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Vor Lindhortsts Tür

AbiBox, S. 102, Nr.1: Analysieren Sie, wie das unerwartete Ende des Arbeitsweges
dargestellt wird.

Die Novelle „Der goldne Topf“ von E. T. A. Hoffmann wurde erstmals 1814
veröffentlicht und 1819 nochmals überarbeitet, sodass sie nun im Untertitel „Ein
Märchen aus der neuen Zeit“ heißt. „Der goldne Topf“ bildet den dritten Band der vier
Bände umfassenden Reihe „Fantasiestücke in Callots Manier“. Im Mittelpunkt der
Novelle steht der (junge) Student Anselmus, der in einem Konflikt zwischen Realität,
Märchen und Mythos steht. Diese Welten gehen, sich gegenseitig ergänzend,
ineinander über. Diese Novelle kann man der Literaturepoche der Romantik
zuordnen.

Im Folgenden werde ich das unerwartete Ende des Arbeitsweges von Anselmus
analysieren, nachdem ich es in den Kontext eingeordnet habe und den Inhalt in
eigenen Worten wiedergegeben habe.

In der vorherigen Vigilie wird der Zusammenstoß des Studenten Anselmus mit einer
Marktfrau beschrieben, wobei ihre Marktware zu Boden fällt, weshalb sie Anselmus
einen Fluch hinterher ruft. Daraufhin nimmt er drei Schlangen über einem
Holunderbaum wahr und verliebt sich in die Schlange mit den blauen Augen. Von
dort an, beginnen die verschiedenen Welten bzw. die verschiedenen Modi der
Wirklichkeit ineinander über zu gehen. Die vorliegende Situation findet aufgrund der
Begegnung mit der Marktfrau und der Begegnung mit den Schlangen statt. Das Ende
der 2. Vigilie beeinflusst die darauffolgende Handlung, denn Anselmus wird immer
mehr als „wahnsinnig“ anerkannt.

In der zweiten Vigilie sucht Anselmus nach seinem Erlebnis unter dem
Holunderbusch am Nachmittag des Himmelfahrtstages, nach Orientierung. Allerdings
irritieren ihn die intensiven Wahrnehmungen im Nachhinein immer noch, weshalb
ihm die Orientierung schwer fällt. Er trifft auf seinen Freund, Konrektor Paulmann,
der ihn auf eine Fahrt über die Elbe einlädt. Somit fährt Anselmus mit dem Konrektor
Paulmann, Registrator Heerbrand und den Töchtern über die Elbe. Dort nimmt er die
Lichtreflexe des naheliegenden Feuerwerks als Schlangen wahr, nach denen er sich
sehnt, weshalb er aus der Gondel springen will. Dies wird allerdings vom Bootsmann
verhindert. Am anderen Elbufer ist er dann Gast in Paulmanns Haus. Der Registrator
Heerbrand bietet Anselmus eine Arbeit beim Archivarius Lindhorst an, welche
Anselmus annimmt. Als er dann am nächsten Tag vor Lindhorsts Tür steht und
klopfen will, verwandelt sich der Türklopfer in das Gesicht der Marktfrau/Äpfelweib
und die Klingelschnur wird zur Riesenschlange, die ihn erwürgt. Somit fällt Anselmus
in Ohnmacht und wacht in seinem Bett wieder auf.

Das unerwartete Ende behandelt hauptsächlich die Verwandlung des Türklopfers in


die Marktfrau/in das Äpfelweib vom schwarzen Tor, nachdem Anselmus ihn ergreifen
wollte (Z. 447-451). Daraufhin hört er wieder ihre Verwünschung(Z.454). Denn sie
lamentiert darüber, dass Anselmus schuld daran ist, das ihre Ware zunichte gemacht
worden ist. Anselmus ist entsetzt und sucht Halt am Türpfosten, allerdings erfasst
seine Hand die Klingelschnur und zieht diese (Z.455-457) woraufhin sich diese
Klingelschnur in eine Riesenschlange verwandelt und Anselmus würgt (Z. 462-465).
Daraufhin wird beschrieben, dass er sein Bewusstsein verliert und erst in seinem
Bett zu sich kommt. Als er wieder wach wird steht Konrektor Paulmann ratlos an
seinem Bett (Z.470-473).Die vorliegende Situation spielt vor Archivarius Lindhorsts
Haustür. Die direkt spielenden Figuren sind Anselmus und im Nachhinein der
Konrektor Paulmann. Die außerdem vorkommenden Figuren sind die Marktfrau und
die Riesenschlange (Z.447-473). Beim Leser kommt es zu Irritationen. Wenn man
sich nun dem Türklopfer widmet, lässt sich erkennen, dass er ein Symbol in der
Novelle darstellt (Z.447-448). Die Marktfrau als auch die Riesenschlange stehen in
einem verfeindeten Verhältnis zu Anselmus. Die Verwandlung des Türklopfers in das
Gesicht der Marktfrau wird unter nicht besonders positiven Worten beschrieben
(Z.450-451, Z.452-454). Die Verwandlung der Riesenschlange wird in dieser
Situation mit vielen negativen Wörtern in Verbindung gebracht. In Zeile 470 lässt sich
partiell eine Zäsur feststellen, sowohl auf inhaltlicher als auch
sprachlicher/stilistischer Ebene, denn aus der dämonisch-fantastischen Welt oder
auch der dämonisch-ungeheuren Welt der Philister wird wieder die idyllische Welt
der Philister.

Der Anfang vom Ende fängt relativ neutral an, denn es wird beschrieben, dass
Anselmus es vor Zwölf Uhr geschafft hat bei Archivarius Lindhorst zu sein (Z.445-
547). Außerdem wird beschrieben, dass er vor Lindhorsts Tür steht und sich den
großen bronzenen Türklopfer anschaut (Z.447). Erst im Laufe entwickelt sich die
Situation mit zunehmender Dynamik. So kommt es zur ersten „Dynamik-Steigerung“
als das Gesicht der Marktfrau auf dem Türklopfer erscheint (Z.447), denn der Leser
hat das Gefühl als würde das Erzählte in schnellerer Weise geschehen. Als
Anselmus dann versehentlich die Klingelschnur zieht, kommt es zur weiteren
„Dynamik-Steigerung“ (Z.455-460). Hier wird das Gefühl der Schnelligkeit nochmals
deutlich. Ein gewisser Spannungsbogen ist vorhanden, denn der Anfang vom Ende
fängt zwar neutral an, steigert sich allerdings mit steigender Handlung. So kommt es
erstmals „nur“ zur Umwandlung des Türklopfers. Allerdings bleibt es nicht dabei,
denn zu Anselmus‘ Unglück erscheint auch eine Riesenschlange (Z.462). Durch die
zusätzliche Erscheinung der Schlange wird nochmal Spannung aufgebaut, denn im
ersten Moment weiß man nicht was passiert. Jedoch hört der Spannungsaufbau
nicht hier auf. Die Riesenschlange würgt Anselmus und die Situation während sie ihn
würgt, wurde dramatisch beschrieben und wirkt sehr dramatisch. Mit dem Verlust des
Bewusstseins von Anselmus fällt auch die Spannung. Die Erzählweise dieser
Textstelle weist vielfältige Formen der Ironie auf, denn die Handlung springt
zwischen magischer und wirklicher Welt. Der auktoriale Erzähler begleitet die
Handlung mit Bewertungen wie z.B. „…im ekelhaften Spiel…“ (Z.451) oder „…in
gellenden Misstönen, und durch das ganze öde Haus rief…“ (Z.457-459). Somit wird
die Vorstellungskraft beim Leser gefragt und aktiviert, sodass der Leser ein Bild vor
Augen hat, während er das liest. Hierbei werden keine inneren Vorgänge wie z.B. ein
innerer Monolog beschrieben.
Betrachtet man nun die sprachliche Gestaltung dieser Textstelle kann man sagen,
dass es sich um eine poetische Sprache handelt, denn hier wird sehr viel mit
rhetorischen Stilmitteln/sprachlichen Mitteln gearbeitet. So lässt sich bereits am
Anfang vom Ende das sprachliche Gestaltungsmittel Assonanz feststellen. So
werden in Zeile 447-448 in den benachbarten Wörtern „großen bronzenen…“ die
Vokale „o“ und „e“ wiederholt. So kann man daraus schließen, dass der „große
bronzene“ Türklopfer ein wichtiges Symbol ist, welches man sich gut einprägen
sollte. Durch die eingebaute Personifikation in Zeile 450-453 wirkt das Geschehen,
also die Verwandlung des Türklopfers in die Marktfrau lebendiger. Zudem lässt sich
in Zeile 451 eine Hyperbel feststellen „…ekelhaften…“. Diese wird genutzt um die
Gefühlsintensität maximal und sogar gesteigert wieder zu geben. Die Akkumulation
verstärkt das Geschehen, denn es werden Begriffe genutzt, die rund um das Thema
„Mund“ vorzufinden sind wie z.B. die „spitzigen Zähne“ oder „schlaffen Maule“
(Z.452-453). Die Onomatopoesie in Zeile 452-453 verstärkt den Eindruck des
Geräusches beim Leser. Somit hat man den Ton der spitzigen, klappernden Zähne
im Kopf und stellt sich das auch partiell bildlich vor. Auch im weiteren Verlauf des
Geschehens wurde viel mit sprachlichen Mitteln gearbeitet, welche die fantastische
Welt bedeutend prägen. So hört Anselmus die Verwünschung der Marktfrau (Z.454-
455). Hierbei handelt es sich zum einen erneut um Assonanzen, denn die Vokale wie
„a“ und „e“ werden in benachbarten Wörtern wiederholt, welche die Worte der
Marktfrau einprägsam machen. Zudem liegt hier ebenso eine Wiederholung/Repetitio
vor, welche das Gesagte der Marktfrau verstärkt und die Sprache noch eindringlicher
beim Leser machen. Bei dem Fluch der Marktfrau „Bald dein Fall ins Kristall“ (Z.459)
handelt es sich um einen Endreim. Dieser Endreim soll zum einen die Schönheit der
magischen Welt wiederspiegeln und zum anderen setzt es beide Dinge in
Beziehung. Diese sich reimenden Silben haften dementsprechend noch besser im
Gedächtnis. Die in Zeile 460 aufgeführte Metapher lässt ein Bild beim Leser
erwecken, somit stellt sich der Leser bildlich vor wie „Anselmus ein Grausen ergreift,
das im krampfhaften Fieberfrost durch alle Glieder bebt“ (Z.459-460). Anschließend
folgt die Akkumulation in Zeile 463-465, denn alle dramatischen
Vorgänge/Geschehnisse/Ereignisse, die beschrieben werden gehören zum Körper.
Somit wird dies verstärkt und der Leser wird in das Geschehen hineingezogen, da es
so dramatisch beschrieben wird. Daraus lässt sich schließen, dass es sich um eine
Hyperbel handelt. Anschließend lässt sich, wie vorhin erwähnt eine Zäsur feststellen,
denn ab diesem Moment, wo er in Ohnmacht fällt, wechselt so gesehen der
Wirklichkeitsmodus wieder in die idyllische Philister Welt (Z.470). Dies lässt sich
daran erkennen, dass es von dort an keine weiteren sprachlichen Mittel gibt, die das
Geschehen begleiten. Man kann sagen, dass die besondere sprachliche Gestaltung
einen souveränen Umgang mit den Realitäten ermöglicht, denn dies wird bei der
Zäsur dieser Stelle deutlich. Sobald Anselmus wieder in seinem Bett ist, sind keine
sprachlichen Mittel mehr vorzufinden. Hingegen waren viele sprachliche Mittel
vorzufinden als es zur Verwandlung der Klingelschnur in die Riesenschlange und des
Türklopfers in das Gesicht der Marktfrau kam.
Das unerwartete Ende des Arbeitsweges von Anselmus stellt eine wichtige Stelle für
die darauffolgende Handlung dar, denn es wird an manchen Stellen darauf
zurückgegriffen. Außerdem wird auch bei dem Ende der zweiten Vigilie die
Ambivalenz, die Anselmus durchlebt nochmals hervorgehoben. Gerade durch dieses
Ereignis, welches Anselmus erlebt hat, wird Anselmus immer häufiger als wahnsinnig
anerkannt. Dies allerdings nur, weil er in einer Welt voller Philister lebt, die eine
materialistische und kunstfeindliche Einstellung haben und nicht über das Natürliche
hinaus sehen. Anselmus hingegen möchte nicht so sein wie sie und wendet sich
immer mehr von der Welt der Philister ab. Das auffälligste Strukturmerkmal ist, dass
es bei der fantastischen Welt bzw. im Bereich des fantastischen reichlich an
sprachlichen Mitteln gibt. In der idyllischen Welt der Philister gibt es kaum
sprachliche Mittel.