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WARUM

FRAGEN
Technik und Mensch
im Takt der S-Bahn
WARUM FRAGEN
Technik und Mensch im Takt der S-Bahn
Eine Fotoreportage von Markus Hauser (Text) und Richard Jeschke (Fotos)

E
in wissbegieriges Kind kann andauernd „warum?“ beobachten die Fahrgäste beim Aus- und Einsteigen. So
fragen. Es reiht eine Warumfrage an die andere und unterstützen sie den Fahrer, damit er ohne Zwischenfälle
spielt so lange mit seinem erwachsen gewordenen abfahren kann. Die Stimme aus den Lautsprechern sagt:
Gewohnheitstier, bis ihm die Antworten ausgehen. „Zurückbleiben!“ Das wechselhafte Treiben endet.
„Warum?“ zu fragen, kommt einem Erwachsenen Bis ich einen der S-Bahn-Mitarbeiter des Bahnhofs
kaum in den Sinn, vor allem nicht im Alltagstrott. Eine Oranienburger Straße anspreche, fließen die Tage dahin,
frag-würdige Irritation entsteht erst, wenn man über an denen ich mit der Warumfrage im Kopf die Treppen
etwas stolpert oder mit der Nase darauf gestoßen wird. zum Nord-Süd-Tunnel wie selbstverständlich hinunter
Wer bewegt sich schon mit wachen Augen durch die und wieder hinauf gehe, als wäre die S- eine U-Bahn. Von
Stadt, wenn er sich frag-los zurechtfindet? Warum fragen, ihm erfahre ich, dass die als „örtliche Aufsicht“ bezeich-
wenn einem Alltägliches geläufig scheint? neten Eisenbahner in Berlin länger als in anderen Städten
Vor Jahren zugezogen und in Berlin heimisch gewor- benötigt wurden, da man bis 2004 noch „Viertelzüge“ aus
den, nutze ich S- und U-Bahn, wenn ich nicht gerade mit den zwanziger Jahren eingesetzt hatte, deren technische
dem Fahrrad unterwegs bin. Vieles ist mir heute ver- Ausstattung nicht für das absolut sichere automatische
traut. Das verleitet zur gedankenlosen Routine. Ich sehe Öffnen und Schließen der Türen ausreichte. Insbesonde-
etwas und nehme die Details nicht mehr bewusst wahr. re bei S-Bahnhöfen, die die „Triebfahrzeugführer“ nicht
Zu beschäftigt mit meinen Gedanken bleibe ich Teil einer vollständig überblicken konnten, waren sie auf „örtliche
Menge, die täglich gewohnte Wege zurücklegt. Warum Aufsichten“ angewiesen. Eine Kombination aus Kameras
etwas so und nicht anders ist, davon könnten Geschich- und Monitor ermöglicht jetzt dort das selbstständige und
ten erzählen, die mir fehlen. Ich bin ein Badener, der in schnellere „Abfertigen“ der Züge.
Berlin zu Hause ist, kein Berliner. Der von mir angesprochene S-Bahn-Mitarbeiter ist
Aus heiterem Himmel frage ich mich, warum manche einer der letzten verbliebenen Aufsichten, die sich
Bahnhöfe mit Aufsichtspersonen besetzt sind und andere ständig vor Ort aufhalten. In diesen Sommerwochen
nicht. Sie kommen bei der Einfahrt der Züge aus ihren fallen auch sie Bahnhof für Bahnhof weg. Die Umstel-
schummrigen Aufenthaltsräumen und bedienen gelbe lung auf das „ZAT-FM“-Konzept – diese Abkürzung steht
Säulen an beiden Bahnsteigkanten. Das Öffnen und für „Zug-Abfertigung durch den Triebfahrzeugführer -
Schließen der Wagentüren haben sie sorgsam im Blick, sie mit Führerstands-Monitor“ – wird dann nach einer

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zehnjährigen Übergangsphase abgeschlossen sein. Die
Hälfte der Berliner S-Bahnhöfe hat der „Triebfahrzeug-
führer“ schon immer ohne technische Unterstützung
selbst abgefertigt. Durch Heraustreten aus dem „Füh-
rerstand“ oder einen großen Spiegel am Bahnsteigkopf
vergewissert er sich, dass er abfahren kann.
Ich könnte mir vorstellen, dass es nur noch eine Frage
Karla Konietzny ist als „mobile Aufsicht“ ständig auf bei umfangreichen Bauarbeiten, Änderungen des Fahr- der Zeit ist, bis man auch die „Triebfahrzeugführer“ er-
den Bahnsteigen unterwegs und ansprechbar. Dank plans, Störungen und größeren Veranstaltungen. Bei be- setzt. In nicht allzu ferner Zukunft werden die Nahver-
des neuen Konzepts kann sie sich ganz auf die Fragen stimmten Anlässen setzt sie sogar einen „verkehrsroten“ kehrszüge autonom fahren, eine Innovation, die seit
und Bedürfnisse der Fahrgäste konzentrieren. Sie hält Hut auf, damit sie aus der Menschenmasse hervorsticht. längerem bei Airport-Shuttles zwischen den Terminals
sich vor allem dort auf, wo sie gebraucht wird, wie z. B. („SkyLine automated people mover“, Fraport) und Autos
(Tesla) funktioniert.
Der technische Wandel lässt sich nicht aufhalten, nur
vorausschauend gestalten, eine Herausforderung für
die S-Bahn Berlin. Bis heute haben zwei innovations-
hemmende Besonderheiten dazu geführt, dass Züge
nicht einfach von der Stange gekauft werden können,
sondern eigens entwickelt werden müssen. Notwendige
Erneuerungen verzögern sich. Erst Anfang 2016 konnte
der Bau neuer Züge in Auftrag gegeben werden.
Warum ist die S-Bahn etwas Besonderes? Zum einen
liegt das daran, dass seit der „großen Elektrisierung“ der
ersten Strecken 1924 bis 1933 die S-Bahn über eine seit-
liche von unten bestrichene Stromschiene mit 750 Volt
Gleichspannung versorgt wird. Zum anderen sind es die
Sondermaße, die durch den zwischen 1934 und 1939 ge-
bauten Nord-Süd-Tunnel erforderlich sind.
Kurz bevor die gelben Sprechsäulen demontiert wer-
den und spurlos verschwinden, habe ich gerade noch
rechtzeitig meine Warumfrage gestellt und Antworten
erhalten. Allerdings interessieren mich Menschen mehr
als Technik und Zahlen. Denn es sind die Menschen, die
das neue Konzept auf den 15 Linien der S-Bahn umsetzen.
Von ihnen hängt es ab, wie die Kunden mit der S-Bahn
zwischen Fahrkartenautomaten, Fahrzielanzeiger, Laut-
sprechern und Inforufsäulen, die sie mit einer der „Stam-
maufsichten“ verbindet, zurecht kommen. Ich treffe drei
von etwa 500 Mitarbeitern, die für Service und Sicherheit
der S-Bahn verantwortlich sind. Jeder von ihnen hat eine
andere Aufgabe: Karla Konietzny ist eine von 120 „mobi-
len Aufsichten“, Hans-Jürgen Baumann einer der letzten
„örtlichen Aufsichten“ (Schönhauser Allee) und Angelika
Boden eine von 120 „Stammaufsichten“, die über 20 Stand-
orte in der Stadt verteilt sind. Sie hat ihren Arbeitsplatz
vor Bildschirmen am S-Bahnhof Greifswalder Straße.
Um selbst pünktlich sein zu können, baue ich auf die
Zuverlässigkeit der S-Bahn sowie der mit ihr vernetzten
U-Bahnen, Straßenbahnen, Busse und Züge des Regio-
nal- sowie Fernverkehrs. Für mich ist Pünktlichkeit eine

AUSKUNFT
Frage des Taktes, nicht des Deutschseins, für die S-Bahn
ist Pünktlichkeit dagegen eine Frage technischer Pro-
bleme und menschlicher Zwischenfälle, Störungen, die
sie täglich herausfordern. Zwei Nachrichten als Beispiel,

AUFSICHT
veröffentlicht bei Twitter (www.twitter.com):

#S7, #S75, #S5: Wegen eines Notarzteinsatzes


im Zug #Zoologischer_Garten kommt es zu
Verspätungen und etwaigen Teilausfällen.
(9.9.16, 7:44 Uhr – Tweet der S-Bahn Berlin)

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Hans-Jürgen Baumann ist noch für kurze Zeit „örtliche
Aufsicht“ und steht so lange seinen Mann zwischen den
Gleisen der Ringbahn S41 (im Uhrzeigersinn) und S42
(gegen den Uhrzeigersinn) sowie der S8, S85 und S9, bis
er eine andere Tätigkeit übernimmt. Karla Konietzny,
kollegial wie sie ist, packt spontan mit an, obwohl das
Abfertigen nicht zu ihren eigentlichen Aufgaben gehört.

ARBEITSALLTAG
IM MINUTEN-TAKT
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#S3: Wegen eines schadhaften Zuges Nachvollziehen, was im öffentlichen Personen-Nah-
ist der Zugverkehr zw. #Rummelsburg verkehr abläuft, kann man nur, wenn man sich selbst
und #Ostkreuz unterbrochen. dem aussetzt. Heute Nachmittag bleibe ich kurz stehen
(9.9.16, 11:02 Uhr – Tweet der S-Bahn Berlin) und gehe nicht weiter zum nächsten Zug. Im Bahnhof
Schönhauser Allee stelle ich mich in die Mitte des Bahn-
Pünktlichkeit gehört für die S-Bahn Berlin zum „Leis- steigs. Ich mache mich zum Zeugen von Hans-Jürgen
tungsvermögen“, das in unmenschlich anmutenden Zah- Baumanns Arbeitsalltag im Minuten-Takt. Die humor-
len ausgedrückt wird. Die vom „Fahrgast wahrgenom- volle Gelassenheit steht ihm ins Gesicht geschrieben.
mene Pünktlichkeit (...) betrug im ersten Quartal 2016 im Obwohl Baumann zwischen den beiden gelben Bahn-
Mittel 96,10 Prozent (...).“1 Unfassbar. Das bedeutet na- steigsäulen und dem Mikrofon im Aufenhaltsraum im
hezu Reibungslosigkeit. Wer könnte das von sich selbst Dreieck geht, scheint ihn nichts so schnell aus der Ruhe
behaupten? Da war also nur geringfügig Sand im Nah- zu bringen. Trotzdem: Das ist fast nicht zu schaffen, auch
verkehrs-Getriebe. nicht mit routinierter Betriebsamkeit. Wenn die vier
Als Fahrgast achte ich nur auf meine Abfahrts- und Linien aus dem Takt geraten, verzögern sich die Abfahr-
Ankunftszeiten, Anschlüsse und Gleise. Ich richte meine ten durch die „örtliche Aufsicht“, die nicht an beiden
Augen auf die Anzeigen, um zu erfahren, wie lange ich Säulen gleichzeitig sein kann, zusätzlich. Die Situation
noch warten und ob ich mich auf Verspätungen oder „Stö- eskaliert zügig, wenn die Betriebszentrale und die Trans-
rungen“ einstellen muss. Den Takt links und rechts von portleitung nicht in den Takt eingreifen, indem sie Züge
mir, mit dem die Züge eintreffen und abfahren, bemerke ableiten. Es kommt sonst zu einem Dominoeffekt, für den
ich nicht. Abhängig von Tageszeit, Wochentag und Linie es keine anderen Ausweichmöglichkeiten gibt.
fahren die Züge tagsüber im 20-, 10- oder 5-Minuten-Takt Angelika Boden als „Stammaufsicht“ im Bahnhof
oder sogar in noch kürzeren Abständen, nachts im 30- Greifswalder Straße, sorgt dafür, dass die Fahrgäste
Minuten-Takt. Das ist ein Druck, den Mensch und Technik durch die verschiedenen Informationssysteme sofort
aushalten müssen. über die Änderungen des Fahrplans informiert werden.
Die unabhängige „Zug-Abfertigung durch den Trieb-
fahrzeugführer - mit Führerstands-Monitor“ vereinfacht
1 Aktuelles Leistungsvermögen der S-Bahn Berlin 1. Quartal,
den Ablauf und macht die S-Bahn deutlich pünktlicher.
Stand Mai 2016 (Link: https://www.s-bahn-berlin.de/unter-
nehmen/pdf/Leistungsvermoegen_S-BahnBerlin_1._Quar- Wer wie Baumann sein Hauptaugenmerk vorher auf sich
tal_2016.pdf) öffnende Türen und wechselnde Fahrgäste zu legen hatte,

2.700
S-Bahner

1.400.000
Fahrgäste pro Tag

ZAHLEN
MENSCHEN
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„Ich wollte immer
schon zur Bahn.“
Angelika Boden, Stammaufsicht im S-Bahnhof Greifs-
walder Straße, ein Standort von 20 in Berlin. – Bahner
als Berufung, das ist hör- und spürbar, wenn sie über
ihren Alltag spricht.

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dem blieb kaum Zeit, um sich ausreichend um Fragen zu
kümmern und Auskunft zu geben. Der Grundsatz „Zug-
abfertigung hat Vorrang“ spielt künftig keine Rolle mehr.
Aufsicht und Auskunft sind voneinander entkoppelt.
Schritt für Schritt vollziehen überzeugte Eisenbahner
„Zug Paula nach Wannensee Türen schließen! den Wandel zu Dienstleistern, die durch „mobile Auf-
Zug Paula nach Wannensee abfahren!“ sichten“ die Nähe zu ihren Kunden suchen.
„Warum verspätet sich mein Zug?“ Das ist eine Frage,
Die „örtliche Aufsicht“ kann das Signal zum Abfahren die oft gestellt wird. Die Fahrgäste tragen die Konsequen-
auch mit einem eindeutigen „Funkrufnamen“ wie z. B. zen mehr oder weniger verärgert und interessieren sich
Paula geben, den jede Zuggruppe hat. nicht für die Zusammenhänge. Die Verantwortlichen
stehen für sie fest. Sie machen sich kein Bild davon, wie
sehr die Bahner Verspätungen persönlich nehmen und
wirklich alles dafür tun, um die Auswirkungen der Stö-
rungen zu begrenzen und die Züge so schnell wie mög-
lich wieder im Takt fahren zu lassen.
Meiner einfachen Warumfrage in Bezug auf die „ört-
liche Aufsicht“ verdanke ich die Erkenntnis, dass sowohl
2.700 S-Bahn-Mitarbeiter als auch 1,4 Millionen Fahrgäste
wie ein großes Räderwerk funktionieren müssen.
Die Technik verzahnt und taktet den Menschen, ohne
einen Spielraum zuzulassen. Die Folgen von Innovatio-
nen lassen sich in ihrer Tragweite nicht vollständig über-
blicken. Das sieht man an den Entscheidungen der zwan-
ziger und dreißiger Jahre. Jede neue Lösung verursacht
neue Probleme, die wiederum gelöst werden müssen.
Die Aufgabe, die Balance zwischen Mensch und Technik
zu finden, stellt sich jeden Tag. Mit Aufmerksamkeit und
der Bereitschaft, Warumfragen zuzulassen, kommen wir
gemeinsam weiter, S-Bahner und Fahrgäste täglich.

In Zusammenarbeit mit dem Pressesprecher der S-Bahn


Berlin, Ingo Priegnitz, wurde die Fotoreportage am 29.07.16
gemacht. In den Bahnhöfen Oranienburger Straße,
Gesundbrunnen, Schönhauser Allee und Greifswalder
Straße entstanden die Fotos.

© WOO PUBLISHING BERLIN Markus Hauser


31.08.16

www.woo.berlin
www.jeschke-fotografie.de

FUNK
VERKEHR
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FAHRGÄSTE IM
MITTELPUNKT
14 15
Neben dem ICE fährt gerade ein S-Bahn-Zug der Baureihe
480 mit dem Spitznamen „Toaster“ in den Bahnhof
Schönhauser Allee ein. Die Berlinern nennen die Bau-
reihe 481 „Taucherbrille“ und die 485 „Cola-Dose“.

„TOASTER“
„TAUCHERBRILLE“
16 „COLA-DOSE“

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