatrie und Neuropathologie, über chirur-
gische Behandlung von Nervenkranken und auch über verschie-
dene Themen aus dem Bereich der Physiologie und der Psycholo-
gie.
Als Individualpsychologe war Allers ein enger M itarbeiter Alfred
Adlers. Er hielt zahlreiche Vorträge im Verein, an der Volkshoch-
schule und im »Akademischen Verein für medizinische Psycholo-
gie« und publizierte in der IZIP. Seit 1924 leitete er die Erziehungs-
beratungsstelle der Caritas im 9. Bezirk in Wien, wobei es sein
Verdienst war, die individualpsychologische Idee der Erziehungs-
beratung bei der Caritas eingeführt zu haben. Rudolf Allers war
außerdem Vorsitzender der medizinischen Fachgruppe, die zum
Zweck einer intensiven wissenschaftlichen Arbeit im Jahr 1925
gegründet worden war. Von 1926 bis 1927 war er stellvertreten-
der Vorsitzender im Vorstand des Vereins für Individualpsycholo-
gie.
Als scharfer Gegner der Psychoanalyse setzte sich Allers in ver-
schiedenen Publikationen kritisch mit der psychoanalytischen

71
Theorie auseinander. Er beschäftigte sich auch intensiv mit einer
philosophischen Fundierung der Individualpsychologie. Zwar
selbst ursprünglich jüdischer Abstammung, war er zum Katholizis-
mus konvertiert und bestrebt, religionsphilosophische Ansätze in
die Individualpsychologie einzubringen. Er entwickelte eine eigene
Charakterologie, worin er versuchte, individualpsychologische An-
sätze mit der katholischen Sittenlehrezu verbinden. Allers Ansichten
führten zu Auseinandersetzungen und schließlich zum Bruch mit
Alfred Adler. 1927 trat er nach einem heftigen Streit aus dem Verein
aus, was vermutlich seine Hinwendung zur katholischen Kirche
noch mehr festigte.
Auch in späteren Werken orientiert sich Allers zwar an indivi-
dualpsychologischen Ideen, jedoch ist seine Betrachtungsweise
stets eine fundamental katholische. So interpretiert er beispiels-
weise den zentralen Begriff der »Neurose« als Verwirrung der Seele,
die quasi gleich der Erbsünde alle Menschen gleichermaßen betrifft,
die sich zeigt als existentielle Lüge und Rebellion gegen die Ord-
nung des Seins. Nur durch ein heiligmäßiges Leben und die Gnade
Gottes kann Heilung möglich werden und nur durch die Liebe
Gottes kann das menschliche Bedürfnis nach Gemeinschaft erfüllt,
die tiefe Einsamkeit des Menschen und seine egozentrische Selbstre-
flexion durchbrochen werden. Die Sehnsucht des Menschen nach
Gemeinschaft, die ja auch für Adler zentraler Wert ist, werde daher
in vollkommer Weise nur durch die Gemeinschaft der Heiligen
erreicht, aber auch annäherungsweise durch die Gemeinschaft der
Gläubigen in der katholischen Kirche (Echavarria 2004).
Allers war unter anderen befreundet mit Hans Urs von Balthasar
und Edith Stein. Auf Rat seines Freundes Fray Agostino Gemelli
inskribierte sich Allers an der Universitä del Sacro Cuore in Mai-
land für das Studium der Philosophie. Hier kam er mit der neoscho-
lastischen Strömung in Berührung und setzte sich vor allem mit
den Schriften Thomas von Aquins auseinander, dessen Werk »De
ente et essentia« sowie auch Schriften des Anselm von Canterbury
er übersetzte. 1934 erwarb Allers das Doktorat.
Der amerikanische Psychiater Francis Braceland, den Rudolf
Allers in Mailand kennengelernt hatte, lud ihn ein an der School of
Philosophy der Catholic University of America in Washington,
D.C., zu lehren. Noch vor der Machtergreifung der Nationalsozia-

72
listen folgte Allers Anfang des Jahres 1938 dieser Berufung. Er hatte
die Stelle bis zum Jahr 1948 inne. Danach wurde er als Professor für
Philosophie an die Georgetown University berufen. Für seine
Arbeit als katholischer Intellektueller wurde er 1960 mit der Car-
dinal-Spellman-Aquinas-Medaille ausgezeichnet. Am 14. Dezem-
ber 1963 starb Rudolf Allers in Washington, D. C.
Ausgewählte Bibliographie
Allers, R. (1922): Psychologie des Geschlechtslebens. München.
Allers, R. (1922): Über Psychoanalyse. Berlin.
Allers, R. (1923): Gemeinschaft als Idee und Erlebnis. IZIP 2/1:9-10.
Allers, R. (1924): Ein Fall von Pavor nocturnus. IZIP 2/6: 26-27.
Allers, R.; Teler, H. (1924): Über die Verwertung unbemerkter Eindrücke
bei Assoziationen. Z. gesam. Neurol. Psychol. 89: 1398.
Allers, R. (Hg.) (1927): Arbeit, Ermüdung und Ruhe. Soziale Physiologie
und Pathologie. Berlin.
Allers, R. (1929): Das Werden der sittlichen Person. Freiburg.
Allers, R. (1931): The psychology of character. London.
Allers, R. (1932): The new psychologies. London.
Allers, R. (1937): Sex psychology in education. St. Louis, Ma.
Allers, R. (1939): Difficulties in life. Cork, Ireland.
Allers, R. (1939): Seif improvement. New York.
Allers, R. (1940): Character education in adolescence. New York.
Allers, R. (1940): The successful error. A critical study of Freudian psycho-
analysis. New York.
Allers, R. (1941): Abnormality: a chapter in moral psychology. The Homi-
letic and Pastoral Review 3.
Allers, R. (1941): The 'vis cogitativa' and evaluation. The New Scholasti-
cism 15: 195.
Allers, R. (1942): The cognitive aspect of emotions. The Thomist 4: 589-
648.
Allers, R. (1943): Functions, factors and faculties. The Thomist 7.
Allers, R. (1949): Ethics and anthropology. The New Scholasticism.
Allers, R. (1952): St. Augustine'sdoctrineon illumination. Franciscan Stu-
dies 12: 27-46.
Allers, R. (1958): Les idees de triade et de m^diation dans la pensee de saint
Augustin. La structure triadique de la connaissance. Augustinus. Vol. 3.
Mr. 10/11:247-254.
Allers, R. (1959): The subjective and the objective. The Review of Meta-
physics. Vol. 12. Nr. 4/48: 503-520.
Allers, R. (1959): Bemerkungen über das Weltbild in anankastischen Syn-
dromen und die Philosophie von Jean Paul Sartre. Jahrbuch für Psy-
chologie und Psychotherapie.

73
Allers, R. (1960): Heidegger on the principle of sufficient reason. Philoso-
phy and Phenomenological Research.
Allers, R. (1961): Existentialism and psychiatry. Springfield, 111.
Allers, R. (1965): The philosophical work of Rudolf Allers. Aposthumous
edition of some of Allers articles selected by Jesse A. Mann and Ulrich
Allers. Washington.
Archivalien
Universitätsarchiv Wien: Personalakt.
Literatur
Echavarria, M. F. (2004): Rudolf Allers, psicölogo catölico. Zugriff unter
www.rudolfallers.info/echavarria.html.
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
Levy, A. (2002): Rudolf Allers-ein katholischer Individualpsychologe. In:
Levy, A.; Mackenthun, G. (Hg.): Gestalten um Alfred Adler. Pioniere
der Individualpsychologie. Würzburg, S. 27-36.
Schiferer, H. R. (1995): Alfred Adler: Eine Bildbiographie. München.
Uehli Stauffer, B. (1995): Mein Leben leben. Else Freistadt Herzka 1899-
1953. Zwischen Leidenschaft, Psychologie und Exil. Wien.

HELENE BADER

In der Zwischenkriegszeit war die am 27. Dezember 1889 in Wien


geborene Erzieherin Helene Bader im Verein für Individualpsycho-
logie in Wien tätig. Sie war Mitglied in der »Wiener pädagogischen
Arbeitsgemeinschaft« und später in deren Fortsetzungsgruppe
»Arbeitsgemeinschaft der Berater und Erzieher«. Diese Arbeitsge-
meinschaften waren in erster Linie als wissenschaftliche Fortbil-
dung gedacht, wobei Vorträge und Diskussionen über pädago-
gische Fragen auf individualpsychologischer Basis abgehalten
wurden. Die Ergebnisse wurden in Artikeln unter der Sparte »Heil-
pädagogik« in der IZIP veröffentlicht.
1929 wurde im Mariahilfer Ambulatorium in der Sandwirtgas-
se 3 im 6. Bezirk in Wien eine individualpsychologische Sprech-
stunde eingerichtet. In dem für nervöse Erwachsene gedachten
Ambulatorium, das jeden Vormittag ein bis zwei Stunden geöffnet

74
war, fanden sich immer mehr Kinder ein. Die Ärztin Lydia Sicher,
die in Alfred Adlers Abwesenheit dieses Ambulatorium leitete, rich-
tete daher eine eigene Kinderambulanzein.deren Leitungsie Helene
Bader übertrug. Unter Lydia Sichers Supervision beriet Bader drei-
mal in der Woche minderjährige Kinder und deren Mütter.
Helene Bader veranstaltete behördlich genehmigte Beschäfti-
gungsnachmittage mit englischem Sprachunterricht, Schulnach-
hilfe, Musik, Sport und Spaziergängen für Schulkinder. An diesen
Nachmittagen dürfte auch der spätere Präsident der International
Psychoanalytic Association in New York, Otto F. Kernberg, teilge-
nommen haben. Wie er selbst berichtet, nahm er in den 1930er
Jahren Englischunterricht bei Helene Bader zuerst in einem Kin-
derheim und später, nach dessen Auflösung, in Baders Privatwoh-
nung.
»Frau Bader hatte mich, glaube ich, sehr gern [... ] Sie hatte da eine Woh-
nung im fünften Bezirk und ich fuhr da mit der Straßenbahn immer hin.
Am 10. November wurde ihr die Wohnung zerstört. Alles war kleinge-
schlagen, außer einem Zimmer, und da musste man durch alle anderen
Zimmer durch. Da gab es noch einen Schreibtisch und eine Lampe und da
hat sie mich weiter in Englisch unterrichtet bis wir weg sind« (Handlbauer,
Kernberg-Interview, S. 68f.).

Eine weitere Aktivität, an der Helene Bader in den frühen 1930er


Jahren teilnahm, war die Organisation individualpsychologischer
Kinderferienlager in den Sommermonaten, sogenannten »Ferien-
heimen«, die gemeinsam mit anderen Erzieherinnen in Niederös-
terreich, Kärnten und auch einmal in Italien abgehalten wurden.
In den Jahren 1930 bis 1933 referierte Helene Bader in der Indi-
vidualpsychologischen Vereinigung mehrere Male über die The-
men Erziehung und Kinderpsychologie. Auch in ihren Aufsätzen
in der Internationalen Zeitschrift für Individualpsychologie zeigt
sich, dass ihr Interesse vor allem der Kindererziehung und der
Kinderpsychologie gilt. Sie beschreibt Beispiele aus der Praxis der
Erziehungsberatung, wobei sie die Kinder der Kindergruppe be-
obachtet und ihr Spielverhalten analysiert. Sie berichtet aus der
Beratung und schildert die Interaktion zwischen Eltern und Kind.
Weiterhin bringt sie ausführliche Fallschilderungen von verhal-
tensauffälligen Kindern, analysiert ihre Erzählungen, ihre Träume
und ihr Spiel.

75
Aus den Meldeunterlagen von Helene Bader geht hervor, dass sie
1942 nach Riga deportiert wurde. 1952 wurde sie für tot erklärt.
Bibliographie
Bader, H. (1928): Kinderspiel und Aufsatz als Ausdrucksformen der kind-
lichen Leitlinie. IZIP 6: 409-411.
Bader, H. (1928): Verzärtelung und Schwachsinn. IZIP 6: 409^11.
Bader, H. (1929): Ein verzärteltes Kind. IZIP 7: 309-310.
Bader, H.; Fritz, V. (1939): Die Geschwister des schwererziehbaren Kindes.
IZIP 8: 499-502.
Bader, H. (1932): Der Lebensstil des Kindes in Erzählung, Traum und
Spiel. IZIP 10: 224-229.
Archivalien
Stadt- und Landesarchiv Wien: Polizeiliche Meldeunterlagen.
Landesgericht für Zivilrechtssachen: Todeserklärung 9.4.1952, Zahl
48T 1915/51-7.
Literatur
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
Handlbauer, B. (1995): Interview mit Otto F. Kernberg vom 3. Oktober
1995. In: Von Wien nach Amerika: Österreichischer Kulturtransfer am
Beispiel der emigrierten Wiener Psychoanalytikerinnen und ihres Ein-
flusses auf die Entwicklung und Ausbreitung der Psychoanalyse in den
USA. Unveröffentlichter Abschlussbericht eines Jubiläumsfondspro-
jekts, S. 68-69.
Sicher, L. (1931): Das erste individualpsychologische Ambulatorium in
Wien. IZIP 9: 312-317.
IZIP 3 (1925), IZIP 6 (1928), IZIP 8 (1930), IZIP 10 (1932).

FERDINAND BIRNBAUM

Ferdinand Birnbaum wurde am 16. Mai 1892 in Wien geboren und


wuchs in einer christlich-sozialen Arbeiterfamilie auf. Da die Eltern
keine besondere Ausbildung finanzieren konnten, sollte Birnbaum
nach Absolvierung der Schulpflicht Elektriker werden. Durch ein
Stipendium konnte er die Lehrerbildungsanstalt besuchen, die er
1911 abschloss. Danach unterrichtete Birnbaum an einer Volks-

76
schule, bis er 1914 zum Militärdienst einrücken musste. Gegen
Kriegsende erkrankte er an Malaria und verbrachte ein Jahr im
Spital. Schon währenddessen hatte er angefangen, sich für die
Lehramtsprüfung in den Fächern Deutsch und Geschichte vorzu-
bereiten. Ab 1920 begann er neben seinem Beruf als Hauptschul-
lehrer Mathematik und Physik zu studieren. Später wandte er sich
der Philosophie zu, studierte Soziologie bei Max Adler, Psychologie
bei Karl und Charlotte Bühler und war Gast im Wiener Kreis. 1937
promovierte er an der philosophischen Fakultät. Seine Disserta-
tion über den »Versuch einer Systematisierung der Erziehungsmit-
tel« wurde 1950 veröffentlicht.
Als er Alfred Adler 1920 kennenlernte, fühlte er sich von dessen
pragmatischem Ansatz angesprochen und wurde einer seiner
begeistertsten Anhänger und Mitarbeiter. Ebenso wie seine Lehrer-
kollegen Oskar Spiel und Franz Scharmer sowie die Lehrerinnen
Friederike Friedmann und Regine Seidler, wandte er individualpsy-
chologische Methoden im Unterricht an. Als engagierter Sozial-
demokrat wirkte Ferdinand Birnbaum auch bei der Wiener Schul-
reform mit. Anfang der 1930er Jahre war er mitbeteiligt an der
Gründung einer individualpsychologischen Versuchsschule, die
im 20. Bezirk in Wien, einem Arbeiterviertel, eingerichtet wurde.
Zusammen mit Oskar Spiel erstellte er ein Konzept für die Schule,
das dann gemeinsam mit Franz Scharmer ausgeführt wurde. Durch
die neuen Unterrichtsmethoden sollte Chancengleichheit für Kin-
der aus weniger begüterten Familien gewährleistet und die Sozia-
lisationsfähigkeit der Kinder gefördert werden, indem psychisch
gesunde Schüler dazu angehalten wurden, sich um problematische
oder auch verhaltensauffällige Kollegen zu kümmern. In wöchent-
lichen Aussprachegruppen, den sogenannten »Klassenbesprechun-
gen«, wurden persönliche, organisatorische oder auch didaktische
Anliegen der Schüler gemeinsam mit dem Lehrer besprochen.
Durch Arbeits- und Gruppenunterricht sollten Autoritätsstruktu-
ren verringert, die Gemeinschaftsbezogenheit und das gegenseitige
Verständnis der Schüler gestärkt werden. Ganz besonders wollte
Birnbaum vermeiden, Höchstleistungen durch Schüren von gegen-
seitiger Konkurrenz unter den Klassenkollegen zu erreichen (Handl-
bauer 1999).
Auf seine Initiative hin entstand in den frühen 1920er Jahren die

77
erste Erziehungsberatungsstelle in Wien. Birnbaum hielt außer-
dem Vorträge im Verein für Individualpsychologie und an Volks-
hochschulen. Er schrieb mehrere Bücher und zahlreiche Artikel vor
allem für die IZIP. In seinen Schriften befasste sich Birnbaum vor
allem mit Fragen der Erziehungsberatung und der Anwendung
individualpsychologischer Methoden in der Schule. Er publizierte
auch über die Psychologie des Denkens und über Begabungstheo-
rien. Birnbaum war Mitbegründer des seit 1923 erschienenen Jour-
nals »Elternhaus und Schule«. Als Alfred Adler in Wien immer
weniger zur Verfügung stand, übernahm Birnbaum als Adlers
Nachfolger ab 1929 die Vorlesungen am Pädagogischen Institut der
Stadt Wien. Nach dem Bürgerkrieg im Jahr 1934 musste der Verein
für Individualpsychologie die meisten Aktivitäten einstellen. Die
Versuchsschule in der Staudingergasse wurde in eine normale
Schule umgewandelt und Birnbaum verlor seine Stelle als Vortra-
gender am Pädagogischen Institut.
Kurz nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten
im Jahr 1938 wurde Birnbaum von der Gestapo einvernommen
und beruflich zurückversetzt. Seine Krankheit und die Bestätigung
mehrerer Ärzte retteten ihn vor der schon vorgesehenen Deporta-
tion nach Polen. 1944 wurde er unter Androhung einer Gefängnis-
strafe gezwungen, in einer Munitionsfabrik zu arbeiten, aber kurz
darauf wegen seiner Krankheit entlassen.
Während des Krieges formte sich ein Kreis von Therapeuten um
den Psychoanalytiker August Aichhorn, der ab 1939 offiziell dem
von Professor Matthias Göring geleiteten »Deutschen Reichsinsti-
tut für psychologische Forschung und Psychotherapie« unterstellt
war. Ebenso wie die meisten Individualpsychologen hatten auch
fast alle Psychoanalytiker das Land verlassen müssen. Sowohl der
psychoanalytische als auch der individualpsychologische Verein
waren aufgelöst worden. Die in Wien Verbliebenen trafen sich zu
gemeinsamen Diskussionsabenden, die sie in privatem Rahmen
abhielten. Birnbaum war sehr bemüht um einen kollegialen
Umgangston zwischen Psychoanalytikern und Individualpsycho-
logen. Ab 1942 wurde in der Wohnung des Arztes und Individual-
psychologen Karl Nowotny ein illegaler individualpsychologischer
Arbeitskreis abgehalten. Im Jahr 1946 rief Birnbaum den Verein für
Individualpsychologie wieder ins Leben und ab 1947 wurde die

78
IZIP wieder publiziert. Ferdinand Birnbaum konnte seine Tätig-
keit am Pädagogischen Institut erneut aufnehmen und unterrich-
tete an der staatlichen Kindergärtnerinnenanstalt.
Von seinen Kolleginnen Regine Seidler, Lydia Sicher und dem
Kollegen Rudolf Dreikurs, mit denen er nach dem Krieg wieder in
brieflichem Kontakt stand, wird Birnbaum übereinstimmend als
bescheidener, warmherziger und hochgebildeter Mensch beschrie-
ben, der zeit seines Lebens mit finanziellen Schwierigkeiten zu
kämpfen hatte (Dreikurs 1947, Seidler 1947, Sicher 1947). Verhei-
ratet war Ferdinand Birnbaum mit der Lehrerin Maria Birnbaum,
die ebenfalls als Individualpsychologin aktiv war. Das Ehepaar
hatte den verwaisten Neffen Birnbaums adoptiert.
Birnbaum betätigte sich auch als Lyriker. Kurz vor seinem Tod
wurden einige seiner Gedichte im Radio Wien ausgestrahlt. Am
6. Dezember 1947 starb der schon seit Jahren an Bluthochdruck
leidende Ferdinand Birnbaum 55-jährig an einer Gehirnblutung in
Wien.
Ausgewählte Bibliographie
Birnbaum, F. (1923): Der Denkakt im Lichte der Individualpsychologie.
IZIP 2/2: 17-20.
Birnbaum, F. (1924): Das prälogische Denken und sein Aufstieg zum
logischen vom Standpunkt der Individualpsychologie. IZIP 2/5: 23-
26.
Birnbaum, F. (1926): Das Begabungsproblem. In: Wexberg, E. (Hg.):
Handbuch der Individualpsychologie. München: 83-113.
Birnbaum, F. (1931): Die praktische Anwendung der Individualpsycholo-
gie in der Schule. IZIP 9: 171-182.
Birnbaum, F. (1932): Die individualpsychologische Versuchsschule in
Wien. IZIP 10: 176-183.
Birnbaum, F. (1934): Umerziehung in der Schule. Ein Gespräch. IZIP 12:
33-37.
Birnbaum, F. (1935): Development of character. IJIP 1/1: 67-75.
Birnbaum, F. (1935): Wertpädagogik und Individualpsychologie. IZIP 13:
161-166.
Birnbaum, F. (1937): Individualpsychologie, Wissenschaft und Leben.
IZIP 13: 66-72.
Birnbaum, F. (1947): Die Bedeutung Alfred Adlers für die Gegenwart. IZIP
16: 13-28.
Birnbaum, F. (1948): Formen des Minderwertigkeitsgefühls. IZIP 17: 60-
71.

79
Birnbaum, F. (1950): Versuch eine Systematisierung der Erziehungsmittel.
Wien.
Birnbaum, F. (1951): Das Lust-Unlustprinzip in der Erziehung. Gesehen
vom Standpunkt der Individualpsychologie. IZIP 20: 27-34.
Birnbaum, F. (1951): Über den Strukturwandel der Persönlichkeit. IZIP
20: 145-159.
Birnbaum, F.; Spiel, O. (1954): Reise ins Leben. Eine Anleitung zu seeli-
scher Hygiene für junge Menschen. Wien.
Birnbaum, F. (1978): Legenden über Abu Hassan den Gelehrten. Wien.
Literatur
Dreikurs, R. (1947): Ferdinand Birnbaum, a biographical sketch. IPB 6:
157-161.
Handlbauer, B. (1999): Ferdinand Birnbaum (1892-1947). Archiv für
Geschichte der Soziologie in Österreich. Newsletter 18: 3-5.
Seidler, R. (1947): Ferdinand Birnbaum's contribution to Individual Psy-
chology. IPB 6: 162-163.
Sicher, L. (1947): Dr. Ferdinand Birnbaum. IPB 6: 155-156.
Spiel, W. (1981): Die Individualpsychologische Versuchsschule von Oskar
Spiel und Ferdinand Birnbaum. In: Adam, E. (Hg.): Die österreichische
Reformpädagogik 1918-1938. Symposiumsdokumentation. Wien,
S. 163-172.

KLARA BLUM ( Z H U BAILAN)

Die Schriftstellerin Klara Blum wurde am 27. November 1904 in


Czernowitz in der Bukowina geboren und wuchs zunächst in einer
wohlhabenden jüdischen Familie auf. 1913 ließ sich Klaras Mutter
scheiden und flüchtete mit der Tochter nach Wien, da Klara aus
finanziellen Gründen dem Vater zugesprochen worden war. In
Wien lebten Tochter und Mutter in sehr bescheidenen Verhältnis-
sen und zogen aus Furcht, vom Vater entdeckt zu werden, immer
wieder um. Klara Blum besuchte das Mariahilfer Mädchenlyzeum
in Wien. Ihre Mutter Cipre Blum beziehungsweise Cäcilie Masch-
ler-Blum, bekannte sich zum Zionismus, eine Haltung, die auch
Klara übernommen hatte. Nach der Matura im Jahr 1922 arbeitete
Klara Blum eine Zeit lang als Privatlehrerin und begann bald darauf

80
an der Universität Wien Psychologie und Literatur zu studieren,
schloss das Studium allerdings nie ab. In dieser Zeit publizierte sie
erste Erzählungen und Gedichte in jüdischen Zeitungen wie der
»Wiener Morgenzeitung« oder der Czernowitzer Zeitschrift »Ost-
jüdische Zeitung«, in denen sie sich zu dieser Zeit vorwiegend mit
der ostjüdischen Lebensart und Tradition sowie mit jüdischen Fra-
gen und Problemen befasste. Auf radikale Weise identifizierte sie
sich mit der jüdischen Tradition und verachtete die Assimilations-
bestrebungen anderer Juden. Gleichzeitig begann sie sich für die
Emanzipation von Frauen einzusetzen, deren unterlegene, sozial
benachteiligte Situation sie mit jener der Juden verglich. Im Früh-
jahr 1929 reiste Klara Blum nach Palästina, um ihren Halbbruder
zu besuchen und in der Absicht dort zu bleiben, kehrte aber nach
einigen Monaten wieder nach Wien zurück. Enttäuscht über ihre
Erfahrungen in Palästina, wandte sie sich von der zionistischen
Bewegung ab und wurde noch im Jahr 1929 Mitglied der Sozialde-
mokratischen Partei. In dieser Zeit schrieb sie Artikel für die
»Arbeiterzeitung« und andere Blätter und hielt Reden und Vor-
träge auf politischen Veranstaltungen.
Schon in den frühen 1920er Jahren war Klara Blum mit Alfred
Adler und etlichen seiner Anhängerinnen und Anhänger, die
der Sozialdemokratie nahestanden, in Kontakt gekommen. Ihre
Schulfreundin, die spätere Schriftstellerin Mimi Grossberg (Nach-
lass), berichtete in einem Vortrag im Ottakringer Volksheim am 2.
Juni 1992, wie Klara Blum sie anregte, mit ihr Adlers Kurse im
Ottakringer Volksheim zu besuchen und an den Diskussionsrun-
den im Cafe Silier teilzunehmen. Adler und seine Anhänger hatten
in Bezug auf die Frauenthematik eine aufgeschlossene Haltung,
mit der sich Klara Blum auseinandersetzte und die Eingang in
ihre Texte fand. In den frühen 1930er Jahren schrieb sie Rezensi-
onen über Schriften der Wiener Individualpsychologin Sophie
Lazarsfeld und der Berliner Individualpsychologin Alice Rühle-
Gerstel, die sich in vehementer Weise für Frauenrechte einsetz-
ten.
Im Verein für Individualpsychologie hielt Klara Blum 1932
einen Vortrag zum Thema »Pubertät« und verfasste eine Rezension
für die IZIP. 1933 findet sich im Mitteilungsblatt für Individualpsy-
chologische Veranstaltungen eine Eintragung, wonach Klara Blum

81
sich für individualpsychologische Sprechstunden in der Alser-
straße 71 zur Verfügung stellt.
1933 trat Blum aus der Sozialdemokratischen Partei aus und
wandte sich den Kommunisten zu, ohne jedoch jemals der Partei
beizutreten. Im selben Jahr gewann sie für ihr Gedicht »Ballade
vom Gehorsam« beim literarischen Wettbewerb der »Internatio-
nalen Vereinigung revolutionärer Schriftsteller« eine Studienreise
in die Sowjetunion, die sie im Frühjahr 1934 antrat, wohl kaum
ahnend, dass sie für elf Jahre in Moskau bleiben würde. In Moskau
setzte Klara Blum ihre schriftstellerische Tätigkeit fort und wid-
mete sich mehr und mehr der Lyrik. 1935 nahm sie die sowjetische
Staatsbürgerschaft an, 1938 wurde sie Mitglied des sowjetischen
Schriftstellerverbandes.
Ende 1937 lernte sie den chinesischen Kommunisten und revo-
lutionären Theaterregisseur Zhu Xiangchen kennen und lieben.
Wenige Monate danach verschwand Zhu Xiangchen ohne Nach-
richt. Wie sich Jahrzehnte später herausstellte, war er stalinistischen
Säuberungen zum Opfer gefallen und starb 1943 in einem Lager in
Sibirien. Klara Blum weigerte sich bis zu ihrem Lebensende, den
Tod ihres Geliebten zur Kenntnis zu nehmen. Die Suche nach Zhu
Xiangchen wurde Teil ihres Lebensinhaltes. Jahrelang bemühte sie
sich um eine Möglichkeit, nach China zu reisen, um ihren Gelieb-
ten zu suchen, da sie meinte, Zhu Xiangchen sei in geheimer Mis-
sion in seine Heimat zurückgekehrt. Vergeblich suchte sie beim
sowjetischen Schriftstellerverband um eine Chinareise an, um für
ein Buch über China zu recherchieren. Im Oktober 1945 verließ sie
die Sowjetunion. Eine monatelange, abenteuerliche Reise führte sie
im Bemühen um ein Visum für China zuerst nach Bukarest und
dann nach Paris, wo sie über ein Jahr in Erwartung der Einreisege-
nehmigung nach China verbrachte, zu der ihr das jüdische Hilfs-
komitee schließlich verhalf. Im August 1947 trat sie die Reise nach
China an und gelangte nach vierwöchiger Schifffahrt nach Shang-
hai. Mit Hilfe des jüdischen Hilfskomitees und Gelegenheitsar-
beiten schlug sie sich mühsam durch, bis sie 1948 für einige Monate
eine Stelle als Bibliothekarin an der Tongji-Universität bekam.
Wann immer es ihr möglich war, suchte sie nach Zhu Xiangchen,
reiste an Orte, wo er gewesen war und blieb dort mitunter Mo-
nate.

82
1952 wurde sie als Professorin für deutsche Sprache und Litera-
tur an die Fudan-Universität berufen. Im selben Jahr beantragte sie
die chinesische Staatsbürgerschaft, die ihr 1954 verliehen wurde,
und nahm den chinesischen Namen Zhu Bailan an. Nach einer
Neuorganisation der Universitäten ging Klara Blum an die Univer-
sität in Nanjing, wo sie bis 1957 blieb. Aufgrund interner Streitig-
keiten ließ sie sich 1957 an die Zhongshan-Universität in Guang-
zhon in der Provinz Kanton versetzen, wo sie bis zu ihrem
Lebensende als Professorin für Germanistik wirkte.
Zur Zeit der Kulturrevolution 1966 bis 1968 war Klara Blum in
einer schwierigen Situation. Als Ausländerin wurde sie von vorn-
herein als Gegnerin der Revolution angesehen und zu Unrecht ver-
dächtigt, mit ausländischen Agenten zusammenzuarbeiten. Für die
ewig Heimatlose, die sich schließlich in China eine Heimat geschaf-
fen hatte, war dies eine bittere Erfahrung.
Die in China entstandenen Werke umfassen in erster Linie
Novellen, Romane und Nachdichtungen fremdsprachiger Werke.
Klara Blum schrieb auf Deutsch und verlegte die meisten ihrer
Werke in der DDR. In dem in China entstandenen Roman »Der
Hirte und die Weberin« beschreibt sie verschiedene politische
Ereignisse, die sich vor dem Hintergrund einer großteils autobio-
graphischen Liebesgeschichte zwischen einem chinesischen Revo-
lutionär und einer galizischen Jüdin zutragen. In den Jahren 1948
und 1949 finden sich mehrere ihrer Gedichte in der New Yorker
Emigrantenzeitschrift »Aufbau«. In den 1960er Jahren schrieb
sie Artikel für die »Rote Fahne«, eine linke österreichische Zeit-
schrift.
Das tragische Leben von Klara Blum ist geprägt durch ihre radi-
kale Haltung und ihre Rolle als Außenseiterin der Gesellschaft. In
kompromissloser Weise identifizierte sie sich mit ihrer jüdischen
Herkunft und setzte sich später für Frauenrechte und soziale
Reformen ein. Ebenso kompromisslos blieb sie dem Andenken
ihres Geliebten treu und identifizierte sich schließlich mit der chi-
nesischen Kultur. Diese Haltung lässt sich durch eine Erinnerung
Mimi Grossbergs illustrieren, die über eine Begegnung im Jahr
1934 berichtet, als ihr Klara Blum erklärte, mit ihr nichts mehr zu
tun haben zu wollen, da sie ihr zu bürgerlich sei. Trotzdem schreibt
Mimi Grossberg mit großer Verehrung über Klara Blum, die sie

83
schon in der Schulzeit als aufgeschlossen, ehrgeizig und selbstbe-
stimmt schildert, und die einen großen Einfluss auf sie ausgeübt
hätte, indem sie ihr die Wichtigkeit einer Berufsausbildung nahe-
legte und sie zu verschiedensten Tätigkeiten anspornte (Grossberg-
Nachlass). Klara Blum starb am 4. Mai 1971 in Guangzhon in der
Provinz Kanton.
Ausgewählte Bibliographie
Blum, K. (1924): Wiener Juden. Ostjüdische Zeitung, 11.2.1924.
Blum, K. (1924): Die Tochter Zions. Ostjüdische Zeitung, 9.10.1924.
Blum, K. (1925): Kol Nidre. Ostjüdische Zeitung, 27.9.1925.
Blum,K. (1931): Rezension von Sophie Lazarsfeld: Wie die Frau den Mann
erlebt. Der Kampf 24/2.
Blum, K. (1931): Die Frauen und die bürgerliche Revolution. Die Frau 8:
9.
Blum, K. (1931): Arthur Schnitzler, ein Pionier des Frauenrechtes. Arbei-
terzeitung, 2.11.1931.
Blum, K. (1933): Frauen des Ostens. Fünf rumänische Photographien.
Arbeiterzeitung, 14.2.1933.
Blum, K. (1938): Über Anna Seghers' Roman »Rettung«. Das Wort 3/3:
137-140.
Blum, K. (1937): Textilarbeiterin. Internationale Literatur 7/10: 50-54.
Blum, K. (1939): Kaukasische Balladen aus alter Zeit (Gedichte). Interna-
tionale Literatur 9/3: 47-48.
Blum, K. (1939): Chinesische Balladen: Die Ahnenfeier der Familie Li,
Hieroglyphen an der Kerkerwand, General des Volks. Internationale
Literatur 9/9-10: 116-120.
Blum, K. (1939): Erst recht. Kiew (Gedichtband).
Blum, K. (1941): Wir entscheiden alles. Moskau (Gedichtband).
Blum, K. (1942): Dein Kind (Gedicht). Internationale Literatur 12 7/8: 18.
Blum, K. (1942): Schule der Lebenskraft. Internationale Literatur 12/12:
68-69.
Blum, K. (1942): Farbenfunken (Gedicht). Internationale Literatur 13/12:
46.
Blum, K. (1945): Der schönste Tod (Gedicht). In: Bekenntnis zu Öster-
reich. Moderne Arbeitslyrik. Graz, S. 245.
Blum, K. (1948): Yongheng de gazhao. Ji Heren Wie lian na. Bo lo fu (Das
ewige Vorbild. Erinnerung an eine Negerin Williana Brow). Funü
(Women, Shanghai) 7/10: 16-18.
Blum, K. (1951): Der Hirte und die Weberin. Rudolstadt (autobiogra-
phischer Roman).
Blum, K. (1954): LiDji: Wang Gue und Li Hsiang-Hsiang (Volksepen-
Nachdichtung).

84
Blum, K. (1956): Über die Aneignung des kulturellen Erbes in China. In:
Greifenalmanach 1956. Rudolstadt, S. 190-196.
Blum, K. (1956): Arnold Zweig im neuen China. In: Greifenalmanach
1957. Rudolstadt, S. 55-58.
Blum, K. (1969): Stummer Abschied, Der goldene Schleier, Grimmiger
Lebensbericht, Liebesgedicht an einen alten Mann. Neue Deutsche
Literatur 8/10: 55-60.
Blum, K. (1959): Das Lied von Hongkong. Rudolstadt (Novelle).
Blum, K. (1969): Ein Vorbild des Internationalismus und der Selbstlosig-
keit. Die Lebensgeschichte Dr. Norman Bethunes. Rote Fahne 11.
Klara Blum verfasste auch etliche Übersetzungen und Nachdichtungen
fremdsprachiger Werke.
Umfassende Bibliographie siehe: Yang, Z. (1996): Klara Blum - Zhu Bailan
(1904-1971). Leben und Werk einer österreichisch-chinesischen
Schriftstellerin. Frankfurt a. M.
Archivalien
DÖW; Lange, T. (o. J.): Emigration nach China: Wie aus Klara Blum Dshu
Bailan wurde. Manuskript (Exil 13555)
Literaturhaus Wien, Exilbibliothek: Nachlass von Mimi Grossberg: Otta-
kringer Volksheim Vortrag 2.6.1992 (1.6.1.43), Brief an e. rosen (2.2.17),
»Psychologiesches« (1.6.1.44), Brief an Perry Brainin 1979 (2.2.2), 3.4
Tagebuch »1943«, Aufbau 24.9.1948, 17.12.1948 und 25.11.1949
(N1EB-17/1.51).
Literatur
Gauss, K.M. (1996): Zwischen Czernowitz und Schanghai. Die Schrift-
stellerin Klara Blum. Neue Zürcher Zeitung, 22. Oktober 1996, S. 33.
Yang, Z. (1996): Klara Blum - Zhu Bailan (1904-1971). Leben und Werk
einer österreichisch-chinesischen Schriftstellerin. Frankfurt a. M.
Mitteilungsblatt für Individualpsychologische Veranstaltungen (1933).

PAUL BRODSKY

Paul Brodsky wurde am 12. November 1900 in Wien geboren. Er


wollte Klavier studieren, doch fiel er bei der Aufnahmeprüfung im
Fach Musiktheorie an der Hochschule für Musik und Darstellende
Kunst durch. Im Buch »Alfred Adler: As we remember him« berich-
tet Paul Brodsky, wie Alfred Adler, dessen Vorlesungen er damals

85
besuchte und den er um Rat fragte, ihn ermunterte, das Klavier-
spiel zu seiner eigenen Freude weiterzupraktizieren (Manaster et al.
1977). Paul Brodsky unterrichtete in der Folge eigene Klavierschü-
ler und nahm selbst Privatstunden bei einem bekannten Klavier-
lehrer. Später absolvierte er die Lehrerbildungsanstalt in Wien und
unterrichtete danach an einer Schule.
Als aktiver Individualpsychologe engagierte sich Paul Brodsky
vor allem in der Erziehungsberatung, hielt Vorträge im Verein und
publizierte in der IZIP. Er war Mitglied des im Jahr 1937 ins Leben
gerufenen »Klubs der Freunde der Individualpsychologie«, der
Vorträge und Arbeitsgruppen zu diversen pädagogischen und psy-
chologischen Themen für interessierte Eltern und Lehrer anbot.
Mit der Auflösung des Vereins im Februar 1939 endeten alle indi-
vidualpsychologischen Tätigkeiten.
Zusammen mit seiner Frau Grete verließ Paul Brodsky etwa
1939 Österreich und emigrierte in die USA. 1942 hielt er sich in St.
Louis, Missouri, auf, wo er als Billeteur für die Musikgesellschaft
arbeitete und auf privater Basis Nachhilfe und Deutschunterricht
gab. Nebenbei besuchte er Abendkurse an der »School of Social
Work of Washington University«, in der Hoffnung, später als Sozi-
alarbeiter Arbeit zu finden. Etwa 1944 zog er nach Los Angeles, wo
er zusammen mit seiner Frau im »Child House«, einem Kindergar-
ten und Tagesheim, arbeitete. Auch die ebenfalls emigrierte Indivi-
dualpsychologin und Ärztin Lydia Sicher war Mitarbeiterin an
dieser Institution. Paul Brodsky organisierte Elternabende und
arbeitete therapeutisch mit den Kindern. 1948 verließen Lydia
Sicher und Paul Brodsky wegen interner Unstimmigkeiten die
»Child House Association« und gründeten das »Institute for Indi-
vidual Psychology« in der Maltman Avenue 932 in Los Angeles.
Dort organisierten sie Vorträge über Behandlung von Neurosen
und psychosomatischen Krankheiten für Ärzte, Psychiater und
Psychologen sowie Kurse über Erziehungs- und Beratungstätig-
keiten für Lehrer, Sozialarbeiter und Bewährungshelfer. Bald dar-
auf initiierte die Los-Angeles-Gruppe eine Erziehungsberatungs-
stelle, das »Alfred Adler Counseling Center« für Schulkinder, das
speziell für Leute mit niedrigem Einkommen gedacht war. Paul
Brodsky wurde Associate Director und nach Lydia Sichers Tod
Direktor dieser Beratungseinrichtung. Da an einer individualpsy-

86
chologischen Ausbildung großes Interesse bestand, wurde im Jahr
1949 zusätzlich die Alfred Adler Society of Los Angeles eingerich-
tet, eine Organisation für die Ausbildung von Individualpsycholo-
ginnen und Individualpsychologen. Ebenso wie Lydia Sicher hielt
Paul Brodsky Kurse an dieser Schule. Etwa zur gleichen Zeit eröff-
nete das Ehepaar Brodsky einen Kindergarten, die »Sunset Play
Nursery« am North Hobarth Boulevard, den sie nach individual-
psychologischen Grundsätzen leiteten. Paul Brodsky wurde mit der
Zeit ein anerkannter Kinderpsychologe und Psychotherapeut und
unterwies angehende Individualpsychologinnen und Individu-
alpsychologen. Er unterrichtete an Erwachsenenbildungseinrich-
tungen und am University of California Extension Service.
Sein Leben lang spielte Paul Brodsky Klavier. Außerdem schrieb
er Gedichte und komponierte Kinderlieder. 1968 wurde er zum
Vizepräsidenten der American Society of Adlerian Psychology
gewählt. Paul Brodsky starb am 9. November 1970 in Los Angeles.
Bibliographie
Brodsky, P. (1929): Erziehungsarbeit des Privatlehrers. IZIP 7: 239-243.
Brodsky, P. (1930) The educational work of the private teacher. In: Adler,
A. et al. (Hg.): Guiding the child. New York, S. 47-268.
Brodsky, P. (1933): Zur individualpsychologischen Beeinflussbarkeit der
Epilepsie. IZIP 11: 369-377.
Brodsky, P. (1935): Psychologie des Nachhilfeunterrichts. IZIP 13: 88-
104.
Brodsky, P. (1952): The diagnostic importance of early recollections. AJIP
6: 484-493.
Brodsky, P. (1955): Together we sing. Chicago.
Brodsky, P. (1962): Lydia Sicher (1890-1962). JIP 18: 184-186.
Brodsky, P. (1963): Dependence-interdependence. IP 1/2: 13-17.
Brodsky, P. (1963): Poem for the living. IPNL 13/5-6: 22.
Brodsky, P. (1964): The rocking chair (Gedicht). IPNL 14/10-12: 4L
Brodsky, P. (1964): Confused (Gedicht). IPNL 15/1-2: 3.
Brodsky, P. (1965): Religious, Talk to (Gedichte). IPNL 15/3-4: 9.
Brodsky, P. (1965): It's yours (Gedicht). IPNL 15/12: 49.
Brodsky, P. (1966): Gemeinschaftsgefühl. IPNL 16/11-12: 43.
Brodsky, P. (1967): The maladjusted child. IP 4/2: 62-64.
Brodsky, P. (1968): Problems of adolescence: An Adlerian view. Adole-
scence 3: 9-22.
Brodsky, P. (1968): Margaret Kearney (1901-1967). JIP 24: 125.
Brodsky, P. (1969): Eva S. Olman (1889-1969). JIP 25: 239-243.

87
Literatur
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
Manaster,G. J.; Painter,G.; Deutsch, D.; Overholt, B. J. (Hg.) (1977): Alfred
Adler: As we remember him. Chicago.
o. N. (1971): Paul Brodsky (1900-1970). IJIP: 124-125.
IPB 2/4 (1942), IPB 4/2 (1944-45), IPB 7/1 (1949), IPB 7/3 (1949), IPB
8/3-4(1950), IP 5/2 (1968).

DANICA DEUTSCH

Danica Deutsch, geborene Brückner, kam am 16. August 1890 in


Sarajevo als Älteste von fünf Geschwistern zur Welt. Ihre Mutter,
die selbst Lehrerin war, legte Wert darauf, dass ihre Töchter eine
Berufsausbildung erhielten. Da es in Bosnien schwierig war, als
Mädchen eine gute Ausbildung zu bekommen, ging Danica 1909
nach Wien, um sich dort zur Lehrerin für Sprachen ausbilden zu
lassen. Schon bald kam sie in Kontakt mit einer Gruppe von Stu-
denten, die Sigmund Freuds Vorlesungen an der Universität
besuchten. Nach ihrer Abschlussprüfung kehrte Danica nach Sara-
jewo zurück, wo sie als Lehrerin arbeitete. 1911 besuchte sie einen
Sommerkurs für Französisch und Psychologie an der Genfer Uni-
versität. Auf der Rückreise nach Sarajewo hielt sie sich kurz in Wien
auf, um sich mit Freunden, unter denen sich auch der Musiklehrer
Leonhard Deutsch befand, zu treffen. Kurz darauf verlobten sich
Danica und Leonhard, ein Jahr darauf waren sie verheiratet und
Danica Deutsch zog nach Wien.
Noch vor dem Ersten Weltkrieg schloss sie sich dem erst seit
kurzer Zeit bestehenden Kreis um Alfred Adler an und nahm an
den Diskussionsrunden im Hause Adler teil. Durch den Krieg wur-
den die Treffen unterbrochen und konnten erst wieder 1918 fort-
gesetzt werden. Danica Deutsch war bald eine sehr aktive Individu-
alpsychologin. Sie engagierte sich als Erziehungsberaterin, hielt
Kurse zum Thema »Selbsterziehung« und war von 1931 bis 1934
im Vorstand des Vereins. 1932 bis 1934 organisierte und leitete sie

88
die »Arbeitsgemeinschaft für Mütter und Väter«, eine Diskussions-
gruppe für Erziehungsprobleme, an der Eltern und Lehrer teilnah-
men. In dieser Zeit gab sie auch ein Informationsblatt über die
Aktivitäten des Wiener Vereins heraus, das »Mitteilungsblatt für
individualpsychologische Veranstaltungen«.
Bald nach dem Anschluss im März 1938 emigrierten Danica
und Leonhard Deutsch in die USA, wo sie anfänglich in Florida
eine Bleibe fanden. Am College of Music in Jacksonville, wo Leon-
hard Deutsch Musiktheorie unterrichtete, unterwies Danica
Deutsch Lehrerinnen und Lehrer in Theorie und Praxis der indivi-
dualpsychologischen Pädagogik. Im Jahr 1941 zog das Ehepaar
Deutsch nach New York.
Danica Deutsch fand schon bald eine Stelle als Beraterin in einer
Kinderbetreuungseinrichtung. Zusammen mit sowohl amerika-
nischen als auch mit emigrierten Adlerianern organisierte sie
öffentliche individualpsychologische Kurse und Vorträge und war
Sekretärin der New Yorker Gruppe. 1948 baute sie das Alfred Adler
Consultation Center auf, eine individualpsychologische Bera-
tungsstelle für Leute mit niedrigem Einkommen. 1954 wurde das
Center in eine Mental Hygiene Clinic umgewandelt, wobei Danica
Deutsch lange Jahre die Funktion des Executive Director beklei-
dete. Angeboten wurden individualpsychologische Einzelthera-
pien, Familientherapien, Gruppentherapien für Mütter, Ehepaare,
Jugendliche, Kinder und Studenten, aber auch gesellschaftliche
Veranstaltungen, Musikkurse und Tanztherapie. Danica Deutsch
hielt selbst Kurse, Gruppentherapien und Beratungen. Sie schrieb
außerdem zahlreiche Beiträge für die verschiedenen amerika-
nischen Vereinszeitschriften, in denen sie sich vor allem mit Fami-
lientherapie, Einzel- und Gruppenberatung befasste. Seit 1954 war
sie Vorstandsmitglied der International Association of Adlerian
Psychology. Bis 1973 leitete sie das Alfred Adler Institute in New
York, danach unterrichtete sie weiterhin und war als Therapeutin
tätig. Am 24. Dezember 1976 starb sie im Alter von 86 Jahren in
New York. Ihre beiden Töchter, Ruth E. Ronall, selbst Psychothera-
peutin, und Mia Glazer leben heute in New York.
Bibliographie
Deutsch, D. (1946): Coercion in the nursery school. Nerv. Child 5: 244-
246.

89
Deutsch, D. (1947): Alfred Adler's theory of compensation applied to cur-
rent studies on sidedness. IPB 6: 27-31.
Deutsch, D. (1950): Activite des groupes Adleriens ä l'eiranger. Bull, du
Centre Psycho!. Adlerienne 1: 10-11.
Deutsch, D. (1954): Two »psychosomatic« case histories. AJIP 10: 186—
189.
Deutsch, D. (1954): Rezension von L. Steiner: Where do people take their
troubles? AJIP 11:91.
Deutsch, D. (1954): A case of transvestism. Amer. J. Psychother. 8: 239-
242.
Deutsch, D. (1954): Rezension von W. F. Vaughan: The Iure of superiority
and personal and social adjustment. AJIP 11: 93-94.
Deutsch, D. (1956): A Step toward successful marriage. AJIP 12: 78-83.
Deutsch, D. (1956): An instance of Adlerian psychology. Case Rep. clin.
Psychol. 3/3-4: 113-120.
Deutsch, D. (1956): Eighth Annual report of the Alfred Adler Consultation
Center and Mental Hygiene Clinic. AJIP 12: 180-182.
Deutsch, D. (1957): A multiple approach to child guidance. JIP 13: 171-
175.
Deutsch, D. (1958): Group therapy with married couples. The birth pangs
of a new family life style in marriage. Didactic group discussions with
mothers in a child guidance setting. Grp. Psychother. 1: 52-56.
Adler, K. A.; Deutsch, D. (Hg.) (1959): Essays in Individual Psychology.
Contemporary application of Alfred Adler's theories. New York.
Deutsch, D. (1966): Alfred Adler and Margret Mead: A Juxtaposition. JIP
25: 133-135.
Deutsch, D. (1967): Family therapy and family life style. JIP 23: 217-223.
Deutsch, D. (1968): Erwin O. Krausz (1887-1968). JIP 24: 217-218.
Literatur
Brief von Mia Glazer an Clara Kenner. 27. November 1999.
Deutsch, D. (1979): Danica Deutsch at eighty. JIP 26/2: 213-216.
Handlbauer, B. (1987): »Lernt fleißig Englisch«: Die Emigration Alfred
Adlers und der Wiener Individualpsychologen. In: Stadler, F. (Hg.):
Vertriebene Vernunft II. Emigration und Exil österreichischer Wissen-
schaft. Wien, S. 268-287.
Mitteilungsblatt für Individualpsychologische Veranstaltungen (1933).
o. N. (1976): Danica Brückner Deutsch. New York Times, 25. Dezember
1976, S. 16.
IPB 4/4 (1944-45), IPB 9/3-4 (1951).

90
LEONHARD DEUTSCH

Leonhard Deutsch wurde am 28. Januar 1888 in Wien geboren.


Noch vor dem Ersten Weltkrieg war er Mitglied des Kreises um
Alfred Adler. Er promovierte als Chemotechniker an der Tech-
nischen Universität in Wien und widmete sich nebenbei der Musik.
Im Jahr 1925 gab er die Chemie auf und wandte sich gänzlich der
Musik zu, wobei er an einer Schule Musik unterrichtete und Kla-
vierunterricht gab. Etliche Jahre war er aktiver Individualpsycho-
loge, hielt Vorträge sowohl im Verein als auch im Ausland und
publizierte in der Zeitschrift für Individualpsychologie. Leonhard
Deutsch referierte auch bei der von Sofie Lazarsfeld ins Leben
gerufenen Individualpsychologischen Sommerschule, die erstmals
im Sommer des Jahres 1932 in einem Ferienheim am Semmering
abgehalten wurde und an der 53 Personen aus 13 verschiedenen
Nationen teilnahmen.
Nach individualpsychologischen Gesichtspunkten begründete
er eine neue Methode der Klavierpädagogik, über die in den frühen
1930er Jahren in der »Musikpädagogischen Arbeitsgemeinschaft«
in einem eigenen Klubraum im ersten Bezirk in Wien referiert und
diskutiert wurde. Das »Klavierspiel« wurde 1929 in Deutschland
und 1950 in den USA unter dem Titel »Guided sight reading«
herausgegeben. Im Wesentlichen geht es Deutsch darum, das Kla-
vierspiel nicht durch vordergründige mechanische Übungen in
einzelne Teile zu zergliedern, sondern in seiner Gesamtheit wahr-
zunehmen. Die Begeisterung des Schülers sei durch zielgerichtetes
Üben zu erwecken und durch Ermutigung zu fördern. Als exzel-
lente Technik zur ganzheitlichen Erfassung der Musik hebt Deutsch
das Primavistaspiel hervor. Technische Schwierigkeiten beim Spie-
len betrachtet er als Symptom für seelische Befindlichkeiten und
Probleme des Schülers, die mit psychotherapeutischen Methoden
zu beheben wären. Rudolf Dreikurs, der selbst ein sehr guter Pia-
nist war, bemerkt Folgendes: »Not until I met Leonhard Deutsch
did I understand how I became efficient on the piano, i. e., through
sight reading« (Dreikurs 1967, S. 147).
Nach dem Anschluss emigrierte Leonhard Deutsch mit seiner
Frau Danica, selbst Lehrerin und Individualpsychologin, in die
Vereinigten Staaten. Die Familie Deutsch hielt sich anfänglich

91
kurze Zeit in Florida auf, wo Leonhard Deutsch Musiktheorie und
Danica Deutsch Theorie und Praxis der Individualpsychologie für
Lehrer am College of Music in Jacksonville unterrichteten. Im
Sommer 1941 besuchte Leonhard Deutsch Vorlesungen an der
University of Maine in Orono und hielt selbst Vorlesungen über
seine Klavierunterrichtsmethode. Nicht lange danach zog die
Familie Deutsch nach New York.
Ebenso wie seine Frau Danica engagierte sich Leonhard Deutsch
im New Yorker Verein für Individualpsychologie, wo er Vorle-
sungen und Kurse hielt. 1942 publizierte er »A treasury of the
world's finest folk songs«, eine Sammlung von Volksliedern.
Leonhard Deutsch starb am 24. Februar 1962 in New York und
hinterließ seine Frau Danica, seine zwei Töchter Ruth E. Ronell
und Mia Glazer sowie seine Schwester Lilly Wexberg.
Bibliographie
Deutsch, L. (1929): Klavierspiel. Leipzig.
Deutsch, L. (1929): Die Erziehungsaufgabe des Klavierunterrichts. IZIP 7:
47-50.
Deutsch, L. (1930): Selbst-Rezension von: Klavierspiel. IZIP 8: 599-600.
Deutsch, L. (1931): Individualpsychologie im Musikunterricht und in der
Musikerziehung. Ein Beitrag zur Grundlegung musikalischer Gemein-
kultur. Leipzig.
Deutsch, L (1942): A treasury of the world's finest folk songs. New York.
Deutsch, L. (1944-45): Talent or training? IPB 4: 79-84.
Deutsch, L. (1947): Individual Psychology and pedagogy. IPB 6: 48-50.
Deutsch, L. (1948): Kritische Betrachtungen. IZIP 17: 84-91.
Deutsch, L. (1949): Rezension von: Lecomte du Noüy: Human destiny. IPB
7: 94-95.
Deutsch, L. (1949): Rezension von E. Froeschels: The human race. IPB 7:
33.
Deutsch, L. (1950): Menschenkenntnis und Naturwissenschaft. IZIP 19:
20-25.
Deutsch, L. (1950): Guided sight reading. New York.
Deutsch, L. (1951): Von der Kausalität zu schöpferischer Freiheit. IZIP 20:
165-174.
Deutsch, L. (1951): Rezension von L. R. Hubbard: Dianetics. IPB 9: 38-
39.
Deutsch, L. (1951): Rezension von P. Mullahy: Oedipus, myth and com-
plex. IPB 9: 174.
Deutsch, L. (1951): Rezension von F. J. Sheen: Lift up your heart. IPB 99:
37-38.

92
Deutsch, L. (1970): Woman's role: An Adlerian view. JIP 26/2: 122-123.
Deutsch, L. (1970): Portrait. IPNL 19/4: 61.
Literatur
Brief von Mia Glazer an Clara Kenner. 27. November 1999.
Deutsch, L. (1932): Individualpsychologie im Musikunterricht. Arbeiter-
zeitung, 10. Mai 1932,o. S.
Dreikurs, R. (1967): Guiding, teaching, and demonstrating: An Adlerian
autobiography. JIP 23/2: 145-157.
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
Handlbauer, B. (1987): »Lernt fleißig Englisch«: Die Emigration Alfred
Adlers und der Wiener Individualpsychologen. In: Stadler, F. (Hg.):
Vertriebene Vernunft IL Emigration und Exil österreichischer Wissen-
schaft. Wien, S. 268-287.
o. N. (1962): Leonhard Deutsch. New York Times, 25. Februar 1962,
S. 21.
IZIP 15 (1937), IZIP 10 (1932), IPB 2/1 (1942), IPB 2/4 (1942), IPB 4/2
(1944-45).

RUDOLF DREIKURS

Rudolf Dreikurs wurde am 8. Februar 1897 als Sohn von Fanny,


geborene Cohn, und Simon Dreikurs, einem erfolgreichen jüdi-
schen Geschäftsmann, in Wien geboren. Rudolf war ein schlechter
Schüler und ein unsicheres, schüchternes Kind. Ein Wendepunkt
in seinem Leben trat ein, als er sich als 16-Jähriger einer Jugendbe-
wegung anschloss, die von dem Studenten Siegfried Bernfeld, spä-
ter selbst Psychoanalytiker, gegründet worden war. Die Ideen dieser
Jugendbewegung stammten von dem deutschen Erzieher Gustav
Wyneken, der 1906 die Freie Schulgemeinde in Wickersdorf errich-
tet hatte und der in begeisterten Reden die Jugendlichen zur Selbst-
bestimmung aufrief. Diese Erfahrung beeinflusste Dreikurs nach-
haltig und prägte seine Persönlichkeit (Dreikurs 1967).
Nach seiner Matura im Jahr 1915 wurde Rudolf Dreikurs zum
Militär einberufen. 1918 durfte er zum Medizinstudium nach Wien
zurückkehren. Während seiner Studienjahre organisierte er die

93
sozialistischen Medizinstudenten und war Vertreter der Universität
im Wiener Arbeiterrat, wo er etwa 1920 Alfred Adler kennenlernte,
der eine Zeit lang als stellvertretender Vorsitzender des Arbeiterra-
tes fungierte.
Nach seiner Promotion im Jahr 1923 begann Dreikurs seinen
Turnus im Allgemeinen Krankenhaus in der Abteilung von Profes-
sor Emil Mattauschek und später seine Fachausbildung unter Julius
von Wagner-Jauregg an der Psychiatrisch-Neurologischen Univer-
sitätsklinik, wo er auch Alexander Neuer kennenlernte, ein Adleri-
aner, ebenfalls in fachärztlicher Ausbildung. Durch ihn fand Drei-
kurs Zugang zu Adlers Theorie und Methoden, die er bis dahin mit
einer gewissen Skepsis betrachtet hatte. Seit 1927 unterhielt Drei-
kurs eine private Praxis, wo er schon 1928 »Kollektivtherapien«,
also Gruppenbehandlungen durchführte. In diesen Jahren ständig
in Geldnöten, hatte Dreikurs ursprünglich aus Gründen der Zeit-
ersparnis drei Patienten zu einem gemeinsamen Termin gebeten.
Da sich diese Form als erfolgreich erwies, begann er Gruppenbe-
handlungen systematisch einzusetzen (Terner u. Pew 1978).
Dreikurs war enger Mitarbeiter im Individualpsychologischen
Verein. Er hielt Kurse, war Mitglied der Arbeitsgemeinschaft der
Ärzte, schrieb Beiträge für die IZIP und leitete zwei Erziehungsbe-
ratungsstellen. Zusammen mit der Individualpsychologin Elly
Rothwein organisierte er drei Jahre lang von 1935 bis 1937 jeweils
im Sommer Ferienlager für Kinder. Rudolf Dreikurs interessierte
sich besonders für moderne pädagogische Ansätze und Erzie-
hungsfragen und befasste sich in etlichen Artikeln auch mit Psych-
iatrie, Psychologie, Psychotherapie, Eheberatung, Sozialmedizin
sowie politischen Ideen.
Schon bald konzentrierte sich Dreikurs auf Fragen der Sozial-
psychiatrie. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen wandte er
gruppentherapeutische Ansätze in der Wiener Poliklinik unter
Hans Hoff an. Seinen eigenen Angaben nach war er der Erste in
Österreich, der psychiatrische Sozialarbeit betrieb und eine Zu-
sammenarbeit zwischen dem Psychiatrischen Institut und sowohl
öffentlichen wie auch privaten Beratungsstellen organisierte (Drei-
kurs, Personal Data). Er gründete und leitete mehrere Ambulan-
zen und Beratungseinrichtungen für Alkoholiker und psychisch
Kranke. Einige dieser Einrichtungen wurden in Zusammenarbeit

94
mit der Arbeiterbewegung der Sozialdemokratischen Partei reali-
siert. Mit Wilhelm Börner, Leiter der Ethischen Gemeinde in Wien,
organisierte er die Lebensmüdenstelle. Diese von der Ethischen
Gemeinde geführte Einrichtung stand ab Mai 1928 im Gebäude
der Wiener Rettungsgesellschaft der zunehmenden Anzahl an
ratsuchenden Menschen in ausweglosen Situationen zur Verfü-
gung.
Durch das austrofaschistische Regime wurde schließlich jede
Art der Gruppentherapie in öffentlichen Einrichtungen verboten.
Überdies wurden etliche soziale Einrichtungen der Sozialdemo-
kraten und der Individualpsychologen geschlossen.
Ohne berufliche Aussichten und fortwährend in finanziellen
Nöten, andererseits auch aufgrund der immer bedrohlicher wer-
denden politischen Entwicklungen, entschied sich Rudolf Dreikurs
dazu, Österreich zu verlassen. Einer Einladung zu einer Vortrags-
reise folgend ging er August 1937 nach Brasilien. Da sich die beruf-
lichen Möglichkeiten als wenig aussichtsreich darstellten, fuhr er
noch im November desselben Jahres weiter in die USA. Alfred
Adler hatte ihm schon früher vorgeschlagen, nach Chicago zu
gehen und die dort seit 1933 bestehende Gruppe zu unterstützen.
Dreikurs ging daher nach Chicago, wo er anfänglich am Michael
Reese Hospital als Psychiater arbeitete. Zu dieser Zeit war Chicago
eine Hochburg der Psychoanalytiker. Dreikurs musste mit Animo-
sitäten zurechtkommen und hatte anfänglich Schwierigkeiten, sich
zu etablieren. 1939 bekam er die ärztliche Zulassung. Von 1940 bis
1943 war er Konsiliarpsychiater im Hüll House, von 1942 bis 1966
Professor für Psychiatrie an der University of Chicago Medical
School und arbeitete außerdem in der eigenen Praxis.
Als sich im Jahr 1938 die politische Situation in Österreich
zuspitzte, versuchte Dreikurs, seine Kinder sowie auch seine Eltern
in die USA zu holen. Im Jahr 1918 hatte er Stephanie Koch gehei-
ratet. Wenige Jahre später sollte die Beziehung eine tragische Wen-
dung nehmen, da Stephanie paranoide Züge entwickelte und
schließlich in einer geschlossenen Anstalt untergebracht werden
musste. 1934 wurde die Ehe geschieden. Die Kinder Erich und Eva
wurden von Dreikurs' Cousine Josie Pollack in Obhut genommen.
Ihr gelang es, noch im Frühjahr 1938 mit beiden Kindern über
Schweden in die USA zu kommen. Dreikurs' Eltern zögerten, bis es

95
im Herbst 1941 zu spät für ihre Ausreise war. Sie wurden im August
1942 nach Theresienstadt deportiert und fielen der Rassenpolitik
der Nationalsozialisten zum Opfer, ebenso wie Dreikurs' erste Frau
Stephanie.
Schon bald nach seiner Ankunft in Chicago hatte Dreikurs mit
dem Aufbau von Beratungsstellen begonnen, die erste im Abraham
Lincoln Center und später, nachdem die ebenfalls aus Wien emi-
grierte Individualpsychologin Elly Rothwein (Eleanor Redwin) mit
Dreikurs' Hilfe nach Chicago gekommen war, in etlichen anderen
Häusern. Nach dem Vorbild der Wiener Erziehungsberatungsstel-
len wurden Kinder-, Eltern- und Lehrerberatungen, Einzel-, und
Gruppentherapien, Musiktherapie, Mütter- und Elterngruppen
und anderes angeboten. Nachdem 1937 die Herausgabe des von
Alfred Adler 1935 gegründeten International Journals of Indivi-
dual Psychology eingestellt worden war, gab Rudolf Dreikurs ab
1940 die Individual Psychology News heraus, eine Zeitschrift, die
in erster Linie dazu gedacht war, Neuigkeiten über die emigrierten
Individualpsychologen zu sammeln und diese Informationen wei-
terzugeben. 1942 wurde die Zeitschrift in Individual Psychology
Bulletin umbenannt und entwickelte sich immer mehr zu einem
wissenschaftlichen Journal. Mit dem zehnten Jahrgang wurde
dieses zum halbjährlichen American Journal of Individual Psycho-
logy zusammengefasst und ab 1957 als Journal of Individual Psy-
chology von Heinz Ansbacher herausgegeben.
1952 wurde das Institute of Adlerian Psychology gegründet, das
zwei Jahr später in Alfred Adler Institute of Chicago umbenannt
wurde. Diese vor allem der Ausbildung von Individualpsycholo-
ginnen und Individualpsychologen dienende Einrichtung wurde
lange Jahre von Rudolf Dreikurs geleitet. 1954 wurde er in den Vor-
stand der International Association of Individual Psychology ge-
wählt. Von 1954 bis 1956 war er Präsident der American Society of
Adlerian Psychology.
Seit 1946 unternahm er meist gemeinsam mit seiner zweiten
Frau Sadie J. Ellis Garland, mit der er seit 1943 verheiratet war,
unzählige Vortragsreisen als Gastprofessor in den USA, aber vor
allem auch nach Südamerika, Europa und nach Israel, wo er
wesentlich zur weiteren Verbreitung der Individualpsychologie
beitrug. Rudolf Dreikurs schrieb etwa 170 Artikel und mehrere

96
Bücher. Er entwickelte die Individualpsychologie zu einer eigenen
psychotherapeutischen Schule und systematisierte die Anwendung
der Adler'schen Theorien. Als wesentlichen Beitrag sieht er selbst
die Einführung von Psychodrama und Musiktherapie, weiterhin
die sogenannte Multiple Psychotherapy, wobei mehrere Psychothe-
rapeuten - auch verschiedener Schulen - mit einem Patienten
zusammenarbeiten, was sich als effektiv herausgestellt hatte, und
vor allem auch die verstärkte Anwendung der Gruppentherapie.
Die Gruppenbehandlung stellt für Dreikurs eine Annäherung an
demokratische Prinzipien dar, wodurch es möglich wird, durch die
Therapie Methoden einer Demokratisierung zu entwickeln. Ein
weiteres wichtiges Gebiet ist die von Dreikurs systematisierte, auf
tiefenpsychologischen Erkenntnissen beruhende, demokratische
Pädagogik, die darauf zielt, die Persönlichkeitsentwicklung zu för-
dern, indem die Autonomie des Kindes gestärkt und sein Gemein-
schaftsgefühl entfaltet wird. Eine wesentliche Rolle in der Erzie-
hung spielt die Ermutigung des Kindes, die Vermeidung von
Machtkämpfen mit dem Kind und das Erlernen der Regeln des
menschlichen Zusammenlebens. Rudolf Dreikurs hat zweifellos
Pionierleistungen erbracht, allerdings besteht bei seinem eher diri-
gistischen und schematisierten Vorgehen die Gefahr einer gewissen
Vereinfachung und Oberflächlichkeit, die dem Einzelfall nicht
immer gerecht wird und bei der die tiefenpsychologische Dimen-
sion und genaue Analyse nicht vorgesehen ist. Während Freud und
Adler die »Fundamente zu einem neuen Verständnis des mensch-
lichen Seelenlebens« legten, so »formte Dreikurs einige pädago-
gisch-praktische Punkte Adlers zur leichteren Verwendbarkeit um.
Waren die genannten bahnbrechend, hatte Dreikurs die Rolle des
Verbreiters und Durchsetzers übernommen« (Siebenhüner 2002,
S. 59 f.). Heute ist das Alfred Adler Institute in Chicago das größte
in den USA, wo sowohl Therapeuten ausgebildet als auch Bera-
tungen und Therapien durchgeführt werden.
Rudolf Dreikurs war Mitglied der American Psychiatry Associ-
ation, der American Humanist Association, der Society of Group
Psychotherapy and Psychodrama, der Academy of Psychotherapy
und etlichen anderen. Seine Kinder Erik und Eva studierten beide
Psychologie. Erik Dreikurs arbeitet als Psychologe in Los Angeles
und Eva Dreikurs-Ferguson ist Professorin an der Southern Illinois

• . 9 7

[ Bayerische
I Staatsbibliothek
München
V J
University in Springfield. Rudolf D r e i k u r s s t a r b a m 25. Mai 1972
in Chicago.

Ausgewählte Bibliographie
Dreikurs, R. (1925): Die soziale Fürsorge in der Psychiatrie. Jb. Psychiat.
Neurol. 44: 247-266.
Dreikurs, R. (1928): Von der Geisteskrankenfürsorge über die soziale
Psychiatrie zur psychischen Hygiene. Allg. Z. Psychiat. 88: 567-573.
Dreikurs, R. (1930): Zur Frage der Selbstmordprophylaxe. Allg. Z. Psych-
iat. 93: 98-114.
Dreikurs, R. (1932): Einige wirksame Faktoren in der Psychotherapie. IZIP
10: 161-176.
Dreikurs, R. (1932): Über Liebeswahl. IZIP 10: 339-353.
Dreikurs, R. (1934): Die Erziehungsberatung in Wien. Sozialärztl. Rundsch.
9/1.
Dreikurs, R. (1942): In memoriam - Alfred Adler. IPB 2/4: 76-77.
Dreikurs, R. (1946): The challenge of Marriage. New York.
Dreikurs, R. (1947): The four goals of the maladjusted child. Nerv. Child
6:321-328.
Dreikurs, R. (1948): The challenge of parenthood. New York.
Dreikurs, R. (1950): Religion without the supernatural. Progress. World 9:
387-395.
Dreikurs, R. (1953): The dynamics of music therapy. Music Ther. 3: 15-
23.
Dreikurs, R. (1956): Acontribution of group psychotherapy to psychiatry.
Group Psychother. 9: 115-125.
Dreikurs, R. (1957): The psychological and philosophical significance of
rhythm. Bull. Natl. Assn. Music Ther. 6: 226-229.
Dreikurs, R. (1957): Comments on »Code of ethics of group psychothera-
pists«. Grp. Psychother. 10: 77-83.
Dreikurs, R. (1958): Die Anfänge der Gruppenpsychotherapie in Wien.
Wien. med. Wchnschr. 108: 845-848.
Dreikurs, R. (1961): The war between the generations: juvenile delin-
quency stumps the experts. Humanist 21/1: 15-24.
Dreikurs, R. (1962): Prevention and correction of juvenile delinquency.
Mimiographed.
Dreikurs, R. (1967): Regine Seidler (1895-1967). JIP 23: 137.
Dreikurs, R. (1971): The delinquent in the Community. IP 3: 7-14.
Dreikurs, R. (1972): Soziale Gleichwertigkeit, die Forderung unserer Zeit.
Stuttgart.

Archivalien
Alfred Adler Institut Wien: Dreikurs, R.: Personal Data.

98
Literatur
Dreikurs, R. (1967): Guiding, teaching, and demonstrating: An Adlerian
autobiography. JIP 23/2: 145-157.
Dreikurs, R. (1973): Selbstdarstellung. In: Pongratz, L. J. (Hg.): Psychothe-
rapie in Selbstdarstellungen. Bern, S. 107-129.
Dreikurs, R. (1929): Die Wiener Lebensmüdenstelle. Neues Wiener Abend-
blatt, 6. Juli 1929, S. 3.
Handlbauer, B. (1987): »Lernt fleißig Englisch«: Die Emigration Alfred
Adlers und der Wiener Individualpsychologen. In: Stadler, F. (Hg.):
Vertriebene Vernunft IL Emigration und Exil österreichischer Wissen-
schaft. Wien, S. 268-287.
Siebenhüner, S. (2002): Rudolf Dreikurs - der individualpsychologische
Pragmatiker. In: Levy, A.; Mackenthun, G. (Hg.): Gestalten um Alfred
Adler. Pioniere der Individualpsychologie. Würzburg, S. 37-62.
Strauss.H. A.; Röder,W. (Hg.) (1983): International Biographical Diction-
ary of Central European Emigres 1933-1945. Vol. 2. München.
Terner, J.; Pew, W. L. (1978): The courage to be imperfect. The life and work
of Rudolf Dreikurs. New York.
IPB 2/4 (1942), IP 4/2 (1967), IPB 8/3^1 (1950).

ALFRED FARAU (FRED HERNFELD)

Als Fred Hernfeld kam Alfred Farau am 10. Dezember 1904 in


Wien zur Welt. Erst im Exil in den USA legte er sich seinen neuen
Namen zu. Sein Vater Max Hernfeld, Lehrer und Schuldirektor,
stammte aus einer alteingesessenen jüdischen Wiener Familie.
Seine Mutter Helen Singer kam aus Krems.
Nach der Matura im Jahr 1923 studierte Alfred Farau Psycholo-
gie, Philosophie und Literaturwissenschaften an der Universität
Wien. Sein Studium sollte er erst im Jahr 1953 mit der Dissertation
»Der Einfluss der österreichischen Tiefenpsychologie auf die ame-
rikanische Psychotherapie der Gegenwart« abschließen.
1929 kam das Kinderbuch »Pudel Muck« von Farau heraus.
Gleichzeitig konnte er sich als Hörspielautor einen Namen machen.
Seine Stücke wurden sowohl von der Ravag als auch von verschie-
denen deutschen Sendern gebracht. Von 1929 bis 1933 war Farau
Wiener Korrespondent des »Berliner Funk-Express«, wo er journa-

99
listisch und auch schriftstellerisch tätig war. 1933 wurde sein Ver-
trag aus politischen Gründen beendet. Im Jahr 1939 gründete
Alfred Farau die »Junge Kunst«, eine Organisation von Künstlern
und Schriftstellern, der er bis 1938 vorstand.
1925 bis 1937 war Farau Schüler Alfred Adlers, bei dem er auch
eine Lehranalyse absolvierte, die er 1934 abschloss. Danach wurde
er Mitglied des Vereins für Individualpsychologie und betrieb in
Wien eine private Praxis als Psychotherapeut. In den frühen 1930er
Jahren hielt er Vorlesungen über literarische und kulturgeschicht-
liche Themen an der Volkshochschule und am Schubert-Konser-
vatorium in Wien.
Am 10. November 1938 wurde Alfred nach Dachau deportiert.
Nach seiner Entlassung Anfang 1939 verließ er mit seiner Frau Syl-
via Farau, geborene Markus, am 24. Juni 1939 Österreich. Seine
Eltern und viele seiner Verwandten kamen im Holocaust um.
Alfred und Sylvia Farau gingen zuerst nach Triest, wo sie auf die
Einreisevisa in die USA warteten. Da sie ohne jegliche finanzielle
Mittel auswandern mussten, waren sie sowohl in Italien als auch in
den USA anfänglich auf Hilfsorganisationen angewiesen. Mit dem
italienischen Dampfer »Roma« gelangten sie im Mai 1940 nach
New York, wo Alfred Farau und seine Frau sich vorerst als Hilfsar-
beiter mit verschiedenen Jobs ihren Lebensunterhalt verdienen
mussten. Sylvia fand eine Stelle als Stubenmädchen und Alfred
arbeitete eine Zeit lang in einer Munitionsfabrik, wo er elf Stunden
am Tag Patronenhülsen polieren musste. Ruth C. Cohn, eine
Freundin Faraus, schreibt über diese Zeit: »Er hatte seinen Job als
Geschirrwäscher aufgegeben und war verzweifelt. Er glaubte nicht,
dass seine Fähigkeiten in Amerika anerkannt werden könnten«
(Farau u. Cohn 1984, S. 205). Trotz dieser Schwierigkeiten setzte
Farau seine schriftstellerische Tätigkeit fort. Ab Ende 1942 entfal-
tete er nach und nach eine intensive Vortragstätigkeit, die ihn an
verschiedenste Institute, Vereine und Universitäten vorwiegend in
New York, aber auch in anderen amerikanischen Bundesstaaten,
führte. In seinen Vorträgen befasste er sich in erster Linie mit kul-
turpsychologischen und literarischen Themen. 1943 erschien sein
erster in den USA veröffentlichter Gedichtband »Das Trommellied
vom Irrsinn«. Zur gleichen Zeit nahm Farau Kontakt zum Indivi-
dualpsychologischen Verein auf und wurde bald darauf Mitglied

100
der New Yorker Gruppe. 1944 eröffnete er seine eigene Praxis. Er
engagierte sich in der Beratung und unterrichtete angehende Indi-
vidualpsychologinnen und Individualpsychologen. 1950 wurde er
Associate Dean und Director of Psychology des Alfred Adler Insti-
tutes. Während dieser Zeit bildete er sich ständig weiter, setzte sich
mit Gruppentherapie sowie mit Psychosomatik auseinander,
publizierte psychologische Artikel in verschiedenen Zeitschriften
und arbeitete auch mit Psychoanalytikern zusammen.
Ebenso eifrig betrieb er seine Laufbahn als Schriftsteller. In sei-
nen Gedichten befasst er sich vor allem mit zeitgeschichtlichen
Themen, mit dem Erleben der Hitlerzeit und der großen Einsam-
keit des Exils. Die Adler'sche Idee des Gemeinschaftsgefühls als
Gegenmittel gegen Gewalt und Totalitarismus fand Eingang in
seine Lyrik. Neben einigen Gedichtbänden entstand im Exil auch
das Drama »Schatten sind des Lebens Güter«, das sich mit dem
Leben Franz Grillparzers auseinandersetzt und das 1962 an der
Brandeis-Universität in Waltham bei Boston uraufgeführt wurde
(Zohn 1986).
Alfred Farau war jahrelang Vizepräsident und später Leiter der
literarischen Sektion des Austrian Institute (des späteren Austrian
Forum) in New York. Er war Mitglied des österreichischen PEN-
Clubs. 1970 wurde ihm das österreichische Ehrenkreuz für Wissen-
schaft und Kunst Erster Klasse überreicht. Alfred Farau war außer-
dem Mitglied verschiedener Organisationen, wieetwa der American
Psychological Association, des Council of Psychoanalytic Thera-
pists, der American Society of Adlerian Psychologists und der New
York Academy of Science.
Alfred Farau konnte über die Erfahrung der Vertreibung aus
Österreich nie ganz hinwegkommen. Im »Tagebuch eines Emi-
granten« schreibt er: »Der Emigrant, der wirkliche, ist der Hinaus-
geworfene, der Verbannte. Und das ist ein Lebensschicksal, das
niemand verwinden kann. Ob er es weiß oder nicht, akzeptiert
oder leugnet, wichtig nimmt oder bagatellisiert, das ist ganz gleich-
gültig. Er kann es nicht verwinden« (Farau 1992, S. 18). Mehrmals
reiste er nach dem Krieg nach Österreich, konnte sich zu einer
Rückkehr aber nicht entschließen. Er starb am 14. November 1972
in New York.

101
Ausgewählte Bibliographie
(Bis etwa 1940 schrieb Farau unter dem Namen Fred Hernfeld.)
Farau, A. (1929): Pudel Muck. Prag.
Farau, A. (1931): Das Märchen des kleinen Opichi (Hörspiel).
Farau, A. (1933): Ruf der Sterne (Hörspiel).
Farau, A. (1943): Das Trommellied vom Irrsinn. New York (Gedicht-
band).
Farau, A. (1946): Wo ist die Jugend, die ich rufe? New York (Gedicht-
band).
Farau, A. (1932): Die Geschichte der Tiefenpsychologie. New York.
Farau, A. (1952): The influence of Alfred Adler on current psychology.
AJIP 10: 59-76.
Farau, A. (1953): Der Einfluss der österreichischen Tiefenpsychologie auf
die Psychotherapie der Gegenwart. Wien.
Farau, A. (1959): Alfred Adler zum 80. Geburtstag (Gedenkrede). IZIP 19:
49-55.
Farau, A. (1959): The challenge of social feeling. In: Adler K. A.; Deutsch,
D. (Hg.): Essays in Individual Psychology. New York, S. 8-16.
Farau, A.; Schaffer, H. (1960): La psychologie des profondeurs, des origines
ä nos jours. Paris.
Farau, A. (1960): Alfred Adler und die Zukunft der Psychologie. Die Heil-
kunst 73/2: 39-43.
Farau, A. (1960): Die Entwicklung der Individualpsychologie und ihre
Stellung im heutigen Amerika. Psyche 13/12: 881-891.
Farau, A. (1961): C. G. Jung: An Adlerian appreciation. JIP 17: 135-141.
Farau, A. (1962): Fiffy years of Individual Psychology. Comprehen. Psych-
iat. 3: 242-254.
Farau, A. (1964): Individual Psychology and existentialism. IP 2/1: 1-8.
Farau, A. (1965): The heritage of Alfred Adler. Universitas 8/1: 67-76.
Farau, A. (1967): Rezension von P. Rom: Sigmund Freud. JIP 23: 120.
Farau, A. (1967): Schatten sind des Lebens Güter. Wien (Schauspiel).
Farau, A. (1967): A few personal memories of Alfred Adler. IP 4/2: 42-45.
Farau, A. (1972): Portrait. IPNL 21/6: 112.
Archivalien
Literaturhaus Wien: Sammlung Farau, Curriculum vitae. Manuskript.
Universitätsarchiv Wien: Erste Nationale.
Literatur
Farau, A. (1992): Aus dem Tagebuch eines Emigranten und anderes Öster-
reichisches aus Amerika. New York.
Farau, A.; Cohn, R. C. (1984): Gelebte Geschichte der Psychotherapie.
Zwei Perspektiven. Stuttgart.
Handlbauer, B. (1987): »Lernt fleißig Englisch«: Die Emigration Alfred

102
Adlers und der Wiener Individualpsychologen. In: Stadler, F. (Hg.):
Vertriebene Vernunft IL Emigration und Exil österreichischer Wissen-
schaft. Wien, S. 268-287.
Zohn, H. (1986): »... ich bin ein Sohn der deutschen Sprachen nur ...«.
Jüdisches Erbe in der österreichischen Literatur. Wien.

STEFANIE FELSENBURG

Stefanie Felsenburg wurde am 19. April 1902 in Wien geboren. Sie


maturierte im Jahr 1922, danach studierte sie an der Universität
Wien Medizin, wo sie 1932 promovierte. Sie war Mitglied des Ver-
eins für Individualpsychologie, wo sie 1930 im Vorstand aufscheint.
Anfang 1937 engagierte sie sich zusammen mit anderen noch in
Wien verbliebenen Individualpsychologen als Mitarbeiterin im
»Klub der Freunde der Individualpsychologie«, der in der Zedlitz-
gasse 8 im ersten Bezirk untergebracht war. Dieser Klub, der
Arbeitsgemeinschaften und Vorträge anbot, wandte sich an Eltern
und Lehrer, die Hilfe bei Erziehungsproblemen suchten, und rief
großes Interesse hervor. Ebenso wie die anderen Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter des Klubs stand auch Stefanie Felsenburg für
Beratungen zur Verfügung. In den wöchentlich stattfindenden
Vorträgen und Arbeitsgemeinschaften befasste man sich mit ver-
schiedenen pädagogischen und psychologischen Themen wie
Gruppenerziehung, Pubertätsproblemen, Traumdeutung, Neuro-
senlehre, Sexualität sowie Theorie und Praxis der Individualpsy-
chologie. Jedoch war dies eine der letzten Aktivitäten, bevor im
Februar 1939 im Zuge der Machtübernahme durch die National-
sozialisten der Verein für Individualpsychologie aufgelöst wurde.
Aufgrund ihrer jüdischen Abstammung war Stefanie Felsenburg
gezwungen, nach dem Anschluss Österreich zu verlassen. Sie emi-
grierte 1939 nach Großbritannien.
Literatur
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
Mühlleitner, E.; Reichmayr, J. (1994): Medizinische Psychologie und Psy-

103
chotherapie in Österreich 1900-1950. Teil 2. Unveröffentlichtes
Manuskript.
Müller, R. (1996): »Fluchtpunkt England«. Spuren der österreichischen
Emigration in Großbritannien 1938-1945. Katalog zur Ausstellung an
der Universitätsbibliothek Graz.
Spiel, W. (1977): Aufstieg, Krise und Renaissance des Wiener Vereins für
Individualpsychologie. In: Ringel, E.; Brandl, G. (Hg.): Ein Österreicher
namens Alfred Adler. Wien, S. 155-165.

VIKTOR FRANKL

Viktor Frankl, Sohn von Elsa Frankl, geborene Lion, und von Ga-
briel Frankl, einem Ministerialbeamten, kam am 26. März 1905 in
Wien als zweites von drei Geschwistern zur Welt. Seine Kindheit
war geprägt von der tiefen jüdischen Religiosität seines Eltern-
hauses. Wohnhaft in der Leopoldstadt, erlebte die Familie vor allem
während der Kriegsjahre wirtschaftlich karge Zeiten, was zu einem
sehr bescheidenen Lebensstil Anlass gab. Als Jugendlicher korre-
spondierte Viktor Frankl über einige Jahre mit Sigmund Freud.
Seine erste psychologische Arbeit, die er Freud schickte, wurde
1924 in der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse veröf-
fentlicht. Noch während seiner Gymnasialzeit war Frankl politisch
tätig. Er engagierte sich in der sozialistischen Arbeiterjugend, in
deren Rahmen er unzählige Vorträge hielt und war Obmann der
Sozialistischen Mittelschüler.
Von 1924 bis 1930 studierte Viktor Frankl an der Universität
Wien Medizin und besuchte zusätzlich auch philosophische Vor-
lesungen. Im Jahr 1930 arbeitete er an der Ersten Medizinischen
Klinik, 1931 an der Psychiatrisch-Neurologischen Klinik unter
Professor Pötzl. Von 1931 bis 1933 war Frankl in den Nervenheil-
anstalten Maria-Theresien-Schlößl und Rosenhügel angestellt.
Danach arbeitete er bis 1937 als Anstaltsarzt der Heilanstalt Am
Steinhof. Im Jahr 1936 bekam er den Facharzttitel für Psychiatrie
und Neurologie.
Durch sein politisches Engagement war Viktor Frankl auch mit

104
dem Kreis um Alfred Adler in Berührung gekommen. Ab 1925 Mit-
glied im Verein für Individualpsychologie publizierte er in der
Internationalen Zeitschrift für Individualpsychologie und ver-
suchte seine politischen Ideen mit individualpsychologischen
Ansätzen in Verbindung zu bringen. Im Jahr 1926 hielt er mehrere
Kurse und Vorträge in verschiedenen sozialdemokratischen Orga-
nisationen. Im Jahr 1927 gab Viktor Frankl die individualpsycho-
logische Zeitschrift »Der Mensch im Alltag« heraus.
Frankl verstand sich als Schüler der beiden Individualpsycholo-
gen Rudolf Allers und Oswald Schwarz. Durch den katholisch-phi-
losophisch orientierten Allers kam Frankl, der sich in seiner Ju-
gendzeit von seinem religiösen Hintergrund entfernt hatte, wieder
in Berührung mit humanistischen und religionsphilosophischen
Ansätzen. Die grundlegend unterschiedlichen Positionierungen
von Allers und Adler führten im Jahr 1927 innerhalb der individu-
alpsychologischen Gruppe zu heftigen Auseinandersetzungen mit
Rudolf Allers und auch mit Oswald Schwarz. Der Versuch Frankls,
zwischen Alfred Adler und seinen beiden Lehrern zu vermitteln,
schlug fehl. Sowohl Rudolf Allers als auch Oswald Schwarz traten
aus dem Verein für Individualpsychologie aus. Einige Monate
danach wurde auch Frankl aus dem Verein ausgeschlossen. Der Ver-
lust dieses geistigen und wissenschaftlichen Tätigkeitsfeldes traf ihn
tief. Auch politisch entwurzelt durch den Rückgang der Sozialde-
mokratie nach 1927, verfiel Frankl zunehmend einer inneren Ori-
entierungslosigkeit. Sinnlosigkeitsgefühle, die ihn schon als Jugend-
lichen geplagt hatten, scheinen auch in dieser Zeit vorherrschend
gewesen zu sein (Längle 1998). Noch als Mitglied des Vereins für
Individualpsychologie hatte Frankl eigene Ideen entwickelt, die er
selbst zu diesem Zeitpunkt als Element der Individualpsychologie
ansah. Den Begriff »Logotherapie« verwendete er erstmals 1926.
Schon bald danach arbeitete er die Technik der paradoxen Intention
aus. In späteren Jahren sollte Viktor Frankl die »Logotherapie« als
eigene psychotherapeutische Richtung begründen.
In den späten 1920er Jahren gründete Frankl vermutlich im
Auftrag der Wiener Arbeiterkammer und unter Mithilfe von August
Aichhorn, Erwin Wexberg, Rudolf Dreikurs, Charlotte Bühler und
einigen anderen eine Beratungsstelle für Jugendliche in seelischer
Not in Wien und in den darauf folgenden Jahren weitere dieser

105
Beratungsstellen in Zürich, Dresden, Chemnitz, Prag, Brunn und
Teplitz-Schönau (Längle 1998). In dieser Zeit arbeitete er zusam-
men mit Paul Lazarsfeld und Richard Seyss-Inquart, dem Leiter
der Erziehungsanstalten Ebreichsdorf und Eggendorf, in der
Jugendberatung. Zehn Jahre lang leitete Frankl die von Wilhelm
Börner gegründete Wiener Lebensmüdenstelle.
Seit 1937 unterhielt Frankl eine Privatpraxis als Facharzt für
Neurologie und Psychiatrie. 1939 bis zu seiner Deportation im Jahr
1942 war er Vorstand der neurologischen Station des jüdischen
Rothschildspitals. Seine Stellung als Primär nützte er aus, um Pati-
enten vor der Euthanasie zu bewahren, wobei ihm der Chef der
Psychiatrischen Universitätsklinik Otto Pötzl, zwar offiziell Partei-
anwärter der NSDAP, behilflich war. Als im Herbst 1941 sein Antrag
auf ein Einreisevisum in die USA genehmigt wurde, schlug er es
aus, um sich um seine alten Eltern zu kümmern und vielleicht
auch, um die junge Krankenschwester auf seiner Abteilung, Ma-
thilde Grosser, zu heiraten (Längle 1998). Nur einige Monate spä-
ter, im September 1942, wurde Viktor Frank! zusammen mit seiner
jungen Frau und seinen Eltern nach Theresienstadt verschleppt,
wo er als Leiter einer neurologischen Ambulanz tätig war. 1944
wurde er neuerlich deportiert, zuerst nach Auschwitz, danach nach
Dachau-Kaufering und schließlich nach Dachau Türkheim. Die
Erlebnisse im Konzentrationslager, die er nach dem Krieg unter
dem Titel »Ein Psychologe erlebt das KZ« beziehungsweise »...
und trotzdem ja zum Leben sagen« niederschrieb und veröffentli-
chte, waren bestimmend für sein weiteres Leben. Als einziger Über-
lebender seiner Familie wurde Frankl im April 1945 befreit. Als er
wieder in Wien vom Tod seiner Familienmitglieder erfuhr, brach
er völlig zusammen und erholte sich nur langsam dank der tatkräf-
tigen Unterstützung von Freunden.
Im Jahr 1946 übernahm er das Primariat der neurologischen
Abteilung an der Poliklinik. 1947 habilitierte er sich an der Univer-
sität Wien. Sein 1946 erschienenes Buch »Ärztliche Seelsorge«, in
dem er die Grundlagen der Logotherapie darstellt, wurde als Habi-
litationsschrift anerkannt. Diese psychotherapeutische Methode
zielt im Wesentlichen darauf ab, dem Patienten zu helfen den Sinn
seines Daseins zu finden und sich dadurch von neurotischen Kon-
flikten zu befreien. Die wichtigsten therapeutischen Verfahren

106
hierbei sind die paradoxe Intention, wobei der Patient, um dem
Teufelskreis der Erwartungsangst zu entkommen, das anstreben
soll, was er fürchtet und die Dereflexion, die zu einer Selbstdistan-
zierung, zu einer Ablenkung von der eigenen Problematik und
gleichzeitig zur stärkeren Wahrnehmung der Mitmenschen führen
soll. Zur Entdeckung seiner eigenen Lehre befragt, antwortete
Frankl in einem Interview Folgendes:
»Man sagt ja für gewöhnlich, dass jeder, der ein System der Psychotherapie
begründet hat, letzten Endes seine eigene Krankengeschichte geschrieben
und darin niedergelegt hat [...] Ich bin mir dessen bewusst, dass ich als
junger Mensch in den Reifejahren sehr mit dem Gefühl zu ringen hatte,
dass letzten Endes vielleicht alles sinnlos sei. Und dieses Ringen hat mich
schließlich zu einem Sich-Durchringen geführt. Und ich habe gegen den
eigenen Nihilismus ein Gegengift entwickelt« (Kreuzer 1982, S. 7).

1949 promovierte Viktor Frankl zum Doktor der Philosophie. Im


gleichen Jahr heiratete er die Krankenschwester Eleonore Katha-
rina Schwindt. 1955 wurde ihm auf Antrag von Hans Hoff der Pro-
fessorentitel verliehen.
Die Publikationen Frankls fanden schon bald ein internationa-
les Publikum. Durch Vermittlung von Rudolf Allers lernte der Har-
vard-Professor Gordon Allport Frankls Schriften kennen und ver-
anlasste schließlich die Übersetzung des KZ-Buches ins Englische.
Außerdem holte er Frankl 1961 für eine Gastprofessur nach Har-
vard. Frankl war auch Gastprofessor 1966 an der Southern Metho-
dist University in San Diego, 1971 bis 1972 an der Stanford Univer-
sity in Palo Alto und 1972 an der Duquesne University in Pittsburgh.
Im Jahr 1970 bekam er von der United States International Univer-
sity in San Diego die erste Professur für Logotherapie ad personam.
Das erste Institut für Logotherapie entstand ebenfalls in den USA,
weitere folgten in Deutschland, Österreich, Brasilien, Südafrika,
Kanada und in etlichen anderen Ländern. Auch nach seiner Pensi-
onierung im Jahr 1970 ging Frankl bis ins hohe Alter einer regen
Vortragstätigkeit nach. Viktor Frankl war 28-facher Ehrendoktor.
Er starb am 2. September 1997 in Wien.

Ausgewählte Bibliographie
Frankl, V. (1924): Zur mimischen Bejahung und Verneinung. Internatio-
nale Zeitschrift für Psychoanalyse 10: 437-438.

107
Frankl, V. (1925): Psychotherapie und Weltanschauung. Zur grundsätz-
lichen Kritik ihrer Beziehungen. IZIP 3: 250-252.
Frankl, V. (1926): Zur Psychologie des Intellektualismus. IZIP 4: 326-
333.
Frankl, V. (1938): Zur geistigen Problematik der Psychotherapie. Zentral-
blatt der Psychotherapie 10: 33-45.
Frankl, V. (1946): Ärztliche Seelsorge. Wien.
Frankl, V. (1947): Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. Wien.
Frankl, V. (1949): Der unbedingte Mensch. Wien.
Frankl, V. (1950): Theorie und Therapie der Neurosen. Wien.
Frankl, V. (1953): Logos and existence in psychotherapy. Amer. J. Psycho-
ther. 7: 8-15.
Frankl, V. (1956): Theorie und Therapie der Neurosen. München.
Frankl, V; Gebsattel, V. E. von; Schultz, J. H. (Hg.) (1958): Handbuch der
Neurosenlehre und Psychotherapie. München.
Frankl, V. (1959): Das Menschenbild der Seelenkunde. Stuttgart;
Frankl, V. (1960): Paradoxical intention: A logotherapy technique. Amer.
J. Psychother. 14: 520-535.
Frankl, V. (1969): The will to meaning: Foundations and applications of
logotherapy. New York.
Frankl, V. (1970): Forerunner of existential psychiatry. Tribute to Alfred
Adler on lOOth birthday. JIP 26/2: 12.
Frankl, V. (1979): Der unbewußte Gott. Psychotherapie und Religion.
München.
Frankl, V. (1979): Der Mensch vorder Frage nach dem Sinn. Eine Auswahl
aus dem Gesamtwerk. München.
Frankl, V. (1981): Die Sinnfrage der Psychotherapie. München.
Frankl, V. (Hg.) (1994): Die Begegnung der Individualpsychologie mit der
Logotherapie. In: Logotherapie und Existenzanalyse. Texte aus sechs
Jahrzehnten. München, S. 245-258.
Archivalien
Universitätsarchiv Wien: Personalakt.
Literatur
Danzer, G. (2002): Viktor Frankl - Psychotherapie als Suche nach Sinn. In:
Levy, A.; Mackenthun, G. (Hg.): Gestalten um Alfred Adler. Pioniere
der Individualpsychologie. Würzburg, S. 63-80.
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
Kreuzer, F. (1982): Im Anfang war der Sinn. Von der Psychoanalyse zur
Logotherapie. Franz Kreuzer im Gespräch mit Viktor E. Frankl. Wien.
Längle, A. (1998): Viktor Frankl. Ein Porträt. München.
Schiferer, H. R. (1995): Alfred Adler: Eine Bildbiographie. München.

108
ELSE FREISTADT HERZKA

Die am 3. Juni 1899 in Wien geborene Tochter jüdisch-orthodoxer


Eltern wurde früh geprägt durch die liberal aufgeklärte Haltung
der Direktorin der Mädchenfortbildungsschule Malvine Fried-
mann. Von 1920 bis 1926 studierte Else Freistadt an der Universität
Wien deutsche und französische Literatur sowie Philosophie. Noch
während des Studiums kam sie in Kontakt mit der Psychologie von
Karl und Charlotte Bühler, deren Mitarbeiterin sie für einige Jahre
wurde. Prägende Begegnungen waren auch die mit Alfred Adler
und seinem Kreis, zu dem sie Mitte der 1920er Jahre stieß.
Für die seit ihrer Kindheit durch starke Kurzsichtigkeit beein-
trächtigte Freistadt, war Adlers Theorie der Kompensation der
Minderwertigkeit von Organen besonders ansprechend. Adlers -
zumindest theoretische - Betonung der Gleichberechtigung der
Geschlechter und seine pädagogischen Ideen interessierten sie. Wie
viele intellektuelle Frauen ihrer Zeit war sie aktiv an der Aufbruchs-
stimmung im Roten Wien, an den sozialen, kulturellen und mora-
lischen Veränderungen beteiligt. Sehr freimütig beschreibt sie in
ihrem Tagebuch das langsame Herantasten an das Thema Sexuali-
tät und den immer freieren Umgang mit der eigenen Erotik und
Sexualität. Sie erwähnt erotische Kontakte mit dem Individualpsy-
chologen Rudolf Allers und auch eine über einige Monate dau-
ernde Affäre mit Alfred Adler, über die sie in ihrem Tagebuch eher
enttäuscht berichtet. In dieser Zeit hielt sie Kurse an Volkshoch-
schulen sowie Vorträge im Verein für Individualpsychologie und
arbeitete an städtischen Erziehungsberatungsstellen mit. Alfred
Adler vermittelte ihr Patienten, die sie psychotherapeutisch behan-
delte. Ab 1926 begann Else Freistadt Artikel über psychologische
und pädagogische Fragen für Tageszeitungen und Zeitschriften in
Deutschland und in der Schweiz zu schreiben. 1928 bestand sie ihre
Lehramtsprüfung und unterrichtete danach bis 1931 Französisch
an einer Mädchenschule. Nach einigen für sie persönlich unbefrie-
digenden Jahren und nach einer weiteren desillusionierenden
intimen Beziehung mit dem Individualpsychologen und Arzt
Erwin Wexberg zog sich Freistadt von der Individualpsycholo-
gischen Vereinigung zurück.
1931 heiratete Else Freistadt Hans Herzka, 1935 kam ihr Sohn

109
Heinz Stefan zur Welt. 1938 flüchtete die Familie in die Schweiz.
1939 erhielt Freistadt von Ethel Dukes, dem medizinischen Leiter
des Institute of Child Psychology, eine Berufung nach London. Da
ihr Mann und ihr Sohn jedoch keine Einreiseerlaubnis bekamen,
blieb sie bei ihrer Familie in der Schweiz. In Zürich besuchte sie
Seminare bei C. G. Jung und machte einige Monate eine Lehrana-
lyse bei Toni Wolff. Auf finanzielle Unterstützung angewiesen ver-
suchte Freistadt wieder durch das Schreiben von Artikeln für Zei-
tungen und Fachzeitschriften sowie durch Vorträge und Kurse an
Volkshochschulen Geld zu verdienen. 1945 wurde Else Freistadt
Herzka nochmals unvermutet schwanger. Das Töchterchen Ines
Katrin starb im Alter von drei Monaten wahrscheinlich an »Plötz-
lichem Kindestod«, eine bittere Erfahrung für die ohnehin leidge-
prüfte Familie. Nach einem endlosen zermürbenden Kampf mit
der Schweizer Behörde gegen die ständig drohende Ausweisung
wurde der Familie 1950 schließlich die definitive Niederlassungs-
bewilligung in der Schweiz gewährt. In ihren letzten Lebensjahren
nahm Freistadt trotz angegriffener Gesundheit und zunehmender
Erblindung ihre psychologische Beratungstätigkeit wieder auf,
schrieb weiterhin Artikel für Zeitungen und Fachzeitschriften und
hielt Vorträge. Ihr Vorhaben, in Wien vor größerem Publikum Vor-
träge zu halten, konnte sie nicht mehr verwirklichen. Else Freistadt
Herzka starb am 24. November 1953 im Alter von 54 Jahren an den
Folgen eines schweren Schlaganfalls.
Ausgewählte Bibliographie
Freistadt, E. (1924): Die Lyrik von Hieronymus Lorm. Unveröffentlichte
Dissertation. Universität Wien.
Freistadt, E. (1926): Ethische Bewegung in Nordamerika. IZIP 4.
Freistadt, E. (1927): Über die Weltanschauung von Jugendlichen. Der
Mensch im Alltag, Zeitschrift zur Verbreitung und Anwendung der
Individualpsychologie.
Freistadt, E. (1928): Das häßliche Kind. Eltern-Zeitschrift.
Freistadt, E. (1929): Montessori - System und Praxis. Eltern-Zeitschrift.
Freistadt Herzka, E. (1933): Was führt das Kind zur Lüge? Eltern-Zeit-
schrift.
Freistadt Herzka, E. (1935): Frauen und Kleider. Frauen und Modenzei-
tung 30.
Freistadt Herzka, E. (1935): Gibt es Gesetze in der Liebe. Frauen und
Modenzeitung 34.

110
Freistadt Herzka, E. (1943): Organminderwertigkeit bei Kindern. Die
Gesundheit.
Freistadt Herzka, E. (1944): Der Weg zum Erfolg. Die Tat 57.
Freistadt Herzka, E. (1944): Zu wenig Ordnung - Zu viel Ordnung. Die Tat
141.
Freistadt Herzka, E. (1945): Erziehung vor und nach dem Kriege. Die Tat
39.
Freistadt Herzka, E. (1945): Die Ehe als Aufgabe. Schweizer Frauenblatt
15.
Freistadt Herzka, E. (1946): Rivalität unter Geschwistern. Die Tat 217.
Freistadt Herzka, E. (1947): Über Organminderwertigkeit bei Kindern.
Schweizer Erziehungs-Rundschau.
Freistadt Herzka, E. (1948): Sprache und Erziehung. Schweizer Frauen-
blatt 46.
Freistadt Herzka, E. (1949): Wert und Gefahr der Psychoanalyse. Schweizer
Frauenblatt 52.
Freistadt Herzka, E. (1951): Moderne Traumdeutung. Theorien von
S. Freud und C. G. lung. Der Landbote 65.
Freistadt Herzka, E. (1953): Martin Buber über Geltung und Grenzen des
politischen Prinzips. Der Landbote 136.
Freistadt Herzka, E. (1954): Kindheitserinnerungen, Mutter und Kind.
Jahrbuch für Kinderpflege und Familienglück.
Vollständiges Schriftenverzeichnis siehe Uehli Stauffer (1995).
Literatur
Bruder-Bezzel, A. (1996): Rezension: Uehli Stauffer, Beatrice: Mein Leben
leben. Else Freistadt Herzka 1899-1953. Zwischen Leidenschaft, Psy-
chologie und Exil. Zeitschrift für Individualpsychologie: 274—275.
Hoerschelmann, C. (1997): Exilland Schweiz. Lebensbedingungen und
Schicksale österreichischer Flüchtlinge 1938 bis 1945. Innsbruck,
S. 368.
Uehli Stauffer, B. (1995): Mein Leben leben. Else Freistadt Herzka 1899-
1953. Zwischen Leidenschaft, Psychologie und Exil. Wien.

ALICE FRIEDMANN

Die am 17. März 1897 in Wien geborene Alice Friedmann studierte


an der philosophischen Fakultät der Universität Wien Zoologie
und promovierte 1922. Als engagiertes Mitlied des Vereins für Indi-

111
vidualpsychologie hielt sie Vorträge sowohl im Verein als auch in
anderen Institutionen, wie zum Beispiel im »Verein arbeitender
Frauen«, an Volkshochschulen und an der Urania sowie auch im
Ausland, etwa in Dänemark und in Ungarn.
Alice Friedmann war Mitglied in der »Wiener pädagogischen
Arbeitsgemeinschaft« und leitete mit Arthur Holub die »Arbeits-
gemeinschaft für wissenschaftliche Materialsammlung«. In diesen
Arbeitsgemeinschaften wurde über verschiedene individual-psy-
chologische Themen referiert, diskutiert und eine wissenschaftliche
Auseinandersetzung angeregt. Friedmann war in der Ausbildung
von Individualpsychologen tätig, arbeitete selbst als Psychologin in
Erziehungsberatungsstellen und leitete zusammen mit Alfred Adler
eine individualpsychologische Schülernachhilfe im 4. Bezirk.
1929 wurde in Zusammenarbeit mit der Wiener Schulreform
ein Fortbildungskurs für Erzieher mit Schwerpunkt auf Schwerer-
ziehbarkeit unter Leitung von Alice Friedmann ins Leben gerufen
und bis 1937 weitergeführt. Gemeinsam mit Stefanie Horovitz
eröffnete sie 1924 im 6. Bezirk in Wien ein Erziehungsheim für
schwererziehbare und nervöse Kinder und Jugendliche. Das Heim
sollte Kindern und Jugendlichen vorübergehend Unterschlupf
gewähren, um sie für die Dauer einer individualpsychologischen
Behandlung aus ihrem Milieu herauszuholen. Nach Abschluss der
Behandlung sollte das Kind wieder zu den Eltern zurückkehren, die
inzwischen ebenfalls in Erziehungsfragen beraten worden waren.
Neben Beratung für Eltern, Lehrer und Kinder wurden Spielnach-
mittage, künstlerische Kurse, Musikunterricht und Gymnastik
angeboten. In späteren Jahren wurden auch ein Nachmittagshort
sowie ein Kindergarten errichtet.
Alice Friedmann war außerordentlich vielseitig interessiert.
Neben ihrem großen Engagement für Erziehungsberatung und
ihrer Auseinandersetzung mit pädagogischen Fragen befasste sie
sich auch mit Psychologie und Psychopathologie. Die Themen
ihrer Vorträge und Artikel auf diesem Gebiet reichen von der Psy-
chologie der Linkshändigkeit über das Phänomen des Kaspar Hau-
ser, die Traumdeutung bis zu Intelligenzmessungen. In der IZIP
veröffentlichte sie etliche Beiträge zum Thema Heilpädagogik.
Ebenso finden sich unter ihren Publikationen auch einige Abhand-
lungen über die Frauenbewegung.

112
1938 flüchtete Alice Friedmann vor dem Nazi-Regime zunächst
nach Großbritannien, wo sie in Hamden House in Buckingham-
shire als Psychologin arbeitete. Etwa 1940 zog sie weiter nach New
York. Im Exil übernahm sie die englische Schreibweise ihres
Namens mit nur einem »n« am Ende. Schon bald arbeitete sie als
Psychologin in ihrer eigenen Praxis, war Klinische Psychologin und
später Chefpsychologin im Lebanon Hospital sowie Mitarbeiterin
in der Veterans Administration, im Women's House of Detention
und im Diagnostic Center in Menlo Park in New Jersey. Im Kings
County Hospital und im Harlem Valley State Hospital leitete sie
Gruppentherapien. 1969 wurde sie im Staat New Jersey »Principle
Psychologist« und arbeitete am State Hospital in Greystone Park.
Alice Friedmann hatte Kontakt zur Individual Psychology Asso-
ciation in New York und schrieb Artikel für individualpsycholo-
gische Zeitschriften. In vorgerücktem Alter wurde sie psychotisch
und starb vermutlich in einer psychiatrischen Institution.
Ausgewählte Bibliographie
Friedmann, A. (1922): Über die Mündung der Nephrostromalkanälchen
bei den anuren Betrarchiern. Dissertation. Universität Wien.
Friedmann, A. (1924): Nietzsche, der Mensch. Ein individualpsycholo-
gischer Versuch. IZIP 2/3: 16-36.
Friedmann, A. (1926): Psychische Stummheit. Ein Fall aus dem individu-
alpsychologischen Erziehungsheim. IZIP 4: 24-30.
Friedmann, A. (1926): Biologie und Psychologie der Linkshändigkeit. IZIP
4:257-271.
Friedmann, A. (1927): Eidetik und Individualpsychologie. IZIP 5: 196—
197.
Friedmann, A. (1928): Heilpädagogik: Der Diebstahl als Entmutigungser-
scheinung. IZIP 6: 68-70.
Friedmann, A. (1928): Über die Nachahmung. IZIP 6: 333-334.
Friedmann, A. (1928): Lieblosigkeit der Mutter. IZIP 6: 411-412.
Friedman n, A. (1928): Erziehung und Stottern. IZIP 6: 496-501.
Friedmann, A. (1929): Spiegelbilder. IZIP 7: 388.
Friedmann, A. (1929): Verzärtelung und Verwahrlosung. Aus einer Schul-
beratungsstelle. IZIP 7: 388-391.
Friedmann, A. (1930): Warum glauben Sie, dass ihr Kind sich bessert,
wenn Sie es schlagen? Erziehungsmerkblatt. IZIP 8: 264-265.
Friedmann, A. (1930): Zur Entmutigung der Linkshändigen. Erziehungs-
merkblatt. IZIP 8: 590.
Friedmann, A. (1933): Die Kindheit Gandhis. IZIP 11: 1-7.

113
Friedmann, A. (1933): Gemeinsames Phantasieren und Dauerspiele im
Geschwisterkreis. IZIP 11: 120-124.
Friedmann, A. (1934): Kind in der Krise. IZIP 12: 47-49.
Friedmann, A. (1936): Das Frauenproblem der Gegenwart. IZIP 14: 94-
104.
Friedmann, A. (1947): Some perspectives on Individual Psychology in our
times. IPB 6/1-2.
Friedmann, A. (1951): Observations in a play group of young children. IPB
9/1.
Friedmann, A. (1958) Inferiority feelings and a growing genius. JIP 14/2.
Friedmann, A. (1968): Behavior training in a case of enuresis. JIP 24/1.
Archivalien
Universitätsarchiv Wien: Promotionsprotokoll.
Literatur
Adler, K.; Deutsch, D. (Hg.) (1959): Essays in Individual Psychology. Con-
temporary application of Alfred Adler's theories, New York.
Geuter, U. (1986): Daten zur Geschichte der deutschen Psychologie. Band
1. Göttingen.
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
Mühlleitner, E.; Reichmayr, J. (1994): Medizinische Psychologie und Psy-
chotherapie in Österreich 1900-1950. Teil 2. Unveröffentlichtes
Manuskript.
Müller, R. (1996): »Fluchtpunkt England«. Spuren der österreichischen
Emigration in Großbritannien 1938-1945. Katalog zur Ausstellung an
der Universitätsbibliothek. Graz.
IZIP 3-15 (1925-1937), JIP 16 (1960), JIP 25 (1969).

FRIEDERIKE FRIEDMANN

Friederike Friedmann kam am 31. März 1882 in Mährisch-Weiß-


kirchen als Tochter des jüdischen Rabbis Aron Friedmann zur Welt.
Als sie acht Jahre alt war, zog ihre Familie nach Wien. Nach ihrer
Matura im Jahr 1901 wollte sie zunächst Sprachen studieren, ließ
sich dann aber für naturwissenschaftliche Fächer begeistern und
promovierte schließlich 1913 in Physik und Mathematik an der
Universität Wien. Als sie Alfred Adler kennenlernte, arbeitete sie

114
zusammen mit der Wissenschaftlerin und späteren Atomphysike-
rin Lise Meitner. Ihre Begegnung mit der Individualpsychologie
gab ihrem Leben eine neue Wendung. Friederike Friedmann ent-
schied sich für den Lehrberuf und wurde um 1919 Lehrerin und
später Direktorin an der Hauptschule am Czerninplatz 3 in der
Leopoldstadt. Seit 1918 Mitglied der Sozialdemokratischen Partei,
war sie wesentlich an der Durchführung der Glöckel'schen Schul-
reform beteiligt. Als Lehrerin und Direktorin versuchte sie, die
Ideen der individualpsychologischen Pädagogik an ihrer Schule zu
etablieren, individualpsychologische Methoden im Unterricht
anzuwenden und auch Lehrer, Eltern und Schüler dafür zu begeis-
tern. In ihrem Nachruf wird erwähnt, dass sie ganz besonderen
Wert auf den liebevollen Umgang mit seelisch gehemmten Kin-
dern legte (Georgi 1969).
Friederike Friedmanns sozialdemokratische Aktivitäten - von
1932 bis 1934 war sie Fürsorgerätin im 2. Bezirk - führten 1934 zu
ihrer Zwangspensionierung durch das austrofaschistische Regime.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1938
wurde sie aufgrund der Denunziation einer Bekannten von der
Gestapo inhaftiert. Im Vernehmungsprotokoll vom 3. August 1938
heißt es sinngemäß, sie hätte sich kritisch über die Vorgehenswei-
sen gegen Juden durch das nationalsozialistische Regime geäußert.
Sie wurde schließlich zu einer dreimonatigen Haft verurteilt und
ihre Pension wurde ihr aberkannt (Stadtschulrat Wien 23. Juni
1939).
Mit der Hilfe von Freunden gelang es ihr 1939 nach England zu
emigrieren, wo sie in London bis zum Ende des Krieges als Lehrerin
tätig war und in Kontakt mit der Auslandsvertretung der österrei-
chischen Sozialisten stand (Brief 22. Juli 1942).
Nach dem Krieg 1945 kehrte sie nach Wien zurück und war seit
1. Mai 1945 wieder Mitglied der SPÖ (Akt Sozialistischer Freiheits-
kämpfer). Bis zu ihrer Pensionierung war sie Bezirksschulinspek-
torin in Wien und arbeitete in dieser Eigenschaft als Fachinspekto-
rin für den Englischunterricht. Nebenbei hielt sie jahrelang Kurse
über Erziehungsberatung an der Urania in Wien.
Sofort nach ihrer Rückkehr nahm sie Kontakt mit den in Wien
verbliebenen Individualpsychologen Ferdinand Birnbaum, Oskar
Spiel und Karl Nowotny auf und war wesentlich am Wiederaufbau

115
des Individualpsychologischen Vereins beteiligt, dessen Präsiden-
tin sie von 1953 bis 1961 war. Sie initiierte auch die Errichtung von
Erziehungs- und Zeugnisberatungsstellen in Wien und engagierte
sich selbst in der Beratungstätigkeit. Lange Jahre war sie im wissen-
schaftlichen Beirat der International Association for Individual
Psychology. Friederike Friedmann starb am 7. November 1968 im
87. Lebensjahr in Wien.
Bibliographie
Friedmann, F. (1913): Bestimmung der Reichweite der a-Strahlen von
Uran. Dissertation. Universität Wien.
Friedmann, F. (1929): Flucht in die Krankheit. IZIP 7: 236.
Friedmann, F. (1930): Escape to disease. In: Adler, A. et al. (Hg.): Guiding
the child. New York.
Friedmann, F. (1949): »Arrangement«, als Flucht vor Verantwortung. IZIP
18: 127-130.
Friedmann, F. (1950): Beziehung zwischen Lehrform und Disziplin. IZIP
19:87-91.
Friedmann, F.; Baumgärtel (1956): Lexikon der Erziehung. Schlusswort.
In: Internationaler Verein für IP (Hg.): Alfred Adler zum Gedenken.
Wien. S. 164.
Archivalien
DÖW: Akt Sozialistischer Freiheitskämpfe: Brief des Büros der österrei-
chischen Sozialisten in London, 22. Juli 1942 (Akt 17859/116/230).
Vernehmungsprotokoll Friederike Friedmann, 3. August 1938.
Vernehmungsprotokoll Friederike Friedmann, 8. August 1938.
Bericht vom Stadtschulrat Wien an das Landesgericht, 23.6.1939 (Akt
7003).
Literatur
Georgi, G. (1969): Friederike Friedmann (1882-1968). JIP 25/1: 137-
138.
o. N. (1968): Friederike Friedmann gestorben. Arbeiterzeitung 17. Dezem-
ber 1968, o.S.

116
EMIL FRÖSCHELS

Am 24. August 1884 wurde Emil Fröschels als Sohn von Johanna
Fröschels, gebürtige Tintner, und Siegmund Fröschels in Wien
geboren. Nach seiner Matura am k. k.-Staatsgymnasium im 6.
Bezirk im Jahr 1902 studierte er an der Wiener Universität Medizin.
Noch während des Studiums war er ein Jahr lang sowohl an der
internen als auch an der orthopädischen Abteilung im Wiedner
Krankenhaus tätig. Später arbeitete er eine Zeit lang an der Kinder-
klinik und betrieb wissenschaftliche Studien am Institut für Che-
mie. 1907 promovierte Fröschels und heiratete im gleichen Jahr
Gertrude Töpfer. Im März 1908 begann er an der Ohrenklinik bei
Professor Victor Urbantschitsch zu arbeiten. Noch im selben Jahr
gründete er das erste sprachärztliche Ambulatorium im St.-Anna-
Kinderspital und ein Jahr darauf ein Sprach- und Stimmambulato-
rium an der Ohrenklinik, das er viele Jahre hindurch leitete und das
schon bald internationalen Ruf hatte. In dieser Zeit spezialisierte
sich Fröschels immer mehr auf dem Gebiet der Sprachstörungen
und beschäftigte sich intensiv mit deren Korrekturmöglichkeiten.
Emil Fröschels habilitierte sich 1914, wurde bald darauf einge-
zogen und arbeitete während des Ersten Weltkrieges als Chefchir-
urg des Garnisonsspitals in Wien, wo vor allem Kopfverletzte be-
handelt wurden. Neben seiner Beschäftigung auf der otologischen
Abteilung der Universitätsklinik war er von 1918 bis 1926 Assistent
für Phonetik am Physiologischen Institut. 1928 wurde er zum au-
ßerordentlichen Professor ernannt.
1920 hatte Emil Fröschels gemeinsam mit einem Kollegen und
unter Mitarbeit etlicher Pädagoginnen und Pädagogen eine Sprach-
fürsorgestelle für Schulkinder der Gemeinde Wien errichtet. 1924
gründete er die internationale Gesellschaft für Logopädie und
Phoniatrie, deren Präsident er jahrelang war.
Er unterrichtete außerdem Sprach- und Stimmheilkunde an der
Lehrerbildungsanstalt und an der Musikhochschule. Neben diesen
Tätigkeiten war er Mitglied im Verein für Psychiatrie und Neuro-
logie sowie auch Präsident der Österreichischen Gesellschaft für
die Psychologie des abnormen Kindes. Von 1926 bis 1938 war er
Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Experimentalpho-
netik.

117
Als Anhänger Alfred Adlers engagierte sich Emil Fröschels auch
im Verein für Individualpsychologie im Rahmen der Erziehungs-
beratung und leitete ein individualpsychologisches Ambulatorium
für Sprachstörungen an der Poliklinik, an dem auch der Arzt und
Individualpsychologe Leopold Stein arbeitete (Schiferer 1995).
Seiner jüdischen Herkunft wegen wurde Emil Fröschels nach
der Machtergreifung der Nationalsozialisten zwangsbeurlaubt und
verlor seine Venia Legendi. Im Jahr 1939 verließ er Österreich und
emigrierte in die USA, wo er zuerst eine Stelle als Research Profes-
sor an der Washington University in St. Louis innehatte. 1940
wurde er Direktor der Speech and Voice Clinic am Mt. Sinai Hos-
pital und bald darauf im Beth David Hospital in New York. Er war
der Begründer und Ehrenpräsident der International Association
for Logopedics and Phoniatrics und seit 1947 Präsident der New
York Society of Speech and Voice Therapy
Emil Fröschels war auch im Exil als Individualpsychologe tätig.
1950 bis 1952 war er erster Dean des Alfred Adler Institutes in New
York und engagierte sich an der Mental Hygiene Clinic als Sprach-
therapeut. 1958 wurde unter seiner Leitung eine eigene Abteilung
für Sprach- und Stimmtherapie eingerichtet. Fröschels war außer-
dem Mitglied der Alfred Adler Medical Society, einer Gemeinschaft
individualpsychologischer Ärzte.
Emil Fröschels gilt als Pionier der modernen Sprachforschung
und ist der Begründer der Logopädie - ein Begriff, den er prägte.
Eine seiner herausragenden Leistungen ist die von ihm entwickelte
Therapie für Stotterer, wobei er den Patienten anleitete, während
des Sprechens ständig Kaubewegungen zu vollführen, um auf diese
Weise den beim Stottern typischen Verkrampfungen entgegenzu-
wirken und gleichzeitig die verschiedenen Muskeln des Sprechap-
parates anzuregen. Die Therapeutinnen und Therapeuten waren
dazu angehalten, diesen Prozess ganz im Sinne der Individualpsy-
chologie durch ermutigende Zuspräche zu unterstützen. Emil
Fröschels ist außerdem der Miterfinder der Fröschel-Scholit-Pro-
these als Korrektiv für den Wolfsrachen. Ganz wesentlich ist auch
seine Auseinandersetzung mit den psychologischen Ursachen der
verschiedenen Sprechstörungen.
Emil Fröschels war Mitglied etlicher Vereinigungen wie der
American Speech Correction Association, der Association for the

118
Advancement of Psychotherapy, der Rudolf Virchow Society und
anderer. 1961 wurde Emil Fröschels von der österreichischen
Regierung mit dem Ehrenkreuz Erster Klasse für seine Verdienste
im Bereich der Wissenschaft und Kunst geehrt.
Im Laufe seines Lebens schrieb Emil Fröschels 23 Bücher und
mehr als 300 Artikel über Sprachstörungen, Psychotherapie und
auch philosophische Themen. Emil Fröschels starb am 18. Januar
1972 in New York, ohne Nachkommen zu hinterlassen.
Bibliographie
Fröschels, E. (1913): Sprach- und Stimmheilkunde. Wien.
Fröschels, E. (1921): Beiträge zur Symptomatologie des Stotterns. Monat -
schr. Ohrenheilk. 55: 1109-1112.
Fröschels, E. (1923): Über Auskultationsphänomene am Brustkorb. Arch.
klin. Med. 6: 427-436.
Fröschels, E. (1925): Psychologie der Sprache. Wien.
Fröschels, E. (1930): Über einen durch Schallreiz ausgelösten Reflex bei
hochgradig Schwerhörigen. Z. Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde;
Fröschels, E. (1932): Über eine wenig beachtete Komponente des mangel-
haften Sprachgehörs bei Schwerhörigen und ihre Bedeutung für die
Hörübungen. Monatschr. Ohrenheilkunde 4: 454-461.
Fröschels, E. (1935): Psychological Elements in Speech. Magnolia, Mass.
Fröschels, E. (1936): The problem of auditory and visual imperceptivity in
stutterers. Folia Phoniat. 15: 13-20.
Fröschels, E. (1943): Hygiene of the voice. Arch. Otolaryngol. 38: 122—
130.
Fröschels, E. (1944): Psychic deafness in children. Arch. neurol. Psychiat.
51:522-549.
Fröschels, E. (1947): The human race. New York.
Fröschels, E. (1949): A peculiar intermediary State between Walking and
sleeping. Amer. J. Psychother. 3: 19-25.
Fröschels, E. (1950): Angst. New York.
Fröschels, E. (1950): A technique for stutterers - »ventriloquism«. J. Speech
Hearing Dis. 15:336-337.
Fröschels, E. (1961): The role of speech in the regulation of normal and
abnormal behavior. New York.
Fröschels, E. (1964): Selected papers of Emil Fröschels (1940-64). Amster-
dam.
Vollständige Bibliographie siehe Folia Phoniatrica 21/3 (1969).

119
Literatur
Adler, A. (1972): Emil Froeschels (1884-1972). JIP 28/1: 112-113.
Klang, M. (Hg.) (1936): Die Geistige Elite Österreichs. Ein Handbuch der
Führenden in Kultur und Wissenschaff 1816-1936. Wien.
Mühlberger, K. (1993): Vertriebene Intelligenz 1938. Der Verlust geistiger
und menschlicher Potenz an der Universität Wien von 1938 bis 1945.
Wien.
Strauss,H.A.; Röder.W (Hg.) (1983): International Biographical Diction-
ary of Central European Emigres 1933-1945. Vol. 1. München.
AJIP 11 (1954), JIP 13 (1985).

CARL FURTMÜLLER

Am 2. August 1880 kam Carl Furtmüller in Wien als Sohn von


Caroline Bierbaum und Joseph Furtmüller zur Welt. Er studierte
an der Universität Wien Germanistik, Philosophie und Franzö-
sisch, promovierte im Jahr 1902 und bestand ein Jahr darauf die
Lehramtsprüfung für Deutsch, Griechisch und Latein; 1906
erlangte er zusätzlich die Lehrbefähigung für Philosophie und 1908
für Französisch.
Schon um 1900 war Furtmüller der sozialdemokratischen Par-
tei beigetreten. 1904 heiratete er die Mittelschullehrerin Aline
Klatschko, die einer russischen Emigrantenfamilie entstammte,
ebenfalls Mitglied der sozialdemokratischen Partei war und später
Gemeinderätin in Wien wurde. 1907 kam die Tochter Lydia zur
Welt und 1910 der Sohn Lux Ernst. Noch im Jahr 1904 zog das Paar
in die nordböhmische Kleinstadt Kaaden, wo Furtmüller eine Stelle
als Mittelschullehrer zugewiesen bekommen hatte. 1908 wurde
Carl Furtmüller wieder nach Wien versetzt, wo er bis 1914 an einer
Realschule unterrichtete. Im Hause der Furtmüllers trafen sich
sozialistisch gesinnte Intellektuelle, unter ihnen vermutlich auch
Alfred Adler und seine Frau Raissa, die ebenfalls aus Russland
stammte und mit Aline Furtmüller befreundet war. Adler war es
jedenfalls, der Furtmüller 1909 in Freuds Mittwoch-Gesellschaft
einführte. Als sich die Meinungsverschiedenheiten zwischen Adler

120
und Freud zuspitzten, versuchte Furtmüller zu vermitteln und plä-
dierte für eine Vereinbarkeit der Auffassungen. 1911 schloss er sich
Adlers Austritt aus dem Kreis der Psychoanalytiker an und wurde
in der Folgezeit zum wichtigsten Organisator und Mitarbeiter des
individualpsychologischen Vereins. Er war Mitherausgeber der
Aufsatzsammlung »Heilen und Bilden« und der IZIP. Wesentlich
auf Furtmüllers Einfluss zurückzuführen ist der pädagogische
Schwerpunkt der Individualpsychologie.
Im Ersten Weltkrieg leitete Furtmüller eine Verpflegungsko-
lonne, war danach Konzipient im Kriegsministerium und später in
der Zentraleinkaufsstelle in Berlin tätig. In Sarajewo erkrankte er
an Malaria, deren Folgen ihn ein Leben lang begleiten sollten. Nach
dem Krieg engagierte sich Furtmüller in der Glöckel'schen Schul-
reform. Ziel der Reformidee war, das Bildungsprivileg der Wohlha-
benden zu brechen, den Übertritt von der Hauptschule in das
Gymnasium zu ermöglichen und insgesamt einen breiteren Zugang
zu höherer Bildung, sowie auch zu den Universitäten zu gewähr-
leisten. 1919 wurde Carl Furtmüller in die Reformabteilung des
Ministeriums berufen, wo er an der Ausarbeitung eines Programms
zur Schulreform beteiligt war. Als die Sozialdemokraten 1920 aus
der Regierung ausschieden, ging Furtmüller mit Otto Glöckel in
den Stadtschulrat. In der Zeit von 1922 bis 1927 arbeitete er haupt-
sächlich an Schulversuchen zur »Allgemeinen Mittelschule«. Über
zehn Jahre lang gab er die Zeitschrift des Stadtschulrates, die »Wie-
ner Schule« heraus und war zusätzlich seit 1922 Landesschulin-
spektor. Furtmüllers Arbeit und politisches Engagement nahmen
ihn so sehr in Anspruch, dass er kaum Zeit für Tätigkeiten im Ver-
ein für Individualpsychologie fand. Er unterstützte aber den Aus-
bau von Erziehungsberatungsstellen an Schulen, förderte die enge
Zusammenarbeit zwischen Individualpsychologie und Stadtschul-
rat und verhalf Alfred Adler zu einem Lehrauftrag am Pädago-
gischen Institut der Stadt Wien. Marie Jahoda schreibt in ihrem
Vorwort zu dem von Lux Furtmüller herausgegebenen Buch »Den-
ken und Handeln«: »Adlers und Furtmüllers Einfluß auf eine ganze
Generation von Lehrern, und daher eo ipso auf einige Generatio-
nen von Schulkindern kann kaum überschätzt werden« (Furtmül-
ler 1983, S. 13).
Nach den Februarkämpfen 1934 verlor Furtmüller seinen Pos-

121
ten in der Wiener Schulbehörde, seine Frau wurde verhaftet und
einige Wochen festgehalten. In den folgenden Jahren arbeitete das
Ehepaar Furtmüller für die illegale Opposition, bis sie 1939 nach
Paris flüchten mussten, wo Furtmüller unter dem Pseudonym Karl
Schratt Artikel zur Problematik der Erziehung und des Unterrichts
im Naziregime schrieb. Nach Kriegsbeginn wurde Carl Furtmüller
für einige Zeit in ein Internierungslager am Stadtrand von Paris
gebracht. 1940 konnten Aline und Carl Furtmüller nach dem Ein-
marsch der deutschen Truppen zuerst nach Montauban in den
Süden Frankreichs fliehen, gelangten später illegal über die Pyre-
näen nach Spanien, wo sie erneut inhaftiert wurden und mehrere
Monate in Gefängnissen verbrachten. Durch die Bemühungen der
Flüchtlingshilfsorganisation »Unitarian Service Committee« wur-
de ihnen die Ausreise schließlich ermöglicht (Brief Thiemann
1941). Im Januar 1941 erreichten sie über Lissabon die USA, wo
Aline Furtmüller noch im selben Jahr an Leukämie starb. Furtmül-
ler arbeitete zunächst in einer Kleiderfabrik, fand später einen Pos-
ten als Lateinlehrer an einer Quäkerschule in Baltimore, wo er seine
zweite Frau Leah Cadbury kennenlernte. Bald darauf zog er nach
New York, wo er als Übersetzer für die deutschsprachigen Sen-
dungen der »Voice of America« arbeitete und sich im Verein für
Individualpsychologie engagierte. Er gehörte dem New Yorker
Ausschuss des Austrian Labor Committee, der österreichischen
Exilvertretung der Sozialdemokraten, an. Dieser Ausschuss hatte
die Aufgabe, ein Konzept für die künftige Schulerziehung in Öster-
reich zu erarbeiten. In einem Artikel der Exilzeitung »Austrian
Labor News« schreibt Furtmüller, es gehe um die »Rückerziehung
des Teiles der Massen, der vorübergehend in die Gefolgschaft des
Nazitums geraten war oder doch unbewußte einen Teil der Nazi-
ideologie in sich aufgenommen hatte« (Eppel 1995, S. 489).
1947 erst bekam Carl Furtmüller eine Einreisegenehmigung
nach Österreich. Zusammen mit seiner Frau Leah kehrte er nach
Wien zurück, wo er als Direktor des Pädagogischen Instituts der
Stadt Wien bis zu seinem plötzlichen Tod am 1. Januar 1951 in
Mariapfarr im Lungau arbeitete. Seine zweite Frau Leah Cadbury-
Furtmüller ging nach Amerika zurück, seine beiden Kinder leben
heute in England.

122
Ausgewählte Bibliographie
Furtmüller, C. (1912): Psychoanalyse und Ethik. München (Repr. Furt-
müller, 1983).
Furtmüller, C; Adler, A. (1914): Heilen und Bilden. Ärztlich-pädagogische
Arbeiten des Vereins für Individualpsychologie. München.
Furtmüller, C. (1914): Alltägliches aus dem Kinderleben. ZIP 1: 53-58.
Furtmüller, C. (1914): Denkpsychologie und Individualpsychologie. ZIP
1:80-91.
Furtmüller, C. (1926): Auf dem Weg zur Schulgemeinde. Wien.
Furtmüller, C. (1928): Innere Reform. Wien.
Furtmüller, C. (1928): Die pädagogischen und psychologischen Auswir-
kungen der österreichischen Schulreform. In: Lazarsfeld, S. (Hg.):
Technik der Erziehung. Leipzig.
Furtmüller, C. (1930): Selbsterziehung als Berufsproblem des Lehrers.
IZIP 8: 70-78 (Repr. Furtmüller, 1983).
Furtmüller, C. (1930): Selbsterfundene Märchen. Versuch einer psycholo-
gischen Aufarbeitung von Schüleraufsätzen (Repr. Furtmüller, 1983).
Furtmüller, C. (1932): Iphigenieauf Tauris. IZIP 10: 328-339 (Repr. Furt-
müller, 1983). (Unter dem Pseudonym Karl Schratt.)
Furtmüller, C. (1939): Ein Wort an die Lehrer. Der sozialistische Kampf.
Paris, 30.12.1939. (Unter dem Pseudonym Karl Schratt.)
Furtmüller, C. (1940): Ist die Hitlerjugend uns verloren? Der sozialistische
Kampf. Paris, 24.4.1940 (Repr. Furtmüller, 1983).
Furtmüller, C. (1941): In memory of Dr. Alexander Neuer. IPN 1/8-9: 9.
Archivalien
VGA: Brief von Annelise Thieman an Frederick Reustle, 6.3.1941 (Furt-
müller Nachlass, Mappe 8).
Literatur
Fuchs, I. (2002): Carl Furtmüller - ein Politiker im Dienste der Jugend. In:
Levy, A.; Mackenthun, G. (Hg.): Gestalten um Alfred Adler. Pioniere
der Individualpsychologie. Würzburg, S. 81-98.
Furtmüller, L. (1983): Carl Furtmüller- Ein Lebenslauf. In: Furtmüller, L.
(Hg.): Denken und Handeln. Schriften zur Psychologie 1905-1950.
Von den Anfängen der Psychoanalyse zur Anwendung der Individual-
psychologie. München, S. 15-21.
Handlbauer, B. (1992): Carl Furtmüller (1880-1951). In: Federn, E.; Wit-
tenberger, G. (Hg.): Aus dem Kreis um Sigmund Freud. Frankfurt a. M.
Mühlleitner, E. (1992): Biographisches Lexikon der Psychoanalyse. Die
Mitglieder der psychoanalytischen Mittwoch-Gesellschaft und der
Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 1902-1938. Tübingen.
DÖW (Hg.) (1995): Österreicher im Exil. USA 1938-1945. Eine Doku-
mentation. Band 1. Wien.

123
FELIX GRÜNBERGER

Der am 10. November 1905 in Wien geborene Sohn des Kaufmanns


Felix Grünberger studierte an der Universität Wien Medizin und
promovierte im Jahr 1934.
Bereits als Medizinstudent war Grünberger Protokollführer in
der »Arbeitsgemeinschaft individualpsychologischer Ärzte«. In
den Sitzungen, die meist in Adlers Wohnung stattfanden, wurde
vor allem über medizinisch-psychologische Themen, wie beispiels-
weise die Entstehung und Behandlung von Neurosen und Psycho-
sen, referiert und diskutiert. Im Jahr 1927 hielt Grünberger einen
Kurs zur Einführung in die Individualpsychologie.
Felix Grünberger war laut Meldeunterlagen seit dem 3. Septem-
ber 1938 abgemeldet. Als Zielort wird Schweden angeführt. In
jedem Fall jedoch emigrierte Grünberger nach Shanghai, wobei der
genaue Zeitpunkt der Emigration nicht bekannt ist. In seinem
1950 erschienenen Aufsatz »The Jewish refugees in Shanghai«
befasst er sich eingehend mit der Situation der jüdischen Emi-
granten im Shanghaier Exil. Wie im zweiten Heft des Individual
Psychology Bulletin aus dem Jahr 1945 berichtet wird, arbeitete
Grünberger eine Zeit lang im Chinese Mental Hospital und war
auch für das Out-Patient-Department for Nervous Diseases for the
Joint in Shanghai verantwortlich. Später verliert sich leider seine
Spur.
Bibliographie
Grünberger, F. (1927): Beobachtungen über das Sprechen aus dem Schlaf.
IZIP 5: 384-388.
Grünberger, F. (1926): Rezension von Alice Rühle: Das proletarische Kind.
IZIP 4: 162.
Grünberger, F. (1930): Rezension von T. Ziehen: Über das Wesen der Ver-
anlagung und ihre methodische Erforschung. IZIP 8: 440.
Grünberger, F. (1936): Über die Stimmung und deren Schwankungen.
IZIP 14: 196-209.
Grünberger, F. (1937): Mood fluctuations. IJIP 3/1: 54-67.
Grünberger, F. (1946): The basic discrepancy of the human mind. IPB 6:
177-184.
Grünberger, F. (1950): The Jewish refugees in Shanghai. Jewish Social Stu-
dies 12: 328-348.

124
Archivalien
Stadt- und Landesarchiv Wien: Polizeiliche Meldeunterlagen.
Universitätsarchiv Wien: Erste Nationale.
Literatur
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
IZIP 5 (1927), IPB 5/2 (1945).

MARGARETHE HILFERDING

Marg;.rethe Hilferding kam am 20. Juni 1871 als Tochter des Arztes
Paul Hönigsberg und Emma Hönigsberg, geborene Breuer, in Wien
zur Welt. Beide Eltern entstammten wohlhabenden und traditions-
reichen jüdischen Familien. Paul Hönigsberg hatte als Arzt in Wien
eine Praxis, ordinierte in späteren Jahren aber auch in den Kuror-
ten Bad Gleichenberg und Meran. Beide Eltern waren politisch
sehr interessiert und Margarethes Mutter engagierte sich in der
zunehmend erstarkenden Frauenbewegung. Dieser Einfluss be-
gründete bei Margarethe eine klare sozialistische und feministische
Ausrichtung.
Eine der wenigen Möglichkeiten beruflicher Ausbildung für
Frauen zur damaligen Zeit war die Lehrerinnenbildungsanstalt,
welche Margarethe ab 1889 besuchte und 1893 mit Auszeichnung
abschloss. Danach begann sie ihr Schulpraktikum in Gleichenberg
und später in Wien, legte 1897 die Lehrbefähigungsprüfung ab und
inskribierte sich noch im gleichen Jahr an der philosophischen
Fakultät in Wien, nachdem das Frauenstudium zugelassen worden
war. Im Jahr 1900 wurde auch die medizinische Fakultät für Frauen
geöffnet und Margarethe wechselte zum Medizinstudium. Am 23.
Dezember 1903 promovierte sie als erste ordentliche Hörerin der
Medizin an der Wiener Universität (List 2006). Im Jahr 1904 hei-
ratete sie den Arzt und späteren Finanzminister der Weimarer
Republik Rudolf Hilferding, den sie in der »Freien Vereinigung
sozialistischer Studenten der Universität Wien« kennengelernt
hatte. Am 12. September 1905 kam ihr erster Sohn Karl zur Welt.

125
Von 1907 bis 1908 lebte die Familie in Berlin, wo der zweite Sohn
Peter am 8. Januar 1908 geboren wurde. Noch im gleichen Jahr
kehrte Margarethe Hilferding mit den beiden Söhnen nach Wien
zurück. Das Paar lebte danach getrennt; die Ehe wurde allerdings
erst 1923 geschieden. 1910 eröffnete Hilferding eine Privatpraxis in
der Reisingerstraße 9 in Favoriten, einem Wiener Bezirk, wo vor-
wiegend Minderbemittelte und Arme wohnten, für die sie sich oft
unentgeltlich einsetzte. Außerdem arbeitete sie als Frauenärztin
und Geburtshelferin bei der Krankenkasse und als Schulärztin im
Bezirk Favoriten.
Als aktive Sozialdemokratin engagierte sie sich bis zu ihrer Ver-
haftung im Februar 1934 als Bezirksrätin, war außerdem Mitglied
des Bezirksfrauenkomitees, Vorsitzende des Arbeiter-Abstinenten-
bundes in Favoriten und betätigte sich auch im Internationalen
Frauenclub.
Margarethe Hilferdings Aufnahme als erste Frau in die Mitt-
woch-Gesellschaft der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung im
April 1910 gingen heftige Meinungsverschiedenheiten innerhalb
der Gesellschaft voraus. Unter den Befürwortern der prinzipiellen
Aufnahme von Frauen war auch Alfred Adler. Bemerkenswert ist
Hilferdings Vortrag »Zur Grundlage der Mutterliebe«, in dem sie
die Bedeutung von Erotik zwischen Mutter und Säugling themati-
sierte. Durch den körperlichen Kontakt in der alltäglichen Pflege
entstehe Mutterliebe, die auch eine sexuelle Komponente habe, was
wiederum Voraussetzung für die spätere Entwicklungsfähigkeit
der Sexualität des heranwachsenden Kindes sei. Nach Meinung
ihrer Biographin Eveline List nahm Margarethe Hilferdings Theo-
rie wesentliche spätere Konzepte der Psychoanalyse vorweg: die
Bedeutung mütterlicher Sexualität für das Kind, den Stellenwert
elterlicher Sexualität und die triangulierende Funktion des Vaters
(List 2006, S. 145).
Im Zuge der intensiven Auseinandersetzungen zwischen Adler
und Freud, die mit dem Austritt Adlers aus der Psychoanalytischen
Vereinigung endeten, trat auch Margarethe Hilferding aus der Ver-
einigung aus.
Im Verein für Individualpsychologie engagierte sie sich aller-
dings erst ab dem Jahr 1926 als Leiterin und ärztliche Mitarbeiterin
von Erziehungsberatungsstellen. Sie schrieb einige Artikel und

126
hielt Kurse, in denen sie sich vor allem mit Frauen- und Erzie-
hungsfragen befasste. Gemeinsam mit dem Gesundheitsstadtrat
Julius Tandler und Raissa Adler gehörte sie zu den Gründern der
»Internationalen Arbeiterhilfe« in Österreich. Mit Raissa Adler
setzte sie sich auch für Frauenanliegen ein, wie dem Recht auf Mut-
terschutz, wandte sich aber gleichzeitig gegen Mutterschaftszwang.
In der von Sophie Lazarsfeld herausgegebenen Schriftenreihe
»Richtige Lebensführung«, schrieb Margarethe Hilferding 1926
einen Aufsatz über Geburtenregelung, in dem sie sich für Emp-
fängnisverhütung einsetzt und Abtreibung bei einer vorliegenden
Schädigung der Keimmasse befürwortet (Bruder-Bezzel 1999). Bis
zur Auflösung des Vereins Anfang 1939 war sie auch noch im »Klub
der Freunde der Individualpsychologie« tätig.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten konnte Mar-
garethe Hilferding nur noch im jüdischen Spital arbeiten, bis sie
auch hier am 30. September 1941 auf Weisung der Behörde ihre
Tätigkeit einstellen musste. Beide Söhne befanden sich im Ausland
und hatten bisher verzweifelt versucht, ihre Mutter zur Ausreise zu
bewegen. Als Margarethe Hilferding schließlich 1941 selbst erken-
nen musste, dass sie Österreich verlassen sollte und sich um Aus-
reisemöglichkeiten bemühte, war es bereits zu spät. Am 28. Juni
1942 wurde sie ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert.
Von dort wurde sie mit einem der sogenannten »Altentransporte«,
die zwischen dem 19. September und dem 22. Oktober 1942 statt-
fanden, in das Vernichtungslager Treblinka gebracht. Der Ankunfts-
tag, der 24. September 1942, gilt automatisch als Todesdatum (List
2006).
Karl Hilferding, der zum Katholizismus übergetreten und 1937
zum Priester geweiht worden war, wurde im Sommer 1942 auf sei-
nem Fluchtversuch von Holland über Frankreich in die Schweiz
von der französischen Polizei verhaftet und den deutschen Besat-
zern ausgeliefert. Er kam ebenfalls in einem Konzentrationslager
um. Der zweite Sohn Dr. Peter Milford(-Hilferding) konnte 1939
mit Hilfe seines Freundes Karl Popper nach Neuseeland ausreisen.
Er lebt heute in Wien.

127
Bibliographie
Hilferding, M. (1919): Der Schleichhandel. Der Kampf 12: 300-304.
Hilferding, M. (1920): Was kostet die auskömmliche Ernährung. Der
Kampf 13: 101-105.
Hilferding,M. (1926): Geburtenregelung. In: Lazarsfeld, S. (Hg.): Richtige
Lebensführung. Wien.
Hilferding, M. (1928): Durchschnittliche Entwicklung und Ernährung
während der Schulzeit. In: Lazarsfeld, S. (Hg.): Technik der Erziehung.
Leipzig, S. 158-170.
Hilferding, M. (1935): Individualpsychologische Gedankengänge eines
Kinderarztes. IZIP 13: 206-303.
Archivalien
Verein der Geschichte der Arbeiterbewegung: Mitteilung von Peter Mil-
ford, Aktennotiz: Lade 21, Mappe 2.
Literatur
Bruder-Bezzel, A. (1999): Geschichte der Individualpsychologie. Göt-
tingen.
Cremerius, J. (1992): Margarethe Hilferding (1876-1942). In: Federn, E.;
Wittenberger, G. (Hg.): Aus dem Kreis um Sigmund Freud. Frankfurt
a. M.,S. 117-120.
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
Läpp, C ; Troch, H. (1992): Favorit in Favoriten. Geschichte der Sozialde-
mokratie in Favoriten. Wien.
List, E. (2006): Mutterliebe und Geburtenkontrolle - Zwischen Psycho-
analyse und Sozialismus. Wien.
Mühlleitner, E. (1992): Biographisches Lexikon der Psychoanalyse. Die
Mitglieder der psychoanalytischen Mittwoch-Gesellschaft und der
Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 1902-1938. Tübingen.
Mühlleitner, E. (2002): Hilferding, Margarethe, geb. Hönigsberg. In: Kein-
tzel, B.; Korotin, I. (Hg.): Wissenschafterinnen in und aus Österreich.
Wien, S. 289-290.
Schiferer, H. R. (1995): Raissa Adler (1872-1962). Von der bürgerlichen
Frauenbewegung zum österreichischen Trotzkismus. IWK-Mittei-
lungen 3: 33-35.
Seidler, E. (2000): Kinderärzte 1933-1945. Entrechtet - geflohen - ermor-
det. Bonn.
Steinhauser, M.; DÖW (Hg.) (1987): Totenbuch Theresienstadt. Damit sie
nicht vergessen werden. Wien.

128
ARTHUR HOLUB

Der am 5. Januar 1876 in Eger geborene Arthur Holub studierte


nach seiner Matura 1993 in Prag an der Wiener Universität Medizin,
wo er im Jahr 1901 promovierte. In der Zwischenkriegszeit war er,
ebenso wie seine Frau Martha, aktiver Individualpsychologe. Von
1929 bis 1934 war er Vorsitzender des Vereins für Individualpsycho-
logie, arbeitete in der Erziehungsberatung und war Schriftführer
der »Arbeitsgemeinschaft individualpsychologischer Ärzte«. Zu-
sammen mit Alice Friedmann leitete er die »Arbeitsgemeinschaft
für wissenschaftliche Materialsammlung. Arthur Holub war Vor-
tragender im Rahmen eines Fortbildungsprogramms für Lehrer
und Erzieher, das in Zusammenarbeit mit der Wiener Schulreform
in den Jahren von 1929 bis 1934 angeboten wurde und wo sowohl
über pädagogische als auch medizinische Themen referiert wurde.
Arthur Holub setzte sich vor allem mit der Lehre der Organmin-
derwertigkeit auseinander, worüber er zahlreiche Artikel und 1931
ein Buch veröffentlichte. Er befasste sich aber auch mit Anlagefor-
schung, mit verschiedenen Gebieten der internen Medizin und der
Psychologie. Durch seine Schwerpunktsetzung vor allem im Bereich
von Theorie und Wissenschaft, wirkte er der zunehmenden Hin-
wendung zu pädagogischen Ansätzen in der Individualpsychologie
etwas entgegen (Handlbauer 1984).
Laut Meldeunterlagen starb Arthur Holub am 3. September
1941 in Wien und entging so dem Schicksal seiner Frau Martha
Holub, die im August 1942 nach Minsk in Polen deportiert wurde
und aller Wahrscheinlichkeit nach in einem Konzentrationslager
umkam.
Ausgewählte Bibliographie
Holub, A. (1928): Die Rezeption der Individualpsychologie durch die
medizinische Wissenschaft. IZIP 6: 363-369.
Holub, A. (1930): Körperdefekt und Organminderwertigkeit als Faktoren
der Selbsterziehung. IZIP 8: 218-220.
Holub, A.; Rothwein, E. (1930): A case of deaf mutism. In: Adler, A. et al.
(Hg.): Guiding the child. New York;
Holub, A. (1930): Mißbrauch des Anlagebegriffs. IZIP 8: 295-287.
Holub, A. (1932): Individualpsychologische Gedankengänge in der soma-
tischen Medizin. IZIP 10: 89-94.

129
Holub, A. (1933): Das Bronchialasthma als neurotisches Symptom. IZIP
11:216-224.
Holub, M.; Holub, A. (1933): Zur Frage der Charakterentwicklung bei
Zwillingen. Individualpsych. Betrachtungen über Lange: »Verbrechen
als Schicksal«. IZIP 11: 264-281.
Holub, A.( 1933): Wege zu besonderen Fähigkeiten (»Begabung«). IZIP 12:
350-353.
Holub, A. (1934): Das kindliche Minderwertigkeitsgefühl und seine Kom-
pensation. IZIP 12: 112-123.
Holub, A. (1934): Krankheit und Psyche. IZIP 12: 72-84.
Archivalien
Stadt- und Landesarchiv Wien: Polizeiliche Meldeunterlagen.
Literatur
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.

MARTHA HOLUB

Martha Holub, geborene Fantl, kam am 22. April 1887 in Sobieslau


zur Welt. Sie war verheiratet mit dem Arzt und Individualpsycho-
logen Arthur Holub und selbst aktive Individualpsychologin.
Zusammen mit der Ärztin Alice Lehndorff-Stauber leitete sie die
Arbeitsgemeinschaft »Einführung in die Individualpsychologie
durch Übung in der Interpretation«. Als eine der wichtigsten Mit-
arbeiterinnen stand sie jahrelang mehrmals in der Woche in ver-
schiedenen Erziehungsberatungsstellen, die alle unentgeltlich zu-
gänglich waren, zur Verfügung.
Aus ihren diversen Publikationen und den Titeln ihrer Referate
geht hervor, dass sie sich für die verschiedensten psychologischen
Gebiete interessierte. Sie behandelt Themen der Erziehungsbera-
tung und der Heilpädagogik, wobei sie aus Beratungsstunden
berichtet, Fälle verhaltensauffälliger Kinder schildert, deren jewei-
lige Familienkonstellation sie analysiert, um dann konkrete indivi-
dualpsychologische Behandlungsmethoden vorstellen zu können.
In ihren Vorträgen und Aufsätzen widmet sie sich immer wieder

130
sowohl methodischen als auch strukturellen Fragen der Individu-
alpsychologie und beschäftigt sich auch mit Geschichte und Wis-
senschaftstheorie der Individualpsychologie.
Martha Holub wurde am 31. August 1942 in das KZ Minsk in
Polen deportiert. Am 16. Mai 1949 wurde sie für tot erklärt »und
ausgesprochen, dass sie den 8. Mai 1945 nicht überlebt hat« (Mel-
dezettel Martha Holub).
Ausgewählte Bibliographie
Holub, M. (1926): Geschwisterkampf. In: Lazarsfeld, S. (Hg.): Richtige
Lebensführung. Wien u. Leipzig, o. S.
Holub, M.; Friedmann, F. et al. (1928): Heilpädagogik. Zur Psychologie des
mißhandelten Kindes. IZIP 6: 257-259.
Holub, M. (1928): Ein mittleres Kind, das sich wie ein erstgeborenes
benimmt. IZIP 6: 414.
Holub, M. (1928): Die Bedeutung der Geschwisterreihe. In: Lazarsfeld,
S. (Hg.): Technik der Erziehung. Leipzig, S. 314-321.
Holub, M. (1929): Drei Fälle aus der Praxis. IZIP 7: 407-412.
Holub, M.; Neuer, A. (1929): Über nicht-individualpsychologische Erzie-
hungsmethoden. Gespräch einer individualpsychologischen Erzie-
hungsberaterin mit einem Arzt. IZIP 7: 215-218.
Holub.M. (1930): Gespräche mit Eltern und Kindern. IZIP 8: 441-458.
Holub, M. (1931): Die Entwicklung der individualpsychologischen Bewe-
gung in Amerika. Ihr Einfluß auf das Erziehungswesen. IZIP 9: 140-
144.
Holub, M. (1932): Individualpsychologische Tests. IZIP 10: 59-71.
Holub, M.; Holub, A. (1933): Zur Frage der Charakterentwicklung bei
Zwillingen. Individualpsychologische Betrachtungen über Lange: »Ver-
brechen als Schicksal«. IZIP 11: 264-281.
Archivalien
Stadt- und Landesarchiv Wien: Polizeiliche Meldeunterlagen.
Landesgericht für Zivilrechtssachen: Todeserklärung 16.5.1949, Zahl
48T 3414/48-10.
Literatur
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
IZIP 3-15 (1925-1937).

131
STEFANIE H O R O V I T Z

Stefanie Horovitz wurde am 17. April 1887 in Warschau geboren.


Sie maturierte 1907 in Wien, studierte danach an der philoso-
phischen Fakultät der Universität Wien Chemie und promovierte
1913 am Zweiten Chemischen Institut der Universität Wien bei
Professor Guido Goldschmiedt mit der Dissertation Ȇber die
Umlagerung des Chinins mit Schwefelsäure«. Bereits in den Jahren
davor wurden erste Ergebnisse ihrer Experimente in den Monats-
heften für Chemie veröffentlich. Anfang 1914 suchte der Chemiker
Otto Hönigschmid, Professor für Chemie an der Deutschen Tech-
nischen Hochschule in Prag, von 1910 bis 1918 zeitweise auch am
Wiener Institut für Radiumforschung tätig, eine Mitarbeiterin für
seine Atomgewichtsbestimmungen. Vermutlich durch Vermittlung
ihres Professors, vielleicht auch durch Lise Meitner, kam es zu einer
mehrjährigen Zusammenarbeit von Hönigschmid und Horovitz.
Hönigschmids experimentelle Forschung beschäftigte sich haupt-
sächlich mit Atomgewichtsbestimmungen von Produkten der
radioaktiven Zerfallsreihen. Die Arbeiten von Hönigschmid und
Horovitz unterstützten als erste das neue Konzept der Isotope von
Frederik Soddy. Das Endprodukt der radioaktiven Zerfallsreihe ist
Blei. Ein genauer Vergleich seines Atomgewichts mit herkömm-
lichem Blei bestätigte die Existenz chemisch identer Elemente, die
sich nur in ihrer Masse unterscheiden. Die Ionium/Thorium-
Untersuchungen lieferten einen weiteren Beweis für das Isoto-
penkonzept. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall der
Donaumonarchie endete die Zusammenarbeit von Horovitz und
Hönigschmid.
In der Zwischenkriegszeit war Stefanie Horovitz, die ihre natur-
wissenschaftlichen Tätigkeiten völlig eingestellt hatte, Mitglied im
Verein für Individualpsychologie. Sie engagierte sich vor allem in
verschiedenen Erziehungsberatungsstellen. 1924 errichtete Horo-
vitz zusammen mit Alice Friedmann ein Erziehungsheim im 6.
Bezirk, Linke Wienzeile 36. Gemäß den Vorstellungen individual-
psychologischer Erzieher sollte das Heim Kindern und Jugend-
lichen vorübergehend Unterschlupf gewähren, um sie für die Dauer
einer individualpsychologischen Behandlung aus ihrer gewohnten
Umgebung herauszuholen, was die Chance auf Erfolg der Beratung

132
wesentlich erhöhen würde. Das Kind sollte nach Abschluss der
Behandlung wieder zu den Eltern zurückkehren, die in der Zwi-
schenzeit ebenfalls durch Vorträge und Beratungsstunden auf die
bessere Handhabung ihrer Erziehungsaufgabe vorbereitet würden.
Als Freizeitaktivitäten bot man neben Nachhilfeunterricht Musik-
kurse, Spielnachmittage und Gymnastik an. In späteren Jahren
wurde zusätzlich ein Nachmittagshort für Schulkinder eingerich-
tet. Im Sommer wurden Ferien auf dem Land oder sogar Auslands-
reisen unternommen. Stefanie Horovitz war gemeinsam mit ande-
ren Erzieherinnen wie Elly Rothwein, Helene Bader und Alice
Friedmann an der Organisation von sogenannten »Ferienheimen«,
individualpsychologischenSommerwochen für Kinderund Jugend-
liche beteiligt, die meist in österreichischen Erholungsorten statt-
fanden.
1937 meldete sich Stefanie Horovitz mit unbekanntem Verbleib
ab. Nach Rayner-Canham soll sie nach Warschau zurückgekehrt
sein, um bei ihrer verheirateten Schwester zu leben. Beide haben
vermutlich das nationalsozialistische Regime nicht überlebt.
Bibliographie
Horovitz, S. (1913): Über die Umlagerung des Chinins mit Schwefelsäure.
Dissertation. Universität Wien.
Archivalien
Stadt- und Landesarchiv Wien: Polizeiliche Meldeunterlagen.
Universitätsarchiv Wien: Promotionsprotokoll.
Literatur
Bischof, B.; Kenner, C. (2002): Horovitz, Stefanie. In: Keintzel, B.; Korotin,
I. (Hg.): Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Leben - Werk -
Wirken. Wien, S. 310-312.
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
Rayner-Canham, M. F.; Rayner-Canham, G. W. (1997): A crucial role in
the discovery of isotopes. In: Rayner-Canham, M. F.; Rayner-Canham,
G. W.: A devotion to their science. Pioneer women of radioactivity.
Montreal.S. 192-195.
IZIP 3-15 (1925-1937).

133
ELVIRA K A U F M A N N

1930 war Elvira Kaufmann im Vorstand des Vereins für Individu-


alpsychologie tätig. Sie emigrierte nach New York. In den USA war
sie Lehrerin und Executive Educational Director an der Henry
Street Nursery School and Kindergarten in New York und Direkto-
rin des Williamsburg »Y« Child Care Center.
Auch in New York engagierte sich Elvira Kaufmann wieder als
Individualpsychologin. Sie war Mitglied des Executive Committee
der New Yorker Gruppe der Individualpsychologen. 1945 hielt sie
einen Kurs mit dem Titel »How to adjust yourself emotionally to
wartime changes in your life« und 1946 eine Vorlesungsreihe über
Probleme der Jugend sowie eine Arbeitsgemeinschaft über »Impor-
tance of pre-school education«. Weiter arbeitete sie an einer Studie
über Adler'sche Psychologie und ihr Verhältnis zu anderen psycho-
logischen Richtungen.
Sie studierte an der Graduate Faculty of the New School for
Social Science und bekam 1946 den Master Degree of Social Sci-
ence. Seit der Errichtung des Alfred Adler Consultation Center im
Jahr 1950 betätigte sie sich dort als Psychotherapeutin und arbei-
tete außerdem in ihrer privaten Praxis.
Bibliographie
Kaufmann, E. (1941): The »progress chart«. IPB 1/10: o. S.
Kaufmann, E. (1959): The fear of defeat. In: Adler, K.; Deutsch, D. (Hg.):
Essays in Individual Psychology. Contemporary application of Alfred
Adler's theories. New York.
Literatur
Adler, K.; Deutsch, D. (Hg.) (1959): Essays in Individual Psychology. Con-
temporary application of Alfred Adler's theories. New York.
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
IPB 4/2 (1944), IPB 5/2 (1946), IPB 5/3 (1946).

134
GINA KAUS (GEB. WIENER, VERH. ZIRNER, ADOPT. KRANZ,
VERH. KAUS, VERH. FRISCHAUER, PS. ANDREAS ECKBRECHT)

Gina Kaus, geborene Wiener, kam am 21. Oktober 1893 in Wien


zur Welt und entstammte einfachen Verhältnissen. Sie wuchs in der
Wiener Leopoldstadt auf, dem 2. Bezirk, wo ihr Vater sich als klei-
ner Geldvermittler das Leben verdiente. Später zog die Familie in
die Berggasse. Zusammen mit der gleichaltrigen Sophie Freud
besuchte Gina Kaus ein Lyzeum in Wien. 19-jährig heiratete sie den
Musiker Josef Zirner, mit dem sie nach Breslau ging. Nach dem
frühen Tod ihres Mannes, der im Ersten Weltkrieg gefallen war,
arbeitete Gina Kaus im Juweliergeschäft ihrer Schwiegereltern in
Wien. Bald darauf wurde sie die Geliebte von Josef Kranz, einem
wohlhabenden Bankier und Großindustriellen. Auf ihr Drängen
adoptierte der von seiner Frau getrennt lebende Josef Kranz Gina
Kaus, damit sie offiziell als seine Tochter in das Palais Kranz ziehen
konnte. In seinem Haus führte die gerade 23-jährige Gina Kaus
einen avantgardistischen Salon, in dem Persönlichkeiten und
Künstler der Wiener Gesellschaft wie Franz Werfel, Robert Musil,
Milena Jesenska, Hermann Broch, Paul Streker, Otto Kaus und
Egon Erwin Kisch ein und aus gingen. Gina Kaus begann sich
schriftstellerisch zu betätigen. Die Umstände ihres Beziehungsar-
rangements mit Josef Kranz erlaubten ihr ein sehr eigenwilliges
und sexuell ungebundenes Leben. Nach einer Affäre mit Franz Blei,
Schriftsteller und zu dieser Zeit Sekretär ihres Adoptivvaters, ging
sie eine neue Verbindung mit Otto Kaus ein, wurde schwanger und
zog daraufhin aus dem Kranz-Palais aus. 1920 heiratete sie Otto
Kaus. In dieser Zeit schrieb sie Erzählungen und Kurzgeschichten
für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, wie die »Arbeiter-
zeitung«, Wien, die »Vossische Zeitung« und »Die Dame«, Berlin.
Durch ihren Mann, der selbst Individualpsychologe war, lernte
Gina Kaus Alfred Adler kennen,eine Begegnung,die sie selbst (1979)
als entscheidend bezeichnet. Sie hörte seine Vorlesungen, engagierte
sich im Verein für Individualpsychologie und schrieb psycholo-
gische Artikel. Einer Idee folgend beschloss sie selbst eine Zeitschrift
mit dem Titel »Die Mutter« herauszugeben. Mit ihrem Anliegen,
vor allem die Psychologie des Kindes herauszuarbeiten, traf sie auf
breites Interesse. Der psychologische Zugang Adlers wurde zur

135
wichtigen Grundlage der »Mutter«. Gina Kaus schätzte besonders
die menschennahe Sprache der Adler'schen Psychologie. Über
Alfred Adler schreibt sie in ihrer Autobiographie: »Adler hatte einen
unmittelbaren Kontakt zu Menschen, eine bestechende Wärme, er
begriff auf Anhieb jedes Problem, das ihm vorgetragen wurde. Er
war Sozialist, er hielt seine Vorträge in allgemein verständlicher
Form.« (Kaus 1979, S. 100 f.) Sie gewann andere Schüler Adlers,
meist Psychiater, um Artikel für »Die Mutter« zu verfassen. Die
Resonanz auf »Die Mutter« war so groß, dass Gina Kaus eine Be-
ratungsstelle in der Steinmanndruckerei eröffnete, wo vor allem
Frauen mit ihren Problemen kommen konnten. Sie engagierte einen
Arzt und einen Juristen, beide Adler-Schüler, die je einmal in der
Woche in der Beratungsstelle zur Verfügung standen.
1926 ließ sich Gina Kaus, inzwischen eine bekannte und beach-
tete Schriftstellerin, von Otto Kaus scheiden und begann mit dem
Anwalt Eduard Frischauer eine neue Beziehung. Eine enge Freund-
schaft verband sie mit Karl Kraus, der ihre schriftstellerischen Leis-
tungen lobend anerkannte. Sie verkaufte ihre Zeitschrift »Die Mut-
ter«, nachdem das anfänglich rege Interesse nachgelassen hatte,
und wandte sich ganz dem Schreiben von Romanen und kleineren
Dramen zu. Es entstanden Romane wie »Morgen um neun« und
»Die Überfahrt«. Ihr Theaterstück »Toni« wurde als individualpsy-
chologisches Lehrstück positiv aufgenommen (Schiferer 1990). Im
Mai 1933fielenauch ihre Bücher, wie die so vieler anderer jüdischer
Autoren, der Bücherverbrennung zum Opfer.
Als Jüdin und bekannte Autorin war Gina Kaus gefährdet und
verließ am Tag nach dem Anschluss, im Gepäck nur das Allernot-
wendigste, mit ihren beiden Söhnen und Eduard Frischauer Öster-
reich. Die Familie emigrierte über die Schweiz nach Paris, von wo
sie im September 1939 auf der »Ile de France« nach New York auf-
brach. Gina Kaus und ihre Kinder wurden für einige Tage auf Ellis
Island festgehalten, bis sie mit Hilfe von Interventionen freikamen
und in die USA einreisen durften. Auch in New York blieb Gina
Kaus nur kurz und zog bald mit ihrer Familie weiter nach Holly-
wood. Es gelang ihr, die alternde Mutter aus Wien zu sich zu holen.
Hier in den USA heiratete sie ihren langjährigen Lebensgefährten
Eduard Frischauer, von dem sie sich einige Zeit später wieder
trennte.

136
Eduard Frischauer übte im Exil seinen Beruf als Anwalt nicht
mehr aus, wodurch Gina Kaus sich gezwungen sah, allein für die
Familie zu sorgen. Schon bald machte sich Gina Kaus als Dreh-
buchautorin für die diversen Filmstudios in Hollywood einen
Namen. Wie Hilde Spiel schreibt, war sie in Hollywood »unter den
wenigen europäischen Autoren, deren Talent dem >Markt, auf dem
Lügen verkauft werden<, gewachsen war« (Spiel 1979). Sie scheint
auch Verbindung mit der individualpsychologischen Bewegung in
den USA gehabt zu haben. Jedenfalls wird sie in der ersten Num-
mer der Zeitschrift Individual Psychology Bulletin von 1943 als
Mitglied des Advisory Board genannt.
Zu einer Rückkehr nach Wien konnte sich Gina Kaus nach dem
Krieg trotz mehrmaliger Besuche nicht entschließen. Sie fand
Österreich verändert vor, fühlte sich selbst entfremdet, einsam und
vermisste Gesellschaft und Kaffeehauskultur der 1920er und 1930er
Jahre (Spiel 1979). Als Mitglied der Author's League of America
lebte sie bis ins hohe Alter in Hollywood, wo sie mit vielen der dort
ansässigen Emigranten wie Vicky Baum, Salka Viertel, Hanns Eis-
ler, Friedrich Torberg, Lion Feuchtwanger und Helene Weigel in
freundschaftlichem Kontakt stand. Gina Kaus starb am 23. Dezem-
ber 1985 im Alter von 92 Jahren in einem Pflegeheim in Santa
Monica.
Ausgewählte Bibliographie
Kaus, G. (1919): Diebe im Haus (unter dem Pseudonym Andreas Eck-
brecht).
Kaus, G. (1920): Der Aufstieg. München (Novelle).
Kaus, G. (1924): Schülerselbstmorde. Arbeiterzeitung, 28.12.1924.
Kaus, G. (1925): Selbstständige Wiener Frauen. Bettauers Wochenschrift
11.
Kaus, G. (1925): Das verwunschene Land. Wien (Roman in Fortsetzungen
in der Arbeiterzeitung).
Kaus, G. (1926): Der lächerliche Dritte. Berlin (Komödie).
Kaus, G. (1926): Im Haus der Tugend. Berlin (Komödie).
Kaus, G. (1927): Toni, eine Schulmädchen-Komödie in zehn Bildern. Ber-
lin.
Kaus, G. (1928): Die Verliebten. Berlin (Roman).
Kaus, G. (1931): Die Brautnacht (kulturgeschichtliche Untersuchung).
Kaus, G. (1932): Morgen um neun. Berlin (Roman).
Kaus.G. (1932): Die Überfahrt. München (Roman).

137
Kaus, G. (1933): Die Schwestern Kleh. Amsterdam (Roman).
Kaus, G. (1935): Katharina die Große. Amsterdam (historischer Roman).
Kaus, G. (1936): Josephine und Madame Tallien. Amsterdam.
Kaus, G. (1937): Luxusdampfer. Roman einer Überfahrt. Amsterdam.
Kaus, G. (1937): Die Nacht vor der Scheidung. Wien (Komödie).
Kaus, G. (1940): Der Teufel nebenan. Amsterdam (Roman).
Kaus, G. (1940): Melanie. New York (Roman).
Kaus, G. (1979): Die Pest in Athen. Aus den Erinnerungen der Xanthippe.
Unveröffentlicht, 1940er Jahre.
Zahlreiche Filmdrehbücher; zahlreiche Artikel in verschiedenen Zeitungen
und Zeitschriften.
Literatur
Hartl, E. (1979): Wiener Autobiographie aus Hollywood. Salzburger Nach-
richten, 2. Juni 1979.
Kaus, G. (1979): Und was für ein Leben ... mit Liebe und Literatur, Thea-
ter und Film. Hamburg.
Strauss, H. A.; Röder, W. (Hg.) (1983): Kaus, Gina. In: International Bio-
graphical Dictionary of Central European Emigres 1933-1945. Bd. 2.
München, S. 607.
Mulot, S. (1989): Gina, Almas Gegenstück. Frankfurter Allgemeine Zei-
tung, 8. September 1989, S. 42.
Spiel, H. (1979): Eine Löwin der Literatur. Zu den Memoiren von Gina
Kaus. Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 104, 5. Mai 1979, o. S.
Wall, R. (1988): Kaus, Gina. In: Verbrannt, verboten, vergessen. Kleines Lexi-
kon deutschsprachiger Schriftstellerinnen 1933-1945. Köln, S. 79-82.
IPB 3/1 (1943).

OLGA KNOPF

Olga Knopf wurde am 20. Oktober 1888 in Wien geboren, studierte


an der Universität Wien Medizin und promovierte im Jahr 1916.
Noch während ihres Studiums arbeitete sie 1914 bis 1915 im
Kriegsdienst an einer chirurgischen Einrichtung. Von 1916 bis
1917 war sie auf der Psychiatrisch-Neurologischen Abteilung der
Universitätsklinik in Wien, danach spezialisierte sie sich im Fach
Gynäkologie auf der Frauenklinik der Universität. Im Jahr 1919
eröffnete sie eine Privatpraxis für Frauenheilkunde.

138
Als Individualpsychologin arbeitete Olga Knopf in verschie-
denen Erziehungsberatungsstellen mit. So in dem von der Ärztin
Lydia Sicher geleiteten Ambulatorium in der Sandwirtgasse 3 im 6.
Bezirk in Wien, das der Behandlung von mittellosen seelisch Er-
krankten und später auch von schwererziehbaren Kindern diente.
In ihren Aufsätzen hebt Knopf immer wieder die herausragende
Bedeutung von Erziehung hervor. Erziehungsfehler in der Kind-
heit ziehen alle möglichen verheerenden Langzeitfolgen nach sich,
die, so meint sie, durch gute und fundierte Erziehungsberatung
von vorne herein verhindert werden können.
Ein anderer Themenbereich, dem Olga Knopf sich widmet, ist
die Gynäkologie. Sie beschäftigt sich mit verschiedenen gynäkolo-
gischen und sexuellen Problemen sowie deren psychischen Ursa-
chen. Sie interessiert sich auch für kulturelle, gesellschaftspolitische
und sozioökonomische Hintergründe der Stellung der Frau. In
ihrem Buch »The art of being a woman«, das 1932 in Boston
erschien, beschäftigt sie sich mit Frauen in verschiedenen Kulturen,
in verschiedenen Lebensaltern und Lebenslagen und setzt sich mit
der Gleichberechtigung der Geschlechter auseinander. 1975 er-
scheint in den USA das Buch »Successful aging: The facts and fal-
lacies of growing old«, in dem sie Altwerden und Sexualität im
Alter thematisiert und eines ihrer wesentlichen Anliegen, nämlich
die Verbesserung des öffentlichen Gesundheitssystems in den USA
propagiert.
Im Jahr 1929 wurde Olga Knopf von der Columbia University
nach New York eingeladen und bekam außerdem die Möglichkeit,
als Assistentin von Alfred Adler an der Vanderbilt Clinic der Cor-
nell University School of Medicine in New York mitzuarbeiten. Im
Oktober 1929 reiste sie mit Alfred Adler nach New York, mit dessen
Hilfe sie sich schon bald als Individualpsychologin etablieren
konnte. Sie hielt Vorträge in verschiedenen Städten und richtete
Erziehungsberatungsstellen ein. Später zog sie sich aus der Indivi-
dualpsychologie zurück und wandte sich der Psychoanalyse zu. Im
Jahr 1939 trat sie der New York Psychoanalytic Society bei. Über
ihre Erfahrung als Individualpsychologin schreibt sie:
»I have a great many fond recollections of the time I was part of Adler's
group, and feel deeply indepted to him personally. If he had not assisted
me in Coming to America in 1929, and had not helped me establish myself

139
here, I would have perished 10 years later in a concentration camp since I
had no connections with anyone living in America« (Manaster et al. 1977,
S. 33).

1932 bekam Olga Knopf die ärztliche Zulassung, spezialisierte sich


im Fach Psychiatrie und unterzog sich einer Psychoanalyse. 1932
bis 1934 war sie Psychiaterin am Cornell-Krankenhaus und am
New York Hospital, 1935 bis 1942 arbeitete sie als Konsiliarneuro-
login am Bellevue Hospital sowie am Cornell Krankenhaus. Knopf
unterrichtete an der School for Social Research sowie an der Cor-
nell University und am Mount Sinai Hospital. In ihrer privaten
Praxis arbeitete sie als Psychiaterin und Psychoanalytikerin. Sie war
Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Vereinigungen wie der Psych-
iatric Association, der Society for Psychotherapy and Psychopatho-
logy und der American Medical Association. Olga Knopf starb im
Jahr 1978 im Alter von 89 Jahren.
Ausgewählte Bibliographie
Knopf, O. (1928): Drei Träume. IZIP 6: 192-195.
Knopf, O. (1929): Prophylaktische Erziehungsberatung in den Elternver-
einen. IZIP 7: 192-195.
Knopf, O.; Wexberg, E. (1929): Arzt und Erziehungsberatung. IZIP 7:
170-176.
Knopf, O. (1929): Individualpsychologie und Gynäkologie. IZIP 7: 276-
286.
Knopf, O. (1930): Über Frigidität. IZIP 8: 151-159.
Knopf, O. (1930): Prophylactic educational guidance in parents' associa-
tions. In: Adler, A. et al. (Hg.): Guiding the child. New York, S. 89-
101.
Knopf, O. (1935): Women on their own, New York.
Knopf, O. (1935): Preliminary report on personality studies in 30 migraine
patients. J. of Nerv. & Ment. Dis.
Knopf, O. (o. J.): Human reaction to danger - highways to health. Academy
of Medicine 7/40.
Knopf, O.; Bergler, E. (1944): A test for the differential diagnosis between
retirement neurosis and accident neurosis. J. Nerv. 8( Ment. Dis.: o. S.
Knopf, O. (1972) Aging. Mt. Sinai J. of Med. 39/4: 357-360.
Knopf, O. (1978): Sexual assault: the victims psychology and related Pro-
blems. Mt. Sinai J. Med. 45/1: 1-13.
Knopf, O. (1975): Successful aging: The facts and fallacies of growingold.
New York.

140
Literatur
Edward, J. (1979): Olga Knopf (1988-1978). The Newsletter 16/2: 15.
Handlbauer, B. (1987): »Lernt fleißig Englisch«: Die Emigration Alfred
Adlers und der Wiener Individualpsychologen. In: Stadler, F. (Hg.):
Vertriebene Vernunft II. Emigration und Exil österreichischer Wissen-
schaft. Wien. S. 268-287.
Lichtenberg, W. (1931): Als Seelenärztin in Amerika. Gespräch mit Frau
Dr. Olga Knopf. Neues Wiener Journal, S. 48.
Manaster, G. J.; Painter, G.; Deutsch, D; Overholt, B. J. (Hg.) (1977): Alfred
Adler: As we remember him. Chicago.
The American Psychiatric Association (Hg.) (1967): Biographical Direc-
tory of Fellows and Members of the American Psychiatric Association.
New York.

HILDE KRAMPFLITSCHEK ( H I L D E KRAMER)

Hilde Krampflitschek, geborene Zimmermann, kam am 25. Juni


1888 in Wien zur Welt. Sie studierte Medizin und Anthropologie
an der Universität Wien. 1932 promovierte sie an der medizi-
nischen und 1938 an der philosophischen Fakultät. Sie arbeitete im
Allgemeinen Krankenhaus in Wien und am Mautner Markhof
Kinderspital. 1936 bis 1938 leitete sie die psychotherapeutische
Ambulanz in der Abteilung von Hans Hoffan der Poliklinik.
In der Zwischenkriegszeit betätigte sich Hilde Krampflitschek
im Verein für Individualpsychologie. Sie war Mitglied in der »Wie-
ner Arbeitsgemeinschaft der Erzieherinnen, Fürsorgerinnen und
Kindergärtnerinnen«, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Erzie-
hungsmethoden auf ihre Anwendbarkeit und Sinnhaftigkeit in
einer Zeit des stetigen und raschen Wandels der Lebensformen zu
überprüfen. Im Mittelpunkt des Interesses standen demnach Fra-
gen der Entwicklungspsychologie des Kindes vom Säuglingsalter
bis zur Pubertät und die Infragestellung von Erziehungsmaß-
nahmen sowohl in der Familie als auch in öffentlichen Einrich-
tungen wie Hort und Kindergarten. Die Diskussionen dienten
auch der Evaluierung verschiedener psychologischer und pädago-
gischer Richtungen.

141
Hilde Krampflitschek schrieb Artikel für die Internationale
Zeitschrift für Individualpsychologie, hielt Vorträge und Kurse im
Verein und an anderen Institutionen der Stadt Wien und arbeitete
auch in mehreren Erziehungsberatungsstellen als ärztliche Bera-
terin mit. In ihren Publikationen befasst sich Krampflitschek ei-
nerseits mit dem Thema Erziehungsberatung, wobei sie sich für
gängige psychologische Ansätze und individualpsychologische
Erziehungsmaßnahmen im Rahmen einer entwicklungspsycholo-
gischen Betrachtung interessiert und sowohl die seelischen als auch
körperlichen Einflüsse auf das heranwachsende Kind im Auge
behält. Andererseits setzt sie sich auch mit allgemein psycholo-
gischen und psychiatrischen Fragen, wie zum Beispiel Traumdeu-
tung, Neurosenlehre und Behandlung von Psychosen auseinan-
der.
Zusammen mit anderen noch in Wien verbliebenen Individual-
psychologen war sie im Jahr 1937 als Mitarbeiterin im »Klub der
Freunde der Individualpsychologie« tätig, der in der Zedlitzgasse 8
im ersten Bezirk untergebracht war. In dem Klub wurden jede
Woche Vorträge und Arbeitsgemeinschaften zu pädagogischen
und psychologischen Fragen gehalten, was großen Anklang fand.
Die Aktivitäten des Klubs waren die letzten des Vereins für Indivi-
dualpsychologie, bevor dieser 1939 durch die Nationalsozialisten
aufgelöst wurde.
Wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen emigrierte die früh
verwitwete Hilde Krampflitschek 1938 vermutlich über Schweden
in die USA, wo sie ihren Nachnamen auf Kramer änderte. In der
zweiten Nummer des Individual Psychology Bulletin vom Oktober
1940 wird erwähnt, dass sie als Lehrerin für Psychohygiene am
Moravia College for Women in Bethlehem in Pennsylvania tätig
sei. Später arbeitete sie im Pilgrim State Hospital in New York. Für
das Individual Psychology Bulletin schrieb sie weiterhin Artikel.
Hilde Kramer starb 1958 in New York.
Bibliographie
Krampflitschek, H. (1927): Das phantastische Kind. Dresden.
Krampflitschek, H. (1930): Selbsterziehung des Körperbehinderten. IZIP
8: 332-335.
Kramer, H. (1941): The first Child Guidance Clinic and its patient. IPB
2/2.

142
Kramer, H. (1943): The function of dreams. IPB 3/2.
Kramer, H. (1945): Inferiority feelings in psychotic conditions. IPB 4/3.
Kramer, H. (1946): Family interrelationship and their bearing upon the
development of psychotic conditions. IPB 5/2.
Kramer, H. (1947): Häufigkeit und Bedeutung von Minderwertigkeitsge-
fühlen in Psychosen. IZIP 16: 65-74.
Kramer, H. (1947): Individualpsychologische Analyse eines Falles von
Folie Imposee. IZIP 16: 122-136.
Kramer, H. (1947): Preventive psychiatry. IPB 6/1-2.
Kramer, H. (1947): An Individual Psychology approach to a case of Folie
imposee. IPB 6/3.
Archivalien
Stadt- und Landesarchiv Wien: Polizeiliche Meldeunterlagen
Literatur
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
Handlbauer, B. (1987): »Lernt fleißig Englisch«: Die Emigration Alfred
Adlers und der Wiener Individualpsychologen. In: Stadler, F. (Hg.):
Vertriebene Vernunft IL Emigration und Exil österreichischer Wissen-
schaft. Wien, S. 268-287.
Mühlleitner, E.; Reichmayr, J. (1994): Medizinische Psychologie und Psy-
chotherapie in Österreich 1900-1950. Teil 2. Unveröffentlichtes Manu-
skript.
IZIP 5 (1925), IZIP 6 (1926), IZIP 8 (1928), IZIP 11 (1931), IZIP 12
(1932).

ERWIN O T T O KRAUSZ

Am 16. September 1887 wurde Erwin Otto Krausz in Munkacs in


Ungarn geboren, wo sein Vater eine Stelle als k. k. Beamter inne-
hatte. Er wuchs in Czernowitz in der Bukowina auf, wo er später
die Universität besuchte und 1911 zum Doktor der Philosophie
promovierte. Bald darauf ging er nach Wien, wo er durch seinen
Freund, den Schriftsteller Stefan Zweig, Alfred Adlers Bekannt-
schaft gemacht haben soll (JIP 24/2). Über die Begegnung mit
Adler schreibt Krausz später: »In early 1912, when I was 24 years

143
old, I met Alfred Adler for the first time. I was deeply drawn to and
fascinated by him, in contrast to Freud, whom I previously met«
(Manaster et al. 1977, S. 57).
Noch vor dem Ersten Weltkrieg war Erwin O. Krausz Mitarbei-
ter im Verein für Individualpsychologie. Im Jahr 1912 ging er mit
einem Forschungsstipendium nach London, wo er Englisch stu-
dierte und als Korrespondent für deutsche und österreichische Zei-
tungen arbeitete. Nach seiner Rückkehr bekam er eine Stelle als
Englischlehrer an einem Wiener Gymnasium.
In den 1920er und 1930er Jahren engagierte sich Erwin O.
Krausz im individualpsychologischen Verein. Zusammen mit der
Ärztin Alice Lehndorff-Stauber leitete er einige Jahre das individu-
alpsychologische Ambulatorium, das in den Räumlichkeiten des
Ersten Öffentlichen Kinderkrankeninstituts in der Kleeblattgasse 1
im ersten Bezirk in Wien geführt wurde und betätigte sich auch in
anderen Erziehungsberatungsstellen. Er hielt etliche Vorträge, auch
in englischer Sprache, im Verein und an Volkshochschulen, nahm
an der »Arbeitsgemeinschaft individualpsychologischer Ärzte«
und an der »Klavierpädagogischen Arbeitsgemeinschaft« teil. Ab
1932 war er Mitglied im Vorstand und ebenfalls zu dieser Zeit Vor-
sitzender der »Arbeitsgemeinschaft für Berater und Erzieher«. Bei
der Sommerschule, die 1932 am Semmering unter Teilnahme zahl-
reicher ausländischer Interessenten stattfand, war er als Vortra-
gender aktiv.
1935 emigrierte er mit seiner Frau Tilde in die Vereinigten Staa-
ten, wo er sein Medizinstudium, das er kurz vor dem Ausbruch des
Ersten Weltkriegs in London begonnen hatte, fortsetzte und 1939
an der University of Chicago beendete. Nach seinem Internship
bekam er die ärztliche Zulassung im Jahr 1942. Krausz speziali-
sierte sich danach im Fach Psychiatrie und arbeitete im Henrotin
Hospital und in der Psychiatrisch-Neurologischen Ambulanz des
Presbyterian Hospital in Chicago. Außerdem hatte er eine private
Praxis als Psychiater. Erwin Otto Krausz stand auch in den USA in
Verbindung mit dem Verein für Individualpsychologie und war
eine Zeit lang Mitherausgeber der amerikanischen Ausgabe des
International Journal of Individual Psychology. Er starb am 25.
März 1968 in Chicago.

144
Bibliographie
Krausz, E. O. (1931): Psychologie und Moral. IZIP 9,257-269.
Krausz, E. O. (1932): Biozentrische oder individualpsychologische Cha-
rakterkunde? Ein Beitrag zum Problem der Distanz. IZIP 10: 19-29.
Krausz, E. O. (1933): Pessimismus. IZIP 11: 90-103.
Krausz, E. O. (1933): Homosexualität und Neurose. IZIP 11: 224-230.
Krausz, E. O. (1933): Die Fehlerquellen der Psychoanalyse. Kritik ihres
Wissenschaftsanspruches. IZIP 11: 416-150.
Krausz, E. O. (1934): Die Weiblichkeit in der Psychoanalyse. IZIP 12: 16-
31.
Krausz, E. O. (1934): Das Triebleben in der Psychoanalyse. IZIP 12: 203-
221.
Krausz, E. O. (1940): Is stuttering primarily a speech disorder? J. Speech
Dis. 5/3:227-231.
Krausz, E. O. (1959): The commonest neurosis. In: Adler, K. A.; Deutsch,
D. (Hg.): Essays in Individual Psychology. Contemporary application
of Alfred Adler's theories. New York, S. 108-118.
Krausz, E. O. (1959): The homeostatic function of dreams (Abstract).
IPNL 9: 48.
Literatur
Deutsch, D. (1968): Erwin O. Krausz (1887-1968). JIP 24/2: 217-218.
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
Handlbauer, B. (1987): »Lernt fleißig Englisch«: Die Emigration Alfred
Adlers und der Wiener Individualpsychologen. In: Stadler, F. (Hg.):
Vertriebene Vernunft II. Emigration und Exil österreichischer Wissen-
schaft. Wien, S. 268-287.
Manaster, G. J.; Painter, G.; Deutsch, D; Overholt, B. J. (Hg.) (1977): Alfred
Adler: As we remember him. Chicago.
The American Psychiatric Association (Hg.) (1967): Biographical Direc-
tory of Fellows and Members of the American Psychiatric Association.
New York.

145
S O P H I E LAZARSFELD

Die am 26. Mai 1881 in Troppau im heutigen Tschechien zur Welt


gekommene Sophie Lazarsfeld, geborene Munk, war eine der
aktivsten Individualpsychologinnen in den 1920er und 1930er Jah-
ren in Wien. Sie war verheiratet mit dem Rechtsanwalt und libe-
ralen Sozialisten Robert Lazarsfeld und Mutter der Kinder Elisa-
beth und Paul. Der später berühmte Sozialforscher Paul Lazarsfeld
arbeitete an der bekannten Studie über die Arbeitslosen von Mari-
enthal mit und sollte sich in der Emigration in den USA als Kom-
munikations- und Wahlforscher einen Namen machen.
Sophie Lazarsfeld hatte nie eine Hochschule besucht, sondern
sich ihre Bildung autodidaktisch angeeignet. Als Mitglied der Sozi-
aldemokratischen Partei war sie Referentin der sozialdemokra-
tischen Kunststelle. Eine intensive Freundschaft verband sie mit
Friedrich Adler, die bis zu dessen Tod Ende der fünfziger Jahre
andauern sollte.
Ab etwa Mitte der 1920er Jahre führte Sophie Lazarsfeld als
Individualpsychologin Ehe-, Familien- und Sexualberatungen in
verschiedenen Erziehungsberatungsstellen und auch in ihrer pri-
vaten Praxis in der Seilergasse 16 im 1. Bezirk in Wien durch. Sie
publizierte etliche Bücher und Artikel zu Themen wie Sexualität,
Familie, die Rolle der Frau, Kindererziehung und zu allgemeinen
Lebensfragen, vertritt meist einen emanzipatorisch-liberalen Stand-
punkt, lässt sowohl individualpsychologische als auch marxistische
Ideen einfließen und legt besonderen Wert auf eine möglichst ver-
ständliche Sprache ohne Fachterminologie. Sie befasst sich vor
allem mit Fragen der Frauenemanzipation, wobei sie in Bezug auf
die Institution der Ehe zwar eine eher traditionelle Position bezieht,
andererseits aber auch deren Problematik für Frauen aufzeigt, die
oft in erlernter Hilflosigkeit und Ohnmacht verharren. Sehr vehe-
ment tritt Lazarsfeld deshalb für Selbständigkeit und Berufstätig-
keit von Frauen ein. Mit ihrem Wunsch nach Gleichwertigkeit wür-
den Frauen das Geltungsstreben des Mannes erschüttern und so
eine Gegenreaktion herausfordern. Es läge daher in der Verantwor-
tung beider Partner, bessere Bedingungen für ein Zusammenleben
zu schaffen, wodurch sich auch ungeahnte Möglichkeiten persön-
licher Entwicklung eröffnen könnten.

146
Wie Bernhard Handlbauer (Manuskript) schreibt, war ihre auf-
geschlossene Haltung in Bezug auf sexuelle Themen unter den
individualpsychologischen Kollegen nicht unumstritten, kam je-
doch an die Radikalität der psychoanalytischen Ansichten nicht
heran. 1936 wurde ihr Buch »Wie die Frau den Mann erlebt« kurz-
fristig beschlagnahmt. In der Neuen Freien Presse war Folgendes
zu lesen: »Die Konfiskation war wegen eines Teiles der im Buche
enthaltenen Bilder, Reproduktionen von Gemälden Gustav Klimts,
Eduard Munchs, Schieies und Merkels erfolgt, der Text selbst unbe-
anstandet geblieben.« Die Beschlagnahmung wurde jedoch wieder
aufgehoben, »weil man nicht annehmen könne, dass die erwähnten
Reproduktionen an sich und in Zusammenhang mit dem Inhalt
des Buches die Sittlichkeit verletzten« (Abendblatt der Neuen
Freien Presse, 28. 09.1936).
Sophie Lazarsfeld hielt Vorträge, Kurse und Seminare vielfach
auch im Ausland, wie zum Beispiel in Berlin, Zürich, Brunn und
Pressburg. 1925 hielt sie auf dem Internationalen Kongress für
Individualpsychologie einen Vortrag über »Mut zur Unvollkom-
menheit«. Dieser von Lazarsfeld geprägte Begriff wurde in der
Individualpsychologie zum geflügelten Wort und besagt, die eige-
nen Mängel und Schwächen sich selbst und anderen einzugestehen
und zu akzeptieren (Friebus 2002). 1932 organisierte Sophie
Lazarsfeld eine individualpsychologische Sommerschule am Sem-
mering, die zur Weiterbildung gedacht war und zu der Gäste aus
53 Ländern anreisten. 1937 exponierte sie sich als Mitarbeiterin im
»Klub der Freunde der Individualpsychologie«, in dem Arbeitsge-
meinschaften und Vorträge zu verschiedenen psychologischen und
pädagogischen Themen für Eltern und Lehrer angeboten wurden,
was ihr unerfreuliche, bösartige Angriffe von Seiten der Presse ein-
brachte.
1934 war Sophie Lazarsfeld vom austrofaschistischen Regime
als »Politische« inhaftiert. Dieses Vorkommnis half ihr im Jahr
1938 ein französisches Visum zu bekommen und nach Paris zu
emigrieren, wo ihr Mann Rudolf etwa 1939 verstarb. Bei ihr befand
sich auch ihre Tochter Elisabeth mit zwei kleinen Kindern. In Paris
nahm Sophie Lazarsfeld Kontakt zur dortigen Auslandsvertretung
der Sozialdemokraten auf. Nach dem Einmarsch der deutschen
Truppen im Jahr 1940 erlaubte die unter sozialistischer Leitung

147
stehende Prefectur in Montauban den österreichischen Genossen,
sich in Montauban anzusiedeln. Im April 1941 gelang es Sophie
Lazarsfeld, über Lissabon in die USA zu emigrieren. Sie ließ sich in
New York nieder, wo ihr Sohn Paul bereits seit einigen Jahren lebte,
und nahm schon bald ihre Tätigkeit als individualpsychologische
Beraterin wieder auf. Sie hielt Kurse und Vorträge im Rahmen der
Individual Psychology Association in New York, deren Vizepräsi-
dentin sie eine Zeit lang war. Lazarsfeld war Vorsitzende der fran-
zösischen individualpsychologischen Gesellschaft und Gründerin
und Ehrenpräsidentin des »Centre de Psychologie Adlerienne« in
Paris. Immer wieder besuchte sie ihre Tochter, die mit ihrer Familie
in Frankreich lebte. Nur einen knappen Monat nach dem Tod ihres
Sohnes Paul Lazarsfeld starb Sophie Lazarsfeld hoch betagt am 24.
September 1976 in New York.
Ausgewählte Bibliographie
Lazarsfeld, S. (1924): Erotisches Gedächtnis und erotische Träume. Neue
Betätigungsziele der Individualpsychologie. IZIP 3: 31-33.
Lazarsfeld, S. (1926): Mut zur Unvollkommenheit. IZIP 4: 375-381.
Lazarsfeld, S. (1926): Vom häuslichen Frieden. In: Lazarsfeld, S. (Hg):
Richtige Lebensführung. Wien u. Leipzig.
Lazarsfeld, S. (1927): Familien- oder Gemeinschaftserziehung. In: Wex-
berg, E. (Hg.): Handbuch der Individualpsychologie. München, S. 323-
335.
Lazarsfeld, S. (1927): Kleists Penthesilea. IZIP 5: 450-457.
Lazarsfeld, S. (1927): Kleist im Lichte der Individualpsychologie. Jahrbuch
der Kleistgesellschaff. Berlin.
Lazarsfeld, S. (1927): Das lügenhafte Kind. Dresden.
Lazarsfeld, S. (1928): Die Ehe von heute und morgen. München.
Lazarsfeld, S. (1928): Erziehung zur Ehe. Wien.
Lazarsfeld, S. (1928): Technik der Erziehung. Leipzig.
Lazarsfeld, S. (1928): Sexuelle Fälle in der Erziehungsberatung. IZIP 7:
220-224.
Lazarsfeld, S. (1930): Über Eheberatung. Beratungstechnik und Selbster-
ziehung. IZIP 8: 160-164.
Lazarsfeld, S. (1931): Wie die Frau den Mann erlebt. Leipzig.
Lazarsfeld, S. (1931): Zehn Jahre Wiener Beratungsstellenarbeit. Z. Kin-
derforsch. 39: 68-80.
Lazarsfeld, S. (1935): Sexual cases of child guidance clinics. IJIP 1/4: 40-
46.
Lazarsfeld, S. (1936): Jarl Skules Weg zu Gott. Ibsens Kronprätendenten.
IZIP 14: 176-191.

148
Lazarsfeld, S. (1936): Dare to be less than perfect. IJIP 2/2: 76-82.
Lazarsfeld, S. (1995): Did Oedipus have an Oedipus complex? In: Adler, K.
A.; Deutsch, D. (Hg.): Essays in Individual Psychology. New York
S. 118-125.
Lazarsfeld, S. (1944-45): Organ inferiority and criminology. IPB 4: 88-
90.
Lazarsfeld, S. (1949): The use of fiction in psychotherapy. Amer. J. Psycho-
ther. 3: 26-33.
Lazarsfeld, S. (1950): Le rhythme de l'amour. Paris.
Lazarsfeld, S.; Kadis, A. (1954): »Lage critique« est-il un age critique? Psy-
che'9: 152-163.
Lazarsfeld, S. (1956): Sources of obstacles in the course of therapy. AJIP 12:
136-156.
Lazarsfeld,S.; Kadis, A. (1958): »Changeof life«-endof life? JIP 14: 167-
170.
Lazarsfeld, S. (1966): Le coin de rire. IPNL 17: 6.
Lazarsfeld, S. (1966): The courage for imperfection. JIP 22: 163-165
Archivalien
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes: Akt: 8050/2:
Polizeiakt, 9. Februar 1935.
Alfred Adler Institut Wien: Handlbauer, B.: Sofie Lazarsfeld (1882-1976).
Manuskript.
Verein der Geschichte der Arbeiterbewegung: Lade 21/Mappe 63: Persön-
licher Bericht.
Literatur
Friebus, D. (2002): Sophie Lazarsfeld oder »Wie die Frau den Mann erlebt«.
In: Levy, A.; Mackenthun, G. (Hg.): Gestalten um Alfred Adler. Pioniere
der Individualpsychologie. Würzburg, S. 157-174.
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
o. N. (1936): Aus dem Gerichtssaale. Abendblatt der Neuen Freien Presse,
28.9.1936, S. 4.
Sti auss, H. A.; Röder, W. (Hg.) (1983): International Biographical Diction-
ary of Central European Emigres 1933-1945. Vol. II/l. München.
IZIP 9/6 (1931), IZIP 12/6 (1934), IZIP 13/6 (1935), IPB 4/3 (1944), IPB
5/3 (1945), IPB 7/1 (1949), IPB 8/3-4. (1950).

149
ALICE LEHNDORFF-STAUBER

Die Ärztin Alice Lehndorff-Stauber, geboren am 29. August 1881


in Wien, engagierte sich im Verein für Individualpsychologie, hielt
Vorträge im Verein und war 1930 im Vorstand tätig. Zusammen
mit Martha Holub leitete sie von etwa 1932 bis 1933 die Arbeitsge-
meinschaft »Einführung in die Individualpsychologie durch Übung
in der Interpretation«, in der über individualpsychologische
Methoden referiert und diskutiert wurde.
In der IZIP wird 1924 über das »Ambulatorium für Psychothe-
rapie am Ersten Öffentlichen Kinderkrankeninstitut« in der Klee-
blattgasse 1 im ersten Bezirk in Wien berichtet. Diese individual-
psychologische Beratungsstelle bestand ungefähr bis 1935 und
wurde von Alice Lehndorff-Stauber gemeinsam mit Erwin O.
Krausz und später mit Luna Reich geleitet.
Alice Lehndorff-Stauber war Ärztin der Genossenschaftskran-
kenkassen Wiens zur Behandlung weiblicher Mitglieder. Sie war
verheiratet mit Heinrich Lehndorff. 1939 emigrierte sie vermutlich
über Großbritannien in die USA. Nach einer Mitteilung im Indivi-
dual Psychology Bulletin aus dem Jahr 1942 geht hervor, dass Alice
Lehndorff-Stauber zu diesem Zeitpunkt in New York lebte.
Archivalien
Stadt- und Landesarchiv Wien: Polizeiliche Meldeunterlagen.
Literatur
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
Mühlleitner, E.; Reichmayr, J. (1994): Medizinische Psychologie und Psy-
chotherapie in Österreich 1900-1950. Teil 2. Unveröffentlichtes Manu-
skript.
Seidler, E. (2000): Kinderärzte 1933-1945. Entrechtet - geflohen - ermor-
det. Bonn.
IZIP 11 (1933), IZIP 13 (1935), IPB 2/4 (1942).

150
ELDA LINDENFELD-LACHS

Elda Lachs wurde am 28. März 1897 in Triest geboren. Sie studierte
an der Universität Wien Medizin und promovierte im Jahr 1922.
Danach begann sie ihren Turnus im Spital der israelitischen
Kultusgemeinde in Wien, 1923 wechselte sie ins Allgemeine Kran-
kenhaus. Ab 1924 absolvierte sie am Wilhelminenspital eine psych-
iatrische Fachausbildung. 1929 war sie an der Chirurgischen Abtei-
lung tätig. Von 1930 bis 1938 arbeitete sie als Psychiaterin wieder
im Spital der israelitischen Kultusgemeinde.
Elda Lindenfeld-Lachs, wie sie sich nach ihrer Heirat mit dem
gebürtigen Budapester Dermatologen Bela Lindenfeld nannte,
engagierte sich auch im Verein für Individualpsychologie. Sie war
Mitglied in der »Arbeitsgemeinschaft individualpsychologischer
Ärzte«, in der über verschiedene medizinisch-psychologische The-
men wie etwa die Behandlung von Neurosen und Psychosen refe-
riert und diskutiert wurde. Sie hielt mehrere Vorträge bei Vereins-
sitzungen und publizierte in der IZIP.
Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft war sie gezwungen, Öster-
reich nach dem Anschluss zu verlassen. Zusammen mit ihrem
Mann emigrierte sie 1939 nach Großbritannien und kurz darauf
nach Vancouver in Kanada. Schon bald darauf begann Elda Lin-
denfeld-Lachs sich an der Universität auf die license exams vorzu-
bereiten. Diese waren notwendig, um die Zulassung als Ärztin zu
bekommen. Im Individual Psychology Bulletin aus dem Jahr 1942
berichtet Elda Lindenfeld-Lachs über ihre Bekanntschaft mit Stu-
denten, die sie kennengelernt hatte und über den Mangel an psy-
chologischer und psychiatrischer Ausbildung, der trotz großen Be-
darfes an der Universität herrschte. Die individualpsychologischen
Ansätze und Methoden, die Elda Lindenfeld-Lachs ihren Studien-
kollegen nahebrachte, stießen daher, wie sie berichtete, auf reges
Interesse (IPB 2/4,1942).
Zu dieser Zeit arbeitete sie als Psychologin mit Sozialarbeitern
des Relief Department, aber auch mit Müttervereinigungen und
Studentengruppen.
Schon bald wurden ihr auch Stellen als Psychiaterin angeboten.
Sie arbeitete in verschiedenen Nervenheilanstalten in Winnipeg,
im Spital für Geisteskranke in Brandon und im Department for

151
Public Health der Provinz Manitoba. Ihrer eigenen Schilderung
zufolge versuchte sie ihre Kollegen, die eher ein somatisch-mecha-
nistisches Medizinverständnis hatten, für die Individualpsychologie
zu begeistern. Sie wendete individualpsychologische Maßnahmen
auch erfolgreich bei einigen Patienten an. Die Individualpsycholo-
gie sah sie als wichtige Methode, die wesentlich zu einer gesünde-
ren und positiveren Einstellung beitragen würde und essentiell für
ihre Arbeit als Psychiaterin wäre.
Aus einem späteren Bericht im Jahr 1946 geht hervor, dass Elda
Lindenfeld-Lachs nach Vancouver zurückkehrte, wo auch ihr Mann
lebte. Sie unterrichtete dort in einer Kindergärtnerinnenschule,
organisierte eine Erziehungsberatungsstelle für Eltern und Kinder
und war Vizepräsidentin der Association for Scientific Treatment
of Delinquency (IPB 5/2, 1946). Seit 1947 unterrichtete sie an der
University of British Columbia und hielt Beratungsstunden in der
Children's Aid Association. Sie arbeitete als Psychiaterin von 1954
bis 1957 im Alexandra House & London House, im General Hos-
pital in Vancouver und in ihrer eigenen Praxis. Elda Lindenfeld-
Lachs war Mitglied der American Psychiatric Association.
Bibliographie
Lindenfeld-Lachs, E. (1933): Kosmetik und Psychologie. IZIP 11: 44-54.
Lindenfeld-Lachs, E.; Donais, M. (1946): Adlers contribution to social
adjustment. IPB 6/1: 22-26.
Lindenfeld-Lachs, E. (1941): The lesson I learned in Nazi Austria. Univ.
Manitoba med. J. 13/2: 41-47.
Literatur
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
Mühlleitner, E.; Reichmayr, J. (1994): Medizinische Psychologie und Psy-
chotherapie in Österreich 1900-1950. Teil 2. Unveröffentlichtes
Manuskript.
Müller, R. (1996): »Fluchtpunkt England«. Spuren der österreichischen
Emigration in Großbritannien 1938-1945. Katalog zur Ausstellung an
der Universitätsbibliothek Graz.
IZIP 10 (1932), IZIP 11 (1933), IPB 2/1 (1942), IPB 2/4 (1942), IPB 5/2
(1946).

152
IDA LÖWY

Ida Löwy wurde in Wien am 23. Oktober 1880 als zweites Kind
jüdischer Eltern, die beide aus dem heutigen Tschechien stammten,
geboren. Anfang der 1920er Jahre lernte Ida Löwy, inzwischen Kla-
vierlehrerin, Alfred Adler und die Individualpsychologie bei einer
Erziehungsberatung kennen. Schon bald gab sie ihren Beruf als
Klavierlehrerin auf, um sich ganz der Individualpsychologie und
dem Aufbau von Erziehungsberatungsstellen zu widmen. Sie hielt
Vorträge sowohl im Verein als auch im Ausland, in ihrer Wohnung
bot sie Privatkurse über individualpsychologische Erziehung an.
Löwy war Mitglied in der vom Rechtsanwalt Edmund Schlesinger
geleiteten »Arbeitsgemeinschaft für individualpsychologische Kri-
minologie«, wo sie sich mit Jugendgerichtsbarkeit und jugend-
lichen Gewalttätern befasste. Zu diesem Thema publizierte sie auch
in der IZIP. Vor allem aber schrieb Ida Löwy über Erziehungsbera-
tung und Heilpädagogik. In ihren Aufsätzen berichtet sie über Pati-
enten aus den Beratungsstunden, bringt ausführliche Fallschilde-
rungen und geht auf Behandlungsmethoden ein. Löwy trug auch
wesentlich dazu bei, dass musiktherapeutische Ansätze in die Indi-
vidualpsychologie aufgenommen wurden (Eisner 2002).
Die Erziehungsberatung war das Hauptbetätigungsfeld von Ida
Löwy, wobei ihr ganz besonderes Interesse verwahrlosten und
schwererziehbaren Kindern galt. Zusammen mit dem Arzt Leopold
Stein leitete sie ab 1925 eine Erziehungsberatungsstelle im ersten
Bezirk, eine weitere mit dem Arzt Arthur Holub im Verein der Kin-
derfreunde im 20. Bezirk in Wien. Auch in anderen Beratungsstel-
len stand sie zur Verfügung.
1937 war sie gemeinsam mit anderen noch in Wien verbliebe-
nen Individualpsychologen im »Klub der Freunde der Individual-
psychologie« engagiert. Obwohl zu diesem Zeitpunkt schon schwer
krank, hielt Ida Löwy im Rahmen dieses Klubs einen Kurs über das
Wesen des Kindes.
Aus verschiedenen Berichten ihrer Kolleginnen und Kollegen
geht hervor, dass Ida Löwy eine ganz besonders einfühlsame und
begabte Erziehungsberaterin war, welche die individualpsycholo-
gische Technik der Ermutigung vollendet beherrschte. Lydia Sicher
beispielsweise schreibt über ihr Talent, Kinder schon mit ein paar

153
Worten für sich zu gewinnen und mit Geduld und Ausdauer nach
den Ursachen für deren psychische Probleme zu suchen: »I never
saw a child resisting for even the first interview the kindness, bene-
volence and the educational tricks that poured from her in an
interminable flux« (Sicher 1941, S. 12). Ebenso erwähnt Manes
Sperber die auffällige Intuition und »besondere musikalische Ein-
fühligkeit«, mit der Ida Löwy auf Ratsuchende eingehen konnte:
»Sie war gewiss das Genie dieser besonderen Kunst und wissen-
schaftlichen Praxis, zu der sich dank ihr die individualpsycholo-
gische Erziehungsberatung im Lauf der Jahre entwickelte« (Sper-
ber 1983, S. 281). In einem Nachruf in der IZIP wird sie als
»Idealtyp der Individualpsychologie« bezeichnet (IZIP 16,1947).
Auch während ihrer schweren Erkrankung arbeitete Ida Löwy
weiterhin in der Erziehungsberatung. Sie starb am 6. Mai 1938 kurz
nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten an Krebs,
»rechtzeitig genug, um sie vor Verfolgung und Tod im Vernich-
tungslager zu bewahren« (Sperber 1983, S. 281).

Bibliographie
Löwy, I. (1923): Über die Beratungsstelle des A. Adler für schwer erzieh-
bare Kinder. IZIP 2: 43^44.
Löwy, I. (1925): Individualpsychologische Erziehung. IZIP 3: 129-132.
Löwy, I. (1925): Rezension von P. Oestreich: Strafanstalt oder Lebens-
schule. IZIP 3: 139.
Löwy, I. (1926): Irrtümer der Erziehung. In: Wexberg, E. (Hg.): Handbuch
der Individualpsychologie. München, S. 276-288.
Löwy, I. (1928): Kränkung und Verwahrlosung. In: Adler, A.; Furtmüller,
C. (Hg.): Heilen und Bilden. Ein Buch der Erziehungskunst für Ärzte
und Pädagogen. München, S. 145-149.
Löwy, I. (1928): Aus der Praxis der Erziehungsberatungsstellen. In: Lazars-
feld, S. (Hg.): Technik der Erziehung. Leipzig.
Löwy, I. (1929): Das Kleinkind in der Erziehungsberatung. IZIP 7: 218—
220.
Löwy, 1. (1930): Bekenntnis. Zum 60. Geburtstag Alfred Adlers. IZIP 8:
216-218.
Löwy, I. (1931): Eindrücke beim Jugendgericht. IZIP 9: 367-371.
Löwy, I. (1937): »Und was haben Sie dazu getan, dass es besser wird?« IZIP
15: 167-168.
Löwy, I. (1935): Stupidity as exemption. IJIP 1/1: 102-110.
Löwy, I. (1926): Du und dein Kind. In: Neumann, J. (Hg.): Du und der
Alltag. Eine Psychologie des täglichen Lebens. Berlin.

154
Archivalien
Stadt- und Landesarchiv Wien: Polizeiliche Meldeunterlagen.
Literatur
Eisner, M. (2002): Ida Löwy - Menschlichkeit und Engagement. In: Levy,
A.; Mackenthun, G. (Hg.): Gestalten um Alfred Adler. Pioniere der
Individualpsychologie. Würzburg, S. 203-213.
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
Mühlleitner, E.; Reichmayr, J. (1994): Medizinische Psychologie und Psy-
chotherapie in Österreich 1900-1950. Teil 2. Unveröffentlichtes Manu-
skript.
o. N. (1947): Ida Löwy. IZIP 16: 5-6.
Schlesinger, E. (1941): A fighter for the youth. IPN 1/8-9: 10-11.
Sicher, L. (1941): In memory of Ida Löwy. IPN 1/8-9: 12.
Sperber, M. (1983): Alfred Adler oder das Elend der Psychologie. Frankfurt
a.M.
IZIP 3 (1925), IZIP 15 (1937).
Mitteilungsblatt für Individualpsychologische Veranstaltungen (1932,
1933).

H U G O LUKÄCS

1874 in Budapest geboren, studierte Lukäcs Medizin und speziali-


sierte sich als Psychiater. Neben seinem Studium arbeitete er als
Journalist und verkehrte in dem berühmten Budapester Literaten-
cafe »New York«. Lukäcs war Mitglied der Sozialdemokratischen
Partei Ungarns. Vor dem Ersten Weltkrieg hatte er eine Stellung an
der medizinischen Abteilung der Arbeiter Versicherungsanstalt in
Klausenburg.
Im November 1920 flüchtete Hugo Lukäcs mit seiner Familie
nach Wien. Hier hatte er eine private Praxis im 5. Stock des Hauses
Spittelauer Platz 1 im 9. Bezirk und schloss sich dem Kreis um
Alfred Adler an. Als Individualpsychologe war er Leiter der Erzie-
hungsberatungsstelle für Arbeiter und Angestellte in der Ebendor-
ferstraße 7 im ersten Bezirk, hielt Kurse zu psychologischen The-
men und war Mitarbeiter der IZIP.

155
In den Jahren 1929 und 1930 war Hugo Lukäcs Therapeut von
Robert Musil, der ihn wegen einer andauernden Schreibhemmung
konsultierte. Zwischen den beiden entwickelte sich eine sehr per-
sönliche Beziehung. Musil zeigte sich sehr angetan von den thera-
peutischen Erfolgen und meinte auch, die schließliche Vollendung
des Buches »Der Mann ohne Eigenschaften« Lukäcs zu verdanken
(Corino 2003).
Auf dem Höhepunkt seiner Karriere wurde Lukäcs auf einer
USA Reise anlässlich seiner Vorträge über Erziehungsberatung von
Präsident Hoover ins Weiße Haus eingeladen.
Danach begannen sich Schwierigkeiten in Lukäcs' Leben zu
häufen. Er nahm Morphium, um die Schmerzen von Gallenstein-
koliken, die er nicht operativ behandeln ließ, zu bekämpfen, wurde
süchtig, vernachlässigte seinen Beruf und verarmte nach und nach.
Von einer eifersüchtigen Geliebten gepfändet und schließlich ange-
klagt, er habe mit Patientinnen sexuell verkehrt und einen Ehe-
mann in den Selbstmord getrieben, entging er nur durch Protek-
tion einem standgerichtlichen Verfahren. Im Januar des Jahres
1939 verließ Hugo Lukäcs Wien, angeblich in der Absicht, nach
Mexiko zu emigrieren. Mit einer Pistole setzte er kurz darauf in
Paris seinem Leben ein Ende.
Literatur
Corino, K. (2003): Robert Musil. Eine Biographie. Reinbek bei Hamburg.
IZIP 5/1 (1927), IZIP 4/6 (1936).

ALEXANDER NEUER

Alexander Neuer wurde am 30. März 1883 in Lemberg in Galizien


geboren. Nach seiner Matura im Jahr 1905 in Mährisch-Weißkir-
chen studierte er Philosophie an der Wiener Universität, wo er
1909 promovierte. Bald darauf begann er mit seinem Medizinstu-
dium, das er 1921 abschloss. Im Ersten Weltkrieg wurde er einge-
zogen und erlitt eine schwere Verletzung.
Schon vor dem Krieg war Alexander Neuer Mitglied der Indivi-

156
dualpsychologischen Vereinigung. Er befasste sich vor allem mit
theoretischen und philosophischen Fragen der Individualpsycho-
logie, die er in dieser Hinsicht ganz wesentlich prägte und an deren
wissenschaftlicher Konzeption er mitwirkte. Als Philosoph und
Mediziner war er ein herausragender Mitarbeiter Alfred Adlers
und wesentlich beteiligt an der Ausarbeitung der individualpsy-
chologischen Terminologie. Jahrelang bemühte er sich um eine
wissenschaftstheoretische Untermauerung der Individualpsycho-
logie, wozu er auch mehrere Artikel und Aufsätze verfasste.
Ganz vom geistigen Zugang zur menschlichen Seele überzeugt,
war Alexander Neuer ein scharfer Kritiker biologistischer Psycho-
logien und auch der Psychoanalyse. In der Individualpsychologie
sieht er eine verstehende Psychologie, die versucht, auf systemati-
sche und daher wissenschaftliche Weise, den Menschen von seinem
inneren Lebensplan und seinem Lebensziel her zu begreifen und
auf die realen Lebensumstände und Möglichkeiten des Einzelnen
einzugehen. Er betrachtet die Individualpsychologie als sowohl in
der Theorie fundierte als auch in der Praxis anwendbare Methode
und sieht in ihr die gelungene Synthese zwischen einem einerseits
naturwissenschaftlichen und andererseits geisteswissenschaftli-
chen Ansatz. Sein Einfluss auf die Theoriebildung der Individual-
psychologie ist jedenfalls nicht zu unterschätzen. Rudolf Dreikurs
berichtet über ihn:
»Es war einige Jahre später, wo ich als Sekundararzt und Assistent an der
Psychiatrischen Klinik war, dass ich Alexander Neuer traf, der, was die
meisten nicht wissen, einer der bedeutendsten Einflüsse [sie!] auf Adler
ausgeübt hat. Er war der Philosoph, der Adler in der Fassung seiner philo-
sophischen Grundlagen am meisten geholfen hatte. Leider aber hat er
wenig geschrieben« (Dreikurs 1973, S. 113).
Der Psychiater Alexander Neuer betätigte sich im Rahmen des
Individualpsychologischen Vereins in verschiedenen Erziehungs-
beratungsstellen als ärztlicher Leiter, hielt Vorträge und Kurse
sowohl im Verein als auch an Volkshochschulen und war von 1927
bis 1929 Vorsitzender des Wiener Vereins. Er war Mitarbeiter in
dem von Lydia Sicher geleiteten Ambulatorium, das jeden Vormit-
tag ein bis zwei Stunden geöffnet war und der Behandlung von
mittellosen seelisch Erkrankten und später auch von schwererzieh-
baren Kindern diente.

157
In den 1920er Jahren lebte Alexander Neuer einige Jahre in Ber-
lin, wo er sich ebenfalls im Bereich der Individualpsychologie enga-
gierte. Etwa um 1930 kehrte er wieder nach Wien zurück. Im Herbst
1937 hielt er eine Vortragsreihe über Theorie und Praxis der Indi-
vidualpsychologie sowie über deren philosophische Hintergründe
im »Klub der Freunde der Individualpsychologie«. Auch Neuers
später geschiedene Frau, die Ärztin Margit Neuer, hielt Vorträge
über Erziehungsberatung im Rahmen des Klubs. Dieser Klub bot
Eltern und Lehrern Arbeitsgemeinschaften und Vorträge zu ver-
schiedenen psychologischen und pädagogischen Themen an und
stellte die letzte Aktivität des Vereins für Individualpsychologie dar,
bevor dieser 1938 aufgelöst wurde.
1939 emigrierte Alexander Neuer nach Frankreich, wo er in
Paris auf die Individualpsychologen Sophie Lazarsfeld, Emmerich
Weißmann, Manes Sperber und Edmund Schlesinger stieß, die
ebenfalls aufgrund ihrer jüdischen Herkunft aus Österreich
geflüchtet waren. Zu Kriegsbeginn wurde er in ein Internierungs-
lager in der Nähe von Paris gebracht, in welchem sich auch der
ebenfalls emigrierte Individualpsychologe Carl Furtmüller befand.
In seinem Nachruf auf Alexander Neuer schreibt Carl Furtmüller
über seine Begegnung mit ihm in dem französischen Lager:
»I saw him for the last time in November 1939 in a French concentration
camp. The pain he suffered was immeasurably increased by the hardship
of the concentration camp life. Nevertheless, amidst the many people
complaining bitterly their fate, he was always the smiling, comforting
comrade« (Furtmüller 1941, S. 9).
Alexander Neuer kam nicht mehr frei und starb etwa 1941 im Kon-
zentrationslager. Seine Tochter Ruth Pucket emigrierte in die USA,
wo sie als Professorin für Soziologie an der Western Reserve in
Cleveland, Ohio arbeitete. Sie starb 1998 (Brief von Mia Glazer,
1999).
Bibliographie
Neuer, A. (1909): Das Prinzip der schöpferischen Synthese in Wundts Psy-
chologie. Dissertation. Universität Wien.
Neuer, A. (1914): Ist Individualpsychologie als Wissenschaft möglich? IZIP
1:3-8.
Neuer, A. (1925): Warum die Individualpsychologie mißverstanden wird.
IZIP 3: 260-262.

158
Neuer, A. (1926): Mut und Entmutigung: Die Prinzipien der Psychologie
Alfred Adlers. In: Adler A.; Seif, L.; Kaus, 0. (Hg.): Individuum und
Gemeinschaft. Schriften der Internationalen Gesellschaft für Individu-
alpsychologie. München, o. S.
Neuer, A. (1927): Die Psychoanalyse gesehen mit den Augen eines Indivi-
dualpsychologen. IZIP 5: 409-411.
Neuer, A. (1928): Rezension von Karl Bühler: Die Krise der Psychologie.
IZIP 6: 342.
Neuer, A. (1928): Rezension von Sigmund Freud: Die Zukunft einer Illu-
sion. IZIP 6: 503.
Neuer, A. (1928): Das Training im Traume. IZIP 6: 187-191.
Neuer, A. (1930): Rezension von H.Vaihinger: Die Philosophie des Als Ob.
IZIP 8: 273-274.
Neuer, A. (1928): Rezension von C. G. Jung: Die Beziehungen zwischen
dem Ich und dem Unbewußten. IZIP 6: 504-505.
Neuer, A. (1928): Adlers »Absolute Wahrheit« und Künkels »Infinale«. Die
Unmöglichkeit einer naturalistischen Charakterologie. IZIP 6: 222-
228.
Neuer, A. (1928): Über den III. allgemeinen ärztlichen Kongreß für Psy-
chotherapie, Baden-Baden, 20.-22.4.1928. IZIP 6: 325-333.
Neuer, A. (1929): Die moderne Ehe als neurotisches Symptom. IZIP 7:
36-44.
Neuer, A.; Holub, M. (1929): Über nicht-individualpsychologische Erzie-
hungsmethoden. Gespräch einer individualpsychologischen Erzie-
hungsberaterin mit einem Arzt. IZIP 7: 215-218.
Neuer, A. (1936): Courage and discouragement. IJIP 2/2: 30-50.
Neuer, A. (1936): A note on modern marriage and neurosis. IJIP 2/4: 49-
54.
Neuer, A.; Holub, M. (1930): On education methods which are based upon
Individual Psychology. In: Adler, A. et al. (1930): Guiding the child.
New York, S. 148-411.
Archivalien
Stadt- und Landesarchiv Wien: Polizeiliche Meldeunterlagen.
Universitätsarchiv Wien: Promotionsprotokoll, Rigorosenprotokoll.
Literatur
Brief von Mia Glazer an Clara Kenner, 22. Oktober 1999.
Dreikurs, R. (1973): Selbstdarstellung. In: Pongratz, L. J. (Hg.): Psychothe-
rapie in Selbstdarstellungen. Bern, S. 107-129.
Furtmüller, C. (1941): In memory of Dr. Alexander Neuer. IPN 1/8-9: 9.
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
Mühlleitner, E.; Reichmayr, I. (1994): Medizinische Psychologie und Psy-

159
chotherapie in Österreich 1900-1950. Teil 2. Unveröffentlichtes
Manuskript.
Schiferer, H. R. (1995): Alfred Adler: Eine Bildbiographie. München.
Wexberg, E. (1941): Alexander Neuer. IPN 1/8-9: 9-10.

KARL NOWOTNY

Karl Nowotny kam als Sohn von Friedrich Nowotny, einem


Vizeinspektors der Gemeinde Wien, und Sophie Nowotny am 26.
Februar 1895 in Wien zur Welt. Er maturierte 1914 in Wien und
studierte an der Wiener Universität Medizin. In den Jahren 1916
bis 1917 war er als Medizinstudent in verschiedenen Militärspitä-
lern tätig und im Jahr 1918 als Hilfskraft in einem Feldspital in
Serbien. Nach Ende des Krieges musste Karl Nowotny aus finan-
ziellen Gründen sein Studium unterbrechen und als Hilfskraft in
einer Privatheilanstalt arbeiten. Im Jahr 1929 konnte er sein Stu-
dium schließlich beenden. Danach arbeitete Nowotny zunächst als
Gastarzt an der Psychiatrisch-Neurologischen Klinik der Universi-
tät Wien unter Otto Pötzl und ab 1931 als Abteilungsassistent an
der Psychiatrisch-Neurologischen Filialabteilung im Allgemeinen
Krankenhaus in Wien, der Professor Emil Mattauschek vorstand.
1935 wurde er zum klinischen Assistenten ernannt.
Etwa Mitte der 1920er Jahre kam Karl Nowotny in Kontakt mit
der Individualpsychologie. Er engagierte sich eine Zeit lang im Vor-
stand des Vereins und hielt Kurse ab. Außerdem war er Schriftführer
in der medizinischen Fachgruppe, die 1925 eingerichtet worden war
und die der eingehenderen Auseinandersetzung mit medizinischen
Fragestellungen dienen sollte. Aus dieser Fachgruppe entstand spä-
ter die Arbeitsgemeinschaft individualpsychologischer Ärzte. In
den Sitzungen wurden Vorträge und Diskussionen zu verschie-
denen medizinischen oder psychologischen Themen abgehalten.
Auf Betreiben von Professor Emil Mattauschek wurde im März
1930 an der Psychiatrisch-Neurologischen Abteilung des Allgemei-
nen Krankenhauses in Wien eine individualpsychologische Ambu-
lanz eingerichtet, deren ärztliche Leitung Karl Nowotny übernahm.

160
Diese war ursprünglich nur für stationäre Patientinnen und Pati-
enten gedacht, doch kamen schon bald auch ambulante Patienten,
die von der Universitätsklinik für Psychiatrie und von praktischen
Ärzten geschickt wurden.
Nach seiner plötzlichen Entlassung im Oktober 1938 arbeitete
Nowotny als Neurologe in seiner Praxis und als neurologischer
Konsiliararzt an der Universitätsklinik und einer Reihe anderer
Krankenhäuser. Der individualpsychologische Verein war aufge-
löst worden und die meisten Individualpsychologen hatten auf-
grund ihrer jüdischen Herkunft das Land verlassen müssen.
Zusammen mit den beiden in Wien verbliebenen Individualpsy-
chologen Ferdinand Birnbaum und Oskar Spiel und auch anderen
Interessierten hielt Karl Nowotny einen geheimen Arbeitskreis in
seiner Wohnung ab. Karl Nowotny ermöglichte seinen Kollegen,
weiterhin Therapien zu geben, indem er ihnen Patienten seiner
Praxis zuwies. Nach Ende des Krieges gründeten Karl Nowotny
und Ferdinand Birnbaum den neuen Verein für Individualpsycho-
logie in Wien, wobei sich Nowotny in den folgenden Jahren wesent-
lich für den Wiederaufbau der Individualpsychologie einsetzte.
1946 habilitierte er sich und unterrichtete als Privatdozent
Psychiatrie und Neurologie an der Medizinischen Fakultät der
Universität Wien. Er war Primär und Leiter des Maria-Theresien-
Schlössls im 19. Bezirk, einem Krankenhaus für neurologisch und
psychiatrisch Erkrankte. Hier errichtete er auch eine Erziehungs-
beratungsstelle, die er zusammen mit seinem Freund und indivi-
dualpsychologischen Kollegen Oskar Spiel leitete.
Nowotny war Mitbegründer und später Vizepräsident der
Österreichischen Ärztegesellschaft für Psychotherapie. Im Mai
1968 wurde er mit dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um
die Republik Österreich ausgezeichnet.
Karl Nowotny war verheiratet mit Grete Nowotny, geborene
Seelhofer. Er starb am 18. April 1965 während eines Urlaubs in
Waldegg in Niederösterreich.
Bibliographie
Nowotny, K. (1926): Die Technik der Individualpsychologie. In: Wexberg,
E. (Hg.): Handbuch der Individualpsychologie. München, S. 646-661.
Nowotny, K. (1927): Rezension von K. Birnbaum: Die psychischen Heil-
methoden. IZIP 5/4: 309-311.

161
Nowotny, K. (1930): Rezension von A. Flinker: Studien über Kretinismus.
IZIP 10/6: 478.
Nowotny, K. (1931): Rezension von H. Prinzhorn: Psychotherapie. IZIP
9/1:63-64.
Nowotny, K. (1931): Rezension von M. Hirschfeld: Sexualpathologie. IZIP
9/2: 151-152.
Nowotny, K. (1931): Bericht über das individualpsychologische Ambula-
torium der Psychiatrisch-Neurologischen Abteilung des Wiener Allge-
meinen Krankenhauses. IZIP 9: 474—477.
Nowotny, K. (1932): Bericht über das psychotherapeutische Ambulato-
rium der Psychiatrisch-Neurologischen Abteilung des Allgemeinen
Krankenhauses. Wien. Med. Wchnschr. 12.
Nowotny, K. (1933): Rezension von W. N. Speranski. IZIP 11: 77.
Nowotny, K. (1933): Nervosität. IZIP 11: 20-28.
Nowotny, K. (1936): Nervousness. IJIP 2/1: 62-70.
Nowotny, K. (1949): Individualpsychologie als Wirklichkeitswissenschaft.
IZIP 18: 1-7.
Archivalien
Universitätsarchiv Wien: Personalakt.
Literatur
Dreikurs, R. (1965): Karl Nowotny, 1895-1965. JIP 21/2: 234.
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
Reisner, H. (1965): Nachruf auf Karl Nowotny. In: Die Feierliche Inaugu-
ration des Rektors der Wiener Universität für das Studienjahr 1965/66.
Wien, S. 70-71.

OLGA OLLER (GOLDE OLLER, OLGA BRODY-OLLER)

Die am 2. April 1887 in Przemysl in Galizien geborene Olga Oller


studierte zunächst Geschichte und später Medizin an der Univer-
sität Wien. 1915 promovierte sie zur Doktorin der Philosophie,
1922 zur Doktorin der Medizin. Kurz darauf lernte sie Alfred Adler
bei einem Diskussionsabend kennen. In einem persönlichen Bei-
trag im Buch »Alfred Adler: as we remember him«, zeigt sie sich
beeindruckt von seiner bescheidenen und warmen Art. Bereits am
nächsten Tag nahm Adler sie in eine Erziehungsberatungsstelle mit

162
und gewann sie dazu, selbst in einer Beratungsstelle mitzuarbeiten
(Manaster et al. 1977).
Von 1925 bis 1927 leitete sie mit Oskar Spiel eine Erziehungsbe-
ratungsstelle im 20. Bezirk in Wien und engagierte sich außerdem
in der Ausbildung von Individualpsychologinnen und Individual-
psychologen.
1938 flüchteten Olga Oller und ihr Mann Isidor Brojdy in die
Vereinigten Staaten. Sie nostrifizierte ihr Studium und bekam 1942
die ärztliche Zulassung. Als Ärztin für Allgemeinmedizin hatte sie
eine eigene Praxis, arbeitete aber auch als Psychiaterin und war
Mitglied der American Psychiatric Association. Auch in New York
engagierte sie sich als Individualpsychologin. Oller gehörte der
Alfred Adler Medical Society, einer individualpsychologischen
Ärztegemeinschaft, an, hielt auch Vorträge und war ärztliche Bera-
terin an der Mental Hygiene Clinic.
Bibliographie
Oller, O. (1915): Der polnische Reichstag. 1830-1831. Dissertation. Uni-
versität Wien.
Oller, O. (1947): Medical practice and psychotherapy. IPB 6/1-2.
Oller, O. (1947): Understanding and managing of psychosomatic Pro-
blems in children. JIP 10/3-4.
Archivalien
Stadt- und Landesarchiv Wien: Polizeiliche Meldeunterlagen.
Universitätsarchiv Wien: Erste Nationale, Rigorosenprotokoll.
Literatur
Adler, K.; Deutsch, D. (Hg.) (1959): Essays in Individual Psychology. Con-
temporary application of Alfred Adler's theories. New York.
Handlbauer, B. (1987): »Lernt fleißig Englisch«: Die Emigration Alfred
Adlers und der Wiener Individualpsychologen. In: Stadler, F. (Hg.):
Vertriebene Vernunft IL Emigration und Exil österreichischer Wissen-
schaft. Wien, S. 268-287.
Manaster, G. J.; Painter, G.; Deutsch, D; Overholt, B. J. (Hg.) (1977): Alfred
Adler: As we remember him. Chicago.
The American Psychiatric Association (Hg.) (1967): Biographical Direc-
tory of Fellows and Members of the American Psychiatric Association.
New York.
IZIP 3 (1925), IZIP 5 (1927), IZIP 6 (1928).
IPB 2/1 (1942), IPB 6 (1947).

163
DAVID ERNST O P P E N H E I M

David Ernst Oppenheim wurde als Sohn von Ernestine Kaufmann


und Joachim Oppenheim am 20. April 1881 in Brunn geboren. Sein
Vater war kurze Zeit Rabbiner in Karlsbad und arbeitete danach als
Sekretär der jüdischen Kultusgemeinde in Brunn. Nach seiner
Matura ging David Ernst Oppenheim nach Wien, wo er an der Wie-
ner Universität Altphilologie und Archäologie studierte und im Jahr
1904 promovierte. Während des Studiums lernte er seine spätere
Frau Amalie Pollack kennen, die ebenfalls an der Wiener Universität
Mathematik und Physik studierte und eine der ersten Frauen war,
die promovieren durften. Oppenheim leistete seinen Militärdienst,
unterrichtete danach zuerst in Nikolsburg und ab 1908 am Wiener
Akademischen Gymnasium Griechisch und Latein.
David Ernst Oppenheim schrieb damals Aufsätze zu Themen
klassischer Mythologie. Etwa 1909 schickte er Sigmund Freud eine
seiner Arbeiten, die diesen sehr interessierte. Kurz darauf wurde er
auf Vorschlag Freuds zu den Vortragsabenden der Mittwoch-
Gesellschaft zugelassen. Oppenheim sprach in einem Referat über
das Feuer als Sexualsymbol, ein anderes Mal beteiligte er sich an
einer Diskussion über Schülerselbstmord, wobei er die Gründe
dafür eher im familiären Bereich als in der Schule vermutete.
Zusammen mit Freud verfasste er den Aufsatz »Träume im Folk-
lore«, der allerdings erst nach dem Tod der beiden veröffentlicht
wurde. David Ernst Oppenheim publizierte anfänglich unter dem
Pseudonym »Unus multorum«, vermutlich weil er als Gymnasial-
lehrer nicht öffentlich in Verbindung mit der Psychoanalyse
gebracht werden wollte. Im Oktober 1911 trat er zusammen mit
Alfred Adler, Carl Furtmüller und einigen anderen Adler-Anhän-
gern aus der Psychoanalytischen Vereinigung aus und wurde Grün-
dungsmitglied des Individualpsychologischen Vereins.
1914 meldete sich Oppenheim als Freiwilliger für den Kriegs-
dienst, wurde zweimal verwundet und mit einer Tapferkeitsme-
daille ausgezeichnet. Nach Beendigung des Krieges trat er der Sozi-
aldemokratischen Partei bei und engagierte sich weiter im
Individualpsychologischen Verein. Er schrieb etliche Aufsätze in
der IZIP, in denen er sich in erster Linie mit antiker Geschichte,
Philosophie, Mythologie und Literatur beschäftigte. 1926 veröf-

164
fentlichte er das Buch »Dichtung und Menschenkenntnis«. David
Ernst Oppenheim präsidierte die öffentlichen Sitzungen der Indi-
vidualpsychologen und war 1926 bis 1927 stellvertretender Vorsit-
zender des Vereins. Er betätigte sich in der Ausbildung, hielt Vor-
träge auch an der Volkshochschule und war Vorsitzender der 1925
gegründeten geisteswissenschaftlichen Fachgruppe, die zur inten-
siven wissenschaftlichen Arbeit gedacht war. Um 1930 trat David
Ernst Oppenheim aufgrund einer persönlichen Kränkung aus dem
Individualpsychologischen Verein aus.
Im Frühjahr 1938 wurde Oppenheim von den Nationalsozialis-
ten zwangsweise in den Ruhestand versetzt. Oppenheims Töchter
Cora und Doris waren schon kurz nach dem Anschluss geflüchtet.
Oppenheim selbst zögerte, da er meinte, als ehemaliger Kriegsfrei-
williger von den Nationalsozialisten verschont zu werden. Eine
Ausreisemöglichkeit im Dezember 1939, die seine Töchter von
Australien aus organisiert hatten, konnte er krankheitshalber nicht
nutzen. Zusammen mit seiner Frau wurde er am 21. August 1942
nach Theresienstadt deportiert. Der seit langer Zeit an Diabetes
leidende David Ernst Oppenheim starb am 18. Februar 1943 an
einer Hyperglykämie aufgrund von Insulinmangel. Seine Frau
überlebte und ging 1946 nach Melbourne, wohin die beiden
Töchter Cora Singer und Doris Lifman 1938 emigriert waren.
Bibliographie
Oppenheim, D. E. (1904): Neoptolemos und Pyrrhos. Dissertation. Uni-
versität Wien.
Oppenheim, D. E. (1910): Der Selbstmord im kindlichen Lebensalter. Dis-
kussionen des Wiener Psychoanalytischen Vereins. Heft 1: Über den
Selbstmord, insbesondere über den Schülerselbstmord. Wiesbaden.
Oppenheim, D E.; Adler, A.; Molitor, K. (1914): Drei Beiträge zum Pro-
blem des Schülerselbstmords. In: Adler, A.; Furtmüller, C. (Hg.): Heilen
und Bilden. Ärztlich-pädagogische Arbeiten des Vereins für Individu-
alpsychologie. München.
Oppenheim, D. E. (1923): Der Mann in Schönherrs »Weibsteufel«. Ein
Beitrag zur Lehre vom Minderwertigkeitsgefühl. IZIP 2/1: 26-31.
Oppenheim, D. E. (1923): Shakespeares Menschenkenntnis. IZIP 2/2:
37-39.
Oppenheim, D. E. (1925): Vergils Dido. IZIP 3: 79-91.
Oppenheim, D. E. (1925): Der Kampf der Frau um ihre gesellschaftliche
Stellung im Spiegel der antiken Literatur. IZIP 3: 287-290.

165
Oppenheim, D. E. (1925): Die Frau in der jüdischen Religion. Antwort-
brief an N. N. im Auftrag Alfred Adlers. IZIP 3: 335-337.
Oppenheim, D. E. (1926): Dichtung und Menschenkenntnis. Psycholo-
gische Streifzüge durch alte und neue Literatur. München.
Oppenheim, D. E. (1928): Zu Schillers Novelle: Der Verbrecher aus verlo-
rener Ehre. IZIP 6: 358-362.
Oppenheim, D. E. (1930): Selbsterziehung und Fremderziehung nach
Seneca. IZIP 8: 62-70.
Oppenheim, D. E. (1930): Ziel und Weg der Menschenkenntnis. Zum 60.
Geburtstag Alfred Adlers. IZIP 8: 221-233.
Oppenheim, D. E.; Freud, S. (1958): Träume im Folklore. New York.
Archivalien
Lifman, D. (o. J.): Brief Biography of David Ernst Oppenheim. Unveröf-
fentlichtes Manuskript.
Literatur
Benz, U. (1989): Der Brückenschlag im Hörsaal I. Eine ungewöhnliche
Gedenkfeier. Süddeutsche Zeitung 1. Juli 1989, o. S.
Federn, E. (1992): David Ernst Oppenheim (1881-1943). In: Federn, E.;
Wittenberger, G. (Hg.): Aus dem Kreis um Sigmund Freud. Frankfurt
a.M.,S. 131-132.
Mühlleitner, E. (1992): Biographisches Lexikon der Psychoanalyse. Die
Mitglieder der psychoanalytischen Mittwoch-Gesellschaft und der
Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 1902-1938. Tübingen.
Steinhauser, M.; DÖW (Hg.) (1987): Totenbuch Theresienstadt. Damit sie
nicht vergessen werden. Wien.

ERNST PAPANEK

Ernst Papanek wurde am 20. August 1900 als Sohn von Rosa Spira
und Johann Alexander Papanek, einem Geschäftsreisenden, in
Wien geboren. Schon als 16-Jähriger engagierte er sich in der sozi-
aldemokratischen Jugendbewegung, organisierte Spielgruppen für
Kinder und Hilfsaktionen für alte Leute. Bei einer dieser Tätig-
keiten lernte er seine spätere Frau Helene Goldstern und auch
Alexandra Adler kennen, durch die er in Kontakt mit der Individu-
alpsychologie kam, deren Ideen ihn sehr beeinflussen sollten.

166
Ernst Papanek studierte einige Semester Pädagogik, Psychologie
und Soziologie an der Universität Wien und besuchte auch medi-
zinische Vorlesungen in den Fächern Pädiatrie und Psychiatrie.
Von 1925 bis 1927 studierte er am Pädagogischen Institut der Stadt
Wien. Schon während des Studiums organisierte er Kindergärten
und Horte, war Berater im Amt für Wohlfahrtswesen und soziale
Verwaltung im Wiener Magistrat und beteiligte sich an der Schul-
reformbewegung von Otto Glöckel. Er unterrichtete an Volkshoch-
schulen, beim Sozialdemokratischen Erziehungs- und Schulverein
Freie Schule - Kinderfreunde und betätigte sich in der Fortbildung
von Lehrern. Er engagierte sich in verschiedenen sozialdemokra-
tischen Vereinen, war unter anderem Mitglied des Verbands sozia-
listischer Studenten Österreichs, Mitarbeiter in der sozialdemokra-
tischen Bildungszentrale in Wien, in den 1930er Jahren Leiter des
Bildungsausschusses der Sozialistischen Arbeiterjugend, SAJ, spä-
ter Wiener Obmann und schließlich Verbandsobmann der SAJ und
ab 1932 Abgeordneter im Wiener Gemeinderat im 12. Bezirk.
Nach den Februarkämpfen im Jahr 1934 flüchtete Ernst Papanek
in die Tschechoslowakei, wo er im ALÖS, dem Auslandsbüro der
österreichischen Sozialdemokraten in Brunn, arbeitete, eine eigene
Jugendvertretung der ALÖS gründete und sich um Unterstützung
für das republikanische Spanien kümmerte. Unter dem Deckna-
men Ernst Pek war er bis 1939 Vertreter der illegalen Revolutio-
nären Sozialistischen Jugend, RSJ, in der Sozialistischen Jugend-
Internationale, SJI. Von 1936 bis 1938 gab er die in drei Sprachen
erscheinende Internationale Pädagogische Information in Zusam-
menarbeit mit der Bibliothek des Völkerbunds Genf in London,
Paris und Prag heraus. Nach dem Anschluss im Jahr 1938 flüchtete
Ernst Papanek über die Schweiz nach Paris, wo er mit seiner Frau,
der Psychiaterin Helene Papanek, und den beiden Söhnen Gustav
und Georg zusammentraf. Auch in Paris betätigte sich Papanek
weiterhin als Mitglied der Auslandsvertretung der österreichischen
Sozialisten (AVÖS).
Ernst Papanek hatte von der jüdischen Hilfsorganisation OSE,
Organisation pour la sante et l'education, die ursprünglich 1912 in
Russland gegründet worden war und später in Frankreich weiter-
geführt wurde, die Leitung der Kinderheime für jüdische Kinder in
Montmorency, einem Ort einige Kilometer nördlich von Paris,

167
angeboten bekommen. Obwohl Ernst und Helene Papanek vorge-
habt hatten, in die USA auszureisen, entschieden sie sich, in Fran-
kreich zu bleiben. Ernst Papanek übernahm als Direktor der Kin-
derheime, woschonbaldHundertevonjüdischenFlüchtlingskindern
untergebracht waren, die pädagogische Betreuung, während seine
Frau Helene Papanek als Ärztin, Psychotherapeutin und stellver-
tretende Direktorin tätig war. Es war das Anliegen Ernst Papaneks,
den aus verschiedensten Teilen Europas kommenden Kindern eine
Gemeinschaft zu bieten, in der sie ihren jeweiligen religiösen, welt-
anschaulichen, kulturellen und sozialen Hintergrund aufrechthal-
ten konnten. Nach der Kapitulation Frankreichs flüchtete die Fami-
lie Papanek nach Montintin, einem Gutsbesitz in der kleinen
Ortschaft Chateau-Chervix nahe bei Limöges, wohin auch die Kin-
der der Kinderheime gebracht wurden. Da gegen Ernst Papanek ein
Haftbefehl drohte, bemühte er sich um eine Ausreisemöglichkeit in
die USA. Im September 1940 konnte die Familie Papanek mit Hilfe
des Jewish Labor Committee und der persönlichen Intervention
Eleanore Roosevelts, der Frau des amerikanischen Präsidenten,
nach New York flüchten. Mit ihnen gingen auch einige andere Mit-
glieder der Auslandsvertretung der Sozialdemokratischen Partei
wie zum Beispiel Edmund Schlesinger und seine Familie. In New
York versuchte Ernst Papanek Einreisevisa in die USA für die Kin-
der der OSE-Kinderheime zu bekommen. Trotz der zögerlichen
Haltung der USA gelang es ihm, auf diese Weise etwa 240 Kinder
in Sicherheit zu bringen. Die große Mehrheit der Kinder konnte
von der französischen Widerstandsbewegung Maquis gerettet wer-
den. Für 69 Kinder kam die Hilfe zu spät. Deportiert von den Nati-
onalsozialisten, starben sie im Vernichtungslager Auschwitz.
Ernst Papanek war in den USA Mitglied der American Socialist
Party and League of Industrial Democracy und Gründungsmit-
glied des Austrian Labor Committee, das als einzige österreichische
Exilorganisation in den USA rechtlich als Nachfolgeorganisation
einer österreichischen Partei anerkannt wurde. Das Austrian Labor
Committee versuchte, für das Selbstbestimmungsrecht Österreichs
einzutreten und die Tätigkeiten monarchistischer Gruppierungen
in Frage zu stellen. Ernst Papanek war Mitarbeiter der auf Deutsch
erscheinenden Zeitschrift »Austrian Labor Information«. Ab 1956
war er Vorstandsmitglied der American Socialist Party, die er später

168
bei der Sozialistischen Internationale vertrat. Er studierte am Tea-
chers College und an der School of Social Work an der Columbia
University in New York, bekam 1943 den Master Degree, studierte
dann Pädagogik an der Columbia University und promovierte
1958.
Ernst Papanek war Mitarbeiter in einem Ausschuss österrei-
chischer Sozialisten zur Planung des künftigen Ausbildungswesens
in Österreich und kümmerte sich im Rahmen des Associated Aus-
trian Relief um Hilfslieferungen in das Nachkriegsösterreich. Von
1943 bis 1945 betätigte er sich als Sozialarbeiter und pädagogischer
Berater der Children's Aid Society. Ab 1945 war er Mitglied und
später Vorsitzender der American Friends of Austrian Labor. Zwi-
schen 1945 und 1950 leitete Ernst Papanek verschiedene Kinder-
hilfswerke wie das Kinderhilfswerk des Unitarian Service Commit-
tee in Boston, die Training School and Home for Young Girls und
die American Youth for World Youth, eine Organisation, die Hilfe
für Kinder im Nachkriegseuropa in Form von Care-Sendungen
und Spendenaktionen zur Unterstützung von Schulen und Kin-
derheimen organisierte. Von 1949 bis 1958 war er Direktor der
Wiltwyck School for Boys in Esogus im Staat New York, einer
Schule zur Resozialisierung jugendlicher Delinquenten.
In den Jahren 1959 bis 1971 war Papanek Professor für Pädago-
gik am Queens College der New York University, 1967 nahm er eine
Gastprofessur in Hiroshima in Japan an. Von 1968 bis 1971 unter-
richtete er an der New School for Social Research in New York.
Ernst Papanek publizierte etliche Artikel und Aufsätze zu päd-
agogischen und psychologischen Themen. In seinem Buch »The
Austrian School reform« schreibt er über die Glöckel'sche Schulre-
form. In dem posthum erschienenen Werk »Out of the Fire«, in
deutscher Sprache »Die Kinder von Montmorency«, berichtet er
über seine Erfahrungen als Leiter des OSE-Kinderheims in Frank-
reich. Er war Mitglied zahlreicher pädagogischer und medizinisch-
psychologischer Gesellschaften, wie der American Federation of
College Teachers, der Association for Psychiatric Treatment of
Offenders, der American Association of Workers for Maladjusted
Children, eine Organisation, die er von 1959 bis 1970 bei der UN
vertrat, der Comparative Educational Association und etlichen
anderen.

169
Papanek engagierte sich in New York auch im Rahmen der Indi-
vidualpsychologischen Vereinigung, deren stellvertretender Leiter
er seit 1946 war. Außerdem war er Mitglied der International Asso-
ciation of Individual Psychology. Zusammen mit seiner Frau enga-
gierte er sich in der Beratungstätigkeit an der Alfred Adler Mental
Hygiene Clinic und hielt Kurse im Rahmen der Ausbildung von
Individualpsychologen am Alfred Adler Institute. Ernst Papanek
starb am 5. August 1973 während eines Aufenthaltes in Wien.
Ausgewählte Bibliographie
Papanek, E. (1942): Air raid alarms and the schools: Experiences in France.
Seh. and Soc. 55: 156-157.
Papanek, E. (1943): Erste Fürsorgemaßnahmen nach dem Krieg. Austrian
Labor Information 10: o. S.
Papanek, E. (1943): Initial problems of the refugee children's homes in
Montmorency, France. Seh. and Soc. 57: 141-145.
Papanek, E. (1944): The Underground in Austria. öuart. Rev. Amer. Labor
Conf. Int. Affairs 1/3: 308-317.
Papanek, E. (1946): Etats mental des enfants deportees. Vers l'Educ. Nou-
velle 8: o. S.
Papanek, E. (1954): Contributions of Individual Psychology to social
work. AJIP 11: 142-150.
Papanek, E. (1956): Society and the delinquent: Tracing the pattern of
rebellion. The Socialist Call 24/2: 21-24.
Papanek, E.; Adler, A. (1958): Erziehungsberatung and child guidance. In:
Frankl, V.; Gebsattel, V. E. von, Schultz, J. H. (Hg.): Handbuch der Neu-
rosenlehre und Psychotherapie. München, S. 569-583.
Papanek, E. (1959): Juvenile delinquency: The Community's contribution
to its Solution. Pathways in Child Guidance 1/1: 3—4.
Papanek, E.; Papanek, H. (1961): Individual Psychology today. Amer. J.
Psychother. 15:4-26.
Papanek, E. (1963): Residential treatment of children: Adlerian approach.
Forum resident. Ther. 1/1: 5-8.
Papanek, E.; Linn, E. (1964): The boy who survived Auschwitz. Sat. Eve.
Post, Apr. 11.0.S.
Papanek, E. (1964): Management of the acting-out adolescent. Amer. J.
Psychother. 18:418-^34.
Papanek, E. (1966): American youth for world youth: Social interest in
Kilpatrick's coneept of education. Educ. Theory 16: 59-70.
Papanek, E. (1971): Some psycho-pedagogical aspects of crime and delin-
quency. Dimensions 5/4: 13-19.
Papanek, E.; Linn, E. (1975): Out of the Fire. New York.
Papanek, E. (1980): Die Kinder von Montmorency. Wien.

170
Archivalien
Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes: Brief des
Associated Austrian Relief (Akt 11144b).
Literatur
Adler, A. (1973): Ernst Papanek. IP 10/2: 37.
Berczeller, R. (1973): Erinnerungen an Ernst Papanek. Die Zukunft.
Sozialistische Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur. Heft 20/21:
12.
Röder, W.; Strauss, H. A. (Hg.) (1980): Biographisches Handbuch der
deutschsprachigen Emigration 1933. Band 1. München,
o. N. (1973): Ernst Papanek. In: New York Times, 8. August 1973, S. 40.
Papanek, E. (1980): Die Kinder von Montmorency. Wien.
Peters, U. H. (1992): Psychiatrie im Exil. Die Emigration der Dynamischen
Psychiatrie aus Deutschland 1933-1939. Düsseldorf.
Schwarz, P. (1998): Österreichische politische Exilorganisationen. In:
Krohn, C.-D.; von ZurMühlen, R; Paul, G. (Hg.): Handbuch der
deutschsprachigen Emigration 1933-1945. Darmstadt, S. 519-543.

HELENE PAPANEK

Helene Papanek, geboren am 10. Juni 1901 in Wien, stammte aus


einer wohlhabenden Ärztefamilie. Ihre Eltern Marie Bernstein und
Samuel Goldstern waren aus Russland nach Österreich immigriert.
Helene Papanek entschied sich ebenfalls für ein Medizinstudium,
promovierte im Jahr 1925 an der Universität Wien und absolvierte
danach ihren Turnus im Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien.
1927 begann sie mit ihrer Facharztausbildung auf der internen und
auf der neurologischen Abteilung im AKH. 1929 bis 1938 arbeitete
sie in der Wiener Kuranstalt, einem Privatsanatorium für psychisch
und neurologisch Kranke. Im Jahr 1931 wurde sie Assistenzärztin
und leitete ab 1936 als Chefärztin das Sanatorium.
In jungen Jahren engagierte sie sich in der Jugendbewegung, wo
sie Alexandra Adler und auch ihrem späteren Mann Ernst Papanek
begegnete. Durch Alexandra Adler lernte sie die Individualpsycho-
logie kennen und besuchte Vorlesungen von Alfred Adler. Anfang
der 1930er Jahre unterzog sie sich beim Kinderarzt und Psycho-

171
analytiker Joseph Friedjung einer Analyse. Von 1930 bis 1938 enga-
gierte sie sich in der Sozialdemokratischen Partei.
1925 heiratete sie den Pädagogen und sozialdemokratischen
Politiker Ernst Papanek, der nach dem Bürgerkrieg im Februar
1934 nach Brunn emigrieren musste. Als die politische Situation in
Österreich immer prekärer wurde, flüchtete auch Helene Papanek
im Juli 1938 zusammen mit ihren beiden Söhnen Gustav und
Georg aus Österreich. Ernst Papanek hatte von der 1912 in Russ-
land gegründeten jüdischen Hilfsorganisation OSE, Organisation
pour la sante et l'education, die Leitung der Kinderheime für
jüdische Kinder in Montmorency, das einige Kilometer nördlich
von Paris liegt, angeboten bekommen. Das Ehepaar Papanek
erklärte sich bereit, diese Aufgabe zu übernehmen. Ernst Papanek
widmete sich als Direktor der Kinderheime, die bald Hunderte von
jüdischen Flüchtlingskindern beherbergte, der pädagogischen
Betreuung. Helene Papanek betätigte sich als Ärztin, Psychothera-
peutin und stellvertretende Direktorin. Nach dem Einmarsch
deutscher Truppen in Frankreich flüchtete die Familie Papanek in
einen kleinen Ort in der Nähe von Limöges, wohin auch die Kinder
der Kinderheime gebracht wurden. Mit Hilfe des Jewish Labor
Committee und des persönlichen Einsatzes von Eleanore Roosevelt
gelang es der in Frankreich weiterhin gefährdeten Familie Papanek,
zusammen mit anderen Mitgliedern der Auslandsvertretung der
Sozialdemokratischen Partei, wie zum Beispiel Edmund Schlesin-
ger und seiner Familie, im September 1940 nach New York zu
flüchten. Ernst Papanek bemühte sich von New York aus für die
Kinder der OSE-Kinderheime, Visa für die Einreise in die USA zu
bekommen. Trotz der zögerlichen Haltung der amerikanischen
Behörden gelang es ihm auf diese Weise, etliche Kinder vor den
Nationalsozialisten zu retten.
Helene Papanek fand zunächst eine Stelle als Krankenschwester
und arbeitete danach ein Jahr lang am Lebanon Hospital. 1943
bekam sie die ärztliche Zulassung. Schon bald hielt sie Vorlesungen
über Mental Hygiene am New York Health Department und hatte
eine private Praxis als Psychiaterin. In den Jahren 1951 bis 1978 war
sie Supervising Psychiatrist am Postgraduate Center for Mental
Health, 1956 bis 1970 Konsiliarpsychiaterin am Hillside Hospital
in Glen Oaks im Staat New York und am Lennox Hill Hospital in

172
New York. In den Jahren 1963 bis 1969 bekleidete sie die Stelle einer
Dekanin am Institute for Analytical Psychotherapy in Englewood
in New Jersey. Weiterhin war sie beratende Psychiaterin bei der
Veterans Administration.
Zusammen mit ihrem Mann Ernst Papanek bemühte sie sich
um Hilfslieferungen für Notleidende im Nachkriegsösterreich im
Rahmen der Organisationen Associated Austrian Relief und Ame-
rican Friends of Austrian Labor (DÖW, Akt 11144b).
In den USA begann Helene Papanek sich nach und nach für die
Individualpsychologie zu engagieren. 1952 wurde sie Dean and
Executive Director des Alfred Adler Institutes of New York, einer
Institution zur Ausbildung von Individualpsychologen. Das Drei-
Jahres-Curriculum umfasste in den ersten beiden Jahren Theorie
der Individualpsychologie, Beratungsmethoden und Gruppenpsy-
chotherapie. Im dritten Jahr behandelten die angehenden Thera-
peutinnen und Therapeuten unter Supervision Patienten der Men-
tal Hygiene Clinic.
1971 bis 1975 leitete Helene Papanek die Abteilung für Grup-
penpsychotherapie der Mental Hygiene Clinic. Diese war gedacht
als Einrichtung für Leute mit niedrigem Einkommen, die hier
Erziehungsberatung, Einzel- und Gruppentherapie sowie Famili-
enberatung in Anspruch nehmen konnten. Angeboten wurden
auch Müttergruppen, Spiel- und Maltherapien und Abendkurse
für Eltern. Helene Papanek arbeitete selbst als Psychiaterin an der
Mental Hygiene Clinic. Von 1963 bis 1965 war sie Präsidentin der
American Society of Adlerian Psychology.
Helene Papanek war Mitglied in etlichen psychiatrischen Orga-
nisationen: in der American Medical Association, der American
Society for Adlerian Psychology, der New York Society for Clinical
Psychiatry, der New York Academy of Science, der American Psy-
chiatric Association, der American Psychiatric Society, der Associa-
tion of Advancement of Psychotherapy sowie in der American
Group Psychotherapy Association. Sie wurde ausgezeichnet für
ihre 25-jährige Tätigkeit am Hillside Hospital und für ihr 20-jäh-
riges Engagement am Lennox Hill Hospital. Helene Papanek starb
nach langer, schwerer Krankheit im Mai 1985 in New York.

173
Ausgewählte Bibliographie
Papanek, H. (1951): Dynamics and treatment of borderlineschizophrenia
from the adlerian viewpoint. AJIP 11.
Papanek, E. (1958): Ethical values in psychotherapy. JIP 14/2.
Papanek, E. (1958): The school in a sane society, mental health and the
teacher. The Socialist Call 26/7-8: 18-20.
Papanek, E. (1958): The borderline Schizophrenie in group psychotherapy.
JIP 14: 74-75.
Papanek, E. (1959): Emotions and intellect in psychotherapy. Amer. J. Psy-
chother. 13: 150-173.
Papanek, E. (1959): Diagnosis and treatment of borderline psychosis. Med.
Circle Bull. 6/6: 6-11.
Papanek, E. (1961): Psychotherapy without insight: group therapy as
milieu therapy. JIP 17/2.
Papanek, E. (1961): The management of anxiety in group psychoanalysis:
A round table discussion. Amer. J. Psychoanal. 21: 82-84.
Papanek, E. (1962): Expression of hostility: its value in the psychotherapy
group. JIP 18/1.
Papanek, E. (1963): The Adlerian viewpoint in group psychoanalysis. J.
Psychoanal. Grps. 1/1: 36—42.
Papanek, E. (1964): Bridging dichotomies through group therapy. JIP
20/1.
Papanek, E. (1964): Dreams in group psychoanalysis. J. Psychoanal. Grps.
1:36-37.
Papanek, E. (1965): Adlers coneepts in Community psychiatry. JIP 21/2.
Papanek, F. (1965): Inconstant coupling. Psychiat. Spectator 2/4.
Papanek, E. (1965): Comparative goals of psychoanalytic training. IP 3/1:
10-13.
Papanek, E. (1968): Psychotherapie collective des schizophrenes. Med. et
Hyg. (Geneve) 26: 26.
Papanek, E. (1969): Therapeutic and anti-therapeutic factors in group
relations. American Journal of Psychotherapy.
Papanek, E. (1970): Adler's Psychology and group psychotherapy. Ameri-
can Journal of Psychiatry.
Papanek, E. (1979): Group psychotherapy interminable. JIP 20/2.
Papanek, E. (1971): Pathology of power striving and its treatment. JIP
28/1.
Papanek, E. (1972): The use of early recollections in psychotherapy. JIP
28/2.
Papanek, E. (1972): Pathology of power striving and its treatment. JIP
28/1.
Archivalien
DÖW: Akt 11144b.

174
Literatur
Peters, U. H. (1992): Psychiatrie im Exil. Die Emigration der Dynamischen
Psychiatrie aus Deutschland 1933-1939. Düsseldorf.
Strauss, H.A.; Röder.W. (Hg.) (1983): International Biographical Diction-
ary of Central European Emigres 1933-1945. Bd. 2. München.
The American Psychiatric Association (Hg.) (1967): Biographical Direc-
tory of Fellows and Members of the American Psychiatric Association.
New York.
AJIP 11 (1954), JIP 13 (1957), IP 3/2( 1966).

FRANZ PLEWA

Franz Plewa, geboren am 14. April 1903 in Wien als Sohn des
Modezeichners Franz Plewa, studierte an der Wiener Universität
Medizin. Im Verein für Individualpsychologie, hielt er Kurse und
nahm an der »Arbeitsgemeinschaft individualpsychologischer
Ärzte« teil. Diese Arbeitsgemeinschaft diente der wissenschaft-
lichen Auseinandersetzung mit verschiedenen medizinisch-psy-
chologischen Themen und fand meist in Alfred Adlers Wohnung
statt. Zusammen mit der Ärztin Lydia Sicher leitete er eine Erzie-
hungsberatungsstelle, die an sechs Nachmittagen in der Woche
geöffnet hatte.
Als 1934 der gesamte Vorstand des Individualpsychologischen
Vereins aus politischen Gründen zurücktreten musste, wurde Franz
Plewa zum Obmann gewählt. Von 1935 bis zur Auflösung des Ver-
eins im Februar 1939 war er Vorsitzender. Er war außerdem Mit-
glied des im Jahr 1937 ins Leben gerufenen »Klubs der Freunde der
Individualpsychologie«. Dieser Klub bot interessierten Eltern und
Lehrern wöchentlich Vorträge und Arbeitsgruppen zu verschie-
denen pädagogischen und psychologischen Themen an.
Den Bescheid über die Auflösung des Individualpsychologischen
Vereins im Februar 1939 konnte Franz Plewa nicht mehr entgegen-
nehmen, da er zu diesem Zeitpunkt bereits nach England emigriert
war.

175
Bibliographie
Plewa, F. (1931): Zur Frage der psychischen Kompensation der Augenmin-
derwertigkeit. IZIP 9: 455^156.
Plewa, F. (1933): Zur Psychologie der Jugendbewegung, namentlich in
ihrer Ausdrucksform als Wandervogelbewegung. IZIP 11: 353-368.
Plewa, F. (1933): Rezension von M. Serag: Nervenärztliche Gutachtertätig-
keit. IZIP 12:255-256.
Plewa, F. (1934): Rezension von R. Dreikurs: Einführung in die Individu-
alpsychologie. IZIP 12: 53-54.
Plewa, F. (1934): Der Sinn in den Kindheitserinnerungen. IZIP 12: 142-
155.
Plewa, F. (1935): Über seelische Behandlung. IZIP 13: 65-76.
Plewa, F. (1935): Seelische Schwierigkeiten. IZIP 13: 26-36.
Plewa, F. (1935): The meaning in childhood recollections. IJIP 1/1: 88-
101.
Plewa, F. (1936): Psychic difficulties. In : IJIP 2/1: 114-126.
Plewa, F. (1936): Die Stellung der Frau zur Gesellschaft. IZIP 14: 104-
118.
Plewa, F. (1937): Adler und der Evolutionsgedanke. IZIP 15: 436-449.
Archivalien
Universitätsarchiv Wien: Erste Nationale.
Literatur
Davidson, A. K. (Hg.) (1991): The collected works of Lydia Sicher: An
Adlerian perspective. Fort Bragg, Ca.
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
Handlbauer, B. (1987): »Lernt fleißig Englisch«: Die Emigration Alfred
Adlers und der Wiener Individualpsychologen. In: Stadler, F. (Hg.):
Vertriebene Vernunft IL Emigration und Exil österreichischer Wissen-
schaft. Wien, S. 268-287.
Müller, R. (1996): »Fluchtpunkt England«. Spuren der österreichischen
Emigration in Großbritannien 1938-1945. Katalog zur Ausstellung an
der Universitätsbibliothek Graz.
Mitteilungsblatt für Individualpsychologische Veranstaltungen (1932).

176
LUNA REICH

Luna (Louise) Reich wurde am 17. März 1891 in Struj in Galizien


geboren, studierte in Wien Philosophie und promovierte 1924. Im
Jahr 1930 war sie Mitglied im Vorstand des Vereins für Individual-
psychologie. Zusammen mit der Ärztin Alice Lehndorff-Stauber
arbeitete sie als Erziehungsberaterin im »Ambulatorium für Psy-
chotherapie am I. öffentlichen Kinderkrankeninstitut« in der
Kleeblattgasse im ersten Bezirk in Wien.
1939 flüchtete Luna Reich vor dem Nazi-Regime in die USA und
fand in New York eine Bleibe. Schon bald war sie Mitglied der
Society of Individual Psychology of New York und nahm an den
monatlichen Treffen und Fortbildungen der Gesellschaft teil. Jah-
relang war sie Mitarbeiterin am Alfred Adler Consultation Center,
das später in eine Mental Hygiene Clinic umgewandelt wurde. In
diesen Einrichtungen hatten Leute mit niedrigem Einkommen die
Möglichkeit Erziehungsberatung, Einzel- und Gruppentherapien,
Familienberatung sowie Müttergruppen, Spiel- und Maltherapien
in Anspruch zu nehmen.
Am Alfred Adler Institute for Individual Psychology, einer Ins-
titution zur Ausbildung von Individualpsychologen, hielt Luna
Reich Vorträge. Das Drei-Jahres-Curriculum sah in den ersten zwei
Jahren eine theoretische Ausbildung in Individualpsychologie,
Beratungsmethoden und Gruppenpsychotherapie vor. Im dritten
Jahr behandelten Therapeuten in Ausbildung unter Supervision
Patientinnen und Patienten der Mental Hygiene Clinic. Luna Reich
hatte auch eine eigene private Praxis, in der sie als Beraterin tätig
war. Sie starb nach einer längeren Krankheit am 28. Juli 1967 in
New York.
Bibliographie
Reich, L. (1921): Die Lust. Versuch einer psychologisch ästhetischen Ana-
lyse der Lust. Dissertation. Universität Wien.
Reich, L. (1959): An adolescent's behavior problem. In: Adler, K.; Deutsch,
D. (Hg.) (1959): Essays in Individual Psychology. Contemporary appli-
cation of Alfred Adler's theories. New York, S. 371-382.
Archivalien
Universitätsarchiv Wien: PromotionsprotokolL

177
Literatur
Adler, K.; Deutsch, D. (Hg.) (1959): Essays in Individual Psychology. Con-
temporary application of Alfred Adler's theories. New York.
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
Handlbauer, B. (1987): »Lernt fleißig Englisch«: Die Emigration Alfred
Adlers und der Wiener Individualpsychologen. In: Stadler, F. (Hg.):
Vertriebene Vernunft IL Emigration und Exil österreichischer Wissen-
schaft. Wien, S. 268-287.
[P 4/2 (1967), IZIP 13 (1935).

MARIA ROSLER-GITTER

Maria Rosler wurde am 9. Juni 1900 in Krakau in Galizien geboren.


Sie maturierte 1920 am Deutschen Oberrealgymnasium in Olden-
burg, ging anschließend nach Wien, wo sie Geschichte an der Phi-
losophischen Fakultät der Universität Wien studierte und 1926
promovierte. In den 1930er Jahren war die nunmehrige Lehrerin
Maria Rosler-Gitter Mitarbeiterin im Verein für Individualpsycho-
logie. Zusammen mit der Ärztin Alexandra Adler leitete sie eine
Erziehungsberatungsstelle im 20. Bezirk in Wien und hielt indivi-
dualpsychologische Sprechstunden ab.
Im März 1937 kam Roslers Sohn Kurt zur Welt. Knapp zwei
Jahre später, im Dezember 1938, flüchtete die Familie in die USA.
Im Individual Psychology Bulletin aus dem Jahr 1940 findet sich
ein Eintrag, wonach Maria Rosler-Gitter zu diesem Zeitpunkt in
New York lebte.
Bibliographie
Rosler, M. (1926): Das Ministerium Hohenwart und die deutsch-böh-
mischen Ausgleichsverhandlungen im Jahre 1871. Dissertation. Uni-
versität Wien.
Rosler-Gitter, M.; Schaller, R. (1929): Das einzige Kind. IZIP 7: 227-230.
Rosler-Gitter, M. (1932): Rezension von V. K. Mikulski: Psychologische
Untersuchungen in Mittelschulen. IZIP 10: 395.

178
Archivalien
Universitätsarchiv Wien: Promotionsprotokoll.
Stadt- und Landesarchiv Wien: Polizeiliche Meldeunterlagen.
Literatur
Mitteilungsblatt für Individualpsychologische Veranstaltungen (1932,
1933).
IPB 2/1 (1942).

ELLY ROTHWEIN (ELEANOR REDWIN)

Die Sozialarbeiterin Elly Rothwein, geboren am 3. Oktober 1899 in


Wien, lernte Alfred Adler kennen, als er einen Vortrag für eine
Gruppe sozialdemokratischer Sozialarbeiter hielt, der sie ange-
hörte. Schon bald darauf begann sie mit der Ausbildung zur Indi-
vidualpsychologin und wurde eine wichtige Mitarbeiterin im Ver-
ein. Sie hielt Kurse über Individualpsychologie und Pädagogik,
leitete gemeinsam mit dem Arzt Arthur Holub eine Erziehungsbe-
ratungsstelle im 14. Bezirk in Wien und arbeitete auch in anderen
Beratungsstellen mit. 1927 bis 1929 war sie im Vorstand des Vereins
als stellvertretende Schriftführerin tätig. Rothwein organisierte
behördlich genehmigte Spiel- und Beschäftigungsnachmittage für
Schulkinder und 1932 eröffnete sie ein Nachmittagsheim, das sie
ein Jahr darauf zu einem Kinderheim für Klein- und Schulkinder
erweiterte. Dieses Kinderheim war für einige wenige Kinder sogar
als Internat gedacht. Angeboten wurden Sprachen, Schulnachhilfe,
Musik und Sport.
Gemeinsam mit anderen Erzieherinnen wie Helene Bader, Ste-
fanie Horovitz und Alice Friedmann veranstaltete sie in den Som-
mermonaten der frühen 1930er Jahre individualpsychologische
Ferienlager für Kinder, die in niederösterreichischen Erholungsor-
ten, aber auch in Kärnten und einmal in Italien stattfanden.
Elly Rothwein befasste sich vor allem mit Fragen der Erzie-
hungsberatung. In ihren Publikationen in der IZIP berichtet Elly
Rothwein über Fälle schwererziehbarer Kinder aus dem Kinder-
heim und über individualpsychologische Behandlungsmethoden.

179
Sie interessiert sich auch für das Verhältnis der Geschlechter zuein-
ander und betont, es sei schon im Kindesalter darauf zu achten,
dass Mädchen und Buben gleichwertig behandelt würden.
Im Jahr 1937 arbeitete sie zusammen mit anderen noch in Wien
verbliebenen Individualpsychologinnen und Individualpsycholo-
gen im »Klub der Freunde der Individualpsychologie« mit. Dieser
Klub bot Vorträge und Arbeitsgruppen für Eltern und Lehrer an,
die Hilfe bei Erziehungsproblemen suchten. Dem interessierten
Publikum wurden Themen wie Gruppenerziehung, Lernhilfe,
Neurosenlehre, Sexualpathologie sowie Theorie und Praxis der
Individualpsychologie nähergebracht. Im Februar 1939 wurde der
Verein für Individualpsychologie durch die Nationalsozialisten
aufgelöst.
Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft war Elly Rothwein gezwun-
gen, Österreich nach dem Anschluss zu verlassen. Sie emigrierte in
die USA und ließ sich in Chicago nieder. In den USA nannte sie sich
Eleanor Redwin. In einem Nachruf (Redwin 1973) auf den Adler-
Schüler und Arzt Rudolf Dreikurs, der schon 1937 nach Chicago
gekommen war, berichtet sie, dass sie noch aus Österreich an
Rudolf Dreikurs geschrieben und um Rat gefragt habe, ob sie in
den USA eine Chance hätte. Er ermutigte sie daraufhin und lud sie
ein, nach Chicago zu kommen und ihm beim Aufbau individual-
psychologischer Einrichtungen zu helfen.
Schon bald übernahm Eleanor Redwin die klinische Leitung
von zwei Erziehungsberatungsstellen in Chicago. Sie arbeitete als
Assistentin von Rudolf Dreikurs und in der Ausbildung von jungen
Individualpsychologen, leitete einen privaten Kindergarten und
veranstaltete Diskussionsgruppen mit Studierenden, Sozialarbei-
tern und Müttern. Sie hielt an verschiedenen Institutionen Vor-
träge über Erwachsenenfortbildung und moderne Psychologie.
Jahrelang war sie psychologische Beraterin am Settlement House
der University of Illinois. Nach einem schweren Schlaganfall lebte
sie noch einige Jahre in einem Heim, wo sie 1984 in hohem Alter
verstarb.
Bibliographie
Rothwein, E.; Schlamm, M. (1925): Über die Einfügung in die Geschlech-
terrolle bei Schulkindern. IZIP 3:195-199.
Rothwein, E.; Holub, A. (1929): Ein Fall von Hörstummheit. IZIP 7: 227.

180
Rothwein, E.; Holub, A. (1929): Das einzige Kind. IZIP 7: 230.
Rothwein, E.; Zilahi, L. (1929): Die individualpsychologischen Erzie-
hungsberatungsstellen in Wien. IZIP 7: 161-170.
Rothwein, E. (1931): Aus einer individualpsychologischen Kindergemein-
schaft. IZIP 9: 466-468.
Redwin, E. (1945): Work in a settlement house. IPB 4/3: 91-92.
Redwin, E. (1949): Re-education through counseling. IPB 7/4: 162-170.
Redwin, E.; Wainwright, L. (1956): Child guidance with adlerian tech-
niques in Chicago. AJIP 12/1: 70-77.
Redwin, E. (1965): Adlerian Psychotherapy with disturbed children. IP
3/1:2-9.
Redwin, E.; Greven, G. (1966): Counseling the reluctant child and her
mother. IP 4/1: 4-8. Und in: Dreikurs, R. (Hg.): Education, Guidance,
Psychodynamics. Chicago.
Redwin, E. (1967): Discussion group of small children. IP 5: 26-29.
Redwin, E. (1959): Mother's therapy groups. In: Dreikurs, R.; Corsini, R.
J.; Lowe, R.; Sonstegard, M. (Hg.): Adlerian family counseling. Eugene,
Oregon.
Archivalien
Stadt- und Landesarchiv Wien: Polizeiliche Meldeunterlagen.
Literatur
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
Handlbauer, B. (1987): »Lernt fleißig Englisch«: Die Emigration Alfred
Adlers und der Wiener Individualpsychologen. In: Stadler, F. (Hg.):
Vertriebene Vernunft IL Emigration und Exil österreichischer Wissen-
schaft. Wien, S. 268-287.
Redwin, E. (1973): In memory of Rudolf Dreikurs, 1897-1972. JIP 29/1:
8-9.
IZIP 11 (1933), IZIP 13 (1935).
IPB 2/1 (1942), IPB 2/4 (1942), IPB 4/3 (1944), IPB 5/1 (1945).

181
FRANZ SCHARMER

Der Wiener Lehrer Franz Scharmer, geboren am 4. April 1891, stieß


in der Zwischenkriegszeit zu dem Kreis der Individualpsychologen.
Er war ein Kollege von Oskar Spiel und Ferdinand Birnbaum, die
ebenfalls Lehrer waren. Wie Oskar Spiel besuchte auch Franz
Scharmer Vorlesungen über Marxismus, die der Philosoph Max
Adler am Karl-Marx-Institut in Wien hielt.
Mit seinen beiden Kollegen zusammen beteiligte sich Scharmer
an der Umsetzung der Glöckel'schen Schulreform und der Anwen-
dung individualpsychologischer Methoden an Schulen. Nach vor-
angegangenen Unterrichtsversuchen an anderen Schulen wurde
ihnen 1931 von der Wiener Schulbehörde ermöglicht, in der
Hauptschule für Buben in der Staudingergasse im 20. Bezirk in
Wien einen großen Schulversuch durchzuführen. Ganz bewusst
wurde keine elitäre Schule, sondern eine Sprengelschule gewählt,
die vornehmlich von Kindern aus einfachen Verhältnissen besucht
wurde.
Ziel der neuen Unterrichtsmethoden war es, die Sozialisations-
fähigkeit der Kinder zu fördern, die Eltern in schulische Belange
miteinzubeziehen und eine Chancengleichheit für die oft aus
unterprivilegierten Schichten stammenden Kinder zu erreichen.
Ein wesentlicher Teil der pädagogischen Neuerungen waren Aus-
sprachegruppen in Form von »Klassenbesprechungen«, wo ver-
schiedenste persönliche, organisatorische oder didaktische Anlie-
gen der Schüler gemeinsam mit dem Lehrer besprochen wurden.
Die Lehrer hatten die Möglichkeit, freizügigere Unterrichtsmetho-
den anzuwenden, wobei flexibler auf die Bedürfnisse der Schüler
eingegangen werden sollte. Gruppenunterricht wurde abgehalten,
der die Gemeinschaftsbezogenheit der Schüler stärken sollte. Ein
wesentlicher Gedanke der Methode war es, psychisch gesunde Kin-
der zu Miterziehern und quasi Therapeuten für ihre schwierigeren
oder auch psychisch gestörten Kollegen zu machen. Auch Kinder
mit leichten Behinderungen wurden in den Klassenverband inte-
griert. Die verschiedenen pädagogischen Techniken sollten insbe-
sondere der Persönlichkeitsentwicklung des einzelnen Kindes
dienen, den Schülern mehr Selbstverantwortung geben und Auto-
ritätsstrukturen abbauen. Diese Schulversuche, über die in zahl-

182
reichen Fachzeitschriften berichtet wurde, zogen auch aus dem
Ausland Interessierte nach Wien.
Im Zuge des Verbots der sozialdemokratischen Partei nach den
Februarereignissen im Jahr 1934 durch das austrofaschistische
Regime wurden die Schulversuche eingestellt, und ebenso wie Fer-
dinand Birnbaum und Oskar Spiel, wurde auch Franz Scharmer
versetzt. Er zog sich in der Folge sehr zurück und betätigte sich als
Privatgelehrter. Erst im Jahr 1945 wurde er zum Direktor einer
Lehrerbildungsanstalt berufen.
Franz Scharmer war einer der wenigen Individualpsychologen,
die während der nationalsozialistischen Ära in Wien blieben. Auch
nach dem Krieg engagierte er sich im Verein für Individualpsycho-
logie und ebenso wie seine Kollegen Ferdinand Birnbaum und
Oskar Spiel hielt auch er Vorträge und Seminare am Pädagogischen
Institut der Stadt Wien, die sehr gut besucht waren. Am 27. Novem-
ber 1984 starb Franz Scharmer 93-jährig in Wien.
Bibliographie
Scharmer, F.; Spiel, O. (1928): Die Schulklasse: eine Arbeits- und Lehrge-
meinschaff. Ein Lösungsversuch auf Grund individualpsychologischer
Methode. IZIP 6: 236-251.
Scharmer, F. (1948): Rezension von H. Hanselmann: Einführung in die
Heilpädagogik. IZIP 17/3: 139-140.
Scharmer, F. (1949): Rezension von H. Hanselmann: Grundlinien zu einer
Theorie der Sondererziehung. IZIP 18/1: 41—42.
Archivalien
Stadt- und Landesarchiv Wien: Polizeiliche Meldeunterlagen.
Literatur
Doblhofer, H. (1985): Im Gedenken an Franz Scharmer. ZIP 10: 146-
147.
Spiel, W. (1977): Aufstieg, Krise und Renaissance des Wiener Vereins für
Individualpsychologie. In: Ringel, E.; Brandl, G. (Hg.): Ein Österreicher
namens Alfred Adler. Seine Individualpsychologie - Rückschau und
Ausblick. Wien, S. 155-165.
Spiel, W. (1981): Die Individualpsychologische Versuchsschule von Oskar
Spiel und Ferdinand Birnbaum. In: Adam, E. (Hg.): Die österreichische
Reformpädagogik 1918-1938. Symposiumsdokumentation. Wien,
S. 163-172.

183
EDMUND SCHLESINGER

Der am 18. Mai 1892 in Paris geborene Edmund Schlesinger kam


als Jugendlicher nach Wien, wo er schon bald in der sozialdemo-
kratischen Jugendbewegung aktiv war. Er studierte Rechtswissen-
schaften an der Wiener Universität und arbeitete danach als Rechts-
anwalt in Wien. Er war Rechtsvertreter von Gewerkschaften und
nach dem Justizpalastbrand am 15. Juli 1927 Strafverteidiger der
angeklagten Sozialdemokraten und Schutzbündler. Als Mitglied
der Sozialdemokratischen Partei betätigte er sich eine Zeit lang als
Vorstandsmitglied einer Bezirksorganisation in Wien.
Als Individualpsychologe interessierte sich Edmund Schlesinger
besonders für kriminalpsychologische Themen. In den frühen
1930er Jahren leitete Edmund Schlesinger die »Arbeitsgemein-
schaft für individualpsychologische Kriminologie«. Man traf sich
alle zwei Wochen, referierte und diskutierte über psychologische
Hintergründe von Verbrechen, Charaktereigenschaften von Straf-
fälligen, Auswirkung von Verwahrlosung und ähnliche Themen.
Edmund Schlesinger war außerdem Vortragender an der individu-
alpsychologischen Sommerschule, die 1932 am Semmering unter
Teilnahme zahlreicher ausländischer Interessenten stattfand.
Nach den Februarkämpfen im Jahr 1934 emigrierte Schlesinger
nach Paris, wo er ab 1938 Mitglied in der dortigen Auslandsvertre-
tung der Sozialdemokraten war und unter anderem Hilfe für die
Republikaner in Spanien organisierte. Er arbeitete im französischen
Rundfunk und war Mitarbeiter der Pariser Wochenzeitschrift
»Vendredi«, wo er unter anderem Artikel zu pädagogischen The-
men publizierte. Edmund Schlesinger engagierte sich auch im
Mateotti-Komitee, einer Teilorganisation der Zentralvereinigung
»Federation des Emigres provenant d'Autriche«, die zum Ziel
hatte, österreichische Emigranten zu unterstützen und ihnen Hilfe
zukommen zu lassen.
In Paris hatte Schlesinger Kontakt mit anderen emigrierten
Individualpsychologinnen und Individualpsychologen wie etwa
Sophie Lazarsfeld, Alexander Neuer und Emmerich Weissmann.
Als 1940 deutsche Truppen in Frankreich einmarschierten, wurde
die Situation für die Emigranten gefährlich. Etliche Mitglieder der
Auslandsvertretung der Sozialdemokratischen Partei, wie Ernst

184
Papanek und seine Familie, bemühten sich um die Einreisegeneh-
migung für die USA, die schließlich mit Hilfe des Jewish Labor
Committee und des persönlichen Einsatzes von Eleanore Roosevelt
gewährt wurde. Im September 1940 konnte Edmund Schlesinger
mit seiner Frau Frida Schlesinger-Hagen und seiner Tochter Hilde
auf der »Nea Hellas« nach New York fahren.
In den USA unterrichtete Edmund Schlesinger zuerst an der
Cornell University in New York. Auch in New York betätigte er sich
als Individualpsychologe. Er war Mitglied des Executive Commit-
tee der Individual Psychology Association of New York und hielt
immer wieder Vorträge im Rahmen der individualpsychologischen
Vereinigung.
Seit 1946 unterrichtete er als Professor of Modern Languages
am Louisville University College in Louisville, Kentucky. 1955 rief
er dort ein jährliches Filmfestival ins Leben, das er bis zu seinem
Tod weiterführte. Seine Frau Frida arbeitete ebenfalls an der Uni-
versity of Louisville als Bibliothekarin. Edmund Schlesinger starb
am 5. April 1968 in Louisville.
Bibliographie
Schlesinger, E. (1927): Ermutigung und Ermutigungsanstalten. IZIP 6:
81-85.
Schlesinger, E. (1931): Hat der Verbrecher Gemeinschaftsgefühl? IZIP 9:
145-150.
Schlesinger, E. (1941): A fighter for youth (Ida Loewy). IPN 1/8-9: 10-11.
Schlesinger, E. (1941): Der Gaunervater: In memory of my friend Hugo
Sperber. IPN 1/8-9: 14-16.
Archivalien
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes: Brief von
Edmund Schlesinger an J. Deutsch, 23.9.1936 (Akt 10757).
Brief von Edmund Schlesinger an J. Bindel, 2.7.1945 (Akt 3269/1).
Bericht betreffend die Zentralvereinigung österreichischer Emigranten in
Paris (Federation des Emigres provenant d'Autriche), 3.11.1941 (Akt
3348).
Literatur
o. N. (1968): Edmund Schlesinger gestorben. Nachruf in der Arbeiterzei-
tung^. April 1968,o. S.
o. N. (1968): Schlesinger, E. R. (1893-1968). JIP 24/2: 218-219.
Röder, W.; Strauss, H. A. (Hg.) (1980): Biographisches Handbuch der
deutschsprachigen Emigration 1933. Band 1. München.

185
DÖW (Hg.) (1995): Österreicher im Exil. USA 1938-1945. Eine Doku-
mentation. Band I. Wien.
Rom, P. (1969): Edmond R. Schlesinger (1892-1968). IPNL 18/5-6: 35-
36.
IP 4/2 (1967), IPB 3/1 (1943), IPB 4/2 (1944-45).

EDMUND SCHLETTER

Der am 13. April 1891 in Neu-Zuczka, Cernauti (Czernowitz) in


der Bukowina geborene Jurist Edmund Schletter unterzog sich in
den Jahren 1924 bis 1925 einer Psychoanalyse bei Alfred Adler. Er
war Mitglied des Individualpsychologischen Vereins, arbeitete mit
jugendlichen Kriminellen, hielt Vorträge im Verein und publizierte
in der Internationalen Zeitschrift für Individualpsychologie.
Im Jahr 1940 emigrierte er in die USA, wo er an der New York
University Klinische Psychologie studierte. 1949 bekam er den
Master Degree. Danach absolvierte er weitere Ausbildungen an der
Fordham University und am Postgraduate Center for Psycho-
therapy. Er studierte später noch an der Northwestern University
und an der North Dakota State University. Als Senior Clinical Psy-
chologist arbeitete er bis 1957 am State Hospital in Jamestown in
North Dakota und hatte außerdem eine eigene psychotherapeu-
tische Praxis. Von 1958 bis 1959 war er in der Alfred Adler Mental
Hygiene Clinic in New York als Individualpsychologe tätig und
publizierte einige Artikel über psychotherapeutische Methoden. Er
war Mitglied der American Psychological Association. Edmund
Schletter starb am 23. August 1964 in Syracuse im Staat New
York.
Bibliographie
Schletterer, E. (1929): Zur Psychologie des Selbstmordes. IZIP 7: 7-14.
Schletterer, E. (1936): Concerning a caseof suicide. IJIP 2/2: 54—61.
Schletterer, E. (1946): A contribution to the psychology of suicide. IPB 5:
119-123.
Schletterer, E. (1956): Some techniques used in psychotherapy with mental
patients.AJIP 12: 25-45.

186
Schletterer, E. (1957): Psychotherapy with mental patients and counseling
with their relatives. JIP 13: 56-67.
Schletterer, E. (1958): Rezension von C. Midelfort: The family in psycho-
therapy. JIP 14:93-94.
Schletterer, E. (1959): The treatment ofa juvenile delinquent. In: Adler, K.
A.; Deutsch, D. (Hg.): Essays in Individual Psychology. Contemporary
application of Alfred Adler's theories. New York, S. 412-123.
Archivalien
Stadt- und Landesarchiv Wien: Polizeiliche Meldeunterlagen.
Literatur
Adler, K. A.; Deutsch, D. (Hg.) (1959): Essays in Individual Psychology.
Contemporary application of Alfred Adler's theories. New York.
Handlbauer, B. (1987): »Lernt fleißig Englisch«: Die Emigration Alfred
Adlers und der Wiener Individualpsychologen. In: Stadler, F. (Hg.):
Vertriebene Vernunft IL Emigration und Exil österreichischer Wissen-
schaft. Wien S. 268-287.
o. N. (1965): Edmund Schletter (1891-1964). JIP 21/1: 112.

OSWALD SCHWARZ

Geboren am 31. Oktober 1883 in Brunn, studierte Oswald Schwarz


Medizin sowohl an der Wiener Universität als auch in Straßburg,
München und Berlin. Er promovierte im Jahr 1906 und absolvierte
ein Jahr Militärdienst. Von April bis Oktober 1908 war er Gastarzt
an der Vierten Medizinischen Abteilung im Allgemeinen Kranken-
haus bei Professor Friedrich Koväcs. Danach arbeitete er ein Jahr
unter Professor Anton von Eiseisberg an der Ersten Chirurgie der
Universität Wien und später an der Klinik für Geburtshilfe bei Pro-
fessor Friedrich Schauta. Nach einem kurzen Studienaufenthalt in
Deutschland bekam er 1912 eine Anstellung an der Urologischen
Abteilung der Allgemeinen Poliklinik in Wien. Nebenbei betrieb er
wissenschaftliche Studien an verschiedenen chemischen Laborato-
rien, am Serotherapeutischen Institut und am Pharmakologischen
Institut.
Im August 1914 wurde Oswald Schwarz als Oberarzt zum

187
Kriegsdienst eingezogen und zunächst an der russischen Front ein-
gesetzt, kam aber dann auf Grund einer Erkrankung nach Wien,
wo er weiterhin in militärischer Funktion an der Ersten Chirurgie
arbeitete. 1916 meldete er sich nochmals freiwillig an die Front und
wurde in verschiedenen Feldspitälern am italienischen Kriegs-
schauplatz als Chirurg eingesetzt. Für seine militärärztlichen Leis-
tungen während mehrerer Isonzoschlachten wurde er mehrfach
dekoriert.
Nach dem Krieg arbeitete Schwarz wieder an der Poliklinik.
Daneben unterrichtete er an der Postgraduate School der Ameri-
can Medical Association in Wien. Im März 1919 habilitierte er sich
mit 35 Arbeiten auf den Gebieten Chemie, Serologie, experimen-
telle Pharmakologie, Chirurgie und Urologie. Im Jahr 1938 wurde
ihm die Venia Legendi aus »rassischen Gründen« entzogen.
In seinen wissenschaftlichen Arbeiten setzte sich Oswald
Schwarz mit verschiedenen Themen der Urologie wie der norma-
len und pathologischen Blasenphysiologie und der Nierenfunkti-
onsdiagnostik auseinander. Weiterer Untersuchungen und Publi-
kationen betrieb er auf dem Gebiet der Sexualforschung und
Sexualpathologie. Ein wichtiges Forschungsanliegen für Oswald
Schwarz waren die psychosomatischen Hintergründe der verschie-
denen organischen Erkrankungen. Oswald Schwarz veröffentlichte
etliche wissenschaftliche Aufsätze und mehrere Bücher. Sein 1925
erschienenes Buch »Sexualität und Persönlichkeit« wird von dem
Psychoanalytiker Alfred Freiherr von Winterstein (1925) in einer
Rezension in der Neuen Freien Presse lobend erwähnt. Zum Buch
»Sexualpathologie« bemerkt der Psychiater Professor Pötzl, es
handle sich weniger um eine urologische als eher um eine psych-
iatrische Arbeit, die »stark theoretisch, geistvoll-philosophisch« sei
(Personalakt, Brief von Prof. Eiseisberg an das Professorenkolle-
gium).
Oswald Schwarz war Mitglied im Verein für Individualpsycho-
logie und arbeitete auch als Psychotherapeut. Im Verein, an der
Volkshochschule, im »Akademischen Verein für medizinische Psy-
chologie« und an verschiedenen anderen Institutionen hielt er Vor-
träge zu psychologischen Themen. Durch seine Vortragstätigkeit
auf dem Gebiet der Sexualforschung und Beratung beteiligte er
sich auch wesentlich an der sexualaufklärerischen Bewegung im

188
Wien der Zwischenkriegszeit. 1927 kam es innerhalb der individu-
alpsychologischen Gruppe zu einem heftigen Streit mit dem katho-
lisch-philosophisch orientierten Rudolf Allers. Im Zuge dieser
Auseinandersetzungen traten sowohl Rudolf Allers als auch Oswald
Schwarz aus dem Verein für Individualpsychologie aus. Zu diesem
Vorfall bemerkt der ursprünglich in Paris tätige, später nach Spa-
nien emigrierte Individualpsychologe Oliver Brachfeld in einem
Brief an Walter Spiel:
»Auch ich war schon immer, seit meiner Studentenzeit in Wien 1926 der
Meinung, dass die Individualpsychologen keine solchen Persönlichkeiten
besaßen, wie die Psychoanalytische Bewegung - zumal ja die Allers,
Schwarz, Sperber (Manes), Kunkel [Fritz Kunkel, Berliner Individualpsy-
chologe] hinausgeekelt wurden« (Brachfeld, 10. April 1963).
Oswald Schwarz war verheiratet mit Irma Schwarz, geborene Selig-
mann. Das Ehepaar hatte zwei Söhne, Hanspeter und Gerhard. Im
Jahr 1934 ging Schwarz zu Forschungszwecken nach England. Auf-
grund der politischen Situation kehrte er nicht nach Österreich
zurück. In London arbeitete Schwarz als Psychologe. Sein letztes
Werk »The psychology of sex« wurde 1949 veröffentlich und mehr-
mals wieder aufgelegt. Im Internet findet sich folgender Kommen-
tar zu Oswald Schwarz:
»Die wissenschaftliche Leistung von Schwarz liegt vor allem im Brücken-
schlag zwischen Medizin und philosophischer Anthropologie, wodurch er
neben Felix Deutsch im damaligen Wien zu einem Pionier des psychoso-
matischen Denkens wurde. Den besonderen Arbeitsschwerpunkt legte er
jedoch auf die Sexualpathologie, die er anthropologisch zu verstehen und
philosophisch-theologisch zu deuten versuchte« (Längle et al. 2001).
Oswald Schwarz starb im Jahr 1949 in London.
Bibliographie
Schwarz, O. (1923): Sinnfindung als Kategorie des ärztlichen Denkens.
Klin.Wchnschr. 24.
Schwarz, O. (1923): Rezension von S. Alrutz: Gibt es eine rein nervöse
Erkrankung. IZIP 2/1: 44.
Schwarz, O. (1924): Sexualpsychopathologie. IZIP 2/3: 50-53.
Schwarz, O. (1929): Medizinische Anthropologie. Leipzig.
Schwarz, O. (1931): Über Homosexualität. Leipzig.
Schwarz, O. (1934): Sexualität und Persönlichkeit. Wesen und Form ihrer
Beziehungen. Wien.
Schwarz, O. (1935): Sexualpathologie. Wien.

189
Archivalien
Stadt- und Landesarchiv Wien: Polizeiliche Meldeunterlagen.
Universitätsarchiv Wien: Personalakt.
Literatur
Brief von Oliver Brachfeld an Walter Spiel, 10. April 1963 (Privatbesitz
Walter Spiel).
Bruder-Bezzel, A. (1999): Geschichte der Individualpsychologie. Göt-
tingen.
Längle, A. ; Lebensaft, E.; Mentschl, C. (2001): Schwarz, Oswald. Zugriff
unter: www.oeaw.ac.at/oebl/bios/55lfg/schwarz_oswald.htm.
Levy, A. (2002): Oswald Schwarz - Pionier der Psychosomatik. In: Levy, A.;
Mackenthun, G. (Hg.): Gestalten um Alfred Adler. Pioniere der Indivi-
dualpsychologie. Würzburg, S. 239-249.
Mühlberger, K. (1993): Vertriebene Intelligenz. Der Verlust geistiger und
menschlicher Potenz an der Universität Wien von 1938 bis 1945.
Wien.
Schwarz, O. (1967): The psychology of sex. Bungay, Suffolk.
Winterstein, A. (1925): Rezension O. Schwarz: Sexualität und Persönlich-
keit. Neue Freie Presse, 23. Juni 1925, S. 25.

REGINE SEIDLER

Die Hauptschullehrerin Regine Seidler wurde am 7. August 1895


in Wien geboren. Sie lernte Alfred Adler in den frühen 1920er Jah-
ren bei einer seiner öffentlichen Beratungen kennen, zu der sie ein
Kind aus ihrer Klasse gebracht hatte. Schon bald war sie eine
begeisterte Anhängerin der Individualpsychologie. Ebenso wie ihre
Lehrer-Kollegen Oskar Spiel und Ferdinand Birnbaum aus dem
Adler-Kreis war sie aktiv daran beteiligt, individualpsychologische
Ideen und Methoden im Schulbereich bekannt zu machen und
anzuwenden. Besonderen Wert legte sie darauf, die Zusammenar-
beit von Lehrern, Eltern und Schülern zu fördern. Sie errichtete
eine der ersten Erziehungsberatungsstellen an einer Schule und
war auch am weiteren Aufbau von individualpsychologischen
Beratungsstellen in Wien maßgeblich beteiligt. Wie Walter Spiel (o.
D.) berichtet, war er selbst als Zwölfjähriger wegen Verhaltensstö-

190
rungen in Therapie bei Regine Seidler, die vorsichtig versuchte,
sein Vertrauen zu gewinnen und sein Gemeinschaftsgefühl zu
wecken. Regine Seidler hielt Vorträge im Verein für Individualpsy-
chologie sowie einige Kurse im Volksheim über Pädagogik und
Individualpsychologie. Von 1926 bis 1932 war sie Vorstandsmit-
glied des Vereins, davon zwei Jahre als stellvertretende Vorsitzende
beziehungsweise Ehrenvorsitzende.
Sie war Mitglied in der »Wiener pädagogischen Arbeitsgemein-
schaft« und später in der »Arbeitsgemeinschaft der Berater und
Erzieher«. In diesen Arbeitsgemeinschaften wurde über pädago-
gische Arbeit auf einer individualpsychologischen Grundlage refe-
riert und diskutiert und eine wissenschaftliche Auseinanderset-
zung auch mit anderen pädagogischen Richtungen angeregt. Neben
einigen Kollegen war Regine Seidler Mitarbeiterin und Vortra-
gende bei einem Fortbildungskurs für Erzieher mit besonderer
Berücksichtigung von Schwererziehbarkeit, der 1929 mit Unter-
stützung des Wiener Stadtschulrates unter Leitung der Individual-
psychologin Alice Friedmann organisiert worden war und bis 1937
weitergeführt werden konnte. In den Kursabenden, die anfangs
zweimal und später dreimal pro Woche stattfanden, besprach man
Fälle aus der Praxis, berichtete aus den Erziehungsberatungsstellen
und referierte über individualpsychologische Themen.
Regine Seidler publizierte in der IZIP und in Lehrerzeitschriften.
In ihren Artikeln befasst sie sich mit Fragen der Anwendung der
Individualpsychologie in der Schule, den Möglichkeiten einer indi-
vidualpsychologischen Pädagogik im Umgang mit Schülerinnen
und Schülern sowie mit allgemeinen Themen der Erziehungsbera-
tung. Anhand der Analyse von Aufsätzen und Träumen beispiels-
weise, versucht sie die Persönlichkeit und momentane Lebenssitu-
ation ihrer Schülerinnen zu verstehen. Sie beschäftigt sich mit den
Lebensumständen, mit der Familienkonstellation und der sozialen
Einstellung des Kindes und seiner Umgebung. Sie interessiert sich
für die Themen, die das Kind beschäftigen, beobachtet das Verhal-
ten in der Schule sowie den Umgang mit eigenen Problemen und
analysiert den Stil der Aufsätze. Regine Seidlers Analysen und
Interpretationen sind sehr sorgfältig und einfühlsam. Was sie
besonders hervorhebt, sind die Wichtigkeit des Erlebens von
Gemeinschaft und die Erziehung zur Gemeinschaft.

191
Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft musste sie Österreich ver-
lassen. Laut den Meldeunterlagen ist sie mit 21. Oktober 1939 abge-
meldet; als Zielort sind die USA angegeben. Mit Hilfe von Freunden
aus dem Adler-Kreis gelang es ihr, in die Vereinigten Staaten zu
emigrieren. Sie kam zunächst nach Rochester im Staat New York,
wo sie die Universität besuchte, um den Bachelors Degree zu
bekommen. 1941 arbeitete sie einige Monate als Erzieherin in
einem Erholungsheim für Kinder in Rochester, kurz daraufbekam
sie eine Stellung in Auburn als »girls worker« in einer Preparatory
School, ein Jahr darauf wurde sie Direktorin des Neighborhood
House, einer sozialen Einrichtung mit Krabbelstube, Kindergarten
und Freizeitangeboten für Schulkinder und Eltern. Nebenbei
unterrichtete sie Psychologie an einer Erwachsenenbildungsein-
richtung. Von ihrem kleinen Gehalt zahlte sie das Geld zurück, das
sie sich sowohl für die Überfahrt als auch für ihr Studium in Roches-
ter geliehen hatte. Um den Master Degree zu machen, studierte sie
weiter an der dreißig Meilen entfernten Universität von Syracuse.
Während dieser Zeit arbeitete sie auch im Sommer als »children
hostess« in einem Hotel, um ihr Gehalt etwas aufzubessern.
In einem Brief an Oskar Spiel berichtet Regine Seidler, dass sie
auch Individualpsychologie unterrichte und individualpsycholo-
gische Methoden im Kindergarten anwende. Allerdings hätten die
Ereignisse in Europa eine große Desillusionierung in ihr hinterlas-
sen. Persönlich zutiefst getroffen durch den Tod ihrer Mutter und
eines Bruders, die im Konzentrationslager umgekommen waren,
hätte sie ihren Glauben an positive Veränderungsmöglichkeiten
verloren.
»Wir haben 20 Jahre lang >Schulreform< getrieben, d. h. wir haben in dem
Wahn gelebt, dass wir die Kinder im Arbeitsunterricht zum Selbstdenken
und unabhängigen Urteilen erziehen - und alle unsere Arbeit war ohne
Erfolg« (Brief Seidler, o. D.).
1947 ging sie nach Des Moines in Iowa, wo sie als Psychologin an
einer Erziehungsberatungsstelle arbeitete. Sie starb am 27. Februar
1967 in Des Moines.
Bibliographie
Seidler, R. (1929): Rivalität der Geschwister. IZIP 7: 225-226.
Seidler, R. (1930): Die Erfassung der Schülerpersönlichkeit. IZIP 8: 522-
529.

192
Seidler, R. (1932): Der Schüleraufsatz als Ausdruck der kindlichen Persön-
lichkeit. IZIP 10:304-311.
Seidler, R. (1933): Kinderträume. IZIP 11: 450-459.
Seidler, R. (1935): Die Schule als Erlebnis. IZIP 13: 167-176.
Seidler, R. (1935): Die Entwicklung der individualpsychologischen Erzie-
hungsberatungsstellen in Wien. IZIP 13: 217-220.
Seidler, R. (1937): Alfred Adler als Erziehungsberater. IZIP 15: 159-162.
Seidler, R. (1937): School compositions help disclose life-style. IJIP 3/3:
233-242.
Seidler, R. (1946): Escape into delinquency: the case of Robert E. IPB 5/3.
Seidler, R. (1946): Hattie the Marionette. IPB 5/4. (1947): Alfred Adler and
the Teachers. IPB 6/1-2.
Seidler, R. (1948): The phenomenon of overcompensation. IPB 6/4.
Seidler, R. (1948): Ferdinand Birnbaum's contribution to Individual Psy-
chology. IPB 6: 162-163.
Seidler, R. (1966): Individual Psychology in activity group therapy. IP 4/1:
1-4.
Seidler, R. (1967): The Individual Psychology looks at tesfing. IP 5/1: 3-6.
Archivalien
Alfred Adler Institut Wien: Brief von Regine Seidler an Oskar Spiel, o. D.
Stadt- und Landesarchiv Wien: Polizeiliche Meldeunterlagen.
Literatur
Dreikurs, R. (1967): Regine Seidler (1895-1967). JIP 23/1: 137.
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
Handlbauer, B. (1987): »Lernt fleißig Englisch«: Die Emigration Alfred
Adlers und der Wiener Individualpsychologen. In: Stadler, F. (Hg.):
Vertriebene Vernunft IL Emigration und Exil österreichischer Wissen-
schaft. Wien, S. 268-287.
IZIP 6 (1928), IZIP 8 (1930), IZIP 9 (1931), IZIP 10 (1932).
IPB 2/1 (1942), IPB 2/4 (1942), IPB 5 (1968).

193
ROSA SEIDMANN (SHOSHANA SEIDMANN ODER ZEIDMANN)

Rosa Seidmann wurde am 31. Januar 1897 in Wiznitz am Czere-


mosz in der Bukowina geboren. Sie studierte an der Universität
Wien Medizin und promovierte 1926. Über ihre Tätigkeit als Indi-
vidualpsychologin ist leider wenig bekannt. 1931 heiratete sie den
Landwirt Alfred Waldinger und war bis August 1938 als Dr. Rosa
Waldinger in der Unteren Augartenstraße gemeldet. Am 8. August
meldete sie sich »ins Ausland« ab. Sie emigrierte nach Palästina.
Paul Rom, ein deutscher Individualpsychologe, der 1933 nach
England ausgewandert war, erwähnt sie 1980 in einem Artikel:
»I assimilated easily what the latter taught so clearly in Der Weg zum Wir
and lost the book with most of the others when I left Hitler's Germany in
November 1933. yet, to my surprise, I came across it in 1961 when paying
a visist, in Jerusalem, to Rosa (Shoshana) Seidmann, a Viennese Adlerian
who had emigrated to Palestine.«
Bibliographie
Seidmann, R. (o. J.): Arelah (Mikre shel tipul ba-yeled be'emtsaut mis-
chak). (Case of child treated with play therapy.) In: Kovets Individual-
psikhologie, S. 128-141.
Seidmann, R. (o. J.): Kavim le-psikhologie shel ha-yaldut. (Outlines of
child psychology.) In: Kovets Individualpsikhologie, S. 104-127.
Archivalien
Universitätsarchiv Wien: Rigorosenprotokoll.
Stadt- und Landesarchiv Wien: Polizeiliche Meldeunterlagen.
Literatur
Handlbauer, B. (1987): »Lernt fleißig Englisch«: Die Emigration Alfred
Adlers und der Wiener Individualpsychologen. In: Stadler, F. (Hg.):
Vertriebene Vernunft IL Emigration und Exil österreichischer Wissen-
schaft. Wien, S. 268-287.
Rom, P. (1980): An Adlerian remembers ... IPNL 29/5: 89-91.

194
LYDIA SICHER

Am 19. Dezember 1890 kam Lydia Sicher, geborene Bak, in Wien


zur Welt. Sie besuchte ein Mädchengymnasium, maturierte 1910
und begann danach das Studium der Medizin an der Wiener Uni-
versität, das sie 1916 abschloss. Im Ersten Weltkrieg hatte sie sich
als Freiwillige zum Kriegsdienst gemeldet. Zusammen mit ihrem
Mann Harry Sicher, Assistent am Zahnärztlichen Institut der Wie-
ner Universität, war sie in Bosnien und Montenegro im Einsatz.
Kurz nach Ende des Krieges studierte sie zusätzlich Zoologie und
promovierte 1921 zur Doktorin der Philosophie. Von 1926 bis
1932 absolvierte sie ihre Facharztausbildung an der Psychiatrisch-
Neurologischen Universitätsklinik unter Julius von Wagner-Jau-
regg und arbeitete danach als Psychiaterin in privater Praxis.
Sie begegnete Alfred Adler zum ersten Mal im Jahr 1919, als er
einen ihrer Verwandten ärztlich betreute. Noch am selben Tag las
sie sein Buch »Über den nervösen Charakter«, das sie - wie sie
selbst berichtet - sehr beeindruckte und ihr Leben veränderte: »I
read his book from cover to Cover about three times. I got up from
my chair on tuesday morning and the world was different« (Ma-
naster et al. 1977, S. 58 f.). Ab 1923 engagierte sie sich im Verein für
Individualpsychologie und war schon bald eine wichtige Mitarbei-
terin. Von 1929 bis 1934 war sie im Vorstand, außerdem als Vorsit-
zende in der Arbeitsgemeinschaft der Ärzte. Sie hielt etliche Kurse
und Vorträge über verschiedene psychopathologische Themen wie
Neurosen- und Psychosenlehre, Psychologie des Selbstmordes,
Funktion von Träumen und Umgang mit Widerständen. Zu diesen
Themen publizierte sie auch in der IZIP. Sie war Vortragende bei
einem Fortbildungskurs für Erzieher mit besonderer Berücksichti-
gung von Schwererziehbarkeit, der unter Leitung der Individual-
psychologin Alice Friedmann 1929 in Zusammenarbeit mit der
Wiener Schulreform ins Leben gerufen worden war.
Im Jahr 1929 wurde im Mariahilfer Ambulatorium in der Sand-
wirtgasse 3 im 6. Bezirk in Wien eine individualpsychologische
Sprechstunde eingerichtet. Der Direktor des Ambulatoriums,
Dozent Walter Zweig, hatte für diesen Zweck einen Raum zur Ver-
fügung gestellt. In Vertretung Alfred Adlers leitete Sicher dieses für
nervöse Erwachsene gedachte Ambulatorium, das jeden Vormittag

195
ein bis zwei Stunden geöffnet war. Schon bald fanden sich jedoch
immer mehr Kinder ein, woraufhin Lydia Sicher eine eigene Kin-
derambulanz einrichtete, die von der Erzieherin Helene Bader
geleitet wurde. Diese hielt dreimal in der Woche unter Lydia Sichers
Supervision Beratungsstunden für Kinder und deren Mütter ab.
1938 flüchtete Lydia Sicher zusammen mit ihrem Mann vor
dem Nazi-Regime. Aufgrund einer schweren Verletzung, die sie
sich bei einem Autounfall in England zuzog, musste sie fast ein Jahr
lang in Gloucester in England bleiben und konnte erst 1939 eine
Stelle als Consulting Psychologist in der Family Service Society in
Salt Lake City und in einem Jugendgericht in Ogden im Staat Utah
antreten. Außerdem unterrichtete sie an der School for Social Work
an der University of Utah und am Agricultural College in Logan.
Während ihres Aufenthaltes in Utah organisierte sie eine individu-
alpsychologische Gruppe in Salt Lake City. Ihr Mann Harry Sicher
ließ sich in Chicago nieder, wo er eine Stelle als Professor für Ana-
tomie an der Loyola University in Chicago innehatte.
1941 zog Lydia Sicher nach Los Angeles, wo sie im Los Angeles
Psychiatric Service eine Stelle als Assistent Clinical Psychiatrist
innehatte. Seit 1957 arbeitete sie im Rahmen des Psychiatric Out-
patient Department in der Cedars of Lebanon Clinic. Sie unter-
richtete außerdem am College of Medical Evangelists sowie an
etlichen anderen Schulen und Hilfseinrichtungen.
In Los Angeles lebte seit etwa Mitte der vierziger Jahre auch der
Individualpsychologe und Lehrer Paul Brodsky. Zusammen mit
seiner Frau Grete arbeitete er im »Child House«, einem Kindergar-
ten und Tagesheim, wo sich auch Lydia Sicher als Psychotherapeu-
tin betätigte und Vorträge hielt. Wegen interner Streitigkeiten ver-
ließen Lydia Sicher und Paul Brodsky 1948 die Child House
Association. Gemeinsam gründeten sie kurz darauf das Institute
for Individual Psychology in Los Angeles. In diesem Institut wur-
den Vorträge über Behandlung von Neurosen und psychosoma-
tische Krankheiten für Ärzte, Psychiater und Psychologen sowie
Kurse über Erziehungs- und Beratungstätigkeiten für Lehrer, Sozi-
alarbeiter und Bewährungshelfer abgehalten. Die Los-Angeles-
Gruppe rief bald danach eine Erziehungsberatungsstelle, das Alfred
Adler Counseling Center für Schulkinder, ins Leben. Sicher war die
Direktorin dieses Zentrums, das in erster Linie für minderbegü-

196
terte Leute gedacht war. Da von Seiten vieler Ärzte, klinischer Psy-
chologen und Therapeuten großes Interesse an einer individual-
psychologischen Ausbildung bestand, wurde im Jahr 1949 die
Alfred Adler Society of Los Angeles eingerichtet. Lydia Sicher war
Vorsitzende dieser Organisation, die der Ausbildung von Individu-
alpsychologen diente und an der außer ihr auch Paul Brodsky und
Rudolf Dreikurs Kursehielten. Von 1953 bis 1954 war Lydia Sicher
Präsidentin der American Society of Adlerian Psychology.
Sicher schrieb zahllose Rezensionen von Fachbüchern und Arti-
keln, etliche eigene Aufsätze und war Mitherausgeberin des Jour-
nals of Individual Psychology. Von Kollegen wird sie als sehr gute,
allerdings forsche und strenge Therapeutin beschrieben, die ihre
Patienten unbarmherzig in die Zange nahm. Alexandra Adler
nennt ihren therapeutischen Zugang »forceful approach«, ihr Bru-
der Kurt Adler sagt sogar »She had a militant streak (I mean this
favorably)« (Davidson 1991, S. 454f.). Edith Foster, die sich bei ihr
im Wien der 1930er Jahre einer Analyse unterzog, berichtet fol-
gende Begebenheit: »Then I sat opposite her at the desk, telling her
my dreams - she busily writing them down. Once she interrupted
me: >Träumen Sie kürzer! -dreamshorter!< I did« (Davidson 1991,
S. 448). Lydia Sicher starb am 2. April 1962 in Los Angeles.
Ausgewählte Bibliographie
Sicher, L. (1921): Die Entwicklung der Schlundtaschenderivate und der
Thyreoiden beim Kiebitz. Dissertation. Universität Wien.
Sicher, L. (1928): Über einen Fall von manisch-depressivem Irresein. IZIP
6:299-312.
Sicher, L.; Holub, M. (1929): Auch eine einzige Besprechung kann genü-
gen. Das Trauma. IZIP 7: 237.
Sicher, L. (1931): Das erste individualpsychologische Ambulatorium in
Wien. IZIP 9: 312-317.
Sicher, L. (1933): Einige theoretische und praktische Ergebnisse der Per-
sönlichkeitsbetrachtung. IZIP 11: 237-247.
Sicher, L. (1935): The individual in society. IJIP 1/2: 40-50.
Sicher, L. (1936): The murdered one, too, is »guilty«. IJIP 2/4: 37-48.
Sicher, L. (1941): Case history of a stutterer. IPN 1/7: 2.
Sicher, L. (1943): My son, you suffer from a hunchbacked soul. Occup.
Ther. Rehab. 22/5: 207-221.
Sicher, L. (1947): Dedication Address at the Cornestone-Laying Ceremony
ofChildhouse, August 12. IZIP 16: 111-112.
Sicher, L. (1949): »Change of life«. Med. J. Psychother. 3: 399-409.

197
Sicher, L. (1949): Freedom orliberty. An excursion into the junglesof lan-
guage and psyche. IZIP 18: 166-173.
Sicher, L. (1950): The family constellation (in the old testament). Life and
Letters 64/12-24: 88-104.
Sicher, L. (1950): Guilt and guilt feelings. IPB 8: 4-11.
Sicher, L. (1950): Wer ist »man«? IZIP 19: 1-8.
Sicher, L. (1953): Is the human race a mistake of nature? Humanist 13/5:
208-212.
Sicher, L. (1954): Education for freedom. AJIP 11: 97-103.
Sicher, L. (1958): Neurotic sovereignity. JIP 14: 139-141.
Sicher, L. (1961): A propos »Heurigen«. IPNL 11/5-6: 23.
Sicher, L.; Mosak, H. H. (1967): Aggression as a secondary phenomenon.
JIP 23: 232-235.
Archivalien
Universitätsarchiv Wien: Promotionsprotokoll, Rigorosenprotokoll.
Literatur
Brodsky, P. (1962): Lydia Sicher (1890-1962). JIP 18/2: 184-186.
Davidson, A. K. (Hg.) (1991): The collected works of Lydia Sicher: An
Adlerian perspective. Fort Bragg, Ca.
o. N. (1962): Lydia Sicher. New York Times, 4. April 1962, S. 43.
Manaster, G. J.; Painter,G.; Deutsch, D; Overholt, B. J. (Hg.) (1977): Alfred
Adler: As we remember him. Chicago.
Schiferer, H. R. (1995): Alfred Adler: Eine Bildbiographie. München.
IPB 8/3-4 (1950), IP 4/2 (1967).

M A N E S SPERBER

Geboren am 12. Dezember 1905 im ostgalizischen Schtetl Zablo-


tow, wuchs Manes Sperber in einer streng gläubigen chassidischen
Familie auf. In seinem Umfeld herrschte Armut, jedoch wurde die
Tradition von Bildung und Diskussion hochgehalten. Als im Ersten
Weltkrieg Österreicher und Russen um das Schtetl kämpften und
einmal die einen, einmal die anderen die Stadt besetzten, floh die
Familie dreimal vor den russischen Truppen. Im Frühsommer
1916 verließ die Familie Sperber das Schtetl endgültig und erreichte
im Juli 1916 Wien, wo sie bald völlig verarmte. Der krasse Gegen-

198
satz zwischen der Armut großer Teile der Bevölkerung, besonders
der jüdischen Einwanderer aus Ostgalizien und dem immer noch
vorhandenen kaiserlichen Prunk, war für Sperber ein Auslöser sei-
ner späteren Hinwendung zum Sozialismus (Isler 1998).
Manes Sperber trat schon bald dem Haschomer Hatzair bei,
einer jüdischen Jugendorganisation, die im Lauf der Zeit eine
immer stärkere zionistische Ausrichtung bekam. Gleichzeitig ent-
fernte er sich mehr und mehr von den religiösen und moralischen
Traditionen seines Elternhauses und begeisterte sich für die revo-
lutionäre Aufbruchstimmung des Sozialismus. Im Alter von sech-
zehn Jahren hörte Sperber Alfred Adlers Vorlesungen an der Volks-
hochschule. An einem Abend hielt er selbst einen Vortrag über die
»Psychologie des Revolutionärs«, woraufhin ihn Adler zum enge-
ren Kreis der Individualpsychologen einlud. In der Folge erwarb
Sperber ein Diplom als Heilpädagoge für schwererziehbare Kinder,
nahm an vielen Veranstaltungen der Individualpsychologen teil,
engagierte sich selbst als Vortragender und Therapeut und publi-
zierte in der IZIP. Zwischen Adler und Sperber, der sich mit den
Ideen der zu dieser Zeit stark sozial und pädagogisch ausgerichte-
ten Individualpsychologie schnell identifizierte, entwickelte sich
bald eine intensive Beziehung. Voll Verehrung schreibt Sperber in
seinem 1926 erschienenen Buch »Alfred Adler. Der Mensch und
seine Lehre« über seinen Lehrer.
Im Jahr 1927 ging Manes Sperber nach Berlin, wo er sich der
dortigen individualpsychologischen Ortsgruppe widmen sollte,
die seit 1924 vom konservativen, deutschnationalen Fritz Kunkel
und dessen Frau geleitet wurde. Im prestigeträchtigen Berlin, dem
damaligen kulturellen und wissenschaftlichen Zentrum Europas,
sollte Sperber korrigierend auf diese von Adler missbilligte Aus-
richtung einwirken. Eine Zeit lang gab er in Berlin die »Zeitschrift
für individualpsychologische Pädagogik und Psychohygiene« her-
aus. Schon bald schloss sich Sperber, der schon längere Zeit in
kommunistischen Kreisen verkehrte, immer enger an die Kommu-
nistische Partei an und begann eine marxistische Individualpsy-
chologie zu entwickeln, wobei es ihm darum ging, die Individual-
psychologie in die Arbeiterbewegung einzubringen und soziale
Aspekte stärker zu integrieren. Zur zunehmenden Abkühlung des
Verhältnisses zwischen Adler und Sperber, meint Letzterer, es wäre

199
vor allem die politische Ausrichtung gewesen, die Adler als Gefähr-
dung der individualpsychologischen Sache ansah und daher vehe-
ment bekämpfte. Adler warf den marxistischen Vertretern der
Individualpsychologie vor, »dass sie seine Lehre heillos kompro-
mittierten und die Feindschaft der Rechten und der Nazis gegen sie
systematisch provozierten« (Sperber 1983, S. 188 f.). Allerdings ist
auch zu bedenken, dass Adler bereits um 1920 Bolschewismus und
Kommunismus scharf kritisierte und ablehnte (Bruder-Bezzel
1999). Die inhaltliche und innere Distanzierung führte schließlich
1932 zum Bruch Sperbers mit Adler.
Hitlers Ernennung zum Reichskanzler verwies Sperbers poli-
tische Aktivitäten in die Illegalität. Im März 1933 wurde er von den
Nationalsozialisten inhaftiert. Nach seiner Entlassung folgten Auf-
enthalte in Paris und in Jugoslawien. Sperber arbeitete in dieser Zeit
in zunehmenden Maß als Schriftsteller und engagierte sich weiter-
hin in der Kommunistischen Partei. 1934 wurde Sperber zum ideo-
logischen Leiter des INFA, Institut zum Studium des Faschismus,
einer Propagandaorganisation deutscher Emigranten im Auftrag
der Komintern. Anfänglich im Widerstand gegen das Franco-Spa-
nien wandte er sich im Jahr 1937, entsetzt über die Moskauer Pro-
zesse und in der Gewahrwerdung der Verlogenheit des Systems, von
der Kommunistischen Partei ab. Dort, wo er so viel erwartet hatte,
erfuhr er die größte Enttäuschung, denn statt sozialer Gerechtigkeit
und Gleichheit erlebte er Diktatur und Totalitarismus mit Aus-
wüchsen wie dem Gulag, Schauprozessen und Säuberungen. Sein
Austritt aus der Partei stellte den wesentlichsten und prägendsten
Einschnitt in seinem Leben dar, zu dem Rudolf Isler bemerkt:
»Mit dem Verlassen der Partei betrat Sperber politisches Niemandsland,
das er nie mehr verließ; er geriet vom Verlust der Freunde und vom Verlust
eines umfassenden Erklärungssystems her in Isolation und Einsamkeit; er
ersetzte, wie er selbst sagte, herzerwärmende Gewissheiten durch verein-
samende Einsichten und negative Gewissheiten ohne davon je wieder
abzurücken« (Isler 1998, S. 91).
Allerdings ließen weder der Bruch mit Alfred Adler noch der Bruch
mit der Partei Sperber zum Renegaten werden. Zwar kam es auch
in späteren Jahren zu keiner Wiederannäherung an die Partei, sehr
wohl aber integrierte Sperber sowohl marxistische Ansichten als
auch individualpsychologisches Gedankengut.

200
In der Folge arbeitete Sperber in Paris als Verlagslektor. Unter
den Pseudonymen N. A. Menlos und Jan Heger publizierte er in der
Wochenzeitschrift »Die Zukunft«, ein Blatt der nichtkommunisti-
schen deutschen Opposition im Exil. Als Kriegsfreiwilliger war
Sperber von 1939 bis 1941 in der französischen Armee. Nach dem
Einmarsch der deutschen Truppen zog er sich mit seiner Lebens-
gefährtin und späteren Frau Zenija Zivcons (Jenka Sperber) in eine
kleine Ortschaft an der Cöte d'Azur zurück. Im Sommer 1942, als
auch in den nicht besetzten Gebieten Frankreichs Deportationen
und Inhaftierungen begannen, flüchtete er in die Schweiz. Seine
Lebensgefährtin und der wenige Monate alte Sohn folgten ihm
nach. Sperber lebte zuerst in einem Internierungslager und wurde
dann von der Pfarrersfamilie Maurer aufgenommen. Erst im Jahr
1944 konnte er mit seiner Familie zusammen wohnen. In der
Schweiz erfuhr Manes Sperber von einem Augenzeugen von den
Nazi-Verbrechen im KZ, über die Verfolgung der Juden im pol-
nischen Schtetl und die Zerstörung der Schtetl. Diese Information
prägte sein Leben nachhaltig und stellte einen wesentlichen Ein-
schnitt dar, was zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit
jüdischer Tradition und zu einer neuerlichen Hinwendung zu sei-
ner eigenen jüdischen Identität führte. In späteren Jahren sollte er
sich in wiederholten Israelreisen intensiv mit der jüdischen Frage,
mit Antisemitismus und Zionismus beschäftigen. Sperbers Ausein-
andersetzung mit diesen Themen fand ihren Niederschlag in dem
Essayband »Churban oder Die unfaßbare Gewißheit«.
Im September 1945, nach dreijährigem Exil in der Schweiz, ging
Sperber mit seiner Familie zurück nach Paris, wo er von dem fran-
zösischen Schriftsteller und Informationsminister der proviso-
rischen Regierung de Gaulies, Andre Malraux, mit dem Wiederauf-
bau von Presse, Rundfunk und Verlagswesen in den besetzten
Gebieten Deutschlands und Österreichs beauftragt wurde. In der
Funktion eines Regierungsbeauftragten arbeitete er bis 1948 und
gab in dieser Zeit die Zeitschrift »Umschau« in Mainz heraus. Wie-
der in Paris, wurde er Lektor und später Direktor der Abteilung für
deutschsprachige Literatur bei Calmann-Levy und widmete sich
seiner schriftstellerischen Tätigkeit.
Immer wieder gab Manes Sperber Anlass zu heftigen Kontrover-
sen in der Öffentlichkeit. Die Studentenbewegung von 1968 sah er

201
als totalitäre Ideologisierung einer verwöhnten Generation an,
wobei er den Studenten vorwarf, sie würden die Sache einer demo-
kratischen Linken desavouieren und als Revoluzzer eine schran-
kenlose Freiheit beanspruchen, die jedoch die Freiheit anderer
einschränke. Kurz vor seinem Tod, anläßlich der Verleihung des
Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, bekannte er sich in
seiner Rede zur Nachrüstung und zu einem starken Europa im
Gleichgewicht mit den anderen Weltmächten und erteilte eine
Absage an ein waffenloses, schwaches Europa, das totalitären Regi-
men nur Vorschub leisten würde (Isler 1998).
Manes Sperbers politische Desillusionierung ist wohl das her-
ausragendste Thema in seinen Werken. Seine große Enttäuschung
führte zur unermüdlichen Beschäftigung sowohl mit dem Zeitge-
schehen als auch politischen und sozialpsychologischen Fragestel-
lungen. Immer wieder setzt er sich mit Stalinismus, Nationalsozi-
alismus und Totalitarismus auseinander, beispielsweise in dem
sozialkritischen Essay »Zur Analyse der Tyrannis«. Sowohl in der
Romantrilogie »Wie eine Träne im Ozean« als auch in seiner drei-
teiligen Autobiographie »All das Vergangene ...« verarbeitet er
seine Erfahrungen als Parteimitglied, seine Bewusstwerdung der
Brutalität der stalinistischen Herrschaft und den Bruch mit der
Partei. In seiner Autobiographie berichtet er auch über seine Kind-
heitserinnerungen im jüdischen Schtetl, reflektiert historische
Gegebenheiten und befasst sich mit den psychologischen Hinter-
gründen der Emigration. Unter seinen Schriften finden sich auch
zahlreiche sozialpsychologische und psychologisch-pädagogische
Arbeiten. Im Jahr 1970 beschäftigte sich Sperber in seinem Buch
»Alfred Adler oder das Elend der Psychologie« noch einmal mit
Adler und der Individualpsychologie.
Manes Sperber wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem
mit dem Internationalen Remembrance Award, dem Literaturpreis
der Stadt Wien, dem Büchner-Preis, dem Großen Österreichischen
Staatspreis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Er
starb am 5. Februar 1984 in Paris.
Ausgewählte Bibliographie
Sperber, M. (1926): Alfred Adler: Der Mensch und seine Lehre. München.
Sperber, M. (1928): Typische seelische Störungen des Schulkindes. In:
Lazarsfeld, S. (Hg.): Technik der Erziehung. Leipzig.

202
Sperber, M. (1928): Zur Technik der Traumdeutung. IZIP 6: 195-201.
Sperber, M. (1929): Knut Hamsun. Zu seinem 70. Geburtstag. IZIP 7:
447-449.
Sperber, M. (1930): Die Selbstkontrolle in Therapie und Erziehung. IZIP
8: 102-107.
Sperber, M. (1938): Das Unglück begabt zu sein. Paris.
Sperber, M. (1939): Zur Analyse der Tyrannis. Das Unglück begabt zu sein.
Zwei sozialpsychologische Essays. Paris.
Sperber, M. (1949): Zur täglichen Weltgeschichte. Köln.
Sperber, M. (1951): The burned bramble. New York.
Sperber, M. (1954): Journey without end. New York.
Sperber, M. (1956): A miracle. IPNL 6: 11-12.
Sperber, M. (1957): Le talon d'Achille. Paris. (1961): Wie eine Träne im
Ozean. Berlin. Romantrilogie, bestehend aus: Der verbrannte Dorn-
busch. Mainz (1949), Tiefer als der Abgrund. Köln (1950), Die verlo-
rene Bucht. Köln (1955).
Sperber, M. (1967): Die Liebe und Casanova. Berlin.
Sperber, M. (1970): Alfred Adler oder das Elend der Psychologie. Wien.
Sperber, M. (1970): Alfred Adler revisited. JIP 26: 32-35.
Sperber, M. (1971): Meeting Adler. IPNL 20/5: 86-87.
Sperber, M. (1977): All das Vergangene ... Wien. Dreiteilige Autobiogra-
phie, bestehend aus: Die Wasserträger Gottes. Wien (1974), Die vergeb-
liche Warnung. Wien (1975), Bis man mir Scherben auf die Augen legt.
Wien (1977).
Sperbcr,M. (1978): Individuum und Gemeinschaft. Versuch einer sozialen
Charakterologie. Stuttgart.
Sperber, M. (1979): Churban oder Die unfaßbare Gewißheit. Wien.
Sperber, M. (1980): Nur eine Brücke zwischen gestern und morgen. Wien.
Sperber, M. (1980): Der freie Mensch. Zürich.
Literatur
Bruder-Bezzel, A. (1999): Geschichte der Individualpsychologie. Göt-
tingen.
Büchl, M.; Stenberg, P. A. (Hg.) (1997): Manes Sperber. In: Moser, D.-R.
(Hg.): Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seit 1945.
Band 2. München, S. 1123-1124.
Isler, R. (1998): Manes Sperber. Eine Untersuchung von Leben und Werk
aus pädagogischer Perspektive. Dissertation. Universität Zürich.
Levy, A. (2002): Manes Sperber - von den Abenteuern, Leiden und Irrtü-
mern eines politischen Individualpsychologen. In: Levy, A.; Macken-
thun, G. (Hg.): Gestalten um Alfred Adler- Pioniere der Individualpsy-
chologie. Würzburg, S. 251-269.
Sperber, M. (1983): Alfred Adler oder das Elend der Psychologie. Frankfurt
a. M.

203
OSKAR SPIEL

Am 5. Mai 1892 wurde Oskar Spiel, Sohn eines Schuhmachermeis-


ters und jüngstes von sechs Kindern, in Wien geboren. Er war ein
schlechter Schüler, musste seinen Besuch des Schottengymnasiums
abbrechen, wechselte in eine Hauptschule und später in das Leh-
rer- und Priesterseminar in Strebersdorf, wo er 1912 maturierte
und kurz darauf als Aushilfslehrer in einer Sprengelschule im 2.
Bezirk in Wien angestellt wurde. Im Jahr 1916 absolvierte Oskar
Spiel die Lehrerprüfung für die Volksschule und heiratete bald
danach Hermine Tröger, die aus einer angesehenen bürgerlichen
Familie stammte. Durch die Kontakte seiner Frau mit Künstlern
und Intellektuellen begann auch Spiel sich für Kunst und Literatur
zu interessieren, nahm Klavierunterricht und besuchte als außer-
ordentlicher Hörer an der Universität Vorlesungen in den Fächern
Pädagogik, Psychologie, Geschichte und Kunstgeschichte (Küm-
mel 2002). 1928 wurde sein Sohn Walter geboren. In Folge einer
Scharlacherkrankung in früher Kindheit stark kurzsichtig, blieb
Oskar Spiel der Militärdienst erspart. Noch während des Ersten
Weltkrieges schloss er sich der sozialdemokratischen Bewegung an.
Vielseitig interessiert besuchte er Vorlesungen über Marxismus, die
der Philosoph Max Adler am Karl-Marx-Institut in Wien hielt und
hörte zusammen mit seinem Lehrerkollegen Ferdinand Birnbaum
Vorlesungen von Sigmund Freud.
Im Jahr 1921 lernte Oskar Spiel Alfred Adler bei einer seiner
öffentlichen Beratungen im Volksheim kennen. Wie sein Sohn
Walter Spiel später schrieb, war Oskar Spiel so sehr von Adlers the-
rapeutischem Zugang und seinem liebevollen Umgang mit dem
zur Beratung erschienenen Kind beeindruckt, dass er auch in spä-
teren Jahren immer wieder von dieser Begegnung berichtete (Spiel
1977). Kurz darauf wurde Spiel Mitglied im Verein für Individual-
psychologie. Lange Jahre war er im Vorstand des Vereins tätig, hielt
Vorträge im Verein, an Volkshochschulen und auch im Ausland. Er
war Mitglied der »Arbeitsgemeinschaft der Lehrer und Erzieher«
und gab Ausbildungskurse. Hin und wieder übernahm er sogar
Adlers Vorlesungen an der Volkshochschule.
Mit der Ärztin Olga Oller zusammen leitete er von 1924 bis 1927
eine Erziehungsberatungsstelle. Er war außerdem Mitglied des im

204
Jahr 1937 entstandenen »Klubs der Freunde der Individualpsycho-
logie«, eine der letzten Aktivitäten der Wiener Individualpsycholo-
gen vor der Auflösung des Vereins im Jahr 1939. Im Rahmen des
Klubs wurden Vorträge und Arbeitsgruppen über verschiedene
pädagogische und psychologische Themen für interessierte Eltern
und Lehrern abgehalten.
Nach dem Ersten Weltkrieg war ein großer Teil der Bevölkerung
verarmt und die Jugendverwahrlosung hatte ungeahnte Ausmaße
erreicht. Sowohl in sozialer als auch in pädagogischer Hinsicht
bestanden große Defizite. Die von dem Sozialdemokraten Otto
Glöckel initiierte Schulreform versuchte diesen Problemen zu
begegnen und überdies den autoritären Stil des aus der Zeit der
Monarchie stammenden Schuldrills durch modernere Ansätze
eines gemeinschaftlichen Arbeitsunterrichts zu ersetzen.
Mit den beiden Individualpsychologen und Lehrern Ferdinand
Birnbaum und Franz Scharmer bemühte sich Oskar Spiel um die
Umsetzung der Glöckel'schen Reform und um die Anwendung
individualpsychologischer Methoden an Schulen. Schon Mitte der
1920er Jahre führten sie an verschiedenen Schulen mit Genehmi-
gung der Schulbehörde Unterrichtsversuche durch. Einige Zeit
später wurden Oskar Spiel und Ferdinand Birnbaum vom Wiener
Stadtschulrat beauftragt, ein Konzept für eine Versuchsschule zu
erstellen. Im Jahr 1931 wurde schließlich die Hauptschule für
Buben in der Staudingergasse im 20. Bezirk in Wien für den Schul-
versuch zur Verfügung gestellt. Es handelte sich dabei um eine ein-
fache Sprengelschule, die vornehmlich von Kindern aus Arbeiter-
familien besucht wurde.
Ein wesentliches Ziel des Schulversuchs bestand darin, die Sozi-
alisationsfähigkeit der Kinder zu fördern, die Eltern in schulische
Belange einzubinden und eine Chancengleichheit für die oft aus
unterprivilegierten Schichten stammenden Kinder herzustellen.
Schüler aus der Hauptschule sollten die Möglichkeit haben, jeder-
zeit ins Gymnasium überwechseln zu können.
Die sogenannten »Klassenbesprechungen« stellten eine essenti-
elle pädagogische Technik dar. Diese Aussprachegruppen hatten
den Zweck, alle persönlichen, organisatorischen oder didaktischen
Anliegen der Schüler gemeinsam mit ihren Lehrern zu besprechen.
Freizügigere Unterrichtsmethoden, die Möglichkeit boten, besser

205
auf die Bedürfnisse der Schüler einzugehen, wurden angewandt.
Unterricht in Arbeitsgruppen sollte das Gemeinschaftsgefühl der
Schüler fördern.
Eine wichtige Zielsetzung der verschiedenen pädagogischen
Methoden bestand darin, psychisch gesunde Kinder zu Miterzie-
hern für ihre schwierigeren oder auch psychisch auffälligen Kolle-
gen zu machen. Auch Kinder mit leichten Behinderungen wurden
in den Klassenverband integriert. Insbesondere sollte die Persön-
lichkeitsentwicklung des einzelnen Kindes gefördert werden,
indem die Schüler mehr Selbstverantwortung zu übernehmen hat-
ten, kleinere organisatorische Aufgaben aufgetragen bekamen, ein
gewisses Mitspracherecht hatten und Autoritätsstrukturen verrin-
gert wurden. Die Lehrer waren überdies therapeutisch geschult
und sollten mit Verständnis auf den einzelnen Schüler eingehen
anstatt mit Verboten und Strafandrohungen zu agieren.
Über diese Schulversuche wurde in vielen Fachzeitschriften
berichtet. Sogar aus dem Ausland kamen interessierte Besucher
nach Wien, um sich näher über die Schulversuche zu informieren
und an »Klassenbesprechungen« teilzunehmen. Walter Spiel
schreibt darüber: »Vieles wurde dort mit einer gewissen Selbstver-
ständlichkeit und Bescheidenheit versucht, dass dann Jahrzehnte
später in gleicher Gestalt als neueste Erkenntnis von überall her in
der Welt wieder zurück nach Wien strömte, erst dann aber die
nötige Anerkennung fand« (Spiel 1977, S. 172).
Nach der Zerschlagung der Sozialdemokratie durch das austro-
faschistische Regime im Jahr 1934 fanden die Schulversuche ein
Ende und das alte autoritäre System wurde wieder aktiviert. Ebenso
wie seine Kollegen Ferdinand Birnbaum und Franz Scharmer
wurde auch Oskar Spiel versetzt. In den darauf folgenden Jahren
war Spiel vor allem schriftstellerisch aktiv. Publikationen über
individualpsychologische und pädagogische Themen entstanden
in dieser Zeit, beispielsweise sein Buch »Am Schaltbrett der Erzie-
hung«, in dem er über seine Erfahrungen im Rahmen der indivi-
dualpsychologischen Versuchsschule schreibt.
Im Zuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde
sowohl der psychoanalytische als auch der individualpsycholo-
gische Verein aufgelöst. Ein Exodus aller jüdischen Mitglieder setzte
ein. In dieser Zeit fand sich eine Arbeitsgruppe der in Wien verblie-

206
benen Psychoanalytiker und Individualpsychologen um den Psy-
choanalytiker August Aichhorn. Offiziell war dieser Kreis ab 1939
dem von Prof. Matthias Göring geleiteten »Deutschen Reichsinsti-
tut für psychologische Forschung und Psychotherapie« unterstellt.
Man traf sich zu fachlichen Diskussionsabenden, die meist in pri-
vaten Wohnungen abgehalten wurden, wobei sich die Vertreter der
verschiedenen Richtungen um eine gemeinsame Basis bemühten.
Ursprünglich hatte Göring den Psychiater Heinrich von Kogerer
mit der Leitung eines Wiener Arbeitskreises beauftragt, der jedoch
an der Zusammenarbeit mit Nichtmedizinern nicht weiter interes-
siert war und überdies bald darauf einrücken musste.
Ein illegaler individualpsychologischer Arbeitskreis wurde ab
1942 in der Wohnung des Arztes und Individualpsychologen Karl
Nowotny abgehalten, an dem Oskar und Walter Spiel, Ferdinand
Birnbaum und andere teilnahmen.
Nach dem Krieg wurde der Verein für Individualpsychologie wie-
der neu errichtet. Von der Schulbehörde bekam Spiel den Auftrag,
eine individualpsychologische Versuchsschule in der Schwegler-
gasse im 15. Bezirk einzurichten. Er arbeitete bis zu seiner Pensio-
nierung als Direktor dieser Schule, wo er unter anderem Schüler-
diskussionen und Kochkurse für Buben organisierte. Außerdem
hielt Spiel Vorlesungen am Pädagogischen Institut der Stadt Wien.
Am 1. August 1961starb Oskar Spiel.
Ausgewählte Bibliographie
Spiel, O. (1928): Schulzucht. In: Lazarsfeld, S. (Hg.): Technik der Erzie-
hung. Leipzig.
Spiel, O.; Scharmer, F. (1928): Die Schulklasse: eine Arbeits- und Lebens-
gemeinschaft. Ein Lösungsversuch auf Grund individualpsycholo-
gischer Methode. IZIP 6: 236-251.
Spiel, O.; Birnbaum, F. (1929): Schule und Erziehungsberatung. IZIP 7:
184-190.
Spiel, O. (1931): Die pädagogische Beratungsstunde in der Schule. IZIP 9:
183-191.
Spiel, O. (1932): Änderung des Lebensstiles - Begabungswandel. IZIP 10:
183-200.
Spiel, O. (1935): Consultation hour in school. IJIP 1/3: 24-32.
Spiel, O. (1935): Punishment in school. IJIP 1/1: 117-125.
Spiel, O. (1937): Individualpsychologie und Schule. IZIP 15: 152-159.
Spiel, O. (1947): Franz. IZIP 16: 83-93.

207
Spiel, O. (1947): Willi. IZIP 16: 186-189.
Spiel, O. (1947): Am Schaltbrett der Erziehung. Wien.
Spiel, 0. (1948): Verstehende Persönlichkeitsauffassung. IZIP 18: 49-74.
Spiel, O. (1948): Optimistische Lebensführung. IZIP 17/3: 108-120.
Spiel, O. (1951): Zur Psychologie Körperbehinderter. IZIP 20: 79-88.
Spiel, O. (1951): Technology of mental hygiene in school. IPB 9: 4-8.
Spiel, O. (1952): Wenn dein Kind mit dem Zeugnis kommt. Wien.
Spiel, O.; Birnbaum, F. (1954): Die Reise ins Leben. Wien.
Spiel, O. (1956): The Individual Psychological Experimental School in
Vienna.AJIP 12: 1-11.
Spiel, O. (1957): Alfred Adler: Zu seinem zwanzigsten Todestag. Arbeiter-
zeitung, 26.5.1957, S. 9.
Spiel, O. (1957): Briefe an eine junge Mutter. Wien.
Spiel, O. (1962): Discipline without punishment. London.
Literatur
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
Kümmel, U. (2002): Oskar Spiel - Ein Mensch wächst mit seinen Aufga-
ben. In: Levy, A.; Mackenthun, G. (Hg.): Gestalten um Alfred Adler -
Pioniere der Individualpsychologie. Würzburg, S. 271-287.
o. N. (1961): Oberschulrat Oskar Spiel gestorben. WZ, 3. August 1961: 4.
Sicher, L. (1961): Oskar Spiel Obituary. JIP 17/2: 249-250.
Spiel, W (1977): Aufstieg, Krise und Renaissance des Wiener Vereins für
Individualpsychologie. In: Ringel, E.; Brandt, G. (Hg.): Ein Österreicher
namens Alfred Adler. Seine Individualpsychologie - Rückschau und
Ausblick. Wien, S. 155-165.
Spiel, W. (1981): Die Individualpsychologische Versuchsschule von Oskar
Spiel und Ferdinand Birnbaum. In: Adam, E. (Hg.): Die österreichische
Reformpädagogik 1918-1938. Symposiumsdokumentation. Wien,
S. 163-172.

LEOPOLD STEIN

Leopold Stein wurde am 2. Dezember 1893 in Wien geboren. Er


studierte Medizin an der Wiener Universität und war später Schü-
ler des Laryngologen und Logopäden Emil Fröschels, der selbst
auch Individualpsychologe war.
Im April 1926 wurde auf der Kinderabteilung des Professors

208
und Pädiaters August von Reuss im Franz-Josef-Spital in Wien ein
Ambulatorium für schwererziehbare und sprachgestörte Kinder
errichtet, das von Leopold Stein geleitet wurde. Individualpsycho-
logische Prinzipien bildeten die Grundlage der Therapie, wobei
allerdings auch rein organische Störungen abgeklärt und unter
Umständen zur weiteren Behandlung in die Kinderabteilung ver-
legt werden sollten. Leopold Stein führte individualpsychologische
Ambulatorien für Sprachstörungen unter Emil Fröschels an der
Poliklinik und später auch an der laryngologischen Abteilung des
Allgemeinen Krankenhauses (Schiferer 1995).
Als Individualpsychologe hielt Leopold Stein Vorträge und Kurse
zu vorwiegend medizinischen Themen, im Speziellen zu Sprach-
und Stimmstörungen. Er war Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft
individualpsychologischer Ärzte und engagierte sich außerdem in
der Erziehungsberatung. Als 1928 der Verein »Die Bereitschaft«
einen Nachmittagshort für nervöse und schwererziehbare Kinder
einrichtete, übernahm Leopold Stein zusammen mit Ida Löwy die
individualpsychologische Beratung. Auch mit Sophie Lazarsfeld
führte er Erziehungs- und Eheberatungen in ihrer Praxis im ersten
Bezirk durch. Zusammen mit seiner Frau Irma Stein, geborene
Deutsch, emigrierte Leopold Stein 1938 nach England.
Bibliographie
Stein, L. (1924): Über die psychologische Auffassung von organisch
bedingten Funktionsstörungen. IZIP 3: 11-17.
Stein, L. (1924): Entwicklungsgeschichtliche Deutung der Entstehung des
Silbenwiederholens. Arch. Psychiat. Nervenkrankheiten: 70.
Stein, L. (1926): Die Sprache des Kindes und ihre Fehler. Wien.
Stein, L. (1927): Ein Fall von psychogener Aphonie. IZIP 5: 48-50.
Stein, L. (1928): Beitrag zur Psychologie des Pferdes. IZIP 6: 39-55.
Stein, L. (1937): Sprach- und Stimmstörungen und ihre Behandlung in der
täglichen Praxis. Wien.
Archivalien
Stadt- und Landesarchiv Wien: Polizeiliche Meldeunterlagen.
Literatur
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
Schiferer, H. R. (1995): Alfred Adler: Eine Bildbiographie. München.
IZIP 6 (1928).

209
EMMERICH WEISSMANN

Geboren am 19. April 1904 in Wien, engagierte sich Emmerich


Weissmann schon in den 1920er Jahren in der sozialdemokra-
tischen Bewegung als Funktionär der Freien Vereinigung Sozialis-
tischer Mittelschüler. Emmerich Weissmann studierte Medizin
und arbeitete nach seiner Promotion im Jahr 1930 im Lainzer
Krankenhaus. In einem Nachruf in der Arbeiterzeitung wird
erwähnt, dass er im Februar 1934 durch einen Prozess die Entlas-
sung der jüdischen Ärzte verhindern konnte (Arbeiterzeitung
1984).
Emmerich Weissmann war in der Zwischenkriegszeit aktiver
Individualpsychologe und Mitglied der Gruppe »Sozialistischer
Individualpsychologen«, die seit 1927 in Wien bestand. In den frü-
hen 1930er Jahren leitete er zusammen mit Kolleginnen und Kol-
legen zwei Erziehungsberatungsstellen. 1937 hielt er im Rahmen
des »Klubs der Freunde der Individualpsychologie« Vorträge über
Theorie und Praxis der Individualpsychologie.
1938 wurde Weissmann verhaftet und in das Konzentrationsla-
ger Buchenwald deportiert, wo er ein Jahr darauf entlassen wurde.
Er emigrierte über Paris nach England und arbeitete später als
Psychiater. In London war er Obmann des »Austrian Labour Club«,
einer Auslandsorganisation österreichischer Sozialisten. Im Rah-
men dieses Klubs wurden Vorträge, Diskussionsgruppen und kul-
turelle Veranstaltungen für Emigranten organisiert.
Auch im Exil war Weissmann als Individualpsychologe tätig. Er
war Gründer und jahrelang Vorsitzender der Adlerian Society and
Institute for Individual Psychology und Mitherausgeber der Zeit-
schrift Individual Psychology Newsletter.
Bibliographie
Weissmann, E. (1929): Rezension von H. Freund: Zur Organisation der
Schwererziehbaren Fürsorge im Freistaate Sachsen. IZIP 7/1: 69.
Archivalien
DÖW: Protokoll der Klubleitungssitzung vom 24.11.1946 des Austrian
Labour Club (Akt 17859/156).
VGA: Emmerich Weissmann: Aktennotiz, Lade 24/Mappe 48.

210
Literatur
Handlbauer, B. (1987): »Lernt fleißig Englisch«: Die Emigration Alfred
Adlers und der Wiener Individualpsychologen. In: Stadler, F. (Hg.):
Vertriebene Vernunft IL Emigration und Exil österreichischer Wissen-
schaft. Wien, S. 268-287.
Muchitsch, W. (1995): The cultural policy of Austrian Refugee Organisa-
tion in Great Britain. In: Timms, E.; Robertson, R. (Hg.): Austrian
exodus. The creative achievements of refugees from National Socialism.
Edinburgh, S. 22-40.
Mitteilungsblatt für individualpsychologische Veranstaltungen (1932).
o. N. (1984): Emerich Weissmann feiert morgen seinen 80. Geburtstag.
Arbeiterzeitung, 18. April 1984, o. S.

ERWIN WEXBERG

Der am 12. Februar 1889 in Wien geborene Erwin Wexberg stu-


dierte Medizin an der Universität Wien, wo er 1913 promovierte.
Von 1914 bis 1921 arbeitete er an der Nervenheilanstalt Maria-
Theresien-Schlössl, 1923 bis 1924 war Wexberg in der Poliklinik für
Neurologische Erkrankungen in Berlin angestellt und ein Jahr dar-
aufarbeitete er in Paris in einer Hilfseinrichtung für geistig Kranke.
In Österreich hatte Erwin Wexberg eine private Praxis, die er in den
Sommermonaten in Bad Gastein in Salzburg weiterführte.
Schon vor dem Ersten Weltkrieg war er einer der ersten und
wichtigsten Mitarbeiter Alfred Adlers. Während der zahlreichen
Vortragsreisen Alfred Adlers übernahm Wexberg den Vorsitz im
Verein. In der Erziehungsberatung war er sehr aktiv, unter anderem
im Rahmen der »Sozialistischen Individualpsychologen«, die eine
eigene Beratungsstelle im Parteisekretariat des ersten Bezirks in der
Kleeblattgasse 4 organisiert hatten. 1926 veröffentlichte er ein
zweibändiges Handbuch der Individualpsychologie und verfasste
kurz darauf die erste systematische Darstellung der Individualpsy-
chologie. An verschiedenen Volkshochschulen und am Pädago-
gischen Institut der Stadt Wien hielt Wexberg Kurse ab, engagierte
sich auch in der Ausbildung von Individualpsychologen und war
einer der ständigen Mitarbeiter der IZIP. Er publizierte über ver-

211
schiedene Themen der Psychopathologie, befasste sich aber auch
mit pädagogischen Ansätzen, deren Wichtigkeit gerade für den
ärztlichen Beruf er hervorhob.
Erwin Wexberg, zu dieser Zeit verheiratet mit Lilly Wexberg,
geborene Deutsch, der Schwester des Individualpsychologen Leon-
hard Deutsch, wurde 1934 aufgrund seiner Publikationen in die
Vereinigten Staaten berufen. Nach einem kurzen Aufenthalt in
Chicago ging er nach New Orleans, wo er an einer Child Guidance
Institution und als Visiting Physician im Charity Hospital arbei-
tete. Neben einer privaten psychiatrischen Praxis bekam er bald
eine Stelle als Visiting Professor für Neuropsychiatrie an der Loui-
siana State University, wo er 1936 das amerikanische Doktorat
erwarb. Eine individualpsychologische Erziehungsberatungsstelle,
die er im Rahmen seiner Arbeit an der Louisiana State Medical
School errichtet hatte, gab er aufgrund des Druckes von psycho-
analytischer Seite wieder auf (Terner u. Pew 1978). In dieser Zeit
unterrichtete Wexberg auch Social Psychiatry an der Social Wor-
kers' School der Xavier University und an der Graduate School of
Public Weifare Administration der Louisiana State University in
New Orleans. Nur wenige Wochen nachdem Erwin Wexberg im
Jahr 1941 einen Posten im Fairfield State Hospital in Newton, Con-
necticut angenommen hatte, rückte er als Freiwilliger zum Militär-
dienst in das United States Army Medical Corps. Im Rang eines
Majors leitete er die neuropsychiatrische Station von Militärspitä-
lern in der Panama Canal Zone, im Camp Adair in Oregon und im
Camp Beale in Kalifornien.
Nach seiner Entlassung 1945 ging Wexberg nach Washington,
um dort die Stelle des Direktors des Bureau of Mental Hygiene des
Health Department anzunehmen, einen Posten, den er bis 1953
innehatte. In dieser Zeit organisierte er eine Reihe von Wohlfahrts-
einrichtungen wie Erziehungsberatungsstellen, Einrichtungen für
Alkoholiker und psychiatrische Beratungsstellen. Er war Direktor
der Adult Mental Hygiene Clinic, der Epileptic Clinic und einer
Child Guidance Clinic, leitete ein Programm zur Rehabilitierung
von Alkoholikern und unterhielt als Psychotherapeut eine private
Praxis. Eine Zeit lang war er im Advisory Board des Individual Psy-
chology Bulletin tätig.
Erwin Wexberg war Mitglied der American Medical Association

212
und der Washington Psychiatry Association. Er starb am 10. Januar
1957 in Washington.
Ausgewählte Bibliographie
Wexberg, E. (1925): Die Angst als Kernproblem der Neurose. Deutsche Z.
Nervenheilkunde 88: 271.
Wexberg, E. (1926): Das nervöse Kind: Ein Leitfaden für Eltern und Erzie-
her. Wien.
Wexberg, E. (1926): Handbuch der Individualpsychologie. München.
Wexberg, E. (1926): Das ängstliche Kind. Dresden.
Wexberg, E. (1926): Die Rezeption der Individualpsychologie durch die
Psychoanalyse. IZIP 4: 153-156.
Wexberg, E. (1928): Individualpsychologie als Religion und als Wissen-
schaff. IZIP 6: 228-236.
Wexberg, E. (1928): Individualpsychologie: Eine systematische Darstel-
lung. Leipzig.
Wexberg, E. (1928): Sexuelles und erotisches Problem. In: Lazarsfeld,
S. (Hg.): Technik der Erziehung. Leipzig, S. 237-269.
Wexberg, E. (1929): Die Grundstörung der Zwangsneurose. Z. gesam.
Neurol. Psychiat. 121: 236.
Wexberg, E.; Knopf, O. (1929): Arzt und Erziehungsberatung. IZIP 7:
170-176.
Wexberg, E. (1931): The psychology of sex. New York.
Wexberg, E. (1932): Arbeit und Gemeinschaft. Leipzig.
Wexberg, E. (1933): Was ist wirklich eine Neurose? IZIP 11: 185-192.
Wexberg, E. (1936): Individual Psychology and vocational guidance. IJIP
2: 73-82.
Wexberg, E. (1949): Insomnia as related to anxiety and ambition. J. clin.
Psychopathol. 4: 373-375.
Wexberg, E. (1991): Zur Entwicklung der Individualpsychologie und
andere Schriften. Frankfurt a. M.
Literatur
Brief von Runa Wexberg Schlaffer an Clara Kenner, 30. November 1999.
American Psychiatric Association (1950): Biographical Directory.
Levy, A. (2002): Erwin Wexberg - der Systematiker der Individualpsycho-
logie. In: Levy, A.; Mackenthun, G. (Hg.): Gestalten um Alfred Adler.
Pioniere der Individualpsychologie. Würzburg, S. 311-321.
Terner, J.; Pew, W. L. (1978): The courage to be imperfect. The life and work
of Rudolf Dreikurs. New York.
Uehli Stauffer, B. (1995): Mein Leben leben. Else Freistadt Herzka 1899-
1953. Zwischen Leidenschaft, Psychologie und Exil. Wien.
IZIP 6 (1928), IPB 2/1 (1942).

213
HELENE WEYR

Helene Weyr, geborene Merdinger, kam 1895 in Szczakowa in Gali-


zien als Tochter eines Bahninspektors zur Welt. Sie studierte Medi-
zin an der Universität Wien, wo sie 1922 promovierte. In den
1930er Jahren war sie Mitglied im Verein für Individualpsycholo-
gie. Mit dem Juristen Theodor Vertes leitete sie die Erziehungsbe-
ratungsstelle in der Martinstraße Nummer 100 im 18. Bezirk in
Wien. Sie schrieb auch einen Artikel in der IZIP. Darin beschäftigt
sie sich mit Organminderwertigkeiten berühmter Persönlichkeiten
und dem daraus entstandenen Drang zur Kompensation, wobei sie
feststellt, dass der Berufswahl oft ein überkompensierter Defekt
zugrunde liegt.
Helene Weyr emigrierte in die USA. 1958 wird ihr Name in der
American Medical Directory erwähnt. Aus der kurzen Eintragung
geht hervor, dass Helene Weyr in Philadelphia wohnte, allerdings
zu diesem Zeitpunkt nicht als Ärztin praktizierte.
Bibliographie
Weyr, H. (1932): Große Männer. Internationale Zeitschrift für Individual-
psychologie 10: 216-223.
Weyr, H. (1931): Rezension von: Polnisches psychologisches Archiv. IZIP
9: 483.
Archivalien
Universitätsarchiv Wien: Erste Nationale.
Literatur
American Medical Association (Hg.) (1958): American Medical Direc-
tory.
Mitteilungsblatt für Individualpsychologische Veranstaltungen (1932).

214
ILKA WlLHEIM

Ilka Wilheim wurde am 26. Januar 1896 in Wien geboren. Sie


maturierte 1915 und studierte danach an der Universität Wien
Medizin, wo sie 1921 promovierte.
Als Individualpsychologin war sie 1926 stellvertretende Schrift-
führerin im Vorstand des Vereins und außerdem ärztliche Mitar-
beiterin einer Erziehungsberatungsstelle an einer Mädchenschule
in der Petrusgasse im 3. Bezirk. Sie publizierte in der IZIP und ver-
fasste für das von Erwin Wexberg 1926 herausgegebene »Hand-
buch der Individualpsychologie« einen ausführlichen Aufsatz über
Schizophrenie, wobei sie Fallbeispiele aufzeigt und individualpsy-
chologische Behandlungsmethoden bespricht. In einem anderen
Artikel schreibt sie über den Aberglauben als Ausdruck der Unsi-
cherheit und Entmutigung sowie der Ablehnung von Verantwor-
tung. Sie befasst sich auch mit der Sprache und der Herkunft von
Worten. Die Sprache bietet ihrer Meinung nach Material für indi-
vidualpsychologische Beobachtungen und lässt Rückschlüsse auf
Patienten zu.
Ilka Wilheim war verheiratet mit Dr. Friedrich Adler (nicht
ident mit Friedrich Adler, Sohn von Viktor Adler). 1938 emigrierte
sie in die Schweiz.
Bibliographie
Wilheim, I. (1924): Zur Psychologie des Aberglaubens. IZIP 2/4: 23-26.
Wilheim, I. (1924): Zum Bedeutungswandel der Worte. IZIP 3/1: 38-43.
Wilheim, I. (1924): Zur individualpsychologischen Deutung des Stotterns.
In: Wien. med. Wchnschr.;
Wilheim, I. (1924): Rezension von Coudenhove-Kalergi: Pan-Europa.
IZIP 3/1: 44.
Wilheim, I. (1925): Rezension von L. Stein: Entwicklungsgeschichtliche
Deutung der Entstehung des Silbenwiederholens. IZIP 3: 141-142.
Wilheim, I. (1926): Rezension von H. Kogerer: Psychotherapie der Psycho-
sen. IZIP 4: 105-106.
Wilheim, I. (1926): Die Schizophrenie im Lichte der Individualpsycholo-
gie. In: Wexberg, E. (Hg.): Handbuch der Individualpsychologie. Mün-
chen, S. 583-617.
Wilheim, I. (1928): Rezension von I. Marcinowski: Der Mut zu sich selbst.
IZIP 6: 345-346.

215
Archivalien
Stadt- und Landesarchiv Wien: Polizeiliche Meldeunterlagen.
Universitätsarchiv Wien: Rigorosenprotokoll.
Literatur
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
Handlbauer, B. (1987): »Lernt fleißig Englisch«: Die Emigration Alfred
Adlers und der Wiener Individualpsychologen. In: Stadler, F. (Hg.):
Vertriebene Vernunft IL Emigration und Exil österreichischer Wissen-
schaft. Wien, S. 268-287.
Mühlleitner, E.; Reichmayr, J. (1994): Medizinische Psychologie und Psy-
chotherapie in Österreich 1900-1950. Teil 2. Unveröffentlichtes Manu-
skript.
IZIP 4 (1926), IZIP 6 (1928).

ZOLTAN WISINGER

Zoltan Wisinger wurde am 9. Februar 1909 in Budapest geboren,


studierte in Wien Medizin und arbeitete noch während seines Stu-
diums an der Psychiatrisch-Neurologischen Klinik. Als Individual-
psychologe engagierte er sich in der Erziehungsberatung und war
Mitarbeiter in der Psychotherapeutischen Ambulanz im Allgemei-
nen Krankenhaus, wo nach individualpsychologischen Methoden
therapiert wurde.
Im Jahr 1933 beendete Wisinger sein Studium und zog nach
Genua, um dort bei Ugo Cerletti und Lucio Bini, die später die
Elektroschocktherapie erfinden sollten, weiterzustudieren und
eine Dissertation zu schreiben, wofür er einen zweiten Dokortitel
erhielt. In Bologna setzte er seine Studien fort und bekam einen
Titel im Fach Zahnheilkunde. Die sich zuspitzende politische Situ-
ation im faschistischen Italien veranlasste ihn, nach Paris zu gehen.
Als Frankreich 1940 kapitulierte, flüchtete Wisinger nach Paraguay.
Er arbeitete zwei Jahre lang als Psychotherapeut, bis er 1942 den
Posten eines »Government Medical Officers« in Antigua angebo-
ten bekam, den er bis zu seinem Tod innehatte. Seit 1958 unterhielt

216
Wisinger eine Nervenklinik mit 150 Betten, womit er die gesamten
British Leeward Islands versorgte. Die Klinik war aufs Beschei-
denste ausgestattet, mit Möbeln der britischen und kanadischen
Armee. Zusammen mit seiner Frau Vera, einer Krankenschwester,
behandelte Wisinger sowohl die medizinischen als auch die zahn-
technischen Beschwerden seiner Patienten, engagierte sich auch im
Rahmen des Roten Kreuzes, der St. John Ambulance Brigade und
der US-Navy-Einrichtungen auf der Insel. Zoltan Wisinger war
Mitglied sowohl der Britischen als auch der New Yorker Individu-
alpsychologischen Vereinigung. Von der englischen Königin wurde
er 1966 als »Officer of the Most Excellent Order of the British
Empire« geehrt. Er starb im Jahr 1977.
Bibliographie
Wisinger, Z. (o. J.): Psychotherapy in Dementia Praecox. Dissertation. Uni-
versität Genua.
Wisinger, Z. (1966): Rezension von P. Rom: Alfred Adler und die wissen-
schaftliche Menschenkenntnis. IPNL 17/1-2: 186-187.
Literatur
Nowotny, K. (1932): Bericht über das psychotherapeutische Ambulato-
rium der Psychiatrisch-Neurologischen Abteilung des Allgemeinen
Krankenhauses. Wien. Med. Wchnschr. 12: 386-388.
o. N. (1977): Zoltan Wisinger. JIP 33/2: 282-283.

ARTHUR ZANKER

Arthur Zanker wurde am 22. Juli 1890 in Oderberg in Ostschlesien,


damals Österreich-Ungarn, heute Tschechien, geboren. Er besuchte
das Gymnasium in Olmütz, ging dann nach Wien, wo er an der
Universität zunächst kunsthistorische und philosophische Vorle-
sungen inskribierte. Aus praktischen Gründen entschied er sich aber
ein Jahr später für ein Medizinstudium, das er 1914 beendete. Nach
dem Ersten Weltkrieg sollte er sich als Kinderarzt spezialisieren.
Bald nach Beendigung seines Studiums musste Arthur Zanker
einrücken. Er geriet von 1915 bis 1918 in russische Kriegsgefangen-

217
schaff, ein Erlebnis, das er später in seinem Russland-Epos »Zwi-
schen Dnjepr und Wolga« verarbeitete. Schon als Jugendlicher
hatte er sich mit Literatur, vor allem mit Lyrik, auseinandergesetzt
und auch eigene lyrische Werke verfasst. Gedichte von ihm wurden
in späteren Jahren publiziert und auch im Radio Wien ausge-
strahlt.
Von 1919 bis 1924 arbeitete Zanker im Mautner-Markhof-Kin-
derspital in Wien, speziell auch auf der Abteilung für Neuropsych-
iatrie. 1924 eröffnete er eine eigene Praxis. Von 1926 bis 1938
arbeitete Zanker auch in der Mütterberatungsstelle des Wiener
Gesundheitsamtes und 1925 bis 1937 am Mariahilfer Kinderam-
bulatorium.
Arthur Zanker war auch aktiver Individualpsychologe. Zusam-
men mit Martha Holub, mit der er einige Beiträge in der IZIP ver-
öffentlichte, leitete er eine Erziehungsberatungsstelle im 1. und im
14. Bezirk in Wien. Er war Mitglied der »Arbeitsgemeinschaft indi-
vidualpsychologischer Ärzte« und hielt auch einige Vorträge über
medizinische und psychologische Themen im Verein. Weiterhin
war er als Mitarbeiter und Vortragender im Rahmen des »Fortbil-
dungskurses für Erzieher mit besonderer Berücksichtigung von
Schwererziehbarkeit« tätig. In diesem Kurs, der 1929 mit Bewilli-
gung des Wiener Stadtschulrates unter Leitung der Individualpsy-
chologin Alice Friedmann organisiert worden war, wurde über
medizinisch-psychologische Themen sowie über Fälle aus der Pra-
xis und aus Erziehungsberatungsstellen referiert und diskutiert.
1938 erhielt Arthur Zanker Praxisverbot. Nachdem ihm zuerst
die Ausreisepapiere verweigert wurden, gelang es ihm im Juli 1939
durch die Intervention des NS-Gauleiters Bürckel, dessen an Diph-
terie erkrankte Kinder er behandelt hatte, über Shanghai nach Eng-
land zu emigrieren. In London arbeitete Arthur Zanker von 1942
bis 1946 als House Assistant, 1946 bis 1957 als Assistent Psychiatrist
am Warlingham Park Hospital Surrey. 1946 erhielt er die endgül-
tige Arbeitserlaubnis. Er war außerdem auch als Kinderpsychiater
an der Outpatient Croydon Child Guidance Clinic tätig.
Arthur Zanker schrieb mehrere Lyrikbände und übersetzte auch
Keats und Shakespeare. Daneben spielte er Geige und Bratsche in
mehreren Orchestern und Ouartetten. Er war Pionier der Musik-
therapie in England und schrieb zu diesem Thema zahlreiche

218
Publikationen. Am 30. April 1957 starb Arthur Zanker in Croydon/
London.
Bibliographie
Zanker, A.; Holub, M. (1929): Das gehaßte Kind. IZIP 7: 230-235.
Zanker, A.; Holub, M. (1929): Richtlinien und Indikationen für die Zuwei-
sung an eine individualpsychologische Erziehungsberatungsstelle. IZIP
7: 177-178.
Zanker, A.; Holub, M. (1930): Kinderheilkunde und Individualpsycholo-
gie. IZIP 8: 502-518.
Zanker, A.; Holub, M. (1933): Trotzphase und Entwicklungshemmung im
Lichte der Individualpsychologie. Bemerkungen zu E. Benjamin,
»Grundlagen und Entwicklungsgeschichte der kindlichen Neurose«.
IZIP 11: 108-109.
Zanker, A.; Holub, M. (1936): The hated child. IJIP 1/2: 97-104.
Zanker, A.; Holub, M. (1937): Ein Bettnässer. IZIP 15: 29-34.
Zanker, A.; Holub, M. (1930): When we refer to guidance clinics. In: Adler,
A. et al. (Hg.): Guiding the child. New York, S. 47-52.
Zanker, A. (1935): Die Ernte mit den vier Geräten, Der heilige Krug, Idyl-
lische Sonette, Musiksonette, Distel, Draht und Dohle (Gedichtesamm-
lungen).
Gedichte: Arbeit, An England, Heimkehr (In: Kulturelle Schriftenreihe des
FAM. Heft: österreichische Schriftsteller im Exil), Hirtenflöte, Bauern-
haus (1946), Es duftet noch der Weichselstock (1957).
Archivalien
Tagblattarchiv der sozialwissenschaftlichen Dokumentation der Kammer
für Arbeiter und Angestellte: Bendiener, O. (o. J.): Christi Batus, Arthur
Zanker. Artikel ohne nähere Angaben (Akt Zanker).
Literatur
Giebisch, H.; Gugitz, G. (1985): Bio-bibliographisches Literaturlexikon
Österreichs. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Wien, S. 472.
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
Seidler, F.. (2000): Kinderärzte 1933-1945. Entrechtet - geflohen - ermor-
det. Bonn.
DÖW (Hg.) (1992): Österreicher im Exil. Großbritannien 1938-1945.
Eine Dokumentation. Wien.
Mitteilungsblatt für Individualpsychologische Veranstaltungen 1/1
(1932).
IZIP 9 (1931), IZIP 13 (1935).

219
THEODOR ZERNER

Der am 14. Januar 1879 in Eibenschitz in Mähren geborene Theo-


dor Zerner studierte an der Universität Wien Chemie, wo er im
Jahr 1901 promovierte. Als aktiver Sozialdemokrat engagierte er
sich im Bezirksvorstand in Hietzing und war Vorsitzender des Exe-
kutivkomitees in Hütteldorf-Hacking. Nach dem Verbot der sozi-
aldemokratischen Partei durch die Austrofaschisten wurde Zerner
Mitglied der Radikalen Sozialisten. In der Zwischenkriegszeit war
Zerner als Individualpsychologe im Vorstand des Vereins tätig.
1939 emigrierte er nach England, war bis 1942 M itglied des Lon-
don Bureau of the Austrian Socialists in Great Britain, das die Auf-
gabe hatte, sich um Kontakte zu britischen Politikern, Regierungs-
stellen, Journalisten und Gewerkschaftern zu bemühen und die
Labour Party mit Informationen über andere Exilorganisationen
und österreichische Anliegen zu versorgen. Überdies wurde Öffent-
lichkeitsarbeit zusammen mit der BBC geleistet. Theodor Zerner
trat 1942 aus dem London Bureau of the Austrian Socialists aus,
weil er mit der Politik des Bureaus nicht einverstanden war und
wurde Mitglied der den Kommunisten näher stehenden League of
Austrian Socialists. Die League war dem Free Austrian Movement,
FAM, angeschlossen, einer Dachorganisation, die bürgerlich-legi-
timistische und kommunistische Gruppierungen vereinigte. Im
Gegensatz zu den offiziellen sozialistischen Exilorganisationen, die
nach wie vor die Vorstellung eines gesamtdeutschen Staates propa-
gierten, trat das FAM für ein freies, unabhängiges Österreich ein.
Theodor Zerner lebte nach dem Krieg wieder in Österreich.
Bibliographie
Zerner, T. (1901): Über die Kondensation von Propion- und Formaldehyd.
Dissertation. Universität Wien.
Zerner, T. (1929): Der Einfluß der Individualpsychologie auf die Elternver-
eine. IZIP 7: 190-192.
Zerner, T. (1930): The influence of Individual Psychology upon parents
associations. In: Adler, A. et al. (Hg.): Guiding the child. New York,
S. 84-88.
Archivalien
DÖW (1946): Protokoll der League of Austrian Socialists, 22. Februar 1946
(Akt 3269/1).

220
Schreiben des Nachrichtendienstes im In- und Ausland der Gestapo, 11.
Juli 1938 (Akt 7596).
Stadt- und Landesarchiv Wien: Polizeiliche Meldeunterlagen.
Literatur
DÖW (Hg.) (1992): Österreicher im Exil. Großbritannien 1938-1945.
Eine Dokumentation. Wien.
Schwarz, P. (1998): österreichische politische Exilorganisationen. In:
Krohn, C.-D.; von ZurMühlen, R; Paul, G. (Hg.): Handbuch der
deutschsprachigen Emigration 1933-1945. Darmstadt, S. 519-543.

AGNES ZILAHI-BEKE

Agnes Zilahi-Beke wurde am 24. Januar 1892 in Budapest geboren.


Sie war verheiratet mit dem Individualpsychologen und Juristen
Ladislaus Zilahi und war auch selbst Mitglied im Verein für Indivi-
dualpsychologie. 1926 bis 1928 betätigte sie sich als stellvertretende
Bibliothekarin im Vorstand des Vereins. Sie nahm teil an der »Wie-
ner pädagogischen Arbeitsgemeinschaft«, welche die Diskussion
über pädagogische Arbeit auf individualpsychologischem Hinter-
grund und eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit anderen
pädagogischen Richtungen zum Ziel hatte. Ergebnisse dieser Ar-
beitsgemeinschaft wurden in der IZIP veröffentlicht.
Agnes Zilahi-Beke publizierte einige Artikel in dieser Zeitschrift.
In einem Aufsatz schreibt sie über den Umgang mit einem Säug-
ling. Anhand von Beobachtungen ihres eigenen Töchterchens
Klärchen analysiert sie kindliches Verhalten in verschiedenen
Lebenssituationen und beschreibt die Erfolge individualpsycholo-
gischer Erziehungsmethoden, die sie im Umgang mit Klärchen
erzielt. Interessant ist auch ein Aufsatz über Michelangelo und
seine Kunst, in dem sie den familiengeschichtlichen Hintergrund
Michelangelos und dessen Auswirkung auf seine Kunst analysiert.
Im Jahr 1938 emigrierte Agnes Zilahi-Beke zusammen mit ihrer
Familie nach Großbritannien.

221
Bibliographie
Zilahi-Beke, A. (1924): Individualpsychologie und Relativitätsprinzip.
IZIP 2/6: 1-10.
Zilahi-Beke, A. (1929): Zur Erziehung des Säuglings. IZIP 7: 287-296.
Zilahi-Beke, A. (1930): Rezension von Maria Montessori: Selbsttätige
Erziehung im frühen Kindesalter. Kindlicher Mut und Gemeinschafts-
gefühl im Park. IZIP 8: 265-267.
Zilahi-Beke, A. (1931): Zusammenhänge zwischen Kunst und Charakter-
entwicklung. Zu Emil Ludwigs »Michelangelo«. IZIP 9: 51-60.
Zilahi-Beke, A. (1931): Rezension von Dorothea Hofer-Dernburg: Babys
Welt als Wille und Vorstellung. IZIP 9: 157-158.
Archivalien
Stadt- und Landesarchiv Wien: Polizeiliche Meldeunterlagen.
Literatur
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
Mühlleitner, E.; Reichmayr, J. (1994): Medizinische Psychologie und Psy-
chotherapie in Österreich 1900-1950. Teil 2. Unveröffentlichtes Manu-
skript.
Müller, R. (1996): »Fluchtpunkt England«. Spuren der österreichischen
Emigration in Großbritannien 1938-1945. Katalog zur Ausstellung an
der Universitätsbibliothek Graz.
IZIP 3 (1925).

LADISLAUS ZILAHI

Ladislaus Zilahi kam am 2. Februar 1891 in Bänffy-Hunyad in


Ungarn, dem heutigen Huedin in Rumänien, zur Welt. Zilahi war
Jurist und verheiratet mit der Individualpsychologin Agnes Zilahi,
geborene Beke.
Er engagierte sich in der Zwischenkriegszeit im Verein für Indi-
vidualpsychologie, wo er sich als Schriftführer und de facto Her-
ausgeber der IZIP hervortat, in der er selbst auch einige Artikel
veröffentlichte. Seiner Aufgabe als Herausgeber widmete er sich so
intensiv, dass ihm wenig Zeit für andere Tätigkeiten im Verein
blieb. Durch die politischen Ereignisse im Jahr 1934 wurden die

222
Aktivitäten der Individualpsychologinnen und Individualpsycho-
logen stark eingeschränkt und der Umfang der Zeitschrift ging um
die Hälfte zurück. Eine Möglichkeit, die Zeitschrift unter anderem
Namen in Deutschland weiterzuführen, allerdings unter der Bedin-
gung, dass statt Alfred Adler ein der nationalsozialistischen Ideolo-
gie zugewandter Individualpsychologe genannt würde, lehnte
Zilahi ab. 1937 wurde die Zeitschrift schließlich eingestellt.
Zusammen mit seiner Frau Agnes und seiner Tochter Klara ver-
ließ Ladislaus Zilahi Österreich im Jahr 1938 und ging nach Groß-
britannien.
Bibliographie
Zilahi, L. (1926): Rezension von A. Adler: Liebesbeziehungen und deren
Störungen. IZIP 4: 393-394.
Zilahi, L. (1927): Das Geltungsstreben in Amerika. IZIP 5: 227-228.
Zilahi, L. (1927): Alfred Adler über Amerika. IZIP 5: 225-227.
Zilahi, L. (1928): Rezension: Kindermißhandlungen. IZIP 6: 73-74.
Zilahi, L.; Seidler, R. (1929): Die individualpsychologischen Erziehungsbe-
ratungsstellen in Wien. IZIP 7: 161-170.
Zilahi, L. (1929): Rezension von J. G. Frazer: Der goldene Zweig. IZIP 7:
153-154.
Zilahi, L. (1930): Über Gewissenserforschung. Das Beispiel Benjamin
Franklins. IZIP 8: 298-315.
Zilahi, L.; Seif, L. (1930): Alfred Adler zum 60. Geburtstag von seinen
Schülern und Mitarbeitern der Individualpsychologie. Leipzig.
Zilahi, L.; Seif, L. (1930): Selbsterziehung des Charakters. Alfred Adler zum
60. Geburtstag. Leipzig.
Zilahi, L. (1932): Rezension von Sophie Lazarsfeld: Zehn Jahre Wiener
Beratungsarbeit. IZIP 10: 78.
Zilahi, I..; Seidler, R. (1930): The Vienna child guidance clinics. In: Adler,
A. et al. (Hg.): Guiding the child. New York, S. 9-27.
Archivalien
Stadt- und Landesarchiv Wien: Polizeiliche Meldeunterlagen.
Literatur
Handlbauer, B. (1984): Die Entstehungsgeschichte der Individualpsycho-
logie. Wien.
Müller, R. (1996): »Fluchtpunkt England«. Spuren der österreichischen
Emigration in Großbritannien 1938-1945. Katalog zur Ausstellung an
der Universitätsbibliothek Graz.

223
Anhang

Quellennachweis
Alfred Adler Institut, Wien; Adler School of Professional Psycho-
logy, Chicago; Dokumentationsarchiv des Österreichischen Wider-
standes; Literaturhaus, Wien; New York Academy of Medicine; The
New York Psychoanalytic Society; The New York Public Library;
Psychiatric Library der Columbia University; New York; Stadt- und
Landesarchiv Wien; Tagblattarchiv der Sozialwissenschaftlichen
Dokumentation der Kammer für Arbeiter und Angestellte, Wien;
Universitätsarchiv Wien; Verein der Geschichte der Arbeiterbewe-
gung.

Die gesamten amerikanischen individualpsychologischen Zeit-


schriften befinden sich vollständig in der Adler School of Professi-
onal Psychology in Chicago, viele davon auch in der New York
Public Library.
Einzelne Artikel und Nachrufe in internationalen individual-
psychologischen Zeitschriften zu verschiedenen Mitgliedern der
IPV finden sich auch im Alfred Adler Institut in Wien sowie eine
fast vollständige Sammlung der österreichischen Zeitschriften für
Individualpsychologie.

Abkürzungen

AAI Alfred Adler Institut, Wien


AJIP American Journal of Individual Psychology
DÖW Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstan-
des
IJIP International Journal of Individual Psychology
IP The Individual Psychologist

224
IPB Individual Psychology Bulletin
IPN Individual Psychology News
IPNL Individual Psychology News Letter
IWK Institut für Wissenschaft und Kunst
IZIP Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie
JIP Journal of Individual Psychology
OSE Organisation pour la sante et l'education
VGA Verein der Geschichte der Arbeiterbewegung
ZIP Zeitschrift für Individualpsychologie
Bibliographie
Achs, O. (1997): Carl Furtmüller. Ein biographischer Essay. In: Verein
der Geschichte der Arbeiterbewegung (Hg.): Carl Furtmüller
1880-1951. Sozialismus und Individualpsychologie. Wien, S. 3-8.
Achs, O.; Krassigg, A. (1974): Drillschule - Lernschule -Arbeitsschule.
Wien.S. 127-128.
Adler, A. (1972): Emil Froeschels (1884-1972). JIP 28/1: 112-113.
Adler, A. (1973): Ernst Papanek. IP 10/2: 37.
Adler, A. (1987): Mein Vater Alfred Adler. In: Stadler, Friedrich (Hg.):
Vertriebene Vernunft IL Emigration und Exil österreichischer Wis-
senschaft. Wien, S. 288-292.
Adler, A. (1973): Selbstdarstellung. In: Pongratz, L. J. (Hg.): Psychothe-
rapie in Selbstdarstellungen. Bern, S. 11-33.
Adler, A. (1991): »Über solche Dinge denke ich eigentlich nicht nach.«
In: Hartenstein, E. (Hg.): Heimat wider Willen. Emigranten in New
York. Begegnungen. Berg am See, S. 39—46.
Adler, A. (1977): Warum mein Vater Österreich verließ. In: Ringel, E.;
Brandl.G. (Hg.): Ein Österreicher namens Alfred Adler. Seine Indi-
vidualpsychologie - Rückschau und Ausblick. Wien, S. 13-14.
Adler, A. (1984): Der Lebensstil. In: Ansbacher, H. L. (Hg.): Alfred
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Contemporary application of Alfred Adler's theories. New York.
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einer Theorie im historischen Milieu Wiens. Göttingen.
Bruder-Bezzel, A. (1999): Geschichte der Individualpsychologie. Göt-
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Bruder-Bezzel, A. (1996): Beatrice Uehli Stauffer: Mein Leben leben.
Else Freistadt Herzka 1899-1953. Zwischen Leidenschaft, Psycho-
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1942. Wien.
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Schriftstellerin Klara Blum. Neue Zürcher Zeitung, 22. Oktober
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138.
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234
Personenregister

A Bierer, Joshua 48 f.
Bini, Lucio 216
Adler, Alexandra 18,31,40,47 f., Birnbaum, Ferdinand 44 f., 54, 76,
57-61,64,166,171,178, 197, 77-80, 115, 161,182 f., 190, 193,
229, 232 f. 204-208,227,229,232 f.
Adler, Alfred 9, 11,13, 17-24, Blei, Franz 135
29 f., 32,35-38,50,53, 57 f., Blum, Klara 24,80-85,228,
61 f., 64-69, 71 f., 74f., 77ff., 81, 233 f.
85 f., 88-91,93-105, 108 f., 112, Börner, Wilhelm 95, 106
114, 116, 118, 120f., 123,126, Braceland Francis 72
134 f., 139,141,143, 145, 149, Brachfeld, Oliver 40, 189 f.
153ff., 157, 159f., 162ff.,166, Brill.A.A. 50
170 f., 173, 175-179, 181,183, Brach, Hermann 135
186f., 190, 193-196,198 ff., Brodsky, Paul 31,38,40 ff., 45,47,
202 ff., 208 f., 211,213, 216 f., 85-88,196,231
223 f. 226-230,232 f. Brojdy, Isidor 163
Adler, Dr. Friedrich 215 Bühler, Charlotte 13,77,105,
Adler, Friedrich 32,146,215 109
Adler, Kurt 35,59,66,197 Bühler, Karl 159
Adler, Max 13,77,182,204 Buttinger, Joseph 26
Adler, Raissa 21,27,31,34,36,62,
66-70, 127 f., 232
Adler, Valentine 66,68 f. c
Aichhorn, August 44, 78, 105, 207
Allers, Rudolf 23 f., 37, 71 f., 74, Cadbury, Leah 122
105, 107, 109, 189 Cerletti, Ugo 216
Allport, Gordon 107 Claude, Henri 57
Ansbacher, Heinz 29,96 Cohn, Ruth C. 100
Anselm von Canterbury 72

D
B Deutsch, Danica 35,40, 88ff.,92,
Bader, Helene 25, 74 ff., 133, 179, 145,227
196 Deutsch, Leonhard 31,35,40,45,
Balthasar, Hans Urs v. 72 47,88 f., 91 ff., 212,231
Baum.Vicky 137 Dreikurs, Erik 97
Benedikt, Moritz 62 Dreikurs, Rudolf 20f., 24, 28 ff.,
Bernfeld, Siegfried 93 39 f., 45 ff., 52 f., 79,91,93-97,
Bernstein, Marie 171 99, 105, 157,180f., 197,213,
Bierbaum, Caroline 120 232 f.
Dreikurs, Simon 93

235
Dreikurs, Stephanie 23 Furtmüller, Carl 24, 26 f., 32 ff.,
Dreikurs-Ferguson, Eva 97 41, 54,64 f., 120-123,158,164,
Dukes, Ethel 42, 110 226, 228 f.
Durig, Arnold 23

G
E
Glazer, Mia 12,31, 35 f., 89 f., 92 f.,
Einstein, Albert 69 159
Eiseisberg, Anton v. 187 Glöckel, Otto 13, 65, 121, 167, 205
Eisler, Hanns 137 Goldschmiedt, Guido 132
Ellis Garland, Sadie J. 96 Goldstern, Helene (siehe auch
Papanek, Helene) 166
Goldstern, Samuel 171
F Grünberger, Felix 41,124
Gründorfer, Wilhelm 43
Farau, Alfred 36,45,99 ff. Grosser, Mathilde 106
Farau, Sylvia 36,100
Felsenburg, Stephanie 42
Feuchtwanger, Lion 137 H
Foster, Edith 197
Frankl, Gabriel 104 Hall, Stanley 50
Frankl,Viktor 24f, 104-108,170, Hartmann, Heinz 52
227, 230 Heger, Jan 201
Freud, Anna 59 Hernfeld, Fred (siehe auch Farau,
Freud, Sigmund 50,63, 88, 102, Alfred) 99,102
104, 123, 128, 159, 164, 166, Hernfeld, Max 99
204, 227 ff. Herst, Louise 49
Freud, Sophie 135 Herzka, Hans 109
Friedjung, Joseph 172 Hilferding, Karl 125,127
Friedmann, Alice 34,38,43, Hilferding, Margarethe 24 f., 64,
111 ff., 129, 132, 179, 191, 195, 68,125-128,227
218 Hilferding, Rudolf 125
Friedmann, Aron 114 Hoff, Hans 94,107,141
Friedmann, Friederike 24, 40, 54, Holub, Arthur 112,129 f., 153,
77, 114ff.,228,231 179
Friedmann, Malvine 109 Holub, Martha 25, 129 ff, 150,
Frischauer, Eduard 136 f. 218
Fry, Varian 27 Hönigsberg, Paul 125
Fröschels, Emil 37, 117ff.,208 f. Hönigschmid, Otto 132
Fröschels, Johanna 117 Horney, Karen 52
Fröschels, Siegmund 117
Furtmüller, Aline 26 ff, 33,34,62,
68, 120, 122

236
J M
Jacobsen, Edith 52 Mal raux, Andre 201
Jahoda, Marie 121 Matejka, Viktor 36
Jesenska, Milena 135 Mattauschek, Emil 94,160
Meitner, Carola 71
Meitner, Lise 71,115,132
K Menlos, N.A. 201
Meyer, Adolf 50
Kunkel, Fritz 189,199 Milford, Peter 127 f.
Kadis, Asja 40 Muller, Alexander 49
Kaufmann, Elvira 37,43,134
Kauffnann, Ernestine 164
Kaus, Gina 40,135-138,233 N
Kaus, Otto 135 f.
Kelsen, Hans 13 Neuer, Alexander 26, 35, 40, 94,
Kernberg, Otto F. 75 f., 229 123,156-160,184,228,234
Kisch, Egon Erwin 135 Neuer, Margit 158
Knopf, Olga 19 f., 138-141,228, Neufler, Edmund v. 71
230 Nowotny, Friedrich 160
Koch, Stephanie (siehe auch Drei- Nowotny, Grete 161
kurs, Stephanie) 95 Nowotny, Karl 43-46, 54, 78, 115,
Kogerer, Heinrich v. 44, 207 160ff.,207,227, 232
Krampflitschek, Hilde 38,75,141 f. Nowotny, Sophie 160
Kranz, Josef 135
Krausz, Erwin O. 22,43,90, 144 f.,
150,227
Krausz, Tilde 22
o
Oller, Olga 37,40, 43, 162 f., 204
Oppenheim, David Ernst 24 f.,
L 164ff.,228
Oppenheim, Joachim 164
Lazarsfeld, Paul 106,146,148
Lazarsfeld, Robert 146
Lazarsfeld, Sophie 14, 24, 26, 31, P
34,40,49, 81,84,127,146-149,
158,184,209,223,228 Papanek, Ernst 25 f., 32 f., 166-
I.ehndorff, Heinrich 150 173,185,226,231
Lehndorff-Stauber, Alice 40,130, Papanek, Johann Alexander
144,150,177 166
Lifman, Doris 165 Papanek Helene 24,26,31,41,
Lindenfeld, Bela 37,151 167 f., 171 ff.
Lindenfeld-Lachs, Elda 54, 151 f. Pappenheim, Else 34
Löwy, Ida 153ff.,209,228, 231 f. Plewa, Franz 42, 175

237
Pollack, Amalie 164 Seidmann, Rosa 194
Pollack, Josie 95 Seyss-Inquart, Richard 106
Popper, Karl 127 Sicher, Harry 195 f.
Pucket.Ruth 35,158 Sicher, Lydia 31,34,38,45-49,75,
Putnam, Tracy J. 58 79, 86 f., 139,153,157, 175 f.,
Pötzl, Otto 58, 106,160 195-198, 226f., 231
Singer, Cora 165
Singer, Helen 99
R Soddy, Frederik 132
Sperber, Manes 229 f.
Redwin, Eleanor (siehe auch Spiel, Hilde 137
Rothwein, Elly) 28,96, 179 f. Spiel, Oskar 10, 19, 24, 31, 36,39,
Reich, Luna 37,43,150,177 40,45^9,54,77,80,115, 161,
Reuss, August v. 209 163,182 f., 190, 192 f., 204-208,
Rom, Paul 40f.,43, 194 230-233
Ronall, Ruth E. 89 Spiel, Walter 12,44, 189 f., 204,
Rothwein, Elly 24, 28,43,47, 94, 206 f.
96, 133, 179 f. Spira, Rosa 166
Roy, Charles 28 Stein, Edith 72
Rühle-Gerstel, Alice 81 Stein, Irma 209
Stekel, Wilhelm 21
Streker.Paul 135
S
Sachs, Hanns 52
Scharmer, Franz 77, 182 f., 205 f., T
227 Tandler, Julius 68,127
Schauta, Friedrich 187 Thomas von Aquin 72
Schilder, Paul 57 Torberg, Friedrich 137
Schlaffer, Runa W. 12,20 Topfer, Gertrude 117
Schlesinger, Edmund 24 f., 34 f., Trotzkij, Leonid 68
40, 153,158,168, 172,184 f., Trotzkij, Natalia 68
231
Schlesinger-Hagen, Frida 185
Schletter, Edmund 38,43, 186 f., V
231
Schratt, Karl 122 f. Vertes, Theodor 214
Schwarz, Irma 189 Viertel, Salka 137
Schwarz, Oswald 24, 37, 105,
187-190,230
Schwindt, Eleonore Katharina w
107
Seidler, Regine 34, 39 f., 43,45, 77, Wagner-Jauregg, Julius v. 18,57,
79,98,190-193,227 64,94,195

238
Weigel, Helene 137
Weissmann, Alfred 32,41 z
Weissmann, Emmerich (Eme- Zanker, Arthur 41, 217 ff.
rich) 24,32,40 f., 184,210 Zhu Xiangchen 82
Werfel, Franz 135 Zilahi, Ladislaus 42, 221 ff.
Wexberg, Erwin 20, 24, 34 f., 52, Zilahi-Beke, Agnes 221
105, 109,211 ff., 215,230 Zilsel, Edgar 34
Wexberg, Lilly 35,92,212 Zirner, Josef 135
Weyr, Helene 40,214 Zivcons, Zenija (siehe Sperber,
White, William Alanson 50 Jenka) 201
Wilheim, Ilka 42,215 Zweig, Stefan 143
Wolff.Toni 110 Zweig, Walter 195
Wyneken, Gustav 93

Bayerische
Staatsbibliothek
München

239
Alfred Adler Studienausgabe
Herausgegeben von Karl Heinz W i t t e

Alfred Adler er Hintergründe und Motivationen


von Verhalten aufzeigt, Wesen und
Persönlichkeit und
Entstehung von Charakter analy-
neurotische Entwicklung siert, will der Begründer der Indivi-
Frühe Schriften (1904-1912) dualpsychologie zu einem tieferen
Alfred Adler Studienausgabe, Band 1.
Verständnis des Menschen anleiten.
Herausgegeben von Almuth Bruder-
Bezzel. 2007. Ca. 270 Seiten, gebunden
Alle Bände der Studienausgabe:
ISBN 978-3-525-46051-1
Band 1: Persönlichkeit und neuro-
Die Aufsätze aus der Zeit von tische Entwicklung - Frühe Schriften
1904-1912 dokumentieren die (1904-1912). Herausgegeben von Almuth
frühe freudianische und sozial- Bruder-Bezzel (erscheint 2007)
pädagogische Ausrichtung Adlers Band 2: Über den nervösen Charakter
wie auch die Entfaltung der neuen (1912). Herausgegeben von Karl Heinz
Konzepte, mit denen er von Freud Witte, (erscheint 2009)
abrückte. Dazu gehören seine
psychosomatische Theoriebildung Band 3: Persönlichkeitstheorie,

(Organminderwertigkeit und Kom- Psychopathologie, Psychotherapie

pensation) und die Einführung des (1913-1937). Herausgegeben von Gisela


»Aggressionstriebs«. Im vertieften Eife. (erscheint 2008)
Minderwertigkeitsgefühl, im Stre- 8and 4: Schriften zur Erziehung und
ben nach Sicherung und persön- Erziehungsberatung (1913-1937).
licher Überlegenheit sieht Adler Herausgegeben von Wilfried Datler,
die Kennzeichen des neurotischen Johannes Gstach und Michael Wininger.
Charakters. (erscheint 2007)

Band 5: Menschenkenntnis (1927).


Herausgegeben von Jürg Rüedi. (erscheint
Alfred Adler
2007)
Menschenkenntnis (1927)
Band 6: Der Sinn des Lebens (1933).
Alfred Adler Studienausgabe, Band 5.
Herausgegeben von Reinhard Brunner.
Herausgegeben von Jürg Rüedi.
- Religion und Individualpsychologie
2007. Ca. 280 Seiten, gebunden
(1933). Herausgegeben von Ronald
ISBN 978-3-525-46052-8
Wiegand. (erscheint 2007)

Adlers Schrift »Menschenkennt- Band 7: Kultur und Gesellschaft


nis«, 1927 erschienen, hat die wei- (1897-1937). Herausgegeben von Almuth
teste Verbreitung erfahren. Indem Bruder-Bezzel. (erscheint 2008)

Vandenhoeck & Ruprecht