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Funktionen von Vorurteilen Zielgruppe:


Erwachsene
Ziel(e)
Ë Präsenz von Vorurteilen im eigenen (Arbeits-)Alltag reflektieren
Gruppengröße:
Ë Reflexion der Funktionen und Mechanismen von Vorurteilen Plenum:
12 – 20 Personen
Ë Erarbeitung der Zusammenhänge zwischen individuellen und ge- Kleingruppen:
sellschaftlichen Dimensionen und Wirkungsweisen von Vorurteilen 3 – 4 Personen
Zeit:
Bereich
Thematische Übungen 80 Minuten

Ablauf Materialien:
Einzelarbeit (10 Minuten) • Metaplankarten
• Stifte
• Bitten Sie die Teilnehmenden, sich zunächst einmal in Einzelarbeit
der Frage „Welche Vorurteile kenne ich aus meinem (Arbeits-) • Plakate
Alltag?“ zu nähern. Dabei sollen sowohl eigene Vorurteile, sofern • Materialien zur
sie bewusst sind, als auch Vorurteile von anderen (gegenüber mir Gruppenaufteilung
selbst und anderen) gesammelt werden.
• Eine Kopie der Folie
• Bitten Sie die Teilnehmenden, sich dafür ca. 10 Minuten Zeit zu „Funktionen von Vorur-
nehmen und sich, wenn Sie möchten, Notizen zu machen. teilen“ für jede_n
• eine Folie zu „Funktio-
• Bei Unsicherheiten oder Nachfragen kann es für die Teilnehmenden nen von Vorurteilen“
hilfreich sein, wenn Sie eine Arbeitsdefinition des Begriffs skizzieren.
• Erwähnen Sie, dass es sich bei Vorurteilen um Bilder über andere Personen als Angehörige von bestimmten
Gruppen handelt. Diese sind mit einer (meist negativen) Bewertung verbunden und können ein bestimmtes
Verhalten nahe legen. Betonen Sie, dass Vorurteile nicht losgelöst von strukturellen Bedingungen und gesell-
schaftlichen Prozessen zu betrachten sind.

Kleingruppenarbeit (30-40 Minuten)

• Gehen Sie nach ca. 10 Minuten herum und verteilen sie Objekte, durch die eine Einteilung in Kleingruppen
zu je 3-4 Personen möglich wird (beispielsweise nach Farben abgezählte Spielkarten).

• Bitten sie die Teilnehmenden, sich zunächst das für sie jeweils bedeutsamste Beispiel gegenseitig zu
erzählen.

• Ermuntern Sie die Teilnehmenden, anhand der konkreten Beispiele zu diskutieren, welche Funktionen die
einzelnen Vorurteile erfüllen.

• Als hilfreiche Anregungen können Sie folgende Fragen in die Kleingruppen geben:
– Warum habe ich dieses Vorurteil?
– Warum hat möglicherweise xy jenes Vorurteil?
– Was nützt es ihm/ihr/mir/uns?

• Bitten Sie die Gruppen, die zentralen Funktionen auf Metaplankarten zu sammeln.

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• Gehen Sie nach ca. 30 Minuten herum und erkundigen sich nach dem Prozess der Kleingruppen.
Geben Sie entsprechend noch mehr oder weniger Zeit.

Auswertung
Plenum (20-30 Minuten)

• Ermuntern Sie die Gruppen nun nacheinander, ihre gesammelten Funktionen im Plenum vorzustellen und auf
einem großen Plakat sichtbar aufzuhängen.

• Bitten Sie die Gruppe, bei Unklarheiten nachzufragen bzw. Beispiele zu geben, welche die Funktion näher erläutern.

• Ermöglichen Sie eine Diskussion zu uneindeutigen Punkten. Bitten Sie die Teilnehmenden und/oder Vorstel-
lenden, die gesammelten Funktionen so weit es ihnen möglich ist, zu ‚clustern’ und grobe Bereiche zu
benennen innerhalb derer Vorurteilen funktional sind.

Je nach Gruppe kann es sinnvoll sein, zusätzlich zu der Diskussion einen eher theoretischen Input zum Thema
zu halten. Dazu können Sie die vorbereitete Folie „Funktionen von Vorurteilen“ und die dazugehörigen Erläu-
terungen nutzen und auf Elemente der folgenden Zusammenstellung zurückgreifen.

Kurzer Input: Kritische Perspektive auf Vorurteile

Alle Menschen haben Vorurteile, und diese sind subjektiv funktional, d.h. sie erfüllen einen bestimmten Zweck
und nutzen den Personen auf verschiedene Weise. Häufig lässt sich in Forschung und Bildungsarbeit ein
grundlegender Fokus auf innerpsychische Mechanismen von Vorurteilen feststellen, womit die Gefahr einer
Individualisierung des überaus komplexen Phänomens einhergeht. Einzelne werden allein verantwortlich
gemacht für ihre Bilder und Haltungen. Dies ist jedoch nur ein Aspekt, der von Bedeutung ist. Ein weiterer
wichtiger Aspekt ist der gesellschaftliche Zusammenhang, in dem Vorurteile zu betrachten sind. Aus der Per-
spektive der Antidiskriminierungsarbeit geht es insbesondere darum, die Verbindung zwischen individuellen
Vorurteilen und herrschenden Strukturen und Praktiken von Diskriminierung innerhalb der Gesellschaft
herzustellen.

Wenn wir über Vorurteile sprechen, ist es wichtig die Frage zu stellen, wer innerhalb der Gesellschaft über
die Macht verfügt, die eigene Sichtweise tatsächlich durchzusetzen.

Es zeichnet sich ein Kreislauf ab: Zum einen werden bestimmte Bilder und Bewertungen über andere Grup-
pen durch gesellschaftlich vorherrschende und institutionalisierte Sichtweisen hergestellt, bestärkt und institu-
tionell verankert, zum anderen tragen die Haltungen und diskriminierenden Handlungen Einzelner wiederum
zu deren Stabilisierung und ‚Realisierung’ im Alltag und auf institutioneller und gesellschaftlicher/kultureller
Ebene bei.

Hinweise/
Was ist zu beachten?

• Achten Sie bei der Diskussion darauf, dass die Teilnehmenden selbst mit ihren Bedürfnissen als Nutz-
nießer_innen von Vorurteilen im Mittelpunkt stehen. Geben Sie Diskussion über z.B. den Wahrheitsgehalt
von Vorurteilen oder Rechtfertigungen so wenig Raum wie möglich, da sie den Fokus auf die Funktionali
tät behindern. Versuchen Sie, diesen Zusammenhang zu verdeutlichen, wenn Widerstände aus der Gruppe
spürbar werden.

• Es kann passieren, dass es Teilnehmenden schwer fällt, sich auf diesem Wege ihren eigenen Vorurteilen zu
nähern. Machen Sie in einem solchen Fall klar, dass es zwar intensiver ist, die Funktionen an einem

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eigenen Beispiel zu entwickeln, da sich dadurch mehr Anknüpfungspunkte für Erkenntnisse und Verände-
rung ergeben können, es aber auch möglich ist, die Überlegungen anhand eines fiktiven Beispiels
anzugehen.

• Wenn Sie die Übung mit Jugendlichen durchführen, sollten Sie unbedingt darauf achten, eine altersgerechte
Sprache zu verwenden und viele Beispiele einzubringen, um den komplexen Zusammenhängen gerecht zu
werden.

Mögliche Varianten
Es ist möglich, die Übung ohne Kleingruppenarbeit durchzuführen. Dadurch verkürzt sich die Übung
auf 45-60 Minuten:

– Bitten Sie die Teilnehmenden, Vorurteile aus ihrem (Arbeits-)Alltag zu sammeln und auf Metaplankarten
festzuhalten.

– Wer möchte, kann anschließend im Plenum eine seiner_ihrer Karten mit einem Vorurteil vorstellen und auf
ein Plakat heften.

– Im Plenum wird daraufhin gemeinsam überlegt und diskutiert, welche Funktion dieses Vorurteil erfüllt. Die
gefundenen Funktion(en) werden neben der Metaplankarte auf dem Plakat festgehalten.

– Anschließend können weitere Vorurteile in der gleichen Weise vorgestellt und auf deren Funktionen hin
analysiert werden.

Quelle/ Verweise
Weitere Infos zum Thema Vorurteile und für den Input finden Sie unter: http://www.anti-bias-werkstatt.de/7.html

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Funktionen von Vorurteilen


Erläuterungen zur Folie „Funktionen von Vorurteilen“

Reduktion von Unsicherheit


Vorurteile dienen der Orientierung in einer komplexen Welt
Sie reduzieren Unsicherheit und bieten Verhaltenssicherheit
Sie blenden vorhandene Widersprüche aus.

Herstellung klarer Zugehörigkeiten


Vorurteile erschaffen ein klares verallgemeinertes Bild von „den Anderen“
Sie definieren das Selbst in Abgrenzung zu dem „Anderen“
Durch die dichotome Gegenüberstellung gelingt die Vereinheitlichung des Eigenen
Gegensätze und Widersprüchlichkeiten innerhalb des Eigenen werden so ausgeklammert
Vorurteile dienen als soziale „Eintrittskarte“ in bestimmten Gruppen

Erhalt eines positiven Selbstbilds


Durch die Abwertung der „Anderen“ dienen Vorurteile der Aufwertung der eigenen Gruppe
Die subjektive Zugehörigkeit zu der Gruppe schafft so ein positives Selbstbild
Vorurteile verschieben aggressive Gefühle auf Fremdgruppen
Sie erhöhen die Solidarität innerhalb der Eigengruppe und vermitteln so ein Gefühl von Stärke

Legitimation von Herrschaft


Vorurteile dienen der Legitimierung von Herrschaft
Sie stärken und erhalten die ungleiche Machtverteilung zwischen Mehr- und Minderheiten
Sie ermöglichen die Teilhabe an der Macht auf Kosten anderer

Anti-Bias-Werkstatt 2007

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Funktionen von Vorurteilen

Reduktion von Unsicherheit Herstellung klarer Zugehörigkeit


R edukt ion von Unsicher heit Herstellung k lar er Z ugehörigk eit
• Orientierung •Definition der
Definition der„Anderen“
‚Anderen’ und
und des Selbst
desSelbst
 Orientierung
• Klarheit angesichts von Komplexität •Vereinheitlichung
VereinheitlichungdesdesEigenen
Eigenen
 Klarheit angesichts von Komplexität
• Ausblenden von Widersprüchen „Soziale Eintrittskarte“
• ’Soziale Eintrittskarte’
 Ausblenden von Widersprüchen

Erhalt eines
Er halt positiven
eines Selbstbilds
positives Selbstbilds Legitimation von Herrschaft
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Legitimation von Her rschaft


•Eigene Aufwertung
EigeneAufwertung durch
durch Abwertung
Abwertung • Erhalt ungleicher Machtverhältnisse
 Erhalt ungleicher Machtverhältnisse
„Anderer“
‚Anderer’ zwischen Mehrheiten und Minderheiten
zwischen Mehrheiten und Minderheiten
•Verschiebung von
Verschiebungvon Aggression
Aggression aufauf • Teilhabe an der Macht auf Kosten
 Teilhabe an der Macht auf Kosten
Fremdgruppen
Fremdgruppen „Anderer“
‚Anderer’
•Gefühl
Gefühlvon Stärke
vonStärke

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Anti-Bias-Werkstatt 2007