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Zu diesem Buch

Uns in der Bundesrepublik Deutschland ist der politische Witz etwas abhanden gekommen. Politische
Satire ist das Vergnügen einer privilegierten Minderheit, die ohnehin schon alles weiß und meint, alles
auch bereits ganz anders zu machen. Was uns fehlt, ist die augenzwinkernde Distanz zu den Fehlern
und Schwächen unserer »demokratischen Grundordnung«, die Fähigkeit über uns und unser
Gesellschaftssystem zu lachen. Lernen wir also von der Selbstironie der Sowjetbürger.
Die Autoren

Michael Schiff wurde am 29. September 1925 in Kassel geboren. Er ist Autor und Herausgeber
verschiedener Sachbücher und lebt heute in München.
Ivan Steiger, 1939 in Prag geboren, studierte an der Film- und Fernsehakademie und schrieb
zahlreiche Drehbücher für kurze poetische Filme. Nach Schwierigkeiten mit der Zensur begann er,
seine Gedanken statt in Worten in Zeichnungen auszudrücken und hatte damit sofort Erfolg. Durch
seine satirischen politischen Cartoons wurde er weit über die Grenzen der CSSR hinaus bekannt. Seit
August 1968 lebt Steiger in München.
Radio Eriwan antwortet
Ratschläge, Vorschläge
und Tiefschläge eines
armenischen Senders

Gesammelt und
herausgegeben von
Michael Schiff

Illustrationen von
Ivan Steiger

Fischer
Taschenbuch
Verlag
Fischer Taschenbuch Verlag
1.— 50. Tausend: Juni 1972
51.— 75. Tausend: September 1972
76.—105. Tausend: Juli 1973
Umschlagentwurf: Lothar Staedler
unter Verwendung einer Zeichnung von Ivan Steiger
Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main
Lizenzausgabe mit freundlicher Genehmigung
des Lichtenberg Verlages GmbH, München
Copyright © 1969 by Lichtenberg Verlag GmbH, München
Gesamtherstellung: Hanseatische Druckanstalt GmbH, Hamburg
Printed in Germany
ISBN 3 436 01535 0
ERIWAN (Jerewan)
Hauptstadt der Sowjetrepublik Armenien
Gelegen am Fluß Sanga
Geistiges Zentrum Armeniens
Universität
Erste Erwähnung Eriwans im Jahr 782 vor
unserer Zeitrechnung
Wirtschaft und Industrie:
Obst und Gemüseanbau
Synthetischer Kautschuk, Automobilindustrie
Elektronische Rechenmaschinen
Export von 170 Erzeugnissen in über 70 Länder
der Erde

SENDER ERIWAN
Rundfunk- und Fernsehstation
Intendant: Dr. A. M. Kirakosjan
Sender Eriwan strahlt vier Programme in sieben
Sprachen aus: Armenisch, Russisch, Arabisch,
Aserbeidschanisch, Kurdisch, Englisch, Französisch
Wellenlängen: 1181,1 m, 4,5 m, 4,25 m, 74,26 m,
347,6 m, 41,27 m, 248,42 m

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»Wenn man mich fragt, wo auf der Welt
die meisten Wunder zu finden sind,
würde ich Armenien nennen.
Ein Stück Erde, das von Menschen
bewohnt wird, die eine Zierde der ganzen Welt sind.
Dreifaches Lob dem armenischen Land, der Wiege der
Talente und großen Taten.«
Rockwell Kent, amerikanischer Schriftsteller

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Sender Eriwan und die Deutschen
Eine oberflächliche Untersuchung des Heraus-
gebers, die gleichzeitig als Einleitung, Vorwort
und Gebrauchsanweisung zu verstehen ist.

Rußland ist weit.


In gewisser Hinsicht liegt der Mond heute näher.
Von ihm haben wir inzwischen ein besseres, weil
genaueres Bild als vom »großen Heimatland aller
Werktätigen«. Allerdings fehlt es nicht an aus-
geprägten Klischeevorstellungen.
Ausgabe A: romantisch-kulinarisch. Donkosaken,
Schostakowitsch — Puschkin mit Krimsekt —
Tolstoj in Wodka — Kaviar und Balalaika.
Ausgabe B: antikommunistisch, rassistisch.
Schlitzäugiger Untermensch mit Sowjetstern —
Stalin in Gips, aber nix Wasser aus der Wand —
kurzgeschorene Zarenmörder verwandeln Kirchen
und Schlösser in Getreidespeicher — Eigentum und
Christentum sind strafbar.
Gelegentlich auch noch Ausgabe C, die aber
durch Che, Mao, Ho und in Verbindung mit
Ungarn-Aufstand und Prager Intervention viele
Anhänger verloren hat. Väterchen Stalin — Mutter
Rußland — Kolchos statt Sex — Paradies der Arbei-
ter und Friedhof des Kapitalismus.
Diese Schwarz-weiß-rot-Malerei wird ergänzt

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durch entsprechende historische Miniaturen, die
bei entsprechender Auswahl alles beweisen:
Katharina die Große kam immerhin aus Deutsch-
land, Lenin hat unter uns gelebt, und Karl Marx
wurde in Trier geboren!
Die Wolgadeutschen haben überhaupt erst ein-
mal Kultur nach Rußland gebracht. Hitler hätte
sich gern mit Stalin verständigt. Der Hitler hätte
den Kommunismus aufhalten können.
Der Kommunismus ist eine asiatische / ist eine
deutsche Erfindung. (Nicht Gewünschtes bitte
streichen.)
Ohne amerikanische Hilfe hätte Rußland den
Krieg verloren.
Mit Amerika hätten wir Rußland besiegt. Nur
Rußland konnte Napoleon besiegen. Aus diesem
preußisch-deutsch-russisch-sowjetischen Gewirr
hat sich nun eine Stimme erhoben, der Sender
Eriwan. Prompt ergaben sich weitere
Verstrickungen:
Eriwan gibt es nicht! Falsch! Eriwan gibt es aber
sehr wohl. Eriwan (auch Jerewan) ist die Haupt-
stadt der Sowjetrepublik Armenien. Rund 140000
Einwohner, geistiges Zentrum des Landes, Obst,
Gemüse, Autos und elektronische Geräte.
Universität! Der Sender Eriwan ist eine
kapitalistische Erfindung!

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Auch falsch! Es gibt ihn sehr wohl — und zwar seit
1926. Er sendet vier Programme in sieben
Sprachen auf sieben Wellenlängen und hat auch
Television.
Sender Eriwan beantwortet keine Fragen! Aber-
mals falsch. Wie der Chef dieser Station versichert,
erhält der Sender Eriwan Zuschriften aus allen
Kontinenten, und »unsere Angestellten«, so sagt
Dr. Kirakosjan, der Herr Direktor, »antworten
darauf mit gebührender Sorgfalt und Aufmerk-
samkeit«.
Die politischen Fragen an den Sender sind eine
böswillige Erfindung! Nicht einmal das stimmt! Dr.
Kirakosjan sagte vielmehr in einem Interview:
»Hin und wieder kommen auch hinterlistige
Fragen, aber die Schreiber sind niemals aus der
Sowjetunion.«
Das glauben wir gern. Und wir wissen auch, daß
nicht alle Fragen und Antworten »original Eriwan«
sind. Witze, die sich um Personen oder In-
stitutionen ranken, sind immer nur zum Teil
authentisch. Aber sie müssen im Sinne einer hö-
heren Wahrheit zutreffend sein. Die Tendenz hat
zu stimmen, nicht das Detail. Deutschland ist arm
geworden an politischem Witz.
Weil es deutscher Politik an Witz fehlt? Gewiß
nicht nur deshalb. Die Demokratie kommt

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notfalls ohne politischen Witz aus, im übrigen
hatten wir Lübke. Auch lachen wir lieber über
andere als über uns. Im politischen Witz aber
steckt eine Portion Selbstironie, jener Magenbitter,
der eine Diktatur zwar nicht schmackhafter macht,
sie doch aber etwas leichter ertragen läßt.
Monarchen hielten sich Hofnarren.
Man mag darüber streiten, ob dies ein Zeichen
liberaler Weisheit oder fortgeschrittener De-
generation war. Heutigen Herrschern scheint in-
dessen beides zu fehlen. Ihre Reaktion auf die
Satire ist das Gefängnis. Dürfte Radio Eriwan
senden, was in dieser kleinen Sammlung zusam-
mengetragen ist — der Kommunismus wäre eher
zu ertragen, und die militanten Antikommunisten
hätten gleichermaßen weniger zu lachen. So aber
werden vielfach die Falschen hämisch den Mund
verziehen und jene, die es eigentlich angeht, nur
sehr versteckt schmunzeln.
Daß Radio Eriwan nicht senden darf, was viele
Russen gewiß gern hören würden, sollte dem
Antikommunismus keine Bestätigung des blinden
Hasses und der sowjetischen Führung keine Be-
stätigung ihrer Macht sein. Und schon gar nicht
besteht für uns ein Anlaß zur Überheblichkeit. Ein
Volk, das seine Schwächen in Witzen bloßlegt, zeigt
damit, wie stark es ist.
Michael Schiff

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Sorgen des sozialistischen
Alltags

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Frage an Radio Eriwan:
Mein Mann leistet in der Kolchose viel mehr als
andere Männer. Daheim aber, im Schlafzimmer,
versagt er. Was soll ich tun?
Radio Eriwan antwortet:
Versuchen Sie es mit ihm in der Kolchose.

Frage an Radio Eriwan:


In Amerika kann eine unverstandene Frau zum
Psychologen gehen und sich auf die Couch legen.
Warum ist das bei uns nicht möglich?
Radio Eriwan antwortet:
Muß es unbedingt ein Psychologe sein?

Frage an Radio Eriwan:


Läßt sich mit Hilfe von Karotten die Potenz
erhöhen?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja — sie sind aber sehr schwer zu
befestigen.

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Frage an Radio Eriwan:
Meine Tochter Gallina ist schön, aber dumm.
Trotzdem wurde sie von ihrem Projektleiter
zur »verdienten Arbeiterin« vorgeschlagen.
Muß ich dagegen nicht etwas unternehmen?
Radio Eriwan antwortet:
Nein. Überlassen sie das getrost der Frau des
Projektleiters.

Frage an Radio Eriwan:


Kann es am Programm liegen, daß ich fast jeden
Abend vor dem Fernsehgerät einschlafe, statt ins
Bett zu gehen?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip nein. Aber wir können Ihre Frage leider
nicht mit absoluter Sicherheit beantworten, da uns
niemand bekannt ist, der einen Abend am
Fernseher wach durchgehalten hätte.

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Frage an Radio Eriwan:
Ich war in der Stadt. Wohnte im Hotel. Und was
glauben Sie, was ich in meinem Bett fand?
Wanzen! Muß ich mir das bieten lassen?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip nein. Aber was haben Sie Sittenstrolch
denn sonst in Ihrem Bett erwartet?

Eine Variante dieses Witzes lautet:

Frage an Radio Eriwan:


In Moskau übernachtete ich in einem kleinen
Hotel. Gleich beim Betreten des Zimmers trat ich
auf eine Wanze. In der Nacht waren es dann
hundert oder mehr. Ist das mit dem Fortschritt zu
vereinbaren?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip nein. Aber sie sollten andererseits auch
etwas mehr Verständnis für die Wanzen
aufbringen, die in der Nacht die von Ihnen
gemordete Verwandte zu Grabe trugen.

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Frage an Radio Eriwan:
Stimmt es, daß sich in der Sowjetunion Stereo-
anlagen erübrigen?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Man hört sowieso von allen Seiten
das gleiche.

Frage an Radio Eriwan:


Glauben in der Sowjetunion noch viele Er-
wachsene an den Weihnachtsmann?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip nein, in der Politik ja.

Frage an Radio Eriwan:


Können Männer Kinder kriegen? Radio Eriwan
antwortet:
Im Prinzip nein, es wird aber immer wieder
versucht.

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Frage an Radio Eriwan:
Man hat mir aus dem Westen Antibabypillen
geschickt. Kann ich sie nehmen, ohne dadurch
gegen unsere sozialistischen Grundsätze zu ver-
stoßen?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip nein. Wenn Sie aber mit der Pille gegen
den Papst demonstrieren wollen, ist die Einnahme
eine gute sozialistische Tat.

Frage an Radio Eriwan:


Ich bin Krankenschwester und habe sieben Kinder.
Nun soll ich in die Röntgenstation versetzt werden.
Stimmt es, daß Röntgenstrahlen unfruchtbar
machen.
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Aber verlassen Sie sich nicht darauf!

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Frage an Radio Eriwan:
Gibt es einen Unterschied zwischen einem Di-
plomaten und einem Wirtschaftsexperten?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja, aber er ist geringfügig. Denn dem
Diplomaten ist die Zunge gegeben, um seine
Gedanken zu verschleiern, dem Wirt-
schaftsexperten, um seinen Mangel an Gedanken
zu verbergen.

Frage an Radio Eriwan:


In unserem Warenhaus sind Uhren und Revolver
eingetroffen. Man bekommt aber nur das eine oder
das andere. Was soll ich nehmen?
Radio Eriwan antwortet:
Nehmen Sie den Revolver. Mit dem können Sie
sich jederzeit eine Uhr beschaffen.

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Frage an Radio Eriwan:
Gibt es in der Sowjetunion eine Postüber-
wachung?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip nein. Briefe mit antisowjetischem
Inhalt werden allerdings nicht befördert.

Frage an Radio Eriwan:


Stimmt es, daß in unserem größten Indu-
strieunternehmen am Ort Vetternwirtschaft
herrscht?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip nein. Die drei leitenden Männer sind
nicht Vettern, sondern Brüder.

Frage an Radio Eriwan:


Stimmt es, daß die Sowjetkühe 25 Prozent mehr
Milch geben als Kapitalistenkühe?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja, denn bei uns wird besonders gut
gemolken.

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Frage an Radio Eriwan:
Besteht in der Sowjetunion die Möglichkeit
eines Rassenkrawalls?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip nein. Denn es gibt weder Weiße
noch Schwarze, sondern nur Rote.

Frage an Radio Eriwan:


Gibt es bei uns in der Sowjetunion eine Presse-
zensur?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip nein. Es ist uns aber leider nicht
möglich, auf diese Frage näher einzugehen.

Frage an Radio Eriwan:


Kann eine siebzigjährige Frau noch einen spitzen
und gerade abstehenden Busen haben?
Radio Eriwan antwortet:
Selbstverständlich: im Liegestütz.

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Frage an Radio Eriwan:
Kann man etwas tun, wenn ein Tiger die
Schwiegermutter angreift?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja, man ruft sofort den Tierschutzverein
an, um den Tiger retten zu lassen.

Frage an Radio Eriwan:


Sind Sie nicht auch der Meinung, daß alle Men-
schen absolut gleich sein müßten?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Aber es wäre doch schade um den
berühmten kleinen Unterschied.

Frage an Radio Eriwan:


Kann man in der Sowjetunion sein Leben in vollen
Zügen genießen?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja, aber es kommt auf die Bahnstrecke
an.

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Frage an Radio Eriwan:
In unserer Fabrik wurden drei Arbeiter verhaftet.
Einer, weil er zehn Minuten früher gekommen war.
Klarer Fall: Spionageverdacht. Ein anderer, weil er
zehn Minuten zu spät gekommen war. Auch klar:
Sabotage. Warum aber wurde der dritte verhaftet?
Er war pünktlich auf die Sekunde gekommen.
Radio Eriwan antwortet:
Auch dieser Fall erscheint uns klar. Die Pünkt-
lichkeit beweist, daß er eine westliche Uhr besitzt.

Frage an Radio Eriwan:


Mein Mann ist ständig auf der Suche nach
neuen Stellungen. Was soll ich nur machen?
Radio Eriwan antwortet:
Sie müssen ihm klarmachen, daß er sich lieber
Arbeit suchen soll.

20
Frage an Radio Eriwan:
Darf ein Amerikaner den ersten Mann im Staat
einen größenwahnsinnigen Stümper nennen?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja.
Zusatzfrage:
Dürfen wir das auch?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja — solange Sie Amerikas ersten
Mann meinen.

Frage an Radio Eriwan:


Wie kommt es, daß der Sender Eriwan im
westlichen Ausland viel lauter gehört werden kann
als bei uns?
Radio Eriwan antwortet:
Es liegt nicht am Sender, sondern an den Emp-
fängern. Sie werden bei uns immer ganz leise
gestellt.

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Frage an Radio Eriwan:
In unserer Neubauwohnung sind die Wände so
dünn, daß man alle Geräusche im Haus hört.
Nachts hören wir sogar, wenn sich unsere
Nachbarn lieben. Was können wir dagegen tun?
Radio Eriwan antwortet:
Lieben Sie lauter!

Frage an Radio Eriwan:


In letzter Zeit brachte die Presse Berichte über die
hygienischen Gefahren beim Küssen. Sollte da die
Partei nicht für eine andere Form der Liebkosung
eintreten?
Radio Eriwan antwortet:
Kaum, da Frauen nun einmal die Männer lieben,
die ihr Leben für sie wagen.

22
Frage an Radio Eriwan:
Mein Kummer ist, daß ich sehr schwer lerne und
deshalb in der Schule schlechte Leistungen auf
weise. Können Sie mir einen Rat geben?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip nein. Wir können Sie nur trösten. Es ist
in unserem Land besser, zuwenig als zuviel zu
wissen.

Frage an Radio Eriwan:


Müßte man nicht zu einer großen Wodka-
Vernichtungsaktion aufrufen?
Radio Eriwan antwortet: '
Um Gottes willen nein! Bei uns werden ohnehin
schon gewaltige Mengen vertilgt.

Frage an Radio Eriwan:


Ist es in der UdSSR gestattet, die Sprüche Maos
zu lesen?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja, aber nur im Original.

23
Frage an Radio Eriwan:
Ist es wahr, daß in der Sowjetunion eine
Schnecke schneller vorwärts kommt als ein
Pferd?
Radio Eriwan antwortet:
Ohne Frage. Denn ein Pferd beherrscht nicht
die Kunst des Kriechens.

Frage an Radio Eriwan:


Gibt es eine sichere Möglichkeit, mit meiner
Familie und mit meinem gesamten Hausrat aus
der Sowjetunion zu fliehen?
Radio Eriwan antwortet:
Nein. Wenn es sie gäbe, existierte der Sender
Eriwan nicht mehr.

Frage an Radio Eriwan:


Stimmt es, daß viele Bücher verboten werden?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Noch mehr aber sind erlaubt.
Und die wollen auch gelesen sein.

24
Frage an Radio Eriwan:
Mein Mann ist Astronaut und fliegt gegenwärtig
zum Mond. Kann ich mich in der Zwischenzeit
nach Orangen anstellen?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja — aber warten Sie doch, vielleicht
bringt er Ihnen Orangen vom Mond mit.

Frage an Radio Eriwan:


Ich bin siebzig Jahre alt. In letzter Zeit läßt meine
Manneskraft spürbar nach. Wissen Sie ein Mittel?
Radio Eriwan antwortet:
Nein. In Ihrem Alter ist das eine natürliche
Erscheinung.
Zusatzfrage:
Aber mein Bruder ist 78 Jahre alt und erzählt
überall, daß er selbst anspruchsvolle junge
Frauen noch in Begeisterung versetzen kann.
Radio Eriwan antwortet:
Jetzt wissen wir ein Mittel für Sie: Erzählen Sie es
doch auch.

25
Frage an Radio Eriwan:
Ich finde es unmöglich, daß in einem so fort-
schrittlichen Land wie der UdSSR die Scheidung
von Eheleuten noch so schwer gemacht wird. Wie
ist Ihre Meinung?
Radio Eriwan antwortet:
Wir haben eine so reaktionäre Institution wie die
Scheidung nicht mehr nötig. Wenn eine russische
Frau ihres Mannes überdrüssig ist, braucht sie bloß
dafür zu sorgen, daß seine politische Einstellung
der KGB bekannt wird.

Frage an Radio Eriwan


Trifft es zu, daß man sich auf einer Toilette eine
galante Krankheit holen kann?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Aber warum so umständlich?

27
Frage an Radio Eriwan:
Meine Frau steht unmittelbar vor der Niederkunft.
Unsere Planwirtschaft liefert neue Windeln aber
erst in neun Monaten. Was sollen wir machen?
Radio Eriwan antwortet:
Schnell ein neues Kind.

Frage an Radio Eriwan:


Ist es wahr, daß ein Russe seine Schwiegermutter
sogar mit einem Handtuch erschlagen kann?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Er muß nur ein Bügeleisen hin-
einwickeln.

28
Frage an Radio Eriwan:
Ich habe mich in einen jungen Genossen verliebt.
Da ich noch in der Ausbildung stehe, möchte ich
keinesfalls schon ein Kind haben. Kann mir Radio
Eriwan raten, was ich da machen muß?
Radio Eriwan antwortet:
Machen Sie nichts, aber auch wirklich gar nichts.

Frage an Radio Eriwan:


Trifft es zu, daß ein Mann eine Frau im Laufen
vergewaltigen kann?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Doch ist es schwer, weil Frau mit
Rock hoch läuft schneller als Mann mit Hose
runter.

29
Frage an Radio Eriwan:
Ist es möglich, daß man von Hoffmannstrop-
fen Kinder bekommt?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip nein. Es sei denn, die Tropfen
stammen vom Genossen Hoffmann.

Frage an Radio Eriwan:


Trifft es zu, daß auf der Krim alle Nachtigallen
ausgerottet werden?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip nein. Ausgerottet werden nur die
chinesischen, weil sie so süß singen und weil die
Produktion von Ohrenschützern für Zuckerkranke
sich noch im Rückstand befindet.

Frage an Radio Eriwan:


Stimmt es, daß in Moskau alle Katzen abgeschafft
werden sollen ?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja, denn sie sagen den ganzen Tag
»Mao, Mao, Mao«.

30
Frage an Radio Eriwan:
Können Wanzen Revolutionen machen? Radio
Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja, denn in ihnen fließt das Blut
der Arbeiter und Bauern.

Frage an Radio Eriwan:


Können Sie mir sagen, welche Zwerge größer sind,
die amerikanischen oder die russischen?
Radio Eriwan antwortet:
Natürlich die russischen, einen Finger breit!

Frage an Radio Eriwan:


Gibt es in der Sowjetunion Antisemitismus?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip nein, aber — was ist das?

31
Frage an Radio Eriwan:
Können Sie mir sagen, wie man eine Glatze
beseitigt?*
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja — aber auf politische Fragen
geben wir keine Antwort!

Frage an Radio Eriwan:


Ich las in der Prawda, daß ein gewisser Iwan
Gustinow zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt
wurde, weil er einen Sowjetmarschall einen Idioten
genannt hatte. Ist die Strafe nicht etwas sehr hoch
ausgefallen?
Radio Eriwan antwortet:
Nein. Wegen der Beleidigung wurde Iwan
Gustinow nur zu sechs Monaten Arbeitslager
bestraft, die restliche Strafe erhielt er wegen
Verrats eines militärischen Geheimnisses.

* Chruschtschow hat eine Glatze.

32
Frage an Radio Eriwan:
Stimmt es, daß ein dünnes Blatt Papier ein
sichereres Verhütungsmittel sein kann als die
westliche Pille?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip nein — außer wenn es die Frau
zwischen den Knien festhält.

Frage an Radio Eriwan:


Gibt es auch bei uns in Armenien einen prak-
tischen Ratgeber für Stellungssuchende?
Radio Eriwan antwortet:
Mit Sex-Aufklärung befassen wir uns nicht.

33
Frage an Radio Eriwan:
Was unterscheidet Rußland von Amerika?
Radio Eriwan antwortet:
Der russische Winter ist kälter.

Frage an Radio Eriwan:


Soll man Waffen tragen, wenn man Freunde
besucht?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip nein. Will man den Freund aber in
irgendeiner Sache überzeugen, dann können einige
Panzerbrigaden von Nutzen sein.

Frage an Radio Eriwan:


Stimmt es, daß der Mann im Mond mit den
Amerikanern sympathisiert?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja, aber die Stärke des Sozialismus liegt
sowieso hinterm Mond.

35
Frage an Radio Eriwan:
Ich habe gehört, Nixon und Breschnew hätten
einen Wettlauf rund um die Mauer des Kreml
gemacht, bei dem Nixon gewann. Stimmt das?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Nixon und Breschnew nahmen an
einem internationalen Wettlauf teil. Breschnew
belegte einen ehrenvollen zweiten Platz. Nixon
wurde Vorletzter.

Frage an Radio Eriwan:


Stimmt es, daß die Nylon-Strümpfe aus Amerika
kommen?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja, aber erst an russischen Beinen
entfalten sie ihre volle Wirkung.

36
Frage an Radio Eriwan:
Stimmt es, daß Genosse Weltraumfahrer Gagarin
auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung in Moskau
ein Auto gewonnen hat?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja, wir müssen jedoch darauf hinweisen,
daß es sich nicht um den Weltraumfahrer Gagarin,
sondern um den Volksschullehrer Gagarin handelt.
Außerdem war es nicht in Moskau, sondern in
Kiew, und es war nicht auf einer
Wohltätigkeitsveranstaltung, sondern auf einer
Parteitagung, und es handelt sich nicht um ein
Auto, das er gewonnen hat, sondern um ein
Fahrrad, das ihm gestohlen wurde.

37
Eine Variante des nebenstehenden Witzes lautet:

Frage an Radio Eriwan:


Trifft es zu, daß der stellvertretende Handels-
minister Nikolajew in einem Spielkasino in Jalta
zehntausend Rubel gewonnen hat?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja, aber es handelt sich erstens nicht um
den stellvertretenden Handelsminister Nikolajew,
sondern um den stellvertretenden
Handelsbevollmächtigten Nikolajew, zweitens
nicht um zehntausend Rubel, sondern um zehn
Rubel. Der Geldumsatz erfolgte nicht in Jalta,
sondern bei einem Spielautomaten in Odessa, und
Nikolajew hat nicht zehn Rubel gewonnen,
sondern verloren.

38
Frage an Radio Eriwan:
Ist es üblich, im Inland mit Devisen zu bezahlen?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip nein. Nur wenn man besondere
Wünsche hat.

Frage an Radio Eriwan:


Ist es richtig, daß Milch für russische Männer
gesünder ist als Wodka?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Aber Wodka macht sie lustiger.

Frage an Radio Eriwan:


Kann man die Romane von Alexander Solsche-
nizyn lesen?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja, doch muß man Englisch oder
Deutsch verstehen.

39
Paradies
mit kleinen Fehlern

40
Frage an Radio Eriwan:
Was ist Kapitalismus?
Radio Eriwan antwortet:
Die Ausbeutung des Menschen durch den Men-
schen.
Zusatzfrage:
Was ist Kommunismus?
Radio Eriwan antwortet:
Das Gegenteil.

Frage an Radio Eriwan:


Wann wird die Gleichheit aller Menschen im
sozialistischen Lager erreicht werden?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ist sie bereits erreicht — nur sind die
einen noch etwas gleicher als die anderen.

42
Frage an Radio Eriwan:
Ist es richtig, daß Sozialismus das goldene Zeitalter
bedeutet?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Aber es ist eben nicht alles Gold, was
glänzt.

Frage an Radio Eriwan:


Gibt es bei uns noch Potemkinsche Dörfer?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip nein. Denn es gehört ja zum Wesen
der Potemkinschen Dörfer, daß man sie nicht
erkennt.

Frage an Radio Eriwan:


Ist der absolute Sozialismus eine Utopie?
Radio Eriwan antwortet:
Bestimmt nicht. Von einer Utopie hätte man
nichts zu befürchten.

43
Frage an Radio Eriwan:
Die Wandzeitung unseres Betriebs zeigt eine
steil nach unten sinkende Produktionskurve.
Was können wir tun, um das zu ändern?
Radio Eriwan antwortet:
Drehen Sie die Wandzeitung um neunzig Grad.
Dann zeigt die Kurve wieder nach oben.

Frage an Radio Eriwan:


Es heißt immer, Saboteure würden nach Sibirien
verbannt. Aber Sibirien ist doch ein sozialistisches
Paradies. Wäre es nicht sinnvoller, sie in die
kapitalistische Hölle des Westens zu schicken?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Aber können wir es riskieren,
plötzlich Millionen Saboteure zu bekommen?

44
Frage an Radio Eriwan:
Läßt der Sozialismus die Geburtenplanung zu?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Doch stößt ihre Durchführung auf
Schwierigkeiten, weil sich in diesem Fall die
Produktionsmittel noch in privater Hand befinden.

Frage an Radio Eriwan:


Einer unserer Genossen spendete einem ameri-
kanischen Touristen, der einen Unfall hatte, Blut.
Ist es möglich, daß der Amerikaner jetzt mehr
Begeisterung für den Sozialismus aufbringt?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Aber sind Sie sicher, daß der
Genösse selbst diese Begeisterung besitzt?

45
Frage an Radio Eriwan:
Kann ein Sowjetbürger jederzeit frei seine
Meinung äußern?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja, sofern er sich ins Ausland begibt.

Frage an Radio Eriwan:


Stimmt es, daß unser letzter Plan überhaupt
nichts eingebracht hat?
Radio Eriwan antwortet:
Er hat etwas eingebracht: Ein Defizit.

Frage an Radio Eriwan:


Sollte man nicht auch bei uns eine gewisse
Opposition einführen?
Radio Eriwan antwortet: -
Wir verstehen immer »einführen« ...

46
Frage an Radio Eriwan:
Wie werden wir unter dem vollendeten Kom-
munismus leben?
Radio Eriwan antwortet:
Brot, Fleisch und Textilien werden ganz billig sein.
Mit einem Wort, es werden Zustände herrschen
wie unter dem Zaren.

Frage an Radio Eriwan:


Wäre es nicht am einfachsten, wenn man alle
Gegner unseres Arbeiter- und Bauernstaates ins
Gefängnis stecken würde?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Aber wer soll dann die Arbeit auf den
Feldern und in den Fabriken verrichten?

47
Frage an Radio Eriwan:
Es heißt doch, der Sozialismus verlängert das
Leben der Menschen. Der älteste Mensch der Welt
hat aber — wie es heißt — noch niemals etwas vom
Sozialismus gehört. Ist das möglich?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Hätte er etwas vom Sozialismus
gehört, wäre er jetzt noch mindestens zehn Jahre
älter.

Frage an Radio Eriwan:


Früher hatten wir den ausbeuterischen Zarismus,
dann hatten wir den lebensgefährlichen
Stalinismus und was haben wir heute?
Radio Eriwan antwortet:
Schauen Sie doch auf den Kalender — Montag!

48
Frage an Radio Eriwan:
Stimmt es, daß die Lebensbedingungen in unseren
Umerziehungslagern ausgezeichnet sind?
Radio Eriwan antwortet:
Einer unserer Kollegen, der das nicht glauben
wollte, bekam prompt die Gelegenheit dazu, die
Verhältnisse an Ort und Stelle kennenzulernen. Es
gefällt ihm offensichtlich so gut, daß er noch nicht
wieder bei uns am Sender Eriwan eingetroffen ist.

Frage an Radio Eriwan:


Laufen freie Schriftsteller in Rußland auch
heute noch Gefahr, ins Gefängnis zu kommen?
Radio Eriwan antwortet:
Was heißt hier Gefahr? Sie fühlen sich dort
wie zu Hause.

49
Frage an Radio Eriwan:
Wird es noch Geld geben, wenn der Sozialismus
seine höchste Entwicklungsstufe erreicht hat?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja und nein. Es gibt darüber zwei
Theorien. Nach der einen wird es Geld geben, nach
der anderen wird es kein Geld geben. Es ist auch
möglich, daß das Problem dadurch gelöst wird, daß
der eine Geld hat und der andere nicht.

Eine Variante dieses Witzes lautet:

Frage an Radio Eriwan:


Stimmt es, daß es unter dem Kommunismus
kein Geld mehr geben wird?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Aber es wird schon unter dem
Sozialismus alles ausgegeben worden sein!

50
Frage an Radio Eriwan:
Wie verhält sich die Sowjetregierung in einer
völlig hoffnungslosen Situation?
Radio Eriwan antwortet:
Wir geben keine Auskünfte über die Probleme
unserer Landwirtschaft.

Frage an Radio Eriwan:


Stimmt es, daß der Sozialismus alle Probleme
lösen kann?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Aber die Art und Weise, wie er
es tut, wird immer ein Problem bleiben.

51
Frage an Radio Eriwan:
Kann man definieren, wer ein Kommunist ist?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Er ist ein Mensch, der die Hoffnung
aufgegeben hat, Kapitalist zu werden.

Frage an Radio Eriwan:


Woran zeigt sich, daß der Kommunismus dem
Kapitalismus überlegen ist?
Radio Eriwan antwortet:
Würde es beim Kapitalismus so drunter und
drüber gehen, wäre er schon längst daran zugrunde
gegangen, aber dem Kommunismus scheint es
nicht zu schaden.

52
Frage an Radio Eriwan:
Worin besteht der Unterschied zwischen einem
amerikanischen und einem sowjetischen Märchen?
Radio Eriwan antwortet:
Das amerikanische Märchen beginnt mit »Es war
einmal...«, das sowjetische mit »Einmal wird es
soweit sein ...»

Frage an Radio Eriwan:


Wissen Sie, wann es die erste Wahl nach kom-
munistischem Muster gab?
Radio Eriwan antwortet:
Das war im Paradies, als Adam sich seine Frau
wählte.

53
Frage an Radio Eriwan:
Ist es möglich, bei Ihnen in Armenien die höchste
Stufe des Kommunismus zu erreichen?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Aber es wäre besser, es in Georgien
zu versuchen.

Frage an Radio Eriwan:


Im Radio höre ich immer, daß unsere Produktion
von Butter, Milch, Fleisch und Eiern ständig
gesteigert wird. Aber mein Kühlschrank ist immer
leer. Können Sie mir einen Rat geben?
Radio Eriwan antwortet:
Ja, stecken Sie den Kühlschrank-Stecker in die
Radio-Steckdose.

54
Frage an Radio Eriwan:
Stimmt es, daß sich der Kommunismus immer
deutlicher am Horizont abzeichnet?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja, aber der Horizont ist eine gedachte
Linie, und wenn man dieser näher kommt, entfernt
sie sich immer weiter von uns!

Frage an Radio Eriwan:


Unsere Politiker sprechen davon, daß wir in naher
Zukunft die Vereinigten Staaten überholen werden.
Gleichzeitig steht dauernd in den Zeitungen, daß
das kapitalistische Amerika mit Riesenschritten in
den Abgrund taumelt. Kann sich Radio Eriwan zu
diesem Widerspruch äußern?
Radio Eriwan antwortet:
Unsere Sendezeit ist leider abgelaufen.

55
Frage an Radio Eriwan:
Denkt eine Henne an den Aufbau des Sozialismus,
wenn sie vor dem Hahn davonläuft?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Doch gleichzeitig denkt sie auch
daran, daß sie nicht zu schnell laufen darf.

Frage an Radio Eriwan:


Sind die segensreichen Auswirkungen des So-
zialismus in der ganzen Welt bekannt?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja, aber gerade das ist sein größtes
Handikap.

Frage an Radio Eriwan:


Haben auch in der Sowjetunion die Generale
das Heft in der Hand?
Radio Eriwan antwortet:
Keineswegs. Sie reden frei von der Leber weg.

56
Frage an Radio Eriwan:
Ist es wahr, daß ein Arbeiter bei den Kapitalisten
mehr verdient?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja, aber Geld allein macht nicht
glücklich.

Frage an Radio Eriwan:


Stimmt es, daß unsere sozialistischen Funk-
tionäre besser leben als manche Kapitalisten?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja, aber das beweist nur die Unfähigkeit
des kapitalistischen Systems.

57
Die Partei hat immer recht

58
Frage an Radio Eriwan:
Kann die Partei auch einmal irren?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Aber praktisch irrt die Partei
nie.
Zusatzfrage:
Woher wissen Sie das so genau?
Radio Eriwan antwortet:
Wir haben die Partei gefragt.

Eine Variante dieses Witzes lautet:

Frage an Radio Eriwan:


Hat die Partei immer recht?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja.
Zusatzfrage:
Und wenn sie wie im Falle ...
Radio Eriwan antwortet:
Die gleiche Zusatzfrage haben wir kürzlich schon
einmal beantwortet. Der betreffende Kollege ist
jetzt leider für einige Monate verhindert, und es
besteht wenig Aussicht, daß er nach seiner
Rückkehr diese Frage noch einmal in gleicher
Weise beantworten wird.

60
Frage an Radio Eriwan:
Was würde geschehen, wenn einem unserer
führenden Genossen ein westliches Herz einge-
pflanzt würde?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip nichts. Bei unseren führenden Ge-
nossen spielt das Herz keine Rolle.

Frage an Radio Eriwan:


Ist es wirklich von Vorteil, daß es bei uns nur
eine Partei gibt?
Radio Eriwan antwortet:
Selbstverständlich. Wieviel mehr müßte man
aufpassen, nichts Falsches zu sagen, wenn es
mehrere Parteien gäbe.

61
Frage an Radio Eriwan:
Darf man über Genösse Kossygin Witze erzählen?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Sicherheitshalber sagen Sie aber
statt Kossygin besser Nixon, Mao oder Tito.

Frage an Radio Eriwan:


Ich weiß nicht, was mit mir ist. Ich liebe die
Kommunistische Partei nicht. Ich kann nichts für
Herrn Kossygin empfinden und nichts für die
anderen Spitzen der KPdSU.
Radio Eriwan antwortet:
Teilen Sie uns bitte Ihren Namen und Ihre Adresse
mit.

62
Frage an Radio Eriwan:
Es ist mir unverständlich, daß man unsere Re-
gierung trotz ihrer mangelhaften Leistung immer
wieder in den Himmel hebt. Können Sie mir eine
Erklärung geben?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Die Illusionäre, die glauben, daß sie
einmal dort oben bleibt, sterben nicht aus.

Frage an Radio Eriwan:


Darf der liebe Gott Parteimitglied werden?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Aber zuerst müßte er aus der
Kirche austreten.

63
Frage an Radio Eriwan:
Jeden Tag sehe ich gegenüber meinem Bürofenster
den scheußlichen Parteipalast aus der
überwundenen Stalin-Ära. Kann ich etwas tun, um
diesen Anblick zu vermeiden?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Werden Sie Angestellter der Partei,
dann sitzen Sie im Parteipalast und sehen ihn nicht
mehr.

Frage an Radio Eriwan:


Wir haben uns beim Mittagessen in der Kantine
darüber gestritten, wer der beste Mann in der
sowjetischen Führungsspitze ist. Ich sagte
Breschnew. Habe ich recht?
....
Sender Eriwan bittet um Entschuldigung für den
plötzlichen Stromausfall.

64
Frage an Radio Eriwan:
Ich habe gehört, daß Stalin im Himmel ist.
Kann das wahr sein?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja.
Zusatzfrage:
Ich verstehe nicht, wie man ihn dort einlassen
konnte.
Radio Eriwan antwortet:
Man ließ ihn nicht ein. Er benützte den Lie-
feranteneingang.

Frage an Radio Eriwan:


Können Sie für die Richtigkeit Ihrer Antworten
garantieren?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Ausgenommen natürlich die Fälle, in
denen wir bei der Partei rückfragen mußten.

65
Frage an Radio Eriwan:
Kann ein Esel Parteimitglied werden?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip nein: Wir haben schon genug Ja-Sager.

Frage an Radio Eriwan:


Trifft es zu, daß beim Besuch des Ministerprä-
sidenten Kossygin in Rom zwischen ihm und dem
Papst ein Konkordat ausgehandelt wurde?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja, es wird jedoch noch über den ersten
Satz dieser Übereinkunft verhandelt. Der Papst
besteht darauf, daß er lautet: »Gott hat den
Menschen erschaffen.« Der Ministerpräsident
wünscht die Hinzufügung: »unter Anleitung der
Partei«.

66
Frage an Radio Eriwan:
Kann man sich auf einen Igel setzen?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip nein — außer in zwei Fällen: wenn
man ihm vorher die Stacheln abrasiert hat, oder
wenn die Partei es befiehlt.

Frage an Radio Eriwan:


Ist es wahr, daß die Hälfte der Mitglieder des
Zentralkomitees der Kommunistischen Partei
Idioten sind?
Radio Eriwan antwortet:
Unsinn. Die Hälfte der Mitglieder sind keine
Idioten.

67
Frage an Radio Eriwan:
Ist es wahr, daß man die Partei kritisieren
darf?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja, doch lebt es sich in den eigenen
vier Wänden angenehmer.

Frage an Radio Eriwan:


Ist die Regierung für das Volk da?
Radio Eriwan antwortet:
Nein. Das Volk ist für die Regierung da, es ist bei
etwaigen Differenzen auszutauschen.

68
Jenseits von Gut und Böse

69
Frage an Radio Eriwan:
Muß ein hundertprozentiger Kommunist nicht
gleichzeitig ein hundertprozentig guter Mensch
sein?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Aber haben Sie schon einmal einen
hundertprozentigen Kommunisten getroffen?

Frage an Radio Eriwan:


Ist es richtig, daß zum wahren Kommunismus
auch die freie Liebe gehört?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Aber freie Liebe setzt doch ein
Mindestmaß von Freiheit voraus.

Frage an Radio Eriwan:


Kann eine Frau gleichzeitig zwei Männer lieben?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Aber praktischer als gleichzeitig ist
hintereinander.

70
Frage an Radio Eriwan:
Der Führer einer Frauenbrigade in unserer
Sowchose nützt seine Stellung aus, um sich die
Frauen gefügig zu machen. Auch meine Frau ist
dabei. Was soll ich machen?
Radio Eriwan antwortet:
Versuchen Sie, möglichst schnell ebenfalls Bri-
gadeführer zu werden.

Frage an Radio Eriwan:


In unserem Frauenlager, in dem es keine Männer
gibt, bekam kürzlich eine Genossin ein Kind. Wie
konnte das geschehen?
Radio Eriwan antwortet:
Die Genossin hatte sicher Beziehungen.

71
Frage an Radio Eriwan:
Ein Arbeitskollege in unserem Werk will mir
fünfzig Rubel schenken, wenn ich mit ihm schlafe.
Er sieht recht nett aus, ein Foto lege ich bei. Soll
ich nun — oder?
Radio Eriwan antwortet:
Wenn der Fünfzig-Rubelschein echt ist, sollten Sie
sich eine Ablehnung überlegen.

Frage an Radio Eriwan:


Als ich nach Hause kam, lag meine Frau mit
unserem örtlichen Parteisekretär im Bett. Ich tat
so, als hätte ich nichts gesehen und bin leise wieder
gegangen. War das richtig?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Aber hoffentlich haben Sie dafür die
Frau des Parteisekretärs besucht. Sie könnten
sonst Ärger bekommen.

72
Frage an Radio Eriwan:
Ein Genosse überraschte seine Frau mit einem
fremden Mann im Bett. Trotzdem gab man ihm die
Schuld an der Zerrüttung der Ehe. Ist das richtig?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Der Genosse ging zu früh von seiner
Arbeit nach Hause.

Frage an Radio Eriwan:


Kann man auch die Liebe sozialistisch planen?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Aber es wäre schade um die Liebe

73
Frage an Radio Eriwan:
Verstößt es gegen die sozialistische Moral, mit
einem Mädchen zu schlafen, bevor man es ge-
heiratet hat?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip nein. Denn unser Staat braucht
ausgeschlafene Werktätige.

Frage an Radio Eriwan:


Meine Frau und ich haben Zwillinge bekommen.
Haben wir damit unser Soll erfüllt?
Radio Eriwan antwortet:
Wovor wollen Sie sich drücken?

74
Frage an Radio Eriwan:
Ist es wahr, daß die Moskauer Regierung aus-
drücklich angeordnet hat, die Hinterseite des
Mondes zu fotografieren?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Aber es geschah auf ausdrücklichen
Wunsch des fortschrittlichen armenischen Volkes.*

Frage an Radio Eriwan:


Ist es wahr, daß der große russische Komponist
Tschaikowskij homosexuell war?
Radio Eriwan antwortet:
Ja, das stimmt. Aber wir lieben ihn auch wegen
seiner herrlichen Musik.

*Den Armeniern wird in der Sowjetunion eine


besondere Neigung zur Homosexualität
nachgesagt.

75
Frage an Radio Eriwan:
Ich bin nach Georgien gefahren, mein Sohn ist
unterwegs mit seinem Mädchen zurückgeblieben.
Nun bin ich in großer Sorge. Was werden die
beiden wohl machen?
Radio Eriwan antwortet:
Vermutlich Nachkommen.

Frage an Radio Eriwan:


Mein Mann kommt jeden Abend betrunken
nach Hause und schimpft auf unsere Regierung.
Was soll ich tun?
Radio Eriwan antwortet:
Versuchen Sie, ihn mit Marx zu schlagen.
Zusatzfrage:
Mit welchem Band? Und wohin?

76
Frage an Radio Eriwan:
Sind sowjetische Männer auf Dienstreisen treu?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Insbesondere unsere heldenhaften
Astronauten.

Frage an Radio Eriwan:


Sollte ein Mädchen, das nach den Prinzipien
der sozialistischen Moral lebt, schon um acht
Uhr ins Bett gehen?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Denn um zehn sollte es zu
Hause sein.

77
Was man so von draußen hört

78
Frage an Radio Eriwan:
Trifft es denn wirklich zu, daß unsere ruhmreiche
Armee von den Tschechen zu Hilfe gerufen wurde?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Das Gesuch stammt aus dem Jahr
1939 und konnte 1968 positiv beantwortet werden.

Frage an Radio Eriwan:


Die Hetze des Genossen Mao gegen die So-
wjetunion beunruhigt mich doch sehr. In einer
Meldung las ich folgende Sätze: »Die Grenzen
unseres Vaterlandes sind uns heilig. Keinen
Fußbreit Boden den Aggressoren! Wir werden es
den imperialistischen Teufeln zeigen!« Ist das
nicht der Höhepunkt der Demagogie?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Aber Sie haben übersehen, daß die
zitierten Sätze aus der sowjetischen Verlautbarung
stammen.

80
Frage an Radio Eriwan:
Früher gingen die stolzen Araber immer einige
Schritte vor ihren Frauen. Doch seit dem Sechs-
tage-Krieg gegen Israel lassen sie ihren Frauen den
Vortritt. Was hat diesen erstaunlichen
Sinneswandel verursacht?
Radio Eriwan antwortet:
Die vielen Tretminen, die noch immer auf den
Straßen liegen.

Frage an Radio Eriwan:


Ist Jugoslawien kein sozialistisches Land mehr?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip nein — den Leuten geht es dort
schon zu gut.

Frage an Radio Eriwan:


Hat der Kommunismus in der CSSR sein Gesicht
verloren?
Radio Eriwan antwortet:
Nein. Außerdem besitzt er mehrere Gesichter.

81
Frage an Radio Eriwan:
Warum pflegen wir die Freundschaft mit der DDR?
Radio Eriwan antwortet:
Diese Frage können wir Ihnen auch nicht be-
antworten.

Frage an Radio Eriwan:


In den kapitalistischen Ländern wird behauptet,
daß unsere Truppen in der CSSR keinen Kontakt
zur Bevölkerung bekommen und sogar peinlich
gemieden werden. Ich sah Fotos, auf denen man
unseren Soldaten lebhaft zuwinkte. Sind diese
Fotos echt?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Diese Soldaten wurden gerade
abgelöst und fuhren wieder nach Hause.

82
Frage an Radio Eriwan:
Trotz aller rassischen Diskriminierung soll in den
USA ein Neger zum General befördert worden sein.
Ist das denkbar?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja — aber was ist schon ein General?

Frage an Radio Eriwan:


Ist die außenpolitische Lage der Sowjetunion trotz
Prag, Peking, Belgrad und Bukarest immer noch
gut?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Sie ist sogar großartig, verglichen
mit der Lage, wie wir sie vielleicht schon im
nächsten Jahr haben werden.

83
Frage an Radio Eriwan:
Wir haben im Werk Besuch von Ingenieuren aus
einem kapitalistischen Land. Wäre es angebracht,
jedem Ingenieur als Erinnerung eine Leninbüste zu
schenken?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja — aber männliche Büsten sind in
kapitalistischen Ländern weniger gefragt als
weibliche.

Frage an Radio Eriwan:


Trifft es zu, daß der westdeutsche Volkswagen
nicht nur von Kapitalisten gefahren wird?
Radio Eriwan antwortet:
Er wird unseres Wissens überhaupt nicht von
Kapitalisten gefahren.

84
Frage an Radio Eriwan:
Ich kann zu einer Tagung in den Westen fahren.
Soll ich die Reise unternehmen, obwohl ich die
hohen Fahrtkosten selbst tragen muß?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Sie brauchen ja keine Rückfahrkarte
zu kaufen.

Frage an Radio Eriwan:


Sind die Chinesen unsere Feinde?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip nein. Sie sind unsere sozialistischen
Brüder, die aber von einer chauvinistischen Clique
gegen uns aufgehetzt werden, weshalb wir sie eines
Tages wohl vernichten müssen.

Frage an Radio Eriwan:


Stimmt es, daß unsere Führer den tschechischen
Abweichlern nur mit dem Finger gedroht haben?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja, aber mit dem Finger am Abzug.

85
Frage an Radio Eriwan:
Sind uns die USA tatsächlich technisch, wirt-
schaftlich und militärisch unterlegen?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Aber es ist schwer, den Amerikanern
dies klarzumachen.

Frage an Radio Eriwan:


Ich habe gehört, daß in der Deutschen Demo-
kratischen Republik eine Fabrik ein Transparent
entfernen mußte, auf dem die an sich doch
begrüßenswerten Worte standen: »Wir arbeiten
lieber für zehn Russen als für einen Amerikaner.«
Wie ist das zu erklären?
Radio Eriwan antwortet:
Wir sind dieser rätselhaften Sache nachgegangen.
Die Erklärung ist sehr einfach. Es handelt sich um
eine Sargfabrik.

86
Frage an Radio Eriwan:
Gibt es eine Erklärung dafür, daß unsere Presse
Nordvietnam immer mit einem Schnitzel
vergleicht?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Je mehr es die Amerikaner klopfen,
desto größer wird es.

Frage an Radio Eriwan:


Sollte man nicht die gesamte Spionage ab-
schaffen?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Aber was sollen wir dann mit den
vielen Arbeitslosen machen?

Frage an Radio Eriwan:


Stimmt es, daß wir mit den Kapitalisten Geschäfte
machen?
Radio Eriwan antwortet:
Selbstverständlich. Mit wem sollen wir sie denn
sonst machen?

87
Frage an Radio Eriwan:
Ich habe mir erzählen lassen, auch in Amerika
könne ein Bürger nachts aus dem Schlaf geschreckt
werden, weil es an seiner Tür klopft. Stimmt das?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Aber in Amerika ist es mit Sicherheit
entweder der Telegrammbote oder der betrogene
Ehemann.

Frage an Radio Eriwan:


Ist die Berliner Mauer, die zum Schutz des
Sozialismus errichtet wurde, eigentlich nicht
überflüssig?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Denn auch ohne die Mauer würde
wohl kaum einer nach Ostberlin fliehen wollen.

88
Frage an Radio Eriwan:
Leben die Menschen in Westdeutschland besser
als in der DDR?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip nein. Sie wollen nur nicht mit den
Landsleuten in der DDR tauschen.

Frage an Radio Eriwan:


Lieben die Bürger der DDR die Russen?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja, denn die Russen haben sie befreit.
Zusatzfrage:
— und hassen sie die Amerikaner?
Radio Eriwan antwortet:
Selbstverständlich, denn die haben sie ja nicht
befreit.

89
Frage an Radio Eriwan:
Wir haben gehört, daß General de Gaulle der
französischen Republik eine neue Verfassung
gegeben hat. Trifft dies zu, und ist Radio Eriwan in
der Lage, einen Auszug aus dieser Verfassung zu
veröffentlichen?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Wir können nicht nur einen
Auszug, sondern den gesamten Wortlaut der
Verfassung veröffentlichen:
Paragraph 1:
»Der General hat immer recht.«
Paragraph 2:
»Wenn dies nicht zutrifft, entfällt Paragraph 1.«
Zusatz von Radio Eriwan:
Eine solche Verfassung gibt es natürlich nur in
Frankreich.

90
Frage an Radio Eriwan:
Können Sie mir den Unterschied zwischen einem
Optimisten und einem Pessimisten erklären?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Ein Optimist lernt Amerikanisch, ein
Pessimist Chinesisch.

Frage an Radio Eriwan:


Können Sie mir sagen, warum Kanada und die
Vereinigten Staaten an uns so viel Weizen liefern
können?
Radio Eriwan antwortet:
Daran ist die katastrophale Überproduktion unter
dem Kapitalismus schuld.

91
Frage an Radio Eriwan:
Die ideologischen Auseinandersetzungen zwischen
der Sowjetunion und der Volksrepublik China
stellen mich als überzeugten Kommunisten vor ein
schwieriges Problem. Ich weiß nun nicht, ob ich
russischen oder chinesischen Tee trinken soll. Wie
muß ich mich verhalten, ohne ideologisch
abzuweichen?
Radio Eriwan antwortet:
Trinken Sie Kaffee.

Frage an Radio Eriwan:


Darf meine Tochter einen Chinesen heiraten?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja, doch würde eine Verlobung genügen.

92
Frage an Radio Eriwan:
Wird es noch Kriege in der Welt geben, wenn alle
Völker sozialistisch geworden sind?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip nein. Es sei denn, daß der Friedens-
kampf den Einsatz militärischer Mittel notwendig
macht.

Frage an Radio Eriwan:


Wäre es denkbar, daß die ungarische Regierung
der Bevölkerung eine Reise in den Westen
ermöglicht?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja, doch dann wäre Ungarn keine
Volksrepublik mehr.

93
Frage an Radio Eriwan:
Stimmt es, daß ein Russe länger für ein Auto
arbeiten muß als ein Amerikaner?
Radio Eriwan antwortet:
Die Amerikaner sind gegen die Neger.

Frage an Radio Eriwan:


Ist es wahr, daß man später im Staatsarchiv etwas
über die sowjetische Okkupation der CSSR finden
wird.
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja, doch sollte man nur unter der
Rubrik »Hilfeleistungen sozialistischer Bruder-
staaten« suchen.

94
Frage an Radio Eriwan:
Ist es möglich, die sowjetische Besatzung aus
der CSSR zu vertreiben?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja, aber die tschechische Armee ist
nicht mit Eishockeyschlägern bewaffnet.

Frage an Radio Eriwan:


Was unterscheidet sowjetische Sozialisten von
chinesischen Sozialisten?
Radio Eriwan antwortet:
Chinesische Sozialisten sind gelber.

Frage an Radio Eriwan:


Stimmt es, daß die Rote Armee den Tschechen
die Freiheit nehmen will?
Radio Eriwan antwortet:
Die Rote Armee will nur das Beste.

95
Frage an Radio Eriwan:
Kann Rotchina sich an der Raumschiffahrt be-
teiligen?
Radio Eriwan antwortet:
Grundsätzlich ja — wenn 500 000 Rotchinesen auf
die eine Seite der Wippe springen.

Frage an Radio Eriwan:


Welche Bedeutung hat die Gesellschaft für
tschechoslowakisch-sowjetische Freundschaft?
....

Radio Eriwan: Wir bitten die kleine Störung zu


entschuldigen.

96
Das Land des Fortschritts
und der
großen Errungenschaften

97
Frage an Radio Eriwan:
Kann man mit unserem Auto »Moskwitsch«
mit hundert Sachen über russische Straßen
fahren?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Aber nur einmal.

Frage an Radio Eriwan:


Stimmt es, daß unser »Moskwitsch« dem west-
deutschen VW haushoch überlegen ist?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Dies ergibt sich schon daraus, daß
die Bürger der Sowjetunion auf einen
»Moskwitsch« sehr viel länger warten müssen als
die Westdeutschen auf die Lieferung ihres VW.

Frage an Radio Eriwan:


Trifft es zu, daß der Personenwagen Marke
»Moskwitsch« in Zukunft »Luther« heißen soll?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip nein. Doch wird dies immer wieder
vorgeschlagen. Denn schon Luther sagte: »Hier
stehe ich, ich kann nicht anders.«

98
Frage an Radio Eriwan:
Warum weiß man bei uns nie, wann die nächste
Weltraumrakete startet?
Radio Eriwan antwortet:
Wir haben unsere Techniker gefragt. Sie wissen es
auch nicht.

Frage an Radio Eriwan:


Was werden unsere Kosmonauten, wenn sie auf
dem Mond landen, zuerst sehen?
Radio Eriwan antwortet:
Zwei Amerikaner.

Frage an Radio Eriwan:


Ist die Rückkehr vom Mond wirklich so gefährlich?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip nein. Technisch ist das Problem gelöst,
aber wie sollen wir unsere Kosmonauten zur
Rückkehr zwingen?

99
Frage an Radio Eriwan:
Wäre es ein großer Prestigeverlust für die So-
wjetunion, wenn die Amerikaner vor uns auf dem
Mond landen würden?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Aber im Gegensatz zu den ame-
rikanischen Kosmonauten, die schnellstens wieder
zur Erde zurückwollen, werden unsere eines
Tages gern oben bleiben.

Frage an Radio Eriwan:


Stimmt es, was in der westlichen Presse immer
wieder behauptet wird, daß ein toter sowjetischer
Kosmonaut im All kreist?
Radio Eriwan antwortet:
Einer unserer Mitarbeiter wollte sich bei der
zuständigen Stelle erkundigen. Er wurde auf-
gehalten und kommt erst in zehn Jahren wieder ...

100
Frage an Radio Eriwan:
Ich habe eine ungeheure Superwaffe entwickelt,
die alles in den Schatten stellt. Dabei ist ihr Prinzip
ganz einfach. Ich habe alles beisammen und
brauche nur noch drei Fahrradspeichen. Können
Sie mir die beschaffen?
Radio Eriwan antwortet:
Leider nein. Was soll man auch mit einer Su-
perwaffe, die aus so seltenen "Einzelteilen besteht?

Frage an Radio Eriwan:


Stimmt es, daß nicht die Amerikaner, sondern wir
die ersten waren, die die Rückseite des Mondes
sahen?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Diesen Triumph verdanken wir
unseren Wirtschaftsplanern; sie befinden sich seit
Jahren dort.

101
Frage an Radio Eriwan:
Stimmt es, daß die größten Erfindungen von
Russen gemacht wurden?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Denn wir erfinden sogar Erfinder.

Eine Variante lautet:

Frage an Radio Eriwan:


Ist Genosse Njetjew der größte und bedeutendste
Erfinder, den es je gab?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Genosse Njetjew hat das Toi-
lettenpapier, den Elektrorasierer, das Standesamt,
die automatische Flohfalle, die Ultrakurzwelle und
das Bierglas erfunden — aber ein Erfinder ist doch
noch größer: Genosse Potalow.
Zusatzfrage:
Warum? Hat er noch mehr erfunden?
Radio Eriwan antwortet:
Mehr nicht — aber unseren Genossen Erfinder
Njetjew!

102
Frage an Radio Eriwan:
Sind die Röntgenstrahlen in Rußland erfunden
worden?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Denn schon im Jahr 1604 schrieb
der Moskauer Bojar Morosow an seine Frau: »Ich
habe dich genau durchschaut, du verfluchtes
Luder.«

Frage an Radio Eriwan:


Ist es wahr, daß der erste Sowjetmensch, der auf
dem Mond landen wird, ein Fläschchen Parfüm
»Roter Oktober« mit sich führen wird?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Aber es steht noch nicht endgültig
fest, ob man sich auf dem Mond wirklich gegen
Insekten schützen muß.

103
Frage an Radio Eriwan:
Das neueste Mehrzweck-Flugzeug der sowjetischen
Armee hat ausgezeichnete Flugeigenschaften, nur
reißen in der Luft häufig die Flügel ab. Weiß Radio
Eriwan, wie diese Schwäche zu beseitigen ist?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Die Flügel des Flugzeuges sollten
perforiert werden. Diesen Rat gibt Radio Eriwan
aus seiner reichen Erfahrung mit sowjetischem
Toilettenpapier: Es reißt überall, nur nicht dort, wo
es perforiert ist.

Frage an Radio Eriwan:


Werden unsere Raketen das Wettrennen zum
Mond gewinnen?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja, denn wir haben die besseren
Deutschen.

104
Frage an Radio Eriwan:
Stimmt es, daß sowjetische U-Boote den Welt-
rekord im Tauchen halten?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja. Schon seit 1957 tauchen zwei unserer
U-Boote ...

Frage an Radio Eriwan:


Stimmt es, daß der Mensch vom Affen abstammt?
Radio Eriwan antwortet:
Sie blicken zuviel in den Spiegel, Genosse.

105
Radio Eriwan antwortet in eigener Sache

106
Frage an Radio Eriwan:
Ich habe gehört, den Sender Eriwan gebe es gar
nicht. Er sei nur eine kapitalistische Erfindung zur
Untergrabung unserer Moral. Was sagen Sie dazu?
Radio Eriwan antwortet:
Wir bewundern Ihren Mut, uns dennoch zu
schreiben.

Frage an Radio Eriwan:


Werden Eriwan-Witze auch honoriert?
Radio Eriwan antwortet:
Selbstverständlich. Von einem Jahr bis zu
lebenslänglich.

Frage an Radio Eriwan:


Was ist die mutigste Erfindung unserer Zeit? Radio
Eriwan antwortet:
Unser Sender.

107
Frage an Radio Eriwan:
Stimmt es, daß man die Antworten von Radio
Eriwan nicht weitererzählen darf?
Radio Eriwan antwortet:
Von wo schreiben Sie?

Frage an Radio Eriwan:


Stimmt es, daß Radio Eriwan seine Sendungen
einstellen mußte?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip nein. Allerdings wurden wir wegen
einer Pause vorübergehend zum Schweigen ge-
bracht.
Zusatzfrage:
Sind denn jetzt auch schon Pausen verboten?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip nein. Aber wir haben gesagt: »Der
Sozialismus taugt überhaupt nichts ...« Hier haben
wir die Pause gemacht und erst dann den Satz
beendet: »... im Vergleich zum Kommunismus.«

108
Frage an Radio Eriwan:
Wie kommt es, daß Ihre Antworten bereits in
der gesamten Weltpresse zitiert werden?
Radio Eriwan antwortet:
Wir müssen Sie korrigieren. Bei uns werden
sie nicht zitiert.

Frage an Radio Eriwan:


Warum beantwortet Radio Eriwan eine Frage
so oft mit einer Gegenfrage?
Radio Eriwan antwortet:
Warum nicht?

109
Frage an Radio Eriwan:
Trifft es zu, daß der Mann, der die Witze über den
Sender Eriwan verbreitet, in Eriwan sitzt?
Radio Eriwan antwortet:
Das stimmt. Er sitzt.

Frage an Radio Eriwan:


Trifft es zu, daß Breschnew die Witze sammelt,
die über ihn erzählt werden?
Radio Eriwan antwortet:
Im Prinzip ja, aber er sammelt auch die Leute,
die die Witze erzählen!

110

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