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Informations bibliographiques et lexicographiques 57

postheorie zu vertiefen und systematisch auf-


zuarbeiten. Seine Hauptthese geht dahin, daB
die Art, wie übersetzt wird, nicht von Aus-
gangstextmerkmalen, sondern vom "Trans-
latskopos" bestimmt wird, d.h. von dem
Zweck, den der Zieltext in einer gegebenen
Situation zu erfüllen hat. Der Zieltext wird al-
so nicht als etwas Isoliertes gesehen, sondern
als ein "Informationsangebot" bzw. als ein
"kommunikatives Handlungselement", des-
sen Zweck in einem "Auftrag" zwischen Auf-
traggeber und Translator ausgehandelt wird.
In einem vierundzwanzigseitigen "voran-
gestellten Nachwort" erläutert Vermeer die
Zielsetzung seines Werkes. Sein Bemühen ist
hier vornehmlich darauf gerichtet, sichmög-
lichst deutlich gegen traditionelle Überset-
zungstheoretiker abzugrenzen, um dadurch
Mißverständnisse auszuschalten und wesentli-
che Aspekte seiner Skopostheorie klar bzw.
klarer zu machen.
In einem vierundzwanzigseitigen "voran-
gestellten Nachwort" erläutert Vermeer die
Zielsetzung seines Werkes. Sein Bemühen ist
translatorischen Handeln geht: Unter ständi-
ger Betonung der kulturellen Dimension der
Translation unterscheidet er mehrere Sonder-
sorten translatorischen Handelns und defi-
niert eine ganze Reihe von Fachtermini, die
die wichtigsten Elemente des translatorischen
Handlungskomplexes bezeichnen.
Bei dem zweiten Aufsatz ("Handlungs-
theorie und Translation") handelt es sich um
die überarbeitete Fassung eines Artikels, der
in TextconText 3/1988 (S. 119-140) erschienen
ist. Vermeer erläutert und rechtfertigt den
handlungstheoretischen Ansatz der Transla-
tion und steilt diesen Ansatz der traditionel-
HANS J. VERMEER: Skopos und Translations- len, am Ausgangstext orientierten Überset-
auftrag — Aufsätze (th — translatorisches zungstheorie entgegen. Mit Hilfe einer "In-
handeln, Bd. 2). Heidelberg: Institut für teraktionsskizze" zeigt er, daB der normale
Übersetzen und Dolmetschen der Universität TranslationsprozeB nicht in einer rein sprach-
Heidelberg, 21990. 171 S. (Zu beziehen lichen Transkodierung eines Ausgangstextes
durch: Allgemeine Übersetzungs- und Dol- in einen Zieltext bestehen kann.
metschwissenschaft, Universität Heidelberg, Der dritte Aufsatz vermittelt erhellende
Plöck 57a, 6900 Heidelberg.) Einblicke in den Fragenkomplex "Skopos-
Auftrag-Ausgangstext". Auch hier wird ein
Das vorliegende Werk enthält drei Aufsätze, radikales Umdenken im Hinblick auf den Sta-
in denen Vermeer den Versuch unternimmt, tus des Ausgangstextes bei einer Übersetzung
einzelne Aspekte seiner vieldiskutierten Sko- gefordert. Dieses Thema wird von allen Sei-

Babel 38:1 (1992), 57–58. DOI 10.1075/babel.38.1.17gal


ISSN 0521–9744 / E-ISSN 1569–9668 © Fédération Internationale des Traducteurs (FIT) Revue Babel
58 Bibliographical and lexicographical information

ten beleuchtet: Vermeer begnügt sich nicht in neuer Beleuchtung erscheinen, wenn
damit, diverse Einwände zu entkräften, die sie unter einem funktionalistischen Bliek-
gegen seine Skopostheorie vorgebracht wor- winkel betrachtet werden.
den sind, sondern er legt auBerdem die Not- - Es besteht kein Grund zu der Annahme,
wendigkeit dar, Übersetzungsaufträge in be- daB der Gedanke an ein bestimmtes Ziel
zug auf den Verwendungszweck zu spezifizie- die Interpretationsbreite des Zieltextes
ren, erläutert die Voraussetzungen für die zwangsläufig verengt (vgl. Vermeer, S.
Herstellung "intertextueller Kohärenz" zwi- 111-112).
schen Translat und Ausgangstext, steilt - Die Anhänger der Skopostheorie begnü-
scharfsinnige Überlegungen zur Plurifunktio- gen sich nicht mit Ausführungen über fik-
nafitat von Texten an und geht schlieBlich tive Übersetzungsaufträge, sondern füh-
auch auf die Schlüsselrolle des Translators als ren bisweilen auch anschauliche Demon-
Experten ein. strationsbeispiele an.2
Abgerundet wird das Werk durch eine
Kritisch ist lediglich anzumerken, daB die
reichhaltige Bibliographie, die von der umfas-
von Vermeer zitierte Mailer-Übersetzung (S.
senden Belesenheit des Verfassers zeugt und
15) nicht das beweist, was sie beweisen soll.
interessierten Lesern gezieltes Weiterarbeiten
Dieses Beispiel erbringt nämlich keineswegs
ermöglicht.
den Nachweis, daB "der Ausgangstext und
Es darf Vermeer als Verdienst angerech- nicht der Zieltextskopos zur obersten Richt-
net werden, ein sprachenpaarunabhängiges schnur [der] Übersetzung gemacht [wurde]"
Modell zur Beschreibung des translatorischen (S. 73), sondern es beweist nur, daB der deut-
Objektbereichs entworfen zu haben, wobei sche Übersetzer Walter Kahnert nie richtig
sämtliche Grundprobleme des Übersetzens Englisch gelernt hat und nicht einmal logisch
unter linguistischen, psychologischen, sozio- denken kann.
logischen und anderen Gesichtspunkten be-
Vermeers anspruchsvolles und perspekti-
rücksichtigt und in einen axiomatisch begrün-
venreiches Werk ist ein echter Beitrag zur
deten Gesamtzusammenhang gestellt werden.
Übersetzungswissenschaft. Es bietet eine Fül-
Vermeers Ausführungen bestechen
le von geistreichen Ideen und regt zum schöp-
durch die Stringenz der Gedankenführung so-
ferischen Weiterdenken an.
wie durch die Vielfalt der Einsichten, die sie
vermitteln. Vermeer beseitigt MiBverständ-
nisse, raurnt mit Vorurteilen auf und eröffnet
hochinteressante Perspektiven für künftige
ANMERKUNGEN
Forschungen. Besonders aufschluBreich er- 1. Vgl. Peter Newmark: "Modern Translation
scheinen mir u.a. die Abschnitte, in denen er Theory", in: Lebende Sprachen XXXIV/1
sich zur dichotomischen Gegenüberstellung (1989), S. 7; ders.: About Translation
von freier und wörtlicher Übersetzung (S. (Clevedon/Philadelphia/Adelaide: Multilin-
129-130) und zur Relevanz der Textsortenzu- gual Matters Ltd., 1991), S. 142; ders., "The
gehörigkeit (S. 96, 132) äuBert. Curse of Dogma in Translation Studies", in:
Trotz ihrer unverkennbaren Vorzüge hat Lebende Sprachen XXXVI/3 (1991), S. 106.
die Skopostheorie bei Peter Newmark wenig 2. Vgl. etwa die Arbeiten von Christiane Nord.
Gegenliebe gefunden.1 Die von Newmark er-
hobenen Einwände gehen jedoch allesamt ins
Leere: JOHN D. GALLAGHER
- Funktionalistische Übersetzungstheorien Erlenallee 3
versperren keineswegs den Blick auf W 4400 Münster/Westf.
Phänomene wie Metaphern, Neubildun- Germany
gen, Akronyme, begriffliene Lücken u.
dgl., da solche Sprachgebilde nicht selten