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Shirley Salmon

Alle sind dabei!


Inklusion im Musikunterricht
(Text und Noten erschienen: in PaMina. Musikpraxis in der Grundschule 34/2016 S. 5 – 9, Helbling
Verlag)

„Wenn nur die besten Vögel sängen, würden die Wälder stille sein.“ – Hier erfahren Sie, wie
Sie alle Kinder Ihrer Klasse durch inklusives Vorgehen musikalisch fördern können.

Was bedeutet Inklusion?

Einleitung
Das Zitat oben stammt von dem US-amerikanischen Geistlichen und Schriftsteller Henry van
Dyke (1852–1933): In der Klasse geht es nicht darum, nur die ‚besseren‘ Kinder zu fördern,
die bereits mehr Erfahrung haben oder vielleicht schon ein Instrument spielen. Es geht auch
nicht darum, Lieder und Musikstücke möglichst perfekt zu spielen. Das Ziel ist, dass jedes
Kind auf seinem eigenen Niveau Musik erfahren darf und mit seinen individuellen
Möglichkeiten als Spielpartner vollwertig teilnehmen kann.
Dieser Beitrag stellt Prinzipien des inklusiven Musizierens sowie Überlegungen zu Inhalten
und Methoden vor. Dazu auch ein Praxisbeispiel mit seinen zahlreichen
Umsetzungsmöglichkeiten für inklusive Unterrichtseinheiten.

Inklusive Pädagogik
Erstklassige Pädagogik ist von Natur aus integrierend und inklusiv, selbst wenn es keine
Kinder mit anderer Muttersprache, anderer Kultur oder mit einer Behinderung gibt: Denn
jedes Kind entwickelt sich individuell und im eigenen Tempo. Inklusive Pädagogik ist eine
Pädagogik der Vielfalt, die jedem Individuum Wertschätzung und Förderung zukommen
lässt, sodass jedes nach seinen Möglichkeiten zum Ganzen und zur Gruppe beitragen kann.
Dabei stellt sich die Herausforderung, die verschiedenen Interessen, Erfahrungen und
Fähigkeiten zu berücksichtigen und zu fördern, sowie entsprechende Inhalte und Methoden
auszusuchen, damit jedes Kind die Aufgaben versteht und auch im eigenen Tempo ausführen
und lernen kann. Jedes Kind wird auch emotional angesprochen und in seiner Fantasie und
Kreativität wertgeschätzt und gefördert.

Inklusiver Musikunterricht
Inklusiver Musikunterricht bietet eine Fülle von Aktivitäten an, die allen Kindern
ermöglichen, sich zu einem ausgewählten Thema in gemeinsamer Arbeit zu treffen. Dazu
werden verschiedene soziale Formen verwendet: Einzelarbeit, Spiel mit einem Partner oder
in einer Klein- oder Großgruppe. Wesentliche Aspekte dieser Lehrweise sind dabei
Individualisierung und Kooperation: Alle Kinder in der Gruppe können ihre eigenen
Erfahrungen und Lernschritte machen und mit ihren individuellen Möglichkeiten als
vollwertige Mitspieler beim vielfältigen Musizieren mitwirken. Gleichzeitig können alle
Kinder miteinander Freude und Vergnügen am gemeinsamen Singen, Spielen, Tanzen und
Gestalten teilen, ganz besonders auch gemeinsame Momente in der Improvisation erfahren.
Beim inklusiven Musizieren werden Spielformen und Spielmittel sowie die Rollen- und
Aufgabenverteilung an die Möglichkeiten, Fähigkeiten und Interessen der Gruppenmitglieder
angepasst. Die Gruppe soll sich nicht einer starren, fertigen Form anpassen müssen (was
meist gar nicht möglich ist), sondern die musikalische Form wird aus der Gruppe und mit der
Gruppe entwickelt. Die Aktivitäten (reproduktive, produktive oder rezeptive) regen das
Mitmachen und Nachmachen an, aber bieten auch Möglichkeiten, selber produktiv und
kreativ zu sein. Dies ist vor allem wichtig für Kinder, die noch nicht imitieren können bzw.
Kinder, die das Imitieren verstehen, aber es körperlich noch nicht umsetzen können.
Ausgehend von einem Thema können verschiedene inhaltliche Schwerpunkte gesetzt und
Aufgaben entwickelt werden, sodass sich jedes Kind angesprochen fühlt und auf seinem
Niveau mitspielen kann.
Viele konkrete Anregungen dazu sind auch im Konzept der elementaren Musik- und
Tanzerziehung nach Carl Orff und Gunild Keetman zu finden, das ursprünglich für die Arbeit
mit Schulkindern konzipiert wurde und als ‚Orff-Schulwerk‘ bekannt ist.

Tipps für den Musikunterricht

Wählen Sie bewusst aus!


Im folgenden Bild wird ein Netzwerk von Gestaltungsschwerpunkten dargestellt, die allein
oder in Verbindung miteinander wirksam werden können. Man lässt sich vom Lied,
Musikstück oder Thema anregen, findet mehrere Aktivitäten zu jedem Schwerpunkt, um sich
schließlich für jene zu entscheiden, die sowohl bzgl. des Inhalts als auch bzgl. der
momentanen Möglichkeiten und Bedürfnisse der Gruppe passend sind.

Sensorische Sensibilisierung
(akustische, taktile, visuelle, kinästhetische, vestibuläre)

Bewegung Raum

Tanz Spielmaterialien
Das
Thema
(Körper-) Stimme/Sprache
Instrumente

Hören soziale Spielformen

Visualisierung Musiktheater

Allgemeine Planung:
 Schaffen einer positiven und sicheren Arbeitsatmosphäre
 Bewusstwerden über Vorerfahrungen, Lernstile, Lerntempi und Fähigkeiten der
einzelnen Kinder sowie über ihre Motivation und Konzentrationsfähigkeit
 Auswahl von unterschiedlichen Materialien und Instrumenten
 Auswahl des Themas und des musikalischen Materials
 Nicht-musikalische Aspekte des Themas beachten
Gestaltung des Themas:
 Möglichkeiten, sensomotorische Erfahrungen einbauen
 Verwendung von verschiedenen Medien
 unterschiedliche Handlungsformen ermöglichen
 Möglichkeiten für Kommunikation, Kooperation und Interaktion erschließen
 Verbindungen zu anderen Fachbereichen

Seien Sie offen für verschiedene Lösungen!


Stellen Sie Aufgaben so, dass jedes Kind sie mit seinen individuellen Möglichkeiten erfüllen
kann, beispielsweise: „Male die Musik in der Luft.“, „Begleite das Lied spontan auf deinem
Instrument.“ oder „Erfindet zu zweit ein Bodypercussion-Pattern.“ Es entstehen
verschiedene Lösungen, die alle wertgeschätzt, nicht hingegen verglichen oder bewertet
werden sollten.
Beim Beobachten hat die Lehrperson die Möglichkeit zu sehen, ob und was die Kinder
verstehen und wie sie die Aufgabe lösen können. Daraus können spezifische Aufgaben für
bestimmte Kinder entwickelt werden.

Seien Sie experimentierfreudig!


Handlungsformen wie Erkunden, Experimentieren oder Improvisieren ermöglichen
individuelle Erfahrungen. Wenn Kinder dann auch noch Aufgaben bekommen, bei denen sie
selber auswählen und entscheiden dürfen – z. B. einen eigenen Klang für eine bestimmte
Wetterart aussuchen, eine neue Reihenfolge festlegen, eine eigene Begleitung erfinden –,
wird das Gefühl der Urheberschaft erlebt, was für die Motivation und das Lernen
bereichernd ist.

Bieten Sie einfache Instrumente an!


Durch die Bereitstellung eines Instrumentariums, das spielerisch erfahren wird und keine
oder wenige spieltechnischen Hürden aufbaut, wird die Möglichkeit des instrumentalen
Ausdrucks in die Arbeit einbezogen: Es stehen Stimme, Bodypercussion und einige Orff-
Instrumente zur Verfügung. Als Ergänzung können einfache Blasinstrumente wie Kazoos,
Lotusflöten und Flötenkopfstücke verwendet werden, ebenso Klangobjekte (wie Muscheln,
Steine, Nüsse, Papier usw.) oder selbstgebaute Instrumente sowie ausgewählte Apps (z.B.
ThumbJam, Sansula, aXlophone, SoundPrism, Echostring, Bloom, Garageband).1
Wesentlich ist, von den Kompetenzen des einzelnen Kindes auszugehen und Möglichkeiten
zu suchen, wie es selbständig handeln und mitspielen kann.

Passen Sie Stücke an!


Niemand muss die ganze Melodie spielen – für manche Kinder kann es passender sein, nur
einen Teil der Melodie zu spielen und diese mit einem zweiten Kind zu teilen. Dasselbe gilt
für eine harmonische Begleitung. Manche Lieder können einfach mit einer
Grundtonbegleitung, mit einem Bordun oder pentatonisch begleitet werden. Für Kinder, die
noch nicht rhythmisch spielen können, gibt es prärhythmische Aufgaben, z. B. Effekte oder
Geräusche musikalisch gestalten.

1 Siehe dazu u.a. http://www.musiceducation.at/fileadmin/pdf/pdf2015/App-Sammlung_Android-iOS_151124.pdf


Andererseits sind für erfahrene Kinder manche Melodien sehr einfach. Finden Sie dann eine
Aufgabe, die eine weitere Lernmöglichkeit bietet, z. B. eine Über- oder Unterstimme,
anspruchsvolle Ostinati oder andere komplexere Begleitungen.

Werten Sie ‚Nebenrollen‘ auf!


Einfache Aufgaben – wie einen Schlag auf die Zimbel ausführen oder Wettergeräusche
nachmachen – können eine wichtige Rolle in der Gestaltung einnehmen, wenn Sie z. B. als
Signal zum Einsatz eines Liedes oder als Zwischenspiel eingesetzt werden.

Differenzierte Möglichkeiten der Liedbegleitung und –gestaltung:

Sensorische Sensibilisierung
 Die Lehrperson singt das Lied, die Kinder hören, bewegen sich, spüren das Metrum
 zum Lied Hände auf dem eigenen Körper oder dem Rücken eines Partnerkindes
bewegen: z. B. leicht klopfen (für Schneeflocken), streicheln (für Wind) usw.
 die Musik ‚in die Luft malen‘; am Rücken des Partnerkindes ‚malen‘
 den Rhythmus auf den Händen des Partnerkindes spielen
 mit einem Partnerkind zum Lied schaukeln
Bewegung erfinden
 ‚Winter‘-Begriffe sammeln und sie in Gesten und Bewegungen umsetzen (z. B.
frieren, eislaufen, Schneeflocken fallen, Schneeballschlacht)
 zum Lied im Raum umhergehen, evtl. mit Partnerkind (vor- und nachgehen,
gemeinsam gehen):
o Richtungswechsel nach jeder Phrase
o Bewegungen/Schritte für die 1., 2. und 4. Phrase gleich, für die 3. anders
gestalten
 den Melodieverlauf ‚in die Luft malen‘
 Arme und Hände (ggf. mit Partnerkind) zum Lied tanzen lassen
 einfache Schritte erfinden – allein oder zu zweit
 Tanzform(en) im Kreis erfinden
 Bewegung/Tanz zu einer anderen Winter-Musik erfinden (eventuell mit Tüchern o. ä
Körperinstrumente einsetzen
 Geräusche für Winter-Begriffe mit dem Körper oder mit Instrumenten finden und
gemeinsam als Verklanglichung spielen
 einfache rhythmische Begleitung zum Lied mit Klatschen, Patschen, Stampfen,
Schnipsen gestalten: im Takt (Metrum)/ den Textrhythmus spielen/ einzelne Wörter
als rhythmische Ostinato-Begleitung wiederholen

Mit Stimme/Sprache gestalten


 Winter-Begriffe sammeln, auf verschiedenste Weise imitieren und sprechen
 Wetterarten mit der Stimme imitieren
 die Melodie auf ‚na‘ lernen
 den Wintertext lernen (nur eine oder mehrere Strophen)
 einzelne Wörter rhythmisch wiederholen
 das Lied einstimmig singen
 Text, Dynamik und Tempo verändern
 neue Strophen für andere Jahreszeiten erfinden
 eventuell den Originaltext auf Französisch lernen
 Als Begleitstimme lässt sich zum Lied die Melodie von Bruder Jakob in Moll
singen/spielen.

Instrumente einsetzen
 Wintereffekte (z. B. Schneeflocken, Wind, Einlaufen, Stampfen im Schnee) mit
Stimme, Körper- oder Rhythmus-Instrumenten spielen. Eventuell dazu Fotos oder
Symbolkarten auflegen/gestalten:
 mit kurzen rhythmischen Ostinati begleiten, z. B.:

 Begleitung nur auf dem Grundton E oder mit Bordun E und H:


 einfache melodische Ostinati einsetzen:
 die Melodie oder Teile davon (evtl. vereinfacht) spielen
 mit dem Lied eine Rondoform entwickeln (A B A C A D A …): Dabei ist der immer
wiederkehrende Teil A das Lied, die Teile B, C und D sind in der Klasse erarbeitete
Zwischenspiele mit verschiedenen Wintereffekten
 Melodien mit 3, 4 oder 5 Tönen im Tonraum e, fis, g, a, h erfinden, sie einzeln
anhören, ausprobieren welche Melodien zusammenpassen könnten,
 Einzelne Melodien oder Kombinationen als Zwischenspielen bei einem Rondo
einsetzen

Hören
 Wintereffekte-Rätsel: Während die Wintereffekte gespielt werden, erraten die
anderen Kinder Instrumente und Effekt, zeichnen dazu Bilder.
 Rhythmus-Rätsel: Während die kurzen rhythmischen Ostinati gespielt werden,
erraten die anderen Kinder das zugehörige Wort, spielen den Rhythmus nach und
notieren ihn evtl. (grafische / traditionelle Notation).
 erweiternd auch eigene Abfolgen (Rhythmen / Klänge) erfinden, nachspielen,
notieren
 mit anderen Musikstücken zum Thema Winter/anderen Winterliedern/anderen
Lieder in der dorischen Kirchentonart vergleichen
 Aufnahmen von Noël nouvelet anhören (z. B. auf YouTube), überlegen, welche
Version(en) einem gefallen/nicht gefallen und warum, Ideen aus den Arrangements
für das eigene Musizieren übernehmen, die Aufnahme für eine Bewegungsgestaltung
oder einen Tanz verwenden

Soziale Spielformen
 zu zweit bewegen (mit oder ohne Musik): nebeneinander, hintereinander,
Rollenwechsel
 den Rhythmus / die Melodie am Körper des Partnerkindes ‚spielen‘
 zu zweit eine Begleitung mit Klanggesten erfinden
 in einer Kleingruppe Begleitungen mit Instrumenten finden
 mit einem Partner oder in einer Gruppe eine Bewegungssequenz oder einen Tanz
erfinden