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Vorlesung 1: Was ist Soziologie?

Soziologen sehen keine Phänomene, die andere nicht auch sehen, aber
mit
anderen Augen:
neue, systematischer (empirisch, theoretisch)
begründete Sichtweisen lernen (aber in der Soziologie immer
mehrere konkurrierende Deutungen / Erklärungen gibt)

Soziologische „Kunst des Misstrauens“ (Friedrich Nietzsche):


„Die erste Stufe der Weisheit in der Soziologie ist, dass die Dinge nicht
sind, was sie
scheinen.“ (Peter Berger, 1969)
- Zweifelnde, skeptische Perspektive
- Soziologie als Aufklärung
- Immer neue Perspektiven

Alltagshandeln bis in privateste Beziehungen hinein geprägt von


kulturellen Vorgaben, gesellschaftlichen Normierungen, Machtinteressen
und Herrschaftszusammenhängen (selbst die Liebe!)
- Sinn für das Demaskieren von falschen Gewissheiten
- Sinn für die Relativität von Gewohnheiten, Überzeugungen und
institutionellen Regelungen

Gegenstand der Soziologie ist „das Soziale“, „die Gesellschaft“

„Gesellschaft“ in der Soziologie:


- „Jeder nach innen einigermaßen gegliederte und nach Außen mehr
oder weniger abgegrenzte Komplex zwischenmenschlicher
Beziehungen.“ (Eickelpasch, 1999)
- Gesellschaft als „Interaktionssystem“: „Gesellschaftlich“ bzw.
„sozial“ ist jede Situation, in der Menschen ihr Handeln (sinnhaft)
aufeinander beziehen
- Gesellschaft als institutionell verfestigte Strukturen oder Systeme

„Soziologie ist die Untersuchung des gesellschaftlichen Lebens


der Menschen, von Gruppen und Gesellschaften. Ihr Gegenstand ist
unser eigenes Verhalten als soziale Lebewesen“. (Anthony Giddens)

„Soziologie (…) soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales


Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und in
seinen Wirkungen ursächlich erklären will.“ (Max Weber)

• Gesellschaft als Interaktionssystem:

Regelhafte Interaktionen = Soziale Beziehungen

Soziologie: Deutungen 2. Grades

• Gesellschaft als strukturelles Gefüge:


o Soziale Struktur = institutionell verfestigte Muster
gesellschaftlicher Beziehungen
o Soziale Systeme = meist um bestimmte gesellschaftliche
Grundfunktionen herum organisierte gesellschaftliche
Interaktionssysteme (z. B. Wirtschaft, Politik, Erziehung,
Bildung, Wissenschaft, Rechtssystem etc.)
o Strukturen entstehen meist als unbeabsichtigte Folgen
komplexer sozialer Interaktionsprozesse, die sich
gegenüber den beteiligten Akteuren verselbständigen
und eine Eigendynamik gewinnen.
 Die Untersuchung ihrer Entstehung und Verfestigung als
„Strukturen“ ist ein zentrales Thema der Soziologie
 Daraus resultiert aber auch das Spannungsverhältnis
zwischen handlungs- und strukturorientierten Ansätzen
in der Soziologie (2 Perspektiven der Soziologie)

Duaslismus: Individuum-Gesellschaft
- Henne-Ei-Frage der Soziologie (Gesellschaft und Individuum sind
nicht ohne jeweils anderen denkbar)
- Zentrale theoretische Fragen
o Wie kann Entstehung sozialer Strukturen aus dem Geflecht
individuellen sozialen Handelns oder sozialen Interaktionen
erklärt werden
o wie werden diese Strukturen über millionenfaches individuelles
Handeln beständig reproduziert aber auch immer wieder
verändert?
- Ebenen der sozialen Wirklichkeit:
o Mensch als soziales Wesen
o Kleingruppen (Mikrosoziologie)
o Organisationen (Organisationssoziologie)
o Gesellschaft und Kultur (Makrosoziologie)

Besonderheiten der Soziologie als wiss. Disziplin


- Zeitgebundenheit soziologischer Analysen: Prägung der
Fragestellung durch die jeweilige Zeit, aber auch Beeinflussung des
Untersuchungsgegenstandes durch Analysen
- Ausgeprägter Theorienpluralismus

Spannungslinien der Soziologie:


o Handlungsperspektive vs. Struktur/Systemperspektive
(= zentrale theoretische Herausforderung)
o Mikro- vs. Makroperspektive (Handlungs- und
Strukturansätze haben unter-schiedliche Affinitäten zur Mikro-,
Meso- oder Makroebene = eher Problem der Verknüpfbarkeit
unterschiedlicher Blickwinkel und Forschungsinteressen, kein
grundsätzliches theoretisches Problem)
o Methodische Konfliktlinie: quantitative vs. qualitative
Methoden
(= naturwissenschaftliches Modell kausaler Erklärung auf der
Basis statistischer Datenanalysen vs.hermeneutisch
orientiertes Modell der Rekonstruktion von Sinnstrukturen
(Sinnverstehen) aus Texten, Interviews etc. -> Analyse ges.
Verhältnisse erfordert beides

Multiperspektivität weitgehend respektiert, aber wichtig die Schwächen


des gewählten Zugangs zu kennen!
Und unterschiedliche Theorien verweisen darauf, dass Dinge auch anders
gesehen werden können. (neue Zusammenhänge) ->
Erkenntnisgewinn!

2. Vorlesung: Geschichte und theoretische Ansätze der Soziologie

Schaubild siehe Skript S.19

Zentrale Ansätze der Soziologie:


- Adam Smith: Rational Choice Theorien
- Karl Marx: Klassentheorien: „Kritische Theorie“, neomarxistische
Ansätze
- Max Weber: „verstehende Soziologie“, gesellschaftliche
„Rationalisierung“
- Emile Durkheim: normativ basierte, soziale Integration;
gesellschaftliche Arbeitsteilung (funktionale Differenzierung)
o Theorien funktionaler Differenzierung (Bsp. Talcott Parsons:
Niklas Luhmann)
- George H. Mead: Symbolische Interaktion

Soziologie als Wissenschaft vom sozialen Handeln


- Max Weber: „Soziologie (…) soll heißen: eine Wissenschaft, welche
soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem
Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will.“
- M. Weber: Handeln soll ein menschliches Verhalten heißen, wenn
der Handelnde mit ihm einen subjektiven Sinn verbindet. Soziales
Handeln aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von
dem Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten
anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist.
- Interpretation (Abels II 2007, S. 142): „Sinn heißt, das es eine
‚rationale‘ (verstehbare) Erklärung für das Handeln gibt, dass
wir also mit unserem Handeln etwas bestimmtes meinen und das
dem anderen gegenüber zum Ausdruck bringen und dass wir
meinen, auch der andere habe mit seinem Handeln etwas ganz
bestimmtes gemeint. An diesem wechselseitig ‚gemeinten Sinn‘
ist soziales Handeln orientiert.“
- Max Weber: Idealtypen sozialen Handelns:
o Zweckrational: es werden gezielt bestimmte Mittel eingesetzt,
um bestimmte Zwecke zu erreichen
o Wertrational: ohne Rücksicht auf die vorauszusehenden Folgen
handeln im Dienste seiner Überzeugung
o Affektuell: emotional, im Extremfall ohne Reflexion (kaum
mehr sinnhaft)
o Traditional: aus Gewohnheit, Alltagshandeln (im Extremfall
bloßen „Reagierens auf gewohnte Reize“ auch kaum mehr
sinnhaft)

Aber: Ist soziales Handeln nicht überwiegend Routinehandeln?

Handlungs-/interaktionstheoretische vs. Strukturtheoretische Ansätze:


- Max Weber (1864 – 1920)
Im Zentrum der soziologischen Analyse stehen damit die aus dem
subjektiv sinnhaften, auf soziale Kontexte gerichteten Handeln –
oder aus der symbolischen Interaktion – entstehenden typischen
Muster gesellschaftlicher Beziehungen, Orientierungen und
Ordnungen.
- Emile Durkheim (1858 – 1917)
„Ein soziologischer Tatbestand ist jede mehr oder minder
festgelegte Art des Handels, die die Fähigkeit besitzt, auf den
einzelnen einen äußeren Zwang auszuüben, wobei sie ein von den
individuellen Äußerungen unabhängiges Eigenleben besitzt“.

Im Zentrum der Untersuchungen der Soziologie stehen damit die


gesellschaftlichen Strukturen und Prozesse (Kultur, Institutionen,
soziale Ungleichheit, Herrschaftsverhältnisse, sozialer Wandel etc.),
die das individuelle Handeln normieren und strukturieren.

Theorien funktionaler Differenzierung:


- Funktionale Differenzierung = Schlüsselkategorie der soziologischen
Bemühungen um eine Theorie moderner Gesellschaften.
- E. Durkheim: charakterisiert den Übergang von traditionellen zu
modernen Gesellschaften – unter Nutzung der Organismus-Analogie
– als Übergang von der „mechanischen Solidarität“ (ges. Integration
aufgrund hoher kultureller Homogenität einzelner
Gesellschaftssegmente) zur „organischen Solidarität“ (funktionale
Integration auf der Basis hoher ‚sozialer Arbeitsteilung‘ bzw.
Differenzierung)
- M. Weber: Der für die Moderne charakteristische Prozess der
„Rationalisierung“ und der „Entzauberung der Welt“ führt zur
Ausdifferenzierung „gesellschaftlicher Wertsphären“ bzw.
Lebensordnungen (Wirtschaft, Recht, Politik, Kultur etc.), die nach
ihren Eigengesetzlichkeiten rationalisiert werden -> Spannungen
zwischen den einzelnen Wertsphären ohne ges. verbindliche
Schlichtungs-/Entscheidungsinstanz
- T. Parsons: Etablierung des Konzepts fkt. Differenzierung im
Rahmen seiner strukturfunktionalistischen Systemtheorie. Jedes
System teilt sich in vier Teilsysteme, die zentrale Funktionen zur
Erhaltung der Systemstruktur erfüllen (AGIL-Schema). In Bezug auf
soziales System: Anpassung (Wirtschaft), Zielerreichung (Politik),
Integration (Sozialisation), Erhaltung zentraler Wertmuster (Kultur)

Strukturfunktionalismus Parsons -> Funktionalistische


Systemtheorie (Niklas Luhmann)
o Ausgangspunkt ist nicht mehr eine best. Systemstruktur – bei
sozialen Systemen: die normative Ordnung – zu deren Erhalt
sich das soziale System in verschiedene funktionale
Teilsysteme ausdifferenziert (AGILSchema), sondern:
o Bezugspunkt ist die funktionale Ausdifferenzierung
moderner Gesellschaften als evolutionärer Prozess. Die
funktional ausdifferenzierten Teilsysteme (Wirtschaft, Politik,
Recht, Wissenschaft etc.) sind nicht mehr auf den Erhalt eines
übergreifenden gesellschaftlichen Wertesystems bezogen,
sondern folgen ihrer eigenen „Binnenlogik“.
o Funktionale Ausdifferenzierung erhöht permanent die
„gesellschaftliche Komplexität“; letzteres ist sowohl
zentrales Fortschrittskriterium (für L.) als auch zentrales
Problem der Moderne; macht „Reduktion von Komplexität“ zu
einer zentralen Aufgabe.
- Luhmanns Theorie funktionaler Differenzierung:
Drei unterschiedliche historische Formen gesellschaftlicher
Differenzierung
o „segmentäre Differenzierung“ (ges. Differenzierung in
gleiche Teilsysteme, z.B. Stämme, Clans, Dörfer ≈ Durkheims
„mechanischer Solidarität“)
o „stratifikatorische Differenzierung“ (ges. Differenzierung
in hierarchisch strukturierte ungleiche
Schichten/Stände/Klassen; der Herrscher repräsentiert das
Ganze der Gesellschaft; religiöse Weltdeutung integriert und
legitimiert diese Ordnung)
o „funktionale Differenzierung“ (Verselbständigung ges.
Teilsysteme entlang zentraler gesellschaftlicher
Funktions-/Problembereiche seit der Neuzeit)
 Funktionale Teilsysteme haben exklusive Kompetenz für
die Bearbeitung bestimmter Probleme oder Funktionen,
sind wechselseitig nicht substituierbar.
 Keine (konkurrenzfreie) Repräsentation der Einheit der
Gesellschaft mehr möglich. Moderne Ges. =
„polyzentrische“ Ges. Es gibt keine privilegierte
Entscheidungsposition mehr, „kein Zentrum und keine
Spitze“. Es gibt nur noch die Vielfalt systemspezifischer
Perspektiven & Beschreibungen; immer auch andere
Perspektiven möglich (= hohe Kontingenz; Verlust der
„Wahrheit“).
 Funktionale Differenzierung steigert Interdependenzen
der Funktionssysteme und die darüber vermittelte
Integration des Gesamtsystems: aber keine zentrale
Steuerung mehr möglich; nur wechselseitige
Beobachtung

Symbolischer Interaktionismus:
- G. H. Mead ((1863-1931): Menschen erschließen sich ihre Welt über
symbolische Bedeutungen
- „Thomas-Theorem“: „If men define situations as real, they are real
in their consequences“ (W. Thomas 1929) -> begründet Tradition
des „sozialen Konstruktivismus“
- Gesellschaft besteht für Vertreter des „symbolischen
Interaktionismus“ aus einem fortlaufenden Prozess der
wechselseitigen (symbolischen, kommunikativen) Abstimmung der
Aktivitäten ihrer Mitglieder. -> Sowohl „Kultur“ als auch „Struktur“
sind ‚geronnene‘, institutionalisierte Ergebnisse dieser permanenten
Interaktions- und Abstimmungsprozesse.
- 3Prämissen:
o Menschen handeln gegenüber Dingen auf der Grundlage der
Bedeutungen, die diese Dinge für sie besitzen -> Die Bedeutung der
Dinge ist für verschiedene Personen aber sehr unterschiedlich
o Die Bedeutung der Dinge entsteht durch soziale Interaktion, die man
mit seinen Mitmenschen eingeht
o Die Bedeutungen werden durch einen interpretativen Prozess im
kollektiven Umgang mit den Dingen ständig verändert

Wiederholungsfragen:
• Welche zeitgenössischen Erfahrungen prägen die Entstehung derSoziologie?
• Nennen Sie einige bedeutende Vorläufer und „Gründerväter“ der Soziologie?
• Was sind die zentralen Themen von
o Adam Smith ??
o Karl Marx ??
o Max Weber ??
o Emile Durkheim ??
• Was sind zentrale Spannungslinien / Kontroversen in der Soziologie?

3. Veranstaltung: Schlüsselbegriffe der Soziologie

Konfliktlinie: Handlungs- vs. Strukturtheorien


- Max Weber (1864 – 1920)
Soziologie : eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend
verstehen und dadurch in seinem Ablauf und in seinen Wirkungen
ursächlich erklären soll.
‚Soziales Handeln‘ soll ein solches Handeln heißen, welches
seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das
Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf
orientiert ist.
 Im Zentrum der soziologischen Analyse stehen damit die
aus dem subjektiv sinnhaften, auf soziale Kontexte
gerichteten Handeln entstehenden typischen Muster
gesellschaftlicher Beziehungen, Orientierungen und
Ordnungen.
- Emile Durkheim (1858 – 1917)
soziologischer Tatbestand ist jede mehr oder minder festgelegte
Art des Handels, die die Fähigkeit besitzt, auf den einzelnen einen
äußeren Zwang auszuüben, ... wobei sie ein von den individuellen
Äußerungen unabhängiges Eigenleben besitzt
 Im Zentrum der Untersuchungen der Soziologie stehen
damit die gesellschaftlichen Strukturen und Prozesse
(Kultur, Institutionen, soziale Ungleichheit,
Herrschaftsverhältnisse, sozialer Wandel etc.), die das
individuelle Handeln normieren und strukturieren.

5 Schlüsselbegriffe der Soziologie:


- „Sozialstruktur“: relativ dauerhafte Muster sozialer Beziehungen
und Wirkungszusammenhänge in einer Gesellschaft
- „Soziales Handeln“: sinnhaftes, bewusst oder implizit auf das
Verhalten anderer Akteure gerichtetes bzw. an gesellschaftlichen
Normen und Erwartungen orientiertes Handeln (vgl. Webers
Idealtypen sozialen Handelns und Begriffserklärung Vorlesung 2)
- „Kultur“: die gemeinsamen Weisen des Denkens, Verstehens,
Bewertens und Kommunizierens, die die Lebensweise & Lebensstile
von Menschen prägen
- „Macht“: die Fähigkeit eines sozialen Akteurs, den eigenen Willen,
die eigenen Ziele und Interessen auch gegen den Widerstand
anderer durchsetzen zu können, ganz gleich worauf diese Fähigkeit
beruht
- „Integration“: Soziale und funktionale Einbindung von Individuen,
Gruppen, Organisationen oder ges. Teilsystemen in ein
gesellschaftliches Gesamtgefüge

Zu Punkt 2: soziales Handeln:


Praxistheoretisches Handlungsverständnis:
- Anthony Giddens (geb. 1938):
o statt „Individuellem Handeln“, „soziale Praktiken“ als
Basiseinheit des Sozialen
o An die Stelle der Frage nach der Entstehung einer stabilen
Ordnung durch z.B. Werte, Frage nach den Bedingungen der
Reproduktion sozialer Handlungsmuster über Raum und Zeit
hinweg.
 Lösung: „soziale Praktiken“
- „Soziale Praktiken“ = ein Reden & Tun, das durch implizites
Wissen („praktisches Verstehen“) angeleitet wird, in körperlichen
Routinen verankert und mit materiellen Dingen verknüpft ist (Essen,
Autofahren, Fernsehen ...). Die soziale Welt setzt sich aus solchen
miteinander verflochtenen Praktiken zusammen
- Soziales Handeln beruht nach A. Giddens auf
o „praktischem Bewusstsein“: Routineförmige soziale Praktiken
(impliziert alltägliche, situative Handlungsanpassungen)
o „diskursivem Bewusstsein“: Akteure benennen Gründe für ihr
Handeln oder reflektieren über notwendig werdende
Veränderungen sozialer Praktiken im Fall der Störung von
Routinen
o unbewusster Prägung durch „ontologisches
Sicherheitsstreben“

zu Punkt Kultur:
- Denken & Verstehen: impliziert sprachliche Kommunikation, den
gemeinsamen Gebrauch von Begriffen, bestimmten Kategorisierungen der
Wirklichkeit, gemeinsam geteilten Deutungssystemen, die in privaten und
öffentlichen Diskursen immer wieder bestätigt werden und deshalb als
selbstverständlich erscheinen
- „Werte“: „Unter Werten verstehen wir die allgemeinsten
Grundprinzipien der
Handlungsorientierung und der Ausführung von Handlungen. Werte sind
Vorstellungen von Wünschenswertem, kulturelle und religiöse, ethische
und
soziale Leitbilder, die die gegebene Handlungssituation sowohl steuern als
auch transzendieren. Die in einer Gesellschaft vorherrschenden
Wertvorstellungen
sind das Grundgerüst der Kultur.“

- Kultur als Instinktersatz


o Philosophische Anthropologie (M. Scheler, A. Gehlen, H.
Plessner): Mensch ist ein instinktreduziertes „Mängelwesen“
und im Verhältnis zu seiner Umwelt „weltoffen“. Er wird erst
im Kontakt mit seiner sozialen Umwelt und durch die
Verwendung (sprachlicher) Symbole zum „Menschen“
o Der Mensch braucht Werte, Sinn, Kultur, Institutionen als
„Instinkt-Ersatz“. „Anthropologisch betrachtet übernehmen
Werte als übergeordnete Orientierungsstandards
Entlastungsfunktionen für das ‚Mängelwesen‘ Mensch.“
(Korte/Schäfers 2008, S. 37)
o „Soziokulturelle Werte als zentrale Elemente der Kultur einer
Gesellschaft dienen den durch Instinktreduktion und
Verhaltensunsicherheit gekennzeichneten Menschen als
generelle Orientierungsstandards.“ (Schäfers; Grundbegriffe
der Soziologie)
- Werte und Normen:
o Werte geben einen allgemeinen Orientierungsrahmen ab. Da
Werte aufgrund ihrer Allgemeinheit nicht verhaltenswirksam
sind, werden sie situationsspezifisch in sozialen Normen, d. h.
in konkreten Vorschriften für das soziale Handeln,
operationalisiert.
o Normen sind Regeln über deren Einhaltung die Gesellschaft
wacht
o Das tut sie mittels positiver oder negativer Sanktion.
Normkonfirmität aber wirkungsvoller zu erreichen, indem uns
Normen im Prozess der Sozialisation als „normal“ nahe
gebracht werden, sie als „vernünftige Regeln“ internalisiert
werden und im täglichen Handeln als „selbstverständlich“
bestätigt werden.

Zu Punkt 4: Macht
- Begriff Macht ist soziologisch amorph weil situationsabhängig
= handlungstheoretische Machtdefinition
- Gründe oder Quellen von Macht:
o Persönliche Überlegenheit
o Autorität
o Ideologische Macht
o Wissen als Macht
o „strukturelle Macht“
o Gewalt
- Herrschaft:
o Macht ist fragiles gut. Machthaber versuchen sie dauerhaft zu
institutionalisieren und zu legitimieren -> aus Macht wird
Herrschaft
o Herrschaft als „Sonderfall von Macht“ (Weber): Jede Macht hat
Bedürfnis nach Selbstrechtfertigung und Anerkennung.
Legitimation von Machtverhältnissen durch Anerkennung der
Rechtfertigungsgründe.
o Herrschaft ist legitime Machtausübung: Chance auf Gehorsam
o Jede Herrschaft ist ein Machtverhältnis, doch nicht jedes
Machtverhältnis verfestigt sich zur Herrschaft
- Herrschaftstypen nach Max Weber (Idealtypen legitimer Herschaft):
o Legale Herrschaft: Herrschaft kraft Satzung; rationalste Formd
er Herrschaft. Vorsicht! Legal ist nicht gleich legitim!
o Traditionelle Herrschaft: Herrschaft kraft des Glaubens an
Überlieferung; selbstverständliche Regelung sozialer Ordnung
o Charismatische Herrschaft: Verhältnis „Führer“ zu „Jünger“;
Charismasteigerung durch Erfolg-> Selbststeigerung
Instabile Herrschaft, daher Versuch sich über
Institutionalisierung abzusichern
Ergänzung:
o Demokratische Legitimation
o Sozialstaatliche Legitimation

Zu Punkt 5: Integration
- Funktionale Integration
o Die verschiedenen Teile der sozialen Realität sind miteinander
verknüpft, voneinander abhängig, beeinflussen sich
wechselseitig (Organismus-Analogie)
o „Funktionale Integration“ besteht, wenn „jede soziale
Beziehung, Position, Organisation, jeder Wert und jede
Eigenschaft einer Gesellschaft einen Beitrag“ für das
Funktionieren des „sozialen Systems als Ganzes leistet“
o „Je widerspruchsfreier Werte aufeinander in einem
Wertesystem oder in einer Wertehierarchie bezogen sind,
desto stärker ist die Integration und Stabilität der
Gesellschaft.“
o Misslingende funktionale Integration = „Dysfunktionale“
Beziehungen

- Soziale Integration
o Soziale Integration bezieht sich nicht auf die Frage der
funktionalen oder dysfunktionalen Beziehung von einzelnen
Elementen des sozialen Systems zueinander, sondern auf die
Frage der sozialen Bindung, der geordneten oder
konflikthaften Beziehungen der Handelnden zueinander.
o Bsp: für Desintegration: starke Klassenkonflikte,
Kastenstrukturen, ethnonationalistische Konflikte,
„Parallelgesellschaften“
o Voraussetzungen für soziale Integration:
 Strukturelle Integration: Zugang zu gesellschaftlichen
Chancen und Positionen
 Kulturelle Integration: Vertrautheit mit und
Verinnerlichung von kulturspezifischen Werten und
Normen [„Leitkultur“ – Migrantenkulturen ???]
 Soziale Integration/„soziales Kapital“: Teilnahme an
sozialen Aktivitäten & Netzwerken, auch im privaten
Bereich

4. Veranstaltung: Individuum und Gesellschaft (1) – Sozialisation

Definition:
- Wie wir werden, was wir sind (Abel)
- Sozialisation (auch deutsch: Vergesellschaftung) ist die
„Bezeichnung für den Prozess, durch den ein Individuum in eine
soziale Gruppe eingegliedert wird, indem es die in dieser Gruppe
geltenden sozialen Normen (…) erlernt und in sich aufnimmt.“
(Fuchs et al. 1988, S. 707)
- Sozialisation bezeichnet (…) den Prozess, in dessen Verlauf sich
der mit einer biologischen Ausstattung versehene menschliche
Organismus zu einer sozial handlungsfähigen Persönlichkeit bildet,
und zwar in Auseinandersetzung
o mit den natürlichen Anlagen, insbesondere den körperlichen
und psychischen Grundmerkmalen, die für den Menschen die
„innere Realität“ bilden,
o mit der sozialen und physikalischen Umwelt, die für den
Menschen die „äußere Realität“ bilden. (Hurrelmann 2002, S.
15f.)

Anlage vs. Umfeld


- Formbarkeit vs. Genetische Festgelegtheit
- Gene geben Entwicklungsmöglichkeiten vor; Ausbildung der
Persönlichkeit durch Wechselwirkung von Anlage und Umwelt
(Sozialisation)
Soziologisches Konzept setzt sich ab von:
- Biologistischer Auffassung
- Idealistischer Philosophie
- Lerntheoretisch reduzierter Pädagogik

Sozialisation ist:
- … der Prozess, in dem die Menschen spezifische Fähigkeiten zum
sozialen Handeln erlernen; im Gegensatz zum zielgerichteten,
geplanten Lernen mithilfe eines professionellen Personals (=
Erziehung) ist Sozialisation die ungeplante „Gesamtheit aller
Lernprozesse, die aufgrund der Interaktion des Individuums mit
seiner gesellschaftlichen Umwelt stattfinden“
- … in ihrer Form abhängig von den Werten, Normen und der
Funktionsweise einer Gesellschaft, d.h. kultur- und
gesellschaftsspezifisch
- … notwendig zur funktionalen Integration von Gesellschaften
(Fähigkeit miteinander zu kooperieren; normativer Basiskonsens;
gesellschafts-/funktionsspezifische Kompetenzen); in modernen
Gesellschaften allerdings immer Widersprüche zwischen
Sozialisation und Gesellschaftsstruktur
- … verschieden für unterschiedliche Gesellschaftsgruppen und
spiegelt die jeweiligen Formen sozialer Ungleichheit wider
(klassen-/schicht-/milieu-/geschlechtsspezifische oder ethnische
Sozialisation)
- … ein Prozess, in dem das Individuum geformt wird – sowohl von der
Gesellschaft als Ganzer als auch von seinem besonderen Ort
innerhalb der Gesellschaft
- … nicht nur ein Aneignungsprozess, sondern auch ein Prozess der
Identitätsbildung.

Exemplarisch ausgewählte Sozialisationstheorien:


- Psychoanaltische Sozialisationstheorie nach FREUD
- Soziologische Sozialisationstheorie nach DURKHEIM und MEAD

Psychoanalytische:
- Freuds Theorie der Persönlichkeit:
o Der Mensch als triebhaftes Wesen - Menschliches Verhalten
wird wesentlich durch biologische und psychische Antriebe
bestimmt, die in der frühen Kindheit, v. a. durch die Beziehung
zu den Eltern, geformt werden
o Modell innerpsychischer Instanzen:
 Es: Ererbt, beinhaltet die Triebbedürfnisse, sexuelle und
aggressive Impulse, an Lustgewinn orientiert
(„Lustprinzip“)
 Ich: das ‚rationale‘ Teil des Selbst, das zwischen „Es“
und „Über-Ich“ vermittelt; das anhand elterlicher
Verbote lernt, Triebbedürfnisse auf realistische Ziele zu
lenken. Durch diese Vermittlungsrolle des „Ich“ entsteht
Bewusstsein.
 Über-Ich: „Gewissen“; die über die Identifikation mit
den Eltern verinnerlichten Verbote der Eltern und der
moralischen Normen und Werte der Gesellschaft
o Persönlichkeit primär dadurch geformt, wie die Konflikte
zwischen Es und Über-Ich gelöst werden. Diese Prozesse
bleiben weitgehend „unbewusst“ obwohl sie das Verhalten
prägen
- Sozialisation als Einschränkung und der Triebbedürfnisse
o Anthropologische Annahme der notwendigen Zurichtung des
Menschen auf die Gesellschaft
o Pessimistische Kulturtheorie: Hemmung/Sublimierung der
Triebe notwendig für Entstehen von Kultur
 „Individuelle Freiheit ist ohne Verpflichtung nicht zu
haben“ (Abels I, S. 66)
- Sozialisation als lebenslanger Kampf zwischen Gesellschaft (‚Über-
Ich‘) und den biologischen Neigungen des Menschen (Es)

Soziologische Sozialisationsstrategien:
- Durkheim: Konzept der Sozialisation als Internalisierung
(Verinnerlichung) gesellschaftlicher Normen (ursprünglich
triebhafter, egoistischer Mensch wird durch Sozialisation
gesellschaftsfähig)
- Parsons: Sozialisation als schrittweise Internalisierung der Werte und
Normen, die Teil der Persönlichkeit werden.
- Sozialisation = „Enkulturation“ -> eindimensionale,
funktionalistische Perspektive (Anpassung des Individuums an die
Gesellschaft). „Die Individuen wollen, was sie sollen.“
- Mead:
o Sozialisation durch symbolische Kommunikation (symbolischer
Interaktionismus) -> menschliche Kommunikation zentral für
Verhaltenssteuerung (auch Selbstbeobachtung durch Augen
der Anderen in der Interaktion)
o Sozialisation durch „Perspektivenübernahme“
Anpassen der Handlungen an Erwartungen der Anderen
Ich = Subjekt-Ich (I) + Objekt-Ich(Me) (von außen reflektiert)
o 2 Phasen zur Fähigkeitsentwicklungder Rollenübernahme
 „Play“ (Rollenimitation – signifikanter Anderer)
 „Game“ (Perspektivenübernahme – generalisierter
Anderer)
 Hineinwachsen in symbolische Welten und Begreifen
ihrer Regeln
o Ziel des Sozialisationsprozesses:
 Identitätsentwicklung aus beständiger Reflektion aus
dem Spannungsverhältnis von Me und I
 Entwicklung von Handlungsfähigkeit in den
symbolischen Interaktionszusammenhängen der
Gesellschaft

Modernes Sozialisationsverständnis:
- Sozialisation ist nicht reine Anpassung an gesellschaftliche Realität,
sondern deren produktive Verarbeitung
 Mensch ist Objekt und Subjekt des
Sozialisationsprozesses
- Sozialisation ist
o kein passiver Prozess des Erlernens von Rollenmustern,
sondern aktiver, kreativer Prozess der Auseinandersetzung mit
den eigenen Anlagen sowie der Umwelt
o der Prozess der Entstehung und Entwicklung von
Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der
sozialen, kulturellen und materiellen Umwelt
o ein lebenslanger Prozess
- Phasenmodelle weit verbreitet
o Kindheit als wichtige Phase (primäre Sozialisation)
Sozialisationsinstanzen: Eltern, Gleichaltrige, Schule, Medien
etc.
o Identitätskrisen und-veränderungen aus Phasenübergängen:
De- und Resozialisierungsprozesse

Wiederholungsfragen
- Was sind spezifische Merkmale des soziologischen Verständnisses von
Sozialisation?
o .... Erwerb der Fähigkeiten zum sozialen Handeln
o .... Übernahme von Werten und Normen der Gesellschaft: notwendig zur
funktionalen Integration von Gesellschaften
o … ist verschieden für unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen (Klassen,
Schichten, Milieus) und spiegelt sowohl die gesellschaftlichen Strukturen
als auch die Machtverteilung wider
o ... ist nicht nur Anpassung, sondern auch ein aktiver, kreativer Prozess der
Aneignung von und Auseinandersetzung mit der ges. Umwelt,
o ... ist ein Prozess, in dem das Individuum geformt wird, in dem sich die
eigene Identität, die Fähigkeit zum „Rollenspiel“ (und zur „Rollendistanz“)
ausbildet

5. Veranstaltung: Individuum und Gesellschaft (2) – Institutionen und


Organisationen

Institutionen:
„Institutionen sind geronnene Kultur. Sie transformieren kulturelle
Wertorientierungen in eine normativ verbindliche soziale Ordnung.“(Klaus
Eder 1997)

Zugänge:
- Institutionen als objektive Tatsachen (faits sociaux) (Emile
Durkheim)
- Institutionen als Instinktersatz, als Handlungsentlastung und
Vermittlung von Sicherheit (Arnold Gehlen)
- Institutionen als Sitten und Gebräuche (William. G. Sumner)
- Institutionen als verpflichtende, „normative Muster“ der Gesellschaft
(Parsons)
- Institutionen als Stifter sozialer Integration (Helmut Schelsky)
- Institutionen als gemeinsame, auf der wechselseitigen Orientierung
am ‚generalisierten Anderen‘ basierende „organisierte Reaktion
seitens aller Mitglieder der Gemeinschaft auf eine bestimmte
Situation“ (George H. Mead),
- Institutionalisierung als fortlaufender Prozess der „Konstruktion von
Wirklichkeit“ (Berger/Luckmann)

Zentrale Elemente des Begriffs „Institution“:


- Sinnstiftende und handlungsorientierende (a) Deutungen und (b)
Werte & Nomen
- Rituelle Inszenierungen & Symbolisierungen der zugrunde liegenden
Leitideen
- Regulierende und sanktionierende Ordnungsfunktion -> verweist auf
zugrunde liegende Ressourcen-, Macht- und Herrschaftsstruktur
- Organisationsstruktur, Personalbestand und materieller Apparat
Begriffsmehrdeutigkeit:
- Bezug auf eingespielte Handlungsmuster und kulturelle
Selbstverständlichkeiten
- Bezug auf organisierte Regelzusammenhänge, oder auf organisierte,
institutionelle Gefüge, die als „kollektive Akteure“ auftreten

Organisationen:
Def.:
- alle sozialen Gebilde, in denen eine Mehrzahl von Menschen zu
einem spezifischen Zweck zusammenwirken.“
- „die Ordnung von arbeitsteilig und zielgerichtet miteinander
arbeitenden Personen und Gruppen.
(…) alle Institutionen, Gruppen und sozialen Gebilde, die bewusst auf
ein Ziel hinarbeiten, dabei geplant arbeitsteilig gegliedert sind und
ihre Aktivität auf Dauer eingerichtet haben.“

Formen der Systematisierung der Organisationsforschung:


- Analyseebenen organisationssoziologischen Arbeitens
- Basiselemente von Organisationen
- Schlüsselprobleme/ Basisprozesse in Organisationen
- Organisationskonzeptionen
- Organisationstheorien
Basiselemente: Ziele der Org. – Organisationsstruktur –
Organisationsumwelt
Schlüsselprobleme: Entscheidungen; Führung, Macht & Kontrolle;
Kommunikationsprozesse; Personalrekrutierung; Mitgliedermotivation;
Konflikte; Organisationswandel + organisationales Lernen

Organisationskonzepte bei Gareth Morgan (Metaphern):


- (1) org. as machines
- (2) „org. as organisms“: Org. als lebende, arbeitsteilige Gebilde;
- (3) „org. as brains“ = Org. als computergesteuerte, lernfähige
Informations- und Kommunikationsprozesse;
- (4) „org. as cultures“: betont gemeinsam geteilte Werte + Normen
von Org.
- (5) org. as political systems: betont Konflikte + Ränkespiele in Org.;
- (6) org. as psychic prisons: rückt den psychisch präformierenden
(Zwangs-) Charakter von Org.ins Bluickfeld;
- (7) org. as flux and transformation: betont die Komplexität und
Eigenlogik organisationaler Prozesse+ die Unvorherseh-barkeit der
Effekte;
- (8) Org. als Machtinstrumente

Konzeption von Organisationsstrategien siehe Tabelle folie.79 Skript


Organisationen als rationale Systeme:
- „rational actor view“: (klassische) Vorstellung dass es sich bei
Organisationen um rational geplante und gesteuerte Gebilde handelt
- Vier zentrale Theorieelemente:
o Betonung der Organisationsziele als Richtschnur
organisationalen Handelns
o Akzentuierung der formalen Organisationsstruktur
o Fokussierung auf das Management als Steuerungsinstanz
o Annahme rationaler individueller Akteure
- Ältere klassiche Ansätze (Bürokratietheorie Max Webers; Frederick
Taylor: „wissenschaftliche Betriebsführung“.)
- Moderne Ansätze: alle betriebswirtschaftlichen & ökonomischen
- Organisationstheorien, die vom „homo oeconomicus“ ausgehen (z.B.
„neue Institutionenökonomik“, Transaktionskostentheorie)

Webers Idealtypus der Bürokratie:


„Präzision, Schnelligkeit, Eindeutigkeit, Aktenkundigkeit,
Kontinuierlichkeit, Diskretion, Einheitlichkeit, straffe Unterordnung,
Ersparnisse an Reibungen, sachlichen und persönlichen Kosten“
- Spezialisierung
- Hierarchisch gegliederte Ordnung
- Formalisierte Regeln
- Unpersönlichkeit
- Leistungsbezogene Entlohnung

Organisationen als natürliche/soziale Systeme:


- Ausgangspunkt: Kritische Distanz gegenüber rationalem
Organisationsmodell. -> Diskrepanz zwischen Sein + Sollen. Im
Zentrum: lebendige Menschen mit eigenen Interessen, Ideen,
sozialen Bedürfnissen etc.
- Fokus auf Binnenstruktur + Innenleben von Organisationen
(Kontextbedingungen und Umfeld weitgehend ausgeblendet).
- Perspektive „Harmoniebrille“: Gemeinsamkeiten, Solidarität,
Kooperation betont;
Perspektive „Konfliktbrille“: divergierende Interessen, Macht,
Konflikte betont.

Organisationen als offene Systeme


a) Ressourcenabhängigkeitsansatz
- Zentrales Thema: Abhängigkeit der Organisationen (Stabilität,
Bestand) von Ressourcen aus ihrer Umwelt. Sowohl Input- wie
Outputströme sind unsicher und instabil-> Gegenstrategien:
o Nach innen gerichtete Maßnahmen: kontinuierliches
Umweltmonitoring, Sicherstellung von Humankapital (z. B.
Stammbelegschaft und flexible Randbelegschaft),
Flexibilisierung der Organisationsstruktur
o Nach außen gerichtete Maßnahmen: Integration (z.B. Aufkauf
eines konkurrierenden Unternehmens), Kooperation (z. B.
Versuch, Unsicherheitsquelle durch Kooperation
berechenbarer zu machen), Intervention (z. B. gezielte
Öffentlichkeitsarbeit, Lobbying)
- Kritik am Ansatz: Organisationen nicht immer und primär auf die
Bewältigung & Stabilisierung von umweltbedingter Unsicherheit
gerichtet

b) Organisationsökologie
- Zentrales Anliegen: Erklärung des Wandels der
Organisationslandschaft. Ansatz ist evolutionstheoretischem
Forschungsprogramm verpflichtet. Skeptisch gegenüber dem
optimistischen Machbarkeitsdenken der Managementliteratur.
- Annahme: Organisationen haben sich eine bestimmte
Kernkompetenz, ein best. Profil erworben, an dem sie üblicherweise
festhalten (aufgrund von Wettbewerbsvorteil oder
„Organisationsträgheit“) -> Vor- und Nachteile
- Statt Wandel durch Anpassung und Organisationslernen wird
deshalb Wandel durch Variations- und Selektionsprozesse betont
(durch Wandel der Organisationsumwelt)
- Empirische Befunde: „Zwergensterblichkeit“ – S-förmiges Wachstum
von Organisationen, wenn sich neue Nische öffnet (bis „carying
capacity“ erreicht ist) –„Nischenstrategie“ (wann haben Spezialisten,
wann Generalisten Vorteile?) – etc.

c) Neo-institutionalistische Organisationstheorien
- Ausgangspunkt: Kritik an „rational actor“-Modellen, an
ökonomischen Organisationstheorien, die vom “homo oeconomicus“
ausgehen. Dagegen: Interessen und individuelle Handlungsmotive
erhalten erst durch Einbettung in institutionellen Kontext ihre
spezifische Ausprägung.
> Institutionen, d.h. normative Vorgaben, eingespielte Praktiken,
kulturelle Standards, formelle und informelle Regelsysteme,
spielen als Erklärungsvariable eine zentrale Rolle.
- „Jenseits der Effizienz“: das im ökonomischen Denken dominante
Effizienzkriterium hat nur begrenzten Einfluss auf die Ausgestaltung
von Organisationen, v.a. deshalb, weil oft unklar ist, was „Effizienz“
für die jeweilige Organisation bedeutet
> offen für kulturelle Definitionskämpfe, für Moden und
Zeitgeistströmungen.
- Stattdessen zentrales Gewicht der Herstellung und
Aufrechterhaltung von Legitimität beigemessen. Um erfolgreich zu
sein, sind Organisationen auf Unterstützung und Anerkennung von
außen angewiesen; nur so kann Zufluss von Ressourcen sicher
gestellt werden.
- Zentrale Elemente:
o „Isomorphie“-These: Orientierung an Legitimität führt zur
Strukturanpassung (Isomorphie) von Organisationen und
Umwelt(erwartungen). Zwei Möglichkeiten:
 reale Anpassung (DiMaggio(/Powell)
 proklamierte Anpassung (Meyer/Rowan): Lose Kopplung
von Formalstruktur und faktischer Aktivitätsstruktur von
Organisationen ermöglicht – vor allem in größeren
Organisationen – nach außen best. Fassade aufzubauen
(z.B. den Mythos der ‚rationalen‘ oder ‚nachhaltigen‘
Organisation), die den operativen Kern der Organisation
absichern.
o Drei Mechanismen zur Herstellung von Isomorphie:
 Zwang (z.B. Umweltschutz-, Datenschutz
Arbeitschutzverordnungen)
 Imitation (Unsicherheit/fehlende Erfahrung/Ungewissheit
der Folgen von Innovationen führt zur Orientierung an
„Trendsettern“, „best practice“-Modellen,
„Benchmarking“)
 Normativer Druck (berufsständische Vertretungen,
professionelle Ausbildungsinstitutionen,
Unternehmensberater, internationale
Exzellenzorientierung etc. erhöhen Druck, bestimmte
Standards einer ‚guten‘/;effizienten‘ Organisation zu
übernehmen)

Organisation versus Institution:


- Zielgerichtetheit und Arbeitsteiligkeit vs. normativ verankerter
Regelmäßigkeit
- Zweckgebundene Organisation vs. kulturell verankerte Institution
(??)
- Absichtliche Einrichtung vs. unbewusste Entstehung (??)
- „Institutionen (im soziologischen Sinne) entstehen, ohne dass
jemand sie bewusst geplant hätte.
- (...) Soziale Formen, die zu einem bestimmten Zweck gestaltet
wurden und das Handeln von bestimmten Individuen in einer
spezifischen Weise festlegen, kann man als Organisationen
bezeichnen.“

6. Veranstaltung: Geschlechterverhältnisse: Ehe und Familie im Umbruch

Vorindustrielle Zeit: „Ganzes Haus“ („Großfamilie“) als


dominierende Sozialform
- Einheit von Produktion und Haushalt
- Lohnlos mitarbeitende Familienangehörige
- In Hausverband einbezogenes Gesinde
- Herrschaft des Hausvaters über alle Angehörigen
- Nicht Gefühls-, sondern Wirtschaftsgemeinschaft
- Heirat und Ehe von ökonomischen und sozialen Zwängen bestimmt
- Liebe und sexuelle Lust gehörten nicht zur Ehe wie heute
- Einheit von Arbeit, Leben, Religion, Kultur, Erziehung,
Berufsausbildung, sozialer Sicherung unter dem Dach des „Ganzen
Hauses“

Ab 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts:


- Differenzierung der Gesellschaft, Räumliche Trennung von „Heim“
und „Welt“, von Produktion und Reproduktion, Arbeit und Leben
- Kleinfamilie als Spezialort für Intimität und frühkindliche Erziehung
(Heim als „Hafen in einer herzlosen Welt“)
- Intimisierung der Ehebeziehung („Personenehe“)
o Zusammengehörigkeit von romantischer Liebe, Ehe,
Sexualität, Elternschaft und gemeinsamem Haushalt
o Familie als Gefühls- und geistige Gemeinschaft
- Intimisierung und Intensivierung der Eltern-Kind-Beziehung
(Entdeckung der Kindheit)
- Geschlechtliche Aufgabenteilung: Zuständigkeit der Frau für den
„Hafen“ (Heim, Haushalt, Geborgenheit, Liebe), des Mannes für die
„feindliche Welt“ (Außenwelt, Beruf, Öffentlichkeit, Konkurrenz)

Heute: Abschied von der bürgerlichen Familie?


- Zunehmende Spannungen zwischen moderner Frauenrolle und
Modell der bürgerlichen Kleinfamilie
o durch „Revolution der Mädchenbildung“
o durch Möglichkeiten der Geburtenkontrolle
- „Bürgerliche Normalfamilie“ als riskantes Experiment
o de facto Vielfalt der Formen des Zusammenlebens
o Diskussionen um frühkindliche Betreuung (Krippen)
- Aber: „strukturelle Rücksichtslosigkeit“ der modernen Gesellschaft
gegenüber Erfordernissen von Familie, Partnerschaft und Erziehung
- Zu Ende gedacht: Marktgesellschaft erfordert den „vollmobilen
Single“ (U. Beck), Bedeutung für Geschlechterverhältnisse?
Zuschreibungen von Geschlechtscharakteren:
- Laut modernen Verfassungen/Aufklärung „alle Menschen gleich und
frei“ sind -> geschlechtsspezifische Ungleichheit nur durch
„Naturalisierung“ der Unterschiede begründbar (wissenschaftl.
„Biologisierung“ der weibl. + männl. Rollenzuweisungen)
- Seit Ende 18. Jahrhunderts als „wissenschaftliche Erkenntnis“
verbreitet und bis heute prägend
- Mann
o Rationalität
o Sachlichkeit
o Durchsetzungsvermögen
o Risikobereitschaft
o Erfolgsorientierung
- Frau
o Emotionalität
o Einfühlungsvermögen
o Konfliktvermeidungsvermögen
o Sicherheitsbedürfnis
o Fürsorglichkeit
 Funktion der Legitimierung einer Aufspaltung in eine
„Männerwelt Beruf“ und „Frauenwelt Familie“
 Über Erziehung und Bildung „selbsterfüllende
Vorhersagen“
Von der Frauenbewegung zu Geschlechterforschung: Geschichte der
Frauenbewegung folie 94
Anfang der Geschlechterforschung in den 70er Jahren
- Im Deutschen: Nur ein Begriff für biologisches und soziales
Geschlecht (im engl. dagegen: „sex“ und „gender“).
- Soziologie interessiert das soziale Geschlecht (gender)
o Geschlechtsrolle: Ensemble erwarteter Verhaltensweisen +
Einstellungen, Verpflichtungen und Privilegien, die einem best.
Geschlecht zugeschrieben werden
o Geschlechtsstereotype: tief verwurzelte Vorstellungen über
männliche und weibliche Eigenschaften

Die gesellschaftliche Konstruktion des Geschlechts


- Zentrale Leistung der Frauenbewegung der 70er Jahre:
Unterscheidung von „sex“ & „gender“
o Sex = biologisches Geschlecht (körperl. sichtbare, physiolog.
Geschlechtszugehörigkeit)
o Gender = soziales Geschlecht (kulturelle + soziale Bedeutung
des Geschlechts, Zuschreibung von Verhaltenserwartungen +
Eigenschaften)
- Nachweis, dass es nicht „natürliche Unterschiede“ sind, die für die
soziale Ungleichheit der Geschlechter verantwortlich sind
(„horizontale“ + „vertikale“ Berufssegregation, Lohnunterschiede,
erhöhte Arbeitsmarktrisiken, etc.)
 Forderung nach Gleichstellung
- „Doing Gender“: die interaktive Herstellung und Inszenierung
geschlechtsspezifischer Zugehörigkeit in Alltagssituationen
- Situatives Erwerben und Festschreiben geschlechtsspezifischer
Eigenschaften aber in institutionellen Rahmen eingebunden
(Arbeitswelt, Familienstruktur, Religion etc.)
 Strukturelle Prägung der gesellschaftlichen
Geschlechtscodierungen und Rollenzuweisungen (Bsp.:
historische Veränderung von Geschlechtsrollen und
Familienstrukturen im Übergang von der ständischen zur
Industriegesellschaft)

Hartnäckigkeit von Geschlechterungleichheit


- Sozialisation: Geschlechtsstereotype in Lernprozessen eingeübt
o Unmittelbare Erfahrung/Imitation, Kinderbücher, Schulbücher,
Fernsehrprogramme, Werbespots, Internetspiele;
o Motivationale Identifikation mit dem eigenen Geschlecht (ab 4-
5 J)
o Verstärkung + soziale Kontrolle durch Gleichaltrigengruppen
(insb. bei Jungen)
o berufs- und kontext/institutionenspezifische Sozialisation in
Geschlechtsrollen
- „Denkhabitus“: Denkgewohnheiten, Habitualisierungen, ständige
interaktive Reproduktion, Absicherung durch soziale Kontrolle von
‚Abweichlern‘
- Strukturelle Geschlechterungleichheit: Trotz verbesserter
Bildung + wachsender Berufstätigkeit von Frauen bestehen viele
geschlechtsspezifische Ungleichheiten hartnäckig weiter („vertikale
Segration“, „horizontale Segregation“, Voll-/Teilzeittätigkeiten,
Lohnunterschiede; viele Ungleichheiten in (West)Deutschland
besonders hoch)
 Warum? Spezifische institutionelle Mechanismen
der Verfestigung von Geschlechterungleichheit in
Deutschland?

7. Veranstaltung: Sozialstruktur und soziale Ungleichheit

Als „soziale Ungleichheit“ bezeichnet die Soziologie ein Verhältnis der


Über- und Unterordnung, der Begünstigung und Benachteiligung
zwischen verschiedenen Gruppierungen von Menschen“

„Soziologische Ungleichheitsforschung geht es um Erklärungen für


soziale Ungleichheiten (...), um die Folgen ungleicher
Lebensbedingungen und Lebenschancen sowie um die Formen und
Dimensionen sozialer Ungleichheit in (modernen) Gesellschaften“

Soziologie interessiert sich für „strukturierte“, d. h. in den Strukturen


und Institutionen, den Wertorientierungen und Ideologien der
Gesellschaft verankerte, dauerhaftere Formen von Ungleichheit und
ihrem Wandel

Mögliche Bewertungen sozialer Ungleichheit:


- „Soziale Ungleichheit ist – egal ob positiv oder negativ bewertet –
unvermeidlich, da gottgewollt und/oder naturgegeben.“
- „Soziale Ungleichheit ist notwendig als Motor sozialen Wandels und
individueller Anstrengung.“
- „Soziale Ungleichheit ist in Maßen sinnvoll und ‚gerecht’, solange die
Möglichkeiten individueller sozialer Mobilität für alle Menschen in
gleicher Weise gegeben sind.“
- „Soziale Ungleichheit ist inakzeptabel und bedarf der dringenden
egalisierenden Veränderung.“

Definition:
- ungleiche Verteilung von Lebenschancen und „wertvollen“ Gütern:
- hierarchische soziale Schichtung der Gesellschaftsmitglieder

Eigenschaften sozialer Ungleichheit:


- Der Begriff ist mehrdimensional:
o Lebensbedingungen von Menschen sind nicht immer in
Hinblick auf alle „wertvollen Güter“ gleichermaßen ungleich,
sondern es gibt verschiedene, historisch variierende
Dimensionen von Ungleichheit (Wohlstand, politische Macht,
Ansehen, Bildung, Geburtsprivilegien, Geschlecht, ethnische &
religiöse Zugehörigkeit etc.).
- Der Begriff ist historisch variabel:
o Er bezieht sich auf historisch sich verändernde
Normvorstellungen von „wertvollen Gütern“ (und einem
„guten Leben“) und von deren gerechter Verteilung.
o „Soziale Ungleichheit ist somit eine gesellschaftliche
Konstruktion, die an ihre historische Zeit gebunden ist und nie
„objektiv“ sein kann. Modelle sozialer Ungleichheit geben [die
jeweilige historische] Sichtweise davon wieder, welches
wichtige Ursachen und Merkmale sozialer Ungleichheit sind.“

„Klasse“ bei Karl Marx


- Bezieht sich auf die sich durch die Industrialisierung entwickelnde
neue, kapitalistische Gesellschaftsstruktur
- 2 Klassen: „Kapitalisten (produktionsmittel) und „Proletarier“
(Arbeitskraft)
- Differenzierungskriterium: Eigentumsverhältnisse (Möglichkeit über
zentrale Produktionsmittel zu verfügen)
- Annahme:
o Gesellschaftliche Polarisierung in 2 Klassen; Zwischenklassen
verschwinden
o Enge Verknüpfung von Klassenlage und Klasseninteresse
(Entwicklung eines „Klassenbewusstseins“ durch
Klassenkämpfe) -> Revolution

„Klasse“ bei Max Weber


- Erweiterung des Marxschen Klassenkonzepts (Vielzahl von Besitz-
und Ewerbsklassen)
- Relevant für ökonomisch definierte Klassenlage:
o Produktionsmittel (siehe Marx)
o Ökonomischer Güterbesitz (Besitzklassen)
o Leistungsqualifikation (Erwerbsklassen)
 Klassenlage = „Marktlage“
- Klasseninteressen des Proletariats führen nicht notwendig zum
Klassenkampf

„Stand“ bei Weber


- 2 Faktoren der Ungleichheit
o Klasse: ökonom. Ungleichheitsdimension
o Stand: Gefühle und Traditionen, gemeinschaftliche
Beziehungen beruhend auf aktueller/traditioneller
Zusammengehörigkeit – Wertschätzung aufgrund der Art der
Lebensführung (durch Lebensführung bedingte
Gemeinschaften-standesbedingte Ehre)

Soziale Schichtung/Schichtungstheorien
- Theodor Geiger, Mitte 20er Jahre: „Die soziale Schichtung des
deutschen Volkes“; erste auf repräsentativen Daten (Volkszählung
1925) basierende empirische Analyse
- Schichtbegriff wird zum zentralen Oberbegriff sozialer Ungleichheit
(Stände und Klasse als historischer Spezialfall sozialer Schichtung);
- Funktionalistische Schichttheorien (K. Davis, W. Moore) werden nach
dem 2. Weltkrieg dominant (Schicht- und Mobilitätsforschung)
- Empirische Bestimmungsfaktoren sozialer Schichtung:
1. Einkommen + Besitz,
2. Beruf,
3. Bildung,
4. Prestige/Status (Fremd- und Selbsteinschätzung)
- Bei T. Geiger: Schicht = Soziale Gruppierung mit einer typischen
„Mentalität“

Hauptschichten und ihre Mentalitäten:


- Kapitalisten: Krise des kapitalistischen Denkens
- Alter Mittelstand: Verteidigungszustand
- Neuer Mittelstand: Ideologische Unsicherheit, Nährboden des NS
- Proletaroide: Uneinheitliche Mentalität
- Proletarier: Gemildert marxistische Mentalität

Helmut Schelsky: „Nivellierte Mittelstandsgesellschaft“


- Bezieht sich auf BRD der 50er, nicht empirisch fundiert
- These: Bedeutungsverlust der Klassenspannungen, Ende sozialer
Hierarchien -> Alle gehören zum Mittelstand
- Begründung:
o Hochmobile Sozialstruktur mit kollektiven Auf- und
Abstiegsprozessen ebnen soziale Klassen und Schichten ein
o Kollektiver Aufstieg der Industriearbeiter, technischen
Angestellten und Verwaltungsangestellten; kollektive
Deklassierung des ehemaligen Besitz- und
Bildungsbürgertums
o Angleichung des Lebensstils durch Massenproduktion von
Konsummitteln und Unterhaltungsgütern. „Verhältnismäßig
einheitlicher“ kleinbürgerlich-mittelständischer Lebensstil, der
„keineswegs mehr von (...) einer sozial irgendwie hierarchisch
gegliederten oder geschichteten Gesellschaftsverfassung
geprägt“ sei, da jeder das Gefühl entwickeln könne, „am Luxus
des Daseins“ teilzunehmen.

„Bolte-Zwiebel“: soz. Schichtungsmodell 60er (Grafik Skript Folie 109)


- Karl Martin Bolte
- Benutzt Schulausbildung, Einkommen, beruflicher Status
- Bezieht Vergleich von Selbst- und Fremdeinschätzungen ein
- Heute: Immer mehr Gleichheit in den Mittellagen bei wachsender
Ungleichheit zwischen oben und unten

Klasse versus Schicht


- Klassenkonzepte
o Anspruch, soziale Ungleichheit zu erklären, v. a. durch
ökonomische Faktoren.
o assoziieren oft die Entstehung von ‚Klassenbewusstsein’,
o konzentrieren sich auf kollektives Klassenhandeln und
Konflikte zwischen Klassen als Ursache
gesamtgesellschaftlichen Wandels.
- Schichtkonzepte
o häufig mehrdimensional angelegt;
o Anliegen: differenzierte Beschreibung von Gesellschaften
o Eine Prozessbetrachtung meint i. d. R. die Betrachtung
individueller sozialer Mobilität zwischen den verschiedenen
Schichten.

Gemeinsame Schwächen der Klassen-und Schichtmodelle:


- Unterkomplexität
o Erfassen fortschreitende soziale Differenzierung nicht adäquat
o Berücksichtigen neue soziale Ungleichheiten und wichtige
Dimensionen wie Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit,
Wohnlage/Region, soziale Sicherung, Alterskohorte etc. nicht
adäquat
o Vernachlässigen, dass Lebensstile und subjektive
Milieuzuordnungen nicht (allein) durch objektive Faktoren
bestimmt sind
o Behandeln Statusinkonsistenzen als Ausnahmefall
- Struktureller Determinismus
o Berücksichtigen nicht Individualisierung
o schließen kaum an die Lebenswelt/das Bewusstsein der
Menschen an
o Selbstdeutungen und kulturelle Lebensführung nicht
unbedingt deckungsgleich mit „objektiven“ Lagefaktoren
(Bildung, Einkommen, Beruf)
o erfassen Wandel der Sozialstruktur und individuelle Mobilität
nur unzureichend.
 Ablösung des Schicht- und Klassenparadigmas durch die
Erfassung „neuer sozialer Ungleichheiten“, durch
Individualisierungs-, Lebenstil- und Milieuforschung
 Vermittelnde Position: Pierre Bourdieu

P.Bourdieu: Die feinen Unterschiede


- Kapitalarten:
o Ökonomisches
o Kulturelles (Inkorporiertes/Bildung, Objektiviertes/materiell,
Institutionalisiertes/Titel)
o Soziales
- „sozialer Raum“: horizontal (Achse der Kapitalstruktur),
vertikal(Achse des Kapitalvolumens)
- 3Klassen: Ober-, Mittel-, Unterklasse
- Die Klassenlage ist über den „Habitus“ eng mit den „Lebensstilen“
verknüpft. „Habitus“ = die in klassenspezifischen
Sozialisationsprozessen „inkorporierte Sozialstruktur“, eine Art
Grundorientierung, spez. Weltsicht, Wahrnehmungs- und
Bewertungsschemata. Diese kommen in den jeweiligen Lebensstilen
zum Ausdruck (nicht determiniert, aber Grundorientierung)
- „Lebensstile“ zeigen sich v. a. im klassenspezifischen Geschmack
und in den „Distinktionspraktiken“ (Herrschende Klasse: „legitimer
Geschmack“; Mittelklassen: „prätentiöser Geschmack“,
Unterklassen: „Notwendigkeitsgeschmack“)

Konzept der „Lebenslagen“-„Individualisierung“


- Konzept der „Lebenslagen“ (Stefan Hradil)
o Ausdifferenzierung der für Ungleichheit bestimmenden
Faktoren: Neben klassischen Faktoren wie Einkommen, Beruf,
Bildung etc. spielen in postmodernen Gesellschaften auch
Faktoren wie Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit,
Wohnlage/Region, soziale Absicherung etc. eine wachsende
Bedeutung.
o Lebenslage = „Die Gesamtheit ungleicher Lebensbedingungen
eines Menschen, die durch das Zusammenwirken von Vor- und
Nachteilen in unterschiedlichen Dimensionen sozialer
Ungleichheit zustande kommen.“
- Individualisierungsthese (Ulrich Beck)
o Stellt die Relevanz gesellschaftlicher Großgruppen (Klassen,
Schichten, soziale Milieus) für die lebensweltliche Realität und
die soziale Integration generell in Frage.
o „Enttraditionalisierung“, Pluralisierung, Wohlstandssteigerung,
Verbreitung von Bildung und sozialstaatl. Grundsicherung etc.
-> Herauslösung des Individuums aus den ‚naturwüchsigen‘
Großgruppen; erhöhte Mobilität; jeder wird in steigendem Maß
selbst verantwortlich für die Gestaltung der eigenen
Biographie („Bastelbiographien“)

Lebensstil- und Milieuanalysen


- ... sind Ausdruck der These, wonach sich objektive
Lebensbedingungen und subjektive Lebensformen zunehmend
entkoppeln.
- Hauptziel ist die Erfassung typischer, sozial geteilter sozio-kultureller
Muster der Lebensführung (Grundorientierungen/Mentalitäten,
ästhetische Orientierungen und Geschmackspräferenzen,
Konsumformen). Elemente der „Selbststilisierung“, Inszenierung des
eigenen Lebensstils und „Distinktion“ von anderen
Lebensstilgruppen, inkl. spezifischer Vergemeinschaftungsformen
(Freizeitaktivitäten, Art der Kneipen etc.) spielen dabei eine große
Rolle.
- ... drehen die traditionelle Logik der Schichtforschung um: Es werden
primär Mentalitäten, Geschmacksstile und Muster der Lebensführung
erfasst und diese erst sekundär (wenn überhaupt) mit objektiven
Lagebedingungen verknüpft.
- stammen teilweise aus der Marktforschung, werden aber in einem
breiten Kontext angewandt (z. B. auch im Rahmen der pol.
Extremismusforschung oder der Forschung zu
Umweltverhalten/nachhaltigem Konsum)

- Stärken
o schließen unmittelbar an Alltagswelt an; sind an der
„gesellschaftlichen Oberfläche“ direkt erkennbar und
zugänglich
o schließen eng an Sinnkonstruktion der Individuen an
o Für eine differenzierte Beschreibung individueller
Alltagswelten gut brauchbar
- Schwächen
o stark auf den Freizeit- und Privatbereich konzentriert,
vernachlässigen ökonomische Strukturdimensionen;
„kulturalistische Verkürzung“ der soziologischen Analyse
o Für eine kritische Analyse sozialer Ungleichheit und
Mechanismen ihrer Reproduktion weitgehend unbrauchbar
o Ausnahme: „kritische“ Varianten, die Milieu- und
Klassenanalyse kombinieren, z.B. Bourdieu.
 Lebensstil- und Milieuforschungen sind eher eine Ergänzung der
klassischen
Sozialstrukturanalyse, um sozio-kulturelle Entwicklungsdynamiken und die
kulturelle
Pluralisierung von Lebenswelten und Lebensstilmilieus zu erfassen.

8.Veranstaltung: Globalisierung, globale Ungleichheit & nachhaltige


Entwicklung

Zusammenfassung: nationale Ungleihheitsforschung


- Lohnarbeit & Kapital: Klassentheoretischer Ansatz (Karl Marx)
- Klassen + ständische Prinzipien sozialer Differenzierung (Max
Weber)
- Soziale Schichtungskonzepte (Soziologie der 50er-70er Jahre)
- Ab 80er Jahre: Neue soziale Ungleichheiten (Geschlecht, ethnische
Herkunft, Alter, Region, alleinerziehende Mütter etc.)
 Differenzierung nach sozialen Lagen
- „Individualisierung“ fördert Ausdifferenzierung sozialer Milieus +
Lebensstile
 Lebensstilforschung (z. B. SINUS Lebensstilmilieus)
- Bourdieu verknüpft soziale Lage (bedingt durch unterschiedliche
Verfügung über ökonomische, kulturelle + soziale Kapitalien) +
Lebensstilforschung mithilfe des „Habitus“-Konzepts
 Gelten diese Konzepte auch im internationalen Konzept, in Bezug auf
globale Ungleichheiten??

Globalisierung:
- Weltweite Ausdehnung von Handelsbeziehungen
- Vervielfachung international operierender Großkonzerne;
Verlagerung von Produktion in Billiglohnländer
- Weltweite Verflechtung der Finanzströme
- Anwachsen des Flugverkehrs
- Anwachsen des internationalen Tourismus
- Entmachtung nationalstaatlicher Politik durch den „Sachzwang“ des
Weltmarkts
- Weltweiter Daten- und Informationsaustausch
- Entstehung einer globalen Medien- und Konsumkultur
- Globale Umweltzerstörung und Umweltprobleme mit globalen
Auswirkungen
- Internationalisierung politischer Entscheidungsprozesse
- Vervielfältigung internationaler Flüchtlingsströme …
 Dimensionen: ökonomisch, informationstechnisch, politisch,
ökologisch, kulturell, sozial (Tabelle Folie 121)

- Elemente einer Definition:


o Entgrenzung und „Enträumlichung“ (Dekontextualisierung)
von Handeln
o Auseinanderfallen der territorialen Einheit von Staat,
Wirtschaft, Kultur
o Wachsende weltweite Verbundenheit und Interdependenz
(= wechselseitige Abhängigkeit), nicht nur ökonomisch
o Aber auch: große Unterschiede der Einbezogenheit und
Handlungsfähigkeit unterschiedlicher Regionen und
Bevölkerungsgruppen
 Drastische, sich verschärfende globale Ungleichheit

Globale Ungleichheit: Das Erbe des Kolonialismus


- Europäischer Kolonialismus (Ende des 15. bis Mitte des 20.
Jahrhunderts): zunächst wirtschaftl. motivierte Eroberung
 Handelsstützpunkte
 staatliche Sanktionierung (nur China + Japan nie systematisch
erobert)
- Zunächst „traditionelles Plünderungsschema“
 mit Industrialisierung Europas Fokussierung auf Rohstoffe
 Umstrukturierung der traditionellen Wirtschaften der Kolonialländer
(Privatisierung; landwirtschaftliche Monokulturen; Sklavenhandel)
 traditionelle Herrschaftsstrukturen durch Kolonialverwaltung ersetzt)
- „Kulturimperialismus“: europäische Kultur (Sprache, Sitten, Moral,
Religion) erschien den nichteuropäischen ‚von Natur‘ aus überlegen
 Missionsschulen (europäische Sozialisation einheimischer Eliten)
- Nach 1. Weltkrieg: Aufstieg der USA + Japan zu Großmächten;
Sozialistische Revolution in Russland eröffnete
Entwicklungsalternativen (Unterstützung von
Befreiungsbewegungen); China wird kommunistisch.
- Politische Unabhängigkeit nach dem 2. Weltkrieg (1947 Indien, in
60er Jahren afrikanische Staaten) beließ die ehem. Kolonialländer in
hoher wirtschaftlicher Abhängigkeit vom Weltmarkt, der durch die
hoch industrialisierten Länder (USA + Westeuropa) und durch
mächtige transnationalen Konzerne beherrscht wurde

Unterentwicklung und Entwicklungsstrategien:


• Modernisierungstheorie (50er/60er Jahre): nach westl. Vorbild
konzipiertes
Entwicklungsmodell (= „nachholende Entwicklung“); Entwicklungshilfe für
großtechnische Projekte soll Sprung in die Moderne ermöglichen
• „Dependencia“-Theorie (80er Jahre): versucht Unterentwicklung mit
Blick auf
Lateinamerika zu erklären. Abhängigkeit der nationalen Eliten gegenüber
reichen
Geberländern + Kooperation mit transnationalen Konzernen (Bündnisse
von Bürokratie, Militär und Unternehmer) hat Bildung einer starken,
autonomen Mittelschicht verhindertund Ungleichheit verschärft.
• „Weltsystemansatz“ (I. Wallerstein): seit Beginn der Moderne haben
ungleiche
Handelsbeziehungen ein Netz globaler Produktions- und
Verbraucherbeziehungen
geschaffen. Die Triebkraft dieses Weltsystems ist der kapital. Wettbewerb,
in dem die kapitalstarken Industrieländer große Vorteile haben. ->
Ausbildung einer globalen
Arbeitsteilung zwischen „Kernländern“, „Peripherie“ (z. B. afrikanische
Länder) und
„Semiperipherie“ (die sich im System auf und ab bewegen, z. B. asiatische
Tigerstaaten).
Versucht zu zeigen, wie sich globale Wirtschaftsstrukturen +
Abhängigkeiten auf die
Entwicklungspfade der einzelnen Länder auswirken.

„Nachhaltige Entwicklung“
- Hintergrund: wachsende globale ökologische Probleme + wachsende
globale Armutsprobleme -> UN Brundtland-Kommission ->
Brundtland-Bericht 1987
- Leitbild „nachhaltiger Entwicklung“ . Propagiert eine
Entwicklungsstrategie, die Umwelt- und Entwicklungspolitik, „top
down“- und partizipative „bottom up“-Ansätze integriert -> UNCED
Konferenz in Rio 1992 [„Agenda 21“]
- Definition von nachhaltiger Entwicklung im Brundtland-Report
(1987):
„Dauerhafte (nachhaltige) Entwicklung ist eine Entwicklung, die die
Bedürfnisse der
Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre
eigenen
Bedürfnisse nicht befriedigen können. Zwei Schlüsselbegriffe sind wichtig:
(a) der Begriff 'Bedürfnisse', insbesondere die Grundbedürfnisse der
Ärmsten der Welt sollen Priorität haben, (b) der Gedanke von
Beschränkungen, die der Stand der Technologie und der sozialen
Organisation auf die Fähigkeit der Umwelt ausübt, gegenwärtige und
zukünftige Bedürfnisse zu befriedigen.“ (Hauff, 1987: 46)

Zentrale Merkmale des Leitbilds „Nachhaltiger Entwicklung“


- „Nachhaltige Entwicklung“ nicht nur neues Leitbild umweltpolitischer
Problemlösung, sondern neues, globales Modell
gesellschaftlicher Entwicklung, das die ökologischen & sozialen
Defizite des bisherigen industriellen Fortschritts- und
Wachstumsmodells korrigieren will.
o Anthropozentrischer Fokus (Grundbedürfnisansatz)
o Globale, integrative Problemperspektive
o starke Betonung des inter- und intragenerativen
Gerechtigkeitsprinzips
o partielle Kritik des modernistischen, technisch-ökonomischen
Entwicklungs-modells der Nachkriegsjahrzehnte, unter
Beibehaltung des wirtschaftlichen Wachstumsimperativs –
aber „qualitativ“ modifiziert (umweltverträgliches Wachstum)
 Nachhaltige Entwicklung ist nicht identisch mit Klimapolitik:
Klimaerwärmung
verschärft allerdings die bestehenden Probleme nachhaltiger Entwicklung
erheblich, eine „low carbon society“ verringert sie um einiges !!

NE: Leerformel, oder Motor gesellschaftlicher Umgestaltung?


- Einerseits: Beeindruckende Fülle an Initiativen, Modellen und
Aktivitäten auf allen gesellschaftlichen und politischen Ebenen in
den vergangenen 15 Jahren
- Andererseits: Wachsende globale Umwelt- und Armutsprobleme;
wachsende Kluft zwischen Reich und Arm (sowohl in Industrie- wie in
Schwellen- und Entwicklungsländern) – obwohl sich linke und rechte
Gruppierungen, Kirchen, Wirtschaft & NGOs gleichermaßen auf
„Nachhaltigkeit“ als Richtschnur ihres Handelns berufen
 Nachhaltige Entwicklung wird so leicht zur Leerformel.

trotz Erfolgen in einzelnen Bereichen (Luft-, Gewässerschutz, erhöhte


Energie- + Ressourceneffizienz etc.) bisher kaum gelungen, die
vorherrschenden nichtnachhaltigen Entwicklungstrends in den
verschiedenen Aktivitätsfeldern (Energie, Mobilität,
Landwirtschaft/Ernährung, Wohnungsbau & Stadtentwicklung, etc.) zu
brechen
 Reboundeffekte, regionale Verschiebungen/Export von
Problemlagen, global
wachsender Ressourcen- und Umweltverbrauch, steigende CO-2
Emissionen etc.
 Kein konsequentes + konsistentes Umschalten auf Prinzipien
nachhaltiger Entwicklung in Politik, Wirtschaft und Alltagsleben.
 Vielmehr: widersprüchliches Patchwork von alten und
neuen Problemlösungen

11.Veranstaltung: Umweltsoziologie

Gegenstand der Umweltsoziologie sind ...


 ... die unterschiedlichen, symbolisch wie materiell (technisch,
stofflich + energetisch) vermittelten Formen gesellschaftlicher
Naturbeziehungen,
 ... die damit jeweils verknüpften sozialen Strukturen, Weltdeutungen
und Regulierungsformen
 ... sowie die gesellschaftlichen Konflikte und
Entwicklungsdynamiken, die aus den Formen und Nebenfolgen
gesellschaftlicher Naturnutzung erwachsen.
 Der besondere Fokus der Umweltsoziologie liegt dabei auf
modernen, durch die ökologischen Nebenfolgen industrieller
Naturnutzung entstandenen „Umweltproblemen“.

Möglichkeiten, Umweltprobleme soziologisch zu untersuchen:


- beobachten, wie Gesellschaften auf die ökologische Problematik
reagieren, wie entsprechende Probleme in gesellschaftlichen
Konflikten und Kommunikationsprozessen ‚sozial konstruiert’ werden
und welche institutionellen Transformationen sich daraus ergeben.
- Ausweitung der soziologischen Untersuchungsperspektive:
a gesellschaftliche Reaktion auf Umweltprobleme +
a Genese der Umweltprobleme im Rahmen komplexer
Interaktionsdynamiken von Gesellschaft, Technik und Natur +
a Kooperation bei Entwicklung problemadäquaterer
Regulierungsstrategien

Interaktionsmodell gesellschaftlicher Naturbeziehungen


 (1) Gesellschaftliche Faktoren, die die Art der Naturnutzung
beeinflussen
(Bevölkerung, Industrialisierungsgrad, Urbanisierungsgrad,
Wohlstandsniveau und -verteilung, Wissenschaft/Technik, Institutionen &
Organisationen, Kultur)
 (2) Nutzungsformen und technische Regulierung der Natur; „sozial-
ökologische Regime“; Art des „gesellschaftlichen Stoffwechsels“
 (3) anthropogen verursachte Umweltprobleme und
Naturkatastrophen (z. B. Überschwemmungen, Stürme, Dürren,
Zerstörung von Ökosystemen, Verschmutzung von Wasser,
Erschöpfung von Ressourcen, etc.)
 (4) Soziale Vulnerablität gegenüber (anthropogen verursachten)
Umwelt-veränderungen und Umweltkatastrophen Æ Wahrnehmung
und Interpretation dieser Probleme Æ gesellschaftliche Reaktion Æ
veränderte Formen der Naturnutzung
Zu 1: gesellschaftliche Faktoren:
- Bevölkerungswachstum:
Exponentielles Wachstum seit 300 Jahren
Vor allem urbanes Wachstum in Entwicklungsländern
 Konflikte für Mensch und Umwelt:
Ressourcenverbrauch
Soziale, politische und ökonomische Spannungsfelder (Slumbildung,
Arm neben Reich)
- Urbanisierung:
Rückgang der Landbevölkerung, Zunahme der Bevölkerung in
Ballungsräumen ( vor allem in Asien und Afrika)
- Industrialisierungsgrad
- Wohlstandsniveau und –verteilung:
aufgrund des in industriellen Gütern & Dienstleistungen enthaltenen
Natur-, Material- und Energieverbrauchs mit hohen
Umweltbelastungen verbunden. veränderte Wohlstandsmodelle
notwendig!
- Stand von Wissenschaft & Technik
- Institutionen & Organisationen (z. B. staatliche & wirtschaftliche
Strukturen):
o Ungleiche Strukturen der Ressourcenverfügung durch
Ökonomische, politische oder militärische Macht
o Verfügung über Machtressourcen bedeutend für Durchsetzung
gesellschaftl. Problemdeutungen
o Politische Korruption, nicht-funktionierende staatliche
Ordnungen, blockieren die Entwicklung kollektiver Lösungen
für Nachhaltigkeitsprobleme (Bsp. Haiti)
o Ökonomische & politische Macht erlaubt auch, sich Risiken und
Umweltbelastungen stärker zu entziehen.
o In den gesellschaftlichen Nutzungs- und Risikokonflikten
spielen allerdings auch moralische Ressourcen, die Fähigkeit,
zu skandalisieren und Protest zu mobilisieren, eine erhebliche
Rolle (NGOs, Umweltbewegungen).
- Kultur (Natur/Weltbilder, Risikowahrnehmungen, ökologische
Diskurse):
o Wertvorstellungen und Naturbilder prägen Wahrnehmung und
Bewertung von Umweltrisiken  aber: ges. Naturbilder +
Risikokonzepte sind mit sozialstrukturellen Merkmalen
gekoppelt (Industrialisierungs-/Moderni-sierungsgrad,
Klassen/Milieus etc.)
o Die Schärfe vieler umweltpolitischer Konflikte ist der
Gegensätzlichkeit solcher Risikowahrnehmungen geschuldet,
hinter der immer auch umfassendere, konkurrierende Bilder
des wünschenswerten Verhältnisses von Natur, Technik und
Gesellschaft stehen.
o Naturbilder, Risikowahrnehmungen, Grenzziehungen von
Natur + Gesell-schaft (d. h. auch die Zurechnung +
Interpretation „natürlicher“ Kata-strophen) etc. werden in
öffentlichen Diskursen reproduziert und institutionell
verfestigt.  Konflikte darüber werden in öffentlichen
Diskursen und Definitionskämpfen ausgetragen.
Bsp: Typologien von Naturkonzeptionen:
Normative Natur (normative Orientierung)
Natur als Ressource (instrumentelle Orientierung)
Gefährdete Natur
Wahre Natur
Schöne Natur (kognitive orientierung)
Gefährliche Natur (expressive Orientierung)
Ökologische Diskurse:
Diskursanalyse
â Bsp.: Klimadiskurs, Abfalldiskurs, Verschmutzungs- oder
Ernährungsskandale
 Wissenssoziologische / argumentative / narrative Diskursanalyse
• „Die Welt ... gewinnt ihren je spezifischen Wirklichkeitscharakter für
uns durch die Aussagen, die Menschen ... über sie treffen,
wiederholen und auf Dauer stellen. Solche Aussagen stiften nicht nur
die symbolischen Ordnungen und Bedeutungsstrukturen der
Wirklichkeit, sondern sie haben auch reale Konsequenzen (Gesetze,
Klassifikationen, Praktiken etc.)“ (Reiner Keller)
• Diskurs = „Ensemble von Ideen, Konzepten und Kategorien, durch
das ein Phänomen mit Bedeutung versehen wird, und welches durch
ein bestimmtes, identifizierbares Set von Praktiken produziert und
reproduziert wird“ (M. Hajer)
• Themenspezifische Diskurse lassen sich „als Ensemble
widerstreitender Narrationen [Erzählungen] verstehen. ... Der
Mensch (bleibt) auch in der modernen Gesellschaft wesentlich ein
Geschichtenerzähler. (...) Narrative Schemata (sind) Regelsysteme,
die Diskursen .. Bedeutung und Kohärenz verleihen.“ (Willy
Viehöver)

Einflussfaktoren:
1. Eigendynamik der wissenschaftlichen Umweltdebatte
2. Nationale Problembetroffenheit und Interessenkonstellation
3. Kulturelle Resonanz der Umweltdebatte
4. nationale Dynamik des Umweltkonflikts
5. Einbettung der Umweltdebatte in politische Großwetterlage
6. (Partei)Politisches Agendasetting
7. Selektivität & Verstärkereffekte der Massenmedien
-- Massenmedien = zentraler Ort öffentlicher Konfliktdiskurse
-- Rezeptionsbarriere: gelangen Umweltthemen überhaupt in die
Medien?
-- Welche Faktoren steuern die Berichterstattung?
ð„instrumentelle Aktualisierung“ (Kepplinger)
ð Theorie des Nachrichtenwerts (Dramatisierung, Neuigkeit,
personalisierend Story-Format ...)
ð „Agenda Buildung“ durch beteiligte Akteure („Inszenierte
Information“)
ð kulturelle/soziale Resonanz (Verkaufszahlen,
Einschaltquoten ...)

Zu 2: sozialökologische Regime:
Historische Entwicklung:
• Aus einer koevolutionären Perspektive untersuchen R. P. Sieferle
(1997) und Fischer-Kowalski et al. (1997) den Rückkopplungsprozess
von Gesellschaft und Natur mithilfe der Konzepte „gesellschaftlicher
Stoffwechsel“ (unterschieden in energetischen und materiellen
Stoffwechsel) und „Kolonisierung von Natur“ für unterschiedliche
historische Entwicklungsphasen.
• „Die Geschichte der Menschheit lässt sich .. als Geschichte einer
stetig wachsenden Population und zugleich als Geschichte eines
auch pro Kopf wachsenden Metabolismus [Stoffwechsel] sowie einer
kolonisierenden Durchdringung zunehmend vieler natürlicher
Systeme beschreiben. Veränderungen der Produktionsweise machen
sich als qualitative und quantitative Sprünge im Metabolismus und in
den Kolonisierungsstrategien bemerkbar“ (Fischer-Kowalski et al.:
26).
• Unterschieden werden so die historischen Formationen (1.) der
Lebensweise als Jäger und Sammler, (2.) der Agrargesellschaften,
die vor etwa 10.000 Jahren entstanden sind und (3.) der
Industriegesellschaften, die sich erst im Verlauf der letzten 200 Jahre
entwickelt haben.

1. Jäger- und Sammlergesellschaften:


- „Der Stoffwechsel der Jäger- und Sammlergesellschaften entspricht
der Summe des biologischen Bedarfs der in ihnen lebenden
Menschen. Sie ernähren sich von gesammelten Früchten,gejagten
Tieren und Fischen“. Eine Kolonisierung natürlicher Systeme
allenfalls in Ansätzen (z.B. Brandrodung)
- Das „entscheidende Nachhaltigkeitsproblem“ für diese
Gesellschaften: Beschaffung einer ausreichenden Nahrungsmenge.
Grenze der Tragfähigkeit für Menschen im Ökosystem, solange
Gesellschaft auf natürliche Regenerationsraten von Nahrungsmitteln
angewiesen bleibt
Bei Überschreitung 2 Möglichkeiten: Wandern in Gebiete mit
höherem Nahrungsmittelangebot oder Verhungern“. -> Entwicklung
spezieller kultureller Regulationsmechanismen, um
Bevölkerungswachstum zu begrenzen(z.B. Infantizid an
neugeborenen Mädchen). Trotzdem, aufgrund des bestehenden
Reproduktionsdrucks – alle Kontinente und Klimazonen besiedelt.
Diese Besiedlung ging häufig mit dem Aussterben der vorhandenen
Großwildarten einher.
2. Agrargesellschaften:
- Die entscheidende Veränderung der „neolithischen Revolution“ ist
die Erfindung der Landwirtschaft und Tierzucht. größere Bedeutung
der Nutzung von Ton (Gefäßherstellung zum Kochen), der
Salzgewinnung (v.a. für Viehhaltung) und der Abbau und Austausch
von Metallen.
- Benötigen pro Kopf erheblich mehr an Biomasse (für Tierzucht, und
Holz als Baustoff für sesshafte Lebensweise-Hausbau, Schifffahrt und
Bergbau)
- gestiegener Biomasse-Bedarf aus gesellschaftlich kolonisierten
Natursystemen gestillt (Beeinflussung natürlicher
Reproduktionsraten durch gesellschaftlich organisierte Arbeiten, z.B.
Abbrennen, Pflügen, Bewässern…)
- „Die Bevölkerungsdichte kann – dank Kolonisierungsstrategien – gut
das Zehnfache der Jäger und Sammler auf gleichem Territorium
betragen“
- Das setzt auf Seiten der Gesellschaft eine grundlegende
Veränderung der Organisation von Arbeit, Fortpflanzung und sozialer
Kooperation bzw. Herrschaft voraus: notwendige Schutz der
Territorien begünstigt Entstehung territorialer Herrschaftssysteme;
technologische Innovationen erhalten einen höheren Stellenwert
(Ertragserhöhung); die Erhaltung kolonisierter Natursysteme bedarf
längerfristiger Pflege und sozialer Disziplinierung; Kinderarbeit
bekommt einen neuen Wert, was die Wachstumsraten der
Bevölkerung erhöht.
- Die Erzeugung landw. Überschüsse + ihrer Speicherbarkeit
ermöglicht
a) die Entwicklung städtischer Zentren und
b) die Ausdifferenzierung sozialer Klassen (Bauern, Handwerker,
Krieger, Priester) sowie die Stabilisierung von Herrschaft.
- Die Nachhaltigkeitsgrenze dieser Gesellschaften ist „die Schranke
des energetischen Stoffwechsels“. Die Bevölkerungsreproduktion ist
abhängig von pflanzlich gebundener Sonnenenergie, deren Nutzung
auf einem gegeben Territorium durch Kolonisierungsstrategien und
die optimalere Abstimmung zwischen verschiedenen
Nutzungsformen (Holz, Ackerland, Viehzucht) nur in Grenzen
verbessert werden kann. Æ Notwendigkeit lokal angepasster
landwirtschaftl. Kultivierungstechniken
- Hohe Bedeutung lokaler Differenzen (lokal-räumlich, Weltbilder,
Sitten, Normen)
3. Industriegesellschaften:
- „Überwindung der Schranke des energetischen Stoffwechsels durch
KOHLE ermöglicht einen qualitativen Sprung. neue gesellschaftliche
Entwicklungschance durch historische Möglichkeit, auf gigantische
Speicher früherer Sonnenenergie zurückzugreifen, mit relativ wenig
(menschlicher) Arbeit“. -> Energieverbrauch pro Kopf in kurzer Zeit
erheblich gesteigert. (10-20fachen eines Jägers und Sammlers, 3-
4fache als in Agrargesellschaft.“
- Steigerung des materiellen Stoffwechsels (Input-Verbrauch von
Rohstoffen- aber auch Output!! – Abfälle, Emissionen…-,ca 50mal
mehr als Jäger- und S.)
- In zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts: Umwälzung der
Kolonisierungsstrategien. Auflösung des Kreislauf der natürlichen
Düngung durch Industrialisierung und Chemisierung der
Landwirtschaft. Gentechnik entkoppelt Landwirtschaft von
natürlichen Reproduktionszyklen. Kolonisierungsstrategien auch auf
Fischfang ausgeweitet. („Aquakulturen“)
- Nachhaltigkeitsschranken in der Erschöpfung von Rohstoffen und
fossilen Energien. Aber: technische Entwicklung führt zu
nachhaltigeren energetischen Alternativen (Wasserstoff- bzw.
Solarwirtschaft)
- Nachhaltigkeitsprobleme heute eher in Bezug auf die Output-Seite
des materiellen Stoffwechsels diskutiert (Beeinträchtigung
ökologischer Systemfunktionen und menschlich nutzbarer
Lebensräume durch Luft-, Gewässer- und Bodenverschmutzung,
anthropogene Klimaveränderungen oder den Verlust an
Biodiversität)
- Zum anderen rücken die Folgeprobleme, die Risiken, die wachsende
Anfälligkeit gesellschaftlicher Funktionssysteme durch die
fortschreitende Kolonisierung von Natur, durch die immer
komplexeren Kopplungen von natürlichen und gesellschaftlichen
Prozessen in den Vordergrund der gesellschaftlichen Debatte.
- Ästhetisch hat industrielle Produktion die Nivellierung lokal-
räumlicher Besonderheiten zur Folge. Massenproduktion,
Homogenisierung von Baustrukturen + Landschaften

Zu 4: soziale Verletzbarkeit durch Umweltkatastrophen


Unterschiedliche Verletzbarkeit (Vulnerabilität), abhängig von ...
- naturräumlichen Gefährdungen (Erdbeben, Hurrikans …) 
Naturereignisse als „Katastrophe“ durch menschlichen &
gesellschaftlichen Betroffenheit.
- Bevölkerungsdichte, Siedlungsstruktur, Bodennutzung, Güter- und
Verkehrsströme, Wirtschaftsstruktur, Rechtssystem, staatl.
Strukturen …
- Unterschiedliche Verfügbarkeit von Ressourcen (Arbeit, Besitz,
Position im ökonomischen und politischen Machtgefüge, Bildung,
politische Rechte, soziale Spaltung/Integration …)  je größer
Armut, Abhängigkeit, Machtlosigkeit desto größer die Vulnerabilität
- „Katastrophenkultur“ (Präventionskultur, kult. Deutungsmuster,
Vorbereitung und Übung, Verfügbarkeit über
Warn/Schutzvorkehrungen)
- Un/Fähigkeit, sich von Schäden/Katastrophen zu erholen

Bsp. Haiti für Hohe Verletzbarkeit:


- Hohe naturräumliche Gefährdung (Erdbeben und Hurrikans).
Dezimierung der Wälder durch Plantagenwirtschaft (als Kolonie);
später armutsbedingte Abholzung  Erdrutsche, Wassermangel
- Histor. Hypothek: ehem. reichste europäische Kolonie in Amerika
(Sklavenwirtschaft)  extrem hohe Schuldenlast nach Befreiung
von Frankreich (ca. 22 Mrd €)  Verfestigung post-kolonialer
Abhängigkeit + Randständigkeit  Armut, Korruption, Diktaturen
- Heute: stark bevölkerter Agrarstaat; ärmstes westliches Land; rund
50 Prozent im erwerbsfähigen Alter arbeitslos; Hälfte der
Bevölkerung ist unterernährt; Analphabetenquote ca. 50%;
durchschnittl. Alter 20 J.
- Folgen bspw.: extrem brüchige + billige Betonbauweise (mit
Salzwasser angerührter Beton/Betonziegel); keinerlei
Katastrophenprävention  dramatische Schäden
- Staat nicht in der Lage, Sicherheit + infrastrukturelle Leistungen zu
gewährleisten  Unfähigkeit, sich aus eigener Kraft von
Katastrophen zu erholen
- Warum Wiederaufbau bislang gescheitert? (1) Schwache Regierung
+ Korruption; (2) „Nebenregierung“ + mangelnde Koordination
ausländischer Hilfsorganisationen; (3) mangelnder Einbezug der
Haitianer in Wiederaufbau  Frust, Widerstand, Ablehnung; (4)
Choleraepidemie (4000 Tote); (5) Ausnutzung des Chaos durch
Hilfsorganisationen für Evangelisierungsprozesse ...

Umweltsoziologische Erklärungsansätze:
 Analytische Ansätze
 Handlungstheoretische Ansätze: z. B. Rational Choice
(Allmende-Problem)
 Praxis- und alltagstheoretische Ansätze (in welche
Alltagspraktiken ist umweltbezogenes Verhalten eingebettet,
welcher ‚implizite Sinn“ liegt diesen Praktiken zugrunde, wie
gehen Menschen im Alltag mit Umweltproblemen und den
‚Widersprüchen‘ im eigenen Verhalten um, etc. )
 Diskurstheoretische Ansätze (Analyse öffentlicher
Umweltdiskurse)
 Netzwerk-, organisations- und institutionentheoretische
Ansätze
 Systemtheoretische Ansätze etc.
 Gesellschaftstheoretische Deutungen (Zeitdiagnosen)
 „Risikogesellschaft“, „reflexive Modernisierung“ (Ulrich Beck)
 „Funktional differenzierte Gesellschaft“ (Niklas Luhmann u. a.)
 „Ökologische Modernisierung“
 Kapitalismustheoretische Deutungen („Postfordismus“)

Bsp 1: Rational Choice - Allmende-Dilemma


- Modell des „homo oeconomicus“: Handlungsmaxime = die
ressourceneffiziente, am eigenen Interesse orientierte
Nutzenmaximierung. Umweltfreundliches Verhalten aus rationalem
Kostenkalkül.
 handlungspraktische Forderungen: Internalisierung
ökologischer Kosten; Schaffung finanzieller Anreize für
umweltfreundliches Verhalten
 In soziologischen Rational-Choice-Theorien wird das Modell
ökonomisch-rationalen Handeln allgemeiner gefasst. Nutzen wird
nicht nur ökonomisch definiert, sondern kann vieles bedeuten, etwa
soziale Anerkennung, die Sicherung sozialer Identität oder die
Stabilisierung des eigenen Weltbilds.
 „Niedrigkostenhypothese“ (Diekmann & Preisendörfer 1992):
neben Kostenanreizen im „high cost“-Bereich spielt auch
Umweltbewusstsein oder Umweltmoral eine gewisse Rolle für das
individuelle Umwelthandeln, aber nur im „low cost“-Bereich, in dem
die Verhaltenskosten, die Mühen und Unbequemlichkeiten für
umweltfreundliches Verhalten relativ gering sind.
- Kollektivgutproblematik („Tragedy of the Commons“, G. Hardin
1968). Der Kern des Dilemmas: freier Zugang zu Kollektivgütern
(Luft, Wasser, Gemeineigentum…) reizt das rationale Verhalten
individueller Akteure zur Übernutzung der vorhandenen Ressourcen
und damit zu einer kollektiven Selbstschädigung.
- Hardin: Beispiel der Übernutzung eines Gemeinde-Weidelands
(Allmende), das von mehreren Bauern genutzt wird. Trotz Anzeichen
der Überweidung, sei es für den einzelnen Herdenbesitzer doch
rational, mehr Schafe auf die Weide zu schicken, da der Nutzen, den
er davon hat, zunächst immer noch größer ist als der Schaden, den
er mit allen anderen Herdenbesitzern gemeinsam teilt. Würde er
(allein) sein Vieh reduzieren, böte dies den anderen nur die
Möglichkeit, die bessere Weidequalität für ihr Vieh zu nutzen. Er
hätte also nur den Schaden; die anderen den Vorteil. Weil jeder so
denkt, treibt dies die Übernutzung des (begrenzten) Weidelands bis
zu seiner vollständigen Zerstörung voran.
- Kritik: (1) nur auf Teilbereiche der Umweltproblematik anwendbar,
(2) Allmendenutzung herkömmlicherweise immer sozial geregelt,
aktuell aber durch Technik (z. B. High-Tech-Fischfangflotten) und
Marktdynamik ausgehebelt,
(3) generell trifft das ökonomische Rationalitätsmodell nur
Teilaspekte menschlichen Verhaltens: dieses ist immer sozial und
kulturell normiert

Bsp 2: systemtheoretischer Ansatz (Luhmann):


- Überträgt Autopoiesis-Konzept auf gesellschaftliche Systeme (nicht
mehr als umweltoffene Systeme konzipiert, die durch Input- und
Output-Beziehungen mit ihrer Umwelt verknüpft sind, sondern als
selbstreferentiell-geschlossene, autopoietische Systeme, die sich
mittels der fortlaufenden Produktion ihrer Elemente selbst erzeugen
und erhalten).
- Systeme konstitutieren sich danach durch eine spezifische
Selektionsleistung: durch die Etablierung einer System/Umwelt-
Differenz. Aus der unbegrenzten Komplexität der Umwelt
differenziert sich ein System durch Grenzziehung, durch die
Beschränkung auf spezifische Leistungen aus (und konstituiert damit
zugleich eine systemspezifische Umwelt). Systembildung ist insofern
immer auch ein Mechanismus zur Reduktion von Komplexität.
• Funktional ausdifferenzierte soziale Systeme (Wirtschaft, Politik,
Wissenschaft, Recht etc.) werden nicht als
Handlungszusammenhänge, sondern als selbst-referentielle
Kommunikationssysteme verstanden, deren Kommunikation sich an
systemspezifischen (binären) Codes [z. B. Wissenschaft:
wahr/falsch; Rechtssystem: Recht/Unrecht; Politik: Regierungs-
macht/Opposition ...] und Handlungsprogrammen orientiert.

Reaktion gesellschaftlicher Systeme auf Umweltprobleme:


 Umwelt vom System nur als „Rauschen“ erfasst. Soziale Systeme
zwar von Umwelt abhängig und „umweltsensibel“, aber „operativ
geschlossen“. Sie haben deshalb nur eine begrenzte
„Resonanzfähigkeit“.
 keine gesellschaftlichen Auswirkungen ohne Kommunikation der
Probleme
 Nur wenn ein System durch „Umweltirritationen“ „in Schwingung
versetzt“ wird (= Resonanz), kann es aus dem generellen
„Rauschen“ eine bestimmte „Information“ aufgreifen und gemäß
seinem eigenen Operationsmodus bearbeiten, ggf. auch neue,
komplexere Strukturen ausbilden
Æ z. B. Wirtschaft: nur über die „Sprache der Preise“, über
Verdienstmöglichkeiten, neue Märkte (nur sehr indirekt über Unternehmer-
und Konsumentenverantwortung)
Æ z. B. Politik: nur über Sprache der Macht, der Wahlen, der
Personalauswahl & Ämterbesetzung. Politische Resonanz kommt vor allem
als Reaktion auf öffentliche Meinung (vermutete Wahlchancen) zustande.

Bsp 3: Risikogesellschaft (Beck)


 Neue Qualität von zivilisatorischen Selbstgefährdungen
(ökologischen, atomaren, chemischen, genetischen Großrisiken) ->
"Risikogesellschaften".
 Diese Risiken sprengen die Logik des herkömmlichen, auf
statistisch kalkulierbare Unsicherheiten bezogenen
Risikokalküls.
o „örtlich, zeitlich und sozial nicht eingrenzbar ->
‚Weltrisikogesellschaft‘"
o nicht zurechenbar nach den Regeln von Kausalität,
Schuld, Haftung, ...
o nicht kompensierbar (Irreversibilität, Globalität) nach der
gängigen Tauschregel 'Zerstörung gegen Geld'
 Primäres Interesse gilt den Konsequenzen für die tragenden
Institutionen der Moderne, die neue Art von Widersprüchen und
Konflikten, die sich aus der öffentlichen Thematisierung dieser
neuen Großgefahren ergeben
 "Naturzerstörungen (...) werden integraler Bestandteil der
gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Dynamik.
Der ungesehene Nebeneffekt der Vergesellschaftung der Natur
ist die Vergesellschaftung der Naturzerstörungen und
-gefährdungen, ihre Verwandlung in ökonomische, soziale und
politische Widersprüche und Konflikte. Verletzungen der
natürlichen Bedingungen des Lebens schlagen in globale
medizinische, soziale und ökonomische Gefährdungen für den
Menschen um - mit völlig neuen Herausforderungen an die
sozialen und politischen Institutionen der
hochindustrialisierten Weltgesellschaft." (Beck 1986: 107)

„Reflexive Moderne“ und Risikokonflikte


 „Reflexive Moderne“: Risikogesellschaften sind Konsequenz des
‚Erfolgs‘ moderner Gesellschaften; das Ergebnis der mit ihren nicht-
beabsichtigten Nebenfolgen konfrontierten Moderne [nicht-
intendierte Erosion aller Merkmale der klassischen „ersten
Moderne“: Arbeit, Familie, Nationalstaat ...]
 Neue Konfliktlinien: für industrielle Gesellschaften stand Frage der
Reichtumsverteilung und sozialen Absicherung im Vordergrund, in
"Risikogesellschaften" tritt die Auseinandersetzung um diese neue
Art von Selbstgefährdungen in den Mittelpunkt der
gesellschaftlichen Auseinandersetzungen.
 „Risikokonflikte“: Sie entfalten sich (a) im Medium
wissensvermittelter, symbolischer Definitionskämpfe. Sie schaffen
(b) neue soziale Betroffenheiten und Gefährdungslagen, die quer zu
Konfliktlinien der Industriegesellschaft liegen
 Staatl. Delegitimierung + Subpolitisierung: Die nicht
abreißende Kette an ökologischen Katastrophenmeldungen und neu
entdeckten Gesundheitsgefährdungen dementiert das staatliche
Sicherheits- und Kontrollversprechen stets aufs Neue. Öffentlich
thematisierte Risiken politisieren das Unpolitische und begünstigen
neue Formen der „Subpolitik“ von unten.
 Der "Niemandsherrschaft technologischer Entwicklungen" erwächst
so, vorangetrieben durch die Logik der Gefahrenproduktion wie
durch mediengerechte Inszenierungen ökologischen Protests, der
Gegenpart eines neuen "globalen
Verantwortungszusammenhangs", eine Art neue "global
technological citizenship" (Beck 1996: 140f).

12. Veranstaltung: Nachhaltigkeitstransformation-Auf dem Weg in die


postfossile Gesellschaft

Die Entwicklung „postfossiler Gesellschaften“ –


Übergang zu einem neuen „sozial-ökologischen Regime“ ?
 Zentrales Merkmal des bisherigen Industrialisierungsprozesses:
Nutzung fossiler Energieträger
 Nachhaltigkeitsschranken der Industriegesellschaft in Erschöpfung
von Rohstoffen und fossilen Energieträgern („Grenzen des
Wachstums“). nachhaltigere energetische Alternativen durch
technische Entwicklung
 Nachhaltigkeitsprobleme heute primär auf Output-Seite des
materiellen Stoffwechsels (Beeinträchtigung ökologischer
Systemfunktionen und menschlich nutzbarer Lebensräume durch die
Folgen der industriellen Nutzung fossiler Energieträger). 
Notwendigkeit des Übergangs zu post-fossilen Energieträgern
â Die Frage ist, wie der Übergang zu einer „post-fossilen“, solar
basierten Industriegesellschaft gestaltet werden kann, welche Probleme
und Konflikte damit verknüpft sind und welche neuen
Gesellschaftsstrukturen sich mit dem Wandel der gesellschaftlichen
Energiebasis herausbilden – bzw. welche Entwicklungsoptionen sich damit
eröffnen.

Entstehung, Stabilisierung und Veränderung institutioneller Strukturen und


Praktiken
 Entstehung sozialer Strukturen aus komplex vernetzten Geflecht
sozialen Handelns Æ Viele unterschiedliche Antworten !!
 Bsp. Anthony Giddens: „Rekursivität von Struktur & Handeln“:
Æ Soziale Strukturen ermöglichen und begrenzen soziales Handeln
Æ Institutionelle Strukturen haben nur solange Geltung, als sie in
Alltagsroutinen immer wieder reproduziert werden; das setzt voraus, dass
die zugrunde liegenden Wirklichkeitsdeutungen, Leitbilder usw. in der
gesellschaftlichen Kommunikation immer wieder selbstverständlich
bestätigt werden
Æ Massive Störungen eingespielter Handlungsroutinen nötigen zu
‚kreativer Anpassung‘; das bringt konkurrierende Problem- und
Wirklichkeitsdeutungen ins Spiel ð Delegitimierung institutioneller
Praktiken; Kampf um Definitionsmacht
Æ erfolgreiche Neudefinition von Problemen (und Problemlösungen)
verschiebt Interessen- und Machtgefüge ð Stabilisierung neuer
institutioneller Strukturen und Praktiken

Institutionelle Transformation: Wachstum und Konsum  Nachhaltige


Entwicklung
 Schlüsselbegriffe soziologischer Analyse: (a) Kultur, (b)
Struktur, (c) Handeln, (d) Macht, (e) Integration.  Prozesse
der Nachhaltigkeitstransformation setzen die Veränderung von
kulturellen Deutungen & Werten (Diskurse), von Handlungsformen
und sozialen Strukturen voraus, sie sind mit Macht- und
Herrschaftsfragen verknüpft und sie haben Konsequenzen für die
Formen gesellschaftlicher (Des)Integration.
 (Zivile) Veränderungsstrategien haben nur dann Aussicht auf
Erfolg, wenn sie Handlungs- und Strukturaspekte
miteinander verknüpfen:
 wenn neue Leitbilder nachhaltiger Entwicklung eine
regulierende Kraft gewinnen
 wenn sich neue institutionelle ‚Strukturen‘ und
Alltagspraktiken wechselseitig stützen
 wenn Nachhaltigkeitspraktiken in neuen Interessenallianzen
+ Machtstrukturen abgestützt werden
 wenn die gesellschaftlichen Umstrukturierungen zu keinen
gravierenden, neuen sozialen Ungleichheiten führen

1. Der Nachhaltigkeitsdiskurs – Kampf um die Neudefinition von


Problemen und Handlungsnotwendigkeiten
Konsens in Bezug auf allgemeine Prinzipien des Leitbilds
Dissense in Bezug auf Umsetzung des Leitbilds:
 die Gewichtung, Interpretation und Verknüpfung der ökologischen,
sozialen und ökonomischen Aspekte nachhaltiger Entwicklung
 „starke“ vs. „schwache Nachhaltigkeit“
 erfordert die globale Verbesserung sozialer Lebensbedingungen, die
Liberalisierung des Welthandels, die Regionalisierung von
Wirtschaftskreisläufen, eine „neue Weltwirtschaftsordnung“ oder ein
„neues Wohlstandsmodell“?
 Effizienz- und Konsistenz vs. Suffizienzstrategien: nachhaltige
Entwicklung allein durch technische Innovation realisierbar, oder
„nachhaltige“ Veränderung von Lebensstilen & Konsummustern
nötig?
 nachhaltige Entwicklung mit Wirtschaftswachstum vereinbar? oder
neue Modelle der „Postwachstumsökonomie“
â „Nachhalt. Entwicklung“ impliziert Kampf um die Definitionsmacht, um
die Durchsetzung spezifischer Interpretation + Operationalisierungen von
Nachhaltigkeit & die Schaffung durchsetzungsfähiger „Diskurskoalitionen“

Problem: Begrenzte Mobilisierungsfähigkeit des Leitbilds NE


 Konzept NE zu allgemein, zu diffus, zu wenig konturiert, um als
handlungsmotivierendes ‚Leitbild‘ wirken zu können. Es bündelt
keine Visionen und Bilder wünschenswerten Lebens.
 Eine begrenzte, integrierende Leitbild-Wirkung entfaltet das Konzept
NE nur im Kontext fachlicher Experten-Debatten oder im lokalen
Rahmen partizipativer Nachhaltigkeits-prozesse.
 Öffentlich mobilisierungsfähig sind nur dramatisierende Themen und
Problemdebatten, die von den Medien in einfache Erzählungen
bedrohlicher, tragischer, empörender oder moralisch aufrüttelnder
Art übersetzt werden können – und die mit konkreten
Handlungsoptionen verbunden sind.
 Nur solche medial dramatisierten, themenspezifischen
Problemdebatten nötigen die Politik zu reagieren – und schaffen
zugleich eine breitere Akzeptanz für eine konsequentere,
problembezogene Nachhaltigkeits-Politik. Das erzeugt auch auf der
Alltagsebene einen gewissen Handlungsdruck.
 Wenig konsistentes, von Gelegenheitsstrukturen und
Aufmerksamkeitszyklen abhängiges Modell der Entwicklung von
Nachhaltigkeitspolitiken & Alltagspraktiken

2. Blockaden und Transformationschancen auf struktureller Ebene


 Starke Ausdifferenzierung moderner Gesellschaften in
unterschiedliche Teilsysteme mit unterschiedlichen
„Handlungslogiken“ (Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Recht,
Familie, etc.). Æ Prinzipien nachhaltiger Entwicklung werden immer
nur gemäß der spezifischen Binnenlogik dieser Teilsysteme
aufgegriffen und bearbeitet Æ Widersprüchlichkeit, Inkonsistenzen
 Beispiel Wirtschaft: Eine an kurzfristigen Renditekriterien orientierte
Unternehmenspolitik kann nur schwer ein konsistentes Modell
nachhaltigen Wirtschaftens entwickeln. Allmende-Dilemma:
‚rationales‘, interessen-bezogenes Verhalten fördert
Vernachlässigung von Umweltfolgen. Dem kann nur durch kollektive
Regelungen und Anreizstrukturen entgegen gewirkt werden Æ Aber:
neue Marktchancen durch Umweltinnovationen, Imagegewinn,
Gefahr des Imageverlusts bei bloßem „Greenwashing“ ...
â Steuerungs-, Koordinations- und (funktionale) Integrationsprobleme

Probleme politischer Steuerungsfähigkeit


 Beispiel Politik: staatliche Steuerung bricht sich an den
Eigenrationalitäten gesellschaftlicher Teilsysteme
a Grundsätzliche Steuerungsskepsis: systemtheoretische Ansätze
betonen, dass sich ges. Teilsysteme wie Wirtschaft, Politik etc. allein an
ihrer Binnenlogik orientieren; keine zentrale politische Steuerung mehr
möglich (oder nur „Kontextsteuerung“)
a Dagegen: Selbststilisierung der Politik als kompetente
Steuerungsinstanz (trotz permanenten Scheiterns ð nährt Politikverdruss).
 Allerdings zeigt Empirie, dass die diversen Steuerungsinstrumente
durchaus Wirkung entfalten – wenn auch nicht immer die beabsichtigte
 Herrschender Politikmodus = kurzatmiges „muddling through“,
Aushandlungsprozesse (bargaining), wechselnde Akteurskoalitionen
mit unterschiedlichen ideologischen Orientierungen,
Medienorientierung der Politik, bürokratische Ressortegoismen ...
â All das blockiert eine langfristige, an integrativen Kriterien
orientierte Nachhaltigkeitspolitik. -> erfordert institutionelle Innovationen:
 Institutionalisierung von Querschnittspolitiken
(Umweltverträglichkeitsprüfung; Nachhaltigkeitsrat …)
 dialogisch-partizipative Politikformen: neue Governance-Modelle
auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene (Lokale Agenda21,
dialogische Politikformen...)
 „Leitbildsteuerung“ bzw. „Strategische Planung“ („nationale
Nachhaltigkeitsstrategie“ etc.)

Antwort 1:
• Lokale Agenda 21 = mobilisierendes Netzwerk, das mittels breiter
Partizipation, kommunikativer Vernetzung und dialogisch-
kooperativer Verfahren lokale Nachhaltigkeit zu fördern versucht.
• bedarf zu diesem Zweck der Legitimation und Unterstützung in
formellen Politikstrukturen und -verfahren (z.B. durch Stadtrat und
Verwaltungsspitze).
• Aber nur partiell erfolgreich:
 Mobilisierungsproblematik der LA 21: öffentlichkeitswirksame
Mobilisierung, Engagement in Foren & Projekten kaum auf Dauer zu stellen
 Lösung: periodische, thematisch fokussierte Nachhaltigkeitskampagnen
 Koordinationsproblematik der LA 21: meist Nische; schlechte
Verknüpfung mit zentralen kommunalpolitischen Entscheidungen;
Wahrnehmung als Konkurrenz zu Gemeinderäten  Lösung: stärker
institutionalisierte Vernetzungsmechanismen

Antwort 2:
Strategische Planung mithilfe von Nachhaltigkeitszielen und Indikatoren
• Mit Blick auf politische Gestaltungskontexte werden unterschiedliche
Ziel- und Indikatorenkataloge entwickelt, die eine Überprüfung +
Bewertung des Ist-Zustands, Zielfestlegungen sowie ein Monitoring
des Grads der Zielerreichung ermöglichen sollen.
• auf lokaler Ebene oft im Rahmen partizipativer Verfahren (LA 21,
Zukunftskonferenzen ...), auf Landes- oder nationaler Ebene primär
durch Verwaltung in Kooperation mit Wissenschaft +
zivilgesellschaftlichen Gruppen
• Bsp. Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie
– 2001: Staatssekretärsausschuss „Nachhaltige Entwicklung“
eingerichtet (querschnittsorientierte Koordination;
Federführung beim Bundeskanzleramt)
– 2001: „Rat für Nachhaltige Entwicklung“ vom Bundeskanzler
berufen (19 Persönlichkeiten aus allen ges. Bereichen zur
Beratung und kritischen Begleitung der N-Politik der
Bundesregierung, Öffentlichkeitsarbeit, Organisation eines
ges. N-Dialogs, eigene Projekte wie bspw. „Nachhaltiger
Warenkorb“)
– 2002: Veröffentlichung der deutschen
Nachhaltigkeitsstrategie („Perspektiven für Deutschland“):
o 4 Leitlinien: Generationengerechtigkeit, Lebensqualität,
sozialer Zusammenhalt, Internationale Verantwortung
o 21 Indikatoren für diese Bereiche mit Zielvorgabe
o Schwerpunkte nachhaltiger Entwicklung mit detaillierter
Analyse der jeweiligen Problemstruktur, Zielen, ergriffenen
Maßnahmen + spezifischen Pilotprojekten
o Managementregeln, die Umsetzung, Erfolgskontrolle,
Monitoring & Weiterentwicklung der Strategie betreffen
– 2006: Einrichtung eines „Parlamentarischen Rats für
Nachhaltige Entwicklung“ (Beratung & Empfehlungen zur
Festlegung von Zielen, Maßnahmen, Instrumenten)
 Nachhaltigkeitsstrategie = institutionelle Innovation: begünstigt die
Integration von Ressortpolitiken + langfristige, leitbildorientierte,
partizipative Politiksteuerung

3. Blockaden und Transformationschancen auf der


Handlungsebene
 „Kluft“ zwischen Umweltbewusstsein und Umwelthandeln. Mögliche
Gründe:
 Umweltorientierung ist nur ein Aspekt unter anderen, an dem
sich Alltagshandeln orientiert, muss ausbalanciert werden
 Unterschiedliche Milieus + Lebensstile gewichten
Umweltfragen unterschiedlich hoch
 Hohe „Kosten“ eines konsequenteren umweltfreundlichen
Handelns
 Typischer Patchwork-Charakter umweltbezogenen Handelns:
Widersprüche und Unvereinbarkeiten erfordern ein ständiges Abwägen
zwischen Ansprüchen, Wünschen und Restriktionen, die zu einem sehr
selektiven Umweltverhalten führen

Hemmnisse für ein konsequenteres Umwelthandeln


 mangelnde Information + Überkomplexität der
Zusammenhänge
 Widersprüchlichkeit von Werten, Bedürfnissen und
Handlungsanforderungen
 Machbarkeitsprobleme, hohe Kosten & infrastrukturelle
Barrieren: Alltagskonsum ist in technische
Versorgungssysteme + globale Produktketten eingebettet
 gegenläufige sozialstrukturelle Trends (Flexibilisierung der
Arbeit, Individualisierung der Lebensformen, wachsende
Bedeutung von Freizeitkonsum, ...)
 Kollektivgutproblematik („warum soll ich der Dumme sein“?)
 Ohnmachtserfahrungen + mangelnde Rückkopplung von
Handlungsfolgen

Widersprüchliche Strategien zur Förderung „nachhaltigen Konsums“


 Unterschiedliche (sozialwissenschaftliche) Ansatzpunkte zur
Förderung nachhaltigen/umweltfreundlichen Konsums
 Persönlichkeitsspezifische Barrieren (Wissen,
Einstellungen, Werte, Motivation a Aufklärung)
 Gruppen-/Lebensstilspezifische Barrieren
(zielgruppenspezifisches Marketing, Motivallianzen,
symbolische Umwertung)
 Generelle Barrieren (z.B. Machbarkeitsprobleme & hohe
Kosten, infrastrukturelle Barrieren,
Kollektivgutproblematik, ...) Æ Abschwächung von Barrieren,
Verbesserung des Angebots, Verstärkung von
Rückkopplungseffekten, allgemein verbindliche
Regulierungen...)
 Ökonomische, technische, raumplanerische Ansatzpunkte:
 Ökonomisch-technische Ansatzpunkte an der Produktions- und
Versorgungsseite: integrierte Produktpolitik, grünes
Produktdesign, Nachhaltigkeitsmanagement, regionale
Wertschöpfungs-ketten ....)
 über siedlungsstrukturelle Entwicklungen (nachhaltige Stadt-
u. Raumplanung)
 Ökologisch-technische Analyse der mit den jeweiligen
Produkten/Dienstleistungen verbundenen Stoff- und
Energieflüsse (Ökobilanzen, Siegel, ökologischer
Fußabdruck...)
 Unkoordinierte, inkohärente, z. T. widersprüchliche Anreize &
Interventionsstrategien
 Nötig wäre systemisches Verständnis von Konsum + integrative
Steuerungsansätze

Systemisches Verständnis von Konsum:


 Symbolische Einbettung von Konsumhandlungen (Konsum &
Lebensstil)
Wachsender Wohlstand erhöht den symbolischen & emotionalen
Wert von Konsumgütern. (Abgrenzung & Distinktion). ð
Ästhetisierung und Emotionalisierung des Konsums a Wenig Sinn,
den einen „nachhaltigen Lebensstil“ zu propagieren. Notwendigkeit,
die Pluralität von Lebensstilen (z.B. SINUS) und die jeweils
bestehenden selektiven Anknüpfungsmöglichkeiten +
„Motivallianzen“ zu nutzen (z. B. Sparsamkeit + Energiesparen;
Wellness + Biokonsum ...]
 Konsum = ko-evolutionäres Produkt technischer, ökonomischer und
sozio-kultureller Entwicklungen
 Weder Information + moralische Appelle („verantwortlicher
Konsument“), noch die Verbesserung des Angebots („rationaler
Konsument“) oder die symbolische Umwertung von Produkten („Konsum
als Lifestyle“) allein, sondern nur die wechselseitige Verstärkung
subjektiver Handlungsbereitschaften und struktureller
Rahmenbedingungen machen „nachhaltigen Konsum“ zur Routine!

Konsumspiralen: Automobilität
 Durch Massenverfügbarkeit des Automobils (erschwingliche Preise,
individuelles Design) wird es in das Gewebe der
Alltagsarrangements eingebunden und wurde für deren
Stabilisierung vielfach unverzichtbar
 Das verstärkt wieder bestimmte siedlungs- und infrastrukturelle
Entwicklungen
 Die damit geschaffene Angebotsstruktur, wachsende strukturelle
Flexibilisierungszwänge (Arbeit, Individualisierung), damit
verbundene „Zeitnot“, aber auch steigende soziale Erwartungen an
Zeitsouveränität und Selbstgestaltungsmöglichkeiten erhöhen
wiederum den Zwang zur Autonutzung.

Verknüpfung unterschiedlicher Strategien und Handlungsebenen zur


Förderung nachhaltigen Konsums:
Protest/Skandalisierung durch NGOs und Medien

Entwicklung von Initiativen und Pioniermodellen nachhaltigen Konsums

Netzwerkbildung
• Bildung strategischer Akteursnetzwerke, Diffusionsnetzwerke von „best practice“ Modellen

Nachhaltigkeitsforschung: Erarbeitung problem- + handlungsorientierten Wissens


• staatliche Föderung, inter- und transdisziplinäre Forschung

Entwicklung umweltverträglicher Technologien, Produktsysteme & Dienstleistungen


• wirtschaftliche + staatliche Förderung (national, EU)

Informationskampagnen, adressatenspezifische Kommunikation


• Problemkommunikation
• Handlungsmöglichkeiten
• zielgruppenspezifisches Marketing

Politische Regulierung
• Verordnen, finanzielle Förderung + Anreize (z.B. EEG, Emissionshandel), planungsrechtliche Instrumente,
Haftungsrecht
staatl. Aktivierung gesellschaftlicher + wirtschaftlicher Eigenaktivitäten
• Selbstverpflichtungen, Zielvorgaben, Zertifizierungen, Koordinierung gesellschaftlicher Aktivitäten (z.B. lokale
Agenda 21)
Verbessertes (umwelt- und sozialverträgliches) Marktangebot + infrastrukturelle Dienstleistungen
Alltagspraktische + kulturelle Passfähigkeit
• Nachhaltige Geräte, Dienstleistungen und Konsumpraktiken müssen in die Alltagsarrangements passen und
an kulturelle Normen und Standards anschlussfähig sein

Was nötig – und was möglich ist:


a) Schaffung institutioneller Rahmenbedingungen für eine
„Dritte industrielle Revolution“
• Konsistenzstrategie: ökologische Kreislaufwirtschaft, Solarwirtschaft
• Energieeinsparung: Privater CO2 –Handel; Passivhäuser;
„Repowering“; europäisches, erneuerbares Energienetz; dezentrale
KWK Blockade durch Monopol der vier großen Energiekonzerne
(Versorgung + Netz)
• Wege aus der Rohstoffkrise: Umstellung auf Besteuerung von
Ressourcen statt Arbeit ð Steigerung der Ressourcenproduktivität +
Arbeitsbeschaffungseffekte; ökologische Mehrwertsteuer; vermehrt
„Nutzen statt Besitzen“
• wirksame Kontrolle der Finanzmärkte sowie eine gerechtere
Verteilung des Reichtums und der Erwerbsarbeit; daneben neuer
Arbeits- und Wohlstands-begriff: Arbeit = Erwerbsarbeit +
Versorgungsarbeit + Eigenarbeit + bürgerschaftliches Engagement
b) „Kulturelle Revolution“
• Politisch-kulturelle Innovationen beruhen meist auf zivilgesellschaftl.
Bewegungen  Konflikte = hohe öffentliche Sichtbarkeit + neue
Problemwahrnehmung; modell/stilbildende neue Praktiken
• Politik meist auf herkömmliche Problemlösungen eingefahren: Nicht
passive Unzufriedenheit, sondern erst Tausende von Initiativen und
Protesten, „strategischer Konsum“ etc. nötigen Wirtschaft und Politik
zu reagieren, verändern Akzeptanz für „neue Politiken“, schaffen
neue Allianzen und neue „Nachhaltigkeitsmärkte“.
• „Empowerment“: Erfahrung dass man Dinge ändern kann, verstärkt
Veränderungsbereitschaft
 „Die Mikro-Politik der kleinen Gruppen wird in der öffentlichen
Wahrnehmung und bei den politischen Eliten notorisch unterschätzt,
wird aber das kulturelle Projekt des Gesellschaftsumbaus
mitinitiieren und tragen
 „APO 2.0“: neue internetbasierte Formen der politischen
Kommunikation und Vernetzung. Politisierung des Privaten und des
bürgerschaftlichen Engagements, um „Volksvertreter unter
Rechtfertigungs- und Innovationsdruck zu setzen“. Keine klassische
soziale Bewegung: sondern „politische Assoziation aller, die zu einer
verantwortungsvollen und nachhaltigen Gesellschaft beitragen“.