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II. Was ist Gedächtnis/Erinnerung?

1. Das autobiographische aufgenommen, bilden also episodische Inhalte.


Gedächtnis Mit wiederholten Erfahrungen können aus die-
sen Einzelerlebnissen zeitlich abstrahierte Wis-
sensstrukturen im Gedächtnis gebildet werden
(wie z. B. Einstellungen oder Persönlichkeits-
Theoretische Abgrenzung
merkmale), die dann dem semantischen Ge-
Das Gedächtnis ist der Aufbewahrungsort aller dächtnis zugerechnet werden können. Entspre-
Erinnerungen. Seine wesentliche Funktion be- chend enthält, metaphorisch gesprochen, das au-
steht darin, Erinnerungen so aufzuarbeiten und tobiographische Gedächtnis den größten Teil des
zu speichern, dass sie für zukünftige Situationen episodischen Gedächtnisses, aber auch einen
nutzbar sind. Alle Erfahrungen, die jemand kleinen Teil des semantischen Gedächtnisses.
macht, können zu einem Bestandteil des eigenen
Gedächtnisses werden. Die einzelnen Erinnerun-
Inhalte und Struktur des autobiographischen
gen können verschiedene Informationen bein-
Gedächtnisses
halten. Kognitive Psychologen unterscheiden ei-
nen prozeduralen Anteil des Gedächtnisses, der Auf inhaltlicher Ebene kann man sagen, dass alle
nicht-verbalisierbare Informationen enthält, wie Erfahrungen, die einen Selbstbezug aufweisen
z. B. automatisierte motorische Abläufe, und ei- (d. h. alle Erfahrungen, die ich selbst erlebt habe),
nen deklarativen (verbalisierbaren) Anteil. Das Teil des autobiographischen Gedächtnisses sind.
deklarative Gedächtnis wird weiter in einen se- Das bedeutet, dass diese Erfahrungen (wie z. B.
mantischen und einen episodischen Teil unter- der oben genannte Paris-Urlaub) für die betref-
teilt (s. Kap. I.1). Das semantische (bedeutungs- fende Person von persönlicher Bedeutung sind.
haltige) Gedächtnis enthält Faktenwissen, wie Für die episodischen autobiographischen Erin-
beispielsweise, dass Paris die Hauptstadt von nerungen gilt zudem, dass sie zeitlich und räum-
Frankreich ist, während das episodische (erfah- lich zugeordnet werden können und dass sie in
rungshaltige) aus zeitlich datierbaren Erlebnissen der Regel von Emotionen begleitet sind, die beim
besteht, wie beispielsweise, dass ich 1994 mit mei- Abruf der Erinnerung wieder aktiv werden und
ner Frau einen romantischen Urlaub in Paris ver- so in gewisser Weise ein Wieder-Erleben (re-ex-
bracht habe. Manche Autoren setzen das episodi- periencing) des vergangenen Geschehens ermög-
sche Gedächtnis der Einfachheit halber mit dem lichen. Neben der Emotionalität ist die bildhafte
autobiographischen gleich, während andere nur Vorstellung das wichtigste Merkmal solcher Er-
diejenigen Teile des episodischen Gedächtnisses innerungen. Andere Sinnesmodalitäten – wie
als autobiographisch ansehen, die einen deutli- etwa olfaktorische oder taktile Merkmale – sind
chen Selbstbezug aufweisen. Zusätzlich kann demgegenüber meist zweitrangig, aber nicht un-
man auch Teile des semantischen Gedächtnisses wichtig. Den Erinnerungsprozess kann man sich
(wie z. B. demographische Fakten über die eigene am besten so vorstellen, dass ausgehend von akti-
Person und Selbstkonzepte) als autobiographisch vierten Hinweisreizen (wie Wörtern, Bildern, Ge-
einstufen. Die Übergänge sind fließend zu den- rüchen, Emotionen etc.), die von außen oder aus
ken. Alle Informationen und Erlebnisse werden dem eigenen Gedächtnis stammen können, zu-
zu einem bestimmten Zeitpunkt im Laufe der ei- nächst ein ›Suchset‹ im Arbeitsgedächtnis gebil-
genen Entwicklung erstmalig in das Gedächtnis det wird (Pohl 2007). Bei autobiographischen
76 II. Was ist Gedächtnis/Erinnerung?

Abrufprozessen sind der oben erwähnte Selbst- bensgeschichte verwendet werden. Diese Ab-
bezug sowie die aktuellen Ziele der Person Teile schnitte oder Perioden sind in der westlichen
dieses Suchsets (Conway/Pleydell-Pearce 2000). Kultur vorrangig geprägt durch Beziehungsthe-
Mit diesen Informationen wird nach Entspre- men (z. B. die Zeit mit X), Arbeitsthemen (z. B.
chungen im Gedächtnis gesucht, d. h. es werden die Arbeit in Firma Y) oder Ortsthemen (z. B. die
analoge Aktivierungsmuster geprüft. In diesem Wohnung in Z). Auf diese Weise lassen sich auto-
Sinne kann die Gedächtnissuche als ein kon- biographische Erinnerungen zeitlich und hierar-
struktiver Prozess verstanden werden. Es ist un- chisch in flexibler Weise ordnen.
mittelbar einleuchtend, dass die Konstruktion Durch Abstraktion über mehrere ähnliche epi-
des Suchsets Einfluss auf das Suchergebnis hat. Je sodische Erfahrungen können auf übergeordne-
nach Güte dieses Sets werden die gesuchten Erin- ter Ebene prozedurale Skripte oder semantische
nerungen mit höherer oder geringerer Wahr- Schemata entstehen. Prozedurale Skripte bein-
scheinlichkeit gefunden. Werden entsprechend halten die kanonischen Abläufe bestimmter
Muster gefunden, gilt etwas als erinnert. Oft wer- Handlungen, wie beispielsweise der Besuch in ei-
den aber nur solche Muster gefunden, die dem nem Restaurant (Hineingehen, Hinsetzen, Essen
Suchset zwar ähnlich sind, aber nicht vollständig Aussuchen und Bestellen, Essen, Bezahlen, Ge-
entsprechen. In diesen Fällen bestimmt das Aus- hen). Semantische Schemata beinhalten abstra-
maß der Übereinstimmung die subjektive Sicher- hierte Konzepte, wie beispielsweise persönliche
heit, etwas zu erinnern. Lücken in den so akti- Einstellungen oder Hobbys. Letztere können
vierten Gedächtnismustern werden dann anhand dann wiederum zu Teilen des Selbstkonzepts
diverser Informationsquellen (wie Selbstkonzept, werden, das aus einer Sammlung von subjektiven
subjektive Wissensschemata, kanonische Lebens- Selbstbeschreibungen besteht (z. B. dass jemand
ereignisse etc.) gefüllt. Diese Ergänzungen einer sich als »italophil« sieht, wenn er häufig in Italien
Erinnerung sind somit rekonstruktiv und kön- Urlaub macht). Diese autobiographischen Inhalte
nen wahr oder falsch sein (s. u. Abschnitt zu würde man dann dem semantischen Gedächtnis
»Verfälschungen«). zurechnen. Mit der oben geschilderten hierar-
Episodische Erinnerungen können auf ver- chischen Anordnung ist eine unterschiedliche
schiedenen Abstraktionsebenen angesiedelt sein, Anfälligkeit für Vergessensprozesse verbunden.
wobei mit zunehmender Abstraktion die Visuali- Während spezifische Ereignisse meist schnell
tät verlorengeht und aus den episodischen Erin- wieder vergessen werden, trifft das weniger für
nerungen semantische Fakten werden (Conway/ die übergeordneten Episoden und in der Regel
Pleydell-Pearce 2000). Beispielsweise kann ich gar nicht für die eigenen, abstrahierten Lebens-
mich daran erinnern, bei einem Italien-Urlaub abschnitte zu. Spezifische Ereignisse werden
vor vielen Jahren in einen Seeigel getreten zu sein. meist nur dann gut erinnert, wenn sie überra-
Das sehe ich noch konkret vor mir und erinnere schend oder erstmalig waren, wenn sie von star-
mich an die damit verbundenen Schmerzen. ken Emotionen begleitet waren, wenn sie folgen-
Diese Episode war ein spezifisches Erlebnis aus reich waren, oder wenn sie oft abgerufen und an-
der Menge der Erlebnisse während des mehrwö- deren erzählt wurden.
chigen Italien-Urlaubs, der wiederum ein Teil Bei der Organisation des autobiographischen
meines damaligen Lebensabschnitts (Studium Gedächtnisses ist die Chronologie sicher ein hilf-
der Psychologie) war. Somit sind spezifische Er- reiches Merkmal, gleichwohl sollte man sich das
fahrungen in der Regel Teile von kürzer oder län- autobiographische Gedächtnis nicht als eine Art
ger währenden Episoden, die wiederum Teil grö- Tagebuch vorstellen, in dem alle Ereignisse wie
ßerer Lebensabschnitte (life-time periods) sind. Je Perlen auf einer Kette linear geordnet sind. Die
nach Kultur lassen sich verschiedene normative oben genannten inhaltlichen Kategorien (wie Le-
Lebensereignisse und -veränderungen benennen, bensabschnitte und Themen) können sich durch-
die vorrangig zur Organisation der eigenen Le- aus zeitlich überlappen. Neben der linearen Zeit
1. Das autobiographische Gedächtnis 77

spielen auch zyklische Muster, wie Wochentage, werden. Auf diese Weise können soziale Funktio-
Monate oder Jahreszeiten, eine Rolle. Andere nen (wie z. B. die Beziehungsarbeit) besser bewäl-
Orientierungspunkte im Gedächtnis sind die be- tigt werden (s. u.).
sonders bedeutsamen persönlichen Erfahrungen,
die wie Leuchttürme aus dem Rest der Erinne-
Kognitive und klinische Untersuchungs-
rungen herausragen. Manche Autoren sprechen
methoden
hier von den Meilensteinen oder Wendepunkten
im Lebenslauf. Diese beinhalten zum einen die Bei der Untersuchung des autobiographischen
für die jeweilige Kultur kanonischen Ereignisse Gedächtnisses werden, wie in der übrigen Ge-
(wie Einschulung, Berufseintritt, Heirat etc.), dächtnispsychologie auch, quantitative und qua-
können aber auch individuelle, nicht-vorherseh- litative Merkmale erhoben. Zu den quantitativen
bare Ereignisse (wie Unfall, Verlust des Arbeits- Merkmalen zählt die Menge der erinnerten Er-
platzes, Lottogewinn etc.) beinhalten. Beide Er- lebnisse, zu den qualitativen deren Korrektheit
eignisklassen zusammen machen einen typischen (d. h. inwieweit die Erinnerung mit dem damali-
Lebenslauf aus und stellen somit eine kulturell gen Ereignis übereinstimmt), Detailliertheit, An-
verankerte narrative Struktur dar (life script), die schaulichkeit, Emotionalität, etc. Als Methoden
zur Konstruktion der eigenen Lebensgeschichte werden offene Wiedergabe (free recall), gezielte
(life story) benutzt werden kann. Die Erinnerung Wiedergabe (targeted recall) oder Wiedererken-
an diese Ereignisse spielt demzufolge auch eine nen (recognition) benutzt. Bei der freien Wieder-
wichtige Rolle für das Selbstverständnis der sich gabe werden Personen in einer relativ offenen
erinnernden Person. Weise gebeten, Erinnerungen an spezifische Le-
Bei der subjektiven Datierung von Ereignissen bensabschnitte (z. B. die Schulzeit) zu nennen.
treten typischerweise zwei Verzerrungen auf: Bei Bei der gezielten Wiedergabe wird nach einem
weiter zurück liegenden Ereignissen wird die seit- spezifischen Ereignis gefragt (z. B. den Tag der
dem vergangene Zeit im Mittel eher unterschätzt, Einschulung), oder nach einem persönlichen Er-
d. h. das Ereignis wird weniger weit in der Ver- eignis, das mit einem vorgegeben Stichwort asso-
gangenheit datiert (forward telescoping). Bei Er- ziiert ist (s. u.). Beim Wiedererkennen werden
eignissen, die erst kürzlich stattgefunden haben, (nacheinander oder gleichzeitig) verschiedene
wird dagegen die seitdem vergangene Zeit eher Antwortmöglichkeiten vorgegeben und die be-
überschätzt, d. h. das Ereignis wird weiter in der fragte Person soll jeweils entscheiden (bzw. aus-
Vergangenheit datiert (backward telescoping). Die wählen), welche dieser Antworten korrekt ist
oben genannten Orientierungspunkte erleichtern (z. B. der Name meines ersten Klassenlehrers war
dabei die Datierung. Die Orientierungspunkte Müller, Meier, Schmidt oder Schulze). Die Ge-
selber und Ereignisse in ihrer zeitlichen Nähe dächtnisleistungen sind beim Wiedererkennen in
werden genauer datiert als Ereignisse, die weiter der Regel besser als beim Wiedergeben. Ein
entfernt liegen. Ansonsten fällt bei der Untersu- Grund dafür ist, dass beim Wiedererkennen ja
chung der Datierungsleistung auf, dass Frauen explizite Informationen vorgegeben sind, die di-
im Vergleich zu Männern die Zeitpunkte von rekt als Hinweisreize für die Gedächtnissuche be-
persönlichen Ereignissen häufiger korrekt bzw. nutzt werden können, so dass eine Entsprechung
weniger verzerrt erinnern. Der eher von Män- mit Gedächtnisinhalten leichter geprüft werden
nern vergessene Hochzeitstag ist demnach ver- kann. Bei der Wiedergabe müssen diese Suchsets
mutlich kein falsches Stereotyp, sondern alltägli- dagegen erst subjektiv gebildet werden. Sie sind
che Realität. Eine mögliche Erklärung für diesen deshalb in der Regel qualitativ schlechter und so-
Geschlechtsunterschied könnte sein, dass Frauen mit weniger geeignet, die gesuchten Inhalte im
sozialen Ereignissen mehr Gewicht beimessen als Gedächtnis zu finden. Im Umkehrschluss bedeu-
Männer dies tun, so dass entsprechende Informa- tet das, dass Informationen, die bei der freien
tionen besser enkodiert und häufiger abgerufen oder gezielten Wiedergabe nicht abgerufen wer-
78 II. Was ist Gedächtnis/Erinnerung?

den konnten, deshalb nicht unbedingt vergessen folgreich, traurig, einsam) vorgegeben, oder die
sein müssen, denn oft werden solche Informatio- Personen werden aufgefordert, nur die wichtigs-
nen beim Wiedererkennen dann doch noch kor- ten Ereignisse aus ihrem Leben zu nennen. Mit
rekt erinnert. Beim Wiedererkennen kann auch dieser Methode können auch geschlechts-, alters-
die gemessene Reaktionszeit (d. h. die Zeit zwi- und kulturspezifische Formen persönlicher Le-
schen Darbietung der Frage und Abgabe der Ant- bensskripte (life scripts) erfasst werden. Diese
wort) Aufschluss über die zugrunde liegende Ge- Skripte dienen dabei als Abruf- und Rekonstruk-
dächtnisrepräsentation und deren Nutzung ge- tionshilfen für die eigene Lebensgeschichte (life
ben. Seit den 1990er Jahren werden hier auch Bild story).
gebende Verfahren eingesetzt (Markowitsch/ Für die klinische Diagnostik, etwa bei Hirn-
Welzer 2005; Schacter 2001). schäden, werden spezifische Verfahren einge-
Ein grundlegendes Problem all dieser Verfah- setzt, die Art und Umfang der betroffenen Ge-
ren besteht darin, dass oft nicht entschieden dächtnisstörung ermitteln. Eine häufig ange-
werden kann, ob die Erinnerung an ein Erlebnis wandte Methode ist das Autobiographische
korrekt ist, es sich also um eine Erinnerung Gedächtnisinterview (autobiographical memory
handelt, die den damaligen Tatsachen entspricht, interview, AMI), bei dem in einer semi-struktu-
oder nicht. Deshalb werden häufig Materialien rierten Befragung quantitative und qualitative
untersucht, zu denen unabhängige Aufzeichnun- Merkmale zu Erlebnissen aus verschiedenen zeit-
gen vorliegen (wie z. B. Tagebücher, Zeugnis- lichen und inhaltlichen Lebensabschnitten abge-
noten, Krankenhausaufenthalte, Gerichtsproto- fragt werden. Das sind im europäischen Raum
kolle). Diese Fokussierung der kognitionspsy- die frühe Kindheit, die Grundschuljahre, die wei-
chologischen Forschung auf objektive Fakten teren Schuljahre, der berufliche Werdegang, die
begründet sich in einer starken Orientierung an eigene Hochzeit (oder die einer anderen Person),
der anwendungspraktischen Frage nach der Güte die eigenen Kinder (oder die einer anderen Per-
von Zeugenaussagen. Hierbei stehen die objek- son), der gegenwärtige Zustand (im Kranken-
tive Wahrheit einer Erinnerung und damit deren haus), frühere Aufenthalte in Krankenhäusern,
forensische Verwertbarkeit im Vordergrund. An- das letzte Weihnachtsfest, sowie ein Urlaub. Zu
dere Forschungsrichtungen (wie z. B. die Psycho- jedem dieser Themen werden sowohl semanti-
analyse und die Sozialpsychologie) interessierten sche als auch episodische Fragen gestellt. Bei-
sich demgegenüber mehr für die subjektive spielsweise sollen im semantischen Teil Namen
Wahrheit, die einen Hinweis darauf erlaubt, wie von Klassenkameraden oder Schullehrern erin-
die jeweilige Person ihr Leben und die Welt deu- nert werden, im episodischen Teil persönliche
tet und erinnert. Ob diese Erinnerungen der Erlebnisse aus der Schulzeit. Für die Menge und
Wahrheit entsprechen, ist dabei sekundär. Güte der Antworten gibt es Punkte, deren Ge-
Ein häufig verwendetes Verfahren zur Erhe- samtsumme dann mit Normwerten verglichen
bung von autobiographischen Erinnerungen ist werden kann. Untersuchungen zur Güte des au-
die Galton-Crovitz-Stichworttechnik (cue-word tobiographical memory interview haben ergeben,
method). Dabei werden einige Wörter (wie Apfel, dass die Zuverlässigkeit der Messung (Reliabili-
Buch, Flasche etc.) vorgegeben, zu denen die be- tät), die Übereinstimmung der Punktevergabe
fragte Person spontan Erinnerungen aus ihrem bei zwei Beurteilern (und damit die Auswer-
Leben generieren soll, die sie dann in Stichwor- tungsobjektivität) und auch die Gültigkeit der Er-
ten notiert und später datiert. Als Ergebnis erhält gebnisse (Validität) als zufriedenstellend anzuse-
man Häufigkeitsverteilungen von Erinnerungen hen sind. Lediglich bei Patienten mit Schädigun-
über die Lebensspanne, die auch inhaltlich analy- gen des Frontallappens (z. B. Korsakow- oder
siert werden können. In Varianten dieses Verfah- Alzheimer-Patienten) ist das autobiographical
rens werden beispielsweise (positiv oder negativ memory interview ungeeignet, da diese Patienten
besetzte) emotionale Wörter (z. B. glücklich, er- zu Konfabulationen neigen, d. h. sie produzieren
1. Das autobiographische Gedächtnis 79

spontan erfundene ›Erinnerungen‹, an die sie schaften und Fähigkeiten und deren Genese be-
sich nach kurzer Zeit auch selber nicht mehr er- treffen, aber auch solche, die als Lebensziele for-
innern können. muliert werden. Ein Resultat dieser Prozesse ist
die erstmalige Formulierung einer kohärenten
Lebensgeschichte (life story), die für viele Auto-
Verteilung autobiographischer Erinnerungen
ren als Meilenstein in der Entwicklung des auto-
über die Lebensspanne
biographischen Gedächtnisses gilt. Gleichzeitig
Befragt man ältere Personen (ab etwa 50 Jahren) wird auch die je eigene Identität geformt, die hier
mit der erwähnten Stichworttechnik (oder auch verstanden wird als die Herausbildung des eige-
mit der freien Wiedergabe) und trägt dann die nen sozialen Netzwerks und die Positionierung
Menge der Erinnerungen als Funktion des Le- innerhalb der sozialen Gefüge. Selbstkonzept und
bensalters ab, erhält man eine spezifische Erinne- Identität können dann als effiziente Abrufstruk-
rungsverteilung über die Lebensspanne. Dabei turen für persönliche Erlebnisse aus dieser Zeit
fällt zunächst auf, dass die meisten Erinnerungen dienen.
kürzliche Erlebnisse betreffen, d. h. in der Regel Ein weiterer Grund für die Erinnerungshäu-
aus den letzten zwölf Monaten stammen. Je wei- fung könnte darin liegen, dass in diesem Lebens-
ter man in der Zeit zurückgeht, desto geringer abschnitt besonders viele Ereignisse stattfinden,
wird die Zahl von Erinnerungen, wie dies auch die als kanonisch für den Lebenslauf gelten (s. o.).
nach der typischen Vergessenskurve zu erwarten Diese Ereignisse werden in der Regel häufiger ab-
ist. Allerdings gibt es davon zwei Abweichungen. gerufen und erzählt als andere Ereignisse, die
Zum einen findet sich ein Zuviel an Erinnerun- keine zentralen Bestandteile der Lebensge-
gen für die Zeit von etwa 15 bis 30 Jahren, zum schichte sind. Und schließlich könnte die be-
anderen finden sich überhaupt keine Erinnerun- obachtete Erinnerungshäufung auch einfach
gen für die ersten 3 bis 4 Lebensjahre. Das erste darin begründet liegen, dass das Gedächtnis
Phänomen wird Erinnerungshäufung (reminis- nachgewiesenermaßen in diesem Alter besser
cence bump) genannt, das zweite infantile oder funktioniert als zu anderen Zeiten, so dass diese
Kindheitsamnesie (childhood amnesia). Für beide Erlebnisse besonders gut enkodiert worden sind.
werden verschiedene Erklärungen diskutiert. Für die Kindheitsamnesie mag verantwortlich
Die Erinnerungshäufung fällt in die Über- sein, dass das Gehirn in den ersten Lebensjahren
gangszeit von der Adoleszenz zum Erwachsenen- noch starken Reifungsprozessen unterworfen ist,
alter, mithin in die Zeit des Selbständigwerdens. die eine dauerhafte Speicherung verhindern
Je nach kulturellen Gegebenheiten können der (Markowitsch/Welzer 2005). Ein anderer Grund
Zeitraum des Erwachsenwerdens und damit auch mag sein, dass kleine Kinder erst die abstrahier-
das Maximum der Erinnerungshäufung früher ten Invarianten der Welt in Form kognitiver
oder später liegen. In dieser Zeit finden viele erst- Schemata kennenlernen müssen, bevor sie in Ab-
malige und auch folgenreiche Entscheidungen grenzung dazu spezifische Episoden speichern
und Ereignisse statt, die den weiteren Lebensweg können. Die Idee dahinter ist, dass es für Säug-
determinieren und somit in Erinnerung bleiben. linge zunächst wichtiger ist, die Regelhaftigkeiten
Einige dieser Entscheidungen und Ereignisse und Strukturen ihrer Umwelt zu erfassen (und
können vermutlich erst im Rückblick die Bedeu- damit entsprechende Gedächtnisstrukturen he-
tung gewinnen, die sie zu einer wichtigen Erinne- rauszubilden), anstatt einzelne Ereignisse zu spei-
rung für die eigene Lebensgeschichte machen chern. Letzteres dürfte im Übrigen auch schwer-
(z. B. das Kennenlernen der späteren Ehefrau und fallen, solange keine adäquaten Gedächtnisstruk-
Mutter der Kinder). Zum anderen wird in dieser turen vorhanden sind. Eine andere, von vielen
Zeit auch erstmals ein komplettes Selbstkonzept Autoren favorisierte Erklärung betrifft die zu-
entwickelt. Dazu gehören verschiedene Selbst- nehmende Sprach- und Kommunikationskom-
Schemata, die die aktuellen (subjektiven) Eigen- petenz der Kinder, die für eine Umorganisation
80 II. Was ist Gedächtnis/Erinnerung?

des Gedächtnisses in einen dominanten verbalen volle Erlebnisse. Somit basiert das aktuelle Selbst
Code sorgt, so dass frühere, anders kodierte Er- auf früheren Erlebnissen, stellt aber gleichzeitig
innerungen verloren gehen. Mit dem Erlernen auch eine bestimmte Sicht dar, unter der Erinne-
von Erzählstrukturen (narrative structures) wer- rungen ausgewählt oder umgedeutet werden.
den Gedächtnisinhalte anders und dauerhafter Dies gilt auch für die psychodynamischen Funk-
gespeichert. Der Erwerb dieser Fähigkeiten ge- tionen autobiographischer Erinnerungen (Kotre
schieht im sozialen Austausch, vor allem in soge- 1998). Hier ist es das Ziel, eine kohärente Lebens-
nannten Erinnerungsgesprächen (memory talks). geschichte (life story) zu schreiben, die uns das
Die Art und Häufigkeit dieser elterlich-kindli- Gefühl von Identität (im Sinne persönlicher Kon-
chen Interaktionen hat direkten Einfluss auf die sistenz) und Wachstum vermittelt. Und auch die
Entwicklung (und die Güte) des autobiographi- Lebensrückschau (life review; oft angesichts
schen Gedächtnisses. Und schließlich dürfte auch schwerer Krankheiten oder des nahen Todes)
die Entwicklung eines ersten kognitiven Selbst- nutzt autobiographische Erinnerungen, um zu
konzepts in diesem Alter von Bedeutung sein. einer umfassenden Evaluation des eigenen Le-
Dieses Selbst schafft den Anker, an den persönli- bens zu gelangen. Bei der Stimmungsregulation
che Erlebnisse angedockt und später auch wieder geht es dagegen um profanere Situationen im All-
gefunden werden können. So werden aus unper- tag, in denen wir emotionale (positive) Erinne-
sönlichen episodischen Erinnerungen autobio- rungen bewusst einsetzen, um die aktuelle Stim-
graphische (Conway/Pleydell-Pearce 2000). In mungslage zu verändern.
Reflexion dieser verschiedenen Einflussfaktoren Viele Autoren halten die sozial-kommunikati-
schlugen Markowitsch und Welzer (2005) ein in- ven (interpersonalen) Funktionen für die wich-
teraktives bio-sozial-kognitives Entwicklungs- tigsten (Bluck 2003). Das betrifft die Herstellung
modell des autobiographischen Gedächtnisses und Aufrechterhaltung sozialer Bezüge, wie auch
vor. Akte der Selbstoffenbarung oder das Zeigen von
Empathie. Manche sehen in dieser Verwendung
autobiographischer Erinnerungen gar den größ-
Funktionen autobiographischer Erinnerungen
ten evolutionären Sprung, der uns erst zu Men-
In Untersuchungen zur alltäglichen Nutzung au- schen gemacht hat. Beim »Mit-teilen«, dem mit-
tobiographischer Erinnerungen haben sich drei einander Teilen persönlicher Erlebnisse (memory
funktionale Bereiche herauskristallisiert (Bluck sharing), geben wir etwas von uns preis und hof-
2003): selbstbezogene, sozial-kommunikative fen auf entsprechende Reaktionen. Beim Ken-
und direktive Funktionen. nenlernen erzählen wir uns gewöhnlich, wer wir
Zu den selbstbezogenen (intrapersonalen) sind und was wir machen (z. B. demographische
Funktionen zählen die Bildung und Aktualisie- Fakten, berufliche Aktivitäten, private Umstände
rung des Selbstkonzepts, diverse psychodynami- und Erlebnisse). Je nach kulturellen Wertungen
sche Funktionen und die Möglichkeit der Stim- und Gepflogenheiten können Inhalte und Zeit-
mungsregulation. Wir sind Erinnerung heißt der punkt der kommunizierten Aspekte natürlich va-
ins deutsche übersetzte Titel des Buches von Da- riieren. Für all das bedarf es des individuellen au-
niel L. Schacter (2001). Man könnte auch sagen: tobiographischen Gedächtnisses. Für eine beste-
»Wir sind, was wir erinnern.« Die Summe der in- hende Beziehung schließlich gilt, dass sich die
dividuellen Erlebnisse, Motive und Ziele deter- Güte dieser Beziehung u. a. auch über die Menge
miniert das eigene Selbstkonzept. Das (kognitive, und Qualität gemeinsam erworbener und ge-
motivationale und affektive) Selbst kann dabei als pflegter Erinnerungen bestimmt.
eine Menge schematischer Selbstzuschreibungen Unter den direktiven Funktionen versteht man
verstanden werden, die aus einzelnen Erfahrun- die Bereitstellung von Wissen, Einstellungen und
gen abstrahiert wurden. Zum Selbst gehören aber Meinungen, die Fähigkeit zur Enkulturation, die
auch Erinnerungen an typische oder bedeutungs- Hilfe beim Problemlösen und bei der Planung
1. Das autobiographische Gedächtnis 81

zukünftiger Handlungen sowie die Erfahrungs- tersuchen und zu bewerten, kann man prinzipiell
weitergabe an andere. Für all diese Aufgaben stellt – wie auch schon oben bei den Untersuchungs-
das autobiographische Gedächtnis ein umfang- methoden diskutiert – zwei Perspektiven einneh-
reiches Reservoir an persönlichen Erfahrungen men. Die eine fokussiert auf die objektiven Ereig-
bereit, aus denen zielgerichtet spezifische Infor- nisse, wertet jede Abweichung der Erinnerung als
mationen abgerufen werden können. Diese Nut- Verfälschung und sucht dann nach den kogniti-
zung kann sowohl bewusst als auch unbewusst ven Ursachen dafür. Wie bei allen Erinnerungen
(z. B. in Form von Einstellungen oder Routinen) können schon bei der Enkodierung, während der
erfolgen. Die abgerufenen Erinnerungen können Speicherphase und erst recht beim späteren Ab-
als Handlungsmodelle verstanden werden, deren ruf Fehler entstehen. Dafür verantwortlich sind
Anwendbarkeit auf die aktuelle Situation geprüft in erster Linie grundlegende Prozesse menschli-
werden muss. Damit ist auch klar, dass autobio- cher Informationsverarbeitung wie Selektion,
graphische Erinnerungen nicht immer hilfreich Abstraktion, Interpretation, Integration und vor
sein müssen. Gelegentlich verstellen sie auch den allem Rekonstruktion. Dabei werden Teile des
Blick auf neue und bessere Lösungen. Ein wichti- Erlebnisses ausgewählt, verallgemeinert, gedeu-
ger Aspekt der persönlichen Handlungsmodelle tet und in den eigenen Wissensstand eingepasst.
ist aber, dass sie Erwartungen beinhalten und da- Bei der Rekonstruktion werden dann fehlende
mit eine Antizipation zukünftiger Ereignisse er- Teile ersetzt oder Ungereimtheiten begradigt, so
lauben. So kann zwischen verschiedenen Alter- dass aus einer fragmentarischen Erinnerung am
nativen abgewogen und entschieden werden. Da Ende eine kohärente Erzählung wird. Diese wird
sich Personen in der Menge der relevanten Er- im Kern in der Regel mit dem Original überein-
fahrungen und auch in der Güte des autobiogra- stimmen, kann in vielen Details aber auch falsch
phischen Gedächtnisses unterscheiden, ist zu er- sein.
warten, dass sie sich auch in ihrer Handlungs- Dieser Ansatz wurde insbesondere im Rah-
kompetenz bzw. in ihren sozialen Fertigkeiten men der Verfälschung von Zeugenaussagen un-
unterscheiden. Untersuchungen zu diesen Zu- tersucht. So kann beispielsweise das Gedächtnis
sammenhängen sind bislang nur selten zu finden, eines Zeugen durch suggestive Befragungen, in
unterstützen aber die angenommene direktive denen bewusst falsche Informationen (misinfor-
Funktion. Die Menge und adäquate Nutzbarma- mation) eingeschleust werden, systematisch ma-
chung der persönlichen Erfahrungen trägt nipuliert werden. Besonders eindrucksvoll sind
schließlich auch zur Entwicklung von Weisheit hier jüngste Experimente, bei denen Personen
bei. Hier wird Weisheit als die Problemlösefähig- eine komplett falsche (erfundene) Erinnerung
keit in sozialen Dilemmata verstanden und ge- ›eingepflanzt‹ bekamen. Beispielsweise wurde
messen. Ein überraschender Befund aus diesen Studierenden von ihren Angehörigen erzählt,
Studien ist, dass Weisheit nicht ans Alter gekop- dass sie als Kind in einer Einkaufshalle verloren-
pelt ist, d. h. dass auch junge Menschen schon äu- gegangen waren. Diese (falsche) Geschichte
ßerst weise sein können. wurde in den folgenden Tagen immer wieder an-
gesprochen. Im Laufe der Zeit begannen immer
mehr der Versuchspersonen sich zu erinnern und
Verfälschungen und Ergänzungen des
diese Erinnerung weiter zu elaborieren, bis sie
autobiographischen Gedächtnisses
schließlich selber an deren Echtheit glaubten. In
Erinnerungen an die eigene Vergangenheit sind anderen Experimenten wurde den Studierenden
nicht immer korrekt. Damit ist hier nicht ge- ein (manipuliertes) Foto gezeigt, in denen sie als
meint, dass jemand lügt, sondern dass eine Er- Kind zusammen mit ihrem Vater in einem Heiß-
innerung trotz bester Absichten nicht den objek- luftballon zu sehen sind. Auch hier entwickelten
tiven Merkmalen des erinnerten Ereignisses die Versuchspersonen im Laufe der Zeit eine ›Er-
entspricht. Um derartige Abweichungen zu un- innerung‹ an dieses nie stattgefundene Ereignis.
82 II. Was ist Gedächtnis/Erinnerung?

In Experimenten dieser Art fanden sich Schein- Geschichte ihrem Kulturverständnis anzupassen.
Erinnerungen (Kryptomnesie) im Mittel bei etwa In diesem Sinne scheint ein gewisses Maß an
30 % der Versuchspersonen. Besonders anfällig ›funktionalisierten‹ Erinnerungen durchaus le-
für solche Suggestionen sind Personen, die unter benspraktisch.
Hypnose stehen und/oder die eine große Vorstel- Bei der Einschätzung früherer persönlicher
lungskraft besitzen. Verantwortlich ist in diesen Merkmale und Zustände (Einstellungen, Persön-
Fällen vermutlich eine herabgesetzte exekutive lichkeitseigenschaften, etc.) gehen wir in der Re-
Kontrolle (im präfrontalen Kortex). Eine sugges- gel vom aktuellen Zustand aus und rekonstruie-
tionsfreie Hypnose kann im Übrigen auch dazu ren mit Hilfe einer subjektiven Entwicklungsthe-
eingesetzt werden, mehr sogenannte korrekte Er- orie den damaligen Zustand. Hier können zwei
innerungen abzurufen. Gleichzeitig werden un- Fehlerquellen die Rekonstruktion beeinflussen:
ter Hypnose aber auch mehr falsche Erinnerun- Die aktuelle Einschätzung kann falsch sein (z. B.
gen produziert (durch Konfabulation), so dass zu positiv oder auch zu negativ) und/oder die
letztendlich nicht viel gewonnen ist. subjektive Entwicklungstheorie kann falsch sein.
Die zweite der oben angesprochenen Perspek- Wenn wir beispielsweise glauben, dass unsere In-
tiven bezüglich Erinnerungsverfälschungen fo- telligenz im Laufe des Lebens angestiegen ist, sie
kussiert auf den funktionalen Prozessen, denen in Wirklichkeit aber konstant geblieben ist, könn-
eine Erinnerung unterworfen ist. Die beschriebe- ten wir unseren gegenwärtigen Intelligenzgrad
nen kognitiven Prozesse der Informationsverar- überschätzen und/oder wir könnten unseren frü-
beitung können demzufolge auch als zweckmä- heren als zu niedrig erinnern. Ein anderes Bei-
ßige und zielgerichtete Anpassungsleistungen des spiel ist, dass Personen oft glauben, schon immer
Individuums gesehen werden. Die beobachtete dieselbe politische Meinung gehabt zu haben
Abweichung einer Erinnerung von den objekti- (z. B. schon seit langem immer dieselbe Partei ge-
ven Tatsachen ist dann nicht als Fehler zu werten, wählt zu haben), sich bei näherer Untersuchung
sondern es ist zu fragen, zu welchem Zweck diese aber zeigt, dass sie früher doch eine andere politi-
Abweichung erfolgte. So können veränderte Er- sche Einstellung hatten.
innerungen unseren persönlichen und sozialen Dass wir in der Erinnerung Ereignisse meist
Zielen und damit unserem Wohlbefinden mitun- positiver ansehen, als sie waren, wir also typi-
ter höchst dienlich sein, beispielsweise indem wir scherweise eine ›rosarote Brille‹ bei der Rekon-
unser Verhalten in einer spezifischen Situation struktion autobiographischer Erinnerungen auf-
als positiver erinnern als es war oder indem wir haben, wird als Positivitätsbias bezeichnet. Ne-
Erinnerungen an unangenehme Erlebnisse ver- ben der zu positiven Erinnerung findet auch eine
meiden und sie somit eher vergessen (oder falsch Selektion statt, die dazu führt, dass positive Er-
erinnern). Ebenso können die oben beschriebe- lebnisse besser erinnert werden als negative (au-
nen ›eingepflanzten‹ Erinnerungen funktional ßer extrem negative). Fragt man beispielsweise
gesehen werden: Wenn offensichtlich meine An- nach den Schulnoten im Abschlusszeugnis, wer-
gehörigen das fragliche Ereignis erinnern (nur den Fächer mit schlechten Noten eher vergessen
ich nicht), dann wird es wohl schon wahr sein! und die übrigen Noten im Mittel zu gut erinnert
Auch können Erinnerungen an jeweils geltende (Pohl 2007). Der Positivitätsbias nimmt mit dem
Konventionen angepasst werden, so dass die er- Alter zu, so dass beispielsweise der Prozentsatz
zählten Erlebnisse für den jeweiligen Zuhörer- von Personen, die ihre Kindheit als ›glücklich‹
kreis plausibler bzw. verständlicher erscheinen. bezeichnen, mit zunehmendem Alter der Perso-
Das hat schon Bartlett mit seinen klassischen nen anwächst. (Ein weiterer Grund mag hier na-
Versuchen gezeigt, bei denen britische Studie- türlich sein, dass aus Perspektive eines älteren
rende bei der Erinnerung an ein ihnen fremdes, Menschen die Kindheit und ihre Freiheiten und
indianisches Märchen systematisch Dinge weg- Möglichkeiten gänzlich neu bewertet werden. Sie
ließen, umdeuteten oder ergänzten, um so die ist vielleicht damals nicht als so glücklich emp-
1. Das autobiographische Gedächtnis 83

funden worden, stellt sich aber aus heutiger Sicht die zudem für ein insgesamt positives Gesamt-
so dar.) Als Erklärung für den Positivitätsbias bild sorgen. Bei Angriffen auf das Selbst und auch
werden selbstwertdienliche Prozesse diskutiert. im Rahmen der Lebensrückschau dienen sie
Uns geht es einfach besser, je positiver wir uns se- als Verteidigungslinien, die das Selbstkonzept ge-
hen bzw. unser Leben erinnern. Somit erfüllt gen unliebsame Veränderungen immunisieren.
diese Gedächtnisverzerrung offenbar eine wich- Gleichzeitig ermöglichen sie aber auch ›Repara-
tige psychodynamische Funktion. turen‹ der eigenen Lebensgeschichte und stellen
Generell kann man das Selbstkonzept als eine so psychotherapeutische Ansatzpunkte bereit.
mächtige Instanz im psychischen Geschehen an-
sehen, die sich nicht nur aus autobiographischen
Perspektiven zukünftiger Forschung
Erinnerungen speist, sondern auch determiniert,
was wann wie erinnert wird. Manche Autoren Zur Untersuchung der Abrufprozesse von Erin-
sprechen hier von einem ›totalitären Ego‹, das nerungen aus dem autobiographischen Gedächt-
unsere Erinnerungsprozesse in seinem Sinne nis wurden bislang hauptsächlich Wörter und
steuert. Als wesentliche Leitmotive des Egos wer- Bilder verwendet. In neueren Studien werden da-
den hier Konstanz und Wachstum genannt. Selbst gegen auch die Effekte von Gerüchen und Musik
angesichts der vielen normalen Veränderungen auf die Erinnerungsleistung geprüft. Diese Sti-
im Laufe eines Lebens bzw. sogar nach widrigen muli stellen oft äußerst effektive Abrufhilfen dar.
oder gar traumatischen Erlebnissen empfinden Insgesamt muss man aber kritisch anmerken,
wir uns als eine konstante Einheit mit einer kon- dass die bisherigen Methoden zur Erforschung
tinuierlichen Entwicklung. Auch wenn wir mehr des autobiographischen Gedächtnisses in der Re-
oder minder plötzlich pubertär, erwachsen, Ehe- gel keine experimentelle Kontrolle erlauben und
frau, Vater oder Witwer werden (um nur ein paar viele Fragebögen nicht die üblichen Kriterien ei-
Beispiele zu nennen), verlieren wir in der Regel nes psychometrischen Testverfahrens erfüllen, so
nicht das subjektive Gefühl der Identität. dass die Gültigkeit der Befunde oft eingeschränkt
Und wenn wir uns ändern, dann nur zum Bes- ist. Von daher zielen neuere Arbeiten u. a. auf die
seren. Andere Autoren ordnen diese Funktionen Entwicklung spezifischer Tests ab, deren Gütekri-
einem ›Mythenmacher‹ in uns zu, dem allerdings terien überprüft werden können, so dass die Be-
ein akribischer und um historische Genauigkeit funde als objektiver, reliabler und valider gelten
bemühter ›Archivar‹ gegenüberstehe, der auch können. Außerdem wird eine Vielzahl von Test-
dafür sorge, dass die Realität nicht völlig aus den verfahren für die unterschiedlichsten Anwen-
Augen verlorengehe (Kotre 1998). Die Metapher dungsbereiche entwickelt. Auch experimentelle
des Mythenmachers entspricht somit der oben Methoden werden zunehmend eingesetzt.
diskutierten funktionalen Perspektive auf verän- Bezüglich der Entwicklung und Veränderbar-
derte Gedächtnisinhalte, während der Archivar keit des autobiographischen Gedächtnisses wird
für die Perspektive des wahrheitsgemäßen Ge- derzeit vor allem an drei Stellen geforscht. Zum
dächtnisses steht. Diese Metaphern scheinen gute einen geht es darum, die Ursachen der Kindheits-
und plausible Beschreibungen der für funktio- amnesie zu ergründen. Dazu werden insbeson-
nale Veränderungen bzw. korrekte Erinnerungen dere auch jüngere Kinder – mithilfe geeigneter
verantwortlichen kognitiven Prozesse zu sein. Fragebögen und Testverfahren – zu ihren auto-
Auch hier lassen sich natürlich kulturelle Spezi- biographischen Erinnerungen befragt. Ein zwei-
fika denken, die den einen oder anderen Prozess ter Schwerpunkt liegt in dem Zusammenhang
stärker betonen. zwischen autobiographischem Gedächtnis und
Die dargestellten Mechanismen des Selbstkon- der Entwicklung eines Selbstkonzeptes. Hier sind
zepts können auch als Coping-Strategien angese- insbesondere die sogenannten selbst-definieren-
hen werden, die es ermöglichen, trotz fortlaufen- den Erinnerungen (self-defining memories) in den
der Änderungen Kontinuität zu empfinden, und Blickpunkt gerückt. Diese Erinnerungen beinhal-
84 II. Was ist Gedächtnis/Erinnerung?

ten besonders relevante Lebensereignisse, die für dass Erinnerungen oft eher generell und wenig
eine Person wegweisend und charakteristisch spezifisch sind. Auch die relativen Anteile an po-
sind. Sie sind gewissermaßen Herzstücke der ei- sitiven und negativen Erinnerungen scheinen
genen Lebensgeschichte (life story) und erfüllen verändert zu sein. Im Rahmen klinischer Studien
somit zentrale Funktionen für die Organisation wird darüber hinaus nach neurophysiologischen
des autobiographischen Gedächtnisses und für Korrelaten der beobachteten Störungen des auto-
das Selbstverständnis einer Person. Ein dritter biographischen Gedächtnisses gesucht (vgl. Mar-
Forschungsbereich beschäftigt sich mit der Be- kowitsch/Welzer 2005; Schacter 2001), wobei
einflussbarkeit und damit der Verfälschbarkeit derartige Untersuchungen natürlich auch bei ge-
persönlicher Erinnerungen. Die Frage lautet: Wer sunden Probanden durchgeführt werden, um
ist wann und unter welchen Bedingungen für mehr über die Prozesse zu erfahren, die an der
welche Einflüsse empfänglich? Diese Frage hat Speicherung und dem Abruf autobiographischer
Relevanz nicht nur im Rahmen der forensischen Erinnerungen beteiligt sind.
Psychologie, sondern beispielsweise auch in der
psychotherapeutischen Anamnese. Inwieweit Literatur
kann hier die Rekonstruktion der eigenen Le- Bluck, Susan: Autobiographical Memory. Exploring its
bensgeschichte durch äußere Suggestionen ver- Functions in Everyday Life. In: Memory 11. Jg., 2
fälscht werden? Umgekehrt kann man sich dann (2003), 113–124.
auch die Frage stellen, was denn die Mehrzahl der Conway, Martin A./Pleydell-Pearce, Christopher W.:
Probanden in den beschriebenen Experimenten The Construction of Autobiographical Memories in
the Self-memory System. In: Psychological Review
kennzeichnet, die schließlich nicht beeinflusst
107. Jg., 2 (2000), 261–288.
wurden. Hinkeldey, Sabine von/Fischer, Gottfried: Psychotrau-
In zunehmendem Maße finden sich auch Ar- matologie der Gedächtnisleistung. München 2002.
beiten, die nach Verbindungen zwischen Merk- Kotre, John: Der Strom der Erinnerung. Wie das Ge-
malen des autobiographischen Gedächtnisses dächtnis Lebensgeschichte schreibt. München 1998.
und psychopathologischen Erscheinungen su- Markowitsch, Hans J./Welzer, Harald: Das autobiogra-
chen. So werden beispielsweise emotionale Stö- phische Gedächtnis. Hirnorganische Grundlagen und
biosoziale Entwicklung. Stuttgart 2005.
rungen, Depressionen und posttraumatische Be- Pohl, Rüdiger: Das autobiographische Gedächtnis. Die
lastungsstörungen (PTSD) auf ihre Wechselwir- Psychologie unserer Lebensgeschichte. Stuttgart 2007.
kungen mit persönlichen Erinnerungsleistungen Rubin, David C. (Hg.): Remembering our Past. Studies
untersucht (Hinkeldey/Fischer 2002). Als wichti- in Autobiographical Memory. New York 1996.
ges Charakteristikum gilt in diesen Fällen z. B., Schacter, Daniel L.: Wir sind Erinnerung. Reinbek 2001.
Rüdiger Pohl
85

2. Das kollektive Gedächtnis Das Gedächtnis und seine sozialen


Bedingungen
Die Beschäftigung mit Formen kollektiver Erin-
nerung bzw. kollektivem Gedächtnis hat zwei Die Frage nach der sozialen Geprägtheit von Er-
zentrale Ausgangspunkte: Sie geht der sozialen innerungsvorgängen wurde zu Beginn des letzten
Geprägtheit von (individuellen) Erinnerungspro- Jahrhunderts in mehreren Disziplinen gleichzei-
zessen nach und sie untersucht die Erinnerung tig aufgeworfen. Während der Psychologe Fre-
von bzw. in Gruppen. Beiden Herangehenswei- deric Bartlett (s. Kap. I.2) in experimentellen Un-
sen liegt die Annahme zugrunde, dass Erinne- tersuchungen die kulturelle Geprägtheit des Ge-
rungen geteilt werden: Erinnerbar ist nur das, dächtnisses bei der seriellen Reproduktion von
was im (persönlichen, medialen oder gedankli- kurzen Geschichten aufzeigen konnte, versuchte
chen) Austausch mit anderen mitteilbar ist. Die der Kunsthistoriker Aby Warburg, ein »soziales
Beschäftigung mit kollektiven Erinnerungen ist Gedächtnis« über die Erforschung der europäi-
ein transdisziplinäres Forschungsfeld, das sich schen Kultur bzw. ihres »Bildgedächtnisses« zu
auf einen mehrdeutigen, leicht missverständli- konzeptionalisieren. Für Maurice Halbwachs bil-
chen Begriff gründet. Für das kollektive Gedächt- dete die soziologische Empirie den Ausgangs-
nis gibt es keine allgemeinverbindliche Defini- punkt seiner Überlegungen: Seine Grundidee
tion. Dementsprechend ist auch seine Erfor- fußt nicht zuletzt auf einer eingehenden Ausei-
schung unklar und umstritten. Ein breiter Strom nandersetzung mit Statistiken zum Lebensstan-
der Forschung konzentriert sich primär auf ma- dard der Arbeiterklasse. Mit seinen nachfolgen-
terielle Artefakte, auf das, was aus der Vergangen- den gedächtnistheoretischen Erwägungen verla-
heit als objektivierte Kultur ›in der Welt‹ greifbar gerte sich der Schwerpunkt seiner Arbeit. Indem
ist, während ein weiterer Zweig das Kollektive er die Frage aufgreift, welche konkrete Rolle ver-
vorzugsweise in der individuellen Erinnerung schiedene Gruppen und Gemeinschaften für das
bzw. in der Interaktion in Gruppen lokalisiert. individuelle Erinnerungsvermögen spielen, folgt
Die Grenzen beider Forschungsansätze wurden er, wie er selber schreibt, den Psychologen auf ihr
bisher erst in wenigen Studien überschritten. Die Gebiet (1985, 361). Es ist daher eine genuin so-
Forderung nach integrativen Ansätzen, die das zialpsychologische Frage, die im Zentrum der
kollektive Gedächtnis so konzipieren und erfor- Arbeiten von Halbwachs steht, der aus gegenwär-
schen, dass seine jeweiligen empirischen Träger tiger Perspektive als der Gründungsvater der
sichtbar bleiben oder die soziale Rezeption von sozial- und kulturwissenschaftlichen Gedächt-
Medien kollektiver Erinnerung offen gelegt wird, nisforschung gelten kann.
ist seit den späten 1990er Jahren zunehmend Halbwachs unterscheidet nicht zwischen Ge-
lauter geworden. Dennoch vereint die interdis- dächtnis und Erinnerung. Zentraler Ausgangs-
ziplinäre Gedächtnisforschung mehr als die An- punkt für sein Konzept kollektiver Erinnerung
nahme, dass zur Erinnerung immer mindestens sind die cadres sociaux: die durch die kommuni-
zwei gehören. In der Gesamtschau stellen die Ar- kative Teilhabe in unterschiedlichen sozialen
beiten des französischen Soziologen Maurice Gruppen erworbenen ›Rahmen‹ der Erinnerung.
Halbwachs (s. Kap. IV.3) einen zentralen theore- Nach Halbwachs sind individuelle Erinnerungen
tischen Bezugspunkt dar. Der Gegenstandsbe- Rekonstruktionen, die sich auf diese sozialen Be-
reich soll hier daher zunächst ausgehend von zugsrahmen der Gegenwart stützen. Bezugsrah-
Halbwachs’ Theorie erschlossen werden. Danach men sind dabei als »Worte und Vorstellungen« zu
werden Dimensionen kollektiver Erinnerung verstehen, die der Einzelne »nicht erfunden«,
(vom Individuum bis zur Nation) an konkreten sondern »seinem Milieu entliehen hat« (1991, 35)
Beispielen vorgestellt sowie weitere Differenzie- und mit deren Hilfe sein Gedächtnis ein Bild von
rungen und schließlich Desiderate der Forschung der Vergangenheit erstellt, das vor dem aktuellen
diskutiert. Erfahrungshintergrund zum Zeitpunkt der Erin-
86 II. Was ist Gedächtnis/Erinnerung?

nerung sozial bedeutsam ist. Die Annahme, dass wenn sie auch im sozialen Nahbereich einen An-
Erinnerungen stärker von der Gegenwart als von knüpfungspunkt finden bzw. über Familienange-
der Vergangenheit bestimmt werden, unterschei- hörige, Arbeitskollegen oder andere Gruppen-
det Halbwachs von anderen zeitgenössischen Er- mitglieder vermittelt werden.
innerungstheorien (Freud, Warburg), und rückt Halbwachs bezieht auch kulturelle Objektivati-
ihn in die Nähe von Erkenntnissen der jünge- onen in seine Überlegungen mit ein. In dem be-
ren neuropsychologischen Gedächtnisforschung kannten Beispiel eines imaginären Stadtspazier-
(Schacter). gangs durch London beschreibt er, wie er die
Nach Halbwachs vermitteln sich die Rahmen Stadt niemals allein, sondern immer aus der Per-
der Erinnerung im Umgang mit Anderen. Damit spektive ganz unterschiedlicher Gruppenmitglie-
sind die Mitglieder jener Gruppen bzw. Milieus der wahrnimmt. Halbwachs spaziert durch Lon-
gemeint, in die jeder Mensch im Laufe seines Le- don in der Gesellschaft von Romanciers, Archi-
bens eingebunden ist, wie z. B. Familien, Religio- tekten und Malern, die ihm nicht nur persönlich,
nen oder gesellschaftliche Klassen. Über diese sondern vor allem aus der Literatur vertraut sind
Wir-Gruppen bildet und festigt sich die Identität und die ihm die Stadt nun als Interpreten ganz
des Einzelnen. Halbwachs nennt das individuelle spezifischer Gruppenerinnerungen erschließen.
Gedächtnis einen »Ausblickspunkt« auf das Ge- Indem Halbwachs als Spaziergänger nachdenkt,
dächtnis der Gruppe (1991, 31). Will man den kommuniziert er, und er tut dies vor dem Hinter-
einzelnen Menschen in seinem individuellen grund von Erinnerungsgemeinschaften, deren
Denken und seiner individuellen Erinnerung soziale und kulturelle Schemata seine eigene
verstehen, muss man ihn in Beziehung zu den Wahrnehmung und Erinnerung prägen: »Andere
verschiedenen Gruppen setzen, denen er gleich- Menschen haben diese Erinnerungen mit mir
zeitig angehört, und seine Position innerhalb der gemeinsam gehabt« (1991, 3). Das kulturelle, me-
jeweiligen Gruppe lokalisieren. Das kollektive Ge- diengestützte Fundament von kollektivem Ge-
dächtnis ist bei Halbwachs also weder als eine dächtnis wird bei Halbwachs somit zwar mit-
Metapher noch als eine Art von Kollektivpsyche gedacht. Der Vorgang der mediengestützten Tra-
zu verstehen. Subjekt von Gedächtnis und Erin- dierung bzw. die Frage, wie Medien kultureller
nerung ist immer das Individuum, ebenso wie Erinnerung durch Individuen und Gruppen kon-
das individuelle Gedächtnis immer ein soziales kret angeeignet werden, bleibt jedoch unerschlos-
Phänomen ist. Einzigartig ist jedes individuelle sen.
Gedächtnis schon aufgrund der Tatsache, dass es In Fortführungen von Halbwachs’ Theorie ist
niemals zwei Menschen geben wird, die identi- daher auch die Gedächtnisfunktion der Kultur –
sche Positionen in den gleichen Gruppen einneh- als ein Ensemble von materiellen wie immateriel-
men. Die Gruppen (Familien, religiöse Gemein- len Symbolen einer Gesellschaft – in der Interak-
schaften, soziale Schichten, Berufsgruppen), die tion zwischen Individuum und Gruppe stärker
Halbwachs studiert, sind durch das gleiche sozi- akzentuiert worden. So geht der Ägyptologe Jan
ale Umfeld und damit durch Formen von Alltags- Assmann von »zwei Modi« bzw. von »zwei Ge-
kommunikation miteinander verbunden. In diese dächtnis-Rahmen« kollektiver Erinnerung aus:
Gruppen wird man hineingeboren (Familie), sie jenes auf alltäglichen und informellen Formen
sind verpflichtend (Militär) oder man tritt ihnen der Erinnerung und Überlieferung basierende
bei (Parteien). Es sind auch flüchtige, temporäre Gedächtnis, das bei Halbwachs im Vordergrund
Erinnerungsgemeinschaften, wie eine Zugbe- steht, bezeichnet er als kommunikatives Gedächt-
kannschaft denkbar. Erinnerungsmilieus entste- nis. Das Kollektive ist auf dem Wege der Kom-
hen allerdings erst auf der Grundlage eines relativ munikation, d. h. durch kulturelle und soziale
konstanten sozialen Umfeldes. Rahmen der Erin- Teilhabe in das individuelle Bewusstsein bzw. Ge-
nerung auf staatlicher bzw. nationaler Ebene wer- dächtnis gelangt. Gedächtnis auf dieser Ebene
den erst dann für den Einzelnen bedeutsam, meint das Organ leibhaftiger Menschen. Vom
2. Das kollektive Gedächtnis 87

kommunikativen Gedächtnis unterscheidet Jan gen eine Gleichsetzung von Geschichte und Ge-
Assmann das kulturelle Gedächtnis als den Be- dächtnis.
reich der objektivierten Kultur und organisierten Darüber hinaus ist es insbesondere der von
Kommunikation (Assmann 2007, 50 f.). Hier Halbwachs geprägte Begriff des ›kollektiven Ge-
wird der Gedächtnisbegriff metaphorisch, indem dächtnisses‹, der bis heute Kritik entfacht. Halb-
er auf die Gedächtnisfunktion von Kultur gerich- wachs selbst hat zwar wiederholt betont, dass es
tet ist. Für beide Gedächtnisbegriffe gilt dabei, das Individuum ist, das sich erinnert, gleichwohl
dass sie sich nicht unabhängig voneinander den- finden sich in seiner Phänomenlogie immer wie-
ken lassen: Ebenso wenig wie man sich ohne der Ausführungen, die Assoziationen zu einer
Sprache und kommunikativen Austausch erin- Kollektivpsyche zumindest nahelegen. Dieses
nern kann, so wenig lässt sich Kultur als Gedächt- Problem hat sich dadurch verstärkt, dass es in-
nis losgelöst von Individuen beschreiben. Diese folge des publizistischen wie akademischen »Ge-
Ausdifferenzierung des kollektiven Gedächtnis- dächtnis-Booms« der letzten drei Jahrzehnte (zu
ses in einen Bereich kommunikativer Erinne- den Gründen Erll 2005, 2 ff.) zu einem enormen
rung, der das Kollektive am Individuellen betont, Anstieg von empirischen Studien gekommen ist,
sowie einen Bereich, der Gruppenerinnerungen die sich dieses Konzepts bedient haben, eine wei-
auf der Ebene von Kultur fokussiert, hat sich im tere theoretische und methodologische Fundie-
deutschsprachigen Raum weitgehend durchge- rung (mit Ausnahme der Assmannschen Erwei-
setzt. Die Literaturwissenschaftlerin Astrid Erll terung) allerdings erst in den letzten Jahren in
hat jüngst versucht, beide Bereiche – unter Be- Angriff genommen wurde. In diesem Zusam-
rücksichtigung ihrer Interdependenz – unter dem menhang hat der Historiker Alon Confino bereits
Begriff der ›Cultural Memory Studies‹ zu verei- 1997 angemerkt, dass es nicht ausreicht, die Be-
nen. ›Cultural Memory Studies‹ umfasst dabei deutsamkeit einer symbolischen Repräsentation
nach einer vorläufigen und bewusst auf ein im Bereich des Politischen herauszustellen, wenn
breites Verständnis abzielenden Definition, »das nicht gleichzeitig die Weitergabe, Verbreitung
Wechselspiel von Gegenwart und Vergangenheit und Bedeutungszuschreibung in anderen sozia-
in sozio-kulturellen Kontexten« (Erll/Nünning len Kontexten in Erwägung gezogen und unter-
2008, 2, Übers. S. M.). sucht werden. Rezeptionsforschung ist in diesem
Ein weiterer zentraler Kritikpunkt an Halb- Sinne keine interessante Zusatzerwägung, son-
wachs’ Theorie betrifft den Stellenwert der Histo- dern eine notwendige Grundlage jeder Studie,
riographie. Bei Halbwachs gibt es zwar eine Viel- die darauf abzielt, Aussagen über Formen kollek-
zahl kollektiver Gedächtnisse, der aber nur die tiver Erinnerung zu treffen.
eine durch die Fachwissenschaft verbürgte Ge- »Es gibt keine kollektive Erinnerung, wohl
schichte gegenübersteht. Halbwachs’ Auffassung aber kollektive Bedingungen möglicher Erinne-
von der Geschichte ist vielfach als objektivistisch rungen.« In dieser Formulierung des Historikers
kritisiert worden. Der Historiker Peter Burke Reinhart Koselleck spiegeln sich Ablehnung und
etwa bezeichnet Geschichte als ›soziales Gedächt- Akzeptanz von Halbwachs Überlegungen gera-
nis‹, die den gleichen bewussten und unbewuss- dezu paradigmatisch wider (Koselleck 2001, 20).
ten Auswahlmechanismen unterliege wie jedes Halbwachs hat einen äußerst komplexen sozialen
andere Gruppengedächtnis. Andere Autoren hin- Sachverhalt wegweisend erfasst und auf eine ein-
gegen übernehmen Halbwachs’ Unterscheidung gängige Formel gebracht. Mit dieser Formel wird
von Geschichte und Gedächtnis, sehen jedoch das eigentlich Gemeinte allerdings nur unzurei-
seine positivistische Auffassung von der Historie chend erfasst. Ebenso wie die abstrakte Rede von
als korrekturbedürftig an. Jan Assmann (2007, kollektiver Identität verschleiert auch jene vom
77) etwa betont, dass jede Geschichtsschreibung kollektiven Gedächtnis die Vielfalt von Zugehö-
zeit- und interessenbedingten Abhängigkeiten rigkeiten und suggeriert eine Homogenität, die
unterworfen sei, wendet sich allerdings strikt ge- jene soziale Sinnstiftung initiiert, die der Begriff
88 II. Was ist Gedächtnis/Erinnerung?

eigentlich analytisch aufschließen soll. Eine kriti- von Institutionen, Denkmalen und Riten stützen
sche Analyse kollektiver Erinnerungsformen konnte. Gerade hier zeigte sich, dass der gesamt-
setzt daher eine differenzierte Konkretion vor- gesellschaftliche wie erinnerungskulturelle Rah-
aus, die die tendenziell irreführende Funktion men insofern präsent war, als man sich zustim-
des Begriffs ebenso in Rechnung stellt wie seine mend oder ablehnend auf ihn bezog. Diese Allge-
potentielle politische Inanspruchnahme. genwart führte aber nicht zwangsläufig zu einer
Durchdringung von Alltagskontexten im Sinne
der Staatsführung. Nach dem Ende der Diktatur
Oral History, Familien- und Generationen-
ist es schwer, Aussagen über Formen kollektiver
gedächtnis
Erinnerung in der DDR zu treffen, die über das
Oral History: Nicht selten wird kollektives Ge- kulturelle Gedächtnis bzw. die staatsoffizielle Les-
dächtnis als Populärgeschichte gehandelt und mit art der Geschichte hinausgehen. Der Umbau der
Oral History gleichgesetzt (s. Kap. IV.5). Diese öffentlichen Erinnerungskultur wie die Umge-
Gleichsetzung ist irreführend. Das Verhältnis von staltung und Demontage von Denkmalen nach
Oral History und kollektivem Gedächtnis ist je- 1989 lässt sich in den meisten Fällen, etwa über
doch aufschlussreich. Oral History, wie sie sich Fotografien aus DDR-Zeiten, rekonstruieren. Für
seit Ende der 1970er Jahre in der Bundesrepublik das subjektive Geschichtsbewusstsein ist dieser
Deutschland zu etablieren begann, geht der Vorgang ungleich schwerer nachzuvollziehen
mündlich erfragten Geschichte ganz spezifi- (vgl. Moller 2003). Dies liegt zum einen daran,
scher Erinnerungsmilieus nach. Eine der ersten dass Studien wie die hier zitierte in der DDR vor
deutschsprachigen Publikationen aus diesem 1989 strikt reglementiert und zensiert wurden. Es
Forschungsfeld trägt den Titel Lebenserfahrung hat hat aber auch etwas damit zu tun, dass der
und kollektives Gedächtnis. Die Praxis der Oral staatliche Rahmen der Erinnerung so um-
History (Niethammer 1985) und schließt nicht bruchartig verschwunden ist, dass die sozialisti-
nur theoretisch an die Studien von Halbwachs (s. sche Realität schon 1991 wie eine Fiktion er-
Kap. IV.3) an. schien (Niethammer u. a. 1991, 68).
In Deutschland ist die Oral History eng mit Der Umgang mit Zeugnissen lebensgeschicht-
dem Namen Lutz Niethammer und seinen mehr- licher Erinnerung ist im Bereich der Oral History
bändigen Studien zur Arbeiterkultur im 20. Jahr- seit der Jahrtausendwende methodologisch ein-
hundert verknüpft. Niethammers Studien gehen gehender erschlossen worden. Ein Beispiel hier-
der lebensgeschichtlichen Verarbeitung histori- für stellt die Studie von Ulrike Jureit zu »kollek-
scher Erfahrung nach und reflektieren in ihren tiven Erinnerungsmustern« (Jureit 1999) von
Beschreibungen insbesondere die Zugehörigkeit Überlebenden der Konzentrations- und Vernich-
zu Gruppen (Schichten, Familien, politischen tungslager dar. Sie erschließt die über das Indivi-
Milieus etc.), sofern diesen in der Selbstbeschrei- duum hinausweisenden Phänomene, indem sie
bung eine spezifische Relevanz zugewiesen wird. zunächst individuelle Sinnkonstruktionen he-
Die von Niethammer u. a. Ende der 1980er Jahre rausarbeitet und typisiert, um diese dann durch
in der DDR durchgeführten Interviews sind da- ein diskursanalytisches Verfahren in ihrer histo-
bei in mehrerer Hinsicht besonders aufschluss- rischen und gesellschaftlichen Kontextgebun-
reich (Niethammer u. a. 1991). Sie zeugen von ei- denheit zu verorten. Jureit kann durch den Ver-
ner Kluft zwischen kommunikativem und kultu- gleich von zu unterschiedlichen Zeitpunkten ent-
rellem Gedächtnis innerhalb einer diktatorischen standenen lebensgeschichtlichen Interviews und
Gesellschaft. Viele der befragten DDR-Bürger Aufzeichnungen zeigen, wie etwa Filmprodukti-
waren von einer antifaschistischen Lesart der onen zum Holocaust sich in autobiographischen
Geschichte weit entfernt, und dies obwohl die Erzählungen niederschlagen können.
Staatsführung ihre Geschichtsvermittlung fast Familiengedächtnis: Die Analyse des Familien-
vier Jahrzehnte lang auf ein dicht gewebtes Netz gedächtnisses gibt Aufschluss sowohl über die
2. Das kollektive Gedächtnis 89

Konstitution von Erinnerungsgemeinschaften als intendierten familienbiographischen Sinnkon-


auch über die Interaktion verschiedener Ge- struktionen.
dächtnisformen. Die Soziologin Angela Keppler Welzer hat die Gedächtnisformen in diesem
(1994) hat die kommunikative Vergemeinschaf- Zusammenhang weiter aufdifferenziert, da sich
tung in Familien am Beispiel von Tischgesprä- sowohl im kommunikativen wie im kulturellen
chen empirisch erforscht. Sie kommt dabei zu Gedächtnis Interaktionen und Medien danach
dem Schluss, dass die Einheit einer Familienge- unterscheiden lassen, ob sie die Vergangenheit
schichte nicht in einer einheitlichen bzw. in einer absichtsvoll oder en passant vermitteln. Den Be-
in einem Stück erzählten Familiengeschichte be- reich, in dem Vergangenheit nicht-intentional
steht, sondern in der Beständigkeit der Anlässe vermittelt wird, ordnet Welzer – in Anlehnung an
und Gelegenheiten, die ein gemeinsames Sich- die Begriffsprägung von Burke – dem ›sozialen
Erinnern der Familienmitglieder möglich macht. Gedächtnis‹ zu (s. Kap. II.5). Dementsprechend
Das Zusammenspiel von kultureller und kom- sind etwa persönliche Erzählungen über die Ver-
munikativer Erinnerung im Kontext intergenera- gangenheit auf Familienfeiern ebenso dem sozia-
tioneller Tradierung in Familien zeigt die Studie len Gedächtnis zuzurechnen wie eine Komödie
des Sozialpsychologen Harald Welzer u. a., die aus den 1930er Jahren, die absichtslos den ent-
der Erinnerung an den Nationalsozialismus sprechenden historischen Assoziationsraum mit-
nachgeht (Welzer u. a. 2008). Die Studie illus- transportiert. Beiden Beispielen kann aber jeder-
triert, dass Geschichten und Erlebnisse aus der zeit eine Vermittlungsabsicht zugeordnet werden:
Vergangenheit nicht in fixierter Form weiterge- So wie sich die Familienerzählung in einer kon-
geben, sondern bereits beim Hören wie beim troversen Diskussion in eine Aussage darüber
Kommentieren und Nacherzählen mit eigenem verwandeln kann, »wie es wirklich gewesen ist«,
Sinn versehen und so verändert werden. In Hin- so kann auch die Komödie zu einer Quelle im
blick auf die NS-Vergangenheit ist es dabei nicht Geschichtsunterricht werden, durch die der his-
selten ein generalisiertes Bild der Großeltern bzw. torisch-politische Kontext zum Entstehungszeit-
der eigenen Familie, über das etwa eine spezifi- punkt des Filmes erschlossen wird.
sche Geschichte von der eigenen ›Oma‹ in dieser Soziale Bezugsrahmen wie die kollektiven Be-
Zeit konstruiert wird. In diesem Sinne ist dann zugsrahmen der Familie müssen den einzelnen
z. B. die Vorstellung, »in unserer Familie hilft Familienangehörigen nicht bewusst sein, wenn
man anderen«, der soziale Rahmen, der die Erin- diese versuchen, sich an bestimmte Episoden aus
nerung anleitet. Damit wird ein Bild von den ei- der gemeinsamen Geschichte zu erinnern. Vor-
genen Familienangehörigen gezeichnet, das diese stellungen wie jene von der »Wesensart« der Fa-
von einer Beteiligung bzw. Mitschuld an den Ver- milie (Halbwachs) lassen sich auch als implizite
brechen des NS-Regimes von vornherein aus- Erinnerungen begreifen. Aus neurowissenschaft-
nimmt. Dieses Phänomen verweist indes nicht licher Perspektive beschreibt das implizite Ge-
auf eine ›Unwirksamkeit‹ des kulturellen Ge- dächtnis Formen nicht bewusster Erinnerung:
dächtnisses. Erst dadurch, dass der primär auf Menschen werden von vergangenen Erfahrungen
der Ebene der öffentlichen Erinnerungskultur beeinflusst, ohne dass ihnen dabei bewusst ist,
thematisierte verbrecherische Charakter des NS- dass sie sich erinnern.
Regimes anerkannt wird, entsteht die Notwen- Generationengedächtnis: Auch Formen von
digkeit, Familienloyalität und historisches Wis- Generationengedächtnis (s. Kap. IV.8) sind als
sen miteinander in Einklang zu bringen. In der ›implizites Gedächtnis‹ zu verstehen. Geht man
Interaktion zwischen kommunikativem und kul- von dem von Karl Mannheim in den 1920er Jah-
turellem Gedächtnis wird allerdings nicht ein ren geprägten Generationenbegriff aus, so be-
Narrativ von einer Ebene auf die nächste über- zieht sich das Generationengedächtnis nicht in
setzt bzw. gesendet, sondern die Resonanz des erster Linie auf die Erfahrungen, die eine Gruppe
kulturellen Gedächtnisses zeigt sich hier in nicht- von Menschen in einem bestimmten zeitlichen
90 II. Was ist Gedächtnis/Erinnerung?

Kontext gemacht hat, sondern vor allem auf die relles Gedächtnis wider, die sich allerdings man-
Form der Erfahrungsverarbeitung. Der Erfah- gels einer Übersetzung von Jan Assmanns zentra-
rungshintergrund der Generation bestimmt in lem Werk bisher nicht gleichermaßen im anglo-
diesem Sinne die individuelle Wahrnehmung amerikanischen Sprachraum durchgesetzt hat.
und Einordnung von Ereignissen – subjektive Er- Begibt man sich in Hinblick auf Fragen nach
innerungen werden durch ein implizites Genera- kollektiver Erinnerung und kollektivem Gedächt-
tionengedächtnis gerahmt. nis auf die Ebene der Nation, so lässt sich festhal-
Diese Form von generationeller Erinnerung ten, dass dieses Feld vor allem von Studien be-
spiegelt sich in der Studie von Howard Schuman stellt wird, die die Gedächtnisfunktion von kultu-
und Jacqueline Scott (1989) wider. In breit an- rellen Symbolen und Praktiken in den Blick
gelegten Repräsentativbefragungen konnten sie nehmen. Das ist insofern sinnvoll, als für derart
zeigen, wie zentralen Ereignissen der amerika- große Gruppen wie Nationen, Staaten oder Reli-
nischen Zeitgeschichte unterschiedliche generati- gionen die Frage, »was dürfen wir nicht verges-
onelle Bedeutsamkeit zugemessen wird. 1985 sen?«, so zentral für Identität und Selbstverständ-
wurden Amerikaner gebeten, maximal zwei der nis ist, dass die kollektiven Vergangenheitsbezüge
wichtigsten Ereignisse in der amerikanischen Ge- stärker kulturell geformt und damit gefestigt wer-
schichte zu benennen. Dabei zeigte sich, dass die den müssen, um die (politische) Handlungsfä-
Befragten vor allem jene Ereignisse benannten, higkeit der Gruppe sicherzustellen (Assmann
die in die Übergangszeit von der Adoleszenz zum 2007). Damit eine Gruppe ihre Erinnerungen auf
Erwachsenenalter (hier 18. bis 30. Lebensjahr) fal- der Ebene des kulturellen Gedächtnisses dauer-
len, die in der psychologischen Forschung auch als haft aufrechterhalten und weitergeben kann,
reminiscence bump bezeichnet wird (s. Kap. II.1). muss sie sich auf Träger stützen können, die so-
wohl über die Kompetenz als auch über die Mög-
lichkeit verfügen, den »flüssigen« Strom zerstreu-
Kollektive Erinnerung auf der Ebene
ter, ganz verschiedener Gruppenerinnerungen in
von Nationen
eine »feste«, organisierte und gemeinsam geteilte
Der Soziologe Jeffrey Olick (1999) hat die ver- Gruppenerinnerung zu transformieren (ebd.,
schiedenen Auffassungen von Kultur, die den 59). Auf diesem Feld sind seit den 1990er Jahren
beiden Hauptströmungen der Forschung zum beeindruckende Studien entstanden, die öffentli-
kollektiven Gedächtnis zugrunde liegen, aufge- che Erinnerungskulturen als Wechselspiel von
griffen, und in eine weitere Differenzierung über- Gegenwart und Vergangenheit, Politik und Ge-
führt. Kultur als Rahmen gesellschaftlicher Erin- schichte in ganz spezifischen sozio-kulturellen
nerung, wie er in öffentlichen Praktiken, Symbo- Kontexten dechiffrieren (s. Kap. II.6).
len und Objekten zum Ausdruck kommt, zählt Nationale, öffentliche Erinnerungskulturen
Olick zum Kernbereich kollektiver Erinnerung lassen sich in diesem Sinne als ein Kampf par-
(collective memory). Studien, die Kultur als Kate- tikularer Erinnerungsgemeinschaften beschrei-
gorie subjektiver Bedeutungszuschreibung fokus- ben. An der öffentlichen Erinnerungskultur ist
sieren, deren Ausgangspunkt oder Analyseein- ablesbar, welche Erinnerung auf dieser Ebene
heit die individuelle Erinnerung ist, rechnet er durchgesetzt wurde. Über die öffentliche Erinne-
dem Bereich collected memory zu (s. Kap. II.5). rungskultur allein lässt sich aber im Umkehr-
Collected memory meint individuelle Erinnerung, schluss nicht das kollektive Gedächtnis einer
die gesammelt und aggregiert wurde – sei es im Nation beschreiben. Es gibt inoffizielle, wider-
Rahmen einer Oral History-Befragung oder ei- streitende Erinnerungsgemeinschaften, die sich
ner Repräsentativerhebung auf nationaler Ebene. politisch nicht durchsetzen konnten oder denen
Letztlich spiegelt diese Entgegensetzung von col- aus kulturellen oder politischen Gründen der
lected und collective memory die terminologische Zugang zu Archiven oder die Archivierung der
Unterscheidung in kommunikatives und kultu- eigenen Geschichte bis dato verwehrt geblieben
2. Das kollektive Gedächtnis 91

ist. Auch die Reichweite der öffentlichen Erinne- existieren werden, ist gegenwärtig nicht ausge-
rungskultur ist unbestimmt. Es lassen sich zwar, macht. Gewiss ist allerdings, dass der Begriff des
wie Pierre Nora dies für Frankreich und Etienne ›Kollektiven Gedächtnisses‹ diese Funktion nicht
François und Hagen Schulze für Deutschland übernehmen kann. So faszinierend Sprache und
getan haben, nationale Erinnerungsorte, soge- Konkretion der Halbwachsschen Phänomenolo-
nannte lieux de mémoire, bestimmen (s. Kap. gie auch sein mögen, Halbwachs’ Konzept schärft
III.9). Diese beschreiben jedoch primär die zwar die Aufmerksamkeit für einen sozialen
Gedächtnisförmigkeit der Kultur und lassen nur Problembereich, konkret anwendbar wird es aber
bedingt Rückschlüsse über die Kulturgeprägtheit erst über Fortentwicklungen, die zum Teil noch
des individuellen Gedächtnisses bzw. der lokalen im Entstehen begriffen sind.
Alltagskommunikation zu. In Zukunft wird es dabei darauf ankommen,
Auf nationaler Ebene sind Erinnerungsorte, beide hier skizzierten Forschungsströmungen,
wie etwa Denkmale, in der Regel dem Bereich der die sich mit der Entgegensetzung von kulturwis-
staatlichen Erinnerungs- bzw. Geschichtspolitik senschaftlich versus psychologisch nur unzurei-
zuzurechnen. ›Geschichtspolitik‹ meint den öf- chend beschreiben lassen, stärker zusammenzu-
fentlichen Gebrauch der Geschichte durch Deu- denken. Hierfür gibt es wenige, aber dennoch
tungseliten. Sie ist kein Signum autoritärer oder aufschlussreiche Ansätze, die aufgegriffen und
diktatorischer Systeme, sondern Geschichtspoli- weiterentwickelt werden können. Ein Beispiel für
tik wird auch in pluralistisch verfassten Gesell- eine solche Kooperation stellt der Beitrag von
schaften als notwendige ›politisch-pädagogische‹ Barry Schwartz und Howard Schuman (2005)
Aufgabe erachtet und wahrgenommen. Ein be- dar. Schwartz gilt als einer der einflussreichsten
vorzugtes Feld findet die staatliche Geschichts- Adepten von Halbwachs im anglo-amerikani-
politik neben der Einrichtung und Gestaltung schen Sprachraum, der sich eingehend mit For-
von Gedächtnisorten (wie Gedenktagen, Mu- men nationaler Erinnerung auf der Ebene des
seen, Gedenkstätten, Denkmale etc.) beispiels- kulturellen Gedächtnisses beschäftigt hat. Zen-
weise im Bereich der schulischen Bildung als traler Untersuchungsgegenstand für Schwartz ist
politische Bildung. Diese politisch-kulturelle Di- die Erinnerung an den amerikanischen Präsiden-
mension staatlicher Erinnerung ist zu unterschei- ten Abraham Lincoln. Für seine diesbezügliche
den von der Vergangenheitspolitik, die sich stär- Analyse hält Schwartz fest, dass die Zahl der Iko-
ker auf die politisch-rechtlicher Ebene im Um- nen, Denkmale, Plätze, die in Erinnerung an den
gang mit der Vergangenheit und deren legislative Bürgerkriegspräsidenten geschaffen wurden, seit
Voraussetzungen bezieht. In dieses Handlungs- 1950 relativ konstant geblieben ist, während sich
feld fallen z. B. Akte der Bestrafung, Amnestie- Vorstellungen und Überzeugungen von der Rolle
rung und Entschädigung, die insofern gewichtige Lincolns in der amerikanischen Geschichte dra-
Bestandteile der Erinnerungskultur einer Gesell- matisch verändert haben. Schwartz und Schu-
schaft darstellen, als durch diese immer be- man haben versucht, diese Erkenntnisse für Fra-
stimmte Deutungen der Vergangenheit sanktio- gebogenerhebungen zu operationalisieren, um
niert bzw. negiert werden. auf diesem Wege erinnerungskulturelle Objekti-
vationen stärker an gegenwärtige, individuelle
Aneignungsweisen anzukoppeln.
Desiderate und Ausblick
Es gilt aber nicht nur die Ergebnisse aus beiden
Dieses Handbuch selbst ist Ausdruck einer ge- Forschungsrichtungen zusammenzudenken, son-
genwärtigen Bestandsaufnahme und Neuformie- dern auch kulturelle Praktiken und Medien in
rung des Forschungsfeldes kollektiver Erinne- Hinblick auf ihre (sozial-)psychologische Wirk-
rung. Ob dieses Feld zukünftig den Oberbegriff samkeit zu untersuchen. Dabei geht es nicht um
›Cultural Memory Studies‹ oder ›Social Memory die unzulässige Psychologisierung kollektiver
Studies‹ tragen wird, oder ob beide Begriffe ko- Phänomene, sondern etwa um die psycholgische
92 II. Was ist Gedächtnis/Erinnerung?

Analyse von Emotionen im Film bzw. die emoti- Kommunikation nicht nur gefordert, sondern
onale Aneignung von Filmen. Dieses lange Zeit praktiziert wird: »Man kann sich nur unter der
von psychoanalytischen Ansätzen dominierte Bedingung erinnern, daß man den Platz der uns
Feld bietet gegenwärtig durch eine Neuausrich- interessierenden Ereignisse in den Bezugsrah-
tung auf Erkenntnisse der neurowissenschaftli- men des Kollektivgedächtnisses findet« (Halb-
chen Gedächtnisforschung neue Perspektiven wachs 1985, 361).
und Anknüpfungspunkte.
Für die Auseinandersetzung mit dem kommu- Literatur
nikativen Gedächtnis ist sicherlich eine neue Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erin-
Ebene der Tradierungsforschung notwendig (s. nerung und politische Identität in frühen Hochkultu-
ren [1992]. München 62007.
Kap. IV.6). Bisherige Studien waren stark auf
Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskul-
identitätskonkrete Kommunikationen ausgerich- turen. Eine Einführung. Stuttgart/Weimar 2005.
tet (wie lebensgeschichtliche Erzählungen oder – /Nünning, Ansgar (Hg.): Cultural Memory Studies.
Familiengespräche). Hier gilt es Verfahren zu An International and Interdisciplinary Handbook.
entwickeln, die die Aneignung von Medien des Berlin/New York 2008.
alltagsweltlichen Gedächtnisses (Talkshows, Zei- Halbwachs, Maurice: Das Gedächtnis und seine sozialen
tungsberichte, Internet etc.) stärker transparent Bedingungen. Frankfurt a. M. 1985 (frz. 1925).
–: Das kollektive Gedächtnis. Frankfurt a. M. 1991 (frz.
machen, ohne dabei gleichzeitig die kollektiven 1950).
Bezugsrahmen wieder aus den Augen zu verlie- Jureit, Ulrike: Erinnerungsmuster. Zur Methodik lebens-
ren. Die interpersonale Ebene bezieht sich dabei geschichtlicher Interviews mit Überlebenden der Kon-
nicht allein auf die imaginierten Gesprächspart- zentrations- und Vernichtungslager. Hamburg 1999.
ner bzw. ›imagined communities‹, die die indivi- Keppler, Angela: Tischgespräche. Über Formen kommu-
duelle Aneignung und Rekonstruktion so nach- nikativer Vergemeinschaftung am Beispiel der Konver-
sation in Familien. Frankfurt a. M. 1994.
haltig prägen. Forscher und Forschungskontexte
Koselleck, Reinhart: Gebrochene Erinnerung? Deut-
bilden einen bedeutsamen, in der Regel nicht ex- sche und polnische Vergangenheit. In: Deutsche Aka-
plizierten Rahmen, der für die Analyse und das demie für Sprache und Dichtung, Jahrbuch 2000. Göt-
Verständnis der Rekonstruktionsprozesse er- tingen 2001, 19–32.
schlossen werden sollte. Moller, Sabine: Vielfache Vergangenheit. Öffentliche Er-
Die für die interdisziplinäre Gedächtnisfor- innerungskulturen und Familienerinnerungen an die
NS-Zeit in Ostdeutschland. Tübingen 2003.
schung zunehmend als Hauptherausforderung
Niethammer, Lutz (Hg.). Lebenserfahrung und kollekti-
apostrophierte Wirkungs- und Rezeptionsfor- ves Gedächtnis. Die Praxis der Oral History. Frankfurt
schung lässt sich vermutlich erst dann erfolgreich a. M. 1985.
bewältigen, wenn nicht allein diejenigen zusam- – /von Plato, Alexander/Wierling, Dorothee: Die volks-
mengebracht werden, die sich der Schlüsselkate- eigene Erfahrung. Eine Archäologie des Lebens in der
gorie der Gedächtnisforschung verpflichtet füh- Industrieprovinz der DDR. Berlin 1991.
len, sondern auch der Austausch mit jenen Dis- Olick, Jeffrey K.: Collective Memory. The Two Cultures.
In: Sociological Theory 17 (1999), 333–348.
ziplinen intensiviert wird, die sich traditionell Schuman, Howard/Scott, Jacqueline: Generations and
mit Medien und Lernprozessen beschäftigen, die Collective Memory. In: American Sociological Review
sich aber nicht als Erinnerungsforscher definie- 54. Jg. (1989), 359–381.
ren. Die Frage etwa, wie Filme angeeignet und er- Schwartz, Barry/Schuman, Howard: History, Comme-
innert werden, ist so alt wie der Film selbst und moration, and Belief: Abraham Lincoln in American
wurde bereits zu Zeiten des Stummfilms in Hin- Memory 1945–2001. In: American Sociological Re-
view 70. Jg., 2 (2005), 183–203.
blick auf dessen Nutzbarkeit für organisierte Welzer, Harald/Moller, Sabine/Tschuggnall, Karoline:
Lernprozesse empirisch erforscht. Diese For- »Opa war kein Nazi«. Nationalsozialismus und Holo-
schungsansätze werden nur dann nicht in Ver- caust im Familiengedächtnis [2002]. Frankfurt a. M.
gessenheit geraten und für die Erinnerungsfor- 6
2002.
schung nutzbar sein, wenn interdisziplinäre Sabine Moller
93

3. Das kulturelle Gedächtnis chen archivarischen Medien, symbolischen For-


men und Praktiken externalisiert sind und so
Nur wenige Themen haben während der letzten selbst objektivierte Formen der Kultur werden.
zwei Jahrzehnte in Wissenschaft, Öffentlichkeit Diese Arbeitsdefinition beruht weitgehend auf
und den Medien gleichermaßen Aufmerksamkeit den Beiträgen von Jan und Aleida Assmann, die
auf sich gezogen wie der Begriff des kulturellen als Begründer des Begriffs des kulturellen Ge-
Gedächtnisses. Bemerkenswert an der gegenwär- dächtnisses angesehen werden können. Zu Be-
tigen Popularisierung des Gedächtnisses ist, dass ginn der frühen 1980er Jahre erweiterten sie die
der Gedächtnis-Boom selbst zum Teil des kultu- einflussreichen Beiträge von Maurice Halbwachs,
rellen Gedächtnisses des späten 20. und frühen indem sie das kulturelle Gedächtnis als eine Me-
21. Jahrhunderts wird. Ungeachtet der Populari- takategorie bezeichneten, welche sowohl das
tät, oder vielleicht gerade deshalb, bleibt der Be- kommunikative wie das kollektive Gedächtnis
griff des kulturellen Gedächtnisses eher ungenau. umfasst. In einem grundlegenden Beitrag von
Wie aber der akademische Imperativ der Pro- 1988 definierte Jan Assmann das kulturelle Ge-
duktdifferenzierung verlangt, ist es genau diese dächtnis als »Sammelbegriff für alles Wissen, das
Unbestimmtheit des Begriffes des kulturellen Ge- im spezifischen Interaktionsrahmen einer Gesell-
dächtnisses, die eine Vielzahl von Disziplinen aus schaft Handeln und Erleben steuert und von Ge-
Sozialwissenschaft, den Geisteswissenschaften neration zu Generation zur wiederholten Ein-
und Neurowissenschaften angelockt hat. In eini- übung und Einweisung ansteht« (Assmann 1988,
gen Fällen bezieht sich das kulturelle Gedächtnis 9). Ein entscheidendes Merkmal des kulturellen
auf einen spezifischen Aspekt des Gedächtnisses Gedächtnisses ist, anders als bei anderen Formen
oder dient als eine übergreifende Kategorie, wäh- des Gedächtnisses (wie das kommunikative Ge-
rend er in den meisten anderen Fällen synonym dächtnis in Gruppen oder Familien), dass es des-
mit dem gleichermaßen mehrdeutigen Begriff sen Träger überlebt, da es in externalisierten Er-
des kollektiven Gedächtnisses gebraucht wird innerungen verankert ist. Im Gegensatz zum
(s. Kap. II.2). Ungeachtet der Unterschiede und ›kommunikativen Gedächtnis‹ (s. Kap. II.4), wel-
Kontroversen ist den meisten dieser Definitionen ches alltagsnah verfasst ist, zeichnet sich das kul-
die Neuordnung von Zeitlichkeiten gemeinsam. turelle Gedächtnis durch seine Alltagsferne aus.
Diese drehen sich häufig um eine präsentische Basierend auf Ritualen, materieller Kultur und
Bestimmung der Vergangenheit, die einem kol- wiederholten Bildern dient das kulturelle Ge-
lektiven Selbstverständnis dient. Dabei bevorzu- dächtnis als Grundlage für kollektives Selbstver-
gen sie typischerweise die Nation, schenken ihre ständnis. Übertragen auf institutionalisierte For-
Aufmerksamkeit aber auch zunehmend subnati- men der Sozialisation ist das kulturelle Gedächt-
onalen Analysekategorien wie beispielsweise eth- nis eng verbunden mit bestimmten Identitäten
nischen Minderheiten, dem Geschlecht oder an- und bedarf ideologischer Arbeit, um die wider-
deren Gruppen mit entgegengesetzten Erinne- sprüchliche und willkürliche Natur von Erinne-
rungsagenden. Trotz der fortdauernden kleinen rungen in eine stabile Form zu transformieren.
Unterschiede (oder des Narzissmus hinsichtlich Mit anderen Worten, das kulturelle Gedächtnis
dieser Unterschiede) stimmen die meisten Stu- wird in der Kultur objektiviert. Als solches ist es
dien den allgemeinen Merkmalen des kulturellen verkörpert, teilnehmend und im Wesentlichen
Gedächtnisses, wie sie in diesem Handbuch dar- eine Realisierung von Zugehörigkeit.
gestellt werden, zu: Es wird üblicherweise als in- Die Dauerhaftigkeit des kulturellen Gedächt-
tentionale, äußerst organisierte und größtenteils nisses beruht auf externen Medien und Instituti-
institutionalisierte mnemonische Manifestation onen, in die Erinnerungen und Wissen einge-
angesehen. Des weiteren dient es als eine Res- schrieben werden (z. B. Archive, Museen, Biblio-
source bzw. Quelle für die Gruppenidentität, die theken, s. Kap. III.6 und 7). Um diese Art der
auf Erinnerungen vertraut, die in unterschiedli- Erinnerung, welche einzelne Erfahrungen über-
94 II. Was ist Gedächtnis/Erinnerung?

schreitet, als generationsübergreifende langzei- punkt im größten Erinnerungsspeicher aller Zei-


tige Erinnerung aufrecht zu erhalten, bedarf es ten, dem Internet. Wohl ist das Medium die Mit-
äußerst institutionalisierter Aufbewahrungsorte. teilung selbst, aber mit der Verbreitung von
Nach Jan Assmann existiert das kulturelle Ge- Erinnerungstechniken und Websites gibt es nicht
dächtnis in zwei Modi: »einmal im Modus der nur eine Pluralisierung der Mitteilungen, son-
Potentialität als Archiv, als Totalhorizont ange- dern auch eine allumfassende Beschleunigung
sammelter Texte, Bilder, Handlungsmuster, und der Erinnerung was eine Differenzierung des kul-
zum zweiten im Modus der Aktualität, als der turellen Gedächtnisses nahelegt (s. Kap. III.15).
von einer jeweiligen Gegenwart aus aktualisierte Mit anderen Worten, Veränderungen in der
und perspektivierte Bestand an objektiviertem Kommunikation haben sowohl kognitive als auch
Sinn« (Assmann 1988, 13). Aleida Assmann politische Auswirkungen für die Fassungskraft
(2009) hat die Modalitäten, mit denen das Spei- des kulturellen Gedächtnisses. Schon Walter Ben-
chergedächtnis operiert, adressiert, indem sie die jamin beklagte, dass Erinnerungen, die durch die
eng verschlungene Beziehung zum Funktionsge- Kunst des Geschichtenerzählens übermittelt wur-
dächtnis für den Gruppenzusammenhang ausge- den, mit einer neuen Form der Kommunikation
arbeitet hat. Das archivarische Gedächtnis verän- ersetzt wurden – nämlich der Information. Diese
dert sich ständig, indem einige Objekte aktiv zir- Entwicklung hallt auch in den jüngsten Beiträgen
kuliert werden, so dass ein Kanon hergestellt über den Einfluss des digitalen Zeitalters auf das
wird, im Gegensatz zu denjenigen Erinnerungen, kulturelle Gedächtnis wider, wenn nämlich die
die im Archiv abgespeichert werden. Metaphern Erweiterung der externen Speicherkapazitäten,
wie ›Spuren‹ und ›Mitteilungen‹ komplementie- das heißt die Gedächtnisarchive, die menschli-
ren diese Unterscheidung. Der wesentliche Punkt chen Kapazitäten des Erinnerns übersteigen. Es
dieser Typologie ist, dass ihre sich ändernde Be- ist jedoch nicht nur die McLuhansche Qualität
ziehung, abhängig vom Zusammenspiel histori- dieser formalen Veränderungen, die Aufschluss
scher Zufälligkeiten und kommunikativen Mus- über die Wechselfälle des kulturellen Gedächtnis-
tern, die Konturen des kulturellen Gedächtnisses ses gibt. Noch sind die Probleme, die entschei-
umschreibt. denden Merkmale des kulturellen Gedächtnisses
Angesichts der Verbreitung von Gedächtnis- zu spezifizieren, lediglich eine Funktion der ana-
speichern und der begrenzten Kapazität des lytischen Trennung von anderen Formen des Ge-
menschlichen Gedächtnisses beobachten wir eine dächtnisses, insbesondere die veränderte Bezie-
zunehmende Externalisierung des Gedächtnisses hung zum kommunikativen Gedächtnis.
und somit einen Trend hin zu der Notwendigkeit
eines vergessenden und selektiven Gebrauchs
Die Historisierung des
von archivierten Erinnerungen. Infolgedessen ist
kulturellen Gedächtnisses und
es wichtig zu erkennen, ohne einem gewissen
seine charakteristischen Träger
technologischen Determinismus zu unterliegen,
dass das Medium selbst die Formen, die das kul- Es ist eher so, dass Komplexität und Multivalenz
turelle Gedächtnis annehmen kann, prägt. Die des kulturellen Gedächtnisses mit unterschiedli-
Entstehung mnemonischer Medien deutet auf chen epochalen Manifestationen (z. B. imperial,
eine grundsätzliche Veränderung von mündli- national, global) verbunden sind, welche durch
cher zu schriftlicher Übertragung hin. Letztere verschiedene historische Erfahrungen (z. B. die
bewegt sich schrittweise von einfachen Formen Nähe einer Generation zu einem bestimmten Er-
der Aufnahme zu komplexeren Indices, welche eignis) vermittelt werden, durch uneinheitliche
Skripte, Karteikarten und mechanische Graphen historische Entwicklungen (z. B. mehrfache,
sowie elektronische Methoden der Übermittlung gleichzeitige Modernen) und gleichzeitig pfadab-
umfassen. Neuere Entwicklungen von Erinne- hängige Zweckmäßigkeiten (z. B. landesspezifi-
rungstechniken finden ihren bisherigen Höhe- sche und kulturell bedingte Positionen gegenüber
3. Das kulturelle Gedächtnis 95

bestimmten Vergangenheiten). Um zu verstehen, Gruppenspezifisches Gedächtnis


wie die Balance dieser Faktoren die Transforma-
tion des kulturellen Gedächtnisses durchdringt, Die erste betrifft die spezifischen Merkmale der
tritt ein methodologischer Gestaltwechsel ein. mnemonischen Bezugsgruppe. »Religiöse, politi-
Sowohl die Salienz als auch die Geschmeidigkeit sche, wirtschaftliche Gesellschaften, Familien,
des kulturellen Gedächtnisses werden am besten Freundes- und Bekanntengruppen und selbst
mit dem mnemo-historischen Ansatz bemessen. ephemere Versammlungen in einem Salon, in ei-
In Übereinstimmung mit Jan Assmann (1998) nem Zuschauerraum, auf der Straße lassen die
geht es in der Erinnerungsforschung nicht um Zeit auf ihre Weise stillstehen oder ihre Mitglie-
eine Erforschung der Vergangenheit per se, son- der der Illusion erliegen, dass zumindest wäh-
dern eher darum, wie eine bestimmte Vergangen- rend einer bestimmten Zeitspanne in einer Welt,
heit erinnert wird. Die Vergangenheit ist hier die sich unaufhörlich wandelt, bestimmte Zonen
nicht nur abhängig von der Art der je gegenwär- eine relative Stabilität und ein relatives Gleichge-
tigen Instrumentalisierung – Geschichte dient wicht erworben haben, und dass sich in ihnen
den Zweckmäßigkeiten der Tagespolitik –, son- während einer mehr oder minder langen Periode
dern die Vergangenheit als solche wird durch die nichts grundlegendes geändert hat« (Halbwachs
Gegenwart erfunden, geformt und rekonstruiert. 1991, 125). Ein offensichtlicher, jedoch manch-
Wie Geschichte erinnert wird (und infolgedessen mal vernachlässigter Aspekt ist, dass Erinne-
mit der Zeit verzerrt wird) tritt als wichtigster Fo- rungspraktiken durch spezielle Gruppenmerk-
kus unseres analytischen Vorhabens hervor. Jan male und charakteristische Dispositionen gegen-
Assmann betont, dass das Wichtige nicht so sehr über bestimmten Vergangenheiten und Vergan-
die Faktizität der Erinnerung ist, sondern die Ak- genem im Allgemeinen vermittelt wird. Die
tualität. Aufmerksamkeit für diese Art der kulturellen Va-
Indem die Manifestationen des kulturellen Ge- lidierung, die bestimmte Gruppen temporären
dächtnisses als ein zufälliges Phänomen histori- Phänomenen selbst zuschreiben, wie beispiels-
siert werden, können wir gleichzeitig die Gründe weise dem Fortschritt, Wandel, der Innovation
für bestimmte Erinnerungskulturen verdeutli- oder Erinnerung ist demzufolge unverzichtbar.
chen und die Spezifität des kulturellen Gedächt- Die Frage nach der Größe der mnemonischen
nisses begreifen. Dieser prozessorientierte Ansatz Bezugsgruppe (z. B. generationell, familiär, eth-
zum kulturellen Gedächtnis legt nahe, dass »Ge- nisch, religiös, national etc.) bleibt. Claude Lévi-
dächtnis nicht einfach die Speicherung vergange- Strauss beispielsweise unterscheidet zwischen
ner Fakten [ist], sondern die fortlaufende Arbeit heißen und kalten Gesellschaften. Kalte Gesell-
rekonstruktiver Imagination. Die Vergangenheit, schaften sind durch ihr Verlangen gekennzeich-
mit anderen Worten, lässt sich nicht speichern, net »auf gleichsam automatische Weise die Wir-
sondern muss immerfort angeeignet und vermit- kung zu annulieren, die die historischen Faktoren
telt werden. Diese Vermittlung hängt ab von den auf ihr Gleichgewicht und ihre Kontinuität haben
Sinnbedürfnissen und Sinnrahmen eines gegebe- könnten« (Lévi-Strauss 2008, 270). Im Gegensatz
nen Individuums oder einer Gruppe innerhalb dazu interiorisieren heiße Gesellschaften »das
einer gegebenen Gegenwart« (Assmann 1998, historische Werden, um es zum Motor ihrer Ent-
34). Die Geschmeidigkeit und Zufälligkeit sind wicklung zu machen« (ebd.). Patrick Hutton
so zwei entscheidende Dimensionen des oben er- (1993) schlägt eine ähnliche konzeptionelle Paa-
wähnten Zusammenhangs von epochalen und rung vor, die sich darauf bezieht, wie sich die
technologischen Entwicklungen und den dazu- mnemonische Gemeinschaft etabliert, und argu-
gehörigen kulturellen Pfadabhängigkeiten. Im mentiert, dass die Geschichte selbst das Aufein-
Folgenden werden drei konzeptionelle Überle- andertreffen von zwei Momenten der Erinnerung
gungen, die ein mnemo-historischer Ansatz in durch Wiederholung und Rückbesinnung ver-
Betracht ziehen muss, kurz vorgestellt. mittelt: Ersteres bezieht sich auf tiefe, kulturelle
96 II. Was ist Gedächtnis/Erinnerung?

Strukturen der Vergangenheit, welche unser ge- tion nach ein gewisses Maß an Abstraktion benö-
genwärtiges Verständnis fortlaufend unreflektiert tigt. Man kann von vermitteltem Vergessen spre-
informieren, letzteres bezieht sich auf unsere be- chen. Darüber hinaus ist die Immanenz dieser
wussten Versuche, die Vergangenheit in Verbin- Dynamik und die Signifikanz, die die Vergangen-
dung mit gegenwärtigen Bedürfnissen abzurufen. heit für eine Gruppe hat, nicht nur das Produkt
Mit dem Emporkommen des Nationalstaats und der historischen Relevanz und der geographi-
dessen globaler Diffusion werden heiße Gesell- schen Nähe, sondern auch das Ergebnis der tem-
schaften, die Wiederholung und Rückbesinnung porären Distanz zu den Ereignissen, die erinnert
miteinander verschmelzen, zu einem weit ver- werden. Dieser notwendige Übergang entspricht
breiteten Phänomen. dem Argument des unvermeidlichen Wandels
Die intensive Beschäftigung mit der Vergan- vom Konkreten zum Abstrakten. Das kulturelle
genheit selbst zeigt jedoch nicht, wie sich Gesell- Gedächtnis wandelt Geschichte in Narrative und
schaften ihrer Geschichte annähern. Man könnte verlagert die Aufmerksamkeit von empirischer
zum Beispiel argumentieren, dass Gesellschaften, (das heißt spezifischer) Geschichte hin zu erin-
die heiße Erinnerungen entfalten, nicht weniger nerter Geschichte (das heißt diejenige, die durch
geneigt sind, die Vergangenheit zu annullieren, Ritualisierung und andere Formen der Repräsen-
um Ausgleiche und Kontinuitäten zu errichten, tation produziert wird).
als diejenigen, die dazu neigen, den Bezug zum
Vergangenen zu minimieren. Dieser Ansicht fol-
Ungleichzeitigkeit
gend dient das kulturelle Gedächtnis dem Zweck
der Institutionalisierung von Erinnerungen einer Von Bedeutung für die Gedächtnisforschung ist
bestimmten historischen Vergangenheit, um kon- ein zweiter Aspekt, der sich mit der Frage be-
kurrierende Erzählungen zusammenzufassen. Es schäftigt, wie verschiedene Kulturen die Vergan-
geht hier nicht darum, diese Versuche der Nicht- genheit auf bestimmte Art und Weise verstehen,
beachtung als ein Gegenmittel für Erinnerung zu und bezieht sich auf Fragen der Ungleichzeitig-
betrachten. Das kulturelle Gedächtnis beinhaltet keit. In der akademischen Debatte ist zu be-
eher das Vergessen, da seine Fähigkeit, Massen- obachten, dass die zumeist westliche Konzeption
identifikation zu mobilisieren und konstituieren, des kulturellen Gedächtnisses bevorzugt wird.
größtenteils auf einem Prozess der Entkontextua- Wohl ist die Beschäftigung mit dem Gedächtnis
lisierung basiert, was wiederum einen Wechsel ein europäisches Phänomen, welches in den
von konkreten Erinnerungen hin zu abstrakter 1980er Jahren expandiert, und weitgehend durch
Erinnerung erfordert. Das heißt einen Schritt die verzögerte Reaktion auf die Gräueltaten des
weg von der konkreten (und spezifischen) Erfah- Zweiten Weltkrieges im Allgemeinen und des
rung hin zu einer abstrakteren (und universellen) Holocausts im Besonderen angetrieben wurde
Mitteilung. Dementsprechend können wir einen (Levy/Sznaider 2001). Nichtsdestoweniger be-
Wandel beobachten, der aus der Institutionalisie- steht die Notwendigkeit, den Begriff des kulturel-
rung des Gedächtnisses auf Kosten der Erinne- len Gedächtnisses zu entprovinzialisieren, da die-
rung besteht. Diese Unterscheidung zwischen ser regelmäßig in einer idealisierten Sequenz der
Gedächtnis und Erinnerung ist kein Zufall. Noch Moderne seinen Platz findet, welche unter ande-
kann dies auf die sogenannte Instrumentalisie- rem durch die Beziehung zur Vergangenheit und
rung von Erinnerungen reduziert werden. Das zur Tradition charakterisiert ist: sei es Ferdinand
kulturelle Gedächtnis schwankt zwischen dem Tönnies’ berühmte Unterscheidung von Gemein-
Konkreten und dem Abstrakten, und die ange- schaft und Gesellschaft oder eher konstruktivis-
deutete Entkontextualisierung wohnt dem Hand- tisch wie die »erfundene Tradition« von Eric
lungsablauf inne, von dem Erinnerungen ihre ri- Hobsbawm und Terrence Ranger. Ganz zu
tualisierte Stärke ableiten. Die Ritualisierung Schweigen von den linearen Annahmen, welche
hängt von der Vermittlung ab, welche der Defini- die sozialen und politischen Modernisierungs-
3. Das kulturelle Gedächtnis 97

theorien schon lange beeinflusst haben. Mit an- den gegenwärtigen Verhaltenspraktiken verein-
deren Worten, der Großteil der Literatur zum bar sind.
Gedächtnis arbeitet mit einer Konzeption der
Moderne, die eine bestimmte Universalität fest-
Zeitdiagnose und epochales Gedächtnis
schreibt und damit die partikularen Bedingun-
gen, durch die Erinnerungskulturen geformt Demgemäß betrifft die dritte konzeptionelle
werden, aus den Augen verliert. Sie teilen eine Überlegung eines mnemo-historischen Ansatzes
Neigung hin zu einer Moderne, die wenig empi- die epochalen Merkmale des kulturellen Ge-
rischen, geschweige denn, konzeptionellen Spiel- dächtnisses, die sich zwischen lokalen Bedingun-
raum für die Existenz von Ungleichzeitigkeiten gen und globalen Strömungen befinden. Welche
lässt. Statt eine Sicht des kulturellen Gedächtnis- mnemonischen Praktiken und die dazugehöri-
ses abzubilden, welche eine bestimmte Sequenz gen kulturellen Gedächtnisse überwiegen und
von Zeitlichkeiten voraussetzt, müssen wir un- kennzeichnen eine bestimmte Epoche und/oder
sere Aufmerksamkeit auf die unterschiedlichen Kultur? Das kulturelle Gedächtnis ist kein zeitlo-
Beziehungen, in denen sich die zeitliche Triade ses Phänomen, sondern eines, das eng mit den
von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bestimmten kulturellen Merkmalen einer jeweili-
selbst manifestiert, lenken. gen Periode verknüpft ist. Die Renaissance und
Sich der Aufmerksamkeit für asynchronische insbesondere das 18. Jahrhundert werden weitge-
Merkmale der Ungleichzeitigkeit zu verpflichten, hend als der bewusste Anfangspunkt des kultu-
ist keine Frage von Kulturrelativismus sondern rellen Gedächtnisses angesehen. Während des
analytischer Pragmatismus. »What engenders größten Teils des 20. Jahrhunderts wurde das kul-
noncontemporeaneity is the advance of moder- turelle Gedächtnis als hegemoniales Streben des
nity itself, and the more rapidly the modern Nationalstaates nach dem Schmieden eines verei-
replaces the pre-modern, or the late modern re- nigten und vereinigenden Narrativs von der und
places the early modern, the more sizable für die Vergangenheit angesehen. Was passiert
amounts of noncontemporaneity get produced« mit der Zentralität des nationalen kulturellen Ge-
(Gross 2000, 142). Der enge Zusammenhang von dächtnisses, wenn ›periphere‹ oder ›marginale‹
verschiedenen historischen Erfahrungen und spe- Vergangenheiten das Zentrum durchdringen und
ziellen Gruppenorientierungen umschreibt Art legitime Aufmerksamkeit fordern? Während das
und Weise des kulturellen Gedächtnisses. David nationalstaatliche Gedächtnis ein bewusstes top-
Gross (ebd., 142 ff.) beschreibt drei Arten der down Bemühen darstellt, signalisieren das späte
zeitlichen Neuausrichtung: Zunächst die absolute 20. und frühe 21. Jahrhundert einen selbst-refle-
Ungleichzeitigkeit, die sich auf eine Vergangen- xiven Wendepunkt für die Artikulation des kul-
heit bezieht, die ausgelöscht worden ist. Diese turellen Gedächtnisses.
stellt eine verlorene Vergangenheit dar, von der Nichtsdestoweniger bleibt die Literatur zum
wir Fragmente besitzen, die in Museen aufbe- kulturellen Gedächtnis weitgehend dem Modell
wahrt werden und archäologischen Spekulatio- des Nationalstaats verschrieben. Die meisten so-
nen unterliegen, die jedoch keinen Einfluss auf ziologischen Ansätze sind beispielsweise weiter-
die gegenwärtige Erfahrung hat. Dann gibt es die hin von einem festgelegten Verständnis des Nati-
relative Ungleichzeitigkeit, welches eine Zeit ist, onalstaates durchdrungen, eine Konzeption, die
die ebenfalls vergangen ist, jedoch einige Spuren auf die Geburtsstunde der Soziologie inmitten
zurückgelassen hat, die noch immer hervorgeru- der Formierung der Nationalstaaten im 19. Jahr-
fen werden können (z. B. altmodische Benimm- hundert zurückgeht. Die territoriale Konzeption
regeln oder Ehrvorstellungen). Zuletzt spricht er einer nationalen Kultur – die Idee einer Kultur als
von der andauernden Ungleichzeitigkeit, die ab- ›verwurzelt‹ – war ironischerweise selbst eine Re-
solute Gedanken und Handlungsweisen aus der aktion auf die enormen Veränderungen im Zuge
Vergangenheit adressiert, die eindeutig nicht mit der Jahrhundertwende. Es war der bewusste Ver-
98 II. Was ist Gedächtnis/Erinnerung?

such, eine Lösung für das ›Entwurzeln‹ der lo- Ergebnis ist dabei immer unterschiedlich. Glo-
kalen Kulturen zu finden, das die Formierung bale und lokale (das heißt spezifisch kulturelle)
von Nationalstaaten notwendigerweise mit sich Werte konstituieren sich wechselseitig. Es kann
brachte. Die Soziologie verstand diese neuen nur durch historische Analysen gezeigt werden,
Symbole und gemeinsamen Werte, die vor allem wo genau wir die konzeptionellen und empiri-
durch die Konsolidierung des kulturellen Ge- schen Grenzen des Lokalen (z. B. des Nationalen,
dächtnisses vermittelt wurden, indem Verbin- Regionalen) ziehen können.
dungen zu grundlegenden Vergangenheiten eta-
bliert wurden, als ein Mittel zur Integration in
Fragmentierung und Pluralisierung des
eine neue Einheit. Der Erfolg dieser Perspektive
kulturellen Gedächtnisses
kann darin gesehen werden, dass man den Natio-
nalstaat nicht länger als Projekt und Konstrukt Die Formation des kosmopolitischen Gedächt-
ansieht, sondern als etwas Natürliches. nisses schließt die nationale Perspektive nicht
Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, aus, sondern übersetzt die nationale Identität in
dass globale Interdependenzen mnemonische eine von mehreren Optionen einer kollektiven
Praktiken transformieren, indem sie ›nationale Identifikation. In diesem Sinne sollte eine verall-
Zeit/Vergangenheit‹ als affirmative und umstrit- gemeinernde Kritik eines methodologischen Na-
tene Ressourcen umgestalten. Zu Beginn des 21. tionalismus nicht als Widerspruch zu der oben
Jahrhunderts wird das flächendeckende Ver- genannten Verpflichtung, sich den kulturell-spe-
ständnis von Kultur durch die Entkopplung von zifischen Dimensionen der Praktiken des kultu-
Nation und Staat im Rahmen des entstehenden rellen Gedächtnisses zu widmen, verstanden wer-
kosmopolitischen Gedächtnisses herausgefordert den. Die kosmopolitische Wende regt eher dazu
(Levy/Sznaider 2001). Kosmopolitische Gedächt- an, bestimmte Orientierungen gegenüber der
nisse beziehen sich auf einen Prozess, der die Vergangenheit vor dem Hintergrund der globa-
Aufmerksamkeit vom Rahmenwerk des territori- len Gedächtnislandschaft neu zu bewerten. Das
alen Nationalstaates, welches üblicherweise mit bedeutet nicht, dass das kulturelle Gedächtnis
dem Begriff des kulturellen Gedächtnisses asso- nicht mehr innerhalb des Nationalstaates artiku-
ziiert wird, in eine andere Richtung lenkt. Statt liert werden kann, jedoch verfehlen die Fix-
eine Kongruenz von Nation, Territorium und punkte, die die politisch-kulturellen Bestrebun-
Staatsorganisation vorauszusetzen, basieren kos- gen des europäischen Nationalstaates reflek-
mopolitische Gedächtnisse auf nationenübergrei- tieren, genau die Art der formenden und
fenden Ausdrucksweisen, tragen auch zu diesen hegemonialen Macht, die diese während des 19.
bei und überschreiten dabei territoriale und lin- Jahrhunderts der Nationalstaatsformierung und
guistische Grenzen. Der ›nationale Container‹ ihrer Konsolidierung während der ersten Hälfte
wird langsam geknackt, was nicht das Auslöschen des 20. Jahrhunderts genossen haben. Stattdessen
von nationalen oder ethnischen Gedächtnissen beobachten wir eine Pluralisierung des kulturel-
impliziert, sondern eher deren Transformation. len Gedächtnisses, sowohl in empirischer Hin-
Sie existieren weiterhin, aber Globalisierungspro- sicht als auch mit Blick auf dessen normative Va-
zesse bedeuten auch, dass unterschiedliche natio- lidierung, was den Weg für eine Fragmentierung
nale Gedächtnisse einer gemeinsamen Struktu- des kulturellen Gedächtnisses, welches nicht län-
rierung unterworfen sind. Das kulturelle Ge- ger dem Nationalstaat exklusiv vorbehalten ist,
dächtnis beginnt sich gemäß der gemeinsamen geebnet hat. Die interpretative Schlüsselfrage ist
Rhythmen und Periodisierungen zu entwickeln hier die Transition vom heroischen Nationalstaat
und kombiniert dabei bereits vorhandene Ele- zu einer Form von Staatlichkeit, die interne und
mente zu einer neuen Form. Das neue, globale externe Legitimität durch die Unterstützung von
Narrativ muss jeweils mit den alten, nationalen skeptischen Narrativen etabliert und dabei die
Narrativen zusammengeführt werden und das Art der grundlegenden, quasi-mythischen Ver-
3. Das kulturelle Gedächtnis 99

gangenheiten herausfordert, die zuvor als genera- hin zu einem ungleichzeitigen und fragmentier-
tionsübergreifende Fixpunkte gewirkt haben. ten kulturellen Gedächtnis.
Diese post-heroischen Manifestationen der Staat-
lichkeit basieren auf einem kritischen Umgang
Private und öffentliche Vermittlungsebenen
mit vergangenen Ungerechtigkeiten, die sich un-
ter anderem in der Verbreitung von historischen Die Analyse des kulturellen Gedächtnisses ver-
Kommissionen und der aktiven Rolle, die Men- bleibt in synchronen und diachronen Imperati-
schenrechtsorganisationen in der öffentlichen ven, die die wandelnden Vermittlungsebenen von
Debatte einnehmen, zeigt. privater und öffentlicher Erinnerung begrenzen,
Diese Transformation des kulturellen Ge- was größtenteils ein unzureichend analysiertes
dächtnisses bezieht sich auf die Fragmentierung Verhältnis darstellt. Es muss an dieser Stelle wie-
von Erinnerungen und deren jeweilige Privatisie- derholt werden, dass die Trennung des öffentlich-
rung, ein Prozess, der sich selbst in der wandeln- kulturellen und privat-kommunikativen Ge-
den Beziehung von Gedächtnis und Geschichte dächtnisses vor allem eine Trennung analytischer
manifestiert. Während der letzten zwei Dekaden Natur ist. Während die analytische Trennung of-
konnten wir die Entstehung der Erinnerungsge- fensichtlich ein notwendiges Instrument ist, um
schichte beobachten (Diner 2003). Der Unter- zwischen spezifischen Erinnerungspraktiken un-
schied zu konventionellen historischen Narrati- terscheiden zu können, werfen die Unterschei-
ven ist durchaus aufschlussreich. Geschichte ist dungen selbst eine Reihe von kritischen Fragen
eine detaillierte Idee einer zeitlichen Sequenz, die auf. Statt einen spezifischen Verbindungsmodus
eine gewisse Form der (nationalen) Entwicklung zwischen dem kommunikativen und dem kultu-
bildet. Erinnerung, auf der anderen Seite, stellt rellen Gedächtnis vorauszusetzen, müssen wir
die Koexistenz der gleichzeitig zeitüberschreiten- das Verhältnis selbst untersuchen. Welche Aus-
den Vielzahl von Vergangenheiten dar. (Natio- wirkung auf die Vermittlungsebenen dieser zwei
nale) Geschichte entspricht dem Telos der Mo- Modalitäten haben Veränderungen in Form und
dernität (als eine Art der säkularisierten bür- Inhalt von öffentlichen und privaten Erinnerun-
gerlichen Religion). Die Erinnerung löst diese gen? Und welche Implikationen haben diese ver-
Sequenz auf, was einen konstitutiven Teil der Ge- änderten Vermittlungsebenen für das Verstehen
schichte darstellt. ›Erinnerungsgeschichte‹ impli- des kulturellen Gedächtnisses?
ziert die Gleichzeitigkeit des Phänomens und ei- Harald Welzer und seine Mitarbeiterinnen
ner Vielzahl von Vergangenheiten. ›Erinnerungs- (2002) bieten einige aufschlussreiche Beobach-
geschichte‹ ist eine spezielle Form des kulturellen tungen zu diesem Verhältnis, indem sie das kul-
Gedächtnisses, welches sich von der durch den turelle Gedächtnis und dessen private Eignung
Staat unterstützten und den Staat unterstützen- als zwei voneinander abhängige Facetten begrei-
den nationalen Geschichte wegbewegt. Das zuvor fen. Sie bewerten diese Punkte der Vermittlungs-
angestrebte Monopol des Staates, kollektive Ver- ebene als kommunikative Situationen, in denen
gangenheit zu formen, ist der Fragmentierung politisch und kulturell auffällige Wahrnehmun-
der Erinnerung durch private, individuelle, wis- gen der Vergangenheit verhandelt werden. Das
senschaftliche, ethnische und religiöse Akteure kulturelle Gedächtnis wird verstanden als einer-
gewichen. Der Staat spielt selbstverständlich wei- seits ein wissensbasiertes öffentliches Lexikon
terhin eine wichtige Rolle im Hinblick darauf, (bestehend aus offizieller Geschichte, Archiven
wie wir Geschichte erinnern, aber er teilt dieses und habituell ritualisierten Erinnerungsprakti-
Feld der Sinnbildung nun mit einer Menge ande- ken) und andererseits der emotionalen Salienz
rer Spieler. Das zentrale Ergebnis, das von dieser des privaten Albums (bestehend aus emotionalen
kurzen Darstellung abgeleitet werden kann, ist und identitätsbezogenen Dimensionen). Dem-
der Wandel der Annahme homogener Zeiten und entsprechend gibt es einen Unterschied zwischen
eines hegemonialen kulturellen Gedächtnisses dem kognitiven Wissen über Geschichte und der
100 II. Was ist Gedächtnis/Erinnerung?

emotionalen Perzeption der Vergangenheit. Diese nicht nur berücksichtigen, dass es möglicherweise
Unterscheidung unterliegt dem Anspruch, dass umstrittene und sogar oppositionelle Lesarten
private Kommunikation (in Familien und klei- gibt, sondern dass eben dieser Kontext der Rezep-
nen, signifikanten Gruppen) sowohl ein Rah- tion (z. B. Familie, Schule, Peergroup) sowohl für
menwerk dafür darstellt, wie ein bestimmtes öf- Inhalt und Modus der Aneignung entscheidend
fentliches Lexikon angeeignet wird, als auch ist (vgl. Welzer u. a. 2008). Es gibt einen bemer-
gleichzeitig dafür, wie ein privates Album zusam- kenswerten Hinweis darauf, dass oftmals das, von
mengesetzt und erzählt wird. Während das Lexi- dem Eliten glauben, es sei Bestandteil der öffentli-
kon einen Wissensfundus darstellt, ist das Album chen Konversation, in der Tat großen Teilen der
Quelle für Identität und Sicherheit. Familien als Bevölkerung unbekannt ist. Dieser mnemonische
mnemonische Bezugsgruppe haben ein anderes ›Analphabetismus‹ setzt sich aus den bereits er-
historisches Bewusstsein, verschiedene Bilder der wähnten unterschiedlichen Arten zusammen, wie
Vergangenheit und andere Interpretationsmus- Erinnerungen aufgenommen werden, vor allem
ter, als wir von der vorherrschenden Symbolik hinsichtlich der Geschwindigkeit und Vergäng-
des dominanten kulturellen Gedächtnisses er- lichkeit des kulturellen Gedächtnisses im digita-
warten würden. Sogar dort, wo das Inventar des len Informationszeitalter.
Lexikons weitgehend bekannt ist, bleibt dessen Was größtenteils im Bereich der Memory Stu-
Rezeption größtenteils eine Funktion dafür, wie dies im Allgemeinen und in der Untersuchung
es seinen Nachhall in den narrativen Anforde- des kulturellen Gedächtnisses im Besonderen
rungen der Familiengeschichten und ihrer Not- fehlt, sind genaue methodologische Werkzeuge,
wendigkeit, kognitive Dissonanzen zu vermei- die die Aspekte der Rezeption untersuchen. An-
den, findet. Der Schlüsselmoment ist hier, dass gesichts der oben erwähnten semiotischen Über-
sich nicht nur ›öffentlich‹ und ›privat‹ wechsel- legenheit gibt es eine Trennung zwischen der ge-
seitig konstituieren, sondern dass die Punkte der setzten Bedeutung des kulturellen Gedächtnisses
Vermittlung selbst die Formation des kulturellen und dem historischen Bewusstsein derzeitiger
Gedächtnisses prägen. Kurz gesagt, die typologi- Kollektive. »This methodological problem is even
sche Unterscheidung zwischen ›öffentlich‹ und enhanced by the metaphorical use of psychologi-
›privat‹ hat analytische Vorzüge, aber der Grad cal and neurological terminology, which misrep-
der Vermittlungsebene muss historisch korrekt resents the social dynamics of collective memory
sein: insbesondere angesichts der Transformation as an effect and extension of individual, autobio-
von Öffentlichkeit und des Entstehens von indi- graphical memory« (Kansteiner 2002, 179). Mit
vidualisierteren Identitätspolitiken. Genauer ge- anderen Worten, die Strategien der Repräsenta-
sprochen können wir eine Pluralisierung be- tion sind nicht identisch mit den Fakten der Re-
obachten, die unter anderem von der Medialisie- zeption. Dies hat konzeptionelle und methodolo-
rung und Privatisierung angetrieben wird. gische Konsequenzen für die empirische Erfor-
schung des kulturellen Gedächtnisses. Kansteiner
z. B. schlägt vor, die Repräsentation und Rezep-
Ausblick und Desiderata
tion zu verbinden, indem der Komplexität der
Eine wesentliche methodologische Lücke in der kulturellen Produktion und des Konsums mehr
Analyse des kulturellen Gedächtnisses bezieht Aufmerksamkeit geschenkt wird, da diese von
sich auf die implizite Idee, dass es eine Dominanz den pfadabhängigen Zufälligkeiten von Traditio-
bestimmter Repräsentationen gibt, während es nen und eigennützigen Konsummustern um-
aber tatsächlich so ist, dass was, wie und von wem schrieben werden. Um dies zu erreichen, schlägt
erinnert wird, eine Frage der Verhandlung ist. Im er die Übernahme von Methoden aus den Kom-
Gegensatz zu vielen Studien, die dazu neigen, die munikationswissenschaften vor, die die Medien-
dominante Lesart des offiziellen kulturellen Ge- rezeption schon lange untersuchen. Es handelt
dächtnisses als gegeben anzusehen, sollten wir sich dabei nicht nur um eine Forschungslücke,
3. Das kulturelle Gedächtnis 101

sondern es ist auch aufgrund der oben erwähnten dächtnis der zeitgenössischen west-europäischen
Transformationen im kulturellen Gedächtnis – Staaten durch die Auseinandersetzung um solche
und hier vor allem Fragmentierung und Plurali- Fixpunkte gekennzeichnet. Was wäre der Fix-
sierung, welche durch technologische Verände- punkt des Gedächtnisses in Deutschland? Kön-
rungen aufrechterhalten werden – notwendig, nen wir von einem Fixpunkt des deutschen kul-
diese Studien in den Vordergrund zu stellen. turellen Gedächtnisses sprechen? Gibt es so etwas
Das kulturelle Gedächtnis mit einem mnemo- wie ein deutsches kulturelles Gedächtnis, in dem
historischen Ansatz zu untersuchen, hat außer- Sinne, dass politische Kulturen bestimmte Wege
dem den Vorteil, diese Entwicklungen aufzugrei- haben, sich mit der Vergangenheit zu beschäfti-
fen und die konzeptionellen Instrumente für die gen? Das kulturelle Gedächtnis kann so als analy-
epochalen und gruppenspezifischen Dynamiken tisches Prisma dienen, wie Kollektive ihre Ver-
des kulturellen Gedächtnisses anzupassen. Dies gangenheit organisieren und erfahren. Darüber
ist insbesondere für die Neubewertung von Fix- hinaus ist das kulturelle Gedächtnis eine Mani-
punkten zentral, die so essentiell für das kultu- festation, wie Erinnerung nicht nur die Vergan-
relle Gedächtnis und ihre schnelle Veränderung genheit mit einbezieht, sondern gerade die Be-
im Kontext von äußerst reflexiven und fragmen- dingungen für das Entstehen von Vergangenem
tierten Erinnerungskulturen sind. Angesichts produziert. Außerdem gibt es keinen einzelnen
dieser Überlegungen ist es fraglich, ob moderne Referenzpunkt, da singuläre Erinnerungen und
Gesellschaften die gleiche Art von Fixpunkten Erinnerungen an Singularität einer Erinnerungs-
haben, an die Jan Assmann dachte, als er das an- kultur unterworfen ist, in der das kulturelle Ge-
tike Ägypten fokussierte. Dieser Ansicht nach hat dächtnis äußerst reflexiv ist.
das kulturelle Gedächtnis »seine Fixpunkte, sein
Horizont wandert nicht mit dem fortschreiten- Literatur
den Gegenwartspunkt mit. Diese Fixpunkte sind Assmann, Aleida: Erinnerungsräume. Formen und Wan-
schicksalhafte Ereignisse der Vergangenheit, de- del des kulturellen Gedächtnisses. München 42009.
ren Erinnerung durch kulturelle Formung (Texte, Assmann, Jan: Kollektives Gedächtnis und kulturelle
Riten, Denkmäler) und institutionalisierte Kom- Identität. In: Ders./Tonio Hölscher (Hg.): Kultur und
munikation (Rezitation, Begehung, Betrachtung) Gedächtnis. Frankfurt a. M. 1988, 9–19.
wachgehalten wird« (Assmann 1988, 12). Den- –: Moses der Ägypter. Entzifferung einer Gedächtnisspur.
München 1998.
noch ist Assmann sich der Komplexität von un-
Diner, Dan: Gedächtniszeiten. Über Jüdische und andere
terschiedlichen Zeitlichkeiten und der interakti- Geschichten. München 2003.
ven Dimensionen, denen sie untergeordnet sind, Gross, David: Lost Time: On Remembering and For-
durchaus bewusst. »Ereignisse leben im kollekti- getting in Late Modern Culture. Amherst 2000.
ven Gedächtnis fort, oder sie werden vergessen. Halbwachs, Maurice: Das kollektive Gedächtnis. Frank-
[...] Der Grund für dieses ›Fortleben‹ in der Erin- furt a. M. 1991 (frz. 1950).
Hutton, Patrick H.: History as an Art of Memory. Han-
nerung liegt in der fortdauernden Relevanz die-
nover (USA) 1993.
ser Ereignisse und Unterscheidungen. Diese Re- Kansteiner, Wulf: Finding Meaning in Memory: A Me-
levanz kommt ihnen jedoch nicht von ihrer his- thodological Critique of Collective Memory Studies.
torischen Vergangenheit zu, sondern von einer In: History and Theory 41,2 (2002), 179–197.
fortschreitenden und sich stetig wandelnden Ge- Lévi-Strauss, Claude: Das wilde Denken. Frankfurt a. M.
genwart, die an der Erinnerung dieser Ereignisse 2008 (frz. 1962).
und Unterscheidungen als wichtigen Fakten fest- Levy, Daniel/Sznaider, Natan: Erinnerung im Globalen
Zeitalter: Der Holocaust. Frankfurt a. M. 2001.
hält« (Assmann 1998, 28). Welzer, Harald/Moller, Sabine/Tschuggnall, Karoline:
Angesichts der bereits erwähnten unklaren »Opa war kein Nazi«. Nationalsozialismus und Holo-
Grenzen des privaten und öffentlichen Gedächt- caust im Familiengedächtnis [2002]. Frankfurt a. M.
6
nisses und dem Niedergang eines vereinigenden 2008.
heroischen Hauptnarrativs, ist das kulturelle Ge- Daniel Levy/Übers. Corinne Heaven
102 II. Was ist Gedächtnis/Erinnerung?

4. Das kommunikative Diese eminente Rolle von Kommunikation in


Gedächtnis der Erfahrungsbildung zeigt, dass Gedächtnis
und Erinnerungen vielfältig und nachhaltig kom-
munikativ geprägt sind. So hängt die Entwick-
Wenn sich Menschen erinnern, konstruieren sie lung eines kohärenten autobiographischen Ge-
ihre Erinnerungen aus mehr oder weniger frag- dächtnisses bei Kindern wesentlich davon ab, in
mentarischen Eindrücken und Informationen. welcher Art und wie häufig Eltern mit ihren Kin-
Wenn wir uns beispielsweise an den letzten Urlaub dern gemeinsam erinnern (s. Kap. I.3). Grundle-
oder das erste Gespräch mit einer neuen Mitarbei- gende menschliche Gedächtnisleistungen werden
terin erinnern, so rufen wir nicht einfach zum von Beginn an durch Kommunikation gefördert
Zeitpunkt der Ereignisse aufgezeichnete und un- oder gar ermöglicht. Die Betonung des kommu-
verändert aufbewahrte Informationen ab. Erinne- nikativen Charakters des menschlichen Gedächt-
rungen sind temporäre Konstruktionen, die er- nisses (z. B. Welzer 2002) ist vor dem Hinter-
heblich vom Kontext ihres Abrufs geprägt sind. Sie grund dieser und weiterer Befunde zu verstehen,
entstehen aus der Interaktion zwischen einem von denen einige im Folgenden skizziert werden.
konstruktiv erinnernden Individuum und dessen Ansätze zur Analyse der kommunikativen Di-
Umwelt. Erinnerungen können daher mehr oder mension von Gedächtnis und Erinnerung stam-
weniger große Abweichungen von dem zu erin- men aus verschiedenen Disziplinen, so etwa der
nernden Ereignis aufweisen. Neben Prozessen des Kultur- und Frühgeschichte (Assmann 2007), der
Informationsverlusts (Vergessen) können ver- Soziologie (s. Kap. IV.3), der Literaturwissen-
schiedene qualitative Abweichungen zwischen ur- schaft (Neumann 2005; s. Kap. IV.4) – der Kultur-
sprünglicher Erfahrung und dem späteren Abruf psychologie sowie der Sozial- und Kogni-
auftreten, z. B. Vereinfachungen, Akzentuierun- tionspsychologie (s. Kap. I.2). Die Bildung und
gen oder gar Verzerrungen und Anreicherungen Veränderung von Erinnerungen in der Kommu-
mit neuen Informationen (s. Kap. II.1). nikation stellt ein Untersuchungsfeld dar, das sich
Diese Eigenschaften von Erinnerungen tragen auf ausgezeichnete Weise für eine Integration von
dazu bei, dass sie in Kommunikation ge- und ver- Ansätzen aus der Gedächtnis- und der Sozialpsy-
formt, geprägt und verändert werden können. chologie eignet. Die Gedächtnispsychologie be-
Kommunikation ist in der Lebenswelt und Ent- schäftigt sich mit kognitiven Prozessen, die der
wicklung von Menschen, einer oft als ›ultrasozial‹ Veränderung und Verzerrung von Gedächtnis
bezeichneten Spezies, allgegenwärtig. So verbrin- und Erinnerungen zugrunde liegen, z. B. der feh-
gen Menschen einen Großteil ihrer wachen Le- lerhaften Attribution (Zuordnung) von abgerufe-
benszeit damit, aktiv oder passiv, als Sprecher nen Informationen zu ihren Quellen (s. Kap. I.2).
oder Rezipienten, an Kommunikation beteiligt Einflüsse auf individuelles Erleben und Verhal-
zu sein. Eine Tagebuchstudie, in denen die Teil- ten, die auf den Kontakt und Austausch mit an-
nehmerinnen zeitnah bemerkenswerte Ereignisse deren Menschen, auf interpersonelle Kommuni-
notierten, zeigte beispielsweise, dass 62 % dieser kation zurückgehen, sind ein klassisches Thema
Ereignisse bereits bis zum Ende desselben Tages der Sozialpsychologie. Nach Allports oft zitier-
in irgendeiner Form kommuniziert wurden (Pa- tem Diktum ist der Einfluss der tatsächlichen
supathi u. a. 2009). Der Anteil der Kommuni- oder imaginierten Anwesenheit Anderer auf
kation steigt offenbar mit zunehmender Bedeu- Denken, Fühlen und Verhalten von Individuen
tung vergangener Erfahrungen. Etwa 90 % der der Gegenstand der Sozialpsychologie.
Erfahrungen, die Menschen (Frauen ebenso wie Der vorliegende Gegenstandsbereich stellt so-
Männer) als besonders emotional erleben, ver- mit eine Schnittstelle par excellence zwischen
trauen sie innerhalb weniger Tage anderen an – der Gedächtnis- und der Sozialpsychologie dar.
und das gleichermaßen in verschiedenen Kultu- Eine Integration der Ansätze ist jedoch, zum Teil
ren (Rimé u. a. 1991). aufgrund spezifischer Forschungstraditionen
4. Das kommunikative Gedächtnis 103

und wissenschaftshistorischer Entwicklungen, mationsfluss primär von der sozialen Umwelt hin
lange Zeit nicht geleistet worden. Die vereinzel- zum beeinflussten Individuum.
ten Arbeiten aus den 1980er Jahren zu sozio- Wie so oft in der psychologischen Forschung
kommunikativen Aspekten von Gedächtnisver- spielte auch bei der Untersuchung dieser Ein-
fälschung, z. B. zu Personenmerkmalen (v. a. flüsse die Methodenentwicklung eine wichtige
Glaubwürdigkeit) von Falschinformationsquel- Rolle. Besonders einflussreich war das soge-
len oder zum Einfluss von Gruppen auf die Erin- nannte Paradigma nachträglicher Falschinforma-
nerungsqualität von Gruppenmitgliedern, fan- tion (Loftus 1979), das entwickelt wurde, um die
den zunächst keine breitere Resonanz in der Beeinflussbarkeit von Erinnerungen durch sub-
gedächtnispsychologischen Community. So kon- tile Unterstellungen oder verbale Berichte un-
statierten noch vor wenigen Jahren Henry Roe- wahrer Begebenheiten zu untersuchen. In einer
diger und Kathleen McDermott (2000, 157) in ersten Phase wird Versuchspersonen ein Ereig-
ihrem Beitrag zu einem der neueren Standard- nis, beispielsweise ein Autounfall oder ein Ver-
werke zur Gedächtnispsychologie: »Ein For- brechen, dargeboten (häufig per Videofilm oder
schungsbereich, dem bisher wenig Aufmerksam- einer Bildsequenz); in einer zweiten Phase erhal-
keit gewidmet wurde, ist der Einfluss sozialer ten die Versuchspersonen nachträgliche Infor-
Faktoren auf das individuelle Gedächtnis« mationen zu dem Ereignis (z. B. in Form eines
(Übers. G. E.). Berichts), die einige fälschliche, also nicht im
Ausgehend von der gängigen Unterscheidung Zielereignis enthaltene, Details oder Objekte um-
zwischen Produzenten- und Rezipientenrolle in fasst; schließlich erfolgt nach einem mehr oder
vielen Kommunikationsmodellen setzt der Bei- weniger langen Behaltensintervall in der dritten
trag zwei Schwerpunkte. Im ersten Hauptteil geht Phase ein Test für Erinnerungen an das Zielereig-
es um Kommunikationseinflüsse auf das Ge- nis. Der Falschinformationseffekt zeigt sich da-
dächtnis von Rezipienten, d. h. Einflüsse, bei de- rin, dass nachträgliche Informationen, die nicht
nen der Informationsfluss primär von der sozia- im Zielereignis zu sehen waren, signifikant häufi-
len Umwelt hin zum beeinflussten Individuum ger berichtet werden als Informationen in einer
verläuft. Im zweiten Hauptteil stehen Einflüsse geeigneten Kontrollbedingung.
des Kommunikationskontexts auf die Produzen- Daran zeigt sich, dass die Vertrauenswürdigkeit
ten bzw. Sprecher im Mittelpunkt. der Quellen nachträglicher Falschinformation
eine wichtige Rolle bei der Beeinflussung von Er-
innerungen spielt: Wenn die Quelle unglaubwür-
Klassische Kommunikationseffekte:
dig erscheint oder diskreditiert ist, sind Versuchs-
Einflüsse auf das Gedächtnis von
personen in der Lage, sich in einem gewissen
Rezipienten
Ausmaß gegen eine Beeinflussung zu wehren. Ein
Seit etwa Mitte der 1990er Jahre ist im Bereich kognitiver Prozess, der einen erfolgreichen Wi-
der Gedächtnispsychologie eine nennenswerte derstand gegen Falschinformationseinflüsse er-
Zunahme der Untersuchung sozialer und kom- laubt, ist offenbar strenges Source Monitoring
munikativer Faktoren von Gedächtnisbildung (Johnson u. a. 1993), d. h. eine sorgfältige Prü-
und -verfälschung zu verzeichnen (für einen fung möglicher Erinnerungen auf quellendia-
Überblick vgl. Weldon 2001). Bei der in diesen gnostische Merkmale (Zielereignis vs. nachträg-
Arbeiten untersuchten Form des Einflusses stam- liche Informationen) zum Zeitpunkt des Abrufs
men die beeinflussenden Informationen aus der (Echterhoff u. a. 2005).
sozialen Umwelt, also – mehr oder weniger un- Aus vielfältigen Alltagserfahrungen wissen
mittelbar – von anderen Personen. Wie in der wir, dass gerade das Nichtgesagte besondere Be-
klassischen sozialpsychologischen Forschung zu deutung oder Einfluss haben kann. D.h. Erinne-
Konformität oder Persuasion (Überredung) ver- rungen von Rezipienten können nicht nur durch
läuft in diesen Untersuchungsansätzen der Infor- Informationen anderer beeinflusst werden, son-
104 II. Was ist Gedächtnis/Erinnerung?

dern auch durch deren Schweigen und Auslas- Einflüsse auf Erinnerungen von Sprechern
sungen. Dass nicht geübtes (vs. geübtes) Material während und nach der Kommunikation
unter sonst gleichen Bedingungen weniger gut
abgerufen wird, ist wohlbekannt. William Hirst Natürlich unterliegen nicht nur Erinnerungen
und Kollegen (Cuc u. a. 2007) gingen über diese von Rezipienten den gerade skizzierten »klassi-
wenig überraschende Einsicht hinaus, indem sie schen« Einflüssen von Kommunikation. Auch
Belege für die folgende These fanden: Informati- die Erinnerungen von Produzenten bzw. Spre-
onen zu einem Aspekt A innerhalb einer Episode, chern können durch die Kommunikationssitua-
die ein Sprecher bei einer ersten Erinnerungs- tion, in der sie auf vergangene Erfahrungen Be-
runde selektiv ausgelassen hat, werden später von zug nehmen, geprägt und verändert werden. Ein-
Zuhörern noch weniger erinnert als Informatio- flüsse können während der Kommunikation
nen zu einem Aspekt B, über den sich der Spre- auftreten, z. B. durch die Anpassung von Erinne-
cher gar nicht geäußert hat. Der Erinnerungsver- rungen an die Merkmale eines bestimmten Ge-
lust (die Vergessensquote) der Zuhörer ist größer, sprächspartners (z. B. Pasupathi u. a. 1998). Aber
wenn die zuvor vom Sprecher ausgesparten (nicht auch Nachwirkungen von Kommunikation auf
berichteten) Informationen mit den berichteten Gedächtnis und Erinnerung sind möglich: So
Informationen in Beziehung stehen bzw. assozi- können kommunizierte Informationen nachfol-
iert werden (z. B. durch Zugehörigkeit zum sel- gende sprecherseitige Erinnerungen und Ge-
ben Thema oder zur selben Erfahrungsepisode) dächtnisrepräsentationen zum Kommunikations-
als wenn kein solcher Bezug bestand. gegenstand beeinflussen (z. B. Echterhoff u. a.
Für das skizzierte gemeinsame Vergessen von 2009).
Sprechern und Zuhörern spielt es keine Rolle, ob Diese letztere Form von kommunikativen Ein-
die Sprecher Informationen absichtlich oder un- flüssen, also die Nachwirkungen der Kommuni-
absichtlich (z. B. aufgrund mangelnden eigenen kation von vergangenen Erfahrungen auf die Er-
Erinnerungsvermögens) weglassen. Gleichwohl innerung an diese Erfahrungen, kann theoriege-
lassen sich Implikationen für eine gezielte Beein- schichtlich verortet werden. Die Beschäftigung
flussung der Gedächtnisbestände von Rezipien- mit solchen Einflüssen hat eine lange Tradition,
ten ableiten: Nehmen wir an, eine Gruppe von die bis in die antike Philosophie zurückreicht
Freunden auf Urlaubsreise nimmt aufgrund einer (z. B. Platons Phaidon-Dialog, s. Kap. IV.2). Einen
fehlerhaften Routenplanung eines Gruppenmit- Meilenstein der neueren Forschung zu Sprach-
glieds einen längeren Umweg, bei dem sie auf- effekten auf Kognition bilden die populären Ar-
grund der Verzögerung von einem Gewitterregen beiten von Edward Sapir und seinem Schüler
durchnässt wird; neben anderen unerfreulichen Benjamin Whorf aus den 1950er Jahren, denen
Details während dieser Episode zerreißt derje- zufolge die Struktur einer Muttersprache (z. B.
nige, der den Fehler gemacht hatte, nach Be- Englisch, Mandarin oder Navajo) die kognitiven
kanntwerden des Umwegs verärgert die Straßen- Prozesse der Sprecher, z. B. die Farbdiskrimina-
karte. Um die Freunde seine peinliche Überreak- tion in der visuellen Wahrnehmung, prägt. Doch
tion vergessen zu lassen, ist es ratsam, bei späteren Denken, Wissen und Gedächtnis können auch
Gesprächen über den Urlaub nicht einfach die durch eine unterschiedliche Sprachbenutzung in-
ganze Episode des unwetterbegleiteten Umwegs nerhalb ein- und derselben natürlichen Sprache
auszusparen, sondern diese Episode direkt anzu- beeinflusst werden. Dabei können die Einflüsse
sprechen, ohne jedoch seine Überreaktion zu er- lexikalischer, semantischer Art sein, oder auf den
wähnen. pragmatischen Kontext sprachlicher Kommuni-
kation zurückgeführt werden. Das heißt, dass ei-
nerseits verbale Beschreibungen von komplexen,
schwer zu beschreibenden Stimuli (wie Gesich-
tern oder Geschmackseindrücken) die Erinne-
4. Das kommunikative Gedächtnis 105

rungsleistung beeinträchtigen (Schooler u. a. formationen mitteilen, die der Adressat bereits


1997), andererseits Gedächtnis und Erinnerung kennt, und keine auslassen, die der Adressat zum
durch sprachliche Kommunikation als zielorien- Verstehen benötigt (Quantität). Die Selektion der
tierte, kontextabhängige (auch adressatenbezo- Form einer Mitteilung wird u. a. durch Regeln
gene) und regelgeleitete Handlung beeinflusst wie die der Modalität (z. B. Klarheit), Höflichkeit
werden. So kann schon die adressatenorientierte oder der Würdigung der Adressateneinstellung
Anpassung der Beschreibung von Erfahrungen geprägt. In dieser Hinsicht bedingt die Kommu-
spätere Erinnerungen in Richtung der kommuni- nikationssituation, welche Form die Erinnerung
zierten Sichtweise verändern. Nachdem sich bei- an Inhalte, Themen oder Ereignisse annimmt,
spielsweise eine Professorin gegenüber einer Kol- d. h. wie bestimmte Informationen erinnert wer-
legin mit vermutlich positiver Einstellung zu ei- den (vgl. Grice 1975; Higgins 1981).
nem Studenten positiv über dessen Verhalten bei Zu einem der wichtigsten Faktoren, die sich
einer Studienreise geäußert hat, würden in die- auf die Form von kommunizierten Informatio-
sem Fall ihre späteren Erinnerungen an das Ver- nen auswirken, gehört die Anpassung von Mit-
halten des Studenten auch eher positive und we- teilungen an die Sichtweise, Einstellungen oder
niger negative Aspekte beinhalten. Präferenzen des Adressaten. Das Resultat dieses
Erinnerungen werden beim Abruf durch die Anpassungsprozesses ist die sogenannte adressa-
Kommunikationssituation, insbesondere durch tenorientierte Kommunikation (engl. audience
eine Orientierung an pragmatischen Konversa- tuning). Wenn Menschen über vergangene Erfah-
tionsregeln und an dem Gesprächspartner, beein- rungen berichten, formulieren sie diese bis zu ei-
flusst. Wenn etwa eine Person nach ihren Erinne- nem gewissen Grad adressatenorientiert. Wenn
rungen an ein Ereignis befragt wird, dann wird ein Sprecher beispielsweise annimmt, sein Dia-
sie versuchen, solche Erinnerungen zu berichten, logpartner habe eine positive Einstellung zu einer
die für den Gesprächspartner vermutlich infor- Person, dann sind ihre Erinnerungen an die Ver-
mativ, relevant und interessant sind, und sie in ei- haltensweisen dieser Person oft auch positiv ge-
ner Weise zu berichten, die auf den Gesprächs- färbt. Die Adressatenorientierung prägt in die-
partner abgestimmt ist. Zum einen wählen Spre- sem Fall die aktuell kommunizierten Erinnerun-
cher aus, was sie einem Adressaten berichten, also gen. Sie kann aber auch entsprechend ihrem Dia-
Inhalte und Informationen, die sie im Hinblick logpartner Nachwirkungen haben: Wenn Spre-
auf die Kommunikationssituation für angemes- cher die Erfahrungen, die sie zuvor entsprechend
sen und sinnvoll halten. Zum anderen wählen sie formuliert haben, noch einmal in der Abwesen-
aus, wie sie Inhalte kommunizieren, passen also heit des anderen abrufen, dann sind diese oft wei-
die Form der Darstellung an die Kommunikations- terhin von der Art der vorherigen Kommunika-
situation an. Hierzu zählt beispielsweise die Be- tion geprägt. Der Informationsfluss verläuft also
wertung (Valenzierung) von Ereignissen und nicht, wie bei klassisch kommunikativen Ein-
Handlungen (vgl. Higgins 1981). flüssen, primär von der sozialen Umwelt hin zum
Für beide Aspekte, Anpassung der Inhalte und beeinflussten Individuum; vielmehr lassen sich
Anpassung der Form, gibt es einige Regeln und diese Einflüsse als eine Art Rückwirkung der
Maximen der Kommunikation. Was die Selektion adressatenorientiert kommunizierten Informati-
der Inhalte und Themen angeht, spielen insbe- onen auf das kommunizierende Individuum auf-
sondere die Maximen der Qualität, Relevanz und fassen.
Quantität eine wichtige Rolle. Diesen Maximen Effekte der adressatenorientierten Kommuni-
zufolge sollen Sprecher nur solche Inhalte kom- kation auf nachfolgende Erinnerungen (und
munizieren, die einen hinreichenden Wahrheits- auch Urteile) wurden vor allem im ›Saying-is-
gehalt (Qualität) aufweisen und im Hinblick auf Believing-Paradigma‹ erforscht (Higgins/Rholes
das Gesprächsthema die Aufmerksamkeit des 1978). Der typische Versuchsablauf ist in Abbil-
Adressaten verdienen (Relevanz), sowie keine In- dung 1 (s. S. 106) schematisch dargestellt.
106 II. Was ist Gedächtnis/Erinnerung?

Erinnerung an Z
(Valenz )
Adressaten- Original- Beschreibung
einstellung zu Z info zu Z von Z (aoK)
Valenzurteil zu Z

Abb. 1: Schematischer Ablauf einer Saying-is-Believing-Studie zum Nachweis des Effekts von
adressatenorientierter Kommunikation (aoK) auf Erinnerungen und Urteile.

In diesem Paradigma werden die Versuchsper- terpretation bzw. Enkodierung der Informatio-
sonen, die späteren Sender, dem Adressaten nen zur Zielperson nicht hinreichend für das
vorgestellt, der angeblich einer Gruppe von Stu- Auftreten adressatenorientiert verzerrter Erinne-
dierenden angehört, deren Sozialverhalten seit rungen im Saying-is-Believing-Paradigma.
längerem untersucht werde. Sie werden infor- Diese kommunikative Prägung des Gedächt-
miert, dass sie ein weiteres Mitglied der Gruppe nisses lässt sich auf eine soziale Realitätsbildung
(die Zielperson) aufgrund einer kurzen Verhal- (shared reality) der Kommunikationspartner zu-
tensbeschreibung ohne Namensnennung ihrem rückführen (Echterhoff u. a. 2009). Es ist ein Pro-
Adressaten so schildern sollen, dass dieser die zess, durch den Menschen sich gemeinsam mit
Zielperson identifizieren kann. In der Bedingung anderen eine subjektiv zuverlässige und valide
»positive Adressateneinstellung« erfahren die Repräsentation von der Welt verschaffen. Auf
Versuchspersonen beiläufig, dass der Adressat diese Weise werden Unsicherheiten hinsichtlich
der Zielperson gegenüber positiv eingestellt sei der Interpretation und Bewertung von Erfahrun-
(vice versa in der Bedingung »negative Adres- gen gemeinsam (sozial) kommunikativ überwun-
sateneinstellung«). Die Versuchspersonen lesen den. Eine wichtige Voraussetzung solcher Pro-
nun die ambivalenten Originalinformationen zesse ist Vertrauen und damit verbunden die Ein-
über die Person (Z). Diese sind ambivalent, da sie schätzung der Information als nützlich und
mit etwa gleicher Wahrscheinlichkeit auf positive zuverlässig. Entsprechend sind die gemeinsam
oder negative Eigenschaften schließen lassen verfertigten Gedächtnisrepräsentationen Versio-
(z. B. sparsam vs. geizig). nen der Vergangenheit, die in anderen kommu-
Adressatenorientierte Kommunikation zeigt nikativen Settings zu anderen Formen und Inhal-
sich darin, dass die Versuchspersonen die Ziel- ten zusammengesetzt werden. Das Ausmaß der
person für einen positiv eingestellten Adressaten sozialen Realitätsbildung wurde in bisherigen ex-
eher positiv darstellen und für einen negativ ein- perimentellen Studien durch folgende Faktoren
gestellten Adressaten eher negativ (Beschreibung variiert (Echterhoff u. a. 2008; 2009):
von Z). a) das Motiv für die adressatenorientierte
Dass es sich um einen Effekt der Kommuni- Kommunikation, z. B. Unsicherheitsreduktion
kation und nicht um Einflüsse allein durch die bzw. Erkenntnisgewinnung (epistemisches Motiv
Adressateneinstellung handelt, zeigt der Befund, der Realitätsbildung) und alternative Motive wie
dass der Effekt ausbleibt, wenn die Senderinnen höfliche Anpassung an Fremdgruppenangehö-
zwar die Adressateneinstellung kennen und sich rige oder Erlangung einer Belohnung;
auf die Kommunikation einer Mitteilung vorbe- b) die Eignung der Adressaten als vertrauens-
reiten, aber kurzfristig – wegen einer angeblichen würdige Partner der sozialen Realitätsbildung aus
Fehlers in der Versuchsdurchführung – an der Sprechersicht, operationalisiert z. B. durch die
Verbalisierung einer Mitteilung gehindert wer- Zugehörigkeit des Adressaten zur Eigen- vs.
den (Higgins/Rholes 1978). Offensichtlich ist Fremdgruppe der Sprecher;
also allein eine adressatenorientiert verzerrte In- c) den Erfolg einer angestrebten sozialen Rea-
4. Das kommunikative Gedächtnis 107

litätsbildung, operationalisiert durch das Adres- wie sie im Alltag die Regel sind, mit beiden Arten
satenfeedback (gelungene vs. misslungene Identi- der kommunikativen Gedächtnisbeeinflussung
fikation der Zielperson). zu rechnen. Je mehr eine Person die Rolle des
Diese Manipulationen hatten folgenden Effekt: Sprechers einnimmt und damit die gemeinsamen
Eine Beeinflussung in Richtung der adressaten- Erinnerungsversuche dominiert, desto eher kann
orientierten Kommunikation war dann geringer, sie die Erinnerungen anderer Gesprächsteilneh-
wenn die Versuchspersonen keine soziale Reali- mer beeinflussen (Cuc u. a. 2006).
tätsbildung anstrebten (entweder bei einem alter- Ob die Erinnerungen eines dominanten Spre-
nativen Kommunikationsmotiv oder bei Kom- chers in einer Gruppensituation auch durch de-
munikation mit einem Fremdgruppenadressaten) ren eigene Kommunikationsbeiträge geformt und
oder sie keinen Erfolg der sozialen Realitätsbil- beeinflusst werden, ergibt sich aus den oben
dung erlebten (bei misslungener Identifikation dargelegten Bedingungen für Prägung sprecher-
der Zielperson durch den Adressaten). Unter Be- seitiger Repräsentationen von Erfahrungen durch
dingungen, in denen eine soziale Realitätsbildung adressatenorientierte Kommunikation: Mit die-
angestrebt wurde und erfolgreich verlief, wurde ser »Selbstbeeinflussung« durch Gruppenkom-
hingegen der bekannte Effekt auf die Valenz der munikation ist zu rechnen, wenn der/die Spre-
Erinnerungen repliziert. cher/in (a) über noch keine subjektiv hinreichend
sicheren Erinnerungen verfügt und (b) dazu be-
reit und motiviert ist, mit den anderen Gruppen-
Fazit und Ausblick
mitgliedern eine gemeinsame Realität zu bilden.
Erinnerungen an vergangene Erfahrungen sind, Aus (a) folgt, dass es bei dieser Art einer kommu-
so die neuere Gedächtnisforschung, konstruktiv nikativen Gedächtnisbildung weniger um eine
und interaktiv. Sie sind zum einen Produkte indi- Bestätigung der eigenen Erinnerung geht als
vidueller Prozesse der Konstruktion, Assoziation vielmehr um die zuvor erforderliche Konstruk-
und Elaboration. Zum anderen resultieren sie aus tion der Erinnerung an und Interpretation von
der Interaktion des erinnernden Individuums mit Vergangenheit. Da Menschen zu einer akkuraten
seiner Umwelt; sie sind abhängig von dem Kom- Weltsicht motiviert sind und Täuschungen ver-
munikationskontext, in dem Individuen Erinne- meiden wollen, ist sicherlich auszuschließen, dass
rungen produzieren. Interne kognitive Mechanis- diese Form der kommunikativen Selbstbeeinflus-
men spielen bei der Konstruktion von Erinne- sung absichtlich bzw. mit Vorsatz erfolgt. Aus (b)
rungen natürlich eine wesentliche Rolle, denn sie folgt, dass das Auftreten dieses Einflusses davon
schränken ein, welche Informationen eine Person abhängt, inwieweit der/die Sprecher/in die ande-
potentiell abrufen kann. Jedoch bedingen Fakto- ren Gruppenmitglieder potentiell als vertrauens-
ren der Kommunikationssituation, darunter ak- würdige Ko-Konstrukteure ihrer Realitätssicht
tuell wirksame Konversationsmaximen, wie Per- anerkennt.
sonen dieses Potential nutzen. Nicht nur Erinne- In einem allgemeinen Sinn ist aus den gerade
rungen und Gedächtnisbestände der Rezipienten genannten Gründen auch zu vermuten, dass die
werden durch interpersonelle Kommunikation Selbstbeeinflussung des Gedächtnisses der Spre-
geprägt und beeinflusst. Die Anpassung an Kom- cher subtiler und unmerklicher ist als die Kom-
munikationssituationen kann auch Nachwirkun- munikationseinflüsse auf Erinnerungen von Re-
gen auf die späteren Erinnerungen der Sprecher zipienten. Die Annahme, dass eine unerwünschte
an die Kommunikationsinhalte haben. Beeinflussung von anderen Menschen ausgehen
Bei einem dialogischen Austausch über ge- kann, ist eher ein Bestandteil von Alltagswissen
meinsame vergangene Erfahrungen in Dyaden oder naiven Theorien als die Vermutung, dass
und Kleingruppen nehmen die Beteiligten wech- man selbst die Quelle einer Beeinflussung ist. Da-
selnd die Rolle von Sprecher und Rezipient ein. her sollte ein gezielter Widerstand gegen mögli-
Daher ist in dialogischen Gesprächssituationen, che Beeinflussung bei sozialen Einflüssen wahr-
108 II. Was ist Gedächtnis/Erinnerung?

scheinlicher sein als bei Effekten der eigenen Higgins/C. Peter Herman/Mark P. Zanna (Hg.): So-
Kommunikation. Eine Untersuchung dieser Fra- cial Cognition: The Ontario Symposium Bd. 1: Hills-
gen ist ein lohnenswertes Ziel zukünftiger For- dale, NJ 1981, 343–392.
– /Rholes, William S.: »Saying-is-Believing«: Effects of
schung – auch weil die Untersuchung dieser Ein- Message Modification on Memory and Liking for the
flüsse eine hohe praktische Relevanz besitzt, bei- Person Described. In: Journal of Experimental Social
spielsweise für die Beurteilung der Zuverlässigkeit Psychology 14 (1978), 363–378.
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Gerald Echterhoff
109

5. Das soziale Gedächtnis abgesetzte, so doch eigenständige Aspekte des


kollektiven Gedächtnisses ausmachen: Erstens
Die Bedeutungsspanne des Begriffes ›soziales verweist er auf den sozialen Bezugsrahmen des
Gedächtnis‹ ist ebenso groß wie die des ›kollekti- individuellen Gedächtnisses und zeigt, dass wir
ven Gedächtnisses‹ (s. Kap. II.2). Sie ist abhängig uns als soziale Wesen immer im Kontext be-
von der Perspektive des jeweiligen Autors. Der stimmter, sozialer Umstände und Identitäten er-
Begriff ›kollektives Gedächtnis‹ hat jedoch den innern. Zweitens verweist er auf die kollektive
Vorteil, auf eine, wenn auch unvollständige, Tra- Repräsentation und zeigt, dass die Mittel (Dar-
dition zurückgeführt werden zu können. Hier ist stellungen, Konzepte, Prozeduren) mit deren
insbesondere Maurice Halbwachs zu nennen, der Hilfe Individuen erinnern, grundsätzlich sozialer
in den 1920er bis 1940er Jahren Theorien zum Natur sind und uns über die Gruppen, zu denen
kollektiven Gedächtnis entwarf und der sich da- wir gehören, vermittelt werden. Drittens verweist
bei explizit auf den von ihm befürworteten theo- er auf die mnemonischen Praktiken der Gruppen
retischen Ansatz seines berühmten Mentors selbst und zeigt, dass weder nur Individuen al-
Émile Durkheim bezog. In dessen Theorie der leine erinnern, noch lediglich Individuen ge-
sozialen Solidarität stellten die Konzepte des meinsam, sondern dass Gruppen als solche oft-
›kollektiven Bewusstseins‹ und der ›kollektiven mals, zum Beispiel anlässlich politischer Jahres-
Repräsentation‹ zentrale Merkmale dar (s. Kap. tage oder im Rahmen öffentlicher Gedenkanlässe
IV.3). Seit Halbwachs verwenden und elaborieren und Ereignisse, die Vergangenheit erinnern; und
die Anhänger Durkheims und ihre intellektuelle schließlich weist Halbwachs auf das kollektive
Nachkommenschaft das Konzept des kollektiven Gedächtnis auch als eine Art körperlosen Besitz-
Gedächtnisses, mit dessen Hilfe sich Darstellun- tums der Gruppe hin und zeigt, dass bestimmte
gen der Vergangenheit ebenso sehr als Eigentum kulturelle Symbole und Verstehensweisen – in
von Gruppen wie von Individuen verstehen las- der Sprache seines Mentors Durkheim formuliert
sen und als Schlüsselstellen der Produktion von – ›gewachsen‹ sind, also auf einer Ebene existie-
Gruppenidentitäten fungieren. ren, die theoretisch unverbunden mit dem Geist
Halbwachs vertritt in seinen Theorien einen einzelner Individuen ist (diese Version des kol-
Ansatz, der, so einige Kritiker, die Frage vernach- lektiven Gedächtnisses ähnelt den alltagssprach-
lässige, warum bestimmte Darstellungen den lichen Konzepten des Erbes oder Erbguts viel-
Wandel sozialer Umstände zu überdauern schei- leicht noch am meisten).
nen; anders formuliert werfen Kritiker Halb- Der wichtigste Beitrag, den Halbwachs – übri-
wachs – wie zuvor Durkheim – vor, er vertrete ei- gens ganz im Einklang mit Durkheims Gering-
nen statischen Funktionalismus, der zwar die schätzung der Individualpsychologie – für die ge-
Funktion jedes Elements in einem Gesamtsystem genwärtige Gedächtnisforschung leistet, besteht
von Bedeutungen erklären, aber nicht den Wand- in dem schlagkräftigen und den modernen, ge-
lungsprozessen innerhalb eines solchen Systems sunden Menschenverstand herausfordernden Ar-
Rechnung tragen könne. gument, dass Erinnerung weder hauptsächlich,
Überdies werden die konkreten Bedeutungen, geschweige denn vollständig, ein individueller
die dem Begriff des kollektiven Gedächtnisses Prozess sei. In gewisser Weise können Wissen-
zugeschrieben werden können, selbst in Halb- schaftler, die diesen grundsätzlichen Punkt ak-
wachs’ Schriften nur unzureichend präzisiert, zeptieren, argumentieren, dass die bloßen Be-
auch wenn diese erheblich konsistenter sind, als griffe des kollektiven oder sozialen Gedächtnis-
das von den verschiedenartigen Verwendungen ses redundant sind, weil es nach Halbwachs
seines Namens und seiner Konzepte nach seinem schwierig sein dürfte, darzulegen, wie das Erin-
Tod behauptet werden kann. Tatsächlich kann nern überhaupt nicht sozial oder kollektiv sein
man in Halbwachs’ Werk mindestens vier, wenn kann. So betrachtet sind es die Psychologen, die
auch nicht theoretisch deutlich gegeneinander ihr Studienobjekt als ein der genaueren Bezeich-
110 II. Was ist Gedächtnis/Erinnerung?

nung bedürfendes, individuelles Gedächtnis aus- heim Bezug nehmen, oder ob sie den belasteten
zeichnen müssten. Begriff des kollektiven Gedächtnisses verwen-
Halbwachs war natürlich weder der erste den. Die Social Memory Studies dienen somit als
noch der einzige Wissenschaftler, der die Rele- umfassende Bezeichnung für ein in der Entwick-
vanz des Konzepts des geteilten Gedächtnisses lung begriffenes Forschungsfeld und setzen die-
einerseits hervorhob (vor Halbwachs wurde zum ses Feld gleichermaßen von den allgemeineren
Beispiel von einem ›öffentlichen Gedächtnis‹ und Gedächtnisstudien ab, gewährleisten aber außer-
einem ›Rassengedächtnis‹ gesprochen), bzw. der dem, dass verschiedene Disziplinen und Ansätze
für eine radikal soziale Sicht des Gedächtnisses ins Blickfeld gerückt werden können. Im Fall der
plädierte. So formulierte zum Beispiel der briti- Gedächtnisstudien besteht das Problem, dass sie
sche Psychologe Frederic C. Bartlett in den spä- diejenigen psychologischen und neurowissen-
ten 1920er und frühen 30er Jahren eine soziale schaftlichen Verstehensweisen des Gedächtnisses
Theorie des Gedächtnisses (s. Kap. I.2). Gleiches einbeziehen, die entweder noch nicht jene An-
tat der sowjetische Psychologe Lev Vygotsky. Um sätze akzeptiert haben, die von der Sozialität des
dieselbe Zeit entwickelte der deutsch-jüdische Gedächtnisses ausgehen, oder die sich von diesen
Kunsthistoriker Aby Warburg eine überzeugende Ansätzen unterscheiden wollen. Anders als Un-
Ikonologie, die den Symbolismus der Malerei als tersuchungen zum kollektiven Gedächtnis, stif-
eine Art soziales Gedächtnis interpretiert und ten die Social Memory Studies keine Verwirrung
darin dem Ansatz des Literaturkritikers Walter im Hinblick auf ihre Untersuchungsobjekte. Und
Benjamin ähnelt, der zwischen verschiedenen anders als ein weiterer Kandidat, die ›sozialen
Bedeutungsebenen urbaner Landschaften unter- Studien zum Gedächtnis‹, die von der Namens-
scheidet, obwohl Benjamin nicht explizit von ei- gebung her vermuten lassen, dass die soziale
nem sozialen oder kollektiven Gedächtnis spricht. Komponente außerhalb des Gedächtnisses, also
In den Vereinigten Staaten entwarfen George in seiner Untersuchung existiere, sind sie grund-
Herbert Mead und Charles Horton Cooley sozio- sätzlich offen für eine Vielzahl von Phänomenen,
logische Annäherungen an die Gedächtnisthe- wie sie von Halbwachs skizziert wurden, wäh-
matik, Mead in seiner Philosophie der Sozialität rend sie gleichzeitig darauf verweisen, dass jede
(1932/1981) und Cooley (1918) in seiner soziolo- Form des Erinnerns in gewisser Weise sozial be-
gischen Studie zum Ruhm. stimmt ist.
Das wichtigste Argument für die Bezeichnung
›Social Memory Studies‹ besteht jedoch einfach
Social Memory Studies
darin, dass das soziale oder kollektive Gedächt-
In der gegenwärtigen Debatte, d. h. etwa seit den nis ein eher weit gefasster, für die Thematik sen-
1980er Jahren, haben diese und weitere Quellen sibilisierender Begriff als ein rigoroses Konzept
(und eine überraschend große Anzahl von Wer- ist, das von einer homogenen wissenschaftlichen
ken, die im Zeitraum zwischen Halbwachs und Gemeinschaft einvernehmlich verwendet und
der Gegenwart in Vergessenheit geraten waren) zum Zweck der präzisen Messung und Überprü-
zu der Etablierung dessen beigetragen, was Jef- fung operationalisiert werden könnte. Tatsäch-
frey Olick und Joyce Robbins in einem 1998 er- lich wurde das soziale Gedächtnis entweder in
schienenen Bericht ›Social Memory Studies‹ nen- diesem Sinne, als – vielleicht sogar im Sinne der
nen (Olick/Robbins 1998). Der Zweck dieser Be- von Halbwachs implizierten Ansätze – sensibili-
griffsschöpfung besteht darin, eine Vielzahl sierend für die verschiedenen Prozesse der sozia-
wissenschaftlicher Beiträge, die für ein soziales len Erinnerung verwendet, oder es diente dazu,
Verständnis des Gedächtnisses relevant sind, un- den vermeintlichen Makeln von Halbwachs’ oder
ter einen Nenner zu bringen, unabhängig davon, Durkheims Kollektivismus zu entgehen. In die-
ob diese Beiträge implizit oder explizit auf die so- sem Sinne figuriert der Begriff ›soziales Gedächt-
ziologische Traditionslinie von Halbwachs/Durk- nis‹ auch als Titel des 1992 erschienenen, weg-
5. Das soziale Gedächtnis 111

weisenden Buch von Fentress und Wickham, die Will man nun Welzers konzeptuelle Innovatio-
den Titel wählten, um seinen Gegenstand von nen verstehen, so muss man den Hintergrund
Arbeiten zur Erinnerung durch Individuen abzu- seiner Argumentation berücksichtigen, d. h. die
grenzen (Fentress/Wickham1992). Während sie Schriften Jan Assmanns, dessen Theorie des kul-
einerseits argumentieren, dass es Individuen sind, turellen Gedächtnisses sicherlich eine der ertrag-
die sich erinnern, folgen sie andererseits Halb- reichsten Entwicklungen in der neueren Sozial-
wachs indem sie feststellen, dass die Erinnerung theorie darstellt (obwohl sie in der englischspra-
des Individuums nur existiert, insofern dieses das chigen Welt größtenteils unbekannt ist, da die
wahrscheinlich einzigartige Produkt eines be- Hauptwerke noch nicht in englischer Sprache er-
stimmten Schnittfelds von Gruppen ist. hältlich sind). Da Assmanns Œuvre an einer an-
Auf einer generativen theoretischen Ebene un- deren Stelle dieses Bandes ausführlich erläutert
terscheiden sie weiterhin zwischen zwei Aspek- wird (s. Kap. II.3), genügt hier eine knappe Zu-
ten des sozialen Gedächtnisses, einem objektiven sammenfassung.
Teil, der sich auf externe, überprüfbare Fakten Wie Halbwachs und die meisten anderen Wis-
bezieht und einem subjektiven, der unsere Emo- senschaftler, die sich mit dem sozialen Gedächt-
tionen und die Art unserer Beziehungen zu die- nis auseinandersetzen, beginnt auch Assmann
sen Fakten umfasst. Am wichtigsten ist jedoch mit dem Hinweis, dass die Erweiterung des Kon-
ihre Betrachtung der Ordnungs- und Übermitt- zepts des Gedächtnisses vom Bereich der Psyche
lungsmethoden des sozialen Gedächtnisses, die auf den Bereich der sozialen und kulturellen Tra-
oral poetry, Erinnerung, das Geschichtenerzäh- ditionen nicht rein metaphorisch zu verstehen
len, Märchen und schließlich die schriftliche ist. Vielmehr geht es, so seine Argumentation,
Überlieferung umfassen. Ähnlich wie Halbwachs nicht um die Übertragung eines individualpsy-
nehmen sie auch eine Analyse der Klassen- und chologischen Konzepts auf soziale und kulturelle
Gruppenerinnerung in westlichen Gesellschaften Phänomene, sondern darum, die Interaktion zwi-
vor. Tatsächlich wird selten anerkannt, wie Halb- schen Psyche, Bewusstsein, Gesellschaft und Kul-
wachs’ Interesse am Gedächtnis der Arbeiter- tur zu untersuchen. Aus Assmanns Sicht beschäf-
klasse Teil seiner Suche nach einem nicht-mar- tigt sich aber Halbwachs’ Theorie des kollektiven
xistischen Verständnis dessen darstellt, was Gedächtnisses nur mit einem – und zwar dem
Marxisten im Rahmen des Konzepts als ›Klassen- weniger interessanten – Teil dieser Interaktion.
bewusstsein‹ verstehen. Assmann zufolge dient Halbwachs’ hauptsächli-
ches Interesse an der Funktionsweise sozialer Be-
zugsrahmen des individuellen Gedächtnisses
Jan Assmanns Theorie des
vornehmlich dazu, die Frage beantworten zu
kulturellen Gedächtnisses
können, wie das Gedächtnis Gruppen zusam-
In der einschlägigen Literatur lassen sich viele menhält. Eine solche, verbindliche Erinnerung,
weitere solcher allgemeinen und sensibilisieren- die Assmann in ›kommunikatives Gedächtnis‹ (s.
den Verwendungen des sozialen Gedächtnisses Kap. II.4) umbenennt, meint die explizit mündli-
finden, die manchmal fast mit dem kollektiven che, etwa drei Generationen umfassende, Über-
Gedächtnis austauschbar sind und manchmal lieferung der Vergangenheit. Sie lasse sich des-
dazu dienen, die Tücken, die mit der Soziologie halb, so Assmann, instrumentalisieren und sei
Durkheims assoziiert werden, zu meiden. Wich- hochgradig wandelbar.
tiger und interessanter ist in diesem Kontext je- Von diesem Grundgedanken ausgehend
doch das gegenwärtige Bemühen der Forschung, kommt Assmann zu dem Schluss, Halbwachs sei
den Begriff ›soziales Gedächtnis‹ genauer zu de- im Grunde ein Sozialpsychologe, der die wichtige
finieren und anzuwenden, ein Unternehmen, das Rolle der schriftlichen und anderer Formen der
insbesondere in den Schriften des deutschen So- fixierten Überlieferung, die der ungehinderten
zialpsychologen Harald Welzer verfolgt wird. Entwicklung des kommunikativen Gedächtnisses
112 II. Was ist Gedächtnis/Erinnerung?

von Gruppen entgegenwirken, vernachlässige. im Deutschland der Nachkriegszeit zu nennen,


Assmann setzt deshalb Halbwachs’ kollektives mit ihrem Fokus auf den seltsamen Lücken und
Gedächtnis gegen die Schriften Warburgs ab, Missverständnissen, die in Gesprächen über die
den er als Quelle seiner Theorie des kulturellen Nazivergangenheit zwischen den Generationen
Gedächtnisses ausweist. Laut Assmann beschäf- auftauchen. Wichtiger noch ist jedoch auf der
tigte sich Warburg mehr als Halbwachs mit Ge- Theorieebene sein Umgang mit Assmanns Un-
schichte und Überlieferung bzw. damit, wie das terscheidung zwischen dem kommunikativen
Alte im Neuen bestehen bleibt. Laut Assmann Gedächtnis und dem kulturellen Gedächtnis bzw.
(2007, 201) war »die Präsenz des Alten im Neuen die Unterscheidung zwischen diesen und dem in-
[…] für Warburg nicht Sache schierer materialer dividuellen Gedächtnis, die Welzer ganz richtig
Persistenz, sondern geistiger Aneignungen und als ›etwas überpointiert‹ bezeichnet, sowie seine
Übertragungen. In der Kultur objektivieren sich Wahl des sozialen Gedächtnisses als Alternative.
menschheitliche Erfahrungen, die als Impulse Für Welzer teilen jedoch beide, das kommuni-
auch nach Jahrtausenden wieder wirksam wer- kative Gedächtnis und das kulturelle Gedächtnis,
den können.« Im Gegensatz dazu, so Assmann, die Eigenschaft, dass es bei ihnen um die be-
zeigte Halbwachs »dass Vergangenheit niemals wusste oder intentionale Überlieferung der Ver-
als solche zu überdauern vermag, sondern im- gangenheit geht. Welzer stimmt hingegen mit
mer nur in den Rahmenbedingungen einer kul- dem britischen Sozialhistoriker Peter Burke da-
turellen Gegenwart rekonstruiert werden kann« rin überein, dass die Gesamtheit dessen, was aus
(ebd.). Aus der Sicht Assmanns kommt Halb- der Vergangenheit überliefert wird, bei weitem
wachs folglich der Verdienst zu, den Schritt aus sowohl die Grenzen des kulturellen als auch des
der »Innenwelt des Subjekts heraus in die so- sozialen Gedächtnisses, die explizit die Vergan-
zialen und affektiven Rahmenbedingungen des genheit thematisieren, überschreitet. Im Gegen-
Gedächtnisses« vollzogen zu haben. Aber Halb- satz dazu betont Welzer, dass ein Großteil des aus
wachs »weigerte sich […] auch zu den symbo- der Vergangenheit Überlieferten, von dem vieles
lischen und kulturellen Gedächtnisrahmen vor- für das soziale Gedächtnis relevant sei, in keiner
zudringen. Für ihn war das eine unüberschreit- ausdrücklichen Weise mnemonischer Natur sei,
bare Grenze« (ebd., 19). Folglich unterschied oder offensichtlich die Vergangenheit betreffe.
Assmann scharf zwischen kommunikativem Ge- Die Haupteigenschaften des kulturellen Gedächt-
dächtnis – dem Sachverhalt, den er auf Halb- nisses in Assmanns Begrifflichkeit seien seine
wachs und die mündliche Überlieferung zu- Geformtheit, z. B. in schriftlichen Zeugnissen,
rückführt – und kulturellem Gedächtnis – dessen Bildnissen oder Riten, seine Organisiertheit, z. B.
konzeptuelle Ursprünge er unter anderem auf in der Ritualisierung und Ausgeformtheit, und
Warburg zurückführte. Ein wesentlicher An- seine Verbindlichkeit. Welzer hingegen spricht
spruch seiner Theorie des kulturellen Gedächt- im Sinne Burkes von der »Gesamtheit der sozia-
nisses besteht in der Anerkennung des Uralten, len Erfahrungen der Mitglieder einer Wir-
Abgelegten und Verworfenen sowie der Einbe- Gruppe« (Welzer 2001, 15).
ziehung des nicht-Instrumentalisierbaren, Häre- Welzers Betrachtungsschwerpunkt des sozia-
tischen, Subversiven und Verleugneten. len Gedächtnisses liegt auf den Medien, »die im
Unterschied zu ihrem Auftreten im kulturellen
und kommunikativen Gedächtnis nicht zu Zwe-
Harald Welzers Studien zum
cken der Traditionsbildung verfertigt wurden,
sozialen Gedächtnis
gleichwohl aber Geschichte transportieren und
Im Rahmen dieses Diskurses trugen Welzers Bei- im sozialen Gebrauch Vergangenheit bilden«
träge viel zu der Entwicklung der Studien zum (Welzer 2001, 16). Burke identifizierte besonders
sozialen Gedächtnis bei. Zunächst sei hier Wel- fünf Medien dieser Art von Überlieferung: die
zers empirische Arbeit zur Familienerinnerung mündliche Überlieferung, die konventionelle his-
5. Das soziale Gedächtnis 113

torische Dokumentation – wie z. B. Memoiren Unbewusste, d. h. die verschiedenen körperge-


und Tagebücher, gemalte oder fotografische Bil- bundenen Praktiken, wie sie in den Schriften
der, kollektive Gedenkfeiern/-rituale und geogra- Paul Connertons untersucht werden, dessen
phische oder soziale Räume. Indem er die sich Werk Theorien des Gedächtnisses mit den Arbei-
mit Assmanns Definition des kulturellen Ge- ten von Theoretikern wie Pierre Bourdieu ver-
dächtnisses überschneidenden Elemente wegfal- bindet, für den die ›körperliche Hexis‹ ein we-
len lässt, rekombiniert Welzer diese fünf Medien sentlicher Bestandteil einer Theorie der Praxis
zu vier: Interaktion, Dokumente, Bilder und darstellt (Connerton 1989). Insgesamt schaffen
Räume/Orte und hebt hervor, dass die Praktiken jedoch die Arbeiten von Assmann und Welzer,
des kommunikativen Gedächtnisses nur eine – insbesondere die Theorien der Mündlichkeit und
vielleicht sogar den geringsten Teil – der Prakti- Schriftlichkeit sowie Langzeitstudien zum Ent-
ken des sozialen Gedächtnisses ausmachten. Wel- stehen neuer Formen des historischen Bewusst-
zer erkennt in diesen impliziten und nicht-inten- seins im Zeitalter der Massenmedien, einen sta-
tionalen Praktiken des Gedächtnisses eher als in bilen Zusammenhang zwischen Studien des so-
dem expliziten Verweis auf und die Erhaltung zialen Gedächtnisses und den Media Studies.
von Erinnerungssymbolen unsere tiefgründigs- Darüber hinaus erschließen sie die Möglichkeit
te Historizität. Tatsächlich erlaubt die Schwer- des Dialogs zwischen Theoretikern des sozialen
punktsetzung auf nicht-intentionalen Praktiken Gedächtnisses und Theoretikern des Raums, ei-
des Gedächtnisses eine bessere Würdigung von nes der wichtigsten Konzepte der Sozialtheorie
Anachronismen, die Arten und Weisen in denen der letzten Jahre insgesamt.
Restbestände verschiedener Epochen gleichzeitig Abschließend sei hier nochmals festgehalten,
wirken können. Darüber hinaus ermöglicht ein dass nicht jeder, der den Begriff ›soziales Ge-
solcher Ansatz, auch wenn dies weder von Ass- dächtnis‹ verwendet, ihn auch auf die hier be-
mann noch Welzer explizit angesprochen wird, schriebenen Arten und Weisen, im Rückbezug
ein besseres Verständnis dessen, was als Problem auf die Theorietradition von Halbwachs bis Wel-
des ›ring-around-the-rosie‹ (dt.: ›Ringelringelrei- zer, verwendet. Dies liegt zum Großteil daran,
hen‹), einem Kinderreim aus der Zeit der Pest, dass, wie es Olick und Robbins in ihrem nun
bezeichnet werden kann. Sehr viele Kinder in der schon recht weit zurückliegenden Überblick von
englischsprachigen Welt können diesen Reim 1998 formulierten, die Studien des sozialen Ge-
rezitieren, ohne dass ihnen sein historischer dächtnisses ein »non-paradigmatic, transdiscipli-
Bezug bewusst wäre. Solche Fälle sind jedoch nary, centerless enterprise« (1998, 105) darstel-
nicht die Ausnahme sondern die Regel in einer len. Wie immer in solchen Fällen stehen die Of-
Gesellschaft, in der, lange nachdem elektronische fenheit des Untersuchungsansatzes und der
Signaltöne eingeführt wurden, immer noch das Terminologie in enger Wechselwirkung mit dem
›Telefon klingelt‹. auf konventionalisierten Begriffen und Konzep-
Indem er dieserart die nicht-intentionalen Ge- ten beruhenden Aufbau von Wissen. In dieser
dächtnispraktiken als Kernstück menschlicher Hinsicht haben die Studien des sozialen Gedächt-
Historizität fasst, stellt Welzers Theorie des so- nisses tatsächlich einen kritischen Punkt erreicht.
zialen Gedächtnisses eine wichtige Bereicherung Werden sie weiterhin mit einem Durcheinander
der Traditionslinie von Halbwachs bis Assmann der Begriffswahl und -verwendung ohne Kon-
bzw. der in ihr skizzierten Prozesse und Prakti- sens zum Quellenbezug existieren, oder werden
ken dar, womit freilich nicht gesagt sein soll, dass sie zu einem kohärenten Paradigma zusammen-
sie den Katalog der Methoden der Überlieferung finden? Einige der Barrieren sind institutioneller
und Historizität vervollständigen würden. Ein in Natur – z. B. die Unzugänglichkeit der Schriften
diesen Interaktions- und Symboltheorien ver- von Jan und Aleida Assmann und Harald Welzer
nachlässigter Aspekt ist nicht nur das Ungesagte, sowie ihren Nachfolgern, die nicht ins Englische
Ungewollte und Ungesehene, sondern auch das übersetzt wurden – während andere auf die na-
114 II. Was ist Gedächtnis/Erinnerung?

turgegebene Erreichbarkeit und das Interesse am Cooley, Charles Horton: Social Process. New York 1918.
Gedächtnis in den verschiedenen Disziplinen zu- Fentress, James/Wickham Chris: Social Memory. Ox-
ford/Blackwell 1992.
rückgeführt werden können. Diese augenschein- Mead, George Herbert: The Philosophy of the Present
liche Anziehungskraft muss nicht notwendiger- [1932]. Chicago 1981.
weise von Vorteil sein. Olick, Jeffrey K./Robbins, Joyce: Social Memory Stu-
dies: From »Collective Memory« to the Historical
Literatur Sociology of Mnemonic Practices. In: Annual Review
of Sociology 24 (1998), 105–140.
Assmann, Jan: Religion und kulturelles Gedächtnis. Zehn Welzer, Harald (Hg.): Das Soziale Gedächtnis: Ge-
Studien. München 32007. schichte, Erinnerung, Tradierung. Hamburg 2001.
Connerton, Paul: How Societies Remember. Cambridge Jeffrey K. Olick/Übers. Jessica Rodemann
1989.
115

6. Das Politische des aus aufwendiger und schwieriger, auszuwandern


Gedächtnisses und Bürger eines anderen Staates zu werden als
beispielsweise aus der Kirche auszutreten, den
Sportverein oder eine Partei zu verlassen.
Die beiden Elemente zusammengenommen
Gedächtnispolitik
lassen es geraten erscheinen, die Entscheidungen,
Die Behauptung, dass das Gedächtnis in politi- die das politische System trifft, besonderen
schen Zusammenhängen von Bedeutung ist, be- Grundsätzen, Regeln und Bedingungen zu unter-
ruht zunächst auf zwei Annahmen. Erstens auf werfen. Weil die Entscheidungen des politischen
der Annahme, dass die Errichtung einer be- Systems für alle Bürger der jeweiligen Staaten
stimmten Erinnerungskultur zu den Möglichkei- verbindlich gelten und sie, wenn es sein muss,
ten und Aufgaben des politischen Systems gehört, mit physischem Zwang gegen Widerstreben
zweitens auf der Annahme, dass die Erinnerungs- durchgesetzt werden und weil man sich den Ent-
kultur einer Gesellschaft politische Konsequen- scheidungen nicht so leicht durch die ›exit-
zen und Funktionen hat. Option‹ entziehen kann, sollten alle Bürger prin-
Mit diesen Angaben ist freilich das politische zipiell die Möglichkeit haben, an diesen Ent-
Gedächtnis noch nicht zureichend bestimmt. scheidungen unter Beachtung der Grundsätze ei-
Worin genau bestehen die Qualitäten, die es er- nes öffentlichen Vernunftgebrauchs mitzuwirken.
lauben, von einem spezifisch politischen Ge- Ferner sollten gewisse Grenzen gelten, die in po-
dächtnis zu sprechen? Wie kann man das politi- litischen Entscheidungen nicht zur Disposition
sche Gedächtnis vom sozialen, vom kommunika- stehen, z. B. die Menschenrechte. Das jedenfalls
tiven und kulturellen Gedächtnis abgrenzen, und sind die Grundprinzipien liberaler, demokrati-
wie verhält sich das politische Gedächtnis zum scher Verfassungsstaaten, die sich in jahrhunder-
Familiengedächtnis, dem Gedächtnis der Religi- telangen politischen Kämpfen und Konflikten
onen oder der Berufsverbände? (vgl. die Typolo- herausgebildet haben.
gien und Unterscheidungen bei J. Assmann 1988; Für die Bestimmung der spezifischen Qualität
2007, 56) des politischen Gedächtnisses ist das Prinzip der
Die Eigenschaften des politischen Gedächtnis- Öffentlichkeit besonders wichtig. Im Unter-
ses, die es von allen anderen Gedächtnistypen schied zum Familiengedächtnis, zum Gedächt-
abheben, ergeben sich aus den spezifischen nis der Religionen und Kirchen, des Bildungssys-
Qualitäten des Politischen und der politischen tems, der Berufsvereinigungen, der Sportclubs
Ordnungen. Generell gilt, dass sich politische und der anderen Teilsysteme und Organisatio-
Ordnungen durch zwei Elemente von anderen nen der Gesellschaft ist das politische Gedächt-
Teilsystemen der Gesellschaft unterscheiden. nis in einem nachdrücklichen Sinn der Gegen-
Zum einen sind die Entscheidungen, die das poli- stand und das Ergebnis öffentlicher Aushandlun-
tische System trifft, kollektiv verbindliche Ent- gen. Der Ort des politischen Gedächtnisses ist in
scheidungen, sie gelten also auch für die anderen pluralistischen Gesellschaften grundsätzlich der
Teilsysteme der Gesellschaft, und sie können im öffentliche Raum. Weitere Unterscheidungen
Zweifelsfall mit den Mitteln des Zwangs, die nur und Abgrenzungen kommen hinzu: Im Unter-
dem Staat als dem Inhaber des Monopols der le- schied zum kommunikativen Gedächtnis ist das
gitimen Gewalt zur Verfügung stehen, durchge- politische Gedächtnis mediengestützt. Das poli-
setzt werden. Zum anderen werden die Men- tische Gedächtnis manifestiert sich in Denkma-
schen in den allermeisten Fällen in eine politi- len, Jahrestagen, Feiern, Ritualen, Symbolen. Die
sche Ordnung hineingeboren, der sie dann ihr Angewiesenheit auf Medien und Objektiva-
Leben lang angehören. In den Zeiten der Globali- tionen verbindet das politische mit dem kulturel-
sierung häufen sich zwar die Wechsel von einem len Gedächtnis. Das politische Gedächtnis ent-
Land in ein anderes, aber immer noch ist es weit- steht nicht aus den mehr oder weniger inten-
116 II. Was ist Gedächtnis/Erinnerung?

tionslosen Alltagskommunikationen. Auch das sich zeigt, zu welchen Erkenntnissen die Definiti-
verbindet das politische Gedächtnis mit dem onen und Typologien beitragen.
kulturellen Gedächtnis. Im Unterschied zum kul- Die realen Sachverhalte, um die es im politi-
turellen Gedächtnis aber, das auch die nicht-öf- schen Gedächtnis geht, gehören zu den elemen-
fentlichen Gedächtnisformen der Religionen taren Bestandteilen der Logik politischen Han-
umfasst, ist die Topographie des politischen Ge- delns und politischer Ordnungen. Im Main-
dächtnisses öffentlich, und es unterliegt, wie ein- stream der Politikwissenschaft spielte das
gangs betont, der zielgerichteten politischen Gedächtnisthema allerdings über lange Zeit keine
Steuerung. Das Ziel und die Funktion des politi- große Rolle. Das hat mit dem in ihr vorherr-
schen Gedächtnisses besteht nicht in der Ver- schenden Politikbegriff zu tun, der sich funktio-
ständigung über die allgemeinen Grundlagen der nalistisch auf die Herstellung kollektiv verbindli-
Zivilisation und darüber, wie wir leben wollen, cher Entscheidungen bezieht und deswegen die
was eine umfassende Wahrheit ist, worin das sogenannten Politikfeld-Studien favorisiert. Das
Glück und der Sinn des Lebens besteht, sondern Gedächtnisthema fällt durch die Maschen des
im engeren Sinn in der Frage, wie die gegenwär- Policy-Netzes hindurch. Die Gedächtnisland-
tige politische Ordnung ihre Vorgänger bewer- schaft einer Gesellschaft und eines politischen
tet, auf welche politischen Entscheidungen und Systems gehört zu den eher weichen Fragen, die
Ereignisse der Vergangenheit sie sich positiv-zu- sich den Koordinaten der Policy-Forschung nicht
stimmend oder negativ-ablehnend bezieht. Das fügen und aus ihrer Perspektive betrachtet eher
politische Gedächtnis drückt im Blick auf die vor- bzw. subpolitischer Natur sind. Sie werden
Vergangenheit das Ideal einer Bürgerschaft aus, dem Bereich der traditionellen Staatsaufgaben
die sich selbst in einer Weise regiert, von der sie zugeordnet, deren Behandlung in der Politikwis-
glaubt, dass sie aus guten Gründen von anderen senschaft über lange Jahre hinweg eher vernach-
akzeptiert werden kann und die durch die Erfah- lässigt worden ist.
rungen der Vergangenheit zusätzliche Plausibili- Das ändert sich nach der Verschiebung der
tät erfährt. weltpolitischen Koordinaten durch den Unter-
Im politischen Gedächtnis nehmen die Grund- gang des realen Sozialismus und die Anschläge
lagen der politischen Ordnung erfahrbare Gestalt des 11. September 2001. Beide Ereignisse haben
an: Welche Ereignisse der Vergangenheit erfüllen intensive Debatten über die Grundlagen politi-
uns mit Schaudern und welche Ereignisse erken- scher Ordnungen in Gang gesetzt, über National-
nen wir als Leitfiguren an, und aus welchen staaten, Reiche, Imperien, über hegemoniale und
Gründen ist das so? In demokratisch-pluralisti- multipolare Weltordnung, über die Grundlagen
schen Staaten wird über diese Frage öffentlich und den Status des Völkerrechts und der Verein-
und fair und mit Angabe von Gründen gestritten, ten Nationen, über die Prinzipien und die Recht-
und jede Antwort ist immer nur vorläufiger Na- fertigung staatlicher und überstaatlicher Ord-
tur. In autoritären Staaten dagegen versuchen die nungen zwischen Vertrag und Verfassung. Es
Inhaber des politisch-administrativen Apparats wird deutlicher, dass Staatlichkeit nicht in der
diese Frage auf dem Wege willkürlicher Setzung Funktionalität ihrer Teilbereiche aufgeht. Die so-
und Anordnung und unter Ausschaltung einer zialintegrativen Aufgaben der Aufrechterhaltung
freien öffentlichen Diskussion mit den Mitteln von Ordnung, der Umverteilung und sozialen Si-
des Zwangs zu entscheiden. cherung, der Konstruktion kollektiver Identitä-
Man sollte freilich die Bedeutung von Typolo- ten und gemeinsamer Überlieferungen, der Her-
gien für die wissenschaftliche Arbeit nicht über- stellung und Bewahrung von Gemeinsamkeiten
bewerten. Wenn sie der groben Orientierung und Verpflichtungen verstehen sich keineswegs
dienlich sind, haben sie ihren Zweck erfüllt. von selbst und bedürfen auch in funktional hoch-
Wichtiger als Definitionen und Unterscheidun- differenzierten Gesellschaften eigener Aufmerk-
gen von Typen sind materiale Analysen, in denen samkeit und Pflege. In diesem Zusammenhang
6. Das Politische des Gedächtnisses 117

werden Gedächtnisfragen relevant. Sie stehen im einanderfolgende, wechselnde und doppelte


Hintergrund politischer Entscheidungsprozesse Besatzungen. Gleichzeitig war die Ukraine ein
und nehmen indirekt Einfluss auf das politische Hauptschauplatz der Vernichtung der europäi-
System. Sie gehören in den Kontext von Hand- schen Juden, und nationalistische Organisatio-
lungsorientierung und Identitätsstiftung, in den nen der Ukrainer und viele Bewohner kolla-
Kontext von Begriffen, Bildern und Mustern, die borierten mit den Deutschen oder waren in die
politische Ordnungen von sich selbst entwerfen. Verbrechen der deutschen Besatzungsmacht ver-
Die erste der eingangs genannten Annahmen strickt (vgl. osteuropa 6/2008). In Russland ver-
zieht die politische Folgerung aus der soziologi- sucht die politische Klasse, die Erfahrung des
schen Gedächtnisforschung von Maurice Halb- Terror- und Lagersystems unter einer Decke des
wachs, nach der das, was die Menschen ins Ge- Schweigens zu begraben. Ob ihr das gelingen
dächtnis aufnehmen, kein natürliches, biologisch wird, ist fraglich. Die privaten Erinnerungen an
gegebenes Faktum ist, sondern von sozialen und den Archipel Gulag und den Terror sind in Russ-
kulturellen Bedingungen abhängt. land allgegenwärtig. In der Zeit zwischen 1930
Diese Behauptung ist bis heute plausibel und und 1953 waren ca. 20 Millionen Menschen Op-
durch viele kulturwissenschaftliche und sozial- fer der Repression, kaum eine Familie, die nicht
psychologische Untersuchungen bestätigt wor- davon betroffen war (vgl. osteuropa 6/2007).
den. Was in einer Gesellschaft an vergangenen Eine zentrale Frage der Gedächtnispolitik ist,
Ereignissen erinnert und was vergessen wird, ist ob die Tatsache der sozialen Abhängigkeit der Er-
abhängig von dem Bezugsrahmen, den sie in ih- innerungskultur zugleich bedeutet, dass es eine
rer jeweiligen Gegenwart bereitstellt, von den Be- gezielte Steuerung der Prozesse des Erinnerns
dürfnissen, Problemlagen und Wünschen, die sie und Vergessens in einer Gesellschaft geben kann.
ausbildet. Daraus folgt, dass Veränderungen des Gedächtnispolitik im strengen Sinn geht von die-
Bezugsrahmens unvermeidlich einen Wandel im ser Möglichkeit der Steuerung tatsächlich aus.
Gedächtnishaushalt der Gesellschaften bewirken. Das gilt von der Politik der damnatio memoriae
Es ist deswegen alles andere als verwunderlich, (›Verurteilung des Andenkens‹), die im antiken
dass zum Beispiel die Umbrüche des Jahres 1989 Rom der Kaiserzeit praktiziert wurde, über die
das kollektive Gedächtnis der betroffenen Länder Formel oblivio et amnestia (›Vergessen und Ver-
in große Unruhe versetzt haben. Die geographi- geben‹), die über Jahrhunderte hinweg zum Ka-
schen und politischen Räume, die seitdem wie- non der Friedensschlüsse gehörte, bis zur Stock-
der frei zugänglich sind, öffnen auch die Türen zu holmer Holocaust-Konferenz, die im Januar 2000
neuen Gedächtnisräumen und führen zu hefti- gleichsam per Dekret die Erinnerung an die Ver-
gen Eruptionen. Der Streit um die Verlagerung nichtung der europäischen Juden ins Zentrum ei-
des sowjetischen Kriegerdenkmals aus dem Zen- ner global ausgerichteten Gedächtnispolitik rü-
trum Tallinns auf einen Friedhof im Frühjahr cken wollte.
2007 bewirkte Ausschreitungen in Estland, Agi- Extreme Formen der Gedächtnismanipulatio-
tation in Russland und diplomatische Spannun- nen praktizierten die totalitären Regime des 20.
gen zwischen den Nachbarn. Die Ukraine sucht Jahrhunderts. Den Absichten der stalinistischen
nach einem Weg, ihre entsetzliche Vergangenheit und nationalsozialistischen Machthaber zufolge
totalitärer Vernichtungserfahrung zu verarbei- sollte weder von den ermordeten Juden noch von
ten. Und das ist keineswegs ein Elitenphänomen: den der Vernichtung preisgegebenen angeblichen
Die überwiegende Mehrheit der Ukrainer war Feinden des Kommunismus eine Spur im Ge-
Opfer von Krieg und unterschiedlichen Besat- dächtnis der Zeitgenossen und der nachfolgen-
zungsregimen. Schon vor dem Krieg wurde die den Generationen erhalten bleiben. Diese bar-
Ukraine zum Opfer sowjetischen Terrors, beson- barischen Versuche einer vollkommenen Ge-
ders brutal in der Großen Hungersnot (›Holodo- dächtnisauslöschung und -manipulation sind
mor‹) 1932/1933, und sie erlebte im Krieg auf- misslungen: Immer überlebt einer, der von den
118 II. Was ist Gedächtnis/Erinnerung?

Untaten Zeugnis ablegt, sie im Gedächtnis be- Erinnerungskultur und ihre politischen
wahrt und seine Erinnerungen an die nachfol- Funktionen
genden Generationen weiterreicht.
In modernen Gesellschaften und demokrati- Die zweite der eingangs genannten Annahmen,
schen politischen Systemen ist die Gestalt der Er- also die Annahme, dass mit der Erinnerungskul-
innerungskultur normalerweise das Resultat bzw. tur immer politische Funktionen und Konse-
das Nebenprodukt öffentlicher und für alle zu- quenzen verbunden sind, nimmt vor allem die
gänglicher Debatten und Diskurse. Gleichwohl Frage nach der Legitimität, Stabilität und Dauer-
konnten und können auch hier nicht alle Staaten haftigkeit politischer Ordnungen in den Blick. Im
der Versuchung widerstehen, per Gesetz be- Kern geht es darum, dass durch den positiven Be-
stimmte Gedächtnisinhalte gleichsam zu kanoni- zug auf große Ereignisse und Epochen der Ge-
sieren und andere zu verbieten. In Frankreich schichte oder durch die Distanzierung von einer
gibt es die loi Gayssot, die die Leugnung der Gas- negativ bewerteten Vergangenheit die jeweils ei-
kammern unter Strafe stellt, ferner wurde der Ge- gene politische Ordnung stabilisiert, aufgewertet
nozid an den Armeniern parlamentarisch bestä- und abgesichert wird.
tigt, und die ehemaligen Algerienfranzosen setz- Für die Frage nach den spezifisch politischen
ten ein Gesetz durch, in dem die »positive Rolle« Funktionen und Konsequenzen der Erinnerungs-
des Kolonialismus festgehalten wurde. In der kultur lassen sich vier Ebenen unterscheiden: Auf
Bundesrepublik Deutschland wird nach § 130 der ersten, sehr grundsätzlichen Ebene geht es
StGB strafrechtlich verfolgt, wer »die nationalso- um die Rolle des Gedächtnisses für den Begriff
zialistische Gewalt- und Willkürherrschaft bil- des Politischen. Die zweite Ebene betrifft die
ligt, verherrlicht oder rechtfertigt«. In Russland Rolle der Erinnerungskultur bei der Konstitution
gibt es Pläne, diejenigen strafrechtlich zu verfol- und Legitimation konkreter politischer Ordnun-
gen, die die Verdienste der Sowjetunion beim gen. Die dritte Ebene zielt auf einzelne individu-
Sieg über Deutschland und die Verbrechen der elle oder kollektive Akteure in den politischen
Nazis leugnen; diese Strafandrohung soll auch Auseinandersetzungen, die sich durch den Re-
gegenüber Ausländern gelten. kurs auf gedächtnispolitische Optionen die He-
Wenn man Gedächtnispolitik prinzipiell zu gemonie im politischen Diskurs sichern wollen.
den Möglichkeiten und Aufgaben politischen Die vierte Ebene schließlich fragt nach der Rolle
Handelns rechnet, dann gehört zur Analyse poli- der Erinnerungskultur in politischen Brüchen
tischer Systeme und politischen Handelns die und Umbrüchen, vor allem im Prozess der Neu-
Gedächtnisdimension unverzichtbar hinzu. Die gründung von Demokratien (vgl. Kohlstruck
Analysen stellen dann die Frage, wer über die 2004; König 2008).
Auswahl der Gedächtnisinhalte entscheidet, wel- 1. Begriff des Politischen: Die Bürger einer poli-
che Interessen dahinter stehen, mit welchen Mit- tischen Ordnung schulden einander besondere
teln die Verbreitung bestimmter Gedächtnis- Loyalität und Verlässlichkeit. Politische Ordnun-
inhalte betrieben wird, welche Ressourcen in gen beruhen gleichsam auf einem Versprechen,
Anspruch genommen werden, welche Deutungs- das die Bürger einander geben und dessen Ein-
angebote gemacht und wie sie rezipiert werden. haltung sie sich wechselseitig schuldig sind. Da-
Kurz: Zu fragen ist nach spezifischen gedächtnis- durch entstehen besondere Bindungen, die die
politischen Interessen, Möglichkeiten und Strate- Mitglieder eines politischen Gemeinwesens mit-
gien und nach den Bedingungen für ihren Erfolg einander eingehen. Die Einhaltung der Verspre-
und Misserfolg (vgl. Kohlstruck 2004, 176). chen ist an ein gutes Gedächtnis gebunden, also
daran, dass sich jeder morgen noch an das erin-
nert und gebunden fühlt, was er gestern verspro-
chen hat.
Wer so argumentiert und damit die Rolle von
6. Das Politische des Gedächtnisses 119

Versprechen, Vertrag und Gedächtnis im Kern das kulturelle Gedächtnis nicht zureichend ge-
des Politischen ansiedelt, gehört zur kontraktua- stiftet werden kann. Möglicherweise ist die kultu-
listischen und republikanischen Fraktion des po- relle Einheit eine notwendige und unverzichtbare
litischen Denkens, die nicht die Ordnung der In- Voraussetzung für die gesellschaftliche Integra-
stitutionen und des Systems ins Zentrum des Po- tion und Stabilität, aber sie ist nicht hinreichend.
litikbegriffs stellt, sondern das politische Handeln Andernfalls wäre nicht zu erklären, dass es im
freier und gleicher Bürger, die immer wieder vor Laufe der historischen Entwicklung zur Ausdiffe-
der Aufgabe stehen, geregelte, gerechte und zu- renzierung und Ausbildung einer eigenen politi-
stimmungsfähige Formen einer gemeinsamen schen Handlungssphäre gekommen ist, auf die
Ordnung zu entwickeln und auf Dauer zu stellen. die Gesellschaften offenbar bis heute nicht ver-
Die Bedeutung des guten Gedächtnisses für zichten können. Die politische Sphäre hat die
die Herstellung von sozialer Verbindlichkeit ist Funktion, jene Aufgabe zu erledigen, für die alle
von Friedrich Nietzsche in seiner Schrift Zur Ge- Gesellschaften zu einem bestimmten Zeitpunkt
nealogie der Moral aus dem Jahre 1887 mit gro- ihrer Entwicklung dringend eine Lösung brau-
ßem Nachdruck herausgestellt worden. Nietzsche chen: die Notwendigkeit, einen Bereich kollekti-
betont zugleich das Unwahrscheinliche, Unna- ver Verbindlichkeiten festzulegen, in dem die Be-
türliche und Mühselige dieses Versuchs, über die troffenen auch angesichts von Meinungsdifferen-
Ausbildung des Gedächtnisses einen zuverlässi- zen oder Meinungsschwankungen zu akzeptierten
gen Menschen zu erzeugen. »›Wie macht man Entscheidungen kommen, die eingegangenen
dem Menschen-Tiere ein Gedächtnis? Wie prägt Verpflichtungen durchgehalten und, wenn es sein
man diesem teils stumpfen, teils faseligen Augen- muss, mit dem Einsatz von physischem Zwang
blicks-Verstande, dieser leibhaften Vergeßlich- durchgesetzt werden. Diese Leistungen und
keit etwas so ein, daß es gegenwärtig bleibt?‹« Die Merkmale der politischen Ordnung sind an Insti-
»ungeheure Arbeit«, die hier gefordert ist, geht tutionen und an die Ausbildung eines adminis-
nach Nietzsche mit viel Grausamkeit und Leid trativen Apparats gebunden. Deren Funktion be-
einher: »›Man brennt etwas ein, damit es im Ge- steht dann darin, diejenigen, die ein schlechtes
dächtnis bleibt: nur was nicht aufhört wehzutun, Gedächtnis haben, an die eingegangenen Ver-
bleibt im Gedächtnis‹ – das ist ein Hauptsatz aus pflichtungen zu erinnern und für deren Einhal-
der allerältesten (leider auch allerlängsten) Psy- tung zu sorgen.
chologie auf Erden« (Nietzsche 1972, 800 ff.). 2. Konstitution und Legitimation politischer
Die zivilisatorischen Leistungen, die Nietzsche Ordnungen: Für die Konstitution und Legitima-
beschreibt, werden von der Gedächtnisforschung tion konkreter politischer Ordnungen kommt
der Gegenwart für die Bestimmung des kulturel- dem Bezug auf die Vergangenheit ein großes Ge-
len Gedächtnisses in Anspruch genommen. »Das wicht zu. Die kollektive Identität eines Gemein-
Gedächtnis braucht, wer sich verpflichten muß, wesens, die auf Zugehörigkeitsbewusstsein, Zu-
wer sich bindet. Kultur heißt Bindung und daher stimmungsbereitschaft und Loyalität ihrer Bür-
Gedächtnis« (J. Assmann 1995, 112). Allerdings ger beruht, kann durch die Erinnerung an die
ist das zentrale Medium dafür nach Jan Assmann großen Ereignisse der Vergangenheit gefördert,
nicht, wie bei Nietzsche, die körperliche Gewalt, gestärkt und stabilisiert werden. Das gilt für un-
sondern die Sprache bzw. die Schrift. tergeordnete politische Bezugsgrößen, aber vor
Die spezifisch politische Dimension der Ge- allem für die übergeordneten politischen Ord-
sellschaft ist mit diesen Bestimmungen des kultu- nungen, z. B. für Reiche oder Nationen. Allge-
rellen Gedächtnisses aber noch gar nicht erreicht, mein gesagt: Politische Ordnungen sind nie nur
weder bei Nietzsche noch bei Assmann. Die poli- Willensgemeinschaften, sondern stets auch Erin-
tische Dimension kommt erst dann in den Blick, nerungsgemeinschaften.
wenn man sieht, dass der Zusammenhalt von Ge- Das zentrale Beispiel für diese Ebene der Ge-
sellschaften allein durch ihre Kultur und durch dächtnispolitik in der jüngeren Geschichte ist der
120 II. Was ist Gedächtnis/Erinnerung?

Nationalstaat. Die nationale Legitimation, die in zurückreicht, zu untermauern und zu legitimie-


Europa seit dem Ende des 18. Jahrhunderts die ren.
dynastische Legitimation politischer Ordnungen Zur Logik des auf der Einheit der Nation auf-
ablöste, hat einen besonders großen Bedarf an bauenden Staates gehört, dass die kulturelle und
Gemeinsamkeitsglauben, der wiederum durch die politische Dimension deckungsgleich sind,
die Erinnerung an eine gemeinsame Vergangen- weil nur auf dieser Basis die angestrebte vollkom-
heit eine starke Unterstützung erfährt. Deswegen mene Identifikation des Einzelnen mit der Na-
sind Nationen von Max Weber als »Erinnerungs- tion für möglich und glaubwürdig gehalten wird.
gemeinschaften« bezeichnet worden (Weber Die Einheit von Territorium, Staatsgewalt und
1985, 515). Der französische Religionsphilosoph Bevölkerung, die den modernen Staat charakteri-
Ernest Renan formulierte im gleichen Sinn: »Eine siert, bedarf zu ihrer Vollendung gleichsam der
Nation ist eine Seele, ein geistiges Prinzip. […] Beseelung durch das nationale Gedächtnis. Die
Wie der einzelne, so ist die Nation der Endpunkt Zugehörigkeit zur Nation hat über allem anderen
einer langen Vergangenheit von Anstrengungen, zu stehen, nationale Loyalitätsanforderungen
Opfern und Hingabe. […] Eine heroische Ver- schließen andere Loyalitäten strikt aus. Das ist
gangenheit, große Männer, Ruhm […] das ist das der Grund für den Hass der nationalen Protago-
soziale Kapital, auf dem man eine nationale Idee nisten auf alle Kosmopoliten und Partikularisten,
gründet« (Renan 1995, 56). die eine Erinnerungskultur oberhalb oder unter-
Es ist in der jüngeren historischen Forschung halb der Nation für sich reklamieren und ihnen
vielfach gezeigt worden, wie die nationalen Be- mindestens den gleichen, wenn nicht einen hö-
wegungen es verstanden haben, mit den Mitteln heren Rang einräumen als dem nationalen Ge-
der »invention of tradition« die Einheit der Na- dächtnis. Da Juden und Sozialisten im 19. Jahr-
tion herzustellen. Die Herstellung der Erinne- hundert sowohl als Kosmopoliten wie als parti-
rungskultur dient hier dem Bemühen, die Gegen- kulare Gruppe, als Staat im Staat galten, traf sie
wart durch die Bindung an eine große Vergan- der Hass der nationalen Protagonisten immer mit
genheit aufzuwerten und damit die Zukunft zu besonderer Intensität.
gewinnen. Das gilt im Kern für alle politischen Nicht nur im Innern der Nationalstaaten, bei
Ordnungen, die auf der Idee der Nation auf- der Stellung der Minderheiten, führt die Forde-
bauen, gleichermaßen. rung der Deckungsgleichheit zwischen nationa-
Die drei großen Pioniere der Idee der Nation ler Kultur und politischer Ordnung zu gewaltrei-
und des nationalen preußisch-deutschen Staates chen Konsequenzen, sondern auch in den Kon-
zu Beginn des 19. Jahrhunderts, der Publizist flikten zwischen den Staaten. Der Streit um
Ernst Moritz Arndt, der Turnvater Friedrich Lud- Territorien wird im nationalen Zeitalter regelmä-
wig Jahn und der Philosoph Johann Gottlieb ßig zum Streit um die Nationalität dieser Gebiete.
Fichte, waren in diesem Sinne entschiedene Ge- Es genügt nicht mehr, ein Territorium zu erobern
dächtnispolitiker (vgl. König 2008, 364 ff.). Sie und dem siegreichen Staat zu unterwerfen, viel-
haben zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Weg mehr muss nun die Bevölkerung der eroberten
vorgegeben, der dann vom nationalen Denken Gebiete in den Körper und das Gedächtnis der
und von der nationalen Geschichtsschreibung in Siegernation eingegliedert, d. h. zum Bestandteil
Deutschland mit großem Erfolg und großer Re- ihrer ›Seele‹ werden. Das geschieht auf zwei We-
sonanz beschritten worden ist. Sie waren eifrig gen: Zum einen auf dem Weg der nationalpoliti-
damit beschäftigt, eine große nationale Vergan- schen Umerziehung – in Elsass und Lothringen
genheit zu etablieren und die politische Ordnung z. B. versuchten dies 1871 zunächst die Deutschen
des deutschen Vaterlands mit dem Aufbau einer und ab 1919 wieder die Franzosen. Zum anderen,
nationalen Gedächtnislandschaft, die bis zur in den Fällen, wo Assimilation von vornherein
Schlacht von Hermann dem Cherusker gegen die für aussichtslos oder zu mühsam erachtet wird,
römischen Truppen unter Varus im Jahre 9 n. Chr. durch ethnische Säuberungen, also durch Ver-
6. Das Politische des Gedächtnisses 121

treibung und Umsiedlung. Ethnische Säuberun- timierende Rolle. Nach allgemeiner Auffassung
gen begleiten das nationale Zeitalter wie ein handelt es sich bei dem aufgefundenen Buch um
Schatten und offenbaren das riesige Gewaltpo- das Deuteronomium, das fünfte Buch Mose, das
tential, das in der nationalen Legitimation politi- detaillierte Erinnerungsanweisungen für das Volk
scher Ordnungen von Anfang an enthalten ist. der Juden enthält (vgl. J. Assmann 2007, 212 ff.;
Aber Erinnerungskultur ist nicht nur für die König 2008, 240 ff.).
Nationalstaaten von Bedeutung, sondern auch Auch in der römischen Republik erinnern die
für politische Ordnungen, die auf anderen Kon- politischen Akteure immer wieder an den Ruhm
zepten der Legitimation aufbauen. Es wäre eine und den Auftrag der Vorfahren und leiten von ih-
notwendige Aufgabe, systematisch zu untersu- nen die Legitimität ihrer Rolle her. Cicero bei-
chen, ob man unterschiedlichen politischen Ord- spielsweise ist darin ein wahrer Meister (vgl. Kö-
nungen, also z. B. Imperien, Reichen, National- nig 2007). Generell gilt, dass überall dort, wo wir
staaten und heute den postnationalen Ordnun- es mit traditionaler Herrschaft zu tun haben, d. h.
gen jeweils ein anderes »Gedächtnisregime« mit der Legitimation der Herrschaftsausübung
zuordnen kann. Die Aufgabe einer historischen über die Herkunft, die Inhaber der entsprechen-
Erforschung von Gedächtnisregimes ist noch den Herrschaftspositionen vor der gedächtnispo-
nicht in Angriff genommen worden. Unter »Re- litischen Daueraufgabe stehen, dafür zu sorgen,
gime« sollen hier, in Anlehnung an die Termino- dass ihr Status anerkannt und nicht vergessen
logie in der politikwissenschaftlichen Lehre von wird.
den Internationalen Beziehungen, politik-, norm- 4. Umbruch und Neubeginn: Gedächtnispolitik
und regelgeleitete Formen der kollektiven Erin- und die Errichtung von Erinnerungskulturen
nerung verstanden werden, die zwar nicht recht- spielen eine große Rolle bei Umbrüchen und po-
lich fixiert, aber doch für längere Zeit stabil und litischem Neubeginn, vor allem nach Revolutio-
maßgeblich sind. nen, Kriegen, Bürgerkriegen, Aufständen und
3. Diskurshegemonie: Die Erinnerung ist eines Regime- bzw. Systemwechseln. Die jeweilige neue
der Felder, auf dem die politischen Akteure ihre politische Ordnung steht vor der Notwendigkeit,
Konkurrenzen und Rivalitäten austragen. Politi- ihre Existenz zu legitimieren, und ein wesentli-
sche Akteure konkurrieren um politische Ämter ches Mittel dafür ist, sich von ihrem Vorgänger-
und Positionen. Sie stehen immer vor der Auf- Regime abzugrenzen, also das vergangene, abge-
gabe, Aufmerksamkeit, Zustimmung, Reputation löste System und seine Anhänger zu delegitimie-
für die eigene Person oder Partei zu erringen und ren. Das kann gedächtnispolitisch durch ganz
den Einfluss der Konkurrenten zu verringern. Es entgegengesetzte Strategien bewirkt werden: ent-
geht auf dieser Ebene der Gedächtnispolitik um weder durch Vergessen und Vergeben oder durch
die Erringung bzw. Erhaltung politischer Domi- Erinnern und Bestrafen.
nanz, um den Versuch, Diskurshegemonie zu er- In der Geschichte der Friedensschlüsse be-
reichen und auf Dauer zu stellen. stimmte über Jahrhunderte hinweg das Vergeben
Bemühungen um die Erringung und Stabili- und Vergessen das politische Handeln. Erst mit
sierung von Diskurshegemonie mit den Mitteln dem Versailler Vertrag und dann vor allem seit
der Gedächtnispolitik spielen überall dort eine dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben sich die
Rolle, wo die gemeinsamen Dinge als öffentliche Auffassungen über die ›Kunst‹, einen Krieg zu
verstanden und verhandelt werden – und das beenden und einen politischen Neubeginn zu un-
heißt, solange es überhaupt Politik gibt. Von ei- ternehmen, fundamental geändert. Von nun an
nem spektakulären Fall der Gedächtnispolitik be- setzte sich die Forderung nach Erinnern, Aufar-
richtet bereits das Alte Testament: In der Reform- beiten und Bestrafen durch. Das sogenannte Lon-
politik des Königs Josia im letzten Drittel des 7. doner Statut mit seinen drei Straftatbeständen
Jahrhunderts v. Chr. spielte das angebliche Wie- des Kriegsverbrechens, des Verbrechens gegen
derauffinden eines alten Buches eine große, legi- die Menschheit und der Vorbereitung eines An-
122 II. Was ist Gedächtnis/Erinnerung?

griffskriegs, die den Nürnberger Prozessen zu- Freuds, die im Dreischritt von Erinnern, Wieder-
grunde lagen, schuf die entsprechenden völker- holen und Durcharbeiten die Möglichkeit er-
rechtlichen Voraussetzungen, und mit der Grün- kennt, die belastende, krankmachende und über-
dung des International Criminal Court haben die wältigende Last vergangener Ereignisse zu über-
Vereinten Nationen diesen Weg fortgesetzt. Nun winden.
gilt der Krieg nicht mehr nur als das Übel, unter Ein zentrales Beispiel für diese vierte Ebene
dem die Menschheit leidet und das man beim der Gedächtnispolitik ist die Geschichte der Bun-
Ende der Kämpfe schnell vergessen soll, sondern desrepublik und ihr Verhältnis zur NS-Vergan-
als Unrecht, das man erinnern und bestrafen genheit. Aber auch in den jüngeren Demokrati-
muss. sierungswellen, etwa in Südamerika oder in den
Die Alternative, um die es hier geht, ist aber postsozialistischen Ländern in der Mitte und im
mit Erinnern oder Vergessen nur unzureichend Osten Europas, überall dort also, wo der Wechsel
benannt. Ein gutes Gedächtnis kann nachtragend von der Diktatur zur Demokratie vollzogen
sein, bestehende Unversöhnlichkeiten und Feind- wurde, spielte und spielt das Thema eine große
schaften verlängern und neue entstehen lassen. Rolle. Eine wichtige Besonderheit an diesem
Deswegen wurde über die Jahrhunderte hinweg Punkt besteht darin, dass sich die Erinnerungs-
die Beendigung von Bürgerkriegen und zwi- kultur nicht in symbolischem und kulturellem
schenstaatlichen Kriegen fast immer an oblivio et Handeln erschöpft, sondern mit darüber hinaus-
amnestia gebunden, an Vergessen und Vergeben. gehenden Konsequenzen verbunden ist, vor al-
Das verordnete Vergessen und Vergeben, so zeigt lem mit der Frage, ob es Strafverfahren gegen be-
die Erfahrung, führte dann aber doch immer nur lastete Personen und Amtsinhaber des abgelösten
zu einem mehr oder weniger schnell wieder auf- Regimes oder eine Amnestie geben soll.
gekündigten Stillhalteabkommen. Im Versailler Dass die schreckliche Vergangenheit nicht ver-
Vertrag am Ende des Ersten Weltkriegs wurde gehen will, wird heute von den maßgeblichen po-
dann zum ersten Mal in einem bedeutenden Frie- litischen Kräften Europas nicht mehr für eine be-
densschluss nicht das Vergeben und Vergessen klagenswerte Tatsache gehalten. In den ersten
angekündigt und verlangt, sondern das Gegen- Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs
teil. Dem Deutschen Reich wurde die Schuld am war das zunächst noch völlig anders. Es herrschte
Ausbruch des Krieges zugeschrieben, die Deut- damals das unausgesprochene Einverständnis,
schen wurden moralisch geächtet, und statt Am- dass das Ziel der europäischen Integration, näm-
nestie wurde die Durchführung von Strafprozes- lich die Überwindung der wirtschaftlichen und
sen wegen Kriegsverbrechen angekündigt. Dieses politischen Ursachen der beiden Weltkriege, am
erzwungene Gedächtnis traf die Weimarer Repu- besten zu erreichen ist, wenn man – jedenfalls auf
blik ganz unvorbereitet. Es führte nicht zum Ab- der politischen Ebene – von den Gewaltexzessen
bau der Feindschaften, sondern trug zu ihrer Es- und von der Vernichtung der europäischen Juden
kalation bei und gehört deswegen zur Vorge- durch die Nationalsozialisten nicht allzu viel Auf-
schichte des Zweiten Weltkriegs. hebens macht, weder in den drei Nachfolgestaa-
Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ten des Dritten Reiches, also in der Bundesrepu-
setzte sich dann aber mehr und mehr das postna- blik, der DDR und Österreich, noch in den Bezie-
tionale Gedächtnisregime durch. Ihm liegt die hungen zwischen den Staaten. Churchill forderte
Auffassung zugrunde, dass der fortwirkende in seiner berühmten Rede von 1946 über die Not-
Bann der Vergangenheit am besten aufgelöst wer- wendigkeit eines vereinten Europa, Gladstone zi-
den kann, indem die belastenden Vergangenhei- tierend, einen »segensreichen Akt des Verges-
ten erinnert, ungeschönt wahrgenommen und sens«, und er fügte hinzu: »Wenn Europa vor
damit der Bearbeitung zugänglich gemacht wer- endlosem Elend und schließlich vor seinem Un-
den. Im Hintergrund dieses Erinnerungsmodells tergang bewahrt werden soll, dann muß die euro-
stehen Überlegungen aus der Psychoanalyse päische Völkerfamilie diesen Akt des Vertrauens
6. Das Politische des Gedächtnisses 123

und diesen Akt des Vergessens gegenüber den und dem Auffrischen von Rechnungen, von de-
Verbrechen und Wahnsinnstaten der Vergangen- ren Existenz kaum noch jemand überhaupt eine
heit vollziehen« (Churchill 1989, 312). Dieser Ahnung hatte. Aggressive und autistische natio-
Haltung korrespondiert, dass im Existentialismus nale Mythen erfuhren eine Wiederauferstehung,
Sartres und im Vitalismus von Ortega y Gasset, und das nationale Gedächtnisregime gewann, als
zwei wichtigen intellektuellen Strömungen nach sei es das natürlichste der Welt, die Oberhand.
1945, das Vergessen zum Modell erhoben und im Das ist der vorherrschende Trend in so gut wie al-
strikten Blick nach vorn die einzige Möglichkeit len osteuropäischen Ländern, in Polen nicht an-
des Neuanfangs gesehen wurde. ders als in Ungarn oder in Tschechien, zu schwei-
Allgemein gesagt: Für nationale Gedächtnisre- gen von Russland. Überall dominiert die Neigung,
gimes ist typisch, dass sie die eigene Gegenwart nationale Mythen wieder hervorzuholen, belas-
und Vergangenheit für sakrosankt erklären und tende Geschehnisse auszublenden, weit in der Ge-
nur das aufnehmen, was die Wunschphantasie ei- schichte zurückliegende heroische oder krän-
gener Stärke, Größe und Reinheit bestätigt. Nie- kende Ereignisse zu Bezugspunkten der Gegen-
derlagen, Enttäuschungen und Erniedrigungen, wart zu machen und alte Helden zu revitalisieren.
die man eingestehen muss, dienen hier nur als Aber der Zusammenbruch der sozialistischen
Anlauf und Treibstoff für die Stunde der Rache Staaten tangiert nicht nur die Gedächtnisland-
und die Fortsetzung des Kampfes. Das Gedächt- schaften der mittel- und osteuropäischen Länder,
nisregime, das der postnationalen Konstellation das Ende der europäischen Spaltung ist in seinen
korrespondiert, ist dagegen zu einem komplexe- Wirkungen nicht auf das Territorium, die Institu-
ren Blick in der Lage. Es akzeptiert auch die be- tionen, das Bewusstsein und die Erinnerungen
lastenden Seiten der eigenen Geschichte und dieser Gebiete eingrenzbar. Mit der Öffnung von
wendet sich ihnen sogar mit größerer Intensität Grenzen und Räumen und dem Ziehen neuer
zu, weil daraus für die Zukunft besonders viel ge- Grenzen kommt ganz unvermeidlich und auf al-
lernt werden kann. Ihre Thematisierung dient len Seiten eine neue Bewegung in die Selbstbilder
nicht der Vorbereitung auf den nächsten Waffen- und die Erinnerungslandschaften, es entstehen
gang, sondern umgekehrt dem Ausstieg aus der neue Beschreibungen und Zuordnungen, die in
törichten und todbringenden Eskalation von Ag- die Erinnerung an die Gewaltgeschichte des 20.
gression, Niederlage und Revanche. Jahrhunderts neue Koordinaten einzeichnen.
Auch die Erinnerung an die Geschichte der zwei-
ten Hälfte des 20. Jahrhunderts beginnt sich zu
Postkommunistische Gedächtnisregime
verschieben. Sie erscheint nun nicht mehr nur als
Dass das postnationale Gedächtnisregime noch eine einzigartige Erfolgsgeschichte friedlicher
keineswegs überall die Vorherrschaft angetreten Beziehungen und stabiler demokratischer politi-
hat, zeigt der Blick auf die mittel- und osteuropäi- scher Systeme, sondern zugleich als eine Ge-
schen Länder. Der Zusammenbruch des realen schichte, in der der Gesamtzusammenhang Eu-
Sozialismus seit 1989 hat eine Umwälzung der ropas zerstört worden ist.
europäischen Gedächtnislandschaft bewirkt, die
vorerst nur in Ansätzen sichtbar geworden und
Gedächtnisreligion
noch längst nicht an ihr Ende gekommen ist. Er-
innerungen, die lange auf Eis gelegt waren, sind in Angesichts der vielfältigen weltpolitischen Ver-
Aufruhr geraten, wurden freigesetzt, und eine werfungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist der
neue Dynamik des Erinnerns und Vergessens ist Versuch gemacht worden, über die Erinnerung
in Gang gekommen. Das Auftauchen der unter an die Shoah eine vereinheitlichende und die
autoritärem Verschluss gehaltenen Erinnerungen Konflikte überwölbende Erinnerungskultur zu
ging oft mit der Neuauflage vergessener Abgren- etablieren. Das »International Forum on the Ho-
zungen einher, mit mörderischen Feindbildern locaust« in Stockholm im Januar 2000, an dem
124 II. Was ist Gedächtnis/Erinnerung?

viele Staaten mit offiziellen Delegationen betei- schichte, sie ist verbunden mit Orten, die man
ligt waren, verabschiedete eine Erklärung, in der aufsuchen kann, mit Räumen, die die Nazis für
es im letzten Artikel heißt: »Es ist durchaus ange- ihr Vernichtungswerk aussuchten und herrichte-
messen, daß diese erste große internationale Kon- ten, mit Spuren, die zwar zum Teil durch die Zeit
ferenz des neuen Jahrtausends sich dazu bekennt, verwischt wurden, aber immer noch sichtbar ge-
die Saat einer besseren Zukunft in den Boden ei- blieben sind. Es ist nicht schwer, eine Karte des
ner bitteren Vergangenheit zu streuen. Wir füh- Terrors anzufertigen, mit dem die Deutschen und
len mit den Opfern, und ihr Kampf ist uns An- ihre Verbündeten die Länder Europas überzogen
sporn. Wir wollen uns verpflichten, der Opfer zu haben. Es sind immer ganz spezifische, unver-
gedenken, die ihr Leben gelassen haben, die noch wechselbare Erinnerungen, die sich in den euro-
unter uns weilenden Überlebenden zu achten päischen Ländern, den Orten des Krieges und
und das gemeinsame menschliche Streben nach der Vernichtungspolitik, mit der Zeit des Natio-
gegenseitigem Verstehen und nach Gerechtigkeit nalsozialismus verbinden. Sie sind in Deutsch-
zu bekräftigen« (www.holocausttaskforce.org). land natürlich ganz anders als bei den Kriegsgeg-
Auf Initiative des schwedischen Premierminis- nern und den von den Deutschen okkupierten
ters Göran Persson war schon 1998 die »Task Ländern. Aber auch innerhalb dieser Gruppe
Force for International Cooperation on Holo- sind sie wiederum sehr unterschiedlich, in Frank-
caust Education, Remembrance, and Research« reich anders als in den Niederlanden oder in Ita-
eingerichtet worden, an der nunmehr 24 Staaten lien oder in den skandinavischen Ländern oder
beteiligt sind. Ihr Ziel ist es, die Erinnerung an in Österreich. Und noch einmal ganz anderer Na-
die Shoah zu einer universalen Angelegenheit zu tur sind sie in den osteuropäischen Ländern, bei
machen. Dem gleichen Ziel verpflichteten sich denen zur Erinnerung an die Leiden unter den
die Vereinten Nationen, die am 24. Januar 2005 Deutschen die Erinnerungen an die zweite Ter-
zum ersten Mal in ihrer Geschichte in einer Son- rorherrschaft unter dem Diktat der Sowjetunion
dersitzung des Holocaust gedacht haben. UN- hinzukommen, die man im Westen nur aus der
Generalsekretär Kofi Annan sagte in seiner An- Beobachterposition kennt.
sprache: »Das Böse, das sechs Millionen Juden Die Unterschiedlichkeit und Mannigfaltigkeit
und andere in diesen Lagern vernichtet hat, be- der Erinnerungen, ihre Kollisionen und ihr Ant-
droht uns alle auch heute noch.« Die Verbrechen agonismus, ihre Radikalität und Unversöhnlich-
Deutschlands seien »nichts, das wir einer fernen keit, ihre Gegenwärtigkeit und Macht – all das
Vergangenheit zuschreiben dürfen, um es zu ver- wird im Versuch der Europäisierung und Univer-
gessen.« salisierung der Holocaust-Erinnerung mit einer
Gedenktage, Arbeitsgruppen und Konferen- großen pathetischen Geste übersprungen und ni-
zen sollen die Erinnerung an das Verbrechen der velliert. Der Versuch, den Kosmos der je spezifi-
Shoah zum Ausgangspunkt und Rückhalt einer schen Erinnerungen auf ein vereinheitlichendes
an den Menschenrechten orientierten Weltpoli- Zentrum hin auszurichten, führt zu Moralisie-
tik machen. Der Preis für diese Universalisierung rung, Entwirklichung und Mythisierung des Ver-
der Erinnerung an die Shoah ist jedoch hoch (vgl. nichtungsterrors der Deutschen. Am Ende wird
A. Assmann 2006, 255 ff.). Sie geht auf Kosten die Shoah zum Teil des ewigen Kampfes, in dem
von Präzision und Konkretion. Die verschiede- die Kräfte des Bösen und des Guten miteinander
nen Gedächtnisebenen mit ihren unterschiedli- ringen. Das hat mehr mit religiösem Bewusstsein
chen Perspektiven, Inhalten und Akzenten wer- als mit politischer Urteilskraft zu tun. Die Erin-
den zugunsten eines einheitlichen Fixpunktes der nerung an die Shoah verwandelt sich damit in
Erinnerung nivelliert. In den Ländern Europas ›Gedächtnisreligion‹. Rituale treten an die Stelle
knüpft die Erinnerung an die Shoah an konkrete von Erinnerungen an konkrete, benennbare, in
Erfahrungen an. Sie ist, bei Tätern wie Opfern, Raum und Zeit lokalisierbare Geschehnisse. Zum
zentraler Bestandteil so gut wie jeder Familienge- Wesen religiöser Rituale und Zeremonien gehört,
6. Das Politische des Gedächtnisses 125

dass sie Zeit und Geschichte ausschalten und ver- –: Kulturelles Gedächtnis als normative Erinnerung.
gangene Ereignisse in die Gegenwart hineinzie- Das Prinzip ›Kanon‹ in der Erinnerungskultur Ägyp-
tens und Israels. In: Otto Gerhard Oexle (Hg): Me-
hen. Dadurch aber wird die Erinnerung abstrakt, moria als Kultur. Göttingen 1995, 95–115.
sie löst sich von den realen Koordinaten der ver- Churchill, Winston: European Unity. ›Something That
gangenen Ereignisse, von lokalen Gegebenheiten Will Astonish You‹. In: David Cannadine (Hg):
und der Beziehung zu Personen, Situationen, Blood, Toil, Tears and Sweat: Winston Churchill’s Fa-
Umständen, Räumen und Orten. Zurück bleibt mous Speeches. London 1989, 309–319.
ein entleertes, inhaltsloses Konstrukt, auf das sich Habermas, Jürgen: Faktizität und Geltung. Beiträge zur
Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen
vielleicht alle als gemeinsamem Bezugspunkt be-
Rechtsstaats [1992]. Frankfurt a. M. 2006.
ziehen und verständigen können, das aber alles Kohlstruck, Michael: Erinnerungspolitik: Kollektive
Herausfordernde verloren hat, weil es der Härte Identität, Neue Ordnung, Diskurshegemonie. In: Bir-
der realen Erfahrungen und antagonistischen Er- git Schwelling (Hg): Politikwissenschaft als Kultur-
innerungen gar nicht mehr angemessen ist. Ritu- wissenschaft. Theorien, Methoden, Problemstellungen.
alisierungen dienen der Bändigung der Erinne- Wiesbaden 2004, 173–193.
König, Helmut: Cicero – Politik und Gedächtnis. In:
rungen, sie wissen immer schon und viel zu gut,
Emanuel Richter/Rüdiger Voigt/Ders. (Hg): Res Pu-
wohin die Erinnerungen führen sollen. Es ist bes- blica und Demokratie. Die Bedeutung von Cicero für
ser und auch realistischer, vom Gegenteil auszu- das heutige Staatsverständnis. Baden-Baden 2007,
gehen. Was eine lebendige Erinnerungskultur 35–61.
braucht, ist nicht die Integration der Erinnerun- –: Politik und Gedächtnis. Weilerswist 2008.
gen in eine Gedächtnisreligion, in der sie rituell Nietzsche, Friedrich: Zur Genealogie der Moral [1887].
gezähmt werden, sondern umgekehrt die Bewah- In: Ders.: Werke Bd. II. Hg. von Karl Schlechta.
Frankfurt a. M./Berlin/Wien 1972, 761–900.
rung und Öffnung von Räumen und Foren für osteuropa: Das Lager schreiben. Varlam Salamov und die
konkrete Erzählungen und Erfahrungen. Und es Aufarbeitung des Gulag 6 (2007).
ist die wichtigste Aufgabe der Gedächtnispolitik osteuropa: Geschichtspolitik und Gegenerinnerung. Krieg,
in der Ära des postnationalen Gedächtnisre- Gewalt und Trauma im Osten Europas 6 (2008).
gimes, diese Räume und Foren bereitzustellen Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit. Frankfurt
und zu sichern. a. M. 1998 (engl. 1971).
–: Politischer Liberalismus. Frankfurt a. M. 2003 (engl.
1993).
Literatur Renan, Ernest: Was ist eine Nation? [1882]. In: Ders.:
Assmann, Aleida: Der lange Schatten der Vergangenheit. Was ist eine Nation? Und andere politische Schriften.
Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. München Mit einem einleitenden Essay von Walter Euchner
2006. und einem Nachwort von Silvio Lanaro. Wien/Bozen
Assmann, Jan: Kollektives Gedächtnis und kulturelle 1995, 41–58.
Identität. In: Jan Assmann/Tonio Hölscher (Hg): Kul- Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft [1922]. 5., re-
tur und Gedächtnis. Frankfurt a. M. 1988, 9–19. vidierte Auflage, besorgt von Johannes Winckel-
–: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und po- mann. Tübingen 1985.
litische Identität in frühen Hochkulturen [1992]. Mün- Helmut König
chen 62007.