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Titel

Die verdrängte Tragödie


Es war die wohl größte Seefahrts-Katastrophe, schlimmer noch als der Untergang der „Titanic“:
Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs versenkte ein sowjetisches U-Boot das deutsche Flüchtlings-
schiff „Wilhelm Gustloff“. Etwa 9000 Menschen kamen ums Leben, zumeist Frauen und Kinder.

D
ie jungen Mädchen waren unter den
Ersten, die starben: Marinehelfe-
rinnen, einige Dutzend, die meis-
ten erst 17 oder 18 Jahre alt. Die Offiziere
der „Wilhelm Gustloff“ hatten ihnen als
Quartier das Schwimmbad des ehemaligen
Kreuzfahrtschiffes zugewiesen, dazu die
umliegenden Kabinen. Es war gekachelt,
von Säulen umstanden und mit einem Mo-
saik verziert, vor allem aber etwas abgele-
gen vom Chaos auf dem Rest des Schiffes.
Doch das Schwimmbad lag auch nahe
dem Bug der „Gustloff“, auf dem tiefsten
Deck, einige Meter unter der Wasserlinie.
Und genau dort traf einer von drei Torpe-
dos in dieser eiskalten Nacht, am 30. Ja-
nuar 1945.
Ursula Pautz hatte es gerade geschafft
einzuschlafen, als ein „entsetzlicher
Schlag“ sie wieder hochriss: „Es war, als
wenn Eisenplatten mit wahnsinniger Wucht
gegeneinander geschlagen wurden. Ent-
setzensschreie gellten durch die Luft. Ich
sah Verwüstung. Umgestürzte Spinde, ein-
geklemmte schreiende Mädchen. Durch
die Tür, die zum Schwimmbad führte,
drang Wasser. Ich riss sie auf und sah ein
entsetzliches Bild. Überall lagen meine Ka-
meradinnen, teilweise schon vom Wasser
überflutet, ein schreiender, betender Hau-
fen. Die Mädels, die noch nicht tot oder er-
trunken waren, versuchten die Treppe nach
oben zu erreichen. Doch die Schotten wa-
ren dicht, es gab kein Entkommen mehr.
Wir sind eingesperrt, schrie eines der Mä-
dels, eingesperrt haben sie uns. Ich hörte
Schreie nach der Mutter, nach Gott, nach
Hilfe. Ich will nicht sterben, schrie eines
der Mädchen. Eine andere Kameradin ne-
ben mir hatte von irgendwoher ein Messer
und schnitt sich die Adern an beiden Ar-
men auf – ihr Blut mischte sich mit dem im-
mer höher steigenden Wasser.“ Nur weni-
ge Mädchen konnten schließlich doch noch
eine Fluchtluke aufstemmen.
Mit dem Torpedo-Treffer im Schwimm-
bad begann die wohl größte Katastrophe
der Seefahrt. Als das sowjetische U-Boot
„S 13“ das deutsche Flüchtlingsschiff „Wil-
helm Gustloff“ in den letzten Monaten des
Krieges in der Ostsee versenkte, überleb-
ten etwa 1200 Menschen die Attacke. Rund

„Wilhelm Gustloff“ in Gotenhafen


„Es war wie die Arche Noah“
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Günter Grass lenkt ihn nun auf die „Gust-
loff“, lenkt ihn nach Gdynia oder Gdin-
gen, in jene Stadt, welche die Nazis Go-
tenhafen nannten.
Der Kessel
Unaufhaltsam rückt die Rote Armee Ende
Januar 1945 nach Westen vor, Richtung Kö-
nigsberg, Richtung Danzig. Ein Volk flüch-
tet, zu Fuß, mit Pferdewagen, bei rund 20

C. HENRICH / AKG
Grad minus. Die Elenden fliehen über das
zugefrorene Haff, gejagt von russischen
Flugzeugen, die mit ihren Bordkanonen
die Trecks der Verzweifelten angreifen. Sie
Einschiffung von Flüchtlingen: Die Rechnung für Auschwitz? mähen sie nieder, die Frauen und die Kin-
der, die Greise und die Schwerverletzten,
9000 aber starben – sechsmal so viele wie Verbrechen“, erinnerte sich jüngst die für die Piloten alles „Hitleristen“, keine
beim Untergang der „Titanic“. Grüne Antje Vollmer an ihren Blick auf Menschen.
Die meisten Opfer waren Frauen und die Flüchtlinge und Vertriebenen aus den Bald ist ganz Ostpreußen eingekesselt,
Kinder. Sie traten sich in den Gängen zu Ostgebieten. All das Leid war eben die Hunderttausende laufen, im Rücken die
Tode, wurden von Stahlwänden zer- Rechnung für den Angriffskrieg und für Rote Armee. Es bleibt für viele nur eine
quetscht oder brachen sich das Genick, als Auschwitz. Und „das sei schon so in Ord- Hoffnung – und dorthin fliehen sie nun vor
sie über das vereiste Deck kletterten. Zwi- nung“, dachte sie – wie viele andere. Op-
schen den Wrackteilen schwammen sie fer, das durften jahrzehntelang nur jene
nachher meist nur Minuten, bis die Kälte sein, die Hitler verfolgt hatte. Ursula Resas wurde als
des Wassers sie einschläferte. Das große Schweigen begann. Der er- Marinehelferin mit ihrer

MANFRED WITT
Die „Titanic“ zeugte von der Hybris der bitterte Streit um die Ostpolitik Willy Schwester auf die „Gust-
technikbegeisterten Zivilisation, die glaub- Brandts ließ die Vertriebenenverbände loff“ kommandiert. Die
te, sie könne die Natur besiegen. Die weiter nach rechts rücken. Wer von den beiden entkamen nur des-
„Gustloff“ war Symbol der deutschen Hy- Toten der „Gustloff“ sprach und den an- halb aus dem sinkenden
bris, des Traumes von der großdeutschen deren Gräueln der Flucht, geriet nun Schiff, weil ein Soldat eine Panzerglas-
Volksgemeinschaft – der im Alptraum en- schnell in Verdacht, ein Revanchist zu sein. scheibe zerschoss. Resas trieb fünf Stun-
dete. Sie war Adolf Hitlers „Titanic“. Die politische Linke, räumt der Sozialde- den im Wasser, bevor sie gerettet wurde.
Doch während der britische Luxusliner mokrat Otto Schily ein, hat „zeitweise über
Stoff lieferte für Dutzende Bücher und Fil- die Vertreibungsverbrechen, über das mil-
me, wagten sich an die „Gustloff“ nur we- lionenfache Leid, das den Vertriebenen zu- den Sowjetpanzern: nach Gotenhafen, zu
nige. Eine Hand voll Bücher gibt es und gefügt wurde, hinweggesehen“. Die Ost- den Schiffen.
einen Spielfilm. Ansonsten verdrängten see hatte die „Gustloff“ begraben, und das Der Hafen ist einer der wichtigsten
Deutsche und Russen die Katastrophe bald. Schweigen hatte sich über die Schicksale Stützpunkte der Kriegsmarine, so weit im
Die Jungen in der Nachkriegsrepublik, die der Menschen an Bord gelegt. Osten, dass alliierte Bomberflotten kaum
68er, wollten von Deutschen als Opfern Es wurde erst brüchig, als die Mauer fiel hinkommen. Bald aber wird auch Goten-
wenig wissen. Sie interessierten sich nur für und Helmut Kohl die deutsche Ostgrenze hafen ein Inferno sein, das wissen alle, und
die Täter unter den Vätern. endgültig festschrieb. Die deutsche Fra- schon jetzt ist die Stadt die Hölle.
„Irgendjemand, so dachten wir, müsste ge war beantwortet, der Blick nach Os- Die letzten noch fahrenden Züge brin-
doch büßen für die unfassbaren deutschen ten wurde frei. Und das neue Buch von gen Menschen, und auch über See kom-
men sie in kleinen Booten.
Vormarsch der Selbst auf den Decks stehen
SCHWEDEN Roten Armee die Flüchtenden dicht an
O s t s e e 1945 dicht, in Gischt und schnei-
Das sowjetische U-Boot S 13 Flüchtlings- dendem Wind. Wenn die
torpediert am 30. Januar 1945 routen Boote anlegen und sich die
die „Wilhelm Gustloff“ Minen Masse auflöst, fallen einige
Bornholm steif um, tot, erfroren, wie
a s s e r w e g zu gläsernen Statuen er-
T ie f w starrt.
Überall in den Häusern
n w eg von Gotenhafen, den Schu-
te
Pommersche Küs Stolpmünde len und Kneipen liegen
Bucht Besetzt: Goten- Hela- Pillau Flüchtlinge, in den Fluren
8. März hafen Reede der Lazarette wälzen sich die
Besetzt:
18. März Besetzt: Königs- Schwerverwundeten. Kinder
Kolberg 29. März berg betteln auf der Straße um
Danzig Brot. Trotzdem ist es ein Ha-
Swinemünde fen der Hoffnung, denn in
Frontverlauf der Bucht liegen nicht nur
am 31. Januar große Kriegsschiffe wie die
sel
h

Stettin Schweren Kreuzer „Admiral


Weic

50 km POMMERN OSTPREUSSEN
Hipper“ und „Prinz Eugen“.
An den Piers festgemacht
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Titel

haben auch Schiffe, von denen jedes Tau- retten, was zu retten ist. Die „Operation kommen; auch seine Mutter holt er an
sende Fliehende aufnehmen könnte, die Hannibal“ wird die größte Evakuierung Bord. Nun liegt T 36 in Gotenhafen, Hering
„Hansa“ etwa, die „Cap Arcona“ – und über See aller Zeiten – mehr als zwei Mil- wartet auf weitere Befehle.
die „Wilhelm Gustloff“. lionen Menschen gelangen so gen Westen. Ursula Resas, 21, erreicht Gotenhafen
1937 lief sie vom Stapel, das bis damals Die Offiziere haben Order, vor allem die U- am 24. Januar nach wochenlangem Um-
größte Kreuzfahrtschiff der Welt, über 208 Boot-Kadetten in den Westen zu bringen herirren, „immer an der Küste lang, alles
Meter lang, fast 24 Meter breit, weiß, und deren Kriegsmaterial. In jeden dann andere war ja schon von den Russen ab-
noch freien Winkel ihrer Schiffe sollen sie geschnitten“. Dort trifft sie ihre jüngere
E. WIEDEMANN / DER SPIEGEL

Flüchtlinge stopfen, allerdings nur Frauen Schwester Rosemarie, auch sie Marine-
Heinz Schön war Zahl- und Kinder. Männer müssen bleiben und helferin. Mit rund 20 Kameradinnen sollen
meister-Aspirant auf der bis zur letzten Patrone kämpfen. die beiden sich auf der „Gustloff“ melden.
„Gustloff“. Nach dem Den Kapitän der „Gustloff“, Friedrich Doch Rosemarie will nicht, sie hat Angst,
Krieg wurde er zum Chro- Petersen, beschleicht ein mulmiges Gefühl. eine unbestimmte Angst.
nisten der Katastrophe. Er Er ist schon 63 und hat seit Jahren kein „Ich gehe aber nicht ohne dich“, jam-
hat ein umfangreiches Ar- Schiff mehr gefahren, schon gar nicht einen mert Ursula Resas. Erst ein Machtwort
chiv aufgebaut und die Tragödie in zwei solchen Koloss. Petersen lässt sich zwei des Vaters hilft, der in der Nähe bei den
Büchern dokumentiert – auf die sich nun junge „Fahrkapitäne“ zuteilen, die das Flugbeobachtern Dienst tut: „Papa hat
auch Günter Grass stützte. Schiff manövrieren können. Seine Mann- gesagt: Ihr dürft euch nicht trennen“, er-
schaft ist ein zusammengewürfelter Haufen innert sie sich. „Also stapften wir am
aus Kriegs- und Handelsmarine. Dazu 25. Januar zum Hafen. Schnee bis zu
prachtvoll, mit Kino und Schwimmbad. Für übernimmt der schneidige Korvettenka- den Knien, jeder durfte nur das mitneh-
Hitlers Freizeit-Organisation „Kraft durch pitän Wilhelm Zahn, Befehlshaber der an- men, was er in der Hand tragen konnte.
Freude“ brachte sie anderthalb Jahre lang gehenden U-Boot-Leute auf der „Gust- Am Hafen lagen die Menschen unter
Urlauber nach Norwegen oder Schweden. loff“, das militärische Kommando. Die Schnee. Ich habe gedacht, das sind nur
Dann ließen die Admiräle sie grau über- Kompetenzen sind unge-
streichen, den größten Teil des Krieges klärt: vier Kapitäne auf ei- „Wir strichen vor dem Bau
über lag die „Gustloff“ an der Pier in Go- nem umlackierten Musik-
tenhafen als schwimmende Kaserne für die dampfer – und draußen die der Faschisten hin und her, aber die Hunde
Kadetten der 2. U-Boot-Lehrdivision. Ostsee voller Minen und wollten nicht herauskommen.“
Doch die „Gustloff“ und die anderen U-Boote.
Schiffe dürfen noch keinen Flüchtling an Nun beginnt Gott zu würfeln, und Men- Sachen, die da liegen, aber dann bewegten
Bord nehmen, obwohl immer mehr Men- schen kommen zueinander, deren Schick- sich diese Haufen.“
schen zum Hafen strömen. Auch die Ka- sale bis heute miteinander verknüpft sind Die beiden Mädchen bekommen Ma-
pitäne wollen schnell weg. Sie fürchten den durch die „Gustloff“: Robert Hering – er tratzen, Schwimmwesten wie alle und Le-
Bombenangriff, der sie irgendwann treffen wird der Held des Dramas – hat erst im De- bensmittelmarken. Sie legen sich im Vor-
muss. Es kann den Alliierten nicht verbor- zember sein Torpedoboot „T 36“ bei der führraum des Bordkinos auf den Boden
gen bleiben, dass sich im Hafen immer Werft abgeholt. Es ist sein erstes Kom- und fühlen sich in Sicherheit, endlich: „Wir
mehr Schiffe konzentrieren. Die Verzwei- mando, sein erstes eigenes Schiff. Seine dachten, wir haben ein großes Schiff, das
felten auf den Straßen, die Seeleute auf Männer sagen „Herr Kaleu“ zu dem Ka- uns nach Westen bringen wird.“
den Schiffen, sie alle warten, Tag um Tag. pitänleutnant, der gerade 26 Jahre alt ist. Vom 26. Januar an – am nächsten Tag
„Das war ein absoluter Traum, vor allem in betreten Rotarmisten das KZ Auschwitz –
Die „Operation Hannibal“ diesem Alter“, weiß er noch heute. werden immer mehr Flüchtlinge einge-
Am 21. Januar endlich gibt Großadmiral Im Januar bekommt er den Befehl, schifft. „Jeden Tag kamen neue Gerüchte“,
Karl Dönitz den Befehl: Alle verfügbaren Flüchtlinge aufzunehmen. In Danzig sam- sagt Resas, „morgen läuft sie aus. Und im-
deutschen Schiffe sollen vor den Sowjets melt er 255 Menschen ein, die aus Elbing mer neue Parolen und immer neue Men-

Traumschiff des Dritten Reichs


Das Kreuzfahrtschiff „Wilhelm Gustloff“
Der auf der Blohm & Voss-Werft in Hamburg gebaute
und 1938 in Dienst gestellte Vergnügungsdampfer
war seinerzeit das größte ausschließlich für Kreuz-
fahrten gebaute Passagierschiff der Welt.

Mannschafts- A Speisesaal Küche Speisesaal


unterkünfte B Aufzug Treppen
C Treppen
D
E Schwimmbad
Maschinenräume Maschinenräume

U-Boot-Angriff vom
30. Januar 1945: 1. Torpedotreffer 2. Torpedotreffer 3. Torpedotreffer

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ter Käthe heiraten will, arbeitet als Koch
auf der „Gustloff“, Arthur Krohn heißt er.
Krohn lotst die beiden auf das ver-
meintlich rettende Schiff. „Es war dunkel,
grau, kalt und Schnee fiel“, so Korella. Als
sie an der gewaltigen Schlange auf der Pier
vorbeigehen, fällt dem Kind auf, „dass al-
les so still war. Tausende Menschen stan-

GUSTLOFF-ARCHIV HEINZ SCHÖN


den da. Aber die Leute waren glücklich, es
bis Gotenhafen geschafft zu haben, denn
die ,Gustloff‘ war ja die Rettung.“ Doch
das Gedränge am Kai der Hoffnung wird
immer dichter, langsam merken die War-
tenden, dass längst nicht alle mitkommen
werden. „Es war wie die Arche Noah, al-
Schwimmbad der „Wilhelm Gustloff“: „Ich hörte Schreie nach der Mutter ... les strömte zu den Aufgängen“, sagt Win-
fried Harthun, damals 7.
Am Anfang werden die Flüchtlinge noch
gezählt. Zahlmeister-Aspirant Heinz Schön
ist einer derjenigen, die im Schichtdienst
die Namen in Kladden schreiben. Schwan-
gere gehen vor, das weiß Schön, denn die
„Gustloff“ hat eine Entbindungsstation.
Doch bald brechen die Dämme, alle wol-
len mit, um jeden Preis. Und als 7956 Men-
schen an Bord sind, gehen Schön und den
Marinehelferinnen auch noch die Kladden
aus. Es gibt kein Papier mehr. Nun drängen
die Flüchtlinge ungezählt an Bord, noch
über 2000, meint Schön.
Die Jagd
JAUCH & SCHEIKOWSKI
Am 29. Januar ist die „Gustloff“ klar zum
Auslaufen. In der Nacht kommt noch eine
gute Nachricht, ein Telegramm vom Füh-
rer der Unterseeboote Ost: „drei feindli-
che u-boote im seequadrat viktor toni
... nach Gott, nach Hilfe“: Szenenfoto des Schwimmbad-Treffers* 4923 – laufen aufgetaucht langsame fahrt
kurs sw – sind erfasst und werden über-
schen. Als Erstes kamen die Frauen von Bock. Der Führer persönlich schätzt die wacht – mittlere und westliche ostsee frei
Parteibonzen, die kriegten die Kabinen.“ dramatischen Werke des Marinemalers, die von u-booten.“
Der Ehemann von Ebby Baronin May- auch Titelseiten von Propaganda-Heften Diese drei U-Boote haben die Deutschen
dell starb schon 1934 – aber sie kennt je- wie „U-Boote ran!“ zieren. Seit Jahren also im Griff, aber eines wissen sie nicht –
manden, der ihr und ihrem Jungen schon hat Bock eine feine Kabine auf der da draußen kreuzt noch ein viertes U-Boot,
Günther, damals 13, helfen kann: Adolf „Gustloff“ als Wohnung, und nun sorgt er ein Irrläufer: „S 13“ unter Kapitän Alex-
dafür, dass die beiden Maydells ebenfalls
Länge 208,5m gut unterkommen.
H. SCHWARZBACH / ARGUS

Breite 23,6m Der Junge Günther kennt das Schiff bes- Heinrich Korella kam als
Tiefgang 7,0m tens, schon oft hat er an Bord gespielt, 13-Jähriger an Bord. Der
Passagiere 1463 in 463 Kabinen wenn seine Mutter Bock besuchte. Für ihn Schiffskoch, mit dem sei-
Besatzung 426 ist das alles hier „ein großes Abenteuer“. ne Mutter liiert war, hatte
Einrichtung: 2 Speisesäle, 3 Hallen, Theater, Er rennt durch die Gänge, über Deck, in- beide auf die „Gustloff“
Musiksalon, Turnhalle, Innen- spiziert sein Schiff. Die Rettungsboote, das geschmuggelt. Dass der
schwimmbad sieht er sofort, sind in einem lausigen Zu- Junge sich gemerkt hatte, wo die Rettungs-
stand, voller Eis und Schnee, außerdem boote hingen, rettete seiner Mutter und
Sonnendeck gar nicht einsatzklar, weil ihre Halterun- ihm das Leben. Der Schiffskoch kam um.
Oberes Promenadendeck gen, die Davits, noch nach innen ge-
Unteres Promenadendeck schwenkt sind. Aber was soll er, der Jun-
Kabinendecks A ge, den Offizieren sagen? Und überhaupt: ander Marinesko. Der Trinker und Schür-
B „Wir dachten, wir sind in Sicherheit.“ zenjäger hatte den Befehl zum Auslau-
C Bald laufen durch Gänge und Treppen- fen ignoriert und war stattdessen im fin-
Treppen D häuser der „Gustloff“ so viele Kinder auf nischen Stützpunkt Turku auf Sauftour
E Entdeckungstour, dass ein Suchdienst mit gegangen. Als Militärpolizisten ihn schließ-
Hilfe der Bordlautsprecher ständig nach lich fanden, sollte er suspendiert werden,
Müttern fahndet. Einer der Jungs ist Hein- doch da murrte seine Mannschaft. Mit
rich Korella, 13. Der Mann, den seine Mut- mehreren Tagen Verspätung lief „S 13“ aus,
allein.
* Aus dem Spielfilm „Nacht fiel über Gotenhafen“ von Marinesko weiß, er muss die Scharte
1959. wieder auswetzen, seinen Ruf aufpolieren,
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Titel

„Geboren an Bord der Gustloff“


Zwei Mütter: Die eine verlor ihr Kind, der anderen wurde es gerettet.

E
inen Tag vor dem Untergang, am das die Schiffbrüchige aufnahm, ein Bün- jedes Wochenende. Bei der Frau, der
29. Januar 1945, kam auf der Sa- del reichte – ein Bündel mit grünem man ihr Alter nicht ansieht, löst der Jah-
nitätsstation des Flüchtlingsschiffs Mützchen. restag der Schiffskatastrophe bis heute
ein Junge zur Welt: Egbert Wörner. „Ge- Jahrelang rätselte die Mutter, wer ihren zwiespältige Empfindungen aus: Zwar
boren an Bord der Gustloff“ steht auf sei- Sohn gerettet hatte, wie das Baby über- steigen dann die verdrängten Schreckens-
ner Geburtsurkunde. haupt an Bord der „Löwe“ gekommen bilder von damals wieder auf, doch die
Die Mutter, Ingeborg Piepmeyer, heu- war – vergeblich. Steckt eine Heldentat Freude über die glückliche Rettung über-
te 79, Mädchenname Wörner, gehörte dahinter? Oder ein Wunder? wiegt.
nicht zu den Flüchtlingen aus Ost- „Ich glaube, es war einfach Zufall“, Witwe Irmgard Harnecker aus Bin-
preußen. Hochschwanger schlug sie sich sagt Egbert Wörner, „ich bin ein nüch- gen am Rhein fürchtet dagegen seit 57
nach Gotenhafen durch, fest entschlos- terner Mensch.“ Zu seinem Geburtstag, Jahren die Wiederkehr des Jahresta-
sen, noch vor der Geburt des Kindes am Dienstag vergangener Woche, hat er ges immer aufs Neue. Schon Wochen
ihren Verlobten zu heiraten. Doch als sie ein paar Leute zu Canapés und Sekt vorher will die heute 77-Jährige mit nie-
ankam, war der Absolvent einer Offi- eingeladen: morgens Verwandte, abends mandem reden, kapselt sich ab, möchte
ziersschule schon an die Front abgerückt: Nachbarn und ein paar Freunde vom Ten- allein sein.

MANFRED WITT (L.); BERT BOSTELMANN / ARGUM (R.)

Überlebende Piepmeyer, geretteter Sohn Egbert, Überlebende Harnecker: „Es tut immer noch weh“

Die damals 22-jährige Ingeborg war am nisclub. Wie so oft drehen sich die Ge- „Es ist schon so lange her“, sagt die
Ende der deutschen Welt gestrandet. We- spräche um die zweite Nacht seines Le- weißhaarige alte Dame mit leiser Stimme,
nigstens half ihr der Bauch, einen Platz bens, die letzte der „Wilhelm Gustloff“. „aber es tut noch immer weh.“
auf der „Gustloff“ zu ergattern. Seine Gäste gucken alte Fotos an, fragen In ihrem Wohnzimmer steht in einem
Nach dem Einschlag der Torpedos die Mutter aus. Egbert, der Nüchterne, Marmorrahmen das Foto eines kleinen,
kroch die Wöchnerin im Nachthemd an lächelt nur: „Ich kann mich an nichts er- blonden Mädchens. „Meine Tochter Ing-
Deck. Ihr Baby, bekleidet mit grünem innern.“ rid, sie konnte gerade laufen.“
Jäckchen und grünem Mützchen, presste So wunderbar seine Rettung war, so Die riesige Welle, die ihr das Kind aus
sie in einem Kopfkissen an sich. wenig spektakulär verlief sein Leben da- den Armen riss, schleuderte auch Irm-
Ein Soldat nahm ihr an der schwanken- nach, beinahe so, als hätte er mit den un- gard Harneckers ältere Schwester Herta
den Strickleiter, die über einem Rettungs- geheuerlichen Ereignissen in seinen ers- ins Wasser. Bis zuletzt hatten sich die
boot baumelte, das schreiende Neugebo- ten Erdenstunden den ganzen Vorrat an Schwestern auf einem Deck des sinken-
rene ab: „Geben Sie her. Sie kriegen es Dramatik aufgebraucht, den ein Leben den Schiffs umklammert, die kleine Ing-
gleich zurück.“ Doch das Boot legte ab, zu bieten hat. rid fest zwischen sich gedrückt.
ihr Baby blieb auf der „Gustloff“ zurück, Schon mit 20 heiratete er, inzwischen Irmgard Harnecker wurde halb erfroren
und die „Gustloff“ sank – vor den Augen ist er längst Opa, in Hasbergen, Nieder- aus dem eiskalten Wasser gezogen, ohne
der geretteten Mutter. sachsen, auf dem platten Land. Jahr- Strümpfe und Schuhe, fast unbekleidet.
„Ich dachte, mein Kind ist tot“, erin- zehnte hat er als Elektromonteur gear- Über die Rettung konnte sie sich nicht
nert sich Ingeborg Piepmeyer. „Ich hab beitet, seit kurzem ist er arbeitslos, wie so freuen – schon die 20-Jährige quälte, was
gezittert, hab nichts mehr geglaubt, viele in der Baubranche. die alte Frau bis heute peinigt: Warum
war stumm vor Entsetzen“ – bis ihr Das enge Verhältnis zur Mutter über- überlebte ausgerechnet sie? Warum ging
jemand auf dem Torpedoboot „Löwe“, dauerte die Zeit, beide treffen sich fast das Leben für sie einfach weiter?

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und zwar auf dieser
Feindfahrt. Er braucht
Schon 1946 bekam die junge Frau ein dringend einen Abschuss
zweites Kind, einen Sohn, sie und ihr und geht auf volles Risi-
Ehemann eröffneten ein Frisörgeschäft. ko: „S 13“ pirscht sich
Doch vergessen konnte Irmgard Har- Richtung Gotenhafen an
necker nicht. die noch deutsche Küste
Aus der Ohnmacht über das Unabän- heran. Überall muss der
derliche keimte verzweifelte Hoffnung. Kommandant hier mit
Sind Tochter und Schwester womöglich Minen rechnen, außer-

BERT BOSTELMANN /ARGUM


gar nicht tot? Sind sie vielleicht doch ge- dem passiert tagelang
rettet worden wie andere auch? erst mal gar nichts: „Wir
Irmgard Harnecker wandte sich an strichen vor dem Bau der
Suchdienste, schrieb an andere Gerette- Faschisten hin und her,
te, reiste zu Treffen von „Gustloff“-Über- aber die Hunde wollten
lebenden. nicht herauskommen.“
Einmal, nach Jahren, bekam sie den Am 30. Januar um Retter Hering, Modell seines „T 36“: Duell mit dem U-Boot
scheinbar entscheidenden Hinweis: Bei 12.20 Uhr ziehen vier
einem Waisenmädchen, Herkunft unbe- Schlepper die „Gustloff“ von der Pier weg. schiffen. Noch in der Danziger Bucht, vor
kannt, wurde ein Muttermal über dem Oben an Deck steht Ursula Resas: „Alles der Halbinsel Hela, finden die Kapitäne
Knie entdeckt, genau an der Stelle, an war glücklich und froh, als wir ausliefen. die „Hansa“. Sie liegt still vor Anker. Die
der auch ihre Ingrid eines hatte. Wir hatten jetzt 18 Grad unter null. Aber Offiziere sehen Flaggensignale: „Maschi-
Als sich die Spur als falsch erwies, gab als ich da oben stand, kam Wehmut auf. Da nenschaden – Weiterlaufen verzögert sich.“
Irmgard Harnecker auf, resignierte. hab ich gedacht, ob ich unsere schöne Neh- Der alte Kapitän Petersen und der
In der kleinen Familie war die „Gust- rung wohl jemals wieder sehen werde.“ schneidige U-Boot-Ausbilder Zahn ent-
loff“ seitdem tabu, jahrelang wurde nicht scheiden sich, trotzdem auszulaufen. Statt
mal mehr über den Krieg gesprochen. der versprochenen drei Kriegsschiffe kom-
M. ZUCHT / DER SPIEGEL

Wenn im Fernsehen Filme aus der Zeit Günther von Maydell ge- men aber nur zwei: das Torpedoboot
liefen, schaltete der Ehemann den Ap- langte durch Beziehungen „Löwe“ und ein schwächliches Torpedo-
parat ab. Doch jedes Mal, wenn der seiner Mutter auf die fangboot.
30. Januar näher rückte, wurde Irmgard „Gustloff“. Der 13-Jährige Der Wind wird nun ruppig, fünf bis
Harnecker wieder still, verschlossen. saß nachher im gleichen sechs Beaufort, dazu setzt Schneetreiben
„Sie fühlt sich bis heute schuldig“, ver- Rettungsboot wie die Kom- ein. Die „Gustloff“ bolzt gegen die kurzen
mutet der Sohn. Die Mutter werfe sich mandanten. Sie wurden schließlich vom harten Ostsee-Wellen an, und bald schon
noch nach 57 Jahren vor, ihrem Kind den Torpedoboot „T 36“ unter Kapitän Hering muss das Torpedofangboot abdrehen.
Tod in der Ostsee nicht erspart zu haben aufgenommen. Bleibt als Schutz nur noch die „Löwe“ –
– fast so, als habe sie eine Wahl gehabt. „ein Hund führt einen Riesen durch die
Seit vor sieben Jahren der Ehemann Nacht“, spottet Zahn.
starb, der seiner Frau die Selbstquälerei Kapitänleutnant Hering sieht von seiner Nun müssen Petersen und er zwei Ent-
immer ausreden wollte, ist die Traurig- „T 36“ aus, wie noch während des Aus- scheidungen treffen. Und sie machen zwei
keit der „Gustloff“-Überlebenden noch laufens Menschen von Booten aus auf die Fehler: Zahn, der erfahrene U-Boot-Mann,
drückender geworden. Selbst die kleine „Gustloff“ springen: „Die Fallreeps waren weiß, dass Geschwindigkeit sie retten kann.
Urenkelin erinnert die alte Frau vor allem unten, permanent kletterten Leute auf das U-Boote sind langsam. Zahn will, dass Pe-
an eines: an den Verlust der Tochter. Schiff.“ tersen die „Gustloff“ volle Kraft voraus
„Das hört erst auf, wenn auch ich tot Die „Gustloff“ soll im Geleitzug fahren, fährt, 15 Knoten. „Unmöglich“, kontert Pe-
bin“, sagt Irmgard Harnecker. zusammen mit dem Passagierschiff „Han- tersen. Er fürchtet, dass die lange vernach-
Bruno Schrep sa“, geschützt von drei kleineren Kriegs- lässigte Maschine nicht durchhält. Außer-

Bergung von „Gustloff“-Überlebenden (im Spielfilm): „Ein Gewirr von schreienden Menschen, Wrackteilen, Flößen“
CINETEXT
Titel

„Attacke des Jahrhunderts“


Russland feiert den U-Boot-Kommandanten Alexander Marinesko als Helden.

BRITISH LIBRARY (M.); PAWEL KASSIN (R.)


GUSTLOFF-ARCHIV HEINZ SCHÖN

Kapitän Marinesko, Munitionierung seiner „S 13“, U-Boot-Museum in St. Petersburg: „Größte Seeschlacht des Krieges“

D
er ehemalige U-Boot-Mann ist seinem Kommandanten sieht er einen Alexander Schagin, Leiter der 1997
sich keiner Schuld bewusst. Helden, „der uns siegreich in die größ- von der Stadt St. Petersburg eingerich-
„Ich habe gegen die Hitleristen te Seeschlacht des Krieges führte“. Da- teten Gedenkstätte, ein Mann sowjeti-
gekämpft“, bekennt Alexej Astachow, bei war das trinkfeste Raubein jahr- scher Prägung, besteht darauf, Mari-
80, selbstbewusst. Den rechten Arm auf zehntelang geächtet. Erst 1990, 17 Jah- nesko habe „richtig gehandelt“, als er
einen Krückstock gestützt, stapft der re nach seinem Tod, wurde Marinesko die „Gustloff“ versenkte. An Bord des
resolute Rentner durch den verschnei- vollständig rehabilitiert und avancierte Schiffes seien „Gauleiter und feindli-
ten Flottenstützpunkt Kronstadt bei gar zum „Helden der Sowjetunion“. che Offiziere“ gewesen. Die toten Zi-
St. Petersburg. Die sinkende „Gustloff“ hat Asta- vilisten sieht er als „Opfer der nazisti-
Astachow ist einer der beiden letzten chow anders als Marinesko und vier schen Kriegspolitik ebenso wie Millio-
Überlebenden der 47-köpfigen Mann- weitere Besatzungsmitglieder nicht mit nen russischer Zivilisten“.
schaft des sowjetischen U-Bootes „S 13“, eigenen Augen gesehen. Doch er gibt Ganz so einfach wie Schagin will es
das die „Wilhelm Gustloff“ versenkte. sich überzeugt, dass sich an Bord des sich Nikolai Titorenko, selbst ehemali-
„Am Abend des 30. Januar versam- deutschen Schiffes „vor allem U-Boot- ger U-Boot-Kommandant, nicht ma-
melte Kommandant Marinesko die Fahrer befanden, die den Kampf für chen. Nachdenklicher gestimmt als der
Mannschaft um sich und teilte uns mit, Hitler fortsetzen sollten“. Museumsdirektor, streift der Autor ei-
es sei ein deutsches Schiff mit großer Das Leiden Tausender Frauen und nes Buches über Marinesko („Persön-
Bewachung entdeckt worden“, erinnert Kinder, die in der eisigen Ostsee ertran- licher Feind Adolf Hitlers“) am Jah-
sich der ehemalige Matrose. Daraufhin ken, lässt Astachow nicht an sich heran. restag der Schiffstragödie durch das
habe Alexander Marinesko den Män- Er wisse, dass Zivilisten an Bord waren, St. Petersburger Museum.
nern die Frage gestellt: „Was sollen wir „aber viele sind doch gerettet worden“. Angesichts des „massenhaften Un-
machen?“ Alle an Bord, so Astachow, Ähnlich wie Astachow präsentiert tergangs unschuldiger Opfer“ empfinde
seien dafür gewesen anzugreifen. auch das kleine „Museum der U-Boot- er „keine racheartige Befriedigung“,
Stolz erinnert sich der ergraute See- Streitkräfte Russlands Alexander Ma- versichert der Ex-Kapitän. Die „große
mann, der auf dem U-Boot für die rinesko“ am Kondratjew Prospekt 85 Katastrophe“ des Untergangs lasse sich
Stromversorgung zuständig war, dass in St. Petersburg den Untergang der vielmehr „wie ein Requiem auf die bei
die Mannschaft auf ihren Kapitän „Gustloff“ als grandiosen Sieg und der Blockade Leningrads gestorbenen
schwor: „Er war wie ein Vater zu uns, „Attacke des Jahrhunderts“. Kinder“ und auf „die Asche aller
sprach uns lieber mit Vornamen an als Ein in düsterem Graublau gehalte- schutzlos Umgekommenen“ verstehen.
mit Dienstgrad und Nachnamen.“ nes Gemälde der sinkenden „Gustloff“ Der Weg der Deutschen in die Kata-
Astachow diente seit 1943 unter dem zeigt nicht einen Menschen. Unter strophe habe nicht begonnen, als Ma-
Kommando Marineskos. Seinen dama- Flaggen der Rotbannerflotte mit Ham- rinesko den Befehl gab, die Torpedos
ligen Chef verehrt er noch immer als mer und Sichel ist in den Ausstellungs- abzufeuern – „sondern als Deutschland
„geborenen U-Boot-Fahrer, der den texten von den „dramatischen Ereig- den Weg Bismarcks einer Verständi-
Umgang mit der Technik und mit den nissen in der Danziger Bucht“ die Rede gung mit Russland verließ“.
Menschen meisterhaft beherrschte“. In – kein Wort von zivilen Opfern. Uwe Klußmann

198 d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 2
dem wurde die „Gustloff“ bei einem Bom-
benangriff leicht beschädigt. Die Stelle ist
längst wieder geschweißt, doch Petersen
traut den Nähten nicht. Mehr als zwölf
Knoten lässt er nicht zu. Nur: Da können
sowjetische U-Boote mithalten.
Einig sind sich die beiden beim Kurs:
Weit draußen auf See führt eine frei-
geräumte Route durch die Minenfelder, der

C. HENRICH
Flüchtlinge in Ostpreußen: Über millionenfaches Leid hinweggesehen

Ursula Resas kämpft sich durch die über- Parallelkurs einholen, und zwar auf der
füllten Gänge zu ihrem Schlafsaal, klettert Landseite. Dort kann ihm die „Löwe“
über Menschen, Gepäck. Ein Matrose nichts anhaben, weil sie die andere Seite
spricht sie an: „Mädchen, ist das nicht der „Gustloff“ deckt. Und gegen die dunk-
schön, dass wir fahren? Ich hab noch eine le Silhouette der Küste ist „S 13“ kaum zu
Flasche Cognac, ich lad dich ein.“ Und der sehen. Um auf volle Geschwindigkeit zu
Koch Arthur Krohn bringt seiner Geliebten kommen, muss er nämlich aufgetaucht fah-
Korella und ihrem Sohn Heinrich belegte ren. Die Jagd beginnt.
Schwarzbrote in die Zimmermannskabine, Um 19 Uhr 30 schalten die „Gustloff“-
wo er sie untergebracht hat. Kapitäne die Positionslichter zwar wieder
Als er geht, kann es niemand ahnen: Die aus, aber zu spät. „S 13“ schiebt sich nun
beiden werden Krohn nie wieder sehen. Meter um Meter auf ihre Höhe; zwei Stun-
Und das Baby, auf das Oberstabsarzt Rich- den braucht das U-Boot für die Aufhol-
ter wartet, es wird zwar leben. Aber im jagd. Das Ziel scheint Marinesko „riesig“,
Moment seiner Geburt werden die meisten vielleicht ein Truppentransporter, mutmaßt
Passagiere der „Gustloff“ tot sein. er, voll gepackt mit Männern, „welche die
so genannte Zwangsweg 58. Und dann gibt Denn gegen 18 Uhr stürmt ein Maat auf Erde Mütterchen Russlands zertrampelt
es noch eine sehr schmale Gasse im fla- die Brücke. Er bringt einen Funkspruch. hatten und nun auf der Flucht waren“.
chen Wasser nahe der Küste. Mit ihren nur Ein Minensuchverband laufe der „Gust- Viele Überlebende halten den Angriff
sieben Meter Tiefgang könnte die „Gust- loff“ entgegen, genau auf Kollisionskurs. auf die „Gustloff“ noch heute für ein
loff“ dort noch fahren. U-Boote würden Dieser Funkspruch ist bis heute ein Rätsel Kriegsverbrechen, waren doch hauptsäch-
sich jedoch nicht dahin trauen. Sie könnten der „Gustloff“-Katastrophe.
nicht abtauchen und wären einem Be- Es kommt kein Minensuch- Auf den Torpedos steht „Für das Mutterland“,
schuss hilflos ausgeliefert. Doch die bei- verband. Das aber merken
den Kapitäne fürchten sich vor Luftangrif- die Kapitäne erst später. Sie „Für Stalin“, „Für das
fen und Minen in der engen Schneise und befehlen, Positionslichter sowjetische Volk“ und „Für Leningrad“.
wählen gegen den Rat eines erfahrenen einzuschalten, Rot an Back-
Offiziers den Kurs über die hohe See. bord, Grün an Steuerbord, wie im tiefsten lich Frauen und Kinder an Bord. Aber Hit-
Abgedunkelt kämpfen sich die „Gust- Frieden. Das wird ihr letzter Fehler. „Wenn lers Reichsregierung selbst hatte die Ostsee
loff“ und die „Löwe“ nun durch die fins- wir Entgegenkommer haben, werden wir am 11. November 1944 zum so genannten
tere Nacht. Nur selten lassen fliegende die ohne Lichter auf die Hörner nehmen“, Operationsgebiet erklärt. Deutsche Kriegs-
Wolkenfetzen den Mond sehen. Der klei- weist Petersen einen protestierenden Offi- schiffe sollten auf alles feuern, was
ne Günther von Maydell liegt in seiner zier zurück. schwimmt. Und damit, da sind sich die Ex-
Koje und liest Karl May. Auf der Kran- Als die Lichter der „Gustloff“ aufflam- perten einig, galten für den Gegner die
kenstation hat Marineoberstabsarzt Hel- men, fährt Marineskos U-Boot gerade auf- gleichen Rechte. Auch hatten die Sowjets
mut Richter seit Beginn der Einschiffung getaucht. Der wachhabende Offizier auf nie eine der Konventionen zur Seekriegs-
schon vier Schwangere entbunden, alle dem Gefechtsturm sieht das große Schiff führung unterzeichnet.
brachten Jungs zur Welt. Die fünfte, eine sofort, auch das Torpedoboot „Löwe“ ist Zudem hatten Matrosen kurz vor dem
junge Frau aus Elbing, liegt nun da. Zwi- zu erahnen. Marinesko lässt Vollgas geben. Auslaufen notdürftig ein paar Flakge-
schen 21 und 22 Uhr dürfte es soweit sein. Sein Plan: Er will die beiden Schiffe auf schütze auf das oberste Deck der „Gust-

Gefecht in der Nacht Das Szenario am 30. Januar 1945 4 Der Kreuzer „Hipper“, beladen mit über tausend Flüchtlingen
1 Das Torpedoboot „Löwe“ erreicht etwa eine Stunde später die Unglücksstelle, rettet aus
begleitet die „Gustloff“ an Furcht vor dem U-Boot aber niemanden.
deren Steuerbordseite.
4
1
2 Das sowjetische
3 5
U-Boot „S 13“ nähert Bis zum nächsten Morgen kön-
sich der „Gustloff“ 3 Die „Gustloff“ 5 Die „T 36“ rettet nen andere Schiffe noch weitere
und schießt einen sinkt nach drei 564 Schiffbrüchige und Menschen bergen. Von allen Ge-
Torpedofächer. 2 Torpedotreffern. kämpft mit dem U-Boot. retteten überleben 1239.

d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 2 199
Titel

loff“ montiert. Sie war also be- ze. Das Mündungsfeuer der Pisto-
waffnet und hatte auch rund 900 len. Mit denen erschossen Offizie-
Soldaten der U-Boot-Lehrdivision re ihre Familien.“
an Bord. Damit galt die „Gustloff“ Jahre nach dem Krieg wird ein
als Kriegsschiff. Taucher hinter den Scheiben vie-
le seltsame Bälle treiben sehen,
Der Tod kleine und große. Die Schädel.
Nach zwei Stunden läuft „S 13“ Die Resas aber haben Glück.
schließlich neben der „Gustloff“, Ein Offizier schießt mehrfach auf

GUSTLOFF - ARCHIV HEINZ SCHÖN


Marinesko lässt vier Bugrohre ein Fenster in ihrer Nähe, bis sich
klarmachen. Auf dem Torpedo in die Scheibe nach außen drücken
Rohr eins steht „Für das Mutter- lässt. Die „Gustloff“ liegt nun
land“, auf Torpedo zwei steht schon so schräg, dass die beiden
„Für Stalin“, auf dem dritten „Für auf der Außenwand entlangrut-
das sowjetische Volk“ und auf schen können. Dann holt eine
dem vierten „Für Leningrad“. Sie Welle sie. „Menschen klammer-
sind eingestellt auf drei Meter Tie- Torpedoboot „Löwe“: Ein Hund für einen Riesen ten sich an mich. Die habe ich
fe. Drei Meter unter der Wasser- weggetreten. Sonst hätten die
linie liegt auf der „Gustloff“ das mich mit in die Tiefe gezogen.“
Schwimmbad mit den jungen Ma- Der Zahlmeister-Aspirant Heinz
rinehelferinnen. Schön klettert an Steuerbord auf
Marinesko hält jetzt auf die eines der wenigen Rettungsboote
„Gustloff“ zu. Bei 700 Meter Di- zu. „Es ist total überfüllt mit Frau-
stanz läuft der Bug des Schiffes en und Kindern. Einige Männer
schließlich in sein Fadenkreuz. haben sich an den Bootsrand ge-
Der Kommandant gibt Feuerbe- klammert und hängen in der Luft.
fehl. Drei Torpedos schießen fau- Rücksichtslos schlagen Bootsin-

GUSTLOFF - ARCHIV HEINZ SCHÖN


chend durchs Wasser. Nur „Für sassen auf deren Hände. Einer
Stalin“ bleibt in Rohr zwei nach dem anderen stürzt ab, fällt
stecken. in die See. Endlich lassen einige
Die anderen Torpedos treffen. das Boot zu Wasser.“ Aber in dem
Als der zweite ins Schwimmbad Moment legt sich die „Gustloff“
hinein explodiert, läuft im Radio plötzlich noch weiter auf die Sei-
gerade der Schluss der National- te, ein Flakgeschütz reißt sich los,
hymne. Auch der Führer hatte ge- Schwerer Kreuzer „Admiral Hipper“: In Sicherheit gebracht rutscht über das schräge Deck,
sprochen zum Jahrestag. Denn schießt über Bord – und zer-
der 30. Januar war der Tag seiner schmettert das gerade zu Wasser
„Machtergreifung“ 1933. Es ist gelassene Boot.
21.16 Uhr. „Gustloff“-Kapitän Petersen
Als die drei Schläge das Schiff weiß, dass er nicht unbedingt
erbeben lassen, läuft Oberstabs- schnell von dem sinkenden Schiff
arzt Richter sofort zu der Hoch- weg muss. Die Ostsee ist hier nur
schwangeren in seinem improvi- 60 Meter tief. Die „Gustloff“ aber
sierten Kreißsaal. Seine Helferin- misst vom Kiel bis zur Schorn-
nen glauben, dass das Baby jetzt steinspitze 58 Meter. Sie kann also
GUSTLOFF - ARCHIV HEINZ SCHÖN

kommen wird. Er streicht der Frau nicht tief sinken, es wird nicht die-
über die Stirn und gibt ihr eine sen mörderischen Sog geben. Pe-
Spritze, welche die Wehen stoppt. tersen hat Zeit genug, sich zu ei-
Ein Helfer trägt sie an Deck. nem der Boote durchzuschlagen,
Das Schiff krängt hart nach die kurz vor der Abfahrt noch
Backbord, Feuerlöscher fallen von aufs Sonnendeck ganz oben ge-
den Wänden, platzen auf. Einer hievt wurden.
erwischt Ursula Resas’ Schwester Torpedoboot „T 36“: „Unten trieben Menschen Kopf an Kopf“ Marinemaler Bock schafft es
Rosemarie. „Sie hatte das ganze mit Baronin Maydell und ihrem
Gesicht voll Schaum. Und dann kam eine he ausgezogen und wie eine Verrückte ge- Sohn Günther zum selben Boot. Dann sit-
Panik auf, wie man sie sich kaum vorstel- gen die Fenster gehämmert, aber natürlich zen sie dort und warten. Bock beschrieb es
len kann. Ich die Rosemarie angefasst, fest- gingen die nicht auf.“ nach dem Krieg in einem Protokoll: „Ich
gehalten wie im Schraubstock.“ Allein das breite untere Promenadendeck sah in dem dämmrigen Mondlicht von vorn
Die beiden wollen vom unteren Prome- mit seinen Panzerglasfronten wird für Hun- eine hohe Welle über die versinkende
nadendeck nach oben. Wie alle. „Frauen derte Menschen zum gläsernen Sarg, als das Kommandobrücke rollen und alles, was an
verloren ihre Kinder, da wurde drüber hin- Wasser kommt. Der Obermaschinist Johann Menschen an der Reling hing, hinwegwa-
weggetrampelt. Alte Menschen blieben lie- Smrczek aus dem Sudetenland hat sich in schen, hörte noch die durchdringenden To-
gen. Es war grauenvoll.“ An den Aufgän- dem Moment schon auf das weiter oben lie- desschreie, dann wurde unser Kutter von
gen stehen auf einmal Matrosen mit Pisto- gende Sonnendeck gerettet: „Und da sah der Flut emporgerissen und wir mit voller
len, sie lassen nur Frauen und Kinder ich unten das Drama. Durch das Panzer- Wucht gegen die Schornsteinaufbauten ge-
durch. Rosemarie Resas jammert: „Ulla, glas. Ich konnte keine Schreie hören, gar schleudert. Dann versank alles, nur ein un-
jetzt müssen wir sterben.“ nichts. Aber die Menschen waren da ge- endliches Gewirr von schreienden Men-
„Ich will nicht sterben“, schreit Ursula drängt wie die Ölsardinen. Und das Deck schen, Wrackteilen, Flößen und Bojen
Resas zurück: „Dann habe ich meine Schu- war schon halb im Wasser. Und ich sah Blit- blieb übrig.“
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Im Auftrag des SPIEGEL wöchentlich ermittelt vom Fach- Doch kurz vorher passiert noch etwas,
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das mit Sicherheit erfunden wäre, wenn es
nicht viele Menschen gesehen hätten:
Belletristik Sachbücher Während die „Gustloff“ sinkt, schaltet sich
plötzlich die gesamte Beleuchtung des
1 (16) John Irving Die vierte Hand 1 (1) Stephen Hawking Kreuzfahrers ein.
Diogenes; 22,90 Euro Das Universum in der Nußschale Und dann heulen die Sirenen.
Hoffmann und Campe; 25,95 Euro
2 (1) Joanne K. Rowling Harry Potter Ursula Resas schwimmt einem Ret-
und der Gefangene von Askaban 2 (3) Siba Shakib Nach Afghanistan tungsfloß hinterher. „Da hingen Menschen
Carlsen; 15,50 Euro
kommt Gott nur noch zum wie Trauben dran.“ Die meisten über-
Weinen C. Bertelsmann; 22 Euro leben nur ein paar Minuten in der eisi-
3 (2) Joanne K. Rowling Harry Potter 3 (–) Gerhard Konzelmann gen Flut: „Einer nach dem anderen ließ
und die Kammer des Schreckens Dies Land will ich deinen los, und endlich konnte ich mit einer Hand
Carlsen; 14,50 Euro Kindern geben Herbig; 24,90 Euro eine Leine erwischen.“ Andere Flöße trei-
4 (3) Joanne K. Rowling Harry Potter 4 (2) Latifa Das verbotene Gesicht ben vorbei. Einer schreit: „Hast du ’ne
und der Feuerkelch Schröder; 18 Euro Pistole? Erschießt mich doch, ihr feigen
Carlsen; 22,50 Euro 5 (7) Guido Knopp Hunde.“
Der Jahrhundertkrieg Minuten vergehen wie Stunden, und ir-
5 (4) Joanne K. Rowling Harry Potter gendwann sieht sie Kinder, viele: „Sie hat-
Econ; 25 Euro
und der Stein der Weisen ten Schwimmwesten an. Aber die Köpf-
Carlsen; 14,50 Euro 6 (4) Florian Illies Anleitung zum
chen sind schwerer als die Beine, und die
Unschuldigsein Argon; 17,50 Euro
6 (5) John R. R. Tolkien Der Herr Beine ragten also aus dem Wasser.“
der Ringe (mit Anhängen) 7 (5) Spencer Johnson Günther von Maydell hat sich in dem
Die Mäuse-Strategie für Manager Rettungsboot des Kapitäns, in das sich
Klett-Cotta; 45 Euro
Ariston; 14,90 Euro
irgendwie dann auch noch der zweite
7 (8) Henning Mankell Die Brandmauer 8 (–) Oliver Sacks „Gustloff“-Kommandant Zahn gerettet hat,
Zsolnay; 24,90 Euro Onkel Wolfram unter eine Ruderbank verkrochen. Von
8 (7) Paulo Coelho Der Alchimist Rowohlt; 24,90 Euro dort aus lernt der Junge, wie unterschied-
Diogenes; 17,90 Euro lich Todesangst Menschen verändern
kann. Als eine schwimmende Frau direkt
9 (6) Umberto Eco Baudolino
Der berühmte neben dem Boot um Hilfe schreit, will Ma-
Hanser; 24,90 Euro
Neurologe erzählt ler Bock sie hineinziehen. Doch „Gust-
10 (9) Elke Heidenreich Der Welt die Geschichte loff“-Kapitän Petersen herrscht ihn an:
seiner Leidenschaft –
den Rücken Hanser; 15,90 Euro für die Chemie „Lassen Sie das, wir sind voll.“ Bock brüllt
11 (10) Catherine Millet Das sexuelle etwas sehr Unflätiges zurück und zieht die
Leben der Catherine M. 9 (8) Doris Schröder-Köpf/Ingke Frau an Bord.
Brodersen (Hg.) Der Kanzler In einem anderen Boot bricht plötzlich
Goldmann; 21 Euro
wohnt im Swimmingpool eine Frau vor Schmerzen zusammen. Es ist
12 (11) P. D. James Campus; 19,90 Euro die Hochschwangere aus Elbing. Die Män-
Tod an heiliger 10 (–)Ernst Peter Fischer Die andere ner an Bord rufen nach einem Arzt. Da
Stätte Bildung Ullstein; 24 Euro hören sie von einem dritten Rettungsboot
Droemer; 22,90 Euro
11 (12) Tippi Degré Tippi aus Afrika eine Stimme: „Hier ist ein Arzt.“ Es ist Hel-
Ullstein; 22 Euro
mut Richter, der dieser Frau die Spritze ge-
gen die Wehen gegeben hatte. Kurz danach
Ein Kommissar mit Stil, 12 (–) Nicolas Vanier Das Schneekind werden die Schwangere und der Mediziner
ein skurriler Tatort, Malik; 19,90 Euro
einige Verdächtige – von dem Torpedoboot „Löwe“ aufgenom-
Krimikost nach 13 (15) Petra Gerster/Christian men, das sofort mit der Rettung begonnen
klassischem Rezept Nürnberger hatte. Dort wird das Baby geboren.
Der Erziehungsnotstand Aber die „Löwe“ ist längst nicht groß ge-
13 (12) Ildikó von Kürthy Herzsprung Rowohlt Berlin; 19,90 Euro
nug für all die Ertrinkenden um sie herum.
Wunderlich; 16,90 Euro 14 (10) Peter Scholl-Latour Afrikanische 472 wird sie nachher gerettet haben. Ein
14 (15) Ken Follett Das zweite Gedächtnis Totenklage C. Bertelsmann; 24 Euro paar Stunden nach der „Gustloff“ hatte je-
Lübbe; 23 Euro 15 (9) Heinrich Breloer/ doch der Schwere Kreuzer „Admiral Hip-
Horst Königstein per“ in Gotenhafen abgelegt, zusammen
15 (19) Isabel Allende Porträt in Sepia
Die Manns S. Fischer; 25 Euro mit dem Torpedoboot „T 36“. Die Offizie-
Suhrkamp; 25,80 Euro
16 (11) Dietrich Schwanitz Bildung re an Bord sehen die Notsignale der
16 (18) Elizabeth George Nie sollst du Eichborn; 26,90 Euro „Löwe“, die roten Raketen.
vergessen Blanvalet; 27 Euro Doch die große „Hipper“ stoppt nur
17 (13) Donata Elschenbroich
17 (13) John R. R. Tolkien Der Hobbit Weltwissen der Siebenjährigen kurz auf und läuft dann gleich wieder ab,
Klett-Cotta; 16 Euro Kunstmann; 16,90 Euro haarscharf an den Leichen, den Schiff-
brüchigen und den Flößen vorbei. „Das
18 (14) Sven Regener Herr Lehmann 18 (16) Sebastian Haffner
U-Boot war ja noch da“, sagt „T 36“-Kom-
Geschichte eines Deutschen
Eichborn Berlin; 18,90 Euro
DVA; 19,90 Euro
mandant Hering. Der „Hipper“-Kapitän
19 (–) Dai Sijie Balzac und die kleine bringt sein Schiff in Sicherheit, während
19 (18) Guido Knopp Die große Flucht Hering seine Maschine stoppen lässt.
chinesische Schneiderin Econ; 25 Euro
Piper; 17,90 Euro
Lautlos gleitet das Torpedoboot mitten
20 (6) Stephen C. Lundin/Harry Paul/ hinein in das Meer aus treibenden Köpfen
20 (20) Henning Mankell Der Mann, John Christensen Fish! – und auf den Präsentierteller. Trotzdem:
der lächelte Zsolnay; 19,90 Euro Ueberreuter Wirtschaft; 12,90 Euro „Man tut seine Pflicht.“ „Unten trieben
d e r s p i e g e l 6 / 2 0 0 2 201
Titel

Maydell, war nach dem Krieg jahrzehnte-


lang als Dokumentar beim SPIEGEL. Und
wie Archivare so sind, hat er viel gesam-
melt über die „Gustloff“. Er arbeitete jetzt,
obschon seit elf Jahren im Ruhestand, für
diesen Artikel noch einmal in seinem alten

PAUL / RESTEMEYER (2)


Büro.
Auch den Zahlmeister-Aspiranten Heinz
Schön ließ die „Gustloff“ nicht mehr los.
Er schrieb zwei präzise Bücher über die
Katastrophe**. Aber als er 1992 mit einer

„Gustloff“-Wrack (1991): Seltsame Bälle auf dem Promenadendeck

Kopf an Kopf Menschen. Tot oder leben- Hering gibt Komman-


dig. Lauter Köpfe“, sagt Hering. Seine do „Volle Fahrt voraus“,
Männer werfen die Fallreeps hinunter und bei hart gelegtem Ruder.
ziehen an Bord, so viele sie können. 564 Er muss es tun. „T 36“
Menschen werden es nachher sein, die He- schafft es, den Torpedos
ring gerettet hat. „Meine Leute haben das auszuweichen – über
gemacht“, sagt er. Dutzende Köpfe im Was-
Auch die beiden Kapitäne Petersen ser hinweg. Zwei von He-
und Zahn klettern aus ihrem Holzboot rings Leuten, die gerade
an Bord und lassen sich im Kartenhaus am Heck Schiffbrüchige Schiffsname: Nur noch Bug und Heck sind erhalten
nieder. Hering urteilt nicht. Aber als er bergen, gehen über
selbst gegen Kriegsende sein beschädigtes Bord, bleiben zurück für immer. „Das war Expedition zum Untergangsort fuhr, wäre
Boot versenken muss, geht er als Letzter der schlimmste Moment meines Lebens.“ er dort beinahe ohnmächtig geworden.
von Bord. „Wie sich das gehört“, sagt er, Hering lässt sofort Wasserbomben Nun wird er zusammen mit Günter Grass
und dass er kaum mit den beiden gere- werfen. Beinahe vernichtet er das inzwi- auf der Leipziger Buchmesse auftreten,
det hat. schen getauchte U-Boot Marineskos, das nutzte der Schriftsteller doch auch Schöns
Keine Zeit, sicher, auch das ist ein wird aber erst Jahrzehnte später bekannt. Recherchen zur „Gustloff“.
Grund. Denn auf der Brücke versucht He- Noch einmal dreht Hering bei und rettet Die Marinehelferin Ursula Resas fand
ring in diesen Minuten noch zwar ihre Schwester wieder, leidet aber
zu ahnen, wo das U-Boot Jahrelang hielt sich das Gerücht, die Nazis noch heute unter dem, was sie gesehen
sein könnte. Dorthin dreht
er den Bug, um eine mög- hätten mit der „Gustloff“ auch das hat. Ihrem Kind konnte sie etwa nie „Alle
meine Entchen“ vorsingen – wegen des
lichst schmale Trefferfläche Bernsteinzimmer in Sicherheit bringen wollen. Refrains „Köpfchen unter Wasser“. Und
zu bieten. Plötzlich sieht er doch denkt sie immer wieder an genau
tatsächlich die Blasenspuren von zwei Tor- Schiffbrüchige, dann muss „T 36“, hem- diese Zeile. Dann sieht sie die Kinderlei-
pedos. Sie laufen genau auf „T 36“ zu. mungslos überladen, weg. In der Nacht ber- chen neben sich treiben, die Beine nach
gen andere Schiffe noch weitere Überleben- oben.
* Ursula Resas (M.), Heinz Schön, 1995 mit einem Freund de. Aber die meisten bringt Hering an Land. Der Retter Hering, 83, ist zwar zu Tref-
bei einem Treffen der Überlebenden und Retter in Damp. fen der Überlebenden gefahren, aber: „Die
** Heinz Schön: „Die Gustloff-Katastrophe“. Motorbuch- Epilog kennen mich, und ich kenne sie nicht. Das
Verlag, Stuttgart; 516 Seiten; 16 Euro. „SOS-Wilhelm-
Gustloff“. Motorbuch-Verlag, Stuttgart; 254 Seiten; 26 Vom Wrack der „Gustloff“ sind heute nur ist schon schwer.“ Mit seinen Kindern hat
Euro. noch Bug und Heck erhalten. Taucher er nie über die „Gustloff“ gesprochen. Er
mehrerer Expeditionen ha- würde weinen, und er will auch nicht der
ben Löcher in den Rumpf Held sein.
geschnitten. Denn lange Er tippt mit dem Zeigefinger auf das
Jahre hielt sich das Gerücht, Zifferblatt seiner Armbanduhr. „Wissen
die Nazis hätten mit der Sie, etwas später als jetzt sind wir aus-
„Gustloff“ auch das legen- gelaufen“, sagt er. Hering sagt nicht „da-
däre Bernsteinzimmer in Si- mals“. Die Geschichte ist für ihn nicht
cherheit bringen wollen. vorbei.
Die „Gustloff“-Kapitäne Und das Baby, das in jener Nacht erst auf
Petersen und Zahn starben der „Gustloff“ und dann auf der „Löwe“
lange nach dem Krieg, geboren wurde, das starb wenige Wochen
ebenso U-Boot-Komman- nach der Rettung – in der Wirklichkeit. In
dant Marinesko. Heute ist der Literatur wird es jetzt zum zweiten Mal
ein Museum in St. Peters- geboren: Günter Grass hat es zu einer
burg nach ihm benannt. Hauptfigur seiner Novelle gemacht.
DPA

Der Junge mit dem Karl- Clemens Höges, Cordula Meyer,


„Gustloff“-Glocke, Überlebende*: Blick nach Osten May-Buch, Günther von Erich Wiedemann, Klaus Wiegrefe

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