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261 zur politischen Bildung

Überarbeitete Neuauflage 2011

Weimarer Republik
2 Weimarer Republik

Inhalt

Vom Kaiserreich zur Republik 1918/19 ..............................4

Revolution von oben ................................................................................ 4

Anfänge der parlamentarischen Regierung ...................................5

Revolution von unten .............................................................................. 6

Ausrufung der Republik ..........................................................................7

Rätesystem oder Parlamentarismus? .............................................. 11

Parlamentarische Demokratie ........................................................... 16

Weimarer Verfassung ............................................................................ 18

Kampf um die Republik 1919-1923 .......................................21

Der Friedensvertrag von Versailles ...................................................21

Finanzpolitik und Wirtschaftsentwicklung ................................. 23

Dolchstoßlüge ........................................................................................... 24

Radikalisierung ........................................................................................ 24

Aufstände und Putschversuche ........................................................ 25

Reparationsprobleme ............................................................................29

Deutsch-russisches Abkommen ........................................................30

Ruhrbesetzung .........................................................................................30

Hyperinflation ...........................................................................................31

Rechtsdiktatur in Bayern ..................................................................... 33

Kommunistische Umsturzversuche ................................................ 34

Hitlerputsch ............................................................................................... 34

Seperatistenbewegungen .................................................................... 35

Sturz der Regierung ................................................................................ 35

Zwischen Festigung und Gefährdung 1924-1929 ..... 36

Außenpolitische Erfolge .......................................................................36

Wirtschaftsentwicklung ...................................................................... 38

Gesellschaft im Wandel ........................................................................39

Innenpolitische Entspannung ...........................................................44

Reichspräsidentenwechsel .................................................................. 45

Kulturelle Blütezeit ................................................................................ 49

Zerstörung der Demokratie 1930-1933 .............................. 54

Wirtschaftskrise ...............................................................................................54

Bruch der Großen Koalition ................................................................ 55

Reichstagsauflösung .............................................................................. 56

Politik der Krisenverschärfung .......................................................... 58

Politische Radikalisierung ................................................................... 61

Reichspräsidentenwahl 1932 ..............................................................62

Regierung von Papen .............................................................................62

Reichstagswahlen 1932 .........................................................................64

Reichskanzlerschaft Schleichers ....................................................... 67

Regierungsübertragung auf die NSDAP ........................................ 68

Literaturhinweise ........................................................................... 74

Internetadressen ..............................................................................75

Der Autor ................................................................................................75

Impressum ............................................................................................75

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3

Editorial

A ls Philipp Scheidemann am frühen Nachmittag des 9. No-


vember 1918 von einem Balkon des Reichstages die Repu-
blik ausrief, ahnte er wohl noch nicht, welchem Ausmaß an
für die eingängigen Parolen
der Nationalsozialisten, de-
ren „völkische Gemeinschaft“
Gefährdung sie in den folgenden Jahren ausgesetzt sein wür- einen krassen Gegenentwurf
de. Den Bedrohungen konnte die Weimarer Republik letztend- zur pluralistischen Demokra-
lich nicht standhalten. Dem vorläufigen Ende der Demokratie tie darstellte.
folgte die nationalsozialistische Herrschaft, die Deutschland Doch ist die Weimarer Re-
in den Abgrund führte. publik mehr als nur ihr Nie-
Meist steht das Versagen der Weimarer Republik im Zent- dergang. Sie stieß Entwicklungen an, an die nach dem Zu-
rum der Auseinandersetzung mit dieser Epoche. Aus dieser sammenbruch der NS-Herrschaft angeknüpft werden konnte.
Perspektive wird sie einzig als Periode des Überganges vom Nicht nur aus ihren Fehlern kann man lernen: Der Stinnes-
Kaiser zum ‚Führer‘ gesehen und historisch als „Prolog“ des Legien-Pakt beispielsweise, das Abkommen zwischen Gewerk-
„Dritten Reiches“ mitbehandelt. schaften und Vertretern der Industrie, bildet noch heute die
Doch wie konnte eine Republik, die in den Tagen ihrer Aus- Grundlage der Tarifvertragsbeziehungen. Die Finanzverfas-
rufung von Vielen so begeistert empfangen worden war, in sung, die Matthias Erzberger als Finanzminister 1919 schuf, hat
nur etwas mehr als vierzehn Jahren einen solchen Niedergang im Wesentlichen bis heute Bestand. Die Jahre von 1924 bis 1929,
erfahren? oft als die „goldenen Jahre“ der Weimarer Republik bezeichnet,
Schon ihre Entstehung war begleitet von Putschversuchen ließen eine kulturelle Vielfalt entstehen, deren Ergebnisse in
und Aufständen links- wie rechtsstehender Antidemokraten. den bildenden Künsten, in Erzählung und Dichtkunst, in Thea-
Ein grundlegender Neuanfang, auf den ein Großteil der Be- ter und Film heute als Meilensteine gelten. Und es war die Wei-
völkerung nach den Jahren des Krieges gehofft hatte, konnte marer Republik, in der zum ersten Mal in Deutschland Frauen
nicht gelingen – zu wirkmächtig blieben die alten, der Monar- als gleichberechtigte Staatsbürgerinnen mit aktivem und pas-
chie verbundenen Eliten des Kaiserreiches. Die Macht und der sivem Wahlrecht an die Wahlurnen traten.
Einfluss dieser Kräfte, ihr Streben nach Wiederherstellung der Dieses Heft stellt die Geschichte der Weimarer Republik
„alten Ordnung“ wogen schwer. Die Kriegsniederlage wurde chronologisch dar. Deutlich werden die inneren und äußeren
nicht ihnen, sondern den Repräsentanten der Republik ange- Bedingungen, denen Deutschland ausgesetzt war, die poli-
lastet. Die harten Forderungen der Siegermächte im Versailler tischen und gesellschaftlichen Strukturen und Prozesse, die
Vertrag erschwerten es der ersten deutschen Demokratie, mit Konstellationen, die zum Scheitern der ersten Demokratie auf
einer wirtschaftlichen Stabilisierung die gesellschaftlichen deutschem Boden führten, aber auch ihre Erfolge und Ver-
Unruhen zu befrieden und an Akzeptanz zu gewinnen. dienste. Die Weimarer Republik mit ihren verspielten wie auch
Auch die Weimarer Verfassung, die Basis der neuen Staatsord- genutzten Möglichkeiten ist mehr als nur die Vorgeschichte
nung, bot mit ihrem immer wieder missbrauchten „Notstandspa- des nationalsozialistischen Reiches. Auf Weimar gründet auch
ragraphen“, Artikel 48, eine Grundlage für die Zerrüttung der die Demokratie der Bundesrepublik Deutschland, mit all ihren
Demokratie. Der Börsencrash von 1929 mit der anschließenden Möglichkeiten.
Weltwirtschaftskrise erschütterte schließlich die Lebensgrund-
lagen breiter Bevölkerungskreise und machte sie empfänglich Cornelius Strobel

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Reinhard Sturm

Vom Kaiserreich zur


Republik 1918/19

Die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg war zu-


gleich das Ende des Kaiserreiches: Wilhelm II. dankte ab,
in den Wirren der darauffolgenden Revolution wurde die Re-
publik ausgerufen. Im August 1919 trat die Weimarer

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Verfassung in Kraft.

Der Krieg aus Sicht der Planer: Lagebesprechung Kaiser Wilhelms II. mit
Paul von Hindenburg (li.) und Erich Ludendorff (r.) im Großen Haupt-
quartier der OHL in Pless 1916/1917

D er Anfang vom Ende des Deutschen Kaiserreichs lässt


sich auf den 29. September 1918 datieren. Denn an die-
sem Tag trat in Berlin der „Kronrat“ zusammen, dem neben
von Hertling und der Staatssekretär des Äußeren, Admiral
Paul von Hintze, angehörten. Dieses Gremium beriet über
die Konsequenzen aus der Tatsache, dass der Weltkrieg we-
Kaiser Wilhelm II. der Chef der Obersten Heeresleitung gen der personellen und materiellen Übermacht der Geg-
(OHL), Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, seine ner endgültig verloren war, und beschloss einschneidende
rechte Hand, General Erich Ludendorff, Reichskanzler Graf Maßnahmen.

Revolution von oben

Eine schnelle „Revolution von oben“ – so berichtet Hintze – jetzt geschlossen werden muss. Sie sollen die Suppe jetzt es-
sollte ein „Chaos“ und eine „Revolution von unten“ (wie in sen, die sie uns eingebrockt haben.“
Russland) verhindern. Das bedeutete, dass erstmals eine vom Gemeint waren – nach der Spaltung der Sozialdemokra-
Reichstag (dem nach dem allgemeinen Männerwahlrecht tie in die linke „Unabhängige Sozialdemokratische Partei
gewählten Parlament) getragene Reichsregierung ins Auge Deutschlands“ (USPD) und die gemäßigte „Mehrheitssozial-
gefasst wurde. Ferner beschloss man die „sofortige“ Über- demokratische Partei Deutschlands“ (MSPD) 1916 – die MSPD,
mittlung eines Waffenstillstandsangebotes an die alliierten die linksliberale „Fortschrittliche Volkspartei“ und die katho-
Kriegsgegner durch die neue Regierung. lische „Zentrumspartei", die im Reichstag eine oppositionelle
Welche Hintergedanken vor allem die OHL dabei hegte, äu- Mehrheit bildeten („Mehrheitsparteien“). Sie hatten seit vie-
ßerte Ludendorff am 1. Oktober 1918 gegenüber seinen Stabs- len Jahren eine Demokratisierung des obrigkeitsstaatlichen
offizieren: „Ich habe aber Seine Majestät gebeten, jetzt auch Kaiserreiches gefordert; den Krieg hatten sie mitgetragen,
diejenigen Kreise an die Regierung zu bringen, denen wir es sich aber seit 1917 gemeinsam für einen ehrenvollen „Ver-
in der Hauptsache zu verdanken haben, dass wir so weit ge- ständigungsfrieden“ ohne Gebietsverluste und Entschädi-
kommen sind. [...] Die sollen nun den Frieden schließen, der gungen ausgesprochen.

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Vom Kaiserreich zur Republik 1918/19 5

bpk / Bayerische Staatsbibliothek / Archiv Heinrich Hoffmann

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Der Krieg aus Sicht der Betroffenen: Tote Soldaten neben einem verlassenen … und hungernde Kinder, gedrängt um eine Feldküche heimgekehrter
Schützengraben … Truppen im Februar 1918

Anfänge der parlamentarischen überall“, „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ sowie „unpar-


Regierung teiische Gerechtigkeit und Gleichberechtigung“ im Leben der
Völker. Der entscheidende, kapitulationsähnliche Satz der deut-
schen Note lautete: „Um weiteres Blutvergießen zu vermeiden,
Der kaiserliche Parlamentarisierungserlass vom 30. Septem- ersucht die deutsche Regierung, den sofortigen Abschluss ei-
ber 1918 stieß bei den Mehrheitsparteien auf ein positives nes Waffenstillstandes zu Lande, zu Wasser und in der Luft her-
Echo, zumal sie den designierten neuen Reichskanzler Prinz beizuführen.“ Damit hatte die OHL ihr Ziel, sich aus der Verant-
Max von Baden – ein Cousin des Kaisers – wegen seiner so- wortung für den verlorenen Krieg zu stehlen, erreicht.
zialen und liberalen Gesinnung akzeptieren konnten. Am Schlagartig löste sich der von der kaiserlichen Propaganda
1. Oktober bekam Prinz Max, tags darauf auch die Führer der unermüdlich versprochene „Siegfrieden“ in nichts auf. Mit
Reichstagsfraktionen einen ungeschminkten militärischen der schmerzlichen Erkenntnis, dass alle Anstrengungen,
Lagebericht. Sie waren entsetzt; die Regierungsbildung ge- Entbehrungen und Opfer vergeblich gewesen waren, ent-
riet vorübergehend ins Stocken. Aber am 3. Oktober 1918 er- stand aus der physischen und psychischen Kriegsmüdigkeit
hielt das Kaiserreich die erste parlamentarische Regierung großer Teile der Bevölkerung ein rasch um sich greifender
seiner Geschichte. MSPD und Fortschrittspartei stellten je Friedenswille. Anders als die zu zähen Verhandlungen be-
zwei Staatssekretäre, das Zentrum drei. reite Regierung kannten die friedensbewegten Massen nur
ein Ziel: die sofortige Beendigung des Krieges ohne weiteres
Blutvergießen. Sie politisierten und radikalisierten sich, je
Waffenstillstandsgesuch länger der ersehnte Friedensschluss auf sich warten ließ.
Denn zunächst kam es zu einem wochenlangen Noten-
Noch am selben Tag musste Prinz Max in einer diplomatischen wechsel mit Präsident Wilson. Dieser stellte schließlich am
Note den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson bit- 23. Oktober 1918 zwei Vorbedingungen: Entwaffnung (die
ten, alle kriegführenden Staaten zu Friedensverhandlungen Waffenruhe müsse „eine Wiederaufnahme der Feindselig-
einzuladen. Als Grundlage sollten die „14 Punkte“ dienen, ein keiten seitens Deutschlands unmöglich machen“) und De-
Friedensprogramm, das Wilson seit Anfang des Jahres immer mokratisierung (der König von Preußen dürfe nicht mehr
wieder verkündet und weiterentwickelt hatte; es beruhte auf die Macht besitzen, „die Politik des Reiches unter seiner Kon-
den Grundsätzen „Herrschaft des Rechts und der Demokratie trolle zu halten“). Jetzt mischte sich die OHL doch wieder in

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die Politik ein: Wilsons Forderungen seien unannehmbar, es Kanzler und seinen Staatssekretären alles Weitere. Erst am
gelte „Widerstand mit den äußersten Kräften“ zu leisten – 22. Oktober trat er wieder zusammen, um eine Verfassungsre-
was sie kurz zuvor noch für unmöglich erklärt hatte. Prinz form zu beraten. Die wichtigsten Veränderungen lauteten:
Max sorgte dafür, dass Wilhelm II. Ludendorff am 26. Okto- Kriegserklärungen und Friedensverträge bedurften der
ber entließ und durch den politisch unauffälligen General Zustimmung des Reichstages.
Groener ersetzte; Hindenburg blieb im Amt. Regierungsmitglieder durften dem Reichstag angehören.
Durch die Wilson-Note vom 23. Oktober entstand der Ein- Der Reichskanzler und die Staatssekretäre benötigten das
druck, dass Wilhelm II. einem schnellen Friedensschluss im Vertrauen des Reichstages. Sie waren dem Reichstag und
Wege stand. „Der Kaiser muss weg!“ lautete jetzt eine immer dem Bundesrat (der Vertretung der Einzelstaaten, vor allem
populärer werdende öffentliche Forderung. Auch namhafte der Landesfürsten) für ihre Amtsführung verantwortlich.
Unternehmer wie Robert Bosch, die eine revolutionäre Erhe- ¬ Der Reichskanzler trug die Verantwortung für alle politi-
bung fürchteten, sprachen sich nun dafür aus, den Monar- schen Handlungen des Kaisers.
chen, notfalls auch die Monarchie zu opfern.
Mit dem In-Kraft-Treten der Reform am 28. Oktober 1918
verwandelte sich die Verfassung des Kaiserreichs, das die
Oktoberverfassung deutschen Fürsten „von Gottes Gnaden“ ohne das Volk 1871
gegründet hatten, von einer obrigkeitsstaatlichen in eine
In diesen kritischen Wochen versäumte es der Reichstag, sich parlamentarisch-demokratische Monarchie. Die Mehrheits-
zum Zentrum der politischen Diskussion über Frieden und parteien waren mit dem Erreichten durchaus zufrieden. Sie
Demokratie zu machen – nach der Regierungserklärung des wünschten jetzt eine ruhige demokratische Entwicklung,
Prinzen Max am 5. Oktober vertagte er sich und überließ dem um das Problem des Friedensschlusses zu lösen.

Revolution von unten

Dazu kam es jedoch nicht mehr – zum einen, weil die im- Am Morgen des 4. November wählten die Mannschaften Sol-
mer weiter anschwellende „Friedensbewegung“ bereits die datenräte, bewaffneten sich und entwaffneten ihre Offiziere.
Abdankung des Kaisers forderte; zum anderen, weil der Mo- Der Kieler Militärgouverneur wurde gezwungen, die gefan-
narch und das Militär mit provozierenden Aktionen de- genen Meuterer freizulassen. Matrosen und Marinesoldaten
monstrierten, dass sie nicht gewillt waren, die neue demo- besetzten die wichtigsten militärischen und zivilen Dienst-
kratische Ordnung zu respektieren und mit Regierung und stellen. Als die Aufständischen am Abend bereits die ganze
Parlament loyal zusammenzuarbeiten. Am 29. Oktober 1918 Stadt kontrollierten, erhielten sie Unterstützung von den so-
reiste Wilhelm II. ohne Rücksprache mit dem Reichskanzler lidarisch in Streik getretenen Werft- und Industriearbeitern.
nach Spa ins Hauptquartier der OHL. Dieser Schritt wirkte Jetzt schalteten sich die Kieler MSPD und die USPD ein. In der
freilich wie eine Flucht aus Berlin und fügte dem Ansehen Nacht organisierten sie gemeinsam einen „Provisorischen
der Hohenzollernmonarchie schweren Schaden zu. Zentralen Arbeiter- und Soldatenrat“ als neues Machtzen-
trum. Aus Berlin traf der MSPD-Abgeordnete Gustav Noske
ein. Er wurde begeistert begrüßt und übernahm die politi-
Matrosenrevolte sche und militärische Leitung in Kiel.
Aber die Angst, von heranrückenden Truppen eingeschlos-
Seit dem Beginn der Verfassungsberatungen im Reichstag sen zu werden, und die Sorge um die in Wilhelmshaven noch
am 22. Oktober bereitete die Seekriegsleitung ohne Wissen inhaftierten Kameraden trugen die Matrosenbewegung
der Reichsregierung einen Angriff auf die britische Flotte über Kiel hinaus. Innerhalb weniger Tage lösten reisende
im Ärmelkanal vor. „Wenn auch nicht zu erwarten ist, dass Matrosengruppen in den militärischen Einrichtungen der
hierdurch der Lauf der Dinge eine entscheidende Wendung norddeutschen Hafenstädte und weiterer Städte des Binnen-
erfährt, so ist es doch aus moralischen Gesichtspunkten landes eine revolutionäre Welle aus, die sich von selbst und
Ehren- und Existenzfrage der Marine, im letzten Kampf ihr unwiderstehlich in alle Himmelsrichtungen fortpflanzte.
Äußerstes getan zu haben,“ heißt es in der Eintragung im Im Prinzip spielte sich überall dasselbe ab wie in Kiel: „Die
Kriegstagebuch der Seekriegsleitung vom 25. Oktober 1918. ‚Kaserne‘ revolutionierte die ‚Fabrik‘“ (Ulrich Kluge), Soldaten-
Die Matrosen erkannten rasch, dass sie von der Admi- räte und Arbeiterräte übernahmen die Macht, MSPD und USPD
ralität unmittelbar vor dem Ende des Krieges noch auf setzten sich an die Spitze der Rätebewegung, um sie in geord-
eine sinnlose „Todesfahrt“ geschickt werden sollten. Am nete Bahnen zu lenken. Es gab kaum Blutvergießen – nur sel-
29./30. Oktober löschten sie auf mehreren vor Wilhelmsha- ten erhob sich noch eine Stimme oder regte sich eine Hand für
ven liegenden Schlachtschiffen das Feuer unter den Kesseln die Rettung der alten Ordnung. Die Monarchie begann zu zer-
und zerstörten die Ankerlichtmaschinen. Die Seekriegslei- brechen: Am späten Abend des 7. November rief der bayerische
tung musste ihren Angriffsplan fallen lassen. Als sie mehr USPD-Führer Kurt Eisner in München die Republik aus; am 8.
als 1000 Meuterer verhaften und in Wilhelmshavener dankte der Wittelsbacher König Ludwig III. ab. Ähnlich erging
und Kieler Militärgefängnisse bringen ließ, wo ihnen das es in den nächsten Tagen den übrigen Fürstenhäusern. Die
Kriegsgericht und die Todesstrafe drohten, eskalierte die Friedensbewegung hatte sich in eine „Volksbewegung gegen
Entwicklung. den Militär- und Obrigkeitsstaat“ (Helmut Heiber) verwandelt.

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Vom Kaiserreich zur Republik 1918/19 7

Revolution in Berlin

Vor diesem Hintergrund forderte die MSPD am 7. November


ultimativ einen stärkeren Einfluss im Kabinett, eine parla-
mentarische Regierung auch in Preußen und „den sofortigen
Rücktritt des Kaisers und Kronprinzen“. „Jetzt heißt's, sich an
die Spitze der Bewegung zu stellen, sonst gibt's doch anarchi-
sche Zustände im Reich“ – so beurteilte der MSPD-Fraktions-
vorsitzende Philipp Scheidemann die Lage.
Denn inzwischen bereiteten sich Berliner Linksradikale auf
die Revolution vor: Teile des linken Flügels der USPD, nament-
lich die „Spartakusgruppe“ (in Berlin annähernd 100, reichsweit
2000 bis 3000 Anhänger der russischen Revolution, geführt
von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht) sowie die „Revolu-
tionären Obleute“ (80 bis 100 bei den Berliner Arbeitern ange-

ullstein bild – SZ Photo


sehene linksradikale Gewerkschaftsfunktionäre). Wie überall
musste die Haltung der Soldaten den Ausschlag geben; aber
anders als in den übrigen Städten ging es in der Hauptstadt in
erster Linie um die Kontrolle über die Reichspolitik.
Am 9. November begann die Revolution mit einem General-
streik der größeren Betriebe, ausgerufen von den Revolutio- Bewaffnete aufständische Matrosen, Mitglieder der USPD und des Spartakus-
nären Obleuten und der Spartakusgruppe, mitgetragen von bundes in den ersten Revolutionstagen auf der Straße Unter den Linden in
der MSPD und den ihr nahestehenden Gewerkschaften, un- Berlin
terstützt von den zunehmend MSPD-orientierten Soldaten.
Arbeiter- und Soldatenräte wurden gebildet, das Polizei-
präsidium und andere strategisch wichtige Gebäude besetzt.
Die Straßen der Innenstadt füllten sich mit endlosen Demons-
trationszügen. Da die MSPD jetzt fürchtete, ihren Einfluss auf
die revolutionäre Bewegung zu verlieren, erklärte sie ihren
Austritt aus der Reichsregierung.

Abdankung der Hohenzollern

Zur selben Zeit versuchte Prinz Max die Monarchie zu retten.


Vergeblich beschwor er den Kaiser in Spa telefonisch und te-
legrafisch zur Übergabe des Throns an einen „Regenten“ (das
heißt einen verfassungsmäßigen Vertreter), der Friedrich
Ebert zum Reichskanzler ernennen und eine „verfassungge-
bende deutsche Nationalversammlung“ wählen lassen soll-
te. Gegen 11.30 Uhr sah der Kanzler keine andere Möglichkeit

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mehr, als eigenmächtig den Verzicht von Kaiser und Kron-
prinz auf den deutschen Kaiserthron und den preußischen
Königsthron bekannt zu geben. Der SPD-Politiker Philipp Scheidemann, Staatssekretär unter den Reichs-
Gegen zwölf Uhr erschien die MSPD-Führung in der Reichs- kanzlern Max von Baden und Friedrich Ebert, an einem Fenster der Reichs-
kanzlei; der Parteivorsitzende Friedrich Ebert forderte Prinz kanzlei am 9. November 1918
Max zur Übergabe der Regierungsgeschäfte auf. Nach einer
kurzen Kabinettsberatung „übertrug“ der Kanzler sein Amt
auf Ebert.
Der neue Regierungschef ließ die Oktoberregierung weit-
gehend unverändert, stellte aber dem preußischen Kriegsmi- Ausrufung der Republik
nister und dem für Berlin zuständigen Militärbefehlshaber
sozialdemokratische Kontrolleure an die Seite. Ebert wandte
sich sogleich mit mehreren Aufrufen an die Öffentlichkeit, in Aber die Massen erwarteten eine klarere politische Orientie-
denen er versprach, eine „Volksregierung“ zu bilden, Frieden rung. Gegen zwei Uhr nachmittags wurde Philipp Scheide-
zu schließen und die Freiheit zu sichern. Er beschwor die Bür- mann von Parteifreunden genötigt, an ein Fenster des Reichs-
ger, die Nahrungsmittelversorgung sicherzustellen, die Stra- tags zu treten und zu der versammelten Menge zu sprechen.
ßen zu verlassen und für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Eine Er ließ sich spontan dazu hinreißen, nicht nur das Ende der
verfassunggebende Nationalversammlung sei zu wählen – Hohenzollernherrschaft und des „Militarismus“ zu verkünden,
erstmals unter Beteiligung der Frauen. Die Soldaten sollten sondern auch die „deutsche Republik“ auszurufen. Reichs-
so rasch wie möglich zu ihrer Familie und zur Erwerbsarbeit kanzler Ebert werde eine Regierung aller sozialistischen Par-
zurückkehren. Das Eigentum müsse vor „willkürlichen Ein- teien bilden. Die Menge reagierte begeistert, Ebert jedoch war
griffen“ geschützt werden. entsetzt: „Du hast kein Recht, die Republik auszurufen! Was

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aus Deutschland wird, ob Republik oder was sonst, entschei-


det eine Konstituante (verfassunggebende Nationalversamm-
lung – Anm.d.Red.)!“, schrie er seinen Parteifreund an.
Nur zwei Stunden später proklamierte der „Spartakus“-Füh-
rer Karl Liebknecht vom Balkon des Berliner Stadtschlosses aus
die „freie sozialistische Republik Deutschland“. Er erklärte die
„Herrschaft des Kapitalismus“ für gebrochen und propagierte
eine „neue staatliche Ordnung des Proletariats“ mit dem Ziel
der „Vollendung der Weltrevolution“.
Um die Linksradikalen durch ein rasches Regierungsbündnis
zwischen MSPD und USPD auszumanövrieren, machte Ebert
der USPD-Führung erhebliche Zugeständnisse: Grundsatzent-

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scheidungen sollte eine Vollversammlung der deutschen Ar-
beiter- und Soldatenräte treffen, die verfassunggebende Natio-
nalversammlung vorläufig zurückgestellt werden. Auf dieser Die erste republikanische Regierung, der Rat der Volksbeauftragten, am
Basis wurde am Vormittag des 10. November ein neues, von 11. November 1918 in Berlin (v. l. n. r.): Emil Barth (USPD), Otto Landsberg (MSPD),
beiden sozialdemokratischen Parteien paritätisch besetztes Friedrich Ebert (MSPD), Hugo Haase (USPD), Wilhelm Dittmann (USPD) und
„entscheidendes Kabinett“ gebildet, dem die bisherigen Fach- Philipp Scheidemann (MSPD)
minister als „Gehilfen“ unterstanden.
Am selben Morgen übertrug Kaiser Wilhelm II. in Spa Hin-
denburg das militärische Oberkommando und reiste nach Einigung zwischen USPD und MSPD begeistert auf. Störver-
Holland ins Exil. Ludendorff floh, verkleidet und mit falschen suche der Spartakusgruppe blieben erfolglos. Die neue Re-
Papieren, nach Schweden. gierung wurde „bestätigt“ und „Rat der Volksbeauftragten“
genannt. Die MSPD hielt die wichtigsten Ressorts – vor allem
Inneres und Militär (Ebert) – in ihren Händen. Zwar erreichte
Rat der Volksbeauftragten die USPD-Linke die Wahl eines „Vollzugsrates des Arbeiter-
und Soldatenrates Groß-Berlin“, der die Volksbeauftragten
Am Nachmittag nahm eine Versammlung von 3000 in den kontrollieren sollte. Die 24 Mitglieder standen jedoch mehr-
Berliner Betrieben und Kasernen gewählten, mehrheitlich heitlich der MSPD nahe. Otto Wels (MSPD) wurde Stadtkom-
MSPD-orientierten Vertretern der Arbeiter und Soldaten die mandant, Emil Eichhorn (USPD) Polizeipräsident von Berlin.

Ausrufung der Republik durch nen. Also es gilt von jetzt ab, die Verfü- ich proklamiere die freie sozialistische Re-
Philipp Scheidemann ... gungen, die unterzeichnet sind von publik Deutschland, die alle Stämme um-
Ebert, und die Kundmachungen, die ge- fassen soll, in der es keine Knechte mehr
Das deutsche Volk hat auf der ganzen zeichnet sind mit den Namen Göhre und geben wird, in der jeder ehrliche Arbeiter
Linie gesiegt. Das alte Morsche ist Scheüch, zu respektieren. Sorgen Sie den ehrlichen Lohn seiner Arbeit finden
zusammengebrochen; der Militarismus dafür, daß die neue deutsche Republik, die wird. Die Herrschaft des Kapitalismus, der
ist erledigt! Die Hohenzollern haben wir errichten werden, nicht durch irgend Europa in ein Leichenfeld verwandelt hat,
abgedankt! Es lebe die deutsche Republik! etwas gefährdet werde! Es lebe die deut- ist gebrochen. Wir rufen unsere russischen
Der Abgeordnete Ebert ist zum Reichs- sche Republik! Brüder zurück. Sie haben bei ihrem Abschied
kanzler ausgerufen worden. Ebert ist Von einem, der dabei war: Wie die deutsche Republik ausgeru- zu uns gesagt: ‚Habt ihr in einem Mo-
damit beauftragt worden, eine neue Re- fen wurde, in: Deutscher Revolutionsalmanach für das Jahr
nat nicht das erreicht, was wir erreicht ha-
1919 über die Ereignisse des Jahres 1918, Hoffmann & Campe,
gierung zusammenzustellen. Dieser Re- Berlin 1919, S. 72 ben, so wenden wir uns von Euch ab.‘ Und
gierung werden alle sozialistischen nun hat es kaum vier Tage gedauert.
Parteien angehören. Jetzt besteht unsere Wenn auch das Alte niedergerissen ist
Aufgabe darin, diesen glänzenden Sieg, […], dürfen wir doch nicht glauben, daß
diesen vollen Sieg des deutschen Volkes, ... und durch Karl Liebknecht unsere Aufgabe getan sei. Wir müssen alle
nicht beschmutzen zu lassen, und deshalb Kräfte anspannen, um die Regierung der
bitte ich Sie, sorgen Sie dafür, daß keine […] der Tag der Freiheit ist angebrochen. Arbeiter und Soldaten aufzubauen und
Störung der Sicherheit eintrete! Wir müs- Nie wieder wird ein Hohenzoller diesen eine neue staatliche Ordnung des Proleta-
sen stolz sein können, in alle Zukunft Platz betreten. Vor 70 Jahren stand hier riats zu schaffen, eine Ordnung des Frie-
auf diesen Tag! Nichts darf existieren, was am selben Ort Friedrich Wilhelm IV. und dens, des Glücks und der Freiheit unserer
man uns später wird vorwerfen können! mußte vor dem Zug der auf den Barrika- deutschen Brüder und unserer Brüder in
Ruhe, Ordnung und Sicherheit, das ist das, den Berlins für die Sache der Freiheit Gefal- der ganzen Welt. Wir reichen ihnen die
was wir jetzt brauchen! Dem Oberkom- lenen, vor den fünfzig blutüberströmten Hände und rufen sie zur Vollendung der
mandierenden in den Marken und dem Leichnamen, seine Mütze abnehmen. Ein Weltrevolution auf. […] Hoch die Freiheit
Kriegsminister Scheüch werden je ein anderer Zug bewegt sich heute hier vorü- und das Glück und der Frieden!
Beauftragter beigegeben. Der Abgeordne- ber. Es sind die Geister der Millionen, die
Ausrufung der sozialistischen Republik durch Karl Liebknecht,
te Genosse Göhre wird alle Verordnungen für die heilige Sache des Proletariats ihr 9.11.1918, in: Peter Longerich (Hg.), Die Erste Republik. Dokumente
des Kriegsministers Scheüch gegenzeich- Leben gelassen haben. […] Parteigenossen, zur Geschichte des Weimarer Staates, Piper, München 1992, S. 46 f.

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Vom Kaiserreich zur Republik 1918/19 9

Positionen im Kampf Die Frage der Konstituierenden Ver- sozialistischen Bruderparteien des
um die politische Neuordnung sammlung wird erst bei einer Kon- Auslandes.
am 9./10. November 1918 solidierung der durch die Revolution ge- 10. Sofortige Rückberufung der russi-
schaffenen Zustände aktuell und soll schen Botschaft nach Berlin.
Schreiben des Vorstandes der MSPD an deshalb späteren Erörterungen vorbe- [...] Es darf kein „Scheidemann“ mehr in
den Vorstand der USPD, 9.11.1918 halten bleiben. der Regierung sitzen; es darf kein Sozialist
Von dem aufrichtigen Wunsche geleitet, Für den Fall der Annahme dieser Be- in die Regierung eintreten, solange ein
zu einer Einigung zu gelangen, müs- dingungen, die von dem Wunsche eines Regierungssozialist noch in ihr sitzt. Es
sen wir Ihnen unsere grundsätzliche Stel- geschlossenen Auftretens des Proleta- gibt keine Gemeinschaft mit denen,
lung zu Ihren Forderungen klarlegen. riats diktiert sind, haben wir unsere die euch vier Jahre lang verraten haben.
Sie fordern: Mitglieder Haase, Dittmann und Barth Wolfgang Michalka / Gottfried Niedhart (Hg.), Die ungeliebte
1. Deutschland soll eine soziale Repu- in das Kabinett delegiert. Republik. Dokumente zur Innen- und Außenpolitik Weimars
blik sein. Der Vorstand der Unabhängigen Sozi- 1918-1933, dtv, München 1980, S. 27 ff.

[Antwort:] Diese Forderung ist das Ziel aldemokratischen Partei.


unserer eigenen Politik. Indessen hat
darüber das Volk durch die konstituieren- Aufruf der Spartakusgruppe, 10.11.1918
de Versammlung zu entscheiden. Sichert die von euch errungene Macht!
2. In dieser Republik soll die gesamte [...] Mit der Abdankung von ein Pro und Contra Rätesystem
exekutive, legislative und die jurisdiktio- paar Hohenzollern ist es nicht getan.
nelle Macht ausschließlich in den Hän- [...] Denn euer Ziel ist die sofortige Her- Aus den Debatten des Reichsräte-
den von gewählten Vertrauensmännern beiführung eines proletarisch-sozia- kongresses am 19. 12. 1918
der gesamten werktätigen Bevölkerung listischen Friedens, der sich gegen den
und der Soldaten sein. Imperialismus aller Länder wendet, Max Cohen-Reuß (MSPD)
[Antwort:] Ist mit diesem Verlangen und die Umwandlung der Gesellschaft Wie man auch über die Arbeiter- und
die Diktatur eines Teils einer Klasse in eine sozialistische. Soldatenräte denken mag [...], in jedem
gemeint, hinter dem nicht die Volks- Zur Erlangung dieses Zieles ist es vor Falle drücken die Arbeiter- und Solda-
mehrheit steht, so müssen wir diese allem notwendig, [...] folgende Forderun- tenräte nur einen Teilwillen, niemals
Forderung ablehnen, weil sie unseren gen mit aller Entschlossenheit und un- aber den Willen des ganzen deutschen
demokratischen Grundsätzen wider- bezähmbaren Kampfwillen zu verfolgen: Volkes aus. Diesen festzustellen, darauf
spricht. 1. Entwaffnung der gesamten Polizei, kommt es an. [...] Wenn wir eine sozia-
3. Ausschluss aller bürgerlichen Mit- sämtlicher Offiziere sowie der Soldaten, die listische Mehrheit bekommen wollen,
glieder aus der Regierung. nicht auf dem Boden der neuen Ordnung müssen wir die Nationalversammlung
[Antwort:] Diese Forderung müssen wir stehen; Bewaffnung des Volkes; [...] so schnell wie möglich einberufen.
ablehnen, weil ihre Erfüllung die Volkser- 2. Übernahme sämtlicher militärischer [...] (Es) wird nicht mehr Sozialismus
nährung erheblich gefährden, wenn nicht und ziviler Behörden und Kommando- durchführbar sein, als die Mehrheit des
unmöglich machen würde. [...] stellen durch Vertrauensmänner des Volkes will. [...]
6. Gleichberechtigung der beiden Lei- Arbeiter- und Soldatenrates. Parteigenossen, schätzen Sie wirklich
ter des Kabinetts. 3. Übergabe aller Waffen- und Muniti- [...] den Widerstand der bürgerlichen
[Antwort:] Wir sind für die Gleichbe- onsbestände sowie aller Rüstungsbetrie- Kreise und der Intelligenz so gering ein,
rechtigung aller Kabinettsmitglieder, in- be an den Arbeiter- und Soldatenrat. dass wir, wenn wir sie politisch ent-
dessen hat die Konstituierende Versamm- 4. Kontrolle über alle Verkehrsmittel rechten, gegen ihren Willen die Wirt-
lung darüber zu entscheiden. durch den Arbeiter- und Soldatenrat. schaft führen können? [...]
Der Vorstand der Sozialdemokrati- 5. Abschaffung der Militärgerichtsbar-
schen Partei Deutschlands. keit; Ersetzung des militärischen Ernst Däumig (USPD)
Kadavergehorsams durch freiwillige [...] [Das] muss doch jedem Klardenken-
Antwort des Vorstandes der USPD an Disziplin. den einleuchten, dass die jubelnde
den Vorstand der MSPD, 10.11.1918 6. Beseitigung des Reichstages und Zustimmung zur Nationalversammlung
Auf Ihr Schreiben vom 9. November 1918 aller Parlamente sowie der bestehenden gleichbedeutend ist mit einem Todes-
erwidern wir Folgendes: Die Unabhän- Reichsregierung; Übernahme der urteil [...] für das Rätesystem. [...]
gige Sozialdemokratische Partei ist bereit, Regierung durch den Berliner Arbeiter- Im Wirtschaftsleben werden mit Hilfe
um die revolutionären sozialistischen und Soldatenrat bis zur Errichtung eines der Nationalversammlung und des Bür-
Errungenschaften zu befestigen, in das Reichs-Arbeiter- und Soldatenrates. gertums die Gewerkschaften alten
Kabinett unter folgenden Bedingungen 7. Wahl von Arbeiter- und Soldaten- Stils natürlich die Arbeiterräte aus den
einzutreten: räten in ganz Deutschland, in deren Betrieben ganz schnell herausgedrängt
Das Kabinett darf nur aus Sozialdemo- Hand ausschließlich Gesetzgebung und haben. [...] Die Diktatur ist zweifellos
kraten zusammengesetzt sein, die als Verwaltung liegen. [...] mit dem Rätesystem verbunden. Aber was
Volkskommissare gleichberechtigt neben- 8. Abschaffung aller Dynastien und sich in Russland durch die historischen
einanderstehen. [...] Einzelstaaten; unsere Parole lautet: Gesetze aufzwang, braucht noch lange
Die politische Gewalt liegt in den einheitliche sozialistische Republik nicht in Deutschland der Fall zu sein. [...]
Händen der Arbeiter- und Soldatenräte, Deutschland. Allgemeiner Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte Deutsch-
die zu einer Vollversammlung aus 9. Sofortige Aufnahme der Verbindung lands vom 16.-21. Dezember 1918 im Abgeordnetenhaus zu Berlin.
Stenografische Berichte, Berlin 1919, in : Gerhard A. Ritter / Susanne
dem ganzen Reiche alsbald zusammen- mit allen in Deutschland bestehenden Miller (Hg.), Die deutsche Revolution 1918-1919. Dokumente,
zuberufen sind. Arbeiter- und Soldatenräten und den Frankfurt/M. 2. Aufl. 1983, S. 372 ff.

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10 Weimarer Republik

Am 5. November 1918 erklärten die Alliierten ihre Bereitschaft


Bundesarchiv, Bild 183-2004-0206-500 / Fotograf: unbekannt

zu Waffenstillstandsverhandlungen. Drei Tage später nahm


die noch von Prinz Max entsandte, von Staatssekretär Mat-
thias Erzberger (Zentrum) geleitete deutsche Delegation im
Hauptquartier des alliierten Oberkommandierenden, Mar-
schall Foch, im Wald von Compiègne nordöstlich von Paris die
harten Waffenstillstandsbedingungen entgegen:
¬ Rückzug des Westheeres hinter den Rhein innerhalb von 15
Tagen,
Besetzung der linksrheinischen deutschen Gebiete sowie
dreier Brückenköpfe bei Köln, Mainz und Koblenz durch alli-
ierte Truppen innerhalb von 25 Tagen,
Aufrechterhaltung der Seeblockade bis zum Friedensver-
trag,
Übergabe des schweren Kriegsgerätes, der U-Boote und der
Staatssekretär Matthias Erzberger (3. v. l.) vor der Unterzeichnung des Waffen- Hochseeflotte,
stillstandes in einem Eisenbahnwagen bei Compiègne. Der Zentrumspolitiker Ablieferung von 5000 Lokomotiven, 150 000 Waggons und
zieht damit den Hass der nationalistischen Rechten auf sich. 5000 LKW als erste Reparationsleistungen,
Freilassung der alliierten Kriegsgefangenen,
Aufhebung der Friedensverträge mit Rumänien und Russ-
Am Abend des 10. November hatte sich die breite Mehrheit land,
der gemäßigten Sozialisten gegen die linksradikale Minder- Rückzug des Ostheeres auf Abruf hinter die deutsche Gren-
heit durchgesetzt. ze von 1914; vorläufige Stationierung deutscher Truppen im
Baltikum, um die Ausbreitung des russischen Kommunis-
mus zu verhindern.
Waffenstillstandsunterzeichnung
Erzbergers Hoffnung, als demokratischer Zivilist und Friedens-
Währenddessen leistete der Kern des deutschen Heeres an der politiker könne er bessere Bedingungen aushandeln als ein
zurückweichenden Westfront noch immer zähen Widerstand. kaiserlicher General, wurde bitter enttäuscht. Marschall Foch

Matthias Erzberger und wer hat bei uns den Krieg verloren? Als er nahe dem Kurort Bad Griesbach im
[…] [D]iejenigen, welche den handgreifli- Hochschwarzwald [...] am 26. August
Als was sollte man die 66. Sitzung der chen Möglichkeiten eines maßvollen und 1921 von zwei rechtsradikalen Fememör-
Nationalversammlung am 25. Juli 1919 würdigen Friedens immer wieder einen dern erschossen wurde, war die Freude
in Weimar beschreiben? Als eine Art unvernünftigen, trotzigen und verbreche- unter den Feinden der jungen Weimarer
[...] Jüngstes Gericht? Oder als eine erste rischen Eigensinn entgegenstellten [...]. Republik kaum noch klammheimlich
parlamentarische Sternstunde der jungen Dadurch, daß wir Ihren Waffenstillstand zu nennen. [...]
Weimarer Republik? Noch den heuti- und Ihren Frieden unterzeichnen mußten, Im Kabinett des SPD-Kanzlers Philipp
gen Leser des Protokolls überkommt ein haben wir für Ihre Schuld gebüßt. Diese Scheidemann Minister ohne Ressort,
kalter Schauer angesichts der scharfen Schuld werden Sie niemals los, [...] weder [war] er [zuvor] am 21. Juni 1919 im Kabi-
Abrechnung, die der Reichsfinanzminister vor uns, noch vor der Geschichte, noch nett Gustav Bauers (ebenfalls SPD)
Matthias Erzberger den Parteien der vor Ihrem eigenen Gewissen.“ Das Proto- zum Finanzminister ernannt [worden]. In
Rechten, dem früheren kaiserlichen Regi- koll verzeichnet: „Stürmischer Beifall und wenigen Monaten setzte er [...] eine
ment und der Führung der Reichswehr Händeklatschen im Zentrum und bei völlig neue Finanzverfassung für Deutsch-
vorhielt. Zum ersten Mal erfuhren die den Sozialdemokraten. – Zischen rechts. [...] land durch, vor allem eine einheitliche
Deutschen an jenem Freitagnachmittag In der Tat konnte man sich keinen Finanzverwaltung. Auf diese Weise stellte
von dem größenwahnsinnigen Ver- größeren Gegensatz vorstellen: da die pro- er das Reich auf eigene fiskalische
sagen der vormaligen Reichsführung. testantische, teils akademische, teils Beine und schuf ein Steuersystem, das im
[...] Von ihr sei die Möglichkeit eines Ver- militärische, teils unternehmerische, zu- Grundsatz bis heute Bestand hat und
ständigungsfriedens im Jahre 1917 sa- meist adelige Elite des preußisch domi- das die materiellen Privilegien der Besitz-
botiert worden: „Durch die Verblendung nierten Reiches – hier der württembergi- bürger im Sinne der Leistungsgerechtig-
militärischer Machthaber, die für unse- sche Katholik Matthias Erzberger, ganz keit stutzte. Allein diese enorme Tat müss-
re politische Kraft und militärische Macht kleiner Leute Kind, ohne universitäre Bil- te ihm einen Ehrenplatz in der Geschichte
nicht das richtige Augenmaß hatten, ist dung, ohne militärischen Rang, weder unserer Republik sichern. […] [B]is auf
ein günstiger Moment für die Herbeifüh- Vermögen noch Titel geerbt und alles, was den heutigen Tag erinnert im Straßenbild
rung des Friedens versäumt und verpaßt er war, durch hohe Begabung und der Reichs- und Bundeshauptstadt Berlin
worden.“ [...] „Jeder Friedensvertrag“, harten Fleiß erarbeitet. Erzberger hatte kein einziges öffentliches Zeichen an
resümierte Erzberger am Ende seiner Rede, ihnen die Konsequenzen ihres Ver- diesen Opfergänger unserer Demokratie.
„ist die Schlußrechnung eines Krieges. sagens abgenommen – und genau das Robert Leicht, „Patriot in der Gefahr“, in: Die Zeit Nr. 34 vom
Wer den Krieg verliert, verliert den Frieden, haben ihm die alten Eliten nie verziehen. 18. August 2011

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Vom Kaiserreich zur Republik 1918/19 11

gewährte lediglich eine geringfügige Verlängerung der Rück- tegische Schlüsselstellung in Händen: „Durch das Aufeinan-
zugsfrist. OHL-Chef Hindenburg riet dringend zur Annahme dertreffen der beiden Bewegungen – quasi-legale Machtüber-
des Waffenstillstandes. leitung ‚von oben‘, revolutionäre Machtbildung ‚von unten‘ –
Als dieser am 11. November 1918 um 11 Uhr die Kampfhand- kam Friedrich Ebert, der Führer der Mehrheitssozialisten, in
lungen beendete, hatte der Erste Weltkrieg insgesamt ca. eine Doppelstellung und -funktion hinein [...]. Er war noch er-
zehn Millionen Tote und 20 Millionen Verwundete gefordert. nannter Reichskanzler und damit von der alten Ordnung be-
Etwa 1,8 Millionen deutsche Soldaten waren gefallen, 4,2 Mil- glaubigter Macht- und Entscheidungsträger, gewissermaßen
lionen waren verwundet und oftmals verstümmelt worden, eine Brücke der Legalität; zugleich stützte er sich als Vorsitzen-
mehr als 600 000 befanden sich in Kriegsgefangenschaft. der des Rats der Volksbeauftragten auf die revolutionäre Legi-
timität und stand ihr gegenüber in Verantwortung.“ (Ernst-
Wolfgang Böckenförde).
Der von Ebert geleitete Rat der Volksbeauftragten stand vor
gewaltigen Aufgaben: Acht Millionen Soldaten mussten de-
Rätesystem oder Parlamentarismus? mobilisiert und wieder in den Wirtschaftsprozess eingeglie-
dert werden; davon waren drei Millionen in kürzester Frist
über den Rhein ins Reich zurückzuführen. In Anbetracht des
In ganz Deutschland hatte sich über private und staatliche bevorstehenden Winters musste die Versorgung der Bevölke-
Betriebe und über Regierungen, Verwaltungen und Militärbe- rung mit Nahrungsmitteln und Heizmaterial (Kohle) gewähr-
hörden aller Ebenen ein locker geknüpftes Netz aus revolutio- leistet werden. Und nicht zuletzt war ein Mindestmaß an
nären Gremien gelegt; es reichte vom Rat der Volksbeauftrag- innerer und äußerer Sicherheit aufrechtzuerhalten und insbe-
ten über die Revolutionsregierungen in den Bundesstaaten bis sondere die Einheit des Reiches in Süd- und Westdeutschland
zu den regionalen und lokalen Arbeiter- und Soldatenräten. gegen separatistische Tendenzen, im östlichen Grenzgebiet
Dieses revolutionäre Netzwerk stützte sich auf die bewaffnete gegen polnische Expansionsbestrebungen zu behaupten.
Macht der Soldaten, die Streikmacht der Arbeiter und die De-
monstrationsmacht der Massen.
In diesem provisorischen Gebilde aus alten und neuen Vertagung der Sozialisierung
Strukturen dominierte die MSPD. Hinter ihr standen die meis-
ten Arbeiterräte und fast alle Soldatenräte. Ihr Parteiapparat In Anbetracht der schwierigen Umstände wurden diese Pro-
bildete in Verbindung mit den Gewerkschaftsorganisatio- bleme erstaunlich gut gemeistert. Dies war allerdings nur mit
nen ein eigenes, ausgedehntes Kommunikations- und Ko- einem Heer qualifizierter Fachleute möglich, über das MSPD
operationsnetz. Durch die Zusammenarbeit mit der USPD – und USPD nicht selbst verfügten. Die Volksbeauftragten waren
in ländlichen Städten auch mit bürgerlichen Katholiken und daher auf die wilhelminischen Unternehmer und Großagrari-
Liberalen – hatte die MSPD die Linksradikalen fast völlig aus er, Offiziere, höheren Regierungs- und Verwaltungsbeamten,
den Räten heraushalten können. Außerdem hielt sie eine stra- Richter, Staatsanwälte und Polizeiführer angewiesen. Eben-

Vergleich von Grundprinzipien der parlamentarischen Demokratie mit dem Rätemodell

Merkmal Parlamentarische Demokratie Rätemodell

(1) Wählerschaft und Gesellschaftsmitglieder in der Rolle des einzelnen Basiseinheiten (Arbeiter eines Betriebes, Wohneinheiten,
Willensbildung „Staatsbürgers“. Individuelle Meinungsbildung durch aber auch „Senioren“) in allen gesellschaftlichen Be-
Parteien unterstützt. Wahl der „freien“ Repräsen- reichen. Permanente öffentliche Diskussion (herrschafts-
tanten. freier Dialog); dabei einheitliche Willensbildung des
Kollektivs.

(2) Repräsentation Abgeordnete auf mehreren Ebenen von Parteien Räte als System von Delegationskörperschaften („Pyra-
nominiert, unter Einfluss von (organisierten) Interessen; mide“), gewählt von den jeweils nachgeordneten Ebenen.
von Wahlberechtigten für bestimmte Perioden ge- Keine Parteien, keine Verbände; alle öffentlichen Ämter
wählt. durch Wahl besetzt.

(3) Mandat Freies Mandat (nur dem Gewissen unterworfen), Imperatives Mandat, jeder kann jederzeit abberufen
mit taktischen Einengungen (Fraktions- und Partei- werden (recall), Beschlüsse der entsendenden Einheiten
disziplin). sind zu vertreten (Rückkoppelung); Ämterrotation.

(4) Gewaltenteilung Zentrales Prinzip, insbesondere Regierung/Opposition Unnötig (nach Aufhebung der Klassenherrschaft);
(mit Minderheitenschutz); unabhängige Gerichte. Räte übernehmen exekutive, legislative und judikative
Funktionen gleichzeitig.

(5) Menschenbild Mensch mit begrenzten Fähigkeiten und Möglichkeiten; „Neuer Mensch“ mit umfassenden analytischen,
jeder kann nicht alles machen. Persönliches Macht- theoretischen und praktischen Fähigkeiten; kann verschie-
streben begrenzen. Geringes Maß an sozialer Gleich- denste Funktionen wahrnehmen. Kein persönliches
artigkeit; Vielfalt der Interessen und Ideen. Machtstreben. Hohes Maß an sozialer Gleichartigkeit.

Carl Böhret u. a., Innenpolitik und politische Theorie. VS-Verlag, Wiesbaden 1987, S. 381

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12 Weimarer Republik

diese monarchistischen Eliten hätte man jedoch enteignen


bzw. aus ihren Positionen entfernen müssen, um die Repu-
blikanisierung und Demokratisierung dauerhaft abzusichern.
In diesem Dilemma gaben die regierenden Sozialdemokraten
der Lösung der dringendsten Aufgaben den Vorrang, zumal
die Frage der Überführung von Schlüsselindustrien (Bergbau,
Eisen- und Stahlerzeugung, Energiewirtschaft) in Formen von
Gemeineigentum („Sozialisierung“) zwischen ihnen umstrit-
ten war. Die MSPD-Volksbeauftragten sahen sich in erster
Linie als „Konkursverwalter“ (Ebert) des Kaiserreiches; ver-
fassungsrechtliche Entscheidungen – Rätesystem oder par-
lamentarische Demokratie, Privatwirtschaft oder Sozialisie-
rung – durften nach ihrer Überzeugung nicht durch spontan
gebildete Arbeiter- und Soldatenräte, sondern nur durch eine
vom Volk gewählte Nationalversammlung getroffen werden.
Demgegenüber drängten die USPD-Volksbeauftragten auf
eine schnelle Sozialisierung; eine Nationalversammlung sollte
nach ihren Vorstellungen erst später gewählt und (auf noch zu
klärende Weise) mit dem Rätesystem verbunden werden. Bei-
de Linksparteien waren sich jedoch einig, über die Frage der
Nationalversammlung möglichst bald einen Beschluss durch
einen Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte herbei-
zuführen.

bpk
Machterhalt der wilhelminischen Eliten Der DVP-Reichstagsabgeordnete und Vorsitzende der Unternehmerverbände
Hugo Stinnes (links), hier 1923 mit dem Industriellen Carl Duisberg
So bewirkte die Entwicklung zwischen November 1918 und
Januar 1919 ein Abbremsen der Revolution – die Umwälzung
blieb letztlich auf den politischen Bereich beschränkt. Eine De- Offizierskorps stellten und das Rückgrat der Monarchie bil-
mokratisierung des öffentlichen Dienstes, der Wirtschaft und deten, kamen ungeschoren davon. Sie durch Enteignung zu
wichtiger gesellschaftlicher Einrichtungen fand nicht statt. entmachten, wurde von keiner gesellschaftlichen Gruppe
Seit Eberts Aufrufen vom 9. November arbeiteten die Regie- gefordert.
rungs-, Verwaltungs- und Justizbehörden ohne wirksame Kon-
trolle weiter; selbst betont antidemokratische Beamte wurden
nicht entlassen. Gymnasien und Universitäten – Hochburgen Verzicht auf Sozialisierung – der Stinnes-Legien-Pakt
des Monarchismus, Nationalismus und Antisemitismus – blie-
ben unreformiert. Allerdings mussten die evangelischen Lan- Schon früh wurden die Weichen so gestellt, dass die rheinisch-
deskirchen, deren Pfarrer sich (besonders in Preußen) über- westfälischen Schwerindustriellen – auch sie Säulen des kai-
wiegend kritiklos mit Kaiser und Reich identifiziert hatten, auf serlichen Obrigkeitsstaates – von Enteignungen verschont
das landesherrliche Kirchenregiment (das heißt auf die Stel- blieben. Am 15. November 1918 schlossen der Vorsitzende der
lung des Landesfürsten als Kirchenoberhaupt) verzichten, das Unternehmerverbände Hugo Stinnes und der (der MSPD an-
dem Protestantismus eine privilegierte Stellung gegenüber gehörende) Gewerkschaftsvorsitzende Carl Legien ein Abkom-
dem Katholizismus gesichert hatte. men, in dem sie folgendes vereinbarten:
Generalität und Offizierskorps behielten ihre Stellung. Noch ¬¬ die Anerkennung der Gewerkschaften als „berufene Vertre-
am Abend des 10. November 1918 unterstellte sich die OHL in tung der Arbeiterschaft“ und das Prinzip der kollektiven Ta-
einem Telefongespräch (bekannt als „Ebert-Groener-Bündnis“) rifverträge,
dem Rat der Volksbeauftragten, um ihrer Auflösung zu entge- ¬ den Acht-Stunden-Tag bei vollem Lohnausgleich,
hen und ihre Autorität gegenüber den Soldaten zu festigen. ¬ Arbeiterausschüsse und paritätische Schlichtungsausschüs-
Zwar wurden die kaiserlichen Militärs für die Demobilisie- se in Betrieben mit mehr als 50 Beschäftigten,
rung noch gebraucht, aber die Volksbeauftragten versäumten ¬ die Wiedereinstellung der demobilisierten Soldaten,
es, der OHL gegenüber selbstbewusst aufzutreten und deren ¬ sowie einen paritätisch besetzten „Zentralausschuss“ (Zen-
Befugnisse auf das Nötigste zu beschränken. Der Versuch, das tralarbeitsgemeinschaft/ZAG) zur Durchführung des Ab-
kaiserliche Militär durch eine „Freiwillige Volkswehr“ zu er- kommens und zur „Entscheidung grundsätzlicher Fragen“.
setzen, scheiterte, weil nur noch wenige republikanisch und
demokratisch gesinnte Weltkriegssoldaten zum Wehrdienst Erstmals wurden die Gewerkschaften von den Unternehmern
bereit waren. So blieb die alte Armee bestehen. Im Zuge der als gleichberechtigte Vertragspartner anerkannt. Auch war die
Demobilisierung schmolz sie unter der Regie der OHL bis zum damals geschaffene Tarifautonomie der Arbeitgeber- und Ar-
Sommer 1919 auf einen Kern von etwa 150 000 Soldaten zu- beitnehmerorganisationen ein bedeutender sozialpolitischer
sammen, die der Republik und der Demokratie fast ausnahms- Erfolg, der noch heute einen Eckpfeiler des Sozialstaates der
los fern standen. Bundesrepublik bildet. Das geschickte Angebot der Unterneh-
Auch die ostelbischen adligen und bürgerlichen Groß- mer – „Sozialpolitik gegen Verzicht auf Sozialisierung“ (Eber-
grundbesitzer, die im Kaiserreich den Großteil des höheren hard Kolb) – stieß bei den Gewerkschaftsführern auf Zustim-

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Vom Kaiserreich zur Republik 1918/19 13

ullstein bild – SZ Photo


Vom 16. bis zum 21. Dezember tagt im Berliner Abgeordnetenhaus die Reichsversammlung der Arbeiter- und Soldatenräte. Zur
Diskussion steht die Frage nach dem zukünftigen System: parlamentarische Demokratie oder Ausbau des Rätesystems?

mung, weil diese die spontane Rätebewegung in den Betrieben Angenommen wurde der Antrag der MSPD, bis zur Rege-
als lästige Konkurrenz empfanden. Die Volksbeauftragten lung durch die Nationalversammlung die gesetzgebende
einigten sich zwar am 18. Dezember auf den Kompromiss, In- und vollziehende Gewalt dem Rat der Volksbeauftragten
dustriezweige, die dafür „reif“ waren, zu sozialisieren, sobald zu übertragen und diesen nicht mehr durch den Berliner
eine Expertenkommission aus Wirtschaftswissenschaftlern, Vollzugsrat, sondern durch einen vom Kongress zu wählen-
Unternehmern und Arbeitervertretern die notwendigen Ein- den „Zentralrat der Deutschen Sozialistischen Republik“ zu
zelheiten ausgearbeitet hätte. Aber dieser Beschluss lief auf kontrollieren. In diesem Gremium war dann nur die MSPD
eine Vertagung der Sache hinaus. vertreten – die USPD boykottierte die Wahl, weil der Zentral-
Ebenfalls am 15. November 1918 beriefen die Volksbeauf- rat keine Gesetzgebungsbefugnis erhielt. Das Ende der Zu-
tragten Hugo Preuß, einen angesehenen linksliberalen Staats- sammenarbeit zwischen den beiden Linksparteien kündigte
rechtslehrer und bekannten Kritiker des kaiserlichen Obrig- sich an.
keitsstaates, zum Staatssekretär des Innern und erteilten ihm Die Wahlen zur verfassunggebenden Nationalversamm-
den Auftrag, eine neue Reichsverfassung zu entwerfen. Preuß‘ lung wurden auf den frühestmöglichen Termin (19. Januar
Ernennung signalisierte, dass die MSPD ihre Zusammenarbeit 1919) festgesetzt.
mit dem liberalen Bürgertum und dem politischen Katholizis-
mus fortsetzen wollte. Damit hatte sich erwartungsgemäß die politische Linie der
MSPD durchgesetzt. Denn von den 514 Delegierten des Reichs-
rätekongresses stellte sie rund 300, die USPD etwa 100 (da-
Grundsatzentscheidungen im Reichsrätekongress runter 10 Spartakisten); die übrigen waren Linksliberale, Par-
teilose oder Vertreter unabhängiger revolutionärer Gruppen.
Vom 16. bis zum 21. Dezember 1918 tagte im preußischen Ab- Umso mehr überraschten zwei weitere Beschlüsse: Die
geordnetenhaus in Berlin der „Erste Allgemeine Kongress der Volksbeauftragten wurden angewiesen, „mit der Soziali-
Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands“. Reichsweit war auf sierung aller hierzu reifen Industrien, insbesondere des
je 200 000 Einwohner bzw. je 100 000 Soldaten ein Delegierter Bergbaus, unverzüglich zu beginnen“. Auch sollten sie die
gewählt worden. Der Kongress führte eine Grundsatzdebatte militärische Kommandogewalt (unter der Kontrolle des
über die Vor- und Nachteile des Rätesystems und der parla- Vollzugsrates) selbst übernehmen und für die „Zertrüm-
mentarischen Demokratie sowie über den richtigen Zeitpunkt merung des Militarismus“ und die „Abschaffung des Kada-
der Wahl einer verfassunggebenden Nationalversammlung. vergehorsams“ sorgen. Offenbar existierte in der starken
Er fasste – jeweils mit großer Mehrheit – richtungweisende demokratisch-sozialistischen Massenbewegung ein partei-
Beschlüsse: übergreifender Konsens über eine sofortige (!) strukturelle
¬Abgelehnt wurde der Antrag der USPD, am „Rätesystem als Demokratisierung von Heer, Verwaltung und Wirtschaft.
Grundlage der Verfassung einer sozialistischen Republik“ Doch die Mehrheitssozialdemokraten blieben ihrer Devise,
festzuhalten und den Räten die „höchste gesetzgebende und dass man der Nationalversammlung nicht vorgreifen dürfe,
Vollzugsgewalt“ zuzugestehen. treu und verschleppten die Reformbeschlüsse des Rätekon-

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14 Weimarer Republik

bewaffnete Arbeiter und eine unbewaffnete Volksmenge ge-


genüberstanden, zogen sie sich zurück. Ebert erlitt eine Nie-
derlage: Wels kam frei, musste aber als Stadtkommandant
zurücktreten; Schloss und Marstall wurden geräumt, aber die
Volksmarinedivision blieb vorerst bestehen. Aus Protest gegen
den Militäreinsatz beendete die USPD am 29. Dezember 1918
ihre Zusammenarbeit mit der MSPD und schied aus den Revo-
lutionsregierungen aus. Im Rat der Volksbeauftragten wurden
die USPD-Mitglieder durch Mehrheitssozialdemokraten (Mili-
tär: Gustav Noske, Arbeit und Soziales: Rudolf Wissell) ersetzt.
Die Weihnachtskämpfe und der Bruch zwischen den beiden
Linksparteien signalisierten den Eintritt der Revolution in eine
zweite, weitaus radikalere Phase.
Bereits seit Mitte November hatte die OHL parallel zur De-
mobilisierung des Heeres die Bildung von „Freikorps“ durch
ausgesuchte Offiziere gefördert. In diesen (meist von Groß-
agrariern und Industriellen finanzierten) militärischen Frei-
willigenverbänden sammelten sich antirevolutionär, monar-
chistisch und nationalistisch eingestellte Weltkriegssoldaten,
die nur das Kriegshandwerk gelernt hatten, keinen Rückweg
in eine zivile Existenz mehr fanden und gegen den „Bolsche-
wismus“ kämpfen wollten. Als Reaktion auf die Weihnachts-
kämpfe ließen jetzt auch die Volksbeauftragten, in Zusam-
menarbeit mit der OHL, überall Freikorps anwerben. Sie waren
nicht nur für die Sicherung der östlichen Grenzgebiete und
(entsprechend dem Waffenstillstandsabkommen) den Schutz
des Baltikums vor der Roten Armee, sondern auch für den
Einsatz im Innern vorgesehen. Bis März 1919 entstanden etwa
100 Freikorps unterschiedlicher Stärke mit einer Gesamtzahl
von 250 000 Mann. Die Freikorpssoldaten fühlten sich jedoch
nicht der Republik und der Demokratie, sondern allein ihren
Kommandeuren und dem Staat als solchem verpflichtet.
bpk

Angehörige der Volksmarinedivision im Berliner Stadtschloss während der


Weihnachtskämpfe 1918. Die Gefechte fordern knapp 70 Todesopfer.
Gründung der KPD

gresses. Mit dieser Politik enttäuschten sie Teile ihrer Anhän- Durch den Rätekongress und die Weihnachtskämpfe ver-
gerschaft und brachten die radikale Linke noch mehr gegen schärften sich auch die Spannungen zwischen den verschie-
sich auf. Daher waren sie, um die Macht zu behaupten, immer denen Flügeln der USPD. Am 30. Dezember 1918 gründete der
stärker auf die alten Mächte angewiesen – vor allem auf das „Spartakusbund“ zusammen mit Hamburger und Bremer
Militär. In der Folge kam es zum Blutvergießen und zum Bruch Linksradikalen die „Kommunistische Partei Deutschlands“
zwischen USPD und MSPD. (KPD), die von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht geführt
wurde. Rosa Luxemburg versuchte die KPD von Lenins Partei-
diktatur in Russland abzugrenzen und auf eine Doppelstrate-
Weihnachtskämpfe gie einzuschwören: „Der Sozialismus wird nicht gemacht und
kann nicht gemacht werden durch Dekrete [...]. Der Sozialis-
Seit Mitte Dezember schwelte ein Streit um die „Volksmarine- mus muss durch die Massen, durch jeden Proletarier (das heißt
division“, die nach dem 9. November 1918 zum Schutz des Ber- besitzlosen Arbeiter – Anm. d. Red.) gemacht werden. [...] Wir
liner Regierungsviertels aus etwa 1000 Kieler Matrosen auf- wollen innerhalb der Nationalversammlung ein siegreiches
gestellt und im Schloss einquartiert worden war. Mittlerweile Zeichen aufpflanzen, gestützt auf die Aktion von außen.“ Der
stand sie der USPD und dem „Spartakusbund“ nahe. Da sie Gründungsparteitag beschloss jedoch, die Wahl der National-
sich nicht korrekt verhielt – im Schloss verschwanden Kunst- versammlung zu boykottieren – diese sei nur ein „Organ der
schätze –, sollte die Volksmarinedivision nach dem Willen der Bourgeoisie“ (das heißt des kapitalbesitzenden Bürgertums).
Volksbeauftragten ein neues Quartier beziehen. Die Matrosen
ließen es auf eine Machtprobe ankommen: Sie setzten am
23. Dezember die Volksbeauftragten in der Reichskanzlei fest Januaraufstand
und entführten den Stadtkommandanten Otto Wels in den
Marstall, wo er misshandelt wurde. Den Weihnachtskämpfen folgte unausweichlich die nächste
Daraufhin rief Friedrich Ebert über eine nicht überwachte Machtprobe: Ein Berliner Polizeipräsident, der Aufständischen
Telefonleitung OHL-Truppen zu Hilfe, die sich am nächsten Tag half, statt die Regierung zu schützen, war nicht tragbar –
bei einem Feuergefecht mit der Volksmarinedivision als bür- am 4. Januar 1919 wurde Eichhorn entlassen. USPD, Revolutionä-
gerkriegsuntauglich erwiesen: Als ihnen auch die Sicherheits- re Obleute und KPD riefen sofort zu einer Protestdemonstration
wehr des Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn (USPD), auf, die am Folgetag großen Zulauf fand und unerwartet au-

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Vom Kaiserreich zur Republik 1918/19 15

ßer Kontrolle geriet. Bewaffnete Demonstranten besetzten das Ordnung bereits am 13. Januar wiederhergestellt war, beor-
Berliner Zeitungsviertel. In völliger Fehleinschätzung der Lage derte Noske zusätzliche Freikorps der OHL nach Berlin. Zu die-
ließen sich die Führer der drei linksradikalen Gruppen zu dem sen gehörte eine Gruppe von Offizieren um den Hauptmann
Beschluss hinreißen, den Aufstand bis zum „Sturz der Regierung Waldemar Pabst, die am 15. Januar 1919 Rosa Luxemburg und
Ebert-Scheidemann“ fortzusetzen – sie wollten die Wahl der Na- Karl Liebknecht in ihre Gewalt brachte und brutal ermordete.
tionalversammlung verhindern und die Revolution fortsetzen. Die Täter gingen vor dem Militärgericht straffrei aus bzw. ent-
Die Volksbeauftragten hatten sich rechtzeitig an den Stadt- zogen sich ihrer geringen Freiheitsstrafe durch die Flucht.
rand zurückgezogen. Mit den Worten: „Meinetwegen! Einer Vom Verlust seiner beiden fähigsten Köpfe konnte sich der
muss der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung deutsche Kommunismus nie mehr erholen. Die KPD machte die
nicht!“ übernahm Gustav Noske den Auftrag, in der Um- MSPD für die Bluttat politisch verantwortlich; umgekehrt warf
gebung Berlins Freiwilligenverbände aufzustellen. Als Ver- die MSPD der KPD vor, sie durch ihren sinnlosen Putschismus
handlungen mit den Aufständischen scheiterten, ließ er am zum Militäreinsatz gezwungen zu haben. Aus Gegnerschaft
11./12. Januar das Berliner Zeitungsviertel beschießen und wurde erbitterte Feindschaft. Nach der blutigen Niederwerfung
stürmen. Es gab zahlreiche Tote und Verletzte. Obwohl die des Januaraufstandes radikalisierte sich auch die USPD.

Die Revolution von 1918/19 im Urteil der Historiker

Die Revolution von 1918/19, aus der Wei- revolutionäre Erziehungsdiktatur (sei es tagen 1918 übrig, auch hier schon unter-
mar hervorgegangen ist, gehört zu den nach dem Vorbild der französischen Ja- brochen durch Rebellion von Kräften
umstrittensten Ereignissen der deutschen kobiner von 1793 oder, was aktueller war, in Berlin, die sicherlich nicht bolschewis-
Geschichte. Manche Historiker meinen, nach dem der russischen Bolschewiki tisch waren, [...] aber eine Lage herbei-
dass die erste deutsche Demokratie viel- von 1917) aufzwingen zu lassen. führen halfen, in der radikale Kräfte auf
leicht nicht untergegangen und dann Deutschland war auch zu industriali- beiden Seiten sich in die Hände spielen
auch Hitler nicht an die Macht gekommen siert für einen völligen Umsturz der ge- konnten. Diese „Weihnachtsunruhen“
wäre, hätte es damals einen gründ- sellschaftlichen Verhältnisse. [...] Für hoch- aber führten dann dazu, dass Ebert und
lichen Bruch mit der obrigkeitsstaatlichen industrialisierte Gesellschaften aber Scheidemann, weil eben ein enormes
Vergangenheit gegeben. Tatsächlich ist ein starker Bedarf an der Aufrechterhal- Machtvakuum bestand, sich die Unterstüt-
war der Handlungsspielraum der regie- tung der Dienstleistungen von Staat zung der unter dem Befehl der Obers-
renden Mehrheitssozialdemokraten (also und Kommunen, das heißt an administra- ten Heeresleitung stehenden Freikorps
jenes Teils der alten SPD, der dem Reich tiver Kontinuität, kennzeichnend. Beide sicherten, die allerdings ganz andere
bis zuletzt Kriegskredite bewilligt und seit Faktoren, der Grad der Demokratisierung Ziele, nämlich solche der Rückeroberung
1917 eng mit den Parteien der bürgerli- und der Grad der Industrialisierung, wirk- der Macht für die reaktionäre Rechte
chen Mitte, dem katholischen Zentrum ten objektiv revolutionshemmend. Sie vertraten.
und den Linksliberalen, zusammenge- erklären, warum die deutsche Revolution Hier liegt in der Tat der große Fehler,
arbeitet hatte) in den entscheidenden Wo- von 1918/19 nicht zu den großen Revolu- dass es nicht gelungen ist, wie etwa in
chen zwischen dem Sturz der Monarchie tionen der Geschichte gerechnet werden Österreich, für diese Regierung der Volks-
am 9. November 1918 und der Wahl der kann. beauftragten eine Truppe von mehreren
Verfassunggebenden Deutschen National- tausend Mann zusammenzubringen,
Heinrich August Winkler, Weimar: „Ein deutsches Menetekel“.
versammlung am 19. Januar 1919 größer In: Ders. / Alexander Cammann (Hg.), Weimar. Ein Lesebuch zur
die in der Lage gewesen wäre, Putschge-
als die Akteure mit Friedrich Ebert, dem deutschen Geschichte 1918-1933. C. H. Beck, München 1997, S. 15 ff. lüste von rechts und Aufstandsversuche
Vorsitzenden des Rates der Volksbeauf- von links [...] niederzuhalten oder [...]
tragten, an der Spitze selbst meinten. Sie abschreckend zu wirken [...].Weshalb sage
hätten weniger bewahren müssen und Ich will [...] nur auf die mir relativ der ich: nur bis Weihnachten 1918? Nach
mehr verändern können. Es wäre, mit an- Wirklichkeit am nächsten kommende The- dieser ersten Auseinandersetzung, bei der
deren Worten, möglich gewesen, in der se von Heinrich August Winkler einge- es zahlreiche Tote gab, kam es zum Rück-
revolutionären Übergangszeit erste Schritte hen [...]. zug der USPD-Mitglieder aus dem Rat der
zu tun auf dem Weg zu einer Demokra- Bisher wurde noch nie der Versuch un- Volksbeauftragten. Das heißt, das, was
tisierung der Verwaltung, der Schaffung ternommen, einmal stundenweise innerhalb der Regierung an Druck von
eines republikloyalen Militärwesens, diese zehn Wochen (9. November 1918 bis links her ausgeübt hätte werden können,
der öffentlichen Kontrolle der Macht – un- 19. Januar 1919 – Anm. d. Red.) zu un- entfiel. Der folgende „außerparlamenta-
ter Umständen bis hin zu einer Vergesell- tersuchen [...]. Dabei würde deutlich, dass rische“ Druck der USPD führte im Grunde
schaftung des Bergbaus, einer Forde- den Mitgliedern des Rates der Volks- eher zur Verengung der Wahrnehmung
rung, die nach der Jahreswende 1918/19 zu beauftragten ein Übermaß an Kraft und und natürlich auch zur Verengung des
einer zündenden Streikparole wurde. [...] Ideen abverlangt worden ist. [...] Den- Aktionsradius von Ebert und den Seinen.
Gegen eine Mehrheit Politik zu machen noch sind in diesen zehn Wochen über 130
war für die Sozialdemokraten unvorstell- Gesetze [...] geschaffen worden. [...] Hartmut Soell, „Von der Machterschleichung zur Macht-
bar. Es hätte auch dem bisherigen Gang Wenn man die zehn Wochen als Zeit- ergreifung: Überlegungen zum Ende der ersten deutschen
Republik“.
der deutschen Verfassungsgeschichte wi- budget formal fasst, dann bleibt am
In: Christoph Gradmann / Oliver von Mengersen (Hg.), Das
dersprochen. [...] Deutschland war um Schluss eigentlich nur die Zeit zwischen Ende der Weimarer Republik und die nationalsozialistische
1918 bereits zu demokratisch, um sich eine dem 9. November und den Weihnachts- Machtergreifung, Manutius, Heidelberg 1994, S. 9 ff.

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16 Weimarer Republik

getragen von eher linksliberal eingestellten Bildungsbür-


gern, leitenden Angestellten und Beamten, vorwiegend der
Chemie- und der Elektroindustrie zugehörigen Industriellen,
Mittelständlern und liberalen Juden. Die DDP war für die par-
lamentarisch-demokratische Republik und sagte deren „bol-
schewistischen“ und „reaktionären“ Gegnern den Kampf an.
Parlamentarische Demokratie Für Sozialisierungen zeigte sich nur ein Teil ihrer Mitglieder
und Anhänger aufgeschlossen. Dagegen führte die „Deutsche
Volkspartei“ (DVP) die Tradition des rechten Flügels der Natio-
Am 19. Januar 1919 wurde die verfassunggebende National- nalliberalen fort. Sie vertrat vor allem die wirtschaftsliberal,
versammlung gewählt. Nach dem reinen Verhältniswahl- monarchistisch und antirevolutionär gesinnten Teile des Bil-
recht entfiel auf je 150 000 Stimmen ein Mandat. Durch Sen- dungsbürgertums, der Industrie (besonders der Schwerindus-
kung des Wahlalters von 25 auf 20 Jahre und Einführung des trie) und des Mittelstandes.
Frauenwahlrechts stieg die Zahl der Wahlberechtigten auf Die „Deutsche Zentrumspartei“ blieb eine Konfessionspartei
36,7 Millionen (mehr als doppelt so viele wie bei den letzten für die Katholiken aller Gesellschaftsschichten, von adligen
Reichstagswahlen 1912). Im Hinblick auf die Verfassungsent- Großgrundbesitzern bis zu christlichen Gewerkschaftsange-
wicklung war das Abschneiden der bürgerlichen Parteien, die hörigen. Die Zusammenarbeit mit der „atheistischen“ MSPD
sich im November/Dezember 1918 neu formiert hatten, von be- und der liberalen DDP auf dem Boden der Republik wurde be-
sonderem Interesse. Zwischen den Parteien des Kaiserreiches sonders von dem durch die Revolution gestärkten Arbeitneh-
und der Republik gab es eine bemerkenswerte Kontinuität. merflügel des Zentrums getragen; der monarchistische Flügel
sah in der Kooperation nur das kleinere Übel im Vergleich zu
einer revolutionären Räterepublik. Die Sozialisierungsfrage
Bürgerliche Parteien war innerparteilich umstritten. Der bayerische Landesver-
band machte sich im November 1918 als „Bayerische Volkspar-
Im Lager des bürgerlichen Liberalismus setzte sich die über- tei“ (BVP) selbstständig. Sie war dem Königshaus Wittelsbach
kommene Spaltung fort. Die „Deutsche Demokratische Partei“ verbunden, trat betont föderalistisch und antisozialistisch auf,
(DDP) ging aus der „Fortschrittlichen Volkspartei“ und dem bildete aber auf Reichsebene eine Fraktionsgemeinschaft mit
linken Flügel der „Nationalliberalen Partei“ hervor. Sie wurde dem Zentrum.

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Vom Kaiserreich zur Republik 1918/19 17

In der „Deutschnationalen Volkspartei“ (DNVP) sammelten


sich Anhänger der „Deutschkonservativen Partei“, der „Reichs-
partei“ und der 1917 gegründeten, 1918 gescheiterten imperia-
listischen „Vaterlandspartei“. In erster Linie waren es Offizie-
re, Beamte und Angestellte, Akademiker, Mittelständler und
Bauern; ostelbische Großagrarier und rheinisch-westfälische
Schwerindustrielle gaben den Ton an. Die nationalkonservati-
ve und antisemitische DNVP, deren rechter Flügel die Grenze
zum völkischen Rechtsradikalismus überschritt, lehnte Repu-
blik und Demokratie grundsätzlich ab. Ihr Hauptziel war die
Wiedererrichtung der Hohenzollernmonarchie über Preußen
und das Deutsche Reich.
Die Wahlbeteiligung betrug 83 Prozent, bei den Frauen so-
gar 90 Prozent. Von den 416 Abgeordneten stellten die Frau-
en aber nur 37 (= 8,9 Prozent). Die Stimmen der weiblichen
Wähler kamen nicht etwa USPD und MSPD zugute, denen sie
das Wahlrecht verdankten; vielmehr tendierten die Frauen in
überwiegend protestantischen Gegenden zu DDP und DNVP,
in überwiegend katholischen zum Zentrum bzw. zur BVP.
Eindeutige Wahlsieger waren die Mehrheitssozialdemokra-
ten. MSPD, DDP und Zentrum brachten es gemeinsam auf 76,1
Prozent der Wählerstimmen, was Republik und Demokratie
ein solides Fundament zu verleihen schien. Die beiden sozial-
demokratischen Parteien blieben zusammen deutlich unter,
die bürgerlichen Parteien über 50 Prozent. Insgesamt bedeu-
tete das Wahlergebnis einen großen Sieg für die Anhänger
der parlamentarischen Demokratie, eine klare Niederlage für

ullstein bild
deren linksradikale und monarchistische Gegner und eine
bittere Enttäuschung für alle Anhänger tiefgreifender Gesell-
schaftsreformen durch Sozialisierungen. Bei den Wahlen zur Weimarer Nationalversammlung im Januar 1919 sind
erstmals in der deutschen Geschichte Frauen als gleichberechtigte Staatsbür-
gerinnen stimmberechtigt. Großer Andrang vor den Wahllokalen in Berlin
Nationalversammlung

Die Nationalversammlung trat am 6. Februar nicht im Berliner


Reichstag, sondern im Weimarer Nationaltheater zusammen –
einerseits, um nach dem Berliner Januaraufstand ungestört
zu beraten, andererseits, um das republikanische Deutsch-
land symbolisch mit den humanistischen, aufklärerischen
und klassischen Traditionen der deutschen Kultur zu ver-
binden. Am 11. Februar wählten die Abgeordneten Friedrich
Ebert zum ersten Reichspräsidenten; dieser beauftragte Phi-
lipp Scheidemann mit der Regierungsbildung. Am 13. Febru-
ar wurde die erste, vom ganzen deutschen Volk legitimierte,
parlamentarisch-demokratische Regierung aus Ministern
der „Weimarer Koalition“ (MSPD, DDP, Zentrum) vereidigt.
Danach begannen die Verfassungsberatungen und die allge-
Süddeutsche Zeitung Photo / Scherl

meine Gesetzgebung.

Frühjahrsunruhen

Nach den für die radikale Linke enttäuschenden Wahlen zur


Nationalversammlung kam es zwischen Februar und Mai 1919
vielerorts zu lokalen Aufständen, „wilden“ Streiks (das heißt
ohne Beteiligung der Gewerkschaften) und Betriebsbesetzun- Die Stadt Weimar gibt der Verfassung ihren Namen: Im dortigen National-
gen, letztere namentlich im mitteldeutschen Bergbau um Hal- theater tagt vom 6. Februar bis zum 11. August die verfassunggebende Natio-
le und Merseburg und im Ruhrgebiet. Dabei ging es um den nalversammlung.
Erhalt und Ausbau des Rätesystems, die Sozialisierung der
Schlüsselindustrien und die Demokratisierung des Militärs
sowie um höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Die
Massenbewegung dieser zweiten Phase der Revolution war im
Umfang erheblich kleiner, aber in den Zielen bedeutend radi-

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18 Weimarer Republik

kaler als die Volksbewegung vom November 1918. Die Mehr- Amt des Reichskanzlers. Die Bismarcksche Sozialgesetzge-
heit der Industriearbeiter stand jetzt im Lager der USPD. bung wurde zum Sozialstaat ausgebaut. Die Mischung aus
Anfang März 1919 fand in Berlin ein von Anhängern aller repräsentativen, plebiszitären und autoritären Verfassungs-
Linksparteien organisierter Generalstreik für die Demokrati- elementen ergab jedoch kein harmonisches Ganzes.
sierung des Militärs statt. Die KPD betrieb jedoch die Umwand-
lung des Streiks in einen Aufstand, was zur Verhängung des
Ausnahmezustandes über Berlin führte. Aufgrund der Falsch- Repräsentative, plebiszitäre und autoritäre
meldung, Kommunisten hätten 60 Polizisten ermordet, erließ Elemente
Gustav Noske (inzwischen Reichswehrminister) als Inhaber
der vollziehenden Gewalt am 9. März den Befehl: „Jede Person, Die Grundrechte waren kein unmittelbares, die Gewalten
die mit Waffen in der Hand gegen Regierungstruppen kämp- (Legislative, Exekutive, Jurisdiktion) bindendes Recht (wie
fend angetroffen wird, ist sofort zu erschießen.“ Freikorps und im Grundgesetz von 1949); sie galten nur nach Maßgabe
Polizei machten daraufhin rücksichtslos von der Schusswaffe der Gesetze. Eine dem heutigen Bundesverfassungsgericht
Gebrauch. Die Berliner Märzkämpfe kosteten rund 1000 Men- vergleichbare Institution als Hüterin der Verfassung fehl-
schen das Leben. te. Zwar war die Gesetzgebung Sache des vom Volk für vier
In Bayern löste am 21. Februar 1919 die Ermordung des Mi- Jahre gewählten Reichstages; auch ließen sich Einsprüche
nisterpräsidenten Kurt Eisner (USPD) durch einen monarchis- der Ländervertretung (anders als im Kaiserreich) mit ei-
tischen Offizier große Empörung aus, die in linksradikale Ver- nem Zweidrittelvotum des Parlamentes überstimmen. Aber
suche zur Gründung einer Räterepublik mündeten. Schließlich ein Volksbegehren von zehn Prozent der Wahlberechtigten
übernahm die KPD am 13. April mit Hilfe einer von ihr aufge- konnte den Reichstag dazu zwingen, einen ihm zugeleite-
stellten Miliz („Rote Armee“) in München die Macht. Daraufhin ten Gesetzentwurf unverändert zu beschließen oder einem
schickte Noske starke Freikorpsverbände, die die kommunisti- Volksentscheid zu überlassen (Artikel 73). Fünf Prozent der
sche Herrschaft in harten Kämpfen niederschlugen. Unter den Wahlberechtigten vermochten unter bestimmten Bedin-
insgesamt 606 Todesopfern befanden sich 335 Zivilisten. gungen sogar einen Volksentscheid über ein vom Parlament
Anfang Mai 1919 endete mit der Münchner Räterepublik, die bereits verabschiedetes Gesetz zu erzwingen (Artikel 72).
die Kommunismusfurcht des Bürgertums nachhaltig schürte, Diese Möglichkeiten direkter Demokratie stellten die Kom-
auch die Revolution von 1918/19. Schon seit Januar übernahmen petenz des Parlaments, mithin die repräsentative Demokra-
demokratisch gewählte Parlamente die Aufgaben der Arbeiter- tie als solche, infrage.
und Soldatenräte. Die meisten Räte lösten sich im Frühjahr und Der vom Volk für sieben Jahre direkt gewählte Reichs-
Sommer 1919 auf, die letzten im Herbst und Winter 1919/20. präsident besaß eine solche Machtfülle, dass man ihn auch
als „Ersatzkaiser“ bezeichnet hat. Der Präsident konnte die
Volksvertretung fast beliebig („nur einmal aus dem gleichen
Anlass“) auflösen (Artikel 25). Jedes vom Reichstag verab-

Weimarer Verfassung

Am 31. Juli 1919 nahm die Nationalversammlung mit über-


wältigender Mehrheit – gegen die Stimmen von USPD, DVP
und DNVP – die Weimarer Verfassung an, die nach ihrer Un-
terzeichnung durch den Reichspräsidenten am 14. August in
Kraft trat. Sie beruhte weitgehend auf dem Entwurf von Hugo
Preuß. Bei den Nationalsymbolen kam es zu einem Kompro-
miss: Schwarz-rot-gold, die Farben der bürgerlich-demokra-
tischen Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts, wurden
die Reichsfarben der Republik. Die Handelsflagge behielt die
schwarz-weiß-roten Farben des Kaiserreiches – mit einer klei-
nen schwarz-rot-goldenen Gösch in der inneren oberen Ecke.
1922 erklärte der Reichspräsident das „Lied der Deutschen“
von Hoffmann von Fallersleben zur Nationalhymne.
Zentrale Verfassungsprinzipien waren die Volkssouve-
ränität, die Gewaltenteilung und die Grundrechte, darun-
ter erstmals die staatsbürgerliche und familienrechtliche
Gleichstellung der Frauen (Artikel 109, 119 und 128). Weitere
Strukturelemente bildeten die repräsentative Demokratie
mit einer dem Parlament verantwortlichen Regierung, die
plebiszitäre Demokratie mit Volksabstimmungen (nach dem
Vorbild der Schweiz) und die Präsidialdemokratie mit einem
starken, direkt gewählten Präsidenten (wie in den USA und
ullstein bild

in Frankreich). Der deutsche Föderalismus wurde etwas ab-


geschwächt: Man erweiterte die Kompetenzen des Reiches
und trennte das Amt des preußischen Ministerpräsidenten Der „Architekt“ der Weimarer Verfassung: Hugo Preuß, Jurist, Mitbegründer
vom Vorsitz des Reichsrates (der Ländervertretung) und vom der DDP und Innenminister 1919

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Vom Kaiserreich zur Republik 1918/19 19

schiedete Gesetz, mit dem er nicht einverstanden war, durf- freiheit (Artikel 123), Vereinsfreiheit (Artikel 124) und Eigen-
te er einem Volksentscheid überantworten (Artikel 73) – eine tumsrecht (Artikel 153). Zwar konnte der Reichstag mit einfa-
nie praktizierte Regelung, die gleichwohl den Parlamentaris- cher Mehrheit die Aufhebung dieser Maßnahmen verlangen
mus latent bedrohte. (Artikel 48 Abs. 3). Aber das in Artikel 48 Abs. 5 vorgesehene
Der Reichspräsident ernannte und entließ den Reichs- Ausführungsgesetz, das die Gefahr willkürlicher Machtaus-
kanzler und, auf dessen Vorschlag, die Reichsminister (Ar- übung hätte verringern können, kam nie zustande. Alle An-
tikel 53). Alle Kabinettsmitglieder bedurften des Vertrauens ordnungen und Verfügungen des Reichspräsidenten bedurf-
des Reichstages. Dieses wurde vorausgesetzt, solange das ten der Gegenzeichnung durch den Reichskanzler bzw. den
Parlament kein Misstrauensvotum abgab, mit dem es den zuständigen Reichsminister (Artikel 50); doch war auch dies
Kanzler oder einen Minister stürzen konnte (Artikel 54). kein zuverlässiges Kontrollinstrument, da der Präsident er-
Eine Kanzlerwahl durch den Reichstag, die das Parlament heblichen Einfluss auf die Regierungsbildung besaß.
gegenüber der Regierung und beide zusammen gegenüber
dem Reichspräsidenten gestärkt hätte, war jedoch nicht
vorgesehen. Gesellschaftspolitische Bestimmungen
Ferner vertrat der Reichspräsident das Reich völkerrecht-
lich (Artikel 45) und hatte den Oberbefehl über die Streit- Die Rätebewegung der Revolution fand in Artikel 165 einen
kräfte (Artikel 47). Nach Artikel 48 Abs. 1 traf er allein Maß- gewissen Nachhall. Von Arbeitnehmern und Arbeitgebern
nahmen (notfalls auch militärische) gegen ein Land, das die paritätisch besetzte Bezirkswirtschaftsräte und ein Reichs-
Verfassung oder Reichsgesetze verletzte (sog. Reichsexeku- wirtschaftsrat sollten in erster Linie bei der Durchführung
tion). Vor allem entschied er über den „Ausnahmezustand“: von Sozialisierungen mitwirken. Artikel 153 Abs. 2 erlaubte
Stellte er fest, dass „die öffentliche Sicherheit und Ordnung gesetzliche Enteignungen „zum Wohle der Allgemeinheit“
erheblich gestört oder gefährdet“ war, so durfte er gemäß Ar- gegen eine „angemessene“ Entschädigung, „soweit nicht ein
tikel 48 Abs. 2 quasi diktatorisch die „nötigen Maßnahmen“ Reichsgesetz etwas anderes bestimmt“. Da es für Sozialisie-
treffen, das heißt das Militär im Innern einsetzen und sogar rungen aber keine politischen Mehrheiten gab, haben diese
die wichtigsten Grundrechte „vorübergehend“ außer Kraft Räte nie etwas bewirkt.
setzen, nämlich Freiheit der Person (Artikel 114), Unverletz- Im Vergleich zum Kaiserreich machte der Sozialstaat be-
lichkeit der Wohnung (Artikel 115), Postgeheimnis (Artikel trächtliche Fortschritte. Artikel 159 gewährleistete die Ko-
117), freie Meinungsäußerung (Artikel 118), Versammlungs- alitionsfreiheit (das heißt die soziale und wirtschaftliche

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20 Weimarer Republik

Vereinigungsfreiheit) und verlieh damit Gewerkschaften bauenden gegliederten Schulwesens fest – eine bildungs-
wie Unternehmerverbänden ein verfassungsmäßiges Exis- politische Konstruktion, deren Vereinheitlichungstendenz
tenz- und Betätigungsrecht. Artikel 161 verankerte das von konservativen Kritikern zu weit, linken dagegen nicht weit
Bismarck begründete Sozialversicherungswesen in der Ver- genug ging.
fassung. Darüber hinaus enthielt Artikel 163 einen Verfas- Trotz ihrer strukturellen Probleme bildete die Weimarer
sungsauftrag zur Einrichtung einer staatlichen Arbeitsver- Verfassung ein tragfähiges Fundament für den Aufbau ei-
mittlung und Arbeitslosenversicherung. Nicht zuletzt legte ner rechts- und sozialstaatlichen Demokratie. Welchen Be-
Artikel 146 erstmals die noch heute existierende vierjährige lastungsproben sie ausgesetzt sein würde und ob sie ihnen
„für alle gemeinsame Grundschule“ als Basis des darauf auf- standhalten konnte, musste sich freilich erst noch erweisen.

Ausgewählte Verfassungsartikel

Artikel 25 Artikel 54 Anwendung der für Enteignung gelten-


Der Reichspräsident kann den Reichs- Der Reichskanzler und die Reichsminis- den Bestimmungen, für die Vergesell-
tag auflösen, jedoch nur einmal aus ter bedürfen zu ihrer Amtsführung schaftung geeignete private wirtschaft-
dem gleichen Anlass. des Vertrauens des Reichstags. Jeder von liche Unternehmungen in Gemeineigen-
Die Neuwahl findet spätestens ihnen muss zurücktreten, wenn ihm tum überführen. Es kann sich selbst,
am sechzigsten Tag nach der Auflö- der Reichstag durch ausdrücklichen Be- die Länder oder die Gemeinden an der
sung statt. schluss das Vertrauen entzieht. Verwaltung wirtschaftlicher Unter-
nehmungen und Verbände beteiligen
Artikel 48 Artikel 73 oder sich daran in anderer Weise einen
Wenn ein Land die ihm nach der Reichs- Ein vom Reichstag beschlossenes Gesetz bestimmten Einfluss sichern. [...]
verfassung oder den Reichsgesetzen ist vor seiner Verkündung zum Volks-
obliegenden Pflichten nicht erfüllt, entscheid zu bringen, wenn der Reichsprä- Artikel 165
kann der Reichspräsident es dazu mit sident binnen eines Monats es bestimmt. Die Arbeiter und Angestellten sind da-
Hilfe der bewaffneten Macht an- Ein Gesetz, dessen Verkündung auf zu berufen, gleichberechtigt in Ge-
halten. Antrag von mindestens einem Drittel des meinschaft mit den Unternehmern an
Der Reichspräsident kann, wenn im Reichstags ausgesetzt ist, ist dem Volks- der Regelung der Lohn- und Arbeits-
Deutschen Reiche die öffentliche Sicher- entscheid zu unterbreiten, wenn ein bedingungen sowie an der gesamten
heit und Ordnung erheblich gestört Zwanzigstel der Stimmberechtigten es wirtschaftlichen Entwicklung der pro-
oder gefährdet wird, die zur Wieder- beantragt. duktiven Kräfte mitzuwirken. Die
herstellung der öffentlichen Sicherheit Ein Volksentscheid ist ferner herbeizu- beiderseitigen Organisationen und ihre
und Ordnung nötigen Maßnahmen führen, wenn ein Zehntel der Stimmbe- Vereinbarungen werden anerkannt.
treffen, erforderlichenfalls mit Hilfe der rechtigten das Begehren nach Vorlegung Die Arbeiter und Angestellten erhal-
bewaffneten Macht einschreiten. Zu eines Gesetzentwurfs stellt. Dem Volks- ten zur Wahrnehmung ihrer sozialen
diesem Zwecke darf er vorübergehend begehren muss ein ausgearbeiteter Ge- und wirtschaftlichen Interessen gesetzli-
die in den Artikeln 114, 115, 117, 118, 123, setzentwurf zu Grunde liegen. Er ist von che Vertretungen in Betriebsarbei-
124 und 153 festgesetzten Grundrechte der Regierung unter Darlegung ihrer terräten sowie in nach Wirtschaftsgebie-
ganz oder zum Teil außer Kraft setzen. Stellungnahme dem Reichstag zu unter- ten gegliederten Bezirksarbeiterräten
Von allen gemäß Absatz 1 oder breiten. Der Volksentscheid findet und in einem Reichsarbeiterrat.
Absatz 2 dieses Artikels getroffenen Maß- nicht statt, wenn der begehrte Gesetzent- Die Bezirksarbeiterräte und der
nahmen hat der Reichspräsident un- wurf im Reichstag unverändert ange- Reichsarbeiterrat treten zur Erfüllung
verzüglich dem Reichstag Kenntnis zu nommen worden ist. [...] der gesamten wirtschaftlichen Auf-
geben. Die Maßnahmen sind auf Ver- gaben und zur Mitwirkung bei der Aus-
langen des Reichstags außer Kraft zu Artikel 153 führung der Sozialisierungsgesetze
setzen. [...] Das Eigentum wird von der Verfassung mit den Vertretungen der Unternehmer
Bei Gefahr im Verzuge kann die Lan- gewährleistet. [...] und sonst beteiligter Volkskreise zu
desregierung für ihr Gebiet einst- Eine Enteignung kann nur zum Wohle Bezirkswirtschaftsräten und zu einem
weilige Maßnahmen der im Absatz 2 der Allgemeinheit und auf gesetz- Reichswirtschaftsrat zusammen. [...]
bezeichneten Art treffen. Die Maß- licher Grundlage vorgenommen werden. Sozialpolitische und wirtschaftspoliti-
nahmen sind auf Verlangen des Reichs- Sie erfolgt gegen angemessene Ent- sche Gesetzentwürfe von grundlegen-
präsidenten oder des Reichstags schädigung, soweit nicht ein Reichsge- der Bedeutung sollen von der Reichsre-
außer Kraft zu setzen. Das Nähere be- setz etwas anderes bestimmt. [...] gierung vor ihrer Einbringung dem
stimmt ein Reichsgesetz. Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch Reichswirtschaftsrat zur Begutachtung
soll zugleich Dienst sein für das Gemeine vorgelegt werden. Der Reichswirtschafts-
Artikel 53 Beste. rat hat das Recht, selbst solche Ge-
Der Reichskanzler und auf seinen Vor- setzesvorlagen zu beantragen. [...]
schlag die Reichsminister werden Artikel 156
vom Reichspräsidenten ernannt und Das Reich kann durch Gesetze, unbescha- Hermann Mosler (Hg.), Die Verfassung des deutschen Reichs
entlassen. det der Entschädigung, in sinngemäßer vom 11. August 1919, Reclam, Stuttgart 1964, S. 18 ff.

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21

Reinhard Sturm

Kampf um die Republik


1919-1923

Die parlamentarische Demokratie und die Weimarer


Verfassung brachten die Nachkriegsgesellschaft nicht end-
gültig zur Ruhe. Besonders die harten Bedingungen des
Friedensvertrags von Versailles führten zu Aufständen

ullstein bild
rechter und linker Kräfte.

Die Bedingungen des Versailler Friedensvertrages erregen die Gemüter: Wie


hier in Berlin gibt es zahlreiche Massendemonstrationen.

N och vor der Verabschiedung der Verfassung musste


sich die Nationalversammlung mit dem Friedensver-
trag befassen. Am 7. Mai 1919 erhielt die vom parteilosen
onale bzw. staatliche Zugehörigkeit) wiesen die Alliierten
ab. Daraufhin trat das Kabinett Scheidemann am 20. Juni
zurück; die DDP schied vorläufig aus der Koalition aus (bis
Außenminister Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau geleitete zum 3. Oktober 1919). Neuer Reichskanzler wurde Gustav
deutsche Delegation den Entwurf, den die seit dem 18. Ja- Bauer (MSPD).
nuar in Paris tagende Konferenz der Siegermächte – ohne Am 23. Juni rief Reichspräsident Ebert bei der OHL in Kol-
Beteiligung der Besiegten – erarbeitet hatte. Er war letzt- berg an, um sich nach den Chancen eines militärischen Wi-
lich das Werk der „Großen Drei“: des US-Präsidenten Wood- derstandes zu erkundigen. Hindenburg überließ es Groener,
row Wilson, des britischen Premierministers Lloyd George Ebert mitzuteilen: „Die Wiederaufnahme des Kampfes ist [...]
und des französischen Ministerpräsidenten Georges Cle- aussichtslos. Der Friede muss daher unter den vom Feinde
menceau. gestellten Bedingungen abgeschlossen werden.“
Da es keine verantwortbare Alternative gab, beschloss die
Nationalversammlung am Nachmittag des 23. Juni 1919 mit
großer Mehrheit die Annahme des Friedensvertrages, gegen
die Stimmen von DNVP, DVP, der Mehrheit der DDP-Fraktion
Der Friedensvertrag von Versailles und einiger Zentrumsabgeordneter. Die Unterzeichnung fand
am 28. Juni 1919 im Spiegelsaal des Schlosses zu Versailles
statt – dem Ort, den die deutschen Fürsten 1871 gewählt hat-
Die vorgesehenen Gebietsverluste, Souveränitätsbeschrän- ten, um Wilhelm I. zum Kaiser auszurufen und gleichzeitig
kungen, Reparationen und vor allem die Zuweisung der Al- Frankreich zu demütigen. Der Vertrag von Versailles trat nach
leinschuld am Krieg lösten in ganz Deutschland, quer durch der Ratifizierung durch die Unterzeichnerstaaten am 10. Janu-
alle politischen Lager und sozialen Schichten, einen Entrüs- ar 1920 in Kraft.
tungssturm aus. Fast alle deutschen Änderungswünsche Bestandteil des Vertrages war die Satzung des vor allem auf
(bis auf eine Abstimmung in Oberschlesien über die nati- Betreiben Wilsons am 29. April 1919 in Versailles gegründeten

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22 Weimarer Republik

Völkerbundes, dem Deutschland vorläufig nicht angehören führte wegen der dortigen gemischtnationalen Siedlungs-
durfte. Der US-Kongress verweigerte jedoch im November weise unvermeidlich zu neuen Minderheitsproblemen. Wo
1919 seine Zustimmung, weil er künftige Verwicklungen der bisher Polen unter preußisch-deutscher Herrschaft lebten
USA in europäische Konflikte vermeiden wollte. Dadurch war und nationalistische Diskriminierungen erdulden mussten,
der Völkerbund von vornherein geschwächt. Ein deutsch- kehrten sich diese Verhältnisse jetzt um.
amerikanischer Friedensschluss erfolgte am 25. August 1921. Im März 1918 hatte Deutschland dem Russischen Reich
Der Versailler Vertrag nahm Deutschland nicht nur sämt- im „Diktatfrieden“ von Brest-Litowsk annähernd ein Vier-
liche Kolonien, sondern auch 13 Prozent seines Territoriums tel seines europäischen Territoriums – das freilich von nach
und zehn Prozent seiner Bevölkerung, damit verbunden 50 Unabhängigkeit strebenden Völkern bewohnt war – und
Prozent der Eisenerzversorgung, 25 Prozent der Steinkoh- damit ein Viertel seiner landwirtschaftlichen Nutzfläche so-
leförderung, 17 Prozent der Kartoffel- und 13 Prozent der wie drei Viertel seiner Schwerindustrie und Kohleprodukti-
Weizenernte. Der Großteil dieser Gebiete fiel an den nach on entzogen. Nun wurde es selbst in Versailles ähnlich hart
123-jähriger Teilung wieder gegründeten Staat Polen, den behandelt. Gleichwohl blieb sein nationalstaatliches Gefüge
die Alliierten auch als Bollwerk gegen den russischen Bol- weitgehend erhalten; auch eine Rückkehr in den Kreis der
schewismus betrachteten. Die neue Grenzziehung im Osten Großmächte war keineswegs ausgeschlossen.

Informationen zur politischen Bildung Nr. 261/2011


Kampf um die Republik 1919-1923 23

Bundesarchiv, Bild 146-1979-025-26A / Fotograf: unbekannt


Bestimmungen des Versailler Vertrages
Gebietsabtretungen
Elsass-Lothringen an Frankreich (ohne Abstimmung)
Saargebiet für 15 Jahre unter Völkerbundkontrolle, Kohlegruben an
Frankreich, deutsches Rückkaufrecht (1935 Abstimmung)
Eupen und Malmedy an Belgien (nach umstrittener Abstimmung)
Nordschleswig an Dänemark (nach umstrittener Abstimmung)
Posen und Westpreußen („Korridor“) an Polen (ohne Abstimmung)
Südliche Teile Ostpreußens an Polen (dazu kam es nicht, weil
bei der Abstimmung über 90 Prozent den Verbleib bei Deutschland
wünschten)
Danzig mit Weichselmündung „Freie Stadt“ unter Kontrolle des
Völkerbundes, mit Sonderrechten für die polnische Minderheit Nach den Bestimmungen des Versailler Friedensvertrages zählen Sättel für
Memelgebiet 1923 an Litauen (ohne Abstimmung) Militärpferde zum Kriegsmaterial. Sie werden sorgfältig zerstört und an Alt-
warenhändler pfundweise verkauft.
Ostoberschlesien an Polen (trotz Abstimmung in Oberschlesien, bei
der 60 Prozent den Verbleib bei Deutschland wünschten)
Hultschiner Ländchen an die Tschechoslowakei
(ohne Abstimmung)
Deutsche Kolonien als Mandatsgebiete an verschiedene alliierte
Staaten Finanzpolitik und Wirtschafts-
entwicklung
Souveränitätsbeschränkungen
Auslieferung des Kaisers als Kriegsverbrecher
(von den Niederlanden abgelehnt)
Verbot der Vereinigung mit Deutsch-Österreich Im Sommer 1919 waren die Umstellung der Kriegs- auf Frie-
Eingeschränkte Lufthoheit denswirtschaft und die Wiedereingliederung der Kriegsteil-
Internationalisierung der Flüsse Rhein, Donau, Elbe, Oder nehmer in den Arbeitsprozess noch nicht abgeschlossen; hinzu
und Memel kamen Flüchtlinge und Ausgewiesene aus den abgetrennten
Verbot der allgemeinen Wehrpflicht, Beschränkung des Heeres Ostgebieten. Die Binnenwirtschaftsbeziehungen zu diesen
auf 100 000 Mann und der Marine auf 15 000 Mann Territorien wurden gekappt. Der Staat war mit 153 Milliarden
Verbot aller schweren Waffen (Kanonen, Panzer, Kampfflugzeuge, Mark verschuldet, seine Finanzmittel äußerst knapp. Die Repa-
U-Boote, Großkampfschiffe) rationen – vorab bis zum 1. Mai 1921 Leistungen im Werte von
Kontrolle durch eine alliierte Kommission 20 Milliarden Goldmark (eine inflationssichere Verrechnungs-
einheit; 1 GM entsprach dem Wert von rund 0,36 Gramm Fein-
Besetzung des linken Rheinufers und rechtsrheinischer
Brückenköpfe auf 15 Jahre, 50 km breite entmilitarisierte Zone gold) – bedeuteten eine schwere Belastung. Da das Kaiserreich
rechts des Rheins den Krieg von 1914 bis 1918 nicht nur mit Krediten finanziert
hatte, sondern – bei rückläufigem Warenangebot – auch durch
Reparationen eine Vervierfachung der umlaufenden Bargeldmenge und des
Als völkerrechtliche Grundlage aller Forderungen dient der Artikel Giralgeldes (Buchgeld für den bargeldlosen Zahlungsverkehr),
231 („Kriegsschuldparagraph“): war eine erhebliche Nachkriegsinflation die Folge.
„Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären und Deutsch- Für die Lösung dieser Probleme sowie den Aufbau des neuen
land erkennt an, dass Deutschland und seine Verbündeten als Staates und seiner Sozialpolitik benötigte die Republik enorme
Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die finanzielle Mittel. Reichsfinanzminister Erzberger reformierte
alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen daher 1919/20 die Finanzverwaltung und das Steuersystem.
infolge des Krieges, der ihnen durch den Angriff Deutschlands 39 Prozent des gesamten Steueraufkommens erhielt künftig
und seiner Verbündeten aufgezwungen wurde, erlitten haben.“
das Reich, 23 Prozent die Länder, 38 Prozent die Gemeinden.
Die neu eingeführte Erbschaftssteuer sowie mehrere einma-
Gefordert werden:
lige Abgaben für Vermögende sollten für mehr soziale Gerech-
umfangreiche Sachlieferungen tigkeit sorgen.
Ablieferung aller Handelsschiffe über 1600 Tonnen Trotz der schwierigen Ausgangslage nahm die wirtschaftli-
Zahlungen in Goldmark (GM) in erst noch zu berechnender Höhe che Entwicklung bis 1922 einen relativ günstigen Verlauf. Es kam
Der Versailler Vertrag (Abriss)
zu einem Aufschwung der Friedensproduktion bei annähern-
der Vollbeschäftigung. Durch die – vorläufig beherrschbare –
Inflation und niedrige Löhne konnte die Industrie kostengünstig
produzieren und sich auf dem internationalen Markt Wettbe-
Dennoch gelangte die deutsche Öffentlichkeit bei der Aus- werbsvorteile verschaffen. Ging die Industrieproduktion 1920/21
einandersetzung mit dem Vertrag von Versailles über eine weltweit um 15 Prozent zurück, was damals als starker Einbruch
leidenschaftliche Verdammung nicht hinaus. Zu groß war galt, so stieg sie in Deutschland um 20 Prozent an. Freilich er-
die Enttäuschung darüber, dass das von Wilson proklamier- reichte sie 1921 erst wieder 66 Prozent des Vorkriegsniveaus. Die
te Selbstbestimmungsrecht der Völker zwar auf andere Nati- Arbeitslosigkeit fiel bis 1922 unter zwei Prozent, während sie im
onen, aber kaum auf Deutschland angewandt wurde. Ausland durchweg im zweistelligen Bereich lag.

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24 Weimarer Republik

Karikatur von Oskar Theuer, in : Klaus Haese, Wolfgang U. Schütte, Frau Republik geht pleite. Deutsche Karikaturen
Dolchstoßlüge

Am 18. November 1919 verlas Hindenburg – seit Juni im Ru-


hestand – vor dem Ausschuss der Nationalversammlung für
die Schuldfragen des Weltkriegs eine Aussage über die „Ur-
sachen des deutschen Zusammenbruchs im Jahre 1918“, die
in der Öffentlichkeit ungeheures Aufsehen erregte. Trotz der
Überlegenheit des Feindes, so behauptete er, wäre der Krieg
gewonnen worden, wenn „Heer und Heimat“ zusammenge-
standen hätten. Stattdessen habe eine „heimliche planmäßi-
ge Zersetzung von Flotte und Heer“ eingesetzt. „So mussten

der zwanziger Jahre, Edition Leipzig 1989, S.31


unsere Operationen misslingen, es musste der Zusammen-
bruch kommen; die Revolution bildete nur den Schlussstein.
Ein englischer General sagte mit Recht: ‚Die deutsche Armee
ist von hinten erdolcht worden.‘ “
Damit machte sich Hindenburg – unter fälschlicher Be-
rufung auf einen ungenannten englischen General – zum
prominentesten Vertreter der sogenannten Dolchstoßlegen-
de, treffender: Dolchstoßlüge. Denn niemand wusste besser
als die kaiserlichen Generäle, dass unter ihrer Führung der
Krieg bereits militärisch verloren war, bevor die Auflösungs-
erscheinungen an der Westfront begannen; dass diese auf
permanente Überforderung der Soldaten zurückzuführen
waren; dass die OHL selbst ein sofortiges und deshalb kapi- Dieses Versäumnis hatte fatale Folgen: Vor dem Hintergrund
tulationsähnliches Waffenstillstandsgesuch verlangt hatte; des als hart und demütigend empfundenen Versailler Ver-
und dass die Revolution erst ausgebrochen war, nachdem trages, und während die regierungsoffizielle Propaganda aus
sich der jahrelang propagierte „Siegfrieden“ als bloße Illusi- Gründen der Staatsräson jede Kriegsschuld bestritt, wurde
on herausgestellt hatte. von prominenten kaiserlichen Militärs und Politikern, mit
Die republikanischen Parteien unterschätzten die politi- Unterstützung konservativer und rechtsradikaler Zeitungen,
sche Sprengkraft der Dolchstoßlüge. Sie unterließen es, die die Dolchstoßlüge unermüdlich verbreitet. Sie traf in breiten
deutsche Öffentlichkeit ständig darüber aufzuklären, dass nationalbewussten Bevölkerungskreisen, die sich mit der
das Kaiserreich den Weltkrieg maßgeblich mitverschuldet Sinnlosigkeit ihrer Entbehrungen und Opfer im Krieg nicht
hatte und allein das Regime Wilhelms II. für Kriegsniederla- abfinden mochten, auf Zustimmung. Dadurch wirkte sie ih-
ge und Friedensbedingungen verantwortlich war. rerseits wie ein Dolchstoß in den Rücken der Republik.

Radikalisierung

Rechtsradikalismus Den besonders militanten, extremen Flügel des Rechtsradi-


kalismus bildeten diverse „deutschvölkische“ Geheimbün-
Im Zuge des Kriegsendes und der Revolution von 1918/19 de, Gruppen, Kampfverbände und Parteien. Deren Mitglie-
entstand ein rechtsradikales Lager, das sich aus zahlreichen derschaft bestand hauptsächlich aus entlassenen Soldaten
konkurrierenden Parteien und Organisationen zusammen- und Freikorpsleuten, die der Krieg sozial entwurzelt und
setzte. Die ideologischen Grenzen zwischen diesem offenen moralisch verwildert hatte. Zum vorläufigen Kristallisati-
Rechtsradikalismus und dem besonders manifesten Natio- onskern entwickelte sich rasch – vor allem in Bayern – der
nalkonservatismus am rechten Rand der DNVP waren oft „Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund“ mit über 100 000
fließend. Mitgliedern. Aber auch die „Nationalsozialistische Deutsche
Die Frühjahrsunruhen 1919 veranlassten überall in Deutsch- Arbeiterpartei“ (NSDAP) unter ihrem rednerisch begabten
land Mittelständler und Bauern zur Bildung lokaler antire- Vorsitzenden Adolf Hitler, einem österreichischen Gelegen-
volutionärer Selbstschutzverbände. Der Schwerpunkt dieser heitsarbeiter und dekorierten Frontsoldaten, erregte bald
milizartigen bewaffneten „Einwohnerwehren“ lag in Bayern, über München hinaus Aufmerksamkeit. Ende 1920 besaß
wo sie mehr als 350 000 Mitglieder hatten und zum Teil auch sie bereits eine eigene Zeitung, den „Völkischen Beobach-
überregional organisiert waren. ter“, seit August 1921 auch einen eigenen Kampfverband,

Informationen zur politischen Bildung Nr. 261/2011


Kampf um die Republik 1919-1923 25

die „Sturmabteilung“ (SA). Ende 1922 hatte die NSDAP etwa einer minderwertigen Rasse mit ausschließlich negativen
10 000 Mitglieder. Eigenschaften erklärt wurden. Der europäische Antisemi-
Aus der Sicht der deutschvölkischen Szene galt es KPD, tismus steigerte sich bis zu der absurden Behauptung einer
USPD, MSPD, Gewerkschaften und bürgerliche Demokraten jüdischen Verschwörung zur Erlangung der Weltherrschaft;
mit allen Mitteln zu bekämpfen, da ihnen die Schuld an al- den Beweis dafür sollten die 1919 (nicht nur) in deutscher
len gesellschaftlichen Übeln zugeschoben wurde. Der Krieg Sprache gedruckten „Protokolle der Weisen von Zion“ liefern.
sei das Werk einer „jüdischen Weltverschwörung“ gewesen, Dabei handelt es sich zweifelsfrei um eine antisemitische
Waffenstillstand und Friedensvertrag die Folge des „Dolch- Fälschung, die gleichwohl in der deutschvölkischen Szene
stoßes“ und der Revolution. Die parlamentarische Demokra- weite Verbreitung fand; selbst heute noch wird ihr von Anti-
tie hielten die Deutschvölkischen für etwas „Undeutsches“, semiten Glauben geschenkt.
von den Siegern Aufgezwungenes. Die Weimarer Republik
hieß bei ihnen nur verächtlich „das System“, ihre Repräsen-
tanten beschimpften sie als „Novemberverbrecher“. Sie er- Linksradikalismus
strebten einen starken Staat, den sich nur wenige noch als
Monarchie, die meisten dagegen als „Führerstaat“ nach dem Bei der politischen Linken trieb die Enttäuschung über die ste-
Vorbild des italienischen Faschismus unter Benito Mussolini cken gebliebene Revolution die Radikalisierung voran. Unter
vorstellten. der Dominanz ihres linken Flügels näherte sich die USPD der
KPD an: Im Dezember 1919 propagierte auch sie die „Diktatur
des Proletariats“ und beharrte auf dem Rätesystem als Form
Antisemitismus der „Organisation der sozialistischen Gesellschaft“. Durch die-
se Fundamentalopposition gegen die Weimarer Republik blieb
Der für die deutschvölkische Szene besonders charakteris- die Kluft zwischen USPD und MSPD unüberbrückbar.
tische Judenhass (so wollte die NSDAP schon seit 1920 die 1920 drängte der linke Flügel der USPD auf den Beitritt zur
Juden ausbürgern) wurzelte in Deutschland – wie in an- „Kommunistischen Internationale“ (Komintern), dem von der
deren europäischen Ländern auch – im jahrhundertealten Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) gesteu-
christlichen Antijudaismus. Dieser hatte sich in der zweiten erten Dachverband der internationalen kommunistischen
Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Antisemitismus entwickelt. Parteien. Dadurch wurde eine Spaltung unvermeidlich. Im
In ihm verbanden sich politische Bestrebungen, die Eman- Dezember 1920 vereinigte sich die USPD-Linke mit der KPD,
zipation der Juden (1869/71) rückgängig zu machen, und deren Mitgliederzahl dadurch sprunghaft anstieg. Im Sep-
rückwärts gewandte Kritik an der industriellen Moderne, tember 1922 schloss sich die Rumpf-USPD der MSPD an; die
für die wirtschaftlich erfolgreiche Juden sinnbildlich stan- vereinigte Partei nannte sich ab 1924 wieder SPD. Künftig
den, mit international verbreiteten pseudowissenschaft- war das linke Lager durch den Gegensatz zwischen revolutio-
lichen Rassenlehren, in denen insbesondere die Juden zu närer KPD und reformorientierter SPD geprägt.

Aufstände und Putschversuche

Im Frühjahr 1920 musste die Weimarer Republik ihre erste und ostelbischen Reichswehrverbände sowie die meisten
große Existenzkrise überstehen, die durch einen Rechtsputsch Freikorps unterstanden, Hauptmann Waldemar Pabst, der
ausgelöst wurde, der einen Linksputsch nach sich zog. die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts zu
Nach den Abrüstungsbestimmungen des Versailler Vertra- verantworten hatte, Traugott von Jagow, der letzte kaiserli-
ges sollten bis zum 31. März – nach einer Fristverlängerung che Polizeipräsident von Berlin, und Wolfgang Kapp, ostpreu-
bis zum Jahresende – das Heer auf 100 000, die Marine auf ßischer Generallandschaftsdirektor und Mitglied der DNVP.
15 000 Mann verkleinert werden. Rund 300 000 Reichswehr- Noske beriet sofort mit der Reichswehrführung über Ge-
angehörige und Freikorpsleute standen vor der Entlassung. genmaßnahmen. Doch nur der Chef der Heeresleitung, Ge-
Die meisten klammerten sich an das Militär, das ihnen Halt neral Walther Reinhardt, forderte einen Truppeneinsatz ge-
gab. Zu den ersten Freikorps, deren Auflösung Reichswehrmi- gen die Putschisten. Die übrigen Generäle, die der Republik
nister Noske am 29. Februar verfügte, gehörte die in Döberitz fernstanden, rieten davon ab – im Raum Berlin stünden nicht
stationierte, 6000 Mann starke, von dem Korvettenkapitän genügend Soldaten zur Verfügung, und „Reichswehrtruppen
Hermann Ehrhardt geführte Marinebrigade II. Am 12. März (würden) niemals auf andere Reichswehrtruppen schießen“,
marschierte sie spätabends nach Berlin, um die Regierung zu wie General Hans von Seeckt äußerte.
stürzen. Der Regierung blieb nur die Flucht nach Stuttgart. Inzwi-
schen besetzte die Brigade Ehrhardt, unterstützt von einem
Reichswehrbataillon, das Berliner Regierungsviertel. Kapp
Kapp-Lüttwitz-Putsch rief sich selbst zum Reichskanzler aus und ernannte von
Lüttwitz zum Oberbefehlshaber der Reichswehr.
Hinter diesem Putschversuch steckte die Verschwörergruppe Gerettet wurde die Republik durch einen Generalstreikauf-
„Nationale Vereinigung“, die eine Militärdiktatur anstrebte, ruf aus der Reichskanzlei, der von den Gewerkschaften und
um den Versailler Vertrag auszuhebeln. Zu ihr zählten Luden- der SPD sofort befolgt wurde. Die KPD, der die Weimarer Re-
dorff, General Walther von Lüttwitz, dem die mitteldeutschen publik als „Noske-Demokratie“ verhasst war, schloss sich nur

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26 Weimarer Republik

Während des Kapp-Lüttwitz-Putsches errichten Freikorps-Soldaten eine Straßensperre im Berliner Regie-


rungsviertel.

zögerlich an. Vielerorts kam es zu bewaffneten Kämpfen mit starken revolutionären „Roten Ruhrarmee“, die bis Ende März
Kapp-Lüttwitz-Anhängern. das gesamte Ruhrgebiet unter ihre Kontrolle brachte.
Zum Glück für die Republik war der Putsch schlecht vorbe- Unterstützung erhielt sie durch den Streik von mehr als
reitet. Wirklichen Rückhalt besaß er nur bei den Großagra- 300 000 Bergarbeitern (rund 75 Prozent der Belegschaften).
riern, Offizieren und Landräten östlich der Elbe. Am 17. März Der linksradikale Widerstand gegen den Kapp-Lüttwitz-
1920 brach die Aktion landesweit zusammen. Lüttwitz floh Putsch verwandelte sich in einen Kampf für die Wiederbele-
nach Ungarn, Kapp nach Schweden, Ehrhardt tauchte in Bay- bung und Vollendung der sozialen Revolution und des Räte-
ern unter. systems. Diese „Märzrevolution“ war die größte bewaffnete
Tags darauf forderten die Arbeitnehmervertretungen – Arbeiteraktion, die es in Deutschland je gab. Sie nährte, wie
der „Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund“ (ADGB), die schon die Münchner Räterepublik, die Angst des Bürgertums
ihm angeschlossene „Arbeitsgemeinschaft für Angestellte“ vor dem Bolschewismus, zumal es, weil eine einheitliche,
(AfA-Bund) und der vor allem die untere Beamtenschaft ver- anerkannte Führung fehlte, örtlich immer wieder zu Aus-
tretende „Deutsche Beamtenbund“ (DBB) – die Bildung ei- schreitungen gegen tatsächliche oder vermeintliche Kapp-
ner MSPD-USPD-Regierung unter einem Reichskanzler Carl Lüttwitz-Anhänger kam.
Legien. Diese sollte endlich durch strukturelle Reformen die Die Reichsregierung versuchte vergeblich, durch die Zusa-
Demokratie wirkungsvoll schützen, u. a. durch Entlassung ge politischer Reformen und einer Amnestie die Selbstauflö-
illoyaler Staatsdiener und durch Sozialisierungen. Doch im sung der Roten Ruhrarmee zu erreichen. Schließlich erhielten
Reichstag war nur eine neue Weimarer Koalitionsregierung Reichswehrtruppen und Freikorps (darunter auch ehemalige
unter Hermann Müller (MSPD) durchsetzbar. Weil Noske, Kapp-Lüttwitz-Putschisten) freie Hand, die Rote Ruhrarmee
dessen Politik der Härte gegenüber dem Links- und Rechts- mit allen Mitteln (auch mit standrechtlichen Erschießungen)
radikalismus an den Generälen gescheitert war, von Otto zu bekämpfen. Diesmal ließ sich die Reichswehr bereitwillig
Geßler (DDP) abgelöst wurde, trat der republiktreue General einsetzen, ging es doch gegen „Bolschewisten“, nicht gegen
Reinhardt zurück. Neuer Chef der Heeresleitung wurde aus- „Kameraden“. Am Ende der Kämpfe hatten die Aufständi-
gerechnet der zwar fähige, aber politisch unzuverlässige Ge- schen weit mehr als 1000 Tote zu beklagen, Reichswehr und
neral von Seeckt. Unter seiner Amtsführung entwickelte sich Freikorps etwa 250.
die Reichswehr in den folgenden Jahren erst recht zu einer
Art „Staat im Staate“.
Reichstagswahlen 1920

Aufstand der „Roten Ruhrarmee“ Der Putschversuch von rechts und der Revolutionsversuch von
links veranlassten die regierende Weimarer Koalition dazu,
Noch während des Kapp-Lüttwitz-Putsches übernahmen in vorzeitig den ersten republikanischen Reichstag wählen und
den größeren Orten des Ruhrgebietes spontan entstandene an die Stelle der Nationalversammlung treten zu lassen. Nach
lokale „Vollzugsräte“ der USPD und der KPD die politische einer Wahlrechtsänderung entfiel jetzt auf 60 000 Stimmen
Macht. Sie organisierten bewaffnete Arbeiterwehren, denen ein Mandat. Die Wahlen vom 6. Juni 1920 endeten für MSPD,
es in erbitterten Kämpfen gelang, die einmarschierenden auf- DDP und Zentrum mit einem Desaster: Zusammen rutschten
ständischen Freikorps zum Rückzug zu zwingen. Ein Teil die- sie unter die 50-Prozent-Marke. Dieses Bündnis zwischen
ser Arbeiterwehren formierte sich zu einer etwa 50 000 Mann sozialdemokratischer Arbeiterschaft, liberalem Bürgertum

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Kampf um die Republik 1919-1923 27

Süddeutsche Zeitung Photo / Scherl


In Reaktion auf den Kapp-Lüttwitz-Putsch bewaffnen sich die Arbeiter im Ruhrgebiet. Das Foto zeigt einen Gewehr-
appell bei einer Einheit der „Roten Ruhrarmee“.

und politischem Katholizismus vermochte nie wieder eine am Aufstand im Ruhrgebiet Beteiligten sollten nur geahndet
Mehrheit zu erringen. Dagegen erzielten einerseits die USPD, werden, wenn sie aus „Rohheit“ oder „Eigennutz“ begangen
andererseits DVP und DNVP beträchtliche Gewinne. Die star- wurden. Lediglich die „Urheber“ und „Führer“ des Kapp-Lütt-
ken Einbußen der Weimarer Koalition erklären sich aus der witz-Putsches wollte man zur Rechenschaft ziehen.
seit Sommer 1919 anhaltenden politischen Polarisierung, die – Reichswehr- und Freikorpssoldaten unterstanden der Mi-
je nach Standort der Wähler – mit der Enttäuschung über die litärgerichtsbarkeit. Von 775 Verfahren wurden 486 einge-
stecken gebliebene Revolution und ihre gescheiterte Fortset- stellt. 48 Offiziere wurden ihres Dienstes enthoben, sechs
zung oder mit der Empörung über den Versailler Vertrag und nahmen ihren Abschied, die übrigen erhielten geringfügige
der Anziehungskraft der Dolchstoßlüge zusammenhing. Disziplinarstrafen. Noch milder verfuhren die zivilen Ge-
Tief enttäuscht wechselte die MSPD in die Opposition. Zen- richte. In 705 Verfahren kam es nur zu einer Verurteilung;
trum, DDP und DVP bildeten eine bürgerliche Minderheits- die anderen Verfahren wurden aus vielerlei Gründen ein-
regierung unter Reichskanzler Konstantin Fehrenbach (Zen- gestellt. Selbst hochgestellten Persönlichkeiten billigte man
trum). Reformen stand die neue Regierung fern. Die Freikorps zu, keine „Urheber“ oder „Führer“ gewesen zu sein, und am-
wurden jetzt aufgelöst, auf Druck der Alliierten auch die Ein- nestierte sie.
wohnerwehren (in Bayern im Sommer 1921). Viele ihrer Mit- Demgegenüber verhängte die Justiz gegen die Mitglieder
glieder wandten sich den deutschvölkischen Organisationen der „Roten Ruhrarmee“ zahlreiche zum Teil hohe Haftstrafen.
zu, darunter der NSDAP und der SA. Dies war kein Zufall: Die vom Kaiserreich übernommene zivi-
Zumindest in Preußen – hier regierte noch eine Weimarer le und militärische Richterschaft neigte dazu, ihre Unabhän-
Koalition – machte man jetzt ernst mit der Demokratisierung gigkeit für politisch motivierte Urteile zu missbrauchen. Wie
des öffentlichen Dienstes und entfernte in den folgenden schon die Berechnungen des Statistikers Emil Julius Gumbel
Jahren viele republikfeindliche Beamte aus ihren Positionen. 1923 zeigten, kamen vor Gericht bei denselben Delikten rech-
Preußen, das über 60 Prozent der Fläche und der Bevölkerung te politische Straftäter im Durchschnitt mit viel geringeren
der Weimarer Republik umfasste, galt Republikanern bald Strafen davon als linke.
als „Bollwerk der Demokratie“, Rechtsstehenden als „rote
Festung“. Demgegenüber entwickelte sich Bayern, der zweit-
größte Flächenstaat, in die entgegengesetzte Richtung. Die Terrorismus
MSPD wurde schon während des Kapp-Lüttwitz-Putsches in
die Opposition gedrängt; es etablierten sich rechtskonser- In den ersten Jahren der Republik wurden auf zahlreiche pro-
vative Regierungen, stets unter Beteiligung der BVP. Bayern minente Kommunisten, Sozialdemokraten, liberale und ka-
erwarb sich – je nach politischer Perspektive – den Ruf einer tholische Demokraten politisch, zum Teil auch antisemitisch
„Ordnungszelle“ bzw. eines „Hortes der Reaktion“. motivierte Mordanschläge verübt. Die Täter waren fast aus-
nahmslos ehemalige oder aktive junge Reichswehroffiziere
bzw. Freikorpsleute und gehörten in der Regel zur deutsch-
Politische Justiz völkischen Szene. Soweit sie gefasst werden konnten, kamen
sie meist mit verhältnismäßig milden Strafen davon. Spätes-
Um den politischen Frieden wiederherzustellen, verabschie- tens 1933 wurden sie vom NS-Regime amnestiert.
dete der Reichstag am 2. August 1920 ein großzügiges Amnes- Zu den bekanntesten Todesopfern zählen Rosa Luxem-
tiegesetz. Die Straftaten der am Kapp-Lüttwitz-Putsch oder burg und Karl Liebknecht (KPD-Führer, Januar 1919); Kurt

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28 Weimarer Republik

Eisner (bayerischer USPD-Ministerpräsident, Februar 1919);


Matthias Erzberger (Zentrum, Unterzeichner des Waffen-
stillstandes, früherer Reichsfinanzminister, August 1921);
Süddeutsche Zeitung Photo / Scherl

und Walther Rathenau (DDP, Außenminister, Juni 1922).


Rathenaus Ermordung löste reichsweit Protestdemonstrati-


onen aus.
Diese Attentatsserie war die extremste Folge der politi-
schen Polarisierung. In der deutschvölkischen Szene und am
rechten Rand der DNVP sowie der dazugehörigen Presse war
ein Hass- und Gewaltklima entstanden, in dem die physi-
sche Vernichtung politischer Gegner sozusagen als salonfä-
Opfer des Terrorismus: Rosa Luxemburg (KPD, 1871-1919), Kurt Eisner (USPD, hig galt.
1867-1919) Zumindest die Mordanschläge auf Erzberger und Rathenau
waren erwiesenermaßen nicht das Werk einzelner Fanatiker,
sondern einer terroristischen Vereinigung. Die Täter hatten
in der Marinebrigade Ehrhardt gedient; jetzt gehörten sie
der „Organisation Consul“ (O. C.) an. Dort erhielten sie ihre
Befehle von ihrem alten und neuen Kommandeur: Kapitän

Ehrhardt, der getarnt in Bayern lebte, wo er ausgezeichnete


Verbindungen besaß. Der Münchner Polizeipräsident Pöhner
zum Beispiel, ein NSDAP-Sympathisant, versorgte ihn mit
falschen Pässen. In der Münchner Zentrale der O. C., deren
Netz sich über ganz Deutschland erstreckte, arbeiteten zeit-
weise bis zu dreißig hauptamtliche Mitarbeiter. Nach dem
Scheitern des Kapp-Lüttwitz-Putsches verfolgte Ehrhardt
den abenteuerlichen Plan, durch eine Attentatsserie die po-
litische Linke zu einem großen Aufstand zu verleiten. Des-

Der Mordfall Luxemburg/ Wilmersdorfer Bürgerwehr in die Woh- ben ins Gesicht. Stark blutend, wird sie
Liebknecht nung ein. Liebknecht und Luxemburg ins Auto geworfen. Nach kurzer Fahrt
werden verhaftet. […] [M]an [...] schafft springt der Leutnant zur See Hermann
[…] Die Revolution stirbt im Januar 1919: die Inhaftierten ins Nobelhotel Eden, Souchon aufs linke Trittbrett des offenen
mit der Niederschlagung des sogenann- das Stabsquartier der Garde-Kavallerie- Phaeton und tötet Rosa Luxemburg
ten Spartakus-Aufstands. […] Am 12. Janu- Schützen-Division. Diese ursprünglich durch einen Schuss in den Kopf.
ar sind die Kämpfe erloschen, befinden kaiserliche Elitetruppe untersteht dem Pabst hat geplant, den Mord als spon-
sich alle strategisch wichtigen Punkte in Hauptmann Waldemar Pabst. Er befiehlt tanen Übergriff empörter Volksmassen
der Hand regierungstreuer Truppen. die Morde. auszugeben. Vogel handelt weisungswid-
Am 13. Januar marschieren Freikorps in […] Liebknecht wird im Eden bespuckt, rig. Der Wagen fährt zum Landwehrkanal.
die Stadt. Die Rache beginnt. bepöbelt, mit dem Gewehrkolben nie- An der Lichtensteinbrücke wirft Vogel
Liebknecht und Luxemburg sind auf der dergeschlagen. Um 22.45 Uhr fährt ihn die Leiche ins Wasser. Die „amtliche Dar-
Flucht und wechseln ständig das Quartier. eine Marine-Eskadron unter Führung stellung“ der Garde-Kavallerie- Schützen-
Mit Glück erreichen sie am 14. Januar in des Kapitänleutnants Horst von Pflugk- Division behauptet, eine zweite erregte
Berlin-Wilmersdorf ihr letztes Asyl: Mann- Hartung mit einem offenen NSU in Menschenmenge habe Frau Luxemburg
heimer Straße 43, die Wohnung des Kauf- den Tiergarten. Am Neuen See täuscht man der Begleitmannschaft entrissen.
manns Siegfried Marcusson, eines USPD- eine Panne vor und lässt Liebknecht aus- Ein riesiger Trauerzug geleitet am 25.
Mitglieds. Hier schreiben sie ihre letzten Ar- steigen. Pflugk-Hartung schießt ihm in den Januar die Särge Liebknechts und Dut-
tikel für die Rote Fahne. Karl Liebknecht Hinterkopf, dann feuern die anderen. zender weiterer Opfer vom Bülow-, dem
verfasst sein loderndes „Trotz alledem!“, Die Mörder fahren zurück und liefern den heutigen Rosa-Luxemburg-Platz, zum
das die Niederlage als nötige Lehre Leichnam um 23.15 Uhr in der Rettungswa- Friedhof nach Friedrichsfelde. Zwischen-
eingesteht. Die Zeit sei nicht reif gewesen che am Zoo als „unbekannten Toten“ ab. fälle bleiben aus. Die Absperrung unter-
zur Revolution. […] Rosa Luxemburgs Rosa Luxemburg sitzt derweil bei Pabst steht dem Befehl des Hauptmanns Pabst.
letzter Text, geschichtsreligiös aufgeladen, in dessen „Arbeitszimmer“ und näht ih- Einer der mitgeführten Särge ist leer.
schließt: „Ihr stumpfen Schergen! Eure ren beim Abtransport beschädigten Rock- Erst viereinhalb Monate nach der Tat, am
‚Ordnung‘ ist auf Sand gebaut. Die Revolu- saum. Sie liest in Goethes Faust, als der 31. Mai 1919, wird Rosa Luxemburgs
tion wird sich morgen schon ‚rasselnd von Pabst zum Transportführer bestimm- stark verweste Leiche von dem Schleusen-
wieder in die Höh’ richten‘ und zu eurem te Oberleutnant a. D. Kurt Vogel sie ab- arbeiter Knepel in der Landwehrka-
Schrecken mit Posaunenklang verkünden: holt und durch die Hotelhalle zum Aus- nal- Schleuse zwischen Freiarchen- und
Ich war, ich bin, ich werde sein!“ gang führt. Der Jäger Otto Wilhelm S-Bahn- Brücke gefunden. […]
In den Abendstunden des 15. Januar 1919 Runge, der schon Liebknecht geschlagen Christoph Dieckmann, „Und ob wir dann noch leben werden...“,
dringt ein Trupp der neu gegründeten hat, rammt auch ihr seinen Gewehrkol- in: Die Zeit Nr. 3 vom 10. Januar 2008

Informationen zur politischen Bildung Nr. 261/2011


Kampf um die Republik 1919-1923 29

Jahresraten von anfangs zwei, später sechs Milliarden GM. Da-


rüber hinaus waren im selben Zeitraum jährlich zwölf Prozent
des Wertes der deutschen Ausfuhr (etwa 1-2 Milliarden GM)
abzuführen. Frankreich sollte 52 Prozent, England 22 Prozent,
Italien zehn Prozent und Belgien acht Prozent der Reparatio-
nen erhalten; die restlichen acht Prozent verteilten sich auf
sonstige Kriegsgegner.
Die treibende Kraft hinter diesen harten Forderungen war
der französische Vorsitzende der alliierten Reparationskom-
mission, Raymond Poincaré. Mit Hilfe der deutschen Zah-
lungen wollte vor allem Frankreich seine Nachkriegskrise
überwinden, Kriegsschulden bei amerikanischen Gläubigern
(Banken) begleichen und Deutschland dauerhaft schwächen,
um es kriegsunfähig zu machen. Damit verband sich auch
die Idee einer territorialen Revision des Versailler Vertrages:
Erfüllte Deutschland die hohen Forderungen nicht, konnten
vertraglich festgelegte Sanktionen verhängt werden, näm-
lich die Besetzung von Teilen des Industriegebietes an Rhein
ullstein bild – A. & E. Frankl

und Ruhr durch alliierte bzw. französische Truppen. Darin sah


Poincaré die Chance, Frankreichs Ostgrenze bis an den Rhein
vorzuschieben und das Ruhrgebiet mit seiner Schwer- und
Rüstungsindustrie zu kontrollieren.

Aufbegehren gegen den Terror von rechts: Landesweit demonstrieren 1922 Londoner Ultimatum
Hunderttausende, wie hier im Berliner Lustgarten, nach der Ermordung
Walther Rathenaus. Auf der folgenden Londoner Reparationskonferenz unter-
breitete Deutschland am 1. März 1921 ein eigenes Angebot
in Höhe von 50 Milliarden GM. Die Alliierten wiesen es je-
doch zurück und beharrten auf der Annahme ihres Pariser
sen Niederschlagung durch Reichswehr, Polizei und deutsch- Zahlungsplans. Am 8. März erhöhten sie den Druck auf die
völkische Kampfverbände sollte dann zur Errichtung einer Reichsregierung durch die Besetzung der „Sanktionsstädte“
Rechtsdiktatur führen. Düsseldorf, Duisburg und Ruhrort.
Als Reaktion auf die Mordanschläge verabschiedete der In Deutschland kam es zu einer wochenlangen Regie-
Reichstag am 21. Juli 1922 das „Republikschutzgesetz“. Ver- rungskrise, die die KPD zu einem Umsturzversuch verführte.
einigungen, die es unternahmen, Regierungsmitglieder zu Ende März 1921 organisierte sie Arbeiteraufstände in Mit-
töten oder die republikanische Staatsordnung zu beseitigen, teldeutschland und in Hamburg, die jedoch von der Polizei
wurden mit hohen Strafen bedroht. Zuständig war ein neuer niedergeschlagen wurden. Auch polnische Freiwilligenver-
(1926 wieder aufgelöster) „Staatsgerichtshof zum Schutze der bände hielten die Gelegenheit für günstig und rückten –
Republik“, der jedoch nur wenig bewirkte. Im Oktober 1922 mit Duldung der französischen Besatzungsmacht – am
verurteilte er zwar 13 Personen wegen Beihilfe zur Ermordung 2. Mai 1921 in Oberschlesien ein, das sich in einer Volksab-
Rathenaus zu Freiheitsstrafen, erklärte jedoch eine Verschwö- stimmung am 20. März mit großer Mehrheit (60 Prozent) für
rung für unbewiesen. Im Januar 1923 verbot er den Deutsch- den Verbleib bei Deutschland entschieden hatte. Sie wurden
völkischen Schutz- und Trutzbund; aber dessen Mitglieder von deutschen Freiwilligen vertrieben. Dennoch musste
verteilten sich einfach auf andere völkische Organisationen, Ostoberschlesien aufgrund eines Beschlusses des Völker-
darunter die NSDAP. Als Ende 1924 doch noch ein Prozess ge- bundrates an Polen abgetreten werden, was in Deutschland
gen Mitglieder der O. C. stattfand, wurden diese „ehrenhaften, neuerliche Verbitterung auslöste und dem Ansehen der Re-
wahrheitsliebenden und unerschrockenen Männer“ (so der publik schadete.
Oberreichsanwalt als Anklagevertreter) freigesprochen. Da die DVP die Übernahme der Reparationsverpflichtungen
nicht mitverantworten wollte, trat die Regierung Fehrenbach
am 4. Mai 1921 zurück. Am Tag darauf verlangten die Sieger-
mächte die Annahme ihrer Forderungen, die sie aber inzwi-
schen fast auf die Hälfte verringert hatten: 132 Milliarden
Reparationsprobleme GM, Jahreszahlungen für Zinsen und Tilgung in Höhe von
etwa zwei Milliarden GM, ferner Abgabe von 26 Prozent des
jährlichen Exportwertes – anderenfalls werde ab 12. Mai das
Nach langer Vorbereitung – ohne deutsche Beteiligung – ent- Ruhrgebiet besetzt. Die am 10. Mai neu gebildete Weimarer
schieden die Alliierten am 29. Januar 1921 in Paris über die (Minderheits-)Regierung unter Reichskanzler Joseph Wirth
von Deutschland zu erbringenden Reparationen. Die deut- (Zentrum) sah sich gezwungen, dieses „Londoner Ultimatum“
sche Öffentlichkeit zeigte sich über das Ergebnis schockiert; anzunehmen.
die Regierung Fehrenbach erklärte die Forderungen für weder Die alliierten Reparationsbeschlüsse waren Wasser auf die
annehmbar noch erfüllbar. Denn ab 1. Mai 1921 sollten 226 Mil- Mühlen der konservativen und rechtsradikalen Gegner der
liarden Goldmark (GM) gezahlt werden, verteilt auf 42 Jahre, in Weimarer Republik; sie gaben der Dolchstoßlegende und der

Informationen zur politischen Bildung Nr. 261/2011


30 Weimarer Republik

Kriegsunschuldspropaganda neue Nahrung. Aus der Sicht der begrenzten (geheim gehaltenen) Zusammenarbeit: Beim
Reichsregierung überforderten auch die Londoner Beschlüsse Aufbau ihrer Rüstungsindustrie und bei der Entwicklung mo-
bei weitem die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft derner schwerer Waffen (Panzer, Flugzeuge, Artillerie) konn-
und die Zahlungsfähigkeit des deutschen Staates. Daher rang te die Sowjetunion die Hilfe deutscher Experten in Anspruch
die Regierung 1921/22 mit den Alliierten ständig um Zahlungs- nehmen. Im Gegenzug fuhren Reichswehroffiziere nach
aufschübe und um die Umwandlung von Geldzahlungen in Russland zur Ausbildung an diesen Waffen, die Deutschland
Sachlieferungen, damit Staatsverschuldung und Inflation aufgrund des Versailler Vertrages weder besitzen noch her-
nicht außer Kontrolle gerieten. Die französische Regierung stellen durfte.
argwöhnte hinter diesen Bemühungen, dass Deutschland sei- Die Reichsregierung versprach sich von der Verständigung
ne Zahlungsverpflichtungen zu umgehen versuchte. mit Moskau auch eine Stärkung ihrer Verhandlungsposition
gegenüber den Westmächten. Doch „Rapallo“ verhärtete eher
die Fronten, denn es stellte sich die Frage, ob das Abkommen
eine allgemeine deutsche Option für den Osten und gegen den
Westen bedeutete – und womöglich eine Gefährdung Polens.
Deutsch-russisches Abkommen Tatsächlich löste Rapallo in der deutschen Rechten zum Teil
abenteuerliche Spekulationen aus. General von Seeckt zielte
in einer geheimen Denkschrift vom 11. September 1922 bereits
Vom 10. April bis zum 19. Mai 1922 fand in Genua eine Welt- auf die Wiederherstellung Deutschlands und Russlands „in
wirtschaftskonferenz unter Beteiligung Deutschlands statt. den Grenzen von 1914“, was eine neuerliche Aufteilung Polens
Die USA und die Türkei blieben ihr fern, unter anderem, weil bedeutet hätte. Mit Polen werde zugleich auch die „stärkste
das bolschewistische Russland eingeladen war. Während Säule des Versailler Vertrages“ fallen: die „Vormachtstellung
die Konferenz ergebnislos endete, sorgten Deutschland und Frankreichs“.
Russland für eine Überraschung. Am 16. April schlossen ihre
Delegationen in Rapallo einen Vertrag über die Aufnahme
diplomatischer Beziehungen, den gegenseitigen Verzicht auf
die Erstattung von Kriegsschäden und Kriegskosten, den deut-
schen Verzicht auf Entschädigungen für sozialisiertes Eigen- Ruhrbesetzung
tum in Russland und die Errichtung von Handelsbeziehungen
nach dem Grundsatz der „Meistbegünstigung“ (das heißt, die
Vertragspartner wollten sich gegenseitig die vorteilhaftes- „Nun geht das Krisenjahr zu Ende. Die inneren und äußeren
ten Handelsbedingungen einräumen, die sie bereits anderen Gefahren waren so groß, dass sie Deutschlands ganze Zu-
Staaten gewährten). kunft bedrohten“, schrieb der britische Botschafter in Berlin,
Deutschland und die Sowjetunion überwanden in Rapallo Viscount d'Abernon, am 31. Dezember 1923 in sein Tagebuch.
ihre außenpolitische Isolation und erweiterten – ungeachtet Tatsächlich wurde die Republik in jenem Jahr heftiger denn je
ihrer ideologischen Gegensätze – ihre wirtschaftlichen Be- von einer ganzen Serie schwerer wirtschaftlicher und politi-
ziehungen. Sogar auf militärischem Gebiet kam es zu einer scher Krisen geschüttelt.

Der deutsche Reichskanzler Joseph Wirth (2. v. l.), der sowjetische Botschafter in Großbritannien Leonid B. Krassin
(Mitte), der Außenkomissar Georgij W. Tschitscherin (mit Mappe) und Adolf A. Joffe, sowjetischer Gesandter in
Deutschland (rechts), im Gespräch während der Rapallo-Verhandlungen in Genua
Süddeutsche Zeitung Photo / Scherl

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Kampf um die Republik 1919-1923 31

Süddeutsche Zeitung Photo / Scherl


Während der Ruhrbesetzung führen deutsche Sabotageakte und Anschläge sowie Vergeltungsmaßnahmen der französischen Besatzer zu einem gewalt-
tätigen Klima. Hier bedroht ein französischer Soldat einen älteren Passanten.

Wegen der akuten wirtschaftlichen und finanziellen Probleme botageakten verurteilte ihn ein französisches Militärgericht
des Reiches (Verbrauch der Gold- und Devisenvorräte für die Re- zum Tode; trotz landesweiter und internationaler Proteste
parationen, Staatsverschuldung, Währungsverfall) verzichteten wurde er am 26. Mai 1923 hingerichtet.
die Alliierten im August 1922 vorläufig auf Geldleistungen. Zum
Ausgleich verlangten sie eine Erhöhung der Sachlieferungen,
unter anderem von Holz (Telegrafenstangen) und Kohle.
Als das Reich die Holz- und Kohlelieferungen bis Ende 1922
nicht erfüllen konnte, stellte die alliierte Reparationskommis- Hyperinflation
sion mehrheitlich einen Verstoß gegen den Versailler Vertrag
fest. Am 10. Januar wurde der Reichsregierung eine franzö-
sisch-belgisch-italienische Ingenieurkommission angekün- Die durch Zinszahlung und Schuldentilgung bereits ange-
digt, die unter dem Schutz der dazu „erforderlichen Truppen“ spannte Haushaltslage des Reiches wurde durch die Pro-
die Kohleproduktion kontrollieren werde. Tags darauf begann duktions- und Steuerausfälle im Ruhrgebiet und durch die
der Einmarsch von fünf französischen Divisionen und einer Unterstützung der Ausgesperrten und Ausgewiesenen dra-
belgischen Division in Essen und Gelsenkirchen. Die Beset- matisch verschärft. Diese Kostenlawine versuchte die Re-
zung wurde über Bochum und Dortmund nach Osten ausge- gierung mit immer höheren Krediten der Reichsbank und
dehnt; die Invasionstruppen erreichten im Laufe des Jahres durch immer häufigere Betätigung der Notenpresse zu be-
eine Stärke von 100 000 Mann. wältigen.
Ganz Deutschland wurde von einer nationalen Protestwelle Aus der bereits galoppierenden Inflation wurde im Juni
erfasst. Sämtliche Reparationslieferungen wurden eingestellt 1923 eine Hyperinflation. Das Giralgeld und das umlaufen-
und die Beamten angewiesen, jede Zusammenarbeit mit den de Bargeld wuchsen je auf rund 500 Trillionen Mark an. Ge-
Besatzern zu vermeiden. Reichspräsident Ebert rief am 13. Fe- meinden und Großbetriebe gaben zusätzlich „Notgeld“ in
bruar die Bevölkerung zum „passiven Widerstand“ auf. Höhe von 200 Trillionen Mark aus. Reichsbanknoten mit as-
Die Invasionstruppen überwachten den Abtransport von tronomischen Nennwerten zeugten vom Kaufkraftverfall
Holz und Kohle, fanden aber bald kein mitarbeitsbereites Per- der deutschen Währung; der Dollar-Kurs stieg steil an. Die
sonal mehr. Daraufhin legten sie Zechen und Fabriken still, Flucht in den Dollar, in Sachwerte und Immobilien be-
beschlagnahmten öffentliche Kassen und Firmenkassen und schleunigte sich. Den Preissteigerungen in immer kürzeren
wiesen 180 000 Personen aus der Region aus. Von den Be- Abständen hinkten die Löhne hinterher. Schließlich traten
satzern verursachte Gewaltakte und Unfälle forderten bis Au- Naturalien (beispielsweise Lebensmittel, Zigaretten, Kohle)
gust 1924 137 Tote und 603 Verletzte. als Zahlungsmittel an die Stelle des Bargeldes. Als der Ein-
Der volkswirtschaftliche Gesamtschaden der Ruhrbeset- zelhandel seine Waren zu horten begann, kam es zu Hunger-
zung belief sich auf 3,5 bis vier Milliarden GM. demonstrationen und Plünderungen. Im Berliner Scheunen-
Entgegen den Appellen der Reichsregierung entwickelte sich viertel, wo viele eingewanderte „Ostjuden“ lebten, führte das
auch ein aktiver Widerstand rechtsradikaler Sabotagetrupps. Gerücht, die Brotversorgung werde von Juden manipuliert,
Diese sprengten einige Kanalbrücken und Gleise, um den Ab- am 5./6. November zu antisemitischen Ausschreitungen.
transport von Reparationsgütern zu verhindern; sie überfielen Gewinner der Inflation waren die Schuldner – vor allem
französische und belgische Posten und töteten mindestens viele Bauern, die sich von ihren Schulden aus der Vorkriegs-
acht Kollaborateure. Zur Märtyrerfigur des gesamten Wider- zeit befreiten, und der Staat, der seine Kriegsanleihen bei den
standes gegen die Ruhrbesetzung wurde der 29-jährige Albert Bürgern ablöste. Ferner profitierten Mieter und Pächter, be-
Leo Schlageter, ehemaliger Freikorpssoldat, Mitglied der NSDAP sonders aber Exportunternehmer, die bei sinkenden Kosten
und anderer deutschvölkischer Verbände. Nach mehreren Sa- für ihre Produkte im Ausland harte Dollars erhielten. Dem

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32 Weimarer Republik

devisenstarken Großunternehmer und DVP-Reichstagsab-


geordneten Hugo Stinnes war es schon 1920 bis 1922 gelun-
gen, mit kreditfinanzierten Eigentumsanteilen an mehr als
1600 Betrieben die „Siemens-Rheinelbe-Schuckert-Union“
zu gründen (nach seinem Tod 1924 löste sie sich wieder auf).
Sein Geschäftspartner Friedrich Flick, ebenfalls DVP-Mit-
glied, erwarb durch geschickte Börsenspekulationen Indus-
trieanteile im Werte von 100 Millionen GM.
Verlierer waren die Gläubiger, die für „gutes“ verliehenes
Geld jetzt wertloses zurückerhielten, ebenso die Bezieher
fester Geldeinkommen (Arbeitnehmer, Rentner, Vermieter,
Verpächter), mit denen man immer weniger kaufen konnte,
und die Besitzer von Sparguthaben. Viele Menschen waren
sowohl Gewinner als auch Verlierer – was überwog, zeigte
erst ihre persönliche Bilanz.

Währungsreform

ullstein bild
Die seit November 1922 amtierende DVP-Zentrum-DDP-Re-
gierung unter dem parteilosen Reichskanzler Wilhelm Cuno
musste erkennen, dass der Kampf gegen die Ruhrbesetzung Wertlose Bauklötze: Nach der Währungsreform 1923 spielen Kinder mit
in den wirtschaftlichen Ruin führte; am 12. August 1923 trat Bergen des veralteten Papiergeldes.

Der Mittelstand erlebt die Inflation

Aus den Erinnerungen des Schriftstel- zweimal täglich, reichte gerade für das es verschlug uns fast den Atem, als wir
lers Rudolf Pörtner (geb. 1912) nackte Leben. Noch im hohen Alter hat die erste Rentenmark zunächst beäu-
Ich will nicht verschweigen, dass wir zu- er häufig von dem defekten Ofen- gen, dann sogar wie eine wundertätige
nächst Nutznießer der fürchterlichen rohr in der Küche (also unserem Lebens- Reliquie in die Hand nehmen durften.
Geldvernichtung waren. Das Ehepaar raum) erzählt, aus dessen Löchern und Die Stöße übrig gebliebenen Inflati-
Pörtner hatte sich 1922 kurzfristig Ritzen ein bronchien- und schleimhaut- onsgeldes haben wir dann genutzt, die
entschlossen, ein im Entstehen begrif- feindlicher Rauch quoll, ohne dass getünchten Wände unserer wenig
fenes Haus in der Melberger Kron- wir die Möglichkeit gehabt hätten, dem einladenden Toilettenanlage zu tape-
prinzenstraße, auf der Westseite von Bad Übelstand abzuhelfen. Es gab ja zieren, unseren Lokus, mit Verlaub
Oeynhausen, zu kaufen. Kostenpunkt: keine Ofenknie und wenn, dann nicht zu sagen, in ein Billionenkabinett zu ver-
800 000 Mark. Als wir am 1. April 1923 für die lächerlichen Milliardenscheine, wandeln. Die Hauptattraktion war
einzogen, war das ein Betrag, der die acht Tage nach Erscheinen nicht eine aus Millionenscheinen montierte
selbst sensible Gemüter nicht mehr zu einmal mehr das Papier wert waren, aus Zahl mit sechsunddreißig Nullen,
beunruhigen vermochte. Ein Griff in dem sie bestanden. die in Worten auszudrücken uns nie ge-
die Westentasche genügte, alle Verbind- Was die Ablösung der homöopa- lungen ist. Wir hätten schon einen
lichkeiten einschließlich der hypo- thisch ausgedünnten Währung durch Astronomen zurate ziehen müssen.
thekarischen Eintragungen aus der Welt die Rentenmark im November 1923
zu schaffen. bedeutete, lässt sich heute nicht mehr Rudolf Pörtner (Hg.), Alltag in der Weimarer Republik.
Leider war das Haus erst halb fertig, ermessen. Es war, als wenn ein Er- Erinnerungen an eine unruhige Zeit, Econ, Düsseldorf 1990,
S. 360 f.
als wir es übernahmen: halb fertig, trinkender, in einer Springflut von Pa-
miserabel gebaut, aus Altmaterialien zu- piergeld fast schon versunken, plötz-
sammengeschustert. Inzwischen lich Boden unter den Füßen verspürt hät-
arbeiteten die Handwerker nur noch ge- te. Als mein Vater mit dem ersten
gen Naturalien. Damit konnten wir wertbeständigen Zahlungsmittel heim-
natürlich nicht dienen, und das Geld, das kehrte, traten wir wie zur Besichtigung
Vater ausbezahlt bekam, zuletzt einer säkularen Kostbarkeit an, und

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Kampf um die Republik 1919-1923 33

sie zurück. Gustav Stresemann (DVP) bildete ein Kabinett


der „Großen Koalition“ (SPD – DDP – Z – DVP), verkündete am
26. September das Ende des passiven Widerstandes und
leitete eine Währungsreform ein. Die am 15. November
übergangsweise eingeführte „Rentenmark“ (1 Rentenmark =
1 Billion Papiermark [das heißt Inflationsgeld] bei 4,2 Ren-
tenmark für den Dollar) wurde rasch als Zahlungs- und
Wertaufbewahrungsmittel akzeptiert. Auch schuf sie die
Voraussetzung für konstruktive Reparationsverhandlungen, Ebert mit der Verhängung des Ausnahmezustandes über
die zum Dawes-Plan führten (siehe S. 36). Am 30. August ganz Deutschland. Er übertrug die vollziehende Gewalt auf
1924 erfolgte die Ablösung der Rentenmark durch die gold- Reichswehrminister Geßler; de facto lag sie beim Chef der
gedeckte, voll konvertierbare „Reichsmark“. Heeresleitung, General von Seeckt.
Der mit diktatorischen Vollmachten ausgestattete Kahr
bildete mit dem bayerischen Wehrkreiskommandeur, Ge-
neral Otto von Lossow, und dem Chef der bayerischen Lan-
despolizei, Oberst Hans von Seißer, eine Art „Triumvirat“
Rechtsdiktatur in Bayern (Drei-Männer-Bündnis). In den folgenden Wochen wurde
in Bayern unter anderem das Republikschutzgesetz außer
Kraft gesetzt, linke Organisationen und Zeitungen verboten
Für einen politischen Schlag gegen die Weimarer Republik und mehrere hundert jüdische Familien, die vor Jahrzehnten
sorgte die rechtskonservative bayerische Staatsregierung aus Osteuropa eingewandert waren („Ostjuden“), aus Bayern
unter Ministerpräsident Eugen Ritter von Knilling. Um in ausgewiesen. Das Triumvirat zielte auf eine reichsweite Dik-
Bayern eine Diktatur zu errichten, berief sie sich am 26. Sep- tatur mit Hilfe eines „Marsches auf Berlin“ (nach dem Vor-
tember 1923 – ohne nachvollziehbare Voraussetzungen – auf bild des „Marsches auf Rom“ der italienischen Faschisten
Artikel 48 Abs. 4 WV, der auch einer Landesregierung Not- unter Benito Mussolini am 28. Oktober 1922); es hoffte dabei
standsmaßnahmen erlaubte. Sie verhängte den Ausnahme- auf die Unterstützung des Chefs der Heeresleitung. Seeckt
zustand über Bayern, ernannte den Regierungspräsidenten hegte zwar Sympathien für die neuen Münchner Machtha-
von Oberbayern und früheren Ministerpräsidenten Gustav ber und verhinderte eine Reichsexekution gegen das Land
Ritter von Kahr zum „besonderen Generalstaatskommis- Bayern, getreu seiner Devise, Reichswehr schieße nicht auf
sar“ und übertrug ihm die vollziehende Gewalt. Auf die- Reichswehr. Mehr aber unternahm er nicht, sondern hielt
sen offenkundigen Hochverrat reagierte Reichspräsident sich geschickt im Hintergrund.

Aus den Erinnerungen des Buchautors Tag, schließlich täglich. Dann sausten sie liche Pensionsrechnung bezahlen, auch
Curt Riess (geb. 1902) mit Erlaubnis der Geschäftsleitung die Straßenbahn nach Dresden, eine
[...] Diejenigen aber, die alles verloren, oder auch der Betriebsleitung in die na- Karte für die Oper oder das Schauspiel-
waren in der großen Mehrheit. Was hen Geschäfte und kauften ein. Und haus und die Fahrt zurück. Und das al-
uns persönlich anging – mein Vater be- die Geschäftsinhaber brachten das ein- les für einen Dollar, wenn ich überhaupt
griff erst, woran er war, als er feststel- genommene Geld so schnell wie mög- den ganzen Dollar, will sagen die Un-
len musste, dass die Rechnung für 3,20 lich auf die Bank und kauften dafür, summen an Mark, innerhalb von 24
Meter Tuch, aus dem ein Anzug ge- wenn irgend möglich, fremde Währun- Stunden ausgeben konnte.
macht werden konnte, höher war als die gen, vor allem Dollar, Pfund oder [...] Natürlich erhöhte auch die Pension
Rechnung, die er einem Kunden für Schweizer Franken. ihre Tagesrechnungen, die elek-
den Anzug ausstellen konnte. Von die- Ich erinnere mich noch, wie grotesk trische Straßenbahn ihre Gebühren,
sem Tag an fertigte er nur noch An- die Zustände wurden, weil ich sie am natürlich musste man auch für einen
züge gegen Dollar an. So blieb ihm sein eigenen Leib zu spüren bekam. Ich war Platz im Opernhaus im Laufe von
Geschäft erhalten. Aber nicht jeder krank geworden, und ich sollte zur zwei Wochen mehr und mehr zahlen.
deutsche Kaufmann reagierte so schnell. Erholung in den „Weißen Hirsch“, den Aber so schnell konnten die Behör-
Viele gingen zugrunde. damals noch feudalen Kurort ober- den mit ihren Preisen gar nicht nach-
Und wie stand es um die so genann- halb von Dresden. Mein Vater hatte mir ziehen, wie die Mark stürzte.
ten kleinen Leute, die Gehaltsem- für vierzehn Tage vierzehn Dollar mit- Freilich, ich war in einer bevorzugten
pfänger? Sie mussten am Ende des Mo- gegeben, in Scheinen, die man in Mark Position. Wer konnte schon von Dollar-
nats feststellen, dass sie sich für den umwechseln konnte. Er hatte mir scheinen leben?
Lohn, den sie erhielten, so gut wie nichts eingeschärft, jeden Tag zu warten, bis
Curt Riess, „Weltbühne Berlin“ in: Rudolf Pörtner (Hg.),
mehr kaufen konnten. Um diesem der jeweils neue Dollarkurs verkündet Alltag in der Weimarer Republik. Erinnerungen an eine
Desaster abzuhelfen, wurde es zur Regel, wurde. Das war so um 15 Uhr. unruhige Zeit, Econ, Düsseldorf 1990, S. 34 f.
dass Angestellte und Arbeiter nicht Um 15 Uhr wechselte ich also einen
mehr monatlich bezahlt wurden, son- Dollar und bekam dafür die entspre-
dern wöchentlich, dann jeden dritten chende Marksumme und konnte die täg-

Informationen zur politischen Bildung Nr. 261/2011


34 Weimarer Republik

zeistationen und besetzten öffentliche Gebäude. Die Hinter-


gründe sind ungeklärt; entweder wollte die aktionistische
Hamburger KPD-Leitung die vorsichtigere Parteiführung in
Berlin doch noch zum Losschlagen zwingen, oder sie wurde
von ihren Delegierten, die in Chemnitz erst nach der Konfe-
renz eintrafen, irrtümlich falsch informiert. Die Polizei schlug
Kommunistische Umsturzversuche den Aufstand binnen weniger Tage nieder; 24 Kommunisten
und 17 Polizisten kamen bei den Kämpfen ums Leben.

Ende August 1923 beurteilte das Politbüro der KPdSU die kri-
senhafte Entwicklung in Deutschland als revolutionäre Situ-
ation und beschloss, eine „Oktoberrevolution“ der KPD (nach
dem Vorbild Russlands von 1917) mit allen Mitteln zu unter- Hitlerputsch
stützen. Es gab sogar Vorbereitungen für eine groß angeleg-
te militärische Intervention. Denn im Falle einer deutschen
Revolution mit sowjetischer Hilfe erwartete man einen Krieg Im Laufe des Jahres 1923 konnte die NSDAP von der krisen-
zuerst mit dem Durchmarschland Polen, danach mit Frank- haften Entwicklung stark profitieren. Ihre Mitgliederzahl
reich, England und den baltischen Ländern. Nach einem Sieg stieg sprunghaft auf 55 000; sie hatte sich in Bayern zur ak-
der KPD würde das hoch industrialisierte „Sowjetdeutsch- tivsten rechtsradikalen Kraft entwickelt. Die SA gehörte zum
land“, so kalkulierte man in Moskau, den wirtschaftlichen „Deutschen Kampfbund“, einem Zusammenschluss der drei
Aufbau der noch überwiegend agrarischen Sowjetunion un- radikalsten (von Reichswehroffizieren ausgebildeten) Wehr-
terstützen. verbände, der von Hitler und Ludendorff – inzwischen die
Im September begann die KPD mit der konkreten Vorbe- Galionsfigur des deutschvölkischen Lagers – geleitet wurde.
reitung revolutionärer Aktionen, die sie am 9. November, Hitler verkehrte in den besten Münchner Kreisen und galt
dem symbolträchtigen Jahrestag der Revolution von 1918/19, in Bayern vielen bereits als „deutscher Mussolini“, dem ein
auslösen wollte. Moskau half mit Geld und Militärexperten „Marsch auf Berlin“ gelingen konnte.
bei der Aufstellung „Proletarischer Hundertschaften“ (ca. Hitler beschloss, die Initiative an sich zu reißen und am
50 000-60 000 Mann, darunter auch Sozialdemokraten). Au- 9. November – für die Rechtsradikalen ein Symbol der „natio-
ßerdem nutzte die KPD die Chance, durch den Eintritt in SPD- nalen Schmach“ – den gegenrevolutionären Umsturz zu wa-
geführte Landesregierungen am 10. Oktober in Dresden, am gen. Vorher wollte er Kahr, Lossow und Seißer, die am Abend
16. in Weimar in staatliche Machtpositionen zu gelangen. Von des 8. November im Münchner Bürgerbräukeller eine politi-
Sachsen und Thüringen sollte der „deutsche Oktober“ seinen sche Versammlung abhielten, überrumpeln und mitreißen.
Ausgang nehmen. Die zum linken Flügel der SPD zählenden Die SA umstellte das Lokal. Hitler ließ den Saal mit einem
sächsischen und thüringischen Sozialdemokraten verspra- Maschinengewehr in Schach halten und verschaffte sich mit
chen sich von einer Koalition mit den Kommunisten einer- einem Pistolenschuss in die Decke Gehör. Er proklamierte
seits die Überwindung der Feindschaft zwischen den beiden die „nationale Revolution“, erklärte die bayerische und die
Arbeiterparteien; andererseits wollten sie mit Hilfe der „Pro- Reichsregierung für abgesetzt und kündigte die Bildung einer
letarischen Hundertschaften“ den aus Bayern befürchteten „nationalen Regierung“ an. Anschließend beschworen in ei-
„Marsch auf Berlin“ stoppen. Die revolutionären Absichten nem Nebenraum der NSDAP-Führer und der erst jetzt herbei-
der KPD nahmen sie nicht wahr. geholte Ludendorff das Triumvirat, den „Marsch auf Berlin“
Anders als in Bayern handelte es sich in Sachsen und Thü- mitzuorganisieren und in eine Regierung Hitler einzutreten –
ringen um legitime parlamentarische Mehrheitsregierun- scheinbar erfolgreich. Das Publikum bejubelte die Einigung;
gen. Jedoch verstießen die „Proletarischen Hundertschaften“
gegen den Versailler Vertrag. Außerdem hielten Ebert und
Die Leibgarde des NSDAP-Führers „Stoßtrupp Hitler“ am 9. November
Stresemann Kommunisten in Staatsämtern für untragbar.
1923 in München
Der Reichspräsident ordnete daher am 29. Oktober 1923 ge-
gen Sachsen, am 6. November gegen Thüringen die Reichsex-
ekution an. Reichswehrtruppen marschierten nach Dresden
und Weimar; es gab mehrere Dutzend Tote und Verletzte.
Die „Proletarischen Hundertschaften“ wurden aufgelöst, die
kommunistischen Minister entlassen (Sachsen), oder sie tra-
ten zurück (Thüringen).
Der „deutsche Oktober“ war allerdings schon kurz vor den
Reichsexekutionen wieder abgeblasen worden. Anders als
bei früheren Aufständen scheute die KPD diesmal das Risi-
ko, mit einer isoliert bleibenden Aktion zu scheitern. Daher
versammelte sie am 21. Oktober in Chemnitz 450 Arbeiter-
delegierte – Kommunisten, Gewerkschafter und einige So-
zialdemokraten, hauptsächlich aus Sachsen und Thüringen.
Die Konferenzteilnehmer lehnten revolutionäre Aktionen
mehrheitlich ab. Trotzdem kam es noch zu einem Aufstand
akg-images

in Hamburg am 23. Oktober: Bewaffnete kommunistische


Trupps – rund 300 Mann – überfielen wie geplant 17 Poli-

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Kampf um die Republik 1919-1923 35

die SA nahm sicherheitshalber im Saal noch einige promi- Gebiete in selbstständige, eng mit Frankreich und Belgien
nente Geiseln; dann löste sich die Versammlung auf. zusammenarbeitende Territorien zu verwandeln. Poincaré –
Noch in der Nacht trafen Kahr, Lossow und Seißer Maßnah- seit 1922 französischer Ministerpräsident – sah die Chance
men zur Unterdrückung des Putsches. Am Morgen des 9. No- zur Schaffung eines unabhängigen rheinischen Staates und
vember musste Hitler erkennen, dass sein Umsturzversuch damit zur Abtrennung des Ruhrgebietes vom Deutschen
isoliert bleiben würde. Daran konnte auch ein eilig improvi- Reich. Die Separatisten versprachen sich wirtschaftliche und
sierter Demonstrationsmarsch des „Deutschen Kampfbun- politische Vorteile für die ausgegliederten Regionen. Am
des“ um die Mittagszeit nichts mehr ändern. An der Feld- 21. Oktober riefen sie eine „Rheinische Republik“ aus, am
herrnhalle stieß der von Hitler und Ludendorff angeführte 12. November eine „Autonome Pfalz“. In Aachen, Koblenz,
Zug von mehreren tausend Personen auf eine Absperrung der Bonn, Wiesbaden, Trier und Mainz stürmten sie die Rathäu-
bayerischen Landespolizei. Es kam zu einem Handgemenge ser. Die Reichsregierung war machtlos, da sie keine Truppen
und zu einem kurzen Feuergefecht, bei dem 14 Demonstran- in die entmilitarisierte Zone schicken durfte. Die separatis-
ten und drei Polizisten starben. Die Menge stob auseinander; tischen Bewegungen, denen sich auch kriminelle Elemente
Hitler floh zu einem Freund und wurde dort einige Tage spä- anschlossen, scheiterten jedoch innerhalb weniger Monate
ter verhaftet. Der dilettantische Frühstart der NSDAP machte einerseits am energischen Widerstand der Bevölkerung. An-
alle Pläne für einen „Marsch auf Berlin“ zunichte. dererseits lehnten Großbritannien und die USA eine Loslö-
Der anschließende Hochverratsprozess gegen Hitler, Lu- sung des Ruhrgebietes von Deutschland wegen der unab-
dendorff und andere geriet zu einer Farce. Die Angeklagten – sehbaren internationalen wirtschaftlichen und politischen
in den Augen der Richter Männer von „rein vaterländischem Risiken ab. Im Februar 1924 ließ Poincaré die separatistischen
Geist“ und „edelstem selbstlosen Willen“ – durften Propa- Bewegungen fallen und besiegelte damit ihr Ende.
gandareden gegen die Republik und ihre Politiker halten; der
Ankläger agierte eher wie ein Verteidiger. Am 1. April 1924
erhielten Hitler und drei weitere Angeklagte lediglich fünf
Jahre (ehrenvolle) Festungshaft mit der Aussicht auf Begna-
digung nach sechs Monaten; die übrigen kamen mit noch Sturz der Regierung
geringeren Strafen davon. Ludendorff wurde sogar freige-
sprochen. Das Gericht lehnte es ausdrücklich ab, auf „einen
Mann, der so deutsch denkt und fühlt wie Hitler“, die Be- In der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion herrschte
stimmungen des Republikschutzgesetzes anzuwenden und Empörung darüber, dass die (aufs Ganze gesehen erfolgrei-
ihn als wegen Hochverrats verurteilten Ausländer nach Ös- che) Regierung Stresemann gegen die Rechtsdiktatur des Tri-
terreich abzuschieben. umvirates in Bayern praktisch nichts unternahm, gegen die
SPD-KPD-Regierungen in Sachsen und Thüringen dagegen
die Reichswehr einsetzte. Am 2. November 1923 schieden die
SPD-Minister aus der Reichsregierung aus. Als der Kanzler am
23. November bei der Abstimmung über die Vertrauensfrage
Separatistenbewegungen eine Niederlage erlitt, trat er zurück. Neuer Regierungschef
einer bürgerlichen Minderheitsregierung (DDP, Zentrum/
BVP, DVP), der Stresemann als Außenminister angehörte,
Seit Ende September 1923 verstärkten separatistische Bewe- wurde der Zentrumsführer Wilhelm Marx.
gungen im preußischen Rheinland, in der bayerischen Pfalz Das Jahr 1923 markierte den Höhepunkt der krisenhaf-
und in Rheinhessen mit Unterstützung der französischen ten Nachkriegsentwicklung in Deutschland. Die Hauptkri-
und belgischen Besatzungsmacht ihre Bestrebungen, diese sen dieses Jahres waren die Ruhrbesetzung und die durch
den passiven Widerstand verstärkte Währungszerrüttung.
Sie wurden durch vernünftiges politisches Handeln gelöst:
Separatisten prügeln im Rheinland auf einen deutschen Polizisten ein. Die
Frankreich blieb mit seiner überharten Deutschlandpolitik
berittenen französischen Besatzungstruppen lassen sie gewähren.
im Kreise der Siegermächte isoliert und musste schließlich
einlenken. Die nach dem unvermeidlichen Abbruch des pas-
siven Widerstandes durchgeführte Währungsreform, die
Sozialdemokraten wie Deutschnationale mittrugen, wurde
rasch zum Erfolg.
Bei den übrigen Gefahren handelte es sich um gezielt aus-
gelöste Nebenkrisen, die mehr oder weniger aus denselben
Gründen scheiterten: Der „deutsche Oktober“ musste bereits
in Sachsen und Thüringen vorzeitig abgebrochen werden,
der „Marsch auf Berlin“ gelangte nicht einmal über München
hinaus, und der rheinische Separatismus brach kläglich zu-
sammen, nicht nur weil die Akteure dilettantisch vorgingen,
sondern vor allem, weil eine „Diktatur des Proletariats“ nach
sowjetischem Muster, ein „Führerstaat“ nach italienischem
Vorbild oder eine Zerstörung der Reichseinheit jeweils nur ei-
ner kleinen Minderheit der Bevölkerung als erstrebenswert
ullstein bild

galt. Deshalb erreichten die Nachkriegskrisen 1923 mit ihrem


Gipfel zugleich auch ihr Ende.

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36 Weimarer Republik

Reinhard Sturm

Zwischen Festigung und


Gefährdung 1924-1929

Außenpolitische Erfolge und ein – wenngleich unsicherer –


wirtschaftlicher Aufschwung bescherten der Weimarer
Republik eine vorübergehende Konsolidierungsphase.
Sozialpolitische Maßnahmen wurden verstärkt, es begann

akg-images
eine Zeit der kulturellen Blüte.

1926 erreicht Außenminister Stresemann die Aufnahme Deutschlands in


den Völkerbund. Hier bei seiner Antrittsrede in Genf am 10. September 1926

I m Laufe des Jahres 1924 mehrten sich die Anzeichen für eine
Stabilisierung der Weimarer Republik. Tatsächlich war das
folgende Jahrfünft durch außen- und reparationspolitische Er-
niedriger ausfallen („Transferschutz“). Als Starthilfe wurde
ein US-Kredit über 800 Millionen RM gewährt, sodass von
der ersten Jahressumme nur 200 Millionen RM aus Eigen-
folge, wirtschaftlichen Aufschwung sowie gesellschafts- und mitteln aufgebracht werden mussten.
sozialpolitische Fortschritte gekennzeichnet. Vor diesem Hin- Ein alliierter Reparationsagent mit Sitz in Berlin, der US-Fi-
tergrund beruhigte sich die innenpolitische Lage, während nanzexperte Parker Gilbert, übernahm die Organisation der
Kunst und Kultur eine Blütezeit erlebten. Diese erfreuliche Ge- Reparationszahlungen.
samtentwicklung wurde jedoch immer wieder durch gegen-
läufige Tendenzen infrage gestellt. Zeitliche Begrenzung und endgültige Höhe der Reparationen
blieben weiterhin offen; dennoch waren die neuen Bedingun-
gen wesentlich günstiger als die des Londoner Ultimatums
vom Mai 1921. Am 1. September 1924 trat der Dawes-Plan in
Kraft; die Ruhrbesetzung wurde bis September 1925 wieder
Außenpolitische Erfolge aufgehoben.

Eine erste Entspannung in der Reparationsfrage brachte der Verträge von Locarno
von der alliierten Reparationskommission und Deutsch-
land angenommene „Dawes-Plan“. Seine wichtigsten, von Im Zuge der durch den Dawes-Plan bewirkten Verbesserung
dem US-Bankier Charles Dawes entwickelten Grundsätze des politischen Klimas tagten vom 5. bis 16. Oktober 1925 in
lauteten: dem schweizerischen Kurort Locarno die Regierungschefs und
¬Die deutsche Wirtschaft sollte sich erholen, um die Repara- Außenminister Deutschlands, Großbritanniens, Frankreichs,
tionsleistungen an die Gläubiger zu gewährleisten – nur so Belgiens, Italiens, Polens und der Tschechoslowakei, um Ab-
konnten diese ihre Kriegsschulden an die USA zurückzah- kommen zur Stabilisierung des Friedens in Europa zu schlie-
len. Politisch motivierte Sanktionen wie die Ruhrbesetzung ßen – Voraussetzung für weitere amerikanische Kredite. In
sollte es nicht mehr geben. einem „Garantiepakt“ erklärten Deutschland, Frankreich und
Belgien sowie England und Italien (als Garantiemächte) die
deutsche Westgrenze für „unverletzlich“. Dafür war das Reich
künftig gegen territoriale Sanktionen geschützt. Die Locarno-
Verträge waren weitgehend das Werk der Außenminister
Deutschlands und Frankreichs, Gustav Stresemann und Aris-

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Zwischen Festigung und Gefährdung 1924-1929 37

tide Briand; sie wurden dafür am 10. Dezember 1926 mit dem Young-Plan
Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
Freilich war Stresemann – wie andere europäische Staats- Auf der Basis des Dawes-Plans und der Locarno-Verträge kam
männer seiner Zeit auch – stets beides: „ein kühl kalkulieren- es in den folgenden Jahren zu weiteren Verbesserungen des
der Realpolitiker und ein nationaler Machtpolitiker“ (Eberhard deutsch-französischen Verhältnisses, insbesondere der Han-
Kolb). Zwar verpflichtete sich das Reich in Schiedsverträgen delsbeziehungen. Auch nahm das internationale Ansehen
mit Polen und der Tschechoslowakei zum Verzicht auf gewalt- Deutschlands nach seinem Eintritt in den Völkerbund zu.
same Grenzveränderungen, aber eine Grenzgarantie wie im Der „Briand-Kellogg-Pakt“ – benannt nach den Außenminis-
Westen lehnte Stresemann ausdrücklich ab. Ein „Ostlocarno“ tern Frankreichs und der USA – vom 27. August 1928 war auch
hätte seine Strategie gefährdet, Deutschland schrittweise wie- Stresemanns Werk. Bis Ende 1929 traten bereits 54 Staaten
der zur Großmacht werden zu lassen und zu gegebener Zeit diesem Abkommen zur Kriegsächtung bei.
Polen durch wirtschaftlichen Druck zu Grenzverhandlungen Als sich Ende 1928 abzeichnete, dass die Umstellung der
zu bewegen. jährlichen Reparationszahlungen auf die „Normalrate“ von
Locarno brachte eine spürbare Verbesserung der deutschen 2,5 Milliarden RM die deutsche Zahlungsfähigkeit über-
Position in der internationalen Politik. Greifbarstes Ergebnis forderte, drängte die seit Ende Juni amtierende Regierung
war, neben dem Abzug der britischen Besatzungstruppen der Großen Koalition (siehe S. 48) unter Reichskanzler Her-
aus der Kölner Zone bis Januar 1926, die Aufnahme Deutsch- mann Müller (SPD) auf eine endgültige Regelung der Re-
lands in den Völkerbund (mit ständigem Ratssitz) am 10. Sep- parationsfrage zu erträglichen Bedingungen. Nach langen
tember 1926. Dennoch verweigerten Nationalkonservative und schwierigen Verhandlungen legte der US-Wirtschafts-
und Rechtsradikale ebenso wie die radikale Linke ihre Zu- experte Owen D. Young einen Plan vor, der folgende Neue-
stimmung zu den Locarno-Verträgen. Wetterten DNVP und rungen enthielt:
NSDAP gegen die Preisgabe deutscher Gebiete im Westen, so ¬ Die Begrenzung der Reparationsleistungen auf 112 Milli-
befürchtete die KPD die Einbeziehung Deutschlands in eine arden RM, zahlbar innerhalb von 59 Jahren (das heißt bis
gemeinsame Front der kapitalistischen Länder gegen die Sow- 1988).
jetunion. Nach dem Austritt der DNVP aus der im Januar 1925 Die Herabsetzung der Jahresraten: Sie sollten in den ersten
gebildeten „Bürgerblock“-Regierung Luther (Amtszeit: Januar 37 Jahren allmählich von 1,7 auf 2,1 Milliarden RM ansteigen
1925-Mai 1926) konnten die Locarno-Verträge nur mit Hilfe der und danach den jährlichen Kriegsschulden-Rückzahlungen
oppositionellen SPD ratifiziert werden. der Alliierten an die USA angepasst werden. Grundsätzlich
Als Ergänzung bzw. Gegengewicht zum Locarno-Pakt schloss waren jährlich 600 Millionen RM in Devisen zu zahlen – das
Deutschland mit der Sowjetunion am 24. April 1926 den „Ber- heißt ohne „Transferschutz“.
liner Vertrag“ über gegenseitige Neutralität im Falle eines Die Abwicklung der Zahlungen in souveräner deutscher Ver-
Krieges mit dritten Staaten. Demzufolge durften bei einem antwortung über eine „Bank für internationalen Zahlungs-
russisch-polnischen Krieg französische Truppen Polen nicht ausgleich“ in Basel. Die alliierte Reparationskommission
über deutsches Territorium zu Hilfe kommen. und der Reparationsagent stellten ihre Tätigkeit ein.

Stresemanns außenpolitische Ziele

Vertraulicher Brief Stresemanns an Wollen wir diese Ziele erreichen, so müs- Besatzung. Wir müssen den Würger erst
Kronprinz Wilhelm vom 7. September sen wir uns aber auch auf diese Auf- vom Halse haben. [...] Deshalb wird die
1925 (1932 bekannt geworden). gaben konzentrieren. Daher der Sicher- deutsche Politik [...] in dieser Beziehung
[...] Die deutsche Außenpolitik hat nach heitspakt, der uns einmal den Frieden zunächst darin bestehen müssen, zu
meiner Auffassung für die nächste garantieren und England sowie, wenn finassieren (Tricks anzuwenden – Anm.
absehbare Zeit drei große Aufgaben: Ein- Mussolini mitmacht, Italien als Ga- der Red.) und den großen Entscheidun-
mal die Lösung der Reparationsfrage ranten der deutschen Westgrenze festle- gen auszuweichen.
in einem für Deutschland erträglichen gen soll. Der Sicherheitspakt birgt Ich bitte E. K. H. (Eure Kaiserliche
Sinne und die Sicherung des Friedens, andererseits in sich den Verzicht auf [...] Hoheit – Anm. d. Red.), [...] diesen Brief
die die Voraussetzung für eine Wiederer- Rückgewinnung Elsass-Lothringens, [...] selbst – den ich absichtlich nicht un-
starkung Deutschlands ist. der aber insoweit nur theoretischen terzeichne, damit er nicht, auch nur aus
Zweitens rechne ich dazu den Schutz Charakter hat, als keine Möglichkeit ei- Versehen, in fremde Hände fällt – freund-
der Auslandsdeutschen, jener 10-12 nes Krieges gegen Frankreich besteht. [...] lichst unter dem Gesichtspunkt würdi-
Millionen Stammesgenossen, die jetzt Zudem sind alle Fragen, die dem deut- gen zu wollen, dass ich mir natürlich in
unter fremdem Joch in fremden Län- schen Volk auf dem Herzen brennen, [...] allen meinen Äußerungen eine große
dern leben. Angelegenheiten des Völkerbundes [...]. Zurückhaltung auferlegen muss. [...]
Die dritte große Aufgabe ist die Korrek- Die Frage des Optierens zwischen
tur der Ostgrenzen: die Wiedergewin- Osten und Westen erfolgt durch unseren Gustav Stresemann, Vermächtnis, Bd. II, hg. von Henry
nung von Danzig, vom polnischen Korri- Eintritt in den Völkerbund nicht. [...] Bernhard, Ullstein, Berlin 1932, S. 553 ff.

dor und eine Korrektur der Grenze in Ich warne vor einer Utopie, mit dem Bol-
Oberschlesien. schewismus zu kokettieren.
Im Hintergrund steht der Anschluss [...] Das Wichtigste ist [...] das Freiwer-
von Deutsch-Österreich [...]. den deutschen Landes von fremder

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38 Weimarer Republik

ullstein bild

Das zu seiner Zeit größte Flugzeug der Welt, die Do-X der Dornier-Werke, hier bei einem Rundflug
zwischen den Wolkenkratzern New Yorks

¬ Die vorzeitige Räumung des Rheinlandes durch die Alliier- oder das Verkehrsflugzeug „Dornier DO X“ demonstrierten die
ten bis zum 30. Juni 1930 (statt 1935) – ein außenpolitischer Leistungsfähigkeit der deutschen Industrie.
Triumph, den Stresemann nicht mehr erlebte. Bereits 1926 übertraf der Warenexport den von 1913. Da der
Aufschwung den Verteilungsspielraum erweiterte, kam er
Mochte die Aussicht auf Reparationszahlungen bis 1988 zu- auch Arbeitern, Angestellten und Beamten zugute. Dabei half
nächst erschrecken, so konnte doch kein Zweifel daran beste- die 1923 eingeführte, arbeitnehmerfreundlich gehandhabte
hen, dass der „Young-Plan“ gegenüber allen bisherigen Rege- staatliche Zwangsschlichtung als letzte Instanz bei Tarifkon-
lungen eine weitere deutliche Verbesserung darstellte. flikten. 1928/29 erreichten Industrieproduktion und Löhne
insgesamt wieder das Vorkriegsniveau – bei deutlich verrin-
gerter Wochenarbeitszeit. Der Reichshaushalt war, trotz der
Reparationsbelastungen, stets annähernd ausgeglichen.

Wirtschaftsentwicklung
Krisenanfälliger Aufschwung

Währungsreform, Dawes-Plan und ausländische Kredite be- Gleichwohl blieben die Wachstumsraten der Industriepro-
wirkten einen beträchtlichen Wirtschaftsaufschwung. Pro- duktion und des Außenhandels hinter denen anderer Indus-
duktion, Konsum und Volkseinkommen nahmen zwischen trieländer zurück. Außerdem gab es eine Reihe bedenklicher
1924 und 1929 stetig zu. Schwerindustrie (Bergbau, Eisen- und Trends:
Stahlerzeugung), Maschinenbau und Textilindustrie, vor al- ¬ Das Wirtschaftswachstum war ungleichmäßig verteilt; zum
lem aber elektrotechnische, chemische und optische Industrie Beispiel konnte die Schwerindustrie mit der Chemie- und
sowie neue Industriezweige wie Automobil- und Flugzeug- Elektroindustrie nicht Schritt halten.
bau, Messing-, Aluminium- und Kunstseideherstellung, Film Die Wirtschaftskonzentration nahm weiter zu. Bereits 1926
und Rundfunk konnten ihre Produktion erheblich steigern. entfielen auf 16 Prozent der Aktiengesellschaften 66 Prozent
Technische Großprojekte wie das Luftschiff „Graf Zeppelin“ des Aktienkapitals. Im Bergbau und in der Stahlindustrie

Konzentrationsbewegung ringischen Betrieben, die in dem gegen- der Seite der weiterverarbeitenden Indus-
seitigen Austausch von Ruhrkohle trie geschaffen werden. [...] Auch die
Die Ursache der bald nach dem Kriegsen- und Koks gegen lothringische Erze und Verarbeitungs- und Verfeinerungsindus-
de in der deutschen Eisenindustrie Walzwerksprodukte zum Ausdruck trie, häufig sogar die Fertigungsindustrie,
einsetzenden Konzentrationsbewegung kam, wurde aufgehoben; in Oberschlesien wurden in die Zusammenschlussbe-
war Rohstoffmangel. Durch den Ver- erstreckten sich die Zerstörungen durch wegung einbezogen. Das größte Beispiel
sailler Vertrag wurde mit einem Feder- die neuen Grenzziehungen sogar auf das dieser vertikalen Konzernbildung ist
strich eine Strukturänderung geschaffen, Betriebsverhältnis der Werke, die in die unter Führung von Hugo Stinnes
die der deutschen eisenschaffenden ihrer technischen Einheit auseinanderge- erfolgte Gründung des Elektromontankon-
Industrie mit einem Schlage ein anderes rissen wurden. [...] zerns, der Rhein-Elbe-Siemens-Schuckert-
Gepräge gab: Die Verbindung der rhei- Es mussten also neue Querverbindun- Union. Unter dem Druck der Rohstoff-
nisch-westfälischen Werke mit den loth- gen nach der Rohstoffseite wie nach knappheit wurde der – in seinen Anfängen

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Zwischen Festigung und Gefährdung 1924-1929 39

dominierten Konzerne. 1925 entstand der weltgrößte Che- Demnach fand eine fundamentale wirtschaftliche Stabilisie-
miekonzern („I. G. Farbenindustrie AG“), 1926 der größte rung in den Jahren 1924 bis 1929 nicht statt; der Wirtschafts-
europäische Montankonzern („Vereinigte Stahlwerke“). Mo- aufschwung wurde mit einer erheblichen „hausgemachten“
nopolpreise für Rohstoffe und Halbfabrikate machten der Krisenanfälligkeit erkauft.
verarbeitenden Industrie zu schaffen.
¬ Wettbewerbsbedingte Rationalisierungen wie die Einfüh-
rung der Fließbandarbeit nach dem Vorbild der Ford-Werke
in den USA gefährdeten immer mehr Arbeitsplätze von Ar-
beitern und zunehmend auch von kleinen und mittleren Gesellschaft im Wandel
Angestellten. Schon vor der Weltwirtschaftskrise lag die
Zahl der Arbeitslosen durchschnittlich bei 1,4 Millionen (cir-
ca 6,5 Prozent). Nach den Einschnitten durch Kriegseinwirkungen und Gebiets-
¬ Die Landwirtschaft arbeitete vielfach unrentabel und war verluste erhöhte sich die Bevölkerungszahl im Deutschen Reich
nach ihrer inflationsbedingten Entschuldung bald wieder zwischen 1925 und 1933 um etwa 2,8 Millionen, sodass sie am
verschuldet. Das galt sowohl für die Kleinbauern in Mittel-, Ende wieder den Vorkriegsstand von rund 65 Millionen erreich-
Südwest- und Süddeutschland als auch besonders für die te. Davon waren knapp zwei Drittel Protestanten und annähernd
ostelbischen Großagrarier. Ab 1927 befand sich die Land- ein Drittel Katholiken; der Anteil der Juden sank von 0,9 auf 0,8
wirtschaft infolge einer weltweiten Überproduktion, die Prozent. Im selben Zeitraum hielten die für hochindustrialisier-
mit einem anhaltenden Verfall der Erzeugerpreise (beson- te Gesellschaften typische Landflucht und Verstädterung wei-
ders für Schweine und Roggen) einherging, in einer Dau- ter an. Der Bevölkerungsanteil der Gemeinden mit weniger als
erkrise. 2000 Einwohnern nahm von 35,6 auf 32,9 Prozent ab, während
¬ Die Auslandsverschuldung (vor allem bei den USA) erreichte der der Großstädte (über 100 000 Einwohner) von 26,8 auf 30,4
1929 einen Gesamtumfang von 25 Milliarden RM; die kurz- Prozent anstieg. Parallel dazu vollzog sich ein Rückgang der Er-
fristige Verschuldung betrug 12 Milliarden RM. Ein Abzug werbspersonen in der Landwirtschaft von 30,5 auf 28,9 Prozent,
der kurzfristigen, von den deutschen Banken aber oft lang- in Industrie und Handwerk von 42,1 auf 40,4 Prozent, während
fristig weitervergebenen Auslandskredite konnte verhee- der Dienstleistungsbereich von 27,4 auf 30,7 Prozent zunahm.
rende Folgen haben.
¬ Die expansive Kreditpolitik der Großbanken und ihre oft ris-
kanten Spekulationen mit Wertpapieren waren nicht aus-
reichend durch Eigenkapital und liquide Mittel abgesichert,
denn private Haushalte und Unternehmen verspürten nach
der Inflationserfahrung von 1923 wenig Neigung zum Spa-
ren bzw. zur Kapitalbildung.
¬ Die Zentralbank (Reichsbank) konnte damals nur mittels
Diskontpolitik (Verteuerung bzw. Verbilligung der Kredite,
die sie den Privatbanken gewährte) das Wirtschaftsgesche-
hen beeinflussen. Über die Mindestreservenpolitik (Erhö-
hung bzw. Senkung der Geldschöpfung und Kreditgewäh-
rung der Geschäftsbanken) sowie die Offenmarktpolitik
(An- und Verkauf von Wertpapieren zur Beeinflussung der
gesamtwirtschaftlichen Nachfrage) verfügte sie noch nicht.
¬ Das Finanzgebaren der öffentlichen Hände gab Anlass zur
Sorge. Von 1926 bis 1929 stiegen die jährlichen Ausgaben akg-images
von Reich, Ländern und Gemeinden zusammen von 17,9 auf
24,3 Milliarden RM. Die Kommunen finanzierten bis zu zwei
Drittel ihrer Infrastrukturmaßnahmen unsolide mit Hilfe der Das Fließband hält Einzug in die Produktion: Bandmontage von Fahrgestel-
Auslandsanleihen. len der Hanomag-Werke 1925 in Hannover-Linden

bis in die Vorkriegszeit zurückreichende – Die mit größter Energie aufgenommene Die Angliederung gleichartiger Produk-
Typus des „gemischten Betriebes“ in der technische Rationalisierung der tionsstätten gab den Großkonzernen
Eisenindustrie vorherrschend. [...] einzelnen Betriebe erwies sich als nicht die Möglichkeit, die Erzeugung auf die
Während in den ersten Nachkriegs- ausreichend [...]; aber auch der gewal- günstigst gelegenen und bestgeeigne-
jahren Rohstoffsicherung die maßgeben- tige Kapitalbedarf, der durch die tech- ten Betriebe zusammenzulegen und da-
de Rolle bei der Konzernbildung ge- nische Umstellung der Betriebe her- für weniger aussichtsreiche Betriebe
spielt hatte, war jetzt Rohstoff reichlich vorgerufen wurde, zwang zu einer Ver- durch Stilllegung aus dem Produktions-
vorhanden. Der immer drückender stärkung der Betriebsgrundlagen prozess auszuschalten. [...]
werdende Absatzmangel forderte gebiete- durch Zusammenfassung gleichartiger
risch eine Verringerung der Gestehungs- Produktionseinheiten, zu horizon- Wirtschaftsdienst, Heft 41 vom 10. Oktober 1930, S. 1746-1752
in: Werner Abelshauser/Anselm Faust/Dietmar Petzina (Hg.),
kosten, um dem Weltmarkt gegen- talen Zusammenschlüssen im Wege der Deutsche Sozialgeschichte 1914-1945, C. H. Beck, München 1985,
über konkurrenzfähig zu werden; [...]. Fusion. [...] S. 25 ff.

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40 Weimarer Republik

Die Weimarer Republik erbte vom Kaiserreich eine hochdif- Neben die traditionelle Elite schob sich eine durch die breite
ferenzierte, hierarchisch gegliederte Industriegesellschaft Einführung der parlamentarischen Demokratie erzeugte „neue
mit ausgeprägten schicht-, geschlechts- und generationsspe- politische Oberschicht“ (Hagen Schulze): Regierungsmitglieder
zifischen Strukturen sozialer Ungleichheit hinsichtlich Ein- und Parlamentarier, von denen rund drei Viertel aus sozialen
kommens- und Vermögensverteilung, Berufsbedingungen Aufsteigern vor allem aus den Mittel- und Unterschichten be-
und familiären Lebensverhältnissen. In manchen Bereichen standen – einer der Gründe für die Verachtung, die die alte Ober-
vollzog sich jedoch in den 1920er Jahren ein beträchtlicher schicht dem Parlamentarismus entgegenbrachte. Das bekann-
Wandel. teste Beispiel ist Reichspräsident Friedrich Ebert, ein gelernter
Sattler, der sich bis zum Staatsoberhaupt hocharbeitete. Vor al-
lem aus den Reihen von SPD, DDP und Zentrum kam die neue
Oberschichten politische Oberschicht.

Zur alten Oberschicht gehörten adlige und bürgerliche Groß-


agrarier, Wirtschaftsbürgertum (darunter immer mehr an- Mittelschichten
gestellte „Manager“ von Aktiengesellschaften), Bildungsbür-
gertum, (überwiegend adliges) höheres Beamtentum und Die Mittelschichten umfassten zum einen den „alten Mittel-
Offizierskorps. Sie hatte durch die Revolution von 1918/19 ihren stand“: selbstständige Handwerker und Einzelhändler, kleine und
unmittelbaren Zugang zur politischen Macht weitgehend ver- mittlere Unternehmer, freie (akademische) Berufe und Bauern,
loren. Unter dem aus ihren Reihen stammenden Reichspräsi- nebst ihren mithelfenden Familienangehörigen – überwiegend
denten, dem Generalfeldmarschall a. D. Paul von Hindenburg, Kleinbetriebe mit weniger als fünf Beschäftigten. Die eigentums-
gewann sie ihn nach 1925 allmählich zurück (siehe S. 45 ff.). orientierten, statusbewussten selbstständigen Mittelständler
Mit dem großagrarischen „Reichslandbund“ und dem schwer- fühlten sich stets zwischen Kapital und Arbeit eingeklemmt,
industriell dominierten „Reichsverband der deutschen Indus- weil sie im Wettbewerb mit Großunternehmen standen und
trie“ (RDI) verfügte sie über die beiden mächtigsten Interes- sich gleichzeitig von den Lohnforderungen der Gewerkschaften
senverbände. Politisch wurde der protestantische Teil der al- bedrängt sahen. Der Verlust ihrer Ersparnisse durch die Inflation
ten Oberschicht hauptsächlich durch DNVP, DVP und (in gerin- 1923 bedeutete für sie eine kollektive traumatische Erfahrung, die
gerem Maße) DDP vertreten; der katholische Teil orientierte mehr noch als Versailler Vertrag und Dolchstoßlegende ihr Ver-
sich am Zentrum. trauen in den demokratischen Staat untergrub.

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Zwischen Festigung und Gefährdung 1924-1929 41

Zum anderen hatte sich bereits im Kaiserreich ein „neuer


Mittelstand“ – mittlere und kleine Angestellte und Beamte –
herausgebildet, der aufgrund der allgemeinen Bürokratisie-
rungstendenz in Wirtschaft, Gesellschaft und Staat zunahm.
Die Berufssituation der Angestellten näherte sich im Gefol-
ge der Rationalisierungswelle in der deutschen Industrie
in den 1920er Jahren hinsichtlich der Arbeitsbedingungen
(Großraumbüros) und der Arbeitsplatzsicherheit (wach-
sende Arbeitslosigkeit, besonders bei älteren Angestellten)
derjenigen der Arbeiter immer stärker an. Umso verbissener
bpk / Atelier Bieber / Nather

jedoch grenzten sich die Angestellten von den Arbeitern


ab, unter anderem durch eigene Versicherungen und durch
Verbände, deren politisches Spektrum vom SPD-nahen AfA-
Bund („Arbeitsgemeinschaft freier Angestelltenverbände“)
bis zum „Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband“
(DNHV) reichte. Ihr eher an den Arbeitgebern als an der Ar-
Eine Gesellschaft sozialer Ungleichheit: Angehörige der Oberschicht vor beiterschaft orientiertes berufsständisches Sonderbewusst-
einer festlich gedeckten Tafel … sein war in Deutschland ausgeprägter als in vergleichbaren
Industrieländern.
Charakteristisch für alte und neue Mittelschichten war das
breite Spektrum der von ihnen bevorzugten Parteien. Tradi-
tionell bildeten sie den Kern des politischen Liberalismus
(auch Katholizismus); man wählte aber auch die Deutsch-
nationalen, mittelständisch orientierte Kleinparteien oder
regionale Parteien. Diese politische „Heimatlosigkeit“ führte
zum allmählichen Niedergang der beiden liberalen Kernpar-
teien DDP und DVP.
ullstein bild – Schnellbacher

Unterschichten

Zu den Unterschichten zählten Industrie- und Landarbei-


ter, Handwerksgesellen und Lehrlinge, Knechte und Mägde,
Hausangestellte, Arbeitslose, Rentner und Invaliden. Indus-
triearbeiter stellten gut drei Fünftel dieses Gesellschafts-
… eine Mittelschichtfamilie bei einer Geburtstagsfeier … segments. Katholische Arbeiter standen der Zentrumspartei
und ihren christlichen Gewerkschaften nahe. Die von der
Revolution 1918/19 kaum berührten Landarbeiter blieben
eher konservativ orientiert. Die übrigen Unterschichten bil-
deten das soziale Fundament der Sozialdemokratie und des
Kommunismus. Ältere Arbeiter und Facharbeiter fühlten
sich eher der SPD und dem ihr nahe stehenden „Allgemei-
nen Deutschen Gewerkschaftsbund“ (ADGB) verbunden,
Jungarbeiter, ungelernte Arbeiter und Arbeitslose eher der
KPD. SPD, KPD und Zentrum vermochten ihre Anhänger in
ein dicht geknüpftes Netz aus Parteigliederungen, Selbsthil-
feorganisationen, Sport- und Freizeitvereinen, Gaststätten,
Bildungseinrichtungen und ein eigenes Pressewesen ein-
zubinden. Sozialwissenschaftler sprechen daher von „sozi-
almoralischen Milieus“ (Rainer M. Lepsius) oder politischen
„Solidargemeinschaften“ (Peter Lösche), beim kommunisti-
schen Milieu sogar von einem abgedichteten „selbstständi-
gen Lager innerhalb der Gesamtgesellschaft“ mit einer aus-
geprägten „Lagermentalität“ (Oskar Negt/Alexander Kluge).

Frauen

Schicht- bzw. milieuspezifische Unterschiede wurden teil-


weise von geschlechts- und generationsspezifischen überla-
akg-images

gert. Frauen blieben trotz Artikel 109 WV (staatsbürgerliche


Gleichheit) und 119 WV (eheliche Gleichberechtigung) be-
… und Frauen und Kinder in einer Elendsunterkunft um 1923 nachteiligt, da die Gesetzgebung nicht angepasst wurde. So

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42 Weimarer Republik

Über diese traditionelle Rollenvorstellung wies das von


der Werbung propagierte Bild der „neuen Frau“ – berufstä-
tig, unabhängig, selbstbewusst, attraktiv, modisch geklei-
det – bereits hinaus. Es bezog sich vor allem auf weibliche
Angestellte, deren wachsender Anteil an der Angestellten-
schaft 1925 bereits 12,6 Prozent betrug. Zwischen 1919 und
1932 stieg auch der Anteil der Studentinnen von sieben auf
16 Prozent. Leitende Positionen blieben Frauen aber in der
Regel verwehrt. Weder die weiblichen Abgeordneten in den
Deutsches Historisches Museum, Berlin

Parlamenten (durchweg weniger als zehn Prozent) noch die


bürgerliche oder proletarische Frauenbewegung erreichten
in den zwanziger Jahren nennenswerte Fortschritte.

Jugend

Seit der Jahrhundertwende gab es in der Jugend Ansätze zur


Entwicklung von Zusammenschlüssen mit eigenen Wert-
Der städtische Dienstleistungssektor setzt vermehrt auf weibliche Ange- vorstellungen und Verhaltensweisen. Die naturverbunde-
stellte. Kennzeichen der „modernen Frau“ in der Weimarer Republik ist die ne bürgerliche „Wandervogel“-Bewegung wurde nach dem
Kurzhaarfrisur. Krieg weitgehend von der gesellschaftlich orientierten
„bündischen Jugend“ abgelöst. In den 1920er Jahren bilde-
ten erwerbslose Heranwachsende aus den Unterschichten
durften verheiratete Frauen, wie schon im Kaiserreich, nur in den Großstädten zuweilen „wilde Cliquen“, die ihren Pro-
mit Genehmigung des Ehemannes einen Beruf ausüben. Die test gegen Armut und Zukunftsunsicherheit „krass materi-
Erwerbstätigkeit einer Frau galt allgemein als Übergangs- alistisch und nicht selten jenseits der Legalität“ (Heinrich
stadium bis zur Ehe, in der ihr dann die Hausarbeit und die August Winkler) auslebten. Nach dem Reichsjugendwohl-
Kindererziehung zufielen. 1925 waren nur 35,6 Prozent der fahrtsgesetz von 1922 versuchte der Staat, durch Einrichtun-
Frauen erwerbstätig (Männer 68 Prozent), davon jede Zehnte gen der Jugendfürsorge und Angebote der Jugendpflege die
als Hausgehilfin ohne soziale Sicherung und mit überlangen Entwicklung der Jugendlichen positiv zu beeinflussen. Doch
Arbeitszeiten. In der Industrie erhielten Hilfs- und Fachar- blieb Unterschichtkindern der Zugang zu höheren Schulen –
beiterinnen im Durchschnitt nur zwei Drittel der Männer- und damit der soziale Aufstieg – wegen des weiterhin erho-
löhne; in Krisenzeiten wurden sie stets als erste entlassen. benen Schulgeldes in der Regel versperrt.

Alltag einer Arbeiterin

Unter dem Motto „Mein Arbeitstag – am Arbeitsort an. Da unsere Arbeitszeit gen besuche und letztere sogar als
Mein Wochenende“ schrieb 1928 um 6 Uhr beginnt, muss ich vom Vorsitzende leiten muss. Am Sonnabend
das Arbeiterinnensekretariat des Deut- Bahnhof zur Fabrik einen Dauerlauf bin ich um dieselbe Zeit zu Hause. Da
schen Textilarbeiterinnenverbandes machen, um zur rechten Zeit zur gehe ich erst einmal in den Konsumver-
einen Literaturwettbewerb aus, der sich Stelle zu sein. Dort putze ich bis 14.15 Uhr ein einkaufen, um für die ganze Woche
an alle Verbandsmitglieder richtete. Krempelmaschinen. Der Zug, mit wel- Lebensmittel zu haben. Alle vier Wo-
Authentisch und überzeugend sollten chem ich fahren kann, fährt erst um 17.13 chen habe ich große Wäsche für meine
die Frauen ihren gewöhnlichen Ta- Uhr. Ich muss mich solange auf dem Familie allein zu waschen. Am Abend
gesablauf schildern, für die beste Arbeit Bahnhof aufhalten und bin um 18 Uhr vorher mache ich dazu alles fertig, um
standen 30 Mark als Preis bereit. Eine zu Hause. Nun gibt es noch daheim Sonntagmorgen beizeiten anfangen
48-jährige Arbeiterin: zu schaffen. Das Essen fertig zu kochen, zu können. Sonst beginnt der Sonntag
„Durch Arbeitslosigkeit meines Man- für den nächsten Tag vorzubereiten, um 7 Uhr. Da gibt es zu tun mit dem
nes bin ich zu der Erwerbstätigkeit ge- bei den Kindern die Sachen nachsehen, ob Reinemachen der Wohnung und dem
zwungen. Um nicht in allzu große Not- sie noch ganz und sauber sind. Wenn Ausbessern der Kleidungsstücke. Da-
lage zu geraten, muss ich zum Haus- man den ganzen Tag nicht da ist, wird bei wird das Mittagessen bereitet. Um
halt meiner Familie, welche aus meinem noch ein bisschen mehr gebraucht, 14 Uhr beginnt dann für mich der
Mann, drei Kindern im Alter von 3 weil die kleinen Schäden nicht so beach- Sonntag. Er wird mit dem Besuch einer
bis 13 Jahren und mir besteht, beitragen. tet werden können. Am Abend ist Arbeiterveranstaltung oder mit einem
Mein Wohnort liegt im Kreise Zeitz, man auch von der langen Zeit müde und Spaziergang beendet [...].“
die Arbeitsstelle ist eine Wollkämmerei, abgespannt und die Sachen, Wäsche
Kristine von Soden, „Frauen und Frauenbewegung in der
in welcher ich Putzerin bin. Da ich und Strümpfe, müssen sonntags ausge- Weimarer Republik“, in: Die wilden Zwanziger. Weimar und die
fast eine Stunde Bahnfahrt habe, stehe bessert werden. Manchmal muss ich Welt 1919-33, Espresso, Berlin 1986, S. 112 f.
ich früh um 4.30 Uhr auf. Der Zug noch meinen Schlaf opfern, da ich Partei-
fährt um 5.10 Uhr ab, kommt 5.55 Uhr und Arbeiterwohlfahrtsversammlun-

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Zwischen Festigung und Gefährdung 1924-1929 43

Anfang der 1930er Jahre gehörten von neun Millionen Ju- Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 die extreme Rechte mit
gendlichen knapp vier Millionen einer Jugendorganisation wachsendem Erfolg zunutze: Hitler verstand es, die NSDAP
an. Am beliebtesten waren Sportvereine (zwei Millionen) als Partei der Jugend und des Aufbruchs zu einer nationalen
sowie katholische und evangelische Jugendverbände (eine „Volksgemeinschaft“ unter seiner Führung darzustellen.
Million bzw. 600 000). Dahinter schob sich in weitem Ab-
stand die „Hitler-Jugend“ (HJ) (100 000) vor die – an Mit-
gliederschwund leidende – SPD-nahe „Sozialistische Ar- Sozialpolitik
beiterjugend“ (SAJ) (90 000). Es folgten die „bündischen“
Jugendgruppen (70 000) und der „Kommunistische Jugend- Viele Erscheinungsformen sozialer Ungleichheit wurden
verband Deutschlands“ (KJVD) (55 000). seit der Revolution von 1918/19 zwar nicht beseitigt, aber
Gleichwohl verbrachten die meisten jungen Leute ihre wesentlich stärker als früher sozialpolitisch abgemildert.
Freizeit vorzugsweise im Freundeskreis, gingen auf Wander- Das in den 1880er Jahren von Bismarck eingeführte Sozial-
fahrt und nutzten die Möglichkeiten der neuen „Massenkul- versicherungswesen (Kranken-, Unfall-, Invaliditäts- und
tur“ (siehe S. 49): Grammofon, Radio und Kino, Gaststätten Altersversicherung) wurde in der Verfassung verankert (Ar-
und Tanzlokale. tikel 161 WV), die Rentensätze erhöht. Außerdem sorgte eine
Die Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen der Jahrgänge Vielzahl von größeren und kleineren Maßnahmen für mehr
1897 bis 1917 waren – je nach Geburtsjahr – durch einschnei- soziale Gerechtigkeit. Sie reichten von der Anerkennung
dende Erfahrungen geprägt: durch das seelisch verwüsten- neuer Berufskrankheiten, die zum Bezug einer Invalidenren-
de Kriegs- bzw. Fronterlebnis („verlorene Generation“), das te berechtigten, über die Steigerung der Zahl der Ärzte und
vaterlose Aufwachsen und die Entbehrungen während des der Krankenhausbetten bis zum sozialen Wohnungsbau:
Krieges, die Nachkriegskrisen (die eine hohe Jugendkrimi- Zwischen 1925 und 1929 erhöhte sich die Zahl der jährlich
nalität erzeugten), die Stabilisierungsjahre oder schließlich fertiggestellten Wohnungen (in weiträumigen Siedlungen
den unmittelbaren Übergang von der Schule oder der Uni- oder mehrstöckigen Mietshäusern ohne Hinterhöfe) von
versität in die Arbeitslosigkeit infolge der Weltwirtschafts- 106 502 auf 317 682; davon wurde jede zweite mit staatlichen
krise („überflüssige Generation“). Mitteln gefördert oder vom Staat selbst gebaut.
Die soziale Unzufriedenheit vieler Jugendlicher äußerte
sich nicht zuletzt in der Sehnsucht nach einem sinnerfüllten
Dasein und nach Überwindung der gesellschaftlichen und Arbeitslosenversicherung
politischen Gegensätze. Von der bürokratischen Politik in den
Parlamenten und von den überalterten Parteien und ihren Viele sozialpolitische Reformen waren, neben dem anhalten-
einflusslosen Jugendorganisationen fühlten sich vor allem den Druck der organisierten Arbeitnehmerschaft, dem tat-
die außerhalb des katholischen und des Arbeitermilieus ste- kräftigen Reichsarbeitsminister Heinrich Brauns (Zentrum) zu
henden Jugendlichen eher abgestoßen. Dies machte sich ab verdanken. Sein bedeutendstes Werk war das Gesetz über die
Bundesarchiv, Bild 146-1983-020-10A / Fotograf: unbekannt

ullstein bild – Haeckel Archiv

Protest gegen bürgerliche Konventionen und Hinwendung zur Natur: Junge Das Bevölkerungswachstum macht sozialen Wohnungsbau notwendig: Einzug
Frauen und Männer der „Wandervögel“ musizieren unterwegs. von Mietern in eine neue Wohnsiedlung in Berlin-Schöneberg

Informationen zur politischen Bildung Nr. 261/2011


44 Weimarer Republik

Arbeitslosenvermittlung und Arbeitslosenversicherung vom Zerwürfnis der Tarifvertragsparteien


1. Oktober 1927, von der „Bürgerblock“-Regierung (Zentrum –
BVP – DVP – DNVP) unter Reichskanzler Wilhelm Marx (Zen- 1928 vertiefte sich die Kluft zwischen RDI und ADGB. Zu-
trum) eingebracht und vom Reichstag mit großer Mehrheit nächst gingen die Gewerkschaften im September mit einem
verabschiedet. Künftig übernahmen eine Reichsanstalt sowie Programm für „Wirtschaftsdemokratie“ in die Offensive. Ihre
regionale und lokale Arbeitsämter die Arbeitsvermittlung. An- Forderungen lauteten:
spruchsberechtigte Arbeitslose konnten bis zu 39 Wochen ih- ¬ Ausbau des Arbeitsrechts, der Sozialpolitik und der innerbe-
ren Unterhalt aus einer Versicherung beziehen, die zu gleichen trieblichen Mitbestimmungsrechte,
Teilen durch Beiträge der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber Erleichterung des Bildungszugangs für Arbeiter,
finanziert wurde. Der Staat sollte im Notfall mit Darlehen Vermehrung der „gemeinwirtschaftlichen“ (das heißt der
einspringen. Somit wurde bei der sozialen Absicherung der staatlichen und genossenschaftlichen) Betriebe,
Arbeitslosen das bisherige entwürdigende Fürsorgeprinzip paritätische Besetzung der Handels-, Handwerks- und Land-
durch das Versicherungsprinzip abgelöst. Weil Teile der Unter- wirtschaftskammern,
nehmerschaft schon im Vorfeld heftig über die Erhöhung ihrer Kontrolle der Großunternehmen durch Kartellämter und
Soziallasten klagten, wurde die Beitragshöhe niedrig (auf drei durch Arbeitnehmervertreter in den Geschäftsleitungen.
Prozent des Grundlohns) angesetzt. Daher reichten die Finanz-
mittel vorläufig nur für etwa 700 000 Arbeitslose. Die Arbeitgeberverbände begriffen die „Wirtschaftsdemokra-
tie“ nicht zu Unrecht als Kampfansage an die freie Unterneh-
merinitiative; vor allem der RDI reagierte mit heftiger Kritik.
Der Ausbau des Weimarer Sozialstaates Mehr noch: Beim „Ruhreisenstreit“ im Oktober 1928, dem
1918 größten Arbeitskampf in der Geschichte der Weimarer Repu-
Abschaffung der Gesindeordnung blik, lehnte die Arbeitgeberseite den eher maßvollen Schieds-
Einführung des Frauenwahlrechts spruch des staatlichen Schlichters ab, sperrte mehr als 230 000
Zulassung von Frauen zum Hochschullehrerberuf
Erwerbslosenfürsorge für entlassene Soldaten
Metallarbeiter aus, ließ es auf ein Arbeitsgerichtsverfahren
ankommen und begann eine Kampagne gegen die staatliche
1919
Grundrechte der Frauen auf staatsbürgerliche Gleichstellung und Zwangsschlichtung bei Tarifkonflikten. Der Druck der Unter-
Gleichberechtigung in der Ehe nehmer führte am Ende zu einem zweiten, für sie günstigeren
Grundrechte der Jugend auf Erziehung, Bildung, Schutz, Fürsorge Schiedsspruch. Mit seiner Offensive gegen Gewerkschaften
und Pflege und Zwangsschlichtung signalisierte der RDI, dass er die Flä-
Koalitionsfreiheit und Tarifautonomie für Gewerkschaften und chentarifverträge durch betriebliche Einzelvereinbarungen
Unternehmerverbände zwischen Unternehmensleitung und Belegschaft (ohne ge-
Verankerung des Sozialversicherungssystems in der Verfassung
werkschaftliche und staatliche Beteiligung) ersetzen wollte.
1920 So standen sich Ende 1928 Unternehmerverbände und Ge-
Betriebsrätegesetz
werkschaften unversöhnlich gegenüber – der Stinnes-Legien-
Grundschulgesetz
Versorgungsregelung für 1,5 Millionen Kriegsbeschädigte und Pakt vom November 1918, die „Sozialverfassung der Republik“
2,5 Millionen Hinterbliebene (Hagen Schulze), war zerbrochen.
1922
Jugendwohlfahrtsgesetz
Zulassung von Frauen zum Richteramt
Mietpreisbindung
Arbeitsnachweisgesetz (Ablösung der gewerblichen durch eine Innenpolitische Entspannung
kommunale Arbeitsvermittlung)
Entsendung von Betriebsratsmitgliedern in die Aufsichtsräte
1923
Zwischen 1924 und 1929 blieb die innenpolitische Lage weit-
Jugendgerichte
Gesetz über Mindestlöhne für Heimarbeiter gehend stabil. Die Kommunisten konzentrierten sich wieder
Förderung der Einstellung von Schwerbeschädigten auf die legalen Formen der Parteiarbeit. Da sie bedingungslos
Mieterschutz gegen willkürliche Kündigungen der von der KPdSU vorgegebenen ideologischen und politi-
Knappschaftsgesetz (soziale Sicherung der Bergleute) schen Linie folgten, sprechen Historiker von einer „Stalinisie-
Staatliche Zwangsschlichtung von Tarifstreitigkeiten rung“ der KPD. Die radikale Rechte wirkte politisch gelähmt.
1924 Hitler saß bis Dezember 1924 in Festungshaft und schrieb sein
Einheitliche staatliche Fürsorge (statt kommunaler Armenpflege) Buch „Mein Kampf“; dem Zerfall der NSDAP musste er taten-
1925 los zusehen. In Bayern führte ein erfolgreiches Volksbegehren
Wöchnerinnen- und Mutterschutz als Pflichtleistung der Kranken- für Landtagsneuwahlen im Februar 1924 zur Ablösung des
kassen regierenden Triumvirats Kahr – Lossow – Seißer und zur Wie-
1926 derherstellung verfassungsmäßiger Verhältnisse.
Landesarbeitsgerichte, Reichsarbeitsgericht
1927
Besonderer Arbeits- und Kündigungsschutz für werdende und Reichstagswahlen von 1924
stillende Mütter
Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung
Mehrarbeitszuschläge für Überstunden Nach Ablauf der vierjährigen Legislaturperiode wurde der
1928 Reichstag am 4. Mai 1924 neu gewählt. Das Wahlergebnis war
Krankenversicherungspflicht für Seeleute vom Krisenjahr 1923 und der aktuellen Diskussion über den
Dawes-Plan geprägt. Mit Ausnahme von Zentrum und BVP

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Zwischen Festigung und Gefährdung 1924-1929 45

Süddeutsche Zeitung Photo / Scherl


Wahlkampf im Dezember 1924: Eine Gruppe Radfahrer wirbt für die Zentrumspartei in der Innenstadt von Berlin.

mussten alle seit 1920 regierenden Parteien – SPD, DDP, DVP – Vor diesem Hintergrund besaßen die Reichsregierungen der
zum Teil herbe Verluste hinnehmen. Demgegenüber ver- Jahre 1924 bis 1928 trotz mehrfacher Umbildungen keine oder
zeichneten die DNVP und die Splitterparteien beträchtliche nur eine unsichere Mehrheit. Denn mit Ausnahme der im
Gewinne. Die von Reichskanzler Marx gebildete Minder- Oktober 1925 gescheiterten breiten „Bürgerblock“-Regierung
heitsregierung (Zentrum – DDP – DVP) scheiterte, weil das (von der DDP bis zur DNVP) amtierten entweder
Parlament Steuererhöhungen zum Ausgleich des Staatshaus- ¬ Minderheitsregierungen der bürgerlichen Mittelparteien
halts ablehnte. Reichspräsident Ebert löste den Reichstag am (DDP – Zentrum – ggs. BVP – DVP), die auf Tolerierung in in-
20. Oktober wieder auf. nenpolitischen Fragen meist von rechts, in außenpolitischen
Die Neuwahl vom 7. Dezember 1924 stand im Zeichen der von links angewiesen waren, oder
allgemeinen Stabilisierung. Klare Wahlsiegerin wurde die „Bürgerblock“-Regierungen vom Zentrum bis zur DNVP,
SPD, gefolgt von der DNVP. Die bürgerlichen Mittelpartei- die zwar in der Innenpolitik weitgehend übereinstimmten,
en konnten wieder leichte Gewinne verbuchen. Eindeutige nicht aber in der Außenpolitik.
Verlierer waren die KPD, Ludendorffs „Nationalsozialisti-
sche Freiheitsbewegung“ und die Splitterparteien. Dieses Diese Regierungen arbeiteten häufig mit wechselnden
Gesamtbild signalisierte den Beginn einer politischen Nor- Mehrheiten, weshalb zwischen Regierungsfraktionen und
malisierung, zumal sich die ehemals strikt nationalliberal- Kabinett ein distanziertes Verhältnis bestand. Die SPD ge-
monarchistische DVP unter dem Einfluss ihres angesehenen riet dabei in eine politische Zwitterstellung: Obwohl linke
Vorsitzenden, des früheren Reichskanzlers und jetzigen Au- Oppositionspartei, musste sie den bürgerlichen Regierun-
ßenministers Gustav Stresemann, zu einer Partei der „Ver- gen immer wieder zur Mehrheit verhelfen, um wichtige
nunftrepublikaner“ entwickelte. Das heißt, sie akzeptierte außenpolitische Projekte wie Dawes-Plan, Locarno-Verträge
die von der Revolution 1918/19 geschaffenen Realitäten. oder Völkerbundsbeitritt nicht am „Nein“ der DNVP schei-
tern zu lassen.
Der „Normalfall“ einer klaren Minderheitsopposition und ei-
Wechselnde Mehrheiten ner dauerhaften Mehrheitsregierung stellte sich nicht ein. Un-
ter diesen Umständen blieb der Parlamentarismus instabil.
Die politischen Parteien taten sich jedoch weiterhin schwer
mit der parlamentarisch-demokratischen Regierungsweise,
das heißt mit der Bildung stabiler Koalitionsregierungen,
der Bereitschaft zum politischen Kompromiss und dem Mut
zu unpopulären Entscheidungen. Unter dem Einfluss ihres Reichspräsidentenwechsel
linken Flügels, der Koalitionen prinzipiell ablehnte, blieb
die SPD in der Opposition. Die linksliberale DDP und die mo-
narchistische DNVP waren nicht miteinander koalitionsfä- Am 28. Februar 1925 starb Reichspräsident Ebert überra-
hig. Auch führten Spannungen zwischen den beiden katho- schend im Alter von nur 54 Jahren. Er hatte eine nötige
lischen Parteien dazu, dass die BVP nicht, wie die Zentrums- Operation zu lange aufgeschoben, um sich in einem lang-
partei, allen, sondern nur einigen Regierungen der Weimarer wierigen Gerichtsverfahren gegen die Verleumdung eines
Republik angehörte. deutschvölkischen Journalisten zu wehren. Dieser hatte im

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46 Weimarer Republik

bpk

Die Rückkehr des Kaisertreuen: Reichspräsident Paul von Hindenburg nach seiner Vereidigung vor
dem Reichstagsgebäude mit seinem Sohn Oskar und Wehrminister Geßler (Mitte)

Sinne der Dolchstoßlegende behauptet, Ebert habe im Janu- Vor dem zweiten Wahlgang, in dem die relative Mehrheit
ar 1918 als Mitorganisator mehrtägiger Streiks in Berlin und genügte, bildeten sich der „Reichsblock“ (DVP, BVP, DNVP,
anderen Großstädten „Landesverrat“ begangen. (Tatsächlich Deutschvölkische) und der „Volksblock“ (SPD, DDP, Zentrum),
hatte sich Ebert mit anderen MSPD-Führern in die Leitung die jeweils einen Kandidaten unterstützten. Im Volksblock
eines „wilden“ – das heißt ohne Gewerkschaft begonnenen – konnte die Zentrumspartei ihr Führungsmitglied Wilhelm
Streiks wählen lassen, um diesen so schnell wie möglich zu Marx durchsetzen, was die SPD aus Sorge um die Weimarer
beenden; Linksradikale warfen ihm daraufhin „Arbeiterver- Koalition in Preußen hinnahm. Der Reichsblock präsentier-
rat“ vor). Friedrich Eberts früher Tod bedeutete einen herben te überraschend den 77-jährigen Paul von Hindenburg, der
Verlust für die Weimarer Republik. Seine Hauptverdienste das breite Spektrum der rechts stehenden Wähler hinter
bestanden in der Vermittlung des Konsenses zwischen sozi- sich bringen sollte. Bevor er die Kandidatur annahm, holte
aldemokratischer Arbeiterschaft, linksliberalem Bürgertum er heimlich die Zustimmung „seines“ Kaisers in Doorn ein.
und politischem Katholizismus über die Gründung der Wei- Politisch unerfahren, aber geschickt beraten, gab er sich im
marer Republik sowie in seiner untadeligen verfassungs- Wahlkampf ebenso vaterländisch wie verfassungstreu.
treuen und überparteilichen Amtsführung, die auch von se- Am 26. April 1925 entschied Hindenburg den zweiten Wahl-
riösen politischen Gegnern anerkannt wurde. Jedoch hatte er gang knapp für sich.
sich durch sein unkritisches Vertrauen auf die „Fachleute“ – Der ehemalige OHL-Chef, prominente Monarchist und Mit-
konservative Generäle und Beamte – und durch seine Här- urheber der Dolchstoßlegende im höchsten Staatsamt der
te gegenüber Linksradikalen seiner eigenen Partei zuneh- Republik – das war ein schwerer Schlag für die Demokratie.
mend entfremdet. Was die begeisterte Rechte von Hindenburg erwartete, äu-
Bei der ersten Volkswahl des Reichspräsidenten lag nach ßerte der DNVP-Fraktionsvorsitzende Kuno Graf Westarp un-
dem ersten Wahlgang am 29. März 1925 Reichsinnenminister verblümt am 19. Mai 1925 im Reichstag: „Die 14,6 Millionen,
Karl Jarres (DVP), den auch die DNVP unterstützte, klar vor die am 26. April unserer Parole gefolgt sind, haben damit ein
dem preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun (SPD) und Bekenntnis abgelegt, ein Bekenntnis zu dem Gedanken der
den abgeschlagenen übrigen Bewerbern; er verfehlte jedoch Führerpersönlichkeit, ein Bekenntnis zu jener Vergangenheit,
die erforderliche absolute Mehrheit. die vor 1918 lag.“

Hindenburg und die Monarchie

Aus einem Interview Hindenburgs mit gerische Abenteuer irgendwie befürwor- narchistischen Welt verleugne ich ebenso
einem US-Journalisten vom 21. April ten kann. [...] wenig, wie Herr Ebert seine Herkunft aus
1925 Frage: Ihre Kandidatur wird vielfach der alten sozialdemokratischen Kampf-
Frage: Im Ausland hat man den Gedan- als eine monarchistische aufgefasst. Wie atmosphäre verleugnet hat. Ein Reichsprä-
ken aufgeworfen, ob durch Ihre Reichs- denken Sie darüber? sident, der allen Ständen und Gliedern des
präsidentschaft [...] eine Beunruhigung Antwort: Einen plötzlichen Wandel Volkes dienen muss, darf aber nicht Ver-
Europas eintreten könnte? der verfassungsmäßigen Grundlagen des treter des Kampfgedankens irgendwelcher
Antwort: Soweit dabei an militärische Deutschen Reiches halte ich weder für Klassen sein. Es ist völlig unwahr, dass ich
Dinge gedacht ist, kann ich versichern, möglich, noch für erwünscht; denn die da- mich mit Doorn über die Annahme
dass mir als altem Soldaten die mili- bei unvermeidliche Fehde würde dem meiner Kandidatur verständigt habe. Ich
tärische Ohnmacht Deutschlands viel zu Programm der inneren Eintracht wider- habe in dieser Frage keine Fühlung mit
genau bekannt ist, als dass ich krie- sprechen. Meine Herkunft aus einer mo- dem Hause Hohenzollern gehabt.

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Zwischen Festigung und Gefährdung 1924-1929 47
akg-images

Das Volksbegehren für die entschädigungslose Enteignung der deutschen Fürstenhäuser stößt bei der
Bevölkerung auf große Resonanz. Abstimmungslokal mit ausliegenden Listen am 17. März 1926

Hindenburgs Amtsführung des Rechts“ und duldete die Verwendung dieses Zitats auf
den Plakaten der Gegner des Volksbegehrens (DNVP, BVP,
Die von manchen gehegte Hoffnung, der neue Reichspräsi- DVP, Zentrum und Kirchen), was einem Amtsmissbrauch
dent werde zur Festigung der Demokratie beitragen, denn er gleichkam. Dennoch stimmten beim Volksentscheid am
könne wie kein anderer die Monarchisten mit der Republik 20. Juni 1926 14,5 Millionen Bürger für die Fürstenenteig-
versöhnen, erfüllte sich nicht. Im Gegensatz zu Stresemann nung. Die erforderlichen 21 Millionen Stimmen wurden
war und wurde Hindenburg kein „Vernunftrepublikaner“. aber nicht erreicht.
Vielmehr verstand er sich als Statthalter und Interessenver- Ende 1926 verhinderte Hindenburg ein Ausführungsge-
treter der Hohenzollernmonarchie. Dieses Selbstverständ- setz zum Artikel 48 WV, das seine Diktaturvollmachten
nis – zu dem er sich freilich nur im Kreise seiner Vertrauten einschränken sollte. Gerade im Notfall, so schrieb er am
bekannte – erschließt sich aus vielen Verhaltensweisen und 26. November an Reichskanzler Marx, sei es geboten, dem
Amtshandlungen. Drei Beispiele: Reichspräsidenten „freie Hand zu lassen in der Wahl und
¬Noch 1925 brachte Hindenburg einen Gesetzentwurf der in der Durchführung der [...] Abwehrmaßnahmen“. Indem
SPD zur Beschränkung der Ansprüche der 1918 abgesetz- er vor „schweren Kämpfen im Reichstag“ warnte, drohte
ten, aber nicht enteigneten Fürstenhäuser auf Rückgabe er mit der Mobilisierung aller konservativ gesinnten Ab-
ihres Vermögens bzw. Entschädigung zu Fall, indem er geordneten gegen den Gesetzentwurf.
das Gesetz für verfassungsändernd erklärte. Tatsächlich
erlaubte Artikel 153 Abs. 2 WV auch entschädigungslose Wenn Hindenburg es nicht für seine Aufgabe hielt, vorbe-
Enteignungen zum Wohle der Allgemeinheit mittels ein- haltlos für die parlamentarisch-demokratische Republik
facher Gesetze. einzutreten, so wurde er darin von seinen engsten Beratern
Ein Volksbegehren der KPD zur entschädigungslosen Ent- bestärkt. Zu dieser „Kamarilla“ gehörten u. a. Otto Meissner,
eignung der Fürsten, dem sich SPD und Gewerkschaften Staatssekretär im Reichspräsidentenpalais, Elard von Olden-
anschlossen und das in der Bevölkerung auf große Reso- burg-Januschau, ein prominenter ostpreußischer Gutsbe-
nanz stieß, nannte der Reichspräsident einen „bedenk- sitzer, und Hindenburgs Sohn Oskar, ein Reichswehroberst.
lichen Verstoß [...] gegen die Grundlagen der Moral und Diese Präsidentenberater verfolgten gemeinsame politische

Aus einem Brief Hindenburgs an Wil- führbaren Ratschlägen Anderer widerspre- Majestät versichert hatte. So verbleibe ich
helm II. vom 27. November 1927 chen und einen, wie ich glaubte, vorü- bis in ein nicht mehr fernes Grab in
„Euer Majestät lege ich die inständige Bit- bergehenden Aufenthalt in Holland als Treue und Ehrgefühl als Euer Kaiserlichen
te zu Füßen, davon überzeugt sein zu bestes Mittel für oben erwähnten Zweck und Königlichen Majestät allerunter-
wollen, dass ich wie immer, so auch in den empfehlen. Von Euer Majestät missverstan- tänigster v. Hindenburg, Generalfeldmar-
damaligen unglücklichen Tagen ledig- den zu werden, ist mir altem Soldaten schall.“
lich bemüht gewesen bin, Schaden und der größte Schmerz. Darum bitte ich vor-
Nachteil vom Haupte meines Kaisers beugend daran erinnern zu dürfen, Walther Hubatsch (Hg.), Hindenburg und der Staat, Muster-
und Königs abzuwenden. Nur aus diesem dass ich mein jetziges dornenvolles Amt schmidt, Göttingen 1965, S. 188 und 46

Grunde musste ich nach gewissenhafter nach langem Sträuben erst übernommen
Prüfung schweren Herzens wohlge- habe, nachdem man mich bei der Ehre
meinten, aber nach Lage der Dinge unaus- fasste, und ich mich der Einwilligung Eurer

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48 Weimarer Republik

Ziele: Überwindung des Versailler Vertrages (vor allem der


Entwaffnungs- und Reparationsvorschriften), Wiederher-
stellung Deutschlands mindestens in den Grenzen von 1914,
Beseitigung der Demokratie und des Einflusses der politi-
schen Linken, Rückkehr zur Monarchie.
Dennoch schien die politische Stabilisierung weitere Fort-
schritte zu machen. So bekannte sich der angesehene Braun-

Süddeutsche Zeitung Photo / Ursula Röhnert


kohlen-Industrielle und stellvertretende Vorsitzende des
RDI, Paul Silverberg, am 6. September 1926 in einer Aufsehen

Süddeutsche Zeitung Photo / Scherl


erregenden Rede auf einer RDI-Tagung klar zur Republik und
empfahl sogar eine Regierungsbeteiligung der SPD.
Als aber der amtsmüde gewordene Reichswehrminister
Geßler am 14. Januar 1928 zurücktrat, erlitt die Demokratie
wieder einen Rückschlag: Als Nachfolger akzeptierte die
amtierende Bürgerblock-Regierung Hindenburgs Wunsch-
kandidaten, den parteilosen Generalquartiermeister a. D.
Wilhelm Groener. Von jetzt an befanden sich das Reichsprä-
sidentenamt und das Reichswehrministerium sozusagen in Hermann Müller (1876-1931) Gustav Stresemann (1878-1929)
der Hand der letzten kaiserlichen Obersten Heeresleitung.
Durch die Förderung seines alten und neuen Chefs Groener
stieg der frühere Major im Hauptquartier der OHL, Oberst Demgegenüber fühlte sich die DVP vorrangig den Interes-
Kurt von Schleicher, innerhalb weniger Jahre militärisch sen der Großindustrie verpflichtet – zum Leidwesen ihres
zum Generalleutnant und Leiter des Ministeramts auf; po- Vorsitzenden Gustav Stresemann, der auf sozialen Aus-
litisch wurde er als Vertrauter Hindenburgs der strategische gleich bedacht war. Nur mit großer Mühe hatte er die Wi-
Kopf der „Kamarilla“. derstände in seiner Partei gegen eine Koalition mit der SPD
überwunden. Als der überarbeitete und gesundheitlich an-
geschlagene Stresemann am 3. Oktober 1929 im Alter von
Reichstagswahl 1928 nur 51 Jahren starb und Anfang Dezember der industriena-
he Ernst Scholz an die Spitze der Partei rückte, verschärfte
Bei den Reichstagswahlen vom 20. Mai 1928 errangen die So- sich sogleich der wirtschafts- und sozialpolitische Streit im
zialdemokraten einen klaren Wahlsieg, während die Deutsch- Kabinett.
nationalen herbe Verluste erlitten. Dass die SPD als stärkste Auch im Zentrum hatte in der zweiten Hälfte der 1920er
demokratische Partei in die Regierungsverantwortung zu- Jahre ein Rechtstrend eingesetzt, durch den der SPD-
rückkehrte, während die stärkste republikfeindliche Partei, freundliche Arbeitnehmerflügel an Einfluss verlor. Des-
die DNVP, in die Opposition wechselte, schien die Republik halb konnte sich bei der Neuwahl des Parteivorsitzenden
zu festigen. Beunruhigend wirkten jedoch die beträchtlichen im Dezember 1928 der erzkonservative Prälat Ludwig Kaas
Einbußen der Mittelparteien, während die KPD und die Split- gegen den christlichen Gewerkschafter Adam Stegerwald
terparteien Mandate hinzugewannen. Die NSDAP, deren Par- durchsetzen.
teiapparat Hitler nach seiner vorzeitigen Haftentlassung im Unauffälliger verlief das allmähliche Abdriften der DDP
Dezember 1924 wieder aufgebaut und reichsweit ausgedehnt nach rechts, mit dem die Partei unter ihrem langjährigen
hatte, erhielt nur zwölf Parlamentssitze. Vorsitzenden Erich Koch-Weser auf ihren schleichenden
Nach langwierigen Verhandlungen bildete der neue Niedergang reagierte. Das Ausmaß der Rechtsentwicklung
Reichskanzler Hermann Müller (SPD) eine „Große Koalition“ in der DDP wurde erst 1930 voll erkennbar.
(SPD, Zentrum/BVP, DDP, DVP). Zwar verfügte sie im Reichs-
tag über eine breite Mehrheit, aber in die Zusammenarbeit
der Regierungsparteien waren quasi mehrere „Soll-Bruch- Kampagne gegen den Young-Plan
stellen“ eingebaut:
¬ Im Herbst 1929 entfesselte die deutsche Rechte, die die au-
- ßenpolitischen Erfolge der Republik beharrlich ignorierte,
- gegen den Young-Plan (siehe S. 37) die größte politische Pro-
- pagandaaktion in der Geschichte der Weimarer Republik.
Erstmals arbeitete dabei die seit Ende Oktober 1928 von dem
- Großverleger Alfred Hugenberg geführte DNVP mit Hitlers
- NSDAP zusammen. Hugenberg ließ seine auflagenstarken
- Zeitungen fast täglich Hetzartikel gegen den Young-Plan
drucken – und immer öfter wohlwollende Berichte über
die Nationalsozialisten. Auch finanzierte er den von DNVP,
„Stahlhelm“ (Bund der Frontsoldaten) und NSDAP gegrün-
- deten „Reichsausschuss“ für ein Volksbegehren gegen den
Young-Plan, der einen Entwurf für ein „Gesetz gegen die Ver-
sklavung Deutschlands“ vorlegte.
Die erforderliche Unterschriftenzahl wurde knapp erreicht;
beim Volksentscheid vom 22. Dezember 1929 stimmten dann

Informationen zur politischen Bildung Nr. 261/2011


Zwischen Festigung und Gefährdung 1924-1929 49

nur 5,8 Millionen Wähler (statt der erforderlichen 21 Millio- in proletarisch-revolutionäre, linksliberale, konservative und
nen) dafür. Die große Mehrheit der Bevölkerung sah infolge völkische bzw. nationalsozialistische Richtungen. Demzufolge
des wirtschaftlichen Aufschwungs seit 1924 die Reparations- wurden die politischen Auseinandersetzungen auch mit den
frage mittlerweile gelassen. Am 12. März 1930 wurden die Mitteln der Kunst ausgetragen.
Young-Plan-Gesetze – trotz anhaltender Kritik von rechts, Anspruchsvolle Kultur ereignete sich hauptsächlich auf
die im demonstrativen Rücktritt des Reichsbankpräsidenten den Feuilletonseiten der angesehenen liberalen, überregio-
Hjalmar Schacht gipfelte – von der Großen Koalition (mit nalen Tageszeitungen („Vossische Zeitung“, „Frankfurter
Ausnahme der BVP) im Reichstag beschlossen. Zeitung“), in literarisch-politischen Zeitschriften („Die Welt-
Als Hauptnutznießerin der fehlgeschlagenen Anti-Young- bühne“, „Neue Rundschau“, „Die Linkskurve“), in Malerei
Plan-Kampagne erwies sich die NSDAP. Mit Hugenbergs Hil- und Architektur, Sprech- und Musiktheater, Konzert, Revue
fe hatte Hitler es verstanden, sich reichsweit ins Gespräch zu und Kabarett, Romanen und Gedichten. Expressionismus
bringen und nationalistisch zu profilieren. Auch außerhalb und Neue Sachlichkeit, aber auch klassische Traditionen und
Bayerns besaßen die NSDAP-Führer jetzt Zutritt zu den „bes- proletarisch-revolutionäre Kunst fanden dort ihr Publikum.
seren Kreisen“. Massenkultur fand vor allem im lokalen und regionalen Zei-
tungswesen, in Fortsetzungs- und „Groschenromanen“, in
den Fotoreportagen der neuartigen Illustrierten, in Schlager,
Film und Rundfunk und in sportlichen Großveranstaltun-
gen statt.
Kulturelle Blütezeit Den strahlenden Mittelpunkt des kulturellen Lebens bildete
die Reichs- und preußische Landeshauptstadt Berlin, wo das
Preußische Ministerium für Erziehung und Wissenschaft und
Das Kriegs- und Revolutionserlebnis, der Durchbruch der die Preußische Akademie der Künste mit Kompetenz und Geld
Demokratie, aber auch der technische Fortschritt und nicht die moderne Kunst förderten.
zuletzt amerikanische Einflüsse (Jazz-Musik, Filmkunst) ga-
ben der kulturellen Entwicklung kräftige Impulse. Die Wei-
marer Republik setzte in der kurzen Zeit ihrer Existenz in Massenmedien
beispielloser Weise künstlerische Energie und Kreativität
frei. Kunsthistoriker zählen die Jahre zwischen 1918 und 1933 Unter den sich rasant entfaltenden Massenmedien behielt
zur „Klassischen Moderne“, denn die Vielfalt und Modernität die Presse ihre Spitzenstellung: 1928 erschienen 3356 Tages-
ihrer Kunst- und Kulturformen – zwischenzeitlich vom NS- zeitungen, davon 147 in Berlin. Nur 26 erreichten eine Auf-
Regime unterdrückt – wirkten nach dem Zweiten Weltkrieg lage von mehr als 100 000 Exemplaren, die „Berliner Illus-
und bis in die Gegenwart hinein inhaltlich und formal anre- trierte Zeitung“ („B. I. Z.“) dagegen 1930 fast 1,9 Millionen.
gend oder sogar prägend. In der Herstellung und Verbreitung von Filmen aller Art
Die Weimarer Kultur blieb – bei fließenden Grenzen – stets wurde Deutschland in Europa führend. Zahlreiche deut-
mehrfach gespalten: in anspruchsvolle Kultur und Massenkul- sche Produktionen erlangten internationale Anerkennung.
tur, in avantgardistische und traditionalistische Strömungen, Das Kinopublikum bestand zum größten Teil aus Jugend-
akg-images

Zentrum des kulturellen Lebens ist die Reichshauptstadt: hier der belebte Potsdamer Platz Ende der 1920er Jahre

Informationen zur politischen Bildung Nr. 261/2011


50 Weimarer Republik

lichen, Arbeitern und kleinen Angestellten. Bereits 1925


kauften täglich zwei Millionen Menschen eine Kinokarte.
Im Zuge der Umstellung auf den Tonfilm ab 1929 gewan-
nen die im Beiprogramm gezeigten „Wochenschauen“ an
Attraktivität.
Wirtschaftskonzentration und steigende Kosten spiegel-
ten sich auch in der Filmproduktion wieder: Die Zahl der
Filmgesellschaften ging von 1922 bis 1929/30 von 360 auf
drei (Ufa, Tobis, Terra) zurück, die der jährlich gedrehten Fil-
me von 646 auf etwa 120. Anders als Rundfunk und Print-
medien unterlag der Film einer staatlichen Zensur (Reichs-
lichtspielgesetz vom 12. Mai 1920); viele Weimarer Politiker
misstrauten den suggestiven Wirkungen dieses Mediums.
Der Rundfunk brachte die Kultur sogar direkt ins Haus.
Anfang 1924 gab es erst 10 000 Rundfunkteilnehmer, 1932
bereits über vier Millionen (etwa ein Viertel der Haushalte),
denen die Sender der 1926 gegründeten „Reichs-Rundfunk-
Gesellschaft“ Musikprogramme, Vorträge, Reportagen und
Dichterlesungen anboten. Hier entstand auch das Hörspiel
als neue literarische Gattung, durch die zahlreiche Schrift-
steller des 20. Jahrhunderts erstmals bekannt wurden.

akg-images / Erich Lessing


Neue Sachlichkeit

Neue Sachlichkeit war eine für die zweite Hälfte der 1920er
Jahre besonders typische Kunstrichtung, die – beeinflusst
von der Massenkultur und den neuen technischen Medi-
en Film und Rundfunk – das damalige Lebensgefühl der
Menschen, ihr nüchternes Streben nach Bewältigung des Der Mittelteil des Tryptichons „Großstadt“ von Otto Dix (1891-1969),
Alltags, auszudrücken versuchte. Der Begriff geht auf eine entstanden 1927/1928
Ausstellung moderner Malerei in Mannheim 1925 zurück.
Künstler wie Max Beckmann, George Grosz, Otto Dix und
andere präsentierten dort richtungweisende neue Arbei-
ten: gegenständliche Malerei mit alltäglichen Themen (oft
Stillleben und Porträts). Darin zeigte sich eine Abkehr vom
Expressionismus mit seinen Traum- und Phantasiewelten,
verzerrten Formen und realitätsfernen Farbgebungen.
Da es zwischen den verschiedenen Sparten der Kunst
strukturelle Entsprechungen – gemeinsame Wahrneh-
mungs- und Ausdrucksformen – gibt, wurde Neue Sach-
lichkeit bald zum allgemeinen Begriff für eine konkrete,
distanzierte künstlerische Auseinandersetzung mit der
„greifbaren Wirklichkeit“, die dem Inhalt den Vorrang vor
der Form einräumte und das Schlichte gegenüber dem Or-
namentalen bevorzugte.

Bauhaus

Zur führenden neusachlichen Künstlerschule wurde das


1919 in Weimar gegründete, 1925 nach Dessau umgezogene
„Bauhaus“. Es strebte eine Zusammenführung von Archi-
tektur, Malerei und angewandter handwerklicher Kunst
an. Neben Architekten (Walter Gropius, Hannes Meyer,
Ludwig Mies van der Rohe) gehörten ihm daher auch Ma-
ler (Wassily Kandinsky, Paul Klee, Lyonel Feininger) und
Gebrauchsdesigner (Marcel Breuer, Marianne Brandt) an;
ullstein bild

der Komponist Paul Hindemith und andere Dozenten hiel-


ten Gastvorlesungen. Bauhaus-Architektur zeichnete sich
durch schlichte, funktionale Form, Stahl und Beton, offenes Die Weißenhofsiedlung in Stuttgart, entworfen unter der Leitung Ludwig
Skelett und große Glasflächen aus. Beispiele sind der Bau- Mies van der Rohes und anderer führender Architekten, gilt als Meilenstein
haustrakt in Dessau, die Weißenhofsiedlung in Stuttgart in der modernen Baukunst.

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Zwischen Festigung und Gefährdung 1924-1929 51

und die Hufeisensiedlung in Berlin-Britz. Bauhauskünstler Proletarisch-revolutionäre Kunst


entwarfen moderne, formschöne und funktionale Einrich-
tungs- und Gebrauchsgegenstände (zum Beispiel Sessel, Eine linksradikale Variante der Neuen Sachlichkeit verkör-
Lampen, Küchenmöbel). Neusachliche Mode befreite die perte die proletarisch-revolutionäre Kunst. Sie entstand
Frauen von Dutt, Korsett und fußlangen Röcken, die Män- vor allem im 1928 gegründeten KPD-nahen „Bund proleta-
ner von Stehkragen („Vatermörder“), gestärkter Hemdbrust risch-revolutionärer Schriftsteller Deutschlands“, der die
und Bart. Literaturzeitschrift „Die Linkskurve“ herausgab. Ihm gehör-
ten Brecht, Johannes R. Becher (später DDR-Kulturminister),
Anna Seghers, Friedrich Wolf, Theodor Plivier und andere
Theater und Literatur Autoren an. Neben reinen Propagandawerken zur Verherrli-
chung des Kommunismus entstanden künstlerisch beachtli-
Im Theater begann 1925 die Abkehr von expressionistischer che sozialkritische Werke, wie Seghers’ Erzählung „Aufstand
Wirklichkeitsverzerrung und Sprachverstümmelung mit der Fischer von St. Barbara“ (1928) oder Pliviers Roman „Der
Carl Zuckmayers gefeiertem Volksstück „Der fröhliche Wein- Kaiser ging, die Generäle blieben“ (1932). Brechts kapitalis-
berg“ (1925). Es entwickelte sich das neusachliche Zeit- oder muskritischer Film „Kuhle Wampe“ (1932) wurde 1933 von
Gesellschaftsstück, zum Beispiel Zuckmayers berühmte an- den Nationalsozialisten sogleich verboten.
timilitaristische Tragikomödie „Der Hauptmann von Köpe-
nick“ (1930).
Neusachliche Romane griffen historische Themen auf Konservativer Antimodernismus
(Lion Feuchtwangers „Jud Süß“ 1925), verarbeiteten kritisch
das Weltkriegserlebnis (Erich Maria Remarques „Im Westen Wie Nationalkonservative und Rechtsradikale die Weima-
nichts Neues“ 1929) oder spiegelten soziale Probleme (Hans rer Demokratie als „undeutsches“, von den Siegermächten
Falladas „Kleiner Mann, was nun?“ 1932) wider. Auch Erich aufgezwungenes politisches System hassten und bekämpf-
Kästners heiter-ernste Kinderbücher („Emil und die Detek- ten, so lehnten sie die moderne Kunst als „Amerikanismus“
tive“ 1929, „Pünktchen und Anton“ 1931) lassen sich hier an- ab oder brandmarkten sie gar als „Kulturbolschewismus“.
führen. In Alfred Döblins Großstadtroman „Berlin Alexan- 1928 gründete die NSDAP einen „Kampfbund für deutsche
derplatz“ vermischten sich Einflüsse des Expressionismus, Kultur“, der eine Rückbesinnung auf deutsche Klassik, Hei-
der Neuen Sachlichkeit, amerikanischer Autoren (Upton matkunst und Volksmusik forderte. Wo Hitlers Partei an Lan-
Sinclair, John Dos Passos) und des Films (Schnitttechnik). desregierungen beteiligt wurde, führte sie sogleich einen
Döblin nutzte beispielhaft alle Vermarktungsmöglichkeiten: Kulturkampf. In Thüringen ließ sie Ende 1930 siebzig Werke
1929 erschien das Buch, 1930 das Hörspiel, 1931 der Film. der modernen Malerei aus dem Weimarer Schloss entfernen.
Die Lyrik der Neuen Sachlichkeit war vor allem „Gebrauchs- In Anhalt vertrieb sie im September 1932 das Bauhaus aus
lyrik“ (Kurt Tucholsky): Humorvolle, satirische Verse über Dessau; nach Berlin umgesiedelt, musste es sich 1933 selbst
Liebe, Alltag und Politik von Bertolt Brecht, Kästner, Walter auflösen.
Mehring, Joachim Ringelnatz, Kurt Tucholsky, Mascha Kaléko Konservative Intellektuelle traten mit einflussreichen an-
und Werner Finck; als Gedichte oder Lieder, Bänkelsänge tidemokratischen Schriften hervor. In Ernst Jüngers viel ge-
oder Balladen, insbesondere für das Kabarett, das sich gro- lesenem Kriegstagebuch „In Stahlgewittern“ (1920) wurde
ßer Beliebtheit erfreute. das Soldatentum als wahre Berufung des Mannes, der Krieg
als schicksalhafte Prüfung eines Volkes hingestellt. Oswald
Spenglers geschichtsphilosophisches Werk „Der Untergang
Musik und Film des Abendlandes“ (1918/1922), das in den meisten bildungs-
bürgerlichen Haushalten stand, deutete Kulturen als „höchs-
Entsprechend handelte es sich bei neusachlicher Musik um te Lebewesen“, zwischen denen es „immer nur um das Le-
„Gebrauchsmusik“ (Hindemith): Antiromantisch, nüchtern ben, den Triumph des Willens zur Macht“ gegangen sei.
bis verspielt, klar strukturiert, vom amerikanischen Jazz be- Der prominente Staatsrechtler und Gegner des Parlamen-
einflusst, meist geschrieben für Varieté, Kabarett, Kino und tarismus Carl Schmitt definierte Politik als kompromisslo-
Revue. Besonders berühmt wurde die „Dreigroschenoper“ sen Kampf zwischen „Freund“ und „Feind“ („Der Begriff des
(1928) von Bertolt Brecht (Text) und Kurt Weill (Musik). Im Politischen“ 1927). Hans Grimms Roman „Volk ohne Raum“
Bereich der musikalischen Massenkultur entstand der deut- (1926) prägte und propagierte bereits mit seinem Titel na-
sche Schlager – zum Teil mit witzigen Nonsenstexten –, tionalistisches und nationalsozialistisches Gedankengut.
durch den besonders die seit 1928 auftretende Gesangs- „Jungkonservative“ Theoretiker entwickelten die Idee einer
gruppe „Comedian Harmonists“ („Veronika, der Lenz ist da“, „konservativen Revolution“: Da die Weimarer „Demopluto-
„Wochenend’ und Sonnenschein“) rasch populär wurde. Von kratie“ (Edgar Jung) die ewigen Werte des Zusammenhangs
den Kapellen und Grammofonen in Cafés, Tanzlokalen und zwischen Mensch, Natur und Gott zerstört habe, müsse der
Nachtklubs hörte man zunehmend Jazz-Musik; man tanzte Konservatismus selbst revolutionär werden, um eine be-
Shimmy und Charleston. wahrenswerte Ordnung erst wiederherzustellen. Die ideolo-
Auch im Film vollzog sich ein Wandel von den düsteren gische Schnittmenge zwischen Rechtsintellektuellen, Jung-
Visionen und schrillen Kulissen des Expressionismus (wie konservativen und Nationalsozialisten bestand vor allem in
im „Kabinett des Dr. Caligari“ von Robert Wiene 1919/20) den gemeinsamen Zielbegriffen der ständisch gegliederten
zur Neuen Sachlichkeit. Deren wichtigster Regisseur wurde „Volksgemeinschaft“, des autoritären politischen „Führers“
Georg Wilhelm Pabst: „Die freudlose Gasse“ (1925) schilder- und des nichtmarxistischen „nationalen Sozialismus“. Sol-
te den moralischen Verfall von Menschen durch das Infla- ches Ideengut erreichte einen beträchtlichen Teil der konser-
tionselend. vativen Oberschicht in Militär, Bürokratie, Hochschulen und

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52 Weimarer Republik

Wirtschaft, der unter anderem im „Deutschen Herrenklub“ dem Nationalsozialismus Vorschub: „Das Flötenkonzert von
organisiert war. Sanssouci“ (1930) und „Barberina, die Tänzerin von Sans-
Zweifellos schlugen dem parlamentarisch-demokratischen souci“ (1931) verherrlichten den Krieg und den patriarchali-
System der Weimarer Republik und seinen Repräsentanten schen Staatslenker. „Morgenrot“ (1932/33), eine dramatische
auch von links Abneigung und Hass entgegen. Priesen die U-Boot-Episode aus dem Ersten Weltkrieg, feierte den solda-
Theoretiker und Propagandisten der KPD unermüdlich das tischen Heldentod.
Vorbild der Sowjetunion, so reimte man auf dem linken Flü-
gel der SPD: „Die Republik, das ist nicht viel – der Sozialismus
bleibt das Ziel!“ Unabhängige Linksintellektuelle, nament- Juden in Kultur und Wissenschaft
lich der Kreis um die von Carl von Ossietzky herausgegebene
Zeitschrift „Die Weltbühne“, übten ätzende Kritik an politi- Das kulturelle Leben der Weimarer Republik war den von
schen Missständen, persönlichen Unzulänglichkeiten einzel- antisemitischen Ressentiments erfüllten Nationalkonserva-
ner Politiker und am demokratischen Kompromiss. Ihr Bei- tiven und Nationalsozialisten schon deshalb verhasst, weil
trag zur Destabilisierung der Republik war jedoch wesentlich es ihnen als von Juden beherrscht erschien. Richtig ist, dass
geringer, da sie im Gegensatz zum Rechtsintellektualismus sich die herausragenden Beiträge jüdischer Deutscher aus
nicht das politische Denken derjenigen Kräfte beeinflussten, der Weimarer Kultur nicht wegdenken lassen. Josef von
die ab 1930 die Regierungsgewalt zur Zerstörung der Demo- Sternberg, drei der sechs „Comedian Harmonists“, Arnold
kratie missbrauchten. Schönberg und Kurt Weill, Alfred Döblin, Lion Feuchtwan-
Massenwirksamer als das Schrifttum der politischen ger, Anna Seghers, Kurt Tucholsky und Carl Zuckmayer sind
Rechten wurden auffällige Veränderungen in der Filmkultur nur die prominentesten Namen. Auch in der Wissenschaft
seit 1930. Zwar traten manche Filme nach wie vor für hu- spielten sie eine große Rolle. Fünf von 15 deutschen No-
mane Werte ein, etwa „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ belpreisträgern waren Juden: Die Physiker Albert Einstein
von Fritz Lang (1930/31) oder die (von der Zensur verbotene) (1921), James Franck (1925) und Gustav Hertz (1925) sowie die
deutsche Fassung der amerikanischen Remarque-Verfil- Mediziner Otto Meyerhof (1922) und Otto H. Warburg (1931).
mung „Im Westen nichts Neues“ (1932). Aber zum einen wur- Indem das NS-Regime fast alle jüdischen Künstler und Wis-
den zunehmend reine Unterhaltungsfilme gedreht, allen senschaftler – wie auch viele ihrer links stehenden nichtjü-
voran „Der Blaue Engel“ von Josef von Sternberg (1930), der dischen Kollegen – ins Exil trieb, aus dem die meisten von
Marlene Dietrich zum Weltstar machte. Zum anderen leis- ihnen nicht mehr zurückkehrten, fügte es der deutschen
teten manche populäre Filme durch bestimmte Tendenzen Kultur einen unermesslichen Verlust zu.

Fritz Langs „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ von 1931 zählt noch Ein internationaler Publikumsmagnet ist „Der blaue Engel“ von 1931, Josef von
immer zu den Klassikern des deutschen Films. Sternbergs weltberühmte Verfilmung von Heinrich Manns „Professor Unrat“.
Süddeutsche Zeitung Photo / S.M.
akg-images

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Republikferne des Bürgertums gehend, vom Glanz des Stahlgewitters Horizont entgegen. „Licht aus!“ Ruinen
Ernst Jüngers geblendet und von seinen und Kreuze säumten den Weg. Kein
Wir lebten im Widerspruch, ohne beson- Mythologimena betört wurde. Ein Schul- Lied erscholl, nur leise Kommandoworte
dere Zuneigung zu der immer wieder freund hatte mich angesteckt. Wir und Flüche unterbrachen das Knirschen
gedemütigten Republik, aber voller Sehn- schwafelten viel vom „Heldischen“, vom der Riemen, das Klappern von Gewehr
sucht nach Würde, Größe und Lebens- „Heroischen“. Der Krieg, die Nieder- und Schanzzeug. Verschwommene Schat-
sinn. [...] Die Versuchung zum Selbstbetrug, lage wurde von uns nicht reflektiert, son- ten tauchten aus den Rändern zer-
zur Flucht ins Illusionäre war groß. dern als „nibelungischer“ Untergang stampfter Dörfer in endlose Laufgräben.
[...] Es war nicht leicht, sich in jenen mythologisiert. Wir träumten vom Nicht wie früher umrauschte Regiments-
chaotischen Jahren nach 1918 zu orientie- verborgenen Reich und einem heimlichen musik ins Gefecht ziehende Kompag-
ren, einen verlässlichen Halt zu fin- geistigen Führer, der auf seine Stunde nien. Das wäre Hohn gewesen. Keine Fah-
den. Man war nicht mehr Untertan SM wartete. [...] nen schwammen wie einst im Pulver-
(Seiner Majestät – Anm. d. Red.), man Mein politisches Interesse war unterent- dampf über zerhackten Karrees, das Mor-
war Bürger einer Republik. Der Pflicht- wickelt. In der Zeitung, der national- genrot leuchtete keinem fröhlichen
mensch, der in unverbrüchlichem Gehor- liberalen Täglichen Rundschau, die damals Reitertage, nicht ritterlichem Fechten und
sam, in streng geregelter militärischer zweimal am Tage erschien, interessierte Sterben. Selten umwand der Lorbeer die
und ziviler Disziplin nach einem sakro- mich ausschließlich der kulturelle Teil, Stirn des Würdigen.
sankten moralischen Kodex unter das Feuilleton. Auch meinem Freundes- Und doch hat auch dieser Krieg seine
dem Doppelgestirn von Thron und Altar kreis fehlte das politische Organ. Wir Männer und seine Romantik gehabt!
sein Lebenspensum absolvierte – dieser waren, unserer Herkunft nach, selbstver- Helden, wenn das Wort nicht wohlfeil ge-
„Pflichtmensch“ sah sich mit einem ständlich „national“, aber ohne be- worden wäre. Draufgänger, unbekannte,
Mal einer Freiheit ausgesetzt, die ihm aus wusst staatsbürgerliche Gesinnung; zu fein eherne Gesellen, denen es nicht vergönnt
Willkür, Unordnung, Sittenlosigkeit zu für die banale Demokratie. Wir ver- war, vor aller Augen sich an der eigenen
bestehen schien. kannten, um nicht zu sagen verachteten, Kühnheit zu berauschen. Einsam standen
Das bis dahin in einem übersichtlichen die sich im Alltagsgeschäft beschmutzen- sie im Gewitter der Schlacht, wenn der
sozialen Raster gegliederte Volk, das den Demokraten. Man konnte damals Tod als roter Ritter mit Flammenhufen
im Wesentlichen aus Herrschaften und wahrlich keinen Ruhm und nur wenig Ehre durch wallende Nebel galoppierte. Ihr Ho-
„Leuten“, aus Standespersonen und im Existenzkampf der von allen Seiten, rizont war der Rand eines Trichters, ihre
Dienstpersonal, aus privilegierten Befehls- von den radikalen Rechten wie von den Stütze das Gefühl der Pflicht, der Ehre und
habern und abhängigem Proletariat extrem Linken, befehdeten Republik des inneren Wertes. Sie waren Über-
bestand, hatte sich in eine anscheinend gewinnen. [...] winder der Furcht; selten ward ihnen die Er-
diffuse Masse von „Stimmberechtigten“ lösung, dem Feinde in die Augen blicken
verwandelt, die nach dem Verständ- Heinz Flügel, „Wir träumten vom verborgenen Reich“, in: zu können, nachdem alles Schreckliche
nis der „besseren“ Gesellschaft doch nur Rudolf Pörtner (Hg.), Alltag in der Weimarer Republik. Erinne-
sich zum letzten Gipfel getürmt und ihnen
rungen an eine unruhige Zeit, Econ, Düsseldorf 1990, S. 175 ff.
„Stimmvieh“ waren, nach wie vor un- die Welt in blutrote Schleier gehüllt
mündig, der Führung bedürftig. Aber wo hatte. Dann ragten sie empor zu brutaler
waren die zur Führung Legitimierten, Größe, geschmeidige Tiger der Gräben,
die Garanten einer restaurierten gesell- Meister des Sprengstoffs. Dann wüteten
schaftlichen und sittlichen Ordnung? Krieg als Bewährungsprobe? ihre Urtriebe mit kompliziertesten Mitteln
SM, soviel man auch an ihm auszusetzen der Vernichtung.
hatte, war immerhin „von Gottes Gna- Noch wuchtet der Schatten des Ungeheu- Doch auch wenn die Mühle des Krieges
den“ gewesen. Wer von den neuen Män- ren über uns. Der gewaltigste der Kriege ruhiger lief, waren sie bewundernswert.
nern hatte die „Gnade“? [...] ist uns noch zu nahe, als daß wir ihn ganz Ihre Tage verbrachten sie in den Eingewei-
Man liebäugelte aber auch mit den aus überblicken, geschweige denn seinen den der Erde, vom Schimmel umwest,
dem Kriege übrig gebliebenen Frei- Geist sichtbar auskristallisieren können. gefoltert vom ewigen Uhrwerk fallender
korps und befreundete sich schließlich mit Eins hebt sich indes immer klarer aus Tropfen. Wenn die Sonne hinter gezack-
den neuen militanten Formationen der Flut der Erscheinungen: Die überragen- ten Schattenrissen von Ruinen versank,
der NSDAP. Auch die Putschisten im Stile de Bedeutung der Materie. Der Krieg entklirrten sie dem Pesthauch schwarzer
von Kapp durften auf Wohlwollen in der gipfelte in der Materialschlacht; Maschi- Höhlen, nahmen ihre Wühlarbeit wie-
bürgerlichen Gesellschaft rechnen. nen, Eisen und Sprengstoff waren seine der auf oder standen, eiserne Pfeiler, näch-
Man war primär an der Ordnung, am for- Faktoren. Selbst der Mensch wurde als Ma- telang hinter den Wällen der Gräben
malen Recht interessiert; Gerechtigkeit terial gewertet. Die Verbände wurden und starrten in das kalte Silber zischender
rangierte an zweiter Stelle und wurde zu- wieder und wieder an den Brennpunkten Leuchtkugeln. Oder sie schlichen als
meist als Gleichmacherei missverstan- der Front zur Schlacke zerglüht, zurück- Jäger über klickenden Draht in die Öde des
den, als Nivellierung, als Niedergang der gezogen und einem schematischen Gesun- Niemandslandes. Oft zerrissen jähe Blitze
bürgerlichen Kultur. dungsprozeß unterworfen. „Die Division das Dunkel, Schüsse knallten, und ein
Ich selbst, gespeist von der geistigen ist reif für den Großkampf.“ Schrei verwehte ins Unbekannte. So arbei-
Tradition der vorrevolutionären bürger- Das Bild des Krieges war nüchtern, grau teten und kämpften sie, schlecht ver-
lichen Gesellschaft, ließ mich in jenen und rot seine Farben; das Schlachtfeld pflegt und bekleidet, als geduldige, eisen-
turbulenten Jahren allzu leicht bezaubern eine Wüste des Irrsinns, in der sich das Le- beladene Tagelöhner des Todes. […]
von formaler Größe, ästhetischer Ord- ben kümmerlich unter Tage fristete.
In Stahlgewittern. Vorwort, Hannover 1920, in: Ernst Jünger. Politi-
nung, moralischer Disziplin. Von daher Nachts wälzten sich müde Kolonnen auf sche Publizistik 1919-1933. Hg., kommentiert und mit einem Nach-
erklärt es sich wohl, dass ich, vorüber- zermahlenen Straßen dem brandigen wort von Sven Olaf Berggötz, Klett-Cotta, Stuttgart 2001, S. 9 f.

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54 Weimarer Republik

Reinhard Sturm

Zerstörung der Demokratie


1930-1933

Der Börsencrash läutete das Ende der Weimarer Republik


ein. 1928 noch eine Splitterpartei, wandelte sich die NSDAP
unter der Führung Adolf Hitlers zur Massenbewegung,
die 1933 die Macht in Deutschland übernahm und fortan

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jede demokratische Grundlage vernichtete.

Das Epizentrum der Krise: eine aufgeregte Menschenmenge vor der New
Yorker Wall Street am „Schwarzen Freitag“, 24. Oktober 1929

Wirtschaftskrise

Am 24. Oktober 1929 begann ein dramatischer Verfall der an Waren führte zu einer Produktionsdrosselung; Kurz-
Aktienkurse an der New Yorker Börse („Schwarzer Freitag“). arbeit und Entlassungen sowie Firmenzusammenbrüche
Ursache waren jahrelange Überinvestitionen in der Industrie waren die Folge. Von 1928 bis 1931 verdoppelte sich die Zahl
und damit ein Überangebot an Waren, mit dem die Nachfra- der jährlichen Konkurse. Im Winter 1929/30 gab es bereits
ge nicht Schritt gehalten hatte. Binnen kurzem weitete sich mehr als drei Millionen Arbeitslose, die materiell weitaus
die amerikanische Krise aufgrund der internationalen Fi- schlechter abgesichert waren als heute. Es entstand ein
nanz- und Wirtschaftsverflechtungen zur größten Krise der Teufelskreis aus sich verringernder Kaufkraft, zurückge-
Weltwirtschaft im 20. Jahrhundert aus. hender Nachfrage, sinkender Produktion und weiteren
Sie hat die Errichtung der NS-Diktatur 1933 keineswegs ver- Entlassungen. In der Landwirtschaft konnten viele kleine
ursacht, aber doch mit ermöglicht und beschleunigt. und mittlere Bauern ihre Schulden nicht mehr abbezahlen.
Das Deutsche Reich war, nach den USA, am stärksten von Es kam zu Zwangsversteigerungen, gegen die sich ein ver-
der Krise betroffen. Trotz eines sich schon 1928 ankündi- zweifelter bäuerlicher Protest formierte. Schon 1929 trat
genden Nachfragerückgangs hatte die Industrie auch 1929 die schleswig-holsteinische „Landvolkbewegung“ durch
noch investiert. Dadurch entstanden Überkapazitäten, zu- tätliche Angriffe auf Gerichtsvollzieher und Polizisten so-
mal bald alle Industrieländer die bereits bestehenden Zoll- wie durch Bombenattentate auf staatliche Gebäude in Er-
schranken im Zuge der Krise erhöhten. Das Überangebot scheinung.

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Zerstörung der Demokratie 1930-1933 55

Daten zum Verlauf der Wirtschaftskrise


1928 = 100

1928 1929 1930 1931 1932 1933 1934

Produktion und Beschäftigung

Produktionsgüter 100 103 86 61 46 54 77

Investitionsgüter 100 103 84 54 35 45 75

Verbrauchsgüter des elastischen Bedarfs 100 97 91 87 74 80 90

Verbrauchsgüter des unelastischen Bedarfs 100 101 101 95 85 88 98

Beschäftigte 100 99 92 80 71 74 85

Preise und Löhne

Produktionsgüter 100 102 101 96 86 83 83

Konsumgüter 100 98 91 80 67 64 67

Lebenshaltung 100 102 98 90 80 78 80

Reallohn 100 101 97 93 87 91 95

Berechnet nach: Konjunkturstatistisches Handbuch 1936 (Hg. Ernst Wagemann), Berlin 1935, S. 52 f., S. 12, S. 104, S. 106 f.; Statistisches Handbuch von Deutschland, a. a. O., S. 472

Dieter Petzina, Die deutsche Wirtschaft in der Zwischenkriegszeit, Steiner, Stuttgart 1977, S. 190

Bruch der Großen Koalition

Die Massenarbeitslosigkeit überforderte rasch die Finanz- des gemäßigten Flügels der Deutschnationalen, der sich
mittel der Arbeitslosenversicherung. In der Regierung kam Ende Juli als „Konservative Volkspartei“ (KVP) von der DNVP
es zu einem anhaltenden, erbitterten – durch die gemeinsa- abspaltete. Die Bereitschaft der DDP zur Mitarbeit im Kabi-
me Verabschiedung des Young-Planes am 12. März nur kurz nett Brüning und bald darauf ihr Zusammenschluss mit dem
unterbrochenen – Koalitionsstreit über die Lösung des Pro- antisemitischen „Jungdeutschen Orden“ zur „Deutschen
blems. Im Kern ging es um die Frage: Sollten die Beiträge von Staatspartei“ im Juli 1930 offenbarten den Rechtstrend auch
Arbeitgebern und Arbeitnehmern erhöht oder die Leistun- bei den Linksliberalen.
gen für die Arbeitslosen gekürzt werden? Die industrienahe
DVP wollte zusätzliche Kosten der Arbeitgeber infolge erhöh-
ter Beiträge vermeiden. Die Arbeitnehmerpartei SPD lehnte Übergang zum Präsidialregime
es ab, das ohnehin geringe Arbeitslosengeld zu kürzen.
Nach mehreren gescheiterten Lösungsansätzen unterbrei- Die Regierung Brüning besaß keine Mehrheit. Wie der Kanz-
tete schließlich der Zentrums-Fraktionsvorsitzende Heinrich ler trotzdem seine Politik durchzusetzen gedachte, teilte er
Brüning am 27. März 1930 einen Kompromissvorschlag, der die dem Reichstag am 1. April 1930 in seiner Regierungserklä-
Hauptentscheidung – Beitragserhöhungen oder Leistungskür- rung mit: Sein Kabinett – so laute Hindenburgs Auftrag –
zungen – vorläufig vertagte. Die DVP stimmte zu, während die sei „an keine Koalition gebunden“ und werde „der letzte Ver-
SPD ablehnte, weil sie mit der Arbeitslosenversicherung die such sein, die Lösung mit diesem Reichstage durchzuführen“.
Substanz des Sozialstaates in Gefahr sah. So blieb dem Kabi- Demnach wollte die neue Regierung notfalls ohne und gegen
nett Müller am 27. März 1930 nur der Rücktritt. das Parlament arbeiten, und zwar mit Hilfe der Machtmittel
Dem Anschein nach war die Große Koalition an der Un- des Reichspräsidenten: Notverordnungen nach Artikel 48 WV
beweglichkeit der SPD in einer an sich lösbaren Streitfrage und Reichstagsauflösung nach Artikel 25 WV. Sie verstand
zerbrochen. Als Hindenburg jedoch schon drei Tage später, sich als „Präsidialkabinett“ oder „Hindenburg-Regierung“.
ohne die üblichen Koalitionsverhandlungen, den neuen An den Sondierungen und Planungen für diese autoritäre,
Reichskanzler – nämlich Heinrich Brüning – ernannte, lag in der Verfassung nicht vorgesehene Regierungsweise waren,
der Rückschluss nahe, dass der Bruch der Großen Koalition außer Hindenburg, vor allem seine Berater Schleicher und
auf langfristiger Planung beruhte, der die SPD allerdings Meissner sowie – neben Brüning – die Fraktionsvorsitzenden
mit ihrer kompromisslosen Haltung entgegengekommen im Reichstag Ernst Scholz (DVP) und Graf Westarp (DNVP) be-
war. Ihre bisherigen Koalitionspartner mussten eingeweiht teiligt. Seinen Memoiren zufolge erfuhr Brüning schon kurz
gewesen sein, denn Brüning ersetzte lediglich die drei SPD- nach Ostern 1929 von Schleicher, der Reichspräsident sehe die
Minister durch Vertreter konservativer Kleinparteien sowie Gefahr, „dass die ganze Innen- und Außenpolitik im Sumpfe

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56 Weimarer Republik

verlaufe“. Er wolle daher „das Parlament im gegebenen Au- Die Umwandlung eines vom Reichstag abgelehnten Gesetz-
genblick für eine Zeit nach Hause schicken und in dieser Zeit entwurfs in eine Notverordnung war eindeutig verfassungs-
mit Hilfe des Artikels 48 die Sache in Ordnung bringen“. Wei- widrig. Der Antrag der SPD-Fraktion vom 18. Juli, Brünings
ter berichtet Brüning, Schleicher und er hätten sich damals Notverordnungen nach Artikel 48 Abs. 3 WV aufzuheben, wur-
auf das Ziel der Wiedereinführung der Monarchie verständigt; de daher vom Parlament mit großer Mehrheit (bei gespaltener
manche Historiker halten dies jedoch für eine nachträgliche DNVP) angenommen. Unmittelbar danach löste der Reichs-
Selbststilisierung. präsident nach Artikel 25 WV den Reichstag auf. Die Notver-
Nach Meissners Erinnerungen ließ Hindenburg Ende De- ordnungen wurden in einer sogar noch verschärften Fassung
zember 1929 Brüning mitteilen, er möge sich für das Amt des wieder in Kraft gesetzt. Bis zur Neuwahl nach 60 Tagen konn-
Reichskanzlers zur Verfügung stellen. Der angesehene Konser- te jetzt mit Notverordnungen regiert werden.
vative galt in der Umgebung des Reichspräsidenten als mögli-
cherweise sogar der SPD vermittelbare Integrationsfigur. Aus
den Aufzeichnungen des Grafen Westarp vom 15. Januar 1930 Wahlsieg der NSDAP
gehen Hindenburgs Leitlinien für die Regierung Brüning her-
vor: „a) antiparlamentarisch, also ohne Koalitionsverhandlun- Die Reichstagswahl vom 14. September 1930, an der sich 82 Pro-
gen und Vereinbarungen, b) antimarxistisch […]“ (also ohne die zent der Wähler beteiligten, endete mit einer Katastrophe für
SPD); „c) Wandlung in Preußen [...]“ mit Hilfe des Zentrums – die Demokratie. Die NSDAP, noch 1928 mit 2,6 Prozent und zwölf
die in Preußen regierende Weimarer Koalition sollte ebenfalls Mandaten eine Splitterpartei, erzielte 18,3 Prozent, konnte die
gesprengt werden. Zahl ihrer Sitze fast verneunfachen und stellte mit 107 Abgeord-
Parallel zu diesen Planungen nahmen Wirtschaftskreise ver- neten die zweitstärkste Fraktion (hinter der SPD, vor der KPD).
stärkt Einfluss auf die industrienahe DVP unter ihrem Vorsit- Die SPD verzeichnete erhebliche Verluste, die KPD starke Ge-
zenden Ernst Scholz, um deren Austritt aus der Großen Koaliti- winne; Zentrum und BVP registrierten einen leichten Zuwachs.
on zu erreichen. Im Dezember 1929 forderte der Reichsverband Auch der Anteil der „Sonstigen“, das heißt der Kleinparteien,
der Deutschen Industrie (RDI) in einer Denkschrift mit dem nahm etwas zu. Demgegenüber mussten DDP und DVP schwere
Titel „Aufstieg oder Niedergang?“ Steuererleichterungen für Verluste hinnehmen; der Stimmenanteil der DNVP wurde sogar
Unternehmer, Abschaffung der Zwangsschlichtung, Senkung halbiert. Wenngleich Art und Ausmaß damaliger Wählerwan-
der Staatsausgaben und Reform der Arbeitslosenversicherung derungen nicht exakt bestimmbar sind, lässt sich schließen,
durch „Ersparnismaßnahmen, nicht aber durch erhöhte Bei- dass überwiegend protestantische nationalkonservative und
träge“. Diesen SPD- und gewerkschaftsfeindlichen Kurs mach- liberale Mittel- und auch Oberschichtwähler zur NSDAP gewan-
te sich die DVP zu eigen. Am 5. Februar 1930 schrieb der DVP- dert waren. Besonders starken Anklang hatte Hitlers Partei of-
Abgeordnete Erich von Gilsa dem Vorsitzenden des Verbandes fenbar bei den Mittelschichten („alter“ und „neuer Mittelstand“,
Deutscher Stahlindustrieller, Paul Reusch, vertraulich, Scholz siehe S. 40) gefunden. Auch von der um sieben Prozent gestie-
wolle „bewusst auf einen Bruch mit der Sozialdemokratie hin- genen Wahlbeteiligung hatte sie stärker als andere Parteien
arbeiten“. profitiert, das heißt Jungwähler und bisherige Nichtwähler
Der Bruch der Großen Koalition erfolgte also im Zusam- gewonnen.
menspiel einflussreicher Vertreter autoritärer politischer – Dem entsprach die soziale Zusammensetzung der Mitglie-
wenn nicht monarchistischer – Bestrebungen und wirtschaft- derschaft der NSDAP: Arbeiter bildeten zwar die stärkste Ein-
licher Interessen. Vor diesem Hintergrund erscheint Brünings zelgruppe, waren jedoch im Vergleich zu ihrem Anteil an den
Vermittlungsvorschlag vom 27. März 1930 in einem anderen Erwerbstätigen deutlich unterrepräsentiert, während die ver-
Licht: der künftige Reichskanzler gedachte die Große Koaliti- schiedenen Mittelschichten einen überproportional hohen
on „vor der Öffentlichkeit an der Kompromisslosigkeit der SPD Anteil stellten. Ferner zog die NSDAP besonders die jüngere
und nicht an der Intransigenz des kommenden Koalitionspart- Generation an: Das Durchschnittsalter ihrer 130 000 Mitglieder
ners DVP zu Schanden gehen zu lassen“ (Volker Hentschel). und Funktionäre lag 1930 beträchtlich unter dem der übrigen
Parteien.
Im Wahlergebnis vom 14. September 1930 spiegeln sich die
materiellen und psychologischen Auswirkungen der Weltwirt-
schaftskrise wider. Bereits seit Jahresbeginn lag die Arbeitslo-
Reichstagsauflösung senquote über 14 Prozent; hinter dieser Zahl verbargen sich die
Schicksale von mehr als drei Millionen schlecht versorgten Ar-
beitnehmern und ihren Familien. Die Folge war eine politische
Die ersten Gesetzesvorlagen der neuen Regierung – Finanz- Polarisierung: Arbeitslose Arbeiter wählten zum Teil erstmals
hilfen für die ostelbische Großlandwirtschaft, Steuererhö- kommunistisch. Der „alte Mittelstand“ hingegen, der die sinken-
hungen zur Deckung des Reichshaushaltes 1930 – wurden de Kaufkraft seiner Kunden zu spüren bekam, sah sich nach 1923
vom Reichstag mit knapper Mehrheit angenommen. Da die ein weiteres Mal von Verarmung und sozialem Abstieg bedroht.
Arbeitslosigkeit weiter zunahm, beschloss die Regierung im Er reagierte darauf mit einer Radikalisierung nach rechts zur
Juni eine zusätzliche Deckungsvorlage: Reform der Arbeitslo- NSDAP. Vergleichbares gilt auch für den „neuen Mittelstand“.
senversicherung durch Beitragserhöhung auf 4,5 Prozent (der Denn Hitlers Partei war als einzige politisch unverbraucht –
jetzt auch die DVP zustimmte) und Leistungskürzungen; Ledi- ihre Glaubwürdigkeit und Kompetenz hatten noch keinen
gensteuer; Notopfer für Beamte und Angestellte; einheitliche Test bestehen müssen. In Programm und Propaganda ging sie
Kopfsteuer. Als der Reichstag Teile dieses sozial unausgewo- geschickter als jede andere Partei auf die speziellen Nöte und
genen Programms am 16. Juli ablehnte, setzte Brüning die ge- Bedürfnisse der eigentumsorientierten, „standesbewussten“
samte Vorlage in Form zweier Notverordnungen des Reichs- Mittelschichten ein. Entsprechend der doppelten Frontstel-
präsidenten nach Artikel 48 Abs. 2 WV in Kraft. lung des alten Mittelstandes gegen KPD/SPD/Gewerkschaften

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Zerstörung der Demokratie 1930-1933 57

einerseits und Banken/Industrie/Warenhäuser andererseits heißt gegen Banken (zu hohe Kredit-, zu niedrige Sparzinsen),
enthielten die politischen Aussagen der „Nationalsozialisti- Börsen (undurchschaubare Gewinnchancen und Verlustrisi-
schen Deutschen Arbeiterpartei“ sowohl antimarxistische ken) und Warenhäuser (bedrohliche Konkurrenz).
als auch antikapitalistische Elemente. Ihr begrenzter Antika- Hinter dem „raffenden Kapital“ verbargen sich, so behaup-
pitalismus war – anders als der marxistische – für die Mittel- tete die NS-Propaganda, die Machenschaften eines „inter-
schichten akzeptabel, weil „die NSDAP auf dem Boden des Pri- nationalen Finanzjudentums“. Dadurch wurde der Antika-
vateigentums steht“, wie Hitler 1928 öffentlich klarstellte. Er pitalismus in die NS-Rassenideologie integriert und gegen
richtete sich nicht, wie es in der NS-Ideologie hieß, gegen das die Juden als Sündenböcke gerichtet. Aber auch „der Mar-
„schaffende“, sondern nur gegen das „raffende Kapital“, das xismus“ (das heißt Organisationen und Politik der kommu-

Soziale Struktur der NSDAP vor 1933

Im Reichsgebiet (Volks- In der NSDAP vor dem Unter den neuen NSDAP- % der NSDAP-Mitglieder
Erwerbstätige zählung von 1925) 14.9.1930 Mitgliedern (zw. 14.9.1930 u. unter den Erwerbstätigen
% % 30.1.1933) % (vor dem 30.1.1933)
Arbeiter 14 443 000 45,1 34 000 28,1 233 000 33,5 1,9
Selbstständige
a) Land- u. Forstwirtschaft 2 203 000 6,7 17 100 14,1 90 000 13,4 4,9
(Landwirte)
b) Industrie u. Handwerk 5,5 11 000 9,1 56 000 8,4 3,9
(Handwerker und
Gewerbetreibende)
c) Handel u. Verkehr 1 193 000 3,7 9 900 8,2 49 000 7,5 4,9
(Kaufleute)
d) Freie Berufe 477 000 1,5 3 600 3,0 20 000 3,0 4,9
Beamte 4,0
a) Lehrkräfte 334 000 1,0 2 000 1,7 11 000 1,7
b) Andere 1 050 000 3,3 8 000 6,6 36 000 5,5
Angestellte 5 087 000 15,9 31 000 25,6 148 000 22,1 3,4
Mithelfende Fam.- 5 437 000 17,3 4 400 3,6 27 000 4,9 0,6
Angehörige (meist weibl.)
Insgesamt 32 009 000 100 121 000 100 670 000 100 25

Martin Broszat, Der Staat Hitlers, dtv, München 1969, S. 51

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58 Weimarer Republik

nistischen und sozialdemokratischen Arbeiterschaft) und Tolerierungspolitik der SPD


die aus dem „Dolchstoß“ hervorgegangene Weimarer Repu-
blik galten den Nationalsozialisten als schändliche jüdische Die oppositionelle SPD geriet durch das Wahlergebnis in ein
Machwerke. Wer die inneren und äußeren Bedrohungen von Dilemma. Bekämpfte sie weiterhin Brünings autoritäre und
Staat, Gesellschaft und Wirtschaft abwenden wolle, müsse unsoziale Politik, dann bestand die Gefahr einer erneuten
die Juden bekämpfen – so lautete, zusammengefasst, die po- Reichstagsauflösung und -neuwahl. Dabei konnte die NSDAP
litische Botschaft der NSDAP. Wegen ihrer Einfachheit und so stark werden, dass Hindenburg Hitler zum Reichskanzler
Eingängigkeit fiel sie in Deutschland – einem der Länder mit ernennen würde. Was aber eine NS-Regierung bedeuten muss-
langer antijudaistischer und antisemitischer Tradition – un- te, hatte bereits das Beispiel des Faschismus in Italien gezeigt:
ter den Bedingungen der unbewältigten Kriegsniederlage ein schnelles Ende der Demokratie und des Rechtsstaates, der
und der Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf frucht- Linksparteien und der Gewerkschaften.
baren Boden. Vor diesem Hintergrund beschloss die SPD, Brüning als das
kleinere Übel zu tolerieren. „Sie sagte nicht ‚ja‘ zu seinen Ge-
setzesvorschlägen und sagte nicht ‚nein‘, wenn sie deshalb als
Notverordnungen erlassen wurden.“ (Volker Hentschel) In den
Augen der Öffentlichkeit galt sie bald als Teil des „Brüning-
Politik der Krisenverschärfung Blocks“, der vom Zentrum bis zum gemäßigten Teil der DNVP
reichte, aber keine Mehrheit besaß. Da die SPD weder sozial-
demokratische Politik durchzusetzen noch sich als politische
Dass die KPD jetzt über 77, die NSDAP über 107 Reichstagssitze Alternative zu profilieren vermochte, wurden ihre Mitglieder
verfügte, hatte schwerwiegende wirtschaftliche Folgen. Aus- und Wähler zunehmend unzufriedener.
ländische Kapitalanleger, insbesondere die bereits unter der Das Ansehen des Parlamentes nahm weiter ab. Denn es verlor
Krise leidenden amerikanischen und französischen Banken, nicht nur faktisch seine demokratische Kontrollfunktion gegen-
die um die politische Stabilität der Weimarer Republik fürch- über der Regierung, sondern wurde auch als Zentrum der Gesetz-
teten, begannen mit dem Abzug ihrer kurzfristigen Kredite. gebung zunehmend funktionslos. Das Präsidialregime griff im-
Dadurch verschärfte sich die Wirtschaftskrise in Deutschland; mer öfter zu Notverordnungen, der Reichstag trat immer seltener
die Arbeitslosigkeit nahm weiter zu. zusammen. Diese Aushöhlung des Parlamentarismus hat der
Ein Versuch Brünings, die Nationalsozialisten zur Tolerie- NSDAP 1933 die Errichtung der Diktatur wesentlich erleichtert.
rung seiner Politik zu bewegen und sich so eine parlamenta-
rische Mehrheit zu verschaffen, scheiterte am Machtwillen
Hitlers. Der NSDAP-Führer hatte aber aus seinem fehlgeschla- Deflationspolitik und Massenarbeitslosigkeit
genen Münchner Putschversuch von 1923 gelernt: Als gelade-
ner Zeuge in einem Leipziger Reichsgerichtsprozess, in dem Die Regierung Brüning erhöhte die direkten Steuern (auf
drei junge Offiziere wegen nationalsozialistischer Betätigung Löhne, Einkommen und Umsätze), besonders aber die indi-
in der Reichswehr angeklagt wurden, erklärte er am 25. Sep- rekten (Massenverbrauchssteuern, unter anderem auf Zu-
tember 1930 unter Eid, seine Bewegung kämpfe „nicht mit ille- cker, Tabak und Bier). Sie baute die staatlichen Sozialausga-
galen Mitteln“; aber „noch zwei bis drei Wahlen“, dann werde ben ab und kürzte die Löhne und Gehälter im öffentlichen
sie „in der Mehrheit sitzen“ und „den Staat so gestalten, wie Dienst (mit Ausnahme der Reichswehr). Auf diese Weise
wir ihn haben wollen“. wollte Brüning das krisenbedingte Sinken des Steuerauf-

Andrang ängstlicher Sparer vor der Sparkasse der Stadt Berlin nach dem Zusammenbruch der „Darmstädter- und Nationalbank“ am 13. Juli 1931
ullstein bild

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Zerstörung der Demokratie 1930-1933 59

kommens abfangen, Einnahmen und Ausgaben des Staates Die deutschen Banken wurden für zwei Tage geschlossen;
im Gleichgewicht halten und die im Zuge des Produktions- das Reich musste sie mit einer Milliarde RM stützen. Bank-
rückganges überschüssig werdende Kaufkraft abschöpfen. kunden konnten nur noch eingeschränkt über ihre Gutha-
Diese „Deflationspolitik“ zielte vor allem auf die Sicherung ben verfügen; die Kapitalknappheit der Unternehmen ver-
der Geldwertstabilität, die nicht nur den Vorschriften des schärfte sich. Da die Bankenkrise unabsehbare Gefahren
Young-Plans, sondern – nach der traumatischen Inflations- barg, setzte der amerikanische Präsident Herbert Hoover
erfahrung von 1923 – durchaus auch den Interessen der Be- durch, die deutschen Reparationszahlungen an die Sieger-
völkerung entsprach. mächte und ebenso die Rückzahlung der alliierten Kriegs-
Die Deflationspolitik war jedoch kein Mittel gegen die schulden an die USA ab 6. Juli 1931 für ein Jahr zu unterbre-
Krise, sondern verschärfte diese sogar noch. Denn durch chen („Hoover-Moratorium“), um die betreffenden Länder zu
Kürzung der Staatsausgaben und Senkung der privaten Ein- entlasten.
kommen verringerte sich die kaufkräftige Nachfrage; da- Sodann koppelte Großbritannien am 21. September das
durch ging die Produktion noch weiter zurück, während die Pfund Sterling vom Goldstandard ab und wertete es um 20
Arbeitslosigkeit rapide anstieg. Je länger die Krise anhielt, Prozent ab. Durch eine entsprechende Verbilligung seiner
desto mehr Arbeitslose fielen spätestens nach 26, als über Waren auf dem Weltmarkt wollte das Land seinen Export
40-jährige nach 39 Wochen aus der Arbeitslosenversiche- fördern und den Arbeitsmarkt beleben. Zahlreiche Länder
rung mit ihren bescheidenen, nach Lohnklassen gestaffel- folgten dem Beispiel; das internationale Währungssystem
ten Leistungen heraus. Danach erhielten sie bis zu 39 bzw. mit festen Wechselkursen auf der Basis des Goldpreises
52 Wochen deutlich geringere (bedürftigkeitsgebundene) brach zusammen. Der Wert der Reichsmark stieg; deutsche
Leistungen der Krisenfürsorge; schließlich noch knappere Produkte verteuerten sich auf dem Weltmarkt; die Auslands-
(rückzahlungspflichtige) Zuwendungen der kommunalen nachfrage ging zurück. Brüning reagierte darauf mit einer
Wohlfahrtsunterstützung. Von den 4,7 Millionen Arbeitslo- weiteren Verschärfung der Deflationspolitik: Per Notverord-
sen im Frühjahr 1931 bezogen 43 Prozent Arbeitslosengeld, nung vom 6. Oktober 1931 senkte er den Bezug des Arbeits-
21 Prozent Krisenfürsorge und 23 Prozent Wohlfahrtsunter- losengeldes von 26 auf 20 Wochen. Am 8. Dezember verord-
stützung. Die übrigen 13 Prozent bekamen überhaupt keine nete er allgemeine Lohn-, Miet-, Zins- und Preissenkungen,
Unterstützung. Demgegenüber wurde die ostelbische Groß- um die Wettbewerbsnachteile der deutschen Wirtschaft
landwirtschaft auf Wunsch Hindenburgs weiterhin subven- auszugleichen. Diese marktwirtschaftswidrige Maßnahme
tioniert. führte jedoch nur zu einer Verunsicherung von Herstellern
Im Verlaufe des Jahres 1931 führten zwei einschneidende und Verbrauchern; die Inlandsnachfrage nahm weiter ab.
Ereignisse zu einer weiteren Verschlechterung der wirtschaft- Bankenkrise, Pfundabwertung und deflationspolitische
lichen Lage. Zunächst scheiterte am 18. Mai, vor allem am Ein- Notverordnungen bewirkten einen weiteren Anstieg der Ar-
spruch Frankreichs, der Plan einer deutsch-österreichischen beitslosigkeit. Im Durchschnitt des Jahres 1932 gab es 5,6 Mil-
Zollunion, die für beide Länder wirtschaftlich vorteilhaft gewe- lionen registrierte Arbeitslose (29,9 Prozent). Ende Februar
sen wäre. Ausländische Kapitalanleger riefen daraufhin zahl- lag die Zahl der „sichtbaren“ Arbeitslosen bei 6,1 Millionen;
reiche fällige Kredite zurück, statt sie zu verlängern. In beiden rechnet man schätzungsweise 1,5 Millionen „unsichtbare“
Ländern gerieten viele Banken in Schwierigkeiten, zumal viele (Menschen, die sich aus Scham über ihre Armut nicht mel-
in Panik versetzte Sparer ihre Einlagen abheben wollten. Am deten) hinzu, so ist tatsächlich von 7,6 Millionen Beschäfti-
13. Juli stellte eine renommierte Großbank, die „Darmstädter gungssuchenden auszugehen.
und Nationalbank“, ihre Zahlungen ein.

Überfordertes Sozialsystem: ein Arbeitsloser in einer Straße von Berlin


Rolle Brünings

Manche Historiker sehen in Brüning den letzten Reichskanz-


ler, der mit den ihm zu Gebote stehenden Mitteln versuchte,
die Weimarer Republik durch die Weltwirtschaftskrise hin-
durchzusteuern. Brünings Politik lässt jedoch erkennen, dass
er die Wirtschafts- und Finanzpolitik seinen außen- und in-
nenpolitischen Plänen (Überwindung des Versailler Vertrages,
autoritäre Umgestaltung des Staates, wenn nicht gar Rückkehr
zur Monarchie) unterordnete. Sein erstes Etappenziel war die
Aufhebung der Reparationsverpflichtungen. Brüning wollte
den Siegermächten demonstrieren, dass das Reich trotz größ-
ter Anstrengungen die Auflagen des Young-Plans (Zahlung
der Jahresraten bei stabiler Währung und ausgeglichenem
Staatshaushalt) nicht erfüllen konnte. Neuverhandlungen
sollten dann zu einer Abschlussregelung führen. Die Verschär-
ullstein bild – Archiv Gerstenberg

fung der Wirtschaftskrise und die um sich greifende soziale


Verelendung breiter Massen nahm Brüning bewusst in Kauf.
Deshalb wies er auch alle Expertenvorschläge für eine akti-
ve Konjunktur- und Arbeitsmarktpolitik zurück (siehe S. 60).
Prompt machte sich die NSDAP diese Vorschläge zu eigen und
betrieb damit 1932 eine geschickte und wirkungsvolle Wahl-
propaganda.

Informationen zur politischen Bildung Nr. 261/2011


60 Weimarer Republik

es sehr wohl Alternativen zur Deflations- Ausgaben für die Arbeitslosen entspre-
politik gegeben hat. Ihre Einwände chend verringern, die Steuereinnahmen
gegen Borchardts Argumentation lau- erhöhen würden, veranschlagte man
ten zusammengefasst so: die realen Kosten auf 1,2 Milliarden RM.
Die schon vor 1929 entstandenen Der WTB-Plan zielte auf eine Wieder-
Strukturprobleme waren in einer belebung der Konsumgüterindustrie
wachsenden Wirtschaft sicher leichter mit weiteren positiven Beschäftigungs-
zu lösen als in einer schrumpfenden. effekten, sodass eine inflatorische
Am erforderlichen Know-how für eine Wirkung vermieden würde. Die SPD-Füh-
aktive Konjunkturpolitik fehlte es rung lehnte jedoch eine Kreditfinanzie-
durchaus nicht. Keynes erläuterte 1930/32 rung ab, weil sie davon eine Inflation,
in Deutschland in einer Reihe von nach den Erfahrungen von 1923 zumin-
Vorträgen und Zeitungsartikeln seine be- dest eine neuerliche Inflationsfurcht in
reits ausgereifte Theorie der antizy- der Bevölkerung erwartete.
akg-images

klischen Wirtschaftspolitik und stieß Wie Schäffer am 29. Januar 1932 in


dabei auf großen Widerhall. So legte seinem Tagebuch festhielt, empörte
Reichskanzler Heinrich Brüning (1885-1970) der Oberregierungsrat im Wirtschafts- sich der Kanzler besonders über
ministerium Wilhelm Lautenbach Wagemann: 1. erwecke Wagemann den
im September 1931 einen an Keynes ori- Gewerkschaften gegenüber den
Alternativen zu Brünings entierten Plan zur Ankurbelung der Eindruck, „als ob es noch andere Mittel
Deflationspolitik Wirtschaft (ohne inflatorische Auswir- gebe als die Deflationspolitik, um
kungen) mittels kreditfinanzierter unsere Lage zu bessern“. 2. könnten
Die Deflationspolitik der Jahre 1930 bis Staatsaufträge in Höhe von drei Milli- Wagemanns Vorschläge „in das Repara-
1932 wird in der Geschichtsforschung arden RM vor. Hans Schäffer, Staats- tionsprogramm hineinhageln“. 3.
kontrovers beurteilt. sekretär im Finanzministerium, befür- sei zu befürchten, dass die Nationalso-
Der Wirtschaftshistoriker Knut wortete den Lautenbach-Plan in zialisten, die „bisher vergeblich
Borchardt vertritt die Ansicht, dass Brü- seiner Denkschrift vom September 1931 nach einem Währungsprogramm ge-
ning unter den damaligen Bedingungen nachdrücklich. Ernst Wagemann, sucht hätten“, Wagemanns Plan
keine wesentlich andere Finanz- und Leiter des Statistischen Reichsamtes übernehmen und daraus politische Vor-
Wirtschaftspolitik hätte betreiben kön- und des Instituts für Konjunktur- teile ziehen würden.
nen. Er argumentiert im Kern folgender- forschung, veröffentlichte im Januar
maßen: 1932 in hoher Auflage einen eige- Zusammenfassung von R. Sturm nach:
Die deutsche Wirtschaft befand sich nen Plan zur Erhöhung des staatlichen Knut Borchardt, „Zwangslagen und Handlungsspielräume
in der großen Wirtschaftskrise der frühen Dreißigerjahre.“,
schon vor 1929 infolge zu hoher Löh- Kreditrahmens um bis zu drei Milli- in: Michael Stürmer (Hg.), Die Weimarer Republik. Belagerte
ne, Steuern, Rohstoffpreise und Kredit- arden RM für die Konjunkturbelebung. Civitas, Akademische Verlagsgesellschaft Athenaion GmbH,
Kettwig 2011, S. 318 bis 339. Ursula Büttner, „Politische Alter-
kosten in einer Strukturkrise, die In der Krise des Sommers 1931 ver- nativen zum Brüningschen Deflationskurs,“ in: Vierteljah-
1930 bis 1932 zunächst (wie von Brüning loren das Reichsbankgesetz und der Young- reshefte für Zeitgeschichte, 37 (1989), H. 2, S. 209-251

versucht) bereinigt werden musste, Plan an Bedeutung, da sie ohnehin


bevor an eine aktive Konjunkturpolitik nicht mehr einzuhalten waren. Die Ver-
zu denken war. tragspartner hätten sich mit einer
Zur Zeit der Kanzlerschaft Brünings geringeren Deckung der Reichsmark ab-
war die mit dem Namen des britischen gefunden, deren Abwertung nach
Wirtschaftswissenschaftlers John britischem Vorbild im Ausland allgemein
Maynard Keynes verbundene Theorie der erwartet wurde.
„antizyklischen Wirtschaftspolitik“ Der Wunsch nach einer Bekämpfung
und des „deficit spending“ (bei sinkender der Wirtschaftskrise mit den Mitteln
privater Nachfrage müsse der Staat der Finanz- und Geldpolitik breitete sich
mit kreditfinanzierten Aufträgen ein- seit Herbst 1931 so stark aus, dass
springen, um die Wirtschaft wieder entsprechende Maßnahmen der Regie-
anzukurbeln) noch nicht ausreichend rung – trotz der ablehnenden Hal-
entwickelt und bekannt. tung der Unternehmerverbände und
Die strengen Vorschriften des Reichs- der Parteiführungen – in der Bevöl-
bankgesetzes und des Young-Planes kerung breite Unterstützung gefunden
erlaubten weder eine Kreditausweitung hätten. Ein klares Indiz dafür ist ins-
noch eine Abwertung der Reichsmark besondere der vom ADGB im April 1932
als konjunkturbelebende Maßnahmen. beschlossene sog. WTB-Plan (benannt
Für eine Abwertung der Reichsmark nach seinen Verfassern Wladimir Woy-
und für ein „deficit spending“ gab es da- tinski, Fritz Tarnow und Fritz Baade).
mals bei Parteien und Verbänden Das Konzept sah vor, rund eine Million
wegen der verbreiteten Inflationsfurcht Arbeitslose mit öffentlichen Arbeiten
keine ausreichende Unterstützung. zu beschäftigen; die dafür erforderlichen
Demgegenüber hat die Historikerin zwei Milliarden RM sollte der Staat
Ursula Büttner nachgewiesen, dass durch Kredite aufbringen. Weil sich die

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Zerstörung der Demokratie 1930-1933 61

akg-images
Aufmarsch der nationalistischen Rechten beim Treffen der „Harzburger Front“: Alfred Hugenberg (DNVP, mit Brille)
und Eitel Friedrich Prinz von Preußen (rechts daneben in Stahlhelm-Uniform) während eines Aufmarsches der SA

Politische Radikalisierung

In dem Maße, wie sich die Talfahrt der Wirtschaft beschleu- Bündnis mit den „Faschisten“ zurück. Die Aktion schlug jedoch
nigte und Millionen Familien verarmten und verelendeten, fehl: Beim Volksbegehren kam die erforderliche Mindestzahl
eskalierten die politischen Auseinandersetzungen und kam von Unterschriften nur knapp zusammen; beim Volksentscheid
es zu Zusammenstößen zwischen den Wehrverbänden der am 9. August 1931 fehlten rund 3,4 Millionen Stimmen.
großen rechten und linken Parteien: Am 7./9. Oktober 1931 wurden mehrere Minister der Regierung
¬ Der „Stahlhelm – Bund der unbesiegt heimgekehrten Front- Brüning ausgetauscht. Der Reichskanzler übernahm selbst das
soldaten“ organisierte schon seit Ende 1918 bis zu eine Milli- Auswärtige Amt, Reichswehrminister Groener erhielt zusätz-
on Mitglieder und war der DNVP zuzurechnen. lich das Innenministerium – eine gefährliche Machtkonzentra-
Die von der NSDAP 1921 geschaffene „Sturmabteilung“ (SA) tion. Dieses zweite Kabinett Brüning sollte nach Hindenburgs
umfasste Anfang 1932 etwa 420 000 Mitglieder; ihr unter- Wunsch noch unabhängiger von den Parteien und vom Parla-
stand (bis 1934) die 1925 gebildete SS („Schutzstaffel“) mit ment sein; es signalisierte einen weiteren Rechtsruck bei den
rund 52 000 Mann. Machtträgern des Präsidialregimes.
Das 1924 gegründete SPD-nahe „Reichsbanner Schwarz Rot
Gold – Bund der republikanischen Frontsoldaten“ war der
einzige verfassungstreue Wehrverband und besaß ca. eine Harzburger Front
Million Mitglieder.
Dem ebenfalls 1924 entstandenen „Roten Frontkämpferbund“ Am 11. Oktober 1931 veranstaltete die nationalistische Rechte –
(RFB) der KPD gehörten 1927 rund 130 000 Mitglieder an. NSDAP, DNVP, Stahlhelm, Reichslandbund und Alldeutscher
Verband – in Bad Harzburg eine Tagung, verbunden mit einem
Alle Verbände waren mehr oder weniger uniformiert, traten mi- Aufmarsch ihrer Verbände, um Stärke und Geschlossenheit zu
litant auf und besaßen geheime Waffenlager. Während „Stahl- demonstrieren. Prominenteste Gäste waren der Kaiser-Sohn und
helm“, SA und SS kooperieren konnten, waren „Reichsbanner“ SA-Gruppenführer August Wilhelm Prinz von Preußen („Auwi“),
und RFB verfeindet. In den Jahren 1931 und 1932 führten zuneh- der frühere Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht und General
mend blutiger verlaufende Straßenkrawalle und Saalschlachten, a. D. von Seeckt. Ein Misstrauensvotum von DNVP und NSDAP
vor allem zwischen SA und RFB, in den großen Städten nicht gegen das zweite Kabinett Brüning, dem sich auch die DVP und
selten zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Auch politische die KPD anschlossen, scheiterte am 16. November 1931 knapp –
Mordanschläge wurden wieder begangen, sowohl von National- ausschlaggebend waren die Gegenstimmen der SPD. Ende No-
sozialisten als auch von Kommunisten. Die Polizei erschien oft vember wurden konkrete Umsturzpläne der hessischen NSDAP
zu spät; auch sympathisierten immer mehr Polizisten mit den („Boxheimer Dokumente“) bekannt. Brüning spielte jedoch den
Rechtsverbänden. Vorfall herunter, um mögliche Koalitionen des Zentrums mit der
Dass in Preußen noch immer der sozialdemokratische Minis- NSDAP nicht zu verbauen.
terpräsident Otto Braun mit einer Weimarer Koalition regierte, Als Antwort auf die „Harzburger Front“ gründeten SPD, ADGB,
war der politischen Rechten seit langem ein Dorn im Auge. Im AfA-Bund, „Reichsbanner“ und Arbeitersportorganisationen am
Frühjahr 1931 leitete der „Stahlhelm“ ein (auch auf Länderebene 16. Dezember 1931 gemeinsam die „Eiserne Front“. Sie veranstal-
zulässiges) Volksbegehren für die sofortige Auflösung des Preu- tete unter dem Fahnensymbol der drei Pfeile – als Gegensymbol
ßischen Landtages ein. Es wurde unterstützt von DNVP, NSDAP zum Hakenkreuz – politische Umzüge und Kundgebungen und
und KPD – die Kommunisten schreckten bei ihrem verblende- trat äußerlich militant auf, um Stärke zu demonstrieren und Geg-
ten Kampf gegen die Sozialdemokraten nicht einmal vor einem ner von Übergriffen abzuschrecken.

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62 Weimarer Republik

Hauptursache der politischen Gewalt zu bekämpfen; es trat


am 13. April 1932 in Kraft.
Der Reichspräsident und seine Berater störten sich da-
ran, dass das (republiktreue) „Reichsbanner“ nicht ebenfalls
verboten werden sollte. Zudem sah Schleicher seine Planung
in Gefahr, Brüning zu stürzen und die NSDAP entweder an
Reichspräsidentenwahl 1932 der Regierung zu beteiligen oder zumindest für eine Tolerie-
rungspolitik zu gewinnen. Am 7. Mai trafen Schleicher und
Hitler eine geheime Absprache: Schleicher würde für Brü-
In dieser angespannten Situation ging Anfang 1932 die sie- nings Ablösung, die Wiederzulassung von SA und SS sowie
benjährige Amtsperiode des Reichspräsidenten zu Ende. Der Reichstagsneuwahlen sorgen. Im Gegenzug würde die NSDAP
mittlerweile 85-jährige Hindenburg stellte sich zur Wie- die nächste Präsidialregierung im Reichstag tolerieren.
derwahl. Anders als 1925 trat ein aussichtsreicher rechter Auf Betreiben Schleichers musste Groener am 12. Mai zu-
Gegenkandidat an: Adolf Hitler, dem eine DNVP-NSDAP- rücktreten. Auch für Brünings Entlassung war bald ein Grund
Regierung in Braunschweig Ende Februar 1932 zu der für gefunden. Der Reichskanzler wollte im Mai den ostelbischen
die Kandidatur notwendigen deutschen Staatsbürgerschaft Gutsbesitzern eine weitere kräftige Finanzhilfe zukommen
verhalf. Hinzu kamen Theodor Duesterberg („Stahlhelm“), lassen. Jedoch sollte der Staat Güter, die nicht mehr sanie-
Ernst Thälmann (KPD) sowie einige Kandidaten von Split- rungsfähig waren, aufkaufen bzw. ersteigern und in Bauern-
terparteien. Hindenburgs Wiederwahl wurde zunächst von stellen für Arbeitslose aufteilen. Es fiel der „Kamarilla“ leicht,
Zentrum und BVP, DDP und DVP unterstützt. Da alles auf den Reichspräsidenten, der selbst Gutsbesitzer war, gegen die-
eine Entscheidung zwischen Hitler und Hindenburg hindeu- sen „Agrarbolschewismus“ aufzubringen. Hindenburg entzog
tete, hielt die SPD an ihrer Politik des kleineren Übels fest: Brüning am 29. Mai das Recht auf Anwendung des Artikels 48
Sie verzichtete auf einen eigenen Kandidaten und gab die WV; daraufhin musste die Reichsregierung am nächsten Tag
Parole aus: „Schlagt Hitler! Darum wählt Hindenburg!“ Für zurücktreten – nach Ansicht Brünings „hundert Meter vor dem
ihre Anhänger war das eine irritierende Zumutung, die sie Ziel“, wie er schon am 11. Mai im Reichstag geäußert hatte.
aber überwiegend diszipliniert befolgten. Tatsächlich wurde bald darauf das Reparationsproblem in
Im 1. Wahlgang am 13. März 1932 verfehlte Hindenburg seinem Sinne gelöst. Die vom 16. Juni bis 9. Juli 1932 in Lau-
mit 49,6 Prozent die erforderliche absolute Mehrheit nur sanne tagende Konferenz aller betroffenen Staaten einigte
knapp, in weitem Abstand gefolgt von Hitler (30,1 Prozent), sich auf die völlige Streichung der deutschen Reparations-
Thälmann (13,2 Prozent), Duesterberg (6,8 Prozent) und den schuld; selbst eine eher symbolisch geforderte Abschluss-
übrigen Kandidaten. Duesterberg gab auf und unterstützte zahlung wurde nicht mehr geleistet. Doch der Preis für die-
Hindenburg. Im 2. Wahlgang am 10. April wurde der amtie- sen Erfolg war hoch: Er bestand in einer Aushöhlung des
rende Reichspräsident mit 53 Prozent der Stimmen wieder Parlamentarismus, einer Verschärfung der Wirtschaftskrise,
gewählt. Hitler brachte es auf 36,8 Prozent, Thälmann nur einer Steigerung des sozialen Elends von Millionen Famili-
noch auf 10,2 Prozent. Gemessen an der prahlerischen An- en und einer bis dahin nicht gekannten politischen Radika-
kündigung seines Wahlkampfleiters Joseph Goebbels „Hitler lisierung. Brünings Politik beschleunigte den Aufstieg der
wird unser Reichspräsident!“ hatte sich der NSDAP-Führer rechtsextremen, gewaltbereiten NSDAP zu einer staatsge-
blamiert. Gleichwohl zeigte sein Abschneiden, dass das nati- fährdenden Massenbewegung.
onalsozialistische Wählerpotenzial seit September 1930 um
fünf Millionen Stimmen angewachsen war.
Aber auch der Wahlsieger sah wenig Grund zur Freude.
Der Reichspräsident empfand es als Schmach, dass er seine
zweite Amtsperiode ausgerechnet seinen Gegnern von 1925, Regierung von Papen
den Sozialdemokraten und den Katholiken, verdankte. Gro-
teskerweise richtete Hindenburg seinen Groll gegen Brü-
ning, der sich wie kein anderer im Wahlkampf für ihn en- Neuer Reichskanzler wurde überraschend der katholisch-
gagiert und dabei auch die NSDAP scharf angegriffen hatte. westfälische Adelige, monarchistische Zentrumspolitiker
Brünings Sturz war jetzt nur noch eine Frage der Zeit. und preußische Landtagsabgeordnete Franz von Papen. Er
verfügte als Hauptaktionär und Aufsichtsratsvorsitzender
der Zentrumszeitung „Germania“ sowie als Mitglied des kon-
Brünings Entlassung servativ-elitären Berliner „Herrenklubs“ über gute Kontakte
zu Industrie, Großlandwirtschaft, Banken und Bürokratie.
Im Laufe seiner Kanzlerschaft hatte sich Brüning die Sym- Da er gegen den Willen der über Brünings Sturz verärgerten
pathien der Präsidentenberater und der hinter ihnen ste- Zentrumsführung die Kanzlerschaft annahm, musste er aus
henden autoritär-monarchistisch gesinnten Teile der mi- der Partei austreten. Auf den Vorwurf „Der Papen ist doch
litärischen, bürokratischen und wirtschaftlichen Eliten kein Kopf!“ antwortete Schleicher ungerührt: „Das soll er ja
immer mehr verscherzt, weil er sich nicht als Marionette auch nicht sein. Aber er ist ein Hut.“ Papen gewann jedoch
benutzen ließ, sondern seinen eigenen politischen Kurs rasch das Vertrauen Hindenburgs und entzog sich Schlei-
steuerte, noch dazu toleriert von der SPD, die diesen Eliten chers Bevormundung.
besonders verhasst war. Zum entscheidenden Konflikt kam Dem am 1. Juni 1932 vereidigten Kabinett gehörten sie-
es, als Brüning und Groener auf Wunsch zahlreicher Län- ben adlige und nur drei bürgerliche, nationalkonservative,
der (darunter Bayern ebenso wie Preußen) beim Reichsprä- aber überwiegend parteilose Minister an. Schleicher trat
sidenten ein Verbot der SA und der SS erwirkten, um die erstmals selbst als Reichswehrminister ins politische Ram-

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Zerstörung der Demokratie 1930-1933 63

penlicht. Dieses „Kabinett der Barone“ unter „Herrenreiter“


Papen, wie seine Kritiker spotteten, repräsentierte überwie-
gend die Interessen der ostelbischen Großagrarier und der
militärischen Führungsschicht; die Industrie war nur durch
Wirtschaftsminister Warmbold vertreten, Mittelschichten
und Arbeitnehmerschaft überhaupt nicht. Die Öffentlich-
keit traute der Regierung Papen eine Überwindung der
Wirtschaftskrise noch weniger zu als dem Kabinett Brüning;
prompt fielen die Aktienkurse.
Parlamentarische Unterstützung erhielt Papen lediglich
von der DVP und der DNVP. Die SPD beendete sofort ihre Tole-
rierungspolitik und plante einen Misstrauensantrag, dem die
Regierung jedoch zuvorkam: Am 4. Juni 1932 löste der Reichs-
präsident – wie zwischen Schleicher und Hitler besprochen –
den Reichstag auf, denn dieser entspreche nicht mehr „dem
politischen Willen des deutschen Volkes“. Damit spielte Hin-
denburg darauf an, dass die NSDAP am 24. April bei den Land-
tagswahlen in Preußen, Württemberg, Hamburg und Anhalt
stärkste, in Bayern zweitstärkste Partei geworden war.
Im Juni und Juli 1932 fand, nachdem Schleicher die Wie-
derzulassung von SA und SS durchgesetzt hatte, der blutigs-
te Wahlkampf in der deutschen Geschichte statt. Zwischen

Bundesarchiv, Bild 102-13743 / Fotograf: unbekannt


rechten und linken Wehrverbänden kam es zu Straßenkra-
wallen, Schießereien, Saalschlachten und Mordanschlägen,
bei denen etwa 300 Menschen starben und über 1100 ver-
letzt wurden. Allein am 17. Juli, dem „Altonaer Blutsonntag“,
gab es 18 Tote und 68 zum Teil schwer Verletzte, als ein natio-
nalsozialistischer Demonstrationsmarsch durch die kommu-
nistischen Wohnviertel von Altona zu einem stundenlangen
Feuergefecht zwischen RFB und SA ausartete.
Unterdessen nahmen die in der Umgebung des Reichsprä-
sidenten gehegten autoritären Verfassungspläne konkrete
Gestalt an. Papen entwickelte die Idee eines „Neuen Staates“
mit folgenden Prinzipien: Reichskanzler Franz von Papen (Mitte) und Staatssekretär Otto Meissner
Vereinigung der Ämter des Reichskanzlers und des preu- (links) auf der großen Freitreppe des Reichstages nach der Verfassungsfeier
ßischen Ministerpräsidenten, am 11. August 1932
Unabhängigkeit des Reichskanzlers vom Vertrauen des
Reichstages,
¬ Einrichtung eines dem Parlament übergeordneten, aristo- derherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung“
kratisch und berufsständisch zusammengesetzten „Ober- in Preußen. Durch die erste trat Papen als „Reichskommis-
hauses“, dessen Mitglieder vom Reichspräsidenten er- sar“ an die Stelle des Ministerpräsidenten; er übertrug dem
nannt wurden. rechtsstehenden (parteilosen) Essener Oberbürgermeister
Franz Bracht die Geschäfte des Innenministers. Durch die
Die Ähnlichkeit mit den Strukturen des Kaiserreiches ist un- zweite Verordnung wurde die vollziehende Gewalt in Groß-
übersehbar – am Ende der Entwicklung sollte denn auch die Berlin und Brandenburg auf die Reichswehr übertragen.
Rückkehr zur Monarchie stehen. Der erste Schritt auf dem Die Reichsexekution gegen Preußen war ein reiner Will-
Weg zum „Neuen Staat“ lag nahe: die Ausschaltung der „ro- kürakt und sogar ein „Staatsstreich“ (Heinrich August Wink-
ten Festung“ Preußen. Denn die Regierung Braun hatte in der ler). Die Regierung Braun protestierte und klagte gegen ihre
Landtagswahl vom 24. April 1932 ihre Mehrheit verloren. Die Absetzung mit Unterstützung der süddeutschen Länder, die
neue Sitzverteilung im preußischen Landtag (KPD 57, SPD 94, den Föderalismus verletzt sahen, vor dem Staatsgerichtshof.
Zentrum 67, DVP 7, DNVP 31, NSDAP 162) ergab eine „negative Im Oktober 1932 erklärte das Gericht eine vorübergehen-
Mehrheit“ der rechts- und linksradikalen Parteien. Da eine de Einsetzung von Reichskommissaren für zulässig, deren
Zentrum-NSDAP-Koalition nicht zustande kam, blieb das Beauftragung mit der Vertretung Preußens im Reichsrat
bisherige Kabinett als „geschäftsführende Regierung“ mit hingegen für verfassungswidrig. An der Absetzung der Re-
eingeschränkter Handlungsfähigkeit im Amt. Braun war gierung Braun änderte das Urteil also nichts. Demokraten,
überdies gesundheitlich angeschlagen und besaß keinen insbesondere SPD-Mitglieder, hatte Papen bereits aus allen
Kampfgeist mehr. Führungspositionen des preußischen Staatsapparates ent-
fernen lassen.
Durch den „Preußenschlag“, in den man Hitler vorher ein-
Absetzung der preußischen Regierung geweiht hatte, erhielt die an die Macht strebende NSDAP
starken Auftrieb. Denn die Sozialdemokratie hatte vor ei-
Als Vorwand diente der „Altonaer Blutsonntag“. Am 20. Juli nem scheinlegalen Angriff auf ihre letzte Machtbastion im
1932 erließ Hindenburg zwei Notverordnungen „zur Wie- Weimarer Staat quasi kapituliert; SPD und KPD blieben zer-

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64 Weimarer Republik

stritten. Demnach war auch gegen die Errichtung einer Dik-


tatur, die sich rechtmäßig gab, kein kämpferischer Wider-
stand der Linken zu erwarten. So schrieb die NSDAP-Zeitung
„Völkischer Beobachter“ am 21. Juli 1932 auf ihrer Titelseite:
„Liquidierung der Novemberherrschaft!“ – „Der Anfang ist
gemacht, wir werden sie zu Ende führen.“ In den folgenden
Wochen begann Hitler mit der Planung eines „Ermächti-
gungsgesetzes“, das einer von ihm geführten Regierung die
allgemeine und die verfassungsändernde Gesetzgebung über-
tragen sollte.
Wegen dieser strategischen Bedeutung des „Preußenschla-
ges“ im Prozess der Demokratiezerstörung stellt sich die
Frage, ob am 20. Juli 1932 ein erfolgreicher Widerstand der
demokratischen Kräfte – in erster Linie der SPD, der Gewerk-
schaften und der „Eisernen Front“ – möglich gewesen wäre.
Sie wird von den Historikern überwiegend verneint. In den
Reihen der „Eisernen Front“, insbesondere im „Reichsban-
ner“, existierte eine beträchtliche Kampfbereitschaft, doch
war sie regional unterschiedlich ausgeprägt. Auch bedeutete
Kampfbereitschaft nicht schon Bürgerkriegsfähigkeit. Denn
ein Konzept für bewaffnete Aktionen zur Rettung der De-
mokratie hatten SPD und Gewerkschaften – trotz Gründung
des Reichsbanners und der „Eisernen Front“ – nie entwickelt.

bpk
Schon gar nicht besaßen sie die skrupellose Gewaltbereit- Reichswehrminister Kurt von Schleicher verlässt am 31. Juli 1932 mit seiner
schaft der NSDAP oder der KPD. Vielmehr hatte die sozialde- Gattin das Berliner Wahllokal. Knapp zwei Jahre später werden sie von der
mokratische Führung aus dem abschreckenden Beispiel der SS ermordet.
Russischen Revolution und aus ihren eigenen Erfahrungen
die Lehre gezogen, ihre Politik an den Prinzipien Legalität,
Humanität und Gewaltlosigkeit auszurichten.
Einen Generalstreik, wie ihn vor allem die KPD forderte,
lehnten die Gewerkschaften ab. Anders als beim Kapp-Lütt-
witz-Putsch 1920 hielten sie ihn diesmal für eine stumpfe
Waffe, denn mehr als sechs Millionen Arbeitslose standen
bereit, um die Plätze der Streikenden einzunehmen. So be-
schränkte sich die Sozialdemokratie auf Proteste und kon-
zentrierte sich auf den Reichstagswahlkampf.

Reichstagswahlen 1932

Am 31. Juli 1932 gingen mehr Bürgerinnen und Bürger zur


Wahl als je zuvor (84,1 Prozent). Die SPD verlor abermals
Stimmen an die KPD. Zwei Jahre Tolerierungspolitik gegen-
über Brüning, der Ausschluss prominenter linker Kritiker
des Parteikurses (im September 1931), die Mitwahl Hinden-
burgs und das Stillhalten in Preußen hatten Teile der SPD-
Wählerschaft enttäuscht.
Während Zentrum und BVP leichte Gewinne erzielten,
wurden die protestantischen bürgerlichen Mittelparteien
fast völlig aufgerieben. Auch die DNVP musste erneut – dies-
mal leichtere – Verluste hinnehmen. Überragender Wahlsie-
ger wurde erwartungsgemäß die NSDAP. Weil sie wohl allen
Parteien, außer KPD und Zentrum, in unterschiedlichem Um-
fang Wähler abspenstig machte, konnte sie ihren Anteil an
Stimmen (13,7 Millionen = 37,3 Prozent) und Mandaten (230)
mehr als verdoppeln. Damit stellte sie die weitaus stärkste
Reichstagsfraktion – und nach parlamentarischem Brauch
bpk

den Reichstagspräsidenten (Hermann Göring). Die anhal- Vorübergehend ausgebremst: Während des Wahlkampfes 1932 setzte Hitlers
tende krisenbedingte Polarisierung und Radikalisierung NSDAP auf das Flugzeug als Beförderungsmittel. Hier hält ihn eine Auto-
großer Teile der Bevölkerung und ein überaus geschickter, panne am Boden.

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Zerstörung der Demokratie 1930-1933 65

moderner (vorwiegend aus Eigenmitteln, zum Teil auch aus te für seine Partei am 13. August 1932 von Hindenburg „die
Wirtschaftsspenden finanzierter) Wahlkampf hatten der Führung einer Regierung und die Staatsführung in vollem
NSDAP neue Wählermassen zugeführt. Hitler hatte als ers- Umfange“. Der Reichspräsident erteilte ihm eine öffentliche
ter deutscher Politiker ein Flugzeug benutzt, um möglichst Abfuhr: Er könne es nicht verantworten, „die gesamte Regie-
viele Wahlreden halten zu können. rungsgewalt ausschließlich der nationalsozialistischen Be-
Aus taktischen Gründen – man wollte seriöser wirken als wegung zu übertragen, die diese Macht einseitig anzuwen-
bisher – war der Antisemitismus im Wahlkampf in den Hin- den gewillt sei“.
tergrund getreten. Hitlers Partei bildete jetzt „das große Auf- Da der Regierung ein Misstrauensvotum des neuen
fangbecken für alle Gegner des demokratischen Systems, für Reichstages bevorstand, Papen aber längere Zeit im Amt
alle Enttäuschten, Verbitterten und Fanatisierten“ (Eberhard bleiben sollte, ermächtigte Hindenburg den Kanzler am
Kolb), soweit diese nicht der KPD zuneigten. Nach wie vor 30. August 1932 zur Auflösung des Parlamentes ohne frist-
kamen bei der NSDAP etwa 60 Mittelschichtwähler auf 40 gemäße Neuwahl. Vor einem derart schweren Verfassungs-
Wähler aus Arbeiterhaushalten (Jürgen W. Falter). Manche bruch schreckte Papen jedoch zurück. So sprach ihm der
Historiker sehen in ihr die erste moderne „Volkspartei“ unter Reichstag in seiner ersten Arbeitssitzung mit 512 gegen 42
den Weimarer Klassen-, Interessen- und Konfessionspartei- Stimmen das Misstrauen aus. Noch während der Abstim-
en; dafür fehlten ihr jedoch wichtige Merkmale wie inner- mung löste Papen durch eine bereits vorbereitete Order des
parteiliche Demokratie und konstruktive politische Ziele. Sie Reichspräsidenten den Reichstag wieder auf.
blieb eine rechtsextreme „schichtenunspezifische Protestbe- Hatte die Regierung Papen anfänglich die Brüningsche De-
wegung mit Mittelschichtenschwerpunkt“ (Helga Grebing). flationspolitik noch verschärft (weitere Beschneidungen des
Wie im Preußischen Landtag gab es jetzt auch im Reichs- Arbeitslosengeldes, der Krisen- und der Wohlfahrtsunter-
tag eine „negative Mehrheit“ der radikalen Flügelparteien. stützung), so setzte sie bis zur Neuwahl noch einige kräfti-
Gestützt auf seinen Wahlerfolg, widerrief Hitler seine To- ge wirtschaftspolitische Akzente. Im Juli gründete sie einen
lerierungszusage. Schleichers Angebot, die NSDAP an der „Freiwilligen Arbeitsdienst“, dem Ende 1932 bereits 250 000
Regierung Papen zu beteiligen, schlug er aus und verlang- Arbeitslose angehörten. Am 4. September 1932 stellte sie 135

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66 Weimarer Republik

Die Krise des Parlamentarismus nach 1928 während die geplanten Tarifunterschreitungen bei Gewerk-
Parlamentarische Kombinationen (in Prozent der Reichstagssitze) schaften und Arbeitnehmern auf heftige Kritik stießen.
Vom 3. bis 7. November kam es bei den Berliner Verkehrsbe-
Mai Sept. Juli Nov. trieben zu einem „wilden“ Streik, der den gesamten öffent-
1928 1930 1932 1932 lichen Nahverkehr der Hauptstadt lahmlegte. Organisiert
wurde er von Kommunisten und Nationalsozialisten (zum
Harzburger Front 18,4 25,8 43,9 42,3 Teil gemeinsam!). Auseinandersetzungen mit der Polizei for-
(NSDAP – DNVP)
derten drei Tote.
Hitler-Kaas 18,4 33,6 53,8 48,8
Aus dem Ergebnis der Reichstagswahl vom 6. November
(Zentrum – BVP – NSDAP) 1932 schöpften die Demokraten erstmals wieder Hoffnung.
Zwar erzielte die KPD wiederum einen beträchtlichen Stim-
Brüning-Block 89,2 56,15 42,7 39,55 menzuwachs auf Kosten der SPD und brachte es auf 100
(Zentrum, BVP, DDP, SPD, DVP, Mandate; auch war die Lage der bürgerlichen Mittelpartei-
WP, gemäßigte Rechte)
en (mit Ausnahme des Zentrums) weiterhin desolat; aber
Große Koalition 61,2 50,4 39,6 38,2 im rechten Lager gab es eine beträchtliche Veränderung.
(SPD, DDP, Zentrum, BVP, DVP) Die „Papen-Parteien“ DVP und DNVP verzeichneten leichte
Gewinne, während die NSDAP erstmals seit 1928 Verluste
Weimarer Koalition 48,6 40,0 34,9 33,05 hinnehmen musste: Sie verlor gut zwei Millionen Stimmen
(SPD, DDP, Zentrum) (4,2 Prozent) bzw. 34 Mandate. Die nationalsozialistische
Welle hatte ihren Höhepunkt erreicht und begann wieder
Linksparteien 42,0 38,1 36,5 37,8
(SPD – KPD) abzuflauen – so urteilte die seriöse Presse. In der Tat setzte
sich der Abwärtstrend der NSDAP am 4. Dezember bei den
Negative Kooperation der 13,5 31,9 52,5 50,7 Kommunalwahlen in Thüringen fort.
totalitären Parteien Wo lagen die Ursachen für die Stimmenverluste der NSDAP?
(NSDAP – KPD)
Offenbar war ein Teil ihrer Wählerschaft mit Hitlers erfolg-
loser Alles-oder-nichts-Strategie und mit der punktuellen
Ideologische Gruppierungen (in Prozent der Reichstagssitze) Zusammenarbeit zwischen NSDAP und KPD unzufrieden.
Darüber hinaus hatte Hitlers öffentliche Solidarisierung mit
brutalen Mördern auf rechtsstaatlich gesinnte Bürger absto-
Parteien Mai Sept. Juli Nov.
1928 1930 1932 1932 ßend gewirkt. Am 10. August 1932 hatten fünf angetrunke-
ne SA-Leute im oberschlesischen Dorf Potempa einen KPD-
Demo- SPD, Zentrum – 56,7 47,3 38,8 36,6 nahen Arbeitslosen brutal getötet. Als die Täter am 22. Au-
kratie BVP, Staats- gust zum Tode verurteilt wurden, schickte Hitler ihnen ein
partei – Wirt-
schaftspartei
Telegramm: „Meine Kameraden! Angesichts dieses ungeheu-
erlichen Bluturteils fühle ich mich mit euch in unbegrenzter
Faschis- NSDAP 2,5 18,5 37,8 33,6 Treue verbunden. Eure Freiheit ist von diesem Augenblick
mus an eine Frage unserer Ehre, der Kampf gegen eine Regierung,
unter der dieses möglich war, unsere Pflicht!“ Papen, der als
Kommu- KPD 11,0 13,3 14,6 17,1 Reichskommissar in Preußen auch das Begnadigungsrecht
nismus
ausübte, wandelte am 2. September das Todesurteil in eine
Konservativ- DNVP, DVP, 29,4 20,8 8,5 12,7 lebenslängliche Zuchthausstrafe um. Im März 1933 wurden
autoritär- Splitter die Täter auf freien Fuß gesetzt.
monarchis-
tisch
Rücktritt der Regierung Papen
Karl Dietrich Bracher, Die Aufösung der Weimarer Republik, Droste, Düsseldorf 1978, S. 565
Am 17. November 1932 trat die Regierung Papen zurück, blieb
jedoch geschäftsführend im Amt. Ihre politische Lage war
Millionen RM für staatliche Arbeitsbeschaffungsmaßnah- aussichtslos geworden. Auch der neue Reichstag würde ihr
men bereit. 700 Millionen RM sollten in Form von beleih- das Misstrauen aussprechen oder ihre Notverordnungen
baren Steuergutscheinen in die Unternehmen fließen und aufheben. Schließlich wurde im Kabinett ein „Kampfplan“
der Finanzierung von Investitionen und Neueinstellungen erwogen: Auflösung des Reichstages ohne Neuwahlen, Aus-
dienen. Mit weiteren Steuergutscheinen im Umfang von schaltung der Parteien mit Hilfe von Polizei und Reichswehr,
1,5 Milliarden RM sollten die Betriebe in den kommenden autoritärer Umbau der Verfassung und spätere Billigung
Jahren einen Teil ihrer Steuern und Zölle bezahlen können. dieser Maßnahmen durch eine Volksabstimmung oder eine
Unternehmen, die Arbeitslose einstellten, durften die Ta- Nationalversammlung. Hindenburg gefiel der Plan; er ak-
riflöhne teilweise um bis zu 20 Prozent unterschreiten. Die zeptierte aber Schleichers Warnung vor einem Bürgerkrieg.
staatliche Zwangsschlichtung war bereits am 15. Juni 1932 Am 21./22. November bot er Hitler die Bildung einer parla-
abgeschafft worden. Insgesamt bedeuteten diese Maßnah- mentarischen Mehrheitsregierung an; der NSDAP-Führer
men (die zunächst eher zur Längerbeschäftigung von Kurz- forderte jedoch erneut die Präsidialkanzlerschaft, die ihm
arbeitern als zu Neueinstellungen führten) den vorsichtigen Hindenburg abermals verweigerte. In einem Brief an Staats-
Übergang zu einer aktiven Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. sekretär Meissner vom 23. November 1932 skizzierte Hitler
Papens Programm fand große Zustimmung in der Industrie, unverblümt seine politischen Absichten: „Es ist daher in der

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Zerstörung der Demokratie 1930-1933 67

Zukunft die Aufgabe eines Kanzlers, der [...] die Schwerfällig- eine Abspaltung ihres „linken“ Flügels um den Reichsor-
keit des parlamentarischen Vorgehens als gefährliche Hem- ganisationsleiter und „zweiten Mann“ der NSDAP, Gregor
mung ansieht, sich eine Mehrheit für ein aufgabenmäßig Strasser, hinaus. Tatsächlich war Strasser dazu bereit, als Vi-
begrenztes und zeitlich fixiertes Ermächtigungsgesetz zu zekanzler in die Regierung Schleicher einzutreten. Als Hitler
sichern. Die Aussicht auf den Erfolg eines solchen Versuchs jedoch – mit großer Mühe – die Mehrheit der Parteifunktio-
wird umso größer sein, je autoritärer auf der einen Seite die näre hinter sich brachte, musste Strasser am 8./9. Dezember
Position dieses Mannes ist und je schwerer auf der anderen 1932 von allen Ämtern zurücktreten.
die [...] schon in seinen Händen befindliche parlamentari- Auch bei den Gewerkschaften aller Richtungen hatte die
sche Macht in die Waage fällt.“ Am 2. Dezember entließ Hin- „Querfront“ Interesse geweckt. Aber die SPD, die Schleicher
denburg die Regierung mit großem Bedauern und ernannte stark misstraute, brachte den ADGB Anfang Januar 1933 von
Schleicher zum neuen Reichskanzler. Papen blieb aber ein einer Zusammenarbeit mit dem General ab. Dabei vertieften
enger Vertrauter des Reichspräsidenten. sich die bereits in der Frage der Arbeitsbeschaffungspolitik
eingetretenen politischen Spannungen zwischen SPD und
Gewerkschaften (siehe S. 60). Die Linke war jetzt gewisser-
maßen doppelt gespalten und demzufolge noch mehr ge-
schwächt.
Reichskanzlerschaft Schleichers Den großagrarischen Reichslandbund enttäuschte Schlei-
cher, indem er nur die Milchwirtschaft förderte: Per Notver-
ordnung vom 23. Dezember 1932 wurden die Hersteller von
Schleicher behielt auch als Kanzler das Amt des Reichswehr- Margarine zur Beimischung von Butter gezwungen. Es folg-
ministers und tauschte lediglich zwei Minister aus. Mit der ten heftige Proteste: Kritisierten SPD und Gewerkschaften
Ernennung eines „Reichskommissars für Arbeitsbeschaffung“ die absehbare Verteuerung des billigen pflanzlichen Grund-
setzte er jedoch einen arbeitnehmerfreundlichen Akzent. nahrungsmittels, so bemängelten RDI und DVP die Bevorzu-
Dies veranlasste den Reichstag, der vorläufig keine erneu- gung der Landwirtschaft und fürchteten Lohnforderungen
te Auflösung befürchten musste, auf ein sofortiges Miss- der Gewerkschaften.
trauensvotum zu verzichten. Vom 6. bis 9. Dezember 1932 Allgemein begrüßt wurde dagegen ein außenpolitischer
beschloss er die Aufhebung der von Papen ermöglichten Fortschritt: Am 11. Dezember 1932 erkannten die USA, Groß-
Tarifunterschreitungen sowie eine dem sozialen Frieden britannien, Frankreich und Italien Deutschlands militäri-
dienliche Amnestie für politische Straftaten, ausgenommen sche Gleichberechtigung im Grundsatz an – nach der Lösung
für Tötungsdelikte. Außerdem änderte er Artikel 51 WV da- des Reparationsproblems zeichnete sich eine weitere Teilre-
hingehend, dass künftig nicht der Reichskanzler, sondern vision des Versailler Vertrages ab.
der Präsident des Reichsgerichts den Reichspräsidenten ver- Den breiten Protesten gegen seine Margarineverordnung
trat. Starb der greise Hindenburg, so sollte Schleicher nicht zufolge musste Schleicher bei der nächsten Reichstagssit-
die drei mächtigsten Staatsämter auf sich vereinigen. Da- zung Anfang Januar mit einem Misstrauensvotum rechnen.
nach vertagte sich das Parlament. Jetzt wollte er denselben verfassungswidrigen Weg be-
schreiten, den er Papen noch verbaut hatte. Unter strenger
Geheimhaltung ließ Schleicher eine Serie von Notverord-
Scheiternde Bündnispläne nungen für den „Staatsnotstand“ vorbereiten: Reichstags-
auflösung ohne Neuwahl; Verhängung des Ausnahmezu-
Mit seiner Regierungserklärung vom 15. Dezember 1932 standes und Übertragung der vollziehenden Gewalt auf die
sorgte Schleicher für eine Überraschung, indem er sich vom Reichswehr im Falle eines Generalstreiks; Streikverbot für
Kapitalismus ebenso distanzierte wie vom Sozialismus. Er den öffentlichen Dienst sowie für lebenswichtige Betriebe
sei der „überparteiliche Sachwalter der Interessen aller Be- unter Androhung harter Strafen; Unterdrückung der Ge-
völkerungsschichten“, ein „sozialer General“. Er kenne nur werkschaften; Verstärkung des Katastrophenschutzverban-
ein Ziel: „Arbeit schaffen!“ Senkungen der Arbeitseinkom- des „Technische Nothilfe“, einer bewährten Streikbrecheror-
men werde es nicht geben. Im Rahmen einer „Winterhilfe“ ganisation. Dies alles lief auf eine befristete Militärdiktatur
sollten Fleisch und Kohle billiger werden (was einer Forde- bis zum Abflauen der Wirtschaftskrise und des politischen
rung der SPD entsprach). Mit „allen gutwilligen Kräften“ im Extremismus hinaus.
Parlament wolle er zusammenarbeiten. Der Drahtzieher der Ob das die letzte Chance der Weimarer Republik war, Hit-
„Kamarilla“ war offenbar zu der Einsicht gelangt, dass die ler zu vermeiden, ist unter Historikern umstritten und we-
bisherige Regierungsweise mit dem Artikel 48 WV in eine gen der schillernden, politisch fragwürdigen Figur Schlei-
Sackgasse geführt hatte. Stabile autoritäre Verhältnisse hat- cher zumindest zweifelhaft. Der Reichspräsident lehnte den
ten sich nicht eingestellt. Die Unzufriedenheit der Bürger Staatsnotstandsplan ab, denn er wollte keine Anklage vor
mit der Wirtschafts- und Sozialpolitik der Präsidialkabinet- dem Staatsgerichtshof wegen Amtsmissbrauchs riskieren.
te war bei den in immer kürzeren Abständen abgehaltenen Auch eine Reichstagsauflösung mit verfassungsgemäßer
Reichstagswahlen allein der NSDAP und der KPD – zuletzt Neuwahl (sie hätte der NSDAP – ohne den Kanzlerbonus –
sogar nur noch den Kommunisten – zugute gekommen. weitere Verluste beschert) genehmigte er nicht. Am 28. Ja-
Deshalb warb Schleicher jetzt bei den Arbeitnehmerflü- nuar 1933 blieb Schleicher nur noch der Rücktritt. Letztlich
geln von SPD, Zentrum, DNVP und NSDAP um eine parla- scheiterte er an den politischen Folgen des Präsidialregimes,
mentarische (Tolerierungs-)Basis in Form einer „Querfront“. das er selbst in hohem Maße mitzuverantworten hatte. Sein
Dafür stellte er eine stärkere Berücksichtigung der Interes- Nachfolger stand schon kurz vor der Ernennung: Adolf Hitler,
sen von Arbeitern, Angestellten und Beamten in Aussicht. der die „Querfront“-Strategen Schleicher und Strasser 1934
Hinsichtlich der Nationalsozialisten lief dieser Vorstoß auf ermorden ließ.

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68 Weimarer Republik

Befürworter Hitlers

Einzelne Schwerindustrielle wie Emil Kirdorf (Rheinisch-


Westfälisches Kohlensyndikat) und Fritz Thyssen (Verei-
nigte Stahlwerke) unterstützten bereits seit 1927 bzw. 1929
die NSDAP. Am 27. Januar 1932 hielt Hitler im Düsseldorfer
Regierungsübertragung auf Industrie-Club einen Vortrag, mit dem er die meisten an-
die NSDAP wesenden Wirtschaftsvertreter stark beeindruckte.
Denn er verglich die auf das Privateigentum gegründe-
te freie Unternehmerinitiative in der Wirtschaft mit dem
nationalsozialistischen Führerprinzip in der Politik und
„Das Jahr 1932 war eine ewige Pechsträhne“, schrieb Joseph führte beide auf das Leistungsprinzip zurück. Den Zuhö-
Goebbels am 25. Dezember 1932 in sein (1934 veröffentlich- rern wurde klar, dass die „sozialistischen“ Forderungen im
tes) Tagebuch, „man muss es in Scherben schlagen [...]. Die Parteiprogramm der NSDAP von 1920 (Gewinnbeteiligung
Zukunft ist dunkel und trübe; alle Aussichten vollends ent- der Arbeiter in Großbetrieben, Bodenreform, Kommuna-
schwunden.“ Nach drei großen Anläufen – Reichspräsiden- lisierung der Warenhäuser) lediglich die Partei auch für
tenwahl im April, Reichstagswahlen im Juli und November – Arbeiter und kleine Mittelständler wählbar machen soll-
stand die NSDAP wegen Hitlers Alles-oder-nichts-Politik ten, während Hitler in Wirklichkeit nicht daran dachte, die
noch immer vor den Toren der Macht. Ihr Massenanhang Stellung der Unternehmer oder gar das Privateigentum an
hatte abzubröckeln begonnen; die Parteikasse war leer. Produktionsmitteln anzutasten. Seither flossen der NSDAP
Schleichers Spaltungsversuch und Gregor Strassers Rücktritt auch von dieser Seite erhebliche Spenden zu.
hatten die NSDAP so schwer erschüttert, dass Hitler sich vo- Hitler und seine Vertrauten Hermann Göring und Hein-
rübergehend mit Selbstmordgedanken trug. Goebbels besaß rich Himmler bemühten sich um gute Beziehungen zu Un-
also allen Grund zum Pessimismus. Nur fünf Wochen spä- ternehmerkreisen, weil sie wussten, dass die NSDAP ohne
ter jedoch, am 30. Januar 1933, notierte er begeistert: „Es ist Zustimmung zumindest eines Teils der Wirtschaft nicht
fast wie ein Traum. Die Wilhelmstraße gehört uns. Der Füh- an die Macht gelangen konnte. Ihre Kontakte führten im
rer arbeitet bereits in der Reichskanzlei.“ Diese erstaunliche Juni 1932 zur Bildung zweier Arbeitsstäbe, in denen eini-
Wendung lässt sich nur erklären, wenn man die Ziele und ge einflussreiche Bankiers, Industrielle und Großagrarier
Aktivitäten derjenigen Teile der Eliten in Militär, Bürokratie als wirtschaftspolitische Berater der NSDAP mitarbeite-
und Wirtschaft in den Blick nimmt, die sich 1932/33 für Hit- ten: Der ehemalige Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht
ler einsetzten. leitete die nach ihm benannte „Arbeitsstelle Dr. Schacht“,
ullstein bild

Hitler (vorne links) kurz vor seiner Rede im Düsseldorfer Industrie-Club 1932. Rechts hinter ihm Hermann Göring, am Mikrofon der Großindustrielle und
zeitweilige Finanzier der NSDAP Fritz Thyssen

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Zerstörung der Demokratie 1930-1933 69

Süddeutsche Zeitung Photo / Scherl

Süddeutsche Zeitung Photo / Scherl

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Wirtschaftsführer im Gespräch mit der NSDAP. Linkes Bild (v.l.): Josef Goebbels und Fritz Thyssen. Mittleres Bild (v.l.): Carl F. von Siemens, Bankier Otto Fi-
scher, Hjalmar Schacht. Rechtes Bild (v.l.): Wilhelm Keppler, Wirtschaftsreferatsleiter im Auswärtigen Amt Karl Ritter, Agrarpolitiker Walther Darré und Kurt
Freiherr von Schröder

der Chemie-Industrielle Wilhelm Keppler den „Studien- schlechten Erfahrungen mit dem NSDAP-Führer wechselte
ausschuss für Wirtschaftsfragen“. Vor allem der „Keppler- Papen nach dem Ende seiner Kanzlerschaft in das Lager der
Kreis“ bildete im Herbst und Winter 1932 die „Keimzelle für Hitler-Befürworter, weil er darin eine Chance sah, in die Re-
wichtige Grundsatzentscheidungen nationalsozialistischer gierung zurückzukehren. Umgekehrt überwand Hitler jetzt
Wirtschaftspolitik, und zwar im Sinne der Großwirtschaft“ seine Abneigung gegen Papen, da er erkannte, dass sich
(Dirk Stegmann). die NSDAP in einer desolaten Lage befand und er taktische
Als das Institut für Konjunkturforschung Ende Oktober Kompromisse machen musste, wenn er noch an die Macht
erste Anzeichen für eine konjunkturelle Besserung melde- gelangen wollte.
te und die NSDAP bei der Novemberwahl erhebliche Ver- Mitte Dezember 1932 bot der Kölner Bankier Kurt Freiherr
luste erlitt, schien eine Regierung Hitler in weite Ferne von Schröder, Mitglied des „Keppler-Kreises“ und der „Ar-
zu rücken. Dies veranlasste 22 NSDAP-nahe Vertreter von beitsstelle Dr. Schacht“, Papen die Vermittlung eines Ge-
Schwerindustrie, Großlandwirtschaft, Handel, Schifffahrt sprächs mit Hitler an. Am 4. Januar 1933 trafen sich Papen
und Banken (darunter acht Mitglieder des Keppler-Kreises) und Hitler in Schröders Privathaus zu einer Unterredung,
am 19. November 1932 zu einer Eingabe an den Reichspräsi- die als „Geburtsstunde des Dritten Reiches“ (Karl Dietrich
denten. Darin forderten sie, endlich „dem Führer der größ- Bracher) gelten kann. Denn wie Schröder 1947 im Nürn-
ten nationalen Gruppe“ die „Leitung eines mit den besten berger Kriegsverbrecherprozess eidesstattlich erklärte, er-
sachlichen und personellen Kräften ausgestatteten Präsi- zielten der NSDAP-Führer und der Hindenburg-Vertraute
dialkabinetts“ zu übertragen. Die Eingabe blieb jedoch er- „ein prinzipielles Abkommen“ über Personal und Politik
folglos. einer Regierung Hitler-Papen-Hugenberg (letzterer musste
Im Dezember 1932 alarmierte Schleichers „Querfront“– dafür erst noch gewonnen werden), die möglichst schnell
Politik vollends diejenigen nationalkonservativen Kreise das Kabinett Schleicher ablösen sollte. Als Reichskanzler
in Wirtschaft, Militär und Bürokratie, die glaubten, ihre wollte Hitler unter anderem für „die Entfernung aller So-
antidemokratisch-monarchistischen Ziele nur noch mit zialdemokraten, Kommunisten und Juden von führenden
Hilfe der nationalsozialistischen Massenbewegung ver- Stellungen“ und für die „Wiederherstellung der Ordnung
wirklichen zu können. Schleicher wirkte auf sie wie ein im öffentlichen Leben“ sorgen. Papen sollte Vizekanzler
verkappter „Sozialist in Generalsuniform“ (Eberhard Kolb). werden. Einzelheiten sollten in weiteren Besprechungen
Dass Hitler keine Monarchie, sondern einen „Führerstaat“ geklärt werden.
anstrebte, und dass auch er sozialpolitische Interessen der Folgt man Schröder, so zielten zu diesem Zeitpunkt die
Arbeitnehmer nicht gänzlich ignorieren konnte, nahmen „allgemeinen Bestrebungen der Männer der Wirtschaft“ auf
sie in Kauf. Sie glaubten, die NSDAP so „einrahmen“ und einen „starken Führer“, der dauerhaft regieren, ihnen die
„zähmen“ zu können, dass sie im Sinne ihrer konservativen „Angst vor dem Bolschewismus“ nehmen und eine „bestän-
Bündnispartner regieren und sich selbst dabei politisch dige politische und wirtschaftliche Grundlage in Deutsch-
„abnutzen“ musste. land“ schaffen sollte. Auch seien von ihm umfangreiche
Staatsaufträge erwartet worden. Demgegenüber hat die
neuere historische Forschung ergeben, dass Ende 1932/An-
Bündnis zwischen Papen und Hitler fang 1933 keineswegs die gesamte Wirtschaft hinter Hitler
stand. Während sich große Teile der besonders krisenge-
Hitlers Fürsprecher besaßen keinen direkten Zugang zum schüttelten Schwerindustrie an Rhein und Ruhr (Bergbau,
Reichspräsidenten. Dieses Problem lösten sie mit Hil- Eisen- und Stahlerzeugung) der NSDAP zuwandten, stimm-
fe Papens, der als einziger in der Lage war, Hindenburgs ten die übrigen Industrien (Maschinenbau, Elektrotechnik,
Misstrauen gegenüber Hitler zu zerstreuen. Trotz seiner Optik, Chemie, Pharmazie und andere) weitgehend der Po-

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70 Weimarer Republik

ullstein bild
Mitglieder des ersten Kabinetts Hitler am 30. Januar 1933. Sitzend (v. l. n. r.): Hermann Göring, Adolf Hitler, Franz von Papen. Stehend (v. l. n. r.): Franz Seldte,
Günther Gereke, Lutz Graf Schwerin von Krosigk, Wilhelm Frick, Werner von Blomberg, Alfred Hugenberg

litik des Reichskanzlers Papen zu. Auch die Banken nahmen zung der DNVP; am 28. Januar musste er zurücktreten. Der
keine einheitliche Haltung ein. Hitlers Ernennung zum Re- Reichspräsident erwog jetzt ernsthaft eine Kanzlerschaft
gierungschef erfolgte also „bei gespaltener Industriefront“ Hitlers; seine Bedingung, Blomberg müsse Reichswehrmi-
(Reinhard Neebe). nister werden, war dem NSDAP-Führer nur recht, denn der
General stand (ohne Hindenburgs Wissen) schon seit län-
gerem den Nationalsozialisten nahe.
Sondierungsgespräche

Am 9. Januar 1933 erteilte Hindenburg (hinter dem Rücken Hitler wird Reichskanzler
des Kanzlers Schleicher) Papen die Genehmigung, Verhand-
lungen über eine von ihm geführte Regierung unter Beteili- Am Vormittag des 29. Januar 1933 einigten sich Hitler, Gö-
gung der NSDAP aufzunehmen. In diversen Sondierungsge- ring und Papen darauf, dass Papen Reichskommissar für
sprächen, unter Mitwirkung einiger Industrieller, kam es in Preußen, Göring kommissarischer preußischer Innenmi-
dem machtstrategischen Dreieck NSDAP – Papen/Hinden- nister werden sollte. Der frühere thüringische NSDAP-Mi-
burg/„Kamarilla“ – DNVP/Stahlhelm schrittweise zu einer nister Wilhelm Frick war als Reichsinnenminister vorgese-
politischen Verständigung. Gleichzeitig wandten sich im- hen. Am Nachmittag sprach Papen mit Hugenberg und den
mer mehr Personen, die Hindenburg persönlich schätzte – Stahlhelm-Führern Seldte und Duesterberg. Hugenberg war
darunter der ehemalige Kronprinz Wilhelm, Gutsnachbar noch immer gegen Neuwahlen; aber das Angebot Hinden-
Oldenburg-Januschau und der alte Regimentskamerad Ge- burgs, Doppelminister für Wirtschaft und Landwirtschaft
neral Werner von Blomberg – an den Reichspräsidenten im Reich und in Preußen zu werden, fand er verlockend.
und empfahlen ihm die Bildung einer von Hitler geführten Seldte wünschte sich das Arbeitsministerium; Duesterberg
Regierung aus Stahlhelm, DNVP und NSDAP. blieb distanziert. Nachdem auch mehrere Mitglieder des
Strittig zwischen NSDAP und DNVP blieb Hitlers Forde- Schleicher-Kabinetts ihre Mitarbeit angeboten hatten, war
rung nach einem nationalsozialistischen Reichskommissar die Ministerliste fast komplett.
im preußischen Innenministerium (um die preußische Po- Zwei Ereignisse beschleunigten die Entwicklung. Zum
lizei zu kontrollieren) und nach Reichstagsneuwahlen im einen wünschte Hindenburg eine rasche Regierungsbe-
Anschluss an die Regierungsbildung (um mit dem Kanzler- teiligung der Zentrumspartei, damit diese nicht länger
bonus eine Mehrheit für das geplante „Ermächtigungsge- im Haushaltsausschuss die Untersuchung des peinlichen
setz“ zu erhalten). Währenddessen wurde Schleichers poli- „Osthilfe-Skandals“ forcierte. Ostelbische Gutsbesitzer, da-
tische Stellung immer schwächer: Da er im Osten ähnliche runter Hindenburgs Freund Oldenburg-Januschau, hatten
Siedlungspläne wie Brüning hegte, geriet er in Konflikt mit offenbar mehr wirtschaftliche Subventionen erhalten, als
Hindenburg und verlor die parlamentarische Unterstüt- ihnen zustanden, und diese zum Teil für private Zwecke

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Zerstörung der Demokratie 1930-1933 71

ullstein bild – SZ Photo


Der Abend der Vereidigung: Adolf Hitler lässt sich an einem Fenster der Reichskanzlei von seinen Anhängern feiern.

ausgegeben. Mit der Zusicherung, den Eintritt des Zen- und Durchführung von Gesetzen bzw. Notverordnungen
trums in eine parlamentarische Mehrheitsregierung Hitler- zur inneren Sicherheit (zum Beispiel Zeitungs-, Versamm-
Papen-Hugenberg (ohne den Artikel 48 WV) anzustreben, lungs- und Parteienverbote) zuständig. Dem Minister ohne
kam Papen Hindenburgs Vorstellungen entgegen und Geschäftsbereich Göring unterstand als Reichskommissar
zerstreute zugleich dessen letzte Bedenken gegen Hitlers das preußische Innenministerium – und demzufolge die
Kanzlerschaft. Für die Zentrumspartei wurde das Justizres- größte deutsche Landespolizei. Hinzu kam die NSDAP-Nä-
sort offen gehalten. he des Reichswehrministers von Blomberg. Es zeugt daher
Zum anderen führten am Abend des 29. Januar 1933 ver- von einem beträchtlichen Realitätsverlust, wenn Papen ge-
breitete Gerüchte über einen bevorstehenden Militärputsch genüber einem konservativen Kritiker äußerte: „Was wol-
Schleichers dazu, dass der am nächsten Morgen in Berlin len Sie denn? Ich habe das Vertrauen Hindenburgs. In zwei
eintreffende designierte Reichswehrminister Blomberg so- Monaten haben wir Hitler so in die Ecke gedrückt, dass er
fort zu Hindenburg gebracht und noch vor dem Reichskanz- quietscht.“
ler vereidigt wurde – ein verfassungswidriger Vorgang. Tatsächlich konnte die NSDAP ihre „Einrahmung“ schon
Die künftigen Regierungsmitglieder waren um 10.45 Uhr am nächsten Tag durchlöchern, als Reichskanzler Hitler die
zum Reichspräsidenten bestellt. Noch immer wehrte sich ihm auferlegten Verhandlungen mit dem Zentrumsführer
Hugenberg gegen eine Reichstagsauflösung. Papen verwies Kaas mit seiner unannehmbaren Forderung nach einer ein-
eindringlich auf den (angeblich) drohenden Militärputsch; jährigen Vertagung des Reichstages absichtlich zum Schei-
Hitler versprach, auch nach Neuwahlen keinen Minister tern brachte. Danach bat er Hindenburg um Auflösung des
zu entlassen. Hugenberg blieb bei seinem Nein, ging aber Parlamentes, da er mit dem gegenwärtigen Reichstag nicht
doch mit den anderen mit, als Meissner drängte, man kön- regieren könne. Der Präsident möge sich keine Sorgen ma-
ne den Reichspräsidenten nicht länger warten lassen. Um chen – diese Neuwahlen, so versprach er doppeldeutig,
11 Uhr leisteten Hitler, Göring und Frick, Papen, Hugenberg, würden „die letzten“ sein. Hindenburg stimmte zu und er-
Seldte und weitere vier (parteilose) konservative Minister teilte am 1. Februar 1933 die Auflösungsorder.
den Amtseid auf die Weimarer Verfassung.
Oberflächlich betrachtet waren die drei Nationalsozialis-
ten in der Regierung tatsächlich „eingerahmt“: durch den Ohnmacht der Hitler-Gegner
Reichspräsidenten, Vertreter des Stahlhelm (Seldte), der
DNVP (Hugenberg) und durch die parteilosen Fachminister. Die Gegner der NSDAP waren über Hitlers Ernennung
Aber die NSDAP besaß strategisch wichtige Schlüsselstel- zum Reichskanzler bestürzt, aber eine gemeinsame Akti-
lungen: Reichskanzler Hitler leitete die Kabinettssitzungen on brachten sie nicht zustande. Die KPD rief zum General-
und bestimmte die „Richtlinien der Politik“ (Art. 56 WV), In- streik auf und schlug der SPD die Bildung einer „Einheits-
nenminister Frick war unter anderem für die Vorbereitung front“ vor. Doch die Sozialdemokraten sahen auch jetzt

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72 Weimarer Republik

bpk / Kunstbibliothek, SMB, Photothek Willy Römer / Willy Römer


Das Ende der Meinungsfreiheit: Auf der letzten Kundgebung der Eisernen Front am 7. Februar 1933 im
Berliner Lustgarten spricht der SPD-Vorsitzende Otto Wels. Drei Monate später wird der republikanische
Zusammenschluss zerschlagen.

Die Weimarer Republik aus der Sicht der Geschichtswissenschaft

[...] Die Historiker sind sich heute zu- suggestiven Propaganda infolge kollek- nicht gewachsen zeigten. Die Ursachen
mindest darin einig, dass das Scheitern tiver Entwurzelung und politischer für diese Defekte dürften überwiegend
der Republik und die nationalsozialis- Labilität breiter Bevölkerungssegmente; in langfristigen, aus den besonderen
tische „Machtergreifung“ nur durch die schließlich die Rolle einzelner Per- Bedingungen der preußisch-deutschen
Aufhellung eines sehr komplexen sönlichkeiten an verantwortlicher Stel- Geschichte zu erklärenden Zusam-
Ursachengeflechts plausibel erklärt wer- le, in erster Linie zu nennen sind menhängen zu suchen sein, verstärkt
den können. Dabei sind vor allem hier Hindenburg, Schleicher, Papen. durch die Entstehungsbedingungen
folgende Determinanten zu berücksich- Die Antwort, die auf die Frage nach des Weimarer Staatswesens und seiner
tigen: institutionelle Rahmenbedin- dem Scheitern der Weimarer Demokratie außenpolitischen Belastungen. Die
gungen, etwa die verfassungsmäßigen und der Ermöglichung Hitlers gege- Übertragung dieser ungünstigen Grup-
Rechte und Möglichkeiten des Reichs- ben wird, hängt in ihrer Nuancierung we- penmentalitäten auf das Weimarer Re-
präsidenten, zumal beim Fehlen klarer sentlich davon ab, wie die verschiedenen gierungssystem wurde durch den
parlamentarischer Mehrheiten; die Komponenten gewichtet und dann zu Wahlrechtsmodus erheblich begünstigt.
ökonomische Entwicklung mit ihren Aus- einem konsistenten Gesamtbild zusam- [...] Die antirepublikanischen Tenden-
wirkungen auf die politischen und mengefügt werden, denn Gewichtung zen in Armee, Bürokratie und Justiz
gesellschaftlichen Machtverhältnisse; und Verknüpfung sind nicht durch das waren grundsätzlich beherrschbar, eine
Besonderheiten der politischen Kul- Quellenmaterial in einer schlechthin Frage des Machtbewusstseins von
tur in Deutschland (mitverantwortlich zwingenden Weise vorgegeben, sie bil- Parteien und Regierung. Die gesellschaft-
zum Beispiel für die Republikferne den die eigentliche Interpretationsleis- lichen und wirtschaftlichen Rahmen-
der Eliten, die überwiegend der pluralis- tung des Historikers. [...] bedingungen waren hauptsächlich lang-
tisch-parteienstaatlichen Demokra- fristig wirksam, indem sie auf die
tie ablehnend gegenüberstanden); Ver- Eberhard Kolb, Die Weimarer Republik, Oldenbourg, München Mentalitäten von Bevölkerung und ein-
änderungen im sozialen Gefüge, bei- 2002, S. 250 f. zelnen Gruppen einwirkten; aktuelle
spielsweise Umschichtungen im „Mit- ökonomische Krisen verstärkten die de-
telstand“ mit Konsequenzen, unter stabilisierenden Momente, verursachten
anderem für politische Orientierung [...] Woran ist also Weimar gescheitert? Die sie aber nicht.
und Wahlverhalten mittelständischer Antwort ist nicht mit letzter wissen- Lapidar lässt sich also schließen: Be-
Kreise; ideologische Faktoren (autori- schaftlicher Präzision zu geben, aber ei- völkerung, Gruppen, Parteien und
täre Traditionen in Deutschland; extre- niges lässt sich doch ausmachen: die einzelne Verantwortliche haben das Ex-
mer Nationalismus, verstärkt durch wichtigsten Gründe liegen auf dem Feld periment Weimar scheitern lassen, weil
Kriegsniederlage, Dolchstoß-Legende der Mentalitäten, der Einstellungen sie falsch dachten und deshalb falsch
und Kriegsunschuldspropaganda; und des Denkens. In der Mitte des Ur- handelten. [...]
„Führererwartung“ und Hoffnung auf sachenbündels finden sich eine Be-
den „starken Mann“, wodurch einem völkerungsmehrheit, die das politische
charismatischen Führertum wie dem System von Weimar auf die Dauer Hagen Schulze, Weimar. Deutschland 1917-1933, Siedler Verlag /
Random House, Berlin 1994, S. 425
Hitlers der Boden bereitet wurde); nicht zu akzeptieren bereit war, sowie
massenpsychologische Momente, zum Parteien und Verbände, die sich den
Beispiel Erfolgschancen einer massen- Anforderungen des Parlamentarismus

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Zerstörung der Demokratie 1930-1933 73

keine Basis für eine Zusammenarbeit – frühere kommu- Machtübertragung, nämlich die Beauftragung Hitlers mit
nistische Einheitsfrontangebote hatten stets das erklärte der Führung einer parlamentarischen Regierung. Wenn es
Ziel verfolgt, die sozialdemokratischen Arbeiter von ihrer der NSDAP gelang, binnen eineinhalb Jahren ihre Gegner
„sozialfaschistischen“ Führung zu trennen; auch kämpfte auszuschalten, ihre Koalitionspartner abzuschütteln und
die KPD nach wie vor für ein „Sowjetdeutschland“. Die SPD einen diktatorischen „Führerstaat“ zu errichten, so vor al-
beschränkte sich darauf, ihre Mitglieder und Anhänger zur lem deshalb, weil sie – im Sinne der Lehren des „Preußen-
Bewahrung von „Kaltblütigkeit, Entschlossenheit, Disziplin schlages“ – diesen Prozess als eine „legale Revolution“ in-
und Einigkeit“ aufzurufen und die neue Regierung vor Ver- szenierte: nämlich als „tiefgreifende Änderung aller Dinge“,
fassungsbrüchen zu warnen. die aber „im Rahmen von Recht und Verfassung“ erfolgte –
Für die Gewerkschaften kam ein Generalstreik so wenig freilich kombiniert mit kaum verhülltem Terror. Das hat
infrage wie im Juli 1932. Von der Zentrumspartei, die ja Ko- „jeden Widerstand rechtlicher, politischer oder auch geisti-
alitionen mit der NSDAP durchaus wünschte, war Wider- ger Art so schwierig, ja – wie viele meinen – praktisch fast
stand nicht zu erwarten. Die bürgerlich-liberalen Parteien unmöglich gemacht“ (Karl Dietrich Bracher). Denn wer die
spielten aufgrund ihrer Schwäche kaum noch eine Rolle. Entwicklung zur Diktatur aufhalten wollte, musste sich
Vor allem zahlte sich jetzt Hitlers Legalitätstaktik aus. Die in die Illegalität begeben – das schreckte ab. Als aber das
NSDAP hatte die politische Macht nicht erobert, sondern sie „Dritte Reich“ errichtet war und die Unmenschlichkeit sei-
war ihr, scheinbar verfassungskonform, in die Hände gelegt ner Herrschaftsziele und -methoden alles Dagewesene in
worden. Stattgefunden hatte keine „Machtergreifung“, wie den Schatten stellte, war es für einen breiten, erfolgreichen
die NS-Propaganda später prahlte, sondern eine begrenzte Widerstand zu spät.

[…] Die Reichstagswahl im Mai 1928 energisch zu bekämpfen. Bereits in der risch verankerten Mehrheitsregierung
schien die Konsolidierung der Republik Agrarkrise der späten zwanziger Jahre unter Ausschluß der extremen Flü-
zu bestätigen. Allerdings bezahlten zeichnete sich ab, daß die politische gelparteien NSDAP, DNVP und KPD war
alle bürgerlichen Parteien ihre zeitwei- Mobilisierung der empörten Landbewoh- weiterhin möglich […]. Dieser Weg
lige Regierungsbeteiligung mit Wäh- ner überwiegend der NSDAP zugute setzte allerdings einen über alle Interes-
lerverlusten, und in allen kam es darauf- kam. In der Weltwirtschaftskrise bestä- sengegensätze hinwegreichenden
hin zu einer Kräfteverschiebung nach tigte sich dieser Trend in den Städten. Je Konsens voraus, die demokratische Ver-
rechts. In der DNVP setzte sich der mehr sich die sozialen Spannungen fassung unbedingt zu erhalten, und
radikale, strikt antiparlamentarische all- verschärften, desto attraktiver wurden diesen Konsens gab es nicht. Vielmehr
deutsche Flügel durch. Auch die Hal- die ideologischen Angebote der NSDAP: entschlossen sich die konservativen
tung der Unternehmerverbände verhär- Wiederherstellung der „Volksgemein- Machteliten jetzt, dauerhaft gegen die
tete sich wieder. schaft“ unter einem starken, gerechten stärkste demokratische Partei, die
Doch erst unter dem Druck der begin- „Führer“, Zähmung der Kapitalisten SPD, zu regieren und vom parlamenta-
nenden Weltwirtschaftskrise fielen und Vernichtung der „Bolschewisten“. rischen zum autoritären System über-
jene fatalen politischen Entscheidungen, Die Widersprüchlichkeit der Paro- zugehen. […]
durch die sich die offene Situation len bot den verschiedenen Schichten An- Die Weimarer Republik mußte in der
immer mehr zu einer schlechten, wenn knüpfungspunkte für ihren Protest. kurzen Zeit ihres Bestehens mit enor-
auch bis zum Ende nie aussichtslosen Angstgeplagten Bürgern machte die bei men Schwierigkeiten fertig werden. We-
Zukunftsperspektive für die Republik Demonstrationen und Aufmärschen gen ihrer großen strukturellen „Vor-
verengte. Erst jetzt entstand jenes zur Schau gestellte Durchsetzungskraft belastungen“, der vielfältigen sozialen
Machtvakuum, das die Verächter der De- der Nationalsozialisten Mut. Junge Spannungen, der Schwächen ihrer
mokratie in der Umgebung des Reichs- Menschen wurden durch die Dynamik Eliten und der überzogenen Erwartun-
präsidenten für ihre Zwecke ausnut- der „Bewegung“ in besonderer Weise gen ihrer Bürger war sie dafür schlecht
zen konnten. Der NSDAP gelang ihr gran- angezogen, und dies wiederum schien gerüstet. Den letzten Stoß aber er-
dioser Aufstieg von der politischen der NSDAP in den Augen vieler Älterer hielt sie durch den revisionistischen Ehr-
Sekte zur mächtigen „Volkspartei des die Zukunft zu verheißen. geiz einer konservativen politischen
Protests“ vor allem aus zwei Gründen: 1930, als der schwere Konjunkturrück- Führung, die seit der Ära Brüning inmit-
Die eine Ursache war, daß breite Be- schlag harte finanz- und sozialpoli- ten einer dramatischen Wirtschafts-
völkerungsschichten den Staat für die tische Einschnitte erzwang, sich jedoch und Staatskrise danach strebte, die
Verletzung ihrer elementaren Inte- noch nicht zu einer fundamentalen außen- und innenpolitische Niederlage
ressen verantwortlich machten, die so- Wirtschaftskrise ausgeweitet hatte, kün- von 1918 zu überwinden.
ziale Gerechtigkeit grob mißachtet digte sich die Gefährdung der Repu-
sahen und sich von den etablierten Par- blik von rechts bei der Septemberwahl Ursula Büttner, Weimar. Die überforderte Republik 1918-1933,
teien nicht mehr repräsentiert fühl- in der sprunghaften, gewaltigen Zu- Klett-Cotta, Stuttgart 2008, S. 507 ff.
ten. Dazu kam als zweite Ursache, daß nahme der NSDAP-Stimmen an. Aber
die politischen und gesellschaftlichen noch stand weniger als ein Fünftel
Eliten die rechtsradikalen Staatsfeinde der Wähler im nationalsozialistischen
in Dienst zu stellen hofften, statt sie Lager. Die Bildung einer parlamenta-

Informationen zur politischen Bildung Nr. 261/2011


74 Weimarer Republik

Erläutert kenntnisreich den Forschungsstand zu ausgewählten Aspekten


der Weimarer Republik (Weltwirtschaftskrise, Arbeiterbewegung, Antise-
mitismus, NSDAP-Wählerschaft u. a.)

Henning, Friedrich-Wilhelm: Handbuch der Wirtschafts- und Sozial-


geschichte Deutschlands. Bd. 3 / I: Deutsche Wirtschafts- und Sozialge-
schichte im Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik, Paderborn
Literaturhinweise 2003, 687 S.
Umfassendes, materialreiches Standardwerk, das die Wirtschafts- und So-
zialgeschichte immer wieder mit der politischen Entwicklung verknüpft.
Besonders erhellend ist das rund 50-seitige Kapitel über den Aufstieg der
Quellensammlungens NSDAP.

Hürten, Heinz (Hg.): Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellung, Kolb, Eberhard: Die Weimarer Republik, München 7. Aufl. 2009, 346 S.
Bd. 9: Weimarer Republik und Drittes Reich 1918-1945, Stuttgart, Leipzig Anerkanntes Standardwerk, das einen Abriss der politischen Geschichte,
1995, 464 S. einen Forschungsbericht und eine umfangreiche Bibliographie bietet
Knappe Auswahl einschlägiger Quellen zur politischen Geschichte von Laqueur, Walter: Weimar. Die Kultur der Republik, Frankfurt/M. / Berlin
1918 bis 1945, die kurz erläutert und in den historischen Zusammenhang 1976, 391 S.
eingeordnet werden
Gut lesbares, detailreiches Standardwerk zur gespaltenen Kultur der Wei-
Longerich, Peter (Hg.): Die Erste Republik. Dokumente zur Geschichte des marer Republik
Weimarer Staates, München 1992, 512 S. Lehnert, Detlev: Die Weimarer Republik. Parteienstaat und Massenge-
Besonders empfehlenswerte, äußerst vielfältige Quellensammlung, die sellschaft, Stuttgart 2. überarb. Aufl. 2009, 316 S.
unter anderem auch die kulturelle Entwicklung berücksichtigt Kompakte Darstellung mit dem Schwerpunkt auf den gesellschaftlichen
Konflikten in der Weimarer Republik
Michalka, Wolfgang / Niedhardt, Gottfried (Hg.): Die ungeliebte Repu-
blik. Dokumente zur Innen- und Außenpolitik Weimars 1918-1933, Mün- Longerich, Peter: Deutschland 1918-1933. Die Weimarer Republik. Hand-
chen 1980, 447 S. buch zur Geschichte, Hannover 1995, 448 S.
Ausgewählte informative Quellen, vor allem zur politischen Geschichte Gut verständliche Gesamtdarstellung; mit dem Quellenband desselben
Verfassers (siehe oben) gut zu kombinieren
Mosler, Hermann (Hg.): Die Verfassung der Weimarer Republik vom
11. August 1919, Stuttgart 2009, 88 S. Marcowitz, Rainer: Weimarer Republik 1929-1933. (Geschichte kompakt),
Vollständiger Verfassungstext mit sachkundiger Einleitung Darmstadt 2004, 148 S.
Klar gegliederte und anschaulich geschriebene, zusammenfassende Dar-
Petzina, Dietmar / Abelshauser, Werner / Faust, Anselm: Sozialgeschicht- stellung der entscheidenden Phase der Weimarer Republik auf der Höhe
liches Arbeitsbuch III. Materialien zur Statistik des Deutschen Reiches des Forschungsstandes, mit instruktiven Zeittafeln, Kurzbiographien,
1914-1945, München 1978, 186 S. Quellenauszügen und Begriffserläuterungen
Sammlung ergiebiger Statistiken zu wesentlichen Entwicklungen in der
Mommsen, Hans: Die verspielte Freiheit. Der Weg der Republik von Wei-
deutschen Gesellschaft und Wirtschaft von 1914 bis 1945
mar in den Untergang 1918 bis 1933, Propyläen Geschichte Deutschlands,
Pörtner, Rudolf (Hg.): Alltag in der Weimarer Republik. Erinnerungen an Bd. 8, Berlin 1989, 580 S.
eine unruhige Zeit, München 1993, 519 S. Anspruchsvolle historisch-politische Strukturanalyse
Anschauliche Erinnerungen bekannter Zeitzeugen aus unterschiedlichen Mühlhausen, Walter: Friedrich Ebert 1871-1925. Reichspräsident der Wei-
politischen Lagern, sozialen Schichten und geografischen Regionen an marer Republik, Bonn 2006, 1064 S.
ihre Erlebnisse als Kinder oder Jugendliche in der Weimarer Republik Materialreiche Biographie des ersten Reichspräsidenten der Weimarer Re-
Winkler, Heinrich August / Cammann, Alexander (Hg.): Weimar. Ein Le- publik mit sozialgeschichtlichen Bezügen und auf neuestem Forschungs-
stand. Kompakte, verständliche Darstellung der Vorgeschichte der Wei-
sebuch zur deutschen Geschichte 1918-1933, München 1996, 267 S.
marer Republik
Facettenreiche Auszüge aus Darstellungen und Quellen zu fast allen Be-
reichen der Geschichte der Weimarer Republik Pyta, Wolfram: Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hit-
ler, München 2007, 1117 S.
Umfangreiche, kritische Biographie auf neuestem Forschungsstand, die
Darstellungen Hindenburgs problematische Rolle in der Weimarer Republik detailliert
herausarbeitet
Büttner, Ursula: Weimar. Die überforderte Republik 1918-1933, Stuttgart
Schulze, Hagen: Weimar. Deutschland 1917-1933, durchgesehene Ausga-
2008. Lizenzausgabe Bonn 2008 (Bundeszentrale für politische Bildung),
be, Berlin 1994, 465 S.
864 S.
Aspektreiche Gesamtdarstellung mit anschaulichem Bildmaterial. Schul-
Umfassendes aktuelles Standardwerk. Bietet eine gut lesbare, aspektrei- zes konservative Sichtweisen sind teilweise auf Kritik gestoßen.
che, differenziert abwägende Gesamtdarstellung unter Einbeziehung des
Forschungsganges, ein umfassendes Quellen- und Literaturverzeichnis Winkler, Heinrich August: Weimar 1918-1933. Die Geschichte der ersten
sowie aufschlussreiche Tabellen und Grafiken zu Politik, Wirtschaft und Deutschen Demokratie, München 4. Aufl. 2005, 709 S.
Gesellschaft Lebendig erzählende und scharfsinnig analysierende Gesamtdarstellung
auf der Höhe der Forschung mit dem Schwerpunkt auf den politischen
Falter, Jürgen W.: Hitlers Wähler, München 1991, 443 S. Entwicklungen
Zusammenfassung des maßgeblich von Falter selbst erarbeiteten Standes
der historisch-soziologischen Forschung zur Wahlgeschichte der NSDAP Wirsching, Andreas: Die Weimarer Republik: Politik und Gesellschaft,
München 2. erw. Aufl. 2008, 209 S.
Gessner, Dieter: Die Weimarer Republik (Kontroversen um die Geschich- Problemgeschichte, die im Rahmen des Wechselspiels von sozialökonomi-
te, hg. von Arnd Bauerkämper, Peter Steinbach und Edgar Wolfrum), scher und politischer Entwicklung die verschiedenen Faktoren des Schei-
Darmstadt 2002, 131 S. terns der Weimarer Republik verdeutlicht

Informationen zur politischen Bildung Nr. 261/2011


75

www.bundesarchiv.de/oeffentlichkeitsarbeit/bilder_dokumente/
index.html.de
Onlineportal mit Bild-, Film- und Textquellen sowie Informationstexten
zu ausgewählten Aspekten der Weimarer Republik, u. a. zu den Reichs-
kanzlern und zum Militär

www.bundesarchiv.de/aktenreichskanzlei/1919-1933/0000/vsc/vsc1p/
Internetadressen kap1_2/kap2_33/para3_11.html
Online-Edition der Akten der Reichskanzlei 1918-1933 mit zahlreichen
Quellen zur Politik der Reichsregierungen der Weimarer Republik
www.documentarchiv.de/wr.html
Onlineportal mit zahlreichen Quellen zur Weimarer Republik der Jahre
1918 bis 1932, v. a. Reden, Gesetze, Verordnungen und Verträge

www.dhm.de/lemo/html/weimar/
Onlineportal des Deutschen Historischen Museums (DHM) in Berlin und Der Autor:
des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (HdG) in
Reinhard Sturm, geboren 1950, studierte von 1971 bis 1978 Geschichte, Poli-
Bonn, bietet vielfältige Medien und Materialien zur deutschen Geschichte,
tikwissenschaft und Anglistik an der Georg-August-Universität Göttingen.
darunter zur Weimarer Republik.
1973/74 war er ein Jahr als German Assistant an einer Schule in England
tätig. Nach dem Vorbereitungsdienst 1978 bis 1980 in Salzgitter arbeitete er
www.lwl.org/westfaelische-geschichte/portal/Internet/finde/lang
als Gymnasiallehrer bis 1990 in Göttingen, seither in Hildesheim. Seit 1990
Datensatz.php?urlID=843&url_tabelle=tab_quelle
bildet er als Studiendirektor und Fachleiter für Geschichte am Studiense-
Weimarer Reichsverfassung im Volltext als Faksimile minar Hildesheim für das Lehramt an Gymnasien angehende Geschichts-
lehrer/innen aus.
www.bpb.de
Onlineportal der Bundeszentrale für politische Bildung. Zahlreiche Ma- Er hat wissenschaftliche und didaktische Beiträge zur Geschichte der Ar-
terialangebote u. a. zur deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert, da- beiterbewegung, zur Weimarer Republik, zum Nationalsozialismus und
runter zur Weimarer Republik zur deutschen Nachkriegsgeschichte sowie zur Geschichtsdidaktik veröf-
fentlicht.
http://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Weimar_Republic?
uselang=de
Onlineportal mit zahlreichen Bilddokumenten zur Weimarer Republik Kontakt: reihastu@aol.com

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Der Umwelt zuliebe werden die Informationen zur politischen Bildung
Christine Hesse (verantwortlich/bpb), Jutta Klaeren, Cornelius Strobel
auf chlorfrei gebleichtem Papier gedruckt.
(Volontär)

Titelbild:
Anlässlich der ersten deutschen Verfassungsfeier am 11.08.1921 schrei-
ten Reichspräsident Friedrich Ebert (r.) und Reichskanzler Joseph Wirth
(l.) auf der Straße Unter den Linden in Berlin die Front einer Ehrenkom-
Anforderungen
panie ab – Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz/bpk bitte schriftlich an
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Revolution von 1848 Mauerbau: 13. August 1961 „Die Berliner Mauer“
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Deutschland 1945 – 1949 Online-Angebot


Schriftenreihe
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Früher oder später schehen in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern
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