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Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme

Brezina, Thomas: Die Knickerbocker-Bande

Thomas Brezina. – Wien; Stuttgart: hpt-breitschopf

Geheimakte Y. – 1. Aufl. - 1996 ISBN 3-7004-3737-4

1. Auflage 1996

Illustrationen: Ulrich Reindl

Umschlagillustration: Atelier Bauch-Kiesel

Umschlagfotografie: Michael Fantur

Lektorat: Wolfgang Astelbauer

Satz und Repro: Zehetner Ges. m. b. H., A-2105 Oberrohrbach

Druck und Bindung: Ueberreuter Print

Aus Umweltschutzgründen wurde dieses Buch auf chlorfrei gebleichtem Papier gedruckt.

Die Fälle „Das Alptraumhaus“, „Rache aus dem Jenseits“, „Das Monstergift“ und „Hotel des

Grauens“ sind bei hpt-breitschopf in gekürzter Form in englischer Sprache als „Alice in

Horrorland“, „Horror in Hollywood“, „Who is Robin Horror?“ und „Welcome to Horror

Hotel“ erschienen und wurden für die vorliegende Ausgabe neu bearbeitet.

© hpt-Verlagsgesellschaft m. b. H. & Co. KG, Wien 1996

Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe,

der Übersetzung und der Übertragung in Bildstreifen, vorbehalten.

- 1 -

Inhalt

.....................................................Seite 7

...................................................Seite 58

.................................................Seite 100

.................................................Seite 136

.................................................Seite 175

- 2 -

Der Name KNICKERBOCKER BANDE…


...entstand in Österreich. Axel, Lilo, Poppi und Dominik waren
die Sieger eines Zeichenwettbewerbs. Eine Lederhosenfirma hatte
Kinder aufgefordert, ausgeflippte und knallbunte Lederhosen zu
entwerfen. Zum großen Schreck der Kinder wurden ihre Entwürfe
aber verwirklicht, und bei der Preisverleihung mußten die vier
ihre Lederhosen vorführen.
Dem Firmenmanager, der sich das ausgedacht hatte, spielten sie
zum Ausgleich einen pfiffigen Streich. Als er bemerkte, daß er
auf sie hereingefallen war, rief er den vier Kindern vor lauter Wut
nach: „Ihr verflixte Knickerbocker-Bande!“
Axel, Lilo, Dominik und Poppi gefiel dieser Name so gut, daß
sie sich ab sofort die Knickerbocker- Bande nannten.

KNICKERBOCKER MOTTO 1:
Vier Knickerbocker lassen niemals locker!

KNICKERBOCKER MOTTO 2:
Überall, wo wir nicht sollen, stecken wir die Schnüffelknollen,
sprich die Nasen, tief hinein, es könnte eine Spur ja sein.

scanned by: crazy2001 @ Dezember 2003


corrected by: stumpff

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Hallo, Detektivkollegen!

Unheimlich sind fast alle unsere Fälle. Aber einige Male haben
wir es mit Vorgängen zu tun bekommen, die uns mehr als ein
Rätsel aufgegeben haben.
Können manche Menschen tatsächlich mit außerirdischen
Lebewesen Kontakt aufnehmen?
Warum beginnt eine Statue auf einmal zu sprechen, und wie
wird aus einem harmlosen Gartenschlauch eine Schlange?
Ist es möglich, daß ein Verstorbener aus dem Jenseits zu­
rückkehrt, um Rache zu üben?
Gibt es Gifte, von denen bisher niemand etwas geahnt hat?
Ist der Spuk in dem alten Hotel vielleicht doch echt?
Achtung: Du kannst bei unseren Ermittlungen mitmachen. Viel
Spaß und Spannung bei den fünf unheimlichen Fällen und den
kniffligen Fallfragen.
Immer wenn Du auf eines der folgenden Zeichen triffst, ist
Deine Mitarbeit gefragt.

- 4 -

- 5 -

Versuch, eine Antwort zu finden! Lies erst dann weiter! Ob Du


mit Deiner Antwort richtig liegst, erfährst Du im Laufe der
Nachforschungen.
Also dann: Bleib auf der Spur!

Wenn Du Fragen hast und uns schreiben willst, schick Deinen


Brief an folgende Adresse:

Die Knickerbocker-Bande

Postfach 71

A-1096 Wien

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Grelles Licht

Ein gleichmäßiges Surren drang langsam in Axels Bewußtsein. Es


schien von weither zu kommen. Es hörte sich so gleichmäßig an
wie eine Nähmaschine, die unermüdlich lief.
Selbst durch die geschlossenen Lider spürte Axel das grelle
Licht. Der Raum, in dem er sich befand, mußte hell erleuchtet
sein.
Langsam öffnete er die Augen, machte sie aber sofort wieder zu.
Das Licht war noch viel greller, als er erwartet hatte. Mehrere
Lampen waren auf ihn gerichtet, die ein besonders starkes,
besonders kaltes Licht gaben.
„Los, mach die Augen auf! Du mußt herausfinden, wo du bist!“
sagte der Knickerbocker zu sich.
Doch er schaffte es nicht. Das Licht blendete ihn zu stark.
Also begann er zu tasten. Seine Finger berührten kühles Metall.
Nur an der Stelle, wo sein Körper auflag, war es etwas wärmer.
Axel lag auf einer Art Tisch. Er konnte die Kante spüren.
„Aufstehen, du mußt aufstehen!“ dachte er.
Leicht gesagt! Obwohl er weder gefesselt noch an die
Metallplatte geschnallt war, konnte er sich nicht bewegen. Seine
Arme und Beine schienen tonnenschwer zu sein. Es gelang ihm
nicht, sie zu heben.
Mehrere Versuche, sich aufzurichten, schlugen fehl. Auch sein
Oberkörper schien das Gewicht eines Elefanten zu haben. Endlich
brachte er die Augen auf. Er blinzelte zwischen den Wimpern
durch und drehte den Kopf nach links und nach rechts.
Es war unmöglich, etwas zu erkennen. Er war umgeben von
grellem Licht.
„Ich bin tot“, murmelte Axel.
Er hatte vor einiger Zeit einen Bericht über Menschen gelesen,
die dem Tod schon ins Auge gesehen hatten. Allen war ein helles
Licht in Erinnerung, das sich auf sie zu bewegt hatte. Manche hat­
ten das Gefühl gehabt, in einen Tunnel gesogen zu werden, und
hatten große Wärme verspürt.
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„Ich bin nicht tot!“ war Axels nächster Gedanke. In dem Raum,
in dem er lag, war es nämlich nicht warm, sondern kühl – sehr
kühl sogar.
Axel öffnete den Mund und versuchte zu rufen. Doch er brachte
keinen Ton heraus.
Ihm blieb nichts anderes übrig, als dazuliegen und zu warten.
Wenn er sich nur an irgend etwas erinnern könnte! Weshalb war
er nicht zu Hause? Warum war er nicht bei seinen Knickerbocker-
Freunden? Wie war er auf diesen Tisch gekommen?
Nichts. Sein Gedächtnis war wie ein weißes Blatt Papier.
Halt! Das stimmte doch gar nicht! Er konnte sich nur an die
letzten Tage nicht erinnern – an die Zeit davor schon. Er wußte
auch, wie er hieß, was seine Hobbys und wer seine Freunde
waren.
Links von Axel zischte es. Es hörte sich an wie eine Schiebetür.
Schritte kamen auf ihn zu.
Axel drehte den Kopf.
Ein riesiger Schatten tauchte auf. Es war der Schatten eines
Menschen mit einem merkwürdig flachen, aber sehr breiten Kopf,
der zwei beulenförmige Aufsätze hatte.
Die Gestalt schien sehr schmächtig zu sein; von Armen und
Beinen war kaum etwas zu erkennen.
Der Schatten kam näher und blieb direkt neben ihm stehen. Nun
konnte Axel den Unbekannten sehen. Er war aus dem Licht getre­
ten und wurde von den zahlreichen Leuchten angestrahlt.
„Nein... nein... das gibt es nicht! Nein! Das kann nur ein Traum
sein!“ stöhnte Axel.
Aber es war kein Traum. Die Erscheinung war wirklich – eben­
so wirklich wie seine Regungslosigkeit.
Allmählich fiel Axel nun ein, was sich in den letzten Tagen
zugetragen hatte...

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Ein silberfarbener Umschlag

Drei Tage zuvor hatte keiner der Knickerbocker-Freunde geahnt,


was auf sie zukommen würde.
Sie waren am frühen Nachmittag in Salzburg am Bahnhof
angekommen. Dort sollten sie von Axels Vater abgeholt und an
den Wolfgangsee gebracht werden.
Herr Klingmeier hatte beruflich viel in dieser Gegend zu tun
und deshalb ein kleines Häuschen gemietet. Es lag in einem ver­
wilderten Garten direkt am Ufer des Sees und war urgemütlich.
Axels Eltern waren geschieden, und sein Vater hatte meistens
ein schlechtes Gewissen, weil er sich zu wenig um Axel kümmer­
te. Deshalb hatte er auch nie etwas dagegen, wenn Axel seine
Knickerbocker-Freunde mitbrachte.
Als die vier Junior-Detektive aus dem Zug stiegen, war von
Herrn Klingmeier weit und breit nichts zu sehen. Sie gingen den
Bahnsteig entlang bis zu den Treppen der Unterführung.
Kein Herr Klingmeier.
„Der gute Mann wird wieder einmal einen wichtigen Geschäfts­
termin gehabt haben! Wenn es um die Zufriedenheit seiner
Kunden geht, vergißt er alles andere. Geschäft ist eben Geschäft“,
sagte Axel bitter.
„Reg dich ab! So ist er eben. Hauptsache, wir haben ein paar
tolle Tage am See!“ meinte Lieselotte.
Sie schnappten die Rucksäcke und gingen in die Bahnhofshalle.
Da Axels Vater auch dort nicht auf sie wartete, stellten sie sich
vor den Haupteingang.
Die Minuten verstrichen, aber Herr Klingmeier tauchte nicht
auf.
Vor dem Haupteingang durften nur Taxis halten. Da viele das
Verbot nicht beachteten, stand in der Nähe ein Abschleppwagen
bereit.
Mit quietschenden Reifen blieb ein kleiner grüner Wagen
stehen. Das Auto war bestimmt schon ziemlich alt.

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Eine junge Frau sprang heraus. Sie trug Reithosen, Stiefel und
ein helles T-Shirt und war ziemlich verschwitzt. Das T-Shirt
klebte an ihrem Körper und hatte mehrere bräunliche Flecken.
„Igitt, wie sieht denn die aus?“ sagte Dominik naserümpfend.
„Wenn sie so riecht, wie sie aussieht, kann man sie als Stink­
bombe einsetzen!“ meinte Poppi kichernd.
Die Frau hielt einen kleinen silberfarbenen Umschlag in der
Hand. Sie blickte sich suchend um und schloß den Wagen ab. Mit
großen Schritten eilte sie auf das Haupttor zu.
Der Abschleppwagen setzte sich bereits in Bewegung.
„He, Sie! Vorsicht! Die wollen Ihr Auto abschleppen!“ warnte
Axel und zeigte auf den heranrollenden Wagen.
„Die spinnen hier!“ knurrte die Frau. „Die Parkplätze sind
entweder voll oder kilometerweit entfernt. Ich muß das jemandem
bringen, dessen Zug in zwei Minuten abfährt.“
Sie überlegte kurz und sagte dann: „Paßt auf, könntet ihr das
nicht für mich machen?“
„Für wen ist der Umschlag?“ fragte Axel.
Die Frau zuckte mit den Schultern. „Das weiß ich selbst nicht.
Ich mache das nur aus Gefälligkeit. Ein guter Freund hat mich
darum gebeten. Wie sind miteinander ausgeritten, und als wir auf
den Hof zurückgekommen sind, hat er gesagt: ‚Ricarda, Schätz­
chen, bitte bring Willi das! Er braucht es unbedingt, aber ich kann
nicht mehr zum Bahnhof. Ich muß nach diesen wunderbaren
Stunden mit Hassan sofort nach Hause, weil mein Swimmingpool
heute morgen leck geworden ist und die Handwerker kommen!’
Mein Freund hat eine Villa in der Nähe von –“, die Frau holte
Luft.
„Jajajaja, aber wie sollen wir jemandem einen Umschlag über­
geben, wenn wir nicht wissen, wer es ist?“ fragte Lieselotte.
„Ach, ganz einfach! Bahnsteig 6. Haltet das Ding hoch und lauft
an den Fenstern des Zuges entlang! Der Typ wird sich zu erken­
nen geben. Er wartet darauf! Würdet ihr das für mich tun?“
Die Bande war einverstanden.
Bis zur Abfahrt des Zuges blieb inzwischen nur mehr eine
Minute.

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Axel schnappte den Umschlag und rannte los. Er war ein groß­
artiger Sprinter und flitzte wie ein Wiesel durch die Menschen­
menge in der Halle und den Zugang zu den Bahnsteigen.
Keuchend hastete er die Treppe zu Bahnsteig 6 hinauf und
schluckte.
Der Zug, der dort stand, schien kein Ende zu nehmen. Er hatte
mindestens zwanzig Waggons.
Axel hielt das silberne Kuvert hoch und lief an den Wagen­
fenstern entlang. Die meisten Fahrgäste schüttelten nur verwun­
dert den Kopf.
„Achtung: Gleis 6! Bitte einsteigen, Türen schließen
automatisch! Zug fährt ab!“ verkündete eine Lautsprecherstimme.
Axel hatte noch nicht einmal den halben Zug abgeklappert und
bisher nur verständnislose Blicke geerntet.
Zischend schlossen sich die Türen.
Der Zug setzte sich in Bewegung.
Noch sechs Waggons.
Da tauchte eine Hand auf und entriß dem Knickerbocker den
Umschlag.

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„Hilfe, ein Taschendieb!“

„Danke, der ist für mich!“ sagte eine Frau schnippisch. Sie war
klein, trag extrem altmodische Klamotten und hatte eine Brille der
Marke „Supervernünftig“ auf der Nase. Ihr Haar war zu einem
dünnen Rattenschwanz gebunden, und ihr Mund wirkte
verkniffen.
Sie drehte sich um und stöckelte mit schnellen Schritten davon.
„He, Sie... hallo!“ rief Axel.
Ricarda hatte doch von jemandem gesprochen, der im Zug saß
und Willi hieß.
Axel rannte der Frau nach.
„Heißen Sie Willi?“ fragte er. Es war ihm in der Eile nichts
Besseres eingefallen.
„Natürlich nicht!“ zischte die Frau.
„Aber der Umschlag ist für einen gewissen Willi, der in diesem
Zug sitzt!“ Axel deutete auf den gerade abfahrenden Zug.
Als er sich umdrehte, sah er einen blonden Mann, der sich aus
einem der Fenster beugte. Er winkte, doch auf dem Bahnsteig war
niemand, von dem er sich verabschieden hätte können.
„Das Kuvert war nicht für Sie bestimmt!“ sagte der Knicker­
bocker entschieden und versuchte, der Frau den Umschlag abzu­
nehmen.
Doch diese drückte ihn an sich und kreuzte die Arme davor.
„Verschwinde, sonst hole ich die Polizei!“ kreischte sie hyste­
risch.
„Aber Sie können das Kuvert nicht einfach behalten!“ erwiderte
Axel.
„Hilfe! Polizei!“ schrie die Frau und begann um sich zu
schlagen, als hätte Axel sie angegriffen.
Einige Leute schenkten ihr gar keine Beachtung, andere drehten
sich aber um.
Als der Junior-Detektiv noch immer nicht locker ließ, schrie die
Frau lauter. Sie ließ den Umschlag unter ihrem Pulli verschwin­

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den und begann regelrecht zu brüllen. „Hilfe, ein Taschendieb!


Hilfe!“
Zu Axels Entsetzen tauchte tatsächlich ein Polizist auf. Er
näherte sich mit strenger Miene und fragte: „Gnädige Frau, was
kann ich für Sie tun?“
„Dieses Bürschchen wollte mich bestehlen. Ich habe seine Hand
an meiner Tasche gespürt!“ meldete die Frau aufgebracht. Ihre
Stimme überschlug sich.
Der Polizist musterte Axel prüfend. „Was hattest du an der
Tasche der Dame zu suchen?“ fragte er.
„Gar nichts. Ich sollte jemandem einen Umschlag übergeben,
der in dem Zug sitzt, der gerade von Bahnsteig 6 abgefahren ist.
Aber die Frau hat ihn mir einfach aus der Hand gerissen. Das
lasse ich mir nicht gefallen. Ich will ihn zurück!“ verteidigte sich
der Knickerbocker, dem allmählich mulmig wurde.
„Stimmt das?“ fragte der Polizist die Frau. Er gehörte zu den
Polizisten, die Axel nicht leiden konnte. Mit der Frau sprach er
freundlich, mit Axel wie mit einem gesuchten Verbrecher.
„Natürlich lügt der Bengel! Sie werden doch so einem Frücht­
chen nicht glauben!“ empörte sich die Frau und rückte ihre Brille
zurecht.
„Sie kommen am besten beide mit auf die Wachstube!“
entschied der Polizist.
„Aber... aber ich habe... ich habe doch nichts getan!“ rief Axel
empört.
Plötzlich packte ihn die Panik. Wenn man dieser Frau Glauben
schenkte, bekam er mächtigen Ärger. Er rannte los, so schnell er
konnte.
Der Polizist machte Anstalten, ihn zu verfolgen, gab aber
schnell auf. Es waren zu viele Reisende am Bahnhof, zwischen
denen Axel bald untergetaucht war.
„Wurde Ihnen etwas gestohlen, gnädige Frau?“ fragte der
Polizist.
Die Frau schüttelte den Kopf. „Ich habe die Rotznase zum
Glück rechtzeitig bemerkt“, sagte sie.
Der Polizist legte die Hand an die Kappe und ging.

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Die Frau atmete erleichtert auf und klopfte triumphierend auf


den Umschlag unter ihrem Pulli.
Sie eilte auf die nächste Telefonzelle zu, trat ein und sah sich
um. Sie schien sich vergewissern zu wollen, daß sie nicht beob­
achtet wurde. Nachdem sie mehrere Münzen eingeworfen hatte,
wählte sie eine Salzburger Nummer.
Es läutete nur ein einziges Mal am anderen Ende der Leitung, da
wurde schon abgehoben. „Hallo?“
„Es wurde genauso übergeben wie bei Eugen. Ich habe es einem
dämlichen Jungen abgenommen. Diesmal schaffen wir es!“ sagte
sie hoffnungsvoll.
Ein erleichtertes Seufzen war die Antwort.
Nachdem sie aufgelegt hatte, steuerte die Frau auf den Ausgang
des Bahnhofs zu.

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Was steckt in dem Umschlag?

Als Axel zurückkehrte, warteten die Knickerbocker-Freunde noch


immer auf seinen Vater. Ricarda war inzwischen schon abge­
fahren. Sie hatte voll darauf vertraut, daß Axel ihren Auftrag
ausführte.
In Stichworten schilderte der Knickerbocker seinen Kumpeln,
was sich ereignet hatte.
„Unwichtig scheint der Umschlag also nicht gerade zu sein!“
stellte Lieselotte fest.
„Los, gehen wir! Ich habe keine Lust, von der Polizei ge­
schnappt zu werden“, meinte Axel.
„Aber dein Vater!“ gab Poppi zu bedenken.
Axel ging hinter Lieselottes Rücken in Deckung.
„Spinnst du?“ fragte ihn das Superhirn der Bande.
„Nein, aber da ist die Frau. Siehst du irgendwo einen Polizis­
ten?“ flüsterte Axel.
„Ich sehe keinen“, beruhigte ihn Dominik.
„Ich möchte wirklich wissen, was in dem Kuvert drinnen ist“,
grübelte Lieselotte vor sich hin.
Die kleine Frau trippelte gerade an den Taxis vorbei. Sie hatte
den silberfarbenen Umschlag unter ihrem Pullover hervorgeholt
und hielt ihn in der Hand.
„Das Kuvert war nicht für sie bestimmt. Und wenn wir Knicker­
bocker einen Auftrag erhalten, führen wir ihn auch verläßlich
aus!“ sagte Axel bestimmt und schlich ohne weitere Erklärungen
geduckt los. Er folgte der Frau im Schutz der Passanten, Autos
und Busse. Sie näherte sich einem der etwas entfernteren Park­
plätze, auf dem kein Betrieb herrschte.
Schließlich steuerte die Frau auf einen Wagen zu. Es war ein
klappriger VW-Käfer mit durchgerosteten Kotflügeln. Sie wollte
den Kofferraum öffnen, der sich bei diesem Autotyp vorne
befand, und holte deshalb den Wagenschlüssel heraus. Als sie
aufsperrte, schlug Axel blitzschnell zu.

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Er sauste aus seinem Versteck und riß ihr den Umschlag aus der
Hand. Ohne ein Wort zu sagen, verschwand er wieder.
Um sie zu täuschen, rannte er vom Bahnhof weg. Die Frau
verfolgte ihn, gab aber bald auf. Als sie am Ende des Parkplatzes
angekommen war, mußte sie feststellen, daß Axel verschwunden
war.
Der Junge machte einen großen Bogen und kehrte zum Bahn­
hofsgebäude zurück, vor dem jetzt endlich sein Vater eingetroffen
war. Herr Klingmeier entschuldigte sich mehrfach; es war genau,
wie Axel vermutet hatte: Ein Kunde hatte ihn aufgehalten.
„Hast du ihn?“ fragte Lieselotte.
Axel zog den silberfarbenen Umschlag triumphierend unter dem
T-Shirt hervor.
Die vier Junior-Detektive stiegen schnell in den großen Wagen
von Herrn Klingmeier und drängten zur Abfahrt.
Als Axels Vater das Bahnhofgelände verließ, sah Lieselotte die
Frau erschöpft am Straßenrand stehen. Sie starrte mißmutig vor
sich hin.
Dominik zeigte ihr die lange Nase, als sie vorbeifuhren.
„Nicht, laß das, du Idiot!“ zischte Lilo.
Es war zu spät! Die Frau hatte sie bemerkt und Axel im Wagen
entdeckt. Als sie vor einer roten Ampel anhalten mußten, sah die
Frau ihre letzte Chance gekommen, raffte sich auf und stürzte auf
den Wagen zu.
Sie war kaum noch zehn Schritte entfernt, als die Ampel auf
Grün sprang und Axels Vater losfuhr.
Dominik schnitt eine spöttische Grimasse.
Die Frau tobte. Dann aber fiel ihr Blick auf das Kennzeichen
des Wagens, und sie begann, die Zahlen und Buchstaben vor sich
herzusagen – und das so lange, bis sie sie aufgeschrieben hatte.
Davon ahnten die Knickerbocker freilich nichts.
Das Häuschen, das Herr Klingmeier gemietet hatte, lag am
wunderschönen Wolfgangsee in der Nähe von St. Gilgen. Es war
ein dunkelbraunes Holzhaus mit weiß-grünen Fensterläden und
einem kleinen Balkon im Obergeschoß.

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Der Garten war nicht besonders groß, erstreckte sich aber direkt
bis ans Ufer des Sees. An einem Steg war ein Ruderboot vertäut.
Die vier Freunde sprangen sofort ins Wasser, das allerdings
ziemlich kalt war. Sie badeten nur kurz und legten sich dann in
die Sonne.
„Was machen wir mit dem silbernen Umschlag?“ fragte Axel
seine Freunde.
„Wir geben ihn am besten zurück“, entschied Lieselotte.
„Und wem? Wir haben von dieser Ricarda weder eine Adresse
noch eine Telefonnummer.“
Dominik nickte. „Aber wir wissen einiges über sie: Sie reitet,
und das auf einem Reiterhof. Dort gibt es ein Pferd namens
Hussein – nein: Hassan. Auf diesem Pferd ist heute ein Mann
ausgeritten, der eine Villa mit einem Schwimmbecken besitzt, das
leck geworden ist!“
Seine Freunde waren beeindruckt. Dominiks Gedächtnis war
wirklich sensationell.
Lieselotte machte einen Vorschlag: „Wir hängen uns ans
Telefon und rufen einfach bei allen Reiterhöfen der Umgebung
an. Da Ricarda noch Reithosen und Stiefel trug, nehme ich an,
daß sie direkt aus dem Stall kam.“
„Ich möchte aber schon gerne wissen, was in dem Kuvert ist!“
meinte Axel.
Poppi und Lilo bückten ihn überrascht an.
„He, schon mal was von Briefgeheimnis gehört?“ fragte
Dominik vorwurfsvoll.
„Schon, aber es ist kein Brief!“ antwortete Axel, „Es steht
weder Adresse noch Absender drauf. Seid ihr denn gar nicht
neugierig? Immerhin scheint der Inhalt dieses Briefes mehrere
Leute zu interessieren.“
Da mußten ihm seine Kumpel recht geben.
Axel holte den Umschlag, den er in seinem Rucksack verstaut
hatte, hervor und tastete ihn ab. „Das ist nicht verboten“, meinte
er mit entschuldigendem Grinsen.
„Und weißt du jetzt, was es sein könnte?“ fragte Poppi
neugierig.

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„Hmm... auf jeden Fall kein Blatt Papier. Vielleicht eine flache
Schachtel... oder eine Hülle... es ist hart und quadratisch und
ziemlich dünn... Ich glaube, ich weiß, was es ist!“

Was könnte der silberfarbene Umschlag


enthalten?

Axel sprang auf und lief in das Zimmer seines Vaters. Er streckte
seinen Freunden eine Hülle entgegen, in der eine Computerdis­
kette steckte. Sie verglichen die Größe der Schutzhülle mit der
des Gegenstandes im Umschlag und kamen zu dem Schluß, daß
es sich tatsächlich um eine Diskette in einer Hülle handeln mußte.
„Gut, jetzt wissen wir Bescheid, aber das reicht!“ stellte Lilo
fest.
Axel war noch nicht ganz zufrieden: „Naja, wir wissen aber
nicht, was auf der Diskette drauf ist...“
„Das geht uns auch angesichts der Umstände nichts an!“ meinte
Dominik mit erhobenem Zeigefinger.
„Ja, Herr Oberlehrer!“ knurrte Axel, dem Dominiks altkluges
Gequatsche manchmal schwer auf den Geist ging.
„Los, wir hängen uns ans Telefon!“ entschied Lieselotte.
Im Haus gab es allerdings keines, und Axels Vater war nicht
bereit, sein Handy herauszurücken.
Die Knickerbocker brachen also zur nächsten Telefonzelle auf.

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Affen am See?

Auf dem Rückweg besprachen sie, was sie herausgefunden hatten.


„Wir haben siebzehn Reiterhöfe angerufen und auf zweien gibt
es Pferde, die Hassan heißen“, rekapitulierte Poppi.
„Und auf beiden reitet öfter jemand aus, der Ricarda heißt!“
fügte Dominik hinzu.
„Über die lecken Schwimmbecken der Reiter wußte natürlich
niemand Bescheid!“ seufzte Lieselotte.
Die beiden fraglichen Reiterhöfe waren leider weit von St. Gil­
gen und weit voneinander entfernt – ohne Bus ließ sich da nichts
machen.
In keinem Büro war man bereit gewesen, einen Kontakt zu
Ricarda herzustellen. Die Telefonnummer hatte man ihnen schon
gar nicht verraten wollen.
„Uns bleibt nichts anderes übrig, als morgen zu einem der
Reiterhöfe zu fahren und selbst nach unserer Ricarda zu suchen.
Haben wir kein Glück, nehmen wir uns übermorgen den anderen
vor“, meinte Lieselotte.
Sie betraten das Haus und wurden dort bereits von Axels Vater
erwartet. „Stellt euch vor! Aus einem Tierpark in der Nähe sind
heute sechzehn Affen ausgerissen. Sie sind in diese Gegend
geflüchtet und verstecken sich in den Gärten und Häusern. Es war
jemand vom Tierpark da und hat alles abgesucht!“
Poppi runzelte die Stirn. „Affen aus einem Tierpark? Ich hoffe
nur, daß es keiner dieser fahrenden Zoos ist, in denen die Tiere in
viel zu kleinen Käfigen leben müssen?“
Herr Klingmeier zuckte mit den Schultern.
Poppi lief nach oben und holte ihr Notizbuch. Sie hatte darin
alles Mögliche über Tiere gesammelt: ihre Begegnungen und
Erlebnisse mit Tieren, Daten über ihre eigenen Tiere, Angaben,
die ihr so unterkamen, und viele nützliche Adressen. Das Notiz­
buch enthielt unter anderem eine Liste aller Zoos in Österreich.
„Hier in der Gegend gibt es keinen Tierpark mit so vielen
Affen!“ sagte sie leise zu ihren Freunden.
- 20 -

Ihre Kumpel erschraken.


„Vati, war eine Frau da oder ein Mann?“ erkundigte sich Axel.
„Eine Frau – eine kleine, energische Person, die bestimmt nur
für ihre Tiere lebt. Die Klamotten, die sie trägt, müssen aus der
Altkleidersammlung stammen!“ antwortete Herr Klingmeier.
Die Knickerbocker warfen einander einen Bück zu.
„Und sie war oben? Auch in den Zimmern, in denen wir
schlafen?“ fragte Axel aufgeregt.
Sein Vater nickte.
Wie auf Kommando stürmten die Junior-Detektive nach oben.
„Hat sie die Diskette gestohlen?“ hauchte Lieselotte.
Axel antwortete zuerst nicht. „Äh... ich muß euch etwas sagen“,
begann er schließlich. „Ich habe entdeckt, daß der Umschlag
einen Adhäsionsverschluß hat.“
„Was ist das?“ unterbrach ihn Poppi.
„Ein Klebverschluß, den man mehrfach verwenden kann“,
erklärte Axel. „Das Wort merke ich mir auch nur, weil wir es
einmal bei einem Fremdwörtertest in der Schule hatten.“
Lilo wippte ungeduldig mit dem Fuß. „Ja und? Was willst du
uns damit sagen?“
„Also ich habe reingeschaut, um zu sehen, ob die Diskette
beschriftet ist. Und weil ihr dann so schnell los wolltet, ist mir ein
Fehler passiert!“
„Was denn?“ drängte Lieselotte.
„Ich habe die Diskette meines Vaters in den Umschlag gesteckt
und die Diskette aus dem Kuvert in seine Diskettenbox zurückge­
geben. Die Frau hat also die falsche Diskette erwischt!“
Dominik blickte ihn über den Rand seiner Brille an und meinte:
„Obwohl dein Verhalten nicht wirklich als völlig korrekt zu
bezeichnen ist, war es wahrscheinlich richtig!“
„Quatsch nicht so kariert!“ gab Axel zurück.
Lilo grinste. „Unsere Freundin wird staunen. Ich fürchte aller­
dings, daß sie den Fehler bald bemerken und vielleicht zurück­
kommen wird. Wie hat sie denn überhaupt herausgefunden, wo
wir wohnen?“

- 21 -

„Das kann nur über die Autonummer gelaufen sein!“ meinte


Axel. „Sie muß jemanden kennen, der zum Computer der Polizei
Zugang hat und bereit war, den Wagenbesitzer für sie zu
ermitteln.“
Er griff nach dem Handy seines Vaters, der gerade zum See
hinuntergegangen war, und rief im Büro der Firma Klingmeier an.
Die Sekretärin hatte tatsächlich mit einer Frau gesprochen, die
unbedingt Herrn Klingmeier aufsuchen wollte. Sie hatte ihr die
Adresse des Häuschens gegeben.
„Das wäre geklärt, aber was auf der Diskette drauf ist, wissen
wir noch immer nicht!“ meinte Axel, nachdem er das Gespräch
mit einem Tastendruck beendet hatte.
Er holte die Diskette, die mit einem gelben Etikett versehen war,
das die Aufschrift „Geheimakte Y“ trug. Darunter stand: „Streng
vertraulich!“
„Mir ist egal, ob verboten oder nicht!“ sagte Axel und holte den
Laptop seines Vaters. Der flache tragbare Computer hatte einen
großen Speicher und verfügte über viele Funktionen. Sein Vater
konnte sich zum Beispiel über die Telefonleitung in den Compu­
ter seines Büros einschalten und Daten aus ihm abrufen.
Selbstverständlich hatte er auch Zugang zum Internet, dem
weltweiten Computernetzwerk.
Poppi sollte sich darum kümmern, daß Herr Klingmeier noch
eine Weile draußen blieb. Er hätte den vieren niemals erlaubt,
seinen Laptop in Betrieb zu nehmen.
Das Mädchen lief zum Steg und überredete Axels Vater zu einer
kleinen Bootstour.
Die drei Junior-Detektive waren ziemlich aufgeregt, als sie die
Diskette seitlich in das Laufwerk des Computers steckten. Was
war darauf nur gespeichert? Was verbarg sich hinter dem Namen
„Geheimakte Y“?

- 22 -

Fritz, der Freak

Axel kannte sich mit dem Computer seines Vaters recht gut aus.
Er öffnete die Diskette per Tastendruck, um zu sehen, was alles
darauf gespeichert war.
„Y.DOC“ stand auf dem Bildschirm.
„Was bedeutet das?“ wollte Dominik wissen.
„Das bedeutet, daß wir es mit einem Dokument zu tun haben.
Das kann alles Mögliche sein: ein Text, eine Kartei, ein Brief,
Adressen, Namen und so weiter!“ erklärte Axel.
Er führte den Mauszeiger auf den Namen der Datei und klickte
zweimal. Falls der Laptop seines Vaters über ein geeignetes
Programm verfügte, würde das Dokument geöffnet werden.
„DAS BENÖTIGTE PROGRAMM KONNTE NICHT
GEFUNDEN WERDEN“, meldete der Computer.
„Mist!“ brummte Axel.
„Was machen wir jetzt?“ fragte Lilo.
Axel zuckte mit den Schultern. Es gab keine Möglichkeit, mehr
zu erfahren, wenn sie das zum Öffnen der Datei erforderliche
Programm nicht hatten. Leider gab der Computer nicht an,
welches Programm nötig war.
„Fritz!“ sagte Axel plötzlich.
Er stand auf, lief durch das kleine Zimmer und murmelte: „Fritz,
Fritz, Fritz...!“
„Spinnst du?“ fragte Lilo vorsichtig.
„Nein, aber ich muß Fritz die Diskette zukommen lassen.
Er kann da sicher was machen. Fritz ist ein Kollege meines
Vaters – ein völlig verrückter Typ!“ Beim Gedanken an den Mann
mußte Axel lachen.
Fritz verbrachte den Großteil seines Lebens am Bildschirm. Er
hatte mehrere Modelle, und sogar am Klo und im Badezimmer
standen Computer.
Seine Frau hatte sich wegen der Computerleidenschaft ihres
Mannes scheiden lassen, und da er kaum das Haus verließ, sah
Fritz meistens wie ein Mehlwurm aus.
- 23 -

„Aber ich traue mich nicht, ihm die Diskette zu schicken!“


meinte Axel. „Vielleicht müssen wir sie Ricarda zurückgeben,
und es wäre peinlich, wenn wir sie dann nicht haben.“
Er nahm das Handy seines Vaters und rief Fritz an. Axel
schilderte sein Problem, das den Computerfreak nur ein müdes
Lächeln kostete.

Wie kommt Fritz an die Datei, ohne die


Diskette zugeschickt zu bekommen?

„Schick mir die Datei einfach per E-Mail, und ich sehe sie mir
mal an!“ meinte er.
Mit E-Mail konnte man Textdateien, aber auch Bilder innerhalb
kürzester Zeit von einem Computer an einen anderen senden.
Fritz beschrieb Axel jeden Schritt. Herrn Klingmeiers Computer
war dafür bestens ausgerüstet.
Achtung! Dein alter Herr kommt zurück!“ meldete Lieselotte.
Axel hatte bereits den Sendebefehl eingegeben. Doch die Datei
schien ziemlich umfangreich zu sein, und deshalb dauerte die
Übertragung lange.
„Er ist schon fast da!“ rief Lieselotte aufgeregt.
„Dreh nicht durch! Halt ihn auf!“ fauchte Axel.
Lilo lief Poppi und Herrn Klingmeier entgegen und faselte
etwas von Karpfen am Steg.
Sie zog die beiden zum See.
Axel kaute an seiner Unterlippe, während er den Balken am
unteren Bildschirmrand beobachtete. Er wurde länger und länger,

- 24 -

aber bis zum Ende des offenen Kästchens fehlte noch ein gutes
Stück.
„Lilo, mir ist kühl. Ich muß ins Haus!“ hörte er seinen Vater
sagen. Wenn er ihn mit dem Laptop erwischte, gab es Krach.
Ein Pling zeigte an, daß die Übertragung beendet war. Der letzte
Teil von „Y.DOC“ war schneller gesendet worden als der Anfang.
Axel schaltete den Computer aus und verstaute ihn hastig.
Noch immer war Fritz am Apparat. „Ich sehe mir die Sache an,
und du meldest dich morgen!“ sagte er. „Übrigens habe ich im
Internet ein cooles Spiel entdeckt. Du mußt dir das einmal
vorstellen...“ Fritz war nicht zu stoppen. Axel wollte ihn aus der
Leitung werfen, doch er wußte, daß der Computerexperte dann
beleidigt sein würde.
„Warum benutzt du mein Handy?“ fragte Herr Klingmeier
streng, als er das Zimmer betrat.
Sein Vater hatte ihm einmal ein eigenes Handy geschenkt, doch
das war leider in einen Fluß gefallen und funktionierte nicht mehr.
„Äh... weil Fritz gerade angerufen hat. Er will dich sprechen!“
schwindelte Axel.
„Was soll ich ihm denn sagen?“ protestierte Fritz am anderen
Ende der Leitung.
Axel reichte seinem Vater das Handy.
Ja, was gibt’s? Mir ist kalt!“
Fritz hatte eine großartige Idee. „Zieh dich in Ruhe an! Wir
reden später!“ meinte er und legte auf.
„Das war knapp!“ sagte Lilo, als Herr Klingmeier nach oben in
sein Kämmerchen verschwunden war.
Es klopfte an der Tür, und Poppi machte auf.
Sie stieß einen Schrei aus, der ihre Freunde alarmierte...

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Die Stimme

Die Frau war zurückgekommen. Sie packte Poppi und hielt sie
mit ihrer dürren, krallenartigen Hand fest.
„Gebt die Diskette her!“ keuchte sie. „Und wenn ihr nicht die
Klappe haltet, gibt es ein Unglück!“
Sofort brachte Axel die Diskette.
Die Frau riß sie ihm aus der Hand und stieß Poppi zurück ins
Haus. „Wenn ihr nur ein Wort zu jemandem sagt, könnt ihr was
erleben! Spielt nicht mit mir, ihr kleinen Wichtigtuer! Ich meine
es sehr, sehr ernst.“
Sie lief zur Straße und stieg in ihren VW-Käfer. Knatternd fuhr
der Wagen davon.
„Wer war das?“ fragte Herr Klingmeier, der sich die Haare
frottierend die Treppe herunterkam.
„Äh... eine Ausflüglerin, die nach dem Weg gefragt hat!“ sagte
Axel und grinste. „Und ich habe Hunger!“ wechselte er schnell
das Thema.
„So ein Blödmann! Jetzt sind wir das Ding los und wissen nicht,
was drauf ist!“ zischte Poppi.
Axel schüttelte den Kopf.
Als sie wieder allein waren, erklärte er ihr, warum der Inhalt der
Diskette nicht verloren war: Fritz hatte die Datei nun in einem
seiner Computer.

Innerhalb von Sekunden waren diese Ereignisse dem wie gelähmt


daliegenden Junior-Detektiv durch den Kopf geschossen. Ausge­
löst hatte die Erinnerungen die geheimnisvolle Gestalt mit dem
flachen Kopf.
Die Kreatur stand drei Schritte von ihm entfernt und schien ihn
zu betrachten.
Noch immer konnte sich der Knickerbocker nicht bewegen.
Seine Arme und Beine waren nach wie vor schwer wie Blei. Es
war nicht möglich, sie zu heben. Auf seiner Brust schien ein
ungeheures Gewicht zu lasten, das ihm fast den Atem nahm.
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Das Surren wurde lauter. Das Licht erschien ihm plötzlich noch
greller. Rote, grüne und gelbe Blitze zuckten über ihm durch den
Raum. Und er hörte ein rhythmisches Pochen, das ihn an etwas
erinnerte.
Was war das nur?
Herzschläge!
Kein Zweifel: es waren verstärkte Herzschläge! Handelte es sich
um seine eigenen?
Langsam, aber unerbittlich begannen sich die Blitze zu nähern.
Axel wollte fliehen. Er mußte weg! Die Blitze würden ihn töten.
Außerdem machte ihn das dumpfe Pochen wahnsinnig.
Er fühlte sich wie eine Uhr, bei der jemand das Pendel immer
wieder anhält und aus dem Takt bringt.
Regungslos stand das seltsame Wesen neben ihm. Was wollte es
nur?
Axel warf den Kopf von einer Seite auf die andere und schrie.
Wie aus weiter Ferne drang eine merkwürdige Stimme an seine
Ohren.
Sie sprach langsam, aber sehr, sehr eindringlich. Es war eine
Stimme, die keinen Widerspruch duldete.

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Die Landung

Am nächsten Morgen piepste bereits um halb sieben Uhr morgens


Herrn Klingmeiers Handy. Er hatte am Abend vergessen, es
abzuschalten, und drückte murrend die Empfangstaste.
„Tag, Alter! Kann ich deinen Sohnemann sprechen?“ hörte er
Fritz’ aufgeregte Stimme.
„Meinen Sohn? Was willst du von Axel?“ knurrte Herr Kling­
meier. In der Früh war mit ihm nichts anzufangen.
„Ich hänge hier bei einem Computerspiel fest. Ich bin auf Level
26 und komme nicht weiter. Er muß mir helfen!“ log Fritz.
„Gestern wollte ich dir übrigens zu ihm gratulieren!“
„Du spinnst ja!“ schnaubte Herr Klingmeier, erhob sich und
klopfte an die Tür des Jungenzimmers.
„Ja?“ kam Axels verschlafene Stimme.
Herr Klingmeier öffnete die Tür.
„Da, fang!“ rief er und warf seinem Sohn das Handy zu.
„Axel, wo hast du denn diese Datei her?“ fragte Fritz gespannt.
„Äh... naja... das ist eine lange Geschichte!“ brummte Axel.
„Wieso?“
„Weil ich mich ziemlich anstrengen mußte, um sie zu öffnen.
Als ich es endlich geschafft hatte, gab es die nächste Überra­
schung: Der Text war verschlüsselt. Ich habe versucht, den Kode
zu knacken, hatte aber keinen Erfolg.“
„Und wie ist es dir dann doch gelungen?“ fragte Axel.
Fritz lachte zufrieden. „Mit Geduld und Spucke und mit Hilfe
meines Kumpels Henry in den USA. Ich habe ihn zwar noch nie
gesehen, bin aber jetzt schon einige Zeit per Internet mit ihm in
Verbindung. Er ist Experte für Dekodierungen.
Ich habe ihm die Datei geschickt, und er hatte nicht allzugroße
Schwierigkeiten damit.
Halt dich fest: Der Kode wurde im Kalten Krieg vom amerika­
nischen Geheimdienst verwendet.“
Axel holte hörbar Luft. „Und was enthält die Datei?“

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„Du wirst es nicht glauben! Angaben über die Landung eines


UFOs. Und der Text stammt von keinem Scherzbold, sondern von
der ‚Gesellschaft zur Erforschung von Leben aus dem All’. Sie
hat ihren Sitz nicht weit von Salzburg. Die Nachricht wurde
verschlüsselt, weil sie streng geheim ist.
Der Gesellschaft ist es gelungen, Funkkontakt mit Außerirdi­
schen aufzunehmen. Kurze Zeit später ist in der Nähe der Zentrale
der Forschungsgemeinschaft ein UFO gelandet. Es wird als
Lichterscheinung beschrieben, die in keinerlei Hinsicht mit
herkömmlichen UFO-Formen vergleichbar ist.
An Bord befanden sich zwei Außerirdische, und es kam zu
nahen Begegnungen der vierten Art. Die Außerirdischen scheinen
tatsächlich Kontakt mit den Menschen aufgenommen zu haben.
Sie verständigten sich durch eine Zeichensprache, die die Allfor­
scher mit Hilfe eines Computerprogramms entschlüsseln konnten.
Der Empfänger der Datei wird aufgefordert, sich bei der Gesell­
schaft zu melden. Er dürfte für die Kontaktaufnahme mit den
Außerirdischen eine zentrale Rolle spielen.“
Axel sagte eine Weile gar nichts.
„Bist du noch dran?“ fragte Fritz.
„Jaja, ich... ich habe nur nachgedacht, wie das alles möglich ist.
Glaubst du, daß da etwas Wahres dran ist?“ murmelte der
Knickerbocker dann.
Nachdem Fritz eine Weile ratlos vor sich hingebrummt hatte,
meinte er: „Mein Freund in Amerika hat mich darauf aufmerksam
gemacht, wie schwierig es gewesen sein muß, sich den Kode zu
beschaffen. Und die Sprache, in der der Bericht abgefaßt ist,
klingt höchst sachlich und professionell.“
Axel kramte aus seinem Rucksack etwas zum Schreiben hervor
und ließ sich die Adresse der Gesellschaft durchgeben.
Nachdem er aufgelegt hatte, fiel er wieder in die Kissen und
versuchte, seine Gedanken zu ordnen.
Er wußte jetzt, warum die Frau so wild auf die Diskette war.
Aber wem sollte die Diskette am Bahnhof übergeben werden?
Und warum hatte der Mann mit dem lecken Schwimmbad sie
Ricarda in die Hand gedrückt?

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Genau diese Frage stellte sich auch Lieselotte, als sie nach dem
Frühstück den Fall besprachen. Nachdenklich meinte sie: „Mich
wundert vor allem, daß ein so wichtiges Dokument so primitiv
durch die Gegend gereicht wird.“
„Ich habe die Adresse der Forschungsgesellschaft. Sollen wir
dem Verein einen Besuch abstatten und herauszufinden versu­
chen, ob an der Sache mit den Außerirdischen etwas dran ist?“
Axel sah seine Freunde der Reihe nach an.
„Wer eine Botschaft so verschlüsselt, wird uns bestimmt keine
Auskunft erteilen“, meinte Lilo. Sie hatte einen anderen Vor­
schlag auf Lager: „Wir stöbern diese Ricarda auf und lassen uns
den Mann von ihr zeigen. Vielleicht können wir über ihn mehr
erfahren.“
Die Junior-Detektive stimmten ab: Lilos Idee leuchtete allen
ein.
Axels Vater hatte am Vormittag in der Nähe eines der beiden
Reiterhöfe zu tun. Er erklärte sich bereit, die vier mitzunehmen.
Auf dem Gestüt wurden die Knickerbocker höchst unfreundlich
empfangen: Kinder waren hier einfach unerwünscht.
Erst als einem der Stallburschen ein Hengst durchging und
Poppi es schaffte, ihn einzufangen und zu beruhigen, wurde der
Leiter des Gestüts merklich netter. Die Knickerbocker-Detektive
erkundigten sich nach Ricarda, doch er schien sie nicht wirklich
zu kennen.
Die Bande schlenderte noch einige Zeit über den Hof und
befragte auch die Stallburschen. Schließlich erinnerte sich einer
von ihnen an eine etwa 70jährige Dame dieses Namens, die im
Sommer manchmal ihren Enkel begleitete.
Fehlanzeige.
Reiterhof Nr. 2 lag noch weiter entfernt. Wie sollten die vier
Freunde Herrn Klingmeier dazu überreden, sie dorthin zu
bringen?
Da fiel Axel etwas ein. Er betrat das Büro des Gestüts und
plauderte mit der Sekretärin, der etwas langweilig zu sein schien.
Grinsend kam er zurück. „Ganz in der Nähe des anderen
Reiterhofes gibt es ein barockes Schlößchen, das man besichtigen

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kann. Mein Vater ist – wie ihr ja wißt – überzeugt, daß ich zu
wenig Kultur mitbekomme. Ich wette, daß wir ihn damit herum­
kriegen!“
Axel behielt recht. Herr Klingmeier war begeistert, mit den
vieren ein Schloß besichtigen zu können. Fix erledigte er seine
Termine, so daß sie am frühen Nachmittag bereits an Ort und
Stelle eintrafen.
Da es keine Führung gab, konnten die Knickerbocker und Axels
Vater einfach so durch die Räume gehen. Eigentlich hatten die
Junior-Detektive gehofft, auf diese Weise schneller zu sein. Doch
das stellte sich bald als Irrtum heraus.
Herr Klingmeier hielt ihnen lange Vorträge über das Barock und
erklärte ihnen jeden Engel und jedes Stuckwölkchen an der
Decke. Nur mit Mühe unterdrückten Axel, Poppi und Lilo ein
Gähnen. Dominik aber mimte den aufmerksamen Besucher und
stellte sogar interessierte Fragen.
„Du bist wirklich ein toller Schauspieler“, raunte ihm Lilo zu.
Nach der Besichtigung des Schlosses bekam Herr Klingmeier
Hunger. Die vier wollten sich noch etwas in der Gegend umsehen.
Axels Vater war einverstanden und ließ sich an einem der Tische
des Cafés auf der Terrasse vor dem Schloß nieder.
Der Reiterhof war wirklich nicht weit vom Schloß entfernt. Als
die Knickerbocker die Auffahrt hinaufliefen, begannen ihre Her­
zen schneller zu schlagen – würden sie Ricarda vielleicht sogar
antreffen?

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Eine unerwartete Entdeckung

Die Bande hatte großes Glück.


Als die vier durch das große Tor des Hofes kamen, stieg Ricarda
gerade in ihr altes Auto.
„Halt!“ rief Axel und winkte ihr zu.
Sie erkannte die Knickerbocker sofort wieder.
„So eine Überraschung! Wie kommt denn ihr hierher? Wohnt
ihr in der Nähe oder reitet ihr auch auf dem Frühtalerhof?“
„Keines von beiden. Wir haben Sie gesucht, weil wir Sie etwas
Wichtiges fragen müssen!“ platzte Axel heraus.
Lilo hätte ihm dafür am liebsten einen Tritt verpaßt. Warum
nahm er es in diesem Moment mit der Wahrheit so genau?
„Was ist denn?“ Ricarda sah sie fragend an.
Mist, dachte Lilo. Es wird ihr sicher sonderbar vorkommen,
wenn wir uns nach jemandem erkundigen, den wir nur vom
Hörensagen kennen und mit dem wir nichts zu tun gehabt haben.
Wir müssen vorsichtig sein.
Zu spät!
„Wir möchten unbedingt mit dem Mann sprechen, dessen Pool
undicht geworden ist!“ sprudelte Poppi los.
Für den Bruchteil einer Sekunde geriet Ricarda aus der Fassung.
„Was um Himmels willen...?“ Sie brach mitten im Satz ab und
beruhigte sich schnell wieder. „Was wollt ihr von ihm?“ sagte sie
bemüht sanft.
„Äh... es hat mit dem Mann im Zug zu tun und mit der Disket­
te... weil... weil... sie... also... die Diskette wurde uns gestohlen!“
stammelte Lilo.
„Was? Gestohlen? Könnt ihr nicht einmal auf einen Umschlag
aufpassen?“ brauste Ricarda auf.
Abermals fing sie sich schnell und fuhr fort: „Hugo wird ganz
schön wütend sein, wenn er das erfährt. Ich glaube, der Umschlag
hat wichtige Geschäftsunterlagen enthalten.“
„Ist Hugo hier?“ erkundigte sich Poppi.

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„Nein, ich habe ihn heute noch nicht gesehen. Aber gebt mir
eure Telefonnummer, daß er sich bei euch melden kann“,
erwiderte Ricarda.
„Wo wir wohnen, gibt es leider kein Telefon“, sagte Axel
entschuldigend.
„Aber wir rufen Hugo gerne an, wenn Sie uns seine Nummer
geben!“ schlug Lieselotte vor.
Ricarda zögerte.
Sie schüttelte den Kopf. „Da wird nichts draus: Ich habe meinen
Kalender nicht bei mir – und auswendig weiß ich die Nummer
leider nicht! Habt ihr eigentlich den Umschlag geöffnet?“
Lilo verneinte.
Ricarda überlegte kurz und sagte dann: „Sagt mir, wo ihr wohnt.
Hugo wird bei euch vorbeikommen – vielleicht heute noch.“
Axel nannte ohne zu zögern die Adresse des Seehäuschens.
Ricarda warf einen Blick auf die Uhr und hatte es plötzlich sehr
eilig. Sie verabschiedete sich hastig.
Als die vier Freunde den Reiterhof verließen, sprachen sie kein
Wort miteinander. Jedem von ihnen war ein fürchterlicher Ver­
dacht gekommen.
Auch die Heimfahrt verlief sehr still.
Zu Hause angekommen, fuhren die Junior-Detektive mit dem
Ruderboot langsam auf den Wolfgangsee hinaus. Dort konnten sie
ungestört sprechen und liefen nicht Gefahr, belauscht zu werden.
„Wenn jemand einen guten Freund hat, weiß er doch dessen
Telefonnummer auswendig – oder?“ murmelte das Superhirn.
„Klar!“ sagten die anderen. Genau das war ihnen auch aufgefal­
len. Ricarda hatte ihnen die Telefonnummer nicht geben wollen.
„Das läßt eigentlich nur den Schluß zu, daß sie ihren Freund
Hugo decken will!“ meinte die Anführerin der Knickerbocker-
Bande.
„Vielleicht gibt es diesen Freund auch gar nicht!“ sagte
Dominik.
Lilo begann ihre Nasenspitze zu kneten. „Meint ihr, daß die Eile
und das Stehenbleiben im Halteverbot nur Theater waren? Ja,
vielleicht wollte Ricarda, daß sie jemand auf die Abschleppgefahr

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aufmerksam macht und ihr das Überbringen der Diskette


abnimmt...“
Axel nickte.
Auch für Poppi und Dominik war das sehr gut vorstellbar.
„Sie hat nach jemandem gesucht, der mit der Sache nichts zu
tun hat, um dieser komischen Frau nicht in die Arme zu laufen.
Vielleicht wollte sie aber auch von dem Mann im Zug nicht
gesehen werden“, kombinierte Lilo weiter. „Wir haben also einen
Botendienst für sie erledigt – Ricarda hat das gut eingefädelt:
Selbst wenn der Umschlag in falsche Hände geraten wäre, hätte
niemand mit der Diskette etwas anfangen können. Nicht jeder
kennt einen Fritz, der so eine Datei entschlüsseln kann!“
„Willi kennt den Kode sicher, denn schließlich war die
Nachricht für ihn bestimmt. Warum man ihn wohl für die
Kontaktaufnahme mit den Außerirdischen braucht?“ meinte Axel.
Plötzlich wurde Lilo bewußt, daß sie einen Fehler begangen
hatte.
Sie hatte sich versprochen und Ricarda erkennen lassen, daß sie
mehr wußte, als sie vorgab.

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Wodurch hat sich Lilo verraten?

„Ich habe von einer Diskette gesprochen und dann behauptet, wir
hätten den Umschlag nicht geöffnet!“ knurrte Lieselotte und
schlug sich gegen die Stirn.
„Axel!“ rief Herr Klingmeier am Ufer und winkte den Knicker­
bockern zu.
Als sie sich dem Steg näherten, formte er mit den Händen einen
Trichter und rief: „Ich muß noch einmal weg! Es geht um einen
Vertrag. Tut mir schrecklich leid. Nehmt euch was zu essen: es ist
genug da! Ich komme wahrscheinlich ziemlich spät zurück!“
Die Junior-Detektive riefen ihm zu, daß sie bestimmt nicht
verhungern würden.
An diesem Abend zog ein schweres Gewitter auf. Grelle Blitze
zerrissen die Dunkelheit. Der Donner dröhnte so laut, daß die
Holzwände des kleines Hauses erbebten.
Die Knickerbocker-Freunde saßen in der Stube, lasen und
hörten Musik.
Da der Tag schon früh begonnen hatte und anstrengend gewesen
war, gingen sie früh zu Bett. Sie löschten die Lichter und waren
bald eingeschlafen.
Poppi wachte plötzlich auf, weil sie einen bohrenden Schmerz
im Bauch fühlte. Es war wie ein Messerstich. Sie stöhnte auf und
tastete sich ab. Ihr Bauch war dick aufgebläht.
„O nein, was habe ich nur gegessen!“ murmelte sie verzweifelt
und kroch aus dem Schlafsack.
Sie sah auf die Uhr.
Es war erst halb elf. Sie hatte nur etwas mehr als eine Stunde
geschlafen.

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Auf Zehenspitzen schlich sie nach unten zur Toilette. Die Tür
zum Zimmer von Axels Vater stand weit offen. Er war noch nicht
zurückgekommen.
Das Mädchen erleichterte sich und hoffte, daß niemand die
unangenehmen Geräusche hörte – das wäre ihm peinlich gewesen.
Bevor sie nach oben ging, tappte sie in die Küche, um Wasser
zu trinken. Der Hahn klemmte, und sie hatte Mühe, ihn aufzu­
drehen.
Eher zufällig fiel ihr Blick durch das kleine Fenster hinaus in
den Garten.
Das Gewitter hatte sich verzogen, und die Wolkendecke war
aufgerissen. Der Mond kam durch und tauchte die Bäume in
blasses Licht.
Poppi schob den Vorhang zur Seite und zuckte zusammen. Sie
konnte es nicht fassen!
Unten am Bootssteg standen zwei Gestalten.
Eine der beiden warf einen Blick auf die Uhr und nickte der
anderen zu. Dann kamen sie mit langsamen Schritten auf das
Haus zu.
Poppis Knie begannen zu zittern. So schnell sie konnte, huschte
sie nach oben und weckte Lieselotte.
Nur langsam wachte das Superhirn auf. „Was gibt es denn? Sag
schon!“
„Draußen ist jemand!“ hauchte Poppi. „Im Garten! Sie
kommen!“
Der Schreck zuckte ihr durch alle Glieder, als sie ein Geräusch
an der Tür hörte. Jemand versuchte, das Schloß zu knacken!
Verschlafen richtete Lilo sich auf und rieb sich die Augen.
„Verdammt, du hast recht!“
Die Mädchen schlichen ins Jungenzimmer und rüttelten Axel
und Dominik aus dem Schlaf.
Die steile Holztreppe, die nach oben führte, knarrte.
„Sie sind im Haus, sie kommen!“ keuchte Poppi.
Nachdem sich die Knickerbocker mit Kissen bewaffnet hatten,
bezogen sie hinter der Tür des Jungenzimmers Stellung. Axel
hatte im letzten Augenblick sogar einen Krug entdeckt und war zu

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allem entschlossen: Die beiden Eindringlinge sollten gebührend


empfangen werden.
Die Junior-Detektive hörten, wie jemand zum Mädchenzimmer
ging.
Dann steuerten die Besucher auf das Jungenzimmer zu.
Langsam schwang die Tür auf.
Axel gab den anderen ein Zeichen: Angriff!

Wer hat das Haus betreten?

Dominik, Lilo und Poppi hatten die Kissen an nur einem Zipfel
gepackt und schleuderten sie mit aller Kraft gegen die Eindring­
linge. Axel holte mit der Vase aus, um zumindest einen der
beiden zu erledigen.
„Seid ihr verrückt?“ sagte sein Vater.
Wie sich herausstellte, war er mit einer Kollegin gekommen, um
ihr das Häuschen zu zeigen. Da er seinen Schlüssel vergessen
hatte, war ihm nichts anderes übriggeblieben, als die Hintertür zu
benutzen. Der Schlüssel dafür lag immer unter einem Stein an der
Wand.
Erleichtert gingen die vier Freunde wieder zu Bett.
Als sie um Mitternacht tief und fest schliefen, kam allerdings
noch einmal Besuch.

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Zwei ungewöhnliche Pistolen

Für den nächtlichen Besucher war es eine Kleinigkeit, in das Haus


zu gelangen. Er trug zwei klobige Pistolen in der Hand, als er
durch die unverschlossene Gartentür in die Küche trat.
Er steckte sich eine zigarettengroße Stabtaschenlampe in den
Mund und leuchtete sich damit den Weg. Die Pistolen waren
entsichert.
Geschickt schmiegte er sich gegen die Wand des Stiegenhauses
und rutschte mit dem Hinterteil am Treppengeländer nach oben.
So lastete nicht das ganze Gewicht auf den Beinen: die Treppe
knarrte kaum.
Im Obergeschoß angekommen, blieb er stehen und wartete. Aus
allen Zimmern kam ruhiges, regelmäßiges Atmen. Die Türen
waren nur angelehnt.
Der nächtliche Besucher drückte mit der Schulter eine Tür auf
und betrat den Raum.
Unter seinen Schuhen, die eine dicke, weiche Sohle hatten,
ächzte ein Bodenbrett.
Axels Vater hob erschrocken den Kopf. Er hatte einen sehr
leichten Schlaf.
„Ist da wer?“ fragte er leise.
Der Unbekannte zögerte keine Sekunde und stürzte sich auf ihn.
Er setzte die Pistole, die er in der rechten Hand trug, an Herrn
Klingmeiers Arm und drückte ab.
Ein kurzes Zischen war zu hören.
Herr Klingmeier wollte schreien, aber er kam nicht mehr dazu.
Kraftlos sank er auf das Bett zurück. Sofort zückte der Mann die
zweite Pistole, setzte sie ihm ebenfalls an den Arm und drückte
ab. Abermals zischte es.
Auf der Pistole blinkte ein rotes Lämpchen auf.
Der Unbekannte fluchte. Es war zu spät, sich jetzt mehr Serum
zu holen!
Ein paar Sekunden schien der nächtliche Besucher zu überlegen,
was er jetzt tun sollte. Dann schlich er ins Mädchenzimmer.
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Lilo und Poppi war warm geworden. Ihre bloßen Oberarme


lachten ihm entgegen. Er verpaßte jedem der beiden Mädchen
eine Dosis des ersten Mittels und hastete dann in das Zimmer der
Jungen.
Nachdem er auch Dominik damit versorgt hatte, wandte er sich
Axel zu. Der Eindringling zitterte vor Wut, weil er so nachlässig
gewesen war und nicht überprüft hatte, wieviel Serum die Pistolen
enthielten. Er beugte sich über Axel, der sich in diesem Moment
auf die andere Seite drehte. Der Knickerbocker streifte dabei das
Hosenbein des Besuchers und zuckte zusammen.
Axel fuhr hoch und sah die dunkle Gestalt über sich. Er wollte
schreien, aber der Unbekannte hielt ihm den Mund zu. Brutal
schob der Eindringling den Kopf des Jungen zwischen seine Knie
und versuchte, an den Oberarm seines Opfers zu gelangen.
Wild schlug Axel auf den Angreifer ein, doch dieser ließ sich
nicht beirren.
Schließlich gelang es dem Eindringling, die Pistole anzusetzen.
Axel spürte den kühlen Lauf und geriet in Panik. Er bäumte sich
auf, als der Unbekannte abdrückte. So drang nur ein Teil der
Dosis in seinen Körper.
Nun blinkte auch bei dieser Pistole das rote Lämpchen auf.
Der Eindringling bekam einen Wutanfall.
Axel sank schlapp zurück. Er war wie die anderen betäubt
worden. Die Menge, die ihm verabreicht worden war, würde ihn
jedoch nicht einmal eine Stunde schlafen lassen. Seine Freunde
und sein Vater hingegen würden erst nach frühestens zwölf
Stunden erwachen. Doch bis auf Herrn Klingmeier hatte niemand
das zweite Serum erhalten – das Serum, auf das es ankam...

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Von wem werden solche Pistolen, die


nicht in Waffengeschäften erhältlich sind,
üblicherweise eingesetzt?

Nachdem der Unbekannte die beiden Impfpistolen, die von einem


befreundeten Arzt stammten, in den Taschen seines Sakkos hatte
verschwinden lassen, schnappte er Axel und warf ihn sich wie
einen Sack über die linke Schulter. Er schlich aus dem Haus und
legte den betäubten Jungen in den Kofferraum seines Wagens.
Dann schwang er sich hinter das Lenkrad, ließ den Motor an und
gab Gas.
Er wollte dem Jungen zuerst eine zweite Dosis des Betäubungs­
mittels verabreichen und ihm dann das Serum injizieren, das er
nur Herrn Klingmeier gespritzt hatte. Erst dann würde er wieder
in das Häuschen am See zurückkehren und sich den drei Kindern
widmen.
Wenn der Mann auch wußte, daß das Serum gerade bei Kindern
nicht immer wirkte, mußte er es versuchen: Vielleicht klappte es,
und sie würden sich, wenn sie wieder zu sich kamen, an nichts
mehr erinnern, was in den letzten Tagen geschehen war.

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Völlig schwerelos

Heftiges Knirschen drang an Axels Ohren. Es weckte ihn aus der


Narkose, die noch weniger lang angehalten hatte, als der nächtli­
che Besucher erwartet hatte.
Stöhnend wollte sich der Knickerbocker aufrichten. Sein
Schädel dröhnte. Er stieß mit dem Kopf gegen etwas Hartes,
begriff, daß er sich in einem engen, geschlossenen Raum befand,
und bekam Platzangst.
Wo lag er?
In einem Blechsarg?
Das Rumpeln und Rütteln verriet ihm dann, daß er in einem
Auto unterwegs war.
Wir rollen über einen Kiesweg, dachte er.
Der Wagen hielt. Axel ballte die Fäuste, spürte aber, wie wenig
Kraft er hatte. Niemals würde er denjenigen überwältigen können,
der den Kofferraum öffnen und sich über ihn beugen würde.
Der Fahrer des Wagens stieg aus.
„Und, hast du alles erledigen können?“ fragte ihn eine Frauen­
stimme.
Axel horchte auf. War das nicht Ricarda? Die Ähnlichkeit war
groß.
„Es war wie verhext! Die Pistolen waren nicht ganz gefüllt – ich
habe nur dem Mann das Vergessensserum verabreichen können.
Die Kinder konnte ich nur betäuben, und einen der beiden Jungen
habe ich dann auch noch schlecht erwischt, als mir das Mittel
ausging. Er liegt im Kofferraum“, antwortete der Mann.
„Bist du wahnsinnig? Wie konntest du ihn herbringen? Diese
verdammten Kinder haben nichts als Ärger gemacht!“ tobte die
Frau.
„Du hast sie selbst ausgesucht!“ sagte der Mann vorwurfsvoll.
„Und was machen wir mit dem kleinen Dreckskerl?“ wollte die
Frau wissen. „Die kleinen Wichtigtuer dürfen uns nicht mehr in
die Quere kommen!“

- 41 -

„Reg dich ab, du überschätzt die Kinder total!“ meinte ihr


Komplize. „Kümmere dich lieber um Willi! Er muß die Diskette
erhalten – wir brauchen ihn.“
„Es ist alles geregelt. Es wird jemand in Wien mit ihm Kontakt
aufnehmen!“ brummte die Frau.
Sie traten an das Auto und öffneten den Kofferraum. Axel war
so durcheinander, daß er nicht reagierte: Er schloß seine Augen
erst, als der Schein einer Lampe auf ihn fiel.
„Der Kleine ist wach!“ kreischte die Frau.
„Das gibt es nicht!“ staunte der Mann.
Finger fuhren über Axels Gesicht und zogen die Augenlider
hoch. Eine Lampe wurde auf ihn gerichtet.
„Natürlich ist er wach!“ rief die Frau.
Der Mann rannte ins Haus und kehrte mit einer Impfpistole
zurück. „Los, hol Alpha!“ schrie er.
„Wieso? Er ist keiner der Auserwählten!“ entgegnete seine
Komplizin.
Da spürte der Junior-Detektiv abermals einen kleinen Stich am
Arm. Er war machtlos. Kaum hatte die Pistole seinen Arm
berührt, spürte er schon die Wirkung des Mittels, das sich in
seinem Körper ausbreitete. „Es ist tatsächlich Ricarda!“ schoß es
ihm noch durch den Kopf, bevor ihm schwarz vor Augen wurde.
Und nun lag er in diesem Raum mit dem gleißenden Licht. Und
neben ihm stand jemand, der aussah wie ein Außerirdischer.
Die Stimme hatte nichts Menschliches an sich und drang tief in
sein Bewußtsein.
Die Sprache war Axel fremd. Dennoch taten die Sätze ihre
Wirkung. Es waren Befehle, die von ihm Besitz ergriffen, ihn
ausfüllten.
Das Wesen mit dem merkwürdigen Kopf schien sich allmählich
ganz und gar seines Willens zu bemächtigen.
Die Blitze verdoppelten sich, die Herzschläge auch. Das grelle
Licht hüllte Axel ein, und nun hatte ihn die Kreatur in seiner
Gewalt. Das Junge verspürte keinerlei Widerstand mehr.
„Es gibt Außerirdische. Sie sind gelandet. Sie beginnen uns zu
beherrschen“, schoß es ihm durch den Kopf.

- 42 -

Plötzlich schien der Raum zu zerbersten. Die Rhythmen über­


schlugen sich, das Licht brach, und eine gespenstische Dämme­
rung breitete sich aus. Das sonderbare Wesen war verschwunden.
Axel hatte das Gefühl, im All zu schweben. Schwerelos glitt er
durch unendliche Weiten.
Bevor er die Besinnung verlor, ging ihm ein Gedanke durch den
Kopf – wieder und immer wieder: „Ich bin ein Auserwählter. Ich
bin ein Auserwählter. Ich bin ein Auserwählter!“

- 43 -

Die Entführung

Dominik kam langsam zu sich.


Seit der Abfahrt des Mannes waren erst zwei Stunden vergan­
gen, doch die Wirkung des Betäubungsmittels ließ bereits nach.
Der Grund dafür war Dominiks T-Shirt: Es hatte am Rand des
Ärmels einen ringförmigen Aufdruck, dessen Farbe eine
gummiartige Schicht bildete.
Der Mann hatte die Impfpistole nicht direkt am Arm angesetzt.
In seiner Panik, daß jemand aufwachen könnte, hatte er Dominik
die Dosis durch den kurzen Ärmel des T-Shirts injiziert. Dadurch
war nur eine geringe Menge in den Körper des Jungen einge­
drungen.
Der Knickerbocker richtete sich auf und tastete nach Axel. Die
Luftmatratze und der Schlafsack neben ihm waren leer.
War sein Kumpel vielleicht schon aufgestanden?
Mühsam kämpfte sich Dominik auf die Beine und torkelte zum
Zimmer der Mädchen. Er rüttelte Poppi und Lieselotte, aber sie
wachten nicht auf.
Bei Herrn Klingmeier erging es ihm nicht besser.
„Was ist nur mit denen los?“ fragte sich der Knickerbocker
besorgt.
Dominik spürte einen leichten Schmerz an seinem linken Ober­
arm, der ihn an die letzte Impfung erinnerte, die er erst vor
wenigen Wochen bekommen hatte.
Im Badezimmer knipste er das Licht an und betrachtete seinen
Arm. Er entdeckte einen winzigen roten Punkt. War das ein
Einstich?
Er ließ eiskaltes Wasser ins Waschbecken laufen und holte
mehrere Handtücher. Er tauchte sie ein und begann dann damit
seine Knickerbocker-Freundinnen und Axels Vater zu bearbeiten.
Die beiden Mädchen stöhnten leise und schüttelten sich, wach­
ten aber nicht auf. Herr Klingmeier reagierte überhaupt nicht.
„Ich muß die Rettung rufen!“ fiel Dominik ein.

- 44 -

Er suchte nach dem Handy von Axels Vater, konnte es aber


nicht finden.
„Ich muß die Rettung und die Polizei verständigen!“ hämmerte
es in Dominiks Kopf.
Er schlüpfte in seine Jeans und zog einen Pulli über. Mit bloßen
Füßen tappte er aus dem Haus, durch den Garten und auf die
Straße. Wo war nur die nächste Telefonzelle?
Hinter ihm kam ein Auto.
Dominik drehte sich um und winkte.
Der Wagen bremste ab, und das Fenster auf der Fahrerseite
wurde nach unten gekurbelt.
Dominik stieß einen Schrei aus und rannte los. Er hatte in das
runzelige Gesicht der Frau geblickt, die ihnen die Diskette
abgenommen hatte.
Dann kam aber noch ein Wagen. Er kam Dominik entgegen,
fuhr an ihm vorbei und bremste vor dem Gartentor des Seehauses.
Ein Mann stieg aus und lief auf das Haus zu. Verwirrt sah er
mehrmals in Dominiks Richtung.
Der Junior-Detektiv hatte sich hinter einem Laternenpfahl
versteckt und spähte vorsichtig zum Haus hinüber.
Die kleine drahtige Frau sprang aus ihrem Wagen und stolperte
auf den Mann zu. Sie rief etwas, das Dominik nicht ganz
verstehen konnte. Ein heftiger Windstoß fegte gerade über das
Seeufer und ließ die Bäume laut rauschen.
Der Mann packte die Frau und zerrte sie zu seinem Auto. Er
hielt ihr den Mund zu, so daß sie nicht schreien konnte. Ihre Kraft
reichte nicht aus, um sich gegen diesen Kerl zur Wehr zu setzen.
Dominik sah, wie der Mann eine Pistole aus dem Handschuh­
fach holte und sie der Frau am Arm ansetzte. Gleich darauf sackte
sie in sich zusammen, und er verstaute sein Opfer im Kofferraum
seines Wagens.
Der Knickerbocker faßte sich an den Arm. Er war bestimmt
auch auf diese Art betäubt worden.
Der Mann rannte ins Haus, kam aber bald wieder auf die Straße
gestürzt. Er lief in Dominiks Richtung und suchte die Umgebung
nach ihm ab.

- 45 -

Fluchend gab er nach ein paar Minuten auf und verschwand


wieder im Seehaus.
Dominik war inzwischen unter einem am Straßenrand abgestell­
ten Fahrzeug in Deckung gegangen und hatte von dort aus beob­
achtet, was der Mann tat. Als dieser sich an ihm vorbeigepirscht
hatte, war dem Junior-Detektiv fast das Herz stehengeblieben. Der
Mann hatte direkt neben dem parkenden Wagen angehalten und
sich umgedreht. Dominik hatte damit gerechnet, jeden Augen­
blick entdeckt und aus seinem Versteck gezerrt zu werden.
Nun stockte dem Jungen der Atem. „Nein, nicht!“ hauchte er.
Dominik wußte nicht, was er tun sollte: Der Mann trug eben die
beiden Mädchen aus dem Haus und verlud sie in den Wagen.
Schon fuhr er davon.
Dominik kroch aus seinem Versteck und schämte sich, nichts
unternommen zu haben.
Er rannte und rannte, bis er endlich St. Gilgen erreichte. Nach
langem Suchen fand er eine Telefonzelle und benachrichtigte die
Polizei von der Entführung.
Dann machte er sich auf den Rückweg. Der Junior-Detektiv traf
zur gleichen Zeit beim Seehaus ein wie der Streifenwagen.
Stammelnd berichtete er den beiden Polizisten, was sich ereignet
hatte.
Die Männer waren freundlich, doch Dominik sah ihnen an, daß
sie ihm nicht glaubten. Sie folgten ihm ins Haus und beäugten die
leeren Luftmatratzen und Schlafsäcke.
Dann beugten sie sich über Herrn Klingmeier.
„Ruf die Rettung!“ trug der eine seinem Kollegen auf. In diesem
Augenblick entdeckte er jedoch auf dem Nachtkästchen eine
Schachtel Tabletten. Er las den Beipackzettel und kontrollierte,
wie viele Tabletten noch in der Packung waren: „Der gute Mann
hat Schlaftabletten genommen. Kein Wunder, daß er nicht wach­
zubekommen ist!“ brummte er und warf Dominik einen mißtraui­
schen Blick zu.
Der gerufene Arzt konnte auch nur feststellen, daß Herr Kling­
meier aufgrund einer großen Dosis Schlaftabletten tief und fest

- 46 -

schlief. Zur Sicherheit ließ er Axels Vater jedoch ins Krankenhaus


bringen.
„Aber meine Freunde sind verschwunden! Zuerst konnte ich
Axel nicht finden, und dann hat ein Mann Lilo und Poppi geholt!“
sagte Dominik.
Da piepste das Handy. Dominik drückte die Empfangstaste und
meldete sich.
„Hallo, ich bin’s, Axel!“ hörte er die aufgeregte Stimme seines
Kumpels. „He, du alter Langweiler, warum bist du nicht
nachgekommen? Es ist super hier. Wir haben einen irren Spaß
und werden garantiert nicht zum Schlafen kommen.“
„Aber wo... wo steckt ihr?“ stammelte Dominik.
„Na, wo schon? Tu nicht so!“ kicherte Axel. „Das weißt du
doch genau!“ fügte er hinzu und legte auf.
Der Polizist hatte mitgehört. „Also, es klärt sich alles auf. Deine
Freunde scheinen irgendwo eine Mitternachtsparty zu feiern. Aber
ohne dich! Beim nächsten Mal würde ich nicht kneifen! Sollen
wir dich in ein Kinderheim bringen oder bleibst du allein im
Haus?“
Dominiks Stolz war mehr als verletzt. Er ließ sich nicht gerne
als Feigling und Dummkopf hinstellen. „Ich bleibe da“, brummte
er und wandte sich um.
Nachdem die Polizisten gegangen waren, rannte er wie ein
gefangenes Tier durch die Zimmer und bebte am ganzen Körper.
Was sollte er tun, wenn der Mann zurückkehrte?
Er lief zum Steg, band das Boot los und ruderte auf den stillen,
spiegelglatten See hinaus. Ein großes Stück vom Haus entfernt
legte er an. Hier fühlte er sich sicherer.
Was sollte er nur unternehmen?
Plötzlich kam ihm eine Idee.

- 47 -

Was wird Dominik tun?

- 48 -

Dominik gibt nicht auf

Axel saß in einem völlig leeren Raum. Die Wände und der Boden
waren aus gebürstetem Metall. Er fühlte sich wie in einem riesi­
gen Abwaschbecken.
Der Raum war hell, denn zwischen den Wänden und der Decke
befand sich eine schmale Fuge, aus der helles Licht drang.
Axel wußte nicht, ob Tag oder Nacht war. Seine Uhr war ihm
abgenommen worden. Er spürte nicht einmal, ob er müde oder
ausgeruht war.
Hauptsache, die Schwere war aus seinen Gliedern gewichen. Er
konnte sich wieder normal bewegen.
Vor einiger Zeit hatte er Dominik angerufen. Er war auf ein
Telefon zugegangen und hatte mit ihm gesprochen. Die Worte
waren aber nicht aus seinem Kopf gekommen. Er hatte sie sagen
müssen, er hatte keine andere Wahl gehabt. Etwas hatte ihn dazu
gezwungen. Eine innere Stimme. Sobald er auch nur daran dachte,
sich dieser Stimme zu widersetzen, verspürte er starke Schmerzen
in der Brust.
Jetzt waren nebenan Geräusche zu hören. Axel erinnerte sich,
schon einmal dieselben Geräusche vernommen zu haben. Wann
das gewesen war, wußte er aber nicht.
Irgendwie fühlte sich Axel, als stünde er neben sich, als wäre er
gar nicht in seinem Körper.
Der Raum hatte keinen Ausgang. Auch Fenster gab es keine.
Axel verstand nicht, wie er hierher gelangt war. Doch eines wußte
er: Er befand sich im Energiefeld einer unheimlichen fremden
Macht. Es war kein Raumschiff, nichts Gegenständliches, sondern
ein umrißloses Gebilde aus Energie und Licht.
Axel mußte pinkeln. Er stand auf und sah sich suchend um.
Sollte er seine Notdurft einfach in einer Ecke verrichten? Ihm
ekelte bei dem Gedanken. Er kam sich plötzlich wie ein Hund in
einem Zwinger vor.
„He, rauslassen, ich muß mal! Laßt mich raus!“ rief er und
trommelte gegen die Metallwände, die zu seiner Überraschung
- 49 -

nicht besonders dick zu sein schienen. Waren sie aus Blech? Er


warf sich gegen jede der vier Wände und spürte plötzlich, daß es
heller wurde.
Durch eine der senkrechten Kanten drang Licht. Axel entdeckte,
daß er die Wand links von sich verschoben hatte. Er drückte
weiter dagegen und stemmte sie schließlich so weit auf, daß er
seine Zelle verlassen konnte.
Nun stand er in einem Saal mit hohen Bogenfenstern. Draußen
erstreckte sich ein prachtvolles Bergpanorama.
Axel tappte wie ein Schlafwandler durch den Saal. Seine Augen
schmerzten im Tageslicht. Die Sonne stand hoch am Himmel. Es
mußte um die Mittagszeit sein.
Was Axel nicht wußte, war, daß Dominik vor dem Haus stand.
Der Junior-Detektiv hatte in Lilos Rucksack Aufzeichnungen
über die geheimnisvolle Gesellschaft zur Erforschung von Leben
aus dem All gefunden. Das Superhirn hatte natürlich auch die
Adresse festgehalten, die sich Axel von Fritz hatte durchgeben
lassen.
Am Vormittag hatte es für Dominik noch eine schlimme Über­
raschung gegeben. Die Polizei war vorbeigekommen und hatte
ihn gerügt, weil er gelogen hatte. Als Axels Vater munter gewor­
den war, hatte man ihn umgehend befragt: Herr Klingmeier war
aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen, als er erfuhr, was
Dominik der Polizei erzählt hatte.
Der Junior-Detektiv hatte beschlossen, die Sache nun selbst in
die Hand zu nehmen. Er zitterte bei dem Gedanken, der unbe­
kannten Gefahr ganz auf sich allein gestellt gegenüberzutreten,
aber er konnte und wollte seine Freunde nicht im Stich lassen. Bis
die Polizei ihm endlich glaubte, war es vielleicht zu spät.
Der Sitz der Gesellschaft war ein Barockschloß, das ihn an die
Anlage erinnerte, die sie besichtigt hatten. Ein langer Kiesweg
führte durch einen Park darauf zu.
Dominik sah den Wagen vor dem Schloß stehen, den er in der
Nacht beobachtet hatte. In ihm waren seine Freunde weggebracht
worden. Wie sollte er in das Haus gelangen? Ricarda durfte er auf
keinen Fall über den Weg laufen.

- 50 -

Dominik hörte hinter sich Schritte im Kies. Er versteckte sich


hinter einem dicken Baum und sah einen jungen Mann kommen.
Es war ein zarter, schwächlich aussehender Bursche mit großen
abstehenden Ohren und einer artig geschnittenen Frisur. Er eilte
auf das Haus zu, und Dominik folgte ihm im Schutz der Büsche.
Der Mann betätigte die Klingel.
„Bitte nennen Sie Ihren Namen!“ forderte ihn eine Stimme aus
einem Lautsprecher auf.
„Willi. Willibald Wurzer!“ sagte der junge Mann. „Ich kann es
noch kaum glauben, aber ich wußte es. Natürlich habe ich
niemandem davon erzählt – ich will doch nicht wieder ausgelacht
werden.“
Die Tür öffnete sich automatisch und lud zum Eintreten ein.
Dominik nahm allen Mut zusammen und überquerte den
Vorplatz. An der Hausmauer entlang schlich er geduckt zur Tür,
die sich langsam schloß.
Über seinem Kopf surrte etwas. Er blickte auf und sah eine
Überwachungskamera. Sie war auf die Tür gerichtet, begann jetzt
aber zu ihm herüber zu schwenken.
Die Tür war nur noch einen Spaltbreit offen.
Dominik vermutete, daß die Kamera mit einem Infrarotsensor
ausgestattet war, der auf Körperwärme reagierte.
Plötzlich trat er auf etwas, das ihn fast ausrutschen ließ. Er sah
zu Boden. Es war der Gartenschlauch. Er hing an einem
Wasserhahn der Hausmauer.
Dominik schnappte den Schlauch, öffnete die Düse – und schon
schoß ein Strahl in Richtung Kamera. Sofort schwenkte diese
nach unten. Sie war darauf programmiert, das Objektiv vor
Wasser zu schützen.
Im letzten Moment schaffte es Dominik, durch den Türspalt zu
schlüpfen. Klickend rastete das automatische Schloß ein.
„Hoffentlich haben die mich nicht bemerkt“, dachte er.
Er konnte Willi sehen, der die breite Freitreppe in den oberen
Stock hinaufstieg. Er wirkte fast andächtig. Es schien ein großer
Moment für ihn zu sein.

- 51 -

„Ich wette, es ist alles Schwindel!“ murmelte Dominik. „Wenn


an der Landung der Außerirdischen was dran wäre, wozu dann die
krummen Touren?“
„Hallo, ist da niemand?“ hörte der Junior-Detektiv Willi rufen.
Ein Surren war die einzige Antwort.
Dominik schlich ihm nach und beobachtete, wie der Mann auf
eine offene Tür zuging. Unheimlich grelles Licht strömte heraus.
Feierlich setzte WM seinen Weg fort. Das Licht schien ihn zu
verschlucken.
Dominik hörte einen leisen Aufschrei. Danach ertönte ein
metallisches Klicken, das den Jungen an Handschellen erinnerte.

- 52 -

Eine verblüffende Wendung

Der Junior-Detektiv spähte durch die offene Tür, konnte aber


nichts erkennen, weil das Licht ihn so blendete. Er legte die Hän­
de vor die Augen und äugte zwischen den Fingern in den Raum.
Dort standen Ricarda und ein rotbärtiger Mann. Sie stützten
Willi, der kraftlos in ihren Armen hing. Vermutlich hatten sie ihn
betäubt. Sie schickten sich gerade an, ihm einen breiten Gürtel um
die Hüfte zu legen, der an einer Art Trapez hing. Zwei dünne
Stahlseile führten zur Zimmerdecke, wo Hunderte Halogenlam­
pen angebracht waren.
Dominik kannte die Vorrichtung, in die Willi eingespannt
wurde. Sie wurde am Theater für Schwebeeffekte eingesetzt. Der
Knickerbocker hatte das Gerät sogar schon einmal ausprobiert.
Man fühlte sich fast schwerelos darin.
Dann legten die beiden Willi auf einen Metalltisch. An seinem
Kopf brachten sie Kabel an, die zu einem Gerät mit Dutzenden
Anzeigen führten.
Sollte der Mann einer Gehirnwäsche unterzogen werden?
Hinter Dominik surrte es. Er wirbelte herum und fuhr erschrok­
ken zusammen. Ein Außerirdischer mit breitem Kopf und riesigen
Augen kam auf ihn zu.

Axel hatte die Hintertreppe des Hauses erreicht und tappte


langsam nach unten. Er hatte völlig die Orientierung verloren, und
sein Kopf war schrecklich leer.
Auf der Suche nach einer Toilette öffnete er jede Tür, auf die er
stieß. Nun war er im Keller angelangt. Axel konnte sich kaum
mehr zurückhalten, als er endlich sein Ziel erreicht zu haben
glaubte.
Er stürzte in den Raum und – stand vor einer Tresortür. Sie war
nur angelehnt. Neugierig zog er sie auf.
An der Decke gingen mehrere Lichtröhren an: Im Tresor lager­
ten an die dreißig rechteckige Metallbehälter. Die gelbschwarzen
Zeichen auf den Kisten ließen das Schlimmste befürchten.
- 53 -

Was bedeutet das Zeichen auf den

Behältern?

Dominik wich zur Seite und der Außerirdische wankte an ihm


vorbei. Bei jedem seiner Schritte war ein metallisches Knirschen
und Knacken zu hören.
Ein Roboter! Es war ein Roboter, kein Zweifel!
„Bring ihn in Position, dann können wir anfangen“, sagte
Ricarda. „Das Ding funktioniert jetzt einwandfrei, wie wir an
unserem jungen Freund feststellen konnten. Obwohl er nicht an
UFOs glaubt, führt er alles aus, was wir ihm mit der Alphastimme
befehlen.“
„Was tun wir eigentlich mit den anderen? Sie müßten schon
wach sein“, fragte der Bärtige.
„Wir machen sie uns auch gefügig. Warum nicht zwei Fliegen
mit einer Klappe schlagen?“ meinte Ricarda grinsend.

- 54 -

Dominik überlegte fieberhaft, was er jetzt unternehmen sollte.


Die beiden würden ihn sehen, wenn sie das Zimmer verließen.
Aber plötzlich erschien ihm die Lösung ganz einfach. Er sah
sich um und entschied sich für einen barocken Stuhl, der an einer
Wand stand. Auf Zehenspitzen holte er ihn, und dann ging alles
ganz schnell.

Was hat Dominik vor?

Axel hatte doch noch eine Toilette gefunden. Als er sie verließ,
fielen ihm die Geräusche ein, die er gehört hatte, als er in dem
Stahlraum gefangen gewesen war.
Er lief in den oberen Stock und kehrte zu dem Gebilde aus
Blechplatten zurück, in dem er erwacht war. Gleich dahinter be­
fand sich eine Tür. Sie war abgesperrt, aber der Schlüssel steckte.
Axel öffnete sie und riß die Augen auf. Vor ihm auf dem Boden
lagen Lilo und Poppi. Ein Stück entfernt sah er die Frau vom
Bahnhof. Durch das Geräusch der Tür geweckt, richteten sich alle
drei auf.
„Axel...“, stöhnte Lilo. „Was... wo sind wir... Was ist los?“
„Das darfst du mich nicht fragen! Ich weiß nur, daß im Keller
radioaktives Material lagert. Ich habe das Zeichen eindeutig
erkannt. Vielleicht brauchen die Außerirdischen das Zeug...“,
meinte der Junior-Detektiv.
„Es gibt keine Außerirdischen!“ sagte eine Stimme hinter ihm.
Jetzt war die Verblüffung von Axel, Poppi und Lilo perfekt.
Dominik stand in der Tür.
„Wie kommst du hierher?“ fragten sie wie aus einem Munde.

- 55 -

„Egal! Wichtig ist, daß wir hier wegkommen! Die beiden Gau­
ner habe ich eingesperrt. Aber es steckt nur ein Stuhl unter der
Klinke, und ich weiß nicht, wie lange der sie aufhält.“
Im Keller des Schlosses lagerte also Plutonium, ein radioaktives
Material, aus dem Atombomben hergestellt werden konnten. Der
Handel damit war strengstens verboten, und skrupellose Waffen­
händler zahlten Milliardenbeträge dafür.
Ricarda und ihr Komplize hatten das Plutonium vor Jahren
einem Schmuggler abgekauft. Der Schmuggler war in Österreich
in Bedrängnis geraten und hatte die heiße Ware schnell abstoßen
müssen. Da er unter großem Druck gestanden war, hatten der
Bärtige und Ricarda das Material zu sehr günstigen Bedingungen
erstanden.
Um das Plutonium teuer weiterverkaufen zu können, entschloß
sich das Gaunerpaar, es ins Ausland zu schaffen – was natürlich
die Gefahr in sich barg, dabei erwischt zu werden. Deshalb waren
sie auf die Idee verfallen, Kuriere auszubilden, die den Transport
für sie übernahmen.
Ricardas Komplize, Ernst Egon Lutovsky, war früher einmal ein
begeisterter Ufologe gewesen und mehreren Vereinigungen und
Klubs beigetreten. Er kannte daher viele Menschen, die von der
Landung Außerirdischer in einer Weise überzeugt waren, die an
Fanatismus grenzte. Dieser Besessenheit hatte sich das Gauner­
paar für seine Zwecke bedient und die Kuriere zu manipulieren
verstanden. Die Stahlkammer hatte dabei eine entscheidende
Rolle gespielt.
Die seltsame Stimme, die Axel gehört hatte, war eine elektroni­
sche Konstruktion und wirkte hypnotisch. Bekam die behandelte
Person von dieser Stimme – direkt oder per Telefon – etwas
aufgetragen, mußte sie es tun – und das im Glauben, im Auftrag
außerirdischer Kräfte zu handeln. Wurde ein Kurier festgenom­
men, war aus ihm nicht der geringste Hinweis auf die Drahtzieher
im Hintergrund herauszubekommen. Alles, was die Polizei zu
hören bekam, waren Geständnisse, sich den Befehlen außerirdi­
scher Mächte gefügt zu haben.

- 56 -

Glücklicherweise konnte die Hypnose rückgängig gemacht wer­


den. Sowohl Axel als auch seinem Vater wurde ein Gegenmittel
verabreicht, und bald waren die beiden geheilt.
Die Frau, die die Diskette am Bahnhof gestohlen hatte, war die
Schwester eines der Opfer, bei dem die Hypnose nicht so ganz
funktioniert hatte.
Friederike Radinger hatte von der UFO-Leidenschaft ihres
Bruders gewußt und eines Tages eine seltsame Veränderung an
ihm festgestellt. Mehrfach war er plötzlich verreist und konnte
sich bei seiner Rückkehr an nichts erinnern. Er hatte nur mehr von
den Befehlen seiner Freunde aus dem All gesprochen, die er
befolgen mußte, um ihnen zu helfen.
Mit viel Mühe und großer Geduld war es ihr gelungen, aus ihm
herauszubringen, was sich ereignet hatte. So war sie auf den
Kontaktpunkt am Salzburger Bahnhof gestoßen, wo sie tagelang
gewartet hatte. Bei Antritt seiner letzten Reise hatte ihr Bruder
kurz vor der Abfahrt des Zuges auf Gleis 6 einen silberfarbenen
Umschlag erhalten.
Die Frau ahnte, daß die Knickerbocker-Bande nicht so einfach
aufgeben würde. Ihr Cousin, der ihr beim Entschlüsseln der
Diskette geholfen hatte, war auf ein kodiertes Signal aufmerksam
geworden, das ihm verraten hatte, daß die Diskette kopiert
worden war.
„Die Geheimakte Y können wir also schließen“, sagte Lieselotte
zufrieden. „Das ist ja gerade noch einmal gutgegangen!“
Axel schmunzelte und rieb sich freudig die Hände. „Ich bin
schon auf die nächste Akte gespannt!“ rief er. Die Schrecken
waren vergessen, und er konnte kaum erwarten, was mit dem
nächsten Abenteuer auf ihn und seine Freunde zukommen
würde...

- 57 -

- 58 -

Willkommen im Horrorland

Lieselotte erwachte als erste. Verschlafen rieb sie sich die Augen
und richtete sich auf.
Da war ein Geräusch! Dann ein Stöhnen und Wimmern. Rief da
jemand um Hilfe?
Unruhig starrte das Superhirn der Knickerbocker-Bande in die
stockfinstere Nacht.
Lilo war sehr froh, daß ihre drei Freunde Axel, Poppi und
Dominik im selben Raum schliefen. Das gab ihr ein wenig Sicher­
heit.
Die schaurigen Rufe setzten von neuem ein, und Lilo zog den
Kopf zwischen die Schultern.
Das Mädchen weckte seine Freunde. „Hört ihr das auch?“ fragte
es sie.
Sehr müde und unwillig lauschten Axel, Dominik und Poppi in
die Dunkelheit.
„Da... ist eine Stimme!“ murmelte Dominik.
Axel zog unter seiner Decke eine starke Taschenlampe hervor
und knipste sie an.
Langsam ließ er den Lichtkreis über die Bücherregale gleiten,
die die ganze Wand entlang liefen und dem Raum etwas
Bedrückendes gaben.
Der Schein der Taschenlampe fiel nun auf eine der zahlreichen
Buchstützen aus Bronze, die Voodoo-Priester mit eigenartig
verzerrten Gesichtern darstellten.
Axel fuhr zusammen. Die gruseligen weißen Ringe, die um die
Augen des Priesters gezogen waren, hatten sich bewegt.
Der Mund des Jungen war staubtrocken. „Seht ihr... das auch?“
hauchte er. „Der Kopf verwandelt sich in einen Totenschädel!“
„Eine Schlange!“ wisperte Poppi. „Da kriecht eine Schlange aus
dem Mund des Mannes. Eine Mamba!“
Lieselotte kniff die Augen zusammen und murmelte: „Nein!
Das sind... das sind Skorpione in seinen Haaren!“
Dominik sah Vogelspinnen aus der Nase hervorkommen.
- 59 -

Das Stöhnen und Flehen des Voodoo-Priesters wurde immer


eindringlicher.
Axel sprang aus dem Bett und tastete sich zur Tür. „Raus hier!
Raus!“ rief er. „Da kommt ein Mann aus der Wand... er hat einen
Stab mit einem Totenkopf in der Hand! Er will uns etwas antun!“
Jetzt schossen auch die anderen aus den Betten und stolperten
aus dem Raum.
Sie gelangten auf eine Veranda, von der einige Stufen hinab in
den Garten führten. Im schwachen Licht des Mondes wirkten die
prachtvollen Palmen, Sträucher und Blumen wie Gebilde aus
Metall.
Als Axel, Lilo, Poppi und Dominik sich genauer umsahen,
erreichte der Schrecken dieser gespenstischen Nacht seinen Höhe­
punkt.
Auch die handtellergroßen Blüten des Busches direkt vor Axel
nahmen für ihn nun die Gestalt von Totenköpfen an. Poppi ver­
folgte entsetzt, wie aus einem Gartenschlauch eine Schlange
wurde, für Lieselotte verwandelte sich eine Sichel in einen
Riesenskorpion, und ein harmloser Laubrechen kroch Dominik als
mächtige Spinne entgegen.
Für jeden der vier Knickerbocker war ein Alptraum Wirk­
lichkeit geworden...

- 60 -

Wo ist Axel?

Lieselotte packte Poppi und Dominik an den Händen. „Kommt


mit... wir bleiben keine Sekunde länger hier!“ rief sie.
Keiner der beiden widersprach ihr. Bei Tag hatte das weiß
gestrichene Holzhaus mit dem roten Dach und den rot-weiß
gestreiften Markisen so freundlich und harmlos ausgesehen. Es
lag so friedlich auf dem Hügel über dem Meer.
In der Nacht hatte es nun sein wahres Gesicht gezeigt. Es war
ein Spukhaus, auf dem tatsächlich ein böser Fluch lasten mußte.
Der Voodoo-Priester, der zum Leben erwacht war, ließ die
Knickerbocker-Bande nicht los.
Lilo, die noch immer Poppi und Dominik im Schlepptau hatte,
erreichte den Zaun und sprang einfach darüber. Die beiden
jüngeren Mitglieder der Bande hatten große Mühe, ihr zu folgen.
Der Kies knirschte unter den bloßen Füßen der sich langsam
vorantastenden Freunde. Der Mond gab nur wenig Licht, und ihre
Taschenlampen hatten sie im Schlafzimmer vergessen. Dorthin
würden sie allerdings keine zehn Pferde mehr zurückbekommen!
Auf einmal blieb Lilo stehen. „Und wo ist Axel?“ rief das
Superhirn.
Suchend blickten sich die drei um. Sie hatten nicht auf ihren
Kumpel geachtet. Wo steckte er?
„Axel! Axel! Wo bist du?“ riefen sie in die Nacht.
Keine Antwort.
Was jetzt?
„Wir müssen umkehren!“ stieß Lieselotte hervor.
„Muß das sein?“ murmelte Poppi.
„Wir können ihn nicht im Stich lassen!“ meinte Lilo entschie­
den.
Die drei Junior-Detektive drängten sich eng aneinander, als sie
sich dem Haus auf dem Hügel näherten. Eine unsichtbare, aber
sehr, sehr starke Kraft schien sie abhalten zu wollen.
„Ein Feuer!“ flüsterte Dominik. Zwischen den dicken Stämmen
der Palmen im Garten tanzte ein flackernder Lichtschein.
- 61 -

Fast gleichzeitig entdeckten die drei ihren Kumpel. Er lehnte


mit dem Rücken gegen einen Baum und starrte mit weit aufge­
rissenen Augen auf eine Metallschale. Sie stand vor ihm auf dem
Boden, und kniehohe grüne Flammen loderten aus ihr empor.
Von der Seite tauchte eine zweite Gestalt auf, deren Anblick
den Knickerbockern den Atem verschlug: Es war der Voodoo-
Priester.
Mit Entsetzen sahen Poppi, Lilo und Dominik die Kiste, die er
gerade neben sich abstellte. Sie hatte die Form eines Fisches.
„Das... das ist ein Voodoo-Sarg!“ keuchte Dominik. Er kannte
sich bei diesen Dingen einigermaßen aus, da er bereits mehrere
Bücher über den Geheimkult gelesen hatte.
„Der Mann will Axel in den Sarg legen und... lebendig be­
graben!“
Lilo schüttelte immer wieder stumm den Kopf. „Nein... nein...
das darf nicht geschehen... Nein!“ Aber wie sollten sie dem Jun­
gen zu Hilfe kommen, ohne selbst in die Gewalt des Priesters zu
geraten? Zweifellos hatte er Axel mit einer Droge betäubt oder
berauscht.

- 62 -

Der Zauberer

Der Voodoo-Magier hob beschwörend die Arme und warf eine


Handvoll Körner in das Feuer. Sofort änderte sich die Farbe der
Flammen.
Der Zauberer, dessen Gesicht wie eine Totenkopffratze wirkte,
öffnete den Sarg, richtete die gespreizten Finger auf Axel und
schloß die Augen.
Der Junge gehorchte widerspruchslos und torkelte los. Mit star­
rem Blick schritt er in sein Verderben. Dicke gelbe Rauchschwa­
den quollen aus der Feuerschale und umnebelten ihn.
Lieselotte atmete schwer. Lautstark sog sie die Luft ein und
knabberte nervös an den Spitzen ihrer Zöpfe. Es mußte ihr etwas
einfallen!
Poppi hatte die Hände zu Fäusten geballt. Warum waren sie so
machtlos?
Das Mädchen trat von einem Fuß auf den anderen, und seine
Zehen berührten dabei etwas Dünnes, Kühles und Hartes. Poppi
überlegte kurz und wagte es dann, sich zu bücken und danach zu
greifen.
Das war es! Das war die Rettung!
Das Mädchen beugte sich zu Dominik und flüsterte ihm etwas
ins Ohr.
Der Junge nickte und tastete sich nach links in die Dunkelheit.
Bald hatte er gefunden, wonach er suchte. Er drehte den Hahn
ganz auf, und schon begann das Wasser aus dem Schlauch zu
schießen. Poppi hatte ihn genau auf den Voodoo-Magier gerichtet,
der einen hohen, langgezogenen Schrei ausstieß, als er von dem
scharfen Strahl am Kehlkopf getroffen wurde. Zischend erlosch
das Feuer.
Nun spritzte das Mädchen auch seinen Kumpel an, der zusam­
menfuhr und sich dann wie ein Hund schüttelte.
„Was ist los... wo bin ich?“ prustete Axel.

- 63 -

„Komm her! Schnell! Hier sind wir!“ schrie Lieselotte und kam
ihrem Freund entgegen. Sie packte ihn am Unterarm, und gemein­
sam hastete die Knickerbocker-Bande nun den Hügel hinunter.
Dabei sahen sich die vier Junior-Detektive kein einziges Mal
um. Ihr einziger Gedanke war, dem unheimlichen Ort zu entkom­
men.
Endlich erreichten sie die breite, aber ziemlich mitgenommene
Landstraße, die zum nächsten Dorf führte. Lilo breitete die Arme
aus. „Stopp! Da ist jemand! Seht ihr den Wagen?“ flüsterte sie.
Die Autotür wurde geöffnet, und eine junge Frau stieg aus.
„Lieselotte, ich bin es!“ rief im nächsten Augenblick eine
bekannte Stimme.
„Alice!“ jubelten die Knickerbocker und eilten auf die Frau zu.
Erleichtert fielen sie ihr um den Hals. „Bitte bring uns von hier
fort!“ flehten die sonst gar nicht so ängstlichen Abenteurer.
„Es war der blanke Horror!“ berichtete Dominik, sobald der
Wagen losfuhr.
„Ihr... ihr habt es also auch erlebt? Dann war es also keine
Einbildung!“ sagte Alice. „In dem Haus geht es nicht mit rechten
Dingen zu!“
Die Knickerbocker-Bande war ratlos, aber die vier wollten der
Sache auf den Grund gehen, sobald sie sich ein wenig gefangen
hatten.

- 64 -

Horror im „Wunderland“

Alice war Lieselottes Brieffreundin. Sie war um sieben Jahre älter


als das Superhirn, aber sie verstand sich prächtig mit ihrer jünge­
ren Freundin. Lilo hatte Alices Namen und Adresse in einer
Jugendzeitschrift gefunden und ihr geschrieben.
Die junge Frau lebte in Miami und hatte vor einigen Monaten
das weiße Holzhaus samt Garten und einem Stück Strand von
ihrem Onkel Harry geerbt.
Das Grundstück lag auf der traumhaften Insel St. Thomas in der
Karibik.
Zuerst war Alice von diesem „Wunderland“, wie sie es genannt
hatte, begeistert gewesen, aber schon im nächsten Brief hatte sie
Lieselotte von den schaurigen Erscheinungen erzählt, die sie
Nacht für Nacht verfolgten. Da sie wußte, wie erfolgreich die
Knickerbocker im Aufdecken mysteriöser Ereignisse waren, hatte
sie die Bande in den Weihnachtsferien eingeladen, in die Karibik
zu kommen.
Wenn der erste Eindruck von der Insel auch die absoluten
Traumferien versprochen hatte, sehnte sich Axel nach den
Vorkommnissen dieser Nacht auf einen österreichischen Berg
zum Skifahren. Für ein gemütliches Bett und spukfreie Nächte
verzichtete er gerne auf Sonne und Wärme.
Bereits im Auto arbeiteten Lieselottes Gehirnzellen auf Hoch­
touren.
Die Junior-Detektive hatten das Gebäude genauestens unter­
sucht – innen und außen. Dabei war ihnen nichts, aber absolut
nichts Verdächtiges aufgefallen.
Geistererscheinungen dieser Art konnten nur mit Hilfe kompli­
zierter technischer Geräte erzeugt werden. Aber im ganzen Haus
war kein Hinweis auf eine Anlage dieser Art zu entdecken
gewesen.
Bis in die Abenddämmerung hinein waren sie dann im Garten
gesessen und hatte das Anwesen keine Sekunde aus den Augen
gelassen. Nicht einmal ins Wasser waren sie gegangen.
- 65 -

„Wir fahren jetzt in das Grand Palace Hotel“, sagte Alice. „Dort
wohne ich, seit der Spuk begonnen hat. Ich wußte, daß es euch
nicht besser ergehen wird, und habe deshalb für euch schon zwei
Zimmer reserviert.“
Erschöpft fielen die Knickerbocker in die breiten, weichen
Betten. Hier waren sie in Sicherheit.
Alice war eine besonders freundliche junge Frau, die allerdings
an einer Krankheit litt, die ihr das Leben schwer machte. Sie
konnte den Lärm von Städten und die Hektik des Alltags nicht
mehr ertragen und begann – wenn etwas ihre Kräfte überstieg – so
schrecklich zu zittern, daß sie nicht einmal mehr einen Bleistift
halten oder gehen konnte. Auf der Insel St. Thomas, im Traum­
haus ihres Onkels hatte sie die Ruhe zu finden gehofft, die man
ihr seitens der Ärzte dringend empfohlen hatte. Aber daraus war
nichts geworden.
Alice war völlig verzweifelt. Und Lieselotte wollte ihr aus
diesem Grund unbedingt helfen.
Das Superhirn beschloß, das Grübeln für heute sein zu lassen,
und versuchte einzuschlafen.
Doch im Halbdunkel des luxuriösen Hotelzimmers schien sich
immer wieder etwas zu bewegen. Ängstlich starrten Lilo und
Poppi auf die altmodischen geschnitzten Pfosten ihrer Betten, die
an jeder Ecke in die Höhe ragten. Die Schlangen, mit denen sie
verziert waren, schienen bei näherem Hinschauen zum Leben zu
erwachen und sich aufzurichten.
Es waren giftige Kobras, die ihre Hälse blähten.
Poppi schrie leise auf und schlüpfte zu Lieselotte unter die
Decke. „Siehst du das auch?“ fragte sie mit zitternder Stimme.
Lieselotte nickte.
„Ich will raus! Ich halte es hier nicht aus!“ gestand Poppi.
Lilo kniff die Augen zusammen. Als sie sie wieder öffnete,
waren die Schlangen auf den Pfosten erstarrt.
Das Telefon klingelte, und Lilo hob ab.
Axel war am Apparat. Er bewohnte mit Dominik das Nebenzim­
mer. „Hier... hier spukt es auch... Eine Stehlampe hat sich in eine

- 66 -

Qualle verwandelt“, keuchte er in den Hörer. „Und Dominik sieht


dauernd Vogelspinnen auf dem Nachtkästchen!“
Lieselotte schlüpfte aus dem Bett und öffnete die Balkontür. Die
Nacht war lau, und ein warmer Wind strich über ihre nackten
Beine. Gierig sog sie die salzige Luft ein. Es war seltsam, aber
hier draußen fühlte sie sich eindeutig freier und sicherer! Sie lief
zum Telefon zurück und sagte: „Nehmt euer Bettzeug und legt
euch auf den Balkon. Frag mich nicht, warum – aber ich habe das
Gefühl, das ist einfach besser für uns!“
Die Jungen und Poppi befolgten Lilos Ratschlag und waren
tatsächlich bald eingeschlafen.
Das Superhirn selbst fand noch immer keine Ruhe. Es hatte ein
schlimmes Gefühl. Die Knickerbocker-Bande schien es mit
schwarzer Magie zu tun zu haben. Vielleicht gab es auf der Insel
sogar einen Voodoo-Meister, der Alice und die vier Freunde
seinem Willen unterworfen hatte.
Die Junior-Detektive mußten es schaffen, dem Bannkreis seiner
Macht zu entkommen.

Kannst Du Dir die Wahnvorstellungen der

vier Knickerbocker-Freunde erklären?

- 67 -

Lilo gibt nicht auf

Am nächsten Morgen regnete es. Aber es war ein warmer Regen,


der nicht unangenehm war.
Die Knickerbocker-Freunde erwachten bereits kurz nach
acht Uhr und fühlten sich wie erschlagen. Stöhnend richteten sie
sich auf. Zum Glück waren die Balkone des Hotels überdacht.
Nachdem sie geduscht und Zähne geputzt hatten, klopften sie an
der Tür zu Alices Zimmer.
Die junge Frau sah auch nicht sehr ausgeschlafen aus. Außer­
dem bemerkte Lieselotte besorgt, daß ihre Hände wieder heftig
zitterten.
Das Frühstück fand auf einer großen Terrasse statt, von der aus
die Bande einen prachtvollen Blick auf das Meer und die Nach­
barinseln hatte. „In euch habe ich meine letzten Hoffnungen
gesetzt!“ gestand Alice. „Aber nach der letzten Nacht bin ich mir
sicher, daß dieses Haus verflucht ist. Ich werde versuchen, es zu
verkaufen, aber bestimmt kann ich keinen hohen Preis erzielen.
Das Geld wird nicht ausreichen, um ein anderes Häuschen auf der
Insel zu erstehen.“
Axel hatte begriffen: „Du glaubst also, es hat sich schon herum­
gesprochen, daß es in dem Haus spukt?“
Alice nickte. „Leider habe ich dem Mann davon erzählt, der den
Garten pflegt.“
„Wie lange hat denn dein Onkel Harry in dem Haus gelebt?“
erkundigte sich Lieselotte.
Alice überlegte kurz: „Ich denke, 20 Jahre oder sogar länger.
Aber ich weiß es nicht genau, denn ich habe ihn nie in meinem
Leben gesehen. Er wollte von seiner Familie nichts wissen.“
Lilo verzog das Gesicht. „Du weißt also auch nicht, was er in
dem Haus erlebt hat“, folgerte sie. „Ob ihm wohl auch Kraken
erschienen sind?“
Die junge Frau begann so heftig zu zittern, daß ihr fast die
Kaffeetasse aus der Hand fiel. „Wie mir?“ schrie Alice. „Es war

- 68 -

schrecklich! Ich sehe sie jetzt noch vor mir, wie sie mich mit
ihren Armen umschlungen haben – ich wäre fast erstickt!“
Axel seufzte: „Alice, so traumhaft das Häuschen auch ist,
verkauf es, bevor es zu spät ist!“
Aber davon wollte Lieselotte nichts wissen. „Nein, so schnell
geben wir nicht auf! Echte Knickerbocker lassen niemals locker.
Hast du das vergessen, Axel?“
Der Junge wurde rot und senkte den Blick. Er haßte es, wenn
Lilo ihn wie ein Kleinkind behandelte. Noch mehr haßte er es,
wenn sie mutiger war als er. „Und was schlägt Frau Professor
Superschlau vor?“ zischte er empört.
„Ich schlage vor, daß wir das Haus noch einmal untersuchen!“
sagte Lilo mit bemüht fester Stimme.
„Und wie kommen wir hin?“ wollte Dominik wissen. „Zu Fuß
ist es einfach zu weit!“
Alice, die sich an diesem Tag gar nicht mehr beruhigen konnte,
lächelte entschuldigend. „Tut mir leid, aber ich... ich kann euch
nicht fahren.“
So blieb nur eine Möglichkeit: „Wir nehmen ein Taxi“, be­
schloß Lieselotte. „In 15 Minuten ist Abfahrt. Wer nicht mitkom­
men will, soll es sagen!“
Axel hatte keine Lust, den Helden zu spielen, und teilte das
seiner Freundin auch gleich mit. Auch Poppi und Dominik
konnten Lilos Plan nichts abgewinnen.
Lieselotte schnaubte verächtlich und zischte: „Gut, dann werde
ich eben allein alles daransetzen, Alice zu helfen!“
Das saß wie eine Ohrfeige. Lieselottes Kumpel schienen zu
zögern. Schließlich brachte jedoch keiner von ihnen den Mut auf,
das Holzhaus auf dem Hügel noch einmal zu besuchen.
Mit energischen Schritten marschierte Lieselotte ein wenig
später durch die Hotelhalle. Sie war so mit sich und ihren
Gedanken beschäftigt, daß sie nicht bemerkte, wie sie beobachtet
wurde. Seit ihrer Ankunft war die Knickerbocker-Bande verfolgt
worden.
„Ich brauche bitte ein Taxi!“ sagte Lilo zu der Frau an der
Rezeption.

- 69 -

Nur eine Minute danach kam schon der Ruf vom Eingang:
„Taxi!“

Würdest Du dieses Taxi nehmen?

Das Mädchen verließ das Hotel und stieg in einen ziemlich ver­
beulten grünen Wagen. Hinter dem Steuer saß eine etwas rundli­
che Schwarze. Kaum hatte Lilo die Tür zugeschlagen, fuhr sie
auch schon los. Das Superhirn nannte ihr die Adresse des Hauses,
aber die Frau nahm davon keine Notiz. „Haben Sie mich nicht
verstanden?“ fragte Lieselotte etwas verwirrt.
Die Taxifahrerin verzog keine Miene, sondern trat das Gaspedal
bis zum Boden durch. Der Motor heulte ohrenbetäubend auf, und
die Reifen drehten auf dem glatten Asphalt durch. Der Wagen
schoß dermaßen plötzlich los, daß Lilo von der Rückbank rutschte
und im Fußraum eingeklemmt wurde.
Während das Taxi seine Höllenfahrt fortsetzte, kämpfte sich das
Mädchen allmählich nach oben.
Die Frau schien entweder betrunken oder völlig von Sinnen zu
sein. Wild riß sie das Lenkrad nach rechts und nach links und ließ
den Wagen von einer Kurve in die nächste schlittern.
Endlich war es Lilo gelungen, sich wieder auf die Rückbank zu
setzen. Geistesgegenwärtig griff sie nach dem Sicherheitsgurt. Sie
schnallte sich an und suchte nach einem Griff, an dem sie sich
festklammern konnte. „Halt! Bleiben Sie stehen! Was machen
Sie?“ brüllte das Superhirn aus Leibeskräften und versuchte, das
Quietschen der Reifen und das Dröhnen des Motors zu übertönen.
Aber sie hatte keine Chance. Die Frau schien taub zu sein.

- 70 -

Entsetzt fiel Lieselotte auf, daß der Wagen auf eine besonders
schmale Küstenstraße eingebogen war. Unmittelbar neben ihr
fielen die Felsen steil zum Meer hin ab. Durch den Regen war der
Asphalt rutschig geworden, und einige Male schlitterte das Taxi
gefährlich nahe an den Abgrund heran, der nicht durch Leitplan­
ken gesichert war.
„Stopp!“ kreischte Lieselotte, deren Entsetzen immer größer
wurde. „Stopp!“
Die Frau hinter dem Steuer ließ die rechte Hand unter ihren Sitz
gleiten und holte eine Spraydose hervor. Sie richtete sie nach
hinten und umnebelte Lieselotte mit einer weißen Wolke.
Das Mädchen spürte ein Brennen und Stechen in der Nase und
in den Augen und verlor die Besinnung.

- 71 -

Die Puppen im See

Als Lieselotte erwachte, hörte sie ein friedliches Rauschen und


Plätschern. Es kostete sie einige Mühe, die Augen zu öffnen und
sich aufzurichten. Sie saß noch immer in dem Taxi und war
angeschnallt.
Das Auto hatte angehalten.
Das Mädchen versuchte, einen Blick aus den Fenstern zu wer­
fen, war aber nicht sonderlich erfolgreich. Der Wagen schien von
Buschwerk umgeben zu sein. War er vielleicht gar von der Straße
abgekommen und einen Abhang hinuntergestürzt?
Lilo betastete ihre Gliedmaßen und stellte erleichtert fest, daß
alles heil war.
Nur ihr Kopf brummte. Und ihre Augen machten Schwierigkei­
ten. Sie konnte nicht klar sehen. Ihre Umgebung schien sich
ständig zu verzerren.
Was war mit der Fahrerin geschehen? Wie tot hing sie in ihrem
Sicherheitsgurt. Der Kopf lag schlaff und kraftlos auf der linken
Schulter.
Lieselottes Herz begann wild zu jagen, als sie der Frau die Hand
unter die Nasenlöcher hielt. Ja... sie atmete! Dem Superhirn fiel
ein Stein vom Herzen.
Die Frau schien bewußtlos zu sein. Sie bewegte sich nicht und
schien Lilos Rütteln nicht wahrzunehmen.
Lieselotte wurde die Sache unheimlich. Deshalb beschloß sie,
auszusteigen und sich umzusehen.
Sie löste den Gurt und versuchte, auf der Fahrerseite auszu­
steigen.
Doch die Tür klemmte und ließ sich nicht aufdrücken. Das
Mädchen rutschte daher über die Rückbank und probierte sein
Glück auf der anderen Seite.
Diesmal gelang es ihm, die Tür zu öffnen.
Das Rauschen und Plätschern wurde lauter. Ganz in der Nähe
mußte sich ein... ein Wasserfall befinden!

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Lieselotte stemmte die Füße gegen die Tür, um sie so weit


aufzubekommen, daß sie aus dem Wagen klettern konnte. Das
war alles andere als einfach: Die Äste des Gebüsches drückten
ziemlich kräftig dagegen.
Beim dritten Anlauf hatte es Lilo geschafft. Das Holz gab nach,
und der Spalt zwischen Tür und Auto war breit genug, um sich
durchzuzwängen.
Die harten und stacheligen Blätter des Busches kratzten über
Lieselottes Gesicht, verfingen sich in ihrem Haar und rissen an
ihrem T-Shirt. Lilo biß die Zähne zusammen und drang in das
Dickicht vor.
Hatte sie vielleicht wie Dornröschen 100 Jahre lang geschlafen?
Endlich! Das Buschwerk schien ein Ende zu nehmen. Das Blau
des Himmels wurde sichtbar.
Lilo schob die letzten Äste beiseite und wollte schon einen
großen Schritt vorwärts machen. In allerletzter Sekunde bremste
sie sich jedoch ein und klammerte sich an einem Strauch fest.
Spitze Dornen bohrten sich in ihre Haut, aber das war dem Mäd­
chen gleichgültig.
Das Gestrüpp befand sich genau an der Kante eines kleinen
Talkessels. Um ein Haar wäre Lieselotte 20 Meter in die Tiefe
gestürzt.
Dort glitzerte ein tiefblauer See, in den sich ein schäumender
Wasserfall ergoß.
Das Oberhaupt der Knickerbocker-Bande spürte, wie die Kraft
aus seinen Knien wich. Der Schweiß trat Lilo aus allen Poren, und
jeder Muskel in ihrem Körper schien sich anzuspannen. Das war
doch kein Zufall! Das Taxi hatte an dieser Stelle angehalten,
damit sie beim Aussteigen abstürzen mußte.
Aber warum war die Fahrerin bewußtlos?
In der Mitte des kleinen Gewässers erkannte das Superhirn
einen Felsen, auf dem vier Puppen standen, die die Form von
Holzkegeln hatten.
Eine der Puppen trug eine Brille, eine hatte eine Baseballmütze
auf, die dritte hatte lange dunkle Haare, die vierte zwei lange
blonde Zöpfe.

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Es war nicht zu übersehen, wen die Figuren darstellen sollten:


die Knickerbocker!
Während Lieselotte mit weit aufgerissenen Augen die Voodoo-
Puppen anstarrte, sauste vom Ufer des Sees ein brennender Klum­
pen über das Wasser.
Er landete genau auf dem Felsen und ließ die Holzfiguren in
Flammen aufgehen.
Lilo hatte gehört, daß ein Mensch alles spürte, was seiner
Voodoo-Puppe angetan wurde. Und sie bildete sich nun ein, auch
ein Brennen auf der Haut wahrzunehmen. „Nein... nein!“ schrie
sie und kämpfte sich durch das Gestrüpp zurück Richtung Wagen.
Als Lieselotte das warme Blech des Taxis berührte, ließ sie sich
auf den Boden nieder und kroch unter dem Fahrzeug durch. Da
sah sie auf der anderen Seite zwei dicke Beine, die in ausge­
latschten Turnschuhen steckten.

- 74 -

Von Dämonen verfolgt

Und schon tauchte das dunkle Gesicht der Taxifahrerin vor Lilo
auf.
„Da bist du ja endlich!“ rief sie und streckte Lieselotte helfend
die Hände entgegen. „Ich habe mir schon Sorgen gemacht!“
Die Junior-Detektivin robbte ein Stück zurück, so daß die Frau
nicht nach ihr greifen konnte. Sie traute ihr nicht. Schließlich war
sie es gewesen, die wie eine Verrückte über die schmale Küsten­
straße gerast war und sie mit dem seltsamen Spray betäubt hatte.
„Ich... ich tu dir doch nichts!“ versicherte die Frau. „Glaub mir
doch!“
Aber Lilo war sich da nicht so sicher.
„Ich weiß selbst nicht, was in mich gefahren ist“, gestand die
Fahrerin. „Es war wie ein Traum. Plötzlich habe ich mich
gezwungen gefühlt, dich so schnell wie möglich hierher zu
bringen!“
Das Oberhaupt der Knickerbocker-Bande horchte auf. „Wer hat
Ihnen das befohlen?“ wollte es wissen.
„Eine Stimme... eine tiefe Stimme... aber frag mich bitte nicht,
wer das war! Wahrend der Fahrt habe ich plötzlich Angst vor dir
bekommen. Du hast dich in einen Stachelrochen verwandelt, und
deshalb habe ich dich mit dem Betäubungsgas besprüht. Ich habe
es zu meinem Schutz immer bei mir. Aber als ich an dieser Stelle
anlangte, stand plötzlich ein Mann an der Wagentür. Es war...
ein... ein ...!“ Die Frau verstummte.
„Ein Voodoo-Meister?“ fragte Lieselotte.
Die Taxilenkerin nickte. „Und dann habe ich die Besinnung
verloren. Als ich aufgewacht bin, warst du fort!“
Jetzt erst kam Lieselotte unter dem Auto hervor. Sie richtete
sich auf und klopfte den Staub von ihren zerfetzten Klamotten.
Nachdenklich betrachtete sie das Taxi, das ganz knapp an das
Dornengestrüpp herangefahren worden war. Die linke hintere Tür
war mit Stöcken verkeilt worden.

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„Was hast du getan?“ fragte die Frau plötzlich streng. „Du wirst
von Dämonen verfolgt!“
Lilo zuckte zusammen. „Was???“
„Du wirst von bösen Geistern verfolgt. Du hast etwas Entsetzli­
ches angerichtet und den Zorn eines mächtigen Magiers auf dich
gezogen!“
Lilo versuchte, nicht in Panik zu geraten. „Ich glaube nicht an
diesen Zauber!“ sagte sie mit fester Stimme.
„Schweig!“ warnte die Frau das Mädchen. „Schweig und verlaß
die Insel, so schnell du kannst! Nur so kannst du deinem Unglück
entgehen!“
Lieselotte antwortete darauf nichts. Der flehende Blick der Frau
hatte sie sehr unsicher gemacht. „Ich... ich will jetzt... zum Black­
beard Drive!“ verlangte sie schließlich mit schwacher Stimme.
„Hör auf mich!“ drängte die Frau.
„Ich kann nicht!“ erwiderte Lilo.
Nachdem sie die Äste weggeräumt hatten, mit denen die Tür
verkeilt worden war, brachen sie auf.
Minuten später war Lieselotte am Ziel. Allerdings weigerte sich
die Frau, ganz an Alices Häuschen heranzufahren. Sie ließ Lilo
am Fuße des Hügels aussteigen und ermahnte sie immer wieder
zur Vorsicht. „Der schwarze Schatten des Unheils liegt auf dir!
Du mußt ihm entfliehen!“
Lieselotte rieselte ein kalter Schauer über den Rücken. War sie
mit ihren Freunden tatsächlich in einen Zauberkreis geraten? Lag
ein Fluch auf dem Haus?

Würdest Du der Taxilenkerin glauben?

- 76 -

Endlich hatte das Superhirn das weiße Holzhaus mit dem roten
Dach erreicht. Vorsichtig strich das Mädchen um das Haus.
Aufmerksam musterte es die Außenwand und die Pflanzen im
Garten. Seine Blicke schweiften ständig hin und her, um nichts zu
übersehen.
Als Lilo bei der Veranda angekommen war, die in das gruselige
Schlafzimmer führte, blieb sie erschrocken stehen. Die Tür be­
wegte sich, obwohl nicht der leiseste Lufthauch zu spüren war.
Sie schien von Geisterhand geöffnet zu werden. Langsam, ganz
langsam schwenkte sie nach außen. Das Quietschen ging dem
Mädchen durch Mark und Bein.
Lieselotte trat den Rückzug an und wollte in Deckung gehen.
Wer auch immer jetzt auftauchte, durfte sie nicht sehen. Ihre
Hände ertasteten das feuchte Metall einer Tonne. Lilo machte
einen ungeschickten Schritt, und das Faß kippte um. Donnernd
krachte es zu Boden.
In der nächsten Sekunde flog die Tür auf, und eine grüne Gestalt
sprang ins Freie.

- 77 -

Der Friedhof der lebenden Toten

Lieselotte erschrak so heftig, daß sie hemmungslos zu kreischen


begann. Es war nicht ihre Art, die Nerven zu verlieren, aber
diesmal gelang es auch ihr nicht, ruhig zu bleiben.
„Hallo, Miss!“ rief eine hohe Stimme.
Da Lieselotte noch immer etwas benommen war, schaffte sie es
erst jetzt, einen genauen Blick auf die grüne Gestalt zu werfen.
Auf der Veranda stand ein grinsender junger Bursche in einer
Latzhose. Seine weißen Zähne strahlten zwischen den dicken
dunklen Lippen, und in seinem Gesicht leuchteten zwei große,
runde Augen.
„Nicht schreien! Sie erschrecken die Würmer in der Erde!“
scherzte er. „Sind Sie die Freundin von Miss Alice, die so klug ist
wie James Bond?“
Lieselotte antwortete nicht. Zuerst wollte sie wissen, mit wem
sie es zu tun hatte.
„Ich bin Jim, der Gärtner von Mister Harry und jetzt von Miss
Alice. Ich bin gekommen, um das Gras zu mähen. Aber ich habe
weder Miss Alice noch die Gäste gefunden, von denen sie
gesprochen hat. Ich habe mir Sorgen gemacht, daß etwas gesche­
hen ist, und habe mich deshalb im Haus umgesehen.“
Lieselotte beruhigte sich ein wenig, blieb aber mißtrauisch.
„Jim tut Ihnen nichts, Miss!“ versicherte der junge Schwarze.
„Warum glauben Sie mir nicht?“ Er streckte Lilo die Hand
entgegen, die sie zögernd ergriff und schüttelte. „Wo waren Sie?
Und warum war das Haus nicht abgesperrt?“ wollte Jim wissen.
Lieselotte berichtete ihm nun nach und nach von den Ereignis­
sen der Nacht und der letzten Stunden.
Jim war nicht weiter überrascht. „Das wundert mich nicht“,
meinte er nur. „Mister Harry hat kaum Zeit in diesem Haus ver­
bracht, weil er wußte, daß die lebenden Toten das nicht wollen.“
Lilo horchte auf. „Die lebenden Toten?“
„Dieses Haus hätte hier nie gebaut werden dürfen. Der Hügel ist
ein Friedhof – und die Toten erheben sich immer wieder aus den
- 78 -

Gräbern. Wenn die Zombies aus der Erde kommen, darf ihnen
niemand begegnen. Wer sie stört, bezahlt das mit dem Leben!“
schilderte Jim mit schauriger Stimme. „Mister Harry hat das
gewußt und die meiste Zeit auf seinem Boot verbracht. Nur
wenige Tage im Monat hat er sich hier aufgehalten. Es waren im­
mer die Tage um Neumond, an denen er es gewagt hat, in seinem
Haus zu schlafen. Dann ruhen nämlich auch die Zombies.“
Lilos Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Sie schien
dem jungen Mann nicht zu glauben. „Und weshalb haben Sie
keine Angst?“ fragte sie.
Jim zog ein handtellergroßes Amulett aus Silber unter seinem
Hemd hervor. In das Amulett waren verschiedene Zeichen eingra­
viert. „Es schützt mich vor dem Fluch der Dämonen, aber auch
nur bei Tag! Ich trage es immer, seit ich hier zu arbeiten begon­
nen habe. Mister Harry hat gut gezahlt, weil sich sonst keiner auf
den Zombie-Friedhof getraut hat. Die Strahlungen des Bösen, die
aus der Erde dringen, haben alle in die Flucht geschlagen.“

Sagt der Gärtner die Wahrheit? Was


meinst Du?

Lieselotte erschauderte. Hier schienen alle an die finsteren Mäch­


te zu glauben. Sollte tatsächlich etwas Wahres an dem Zauber
sein? „Borgen Sie mir das Amulett?“ bat sie den Gärtner.
Dieser überlegte kurz und überreichte es ihr dann.
Ohne Schutz vor den geheimnisvollen Mächten wollte sich auch
Lieselotte nicht mehr weiter vorwagen. Sie umklammerte die
silberne Scheibe und trat an Jim vorbei in den Schlafraum.

- 79 -

Die Gesichter der Voodoo-Zauberer in den Regalen bewegten


sich nicht – keine Spur von Spinnen oder Schlangen!
Lilo wollte die Buchstützen schon anfassen, doch dann verließ
sie der Mut. Sie holte sich einen Stock aus dem Garten und klopf­
te die Figuren damit ab.
Wie war es nur möglich gewesen, daß so gräßliche Tiere aus
ihren Köpfen hervorgekrochen waren?
Als Lilo den Blick senkte, entdeckte sie etwas auf dem Boden.
Das Superhirn griff danach und zog es an sich. Hastig ließ es den
Fund in seiner Hosentasche verschwinden und eilte aus dem
Haus.
„Miss, gehen Sie schon wieder?“ fragte der Gärtner erstaunt.
„Ja, auf Wiedersehen!“ rief Lieselotte.
Bestellen Sie Miss Alice einen schönen Gruß von mir!“ rief Jim
ihr nach.
Diesen Satz hörte Lieselotte nicht mehr. Sie war bereits mit
großen Schritten den schmalen Weg hinuntergeeilt, der zur Land­
straße führte. Sie mußte sofort mit ihren Knickerbocker-Freunden
beratschlagen, was nun weiter geschehen sollte.

Was hat Lieselotte vom Boden

aufgehoben?

- 80 -

Blackbeards Schatz

Im Hotelzimmer der Mädchen zeigte Lilo ihren Freunden, was sie


gefunden hatte.
„Sieht wie eine Lageskizze aus“, stellte Dominik fest. Er lief in
das Jungenzimmer und kam mit einem Buch über die Karibik
zurück.
Er schlug die Seite mit der Karte von St. Thomas auf und
verglich die Umrisse mit der Zeichnung.
„Das ist tatsächlich eine Skizze der Insel!“ verkündete er.
Ungefähr zwei Kilometer vom südlichen Strand entfernt war ein
Kreuz eingezeichnet. Es mußte eine bestimmte Stelle im Meer
kennzeichnen.
„Haltet ihr das... für eine... Schatzkarte?“ fragte Axel seine
Kumpel.
Lilo, Poppi und Dominik waren einigermaßen ratlos. Möglich
war alles.
Lieselotte dachte nach und meinte dann: „Bisher hat das Haus
allen, die es betreten haben, nur Horror gebracht. Ich fürchte,
diese Karte führt nur zu neuen Schrecken. Das Kreuz könnte auch
einen magischen Punkt im Meer markieren.“
Poppi äußerte einen Verdacht: „Vielleicht hat Alices Onkel
einem Voodoo-Kult angehört – das würde doch einiges erklären!
Was meint ihr?“
Lieselotte schüttelte langsam den Kopf. Diese Idee paßte
irgendwie nicht mit den Ereignissen zusammen. Warum hatte
Onkel Harry seiner Nichte das Haus vermacht? Wollte er sich an
ihr rächen? Aber warum? Er hatte sie ja überhaupt nicht gekannt.
Da klopfte es an der Zimmertür. „Lieselotte, kannst du bitte
einen Augenblick zu mir kommen?“ fragte Alice schüchtern.
Das Mädchen trat aus dem Zimmer und stand seiner Brief­
freundin und einer zweiten Frau gegenüber.
„Das ist Lucie. Sie hat für meinen Onkel sieben Jahre lang den
Haushalt besorgt“, stellte Alice sie vor.
Lilo nickte der Frau zu.
- 81 -

,,Lucie ist gekommen, um mir etwas Wichtiges zu sagen. Aber


ich kann es einfach nicht fassen“, murmelte die Erbin außer sich.
„Es handelt sich um den Onkel von Miss Alice“, begann die
ehemalige Haushälterin zu erzählen. „Er hat mich wenige Tage
vor seinem Tod gebeten, seiner Nichte etwas zu bestellen.“
Lieselotte zog die Augenbrauen hoch.
„Ich weiß, daß er viele Jahre lang nach dem Schatz des Seeräu­
berkapitäns Blackbeard gesucht hat“, fuhr Lucie nach einem kur­
zen Zögern fort. „Dieser Mann hat tatsächlich gelebt. Captain
Blackbeard hatte auf der Insel St. Thomas ein Fort...
Angeblich soll er hier auch viele seiner erbeuteten Schätze
versteckt haben. Mister Harry hat immer behauptet, daß er auf
eine heiße Spur gestoßen ist. Aber er hat keinem Menschen etwas
verraten. Ich sollte Miss Alice mitteilen, daß der strenge Blick des
Magiers über den Weg zu Blackbeards Reichtum wacht.“
Alice blickte ihre Freundin aus Österreich fragend an: „Hast du
eine Idee, was das bedeutet?“
Lieselotte zog es vor, nicht die Wahrheit zu sagen. Natürlich
wußte sie es. Das war die Beschreibung des Versteckes der
Schatzkarte.
Lieselotte versprach Alice, über alles nachzudenken, und verab­
schiedete sich.
Sie schloß die Zimmertür und berichtete die Neuigkeit ihren
Freunden.
„Wir fahren sofort aufs Meer hinaus und tauchen nach dem
Schatz“, beschloß Axel. Er hatte im vergangenen Sommer einen
Tauchkurs absolviert und war seither von dieser Sportart
begeistert.
Dominik winkte ab. „Ich bleibe aber im Boot!“ verkündete er.
„Kann ich verstehen“, sagte Axel. „Ich habe auch vor bestimm­
ten Dingen höllische Angst!“
Lieselotte, die ihre Nasenspitze zu bearbeiten begonnen hatte,
murmelte: „Irgend etwas ist da faul! Da ist auf der einen Seite der
Voodoo-Zauber und auf der anderen Seite ein Piratenschatz. Aber
was hat das eine mit dem anderen zu tun? Mir kommt das alles

- 82 -

höchst merkwürdig vor. Wenn ich nur wüßte, wie die Dinge
zusammenhängen...“
„Ich tauche heute noch an der angegebenen Stelle nach dem
Schatz“, wiederholte Axel.
Poppi wollte mit ihm nach unten kommen. In der Karibik gab es
besonders prachtvolle Korallen und Fische, die sie unbedingt
einmal mit eigenen Augen sehen mußte.
Lilo entschied sich, mit Dominik im Boot darauf zu warten, was
der Unterwasserausflug ihrer beiden Kumpel zutage bringen
würde. „Warum Onkel Harry den Schatz wohl selber nicht geho­
ben hat...?“ schoß es ihr durch den Kopf.

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Im Büro der „St. Thomas News“

Im Hafen von St. Thomas herrschte reger Betrieb. Riesige Passa­


gierschiffe legten hier jeden Tag an, da viele Dinge auf der Insel
zollfrei und dadurch besonders billig waren. Die Touristen wälz­
ten sich durch die engen Gassen und fielen in Horden in die vielen
Geschäfte ein.
„Wir brauchen jemanden, der uns begleitet“, sagte Axel. „Die
See ist rauh und ohne fachkundige Hilfe werden wir die Stelle nie
finden, die Onkel Harry auf dem Plan eingezeichnet hat.“
Zum Glück waren Bootsausflüge auf der Insel St. Thomas keine
Seltenheit. Zahlreiche Seeleute boten ihre Dienste an.
Mit einem weißbärtigen alten Mann namens George wurden die
Knickerbocker schnell handelseinig. Er verlangte weniger als
seine Kollegen und schien darüber hinaus besonders freundlich
und hilfsbereit zu sein.
Axel und Poppi liehen sich noch zwei Taucherausrüstungen,
und George half ihnen, sie an Bord des kleinen Kutters zu
bringen.
Bevor die Fahrt losging, zeigten die Junior-Detektive dem Mann
die Karte.
George wußte sofort, worum es ging. „Ihr wollt also nach
Blackbeards Schatz suchen!“ sagte er.
Lilo und ihre Freunde schwiegen. Sie hatten keine Lust, ihn
einzuweihen.
„Ich wünsche euch viel Glück! Ich habe schon viele Taucher zu
den verschiedensten Stellen gebracht, und sie sind immer mit
leeren Händen heimgekehrt!“ berichtete der Seebär.
Munter schaukelte das Schiff auf den Wellen im Hafenbecken
hin und her.
Lilo, die noch immer etwas benebelt war, spürte, daß sie
seekrank zu werden begann. „Ich glaube, es ist besser... ich... ich
bleibe an Land“, meinte sie entschuldigend. „Mir... mir geht es
heute nicht gut.“

- 84 -

Ihre Freunde hatten Verständnis dafür, wollten aber dennoch auf


das Meer hinausfahren.
„Tut das!“ meinte Lilo. „Wir treffen uns in drei Stunden wieder
hier!“
George ließ den Motor an und das Schiff tuckerte mit Axel,
Poppi und Dominik an Bord los.
Lieselotte winkte ihren Freunden und machte sich dann auf den
Weg in die Stadt. Sie wollte sich in das Gewühl der Touristen
werfen und einen Schaufensterbummel machen. Sie konnte ein
wenig Ablenkung vertragen.
Gemütlich schlenderte sie von einem Laden zum anderen. Es
wurden vor allem Füllfedern, Schmuck und teure Klamotten
angeboten. Zwischen einem Hamburger-Restaurant und einer
superschicken Boutique entdeckte das Mädchen das Büro einer
Zeitung namens „St. Thomas News“. Ein schon etwas vergilbtes
Plakat verriet, daß die Zeitschrift wöchentlich erschien.
Das Büro war geöffnet, und Lilo trat ein. Kühle, klimatisierte
Luft schlug ihr entgegen.
„Können wir Ihnen helfen?“ fragte eine junge Frau in einem
weißen Kleid.
„Ja“, antwortete Lieselotte. „Ich wollte wissen, ob Sie ein
Archiv haben. Ich suche nach Artikeln über einen Verwandten
von mir.“
Die Frau nickte. „Kein Problem! In unserer Datenbank finden
Sie sicher, was Sie brauchen!“
Sie rief jemanden an, um Lilo anzukündigen, stand auf und
begleitete die Anführerin der Knickerbocker-Bande in den hinte­
ren Teil des Hauses.
So heruntergekommen das Gebäude von außen wirkte, so mo­
dern war die Redaktion ausgestattet. Überall standen Computeran­
lagen.
Die Artikel konnten per Stichwort im Speicher gesucht und
abgerufen werden. Lieselotte ließ sich das System erklären und
machte sich an die Arbeit.
Verdammt, wie hieß Onkel Harry nur mit dem Nachnamen? Das
Superhirn konnte sich nicht erinnern. Hatte es Alice je erwähnt?

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Lilo tippte nun einfach Harry und den Nachnamen ihrer Freun­
din ein: Littlejohn.
Der Computer suchte nach dem Stichwort und meldete: „Not
found.“
Mist!
Der Zuname war entweder falsch, oder es gab keinen Artikel
über den Onkel von Alice.
Lieselotte gab jedoch nicht so schnell auf. Sie beschloß, ihre
Brieffreundin anzurufen und sich nach dem Nachnamen zu
erkundigen.
Das Superhirn der Bande wollte sich schon erheben, als ihm
eine andere Idee kam.

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Einen wesentlichen Schritt weiter

Vielleicht war der Onkel von Alice unter dem Namen Harold
Littlejohn erfaßt – Harry war schließlich nur eine Abkürzung.
Lieselotte ersetzte Harry durch Harold und wartete auf das
Ergebnis.
„Eine Eintragung gefunden“, lautete die Antwort des Compu­
ters.
Lilo rief sie ab und wartete gespannt, was auf dem Bildschirm
auftauchen würde. Etwas enttäuscht lehnte sie sich zurück. Es
handelte sich bloß um die Todesanzeige, die vor etwa zwei
Monaten erschienen war.
Das Mädchen wollte es schon seinlassen, als es am unteren
Rand des Bildschirmes einen Hinweis entdeckte. Es gab eine Rei­
he weiterer Eintragungen, die mit Harold Littlejohn zu tun hatten.
Allerdings befanden sie sich in einem anderen Speicher, der
Anzeigen zu enthalten schien.
Lilo gab den Befehl ein, auch diese Eintragungen aufzurufen.
Schon nach ein paar Sekunden wurde ihre Hartnäckigkeit
belohnt. Es handelte sich um eine längere Liste von Annoncen,
die Onkel Harry im Laufe der Jahre aufgegeben hatte.
Besonders die letzten beiden überraschten das Superhirn völlig.
Wie war das möglich?
Die junge Frau trat zu Lilo und sagte: „Die Zeitungen, die vor
dem Jahr 1988 erschienen sind, konnten wir noch nicht alle erfas­
sen. Sie stehen im Keller. Aber es gibt ein Stichwortverzeichnis,
in dem Sie die Namen aller Personen finden, über die die
,St. Thomas News’ je berichtet hat.“
Die Junior-Detektivin bedankte sich für den Tip und folgte der
Frau in den Keller. Sie blätterte die Seiten des Stichwortregisters
durch und ließ ihren Zeigefinger über die langen Spalten gleiten.
„Littlejohn, Harold“! Über ihn waren drei Artikel erschienen –
alle vor ungefähr 19 Jahren.

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Lieselotte suchte die Ordner mit den entsprechenden Ausgaben


der Zeitung und blätterte die alten, schon etwas brüchigen
Nummern behutsam durch. Gespannt studierte sie die Berichte.
In einem Artikel wurde von Protesten berichtet, die laut gewor­
den waren, als Harold Littlejohn sein Haus errichtet hatte.
Der zweite Bericht stellte die Frage, ob Harold Littlejohn nicht
mit einem Mann identisch war, der in Florida von der Polizei
gesucht wurde.
Und der dritte beantwortete die Frage eindeutig positiv. Aller­
dings hatte die Polizei trotz aller Bemühungen keine Beweise
erbringen können, die ausgereicht hätten, Alices Onkel anzu­
klagen.
In Lieselottes Kopf ging es drunter und drüber. Sie glaubte jetzt
zu wissen, warum sich das Haus und der Garten für Alice in ein
Horrorland verwandelt hatten. Allerdings vermochte sie sich noch
immer nicht zu erklären, wie der Spuk erzeugt wurde.
Da fielen Lilo ihre Kumpel auf dem Meer ein! Sie waren in
Lebensgefahr! Sie durften unter keinen Umständen an der
gekennzeichneten Stelle tauchen. Das Mädchen rannte zum
Hafen, als wäre ein Rudel bissiger Hunde hinter ihm her.

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Schrecken auf hoher See

George lenkte den ehemaligen Fischkutter geschickt durch die


Wellen. Vor St. Thomas war das Meer an diesem Nachmittag
aufgewühlt, und der Wind wurde zusehends rauher. Das Schiff
wurde kräftig hin und her geschleudert. Der Seemann betrachtete
immer wieder die Lageskizze, verglich sie mit seiner Seekarte und
versuchte, den exakten Punkt zu finden. „Sehr genau ist dieser
Plan nicht!“ meinte er. „Aber ich werde mein Bestes tun. Falls
sich tatsächlich etwas an der Stelle befindet, werdet ihr es ent­
decken. Die Karibik ist sehr klar.“
Nach eineinhalb Stunden Fahrt nickte George zufrieden. Mit
dem Fernglas betrachtete er die Südküste der Insel, die hinter
ihnen lag, und sagte: „Hier muß es sein, falls dieser Zettel kein
Scherz ist!“
Axel war von seiner Echtheit felsenfest überzeugt. Er und Poppi
schlüpften in die Taucheranzüge, die sie vor scharfen Korallen
und giftigen Quallen schützen sollten. Sie schnallten sich die
Sauerstoffflaschen auf den Rücken und setzten die Taucherbrillen
auf. Jetzt fehlten nur noch die Flossen.
Rücklings ließen sich die beiden Knickerbocker ins Wasser
fallen. Dominik und George standen an der Reling und blickten
ihnen nach. Die Luftblasen, die blubbernd an die Wasserober­
fläche stiegen, verrieten, wo sich die beiden Taucher bewegten.
Was würde sie in der Tiefe erwarten?

Lilo rannte im Hafen von einem Boot zum anderen. Sie wollte das
schnellste mieten, aber die Auswahl war nicht mehr sehr groß.
Viele Verleiher hatten bereits Feierabend gemacht. Schließlich
entschied sie sich für ein Sportmotorboot, das allerdings unge­
heuer teuer war. Lieselotte kratzte ihre letzten Dollars zusammen,
um die Summe aufzubringen, die der Kapitän als Sicherstellung
verlangte.
„Vielleicht brauche ich eine Taucherausrüstung“, fiel ihr ein.

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Geld hatte sie nun keines mehr. Was tun? Sie erzählte dem
Seemann ihren Kummer, und dieser gab ihr nicht nur das Geld für
das Boot und die Anzahlung zurück, sondern half ihr sogar, die
notwendige Ausrüstung zu beschaffen. Bevor er losfuhr, reichte er
Lilo eine Schwimmweste. „Falls du über Bord gehst!“ meinte er,
ohne auch nur eine Miene zu verziehen.
Schon nach wenigen Minuten fragte sich Lilo, ob sie sich für
das richtige Boot entschieden hatte. Der Bug hob sich aus dem
Wasser und zeigte in den Himmel. Wie ein Stein hüpfte das
Wahnsinnsding über die Wellen und flog dabei oft viele Meter
weit. Streckenweise schien es mehr in der Luft als im Wasser zu
sein. Lieselotte machte sich auf der weichen Ledersitzbank so
klein wie möglich und klammerte sich fest. Ihr war übel, schreck­
lich übel!
Nur der Gedanke an ihre Freunde ließ sie nicht aufgeben. Am
liebsten hätte sie den Kapitän gebeten, sofort umzukehren.
In der Zeitungsredaktion war dem Superhirn etwas klar gewor­
den. Der Voodoo-Zauber verfolgte einen ganz bestimmten
Zweck: Alice sollte nicht nur aus dem Haus geekelt werden, son­
dern es auch verkaufen.
Da sie aber nicht gleich aufgegeben und die Knickerbocker-
Bande zu Hilfe geholt hatte, war der Horror noch gesteigert
worden. Deshalb war Lieselotte auch mit dem Taxi zu dem
Wasserfall gebracht und dort erschreckt worden. Und aus diesem
Grund war auch die Schatzkarte aufgetaucht, die gar keine war.
Lilo war fest davon überzeugt, daß an der markierten Stelle eine
große Gefahr lauerte. Etwas Entsetzliches sollte geschehen, daß
Alice und die vier Junior-Detektive für immer von der Insel
vertreiben würde.
Zwei, wahrscheinlich sogar drei Leute waren nämlich ganz wild
darauf, das Haus in ihren Besitz zu bekommen.
Lilo hatte einen sehr genauen Verdacht, um wen es sich handel­
te. Auf jeden Fall waren der Gärtner und die Haushälterin in die
Sache verwickelt – und wahrscheinlich auch die tatsächliche oder
angebliche Taxifahrerin.

- 90 -

Jim und Lucie hatten gelogen. Beide waren keineswegs bereits


seit Jahren in Onkel Harrys Diensten gestanden. Im Zeitungscom­
puter hatte Lieselotte nämlich die Texte der Anzeigen gefunden,
über die Harold Littlejohn einen Gärtner und eine Haushälterin
gesucht hatte. Die Annoncen waren erst vor einem halben Jahr
aufgegeben worden.
Das Haus stand auch nicht auf einem Zombie-Friedhof, sondern
war angeblich über dem Grab von Blackbeards Geliebter errichtet
worden. Beim Bau war es zu Protesten gekommen, die allerdings
bald wieder verstummt waren.
Der entscheidende Punkt freilich war, warum die Polizei von
Miami hinter Onkel Harry hergewesen war.
Lilo hielt sich den Bauch und krümmte sich. Warum war ihr nur
so schlecht? Normalerweise wurde sie nie seekrank, aber dieses
Betäubungsgas schien ihren Körper völlig durcheinandergebracht
zu haben.
Ihre Knickerbocker-Freunde hatten einen Vorsprung von über
einer Stunde. Den konnte auch das beste Schnellboot nicht wett­
machen...

Axel und Poppi glitten mit langsamen, ruhigen Flossenschlägen


durch das warme klare Wasser. In den verschiedensten Farben
leuchtende Fische schwammen in einiger Entfernung an ihnen
vorbei.
Gänzlich unerwartet tauchte ein mächtiger, silbrig glänzender
Fisch vor ihnen auf. Er verharrte völlig regungslos und schien die
beiden Taucher zu mustern.
Poppi erkannte, daß es sich um einen Barrakuda handelte. Axel
warf ihr einen ängstlichen Blick zu. Das Mädchen deutete dem
Jungen, sich ruhig zu verhalten. Die Zähne des Barrakudas sahen
bedrohlich aus, aber er würde sie nicht angreifen. Er war nur
neugierig.
So schnell, wie er aufgetaucht war, verschwand er wieder, und
die Knickerbocker konnten ihre Expedition fortsetzen. Von einem
Schatz hatten sie bisher nichts entdeckt. War die Karte eine
Fälschung?

- 91 -

Poppi begann aufgeregt mit den Flossen zu schlagen und zeigte


auf zwei Kalkfelsen, die sich aus dem Meeresboden erhoben.
Dazwischen eingekeilt lag, zur Seite gekippt, ein Schiff. Es war
zweifellos nicht sehr alt. Auf keinen Fall stammte es aus der Zeit
des Piratenkapitäns Blackbeard.
Es war ein kleiner verrosteter Kutter mit einem hohen Deck­
aufbau.
Gespannt näherten sich die beiden Knickerbocker dem Wrack.
Zu ihrer großen Überraschung war der Schiffsname noch erkenn­
bar: Er lautete „Blackbeard“.
Der Aufbau auf dem Oberdeck, der früher als Kommando­
brücke und Aufenthaltsraum für die Mannschaft gedient hatte,
war fast völlig intakt.
Die Junior-Detektive blickten durch eines des Bullaugen und
sahen mehrere Metallkoffer, die mit einer Kette am Steuerrad
befestigt waren.
Mit vereinten Kräften stemmten sie die Tür auf und
schwammen in den Raum.

Hältst Du das für eine gute Entscheidung?

Hinter ihnen fiel die Tür ins Schloß.


Axel und Poppi näherten sich den Koffern und betrachteten sie
von allen Seiten. Etwas fiel den beiden sofort auf.
Sie glänzten und schienen völlig unbeschädigt. Lange konnten
sie noch nicht im Wasser liegen.
Kaum hatte der Junge die Verschlüsse des Koffers vor ihm be­
rührt, sprang dieser schon auf. Axel hob den Deckel und prallte
zurück.

- 92 -

Vor ihm lag eine Bombe, deren Zeitzünder er durch das Öffnen
des Koffers in Gang gesetzt hatte.
Axel gab Poppi ein Zeichen, sofort von dem Wrack zu ver­
schwinden. Sie strampelten zur Tür und stemmten sich dagegen.
Doch die Metallklappe klemmte. Der Junior-Detektiv geriet in
Panik. Das Gefühl, eingesperrt zu sein, machte ihn wahnsinnig!

- 93 -

Am Ende?

„He, da ist das Schiff, das du suchst!“ schrie der Kapitän des
Schnellbootes.
Lieselotte hob den Kopf und nickte. Sie war am Ziel. Egal, wie
sie sich nun auch fühlte: sie mußte sich zusammenreißen.
Dominik stand an der Reling und blickte dem Schnellboot miß­
trauisch entgegen. Als er Lieselotte erkannte, winkte er ihr aufge­
regt zu und brüllte: „Was machst denn du da?“
„Sind Axel und Poppi schon im Wasser?“ schrie das Superhirn.
„Ja! Warum?“ lautete die Antwort ihres Knickerbocker-Kum­
pels.
„Hier liegt kein Schatz! Wir sind in eine Falle gegangen! Wie
lange sind sie schon unten?“ erkundigte sich Lilo.
„Gut 20 Minuten!“ antwortete Dominik verzweifelt.
Lieselotte kletterte an Bord des Fischkutters und berichtete in
Stichworten, was sie herausgefunden hatte. „Wir müssen sie
unbedingt warnen!“ keuchte das Mädchen. „Ich habe eine
Taucherausrüstung mitgebracht. Aber mir ist so schlecht...“
Hilfesuchend blickte sie die beiden Seemänner an. Aber beide
winkten ab. Die Flossen und die Brille, die Lieselotte ausgeliehen
hatte, waren zu klein für sie.
Jetzt gab es nur noch eine Möglichkeit. „Ich? Nein!“ japste
Dominik. „Ich... ich kann nicht tauchen... das ist... so schrecklich
für mich... wie... wie Vogelspinnen! Das weißt du doch!“
Lilo sagte nichts, sondern starrte ihn nur flehend an.
Dominik atmete schwer. Er rang mit sich. Es ging um das Leben
seiner Freunde!
„Ich versuch’ es!“ stieß er schließlich hervor. „Wir können Axel
und Poppi nicht im Stich lassen!“
Lilo nickte dankbar.
Der Junge legte die Taucherausrüstung an und verschwand im
klaren Meerwasser. Die ersten Sekunden waren die schlimmsten.
Dominik hatte, wie alle Mitglieder der Bande, einen Kurs ge­
macht und bestanden. Dennoch war ihm Tauchen unheimlich.
- 94 -

An Deck des Kutters lief Lieselotte auf und ab und knetete ihre
Nasenspitze. Immer wieder ballte sie die Hände zu Fäusten und
dachte: „Es darf ihnen nichts geschehen! Es darf ihnen nichts
geschehen!“
Die Anspannung brachte die Grübelzellen der Anführerin der
Knickerbocker-Bande auf Hochtouren: Dominik hatte Angst vor
Vogelspinnen. Und Vogelspinnen hatte er auch in der Schrek­
kensnacht in Onkel Harrys Haus gesehen. Sie selbst fürchtete sich
vor Skorpionen, und genau diese Tiere waren aus dem Toten­
schädel der Statuette gekrochen. Jeder der vier hatte das gesehen,
wovor er sich am meisten ängstigte. Es handelte sich also be­
stimmt nicht um einen technischen Trick, sondern um eine Art
Droge, die Alpträume auslöste.
Die Wirkung der Droge hatte noch angehalten, als sie bereits in
den Hotelzimmern lagen. Deshalb hatten sich die Bettpfosten in
Schlangen verwandelt. An der frischen Luft war alles besser
geworden.
Im Wrack des Schiffes rüttelten Poppi und Axel verzweifelt an
der Tür. Sie klemmte noch immer. Die beiden Junior-Detektive
hatten auch schon versucht, aus den Bullaugen zu klettern, aber
die Öffnungen waren zu eng.
Axel geriet so sehr in Panik, daß er wild um sich zu schlagen
begann und Poppi dabei den Sauerstoffschlauch aus dem Mund
riß. Das Mädchen hatte große Mühe, ihn wieder zwischen die
Zähne zu bekommen. Sie wußte, daß sie zu schwach war, um
Axel zu bändigen. Deshalb verkroch sie sich einfach und starrte
mit großen Augen auf die vierstellige Leuchtschriftanzeige der
Bombe, die verriet, daß mittlerweile bereits fast zwei Drittel der
Zeit verstrichen waren. Bald war alles aus. In Kürze würden sie in
die Luft fliegen.
Auf einmal sah Poppi Dominiks Gesicht in einem der Bull­
augen. Hatte sie auch schon Wahnvorstellungen? Das Mädchen
begann zu weinen.
Aber da spürte es eine Hand an seinem Arm. Poppi blickte auf:
Es war tatsächlich Dominik.

- 95 -

Ihr Kumpel umrundete das Wrack und versuchte festzustellen,


was los war. Poppi deutete zitternd auf die klemmende Tür.
Dominik betrachtete sie und entdeckte einen Riegel. Er hob ihn
an, und die Tür ließ sich öffnen. Erleichtert verließ Poppi den
Raum und zerrte den strampelnden Axel hinter sich her. Es gelang
ihr, Dominik zu vermitteln, daß sie sich nun so schnell wie mög­
lich davonmachen mußten.
Die drei Knickerbocker schossen an die Oberfläche und wurden
von den Seeleuten und Lieselotte an Bord gehievt. „Eine Bombe!
Da ist ein Wrack mit einer Bombe!“ schrie Poppi.
Sie hatte kaum ausgesprochen, als ein dumpfer Knall ertönte
und eine mächtige Fontäne in die Höhe jagte. Glücklicherweise
beschädigte die Bombe weder den Kutter noch das Schnellboot.
Völlig entkräftet sanken die drei Taucher auf das Deck und
blieben ausgestreckt liegen.

- 96 -

Der Zauber ist vorbei

Zwei Tage später hatten sich die vier Junior-Detektive einigerma­


ßen von den Schrecken erholt.
„Jim, Lucy und die Taxilenkerin konnten bereits von der Polizei
festgenommen werden“, berichtete ihnen Alice. „Ihr hattet recht.
Jim und Lucy haben nie für meinen Onkel gearbeitet. Sie und die
Taxilenkerin stammen, wie ich, aus Miami und werden dort
wegen verschiedener Betrügereien gesucht.“
Lieselotte war gespannt, ob ihre Vermutungen zutrafen. „Haben
sie verraten, was es mit dem Spuk auf sich hatte?“
Alice nickte.
Lilo gab ihr ein Zeichen, nichts zu sagen, und verkündete: „Sie
haben im Schlafzimmer eine Droge versteckt, die eingeatmet wird
und Alpträume erzeugt.“
Bewundernd stimmte ihr Alice zu. „So ist es. Es handelt sich
um ein einfaches Holzschutzmittel, das seit vielen Jahren verbo­
ten ist. Die Dämpfe sind giftig, und ihre Wirkung ist allgemein
bekannt. Aber eines verstehe ich noch immer nicht: Warum waren
die drei so wild auf das Haus?“
Auch dafür hatte Lieselotte die Erklärung: „Alice, dein Onkel
war ein Gauner. Er wurde wegen Geldfälscherei gesucht. Angeb­
lich hat er die besten Blüten der Welt hergestellt. Die Polizei hat
es nie geschafft, ihm etwas nachzuweisen. Ich vermute, die drei
Gauner waren hinter seiner Fälscherwerkstatt her. Sie vermuteten
sie in oder unter dem Haus und wollten es deshalb nach seinem
Tod unbedingt in die Hand bekommen.“
Alice nickte zuerst, schüttelte dann aber den Kopf. „Ihr kennt
das Haus – da ist einfach nirgendwo eine Fälscherwerkstatt.“
Die Knickerbocker mußten der jungen Frau recht geben. „Der
Punkt sind die Druckplatten, mit denen das Falschgeld hergestellt
wird“, sagte Lieselotte. „Ich wette, dein Onkel Harry hat sie
irgendwo im Haus versteckt. Er hat von der Geldfälscherei gelebt.
Wie sonst hätte er sich dieses sorgenfreie Leben leisten können?

- 97 -

Und warum glaubst du, hat er dir keinen Cent hinterlassen? Er


hatte immer nur soviel Geld, wie er brauchte.“
Am Nachmittag begannen die Junior-Detektive und Alice, das
Holzhaus gründlich auf den Kopf zu stellen. Im Schlafraum, wo
der Horror begonnen hatte, trugen sie sicherheitshalber Gasmas­
ken: Alle hatten von den schrecklichen Halluzinationen genug.
Doch auch nach fünf Stunden Suche hatten die sonst sehr
erfolgreichen Knickerbocker nicht die geringste Spur entdeckt.

Hast du einen Verdacht, wo die

Druckplatten versteckt sein könnten?

Die vier Knickerbocker waren erschöpft. Es war drückend heiß,


und ihre T-Shirts klebten geradezu an ihnen.
„Ich gebe es auf!“ stöhnte Poppi und lief ins Badezimmer, um
sich kaltes Wasser über die Pulsadern fließen zu lassen.
„Ich werde eine kleine Erfrischung für uns vorbereiten“, meinte
Alice und verschwand.
„Wir werden jetzt auf keinen Fall schlappmachen!“ verkündete
Lilo energisch, die gerade jeden Quadratzentimeter des Wohn­
raums unter die Lupe nahm.
Axel und Dominik setzten sich auf den Boden. Sie wollten sich
ein bißchen ausruhen.
„Kommt, das wird euch gut tun!“ rief ihre Gastgeberin aus der
Küche. Dort stand ein Tablett mit einem großen Krug erfrischen-
der Limonade und einer Schüssel mit tropischen Früchten.
„Das bringt unsere Grübelzellen sicher wieder auf Touren“, sag­
te das Superhirn und leerte sein Glas in einem Zug.

- 98 -

Nach dieser Pause kehrten die vier Freunde und Alice in das
vermeintliche Geisterzimmer zurück: Hier hatte alles begonnen.
„Die da möchte ich mir zur Erinnerung mitnehmen!“ rief Axel
schließlich und nahm eine der Voodoo-Priester-Statuen aus dem
Bücherregal.
„Ihr könnt jeder eine haben!“ erwiderte Alice großzügig.
Die Junior-Detektive griffen gerne zu.
Als Lieselotte ihre Bronzefigur genauer betrachtete, fiel ihr auf,
daß an der Unterseite des Sockels ein Stück Filz angebracht war.
Es sollte wahrscheinlich verhindern, daß das harte Metall das
Holz der Regale zerkratzte. Der Filz am Sockel ihrer Statue hatte
sich jedoch gelöst.
Lilo zog daran und stieß einen Freudenschrei aus. „Da... da...
seht nur!“
Sie hatte eine der Druckplatten entdeckt. Die Sockel der Buch­
stützen hatten ihr Geheimnis erst den Knickerbockern preisgege­
ben.
Der Fall war damit gelöst. Alice ließ das Holzschutzmittel, das
die Halluzinationen ausgelöst hatte, entfernen und konnte endlich
das Häuschen beziehen, in dem sie die ersehnte Ruhe fand.
Aus dem Horrorland war für sie doch noch ein Paradies
geworden.
„Ruhe, endlich Ruhe!“ seufzte sie glücklich.
„Ruhe? Das ist für uns der totale Horror!“ lachte Axel.

- 99 -

- 100 -

Eine schreckliche Ankunft

Dominik war völlig überrascht, als er durch die große Glastür trat.
In der Halle des Flughafens von Los Angeles warteten Hunderte
Fotografen und Reporter.
Als der Junge mit seinen Knickerbocker-Freunden Axel, Lilo
und Poppi auftauchte, zückten sie ihre Kameras, Notizblöcke und
Mikrofone und stürmten auf ihn zu.
„Ich bin ein Star!“ dachte Dominik begeistert. „Ein echter
Hollywood-Star! Dabei beginnen meine Dreharbeiten erst über­
morgen. Ich glaube, ich muß jetzt eine kleine Rede halten.“ Der
Junior-Detektiv stellte seinen Koffer ab und lächelte den Journa­
listen entgegen. „Ich freue mich sehr...“, begann er.
Klatsch! Genau auf seinem Kopf war ein riesiger Tropfen einer
rosafarbenen Masse gelandet.
„Igitt!“ rief Poppi. „Das ist ja Schleim! Pfui!“
Dominik fuhr sich mit der rechten Hand über die Haare. Als
seine Finger die Soße berührten, schrie er entsetzt auf: „Hilfeee!
Was... was ist das?“
Lieselotte blickte zur hohen Decke der Flughafenhalle auf.
„Seht nur! Das Zeug rinnt aus den Rohren der Klimaanlage“, rief
sie.
Die Fotografen verbargen ihre Kameras unter den Hemden, um
sie vor dem unappetitlichen Schleim zu schützen. Die Reporter
verzogen angewidert die Gesichter und beschwerten sich
lautstark.
Jetzt erst bemerkte Dominik, daß der Presserummel gar nicht
ihm galt. Nur wenige Schritte hinter den Knickerbocker-Freunden
war eine sehr elegante, schlanke Dame erschienen. Sie trug ein
enganliegendes weißes Kleid und hatte lange, kupferrote Haare.
Ihr Gesicht erinnerte ein wenig an die weltberühmte Filmschau­
spielerin Marilyn Monroe.
Axel öffnete den Mund und japste: „Erkennt ihr sie nicht? Das
ist Cindy Cooper. Sie spielt doch in demselben Film wie Domi­
nik!“
- 101 -

Schmollend schob Dominik die Unterlippe vor. Er war bitter


enttäuscht.
In diesem Moment quietschte Cindy Cooper auf und hielt sich
schützend ihre flache Handtasche über den Kopf. Zu spät! Auch
sie war bereits mit dem rosafarbenen Schleim bekleckert.
Aus den Lautsprechern der Halle ertönte plötzlich eine tiefe
Stimme. Sie klang schwach und müde. „Rache! Rache! Rache!“
verkündete sie. Dann folgte ein böses, drohendes Gelächter. „Ich
schwöre Rache! Professor Koma kennt keine Gnade!“

- 102 -

Ein seltsames Geschenk

Schreiend und kreischend flüchteten die Leute aus der Ankunfts­


halle.
Cindy Cooper stampfte wie ein trotziges Kind auf und fluchte:
„Verdammter Mist! Was soll denn das? Ich sehe ja schrecklich
aus!“
Axel grinste. Die Filmschauspielerin erinnerte ihn an eine
Puppe, die mit alten Kaugummis beklebt worden war.
Dominik wollte so schnell wie möglich fort. „Wo ist Mister
Gray von der Filmfirma?“ fragte er ungeduldig. „Er sollte uns
doch vom Flughafen abholen. Ich möchte sofort in unser Hotel!“
Da der Junge ihn nirgendwo entdecken konnte, nahm er sich ein
Herz und trat zu Cindy Cooper. „Guten Tag! Ich heiße Dominik
Kascha und bin Österreicher!“ stellte er sich höflich vor.
Die Frau starrte ihn als, als käme er vom Jupiter. „Aus Austra­
lien? Aus Sidney?“ fragte sie.
Dominik schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, aus Österreich in
Europa! Dort gibt es keine Känguruhs! Ich spiele in dem Film
,Das Horror-Hotel’ mit. Wir sind Kollegen!“
Das hörte einer der Fotografen. Sofort blitzte und klickte es, und
mit einem Schlag war der Filmstar äußerst freundlich. Cindy
küßte Dominik sogar auf die Wange, was dem Jungen äußerst
unangenehm war.
„Partner! Was für eine gräßliche Ankunft!“ rief Cindy. »Wo
sind eigentlich deine Eltern?“
Dominik verkündete stolz: „Es begleiten mich nur meine drei
besten Freunde. Meine Eltern sind Schauspieler und drehen zur
Zeit eine Fernsehserie. Sie hatten keine Zeit mitzukommen. Uns
sollte ein gewisser Mister Gray von ‚Munster Productions’ abho­
len. Aber in diesem Chaos haben wir ihn anscheinend verpaßt.“
„Dann nehme ich euch mit!“ beschloß Cindy. Also verstauten
die Knickerbocker-Freunde ihre Koffer und Taschen im Koffer­
raum des Taxis und kletterten auf die Rückbank. Cindy Cooper
setzte sich neben den Fahrer.
- 103 -

Sie wollte gerade die Tür zuschlagen, als sie von einer alten
Dame mit Sonnenbrille aufgehalten wurde. „Bitte ein Auto­
gramm“, flehte die Frau. Cindy kritzelte ihren Namen auf das
Blatt Papier, das ihr hingestreckt wurde. Als Dankeschön bekam
sie ein riesiges Ei überreicht. Cindy gab es Axel und erklärte
hochnäsig: „Ich mag diese doofen Geschenke nicht!“
„Zum Beverly Hills Ocean Hotel“, sagte die Schauspielerin zum
Chauffeur, und der Wagen setzte sich in Bewegung.
Axel betrachtete das gelbliche Ei von allen Seiten.
„Es muß ein Straußenei sein“, meinte Poppi.
Axel klopfte mit dem rechten Zeigefinger gegen die Schale. „Es
ist voll!“ stellte er fest.
In diesem Augenblick geschah etwas Unerwartetes. Von innen
wurde ebenfalls an die Schale geklopft. „Ich glaube, da schlüpft
ein Vogel aus!“ keuchte Poppi.
Die Schale brach, und ein grünes Wesen mit einem langen Hals
schoß hervor.

- 104 -

Horror in Hollywood

Es war ein furchterregendes Tier. Seine Haut war naß und glit­
schig. Es hatte zwei große, hervorquellende Augen und einen
weißen, scharfen Schnabel. Das kleine Ungeheuer fauchte und
spuckte.
Die Knickerbocker brüllten wie am Spieß.
Erschrocken drehte sich Cindy Cooper um. Als sie die grauen­
hafte Kreatur erblickte, kreischte sie entsetzt auf und schlug die
Hände vors Gesicht.
Der Fahrer verriß den Wagen und krachte gegen ein parkendes
Auto. Wildes Hupen war die Folge.
Dominik schaffte es, die Nerven zu bewahren. Er drückte auf
einen schwarzen Knopf, und ein Fenster öffnete sich. „Axel,
schnell! Wirf das Ei hinaus!“ schrie er.
Sein Freund ließ sich das nicht zweimal sagen. Mit voller
Wucht schleuderte er das Horror-Ei aus dem Fenster, das in
tausend Stücke zersprang, als es auf dem Boden aufschlug.
„Um Himmels willen, was... was war denn das?“ stammelte
Cindy Cooper. „Hilfe!“ Der Filmstar schrie schon wieder. Auf
Cindys linkem Handrücken stand in wackeligen Buchstaben:
„KOMA!“
Für einige Sekunden war nur die Musik aus dem Autoradio zu
hören. Dann plapperte ein Moderator aufgeregt los. Der Taxilen­
ker stutzte, drehte lauter und sagte: „Hört euch das an!“
„Horror in Hollywood!“ verkündete die Radiostimme und be­
richtete von dem Zwischenfall am Flughafen. Dann wurde ein
Brief verlesen, den der Sender erhalten hatte.
Er lautete: „Rache! Du hast mich vor sieben Jahren umgebracht.
Nun räche ich mich für den Mord. Viele Grüße aus dem Jenseits!
Professor Koma.“
Lilo knetete ihre Nasenspitze und fragte: „Mrs. Cooper, kennen
Sie diesen Professor Koma?“
Der Filmstar schüttelte den Kopf. „Ich habe den Namen noch
nie gehört.“
- 105 -

„Aber warum will er sich dann an Ihnen rächen?“ ließ das Mäd­
chen nicht locker. „Er hat Ihnen dieses Ei geschickt. Das war
Absicht. Auch die Sache mit dem rosa Schleim war kein Zufall!“
Cindy begann zu schluchzen. „Ich... ich... habe keine Ahnung.
Wie oft soll ich das noch sagen? Ich... ich...“ Die Frau brachte vor
Weinen kein Wort mehr heraus.
Das Superhirn der Knickerbocker-Bande glaubte ihr nicht. Sie
war sich sicher, daß Cindy Cooper etwas verheimlichte.

- 106 -

Suppe mit Augen

Das Beverly Hills Ocean Hotel sah von außen wie ein riesiges
Unterseeboot aus. Aber auch das Innere war einem U-Boot nach­
empfunden. In den Wänden waren mehrere Bullaugen eingelas­
sen, hinter denen Aquarien untergebracht waren. Bunte tropische
Fische, außergewöhnliche Wasserpflanzen und prachtvolle Koral­
len gab es hier zu bewundern.
Die Zimmer des Hotels waren wie Kabinen eines Schiffs einge­
richtet. Wer wollte, konnte sogar in einer Hängematte schlafen.
Breite Balkone verbanden die Zimmer miteinander.
Die vier Freunde waren sich sofort einig: Dieses Hotel verdiente
die Höchstnote!
Am Abend fand im großen Ballsaal eine Party mit den Haupt­
darstellern des Films „Das Horror-Hotel“ statt. Selbstverständlich
waren auch der Regisseur und sein Team anwesend. Die Junior-
Detektive hatten sich in feine Anzüge und elegante Kleider
gequält, was ihnen gar nicht behagte. Jeans waren ihnen einfach
lieber.
Mittlerweile war auch Mister Gray eingetrudelt, den die Knik­
kerbocker am Flugplatz nicht gefunden hatten. Er war froh, die
vier gesund anzutreffen. „Warum habt ihr mich nicht ausrufen
lassen? Warum habt ihr nicht länger gewartet? Warum seid ihr
mit Cindy Cooper mitgefahren?“ sprudelte es aus ihm heraus.
„Ich bin doch für Dominik und euch verantwortlich. Ich habe
jeden Schritt, den ihr tut, zu bewachen. Das habe ich euren Eltern
versprochen. Jawohl! Das habe ich!“ verkündete Mister Gray mit
strengem Blick.
„Aha! Sie sind also unser Wachhund und Babysitter!“ meinte
Lieselotte spöttisch.
Der Mann lächelte säuerlich. Er war ziemlich steif und lang­
weilig.
„Mister Gray“, begann Dominik, „können Sie mir bitte die
Geschichte des Films erzählen, in dem ich mitspiele?“ Bisher

- 107 -

wußte er nur, daß er ein schreckliches und grausames Kind aus


Europa darstellen sollte.
„Selbstverständlich!“ antwortete Mister Gray. „Das Horror-Ho­
tel ist ein Hotel, in dem immer wieder Gäste auf seltsame Weise
verschwinden. Die Koffer werden auf einem Friedhof entdeckt.
Von den Menschen fehlt freilich jede Spur. Ein junger Detektiv
stellt Nachforschungen an, und dabei entdeckt er ein schauriges
Geheimnis!“ Der Angestellte der Filmfirma machte eine Pause,
um die Spannung zu steigern. „Die Besitzer des Hotels scheinen
Vampire oder Menschenfresser zu sein. Im Keller findet der
Detektiv Särge, in denen die verschwundenen Gäste liegen. Aber
sie sind nicht tot... Der Schlüssel zum Geheimnis bist übrigens du,
Dominik! Allerdings tauchst du erst am Ende des Films auf. Mehr
darf ich dir nicht verraten. Der Rest der Handlung wird noch
streng geheimgehalten.“
„Ich habe Hunger!“ meldete Axel.
„Ich auch!“ rief Poppi.
„Gut, dann gehen wir zum Büffet!“ meinte Mister Gray.
Doch dieses war noch nicht eröffnet. Auf einem langen Tisch
standen große Töpfe mit silbernen Deckeln.
Die Band spielte einen Tusch und ein weißhaariger kleiner
Mann betrat die Bühne. Poppi erinnerte er an einen Pavian.
Die Festgäste begannen zu applaudieren.
„Das ist Ken Kong, der Regisseur und Drehbuchautor!“ erklärte
Mister Gray.
Ken Kong nahm das Mikrofon und sagte: „Ich freue mich, euch
alle hier zu sehen, und verspreche, daß ,Das Horror-Hotel’ nicht
nur mein dreizehnter, sondern auch mein bester Gruselfilm
werden wird. Ihr alle werdet dafür sorgen. Das Publikum wird vor
Angst zittern. Ich wünsche uns angenehme Drehtage! Und nun
laßt euch die Köstlichkeiten gut schmecken!“
Mister Kong gab ein Zeichen, und die silbernen Deckel wurden
entfernt.
In den Töpfen brodelte eine blutrote Suppe, in der riesige weiße
Augäpfel schwammen. Das sah mehr als widerlich aus. Mehrere
Gäste stürzten aus dem Raum, da ihnen übel geworden war.

- 108 -

Die schicken Kellner lächelten aufmunternd. Doch als sie das


Entsetzen der Leute bemerkten, sahen sie selbst in die Töpfe:
Klirrend fielen ihnen die Deckel aus der Hand.
„Soll das ein Witz sein?“ brüllte ein Mann. „He, Kong, soll das
ein Scherz sein?“
Der Regisseur war käseweiß im Gesicht. Mit zitternden Händen
ergriff er das Mikrofon und sagte etwas. Aber seine Stimme war
kaum zu hören.
Statt dessen meldete sich Professor Koma. Es war dieselbe
Stimme, die auch am Flugplatz gesprochen hatte. „Rache! Du bist
schuld an meinem Tod. Jetzt werde ich DICH zerstören!
Grauenvolle Grüße von Professor Koma!“
In Panik flüchteten die Gäste aus dem Saal. Die Knickerbocker
folgten ihnen.
Trotz der Strapazen der langen Reise waren die vier Junior-
Detektive nun hellwach.

- 109 -

Die Monsterspinne

Mister Gray brachte Axel, Lilo, Poppi und Dominik zu ihren Zim­
mern. Die Mädchen bewohnten Suite Nummer 221, die Jungen
Suite Nummer 223.
Mister Gray wünschte ihnen eine gute Nacht und sagte: „Ich
wecke euch morgen um neun Uhr. Nach dem Frühstück fahren
wir zum Studio. Dominiks Dreharbeiten beginnen erst übermor­
gen. Für morgen habe ich nur Termine mit dem Maskenbildner
und mit dem Kostümbildner vereinbart.“
Lilo schnalzte mit der Zunge: zuerst viermal und nach einer kur­
zen Pause noch zweimal. In der Knickerbocker-Klopfsprache war
das der Buchstabe T – für Treffen.
Lilo und Poppi verabschiedeten sich von Axel und Dominik und
gingen in ihr Zimmer. Die Tür wurde von außen abgesperrt.
„He, was soll das?“ protestierte Lieselotte. „Sind wir Gefange­
ne?“
Mister Gray antwortete kühl: „Nein, aber ich muß verhindern,
daß ihr eure Zimmer während der Nacht verlaßt! Übrigens, Zim­
mer 222 bewohne ich.“
Dann schloß Mister Gray die beiden Jungen ein und begab sich
zu Bett.
„Die Sache stinkt! Die Sache stinkt hochgradig!“ fauchte Lilo
wütend. „Hier ist etwas faul! Ich lasse mich nicht wie ein Affe im
Zoo behandeln!“
Das Mädchen griff zum Telefon und rief ihre Knickerbocker-
Freunde an. „Wir müssen uns sehen!“ flüsterte es in den Hörer.
„Wie denn?“ wollte Axel wissen. „Ich bin schließlich kein
Geist, der durch Wände gehen kann.“

- 110 -

Wie können Axel und Dominik zu den


Mädchen gelangen ?

„Wartet, bis Mister Gray das Licht abgedreht hat. Dann kommt
ihr über den Balkon zu uns“, erklärte Lieselotte.
Axel war damit einverstanden. Nun hieß es warten.
Es dauerte fast eine Stunde, bis das Licht in Zimmer 222
erlosch. Axel und Dominik ließen noch zehn Minuten verstrei­
chen, bevor sie aufbrachen.
Axel machte den Anfang.
Dominik, der solche Abenteuer nicht ausstehen konnte, warf
zuerst einen Bück nach unten. Immerhin waren sie im dritten
Stockwerk. Unter ihnen lag der beleuchtete Swimmingpool. Falls
er abstürzte, fiel er zumindest ins Wasser, dachte der Junge.
Dominik stutzte. Da war doch jemand! Zwischen den Büschen
bewegte sich etwas. Ein Liebespaar? Oder ein Tier? Der Junior-
Detektiv zuckte zurück. Aus dem Gebüsch kam eine Spinne, die
fast so groß wie ein Mensch war! Sie flitzte zur Außenmauer des
Hotels und begann mühelos daran hochzulaufen.
Für den Bruchteil einer Sekunde fiel ein Lichtstrahl auf den
Kopf der Spinne. Dominik begann vor Entsetzen zu zittern: Das
Tier hatte einen menschlichen Totenschädel.
„Ax... Axel...“, keuchte der Junge. Er brachte vor Schreck fast
keinen Ton heraus. Seine Freund drehte sich um, und Dominik
deutete nach unten.
Doch die Spinne war schon verschwunden.
War sie in ein Zimmer geklettert?
„Was ist?“ flüsterte Axel, der bereits den Balkon der Mädchen
erreicht hatte.

- 111 -

Da gellte ein schauriger Schrei durch die Nacht. Eine Frau


kreischte wie von Sinnen. „Hilfeee! Hilfeee!“ kreischte sie.
Dominik erkannte die Stimme. – Es war Cindy Cooper!
Lilo und Poppi rannten zu Axel auf den Balkon und starrten in
den beleuchteten Garten. Nun sahen auch sie die Spinne, die auf
einem Balkon im ersten Stockwerk auftauchte und sich an einem
Seil hinuntergleiten ließ. Blitzschnell verschwand das Riesentier
zwischen den Palmen.
Lilo bemerkte etwas Seltsames: In Mister Grays Zimmer war es
dunkel geblieben. Der Mann schien entweder sehr tief zu schla­
fen, oder... er war gar nicht da.

- 112 -

Todesangst

Die vier Knickerbocker plünderten den kleinen Eisschrank im


Zimmer der Mädchen, tranken Cola, knabberten Erdnüsse und
überlegten.
Plötzlich sprang Lieselotte auf und lief zum Telefon. Sie rief
beim Empfang an und erkundigte sich, wer geschrien hatte. Der
Portier bestätigte Dominiks Verdacht. Es war Cindy Cooper
gewesen. Sie war aufgewacht, als sich die Monsterspinne auf sie
stürzte.
„Wir haben das Tier auch gesehen“, berichtete Lilo. „Es ist
durch den Garten geflüchtet.“
„Wir werden das sofort an die Polizei weitergeben“, versprach
der Portier.
„Und wie geht es Mrs. Cooper?“ erkundigte sich Lieselotte.
„Sie wird gerade in ein Krankenhaus gebracht“, erhielt sie als
Antwort. „Der Arzt hat einen schweren Schock festgestellt.“
Lilo verabschiedete sich und legte auf. „Ich bin gespannt, ob
Cindy Cooper morgen wieder fit ist“, meinte sie. „Sie spielt eine
Hauptrolle. Was ist, wenn sie ausfällt?“
„Dann gibt es bei den Dreharbeiten ein Chaos, und das kostet
Millionen!“ rief Dominik. „Es kann sogar passieren, daß die
Filmfirma Pleite macht. Das ist schon vorgekommen.“
Poppi gähnte und steckte damit ihre Knickerbocker-Freunde an.
Sie hätten zwar noch gerne über die geheimnisvolle Rache Profes­
sor Komas diskutiert, doch sie wurden von Müdigkeit übermannt.
Die Jungen kletterten in ihr Zimmer zurück, und wenige Minu­
ten später schliefen die Junior-Detektive.
Axel, Lilo, Poppi und Dominik plagten allerdings Alpträume
mit blutigen Monstern, aus denen sie immer wieder hochfuhren.
Sie waren froh, als der nächste Tag anbrach und sie endlich auf­
stehen konnten.
Nach dem Frühstück schlenderten sie durch die Lobby zum
Ausgang, wo Mister Gray im Wagen auf sie wartete.

- 113 -

„Seht mal! Da ist ja Mister Kong!“ sagte Poppi und deutete zur
Hotelbar. Tatsächlich stand dort der Regisseur. Er war von zahl­
reichen Leuten umringt.
„Wieso ist er nicht im Studio? Heute beginnen doch die Drehar­
beiten!“ murmelte Dominik verwirrt.
Neugierig liefen die Knickerbocker zur Bar und versuchten
einige Worte aufzuschnappen.
Der Regisseur teilte eben der Presse mit, daß sich Cindy Cooper
weigerte, zu den Dreharbeiten zu erscheinen. Nach dem Schock
mit der Monsterspinne fürchtete sie um ihr Leben.
„Mister Kong“, rief ein Reporter. „Mister Kong, dieser Horror
hat doch eindeutig mit Ihren Filmen zu tun. Der Schleim, das
Grusel-Ei, die Blutsuppe und die Monsterspinne – das ist ja schon
alles einmal in Ihren Werken vorgekommen. Haben Sie eine
Erklärung für die gestrigen Vorfälle?“
Der Regisseur schüttelte stumm den Kopf. Plötzlich aber schien
ihm etwas eingefallen zu sein. Er war mit einem Schlag sehr
aufgeregt und wischte sich nervös über seine lange Nase und den
schrägen Mund, der ihm Ähnlichkeit mit einem Pinguin verlieh.
„Meine Herren... es... ist... mir...“, stotterte Kong, „etwas
Entsetzliches... eingefallen. Ich... ich...!“
Die Journalisten und die Knickerbocker starrten ihn gespannt
an.

- 114 -

Keine Dreharbeiten?

„Was ist los? Was haben Sie?“ wollte einer der Reporter wissen.
Mister Kong schwitzte und war knallrot im Gesicht. „Sie haben
mir gerade etwas Schreckliches vor Augen geführt. Der rosafarbe-
ne Schleim ist in meinem ersten Film vorgekommen. Das Ei mit
dem Monstervogel stammt aus meinem zweiten Film, die Blut­
suppe aus dem dritten und die Spinne aus meinem vierten Film.
Da läßt anscheinend ein Wahnsinniger meine Horrorfilme Punkt
für Punkt Wirklichkeit werden!“
„Und was geschah alles in ihrem fünften Film?“ fragte jemand.
Kong überlegte kurz und antwortete: „Der Film hieß ,Das Meer
des Todes’. Berühmt wurde eine Szene, in der ein Schwarm
Piranhas einen Menschen zerreißt.“
Die Journalisten wandten sich, wie auf einen Befehl hin, dem
Bullauge hinter Mister Kong zu.
„Dort drinnen... in diesem Aquarium... da sind doch Piranhas“,
stotterte eine Redakteurin.
„Vielleicht springt die Glasscheibe, und die Piranhas schwim­
men in die Halle!“ flüsterte Axel.
„Die armen Tiere“, meinte Poppi. „Dann landen sie nämlich auf
dem Trockenen und sterben.“
Das Superhirn der Bande grinste.
Mister Kong verabschiedete sich von den Reportern und versi­
cherte ihnen: „Ich werde sofort dafür sorgen, daß die Piranhas aus
dem Hotel entfernt werden. Es muß jede Gefahr ausgeschaltet
werden!“
Schlecht gelaunt und grau im Gesicht betrat Mister Gray die
Hotelhalle.
„Wir kommen schon!“ rief Dominik. „Entschuldigen Sie bitte
die Verspätung!“
Aber der Mann schien sich nicht über die Knickerbocker, son­
dern über etwas anderes zu ärgern. „Mein Wagen streikt! Dabei
war er gerade in der Reparatur!“ schrie er. „Das lasse ich mir
nicht bieten!“
- 115 -

„Nehmen Sie ruhig meinen!“ rief Kong. „Er parkt vor der Tür.
Ich habe hier noch länger zu tun. Ich sage den Film vorläufig ab!
Die Dreharbeiten werden erst fortgesetzt, wenn der Wahnsinnige
gefunden worden ist, der uns terrorisiert. Alles andere hat keinen
Sinn!“
„Gray, kümmern Sie sich jetzt endlich um die Kinder und gehen
Sie!“ sagte der Regisseur ungeduldig. „Die Kinder müssen weg.
Ich... ich habe Angst um jeden, der mit diesem Unglücksfilm zu
tun hat. Bringen Sie die vier zum Flughafen. Sie sollen mit der
nächsten Maschine zurück nach Europa fliegen. Das ist alles eine
Katastrophe! Und die Polizei... die... die schläft anscheinend!“
Mister Gray war nicht nur ein langweiliger, sondern auch ein
besonders folgsamer Mann. Er begab sich sofort zum Telefon.
„Die nächste Maschine nach Österreich startet morgen in der
Früh“, verkündete er, als er zurückkam, und zuckte mit den
Schultern.
Die Knickerbocker-Freunde grinsten zufrieden. Nun konnten sie
noch einen Tag bleiben.
Lilo blickte ihren Bewacher lange an. Irgendwie gefiel ihr dieser
Typ nicht. Mit dem stimmte etwas nicht!
„Wir nutzen am besten den Tag, indem ich euch Los Angeles
zeige“, sagte Mister Gray.
„Ich will aber eigentlich Hollywood sehen“, meinte Axel und
zog sich seine Kappe in die Stirn.
„Hollywood ist ja ein Teil von Los Angeles“, erklärte Dominik
seinem Kumpel. „Mich persönlich würde besonders das berühmte
Chinesische Theater interessieren. Auf dem Gehsteig davor gibt
es viele Hand- und Fußabdrücke von Filmstars zu bewundern.“
Dominik träumte davon, sich mit seinen Hand- und Fußab­
drücken eines Tages dort verewigen zu dürfen.
Die Knickerbocker trauten ihren Augen nicht, als sie den Wagen
von Mister Kong erblickten.
Es handelte sich um einen goldfarbenen Rolls-Royce. Sie
bestiegen das edle Gefährt und ließen sich in die weichen Sitze
sinken.

- 116 -

Mister Gray startete den Motor, und die Fahrt begann. Ihr
„Wachhund“ glitt mit ihnen durch das noble Beverly Hills und
zeigte ihnen die prachtvollen Villen der Reichen und der Stars.
Nachdem sie ungefähr eine Stunde unterwegs gewesen waren
und gerade an der schier endlosen Hecke eines wunderbaren
Anwesens auf einem Hügel vorbeirollten, läutete das Autotelefon.
Die Junior-Detektive sahen einander an.
Mister Gray hob ab und sagte: „Hallo?“ Andächtig lauschte er
dann der Stimme des Anrufers.
Grays Gesichtsausdruck ließ nicht den geringsten Zweifel. Er
mußte soeben eine schreckliche Nachricht erhalten haben...

- 117 -

Wie von Geisterhand gelenkt

Mister Gray legte schließlich auf und fuhr an den Straßenrand.


„Was ist geschehen?“ wollten die Knickerbocker erfahren.
Langsam und stockend erzählte ihnen der Mann, was er soeben
erfahren hatte. „Mister Kong... Mister Kong hat... er hat... das
Aquarium mit den Piranhas überprüft. Dabei ist er ausgeglitten
und hineingefallen.“
Poppi wurde bleich und ergriff Lilos Hand. „Das Wasser soll
sich augenblicklich rot gefärbt haben. Es muß grauenhaft gewesen
sein. Noch dazu hat sich der Abfluß des Beckens geöffnet, und
das Wasser ist mit den Fischen und den Resten Mister Kongs
abgeflossen.“
Die Junior-Detektive waren starr vor Schreck. „Hat sich Profes­
sor Koma wieder gemeldet?“ fragte Lieselotte.
„Keine Ahnung“, antwortete Mister Gray. „Aber bestimmt
steckt er dahinter...“
Axel schüttelte den Kopf. „Nein, das glaube ich nicht. Mister
Kong hatte einen Unfall.“
Lilo war anderer Meinung und sagte: „Vielleicht wurde er in das
Piranha-Becken gestoßen!“
Mit einem leichten Ruck setzte sich der Rolls-Royce wieder in
Gang und rollte einen Hügel hinunter.
Axel bemerkte, daß etwas nicht stimmte. Mister Gray raufte
sich die Haare und starrte mit offenem Mund auf das Lenkrad, das
sich ganz von allein bewegte! „Ich kann auch nicht bremsen... die
Pedale funktionieren nicht!“ schrie der Mann in Panik. „Es gibt
jemand Gas – ich weiß nicht, was ich dagegen tun kann!“
Der Wagen näherte sich einer Kurve. Mister Gray packte das
Steuer und versuchte, den Wagen unter Kontrolle zu bringen.
Vergeblich! Der Rolls ließ sich nicht mehr lenken. Er fuhr
geradeaus, und die Junior-Detektive kreischten erschrocken auf.
Erst in allerletzter Sekunde schüttelte das Auto wie von Geister­
hand gelenkt in die Kurve.

- 118 -

„Wo ist er?“ fragte auf einmal eine tiefe, müde Stimme. „Sag
mir, wo er ist, sonst verläßt du dieses Auto nicht lebendig!“
„Das ist Professor Koma!“ rief Axel. „Er... er spricht eindeutig
zu Ihnen! Mister Gray tun Sie, was er von Ihnen verlangt!“
„Aber ich weiß nicht, was er meint!“ jammerte der Mann
verzweifelt.
„Sag mir, wo er sich befindet! Ich will es wissen“, verlangte die
Stimme erneut. „Ich werde dich in Ruhe lassen, wenn du mir
endlich sagst, wo du ihn versteckst!“
Der Wagen raste dahin. Und Professor Koma ließ sich bei der
nächsten Kurve sehr lange Zeit, bis er die Räder in die richtige
Stellung brachte. Die Reifen quietschten, und der Rolls krachte
gegen einen Felshang. „Zum letzten Mal, sag mir, wo er ist! Du
kannst mit mir sprechen, wenn du auf den Lautstärkeregler des
Autoradios drückst.“
Mister Gray betätigte den Knopf und brüllte: „Wir... wir wissen
nicht, wovon Sie reden! Hier ist Gray... Was... tun Sie? Ich habe
Kinder im Wagen. Aufhören!“
Wieder quietschten die Reifen. Axel, Lilo, Poppi und Dominik
wurden nach vorne geschleudert und rutschten von der Sitzbank.
Plötzlich hatten die Bremsen wieder funktioniert und blockiert,
und der Wagen hatte angehalten.
Die vier Freunde rissen die Türen auf, taumelten ins Freie und
ließen sich gleich am Straßenrand niedersinken. Ihre Beine zitter­
ten dermaßen, daß sie nicht einmal stehen konnten.
Mister Gray setzte sich neben sie und wischte sich den Schweiß
aus dem Gesicht. „Was... was soll das alles?“ stammelte er
fassungslos.
Lieselotte umklammerte ihre Knie und versuchte, sich zu
beruhigen. Sie hatte jetzt eine Spur zu Professor Koma...

- 119 -

Das ist Professor Koma!

Die Junior-Detektive hatten sich in die Suite der Jungen zurück­


gezogen, um eine Besprechung abzuhalten.
Nachdem sie sich gestärkt hatten, meine Lieselotte etwas ratlos:
„Schauen wir einmal, ob die Fernsehnachrichten schon etwas über
den grauenhaften Tod Ken Kongs bringen!“ Und tatsächlich flim­
merte bereits auf dem dritten Sender, den Lilo probierte, nicht nur
ein Bericht über das Unglück des Regisseurs, sondern auch über
das Abenteuer Mister Grays und der vier Freunde in seinem
Wagen über den Bildschirm.
Die Polizei hatte in dem Rolls-Royce ein Gerät entdeckt, das
über eine Fernsteuerung das Gaspedal, die Bremse und die Len­
kung außer Betrieb gesetzt hatte.
Und in das Radio hatte jemand auf sehr professionelle Weise ein
Funksprechgerät eingebaut.
Lilo runzelte die Stirn und griff sich an die Nase.

An den Vorfällen stimmt etwas nicht. Es


ist etwas sehr unlogisch. Weißt du, was ?

„Fällt euch etwas auf?“ sagte Lieselotte zu ihren Kumpeln. „Nicht


uns, sondern Mister Kong sollte Angst eingejagt werden! Aber
der Regisseur war zu diesem Zeitpunkt bereits tot! Das ist unlo­
gisch!“
„Na ja, vielleicht sollte doch Mister Gray zum Reden gebracht
werden. Womöglich ist sein Auto nicht angesprungen, weil

- 120 -

jemand an der Zündung herumgebastelt hat“, meinte Axel. „Oder


Mister Kong hat ihm absichtlich sein Auto geborgt, um ihn dann
erpressen zu können.“
Lilo überlegte fieberhaft. Ihr Freund konnte recht haben. Aber
das würde bedeuten, daß Mister Kong etwas mit Professor Koma
zu tun hatte und mit ihm gemeinsame Sache machte.
Nein, das paßte nicht zusammen!
„Warum aber wurde der Wagen in dem Moment abgebremst, als
Mister Gray seinen Namen nannte?“ fragte die Anführerin der
Bande. „Dominik, gibt es ein Buch über Ken Kong und seine
Gruselfilme?“
Der Junge nickte und holte es aus seinem Koffer. „Natürlich,
und ich habe es bereits gelesen. Was willst du wissen? Alles
Wichtige habe ich mir gemerkt!“
Lieselotte hatte allerdings keine bestimmte Frage, sondern
wollte nur so viel wie möglich über den Regisseur erfahren.
Sie legte sich mit dem Band an den Swimmingpool des Hotels
und begann darin zu schmökern.
Drei Stunden später hatte sie es durchgearbeitet und sich einige
Notizen gemacht.
„Und? Was erfahren?“ erkundigte sich Axel.
Lieselotte grinste und antwortete zufrieden: „Ja, sehr viel
sogar!“
„Mach es nicht so spannend!“ rief Dominik.
„Ich weiß jetzt, wer Professor Koma ist“, verkündete das Super­
hirn nach einer weiteren Pause.
„Wie bitte???“ Diese Meldung schlug wie eine Bombe ein.
„Also, wer ist es?“ fragte Poppi neugierig.
„Er war Drehbuchautor und hat das Script für Mister Kongs
erste große Erfolge geschrieben. Abgesehen davon, war er ein
begnadeter Experte für Horroreffekte und Filmtricks. Er hieß
Konstantin Markoni!“
„Und was hat er mit Professor Koma zu tun?“ wollte Poppi
wissen.
„Der Name KOMA ist aus den Anfangsbuchstaben von
Konstantin Markoni zusammengesetzt“, erklärte das Superhirn.

- 121 -

Axel bewunderte seine Freundin. „Wie bist du denn darauf


gekommen, Lieselotte?“
„Durch Zufall!“ lautete Lilos ehrliche Antwort. „Professor
Koma hat doch einmal gesagt, er sei vor sieben Jahren umge­
bracht worden. Konstantin Markoni ist vor genau sieben Jahren
gestorben. Er ist mit seinem Mercedes tödlich verunglückt. Die
Umstände waren äußerst mysteriös. Markoni soll in der Nacht mit
seinem Auto von einer Klippe ins Meer gestürzt sein. Der Wagen
wurde gefunden, Markoni nicht. Auf jeden Fall gilt er seit damals
als tot.“
Poppi blickte Lilo fragend an. „Glaubst du denn... er... er lebt?“
Lieselotte zuckte mit den Schultern. „Das glaube ich nicht. Aber
es ist seltsam, daß die Leiche von Markoni nie entdeckt worden
ist. Eigentlich hätte sie irgendwo an den Strand gespült werden
müssen.“
Dominik fiel plötzlich etwas ein. „Hört zu, mir ist gerade etwas
äußerst Merkwürdiges durch den Kopf gegangen! Mister Kong
hat eindeutig gelogen! Er hat behauptet, die Sache mit den Piran­
has kommt in seinem Film ,Das Meer des Todes’ vor. Aber das
stimmt nicht. Ich kenne den Film. Er ist übrigens grauenhaft. Ich
habe mich entsetzlich gefürchtet“, erzählte der Junge. „Jedenfalls
gibt es in diesem Streifen eine Szene, wie wir sie heute erlebt
haben! Ein Auto läßt sich nicht mehr steuern und wird wie von
Geisterhand gelenkt.“
„Und die Piranhas?“ fragte Axel.
„Ich glaube, die stammen aus dem Film ‚Ungeheuer aus der
Tiefe’!“ sagte Dominik.
Das Superhirn war nun sehr aufgeregt und flüsterte: „Ich habe
einen Plan. Seid ihr dabei?“
„Zuerst möchte ich wissen, was du vorhast!“ meinte Axel
vorsichtig.
„Okay! Wir müssen das Haus von Ken Kong unter die Lupe
nehmen. Er wohnt hier in Beverly Hills. Kommt ihr mit?“
Lilo schien zu allem entschlossen.
Poppi, Axel und Dominik zögerten einen Moment.

- 122 -

Schließlich aber rangen sie sich dazu durch, Lieselotte zu be­


gleiten. Es gab keinen anderen Weg, sich Klarheit zu verschaffen
und in dem Fall weiterzukommen. Gemeinsam waren sie stark –
das hatten sie schon mehr als einmal unter Beweis gestellt.
Wie gefährlich war ihr Gegner? Hatten sie es mit jemandem zu
tun, der aus dem Jenseits Rache nehmen wollte?

- 123 -

Das Horrorhaus

Glücklicherweise hatte Mister Gray die Knickerbocker-Bande an


diesem Nachmittag allein gelassen. Der tragische Unfall von Ken
Kong hatte zahlreiche Probleme für die Filmfirma aufgeworfen,
für die ihr „Babysitter“ arbeitete.
Lilo erkundigte sich beim Portier nach der Adresse von Mister
Kongs Villa. Dieser wußte sie sogar auswendig. „Ken Kong war
mein Chef, erklärte er. „Das Beverly Hills Ocean Hotel gehört
ihm... oder besser gesagt... hat ihm gehört!“
Lilo staunte. Sie notierte die Adresse und bat den Portier, ein
Taxi zu rufen.
Dreißig Minuten später standen die vier Freunde vor einem
hohen Holztor. Dahinter lag Ken Kongs Anwesen.
Neben dem Tor entdeckten die Junior-Detektive einen schwar­
zen Knopf mit einem kleinen Totenschädel.
„Und jetzt? Was machen wir jetzt?“ fragte Axel.
„Warum kommen Jungs bloß nie auf die einfachsten Dinge der
Welt?“ meinte Lilo kopfschüttelnd. „Jetzt läuten wir einmal und
warten ab, ob uns wer öffnet.“
Poppi drückte drauf. Nichts rührte sich.
„Wir versuchen, über die Mauer zu klettern“, entschied Liese­
lotte. „Ich glaube, es ist niemand im Haus.“
Das Mädchen half ihren Freunden auf die Mauer und ließ sich
dann von Axel und Dominik hochziehen.
Die Knickerbocker sprangen hinunter und gingen hinter einem
Busch in Deckung.
Vorsichtig lugten sie durch die Äste und blickten über das
Grundstück. Vor ihnen erstreckte sich eine riesige Grünfläche, an
deren Ende sich eine weiße Villa erhob. Rechts davon lag ein
kleiner Hügel mit einem seltsamen Haus. Irgendwie kam es den
Junior-Detektiven bekannt vor.
„In diesem Haus hat Alfred Hitchcock seinen berühmten Thril­
ler ,Psycho’ gedreht“, flüsterte Dominik. „Ich bin sicher, daß es
leer ist.“
- 124 -

Mittlerweile war es Abend geworden, und die Dämmerung


brach herein. Geduckt schlichen die Junior-Detektive an der
Gartenmauer entlang auf die Villa zu. Sie hatten das Gebäude fast
erreicht, als plötzlich ein leises Klicken ertönte und die Erde zu
vibrieren begann.
Erschrocken blieben sie stehen. War das eine Falle?
In der nächsten Sekunde standen die vier im Regen. Aus dem
Boden schossen hohe Wasserfontänen. „Keine Panik, das ist nur
die Bewässerungsanlage! Sie hat sich automatisch eingeschaltet!“
beruhigte Axel seine Kumpel.
Die Knickerbocker-Freunde waren jetzt noch ungefähr zwanzig
Schritte von der Villa entfernt.
Langsam näherten sie sich dem Haus und übersahen dabei eine
steinerne Kröte am Rand des Weges, aus deren Maul ein dünner
Lichtstrahl drang. Als die Lichtschranke durchbrochen wurde,
geschah etwas Unfaßbares.
In dem Hitchcock-Haus auf dem Hügel ging das Licht an, und
hinter einem Fenster tauchten die Schatten von zwei Menschen
auf.
„Seht nur, die haben Messer in den Händen! Die gehen aufein­
ander los!“ rief Axel entsetzt.
Verzweifelte Schreie gellten durch den Garten. Einer der Kämp­
fenden stach wild auf den anderen ein. Schwer verwundet, oder
vielleicht sogar tot, sank das Opfer zu Boden. Der Überlebende
drehte sich zum Fenster. Die Vorhänge wurden zur Seite gescho­
ben. Eine dunkle Gestalt starrte in den Garten, machte dann kehrt
und knipste das Licht aus.
Die Knickerbocker packten einander an den Händen und blieben
wie angewurzelt stehen. Der Mörder hatte sie gesehen!

- 125 -

Die Falle

„Schnell! Wir müssen weg! Wir sind Augenzeugen. Wir haben


einen Mord beobachtet. Bestimmt will uns der Typ jetzt auch
erledigen!“ keuchte Axel.
„Bleib da!“ beruhigte ihn Dominik. „Das Haus ist nur eine
Filmkulisse. Dort wohnt niemand. Was wir gesehen haben, war
bestimmt ein Trick.“
Poppi war da nicht so sicher. „Und wozu soll die Show gut
sein?“
„Entweder um Leute zu überraschen oder um ungebetene Gäste
abzuschrecken. Auf jeden Fall ist die Sache harmlos“, beruhigte
sie Dominik.
Lilo blickte ihre Freunde fragend an. „Und... Was tun wir jetzt?
Sollen wir uns trauen und zu dem Haus auf dem Hügel gehen?“
Da entdeckte Dominik die Lichtschranke im Krötenmaul. Er
machte seine Freunde darauf aufmerksam, und die Bande konnte
erleichtert aufatmen. Seine Vermutung war also richtig gewesen.
Die Junior-Detektive beschlossen, das unheimliche Horrorhaus
unter die Lupe zu nehmen. Schweigsam stapften sie den Hügel
hinauf.
Die Eingangstür war nicht abgeschlossen. Lilo öffnete sie. Vor
ihnen lag ein leerer, düsterer Raum.
Axel und Poppi hatten ihre Taschenlampen eingesteckt und
knipsten sie an.
„Was ich gesagt habe: eine Filmkulisse“, flüsterte Dominik. „Es
kann auch gar nicht bewohnt sein, denn dieses Zimmer ist so groß
wie das ganze Haus und Treppe gibt es auch keine!“
Langsam gingen die Knickerbocker in das seltsame Gebäude
und blickten sich suchend um.
Dann ging alles blitzschnell. Im Boden öffnete sich eine Falltür,
und Axel, Lilo, Poppi und Dominik stürzten in die Tiefe. Über
ihren Köpfen schloß sich die Klappe wieder.
„Wo... wo... wo sind wir?“ piepste Poppi.
„Im Keller, wo sonst?“ knurrte Lilo.
- 126 -

Axel hob seine Taschenlampe auf, die er beim Absturz verloren


hatte, und leuchtete den Raum ab. Es handelte sich um eine
kleine, enge Kammer, deren Boden mit Matratzen ausgelegt war.
In einer Ecke lagen ein Stuhl und ein Hocker.
„Eine Tür!“ sagte Dominik leise und deutete auf eine Wand.
„Sie ist ziemlich demoliert. Ich glaube, sie wurde aufgebrochen.“
Lieselotte rappelte sich auf, nahm Poppis Taschenlampe und
ließ das Licht durch das Nebenzimmer streifen. „Eine Werkstatt“,
meldete Lilo. „Das ist eine Art Atelier. Kommt!“
Poppi, Axel und Dominik blieben dicht hinter ihrer Freundin
und betrachteten staunend die Zeichnungen und Bilder an den
Wänden. Auf allen waren Monster, Ungeheuer und Drachen zu
sehen. Auf einem Tisch stand ein Computer mit einem Drucker;
daneben lagen mehrere Stapel Papier.
Ein Stück weiter entdeckten die Knickerbocker ein Zimmer mit
einem ungemachten Bett, einer kleinen Kochnische und einem
winzigen Bad und WC. Außerdem erkannte die Bande eine dicke
Stahltür.
„Das kommt mir vor wie ein Gefängnis“, meinte Lilo. „Es sieht
aus, als wäre hier jemand gefangengehalten worden.“
„Apropos gefangen!“ brummte Axel. „Wie sollen wir hier
wieder rauskommen?“
Poppi begann zu schluchzen. Dominik kämpfte mit den Tränen.
Selbst Axel spürte ein Kratzen im Hals. Nur Lieselotte hatte sich
im Griff.
„Keine Sorge! Es wird uns bestimmt jemand retten“, sagte sie.
„Quatsch!“ rief Axel. „Wer denn? Es weiß doch niemand, daß
wir hier sind. Wir werden hier verhungern.“
„He, noch ist es nicht soweit. Bleibt ruhig! Wir müssen
nachdenken. Bleibt ruhig!“ wiederholte Lilo eindringlich.

- 127 -

Überraschung!

Über vier Stunden hockten die Knickerbocker-Freunde stumm auf


dem Boden. Die Taschenlampen hatten sie abgedreht, um die
Batterien zu schonen. Sie glotzten in die Dunkelheit und waren
nicht fähig, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.
Schließlich überkam sie die Müdigkeit, und sie schliefen für ein
paar Stunden ein.
Lilo war die erste, die wieder munter wurde. Es dauerte eine
Weile, bis ihr klar war, wo sie sich befand. In Lieselottes Kopf
hämmerte der Ratschlag ihres Vaters: „Denk klar! Bleib cool!“
Plötzlich kam dem Mädchen eine Idee. Es tastete nach der
Taschenlampe, knipste sie an und torkelte zur Tür, die in den
Raum unter der Falltür führte. Lilo leuchtete den Türrahmen ab
und überlegte: „Diese Tür ist eindeutig aufgebrochen worden.
Und zwar von hier aus. Das bedeutet vielleicht, daß der Gefan­
gene durch die Falltür flüchten konnte. Auf jeden Fall ist er nicht
mehr hier!“
Das Superhirn weckte seine Kumpel und sagte: „Wir machen
jetzt eine Pyramide. Axel setzt sich auf meine Schultern, und Do­
minik versucht dann, auf Axels Schultern zu klettern. Dann müßte
er es schaffen und die Falltür vielleicht aufdrücken können.“
Gesagt, getan!
Dominik stemmte seine Hände gegen die Falltür, aber diese
bewegte sich keinen Millimeter. Immer wieder versuchte er sie zu
heben, aber der Schließmechanismus war eingerastet.
Entmutigt ließen sich die Jungen auf die Matten fallen. „Und
jetzt?“ fragte Axel.

- 128 -

Was würdest du in dieser Situation tun ?

Poppis Großmutter hatte ihrer Enkelin immer erklärt: „Oft laufen


Menschen jahrelang gegen verschlossene Türen, obwohl irgend-
wo eine sperrangelweit offensteht.“ Das fiel dem Mädchen nun
ein.
Poppi riß Lieselotte die Taschenlampe aus der Hand und lief
durch das Atelier in den verwüsteten Wohnraum. Sie packte den
Griff der Stahltür und zog an.
Die Tür schwenkte auf.
„Poppi, super!“ jubelte Lieselotte überglücklich und umarmte
ihre Freundin.
Poppi strahlte über das ganze Gesicht.
Aber wohin führte der Gang, der hinter der Stahltür begann?
Axel leuchtete ihn mit seiner Taschenlampe aus. Die Wände
und der Boden waren unappetitlich braun gestrichen. Und überall
hingen große Spinnweben.
„Hoffentlich gibt es hier keine Ratten!“ murmelte Dominik und
richtete seine Brille, die ihm in der Aufregung verrutscht war.
„Uns bleibt keine Wahl!“ meinte das Superhirn. „Denkt an
unser Motto! Wir Knickerbocker lassen niemals locker!“
Poppi nickte tapfer. Auch wenn der Gang noch so unheimlich
wirkte, mußten sie es wagen. Vielleicht fanden sie einen Ausgang
ins Freie.
„Ich gehe vor!“ flüsterte Lilo und zückte die Taschenlampe. Die
drei Junior-Detektive folgten im Gänsemarsch.
Die Knickerbocker-Freunde zitterten vor Aufregung, als sie
schon nach wenigen Schritten eine Treppe erreichten, die steil

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nach oben führte. Die vier tappten hinauf und gelangten zu einer
Tür, die ebenfalls nicht abgesperrt war.
Sie standen nun in einem stockfinsteren Zimmer.
„Wir befinden uns jetzt im Haus von Ken Kong!“ sagte Domi­
nik leise.
Vorsichtig durchquerten die Junior-Detektive den Raum, der
eine Art Abstellkammer war, und erreichten die nächste Tür, die
sie in die Vorhalle der Villa führte.
Die Wand zum Haus hin war mit Fotografien übersät, die alle
den Regisseur mit berühmten Schauspielern und Filmleuten zeig­
ten.
„Die Villa ist bestimmt abgesperrt. Wie kommen wir hier raus?“
flüsterte Axel.
„Gar nicht!“ verkündete eine Stimme hinter der Bande.
Die Knickerbocker-Detektive drehten sich um und blickten in
den Lauf einer Pistole.

Wer steht vor ihnen ?

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Ausweglos?

„Mis... Mister Kong!“ japste Axel. „Aber Sie... Sie... sind doch
tot!“
Der Regisseur lachte. „Wie du siehst, bin ich das nicht. Aber das
weiß bis auf euch keiner. Und ihr werdet keine Gelegenheit
haben, es weiterzuerzählen. Los, marsch zurück in den Keller!“
Lilo blieb stehen. „Nein!“ rief sie stur. „Ich will da nicht mehr
hinunter. Wir gehen nicht!“
Die Pistole klickte.
„Seid nicht dumm!“ sagte Ken Kong mit ruhiger Stimme.
„Sonst muß ich abdrücken. Keiner wird meinen Erfolg zerstören.
Ihr schon gar nicht!“
Im Zeitlupentempo gingen die Knickerbocker in die Abstell­
kammer zurück. Jetzt war wirklich alles aus! Mister Kong würde
sie im Keller verhungern lassen.
Lieselotte nahm all ihren Mut zusammen und fragte den Mann,
warum er seinen Tod vorgetäuscht und wie er das angestellt hatte.
Ken Kong lachte. „Es war ein Filmtrick, sonst nichts! Die
Piranhas habe ich aus dem Becken gefischt und dann habe ich
mich ins Becken fallen lassen. Gleichzeitig hat sich unter meinem
Hemd ein Beutel mit roter Farbe geöffnet. Das Aquarium hat
einen riesigen Abfluß, durch den ich in der roten Suppe ver­
schwunden bin. In meinem Hotel kenne ich nämlich die Installa­
tionen genau. Unverletzt bin ich herausgekrochen und – natürlich
verkleidet – in mein Haus zurückgekehrt. Mein Tod hat Schlag­
zeilen gemacht, und meine Filme werden noch gefragter sein, als
sie es jetzt schon sind. Ich selbst ziehe mich auf die Insel
St. Louis in der Karibik zurück. Dort werde ich unter einem
falschen Namen und mit einem neuen Gesicht leben, das ich mir
verpassen lasse.“
Plötzlich stolperte Dominik und stürzte.
Mister Kong fuhr den Jungen an: „Steh auf! Geh weiter!
Tempo!“

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Umständlich erhob sich der Knickerbocker und hielt sein


rechtes Bein. „Mein Knie... mein Knie... ich habe mich verletzt.
Ich... ich kann nicht mehr auftreten!“ jammerte der Junge.
Ken Kong wurde nervös. „Weiter! Mach schon!“ befahl er
schnaubend.
„Ich kann nicht!“ stöhnte der Junge und setzte sich wieder auf
den Boden.
Der Regisseur drängte sich an Poppi vorbei und beugte sich zu
Dominik.
In der nächsten Sekunde sauste ein Baseballschläger durch die
Luft und traf den Mann mit einem dumpfen Knall am Kopf.
Der Regisseur sank bewußtlos nieder.
Dominiks Sturz war nur vorgetäuscht gewesen. Zuvor hatte er
im Halbdunkel den Baseballschläger entdeckt, diesen unbemerkt
aufgehoben und ihn an Axel weitergegeben. Dieser hatte sofort
verstanden, was sein Kumpel vorhatte.
,Jetzt schnell weg von hier!“ rief Poppi und rannte an Ken Kong
vorbei zur Eingangstür, die sich glücklicherweise öffnen ließ.
Lauwarme Abendluft schlug ihnen entgegen. Die Junior-Detek­
tive atmeten erleichtert auf. Doch da versperrte ihnen eine dunkle
Gestalt den Weg!

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Die Lösung

„Halt! Wer seid ihr?“ rief der Schatten vor ihnen.


„Wer... wer sind Sie?“ stieß Lilo hervor.
Die Person kam näher, und zu ihrem Entsetzen blickten die
Knickerbocker abermals in den Lauf einer Schußwaffe. Diese war
wesentlich größer als die Pistole Ken Kongs. „Was habt ihr hier
gemacht?“ fragte die Gestalt.
Axel zuckte zusammen. Diese tiefe, müde, fast kraftlose Stim­
me! Das war Professor Koma!
„Wir... wir haben gerade Ken Kong ausgeschaltet!“ sagte Axel.
„Er liegt im Haus. Er wollte uns nämlich beseitigen.“
Lilo richtete den Strahl ihrer Taschenlampe auf das Gesicht von
Professor Koma. Vor den Junior-Detektiven stand ein älterer
Mann. Sein verzweifeltes Gesicht war sehr blaß und von Falten
zerfurcht.
„Dieses Schwein! Dieses miese Schwein! Er muß endlich reden!
Wo ist er?“ keuchte der Mann.
„Sind Sie Konstantin Markoni?“ fragte Axel leise.
Der Mann nickte unmerklich, taumelte an den Knickerbockern
vorbei und betrat die Villa. Er entdeckte den bewußtlosen Regis­
seur, stürzte sich auf ihn und ohrfeigte ihn. Währenddessen schrie
er wie von Sinnen: „Wo ist er? Sag endlich, wo er ist!“
„Aufhören! Er kann jetzt nichts sagen... er ist ohnmächtig!“ rief
Lieselotte.
Konstantin Markoni ließ von Mister Kong ab und begann zu
weinen.
Hilflos standen die Junior-Detektive daneben. Schließlich erhob
sich der Mann und ging in die Halle, um zu telefonieren. Nach­
dem er aufgelegt hatte, flüsterte er: „Die Polizei ist gleich hier.
Sie muß ihn unbedingt zum Sprechen bringen.“
Drei Tage später waren die Knickerbocker nicht mehr in Holly­
wood, sondern auf der Karibikinsel St. Louis. Sie wohnten in
einem kleinen, gemütlichen Strandhotel – gemeinsam mit Mister
Markoni und... seinem Sohn!
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Er hieß Andrew und war zehn Jahre alt. Sieben Jahre lang war
er auf St. Louis im Haus Ken Kongs gefangengehalten worden.
Konstantin Markoni erzählte nun den Junior-Detektiven die
ganze unglaubliche Geschichte:
„Vor sieben Jahren habe ich das erste Drehbuch für Ken Kong
geschrieben. Ich habe auch die speziellen Horroreffekte ent­
wickelt und Kong zu seinem großen Erfolg verholfen. Aber er hat
meine Arbeit verschwiegen und nur sich in den Vordergrund
gestellt. Deshalb wollte ich nicht mehr für ihn arbeiten. Außerdem
war kurz zuvor meine Frau verstorben, und ich mußte mich um
Andrew kümmern. Eines Tages wurde mein Sohn entführt. Eine
Woche lang hat die Polizei nach ihm gesucht. Erfolglos. Und
dann bin ich eines Nachts überfallen, betäubt und verschleppt
worden. Zu mir gekommen bin ich in dem Keller, den ihr ja
kennt. Ken hat mir mitgeteilt, daß er meinen Sohn in seiner
Gewalt hat. Er wollte ihn umbringen, wenn ich nicht wieder für
ihn arbeite. Was blieb mir also anderes übrig, als mich der
gemeinen Erpressung zu fügen? Es war eine Qual! Ich durfte nur
nachts kurz aus dem Verlies. Eine Flucht war unmöglich.“
„Aber wie sind Sie dann doch entkommen?“ fragte Axel.
„Es war die Verzweiflung, die mir geholfen hat. Eines Tages
habe ich völlig die Nerven verloren und bin mit dem Kopf gegen
die Wand gerannt. Hinter der Tapete war eine Tür. Ich habe einen
Monat gebraucht, um sie zu öffnen. Die Tür führte in den Raum
mit der Falltür. Der Rest war ein Kinderspiel. Ich hatte nämlich
die Falltür selbst erfunden – allerdings für einen Film. Ich habe
einen Hocker auf einen Stuhl gestellt und mit einer Gabel den
Mechanismus gelöst. So konnte ich fliehen.“
„Aber wozu dann das ganze Horrortheater?“ wunderte sich
Poppi.
Lilo meinte: „Mister Markoni wollte Ken Kong damit Angst
einjagen. Es ging um das Versteck seines Sohnes!“
Der Drehbuchautor nickte. „Ich wußte, daß Ken nur an zwei
Sachen interessiert war: an Erfolg und an Geld. Er sollte von mir
aus beides haben, aber wissen, daß ich ihn fertigmachen kann. Er
sollte um sein Leben zittern. Ich ging davon aus, daß er Andrew

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nichts antun würde. Schließlich hätte ich dann alles auffliegen


lassen können. Ich konnte mich Ken aber nicht nähern. Er
schreckte vor nichts zurück. Deshalb habe ich einige Horror­
effekte Wirklichkeit werden lassen. Ich wollte ihn zermürben,
aber ich hatte nicht sehr viel Glück. Meinen Andrew habe ich nur
aus einem Grund zurückbekommen: Weil ihr es geschafft habt,
dieses Scheusal zu überwältigen. Und dafür danke ich euch! Ich
bewundere euren Mut!“
Die Knickerbocker lächelten stolz.
Zärtlich drückte Mister Markoni seinen Sohn an sich. Andrew
war noch ganz verstört. Er konnte sich kaum an seinen Vater
erinnern. Die beiden würden einige Zeit brauchen, um sich
aneinander zu gewöhnen.
Den Junior-Detektiven war nun auch klar, wozu Kong das Spek­
takel mit den Piranhas inszeniert hatte. Markoni sollte denken, er
sei tot. Aber darauf war der Mann nicht hereingefallen.
„Übrigens... die Dreharbeiten zu ,Das Horror-Hotel’ beginnen
nächste Woche, natürlich mit einem anderen Regisseur“, erzählte
Mister Markoni. „Und diesmal werden alle erfahren, daß ich der
Drehbuchautor bin!“
Dominik machte einen Vorschlag: „Wenn Sie sich wieder erholt
haben, müssen Sie über Ihre und unsere Erlebnisse in Hollywood
auch einen Film drehen.“
Seine Knickerbocker-Freunde waren über den Einfall begeistert.
Schließlich würden sie dann alle vier eine Hauptrolle spielen.

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- 136 -

Der Giftpfeil

„Er... er hat sich bewegt!“ flüsterte Poppi Ihrer Knickerbocker-


Freundin Lieselotte zu.
„Nonsens!“ brummte Lilo. „Du stehst vor einer Puppe aus
Wachs. Die kann sich nicht bewegen!“
„Ich habe es aber genau gesehen!“ wisperte Poppi. „Robin Hood
hat gezwinkert. Ich habe mich nicht getäuscht, Lilo!“
Die Knickerbocker-Bande befand sich in einem engen, niederen
Zimmer des Londoner Wachsfiguren-Kabinetts „Wonderland“.
Die Attraktion war erst vor wenigen Wochen eröffnet worden und
zeigte über 300 Wachsfiguren berühmter Persönlichkeiten aus
Politik, Showbusineß und Geschichte.
Die lebensgroßen Puppen waren in verschiedenen Räumen auf­
gestellt und in schummriges Licht getaucht. Sie wirkten lebendig
und echt.
„Los, wir gehen jetzt in die Folterkammer!“ rief Axel seinen
Knickerbocker-Kumpeln zu. „Mir ist nach etwas Gruseligem. Ich
habe Lust auf Gänsehaut!“
„Die kannst du gerne haben!“ donnerte eine tiefe Stimme. Sie
kam von oben und ließ die vier Knickerbocker erschrocken in die
Höhe blicken.
„Er lebt... er lebt tatsächlich!“ schrie Poppi entsetzt.
Das Mädchen hatte sich nicht getäuscht.
Die Wachsfigur von Robin Hood bewegte sich. Sie war zum
Leben erwacht. Die berühmte englische Sagengestalt spannte den
Bogen und richtete den schwarzen Pfeil auf die Besucher, die sich
in dem engen Raum drängten.
Surrend schlossen sich die beiden Türen, durch die man in den
Raum gelangen konnte.
Zwei Männer warfen sich dagegen, doch die Türen gaben nicht
nach.
Axel, Lilo, Poppi, Dominik und die etwa zehn anderen Besucher
gerieten in Panik. Sie begannen zu kreischen und blindlings loszu­

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rennen. Köpfe stießen aneinander, und einer versperrte dem


anderen den Weg.
„Es gibt kein Entkommen!“ drohte die zum Leben erwachte
Wachsfigur. „Ich bin Robin Horror! Ich nehme Schönheit und
bringe Häßlichkeit.“
Dominik runzelte die Stirn: Der echte Robin Hood hatte doch
den Reichen Geld weggenommen und den Armen gegeben. Was
sollte das bedeuten?
,,Die Spitzen meiner Pfeile sind vergiftet und verwandeln alles
Schöne in sein Gegenteil!“ drohte Robin Horror.
Ein Mann hob die Faust und rief: „Wenn das ein Scherz sein
soll, finde ich ihn nicht im geringsten lustig. Ich werde Sie bei der
Polizei anzeigen.“
„Vielleicht gehört das zum Rundgang durch das Kabinett!“ fiel
Lilo plötzlich ein.
Robin Horror wurde wütend. Er verzog das Gesicht und blickte
böse in die Menge. „Genug!“ keuchte er heiser, spannte den Bo­
gen und senkte langsam den Pfeil.
Verzweifelt versuchten die Besucher, in Deckung zu gehen.
Doch im Zimmer befanden sich nur zwei kleine Bühnen. Auf
einer stand die Puppe von Sherlock Holmes, auf der anderen
Robin Hood. Es gab nichts, wo sie sich hätten verstecken können.
Alle drängten zur Hinterwand des Raumes.
Auf wen würde der Wahnsinnige schießen?
„Mein Opfer bist du!“ rief Robin Horror.
„Nein!“ schrie Lilo auf, denn die Pfeilspitze wies genau auf sie.
Ein leises Zischen ertönte, als der Pfeil durch die Luft sauste. In
der gleichen Sekunde erlosch das Licht.
Eine Frau, die neben den Knickerbockern stand, stöhnte auf.
Jemand drängte sich an Axel vorbei, und dem Jungen stieg ein
sonderbarer Geruch in die Nase.
„Was... was ist? Hilfe!“ riefen die Gefangenen durcheinander.
Mit einem leisen Klicken öffneten sich die Türen wieder, und
Licht fiel herein.
Poppi sah sich hastig um. Wo war Lilo? War ihr etwas zugesto­
ßen? Ihre Freundin war verschwunden.

- 138 -

Die Verwandlung

„Lilo, wo bist du?“ rief Poppi verzweifelt.


„Hier... hier unten!“ kam Lieselottes Stimme leise vom Boden.
Ächzend richtete sich das Mädchen auf. Es hatte sich, als Robin
Horror auf sie gezielt hatte, auf den Teppich geworfen.
„Seht nur!“ Axel zeigte auf die kleine Bühne, deren Hintergrund
ein Stück des Sherwood-Waldes darstellte, in dem Robin Hood
angeblich gelebt hatte. Dort stand – steif und starr – die Wachs­
figur im grünen Rock.
Dominik schluckte, als er entdeckte, was zu ihren Füßen lag.
Schreiend rannten die Knickerbocker mit den übrigen Besu­
chern aus dem Raum. Die vier Freunde stürzten in die Arme von
Poppis Onkel Albert, der im Nebensaal auf sie gewartet hatte.
„Eine Frau! Robin Horror hat einer Frau einen... Pfeil durch den
Arm geschossen!“ schluchzte Poppi.
Onkel Albert streichelte ihr über den Kopf und murmelte: „Ich
habe Schreie gehört... Aber die Schreie haben doch zur Show
gehört, oder?“
Auch Lilo hatte Tränen in den Augen. „Nein, das glaube ich
nicht!“ stammelte sie. „Die Frau ist neben mir gestanden. Ich
erinnere mich genau an ihre langen blonden Haare und den roten
Mantel. Die Figur von Robin Hood ist lebendig geworden und hat
auf sie geschossen. Und dann lag sie plötzlich auf der Bühne zu
seinen Füßen.“
Ein Mann in einem verknitterten Trenchcoat zwängte sich zwi­
schen den schaulustigen Menschen durch, die vor dem Eingang
standen und einen Blick auf die verletzte Frau werfen wollten.
„Bitte machen Sie Platz, ich bin Arzt!“ knurrte der Mann
ungeduldig.
Nachdem er im Zimmer verschwunden war, hielten die Besu­
cher gespannt die Luft an.
„Doktor... was ist mit der Dame?“ rief jemand.

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„Sie lebt“, antwortete der Arzt. Seine Stimme zitterte. „Aber...


sie ist... völlig verunstaltet. Auf ihren Armen... Haare, überall
Haare! Und das Gesicht ist völlig verschwollen!“
Einige besonders Neugierige wagten sich nun wieder in den
Raum. „Die Frau sieht wie ein Monster aus. Die Nase hat die
Form einer Kartoffel. Die Augen quellen aus dem Kopf, und sie
ist auf einmal überall dicht behaart!“ berichteten sie den anderen.
Poppi war am Ende. Der Tag hatte so lustig begonnen, und nun
waren sie Zeugen eines so schrecklichen Vorfalls geworden.
Der Arzt schob die schaulustigen Besucher aus dem Raum und
schloß energisch die Türen. „Rufen Sie sofort die Rettung!“ ver­
langte er. „Die Frau schwebt in Lebensgefahr!“
„Kommt Kinder, schnell!“ meinte Onkel Albert. „Der Direktor
des Wachsfiguren-Kabinetts ist ein alter Bekannter von mir. Ich
möchte sofort zu ihm.“
Suchend hasteten die Knickerbocker und Onkel Albert durch
das Gebäude.

Wieso hielten sich die vier Freunde eigentlich in London auf? Die
Antwort war einfach: Poppis Onkel Albert hatte die Bande für
eine Woche zu sich eingeladen. Und die Junior-Detektive hatten
freudig zugesagt und sich für die zweite Februarwoche ange­
kündigt.
Onkel Albert war bis vor einem halben Jahr Kriminalinspektor
bei Scotland Yard gewesen. Seit er in Pension war, langweilte er
sich entsetzlich. Der Besuch der Knickerbocker-Bande war für
ihn eine willkommene Abwechslung.
Am ersten Abend waren die vier mit ihm vor dem Kamin in
seiner gemütlichen Wohnung gesessen, und Onkel Albert hatte
von Kriminalfällen erzählt, die er gelöst hatte.
Am zweiten Tag hatte er die Knickerbocker-Bande in das neue
Wachsfiguren-Kabinett begleitet, in dem sie noch zahlreiche
Überraschungen erleben sollten.

- 140 -

Robin Horror kehrt zurück

Bald lief den Knickerbockern und Albert Harwood ein hagerer


Mann mit hochrotem Gesicht über den Weg. Er schwitzte, als
würde er gerade aus einer Sauna kommen.
„Albert!“ rief er überrascht, als er Poppis Onkel erblickte.
„Jemand muß sich einen bösen Scherz erlaubt haben! In dem
Raum mit den Figuren von Sherlock Hohnes und Robin Hood ist
eine Frau mit einem Pfeil angeschossen worden!“
Albert Harwood stellte den schwitzenden Mann seinen Gästen
als Boris McCarty vor. Er war der Besitzer des Wachsfiguren-
Kabinetts, und der Vorfall schien ihn völlig aus der Fassung
gebracht zu haben.
Zwei Männer in weißen Anzügen stürzten mit einer Bahre auf
Mister McCarty zu. „Wo ist die Verletzte?“ wollten sie wissen.
„Endlich... die Rettung ist da!“ keuchte der Direktor. „Hier
entlang, meine Herren! Folgen Sie mir. Sie werden dringend
gebraucht!“
„Macht es euch etwas aus, wenn wir noch ein wenig hierblei­
ben?“ erkundigte sich Onkel Albert bei den Knickerbocker-
Freunden. „Ich würde gerne ein paar Worte mit Boris reden.
Vielleicht kann ich ihm helfen.“
„Machen Sie die Tür auf, Doktor! Schnell!“ hörten die Junior-
Detektive den Besitzer des Wachsfiguren-Kabinetts rufen. „Was
soll das? Machen Sie auf!“
Onkel Albert zog die Augenbrauen hoch. „Da stimmt etwas
nicht! Wartet hier, ich komme gleich wieder!“ Mit großen Schrit­
ten eilte er davon.
Die Knickerbocker warteten natürlich nicht, sondern folgten
ihm.
Boris McCarty trommelte mit den Fäusten gegen die verschlos­
sene Tür des Robin-Hood-Zimmers. Als der Arzt noch immer
nicht aufschloß, warf sich der kleine, dickliche Mann dagegen.
„Aua!“ stöhnte er und rieb sich die schmerzende Schulter.

- 141 -

Mit zitternden Fingern wühlte er in den Taschen seines schwar­


zen Anzugs und holte einen mächtigen Schlüsselbund hervor. Er
probierte mehrere Schlüssel aus, bis er endlich den richtigen
gefunden hatte.
Die Tür sprang auf, und die Sanitäter hasteten mit der Bahre in
den Raum.
„Doktor? Doktor, was ist?“ hörten die Knickerbocker Mister
McCarty rufen. Sie reckten die Köpfe und erkannten den Arzt.
Er lag auf dem Boden und schien ohnmächtig zu sein.
Dominik entdeckte als erster dann aber etwas noch viel Erstaun­
licheres. „Die Frau... die verletzte Frau ist fort!“ flüsterte er seinen
Freunden zu.
Er hatte recht. Die Dame schien sich in Luft aufgelöst zu haben.
Und auch der Schütze im grünen Wams hatte sich aus dem
Staub gemacht. Von der Wachsfigur Robin Hoods abgesehen, war
die Bühne leer.
Die Sanitäter wandten sich dem Bewußtlosen zu und leisteten
erste Hilfe.
Stöhnend erhob sich der Arzt nach einer Weile und rieb sich den
Hinterkopf. „Die Wachsfigur hat sich auf einmal bewegt und
mich niedergeschlagen“, berichtete er.
„Und die Frau? Was ist mit der Frau?“ schrie ihn der Museums­
direktor an. „Sie kann doch nicht aus einem verschlossenen Raum
verschwinden!“
Der Arzt war ratlos.

Weißt Du, wie Robin Horror den Raum

mit der Frau verlassen haben könnte?

- 142 -

Jimmy

Das Wachsfiguren-Kabinett wurde für diesen Tag geschlossen,


und nachdem die Polizei den Vorfall aufgenommen hatte, bat
Mister McCarty Onkel Albert und die Knickerbocker-Freunde in
sein Büro.
Mittlerweile war er völlig außer sich und schweißüberströmt.
Er stützte den Kopf in die Hände und seufzte: „Das könnte
bereits das Ende meines Unternehmens sein. Dabei habe ich mein
gesamtes Vermögen hineingesteckt. Wenn ich Pleite mache, ist
alles aus.“
Albert Harwood fühlte sich wie in alten Zeiten. Er ging im
Zimmer auf und ab und zupfte an seinem Bart. Das hatte er immer
getan, wenn er überlegte.
„Gibt es einen dritten Ausgang aus dem Robin-Hood-Raum?“
fragte er seinen Freund Boris und sah dabei grübelnd aus dem
Fenster.
Der Direktor schüttelte den Kopf.
Die Tür ging auf, und ein junger Bursche mit langen braunen
Haaren erschien.
Er trug abgewetzte Jeans und einen mitgenommenen Wollpullo­
ver. An seinen Händen klebte eine weiße Masse, die wie Gips
aussah.
„Entschuldigung, Boss! Der neue Michael Jackson wird heute
ohnehin nicht mehr trocken!“ sagte er zu Mister McCarty. „Kann
ich gehen?“
Lilo traute ihren Ohren nicht. „Wie bitte? Was heißt das?“ woll­
te sie wissen.
„Jimmy ist der Künstler, der die wunderbaren Wachsfiguren
herstellt“, erklärte Mister McCarty. „Im Augenblick hat er Micha­
el Jackson in Arbeit.“
Dann wandte er sich an Jimmy und sagte: „Natürlich kannst du
für heute Schluß machen.“
„Bitte, können wir vorher noch die Werkstatt besichtigen?“
fragte Lilo.
- 143 -

Mister McCarty warf Albert Harwood einen fragenden Blick zu,


nickte dann und gab Jimmy ein Zeichen, die Knickerbocker-
Freunde hinzuführen.
„Ich habe da so ein Gefühl: Vielleicht wird aus dieser Geschich­
te ein neuer Fall für uns!“ meinte Lilo zu ihren Freunden, als die
vier durch die etwas verwinkelten Gänge Jimmy zur Werkstatt
folgten.
„Fall?“ Jimmy sah das Mädchen erstaunt an. „Seid ihr Detek­
tive?“
Die Knickerbocker-Freunde nickten und berichteten Jimmy von
den zahlreichen Abenteuern, die sie bereits bestanden hatten.
Poppi erzählte von ihren Erlebnissen in Indien und kam bei der
Schilderung des Falls „Kennwort Giftkralle“ so sehr in Fahrt, daß
Lilo sie bremste.
Der junge Mann schüttelte den Kopf. Er schien ihnen nicht zu
glauben.
Auf einmal blieb Jimmy stehen und sagte: „Wartet einen
Augenblick! Ich ziehe mich nur schnell um.“
Er öffnete eine Tür, und Lieselotte konnte einen Blick in einen
winzigen Raum werfen, in dem ziemliches Chaos herrschte. Das
Mädchen, das oft als Superhirn der Bande bezeichnet wurde,
erstarrte.
Axel, der neben ihr stand, sah sofort, warum.

- 144 -

Jede Menge Rätsel

Am Boden des Zimmers lag ein grünes Kostüm. Es war das Kos­
tüm, das Robin Horror getragen hatte. Daneben konnte Axel den
Bogen und die schwarzen Pfeile ausnehmen.
Es gab keinen Zweifel!
„Sie sind Robin Horror!“ schrie Axel auf. „In Ihrem Zimmer
liegt die Verkleidung.“
„So ein Unsinn! Ich habe die Sachen nie zuvor gesehen. Nein...
ich... ich habe nichts damit zu tun. Ich habe... ich... nein!“
stammelte Jimmy.
„Onkel Albert!“ brüllte Poppi aus Leibeskräften. „Onkel Albert,
hier ist Robin Horror!“
Eine Tür wurde aufgerissen, und schnelle Schritte kamen näher.
Jimmy stieß die Knickerbocker-Freunde zur Seite und ergriff
die Flucht. Er stürmte in die Werkstatt und versperrte die Tür.
Als Mister McCarty eintraf und die Tür aufschloß, war Jimmy
längst über alle Berge. Er mußte durch das offene Fenster geklet­
tert und an der Regenrinne nach unten gerutscht sein.
Wieso hatte sich der junge Mann verkleidet? Warum hatte er die
Besucher des Wachsfiguren-Kabinetts bedroht? Was hatte er mit
der blonden Frau angestellt? Eines stand jedenfalls fest: Durch
seine Flucht hatte der Bursche zugegeben, daß er mit der Sache
etwas zu tun hatte.

Wem nützt der Vorfall mit Robin Horror

auf den ersten Blick am meisten?

- 145 -

Am nächsten Tag waren die Zeitungen voll mit Berichten über


den Vorfall in Mister McCartys Wachsfiguren-Kabinett. Die blon­
de Frau blieb weiterhin verschwunden.
Bei der Dame handelte es sich um eine Schauspielerin namens
Linda Brightman, die vor vielen Jahren sehr erfolgreich und
bekannt gewesen war. Nach einigen enttäuschenden Darbietungen
war sie dann allerdings in Vergessenheit geraten.
„Hört mal!“ sagte Dominik zu seinen Knickerbocker-Freunden.
Die vier saßen vor dem Kamin in Onkel Alberts Wohnung in
Kensington und tranken das Lieblingsgetränk aller Engländer:
Tee.
Der Junior-Detektiv hatte eine große englische Tageszeitung vor
sich auf dem Boden ausgebreitet. Seine Englischkenntnisse waren
zwar nicht sehr gut, doch zum Glück hatte er einen kleinen
Computer mitgebracht, der ihm bei der Übersetzung des Artikels
über Robin Horror hervorragende Dienste leistete.
Nachdem er den Artikel entziffert hatte, berichtete er also: „Der
Arzt, der die Frau im Wachsfiguren-Kabinett behandelt hat,
glaubt das Gift zu kennen, in das die Pfeilspitze getaucht war. Er
behauptet, das Gift käme aus Südamerika. Es löst starken Haar­
wuchs und gefährliche Schwellungen aus. Das Gegengift sei
kaum zu bekommen.“
Lieselotte begann sich ihrer Nasenspitze zu widmen. Sie glaubte
fest daran, daß das ihre Grübelzellen anregte. „Ein mögliches
Motiv für das Auftauchen von Robin Horror kennen wir jetzt“,
sagte sie. „Das Wachsfiguren-Kabinett war bisher eher schlecht
besucht. Nun ist in allen Zeitungen davon die Rede. Bestimmt
werden viele Menschen die Wachsfigur sehen wollen, die zum
Leben erwacht ist.“
Axel nickte. „Schon möglich. Aber an der ganzen Sache stört
mich etwas. Ich komme nur nicht drauf, was es ist.“
„He, es ist schon elf Uhr! Wir müssen uns beeilen!“ rief Poppi.
Die Knickerbocker-Bande war nämlich mit Onkel Albert in
Scotland Yard verabredet. Normalerweise hatten Unbefugte kei­

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nen Zutritt in die weltbekannte Zentrale der Londoner Kriminal­


polizei. Da Onkel Albert aber früher dort gearbeitet hatte, wollte
man eine Ausnahme machen.
Es war ein kalter, regnerischer Tag. Die vier Freunde fröstelten,
als sie auf die Straße traten. Sie wollten zur nächsten U-Bahn-
Station laufen.

- 147 -

Helft mir!

Die Knickerbocker hatten noch keine zehn Schritte zurückgelegt,


als sie von jemandem gerufen wurden. Sie blickten sich um,
konnten aber niemanden sehen.
„He, ihr da! Pssst!“ ertönte die Stimme abermals. Poppi war es,
die den Rufer entdeckte. Er stand auf der Treppe, die nach unten
zum Kellergeschoß des Hauses führte.
„Jimmy!“ rief Poppi entsetzt.
Die Knickerbocker-Freunde drehten sich um und wollten die
Flucht ergreifen, stand der Bursche doch unter Verdacht, Robin
Horror zu sein.
„Lauft nicht weg! Bitte!“ flehte Jimmy. „Helft mir! Ich habe mit
der Sache nichts zu tun. Aber die Polizei wird mir das nie glau­
ben. Es will mich jemand hereinlegen. Ich bin nicht Robin Hor­
ror!“
Zögernd kamen die Junior-Detektive ein paar Schritte näher. Sie
hielten aber zur Sicherheit Abstand zu dem jungen Mann, der jetzt
einen unauffälligen braunen Anzug und eine dunkle Sonnenbrille
trug.
Poppi verzog das Gesicht. Sie glaubte Jimmy nicht.
Axel und Dominik hingegen waren auf seiner Seite. Wieso soll­
te sich Jimmy ausgerechnet an sie wenden, wenn er Dreck am
Stecken hatte? Jemand mußte das Kostüm, sowie Pfeil und Bogen
in sein Zimmer gelegt haben, um den Verdacht auf ihn zu lenken.
„Zum Glück hat mir Mister McCarty bereits einige Male von
eurem Onkel Albert erzählt. Ich habe die Adresse aus dem Tele­
fonbuch“, berichtete Jimmy. „Ihr müßt mir einen Gefallen tun!
Bitte!“ Flehend blickte er die Knickerbocker-Freunde an.
Lilo nickte.
Poppi warf ihrer Freundin einen bösen Blick zu. Warum wurde
Lilo immer weich, wenn sie ein flotter Typ um etwas bat?
„Ich habe einen Verdacht“, teilte Jimmy den Junior-Detektiven
flüsternd mit. Hastig schilderte er ihnen seine Gedanken und
drückte dem Superhirn einen Zettel mit dem Plan des Wachsfi­
- 148 -

guren-Kabinetts in die Hand. Außerdem überreichte er Lilo seinen


Schlüssel zum Hintereingang.
„Aber vielleicht lösen wir beim Betreten die Alarmanlage aus!“
fiel Dominik ein.
Jimmy schüttelte den Kopf. „Die funktioniert nicht. Keine
Sorge!“ Hastig verabschiedete er sich von den vier Freunden. Er
sprang auf ein Fahrrad und trat in die Pedale.
Axel warf einen Blick auf die Uhr. „Tempo, Leute!“ rief er.
„Sonst kommen wir noch zu spät, und Onkel Albert fragt uns, wo
wir so lange geblieben sind. Ich glaube, wir sollten es ihm nicht
sagen. Er wäre mit unserem Plan bestimmt nicht einverstanden.“
Die U-Bahn brachte die Knickerbocker-Bande schnell ans Ziel.
Am Eingang in das riesige Bürogebäude von Scotland Yard
wurden sie bereits von Poppis Onkel erwartet.
Die Führung durch das Haus verlief dann aber eher enttäu­
schend. Die Junior-Detektive hatten sich Scotland Yard viel
aufregender vorgestellt.
Spezialabteilungen, in denen Kameras in Streichholzschachteln
eingebaut wurden, sahen sie keine. Die gab es nur in James-Bond-
Filmen. Scotland Yard bestand hauptsächlich aus Hunderten
Büros, wie sie in jedem anderen Betrieb auch zu finden waren.
Onkel Albert führte die Freunde schließlich in einen Raum und
sagte: „Hier seht ihr eines der wichtigsten Geräte für heutige
Verbrecher-Fahndungen.“
Axel verstand nicht, was er meinte. „Das ist doch nur ein ganz
gewöhnlicher Computer“, antwortete er und schüttelte den Kopf.
Onkel Albert schmunzelte. „Ja, aber in diesem Ding sind die
Fingerabdrücke, Daten und Fotos Tausender Ganoven gespei­
chert.“
Lilo warf Dominik einen vielsagenden Blick zu.

- 149 -

Welchen Namen möchte Lilo in den


Computer eingeben lassen? Über wen will
sie sofort mehr erfahren?

Lilo knetete ihre Nasenspitze und fragte dann: „Darf ich dich et­
was bitten, Onkel Albert? Könntest du einen Namen eingeben und
uns mitteilen, ob der Computer mehr über diese Person weiß?“
Der ehemalige Kriminalinspektor zögerte und meinte schließ­
lich: „Eigentlich darf ich das nicht. Aber ich will eine Ausnahme
machen. Welchen Namen möchtest du denn ausprobieren?“
Lieselottes Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. „Jim­
my Slogan“, sagte sie.
Onkel Albert stutzte. „Ist das nicht der Bursche, der gestern aus
dem Wachsfiguren-Kabinett geflüchtet ist?“
Die Knickerbocker nickten.
Onkel Albert setzte sich vor den Bildschirm und begann den
Namen einzutippen. Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis die
Daten erschienen.
„Jimmy Slogan ist vor einigen Jahren in Zusammenhang mit
einem Gemäldediebstahl in Edinburgh festgenommen worden“,
teilte der ehemalige Kriminalist den Junior-Detektiven mit.
„Allerdings wurde er nach wenigen Tagen wieder auf freien Fuß
gesetzt, da es keinen stichhaltigen Beweis für seine Täterschaft
gab.“
Lilo bedankte sich für die Auskunft und überlegte fieberhaft,
was das zu bedeuten hatte.

- 150 -

Onkel Albert drängte nun langsam zum Aufbruch. Er hatte für


die Nachmittagsvorstellung des Hit-Musicals „Starlight Express“
Karten bestellt.
Als die Knickerbocker und er auf den Gang hinaustraten, kamen
ihnen zwei aufgebrachte Männer entgegen. Es handelte sich um
alte Bekannte Onkel Alberts, die aufgebracht und wild gestikulie­
rend auf ihn einsprachen. Poppis Onkel schüttelte fassungslos den
Kopf.

- 151 -

Im Nebel

Nachdem seine ehemaligen Kollegen weitergehastet waren,


berichtete Onkel Albert: „Es ist soeben eine Meldung durchge­
kommen: Emma Fletcher, die Primaballerina der Londoner Oper,
ist entführt worden.“
Onkel Albert zupfte nervös an seinem Bart. „Emma Fletcher
war früher einmal mit dem Kaufhauskönig Marc Fletcher verhei­
ratet. Ihr Mann kam vor zwei Jahren bei einem Autounfall ums
Leben und hat ihr ein großes Vermögen hinterlassen. Es ist jedoch
bis jetzt keine Lösegeldforderung eingegangen.“
Die Knickerbocker-Freunde dachten nicht weiter über die Ent­
führung nach. Sie hatten nur noch das Vorhaben im Kopf, das sie
in der Nacht ausführen wollten.
Als die Zeiger des Big Ben auf elf Uhr sprangen, wußten die
vier Junior-Detektive nicht, was ihnen bevorstand. In weniger als
dreißig Minuten sollten sie in eine Falle tappen.
Glücklicherweise war Onkel Albert an diesem Abend bei einem
Freund eingeladen. So war es für die Knickerbocker keine
Schwierigkeit gewesen, unbemerkt aus dem Haus zu gelangen.
Mit der U-Bahn waren sie zur Baker Street gefahren, in deren
Nähe sich das „Wonderland“-Wachsfiguren-Kabinett befand.
Unterwegs hatte Dominik überlegt, woher er den Namen Baker
Street kannte. Schließlich war es ihm eingefallen: Der weltbe­
kannte Romandetektiv Sherlock Holmes hatte angeblich in dieser
Straße auf Nummer 221 gewohnt!
Als die vier Freunde aus der U-Bahn-Station traten, starrten sie
in eine undurchdringliche weiße Mauer. Innerhalb von Minuten
war dicker Nebel aufgezogen.

- 152 -

Wie kommt man im Nebel voran, ohne


die Orientierung zu verlieren?

Um trotzdem weitergehen zu können, wandten die Junior-Detek­


tive einen alten Trick an, von dem Dominik in einem englischen
Krimi gelesen hatte. Sie legten die Hände an die Hausmauer und
tasteten sich daran entlang.
Poppi zitterte am ganzen Körper. Die Dunkelheit und der Nebel
ängstigten sie fürchterlich. Das Mädchen fühlte sich schauderhaft
und flüsterte seinen Freunden zu: „Ich will nach Hause! Ich habe
Angst.“
„Keine Sorge, solange wir zusammen sind, kann nichts gesche­
hen“, antwortete Lilo. Natürlich war auch ihr nicht wohl bei der
Sache.
„Wir sind fast am Ziel!“ wisperte Axel schlotternd. Besorgt
hatte er festgestellt, daß der Nebel immer dichter wurde. Die
Straßenlampen waren nur noch als schwache Lichtpunkte in der
weißen Suppe zu erkennen.
Dominik schluckte. „Ich finde... wir sollten es nicht tun. Wir
können nicht einbrechen. Das ist verboten!“ meinte der Junge
unsicher.
Lieselotte war anderer Meinung. „Wir haben einen Schlüssel,
und deshalb ist es kein Einbruch. Wenn es stimmt, was Jimmy
vermutet, wäre das die absolute Sensation. Außerdem könnten wir
dann eindeutig beweisen, daß er unschuldig ist.“
„Und wenn nicht?“ wollte Dominik wissen.
Darauf hatte Lilo keine Antwort.

- 153 -

„Wir sind da!“ verkündete das Superhirn. Lieselotte richtete ihre


starke Taschenlampe auf eine dunkelgrüne Metalltür.
„Das ist der Hintereingang, den Jimmy beschrieben hat“, trium­
phierte sie.
„Pssst!“ zischte Axel. „Sei still!“
Die vier Junior-Detektive blieben regungslos stehen und
lauschten in den Nebel.
„Was ist los? Was hast du?“ hauchte Poppi und warf Axel einen
fragenden Blick zu.
„Da kommt jemand!“ wisperte der Junge. „Ich habe ein Klopfen
gehört. Es klingt, als würde jemand mit einem Stock auf den
Gehsteig schlagen.“
Die Herzen von Lilo, Poppi und Dominik begannen zu rasen.
Das Pochen dröhnte wie donnernde Paukenschläge in ihren
Ohren.
Tatsächlich! Axel hatte sich nicht getäuscht. Es kam jemand!
Schleifende Schritte näherten sich.

Wer kommt? Ist Dir aufgrund des


Pochens ein bestimmter Verdacht
gekommen?

Eine gebückte Gestalt tauchte aus dem Nebel auf. Sie ging auf
einen Stock gestützt.
Poppi schrie leise auf. Aber das hätte sie nicht tun sollen. Der
Fremde war nun auf sie aufmerksam geworden. Er kam auf sie
zu!

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„Fort! Auseinander! Nach allen Seiten!“ zischte Lilo.


Die Junior-Detektive schafften es trotz panischer Angst, einen
halbwegs klaren Kopf zu bewahren: Stumm zählten sie nun bis
vier und rasten dann los – jeder in eine andere Richtung.
„Stopp!“ keuchte eine heisere Stimme.
Zwei kräftige Arme packten die flüchtende Poppi. Sie wurde
gegen eine kratzenden Wollmantel gedrückt und meinte zu
ersticken.
„Hilfe!“ wollte Poppi brüllen, brachte jedoch nur ein Stöhnen
hervor. Ihr wurde schwarz vor den Augen. Ihre Knie gaben nach,
und sie sank zu Boden.

- 155 -

Nächtliche Nachforschungen

Poppi schlug langsam die Augen auf. Wo war sie?


Plötzlich fiel ihr der rauhe Mantel ein.
Ein Mörder! Vielleicht der gefürchtete Jack the Ripper, der so
viele Frauen auf dem Gewissen hatte! Poppi war ihm in die Arme
gelaufen.
Nun konnte sie wieder schreien, und sie brüllte aus Leibes­
kräften.
Eine Hand legte sich auf ihren Mund.
„Pssst! Poppi, ich bin es!“ murmelte eine bekannte Stimme.
Poppi erkannte, wo sie sich befand. Sie lag auf dem Gehsteig,
mit dem Kopf in Lieselottes Schoß. „Lilo... du? Was... was ist
geschehen?“
Aus dem Nebel tauchten nun auch die Gesichter von Axel und
Dominik auf.
Aber noch zwei Köpfe erschienen. Sie gehörten alten Männern
mit dicken Sonnenbrillen. Die beiden steckten in altmodischen
grauen Wollmänteln und hatten weiße Stöcke in den Händen.
Jetzt erst entdeckte das Mädchen die gelbe Binde an ihren Armen
– eine gelbe Binde mit drei schwarzen Punkten. Die Männer
waren blind. Aber was taten sie mitten in der Nacht auf der
Straße?
„Diese Männer wollten uns nur helfen!“ erklärte das Superhirn.
„Sie sind immer unterwegs, wenn London in dichtem Nebel liegt.
Die beiden finden sich zurecht wie sonst niemand. Immer wieder
verirren sich Menschen im Nebel, und ihnen zeigen Jack und
George dann den Weg.“
„Aha!“ Mehr brachte Poppi nicht heraus.
„Ich bin Jack, und das ist George“, stellte der eine Blinde sich
und seinen Kollegen vor.
„Wir... wir sind okay!“ meinte Axel. „Wir haben nur unseren
Hund ausgeführt. Er hat Bauchweh. Aber allein wollte keiner
hinaus, und deshalb sind wir alle vier hier!“ schwindelte er.

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Jack und George verabschiedeten sich und verschwanden in der


Dunkelheit.
Die Knickerbocker-Freunde atmeten auf. Zum Glück hatten die
beiden Männer nicht nach dem Hund gefragt und daher den
Schwindel nicht durchschaut.
Kaum waren die Schritte der beiden Nebelführer verklungen,
tasteten sich die Junior-Detektive auch schon zu der Metalltür.
Lilo zog einen Schlüssel aus der Hosentasche und steckte ihn
ins Schloß. Sie drehte ihn um und drückte die Klinke nieder. Die
Tür sprang auf.
Jimmy hatte den Knickerbocker-Kumpeln den Weg genau
beschrieben.
Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatten, durchquer­
ten sie einen dunklen Gang und traten in einen hohen, langge­
streckten Raum.
Dominik erschauerte. Selbst Lieselotte hätte nun am liebsten
kehrtgemacht.
Überall lagen Augen, Haarbüschel, Hände, Nasen, Ohren und
kahle Köpfe. „Wie in einem Ersatzteillager sieht es hier aus!“
meinte Axel mit zitternder Stimme.
Langsam ließen die Knickerbocker die Lichtkegel ihrer
Taschenlampen über die Wände streifen. Sie standen vor schier
endlosen Regalen, in denen ein Kopf neben dem anderen ruhte.
Als die Junior-Detektive dann Arbeitstische und Werkbänke vor
sich entdeckten, beruhigten sie sich ein wenig. Sie mußten sich in
der Werkstatt befinden, in der Jimmy und die anderen Wachs­
künstler arbeiteten.
Endlich waren sie bei der nächsten Tür angelangt. Lilo öffnete
sie und leuchtete in das Nebenzimmer: Eigentlich war es kein
Zimmer, sondern eine Halle. Im Licht der Taschenlampen
erkannten die Junior-Detektive die Wachsfiguren verschiedener
Popstars. Still und stumm standen sie da und glotzten vor sich hin.
Poppi, Dominik und Axel blieben dicht hinter Lieselotte.
Nachdem sie die Halle durchquert hatten, erreichten sie schließ­
lich den Raum, in dem Robin Hood und Sherlock Holmes

- 157 -

ausgestellt waren. Beide Puppen wirkten im Licht der Taschen­


lampen kalt und tot.
„An die Arbeit!“ kommandierte Lieselotte. „Ihr leuchtet mir,
und ich sehe mir die Bühne einmal genauer an.“ Das Mädchen
sprang auf das Podest, das ungefähr einen Meter hoch war. Es
drehte eine Runde um die Wachspuppe Robin Hoods und kniete
anschließend nieder. Prüfend betrachtete Lilo die Wand, die den
Sherwood-Wald darstellte.
Ihre drei Freunde verfolgten jede ihrer Bewegungen. Deshalb
bemerkten sie auch nicht, was sich hinter ihrem Rücken tat.
Die Wachsfigur von Sherlock Holmes hatte sich zu bewegen
begonnen. Der Detektiv wandte sich fast unmerklich den Kindern
zu, und Millimeter für Millimeter schob sich aus seinem Mund
ein dünnes Rohr hervor – es war ein Blasrohr!

- 158 -

Das Geheimnis von „Wonderland“

Lilo krabbelte auf allen vieren über den Boden und leuchtete ihn
Stück um Stück ab.
„Ich glaube, ich habe es gefunden!“ meldete sie plötzlich aufge­
regt. Axel, Poppi und Dominik kamen neugierig näher. Das
Superhirn zeigte auf einen dunklen Fleck. „Ich könnte mir
vorstellen, daß das der Schalter ist, von dem Jimmy gesprochen
hat!“ murmelte Lilo.
Poppi sah sie fragend an. „Willst du es ausprobieren?“ Ihre
Knickerbocker-Freundin nickte. Sie legte ihren Finger auf die
dunkle Stelle und drückte fest darauf. Ein sehr leises Knirschen
ertönte, und der Boden unter Lilos Füßen begann sich zu drehen.
Eine Sekunde später war das Mädchen verschwunden.
Axel blieb vor Staunen der Mund offen.
„Eine Drehbühne, wie im Theater!“ rief Dominik. „Seht nur,
jetzt sind die Puppen verschwunden!“
„Die Rückwand ist mit demselben Wald bemalt, wie die Vor­
derwand. Deshalb ist kein Unterschied zu bemerken“, erkannte
Axel.
Ein dumpfes Klopfen erinnerte die drei Junior-Detektive daran,
daß auch ihre Freundin sich nun in einem anderen Raum befand.
„Wahnsinn! Das darf doch nicht wahr sein!“ hörten sie das
Superhirn rufen.
„Lilo, was ist los?“ wollte Axel wissen.
Wieder war das leise Summen zu hören, und die Drehbühne
setzte sich abermals in Bewegung. Lieselotte tauchte auf und
deutete auf eine Gestalt zu ihren Füßen.
Poppi schrie auf.
Da war die blonde Frau. Sie war tot. Der Pfeil steckte noch in
ihrem Arm. Auf ihren Handrücken kräuselten sich struppige Haa­
re, und ihr Gesicht war entsetzlich entstellt.
„Keine Panik, Poppi!“ beruhigte Lilo ihre Freundin. „Das ist
bloß eine Puppe – eine sehr gut gearbeitete Wachsfigur. Hinter

- 159 -

dieser Wand liegt ein winziges Zimmer, in dem ich sie entdeckt
habe. Und jetzt ist mir einiges klar.“
Dominik nickte. Auch er hatte sich bereits zusammengereimt,
was gestern vormittag geschehen war. „In einem unbeobachteten
Augenblick hat jemand die Drehbühne in Bewegung gesetzt:
Robin Horror ist in den Besucherraum gefahren, während die
Robin-Hood-Wachspuppe nach hinten verschwunden ist“, sagte
er zu seinen Freunden.
Lilo nickte. „So muß es gewesen sein, Dominik. Und als das
Licht ausging, hat der Kerl sich die Frau geschnappt. Die Bühne
hat sich abermals gedreht, und auf einmal stand wieder die
Wachsfigur auf der Bühne. Zu ihren Füßen lag dann bereits die
Puppe mit dem Pfeil im Arm. Sie sah der Frau täuschend
ähnlich.“
Poppi schnappte nach Luft., Aber dann hat der Arzt gelogen.
Ihm muß doch sofort aufgefallen sein, daß die Frau nicht echt
war. Er hat aber getan, als würde sie leben.“
Lieselotte fummelte an ihrer Nasenspitze herum. „Wißt ihr, was
ich glaube: Diese Geschichte mit Robin Horror ist nichts anderes
als ein Reklametrick des Wachsfiguren-Kabinetts. Und außerdem
ist die verschwundene Schauspielerin Linda Brightman durch den
Vorfall in die Schlagzeilen gekommen. Unrecht ist ihr das
bestimmt nicht!“
Zu spät erkannte Lieselotte, woher das leise Klicken kam, das
sie hörte. Der Kopf von Sherlock Hohnes bewegte sich: Schnell
hintereinander schossen vier winzige Pfeile aus dem Blasrohr in
seinem Mund. Keiner war größer als der Dorn einer Rose. Doch
alle vier trafen genau. Sie blieben in den Nacken der Knicker­
bocker-Freunde stecken.
Die Junior-Detektive griffen sich sofort an den Hals, als sie den
Stich spürten.
Doch es war bereits zu spät.

- 160 -

Gefangen!

Das Gift der winzigen Geschosse tat seine Wirkung. Axel, Liese­
lotte, Poppi und Dominik sanken in sich zusammen, als hätte
ihnen jemand die Luft ausgelassen.
Regungslos blieben sie liegen.
Eine Minute verging. Dann setzte sich die Drehbühne in Bewe­
gung, und eine dunkle Gestalt tauchte auf. Sie warf einen grinsen­
den Blick auf die vier zusammengekrümmten Gestalten und
murmelte: „Warum mußtet ihr auch eure Nasen in etwas hinein­
stecken, das euch absolut nichts angeht?“

Dominik wurde als erster wieder wach. Er war benommen und


konnte die Augen nur mit Mühe öffnen. Wo war er?
Eisige Kälte umgab ihn. Von der Decke des Raumes, in dem er
sich befand, tropfte Wasser. Gespenstische Schatten tanzten über
ihm.

Würdest Du Dich aufrichten oder


schlafend stellen und abwarten?

Der Junge beschloß, so zu tun, als ob er schlief. Er hielt das im


Augenblick für besser. Langsam drehte er sich zur Seite und
röchelte leise. Er lag auf einem harten, kalten Steinboden. Mit
halb geschlossenen Augen versuchte er, etwas zu erkennen.

- 161 -

Nicht einmal zwei Schritte von ihm entfernt stand eine Kerze,
die den Raum spärlich erhellte und durch ihr Flackern den Schat­
tentanz erzeugte.
Dominik erschrak. Mit langsamen Schritten kam jemand auf ihn
zu. Neben seinem Kopf erschienen die langen Beine einer Frau.
Sie beugte sich zu ihm nieder, und Dominik schloß blitzartig die
Augen. Eine kühle Hand strich über sein Gesicht. Der Knicker­
bocker spürte, daß die Frau es gut mit ihm meinte. Deshalb hielt
er es für an der Zeit, sich aufzurichten und zu zeigen, daß er
wohlauf war.
Langsam erhob er sich. „Hallo!“ stieß er hervor.
„Dem Himmel sei Dank“, rief die Frau, die ihn gestreichelt
hatte.“ Ich war schon in großer Sorge, daß er euch vergiftet hat.“
Nach und nach kamen nun auch die anderen Junior-Detektive zu
sich. Sie stöhnten und rieben sich die schmerzenden Arme und
Beine. Sie waren ganz dumpf im Kopf.
„Wo... wo sind wir?“ brummte Lieselotte.
„In den Klippen von Dover“, sagte die Frau.
„Und wer sind Sie?“ wollte Poppi wissen.
„Ich heiße Emma Fletcher“, stellte sich die Dame vor.
„Sie sind die Primaballerina, die entführt wurde!“ rief Dominik
aufgeregt.
Mrs. Fletcher nickte. Ihr langes rotbraunes Haar war zerzaust,
ihr elegantes blaues Kleid zerrissen. Dennoch sah man sofort, daß
sie wunderschön war, auch wenn Angst und Aufregung deutliche
Spuren hinterlassen hatten.
Dominik wiederholte langsam, was er gehört hatte: „Wir sind in
den Klippen von Dover?“ Er konnte das nicht glauben.
„Ja, so ist es“, bestätigte ihm Mrs. Fletcher.“ Ich vermute, daß
es sich hier um die Reste der nun schon 100 Jahre alten Baustelle
des Tunnels handelt, der England und Frankreich miteinander
verbinden sollte. Wie ihr vielleicht wißt, mußte man nach nur
wenigen Metern aufgeben. Damals war so ein Unterfangen noch
undurchführbar. Die alte Baustelle sollte eigentlich zugeschüttet
werden. Aber wie man sieht, ist das nicht geschehen!“

- 162 -

Die Knickerbocker-Freunde stellten sich nun vor, damit


Mrs. Fletcher wußte, mit wem sie es zu tun hatte. Danach wurde
kurze Zeit nichts gesprochen.
Den Knickerbockern war kalt – eiskalt.
„Seid ihr auch von ihm entführt worden?“ fragte Mrs. Fletcher
schließlich die Junior-Detektive.
„Von wem?“ wollte Lilo wissen.
„Von diesem Wahnsinnigen, der sich Robin Horror nennt!“
antwortete die Tänzerin.
Die vier Freunde wußten nicht, was sie sagen sollten. Sie hatten
keine Ahnung, wer sie hergebracht hatte.
„Ich bin ein Opfer von Robin Horror!“ berichtete Mrs. Fletcher.
„Er hat mich entführt. In meinem eigenen Wagen!“
„Wie war das möglich?“ erkundigte sich Axel.
„Ich bin von der Probe aus der Oper gekommen und in mein
Auto gestiegen. Als ich losfahren wollte, ist hinter mir jemand
aufgetaucht: Er muß sich auf der Rückbank versteckt haben. Dann
habe ich schon einen Stich im Genick gespürt und bin erst hier
wieder aufgewacht.“
„Genau wie bei uns!“ seufzte Lilo. „Aber was will Robin Horror
von Ihnen?“
Die Tänzerin atmete tief durch und fuhr sich durch das Haar.
Trotz der Kälte schien sie zu schwitzen. Sie setzte immer wieder
an, etwas zu sagen, brachte aber kein Wort über die Lippen.
„Mrs. Fletcher, bitte, Sie müssen uns einweihen“, sagte Lilo.

- 163 -

Ein teuflischer Plan

Die Frau nickte. „Wir... wir sitzen ja sozusagen in der gleichen


Falle – sollten wir jemals dieses Gefängnis verlassen, dürft ihr das
Geheimnis niemandem preisgeben! Das müßt ihr mir verspre­
chen!“
Die Knickerbocker-Freunde nickten und sahen die Tänzerin
gespannt an. „Mein verstorbener Mann hat mir ein Bild von
unglaublichem Wert hinterlassen. Es handelt sich um ein Gemäl­
de von van Gogh. Das Bild ist sicher mehrere Millionen Pfund
wert, aber das ist nicht wichtig. Mein Mann hat mir aufgetragen,
das Werk drei Jahre nach seinem Tod einem Museum zur Verfü­
gung zu stellen, damit es möglichst viele Menschen bewundern
können. Genau das will Robin Horror verhindern. Wenn ich ihm
das Bild nicht aushändige...“ Mrs. Fletcher konnte nicht weiter­
sprechen. Sie kämpfte mit den Tränen. „...will er mir das
Monstergift verabreichen“, flüsterte sie. „Dieses Gift wird aus
dem Saft einer tropischen Pflanze gewonnen und wirkt bei Tieren
und Menschen. Es läßt Haut und Knochen wuchern und führt zu
gräßlichen Verunstaltungen.“
„Wo ist das Gemälde?“ fragte Lilo vorsichtig.
Mrs. Fletcher schüttelte den Kopf. „Das sage ich euch nicht.
Wenn ich euch einweihe, seid ihr auch in Gefahr. Ich habe es
auch Robin Horror bisher nicht verraten.“
Nun wurde Lilo klar, wie teuflisch der Plan des Unbekannten
war. Für Mrs. Fletcher war nichts so kostbar, wie ihr Aussehen.
Sollte sie als Monster tanzen? Mit dem Tod konnte ihr Robin
Horror nicht drohen. Schließlich wollte er von ihr das Versteck
des Bildes erfahren.
Lieselotte hatte von ihrem Vater, der Bergsteiger war, gelernt,
auch in den schwierigsten Situationen einen klaren Kopf zu
bewahren. Deshalb versuchte sie nun, die bohrende Angst zur
Seite zu schieben und sich nach einem Fluchtweg aus der Höhle
umzusehen.

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Nachdem sie sich einmal im Kreis gedreht hatte, gab sie die
Hoffnung auf: Sie befanden sich in einer Felsenhöhle, und der
einzige Ausgang war durch ein schweres Eisengitter mit finger­
dicken Stangen versperrt; dahinter begann ein langer dunkler
Gang.
Während Lilo nachdenklich in die Finsternis starrte, tauchte am
Ende des Tunnels ein Lichtschein auf.
„Robin Horror!“ keuchte Mrs. Fletcher.
Die Knickerbocker-Freunde und die Tänzerin wichen zurück
und drängten sich an die Höhlenwand, die vom Eingang am
weitesten entfernt lag. Ein Klirren ertönte, als Robin Horror einen
Schlüsselbund hervorzog und das Tor öffnete.
Die Junior-Detektive hielten die Luft an.
Die gruselige Gestalt trug diesmal eine schwarze Maske. Mit
einer schnellen Handbewegung zückte sie ein Blasrohr und füllte
es mit einem winzigen Pfeil.
Er war nicht größer als eine Nadel und hatte Federn am
stumpfen Ende.
Axel fiel wieder der eigentümliche Geruch auf, der ihm auch im
Wachsfiguren-Kabinett in die Nase gestiegen war. Noch einmal
hatte an jenem Tag etwas so gerochen: Im Augenblick konnte er
sich aber nicht erinnern, was das gewesen war.
„Mrs. Fletcher, ich frage Sie zum letzten Mal: Wo ist das Bild
von van Gogh versteckt?“ stieß Robin Horror hervor.
Wer auch immer hier als Robin Horror auftrat, verstellte seine
Stimme. Das stand für Lieselotte sofort fest.
Die Tänzerin ballte die Hände zu Fäusten und preßte die Lippen
aufeinander.
Schritt für Schritt kam Robin Horror näher. „Ich warte auf eine
Antwort, allerdings nicht mehr lange!“ sagte er und drohte mit
dem Blasrohr.
Mrs. Fletcher schüttelte zitternd den Kopf. „Ich sage kein Wort.
Was wollen Sie damit? Ein so wertvolles Bild können Sie nicht
verkaufen.“
Robin Horror lachte hämisch. „Ein Sammler in den USA wartet
nur darauf, es in seinen Tresorraum zu hängen.“ Langsam hob er

- 165 -

das Blasrohr und zeigte auf den Schaft. „Muß ich Ihnen das
Monstergift ins Blut jagen, damit Sie endlich auspacken?“
Plötzlich fiel Lieselotte etwas ein. Das Schlafmittel, das man
ihnen verabreicht hatte, mußte ihr Denkvermögen beeinträchtigt
haben. Warum hatte sie nicht schon früher daran gedacht? Das
Mädchen nahm allen Mut zusammen und rief laut: „Mrs. Fletcher,
sagen Sie kein Wort: Es gibt gar kein Gift! Die Schauspielerin hat
sich doch nie in ein Monster verwandelt: Es war bloß eine Wachs­
puppe!“
Mit einem gurgelnden Aufschrei stürzte sich Robin Horror auf
das Mädchen. Lilo wich geschickt aus, und der Mann mit dem
Blasrohr donnerte gegen den Fels.
„Fort! Raus da!“ brüllte das Superhirn und rannte los. Bevor
Robin Horror sich noch aufrappeln konnte, waren die Knicker­
bocker-Freunde und die Tänzerin aus der Höhle geflüchtet.
Tobend folgte ihnen der Entführer. Lilo zerrte ihre Taschen­
lampe aus der Hosentasche und knipste sie an. Der Gang machte
eine scharfe Biegung und teilte sich nach wenigen Metern.
Vor den Knickerbocker-Freunden lagen die Zugänge zu drei
Stollen. Welchen sollten sie betreten?

Für welchen Gang würdest Du Dich

entscheiden – für den linken, den

mittleren oder den rechten?

- 166 -

Der falsche Weg

Zum Überlegen blieb keine Zeit. Das Gebrüll Robin Horrors


hinter ihnen wurde immer lauter. Der Verbrecher kam näher, ihr
Vorsprung verringerte sich.
„Hier hinein, und die Taschenlampen nach zwanzig Schritten
aus!“ kommandierte Lieselotte. Sie gab den anderen ein Zeichen,
ihr in den rechten Tunnel zu folgen.
Als sie ein kleines Stück in den Schacht gelaufen waren, knips­
ten sie die Lampen aus und blieben stehen.
„Pssst!“ zischte Lilo. „Vielleicht nimmt Robin Horror einen
anderen Gang!“
Der Verbrecher hatte die Gabelung erreicht und hielt ein. Er
überlegte, wohin die Knickerbocker und die Tänzerin geflüchtet
sein könnten.
Schließlich setzte er die Verfolgung fort. Die Schritte wurden
leiser und leiser. Er hatte einen anderen Stollen gewählt.
Vor Freude hätten die Knickerbocker-Freunde am liebsten zu
jubeln begonnen. Doch sie ließen es bleiben und schlichen weiter.
„Eine Tür! Der Tunnel endet bei einer Tür!“ flüsterte Lilo. Es
handelte sich um eine massive Holztür, die durch einen dicken
Balken verriegelt war. Lieselotte gab Axel ein Zeichen, ihr zu hel­
fen. Gemeinsam schoben sie den Riegel in die Höhe. Sie stellten
ihn zur Seite und zogen die Tür langsam auf.
Der Raum dahinter war von einer Kerze schwach beleuchtet.
Befand sich jemand in dieser Höhle?
Da keiner weiterzugehen wagte, nahm Axel allen Mut zusam­
men und machte einen großen Schritt nach vorn. Plötzlich wurde
er von starken Händen gepackt, die ihn zu Boden rissen und
niederdrückten. Ein Mann sprang auf seine Brust und drückte ihm
die Kehle zu.
„Nicht! Lassen Sie mich! Sie erwürgen mich!“ keuchte der
Junior-Detektiv.
„Ein Kind... das ist ein Junge!“ sagte eine Frauenstimme.

- 167 -

Die anderen Knickerbocker eilten Axel zu Hilfe und versuchten,


den Mann dazu zu bringen, daß er von ihrem Kumpel abließ.
Dominik erkannte als erster, mit wem sie es zu tun hatten. „Das
ist der Arzt! Und Linda Brightman!“ rief er. „Werden Sie auch
gefangengehalten?“
Der Arzt stand auf und half Axel auf die Beine. „Entschuldige,
wir dachten, der Wahnsinnige kommt zurück!“ murmelte er.
„Er hat uns hier eingesperrt“, schluchzte die Schauspielerin. „Er
hat uns seit gestern weder zu essen noch zu trinken gebracht. Wir
wollten ihn überwältigen! – Wie kommt ihr denn hierher?“
„Raus hier!“ antwortete Lilo. „Wir müssen versuchen, aus die­
sem Irrgarten von Höhlengängen zu entkommen, bevor uns Robin
Horror erwischt!“
„Das wird euch nicht gelingen!“ brüllte da eine Stimme von
draußen. Donnernd krachte die schwere Tür ins Schloß. Entsetzt
hörten die Knickerbocker-Freunde, wie jemand den Riegel
vorschob.
„Wenn euch euer Leben lieb ist, dann überredet das Püppchen,
mir das Versteck des Bildes zu verraten!“ schrie Robin Horror.
Im nächsten Augenblick plätscherte Wasser aus einem Loch in
der Höhlendecke. Bald stürzten eiskalte Fluten auf die Bande,
Mrs. Fletcher, Linda Brightman und den Arzt nieder. Kreischend
versuchten sie, sich vor den Salzwassermassen in Sicherheit zu
bringen, doch es gab kein Entkommen.
Innerhalb weniger Sekunden stand die Höhle bereits gut einen
viertel Meter unter Wasser.
„Er will uns ertränken!“ keuchte die Schauspielerin verzweifelt.
„Ich sage es Ihnen!“ brüllte Emma Fletcher. „Das Bild liegt in
keinem Safe, sondern ist an der Rückseite des Spiegels befestigt,
der in meinem Schlafzimmer hängt. Wenn Sie ihn abnehmen,
lösen Sie die Alarmanlage aus.“
„Wie kann ich das verhindern?“ fragte Robin Horror.
„Sie müssen den Parfümzerstäuber aus Porzellan, der auf dem
Tisch steht, zur Seite schieben!“ prustete die Primaballerina.
„Danke sehr! Danke sehr!“ brüllte Robin Horror triumphierend.

- 168 -

Das waren die letzten Worte, die seine Gefangenen von ihm
hörten.
„Nicht weglaufen! Drehen Sie das Wasser ab!“ schrie der Arzt
und trommelte mit den Fäusten gegen die Tür. „Sie können uns
doch nicht ertrinken lassen.“
Mittlerweile stand auch den Erwachsenen das Wasser bereits bis
zu den Knien. In zwanzig, höchstens dreißig Minuten würde es
über ihren Köpfen zusammenschlagen.
„Hilfe! Hilfeeee!“ schrien die Opfer Robin Horrors, so laut sie
nur konnten. Doch wer sollte sie hören?

- 169 -

Das ist Robin Horror!

Das Wasser kroch erbarmungslos höher.


„Ihr klettert dann auf meinen Rücken“, bot sich der Arzt den
Knickerbocker-Detektiven an. „Auf diese Art könnt ihr länger
atmen!“
Poppi begann zu schreien und um sich zu schlagen. Die Lage
war aussichtslos!
Bis über den Bauchnabel war der Wasserspiegel schon gestie­
gen. Die Kälte lähmte die Junior-Detektive. Sie wurden schwä­
cher und schwächer.
Mit aller Kraft versuchte der Arzt, die Tür einzutreten. Dann
schob er die anderen beiseite und nahm Anlauf. Er watete durch
das Wasser und warf sich nun mit voller Wucht gegen die Bohlen.
Da ertönte von draußen ein Schrei.
Die Tür flog auf, und die Wassermassen ergossen sich in den
Gang.
Im ersten Augenblick konnten die Gefangenen das Wunder
nicht fassen. Doch dann rannten sie jubelnd nach draußen.
Kaum hatten sie einen Schritt in den Tunnel gemacht, als sie
auch schon über eine zusammengekrümmte Gestalt stolperten, die
nach Luft rang.
„Onkel Albert!“ schrie Poppi.
„Kinder, bin ich froh, daß euch nichts zugestoßen ist!“ Über­
glücklich drückte Onkel Albert die Knickerbocker an sich. „Ich
habe geglaubt, ich komme um vor Angst und Sorge. Wie konntet
ihr euch nur auf so einen Wahnsinn einlassen?“

Am Nachmittag des darauffolgenden Tages hatte sich die Knik­


kerbocker-Bande vor dem gemütlichen offenen Kamin in Onkel
Alberts Wohnung versammelt.
„Mir wird heute noch eiskalt, wenn ich an die vergangene Nacht
denke“, sagte Poppi und erschauderte.
„Aber wir haben es überstanden!“ meinte Lieselotte und warf
ihrer Freundin einen aufmunternden Blick zu.
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„Und wie bist du dahintergekommen, wo Robin Horror uns


hingebracht hat?“ wollte Axel von Mister Harwood wissen.

Wie könnte Albert Harwood in Erfahrung


gebracht haben, wohin Robin Horror
seine Nichte und deren Freunde
verschleppt hat?

Onkel Albert stopfte sich eine Pfeife und erzählte: „Als ich nach
Hause gekommen bin und euch nicht angetroffen habe, wußte ich
sofort, daß ihr eure Nasen wieder einmal in etwas hineingesteckt
habt, das euch gefährlich werden kann. Es war mir auch klar, daß
ihr mit großer Wahrscheinlichkeit zum Wachsfiguren-Kabinett
aufgebrochen seid. Ich habe euch im stillen verflucht. Dann bin
ich in meinen Wagen gestiegen und zum ‚Wonderland’ gefahren.
Dort wurde ich bereits erwartet – von Jack und George, den
beiden Blinden. Sie hatten euch durchschaut und deshalb das
Wachsfiguren-Kabinett im Auge behalten. Doch ihr seid nicht
zurückgekommen. Statt dessen ist ein Mann aufgetaucht. An
seinem Schritt erkannten Jack und George, daß er etwas Schweres
schleppt. Er hat die Last in ein Auto geworfen und noch etwas aus
dem Haus geholt. Die Blinden haben euch stöhnen gehört. Zum
Glück konnten sie sich die Wagennummer merken.“
Dominik schüttelte den Kopf. Das glaubte er nicht. Blinde
konnten doch keine Nummerntafeln lesen.

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„Aber ertasten!“ erklärte Onkel Albert. „Ich bin kurz nach der
Abfahrt des Wagens eingetroffen und habe natürlich sofort meine
Kollegen von der Kriminalpolizei alarmiert, die eine Großfahn­
dung nach dem Auto eingeleitet haben. Aber erst am Vormittag
des nächsten Tages hat ein Streifenwagen in Dover das Fahrzeug
entdeckt. Ich habe mich auf den Weg gemacht und gemeinsam
mit der örtlichen Polizei einen Zugang zu den Höhlen und Gängen
gefunden, die Robin Horror als Versteck gedient haben.“
Poppi beschäftigte eine Frage: „Und waren die Schauspielerin
und der Arzt mit Robin Horror im Bunde?“
Der ehemalige Kriminalinspektor schüttelte den Kopf. „Nein,
beide sind hereingelegt worden. Die Schauspielerin hatte eine
Einladung in das Wachsmuseum erhalten. Darin war sie aufge­
fordert worden, das Kleid, das man ihr zugesandt hatte, zu tragen:
Angeblich sollten Fotoaufnahmen gemacht werden. Als sie dann
das Robin-Hood-Zimmer betrat, wurde sie durch die ferngesteuer­
te Sherlock-Holmes-Puppe und einen kleinen Pfeil ins Land der
Träume befördert. Genau wie ihr!“
„Und der Arzt?“ fragte Axel.
Onkel Albert blies einige besonders gelungene Rauchringe in
die Luft. „Er wurde ins Museum bestellt, um an einem kleinen
Scherz teilzunehmen“, berichtete er. „Deshalb hat er auch behaup­
tet, die Puppe sei lebendig!“
Lilo nickte. „Mir ist damals etwas seltsam vorgekommen, und
jetzt weiß ich auch, was es war: Nur zwei Minuten nach dem
Erscheinen Robin Horrors war bereits ein Arzt zur Stelle. Er
mußte also bereits vorher gerufen worden sein.“

Wer war nun Robin Horror?

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Poppi rief: „Dann war es also doch Jimmy!“


Nun kam Axels große Stunde. „Nein“, antwortete er. „Es war
ein Mensch, der reichlich schwitzt und ziemlich stinkt – und das
vor allem, wenn er aufgeregt ist. Aus diesem Grund hat er sich am
fraglichen Tag auch mit einer Zusatzportion Parfüm besprüht –
und dieser Geruch hat ihn auch verraten.“
Onkel Albert machte ein bewunderndes Gesicht. „Alle Achtung,
Junge!“ meinte er. „Was für eine Nase!“
„Robin Horror war niemand anderer als Mister Boris McCarty!“
fuhr Axel fort. „Er hat das Wachsfiguren-Kabinett nur aus einem
Grund gebaut. Er wollte an das Gemälde herankommen – um
jeden Preis.“
„Und war Jimmy sein Komplize oder nicht? Wer hat das
Blasrohr und die elektronische Zielsteuerung in die Sherlock-
Holmes-Figur eingebaut? Wer hat die Puppe der Schauspielerin
angefertigt?“ drängte Poppi.
„Jimmy ist völlig unschuldig. Boris hat diese Arbeiten von
einem kleinen Ganoven verrichten lassen. Die Wachspuppe der
Schauspielerin hat er zwar von Jimmy formen lassen, die
grauenhaften Veränderungen aber hat er selbst vorgenommen.
Jimmy wußte nicht, wozu die Figur gut sein sollte. Auf jeden Fall
wollte Boris den Verdacht auf Jimmy lenken, doch das ist ihm
nicht gelungen“, sagte Onkel Albert.
Er war enttäuscht. Ein Mensch, den er gut zu kennen glaubte,
hatte ihn hinters Licht geführt.
Das Büro Mister McCartys lag genau hinter dem Geheimraum,
in den sich die Bühne drehte. Der Verbrecher war noch in Dover
festgenommen worden und saß hinter Gittern.
„Kinder, ich muß euch ein Kompliment machen“, sagte Onkel
Albert zu den Knickerbocker-Freunden, als er aus seiner Nach­
denklichkeit erwachte. „Ihr habt ganze Arbeit geleistet. Großarti­
ge Arbeit! Eines Tages...“

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„Eines Tages wird es auch von uns Wachsfiguren geben“, setzte


Lilo den Satz fort. „Aber nicht im ,Wonderland’, sondern im
weltberühmten Wachsfiguren-Kabinett von Madame Tussaud!“

- 174 -

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Axel, der Geisterjäger

Die Luft knisterte vor Spannung.


Die vier Mitglieder der Knickerbocker-Bande hatten sich in dem
winzigen Hotelzimmer geschickt verteilt. Lilo und Poppi lagen in
dem altmodischen Himmelbett und taten so, als würden sie
schlafen. Die beiden Jungen standen links und rechts von der Tür.
Axel hatte einen Eimer mit eiskaltem Wasser in der Hand, und
Dominik hielt einen Fotoapparat. Die Herzen der vier klopften
laut. Die Junior-Detektive spürten, wie die Aufregung durch ihre
Arme und Beine kribbelte.
In der Halle des Hotels begann die uralte Standuhr zu schlagen.
Es war Mitternacht.
Bestimmt würde das erste Gespenst nicht lange auf sich warten
lassen.
Das Horrorhotel war für den schaurigen Spuk berühmt. Die vier
Freunde waren allerdings ziemlich sicher, daß es sich nicht um
echte Geistererscheinungen handelte. Mit Hilfe des kalten Was­
sers wollten sie das herausfinden. Sollten sie es freilich gegen alle
Erwartungen doch mit einem Wesen aus dem Jenseits zu tun
bekommen, wollte Dominik es fotografieren.
Mit großen Augen starrten die Knickerbocker zur Tür. Waren
schon Schritte auf dem Gang zu hören? Bewegte sich der Tür­
knauf?
Irgendwo im Hotel kreischte jemand. War die Schwarze Frau
aufgetaucht?
Ketten rasselten, ein klagendes Heulen erhob sich, und das
Klopfen eines Holzstockes kam näher.
Bisher waren alle vier Junior-Detektive sehr cool geblieben.
Damit war es jetzt aber vorbei. Poppi zog sich die Bettdecke bis
zum Kinn und versuchte sich zu beruhigen: „Es ist alles nicht
echt! Es ist alles Theater!“
Lilo, Axel und Dominik spürten, wie sich die Muskeln ihrer
Körper anspannten. Ihre Aufregung wuchs von Sekunde zu

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Sekunde. Ihre Sicherheit über die Unechtheit des Spuks war


abgebröckelt.
Plötzlich polterte es im einzigen Schrank, der im Zimmer stand.
Die Schranktür flog auf, und ein Mann in einer grauen, zer­
schlissenen Seefahreruniform torkelte heraus. Er hatte ein Holz­
bein und eine Hakenhand und fuchtelte mit einem Degen durch
die Luft.
„Wie... wie ist der in den Schrank gekommen?“ stotterte
Lieselotte, die sonst nichts so leicht aus der Ruhe brachte.
Auch Axel und Dominik waren wie gelähmt vor Entsetzen.
Der Geist des Seeräuberkapitäns versetzte Axels Eimer einen
heftigen Tritt, so daß sich das Wasser über den Jungen ergoß.
Dann spuckte er auf die Linse von Dominiks Kamera, damit der
Junge kein scharfes Foto mehr knipsen konnte, und verschwand
mit einem wilden Schrei wieder im Schrank. Die Bretter ächzten,
als er die Schranktür hinter sich zuknallte.
Axel war der erste, der einen klaren Gedanken fassen konnte.
Vielleicht hatte er das der unfreiwilligen Dusche zu verdanken,
die er soeben bekommen hatte. „Dich kriege ich! Egal, ob du echt
bist oder nicht!“ schnaubte er wütend und riß die Schranktür auf.
„Das habe ich mir gedacht!“ rief der Junge triumphierend, als er
sah, daß die Hinterwand des Kastens beweglich war. Es schien
sich um eine Schiebetür zu handeln, die gerade geschlossen
wurde.
Der Spalt war nur noch wenige Zentimeter groß.
Axel bewies seine Geistesgegenwart, schnappte einen Sport­
schuh, der im Schrank stand und verkeilte ihn zwischen der
Schiebetür und dem Rahmen des Möbels. Die Geheimtür war
blockiert und konnte nicht mehr geschlossen werden.
An dem Rütteln und Fluchen auf der anderen Seite der Wand
konnte der Junge erkennen, daß der Pirat tobte. Er gab allerdings
schnell auf, und sein wütendes Schnauben verklang in der Ferne.
„Jetzt oder nie!“ jubelte der Knickerbocker und zog die
Geheimtür auf.

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Dahinter befand sich ein Schacht, der senkrecht nach unten


führte. In den Stein waren Eisen eingelassen, auf denen man in
die Tiefe klettern konnte.
„Taschenlampe!“ kommandierte Axel.
Lieselotte hatte eine unter der Decke und warf sie ihm zu.
„Willst du... willst du... den Geist verfolgen?“ fragte Dominik.
Ihm war diese Idee gar nicht geheuer.
„Nein, ich will ihn zum Spielen einladen!“ spottete Axel. „Ich
bin gleich zurück – macht euch bis dahin nicht ins Hemd!“
Der Junge schwang sich in den Schacht und kletterte in die
Tiefe. Die Taschenlampe hielt er zwischen den Zähnen. Nein,
Axel Klingmeier ließ sich nicht an der Nase herumführen!

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Die geheime Kammer

Die Knickerbocker-Bande hatte es wieder einmal nach England


verschlagen. Axel stand eine Nachprüfung in Englisch bevor, und
deshalb sollte er seine Kenntnisse an einer Sommerschule
aufmöbeln. Seine Freunde hatten ihn begleitet und drückten wie
er, trotz der Ferien, jeden Tag drei Stunden die Schulbank.
Das Institut lag an der Ostküste von England, in Broadstairs.
Das verschlafene Städtchen war nur wenige Kilometer von der
Hafenstadt Dover entfernt und hatte seit einigen Monaten seine
Sensation: das Horrorhotel.
Es handelte sich um ein winziges Hotel, das hoch oben auf den
Klippen lag und bald nach seiner Eröffnung für Schlagzeilen
gesorgt hatte.
Bereits die ersten Gäste hatten von rätselhaften Geräuschen,
durchscheinenden Frauengestalten und wilden Piraten erzählt, die
in den Zimmern aufgetaucht waren. Die zahlreichen Zeitungs­
berichte über den Spuk hatten einen regelrechten Ansturm auf das
Haus ausgelöst. Die Zimmer waren nun für Monate ausgebucht,
und die Hotelleitung hatte die Preise inzwischen verdoppelt.
Bei einem Kostüm-Wettbewerb der Sommerschule hatten die
vier Knickerbocker als 1. Preis eine Nacht im Horrorhotel
gewonnen.
Die vier Junior-Detektive hatten gestrahlt, als ihnen der Direktor
der Schule den glitzernden Gutschein übergeben hatte. Ungelöste
Rätsel und geheimnisvolle Vorfälle zogen die Abenteurerfreunde
magisch an.
Vor allem Axel war fest davon überzeugt, daß es sich um einen
schlauen Einfall des Hotelbesitzers handelte, und wollte das auch
beweisen.
Der Junge war durch den Schacht in die Tiefe geklettert und
erreichte einen niederen, sehr kalten und feuchten Gang, der
direkt unter dem Hotel in den Stein gehauen war. An der Decke
war notdürftig ein Kabel befestigt worden, an dem alle paar Meter
eine Glühbirne hing, die den Tunnel schwach erhellte. Axel
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konnte erkennen, daß es mehrere Röhren gab, die von oben aus
dem Haus in diesen Gang mündeten.
,,Durch diese Zugänge gelangen die Leute, die die Geister
darstellen, in die Zimmer. Völlig klar!“ kombinierte der Junior-
Detektiv.
Rechts von sich sah der Junge eine offene Tür, die in ein
beleuchtetes Zimmer führte. Ein Schatten, der auf den Gang fiel,
verriet Axel, daß sich jemand darin aufhielt. Es schien der Pirat zu
sein.
Vom linken Teil des Ganges drangen Stimmen an Axels Ohr. Er
schwang sich in den Schacht und kletterte ein Stück nach oben.
Unter sich sah er eine Frau mit einem dunklen wallenden
Gewand und einen Mann in einem schwarzen Skelett-Trikot
vorbeigehen. Sie plauderten miteinander, als wären sie gerade
zum Bus unterwegs. Gruselig erschienen sie in diesem Augen­
blick kein bißchen. Es handelte sich also tatsächlich bloß um ein
Theater.
Axel ließ einige Sekunden verstreichen, ehe er sich wieder nach
unten wagte. Auf der letzten Sprosse hielt er ein und lugte in den
Gang.
Die beiden Männer und die Frau hatten sich umgezogen und
kamen in normaler Straßenkleidung aus dem Zimmer. Das Licht
war zu schwach und Axels Blickwinkel zu schlecht, um sie
wirklich gut erkennen zu können. Die Tür wurde zugeschlagen
und die angeblichen Gespenster verließen ihren Arbeitsplatz.
Im Gang erlosch die Beleuchtung.
Axel machte sich auf den Rückweg ins Zimmer, als er unter sich
das Quietschen einer Tür und das Rauschen des Meeres hörte.
Schritte kamen näher.
Der Junge konnte den Lichtkegel einer Taschenlampe ausneh­
men. Wer ging jetzt noch durch den Gang? Der Verdacht lag
nahe, daß es sich nicht um eines der Berufsgespenster handelte.
Die drei waren in der anderen Richtung verschwunden und
schienen Feierabend gemacht zu haben.
Der Junior-Detektiv tastete sich möglichst lautlos nach unten.
Diesmal wagte er sich etwas weiter aus dem Schacht hinaus, da

- 180 -

ihm die Dunkelheit des Tunnels Schutz bot. Jemand stand unge­
fähr zehn Meter vor der Tür der Kleiderkammer an der Felswand
und werkte heftig an Ketten und Schlössern.
Unter lautem Knarren und Quietschen schwenkte eine Holztür
auf. Der Unbekannte betrat einen Raum und machte sich lautstark
darin zu schaffen. Dabei pfiff er vergnügt das Lied von den drei
blinden Mäusen.
Axels Neugier wuchs. Was trieb der Kerl? Langsam, Schritt für
Schritt, tastete er sich an die geheime Kammer heran. Er hatte sie
schon fast erreicht, als er über sich die Stimmen seiner Knicker­
bocker-Freunde hörte.
„Axel, wo steckst du?“ rief Dominik in den Schacht, und die
Stimme hallte schaurig durch das unterirdische Labyrinth.
Der Junge erstarrte. Die Geräusche in dem Zimmer verstumm­
ten. „Verdammt, warum können die Doofköpfe nicht die Klappe
halten? Jetzt haben sie mich verraten!“ dachte Axel entsetzt.
Zu seiner großen Erleichterung setzte der Unbekannte in dem
Zimmer seine Arbeit bald wieder fort.
Axel kämpfte mit sich.
Sollte er nach oben klettern, oder sollte er doch einen Blick in
den Raum werfen?
Er entschied sich für letzteres, obwohl ihm dabei sehr unbehag­
lich zumute war. Axel ließ sich aus dem Schacht gleiten, huschte
auf Zehenspitzen zu der offenen Tür und spähte in den Raum.
Das einzige, was er erkennen konnte, war ein alter Koffer, der
über und über mit bunten Aufklebern versehen war. Er lag offen
auf einem Tisch. Eine Gestalt in dunklen Hosen und einer schwar­
zen Windjacke stand darübergebeugt und schien sehr beschäftigt.
„He, Axel, was ist denn los?“ schrie Dominik in diesem Augen­
blick.
Der Unbekannte schoß in die Höhe und drehte sich blitzschnell
um.
Für Axel war es zu spät, sich aus dem Staub zu machen.

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Verschwindet!

Nun ging alles blitzschnell. Der Unbekannte stürzte sich wie ein
Panther auf den Jungen. Er packte Axel an der Kehle und würgte
ihn.
Der Knickerbocker spürte, wie der Druck in seinem Kopf stieg.
„Nicht... nicht!“ keuchte er und versuchte, den Angreifer
abzuschütteln.
Aber dieser war ihm einfach zu überlegen. Axel rang nach Luft
und hatte das Gefühl, daß alle Kraft aus seinen Armen und Beinen
gewichen war. Er konnte sich nicht mehr aufrecht halten, und vor
seinen Augen tanzten schwarze Punkte.
Mit einem gurgelnden Schrei schleuderte der Unbekannte den
Jungen gegen die Felswand des unterirdischen Tunnels. Axels
Kopf schlug hart auf, und aus den tanzenden Punkten wurde ein
schwarzes Meer.
Der Knickerbocker blieb bewußtlos liegen.
„He, was ist denn? Warum antwortest du nicht?“ kam nun
Lieselottes besorgte Stimme von oben.
Die schwarze Gestalt schnappte den Koffer und sperrte die
Kammer ab. Sie stieg über den Jungen hinweg und hastete in
Richtung der Gespenstergarderobe davon.
Eine halbe Minute später kletterten Lieselotte und Dominik aus
dem Schacht in den Gang und leuchteten ihn mit ihren Taschen­
lampen ab.
„Da... da... liegt Axel!“ japste Dominik und rannte zu seinem
Kumpel. „Er atmet... aber da ist Blut... an seinem Hinterkopf!“
„Er muß gestürzt sein!“ vermutete Lieselotte. „Aber wie bringen
wir ihn jetzt raus? Durch den Schacht bestimmt nicht!“
Das Mädchen lief in die Richtung, in die der Unbekannte
verschwunden war und erreichte am Ende des Ganges eine Tür.
Sie war abgeschlossen.
Lieselotte trommelte mit beiden Fäusten dagegen. „Hilfe...
aufmachen! Hilfe!“ schrie sie. Doch niemand kam.

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Lilo hatte bereits kehrtgemacht, als die Tür geöffnet wurde.


Licht fiel in den Tunnel.
Das Mädchen drehte sich um und erkannte einen älteren Herrn
mit schneeweißem Haar und einem Stoppelbart. Sie war ihm
bereits bei der Ankunft begegnet.
Es war Archibald Dyer, der Besitzer des Hotels. Er musterte das
Superhirn argwöhnisch mit seinen kleinen stechenden Augen.
„Bitte schnell... unser Freund ist bewußtlos!“ rief Lilo.
Mister Dyer fragte nicht lange und folgte ihr.
Eine halbe Stunde später lag Axel in seinem Bett. Er hatte einen
Eisbeutel auf dem Kopf und stöhnte leise vor sich hin. Zweimal
hatte er bereits die Augen aufgeschlagen, war aber nicht richtig zu
sich gekommen. Gegen halb zwei war er dann endlich ansprech­
bar und erzählte seinen besorgten Kumpeln, was er erlebt hatte.
„Und? Was war in dem Raum? Was sollen die vielen Schlös­
ser?“ wollte Dominik erfahren.
Axel verzog den Mund. „Weiß ich nicht... ich... ich habe... nur
einen Koffer gesehen. Mit vielen Aufklebern!“
Mister Dyer trat ein. Er wurde von einem Arzt begleitet, der bei
Axel eine leichte Gehirnerschütterung feststellte. Er verordnete
dem Jungen Bettruhe.
Nachdem der Arzt gegangen war, entlud sich der Zorn des
Hotelbesitzers. „Ihr widerlichen kleinen Kröten!“ schimpfte er.
„Wieso mußtet ihr so neugierig sein? Falls ihr jemandem vom
Geheimnis des Horrorhotels erzählt, könnt ihr was erleben!
Endlich läuft der verdammte Schuppen jetzt, und ich werde mir
von euch nicht das Geschäft ruinieren lassen!“
Lieselotte ließ sich durch den Tobsuchtsanfall nicht aus der
Ruhe bringen. „Früher sind Diebe durch die Geheimgänge in die
Zimmer der Gäste eingestiegen, stimmt’s?“ bohrte sie.
Mister Dyer nickte kurz. „Ich wußte selbst nichts von den
Schächten. Ich habe sie erst vor einem Jahr entdeckt, und da ist
mir die Idee gekommen, aus der müden Absteige ein Horrorhotel
zu machen. Und die Rechnung ist aufgegangen: der Laden hat
noch nie soviel Kohle abgeworfen. Aber euch kann ich hier nicht

- 183 -

brauchen. Ihr müßt in die Sommerschule zurück. Aus! Ich dulde


keine Widerrede.“
Mister Dyer ging und knallte die Tür hinter sich zu.
Axel richtete sich stöhnend auf und keuchte: „In dieser Kam­
mer... dort unten... da stimmt etwas nicht! Es sind einfach zu viele
Schlösser für... einen so schäbigen Koffer!“
Lieselotte nickte. Dieser Gedanke war ihr auch schon gekom­
men, und sie beschloß, noch in derselben Nacht in den Tunnel zu
klettern und der Sache nachzugehen.

- 184 -

Unerwünschte Gäste

Dominik blieb bei Axel, während Poppi ihre Freundin in den


Tunnel begleitete. Sicher war sicher!
Das Ziel der beiden Mädchen war die verschlossene Tür zu dem
geheimen Raum. Lieselotte zählte vier Vorhängeschlösser und
drei gesicherte Riegel. Selbst mit schweren Brecheisen war es
kaum möglich, diese Tür zu knacken.
Was befand sich wohl dahinter, das so sehr geschützt werden
mußte?
„Axel hat doch etwas vom Meer gesagt... auf der anderen Seite
des Ganges...“, hauchte Poppi.
Lilo erinnerte sich jetzt.
Warum konnte man hier oben, mindestens zwanzig Meter über
dem Meeresspiegel, das Rauschen der Wellen so laut hören? Wo
endete der Gang überhaupt?
Die beiden Junior-Detektive schlichen gebückt durch den Tun­
nel und entfernten sich immer weiter von dem rätselhaften Raum.
Nach ungefähr 30 Metern war der Gang durch eine schwere
Eisentür verschlossen. Sie schien sehr alt zu sein und war völlig
verrostet. Lieselotte rüttelte an der Klinke, aber auch diese Tür
war abgesperrt.
„Mist!“ schimpfte sie leise vor sich hin und versetzte der Tür
einen heftigen Fußtritt. Dabei verklemmte sich ihr Sportschuh.
Lieselotte erschrak und versuchte, ihren Fuß zu befreien. Das
Metall war an dieser Stelle völlig durchgerostet. Nun tat sich an
der Unterseite der Tür ein etwa handballgroßes Loch auf. Poppi
bückte sich. „Pssst... hör nur, wie das Meer rauscht!“
Lilo legte sich auf den Boden und leuchtete mit der Taschen­
lampe durch das Loch. Dahinter schien eine Art Treppe nach
unten in die Klippen zu führen.
Die Knickerbocker konnten also mit einem kleinen Boot zu den
Klippen fahren, auf denen das Horrorhotel stand, und nach dem
versteckten Zugang suchen. Lieselotte wollte das auch unbedingt
tun.
- 185 -

Am nächsten Vormittag ging es Axel ein wenig besser. Sein


Kopf schmerzte noch immer, aber er stand dennoch auf.
Um 10 Uhr wurden die Knickerbocker durch heftiges Klopfen
von Mister Dyer daran erinnert, daß sie abzureisen hatten. Sie
packten ihre Rucksäcke und begaben sich in die kleine Empfangs­
halle.
An der Rezeption stand ein elegantes junges Paar und beschwer­
te sich erbost.
„In unserem Zimmer ist kein Spuk aufgetaucht!“ jammerte der
Mann.
„Außerdem hatten wir in der Früh kein Wasser im Bad!“ be­
klagte sich die Dame.
Die Frau am Empfang zwang sich ein Lächeln ab. „Tut mir
leid!“ sagte sie spitz.
„Da wäre noch etwas! Durch unser Fenster strahlt ein Schein­
werfer ins Zimmer, der das Hotel beleuchten soll. Und weil es
keine Vorhänge gibt, haben wir kaum schlafen können!“ teilte der
Gast mit.
„Da kann man nichts machen!“ lautete die Antwort der Rezep­
tionistin.
Das junge Paar verdrehte die Augen. „Was ist das für eine
unfreundliche Absteige? Ihnen ist wohl der Erfolg zu Kopf gestie­
gen!“ begann der Mann zu toben.
„Unsere Gäste sind sehr zufrieden, und für Nörgler haben wir
nichts übrig!“ erwiderte die Frau.
Den Gästen klappte die Kinnlade hinunter. „Wir reisen ab!“
riefen sie.
„Gerne, ich bereite Ihre Rechnung vor!“ Die Frau an der Rezep­
tion schien über die Abreise nicht im geringsten bestürzt zu sein.
„He, Dad, die Rechnung für Zimmer 113, Mr. und Mrs. Clintsto­
ne aus Liverpool.“
Über Lilos Gesicht huschte ein triumphierendes Lächeln. Sie
wandte sich an das Paar und sagte mit verschwörerischer Stimme:
„Entschuldigen Sie! Unser Freund hatte gestern einen Unfall in
Ihrem unterirdischen Gang.“

- 186 -

Die Frau an der Rezeption zog die Augenbrauen hoch. „Dad,


kommst du bitte!“ rief sie über ihre Schulter in den Raum dahin­
ter.
Mister Dyer trat heraus und funkelte Lieselotte wütend an.
„Axel muß im Bett bleiben! Der Arzt übernimmt sonst keine
Verantwortung!“ meinte Lilo ernst. „Sie sagten, Sie hätten kein
Zimmer frei. Nun ist doch eines frei geworden. Mein Freund
sollte besser noch ein oder zwei Tage hierbleiben und sich nicht
bewegen. In der Sommerschule würden uns alle fragen, wo er sich
verletzt hat, und dann müßten wir die Wahrheit sagen und von
dem Geheimgang erzählen. Wir lügen nämlich nie!“
Der Hotelbesitzer verstand die Erpressung und kochte innerlich.
„Julie, sag du etwas!“ stieß er hervor.
„Woher seid ihr?“ erkundigte sich die Tochter Mister Dyers.
„Aus Österreich“, erwiderte Dominik.
„Schönes Land!“ meinte Julie. „Bleibt ihr noch lange in
Broadstairs?“
Poppi schüttelte den Kopf. „Nur noch drei Tage, leider. Dann
geht’s zurück. Aber ich freue mich schon auf meine Tiere zu
Hause!“
Julie überlegte kurz und sagte dann: „Ihr könnt bleiben, aber ihr
wißt: Kein Wort über das Geheimnis des Hotels!“
Die vier Knickerbocker nickten. Axel tat es nur sehr langsam,
weil sein Kopf bei jeder Bewegung höllisch schmerzte.
Die Bande mußte in der kleinen Halle warten, bis das Ehepaar
aus Liverpool das Zimmer geräumt hatte.
Die Junior-Detektive beobachteten einen älteren Herrn und
seine Frau, die ebenfalls abreisten.
Julie war wie ausgewechselt. Sie überschlug sich vor Freund­
lichkeit und Herzlichkeit.
Lilo fing einige Wortfetzen auf und kombinierte, daß es sich um
Gäste aus Spanien handelte. Axel hatte die Augen die meiste Zeit
geschlossen, weil ihm das Licht weh tat. Als er sie einmal kurz
öffnete, entdeckte er etwas, das bei ihm alle Alarmglocken
schrillen ließ.

- 187 -

Der Hafen in den Klippen

Neben dem Spanier stand ein alter Lederkoffer, der mit zahlrei­
chen Aufklebern versehen war.
In Axels Kopf tauchten trotz der Schmerzen die Bilder der
vergangenen Nacht auf. Da war die schwarze Gestalt, die über
den Koffer gebückt stand. Sollte das der Mann gewesen sein? Wie
war der Hotelgast nach unten in den Gang gekommen? Oder hatte
jemand seinen Koffer präpariert? Aber warum war er dann den
beiden nicht abgegangen?
Der Junge wandte sich zu Lilo um und informierte sie mit
wenigen Worten.
Das Superhirn zwinkerte Dominik zu.
Dieser bewies wieder einmal, daß er ein großartiger Schauspie­
ler war. Er tat so, als müsse er dringend auf die Toilette, und
stolperte dabei über den verdächtigen Koffer. Dabei löste er den
Verschluß: Der Koffer sprang auf, und schmutzige Wäsche quoll
heraus. „Es tut mir so leid!“ schwindelte Dominik und rang verle­
gen die Hände.
Die Gäste bückten sich, um die Sachen in den Koffer zu stop­
fen. Dominik gab vor, ihnen dabei zu helfen. In Wirklichkeit
nahm er geschickt das Innere des Koffers unter die Lupe.
„Und? Was ist?“ wollte Lieselotte wissen, als er zurückkehrte.
Der Junior-Detektiv zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht.
Ich habe nichts wirklich Verdächtiges gespürt“, lautete sein
Bericht.
Lilo wurde immer klarer, daß sie mehr über den geheimen
Abgang zum Meer und die sonderbare Kammer herausfinden
mußten.
Kurze Zeit später konnten die Knickerbocker das Zimmer des
Paars aus Liverpool beziehen. Es war, wie alle Zimmer des
Hotels, sehr eng. Axel legte sich ins Bett und wollte von den
Ermittlungen seiner Kumpel nichts mehr wissen. Poppi blieb bei
ihm.

- 188 -

Lieselotte und Dominik untersuchten die Wände und den


Schrank des Raumes, konnten aber keinen Hinweis auf eine
Geheimtür entdecken.
Gemeinsam mit Dominik lief Lilo zum Hafen und mietete dort
ein Ruderboot.
Die See war an diesem Tag ruhig und glatt wie Seide.
Die beiden Knickerbocker ruderten die Küste entlang, vorbei
am Leuchtturm von Broadstairs und an den beiden Stränden des
Dorfs, bis sie eine hohe Felsnase erreichten, die fast senkrecht ins
Meer abfiel.
Auf ihrer Spitze ragte das Horrorhotel dunkel und düster in den
Himmel.
Das Mädchen untersuchte durch ihr Fernglas jeden Meter der
Küste.
Ziemlich enttäuscht setzte Lieselotte den Gucker wieder ab.
„Nichts... da ist kein Eingang zu einer Höhle“, sagte sie ent­
täuscht. „Aber die Treppe führt zum Meer. Ich verstehe das
nicht!“

Wo könnte sich der Zugang zur Höhle


befinden? Hast Du einen Verdacht?

Auf dem Rückweg vom Hafen kamen die beiden Knickerbocker


an dem kleinen Leuchtturm vorbei, der an die 500 Meter vom
Horrorhotel entfernt lag.
Lieselotte kam eine Idee. Sie steuerte auf das Häuschen rechts
neben dem Leuchtturm zu. Sie klopfte, und ein kleiner, ziemlich

- 189 -

fetter Mann öffnete ihr. Er war unrasiert und ziemlich rot im


Gesicht, und in seinem Mundwinkel hing eine Zigarette.
„Was wollt ihr beiden Rangen hier?“ fuhr er die beiden Junior-
Detektive an.
Dominik wäre am liebsten sofort umgekehrt, so unwirsch und
bissig war der Mann.
„Wir müssen eine Arbeit für die Sommerschule schreiben!“ log
das Superhirn der Bande. „Über den Leuchtturm von Broadstairs
und diese Küste. Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?“
Der Mann zog lautstark durch die Nase auf und musterte Lilo
kritisch. „Was willst du wissen?“
Lilo erkundigte sich zuerst über den Leuchtturm und kam dann
zum Wichtigsten. „In den Klippen gibt es doch eine Höhle, die
einen Zugang zum Hotel hat!“ sagte sie.
Der Leuchtturmwächter kniff die Augen zusammen. „Wer sagt
das?“ knurrte er.
„Äh... das hat mir jemand aus dem Dorf erzählt!“ stammelte
Lilo.
Der Mann schien zu überlegen, ob er die Frage beantworten
sollte. „Ich sage es euch nur, wenn ihr versprecht, die Höhle unter
keinen Umständen zu besuchen!“ brummte er schließlich.
Die Knickerbocker versprachen es, kreuzten dabei aber die
Finger, damit sie das Versprechen notfalls auch brechen durften.
„Ja, es gibt eine Höhle – aber sie taucht nur bei Ebbe aus dem
Wasser auf. Sonst ist sie überflutet“, erzählte der Mann. „Früher
sind dort Schmuggler vor Anker gegangen. Sie haben mit Blink­
zeichen ihr Kommen angezeigt, sind in die Höhle gefahren, haben
ihre Ware abgeladen und meist auch gleich verkauft. Das Hotel
war nämlich ein Banditennest. Und mein Vorgänger hier war auch
nicht besser. Er hat mit den Schmugglern gemeinsame Sache
gemacht!“
Gespannt lauschten die Knickerbocker und warfen einander
vielsagende Blicke zu.
„Aber jetzt Schluß! Stehlt mir nicht die Zeit!“ tobte der Mann
nach diesem kurzem Anflug von Freundlichkeit los und knallte
den zwei Junior-Detektiven vor der Nase die Tür zu.

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„George Higgins“, las Dominik auf dem Schild.

„Ein Name, den wir uns merken müssen!“ meinte Lieselotte.

- 191 -

Ebbe!

Zum Abendessen wurden die vier Freunde von Julie Dyer in das
private Wohnzimmer des Hotelbesitzers und seiner Tochter einge­
laden. Es gab Fish and Chips.
„Ich muß mich für die Art meines Vaters entschuldigen“, meinte
die junge Frau mit dem langen schwarzen Haar. „Er hat Angst,
daß ihr euch an einen Reporter wendet und die Wahrheit über
unser Hotel erzählt. Das wäre bestimmt nicht gut für uns. Viele
Gäste glauben nämlich tatsächlich, daß sie es mit einem Spuk zu
tun haben!“
Die Knickerbocker versicherten ihr, nichts verraten zu wollen.
„Als wir gestern im Tunnel waren, haben wir etwas gesehen...“
begann Lieselotte vorsichtig. „Es gibt da einen Raum... der ist
abgesperrt, sehr gut abgesperrt... und jemand war drinnen... und
hat Axel dann außer Gefecht gesetzt. Also muß... etwas in dem
Raum sein, das keiner entdecken soll!“
Julie horchte auf. Sie schien sehr überrascht zu sein. „Ehrlich
gesagt... also... ich habe keine Ahnung. Ich war kaum da unten.
Dad betreut die drei Leute, die für uns die Geister spielen. Ich
wüßte nicht, wer sonst noch Zutritt zu dem Tunnel hat.“
Dominik wollte es genauer wissen: „Wer besitzt einen Schlüssel
zu der Tür, die zum Schmugglerhafen in den Klippen führt?“
Julie zog die Augenbrauen hoch. „Ihr seid aber genau infor­
miert“, stellte sie erstaunt fest.
„Wir sind Detektive!“ meinte Poppi stolz. „Und wir haben
schon zahlreiche Fälle gelöst. Sogar das Geheimnis der Maske mit
glühenden Augen haben wir gelüftet!“
Die junge Frau war beeindruckt. „Also der Abgang zur Höhle
ist immer verschlossen. Es gibt nur einen Schlüssel, und den
bewahrt... Dad auf!“
Julie wurde klar, was sie gerade gesagt hatte. Sie fuhr fort:
„Aber er würde niemals jemandem etwas antun. Nein, bestimmt
nicht!“

- 192 -

Die junge Frau wurde unruhig. „Hört zu... ich glaube, ich
könnte eure Hilfe gebrauchen“, sagte sie. „Wäre es nicht möglich,
daß ihr bis zu eurer Abreise hier im Hotel bleibt? Ich kenne den
Direktor der Sommerschule recht gut und kann ohne weiteres mit
ihm reden.“
Die vier Knickerbocker-Freunde hatten nichts dagegen einzu­
wenden.
„Abgemacht! Und dürfen wir uns überall umsehen?“ fragte
Lieselotte.
„Bitte fragt mich aber vorher immer!“ ersuchte Julie. „Dieses
Haus ist alt und voller Gefahren. Ich werde euch jedoch überall­
hin Zutritt verschaffen. Ich möchte selbst erfahren, was hier
eigentlich gespielt wird. Ich finde diese Ungewißheit unerträg­
lich!“
Axel brannte noch eine Frage auf der Zunge: „Julie, wissen Sie,
was sich in dem abgesperrten Zimmer befindet? Kann es mit dem
Gepäck der Gäste zu tun haben? Ich habe dort den Koffer des
Spaniers gesehen, der heute abgereist ist.“
Die junge Frau fuhr sich durch das seidige Haar und überlegte.
„Manche Gäste geben uns ihre Koffer zur Aufbewahrung, weil
die Zimmer so eng sind“, sagte sie. „Der Gepäckraum befindet
sich neben der Empfangshalle. Ich werde mit Dad darüber spre­
chen. Wahrscheinlich gibt es eine einfache Erklärung für alles.“
Julie lächelte hoffnungsvoll und verabschiedete sich dann. „Ich
muß mich um die Gäste kümmern“, meinte sie.
Axels Kopfschmerzen waren noch immer nicht wirklich besser
geworden. Deshalb zog er sich in das Zimmer zurück.
Die anderen drei Mitglieder der Bande schlenderten in den
kleinen Garten hinter dem Horrorhotel.
Er erstreckte sich direkt bis zum Rand der Klippen. Von dort
ging es mindestens 30 Meter senkrecht nach unten zum Meer, wo
die Wellen an diesem Abend sanft murmelnd gegen die Felsen
rollten.
Lilo beugte sich weit über das Geländer und starrte in die Tiefe.
Das Dämmerlicht reichte aus, um zu erkennen, daß sich etwas
geändert hatte.

- 193 -

„Es ist Ebbe!“ stellte das Superhirn zufrieden fest. „Wir holen
uns ein Boot und rudern zur Höhle. Der Eingang müßte frei sein!“
Die drei Junior-Detektive kehrten zum Hotel zurück, um Axel
von ihrem Plan zu informieren.
Das leise Rascheln in der Hecke entging ihnen. Jemand war den
Knickerbockern ins Freie gefolgt und hatte ihr Gespräch be­
lauscht.
Nachdem die drei Freunde das Horrorhotel betreten hatten, kam
die Gestalt hinter den Fliederbüschen hervor und strich sich
nachdenklich über die Stirn. Dann verschwand sie im Zwielicht.

- 194 -

Ein gemeiner Anschlag

„Das ist nicht ungefährlich“, warnte Axel seine Kumpel. „Ihr


könnt auf eine Sandbank auflaufen... oder... gegen die Klippen
getrieben werden und kentern. Dann findet ihr in der Dunkelheit
nicht zur Küste und ertrinkt!“
Lieselotte verzog den Mund. „Schwarzseher!“ brummte sie. Das
Mädchen warf einen Blick auf die Uhr. Es war kurz nach neun.
Die drei Knickerbocker schnappten ihre Taschenlampen und
nahmen zur Sicherheit eine Taucherbrille und Flossen mit. „Bis
später!“ sagten sie zu Axel und wollten das Zimmer verlassen.
Doch die Tür war abgeschlossen. Lilo und Poppi rüttelten daran,
doch sie ging nicht auf.
Dominik eilte zum Zimmertelefon und wollte die Nummer der
Rezeption wählen.
Die Leitung war tot.
Im Badezimmer ertönte ein scharfes Zischen, und gleich darauf
quoll unter der Türritze weißer Rauch hervor.
„Es brennt!“ schrie Poppi entsetzt. Lieselotte riß die Tür auf und
sah, wie der Rauch aus dem Abfluß des Waschbeckens quoll. Er
roch süßlich und nach Mandeln. Aus diesem Grund hielt das
Mädchen auch nicht die Luft an und atmete den Qualm ein.
Augenblicklich wurden ihre Bewegungen langsamer, und sie
schaffte es kaum noch, die paar Schritte zurück ins Zimmer zu
machen. Ihre Umgebung verschwamm, und dann schob sich ein
undurchdringlicher dunkler Vorhang über ihre Augen.
Als Lilo wieder erwachte, stand die Sonne bereits hoch am
Himmel und strahlte durch das Fenster ins Zimmer.
Dem Mädchen war übel – kotzübel. Jede Bewegung tat ihm
weh. „Dominik... Poppi... Axel!“ keuchte Lilo. Ihr Mund war
staubtrocken, und die Zunge klebte am Gaumen. „Hallo, was...
was ist mit euch?“
Das Superhirn hatte den Kopf gehoben und seine Kumpel ent­
deckt. Sie lagen wie tot auf den beiden Betten. Ihre Arme und

- 195 -

Beine hingen schlaff herab. Alle drei waren – genau wie Lilo –
angezogen.
Eine frische Brise wehte durch das offene Fenster. Lilo versuch­
te, sich an etwas zu erinnern, aber in ihrem Kopf herrschte
absolute Leere. Sie wußte noch, daß sie zum Hafen wollten, um
mit einem Boot zur Höhle zu fahren. Aber dann riß der Film.
Das Mädchen, das nur mit dem Oberkörper auf dem Bett lag,
erhob sich aus der unbequemen Position und stöhnte. Es taumelte
ins Badezimmer und drehte den Hahn auf. Hell und klar plät­
scherte das Wasser in das Becken. Lilo wollte sich das Gesicht
kalt abwaschen.
Aber noch immer gehorchten ihre Gliedmaßen nicht ganz. Die
Arme des Mädchens schlenkerten ziellos durch die Luft und
streiften die Zahnbürsten, die in einem Becher auf einem Sims
über dem Waschbecken standen. Sie fielen ins Wasser, und ein
leises Zischen war zu vernehmen.
Lilo traute ihren Augen nicht: Die Zahnbürsten lösten sich auf,
als wären sie aus Zucker. Das Mädchen wich zurück und ließ sich
auf den Badewannenrand sinken. „Hilfe! Poppi... Dominik...
Axel!“ stieß Lieselotte hervor.
Aus dem Zimmer kam ein verwirrtes Ächzen.
Poppi war die erste, die auftauchte. „Durst!“ krächzte sie und
stürzte zum Becken, um zu trinken.
„Nicht!“ warnte Lieselotte. „Um Himmels willen – das ist
Säure!“

- 196 -

Das rote Licht

„Kinder... hallo, Kinder! Was ist mit euch? Macht auf!“ Von
draußen wurde heftig gegen die Zimmertür geklopft.
Die Knickerbocker erkannten sofort Julies Stimme. „Ist etwas
passiert?“ fragte sie besorgt.
Axels Kopf schmerzte schlimmer denn je. Trotzdem erhob er
sich aus dem Bett und taumelte zur Tür. Er drückte die Klinke
nieder und öffnete sie. „War doch gar nicht abgesperrt!“ schnaub­
te er ärgerlich und warf sich wieder aufs Bett.
„Doch! Die Tür ist nicht aufgegangen!“ meinte Julie. „Wie seht
ihr denn aus?“
Die Junior-Detektive waren leichenblaß im Gesicht und hatten
fast weiße Lippen. Poppi konnte sich kaum auf den Beinen halten.
„Was... was ist los?“ fragte Julie immer wieder.
Lilo deutete stumm auf das Badezimmer.
Julie ging hinein und rief: „Ich kann nichts entdecken.“
„Es ist Säure im Becken!“ krächzte Lieselotte.
Es plätscherte und rauschte, und Julie trat aus dem Bad. „Wollt
ihr mich an der Nase herumführen? Aus dem Hahn kommt
Wasser, was sonst!“
Lilo, Poppi und Dominik hasteten ins Badezimmer und starrten
in das Waschbecken. Die Säure mit den halb zersetzten Zahn­
bürsten war verschwunden, und aus dem Hahn sprudelte frisches
Wasser.
„Aus dem Abfluß ist ein Gas ins Zimmer geströmt, das uns
betäubt hat!“ hauchte Dominik.
Julie Dyer blickte die vier ungläubig an. „Das... das kann ich
mir nicht vorstellen. Wenn das wahr ist, hat es jemand auf euch
abgesehen und ist zu allem entschlossen.“ Sie überlegte kurz und
meinte dann: „Ihr bekommt ein anderes Zimmer und rührt euch
nicht mehr hervor. Ich werde die Polizei verständigen.“
Eine halbe Stunde später konnte die Bande bereits übersiedeln
und wurde mit einem typisch englischen Frühstück verwöhnt:
Spiegeleier mit Speck, Cornflakes, Toast und Marmelade.
- 197 -

Doch die Freunde hatten keinen Hunger. Sie schlürften nur Tee
und starrten vor sich hin.
Langsam begannen Lilos graue Zellen wieder zu arbeiten.
„Jemand wollte uns davon abhalten, zu dem unterirdischen Hafen
zu fahren!“
Poppi verstand das nicht. „Aber wir haben doch niemandem
davon erzählt“, sagte sie.
Lilo zuckte mit den Schultern. Auch sie war in diesem Punkt
ratlos.
„Wenn es in den Zimmern dieses Hotels Geheimtüren gibt, kann
man vielleicht auch die Wasserzuleitungen anzapfen und Gase
und Säuren einleiten!“ murmelte sie grübelnd. „Eines steht fest:
Mit dem Horrorhotel stimmt etwas nicht. Mister Dyer führt etwas
im Schilde, und wir müssen herausfinden, was!“
Ihre Kumpel stimmten ihr zu. Allerdings war ihnen klar, daß sie
frühestens am Abend wieder halbwegs fit sein würden. Bis dahin
war Ruhe und Schlafen angesagt. Das Betäubungsgas hatte ganze
Arbeit geleistet.
Gegen sechs Uhr kamen die Knickerbocker allmählich wieder
zu Kräften.
Auch Axel war auf dem Weg der Besserung, und sein Kopf tat
ihm schon deutlich weniger weh.
Lieselotte befürchtete, belauscht zu werden, und schrieb deshalb
ihren Plan auf. „Es ist wieder Ebbe! Wir sollten endlich den
Schmugglerhafen untersuchen. Wer kommt mit?“
Axel hob die Hand.
„Wir fahren mit dem Boot hin, sobald es etwas dunkler ist. Und
Dominik und Poppi kümmern sich darum, daß unser Verschwin­
den niemandem auffällt!“ kritzelte das Superhirn.
Alle waren einverstanden und wußten, was sie zu tun hatten.
Beim Abendessen taten sie so, als seien sie besonders müde,
und erzählten mehrere Male, daß sie so schnell wie möglich
wieder ins Bett wollten. Sie gähnten und gaben vor, kaum noch
aus den Augen zu sehen.
Bald zogen sie sich zurück.

- 198 -

Axel und Lieselotte kletterten aus einem Fenster im Erdgeschoß


und liefen an der Uferpromenade entlang zum Hafen von Broad­
stairs. Zum Glück gab es hier einen Bootsverleih für Verliebte,
die im silbrigen Mondlicht rudern und für sich sein wollten.
Sie mieteten ein Boot und fuhren los.
Die Wellen waren an diesem Tag etwas stärker, und es kostete
die beiden Knickerbocker einige Kraft, den Hafen zu verlassen.
Sie ruderten die Küste entlang am Leuchtturm vorbei zu der
Klippe, auf der sich das Horrorhotel erhob.
„Da... schau nur!“ Axel zeigte entgeistert nach oben: Aus der
Kabine des Leuchtturms drang ein Lichtzeichen – zweimal lang,
zweimal kurz, zweimal lang.
Mehr als seltsam erschien den Knickerbocker-Freunden, daß
jemand einen roten Streifen vor die Lampe gespannt hatte.
Lilo war sprachlos.
Was hatte das zu bedeuten?

Kannst Du Dir vielleicht erklären, was der


rote Streifen vor der Lampe des
Leuchtturms zu bedeuten hat?

„Das kann nur ein vereinbartes Geheimzeichen sein und hat mit
einem normalen Warnsignal nichts zu tun“, vermutete Lieselotte.
„He! Schau mal, dort... beim Hotel!“
Axel wußte sofort, was Lilo meinte. Von einem der Zimmer im
letzten Stock aus gab jemand schnelle Blinkzeichen.

- 199 -

„Das sind wahrscheinlich Morsezeichen!“ vermutete der Knik­


kerbocker. Doch wem galten sie?
Die beiden Junior-Detektive drehten sich um und blickten auf
die See hinaus. Die Lichtzeichen wurden erwidert! Ein rotes, sehr
grelles Licht, das auf- und niederschaukelte, blitzte ungefähr
einen Kilometer vor der Küste auf. Es konnte sich nur um ein
Boot handeln.
Das Licht im Hotelfenster erlosch, und das rote Licht auf dem
Meer begann sich in Bewegung zu setzen. „Das Boot... steuert auf
die Höhle zu!“ flüsterte Lieselotte.
Jetzt erst hatten die beiden Knickerbocker Gelegenheit, die
Felswand der Küste nach dem Höhleneingang abzusuchen. Der
Mond war hell genug, um ihnen die Öffnung zu zeigen. Sie war
höchstens zwei Meter hoch und vier Meter breit.
„Ich schwimme in die Schmugglerhöhle und sehe mich um“,
sagte Axel.
Lilo wollte ihn zurückhalten. „Nein, wir rudern hinein!“
Damit war der Junge nicht einverstanden. „Ich allein kann mich
notfalls unter Wasser verstecken. Mit dem Boot werden wir sofort
entdeckt. Ich muß unbedingt herausfinden, was das Boot mit dem
roten Licht bringt. Die Ladung hat sicher etwas mit dem ver­
schlossenen Zimmer und dem Koffer zu tun. Rudere ganz nahe an
den Felsen, bleib aber vom Höhleneingang weg! Ich schwimme
hinein, und falls ich in einer halben Stunde nicht aufgetaucht bin,
kannst du zum Hafen zurückrudern.“
Das Superhirn runzelte die Stirn.
„Möglicherweise kann ich durch den Geheimgang in das Hotel
gelangen“, erklärte Axel.
Lieselotte hatte kein gutes Gefühl. Axel ließ ihr aber keine Zeit,
ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Er schlüpfte aus seinen
Jeans, unter denen er Schwimmshorts trug, und Lilo ruderte ihn
an den Höhleneingang heran.
Der Junge ließ sich ins Wasser gleiten und verabschiedete sich
mit einem siegessicheren Winken.

- 200 -

Das Geheimnis des Zimmers

Die Kühle des Meeres schien seinem Kopf gutzutun. Die Schmer­
zen waren fast verschwunden, und Axel fühlte sich wieder
einigermaßen in Ordnung.
Mit kräftigen Stößen schwamm er durch die Öffnung in den
Klippen.
In der Höhle hallte es geheimnisvoll. Es mußte sich um ein
ziemlich großes Gewölbe handeln. Axel zückte seine Taschen­
lampe, die in einem wasserdichten Plastikbeutel steckte, und
knipste sie an.
Er leuchtete den Raum ab und erkannte uralte Landungsstege
aus Holz und einen breiten Gang, der in die Höhlenwände
geschlagen war. Auf einer Seite führte eine Treppe nach oben.
Es mußte sich um den Zugang handeln, von dem Lilo erzählt
hatte.
Axel schwamm zu den Landungsstegen und wollte sich aus dem
Wasser ziehen. Da aber ertönte hinter ihm das Tuckern eines
Motorbootes, und der Junge konnte sich im letzten Augenblick
hinter einem Pfahl verstecken.
Ein Scheinwerfer beleuchtete die Wände der Höhle, und der
schwankende Lichtschein huschte über den grünlichen, rauhen
Stein. Das Boot legte glücklicherweise bei einem anderen Steg an.
Das Licht wurde schwächer, doch sonst geschah nichts.
Ungefähr zehn Minuten verstrichen, bis plötzlich ein metalli­
sches Quietschen ertönte. Ein Lichtschein tanzte die Treppe
herunter.
Axel konnte von seinem Versteck aus kaum ausnehmen, was
sich nun zutrug. An den Geräuschen und Schatten erkannte er
allerdings, daß der Lenker des Bootes an Land kletterte und dem
Unbekannten im Stiegenhaus etwas überreichte.
Es schien sich um eine Kiste zu handeln.
Dafür erhielt er einige Bündel Banknoten. Gesprochen wurde
während der ganzen Aktion kein Wort.

- 201 -

Der nächtliche Besucher kletterte auf sein Boot zurück und ließ
den Motor an.
Gemütlich tuckerte das Fahrzeug aus dem unterirdischen Hafen
aufs Meer hinaus.
Die Gestalt, die die Lieferung entgegengenommen hatte, stapfte
langsam die Treppe nach oben.
Axel lauschte angespannt. Ihm war, als ob jemand den Inhalt
der Kiste sichtete. So leise wie möglich glitt der Junge aus dem
Wasser und eilte auf Zehenspitzen zu dem Aufgang ins Hotel.
Mittlerweile war der Unbekannte oben angekommen. Wieder
quietschte die Tür.
Axel wartete auf das Klicken des Schlüssels, aber es blieb aus.
Der Junior-Detektiv tastete sich Stufe für Stufe die Treppe hinauf.
Sein Herz begann zu rasen, als er entdeckte, daß die Tür
offenstand und im Gang dahinter Licht brannte. Und auch die so
gut gesicherte Tür war jetzt nicht verschlossen!
Aus der geheimnisvollen Kammer drang ein Klappern und
Werken.
Axel spürte das Blut in seinen Ohren pochen. Sollte er es wagen
und sich bis zu dem Zimmer heranschleichen? Es war die
Gelegenheit herauszufinden, was in dem Raum vorging!
Der Junge ballte die Hände zu Fäusten und richtete sich auf. Er
atmete einige Male tief durch, bevor er auf nackten Sohlen
loshuschte. Noch zehn Meter... noch sieben Meter... noch fünf
Meter...
Völlig unerwartet flog ein grauer Koffer in einem hohen Bogen
auf den Gang.
Erschrocken schmiegte sich der Junge gegen die kalte Felswand
und schluckte.
„Jetzt oder nie!“ dachte Axel. „Wenn ich jetzt kneife, vergebe
ich vielleicht die einzige Chance, hinter das Geheimnis zu
kommen.“

- 202 -

Würdest Du wie Axel handeln oder Dich


zurückziehen?

Noch drei Meter...


Noch zwei Meter...
Noch einen Meter...
Es war so weit! Der Junge mußte sich nur vorbeugen und
konnte über den Türstock hinweg in das Innere des rätselhaften
Raumes spähen.
Der Knickerbocker schob seinen Kopf vor und hielt die Luft an.
Da war der Tisch, den er schon einmal gesehen hatte. Wieder
lag ein Koffer darauf. Und daneben lag noch etwas.
Der Junior-Detektiv wußte, daß er sich unter keinen Umständen
unbemerkt an diesem Zimmer vorbeischleichen konnte. Was tun?
Er mußte zurück in den Schmugglerhafen!
Aber wie sollte er von dort wegkommen? Lilo würde bestimmt
nicht mehr auf ihn warten. Er konnte den weiten Weg nicht
schwimmen, und in der Höhle würde er ertrinken, wenn die Flut
kam.
Axel lehnte an der Felswand neben der Tür mit den vielen
Schlössern und dachte fieberhaft nach. Er starrte zur Decke des
Tunnels und bemerkte deshalb nicht, wie der Schatten des Unbe­
kannten, der aus dem Zimmer auf den Boden fiel, immer größer
und größer wurde.
Schon schoß die dunkle Gestalt auf den Gang und packte den
Jungen an den Schultern.
Eine Hand legte sich auf seinen Mund und verhinderte, daß er
schreien konnte.

- 203 -

„Du hättest mich nicht bespitzeln dürfen. Jetzt kennst du mein


Geheimnis, und das ist gar nicht gut!“ zischte ihm eine Stimme
ins Ohr.
Axel wußte, daß jeder Widerstand zwecklos war und ergab sich
in sein Schicksal.

- 204 -

Suche nach Axel

„Ist Axel schon da?“ Mit dieser Frage auf den Lippen stürmte
Lieselotte in das Zimmer zu Poppi und Dominik.
Die beiden blickten sie völlig überrascht an.
„Ist er nicht bei dir?“ fragte Poppi verblüfft.
Lieselotte traf die Antwort ihrer Freundin wie ein Keulenschlag.
„Nein! Er ist nicht aus der Höhle zurückgekommen und wollte
durch den Geheimgang ins Hotel gelangen!“
Dominik bekam weiche Knie. „Aber er... ist nicht da!“ hauchte
er.
Lilo wußte, was das zu bedeuten hatte. „Ihm muß etwas
zugestoßen sein. Entweder in der Höhle... oder... im Gang. Wir
müssen sofort nachsehen!“
Aber wie sollten sie in den Tunnel gelangen? Der Eingang
befand sich im Raum hinter der Rezeption, und dort saß Mister
Dyer.
Es klopfte.
Die drei Junior-Detektive starrten unschlüssig zur Tür. Es war
kurz vor elf.
, Ja... hallo?“ Lilos Stimme versagte fast.
„Ich bin es, Mister Dyer!“ rief der Hotelbesitzer von draußen.
Den dreien stockte das Blut in den Adern. „Was wollen Sie?“
fragte Lieselotte. „Wir... wir sind schon im Bett!“
„Es geht um euren Freund, bitte macht auf!“ erwiderte Julies
Vater.
Dominik und Poppi sahen das Superhirn an. War das ein Trick?
„Was... was ist mit Axel?“ fragte Lilo.
„Macht doch die Tür auf – ich will hier nicht auf dem Gang
herumschreien!“ zischte der Mann, der langsam ungeduldig
wurde.
Langsam bewegte sich das Mädchen zur Tür und drehte den
Schlüssel.

- 205 -

Der Hotelbesitzer stürzte herein und sah sich um. „Er... ist also
wirklich nicht da! Dann hat der Anrufer die Wahrheit gesagt!“
keuchte er.
Lilo, Poppi und Dominik drängten sich zu Mister Dyer und
wollten jetzt natürlich alles erfahren. „Da kam ein anonymer
Anruf... vor ein paar Minuten. Die Stimme war irgendwie
merkwürdig... Jemand hat mir mitgeteilt, daß euer Freund noch
heute nacht ertränkt werden soll, weil er zu neugierig war. Der
Anrufer sprach davon, daß der Junge festsitzt und das Wasser
bald über seinem Kopf zusammenschlagen wird.“
Poppi war verzweifelt. „Was... was bedeutet das?“ wimmerte
sie.
Mister Dyer hatte keine Ahnung.
Lieselotte wußte jedoch sofort, worum es ging: „Der Schmugg­
lerhafen unter dem Hotel! Bei Flut füllt sich die Höhle – und
wenn Axel nicht entkommen kann, ertrinkt er. Ich wette, er ist in
der Höhle.“
Julies Vater wirkte ratlos. „Und wie sollen wir dorthin gelan­
gen?“ fragte er.
„Sie haben doch den Schlüssel zum Abgang!“ meinte Lieselotte.
Mister Dyer schien zwar nichts von einem Schlüssel zu wissen,
meinte aber: „Aber das macht nichts, die Tür bekommen wir
irgendwie auf!“
Die drei Knickerbocker und der Mann stürmten in die Hotel­
halle und stiegen von dort in das unterirdische Labyrinth hinab.
Sie liefen durch den Gang und kamen dabei auch an der Tür mit
den vielen Schlössern vorbei. Sie war abgesperrt.
Endlich hatten sie das Ende des Ganges erreicht.
Die Tür zum Hafenabgang war nur angelehnt. Aufgeregt rasten
die vier über die rutschigen Steinstufen nach unten und stolperten
in die dunkle Höhle. Mister Dyer zündete sein Feuerzeug an und
schwenkte es durch die Gegend.
„Nichts...!“ keuchte Poppi.
„Axel! Axel, bist du da wo?“ schrie Lieselotte.
Poppi schluchzte: „Bestimmt nicht, sonst wäre doch die Tür
versperrt gewesen!“

- 206 -

Lieselotte gab ihrer Freundin recht, fügte dann aber hinzu: „Er
könnte doch auch gefesselt und geknebelt worden sein!“
Abermals riefen sie nach dem Jungen, aber es war kein einziges
ungewöhnliches Geräusch zu hören. Enttäuscht und verzweifelt
stiegen sie wieder nach oben.
„Was wollte der Anrufer eigentlich bewirken?“ fragte sich
Lieselotte, als sie in der Halle standen.
„Ich brauche frische Luft!“ knurrte Mister Dyer und trat ins
Freie hinaus. Ein ziemlich scharfer, kühler Wind fegte über die
Küste.
,,Heute nacht soll noch ein Sturm aufziehen“, sagte er besorgt.
Der Mond am Himmel war bereits nicht mehr zu sehen.
Schwere Wolken hatten sich vor ihn geschoben.
Die drei Knickerbocker und der Hotelbesitzer schlenderten zum
Rand der Klippen und blickten auf das schwarze Meer hinaus.

- 207 -

Hast Du eine Idee, wo Axel


gefangengehalten werden könnte? Der
Knickerbocker sitzt fest, und das Wasser
wird bald über seinem Kopf
zusammenschlagen. Was hat der Anrufer
damit gemeint?

„Dort draußen! Ein Licht!“ rief Dominik.


„Die Goodwin Sands!“ stöhnte Mister Dyer. „Das ist es!“
Lieselotte verstand nicht, was der Hotelbesitzer meinte.
„Die Goodwin Sands sind mehrere Sandbänke, die ungefähr
drei Kilometer von hier entfernt sind. Bei Ebbe kann man dort
Golf spielen, wenn man Lust dazu hat. Bei Flut verschwinden sie
im Meer. Falls ihn jemand auf die Goodwin Sands hinausgebracht
hat, wird er bald ertrinken. Das Meer steigt nämlich bereits.“
Der Mann stürzte zur Rezeption und wählte die Nummer der
Küstenwache.
Aber das Telefon war tot.
„Ich nehme unser Boot und fahre hinaus“, rief Mister Dyer.
„Wir kommen mit!“ entschied Lieselotte.
Julies Vater protestierte nicht einmal. Er ahnte, daß jeder Wider­
spruch zwecklos war.
In diesem Augenblick begann irgendwo jemand das Kinderlied
von den drei blinden Mäusen zu pfeifen...

- 208 -

Überraschung auf der Sandbank

Das Boot der Dyers lag wenige hundert Meter vom Hotel entfernt
in einer kleinen Bucht vor Anker. Es war ein alter, klappriger
Fischerkahn, der wie eine Nußschale auf den Wellen schaukelte.
Julies Vater hatte größte Mühe, das Boot zu manövrieren.
Mehrmals entgingen sie nur knapp einer Katastrophe.
Lilo und Poppi hielten je einen kleinen Handscheinwerfer auf
das Wasser vor dem Bug gerichtet.
„Hier gibt es viele Felsen im Meer“, schrie der Mann durch den
Sturm. „Wenn wir gegen einen krachen, sinken wir innerhalb von
Minuten!“
Dominik stand am Heck und klammerte sich an einer Winde
fest, mit der früher einmal die Netze eingeholt worden waren. Er
hielt Ausschau nach dem Licht und brüllte Mister Dyer immer
wieder den Kurs zu.
Der Sturm wurde von Minute zu Minute stärker. Die Wellen
klatschten auf das Deck und machten es rutschig und gefährlich.
Bald waren alle vier durch und durch naß.
„Mit ist schon ganz schlecht!“ jammerte Poppi. Bei jeder Welle
hob es ihr fast den Magen aus. „Ich glaube, ich muß mich
übergeben!“ dachte das Mädchen verzweifelt, und im nächsten
Moment mußte es sich schon über die Reling beugen.
Lilo kam ihrer Freundin zu Hilfe und hielt sie gut fest. Sie hatte
Angst, daß Poppi über Bord gespült werden könnte.
Dominik war ebenfalls totenübel. Und ständig mußte er darauf
achten, daß ihm die Wassermengen nicht die Brille vom Kopf
rissen. „Hoffentlich sind wir bald da!“ flehte er in Gedanken.
„Und hoffentlich finden wir Axel!“
Mister Dyer warf einen kurzen besorgten Bück auf die Junior-
Detektive und seufzte: In welche Lage hatte er die drei nur
gebracht! Was würde man mit ihm anstellen, wenn ihnen ein
Unglück zustieß?
Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sie sich an die Sandbank
herangekämpft hatten.
- 209 -

Das Licht wurde nach und nach größer, und Lilo hatte den
Eindruck, daß es sich um eine Art Fackel handelte, die an einem
Pfahl befestigt war.
Nach einer weiteren halben Stunde gelang es ihnen endlich, auf
den Goodwin Sands an Land zu gehen.
Im Licht der Handscheinwerfer erkannten die Knickerbocker,
wie schnell das Meer anschwoll und die Sandbank überspülte.
Sie sahen auch den Pfahl, der in den Sand getrieben war und der
Fackel als Stütze diente. Die Flammen flackerten heftig, trotzten
dem Sturm aber. Axel war an den Pfahl gefesselt. Seine Augen
leuchteten hilfesuchend auf, als er seine Kumpel erblickte.
Poppi beugte sich zu ihm und machte sich sofort daran, ihn zu
befreien.
„Wie... wie... habt ihr mich gefunden?“ stammelte der Junge
überglücklich.
„Jetzt ist keine Zeit für Fragen!“ schrie Lieselotte. „Los, wir
müssen zurück. Der Seegang wird immer lebensgefährlicher!“
Mister Dyer und die Knickerbocker stürzten Richtung Ufer und
erschraken.
Das Boot war fort!
Lilo leuchtete den Sand ab und entdeckte die Abdrücke von
riesigen Schuhen. Wahrscheinlich handelte es sich um Gummi­
stiefel. Aber keiner von ihnen trug welche.
Der Hotelbesitzer raufte sich die Haare. „Er hat das Boot ins
Wasser geschoben, und die Flut hat es weggetragen!“
Aus der Dunkelheit drang das laute Aufheulen eines starken
Außenbordmotors.
„Das ist das Boot, mit dem ich hergebracht wurde!“ schrie Axel
und rannte drauflos. Seine Freunde und Mister Dyer folgten ihm.
Doch schon hörten sie, wie das Boot durch die Nacht davon­
brauste.
Bald wurde es still.
„Dominik, gib mir sofort deine Jacke!“ befahl Lieselotte.

- 210 -

Hast Du eine Idee, was Lieselotte jetzt


vorhat?

Der Junge zog seine Jacke aus, und Lilo griff danach. Sie lief zur
Sturmfackel zurück und hielt die Jacke davor. Sie wartete und zog
sie dann wieder weg – dreimal lang, dreimal kurz, dreimal lang:
SOS.
Lilo rief um Hilfe. Hoffentlich fielen die Blinkzeichen jeman­
dem auf!
„Was machen wir jetzt?“ schrie Dominik, als auch nach dem
siebenten Signal niemand geantwortet hatte.
Lilo drückte ihm die Jacke in die Hand und sagte: „Los, mach
weiter!“ Dann ließ sie sich neben Axel nieder, der zitternd im
nassen Sand hockte.
„Ich kann nicht mehr!“ stammelte der Junge erschöpft. „Wir
werden alle sterben... vorhin, als ich gefesselt war... es war so
schrecklich! Und wenn uns jetzt niemand entdeckt, sind wir
verloren...“, begann er zu schluchzen.
Auch Lieselotte hätte am liebsten losgeheult, doch sie mußte
jetzt die Nerven bewahren. Sie tröstete ihren Freund, so gut es
ging, und nach ein paar Minuten hatte er sich wieder einigerma­
ßen beruhigt.
Das Wasser rückte immer näher heran. Die Sandbank war
höchstens noch halb so groß wie bei ihrer Ankunft.
Poppi war ganz grün im Gesicht. Mister Dyer hatte seinen
rechten Arm um die Schultern des Mädchens gelegt – so fühlte es
sich sicherer. „Glauben Sie, daß jemand unsere SOS-Zeichen
sieht?“ schrie Poppi.

- 211 -

Doch die Frage ging im Geheule des Sturmes, der mit ungebro­
chener Kraft tobte, unter.
„Was hast du eigentlich herausgefunden, Axel?“ wollte das
Superhirn wissen.
„Es geht um Rauschgift! Ich habe kleine weiße Säckchen sehen
können – das ist doch bestimmt Rauschgift!“ antwortete der
Junge.
Lilo stimmte ihm zu. „Jemand versteckt sie in den Koffern der
Gäste...!“
Lieselotte dämmerte nun, wie alles zusammenhing. „Die
ahnungslosen Gäste schmuggeln das Zeug in ihre Heimat, wo es
ihnen jemand heimlich wieder abnimmt. Das Horrorhotel ist
nichts anderes als ein Rauschgiftumschlagplatz. Das Gift wird in
die Höhle und von dort in das abgesicherte Zimmer im Geheim­
gang gebracht. Dort präpariert man die Koffer. Axel, du hast den
Kerl doch gesehen?“
Der Junior-Detektiv schüttelte den Kopf. „Nein, die Gestalt war
schwarz gekleidet und hatte einen Strumpf über dem Kopf!“

Wer zieht die Fäden? Auf wen tippst Du?


Laß Dir noch einmal alle Ereignisse durch
den Kopf gehen!

Lieselotte kam ein Verdacht: „Mister Higgins vom Leuchtturm!


Ich wette, es gibt von dort einen Zugang zur Schmugglerhöhle.
Der Mistkerl war es! Und wir sollen jetzt hier zugrunde gehen,
damit wir nichts ausplaudern können!“

- 212 -

Poppi drehte durch. „Lilo... ich... ich will nicht ertrinken! Das
Wasser kommt immer näher... und wir sind so weit von der Küste
weg... wir... wir kommen nie lebend an Land! Schwimmen ist
unmöglich!“
Die tödliche Falle war perfekt geplant.

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Drei blinde Mäuse

Die Wellen rollten den vier Knickerbocker-Freunden bereits über


die Schuhe, als die Fackel erlosch. Das letzte Licht, das ihnen
blieb, waren die beiden Handscheinwerfer.
„Wer hat uns hier herausgelockt?“ tobte Mister Dyer.
„Es kann nur Higgins gewesen sein!“ antwortete Lilo trocken.,
Aber das ist jetzt egal. Wir müssen zur Küste zurückschwim­
men!“
Der Hotelbesitzer protestierte: „Das ist bei diesem Wetter
unmöglich!“
Lilo stellte sich vor ihn hin, verschränkte die Arme und schrie:
„Und was schlagen Sie vor?“
Der Mann schwieg.
Plötzlich sprang Axel in die Höhe, als hätte man ihn mit einer
spitzen Nadel gestochen. „Seht doch... dort... ein Licht... es
kommt auf uns zu!“
Die Junior-Detektive schnappten die Handscheinwerfer, richte­
ten sie auf den hellen Punkt, der auf- und niederhüpfte, und gaben
wieder das SOS-Zeichen.
Ein Boot kämpfte sich durch das tosende Meer und näherte sich
der Sandbank. Es war die Küstenwache. Sie nahm die Knicker­
bocker-Bande und Julies Vater an Bord.
„Was machen Sie hier? Sind Sie lebensmüde, Dyer?“ schrie
einer der Männer.
Der Hotelbesitzer erzählte mit wenigen Worten, was geschehen
war.
„Mister Higgins ist ein Rauschgifthändler – Sie müssen ihn
festnehmen“, rief Lilo aufgeregt.
Der Mann von der Küstenwache staunte. „Dann hat ihn das
schlechte Gewissen gepackt! Er war es nämlich, der uns alarmiert
hat“, sagte er.
Diese Mitteilung überraschte die Bande sehr.
Es war halb zwei Uhr in der Früh, als sie im Horrorhotel
eintrafen. Sie waren naß und durchgefroren.
- 214 -

Julie kam aus dem Zimmer hinter der Rezeption gestürzt und
starrte die vier Junior-Detektive und ihren Vater fassungslos an.
„Was... was ist mit euch los?“ stammelte sie.
„Das erkläre ich dir später. Mach uns jetzt Tee!“ schnauzte
Mister Dyer sie an.
Nachdem die Mitglieder der Knickerbocker-Bande heiß ge­
duscht und sich etwas erholt hatten, schlüpften sie in ihre
Jogginganzüge und gingen noch einmal in die Wohnung der
Dyers hinunter.
„Setzt euch! Eine Tasse Tee ist jetzt genau das richtige“,
brummte der Hotelbesitzer. „Außerdem will ich endlich erfahren,
was da in meinem Hotel gespielt wird!“
Langsam begannen Axel und Lilo zu erzählen. Julie und ihr
Vater hörten angespannt zu. Der Teekessel meldete mit lautem
Pfeifen, daß das Wasser kochte, und die junge Frau sprang auf.
„Aber... aber... also... Ich habe mir nie den Kopf darüber zerbro­
chen, warum der Raum abgesperrt ist. Und zu dem Gepäck hat
doch kaum jemand Zugang“, stammelte Mister Dyer.
Seine Tochter kehrte mit einem großen Tablett zurück, und weil
gerade Stille eingekehrt war, spitzte sie die Lippen und begann zu
pfeifen.
Three blind mice, see how they run! They all ran after the
farmer’s wife, Who cut off their tails with a carving knife, Did
you ever see such a thing in your life, As three blind mice?
Als Julie von neuem ansetzte, sang Poppi leise mit. Sie hatte in
der Sommerschule gerade das Lied von den drei blinden Mäusen
gelernt, die der Frau des Bauern nachliefen und durch ein Flei­
schermesser ihren Schwanz verloren.
Axel schoß in die Höhe. „Julie... du... du bist es! Du bist die
Rauschgiftschmugglerin! Du hast mich zweimal fertiggemacht!
Ich erkenne die Melodie!“
Die junge Frau starrte ihn erschrocken an. Blitzschnell holte sie
eine Pistole aus der Jacke und richtete sie auf die Knickerbocker
und ihren Vater.
„Julie!“ tobte Mister Dyer.

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„Es ist aus mit der lieben, netten Julie“, zischte die Frau. „Setz
dich, Vater! Jetzt rede nur noch ich. Mein ganzes Leben habe ich
in dieser miesen Bude verbracht. Jetzt habe ich endlich Geld, und
du wirst es mir nicht wegnehmen. Die Idee mit dem Schmuggel
war einfach genial! Die ahnungslosen Idioten!“
Julies Stimme überschlug sich.
„Engländer wurden natürlich abgewiesen oder rausgeekelt!“
fuhr die Tochter des Hotelbesitzers fort. „Ich setze mich ab. Nach
Brasilien! Und vorher werde ich euch alle für immer zum Schwei­
gen bringen!“
Mister Dyer sprang auf. „Ich bin dein Vater!“ schrie er wie von
Sinnen.
„Das ist mir jetzt egal!“ antwortete Julie eiskalt. Sie hob die
Pistole und legte den Zeigefinger an den Abzug.
Ein lautes metallisches Dröhnen ertönte, und gleich darauf sank
die junge Frau zu Boden.
Hinter ihr stand Mister Higgins mit einer Bratpfanne in der
Hand. Er mußte durch den Lieferanteneingang in der Küche
gekommen sein.
„Ich wollte Sie eigentlich bloß wegen der blöden Verdächtigun­
gen zur Rede stellen, Dyer!“ sagte er leise. „Aber die traurige
Erklärung für das, was vorgefallen ist, habe ich ja gerade selbst
mit angehört.“
Julie Dyer wurde verhaftet. Der Mann, der ihr das Rauschgift in
die Schmugglerhöhle geliefert hatte, konnte ebenfalls gefaßt
werden, als er wenige Tage später abermals in dem verborgenen
Hafen anlegte.
Mister Dyer konnte kaum sprechen, als sich die Bande von ihm
verabschiedete. Er war fürchterlich geschockt. „Bleibt so, wie ihr
seid!“ sagte er mit zittriger Stimme, und zwei dicke Tränen
kullerten ihm über die Wangen.
Die Junior-Detektive suchten Mister Higgins auf, um sich bei
ihm zu entschuldigen. Schließlich hatten sie ihn zu unrecht
verdächtigt. Der Mann hatte ihnen längst verziehen und teilte
ihnen mit, daß er sich um seinen Nachbarn kümmern werde.

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„Aber warum haben Sie das merkwürdige rote Zeichen


gegeben?“ wollte Axel wissen.
Mister Higgins grinste. „Ihr seid mir ja schöne Landratten! Das
ist eine Warnung vor Sandbänken! Der Leuchtturm hat noch nie
ein anderes Signal gegeben!“
Die Junior-Detektive lachten über die einfache Erklärung und
kehrten in die Sommerschule zurück. Der Direktor erwartete sie
schon beim Eingang.
„Julie Dyer wollte auch euch als Schmuggler benutzen“, meinte
er. „Und ich dachte mir nichts, als sie mich angerufen hat, um mir
zu sagen, daß ihr noch im Hotel bleibt. Auf jeden Fall weiß ich
eines: Im Aufklären von Kriminalfällen bekommt jeder von euch
die Höchstnote.“

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