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HiFi-Klassiker  Vollverstärker

Alter Wolf
 im neuen Pelz
Der Superseller seiner Zeit: Harman/Kardon hatte mit dem PM-665 ein
Prachtstück für die Lautsprecher der 80er-Jahre geschaffen – mit Saft, Kraft
und Wucht: den Golf GTI zum moderaten Preis. Ist er heute noch immer ein
Wolf im Schafspelz – oder ein Relikt einer anderen Klangphilosophie?

D ie 80er waren die fetten


Jahre. Oder eher: die pum-
meligen Jahre. In der Mode
„Kraft, Leidenschaft und Dy-
namik“. Der PM-665 führte den
Katalog an, preislich (mit 1798
wie einer großen Infinity Kap-
pa. Alle brauchten und wollten
den „Plopp“ im Tiefton. Die
packten. Klischee und Vorurteil
verflogen schnell. Rein äußer-
lich wirkt der PM-665 nämlich
wurden die Schultern aufge- Deutschen Mark) und in punc- 1980er galten als die „Loud- so gar nicht nach Schulterpols-
polstert – und im HiFi so man- to Kraft (zweimal 180 Watt an ness“-Jahre. ter. Eher sachlich aufgeräumt.
ches Klangbild. Dieser Vollver- vier Ohm). Die Fans liebten die Das stimmt so natürlich nicht Allenfalls die vielen kleinen
stärker ist Kind seiner Zeit. dynamische Ausbeute an den ganz. Aber genau diese Erinne- Druckknöpfe und die Tape-
Harman/Kardon gab Mitte der ebenfalls zeittypischen, leis- rungen überfielen uns, als wir Schalter wirken ungewohnt auf
80er-Jahre die Devise aus: tungshungrigen Lautsprechern einen PM-665 im Hörraum aus- den heutigen Betrachter.

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Erstaunlich, was man damals Was symmetrisch aussieht, folgt
alles einstellen konnte, wollte nur in der Endstufen-Architektur
und sollte: Subsonic, High Cut, den Doppel-Mono-Spielregeln.
Bass Contour bis hin zu einem Hier spendierte Harman/Kardon
„Bass Turn Over“ bei 200 oder jeder Endstufe einen
400 Hertz und passend dazu in eigenen Trafo und einen
der Höhe ein „Treble Turn eigenen Kühlkörper. Die
Over“ bei zwei oder sechs Ki­ Vorstufe hingegen wurde mit
lohertz. Hierüber konnte der umfassenden Klangjustage-
Scheitelpunkt der Amplitude Optionen hinter der Front
angepasst werden. verstaut und von einem der
Sollte ein Lautsprecher im Endstufentrafos mitversorgt.
Raum zu basslastig oder in ei­
nem Höhensegment zu präsent
klingen, bot Harman/Kardon
mit seinem „Turn Over“ die desto lauter rufen die Fachjour­ häufigen Verbrei­ Regel auf eine
Kleinstversion eines parame­ nalisten das Ideal des linearen tung. Wittig schätzt, Schicht festgebrann­
trischen Equalizers an. Die vom Saubermanns aus. dass knapp unter ten Staubs, dann auf knar­
Spieltrieb erfassten Vinylfans Der PM-665 steht also auf 10.000 Exemplare gebaut zende Potenziometer und al­
konnten dazu noch die Kapazi­ der Gegenseite? So einfach ist wurden. Wo steht diese Ar­ lerlei instabile Kontakte. Die
tät an der MM-Stufe vorregeln. die Sache nicht. Dann müssten mada aus vergangenen Tagen? Naiven greifen dann zum Kon­
viele Fachjournalisten zugeben, Wahrscheinlich auf dem Dach­ taktspray, was eher schadet als
Die vorgelagerte sich geirrt zu haben – stereoplay boden, im Ferienhaus – aber nützt. Pierre Wittig erklärt: „Im
Frequenzweiche inklusive, denn bei uns hatte der auch noch immer aktiv in so ersten Moment scheinen die
Wozu dieser Aufwand? Har­ PM in der Spitzenklasse und im mancher Hörkette. Der HiFi- Schwachpunkte verschwunden
man/Kardon hatte die Spielre­ Hörraum einen festen Platz. Experte ist überzeugt: „Weil es – doch der Effekt schwindet
geln des Marktes erkannt: eben Doch 30 Jahre sind vergan­ die echten Fans gibt, die genau nach Tagen, manchmal sogar
die unterschiedlichen Adressa­ gen – für einen echten Direkt­ dieses Klangideal wollen im nach Stunden; zurück bleiben
ten der Verstärkerkraft, die oft vergleich fehlt die faire Basis. Zusammenspiel mit ihren Laut­ verklebte Regler und blasenar­
kritischen Leistungsfresser un­ Ein PM-665 ist seitdem eher sprechern.“ tige Rückstände.“ Allein über
ter den Lautsprechern. Einem unedel gealtert, wie Pierre Wit­ der Beseitigung dieser Kontakt­
Amp kam damals die Rolle ei­ tig von der HiFi-Zeile in Worps­ Finger weg vom spray-Versuche sitzt ein Res­
ner vorgelagerten aktiven Fre­ wede einräumt. Sein Team ist Kontaktspray taurationsprofi einen runden
quenzweiche zu. Was so heute spezialisiert auf Revision und Wer einen gepflegt genutzten Arbeitstag.
natürlich nicht mehr gewollt ist: Reanimierung alter HiFi-Schät­ PM-665 aus dem Rack oder Besser, aber auch kostenin­
Je weniger Optionen ein mo­ ze. Der PM-665 gehört dazu – vom Dachboden holt und heu­ tensiver greift die Basis-Revi­
derner Vollverstärker aufbietet, trotz oder gerade wegen seiner te die Haube öffnet, stößt in der sion der HiFi-Zeile. Die Dreh­

Nach alter Väter Sitte: Positiv fällt ein zweiter, reiner MM-Eingang für die Vinyl-Fans auf (links oben). Dazu der zeittypische Tape-In/Out-Par-
cours. Eher kritisch zu sehen ist das Terminal für die Lautsprecherkabel. Im Lauf der Zeit wurden bessere Kontaktbringer erfunden; wirklich
sinnvoll und stabil harmonieren hier frei verdrillte Kabellitzen.

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und frisch ausmessen. Was nach


Wittigs Meinung den Klangcha-
rakter des PM-665 nicht grund-
sätzlich verändert, aber die Sig-
nalübertragung „beschleunigt“
und damit die Feinauflösung auf
zeitgemäßes Niveau pusht. Für
diese große Revision beugt sich
ein Techniker zwölf bis 16 Ar-
beitsstunden über einen PM-665.
Die Rechnung fällt entsprechend
deutlich aus: 845 Euro setzt die
HiFi-Zeile an, legt aber noch
drei Jahre Gewährleistung hinzu.

Lohnt die Wiederbelebung?


Bei den meisten alten HiFi-
Helden haben wir bislang ver-
kündet, dass sich die Wieder-
belebung rechnet. Hier sollte
man differenzieren, weil die
Konkurrenz stark ist. Um 1000
Euro sind heutzutage erstaun-
Der Rohzustand, wie ihn die Restauratoren lieben. Zwar verstaubt, aber nie geöffnet, nie überholt. Zudem lich gute Vollverstärker zu ha-
frei von Nikotin – das den Staub verkleben würde. Profis nutzen dann einfach Druckluft und ein wenig den ben: von Naim, Rega, NAD,
Pinsel. Für den höchsten Glanz werden noch die Oberseiten der Elkos poliert. Rotel und Co. – die stereoplay-
Bestenliste ist reich bestückt.
schalter werden zerlegt und per das durch Oxidation immer einen Großbestand an passge- Wir haben dem PM-665 ei-
Ultraschall gereinigt, alle me- schwärzer wird. nauen, neuen Druckschaltern nen unserer Lieblinge aus dem
chanischen Teile wie Kontakt- Bei einem elektrischen Fluss geordert zu haben. Vergleichsregal zur Seite ge-
zungen danach poliert. Nicht steigt der Übergangswiderstand. stellt: einen Creek Evolution
zuletzt soll dieser Aufwand Die Kontakte in den Druck- 16 Stunden Feinarbeit 5350. Mit 1350 Euro ist er zwar
auch die Lautsprecher schützen, schaltern des PM-665 hatte der Wer es nach der genannten Ba- etwas teurer, in der Kombina-
denen der Amp bei jedem un- Hersteller ALPS mit Silber sisrenovierung noch eine Stufe tion von Basiswert und Revisi-
sauberen Schaltsignal einen überzogen und dazu Schmier- besser haben möchte, lässt auch onskosten aber vergleichbar
kritischen Peak zujagt. stoffe für die bessere mechani- die Line-Eingänge und die Pho- (gebrauchte PM-665 gibt es um
In der weiteren Feinarbeit sche Schaltung verwendet. Wer nostufe mit Bauteilen erneuern 200 bis 450 Euro). Der äußere
verschwinden die alten Elkos häufig schaltet, befreit die Ober-
und moderne Panasonic- fläche von Ablagerungen. Doch
105-Grad-Typen folgen. Dann wer einmal die idealen
geht es auf die Suche nach „kal- Klangeinstellungen gefunden
ten“ Lötstellen, die nachgelötet hat, klickt nicht mehr nach. In
werden müssen. der Folge oxidieren die Silber-
In der Endstufen-Sektion flächen, gesteigert durch den
werden die betagten Trimm- Säureanteil des Schmierstoffs.
Potenziometer gegen staubdich- Der Haken für heutige Restau-
te, gekapselte Modelle gewech- ratoren: Die Schalter sind so
selt. Schließlich werden alle klein, dass sie nach einer Über-
Druckschalter auf der Front holung nicht mehr auf den
getauscht, die nicht durch über- Zehntelmillimeter genau zu-
mäßigen, sondern vielmehr sammengefügt werden können.
durch Nichtgebrauch ihre Kon- Die Folge: Neue müssen her. Platz da: Eine gute Handvoll Bausteine wird bei der Profi-Überholung
taktfähigkeit verlieren. Wie Deshalb rühmen sich die Tech- getauscht – Druckschalter, Widerstände, Kondensatoren. Die rund
beim Silberbesteck der Oma, niker der HiFi-Zeile, von ALPS fünfzig Originale werden dem überholten PM-665 beigelegt.

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Unterschied ist vor allem ein Wenn schon, denn schon: Die
philosophischer: Harman/Kar- HiFi-Zeile hat ein eigenes
don hatte viel in die Feinabstim- Lautsprecher-Terminal entwickelt,
mung zum Lautsprecher inves- gefräst und gebohrt – für 80 Euro
tiert, Creek ignoriert dies kom- Aufpreis zur Gesamtrestaurierung.
plett. Dafür überzeugt das
praktische Finish der Lautspre- Kompaktmonitore. Ein wichti-
cherklemmen:  transparenter ges Verkaufsargument in jenen
Kunststoff über vergoldeten, Tagen, da Verkäufer und Kun-
großen Kontaktflächen, perfekt den vor der sich etablierenden
geschaffen für Stecker und grö- Compact Disc noch ehrfürchtig
ßere Kabelschuhe. über die Grenzen verschiedener
Am PM-665 wird es knifflig: Membranen sprachen.
Wer wirklich den besten Kon- In unserem direkten Ver-
takt sucht, befreit am besten gleich wirkte der Creek Evolu-
mittlere Kabelstärken von der tion 5350 dagegen fast wie ein
Isolierung und fädelt sie direkt Leichtgewichtler. Fast, denn
unter die Plastikschrauben ein. vielmehr stellte der Creek wie-
Erstaunlich rustikal, auch nos- der die wahren Größenverhält-
talgisch – so war das eben da- nisse zwischen Oberbass und
mals in den Zeiten vor der gro- Auflösung her. Der Harman/
ßen Kabeldiskussion. Kardon hatte Bauch, der Creek
dafür Lunge. Der Harman/Kar-
Punch und Schubkraft don war auf Stimmen genau in
Sobald der PM-665 aber auf- der Mitte zwischen den Boxen
spielte, war klar, was diesen fixiert, der Creek öffnete den
Amp zum Superseller seiner Aufnahmeraum dahinter.
Zeit machte. Gerade noch er- Das klingt nach Gleichstand, schlank, schön, richtig. Nicht liste. Wer einen PM-665 auf
schwinglich war ein Mix aus stimmt aber bei heutigen Maß- einmal der Ansatz von 80er- dem Dachboden hat und wieder
Punch und fast so etwas wie stäben nicht: Der Creek liegt Jahre-Schulterpostern, eher de- entdecken will, liegt genau an
Accuphase-Feeling. Bei allem über dem Harman/Kardon. Hier zentes Golf-GTI-Feeling ohne der Sinngrenze zu einer großen
Druck wurde der PM-665 in zeigte der Oldie seine Pranke: GTI-Logo auf der Heckklappe. Revision. Und wer seinen PM-
unserem Hörraum nicht hart, Die Phonostufe ist fantastisch Unser Fazit: Wer einen hoch- 665 aktiv hegt und die Zugkraft
kantig oder böse. Er brachte und überraschenderweise trans- wertigen Vollverstärker mit mo- an großen Lautsprechern liebt,
Schubkraft an hungrige Groß- parenter, „schneller“ als der derner audiophiler Ausrichtung der wird keinen anderen haben
lautsprecher sowie an feine benachbarte CD-Eingang – sucht, schaut in unsere Besten- wollen.  Andreas Günther ■