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derne die individuelle Freiheit erhöhen, zeigt er andererseits, wie

-
diese Freiheit auch vor sich selbst geschützt werden muss) damit sie
sich nicht - aufgrund der Umkehrung von Mittel und Zweck - zu
einem bloßen technischen Problem verwandelt.
Drittens enthält Freiheit eine transzendente Dimension Oft fiillt
Freiheit mit der Idee zusammen, dass die Freiheit des Subjekts umso
mehr zunehme, je mehr Möglichkeiten es habe. Dies führt zu einer
Art Identifikation der Freiheit mit der Anpassung an den Fluss der
Ereignisse, die in einer fragmentarischen'\Xl'eise aufeinanderfolgen.
Die Wrantwortuzg ist diesem Diskurs nicht fremd. In Bezug auf
das Ereignis, das uns entgegenkommt, öffnet sich der Raum der
Antuort, durch die wir uns nicht einfach dem Ereignis assimilieren:
die freie Antwort reduziert sich nicht darauf, ein ,Echou zu sein,
,das mechanisch und ganz und gar erst dann auftritt, wenn eine
äußere Bewegung entstanden ist« (GSG t6, y6).
Für Simmel ist Freiheit ein entscheidendes Thema der Sozial-
wissenschaften. Mit seiner Analyse zeigt er uns, dass soziale Be-
ziehungen und organisierte Lebensformen sich um eine gewisse
Vorstellung von Freiheit entwickeln.

Monica Martinelli

l)er Fremde
I

Die Semantik des Fremden ist ein Universal der Gesellschaftsge-


schichte. A.lle oder nahezu alle menschlichen Gesellschaften ken-
nen Begriffe {iir soziale Objekte, die sie als Fremde identifizieren
(Stichweh zoro). Mittels dieser Begriffe formulieren die betreffen-
den Gesellschaften entweder die Abweisung des Fremden, oder sie
entwerfen Rollenmodelle, die eine wie auch immer limitierte An-
wesenheit und Zugehörigkeit des Fremden in der eigenen Gesell-
schaft erlauben. Die Odyssee und das Aite Testament sind zwei der
klassischen Bücher, in denen die historische Semantik des Fremden
reich dokumentiert ist.

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II erhaft erhalten. Der Fremde bleibt unterscheidbar von den Einhei-
mischen, er verbindet dauerhaft in sich Nähe und Ferne.
Georg Simmels ,Exkurs über den Fremdenu steht am Verzwei- Der Simmelsche Fremde ist prototypisch ein Händier, und als
gungspunkt zwischen der immensen historischen Semantik des Händler findet er nur deshalb einen Platz in einem anderen Ku1-
Fremden und der beginnenden wissenschaftlichen Disziplin Sozio- turkreis, weil er in diesen Produkte einbringt, die anderswo erzeugr
logie, die die Semantik des Fremden szientifiziert. Simmels ftxt ist worden sind, also ihrerseits fremd sind. §flarum aber gibt es für die-
vermutlich der erste Text zum Fremden, der unter den Auspizien se Produkte überhaupt einen Bedarf wo doch der neue Kulturkreis
des sich gerade bildenden Faches Soziologie formuliert worden ist, bishel ohne sie ausgekommer-r ist? Genau darin besteht vermudich
und er ist bis heute der wichtigste Beitrag zur Soziologie des Frem- die eigentliche Leistung des Fremden bei Simmel, dass er der Kom-
den. Historisch hat eine Vielzahl von Figuren und Modellen des binatorik dessen, was bisher in diesem Kulturkreis die Summe aller
Fremdseins existiert: Der Fremde ist beispielsweise ein Gast, der Bedarfe war, etwas Neues hinzufügt und für dieses Neue einen Be-
sich auf die ,Gesetze der Gastfreundschaft, zu verlassen versucht darf elzeugt. Wenn der Händler dies einmal getan hat, können er
(Pitt-Rivers zorz j9771), aber zugleich deren zeitliche Limitationen oder andere Händler dies.immer wieder tun, und in genau diesem
- oft ist Gastfreundschaft aufwenige Tage begrenzt - kennt; er ist Sinne spricht Simmel von ,unbegrenzten Kombinarionen«, die
ein kurzfristiger Besucher, der Gastfreundschaft in einem Haushalt möglich werden, wenn die Präsenz des Fremden (Händlers) ein-
nicht beanspruchen kann und der in vielen Fällen schneli weiter'- mal akzeptiert worden ist. Die Bedeutung des Fremden als Händ-
zieht, sich in anderen Fälien aber dauerhaft in dem fremden System Ier besteht also in ,Erweiterungeno und ,Neuerschließungenu, zu
zu etablieren versucht (Kant ry75 lr795l, zt3-2t4, zu Besuchsrecht denen der einheimische ,Urproduzent« strukturell nicht fihig ist.
als einem mit der räumlichen Begrenztheit der Erde verknüpften Simmel verbindet dieses Argument unmittelbar mit dem Begriff
Menschenrecht); er ist als äußerel Fremder nur tangential mit dem der Intelligenz, und daran wird deutlich, dass er eine dem Fremden
Gesellschaftssystem verknüpft, aber vielleicht an den territorialen als Fremden strukturell eigene ,beweglicheu Intelligenz meint, die
Grenzen des Systems eine wiederholte und dauerhafte Quelle der weit über die wirtschaftliche Sphäre hinausreicht, vielmehr auch
Beunruhigung und Thematisierung (literarisch Gracq r95r); der in beliebigen anderen Sphären gesellschaftlicher Tätigkeit wirksam
Fremde ist ein der Gesellschaft aus einzelnen Kontakten bekann- welden kann. Der Fremde ist also der prototypische täger einer
ter Barbar oder rX/ilder, der eine unversrändliche Sprache spricht, gesellschaftlichen -> Moderne, die darin besteht, dass alle gesell-
so dass ein genuiner kommunikativer Austausch mit ihm von den schaftlichen Bestände neu und anders kombiniert werden können
Einheimischen nicht für möglich gehalten wird; er ist ein Flücht- und dies immer wiedel in jeweils anderer Form wiederholt werden
ling oder Asylant, der vor erfahlener Verfolgung an jenem Ort, von kann, also eine unbegrenzte Kombinatorik ist.
dem er herkommt, flieht, also stärker durch das Verlassen eines Bezeichnend ist, dass Simmel den Fremden ausdrücklich als
Orts als durch das Ankommen an einem anderen Ort definiert ist. ,Supernumerarius« in den neuen Kultur- und Wirtschaftskreis ein-
Aus diesen vielfältigen historischen Figuren des Fremdseins wählt treten sieht. Im Unterschied zu dem amerikanischen Soziologen
Simmel eine noch einmal anders ausgelegte Konstellation aus: Sein Irwin D. funder (1958), der ftinfzig ]ahre nach Simmel von bereirs
Fremder ist derjenige, der ,heute kommt und molgen bleibtn, er vorhandenen gesellschaftlichen Statuslück en (ttdtus gaps) sprichr,
verkörpert die Rolle, für die die englische Sprache über ein eige- die Positionen ftir Fremde öffnen, weil diese Positionen mit Einhei-
nes Vort verfügt: ,Sojourneru (Siu r95z; vgl. Levine ry77). Dieser mischen nicht besetzt werden können, tritt der Supernumerarius,
Fremde hat starke Motive für sein Velweiien dort, wo er sich als ein wie Simmel ihn nennt, in einen Kultur- und \firtschaftskreis ein,
Fremder aufhält. Er wird tatsächlich ein Mitglied der Gruppe in dem eigentlich alle Positionen schon vergeben sind. Also muss
(-Gesellschaft), in der er sich aufhält. Aber es bleibt- in dieser der Supernumerarius seine eigene Rolle erst erfinden und schaffen,
Zugehörigkeit und Mitgliedschaft das Moment der Fremdheit dau- indem er der Gesellschaft intelligente Kombinationen aufdrängt,

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die es vorher noch gar nicht gab. Es entsteht in diesem Simmel- III
schen Essay das ist die Einsicht, die wir hier herauszualbeiten
versuchen - eine interessante Begrifßkerte von Kombinatorik, In- Georg Simmels Essay über den Fremden ist vermutlich einer der
telligenz und Beweglichkeit, die dem Fremden eine zentrale Stei- am häufigsten nachgedruckten, übersetzten und am meisren ge-
Iung in der Hervorbringung von Modernität zuweist. lesenen Texte der Soziologie. Das ändert aber nichts daran, dass
In diese Begrifßkette reiht sich unmittelbar auch die These der die Aussagen des Textes bis heute ihren Platz in der systematischen
besonderen Objektiuität des Fremden ein. DieseThese der Objek- Soziologie noch nicht gefunden haben. In einem universitären
tivität ist ja auch nur, wie es Simmel sagt, »ein andrer Ausdruck für Kurs zu soziologischen Grundbegriffen wird man dem Begriff,des
diese Konstellation« eines Fremden, der von den Einheimischen Fremden, in der Regel nicht begegnen. Die Überlegungen zum
vor allem durch seine Beweglichkeit und Abwesenheit von ,organi- Fremden sind Überlegungen zu einem Topos der Kuitursoziologie,
schen Verbindungen« unterschieden ist. Und die Objektivität des aber kein Teil der aligemeinen Soziologie.
Fremden wird von Simmel vor allem als ---+ Freiheit verstanden, Man kann sich diese Limitation am Beispiel der vermutlich
als Freiheit von der Bindung an alle traditioneilen Verbindlichkei- einfl ussreichsten Rezeption Simmels vergegenwärtigen. Dies dürf-
ten, die dem Einheimischen nicht gegeben sein kann, aber dem te Robert E. Parks Theorie des ,Marginal Man< sein (Park r9z8),
Fremden jenes freie Verfügen über eine Kombinatorik von Mög- bei der es sich um eine kreative, die Theorie durch eine andere
lichkeiten erlaubt, das sein hauptsächlicher Beitrag zur Evolution Theorie ersetzende Rezeption handelt. Der iMarginal Man, ist ein
von Gesellschaft ist. Der Fremde hat keine Vorgegebenheiten zu Hybrid, erlsie steht zwischen zwei I(ulturen (eine Herkunftskultur
verteidigen, er kann die Bestände in experimenteller \7eise neu ar- und eine Ankunftskultur), eine Entscheidung für die eine oder an-
rangieren. dere hat nicht stattgefunden, und der aus dieser Uneindeutigkeit
Schließlich ist das Moment der Allgemeinheit hinzuzufügen, entstehende, immer wiederkehrende Bedarf fur kulturelle Synthe-
das das letzte Moment in der Simmelschen Begrifßkette ist. Die sen ist der Grund der intellektuell-kulturellen Ploduktivität von
Erfahrung des Fremden ist ftir die Einheimischen die Erfahrung, ,Marginal Men<. Diese Theorie der Marginalität hat, auch wenn
dass sie mit dem Fremden sehr allgemeine Eigenschaften teilen, das Verständnis oft verkürzt ist (eine Fehlinterpretation von rMar-
die sie mit vielen anderen Menschen oder vielleicht sogar mit allen ginalitätr als ,Randständigkeit,), ihren Platz in der allgemeinen So-
anderen Menschen teilen. Im Kontrast dazu treten die Gemein- ziologie gefunden, für Simmels Thesen gilt das nicht im gleichen
samkeiten der Einheimischen für sie erstmals als Spezifikationen Maß.
- und nicht mehr als Selbswerständlichkeiten * hervor, die deshalb Es sind zwei Ausdeutungen denkbar, die die Simmelschen
nicht an emotionaler Bindungskraft verlieren müssen, aber doch Überlegungen generalisieren würden. Die eine der beiden würde
in das Licht von Alternativen gerückt werden, weil auf der Basis die soziale Rolle des Fremden deutlicher mit einer Theorie sozio-
von Allgemeinheiten außer den bis dahin selbstverständlichen Ge- kultureller Evolution verknüpfen und die große Bedeutung der In-
wohnheiten viele andere Spezifikationen möglich werden, die man korporation von Fremden ftir die Tiansformation gesellschaftlicher
in der Folge untereinander vergleichen kann. Die Einheimischen Strukturen in sehr verschiedenen Gesellschaften herausarbeiten.
wissen jetzt, dass sie eine ---+ rKulturu haben, dass diese ihre Kultur Die andere wäre Teil einer sozialen Epistemologie und würde >den
aber nur eine von vielen möglichen Kulturen ist. Diese Ausweitung Fremden, paradigmatisch als die Form gesellschaftswissenschaftli-
der Vergleichshorizonte ist einmal mehr eine Veränderung, die man cher Erkenntnissuche begreifen. Der Fremde wür'de dann für aile
strukturell der Erfahrung mit dem Fremden und den Erfahrungs- jene sozialen Rollen stehen, die die Gesellschaft von innen heraus
qualitäten, die der Fremde einbringt, verdankt. so verstehen, als würden sie sie von außen beobachten. Fremdheit
wäre dann gleichsam \Tissenschaft sowie aile der Wissenschaft ver-
wandten Erkenntnissysteme, und der Essay zum Fremden wäre

zo6
dann zweifellos ein Selbstporträt des Autors und bel«äme von dort-
her seine Stellung im.V/'efu Georg Simmels zugewiesen.

Rudolf Stichweh

Freundschaft

,Alle Beziehungen von Menschen untereinander ruhen selbswer-


ständlich daraui dass sie etwas von einander wissen.« (GSG lr,
'§7ie
:81) viel sie vom Anderen wissen oder nicht wissen, verleiht
ihrer Beziehung dabei ihren ,Ton, ihren Umfang, ihr Tiefenmaßn
(GSG 8, ro8). Art und Ausmaß des \(issens umeinander sind nach
Simmel auch Ausdruck sozialer Strukturen, in denen die Menschen
Ieben. Dabei spricht Simmel insbesondere dem --+ Geheimnis eine
besondere Bedeutung zu: Mit zunehmender sozialer Differenzie-
rung, welche nach Simmel charakteristisch ftir die ---+ Moderne
ist, Iassen sich einerseits Bereiche des Nichrwissens (Geheimnisse)
besser bewahren und werden als solche vom Anderen respektiert;
andererseits kommt dem Geheimnis eine wachsende Bedeutung in
zwischenmenschlichen Begegnungen zu. Simmel zufolge hat der
moderne, individualisierte Mensch vielleicht nt viel zt verbergen,
,um die volle Gegenseitigkeit des Verständnisses [...] zu ermögli-
chenu (GSG u, 4or), weshalb bestimmte Inreressens- und Persön-
lichkeitsbereiche außen vor gelassen werden müssen. Im Zusam-
menhang mit ---+ Diskretion und Geheimnis kommt Simmel nun
auf Freundschaft und ----+ Ehe zu sprechen. Freundschaften - sofern
sie im antik-romantischen Sinne verstanden werden - bilden neben
der Ehe diejenigen Beziehungen, die sich, »mindestens ihrer Idee
nach, aufder ganzen Breite der Persönlichkeiten aufbauenn (ebd.,
4oo); sie sind nicht um sachlich festgelegte und dann zwangsläu-
ffg partikulare Interessen zentriert, sondern schließen die Person als
Ganze mit ein. Allein im Falle von rnodernen Freundschaften, die
lediglich auf einzelne Aspekte der Gesamtpersönlichkeit des Ande-
ren abstellen, erweist sich das Haben von Geheimnissen wiederum
als zentral. So ist es nicht verwunderlich, dass Simmel das Thema
Freundschaft im Rahmen seines Außatzes »Psychologie der Disl«e-

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